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  1. April 2016 - Finnland

    „Das soll doch wohl ein Scherz sein oder?!“, fassungslos deutete die junge Frau auf den Schwarzwälder Fuchs neben ihr. „Nein, wie kommst du darauf?“, erwiderte ich freundlich. „Weil das ein verdammtes Kaltblut ist! Und mit dem willst du ein Sportgestüt aufziehen?“
    „Aber warum denn nicht?“
    „Papa.“, sie schien fast den Tränen nahe. „Wir wollen doch Erfolg haben oder nicht? Dann können wir doch nicht mit dem dicken Vieh auf Turnieren antanzen, die werden uns auslachen! Wir brauchen richtige Sportpferde! Warmblüter! Im besten Falle mit ordentlicher Abstammung. Er ist das absolute Gegenteil von dem was wir brauchen!“, missmutig schob sie den gewaltigen Kopf zur Seite, dessen neugierige Schnauze an ihrer Jacke herumknabberte.
    „Barockpferde sind immer etwas kräftiger. Aber er hat Talent, das kannst du mir glauben!“
    „Barock? Das ist kein Barockpferd mehr, das ist ein dickes, fettes Kaltblut! Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung dass du nichts als Spott ernten wirst wenn du mit diesem Vieh“, wieder schob sie energisch den Kopf zur Seite, „wenn du mit diesem Vieh auf einem Dressurturnier vorreitest! Die Richter werden dich auslachen, ich selbst lache solche Leute aus!“

    Ich seufzte. Ihr fehlte einfach das Verständnis für diese schönen Tiere. Hilfesuchend blickte ich zu Hannes, der nur ratlos die Schultern zuckte. „Wie kommst du eigentlich darauf? Früher hatten wir doch auch vernünftige Pferde, woher kommt der plötzliche Umschwung?!“, sie konnte es nicht lassen mir die Sache auszureden, dass das Tier bereits praktisch in meinem Besitz war verschwieg ich jedoch vorerst. „Weil ich sie Leid war! Immer diese Einheitsbrei-Pferde. Ich möchte etwas mit Charakter und über die Jahre hinweg habe ich mich mehr und mehr mit diesen schönen Tieren beschäftigt und sie sehr lieb gewonnen.“
    „Einheitsbrei hin oder her! Leistung ist das was zählt. Und du willst keinen Bauernhof aufmachen, sondern ein Sportpferdegestüt!“
    „Sie ihn dir doch erst mal an. Zeig ein bisschen Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Dingen.“, grinste ich. „Komm, ich zeig dir mal wie er toll er Laufen kann.“ Ihr Augenrollen, als ich mich abwandte konnte ich förmlich spüren auch wenn ich es nicht sehen konnte. „Viljo, wärst du so nett?“, wandte ich mich nun an den Herren mittleren Alters, der unserer Diskussion bisher schweigend beigewohnt hatte. Er nickte nur kurz und verschwand mit dem großen Hengst in Richtung der Ställe. Hannes und ich folgten ihm und auch Maira entschloss sich nach kurzem Zögern hinterher zu dackeln. Viljo tauschte in Windeseile das Halfter gegen einen Kappzaum aus, packte sich die Longe und wies uns den Weg zum Reitplatz. Hier nahm ich den Hengst entgegen und ließ ihn zu Beginn im Schritt um mich herum laufen. Nach und nach führte er so alle Gangarten vor. Für einen Hengst seines Alters war er sehr gut erzogen auch wenn er sich einen kurzen Ausbruch des Temperaments nicht entgehen ließ. „Na beeindruckt?“, rief ich zur Bande rüber, wo sich die ‚Kinder‘ an den Zaun gelehnt hatten. Maira hatte den Kopf auf den verschränkten Armen niedergelassen und folgte dem Fuchs mit missmutigem Blick. Hannes sagte irgendwas zu ihr und lachte, doch ich konnte nicht verstehen was. Offenbar allerdings nichts was ihr sonderlich gefiel, ihrem bösen Funkeln in seine Richtung nach zu folgern. „Hooo.“, rief ich mit ruhiger Stimme um den Hengst durchzuparieren. Er schnaubte einige Male und schüttelte die prächtige Mähne. „Und unter dem Sattel?“, hörte ich meine Tochter aus der Ferne rufen. Bevor ich antwortete holte ich den Fuchs zu mir her, tätschelte ihm belohnend den Hals und rollte die Longe auf, bevor ich mich zu den anderen an die Bande gesellte. „Er ist noch nicht allzu lange unter dem Sattel.“

    Maira ließ die Stirn verzweifelt auf die Arme sinken und verblieb einige Minuten in dieser Position, bevor der Kopf wieder hochschnellte. „Das ist also dein Plan? Erfolgreiche Sportpferde ausbilden.. und das erste was du dir anschaffst ist ein dickes Kaltblut, das nicht einmal EINGERITTEN ist?!! Wie lange hast du denn bitte vor so rum zu vegetieren bevor etwas Geld in die Kasse kommt? Rohe Pferde bringen kein Geld, SIE KOSTEN NUR!“
    „Oh, er ist nicht roh. Du siehst ja wie schön er sich schon longieren lässt, ist bereits etwas am langen Zügel gearbeitet und hatte auch schon ein-zweimal einen Reiter auf dem Rücken.“, mit seligem Blick strich ich dem Hengst über die weiche Nase, während Maira den Kopf wieder und wieder auf die Arme fallen ließ. „Pass auf, dass du keine Kopfschmerzen kriegst.“, scherzte Hannes und erntete einen weiteren düsteren Blick. „Wir müssen jetzt mal Klartext reden.“, setzte sie an. „Das geht so nicht. Wir brauchen gerade für den Anfang eine kleine Sammlung vernünftiger, erfahrener“, dieses Wort betonte sie besonders. „Pferde. Im Besten Falle sollten sie schon das ein oder andere Turnier erfolgreich gemeistert haben und eine vernünftige Abstammung besitzen, damit wir sie später teuer weiterverkaufen können. Immerhin sind wir keine Aufzuchtstation. Der hier“, sie deutete auf den Hengst. „passt da absolut nicht rein. Ich fürchte den wirst du dir aus dem Kopf schlagen müssen.“
    „Oh so einfach ist das nicht. Weiß du, es ist nicht so als würde sein Kauf zur Debatte stehen. Eigentlich ist der schon abgeschlossen und Viljo hier wartet nur noch auf die Zahlung.“
    Ihr blieb die Kinnlade offen stehen.
    „Und bevor du jetzt etwas in den falschen Hals kriegst, das Ganze stand schon fest bevor du mit an Bord warst. Du hast also keinen Grund dich verraten zu fühlen.“, damit war die Sache für mich erledigt.

    Sie schien zu einer weiteren Schimpftirade anzusetzen, schloss dann den Mund und blickte resigniert auf ihre Finger. Ein lautes (etwas zu theatralisches) Seufzen war zu hören. „Was hab ich mir da nur angetan?“, murmelte sie und wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Langsam ging sie in Richtung des Wagens, dabei brummelte sie weiterhin unverständliche Worte vor sich hin. „Die fängt sich schon wieder.“, winkte ich ab, als ich die erwartungsvollen Blicke sowohl von Hannes als auch Viljo auf mir spürte. „Bringen wir den Prachtburschen mal wieder zu seinen Freunden.“

    Maira schwieg die ganze Heimfahrt über hartnäckig. Jeder Versuch sie aus der Reserve zu locken war vergebens, also gaben wir schlussendlich auf. „Wie heißt er eigentlich?“, fragte Hannes plötzlich. Tatsächlich hatte ich ihm den Namen des Hengstes nie gesagt. „Finsterforst, das ist wohl ein deutscher Name. Viljo hatte mir da mal irgendwas erzählt. Scheint eine Region in Deutschland zu sein und so viel wie schwarzer Wald zu bedeuten wenn ich mich nicht irre, übrigens auch die Heimat dieser Rasse. Mehr kann ich dir dazu aber auch nicht sagen.“, kicherte ich leise.
    „Hmm.. das kommt mir doch von irgendwoher bekannt vor..“, murmelte Hannes und auch er schwieg von diesem Zeitpunkt an, versunken in seinen Gedanken.
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  2. April 2016 – England

    (Maira)
    Erschöpft schloss ich die Tür hinter mir. Meine Nerven lagen blank und ich musste mich wirklich zusammenreißen nicht einfach loszuheulen. Das war das wievielte Bewerbungsgespräch in den letzten paar Wochen? Und wieder hatte es mir diese eine Frage ruiniert. „Warum haben Sie ihren letzten Job aufgegeben?“, ich war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte schlecht erzählen ich wolle mich anders orientieren, oder sonst irgendeine Ausrede erfinden, spätestens seit Oak Ridge sich öffentlich damit gebrüstet hatte mich rausgeschmissen zu haben. Welcher Hof wollte eine noch so qualifizierte Mitarbeiterin wenn sie ihre Pferde gefährden könnte. Mit einem wehleidigen Seufzen ließ ich mich in meinen Wagen plumpsen um mich auf den Heimweg zu machen. Zwar hatte ich bisher weder eine neue Wohnung noch einen Job mit dem ich mir überhaupt eine finanzieren konnte, doch mein Hab und Gut wollte trotzdem zusammengepackt werden, denn die Frist zu der ich ausziehen musste rückte unaufhörlich näher. Ich wusste, dass ich immer noch eine Chance hatte, die ich mich aber weigerte wahrzunehmen. Mit aller Kraft versuchte ich die immer häufiger auftretenden Gedanken an den Hof meiner Eltern zu verdrängen. Das alles war absurd. Ein viel zu großes Risiko. Andererseits.. hatte ich noch etwas zu verlieren?
    Halbherzig räumte ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen, strich wehmütig über einen der Bilderrahmen der meine steile Karriere dokumentiere und schmiss ihn unter lautem Gebrüll gegen die nächstbeste Wand. Das Glas splitterte in tausend kleine Scherben und zerkratzte das Hochglanzfoto, das bisher sicher darin eingebettet war. Nach und nach riss ich alle Bilder herunter und tat es dem erstem gleich, bevor ich unter Tränen an der Wand hinabsank und das Gesicht in den Händen verbarg.



    April 2016 – Troll Lair EC – Finnland

    (Hannes)

    Fein gestriegelt saßen mein Vater und ich im Auto und schwiegen uns an. Die nächste Bank hatte abgelehnt. „Mit Ihrer bisherigen Finanzgeschichte können wir Ihnen leider keinen Kredit anbieten, es tut uns wirklich sehr leid.“, das übliche dumme Gewäsch. Unser Traum stand auf der Kippe. Wenn sich nicht bald etwas tat war er vorbei bevor er überhaupt eine Chance hatte anzufangen. Als ich auf den Hof fuhr fiel mir ein fremdes Auto auf, während Vater es, in seinem Selbstmitleid versunken, gar nicht wahrnahm. „Hallo? Ist da jemand?“, rief ich ins Blaue hinein, doch niemand antwortete. Alarmiert blickte ich zum Haus. Hier auf dem Land schloss niemand seine Tür ab, vielleicht hatte sich jemand die Chance genutzt hier allein zu sein und hatte sich Zutritt verschafft. Andererseits.. zu holen gab es ohnehin nichts, vielleicht brauchte er einfach Hilfe. Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, als ich auch schon die Türklinke in der Hand hielt und vorsichtig die Tür aufschob. „Ist da jemand drin? Hallo?“, angespannt trat ich ein, zog mir einen der Regenschirme aus dem Ständer neben der Tür, nur für den Fall. Auf leisen Sohlen schlich ich ins Wohnzimmer. „Was machst du denn hier?“, fast ließ ich den Schirm fallen. Hinter mir hörte ich Vater durch den Flur trampeln und kurz darauf neben mir erscheinen. „Maira!“, sofort erhellte sich seine Miene, verdüsterte sich aber sofort wieder. Sie sah überhaupt nicht gut aus. Was war aus der selbstsicheren Frau geworden, die wir beim letzten Besuch kennengelernt hatten? „Was ist los?“, fragte ich, doch erntete nur Schweigen. Sie öffnete den Mund, doch es drangen keine Worte heraus, bevor sie die Hand auf die Stirn legte und schweigend den Fußboden musterte. Vater war sofort bei ihr und nahm sie in den Arm. „Was ist passiert?“, schweigend friemelte sie an ihrer Hosentasche herum und zog ein zerknittertes Stück Papier heraus, dass sie Vater in die Hand drückte. Er überflog es rasch und währenddessen änderte sich sein Gesichtsausdruck von Verwirrung über Zorn bis hin zu Mitleid, bevor er es an mich weiterreichte. Es war ein Zeitungsartikel. „Sie haben dich gefeuert?“, rief ich aufgeregt, nachdem ich den Fetzen überflogen hatte. Ein Nicken. „Was, was ist da passiert?“, „Es war ein Unfall!“, man merkte wie sich krampfhaft die Tränen verdrückte. „Wir.. wir waren im Gelände und sie ist ausgerutscht und gestürzt. Einfach ein dummer Unfall. Und von einem Schlag auf den anderen – Zack –„ sie schlug sich mit der Faust in die Handfläche „habe ich nichts mehr. Ich habe meinen Job verloren, meine Wohnung, meine gesamte Zukunft. Ich finde keine Arbeit mehr, ich weiß einfach nicht mehr was ich machen soll.“ Eine ganze Weile schwiegen wir uns einfach nur an. War es wirklich ein Unfall? Der Zeitungsartikel legte anderes nahe. Andererseits wer war ich, irgendeinem wildfremden Stallbesitzer mehr Glauben zu schenken als meiner eigenen Schwester? Selbst wenn ich sie, wie ich mir selbst eingestehen musste, praktisch nicht kannte. „Du kannst jederzeit bei uns bleiben. Nimm unser Angebot an. Sieh es als Chance.“, sie zögerte eine ganze Weile, bis sie schließlich meine Hand griff und tatsächlich.. kaum merklich nickte.

    (Maira)
    Als ich an diesem Morgen aufstand, hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Der Blick aus dem Fenster auf das karge Grundstück machte dies nicht gerade besser. Vater hatte mir erzählt, dass sie keinen Kredit bekamen und ich konnte mich dem Gedanken nicht verwehren, dass ich nun den Geldgeber spielen sollte, der ihre Probleme löste. Seit fast einer Woche war ich nun hier, Vater und Hannes hatten mir alles gezeigt und mir von ihren Plänen und auch von ihren Problemen erzählt. Sie hatten bereits einen Hof in den Ruin geführt, kein Wunder dass die Bank ihnen Geldmittel verweigerte, bei mir konnte die Sache jedoch anders aussehen. Etwas skeptisch war ich immer noch, als ich den schwarzen Hosenanzug zurechtzuppelte, den ich mir vorgestern noch rasch besorgt hatte. Nachdem ich noch einmal mein charmantestes Lächeln geprobt hatte ging es dann los.

    „Darauf trinken wir jetzt einen!“, rief Papa erfreut aus, nachdem wir die Bank verlassen hatten. Die letzten anderthalb Stunden hatten zwar unser (mein) härtestes Verhandlungsgeschick verlangt, doch es hatte sich ausgezahlt. Wir hatten den Kredit. Und der Traum rückte ein ganzes Stück näher. Vater hielt sein Wort und schleifte uns in die nächstbeste Kneipe. Ob des frühen nachmittags waren wir die einzigen Gäste. Papa plapperte schon wieder über seine Zukunftspläne und schwärmte von dem Pferd, dass er als seinen ersten Schützling bereits auserkoren hatte. Musste ja ein Wundertier sein, nach seinen Worten zu urteilen. „Wir können nachher los, ihn uns ansehen.“, meinte er aufgeregt. „Vorerst wird er bei seinem Vorbesitzer stehen, bis die Ställe bewohnbar sind, aber ich kann ihn kurz anrufen, dann können wir sicher heute noch vorbei fahren.“, ohne meine Antwort abzuwarten, zückte er sein Telefon. Über den gewaltigen Knochen musste ich grinsen. Zum Glück war er nicht einer dieser neumodischen Opas geworden die bei jeder Gelegenheit ihr Smartphone zücken mussten, schlimmer als jeder Teenager. Zehn Minuten später war alles geklärt. So gegen drei sollten wir dort aufschlagen. Gemütlich tranken wir noch unser Bier zu Ende, bevor wir aufbrachen. Offenbar hatten wir noch eine ordentliche Fahrt vor uns.
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  3. April 2016 – White Oak Ridge – England

    „Passt du eigentlich auch auf wo du hin reitest?!“, die wütenden Worte rissen mich unsanft aus meinen Gedanken. Leon hatte seinen Wallach glücklicherweise noch rechtzeitig abbremsen können, bevor wir zusammengestoßen waren. „Jetzt hol mal deinen Kopf aus den Wolken und konzentrier dich auf die Arbeit, bevor du noch jemanden verletzt.“, brummelte er missmutig. „Schon gut, schon gut.“, Zerknirscht packte ich die Zügel und lenkte den Braunen an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich die beiden jungen Frauen die sich mit uns die Halle teilten einen vielsagenden Blick zuwarfen, gefolgt von einem Unterdrückten Kichern. Ich hatte zu viele andere Sachen im Kopf um mich darüber zu ärgern. Zwar hatte ich das Angebot meines Vaters und Bruders bereits ausgeschlagen, doch es wollte einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden. Die letzten Tage konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren, war dauernd abgelenkt. Dass Leon jede Gelegenheit suchte mir Ärger einzubrocken, machte das Ganze nicht einfacher. Er beäugte jeden kleinsten Fehler den ich machte mit Argusaugen, wohl in der Hoffnung eines Tages etwas gegen mich in der Hand zu haben. Dass er ebenfalls auf die Stelle in der Führungsposition scharf war, stellte nun wirklich kein Geheimnis dar. Ich versuchte mein Training so schnell wie möglich zu beenden um ihm aus dem Weg gehen zu können.

    Ich sehnte mich einfach nach ein wenig Ruhe. Ein kleiner Geländeritt würde mir gut tun. Nur mein Pferd und ich, ohne lästige Menschen um uns herum die jeden kleinen Fehltritt gleich zu einem Weltuntergang machten. Rasch putzte ich den braunen Wallach noch einmal über, warf eine Decke über seinen Rücken und brachte ihn zurück in seine Box um ihn gegen die Fuchsstute auszutauschen, in die momentan eine ganze Menge Hoffnung gesetzt wurde. Sie sollte in näherer Zukunft im Geländereiten ganz groß rauskommen und ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe zugeteilt bekommen, genau dafür zu sorgen. Sie war nicht immer ganz einfach und so freute ich mich, dass mir das Vertrauen zuteilwurde sie auszubilden. Bald stand ihr erstes Turnier an und von da an hoffentlich eine steile Karriere. „Na komm Fern, Training ist angesagt.“, begrüßte ich sie sanft. Die Stute brummelte leise in freudiger Erwartung. Sie war immer so motiviert, dass es eine Freude war mit ihr zu arbeiten. Trotz ihres Temperaments.

    Ich schoss jegliche Bedenken bezüglich der bedrohlich am Himmel auftauchenden Regenwolken in den Wind und eine halbe Stunde trottete sie glückselig den Pfad entlang der vom Hof weg führte. Ich wollte mich abseits der offiziellen Geländestrecke halten um nicht Gefahr zu laufen einem weiteren Mitarbeiter über den Weg zu reiten, also war etwas querfeldein-Training angesagt. Im Wald fanden sich immer zahlreiche Baumstämme und andere Hindernisse die wunderbar für ein paar Hüpfer geeignet waren. Fern wurde spürbar zappeliger, sie wollte rennen und ich hatte alle Mühe sie in einem händelbaren Tempo zu halten. Bei ihr hatte ich gar nicht die Gelegenheit auch nur für eine Minute abzuschweifen, das würde sofort gerächt. Endlich hatten wir den Wald erreicht. Ich drehte ein paar enge Volten um ihr Tempo zu regulieren und galoppierte dann langsam an. Man merkte wie das große Tier unter mir brodelte, in freudiger Erwartung wie ein Blitz davon zu schießen, während mir bereits jetzt der Schweiß auf der Stirn stand. Wir folgten eine Weile dem schmalen Trampelpfad, doch als der Wald etwas lichter wurde, traute ich mich auch querfeldein. Fern hopste über Sträucher und Büsche und schaffte es uns sicher wieder auf den Weg zu bringen. Durch die Bäume landeten vereinzelt Regentropfen in meinem Gesicht, doch der Wald schirmte zum Glück das schlimmste ab.
    Während der Wald lichter wurde, wurde der Regen stärker. Wasser rann mir über das Gesicht und behinderte meine Sicht. Trotzdem kam ich nicht auf den Gedanken das Tempo zu zügeln und auch Fern drängte immer weiter vorwärts, entzog sich immer öfter kurzzeitig meiner Kontrolle. Wir waren nun am Ende des Waldes angekommen, der Regen knallte mir schmerzhaft in die Augen. Ich spürte mehr als das ich es sah, wie Fern sich anspannte, ihr Gewicht auf die Hinterhand nahm und einen gewaltigen Satz nach vorn machte. Sie kam hart auf der anderen Seite des Bächleins auf, über den sie hinüber gesetzt hatte, ich kam leicht aus dem Gleichgewicht, als ich merkte wie ihre Hinterhand zur Seite rutschte. Plötzlich spürte ich leicht, als würde ich fliegen, segelte eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft, ehe ich unsanft im kalten Matsch landete. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stute schmerzerfüllt aufschreien bevor die Dunkelheit überhandnahm und mich in einen tiefen, traumlosen Schlaf zerrte.

    Meine Augen schmerzten. Ich war in helles Licht gehüllt, um mich herum unidentifizierbare Geräusche, die mich in meinem Meer aus Lärm ertrinken ließen. Mein Kopf fühlte sich an als würde er jeden Moment platzen. Ein wenig hoffte ich sogar darauf. Es kostete mich viel Arbeit meine Augen zu kleinen Schlitzen zu öffnen, sodass ich die verschwommenen Gestalten die um herum wuselten erkennen konnte, ehe ich wieder in der Dunkelheit versank.

    Als ich das nächste Mal aufwachte herrschte Stille. Abgesehen von dem monotonen Piepen, das durch meinen Kopf zu hämmern schien. Diesmal schaffte ich es die Augen zu öffnen und mich in dem weißen Raum umzusehen. Ich war an Kabel angeschlossen und durch das Fenster konnte ich Leute auf und ab gehen sehen. Offenbar war ich im Krankenhaus. Nur noch verschwommen konnte ich mich daran erinnern was passiert war, wie ich hergekommen war wusste ich nicht. In diesem Moment platzte eine Krankenschwester hinein. „Ach, Sie sind wach. Warten Sie, ich hole den Arzt.“ Ehe ich etwas sagen konnte, war sie schon wieder verschwunden. Wobei meine Kehle so ausgetrocknet war, dass ich vermutlich ohnehin kein Wort rausbekommen hätte. Kurze Zeit später betrat ein bebrillter Mann mittleren Alters das Zimmer. Aus seinem weißen Kittel schloss ich, dass es der Arzt sein musste. „Da haben sie aber nochmal wahnsinniges Glück gehabt.“, begrüßte er mich. „Guten Tag, Dr. Merritt mein Name, ich bin Ihr behandelnder Arzt. Bis auf ein paar Schrammen und eine ordentliche Gehirnerschütterung ist ihnen nichts passiert. Trotz allem werden wir Sie noch ein paar Tage hierbehalten.“, er schwafelte eine ganze Weile, doch ich konnte ihm gar nicht zuhören. Immer wieder fiel ich in einen leichten Dämmerschlaf, hatte Mühe die Augen offenzuhalten, bis ich schließlich hochschreckte. „Was ist mit Fern?!“
    „Wie bitte?“
    „Mit dem Pferd, was ist mit dem Pferd passiert?“ Er blickte mich einen Moment lang verwirrt an. „Ich.. ich weiß nicht, darüber liegen mir keine Informationen vor.“ Resigniert ließ ich mich in die Kissen fallen. „Ich muss mit jemandem von Oak Ridge sprechen!“
    „Von wo?“
    „Meinem Arbeitsplatz verdammt! Holen Sie irgendjemanden her!“
    „Ihr Arbeitgeber ist bereits informiert.“
    „Ich will wissen was aus dem Pferd geworden ist, verdammt nochmal! Bringen Sie mir irgendeinen Mitarbeiter von Oak Ridge her, der weiß was Sache ist, das kann doch nicht so schwer sein!“
    „Miss“, er blickte kurz auf sein Klemmbrett „Partanen, es gibt keinen Grund sich aufzuregen. Gerade in Ihrem Zustand brauchen Sie viel Ruhe. Wie gesagt, ihr Chef ist informiert. Er wirkte sehr besorgt. Ich kann gerne weiterleiten, dass sie aufgewacht sind und ihn herschicken.“
    „Danke.“, murmelte ich zerknirscht.

    Er hatte sein Wort gehalten. Wenige Stunden später trat mein Chef, Mr. Emerson durch die Tür. Tatsächlich war sein Gesicht sorgengetrübt. „Guten Tag, Miss Partanen. Wie geht es Ihnen?“
    „Soweit ganz gut, ich soll noch ein paar Tage hier bleiben, dann kann ich wieder an die Arbeit. Wie geht es Fern?!“
    „Hören Sie Miss Partanen. In Anbetracht Ihrer momentanen Lage und der Vorkommnisse..“
    „Fern?! Was ist mit ihr? Wie es mir geht ist doch gerade vollkommen egal, wieso will mich hier denn keiner aufklären?!“
    „Lassen Sie mich bitte ausreden! Es gibt überhaupt keinen Grund patzig zu werden, schon gar nicht von Ihrer Seite!“, ein Anflug von Zorn huschte durch seine Stimme, die mich ganz kleinlaut werden ließ. „In Anbetracht der Vorkommnisse..“, er räusperte sich. „Sie haben sich unverantwortlich benommen. Eigentum der Oak Ridge beschädigt, uns einen gewaltigen Schaden verursacht. Das Pferd von dem Sie sprechen wurde an Ort und Stelle eingeschläfert. Es ist irreparabel geschädigt, das Hinterbein ist mehrfach gebrochen, die..“
    „Das kann nicht wahr sein!“, unterbrach ich ihn fassungslos. „Mein Gott, das ist alles meine Schuld!“, ich begann zu schluchzen. „Ich.. ich, es tut mir so leid!“, Tränen strömten nun unaufhaltsam mein Gesicht herunter.
    „Nun ich denke, das wird nie wieder vorkommen.“, meinte Mr. Emerson ernst.
    „Nein, nein, natürlich nicht! Ich werde besser aufpassen in Zukunft, es tut mir so wahnsinnig leid.“
    „Diese Stute war unsere größte Hoffnung in dieser und allen darauffolgenden Saisons. Sie hätte eine gewaltige Einnahmequelle darstellen können. Ich hatte Ihnen die Verantwortung übertragen für ihre Ausbildung und auch für Ihre Sicherheit zu sorgen. Leider, muss ich in Anbetracht der Umstände feststellen, dass sie nicht in der Lage waren wertvolles Firmeneigentum mit dem gewünschten Respekt zu behandeln. Mr. Blake hat mir in der letzten Zeit oft davon berichtet, dass sie nicht aufpassen würden. Dass sie geistesabwesend sind und sich und andere bereits vermehrt in Gefahr gebracht haben.“ Leon.. wenn ich seinen verdammten Hals in die Hände bekommen würde.. „Ich habe mich eingehend mit den leitenden Mitarbeitern beraten und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir Sie unter diesen Umständen nicht weiter beschäftigen können und wollen. Durch die Kündigungsfrist sind die für die nächsten drei Monate berechtigt weiter in der Mitarbeiterwohnung zu verweilen, auch Ihr Gehalt wird bis zum Eintreten der Kündigung weiter gezahlt. Jedoch möchten wir Sie bitten sich von den Pferden fernzuhalten. Halten Sie sich nicht an diese Aufforderung sehe ich mich gezwungen, Sie polizeilich zu entfernen, denn Sie stellen eine Gefahr für die Tiere dar.“
    Mir stockte der Atem. „Das soll doch jetzt ein Scherz sein?!“, meinte ich perplex und konnte ein heiseres Lachen nicht unterdrücken. Als sein Blick mich weiterhin kalt durchbohrte, erwuchs in mir jedoch die Erkenntnis, dass es keiner war. „Sie.. Sie wollen mich feuern?! Ich soll was darstellen?! Eine Gefahr für die Pferde? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Vor ein paar Tagen war ich noch Anwärter auf eine Führungsposition und jetzt wollen Sie mir unterstellen ich würde Ihre Tiere in Gefahr bringen? Es war ein verdammter Unfall, Fern ist ausgerutscht! Ich hätte sicherlich besser handeln können, aber Ihre Reaktion ist doch wohl etwas übertrieben!“, ich spürte wie mein Puls hochjagte, fühlte Zorn, Verzweiflung, gemischt von einem unsagbaren Schuldgefühl, das bewies, dass ich meinen Worten selbst nicht so ganz glaubte.
    „Das letzte Wort ist hiermit gesagt, ich habe Sie über alles informiert. Wenn Sie noch Fragen haben, dürfen Sie sich natürlich jederzeit telefonisch oder bei mir im Büro melden. Eine gute Besserung wünschte ich Ihnen noch.“, das war alles. Mit diesen Worten schritt er aus dem Zimmer und ließ mich vollkommen überfordert zurück. So kalt und berechnend hatte ich Ihn noch nie gesehen. Eine tiefe Verzweiflung breitete sich in mir aus. Wie konnte mein ganzes Leben in so kurzer Zeit auseinanderbrechen. In diesen Hof hatte ich mein halbes Leben gesteckt, jede freie (und nicht-freie) Minute hatte ich mit ihnen verbracht, jegliche Leidenschaft die ich aufbringen konnte lag bei diesen Tieren und nun war da noch eine tiefe, schwarze Leere. Plötzlich lag meine vor kurzem noch so rosige Zukunft kalt und dunkel vor mir. Es graute mir davor mich ihr zu stellen. Noch lange Zeit saß ich einfach nur da und starrte ins Leere, bis mich endlich die Müdigkeit überrannte und mir einen ruhelosen Schlaf schenkte.


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  4. April 2016 – Troll Lair EC – Finnland
    Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und drückte den Klingelknopf. Es war seltsam wieder hier zu sein, nach all den Jahren. Der alte Hof wirkte wie eine Geisterstadt. Nicht gerade das was ich gewohnt war. Zuhause war immer Trubel. Kein Wunder, schließlich arbeitete ich auf einem renommierten Sportpferdegestüt, mit einem Haufen Pferde und Mitarbeiter. Ein leiser Stich fuhr mir durchs Herz. Es war heruntergekommen hier. Die Gebäude brauchten dringend Handwerker, alles wirkte karg und verwahrlost. Nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte. Mit einem leisen Klack wurde die Klinke herunter gedrückt. Einen Moment lang stand eine Gestalt regungslos in der Tür. „Du bist tatsächlich hergekommen!“, ein Lächeln breitete sich auf dem bärtigen Gesicht aus, kurz bevor der alte Mann mich in den Arm nahm. „Papa.“, das Wort blieb mir auf halbem Weg im Halse stecken. „Komm doch erst mal rein, na los.“, meinte er und schob mich mit sanfter Gewalt durch die Tür. „Ich freue mich so, ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich auftauchst.“, ich meinte eine Träne in seinem Augenwinkel zu sehen. Tatsächlich war ich selbst noch nicht sicher ob ich wirklich hier sein sollte. „Hannes sagte es gäbe Neuigkeiten.“, meinte ich rasch, bevor ich mir unendliche Geschichten anhören durfte, was die letzten Jahre alles passiert war. „Ja. Ja, das stimmt, warte ich rufe ihn, geh du erst mal ins Wohnzimmer.“ Er humpelte hinaus. Ich sah mich um. Nichts von der früheren Wärme war mehr zu sehen. Das Wohnzimmer war bis auf ein kleines Sofa und einige Sessel praktisch leer. Keine Bilder hingen an der Wand, keine Blumen ziehrten den Raum. Außerdem war es kalt. Von den Fenstern her zog der Wind hinein und die letzte Glut die im Ofen noch vorhanden war, verlor den Kampf gegen die letzte Winterkälte.

    Man hörte lautes Getrampel aus dem Flur und kurz darauf erschien eine große Gestalt in der Tür. Sein Gesicht lag im Schatten, doch ich konnte die Verwunderung sehen die in den Augen meines Bruders aufflackerte. „Maira.“, ich biss mir auf die Lippe, damit nicht auch mir die Tränen kamen. Mit einem einzigen gewaltigen Schritt stand er vor mir um umarmte mich so fest, als wolle er nie wieder loslassen. Endlich löste er sich und packte mich an den Schultern, merklich zitternd. „Du hast den Brief also bekommen. Und beschlossen ihm zu folgen.“ Ich schwieg, nicht wissend was ich erwidern sollte. Ja, ich hatte ihn bekommen, ich hatte ihn gelesen, ich hatte ihn zu einer kleinen Papierkugel zerknüllt und in den Müll geworfen. Und doch war ich nun hier. Ließ all die schmerzlichen Erinnerungen an meine Kindheit wieder auf mich einprasseln, für die ich mein ganzes Leben gebraucht hatte um sie zu überwinden. Meine Mutter die uns hatte sitzen lassen, als wir noch Kleinkinder waren. Wie es meinen Vater zerbrochen hatte. Ihn so zerstörte, dass er alles den Bach runtergehen ließ. Nach und nach verlor er alles. Seine Frau, sein Geld, seine Pferde und nicht zuletzt seine Tochter. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten ihn so zu sehen. Eines Nachts packte ich meine Sachen und verschwand von dem Hof auf dem ich meine gesamte Kindheit verbracht hatte. Zu Fuß kämpfte ich mich zur nächsten Stadt durch, nur um dort von einem Polizisten aufgegabelt zu werden. Was hatte auch eine 10-Jährige mitten in der Nacht, alleine in der Stadt zu suchen. Ich hatte geschrien und geweint und mich geweigert wieder nach Hause zu fahren. Hatte mitangesehen wie es meinem Vater das Herz gebrochen hatte, als ich ihm ins Gesicht schrie, dass ich ihn nie wieder sehen wollte, dass es mir besser ohne ihn ging. Er war so schwach. Hatte sich durch seine eigene Frau zerstören lassen, das konnte ich nicht ertragen. Und so brach ich jeglichen Kontakt ab und verbrachte mein Leben im Heim. Nicht einmal habe ich versucht zurückzukehren. Bis heute. Viel schlimmer noch, niemand schien wütend auf mich zu sein. Wieso freuten sie sich so mich zu sehen, nach allem was ich ihnen angetan hatte? „Wie könnten wir nur?“, wimmerte mein Vater. Hatte ich das etwa laut gedacht? „Die letzten 16 Jahre, ich habe jeden Tag darauf gehofft dich wiederzusehen“, noch eine Umarmung. Diesmal erwiderte ich sie, wenn auch sehr zaghaft. „Ich geh euch einen Tee holen!“, meinte der alte Mann eifrig und wischte sich eine weitere Träne aus dem Augenwinkel. Hannes setzte sich. „Wo warst du die letzten Jahre? Wie geht es dir? Ich möchte jede Kleinigkeit wissen!“
    „Na, na, lass die doch erst mal zur Ruhe kommen.“, mahnte Vater mit einem breiten Lächeln im Gesicht und drückte uns beiden einen Becher mit dampfendem Tee in die Hand.
    „Also, du arbeitest in England, richtig?“,
    „Und gar nicht mal schlecht, wenn ich recht höre. White Oak Ridge, oder so ähnlich? Steht öfter mal in der Zeitung, auch dich hab‘ ich da schon das ein oder andere Mal entdeckt.“

    So ging es die nächsten paar Stunden weiter. Ich wurde ausgequetscht über die letzten Jahre, auf den neuesten Stand gebracht was hier so passiert war, nicht gerade viel.
    „Können wir das jetzt mal ruhen lassen? Seid ehrlich, ihr habt mich doch nicht herbestellt nur um mich auszufragen. Warum bin ich hier? Was sind die Neuigkeiten?“
    Ich konnte sehen wie die beiden Blicke austauschten, dann ergriff mein Bruder das Wort. „Wir wollen den Hof wieder aufbauen.“, wie früher redete er nicht lange um den heißen Brei herum. „Ich weiß, es ist ganz schön heruntergekommen in den letzten Jahren, aber Vater und ich sind uns einig, dass es so nicht weitergehen kann. Wir vermissen die Pferde, die Arbeit, die Selbstständigkeit. In meinem Job halte ich es nicht mehr lange aus, es ist tagein tagaus dasselbe. Wir könnten wieder etwas mit unseren eigenen Händen schaffen. Das Familienunternehmen wieder aufrichten. Es wird ein riesen Haufen Arbeit sein, wir werden einen Kredit aufnehmen müssen, allein um den Hof wieder herzurichten, aber ich denke wir können es schaffen. Papa hat sogar ein paar Pferde im Blick.“, dem letzten Satz folgte ein verschmitztes Grinsen.
    Fragend blickte er mich an. Fragend blickte ich zurück. „Das freut mich sehr für euch.“, meinte ich zögerlich. „Für uns. Wir möchten dich bitten miteinzusteigen.“ Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen. Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile um zu verstehen was er da sagte.
    „Ihr wollt was? Ich soll meinen Job schmeißen um vielleicht den uralten Hof wieder herzurichten? Und dann? Ich mache gerade richtig Karriere, das soll ich einfach so aufgeben? Papa, du hast es schon mal erlebt. Wie alles zugrunde ging! Wer sagt dass es diesmal anders wird? Ich habe mir etwas aufgebaut, ich habe gute Chancen bald eine Führungsposition auf White Oak zu bekommen! Ich.. ich kann das nicht einfach aufgeben für.. eine Möglichkeit.“
    Kurz flackerte die alte Unsicherheit in den Augen meines Vaters auf. Für den Bruchteil einer Sekunde war es wie früher. Geplagt von Zweifeln, Angst, Unsicherheit. Er schüttelte den Kopf. „Niemand zwingt dich zu etwas. Du hast Recht. Wir wissen nicht ob es funktionieren wird, vielleicht machen wir den größten Fehler unseres Lebens, aber wir sind uns einig. Wir wollen es probieren. Und wir würden freuen wenn du dabei wärst. Du hast das nötige Fachwissen, das es braucht um ein erfolgreiches Gestüt zu führen, du hast dir bereits einen Namen gemacht, du könntest dir etwas ganz eigenes Schaffen. Und.. und wir könnten wieder eine Familie sein.“, er unterdrückte ein leises Schluchzen. „Ich verstehe, dass das eine schwere Entscheidung ist aber manchmal muss man Risiken eingehen um in seinem Leben vorwärts zu kommen. Ich bitte dich, denk zumindest darüber nach. Nimm dir etwas Zeit für dich, überleg es dir. Es ist dein Leben, also entscheidest du was du damit machst.“
    Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Für mich war die Sache klar, ich konnte nicht alles in den Wind schießen. „Ich werde jetzt ins Hotel fahren. Morgen kehre ich nach England zurück. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft, aber ich werde kein Teil davon sein.“
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