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Kurzgeschichten, und sonstiges was ich in die Welt, bzw in den Blog setzen möchte
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  1. Jetzt!

    Mit einem Satz schoss ich aus dem engen Verschlag, mit dem halbhohen Mauern und dem Eisenrohr als Abtrennung zwischen den einzelnen Boxen, heraus. Dass ich dabei meinen Besitzer fast umrannte, störte mich nur wenig. Schließlich war er auch zu mir ja auch nicht freundlicher.



    Umso mehr versetzte mich die geschlossene Stalltür in Erstaunen und ich legte erst einmal eine Vollbremsung hin. Es war ja auch wirklich zu ärgerlich. Gestern war ich immerhin bis zum Hoftor und ein Stück den Schotterweg hinauf gekommen. Allerdings war mir dann ein gänzend schwarzes Blechdings in den

    Weg gekommen und die Frau, welche wild gestikulierend und erregt schimpfend aus dem Gefährt stieg, war mir nicht so recht geheuer gewesen, weshalb ich dann auch lieber umkehrte.

    Auf dem Hof erwartete mich zwar ein nicht minder aufgebrachter Hofherr, der mich kurzerhand angebunden wieder in die Box sperrte und zudem nicht an Flüchen und Grobheit sparte, mich allerdings den Tag lang wenigstens in Ruhe ließ.

    Das war, wie gesagt, gestern. Heute blieb mir der Stress jedoch durch die geschlossene Tür erspart. Ein so stattliches Pony wie ich hätte sie zwar leicht überspringen können, aber mein geliebter Besitzer nutzte mein Erstaunen aus, um mich einzufangen.

    „Tja Bursche, so dumm wie du glaubst, bin ich nicht!“, ertönte es von hinten. Wäre ich ein Mensch, ich hätte mich in die Sattelkammer, welche gleich neben der Stalltür lag, eingesperrt.

    Wider Erwarten kam ich nicht zurück in die Box, sondern wurde an einem der eisernen Ringe an der Wand angebunden.

    „Du kannst dir deinen Übermut gleich mal abarbeiten“, knurrte der Mann. „Und glaub ja nicht, dass du heute noch was Anständiges zu fressen bekommst. Da würd ich mir mein Pulverfass ja selbst füllen!“

    Ich war jedoch nicht der Einzige, der etwas tun musste. Die Kleine-Zweibeiner-Zeit hatte leider noch nicht aufgehört und so standen wir immer noch Tag und Nacht in den kleinen, ungestreuten Verschlägen herum. Nur die Pensionspferde hatten etwas größere und eingestreute Boxen in dem angrenzenden Stallgebäude. Sie durften auch öfter mal auf die angrenzende Weide oder den kleinen Sandpaddok, an dem wir manchmal stundenlang auf unsere nächsten Reiter warteten.

    Kinderstimmen rissen mich aus meinen Tagträumen. In der vergangenen Nacht hatte ich kein Auge zugetan. Wie auch, wenn man kurz angebunden in der Box stehen muss und sich kaum regen kann. Die erste Reitstunde war immer unsere Lieblingsstunde, da die kleinen und großen Reiter oft selber zum putzen kamen Und jedes Pony hoffte immer inständig, eines der „Auserwählten“ zu sein. Überhaupt nicht geritten zu werden, kam, wenn überhaupt, nur an Tagen mit schlechtem Wetter vor. Allerdings hatte man, außer in Reitstunden und Ausritten, keine andere Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. Deshalb schoben sich den Kindern, auch nun aus jeder belegten Box, weiche und hoffnungsvolle Ponynasen entgegen.

    Rasch waren die Lieblingsponys ausgesucht, die Halfter übergezogen und passend verschnallt, die Boxentüren geöffnet und das verschmutzte Pony am Putzplatz angebunden. Von allen Seiten ertönte das vertraute: „Wie siehst du denn aus, Smokey?!“ und „Na, du hast dich aber wieder eingesaut, Merlin!“. Dabei wuselten sie eifrig zwischen Putzeimern und Ponys hin und

    her, plauderten und planten und nach einer Weile waren wir einigermaßen sauber und das rege Treiben kam etwas zur Ruhe.

    „Early lahmt.“ Ein blondes, mit Lederstiefeln ausgestattetes Mädchen trat durch die Stalltür. Early war eines der gut genährten, gepflegten Privatponys und hieß eigentlich Earl of Cantford.

    „Joa, dann nimm doch erstmal den Grauen. Ich seh mir dein Pony gleich mal an“, kam es von meinem Besitzer.

    Typisch! Bis gerade hat mich noch keiner beachtet und nun sollte ich doch noch ran. Wahrscheinlich nur, weil dem feinen Fuchs ein Strohhalm drückte.

    Das blondmähnige Mädchen schaute mich abschätzend an, als der Mann mir einen drückenden Sattel auf den ungeputzten Rücken schmiss und mir unsanft die Trense überzog.

    „Den soll ich reiten!?“, kam es pikiert.

    „Ja nun stell dich mal nicht so an. Der braucht heute mal 'ne feste Hand und ich hab dem auch die Hengsttrense draufgemacht.“ Die Hengsttrense, war eine ganz normale Trense, in die ein sehr scharfes Gebiss eingeschnallt war.

    Missmutig nahm Earlys Besitzerin meine Zügel und zog mich Richtung Reitplatz. Ich wusste, dass sie viel lieber auf der langbeinigen Ruby gesessen hätte oder wenigstens auf Windsor, dem Welshhengst unseres Besitzers.

    Dass sie Fiona hieß, erfuhr ich beim Warmreiten. Ich mochte dieses Mädchen nicht, denn sie war, ähnlich wie der Hofherr, grob und wenn etwas nicht sofort nach ihrem Willen ging, hatte ich natürlich schuld. Nun gut, ich muss zugeben, dass ich es ihr nicht gerade leicht machte. Im Schritt warf ich den Kopf auch und tänzelte nervös vorwärts, worauf sie die Zügel noch kürzer nahm. Beim ersten Antraben schoss ich vorwärts und als Fiona darauf hin wütend an den Zügeln zerrte, stieg ich sogar etwas. Mein Besitzer gab ihr dann eine Gerte und nun ging ich noch heftiger vorwärts, um ihren Hacken und der Gerte zu entgehen.

    „So, dann galoppiert mal an“, kam es vom Rand der Reitbahn.

    Die Galopphilfe kam so heftig, dass ich im gestreckten Galopp aus der Abteilung ausbrach und an ihr vorbei raste. Fiona stieß einen Schrei aus, der mich zu erschrockenen Bocksprüngen veranlasste.

    Beim zweiten saß sie dann auch schon im Sand und schimpfte wie ein Rohrspatz.

    Ruby und Smarty, mein bester Kumpel, jagten derweil, einerseits verängstigt, andererseits vergnügt hinter mir her. Das Mädchen auf Merlin fing an zu weinen, als der kleine Schimmel sich tatsächlich einmal zu einem kleinen Hüpfer aufraffte.

    Das Chaos war komplett und mein Besitzer hatte alle Hände (obwohl er eigentlich mehr als seine zwei benötigt hätte) voll zu tun, um die Ordnung wieder herzustellen.

    Fiona war inzwischen wieder aufgestanden und weigerte sich, nochmal in meinen Sattel zu steigen. Schade eigentlich. Aber dann kam es doch noch besser. Ein schüchternes, braunhaariges Mädchen, welches heute auf Dancer saß, hielt den hellgrauen in der Mitte der Reitbahn.

    „Vielleicht könnte ich ja den Grauen reiten“, sagte sie vorsichtig zu dem Mann.

    Fionas Gesicht erhellte sich schlagartig. Dancer war einer der Favoriten unter den Verleihpferden.

    „Wenn du dich freiwillig auf dieses lebensgefährliche Untier setzen willst, bitte. Lass dich nicht davon abhalten.“

    Lebensgefährliches Untier. Diese beiden Wörter benutzten die Zweibeiner oft im

    Zusammenhang mit mir. Ich fand das übertrieben. Lebensgefährlich war ich auf keinen Fall. Und ein Untier auch nicht! Naja, ich hattte halt manchmal meinen eigenen Kopf, aber eigentlich lockere ich den Alltag doch nur etwas auf ...

    Wieder einigermaßen befriedigt schwang sich Fiona in Dancers Sattel und Marie, das braunhaarige Mädchen, erklomm meinen. Ich kannte sie noch nicht so gut. Erst ein paar Mal hatte ich sie reiten sehen. Aber die anderen Ponys sagten, dass sie sehr nett und lieb wäre und sich gut um uns kümmerte.

    Marie nahm auch jetzt meine Zügel vorsichtig auf, und ich brummelte Dancer noch rasch etwas Mut zu, bevor sie mich auf meinen alten Platz in der Abteilung zurück lenkte.

    Die Reitstunde ging zum Glück schnell vorbei und meine Reiterin krauelte mich rasch noch, bevor sie mich an den nächsten Zweibeiner weitergab. Da ich den Ausritt so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, legte ich die Hälfte der Strecke im flotten Galopp zurück. Trotz starker Proteste meines Reiters kam ich außer Atem am Hof an. Mein dunkelgraues Fell war schweißnass und so trottete ich zum Reitplatz, wo mein Zweibeiner schimpfend aus dem Sattel rutschte, meine Zügel aber erst zu fassen bekam, als ich bereits genüsslich im Sand lag. Gerade als ich mir noch eine andere Stelle zum wälzen suchen wollte, kam der Mann auf den Platz gestürmt und trieb mich mit der Gerte wieder hoch. „Elender Bock, du lernst es wohl nie!“

    Mit diesen Worten wurde ich mal wieder in meinen Verschlag verfrachtet.
  2. Nordsturm



    „Ich will das graue Pony da reiten!“, quietschte eine helle Stimme und riss mich aus meinen Träumereien. Menschen! Würden sie es nie lernen, dass wir Pferde Fluchttiere sind und uns bei lauten Geräuschen erschrecken? Wahrscheinlich nicht.



    Dieser kleine Zweibeiner kam nun auf mich zugerannt. Erschrocken wich ich laut schnobernd zurück.

    „Mama, bitte, ich will dieses Pony reiten!“, quängelte es.

    „Aber Schatz, du hast doch gehört, was der Mann gesagt hat. Dieses Pony ist noch nicht brav genug. Nimm doch lieber den süßen Braunen da drüben.“

    Jawohl, ihr habt es erraten. Mit dem unerzogenen grauen Pony bin ich gemeint. Wer auch sonst. Ich bin das einzige Pony hier, was sich nicht anständig unterwirft. Ich habe halt meinen Stolz und anscheinend auch mehr Mut als die anderen hier, sich gegen den Menschen aufzulehnen.

    Der süße Braune ist übrigends mein Kumpel Smarty. Man könnte ihn auch einen kleinen braunen Schleimer auf vier kurzen Beinen nennen. Aber er ist eigentlich immer anständig und deshalb auch mein bester Freund. Selbst ein so unabhängiges Pony wie ich braucht einen Kumpel.

    „Den darfst du nächste Woche reiten, dann haben wir ihn so weit“, ertönt eine mir wohlbekannte und verhasste Stimme. Einer der beiden Männer, die mich zähmen wollten, und der, wie es scheint, das Leittier auf dem Hof ist, tritt neben meine Box.

    Es ist Kleine-Zweibeiner Zeit und da stehen wir eingerittenen Ponys Tag und Nacht im Stall.

    Langweilig! Und diese Umstände tragen nicht gerade zu meiner Gemütsruhe bei. Und dann regen die sich auf, wenn ich auf dem Platz erst einmal Dampf ablassen muss, anstatt im langsamen Trott meine Runden zu drehen. Versteh einer die Menschen!

    „Ich will das Pony aber JETZT reiten!“, ertönt es von unten energisch. Durchsetzen kann das kleine Ding sich, und penetrant sein auch, oh ja! Meine Hochachtung! Allerdings wirst du garantiert nicht auf meinem Rücken rumhopsen!

    „Ich kann dir ja mal zeigen, was der so macht, wenn da jemand drauf will“, meint der Herdenchef und zieht mir verdutztem Pony, schwupps!, ein Halfter über den Kopf. Verblüfft stehe ich noch vor der offenen Tür, als der Zweibeiner an meinem Seil zieht.

    „Los, beweg dich du kleines Aas!“, grummelt er und ruckt heftiger an dem Führdings. Ärgerlich gehe ich, nun wieder gefasst, einige Schritte rückwärts. Jedenfalls so weit es mir in der engen Box möglich ist. Ein bisschen freundlich könnte er schon mal sein, wenn er heute noch auf meinen Rücken steigen will!

    Widerwillig folge ich dem Mann zu dem Raum mit den ungeliebten Trensen und Sätteln. Er bindet mich an einen Balken an und schnallt mir unsanft diesen drückenden Lederhaufen auf den Rücken.

    „Gleich kannst du mal sehen, was kleine, bösartige Ponys anstellen können“, sagt er zu dem kleinen Zweibeiner. Allerdings hat er da die Rechung ohne mich gemacht. Ich hatte nämlich gar nicht vor, das bösartige Pony zu spielen, und ihm damit zu helfen. Nein, ich wollte nur einen kleinen Streit vom Zaun brechen. Das ist übrigends ein merkwürdiger Satz, den die Menschen aber häufig sagen. Und so ließ ich das unsanfte Satteln und Trensen zähneknirschend brav über mich ergehen und folgte ebenso scheinheilig dem verhassten Zweibeiner zum Platz mit dem Zaun drum. Der Mann musterte mich prüfend, verwundert über meine plötzliche Wandlung. Ich wusste, er traute mir nicht.

    Mit festem Griff packte er die Zügel und schwang sich, mehr oder weniger elegant, in den Sattel. Ebenso wie der kleine Zweibeiner, war er, als ich nicht wie erwartet, losschoss, sehr überrascht.

    „Aber der ist doch ganz lieb“, ertönte es vom Rand des Platzes.

    „Noch“, meinte der Mann auf meinem Rücken, „aber warte nur ab, bis der Schritt gehen muss.“

    Tja, pech gehabt. Auch als er mir die Fersen in die Seiten drückte, und das nicht gerade vorsichtig, bewegte ich mich nur im leicht verspanntem Schritt vorwärts.

    „Du hast gesagt, der ist wild!“, nörgelte der kleine Zweibeiner wieder.

    „Ja, normalerweise, aber ...“

    „Ich will den jetzt reiten, wenn der so lieb ist! Bitte Mama!!!“

    Da war er, mein Streit. Zufrieden schnaubte ich und drehte mit fröhlich gespitzten Ohren weiter meine Runden. Der Störenfried auf meinem Rücken sah das wohl als gutes Zeichen und zog kräftig an den Zügeln, so dass ich eine Vollbremsung hinlegte. Endlich stieg er von meinem schmerzenden Rücken. Diese Sättel waren wirklich sehr unbequem!

    „Na gut, aber erst einmal nur Schritt“, willigte der große Zweibeiner ein.

    „Ja! Hurra! Mama, ich darf das Pony doch reiten!“, quiekte das kleine Fohlen begeistert.

    Mist! Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich wollte diesen kleinen, zarten Menschen auch nicht verletzen. Dann halt nur davon überzeugen, dass ich nicht das brave Schmusepony war, für das sie mich hielten. Vielleicht würde der große Mensch dann ja Ärger bekommen! Da war mir alles recht.

    Mit Schwung landete das Fliegengewicht auf meinem Rücken. Bloß nicht fallen lassen! Meine guten Vorsätze waren jedoch verschwunden, als zwei kurze Beine ihre Hacken schwungvoll in meinen Bauch stießen und der kleine Mensch dabei „Hüh!“, schrie. Erschrocken prustete ich und machte einen Satz vorwärts. Der kleine Zweibeiner auf mir quietschte verängstigt und fing an zu schreien, als ich panisch lostrabte. Mit Schwung hopste es auf meinem Rücken auf und ab. Um den unangenehmen Gefühl zu entgehen, preschte ich im Galopp vorwärts und bekam gerade so noch die Kurve. Doch das Schreien und der Druck auf meinem Rücken wurde nicht weniger. Inzwischen war der Mann auf den Platz gelaufen und versuchte mich mit ausgebreiteten Armen zu stoppen. Vielleicht sollte der mir lieber das schreiende, ungemütliche Ding von meinem Rücken nehmen, anstattt nur wild rumzufuchteln und „Halt! Bleib stehen, du Mistvieh!“, zu rufen! Nervös und verschreckt warf ich den Kopf auf und tänzelte auf der Stelle. Der Chef packte meine Zügel und das Geschrei verstummte. Auch der Schmerz war plötzlich weg. Stattdessen plumste etwas neben mir zu Boden, was mich zu einem Seitensprung veranlasste.

    Fluchend hielt mich der Mann fest und riss an meinen Zügeln. Aua, lass das!, protestierte ich. Ich konnte schließlich nichts dafür. Er hatte mir dieses furchtbare Etwas auf den Rücken gesetzt.

    Während die Mutter besorgt ihr weinendes Fohlen aufsammelte, wurde ich unsanft zurück in die Box gebracht und an den Zügeln kurz und fest angebunden. Den Sattel bekam ich nicht abgenommen, obwohl mein Rücken inzwischen ziemlich wehtat.

    „Das hat ein Nachspiel, verlass dich drauf!“, drohte mit der große Zweibeiner. „Irgendwann kommst auch du zur Vernunft! Das bekommt dir auf Dauer besser!“

    Pah! Einschüchtern konnte der mich nicht! Aufgeben? Niemals!
  3. Nordwind



    Ein eisiger Wind fegte über die Wiese hinweg und griff mit kalten Fingern nach mir. Selbst er konnte meine trüben Gedanken nicht vertreiben. Frustriert drehte ich dem Sturm mein Hinterteil zu und begann zu grasen.



    Die Weide war so gut wie abgegrast, die Halme kurz. Meine Stimmung hob das natürlich nicht. Bald würde der Winter kommen. Hart und unbarmherzig. Wie immer. Wie jedes Jahr.

    An solchen Tage war ich froh über mein dichtes Winterfell. Es schützte mich vor Regen und Wind. Keine Seltenheit hier. Aber vor einem konnte es mich nicht schützen. Vor dem Menschen. Sattel und Trense wollten sie mir aufzwingen. Mich erniedrigen. Zu ihrem Reittier machen. Nein, das würde ich mir nicht gefallen lassen. Unter keinen Umständen würde ich einen Reiter tragen. Wie die anderen Pferde hier. Wie bereits meine Mutter. Ich hatte nie in der Wildnis gelebt, nie war ich frei umher galoppiert. Noch nie hatte ein Zaun meinen Weg behindert. Ich wollte frei sein.

    Wenn wir auf die großen Sommerweiden gebracht wurden, war die beste Zeit im Jahr gekommen. Hier war genug Platz zum Rennen, Toben, Spielen und Grasen. Es war ein Hauch von Freiheit, den wir dann erlebten.

    Jetzt war es Herbst. Die Zeit der Hofkoppeln. Klein waren sie. Zu klein. Der Sturm war abgeflaut zu einem kräftigen Wind. Bald würde wieder Stille einkehren.

    Ein schriller Pfiff ließ mich aufhorchen. Jetzt war es so weit. Der Mann, der uns pflegte und fütterte, kam mit einem Halfter auf mich zu gestiefelt. Hastig wich ich ein paar Schritte zurück. Sein Gesicht verzog sich zu einem unfreundlichen Ausdruck und ich beschloss, es nicht auf ein Fangspiel ankommen zu lassen. Lieber keine Menschen unnötig verärgern. Ein bisschen stellte ich mich beim Aufhalftern aber schon an. Der sollte bloß nicht denken, dass ich einfach so kampflos aufgab!

    Gestern schon hatten sie mir Sattel und Trense angelegt und mich im Kreis laufen lassen. Der Sattel war nach kurzer Zeit im Sand gelandet. Bei der Trense musste ich schließlich aufgeben. Erst hatte ich noch versucht, das Gebiss auszuspucken, aber das Ding war so verschnallt, dass ich es nicht los wurde. Mit der Gerte hatten sie mich aufgetrieben, mich angeschrien, als ich mich mit dem Sattel wälzen wollte. Verstört hatte ich versucht zu fliehen. Der Mann hielt mich zurück. Geschimpft hatten sie, oh ja.

    Nach ein paar lieblosen Bürstenstrichen kam der eine schon wieder mit dem Sattelding und der Trense an. Warnend legte ich die Ohren an, als er näher kam. Grummelnd legte er den Sattel auf meinen Rücken und wollte ihn gerade fest machen, als ich entschieden protestierte. Der Sattel landete wiederum im Sand. Fluchend beeilte sich der Mann, das Ding auf meinen Rücken zu bekommen. Ich protestierte heftig. Schließlich gab er es auf. Leider aufgetrenst, aber mit erhobenen Kopf marschierte ich neben dem einen Mann her. In dem umzäunten Viereck hielt er mich fest, während der andere sich bemühte, auf meinen Rücken zu gelangen. Ich bockte und tänzelte zur Seite. Jetzt nahmen sie mich in die Mitte. So eingeengt blieb mir nur noch die Flucht nach vorne.

    Ich zog an den Zügeln, stemmte mich dagegen. Es tat weh, aber besser, als einen Reiter auf dem Rücken zu haben. Plötzlich ließ der eine Mann mich los und ich schoss nach vorne. Aber was war das? Da saß der andere doch tatsächlich auf meinem Rücken! Wütend und panisch zugleich preschte ich buckelnd durchs Viereck. Mühsam das Gleichgewicht haltend. Ich bekam ihn nicht runter! Zitternd blieb ich schließlich stehen. Schaum bedeckte mein schönes Fell. Ich konnte einfach nicht mehr.

    Jetzt haben sie es geschafft!, schoss es mir durch den Kopf. Ich war besiegt. Unterdrückt, erniedrigt. Das war es, was ich nicht wollte. Noch nie gewollt hatte.

    In diesem Moment brauste der Wind wieder auf. Spielte in meiner Mähne, gab mir Kraft. Und erinnerte mich an die Freiheit. Ich wollte kämpfen!

    Mit meiner letzten Energie sprang ich zur Seite, bockte, stieg, sprang in die Luft. Und schließlich gelang es mir, den überraschten Menschen wieder auf den Boden zu bringen.

    Nein, so leicht würde ich nicht aufgeben!
  4. Mia

    Das kleine Mädchen hob den Kopf. Er war schwer vom Weinen und vor Müdigkeit. Viele Menschen waren vorbei gegangen. Keiner hatte etwas unternommen.



    Alle waren sie mit gesenktem Blick hastig an ihr vorbei geeilt. Manche hatten auch bloß geschaut. Aber alle waren sie weiter gegangen. Hastig, mit schnellen Schritten, als hänge ihr Leben davon ab. Als würde die Zeit so langsamer vergehen.

    Das erinnerte sie an eine Geschichte, die ihre Mutter ihr abends einmal vorgelesen hatte. „Alice im Wunderland“, hieß diese. Darin war auch ein Hase vorgekommen, der eine große Taschenuhr bei sich trug. Auch er war fortwährend in Eile gewesen.

    Wieder liefen ein paar Tränen über das Gesicht des Mädchens. Eigentlich war sie zu müde zum Weinen. Aber der Gedanke an ihre Mutter war einfach zu erdrückend.

    Woher sie die Kraft nahm, den Kopf zu heben? Sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern. Aber sie hatte etwas gespürt. Es war wie eine Berührung gewesen. Weich, sanft und angenehm. Schüchtern hob sie den Blick, als sie eine freundliche Stimme vernahm. Die Stimme war leise, aber trotzdem klar und hell.

    „Weine nicht, denn ich bin jetzt bei dir.“

    Verstört sah das Mädchen sich um, konnte aber niemanden entdecken.

    Langsam schien die Welt um sie herum zu verschwimmen. Die Gestalten wurden zu grauen Schemen und die Straße verschwand. Selbst die harte, kalte Mauer wurde angenehm. Das kleine Mädchen fühlte, wie eine Welle der Erleichterung sie überkam und einfach mitschwemmte. Widerstandslos ließ sie es geschehen. Als wäre sie an einem Ziel angekommen, welches sie so lange gesucht hatte.

    „Wie heißt du?“, fragte die Stimme. Aber diesmal hatte sie ein Gesicht. Ein Wesen, das nicht von dieser Welt zu kommen schien, trat auf sie zu. Mit großen Augen schaute das Kind dem schönen Geschöpf entgegen. Es war, als würde es von innen aus sich heraus leuchten.

    „Wer bist du?“, brachte es schließlich atemlos heraus. „Ich bin ein Engel. Ein Bote des Lichts. Und ich bin gekommen um dir beizustehen“, sagte das Wesen und wiederholte seine Frage. „Wie heißt du?“

    „Mia“, antwortete das kleine Mädchen.

    „Wie gesagt bin ich gekommen um dir beizustehen und dir zu helfen. Ich kann dich erlösen, von der Angst und der Trauer, die in dir ist.“

    „Wie willst du das machen? Du kannst mir meine Eltern doch nicht wieder lebendig werden lassen.“ Mit einer Mischung aus Trauer und ein bisschen Hoffnung sah Mia den Engel an.

    „Nein, das ist wohl wahr. Zurückbringen kann ich dir deine Eltern nicht. Aber ich kann dich zu ihnen führen und dich von all dem Leid erlösen. Doch wähle deine Entscheidung sorgsam, denn du hast nur ein Leben.“

    Unsicher schaute Mia die Gestalt vor ihr an. „Ich weiß nicht“, sagte sie zögernd.

    „Ich will dir etwas zeigen“, sprach der Engel und legte dem kleinen Mädchen eine Hand auf den Kopf. Bilder durchströmten Mia. Bilder aus ihrem Leben. Ihr Vater, ihre Mutter. Sie mit ihren Eltern auf einem Spaziergang, beim Frühstücken, am Meer. Ein seliges Lächeln strich über ihr Gesicht. Der Engel nahm seine Hand wieder von ihrem Kopf und sah sie an. Immer noch lächelnd sah Mia ihn an. „Das war schön“, sagte sie.

    „Aber das war noch nicht alles.“ Wieder legte der Engel die Hand auf den Kopf des Mädchens. Beide wussten, was nun kommen würde.

    „Nein!“, stöhnte sie leicht auf. Doch die Bilder kamen. Ihr Vater, wie er blass und friedlich, wie ruhig schlafend, vor ihnen aufgebahrt lag. Die grauen Tage danach. Das Gesicht ihrer Mutter. Bleich, müde und erschöpft. Das Krankenhaus. Das blassgelbe Krankenzimmer. Ihre Mutter, ausgemergelt, grau im Gesicht. Die Augen geschlossen.

    „Mama, Papa“, flüsterte das Mädchen. Tränen liefen über ihr Gesicht. Der Engel zog sich leicht zurück.

    „Komm“, sprach er.

    Mia stand langsam auf und griff nach der ihr angebotenen Hand. Gemeinsam gingen sie auf das Licht zu.

  5. Ich war dem züngelnden Seil schutzlos ausgeliefert. Immer häufiger griff es nun nach mir, peitschend, nicht bereit seine Beute entkommen zu lassen. Angetrieben von der Angst, die mich ergriff, schoss ich am Berghang entlang.



    Der Mann folgte mir wie ein Schatten. Ross und Reiter schienen miteinander zu verschmelzen und diese Einheit verfolgte mich gnadenlos. Sie hetzten mich ohne Pause, schon bald ermüdete ich.

    Mein ganzer Körper war schweißüberströmt und auf dem Hals bildeten sich Schaumflocken. Auch meine Verfolger kämpften sich Meter um Meter vorwärts. Ich hatte einen kleinen Vorsprung gewonnen, den ich immer weiter ausbaute. Rasch sah ich mich um. Die Gegend kam mir bekannt vor und doch fühlte ich mich verloren. Ganz in der Nähe gab es einen, von Büschen verdeckten Waldweg. Wenn ich es bis dahin schaffte ...

    Ein lauter Ruf schreckte mich aus meinen Gedanken auf und spornte mich an. Fast schon verzweifelt stürmte ich um eine Kurve und sprang über dichtes Gestrüpp. Schließlich fand ich mich auf einem von Bäumen gesäumten, engen Pfad wieder. Der versteckte Weg! Ich hatte es geschafft.

    Vor Anstrengung zitternd stand ich zwischen den grünen Giganten. Gespannt wartete ich auf meine Verfolger. Dieser ritt verwundert und enttäuscht an meinem Versteck vorbei. Fluchend zog er weiter. Erleichtert begann ich das spärliche Gras abzurupfen. Irgendwo zwitscherte ein Vogel und die Stille des Waldes beruhigte mich. Langsam trottete ich den Pfad entlang, immer weiter in den Wald hinein. Es duftete nach Kiefernharz und Fichtennadeln. Schnuppernd sog ich die Luft ein und schüttelte munter meine üppige Mähne. Ich ließ den Wind in ihr spielen, suchte mir einen ruhigen, geschützten Ort und legte mich zum schlafen ins weiche Moos nieder. Das widersprach zwar unseren Gewohnheiten, aber ich war so müde, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Leicht flüsterte mir der Wind Geschichten ins Ohr. Geschichten von ewiger Freiheit, so schlief ich schnell ein.

    In meinen Träumen galoppierten wir alle gemeinsam über die feuchten Wiesen. Die Fohlen sprangen munter umher. Plötzlich stürzte eines zu Boden. Ein Schatten legte sich über den kleinen Körper. Das Fohlen wieherte ängstlich ...

    Zitternd schreckte ich hoch. Der schrille Ruf des jungen Lebens hallte noch in meinen Ohren. Vorsichtig sah ich mich um, konnte aber niemanden entdecken. Ich erhob mich und schüttelte den Sand aus meinem Fell. Es wurde schon Nacht, und der Mond erleuchtete die kleine Lichtung. Libellen tanzten wie Feen im silbrigen Licht der Nacht. Libellen! Das bedeutete, dass ganz in der Nähe eine Wasserstelle sein musste! Durstig verließ ich den verzauberten Ort und machte mich auf die Suche nach etwas zu trinken.
  6. Hab ich auch irgendwann mal angefangen... ^^



    Die graue Stute entfernte sich langsam von der Herde. Der Leithengst, ein stämmiger Schimmel, sah ihr nach. Die Stute war noch jung, es war ihr erstes Fohlen, das sie zur Welt bringen sollte, doch ihr Instinkt riet ihr das richtige.



    Verborgen zwischen den hohen Sträuchern der Camargue legte die Graue sich nieder. Ihr Körper erzitterte unter den Wehen, als sie das Fohlen herauspresste. Der Atem ging angestrengt und sie stöhnte noch einmal auf, dann lag es neben ihr. Ein kleines hellgraues Fohlen mit einem feinen weißen Stern auf der Stirn und einer weißen Socke. Liebevoll fuhr die Graue mit der Zunge über das feuchte Fellbündel. Dieses stieß ein klägliches Wiehern aus und strampelte mit den langen, dünnen Beinen. Die Mutter stand auf und ihr Stutfohlen versuchte es ihr gleichzutun. Doch immer wieder fiel es um. Plumps! Verdutzt saß es auf seinem kleinen Hinterteil. Brummelnd ermunterte die Stute ihr Neugeborenes. Endlich klappte es. Genüsslich saugte das Fohlen die süße Milch. Gemeinsam kehrten die beiden zur Herde zurück.



    %%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%%



    So wuchs ich wohlbehütet auf, sorgsam bewacht von meiner Mutter Silbermöwe, mit der ich jedes Jahr in die Ebene an meinen Geburtsort zurückkehrte. Unser Leithengst Giron, mein Vater, leitete uns über die Jahre, in denen ich groß wurde, sicher von einem Ort zum anderen.



    Ich war vier Jahre alt, als jenes Ereignis geschah, welches mein Leben verändern sollte.

    Es war ein friedlicher Aprilmorgen, der Nebel lag noch über der sumpfigen Wiese und die Herde weidete friedlich am Rand des kleinen Tümpels. Ein Reiher stakste durch das seichte, klare Wasser. Ich döste an der Seite meiner Mutter vor mich hin, als ein sich rasch näherndes Pferd uns aufschreckte.

    Es kam im rasenden Galopp von den naheliegenden Dörfen. Wir hielten stets Abstand von den Menschen, weil sie manchmal einige von uns einfingen. Und nun saß einer dieser Zweibeiner auf einem drahtigen Braunen, der auf die Herde zukam. Diese stob auseinander und riesige Wasserfontänen spritzten auf, als wir durch das niedrige Wasser preschten. Meine Mutter und ich liefen am Rand der Gruppe von etwa 25 Pferden. Darunter waren auch zwei Fohlen, schon ziemlich flink auf den Beinen. Schnell erreichten wir den Rand der Wasserfläche und legten an Tempo zu. Unsere Mähnen und Schweife flatterten, gepeitscht durch den Wind, der über die weite Ebene strich. Schneller, immer schneller wurden wir, unsere Hufe trommelten einen rasenden Dreitakt. Der Reiter schloss immer näher auf. Ich warf einen Blick zurück - und wieherte panisch auf, als ein Seil mich knapp verfehlte.

    Er drängte mich von der Herde ab, die mir über die Jahre solchen Schutz geboten hatte. Schrill rief ich nach Silbermöwe, doch Giron drängte weiter. Sie warf mir einen letzten verzweifelten Blick zu, dann verschwanden sie um einen Bergausläufer.

    Nun war ich allein auf mich gestellt!

  7. Mein Besitzer drückte diesem Unwissendem die Zügel in die Hand und machte Shirokko bereit. Ich würdigte meinen neuen Reiter jedenfalls mit keinem Blick. Er schien gar nicht genug von mir zu bekommen, so wie der mich anstarrte.



    Dann ging es los, in den Wald. Am liebsten hätte ich den Zweibeiner, der auf meinem Rücken thronte, gleich wieder abgesetzt, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Nicht, dass sich der Herr verletzte und mein Besitzer dafür gerade stehen musste (was für mich auch Konsequenzen haben würde). Also verließ ich zusammen mit Shirokko brav den Hof.

    Ich konnte meinen Reiter, der übrigends Herbert Siehl hieß, fast schon triumphierend grinsen hören. "Na warte nur", dachte ich mir.



    Wir waren schon ein gutes Stück vorangekommen, als ich plötzlich meine Beine in den Boden rammte und nicht mehr zu bewegen war.

    "Komm schon, Hambrizan. Du wirst dich doch wohl nicht mit mir anlegen wollen?", schnarrte Herr Siehl.

    Die Antwort war ein großer Satz nach vorne, der ihm die Zügel nahm und ein Bocksprung, der den ach-so-tollen Reiter auf meinen Hals beförderte. Genüsslich ließ ich ihn in den Sand rutschen.

    Empört und mit hochrotem Kopf erklomm er meinen Sattel, um wenige Augenblicke später wieder auf dem Boden zu landen. Schließlich schrie er: "Wenn du Mistvieh glaubst, mir den Tag verderben zu können, dann hast du dich geschnitten!"

    Seine Frau schlug ihm vor, die Pferde zu tauschen und er antwortete darauf mit einem "Gute Idee, auf diesen Bock setz ich mich nicht mehr".

    Frau Siehl griff nach meinen lose baumelnden Zügeln und schwang sich auf mich. "Mission erfüllt", dachte ich mir. Die nette Dame auf dem Rücken zu haben, erschien mir angenehmer und so verlief der Ausritt ohne weitere, naja sagen wir mal "Zwischenfälle". Shirokko traute sich nicht, dem reichlich groben Herbert die Stirn zu bieten.



    Wir kamen also wieder am Hof an, wo mein Besitzer uns beide in Empfang nahm und die Tatsache, dass Herr Siehl mit schmutziger Hose auf Shirokko saß, nur mit einer hochgezogenen Augenbraue zur Kenntnis nahm. Eines musste man meinem Besitzer ja lassen, Anstand hatte er.



    Wir wurden abgesattelt und angebunden, um auf die nächsten Reiter zu warten. Bei den Menschen fiel kein Wort über die Dinge, welche draußen im Wald passiert waren. Ganz im Gegensatz zu uns Pferden. Wir diskutierten lebhaft über diese Angelegenheit ...

  8. Hab ich irgendwann mal angefangen zu schreiben.Mal sehen ob ichs zuende bringe...



    Blitze zuckten über den tiefschwarzen Himmel und Donner zerriss die unheimliche Stille. Bei jedem Schlag fuhr ich zusammen. Gewitter! Ich hasste Gewitter!



    Missmutig kehrte ich dem Unwetter den Rücken zu und knabberte gelangweilt an meinem Stroh. Das Heu war längst alle und mein Besitzer kam natürlich nicht auf die Idee, mir neues zu bringen. Er kümmerte sich sowieso kaum um uns. Naja, er behandelte uns nicht schlecht, aber wir hatten trotzdem immer nur das nötigste um zu überleben. Bei schönem Wetter durften wir manchmal raus, auf eine kleine, spärlich bewachsene Weide. Aber das kam meist nur im Sommer vor. Ich lebte nun schon seit drei Jahren auf diesem Hof und vermisste jeden Tag aufs neue meine alte Besitzerin. Damals hatte ich seidiges schwarzes Fell gehabt und meine Augen hatten geglänzt. Jeden Tag war ich raus auf die Koppel gebracht worden, raus zu meinen Artgenossen. Nun war mein Fell stumpf und meine Augen hatten schon längst den Glanz des Übermutes verloren. Ja, wie schön war es damals gewesen. Ein heftiger Donnerschlag riss mich aus meinen Gedanken!



    Drüben, in den Steinboxen hörte ich Cherié ängstlich wiehern und ich begann unruhig in meiner Box hin und herzulaufen. Wachsam, wie immer, den nächsten Donner abwartend. Der Sturm peitschte die Zweige der Eiche gegen meine Boxenwand und der Regen durchtränkte die Wiesen. Doch irgendwann wurde der Orkan zu einem sanften Wind und der Donner verstummte. Erschöpft legete ich mich ins Stroh. Inzwischen war es Nacht. Als ich erwachte, schien die Sonne durch den Frühnebel, der die Landschaft umfloss. Ich rappelte mich auf und trat an die Tür. Schnobernd sog ich die frische Morgenluft ein. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Suchend blickte ich mich nach meiner täglichen Ration Heu um und als ich sie nirgendwo fand, nahm ich einen Schluck aus dem Wassereimer. Buäh! Ich schüttelte mich. Das Wasser schmeckte abgestanden und ich unterdrückte meinen Durst. Hoffentlich würde bald unser Besitzer kommen, um uns zu versorgen. Ich hörte die Tür des Wohnhauses gehen und kurz darauf bog mein Besitzer mit der Heukarre um die Ecke. Nachdem die Pferde in den Steinboxen versorgt waren, fütterte er mich. Beim hereinkommen sprach er mich doch tatsächlich einmal an! Was er wohl wollte?

    "Na Hambrizan, ich hoffe, du bist fit für einen anstrengenden Tag!"

    Oh wie sehr ich diesen Blick und diese Stimme hasste! Beleidigt legte ich die Ohren an und fraß weiter. Der sollte bloß wieder verschwinden! Doch der Mann lachte nur und wartete, bis ich fertig war. Dann streifte er mir mein rotes, zerschlissenes Halfter über und brachte mich zum Putzplatz. Ich wurde flüchtig übergebürstet und dann stehen gelassen. Kurz darauf kam mein Besitzer mit Grána und Shirokko an der Hand wieder. Auch die beiden wurden angebunden. Freundlich brummelte ich ihnen zu. Begrüßen konnte ich sie nicht, denn wir waren wie immer in einem Abstand angebunden, der keinen Kontakt zuließ. Also döste ich vor mich hin und wartete auf meine erste Aufgabe. Ich schreckte auf, weil mir ein Gegenstand unsanft auf den Rücken geworfen wurde. Empört über diese grobe Behandlung keilte ich aus. Die Antwort war ein festgezurrter Sattelgurt und ein Schlag auf die Kruppe. Langsam drehte ich meinen Hals, als ich zwei fremde Stimmen hörte. Kundschaft! Ein gut gekleideter Herr und eine nicht weniger schick angezogene Dame kamen mit unserem Besitzer auf mich zu.



    Misstrauisch beäugte ich den Herrn. Dieser guckte genauso kritisch zurück.

    "Der schwarze Araber ist für Sie, Frau Siehl. Und der große Braune dort für Sie", ertönte die Stimme meines Besitzers. Mit dem großen Braunen meinte er Shirokko, und der schwarze Araber war natürlich ich. Oder sollte ich lieber sagen: leider? Ich hatte mehr Lust darauf in der Sonne zu stehen, als mit irgendwelchen wildfremden Menschen durch die Gegend zu latschen. Das bekam mein Besitzer dann auch beim auftrensen zu spüren. Ich riss den Kopf so hoch wie ich konnte (das war ziemlich hoch!)und tänzelte hin und her. Erregt schaffte es unser Besitzer es schließlich mich zu trensen.

    "Dieses Pferd braucht eine feste Hand, nimm du lieber den Braunen, Schatz!", vernahm ich die arrogante Stimme des Herrn in Bluse und blitzblanken Stiefeln. Pah! Ich brauchte keine feste Hand! Der einzige, der eine brauchte, war er. Beleidigt wich ich ihm immer wieder aus, als er aufsteigen wollte. Dem würde ich es zeigen!