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Stories. Feelings.
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  1. 'baskerville old face'Die Weten

    'baskerville old face'Als wir im Lager ankamen, sahen wir zu aller erst einen Trupp von Frauen, die respektvoll die Köpfe vor uns senkten und langsam an uns vorbeigingen. Wir gingen quer durch das Lager der Weten durch und ich hatte das Gefühl, ständig schaue uns jemand nach und begann, hinter uns zu tuscheln. Doch meine Angst war unberechtigt. Alle waren freundlich, man stellte auf die Bitte Gareus hin eine undurchlässige Blickbarriere zwischen der Menschenmenge und dem Podest, wo die Anführerin Magnolia auf einem Sessel saß, auf und legte uns frisch gewaschene Kleidung, sowie Schuhe und einen Waschzuber hinter die Barriere. Als ich mich hinter den Sichtschutz gesetzt hatte, begann ich mich zurück zu verwandeln, und sah, dass Henry schon den Nebel um sich hatte, der ankündigte, dass die Verwandlung im Gange war. Ich tat es ihm nach und wenig später stand ich als Mensch nackt vor Magnolia. Verdutzt starrte sie erst mich, dann Henry an, und ich betete zu allen Göttern, dass sie uns nicht abweisen würde. „Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wiederzusehen, Sommerwind.“ Richtete sie das Wort an mich. „Und dich auch nicht, Henry. So sagt mir doch, was euch zu solch früher Stunde zu mir führt.“ Sie sah abwechselnd zwischen Henry und mir hin und her. „Ich… Lasst es mich erklären, werte Magnolia.“ Ich wollte nicht, dass Henry sich noch mehr verhaspelte wie ich. „Wir sind auf der Flucht vor Akira, er wollte mich töten. Und dann hat mich Ihre Wächterin gefunden und mich hierher gebracht. Ich bat sie, mich und Henry, meinen Gefährten, uns zu Ihnen zu führen um Ihnen unsere Geschichte zu erzählen, und Sie darum zu bitten, uns so lange den Aufenthalt zu gewähren, bis wir Ihr Land verlassen können und in das Neutrale Land dahinter losziehen zu können. Und ich werde Ihnen versprechen, dass Sie nie wieder etwas von mir hören sollen, bis der Krieg nicht im Frieden endet, und eine neue Macht gewählt werden muss.“ Endete ich, etwas außer Atem, aber angezogen und mit dem forschenden Blick Magnolias auf mir ruhen. Richtest du oder dein Partner Unruhe in diesem Lager an, werden wir euch öffentlich hinrichten, damit wir uns verstehen. Ihr habt sieben Tage Zeit, um euch für die Reise zu stärken und euch auszukurieren. Verstanden? Sie sah zwischen Henry und mir hin und her. Als Henry nickte, nickte ich auch. „So sei es.“ Endete Magnolia, und die Blickdichte Wand wurde abtransportiert, sowie die Waschzuber. Henry kam auf mich zu und umarmte mich. Ich schlang die Arme um ihn und er sah mir lange in die Augen, bevor er seine Lippen sanft auf meine legte und wir in einem langen, zärtlichen Kuss versanken. „Wenn ich die Herrschaften kurz stören dürfte… Ich soll Sie zu Ihrer Hütte begleiten.“ Ein kleines Mädchen, nicht älter wie acht stand vor uns und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Ich musste bei ihrem Anblick kurz lächeln. Irgendwann haben wir auch ein kleines Mädchen. Und einen kleinen Jungen, hörte ich Henry in meinen Gedanken. Ich sah ihn an, doch in seinem Blick lag Entschlossenheit und Glück. „Sind Sie bereit?“ fragte das kleine Mädchen nochmal, dann ging sie los, ohne uns noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Hand in Hand gingen wir hinter der Kleinen her, bis wir vor einem kleinen Haus standen, was sehr gemütlich eingerichtet war, wie sich herausstellte. Wir gingen nicht zu dem Abendessen, an dem jeder im Lager teilnahm, wir gingen ins Schlafzimmer und ich erzählte Henry meine Geschichte. „Als ich acht Jahre war, kam ein Mann zu unserer Hütte am Waldesrand, mein Vater war im Krieg, meine Mutter hatte das Essen vorbereitet und mein Bruder und ich spielten draußen vor dem Haus im hohen Weidekraut verstecken.“ Begann ich, ohne dass er mich aufforderte, ihm meine Geschichte zu erzählen. Trotzdem hörte er aufmerksam zu, stellte zwischendurch belanglose Fragen wie; „Willst du etwas trinken?“ oder ähnlichem. Doch als ich an die Stelle kam, wo der Mann, dessen Namen ich bis heute nicht wusste, mich begann zu misshandeln, merkte ich, wie ich mich nach Sicherheit sehnte. Das sprach ich ebenfalls nicht aus, trotzdem zog Henry mich an sich ran und hielt mich in seinen Armen, während ich weitererzählte. „Er kam immer abends. Tagsüber musste ich in die Klosterschule zu den Mönchen. Er bezahlte sie dafür, mich zu bestrafen, machte ich einen kleinen Fehler und lobte sie dafür, wenn sie mich schlugen. Abends, nach dem Abendessen, kam er dann, Anfangs wollte er nur den Tag besprechen, wie er immer sagte, doch irgendwann begann er, mich anzufassen und mich festzuhalten. Ich wollte mich wehren, und am Anfang tat ich das auch, doch egal, wie sehr ich tritt und schlug, er hörte nicht auf, bis seine Lust und Geilheit befriedigt war. Einmal musste er mit mir zu einem Medicus, da ich mit zwölf Jahren ein Kind im Leib trug, ein Kind von diesem Widerling. Der Medicus machte es weg, doch seitdem wurden seine Besuche länger, seine Schläge fester und die Brandeisen heißer erhitzt. Er geiferte jetzt auch tagelang bei mir und ich musste immer hinhalten, bis er ging. Ich durfte nichtmehr ausreiten, bekam ein Zimmer ohne Fenster, einmal am Tag etwas zu essen und seine Besuche. Als ich sechszehn wurde, hatte er einen Baron zu mir eingeladen, der mein Gemahl werden sollte, und von dort an bekam ich mehrmals am Tag Besuch von diesem Mann. An meinem siebzehnten Geburtstag ging er zurück in seine Landen denn ein Jahr später wollte er mich zur Frau nehmen. Meine Misshandlungsnarben ließen die beiden Männer nicht zurückschrecken. Als ich mich mit dem Bruder des Barons auf den Weg zu meinem neuen Haus, meinem neuen Gefängnis machte, nutzte ich die erste Gelegenheit, stahl Proviant und riss aus. Ich ließ meinen ehemaligen Beinahe-Schwager zurück.“ Ich wurde immer nachdenklicher. Der arme Paul hatte es doch sicherlich bis hin zu seinem Bruder geschafft. Oder hatte ich sein Leben auf dem Gewissen? Ich wusste es nicht. Als ich mit meiner Lebensgeschichte geendet hatte, strich Henry sanft über die Narben auf meinem Unterarm. „Ich würde sie gerne sehen.“ Flüsterte er verträumt. „Sie ändern nichts an meinen Gefühlen. Denn auch wenn du die hübscheste Frau bist, die ich jemals gesehen habe, und die Urmutter weiß, wie viele dies waren, hast du von allen die schönste Seele. Dein Charakter ist ehrlich – nicht nur zu dir selbst, sondern auch mit den Menschen um dich herum. Du bringst jeden mit deinem Lächeln ebenfalls zum lächeln und deine Stimme lockt nicht nur Irrwichtel aus ihren Verstecken. Ich habe mich nicht nur in die äußere Hülle deiner verliebt, sondern auch in das, was alles in dir steckt. All das, was du in deiner Kindheit durchmachen musstest, hat dich stark auf der einen Seite und verletzlich und schwach auf der anderen Seite werden lassen. Und diese Mischung, zusammen mit deiner liebevollen Art und deinem Äußeren, bringt jedermann dazu, dich zu mögen. Ich will nicht wissen, wie viele Männer dich gerne nackt gesehen hätten. Selbst als ich hinter der Trennwand gestanden habe, hab ich die Blicke gespürt, die alle versucht haben, einen Blick auf dich zu erhaschen. Und glaube mir, hätte auch nur einer von den Männern um dich herum versucht, dich zu berühren, ich hätte ihm den Kopf abgerissen.“ Meinte Henry, und ich musste grinsen. „Das war mein voller Ernst!“ spielerisch entsetzt gluckste er die Antwort. „Aber, wie dem auch sei… Belou, ich liebe dich. Nicht, weil ich dich damals im Wald auf den Boden geschmissen habe, oder du die Irrwichtel zu dir gerufen hast. Nein, ich liebe dich wegen denen hier…“ sanft küsste er eine größere Narbe auf dem linken Unterarm. „Und dem hier“ er hob meine Mundwinkel nach oben, sodass es aussah als ob ich lächelte. „Und wegen dem hier.“ Er legte mir die Hand auf mein Herz und mir schossen Tränen in die Augen. „Und natürlich wegen denen hier!“ lachte er, und legte die Hände sanft auf meine Brust und meinen Hintern. „Aber vor allem, wegen dem, was in dir drinsteckt, versteckt, und nur manchmal kommt es zum Vorschein.“ Er küsste mich und wir sanken auf das Bett. „Wieso weinst du denn?“ geschockt zog er den Kopf zurück und wischte mir die Tränen von den Wangen. „Weil ich glücklich bin.“ Murmelte ich und lächelte. Erleichtert ließ er sich gegen mich sinken, fuhr fort mit seinen Küssen, und irgendwann schliefen wir Arm in Arm ein.

    'baskerville old face'‚Cleveres Mädchen. Versteckst dich irgendwo. Aber sei dir sicher, dass du spätestens in ein paar Tagen raus aus deinem Versteck musst, wenn du Hunger bekommst. Und dann werden wir dich finden.‘

    'baskerville old face'Das war alles, wovon ich träumte. Nur dieser eine Satz spukte durch meinen Kopf. Ich drehte mich zu Henry und schloss die Augen wieder. Akira würde mich nicht finden.







    'baskerville old face'Bei den Guten

    'baskerville old face'Am nächsten Morgen wachte ich alleine auf. Angst packte mich. Wo war Henry? Ich sah aus dem Fenster, und sah in einen wolkenlosen, strahlend blauen Himmel. Kein Henry. Ich ging den Flur entlang, Richtung Küche. Als ich den Speckgeruch und die Geräusche von brutzelten Fett wahrnahm, fiel mir ein Stein von Herzen. Die schwere Holztür gab unter dem Druck meines Körpers, der sich gegen sie lehnte, erstaunlich leise nach und ich trat in die im Morgenlicht strahlende Küche. Henry hatte mir den Rücken zugedreht und nichts von meinem Eintreten bemerkt. Leise schloss sich die Tür wieder hinter mir und ich schaute über Henrys Schulter in die Pfanne, die er hin- und her schwenkte, damit das Ei und der Speck sich gleichmäßig von allen Seiten garen konnten. „Hmm, das riecht aber lecker!“ lachte ich, als Henry sich umdrehte und mich küsste. „Du schmeckst aber auch nicht schlecht.“ Schmunzelte er, und ich boxte ihn leicht in die Seite. „Die Sachen hat Gareu uns heute Morgen gebracht. Und die Vorratskammer ist voller Essen. Wir leben hier wie im Schlaraffenland!“ freute sich Henry. Da fiel mir wieder etwas ein. „Ich glaube, wir sollten noch nicht an die Front gehen, sondern erst, wenn sich alles wieder etwas beruhigt hat.“ Ich musste an James denken, der irgendwo in einem notdürftigen Hospiz geflickt worden war, und wie wir hier lebten, während hunderte Soldaten und Krieger ihre Leben auf dem Schlachtfeld ließen. „Keine Sorge, ich habe James Bescheid gegeben. Er ist mit anderen neutralen Geschöpfen, die es satt haben, Spielfiguren in einem Spiel zu spielen, dass sie nicht gewinnen können, in das Neutrale Land unterwegs, und er meint, mit drei Beinen lässt es sich als Tier auch gut laufen. Sie werden in ein paar Tagen im Land ankommen. Dort werden sie weitere Flüchtlinge treffen. Du siehst, wir sind nicht die Einzigen, die es satt haben.“ Klärte er mich auf. Ich hatte ein Bild vor Augen. Eine kleine Truppe von Flüchtlingen, die von Akira gefasst werden, gefoltert und getötet. „Henry… Ich… Ich hatte wieder so einen Traum.“ Begann ich. Henry sagte nicht, nahm sich nur zwei Stühle, setzte sich auf einen und bedeutete mir, es ihm nachzutun. „Und zwar… Also, es war eigentlich gar kein Traum, sondern eher nur ein Traumabschnitt oder so etwas in der Art. Ich hatte Akiras Stimme im Ohr, wie sie immer und immer wieder einen Satz gesagt hat. ‚Wir werden dich finden‘ oder so ähnlich. Sie wissen, dass wir uns verstecken, sie wissen nur noch nicht, wo oder wie es uns gelungen ist. Aber sie werden nicht so leicht aufgeben.“ Niedergeschlagen blickte ich auf die Pfanne, in der das Ei und der Speck brieten. „Und wegen James, ich meine, er und die Anderen sind alle verwundet oder zumindest geschwächt, und wenn Akira ihn aufspürt…“ meine Stimme versagte. „Hör mir jetzt mal gut zu, Belou. James ist zwar geschwächt, doch James ist nicht dumm. Er hat alles durch meine Gedanken erfahren. Sie werden einen längeren Weg einschlagen, sie werden durch viele breite, seichte Flussläufe gehen und so ihre Spuren verwischen. Akira denkt, dass James nicht mehr lebt. Das ist der Fehler. Aber James war schon immer ein harter Kerl. Hatte schon immer den dickeren Schädel.“ Grinste er. „Urmutter, bitte hilf James und den anderen, dass sie alles heil überstehen.“ Sendete ich meine Bitte zur Urmutter. Viel mehr konnte ich auch nicht tun, außer hoffen, warten, und so bald wie möglich losmarschieren. Als ob Henry meine Gedanken hätte lesen können, sagte er; „Ich glaube, es ist trotzdem besser, wenn wir so bald wie möglich von hier aufbrechen. Wir sollten Magnolias Gutmütigkeit nicht herausfordern.“ –Derselben Meinung war ich auch, und so machten wir uns an das Packen der frischen Kleidung, die man uns geschenkt hatte, und die Vorräte. Als wir alles Nötige eingepackt und verstaut hatten, machten wir einen Waschzuber fertig und wuschen uns noch ein letztes Mal gründlich mit Seife.

    'baskerville old face'Wenig später schlossen wir die Türen hinter uns, und gingen durch das Lager, um uns beim Essenszelt noch ein letztes Mal zu stärken. Alle waren hier versammelt, alle bis auf die, die verletzt worden waren im Krieg oder gerade auf dem Weg an die Front waren. Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken, und auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut, trotz des angenehm warmen Spätsommertages. Geistesabwesend folgte ich Henry durch das Zelt und aß langsam, und ohne zu merken, was ich überhaupt auf dem Tablett hatte, meinen Teller leer. Meine Gedanken drehten sich um den Krieg und um unsere Reise und die Flucht vor Akira, der immer noch hinter uns her war. Wieder überlief es mich kalt, der bloße Gedanke an unseren Verfolger jagte mir Angst ein. „Beruhige dich. Noch sind wir hier in Sicherheit.“ Aufmunternd strich er über meine Hand. „Hoffentlich hält das nicht an.“ Murmelte ich zurück. Ich sah, wie ein kleines Mädchen zu uns rüber sah, und lächelte. Schüchtern lächelte sie zurück. Sie war wunderschön, ihr blondes Haar lockte sich über den kleinen Rücken, der unter einem türkisblauem Kleid steckte, und ihre strahlenden grünen waren so ungewöhnlich wie meine. „Sieh mal, sie ist so hübsch. Irgendwann wird sie jedem Mann den Kopf verdrehen.“ Wehmütig über ihre jetzt schon vorhandene Schönheit drehte ich meinen Kopf zur Seite, mit der Gewissheit, dass ich auch einmal ähnlich ausgesehen hatte. „Du verdrehst auch jedem Mann den Kopf, glaub mir.“ Flüsterte Henry mir ins Ohr. „Nein, sie lächeln aus Mitleid, weil sie meine Narben sehen. Sie ist jetzt schon wunderschön. Irgendwann wird sie noch hübscher werden, und ihr Vater wird sich über die vielen Heiratsanfragen der Jungen freuen.“ Bei dem Bild von einem älteren Herren, der hunderte von Jungen vor sich stehen hatte, die alle seine Tochter heiraten wollen, musste ich lächeln. „Manchmal sind Menschen wunderschön. Nicht durch ihre Art und Weise, nicht durch das, was sie sagen, einfach nur um ihretwillen, weil sie Macken und Besonderheiten haben. Weil sie sich nicht verstecken müssen.“ Ernst nahm er mein Gesicht zwischen seine Hände und küsste mich auf die Stirn. Mir stiegen Tränen in die Augen. „Findest du mich wirklich wunderschön?“ fragte ich mit erstickter Stimme. „Nenn es wunderschön, zauberhaft, die schönste Frau die ich je sah. Es ist mir egal, was du über dich denkst, solange du zulässt, dass ich dir beweisen kann, wie sehr ich deine Macken und Fehler liebe.“ Noch einmal küsste er mich, diesmal auf den Mund. Ich vergrub mein Gesicht in seiner Seite und ließ meinen Tränen freien Lauf. Er strich mir sanft mit seiner Hand über den Rücken. „Ich glaube, es ist besser, wir brechen jetzt auf, Magnolia. So sehr wir Deine Gastfreundschaft schätzen, wollen wir in unsere neue Heimat, und Akira von Euch fortbringen.“ Sagte er plötzlich und als ich aufsah, sah ich Magnolia in ihr verwundertes Gesicht. „Wenn ihr es so wollt. Ich kann euch auch noch eine Wache mit auf den Weg geben.“ Bot die Anführerin der Weten an. „Das ist zwar sehr freundlich von Dir, Magnolia, doch ich glaube nicht, dass Ihr auch nur einen Wächter an uns verschwenden braucht. Ihr werdet sie alle hier brauchen, wenn Akira auf den Gedanken kommen sollte, hier einzufallen.“ Lehnte er ab. Magnolias Blick lag ruhig auf mir. „Na gut. Aber wenn er es schaffen sollte, hier einzufallen, werde ich nicht zögern, ihn hinter euch herzuschicken.“ Und mit diesen Worten ging sie aus dem Zelt. Alle Blicke waren auf uns gerichtet, als wir das Zelt verließen, und ich hatte das erste Mal seit langer Zeit das Gefühl, eine Heimat von mir zu verlassen. Ich nahm Henrys Hand und folgte ihm erneut quer durch das freundliche und friedliche Lager. Alle waren beim Abendessen, und ich genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meiner zerschundenen Haut. Ich betete zur großen Urmutter, dass sie Akira für seine schlimmen Taten auf ewig zum Urvater ins Fegefeuer stecken solle, und hoffte, dass James und die Anderen, einen sicheren und behüteten Weg haben werden und bisher hatten. 'tempus sans itc'Keine Sorge, meine Tochter. Die Urmutter wacht über ihre Schützlinge und Kinder. Doch auch Akira gehört zu ihren Kindern, auch wenn er den Glauben an seine Mutter verloren hat. Aber ich werde nicht zulassen, dass er meinen guten Kindern, die jeden Abend zu mir beten, auflauert und sie ebenfalls auf eine grausame Weise tötet. Ich habe es zu oft zugelassen, doch nun werde ich meinem Sohn Einhalt lehren, und ihm zeigen, dass seine Mutter über ihn wacht. Dass ich über ihm wache. 'baskerville old face'Eine neue Stimme hallte in meinem Kopf. Sie war weiblich und hatte einen sanften Ton. Und beinahe hatte ich das Gefühl, die Urmutter selbst hätte zu mir gesprochen. Urmutter? Wenn du mich hörst, bitte hilf mir, das neu entstehende Rudel gut zu führen und eine gute Anführerin zu sein, gutmütig und immer in deinem Sinne handelnd. Bitte, Urmutter, hilf mir in der Zukunft, so wie du all deinen Kindern hilfst und sie richtest, betete ich, und hoffte, die Urmutter würde es hören. 'tempus sans itc'Keine Angst, meine Tochter. Ich werde über dich wachen, sowie über dein neu entstehendes Rudel, und deinen Kindern, die du in naher Zukunft mit meinem Sohn Henry bekommen wirst. Ich werde mich dir erkenntlich zeigen, wenn du den richtigen Weg einbehältst, und dich auf falsche Richtungen aufmerksam machen, doch verliere den Glauben an mich nie. Denn auch ich lebe nur in Sagen und Geschichten, sowie den Herzen guter Kinder weiter. Doch bedenke stets; Auch ich habe Grenzen, ich kann meine Kinder nicht töten oder ihre Denkweisen beeinflussen, ich versuche immer, sie auf dem richtigen Weg zu halten, doch wenn ihr Vater sie zu sich ruft, muss auch ich weichen. 'baskerville old face'Und ich spürte, wie eine tiefe Vertrautheit in mir aufstieg, sich in mir ausbreitete und mich von innen heraus behütete. Sie lebte weiter, in meinem Herzen und meiner Seele. Urmutter? Ich danke dir, dass du mich immer behütet hast, waren die letzten Worte für heute, die wir miteinander wechselten.





    'baskerville old face'Auf der Reise in den Frieden

    'baskerville old face'Auf unserer Reise durch das große Lager begegneten wir allen möglichen Kreaturen der Nacht. Riesen, Kobolde, Feen und Wichtel, Irrwichtel, Zentauren, Satyrn und Wandelwesen aller Art sahen wir in Frieden miteinander leben. Alle begrüßten uns mit denselben zurückhaltenden Blicken uns schüchternen Grüßen, und wir grüßten zurückhaltend zurück. Als wir das Ende des Lagers und somit das Ende unserer Sicherheit erreichten, blickten wir noch einmal zurück und mir traten Tränen in die Augen, als ich die Kinder auf den Wiesen unbeschwert spielen und umher tollen sah, und daran dachte, dass ihre Väter und Brüder im Krieg sind oder sogar schon als Tote auf dem Rückweg ihrer Schlacht waren. Und mir wurde wieder einmal bewusst, dass es dringend einen Ausweg zu suchen gilt, damit diese Kinder in einer sicheren Welt mit Vater und Mutter und vielleicht auch Brüdern leben konnten. Mir liefen die Tränen über die Wangen, doch ich merkte sie nicht, spürte nur Henrys Finger, die sie sanft auffingen und wegwischten. „So weine nicht, Belou. Wir werden einen Weg finden, den Kindern ihre Väter zurückzugeben.“ Sagte er. Seine Worte sollten mir Trost spenden, doch meine Verzweiflung wurde nur umso stärker, denn ich wusste, dass wir Unterstützung brauchen würden, von ihren Vätern und Brüdern, und vielleicht auch ihren Müttern. Schnell wandte ich den Blick von dem unbeschwerten Spielen und Treiben der Kinder ab, und ging wackligen Schrittes näher an die Grenze. „Ich will hier fort. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass die Väter vieler dort spielenden Kinder im Krieg gefallen sind, ohne dass ihre Mütter und sie davon etwas mitbekommen hatten, und sie sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Väter warten.“ Meine Stimme zitterte. 'tempus sans itc'Keine Sorge, meine Tochter. Ich werde auf eurer Seite kämpfen. Mit euch Schulter an Schulter in die Schlacht ziehen. 'baskerville old face'Die Stimme der Urmutter war zuversichtlich, und Wärme flutete meine Seele, Hoffnung keimte in meinem Herzen auf. Ich hielt diesen Funken Hoffnung und Sicherheit tief in meinem Innern, und wollte, dass er nie erlischt. Ich werde dich erwarten, war alles, was ich sagte. „Kommst du, Liebster?“ fragte ich Henry und lächelte ihn traurig an. „Ich folge dir überall hin, meine Belou.“ Er nahm meine Hand und drückte meine Finger sanft. Er war immer so zuversichtlich, wie ein kleiner Junge, dessen Vater seine Mutter und ihn immer beschützen würde, wie ein Mann, der die Hoffnung nicht losließ, diesem Krieg ein Ende zu setzen. „Ich glaube, Sie könnten schneller vorankommen, wenn sie auf Pferden ritten. Ihr Gepäck können Sie hier verstauen.“ Wisperte eine leichte Kinderstimme hinter uns. Ich drehte mich um und sah dem Mädchen mit dem blonden Haar ins Gesicht, dass ich vorhin noch bewundert hatte. „Meine Mutter sagte, mein Vater wird sie nicht mehr brauchen, wenn er von seiner Reise mit den anderen Männern wiederkommt.“ Henry bückte sich auf die Höhe des Mädchens und flüsterte ihr etwas ins Ohr, sodass sie kichernd davonlief und wenig später mit zwei muskulösen, braunen, gesattelten Pferden um die Ecke kam. „Das ist Bimur, und dass hier ist Frundu. Sie sind Zwillinge, sagt meine Mama immer, weil sie sie nicht auseinander halten kann.“ Kicherte sie. „Okay, und dürfen sie denn auch bei uns bleiben? Oder sollen wir jemanden schicken, der sie zurückbringt, sobald sie sich gestärkt haben?“ fragte Henry das Mädchen und sie lächelte ihn an. „Nein, mein Herr, meine Mutter und ich schenken sie Ihnen. Sie sollen Sie an Ihr Versprechen erinnern, sagte sie.“ Murmelte sie und starrte auf ihre Finger, die die Zügel der Pferde fest umschlossen. „Wie ist dein Name, meine Kleine?“ hörte ich mich sagen, und bevor ich sie zurückholen konnte, waren die Worte auch schon heraus und der Blick des Mädchens ruhte auf mir. „Mein Name ist Gikal, und Ihrer?“ Neugier stahl sich in ihren Blick, dann riss sie die Augen auf und wollte sich entschuldigen, dass sie so neugierig gewesen sei und es sich nicht gehöre, dass sie so voreilig gefragt hatte. Doch bevor sie ihre Entschuldigung aussprechen konnte, antwortete ich ihr. „Mein Name ist Belou. Weißt du, Gikal, ich möchte dir ein Versprechen geben. Wenn die Urmutter alles wieder bereinigt hat und wir alle zusammen ohne Hass leben können, will ich der Urmutter sagen, dass sie dir und deiner Mutter einen Herzenswunsch erfüllen mag, denn ihr beide wart sehr nett und zuvorkommend, als ihr uns eure Pferde gabt. Deshalb möchte ich euch beiden etwas zurückgeben.“ Auch ich hatte mich zu Gikal hinunter gebeugt, und sie schlang ihre kleinen zerbrechlichen Arme um mich. „Ich will nur dass mein Papa wieder heil zurückkommt. Sonst will ich nichts zum leben. Kannst du das der Urmutter sagen?“ schnell umarmte sie auch Henry, drückte ihm die Zügel in die Hand und verschwand hinter den Zelten. „Denkst du, ihr Vater…?“ Er beendete den Satz nicht, doch ich wusste ebenso wenig wie er, ob Gikals Vater noch lebte. „Ich bete für ihn und seine Familie.“ Antwortete ich deshalb nur. Wir schnallten unser Gepäck auf die Rücken der Pferde und stiegen auf. Im leichten Trab ritten wir eine Zeit lang nebeneinander her, als ich eine vertraute Stimme in meinem Kopf hörte. 'tempus sans itc'Ich werde alles tun, damit auch diese kleine Tochter von mir ihren Vater wiedersieht. 'baskerville old face'Erleichtert atmete ich aus. Ich hatte gehofft, dass sie das Gespräch von Gikal und mir mitgehört hatte. „Was hast du?“ fragte Henry, und ritt wieder neben mich. „Die Urmutter hilft Gikals Vater, zu seiner Familie zurückzukehren.“ Antwortete ich. Geschockt sah mein Gefährte mich an. „Woher willst du das wissen? Hat sie zu dir gesprochen?“ In seinem Blick lagen Neugier und Ehrfurcht. „Zu dir etwa nicht?“ fragte ich verwundert. Bisher dachte ich, dass sie zu allen ihren Kindern spricht. „Nein! Das tut sie nur bei den Kindern von ihr, die an sie glauben und die eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Ereignisse spielen.“ Verwundert blickte ich ihn an. „Wirklich?“ jetzt war ich die Verwunderte. 'tempus sans itc'Du bist etwas Besonderes, Belou. Du bist die, die dem Krieg ein Ende bereiten kann. Er wird dir zwar helfen, doch den entscheidenden Auslöser wirst du tätigen. 'baskerville old face'Ihre Stimme zeigte Verständnis über meiner Unwissenheit. „Wie lange spricht sie schon zu dir?“ fragte Henry mich, der wieder ein Stück vorgeritten war. „Ich weiß es nicht. Ich glaube, schon immer.“ Erinnerungen schossen mir durch meinen Kopf. Ich, wie ich als zehnjährige in meinem Verließ sitze und mit Kohlestückchen und Kalksteinen Bilder auf die Wände und den Boden malte. Bilder einer Gestalt, die wie eine weiße Löwin aussah, doch um sie herum hatte ich alle Tiere gemalt, die mir in den Sinn kamen. Und plötzlich verstand ich den Sinn der Bilder. „Ich… Als ich eingesperrt war, habe ich immer mit weißem Kalkstein und Kohle auf den Boden und die Wände gemalt. Bilder einer weißen Löwin, und um sie herum wucherten Pflanzen und Tiere sammelten sich um sie. Meine Bilder wurden immer weggewischt, bevor er kam, damit er sich nicht aufregte. Ich dachte, ich sei verrückt, weil ich manchmal in einer Ecke saß und mit mir selbst redete, dabei hatte ich mich mit einer realen Person, mit ihr unterhalten.“ Die Bilder verschwanden wieder aus meinem Kopf, und eine seltsame Gewissheit erfüllte mich. „Die Urmutter wird immer als weiße Löwin in ihren Tempeln dargestellt, genauso wie der Urvater ein schwarzer Stier darstellt. In manchen heiligen Tempeln sieht man Darstellungen, wie ein schwarzer Stier mit rot glühenden Augen und eine weiße Löwin mit blauen Augen gegeneinander kämpfen.“ Erklärte Henry seine Auffassungsgabe, und ich musste mir eingestehen, dass ich immer noch ziemlich verwirrt war, denn diese ganzen Mythen und Sagen wollten sich in meinem Kopf nicht niederlassen und kreisten und schwirrten nur so umher. „Was sagte sie alles so?“ Als ich zu Henry aufsah, saß er falschherum im Sattel und hatte sich die Zügel um den Bauch gelegt. Darf er es wissen? Fragte ich, und prompt erhielt ich die Antwort. 'tempus sans itc'Ihr hattet noch keine Geheimnisse voreinander, und ich will nicht der Grund sein, dass ihr eure gemeinsame Zukunft gefährdet. Doch wenn du willst, kann auch ich ihm alles in einem Traum berichten. Ihn unsere Gespräche hören lassen und auch selbst mit ihm reden. Er ist ebenfalls mein Sohn, so wie du meine Tochter bist. 'baskerville old face'„Sie sagt, sie kommt dich heute im Traum besuchen, und lässt dich unsere Gespräche hören.“ Murmelte ich. Zufrieden mit meiner Antwort drehte er sich wieder in Reitrichtung und wir ritten bis spät in den Abend hinein schweigend voreinander her.

    'baskerville old face'|Als wir unser Lager in einer großen, hohen Höhle aufschlugen und die Pferde in den hinteren Teil brachten, stand der Mond schon hell und unverdeckt am Horizont. Ich setzte mich vor den Höhleneingang und begann das Bild von der hellen Füchsin in mir hervorzurufen. Ich bemerkte seine Gegenwart erst, als er sich räusperte. „Setz dich. Ich will mich verwandeln.“ Forderte ich ihn auf. „Hilfst du mir, wieder hochzukommen? Mit einem fehlenden Arm ist es nicht ganz so leicht, weißt du?“ Überrascht schlug ich die Augen auf und sah James in das dreckige Gesicht. „James! Du lebst! Weiß Henry, dass du hier hergekommen bist? Wie geht es deiner Schulter? Ist der Krieg schlimm?“ beschüttete ich meinen Freund mit Fragen. „Haha, nein, Henry weiß noch nichts davon. Doch ich wollte ihn bei seiner Arbeit mit den Pferden nicht stören. Lass mich nur kurz meine Gefährten zu uns rufen. Sie warten alle schon gebannt darauf, euch beide kennenzulernen.“ Lachte er, und Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen. Stürmisch und glücklich, dass es ihm so gut ging, gab ich ihm einen Kuss auf die Wange und umarmte ihn fest und doch vorsichtig, da ich nicht wusste, ob seine Schulter ihn noch immer schmerzte. „Wie ist der Krieg?“ wollte ich wissen. „Du willst wissen, wie der Krieg ist? Schrecklich ist gar kein Ausdruck, um das sinnlose Blutvergießen zu beschreiben, und keine Entschuldigung der Welt könnte es entschuldigen, was wir uns auf dem Schlachtfeld gegenseitig antun. Meine Gefährten kommen.“ Endete er, und ein Dutzend Geschöpfe traten in das helle Mondlicht, alle waren sie dreckig und sahen leicht heruntergekommen aus. Drei von ihnen hinkten, einer kam in seiner Pumagestalt, von hellem beige glänzte sein Fell im Mondlicht. Ein Mann war riesengroß, und trug Waffen an seinem Gürtel, sowie einen prallen Beutel mit Vorräten, seine Haare waren schwarz und zeigten erste Grauspuren, doch ansonsten war er kräftig und gut gebaut. Zwei waren durchscheinend und scheinbar mit dem Volk der Nymphen verwandt. Drei der Flüchtlinge hatten den Oberkörper von Männern, und den Unterkörper eines Pferdes, auf allen waren Brandzeichen auf der rechten Flanke zu erkennen, dass der Ampure. Sie waren die, die mit den Menschen gekämpft hatten. Einer war ein kleinerer Satyr, gebeugt und angstvoll schlich er auf die Lichtung. Und zuletzt kam ein Mensch auf die Lichtung. Er trug ein Langschwert und eine Lederrüstung, die seinen muskulösen Körper betonte. Seine Augen waren von einem leuchtenden grün, seine Haare von hellem Blond, und ich erkannte die Ähnlichkeit. Gikals Vater. 'tempus sans itc'Ich sagte doch, ich werde alles tun, damit sie ihn wiedersieht. 'baskerville old face'Widerholte die Stimme der Urmutter in meinem Kopf das Versprechen, dass sie mir gegeben hatte. Ernst nickte Gikals Vater mir zu, und seine Miene versteinerte sich in einer Maske aus Ablehnung und Kaltherzigkeit. „Okay. Das hier ist Belou. Sie ist die Gefährtin meines Bruders Henry, und meine Freundin. Sie hatte den Gedanken zur Flucht, eigentlich, um mich zu suchen und um nach mir zu sehen. Sie haben das Lager der Weten in Wohlwollen aufgesucht und haben Freundlichkeit und Glück kennengelernt. Doch Belou konnte es dennoch nicht dort halten, was ich auch noch nicht so ganz nachvollziehen kann. Aber sie wird es uns sicher gerne bei einem Feuer und Essen erklären, nicht wahr, Belou?“ richtete James das Wort zuerst an seine Begleiter, dann an mich. Mechanisch nickte ich und stand auf, steckte James die Hand hin und gemeinsam gingen wir in die Höhle. Henry stand im hinteren Teil bei den Pferden und untersuchte Sattelzeug und Halfter der Tiere. „Henry, sag Hallo zu unserem Besuch.“ Forderte ich meinen Gefährten auf und als sein Blick James erfasste, strahlten seine Augen noch mehr als sonst immer. „James!“ rief er aus und umarmte seinen Bruder kurz. Tränen standen ihnen in den Augen. „Henry. Mir geht es gut. Aber wir müssten uns etwas ausruhen, denn unsere Reise war hart und beschwerlich. Warum stellen wir uns nicht alle gegenseitig bei einem Feuerchen vor?“ schlug James vor, und in seiner Stimme klang die beschwerliche und erbarmungslose Reise mit. Als wir alle am Feuer beisammensaßen und uns mit Hammelfleisch und Kartoffeln gestärkt hatten, stellten unsere neuen Weggefährten sich uns vor. Die Zentauren stellten sich als erste vor, ihre Namen waren Borum, Letit und Marmu. Der kleine Satyr murmelte nur leise, dass sein Name Monto sei. Nachdem auch er sich getraut hatte, meinten die zauberhaften Nymphenmänner, dass sie Amouran und Kerto hießen. Der riesenhafte Mann hörte auf den Namen Taiva, und der Puma, der seine menschliche Gestalt angenommen hatte, und mit uns gemeinsam lachte, stellte sich als Karvin vor, sowie die drei Männer, die hinkend hinter uns her getrottet waren. Ihre Namen waren Markiss, Armin und Leo. Gikals Vater stellte sich als letztes vor, und das waren auch die einzigen Worte, die wir von ihm hörten. Er hieß Eru. „Wir kennen deine Tochter, Eru. Sie hat uns eure Pferde geschenkt, da ihre Mutter dachte, du kämest niemals wieder. Geh wieder zu ihnen, Gikal braucht ihren Vater, und deine Frau dich auch an ihrer Seite. Sie vermissen dich.“ Sagte ich, als wir das Feuer ausgestampft hatten zu Eru. Sein eisenharter Blick ruhte lange auf meinem Gesicht, dann erweichte sein Herz und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Ich hätte niemals den Kriegsdienst anfordern dürfen. Wie konnte ich nur denken, dass mein kleines Mädchen mich nicht vermissen würde? Was bin ich nur für ein schlechter Vater, weiß noch nicht einmal, was das Beste für meine Kleine ist.“ Fing er an zu schluchzen, verdeckte das dreckig Gesicht in seinen Händen und glitt an der Felswand nieder auf den Boden. „Du bist kein schlechter Vater, Eru. Sie vermisst nur ihren Vater, wie es hunderte Jungen und Mädchen in diesem Moment tun. Wenn ich du wäre, würde ich so schnell es geht zu ihr gehen, das Lager ist nicht allzu weit weg, als dass du es nicht bis vor dem Frühstück dort ankommen könntest. Kannst du dich in irgendein Tier verwandeln?“ fragte ich und strich behutsam über den unter Schluchzern bebenden Rücken. „In einen Falken.“ Antwortete er nur. Als er sich wieder etwas beruhigt hatte, begleitete ich ihn bis nach draußen vor die Höhle. „Es wird nicht leicht sein, wieder vor sie zu treten. Alle anderen Frauen und Kinder werden mich fragen wo ihre Männer, Väter und Brüder sind, und ich muss den Todesboten spielen. Muss ihnen sagen, dass Paul und die anderen Soldaten niemals wieder heimkommen werden, niemals mehr ihre Kinder und Frauen und Schwestern in die Arme schließen können. Es wird schlimm werden. Sie werden mir Fragen stellen; ‚Wie ist es so, im Krieg? Auf Leben und Tod? Dem Feind gegenüber zu stehen?‘ und meine einzige Antwort wird sein; ‚Es ist so, als ob die ganzen Teufel der Hölle den Engeln die Flügel ausgerissen hätten, um sie abzuschlachten und sich in ihrem Blut zu wälzen. Es ist schrecklich zu sehen, dass einer deiner Kameraden, drei, vielleicht vier Schritte neben dir herläuft und mit einer Explosion von den Füßen, in alle Einzelteile gesprengt wird. Der Tod, grausam, wie er ist, reißt einen nach dem anderen von den Beinen, nimmt ihr Seelen mit in sein Reich, und das Einzige, was du ihren Kindern erzählen kannst, vielleicht kanntest du ihn auch nicht persönlich, das Einzige, was du ihren Familien sagen kannst, ist, dass er sich tapfer geschlagen hat, dass er in Sicherheit ist, da, wo er jetzt ist. Dass sie ihn niemals vergessen werden, ist klar, und doch kannst du ihnen nur von dem Moment erzählen, wo eine Kugel, eine Bombe, ein brennender Pfeil oder eine Mine ihn getroffen hat, wer seine Überreste sammeln wird und wie tapfer er sich geschlagen hat. Das ist alles, was du ihnen sagen kannst. Und sie werden anfangen, dich dafür zu hassen, weil du überlebt hast, und ihr Vater, Sohn, Mann nicht. Sie werden jede Nacht sein Gesicht vor Augen haben, werden Monate, Jahre nicht ruhig schlafen können und werden weinen. Trauer. Hass. Tränen. Das ist alles, was ich ihnen bringe.“ Endete er, setzte sich auf den kühlen Waldboden und begann, sich in einen Falken zu verwandeln. Sein Gefieder war dunkel, doch die Augen des Vogels hatten dieselbe Farbe wie die des Menschen. Viel Glück, Belou, meine Freundin. Ich hoffe, wir werden uns in nicht allzu langer Zeit wiedersehen. In Frieden. In Sicherheit. Möge die Urmutter mit dir sein und deinen Weg überwachen, hörte ich Erus Stimme in meinem Kopf. Guten Flug, Eru, mein Verbündeter, mein Freund. Grüße deine Familie von mir und danke ihnen nochmals für die wundervollen Pferde. Möge die Urmutter deinen Flug bewachen und feindliche Geschütze von deinen Federn abprallen. Gikal wird außer sich sein vor Freude, fügte ich noch hinzu und sah, wie der flinke Vogel sich in die Lüfte erhob und geschmeidig über den klaren Nachthimmel in Richtung Wetenlager glitt. 'tempus sans itc'Ich werde ihn auf seinem Weg begleiten und beschützen. 'baskerville old face'Danke. 'baskerville old face'Tränen rannen mir über die Wangen, als ich wieder in die Höhle ging, zu Henry hin und in seine Arme hinein. „Wo ist Eru?“ fragte er verwirrt, und sah zum Höhleneingang. „Weg. Auf dem Weg nach Hause.“ Murmelte ich und sah auf. „Er war Gikals Vater, nicht wahr?“ seine Stimme klang ermüdet, doch ich konnte auch die Gewissheit über seine Feststellung hören. Also sparte ich mir die Antwort, ließ ihn los und legte mich auf den Boden. Ich wollte schlafen, vergessen und loslassen. Einfach mal keine Verpflichtung und Angst haben. Und innerhalb von ein paar Augenblicken war ich eingeschlafen.

    'baskerville old face'Akira ritt auf seinem Pferd durch den Wald, langsamer, wachsamer. Die Hunde waren fort, genauso wie seine Begleiter. Er war alleine. „Ich werde dich noch fangen, Belou. Vielleicht nicht jetzt und nicht morgen, doch irgendwann werden wir uns gegenüberstehen.“ Sagte er und stieg vom Pferd. Er band es fest und verwandelte sich in den Puma, der in mir Angst und Panik hervorrief. Als Puma schlich er zwischen den schlafenden Bäumen hindurch, immer näher an eine Lichtung heran. Er ließ die letzten Bäume hinter sich und trat in das Mondlicht auf der Lichtung, frei von Wolken strahlte es auf ihn herab, kalt und mit Silberschein schien sein schwarzes Fell. Über seinem Kopf flog ein Vogel, ein Falke, mit dunklem Gefieder, doch menschlich grünen Augen. Eru. Akira bemerkte ihn nicht, er war in die Witterungssuche vertieft, wollte mich finden. Doch anstatt dass der Falke den Puma ignorierte und weiter Richtung Heimat flog, schoss er im Flug hinunter, ließ sich zuerst auf einem Ast über dem Feind nieder und konzentrierte sich. Nebelstreifen bildeten sich und anstatt eines Falken saß ein Braunbär an den Baum geklammert da, sprang auf den Puma, der nicht wusste wie ihm geschieht und packte ihm im Nacken. 'tempus sans itc'Ein Gestaltenwechsler. 'baskerville old face'Die Urmutter selbst war verwundert. Doch als ich mich wieder auf die entstandene Kampfszene konzentrierte, hatte sich etwas verändert. Der Puma hatte sich zu wehren begonnen, kämpfte gegen den Bären, schlug mit seinen Tatzen um sich und verbiss sich in dem dichten Fell seines Gegners. Dann geschah etwas, was ich nicht gedacht hätte. Die Lichtung glühte auf, der Boden bebte, als ob er gleich in zwei Teile brechen würde, und zwischen den Bäumen erkannte ich ein helles Fell nach dem anderen. Eine Füchsin sprang auf die Lichtung, ihr Fell war hell, und der Puma ließ vom Bären ab. Eru zog sich in eine Ecke zurück, leckte seine Wunden und staunte über die vielen hellen Felle, die hier und da aus den Bäumen blitzten. „Akira, es reicht!“ rief die Füchsin – Ich. „Es ist genug Blut geflossen, genug Menschen und Gestaltwandler mussten unter dir leiden und um ihr Leben bangen, es reicht!“ schrie ich Akira in das wutverzerrte Pumagesicht hinein. „Du hast mir nichts zu sagen, Belou!“ schrie er zurück, doch ich konnte seine Stimme wanken hören. Er sah die Felle und die Augen zischen den Bäumen nun auch. Akira drehte sich im Kreis und fauchte, schlug nach mir und knurrte. „Du bist auch nur ein Sohn der Urmutter. Warum ist es so weit mit dir gekommen? Du hast den Glauben an sie verloren, hast deine Seele verkauft, hast dich selbst verloren.“ Sagte ich, und Mitleid stieg in mir auf. „Die Urmutter existiert nicht! Alles nur Aberglaube und Ammenmärchen! Meine Seele? Ich habe mich nicht verloren, mich niemandem verschrieben. Du und deine Freunde, die sich hinter den Bäumen zu verstecken versuchen, ihr könnt mir nichts anhaben! Vor euch steht der größte Anführer der Furile!“ rief er, und Schaum bildete sich vor seinem Maul, die Fangzähne blitzten gefährlich im Mondschein. 'tempus sans itc'Er muss mich nur einmal sehen, 'baskerville old face'sagte die Stimme in meinem Kopf, doch sie kam nicht aus meinen Gedanken, sie kam aus dem Wald um uns, vibrierte in der Luft, und brummte in der Erde. „Was soll das, Füchsin?“ fauchte ein wild gewordener Akira mich an, doch bevor ich antworten konnte, kam eine Löwin zwischen den Bäumen hervor, ihr Fell war schneeweiß im Mondlicht, ihre Augen strahlend blau. „Mein Sohn.“ Traurig sah die Löwin zu Akira hin. „Du bist nicht sie!“ geiferte Akira, immer wütender fauchend und immer verbissener knurrend. „Mein armer, verlorener Sohn.“ Tränen standen in den Augen der Urmutter, als sie sich Akira gegenüberstellte.
  2. 'baskerville old face'Wiedersehen

    'baskerville old face'Ich unterdrückte einen Schrei, doch für eines war es nun zu spät: Flucht. Henry stellte sich beschützend zwischen meine zurückgelassenen Beschützer und mich. „Belou…“ begann Kyle, doch weiter kam er nicht. Henry fragte in einem Plauderton, der so gar nicht zu seiner aggressiven Körperhaltung passen wollte, „ Hast du ein Problem, Weter?“ Und Kyle fauchte Henry an, James, der mit zwei Diamantengläsern wieder auf die Lichtung kam, stellte sich neben seinen Bruder und knurrte Ian an. Ich saß einfach nur da und starrte auf meine Füße. Ich merkte gar nicht, wie Akira zu uns kam und mir eine Hand auf die Schulter legte. „Steh auf, Belou. Wir haben uns entschieden, dass der Mond günstig steht, deine Bestimmung herauszufinden. Also, erhebe dich.“ Seine Stimme dröhnte laut über die erneut in Stille liegende Lichtung. Selbst die Irrwichtel schienen erstarrt zu sein. Ich spürte, wie Akiras Hand von meiner Schulter sank, und Henry nach meiner rechten Hand griff. Hilfesuchend ergriff ich sie, dankbar, wenigstens jemanden zu haben, der mir aufhilft und mich stützt. Leicht drückte er meine Finger, was mich dazu brachte, hochzuschauen. Ich sah in seine wunderschönen Augen, ganz nah war er mir. „Danke.“ Flüsterte ich so leise, dass uns niemand andres hören konnte. „Immer, Belou.“ Antwortete er. Wir gingen an das Feuer, das immer noch munter vor sich hin brannte und prasselte. „Charles, Magnolia und ich haben uns heute hier zusammengetan, um über Belou zu urteilen. Wie ihr alle wisst, gehört sie noch keinem Rudel zu und muss sich bald entscheiden.“ Begann Akira, und Henry drückte meine Hand noch ein wenig fester. „Charles, der Anführer der Neutralen – ein Mensch. Magnolia, die Anführerin der Weten – Tigerin. Und Akira kennst du ja bereits.“ Erklärte er mir. Ich musterte die Anführer der Rudel durchgehend, bis Henry meinte, es sei an der Zeit, dass ich etwas zu meinem Schicksal sage. „Ehem.“ räusperte ich mich, um mir Gehör zu verschaffen. „Wenn ich auch etwas sagen dürfte..?“ fragend schaute ich Akira, Charles und Magnolia an. Als sie nickten, begann ich. „Also, erst einmal möchte ich sagen, dass ich bis vor kurzem nicht wusste, dass ich das überhaupt kann, dass mit dem Gestaltwandeln und so. Und dann hielt ich meine Träume, die ja eigentlich keine Träume waren, für Schwachsinn und ignorierte sie einfach. Bis ich hierher kam, war mir nicht bewusst, dass ihr wegen mir euch stundenlang beraten, und Versammlungen und weiß der Himmel was noch alles einberufen müsst. Also, was ich sagen will ist ganz einfach, die Seiten – Gut, Böse und Neutral – hätten mit mir keinen Hauptgewinn. Ich kann weder jagen, noch sonst etwas gut, dass man im Wald als Rudel zum Überleben braucht. Außerdem… Nach dem heutigen Abend, der Lichtung, den Irrwichteln und ihren Zauberspielchen, entscheide ich mich letztendlich, auf wessen Seite ich stehe. Und da ich schon immer auf mein Herz gehört habe, und das auch weiterhin gerne tun möchte, hoffe ich, dass alle hier versammelten – Ob Wete, Ampure oder Furile – meinen Entschluss akzeptieren, dass ich mich der Seite anschließe, in der James und sein Bruder Henry sind. Welchen Anführer ich haben werde, welche Pflichten ich zu erledigen habe und was auch immer ich tun muss, um mein Rudel zu beschützen, ich werde bereit sein, Opfer zu bringen und die Sicherheit meines Rudels über mein Eigenes stellen. Danke.“ Endete ich, ziemlich außer Puste und mit freundlichen Handschlägen und Wörtern. Dankend nahm ich das Getränk an, das James uns besorgt hatte, und lächelte dankbar.

    'baskerville old face' Henry, der immer noch meine Hand hielt, versteifte sich als er sah dass Kyle und Ian auf uns zukamen, ebenso sehr wie ich. „Hallo, Schwester.“ Begrüßte Ian mich kalt, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Ian, Kyle. Das sind Henry und James.“ Stellte ich die neue Runde einander vor. „Mein Bruder und mein Beschützer.“ Erklärte ich. „Jetzt nicht mehr. Wir sind nun keine Geschwister mehr, ebenso wenig wie Kyle noch dein Beschützer ist. Du hast dich einem anderen Rudel angeschlossen, was bedeutet, wir sind Fremde, Belou.“ Mit diesen Worten drehten sie sich um und gingen quer über die Lichtung davon. „Was soll das heißen, ‚nicht mehr‘? Warum sind die zwei denn so sauer?“ ungläubig hoffte ich auf eine Antwort, doch weder James noch Henry antworteten, sie starrten einfach nur auf den Fleck, auf welchem Kyle und Ian noch vor ein paar Augenblicken gestanden hatten. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung war, und es war auch Akira, der mich über das eigenartige Verhalten meiner beiden Vertrauten aufklärte. „Weten wie ihnen ist es nicht erlaubt, Verwandtschaften oder Freundschaften in verschiedenen Rudeln zu haben. Das ist eine der obersten Regeln. Wir als Furile gelten als die schlimmsten Rudel unter den Geschöpfen der Nacht, und bei manchen trifft das auch zu. Wir sind die stärksten und das beweisen wir auch. Und die Weten, wie es deine früheren Begleiter sind, denken genauso. Doch keine Angst, deine neuen Begleiter und Verbündete bei der Jagd mochten dich schon auf Anhieb – vor allem Henry scheint von dir begeistert zu sein.“ Verschmitzt lächelnd brachte er mich zu meinen neuen Begleitern zurück. „Die Regeln“, meinte er, „wirst du noch früh genug lernen.“ Und mit diesen Worten nickte er uns ein letztes Mal zu, bevor er in der Menge verschwand. „Die Versammlung ist beendet. Alle Geschöpfe der Nacht haben Zeit, bis der Mond den Horizont berührt, die Lichtung wieder von Schmutz zu befreien und in ihre Territorien zurückzukehren.“ Rief der Anführer der Neutralen, der Mensch namens Charles laut. Henry nahm mich erneut bei der Hand, pfiff leise eine kleine, sanfte Melodie, und zwei Irrwichtel begleiteten uns drei zu unserem Zuhause. Jetzt war mir noch nicht bewusst, dass ich meine früheren Begleiter das letzte Mal in friedlicher Absicht gesehen hatte.



    'baskerville old face'Die Füchsin

    'baskerville old face'Als wir im Lager ankamen, waren alle Blicke auf mich gerichtet. Die Neue, die an Henrys Hand hing wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring. Unsicher folgte ich Henry, und war überrascht, als die Unterhaltungen weitergeführt wurden, wie vor meinem Erscheinen. Wir betraten eine kleine Hütte, die von außen kleiner aussah als von innen. Ihre Wände waren aus massiven Baumstämmen, die Möbel im hellen Beige gehalten. Alles wurde geheizt von einem riesigen offenen Kamin im Wohnraum. „Hier kannst du vorerst bleiben. Doch irgendwann musst du dir mit deinem Gefährten eine eigene Hütte bauen oder die eines verstorbenen Ältesten beziehen. Joanne, ich bin Zuhause!“ rief Henry, und aus dem Raum, den ich als Küche vermutet hatte, kam eine blonde Frau Anfang zwanzig, kleiner als Henry und ich, auch etwas kräftiger als ich, denn an mir war nur ein wenig kurviges Land verloren gegangen. „Hallo. Du bist doch sicher die Neue im Rudel, über die ganzen Leute reden. Willkommen!“ Joanne kam kurzerhand auf mich zu und umarmte mich herzlich. „Schön, dass du da bist. Ich habe schon einen Platz für dich, auf dem du schlafen kannst. Weißt du schon, was du bist?“ fragte sie mich. „Eine Füchsin.“ Antwortete Henry anstatt meiner. „Oh! Dass ist aber schön! Wir hatten noch nie eine Füchsin zu bewirten!“ glücklich drehte sie sich begeistert zu Henry und küsste ihn auf den Mund. Beschämt, dass ich die ganze Zeit seine Hand gehalten hatte, schaute ich zu Boden. „Doch… Joanne, könnte ich mich schlafen legen? Ich habe seit Nächten nicht mehr geschlafen.“ Müdigkeit zerrte an mir, und ich fühlte den Drang ihr nachgeben zu müssen. „Aber sicher.“ Sie nahm meine Hand und ließ Henry hinter sich in der Stube zurück. „Macht es euch wirklich nichts aus, wenn ich erst mal hier bleibe?“ bedrückt fragte ich sie dass, was ich meinte. „Aber natürlich macht es uns nichts aus, Kleines.“ Ihre laute Stimme war viel zu laut für ihre kleine Gestalt.

    'baskerville old face'Mein Zimmer war groß und geräumig, zwei große Fenster ließen immer Sonnen- oder Mondlicht hinein und der Raum hatte einen kleinen Kamin in der Ecke stehen. Alles war in hellen Waldtönen gehalten, und durch die Fenster, durch die man den Wald erblickte, sah alles so aus, als ob die Möbelstücke in der Mitte des Waldes stünden. „Gefällt es dir?“ riss Joannes Stimme mich aus meinen Gedanken. „Ja, es ist wunderschön.“ Antwortete ich, immer noch verträumt.

    'baskerville old face'Als Joanne ging, riss ich die Türen des natürlich gehaltenen Kleiderschrankes auf und zog mir meine Sachen aus, und legte sie ordentlich gefaltet hinein. Es klopfte, und ich – nackt – stand vor dem Kleiderschrank, zwei Meter vom Bett entfernt. „Darf ich..?“ fragte mich die Stimme von Henry gedämpft durch das Holz der Tür, bevor sie sich öffnete. „Nein!“ rief ich, fiel auf alle Viere und stand als Füchsin vor dem Kleiderschrank. „Belou? Wie hast du das gemacht? Du kannst das doch noch gar nicht kontrollieren!“ entsetzt über meine Verwandlung und erstaunt darüber, wie schnell es ging, und wie schmerzlos es war. Belou, du kannst nur mit Gedanken mit mir reden, solange ich ein Mensch bin. Henrys Stimme schwirrte durch meinen Kopf, schwer vor Sorge. Tut dir irgendetwas weh? Hast du dich gestoßen? Warum hast du dich verwandelt? Sag was, Belou! Sein Gesichtsausdruck war vor Angst ganz verzerrt. Er hatte Angst um mich! Alles in Ordnung, ich hab mich nur erschreckt, und mich dann irgendwie verwandelt. Ich habe vor meinem Kleiderschrank gestanden. Nackt. Und dann hast du die Tür geöffnet und ich hab mich so hier wieder gefunden. Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit, und er lachte ein schiefes Lächeln, das jeden Stein zum Schmelzen bringen konnte. Soll ich dir zeigen wie man sich zurückverwandelt? Schelmisch lächelte Henry auf mich herunter, und ich musste auch ein wenig grinsen, bis mir einfiel, dass Joanne ihn ja geküsst hatte, und ich feuerte das Bild aus meinen Erinnerungen auf ihn ab. Sein Lächeln verschwand. Joanne wird das sicher verstehen. Sie hat schon einiges mitgemacht. Hier geht jeder „freundlich“ mit den andren Kameraden um. Das ist Tagesordnung. Doch er wich ein wenig zurück. „Ich kann auch rausgehen, wenn es dir lieber ist…“ niedergeschlagen sah er auf seine Füße. Nein! Bitte, hilf mir. Ich schaff das nicht allein. Ich ging wacklig auf Pfoten ein paar Schritte auf ihn zu. Okay. Warte. Er setzte sich neben mich und verwandelte sich in einen hellgrauen Wolf. Mach jetzt genau das, was ich dir sage, Belou. Streng sah der Wolf mich an. Du musst dich ganz genau darauf konzentrieren, keinen Fehler zu machen, okay? – Ja, was muss ich machen? Ich erwiderte seinen Blick und musste niesen. Zuerst musst du ein Bild von deinem Körper in dir heraufbeschwören. Nichts verschönern, erinnere dich an alle Kleinigkeiten, deine Makel, die du am Körper hast. Stell ihn dir vor, als ob du an deinem nackten Körper herunterschaust. Dann musst du dich darauf konzentrieren, wie eine Füchsin zu dem menschlichen Körper wird, wie du wieder aufrecht gehen und stehen kannst, und richtige Wörter sprechen kannst, nicht nur animalische Laute von dir gibst. Seine Lefzen zogen sich nach oben, so als ob er grinst, und ich rammte ihm meine Schulter in die Seite. Okay, Henry. Hilf mir, wenn ich deine Hilfe brauche, okay? – Kein Problem. Antwortete er, als ich begann, das Bild meines zerschundenen Körpers in meinem Kopf hervorzurufen. Ich betrachtete die Narben, und die Brandmale, und all die Hautfetzen, die nie wieder so aussehen werden wie früher. Wer hat dir das angetan? Erschrockenheit und Erstaunen klangen in seiner Stimme mit. Der Mann, der meine Mutter erschoss und Ian angeschossen hat und in den Wald trieb. Er hat mich mitgenommen und mich eingesperrt. Zehn Jahre lang. Folter, Brandeisen und ******ung. Sieht ziemlich schlimm aus, was? Das ist auch der Grund, warum ich es vermeide, dass mich irgendwer nackt sieht. Das Bild begann sich zu bewegen, meine Erinnerung stand vom Waldboden auf und lief auf zwei Beinen durch den Wald. So ist es gut. Lobte Henry, und ich merkte, wie mein Fell sich unter die Haut zog, meine Beine und Arme länger wurden, und ich meine Rundungen zurückbekam. Als ich die Augen öffnete, stand ich –splitterfasernackt- vor Henry, der ebenfalls keinen Fetzen Kleidung an seinem perfekten Körper trug. Ganz der feine Herr reichte er mir ein Kleid, dass wohl von Joanne stammte. „Sieh mich nicht so an, ich sehe schrecklich aus.“ Ich drehte den Kopf weg, und begann an dem Korsage des Kleides zu ziehen und zu zerren. „Du siehst toll aus. Auch mit den Narben und Misshandlungsspuren am Körper. Gerade das macht dich besonders, anders als alle Anderen. Du bist toll, so wie du bist.“ Sein Zeigefinger strich über die Narben an meinem Bauch. „Und wer würde dich nicht als Frau haben wollen? Du siehst wunderschön aus – Wie eine Nymphe, oder ein anderes wundervolles Geschöpf.“ Murmelte er. Ich konnte nicht wissen, wo sein Gesicht war, denn ich hatte meine Augen geschlossen, genoss die sanften Berührungen am Bauch und genoss es, dass er mich schön nannte. Sein Atem ging schwer, ich merkte ihn an meiner rechten Schulter, und drehte automatisch mein Gesicht in die Richtung. „Ich wüsste nicht einen Mann, der dich nicht haben wollte.“ Heiser dröhnte Henrys Stimme. Dann spürte und hörte ich nichts mehr, denn er zog mich an sich heran und drückte mich an sich, als ob er mich beschützen müsste und mich nie mehr loslassen würde, käme nicht das Signal der Furile, das Horn, und befehligte uns alle uns auf der Mitte des Lagers zusammenzutreffen. Schnell half mir Henry in das mintgrüne Kleid, dass ab den Hüften abwärts weit ausgestellt war. „Kann es sein, dass du weder irgendwann in deinem Leben getanzt, noch ein Kleid getragen hast?“ fragte er belustigt, als er mitbekam, wie hilflos ich mit dem schnüren des Korsage war. „Stimmt genau.“ Antwortete ich, als wir, Arm in Arm, das Haus verließen und durch das Lager in die Mitte gingen.

    'baskerville old face'„Meine Gefährten, wie ihr alle wisst, haben wir ein neues Rudelmitglied. Ihr Name ist Belou, und sie ist relativ blutig, was das Verwandeln und die Jagd angeht. Bitte, zollt ihr ein wenig Respekt und habt Nachsicht mit ihr, falls sie etwas nicht auf Anhieb beherrscht. Sie ist eine eifrige Schülerin, wie ich gehört habe, jedoch hat sie ihren eigenen Kopf. Ah, da ist sie auch schon. Schön, dass du gekommen bist, mein Kind“ begrüßte Akira mich. „Wie dem auch sei. Bitte begrüßt unser neuestes Rudelmitglied; Die Füchsin Belou!“ endete er, und ich bekam einen Schlag auf den Kopf.





    'baskerville old face'Erwachen



    'baskerville old face'Als ich erwachte, pulsierte mein Kopf so stark, dass ich am liebsten wieder in Ohnmacht gefallen wäre. Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen. Aber von wem? „Du bist also wach, Belou. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Hoffentlich wird er dafür bestraft. Gewalt untereinander im Rudel ist strengstens verboten. Und wer diese Regel missachtet, wird bestraft.“ Henry klang wütend und aufgebracht. „Bitte, sei nicht so hart und laut, Henry.“ Flüsterte ich und merkte, wie er sich beruhigte. „Wer war das?“ wollte ich wissen. „Orie. Er hat einen Schock bekommen, sagen alle. Sie meinen, er hätte nicht so reagiert, hätte er dich gekannt. Aber den letzten Fuchs, den wir im Rudel hatten, hat mehr oder weniger dazu beigetragen, dass der Krieg ausbrach. Und der alte Orie meinte dann, dass du das auch tun könntest. Es hat Stunden gedauert, zu ihm vorzudringen und ihn vom Gegenteil zu überzeugen.“ Klärte Henry mich auf. Ich saß plötzlich aufrecht im Krankenbett. „Krieg?“ fragte ich verwirrt, denn von Kämpfen und Kriegen hatte ich bis jetzt noch nichts erfahren. Beruhige dich. Ja, den großen Krieg zwischen den Geschöpfen der Nacht. Seit zehn Jahren bekämpfen die Furile die Weten und die Ampure. Seit zehn Jahren halten wir unsere Gruppen so klein, dass ein Verlust aufgestockt werden kann. Seine Stimme in meinem Kopf hatte etwas Beruhigendes und ungewohntes. „Und warum kämpfen wir?“ immer mehr wurde ich mit Bilder des Krieges zugedröhnt, die mir von meinem Vater gesendet wurden. Blutige Bilder voller Leid und Verlust, von Hass und… Angst. Die Menschen hatten Angst. Und das, weil irgendwelche Menschen in höheren Positionen sich nicht einigen konnten, und so unschuldige Männer und Kinder opferten, um ihre Meinung und ihr Recht zu unterstreichen. Krieg war schrecklich. „Ein Verräter.“ War die einzige Antwort, die ich bekam. Beschämt, dieses Thema angeschnitten zu haben, wechselte ich das Thema auch schnell. „Wie lange war ich bewusstlos? Hab ich irgendetwas Wichtiges verpasst?“ Ich blickte ihm nicht in die Augen, aus Angst, dort die schrecklichen Gefühle zu sehen, die der Krieg jedem gab – Angst, Furcht, Hass und Wut. „Zwei Tage. Nein, eigentlich nicht. Außer das James auf dem Schlachtfeld verwundet wurde.“ Auf dem Schlachtfeld? War auch er Soldat in dem Krieg, dessen Ende niemand wusste? In dem Spiel der Anführer und des Hasses? „Wo wurde er verwundert? Ist es schlimm?“ Angst ließ mich hektisch werden, und ich wollte zu James, um mich zu vergewissern, dass ihm wirklich mit aller Kraft geholfen wurde. „Sein linker Arm wurde weggesprengt, aber die Ärzte haben ihm Schmerzmittel eingeflößt und die Reste der Schulter zusammengeflickt. Er wird schon wieder.“ Mir kamen seine Worte so vor, als ob er sich selbst davon überzeugen wollte, dass sein Bruder wieder genesen würde. „Wo ist die Front unserer Soldaten?“ fragte ich, und wollte aufstehen, doch meine Beine waren in die Decke gehüllt wie eine Raupe in den Kokon. Als ich mich endlich befreien konnte, sah ich auf verbundene Füße und Beine hinunter. „Du hast dich bei deinem Transport gewehrt, und erst ich hab es geschafft, dich zu beruhigen, sodass die Ärzte gezwungen waren, Abstand zu dir zu wahren, und als du wie wild um dich getreten hast, hast du mit beiden Beinen eine Fensterscheibe eingeschlagen.“ Leicht belustigt sah er mir in mein geschocktes Gesicht. Er half mir auf und führte mich mit seinen starken Armen in eine andere Richtung. „Wo ist James?“ fragte ich und merkte, wie die Hand die er auf meinen Rücken gelegt hatte, sich versteifte. „Er ist nicht hier. Akira hat ihn auf ein anderes Lager bringen lassen.“ Presste Henry zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. „Ich will zu ihm.“ Flüsterte ich, und merkte, wie mir immer heißer wurde und meine Stimme zu einem Winseln, wie meine Haltung sich veränderte und meine Haut helles Fell sprossen ließ. „Warte, Belou. Du kannst ihn nicht finden, du kannst ja noch nicht einmal deine Verwandlung steuern!“ verärgert jagte Henry der hellen Füchsin quer über die Lichtung nach, bis ich im Dickicht verschwand. Hinter mir hörte ich das wütende Knurren des Wolfes, zu dem Henry sich verwandeln konnte. Ich blieb besser noch etwas in dem Dornengebüsch, bis Henry es aufgab, mich davon zurückhalten zu wollen, zu seinem Bruder und damit in die Schlacht zu ziehen. Es tut mir leid, aber ich muss mich vergewissern, dass die Männer und Frauen die sich um deinen Bruder kümmern, auch wirklich alles geben. Sei bitte nicht sauer, Henry. Du kannst mich so oder so nicht mehr aufspüren, wenn ich erst einmal auf dem Weg bin. Ich werde dich aber auf dem Laufenden halten, Henry. Pass bitte solange ich weg bin auf Joanne auf. Sie braucht dich mehr wie ich. Sie liebt dich wirklich. Und zur Bekräftigung meiner Worte, schloss ich meine Gefühle weg und sendete das Bild, wo Joanne Henry küsste mit meinen Gedanken mit. Na gut. Sei auf der Hut – Sie dürfen dich jetzt zu jeder Zeit töten, wenn sie wollen. Joanne würde es verstehen, wenn ich mitkäm. Sie liebt mich? Tust du das nicht? Ich jedenfalls liebe dich. Und ich werde dich mit meinen Gedanken begleiten, obwohl Akira es sehr missbilligen wird, wenn er herausfindet, dass du weggelaufen bist, und er will dich bestrafen lassen, wenn du wieder da bist – Du kennst ihn nicht so gut, wie du denkst. Henrys Stimme klang besorgt, als er mir Akiras Art nahelegte mit Bildern von Geschöpfen, die über und über voller Blut waren. Ihre Schreie allerdings blieben Stumm. Pass auf dich auf, Belou. Laufe mit dem Wind und möge die gute Urmutter deine Pfoten mit Leichtigkeit über alle Berge hinübertragen. Traurigkeit machte sich in seiner Stimme breit. Ich werde schon auf mich aufpassen, Henry. Pass du auf Joanne, dich und Orie auf. Mach keinen Unfug, ich werde schon bald wieder da sein, um dich in die Arme zu schließen. Möge die Urmutter solange ihr Mondlicht auf deinen Weg scheinen lassen und dir alle Wege erleuchten, und mögen die Götter dir mitteilen, dass du in meinem Herzen mit mir reist. Henry? – Ich liebe dich, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich dieselbe Belou sein werde, wenn ich von der Schlacht zurückkehre. Doch ich werde erst zurückkommen, wenn ich eine Lösung gefunden habe, wie man den Krieg vermeiden und beenden kann und in Frieden miteinander leben kann. Meine eigene Traurigkeit wurde von tiefer Entschlossenheit verdrängt. Ich werde mich heute Abend bei dir erkundigen, wie es dir geht. War alles, was er noch zu mir sagte, bevor ich vernahm, wie er sich von seinem Posten vor dem Busch entfernte und wenig später etwas in der menschlichen Sprache zu einer Wache sagte. Ich verließ den Busch und lief in den Wald hinein, mal wieder ließ ich eine Heimat hinter mir, um meine Bestimmung zu finden und einen Weg aus dem Blutvergießen heraus.

    'baskerville old face'Immer weiter lief ich in der Gestalt der hellen Füchsin in den Wald, rannte über Baumstümpfe und morsche Äste, über Kadaver toter Tiere und raschelndes Laub. Ich wich Bäumen aus und verfing mich kein einziges Mal in einem Dornenbusch und machte auch nur ein einziges Mal Halt an einem kleinem Wasserlauf, um zu trinken und Luft zu tanken. Mit jedem Atemzug spürte ich, wie die Müdigkeit immer weiter zunahm, doch ich musste mir noch ein geschütztes Plätzchen zum Schlafen suchen. Nachdem der Mond aufgegangen war und ich einen weiteren Wasserlauf hinter mir gelassen hatte, und ich ihn nur noch leise in der Ferne glucksen hörte, entschied ich mich, Henry in Gedanken aufzusuchen und ihm doch zu sagen, wo ich mich befand. Doch als ich mich unter einem Gestrüpp niederlegen wollte, roch ich einen fremden Geruch, konnte ihn aber nicht zuordnen, und so kam ich zu dem Schluss, dass es ein Beutetier sein musste. Doch auch nach einer weiteren halben Stunde verschwand der Geruch nicht. Ein Bau eines Kaninchen hätte ich erkannt, und auch von Dachsen, Füchsen und die Höhlen von Spechten und Eulenarten kannte ich mittlerweile, doch solch ein Geruch hatte etwas Seltsames an sich. Es roch nach Mensch, dann mal nach Tier. Und dann wurde mir etwas klar; Ich hatte die Wete-Grenze schon überschritten, und bewegte mich wie ein Wildschwein auf den Jäger zu ihnen hin. Panik ergriff mich und ich wollte wieder nach Hause zu Henry. Ich bin hier. Ich werde dir helfen. Das war nicht Henry. Das war die Stimme die ich weggeschickt hatte, als Henry und James mich gefunden hatten. Lass mich dir helfen, Tochter. Ich lotse dich um die Wächter herum. Vertraue mir. Bat die Stimme. Ich lasse mir helfen, wenn du mir sagst, wie du heißt, und auf welcher Seite du stehst. Knurrte ich als Antwort. Ich habe viele Namen, doch die Menschen und Deinesgleichen nennt mich Keidefo. Und du kannst mich ebenfalls so nennen, wenn es dir gefällt. Doch zuerst musst du hier fort. Geh ein wenig nach links, bis ich dir sage, dass es reicht. Dann lass mich sehen, wo die Wachen stehen, damit ich dich weiterlotsen kann, Tochter. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste Keidefo vertrauen. Also ging ich nach links, so wie er mich dirigiert hatte. Belou? Wo bist du? Henry! Mein Herz machte Freudenhüpfer, auch wenn seine Stimme angstvoll war. Mir geht es gut, ich bin nur müde. Doch hier sind Wetewachen aufgestellt, und ich suche einen Weg außen rum. Mach dir keine Sorgen. Ist mein Verschwinden aufgefallen? Fragte ich neugierig nach. Ja! Und du musst dich von den Wachen wegmachen! Akira ist kurz davor, dir zu folgen! Er will nach dir suchen, und alle denken, du hättest vor, uns noch einmal zu verraten, so wie der andere Fuchs es vor zehn Jahren gemacht hatte! Bitte, sag mir, wo du bist, ich will dir helfen! Sie werden dich töten, wenn sie dich finden! Und dann werden wir alle getötet – James, Joanne, Orie, die Heiler, die dich gepflegt hatten… Alle werden sterben, wenn er dich findet! Bitte, Belou. Wir können uns irgendeinem neutralen Gebiet anstammen, aber lass bitte nicht zu dass sie dich töten! Ich hörte, wie er weinerlich wurde. Henry hatte richtig Angst um mich, und Akira persönlich hatte sich auf die Suche nach mir gemacht, um mich zur Strecke zu bringen. Ich scannte meine Umgebung und schickte das Bild zu Henry. Ich habe zwei Wasserläufe überquert und bin an der Stelle, die von Weten nur so stinkt. Erklärte er. Versteck dich, so gut es geht. Ich werde dich finden. Morgen früh werde ich da sein, wenn du erwachst. Wenn Akira vor mir da sein sollte… er beendete den Satz nicht. Dann werde ich ihn zuerst umbringen, wenn er versuchen sollte, mich umzubringen. Doch dann sendete er mir ein Bild, dass nicht sehr viel früher in seine Erinnerungen gedrungen. Sie wollen aufbrechen. Ich verschwinde durch das Gebüsch, das du auch genommen hast. Als Wolf. Dann bin ich schneller, denn sie müssen auf Pferden durch den Wald, sie haben mehr Gepäck. Ich werde jagen müssen. Er ließ mich durch seine Augen blicken. Henry steuerte-als Mensch- den Dornenbusch an, nahm Anlauf und verwandelte sich in seinem Sprung über den Busch in den Wolf. Und nun, versuche zu schlafen. Ich werde da sein. Ich werde dich beschützen. Die gedankliche Verbindung brach. Er war der Wolf, er würde schnell hier sein. Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen und schlief ein. Ich werde dich beschützen. Murmelte auch die Stimme Keidefo. Danke. Flüsterte ich Henry und Keidefo in Gedanken zu, dann schlief ich ein.



    'baskerville old face'Sie jagten ihre Pferde durch den Wald, Schaum bildete sich vor den Nüstern der nachtschwarzen Pferdemäuler. Akira ritt ganz an der Spitze. Sie waren zu siebt. Sie hatten Hunde dabei. Große Hunde mit langen Beinen und spitzen, weißen Zähnen. Drei Hunde, sieben Reiter. Zehn. Es waren keine normalen Hunde, es waren Gestaltwandler, wie ich. Nur war ich es, die sie suchten. Ich konnte ihren Atem in meinem Nacken spüren, ihre zähn ein meinem Fleisch, meine Schreie, die immer verzweifelter wurden. Und dann sah ich auch, was ich mir vorstellen konnte. Einer der Hunde hatte mich gefunden, packte mich mit seinem tödlichen Kiefer im Nacken und schüttelte mich. Ich versuchte, mich zu wehren, doch ich war zu schwach. Ich versuchte, meine Zähne in seine hängenden Ohren zu schlagen, bekam aber immer nur Luft zu spüren. Schließlich ließ er mich fallen und ich sprang auf die Pfoten, geschwächt und blutend. Doch seine klaren, dunklen Augen starrten hinter mich, und mit einem Satz sprang ein Wolf vor mich und schlug seine Zähne in die Flanke des Hundes, der sofort heulend und knurrend zur Seite sprang und zum Gegenangriff ansetzte. Doch der zweite Hund kam Henry zuvor und sprang Henry in den Nacken, wo er sich festbiss und seinen Kiefer immer weiter vorarbeitete. Ich sah, wie Henry blutverschmiert und nur noch flach atmend und leicht zuckend zu Boden sank, und die Hunde zu ihrem Herren zurückgingen, so als ob nie etwas gewesen sei. ‚Siehst du, was du anrichtest?‘ fragte mich Akira, doch als ich mich umsah, konnte ich ihn nirgends sehen. ‚Wir werden dich vorher finden, und ihr werdet sterben. Wie Joanne und die Anderen auch.‘

    'baskerville old face'Ich schreckte hoch und sah mich hektisch um. Alles, was ich sah, war ein großer, dunkler Wolf mit freundlichen Augen, der mir gegenüber saß. Das war nicht Henry. Ein Klagelaut schlich sich durch meinen Rachen und entwich meinen Lefzen. Der Wolf legte den Kopf schief. Wer bist du? Fragte mich eine Frauenstimme, die immer noch freundlich, aber neugierig klang. Mein Name ist Belou. Und wer bist du? Ich blickte sie an, und versuchte sie mir als Frau vorzustellen. Man nennt mich Gareu. Das ist eine der vergessenen Sprachen, wie dein Name auch, Füchsin. Gareus Blick wanderte in der Umgebung umher, als suche sie jemanden. Ich bin eine Wete, und du, Belou? Was für einem Rudel hast du dich angeschlossen? Entschuldige, wenn ich so direkt frage, aber du hast eine seltsame Mischung aus Waldgeruch, Furilegeruch und Wetengeruch an dir, da fällt es mir schwer, mich auf eine Sache festzulegen… Oder bist du ein Medium? Gareu feuerte eine Frage nach der anderen auf mich ab. Ich… Ich habe bis vor einer Weile mit meinem Gefährten, einem Wolf wie du es bist, bei den Furilen Unterschlupf gesucht, doch sie sind ein kaltes, mörderisches Rudel, und es missfiel mir, wie sie miteinander umgingen. Sie waren zu hart, und ich konnte nicht länger bleiben. Ich habe mich in die Füchsin gewandelt, um ihrer Jagd nach mir zu entkommen, und mein Gefährte musste wenig später ebenfalls fliehen, da der Anführer der Furilen, Akira, drohte, alle die Unseren umzubringen, wenn er mich fände. Und da es doch Furile gibt, die freundlich und herzlich sind, möchte ich ihnen dieses Schicksal ersparen… Gareu blickte mich verständnisvoll an. Ich verstehe. Möchtest du ein wenig Gesellschaft bei deinem Warten auf deinen Gefährten? Sie nickte mir zu und ich nickte ebenfalls. Danke, das ist sehr freundlich von dir, Gareu. Ich danke dir, ein bisschen Gesellschaft täte mir ganz gut, denke ich. Kaum hatte ich geendet, kam Henry aus dem Dickicht. Sein Fell war zerzaust, seine Zunge hing aus dem Maul und sein Blick suchte mich. Da bist du ja! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Er kam auf mich zu, und Gareu machte höflich Platz für ihn. Wer ist der fremde Wolf? Fragte er und sah verwirrt zwischen Gareu und mir her. Mein Name ist Gareu, Fremder. Du bist sicher der Gefährte von Belou, richtig? Ich bin eine Wete, und meine Aufgabe ist es, Fremde Wesen aus unseren Kreisen zu verscheuchen, doch ich habe mir Belous Geschichte angehört und kam zu dem Entschluss, dass ihr es verdient habt, auf eurer Flucht vor dem Tyrannen durch unser Land hindurch und in das Neutrale Land dahinter zu reisen. Erklärte Gareu ihre Absichten und mir ging ein Licht auf. Das war die Wächterin, die ich gestern gerochen hatte. Wenn ich fragen darf… Was hat meine Gefährtin dir erzählt? Henry hatte sich neben mich gelegt und so lagen wir alle da, und Gareu begann Henry zu erklären, was ich ihr erzählt hatte. Hin und wieder sah Henry mich an, doch ich hörte nichtmehr der Geschichte zu, sondern machte mich mit meinen Sinnen auf die Suche nach einer Spur von Akira und den Hunden. Als Gareu geendet hatte, sagte sie; Nun, ich wittere Furile, und sie scheinen nicht in freundlicher Absicht zu kommen. Ich schlage vor, wir gehen ins Zentrum unseres Lagers, und erbitten um Zuflucht für euch. Wenn sie euch gewährt wird, lebt ihr nur so lange bei uns, wie es bedarf, euren Weg in das Neutrale Land vorzubereiten, doch ich stehe euch gern zur Verfügung, falls ihr Hilfe benötigt. Doch wenn ihr in das Lager kommt, wird man von euch verlangen, euch zurück in eure menschliche Gestalt zu verwandeln, denn viele erkennen nicht die wahre Gestalt unter dem Tier. Ich bitte euch, diese Aufforderung nicht zu missachten, denn es könnte sein, dass euch dann der Weg durch unser Land untersagt wird. Gehen wir also, gehen wir gemeinsam. Sie stand auf und ging vor einem erschöpften Henry und mir vor Richtung Lagermitte.
  3. 'baskerville old face'Akira

    'baskerville old face'Die Lichtung war einsam und verlassen, nur eine einzige Gestalt saß am Lichtungsrand an der großen Eiche gelehnt, als ob er schon lange auf mich wartete. Akira war in menschlicher Gestalt zu sehen, doch alle wussten, wie schnell er sich verwandeln konnte. Eine kleine, helle Füchsin trat auf die Lichtung und Akira sah auf. ‚Da bist du ja endlich, ich warte schon seit Anbruch der Dunkelheit auf dich, Belou‘. begrüßte er die Füchsin. Mich. ‚Du hast deinen Bruder gefunden, jetzt wird es Zeit, die Abrechnung zu tätigen‘. meinte Akira und stand auf. Nebel kam zwischen den Bäumen hervor, so dicht, dass der Boden zu verschwinden schien. ‚Was willst du, Akira‘? fragte ich ihn, und bleckte die Zähne. Ich wusste, wenn er sich jetzt verwandelte, konnte ich nichts mehr gegen ihn unternehmen, als Wolf war er zehnmal stärker als ich. ‚Meine Rechte einfordern‘. knurrte er und der Nebel um ihn herum schien sich zu drehen, zu formen, um ihn zu wirbeln. ‚Was für Rechte? Du hast ihn mir fortgenommen, hast ihn in Unwissenheit leben lassen, nur zu deinen eigenen Gunsten! Du hast es nicht verdient, irgendeine Belohnung für deine Missetaten zu verlangen, Akira‘! brüllte ich und schnappte nach dem Nebel, der immer mehr zunahm und alles in milchiges weiß tauchte. ‚Du bist ein Monster, Akira. Du hast es nicht verdient, als Anführer zu dienen, als Rudelführer und Respektperson. Ich kenne mehr Wölfe, die loyaler sind als du, und sie verdienen es mehr denn je, deinen Posten einzunehmen. ‘ ich wurde immer wütender. Der Nebel zog sich langsam zurück und ein Wolf, schwarz wie die Nacht stand mir gegenüber, mit gebleckten Zähnen und zum Angriff bereit. ‚Sie hat Recht, Akira. Sie hatte das Recht, ihren Bruder wiederzufinden. Er ist der Einzige, den sie noch hat. ‘ grummelte hinter mir eine tiefe Stimme. Diese Stimme hatte ich schon einmal gehört. ‚Warum mischst du dich ein, Puma? ‘ schrie Akira hinter mich. ‚Du bist ein Niederer, und hast dich mir zu unterwerfen! ‘ Akira stellte die Nackenhaare und begann aus tiefster Kehle zu knurren. ‚Vielleicht hast du Recht, Ja, ich bin ein Niederer, aber ich höre schon lange nichtmehr auf dich, Akira. Meine Herrin ist einzig und allein die Urmutter und ihre Priester. Du und deine Gefolgschaft, ihr habt mir und den anderen Weten nichts zu sagen. Wir sind die Beschützer dieses Waldes, und obwohl Belou in der Mitte der Grenzen steht, kann sie doch frei zwischen unseren Territorien wechseln. Sie hat sich nicht für sie Seite der Weten, auch nicht für die Seite der Furile entschieden. Sie ist eine Ampure. Sie kann sich immer noch für den Urvater oder die Urmutter entscheiden. Nur zwinge sie zu nichts. ‘ Ein Mensch trat auf die Lichtung, dicht hinter mir hielt er an und ich drehte den Kopf zu der mir sonst so bekannten Stimme. Hinter mir stand ein cremefarbener Puma, mit freundlichen grünen Augen, die jetzt jedoch auf Akira gerichtet waren. Sein Blick war hasserfüllt und feindselig. Er fauchte. ‚Belou. Komm da weg. Ich darf die Grenze nicht übertreten, sonst tötet er mich. Bitte. ‘ als sein Blick meinen streifte, sah ich Fürsorge und Angst, und ich ging einen Schritt auf ihn zu. ‚Kyle. ‘ flüsterte ich atemlos.



    'baskerville old face'Heimat

    'baskerville old face'Ich fuhr schreiend aus meinem Traum hoch. Schweißnass und zitternd saß ich kerzengrade im Bett, Idefix musterte mich misstrauisch. Meine Hände griffen nach meinem Handtuch und ich wischte mir über das Gesicht. Als mein Herzschlag sich einigermaßen beruhigt hatte, stand ich auf und machte mich auf den Weg um Kyle zu suchen. Ich brauchte Antworten.

    'baskerville old face'Kyle war in einem kleineren Zimmer untergebracht, dass zwar groß, aber nicht annähernd so schön wie meines war. Er lag auf einem kleinen Bett in die Decke gerollt und murmelte im Schlaf. Als ich eintrat, beschlich mich das Gefühl, beobachtet zu werden, doch als ich mich umsah, war niemand zu sehen. Ich fragte mich, ob zehn Jahre beobachtet werden jemanden doch vorsichtiger werden lassen. Auf Zehenspitzen ging ich an Kyles Bett, und sah den wutverzerrten Gesichtsausdruck auf dem schlafenden Gesicht. „Kyle?“ flüsterte ich. „Kyle, ich bin es, Belou. Oder René.“ Ich rüttelte ihn leicht an der Schulter, und er schreckte hoch. „Ach du meine Güte, Belou! Hast du mich geweckt?“ fragte mich ein verwunderter und müder Kyle. „Kyle, ich hab ein paar Fragen an dich. Könnten wir uns mal hinsetzen und du versuchst mir zuzuhören?“ erwartungsvoll blickte ich zu ihm. „Ja, natürlich, kein Problem. Worum geht es denn?“ der plötzlich hellwache Kyle musterte besorgt meinen Gesichtsausdruck. „Also, um ehrlich zu sein, habe ich seit zwei Jahren komische Träume. Meistens kommen verschiedene Geschöpfe darin vor, doch meistens bin ich allein mit einem Mann, der sich in einen Wolf verwandeln kann. Sein Name ist Akira, glaube ich. Ich träume jede Nacht davon, dass ich mich in einen Fuchs verwandeln kann und vor Menschen fliehen muss, oder gegen einen kämpfen soll. Meistens endet der Traum damit, dass ich schreiend oder weinend aufwache, und nicht weiß, ob ich wirklich noch klar denken kann, oder ob ich einen Heiler aufsuchen soll. Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen, doch jetzt kamst auch du in meinem Traum vor und ich dachte…“ meine Stimme brach, und ich merkte, wie ich weinte. Kyle legte die Arme um mich und hielt mich in seinen Armen fest an sich gedrückt. „Ist alles okay…“ murmelte er immer und immer wieder. „Das war kein Traum.“ Sagte er dann. Ich riss mich von ihm los und starrte ihn entgeistert an. „Was?!“ rief ich entsetzt, „Was soll das heißen, das war kein Traum?“ keuchte ich. „Das soll bedeuten, dass du wirklich in diesen Situationen warst, am Lagerfeuer bei der Versammlung, du hast die Hetzjagd überstanden und du hast diese Nacht mit Akira geredet. Und ich habe immer auf dich aufgepasst. Ich wurde von den Weten geschickt, über dich zu wachen und achtzugeben, dass du nicht in unnötige Probleme mit reingerissen wirst.“ Meinte Kyle seelenruhig und ohne jede Missgunst in der Stimme. Ich schaute ihn an und wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte oder nicht. Da er aber über all meine Träume Bescheid wusste, und ich sie ihm nicht erzählt hatte, musste er die Wahrheit sagen. Ich ließ es zu, dass er mich in seinen Armen sanft hin und her wiegte, als ich anfing zu schluchzen. Ich konnte es nicht fassen. War ich verrückt? Oder hatten wir einfach eine übersinnliche Verbindung zueinander? All diese Fragen schirrten mir im Kopf umher, und ich wusste keine Antwort. „Dann…“ begann ich, doch Kyle brachte mich zum Schweigen. Seine Lippen fühlten sich sanft auf meinen an, als er mich mit einem Kuss zur Ruhe brachte. Schockiert sprang ich vom Bett auf. „Was soll das, Kyle?“ fragte ich ruhig, viel ruhiger, als mein Herz pochte. „Ich.. Es tut mir leid, Belou. Ich weiß auch nicht, was mich so weit getragen hat.“ Murmelte ein zerknirschter Kyle. Ohne seine Entschuldigung zu akzeptieren rannte ich aus dem Zimmer und den Flur hinunter zu meinem Raum. Ich verschloss die Türe, ließ mich gegen sie sinken und dachte über meine Träume nach. Ich erinnerte mich an die Versammlung, von der ich geträumt hatte, und beschloss, die Lichtung zu suchen. Ich werde da sein, und auf dich warten, meine Tochter, flüsterte eine mir völlig neue Stimme in mir. Hilf mir, dich zu finden, meinte ich daraufhin. Ich führe dich. Brich so schnell wie möglich auf, sage niemandem etwas. Ich werde dir helfen. Ich werde auf dich dort warten. Wie ferngesteuert bewegte ich mich durch das Köhlerhaus, suchte Vorräte und nützliche Dinge, die mir auf der Reise behilflich werden konnten, und noch vor Morgengrauen ritt ich in den still daliegenden Wald.



    'baskerville old face'Die Lichtung



    'baskerville old face'Am frühen Nachmittag legte ich die erste Pause ein. Ich hatte begriffen, dass ich nicht die Einzige war, die sich in ein Tier verwandeln konnte, nicht die Einzige, die diese Träume hatte. Ich hielt an einem schmalen Bachlauf, den ich für geeignet hielt für eine Rast. Suana konnte grasen und sich erholen und ich konnte mir ein wenig die Beine vertreten. Meine Beine waren ganz verkrampft von dem langen Galopp über Stock und Stein, und als ich wieder soweit laufen konnte, dass ich bereit war, weiter zu traben, raschelte es in einem Gebüsch nicht weit von meiner rechten Hand entfernt. Für einen wilden Hund oder eine Raubkatze war der Busch allerdings zu klein, und da ich weder Qualmwolken wahrgenommen noch gerochen hatte, war ich mir ziemlich sicher dass es auch kein Mensch sein konnte. Doch ich täuschte mich. Als ich dem Gebüsch den Rücken zukehrte, und mich daran zu schaffen machte, aufzubrechen, wurde ich von zwei starken Armen auf den Boden gedrückt. Ich schmeckte Blut mit Dreck vermischt. Halte durch, sagte die Stimme in meinem Kopf. Sie klang nach einem wütenden Fauchen. Ich hörte auf, mich zu wehren, da mein Angreifer mich dadurch nur noch fester gen Boden drückte. „Geh runter!“ presste ich heraus, doch der Unbekannte reagierte nicht. Wegelagerer, Frauenschänder, Mörder – so ziemlich alles konnte sich in diesem Dickicht verstecken, und nur auf die nächste Gelegenheit warten. „Wie ist dein Name, Fremde?“ zischte mein Angreifer. Es war ein Mann, nicht viel älter als ich, schätzte ich, und doch viel stärker. „Wer hat dich beauftragt?“ zischte der Mann wütend. „Belou! Niemand hat mich geschickt! Ich bin allein, unbewaffnet und eine Frau! Ich bin auf dem Weg zu einem Ort, weit weg von hier.“ Flüsterte ich, in der Hoffnung dass der Mann es hörte. „Ziemlich wagemutig für eine Frau, sich allein im Wald rumzutreiben, findest du nicht auch?“ sagte der Mann in normaler Lautstärke und etwas freundlicher. „Im Moment werde ich unmenschlich auf dem Boden zusammengedrückt.“ Piepste ich, und merkte, wie er sein Gewicht verlagerte. „Henry! Lass die Dame in Ruhe! Riechst du nicht, dass sie weder Wete noch Ampure ist?“ rief ein Mann von etwas weiter links. Ich merkte schwere Schritte auf dem Boden, dann wurde besagter Henry hochgerissen. „Fragt man eine fremde Dame etwa so nach ihrem Namen?“ fragte der Mann, der Henry von mir runtergezogen hatte ihn. „Sie ist eine Fremde!“ stieß Henry aus. „Akira meinte, wir sollen alle Fremden zuerst beobachten, dann befragen!“ grummelte er. „James, du weißt selbst, was er verlangt hat.“ Murmelte Henry noch ein letztes Mal, dann ließ er einen hasserfüllten Blick in meine Richtung ab – und James‘ Faust schnelle auf seine Magengrube zu. „Nein!“ schrie ich, und streckte die Hände in die Richtung der beiden Streitenden. „Halt.“ Die Beiden warfen mir einen verdutzten Blick zu. „Er hat völlig richtig reagiert. Ich bin hier fremd und bin anscheinend in Akiras Territorium vorgedrungen… Was bedeutet ich bin jetzt auf dem Platz der…Furile?“ strengte ich mich an, das Wort richtig auszusprechen. Lauf zu deinem Pferd, reite fort von den Männern, oder verwandel dich und kämpf! Wiederholte die Stimme in meinem Kopf meinen eigenen Gedanken. Nein. Ich bin auf keiner Seite. Weder Gut, Böse oder Neutral. Ich mach meine Sache ab sofort allein. Meckerte ich die Stimme an. Und es kam keine Antwort. Henry und James blickten mich immer noch verwundert an. „Was denn?“ fragte ich, und tastete mein Gesicht ab, um mich zu vergewissern, dass ich nichts vom Boden an mir hängen hatte. „Sie riecht wie eine erwachsene Frau, muss aber erst fünfzehn sein, wenn sie sich noch nicht entschieden hat.“ Stellte James verwundert fest. Henry knurrte. Ich schaute ihn an, und als ob es das Normalste der Welt wäre, knurrte ich zurück. „Ruhig, ihr Beiden. Wir nehmen sie mit und bringen sie zu der Versammlung, sollen die Ältesten entscheiden, was mit ihr passiert.“ Meinte James bestimmt und wies auf meine Stute. „Kann sie mit unseren Arabern mithalten?“ nickte er in Suanas Richtung. „Klar. Sie ist schneller, als ihr vermutet.“ Selbstzufrieden stand ich auf und stieg auf Suanas breiten warmen Rücken. „Wir sollten ihr die Augen verbinden.“ Grummelte Henry und nickte auffällig in meine Richtung. „Nicht nötig. Entweder, sie wird vom Clan akzeptiert, oder aber…“ James beendete den Satz nicht, und ich hatte die schlimmsten Vorstellungen von verschiedenen Arten, jemanden abzuweisen. Gift, Erhängen, Erschießen, Ertränken. Also ritt ich ohne Augenbinde neben den beiden Herren her. Den Weg, dachte ich, hätte ich mir so wie so nicht merken können. Für mich sah jeder Baum hier gleich aus.

    'baskerville old face'Am Abend, noch bevor die Sonne unterging, erreichten wir die Lichtung. Hunderte Kreaturen standen bis hinter die ersten Baumreihen verteilt, tuschelnd, flüsternd und lachend. Als ich in den Lichtkegel des Lagerfeuers trat, hörten alle Gespräche plötzlich auf, und alle Augenpaare hefteten sich an mich. Ich suchte nach den Gestalten aus meinem Traum, und fand sie als kleines Grüppchen zusammenstehend vor, etwas abseits und als Einzige in ein Gespräch vertieft. Bei ihnen stand auch Akira, und ein Mann den ich irgendwo schon einmal gesehen habe, ich wusste, wer er war, jedoch wusste ich nicht, woher ich ihn kannte. Ein paar quälende Minuten später stand Akira auf, und stellte sich zu einem Mann mittleren Alters und einer Frau fortgeschrittenen Alters. Der Gesichtsausdruck von den dreien war angestrengt und besorgt. Der Mann hatte hervortretende Augen die im Feuerschein die Farbe von nasser Baumrinde hatten, eine schlaksige Figur und lange Gliedmaßen. Seine Haare waren im Nacken zusammengebunden und von einem tiefen Braun, welches seiner Hautfarbe glich. Die Frau war klein, ungefähr meine Schulterhöhe, hatte schneeweißes Haar und eine gebeugte Haltung. Sie stützte sich auf einen geschnitzten Eichenstock, in den Zahlreiche weiß schimmernde Edelsteine geprägt worden waren. Ihr Gesicht war wettergegerbt, jedoch hatten ihre strahlend blauen Augen etwas Jugendliches, Frisches. Alle drei sahen jetzt in meine Richtung, und ich lächelte sie an. Akira war der Einzige, der eine Regung zeigte, denn er grinste, und seine gebräunte Haut bekam Lachfältchen um die grünen Augen. „Hallo, Sommerwind.“ Begrüßte er mich, und seine normal laut gesprochenen Worte hörten sich auf der verstummten Lichtung wie ein Schrei an. Ich nickte zur Begrüßung, weil mein Mund sich so trocken anfühlte wie eine Wüste während der Trockenzeit. James, der immer noch neben mir stand, blickte fragend auf mich herab. „Du kennst Akira schon?“ fragte er mich flüsternd. „Ja, aus meinen Träumen.“ Krächzte ich die Antwort. Noch ein fragender Blick, dann zuckte er die Achseln und setzte ein schiefes Grinsen auf. „Das Fest beginnt, willst du tanzen?“ zwinkerte er und im selben Moment flatterten tausende kleine Lichter auf der Lichtung auf und ab, und spielten eine fröhliche Melodie, die ich noch nie gehört hatte. „Gern.“ Staunte ich über die Lichter, als James meine Hand nahm und mich galanten Schrittes zum Tanz führte. Da ich nicht tanzen konnte, und James dies bald merkte, forderte er mich auf, mich auf seine Füße zu stellen, damit es wenigstens den Anschein hätte, als hätte ich Spaß. Ich kam seiner Bitte nach, und so tanzten wir die ganze Zeit. Als die Lichter das nächste Lied anstimmten, besorgte James mir etwas zu trinken aus einer nahegelegenen Eishöhle. Staunend sah ich den Lichtern zu, wie sie durch die Luft wirbelten und tanzten, leise klingelten, wenn sie sich in Gruppen zusammengesellten und ihre Farbe von hellem grün je nach Gemütszustand wechselten. „Gefällt dir die Feier, Belou?“ fragte mich jemand, und als ich mich umdrehte, stand ich Henry gegenüber. „Ja, vor allem das Tanzen und die Musik sind wundervoll.“ Antwortete ich freundlich. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dafür dass ich dich zu Boden geworfen hatte.“ Räusperte sich Henry, und sah verlegen zu Boden. „Schon vergessen.“ Winkte ich ab und lächelte ihn an. „Faszinierend, nicht wahr?“ fragte er nach einer kleinen Pause. „Was?“ verdattert blickte ich ihm in die Augen, die im Feuerschein so dunkel waren wie ein tiefer Bergsee, in dem sich Sterne spiegelten, denn in Henrys Augen schimmerten helle Punkte. „Die Irrwichtel. Die Lichter. Sie sind wunderschön, nicht wahr?“ fragte er erneut, und so ruhig, wie ich sonst nur James kannte. „Ja, sie sind traumhaft schön.“ Murmelte ich verträumt und beobachtete die Lichter über mir. Irrwichtel. „Manchmal, wenn sie jemanden mögen, und er für sie singt, kommen sie sogar zu einem und lauschen seinen Liedern.“ Träumte Henry vor sich hin. „Wirklich? Schade, dass ich nicht gut singen kann.“ Niedergeschlagen blickte ich zu Boden. Sanft drückte Henry mein Kinn wieder hoch. Er bewegte sich so leise wie der Wind in laublosen Bäumen. „Deine Stimme muss nicht schön sein, um die Irrwichtel zu berühren. Sie muss Gefühl haben, sie muss in ihnen etwas bewegen. Sie leben von der Musik, und manche sind über hunderte von Jahren schon hier in unseren Wäldern, um unseren Liedern zu lauschen.“ Erklärte Henry sanft. „Komm, ich zeig dir wie es geht.“ Er nahm meine Hand und zog mich in eine dunkle Ecke, wo die Wärme und das Licht, dass das Feuer spendete, nicht hingelangten. „Es ist ganz einfach.“ Flüsterte er, schaute gen Himmel und begann leise ein Lied in einer Sprache zu singen, die ich nicht verstand.

    'baskerville old face'Gradún Madgu Jandie mje,

    'baskerville old face'greuf mdejr, koep me mje je kle;

    'baskerville old face'Marú egu namór.

    'baskerville old face'Die Irrwichtel hielten in ihrer Tanz- und Bewegungsrunde still und lauschten. Dann, ganz langsam, eins nach dem anderen kamen sie näher zu Henry. Das Lied was er gesungen hatte, stammte zwar aus einer anderen Sprache, doch die Wirklichkeit der Gefühle, die er in dem Lied zum Ausdruck gebracht hatte, berührte nicht nur mich so weit, dass ich Tränen in den Augen hatte, sondern auch die Irrwichtel, denn sie versammelten sich zu Henrys Füßen, der im Gras saß, und summten die neue Melodie leise und gleichmäßig. „Jetzt bist du dran.“ Flüsterte er mir ins Ohr. Ich durchsuchte meine Gedanken nach einem Lied, dass den Irrwichteln würdig war, und fand schließlich eines, dass ich als Kind immer gesungen hatte. Ich hatte die Wörter nie verstanden, denn mein Vater hatte es mir beigebracht, bevor er zu trinken anfing. Es war ebenfalls eine andere Sprache, doch ich konnte immer noch die Gefühle aus den mir nicht bekannten Wörtern hören, also fing ich an zu singen;

    'baskerville old face'Kerupe Geng ejfeo jeofs:

    'baskerville old face'‚Arted jemo djde‘!

    'baskerville old face'Gendere djie ejdjao ers jerf;

    'baskerville old face'Ferjif djid djpa jdef zerte.

    'baskerville old face'Mehr konnte ich nichtmehr von dem fremden Lied. Die Irrwichtel wurden immer mehr und saßen schon auf unseren Füßen und Beinen. „Tut mir leid, ich weiß den Rest nicht mehr.“ Murmelte ich, und bemerkte, dass nicht nur Henry mich verwundert ansah, sondern die gesamte Versammlung. „Du hast mit der vergessenen Sprache gesungen.“ Flüsterte Henry, und ich hörte, wie alle Irrwichtel um uns herum mein Lied anstimmten und die Melodie weiterspannen, bis sie ein komplettes Lied aus meiner Strophe gesponnen hatten. „Sie mögen deine Stimme.“ Flüsterte eine schmerzlich bekannte, traurige Stimme hinter mir. Ich drehte mich langsam um und sah Ian und Kyle in die traurigen Gesichter.
  4. 'baskerville old face'Auf der Flucht



    'baskerville old face'Am Morgen wurde ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die mir in die Augen schienen. Ich spürte die Wärme und hörte das Knistern eines Feuers. Ich ließ die Augen geschlossen, da ich immer noch müde war, und die wohlige Wärme mich einlullte. Doch dann erinnerte ich mich, dass ich am vorherigen Abend kein Feuer angezündet hatte, und schlug die Augen auf. Ich lag immer noch an demselben Platz wie gestern Abend, doch war ich dort allein gewesen mit meiner Stute. Pferde können zwar Holz schleppen, aber kein Feuer entfachen. Ich setzte mich auf und blickte einem jungen Mann ins Gesicht, das mich verwundert und fürsorglich anblickte. „Guten Morgen, Mylady.“ Sagte er mit einer samtenen, doch verwunderten Stimme. Wahrscheinlich hatte er gedacht, ich würde länger schlafen oder ich wäre tot. „Wer bist du?“ fragte ich schroff und merkte, dass neben meiner Stute ein weiteres Pferd stand – prächtig geschmückt mit einem Wappen als Sattelgravur. Meine Stute sah plump und tollpatschig neben dem edlen Araber mit der Farbe von Wüstensand aus. „Oh, Entschuldigt, wie unhöflich von mir. Mein Name ist Kyle. Ich komme einmal alle sieben Tage in diesen Wald um die Wildbestände zu überprüfen, und heute Morgen fand ich Sie, Mylady, und ich hatte schon die Befürchtung, sie seien tot oder sehr schwer verwundet. Ein Glück sah ich, dass sie noch atmeten, ansonsten hätte ich sie auf einem Karren nach Gradonia bringen müssen, und das wäre sicherlich nicht besonders erfreulich gewesen, in der Jagduniform die Sie tragen, was für die Frauen normalerweise tabu ist.“ Lächelte er, und sein so wie so schon hübsches Gesicht erstrahlte noch mehr. „Dürfte ich den Namen von Mylady erfahren?“ fragte er, und sein warmes Lächeln verschwand. „René“ murmelte ich und merkte wie trocken mein Hals war. „Hätten Sie etwas zu trinken, Mister?“ fragte ich Kyle schüchtern und wich seinem fragenden Blick aus. „Natürlich“ murmelte er verwundert „doch warum haben Sie denn keine Trinkschläuche dabei, René? Grade bei dieser Jahreszeit ist es wichtig, immer etwas dabei zu haben, falls Sie auf längere Reisen gehen, Miss.“ Er reichte mir einen prallen Trinkschlauch und ich roch Rum. Ich leerte den Schlauch mit nur wenigen Zügen. „Was treibt eine Dame alleine in einen Wald, fern von der Zivilisation?“ grübelte er und ich verfiel in Schweigen. Als er keine weiteren Versuche unternahm, ein Gespräch mit mir führen zu wollen, begann er Wachteleier und Schweinespeck in einer Blechschüssel über dem Feuer zu braten und wenig später hatte ich den saftig rauchigen Geschmack von Eiern mit Speck im Mund. „Hätten Sie etwas dagegen, mich nach Gradonia zu begleiten?“ fragte er nach einer Weile. Da ich fand, dass es am wenigsten verdächtig aussah, wenn ich mit Begleitung in die Stadt kam, willigte ich ein und sattelte mit Kyles Hilfe Suana und wir ritten zusammen Richtung Gradonia, wobei jeder seinen Gedanken freien Lauf ließ und ihnen nachhing. Nach einem halben Tagesritt machten wir Rast an einem kleinen Bach und Kyle erklärte mir, dass wir morgen früh weiterreisen würden, damit wir gegen Mittag in Gradonia antreffen würden. Mit diesen Worten deckte ich meine Augen mit dem Arm ab und schlief bald darauf ein.

    'baskerville old face'In der Nacht kommen sie – die Menschen. Die Todbringer. Sie vernichten alles, was nicht in ihr Idealbild hineinpasst, alles Unnormale und Unschöne. Sie verdrängen dass, was sie nicht wahrhaben wollen und lassen nur dass am Leben, wo sie sich sicher sein können, dass diese Kreaturen keinen eigenen Willen aufbauen können. Ich versuche wegzulaufen, doch meine nackten Füße sind wund von den spitzen Steinen, auf denen sie mich hetzen mit ihren Pferden und Jagdhunden. Ich versuche, meine Füße dazu zu bringen, schneller zu werden, einen besseren Halt zu finden, doch ich finde keinen Halt, kann nur schlittern und schlottern. Meine Lunge explodiert beinahe, weil ich so nach Luft schnappe, aber keine bekomme. Etwas wird nach mir geworfen, es sieht aus wie ein Seil. Ich renne schneller, zwinge meine Füße, weiter zu rennen, zwinge meine Muskeln, nicht schlapp zu machen, mein Herz, weiter zu pumpen, meine Lunge, Luft zu schöpfen. Ich renne und renne, und kann nicht mehr, habe das Gefühl innerlich auszutrocknen, kaputt zugehen und zu sterben. Doch sie werden nicht langsamer, geben die Verfolgung nicht auf. Was hab ich ihnen getan? Ich spüre, wie jeder meiner Muskeln schmerzt, wie alles in mir zerrt, aufzugeben, und dem sicheren Tod ins Gesicht zu sehen, doch dann höre ich die Hunde. Sie bellen und schnappen und hören nicht auf. Ich merke, wie der Untergrund sich verändert, und plötzlich stehe ich im Wasser. Dankbar schöpfe ich beim Schwimmen Wasser in meinen Mund und spüre, wie mein Kampfgeist zurückkehrt. Ich kämpfe mich voran, doch als ich endlich das andere Ufer erreiche, kann ich nichtmehr auf zwei Beinen laufen. Ich krümme mich, starre auf meine Hände, aus denen Klauen geworden sind, und blicke mein Spiegelbild im klaren Wasser an. Der Fuchs – ein Betrüger – Ich. Ich bin der Fuchs. Und das wissen die Menschen im Fluss auch, ihre Hunde und Pferde, ihre Schrotflinten und Pistolen. Ich ducke mich und pirsche in den Untergrund, suche eine verlassene Höhle oder einen Bau in dem ich mich verstecken kann, dort, wo sie mich nicht finden können. Die Hunde bellen nichtmehr, die Pferde wiehern ängstlich und ihre Reiter brüllen etwas in einer Sprache, die der Fuchs nicht kennt. Eine menschliche Sprache, fernab von dem Wissen der Tiere. Ich ducke mich unter den Büschen heraus und stehe in einer Blutlache. Das Blut der Reiter, der Pferde und der Hunde, vermischt und unkenntlich gemacht, tränkt den Boden des Moorlandes. Mir gegenüber steht ein riesiger schwarzer Wolf, und seine Stimme hallt tief von den Bäumen wider. „Sie hätten wieder gemordet, Füchsin. Hätten wieder jemanden aus unseren Reihen beinahe getötet. Es musste sein, das weißt du.“ Traurigkeit ließ seine Stimme schwer werden, und ich hörte nur, wie ich antwortete. „Ich weiß, Akira. Ich habe sie zu dir geführt. Lass mich endlich zu meinem Bruder. Ich muss wissen, ob Ian noch lebt.“

    'baskerville old face'„Wer ist Ian, René?“ fragte Kyle mich und weckte mich unsanft mit seiner fröhlichen Stimme. „Warum wollen Sie das wissen, Kyle?“ erwiderte ich, in der Hoffnung, nicht allzu viel über meinen Traum preisgegeben zu haben. „Sie sprachen davon, dass Sie wissen müssen, ob er noch lebt. Das war alles, was Sie sagten, und das hat mich neugierig werden lassen. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Unbehagen bereite.“ Entschuldigte er sich rasch. „Ian war mein Bruder. Er wurde verwundet in den Wald hier gejagt, als ich acht war. Und ich habe bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er irgendwie überlebt haben könnte. Er war schon immer stärker und zäher als ich. Vielleicht hat er heilende Kräuter gefunden oder so etwas in der Art. Vielleicht lebt er zurückgezogen im Wald und niemand wird ihn jemals finden…“ fantasierte ich vor mich hin. „Miss René, ich muss Ihnen leider sagen, dass das Waldgebiet recht klein ist, und ich jeden Millimeter kenne, und da garantiert keine Kräuter wachsen und auch Ihr Bruder sich keine Hütte gebaut hat, um sich dort zu erholen.“ Gestand Kyle. Somit musste mein Bruder Ian verloren gewesen sein, allein und verwundet gestorben sein. Mir traten die Tränen in die Augen. Ich drehte mich weg, damit Kyle nicht auf die Idee kam, mir doch noch falsche Hoffnungen zu machen, dass mein Bruder noch leben könnte. „Aber ich kenne einen guten Koch namens Ian, in einer Köhlerhütte, nicht weit von hier. Zwar ist sein rechtes Bein steif seit seinem Unfall als er zwölf war, aber er könnte auf Ihre Beschreibung passen.“ Murmelte er vor sich hin. Ich war bereits auf den Beinen, aufgeregt, meinen Bruder vielleicht endlich gefunden zu haben. „Dann nichts wie hin!“ rief ich begeistert.

    'baskerville old face'Und so machten wir uns auf zum Köhlerhaus „Schwarzer Bär“.





    'baskerville old face'Im Schwarzen Bären

    'baskerville old face'Ian hatte dunkles Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, er war muskulös und groß, jedoch nicht unpassend und auffällig groß, sondern so groß wie ein 22-jähriger sein sollte. Seine gepflegten großen Hände flogen über den Töpfen nur so hin und her, und wenn er Zeit hatte, sang er das Wiegenlied das er früher schon gern gesungen hatte. Ohne Zweifel war es mein Bruder, seine Stimme war zwar tiefer als ich sie in Erinnerung hatte, doch die war über zehn Jahre alt. Als Kyle und ich den Schwarzen Bären betraten, hafteten sich alle Blicke auf mich. Die helle Haut, das rabenschwarze Haar, die grünen Augen und die große Oberweite passten nicht zu meinem so jungen Gesicht. Ian hörte auf, den Tresen abzuwischen und starrte mich und Kyle an. Als sein Blick schließlich an mir hängen blieb, räusperte Kyle sich und bestellte ein Bier für sich und einen Rotwein für mich. „Ich trinke keinen Rotwein“ murmelte ich, „um ehrlich zu sein, hasse ich schon seinen Duft, da mein Vater früher immer Rotwein in Massen gekippt hat.“ Flüsterte ich, und entschuldigte mich sogleich. Ian trat an unseren Tisch. Er hinkte leicht mit dem rechten Bein, der Fuß war leicht verdreht, und am Unterschenkel sah man eine kugelgroße lockere Stelle in der sonst perfekt passenden Hose. Das Einschussloch, das er ihm damals zugefügt hatte. „Was darf es denn sein?“ fragte er an mich gerichtet. „Ein Bier bitte für mich Ian, und für René nehmen wir…“ erwartungsvoll blickte Kyle mich an. „Ein Wasser, bitte. Leicht schäumend und ohne Zitronengeschmack, bitte.“ Sagte ich unsicher. Ian blickte mich verwirrt an, da ich immer noch die Stelle fixierte, wo die Kugel ihn getroffen hatte. „Schusswunde, als ich zwölf war. Ich hab versucht, meine… Schwester zu beschützen, wurde aber von einem Mann angeschossen, der sie dann mitgenommen hat. Hab seitdem kein Lebenszeichen im alten Haus vernommen, dass annehmen ließ, dass sie wieder zurück gekehrt war. Wahrscheinlich hat dieser dreckige Bastard sie totgeprügelt.“ Sagte Ian aufgebracht zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Ian…“ Kyle versuchte, irgendetwas zu sagen, doch ich sprang auf, und fiel Ian um den Hals. „Ian! Ich hab dich gefunden!“ schluchzte ich und weinte an Ians Schulter. „Ian, ich hab dir so viel zu erzählen. Ich hab dich so vermisst!“ presste ich zwischen Schluchzern heraus, doch Ian stieß mich von sich weg. „Kyle, was soll der Mist?!“ schrie er, wirbelte zu Kyle herum und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. Es knirschte hässlich. Todbringer. Mörder. Die Stimme des Wolfes hallte in meinem Kopf wider. „Ian! Lass Kyle in Ruhe! Durch ihn weiß ich, dass du noch lebst!“ rief ich entsetzt, und riss Ians Arm runter, der erneut nach Kyle schnappen wollte. Ein wütender Ian drehte sich zu mir um und ich packte rechtzeitig das Handgelenk, dessen Faust auf mich zuhielt. „Du hast mir früher, wenn Vater betrunken war und Mutter draußen im Garten, immer ein Wiegenlied vorgesungen wenn ich nicht schlafen konnte. Und du hast an dem Tag an dem du in den Wald getrieben wurdest mit mir Verstecken im Weidenkraut gespielt. Und du hast Vater immer davon abgehalten, sich an Mutter zu vergreifen, wenn er wieder einmal zu viel getrunken hatte.“ Weinte ich und Ians Arm wurde schlaff. „Ich dachte, er hätte dich tödlich angeschossen und du wärst gestorben im Wald, verblutet, einsam und allein. Ich wusste nicht, ob es dir gut gegangen ist, ich habe zehn Jahre darauf gewartet, dich wiederzusehen!“ rief ich und umarmte ihn wieder. „René…“ flüsterte er. „Früher hattest du einen anderen Namen. Du hießt Belou.“ Murmelte Ian in meine Haare. „Sommerwind“ murmelte ich. „Genau.“ Stimmte Ian mir zu. „Unsere Mutter meinte immer, dein Lachen wäre so wie der Sommerwind, es verbreitet gute Laune und Wärme in den Herzen und den Köpfen.“ Erklärte er. „Ich habe zehn Jahre lang gedacht, er hätte dich umgebracht, oder irgendwelchen widerlichen Spielchen mit dir getrieben. Und jetzt stehst du vor mir, gesund und munter und ohne auch nur einen Kratzer, und bist bei mir hier im Schwarzen Bären und lachst und verbreitest Wärme.“ Sagte er mit tränenerstickter Stimme. „Weine nicht, Bruderherz. Wir haben uns wieder, und niemand wird unser Band jemals wieder durchtrennen, mein Bruder.“ Tröstete ich ihn. Sie sind alle gleich. Sie bringen dich irgendwann noch um, wenn du tröstende Worte findest, oder etwas tust, das ihnen missfällt. Die Stimme in meinem Kopf passte auf. Für meinen Geschmack war sie zu gefühlslos, zu kalt, um von einem Wesen zu stammen, das jemals Liebe erfahren hat. Sei still. Auch du wirst irgendwann jemanden finden, der dich liebt, glaube mir, Akira, und dann wirst du merken, dass dich zwar jeder Mensch verletzen kann, aber manche Menschen es auch wert sind, Schmerz und Leid für sie auszuhalten. Meine Gedanken schlugen Haken, und mir kamen Bilder in den Sinn, wie wichtig Familie und Freunde sind, Menschen, die jemanden lieben und akzeptieren. „Ian“, setzte ich an, „hättest du etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig schlafen lege? Es war ein langer Weg, und der Waldboden ist nicht das gemütlichste Ruhebett für kurze Nächte.“ Ich merkte, wie die Müdigkeit meine Augen schwer werden ließ, alles an mir zehrte danach, sich in ein gemütliches Bett zu legen, mit einem Dach über dem Kopf und der Sicherheit, die dich in den Schlaf wiegt. „Ja, natürlich. Bitte, Belou, folge mir. Ich gebe dir ein Zimmer.“ Flüsterte Ian, nahm mich bei der Hand und führte mich eine schmale Treppe hinter dem Tresen hinauf.

    'baskerville old face'Das Zimmer, dass Ian für mich herrichten ließ, war riesig groß und hatte zwei große Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, einen bordeauxroten Teppich und einen kleinen offenen Kamin, vor dem ein Ohrensessel stand, der die selbe Farbe hatte wie der Teppich. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuerchen und auf dem frisch bezogenen Bett lagen ein Nachtgewand und zwei weiche Handtücher. In der dunkelsten Ecke des Raumes stand ein Regal, gefüllt mit dicken Büchern, ein Sessel stand daneben, im schönsten Jadegrün dass ich je gesehen hatte. Neben dem Sessel stand ein Hundekorb mit einem kleinen Bewohner, der so verwirbeltes Fell hatte, dass er zweimal so groß aussah, wie seine eigentliche Größe war. „Ich hoffe es gefällt dir hier, Belou. Falls der kleine Racker dich stören sollte, stell seinen Korb einfach auf den Flur. Die Zimmermädchen kümmern sich immer so liebevoll um den Kleinen. Sein Name ist Idefix, und niemand weiß genau, wem er gehörte, doch er lebt schon immer in diesem Zimmer und lässt niemanden an sich heran, außer den Zimmermädchen und unserer Küchenhilfe.“ Ians Kopf nickte in Idefix‘ Richtung. Der kleine Heimatlose sah mich aufmerksam an, legte aber schließlich seinen Kopf wieder auf den Rand seiner Ruhestätte, den Blick immer noch wachsam auf mich gerichtet. „Danke, Ian.“ War alles, was ich sagen konnte. Er umarmte mich kurz und verließ leise das Zimmer. Das Mondlicht, dass durch die Fenster hereinkam, tauchte alles in ein unwirkliches, silbriges Licht – Wie in meinen Träumen. Ich ging zum Bett und zog mich um. Das Nachthemd, das man mir gegeben hatte, war weich und warm, so als ob es den ganzen Tag in der Sonne gelegen hatte. Kaum hatte ich meinen Kopf auf das Kissen gelegt, war ich schon am Träumen.
  5. 'baskerville old face'Sommerwind

    'baskerville old face'Prolog

    'baskerville old face'Absichtlich ließ ich mich in das hohe Weidenkraut fallen, das hier überall wuchs. Ich wollte nicht, dass er mich allzu schnell fand und da es sonst nirgends ein gutes Versteck gab, musste ich mich hiermit zufrieden geben. Ich kicherte nur so vor mich hin, als er versuchte, mich zu finden, und absichtlich in die falsche Richtung rief. Alles war so unbeschwert, so leicht und fröhlich, bevor es geschah. Ich sprang aus meinem Versteck und lief auf die Hütte zu, in der unsere Mutter mit dem Essen auf uns wartete. „Komm Ian!“ rief ich lachend und glucksend, den Blick grade auf die Eingangstür gerichtet, mit der Gewissheit, dass mein älterer Bruder dicht hinter mir war. Kichernd an der Haustür angekommen, rief ich nach meiner Mutter, damit sie uns die Tür öffnete. „Mama! Wir sind Zuhause!“ kicherte ich, als die Tür geöffnet wurde. Doch statt meiner Mutter kam ein fremder Mann aus dem Haus, ein Gewehr hinter mich gerichtet. „Rein mit dir, dummes Kind!“ grunzte er wütend, und zog mich hinter sich. Bevor ich begriff, dass Ian noch draußen war, schoss der Mann. „Ian!“ schrie ich. „Ian!“ Ich drückte mich an dem Mann vorbei durch die Tür durch, doch statt meinem großen Bruder, sah ich nur noch eine Blutspur, die in den nahe gelegenen Wald führte. „Was haben Sie gemacht?“ schrie ich unter Tränen den Mann an. Ich trommelte mit meinen kleinen Händen gegen seine Brust, wohlwissend, dass eine achtjährige gegen einen ausgewachsenen Mann nichts tun konnte. „Mama! Der Mann hat Ian angeschossen!“ rief ich in das Innere des Hauses, doch bekam keine Antwort. Geschockt blickte ich den Mann an. „Du hast niemanden mehr, der dir helfen würde, Mädchen.“ Knurrte er, und ich ließ die Fäuste sinken. Mein Bruder verblutete irgendwo im Wald, und meine Mutter lag tot in unserem Haus, während ich mich versteckt hatte, und gekichert und gelacht hatte. Der Mann hob mich hoch und ging mit mir hinter unser Haus, als ich begann, zu weinen. Behutsam setzte er mich auf einen Karren, der hinter ein schwarzes Pferd gespannt war, und beobachtete stur den Karrenboden, auf dem ich hockte, als der Wagen sich mit mir in Bewegung setzte.



    'baskerville old face'Zehn Jahre später…

    'baskerville old face'Alles, was ich sah, als ich zurückkehrte, war ein vermodertes Haus, das einmal sehr prächtig ausgesehen haben muss. Ich ließ meinen Blick über das Weidenkraut schweifen, bis hin zu dem nahegelegenen Wald, wo die Bäume die Wolken mit ihren Blättern kitzelten. Zehn Jahre war es her, dass ich hier gewesen bin. Zehn Jahre der Ungewissheit, ob Ian noch lebte und ob mein Vater aus dem Krieg jemals zurückgekehrt war. Zehn Jahre lang hatte ich in einem modrigen Zimmer gelebt, dessen einziges Möbelstück ein Bett und dessen einzige Lichtquelle Kerzen waren. Zehn Jahre wurde ich wie eine Gefangene gehalten, und doch lehrte er mich lesen und schreiben, reiten und Bogenschießen. Wir feierten jedes Jahr, zehn Jahre lang meinen Geburtstag und ich hatte zehn Jahre lang genug zu essen und war immer gepflegt, denn darauf legte er großen Wert. Jetzt, mit achtzehn Jahren, wollte er mich mit einem Burschen vermählen, den ich einmal auf einem Hoffest gesehen hatte. Ich hatte ein Pferd bekommen für die lange Reise durch das Moorland, und mein Begleiter trug genug Proviant, um eine ganze Horde Soldaten durch einen Winter zu bringen. Ich hatte verlangt, diese Route zu reiten, um Gewissheit zu haben, das niemand mehr hier war. Nun hatte ich Gewissheit, und Schuldbewusstsein nagte an meinem Herzen wie eine Maus an einem Stück Käse. Ich hatte allen Grund, wegzulaufen, aber nie die Zeit unbeaufsichtigt gehabt, diesen Plan zu verwirklichen. Ich hatte einen Auftrag zu erfüllen, wie jedes Mal. „Heute werden wir bei der alten Hütte dort unten unser Nachtlager aufschlagen. Es wird bald dunkel und wir müssen noch Feuerholz sammeln.“ Sagte ich zu meinem Begleiter. Sein kleiner Wallach hatte die Farbe von morschem Holz und ungefähr auch das gleiche Durchhaltevermögen, sodass wir mehrere Rasten an einem Tag hatten halten müssen. „Wie Ihr wünscht, Lady René.“ Nickte mein etwas dummer und pummeliger Begleiter. „Paul, ich sagte Ihnen bereits mehrfach, dass Sie mich nur René nennen sollen.“ Sagte ich und ritt den Abhang runter. Paul war in Zukunft mein Schwager, sollte ich jemals Gerhold Haningen heiraten, was ich allerdings nicht vorhatte. Mein Verlobter hatte aschgraue Haare, drei andere Frauen, die Figur eines Bierfasses und auch dessen Ausdauer. Außerdem hätte er mein Vater sein können. Ich sattelte ab und ging mit einem Stück Seife an den kleinen Bach, der hier immer entlang geflossen war, als ich noch ein kleines Kind gewesen bin. Ich stieg in das seichte Wasser und begann ein Lied zu singen, dass mein Bruder Ian mir früher immer vorgesungen hatte, wenn ich nicht schlafen konnte.



    'baskerville old face'„Leb wohl, mein‘ Lieb, gedenke stets,

    'baskerville old face'wie ich einst weilt‘ bei dir;

    'baskerville old face'lass dir mein Herz, mein Lieb, leb wohl,

    'baskerville old face'ich hoff, du weinst nicht mehr…“



    'baskerville old face'Ich blickte an meinem nackten Körper hinunter. Dort, wo einst Kinderhaut sanft und weich gewesen war, blickte ich nun auf Narben und Hautstreifen, die zusammengeflickt worden sind. Kriegsnarben waren das nicht. Misshandlungsnarben, Folterungsnarben, ja, aber Kriegsnarben hatte ich keine. Für Krieg- oder Kampfnarben hätte ich in eine Patrouille gesetzt werden, und das wollte er nicht. Er wollte sein Druckmittel ja nicht verlieren. Mittlerweile waren die Kennzeichnungen zehn Jahre alter Folter mir egal, doch früher ekelte ich mich vor mir selbst. Ich stieg aus dem Bach und ging zurück zu unserem Lager. Dort stand ein schwitzender Paul mit Feuerholz unter dem Arm panisch auf meine Rückkehr, denn ohne mich wäre er hilflos verloren. Doch ich durfte kein Mitleid zeigen, nicht weich werden.

    'baskerville old face'Als Paul schlief ging ich rüber zu unseren Vorräten und packte so viel ein, wie ich brauchte, um ohne Hunger in das nächstgelegene Jagdgebiet oder die nächste Stadt zu kommen. Den Rest packte ich sorgfältig wieder weg, sodass Paul auch noch genug hatte, um ein wenig Wartezeit zu haben, bevor der große Hunger kommt – wenn er nicht alles auf einmal aß. Ich sattelte meine Shirehorsestute und ritt, bepackt mit Bogen, Pfeil und Vorräten, Richtung Wald. Morgen werde ich mich im Wald umsehen, nach Lebenszeichen und Zivilation suchen. Ich ritt im Schritt an dem schlafenden Paul vorbei, den Hügel hoch und an den Waldesrand. Hier begann ich zu traben und ließ meine Stute drei Stunden weiterlaufen. Dann hielten wir, weil ich eine Pause brauchte und meine Stute ermüdet war. Da ich mich noch nicht wagte, ein Lagerfeuer anzuzünden, brach ich mir ein Stück von dem Laib Brot ab und aß es, während ich Suana, meiner Stute zusah, wie sie ihren Kopf beugte und in einem tiefen Schlaf verfiel. Ich legte mich ebenfalls hin, rollte mich neben meinem Bogen zusammen und schlief ein.

    'baskerville old face'Sie standen um das Lagerfeuer, verteilt auf der ganzen Lichtung, die Gesichter kaum im Flammenschein zu erkennen. Sie machten allerlei Geräusche, die allesamt etwas Gleiches hatten. Sie sangen. Ein Lied über die Jagd und Leben, über Schmerz und Liebe, über Tod und Widergeburt. Über die menschliche Furcht und den Hass ihnen gegenüber. Ich stand unter ihnen, eine von vielen, und blickte mich um. Es waren keine normalen Menschen, sie sahen zwar so aus, doch zwischen ihnen standen Tiere, Wölfe, Pumas und Tiger, Frauen und Männer mit langen Mänteln und komischen Hüten – Zauberer und Hexen – aber auch normal aussehende Menschen. Halbwesen wie Zentauren und Satire und viele andere Gestalten, mit allen möglichen Farben und Figuren. Doch dann trat ein Mann hervor, der zwischen Pumas und Hexen gestanden hatte, sein langer Pelzmantel aus schwarzem Marder streifte den Boden, als er an das Feuer heran schritt und mit tiefer rauer Stimme zu sprechen begann. „Sie haben erneut gemordet, meine Freunde. Sie haben erneut einen aus unseren Reihen umgebracht, mein Volk. Sie nennen uns Monster, und selbst sind sie nicht anders. Wir können uns nirgends in Sicherheit wiegen, ständig in der Angst um das Wissen, dass sie uns und unseren Familien etwas antun können.“ Er endete und ließ seinen wachsamen Blick über die Menge schweifen. Ein Wolf trat neben ihn und begann in einem tiefen Singsang zu heulen. „Wie ein Monster fühlst du dich… Ungeliebt und widerlich.“ Er verstummte, und blickte zu seinen Kameraden. „Sie sind ängstlich.“ Rief eine Hexe, „denken, wir sind gefährlich!“ lachte sie bitter, und stellte sich ebenfalls neben den Wolf und den Mann ans Feuer. „Dabei sind wir ehrlich und gut.“ Flüsterte ein alter Mann der sich auf seinen Stock stütze. „Und was zeigen sie dir? – Endlose Wut.“ Maunzte ein Tiger weiter hinten, und die Menge teilte sich, damit auch er ans Feuer kommen konnte. „Sie hegen Hass gegen die Dinge, die sie nicht kennen… Sofern sie nicht davonrennen.“ Sagte ein Zentaur, der mit stolzem Gang sich zu der Gruppe ans Feuer gesellte. „Sie wissen nichts von dir, und auf einmal stehst du hier.“ Murmelte die Frau neben mir und humpelte langsam ans Feuer. Ihr fehlte der rechte Unterschenkel, und sie musste sich auf zwei handgeschnitzte Krücken stützen, um vorwärts zu kommen. „Groß und abstoßend siehst du aus.“ Flüsterte ein riesenhafter Mann, und kniete sich ganz dicht ans Feuer. „Und sie jagen dich schnell wieder raus.“ Jetzt schluchzte er. „Sie verurteilen dich, “ Hörte ich mich sagen, „denn sie fürchten sich.“ Und auch ich ging auf das Feuer zu, als die Menge wieder mit ihrem Gesang anfing, und nahm die Hände, die nach mir griffen, wiegte mich hin und her und fiel in den Gesang mit ein.