Alles, was im Leben eines Occus einen Blogeintrag wert ist
Farbe
Hintergrund Farbe
Hintergrund Farbe
Rand Farbe
Schriftart
Schriftgröße
  1. Teil 7
    _ _______________________________________________________________________ _

    „HEY RAY HAYes!“
    Ich seufzte und schüttelte den Kopf. Maddie grinste nur triumphierend und versteckte sich symbolisch hinter der Tür ihres Spindes. „Did you hear what Mr Cole mentioned about today’s distance? I was too sleepy to listen.” “It is the same as last week, exactly two miles, three furlongs and 12 yards. Just kiddin, I don’t know either. We should stop watching Youtube together, really.” “We just have to stop watching it until 12 o’clock…” “Especially tomorrow.” Ich wusste, worauf sie hinauswollte. Für den nächsten Tag war nämlich eine Art Zwischenprüfung geplant, bei der unser bisheriger Fortschritt eingeschätzt wurde. Ich freute mich irgendwie darauf zu erfahren, ob ich bereit für die anspruchsvolleren Trainingsritte war, die danach folgen würden. Maddie und ich setzten unsere Reithelme auf und zogen uns die Schutzwesten an, dann begaben wir uns zur Sattelkammer und holten die Ausrüstung für die Pferde. Es war dasselbe wie jeden Morgen – Misten, Frühstück, Reiten, wieder Misten, Füttern, Reiten. Trotzdem wurde es nie langweilig, dafür sorgten die Vierbeiner. Ich schob zum Beispiel gerade Duskys Box auf und stellte fest, dass er ein angelaufenes Vorderbein hatte. Warum hat das beim Ausmisten keiner gesehen?, rätselte ich, während ich Mr Cole holte. Dieser meinte dann, es sei besser den Tierarzt darüber schauen zu lassen – mit Beinproblemen war in einem Rennstall gewiss nicht zu spassen. Ich streichelte Dusky leicht besorgt. Der freche Wallach war mir mittlerweile eben doch, trotz seiner Mätzchen, ziemlich ans Herz gewachsen. „Ray, until he’s fit again you will ride Sensational Art.” Grossartig, das hat mir noch gefehlt – ausgerechnet einen Tag vor der Zwischenprüfung. Die Stute trug ihrem Spitznamen “Sassy” nicht umsonst. Sie war berüchtigt dafür, ihren eigenen Kopf zu haben und ihre Reiter zu testen. Aber von Dusky war ich mir ja nichts anderes gewohnt. Trotzdem hätte ich gerne für einmal eines der braven, einfach zu bedienenden Pferde gezogen, besonders angesichts der anstehenden Einschätzung. Was soll’s. Irgendwie komme ich schon mit dem Vieh klar, und sonst nehm ich eben wieder gratis Flugstunden, beschloss ich. Die Stute war ein Fuchs, und anscheinend stammte sie sogar über zwei Blutlinien von dem berühmten Secretariat ab. Totzdem hatte sie während ihrer Karriere als Rennpferd nicht mehr gewonnen als andere der Schulpferde. Abstammung alleine schien nicht der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Mr Cole hatte uns mal erklärt, dass das wichtigste die Einstellung eines Pferdes sei. Wenn man ein Exemplar erwische, das Gefallen am Gewinnen fände, dann sei das schon die halbe Miete. Und gleich danach käme der Körperbau, denn gewisse Merkmale wären einfach entscheidend für Geschwindigkeit. Bei Sassy fehlte es irgendwie an beidem. Sie hatte eine zu schwache Hinterhand, wodurch es ihr an Schub mangelte. Gleichzeitig war ihre Beinstellung vorne suboptimal. Zuletzt war es aber ihr Charakter, der wohl die meisten Siege vereitelt hatte. Über all das und noch viel mehr dachte ich während dem Putzen der Stute nach, die übrigens auch keinen besonderen Gefallen daran fand. Während Dusky vielleicht ein-, zwei heikle Stellen besass, schien sie so ziemlich überall kitzlig zu sein. Das ging so weit, dass sie nach mir schnappte, als ich die Hufe auskratzen wollte. „Enough is enough, you little brat!“, fuhr ich sie an. Plus einen blauen Fleck, und ich bin noch nichtmal draufgesessen… Sobald ich fertig war, sass ich auf und ritt den anderen Schülern hinterher zur Sandbahn. Sassy äppelte noch einmal bevor wir angaloppierten, als wollte sie Ballast abwerfen und sich bereit machen. Ich schluckte und stand gespannt in den Steigbügeln auf. Wir galoppierten rhythmisch in einem gewöhnlichen Arbeitstempo den Rails entlang und Mr Cole korrigierte über das Mikrofon die Haltung jedes Schülers. Bei mir hatte er nicht viel auszusetzen, was mich positiv stimmte. Sassy war brav und unkomplizierter als ich dachte, zumindest bis sie sich vor einer Bewässerungsanlage erschreckte. Sie machte einen Satz zur Seite und erwischte mich damit völlig unvorbereitet, sodass ich das Gleichgewicht verlor und mich seitlich an ihren Hals klammerte. Aber die Schwerkraft siegte und so blieb mir nichts übrig, als mich kontrolliert fallenzulassen. Mr Cole fragte nur kurz nach, ob noch alle Knochen heil waren; dann kümmerten wir uns darum, das nun freilaufende Pferd zu stoppen. Zum Glück gesellte sich die Stute einfach in die Nähe der vor ihr galoppierenden Pferde und bremste mit ihnen ab. Ich joggte über den Sand und nahm Sassys Zügel dankbar von Shannon entgegen, die sie für mich von ihrem Reittier aus gehalten hatte. Den Rest des Trainings konnte ich unbeschadet – und ohne weitere Sturzübungen hinter mich bringen.

    Am Abend plauderten wir noch ausgelassen, bevor wir zu Bett gingen. Allison erinnerte mich mit Schadenfreude daran, wie elegant ich an Sassys Hals gehängt hatte. Ich zuckte mit den Schultern. „I was clinging onto her neck as much as I could, but I just didn’t hug her enough it seems.“ Die anderen kicherten belustigt. Jemand fragte in die Runde, wie wir alle mit dem Reiten begonnen hatten. Ich lehnte mich unauffällig zurück, da ich nicht gerade scharf darauf war, meinen Werdegang und die Tatsache, dass ich nichts mit Pferden am Hut gehabt hatte zu teilen. Shannon begann. „My family always had horses, I grew up with them. I started taking lessons when I was seven years old.” “Me too, I grew up on a farm, we also breed racehorses. It was only a question of time for me to come here.” “My uncle is a trainer; I will be riding for him and get my licence once I’m done here.” “I grew up with ponies, but it was always my dream to be a jockey one day.” So ging es weiter – meine Befürchtung bestätigte sich: Ich war die einzige, die nicht schon vorher in irgendeiner Form Kontakt zu Pferden gehabt hatte. Sogar Maddie hatte Verwandte auf einem Gestüt und ritt seit sie klein war. Zum Glück wechselte das Thema, bevor jemand auf die glorreiche Idee kommen konnte, mich zu fragen. Vor dem Einschlafen starrte ich die Decke an und verarbeitete die ganzen Eindrücke, die ich an diesem Tag wieder gesammelt hatte. Es kam mir erstaunlich vor, dass ich trotz des Vorsprungs der anderen einigermassen mithalten konnte. Vielleicht bin ich selber ein Steher, überlegte ich lächelnd, und kuschelte mich in mein Kissen.



    Ich startete voller Motivation und hoch konzentriert in den nächsten Tag. Ich wollte Mr Cole und die anderen Prüfer beeindrucken, zum Beweis, dass ich tatsächlich den anderen in nichts nachstand. Maddie war ebenfalls voller Elan. „RAY FEEDS HAY! YAY!!“, rief sie, als ich die Schubkarre Stück für Stück durch die Stallgasse schob, links und rechts in die Boxen Heuhaufen verteilend. „You are the worst“, murrte ich als Antwort. Dusky hatte ein paar Tage Arbeitsverbot verschrieben bekommen, also musste ich auch für die Prüfung auf Sassy umsatteln. Zu meiner Erleichterung zeigte sich die Stute von ihrer besten Seite und liess mich selbst in der Startmaschine nicht hängen. Am Ende des Tages bekam ich eine top Bewertung und konnte, vor Stolz strahlend, mit Mr Cole über meine Zukunftspläne sprechen. So langsam mussten wir uns nämlich alle Gedanken diesbezüglich machen. Wo wollten wir nach der Schule hin? Ein grosser Rennstall wie Newmarket? Oder eher ein ländliches Gestüt etwas abseits? Oder einfach nur Gelegenheitsaufträge? Ich war für alles offen und kündigte an, sich bietende Chancen zu packen; unwichtig welcher Art. Mr Cole meinte zwar, dass es gut sei, offen für alles zu sein, ermahnte mich jedoch, trotzdem nicht jeden beliebigen Job anzunehmen und besonders gewisse Ansprüche in Sachen Sicherheit zu haben. Ich war gerührt darüber, wie besorgt er um seine Schüler schien.



    Die letzten Tage unserer Ausbildung brachen an, und mir wurde bewusst, wie sehr ich mich in die Herausforderung Jockey zu sein hineingelebt hatte. Nicht nur hatten mich die Pferde in ihren Bann gezogen, sondern auch die ganze Atmosphäre rund um die Rennbahn. Das wurde erst Recht so, als ich Monate später meine Lizenz überreicht bekam und die ersten Pferde ausserhalb der Racing School ritt. Die nervenaufreibenden Finishes, die mitfiebernden Leute - all jene, die Wetten abgeschlossen hatten, aber auch Kinder und Fans der einzelnen Vierbeinigen Stars. Nicht zuletzt die stille Hoffnung, irgendwann einen nächsten Triple Crown Winner reiten zu dürfen... Die Industrie, wie man es durchaus nennen konnte, hatte natürlich auch Schattenseiten. Lange Arbeitszeiten, viel körperliche Anstrengung, eher mässig gute Bezahlung, hohes Berufsrisiko, und die ein oder andere unschöne Szene mit Pferden, die nicht nach der Peitsche tanzten. Nicht alle Athleten wurden gleich gut behandelt. Bei unseren Ausflügen zum Hauptteil des Newmarket Trainingsgeländes war ich des Öfteren Zeuge geworden, wie ein Pferd mit Besen in einen Anhänger gescheucht, oder mit vereinten Kräften von vier ausgewachsenen Männern in die Startmaschine bugsiert wurde, weil man keine Zeit hatte, die Sache Schritt für Schritt anzugehen. Andere wurden wie Hollywood Stars umsorgt, mit Lammfell gepolsterten Halftern bis über die Ohren und täglicher Pediküre nach dem Training. Ich distanzierte mich von den gröberen Trainern und versuchte, möglichst mit letzteren Pferden zu tun zu haben. Aber am Ende machte ich nur das, was ich gelernt hatte und was mir gesagt wurde, auch wenn es manchmal nicht meinem Bauchgefühl entsprach. Nach der Erstausbildung bei der British Racing School kümmerte ich so bald wie möglich darum, die Berufsreiter-Lizenz zu bekommen. Danach bewarb ich mich für eine Stelle direkt in Newmarket, die ich dank meiner geknüpften Kontakte und der Hilfe der Racing School auch bekam. Das Beste daran war, dass auch Maddie in Newmarket einen Job fand. Wir beide arbeiteten also fortan im selben Stallbereich und trainierten fast jeden Morgen gemeinsam Pferde. Ich hatte mittlerweile auch eine neue Wohnug in der Nähe, eine Wohngemeinschaft mit zwei etwa gleichaltrigen Frauen, eine davon ebenfalls Jockey. Wir kamen gut aus, arbeiteten aber jede für sich, also hatten wir kaum miteinander zu tun. Für mich war das perfekt, ich hatte meine Ruhe und trotzdem eine günstige Unterkunft. Wie Jimmy der Gartenzwerg damals erzählt hatte, war der Lohn als Amateurjockey nicht gerade berauschend. Als Mechaniker bei der Harper Tech hatte ich deutlich mehr verdient. Aber dafür wurde es nie langweilig und ich fühlte mich wohl. Besonders, wenn ich nach einem adrenalinreichen Ritt wieder Boden unter den Füssen hatte. Die Handvoll Pferde die ich nach der Racing School ritt waren völlig anders als Dusky, der sich übrigens wieder bester Gesundheit erfreute und die nächsten paar Schüler in den Sand setzte. Im Gegensatz zu ihm waren meine jetzigen Reittiere noch grün hinter den Ohren und hatten allerhand verrückte und nervige Angewohnheiten. „True Glory“ zum Beispiel, eine 3 jährige Stute, schüttelte beim Zäumen ständig den Kopf. Und „Upside Town“, ein gleichaltriger, lackschwarzer Wallach, stieg bei jedem Training mindestens einmal, bevor er brav wie ein Lämmchen in die Startbox lief. Ich musste dann jeweils aufpassen, dass ich mir den Kopf nicht an der Maschine stiess. Aber irgendwie hatte ich die Vierbeiner trotzdem gerne, vielleicht gerade weil sie so unvollkommen waren - wie ich selbst, in gewisser Hinsicht. Als der Trainer, Walter Burke, nach einigen Wochen den Eindruck hatte, dass wir so weit wären, meldete er mich und True Glory zu unserem ersten gemeinsamen Rennen an. Mein erstes richtiges Rennen überhaupt. Ich war am Vortag so aufgeregt, dass ich im Training alles falsch machte, was man irgendwie falsch machen konnte. Ich vergass meine Brille im Spind, ich stellte meine Bügel nicht ein, und anstatt beim 1000 Meter Pfosten zu bremsen, wie zuvor abgesprochen, legte ich bis 200 Meter später weiter zu, sodass Walter mich im Anschluss zur Schnecke machte. Ich hatte die ganze Nacht hindurch Bauchweh und konnte kaum schlafen. Warum bin ich so aufgeregt? Es ist doch nicht so wichtig, wie ich in meinem allerersten Rennen abschneide... Auch Maddie meinte am nächsten Morgen, als ich sie um 5 Uhr im Stall traf, dass ich mir viel zu viel Druck mache. „I will shout my loudest YAY RAY, if you win.“ Aber irgendwie konnte mich das auch nicht beruhigen. Es war der unglaubliche Drang, in meiner neu gefundenen Aufgabe gut sein zu wollen, der mich vor Aufregung fast erbrechen liess. Gleichzeitig wusste ich, dass ich unbedingt ruhig bleiben musste, weil sonst True Glory ebenfalls die Nerven verlieren würde. Ich hatte gewissermassen Angst vor dem Angsthaben. Nachdem Walter seine ermutigende Trainer-Rede gehalten hatte, fühlte ich mich wenigstens im Stande, die Ausrüstung in den Transporter zu verfrachten. True Glory wurde unterdessen von Rebecca, einer Pflegerin, auf Hochglanz geputzt und anschliessend ebenfalls verladen. Ich überprüfte unübertrieben fünfmal, ob wir alles hatten, bevor ich beruhigt einsteigen konnte. Auf der unweit entfernten Rennbahn angekommen, luden wir alles wieder aus und ich begab mich zur Jockey Kontrolle. Rebecca betreute inzwischen die Vollblutstute. Als ich zurückkam, waren die beiden schon im Führring; True Glory war fertig gesattelt und rennbereit. Diesbezüglich war ich mir bei mir selbst nicht ganz so sicher. Die Pflegerin gab mir ein Leg-Up. Ich organisierte die Zügel, dann ging es auch schon ab zur Startmaschine. Bei einem Rennen verlief alles sehr schnell und organisiert, der Ablauf wurde Zuhause oft genug geübt. Meine Konkurrenten liefen vor und hinter mir. Ich betrachtete den ein oder anderen Ehrfürchtig - die Pferde sahen stark und fit aus - was hast du denn erwartet? Natürlich tun sie das! - die Jockeys schienen gelassen und die meisten plauderten mit ihren Helfern oder Trainern. Ich richtete den Blick nach vorne zu dem Metallgestell. Einer nach dem anderen wurde von den Starthelfern hineingeführt, bei manchen ging das schneller als bei anderen. True Glory ging gleich beim ersten Anlauf rein. Wir hatten den dritten Platz von aussen; weder besonders gut, noch schlecht. Mein Reittier drückte beim Warten ungeduldig rückwärts gegen die Tore. Ich erinnere mich, dass ich ihr noch zugemurmelt hatte, dass sich von dort abzustossen einem auch nicht schneller machen würde. Dann war der letzte drin, und wir gruben alle fast synchron die Hände in die Mähnen der Vollblüter, die Zügel zugleich straff aber nicht zurückhaltend fassend. Mit einem lauten krachen flogen die Tore auf. Die Kräfte, die beim Beschleunigen auf mich wirkten, zogen mich fast nach hinten aus dem winzigen Rennsattel. Ich duckte mich, um nicht zu viel Wind abzubekommen, und liess True Glory die ersten Meter alleine Bewältigen - bis ich mich wieder gesammelt hatte. Danach lief mein Gehirn in seinem Adrenalin-Rausch auf Hochtouren. Ich prüfte unsere Position, versuchte zu erahnen, wie sich die anderen Pferde in den nächsten paar hundert Metern verschieben würden. Der Jockey des Rappen ganz aussen sah so aus, als plante er vor uns nach innen zu kreuzen. Ich kam ihm zuvor und trieb Glory an, damit wir freie Sicht nach vorne behielten. Danach liess ich sie im selben Tempo wie das restliche Feld mithalten, um Kräfte zu sparen. Wir hielten einen möglichst konstanten Rhythmus, so wie wir es im Training gelernt hatten. In der Kurve vor der Zielgeraden begann sich das Feld förmlich neu zu durchmischen. Einige fielen zurück, weil sie sich verschätzt hatten; andere kamen plötzlich aus dem Nichts immer weiter nach vorne. Ich entdeckte einen Fuchs, der aussen vorbeizog - genau wie das Pferd, das ich bei meiner Recherche vor der Racing School im Fernsehen bewundert hatte. Mir schoss durch den Kopf, dass ich ihn auf keinen Fall nach vorne lassen durfte. Es war riskant, aber ich steuerte True Glory ebenfalls auf die Aussenbahn. Die Kurve war gleich vorbei, also verloren wir nicht zu viel Boden, und es würde nicht als Blockieren gelten, weil er noch zu weit weg war. Aber so konnte der Fuchs nicht in seiner Spur bleiben und wechselte wie erhofft nach innen, um an mir vorbeizukommen. Dabei kam er aber näher zum restlichen Feld und hatte nicht mehr freie Bahn. Ich hingegen konnte nun zulegen, ohne mir Sorgen wegen des Platzes machen zu müssen. True Glory zog voll aus und setzte sich mit jedem Galoppsprung näher an die Spitze. Kurz vor der Zielgeraden waren wir auf gleicher Höhe wie der vorderste Jockey. Ich war mir zum ersten Mal in meinem Leben sicher, was als nächstes passieren würde. Wir gewannen mit einer Kopflänge Vorsprung.



    Lautes Gejuble und klatschen erfüllte den Aufenhaltsraum für die Jockeys in Newmarket. Ich schlich verlegen hinter Walter rein. "That's how you do it, folks. Her first race. She rode it like she stole it!", verkündete Maddie übermütig. Ich grinste und strich mir verlegen die Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Haargummi gelöst hatten. "True Glory did most of the work. She's a talented fella", stellte ich fest. Wir feierten mit ein-, zwei Gläschen Weisswein, ehe ich mich endlich ins Bett fallen lassen durfte. Kurz vor dem Einschlafen war ich noch einmal in True Glorys Sattel, fühlte, wie sie sich streckte, und sah die Ziellinie neben uns durchhuschen. Es war ein berauschendes Gefühl.
    Sevannie, Rinnaja und Veija gefällt das.
  2. Teil 6
    _ _______________________________________________________________________ _

    Eineinhalb Wochen später war ich zum ersten Mal unterwegs nach Newmarket. Ich wusste dank dem Internet ungefähr wo ich hin musste, und dass das Gelände wohl unschwer zu verfehlen war. Trotzdem war ich etwas nervös und sah die Ortsschilder vom Zugfenster aus ganz genau an. Letztendlich stand ich bei der am nächsten zur Schule gelegenen Bushaltestelle und studierte den Maps-Screenshot auf meinem Handy. Ich fand den Weg beim ersten Versuch (auch ein blindes Huhn...) und lief in die Richtung, in der ich das Hauptgebäude vermutete. Es war unschwer zu erkennen, welche Teile der Anlage Stallungen sein mussten. Die "Schule" befand sich im äusseren Bereich des riesigen Newmarket-Renngeländes. Ich betrat etwas, das zumindest schon mal wie eine kleine Empfangshalle aussah. Es hatte ein paar Sessel, Couches und einen TV. Es waren ausserdem noch sieben weitere Schul-Anwärter hier, allesamt deutlich jünger als ich. Ich erkannte eine Art Empfang und sprach die Person an, die dahinter stand. So erfuhr ich, dass ich nach dem Jungen im bauen T-Shirt an der Reihe war. Es dauerte einen Moment, bis er reingerufen wurde - und noch viel länger, bis er wieder hinaus kam. Ich war schon ganz unruhig vor Spannung, als ich endlich den Raum betreten durfte, aus dem der Junge gekommen war. Ich stellte mich einem älteren Herren und einer Dame mitte 30 vor, die dort auf mich warteten. Wir hielten ein Vorstellungsgespräch, wobei es mir im Vergleich zu meinen vorherigen eher wie ein fröhliches Plaudern vorkam. Man merkte einfach, dass es hier ausnahmsweise Mal nicht direkt um Profit ging. Ich begann nur bei einer Bemerkung mit anschliessender Frage kurz zu stocken: "As you surely know, we have only a certain capacity to take new students. Therefore we want to give those a chance that are really passionate about the horse industry and are not prone to quit after a short time. We'd like to know if you have riding experience and have handled horses in the past?" "...Ahh, sure. I absolutely love horses, since I was a little girl. I rode on a pony when I was in school and I always dreamt of having a job this challenging and exciting, while I ended up being a mechanic instead... That's why I want to take this chance and fulfill my dreams." Es war nicht wirklich gelogen, so wie ich es formuliert habe. Ich liebte zwar früher nicht unbedingt direkt Ponys, aber damals vergötterte ich alle Tiere und wollte ja Tierarzt werden. Auf einem Pony bin ich auch geritten - sie müssen ja nicht wissen, dass es nur einmalig war und ich dabei in einer kleinen Halle, von Louisas Mum geführt, mit Fahrradhelm und Gummistiefeln draufgesessen hab... Ich muss schliesslich irgendwie mit den anderen Interessenten mithalten können, redete ich mir selbst ein, noch während ich die etwas geschmückte Aussage machte. "Awww Ron, she was just like me when I was young!", rief die Frau aus, und fragte: "Was your father keeping you from following your real passion as well?" Ich dachte kurz nach und beschloss mitzuziehen. "Ahh, yeah, you could say that." Sie wirkte geradezu entzückt und erzählte in leidenschaftlichem Ton: "I also had a pony but my dad wouldn't let me work as a groom or a jockey - he wanted me to become a teacher, like himself. I was so bored during my studies... But then Ron took me in to help him coordinate the students. I'm a bit too tall to be a Jockey, you see, but to help all those young people fulfill their dreams and be the one to hand them their diploma is just as wonderful! Well, but enough of me. What I want to say is, I can totally relate to your situation." Ich war etwas verblüfft über die plötzliche Energie, die sie ausstrahlte, witterte aber meine Chance. "Oh I'm so happy for you, Ms Gruber, I hope I get to live such a perfect life, too! My father did indeed hold me back, before he finally one day just left mom and me - I never saw him again..." Sie machte ein schockiert betroffenes Gesicht und kommentierte: "Oh dear, that must have been so hard! You are such a strong young woman." Sie fügte zwinkernd hinzu: "Call me Rachel, by the way." Ich packte mein lieblichstes Lächeln aus. Der ältere Herr schwieg und sah zum Fenster raus, wo ein paar Pferde durchliefen. Er schien beinahe von dem Theater gelangweilt zu sein. Erst, als wir soweit fertig geplaudert hatten und es darum ging, mich dem Fitnesstest zu stellen, fühlte er sich wieder angesprochen. Ich wurde angewiesen, draussen zu warten, bis die anderen nach mir ebenfalls fertig waren. Als es endlich soweit war, wechselten wir in eine Art Trainingsraum, in dem nebst gewohnten Fitnessgeräten auch teuer aussehende Pferdeattrappen aufgereiht waren. Ich schätzte, dass sie zum Simulieren des Reitens dienen mussten. Die erste Übung waren Squats, die wir auf wackeligen Plastikkissen stehend ausführen mussten. Es ging darum, einfach vier Minuten lang die Position halten. Ich hatte damit keine Probleme, denn ich hatte die einzelnen Aufgaben im Voraus dreimal wöchentlich trainiert. Des Weiteren mussten wir noch Übungen zum Beweis für unsere Bauch-, Arm- und Schultermuskulatur machen. Anschliessend ging es raus ins Freie für einen Konditionstest. Wie erwartet bestand ich den Fitnesstest mühelos, während die anderen teilweise schon nach weniger als zwei Minuten schlapp machten. Zufrieden folgte ich Ms Gruber und dem Herren zum letzten Check: der Gewichts- und Grössen-Messung. Die Maximalgrösse hielt ich gerade noch ein, aber mein Gewicht war natürlich nach der kurzen Zeit seit der Anmeldung noch nicht ganz passend. Ms Gruber meinte aber herzallerliebst, dass ich ja noch ein paar Wochen übrig hätte, um daran zu arbeiten. Am Ende wurden wir nochmal einzeln ins Büro gebeten und bekamen die Zu- beziehungsweise Absagen. Ms Grubers Lächeln verriet bereits, dass ich angenommen worden war und verdarb mir die ganze Spannung. Ich war trotzdem mehr als zufrieden, dass sich der Aufwand ausgezahlt hatte. Wenn es doch nur immer so leicht wäre.


    Die Diät gestaltete sich schwieriger als erhofft. Ich war einfach nicht besonders gut darin, auf Schokolade und Crisps zu verzichten. Ich kaufte zwar nichts dergleichen mehr ein, aber es war hart an den Regalen vorbeizulaufen und sie zu ignorieren, besonders, wenn bei der Kasse jeweils extra noch Süssigkeiten präsentiert wurden. Je länger mein Entzug dauerte, desto schlimmer wurde es. Ich nagte zuhause jeweils frustriert an einer Karotte, während ich vor dem Fernseher sass und mir Pferderennen ansah. Wenigstens näherte ich mich so dem Rennsport immer mehr an: ich begann, die Begriffe des Rennbahnjargons zu lernen und informierte mich mit zunehmendem Interesse über die aktuellen Top-Pferde. Es steckte weitaus mehr dahinter, als ich anfänglich gedacht hatte. Zum Beispiel gab es offenbar verschiedene Typen von Pferden - solche die von Anfang an durchstarteten und auf ihre Ausdauer vertrauten, und solche, die erst gegen Schluss plötzlich aus dem Nichts auftauchten, um alle anderen auf den letzten hundert Metern zu überholen. Letztere fand ich besonders eindrucksvoll. Ich ertappte mich immer öfter dabei, wie ich mit solchen Pferden mitfieberte und laut jubelte, wenn sie als erste durchs Ziel kamen. Vielleicht hat die Begeisterung ja doch schon immer tief in meinen Knochen verborgen gesteckt? Je mehr Zeit verging, desto gespannter wurde ich auf meinen ersten Trainingstag. Ich liess mich sogar dazu verleiten, ein second-hand Buch zum Thema zu kaufen, in dem die berühmtesten Rennpferde der Geschichte und deren Karriere beschrieben wurden. Es war irgendwie seltsam, wie leicht mir das "Büffeln" fiel, im Gegensatz zu meiner Lehrzeit als Mechaniker in der Berufsschule. Vielleicht riss mich die ganze emotionale Stimmung rund um die Siege und die Kraft der Pferde auch ein bisschen zu sehr mit. Am Tag vor meiner Abreise aus Birmingham hatte ich es geschafft, mein Gewicht auf 51 Kilo zu reduzieren. Dafür hatte ich auch etwas Muskelmasse einbüssen müssen. Meinen Job beim Supermarkt hatte ich pünktlich auf Schulbeginn gekündet - auch wieder etwas, was mir leicht gefallen war. Es tat weh, meine kleine Wohnung nun doch vorläufig aufzugeben - aber der tägliche Weg nach Newmarket und zurück wäre zu teuer und zu lang gewesen. Wehmütig hatte ich meine Sachen in ein paar Kartons gepackt - alles, was ich die nächsten paar Wochen nicht brauchen würde (zum Beispiel den billigen aber treuen Fernseher und die Mikrowelle) lagerte ich in der Zwischenzeit bei meiner Mutter im Keller. Sie hatte zum Glück nichts dagegen, auch wenn sie mich wegen meiner, in ihren Augen naiven, Abenteuerlust kritisierte. Eine Sache blieb noch zu tun: ich wollte mich von Ben verabschieden. Ich hatte schliesslich keine Ahnung, ob und wann genau ich wieder hierher zurückkehren würde. Ich bereitete an diesem Abend ein etwas aufwändigeres Essen vor, ging nebenan sturmklingeln und liess ihm keine Widerrede, als er höflich ablehnen wollte. Er gab schief lächelnd auf und folgte mir. "So, how's your job?", fragte ich kauend, als wir uns mit gebratenem Blumenkohl, Ofenkartoffeln und saftigem Steak (das allein schon ein kleines Vermögen gekostet hatte) bedient hatten. "Actually quite fine. Our paper has gained some attention over the past few weeks and we're starting to get a lot of views on the internet as well." "That's awesome! I'm glad to hear things get finally better for you." "You were always the one with more trouble going on, though. I'm also happy that you found something new to look forward to. But of course I will miss you..." Er sah traurig auf seinen Teller, als würde er sein Steak bemitleiden. "I'm sure we will hear of eachother. You have my number, so call or message me whenever you feel like it." "You too." Unsere Blicke kreuzten sich wieder und ich lächelte aufmunternd, woraufhin sich sein Ausdruck ebenfalls erhellte. "I'll watch every horse race from now on, to see if you're in it!", versprach Ben nach einer kleinen Schweigepause begeistert. "Haha it will take some time until I get there... And it will only be the flat races." "There's several types?" "Seems like you know even less than I did", meinte ich lachend und begann, ihm die wichtigsten Fakten von dem, was ich über die letzten paar Wochen gelernt hatte, beizubringen. Wir lachten und diskutierten bis spät in die Nacht, ganz so wie früher. Ich war schon lange nicht mehr so glücklich eingeschlafen.

    Am nächsten Morgen schlang ich mein Frühstück - ein Brötchen und ein Yoghurt - runter, packte meinen Rucksack mit den Sachen, die ich mitnahm, fertig und schloss dann die Wohnung hinter mir ab. Ich legte den Schlüssel in den Briefkasten des Vermieters, wie wir es ausgemacht hatten. Es war erst fünf Uhr, deshalb hatte ich ihn nicht unnötig wecken wollen. Danach beeilte ich mich, um den Zug zu erwischen. Ich rannte beinahe noch auf das falsche Gleis, als ich merkte, dass mir nur noch ein paar Minuten Zeit blieben. Irgendwie schaffte ich es trotzdem noch hineinzuhechten, ehe die Türen schlossen. Glücklicherweise hatte ich nicht viel Gepäck dabei, sonst wäre ich wohl ganz am Anfang meiner Reise stecken geblieben – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Fahrt hindurch konnte ich mich von dem Stress erholen und sogar ein bisschen nachschlafen. So traf ich frisch und mehr als bereit in Newmarket ein. Ich wusste ja diesmal schon, wo ich hinmusste, also stand ich kurze Zeit später beim Empfang. Ich wurde zu dem Zimmer gebracht, das ich in den nächsten 14 Wochen mit 7 anderen Schülerinnen teilen würde. Ich durfte mich zwischen einem Platz mitten drin und einem direkt beim Fenster entscheiden - selbstverständlich nahm ich den Fensterplatz. Ich räumte meine Sachen in den Schrank, dann mussten wir alle uns im Theoriezimmer sammeln. Wir wurden herumgeführt, bekamen die ersten Unterlagen, sowie unsere rot-blaue Racing-School Reitausrüstung, und wurden im Detail informiert, was uns die nächsten Wochen erwartete. Dann gab es bereits die ersten Theorie Lektionen. Wir lernten die Grundsätze des Pferdepflegens, gingen die Sicherheitsvorschriften durch und wurden mit dem Jargon vertraut gemacht. An diesem ersten Tag hatten wir (ausser beim Rundgang) noch nicht direkt etwas mit den Pferden zu tun. Dafür ging es am nächsten Morgen direkt um halb sechs Uhr in den Stall - Boxenausmisten und Füttern war angesagt, und das für über 80 Pferde. Erst danach gab es Frühstück. Umso dankbarer biss ich nach der frühen Anstrengung in mein Toast. Nach dem Frühstück folgte ich den anderen zurück in den Stall. Dort bekamen wir unsere erste Praxislektion im Pferde-Handling. Ich hielt mich jeweils etwas zurück und beobachtete zuerst scharfäugig, wie die anderen vorgingen, ehe ich selbst vortrat. Der Lehrer, Mr Cole, liess uns nämlich zunächst selbst ausprobieren, ehe er seine Inputs gab und vorzeigte, wie es sein sollte - und ich hatte ja notwendigerweise vorgegeben, bereits Erfahrung im Umgang mit Pferden zu haben. Ich durfte mich also nicht sofort verraten. Wir übten mit drei langbeinigen Pferden, die nebeneinander angebunden waren. Vorsichtig näherte ich mich dem vordersten, mittelbraunen Tier, als ich dazu aufgerufen wurde. Ich nahm das Halfter von meiner Vorgängerin entgegen und versuchte, es möglichst selbstsicher wirkend über die Ohren zu streifen. Als würde das Pferd sich über meinen Versuch lustig machen, reckte es den Kopf in die Höhe, sodass mein kurzgewachsenes Ich keine Chance hatte. Mr Cole nutzte die Situation gleich, um den Sinn dieser für erfahrenere Pferdeleute trivialen Übung zu erläutern. Er erklärte, dass es in einem Rennstall oft schnell gehen musste, und daher effizientes Arbeiten gefragt war. Er nahm mir das Nylon-Geflecht ab und demonstrierte uns die einfachste Art, dem Pferd das Halfter überzuziehen - ohne dass es ausweichen und davonlaufen konnte. Mit sicherem Griff fasste er den Nasenrücken des Braunen und fixierte so seinen Kopf. Dann zog er das Halfter über und schloss es innert Sekunden. Ich durfte es nochmal probieren und war diesmal erstaunt darüber, wie leicht es auch bei mir klappte mit dem Festhalten. Die nächste Lektion war das korrekte Führen. Diesmal zeigte er es direkt vor. Er zeigte uns auch, wie man mit dem Strick oder einer Führkette eine zusätzliche Bremse um die Nase fädelte, sodass man bei einem wilden Tier mehr Kontrolle hatte. Ich fand, dass die Version mit der Kette im Maul etwas schmerzhaft aussah, aber da es offenbar eine gängige Praxis war, stellte ich es nicht weiter in Frage und machte alles möglichst so, wie man es mir auftrug. Tatsächlich folgte mir das grosse Tier brav wie ein Lamm, obwohl ich schon allein vor seinen Hufen Respekt hatte. Wir befassten uns an diesem Morgen auch noch mit dem Putzen der Pferde, was mir fast schon wie eine kleine Wissenschaft vorkam. Mr Cole erklärte uns die Unterschiede zwischen dem normalen Alltags-Putzritual und dem perfekten Makeover an einem Renntag. Das Sortiment an Sprays und Bürsten, das er uns zeigte, war beeindruckend - ich hatte mir das viel einfacher vorgestellt. Besonders, als er uns erklärte, dass man diesen und jenen Spray nicht über die Sattellage verwenden dürfe, weil sonst der Sattel rutsche. Wenn schon allein so etwas reicht, damit es schief geht... Wie soll ich das überleben?, dachte ich mir mit mulmigem Gefühl. Für das Satteln, Zäumen und Bandagieren reichte es an diesem Morgen nicht mehr, aber das folgte in den nächsten Tagen. Am Nachmittag hatten wir jeweils Theorielektionen; nebst den Berufsspezifischen handelte es sich dabei aber auch noch um Allgemeinbildende Fächer. Diese waren für mich weniger interessant, da ich die ganzen Themen ja schon in der Lehrzeit als Mechanikerin durchgekaut hatte. Der Lehrer sah auch schon in den ersten zwei Lektionen ein, dass ich mich mit meinen zusätzlichen Jahren an Lebenserfahrung im Vergleich zu den übrigen Schülern in seinem Unterricht langweilte. Ich wurde folglich von diesen Lektionen befreit und bekam Sonderaufgaben im Stall, wie zum Beispiel Futter Vorbereiten, oder Ausrüstung Reinigen. Schon am dritten Tag begann unsere erste Reit-Lektion. Ich war ein kleines Bisschen nervös, denn wenn ich Pech hatte, würde spätestens jetzt auffliegen, dass ich keine Ahnung vom Reiten hatte. Mein heutiges Pferd hiess "Dusk Flight", ein ansehnlich hochgewachsenes, braunes Tier. Beim Putzen wurde ich das Gefühl nicht los, dass er es kaum erwarten konnte loszulaufen. Er? Ich sah zur Sicherheit noch rasch zwischen die Hinterbeine - tatsächlich. Als ich mich zum Hufeauskratzen bückte, warf ich einen raschen Kontrollblick den Gang entlang, um festzustellen, dass ich keinen Rückstand zu den anderen hatte. Beruhigt arbeitete ich mit dem Hufauskratzer, wie es mir gezeigt worden war. Wir sattelten die Vierbeiner anschliessend und brachten sie auf den Reitplatz. Ich prüfte gefühlte 100-mal, ob ich den Sattel richtig aufgesetzt und festgegurtet hatte. Leicht angespannt sah ich den anderen beim Aufsteigen zu. Mr Cole bemerkte amüsiert "Come on folks, they don't all bite!" Ich schluckte und zog mich konzentriert am Sattel hoch, der dabei etwas verrutschte. Ich rückte ihn zurecht und wollte mich gerade hinsetzen, aber da lief mein Pferd schon ungeduldig los. Völlig überfordert schwankend fasste ich die Zügel und brachte es zum Halt. Mr Cole hatte es zum Glück nicht bemerkt, dafür kicherte ein Mädchen ganz in meiner Nähe. "Okay, let them warm up on a long rein. Left hand first." Wir gliederten uns in eine Einer Reihe, mit genügend Abstand, und ritten im Schritt dem Reitplatzzaun entlang. Ich musste mich zunächst an den Gang des Tiers unter mir gewöhnen. Es war überhaupt nicht so, wie ich es von den verblassenden Erinnerungen meines Ponyritts erwartet hatte. Ich gab mir die grösste Mühe, trotzdem gelassen und locker zu wirken. Als es hiess, dass wir die Zügel aufnehmen und antraben sollten, atmete ich tief ein. Okay, Absätze runter, Rücken gerade, Blick nach vorne, Arme parallel zum Zügel und Hände zusammen... Bevor ich zuende denken konnte, war mein Reittier bereits dem Beispiel der anderen gefolgt und unerwarteter Weise losgetrabt. Meine Körperspannung sackte für einen Moment zusammen und ich krallte meine Finger in der handbreit geschnittenen Mähne fest. Bevor Mr Cole zu mir hinüberschauen konnte, fasste ich mich aber wieder und versuchte krampfhaft, mich so hinzusetzen wie die anderen. Ich kopierte das Mädchen vor mir und stand in den Bügeln auf und ab, wodurch das holprige Gefühl etwas nachliess. So weit so gut. Immer wieder musste ich mich zwingen, die Hände ruhig und unten zu lassen, und es war auch gar nicht so leicht, sich auszubalancieren, ohne sich irgendwo festzuhalten. Mein Reittier schien nicht sonderlich begeistert über meine kläglichen Reitkünste zu sein. Es hatte die Ohren meist halb nach hinten geklappt und schlug zwischendurch missmutig mit dem Schweif. "I try, I try...", murmelte ich entschuldigend, als ich beim nächsten Übergang in den Schritt wieder zu sehr am Zügel hing und "Dusk Flight" maulend mit dem Kopf wippte. "Okay folks, now ride around me in a big circle and organize yourselves, so you have enough space for canter." Canter??! Ich fühlte mich noch überhaupt nicht bereit dafür. Aber ich konnte ja unmöglich protestieren. Ich fasste die Zügel kürzer und hielt mich insgeheim auch wieder an einem Stückchen Mähne fest. Wie ich den Vierbeiner unter mir einschätzte, würde ich wohl kaum irgendwie nachhelfen müssen, damit er angaloppierte, also wartete ich einfach ab, bis die anderen loslegten und er sich davon anstecken liess. Die ersten paar Sprünge waren schrecklich, weil ich keine Ahnung hatte, wie sich Galopp anfühlte. Danach fand ich plötzlich den Rhythmus und liess mich einfach mittragen. Dusk Flight wollte zwar am liebsten mit gestreckten Sprüngen davonbrausen, aber das Pferd vor uns bremste ihn ab. Mr Coles Stimme weckte mich aus meiner Trance. "Keep some distance, folks!" Ich fasste mehr Zügel und richtete mich auf. Es war ein tolles Gefühl, als ich merkte, dass Dusk Flight mir gehorchte und langsamer wurde. Offenbar kannte er die Kommandos, und ich hatte etwas richtig gemacht. Nun deutlich entspannter, versuchte ich, wiederum schön gerade zu sitzen und das Gleichgewicht zu halten. Im Galopp fiel es mir irgendwie leichter als zuvor im Trab - der Takt war langsamer und leichter zu folgen. Andererseits war die Bewegung auch schwungvoller und so war es deutlich schwieriger, meine Beine ruhig zu halten und wirklich in den Sattel zu sitzen. Ich hatte das Gefühl, immer wieder ein wenig zu 'hopsen'. Irgendwann wechselten wir die Seite und galoppierten erneut an, was diesmal schon viel eleganter klappte. So langsam schien ich den Dreh rauszuhaben - dachte ich. Denn als Dusk Flight plötzlich einen Sprint an seinem Vordermann vorbei nahm, erwischte er mich völlig unvorbereitet und ich kippte aus dem Gleichgewicht. Ich versuchte mich im Adrenalinschub noch an einem Büschel Mähne festzuklammern, aber wenige Millisekunden später machte ich einen stilistisch nicht ganz einwandfreien Purzelbaum auf den Boden. "Everyhing alright?", drang Mr Coles Stimme zu mir durch. "Yeah... Yeah", versichterte ich leicht benommen. "Good. Then back up with you." Er zog mich mit der Hand auf die Beine und wir holten den hinterlistigen Vierbeiner, der sich unter dem Zaun hindurch am Gras nebenan vergriff. Ich sah ihn böse an, aber natürlich verstand das Pferd nicht, dass es etwas Schlechtes getan hatte. In seinen Augen war es wohl lediglich ein unangenehmes Anhängsel losgeworden. Ich zog mich wieder am Sattel hoch und organisierte die Zügel, dann steuerte ich zurück auf die Volte. Der ein oder andere Schüler hatte ein Grinsen im Gesicht, aber das war mir egal. Ich war jetzt wieder vollkommen fokussiert auf mein Reittier. Mr Cole war gnadenlos - wir galoppierten gleich wieder an. Und auch Dusk Flight war gnadenlos - er sprintete kurz darauf wieder munter davon, als wollte er testen, ob es erneut funktionierte. Das Resultat war dasselbe. Verdutzt und durcheinander richtete ich mich im Sand auf. "Try again, and this time, don't fall. Grab the reins tighter and hold the mane if you have to. As soon as he tries something, pull the inner rein and break him into a small circle. That way he can't run away." 'Don't fall'. Haha. Wenn es so einfach wäre. Ich ignorierte die sich ankündigenden blauen Flecken und stieg erneut auf. "Be prepared this time. He will definitely try it again. Thoroughbreds are highly intelligent - he has already learnt how to get rid of you by now." Wie ermutigend. Ich tat wie mir gesagt worden war und fasste die Zügel nach, diesmal vorbereitet. Auf Dusk Flight war verlass: er versuchte es diesmal unmittelbar nach dem Angaloppieren. Als hätte er den Dreh raus, schoss er los und überholte das Pferd vor ihm. Ich reagierte und zog den inneren Zügel - woraufhin er so abrupt abwendete, dass ich abermals seitlich abgeladen wurde. "What was that?", rief Mr Cole, nun leicht uneduldig. "You are supposed to be prepared, especially if you make a manoeuvre like that. Try again." Ich seufzte. Mittlerweile tat mein Hinterteil ganz schön weh und auch mein vorbelastetes Handgelenk begann warnend zu stechen. Trotzdem rappelte ich mich auf und hievte mich erneut in den Sattel, diesmal immerhin mit Coles Hilfe. Die anderen Schüler schienen zum einen amüsiert, zum anderen ungeduldig. Ich ignorierte sie. Dusk Flight hatte wirklich kein Erbarmen mit mir. Er versuchte auch diesmal sogleich, mich abzuwerfen. Aber er unterschätzte meinen Durchhaltewillen. Es war beinahe eine Metapher für mein Leben - immer wieder auf die Schnauze fallen, aber trotzdem weiterkämpfen. Mit dem Entschluss, diesmal nicht mehr im Dreck zu landen, klammerte ich mich mit einer Hand in die Mähne, mit der anderen war ich bereit, den 'Notstopp' zu ziehen. Als das kräftige Pferd erneut losschoss, riss ich ihn herum, sodass wir einen Augenblick immer enger zirkelten, bis er schnaufend zum Halt kam. "There, there. That surprised ya, huh?", murmelte ich triumphierend. Mr Cole gab mir die nächsten Anweisungen. "Okay, not bad. Now ride him in a small circle and canter again. Slowly widen the circle when he's nice, and make it small again when he starts to be naughty." Die anderen machten uns Platz. Ich galoppierte an, versuchte tief in den Sattel zu sitzen, wie in der Theorie beschrieben, und hielt mich bereit, um Dusk Flight im Notfall abzufangen. Der grosse Braune machte zwar noch ein zwei Versuche, das Tempo zu erhöhen, aber das war harmlos im Vergleich zu vorher. Ich konnte sogar wieder mit den anderen zusammen auf die grosse Volte, wenn auch immer mit einer gewissen Vorsicht im Hinterkopf. Am Abend salbte ich meine blauen Flecken ein und wollte beim Essen eigentlich schon alleine an einen Tisch sitzen, um meine Ruhe zu haben - aber ein Mädchen kam zu mir rüber. "Hey." "Hi." "Ray, right? I was very impressed that you kept going back in the saddle again and again, like it was nothing. I know many who would have given up after the first two times." Bescheiden winkte ich ab "Ahh it was not so tragic. I didn't even really get hurt, so I had no reason to stop." "Still. I'm Maddie, by the way. Wanna eat together?" "Why not." Irgendwo tief in mir drin war ich unheimlich stolz auf meinen Sturkopf.

    Die nächsten paar Tage musste ich feststellen, dass ich nicht der einzige Sturkopf in Newmarket war. Dusk Flight war schon am nächsten Tag wieder voller neuer Energie und ich landete prompt wieder im Sand. Mr Cole hatte nachwievor kein Mitleid, und so nahm ich eine ganze Woche lang Flugstunden. Eines musste ich aber zugeben: ich lernte in dieser kurzen Zeit dank meines Durchhaltewillens und meiner Unempfindlichkeit gegenüber blauen Flecken in Rekordtempo zu reiten - und zwar richtig zu reiten. 'Dusky', wie ich ihn mittlerweile leicht sarkastisch-liebevoll nannte, liess mir keine andere Wahl, als mich täglich zu verbessern, denn er fand ständig neue Tricks um mich herauszufordern - jeden Morgen mit neuer Energie. Es entwickelte sich eine Art Wettbewerb zwischen uns. Irgendwann, nach circa drei Wochen, war der Spuk plötzlich vorbei. Offenbar gingen meinem intelligenten Reittier die Ideen aus, oder ich war mittlerweile einfach so gut geworden, dass er mich nicht mehr loswurde. Wir trainierten nun auch auf der Rennbahn. Mein 'erstes Mal' war ein Abenteuer für sich. Ich hatte vermutlich noch nie eine vergleichbare Panikattacke gehabt, wie in dem Moment, als Dusky den Kopf geschüttelt, mir die Zügel geklaut und in seinen gestrecktesten Renngalopp gewechselt hatte. Ich hatte mich nur noch festgeklammert, sogar trotz atheistischer Einstellung betend, dass ich lebendig wieder auf den Boden kam - die Stimmen aus dem Mikrofon in meinem Ohr ignorierend. Irgendwann war Dusky schliesslich müde geworden und hatte an Tempo verloren. Und ich war mit wackeligen Knien abgesprungen, endlich realisierend, was 'der Gartenzwerg' damals im Pub gemeint hatte. Maddie gegenüber konnte ich abends zu Recht behaupten "it was one hell of a ride". Die folgenden zwei Versuche waren ähnlich abgelaufen, aber irgendwann war ich abgehärtet genug gewesen, um den Kommandos aus dem Mikrofon zu folgen. Seither klappte es immer besser und Dusky musste, wenn auch widerwillig, meinen Anweisungen Folge leisten.

    Der Tag kam, an dem wir zum ersten Mal ein richtiges Rennen besuchten - allerdings nur als Zuschauer. Mr Cole hatte uns gute Plätze besorgt, in der zweitvordersten Reihe. Wir sahen uns an diesem Morgen gleich zwei Rennen nacheinander an, und diskutierten jeweils die Strategien der gewinnenden Jockeys. Es war spannend, die Läufe zu analysieren, aber ebenso genoss ich es, im Voraus mit den anderen Wetten abzuschliessen und potentielle Gewinnerpferde zu bestimmen. Und ich schien gar nicht schlecht darin zu sein, die athletischen Tiere einzuschätzen. Beim ersten Rennen wurde mein Favorit zwar enttäuschender Vierter, aber beim zweiten traf ich voll ins Schwarze - der grosse Fuchs, auf den ich zum Spass einen kleinen Betrag gesetzt hatte, ging als erster durchs Ziel und ich verfluchte mich, dass ich keinen höheren Einsatz gewählt hatte. Mr Cole fand das Theater amüsant, warnte uns aber gleichzeitig davor, zu viel zu verwetten. "I have seen more intelligent people than you falling on their noses and loosing lots of money. Well. Who wants to grab some lunch?" Es herrschte allgemeine Begeisterung und die 'Klasse' erhob sich laut schnatternd von ihren Plätzen. Während wir uns Richtung Tribünenausgang bewegten, meinte ich für einen kurzen Moment zwischen den vielen Zuschauern ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Aber bevor ich überhaupt überlegen konnte, woher ich die Person kannte, schob Maddie mich ungeduldig weiter zur Treppe und ich verlor den Blick. "Alright alright, we're not in a race", grummelte ich und stolperte hinunter. "I'm hungry! Of course it's a race! Gotta be first in the row!" Sie brauste mit den anderen davon, um sich einen Hotdog zu holen. Ich seufzte - der Altersunterschied zwischen uns war manchmal gravierend wie der Grand Canyon. Mr Cole schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln, dann schlenderten wir ebenfalls zum Hotdog-Stand.

    Unser Tagesablauf blieb auch in den weiteren Wochen der Ausbildung gleich wie zu Beginn; nach dem Frühstück stand jeweils zuerst eine Dressurstunde an, und anschliessend verschoben wir uns auf die Rennbahn. Manchmal galoppierten wir auf der breiten Grasbahn, viel öfter jedoch auf dem schmaleren Sandweg. Es gab noch eine andere Klasse, die für Hindernisrennen trainierte. Ich sah sie jeweils nach uns auf den Platz reiten. Sie übten viel mehr Springreiten als wir. Ich hatte auch schon einiges von Steeplechase gehört, vor allem die Kritik dazu. Daher war ich völlig zufrieden mit meiner Ausbildung zum Flatrace-Jockey. Heute übten wir wieder den Start aus der Maschine, denn schon die ersten paar Sekunden eines Rennens konnten entscheidend sein über dessen Ausgang. Mr Cole gab eiserne Befehle, denn er wollte uns am Ende alle soweit bringen, dass wir perfekt von den Boxen wegkamen. Dusk Flight war nicht gerade der geduldigste Zeitgenosse, also war er jedes Mal mehr als bereit, wenn die Tore aufsprangen. Nur ich musste schauen, dass ich richtig mitkam. Zügel aufnehmen, Brille richten, Position einnehmen, Mähne fassen, Blick nach vorne, einatmen - ja, ich musste mich regelmässig daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen, so gross war die Anspannung. Wir galoppierten nach dem Start gleich weiter und zogen unser Training durch. Auch hier gab es verschiedene Methoden. Zum einen konnte man Pferde Kopf-an-Kopf trainieren, was sie unheimlich anstachelte. Das war aber auch sehr anstrengend und deshalb nicht jeden Tag zu empfehlen. Stattdessen lernten wir, Intervalltraining sinnvoll aufzugleisen und auch manchmal nur leichte Galopps zur Erholung der Muskeln zu reiten. Zwischendurch gingen wir auch ins Gelände, denn das war effektiv, um junge Pferde an verschiedene, neue Eindrücke zu gewöhnen, wie Mr Cole erklärte. Wir lernten, wie man ängstliche, nervöse oder aufgeregte Pferde unter Kontrolle halten konnte und erfuhren die verschiedensten Methoden, um sie zu beruhigen; von sanftem Ohren-Massieren beim Warten in der Startmaschine bis hin zu Nasenbremsen beim Hufe Beschlagen, die in meinen Augen etwas unangenehm aussahen. Nach dem Dusk Flight sich zu einem langsameren Galopp und schliesslich zum Trabübergang überreden liess, gliederte ich mich hinter den anderen Schülern in die Reihe und wir verliessen die Bahn im Entenmarsch. Ich zog meine Brille auf den Helm hoch und rieb mir die Augen, dann nahm ich die Beine aus den Bügeln, um meine müden Knie zu strecken. Zurück beim Stall liess ich mich von Duskys Rücken gleiten und führte den Wallach zum Waschplatz. Die mittlerweile frühlingshafteren Temperaturen liessen die hart arbeitenden Pferde stark schwitzen. Wir hatten auch bereits gelernt, wie man die Pferde am besten abduschte, denn im Rennsport war es üblich, dass die Athleten nach der Anstrengung ein Bad nahmen. Nicht alle Pferde mochten das Wasser gleich gerne, aber die meisten schienen nichts gegen die Abkühlung einzuwenden. Gegen Abend mussten wir noch in den Fitnessraum, um auf den Simulatoren zu trainieren. Das war zwar nicht halb so aufregend wie auf einem richtigen Pferd, aber gleich anstrengend. Wie immer liess ich mich auch nach diesem Tag müde, aber zufrieden ins Bett fallen.


    Im Rennstall von Newmarket gab es viele Angestellte. Jockeys, Trainer, aber auch Büropersonal und natürlich die heimlichen Heinzelmännchen - die Pfleger. Sie waren die ersten, die morgens in den Stall kamen, und vermutlich auch die letzten, die abends das Licht löschten. Bei der Abarbeitung unserer täglichen Aufgaben im und rund um den Stall bekamen wir Schüler natürlich auch den Klatsch und Tratsch mit, der ebenso fleissig wie die Pferde gepflegt wurde. So zum Beispiel die Geschichte von Harry, einem schon etwas in die Jahre gekommenen Pfleger. Harry arbeitete seit mehr als fünfzehn Jahren in Newmarket und jeder kannte ihn. Allerdings war er nicht gerade beliebt, sondern eher berüchtigt. Man erzählte sich vieles über Harry. Dass er Selbstgespräche führe, dass er mit beinahe 60 immer noch bei seiner Mutter lebe, dass er noch nie eine Beziehung gehabt habe... Es ging sogar soweit, dass manche Leute ihm Pädophilie oder andere unschöne Dinge nachsagten. Natürlich war dies alles reine Spekulation ohne jegliche Fakten, und vermutlich das meiste davon irgendwann mal als harmloser Witz verbreitet worden. Diejenigen, die sich über ihn ausliessen, hatten jedenfalls ihren Spass - wann immer er ihren Weg kreuzte. Zugegeben; seine Erscheinung und sein Auftreten waren nicht gerade förderlich für einen besseren Ruf. Angesichts seiner fettigen Haare, seiner gelben Zähne und der leichten Alkoholfahne, die ihn stets begleitete, konnten sich die meisten ein Tuscheln schon nicht mehr verkneifen. Wenn er dann noch einen seiner Anfälle hatte, in denen er plötzlich laut zu singen begann, oder mitten im Hochsommer plötzlich Oster-Schokoladenhasen in den Spinden der neuen Schüler versteckte, bot er damit eine perfekte Zielscheibe. Trotzdem kam es mir irgendwie im tiefsten Inneren nicht richtig vor, so über ihn zu urteilen. Vielleicht, weil ich erwachsen war. Vielleicht, weil ich von Mum so erzogen worden war. Vielleicht, weil ich am eigenen Leib erfahren hatte wie es ist, wenn sich andere hinter dem Rücken oder auch ganz offensichtlich über einen ausliessen. Vielleicht, weil Mr Cole mir irgendwann erzählt hatte, dass Harrys Partnerin schon in jungem Alter gestorben war; dass er seither nie wieder eine Beziehung angefangen hatte; dass er früher Kartenzeichner gewesen war - ein Job, den es heute so nicht mehr gab. Wenn ich mir vorstellte, dass diese knubbeligen, verfärbten Finger früher filigrane Höhenlinien und Flüsse gezeichnet hatten. Dass das fettige, aschblonde Haar einmal fein säuberlich zurückgekämmt den Look an einer glücklichen Hochzeit komplettiert hatte. Wenn ich darüber nachdachte, empfand ich eine fundamentale Sympathie für diesen alten Mann.

    Eines Morgens schlurfte ich gut gelaunt aber hundemüde durch die Stallgasse. Maddie, ich und drei weitere Mädchen hatten am Vorabend viel zu lange den kitschigen „Secretariat“ Film geschaut, sodass ich vor lauter gähnen ganz feuchte Augen bekam. Kaum betrat ich die Stallgasse, schrie jemand vom anderen Ende her quer hindurch „HEY RAY! GOOD DAY!!“ Ich rollte die Augen und rief zurück „Don’t ever do that, Maddie.” Sie kam näher und fragte belustigt „What, why?“ „‘Cause even back in school everyone made jokes about my name. It’s gettin‘ kinda old.“ „Well, it’s a tradition then. All the more reason to continue.“ Sie grinste schelmisch und drückte mir ihren Besen in die Finger. “I’m off helping Sybille. Later.“ Ich schüttelte schnaubend den Kopf und setzte mit dem Besen dort an, wo sie stehengeblieben war. Daisy und Josie, zwei Schülerinnen des vorherigen Jahrgangs, kamen gerade aus dem Tackroom, als wir alle drei etwa gleichzeitig wegen eines lauten Geräusches bemerkten, dass Harry Mühe mit seiner Schubkarre hatte. Sie war so voll beladen, dass sie ihm wegkippte, und der ganze Inhalt sich auf dem frisch gewischten Stallboden ergoss. Josie rümpfte die Nase und machte sich nicht einmal die Mühe zu flüstern. "Eww. How can anyone be so clumsy." Daisy kommentierte ungedämpft: "You had one job." Beide brachen in amüsiertes Kichern aus. Auch Maddie, die es gerade noch mitbekommen hatte, liess ein Grunzen hören, ehe sie ganz um die Ecke verschwand. Doch ich seufzte nur entnervt. Einen spontanen Entschluss später stand ich mit einer Schaufel neben Harry und begann, den Mist wieder in die Schubkarre zu befördern. Harry schien freudig überrascht und bedankte sich eifrig. "It is my job right now, to clean the floor", stellte ich fest. Daisy und Josie verschwanden irgendwohin - ich beachtete die beiden nicht weiter. Sobald ich fertig war, wandte ich mich wieder dem übrigen Teil der Stallgasse zu und auch Harry ging seines Weges. Später am selben Tag begegnete ich ihm aber nochmals alleine neben der Futterkammer. Ich wollte gerade unauffällig vorbeigehen, als er mich wie befürchtet anhielt und ansprach. "Thank you again for your help earlier. It is rare to meet a fair and honourable person like you these days. That really meant a lot to me." "Oh no, really. You're giving me way too much credit. I was merely doing my job." Er ignorierte meine Beschwichtigung. "It is easy to stand there and laugh, but to jump over your shadow and help someone you may not especially like takes courage and tells a lot about your personality." Ich wurde durch das Lob beinahe verlegen. Mit einer tiefen, inneren Zufriedenheit wünschte ich ihm einen schönen Feierabend und verschwand hinter der nächstbesten Ecke. Typen wie Harry waren eben doch auch Menschen, die ihre ganz eigene Geschichte hatten und, wie wir viel zu oft vergassen, genauso fühlten wie wir selbst. Wir alle könnten ebenso gut selbst irgendwann so enden. Aber solange es einem an nichts fehlt, distanziert man sich davon, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Aber würden wir nicht alle wollen, dass man uns beim Mist-Schaufeln hilft?

    Es gab Tage, an denen ich mir ernsthafte Sorgen um Maddie machte. Sie hatte irgendwie ein Talent dafür, sich die unterschiedlichsten Verletzungen zu holen. Sie holte sich dauernd blaue Flecken, weil sie sich überall anstiess. Sie war letztens innert kürzester Zeit zweimal über einen Absatz gestolpert und hatte sich einen Knöchel verstaucht. Ja sie brauchte nicht mal einen Absatz um hinzufallen - sie schaffte es auch, sich in ihren eigenen Füssen zu verheddern. Sie schnitt sich im Unterricht an Papieren, und Mr Cole hatte die Anweisung erteilt, dass sie als einzige die Futtersäcke ohne Messer öffnen musste, weil sie sich gleich zu Anfang der Ausbildung beinahe eine Fingerbeere abgetrennt hatte. Einmal rannte sie vor den Augen der halben Klasse in einen der Pfosten beim Waschplatz, weil Mr Cole sie gebeten hatte "quickly!" den Eimer mit den Schwämmen zu holen. Zugegeben, wir alle (Mr Cole inklusive) amüsierten uns über ihre Ungeschicklichkeit und sie hatte nach kurzer Zeit einen Ruf dafür. Solange nichts ernsthaftes passierte, war's lustig. Sie selbst nahm es gelassen und lachte mit. Sie war sowieso eine sehr fröhliche, manchmal ein wenig zu vorwitzige Persönlichkeit. Ich hatte sie schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen, auch wenn wir nicht immer bei allem gleicher Meinung waren. All die lustigen Momente, die wir zusammen und auch mit der restlichen Klasse hatten, liessen mich mein altes Leben zunehmend verdrängen. Ich vergass sogar völlig, Ben zwischendurch zu schreiben. Andererseits hatte er sich bei mir seither auch nicht mehr gemeldet, also brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich fand ich es etwas schade, aber irgendwie half es mir auch, mein neues Leben so richtig zu geniessen. Im Sommer war es manchmal trotzdem wirklich eine Folter, die vielen Ställe zu misten. Früh morgens ging's ja noch, aber kurz vor dem Mittag oder abends, wenn die Hitze sich genug gesammelt hatte, war Mistgabel-Schwingen wirklich das letzte, was man tun wollte. Mr Cole wusste das natürlich auch. Deshalb hatte er zwischendurch eine kleine Überraschung für uns auf Lager. "Miss Hayes, Miss Shepherd, you too. Come here for a sec." Die meisten anderen hatte er schon um sich geschart. Als auch die letzten eintrudelten, wies er uns an, was auch immer wir gerade taten noch zu beenden und gleich anschliessend unsere Badesachen zu holen. Wir tauschten überraschte Blicke aus. "...Mr Cole- I don't have my swimsuit here...", meldete sich eine Blondine vorsichtig. "Really? It was written on the packing list. Alright then, you get to do your training by running around the Pool. Just kiddin'. We have a few spare ones for people like you", meinte er mit einem Zwinkern. "Training", sprach ich nachdenklich aus, während Maddie und ich die letzten zwei Boxen in Rekordzeit ausmisteten. "Are we going to swim circles or what?" Maddie zuckte mit den Schultern. "I hope not. I'm not really a good swimmer." Wir standen als erste wieder beim Tor, Badezeug selbstverständlich ausgerüstet. Ein grosser Camion kam auf den Parkplatz gefahren, ihm folgten ein paar Anhänger. Mr Cole stieg aus und winkte uns zu sich, damit wir beim Öffnen der Klappen und Trennwände halfen. "What exactly are we going to do, Mr Cole?" "Patience folks. You'll see soon enough." Immernoch rätselnd folgten wir ihm zu der wartenden Restgruppe unserer Klasse. "Okay. Get the horses ready, pack the training tack, load. Go go go, we wanna be there by Lunchtime." "There where?", hauchte ich zu Maddie, als wir uns im Laufschritt zu den Ställen bewegten. Dusty schien weniger begeistert, als ich ihn von seinem Heuhaufen wegholte. Abgesehen von seinem typischen, missmutigen Schweifwischen benahm er sich aber. Ich putzte ihn in kurzer Zeit gründlich durch - inzwischen war ich richtig gut darin geworden. Dann brachte ich zuerst die Ausrüstung und schliesslich den Dunkelbraunen selbst zum Transporter. Die übrigen Pferde folgten im Abstand von wenigen Sekunden, Mr Cole sah zufrieden zu und gab Anweisungen beim Verladen. Ich wartete geduldig, bis wir die Rampe hoch durften; Dusky folgte mir wie ein Lamm. „Good boy“, murmelte ich, und tätschelte seinen kräftigen Hals. Dann schloss ich die Trennwand und hüpfte hinaus, um dem nächsten Platz zu machen. Ich stellte mich zu Mr Cole, der Simona gerade erklärte, warum die meisten Pferde lieber schräg verladen fuhren. „It is easier for them to balance, at least that’s what the manufacturers-“ „OI MADDIE!”, stiess ich entsetzt aus, sie im Hintergrund gerade von einem Fuchs neben ihr schwungvoll getreten wurde. Maddie flog sicher einen Meter zurück und landete platt auf dem Boden, richtete sich aber gleich wieder auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. „Nothin‘ happened, all intact“, rief sie abwinkend, als wir zu ihr hasteten. Wir wollten ihr alle nicht so recht glauben. „Are your bones made of rubber or what? That looked awful!“ „No big deal.“ Ich runzelte ebenso wie Mr Cole die Stirn. Eines Tages kommt sie noch um. Wir schlossen alles und verteilten uns auf die Fahrzeuge, dann ging's los. Unterwegs rätselten wir die ganze Zeit über unseren Zielort, wobei eine Mitschülerin namens Susan richtigerweise bemerkte, dass es eigentlich nur ein See oder das Meer sein konnte - mit Pferden ging man nicht in ein Schwimmbad. "I knew it! There's the Beach!", rief Maddie plötzlich. Tatsächlich, das offene Meer war zwischen den letzten paar Bäumen, die uns davor trennten, zu sehen. "Awesome!", rief ich aus, als wir ausstiegen. Ich war zuvor erst ein einziges Mal mit Mum am Meer gewesen. Mr Cole erinnerte uns daran, dass die Pferde sich nicht von selbst ausluden, also öffneten wir rasch die Klappen. Dusky schien genauso überrascht zu sein wie ich. Er checkte sofort mit hocherhobenem Kopf die Umgebung ab, als ich ihn die Rampe runter führte. Auch die anderen Pferde schnauften und schnaubten, aber alle wirkten eher interessiert als ängstlich. Vielleicht waren sie nicht zum ersten Mal hier. "Okay folks. Tack up, we meet down there." "What about the swimsuits, Mr Cole?" "Not yet. You have to do your afternoon Training first." Als die Begeisterung gedämpft schien, stellte er fest: "Wait 'till you see how they race along the beach. It's a whole new feeling. But no top speed today; remember this is no maintained, perfect track. Watch out for holes and stuff. I want no broken legs." Letzteres betonte er mit einem strengen Blick zu Maddie, und wir kicherten alle. Kurz darauf ritten wir als Gruppe in den Sand. Wir trabten auf einer grossen Volte, um uns einzuwärmen. Mr Cole bestimmte die Zieldistanz und wies uns an, einen freien Start zu machen. Alle gliederten sich nebeneinander in die Reihe. Sobald die Linie gebildet war, trabten wir in dieser Formation ein paar Meter, dann gab der Lehrer das Startzeichen. Er hatte recht behalten: das Rennen am Strand fühlte sich völlig anders an als auf der altbekannten Rennbahn zuhause. Dusky zog von Anfang an voll aus, sodass ich ihn mit unsanften Paraden zurückhalten musste. Er schnaufte und schüttelte unwillig den Kopf - wäre es nach ihm gegangen, wären wir etwa doppelt so rasch am Ende der Strecke gewesen. Wir bremsten die ganze Gruppe und trabten zurück zu Mr Cole. Danach durften wir das Badezeug anziehen und mit den Pferden ins Wasser gehen. Mr Cole riet uns, die Sättel abzunehmen, damit sie nicht nass wurden. Ich führte Dusky danach erstmal zum Wasser, weil ich ohne Hilfe nicht aufsteigen konnte. Der grosse Wallach spielte wiedermal Hühnchen und traute sich zuerst nicht so recht. Als aber die ersten seiner Kumpels drin standen, beschloss auch er, sich den sanften Wellen zu stellen. Das Wasser war kalt, aber das machte mir mit dem Adrenalin von zuvor im Blut nichts aus. Wir wateten weit genug hinein, wobei ich gut auf meine Barfüsse aufpassen musste; dann kletterte ich auf seinen blanken Rücken und krallte mich in der nassen Mähne fest. Sobald ihm das Wasser bis zum Bauch kam, fühlte es sich plötzlich an, als würde er auf die Knie gehen. Dann begann er kräftig zu paddeln - er schwamm. Ich lachte begeistert und achtete darauf, ihn nicht zu stören. Es fühlte sich fantastisch an, so kraftvoll. Elegant eher nicht, denn die Art wie er dabei seine Oberlippe hochzog und die Zähne zeigte war urkomisch. Dusky schwamm nur einen Bogen und suchte dann sofort wieder festen Boden – das Schwimmen schien für das schwere Tier anstrengend zu sein. Ich klopfte ihm auf den Hals und steuerte ihn zu den anderen zurück. Maddies Reittier, eine Stute namens Vivalavida, stampfte übermütig und spritzte so alle in der Nähe mit Salzwasser voll. Dusky rümpfte die Maulfalten und legte schützend die Ohren an, damit kein Wasser eindringen konnte. Wir hatten unseren Spass, aber irgendwann waren die Pferde müde und zuhause erwarteten uns die abendlichen Stallarbeiten. Bevor wir einstiegen, gab es noch ein Fangspiel über den Sand; eine Schülerin namens Shannon hatte Maddie ihre Kaugummipackung geklaut. Maddie, ich und drei andere, denen Kaugummis versprochen worden waren, rannten ihr schreiend hinterher. Ich passte sie geschickt ab und tackelte sie. Wir fielen lachend in den Sand und rangelten kurz, dann hielt ich die Packung, deren halber Inhalt nun leider voll Sand war, dennoch triumphierend hoch. Mr Cole wartete augenrollend beim Transporter, bis alle zurück waren. "Get rid of the sand on your clothes, or you walk home", stellte er noch unbarmherzig klar. Wir klopften uns aus und stiegen ein - ich meinte, trotz allem ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
    Zion, Gwen und Veija gefällt das.
  3. Enthält ein kleines bisschen (harmlosen) Adult Content. Also Kids bitte mit Vorsicht geniessen...

    Teil 5
    _ _______________________________________________________________________ _

    Die Jobsuche war noch anstrengender als beim letzten Mal, denn meine Motivation war an einem Tiefpunkt angelangt. Dabei war das neue Jahr noch jung und ich hatte insgeheim mit einer Art magischem Neustart gerechnet. Vielleicht war meine Einstellung mit schuld daran, dass ich nichts mehr fand. Wenigstens musste ich mich diesmal nicht ganz so beeilen, weil ich noch einen Moment bei Harper Tech Solutions weiterarbeiten konnte. Das lief übrigens ganz gut; Mr Newman war ein aufgestellter, aufmerksamer Typ der sich Abläufe hervorragend merken konnte. Ich beneidete ihn regelrecht um sein Talent. Für ihn schien alles so einfach zu sein - das Leben war sein Spielplatz. Einmal, wenige Tage nach dem Gespräch mit Mr Harper, erklärte ich ihm gerade, wie er die Dokumente beendeter Aufträge ausfüllen und weitergeben musste.

    "...And then you just put your signature here, decryptable, so that they know who has to be hanged when something isn't right", scherzte ich dabei. Er nickte und setzte den Stift an. Ich starrte verwundert auf das Papier. "Wait, what is your last name?" "Cooper. Why?" "Oh, never mind..." Hat Harper seinen Namen etwa verwechselt? Oder hat er mich mit "Newman" auf die Schippe nehmen wollen? Er schien dafür irgendwie zu ernsthaft... Ich grübelte nicht weiter deswegen, aber am Mittag erwähnte ich es beiläufig gegenüber Tom. "And how is the new guy keeping up?", fragte mich dieser nämlich, als ich mein mit Teigwarensalat gefülltes Tupperware öffnete. "He's doin' fine. Did you know his last name was Cooper?" "Yeah, why?" "Dunno... Mr Harper called him Newman earlier, so I thought that was his name. Thank god I didn't call him by this alleged surname up until now..." Tom lachte lauthals los. "Ha! He calls every new person here Newman, no matter what their real name is. No one knows why, but I think he's just too lazy to remember the names. He also did that with me." “No way!” “Absolutely. Ask Chris and Steve.” "Really? He didn't call me that..." "That's because you're a woman. That makes you special", meinte er zwinkernd. Ich stocherte skeptisch in meinen Teigwaren. Mein Bauchgefühl sträubte sich dagegen, Harper als faul zu betrachten. Aber Tom kam gerade erst in Fahrt, was die Gerüchte anging. "He has quite a few little quirks, in fact. For example, he avoids eye contact at all costs." "Hmm, I didn't even notice that. Gotta pay more attention next time." "And I heard he gets really angry when someone takes his seat in a meeting. He always wants to sit on the same chair." "What the hell, haha. Sounds a bit childish." "I know right? But other than that he's pretty much the kind of perfect boss you'd imagine for a company like this." "Sure is, yeah. Although I thought he was a bit young, when I first saw him." "He was some kind of whiz-kid. I heard he had maximum grades in maths and physics, and pretty much every other technical subject. His uncle owned the company and he took over four years ago." "Wow. How old is he by the way?" "27, I think." "Ahh okay, I thought he was only one or two years older than me. But still..." Wir plauderten munter weiter, bis wir merkten, dass es schon längst wieder ein Uhr war.

    Ich verliess die Firma pünktlich um fünf Uhr, denn ich musste unbedingt noch ein Geburtstagsgeschenk für Ben besorgen. Ich bekam ihn seit einer Weile irgendwie nicht mehr so häufig zu Gesicht wie zuvor - vermutlich war er seit unserem Gespräch etwas gekränkt. Er beteuerte zwar, dass alles okay sei und wir einfach so weitermachen konnten wie bisher, aber er schien nun plötzlich auch abends an seinen Artikeln zu schreiben und gab häufig vor, mit Arbeitskollegen zusammen essen zu gehen. Vielleicht stimmte das ja auch, ich wollte ihm nichts unterstellen - nur liess er oft das Licht in seiner Wohnung brennen und manchmal sah ich über den kleinen Balkon das Leuchten eines TVs. Eigentlich störte es mich nicht, ich kam auch gut ohne ihn zurecht. Irgendwie war ich einfach insgesamt ein wenig einsamer geworden, und der Rest meines verkümmerten Gewissens plagte mich. Deshalb hatte ich auch beschlossen, ihm wenigstens an seinem Geburtstag eine besondere Freude zu bereiten. Normalerweise schenkte ich ihm nur ein Kärtchen mit einem lustigen Spruch darauf, oder etwas Schokolade. Diesmal machte ich mir immerhin die Mühe, Pralinen zu suchen. Dazu wollte ich ihm ein hübsches Hemd schenken, mit dem er bei der Arbeit oder bei künftigen Vorstellungsgesprächen einen guten Eindruck hinterlassen konnte. „How hard can it possibly be, to find a simple shirt?“, fluchte ich wenig später vor mich hin. Zu bunt. Zu gemustert. Zu langweilig! Es sollte etwas Besonderes, aber gleichzeitig etwas Formelles werden. Diese beiden förmlichen Gegensätze waren alles andere als leicht miteinander zu vereinbaren. Irgendwann gab ich auf und liess mich von der jungen Verkäuferin beraten, die mich schon die ganze Zeit verurteilend musterte; als passe ich nicht in ihr Geschäft. Sie zeigte mir schliesslich ein subtil kariertes, hellblaues Hemd, das, wie ich nur ungern zugab, genau meinen Vorstellungen entsprach. Ich ignorierte meinen Stolz und kaufte es, wobei ich es auch gleich hübsch verpacken liess. Zufrieden summend radelte ich nachhause und klingelte bei Ben, doch zu meiner Überraschung öffnete niemand. Ich startete einen regelrechten Klingel-Terror, für den Fall, dass Ben auf der Couch eingeschlafen war. Doch nach fünf Minuten Hartnäckigkeit sah ich ein, dass er nicht da war. Enttäuscht öffnete ich meine eigene Haustür und platzierte das Geschenk auf dem Küchentisch. Ich liess mich auf einen Stuhl sacken und zückte das Smartphone, um ihm zu schreiben.

    - Hey birthday kid. U moved overnight?

    Ich musste mich ganze zehn Sekunden auf eine Antwort gedulden. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit.

    - I’m at my parents’ place, havin’ a party. You finally miss me?
    - Sure I do. I even got u a present.
    - For real?? Lemme see!
    - Haha, no way
    - Why no???
    - It’s a surprise.
    - Old meanie.
    - When are u coming home?
    - I’m going to stay for a while… About two weeks…

    Ich lehnte mich zurück und runzelte die Stirn. Zwei Wochen bei den Eltern?

    - Ok. Gonna send it then.
    - Woohoo. Thanks!

    Ich legte das Smartphone weg und seufzte. Zwei Wochen. Vermisst du ihn etwa wirklich, Ray?

    Der letzte Tag in der Harper Tech Solutions war angebrochen. Der Arbeitsweg kam mir unwirklich lang vor. Tom und Angelo versuchten den ganzen Tag, mich mit Scherzen und Sprüchen bei Laune zu halten. Sogar der Produktionsleiter meinte bei einem kurzen Abschlussgespräch, in einem Anflug von Menschlichkeit: "I'm sure you will have a bit more luck in your next job." Ich konnte dazu wie üblich nicht viel sagen, ausser "I hope so." Tom und Angelo verabschiedeten sich am Ende des Tages mit einer herzlichen Umarmung. Sie wünschten mir alles Gute und versprachen auf charmante Weise, mir ab und zu Schokolade zukommen zu lassen, falls ich irgendwo unter einer Brücke enden würde. Mr Harper blieb bis in letzter Sekunde verschollen. Ich rechnete schon gar nicht mehr damit, dass er sich verabschieden würde und war gerade auf dem Weg zum Fahrradkeller, als ich von einer bekannten Stimme angehalten wurde. "Miss Hayes. I'm sorry, there was yet another urgent meeting I had to attend. However, I wanted to thank you for your good work and say goodbye. So... Thank you - and goodbye." Seine Art zu sprechen faszinierte mich einmal mehr. "Goodbye, Mr Harper", sagte ich beinahe schmunzelnd. Tom hatte Recht behalten. Er sah mir tatsächlich nicht in die Augen.
    An diesem Abend gönnte ich mir ein (okay, mehrere) Gläschen von dem Rotwein, den ich mir zu Weihnachten gekauft hatte. Ich war zwar kein Fan davon, aber ab und zu half selbst mir ein wenig Alkohol beim Entspannen. Und an einem Tag wie diesem hatte ich das dringende Bedürfnis danach, alles um mich herum einfach auszublenden. Als ich in meinem Selbstmitleid so vor mich hin badete, summte mein Smartphone plötzlich; Ben hatte geschrieben.

    - Are you still awake?

    Ich antwortete erfreut und fragte ihn, ob er das Paket bekommen hatte.

    - Yes! Thank you so much, it is perfect!! Mum says it suits me very well!
    - I wanna see a picture!

    Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann schickte er ein Bild von sich mit dem Hemd, den Hintergrund identifizierte ich als Badezimmer. Ich antwortete mit einem Thumbs up – das Hemd stand ihm wirklich besser als ich es für möglich gehalten hatte. Ausserdem schien er sich die Haare frisiert zu haben; etwas, was er sonst nie tat. Ich wollte eigentlich an dieser Stelle das Smartphone ausschalten und mich anderen Dingen widmen, doch kurz darauf surrte es erneut.

    - I sent you a picture. Can I get 1 too?

    Leicht verwundert sah ich auf den Bildschirm.

    - Sure…?

    Ich wollte gerade ein Selfie machen, da schrieb er erneut.

    - Well, can I get a special one? It’s a bit silly though.
    - ?
    - naked

    Ich war ein klein wenig schockiert.

    - Wtf??
    - I know, I’m sorry, don’t be mad. But just 1. Pretty please?
    - No way!
    - Come on, I’ll delete it right away. Even just the chest area is enough for me
    - Are u drunk??
    - Please Ray, just this once
    - Who are u, and what did u do to Ben?!
    - Ray…

    Ich überlegte, ob ich ihn einfach ignorieren sollte. Ich hatte wirklich keinen Bock auf solche Spielchen. Als ich nicht weiter schrieb, bettelte er erneut.

    - Just once in my life I want to see you like this. You’re the best friend I have, and I still love you, even if you reject me. I never bug you again, I promise. You can have a picture of me, too.

    Eww, nein… Er kam mir vor wie ein quengelndes Kind, so kannte ich ihn gar nicht. Ich wusste nicht, ob der Rotwein meine Hemmschwelle so tief abgesenkt hatte, oder ob ich es als Widergutmachung für meinen Korb tat. Jedenfalls bereute ich es von dem Augenblick an, in dem ich es abschickte. Plötzlich viel nüchterner wurde mir bewusst, wie dumm das Ganze war.

    - Okay, now delete it. Like you promised.
    - Already did.
    - Good.
    - Thank you so much, Ray
    - Well, good night
    - Good night, sleep tight, don’t let the bed bugs bite <3

    Ich konnte nur den Kopf schütteln und halbherzig lächeln. Beim Einschlafen wurde ich eine mulmige Unruhe nicht los. Warum hab ich das getan? Wenigstens hat er es gleich wieder gelöscht. Dieser Dummkopf. Das war das erste und letzte Mal.


    Die Tage vergingen irgendwie schleichend, während ich an der Kasse des Supermarkts sass, in dem ich von nun an die Brötchen verdiente, die ich auch gleich dort kaufte. Das ständige Begrüssen und Verabschieden von Kunden, das chronische Lächeln, das ich aufsetzen musste und natürlich die verdammte, dauernde Rechnerei waren genauso schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dazu waren meine Arbeitskolleginnen nicht gerade auf derselben Wellenlänge wie ich - ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie die ganze Zeit hinter meinem Rücken tuschelten. Ich hielt daher nach wie vor immer ein Auge offen nach neuen Stelleninseraten. Ausserhalb der Arbeit herrschte Eiszeit. Sogar, dass Ben wieder zuhause war änderte nichts, denn er war noch immer ständig mit Kollegen unterwegs, wie er zumindest hartnäckig vorgab. Eines Abends fühlte ich mich tatsächlich so einsam, dass ich beschloss, ausnahmsweise in einen nahegelegenen Pub abzusteigen. Es widerstrebte mir zwar, mit Wildfremden zu quatschen und zu saufen, doch am Ende tat ich genau das. Ich hatte dabei interessante Gesellschaft: einen Londoner, der als Museumsdirektor arbeitete, einen Schotten, der auch nach unzähligen Bechern nicht kleinzukriegen war und einen Typen vom Finanzamt, der sich in seinem Job zu Tode langweilte, den grosszügigen Lohn aber nicht aufgeben wollte. Später kam auch noch ein weiterer, eher kleingewachsener Kerl dazu, den sie liebevoll "Gartenzwerg" nannten. Sie waren allesamt ausserordentlich gesprächig und gut gelaunt, sodass ich förmlich mitgezogen wurde, bevor ich darüber nachdenken konnte. Als ich erzählte, dass ich Mechanikerin war, reagierten sie hellauf begeistert und fragten mich darüber aus. Sprüche wie "what a tough lady" oder "she seriously has some screws loose" fielen, und wir lachten alle herzhaft darüber. Der Schotte schlug plötzlich übermütig vor, dass ich ein Armdrücken gegen den Gartenzwerg machen solle, um zu sehen wer von uns stärker sei. Ich hatte gar keine Wahl - die anderen jubelten bereits vollhals. Der Gartenzwerg und ich setzten uns gegenüber und erst jetzt fiel mir auf, dass er ziemlich drahtig und einigermassen trainiert wirkte. Dennoch glaubte ich an meine eigene Kraft und stellte herausfordernd den Arm auf. Der Zwerg tat es mir gleich und der Schotte gab das Startsignal. Sofort zog und drückte mein gegenüber leicht zu sich hin, um sich einen Vorteil zu verschaffen - offenbar war er geübt darin. Ich hielt stand und schaffte es, mein Handgelenk ganz leicht in meine eigene Richtung zu drehen, sodass ich mehr Einwirkung hatte. Einige Sekunden hielten wir die Stellung zitternd, dann spürte ich eine kleine Nachlässigkeit und schaffte es, im entscheidenden Moment noch ein Stückchen mehr Kraft einzusetzen. "Ouch! Ouch, okay you won lady!", rief der Gartenzwerg, als ich seinen Arm triumphierend auf dem Tisch fixiert hatte. " Waw Jimmy, ge pure destroyed ye!", rief der Schotte jubelnd. "Yeah, hah-ha. I'm just a wee bit out of shape 'cause I been ill for a week or so." Der Londoner winkte ungläubig ab. "Of course, that must be it. I thought you bragged about how you jockeys need strong shoulders and arms?" "Like I said -" "You are jockey?? Like, horse racing and stuff?", unterbrach ich ihn überrascht. "Yeah. It's kind of obvious with my size, right?" "...Uhh, I guess..." Der Schotte mischte sich ein. "He's nae exactly guid, thocht. He has only won ay dizzen races sae far." "Only? Why, that's great, isn't it?", rief ich bewundernd aus. "It seems you don't know much about horse racing, do ya? That much is nothing, considering the amount of time I've spent in the saddle. It's partly due to the lack of talented horses though. I haven't been lucky enough to mount a real winner yet." "So... You just ride them in races and train them, right?" "Just ride them - pah! I start at five in the morning, exercising one horse after another, until noon. I run from one stable to the next, to wherever I'm needed. Then I work out to keep my shape, 'cause it's darn tough to hang onto those galopping beasts. I mustn't be too heavy either. It's far from comparable with normal horse riding." "Oh, 'kay. And what do you earn by doing this kind of job?" "Gimme a break already. I'm not here to talk about my job, I'm here to drink!", rief er als Antwort aus und hob sein Glas. Die anderen stimmten grölend zu. Resigniert lehnte ich mich zurück und verschränkte die Arme. Später an diesem Abend, kurz nach einem Toilettenbesuch und kurz vor meinem wackeligen Gang Nachhause, kam Jimmy jedoch nochmal auf mich zu. Er wirkte dabei erstaunlich gefasst dafür, dass er Minuten zuvor noch besoffen am Tisch gesungen hatte. "Hey." Ich blinzelte etwas überrumpelt und sah ihn fragend an. "About what you asked earlier. I earn about 120 per ride, but I need to give some of it to my manager and the association. What I earn is not really much, compared to the work behind it. But if you somehow manage to win a lot, you could make kind of an easy living, 'cause you get a certain percentage of prize money. You are either self-employed, like me, or work for a stable, riding only their horses. I don't even know why I'm telling you this though. Maybe because you seemed so interested in it, or ‘cause you’re a lady and I'm drunk enough." "Say, if I wanted to... How would I get started, working as Jockey?" "You'd have to enrol in a training school or work as a stable hand and do an apprenticeship, to earn the license. It takes about two years. But don't expect too much. Average riders work their ass off, earning just as much as a supermarket assistant. Most do it out of passion." "But if you win a lot, you can get crazy rich, right?" "Yeah... If you are some Frankie Dettori or something..." Ich stellte ein Grinsen auf meinem Gesicht her und dankte ihm, dann ging ich ein letztes Mal zum Tisch, um mich zu verabschieden. "Whit... leavin' awreddy? but th' fin is only jist startin'!", motzte der Schotte halb lallend, wodurch man ihn noch schwerer verstand. "Hope we see you again sometime, we're always here on Fridays", schlug der Typ vom Finanzamt, wesentlich nüchterner, vor. Ich gab ihm ein Thumbs up und bewegte mich zur Tür hinaus. Die kalte Luft wirkte etwas weckend, sodass meine Wahrnehmung sich gleich wesentlich verbesserte und ich den Nachhauseweg sogar auf Anhieb fand. Sobald ich im Bett lag, schlummerte ich friedlich wie ein kleines Kind. Doch am nächsten Morgen zahlte ich den bekannten Preis dafür. Zum Glück war Wochenende. Ich blieb weitgehend Zuhause und trank viel (Wasser und sowas), aber die Kopfschmerzen liessen trotzdem erst gegen Abend nach. Um mich abzulenken, startete ich gleich nach dem Frühstück den PC auf. Die Lust aufs Serienschauen verging mir aber nach einer Weile, zumal es im Moment auch keine herausragenden neuen Titel gab. Lustlos klickte ich mich durchs Internet und schlürfte dabei an meinem Apfelschorle. Mir kamen Ausschnitte von den Gesprächen des Vorabends in den Sinn, als mir auf der Youtube-Startseite ein Strategievideo für Pferdewetten vorgeschlagen wurde. Schon unheimlich, wie die immer genau wissen, was mich gerade beschäftigt, überlegte ich leicht stirnrunzelnd. Aus reiner Neugier suchte ich nach einer Schule für Jockeys, wie es der Gartenzwerg erwähnt hatte. Die "British Racing School" kam gleich zuoberst in den Resultaten. Gespannt klickte ich darauf und las mir die Infos durch. "Oh, it doesn't even cost too much... 16-22 years?! I gotta hurry! I'm turning 23 in a few weeks!" Moment, will ich das überhaupt? Ich hatte mich völlig mitreissen lassen von dem inspirierenden Text auf der Seite. "Riding a winner is one of the best feelings you will ever have", huh... Und sportlich sollte man sein. Das bin ich ja - von daher... Aber "good horsemanship and riding skills"... Davon weiss ich echt gar nichts. Ich scrollte und klickte weiter. Ha, da steht aber, dass keine Vorkenntnisse nötig sind, wenn die anderen Punkte erfüllt werden, stellte ich erleichtert fest. 14 Wochen bis ich etwas verdienen würde - das wäre auch völlig okay. "8 stones?! I've got 9 at least!" Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme nachdenklich. Wenn Ben jetzt hier wäre, würde ich ihn fragen, was ich tun soll. Aber ich sollte sowieso anfangen, Entscheidungen selber zu treffen. Es wäre sicher ein spannenderer Job als meine bisherigen. Es klingt nach Abenteuer, und das mag ich. Zusammenfassend stellte ich in einem kleinen Monolog fest: "It's not expensive and it doesn't take too long. And it sounds like an adventure. At least it's way better than sitting in a supermarket all day. So I've really got nothing to lose, right? Except for some weight, of course..." Die Worte gingen leise, aber federleicht über meine Lippen. Mein Unterbewusstsein brannte offenbar darauf, es auszuprobieren. Ich gab der Versuchung nach. Die Nummer war auf dem Handy rasch eingetippt, und es nahm auch tatsächlich jemand ab. Mein Glück hatte endlich mal nicht verschlafen und dafür gesorgt, dass die Einschreibungsphase noch offen war. Ich vereinbarte einen Termin, um mich vorzustellen und den Fitnesstest zu absolvieren. Als ich auflegte klopfte mein Herz wie wild. "This might actually turn out really good!", überzeugte ich mich selbst.
    Zion, Veija und Rinnaja gefällt das.
  4. Teil 4
    _ _______________________________________________________________________ _

    Ich mochte den Winter nicht, überhaupt nicht. Es war morgens dunkel, wenn ich zur Arbeit fuhr und abends ebenso, wenn ich wieder Nachhause wollte. Es kam einem vor, als wäre der Tag verschwendet, während man die ganze Zeit in der Produktionshalle stand. Wenigstens hatte Harper Tech grosse Fenster, durch die das Tageslicht dringen konnte. Das war an meinem vorherigen Arbeitsplatz nicht der Fall gewesen. Dort war man morgens bis abends in einem dunklen, öligen Drecksloch gewesen. Trotzdem hatten die Umstände auch jetzt manchmal etwas Deprimierendes an sich. Wenigstens konnte ich über den Mittag an die Sonne - vorausgesetzt, sie schien durch den Nebel. Auch heute war der Himmel bereits stockfinster, als ich auf mein Fahrrad stieg. Zu allem Überfluss regnete es auch noch in Strömen, und natürlich hatte ich wiedermal keine Regenjacke dabei. Ich zögerte es so lange wie möglich heraus, aber der Regen liess einfach nicht nach, also musste ich wohl oder übel losfahren. Ich nahm wie gewöhnlich für den grössten Teil des Wegs die Hauptstrasse, denn das war die kürzeste Strecke. Ich sah nur auf, wenn es nötig war und fuhr ansonsten mit eingezogenem Kopf. Der Regen durchnässte meine Haare und Kopfhaut unbarmherzig. Am Anfang bog ich ab und zu noch auf den Bürgersteig, um den kurzweiligen Schutz der Vordächer mancher Läden zu geniessen. Es war jedoch nicht ganz einfach, den Passanten auszuweichen und sie warfen mir auch immer mal wieder böse Blicke zu. Irgendwann akzeptierte ich daher mein Schicksal und fuhr einfach trotzig die Strasse entlang. Durchnässt war ich sowieso schon. Warum hat Mr Harper mich nicht längst gefeuert?, grübelte ich, während ich in möglichst gleichmässigem Takt die Pedale trat, um mich abzulenken. Vielleicht ist es nun doch nicht so schlimm mit dem Kantenbruch gewesen? Ich muss jedenfalls in Zukunft noch viel vorsichtiger sein, beschloss ich. Diesmal mischte sogar das klitzekleine Gefühl mit, Mr Harper nicht erneut enttäuschen zu wollen. In Gedanken verloren rollte ich über den nassen, pfützenbestückten Asphalt, dem Rauschen des Regens und des Verkehrs lauschend. Überall waren Lichter; Strassenlaternen, Shop-Leuchtschriften, Autos... Autos?! Vor mir bog ein silbernes Auto auf die Hauptstrasse - oder eher neben mir. Der Idiot fuhr einfach raus, ohne auf mich zu achten. Ich versuchte noch abzubremsen, aber auf der Regennassen Strasse bewirkte das nur, dass mein Hinterrad zu schlittern begann. Das Auto erfasste mich gerade noch mit einem der Scheinwerfer seitlich und ich stürzte auf den Asphalt. Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein, holte etwas Distanz heraus, machte einen Bogen um mich und brauste dann einfach über die Abzweigung davon. Ich war aber zu benommen, um das wirklich mitzubekommen. Ich konzentrierte mich eher auf meine Atmung und den pochenden Schmerz in meinem Kopf, der immer aufdringlicher wurde. Jemand rief meinen Namen und ich war wach genug, um mich darüber zu wundern. Besonders viele Leute kannte ich nicht. Als er sich über mich beugte, in etwa so, wie man sich über ein totes Tier beugt, kurz bevor man es mit einem Stöckchen an stochert, um zu sehen, ob es noch lebt, erkannte ich das Gesicht. "Everything alright, Miss Hayes?" "Yea, sure. Never felt better" - für Sarkasmus hatte ich immer ein Fünkchen Energie übrig. Mr Harper reagierte mit einem Stirnrunzeln und ich fragte mich einmal mehr, ob dieser Mensch überhaupt das Konzept von Sprache verstand. Nach ein paar Sekunden peinlichen Schweigens wurde er ungeduldig und fragte "Can you stand up?" Ich nickte und arbeitete mich hoch, wobei mir auffiel, dass nebst meinem Kopf auch mein Handgelenk schmerzte. Ich stiess einen raschen Schmerzlaut aus, als ich mich beim Aufstehen darauf stützen wollte. Mr Harper versuchte erst jetzt etwas zaghaft, mir auf die Beine zu helfen, was dann auch gelang. Mit schlechtem Gewissen blickte ich auf Ben's Fahrrad, das ein verbogenes Vorderrad hatte. Mr Harper trug es für mich an den Strassenrand. "What a coincidence that I decided to leave early today. I saw the number of that car - wait a second, I'll write it down." Verblüfft und ungläubig sah ich ihn an. "You could seriously remember that?" "Sure. It is enough to look at it for a moment, then I'll remember right away. But only for a few hours, that's why writing it down is better." "Are you some kind of genious?" Or freak?, fügte ich unter Stirnrunzeln in Gedanken hinzu. Er wirkte leicht verlegen, als er ein kleines Papier hervorkramte, das sich später als Kassenzettel herausstellte. "Nah, it's not such an uncommon thing." "Well. I can't do it. Must be very useful." "Not always. I also often remember things that I'd rather forget immediately. Such as the Number of complaints we've had these past few weeks." Er musterte mich vielsagend, und ich versuchte rasch, das Thema zu wechseln. "Ahh, darn it, we're already soaked! And how am I to get home with this?", klagte ich, Ben's Fahrrad betrachtend. "Home? In your situation, it would be wiser to head to the hospital first. I guess I should take you there, since it is a bit far." "I'm fine, really!", protestierte ich, wohlwissend, dass der Selbstbehalt meiner etwas zu billigen Versicherung unnötig hoch war. "My head has already stopped hurting", auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entsprach. "That could be because of the adrenaline that is instinctively released in an extreme stress situation such as a traffic accident, to increase your survival chances, for example by blocking pain to improve your body functions." Ich blinzelte, bemüht ihm zwischen dem pulsierenden Stechen zu folgen. Er blieb hartnäckig, schon alleine wegen meines Handgelenks, sodass wir Ben's Fahrrad kurz darauf so gut es ging in den Kofferraum seines BMW verstauten - natürlich nicht ohne diesen vorher mit einer Decke auszulegen. Sein Gesichtsausdruck wirkte auch etwas widersträubend angesichts seiner feinen Ledersessel, als ich mit meinen pitschnassen Kleidern einsteigen wollte. Es war ernüchternd, dass er sich schlussendlich trotz der Hilfsbereitschaft mehr um seinen Besitz sorgte, als um seine verletzte Angestellte. Ich hielt inne und fragte der Höflichkeit wegen, ob er nicht noch eine Decke habe; was er jedoch mit schiefem Lächeln verneinte. Ich zog mir daraufhin wenigstens meinen durchnässten Mantel aus, bevor ich mich setzte. Mr Harper fuhr mich zum nächstbesten Krankenhaus, und ich verfluchte auf dem ganzen Weg die Tatsache, dass ausgerechnet mein Boss mir zu Hilfe hatte eilen müssen, anstelle irgendeines Passanten. So langsam bekam ich nämlich ein schlechtes Gewissen, angesichts des ganzen Ärgers, den ich ihm bisher bereitet hatte. Habe ich ihm überhaupt schon mal etwas anderes als unnötigen Aufwand beschert? So nebenbei kam ich trotzdem nicht umhin, sein schickes Auto zu bewundern.
    Im Krankenhaus sagte mir der Arzt, dass ich nicht nur ein angebrochenes Handgelenk, sondern auch eine Gehirnerschütterung hatte und es "really wise to come here right away" gewesen sei. Mr Harpers triumphierender Blick in meinem Nacken war unerträglich. Zum Glück musste ich nicht dort bleiben, sondern durfte in Begleitung einer Schiene und etwas Schmerzmitteln die Heimreise antreten. "Why are you still here", fragte ich etwas unverblümt, als ich in den Gang raus kam und Mr Harper dort noch immer, inzwischen wieder offenkundig gelangweilt wirkend, auf einem Sessel sass. "Why? I thought it is common to be courteous and wait; at least in most movies they do it like this. And after all, someone has to drive you home, right?" "I can call a Taxi you know", erklärte ich, in einem Anflug von Müdigkeit beinahe augenrollend. "Right. I suspected it was uncalled-for. Good evening, Miss Hayes." Er wandte sich zum Gehen und stolzierte davon. Ist er jetzt beleidigt? Ich seufzte - anscheinend hatte ich es schon wieder verbockt, und das nachdem er mir geholfen hatte. Als ich jedoch zum Ausgang des Spitals kam, stellte sich heraus, dass er doch noch nicht ganz gegangen war. "On second thought, since I've waited and wasted my time anyways, do you really wish to spend money on a Taxi so badly?" Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Eigentlich hatte er ja Recht. Es war dumm gewesen, das Angebot abzulehnen. Also sass ich kurze Zeit später wieder unter peinlichem Schweigen im schwarzen BMW. Um die fühlbare Anspannung in der Luft etwas zu lockern, suchte ich nach irgendeinem Gesprächsthema. Ich sah meine Chance, als sich vor der roten Ampel hinter uns eine Schlange bildete. "Streets are busy these days, huh?" "Yes." "But you don't usually take this route." "No." Ich gab auf, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte. Also schwiegen wir uns fünf Minuten lang an, dann kam endlich die erlösende Abzweigung. "It's right there", erklärte ich hindeutend. "Not the nicest place to live", bemerkte er unverblümt. "It might not look too promising on the outside, but it is quite comfortable and I have some very friendly neighbours", verteidigte ich mein Zuhause, leicht eingeschnappt. Ich konnte es nicht lassen, hinzuzufügen: "And not everyone can afford a house with backyard and pool." Ertappt meinte Mr Harper "The pool was already there, I just bought it because of the location." Verdutzt blinzelte ich. Voll ins Schwarze, huh... "... However, thank you for the ride, goodbye", sagte ich rasch, als er hielt. Ich stieg aus und vergass beinahe Bens Fahrrad im Kofferraum. "Miss Hayes! What about the..." Ich hielt beschämt inne und lief zurück, um ihm beim Ausladen zu helfen. "Thank you", murmelte ich abermals, und konnte endlich definitiv verschwinden.
    _____

    Den Autofahrer konnte die Polizei tatsächlich ausfindig machen. Damit hatte ich am Ende gar nicht gerechnet. Er musste die Kosten für die Reparatur von Bens Fahrrad und meine Behandlung im Spital übernehmen. Offenbar gab es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit. Ansonsten ging es mir mässig gut nach dem Unfall. Mr Harper liess sich nicht blicken und der Produktionsleiter hatte kaum Mitleid mit mir, trotz dem geschienten Handgelenk. Zudem hatte ich gerade wieder einen dieser Tage vor mir, an denen irgendwie nichts gelingen wollte. Das Vergessen der Systemrückmeldung des einen Auftrags, was ich früh morgens noch der Müdigkeit in die Schuhe schieben konnte, war erst der Anfang. Als ich dann gegen Mittag merkte, dass ich noch kein neues Material im Lager nachbestellt hatte, und kurz darauf auch noch mit einem falschen Werkzeughalter ein Programm auf der einen Maschine Einfahren wollte, wodurch es beinahe zu einem Crash kam - waren meine kleinen Unaufmerksamkeiten dann doch nicht mehr so leicht entschuldbar. Zum Glück schaute mir meistens niemand dabei über die Schulter, aber am Nachmittag folgte der nächste Schlag, und diesmal kombiniert mit einem Rüffel vom Produktionsleiter. "I think you have been here for long enough to know how to write these documents. This is the last time I find those lines empty!" "Yes, Sir..." Murmelte ich nur, abgestumpft. Es war das Übliche - ein paar Felder bei den Prüfprotokollen vergessen. Als er weg war, brauchte ich einen Moment um mich zu sammeln und zog mich dazu rasch auf die Toilette zurück. Da sass ich dann, den Kopf über die Arme auf meinen Knien abstützend. Ray Alvy Hayes. Reiss dich zusammen und gib dir mehr Mühe, verdammt. Dass mein Handgelenk seit dem Unfall hartnäckig schmerzte, machte die Situation auch nicht besser. Die Schiene stabilisierte es zwar, aber ich schaffte es trotzdem immer wieder, die Hand irgendwo anzustossen oder eine unvorteilhafte Bewegung zu machen. Genau. Vielleicht ist mein Kopf auch noch nicht wieder vollständig fit und ich kann mich deshalb nicht richtig auf meine Aufgaben konzentrieren. Das muss es sein. So einfach wär’s. Am meisten Mühe hatte ich damit, meine Patzer mit meinem eigenen Stolz zu vereinbaren. Ich war am Anfang meiner "Karriere", kurz nach der Lehre, ständig gelobt worden - für meinen Eifer, meine guten Umgangsformen und natürlich meine Fähigkeiten. Ich war mal richtig geschickt gewesen. An irgendeinem Punkt war es aber plötzlich bergab gegangen, und mein Leben hatte sich wieder zu dem kleinen Chaos rückgewandelt, dass es immer schon gewesen war. Ich wusste nicht genau, was diesen Rückfall ausgelöst hatte, aber ich vermutete, dass es der Stress war, den ich mir selbst machte, um die in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Je mehr man mich lobte, desto mehr wollte ich meinem Image gerecht werden - und desto mehr "Flüchtigkeitsfehler" schienen mir zu passieren. Obwohl ich den Mechanismus zu verstehen glaubte, war es nicht so leicht etwas daran zu ändern. Dabei war es so einfach zu sagen, dass man sich eben mehr anstrengen müsse. Doch Anstrengung allein schien mir in diesem Fall die Lösung nicht näher zu bringen. Ich fühlte mich wie an einer Kletterwand gefangen: wann immer ich ein paar Tritte weiter kam, fehlten mir die nächsten paar Ritzen und Absätze, an die ich mich klammern konnte. Manchmal stürzte ich sogar wieder ein Stückchen ab, doch wenigstens konnte ich mich jeweils irgendwie im letzten Moment auffangen. Wer weiss, ob mir das auch in Zukunft jedes Mal gelingen wird? Ich wusste jedenfalls, dass ich etwas ändern musste, wenn ich meinen Job diesmal behalten wollte. "But I'm trying already. I'm trying all the damn time, so hard. It's no use...", murmelte ich, voller Selbstzweifel. Ich seufzte, mit einem Blick auf die Smartphone Uhr. "The show must go on, I guess?" Ich stand auf und streckte mich symbolisch, dann zwang ich mich zurück zu meinem Arbeitsplatz.
    Als ich abends Zuhause angekommen war und mir etwas zu Essen gebastelt hatte, warf ich mich auf die Couch und grübelte vor mich hin. Ich war definitiv unterbeschäftigt, denn mit dem Handgelenk konnte ich nicht richtig trainieren gehen. Im TV lief gerade auch nichts Anständiges. Heute war ein mieser Tag. Wenn es so weiter geht, wird es wieder gleich enden wie beim letzten Mal. Vielleicht war es jetzt schon an der Zeit, mich nach einem neuen Job umzusehen. Wenn meine Kündigung kam - und ich war mir sicherer als mir lieb war, dass sie kommen würde – konnte es schliesslich nicht schaden, bereits vorbereitet zu sein. Ich döste eine Weile, aber schliesslich schaltete ich den Laptop ein und scrollte durch die Jobangebote in der Umgebung. Es waren ein paar Mechanikerstellen frei, aber beim letzten Versuch hatte ich, bis auf Harper Tech, auch nur Absagen bekommen. Ich seufzte müde und klappte den Bildschirm wieder zu. Die Zeitung von diesem Morgen lag noch ungeöffnet in meiner Tasche, also lehnte ich mich auf der Couch zurück und blätterte darin herum. Auch in der Zeitung waren ein paar Jobs ausgeschrieben, allerdings nur einen einzigen für Mechaniker. Ein paar Zeilen weiter sprang mir ein ganz anderes Inserat ins Auge. "Jockey..." Ich hatte schon von Pferderennen gehört - mein Vater setzte früher hin und wieder Geld auf ein Pferd, gewann aber nie besonders viel. Aber ich hatte auch gehört, dass Jockeys ganz schön viel verdienen konnten, wenn sie gut genug waren. Einmal als kleines Mädchen hatte ich auf einem Pony gesessen - das war beim Geburtstag einer Klassenkameradin gewesen. Besonders schwierig war es mir nicht vorgekommen, und gefallen hatte es mir eigentlich auch ganz gut. Aber ich war natürlich nicht naiv genug um zu glauben, dass ich das nötige Talent dafür haben könnte. Andererseits - wenn man es nicht versuchte, konnte man es auch nicht wissen, oder? Nein. Den Gedanken verwarf ich gleich wieder. Ich brauchte etwas, von dem ich garantiert leben konnte, etwas, das auch auf längere Zeit funktionierte.
    _____

    Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, als ich am Morgen die Strasse entlang fuhr. Es war ein ganzer Monat vergangen seit dem Unfall, und ich war am Ende doch krankgeschrieben geworden, weil der Arzt meinte, mein Handgelenk brauche richtige Ruhe. Es war ohnehin mit nur einer Hand eher schwierig gewesen, irgendwelche Werkzeughalter einzuspannen oder Wendeplatten auszutauschen. Ich war aber froh, jetzt wieder zur Arbeit gehen zu können. Meine Abwesenheit war für mein Image beim Produktionsleiter sicher nicht förderlich gewesen. Das Handgelenk war fast vollständig verheilt und schmerzte auch nicht mehr, also konnte ich es wieder so weit belasten, wie es für meinen Job nötig war. Im ersten Moment schien alles so wie immer zu sein: ich zog mich um, lief an meinen Arbeitsplatz, informierte mich über den aktuellen Produktionsplan und wollte die Maschine starten - doch da stand schon jemand anderes. "Good morning?", grüsste ich etwas verwirrt. Der Fremde erwiderte es freundlich, konzentrierte sich dann wieder auf die Zeichnung bei der Maschine. Ich runzelte die Stirn und sah mich um. Falsch abgebogen war ich nicht. Endlich entdeckte ich Tom und lief zügig zu ihm rüber. "Hey, you feelin' better?", fragte er mich leicht besorgt. " Yeah, but who's that fellow there?" "I'm sorry, Mr Harper told me to send you to his office. I know nothing more particular, but this doesn't look too good for you..." Ich seufzte und ging der Sache nach. Mr Harpers Bürotür war einen Spalt breit offen, und als ich mich näherte, hörte ich seine Stimme. Er schien gerade zu telefonieren. "...Next week, is that possible?... Alright. Please let me know if anything happens, as usual... Yes, of course I'm very glad you take such great care of him, and he is doing fairly well I believe... Thank you, we'll find out soon enough. Have a good day." Es war natürlich nicht meine Absicht gewesen, zu lauschen, aber ich konnte mir ja auch schlecht die Ohren zuhalten. Ich klopfte ein paar Sekunden verzögert, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. "Miss Hayes. How are you? Have a seat, please." Nervös platzierte ich mich gegenüber von ihm. Meine Gedanken schwirrten - ich versuchte mich selbst zu beruhigen, indem ich mir einredete, dass es viele Gründe für ein Gespräch geben konnte. "I think it's unfair to talk around it, so I'll go straight to the point. I'm sorry to tell you that you will have to quit working here." Ich schwieg resigniert. Die Worte taten weh, auch wenn ich schon längst mit ihnen gerechnet hatte. "I believe you can imagine why I had to make this decision?" Ich schluckte, um anständig sprechen zu können. "Yes..." "As your employer and with a regard on the company’s economy, it was a logical decision. But nevertheless, it was amazingly difficult for me this time. However. You will be helping Mr Newman to adapt himself to our standards during your last few weeks." Mr Newman… Passender Name, was? Ich nickte langsam. Für ihn war das Gespräch damit anscheinend beendet. Er richtete einen Stapel Blätter auf seinem Schreibtisch und wollte sich bereits dem PC Bildschirm zuwenden, als er erst zu realisieren schien, dass ich unverändert da sass. „Anything else, Miss Hayes?“ Anything else. Was für ein Mensch. Er hat mir gerade gekündet, benimmt sich aber, als hätten wir ein Kaffeekränzchen gehalten. Versteht er überhaupt, was das für mich bedeutet? Er sah mich stirnrunzelnd an und schien nicht zu wissen, was er mit der Situation anfangen solle. Ich erlöste ihn aus seinem Unbehagen, indem ich den Mund aufmachte. "By the way - I never even really thanked you for giving me the chance to work here, despite of your... Doubtful first impressions of me. It really meant a lot to me, since this was the first time I got hold of a real good job." "Thanks, but actually it wasn't me who decided to hire you." "It wasn't?" Nun war ich damit an der Reihe, mein Gegenüber verwirrt zu mustern. Ich war immer davon ausgegangen, dass ich damals trotz der Startschwierigkeiten beim Vorstellungsgespräch am Ende irgendwie doch noch Mr Harpers Sympathie gewonnen hatte. Offenbar hatte ich falsch gelegen. "My secretary did. I mentioned you as particularly honest person though, at least from what I could tell. I had also informed her before that I liked that trait in employees, so she must have thought I approved of you." "... And what did you think when you found out that she chose me?" "I was a bit sceptical at first." Uh-huh. Thanks. "But after a while I started to think it was a good choice after all, since I really do like people who say what they think instead of just changing their expression, and you proved to often be like that.” Ich wusste nicht so recht, was ich darauf entgegnen sollte. Ich war irgendwie erleichtert, dass er anscheinend trotz allem ein gutes Bild von mir hatte. Nur hatte das allein mir am Ende nichts genützt. „I will make sure to emphasise your good traits in your testimonial.“ Ich brachte wieder nur ein Nicken hervor, doch irgendwie formte sich auch ein trauriges Lächeln in meinem Gesicht. So endete es also.
    Ich konnte an diesem Abend nicht gleich Nachhause gehen. Ich musste zuerst etwas Dampf ablassen. Daher stellte ich Bens Fahrrad vor dem Eingang ab und joggte die Strasse entlang los. Ich hatte keinen Plan wohin ich lief; ich bewegte mich nur der Bewegung selbst wegen. Um meinen Kopf zu lüften, vermutlich. Ich wusste auch nicht, wie lange ich unterwegs war. Erst, als ich wie von alleine wieder in meiner Wohnung stand, sah ich, dass es bereits halb neun Uhr war. Ben klingelte kurze Zeit später. „Da bist du ja. Ich hab mir schon Sorgen gemacht - und ich hab Hunger“, fügte er scherzend an. Ich lächelte müde und machte uns einen Topf Spaghetti. Danach verschwand ich unter die Dusche. Ich schloss die Augen und liess meinen Kopf vom heissen Wasser berieseln, bis ich nichts mehr ausser dem Rauschen hörte. Als ich fertig war und mich umgezogen hatte, sass Ben noch immer in der Küche. „What happened?“, fragte er, diesmal ernst. „Even I can tell that you’re down somehow.“ „I got fired.“ “Oh…” Er betrachtete mich betroffen. “What are you going to do now?” „If I knew that…“ Ich setzte mich zu ihm und legte den Kopf auf die Tischplatte. “Why am I such a hopeless case, Ben?” “You are not. You just lack… A bit of luck sometimes. But you always find a way to go on and try again.” “But I’m tired of it. I don’t want to spend all my life like this.” “Look. You will find a new job, and it will get better, I’m sure of it. With every try, you learn something new that helps you master the next step to your success. One day your life will be so freaking good that you will die of boredom!” “I hope I get to enjoy it a little before that happens…” Ich lächelte und versuchte so, die hartnäckige Träne zu verdrängen, die drohte, meinen Augenwinkel zu verlassen. „How about we move together?“, fragte Ben plötzlich unerwartet. „Stop kidding around, I seriously have to think about what I’m going to do next.“ “No, I am serious. If we move together, we can share the rent. We are used to eating together anyway; it won’t make much of a difference. Besides, I really like you, Ray.” “…Since when?“ „Quite some time now. How could I not? You are the only person who doesn’t think I’m a total looser.“ “…Ben. I’m sorry, but this will not work. I really don’t want to be in a relationship right now, and I need my privacy to sort things out.” Es war bitter, ihm das zu sagen, aber es war die Wahrheit. Ausserdem war er nicht gerade mein Typ, und in meinen Augen war er sehr wohl ein Versager, wenn auch ein lieber - aber das konnte ich ihm ja schlecht so sagen. Er sah aus, als hätte er ohnehin mit einem Korb gerechnet, wodurch ich mich aber auch nicht wirklich besser fühlte. Wie viel schlimmer kann der Tag noch werden? Sobald er gegangen war, legte ich mich ins Bett, um die Antwort darauf nicht unnötig zu provozieren.
    Veija gefällt das.
  5. Teil 3
    _ _______________________________________________________________________ _

    Mr Harper machte den üblichen, mürrischen Gesichtsausdruck, mit dem man ihn beinahe immer herumlaufen sah. Ich versuchte, nicht zu ihm hinüber zu schielen, als er am nächsten Morgen durch die Halle schlenderte; sondern mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Trotzdem schlich sich mein Blick genau im richtigen Moment zu ihm: er diskutierte gerade mit dem Produktionsleiter und achtete wohl nicht genug auf seine Umgebung - denn im nächsten Augenblick stolperte er über einen am Boden neben der Maschine stehenden Korb. Mir rutschte ein amüsiertes Grunzen heraus, was er leider bemerkte. Missbilligend sprach er: "Very funny Miss Hayes. Instead of laughing you should rather remove this to where no one can fall over it, as someone considerate would normally do." Ich versuchte ein ernstes Gesicht aufzusetzen und murmelte "sorry", aber meine Mundwinkel zuckten hartnäckig nach oben. Als ich zu ihm rüberging, um den Korb aufzuheben, und dabei seinen noch immer beleidigten Ausdruck sah, wurde es nur noch schlimmer. Ich konnte ihn in diesem Moment einfach nicht ernst nehmen - er erinnerte mich zu sehr an diese Internet-Katze mit dem verärgerten Gesicht, die mir Ben vor einer Weile auf einem Meme gezeigt hatte. Wie hiess die noch gleich? Mr Harper fand es wohl überhaupt nicht witzig. "You really seem to find joy in the bad luck of others, don't you?" "No, normally I'm no such person", versicherte ich rasch. "So you specifically enjoy seeing me fall.", meinte er daraufhin, mit gekränktem Unterton. "NO! Of course not! But Sir - if I can be honest for a minute: you should learn to laugh about minor mishaps, then maybe you wouldn't be so bitter all the time. But no offense! I mean - I just rarely see you looking ‚cheerful‘..." Der Produktionsleiter unterbrach mich, bevor ich meine Aussage weiter retten konnte. "Miss Hayes! Do you ever think before you speak?" Mr Harper vollzog eine beschwichtigende Handbewegung und meinte streng an mich gerichtet: "That might be because whenever I meet you Miss Hayes, there's nothing for me to laugh about." Ich schluckte leer. Aber dann formte sich auf seinem Gesicht tatsächlich eine Art Lächeln; als solches deutete ich es jedenfalls, etwas verdutzt. Seine Miene verdüsterte sich sofort wieder, als ich noch immer perplex dastand. "That was a joke. Well, I have no more time to waste." Und damit wandte er sich wieder dem Produktionsleiter zu, der mir warnend zu blitzte, und die beiden Herren entfernten sich. Ich rätselte den ganzen restlichen Morgen darüber, ob das nun gut oder schlecht für mich ausgegangen war.
    Am Nachmittag schaffte ich es doch tatsächlich, eine wichtige Sitzung zu verpassen, bei der die Einhaltung der Oberflächenqualitäten und das Werkzeugmanagement diesbezüglich thematisiert wurden. Ich war so konzentriert in das Anpassen eines alten Programmes auf einen neuen Maschinentyp gewesen, dass ich die Zeit völlig ausser Acht gelassen hatte. Ich sprang erschrocken auf, sobald ich endlich einen Blick auf die Uhr warf. Als ich die Treppe zum Sitzungszimmer erreichte, kamen mir bereits die anderen Arbeiter wieder entgegen. Ich liess enttäuscht die Schultern hängen und versuchte, mich unbemerkt unter die Leute zu mischen – vielleicht hatte ja niemand meine Abwesenheit bemerkt. „Miss Hayes. We were missing you.“ Die Stimme des Produktionsleiters dementierte meine Hoffnung. Ich entschuldigte mich und versprach, beim nächsten Mal besser aufzupassen. Er entgegnete, dass er nichts anderes erwarte und bog in die Büroräume ab. Ich setzte das Programmieren bis um drei Uhr fort, dann machte ich einen raschen Rundgang bei den Maschinen und begann anschliessend, meinen Arbeitsplatz Wochenend-tauglich zu machen, denn es war Freitag. Gerade als ich dachte, ich sei mit allem fertig, kam der Produktionsleiter erneut auf mich zu. Ich überlegte einen Moment lang, ob sich eine Flucht lohnen könnte, gab den Gedanken aber genauso schnell wieder auf, als er bereits zu nahe war. „Miss Hayes, could you please make sure that there are no more chips on the floor around the Nakamuras? A photographer is coming on Monday morning, to take some new pictures for the website. We want everything to be as clean and tidy as possible.” Seine Worte waren als Bitte formuliert, doch es war dennoch unmissverständlich ein Befehl. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich als Strafe für die verpasste Sitzung länger hierbehalten wollte. Seufzend holte ich den Besen. Meine Arbeit an sich war ja zeitweise schon einschläfernd, wenn gerade nichts zum Umrichten zur Verfügung stand. Aber das Wischen im immerzu gleichen Takt wirkte schon fast hypnotisch. Die Uhr tickte so nebenbei munter und unbarmherzig vor sich hin. Gedankenverloren betrachtete ich den nun sauberen Boden und suchte ihn in einem tranceartigen Zustand nach letzten Spänen ab. Mein Kopf fühlte sich leer an, aber es war auch irgendwie angenehm entschleunigend gewesen. Als ich beschloss, dass es sauber genug war, machte ich mich auf den Weg zum Schrank, um den Besen in sein Zuhause zu befördern. Angelo grinste hinter von seiner Kurzdreh-Maschine hervor und gestikulierte, dass ich auf den Besen steigen und davonfliegen solle. Ich tat so, als wollte ich es probieren und legte dann gespielt enttäuscht den Kopf schief, ehe ich den Besen lässig auf meine Schulter nahm und so davonstolzierte. Als ich zwischen den Maschinen hervorkam und den Schrank beinahe erreicht hatte, sah ich zu meiner linken ein kleines Flansch auf dem Boden halb unter einem Spankübel liegen und betrachtete es einen Moment. Seriös und pflichtbewusst wie ich mich fühlte, beschloss ich schliesslich, es darunter hervor zu wischen und zurück in den Korb zu legen. Ich bemerkte dabei nicht, dass Mr Harper den Gang entlanggekommen war und sich gerade mit einem abgebrochenen "Miss Ha-..." an mich wenden wollte. Abgebrochen deshalb, weil ich beim schwungvollen Ent-schultern des Besens ihm diesen in genau diesem Moment an den Kopf klatschte. Ich spürte, dass ich irgendwo angestossen war und drehte mich verwundert um. "Oh my God, I'm sorry!", rief ich entsetzt aus, als ich das Ausmass meiner Tollpatschigkeit erkannte - während er sich sein rechtes Ohr rieb. Innerlich schloss ich einmal mehr mit meiner Stelle ab. "I'm not God. But even so, please be more careful." Zu meiner Verwunderung schien er nicht wütend zu sein, sondern sich über seinen eigenen Spruch zu amüsieren. Ich fragte mich, ob der Schlag vielleicht ein Schädeltrauma bewirkt hatte. Jedenfalls zog ich mich unauffällig zurück zum Schrank, und dann endlich zum Ausstempeln, während er beim Davonlaufen seltsam lächelnd etwas vor sich hinmurmelte.
    _____

    "Miss Hayes. The boss will take a tour around the hall today. Please tidy up your workspace as usual." Das war die Begrüssung, die ich ein Weilchen später, an einem schon jetzt vielversprechenden Herbsttag, bekam. Ich fühlte mich damit so früh morgens etwas überfallen; meine Energie reichte gerademal für ein Nicken. Ich startete vorab wie immer die Maschinen, dann begann ich, die Prüfmittel und Blätter zu ordnen, die auf den Tischen daneben lagen. Eine grosse Unordnung hatte ich nicht, denn ich hielt immer eine gewisse Struktur aufrecht, um die wichtigsten Dinge griffbereit zu haben. Ausserdem wollte ich ja nicht den Eindruck einer unseriösen Arbeitseinstellung erwecken. Das Schmutzigste an diesem Morgen war daher wiedermal der Boden, denn dort liefen auch alle anderen Arbeiter drüber und verschleppten jeweils dutzende kleine Späne. Als ich wieder fast wie in Trance die Wischbewegungen ausführte, unterbrach mich der Produktionsleiter abermals. "Miss Hayes, since you're already at it - could you work your way up to the stairs?" Ich hob den Kopf, betrachtete den Gang, den er meinte und verzog die Lippen. "Yeah. Sure." Als ob ich eine Wahl hätte. Ich beschloss, die Sache schnell hinter mich zu bringen. Dabei machte ich wohl einen relativ grimmigen Gesichtsausdruck, denn gleich zwei vorbeilaufende Mitarbeiter klopften mir auf die Schulter und zogen eine Grimasse. Den dritten, der vorüberkam, schielte ich bereits herausfordernd an - bis ich merkte, dass es Mr Harper war. "Good day, Sir", murmelte ich rasch. Er verschränkte skeptisch die Arme und fragte: "What are you doing, Miss Hayes?" "Sweeping the floor", obviously, wie ich unausgesprochen hinzufügte. "I don't remember having hired you as a new member of the cleaning staff." "I'm only doing what I was told to do, Sir." "Who told you?" Ich sah hinüber zum Produktionsleiter, der gerade mit einem bärtigen Mitarbeiter sprach. Mr Harper schüttelte kaum merklich den Kopf, dann meinte er "Leave it be and go back to work“, sein berüchtigtes „I'll tend to it" dazufügend. Ich bedankte mich und lief zügig davon. Anscheinend hatte ich wenigstens diesmal keinen Fehler gemacht. Seit Danny weg war (ja, Mr Harper hatte sich tatsächlich unverblümt „um ihn gekümmert“), waren mir überhaupt nicht mehr so viele Missgeschicke passiert (jedenfalls was die Arbeit selbst betraf). Man konnte fast behaupten, es laufe richtig gut für mich. Sogar meine privaten Probleme begannen, sich wie von selbst zu lösen. Durch meinen nun etwas grosszügiger ausfallenden Lohn konnte ich die Miete rechtzeitig bezahlen und sogar ein kleines Bisschen auf die Seite legen. Mit dem neuen Lohn hätte ich mittlerweile wohl sogar in eine andere, bessere Wohnung umziehen können. Aber dann hätte Ben wieder ganz alleine klarkommen müssen (das könnte ich nicht verantworten); ausserdem hatte ich mich schon zu sehr an meine engen vier Wände gewöhnt. Mum war beim Arzt gewesen und hatte ein paar blutdrucksenkende Medikamente bekommen, die beinahe vollständig von der Krankenkasse übernommen wurden – und Ben hatte gelernt, wie man den Timer der Mikrowelle so einstellte, dass das darin aufzuwärmende Essen geniessbar wurde.
    Weil es gut lief, bekam ich Mr Harper in der folgenden Zeit kaum je zu Gesicht. Ich hatte viel mehr mit dem Produktionsleiter zutun, und sah den 'Big-Boss' nur, wenn er einen Kontrollbesuch in der grossen Halle machte. Was mir aber bei unserem sporadischen Small-Talk (wenn man den Austausch eines Guten-Morgen-Grusses so nennen konnte) aufgefallen war: Er sprach jetzt mehr auf Augenhöhe mit mir und das sogar meistens einigermassen freundlich. Ich erkannte zunehmend, dass meine etwas voreilige Einschätzung womöglich unfair gewesen sein könnte, und sein oft mürrisches Auftreten mit dem allgemeinen Stress zusammenhängen musste, nicht direkt mit mir. Angesichts dessen, machte ich mir mittlerweile nicht mehr so viele Sorgen, was die Gewissheit meiner Anstellung betraf. Mein Alltag war also insgesamt deutlich entspannter geworden - auch ohne das dauernde Bodenwischen, das nun ebenfalls auf ein vernünftiges Mass reduziert worden war - manchmal fast schon wieder langweilig. Aber wie mein Leben das so an sich zu haben schien, blieb es nicht lange "gemütlich". Die nächste Katastrophe steckte bereits in ihren Kinderschuhen.

    Diesmal war ich sogar wirklich schuld daran. Als ich nämlich eines Morgens wie gewöhnlich die Maschine mit den Medizinalteilen kontrollierte, fiel mir etwas auf, was dort nicht hätte sein dürfen. Um sicherzugehen sah ich mir die Teile unter dem Messmikroskop an und prüfte die Zeichnung gefühlte zehndutzendmal, doch es gab keinen Zweifel. Da war ein kleiner Absatz vor dem Kantenbruch, kaum sichtbar, aber dennoch unabstreitbar. Sofort kontrollierte ich ein paar weitere Teile, aber überall fand ich dasselbe vor. Auch ein Blick auf die kleingedruckten Randbemerkungen auf der Zeichnung machte es nicht besser: dort stand, dass ausgerechnet der Bereich des Teils auf ein anderes Teil passen musste - es war also gewissermassen funktionsrelevant. (Well, shit...) Ich korrigierte die Offset Werte auf der Maschine sofort, aber ich hatte keine Ahnung, wie lange sie schon falsch gelaufen war. Vermutlich war durch die Werkzeugabnutzung, oder durch den Wärmeverzug das Mass gerade so viel gewandert, dass der Kantenbruch nicht mehr übereinstimmte. Wie konnte ich das nur übersehen? Wenn ich Pech hatte, waren die ganzen bisherigen Serien gefährdet. Ich überlegte angestrengt, auf meiner Unterlippe herumbeissend. Soll ich es dem Produktionsleiter melden, oder soll ich hoffen, dass es niemand merkt? Wenn ich es melde, kriege ich garantiert Ärger. Wenn nicht, kriege ich vielleicht keinen, vielleicht werde ich aber auch verklagt und nebenbei natürlich in hohem Bogen rausgeschmissen. Ich entschied mich dafür, es zu melden - denn wenn all die Kindermärchen stimmten, war das der beste Weg, um die Angelegenheit glimpflich abzuschliessen. So machte ich mich auf den Weg, widerstrebend meinen eigenen Strick knüpfend. Der Produktionsleiter reagierte wie erwartet und befahl mir mit ernster Miene, ihm die Teile zu zeigen. Ich präsentierte sie ihm unter dem Mikroskop und wartete, noch immer nervös auf meiner Lippe herumbeissend, ab. "Well, this is bad. Very bad", murmelte er vor sich hin, und ich schluckte leer. "I will report this to Mr Harper. You know that these are for medical purposes, right?" "...yes", antwortete ich vorsichtig. "Then you should also be aware, that the customer can sue us if there is anything wrong?" Er wirkte nicht wirklich wütend, viel eher schlich sich der Ansatz einer Art schadenfreudigen Lächelns in seine Mimik - wobei ich mir das vielleicht auch nur durch meine in den vergangenen Wochen allmählich keimende Abneigung gegen ihn einbildete. "...But it is only a little edge, it shouldn't reeeally make any difference for the final product", stellte ich, halb flehend, fest. "You obviously don't know how modern industry works. They don't care if it's relevant or not. They just take every opportunity to save money, and that of course makes perfect sense, from their perspective." Es erwies sich als offensichtlich unsinnig, sich herauszureden, also schwieg ich. Der Produktionsleiter marschierte davon, um Mr Harper die wundervollen Neuigkeiten zu überbringen. Ich stellte mich inzwischen vor die nächstbeste Maschine und studierte deren Programmdurchlauf - denn die auf dem Steuerungsbildschirm durchhuschenden Zahlen und Werte hatten etwas Beruhigendes. Irgendwann kam ich zu dem Schluss: wenn er mich diesmal nicht rausschmeisst, dann bin ich in der verdammten Hauptrolle eines kuriosen Amateur-Romans.
    _____

    Ich hörte nichts, über Wochen. Alles in der Produktionshalle ging seinen gewohnten Gang, keine ungewöhnlichen Sitzungen oder Gespräche. In den Büros dagegen war die Hölle los, vermutlich mitunter wegen der nahenden Weihnachtsferien. Als ich einmal neues Druckerpapier holen wollte, platzte ich geradewegs in eine erhitzte Diskussion, bei der aber zum Glück andere Teile das Thema waren, nicht mein Kantenbruch-Problem. Mr Harper stand mittendrin, und ich fand, dass sich in seinen mürrischen Ausdruck nun noch Müdigkeit eingemischt hatte. Er bemerkte mich zwangsläufig, weil ich das Papier am anderen Ende des Raums erreichen musste - obwohl ich mir Mühe gab, unauffällig der Wand entlang durchzuschlüpfen. Er sagte nichts, und ich war dankbar, das Papier schnappen zu können und diesmal ohne Kommentar davonzukommen. Aber es war eine Frage der Zeit, bis wir ein unangenehmes Gespräch führen würden - da war ich mir sicher.
    Am Morgen darauf fühlte ich mich durch und durch elend. Ich hatte kaum geschlafen (gerade mal drei Stunden) und war völlig ausgelaugt. Mit tiefgravierten Augenringen begab ich mich vor den Kaffeeautomaten (die Maschine, die von allen vermutlich am meisten produzieren musste). Mr Harper stellte sich, überraschenderweise, kurz darauf hinter mir an. Auch er wirkte wie immer freudlos und müde, aber dieses Mal schien ich ihn darin zu übertreffen. Das bemerkte sogar er selbst. "Good morning Miss Hayes. You seem a bit gloomy today." Ich seufzte ertappt und wusste nicht so recht, ob es okay war zu antworten; doch dann holte ich Luft und erklärte ihm, was mich bedrückte. "There's this TV show that I'm watching, and - holy shit, it's sooo good. I’ve been watching it all night. But now I have to wait for the next episode. There was a cliff-hanger in the last one, and I reeeeally wanna know what happens next... It's so cruel of them to make us wait this long! Don’t you think?" Mr Harper sah mich an, als hätte ich ihm gerade ein Bild von einem pinkfarbenen Nilpferd gezeigt. Ich erkannte, dass meine verzweifelte Begeisterung nicht übergeschwappt war. Ich zog mich mit einem leicht gezwungenen "well-then" zurück zu meiner Maschine. Er nahm sich ebenfalls seinen Becher und tat so, als wäre nichts gewesen. Danach begegnete ich ihm wieder eine ganze Weile nicht mehr.
    Veija gefällt das.
  6. Teil 2
    _ _______________________________________________________________________ _

    Endlich war der erste Arbeitstag gekommen. Ich hatte meine Messwerkzeuge sorgfältig geputzt und kontrolliert, und meine Stahlkappenschuhe ebenfalls ein wenig gepflegt. Die Arbeitskleidung würde ich von der Firma bekommen, das hatte man mir bereits mitgeteilt. Aber ich war unsicher, ob die Schuhe ebenfalls dazugehörten, also nahm ich sie zur Sicherheit mit. Als Transportmittel diente Ben‘s altes Fahrrad, das er mir freundlicherweise eigentlich ständig auslieh, weil er selbst immer den Bus nahm. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber ich fuhr auch einigermassen kriminell, weil ich so aufgeregt war. Ich stand zehn Minuten zu früh vor dem Eingang, da ich absolut sichergehen wollte. Bei mir wusste man schliesslich nie, was alles noch schiefging unterwegs. Glücklicherweise empfing mich schon nach kurzem Warten jemand, und zeigte mir meinen Garderobenschrank. Dann durfte ich tatsächlich neue Schuhe anprobieren, und auf meinem Arbeitsplatz lag sogar eine Holzkiste, auf der mein Name aufgeklebt war, und in deren Innerem sich ein Set komplett neuer, ebenfalls mit meinen Initialen beschrifteter Messwerkzeuge befand. Ich war wirklich sprachlos, denn in der alten Firma hatte ich diese Dinge alle selber kaufen müssen. Man erklärte mir auf meine Nachfrage hin, dass so die Qualität in der Produktion nicht aufgrund unterschiedlicher Messwerkzeuge mit variierenden Messfehlern gefährdet werde. Von Mr Harper sah ich an diesem Morgen keine Spur, aber das war mir noch so recht. Dafür lag, fein säuberlich gestapelt, ein erster Auftrag auf dem Tisch vor mir. Ich war sofort hellauf begeistert, dass man mir von Anfang an Verantwortung übergab und ich schon jetzt mehr machen durfte, als nur bereits laufende Grossserien zu prüfen. Die Zeichnung sah nicht allzu kompliziert aus, und man hatte mir eine detaillierte Anleitung für den Arbeitsablauf in der Firma beigelegt. Trotzdem kam ich mir zunächst ein bisschen verloren vor, in dieser riesigen Halle mit all den fremden Arbeitern. Ich wusste nicht genau, an wen ich mich wenden konnte, also fragte ich den nächstbesten. Ein Typ fortgeschrittenen Alters, mit blonden Haaren und Schnauz. Er erkannte gleich, dass ich „die Neue“ war, und zeigte mir bereitwillig alles Nötige. Da ich noch nie mit Maschinen dieses Herstellers gearbeitet hatte, brauchte ich einen Moment, bis ich mich zurechtfand. Zum Glück hatten selbst die verschiedensten Maschinensteuerungen unterschiedlicher Hersteller meist ähnliche Symbole und Knöpfe. Einmal mehr war ich froh, dass in meinem Job so vieles einheitlich und genormt war. Nachdem ich ein wenig mit der Bedienung der Maschine herumgespielt hatte, begann ich, das passende Programm für den Auftrag auf dem Computer in der Nähe zu suchen. Ich druckte mir alle wichtigen Dokumente aus und legte die Werkzeuge bereit. Dann begann ich mit dem Einrichten. Ich brauchte den ganzen Morgen dafür, weil ich mir alles Nötige zusammensuchen musste und machte nur kurz Mittag, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Man versicherte mir mehrfach, dass ich für diesen ersten Auftrag mehr als genug Zeit hatte, damit ich mich in aller Ruhe einleben konnte. Trotzdem wollte ich natürlich mein Können unter Beweis stellen. Sobald alle Spannzangen gewechselt und eingestellt, der Lader umgerüstet und die Werkzeuge montiert waren, überflog ich das Programm nochmal, dann übertrug ich es auf die Maschine und testete es Satz für Satz. Vorsichtig drehte ich an den Vorschubreglern, um schön langsam beobachten zu können, ob es irgendwo Probleme gab. Besonders wegen möglicher Kollisionen musste ich aufpassen, weil ich mit der Maschine ja noch nicht so vertraut war. Bis auf einen kleinen Fehler beim Stangenlader klappte alles. Stolz, dass ich offensichtlich auch mit mir unbekannten Maschinen immer noch klar kam, produzierte ich ein erstes Teil und passte dann noch die Offset-Korrekturwerte an, damit die Masse in den jeweiligen Toleranzen lagen. Trotzdem – um die Serienproduktion zu starten, war es mittlerweile schon zu spät. Ausserdem musste ich das Stück zuerst sowieso noch gegenprüfen und freigeben lassen. Ich beschloss, das auf den nächsten Tag zu schieben; ich lag ja bisher sehr gut in der Zeit. Als ich nach dem umziehen durch den Gang Richtung Parkhaus lief, wo Ben’s Fahrrad auf mich wartete, erhaschte ich einen Blick durch eine Glastür, hinter der wohl ein Konferenzraum oder so war. Mr Harper sass darin, an einem Tisch mit einer Handvoll anderer Herren, allesamt gekleidet in feinsten Anzügen; und er wirkte noch viel gelangweilter, als bei unserem ersten Treffen. Er starrte zurückgelehnt und mit verschränkten Armen auf die weisse Tischplatte vor sich, rollte dann einen kurzen Moment lang die Augen beiläufig zu mir, denn er hatte wohl die Bewegung meines Vorbeilaufens bemerkt – und wandte sich schliesslich wieder seinen Gesprächspartnern zu, als hätte ich ihn daran erinnert, dass er sich konzentrieren sollte. Ich war froh, dass er mich an diesem ersten Tag in Ruhe gelassen hatte und hoffte, dass es auch so weitergehen würde. Je weniger ich mit ihm zu tun hatte, desto weniger konnte ich negativ auffallen, oder mich über seine Art nerven.

    Zuhause gönnte ich mir ein Bad und backte zum Abendessen einen Apfelkuchen. Den übriggebliebenen Teil stellte ich mitten auf den Tisch, damit Ben ihn nicht übersah. Er hatte mir geschrieben, dass er heute spät nachhause komme, woraufhin ich ihn eingeladen hatte, einfach rein zu schleichen und sich ein Stück zu schnappen. Ich liess ihm die Türe offen, denn hier brach eh niemand ein (gab ja nix zu holen…) und auf ihn warten wollte ich nicht, weil ich für den zweiten Arbeitstag fit sein musste.
    _____

    Schon interessant. Dass es nie einfach gut laufen konnte, ohne irgendwelche Probleme? Ich wusste nicht wieso, aber ich ahnte sofort, wie es enden würde. Als ich nämlich in den folgenden Tagen wieder am Arbeitsplatz aufkreuzte, begegnete ich irgendwann einem bekannten Gesicht – einem, über das ich mich alles andere als freute. Es handelte sich um einen jungen Herren, der mit mir in der Mittelschule in eine Klasse gegangen war. Wir hatten nie viel miteinander zu tun gehabt, aber ich wusste etwas über ihn, das sich in einem Lebenslauf nicht besonders gut machen würde. Und er wusste, dass ich es wusste. Daniel „Danny“ Borke, der mit seinen Kumpels einmal nach der Schule ein Mädchen aus einer Parallelklasse verschleppt und unschöne spiele mit ihr gespielt hatte. Dummerweise war das Mädchen verliebt in ihn gewesen, und deshalb zu naiv, um zur Polizei zu gehen. Ich hatte zufällig mehr gesehen, als mir lieb gewesen war. Ich war bloss wiedermal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Auf einem Baum in unmittelbarer Nähe, um genau zu sein. Ich hatte mich dort oben nach der Schule vor einer dummen Kuh versteckt, der ich damals Geld für eine Packung Kaugummis schuldete. Das war das erste Mal gewesen, dass ich erleben durfte, wie sich Panik anfühlt. Denn wer weiss was passiert wäre, wenn mich die Jungs dort oben zwischen den Ästen gesehen hätten? Ich hatte jedenfalls dort ausgeharrt, die ganze Zeit hindurch. Jede Sekunde war schrecklich gewesen, aber am schrecklichsten fand ich noch heute die Tatsache, dass das Mädchen nie Anzeige erstattet, geschweige denn mit ihren Eltern darüber gesprochen hatte. Unfähig, die Sache einfach aus meinem jugendlichen Kopf zu verdrängen, hatte ich sie bei der nächstbesten Gelegenheit angesprochen und nachgehakt, wie es ihr gehe. Einer von Dannys Kumpels hatte offenbar von irgendwoher gelauscht und ihm gepetzt, dass ich mehr wusste, als mir guttat. Daraufhin hatte er mich mit allen Mitteln in den Dreck gezogen und vor den Lehrern bei jeder Gelegenheit als fantasierende Lügnerin dargestellt. Ich stellte ihn dafür ein paarmal vor den anderen Kids bloss oder spielte ihm sogar Rache-Streiche – in sowas war ich echt gut. Am Ende hatte er den Vorteil aber trotzdem auf seiner Seite. Die Lehrer mochten mich ohnehin nicht, also fiel es ihnen leicht, dem Musterschüler Danny zu glauben. Es war alles andere als einfach gewesen, unter diesen Umständen auch noch anständige Noten zu schreiben. Ich wusste gar nicht, was inzwischen aus dem Mädchen von damals geworden war, da ich nach Schulabschluss nie mehr etwas von ihr gehört hatte. Aber es interessierte mich auch nicht länger. Ich wollte nur mein eigenes, einfaches Leben führen; morgens aufstehen und zu Arbeit fahren, mittags etwas zwischen die Zähne bekommen, abends müde Nachhause zurückkehren und mich ins (hoffentlich weiche) Bett fallen lassen. Es schien wiedermal, als würde mir das partout nicht gegönnt. Danny war milde gesagt nicht sehr erfreut, als er erkannte, dass ich nun in derselben Firma Arbeitete wie er. Er mochte mich sowieso nicht, und zusätzlich sah er in mir eine Art Damoklesschwert, eine Bedrohung für seinen guten Ruf. Er versuchte folglich, mir auf äusserst dezente Weise klarzumachen, dass ich in seinem Territorium nicht erwünscht war. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte, als die Masse der Teile, die meine Maschine zuvor so zuverlässig produziert hatte, plötzlich hinten und vorne nicht mehr stimmten. „Shit, what’s wrong now?!“, redete ich erschrocken mit mir selbst, und überprüfte die Offset-Werte. Gähnende Leere. „Hey Tom, did you see anyone mess with my machine? My offset has been deleted!” Mein ‘Arbeitsnachbar’, der mir am ersten Tag geholfen hatte, zuckte mit den Schultern. „Nay, didn’t see nothing, Miss. Maybe you pressed a wrong button?“ Die Antwort war nicht gerade zufriedenstellend, aber da ich die Möglichkeit, aufgrund meiner Unerfahrenheit mit dieser Maschine, nicht ausschliessen konnte, machte ich eben seufzend weiter, ohne mir mehr dabei zu denken. Aber von diesem Augenblick an häuften sich seltsame Fehlermeldungen und Maschinenstopps. Mich piekte der Gedanke daran, was für einen Eindruck von Unfähigkeit das auf die anderen Arbeiter und meine Vorgesetzten machen musste. Es ging sogar so weit, dass meine Messmittel zeitweise verschwanden und mir einmal von Mr Harper mein Messschieber gebracht wurde, der offenbar irgendwie seinen Weg in die Herrentoilette gefunden hatte. Das war das erste Mal seit meinem ersten Tag gewesen, dass ich meinen Boss gesehen hatte. Sein stirnrunzelnder, verurteilender Blick war eines der unangenehmsten Erlebnisse meiner gesamten bisherigen Arbeitskarriere gewesen. „Miss Hayes. I have no Idea, whether someone wants to play a tasteless prank on you, or you in fact like to leave your belongings in unfortunate places. But I recommend you to take better care of the tools we are providing for you.” Meine Ohren waren heiss und ich musste mich zurückhalten, um höflich zu bleiben und ein halbwegs normales “Okay”, herauszubekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich längst die Vermutung, dass Danny hinter all dem stecken musste. Ich begegnete ihm zwar äusserst selten, aber wenn, dann schenkte er mir bloss kalte, drohende Blicke. Wie ich mitbekommen hatte, arbeitete er schon eine ganze Weile hier und war, wie schon in der Schule damals, recht beliebt – das machte es für mich schwierig, ihm irgendwas anzuhängen. Das Ganze war lächerlich und kindisch. Natürlich wären wir garantiert keine Freunde geworden, aber ich für meinen Teil hätte ihn vollkommen in Ruhe gelassen und mich nicht in seine Angelegenheiten eingemischt. Er schien jedoch unglaublich nachtragend zu sein und mich ernsthaft zu verachten. Wenn sie doch nur wüssten, was für eine falsche Schlange er ist… Der einzige Weg, wie ich meine Ehre und meinen guten Ruf in der Firma wieder herstellen konnte war, Beweise für Danny‘s Spielchen aufzutreiben. Das erste, was mir in den Sinn kam, waren Videoaufnahmen. Leider gab es keine Überwachungskameras in der Halle, und ich vermutete, dass Filmen und Fotografieren verboten sein musste – das stand bestimmt in der langweiligen Hausordnung, die ich am ersten Tag nur rasch überflogen hatte. Aber es gab da so einen schönen Metall-Dachträger in nächster Nähe zu meiner Maschine, der sich für eine versteckte Kamera perfekt eignete. Ich überlegte einige Tage hin und her, ob sich die Aktion lohnen würde. Am Ende traute ich mich aber doch nicht, denn bei meinem Glück hätte das bestimmt wieder in einem Desaster für mich geendet. Es vergingen weitere Tage, sogar Wochen, während denen ich mir Danny‘s Machenschaften gefallen lassen musste, ohne etwas unternehmen zu können. Doch dann machte er einen entscheidenden Fehler, indem er meinen Einfallsreichtum unterschätzte. Ich hatte nämlich inzwischen ein für alle Mal genug von dem Theater gehabt und beschlossen, ihm eine Falle zu stellen. Alles, was ich dafür brauchte, war eine CD und ein kleines Wundermittel, genannt „Clue-Spray“. Letzteres fand ich nach kurzer Suche im Internet – ein fluoreszierendes, bei normalem Licht unsichtbares Spray, um Langfinger einzufärben. Angesichts des Preises für ein Fläschchen schluckte ich zwar zweimal leer, aber das war es mir am Ende wert. Der Zeitpunkt für mein Vorhaben war mehr als perfekt, weil nämlich vor kurzem eine neue Maschine ganz in der Nähe meines Arbeitsplatzes aufgestellt worden war, die ich später auch hin und wieder bedienen würde, und die im Moment gerade eingerichtet wurde. Die nächsten paar Tage, während ich auf das vielversprechende Päckchen wartete, hatte ich stets ein leicht triumphierendes Grinsen im Gesicht, das sogar meinem Maschinennachbar Tom kalte Schauer den Rücken runter laufen liess – so sah er mich jedenfalls jeweils an. Als der Spray endlich in meinem Briefkasten angelangt war, konnte mein Masterplan beginnen. Ich beschriftete die ominöse CD sorgfältig mit der Aufschrift „Machine Data“. In der Tat waren darauf wichtige System Einstellungen für die neue Maschine gespeichert, die ich archivieren sollte. Entsprechend ergänzte ich auch die Nummer dieser Maschine auf der CD. Doch anstatt sie sofort zu bei anderen CDs im Schrank sicher zu verstauen, bewahrte ich sie noch etwas länger in einer Schublade auf. Als nächstes plauderte ich ausgelassen mit Angelo über die Maschine und deren Instandsetzung. Natürlich nur, wie es sich gehörte, im Pausenraum, und immerzu unter den wachsamen Ohren von Danny, der jeweils etwas entfernt sass und mit anderen plauderte, oder ein Sandwich ass. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht mit Sicherheit, ob mein Plan überhaupt aufgehen würde. Aber der Versuch war absolut idiotensicher und hatte keine unangenehmen Konsequenzen für mich, falls er nicht klappen sollte. Als ich sicher war, dass Danny genug mitbekommen hatte, legte ich die CD fein säuberlich mit dem Spray präpariert auf den Tisch in der Nähe der Maschine. Ich klebte ein Post-It mit meinem Namen darauf, damit jeder wusste, dass die CD von mir war und einfach dort liegengelassen werden sollte. Dann zog ich mich zurück, den werdenden Tatort stets im Augenwinkel beobachtend. Die (ebenfalls nicht ganz günstige) Blaulicht-Taschenlampe hatte ich auch schon in meine Werkzeugkiste verstaut, damit sie bereit für ihren Einsatz war. Zugegeben – ich hegte meine Zweifel, ob ich mit dem Konter nicht zu weit ging und mich gar auf dasselbe, kindische Niveau herunterliess. Aber irgendwas musste ich ja tun, und auch wenn meine Einfälle nicht immer die klügsten waren, so war ich wenigstens kreativ. Am Mittag stellte ich sicher, dass Danny schon im Pausenraum unten war, als ich ging. Ich schlang mein Essen herunter und stempelte mich so garantiert vor ihm wieder ein. Trotz meiner Sorgfalt verpasste ich am Ende doch beinahe den entscheidenden Moment. Kurz nach dem Mittag rief mich nämlich der Produktionsleiter zu sich, mit dem Auftrag, im Materiallager nach einer bestimmten Stahlsorte zu suchen, da der eigentlich zuständige Typ noch nicht wieder aufgekreuzt war. Etwas widerwillig machte ich mich auf den Weg, denn von dort aus hatte ich die CD nicht im Blick. Ich fand die Materialstangen in Rekordzeit und hastete zurück, die ganze Zeit hoffend, dass Danny nicht ausgerechnet während meiner Abwesenheit zugeschlagen hatte. Gerade, als ich zwischen den Maschinen hervorschlich und der Tisch mit der CD wieder in mein Blickfeld kam, sah ich die Zielperson sich ihr nähern. Ich hielt inne und beobachtete gut versteckt hinter einem Stangenlader mit angehaltenem Atem – ich konnte mich vor freudiger Erwartung kaum zurückhalten. Mir entfuhr ein zischendes „yes!“ zwischen zusammengebissenen Zähnen, als Danny beiläufig nach der CD griff und sie einsteckte. Wusste ich doch, dass er nicht widerstehen kann. Was gibt es auch schöneres, als mich schusselig dastehen zu lassen, unter Verdacht, wiedermal wichtige Daten verlegt zu haben? Ich hatte gesehen, was ich sehen wollte. Nun musste ich nur noch Mr Harper informieren, und Danny nach frischer Tat überführen. Dummerweise war der Boss wie so oft inmitten einer wichtigen Sitzung und tauchte nicht vor vier Uhr auf. Ich erwischte ihn endlich, als er sich gerade mit einem der Bürolisten unterhielt. „…It was quite the investment, but I think it is going to be really fast. I’m excited to see it working.” Ich hatte keine Ahnung, worüber die beiden sprachen, und ich fühlte mich etwas fehl am Platz, als ich einfach dazu stiess, aber das war die letzte Chance, bevor Danny Nachhause gehen würde. „Mr Harper? May I talk to you for a second?“ “Miss Hayes. I hope it is important, for you to assault me like this”, und an den Bürolisten gewandt: “I’m sorry, we’ll go on about this another time.” “Sure. Good evening, Ryan.” Wow, sie scheinen sich gut zu kennen, überlegte ich beiläufig. „So?“, fragte Mr Harper ungeduldig. Ich stockte einen Moment, weil ich mir bis zu genau diesem Moment tatsächlich noch gar keine Gedanken gemacht hatte, wie ich ihm mit meinem Anliegen am besten gegenübertreten sollte – und welchen Eindruck das bei ihm hinterlassen könnte. Aber dafür war es jetzt definitiv zu spät, ich steckte bereits mit dem Hals in der Schlinge drin. Nach Worten ringend setzte ich an. „Well, there’s been a lot going wrong lately, you know…” “Yes, I do know. I’ve heard many complaints from Mr Finning.” “Yeah. About that. I can prove now, that it wasn’t all my fault.” Mr Harper‘s Augenbrauen hoben sich, sein Gesichtsausdruck sprach Bände. ‘One of those people again. Always trying to blame others. How cheap’, stand quer darüber geschrieben. Ich fuhr rasch fort. “Like I said, I’ve got prove. Today I placed a CD with data from the new Nakamura on one of the tables. I put my name on it and made sure it would not be mistaken for anything else, so there was no reason for anyone to take it. Yet, Danny grabbed it and hid it somewhere, to make me look silly again. He was also behind many of the other little incidents of the past few weeks. I was just never able to provide any evidence.” Mr Harper hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts, als ich innehielt. Nun kam der etwas sonderbarere Teil meiner Erklärung, und ich war besorgt über seine mögliche Reaktion. Nichts desto trotz berichtete ich weiter: „I put Clue-Spray, a fluorescent paint, all over that CD, as a trap. Because I knew he would try to humiliate me again. If I’m right, his Hands will glow when illuminated with this.” Ich zeigte ihm die Blaulicht-Lampe. “…You seem to not like Mr Borke much. Do you know him personally?” Etwas überrascht über die plötzliche Frage seinerseits antwortete ich zögernd “Yes. We went to the same school when we were in our teens.” “Did you have any sort of relationship?” “No – no!”, versicherte ich energisch. “So, did something else happen between the two of you that lead you to dislike him?” “Not between us, but he… Well, he was involved in some sort of… Misdoing, I guess?” “And what would that be?”, stocherte Mr Harper weiter. “Sir, I’m not sure if I should talk about that…”, wich ich aus. Es war ja nicht so, dass ich Danny schützen wollte oder so. Aber ich hatte mir geschworen, aus der Sache rauszubleiben, um mir nicht noch mehr Ärger aufzuhalsen. „You should tell me, if it’s important. Maybe you will be a bit relieved to hear that I am not very fond of Mr Borke either. Actually, I’m looking for a way to get rid of him.” Ich war etwas schockiert über seine plötzliche Offenheit, aber meine Neugier war natürlich auch geweckt. Was hat Danny angestellt, um Mr Harper zu vergraulen? Okay, nicht, dass das besonders schiwerig wäre… Aber trotzdem – der sonst so perfekte Danny? Die Frage liess sich wohl von meiner Mimik ableiten, denn Mr Harper erklärte gleich von selbst: „There is something fishy about this person. Whenever I talk to him, he seems to be secretly smiling and thinking lots of stuff that he wouldn’t say. His work isn’t that promising either. He is often late or even ill, but always seems to find an acceptable explanation. It’s kind of getting on my nerves. So, you said he was bullying you?” “I guess you could say that, yes.” “That’s enough for me. Would you be willing to answer questions on the topic, if necessary?” “Ah, sure…” “Alright. I’ll tend to it.” “Wait, what about the fluorescent paint?” “I don’t need to see it. Your word is enough.” “But…” Er wandte sich bereits zum Gehen. Na toll, dann hab ich den Mist umsonst gekauft? Na wenigstens hat es funktioniert… Irgendwie. Uneins, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte, begab ich mich zurück zu meinen Maschinen, und schliesslich Nachhause.
    Veija und adoptedfox gefällt das.
  7. Of Screws and Metal

    Teil 1
    _ ____________________________________________________________________ _

    Als ich klein war, habe ich einmal mit meinem Vater ferngesehen. Das war, bevor er mich und Mum im Stich gelassen hat, um sich mit einer ‚Arbeitskollegin‘ zu treffen. Es lief eine Doku über Tierärzte in Entwicklungsländern. Dad hat damals murrend weitergeschaltet, weil ihn solch verrückte Gutmenschen, wie er sie gerne nannte, langweilten. Doch ich hatte in den wenigen Sekunden einen Blick in eine Welt erhascht, die mich faszinierte und sich nach Abenteuer anhörte. Es war in diesem Moment, dass sich meine Zukunft vor meinem geistigen Auge entfaltete und ich mir sicher war:
    „That’s what I’m gonna be like!“

    Ich schmunzelte bei dem Gedanken, dass ich damals so naiv und verträumt gewesen war. Leider hatte ich gerade jede Menge Zeit, um mich an diese sorglosen Momente meines Lebens zu erinnern, denn die Maschine vor mir spuckte alle paar Sekunden silbern glänzende Teile aus, die ich dann messen und auf ein Brett stecken musste – den ganzen Morgen schon. Diese Arbeit war ziemlich trostlos für träumerische, kreative Denker wie mich. Aber so schien das Leben nun mal zu sein: Wie ein launischer Schachspieler, der alle paar Momente seinen Schlachtplan ändert und wieder eine Figur opfert. Vielleicht war dieser Weg auch einfach von Anfang an für mich bestimmt gewesen; vielleicht war ich einfach eine derjenigen, die als Kompensation für all die glücklichen, zufriedenen Menschen herhalten mussten. Irgendwer musste schliesslich die Drecksarbeit machen. Okay, ich meine ich kann froh sein, dass ich überhaupt einen Job und ein Einkommen habe. Mein Arbeitsvertrag ist zwar ziemlich einseitig und alles andere als fair, und der Lohn dürfte auch grosszügiger ausfallen, aber ich bin noch jung und habe mein ganzes Leben vor mir. Irgendwo musste ich ja anfangen, und auch wenn mein Job etwas langweilig ist, habe ich einige Entwicklungsmöglichkeiten. Mechaniker zu sein, ist zugegebenermassen nicht das Ende der Welt, das ginge noch viel schlimmer, tröstete ich mich selbst, und dachte dabei an die schäbigen Soaps und Reality Shows, die abends im TV liefen. Die sah ich mir manchmal ganz gerne an, um mein Selbstwertgefühl zu heben. Seufzend stützte ich mich auf dem Metallkorb auf, in dem die Steckbretter gestapelt wurden. Wie viele Teile habe ich diesen Morgen produziert? 1‘000? 2‘000? Ich weiss es nicht. Wenigstens läuft die Maschine. Als mein Boss um die Ecke kam, richtete ich mich rasch auf und tat so, als würde ich ein paar Korrekturen in die Maschine eintippen. Im Augenwinkel sah ich, dass er mich mit scharfem Blick beobachtete und danach zum Korb ging, um ein Teil herauszufischen. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte freundlich, aber er beachtete mich nicht weiter und kramte einen Messschieber aus seiner Hosentasche. Sein grauer Schnauz zuckte, als er die Masse überprüfte. „That’s complete waste. Again.“, stiess er nach einer Weile mit spöttischem Ton aus. Ungläubig sah ich auf die Digitalanzeige. „Impossible! I swear, I did check every peace up until now, and they were all perfect!“, rief ich aufgebracht. “Nonsense. All you ever do is dream and laze around. This is the third time this week, and I’m not gonna tolerate any more of it! I can’t afford to pay someone who only produces rubbish like that.” Mir klappte der Mund auf, und ich war einen Moment lang sprachlos. Mein Gehirn ratterte auf Hochtouren, um rettende Worte zu finden. „Sir, please. I think there must be something wrong with your calliper! And also, those incidents weren’t my fault entirely! I was really working hard to find the reason for the cooling problem, and I double checked the program prior to starting the machine, but someone messed with the coordinates for the screw tap and – “ “Enough! Pack your things, you needn’t come back here tomorrow.” Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war. Ich fühlte mich ziemlich geohrfeigt. Klar, ab und zu schweife ich etwas ab. Aber ich arbeite immer gründlich und schnell! Ich löste mich aus der Trance und überprüfte die Teile nochmal. Egal, wie viele ich in die Hand nahm und zwischen die geschliffenen Flächen des Schiebers klemmte – sie waren zweifellos in der Toleranz. Und der Schieber selbst musste auch richtig eingestellt sein, das überprüfte ich schliesslich jeden Morgen. Aber das nützte mir auch nichts. Wahrscheinlich muss er wieder irgendwo sparen, und ich bin wie immer die Dumme. Bisher waren es nur Lohnkürzungen, jetzt doch eine Kündigung. Und das erst noch per sofort. Ich bin selbst schuld, dass ich den Vertrag ohne ihn zu hinterfragen unterschrieben habe. Ich hätte ahnen müssen, dass das nicht lange hinhält. Demotiviert schmiss ich die Teile in meiner Hand zurück in den Korb und packte meine Messwerkzeuge, die Trinkflasche und meine Schlüssel in den beigen Beutel, in dem ich die Sachen immer transportierte. Ich warf einen Blick auf den ausziehbaren Spiegelstab, der noch auf dem Tisch neben der Maschine lag. Du warst immer so praktisch, mein kleiner Freund… Ach, das merkt eh keiner. Ich sah mich kurz um, dann steckte ich ihn ebenfalls in den Beutel, „serves you right“ murmelnd. Ich schlurfte zur Stempeluhr, meldete meinen Badge ab und knallte ihn unterwegs der Büro-Tussi von der Personalverwaltung vor die Nase, die nicht einmal von dem Dokument, über das sie sich beugte, aufsah. Ich meinte aber für den Bruchteil einer Sekunde ein selbstgefälliges Lächeln unterhalb ihrer grossen Brille zu erkennen. Wenigstens würde ich einige ätzende Leute hier bestimmt nicht vermissen. Ich konnte allgemein nicht besonders gut mit Leuten umgehen, hatten jedenfalls meine Lehrer früher immer behauptet. Mich kratzte das nicht, denn ich hatte mich daran gewöhnt, während der Arbeit nicht zu reden. Auch sonst mochte ich zum Beispiel abends meinen stillen Rückzugsort, die kleine Wohnung mitten in Birmingham, immer noch lieber als die belebten Strassen und Cafés. Da gab es nur noch mehr Leute, die entweder ein erfülltes Leben hatten und mich neidisch machten, oder allen Mitmenschen böse Blicke zuwarfen, weil sie selbst nichts erreicht hatten. Jeder hatte seine Probleme und Macken – mir reichten meine. Und die waren im Moment wieder erschlagend.

    Als ich die Tür zur Wohnung öffnete, fand ich einen Zettel, der darunter durchgeschoben worden war. War ja klar, dass du damit gerade jetzt kommst. Es war eine Zahlungsaufforderung meines Vermieters, was sonst. Ich warf sie genervt auf den Altpapierstapel und setzte mich mit einem Bier auf die Couch. Für einen Moment schloss ich die Augen und lauschte dem Geschimpfe der Nachbarn, die sich wohl wiedermal wegen einer Affäre in die Haare geraten waren. Das passierte bei denen öfter, als der Postbote mir Mahnungen brachte (an dieser Stelle lasse ich Raum für Interpretationen). Entnervt stöhnte ich und vergrub mein Gesicht im Kissen neben der Armlehne. Warum konnte ich in der Schule nicht einfach gute Noten machen, mit einem Stipendium an die Uni gehen und dann auf Forschungsreise irgendwo in Afrika glücklich an Malaria sterben? Stirbt man daran überhaupt noch heutzutage? Egal. Ein Freund mit wohlhabenden Eltern hätte mir auch schon gereicht. Oder wenigstens eine Stelle mit einem grosszügigen Vorgesetzten, der mir ein paar Hunderter mehr abdrückt. Mein Handy klingelte. Ich atmete tief ein, räusperte mich, und nahm ab. „Hi Mum! How are you? … Me? Yea, totally fine. … What? No, no, everything’s good over here. Except for Ben’s cooking – that is something, that’s never gonna improve. … Ah, so why’d you call? … What!? You should go see a doc! … No way you’re gonna be okay like that! … Yeah, I know it’s expensive - … Look, I’m gonna help you pay if it is something serious! Please Mum, promise me, ‘kay? … Love you, too.” Gerade als ich dachte, es würde nicht mehr besser werden. Ja, die Sache mit meiner Mutter… Seit Dad uns verlassen hatte, war sie einfach immer anfällig für Wehwehchen gewesen. Wenn in der Stadt irgendwo eine Grippe im Umlauf war, konnte man darauf wetten, dass es sie erwischte. Aber nun schien es sie mit etwas anderem, ernsterem erwischt zu haben. Ich machte mir sogar ausnahmsweise richtig Sorgen, denn sie hatte am Handy gar nicht gut geklungen. Und diesmal lag es gewiss nicht an den billigen made-in-China-Lautsprechern.
    _____

    Ich war auf der Couch eingenickt, und erst das laute Knurren meines Magens weckte mich. Es war bereits Abend, ich hatte also den restlichen Nachmittag verschlafen. Eine Schüssel Teigwarensalat diente mir als Mahlzeit, dazu ein Stück Brot, das sogar ziemlich frisch war. Es war ja nicht so, als hätte ich es nötig, mich noch mehr zu quälen. Kochen konnte ich erstaunlich gut, und das half mir, auch mit günstigen Zutaten anständiges Essen auf den Tisch zu bringen. Ganz im Gegensatz zu Ben, meinem bereits erwähnten Nachbarn. Er parasitierte von meinen Kochkünsten und ass oft bei mir, denn er selbst war ein hoffnungsloser Fall, der sonst wohl elendig verhungern würde (selbst mit Tiefkühlpizza…) und ich bekam so wenigstens das Quäntchen Gesellschaft, das mich davon abhielt, zu einer verrückten Tauben-Lady zu werden. Natürlich steuerte er auch seinen Anteil an Zutaten bei. Das erste Mal mit ihm ins Gespräch gekommen war ich, nachdem er seine Küche halb in Brand gesteckt hatte. Wo bleibt er eigentlich? Müsste längst hier seinBestimmt hat er wieder seine Schlüssel verloren und kommt nicht zur Haupttür rein. Ich öffnete das Küchenfenster und sah runter. Den Arm hatte er bereits in Richtung meiner Klingel ausgestreckt, als er beim Geräusch des sich öffnenden Fensters erschrocken hochsah. „Oh, ah… Could you please -“ „Yeah, right away.“ Augenrollend lief ich die Treppe runter, mich selbst für mein unglaublich verlässliches Bauchgefühl lobend, und öffnete ihm. Er entschuldigte sich für die Unannehmlichkeit und fürs zu spät kommen. Er war einer dieser Versagertypen, die einfach viel zu nett zu ihren Mitmenschen blieben, obwohl die sie schamlos ausnutzten. Deshalb war er auch hier gelandet, in diesem Viertel. Denn eigentlich hättest du Besseres verdient, Trottel, sagte ich innerlich, als ich ihn beim Herunterschlingen des Teigwarensalats beobachtete. Ich wusste, dass er früher gute Schulnoten gehabt haben musste (im Gegensatz zu mir), weil ich einmal, als er auf der Toilette gewesen war, in seinem Schreibtisch gestöbert hatte und dabei einen alten Aufsatz fand, der wirklich gut bewertet worden war. Er war von Beruf her Journalist, allerdings nur bei einer unbedeutenden Gratiszeitung. Jedenfalls tat er mir irgendwie leid, denn auch er zog das Unglück an, obwohl er keiner Fliege was zu leide tun konnte. Bei mir hatte es wenigstens etwas mit Karma zu tun, da war ich mir sicher.

    In dieser Nacht schlief ich unruhig. Ich war eigentlich ziemlich abgehärtet und liess mich durch nichts so schnell aus der Ruhe bringen, aber diesmal war es einfach ein bisschen viel auf einmal geworden. Die gefühlte halbe Nacht starrte ich daher an die Zimmerdecke und versuchte eine angenehme Schlafposition zu finden, was mir aber irgendwie nicht gelingen wollte. Vielleicht hätte ich am Nachmittag nicht so faul rumliegen sollen, überlegte ich.

    Der nächste Morgen kam mit dem erbarmungslosen Läuten meines Weckers, den ich im ganzen Trubel vom Vortag nicht abgestellt hatte. Zunächst drehte ich mich nach dem ausschalten mit einer gewissen Genugtuung einfach im Bett um und kuschelte mich wieder in die Decke ein; aber ich konnte nicht mehr einschlafen und bekam höchstens Hitzewallungen. Daher war ich auch an diesem Tag früh auf den Beinen. Nach dem Frühstück nutzte ich den Morgen, um Bewerbungen zu schreiben. Schliesslich konnte ich nicht einfach herumsitzen und nichts tun. Ich brauchte Geld, also musste ein neuer Job her. Ich war es von vorherigen Stellensuchen gewohnt, jede Menge Absagen zu bekommen, also schickte ich vorsorglich mehr als genug Bewerbungsschreiben herum. Ich machte mir nicht die Mühe, die Firmen vorher genauer anzusehen – das konnte ich schliesslich immer noch tun, falls ich eine positive Rückmeldung bekam. In den folgenden Tagen hörte ich erstmal überhaupt nichts, aber am fünften Tag kam tatsächlich eine erste Einladung zu einem Bewerbungsgespräch per Mail angeflattert. An besagtem Termin verbrachte ich eine gefühlte Stunde vor dem Spiegel, um dafür zu sorgen, dass ich professionell und seriös aussah. Eigentlich unnötig, es ist ja kein Büro- oder Servicejob. Aber sicher ist sicher. Ich war keine dieser aufgebrezelten Schönheiten, wie man sie in Magazinen sah. Als Mechanikerin hatte es auch keinen Sinn, sich grossartig zu bemühen: man musste ohnehin jeden Tag mit schmutzig grauen Händen und öligem Haar rechnen. Ich fand mich nicht hässlich, so war es nicht – nur eben nicht übermässig anziehend. Meine gewöhnlichen, mittelbraunen Haare, meine langweilig ebenfalls braunen Augen, die eher geringe Körpergrösse, der etwas dunklere Haut Ton, der mich aussehen liess, als käme ich gerade aus den Ferien in Mallorca (und bei dem ich mir nicht mehr sicher war, ob er nicht doch vom ständigen Schmieröl-Kontakt herrührte). Ich war kein Hingucker, niemand der auffiel. Aber vielleicht konnte ich trotzdem einen klitzekleinen Frauenbonus bei der Stellensuche erwirken? Wobei weiblicher Charme in meinem Job nicht immer unbedingt erfolgversprechend war. Das einzige, worauf ich ziemlich stolz war, waren meine Muskeln. Mein Körper war einigermassen durchtrainiert für den einer Frau, und das ohne Fitnessstudio-Besuche (die konnte ich mir eh nicht leisten). Ich trainierte jeden Tag selbstständig zuhause, oder während der Arbeit, wenn sich gerade eine Gelegenheit ergab. Es passierte auch oft, dass ich mich auf dem Heimweg spontan irgendwo dranhängte, um Klimmzüge zu machen; meistens musste der Kinderspielplatz zwei Strassen weiter herhalten. Man darf sich das nicht falsch vorstellen – ich war kein Bodybuilder oder so. Aber man sah doch, dass ich etwas mehr auf dem Kasten hatte als durchschnittliche Frauen. Ausserdem hatte ich als Teenager mal eine Phase gehabt, in der ich als Zeitungsträger etwas Taschengeld verdiente, damit ich Karate-Unterricht mit meiner damaligen Kollegin besuchen konnte. (Nach ein paar Jahren besiegte ich sie aber auf vernichtende Weise in einem Übungskampf, woraufhin sie mir, eingeschnappt, die Freundschaft kündete. Offenbar hatte ich ein gewisses Naturtalent was Kampfsportarten anging – und vermutlich auch, wenn es darum ging, Kündigungen zu erhalten.) Jedenfalls machte ich längst kein Karate mehr, kannte die Techniken und Bewegungen aber noch in- und auswendig. Das war manchmal ganz praktisch, wenn man sich in den abgelegeneren Quartieren der Stadt in einer schwierigen Situation befand.

    Das Bewerbungsgespräch war zwar kein Kampf gewesen, aber die Bilanz davon fühlte sich ziemlich genau so an, wie gerade unsanft auf den Boden gelegt worden zu sein. Der Typ war nicht einmal richtig auf meine Dokumente eingegangen, sondern hatte mir bloss gelangweilt ein paar Standardfragen gestellt und mich danach ziemlich direkt wieder vor die Türe gestellt. Auch bei den nächsten paar Gesprächen hatte ich nicht mehr Erfolg. „Tut uns Leid, wir suchen für das Rohmaterial-Lager eher Personen, die auch höhere körperliche Leistungen erbringen können.“ Arschlöcher. Warum wurde ich dann überhaupt eingeladen, wenn hier solche Vorurteile herrschen? Nur weil ich nicht so grossgewachsen bin, ugh. Das Busticket hätte ich mir auch sparen können. Selbst nach fast einem Monat hatte sich nichts an meiner Situation geändert, ausser, dass ich weitere Mahnungen bekommen hatte und mein Selbstwertgefühl so langsam im Eimer war. Ray Alvy Hayes, du bist vielleicht doch eine grössere Versagerin als du dachtest.
    _____

    Es war schliesslich ein ganzer Monat vergangen, als ich eine weitere Antwort bekam; dem Datum zufolge auf eine der ersten Bewerbungen, die ich überhaupt abgeschickt hatte. Da sonst im Mailordner seit Tagen gähnende Leere herrschte, klickte ich drauf und überflog den Inhalt. Es handelte sich erstaunlicherweise um eine weitere Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Ben rief von der Küche aus „Anything new?“ Ich sah mir die Website der Firma an. Die „Harper Tech Solutions“ schien eine sehr seriöse, saubere Aktiengesellschaft zu sein, die mehrere Firmenstandorte besass. Einer davon war hier in Birmingham, eigentlich also perfekt für mich. „Yeah, seems so. Tough I think it will be yet another failure. They look too damn posh to take someone like me…” “Try anyways. If you don’t try, you won’t know.” Dass ausgerechnet du immer solche Worte parat hast… Aber stimmt schon. Ich beschloss, mein Glück abermals zu versuchen. „But if I get rejected this time, I’ll look for a part time job at a supermarket or something like that. I’ve had enough of this shit.” “I’m sure it will work out. I have a good feeling, and you deserve to get a worthy job.” “Do I, huh?...”, murmelte ich nur, und schlürfte meinen mittlerweile kalten Tee fertig.

    Zwei Tage später stand ich vor dem Eingang der „Harper Tech Solutions, Birmingham“. Ich betrachtete mich ein letztes Mal in einer der Fensterscheiben. Diesmal war ich etwas gewagter gekleidet, denn die Firma schien in einer anderen Liga zu spielen, als meine bisherigen Anlaufstellen. Ich hatte also auf eine weisse Bluse und einen billigen, aber formellen Bleistiftrock gesetzt, und mich ausserdem in mein einziges Paar Absatzschuhe gezwungen. Es hatte zwar Überwindung gekostet, aber wenn ich dafür einen besseren ersten Eindruck hinterlassen konnte, war es das wert. Ich meldete mich im Büro der Firma und wurde in ein leeres Sitzungszimmer geführt. Die Wände waren schneeweiss, die Stühle sahen schick aber unbequem aus, und die Topfpflanze in der Ecke war bei genauerer Betrachtung aus Plastik, was aber nichts daran änderte, dass sie dem Raum ein gewaltiges Stück mehr Leben einhauchte. Mich fröstelte es irgendwie, obwohl es eigentlich nicht kalt sein konnte, denn draussen herrschten Temperaturen um die 26 Grad, und ich hörte nirgends eine Klimaanlage. Nach einer gefühlten Ewigkeit, betrat ein junger Herr das Zimmer. Er trug einen Anzug und sah ziemlich wichtig aus, aber ich schätzte, dass er wieder nur ein Bürolist sein musste, der dazu verdonnert worden war, die Bewerbungen zu bearbeiten. Diese Interpretation wurde auch durch seine abgebrüht wirkende Mimik gestärkt. Da ich bisher mit solch halbherzigen Angestellten in Gesprächen kein Glück gehabt hatte, ging ich sogleich all-in. „Good day Sir, could you perhaps tell Mr Harper, that I would like to talk to him personally, if anyhow possible? I wouldn’t mind to wait for a bit longer, if he’s busy.“ Er runzelte die Stirn und blinzelte erstaunt, dann antwortete er mit kritischer Stimme “Mr Harper is standing right before you. Miss Ray Hayes, I presume? Did you perhaps not even take the effort of researching about our company? You’re the first to not immediately recognise me.“ Shoot! What a great way to start this… “Uhh, no, I really did! I must have overseen your picture, tough…” Und ist der nicht viel zu jung für eine Chefposition? Er kann kaum älter sein als ich! „However. What brings you here, Miss Hayes?“ Ich starrte ihn ungläubig an. “I’m here for the job interview, of course?...” “What, like this?”, meinte er spöttisch, und deutete auf meine Schuhe. „We are looking for a mechanic, not a new coffee fetcher.” Okay, das war’s. “I just thought… I normally don’t dress like this, Sir, I just wanted to leave a good first impression”, war mein Rettungsversuch. “Well, you kind of missed your goal.” Ah, so viel zu ‘den Finger in die Wunde stecken’. “Why would we hire someone like you? And why would we want to hire a woman for the job? I really can’t see why my secretary even invited you”, verkündete er mit gelangweiltem Unterton, wobei er das Wort ‘Secretary’ betonte. Ich wusste einen Moment lang nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Was für ein Ekelpaket von einem Chef. Doch dann wurde mir bewusst, dass das womöglich meine letzte Chance war, und er mich zu testen schien. Ich legte mir die folgenden Worte sorgfältiger zurecht als die letzten paar. “Because I work precise and have an eye for small details, I am creative and can come up with interesting new ideas – and I’m pretty good with multitasking, too.” Er musterte mich skeptisch. Weil ich das Gefühl hatte, dass es ihm noch nicht reichte, fügte ich rasch an “I’m also very good at improvising. And I don’t give up easily, since I had to work hard for every little success in my life.“ “So what will you do, if I tell you to leave right now?” Ich öffnete den Mund und atmete ein, brauchte aber noch einen Moment, um die passende Antwort zu finden. “I will try to persuade you, that it would be a mistake to let me go.“ “That so.”, meinte er trocken. Er wandte sich ab und lief zur Tür. Ich klemmte meine Lippen zusammen, mich bereits mit dem Gedanken anfreundend, den ganzen Tag an einer Supermarktkasse zu stehen, oder sogar Toiletten zu putzen. Doch dann sagte er mit einem Blick über die Schulter „Please follow me, Miss Hayes. I will show you around for a bit.“ Ich konnte es kaum fassen. Hat er das jetzt gerade echt gesagt? Ah, aber freu dich nicht zu früh Ray – das war noch lange keine Zusage… Ich folgte ihm, so zügig es meine Schuhe zuliessen. Ich konnte nicht besonders gut darin laufen, weil ich mir flache Schuhe gewohnt war, und die Absätze nur einmal, an der Hochzeit meines Onkels, nach den Überredungskünsten meiner Cousine, gebraucht hatte. Wir betraten die Produktionshalle, und ich zog die Augenbrauen hoch. Die Halle war riesig! Und ich hatte wohl noch nie so viele hochwertige CNC-Maschinen auf einem Haufen gesehen. Alles schien ziemlich neu und sauber zu sein, man fand kaum Späne auf dem grauen Fussboden. Als wir an den Maschinen vorbeiliefen, fragte ich deshalb bewundernd, wann denn die Firma gegründet worden sei. Mr Harper antwortete knapp: „So you really didn’t research much. It was 1992.” Ich schwieg beschämt und beschloss, vorläufig den Mund zu halten, während er mir die Fräs-Abteilung und ein paar teuer aussehende Roboter zeigte. Wär schon verdammt cool, hier zu arbeiten, stellte ich sehnsüchtig fest. Dann, mit einem Seitenblick auf Mr Harper’s mürrisches Gesicht: AndererseitsMit dem Typ als Boss? Vermutlich will er mit der Führung eh nur Anstand zeigen und mich nicht gleich mit einem Arschtritt loswerden, weil ihn das in schlechtes Licht rücken würde. Aber warum werde ich das Gefühl dann nicht los, dass er nicht gerade der Typ ist, der sich um Anstand schert? Ich meine, mit der Visage, die er unverblümt vor Fremden aufsetzt… Wir endeten die Führung im Rohmateriallager und kehrten danach ins Sitzungszimmer zurück. Diesmal setzte auch er sich hin, gegenüber von mir. „Well? How did you like it?“, fragte er ungeduldig, als ich nicht gleich den Mund öffnete. Ich gab mir Mühe, ernsthaft begeistert zu klingen. “It is fantastic! I would really love to work here, with any of these machines.” “So, you would say that you are not very picky?” Warte, worauf ist das jetzt bezogen? “The job we are offering is mainly about working with the CNC lathes. We postulate excellent programming skills and high stress resistance, since this is a demanding job. Our company is known for precision and reliability, so we do not tolerate any trouble makers or unmotivated people.” “That is no problem, Sir.” “Even if you would have to spend extra hours in the evening on Sundays, to warm up the Machines?”, fragte er herausfordernd. “…Yes, Sir.” “Fine. I will contact you, as soon as we have evaluated the other candidates.” Er stand auf und öffnete die Tür für mich. Ich verabschiedete mich, unsicher lächelnd, und trat raus an die frische Luft. Phu, das war was. Aber am Ende sah es gar nicht sooo schlecht für mich aus, oder? Jedenfalls habe ich nicht gleich eine Absage erhalten, wie die letzten Male. Zuhause wartete Ben auf mich, und fragte sofort „How did it go?“ Ich spannte ihn einen Moment auf die Folter, dann lächelte ich und meinte: „I pretty much fucked up, but I still might have a tiny chance this time. Though I’m glad it’s over for now. That guy was kind of a pain in the ass.” “That’s just what an ordinary boss should be like”, meinte Ben philosophisch.

    Zwei Wochen lang wartete ich angespannt auf einen Anruf, ein Mail oder gar einen Brief. Dann war es endlich so weit. „Ben, Ben!“ Ich war kurz davor, ihm die Tür einzurennen, als er verwundert öffnete. „I got it! I got the job!“, rief ich fassungslos, und er klopfte mir begeistert auf die Schulter. Ich konnte es wirklich kaum glauben – wie zur Hölle hatte ich so viel Glück verdient? Und das obwohl bei meinem Vorstellungsgespräch reichlich viel in die Hosen gegangen war. Vielleicht hatte Mr Harper das schon wieder vergessen? Er war ja bestimmt ziemlich beschäftigt, mit all den Angestellten und der Firma; da war es doch gut möglich, dass ihm das ein oder andere Detail mit der Zeit entfiel. Oder vielleicht hatte irgendeine Sekretärin das Aussortieren übernommen? Aber so sehr ich mich freute: mit der Zusage kamen auch die Sorgen. Ich war mir plötzlich doch nicht mehr sicher, ob ich dem was mir bevorstand wirklich gewachsen war. Innerlich hatte ich längst wieder mit einer Absage gerechnet und mir daher nicht viel dabei gedacht, als Mr Harper „high stress resistance“ und „reliability“ erwähnte. Ach was Ray, irgendwie packst du das schon. Schliesslich ist das der bestbezahlte Job, den du je hattest! Den werd‘ ich mir ganz bestimmt nicht durch die Finger gleiten lassen. Und das Geld hatte ich dringend nötig. Mum war immer noch nicht beim Arzt gewesen, obwohl sie es versprochen hatte. Und mein Vermieter wurde langsam unausstehlich. Ben hatte mir seine Hilfe angeboten, aber das konnte ich nicht annehmen, weil er selbst nur knapp genug für sich hatte. Nein, von jetzt an würde alles besser werden. Es musste besser werden.
    Waldvoegelchen, Veija und adoptedfox gefällt das.