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Alles, was im Leben eines Occus einen Blogeintrag wert ist
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  1. Teil 12
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    Am Renntag des Gold Cups in Ascot waren wir besonders früh unterwegs. Harper, Collins und ich hatten alle kein Bisschen Mühe mit dem Aufstehen. Harper war dennoch aus ganz anderen Gründen etwas "out of spirits". Er machte sich immer noch Gedanken darüber, wie sein alter Peiniger auf ihn reagieren würde. Ich hatte ihm mehrfach eingeredet, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab, aber die Erinnerung schien tief verankert und er betonte immer wieder, dass er den Typen einfach nicht mochte. Als wir schliesslich in Ascot ankamen, war von der unbeliebten Figur anscheinend noch keine Spur zu sehen. Harper blieb wachsam, seine Stimmung entspannte sich aber zunehmend und er verfiel wieder in sein gewohntes Muster. Wir machten Blacky startklar und führten ihn zum Warmlaufen an den Zuschauern vorbei. Es hatte heute besonders viele Leute, obwohl die Stimmung sonst wegen des kursierenden Virus noch angespannt war. Aber die Fans des Royal Ascot liessen sich davon nicht abschrecken. Collins half mir aufs Pferd. Blacky tänzelte ein wenig, sobald ich oben war. Nicht aus Nervosität, sondern aus purer Ungeduld. Ich streichelte ihn beschwichtigend. Als ich den Blick wieder nach vorne wandte, erkannte ich ein Gesicht wieder, das ich lange nicht mehr gesehen hatte. "Jimmy!" Der 'Gartenzwerg' sass auf einer hellbraunen Stute und plauderte mit deren Besitzer, wie ich vermutete. Er erkannte mich nach einem kurzen Zögern ebenfalls wieder, woraufhin sein Gesicht zugleich Erstaunen und Begeisterung zum Ausdruck brachte. Voller Neugier ritt er zu mir.

    "Ray, was it? So you decided to race after all."

    "Yes! And it was the best decision I ever made. Thank you so much for giving me the spark to do it back then in the pub."

    "That's great to hear, glad I was of help. Who are you riding for today?"

    Ich wollte gerade antworten, als Harper von der Absperrung her rief: "She is riding my horse."

    Jimmy runzelte die Stirn und sah Harper verdutzt an. "We know each other.", stellte Harper kühl und gefasst fest.

    "Yes... I believe we do. It's sure been a very long time, though."

    Die Anspannung in der Luft liess meine Nackenhaare kräuseln. Ich begann langsam zu verstehen. "Wait - that is HIM? The one we talked about?"

    Harper nickte langsam. Jimmy spürte offenbar, dass gerade sein Ruf in Gefahr geriet.

    "Ryan Harper. When we last met we were silly little boys! I can't believe how fast time passes."

    Harper murmelte etwas unverständliches, und ich überlegte, wie ich die Situation rechtzeitig entschärfen konnte. Ich entschloss mich, Jimmy ein wenig unter die Arme zu greifen. "Mr Harper told me the two of you went to the same school. A lot has changed since then, huh?"

    "Yes, - yes! Who would have thought we'd meet again like this. It's good to see you're doing well Ryan."

    Harper blieb ungerührt. "I would be lying if I said I was glad to meet you."

    "Oh please, Ryan! Can't we forget the past and talk like adults?"

    "You're implying that I don't talk like an adult."

    Ich stöhnte und schritt erneut ein, bevor es zu einem Unglück kommen konnte. "Harper, we have to get going. The race is starting soon."

    Zum Glück hörte er auf mich und kehrte zu Collins zurück. Ich wandte mich mit einem gequälten Lächeln von Jimmy ab und wünschte ihm einen guten Ritt. Gut, aber nicht siegreich, fügte ich innerlich mit einem schelmischen Lächeln an. Wir ritten zu den Startboxen, die Pferde wurden hineingeführt und dann warteten wir angespannt auf den Start. Jimmy und ich tauschten über die Hälse der anderen Pferde hinweg noch einen Blick aus, ehe die Tore aufsprangen und die Pferde durchstarteten. Blacky verpasste aus irgendeinem Grund den richtigen Moment und kam als letzter aus der Startmaschine. Ich kräuselte verärgert die Lippen - das war uns schon lange nicht mehr passiert, und jetzt musste es ausgerechnet vor Jimmy sein. Ich beschloss, nicht den Kopf zu verlieren und Blacky wie immer in seinem Grundtempo die erste Hälfte galoppieren zu lassen. Wir machten so zwar keine Plätze wett, aber er blieb frisch für den zweiten Teil des Rennens. Ich suchte eine Position nahe den Rails, um nicht unnötig mehr Weg zurücklegen zu müssen - ein weiterer entscheidender Faktor. Blacky schnaufte schön gleichmässig und seine Bewegungen fühlten sich kraftvoll an. Zufrieden verschaffte ich mir einen Überblick über das Feld, ehe ich nach der zweiten Kurve mit dem Aufholen begann. Ich schnalzte und pfiff ein paarmal; das reichte Blacky als Kommando völlig aus. Er streckte sich und rückte stetig näher an die Pferde vor uns. Ich kannte die meisten Pferde, die heute gegen uns antraten. Collins und ich hatten sie im Voraus genau unter die Lupe genommen, um ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Deshalb konnte ich mit ruhigem Gewissen meinen Plan verfolgen. Wir schlichen uns durch eine Lücke auf den zweitvordersten Platz und überholten das führende Paar schliesslich 200 Meter vor dem Ziel. Danach feuerte ich Blacky zwar weiter an, aber nicht mehr ausserordentlich, denn ich wollte keinen zu grossen Abstand provozieren. Das würde nämlich für zukünftige Handycaps nur unnötiges Gewicht bedeuten. Wir passierten die Ziellinie spielend. Ich liess Blacky locker ausgaloppieren und ritt schliesslich im Trab zum Bahnausgang. Der Fake-Braune schnaufte und schnaubte zufrieden ab. Er wollte den Hals nach unten strecken, aber ich hielt ihn noch einen Moment oben für die Fotos, ehe ich ohnehin aus dem Sattel hüpfte. Harper gratulierte uns vor stolz geradezu leuchtend und bot Blacky eine Karotte an. Ich erinnerte den Rennpferdebesitzer zur Sicherheit rasch daran, den Hengst die Karotte nicht zu hastig herunterschlingen zu lassen - nicht dass er sich durch die Aufregung verschluckte. Im Anschluss führte ich Blacky zum Auskühlen auf dem Gelände herum, ehe Collins mir half, ihn abzuduschen. Wir zogen ihm eine Abschwitzdecke zum Trocknen an und gingen dann mit ihm grasen. Ich traf erneut auf Jimmy, der sein Pferd ebenfalls fressen liess. "That was impressive. You two looked like you knew you'd win", lobte er, als ich näher kam. Ich lachte verlegen. "He is a strong horse. The best I've ever ridden. We won almost every race last year, and this season has started very promising as well."

    "I wish I had a horse like that. This one is as lazy as an old cat."

    Ich betrachtete die hellbraune Stute, die neben ihm Gras zupfte, und kommentierte neckisch: "Whether it is an Ace or just a King - you can win if you know how to play the game."

    "You've got a point. Maybe I should change industry and get myself a job as a mechanic. Who knows what hidden talents I could have", scherzte er. Wir lachten und plauderten ausgelassen.

    Als Black Powder Wars Fell trocken genug aussah, verabschiedete ich mich von Jimmy und brachte den Fake-Braunen zum Transporter. Collins sass in dessen Schatten auf seinem faltbaren Camping Stuhl und las eine Zeitung, Harper schien noch irgendwo herumzuwandern. Wir zogen Blacky die Transportgamaschen an, um seine wertvollen Beine zu schützen, und verluden ihn. Harper tauchte kurz darauf ebenfalls auf, sodass wir fahren konnten. Er schien auf dem Rückweg etwas wortkarg, sodass ich mich fragte, ob ich ihn wieder irgendwie unbewusst verärgert hatte. Beim Ausladen auf Pineforest Stable erschreckte sich Blacky, weil hinter einem der Parkierten Autos auf dem Parkplatz ein grau-roter Kater hervorschoss und quer über den Asphalt hastete. Der Hengst schnaufte laut hörbar und rollte unsicher die Augen. "Eh, silly! It's only a furball!", tadelte ich lachend, mit einem Seitenblick auf Harper. Der schmollte jedoch noch immer. Sobald Blacky in seiner Box stand und Collins sich verabschiedet hatte, sprach ich ihn darauf an. "What in the world happened, for you to be so grumpy again? We won a race today! And against Jimmy, of all people! I expected you to explode out of joy."

    "I know. It's nothing, just a bad mood."

    "Are you sure? I told you about my bad moods before, so feel free to do the same."

    "This is more... Complicated."

    "I refuse to believe that."

    "I don't even know if I am allowed to voice my dissatisfaction over something as ridiculous as this."

    "Ridiculous or not, if it is important enough to affect your mood that much, then it must be worth telling."

    "If you really want to know... I did not like the way you were talking with... that person."

    "Jimmy?"

    "Yes."

    Amüsiert gluckste ich. "You've been jealous?"

    "I don't know. Maybe. I guess."

    "What exactly made you upset about it?"

    "You looked happy and laughed a lot, despite the fact that your conversation had not much content to evoke such reaction."

    "Wait- you were eavesdropping!"

    "I merely happened to stand close."

    "I didn't see you, though. You could have joined in on the conversation any time."

    "I did not want to."

    "Then what the hell are you jealous about? If you choose to say nothing, of course no one is going to read your mind and reach out for you!"

    Ich war ein wenig aufgebracht - schliesslich hatte er sonst auch keine Mühe, das zu sagen was er dachte. Er schien nachdenklich. Ich stellte klar: "Look. Without Jimmy I wouldn't have had the guts to try and become a jockey. He led me onto this path. So you better be thankful towards him." Harper wirkte erstaunt. Ich erzählte ihm von dem Abend im Pub - selbstverständlich ohne die unnötigen Details. Als ich fertig war, schien er noch nachdenklicher, gab dann aber zu, dass Jimmys Existenz auch etwas Gutes an sich zu haben schien. "I didn't know he was capable of doing any good." "I didn't think you'd be capable of being a good boss, either."

    "So I am a good boss?"

    "Do bears bear?"

    "Well, back when Bruce Willis had hair..."

    "Let's just drop the topic now."

    Als wir zum Parkplatz liefen, hielt Harper plötzlich inne. "Can we go around that way?", fragte er, und deutete auf die andere Seite des Parkplatzes. Ich runzelte verwirrt die Stirn. "There is a lawn mower... Right there...", murmelte Harper verlegen. Tatsächlich war einer der Pfleger, Darren, gerade damit beschäftigt, den Rasen rund um den Parkplatz zu kürzen. Ich konnte nicht anders, als zu lachen. Harper machte ein ernstes Gesicht, weshalb ich mich sofort entschuldigte. Als wir über den Umweg beim Auto ankamen, meinte Harper etwas niedergeschlagen: "I'm the same as blacky, aren't I? We're both cowards..."

    "Nah, I don't think you're cowards. You are just both overly sensitive about certain things." Er betrachtete den Rasenmäher nachdenklich, der in sicherer Entfernung Halme zerhackte. "I will work on it. I will get better, I promise."

    "You don't owe me any promise. Besides, I think you're doing fine most of the time already. Of course you do have your flaws. But I have those as well, and as long as you can accept mine, I will tolerate yours - and as long as you pay me accordingly, that is." Er nickte lächelnd und ich stieg zufrieden ins Auto.



    Am nächsten Morgen wurde ich durch das Surren meines Smartphones geweckt. Ich versäumte es regelmässig, meine Nachrichten zu lesen, weil ich das nervige Ding immer auf lautlos gestellt liess. Es zeigte mir gleich drei Neue an. Erstaunt hob ich die Augenbrauen: so viel Aufmerksamkeit auf einmal? Die erste war von Mum; sie hatte schon gestern Abend geschrieben, um sich zu erkundigen, ob ich noch lebte, oder inzwischen am Virus krepiert war. Ausserdem schrieb sie, dass sie selbst eine kleine Erkältung habe, es ihr aber schon wieder besser gehe. Ooops... Ich beruhigte sie rasch mit ein paar Zeilen. Die zweite Nachricht brachte mich zum Stutzen. Sie war von einer mir unbekannten Nummer, und der Text so feindselig geschrieben, dass ich ihn zweimal lesen musste, um überhaupt zu verstehen, worum der Inhalt handelte. Und selbst danach blieb ich zutiefst verwirrt. Als es mir dämmerte, kam zur Verwirrung blanke Wut dazu. Die Person mit der fremden Nummer rügte mich dafür, dass ich Ben ein freizügiges Bild geschickt hätte, obwohl er eine Freundin habe. Mein Puls stieg. Was zur Hölle- Was soll das?? Er hat mich angelogen! Hat er das Bild immer noch? Offensichtlich, sonst hätte sie es nicht gesehen. Wer ist sie überhaupt? Er hat nie etwas erwähnt. Der kriegt was zu hören! Bevor ich ihm etwas Unschönes schreiben konnte, wurde ich durch erneutes Surren des Handys erinnert, zunächst noch die verbleibende, dritte Nachricht zu lesen. Sie war von einer ehemaligen Klassenkameradin, mit der ich eigentlich nie viel zu tun gehabt hatte.

    - Hey Ray... Wtf did u do? Someone just sent a strange picture of you in our party chat... I think it was Ben's girlfriend. I thought you oughta know...

    - I'm Sandy by the way, in case you don't recognise my number...

    Ich tippte mit zittrigen Händen.

    - Who is in this chat? Can you get them to delete it?? I'll try to explain later, I have to figure things out myself

    Während ich auf die Antwort wartete, überkam mich eine Welle von Selbstvorwürfen. Warum hast du das getan? Du wusstest, dass es dumm ist. Wie konntest du nur so naiv sein? Hast du inzwischen nicht oft genug gelernt, dass man niemandem trauen kann? Warum bist du überhaupt darauf eingegangen?

    - I will try... Some people of our old class, but most of the others don't know you.

    Zähneknirschend tippte ich meinen Dank und wählte dann Bens Nummer. Natürlich ohne Erfolg. Allerlei Szenarien wirrten durch meinen Kopf, wie es zu dieser idiotischen Situation hatte kommen können, und wie sie sich weiter entfalten würde. Tatsächlich bekam ich Kopfschmerzen, weil ich meine wütenden, frustrierten Emotionen im Zaum zu halten versuchte. Am Ende vergrub ich mein Gesicht erschöpft in meinen Armen auf dem Küchentisch, neben der unangetasteten Müslischüssel. Ich überlegte, ob ich es mir leisten konnte, den Tag einfach spontan frei zunehmen. Da ich aber befürchtete, dass ich die überflüssige Zeit nutzen könnte, um weitere Dummheiten zu begehen (zum Beispiel Bens Wohnort ausfindig zu machen und ihm einen Besuch mit ein paar rohen Eiern abzustatten), hielt ich es für vernünftiger, mich mit Arbeit abzulenken. Vielleicht konnte ich die unangenehme Sache einfach vergessen - so tun, als wäre es nie passiert. Aber ehrlichgesagt hatte ich Angst, fast schon Panik. Ich wollte nicht, dass meine ehemaligen Klassenkameraden das Bild sahen. Wenn sie es nicht schon längst gesehen hatten. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, was sie sich denken würden, wenn sie es sähen. Es war nicht so, dass ich viel Kontakt mit ihnen hatte, aber es störte mich zu wissen, dass jemand da draussen ein falsches Bild von mir hatte - und bei meinem Glück würde es bestimmt irgendwie immer wieder auf mich zurückfallen. Was geschehen ist, ist geschehen. Du kannst es nicht mehr rückgängig machen. Schadensbegrenzung ist das einzige, was jetzt zählt, sagte ich mir selbst. Den ganzen Vormittag war ich ruhelos und abwesend. Auch die Pferde merkten das, und sträubten sich nach Strich und Faden. Zum Glück war ich heute mehrheitlich auf mich allein gestellt, sodass mir wenigstens die Tiraden der Trainer erspart blieben. Nur einer war mal wieder zur falschen Zeit besonders pünktlich. "How was your day so far, Ray?" Ich meinte nur abwinkend "don't ask." Harper wirkte etwas enttäuscht, dass ich nicht mehr auf ihn einging. Er verfolgte mich das ganze Training hindurch auf Schritt und Tritt. Eigentlich hätte er an diesem Tag gar nicht im Stall sein sollen, aber ein Meeting mit einem Chinesischen Unternehmer war kurzfristig abgesagt worden wegen des Virus, wie er mir ungefragt erklärte. Daher sei ihm langweilig gewesen. Ich konzentrierte mich darauf, Blacky beisammen zu halten. Der Fake-Braune tänzelte und quiekte, in etwa so, wie ich mich innerlich fühlte. Collins zeigte sich mässig erfreut. Er liess uns Extrarunden traben, bevor wir auf die Bahn durften. Das machte Blacky nur noch ungeduldiger. Ich beeilte mich nach dem mässig erfolgreichen Training mit dem Versorgen des Hengstes, um nicht länger als nötig in Gespräche verwickelt zu werden. Am Nachmittag hatte ich keine Pferde zu bewegen, denn es war ohnehin zu warm. Ich hatte also jede Menge Zeit, mir Rachepläne auszudenken, von denen ich genau wusste, dass sie sowieso nie umgesetzt werden würden. Aber es war befriedigend sich vorzustellen, wie Ben zum Beispiel auf tonnenweise Spam-Mails reagieren würde. Ich kannte ja seine Mailadresse – ein oder zwei Anmeldungen für irgendwelche nervigen Newsletter waren eigentlich gar nicht so abwegig. Und wenn ich schon dabei war, konnten es doch auch gleich irgendwelche Pornoseiten sein, um seine bescheuerte Freundin etwas anzuheizen. Ich wurde einfach nicht schlau daraus, warum er das Bild nicht gelöscht hatte - und erst recht nicht, warum er es seine Freundin hatte sehen lassen. Mal abgesehen davon, dass sie damals ja wohl kaum schon seine Freundin gewesen war. Warum also das ganze Theater? Was geht es sie an, was er vor ihrer Beziehung getrieben hat? Er kann mir ja nicht verschwiegen haben, dass er eine Freundin hat… Oder? Sicher war ich mir mittlerweile nicht mehr. Meine Wut wurde immer mehr durch Enttäuschung und Trauer abgelöst. Wir waren so gut befreundet. Warum tut er mir das an? Ich wollte ihm einen Gefallen machen, und was habe ich jetzt davon? Es war besonders schmerzlich, dass ich ihn überhaupt nicht so eingeschätzt hatte. Ich dachte, du bist ehrlich und aufrichtig. Ich dachte, ich könne dir vertrauen, Idiot. Ich sah auf die Uhr. Vor den abendlichen Trainingsritten blieb noch Zeit, also beschloss ich, im Schwimmbad etwas Dampf abzulassen. Als ich aufstand, hielt ich inne und drehte mich zum Computer um - Wenigstens den Newsletter von Scientology hat er sich verdient. Das Klicken der Maus zauberte mir das erste Lächeln des Tages aufs Gesicht.



    Ich erreichte Ben erwarteterweise auch die folgenden Tage nicht. Die Klassenkameradin informierte mich, dass das Bild gelöscht sei und alle versprochen hätten, es nicht weiterzuverschicken. Sie versicherte mir, dass niemand aus dem Chat einen Groll gegen mich hegte, und die Person die das Bild verschickt hatte, offenbar Bens Freundin Julia, es ebenfalls gelöscht - und auch dafür gesorgt hätte, dass Ben es nie mehr zu Gesicht bekäme. Schadensbegrenzung. Ich war erleichtert, aber mein erschüttertes Vertrauen liess nicht zu, dass ich mich vollends entspannen konnte. Ich wechselte ein paar Textnachrichten mit Julia, wobei sich herausstellte, dass sie gar nicht so ein Biest war wie anfänglich angenommen. Sie Antwortete zwar trocken und knapp, aber als ich ihr meine Version der Geschichte geschildert hatte, schien sie ebenso enttäuscht über Ben wie ich selbst. Wie sich herausstellte, hatte er mir tatsächlich verschwiegen, dass er schon damals mit ihr zusammen gewesen war. Deshalb hatte er auch nicht mehr so viel Zeit gehabt. Ich versicherte Julia, dass ich keine Ahnung davon gehabt hatte und es zutiefst bereute, auf diesen dummen Gefallen eingegangen zu sein. Ich wunderte mich, ob sie ihn nun verlassen würde - aber die Frage verkniff ich mir vorsichtshalber. Seufzend lehnte ich mich zurück und starrte die Decke an. Was für ein Theater. An Klassentreffen gehe ich wohl zukünftig lieber nicht mehr… Der Gedanke stimmte mich mittlerweile halb so traurig wie man meinen könnte. Eigentlich war es mir doch ziemlich egal, ob ich die Leute jemals wiedersehen würde. Sie waren Teil meines alten Lebens, das ich dankend hinter mir gelassen hatte. Dieser kleine Skandal machte es mir nur noch leichter, mich davon zu lösen.

    Es regnete draussen, und es war auch bereits dunkel. Ich verspürte das seltsam dringliche Bedürfnis, eine Runde joggen zu gehen. Mein Körper wollte wohl den ganzen Stress abbauen, der sich aufgestaut hatte. Entschlossen zog ich meine Schuhe an, zögerte aber beim Griff nach der Regenjacke. Ich mochte es nicht, mit Regenjacke Sport zu treiben, weil ich darin immer viel zu sehr schwitzte. Mit einem Schulterzucken verzichtete ich auf sie - das bisschen Regen bringt mich auch nicht um. Ich lief in moderatem Tempo bis zum Park, dann packte mich plötzlich die Lust zu rennen. Ich rannte - ich wusste nicht wohin oder wie weit, aber ich rannte immer weiter, den Blick immerzu auf den Asphalt vor mir gerichtet, blind für alles andere. Irgendwann fand ich mich in einem hübschen Quartier am Stadtrand wieder, mit kurz geschnittenen Rasenflächen und fein säuberlich frisierten Büschen. Im Dunkeln sah man sonst nicht viel, aber die durch stilvolle Gartenleuchten bestrahlten Teile der Gärten sahen extrem "posh" aus. Ich stoppte und sammelte meinen Atem, die Hände auf die Oberschenkel stützend. Es regnete stärker als zuvor, und ich hatte nur eine vage Ahnung, wo ich hier gelandet sein könnte. Nach ein paar Sekunden richtete ich mich auf und versuchte, mich zu orientieren. Ich fühlte mich seltsam fit, obwohl ich vermutlich gerade durch die halbe Stadt gerannt war. Ich beschloss einfach in Richtung Innenstadt zu laufen, das war auf jeden Fall richtig. Ein Scheinwerfer blendete mich, als ich an eine Kreuzung kam. Es waren sonst kaum Autos unterwegs in diesen Quartierstrassen. Der Wagen hielt plötzlich neben mir, und gerade als die Scheibe runterging, fiel mir auf, dass ich den schwarzen BMW allzu gut kannte. "Ray! What are you doing here? Could it be… Did you come to visit me??"

    "Sorry to disappoint you Harper, but I was just out for a walk."

    "In this weather? And without any Jacket? Look at you, you're soaked! You're going to catch a cold."

    "I'll be fine. I'm heading home now."

    "Your apartment is pretty far away, if I recall correctly. I could take you there."

    "No tha-"

    Genau in diesem Moment donnerte es ohrenbetäubend laut und es begann so sehr zu schütten, dass ich das Gefühl hatte Hagel zu spüren. Harper rief durch den Lärm des Regenprasselns "hop in!", und ich beschloss spontan, dass es vielleicht nach doch keiner so schlechten Idee klang. Tropfnass kletterte ich in den BMW und entschuldigte mich wieder einmal dafür, den Sitz zu ruinieren. Harper zog seine Jacke aus und legte sie zwischen mich und den Sitz, über meine Schultern. "Perfect", stellte er zufrieden fest. Ich schenkte ihm ein augenrollendes Lächeln und schnallte mich an. "Do you mind if we just quickly drop by my place? I bought some popsicles that need to go into the fridge..." "No problem...?", versicherte ich, skeptisch stirnrunzelnd. Während der kurzen Fahrt erzählte er mir, dass er immer besonders Lust auf Eis bekam, wenn es draussen stürmte. Ich wunderte mich kaum noch darüber, immerhin war ich mir noch viel Seltsameres von ihm gewohnt. Und als er mir kurz darauf ein Eis anbot, musste ich zugeben, dass es gar nicht so verkehrt war. "There is one advantage to eating popsicles in cold weather, I guess. They don't melt as fast." "Exactly. But no one else seems to understand!" Wir sassen auf Harpers Terrasse, mit Blick auf den beleuchteten Pool und den perfekt geschnittenen Rasen. "So", fragte ich, während ich das Eis schleckte, "you're one of those guys who spend all saturday mowing?"

    "Nah. I told you I don’t like mowers. Besides, I don't have time for that. I have a robot." Er deutete auf eine Stelle an der Hauswand, wo ein Rasenmäh-Roboter parkiert war. Ich schlug mir symbolisch gegen die Stirn. "Of course. I could have figured."

    "Wouldn't you like to have a garden?"

    "Not really. It would be nice for Rask, but other than that it is just additional work", antwortete ich ehrlich. "The pool looks nice, though", fügte ich an.

    "You can use it if you like."

    "In this wheather?", lachte ich kopfschüttelnd.

    "Why not? You go for a walk without any Jacket in this weather, too. Might as well get yourself soaked this way."

    "Okay, you got me. But honestly, it's a little cold."

    "The pool can be heated", meinte Harper schulterzuckend. Ich starrte mit leerem Blick geradezu durch ihn hindurch. Natürlich hat er eine Heizung, was sonst. Ich überlegte es mir tatsächlich für einen winzigen Augenblick, verwarf die Versuchung dann aber entschieden. Stattdessen stand ich auf und schlenderte, das Eis noch immer in der Hand, durch Harpers Wohnzimmer. Es war modern eingerichtet, etwas leer und kalt für meinen Geschmack, aber sicherlich stilvoll. Nur etwas fehlte, was sonst in praktisch jedem Haushalt zu finden war. "Don't you have a TV?"

    "No.", antwortete Harper sofort. "I don't like to watch TV. I prefer to choose only what I want to watch, on my Computer."

    Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Die Küche, die ans Wohnzimmer angrenzte, war ebenfalls tadellos aufgeräumt. Sogar die Früchte in der Fruchtschale waren nach Farben geordnet. Offenbar ass Harper oft Früchte, denn die Schale war voll mit verschiedensten Sorten. Er war mir gefolgt und bemerkte offenbar meinen belustigten Blick, denn er verteidigte sich. "I like to make fruit-salad. It's the only dessert - other than popsicles - that I eat." Ich schmunzelte und bemerkte "sounds like a healthy lifestyle." Von meinem Eis war inzwischen nur noch der Stängel übrig, also sah ich ihn erwartungsvoll an, woraufhin er die Autoschlüssel holte. "Right. Let's leave."

    Als der BMW durch den Regen davonfuhr, drehte ich mich auf der Türmatte des Wohnblocks nochmal um und sah ihm hinterher. Schon witzig, wie wir uns immer begegnen, wenn ich alleine im Regen stehe, seufzte ich innerlich. Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Für den Moment fühlte sich mein Kopf leer an, und Müdigkeit überwältigte mich. Ich schleppte mich die Treppe hoch und möglichst leise, um meine Mitbewohnerinnen nicht zu stören, unter die warme Dusche; dann kroch ich direkt unter die Bettdecke. Es war eine lange Woche gewesen.



    Zwei Tage später, um beinahe dieselbe Uhrzeit, stand ich wie gewohnt in der Stallgasse in Pineforest bei Blacky. Ich verräumte den Fake-Braunen gerade, nach unserer Spätnachmittags-Spielrunde. Harper war zu Besuch - er und ich hatten gerade eine Meinungsverschiedenheit bezüglich der noch immer anhaltenden Schutzmassnahmen gegen das Virus, das die Welt und besonders die Wirtschaft noch immer durcheinanderbrachte. Ich war der Ansicht, dass das Theater übertrieben und so langsam durchgekaut war. Er hingegen fand, dass man weiterhin strikt bleiben müsse. Mein Smartphone unterbrach uns mit einer unbekannten Nummer. Harper trat geduldig einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. Ich nahm zögerlich ab. Unbekannte Nummern verhiessen meiner Erfahrung nach selten etwas Gutes. "Hello?"

    "Ms Hayes? I am calling from the hospital in London. I am afraid we have sad news for you. I am sorry to report that you mother Elisa passed away about an hour ago."

    Vom Regen in die Traufe kommen. Ich atmete gequält aus und liess mich an die Boxenwand hinter mir sacken. Harper machte eine bestürzte Geste, als wollte er mich auffangen, zog sich dann aber wieder zurück, als er sah dass ich stand. Ich biss die Zähne zusammen - war ja klar, dass das passiert..., schoss mir durch den Kopf, mein Hals fühlte sich zugeschnürt an. Harper beobachtete mich besorgt und sah mir dabei vermutlich zum ersten Mal seit ich ihn kannte freiwillig direkt in die Augen. Ich wünschte er hätte es nicht getan, denn die füllten sich gerade mit Salzwasser, als der Typ am Smartphone die weiteren Details durchgab. Normalerweise hätte ich gefasst reagiert, um später Zuhause alleine zu trauern. Aber der Stress der vergangenen Tage und das Überraschungsmoment dieser niederschmetternden Nachricht reichten, um mich in die Knie zu zwingen. Ich hörte kaum, was die Stimme am Telefon sagte, nur irgendwas von Lungenentzündung und geschwächtem Immunsystem. Mein einziger Gedanke war, warum gerade jetzt? Augenblicke später wandelte sich die Frage zu warum erst jetzt? Und ich stiess, etwas wütender als beabsichtigt, "why have I not been contacted earlier?" hervor.

    "A friend of your mother’s found her, already in a very bad condition. That person did not know your contact information. We had to do some research first." Sobald der Anruf beendet war, versuchte ich mich zu sammeln. Harpers überforderter Gesichtsausdruck kam in mein Blickfeld. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, murmelte er vorsichtig "is there anything I can do for you?" Offenbar hatte er genug mitgehört. Ich seufzte laut und biss die Zähne erneut zusammen, um mein letztes Bisschen Sarkasmus auszupacken. "Thank you, but for today I will tragically sob myself to sleep - alone." Harper wandte den Blick betreten zu Boden und half mir, Blacky in seine Box zu schaffen. Danach war mein einziges Ziel der Parkplatz, um so rasch wie möglich Nachhause zu entkommen. Harper rief meinen Namen, bevor ich einsteigen konnte. "Are you sure you are alright? I could drive you home if you..."

    "No."

    Ich hielt inne, dann seufzte ich - eine Entschuldigung war angebracht. "I'm sorry, thank you for caring, but I'll be okay. I just need some time..."

    "Call me if you need anything. I might not be good at communicating with people, but grief is an emotion even I can recognise. My mother taught me this-" Er machte unsicher einen Schritt auf mich zu und öffnete einladend die Arme. Ich sah ihn stirnrunzelnd an, dann liess ich mich darauf ein. Er hielt mich, etwas zaghaft und steif, aber tröstend. Ich konnte nicht anders, als ihn leise zu necken. "What became of social distancing?"

    "I am sure I would have the disease by now anyway, since you keep ignoring the rules and safety distances."

    "You're going to blame it on me?"

    "Only if I die."

    "You're not gonna care when you're dead, you big dummy."

    "True."

    Ich lächelte zart, und murmelte kaum hörbar "...Don't die, though."

    Harper zog den Kopf zurück. "Hmm?"

    "Nothing."

    "What did you say? I couldn't hear it."

    "Should clean your ears more frequently, huh."

    "I have excellent hearing abilities and clean ears. But you mumbled, it's unfair!"

    Ich zuckte mit den Schultern und verabschiedete mich definitiv. Er sah trotzig aus, als wollte er es nicht dabei belassen, gab dann aber vernünftigerweise auf und wandte sich ab. Für einen Moment hatte ich dank ihm tatsächlich alles vergessen und einfach nur zufrieden geatmet. Nun, da ich mich ins Auto setzte, holte mich aber alles langsam wieder ein. Ich fuhr auf direktestem Weg zur Wohnung und stellte ernüchtert fest, dass Kathy zuhause war. Aus dem einsamen in-Selbstmitleid-Schwelgen wurde also nichts. Stattdessen holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich vor den Fernseher, um mich abzulenken. Ich wollte ihn einschalten, stellte aber enttäuscht fest, dass er schwarz blieb. Die kleine rote Diode beim Bildschirm leuchtete, also waren die Kabel intakt. Ich sah mir die Fernbedienung genauer an. Mir kam der Gedanke, dass die Batterie leer sein könnte. Ich betrachtete die Schrauben beim Batteriefach und holte einen passenden Torx-Schraubenzieher aus meiner Werkzeugbox - nur um kurz darauf zu fluchen. "Crap! I thought I'd never have to endure this again! It's the nightmare of every mechanic!" Kathy kam näher und runzelte die Stirn. "A broken torx..."

    "Ughh, the struggle is real."

    Irgendwie schaffte ich es, die Schraube mit einer Pinzette zu lösen - das kostete mich ganze zehn Minuten vollster Konzentration, aber wenigstens war ich dadurch abgelenkt. Endlich konnte ich die Batterie tauschen und siehe da, der Fernseher ging wieder. Den Deckel klebte ich nur mit einem Stück Tape fest. "Hey, is that Audrey Hepburn?" Kathy setzte sich zu mir und lauschte interessiert der Doku; ich tat es ihr gleich. In der Werbepause fragte sie nebenbei "how was your day?" Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen grossen Schluck aus der Flasche. Sie sah mich an und hob die Augenbrauen. "That bad?" Ich schnaubte und überlegte, wie ich es ihr am besten erzählen sollte. Ich entschied mich für die kurze Variante. "My mom died." Kathys Gesicht nahm einen "oh-shit"-Ausdruck an. Sie suchte nach Worten um ihr Beileid auszudrücken. Ich bedankte mich und presste die Lippen zu einer schmalen Linie, den glasigen Blick auf den Fernseher fokussiert. Kathy stand nach einer Weile verkorksten Schweigens wieder auf, mit der Bemerkung "if you need anything, just tell me...", und verschwand auf den Balkon. Ich konnte es ihr nicht übel nehmen. Die Situation war mehr als unangenehm. Kurz darauf lehnte sie sich jedoch wieder rein und rief "Ray, come out and look at this." Ich erhob mich und schlurfte zu ihr, lustlos. Der Anblick der sich mir bot, liess den hartnäckigen Kloss in meinem Hals erneut anschwellen: Sonderbares, rosarotes Licht fiel auf die Hausdächer und Bäume. Der Himmel war durchzogen von tiefblauen Wolken auf einem etwas helleren Hintergrund, dazwischen mischten sich kitschig pinke Bänder - bei genauerem Hinsehen war es ein verschwommener Regenbogen am Horizont, der beinahe aussah wie ein Nordlicht. Im vorderen Bereich erkannte man noch schwach die Abstufungen der verschiedenen Farben. Ich hatte so etwas unglaublich Schönes noch nie zuvor gesehen, auch wenn es nicht meine erste Dämmerung war. Es schien so unwirklich, als hätte jemand einen Filter über einen Kinofilm gelegt. Ich stand einfach nur da und prägte mir das Bild ein, bis meine Sicht wieder verschwamm und ich mehrfach blinzeln musste, um überhaupt noch etwas zu sehen. Kathy legte ihren Arm um meine Schulter - etwas, was sie vorher noch nie getan hatte.



    Ich brauchte einige Tage, um wieder ganz ich selbst zu sein. Bei der Arbeit verzichtete ich auf den üblichen Small Talk, und ich legte mich jeweils früh ins Bett. Das hiess zwar nicht, dass ich mehr schlief als sonst, aber ich hatte einfach keine Lust, etwas Produktives zu tun. Nach Mums bescheidener kleiner Beerdigung fühlte ich mich etwas besser. Es gelang mir nun immerhin zu akzeptieren, dass sie weg war. Harper nahm Rücksicht auf meine Verfassung und beteuerte, dass ich es mit Blacky ruhig angehen solle. Mir war aber nach dem Gegenteil zumute; ich wollte schneller galoppieren als je zuvor und verhielt mich allgemein etwas draufgängerisch. Collins sah darin nichts Verkehrtes. Er stoppte jeweils mit einem zufriedenen Nicken die Uhr. Er war eben erfolgsorientiert und hinterfragte nichts, was unsere Leistung nicht reduzierte. Blacky schien andererseits auf mein Gemüt zu reagieren. Er quengelte mehr als zuvor, schüttelte ungeduldig den Kopf wenn ich ihn zurückhielt und wirkte manchmal mürrisch. Auf der Bahn war er ein richtiges Biest; bei einem Rennen in Liverpool hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ihn nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Er machte den Hals steif und reagierte weder auf Zurufen, noch auf Zügelparaden. Wir gewannen mit fünf Längen, aber mich beunruhigte das Verhalten des Hengstes. Auch Collins war diesmal nicht so euphorisch und wetterte über meine fehlende Einwirkung und Blackys wütenden Seitensprung, der wie ein misslungenes Manöver ausgesehen haben musste. Ich versuchte ihm zu erklären, dass der Hengst im Moment schwierig zu lenken sei, aber er wollte davon nichts wissen.

    Wir fuhren nach Black Powder Wars Einsatz nicht sofort nachhause, weil wir im Anschluss an das letzte Rennen des Tages ein Interview für eine Rennzeitung geben mussten. Sie wollten uns über unsere Pläne für die nächste Saison ausfragen. Harper und ich vertrieben uns die Zeit mit - wie könnte es anders sein - Wetten. Nur zum Spass, anfangs jedenfalls.

    "I say the black one, 'Fearcrow'. He is nicely built and clearly has airs - I like that", schlug ich herausfordernd vor.

    "No, I don't think so. Scarlet Sea has a better shoulder. And his Jockey is Francis Bettori - you know."

    "Let's see. If the black one wins, I get a bonus for August."

    "You want to play it that way. Alright. Then if I win, you have to accompany me to dinner with some Japanese investors, Tuesday night."

    "You won’t ever give up on that, will you? I don't speak Japanese, though. There's no use in bringing me along."

    "Doesn't matter, I'll do the talking. You just sit there and keep me company."

    Ich lächelte überlegen. "Well, I guess I got nothing to lose. After all, I will win the bet."

    Der Speaker verkündete das berüchtigte "...and they're off." Wir sahen gespannt zu, wobei mein Blick zwischendurch kurz zu Harper wanderte. Ich wusste nicht so recht, was er sich davon versprach, mich mit zu einem Investorenessen zu nehmen. Herauszufinden brauchte ich es nicht; er verlor die Wette selbstverständlich. "Unfair. It's your job to look out for promising horses. Of course you'd win." Ich streckte die Zunge raus. “Told ya.” Er blieb unbeeindruckt, wirkte aber dennoch ein klein wenig eingeschnappt.

    "Just you wait. I'll get it right next time."

    "I'll tell the horses to consider and respect your pick."

    Er verschränkte die Arme. "You're making fun of me again. Think I can't spot a winner like you do?"

    "Do fools fool? No. They get fooled."

    "They also fool around though."

    "Don't even try, Ryan. You know that I always win."

    „At least you also win for me.“

    Belustigt machte ich mich auf den Weg, um beim Transporter nach Blacky und Collins zu sehen, Harper folgte mit etwas Abstand. Collins sass wie üblich im Schatten des Anhängers, ein Magazin lesend. Er sah nicht mal auf, als wir uns vor ihm aufstellten.

    "Still pissed?"

    "You've embarrassed me in front of all the other high-class trainers. Of course I'm pissed."

    "I'll get us some coffee, maybe that will brighten your mood. You're not yourself without your caffeine."

    "Feel free."

    "You want some coffee too Harper?"

    "I'll come along."

    Wenig später schlenderten wir mit dem begehrten Gebräu in den Händen zwischen den Ställen hindurch abermals in Richtung Transporter zurück. "Uh oh, Jimmy is here today as well", stellte ich fest, als ich den Hengst „Apollo Nine“ im Vorbeigehen erkannte. Harpers Miene verdüsterte sich augenblicklich. Ich seufzte augenrollend und lief zügig weiter, aber Jimmy kam in diesem Moment hinter einem Wagen hervor und rief meinen Namen. Ich stoppte und wandte mich ihm zu - etwas zu abrupt für Harper, der mit dem Kaffee an mir vorbeistolperte und dabei einen Teil über meinen Ärmel schüttete. Erschrocken, weil der Inhalt des Bechers auch noch heiss war, fluchte ich und sah Harper entrüsteter als gewollt an. "Everything alright?", fragte Jimmy. "Yeah. But I need to go and wash this out, before my silks get stained." Ich machte eine Handbewegung zum Abschied und verschwand im nächstbesten Gebäude, um einen Wasserhahn aufzusuchen. Harper wartete draussen auf mich, mit betretenem Ausdruck; wie bei einem Hund, der gerade gerügt worden war.

    "I'm sorry..."

    "Nice to meet you, Sorry. I'm Ray."

    "I'm trying to be serious!"

    Ich gluckste amüsiert. "I thought you were Sorry?"

    "Now you're making me mad."

    "Do you now have schizophrenia, too?"

    "Fine, have it your way."

    Er war kurz davor, wütend davonzustolzieren. "Ryan! It's okay. I forgave you already. It didn't even leave a mark, see?" Ich zeigte ihm den Ärmel und lächelte beschwichtigend. "Besides", fügte ich hinzu, "it was a nice excuse to avoid Jimmy, wasn't it." Ich meinte ein wenig Verlegenheit in seiner Reaktion zu erkennen. Wir beendeten unsere Mission, indem wir Collins seinen Kaffee endlich überbrachten. "Hey, it is half empty! And cold as well!", motzte er, aber wir lachten nur.

    Im Anschluss an das Interview brachten wir Blacky nachhause und trafen uns anschliessend seit langem wiedermal mit Maddie und ein paar von Collins' Trainerkollegen in einem Pub, um den heutigen Sieg zu feiern. Das war vollkommen okay, weil wir die maximale Personenanzahl nicht überschritten und uns im Vorfeld beim Pub Inhaber angekündigt hatten. Harper musste ich wie immer regelrecht mitzerren - er war kein Fan von öffentlichen Saufgelagen, woran er mich immer wieder erinnerte. Ich musste ihm versprechen, dass es nicht ausarten würde; was ich unter Vorbehalt tat. Die übrigen hatten nämlich etwas andere Pläne: es endete damit, dass jeder eine Runde ausgeben und jeweils eine Ansprache dazu halten musste. Maddie sprach in ihrer Runde: "To the remarkably soft mud in Ascot - may it treat my bones gently in the future as well", in Anlehung an ihren kürzlichen Sturz bei einem Qualifikationsrennen, im Regen. Ich hob mein Glas wenig später. "May the next funeral I'll have to attend be my own." Harper und die anderen sahen mich entgeistert an. Ich blinzelte amüsiert in die Runde. "No, no - don't get me wrong. I merely wished a long and healthy life to all of you!" Erleichtertes Seufzen erklang und wir lachten herzhaft.



    Ein Unglück kommt leider selten allein. Und bei mir schien es eine ganze Horde mitgebracht zu haben. Es passierte knapp einen Monat nach dem Tod meiner Mutter, an einem sonnigen Samstagmorgen. Es lag eine Spur von Herbst in der Luft, und eigentlich hätte ich den Vormittag gerne mit einem ausgiebigen Spaziergang mit Rask abgeschlossen. Der Rüde, der sonst kaum zu bremsen war, lag jedoch apathisch auf dem Teppich und hechelte. Besorgt sah ich ihn mir genauer an, denn etwas stimmte definitiv nicht. "What is it boy? Don't you dare die on me, too", murmelte ich. Zur Sicherheit versuchte ich bei ihm Fieber zu messen, aber seine Temperatur schien normal. Dennoch beschloss ich, ihn zum Tierarzt zu bringen - möglichst bald. Ich rief an, um einen Termin zu vereinbaren. Jedoch war erst für den Nächsten Tag etwas frei, es sei denn... "If it is an emergency, of course well find a way." Notfälle kosten aber mehr..., erinnerte ich mich zögerlich. Ich sah Rask stirnrunzelnd an, dann beschloss ich: "Nah, it's alright. Tomorrow morning is fine." Wir setzten den Termin auf elf Uhr und ich bedankte mich. Ganz so schlimm sah es ja nicht aus. Ich bot Rask frisches Wasser an und kochte ihm Reis mit Hühnchen, weil ich gehört hatte, das sei gut für kranke Hunde. Gegen den späteren Nachmittag ging es ihm etwas besser, sodass ich ruhigen Gewissens Arbeiten ging und ihn in Kathys Obhut liess. Auch am Abend wirkte er noch schlapp, aber er hechelte kaum mehr. Als ich jedoch am nächsten Morgen erwachte, lag er eingerollt auf seiner Decke - der Körper kalt und leblos. Meine Hände zitterten erschrocken. Kathy kam aus ihrem Zimmer, sah mich vor der Decke knien und zeigte bereits zum zweiten Mal ihr „oh-shit“ Gesicht. Ich fühlte mich richtig elend. Hätte ich ihn doch nur als Notfall angemeldet, dachte ich verbittert. Es brauchte all meine Überwindung seiner Besitzerin anzurufen und ihr die schlechte Nachricht zu überbringen. Ich war danach so frustriert, dass ich den ganzen Morgen beim Reiten kaum ein Wort herausbrachte. Zum Glück kam Harper heute nicht zu Blacky und ich hatte meine Ruhe. Nach dem Training, das grottenschlecht verlief und meine Stimmung auch nicht besserte, traf ich mich mit Maddie zum Mittagessen. Wir hatten das schon vor einer Weile geplant, deshalb konnte ich es schlecht absagen. Insbesondere weil Maddie so hartnäckig war und sich ohnehin nicht abwimmeln liesse. In letzter Zeit hatten wir uns nicht mehr so oft gesehen, deshalb bestand sie besonders auf diese kleinen Treffen. Wir sassen die meiste Zeit schweigend da, weil ich zu gedankenversunken war, um ein anständiges Gespräch zu führen. Auf einmal murrte sie "are we gonna talk about it?"

    Ich sah sie müde an. "Is it that obvious?"

    "As if you tried to hide it."

    "I don't want to talk. It’s all pointless anyway."

    "I heard it lately, in a song of this reeeally great band... Wait a second -... Ah, right. A nihilist porcupine. That's what you are."

    Ich fragte entrüstet "and what is that supposed to mean?"

    Sie antwortete gelassen. "It means that from time to time you should try to open up and tell someone like me about the things that bother you. I'm always here for you, and I never fail to annoy you with my problems. And you know what? It helps. Even if you roll your eyes, I still feel better afterwards."

    Ungeduldig klopfte ich mit den Fingern auf den Tisch. "Well... You wanna know what bothers me? 'Kay. Here it comes. My father left my mom when I was nine years old. She was so desperate that she became whiny and sick, not really being a good mom at all. It was more like me being her mom at times. Oh, and by the way, she's dead now. My grades were bad, I was being bullied in school, and I had no one to talk to, so I never learned to talk. Everyone got his own little problems, right? No need to bother anyone with mine. Then I started working and moved out, and life was easy for a while. But after apprenticeship I made a quick shot and took the nearest job without thinking. It was too difficult for me, a total newbie, to handle. I was kicked out after less than a year and then had trouble finding a new one. I was fired again and again, nearly broke my ass while trying to ride a sick horse, my so called best friend wanted a relationship that I was not ready for, and when I rejected him he took revenge in a most undignified way - all just because I didn't want to sleep with him. Now even the dog that I promised to look after died - and finally I landed here, not knowing what to do anymore."

    "Phew, sucks to be you."

    "Yeah. You were right, I do feel a tiny bit better."

    "And now? You're going to drown in self pity?"

    "Nah. I still need to earn money, no time for too much sulking."

    Sie klopfte mir beim Aufstehen auf die Schulter. "Some people have to go earn money right now. Goodbye little porcupine."

    "Bye Miss Mad-Maddie. See you next week."


    Ich war mittlerweile Experte darin, meinen Frust zu verdrängen. Abgesehen von Maddie, die telepathische Fähigkeiten zu haben schien, und den Leuten, denen ich es von Anfang an hatte berichten müssen, bemerkte gar niemand, dass Rask weg war. Erst zwei Wochen später, als Harper wiedermal im Stall vorbeikam und beiläufig nach dem Rüden fragte, erwähnte ich es. In dieser Nacht wälzte ich mich jedoch wieder hin und her, voller Reue. Das erneute aufgreifen des Themas hatte meine Strategie über den Haufen geworfen. Ich wusste allzu gut, dass ich dringend schlafen musste. Immerhin musste ich auch am nächsten Tag genau gleich arbeiten und fit sein. Aber irgendwie juckte es mich dauernd, und ein Gefühl von Einsamkeit überkam mich mehr und mehr, als ich durch mein Schlafzimmerfenster den aussergewöhnlich hellen Mond ansah. Ich seufzte und drehte mich weg, die Decke zusammenraffend. That's right. I'm just freaking lonely. I have no one. No one I can confide in, no one I can hug whenever I need a hug. I'm all on my own now.

    Mein Kopf fühlte sich schwer an, ein einschnürender Schmerz meldete sich in meinem Hals, als sich auch wieder Erinnerungen an Mum in mein Gewissen drängten. Warum bloss hatte ich nicht mehr Zeit mit ihr verbracht, ihr mehr geholfen?

    Aghh. It hurts. I need to stop this. Need to distract myself, anyhow.

    Ich betrachtete die in blasses Licht getauchte Wand. Die unzähligen Knubbel des Rauputzes warfen kleine Schatten, wie eine Art Mondlandschaft. Eine Weile lag ich einfach nur da, mit den Fingern über die Oberfläche fahrend, fasziniert von der Sensibilität meiner Nervenenden.

    I bet it would hurt a lot, if I'd punch against it.

    Zunächst verwarf ich den Gendanken sofort wieder – das ist unsinnig und hilft mir auch nicht weiter. Aber der Schlaf liess weiterhin auf sich warten, und irgendwann hatte ich einfach genug. Nicht einmal heulen konnte ich, obwohl mir danach zumute war. Ich hielt meinen Blick starr auf die Wand gerichtet und versuchte, mir die Reaktion meiner Nervenzellen vorzustellen. Es fühlte sich in meiner Einbildung seltsam verlockend an. Ohne es vollkommen zu begreifen, hob ich zaghaft die linke Hand und streifte sie mit den Knöcheln voraus langsam der Wand entlang. Der Schmerz wurde real, meine Knöchel begannen leicht zu brennen.

    Not enough. Barely felt that, and it's not gonna last.

    Ohne allzu lange zu zögern, rieb ich erneut der Wand entlang, diesmal kräftiger. Ich spürte, wie meine Haut aufriss.

    That's more like it. Nice and stinging. Treating one pain with another. The original pain, without definite source, cannot be erased; but this pain I can choose to feel, and it numbs the other.

    Ich schlug abermals zu, diesmal schmerzte es so sehr, dass ich die Hand sofort schützend umklammerte. Ich spürte auch den Puls an der verwundeten Stelle stärker klopfen.

    Enough. There's gonna be blood on the wall. It would be a pain to clean that.

    Mein Knöchel wurde heiss. Im fahlen Licht beobachtete ich, wie er sich dunkel mit Blut färbte. Traurig lächelte ich.

    I guess I want attention after all. Or I wouldn't make it so obvious for people to see. I am pathetic, one of those drama queens. I'm even ashamed of myself. What right do I have to be unhappy? There is so much suffering in this world. I have a roof over my head, food and a job. I should be grateful for all I have. Instead I'm pitying myself again. Whatever. No one else is going to give a damn. They're gonna ask "hey, how you doin'?" But the truth is, no one cares about the answer. They all got their own little problems. What a big show it is that we live in. Sometimes I'm not sure about the genre, though. Comedy? Seems like a sad joke most of the time at least. It stopped being funny an eternity ago. I'd like to wake up now. Or rather I'd like to sleep? I can't decide anymore. Eine Weile konzentrierte ich mich auf den Schmerz in meinem Knöchel. Bis er schwächer wurde, und ich endlich in den erlösenden Schlaf driftete.

    Am nächsten Morgen war das erste, was ich fühlte, meine verletzte Hand. Bei Tageslicht sah ich, dass der Knöchel tatsächlich aufgeschürft war und geblutet hatte. Die Wunde war nicht besonders grossflächig, aber sie sah hässlich aus und war noch nicht verkrustet. Ich stand auf und schmierte vor dem Zähneputzen etwas Salbe drauf. Auf ein Pflaster verzichtete ich vorerst, in der Hoffnung, dass sich so schneller eine Kruste bilden würde. Meine Stimmung war auf einem konstanten Tiefpunkt angelangt und ich hatte Kopfschmerzen. Ich warf zwar eine Tablette ein, aber das half nur bedingt. Bei Blacky angekommen kam mir erleichtert in den Sinn, dass Harper wenigstens heute nicht schonwieder aufkreuzen würde, und Collins ja erfahrungsgemäss keine Fragen stellte. Aber kurz darauf, als ich den Fake-Braunen in der Stallgasse angebunden hatte, kam der Rennpferdebesitzer wider meiner Erwartung hereingeplatzt. "Sorry I ran a bit late. Traffic sucks at this hour."

    „What in the world are you doing here? You already came yesterday.”

    “I thought I’d come to cheer you up for a bit, considering what you told me about… You know.”

    “That is not necessary.”

    “Am I allowed to stay anyway? Otherwise I’d have to attend another meeting about that stupid virus…“

    Ich summte nur ein halbbegeistertes "Mmhm". Er lehnte sich fröhlich an die Boxenwand und versuchte sich nichtsahnend in Smalltalk. "Soo... How was your evening yesterday?" Ich biss mir auf die Lippe. "As always."

    "Like, good as always? Or bad as always? Come on, Ray. Details!"

    Ich antwortete gereizt. "What would you care?"

    Er wirkte unsicher. Es tat mir sofort leid, dass ich ihn so angeschnauzt hatte. Aber er machte es danach nicht besser, im Gegenteil.

    "What happened to your hand? Did you get into a fight?"

    Er sieht wirklich alles... Ich antwortete ungeduldig "kind of, I guess."

    "What kind of answer is that? Was it a fight, or was it not? And with whom?"

    "Just drop it, you don't care about it anyway. Let me go ahead and clean the freaking horse." Doch Harper blieb hartnäckig, wie ein Jagdhund, der eine Spur gewittert hatte. Er baute sich vor mir auf, mit ernstem Ausdruck. "What is wrong with you? I'm the one supposed to be complicated and awkward!"

    Ich blaffte, "it's just none of your fuckin business!"

    "Aha. So I should just overlook your clearly horrible mood and pretend that everything is fine?"

    "Exactly."

    "But you're obviously very pissed, and I can't help if I don't know the reason!"

    "It does not matter to you! Just leave me alone!"

    "Do you really mean that? Do you really wish to be alone?"

    "..."

    Ich schwieg verbittert. Insgeheim kannte ich die Antwort ja.

    "I know what you're feeling. You think that no one else can understand. But just remember, if you don't say anything, no one is going to read your mind."

    Es war ein mieser Trick, meine eigenen Worte gegen mich zu verwenden. Ich murmelte langsam. "...You won't give up, will you?"

    "No. Not this time."

    Ich sah mich kurz um. Es war gerade niemand ausser uns im Gebäude, alle Pfleger von Pineforest waren mit dem Vollbluttraining beschäftigt. Wenn mich jemand verstehen kann, dann er. Vielleicht hab ich am Ende auch irgendeine Form von Autismus, überlegte ich verbittert.

    "Fine. I kind of... punched the wall."

    "And what crime did the wall commit to receive such brute treatment?", wollte er stirnrunzelnd wissen.

    "It just seemed comforting. It helped me focus. Did you ever feel like that before?"

    "Focus on what?"

    "On my freaking life! It made me feel my pulse!"

    Harper durchbohrte mich gefasst. "So you lost your focus on living, because of... what?"

    "Everything! I am a walking misery! Somehow karma keeps on punishing me for whatever reason. I am sick and tired of it! Sick and tired of failing all the damn time!"

    "There is no such thing as karma. Everything that happens is pure coincidence. There are just things that you cannot influence."

    "How very comforting. Thank you."

    "... But if you just stick your head in the sand and blame the universe for your misfortune, nothing will ever change. You have to start taking care of the things you can influence and make sure they cannot go wrong."

    "l already tried that countless times! Didn't work."

    "Did you try hard enough? Be honest with yourself. Can you sincerely say that you gave everything for the goals you wanted to reach?"

    "..."

    "Don't be too harsh on yourself though. It is not in our nature to waste energy. We always try to find the most efficient way to achieve whatever it is we want to achieve. Sometimes it can work out. Other times it is just not enough, a mere miscalculation. But with every failure we learn to adapt our calculations and get a little bit closer to the final solution."

    "I knew it, I'm doomed. I was always bad at maths”, scherzte ich trocken.

    "It's all practise."

    "Then what is your final solution?"

    "Everyone has to find out by themselves. My own resolve is that I want to enjoy life while I can. That is my only goal. Interestingly, I only discovered that recently."

    "You're a good talker. I almost start to feel better."

    "I'm glad. I've visited a motivational-speech-workshop about a month ago, that seems to pay. It also means my social skills are improving."

    Ich seufzte mit einem müden Lächeln, kopfschüttelnd. "I think your skills are already way beyond mine."

    "I doubt it. I was thinking about giving you another hug, but I cannot decide about whether it is appropriate or not, considering you wanted me to leave you alone just moments ago."

    Ich zögerte. "...A hug is fine."

    Harper öffnete vorsichtig die Arme - schon etwas selbstbewusster als beim letzten Mal. Leise gab ich zu "a hug is exactly what I needed the most", und schloss die Augen. Nach ein paar Sekunden und einem ungeduldigen Scharren von Blacky wurde mir plötzlich bewusst, dass wir womöglich einen falschen Eindruck erwecken könnten. Mit einem peinlichen Gefühl löste ich mich aus der Umarmung und drehte mich zu dem Vierbeiner hinter mir um. "We'll just pretend that never happened. Alright? Alright." Harper protestierte "but-!", aber ich unterbrach ihn mit "don't "butt" in more than you have to, will ya" und begann, Blacky mit kräftigen, kreisenden Bewegungen zu striegeln. Harper stand kurz ratlos da, als verstünde er die Welt nicht mehr, dann schüttelte er den Kopf und ging nach draussen.
    Veija gefällt das.
  2. Teil 11
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    Insgesamt fühlte ich mich während den ersten Wochen und Monaten dieses Jahres so gut wie noch nie. Ich hatte ein vernünftiges Einkommen, genug Abwechslung, und das beste: ich hatte Spass an meinem Job, und zwar jeden Tag aufs Neue. Harper trug dazu bei, denn die Tage mit ihm waren üblicherweise sehr unterhaltsam. Offenbar hatte er es sich zum Ziel gemacht, seinen Sinn für Humor zu trainieren. Vielleicht hatte es auch sein Therapeut verordnet, so genau wusste ich das nicht. Er versuchte sich hin und wieder an seltsamen Witzen. Zwischendurch gerieten wir uns aber auch ordentlich in die Haare, denn ich sagte ihm mittlerweile völlig offen und frech meine Meinung. Bisher hatte er mich nicht erneut gefeuert, und ich hatte auch das Gefühl, dass er auf mich angewiesen war, weil ich so gut mit seinem Sensibelchen Blacky klarkam. Das nutzte ich schamlos aus. Ich blieb dabei aber selbstverständlich immer fair. Jedenfalls waren wir, wie ich es immer wieder gerne nannte, fast schon eine Art Familie geworden.

    "Family? How?", fragte Harper stirnrunzelnd - heute war Samstag und einer der rarer gewordenen Tage, an denen er dem Training beiwohnte.

    "Blacky is the baby. A really big baby. You are the dad, Collins is the mum and I am the friendly grandma."

    "How is Collins the mum and not you?"

    "Because he is the strict and serious one, and I am like the grandma who always has sweets in her pocket and does fun things with her grandchildren. Well - in terms of sweets, you would be an even better grandma, of course."

    "Granddad."

    "Yeah, whatever."

    Er setzte ein zufriedenes Gesicht auf und lehnte sich an die Boxenwand neben ihm, während ich Blacky weiter striegelte - was dieser sichtlich genoss, denn er war inzwischen mitten im Fellwechsel. Mir fiel jedoch mittlerweile der Arm fast ab.

    "Hey you, you just gonna stand there and watch all the time?"

    "Yes."

    "That's kind of annoying. I bet there's still hot water in the tack room, to make some tea. George is there, too."

    "I have a right to be here and watch my horse getting tacked."

    Ich seufzte und provozierte, nach kurzem Nachdenken:

    "Have you ever thought about giving him a brush yourself?"

    "I did do that before. When I was a boy I had a special therapy with equines. Ever since I like them a lot."

    Therapie mit Pferden? Davon hab ich sogar schon mal gelesen, stellte ich innerlich fest. "Well, if it's like that." Ich warf ihm eine Bürste zu. Er zog seinen Anzug aus und positionierte sich auf der Gegenüberliegenden Seite des Fake-Braunen. Mit selbstbewussten Zügen begann er, Blackys Fell zu entstauben. Als wir uns schliesslich in die Quere kamen, motzte er "You're disturbing my workflow." Ich verschränkte die Arme, zuckte mit den Schultern, schmiss den Striegel in die Putzbox und schnappte mir eine Zeitung, die vorne beim Eingang auf einem Schrank lag.

    "Hmm, interesting. There's an article about Blackys win last weekend. They even wrote about his story and a whole column about you."

    "Which paper?"

    "The TrackTalk"

    "Tsk. One of those cheap papers. Never interested me."

    "Oh wow, they sure did not sweet-talk."

    "I don't care what they write about me. None of my customers read this crap. It's all made up anyway."

    "Woooh. You should see what they write about you."

    "Hmm?"

    "Uh-huh, spot on. That's totally you."

    "Wait, what did they write?"

    "And the thing about your bad taste in ties - so true."

    "Show me!"

    Er kam herüber und versuchte, einen Blick zu erhaschen. Ich drehte mich ab und hielt die Zeitung so, dass er keine Chance hatte.

    "Please, Ray! I want to check this!"

    "You said you didn't care."

    "But-"

    "Squirm, Harper."

    "RAY!"

    Ich lächelte herausfordernd, dann übergab ich ihm die Zeitung und konnte endlich ungestört zurück zu Blacky, um ihn fertig zu putzen. Harper studierte unterdessen konzentriert den Artikel. "They do not write about my ties... Where did you read this?" Ich gluckste nur belustigt.

    Wenig später ritt ich Blacky zur Grasrennbahn von Pineforest Stable. Wie immer hatte ich eine Lücke zwischen den Trainings der Gestütseigenen Rennpferde abgepasst, sodass wir ungestört waren. Collins gab mir ein paar letzte Anweisungen. Sobald Harper, der den Moment nutzte und Blacky mit Streicheleinheiten bemutterte, von dem Fake-Braunen abliess, wendete ich und trabte zum Aufwärmen davon. Blacky lief weder schlecht noch herausragend. Harper war wie immer begeistert, aber Collins' Gesicht verriet, dass er heute mehr erwartet hatte. Wir lobten den verschwitzten Hengst trotzdem und brachten ihn zum Freilauftrainer. "I think he might need a little break, a few days off. He is probably stiff from all the extra work you put him through", schlug ich vor, sobald das Karussell in Betrieb gesetzt war. Harper stimmte mir ohne zu Zögern zu, also blieb Collins nichts anderes übrig als meinen Vorschlag zähneknirschend anzunehmen.



    Am nächsten Tag, Sonntag, wartete Harper erneut pünktlich, diesmal um sechs Uhr abends, bei Blackys Box. Er trug ausnahmsweise ein gewöhnliches Hemd und Jeans, ausserdem einen dunkelgrauen Schal. "We don't work today, like we decided", stellte ich verwundert über seine Anwesenheit klar.

    "I know."

    "... You'll have to wait here, or walk with us. We're going on a hack."

    "No problem."

    Ich zuckte mit den Schultern und holte den Rappen raus. Während dem Putzen versuchte ich ihn in ein wenig Smalltalk zu verwickeln, um die seltsame Stimmung zu entschärfen.

    "So, you have been petting and brushing horses before. Have you also been riding?"

    "Sure. I can ride."

    Ungläubig hob ich die Augenbrauen.

    "Like, the lead-by-another-person-kind-of-riding, or the Yehaaw-Ima-gallop-kind-of-riding?"

    "... I can ride free in all paces."

    "Then why don't you ever ride when we're here?"

    "Blacky is a racehorse, so I think it would be inappropriate for me to ride him."

    "Well, you could try and rent a horse from Occulta Smith."

    "I could."

    "You have the guts and the nuts to do that?", fragte ich herausfordernd.

    "Of course."

    Fast schon beleidigt stolzierte er davon. Ich sah ihm verwundert hinterher. Er überrascht mich immer wieder. Ich sah Harper erst wieder, als ich draussen Aufstieg. Er führte eine ganz weisse Schimmelstute auf den Kiesweg. Sie war nicht besonders gross, dafür aber Kräftig gebaut. "This is Piroschka. She is very friendly", stellte Harper sie vor. Ich nickte beeindruckt und wartete ab, bis er aufgestiegen war. Dann ritten wir nebeneinander in Richtung Fluss los. Ich behielt ihn am Anfang skeptisch im Auge, um eingreifen zu können, falls er Probleme hatte. Aber meine Sorge war unbegründet, wie sich bald herausstellte. Zwar zeigte er in Piroschkas Westernsattel nicht gerade den mustergültigsten Sitz, und manchmal hielt er die Zügel etwas seltsam, aber er hatte ein gutes Gleichgewicht und kannte die nötigsten Hilfen offenbar. Wir konnten sogar nebeneinander traben, wobei Blacky kaum zu zügeln war. Die Schimmelstute hingegen lief zufrieden in konstantem Tempo, ohne auf den Jüngling neben ihr zu achten, obwohl Harper die Zügel kaum aufnahm. Sie war offenbar gut ausgebildet und hatte einen ausgeglichenen Charakter. Einen Galopp wagten wir nicht, weil ich einerseits trotzdem noch ein wenig Zweifel hatte, was Harpers Reitküste anging, und andererseits Blacky zunehmend herumhampelte. Er war eben ein deutlich schnelleres Tempo unter dem Sattel gewöhnt und strotzte dank seines Trainingsstands nur so vor Energie. Dafür unterhielten wir uns ausgiebig über alles Mögliche; Arbeit, Freizeit, sogar auf den Sinn des Lebens kamen wir zu sprechen. Meine Ansichten unterschieden sich deutlich von Harpers. Während ich mich an die Unfähigkeit, mein unberechenbares Leben in den Griff zu bekommen gewöhnt hatte, und der Zukunft beinahe gleichgültig entgegensah, wie sie auch kommen möge, hielt er hartnäckig daran fest, dass jede unserer Handlungen einen Einfluss hätte.

    "I know your problem", stellte er entschieden fest. "You're living backwards."

    "Living backwards?"

    "Yes. I used to do it. My Father did it. I bet they over there do it."

    Er deutete auf ein paar Spaziergänger mit Hunden, die auf einem der Feldwege liefen. "Everyone does it. I found it to be inefficient."

    "Would you stop jibbering nonsense?"

    "What I want to say is that you think too much about the past. About your mistakes and your regrets. It creates depression. Instead of living each day, you spend your time frowning about all the trouble, in the process making it double."

    "That rhymes nicely. But shouldn't we also try to learn from our past mistakes? At least that's what everyone keeps telling me. If I just ignore them, I can't do that."

    "Does learning mean to repeat everything you already know?"

    "Sometimes it does... In school it certainly did."

    "I won't recommend you to live every day as if it was your last – ‘cause that would be troublesome and reckless - and it would have negative effects on your work as well. But take the time to enjoy moments that make you happy and move on quickly after every inelegant step you take. It's the secret art of not getting a burn-out in this crazy world."

    "You mean moving fast, like you do all the time? Dashing through the hallways?"

    "I do not understand what you are trying to imply. But I am getting a feeling of not being taken seriously, and I dislike it."

    "Your guts are clever."

    Harper machte ein höchst unamüsiertes Gesicht.

    "You know what? I kinda just realised how much I like to tease you. So I guess I'm going to do my best enjoying that especially much from now on”, stellte ich zufrieden fest.

    "I knew I should just have enjoyed nature instead of talking to you..."

    "By the way, were those the words of your therapist? It sounded like a movie quote."

    "I can come up with thoughts like that, too, you know!"

    Ich gluckste belustigt und liess ihn in Ruhe. Er wirkte leicht beleidigt, allerdings nicht lange. Ich mochte es wirklich, ihn zu necken. Er reagierte so sensibel darauf, weil er alles viel zu ernst nahm, was ich sagte.

    Es war bereits dunkel, als wir durch die Tannenreihen zurück auf das Hofgelände ritten. Ich hüpfte von Blackys Rücken und sah amüsiert zu, wie Harper von Piroschka runterkletterte. "Seems like you're a bit out of shape after all." Ein trockenes "tsk", war alles was er zurückgab. Wir teilten uns auf und versorgten die Pferde. Harper kam zurück in den Hauptstall, sobald er fertig war. Ich klinkte die Anbindeseile aus und führte Blacky zu seiner Box. Der Fake-Braune stockte beim Anblick eines grossen Besens an der Boxenwand, den jemand wohl vergessen hatte. Er machte einen gebogenen Hals und schnaufte schwer. Ich lachte über das unsinnige Verhalten, aber Harper kam herbei und zeigte dem Hengst den Besen. "It's scary, I know, I can relate", murmelte er beschwichtigend.

    "So have you ever been afraid of something minor to others?", fragte ich Harper belustigt, als Blacky seinen Schock überwunden hatte und ich ihn in seine Box entlassen konnte.

    "Me? I was afraid of many things. Mowers, for example. I did not, and do still not, like their sound. I used to get a mild panic attack whenever I came across one."

    "This possibly sounds silly for someone supposedly free of any disorder such as yours, but when I was little, I was very afraid in the dark. My dad once gave me his shirt so that I could smell his scent and wouldn't feel lonely when the lights were out. It worked."

    "I don't think it is unusual for anyone to have their own special fear. Some have more than others, that's fine, too. And it feels good to have someone to help you in such a situation. That's why I try to help Blacky understand that we are here for him."

    Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. He would really do anything for that horse, huh... Ich versorgte die Putzsachen und das Sattelzeug. Dann löschte ich das Licht und schlich zum Stalltor. Harper wartete draussen und studierte den Sternenhimmel. „Did you bring your car?“ „Nah, came by bus. Mum took my car to visit her friend in Bath.” Wir schlenderten zum Parkplatz, dann verabschiedeten wir uns. Ich überlegte einen Moment, ob ich ihm die Hand reichen sollte oder ein einfaches "have a nice evening" genügte. Er bemerkte mein Zögern und wurde nachdenklich.

    "People like to do all sorts of complicated rituals when it comes to greeting or seeing someone off. I always wondered why, when you can just say a simple goodbye."

    "... It's just sort of common. And it tells a lot about what kind of connection you have with someone."

    "In our case, what ritual would be appropriate?"

    "I thought of a handshake, maybe. Since we have a professional relationship. You know - this is the first time I actually discuss this matter with someone. Kind of funny. Normally, it just happens naturally."

    "A handshake. Alright."

    Er streckte seine Hand aus und ich schüttelte sie, zog dann aber rasch zurück.

    "That felt awkward. Too formal."

    "..."

    "Let's just... Like that?"

    Ich hob die Hand zu einer Faust. Er starrte sie verwirrt an.

    "You have to do the same. And then we just bump them together, like this."

    "Oh. Easy enough."

    "Right?"

    Zugegeben - mit der Geste machte ich mich wiedermal ein ganz klein wenig lustig über ihn. Aber er wirkte zufrieden und beinahe stolz, etwas Neues gelernt zu haben. Als ich mich umdrehen wollte, machte er jedoch erneut ein unsicheres Gesicht.

    „What?“, fragte ich beinahe ungeduldig.

    „It’s dark. And it’s quite a trip to the bus stop.“

    „Yeah. So what?“

    “I can take you there.”

    “No thanks, I’m fine. I want to run the distance; I haven’t done my work out for today yet.”

    „Then at least take this.“

    Er zog seinen Schal aus und streckte ihn mir hin. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, worauf er hinauswollte.

    „OH! Thanks, but it’s all right! I am no longer afraid in the dark, that was only a childhood phase!”, lachte ich.

    „Okay. I’m glad.”

    Amüsiert grinsend joggte ich davon, unter einem wundervollen Sternenhimmel.



    Harper und ich vertrugen uns längst nicht immer so gut wie an jenem Abend. Manchmal war es regelrecht ermüdend mit ihm zu kommunizieren, weil er gewisse Aussagen sofort in den falschen Hals bekam, oder andere schlichtweg nicht verstand. Mein verkümmertes Einfühlungsvermögen war nicht gerade hilfreich. Viel öfter als am Anfang gerieten wir uns mittlerweile in die Haare. Auslöser waren banale Kleinigkeiten wie ein nicht perfekt bandagiertes Pferdebein oder, wie an jenem sonnigen Frühlingstag, eine Meinungsverschiedenheit zu Fotoshootings.

    "I do absolutely not want him to appear in this kind of Paper."

    "But this is great advertisement! Collins nailed it when he told you to think about Blackys career as a stud. There really is no better way to get him known. You have no idea how many people read this."

    "Wrong, I have no idea why so many people read this."

    "Really Harper! Just because it is a perfect chance for you to be stubborn again!"

    "And what is wrong about that? It is my horse after all. I pay for him."

    "Exactly. That is why it should be in your interest to help him earn you a couple o'bucks back."

    "No, absolutely no."

    "It seems you have reverted to being a little boy ever since you told me about your condition.”

    "It seems you have forgotten that I am still your boss after all!", rief er aufgebracht.

    "Oh great. Now you're having one of your tantrums. I guess I will just have to take some pics with my smartphone and mail them."

    "You will not!"

    "You can thank me later", sagte ich noch, ehe ich davonstolzierte.

    "Ray!!"

    Letzten Endes machte ich die Fotos doch nicht. Das Theater war mir zu blöd. Soll er doch Geld zum Fenster rausschmeissen. Nicht mein Problem, solange ich meinen Lohn pünktlich bekomme. Ich zeigte ihm die folgenden Tage die kalte Schulter und beantwortete seine Textnachrichten zum Training nur knapp. Harper spielte seinerseits ebenfalls beleidigt. Ich hatte jedoch den längeren Atem, wie sich rasch zeigte. Am darauffolgenden Samstag kam er nämlich nach dem Training auf mich zu.

    "Blacky needs to be extra clean and tidy next Friday."

    "How so?"

    "I organised a Fotoshoot for 'the Racing Post' that evening."

    "You did?" Ich hob erstaunt die Augenbrauen.

    Es war zwar nicht dasselbe Magazin, aber das spielte keine Rolle - ausser für Harper, natürlich.

    "Happy now?", fragte er, immernoch leicht pikiert.

    "Yeah. It's for your own sake, though."

    "I still think it is unnecessary."

    "You can lead the donkey to the well, but he has to drink by himself."

    "I am no donkey."

    "But surely stubborn as one."

    "You're no better."

    "I never claimed to be."


    Es wurde Sommer. Die Tage waren lang, die Nächte tropisch und die Welt ein Stückchen seltsamer als zuvor schon. Ein Grippevirus drohte derzeit England lahmzulegen. Ich machte mir Sorgen um meine Mutter, die ja ohnehin schon vor sich hin kränkelte. Ich bat sie, die Wohnung nur wenn es dringend nötig war zu verlassen und mich anzurufen, wenn sie auch nur den Anschein einer Grippe entwickelte. Sondermassnahmen waren ohnehin für die ganze Bevölkerung eingeführt worden: alle wurden aufgerufen, stets zwei Meter Abstand wahren - "social distancing" nannte sich das. Auch die Geschäfte waren alle bis auf die Lebensnotwendigsten geschlossen. Rennen fanden unter Auflagen statt; zum Beispiel wurden die Zuschauerzahlen begrenzt und Gewisse Sitzplätze gesperrt. Harper achtete stets darauf, dass wir uns im Training korrekt verhielten. Er stellte seinen Gartenstuhl perfekte zwei Meter von Collins entfernt auf und desinfizierte sich bei jeder Gelegenheit die Hände. Collins selbst und meine Wenigkeit nahmen es etwas lockerer. Es war nunmal unpraktisch, beim Diskutieren eines Trainingsplans nicht die Köpfe zusammenstecken zu können. Harper gefiel es überhaupt nicht, dass wir ihn ignorierten. "Social distancing Ray", erinnerte er mich hartnäckig. "I'll give you some more distance between you teeth!", meinte ich einmal augenrollend, als mir Collins gerade ein Video von einem unserer Konkurrenten zeigen wollte.

    "Violence is not a good solution to problems."

    "But it is a solution."

    "I admit it's kind of hard to deny that, regarding the history of humankind."

    "You're lucky that I've started meditating recently, to calm myself in times of trouble."

    "You should definitely keep that up. I also do it from time to time. There's this scottish-accent guy - I have a few CDs of him that my therapist gave me. I like to listen to the background noise, since he seems to record them in a garden or something. Sometimes you can hear birds."

    Ich runzelte skeptisch die Stirn. Ist nicht der Sinn der CDs, dass man sich auf nichts ausser der Stimme konzentriert?

    "I think I know what you're thinking -"

    "You think you know what I think when in fact I think you think far too much."

    "Well, we've always been good thinkers, I guess."

    Ich seufzte und erinnerte mich angestrengt an den Klang aus meiner eigenen CD.



    Wenn ich abends nachhause kam, verschwand ich oft zuerst unter die Dusche, um noch vor meinen Mitbewohnerinnen warmes Wasser zu haben. Danach machte ich mir Abendessen und zappte ein wenig im TV, oder verlor mich in die Tiefen des Internets. Manchmal telefonierte ich mit Mum, um zu erfahren, ob sie überhaupt noch lebte. Aber irgendwas an diesem Ablauf fehlte, irgendein Detail, das den Feierabend wahrlich zu einem solchen werden liess. Ich hatte bereits ein paar Topfpflanzen gekauft und meine Mitbewohnerin Kathy hatte damit eine bewachsene Lese-Ecke geschaffen; eine Oase des Alltags. Allerdings befriedigte mich das auch nur bedingt. Ich war eher ein aktiver Mensch und gerne draussen unterwegs. Ich könnte anfangen joggen zu gehen. Aber das wäre irgendwie auch zu langweilig. "Get yourself a pet", meinte Kathy, als ich ihr meine Frustration mitteilte. "A pet? You wouldn't mind?" "No. I like animals. I'm sure Anne will feel the same."

    Ich hatte ja schon öfter ein Haustier gewollt, aber seit ich bei Mum ausgezogen war nie eines angeschafft, weil... Ja weswegen denn eigentlich? Wenn ich so darüber nachdachte, war Zeit der wohl wichtigste Faktor. Tagsüber war ich ununterbrochen unterwegs, vor allem schon früh morgens. Pflegeintensive Tiere kamen also schon mal nicht in Frage. Am ehesten dachte ich an einen Hund. Allerdings musste es einer sein, den ich überall hin mitnehmen konnte. Doch eher ein Goldfisch? Nein, zu langweilig. Hamster? Der würde mich nur weiteren kostbaren Schlaf kosten - nachtaktive Tiere sind keine gute Option. Eine Schlange? Zeitaufwand wäre sehr gering, und laut sind die Dinger auch nicht. Aber die tun auch allgemein nicht viel ausser herumliegen... Eine Katze kam sicher nicht in Frage, denn die Wohnung hatte keinen Garten und war auch nicht parterre. Ich war kein Fan davon, Katzen in einer Wohnung einzusperren. Ausserdem wäre sie dann wiederum gelangweilt, wenn ich nicht da bin.

    Wie es der Zufall wollte, erfuhr ich einige Wochen später durch Maddie von einer älteren Dame, die nicht mehr so gut zu Fuss war und ihren Hund daher nicht mehr optimal beschäftigen konnte. Der Vorschlag war, den Rüden quasi zu übernehmen, aber zwischendurch bei ihr in die Ferien zu geben. Perfekter könnte es nicht sein, oder? Mein neuer Gefährte hiess Rask und war ein Mischling aus verschiedensten Rassen - ich hatte das Gefühl, dass von allem ein wenig drin war. Er hatte drahtiges Fell, das mich fast an einen Parson Terrier erinnerte. Seine Beine schienen ein gutes Stück zu kurz für seinen Körper, das verlieh ihm etwas dackelhaftes. Seine Ohren waren jedoch aufgestellt wie bei einem Schäferhund, und der Schwanz gekringelt wie man es von Sennenhunden kannte. Wenn wir beim Spazieren ein schnelleres Tempo anstimmten, begann er manchmal wie ein Mops zu röcheln - er hatte auch ein etwas eingedrücktes Gesicht. Trotzdem war der kleine Kerl flink wie ein Border Collie und unendlich ausdauernd im Stöckchen Holen. Die Verantwortung, für dieses kleine Kerlchen zu sorgen, gab mir einen regelrechten Energieschub. Ich schlang Bücher zum Thema Hundeerziehung förmlich herunter und kaufte ihm Spielzeug, das er zu meiner Enttäuschung einfach ignorierte. Nur ein Gegenstand konnte ihn begeistern: ein stinkender, zerkauter Tennisball, den ihm seine Besitzerin vor Ewigkeiten gekauft hatte. Selbst einen gleichen, neuen Ball wollte er nicht annehmen. Als ich ihn jedoch zum ersten Mal mit zu Blacky nahm, konnte ich Rask kaum halten. Er war fasziniert von den Pferden und wollte sie am liebsten die ganze Zeit anbellen und jagen. Ich bereute jede Sekunde seiner Anwesenheit und schämte mich in Grund und Boden vor den Pflegern Pineforests. Zum Glück wurde er etwas abgelenkt, als die drei Hofhunde angetrottet kamen und den Neuling musterten. Die sandbraune Malinois-Hündin beschnupperte Rask forsch und zeigte sich dominant, um klarzustellen, dass sie hier Chefin war. Wenn er eine plötzliche Bewegung machte, während sie ihn konfrontierte, knurrte sie sogar, und ihre Rute war die ganze Zeit über angespannt. Die anderen beiden schienen eher verspielt. Rask bestand offenbar die Prüfung, denn kurz darauf tollte er mit der Labradorhündin über den Rasen, während die Malinois Dame sich in den Schatten legte und ihn von dort aus aufmerksam im Auge behielt. "Good mornin'", klang es vom Parkplatz her, und ich sah gespannt auf. Ich wollte unbedingt Harpers Gesicht sehen, wenn er meinen neuen Gefährten entdeckte. Meine Erwartungen erfüllten sich fast schon zu gut. Harper und Rask verstanden sich auf Anhieb blendend. Während ich mich mit einem schmutzig-grauen Blacky abmühte, wurde Rask von Harper mit Streicheleinheiten verwöhnt, sodass er sich genüsslich auf dem Stallboden ausstreckte und zufrieden die Zunge seitlich raushängen liess. Krokodil hat er auch drin, war mein Gedanke, als ich das wunderschöne Gebiss des Rüden sah. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.



    Eine Woche später hatte ich wiedermal einen richtig miesen Tag. Einen dieser Tage, an denen man besser einfach im Bett geblieben wäre. Es war schon ein schlechtes Omen, dass meine Lieblingsmüslipackung nur noch einen Bodensatz Krümel beinhaltete, und ich vergessen hatte, eine Neue zu besorgen. Natürlich war ich daran vollkommen selber schuld, aber es setzte meine Stimmung so früh morgens bedeutend herab. Ich blieb, wie es nicht anders sein konnte, im Stau stecken und das Dritte meiner Trainingspferde fiel verletzungsbedingt aus. Hatte ich schon erwähnt, dass es den ganzen Tag regnete? Und dann gab es da noch den asiatischen Gemüse-Nudel-Teller zum Mittag, in den Ingwerstückchen hineingemischt worden waren. Ich verabscheute Ingwer. Ich verbrachte sicher eine halbe Stunde damit, die Stückchen auszusortieren, doch selbst danach hatte das restliche Gemüse noch einen verräterischen Nebengeschmack. Und natürlich war es längst kalt. Rask war an diesem Tag übrigens bei seiner alten Besitzerin, also musste ich mir wenigstens keine Sorgen um Zwischenfälle mit ihm machen. Aber der kleine Kerl hätte mir mit seinen treuen Augen bestimmt den Tag ein wenig versüsst - ich vermisste sein gelegentliches Winseln um Aufmerksamkeit und bildete es mir in Momenten der Stille fast schon ein. Naja, besonders oft kam das aber schlussendlich nicht vor. Gewisse Trainer gaben sich wiedermal kaum Mühe, die Lautstärke ihrer Kritik gehörfreundlich anzupassen. Als ich bei Blacky ankam, wollte ich den Tag einfach nur noch hinter mich bringen und in Ruhe gelassen werden. Aber natürlich war mir das nicht gegönnt.

    "Ray!"

    Meine Augen rollten völlig von selbst, als ich Harpers Stimme hörte.

    "Why didn't you answer my call? We have to discuss about the Ascot Gold Cup."

    "What is there to discuss?"

    "We can't go."

    "WHAT? Why not??"

    "It's a private reason."

    Ich schwieg einen Moment frustriert, dann fragte ich, bissiger als beabsichtigt: "What private reason could possibly get in the way of such an important race?"

    "The reason is someone particular that will be there at the race..."

    "Are you kidding? You're showing the white feather because of some person you don't want to meet?"

    "Yes."

    "Then just stay here and watch it on TV! Collins and I can handle this on our own, no problem."

    "But I don't want to watch from afar. I want to be on the scene."

    "Then swallow your pride and come along!" Mittlerweile kochte ich vor Wut und Unverständnis.

    "No. There's plenty other races."

    "And you’re gonna cancel each one that this disagreeable person will go to??"

    "Probably”, meinte er ziemlich entschlossen.

    "There. That's it. I can't do this anymore. I quit."

    Ich schmiss die Bürste in die Putzkiste (erstaunlicherweise traf ich sogar) und lief einfach davon.

    "Wha- No, wait! Don't you dare just leaving like that!"

    "Give me one good reason why I should keep annoying myself with you and your lack of social skills. I thought it was funny at first, but it's really just getting on my nerves!"

    "How am I supposed to change when you don't give me a chance? I learned a lot from you already, probably even more than I learnt from my therapists!"

    "But I am not a therapist. I'm a normal human being with normal problems, in fact plenty of them as it is. I don't need any additional stress like this!"

    Ich stapfte entschlossen weiter, als er plötzlich meinen Arm packte. "That hurts, let me go!", jaulte ich überrascht.

    "No! Without you I'm just me! ...I don't want to be just me anymore. You - Blacky, Collins, this whole thing we do, it gives me a purpose. When I'm not with you guys, I am working day after day, without realizing that I have a life outside the company. I fear that one day I will look into a mirror and notice how I've grown old, and how much time I’ve wasted. When I'm interacting with Blacky or you, I feel like I can be a normal person, too."

    Ich hielt inne, weil seine Stimme ruhiger geworden war. Trotzdem stiess ich zwischen zusammengebissenen Zähnen aus: "Well, you're not exactly normal, though. You're a real pain to interact with. I don't know if I can muster the patience to continue like this."

    "You're also very stubborn and hot-headed. Sometimes I feel like I stepped on a mine when you get angry like this."

    Ich seufzte hörbar, als mir bewusst wurde, dass ich wirklich ‘explodiert’ war. "Yeah. I'm sorry. I had a really bad day, and you kinda pushed me over the edge."

    "It's okay. I understand."

    "Let's try again. What on earth did that person do to you, to make you cancel a race to avoid them?"

    "...He bullied me at school. My Asperger’s was much worse then, so of course I was the awkward kid. He encouraged the others to provoke me, and I knew no better than to get aggressive. They apparently thought it was funny..."

    "But you are no longer that little boy. You now know how to react to stress and I'm sure that person has grown up as well. He will probably not even look at you."

    "You think so? I'm not sure..."

    "Besides, Collins and I are there with you. We will make sure you'll not get harassed." Seine Augen schienen beinahe zu funkeln, als ich das sagte. Ich fügte hastig an: "So it is settled then. No more plan-changing because of childhood traumas." Wir widmeten uns daraufhin endlich wieder Blacky, der inzwischen schon fast frustriert die Anbindeseile durchgekaut hatte, weil ihm niemand Aufmerksamkeit schenkte. Harper begann nach einigen Minuten peinlicher Stille erneut:

    "So, you had a bad day today?"

    "Have. It's not over yet. Can always get worse", meinte ich pessimistischerweise. Das machte ihn nur noch neugieriger.

    "What happened - so far?"

    Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt darüber reden wollte. Eigentlich wollte ich einfach meine Ruhe haben. Aber ich fühlte seinen aufrichtig interessierten Blick im Nacken, also erbarmte ich mich zu einer halbfertigen Antwort.

    "Many little things. For instance poor breakfast, and even worse lunch."

    Natürlich nutzte er jeden Happen den ich ihm gab und machte sofort eine Konversation daraus.

    "Ugh, unenjoyable food is the worst. But enough to make you consider quitting your job on a whim?"

    "Hey, I was really annoyed about you, that was not only because of my mood!", gab ich mürrisch zurück.

    "Was? So you're no longer mad?"

    "That can change any second."

    Ich hielt inne und hob Blackys Vorderbein an, um es auszukratzen. Harper blieb still, vielleicht eingeschüchtert durch meine unterschwellige Drohung. Er wollte mich offenbar nicht weiter verärgern. Eigentlich meint er es ja nur gut. Ich atmete müde ein und kam ihm entgegen.

    "But well, if you really care - my life is like a rollercoaster. Sometimes it slowly moves upwards, but then it rushes back down, with many nice twists and turns. I'm kinda fed up with it."

    "Then what are you planning to do about it?"

    "Do?", wiederholte ich ungeduldig. "I can't do nothing about any of it. I just live every day and hope that it miraculously gets better."

    "That is madness; hoping for something to change, by doing everything the same way as before... You have to take matters into your own hands!", rief er motivierend.

    "Nah. I gave up on that, a long time ago", antwortete ich umso lustloser.

    "That sounds depressing."

    Ich doppelte gleich noch nach. "Whether I'm just gonna live my life while I die, or live it until I die - it doesn't really matter, right? In the end, the result is the same."

    Harper lehnte sich an die Boxenwand hinter sich und zitierte philosophisch: "The journey is the reward."

    "What a fine reward it has been, up until now", war meine sarkastische Antwort.

    "But not everything about your past was bad, right? You had a great time at Harper Tech."

    "Yeah, really great."

    "I told you before; I don't like sarcasm. It is difficult to understand."

    "You did fine just now."

    "That's because you make it very obvious. And I don't know if I should like that or not."

    Ich amüsierte mich ein wenig über diese Aussage. "It's alright now. I feel much better. Thank you," sagte ich ehrlich.

    "What for?", fragte Harper verwirrt.

    "Why, what for? Talking."

    Er runzelte skeptisch die Stirn. "Something I never quite understood. How can talking about something make you feel better about it? It doesn't change the fact that it is still-..."

    "Shush. You already said enough", unterbrach ich ihn, bevor er wieder alles ruinieren konnte.

    Er verstummte für einige Minuten, dann schlug er vorsichtig vor: "You had two unworthy meals so far today... How about making the third one better? We could eat dinner at the Purnells."

    "Not in your dreams. I have other plans for today", stellte ich rasch klar. Ich hatte keine Lust, in noch mehr sinnloses Geplapper verwickelt zu werden. Meine "Pläne" bestanden darin, es mir mit einer Schüssel Popcorn und einer Tafel Schokolade vor dem TV gemütlich zu machen und irgendeine billige Sitcom zu schauen. Aber das brauchte er ja nicht zu erfahren. Genau das tat ich schlussendlich auch, und genoss schamlos jede Sekunde.


    Mehr Absätze, extra für Veija <3 :cool:
    Veija und Cooper gefällt das.
  3. Teil 10
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    Der Frühling fiel ins Land ein und schlug den Winter vernichtend. Von einem Tag auf den anderen herrschten Temperaturen im zweistelligen Bereich und es wurde auch nachts kaum mehr kälter. Ich war, bemerkenswerterweise, nachwievor Black Powder Wars Jockey. Nach einer kurzen Weihnachtspause hatten wir Collins‘ strengen Trainingsplan konsequent verfolgt und beinahe wöchentlich die Anforderungen an den Hengst erhöht. Der Start in die neue Rennsaison mit ihm kam mir wie ein Traum vor. Der Fake-Braune knüpfte nahtlos an seinen letzten grossen Erfolg im Vorjahr an und blühte richtiggehend auf, erst recht, weil ich inzwischen bei jeder Gelegenheit mit ihm herumalberte. Dieser Hengst brauchte einfach extrem viel Zuwendung und Beschäftigung, damit er ausgeglichen war. Zum Dank gewann er jedes Rennen für uns mit Leichtigkeit, so dass wir uns auf Social Media bereits eine kleine Fangemeinde aufbauen konnten. Unsere Fans wollten an Rennen sogar schon regelmässig Fotos von ihrem vierbeinigen Star schiessen. Es wurde manchmal fast schon nervig. So wie an diesem einen Morgen, als ich das Pferd gerade zäumte und eine verrückte alte Dame, die es irgendwie hinter die Absperrung in den Stall geschafft hatte, Black Powder War einen Apfel geben wollte. "Ma'am, you can't feed him. Please leave this area, it is not public", schnauzte ich sie ungeduldig an. Doch sie ignorierte mich und streckte dem Hengst, der schon sabbernd die Lippen spitzte, ihre Hand mit der Frucht hin. Ich stellte mich dazwischen und baute mich vor ihr auf. "I will call Security if you don't leave immediately!" "What is so wrong about feeding this poor animal an apple? It has earned it, has it not?", krächzte sie aufgebracht. This 'poor' animal gets stuffed with apples by its owner, stellte ich innerlich klar. Stattdessen gab ich jedoch eine professionellere Erklärung ab. "It is important that we make sure he doesn't receive any food that his staff did not prepare for him. It is a safety precaution. In the past there have been cases where racehorses were given forbidden substances, or even got poisoned - sometimes by accident, other times on purpose." Die Dame schien einsichtig und entschuldigte sich. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass sie etwas Verbotenes vorgehabt hätte. Ich geleitete sie zur Sicherheit zurück in den öffentlichen Bereich und wandte mich dann wieder Black Powder War zu. Mr Harper schlich sich von irgendwo her heran. "Everything okay over here?" "Sure. There was some crazy old lady who wanted to feed him an apple, but I got rid of her." "I'm sure she just wanted to be nice. Old ladies tend to be like that." "Who knows. It’s safer to make sure Blacky here doesn't eat anything troublesome. He eats too much anyway." "How did you just call him??" Mr Harper wirkte plötzlich aufgebracht. Ich runzelte die Stirn. "Blacky? Like, you know, it is pretty annoying to call him 'Black Powder War' all the time. I thought a barn name would help." "No! He is not some pony or something, he is a racehorse. And a racehorse deserves to be called by its real name." "But it's just a name! And by the way, 'Black Powder War' is a pretty silly one to begin with." "Is that what you think? 'Cause I think it is a very impressive name, and it suits him perfectly!" "How does it suit him?? He is a playful, funny, sometimes even scared-chicken-kind of horse, that doesn't fit at all!" "Funny?! He is a champion, defeating his enemies merciless and with pride." Ich prustete vor Lachen. Mr Harper wirkte beleidigt, auf eine viel zu ehrliche, gar kindliche Weise. Er schien es wirklich ernst zu meinen, obwohl es mir schwerfiel, das zu glauben. Ich wechselte zu einem versöhnlicheren Tonfall, doch das schien ihn auch nicht zu beruhigen. Erst, als ich zugab, dass ‘Black Powder War‘ ein edler, bedeutungsvoller Name sei, legte sich seine Aufregung. "However -" begann ich erneut, und schon zuckten seine Nasenflügel. Ich wählte meine Worte sorgfältig. "I think it is a sign of affection to give someone a shortname. It shows that you're close. I like Black Powder War very much, so I would naturally want to call him with a short name. Wouldn't you agree that it feels more distant to call someone by his full name?" Er schien angestrengt nachzudenken, dann beschloss er plötzlich: "Alright then. This makes sense to me, so Blacky it is. Or rather Powdy? No, Powdy sounds even worse." Ich lachte über den plötzlichen Sinneswandel und schlug "Warren?" vor. Er sah mich entgeistert an. Ich fügte hastig hinzu "Just kiddin'!"; Ich wollte ihn nicht schon wieder verärgern, auch wenn mir sein Verhalten rätselhaft vorkam. "No, I mean... That's my uncle’s name. He died last week." Erschrocken und betroffen sprach ich mein Beileid aus. "Nah, it's alright. The guy deserved it." Nun war ich schockiert über seine Gleichgültigkeit. Er bemerkte es und erklärte: "He was drunk 80% of the time and used to stumble around in the early morning, down the streets along the Temse. He was found hanging from a tall fence that he apparently tried to climb over. It is very funny - I mean, what a dumb way to die." "Funny??", rief ich aus. "That does not at all sound funny to me!" Er entgegnete "but there was a similar scene in one of those comedy movies I watched recently, and everyone seemed to laugh about it", als wäre das eine Rechtfertigung. Ich schüttelte den Kopf und kam mir vor, als würde ich ein kleines Kind belehren. "However stupid it might was, it is not nice to call it funny. In the movies it is all staged and no one gets hurt after all! But real life is a lot different." "Mr Johnson said I could learn a lot from movies, though. He is an expert in the field of social interaction." Ich hob skeptisch die Augenbrauen. Was für ein Experte war das? Doch bevor ich genauer nachfragen konnte, kam Collins zügigen Schrittes heran und unterbrach unsere kleine Diskussion. "Is the horse ready yet?" "Almost, Sir!", rief ich leicht neckisch in militärischem Ton, und wandte mich eifrig wieder Blacky zu. Mr Harper beschloss, ungewöhnlicherweise, bereits zur Tribüne zu gehen. Im Gehen rief er über die Schulter "don't forget to give Blacky his 'lucky' treat, Ray", wobei er Blacky übertrieben betonte. Doch etwas anderes störte mich mehr. "Did you hear that, Collins? No, he didn't just call me by my first name, right? I mean, he'd never..." Collins zuckte mit den Schultern, er hatte nicht richtig zugehört.

    Die folgenden Tage bestätigte sich jedoch, dass auf meine Ohren noch Verlass war. Mr Harper schien tatsächlich (fast schon krampfhaft) zu versuchen, mich mit Vornamen anzusprechen. Es wirkte jedoch so, als hätte er Mühe, damit konsequent zu sein. Ich sagte im ersten Moment nichts und wartete ab; es war irgendwie lustig, wie er immer wieder zwischen dem gewohnten formellen und dem scheinbar persönlicheren Format wechselte. Irgendwann beschloss ich, dass ich, angesichts seiner Vorlage, ebenfalls keinen Grund mehr hatte, ihn so überaus höflich wie zuvor zu behandeln. Er hatte mich ja nicht einmal gefragt, ob ich das so wollte. So machte ich es mir leicht und nannte ihn von einem Tag auf den anderen nur noch "Harper". Mr Collins nannte ich schliesslich auch längst bei seinem Vornamen. Wie ich es erwartet hatte, fiel es ihm sofort auf. Er zeigte es nicht offensichtlich, aber das gelegentliche Zucken seiner Nasenflügel und ein kurzweiliger Aussetzer in seiner sonst so perfekten Haltung, wann immer ich das ‘Mr‘ wegliess, verrieten ihn. Wenige Tage, nachdem ich damit angefangen hatte, begann es auch auf seine Stimmung zu schlagen. Als ich ihn nämlich eines Morgens nach der Uhrzeit fragte, als ich gerade von Blackys Rücken hüpfte, wurde ich bloss angeschnauzt. "What time is it, Harper?" "Too lazy to check your own smartphone?" Ich erwiderte: "No, but I left it in my locker, as I normally do whilst riding." "Then what about a watch?" "Well, you could buy me one for my Birthday." "I think I pay you more than enough." "Wait... You're pissed, aren't you?", stellte ich amüsiert fest. "No I'm not." "Sure are!" "Am not!" "Are!" "Not!!" "But why?", fragte ich, ihn absichtlich provozierend. "It's because of the way you call him, Ray", rief Collins aus dem Off, leicht ungeduldig. "So you're pissed because I call you just 'Harper' instead of 'Mr Harper'?", schloss ich mit Leichtigkeit, die Erinnerung an die Diskussion über ‘Blacky‘ weckend. "No, that's not it!" "But you admit that you are indeed pissed, then?" Er wandte sich ab und stapfte davon, ohne ein weiteres Wort zu verschwenden. Ich sah zu Collins rüber. Der nickte mit dem Kopf in Harpers Richtung, mich anweisend, ihm zu folgen. Er machte auch eine Handbewegung, die einen durchtrennten Hals symbolisierte - ich winkte beschwichtigend und hastete unserem verärgerten Geldgeber hinterher. "Heyy, come on - I was just havin' a little fun back there!" Er schwieg noch immer und lief stur weiter in Richtung Parkplatz. "Harper - no, 'Mr Harper', if it means so much to you -" "No! I told you, that's not it!" Er stoppte und drehte sich ruckartig um, sodass ich beinahe in ihn hineinlief. "I'm sorry, about whatever offended you!", schlug ich nun selbst leicht aufgebracht vor. Er machte einen Schritt zurück und wich meinem Blick aus - wie immer. Anscheinend reichte mein veränderter Tonfall, um ihn zurück in eine Art beleidigt-unschuldiges, kindliches Stadium zu verweisen, denn er murrte beinahe sanft "I'm not good at this." "Not good at what?", fragte ich verwirrt. "This. Talking." "I think you're talking okay", bemerkte ich, die Stirn in Falten legend. "You're talking perfect English", fügte ich hinzu, mich an meine Theorie mit der ausländischen Herkunft erinnernd. "No, I cannot interact properly. Sometimes people say strange things, and I don't know what they mean. It has to do with my condition." Ich wurde sofort neugierig. "What condition?" "I have Asperger's syndrome." "Oh." Ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte - ich hatte den Begriff zwar schon mal gehört, aber keine Ahnung mehr, worum es sich dabei handelte. Ich beschloss, ehrlich zu sein. "I'm sorry, could you explain what that means? I have heard of it, but I know nothing particular about it..." "Well, it is a bit complicated. For example, I have trouble reading people’s faces, which makes it hard to differentiate between serious and joking interaction. Mr Johnson is my therapist. He is helping me to learn how to recognise certain emotions and teaching me how to act as normal as possible. I have been training with him since my childhood and he helped me a lot. But sometimes I still find it hard to adapt." "I am amazed that you manage to lead a company full of people, with that kind of condition." "It can be very tiring if I have too much contact with people that don't know about it, like customers or employees. I couldn't do it without the help of Mr Daryl and my secretary." Also hat der Produktionsleiter auch davon gewusst, überlegte ich beinahe fasziniert, während ich zuhörte. Und das war wohl auch der Grund, warum er der Sekretärin das Auswählen der Kandidaten überlassen hat. Und... "That is why you call every new person Mr Newman?", stellte ich laut fest. "... I'm not good with names." "You remembered mine though." "I'm not good with women either. But that's a different story. It was easier to remember since you stick out in a company full of men." "That makes sense." "So, now that you know, please don't judge me too harshly when I act strange." Ich lächelte einigermassen verständnisvoll. "Does George know?" "At least I did not tell him, but maybe he's found out anyway - he has many connections." "True." Einen Moment lang herrschte peinliche Stille, dann bemerkte ich amüsiert: "Funny, I always thought you were just some rich, only-child, stick-in-the-ass kind of grumpy idiot." "HEY!" "Take it easy! I merely meant to tease you." "Why do I get the feeling that you're playing with me?", murmelte er misstrauisch und mit müssigem Ausdruck. Doch auf mein Lachen stimmte er vorsichtig mit ein.
    Zuhause googelte ich aus Neugier den Begriff 'Asperger' und machte mir ein Bild davon. Je mehr ich darüber las, desto erstaunter wurde ich, dass Harper doch halbwegs normal schien. Ich bewunderte ihn sogar ein klein Wenig dafür. Aber offenbar gab es verschiedene Ausprägungen und die Symptome konnten sehr unterschiedlich sein.

    Unser Verhältnis wurde lockerer, seit ich von Harpers Zustand wusste. Ich konnte seine gelegentlichen Sonderbarkeiten besser nachvollziehen und ihm in gewissen Situationen sogar helfen. Unter anderem, wenn er von Renn-Reportern bedrängt wurde. Ich musste mir aber von Zeit zu Zeit Mühe geben, sein Asperger nicht dauernd als Ausrede für alles Mögliche zu missbrauchen und so seine persönlichen Charakterzüge zu ignorieren. Es fiel mir viel zu leicht, respektlos zu werden und ihn nicht ernst zu nehmen. Wenn er zum Beispiel anderer Meinung war als ich in Bezug auf Blackys Belohnungs-Frequenz. Oder wenn wir einen unserer sich häufenden Diskussionen über Kleinigkeiten wie Kaffee hatten (er mochte grundsätzlich nur zwei Sorten Kaffeebohnen, und weigerte sich partout, irgendwelche anderen zu probieren.) Am Ende war er immer noch ein Mensch mit Gefühlen und Eigenheiten, die ihn einzigartig machten. Was ich jedoch überhaupt nicht ausstehen konnte, war sein Perfektionismus. Er konnte unausstehlich werden, wenn Blackys Ausrüstung nicht auf eine ganz bestimmte Art in der Sattelkammer verräumt war, oder wenn Collins und ich etwas am Trainingsablauf änderten. Ich war es gewohnt, spontan zu sein und zu improvisieren. Das war für ihn so ziemlich undenkbar. Genauso empfindlich war er, wenn er sah, wie ich mit seinem teuren Rennpferd herumalberte. Blacky war schon von sich aus ein Clown und machte praktisch alles für Leckerlis und Aufmerksamkeit. Mir fiel auf, dass er seine Oberlippe nach oben zog und die Zähne zeigte, wenn ich ihm eine Banane oder ein neues Leckerli mitbrachte. Das sah einfach zum Totlachen aus. Ich begann deshalb jeweils, absichtlich darauf zu warten, bevor ich ihm die Belohnung gab. Schon nach kurzer Zeit machte er es dauernd, sobald er ein Leckeri in meiner Hand sah. Als Harper eines Morgens nach einem offenbar nervigen Telefonat mit mürrischem Ausdruck durch die Stallgasse spaziert kam, beschloss ich ihn aufzuheitern. "Hey Harper!" "Good morning, Miss- Ray." "Blacky is feeling great today. He is such a playful fellow when he's happy." "I just wish he would show a bit more dignity..." "Ah, but look what he can do!" Blacky zeigte sein schönstes Lächeln, und Harper vergrub Kopfschüttelnd sein Gesicht in seiner rechten Hand. “By the way, you didn’t say you’d come here today. We’re already finished our training – if you had said something, we could have waited for you.” “I had a meeting. I did not expect you to wait anyway, it’s no problem.” Ich zuckte mit den Schultern und versorgte Blacky, der noch immer mit verschiedenen Grimassen meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, in seine Box.

    Für das darauffolgende Wochenende hatten wir ein Treffen mit einer Handvoll eingeladener Fans geplant, die diese Gelegenheit in einem kleinen Wettbewerb gewonnen hatten. Zwischendurch war das ganz gute Werbung für den Hengst, der nach seiner Rennkarriere irgendwann als Zuchthengst Karriere machen sollte. Ich versuchte am Tag des Treffens, Blacky besonders ansehnlich zu machen. Schliesslich sollte er vor seinen Bewunderern perfekt glänzen - jedenfalls wenn es nach Harper ging. Blacky selbst schien von der Idee nicht viel zu halten, er hatte sich jedenfalls Mühe gegeben, das Gegenteil anzustreben. Ich schrubbte, bis mir der Arm fast abfiel. "How can this short fur be so dusty? Maaan, you're a pig." Harper sah kurz darauf bei uns vorbei und beklagte sich gleichfalls. "Why do you keep sullying yourself like this?" Blacky zog daraufhin seine Oberlippe hoch zu einem Lächeln und zeigte sein wunderschönes Gebiss - er hatte natürlich kein Wort verstanden, aber nutzte spontan Harpers Aufmerksamkeit, um nach einem Leckerli zu betteln. Harper liess ein leicht verzweifeltes "Am I a joke to you?" hören. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten. "That's not funny. You're both not taking me serious." "I'm taking you very serious. My income depends on you." "About that. You still ride many other horses, don't you. I would like you to focus more on Blacky from now on." "That's not possible, I have a rent to pay." "I will renew our contract. You will get a fixed amount per month, enough to make a living." "But you are not going to gain anything from this, are you." "I will. As long as Blacky keeps up his winnings, he earns enough for both of you. And he looks happiest whenever he can fool around with you." "So you want me to be his personal toy? Wait, how much fooling-around are we talking about? I have limited creativity…” “Well, you could teach him some tricks, maybe? And I thought I could put you in charge of keeping his social media up to date, and of course organising meetings like this one today – I don’t have enough time for that.” “I could spend an hour or so more here, but he needs some privacy, too. I cannot possibly babysit him all day long.” “That’s true. How about spending the mornings here and then you’re free to go train other horses?” “Haha, you’re funny. All trainers that I know exercise their horses in the mornings.” “Okay, then you train Blacky, go train others and come back here in the afternoon to play with him?” “…That sounds more realistic.” “Very well then.”

    Ich zerbrach mir, nun da ich Blacky für einen ausgehandelten Taschengeldzustupf extra-bespassen durfte, bald den Kopf darüber, wie ich den verspielten, aber sehr sensiblen jungen Hengst noch mehr auf meine Seite ziehen konnte. Ich begann damit, nachmittags Spaziergänge mit ihm zu machen, oder auszureiten – je nachdem, wie viel er morgens arbeiten musste. Eine weitere wertvolle Idee fand ich im Internet: Kopfarbeit. Ich begann fortan, dem Hengst hin und wieder Spielzeug mitzubringen, meistens handelte es sich dabei um Pet-Flaschen oder Kartonschachteln, in denen Futter versteckt war. Harper war begeistert und griff die Strathegie gleich selbst mit auf. Er kaufte seinem Rennpferd nach einer Weile sogar einen robusten Spielball zum Aufhängen und einen grossen zum Rollen am Boden. Collins wirkte zunehmend, als wäre er kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Aber den Followern im Internet gefiel's. Sie lobten "Blackys Besitzer" für die Zuwendung, die er seinem Pferd schenkte. Ich fühlte mich dabei zunehmend auch angesprochen.
    Flair, Zion, Veija und einer weiteren Person gefällt das.
  4. Teil 9
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    Mehr als zwei Wochen vergingen, ehe wir einen Termin fanden, der für alle Beteiligten passte. Mr Harpers Rennpferd stand in der Nähe von Birmingham, auf dem Gestüt Pineforest Stable. Ich hatte schon ein paarmal das Vergnügen gehabt, gegen Pferde von dort zu gewinnen - abesehen von einer Niederlage gegen eine Stute namens Iskierka. Das Gestüt war vor allem bekannt für ungewöhnlich aussehende Rennpferde. Es gab dort meines Wissens nach viele Schecken und sogar schneeweisse Vollblüter - ich hoffte insgeheim, heute solch ein Tier zu Gesicht zu bekommen. Wenn Harpers Pferd ein Flop ist, kann ich vielleicht eines von denen reiten? Ich malte mir alle möglichen Szenarien aus und versuchte mir vorzustellen, wie toll ein ganz weisses Pferd auf der Bahn aussehen musste – auch wenn es vielleicht nicht das schnellste war. Vor lauter Träumerei verfuhr ich mich, weil ich die Abzweigung verpasste. Ich irrte durch ein Quartier, ehe ich zurück auf die Hauptstrasse fand und die richtige Strasse erwischte. Ich mahnte mich selbst, die Konzentration zu behalten und kam schliesslich auf dem Parkplatz hinter der imposanten, mit Tannen gesäumten Grasbahn des Gestüts an. Mr Harper erwartete mich bereits, ungeduldig auf seine schwarz-silberne Armbanduhr blickend. Ohne ihn zu begrüssen rief ich ihm entgegen: "Hey, I'm not late. It's exactly seven o'clock." Er murmelte irgendwas vor sich hin, dann führte er mich zu seinem Pferd. Ich hatte beschlossen, die Sache ein wenig anders als sonst anzugehen. Schliesslich hatte er mir das Angebot gemacht, also waren wir im Moment gewissermassen auf Augenhöhe. Ich stellte mich kritisch und professionell, die ganze Schleimerei von früher liess ich bleiben. Als ich das Pferd sah, sank mir das Herz jedoch in die Hose und ich verlor ein Stückchen meiner Coolness. "He is very beautiful", sagte ich zwischen zusammengepressten Zähnen - er sieht haargenau wie Piratebay aus, dachte ich dabei leicht entsetzt. Ich schüttelte nebenbei die Hand seines Trainers, George Collins, der bei dem Pferd auf uns gewartet hatte. Sogar die Abzeichen an den Beinen stimmten beinahe überein. Es war fast schon unheimlich. Nur der Babyspeck war verräterisch. Als ich näher trat, fiel mir dann aber auf, dass sein Fell eine andere Art von Braun aufwies. Es war einheitlicher, nicht mit deutlichen schwarzen Bereichen wie bei dem vermeintlichen Zwilling. Und er hatte, anders als Piratebay, auch noch einen kleinen Bauchfleck. Ich strich fasziniert über die glatten, kurzen Haare. "I know, he is perfect, right?", schwärmte Mr Harper mit einem leidenschaftlichen Funkeln in den Augen, wie ich es noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Leicht schaudernd nickte ich, um ihn nicht zu enttäuschen. Er konnte ja nicht ahnen, was in mir vorging. Collins zuckte auf meinen vorsichtigen Blick hin mit den Schultern - er schien wie erwartet ein gewöhnlicher Trainer zu sein, der sich vor allem für sein Business interessierte. Ich versuchte mich selbst abzulenken, indem ich ein paar Fragen stellte. "What colour is this? It doesn't look like an ordinary brown?" "I was told that he is a smoky black. He seems to have inherited diluting genes from his mother." "How old?" “Turns three next year" “His debut?“ “This Spring.“ "Bloodlines?" "Raving Hope Slayer - Race is Hope." Ich nickte. Sieht man ihm an, jedenfalls was die Statur angeht. Ich kannte mittlerweile ein paar der beliebten Blutlinien und sah mir gerne alte Fotos von Siegerpferden an, denn dabei lernte man einiges über deren Anatomie und bekam ein Auge für vielversprechende Jungtiere. Es war für die Karriere von Jockeys entscheidend, dass sie gute Pferde zur Verfügung hatten. Ich wollte dabei möglichst wenig dem Zufall überlassen. Gutes Pferd bedeutete gutes Geld. Der Vierbeiner vor mir sah wirklich so aus wie Piratebay, und ich befürchtete fast schon, dass er auch so viel Potential haben würde. Befürchten deshalb, weil ich mir alles andere als sicher war, ob ich ihn überhaupt reiten wollte - oder konnte. Wenn mir meine Vorurteile und unterdrückten Ängste in den Weg kamen, nützte es uns beiden nichts, Potential zu haben. Der Trainer beäugte mich skeptisch, als könne er meine Gedanken mitverfolgen. Mr Harper hingegen bemerkte nichts von meinem Zögern. Vielleicht ignorierte er es auch absichtlich. Jedenfalls schlug er fröhlich vor, ich solle Black Powder War doch erst einmal ausprobieren. Mit einem erneuten Seitenblick auf den Trainer willigte ich ein und sattelte den Fake-Braunen gleich selbst - die Pineforest-Pfleger wirkten beschäftigt. Der Hengst zappelte ein wenig, als ich den Trainingssattel auflegte, aber das war nicht ungewöhnlich für junge Rennpferde. Ich tastete ein letztes Mal die Beine ab - etwas, was ich unter anderem für meine eigene Gesundheit immer tat, bevor ich ein neues Pferd ritt. Sie fühlten sich kühl und sehnig an, so wie es sein sollte. Ich zäumte das dunkle Tier, bekam, nach einem kurzen Ungedulds-Tänzchen mit dem Vierbeiner, ein Leg-up von Collins und ritt den beiden Herren hinterher zur Grasbahn. Black Powder War schien etwas klemmig, weil keine anderen Pferde dabei waren. Ich trieb ihn konsequent vorwärts und lernte mit jedem Schritt etwas mehr über seinen Charakter. Er war meiner Ersteinschätzung nach ein einigermassen mutiger Kerl, der trotz anfänglichem Zögern auch ohne seine Kumpels bereit zur seriösen Mitarbeit wirkte. Gute Voraussetzungen schon mal. Auf der Grasbahn kamen dann schliesslich doch noch andere Pferde in Sichtweite - eine Gruppe die vermutlich gerade ihr Morgentraining absolvierte. Mein Reittier entspannte sich fühlbar. Seine Gänge wurden raumgreifender und geschmeidiger, sein Rücken blieb allerdings ein wenig steif. Ansonsten hatte er die für einen knapp Dreijährigen üblichen Gleichgewichtsdefizite, sobald man etwas Komplizierteres als Geradeauslaufen verlangte. Wir einigten uns auf eine Trainingsdistanz von 1000 Metern, freier Start (Collins und ich waren zu faul um einen Helfer für die Maschine aufzutreiben). Black Powder War reagierte nach dem Einwärmen prompt auf meinen Schenkel und lief zügig los. Die erste Hälfte der Strecke legten wir in einem lockeren, aber fordernden Galopp zurück, währenddessen ich den Gehorsam des Hengstes testete. Wir wurden von zwei anderen Pferden überholt. Er schüttelte wütend den Kopf und wollte ihnen hinterherziehen, aber ich liess ihn nicht. Wir setzten stur unser Tempo fort bis zum 500-Meter-Pfosten. Dann machte ich einen kurzen Sprint, bremste erneut, und setzte zu einem finalen Sprint an. Der Hengst, gespannt wie eine Bogensehne vom ewigen Zurückhalten, streckte sich voll aus und passierte mit weiten Sprüngen den 1000-Meter-Pfosten. Ich stand in den Bügeln auf und stellte die Zügel an, bis er in den Trab fiel - aber er konnte es sich nicht verkneifen, vorher noch übermütig mit den Vorderbeinen zu stampfen, einen kleinen Buckelsprung zu machen und dabei wie ein Schweinchen zu quieken. Ich rollte die Augen und holte seine Konzentration zurück zu mir. Dann wendete ich ihn und trabte die Strecke zurück zu Collins und Mr Harper. Mein ehemaliger Boss erinnerte mich an ein kleines Kind, dem man gerade ein neues Spielzeug geschenkt hatte. "You two really seem to get along!" Ich summte ein nicht halb so begeistertes "M-hmm". Collins runzelte nachdenklich die Stirn. Ich ritt den dunklen Hengst am langen Zügel zurück zum Stallgebäude, Mr Harper lief nebenher. Ich musste mich entscheiden. Er ist ein gutes Pferd, zweifellos - ein freches Energiebündel mit viel Tatendrang. Wir scheinen auch tatsächlich zu harmonieren, jedenfalls lässt er sich von mir pilotieren, von den kleinen Mätzchen abgesehen. Aber darf ich mein Bauchgefühl wieder einmal ignorieren? Ist es überhaupt mein Bauchgefühl, das sich meldet, oder sind es doch eher Vorurteile, die ich entwickelt habe? Was ist nur aus meiner Abenteuerlustigkeit geworden... Beim Absteigen drehte sich Black Powder War erwartungsvoll zu mir um. Ich sah ihn einen Moment rätselnd an, dann klärte Mr Harper mich auf: "He is used to getting a treat after every ride. I think it is only fair, since he does most of the work." Diesmal war ich mit dem Stirnrunzeln an der Reihe. Seinem Gesicht nach zu urteilen hatte es keinen Sinn, diese Praxis in Frage zu stellen - auch wenn ich gerne erwähnt hätte, dass der Hengst für ein Rennpferd ausgesprochen verwöhnt zu sein schien. Das erklärte auch seine eher pummelige Statur, die mich zuerst an seinem Trainingsstand hatte zweifeln lassen. Collins, der zwei Schritte hinter Mr Harper versteckt stand, verdrehte vielsagend die Augen. Wir würden auf jeden Fall ein paar Baustellen vor uns haben. Nun interessierte mich noch, wer sein vorheriger Reiter gewesen war, beziehungsweise warum Mr Harper überhaupt nach einem neuen Jockey suchte. Ich hakte nach, aber die Antwort war nicht gerade zufriedenstellend. "Black Powder War did not like them." Them? Meine Alarmglocken schrillten, aber Mr Harper zog im richtigen Moment das Lohn-Ass aus dem Ärmel. Der vorgeschlagene Betrag war bestechend hoch. Meine Hemmschwelle sank und ich schüttelte ihm einwilligend die Hand. Collins drängte sich zu Wort und winkte Mr Harper zu sich. Ich hörte das gedämpfte Gespräch problemlos mit. "Mr Harper, I think we should wait and look at a few more candidates first." "No. She rides well and they get along." "But she is not strong enough to handle this horse. If the men couldn't do it, how can she?" Das Geflüster stachelte mich förmlich an. Ich entgegnete frech: "Are we done Mr Harper? I have some other really feisty horses to ride back in Newmarket." Er packte die Gelegengeit und löste sich mit dankbarem Ausdruck von Collins. "Yes, that was all. I can count on you Miss Hayes?" "You will hear from me.", versicherte ich, und stolzierte mit einem absichtlichen Umweg durch den gesamten Stalltrakt von Pineforest Stable zurück in Richtung Parkplatz – ich wollte schliesslich noch einen Blick auf die weissen Vollblüter erhaschen.

    Ich machte meine Hausaufgaben gewissenhaft: ich sah mir Rennvideos von Black Powder War an, suchte nach seinen Bestzeiten, studierte seine Abstammung, überprüfte seine Resultate. Das fertige Bild, das ich am Ende vor meinem inneren Auge hatte, betrachtete ich mit gemischten Gefühlen. Der Hengst schien eines dieser typischen Sensibelchen zu sein, die bei der kleinsten Ungereimtheit zu hadern begannen. Seine Geschichte sprach Bände; er hatte bisher jeden seiner insgesamt vier Jockeys irgendwie nach kurzer Zeit vergrault. Oder war es doch eher sein Besitzer, der sie abgeschreckt hat? Mal lief der Hengst rekordverdächtige Zeiten, dann wiederum war er schon beim Start ausgeschieden, weil er rumhampelte und dadurch nicht rechtzeitig aus der Maschine kam. Ich rieb mir müde die Augen. Was habe ich mir da wieder angetan?


    Anfangs hatte ich tatsächlich ein paar Schwierigkeiten mit Black Powder War. Der junge, ungestüme Hengst, der beim Ausprobieren noch gewöhnlich brav gewesen war, zeigte nach den ersten Intervalltrainings sein wahres Gesicht - oder versuchte es zumindest. Ich hatte nämlich auch so einige Asse im Ärmel, um ihn unter Kontrolle zu halten; nicht zuletzt dank Piratebay. Da sich die Erinnerung an meine Erfahrungen mit dem verstorbenen Rennpferd so hartnäckig in meinen Hinterkopf hielt, konnte ich aber auch nicht einfach so weitermachen wie damals. Ich forderte nach den bisher schlimmsten Mätzchen des Hengstes, die zum Teil schon beim Aufsteigen begannen, von Mr Harper, dass er sein Pferd von einem Spezialisten durchchecken liess. Dabei stellte ich ihn vor die Wahl: "Either you can prove that he is absolutely healthy and fit, or I will stop right here. I do not risk my own health unnecessarily." Zu meiner positiven Überraschung fand der Boss der Harper Tech Solutions dies eine hervorragende Idee, und vereinbarte noch am selben Abend einen Termin mit einem Chiropraktiker. Schon fünf Tage später wurde auf Black Powder Wars Rücken herumgedrückt und fleissig analysiert. Und siehe da: der Hengst hatte diverse Verspannungen und Schmerzen bei der Sattellage. Der Chiropraktiker ordnete einen passenderen Trainingssattel und einen neuen Hufschmied an, denn offenbar war der Beschlag mehr als suboptimal. Anschliessend löste er die Problemzonen mit einigen gezielten Griffen. Ich sah fasziniert zu, wie das Pferd gerichtet wurde – Mr Harper hatte darauf bestanden, dass ich bei der Behandlung dabei war. Der Hengst bekam eine Woche Erholungsphase verordnet und durfte die Auszeit auf den Weiden von Pineforest Stable geniessen. Mr Harper schien erleichtert über diese Lösung zu sein - offenbar hing er mehr an dem Tier, als ich es für möglich gehalten hatte. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er: "I suspected there was something going on, but all the Jockeys, and Mr Collins as well, kept assuring me that it was just bad habits." "I like to listen to my guts regarding these things." "I guess I relied a bit too much on so-called experts..." Ich meinte, mit einer sich mehrenden Sympathie für den ungewöhnlichen Rennpferdebesitzer: "I'm sure you only wanted the best for your horse. But sadly we cannot trust many people these days, especially when money is involved." "…I can trust you though?" Er fixierte mich ernsthaft mit seinen grüngrauen Augen, so dass mich ein Gefühl von Unbehagen beschlich, obwohl ich nichts zu verbergen hatte. "As long as I get my payment on time." Er brachte tatsächlich eine Art Schmunzeln hervor - diesmal hatte er die Anspielung wohl verstanden. Mir war schon in der Vergangenheit oft aufgefallen, dass Humor nicht gerade seine Stärke zu sein schien. Ich war mir dabei nicht sicher, ob er einfach verkorkst war oder zu wenig Kreativität mit Wortspielen und dummen Sprüchen hatte. Vielleicht ist Englisch gar nicht seine Muttersprache? Vielleicht hat er sich einfach einen perfekten Business-English Akzent antrainiert. Heutzutage ist vieles möglich.

    Woche um Woche zog vorüber und ich kannte bald alle von Black Powder Wars Mätzchen. Der Hengst begann aber umgekehrt auch mich zu kennen - und erstaunlicherweise zu respektieren. Unsere Beziehung wuchs zu einer Art Kompromiss-Zusammenarbeit: solange ich ihm genügend Leckerlis und Streicheleinheiten bot, und ihn nicht grob behandelte, hielt er sich mit seinen Flausen zurück. Ob es reichen würde, um tatsächlich ein Rennen zu gewinnen, musste sich noch zeigen. Die Gelegenheit nahte aber rasch. Wir trainierten fleissig für ein Rennen in Newmarket, eines der letzten der Saison, das nicht zu anspruchsvoll schien und bei dem wir uns gute Chancen errechneten. Black Powder War stand gelangweilt im Putzstand und spielte mit der Anbindekette. Als ich um die Ecke kam, sah er mit gespitzten Ohren auf und brummelte. Er konnte so einen unglaublich süssen Hundeblick aufsetzen, wenn er ein Leckerli erwartete. Dabei bekam er von mir eigentlich selten etwas, im Vergleich zu seiner Ausbeute wenn Mr Harper zu Besuch war. Zu Beginn war der erfolgreiche Firmenchef noch oft beim Training dabei gewesen, aber er hatte nun mal auch einen Job zu erledigen und konnte unmöglich immer morgens um 6 Uhr nach Birmingham kommen. Deshalb begegneten wir uns mit der Zeit wieder nur noch selten, worüber ich ganz glücklich war. Wenn ich etwas über die Jahre gelernt hatte, dann war es, dass man mit seinem Boss am besten so wenig wie möglich zu tun haben sollte. Ich kraulte den Hengst an seiner Lieblingsstelle beim Hals, dann legte ich den mitgebrachten Trainingssattel mitsamt dickem Pad auf seinen Rücken und gurtete das ganze fest. Er schlug etwas mit dem Schweif und stampfte - ein Überbleibsel von seinen vorherigen Verspannungen. Es war eben schwierig ein einschneidendes Erlebnis zu vergessen, das wusste ich selbst auch zu gut. Ich zäumte ihn, sobald er ruhig war, und führte ihn wie immer raus zum Aufsteigen. Auf der Gegenseite kam auch gerade Quinn Callahan, ein Jockey von Pineforest, von einer schneeweissen Stute gefolgt aus dem Tor. Ich grüsste die dunkelrothaarige Frau freundlich. Draussen standen bereits ein paar Pferde mit weiteren Jockeys des Gestüts. Es muss toll sein, bei einem Gestüt angestellt zu werden, überlegte ich. Man hat geregelte Arbeitszeiten und den Lohn auf sicher. Dafür muss man die Gestütseigenen Pferde reiten und kann sie sich nicht aussuchen... Black Powder War brummelte der weissen Stute zu. Ich zupfte streng an seinem Zügel. "Where are your manners, silly boy." Ich führte ihn zur Aufstieghilfe und murmelte tröstend "I think she's beautiful, too. But I'm afraid she's out of your league." Mein dunkles Reittier verdrehte die Augen, um noch einen Blick zu erhaschen, während ich aufstieg. Dann trieb ich ihn vorwärts, um in Ruhe vor den anderen auf die Bahn zu kommen. Der Hengst wischte missmutig mit seinem Schweif und setzte sich in Bewegung. Ich mochte es, dass er so viel Persönlichkeit zeigte. Das machte es für mich einfacher, ihn zu verstehen. Es gab nämlich auch Pferde, die alles in sich hineinfrassen und dann plötzlich unerwartet wegen einer Kleinigkeit in die Luft gingen. Black Powder War lief eine gute Zeit. Auch Collins war dieser Meinung. Er fand zunehmend Gefallen an meinem Reitstil und war nicht mehr so skeptisch wie zu Beginn. Aber ich hatte das unterschwellige Gefühl, dass all seine Sympathie mir gegenüber vom Erfolg unseres ersten Rennens abhängen würde.

    Am frühen Morgen des Renntags schliesslich, war auch Mr Harper wieder anwesend. Er wollte überall seine Finger im Spiel haben und ich musste ihn förmlich aus der Sattelkammer scheuchen, um meine Ausrüstung in Ruhe zusammensuchen zu können. Ich war froh, als wir endlich losfuhren. Black Powder War und ich brauchten gar nicht aufgeregt zu sein - Mr Harper übernahm den Part für uns beide. Es war irgendwie seltsam belustigend, ihn so ausser sich zu sehen, besonders, wenn man nur seine ruhige, professionelle Seite kannte. Collins bestätigte mir, dass er immer so aufgelegt war, egal vor welchem Rennen. Wir erlaubten uns, gemeinsam darüber amüsiert zu sein.
    Auf dem Rennbahngelände ging alles zügig voran wie auf Schienen. Da Black Powder War keinen persönlichen Pfleger hatte, bereitete ich ihn selber vor, mit gelegentlicher Hilfe von Collins. Wir machten schon fast den Eindruck eines eingespielten Teams - es schüttelte mich beinahe bei dem Gedanken. Der Lohn. Denk an den Lohn. Ich musste den Fake-Braunen nur noch zäumen, dann liefen wir alle gemeinsam zum Führring. "You can leave it to us from here on, Mr Harper", versprach ich in einem Versuch, den noch immer nervösen Rennpferdebesitzer auf die Tribüne zu verbannen. Ansonsten würde er Black Powder War noch anstecken. Widerstrebend wünschte er mir einen sicheren Ritt und streichelte sein Pferd noch einmal - wie eine überfürsorgliche Mutter, die ihren einzigen Sohn in den Krieg schickte - ehe er endlich davonzog. Nun konnte ich mich auf das Rennen konzentrieren. Wir setzten Huf auf die Grasbahn und trotteten bis zur Startmaschine. Als wir an der Reihe waren, wurde Black Powder War von den Helfern in die schmale Box geschoben. Er hatte kaum Zeit, sich zu sträuben - es lief alles professionell und rasch ab. Wir hatten nur kurz Zeit um uns zu sammeln, dann sprangen die Tore auch schon auf. Ich mochte es auf diese Weise, denn je länger die Pferde in der Maschine warten mussten, desto nervöser wurden sie. Black Powder War kam gut weg. Wir konnten uns gleich an die Spitze setzen und für die erste Hälfte auch dort halten. Die heutige Distanz betrug nur etwa 1000 Meter, das war für mein Reittier ideal. Der Hengst hatte einen schnellen, kraftvollen Galopp, wurde aber über längere Strecken müde - er war ein typischer Sprint-Typ. Im Training war ihm jeweils ab 1200 Meter die Puste ausgegangen, mit etwas Konditionstraining konnten wir das aber sicherlich noch auf 1500 erweitern. Obwohl wir also eigentlich unter idealen Bedingungen teilnahmen, waren wir immer noch Aussenseiter, wenn man dem Wettbüro Glauben schenkte. Anscheinend waren ausser uns noch eine Handvoll hoffnungsvoller Neulinge mit am Start. Jedenfalls rückte nach der halben Distanz plötzlich ein echter Brauner von aussen her näher. Vermutlich wollte er sich eine gute Position für die letzten Meter ergattern. Ich wog das Risiko ab, dann entschied ich, das Tempo bereits zu erhöhen, um etwas mehr Vorsprung aufzubauen - jetzt wo er noch fit war. Wir holten bis zur Zielstrecke fast drei Längen heraus. Doch nun wurde es spannend, denn die Jockeys forderten von ihren Reittieren auf den letzten Metern alles. Das Feld rückte wieder näher, besonders der Braune von zuvor, dicht verfolgt von einem weiteren Schwarzbraunen. Mit einem leichten Seufzen befürchtete ich, dass meine Strategie nicht reichen würde. Unsere Konkurrenz war stärker als ich eingeschätzt hatte und unser Vorsprung schrumpfte rasch dahin. Ich trieb Black Powder War nochmal an, in der Hoffnung, dass er irgendwie mithalten würde; und wurde völlig überrascht, als der Hengst entgegen meiner Erwartungen so kraftvoll wie zu Beginn des Rennens zulegte. Ich krallte mich euphorisch in seiner Mähne fest und rief laut, damit er sich noch mehr streckte. Es fühlte sich unglaublich toll an. Wir setzten uns erneut klar an die Spitze und zogen davon. Die anderen konnten uns nichts mehr anhaben, und wir passierten die Ziellinie mit ungefähr demselben Vorsprung wie zuvor. Ich strahlte stolz über's ganze Gesicht und klopfte dem Hengst auf den Hals, als wir zurücktrabten. Auch Mr Harper jubelte begeistert, und sogar Collins liess sich davon anstecken - er schien jedenfalls klarstellen zu wollen, dass er das Tier trainiert hatte. Die Stimmung war auch nachdem Black Powder War längst wieder zufrieden Zuhause in seinem Stroh herumstöberte noch ausgelassen. So toll hatte ich mich zuletzt nach meinem allerersten Sieg gefühlt. "I could see their dumbfounded faces from my seat. It was hilarious! Everyone thought you were dead-beat and out already." - Collins konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Schwärmen. Mr Harper nippte zufrieden an seinem Kaffee und warf gelegentlich einen liebevollen Blick zu seinem Pferd rüber. Wir (vor allem Collins und ich) diskutierten noch eine Weile, dann löschten wir das Licht im Stallgebäude und schlichen hinaus.​
    Sevannie, Veija und Eddi gefällt das.
  5. Teil 8
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    Die Wochen und Monate vergingen wie im Flug. Ehe ich mich versah, war ich schon seit einem ganzen Jahr Berufsjockey. Und ich war gut. Ich gewann natürlich nicht jedes Rennen, aber ich hatte doch einige Erfolge mehr zu verzeichnen als Maddie und die anderen - nicht nur mit True Glory. Zurück in die graue, eintönige Metallindustrie zu wechseln, kam für mich nicht mehr in Frage; ich hatte meine Lebensaufgabe gefunden, so war ich mir sicher. Mittlerweile bekam ich auch immer mal wieder neue Pferde und Jobangebote, ohne mich gross darum bemühen zu müssen. Die Trainer plauderten eben auch des Öfteren bei einem Feierabend-Bier zusammen und horchten sich gegenseitig aus. Wenn der Lohn entsprechend war, stieg ich jeweils ohne mit der Wimper zu zucken auf die Angebote ein, da war ich nicht besonders wählerisch - auch wenn die Pferde einen "schwierigeren" Ruf hatten. Vielleicht war ich gerade deshalb so gefragt. So ritt ich im Moment einen dunkelbraunen Hengst mit breiter Blesse namens Piratebay. Er war berüchtigt für seine plötzlichen Ausbrüche, in denen er senkrenkrecht in die Höhe stieg. Auch hatte er die Angewohnheit, beim Aufsteigen nach den Pflegern zu schnappen. Auf der Bahn war er aber aussergewöhnlich. Er war zweifellos das schnellste meiner bisherigen Reittiere. Wir gewannen im folgenden Herbst jedes Rennen zusammen, und das mit deutlichem Vorsprung. Bald ging es darum, ihn erfolgreich in die neue Saison zu bringen - diesmal in höherdotierten Rennen und mit erfahreneren Gegnern. Den Winter hindurch trainierten wir daher ohne Unterbruch weiter, entweder auf der Bahn oder mit Aquatrainer und Laufband. Das erste Testrennen im Frühling gewann er mit vier Längen. Entsprechend war er einer der Favoriten der Saison. Das heutige Rennen würde die Erwartungen in ihn weiter steigern, da waren sich alle Beteiligten sicher. Der pastellblaue Himmel am frühen Morgen versprach hervorragendes Wetter. Ich sass für einen Moment im Rahmen der kleinen Tür zur Sattelkammer des Transporters und trank aus meiner Thermoskanne Tee; das war sozusagen ein kleines Ritual geworden. Piratebay schnaubte gelegentlich im Inneren des Transporters. Er war vermutlich schon wieder aufgeregt, wie vor jedem Rennen. Ich war auch hibbelig, aber längst nicht mehr so nervös wie in meinem ersten Jahr. Das Rennreiten war für mich Alltag geworden, und ich wusste ja, dass ich gewinnen würde. So arrogant das vielleicht klang. Ich war mir völlig sicher, denn heute war ein perfekter Tag. Der grosse Dunkelbraune hatte sich in den letzten paar Trainings beinahe täglich selbst übertroffen und vor drei Tagen sogar einen neuen Rekord auf der Trainingsbahn aufgestellt. Der Besitzer von Piratebay kam vorbei, um nochmal nach seinem wertvollen Tier zu sehen. Er beschimpfte den Pfleger, weil das Pferd nicht genug Einstreu im Transporter habe und sich über das halbweisse Hinterbein geäppelt hatte. Der Pfleger schrubbte das Bein missmutig - Besitzer konnten manchmal ganz schön mühsam sein. Aber ich verstand, dass er wollte, dass seine Investition den bestmöglichen Eindruck hinterliess. Ich vermutete, dass Piratebay bald für eine utopische Summe verkauft werden sollte. Vielleicht durfte ich ihn danach weiterreiten, höchstwahrscheinlich aber nicht – es kam ganz auf die neuen Besitzer an. Vermutlich würde er in einen bekannteren Stall wechseln und einen der richtig berühmten, besonders teuren Jockeys bekommen. Dieser würde ihn dann zur Spitze seiner Karriere treiben, und vielleicht ein paar der höchstdotierten Rennen mit ihm gewinnen. Natürlich war der Gedanke daran, sich von so einem Ausnahmepferd trennen zu müssen enttäuschend, aber es würden sicherlich wieder neue kommen. Und vielleicht würde ich irgendwann auch zur Elite gehören, die nur noch solche Pferde zu reiten bekam. Ich nahm noch einen Schluck, dann stellte ich den Tee weg und begab mich mit der Ausrüstung in Richtung Rennbüro, zur Waage. Beim Aufsteigen, etwa eine halbe Stunde später, zappelte Piratebay wiedermal. Er trabte auf der Stelle und schlug mit seinem Kopf auf und ab, so dass seine seidige, handbreit geschnittene Mähne durch die Luft flappte. Der Pfleger gab sich alle Mühe, den Hengst ruhig zu halten, mit begrenztem Erfolg. Ich versuchte es mit Halskraulen und gut zureden. "It's alright big boy. It will be over in no time." Ich hatte so ein unerklärliches Gefühl wenn ich ihn ansah. Seine dunklen Augen, in denen man das Weisse sah weil er sie besorgt verdrehte, zeugten von Angst und Unwohlsein. Sein Besitzer und der Trainer beharrten immer wieder darauf, dass es nur Nervenflattern sei; normale Aufregung. Aber ich sah hinter die stumme Fassade und ahnte nun schon seit einer ganzen Weile, dass der Hengst mehr als einfaches Lampenfieber spürte. Trotzdem blieb mir nichts übrig als meinen Job zu tun und in die Bügel zu steigen. Naja, zumindest war das die Version, die ich mir gerne einredete, denn ich hätte vermutlich schon Möglichkeiten gehabt, etwas zu verändern. Aber die Versuchung, die Anzeichen einfach zu ignorieren und so weiter zu machen wie bisher, war bei allen Beteiligten, inklusive mir, zu gross. Es lief ja alles grossartig - das Pferd lief grossartig. Wir gewannen Rennen, er strotzte vor Energie und Kraft, sein Fell glänzte im morgendlichen Sonnenlicht, unsere Namen standen in den Zeitungen... Ausserdem wollte ich nicht riskieren, den verlockenden Lohn auch nur einen Tag früher als nötig an einen anderen Jockey abtreten zu müssen. Ich ritt Piratebay zur Bahn, wobei der Pfleger zur Sicherheit noch mitlief. Der Hengst beruhigte sich ein wenig sobald wir uns in Bewegung setzten, aber seine Schweifrübe war starr weggestreckt und die Nüstern schon jetzt weit offen. Ich fasste die Zügel nach und liess mich in die Startbox führen. Der Start kam kurz darauf, denn wir waren eines der letzten Paare gewesen. Die Tore flogen auf und Piratebay kam wie immer gut weg. Wir ergatterten uns von Anfang an einen vielversprechenden Platz an der Innenbahn. Ich konnte mich fast schon entspannen und den Ritt geniessen. Piratebay galoppierte rhythmisch und man spürte die brodelnde Kraft in jedem seiner Sprünge. Sein Kopf war leicht vorgestreckt und die Ohren nach hinten geklappt, damit der Fahrtwind nicht darin rauschte. Rund um uns herum flogen Hufe durch die Luft, gruben sich in den Grasboden und warfen feuchte Klumpen auf. Die Luft war noch kühl so früh morgens, gerade richtig zum Rennen. Wir passierten den 500 Meter Pfosten. "1000 to go", murmelte ich und kraulte Piratebay kurz beruhigend mit meinen Fingerspitzen in der Mähne. Ein Brauner mit rot-gelber Seide drängte sich an uns heran, um ebenfalls auf die Innenbahn zu kommen. Ich rief zweimal, um Piratebay etwas anzutreiben. Ich wollte auf jeden Fall unsere Lücke behalten. Es klappte und wir bogen wenig später auf die Zielgerade. Ich gab Piratebay dreimal die Peitsche - das reichte bei ihm für gewöhnlich aus. Er zog an und streckte sich, um mehr Boden zu gewinnen. Sofort begannen wir vorzurücken und liessen die anderen schliesslich hinter uns. Wir flogen vier Längen vor dem Feld über den Rasen, den Rails entlang bis über die Ziellinie. Ich wollte gerade in den Bügeln aufstehen und zu bremsen beginnen, da grunzte Piratebay plötzlich, und ging ohne Vorwarnung in die Knie. Wir krachten auf das kurzgemähte Gras der Bahn und kamen nach ein paar Metern Schlittern zum Halt. Ich überschlug mich und landete auf dem Rücken. Mir schoss noch in mitten des Adrenalinrausches durch den Kopf, dass ich mich nicht bewegen sollte, falls ich mir die Wirbelsäule verletzt hatte. Aber ich spürte irgendwie nichts - und dann wurde meine Sicht verschwommen, bis es schliesslich ganz finster und still war.

    Als die Geräusche wieder anschwellten und meine Pupillen sich entschieden, das Sonnenlicht wieder anzunehmen, fand ich mich in einer seltsamen Umgebung. Die Tribüne und die Rails waren verschwunden, um mich herum ragten grüne Planen in den Himmel. Es wuselten auch seltsam grell gekleidete Leute herum; auf den zweiten Blick waren es Sanitäter. Einer leuchtete mir in die Augen, dann fragte er mich, wie es mir gehe. Was für eine seltsame Frage das war. Wie geht es mir? Ich wunderte mich plötzlich selbst. Im nächsten Moment spürte ich es alles auf einmal: Prellungen, vermutlich gebrochene Rippen - vielleicht eine ausgekugelte Schulter? Ich konnte nicht anders als ein paar Schmerzlaute von mir zu geben. Der Sanitäter sah zufrieden aus. "If it hurts, then it's okay." Ich mochte die Logik hinter den Worten nicht, auch wenn es stimmte. Man hatte mir eine Infusion gegen den Schock verabreicht, deshalb wurde ich mit jeder Sekunde wacher. Eine Trage lag bereits neben mir im Gras. Darauf wurde ich nun vorsichtig geschoben und dann folgte eine Taxifahrt im Krankenwagen. Unterwegs erfuhr ich nur, was ich bereits befürchtet hatte. Piratebay war aus noch ungeklärten Gründen zusammengebrochen und auf der Stelle tot gewesen. Man wollte eine Obduktion durchführen, um die Ursache zu finden. Das Rennen hatten wir gewonnen, aber zu welchem Preis? Ich hatte reichlich Zeit, um mir den Kopf darüber zu zerbrechen.

    Am Abend kamen der Trainer und der Besitzer vorbei, um mir eine gute Besserung zu wünschen. Ich hakte nach, ob man denn schon mehr wusste. Aber beide verneinten. Maddie kam erst am nächsten Tag vorbei - sie hatte zu viel zu tun gehabt. Dafür brachte sie endlich Klarheit was Piratebay anging - nunja, ihre Aussage war auch nicht wirklich befriedigend. "The vet said it was a heart attack." Sie pausierte, und ich sah nachdenklich die Decke an. "But there's more. The autopsy showed that he had kissing spines." "That explains why he was always fighting..." Mir bildete sich ein Kloss im Hals, wenn ich daran dachte, dass der Hengst die ganze Zeit höllische Schmerzen gehabt haben musste, und trotzdem noch für mich gewonnen hatte. Die Rückenschmerzen und der Stress der Rennbahn kombiniert waren selbst für sein starkes Herz auf Dauer zu viel gewesen. Wie unglaublich treu sind diese Tiere? Dass sie trotz allem rennen, und ihren Besitzern Geld in die Tasche bringen –wofür?... Auf der anderen Seite haben sie keine Wahl. Der letzte Teil war schwer einzugestehen, denn ich war massgeblich an Piratebays Schicksal beteiligt. Die Peitschenhiebe, die ich am Vortag noch in gleichgültiger Gewohnheit ausgeteilt hatte, kamen mir nun wie ein Todesstoss vor. Habe ich ihn umgebracht? Habe ich diesem scheinbar unermüdlichen Herzen den Rest gegeben? Ich wollte die Frage rhetorisch belassen. Wir sehen gerne weg. Wir reden uns gerne ein, dass es sowieso passiert wäre, auch ohne unser Zutun.



    Ich konnte nach dem Vorfall nicht mehr mit derselben Gelassenheit in den Sattel sitzen. Die physischen Wunden waren zwar nach ein paar Monaten dank der gründlichen Arbeit der Chirurgen vollständig geheilt, aber ich konnte die Vierbeiner nicht mehr ansehen, ohne mir Gedanken über mögliche Innere Verletzungen zu machen. Ich suchte förmlich nach Indizien auf Unwohlsein, und die Trainer machten mir deutlich klar, dass sie das übertrieben fanden. Ausserdem war ich insgesamt angespannter, sobald ich im Sattel sass - was die Pferde natürlich spürten. Meine Siegesquote sank und ich hatte fast schon eine Durststrecke. Bis ich eines späten Sommerabends einmal mehr vom Leben überrascht wurde.

    Es war eines der Nachtrennen für Vierjährige, das ich an diesem Tag bestritt, mit einer Stute namens Picturesque – ausgerechnet vom selben Vater wie Piratebay. Sie war schon die ganze Zeit über nervös und zappelig, aber diesmal war ich mir sicher, dass es nur die flatternden Nerven waren. Der Tierarzt hatte die Stute nämlich gerade erst auf Wunsch der Besitzer hin komplett durchgecheckt. Ich versuchte, möglichst ruhig zu wirken, damit sie sich sicher fühlte – sicherer als ich selbst, zumindest. Bei den Startboxen zögerte sie nochmals, aber der professionelle Umgang der Helfer ermöglichte trotzdem ein rasches Hineinführen. Ich ignorierte die Bauchschmerzen, die mich seit dem Aufwachen plagten und sich nun hartnäckiger denn je in mein Bewusstsein drängen wollten. Es gibt keinen Grund Angst zu haben, Ray. Alles ist abgeklärt, wir sind fit und kerngesund, redete ich mir ein. Gleichzeitig fragte ich mich: Ist es diese tiefliegende Angst, die auch Picturesque fühlt; die sie nervös auf der Stelle trampeln lässt? Hat sie auch jedes Mal Angst, dass wir das Rennen nicht überleben? Der Start verlief sauber und alle Jockeys und Pferde kamen gut weg. Sobald wir in Bewegung waren und beide eine Aufgabe hatten, auf die wir uns konzentrieren mussten, entspannten wir uns. Die Stute rannte einfach, als gäbe es kein Morgen, und ich tat, wozu ich ausgebildet war: sie steuern und ihre geballte Kraft im richtigen Moment freisetzen. Das Feld war die meiste Zeit des Rennens dicht gedrängt und es blieb bis zum Schluss spannend. Ich schaffte es, Picturesque durch eine Lücke nach vorne zu bringen. Es wurde jedoch äusserst schwierig, sie auch dort zu halten, denn sie war trotz der ähnlichen Abstammung kein so starkes Pferd wie Piratebay. Am Ende gewannen wir so knapp, dass die Rennleitung das Resultat zuerst auf der Finish Kamera prüfen musste, bevor sie es verkündete. Ich parierte Picturesque in den Trab und wendete sie in Richtung Ausgang und Tribünen, wobei ich ihren schweissnassen, in der herbstlichen Morgenkälte dampfenden Körper genau im Auge behielt. Wir wurden von ihrem Pfleger empfangen und kurz darauf stiessen auch Besitzer und Trainer dazu. "That was incredible! You did really well, both of you!", rief eine ältere Dame, die Anteile der Stute besass. Ich zwang mich zu einem Lächeln, meine Gedanken noch immer ganz woanders, und wir liessen uns ablichten, ehe ich von dem Rücken des noch immer stark schnaufenden Tiers hopste. Der Pfleger schob die Bügel hoch und führte es in Richtung Ställe. Ich wollte mich ebenfalls gerade zurückziehen und zog meinen Helm aus, da rief plötzlich jemand meinen Namen. "Miss Hayes!?" Die Stimme war ungewohnt verändert durch Erstaunen und Überraschung, aber ich erkannte sie trotzdem sofort. Ich versuchte, hinter den Fotografen abzutauchen und mich zwischen den Lautsprechern hindurch davon zu stehlen, aber ich war zu langsam. "Oh, Mr Harper. What a surprise...", ich versuchte begeistert zu klingen, mit mässigem Erfolg. "A surprise indeed. I didn't expect you to become a jockey after... Well." Er schwieg leicht unsicher. "I did not either. But here I am." "That is impressive. And you won the race." Ich nickte zufrieden. "I won the race." Wir schwiegen, denn offenbar war ihm der Text ausgegangen. Er sah noch genau so aus, wie ich ihn von vor zweieinhalb Jahren in Erinnerung hatte. Er trug Anzug und Kravatte, wie es sich für einen CEO gehörte - wie auch die meisten Rennpferdebesitzer. "...So... You own a horse, too. Or did you just come to watch the race?" Er wirkte erleichtert über den neuen Themenvorschlag und formulierte seine Antwort sorgfältig. "Well, actually both. I do own a horse, but it did not compete today. I came here to study our rivals." "You really own a horse? I had no idea. I've never seen you at a race before." “I bought my first one just after you had started working at Harper Tech. Sadly, it suffered a leg fracture during Training shortly after and I was advised to sell it. So I bought a new yearling about two years ago. It didn’t compete much as a two-year-old; however, we have been to many races this summer, and it did great. I have probably seen you once or twice, but since it was only a short glimpse I thought it unlikely." “It’s no surprise then, since I had a longer break over summer, due to an accident this spring.” “Another accident? You should be more careful, you only have one life, you know.” “You don’t believe in reincarnation or heaven?” “No, I do not believe in such. Anyway, what kind of accident was it this time? Not another one with a car involved, I hope?“ “No, it was a racing accident. My horse collapsed after the finish line.” “Oh, it was that accident? What was the name of the horse again… Piratebay? They said in the papers, that it suffered a heart attack due to genetic predisposition, right? How very unfortunate…“ Ich konnte nicht anders, als meine Stimme aufgebracht zu heben. „It was not genetic predisposition! His owners, like all the other greedy, rich people in racing business, only cared about the money! He was in pain all the time because he was such a strong, diligent horse and they shamelessly overworked him-“, ich stockte und schluckte; “we overworked him.” Peinliches Schweigen stellte sich für einen Moment ein, sodass mein Blick schweifte und nach einer Möglichkeit zu entkommen suchte. "Ah, I should probably head over to meet with the trainer. He must be waiting to discuss the race." "That is very important, indeed." Er fügte jedoch hastig hinzu: "You do not happen to take on new horses, do you?" Ich war ernsthaft erstaunt über die Frage. Du hast mich schon einmal gefeuert, erinnerst du dich nicht mehr?, ging mir unausgesprochen durch den Kopf. Ich zögerte deshalb mit dem Antworten. "I know it may seem inappropriate, but this has nothing to do with our previous working relationship. You look like a decent jockey and this rich, greedy owner-“, er deutete auf sich selbst, “has a very promising racing prospect. It is a perfect opportunity, for both of us. And since I already know your mentality, I won't have to worry about that." Mein erster Gedanke war "not in a million years!", aber wenn ich es rational betrachtete, war es eigentlich gar nicht so abwegig. Auch wenn ich mich darüber wunderte, dass er mir das Angebot trotz meiner unüberlegten Beleidigung von zuvor machte. Er war ja im Grunde kein schlechter oder unfairer Boss. Ich hatte einfach zu viel Pech, das lag nicht an ihm. Und er hat ganz bestimmt das nötige Kleingeld, um mir hin und wieder einen Bonus zukommen zu lassen. Ich überlegte noch einen Moment, dann fragte ich, ganz professionell: "Do you have my number? We can meet and I take a look at your horse, to see if it fits my preferences." Er kramte sein Smartphone raus und tippte die Nummer, die ich ihm diktierte. Danach schüttelten wir uns formell die Hand (wobei ich ein leichtes Zögern zu bemerken glaubte) und gingen unserer Wege.


  6. Teil 7
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    „HEY RAY HAYes!“
    Ich seufzte und schüttelte den Kopf. Maddie grinste nur triumphierend und versteckte sich symbolisch hinter der Tür ihres Spindes. „Did you hear what Mr Cole mentioned about today’s distance? I was too sleepy to listen.” “It is the same as last week, exactly two miles, three furlongs and 12 yards. Just kiddin, I don’t know either. We should stop watching Youtube together, really.” “We just have to stop watching it until 12 o’clock…” “Especially tomorrow.” Ich wusste, worauf sie hinauswollte. Für den nächsten Tag war nämlich eine Art Zwischenprüfung geplant, bei der unser bisheriger Fortschritt eingeschätzt wurde. Ich freute mich irgendwie darauf zu erfahren, ob ich bereit für die anspruchsvolleren Trainingsritte war, die danach folgen würden. Maddie und ich setzten unsere Reithelme auf und zogen uns die Schutzwesten an, dann begaben wir uns zur Sattelkammer und holten die Ausrüstung für die Pferde. Es war dasselbe wie jeden Morgen – Misten, Frühstück, Reiten, wieder Misten, Füttern, Reiten. Trotzdem wurde es nie langweilig, dafür sorgten die Vierbeiner. Ich schob zum Beispiel gerade Duskys Box auf und stellte fest, dass er ein angelaufenes Vorderbein hatte. Warum hat das beim Ausmisten keiner gesehen?, rätselte ich, während ich Mr Cole holte. Dieser meinte dann, es sei besser den Tierarzt darüber schauen zu lassen – mit Beinproblemen war in einem Rennstall gewiss nicht zu spassen. Ich streichelte Dusky leicht besorgt. Der freche Wallach war mir mittlerweile eben doch, trotz seiner Mätzchen, ziemlich ans Herz gewachsen. „Ray, until he’s fit again you will ride Sensational Art.” Grossartig, das hat mir noch gefehlt – ausgerechnet einen Tag vor der Zwischenprüfung. Die Stute trug ihrem Spitznamen “Sassy” nicht umsonst. Sie war berüchtigt dafür, ihren eigenen Kopf zu haben und ihre Reiter zu testen. Aber von Dusky war ich mir ja nichts anderes gewohnt. Trotzdem hätte ich gerne für einmal eines der braven, einfach zu bedienenden Pferde gezogen, besonders angesichts der anstehenden Einschätzung. Was soll’s. Irgendwie komme ich schon mit dem Vieh klar, und sonst nehm ich eben wieder gratis Flugstunden, beschloss ich. Die Stute war ein Fuchs, und anscheinend stammte sie sogar über zwei Blutlinien von dem berühmten Secretariat ab. Totzdem hatte sie während ihrer Karriere als Rennpferd nicht mehr gewonnen als andere der Schulpferde. Abstammung alleine schien nicht der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Mr Cole hatte uns mal erklärt, dass das wichtigste die Einstellung eines Pferdes sei. Wenn man ein Exemplar erwische, das Gefallen am Gewinnen fände, dann sei das schon die halbe Miete. Und gleich danach käme der Körperbau, denn gewisse Merkmale wären einfach entscheidend für Geschwindigkeit. Bei Sassy fehlte es irgendwie an beidem. Sie hatte eine zu schwache Hinterhand, wodurch es ihr an Schub mangelte. Gleichzeitig war ihre Beinstellung vorne suboptimal. Zuletzt war es aber ihr Charakter, der wohl die meisten Siege vereitelt hatte. Über all das und noch viel mehr dachte ich während dem Putzen der Stute nach, die übrigens auch keinen besonderen Gefallen daran fand. Während Dusky vielleicht ein-, zwei heikle Stellen besass, schien sie so ziemlich überall kitzlig zu sein. Das ging so weit, dass sie nach mir schnappte, als ich die Hufe auskratzen wollte. „Enough is enough, you little brat!“, fuhr ich sie an. Plus einen blauen Fleck, und ich bin noch nichtmal draufgesessen… Sobald ich fertig war, sass ich auf und ritt den anderen Schülern hinterher zur Sandbahn. Sassy äppelte noch einmal bevor wir angaloppierten, als wollte sie Ballast abwerfen und sich bereit machen. Ich schluckte und stand gespannt in den Steigbügeln auf. Wir galoppierten rhythmisch in einem gewöhnlichen Arbeitstempo den Rails entlang und Mr Cole korrigierte über das Mikrofon die Haltung jedes Schülers. Bei mir hatte er nicht viel auszusetzen, was mich positiv stimmte. Sassy war brav und unkomplizierter als ich dachte, zumindest bis sie sich vor einer Bewässerungsanlage erschreckte. Sie machte einen Satz zur Seite und erwischte mich damit völlig unvorbereitet, sodass ich das Gleichgewicht verlor und mich seitlich an ihren Hals klammerte. Aber die Schwerkraft siegte und so blieb mir nichts übrig, als mich kontrolliert fallenzulassen. Mr Cole fragte nur kurz nach, ob noch alle Knochen heil waren; dann kümmerten wir uns darum, das nun freilaufende Pferd zu stoppen. Zum Glück gesellte sich die Stute einfach in die Nähe der vor ihr galoppierenden Pferde und bremste mit ihnen ab. Ich joggte über den Sand und nahm Sassys Zügel dankbar von Shannon entgegen, die sie für mich von ihrem Reittier aus gehalten hatte. Den Rest des Trainings konnte ich unbeschadet – und ohne weitere Sturzübungen hinter mich bringen.

    Am Abend plauderten wir noch ausgelassen, bevor wir zu Bett gingen. Allison erinnerte mich mit Schadenfreude daran, wie elegant ich an Sassys Hals gehängt hatte. Ich zuckte mit den Schultern. „I was clinging onto her neck as much as I could, but I just didn’t hug her enough it seems.“ Die anderen kicherten belustigt. Jemand fragte in die Runde, wie wir alle mit dem Reiten begonnen hatten. Ich lehnte mich unauffällig zurück, da ich nicht gerade scharf darauf war, meinen Werdegang und die Tatsache, dass ich nichts mit Pferden am Hut gehabt hatte zu teilen. Shannon begann. „My family always had horses, I grew up with them. I started taking lessons when I was seven years old.” “Me too, I grew up on a farm, we also breed racehorses. It was only a question of time for me to come here.” “My uncle is a trainer; I will be riding for him and get my licence once I’m done here.” “I grew up with ponies, but it was always my dream to be a jockey one day.” So ging es weiter – meine Befürchtung bestätigte sich: Ich war die einzige, die nicht schon vorher in irgendeiner Form Kontakt zu Pferden gehabt hatte. Sogar Maddie hatte Verwandte auf einem Gestüt und ritt seit sie klein war. Zum Glück wechselte das Thema, bevor jemand auf die glorreiche Idee kommen konnte, mich zu fragen. Vor dem Einschlafen starrte ich die Decke an und verarbeitete die ganzen Eindrücke, die ich an diesem Tag wieder gesammelt hatte. Es kam mir erstaunlich vor, dass ich trotz des Vorsprungs der anderen einigermassen mithalten konnte. Vielleicht bin ich selber ein Steher, überlegte ich lächelnd, und kuschelte mich in mein Kissen.



    Ich startete voller Motivation und hoch konzentriert in den nächsten Tag. Ich wollte Mr Cole und die anderen Prüfer beeindrucken, zum Beweis, dass ich tatsächlich den anderen in nichts nachstand. Maddie war ebenfalls voller Elan. „RAY FEEDS HAY! YAY!!“, rief sie, als ich die Schubkarre Stück für Stück durch die Stallgasse schob, links und rechts in die Boxen Heuhaufen verteilend. „You are the worst“, murrte ich als Antwort. Dusky hatte ein paar Tage Arbeitsverbot verschrieben bekommen, also musste ich auch für die Prüfung auf Sassy umsatteln. Zu meiner Erleichterung zeigte sich die Stute von ihrer besten Seite und liess mich selbst in der Startmaschine nicht hängen. Am Ende des Tages bekam ich eine top Bewertung und konnte, vor Stolz strahlend, mit Mr Cole über meine Zukunftspläne sprechen. So langsam mussten wir uns nämlich alle Gedanken diesbezüglich machen. Wo wollten wir nach der Schule hin? Ein grosser Rennstall wie Newmarket? Oder eher ein ländliches Gestüt etwas abseits? Oder einfach nur Gelegenheitsaufträge? Ich war für alles offen und kündigte an, sich bietende Chancen zu packen; unwichtig welcher Art. Mr Cole meinte zwar, dass es gut sei, offen für alles zu sein, ermahnte mich jedoch, trotzdem nicht jeden beliebigen Job anzunehmen und besonders gewisse Ansprüche in Sachen Sicherheit zu haben. Ich war gerührt darüber, wie besorgt er um seine Schüler schien.



    Die letzten Tage unserer Ausbildung brachen an, und mir wurde bewusst, wie sehr ich mich in die Herausforderung Jockey zu sein hineingelebt hatte. Nicht nur hatten mich die Pferde in ihren Bann gezogen, sondern auch die ganze Atmosphäre rund um die Rennbahn. Das wurde erst Recht so, als ich Monate später meine Lizenz überreicht bekam und die ersten Pferde ausserhalb der Racing School ritt. Die nervenaufreibenden Finishes, die mitfiebernden Leute - all jene, die Wetten abgeschlossen hatten, aber auch Kinder und Fans der einzelnen Vierbeinigen Stars. Nicht zuletzt die stille Hoffnung, irgendwann einen nächsten Triple Crown Winner reiten zu dürfen... Die Industrie, wie man es durchaus nennen konnte, hatte natürlich auch Schattenseiten. Lange Arbeitszeiten, viel körperliche Anstrengung, eher mässig gute Bezahlung, hohes Berufsrisiko, und die ein oder andere unschöne Szene mit Pferden, die nicht nach der Peitsche tanzten. Nicht alle Athleten wurden gleich gut behandelt. Bei unseren Ausflügen zum Hauptteil des Newmarket Trainingsgeländes war ich des Öfteren Zeuge geworden, wie ein Pferd mit Besen in einen Anhänger gescheucht, oder mit vereinten Kräften von vier ausgewachsenen Männern in die Startmaschine bugsiert wurde, weil man keine Zeit hatte, die Sache Schritt für Schritt anzugehen. Andere wurden wie Hollywood Stars umsorgt, mit Lammfell gepolsterten Halftern bis über die Ohren und täglicher Pediküre nach dem Training. Ich distanzierte mich von den gröberen Trainern und versuchte, möglichst mit letzteren Pferden zu tun zu haben. Aber am Ende machte ich nur das, was ich gelernt hatte und was mir gesagt wurde, auch wenn es manchmal nicht meinem Bauchgefühl entsprach. Nach der Erstausbildung bei der British Racing School kümmerte ich so bald wie möglich darum, die Berufsreiter-Lizenz zu bekommen. Danach bewarb ich mich für eine Stelle direkt in Newmarket, die ich dank meiner geknüpften Kontakte und der Hilfe der Racing School auch bekam. Das Beste daran war, dass auch Maddie in Newmarket einen Job fand. Wir beide arbeiteten also fortan im selben Stallbereich und trainierten fast jeden Morgen gemeinsam Pferde. Ich hatte mittlerweile auch eine neue Wohnug in der Nähe, eine Wohngemeinschaft mit zwei etwa gleichaltrigen Frauen, eine davon ebenfalls Jockey. Wir kamen gut aus, arbeiteten aber jede für sich, also hatten wir kaum miteinander zu tun. Für mich war das perfekt, ich hatte meine Ruhe und trotzdem eine günstige Unterkunft. Wie Jimmy der Gartenzwerg damals erzählt hatte, war der Lohn als Amateurjockey nicht gerade berauschend. Als Mechaniker bei der Harper Tech hatte ich deutlich mehr verdient. Aber dafür wurde es nie langweilig und ich fühlte mich wohl. Besonders, wenn ich nach einem adrenalinreichen Ritt wieder Boden unter den Füssen hatte. Die Handvoll Pferde die ich nach der Racing School ritt waren völlig anders als Dusky, der sich übrigens wieder bester Gesundheit erfreute und die nächsten paar Schüler in den Sand setzte. Im Gegensatz zu ihm waren meine jetzigen Reittiere noch grün hinter den Ohren und hatten allerhand verrückte und nervige Angewohnheiten. „True Glory“ zum Beispiel, eine 3 jährige Stute, schüttelte beim Zäumen ständig den Kopf. Und „Upside Town“, ein gleichaltriger, lackschwarzer Wallach, stieg bei jedem Training mindestens einmal, bevor er brav wie ein Lämmchen in die Startbox lief. Ich musste dann jeweils aufpassen, dass ich mir den Kopf nicht an der Maschine stiess. Aber irgendwie hatte ich die Vierbeiner trotzdem gerne, vielleicht gerade weil sie so unvollkommen waren - wie ich selbst, in gewisser Hinsicht. Als der Trainer, Walter Burke, nach einigen Wochen den Eindruck hatte, dass wir so weit wären, meldete er mich und True Glory zu unserem ersten gemeinsamen Rennen an. Mein erstes richtiges Rennen überhaupt. Ich war am Vortag so aufgeregt, dass ich im Training alles falsch machte, was man irgendwie falsch machen konnte. Ich vergass meine Brille im Spind, ich stellte meine Bügel nicht ein, und anstatt beim 1000 Meter Pfosten zu bremsen, wie zuvor abgesprochen, legte ich bis 200 Meter später weiter zu, sodass Walter mich im Anschluss zur Schnecke machte. Ich hatte die ganze Nacht hindurch Bauchweh und konnte kaum schlafen. Warum bin ich so aufgeregt? Es ist doch nicht so wichtig, wie ich in meinem allerersten Rennen abschneide... Auch Maddie meinte am nächsten Morgen, als ich sie um 5 Uhr im Stall traf, dass ich mir viel zu viel Druck mache. „I will shout my loudest YAY RAY, if you win.“ Aber irgendwie konnte mich das auch nicht beruhigen. Es war der unglaubliche Drang, in meiner neu gefundenen Aufgabe gut sein zu wollen, der mich vor Aufregung fast erbrechen liess. Gleichzeitig wusste ich, dass ich unbedingt ruhig bleiben musste, weil sonst True Glory ebenfalls die Nerven verlieren würde. Ich hatte gewissermassen Angst vor dem Angsthaben. Nachdem Walter seine ermutigende Trainer-Rede gehalten hatte, fühlte ich mich wenigstens im Stande, die Ausrüstung in den Transporter zu verfrachten. True Glory wurde unterdessen von Rebecca, einer Pflegerin, auf Hochglanz geputzt und anschliessend ebenfalls verladen. Ich überprüfte unübertrieben fünfmal, ob wir alles hatten, bevor ich beruhigt einsteigen konnte. Auf der unweit entfernten Rennbahn angekommen, luden wir alles wieder aus und ich begab mich zur Jockey Kontrolle. Rebecca betreute inzwischen die Vollblutstute. Als ich zurückkam, waren die beiden schon im Führring; True Glory war fertig gesattelt und rennbereit. Diesbezüglich war ich mir bei mir selbst nicht ganz so sicher. Die Pflegerin gab mir ein Leg-Up. Ich organisierte die Zügel, dann ging es auch schon ab zur Startmaschine. Bei einem Rennen verlief alles sehr schnell und organisiert, der Ablauf wurde Zuhause oft genug geübt. Meine Konkurrenten liefen vor und hinter mir. Ich betrachtete den ein oder anderen Ehrfürchtig - die Pferde sahen stark und fit aus - was hast du denn erwartet? Natürlich tun sie das! - die Jockeys schienen gelassen und die meisten plauderten mit ihren Helfern oder Trainern. Ich richtete den Blick nach vorne zu dem Metallgestell. Einer nach dem anderen wurde von den Starthelfern hineingeführt, bei manchen ging das schneller als bei anderen. True Glory ging gleich beim ersten Anlauf rein. Wir hatten den dritten Platz von aussen; weder besonders gut, noch schlecht. Mein Reittier drückte beim Warten ungeduldig rückwärts gegen die Tore. Ich erinnere mich, dass ich ihr noch zugemurmelt hatte, dass sich von dort abzustossen einem auch nicht schneller machen würde. Dann war der letzte drin, und wir gruben alle fast synchron die Hände in die Mähnen der Vollblüter, die Zügel zugleich straff aber nicht zurückhaltend fassend. Mit einem lauten krachen flogen die Tore auf. Die Kräfte, die beim Beschleunigen auf mich wirkten, zogen mich fast nach hinten aus dem winzigen Rennsattel. Ich duckte mich, um nicht zu viel Wind abzubekommen, und liess True Glory die ersten Meter alleine Bewältigen - bis ich mich wieder gesammelt hatte. Danach lief mein Gehirn in seinem Adrenalin-Rausch auf Hochtouren. Ich prüfte unsere Position, versuchte zu erahnen, wie sich die anderen Pferde in den nächsten paar hundert Metern verschieben würden. Der Jockey des Rappen ganz aussen sah so aus, als plante er vor uns nach innen zu kreuzen. Ich kam ihm zuvor und trieb Glory an, damit wir freie Sicht nach vorne behielten. Danach liess ich sie im selben Tempo wie das restliche Feld mithalten, um Kräfte zu sparen. Wir hielten einen möglichst konstanten Rhythmus, so wie wir es im Training gelernt hatten. In der Kurve vor der Zielgeraden begann sich das Feld förmlich neu zu durchmischen. Einige fielen zurück, weil sie sich verschätzt hatten; andere kamen plötzlich aus dem Nichts immer weiter nach vorne. Ich entdeckte einen Fuchs, der aussen vorbeizog - genau wie das Pferd, das ich bei meiner Recherche vor der Racing School im Fernsehen bewundert hatte. Mir schoss durch den Kopf, dass ich ihn auf keinen Fall nach vorne lassen durfte. Es war riskant, aber ich steuerte True Glory ebenfalls auf die Aussenbahn. Die Kurve war gleich vorbei, also verloren wir nicht zu viel Boden, und es würde nicht als Blockieren gelten, weil er noch zu weit weg war. Aber so konnte der Fuchs nicht in seiner Spur bleiben und wechselte wie erhofft nach innen, um an mir vorbeizukommen. Dabei kam er aber näher zum restlichen Feld und hatte nicht mehr freie Bahn. Ich hingegen konnte nun zulegen, ohne mir Sorgen wegen des Platzes machen zu müssen. True Glory zog voll aus und setzte sich mit jedem Galoppsprung näher an die Spitze. Kurz vor der Zielgeraden waren wir auf gleicher Höhe wie der vorderste Jockey. Ich war mir zum ersten Mal in meinem Leben sicher, was als nächstes passieren würde. Wir gewannen mit einer Kopflänge Vorsprung.



    Lautes Gejuble und klatschen erfüllte den Aufenhaltsraum für die Jockeys in Newmarket. Ich schlich verlegen hinter Walter rein. "That's how you do it, folks. Her first race. She rode it like she stole it!", verkündete Maddie übermütig. Ich grinste und strich mir verlegen die Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Haargummi gelöst hatten. "True Glory did most of the work. She's a talented fella", stellte ich fest. Wir feierten mit ein-, zwei Gläschen Weisswein, ehe ich mich endlich ins Bett fallen lassen durfte. Kurz vor dem Einschlafen war ich noch einmal in True Glorys Sattel, fühlte, wie sie sich streckte, und sah die Ziellinie neben uns durchhuschen. Es war ein berauschendes Gefühl.
    Sevannie, Rinnaja und Veija gefällt das.
  7. Teil 6
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    Eineinhalb Wochen später war ich zum ersten Mal unterwegs nach Newmarket. Ich wusste dank dem Internet ungefähr wo ich hin musste, und dass das Gelände wohl unschwer zu verfehlen war. Trotzdem war ich etwas nervös und sah die Ortsschilder vom Zugfenster aus ganz genau an. Letztendlich stand ich bei der am nächsten zur Schule gelegenen Bushaltestelle und studierte den Maps-Screenshot auf meinem Handy. Ich fand den Weg beim ersten Versuch (auch ein blindes Huhn...) und lief in die Richtung, in der ich das Hauptgebäude vermutete. Es war unschwer zu erkennen, welche Teile der Anlage Stallungen sein mussten. Die "Schule" befand sich im äusseren Bereich des riesigen Newmarket-Renngeländes. Ich betrat etwas, das zumindest schon mal wie eine kleine Empfangshalle aussah. Es hatte ein paar Sessel, Couches und einen TV. Es waren ausserdem noch sieben weitere Schul-Anwärter hier, allesamt deutlich jünger als ich. Ich erkannte eine Art Empfang und sprach die Person an, die dahinter stand. So erfuhr ich, dass ich nach dem Jungen im bauen T-Shirt an der Reihe war. Es dauerte einen Moment, bis er reingerufen wurde - und noch viel länger, bis er wieder hinaus kam. Ich war schon ganz unruhig vor Spannung, als ich endlich den Raum betreten durfte, aus dem der Junge gekommen war. Ich stellte mich einem älteren Herren und einer Dame mitte 30 vor, die dort auf mich warteten. Wir hielten ein Vorstellungsgespräch, wobei es mir im Vergleich zu meinen vorherigen eher wie ein fröhliches Plaudern vorkam. Man merkte einfach, dass es hier ausnahmsweise Mal nicht direkt um Profit ging. Ich begann nur bei einer Bemerkung mit anschliessender Frage kurz zu stocken: "As you surely know, we have only a certain capacity to take new students. Therefore we want to give those a chance that are really passionate about the horse industry and are not prone to quit after a short time. We'd like to know if you have riding experience and have handled horses in the past?" "...Ahh, sure. I absolutely love horses, since I was a little girl. I rode on a pony when I was in school and I always dreamt of having a job this challenging and exciting, while I ended up being a mechanic instead... That's why I want to take this chance and fulfill my dreams." Es war nicht wirklich gelogen, so wie ich es formuliert habe. Ich liebte zwar früher nicht unbedingt direkt Ponys, aber damals vergötterte ich alle Tiere und wollte ja Tierarzt werden. Auf einem Pony bin ich auch geritten - sie müssen ja nicht wissen, dass es nur einmalig war und ich dabei in einer kleinen Halle, von Louisas Mum geführt, mit Fahrradhelm und Gummistiefeln draufgesessen hab... Ich muss schliesslich irgendwie mit den anderen Interessenten mithalten können, redete ich mir selbst ein, noch während ich die etwas geschmückte Aussage machte. "Awww Ron, she was just like me when I was young!", rief die Frau aus, und fragte: "Was your father keeping you from following your real passion as well?" Ich dachte kurz nach und beschloss mitzuziehen. "Ahh, yeah, you could say that." Sie wirkte geradezu entzückt und erzählte in leidenschaftlichem Ton: "I also had a pony but my dad wouldn't let me work as a groom or a jockey - he wanted me to become a teacher, like himself. I was so bored during my studies... But then Ron took me in to help him coordinate the students. I'm a bit too tall to be a Jockey, you see, but to help all those young people fulfill their dreams and be the one to hand them their diploma is just as wonderful! Well, but enough of me. What I want to say is, I can totally relate to your situation." Ich war etwas verblüfft über die plötzliche Energie, die sie ausstrahlte, witterte aber meine Chance. "Oh I'm so happy for you, Ms Gruber, I hope I get to live such a perfect life, too! My father did indeed hold me back, before he finally one day just left mom and me - I never saw him again..." Sie machte ein schockiert betroffenes Gesicht und kommentierte: "Oh dear, that must have been so hard! You are such a strong young woman." Sie fügte zwinkernd hinzu: "Call me Rachel, by the way." Ich packte mein lieblichstes Lächeln aus. Der ältere Herr schwieg und sah zum Fenster raus, wo ein paar Pferde durchliefen. Er schien beinahe von dem Theater gelangweilt zu sein. Erst, als wir soweit fertig geplaudert hatten und es darum ging, mich dem Fitnesstest zu stellen, fühlte er sich wieder angesprochen. Ich wurde angewiesen, draussen zu warten, bis die anderen nach mir ebenfalls fertig waren. Als es endlich soweit war, wechselten wir in eine Art Trainingsraum, in dem nebst gewohnten Fitnessgeräten auch teuer aussehende Pferdeattrappen aufgereiht waren. Ich schätzte, dass sie zum Simulieren des Reitens dienen mussten. Die erste Übung waren Squats, die wir auf wackeligen Plastikkissen stehend ausführen mussten. Es ging darum, einfach vier Minuten lang die Position halten. Ich hatte damit keine Probleme, denn ich hatte die einzelnen Aufgaben im Voraus dreimal wöchentlich trainiert. Des Weiteren mussten wir noch Übungen zum Beweis für unsere Bauch-, Arm- und Schultermuskulatur machen. Anschliessend ging es raus ins Freie für einen Konditionstest. Wie erwartet bestand ich den Fitnesstest mühelos, während die anderen teilweise schon nach weniger als zwei Minuten schlapp machten. Zufrieden folgte ich Ms Gruber und dem Herren zum letzten Check: der Gewichts- und Grössen-Messung. Die Maximalgrösse hielt ich gerade noch ein, aber mein Gewicht war natürlich nach der kurzen Zeit seit der Anmeldung noch nicht ganz passend. Ms Gruber meinte aber herzallerliebst, dass ich ja noch ein paar Wochen übrig hätte, um daran zu arbeiten. Am Ende wurden wir nochmal einzeln ins Büro gebeten und bekamen die Zu- beziehungsweise Absagen. Ms Grubers Lächeln verriet bereits, dass ich angenommen worden war und verdarb mir die ganze Spannung. Ich war trotzdem mehr als zufrieden, dass sich der Aufwand ausgezahlt hatte. Wenn es doch nur immer so leicht wäre.


    Die Diät gestaltete sich schwieriger als erhofft. Ich war einfach nicht besonders gut darin, auf Schokolade und Crisps zu verzichten. Ich kaufte zwar nichts dergleichen mehr ein, aber es war hart an den Regalen vorbeizulaufen und sie zu ignorieren, besonders, wenn bei der Kasse jeweils extra noch Süssigkeiten präsentiert wurden. Je länger mein Entzug dauerte, desto schlimmer wurde es. Ich nagte zuhause jeweils frustriert an einer Karotte, während ich vor dem Fernseher sass und mir Pferderennen ansah. Wenigstens näherte ich mich so dem Rennsport immer mehr an: ich begann, die Begriffe des Rennbahnjargons zu lernen und informierte mich mit zunehmendem Interesse über die aktuellen Top-Pferde. Es steckte weitaus mehr dahinter, als ich anfänglich gedacht hatte. Zum Beispiel gab es offenbar verschiedene Typen von Pferden - solche die von Anfang an durchstarteten und auf ihre Ausdauer vertrauten, und solche, die erst gegen Schluss plötzlich aus dem Nichts auftauchten, um alle anderen auf den letzten hundert Metern zu überholen. Letztere fand ich besonders eindrucksvoll. Ich ertappte mich immer öfter dabei, wie ich mit solchen Pferden mitfieberte und laut jubelte, wenn sie als erste durchs Ziel kamen. Vielleicht hat die Begeisterung ja doch schon immer tief in meinen Knochen verborgen gesteckt? Je mehr Zeit verging, desto gespannter wurde ich auf meinen ersten Trainingstag. Ich liess mich sogar dazu verleiten, ein second-hand Buch zum Thema zu kaufen, in dem die berühmtesten Rennpferde der Geschichte und deren Karriere beschrieben wurden. Es war irgendwie seltsam, wie leicht mir das "Büffeln" fiel, im Gegensatz zu meiner Lehrzeit als Mechaniker in der Berufsschule. Vielleicht riss mich die ganze emotionale Stimmung rund um die Siege und die Kraft der Pferde auch ein bisschen zu sehr mit. Am Tag vor meiner Abreise aus Birmingham hatte ich es geschafft, mein Gewicht auf 51 Kilo zu reduzieren. Dafür hatte ich auch etwas Muskelmasse einbüssen müssen. Meinen Job beim Supermarkt hatte ich pünktlich auf Schulbeginn gekündet - auch wieder etwas, was mir leicht gefallen war. Es tat weh, meine kleine Wohnung nun doch vorläufig aufzugeben - aber der tägliche Weg nach Newmarket und zurück wäre zu teuer und zu lang gewesen. Wehmütig hatte ich meine Sachen in ein paar Kartons gepackt - alles, was ich die nächsten paar Wochen nicht brauchen würde (zum Beispiel den billigen aber treuen Fernseher und die Mikrowelle) lagerte ich in der Zwischenzeit bei meiner Mutter im Keller. Sie hatte zum Glück nichts dagegen, auch wenn sie mich wegen meiner, in ihren Augen naiven, Abenteuerlust kritisierte. Eine Sache blieb noch zu tun: ich wollte mich von Ben verabschieden. Ich hatte schliesslich keine Ahnung, ob und wann genau ich wieder hierher zurückkehren würde. Ich bereitete an diesem Abend ein etwas aufwändigeres Essen vor, ging nebenan sturmklingeln und liess ihm keine Widerrede, als er höflich ablehnen wollte. Er gab schief lächelnd auf und folgte mir. "So, how's your job?", fragte ich kauend, als wir uns mit gebratenem Blumenkohl, Ofenkartoffeln und saftigem Steak (das allein schon ein kleines Vermögen gekostet hatte) bedient hatten. "Actually quite fine. Our paper has gained some attention over the past few weeks and we're starting to get a lot of views on the internet as well." "That's awesome! I'm glad to hear things get finally better for you." "You were always the one with more trouble going on, though. I'm also happy that you found something new to look forward to. But of course I will miss you..." Er sah traurig auf seinen Teller, als würde er sein Steak bemitleiden. "I'm sure we will hear of eachother. You have my number, so call or message me whenever you feel like it." "You too." Unsere Blicke kreuzten sich wieder und ich lächelte aufmunternd, woraufhin sich sein Ausdruck ebenfalls erhellte. "I'll watch every horse race from now on, to see if you're in it!", versprach Ben nach einer kleinen Schweigepause begeistert. "Haha it will take some time until I get there... And it will only be the flat races." "There's several types?" "Seems like you know even less than I did", meinte ich lachend und begann, ihm die wichtigsten Fakten von dem, was ich über die letzten paar Wochen gelernt hatte, beizubringen. Wir lachten und diskutierten bis spät in die Nacht, ganz so wie früher. Ich war schon lange nicht mehr so glücklich eingeschlafen.

    Am nächsten Morgen schlang ich mein Frühstück - ein Brötchen und ein Yoghurt - runter, packte meinen Rucksack mit den Sachen, die ich mitnahm, fertig und schloss dann die Wohnung hinter mir ab. Ich legte den Schlüssel in den Briefkasten des Vermieters, wie wir es ausgemacht hatten. Es war erst fünf Uhr, deshalb hatte ich ihn nicht unnötig wecken wollen. Danach beeilte ich mich, um den Zug zu erwischen. Ich rannte beinahe noch auf das falsche Gleis, als ich merkte, dass mir nur noch ein paar Minuten Zeit blieben. Irgendwie schaffte ich es trotzdem noch hineinzuhechten, ehe die Türen schlossen. Glücklicherweise hatte ich nicht viel Gepäck dabei, sonst wäre ich wohl ganz am Anfang meiner Reise stecken geblieben – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Fahrt hindurch konnte ich mich von dem Stress erholen und sogar ein bisschen nachschlafen. So traf ich frisch und mehr als bereit in Newmarket ein. Ich wusste ja diesmal schon, wo ich hinmusste, also stand ich kurze Zeit später beim Empfang. Ich wurde zu dem Zimmer gebracht, das ich in den nächsten 14 Wochen mit 7 anderen Schülerinnen teilen würde. Ich durfte mich zwischen einem Platz mitten drin und einem direkt beim Fenster entscheiden - selbstverständlich nahm ich den Fensterplatz. Ich räumte meine Sachen in den Schrank, dann mussten wir alle uns im Theoriezimmer sammeln. Wir wurden herumgeführt, bekamen die ersten Unterlagen, sowie unsere rot-blaue Racing-School Reitausrüstung, und wurden im Detail informiert, was uns die nächsten Wochen erwartete. Dann gab es bereits die ersten Theorie Lektionen. Wir lernten die Grundsätze des Pferdepflegens, gingen die Sicherheitsvorschriften durch und wurden mit dem Jargon vertraut gemacht. An diesem ersten Tag hatten wir (ausser beim Rundgang) noch nicht direkt etwas mit den Pferden zu tun. Dafür ging es am nächsten Morgen direkt um halb sechs Uhr in den Stall - Boxenausmisten und Füttern war angesagt, und das für über 80 Pferde. Erst danach gab es Frühstück. Umso dankbarer biss ich nach der frühen Anstrengung in mein Toast. Nach dem Frühstück folgte ich den anderen zurück in den Stall. Dort bekamen wir unsere erste Praxislektion im Pferde-Handling. Ich hielt mich jeweils etwas zurück und beobachtete zuerst scharfäugig, wie die anderen vorgingen, ehe ich selbst vortrat. Der Lehrer, Mr Cole, liess uns nämlich zunächst selbst ausprobieren, ehe er seine Inputs gab und vorzeigte, wie es sein sollte - und ich hatte ja notwendigerweise vorgegeben, bereits Erfahrung im Umgang mit Pferden zu haben. Ich durfte mich also nicht sofort verraten. Wir übten mit drei langbeinigen Pferden, die nebeneinander angebunden waren. Vorsichtig näherte ich mich dem vordersten, mittelbraunen Tier, als ich dazu aufgerufen wurde. Ich nahm das Halfter von meiner Vorgängerin entgegen und versuchte, es möglichst selbstsicher wirkend über die Ohren zu streifen. Als würde das Pferd sich über meinen Versuch lustig machen, reckte es den Kopf in die Höhe, sodass mein kurzgewachsenes Ich keine Chance hatte. Mr Cole nutzte die Situation gleich, um den Sinn dieser für erfahrenere Pferdeleute trivialen Übung zu erläutern. Er erklärte, dass es in einem Rennstall oft schnell gehen musste, und daher effizientes Arbeiten gefragt war. Er nahm mir das Nylon-Geflecht ab und demonstrierte uns die einfachste Art, dem Pferd das Halfter überzuziehen - ohne dass es ausweichen und davonlaufen konnte. Mit sicherem Griff fasste er den Nasenrücken des Braunen und fixierte so seinen Kopf. Dann zog er das Halfter über und schloss es innert Sekunden. Ich durfte es nochmal probieren und war diesmal erstaunt darüber, wie leicht es auch bei mir klappte mit dem Festhalten. Die nächste Lektion war das korrekte Führen. Diesmal zeigte er es direkt vor. Er zeigte uns auch, wie man mit dem Strick oder einer Führkette eine zusätzliche Bremse um die Nase fädelte, sodass man bei einem wilden Tier mehr Kontrolle hatte. Ich fand, dass die Version mit der Kette im Maul etwas schmerzhaft aussah, aber da es offenbar eine gängige Praxis war, stellte ich es nicht weiter in Frage und machte alles möglichst so, wie man es mir auftrug. Tatsächlich folgte mir das grosse Tier brav wie ein Lamm, obwohl ich schon allein vor seinen Hufen Respekt hatte. Wir befassten uns an diesem Morgen auch noch mit dem Putzen der Pferde, was mir fast schon wie eine kleine Wissenschaft vorkam. Mr Cole erklärte uns die Unterschiede zwischen dem normalen Alltags-Putzritual und dem perfekten Makeover an einem Renntag. Das Sortiment an Sprays und Bürsten, das er uns zeigte, war beeindruckend - ich hatte mir das viel einfacher vorgestellt. Besonders, als er uns erklärte, dass man diesen und jenen Spray nicht über die Sattellage verwenden dürfe, weil sonst der Sattel rutsche. Wenn schon allein so etwas reicht, damit es schief geht... Wie soll ich das überleben?, dachte ich mir mit mulmigem Gefühl. Für das Satteln, Zäumen und Bandagieren reichte es an diesem Morgen nicht mehr, aber das folgte in den nächsten Tagen. Am Nachmittag hatten wir jeweils Theorielektionen; nebst den Berufsspezifischen handelte es sich dabei aber auch noch um Allgemeinbildende Fächer. Diese waren für mich weniger interessant, da ich die ganzen Themen ja schon in der Lehrzeit als Mechanikerin durchgekaut hatte. Der Lehrer sah auch schon in den ersten zwei Lektionen ein, dass ich mich mit meinen zusätzlichen Jahren an Lebenserfahrung im Vergleich zu den übrigen Schülern in seinem Unterricht langweilte. Ich wurde folglich von diesen Lektionen befreit und bekam Sonderaufgaben im Stall, wie zum Beispiel Futter Vorbereiten, oder Ausrüstung Reinigen. Schon am dritten Tag begann unsere erste Reit-Lektion. Ich war ein kleines Bisschen nervös, denn wenn ich Pech hatte, würde spätestens jetzt auffliegen, dass ich keine Ahnung vom Reiten hatte. Mein heutiges Pferd hiess "Dusk Flight", ein ansehnlich hochgewachsenes, braunes Tier. Beim Putzen wurde ich das Gefühl nicht los, dass er es kaum erwarten konnte loszulaufen. Er? Ich sah zur Sicherheit noch rasch zwischen die Hinterbeine - tatsächlich. Als ich mich zum Hufeauskratzen bückte, warf ich einen raschen Kontrollblick den Gang entlang, um festzustellen, dass ich keinen Rückstand zu den anderen hatte. Beruhigt arbeitete ich mit dem Hufauskratzer, wie es mir gezeigt worden war. Wir sattelten die Vierbeiner anschliessend und brachten sie auf den Reitplatz. Ich prüfte gefühlte 100-mal, ob ich den Sattel richtig aufgesetzt und festgegurtet hatte. Leicht angespannt sah ich den anderen beim Aufsteigen zu. Mr Cole bemerkte amüsiert "Come on folks, they don't all bite!" Ich schluckte und zog mich konzentriert am Sattel hoch, der dabei etwas verrutschte. Ich rückte ihn zurecht und wollte mich gerade hinsetzen, aber da lief mein Pferd schon ungeduldig los. Völlig überfordert schwankend fasste ich die Zügel und brachte es zum Halt. Mr Cole hatte es zum Glück nicht bemerkt, dafür kicherte ein Mädchen ganz in meiner Nähe. "Okay, let them warm up on a long rein. Left hand first." Wir gliederten uns in eine Einer Reihe, mit genügend Abstand, und ritten im Schritt dem Reitplatzzaun entlang. Ich musste mich zunächst an den Gang des Tiers unter mir gewöhnen. Es war überhaupt nicht so, wie ich es von den verblassenden Erinnerungen meines Ponyritts erwartet hatte. Ich gab mir die grösste Mühe, trotzdem gelassen und locker zu wirken. Als es hiess, dass wir die Zügel aufnehmen und antraben sollten, atmete ich tief ein. Okay, Absätze runter, Rücken gerade, Blick nach vorne, Arme parallel zum Zügel und Hände zusammen... Bevor ich zuende denken konnte, war mein Reittier bereits dem Beispiel der anderen gefolgt und unerwarteter Weise losgetrabt. Meine Körperspannung sackte für einen Moment zusammen und ich krallte meine Finger in der handbreit geschnittenen Mähne fest. Bevor Mr Cole zu mir hinüberschauen konnte, fasste ich mich aber wieder und versuchte krampfhaft, mich so hinzusetzen wie die anderen. Ich kopierte das Mädchen vor mir und stand in den Bügeln auf und ab, wodurch das holprige Gefühl etwas nachliess. So weit so gut. Immer wieder musste ich mich zwingen, die Hände ruhig und unten zu lassen, und es war auch gar nicht so leicht, sich auszubalancieren, ohne sich irgendwo festzuhalten. Mein Reittier schien nicht sonderlich begeistert über meine kläglichen Reitkünste zu sein. Es hatte die Ohren meist halb nach hinten geklappt und schlug zwischendurch missmutig mit dem Schweif. "I try, I try...", murmelte ich entschuldigend, als ich beim nächsten Übergang in den Schritt wieder zu sehr am Zügel hing und "Dusk Flight" maulend mit dem Kopf wippte. "Okay folks, now ride around me in a big circle and organize yourselves, so you have enough space for canter." Canter??! Ich fühlte mich noch überhaupt nicht bereit dafür. Aber ich konnte ja unmöglich protestieren. Ich fasste die Zügel kürzer und hielt mich insgeheim auch wieder an einem Stückchen Mähne fest. Wie ich den Vierbeiner unter mir einschätzte, würde ich wohl kaum irgendwie nachhelfen müssen, damit er angaloppierte, also wartete ich einfach ab, bis die anderen loslegten und er sich davon anstecken liess. Die ersten paar Sprünge waren schrecklich, weil ich keine Ahnung hatte, wie sich Galopp anfühlte. Danach fand ich plötzlich den Rhythmus und liess mich einfach mittragen. Dusk Flight wollte zwar am liebsten mit gestreckten Sprüngen davonbrausen, aber das Pferd vor uns bremste ihn ab. Mr Coles Stimme weckte mich aus meiner Trance. "Keep some distance, folks!" Ich fasste mehr Zügel und richtete mich auf. Es war ein tolles Gefühl, als ich merkte, dass Dusk Flight mir gehorchte und langsamer wurde. Offenbar kannte er die Kommandos, und ich hatte etwas richtig gemacht. Nun deutlich entspannter, versuchte ich, wiederum schön gerade zu sitzen und das Gleichgewicht zu halten. Im Galopp fiel es mir irgendwie leichter als zuvor im Trab - der Takt war langsamer und leichter zu folgen. Andererseits war die Bewegung auch schwungvoller und so war es deutlich schwieriger, meine Beine ruhig zu halten und wirklich in den Sattel zu sitzen. Ich hatte das Gefühl, immer wieder ein wenig zu 'hopsen'. Irgendwann wechselten wir die Seite und galoppierten erneut an, was diesmal schon viel eleganter klappte. So langsam schien ich den Dreh rauszuhaben - dachte ich. Denn als Dusk Flight plötzlich einen Sprint an seinem Vordermann vorbei nahm, erwischte er mich völlig unvorbereitet und ich kippte aus dem Gleichgewicht. Ich versuchte mich im Adrenalinschub noch an einem Büschel Mähne festzuklammern, aber wenige Millisekunden später machte ich einen stilistisch nicht ganz einwandfreien Purzelbaum auf den Boden. "Everyhing alright?", drang Mr Coles Stimme zu mir durch. "Yeah... Yeah", versichterte ich leicht benommen. "Good. Then back up with you." Er zog mich mit der Hand auf die Beine und wir holten den hinterlistigen Vierbeiner, der sich unter dem Zaun hindurch am Gras nebenan vergriff. Ich sah ihn böse an, aber natürlich verstand das Pferd nicht, dass es etwas Schlechtes getan hatte. In seinen Augen war es wohl lediglich ein unangenehmes Anhängsel losgeworden. Ich zog mich wieder am Sattel hoch und organisierte die Zügel, dann steuerte ich zurück auf die Volte. Der ein oder andere Schüler hatte ein Grinsen im Gesicht, aber das war mir egal. Ich war jetzt wieder vollkommen fokussiert auf mein Reittier. Mr Cole war gnadenlos - wir galoppierten gleich wieder an. Und auch Dusk Flight war gnadenlos - er sprintete kurz darauf wieder munter davon, als wollte er testen, ob es erneut funktionierte. Das Resultat war dasselbe. Verdutzt und durcheinander richtete ich mich im Sand auf. "Try again, and this time, don't fall. Grab the reins tighter and hold the mane if you have to. As soon as he tries something, pull the inner rein and break him into a small circle. That way he can't run away." 'Don't fall'. Haha. Wenn es so einfach wäre. Ich ignorierte die sich ankündigenden blauen Flecken und stieg erneut auf. "Be prepared this time. He will definitely try it again. Thoroughbreds are highly intelligent - he has already learnt how to get rid of you by now." Wie ermutigend. Ich tat wie mir gesagt worden war und fasste die Zügel nach, diesmal vorbereitet. Auf Dusk Flight war verlass: er versuchte es diesmal unmittelbar nach dem Angaloppieren. Als hätte er den Dreh raus, schoss er los und überholte das Pferd vor ihm. Ich reagierte und zog den inneren Zügel - woraufhin er so abrupt abwendete, dass ich abermals seitlich abgeladen wurde. "What was that?", rief Mr Cole, nun leicht uneduldig. "You are supposed to be prepared, especially if you make a manoeuvre like that. Try again." Ich seufzte. Mittlerweile tat mein Hinterteil ganz schön weh und auch mein vorbelastetes Handgelenk begann warnend zu stechen. Trotzdem rappelte ich mich auf und hievte mich erneut in den Sattel, diesmal immerhin mit Coles Hilfe. Die anderen Schüler schienen zum einen amüsiert, zum anderen ungeduldig. Ich ignorierte sie. Dusk Flight hatte wirklich kein Erbarmen mit mir. Er versuchte auch diesmal sogleich, mich abzuwerfen. Aber er unterschätzte meinen Durchhaltewillen. Es war beinahe eine Metapher für mein Leben - immer wieder auf die Schnauze fallen, aber trotzdem weiterkämpfen. Mit dem Entschluss, diesmal nicht mehr im Dreck zu landen, klammerte ich mich mit einer Hand in die Mähne, mit der anderen war ich bereit, den 'Notstopp' zu ziehen. Als das kräftige Pferd erneut losschoss, riss ich ihn herum, sodass wir einen Augenblick immer enger zirkelten, bis er schnaufend zum Halt kam. "There, there. That surprised ya, huh?", murmelte ich triumphierend. Mr Cole gab mir die nächsten Anweisungen. "Okay, not bad. Now ride him in a small circle and canter again. Slowly widen the circle when he's nice, and make it small again when he starts to be naughty." Die anderen machten uns Platz. Ich galoppierte an, versuchte tief in den Sattel zu sitzen, wie in der Theorie beschrieben, und hielt mich bereit, um Dusk Flight im Notfall abzufangen. Der grosse Braune machte zwar noch ein zwei Versuche, das Tempo zu erhöhen, aber das war harmlos im Vergleich zu vorher. Ich konnte sogar wieder mit den anderen zusammen auf die grosse Volte, wenn auch immer mit einer gewissen Vorsicht im Hinterkopf. Am Abend salbte ich meine blauen Flecken ein und wollte beim Essen eigentlich schon alleine an einen Tisch sitzen, um meine Ruhe zu haben - aber ein Mädchen kam zu mir rüber. "Hey." "Hi." "Ray, right? I was very impressed that you kept going back in the saddle again and again, like it was nothing. I know many who would have given up after the first two times." Bescheiden winkte ich ab "Ahh it was not so tragic. I didn't even really get hurt, so I had no reason to stop." "Still. I'm Maddie, by the way. Wanna eat together?" "Why not." Irgendwo tief in mir drin war ich unheimlich stolz auf meinen Sturkopf.

    Die nächsten paar Tage musste ich feststellen, dass ich nicht der einzige Sturkopf in Newmarket war. Dusk Flight war schon am nächsten Tag wieder voller neuer Energie und ich landete prompt wieder im Sand. Mr Cole hatte nachwievor kein Mitleid, und so nahm ich eine ganze Woche lang Flugstunden. Eines musste ich aber zugeben: ich lernte in dieser kurzen Zeit dank meines Durchhaltewillens und meiner Unempfindlichkeit gegenüber blauen Flecken in Rekordtempo zu reiten - und zwar richtig zu reiten. 'Dusky', wie ich ihn mittlerweile leicht sarkastisch-liebevoll nannte, liess mir keine andere Wahl, als mich täglich zu verbessern, denn er fand ständig neue Tricks um mich herauszufordern - jeden Morgen mit neuer Energie. Es entwickelte sich eine Art Wettbewerb zwischen uns. Irgendwann, nach circa drei Wochen, war der Spuk plötzlich vorbei. Offenbar gingen meinem intelligenten Reittier die Ideen aus, oder ich war mittlerweile einfach so gut geworden, dass er mich nicht mehr loswurde. Wir trainierten nun auch auf der Rennbahn. Mein 'erstes Mal' war ein Abenteuer für sich. Ich hatte vermutlich noch nie eine vergleichbare Panikattacke gehabt, wie in dem Moment, als Dusky den Kopf geschüttelt, mir die Zügel geklaut und in seinen gestrecktesten Renngalopp gewechselt hatte. Ich hatte mich nur noch festgeklammert, sogar trotz atheistischer Einstellung betend, dass ich lebendig wieder auf den Boden kam - die Stimmen aus dem Mikrofon in meinem Ohr ignorierend. Irgendwann war Dusky schliesslich müde geworden und hatte an Tempo verloren. Und ich war mit wackeligen Knien abgesprungen, endlich realisierend, was 'der Gartenzwerg' damals im Pub gemeint hatte. Maddie gegenüber konnte ich abends zu Recht behaupten "it was one hell of a ride". Die folgenden zwei Versuche waren ähnlich abgelaufen, aber irgendwann war ich abgehärtet genug gewesen, um den Kommandos aus dem Mikrofon zu folgen. Seither klappte es immer besser und Dusky musste, wenn auch widerwillig, meinen Anweisungen Folge leisten.

    Der Tag kam, an dem wir zum ersten Mal ein richtiges Rennen besuchten - allerdings nur als Zuschauer. Mr Cole hatte uns gute Plätze besorgt, in der zweitvordersten Reihe. Wir sahen uns an diesem Morgen gleich zwei Rennen nacheinander an, und diskutierten jeweils die Strategien der gewinnenden Jockeys. Es war spannend, die Läufe zu analysieren, aber ebenso genoss ich es, im Voraus mit den anderen Wetten abzuschliessen und potentielle Gewinnerpferde zu bestimmen. Und ich schien gar nicht schlecht darin zu sein, die athletischen Tiere einzuschätzen. Beim ersten Rennen wurde mein Favorit zwar enttäuschender Vierter, aber beim zweiten traf ich voll ins Schwarze - der grosse Fuchs, auf den ich zum Spass einen kleinen Betrag gesetzt hatte, ging als erster durchs Ziel und ich verfluchte mich, dass ich keinen höheren Einsatz gewählt hatte. Mr Cole fand das Theater amüsant, warnte uns aber gleichzeitig davor, zu viel zu verwetten. "I have seen more intelligent people than you falling on their noses and loosing lots of money. Well. Who wants to grab some lunch?" Es herrschte allgemeine Begeisterung und die 'Klasse' erhob sich laut schnatternd von ihren Plätzen. Während wir uns Richtung Tribünenausgang bewegten, meinte ich für einen kurzen Moment zwischen den vielen Zuschauern ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Aber bevor ich überhaupt überlegen konnte, woher ich die Person kannte, schob Maddie mich ungeduldig weiter zur Treppe und ich verlor den Blick. "Alright alright, we're not in a race", grummelte ich und stolperte hinunter. "I'm hungry! Of course it's a race! Gotta be first in the row!" Sie brauste mit den anderen davon, um sich einen Hotdog zu holen. Ich seufzte - der Altersunterschied zwischen uns war manchmal gravierend wie der Grand Canyon. Mr Cole schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln, dann schlenderten wir ebenfalls zum Hotdog-Stand.

    Unser Tagesablauf blieb auch in den weiteren Wochen der Ausbildung gleich wie zu Beginn; nach dem Frühstück stand jeweils zuerst eine Dressurstunde an, und anschliessend verschoben wir uns auf die Rennbahn. Manchmal galoppierten wir auf der breiten Grasbahn, viel öfter jedoch auf dem schmaleren Sandweg. Es gab noch eine andere Klasse, die für Hindernisrennen trainierte. Ich sah sie jeweils nach uns auf den Platz reiten. Sie übten viel mehr Springreiten als wir. Ich hatte auch schon einiges von Steeplechase gehört, vor allem die Kritik dazu. Daher war ich völlig zufrieden mit meiner Ausbildung zum Flatrace-Jockey. Heute übten wir wieder den Start aus der Maschine, denn schon die ersten paar Sekunden eines Rennens konnten entscheidend sein über dessen Ausgang. Mr Cole gab eiserne Befehle, denn er wollte uns am Ende alle soweit bringen, dass wir perfekt von den Boxen wegkamen. Dusk Flight war nicht gerade der geduldigste Zeitgenosse, also war er jedes Mal mehr als bereit, wenn die Tore aufsprangen. Nur ich musste schauen, dass ich richtig mitkam. Zügel aufnehmen, Brille richten, Position einnehmen, Mähne fassen, Blick nach vorne, einatmen - ja, ich musste mich regelmässig daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen, so gross war die Anspannung. Wir galoppierten nach dem Start gleich weiter und zogen unser Training durch. Auch hier gab es verschiedene Methoden. Zum einen konnte man Pferde Kopf-an-Kopf trainieren, was sie unheimlich anstachelte. Das war aber auch sehr anstrengend und deshalb nicht jeden Tag zu empfehlen. Stattdessen lernten wir, Intervalltraining sinnvoll aufzugleisen und auch manchmal nur leichte Galopps zur Erholung der Muskeln zu reiten. Zwischendurch gingen wir auch ins Gelände, denn das war effektiv, um junge Pferde an verschiedene, neue Eindrücke zu gewöhnen, wie Mr Cole erklärte. Wir lernten, wie man ängstliche, nervöse oder aufgeregte Pferde unter Kontrolle halten konnte und erfuhren die verschiedensten Methoden, um sie zu beruhigen; von sanftem Ohren-Massieren beim Warten in der Startmaschine bis hin zu Nasenbremsen beim Hufe Beschlagen, die in meinen Augen etwas unangenehm aussahen. Nach dem Dusk Flight sich zu einem langsameren Galopp und schliesslich zum Trabübergang überreden liess, gliederte ich mich hinter den anderen Schülern in die Reihe und wir verliessen die Bahn im Entenmarsch. Ich zog meine Brille auf den Helm hoch und rieb mir die Augen, dann nahm ich die Beine aus den Bügeln, um meine müden Knie zu strecken. Zurück beim Stall liess ich mich von Duskys Rücken gleiten und führte den Wallach zum Waschplatz. Die mittlerweile frühlingshafteren Temperaturen liessen die hart arbeitenden Pferde stark schwitzen. Wir hatten auch bereits gelernt, wie man die Pferde am besten abduschte, denn im Rennsport war es üblich, dass die Athleten nach der Anstrengung ein Bad nahmen. Nicht alle Pferde mochten das Wasser gleich gerne, aber die meisten schienen nichts gegen die Abkühlung einzuwenden. Gegen Abend mussten wir noch in den Fitnessraum, um auf den Simulatoren zu trainieren. Das war zwar nicht halb so aufregend wie auf einem richtigen Pferd, aber gleich anstrengend. Wie immer liess ich mich auch nach diesem Tag müde, aber zufrieden ins Bett fallen.


    Im Rennstall von Newmarket gab es viele Angestellte. Jockeys, Trainer, aber auch Büropersonal und natürlich die heimlichen Heinzelmännchen - die Pfleger. Sie waren die ersten, die morgens in den Stall kamen, und vermutlich auch die letzten, die abends das Licht löschten. Bei der Abarbeitung unserer täglichen Aufgaben im und rund um den Stall bekamen wir Schüler natürlich auch den Klatsch und Tratsch mit, der ebenso fleissig wie die Pferde gepflegt wurde. So zum Beispiel die Geschichte von Harry, einem schon etwas in die Jahre gekommenen Pfleger. Harry arbeitete seit mehr als fünfzehn Jahren in Newmarket und jeder kannte ihn. Allerdings war er nicht gerade beliebt, sondern eher berüchtigt. Man erzählte sich vieles über Harry. Dass er Selbstgespräche führe, dass er mit beinahe 60 immer noch bei seiner Mutter lebe, dass er noch nie eine Beziehung gehabt habe... Es ging sogar soweit, dass manche Leute ihm Pädophilie oder andere unschöne Dinge nachsagten. Natürlich war dies alles reine Spekulation ohne jegliche Fakten, und vermutlich das meiste davon irgendwann mal als harmloser Witz verbreitet worden. Diejenigen, die sich über ihn ausliessen, hatten jedenfalls ihren Spass - wann immer er ihren Weg kreuzte. Zugegeben; seine Erscheinung und sein Auftreten waren nicht gerade förderlich für einen besseren Ruf. Angesichts seiner fettigen Haare, seiner gelben Zähne und der leichten Alkoholfahne, die ihn stets begleitete, konnten sich die meisten ein Tuscheln schon nicht mehr verkneifen. Wenn er dann noch einen seiner Anfälle hatte, in denen er plötzlich laut zu singen begann, oder mitten im Hochsommer plötzlich Oster-Schokoladenhasen in den Spinden der neuen Schüler versteckte, bot er damit eine perfekte Zielscheibe. Trotzdem kam es mir irgendwie im tiefsten Inneren nicht richtig vor, so über ihn zu urteilen. Vielleicht, weil ich erwachsen war. Vielleicht, weil ich von Mum so erzogen worden war. Vielleicht, weil ich am eigenen Leib erfahren hatte wie es ist, wenn sich andere hinter dem Rücken oder auch ganz offensichtlich über einen ausliessen. Vielleicht, weil Mr Cole mir irgendwann erzählt hatte, dass Harrys Partnerin schon in jungem Alter gestorben war; dass er seither nie wieder eine Beziehung angefangen hatte; dass er früher Kartenzeichner gewesen war - ein Job, den es heute so nicht mehr gab. Wenn ich mir vorstellte, dass diese knubbeligen, verfärbten Finger früher filigrane Höhenlinien und Flüsse gezeichnet hatten. Dass das fettige, aschblonde Haar einmal fein säuberlich zurückgekämmt den Look an einer glücklichen Hochzeit komplettiert hatte. Wenn ich darüber nachdachte, empfand ich eine fundamentale Sympathie für diesen alten Mann.

    Eines Morgens schlurfte ich gut gelaunt aber hundemüde durch die Stallgasse. Maddie, ich und drei weitere Mädchen hatten am Vorabend viel zu lange den kitschigen „Secretariat“ Film geschaut, sodass ich vor lauter gähnen ganz feuchte Augen bekam. Kaum betrat ich die Stallgasse, schrie jemand vom anderen Ende her quer hindurch „HEY RAY! GOOD DAY!!“ Ich rollte die Augen und rief zurück „Don’t ever do that, Maddie.” Sie kam näher und fragte belustigt „What, why?“ „‘Cause even back in school everyone made jokes about my name. It’s gettin‘ kinda old.“ „Well, it’s a tradition then. All the more reason to continue.“ Sie grinste schelmisch und drückte mir ihren Besen in die Finger. “I’m off helping Sybille. Later.“ Ich schüttelte schnaubend den Kopf und setzte mit dem Besen dort an, wo sie stehengeblieben war. Daisy und Josie, zwei Schülerinnen des vorherigen Jahrgangs, kamen gerade aus dem Tackroom, als wir alle drei etwa gleichzeitig wegen eines lauten Geräusches bemerkten, dass Harry Mühe mit seiner Schubkarre hatte. Sie war so voll beladen, dass sie ihm wegkippte, und der ganze Inhalt sich auf dem frisch gewischten Stallboden ergoss. Josie rümpfte die Nase und machte sich nicht einmal die Mühe zu flüstern. "Eww. How can anyone be so clumsy." Daisy kommentierte ungedämpft: "You had one job." Beide brachen in amüsiertes Kichern aus. Auch Maddie, die es gerade noch mitbekommen hatte, liess ein Grunzen hören, ehe sie ganz um die Ecke verschwand. Doch ich seufzte nur entnervt. Einen spontanen Entschluss später stand ich mit einer Schaufel neben Harry und begann, den Mist wieder in die Schubkarre zu befördern. Harry schien freudig überrascht und bedankte sich eifrig. "It is my job right now, to clean the floor", stellte ich fest. Daisy und Josie verschwanden irgendwohin - ich beachtete die beiden nicht weiter. Sobald ich fertig war, wandte ich mich wieder dem übrigen Teil der Stallgasse zu und auch Harry ging seines Weges. Später am selben Tag begegnete ich ihm aber nochmals alleine neben der Futterkammer. Ich wollte gerade unauffällig vorbeigehen, als er mich wie befürchtet anhielt und ansprach. "Thank you again for your help earlier. It is rare to meet a fair and honourable person like you these days. That really meant a lot to me." "Oh no, really. You're giving me way too much credit. I was merely doing my job." Er ignorierte meine Beschwichtigung. "It is easy to stand there and laugh, but to jump over your shadow and help someone you may not especially like takes courage and tells a lot about your personality." Ich wurde durch das Lob beinahe verlegen. Mit einer tiefen, inneren Zufriedenheit wünschte ich ihm einen schönen Feierabend und verschwand hinter der nächstbesten Ecke. Typen wie Harry waren eben doch auch Menschen, die ihre ganz eigene Geschichte hatten und, wie wir viel zu oft vergassen, genauso fühlten wie wir selbst. Wir alle könnten ebenso gut selbst irgendwann so enden. Aber solange es einem an nichts fehlt, distanziert man sich davon, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Aber würden wir nicht alle wollen, dass man uns beim Mist-Schaufeln hilft?

    Es gab Tage, an denen ich mir ernsthafte Sorgen um Maddie machte. Sie hatte irgendwie ein Talent dafür, sich die unterschiedlichsten Verletzungen zu holen. Sie holte sich dauernd blaue Flecken, weil sie sich überall anstiess. Sie war letztens innert kürzester Zeit zweimal über einen Absatz gestolpert und hatte sich einen Knöchel verstaucht. Ja sie brauchte nicht mal einen Absatz um hinzufallen - sie schaffte es auch, sich in ihren eigenen Füssen zu verheddern. Sie schnitt sich im Unterricht an Papieren, und Mr Cole hatte die Anweisung erteilt, dass sie als einzige die Futtersäcke ohne Messer öffnen musste, weil sie sich gleich zu Anfang der Ausbildung beinahe eine Fingerbeere abgetrennt hatte. Einmal rannte sie vor den Augen der halben Klasse in einen der Pfosten beim Waschplatz, weil Mr Cole sie gebeten hatte "quickly!" den Eimer mit den Schwämmen zu holen. Zugegeben, wir alle (Mr Cole inklusive) amüsierten uns über ihre Ungeschicklichkeit und sie hatte nach kurzer Zeit einen Ruf dafür. Solange nichts ernsthaftes passierte, war's lustig. Sie selbst nahm es gelassen und lachte mit. Sie war sowieso eine sehr fröhliche, manchmal ein wenig zu vorwitzige Persönlichkeit. Ich hatte sie schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen, auch wenn wir nicht immer bei allem gleicher Meinung waren. All die lustigen Momente, die wir zusammen und auch mit der restlichen Klasse hatten, liessen mich mein altes Leben zunehmend verdrängen. Ich vergass sogar völlig, Ben zwischendurch zu schreiben. Andererseits hatte er sich bei mir seither auch nicht mehr gemeldet, also brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich fand ich es etwas schade, aber irgendwie half es mir auch, mein neues Leben so richtig zu geniessen. Im Sommer war es manchmal trotzdem wirklich eine Folter, die vielen Ställe zu misten. Früh morgens ging's ja noch, aber kurz vor dem Mittag oder abends, wenn die Hitze sich genug gesammelt hatte, war Mistgabel-Schwingen wirklich das letzte, was man tun wollte. Mr Cole wusste das natürlich auch. Deshalb hatte er zwischendurch eine kleine Überraschung für uns auf Lager. "Miss Hayes, Miss Shepherd, you too. Come here for a sec." Die meisten anderen hatte er schon um sich geschart. Als auch die letzten eintrudelten, wies er uns an, was auch immer wir gerade taten noch zu beenden und gleich anschliessend unsere Badesachen zu holen. Wir tauschten überraschte Blicke aus. "...Mr Cole- I don't have my swimsuit here...", meldete sich eine Blondine vorsichtig. "Really? It was written on the packing list. Alright then, you get to do your training by running around the Pool. Just kiddin'. We have a few spare ones for people like you", meinte er mit einem Zwinkern. "Training", sprach ich nachdenklich aus, während Maddie und ich die letzten zwei Boxen in Rekordzeit ausmisteten. "Are we going to swim circles or what?" Maddie zuckte mit den Schultern. "I hope not. I'm not really a good swimmer." Wir standen als erste wieder beim Tor, Badezeug selbstverständlich ausgerüstet. Ein grosser Camion kam auf den Parkplatz gefahren, ihm folgten ein paar Anhänger. Mr Cole stieg aus und winkte uns zu sich, damit wir beim Öffnen der Klappen und Trennwände halfen. "What exactly are we going to do, Mr Cole?" "Patience folks. You'll see soon enough." Immernoch rätselnd folgten wir ihm zu der wartenden Restgruppe unserer Klasse. "Okay. Get the horses ready, pack the training tack, load. Go go go, we wanna be there by Lunchtime." "There where?", hauchte ich zu Maddie, als wir uns im Laufschritt zu den Ställen bewegten. Dusty schien weniger begeistert, als ich ihn von seinem Heuhaufen wegholte. Abgesehen von seinem typischen, missmutigen Schweifwischen benahm er sich aber. Ich putzte ihn in kurzer Zeit gründlich durch - inzwischen war ich richtig gut darin geworden. Dann brachte ich zuerst die Ausrüstung und schliesslich den Dunkelbraunen selbst zum Transporter. Die übrigen Pferde folgten im Abstand von wenigen Sekunden, Mr Cole sah zufrieden zu und gab Anweisungen beim Verladen. Ich wartete geduldig, bis wir die Rampe hoch durften; Dusky folgte mir wie ein Lamm. „Good boy“, murmelte ich, und tätschelte seinen kräftigen Hals. Dann schloss ich die Trennwand und hüpfte hinaus, um dem nächsten Platz zu machen. Ich stellte mich zu Mr Cole, der Simona gerade erklärte, warum die meisten Pferde lieber schräg verladen fuhren. „It is easier for them to balance, at least that’s what the manufacturers-“ „OI MADDIE!”, stiess ich entsetzt aus, sie im Hintergrund gerade von einem Fuchs neben ihr schwungvoll getreten wurde. Maddie flog sicher einen Meter zurück und landete platt auf dem Boden, richtete sich aber gleich wieder auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. „Nothin‘ happened, all intact“, rief sie abwinkend, als wir zu ihr hasteten. Wir wollten ihr alle nicht so recht glauben. „Are your bones made of rubber or what? That looked awful!“ „No big deal.“ Ich runzelte ebenso wie Mr Cole die Stirn. Eines Tages kommt sie noch um. Wir schlossen alles und verteilten uns auf die Fahrzeuge, dann ging's los. Unterwegs rätselten wir die ganze Zeit über unseren Zielort, wobei eine Mitschülerin namens Susan richtigerweise bemerkte, dass es eigentlich nur ein See oder das Meer sein konnte - mit Pferden ging man nicht in ein Schwimmbad. "I knew it! There's the Beach!", rief Maddie plötzlich. Tatsächlich, das offene Meer war zwischen den letzten paar Bäumen, die uns davor trennten, zu sehen. "Awesome!", rief ich aus, als wir ausstiegen. Ich war zuvor erst ein einziges Mal mit Mum am Meer gewesen. Mr Cole erinnerte uns daran, dass die Pferde sich nicht von selbst ausluden, also öffneten wir rasch die Klappen. Dusky schien genauso überrascht zu sein wie ich. Er checkte sofort mit hocherhobenem Kopf die Umgebung ab, als ich ihn die Rampe runter führte. Auch die anderen Pferde schnauften und schnaubten, aber alle wirkten eher interessiert als ängstlich. Vielleicht waren sie nicht zum ersten Mal hier. "Okay folks. Tack up, we meet down there." "What about the swimsuits, Mr Cole?" "Not yet. You have to do your afternoon Training first." Als die Begeisterung gedämpft schien, stellte er fest: "Wait 'till you see how they race along the beach. It's a whole new feeling. But no top speed today; remember this is no maintained, perfect track. Watch out for holes and stuff. I want no broken legs." Letzteres betonte er mit einem strengen Blick zu Maddie, und wir kicherten alle. Kurz darauf ritten wir als Gruppe in den Sand. Wir trabten auf einer grossen Volte, um uns einzuwärmen. Mr Cole bestimmte die Zieldistanz und wies uns an, einen freien Start zu machen. Alle gliederten sich nebeneinander in die Reihe. Sobald die Linie gebildet war, trabten wir in dieser Formation ein paar Meter, dann gab der Lehrer das Startzeichen. Er hatte recht behalten: das Rennen am Strand fühlte sich völlig anders an als auf der altbekannten Rennbahn zuhause. Dusky zog von Anfang an voll aus, sodass ich ihn mit unsanften Paraden zurückhalten musste. Er schnaufte und schüttelte unwillig den Kopf - wäre es nach ihm gegangen, wären wir etwa doppelt so rasch am Ende der Strecke gewesen. Wir bremsten die ganze Gruppe und trabten zurück zu Mr Cole. Danach durften wir das Badezeug anziehen und mit den Pferden ins Wasser gehen. Mr Cole riet uns, die Sättel abzunehmen, damit sie nicht nass wurden. Ich führte Dusky danach erstmal zum Wasser, weil ich ohne Hilfe nicht aufsteigen konnte. Der grosse Wallach spielte wiedermal Hühnchen und traute sich zuerst nicht so recht. Als aber die ersten seiner Kumpels drin standen, beschloss auch er, sich den sanften Wellen zu stellen. Das Wasser war kalt, aber das machte mir mit dem Adrenalin von zuvor im Blut nichts aus. Wir wateten weit genug hinein, wobei ich gut auf meine Barfüsse aufpassen musste; dann kletterte ich auf seinen blanken Rücken und krallte mich in der nassen Mähne fest. Sobald ihm das Wasser bis zum Bauch kam, fühlte es sich plötzlich an, als würde er auf die Knie gehen. Dann begann er kräftig zu paddeln - er schwamm. Ich lachte begeistert und achtete darauf, ihn nicht zu stören. Es fühlte sich fantastisch an, so kraftvoll. Elegant eher nicht, denn die Art wie er dabei seine Oberlippe hochzog und die Zähne zeigte war urkomisch. Dusky schwamm nur einen Bogen und suchte dann sofort wieder festen Boden – das Schwimmen schien für das schwere Tier anstrengend zu sein. Ich klopfte ihm auf den Hals und steuerte ihn zu den anderen zurück. Maddies Reittier, eine Stute namens Vivalavida, stampfte übermütig und spritzte so alle in der Nähe mit Salzwasser voll. Dusky rümpfte die Maulfalten und legte schützend die Ohren an, damit kein Wasser eindringen konnte. Wir hatten unseren Spass, aber irgendwann waren die Pferde müde und zuhause erwarteten uns die abendlichen Stallarbeiten. Bevor wir einstiegen, gab es noch ein Fangspiel über den Sand; eine Schülerin namens Shannon hatte Maddie ihre Kaugummipackung geklaut. Maddie, ich und drei andere, denen Kaugummis versprochen worden waren, rannten ihr schreiend hinterher. Ich passte sie geschickt ab und tackelte sie. Wir fielen lachend in den Sand und rangelten kurz, dann hielt ich die Packung, deren halber Inhalt nun leider voll Sand war, dennoch triumphierend hoch. Mr Cole wartete augenrollend beim Transporter, bis alle zurück waren. "Get rid of the sand on your clothes, or you walk home", stellte er noch unbarmherzig klar. Wir klopften uns aus und stiegen ein - ich meinte, trotz allem ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
    Sevannie, Zion, Gwen und einer weiteren Person gefällt das.
  8. Enthält ein kleines bisschen (harmlosen) Adult Content. Also Kids bitte mit Vorsicht geniessen...

    Teil 5
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    Die Jobsuche war noch anstrengender als beim letzten Mal, denn meine Motivation war an einem Tiefpunkt angelangt. Dabei war das neue Jahr noch jung und ich hatte insgeheim mit einer Art magischem Neustart gerechnet. Vielleicht war meine Einstellung mit schuld daran, dass ich nichts mehr fand. Wenigstens musste ich mich diesmal nicht ganz so beeilen, weil ich noch einen Moment bei Harper Tech Solutions weiterarbeiten konnte. Das lief übrigens ganz gut; Mr Newman war ein aufgestellter, aufmerksamer Typ der sich Abläufe hervorragend merken konnte. Ich beneidete ihn regelrecht um sein Talent. Für ihn schien alles so einfach zu sein - das Leben war sein Spielplatz. Einmal, wenige Tage nach dem Gespräch mit Mr Harper, erklärte ich ihm gerade, wie er die Dokumente beendeter Aufträge ausfüllen und weitergeben musste.

    "...And then you just put your signature here, decryptable, so that they know who has to be hanged when something isn't right", scherzte ich dabei. Er nickte und setzte den Stift an. Ich starrte verwundert auf das Papier. "Wait, what is your last name?" "Cooper. Why?" "Oh, never mind..." Hat Harper seinen Namen etwa verwechselt? Oder hat er mich mit "Newman" auf die Schippe nehmen wollen? Er schien dafür irgendwie zu ernsthaft... Ich grübelte nicht weiter deswegen, aber am Mittag erwähnte ich es beiläufig gegenüber Tom. "And how is the new guy keeping up?", fragte mich dieser nämlich, als ich mein mit Teigwarensalat gefülltes Tupperware öffnete. "He's doin' fine. Did you know his last name was Cooper?" "Yeah, why?" "Dunno... Mr Harper called him Newman earlier, so I thought that was his name. Thank god I didn't call him by this alleged surname up until now..." Tom lachte lauthals los. "Ha! He calls every new person here Newman, no matter what their real name is. No one knows why, but I think he's just too lazy to remember the names. He also did that with me." “No way!” “Absolutely. Ask Chris and Steve.” "Really? He didn't call me that..." "That's because you're a woman. That makes you special", meinte er zwinkernd. Ich stocherte skeptisch in meinen Teigwaren. Mein Bauchgefühl sträubte sich dagegen, Harper als faul zu betrachten. Aber Tom kam gerade erst in Fahrt, was die Gerüchte anging. "He has quite a few little quirks, in fact. For example, he avoids eye contact at all costs." "Hmm, I didn't even notice that. Gotta pay more attention next time." "And I heard he gets really angry when someone takes his seat in a meeting. He always wants to sit on the same chair." "What the hell, haha. Sounds a bit childish." "I know right? But other than that he's pretty much the kind of perfect boss you'd imagine for a company like this." "Sure is, yeah. Although I thought he was a bit young, when I first saw him." "He was some kind of whiz-kid. I heard he had maximum grades in maths and physics, and pretty much every other technical subject. His uncle owned the company and he took over four years ago." "Wow. How old is he by the way?" "27, I think." "Ahh okay, I thought he was only one or two years older than me. But still..." Wir plauderten munter weiter, bis wir merkten, dass es schon längst wieder ein Uhr war.

    Ich verliess die Firma pünktlich um fünf Uhr, denn ich musste unbedingt noch ein Geburtstagsgeschenk für Ben besorgen. Ich bekam ihn seit einer Weile irgendwie nicht mehr so häufig zu Gesicht wie zuvor - vermutlich war er seit unserem Gespräch etwas gekränkt. Er beteuerte zwar, dass alles okay sei und wir einfach so weitermachen konnten wie bisher, aber er schien nun plötzlich auch abends an seinen Artikeln zu schreiben und gab häufig vor, mit Arbeitskollegen zusammen essen zu gehen. Vielleicht stimmte das ja auch, ich wollte ihm nichts unterstellen - nur liess er oft das Licht in seiner Wohnung brennen und manchmal sah ich über den kleinen Balkon das Leuchten eines TVs. Eigentlich störte es mich nicht, ich kam auch gut ohne ihn zurecht. Irgendwie war ich einfach insgesamt ein wenig einsamer geworden, und der Rest meines verkümmerten Gewissens plagte mich. Deshalb hatte ich auch beschlossen, ihm wenigstens an seinem Geburtstag eine besondere Freude zu bereiten. Normalerweise schenkte ich ihm nur ein Kärtchen mit einem lustigen Spruch darauf, oder etwas Schokolade. Diesmal machte ich mir immerhin die Mühe, Pralinen zu suchen. Dazu wollte ich ihm ein hübsches Hemd schenken, mit dem er bei der Arbeit oder bei künftigen Vorstellungsgesprächen einen guten Eindruck hinterlassen konnte. „How hard can it possibly be, to find a simple shirt?“, fluchte ich wenig später vor mich hin. Zu bunt. Zu gemustert. Zu langweilig! Es sollte etwas Besonderes, aber gleichzeitig etwas Formelles werden. Diese beiden förmlichen Gegensätze waren alles andere als leicht miteinander zu vereinbaren. Irgendwann gab ich auf und liess mich von der jungen Verkäuferin beraten, die mich schon die ganze Zeit verurteilend musterte; als passe ich nicht in ihr Geschäft. Sie zeigte mir schliesslich ein subtil kariertes, hellblaues Hemd, das, wie ich nur ungern zugab, genau meinen Vorstellungen entsprach. Ich ignorierte meinen Stolz und kaufte es, wobei ich es auch gleich hübsch verpacken liess. Zufrieden summend radelte ich nachhause und klingelte bei Ben, doch zu meiner Überraschung öffnete niemand. Ich startete einen regelrechten Klingel-Terror, für den Fall, dass Ben auf der Couch eingeschlafen war. Doch nach fünf Minuten Hartnäckigkeit sah ich ein, dass er nicht da war. Enttäuscht öffnete ich meine eigene Haustür und platzierte das Geschenk auf dem Küchentisch. Ich liess mich auf einen Stuhl sacken und zückte das Smartphone, um ihm zu schreiben.

    - Hey birthday kid. U moved overnight?

    Ich musste mich ganze zehn Sekunden auf eine Antwort gedulden. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit.

    - I’m at my parents’ place, havin’ a party. You finally miss me?
    - Sure I do. I even got u a present.
    - For real?? Lemme see!
    - Haha, no way
    - Why no???
    - It’s a surprise.
    - Old meanie.
    - When are u coming home?
    - I’m going to stay for a while… About two weeks…

    Ich lehnte mich zurück und runzelte die Stirn. Zwei Wochen bei den Eltern?

    - Ok. Gonna send it then.
    - Woohoo. Thanks!

    Ich legte das Smartphone weg und seufzte. Zwei Wochen. Vermisst du ihn etwa wirklich, Ray?

    Der letzte Tag in der Harper Tech Solutions war angebrochen. Der Arbeitsweg kam mir unwirklich lang vor. Tom und Angelo versuchten den ganzen Tag, mich mit Scherzen und Sprüchen bei Laune zu halten. Sogar der Produktionsleiter meinte bei einem kurzen Abschlussgespräch, in einem Anflug von Menschlichkeit: "I'm sure you will have a bit more luck in your next job." Ich konnte dazu wie üblich nicht viel sagen, ausser "I hope so." Tom und Angelo verabschiedeten sich am Ende des Tages mit einer herzlichen Umarmung. Sie wünschten mir alles Gute und versprachen auf charmante Weise, mir ab und zu Schokolade zukommen zu lassen, falls ich irgendwo unter einer Brücke enden würde. Mr Harper blieb bis in letzter Sekunde verschollen. Ich rechnete schon gar nicht mehr damit, dass er sich verabschieden würde und war gerade auf dem Weg zum Fahrradkeller, als ich von einer bekannten Stimme angehalten wurde. "Miss Hayes. I'm sorry, there was yet another urgent meeting I had to attend. However, I wanted to thank you for your good work and say goodbye. So... Thank you - and goodbye." Seine Art zu sprechen faszinierte mich einmal mehr. "Goodbye, Mr Harper", sagte ich beinahe schmunzelnd. Tom hatte Recht behalten. Er sah mir tatsächlich nicht in die Augen.
    An diesem Abend gönnte ich mir ein (okay, mehrere) Gläschen von dem Rotwein, den ich mir zu Weihnachten gekauft hatte. Ich war zwar kein Fan davon, aber ab und zu half selbst mir ein wenig Alkohol beim Entspannen. Und an einem Tag wie diesem hatte ich das dringende Bedürfnis danach, alles um mich herum einfach auszublenden. Als ich in meinem Selbstmitleid so vor mich hin badete, summte mein Smartphone plötzlich; Ben hatte geschrieben.

    - Are you still awake?

    Ich antwortete erfreut und fragte ihn, ob er das Paket bekommen hatte.

    - Yes! Thank you so much, it is perfect!! Mum says it suits me very well!
    - I wanna see a picture!

    Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann schickte er ein Bild von sich mit dem Hemd, den Hintergrund identifizierte ich als Badezimmer. Ich antwortete mit einem Thumbs up – das Hemd stand ihm wirklich besser als ich es für möglich gehalten hatte. Ausserdem schien er sich die Haare frisiert zu haben; etwas, was er sonst nie tat. Ich wollte eigentlich an dieser Stelle das Smartphone ausschalten und mich anderen Dingen widmen, doch kurz darauf surrte es erneut.

    - I sent you a picture. Can I get 1 too?

    Leicht verwundert sah ich auf den Bildschirm.

    - Sure…?

    Ich wollte gerade ein Selfie machen, da schrieb er erneut.

    - Well, can I get a special one? It’s a bit silly though.
    - ?
    - naked

    Ich war ein klein wenig schockiert.

    - Wtf??
    - I know, I’m sorry, don’t be mad. But just 1. Pretty please?
    - No way!
    - Come on, I’ll delete it right away. Even just the chest area is enough for me
    - Are u drunk??
    - Please Ray, just this once
    - Who are u, and what did u do to Ben?!
    - Ray…

    Ich überlegte, ob ich ihn einfach ignorieren sollte. Ich hatte wirklich keinen Bock auf solche Spielchen. Als ich nicht weiter schrieb, bettelte er erneut.

    - Just once in my life I want to see you like this. You’re the best friend I have, and I still love you, even if you reject me. I never bug you again, I promise. You can have a picture of me, too.

    Eww, nein… Er kam mir vor wie ein quengelndes Kind, so kannte ich ihn gar nicht. Ich wusste nicht, ob der Rotwein meine Hemmschwelle so tief abgesenkt hatte, oder ob ich es als Widergutmachung für meinen Korb tat. Jedenfalls bereute ich es von dem Augenblick an, in dem ich es abschickte. Plötzlich viel nüchterner wurde mir bewusst, wie dumm das Ganze war.

    - Okay, now delete it. Like you promised.
    - Already did.
    - Good.
    - Thank you so much, Ray
    - Well, good night
    - Good night, sleep tight, don’t let the bed bugs bite <3

    Ich konnte nur den Kopf schütteln und halbherzig lächeln. Beim Einschlafen wurde ich eine mulmige Unruhe nicht los. Warum hab ich das getan? Wenigstens hat er es gleich wieder gelöscht. Dieser Dummkopf. Das war das erste und letzte Mal.


    Die Tage vergingen irgendwie schleichend, während ich an der Kasse des Supermarkts sass, in dem ich von nun an die Brötchen verdiente, die ich auch gleich dort kaufte. Das ständige Begrüssen und Verabschieden von Kunden, das chronische Lächeln, das ich aufsetzen musste und natürlich die verdammte, dauernde Rechnerei waren genauso schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dazu waren meine Arbeitskolleginnen nicht gerade auf derselben Wellenlänge wie ich - ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie die ganze Zeit hinter meinem Rücken tuschelten. Ich hielt daher nach wie vor immer ein Auge offen nach neuen Stelleninseraten. Ausserhalb der Arbeit herrschte Eiszeit. Sogar, dass Ben wieder zuhause war änderte nichts, denn er war noch immer ständig mit Kollegen unterwegs, wie er zumindest hartnäckig vorgab. Eines Abends fühlte ich mich tatsächlich so einsam, dass ich beschloss, ausnahmsweise in einen nahegelegenen Pub abzusteigen. Es widerstrebte mir zwar, mit Wildfremden zu quatschen und zu saufen, doch am Ende tat ich genau das. Ich hatte dabei interessante Gesellschaft: einen Londoner, der als Museumsdirektor arbeitete, einen Schotten, der auch nach unzähligen Bechern nicht kleinzukriegen war und einen Typen vom Finanzamt, der sich in seinem Job zu Tode langweilte, den grosszügigen Lohn aber nicht aufgeben wollte. Später kam auch noch ein weiterer, eher kleingewachsener Kerl dazu, den sie liebevoll "Gartenzwerg" nannten. Sie waren allesamt ausserordentlich gesprächig und gut gelaunt, sodass ich förmlich mitgezogen wurde, bevor ich darüber nachdenken konnte. Als ich erzählte, dass ich Mechanikerin war, reagierten sie hellauf begeistert und fragten mich darüber aus. Sprüche wie "what a tough lady" oder "she seriously has some screws loose" fielen, und wir lachten alle herzhaft darüber. Der Schotte schlug plötzlich übermütig vor, dass ich ein Armdrücken gegen den Gartenzwerg machen solle, um zu sehen wer von uns stärker sei. Ich hatte gar keine Wahl - die anderen jubelten bereits vollhals. Der Gartenzwerg und ich setzten uns gegenüber und erst jetzt fiel mir auf, dass er ziemlich drahtig und einigermassen trainiert wirkte. Dennoch glaubte ich an meine eigene Kraft und stellte herausfordernd den Arm auf. Der Zwerg tat es mir gleich und der Schotte gab das Startsignal. Sofort zog und drückte mein gegenüber leicht zu sich hin, um sich einen Vorteil zu verschaffen - offenbar war er geübt darin. Ich hielt stand und schaffte es, mein Handgelenk ganz leicht in meine eigene Richtung zu drehen, sodass ich mehr Einwirkung hatte. Einige Sekunden hielten wir die Stellung zitternd, dann spürte ich eine kleine Nachlässigkeit und schaffte es, im entscheidenden Moment noch ein Stückchen mehr Kraft einzusetzen. "Ouch! Ouch, okay you won lady!", rief der Gartenzwerg, als ich seinen Arm triumphierend auf dem Tisch fixiert hatte. " Waw Jimmy, ge pure destroyed ye!", rief der Schotte jubelnd. "Yeah, hah-ha. I'm just a wee bit out of shape 'cause I been ill for a week or so." Der Londoner winkte ungläubig ab. "Of course, that must be it. I thought you bragged about how you jockeys need strong shoulders and arms?" "Like I said -" "You are jockey?? Like, horse racing and stuff?", unterbrach ich ihn überrascht. "Yeah. It's kind of obvious with my size, right?" "...Uhh, I guess..." Der Schotte mischte sich ein. "He's nae exactly guid, thocht. He has only won ay dizzen races sae far." "Only? Why, that's great, isn't it?", rief ich bewundernd aus. "It seems you don't know much about horse racing, do ya? That much is nothing, considering the amount of time I've spent in the saddle. It's partly due to the lack of talented horses though. I haven't been lucky enough to mount a real winner yet." "So... You just ride them in races and train them, right?" "Just ride them - pah! I start at five in the morning, exercising one horse after another, until noon. I run from one stable to the next, to wherever I'm needed. Then I work out to keep my shape, 'cause it's darn tough to hang onto those galopping beasts. I mustn't be too heavy either. It's far from comparable with normal horse riding." "Oh, 'kay. And what do you earn by doing this kind of job?" "Gimme a break already. I'm not here to talk about my job, I'm here to drink!", rief er als Antwort aus und hob sein Glas. Die anderen stimmten grölend zu. Resigniert lehnte ich mich zurück und verschränkte die Arme. Später an diesem Abend, kurz nach einem Toilettenbesuch und kurz vor meinem wackeligen Gang Nachhause, kam Jimmy jedoch nochmal auf mich zu. Er wirkte dabei erstaunlich gefasst dafür, dass er Minuten zuvor noch besoffen am Tisch gesungen hatte. "Hey." Ich blinzelte etwas überrumpelt und sah ihn fragend an. "About what you asked earlier. I earn about 120 per ride, but I need to give some of it to my manager and the association. What I earn is not really much, compared to the work behind it. But if you somehow manage to win a lot, you could make kind of an easy living, 'cause you get a certain percentage of prize money. You are either self-employed, like me, or work for a stable, riding only their horses. I don't even know why I'm telling you this though. Maybe because you seemed so interested in it, or ‘cause you’re a lady and I'm drunk enough." "Say, if I wanted to... How would I get started, working as Jockey?" "You'd have to enrol in a training school or work as a stable hand and do an apprenticeship, to earn the license. It takes about two years. But don't expect too much. Average riders work their ass off, earning just as much as a supermarket assistant. Most do it out of passion." "But if you win a lot, you can get crazy rich, right?" "Yeah... If you are some Frankie Dettori or something..." Ich stellte ein Grinsen auf meinem Gesicht her und dankte ihm, dann ging ich ein letztes Mal zum Tisch, um mich zu verabschieden. "Whit... leavin' awreddy? but th' fin is only jist startin'!", motzte der Schotte halb lallend, wodurch man ihn noch schwerer verstand. "Hope we see you again sometime, we're always here on Fridays", schlug der Typ vom Finanzamt, wesentlich nüchterner, vor. Ich gab ihm ein Thumbs up und bewegte mich zur Tür hinaus. Die kalte Luft wirkte etwas weckend, sodass meine Wahrnehmung sich gleich wesentlich verbesserte und ich den Nachhauseweg sogar auf Anhieb fand. Sobald ich im Bett lag, schlummerte ich friedlich wie ein kleines Kind. Doch am nächsten Morgen zahlte ich den bekannten Preis dafür. Zum Glück war Wochenende. Ich blieb weitgehend Zuhause und trank viel (Wasser und sowas), aber die Kopfschmerzen liessen trotzdem erst gegen Abend nach. Um mich abzulenken, startete ich gleich nach dem Frühstück den PC auf. Die Lust aufs Serienschauen verging mir aber nach einer Weile, zumal es im Moment auch keine herausragenden neuen Titel gab. Lustlos klickte ich mich durchs Internet und schlürfte dabei an meinem Apfelschorle. Mir kamen Ausschnitte von den Gesprächen des Vorabends in den Sinn, als mir auf der Youtube-Startseite ein Strategievideo für Pferdewetten vorgeschlagen wurde. Schon unheimlich, wie die immer genau wissen, was mich gerade beschäftigt, überlegte ich leicht stirnrunzelnd. Aus reiner Neugier suchte ich nach einer Schule für Jockeys, wie es der Gartenzwerg erwähnt hatte. Die "British Racing School" kam gleich zuoberst in den Resultaten. Gespannt klickte ich darauf und las mir die Infos durch. "Oh, it doesn't even cost too much... 16-22 years?! I gotta hurry! I'm turning 23 in a few weeks!" Moment, will ich das überhaupt? Ich hatte mich völlig mitreissen lassen von dem inspirierenden Text auf der Seite. "Riding a winner is one of the best feelings you will ever have", huh... Und sportlich sollte man sein. Das bin ich ja - von daher... Aber "good horsemanship and riding skills"... Davon weiss ich echt gar nichts. Ich scrollte und klickte weiter. Ha, da steht aber, dass keine Vorkenntnisse nötig sind, wenn die anderen Punkte erfüllt werden, stellte ich erleichtert fest. 14 Wochen bis ich etwas verdienen würde - das wäre auch völlig okay. "8 stones?! I've got 9 at least!" Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme nachdenklich. Wenn Ben jetzt hier wäre, würde ich ihn fragen, was ich tun soll. Aber ich sollte sowieso anfangen, Entscheidungen selber zu treffen. Es wäre sicher ein spannenderer Job als meine bisherigen. Es klingt nach Abenteuer, und das mag ich. Zusammenfassend stellte ich in einem kleinen Monolog fest: "It's not expensive and it doesn't take too long. And it sounds like an adventure. At least it's way better than sitting in a supermarket all day. So I've really got nothing to lose, right? Except for some weight, of course..." Die Worte gingen leise, aber federleicht über meine Lippen. Mein Unterbewusstsein brannte offenbar darauf, es auszuprobieren. Ich gab der Versuchung nach. Die Nummer war auf dem Handy rasch eingetippt, und es nahm auch tatsächlich jemand ab. Mein Glück hatte endlich mal nicht verschlafen und dafür gesorgt, dass die Einschreibungsphase noch offen war. Ich vereinbarte einen Termin, um mich vorzustellen und den Fitnesstest zu absolvieren. Als ich auflegte klopfte mein Herz wie wild. "This might actually turn out really good!", überzeugte ich mich selbst.
    Zion, Veija und Rinnaja gefällt das.
  9. Teil 4
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    Ich mochte den Winter nicht, überhaupt nicht. Es war morgens dunkel, wenn ich zur Arbeit fuhr und abends ebenso, wenn ich wieder Nachhause wollte. Es kam einem vor, als wäre der Tag verschwendet, während man die ganze Zeit in der Produktionshalle stand. Wenigstens hatte Harper Tech grosse Fenster, durch die das Tageslicht dringen konnte. Das war an meinem vorherigen Arbeitsplatz nicht der Fall gewesen. Dort war man morgens bis abends in einem dunklen, öligen Drecksloch gewesen. Trotzdem hatten die Umstände auch jetzt manchmal etwas Deprimierendes an sich. Wenigstens konnte ich über den Mittag an die Sonne - vorausgesetzt, sie schien durch den Nebel. Auch heute war der Himmel bereits stockfinster, als ich auf mein Fahrrad stieg. Zu allem Überfluss regnete es auch noch in Strömen, und natürlich hatte ich wiedermal keine Regenjacke dabei. Ich zögerte es so lange wie möglich heraus, aber der Regen liess einfach nicht nach, also musste ich wohl oder übel losfahren. Ich nahm wie gewöhnlich für den grössten Teil des Wegs die Hauptstrasse, denn das war die kürzeste Strecke. Ich sah nur auf, wenn es nötig war und fuhr ansonsten mit eingezogenem Kopf. Der Regen durchnässte meine Haare und Kopfhaut unbarmherzig. Am Anfang bog ich ab und zu noch auf den Bürgersteig, um den kurzweiligen Schutz der Vordächer mancher Läden zu geniessen. Es war jedoch nicht ganz einfach, den Passanten auszuweichen und sie warfen mir auch immer mal wieder böse Blicke zu. Irgendwann akzeptierte ich daher mein Schicksal und fuhr einfach trotzig die Strasse entlang. Durchnässt war ich sowieso schon. Warum hat Mr Harper mich nicht längst gefeuert?, grübelte ich, während ich in möglichst gleichmässigem Takt die Pedale trat, um mich abzulenken. Vielleicht ist es nun doch nicht so schlimm mit dem Kantenbruch gewesen? Ich muss jedenfalls in Zukunft noch viel vorsichtiger sein, beschloss ich. Diesmal mischte sogar das klitzekleine Gefühl mit, Mr Harper nicht erneut enttäuschen zu wollen. In Gedanken verloren rollte ich über den nassen, pfützenbestückten Asphalt, dem Rauschen des Regens und des Verkehrs lauschend. Überall waren Lichter; Strassenlaternen, Shop-Leuchtschriften, Autos... Autos?! Vor mir bog ein silbernes Auto auf die Hauptstrasse - oder eher neben mir. Der Idiot fuhr einfach raus, ohne auf mich zu achten. Ich versuchte noch abzubremsen, aber auf der Regennassen Strasse bewirkte das nur, dass mein Hinterrad zu schlittern begann. Das Auto erfasste mich gerade noch mit einem der Scheinwerfer seitlich und ich stürzte auf den Asphalt. Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein, holte etwas Distanz heraus, machte einen Bogen um mich und brauste dann einfach über die Abzweigung davon. Ich war aber zu benommen, um das wirklich mitzubekommen. Ich konzentrierte mich eher auf meine Atmung und den pochenden Schmerz in meinem Kopf, der immer aufdringlicher wurde. Jemand rief meinen Namen und ich war wach genug, um mich darüber zu wundern. Besonders viele Leute kannte ich nicht. Als er sich über mich beugte, in etwa so, wie man sich über ein totes Tier beugt, kurz bevor man es mit einem Stöckchen an stochert, um zu sehen, ob es noch lebt, erkannte ich das Gesicht. "Everything alright, Miss Hayes?" "Yea, sure. Never felt better" - für Sarkasmus hatte ich immer ein Fünkchen Energie übrig. Mr Harper reagierte mit einem Stirnrunzeln und ich fragte mich einmal mehr, ob dieser Mensch überhaupt das Konzept von Sprache verstand. Nach ein paar Sekunden peinlichen Schweigens wurde er ungeduldig und fragte "Can you stand up?" Ich nickte und arbeitete mich hoch, wobei mir auffiel, dass nebst meinem Kopf auch mein Handgelenk schmerzte. Ich stiess einen raschen Schmerzlaut aus, als ich mich beim Aufstehen darauf stützen wollte. Mr Harper versuchte erst jetzt etwas zaghaft, mir auf die Beine zu helfen, was dann auch gelang. Mit schlechtem Gewissen blickte ich auf Ben's Fahrrad, das ein verbogenes Vorderrad hatte. Mr Harper trug es für mich an den Strassenrand. "What a coincidence that I decided to leave early today. I saw the number of that car - wait a second, I'll write it down." Verblüfft und ungläubig sah ich ihn an. "You could seriously remember that?" "Sure. It is enough to look at it for a moment, then I'll remember right away. But only for a few hours, that's why writing it down is better." "Are you some kind of genious?" Or freak?, fügte ich unter Stirnrunzeln in Gedanken hinzu. Er wirkte leicht verlegen, als er ein kleines Papier hervorkramte, das sich später als Kassenzettel herausstellte. "Nah, it's not such an uncommon thing." "Well. I can't do it. Must be very useful." "Not always. I also often remember things that I'd rather forget immediately. Such as the Number of complaints we've had these past few weeks." Er musterte mich vielsagend, und ich versuchte rasch, das Thema zu wechseln. "Ahh, darn it, we're already soaked! And how am I to get home with this?", klagte ich, Ben's Fahrrad betrachtend. "Home? In your situation, it would be wiser to head to the hospital first. I guess I should take you there, since it is a bit far." "I'm fine, really!", protestierte ich, wohlwissend, dass der Selbstbehalt meiner etwas zu billigen Versicherung unnötig hoch war. "My head has already stopped hurting", auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entsprach. "That could be because of the adrenaline that is instinctively released in an extreme stress situation such as a traffic accident, to increase your survival chances, for example by blocking pain to improve your body functions." Ich blinzelte, bemüht ihm zwischen dem pulsierenden Stechen zu folgen. Er blieb hartnäckig, schon alleine wegen meines Handgelenks, sodass wir Ben's Fahrrad kurz darauf so gut es ging in den Kofferraum seines BMW verstauten - natürlich nicht ohne diesen vorher mit einer Decke auszulegen. Sein Gesichtsausdruck wirkte auch etwas widersträubend angesichts seiner feinen Ledersessel, als ich mit meinen pitschnassen Kleidern einsteigen wollte. Es war ernüchternd, dass er sich schlussendlich trotz der Hilfsbereitschaft mehr um seinen Besitz sorgte, als um seine verletzte Angestellte. Ich hielt inne und fragte der Höflichkeit wegen, ob er nicht noch eine Decke habe; was er jedoch mit schiefem Lächeln verneinte. Ich zog mir daraufhin wenigstens meinen durchnässten Mantel aus, bevor ich mich setzte. Mr Harper fuhr mich zum nächstbesten Krankenhaus, und ich verfluchte auf dem ganzen Weg die Tatsache, dass ausgerechnet mein Boss mir zu Hilfe hatte eilen müssen, anstelle irgendeines Passanten. So langsam bekam ich nämlich ein schlechtes Gewissen, angesichts des ganzen Ärgers, den ich ihm bisher bereitet hatte. Habe ich ihm überhaupt schon mal etwas anderes als unnötigen Aufwand beschert? So nebenbei kam ich trotzdem nicht umhin, sein schickes Auto zu bewundern.
    Im Krankenhaus sagte mir der Arzt, dass ich nicht nur ein angebrochenes Handgelenk, sondern auch eine Gehirnerschütterung hatte und es "really wise to come here right away" gewesen sei. Mr Harpers triumphierender Blick in meinem Nacken war unerträglich. Zum Glück musste ich nicht dort bleiben, sondern durfte in Begleitung einer Schiene und etwas Schmerzmitteln die Heimreise antreten. "Why are you still here", fragte ich etwas unverblümt, als ich in den Gang raus kam und Mr Harper dort noch immer, inzwischen wieder offenkundig gelangweilt wirkend, auf einem Sessel sass. "Why? I thought it is common to be courteous and wait; at least in most movies they do it like this. And after all, someone has to drive you home, right?" "I can call a Taxi you know", erklärte ich, in einem Anflug von Müdigkeit beinahe augenrollend. "Right. I suspected it was uncalled-for. Good evening, Miss Hayes." Er wandte sich zum Gehen und stolzierte davon. Ist er jetzt beleidigt? Ich seufzte - anscheinend hatte ich es schon wieder verbockt, und das nachdem er mir geholfen hatte. Als ich jedoch zum Ausgang des Spitals kam, stellte sich heraus, dass er doch noch nicht ganz gegangen war. "On second thought, since I've waited and wasted my time anyways, do you really wish to spend money on a Taxi so badly?" Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Eigentlich hatte er ja Recht. Es war dumm gewesen, das Angebot abzulehnen. Also sass ich kurze Zeit später wieder unter peinlichem Schweigen im schwarzen BMW. Um die fühlbare Anspannung in der Luft etwas zu lockern, suchte ich nach irgendeinem Gesprächsthema. Ich sah meine Chance, als sich vor der roten Ampel hinter uns eine Schlange bildete. "Streets are busy these days, huh?" "Yes." "But you don't usually take this route." "No." Ich gab auf, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte. Also schwiegen wir uns fünf Minuten lang an, dann kam endlich die erlösende Abzweigung. "It's right there", erklärte ich hindeutend. "Not the nicest place to live", bemerkte er unverblümt. "It might not look too promising on the outside, but it is quite comfortable and I have some very friendly neighbours", verteidigte ich mein Zuhause, leicht eingeschnappt. Ich konnte es nicht lassen, hinzuzufügen: "And not everyone can afford a house with backyard and pool." Ertappt meinte Mr Harper "The pool was already there, I just bought it because of the location." Verdutzt blinzelte ich. Voll ins Schwarze, huh... "... However, thank you for the ride, goodbye", sagte ich rasch, als er hielt. Ich stieg aus und vergass beinahe Bens Fahrrad im Kofferraum. "Miss Hayes! What about the..." Ich hielt beschämt inne und lief zurück, um ihm beim Ausladen zu helfen. "Thank you", murmelte ich abermals, und konnte endlich definitiv verschwinden.
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    Den Autofahrer konnte die Polizei tatsächlich ausfindig machen. Damit hatte ich am Ende gar nicht gerechnet. Er musste die Kosten für die Reparatur von Bens Fahrrad und meine Behandlung im Spital übernehmen. Offenbar gab es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit. Ansonsten ging es mir mässig gut nach dem Unfall. Mr Harper liess sich nicht blicken und der Produktionsleiter hatte kaum Mitleid mit mir, trotz dem geschienten Handgelenk. Zudem hatte ich gerade wieder einen dieser Tage vor mir, an denen irgendwie nichts gelingen wollte. Das Vergessen der Systemrückmeldung des einen Auftrags, was ich früh morgens noch der Müdigkeit in die Schuhe schieben konnte, war erst der Anfang. Als ich dann gegen Mittag merkte, dass ich noch kein neues Material im Lager nachbestellt hatte, und kurz darauf auch noch mit einem falschen Werkzeughalter ein Programm auf der einen Maschine Einfahren wollte, wodurch es beinahe zu einem Crash kam - waren meine kleinen Unaufmerksamkeiten dann doch nicht mehr so leicht entschuldbar. Zum Glück schaute mir meistens niemand dabei über die Schulter, aber am Nachmittag folgte der nächste Schlag, und diesmal kombiniert mit einem Rüffel vom Produktionsleiter. "I think you have been here for long enough to know how to write these documents. This is the last time I find those lines empty!" "Yes, Sir..." Murmelte ich nur, abgestumpft. Es war das Übliche - ein paar Felder bei den Prüfprotokollen vergessen. Als er weg war, brauchte ich einen Moment um mich zu sammeln und zog mich dazu rasch auf die Toilette zurück. Da sass ich dann, den Kopf über die Arme auf meinen Knien abstützend. Ray Alvy Hayes. Reiss dich zusammen und gib dir mehr Mühe, verdammt. Dass mein Handgelenk seit dem Unfall hartnäckig schmerzte, machte die Situation auch nicht besser. Die Schiene stabilisierte es zwar, aber ich schaffte es trotzdem immer wieder, die Hand irgendwo anzustossen oder eine unvorteilhafte Bewegung zu machen. Genau. Vielleicht ist mein Kopf auch noch nicht wieder vollständig fit und ich kann mich deshalb nicht richtig auf meine Aufgaben konzentrieren. Das muss es sein. So einfach wär’s. Am meisten Mühe hatte ich damit, meine Patzer mit meinem eigenen Stolz zu vereinbaren. Ich war am Anfang meiner "Karriere", kurz nach der Lehre, ständig gelobt worden - für meinen Eifer, meine guten Umgangsformen und natürlich meine Fähigkeiten. Ich war mal richtig geschickt gewesen. An irgendeinem Punkt war es aber plötzlich bergab gegangen, und mein Leben hatte sich wieder zu dem kleinen Chaos rückgewandelt, dass es immer schon gewesen war. Ich wusste nicht genau, was diesen Rückfall ausgelöst hatte, aber ich vermutete, dass es der Stress war, den ich mir selbst machte, um die in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Je mehr man mich lobte, desto mehr wollte ich meinem Image gerecht werden - und desto mehr "Flüchtigkeitsfehler" schienen mir zu passieren. Obwohl ich den Mechanismus zu verstehen glaubte, war es nicht so leicht etwas daran zu ändern. Dabei war es so einfach zu sagen, dass man sich eben mehr anstrengen müsse. Doch Anstrengung allein schien mir in diesem Fall die Lösung nicht näher zu bringen. Ich fühlte mich wie an einer Kletterwand gefangen: wann immer ich ein paar Tritte weiter kam, fehlten mir die nächsten paar Ritzen und Absätze, an die ich mich klammern konnte. Manchmal stürzte ich sogar wieder ein Stückchen ab, doch wenigstens konnte ich mich jeweils irgendwie im letzten Moment auffangen. Wer weiss, ob mir das auch in Zukunft jedes Mal gelingen wird? Ich wusste jedenfalls, dass ich etwas ändern musste, wenn ich meinen Job diesmal behalten wollte. "But I'm trying already. I'm trying all the damn time, so hard. It's no use...", murmelte ich, voller Selbstzweifel. Ich seufzte, mit einem Blick auf die Smartphone Uhr. "The show must go on, I guess?" Ich stand auf und streckte mich symbolisch, dann zwang ich mich zurück zu meinem Arbeitsplatz.
    Als ich abends Zuhause angekommen war und mir etwas zu Essen gebastelt hatte, warf ich mich auf die Couch und grübelte vor mich hin. Ich war definitiv unterbeschäftigt, denn mit dem Handgelenk konnte ich nicht richtig trainieren gehen. Im TV lief gerade auch nichts Anständiges. Heute war ein mieser Tag. Wenn es so weiter geht, wird es wieder gleich enden wie beim letzten Mal. Vielleicht war es jetzt schon an der Zeit, mich nach einem neuen Job umzusehen. Wenn meine Kündigung kam - und ich war mir sicherer als mir lieb war, dass sie kommen würde – konnte es schliesslich nicht schaden, bereits vorbereitet zu sein. Ich döste eine Weile, aber schliesslich schaltete ich den Laptop ein und scrollte durch die Jobangebote in der Umgebung. Es waren ein paar Mechanikerstellen frei, aber beim letzten Versuch hatte ich, bis auf Harper Tech, auch nur Absagen bekommen. Ich seufzte müde und klappte den Bildschirm wieder zu. Die Zeitung von diesem Morgen lag noch ungeöffnet in meiner Tasche, also lehnte ich mich auf der Couch zurück und blätterte darin herum. Auch in der Zeitung waren ein paar Jobs ausgeschrieben, allerdings nur einen einzigen für Mechaniker. Ein paar Zeilen weiter sprang mir ein ganz anderes Inserat ins Auge. "Jockey..." Ich hatte schon von Pferderennen gehört - mein Vater setzte früher hin und wieder Geld auf ein Pferd, gewann aber nie besonders viel. Aber ich hatte auch gehört, dass Jockeys ganz schön viel verdienen konnten, wenn sie gut genug waren. Einmal als kleines Mädchen hatte ich auf einem Pony gesessen - das war beim Geburtstag einer Klassenkameradin gewesen. Besonders schwierig war es mir nicht vorgekommen, und gefallen hatte es mir eigentlich auch ganz gut. Aber ich war natürlich nicht naiv genug um zu glauben, dass ich das nötige Talent dafür haben könnte. Andererseits - wenn man es nicht versuchte, konnte man es auch nicht wissen, oder? Nein. Den Gedanken verwarf ich gleich wieder. Ich brauchte etwas, von dem ich garantiert leben konnte, etwas, das auch auf längere Zeit funktionierte.
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    Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, als ich am Morgen die Strasse entlang fuhr. Es war ein ganzer Monat vergangen seit dem Unfall, und ich war am Ende doch krankgeschrieben geworden, weil der Arzt meinte, mein Handgelenk brauche richtige Ruhe. Es war ohnehin mit nur einer Hand eher schwierig gewesen, irgendwelche Werkzeughalter einzuspannen oder Wendeplatten auszutauschen. Ich war aber froh, jetzt wieder zur Arbeit gehen zu können. Meine Abwesenheit war für mein Image beim Produktionsleiter sicher nicht förderlich gewesen. Das Handgelenk war fast vollständig verheilt und schmerzte auch nicht mehr, also konnte ich es wieder so weit belasten, wie es für meinen Job nötig war. Im ersten Moment schien alles so wie immer zu sein: ich zog mich um, lief an meinen Arbeitsplatz, informierte mich über den aktuellen Produktionsplan und wollte die Maschine starten - doch da stand schon jemand anderes. "Good morning?", grüsste ich etwas verwirrt. Der Fremde erwiderte es freundlich, konzentrierte sich dann wieder auf die Zeichnung bei der Maschine. Ich runzelte die Stirn und sah mich um. Falsch abgebogen war ich nicht. Endlich entdeckte ich Tom und lief zügig zu ihm rüber. "Hey, you feelin' better?", fragte er mich leicht besorgt. " Yeah, but who's that fellow there?" "I'm sorry, Mr Harper told me to send you to his office. I know nothing more particular, but this doesn't look too good for you..." Ich seufzte und ging der Sache nach. Mr Harpers Bürotür war einen Spalt breit offen, und als ich mich näherte, hörte ich seine Stimme. Er schien gerade zu telefonieren. "...Next week, is that possible?... Alright. Please let me know if anything happens, as usual... Yes, of course I'm very glad you take such great care of him, and he is doing fairly well I believe... Thank you, we'll find out soon enough. Have a good day." Es war natürlich nicht meine Absicht gewesen, zu lauschen, aber ich konnte mir ja auch schlecht die Ohren zuhalten. Ich klopfte ein paar Sekunden verzögert, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. "Miss Hayes. How are you? Have a seat, please." Nervös platzierte ich mich gegenüber von ihm. Meine Gedanken schwirrten - ich versuchte mich selbst zu beruhigen, indem ich mir einredete, dass es viele Gründe für ein Gespräch geben konnte. "I think it's unfair to talk around it, so I'll go straight to the point. I'm sorry to tell you that you will have to quit working here." Ich schwieg resigniert. Die Worte taten weh, auch wenn ich schon längst mit ihnen gerechnet hatte. "I believe you can imagine why I had to make this decision?" Ich schluckte, um anständig sprechen zu können. "Yes..." "As your employer and with a regard on the company’s economy, it was a logical decision. But nevertheless, it was amazingly difficult for me this time. However. You will be helping Mr Newman to adapt himself to our standards during your last few weeks." Mr Newman… Passender Name, was? Ich nickte langsam. Für ihn war das Gespräch damit anscheinend beendet. Er richtete einen Stapel Blätter auf seinem Schreibtisch und wollte sich bereits dem PC Bildschirm zuwenden, als er erst zu realisieren schien, dass ich unverändert da sass. „Anything else, Miss Hayes?“ Anything else. Was für ein Mensch. Er hat mir gerade gekündet, benimmt sich aber, als hätten wir ein Kaffeekränzchen gehalten. Versteht er überhaupt, was das für mich bedeutet? Er sah mich stirnrunzelnd an und schien nicht zu wissen, was er mit der Situation anfangen solle. Ich erlöste ihn aus seinem Unbehagen, indem ich den Mund aufmachte. "By the way - I never even really thanked you for giving me the chance to work here, despite of your... Doubtful first impressions of me. It really meant a lot to me, since this was the first time I got hold of a real good job." "Thanks, but actually it wasn't me who decided to hire you." "It wasn't?" Nun war ich damit an der Reihe, mein Gegenüber verwirrt zu mustern. Ich war immer davon ausgegangen, dass ich damals trotz der Startschwierigkeiten beim Vorstellungsgespräch am Ende irgendwie doch noch Mr Harpers Sympathie gewonnen hatte. Offenbar hatte ich falsch gelegen. "My secretary did. I mentioned you as particularly honest person though, at least from what I could tell. I had also informed her before that I liked that trait in employees, so she must have thought I approved of you." "... And what did you think when you found out that she chose me?" "I was a bit sceptical at first." Uh-huh. Thanks. "But after a while I started to think it was a good choice after all, since I really do like people who say what they think instead of just changing their expression, and you proved to often be like that.” Ich wusste nicht so recht, was ich darauf entgegnen sollte. Ich war irgendwie erleichtert, dass er anscheinend trotz allem ein gutes Bild von mir hatte. Nur hatte das allein mir am Ende nichts genützt. „I will make sure to emphasise your good traits in your testimonial.“ Ich brachte wieder nur ein Nicken hervor, doch irgendwie formte sich auch ein trauriges Lächeln in meinem Gesicht. So endete es also.
    Ich konnte an diesem Abend nicht gleich Nachhause gehen. Ich musste zuerst etwas Dampf ablassen. Daher stellte ich Bens Fahrrad vor dem Eingang ab und joggte die Strasse entlang los. Ich hatte keinen Plan wohin ich lief; ich bewegte mich nur der Bewegung selbst wegen. Um meinen Kopf zu lüften, vermutlich. Ich wusste auch nicht, wie lange ich unterwegs war. Erst, als ich wie von alleine wieder in meiner Wohnung stand, sah ich, dass es bereits halb neun Uhr war. Ben klingelte kurze Zeit später. „Da bist du ja. Ich hab mir schon Sorgen gemacht - und ich hab Hunger“, fügte er scherzend an. Ich lächelte müde und machte uns einen Topf Spaghetti. Danach verschwand ich unter die Dusche. Ich schloss die Augen und liess meinen Kopf vom heissen Wasser berieseln, bis ich nichts mehr ausser dem Rauschen hörte. Als ich fertig war und mich umgezogen hatte, sass Ben noch immer in der Küche. „What happened?“, fragte er, diesmal ernst. „Even I can tell that you’re down somehow.“ „I got fired.“ “Oh…” Er betrachtete mich betroffen. “What are you going to do now?” „If I knew that…“ Ich setzte mich zu ihm und legte den Kopf auf die Tischplatte. “Why am I such a hopeless case, Ben?” “You are not. You just lack… A bit of luck sometimes. But you always find a way to go on and try again.” “But I’m tired of it. I don’t want to spend all my life like this.” “Look. You will find a new job, and it will get better, I’m sure of it. With every try, you learn something new that helps you master the next step to your success. One day your life will be so freaking good that you will die of boredom!” “I hope I get to enjoy it a little before that happens…” Ich lächelte und versuchte so, die hartnäckige Träne zu verdrängen, die drohte, meinen Augenwinkel zu verlassen. „How about we move together?“, fragte Ben plötzlich unerwartet. „Stop kidding around, I seriously have to think about what I’m going to do next.“ “No, I am serious. If we move together, we can share the rent. We are used to eating together anyway; it won’t make much of a difference. Besides, I really like you, Ray.” “…Since when?“ „Quite some time now. How could I not? You are the only person who doesn’t think I’m a total looser.“ “…Ben. I’m sorry, but this will not work. I really don’t want to be in a relationship right now, and I need my privacy to sort things out.” Es war bitter, ihm das zu sagen, aber es war die Wahrheit. Ausserdem war er nicht gerade mein Typ, und in meinen Augen war er sehr wohl ein Versager, wenn auch ein lieber - aber das konnte ich ihm ja schlecht so sagen. Er sah aus, als hätte er ohnehin mit einem Korb gerechnet, wodurch ich mich aber auch nicht wirklich besser fühlte. Wie viel schlimmer kann der Tag noch werden? Sobald er gegangen war, legte ich mich ins Bett, um die Antwort darauf nicht unnötig zu provozieren.
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  10. Teil 3
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    Mr Harper machte den üblichen, mürrischen Gesichtsausdruck, mit dem man ihn beinahe immer herumlaufen sah. Ich versuchte, nicht zu ihm hinüber zu schielen, als er am nächsten Morgen durch die Halle schlenderte; sondern mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Trotzdem schlich sich mein Blick genau im richtigen Moment zu ihm: er diskutierte gerade mit dem Produktionsleiter und achtete wohl nicht genug auf seine Umgebung - denn im nächsten Augenblick stolperte er über einen am Boden neben der Maschine stehenden Korb. Mir rutschte ein amüsiertes Grunzen heraus, was er leider bemerkte. Missbilligend sprach er: "Very funny Miss Hayes. Instead of laughing you should rather remove this to where no one can fall over it, as someone considerate would normally do." Ich versuchte ein ernstes Gesicht aufzusetzen und murmelte "sorry", aber meine Mundwinkel zuckten hartnäckig nach oben. Als ich zu ihm rüberging, um den Korb aufzuheben, und dabei seinen noch immer beleidigten Ausdruck sah, wurde es nur noch schlimmer. Ich konnte ihn in diesem Moment einfach nicht ernst nehmen - er erinnerte mich zu sehr an diese Internet-Katze mit dem verärgerten Gesicht, die mir Ben vor einer Weile auf einem Meme gezeigt hatte. Wie hiess die noch gleich? Mr Harper fand es wohl überhaupt nicht witzig. "You really seem to find joy in the bad luck of others, don't you?" "No, normally I'm no such person", versicherte ich rasch. "So you specifically enjoy seeing me fall.", meinte er daraufhin, mit gekränktem Unterton. "NO! Of course not! But Sir - if I can be honest for a minute: you should learn to laugh about minor mishaps, then maybe you wouldn't be so bitter all the time. But no offense! I mean - I just rarely see you looking ‚cheerful‘..." Der Produktionsleiter unterbrach mich, bevor ich meine Aussage weiter retten konnte. "Miss Hayes! Do you ever think before you speak?" Mr Harper vollzog eine beschwichtigende Handbewegung und meinte streng an mich gerichtet: "That might be because whenever I meet you Miss Hayes, there's nothing for me to laugh about." Ich schluckte leer. Aber dann formte sich auf seinem Gesicht tatsächlich eine Art Lächeln; als solches deutete ich es jedenfalls, etwas verdutzt. Seine Miene verdüsterte sich sofort wieder, als ich noch immer perplex dastand. "That was a joke. Well, I have no more time to waste." Und damit wandte er sich wieder dem Produktionsleiter zu, der mir warnend zu blitzte, und die beiden Herren entfernten sich. Ich rätselte den ganzen restlichen Morgen darüber, ob das nun gut oder schlecht für mich ausgegangen war.
    Am Nachmittag schaffte ich es doch tatsächlich, eine wichtige Sitzung zu verpassen, bei der die Einhaltung der Oberflächenqualitäten und das Werkzeugmanagement diesbezüglich thematisiert wurden. Ich war so konzentriert in das Anpassen eines alten Programmes auf einen neuen Maschinentyp gewesen, dass ich die Zeit völlig ausser Acht gelassen hatte. Ich sprang erschrocken auf, sobald ich endlich einen Blick auf die Uhr warf. Als ich die Treppe zum Sitzungszimmer erreichte, kamen mir bereits die anderen Arbeiter wieder entgegen. Ich liess enttäuscht die Schultern hängen und versuchte, mich unbemerkt unter die Leute zu mischen – vielleicht hatte ja niemand meine Abwesenheit bemerkt. „Miss Hayes. We were missing you.“ Die Stimme des Produktionsleiters dementierte meine Hoffnung. Ich entschuldigte mich und versprach, beim nächsten Mal besser aufzupassen. Er entgegnete, dass er nichts anderes erwarte und bog in die Büroräume ab. Ich setzte das Programmieren bis um drei Uhr fort, dann machte ich einen raschen Rundgang bei den Maschinen und begann anschliessend, meinen Arbeitsplatz Wochenend-tauglich zu machen, denn es war Freitag. Gerade als ich dachte, ich sei mit allem fertig, kam der Produktionsleiter erneut auf mich zu. Ich überlegte einen Moment lang, ob sich eine Flucht lohnen könnte, gab den Gedanken aber genauso schnell wieder auf, als er bereits zu nahe war. „Miss Hayes, could you please make sure that there are no more chips on the floor around the Nakamuras? A photographer is coming on Monday morning, to take some new pictures for the website. We want everything to be as clean and tidy as possible.” Seine Worte waren als Bitte formuliert, doch es war dennoch unmissverständlich ein Befehl. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich als Strafe für die verpasste Sitzung länger hierbehalten wollte. Seufzend holte ich den Besen. Meine Arbeit an sich war ja zeitweise schon einschläfernd, wenn gerade nichts zum Umrichten zur Verfügung stand. Aber das Wischen im immerzu gleichen Takt wirkte schon fast hypnotisch. Die Uhr tickte so nebenbei munter und unbarmherzig vor sich hin. Gedankenverloren betrachtete ich den nun sauberen Boden und suchte ihn in einem tranceartigen Zustand nach letzten Spänen ab. Mein Kopf fühlte sich leer an, aber es war auch irgendwie angenehm entschleunigend gewesen. Als ich beschloss, dass es sauber genug war, machte ich mich auf den Weg zum Schrank, um den Besen in sein Zuhause zu befördern. Angelo grinste hinter von seiner Kurzdreh-Maschine hervor und gestikulierte, dass ich auf den Besen steigen und davonfliegen solle. Ich tat so, als wollte ich es probieren und legte dann gespielt enttäuscht den Kopf schief, ehe ich den Besen lässig auf meine Schulter nahm und so davonstolzierte. Als ich zwischen den Maschinen hervorkam und den Schrank beinahe erreicht hatte, sah ich zu meiner linken ein kleines Flansch auf dem Boden halb unter einem Spankübel liegen und betrachtete es einen Moment. Seriös und pflichtbewusst wie ich mich fühlte, beschloss ich schliesslich, es darunter hervor zu wischen und zurück in den Korb zu legen. Ich bemerkte dabei nicht, dass Mr Harper den Gang entlanggekommen war und sich gerade mit einem abgebrochenen "Miss Ha-..." an mich wenden wollte. Abgebrochen deshalb, weil ich beim schwungvollen Ent-schultern des Besens ihm diesen in genau diesem Moment an den Kopf klatschte. Ich spürte, dass ich irgendwo angestossen war und drehte mich verwundert um. "Oh my God, I'm sorry!", rief ich entsetzt aus, als ich das Ausmass meiner Tollpatschigkeit erkannte - während er sich sein rechtes Ohr rieb. Innerlich schloss ich einmal mehr mit meiner Stelle ab. "I'm not God. But even so, please be more careful." Zu meiner Verwunderung schien er nicht wütend zu sein, sondern sich über seinen eigenen Spruch zu amüsieren. Ich fragte mich, ob der Schlag vielleicht ein Schädeltrauma bewirkt hatte. Jedenfalls zog ich mich unauffällig zurück zum Schrank, und dann endlich zum Ausstempeln, während er beim Davonlaufen seltsam lächelnd etwas vor sich hinmurmelte.
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    "Miss Hayes. The boss will take a tour around the hall today. Please tidy up your workspace as usual." Das war die Begrüssung, die ich ein Weilchen später, an einem schon jetzt vielversprechenden Herbsttag, bekam. Ich fühlte mich damit so früh morgens etwas überfallen; meine Energie reichte gerademal für ein Nicken. Ich startete vorab wie immer die Maschinen, dann begann ich, die Prüfmittel und Blätter zu ordnen, die auf den Tischen daneben lagen. Eine grosse Unordnung hatte ich nicht, denn ich hielt immer eine gewisse Struktur aufrecht, um die wichtigsten Dinge griffbereit zu haben. Ausserdem wollte ich ja nicht den Eindruck einer unseriösen Arbeitseinstellung erwecken. Das Schmutzigste an diesem Morgen war daher wiedermal der Boden, denn dort liefen auch alle anderen Arbeiter drüber und verschleppten jeweils dutzende kleine Späne. Als ich wieder fast wie in Trance die Wischbewegungen ausführte, unterbrach mich der Produktionsleiter abermals. "Miss Hayes, since you're already at it - could you work your way up to the stairs?" Ich hob den Kopf, betrachtete den Gang, den er meinte und verzog die Lippen. "Yeah. Sure." Als ob ich eine Wahl hätte. Ich beschloss, die Sache schnell hinter mich zu bringen. Dabei machte ich wohl einen relativ grimmigen Gesichtsausdruck, denn gleich zwei vorbeilaufende Mitarbeiter klopften mir auf die Schulter und zogen eine Grimasse. Den dritten, der vorüberkam, schielte ich bereits herausfordernd an - bis ich merkte, dass es Mr Harper war. "Good day, Sir", murmelte ich rasch. Er verschränkte skeptisch die Arme und fragte: "What are you doing, Miss Hayes?" "Sweeping the floor", obviously, wie ich unausgesprochen hinzufügte. "I don't remember having hired you as a new member of the cleaning staff." "I'm only doing what I was told to do, Sir." "Who told you?" Ich sah hinüber zum Produktionsleiter, der gerade mit einem bärtigen Mitarbeiter sprach. Mr Harper schüttelte kaum merklich den Kopf, dann meinte er "Leave it be and go back to work“, sein berüchtigtes „I'll tend to it" dazufügend. Ich bedankte mich und lief zügig davon. Anscheinend hatte ich wenigstens diesmal keinen Fehler gemacht. Seit Danny weg war (ja, Mr Harper hatte sich tatsächlich unverblümt „um ihn gekümmert“), waren mir überhaupt nicht mehr so viele Missgeschicke passiert (jedenfalls was die Arbeit selbst betraf). Man konnte fast behaupten, es laufe richtig gut für mich. Sogar meine privaten Probleme begannen, sich wie von selbst zu lösen. Durch meinen nun etwas grosszügiger ausfallenden Lohn konnte ich die Miete rechtzeitig bezahlen und sogar ein kleines Bisschen auf die Seite legen. Mit dem neuen Lohn hätte ich mittlerweile wohl sogar in eine andere, bessere Wohnung umziehen können. Aber dann hätte Ben wieder ganz alleine klarkommen müssen (das könnte ich nicht verantworten); ausserdem hatte ich mich schon zu sehr an meine engen vier Wände gewöhnt. Mum war beim Arzt gewesen und hatte ein paar blutdrucksenkende Medikamente bekommen, die beinahe vollständig von der Krankenkasse übernommen wurden – und Ben hatte gelernt, wie man den Timer der Mikrowelle so einstellte, dass das darin aufzuwärmende Essen geniessbar wurde.
    Weil es gut lief, bekam ich Mr Harper in der folgenden Zeit kaum je zu Gesicht. Ich hatte viel mehr mit dem Produktionsleiter zutun, und sah den 'Big-Boss' nur, wenn er einen Kontrollbesuch in der grossen Halle machte. Was mir aber bei unserem sporadischen Small-Talk (wenn man den Austausch eines Guten-Morgen-Grusses so nennen konnte) aufgefallen war: Er sprach jetzt mehr auf Augenhöhe mit mir und das sogar meistens einigermassen freundlich. Ich erkannte zunehmend, dass meine etwas voreilige Einschätzung womöglich unfair gewesen sein könnte, und sein oft mürrisches Auftreten mit dem allgemeinen Stress zusammenhängen musste, nicht direkt mit mir. Angesichts dessen, machte ich mir mittlerweile nicht mehr so viele Sorgen, was die Gewissheit meiner Anstellung betraf. Mein Alltag war also insgesamt deutlich entspannter geworden - auch ohne das dauernde Bodenwischen, das nun ebenfalls auf ein vernünftiges Mass reduziert worden war - manchmal fast schon wieder langweilig. Aber wie mein Leben das so an sich zu haben schien, blieb es nicht lange "gemütlich". Die nächste Katastrophe steckte bereits in ihren Kinderschuhen.

    Diesmal war ich sogar wirklich schuld daran. Als ich nämlich eines Morgens wie gewöhnlich die Maschine mit den Medizinalteilen kontrollierte, fiel mir etwas auf, was dort nicht hätte sein dürfen. Um sicherzugehen sah ich mir die Teile unter dem Messmikroskop an und prüfte die Zeichnung gefühlte zehndutzendmal, doch es gab keinen Zweifel. Da war ein kleiner Absatz vor dem Kantenbruch, kaum sichtbar, aber dennoch unabstreitbar. Sofort kontrollierte ich ein paar weitere Teile, aber überall fand ich dasselbe vor. Auch ein Blick auf die kleingedruckten Randbemerkungen auf der Zeichnung machte es nicht besser: dort stand, dass ausgerechnet der Bereich des Teils auf ein anderes Teil passen musste - es war also gewissermassen funktionsrelevant. (Well, shit...) Ich korrigierte die Offset Werte auf der Maschine sofort, aber ich hatte keine Ahnung, wie lange sie schon falsch gelaufen war. Vermutlich war durch die Werkzeugabnutzung, oder durch den Wärmeverzug das Mass gerade so viel gewandert, dass der Kantenbruch nicht mehr übereinstimmte. Wie konnte ich das nur übersehen? Wenn ich Pech hatte, waren die ganzen bisherigen Serien gefährdet. Ich überlegte angestrengt, auf meiner Unterlippe herumbeissend. Soll ich es dem Produktionsleiter melden, oder soll ich hoffen, dass es niemand merkt? Wenn ich es melde, kriege ich garantiert Ärger. Wenn nicht, kriege ich vielleicht keinen, vielleicht werde ich aber auch verklagt und nebenbei natürlich in hohem Bogen rausgeschmissen. Ich entschied mich dafür, es zu melden - denn wenn all die Kindermärchen stimmten, war das der beste Weg, um die Angelegenheit glimpflich abzuschliessen. So machte ich mich auf den Weg, widerstrebend meinen eigenen Strick knüpfend. Der Produktionsleiter reagierte wie erwartet und befahl mir mit ernster Miene, ihm die Teile zu zeigen. Ich präsentierte sie ihm unter dem Mikroskop und wartete, noch immer nervös auf meiner Lippe herumbeissend, ab. "Well, this is bad. Very bad", murmelte er vor sich hin, und ich schluckte leer. "I will report this to Mr Harper. You know that these are for medical purposes, right?" "...yes", antwortete ich vorsichtig. "Then you should also be aware, that the customer can sue us if there is anything wrong?" Er wirkte nicht wirklich wütend, viel eher schlich sich der Ansatz einer Art schadenfreudigen Lächelns in seine Mimik - wobei ich mir das vielleicht auch nur durch meine in den vergangenen Wochen allmählich keimende Abneigung gegen ihn einbildete. "...But it is only a little edge, it shouldn't reeeally make any difference for the final product", stellte ich, halb flehend, fest. "You obviously don't know how modern industry works. They don't care if it's relevant or not. They just take every opportunity to save money, and that of course makes perfect sense, from their perspective." Es erwies sich als offensichtlich unsinnig, sich herauszureden, also schwieg ich. Der Produktionsleiter marschierte davon, um Mr Harper die wundervollen Neuigkeiten zu überbringen. Ich stellte mich inzwischen vor die nächstbeste Maschine und studierte deren Programmdurchlauf - denn die auf dem Steuerungsbildschirm durchhuschenden Zahlen und Werte hatten etwas Beruhigendes. Irgendwann kam ich zu dem Schluss: wenn er mich diesmal nicht rausschmeisst, dann bin ich in der verdammten Hauptrolle eines kuriosen Amateur-Romans.
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    Ich hörte nichts, über Wochen. Alles in der Produktionshalle ging seinen gewohnten Gang, keine ungewöhnlichen Sitzungen oder Gespräche. In den Büros dagegen war die Hölle los, vermutlich mitunter wegen der nahenden Weihnachtsferien. Als ich einmal neues Druckerpapier holen wollte, platzte ich geradewegs in eine erhitzte Diskussion, bei der aber zum Glück andere Teile das Thema waren, nicht mein Kantenbruch-Problem. Mr Harper stand mittendrin, und ich fand, dass sich in seinen mürrischen Ausdruck nun noch Müdigkeit eingemischt hatte. Er bemerkte mich zwangsläufig, weil ich das Papier am anderen Ende des Raums erreichen musste - obwohl ich mir Mühe gab, unauffällig der Wand entlang durchzuschlüpfen. Er sagte nichts, und ich war dankbar, das Papier schnappen zu können und diesmal ohne Kommentar davonzukommen. Aber es war eine Frage der Zeit, bis wir ein unangenehmes Gespräch führen würden - da war ich mir sicher.
    Am Morgen darauf fühlte ich mich durch und durch elend. Ich hatte kaum geschlafen (gerade mal drei Stunden) und war völlig ausgelaugt. Mit tiefgravierten Augenringen begab ich mich vor den Kaffeeautomaten (die Maschine, die von allen vermutlich am meisten produzieren musste). Mr Harper stellte sich, überraschenderweise, kurz darauf hinter mir an. Auch er wirkte wie immer freudlos und müde, aber dieses Mal schien ich ihn darin zu übertreffen. Das bemerkte sogar er selbst. "Good morning Miss Hayes. You seem a bit gloomy today." Ich seufzte ertappt und wusste nicht so recht, ob es okay war zu antworten; doch dann holte ich Luft und erklärte ihm, was mich bedrückte. "There's this TV show that I'm watching, and - holy shit, it's sooo good. I’ve been watching it all night. But now I have to wait for the next episode. There was a cliff-hanger in the last one, and I reeeeally wanna know what happens next... It's so cruel of them to make us wait this long! Don’t you think?" Mr Harper sah mich an, als hätte ich ihm gerade ein Bild von einem pinkfarbenen Nilpferd gezeigt. Ich erkannte, dass meine verzweifelte Begeisterung nicht übergeschwappt war. Ich zog mich mit einem leicht gezwungenen "well-then" zurück zu meiner Maschine. Er nahm sich ebenfalls seinen Becher und tat so, als wäre nichts gewesen. Danach begegnete ich ihm wieder eine ganze Weile nicht mehr.
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  11. Teil 2
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    Endlich war der erste Arbeitstag gekommen. Ich hatte meine Messwerkzeuge sorgfältig geputzt und kontrolliert, und meine Stahlkappenschuhe ebenfalls ein wenig gepflegt. Die Arbeitskleidung würde ich von der Firma bekommen, das hatte man mir bereits mitgeteilt. Aber ich war unsicher, ob die Schuhe ebenfalls dazugehörten, also nahm ich sie zur Sicherheit mit. Als Transportmittel diente Ben‘s altes Fahrrad, das er mir freundlicherweise eigentlich ständig auslieh, weil er selbst immer den Bus nahm. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber ich fuhr auch einigermassen kriminell, weil ich so aufgeregt war. Ich stand zehn Minuten zu früh vor dem Eingang, da ich absolut sichergehen wollte. Bei mir wusste man schliesslich nie, was alles noch schiefging unterwegs. Glücklicherweise empfing mich schon nach kurzem Warten jemand, und zeigte mir meinen Garderobenschrank. Dann durfte ich tatsächlich neue Schuhe anprobieren, und auf meinem Arbeitsplatz lag sogar eine Holzkiste, auf der mein Name aufgeklebt war, und in deren Innerem sich ein Set komplett neuer, ebenfalls mit meinen Initialen beschrifteter Messwerkzeuge befand. Ich war wirklich sprachlos, denn in der alten Firma hatte ich diese Dinge alle selber kaufen müssen. Man erklärte mir auf meine Nachfrage hin, dass so die Qualität in der Produktion nicht aufgrund unterschiedlicher Messwerkzeuge mit variierenden Messfehlern gefährdet werde. Von Mr Harper sah ich an diesem Morgen keine Spur, aber das war mir noch so recht. Dafür lag, fein säuberlich gestapelt, ein erster Auftrag auf dem Tisch vor mir. Ich war sofort hellauf begeistert, dass man mir von Anfang an Verantwortung übergab und ich schon jetzt mehr machen durfte, als nur bereits laufende Grossserien zu prüfen. Die Zeichnung sah nicht allzu kompliziert aus, und man hatte mir eine detaillierte Anleitung für den Arbeitsablauf in der Firma beigelegt. Trotzdem kam ich mir zunächst ein bisschen verloren vor, in dieser riesigen Halle mit all den fremden Arbeitern. Ich wusste nicht genau, an wen ich mich wenden konnte, also fragte ich den nächstbesten. Ein Typ fortgeschrittenen Alters, mit blonden Haaren und Schnauz. Er erkannte gleich, dass ich „die Neue“ war, und zeigte mir bereitwillig alles Nötige. Da ich noch nie mit Maschinen dieses Herstellers gearbeitet hatte, brauchte ich einen Moment, bis ich mich zurechtfand. Zum Glück hatten selbst die verschiedensten Maschinensteuerungen unterschiedlicher Hersteller meist ähnliche Symbole und Knöpfe. Einmal mehr war ich froh, dass in meinem Job so vieles einheitlich und genormt war. Nachdem ich ein wenig mit der Bedienung der Maschine herumgespielt hatte, begann ich, das passende Programm für den Auftrag auf dem Computer in der Nähe zu suchen. Ich druckte mir alle wichtigen Dokumente aus und legte die Werkzeuge bereit. Dann begann ich mit dem Einrichten. Ich brauchte den ganzen Morgen dafür, weil ich mir alles Nötige zusammensuchen musste und machte nur kurz Mittag, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Man versicherte mir mehrfach, dass ich für diesen ersten Auftrag mehr als genug Zeit hatte, damit ich mich in aller Ruhe einleben konnte. Trotzdem wollte ich natürlich mein Können unter Beweis stellen. Sobald alle Spannzangen gewechselt und eingestellt, der Lader umgerüstet und die Werkzeuge montiert waren, überflog ich das Programm nochmal, dann übertrug ich es auf die Maschine und testete es Satz für Satz. Vorsichtig drehte ich an den Vorschubreglern, um schön langsam beobachten zu können, ob es irgendwo Probleme gab. Besonders wegen möglicher Kollisionen musste ich aufpassen, weil ich mit der Maschine ja noch nicht so vertraut war. Bis auf einen kleinen Fehler beim Stangenlader klappte alles. Stolz, dass ich offensichtlich auch mit mir unbekannten Maschinen immer noch klar kam, produzierte ich ein erstes Teil und passte dann noch die Offset-Korrekturwerte an, damit die Masse in den jeweiligen Toleranzen lagen. Trotzdem – um die Serienproduktion zu starten, war es mittlerweile schon zu spät. Ausserdem musste ich das Stück zuerst sowieso noch gegenprüfen und freigeben lassen. Ich beschloss, das auf den nächsten Tag zu schieben; ich lag ja bisher sehr gut in der Zeit. Als ich nach dem umziehen durch den Gang Richtung Parkhaus lief, wo Ben’s Fahrrad auf mich wartete, erhaschte ich einen Blick durch eine Glastür, hinter der wohl ein Konferenzraum oder so war. Mr Harper sass darin, an einem Tisch mit einer Handvoll anderer Herren, allesamt gekleidet in feinsten Anzügen; und er wirkte noch viel gelangweilter, als bei unserem ersten Treffen. Er starrte zurückgelehnt und mit verschränkten Armen auf die weisse Tischplatte vor sich, rollte dann einen kurzen Moment lang die Augen beiläufig zu mir, denn er hatte wohl die Bewegung meines Vorbeilaufens bemerkt – und wandte sich schliesslich wieder seinen Gesprächspartnern zu, als hätte ich ihn daran erinnert, dass er sich konzentrieren sollte. Ich war froh, dass er mich an diesem ersten Tag in Ruhe gelassen hatte und hoffte, dass es auch so weitergehen würde. Je weniger ich mit ihm zu tun hatte, desto weniger konnte ich negativ auffallen, oder mich über seine Art nerven.

    Zuhause gönnte ich mir ein Bad und backte zum Abendessen einen Apfelkuchen. Den übriggebliebenen Teil stellte ich mitten auf den Tisch, damit Ben ihn nicht übersah. Er hatte mir geschrieben, dass er heute spät nachhause komme, woraufhin ich ihn eingeladen hatte, einfach rein zu schleichen und sich ein Stück zu schnappen. Ich liess ihm die Türe offen, denn hier brach eh niemand ein (gab ja nix zu holen…) und auf ihn warten wollte ich nicht, weil ich für den zweiten Arbeitstag fit sein musste.
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    Schon interessant. Dass es nie einfach gut laufen konnte, ohne irgendwelche Probleme? Ich wusste nicht wieso, aber ich ahnte sofort, wie es enden würde. Als ich nämlich in den folgenden Tagen wieder am Arbeitsplatz aufkreuzte, begegnete ich irgendwann einem bekannten Gesicht – einem, über das ich mich alles andere als freute. Es handelte sich um einen jungen Herren, der mit mir in der Mittelschule in eine Klasse gegangen war. Wir hatten nie viel miteinander zu tun gehabt, aber ich wusste etwas über ihn, das sich in einem Lebenslauf nicht besonders gut machen würde. Und er wusste, dass ich es wusste. Daniel „Danny“ Borke, der mit seinen Kumpels einmal nach der Schule ein Mädchen aus einer Parallelklasse verschleppt und unschöne spiele mit ihr gespielt hatte. Dummerweise war das Mädchen verliebt in ihn gewesen, und deshalb zu naiv, um zur Polizei zu gehen. Ich hatte zufällig mehr gesehen, als mir lieb gewesen war. Ich war bloss wiedermal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Auf einem Baum in unmittelbarer Nähe, um genau zu sein. Ich hatte mich dort oben nach der Schule vor einer dummen Kuh versteckt, der ich damals Geld für eine Packung Kaugummis schuldete. Das war das erste Mal gewesen, dass ich erleben durfte, wie sich Panik anfühlt. Denn wer weiss was passiert wäre, wenn mich die Jungs dort oben zwischen den Ästen gesehen hätten? Ich hatte jedenfalls dort ausgeharrt, die ganze Zeit hindurch. Jede Sekunde war schrecklich gewesen, aber am schrecklichsten fand ich noch heute die Tatsache, dass das Mädchen nie Anzeige erstattet, geschweige denn mit ihren Eltern darüber gesprochen hatte. Unfähig, die Sache einfach aus meinem jugendlichen Kopf zu verdrängen, hatte ich sie bei der nächstbesten Gelegenheit angesprochen und nachgehakt, wie es ihr gehe. Einer von Dannys Kumpels hatte offenbar von irgendwoher gelauscht und ihm gepetzt, dass ich mehr wusste, als mir guttat. Daraufhin hatte er mich mit allen Mitteln in den Dreck gezogen und vor den Lehrern bei jeder Gelegenheit als fantasierende Lügnerin dargestellt. Ich stellte ihn dafür ein paarmal vor den anderen Kids bloss oder spielte ihm sogar Rache-Streiche – in sowas war ich echt gut. Am Ende hatte er den Vorteil aber trotzdem auf seiner Seite. Die Lehrer mochten mich ohnehin nicht, also fiel es ihnen leicht, dem Musterschüler Danny zu glauben. Es war alles andere als einfach gewesen, unter diesen Umständen auch noch anständige Noten zu schreiben. Ich wusste gar nicht, was inzwischen aus dem Mädchen von damals geworden war, da ich nach Schulabschluss nie mehr etwas von ihr gehört hatte. Aber es interessierte mich auch nicht länger. Ich wollte nur mein eigenes, einfaches Leben führen; morgens aufstehen und zu Arbeit fahren, mittags etwas zwischen die Zähne bekommen, abends müde Nachhause zurückkehren und mich ins (hoffentlich weiche) Bett fallen lassen. Es schien wiedermal, als würde mir das partout nicht gegönnt. Danny war milde gesagt nicht sehr erfreut, als er erkannte, dass ich nun in derselben Firma Arbeitete wie er. Er mochte mich sowieso nicht, und zusätzlich sah er in mir eine Art Damoklesschwert, eine Bedrohung für seinen guten Ruf. Er versuchte folglich, mir auf äusserst dezente Weise klarzumachen, dass ich in seinem Territorium nicht erwünscht war. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte, als die Masse der Teile, die meine Maschine zuvor so zuverlässig produziert hatte, plötzlich hinten und vorne nicht mehr stimmten. „Shit, what’s wrong now?!“, redete ich erschrocken mit mir selbst, und überprüfte die Offset-Werte. Gähnende Leere. „Hey Tom, did you see anyone mess with my machine? My offset has been deleted!” Mein ‘Arbeitsnachbar’, der mir am ersten Tag geholfen hatte, zuckte mit den Schultern. „Nay, didn’t see nothing, Miss. Maybe you pressed a wrong button?“ Die Antwort war nicht gerade zufriedenstellend, aber da ich die Möglichkeit, aufgrund meiner Unerfahrenheit mit dieser Maschine, nicht ausschliessen konnte, machte ich eben seufzend weiter, ohne mir mehr dabei zu denken. Aber von diesem Augenblick an häuften sich seltsame Fehlermeldungen und Maschinenstopps. Mich piekte der Gedanke daran, was für einen Eindruck von Unfähigkeit das auf die anderen Arbeiter und meine Vorgesetzten machen musste. Es ging sogar so weit, dass meine Messmittel zeitweise verschwanden und mir einmal von Mr Harper mein Messschieber gebracht wurde, der offenbar irgendwie seinen Weg in die Herrentoilette gefunden hatte. Das war das erste Mal seit meinem ersten Tag gewesen, dass ich meinen Boss gesehen hatte. Sein stirnrunzelnder, verurteilender Blick war eines der unangenehmsten Erlebnisse meiner gesamten bisherigen Arbeitskarriere gewesen. „Miss Hayes. I have no Idea, whether someone wants to play a tasteless prank on you, or you in fact like to leave your belongings in unfortunate places. But I recommend you to take better care of the tools we are providing for you.” Meine Ohren waren heiss und ich musste mich zurückhalten, um höflich zu bleiben und ein halbwegs normales “Okay”, herauszubekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich längst die Vermutung, dass Danny hinter all dem stecken musste. Ich begegnete ihm zwar äusserst selten, aber wenn, dann schenkte er mir bloss kalte, drohende Blicke. Wie ich mitbekommen hatte, arbeitete er schon eine ganze Weile hier und war, wie schon in der Schule damals, recht beliebt – das machte es für mich schwierig, ihm irgendwas anzuhängen. Das Ganze war lächerlich und kindisch. Natürlich wären wir garantiert keine Freunde geworden, aber ich für meinen Teil hätte ihn vollkommen in Ruhe gelassen und mich nicht in seine Angelegenheiten eingemischt. Er schien jedoch unglaublich nachtragend zu sein und mich ernsthaft zu verachten. Wenn sie doch nur wüssten, was für eine falsche Schlange er ist… Der einzige Weg, wie ich meine Ehre und meinen guten Ruf in der Firma wieder herstellen konnte war, Beweise für Danny‘s Spielchen aufzutreiben. Das erste, was mir in den Sinn kam, waren Videoaufnahmen. Leider gab es keine Überwachungskameras in der Halle, und ich vermutete, dass Filmen und Fotografieren verboten sein musste – das stand bestimmt in der langweiligen Hausordnung, die ich am ersten Tag nur rasch überflogen hatte. Aber es gab da so einen schönen Metall-Dachträger in nächster Nähe zu meiner Maschine, der sich für eine versteckte Kamera perfekt eignete. Ich überlegte einige Tage hin und her, ob sich die Aktion lohnen würde. Am Ende traute ich mich aber doch nicht, denn bei meinem Glück hätte das bestimmt wieder in einem Desaster für mich geendet. Es vergingen weitere Tage, sogar Wochen, während denen ich mir Danny‘s Machenschaften gefallen lassen musste, ohne etwas unternehmen zu können. Doch dann machte er einen entscheidenden Fehler, indem er meinen Einfallsreichtum unterschätzte. Ich hatte nämlich inzwischen ein für alle Mal genug von dem Theater gehabt und beschlossen, ihm eine Falle zu stellen. Alles, was ich dafür brauchte, war eine CD und ein kleines Wundermittel, genannt „Clue-Spray“. Letzteres fand ich nach kurzer Suche im Internet – ein fluoreszierendes, bei normalem Licht unsichtbares Spray, um Langfinger einzufärben. Angesichts des Preises für ein Fläschchen schluckte ich zwar zweimal leer, aber das war es mir am Ende wert. Der Zeitpunkt für mein Vorhaben war mehr als perfekt, weil nämlich vor kurzem eine neue Maschine ganz in der Nähe meines Arbeitsplatzes aufgestellt worden war, die ich später auch hin und wieder bedienen würde, und die im Moment gerade eingerichtet wurde. Die nächsten paar Tage, während ich auf das vielversprechende Päckchen wartete, hatte ich stets ein leicht triumphierendes Grinsen im Gesicht, das sogar meinem Maschinennachbar Tom kalte Schauer den Rücken runter laufen liess – so sah er mich jedenfalls jeweils an. Als der Spray endlich in meinem Briefkasten angelangt war, konnte mein Masterplan beginnen. Ich beschriftete die ominöse CD sorgfältig mit der Aufschrift „Machine Data“. In der Tat waren darauf wichtige System Einstellungen für die neue Maschine gespeichert, die ich archivieren sollte. Entsprechend ergänzte ich auch die Nummer dieser Maschine auf der CD. Doch anstatt sie sofort zu bei anderen CDs im Schrank sicher zu verstauen, bewahrte ich sie noch etwas länger in einer Schublade auf. Als nächstes plauderte ich ausgelassen mit Angelo über die Maschine und deren Instandsetzung. Natürlich nur, wie es sich gehörte, im Pausenraum, und immerzu unter den wachsamen Ohren von Danny, der jeweils etwas entfernt sass und mit anderen plauderte, oder ein Sandwich ass. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht mit Sicherheit, ob mein Plan überhaupt aufgehen würde. Aber der Versuch war absolut idiotensicher und hatte keine unangenehmen Konsequenzen für mich, falls er nicht klappen sollte. Als ich sicher war, dass Danny genug mitbekommen hatte, legte ich die CD fein säuberlich mit dem Spray präpariert auf den Tisch in der Nähe der Maschine. Ich klebte ein Post-It mit meinem Namen darauf, damit jeder wusste, dass die CD von mir war und einfach dort liegengelassen werden sollte. Dann zog ich mich zurück, den werdenden Tatort stets im Augenwinkel beobachtend. Die (ebenfalls nicht ganz günstige) Blaulicht-Taschenlampe hatte ich auch schon in meine Werkzeugkiste verstaut, damit sie bereit für ihren Einsatz war. Zugegeben – ich hegte meine Zweifel, ob ich mit dem Konter nicht zu weit ging und mich gar auf dasselbe, kindische Niveau herunterliess. Aber irgendwas musste ich ja tun, und auch wenn meine Einfälle nicht immer die klügsten waren, so war ich wenigstens kreativ. Am Mittag stellte ich sicher, dass Danny schon im Pausenraum unten war, als ich ging. Ich schlang mein Essen herunter und stempelte mich so garantiert vor ihm wieder ein. Trotz meiner Sorgfalt verpasste ich am Ende doch beinahe den entscheidenden Moment. Kurz nach dem Mittag rief mich nämlich der Produktionsleiter zu sich, mit dem Auftrag, im Materiallager nach einer bestimmten Stahlsorte zu suchen, da der eigentlich zuständige Typ noch nicht wieder aufgekreuzt war. Etwas widerwillig machte ich mich auf den Weg, denn von dort aus hatte ich die CD nicht im Blick. Ich fand die Materialstangen in Rekordzeit und hastete zurück, die ganze Zeit hoffend, dass Danny nicht ausgerechnet während meiner Abwesenheit zugeschlagen hatte. Gerade, als ich zwischen den Maschinen hervorschlich und der Tisch mit der CD wieder in mein Blickfeld kam, sah ich die Zielperson sich ihr nähern. Ich hielt inne und beobachtete gut versteckt hinter einem Stangenlader mit angehaltenem Atem – ich konnte mich vor freudiger Erwartung kaum zurückhalten. Mir entfuhr ein zischendes „yes!“ zwischen zusammengebissenen Zähnen, als Danny beiläufig nach der CD griff und sie einsteckte. Wusste ich doch, dass er nicht widerstehen kann. Was gibt es auch schöneres, als mich schusselig dastehen zu lassen, unter Verdacht, wiedermal wichtige Daten verlegt zu haben? Ich hatte gesehen, was ich sehen wollte. Nun musste ich nur noch Mr Harper informieren, und Danny nach frischer Tat überführen. Dummerweise war der Boss wie so oft inmitten einer wichtigen Sitzung und tauchte nicht vor vier Uhr auf. Ich erwischte ihn endlich, als er sich gerade mit einem der Bürolisten unterhielt. „…It was quite the investment, but I think it is going to be really fast. I’m excited to see it working.” Ich hatte keine Ahnung, worüber die beiden sprachen, und ich fühlte mich etwas fehl am Platz, als ich einfach dazu stiess, aber das war die letzte Chance, bevor Danny Nachhause gehen würde. „Mr Harper? May I talk to you for a second?“ “Miss Hayes. I hope it is important, for you to assault me like this”, und an den Bürolisten gewandt: “I’m sorry, we’ll go on about this another time.” “Sure. Good evening, Ryan.” Wow, sie scheinen sich gut zu kennen, überlegte ich beiläufig. „So?“, fragte Mr Harper ungeduldig. Ich stockte einen Moment, weil ich mir bis zu genau diesem Moment tatsächlich noch gar keine Gedanken gemacht hatte, wie ich ihm mit meinem Anliegen am besten gegenübertreten sollte – und welchen Eindruck das bei ihm hinterlassen könnte. Aber dafür war es jetzt definitiv zu spät, ich steckte bereits mit dem Hals in der Schlinge drin. Nach Worten ringend setzte ich an. „Well, there’s been a lot going wrong lately, you know…” “Yes, I do know. I’ve heard many complaints from Mr Finning.” “Yeah. About that. I can prove now, that it wasn’t all my fault.” Mr Harper‘s Augenbrauen hoben sich, sein Gesichtsausdruck sprach Bände. ‘One of those people again. Always trying to blame others. How cheap’, stand quer darüber geschrieben. Ich fuhr rasch fort. “Like I said, I’ve got prove. Today I placed a CD with data from the new Nakamura on one of the tables. I put my name on it and made sure it would not be mistaken for anything else, so there was no reason for anyone to take it. Yet, Danny grabbed it and hid it somewhere, to make me look silly again. He was also behind many of the other little incidents of the past few weeks. I was just never able to provide any evidence.” Mr Harper hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts, als ich innehielt. Nun kam der etwas sonderbarere Teil meiner Erklärung, und ich war besorgt über seine mögliche Reaktion. Nichts desto trotz berichtete ich weiter: „I put Clue-Spray, a fluorescent paint, all over that CD, as a trap. Because I knew he would try to humiliate me again. If I’m right, his Hands will glow when illuminated with this.” Ich zeigte ihm die Blaulicht-Lampe. “…You seem to not like Mr Borke much. Do you know him personally?” Etwas überrascht über die plötzliche Frage seinerseits antwortete ich zögernd “Yes. We went to the same school when we were in our teens.” “Did you have any sort of relationship?” “No – no!”, versicherte ich energisch. “So, did something else happen between the two of you that lead you to dislike him?” “Not between us, but he… Well, he was involved in some sort of… Misdoing, I guess?” “And what would that be?”, stocherte Mr Harper weiter. “Sir, I’m not sure if I should talk about that…”, wich ich aus. Es war ja nicht so, dass ich Danny schützen wollte oder so. Aber ich hatte mir geschworen, aus der Sache rauszubleiben, um mir nicht noch mehr Ärger aufzuhalsen. „You should tell me, if it’s important. Maybe you will be a bit relieved to hear that I am not very fond of Mr Borke either. Actually, I’m looking for a way to get rid of him.” Ich war etwas schockiert über seine plötzliche Offenheit, aber meine Neugier war natürlich auch geweckt. Was hat Danny angestellt, um Mr Harper zu vergraulen? Okay, nicht, dass das besonders schiwerig wäre… Aber trotzdem – der sonst so perfekte Danny? Die Frage liess sich wohl von meiner Mimik ableiten, denn Mr Harper erklärte gleich von selbst: „There is something fishy about this person. Whenever I talk to him, he seems to be secretly smiling and thinking lots of stuff that he wouldn’t say. His work isn’t that promising either. He is often late or even ill, but always seems to find an acceptable explanation. It’s kind of getting on my nerves. So, you said he was bullying you?” “I guess you could say that, yes.” “That’s enough for me. Would you be willing to answer questions on the topic, if necessary?” “Ah, sure…” “Alright. I’ll tend to it.” “Wait, what about the fluorescent paint?” “I don’t need to see it. Your word is enough.” “But…” Er wandte sich bereits zum Gehen. Na toll, dann hab ich den Mist umsonst gekauft? Na wenigstens hat es funktioniert… Irgendwie. Uneins, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte, begab ich mich zurück zu meinen Maschinen, und schliesslich Nachhause.
    Veija und adoptedfox gefällt das.
  12. Of Screws and Metal

    Teil 1
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    Als ich klein war, habe ich einmal mit meinem Vater ferngesehen. Das war, bevor er mich und Mum im Stich gelassen hat, um sich mit einer ‚Arbeitskollegin‘ zu treffen. Es lief eine Doku über Tierärzte in Entwicklungsländern. Dad hat damals murrend weitergeschaltet, weil ihn solch verrückte Gutmenschen, wie er sie gerne nannte, langweilten. Doch ich hatte in den wenigen Sekunden einen Blick in eine Welt erhascht, die mich faszinierte und sich nach Abenteuer anhörte. Es war in diesem Moment, dass sich meine Zukunft vor meinem geistigen Auge entfaltete und ich mir sicher war:
    „That’s what I’m gonna be like!“

    Ich schmunzelte bei dem Gedanken, dass ich damals so naiv und verträumt gewesen war. Leider hatte ich gerade jede Menge Zeit, um mich an diese sorglosen Momente meines Lebens zu erinnern, denn die Maschine vor mir spuckte alle paar Sekunden silbern glänzende Teile aus, die ich dann messen und auf ein Brett stecken musste – den ganzen Morgen schon. Diese Arbeit war ziemlich trostlos für träumerische, kreative Denker wie mich. Aber so schien das Leben nun mal zu sein: Wie ein launischer Schachspieler, der alle paar Momente seinen Schlachtplan ändert und wieder eine Figur opfert. Vielleicht war dieser Weg auch einfach von Anfang an für mich bestimmt gewesen; vielleicht war ich einfach eine derjenigen, die als Kompensation für all die glücklichen, zufriedenen Menschen herhalten mussten. Irgendwer musste schliesslich die Drecksarbeit machen. Okay, ich meine ich kann froh sein, dass ich überhaupt einen Job und ein Einkommen habe. Mein Arbeitsvertrag ist zwar ziemlich einseitig und alles andere als fair, und der Lohn dürfte auch grosszügiger ausfallen, aber ich bin noch jung und habe mein ganzes Leben vor mir. Irgendwo musste ich ja anfangen, und auch wenn mein Job etwas langweilig ist, habe ich einige Entwicklungsmöglichkeiten. Mechaniker zu sein, ist zugegebenermassen nicht das Ende der Welt, das ginge noch viel schlimmer, tröstete ich mich selbst, und dachte dabei an die schäbigen Soaps und Reality Shows, die abends im TV liefen. Die sah ich mir manchmal ganz gerne an, um mein Selbstwertgefühl zu heben. Seufzend stützte ich mich auf dem Metallkorb auf, in dem die Steckbretter gestapelt wurden. Wie viele Teile habe ich diesen Morgen produziert? 1‘000? 2‘000? Ich weiss es nicht. Wenigstens läuft die Maschine. Als mein Boss um die Ecke kam, richtete ich mich rasch auf und tat so, als würde ich ein paar Korrekturen in die Maschine eintippen. Im Augenwinkel sah ich, dass er mich mit scharfem Blick beobachtete und danach zum Korb ging, um ein Teil herauszufischen. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte freundlich, aber er beachtete mich nicht weiter und kramte einen Messschieber aus seiner Hosentasche. Sein grauer Schnauz zuckte, als er die Masse überprüfte. „That’s complete waste. Again.“, stiess er nach einer Weile mit spöttischem Ton aus. Ungläubig sah ich auf die Digitalanzeige. „Impossible! I swear, I did check every peace up until now, and they were all perfect!“, rief ich aufgebracht. “Nonsense. All you ever do is dream and laze around. This is the third time this week, and I’m not gonna tolerate any more of it! I can’t afford to pay someone who only produces rubbish like that.” Mir klappte der Mund auf, und ich war einen Moment lang sprachlos. Mein Gehirn ratterte auf Hochtouren, um rettende Worte zu finden. „Sir, please. I think there must be something wrong with your calliper! And also, those incidents weren’t my fault entirely! I was really working hard to find the reason for the cooling problem, and I double checked the program prior to starting the machine, but someone messed with the coordinates for the screw tap and – “ “Enough! Pack your things, you needn’t come back here tomorrow.” Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war. Ich fühlte mich ziemlich geohrfeigt. Klar, ab und zu schweife ich etwas ab. Aber ich arbeite immer gründlich und schnell! Ich löste mich aus der Trance und überprüfte die Teile nochmal. Egal, wie viele ich in die Hand nahm und zwischen die geschliffenen Flächen des Schiebers klemmte – sie waren zweifellos in der Toleranz. Und der Schieber selbst musste auch richtig eingestellt sein, das überprüfte ich schliesslich jeden Morgen. Aber das nützte mir auch nichts. Wahrscheinlich muss er wieder irgendwo sparen, und ich bin wie immer die Dumme. Bisher waren es nur Lohnkürzungen, jetzt doch eine Kündigung. Und das erst noch per sofort. Ich bin selbst schuld, dass ich den Vertrag ohne ihn zu hinterfragen unterschrieben habe. Ich hätte ahnen müssen, dass das nicht lange hinhält. Demotiviert schmiss ich die Teile in meiner Hand zurück in den Korb und packte meine Messwerkzeuge, die Trinkflasche und meine Schlüssel in den beigen Beutel, in dem ich die Sachen immer transportierte. Ich warf einen Blick auf den ausziehbaren Spiegelstab, der noch auf dem Tisch neben der Maschine lag. Du warst immer so praktisch, mein kleiner Freund… Ach, das merkt eh keiner. Ich sah mich kurz um, dann steckte ich ihn ebenfalls in den Beutel, „serves you right“ murmelnd. Ich schlurfte zur Stempeluhr, meldete meinen Badge ab und knallte ihn unterwegs der Büro-Tussi von der Personalverwaltung vor die Nase, die nicht einmal von dem Dokument, über das sie sich beugte, aufsah. Ich meinte aber für den Bruchteil einer Sekunde ein selbstgefälliges Lächeln unterhalb ihrer grossen Brille zu erkennen. Wenigstens würde ich einige ätzende Leute hier bestimmt nicht vermissen. Ich konnte allgemein nicht besonders gut mit Leuten umgehen, hatten jedenfalls meine Lehrer früher immer behauptet. Mich kratzte das nicht, denn ich hatte mich daran gewöhnt, während der Arbeit nicht zu reden. Auch sonst mochte ich zum Beispiel abends meinen stillen Rückzugsort, die kleine Wohnung mitten in Birmingham, immer noch lieber als die belebten Strassen und Cafés. Da gab es nur noch mehr Leute, die entweder ein erfülltes Leben hatten und mich neidisch machten, oder allen Mitmenschen böse Blicke zuwarfen, weil sie selbst nichts erreicht hatten. Jeder hatte seine Probleme und Macken – mir reichten meine. Und die waren im Moment wieder erschlagend.

    Als ich die Tür zur Wohnung öffnete, fand ich einen Zettel, der darunter durchgeschoben worden war. War ja klar, dass du damit gerade jetzt kommst. Es war eine Zahlungsaufforderung meines Vermieters, was sonst. Ich warf sie genervt auf den Altpapierstapel und setzte mich mit einem Bier auf die Couch. Für einen Moment schloss ich die Augen und lauschte dem Geschimpfe der Nachbarn, die sich wohl wiedermal wegen einer Affäre in die Haare geraten waren. Das passierte bei denen öfter, als der Postbote mir Mahnungen brachte (an dieser Stelle lasse ich Raum für Interpretationen). Entnervt stöhnte ich und vergrub mein Gesicht im Kissen neben der Armlehne. Warum konnte ich in der Schule nicht einfach gute Noten machen, mit einem Stipendium an die Uni gehen und dann auf Forschungsreise irgendwo in Afrika glücklich an Malaria sterben? Stirbt man daran überhaupt noch heutzutage? Egal. Ein Freund mit wohlhabenden Eltern hätte mir auch schon gereicht. Oder wenigstens eine Stelle mit einem grosszügigen Vorgesetzten, der mir ein paar Hunderter mehr abdrückt. Mein Handy klingelte. Ich atmete tief ein, räusperte mich, und nahm ab. „Hi Mum! How are you? … Me? Yea, totally fine. … What? No, no, everything’s good over here. Except for Ben’s cooking – that is something, that’s never gonna improve. … Ah, so why’d you call? … What!? You should go see a doc! … No way you’re gonna be okay like that! … Yeah, I know it’s expensive - … Look, I’m gonna help you pay if it is something serious! Please Mum, promise me, ‘kay? … Love you, too.” Gerade als ich dachte, es würde nicht mehr besser werden. Ja, die Sache mit meiner Mutter… Seit Dad uns verlassen hatte, war sie einfach immer anfällig für Wehwehchen gewesen. Wenn in der Stadt irgendwo eine Grippe im Umlauf war, konnte man darauf wetten, dass es sie erwischte. Aber nun schien es sie mit etwas anderem, ernsterem erwischt zu haben. Ich machte mir sogar ausnahmsweise richtig Sorgen, denn sie hatte am Handy gar nicht gut geklungen. Und diesmal lag es gewiss nicht an den billigen made-in-China-Lautsprechern.
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    Ich war auf der Couch eingenickt, und erst das laute Knurren meines Magens weckte mich. Es war bereits Abend, ich hatte also den restlichen Nachmittag verschlafen. Eine Schüssel Teigwarensalat diente mir als Mahlzeit, dazu ein Stück Brot, das sogar ziemlich frisch war. Es war ja nicht so, als hätte ich es nötig, mich noch mehr zu quälen. Kochen konnte ich erstaunlich gut, und das half mir, auch mit günstigen Zutaten anständiges Essen auf den Tisch zu bringen. Ganz im Gegensatz zu Ben, meinem bereits erwähnten Nachbarn. Er parasitierte von meinen Kochkünsten und ass oft bei mir, denn er selbst war ein hoffnungsloser Fall, der sonst wohl elendig verhungern würde (selbst mit Tiefkühlpizza…) und ich bekam so wenigstens das Quäntchen Gesellschaft, das mich davon abhielt, zu einer verrückten Tauben-Lady zu werden. Natürlich steuerte er auch seinen Anteil an Zutaten bei. Das erste Mal mit ihm ins Gespräch gekommen war ich, nachdem er seine Küche halb in Brand gesteckt hatte. Wo bleibt er eigentlich? Müsste längst hier seinBestimmt hat er wieder seine Schlüssel verloren und kommt nicht zur Haupttür rein. Ich öffnete das Küchenfenster und sah runter. Den Arm hatte er bereits in Richtung meiner Klingel ausgestreckt, als er beim Geräusch des sich öffnenden Fensters erschrocken hochsah. „Oh, ah… Could you please -“ „Yeah, right away.“ Augenrollend lief ich die Treppe runter, mich selbst für mein unglaublich verlässliches Bauchgefühl lobend, und öffnete ihm. Er entschuldigte sich für die Unannehmlichkeit und fürs zu spät kommen. Er war einer dieser Versagertypen, die einfach viel zu nett zu ihren Mitmenschen blieben, obwohl die sie schamlos ausnutzten. Deshalb war er auch hier gelandet, in diesem Viertel. Denn eigentlich hättest du Besseres verdient, Trottel, sagte ich innerlich, als ich ihn beim Herunterschlingen des Teigwarensalats beobachtete. Ich wusste, dass er früher gute Schulnoten gehabt haben musste (im Gegensatz zu mir), weil ich einmal, als er auf der Toilette gewesen war, in seinem Schreibtisch gestöbert hatte und dabei einen alten Aufsatz fand, der wirklich gut bewertet worden war. Er war von Beruf her Journalist, allerdings nur bei einer unbedeutenden Gratiszeitung. Jedenfalls tat er mir irgendwie leid, denn auch er zog das Unglück an, obwohl er keiner Fliege was zu leide tun konnte. Bei mir hatte es wenigstens etwas mit Karma zu tun, da war ich mir sicher.

    In dieser Nacht schlief ich unruhig. Ich war eigentlich ziemlich abgehärtet und liess mich durch nichts so schnell aus der Ruhe bringen, aber diesmal war es einfach ein bisschen viel auf einmal geworden. Die gefühlte halbe Nacht starrte ich daher an die Zimmerdecke und versuchte eine angenehme Schlafposition zu finden, was mir aber irgendwie nicht gelingen wollte. Vielleicht hätte ich am Nachmittag nicht so faul rumliegen sollen, überlegte ich.

    Der nächste Morgen kam mit dem erbarmungslosen Läuten meines Weckers, den ich im ganzen Trubel vom Vortag nicht abgestellt hatte. Zunächst drehte ich mich nach dem ausschalten mit einer gewissen Genugtuung einfach im Bett um und kuschelte mich wieder in die Decke ein; aber ich konnte nicht mehr einschlafen und bekam höchstens Hitzewallungen. Daher war ich auch an diesem Tag früh auf den Beinen. Nach dem Frühstück nutzte ich den Morgen, um Bewerbungen zu schreiben. Schliesslich konnte ich nicht einfach herumsitzen und nichts tun. Ich brauchte Geld, also musste ein neuer Job her. Ich war es von vorherigen Stellensuchen gewohnt, jede Menge Absagen zu bekommen, also schickte ich vorsorglich mehr als genug Bewerbungsschreiben herum. Ich machte mir nicht die Mühe, die Firmen vorher genauer anzusehen – das konnte ich schliesslich immer noch tun, falls ich eine positive Rückmeldung bekam. In den folgenden Tagen hörte ich erstmal überhaupt nichts, aber am fünften Tag kam tatsächlich eine erste Einladung zu einem Bewerbungsgespräch per Mail angeflattert. An besagtem Termin verbrachte ich eine gefühlte Stunde vor dem Spiegel, um dafür zu sorgen, dass ich professionell und seriös aussah. Eigentlich unnötig, es ist ja kein Büro- oder Servicejob. Aber sicher ist sicher. Ich war keine dieser aufgebrezelten Schönheiten, wie man sie in Magazinen sah. Als Mechanikerin hatte es auch keinen Sinn, sich grossartig zu bemühen: man musste ohnehin jeden Tag mit schmutzig grauen Händen und öligem Haar rechnen. Ich fand mich nicht hässlich, so war es nicht – nur eben nicht übermässig anziehend. Meine gewöhnlichen, mittelbraunen Haare, meine langweilig ebenfalls braunen Augen, die eher geringe Körpergrösse, der etwas dunklere Haut Ton, der mich aussehen liess, als käme ich gerade aus den Ferien in Mallorca (und bei dem ich mir nicht mehr sicher war, ob er nicht doch vom ständigen Schmieröl-Kontakt herrührte). Ich war kein Hingucker, niemand der auffiel. Aber vielleicht konnte ich trotzdem einen klitzekleinen Frauenbonus bei der Stellensuche erwirken? Wobei weiblicher Charme in meinem Job nicht immer unbedingt erfolgversprechend war. Das einzige, worauf ich ziemlich stolz war, waren meine Muskeln. Mein Körper war einigermassen durchtrainiert für den einer Frau, und das ohne Fitnessstudio-Besuche (die konnte ich mir eh nicht leisten). Ich trainierte jeden Tag selbstständig zuhause, oder während der Arbeit, wenn sich gerade eine Gelegenheit ergab. Es passierte auch oft, dass ich mich auf dem Heimweg spontan irgendwo dranhängte, um Klimmzüge zu machen; meistens musste der Kinderspielplatz zwei Strassen weiter herhalten. Man darf sich das nicht falsch vorstellen – ich war kein Bodybuilder oder so. Aber man sah doch, dass ich etwas mehr auf dem Kasten hatte als durchschnittliche Frauen. Ausserdem hatte ich als Teenager mal eine Phase gehabt, in der ich als Zeitungsträger etwas Taschengeld verdiente, damit ich Karate-Unterricht mit meiner damaligen Kollegin besuchen konnte. (Nach ein paar Jahren besiegte ich sie aber auf vernichtende Weise in einem Übungskampf, woraufhin sie mir, eingeschnappt, die Freundschaft kündete. Offenbar hatte ich ein gewisses Naturtalent was Kampfsportarten anging – und vermutlich auch, wenn es darum ging, Kündigungen zu erhalten.) Jedenfalls machte ich längst kein Karate mehr, kannte die Techniken und Bewegungen aber noch in- und auswendig. Das war manchmal ganz praktisch, wenn man sich in den abgelegeneren Quartieren der Stadt in einer schwierigen Situation befand.

    Das Bewerbungsgespräch war zwar kein Kampf gewesen, aber die Bilanz davon fühlte sich ziemlich genau so an, wie gerade unsanft auf den Boden gelegt worden zu sein. Der Typ war nicht einmal richtig auf meine Dokumente eingegangen, sondern hatte mir bloss gelangweilt ein paar Standardfragen gestellt und mich danach ziemlich direkt wieder vor die Türe gestellt. Auch bei den nächsten paar Gesprächen hatte ich nicht mehr Erfolg. „Tut uns Leid, wir suchen für das Rohmaterial-Lager eher Personen, die auch höhere körperliche Leistungen erbringen können.“ Arschlöcher. Warum wurde ich dann überhaupt eingeladen, wenn hier solche Vorurteile herrschen? Nur weil ich nicht so grossgewachsen bin, ugh. Das Busticket hätte ich mir auch sparen können. Selbst nach fast einem Monat hatte sich nichts an meiner Situation geändert, ausser, dass ich weitere Mahnungen bekommen hatte und mein Selbstwertgefühl so langsam im Eimer war. Ray Alvy Hayes, du bist vielleicht doch eine grössere Versagerin als du dachtest.
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    Es war schliesslich ein ganzer Monat vergangen, als ich eine weitere Antwort bekam; dem Datum zufolge auf eine der ersten Bewerbungen, die ich überhaupt abgeschickt hatte. Da sonst im Mailordner seit Tagen gähnende Leere herrschte, klickte ich drauf und überflog den Inhalt. Es handelte sich erstaunlicherweise um eine weitere Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Ben rief von der Küche aus „Anything new?“ Ich sah mir die Website der Firma an. Die „Harper Tech Solutions“ schien eine sehr seriöse, saubere Aktiengesellschaft zu sein, die mehrere Firmenstandorte besass. Einer davon war hier in Birmingham, eigentlich also perfekt für mich. „Yeah, seems so. Tough I think it will be yet another failure. They look too damn posh to take someone like me…” “Try anyways. If you don’t try, you won’t know.” Dass ausgerechnet du immer solche Worte parat hast… Aber stimmt schon. Ich beschloss, mein Glück abermals zu versuchen. „But if I get rejected this time, I’ll look for a part time job at a supermarket or something like that. I’ve had enough of this shit.” “I’m sure it will work out. I have a good feeling, and you deserve to get a worthy job.” “Do I, huh?...”, murmelte ich nur, und schlürfte meinen mittlerweile kalten Tee fertig.

    Zwei Tage später stand ich vor dem Eingang der „Harper Tech Solutions, Birmingham“. Ich betrachtete mich ein letztes Mal in einer der Fensterscheiben. Diesmal war ich etwas gewagter gekleidet, denn die Firma schien in einer anderen Liga zu spielen, als meine bisherigen Anlaufstellen. Ich hatte also auf eine weisse Bluse und einen billigen, aber formellen Bleistiftrock gesetzt, und mich ausserdem in mein einziges Paar Absatzschuhe gezwungen. Es hatte zwar Überwindung gekostet, aber wenn ich dafür einen besseren ersten Eindruck hinterlassen konnte, war es das wert. Ich meldete mich im Büro der Firma und wurde in ein leeres Sitzungszimmer geführt. Die Wände waren schneeweiss, die Stühle sahen schick aber unbequem aus, und die Topfpflanze in der Ecke war bei genauerer Betrachtung aus Plastik, was aber nichts daran änderte, dass sie dem Raum ein gewaltiges Stück mehr Leben einhauchte. Mich fröstelte es irgendwie, obwohl es eigentlich nicht kalt sein konnte, denn draussen herrschten Temperaturen um die 26 Grad, und ich hörte nirgends eine Klimaanlage. Nach einer gefühlten Ewigkeit, betrat ein junger Herr das Zimmer. Er trug einen Anzug und sah ziemlich wichtig aus, aber ich schätzte, dass er wieder nur ein Bürolist sein musste, der dazu verdonnert worden war, die Bewerbungen zu bearbeiten. Diese Interpretation wurde auch durch seine abgebrüht wirkende Mimik gestärkt. Da ich bisher mit solch halbherzigen Angestellten in Gesprächen kein Glück gehabt hatte, ging ich sogleich all-in. „Good day Sir, could you perhaps tell Mr Harper, that I would like to talk to him personally, if anyhow possible? I wouldn’t mind to wait for a bit longer, if he’s busy.“ Er runzelte die Stirn und blinzelte erstaunt, dann antwortete er mit kritischer Stimme “Mr Harper is standing right before you. Miss Ray Hayes, I presume? Did you perhaps not even take the effort of researching about our company? You’re the first to not immediately recognise me.“ Shoot! What a great way to start this… “Uhh, no, I really did! I must have overseen your picture, tough…” Und ist der nicht viel zu jung für eine Chefposition? Er kann kaum älter sein als ich! „However. What brings you here, Miss Hayes?“ Ich starrte ihn ungläubig an. “I’m here for the job interview, of course?...” “What, like this?”, meinte er spöttisch, und deutete auf meine Schuhe. „We are looking for a mechanic, not a new coffee fetcher.” Okay, das war’s. “I just thought… I normally don’t dress like this, Sir, I just wanted to leave a good first impression”, war mein Rettungsversuch. “Well, you kind of missed your goal.” Ah, so viel zu ‘den Finger in die Wunde stecken’. “Why would we hire someone like you? And why would we want to hire a woman for the job? I really can’t see why my secretary even invited you”, verkündete er mit gelangweiltem Unterton, wobei er das Wort ‘Secretary’ betonte. Ich wusste einen Moment lang nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Was für ein Ekelpaket von einem Chef. Doch dann wurde mir bewusst, dass das womöglich meine letzte Chance war, und er mich zu testen schien. Ich legte mir die folgenden Worte sorgfältiger zurecht als die letzten paar. “Because I work precise and have an eye for small details, I am creative and can come up with interesting new ideas – and I’m pretty good with multitasking, too.” Er musterte mich skeptisch. Weil ich das Gefühl hatte, dass es ihm noch nicht reichte, fügte ich rasch an “I’m also very good at improvising. And I don’t give up easily, since I had to work hard for every little success in my life.“ “So what will you do, if I tell you to leave right now?” Ich öffnete den Mund und atmete ein, brauchte aber noch einen Moment, um die passende Antwort zu finden. “I will try to persuade you, that it would be a mistake to let me go.“ “That so.”, meinte er trocken. Er wandte sich ab und lief zur Tür. Ich klemmte meine Lippen zusammen, mich bereits mit dem Gedanken anfreundend, den ganzen Tag an einer Supermarktkasse zu stehen, oder sogar Toiletten zu putzen. Doch dann sagte er mit einem Blick über die Schulter „Please follow me, Miss Hayes. I will show you around for a bit.“ Ich konnte es kaum fassen. Hat er das jetzt gerade echt gesagt? Ah, aber freu dich nicht zu früh Ray – das war noch lange keine Zusage… Ich folgte ihm, so zügig es meine Schuhe zuliessen. Ich konnte nicht besonders gut darin laufen, weil ich mir flache Schuhe gewohnt war, und die Absätze nur einmal, an der Hochzeit meines Onkels, nach den Überredungskünsten meiner Cousine, gebraucht hatte. Wir betraten die Produktionshalle, und ich zog die Augenbrauen hoch. Die Halle war riesig! Und ich hatte wohl noch nie so viele hochwertige CNC-Maschinen auf einem Haufen gesehen. Alles schien ziemlich neu und sauber zu sein, man fand kaum Späne auf dem grauen Fussboden. Als wir an den Maschinen vorbeiliefen, fragte ich deshalb bewundernd, wann denn die Firma gegründet worden sei. Mr Harper antwortete knapp: „So you really didn’t research much. It was 1992.” Ich schwieg beschämt und beschloss, vorläufig den Mund zu halten, während er mir die Fräs-Abteilung und ein paar teuer aussehende Roboter zeigte. Wär schon verdammt cool, hier zu arbeiten, stellte ich sehnsüchtig fest. Dann, mit einem Seitenblick auf Mr Harper’s mürrisches Gesicht: AndererseitsMit dem Typ als Boss? Vermutlich will er mit der Führung eh nur Anstand zeigen und mich nicht gleich mit einem Arschtritt loswerden, weil ihn das in schlechtes Licht rücken würde. Aber warum werde ich das Gefühl dann nicht los, dass er nicht gerade der Typ ist, der sich um Anstand schert? Ich meine, mit der Visage, die er unverblümt vor Fremden aufsetzt… Wir endeten die Führung im Rohmateriallager und kehrten danach ins Sitzungszimmer zurück. Diesmal setzte auch er sich hin, gegenüber von mir. „Well? How did you like it?“, fragte er ungeduldig, als ich nicht gleich den Mund öffnete. Ich gab mir Mühe, ernsthaft begeistert zu klingen. “It is fantastic! I would really love to work here, with any of these machines.” “So, you would say that you are not very picky?” Warte, worauf ist das jetzt bezogen? “The job we are offering is mainly about working with the CNC lathes. We postulate excellent programming skills and high stress resistance, since this is a demanding job. Our company is known for precision and reliability, so we do not tolerate any trouble makers or unmotivated people.” “That is no problem, Sir.” “Even if you would have to spend extra hours in the evening on Sundays, to warm up the Machines?”, fragte er herausfordernd. “…Yes, Sir.” “Fine. I will contact you, as soon as we have evaluated the other candidates.” Er stand auf und öffnete die Tür für mich. Ich verabschiedete mich, unsicher lächelnd, und trat raus an die frische Luft. Phu, das war was. Aber am Ende sah es gar nicht sooo schlecht für mich aus, oder? Jedenfalls habe ich nicht gleich eine Absage erhalten, wie die letzten Male. Zuhause wartete Ben auf mich, und fragte sofort „How did it go?“ Ich spannte ihn einen Moment auf die Folter, dann lächelte ich und meinte: „I pretty much fucked up, but I still might have a tiny chance this time. Though I’m glad it’s over for now. That guy was kind of a pain in the ass.” “That’s just what an ordinary boss should be like”, meinte Ben philosophisch.

    Zwei Wochen lang wartete ich angespannt auf einen Anruf, ein Mail oder gar einen Brief. Dann war es endlich so weit. „Ben, Ben!“ Ich war kurz davor, ihm die Tür einzurennen, als er verwundert öffnete. „I got it! I got the job!“, rief ich fassungslos, und er klopfte mir begeistert auf die Schulter. Ich konnte es wirklich kaum glauben – wie zur Hölle hatte ich so viel Glück verdient? Und das obwohl bei meinem Vorstellungsgespräch reichlich viel in die Hosen gegangen war. Vielleicht hatte Mr Harper das schon wieder vergessen? Er war ja bestimmt ziemlich beschäftigt, mit all den Angestellten und der Firma; da war es doch gut möglich, dass ihm das ein oder andere Detail mit der Zeit entfiel. Oder vielleicht hatte irgendeine Sekretärin das Aussortieren übernommen? Aber so sehr ich mich freute: mit der Zusage kamen auch die Sorgen. Ich war mir plötzlich doch nicht mehr sicher, ob ich dem was mir bevorstand wirklich gewachsen war. Innerlich hatte ich längst wieder mit einer Absage gerechnet und mir daher nicht viel dabei gedacht, als Mr Harper „high stress resistance“ und „reliability“ erwähnte. Ach was Ray, irgendwie packst du das schon. Schliesslich ist das der bestbezahlte Job, den du je hattest! Den werd‘ ich mir ganz bestimmt nicht durch die Finger gleiten lassen. Und das Geld hatte ich dringend nötig. Mum war immer noch nicht beim Arzt gewesen, obwohl sie es versprochen hatte. Und mein Vermieter wurde langsam unausstehlich. Ben hatte mir seine Hilfe angeboten, aber das konnte ich nicht annehmen, weil er selbst nur knapp genug für sich hatte. Nein, von jetzt an würde alles besser werden. Es musste besser werden.
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