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Sommerwind Teil 1

Geschrieben von ChiaraBaptistaa im Blog ChiaraBaptistaa. Ansichten: 183

'baskerville old face'Wiedersehen

'baskerville old face'Ich unterdrückte einen Schrei, doch für eines war es nun zu spät: Flucht. Henry stellte sich beschützend zwischen meine zurückgelassenen Beschützer und mich. „Belou…“ begann Kyle, doch weiter kam er nicht. Henry fragte in einem Plauderton, der so gar nicht zu seiner aggressiven Körperhaltung passen wollte, „ Hast du ein Problem, Weter?“ Und Kyle fauchte Henry an, James, der mit zwei Diamantengläsern wieder auf die Lichtung kam, stellte sich neben seinen Bruder und knurrte Ian an. Ich saß einfach nur da und starrte auf meine Füße. Ich merkte gar nicht, wie Akira zu uns kam und mir eine Hand auf die Schulter legte. „Steh auf, Belou. Wir haben uns entschieden, dass der Mond günstig steht, deine Bestimmung herauszufinden. Also, erhebe dich.“ Seine Stimme dröhnte laut über die erneut in Stille liegende Lichtung. Selbst die Irrwichtel schienen erstarrt zu sein. Ich spürte, wie Akiras Hand von meiner Schulter sank, und Henry nach meiner rechten Hand griff. Hilfesuchend ergriff ich sie, dankbar, wenigstens jemanden zu haben, der mir aufhilft und mich stützt. Leicht drückte er meine Finger, was mich dazu brachte, hochzuschauen. Ich sah in seine wunderschönen Augen, ganz nah war er mir. „Danke.“ Flüsterte ich so leise, dass uns niemand andres hören konnte. „Immer, Belou.“ Antwortete er. Wir gingen an das Feuer, das immer noch munter vor sich hin brannte und prasselte. „Charles, Magnolia und ich haben uns heute hier zusammengetan, um über Belou zu urteilen. Wie ihr alle wisst, gehört sie noch keinem Rudel zu und muss sich bald entscheiden.“ Begann Akira, und Henry drückte meine Hand noch ein wenig fester. „Charles, der Anführer der Neutralen – ein Mensch. Magnolia, die Anführerin der Weten – Tigerin. Und Akira kennst du ja bereits.“ Erklärte er mir. Ich musterte die Anführer der Rudel durchgehend, bis Henry meinte, es sei an der Zeit, dass ich etwas zu meinem Schicksal sage. „Ehem.“ räusperte ich mich, um mir Gehör zu verschaffen. „Wenn ich auch etwas sagen dürfte..?“ fragend schaute ich Akira, Charles und Magnolia an. Als sie nickten, begann ich. „Also, erst einmal möchte ich sagen, dass ich bis vor kurzem nicht wusste, dass ich das überhaupt kann, dass mit dem Gestaltwandeln und so. Und dann hielt ich meine Träume, die ja eigentlich keine Träume waren, für Schwachsinn und ignorierte sie einfach. Bis ich hierher kam, war mir nicht bewusst, dass ihr wegen mir euch stundenlang beraten, und Versammlungen und weiß der Himmel was noch alles einberufen müsst. Also, was ich sagen will ist ganz einfach, die Seiten – Gut, Böse und Neutral – hätten mit mir keinen Hauptgewinn. Ich kann weder jagen, noch sonst etwas gut, dass man im Wald als Rudel zum Überleben braucht. Außerdem… Nach dem heutigen Abend, der Lichtung, den Irrwichteln und ihren Zauberspielchen, entscheide ich mich letztendlich, auf wessen Seite ich stehe. Und da ich schon immer auf mein Herz gehört habe, und das auch weiterhin gerne tun möchte, hoffe ich, dass alle hier versammelten – Ob Wete, Ampure oder Furile – meinen Entschluss akzeptieren, dass ich mich der Seite anschließe, in der James und sein Bruder Henry sind. Welchen Anführer ich haben werde, welche Pflichten ich zu erledigen habe und was auch immer ich tun muss, um mein Rudel zu beschützen, ich werde bereit sein, Opfer zu bringen und die Sicherheit meines Rudels über mein Eigenes stellen. Danke.“ Endete ich, ziemlich außer Puste und mit freundlichen Handschlägen und Wörtern. Dankend nahm ich das Getränk an, das James uns besorgt hatte, und lächelte dankbar.

'baskerville old face' Henry, der immer noch meine Hand hielt, versteifte sich als er sah dass Kyle und Ian auf uns zukamen, ebenso sehr wie ich. „Hallo, Schwester.“ Begrüßte Ian mich kalt, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Ian, Kyle. Das sind Henry und James.“ Stellte ich die neue Runde einander vor. „Mein Bruder und mein Beschützer.“ Erklärte ich. „Jetzt nicht mehr. Wir sind nun keine Geschwister mehr, ebenso wenig wie Kyle noch dein Beschützer ist. Du hast dich einem anderen Rudel angeschlossen, was bedeutet, wir sind Fremde, Belou.“ Mit diesen Worten drehten sie sich um und gingen quer über die Lichtung davon. „Was soll das heißen, ‚nicht mehr‘? Warum sind die zwei denn so sauer?“ ungläubig hoffte ich auf eine Antwort, doch weder James noch Henry antworteten, sie starrten einfach nur auf den Fleck, auf welchem Kyle und Ian noch vor ein paar Augenblicken gestanden hatten. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung war, und es war auch Akira, der mich über das eigenartige Verhalten meiner beiden Vertrauten aufklärte. „Weten wie ihnen ist es nicht erlaubt, Verwandtschaften oder Freundschaften in verschiedenen Rudeln zu haben. Das ist eine der obersten Regeln. Wir als Furile gelten als die schlimmsten Rudel unter den Geschöpfen der Nacht, und bei manchen trifft das auch zu. Wir sind die stärksten und das beweisen wir auch. Und die Weten, wie es deine früheren Begleiter sind, denken genauso. Doch keine Angst, deine neuen Begleiter und Verbündete bei der Jagd mochten dich schon auf Anhieb – vor allem Henry scheint von dir begeistert zu sein.“ Verschmitzt lächelnd brachte er mich zu meinen neuen Begleitern zurück. „Die Regeln“, meinte er, „wirst du noch früh genug lernen.“ Und mit diesen Worten nickte er uns ein letztes Mal zu, bevor er in der Menge verschwand. „Die Versammlung ist beendet. Alle Geschöpfe der Nacht haben Zeit, bis der Mond den Horizont berührt, die Lichtung wieder von Schmutz zu befreien und in ihre Territorien zurückzukehren.“ Rief der Anführer der Neutralen, der Mensch namens Charles laut. Henry nahm mich erneut bei der Hand, pfiff leise eine kleine, sanfte Melodie, und zwei Irrwichtel begleiteten uns drei zu unserem Zuhause. Jetzt war mir noch nicht bewusst, dass ich meine früheren Begleiter das letzte Mal in friedlicher Absicht gesehen hatte.



'baskerville old face'Die Füchsin

'baskerville old face'Als wir im Lager ankamen, waren alle Blicke auf mich gerichtet. Die Neue, die an Henrys Hand hing wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring. Unsicher folgte ich Henry, und war überrascht, als die Unterhaltungen weitergeführt wurden, wie vor meinem Erscheinen. Wir betraten eine kleine Hütte, die von außen kleiner aussah als von innen. Ihre Wände waren aus massiven Baumstämmen, die Möbel im hellen Beige gehalten. Alles wurde geheizt von einem riesigen offenen Kamin im Wohnraum. „Hier kannst du vorerst bleiben. Doch irgendwann musst du dir mit deinem Gefährten eine eigene Hütte bauen oder die eines verstorbenen Ältesten beziehen. Joanne, ich bin Zuhause!“ rief Henry, und aus dem Raum, den ich als Küche vermutet hatte, kam eine blonde Frau Anfang zwanzig, kleiner als Henry und ich, auch etwas kräftiger als ich, denn an mir war nur ein wenig kurviges Land verloren gegangen. „Hallo. Du bist doch sicher die Neue im Rudel, über die ganzen Leute reden. Willkommen!“ Joanne kam kurzerhand auf mich zu und umarmte mich herzlich. „Schön, dass du da bist. Ich habe schon einen Platz für dich, auf dem du schlafen kannst. Weißt du schon, was du bist?“ fragte sie mich. „Eine Füchsin.“ Antwortete Henry anstatt meiner. „Oh! Dass ist aber schön! Wir hatten noch nie eine Füchsin zu bewirten!“ glücklich drehte sie sich begeistert zu Henry und küsste ihn auf den Mund. Beschämt, dass ich die ganze Zeit seine Hand gehalten hatte, schaute ich zu Boden. „Doch… Joanne, könnte ich mich schlafen legen? Ich habe seit Nächten nicht mehr geschlafen.“ Müdigkeit zerrte an mir, und ich fühlte den Drang ihr nachgeben zu müssen. „Aber sicher.“ Sie nahm meine Hand und ließ Henry hinter sich in der Stube zurück. „Macht es euch wirklich nichts aus, wenn ich erst mal hier bleibe?“ bedrückt fragte ich sie dass, was ich meinte. „Aber natürlich macht es uns nichts aus, Kleines.“ Ihre laute Stimme war viel zu laut für ihre kleine Gestalt.

'baskerville old face'Mein Zimmer war groß und geräumig, zwei große Fenster ließen immer Sonnen- oder Mondlicht hinein und der Raum hatte einen kleinen Kamin in der Ecke stehen. Alles war in hellen Waldtönen gehalten, und durch die Fenster, durch die man den Wald erblickte, sah alles so aus, als ob die Möbelstücke in der Mitte des Waldes stünden. „Gefällt es dir?“ riss Joannes Stimme mich aus meinen Gedanken. „Ja, es ist wunderschön.“ Antwortete ich, immer noch verträumt.

'baskerville old face'Als Joanne ging, riss ich die Türen des natürlich gehaltenen Kleiderschrankes auf und zog mir meine Sachen aus, und legte sie ordentlich gefaltet hinein. Es klopfte, und ich – nackt – stand vor dem Kleiderschrank, zwei Meter vom Bett entfernt. „Darf ich..?“ fragte mich die Stimme von Henry gedämpft durch das Holz der Tür, bevor sie sich öffnete. „Nein!“ rief ich, fiel auf alle Viere und stand als Füchsin vor dem Kleiderschrank. „Belou? Wie hast du das gemacht? Du kannst das doch noch gar nicht kontrollieren!“ entsetzt über meine Verwandlung und erstaunt darüber, wie schnell es ging, und wie schmerzlos es war. Belou, du kannst nur mit Gedanken mit mir reden, solange ich ein Mensch bin. Henrys Stimme schwirrte durch meinen Kopf, schwer vor Sorge. Tut dir irgendetwas weh? Hast du dich gestoßen? Warum hast du dich verwandelt? Sag was, Belou! Sein Gesichtsausdruck war vor Angst ganz verzerrt. Er hatte Angst um mich! Alles in Ordnung, ich hab mich nur erschreckt, und mich dann irgendwie verwandelt. Ich habe vor meinem Kleiderschrank gestanden. Nackt. Und dann hast du die Tür geöffnet und ich hab mich so hier wieder gefunden. Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit, und er lachte ein schiefes Lächeln, das jeden Stein zum Schmelzen bringen konnte. Soll ich dir zeigen wie man sich zurückverwandelt? Schelmisch lächelte Henry auf mich herunter, und ich musste auch ein wenig grinsen, bis mir einfiel, dass Joanne ihn ja geküsst hatte, und ich feuerte das Bild aus meinen Erinnerungen auf ihn ab. Sein Lächeln verschwand. Joanne wird das sicher verstehen. Sie hat schon einiges mitgemacht. Hier geht jeder „freundlich“ mit den andren Kameraden um. Das ist Tagesordnung. Doch er wich ein wenig zurück. „Ich kann auch rausgehen, wenn es dir lieber ist…“ niedergeschlagen sah er auf seine Füße. Nein! Bitte, hilf mir. Ich schaff das nicht allein. Ich ging wacklig auf Pfoten ein paar Schritte auf ihn zu. Okay. Warte. Er setzte sich neben mich und verwandelte sich in einen hellgrauen Wolf. Mach jetzt genau das, was ich dir sage, Belou. Streng sah der Wolf mich an. Du musst dich ganz genau darauf konzentrieren, keinen Fehler zu machen, okay? – Ja, was muss ich machen? Ich erwiderte seinen Blick und musste niesen. Zuerst musst du ein Bild von deinem Körper in dir heraufbeschwören. Nichts verschönern, erinnere dich an alle Kleinigkeiten, deine Makel, die du am Körper hast. Stell ihn dir vor, als ob du an deinem nackten Körper herunterschaust. Dann musst du dich darauf konzentrieren, wie eine Füchsin zu dem menschlichen Körper wird, wie du wieder aufrecht gehen und stehen kannst, und richtige Wörter sprechen kannst, nicht nur animalische Laute von dir gibst. Seine Lefzen zogen sich nach oben, so als ob er grinst, und ich rammte ihm meine Schulter in die Seite. Okay, Henry. Hilf mir, wenn ich deine Hilfe brauche, okay? – Kein Problem. Antwortete er, als ich begann, das Bild meines zerschundenen Körpers in meinem Kopf hervorzurufen. Ich betrachtete die Narben, und die Brandmale, und all die Hautfetzen, die nie wieder so aussehen werden wie früher. Wer hat dir das angetan? Erschrockenheit und Erstaunen klangen in seiner Stimme mit. Der Mann, der meine Mutter erschoss und Ian angeschossen hat und in den Wald trieb. Er hat mich mitgenommen und mich eingesperrt. Zehn Jahre lang. Folter, Brandeisen und ******ung. Sieht ziemlich schlimm aus, was? Das ist auch der Grund, warum ich es vermeide, dass mich irgendwer nackt sieht. Das Bild begann sich zu bewegen, meine Erinnerung stand vom Waldboden auf und lief auf zwei Beinen durch den Wald. So ist es gut. Lobte Henry, und ich merkte, wie mein Fell sich unter die Haut zog, meine Beine und Arme länger wurden, und ich meine Rundungen zurückbekam. Als ich die Augen öffnete, stand ich –splitterfasernackt- vor Henry, der ebenfalls keinen Fetzen Kleidung an seinem perfekten Körper trug. Ganz der feine Herr reichte er mir ein Kleid, dass wohl von Joanne stammte. „Sieh mich nicht so an, ich sehe schrecklich aus.“ Ich drehte den Kopf weg, und begann an dem Korsage des Kleides zu ziehen und zu zerren. „Du siehst toll aus. Auch mit den Narben und Misshandlungsspuren am Körper. Gerade das macht dich besonders, anders als alle Anderen. Du bist toll, so wie du bist.“ Sein Zeigefinger strich über die Narben an meinem Bauch. „Und wer würde dich nicht als Frau haben wollen? Du siehst wunderschön aus – Wie eine Nymphe, oder ein anderes wundervolles Geschöpf.“ Murmelte er. Ich konnte nicht wissen, wo sein Gesicht war, denn ich hatte meine Augen geschlossen, genoss die sanften Berührungen am Bauch und genoss es, dass er mich schön nannte. Sein Atem ging schwer, ich merkte ihn an meiner rechten Schulter, und drehte automatisch mein Gesicht in die Richtung. „Ich wüsste nicht einen Mann, der dich nicht haben wollte.“ Heiser dröhnte Henrys Stimme. Dann spürte und hörte ich nichts mehr, denn er zog mich an sich heran und drückte mich an sich, als ob er mich beschützen müsste und mich nie mehr loslassen würde, käme nicht das Signal der Furile, das Horn, und befehligte uns alle uns auf der Mitte des Lagers zusammenzutreffen. Schnell half mir Henry in das mintgrüne Kleid, dass ab den Hüften abwärts weit ausgestellt war. „Kann es sein, dass du weder irgendwann in deinem Leben getanzt, noch ein Kleid getragen hast?“ fragte er belustigt, als er mitbekam, wie hilflos ich mit dem schnüren des Korsage war. „Stimmt genau.“ Antwortete ich, als wir, Arm in Arm, das Haus verließen und durch das Lager in die Mitte gingen.

'baskerville old face'„Meine Gefährten, wie ihr alle wisst, haben wir ein neues Rudelmitglied. Ihr Name ist Belou, und sie ist relativ blutig, was das Verwandeln und die Jagd angeht. Bitte, zollt ihr ein wenig Respekt und habt Nachsicht mit ihr, falls sie etwas nicht auf Anhieb beherrscht. Sie ist eine eifrige Schülerin, wie ich gehört habe, jedoch hat sie ihren eigenen Kopf. Ah, da ist sie auch schon. Schön, dass du gekommen bist, mein Kind“ begrüßte Akira mich. „Wie dem auch sei. Bitte begrüßt unser neuestes Rudelmitglied; Die Füchsin Belou!“ endete er, und ich bekam einen Schlag auf den Kopf.





'baskerville old face'Erwachen



'baskerville old face'Als ich erwachte, pulsierte mein Kopf so stark, dass ich am liebsten wieder in Ohnmacht gefallen wäre. Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen. Aber von wem? „Du bist also wach, Belou. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Hoffentlich wird er dafür bestraft. Gewalt untereinander im Rudel ist strengstens verboten. Und wer diese Regel missachtet, wird bestraft.“ Henry klang wütend und aufgebracht. „Bitte, sei nicht so hart und laut, Henry.“ Flüsterte ich und merkte, wie er sich beruhigte. „Wer war das?“ wollte ich wissen. „Orie. Er hat einen Schock bekommen, sagen alle. Sie meinen, er hätte nicht so reagiert, hätte er dich gekannt. Aber den letzten Fuchs, den wir im Rudel hatten, hat mehr oder weniger dazu beigetragen, dass der Krieg ausbrach. Und der alte Orie meinte dann, dass du das auch tun könntest. Es hat Stunden gedauert, zu ihm vorzudringen und ihn vom Gegenteil zu überzeugen.“ Klärte Henry mich auf. Ich saß plötzlich aufrecht im Krankenbett. „Krieg?“ fragte ich verwirrt, denn von Kämpfen und Kriegen hatte ich bis jetzt noch nichts erfahren. Beruhige dich. Ja, den großen Krieg zwischen den Geschöpfen der Nacht. Seit zehn Jahren bekämpfen die Furile die Weten und die Ampure. Seit zehn Jahren halten wir unsere Gruppen so klein, dass ein Verlust aufgestockt werden kann. Seine Stimme in meinem Kopf hatte etwas Beruhigendes und ungewohntes. „Und warum kämpfen wir?“ immer mehr wurde ich mit Bilder des Krieges zugedröhnt, die mir von meinem Vater gesendet wurden. Blutige Bilder voller Leid und Verlust, von Hass und… Angst. Die Menschen hatten Angst. Und das, weil irgendwelche Menschen in höheren Positionen sich nicht einigen konnten, und so unschuldige Männer und Kinder opferten, um ihre Meinung und ihr Recht zu unterstreichen. Krieg war schrecklich. „Ein Verräter.“ War die einzige Antwort, die ich bekam. Beschämt, dieses Thema angeschnitten zu haben, wechselte ich das Thema auch schnell. „Wie lange war ich bewusstlos? Hab ich irgendetwas Wichtiges verpasst?“ Ich blickte ihm nicht in die Augen, aus Angst, dort die schrecklichen Gefühle zu sehen, die der Krieg jedem gab – Angst, Furcht, Hass und Wut. „Zwei Tage. Nein, eigentlich nicht. Außer das James auf dem Schlachtfeld verwundet wurde.“ Auf dem Schlachtfeld? War auch er Soldat in dem Krieg, dessen Ende niemand wusste? In dem Spiel der Anführer und des Hasses? „Wo wurde er verwundert? Ist es schlimm?“ Angst ließ mich hektisch werden, und ich wollte zu James, um mich zu vergewissern, dass ihm wirklich mit aller Kraft geholfen wurde. „Sein linker Arm wurde weggesprengt, aber die Ärzte haben ihm Schmerzmittel eingeflößt und die Reste der Schulter zusammengeflickt. Er wird schon wieder.“ Mir kamen seine Worte so vor, als ob er sich selbst davon überzeugen wollte, dass sein Bruder wieder genesen würde. „Wo ist die Front unserer Soldaten?“ fragte ich, und wollte aufstehen, doch meine Beine waren in die Decke gehüllt wie eine Raupe in den Kokon. Als ich mich endlich befreien konnte, sah ich auf verbundene Füße und Beine hinunter. „Du hast dich bei deinem Transport gewehrt, und erst ich hab es geschafft, dich zu beruhigen, sodass die Ärzte gezwungen waren, Abstand zu dir zu wahren, und als du wie wild um dich getreten hast, hast du mit beiden Beinen eine Fensterscheibe eingeschlagen.“ Leicht belustigt sah er mir in mein geschocktes Gesicht. Er half mir auf und führte mich mit seinen starken Armen in eine andere Richtung. „Wo ist James?“ fragte ich und merkte, wie die Hand die er auf meinen Rücken gelegt hatte, sich versteifte. „Er ist nicht hier. Akira hat ihn auf ein anderes Lager bringen lassen.“ Presste Henry zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. „Ich will zu ihm.“ Flüsterte ich, und merkte, wie mir immer heißer wurde und meine Stimme zu einem Winseln, wie meine Haltung sich veränderte und meine Haut helles Fell sprossen ließ. „Warte, Belou. Du kannst ihn nicht finden, du kannst ja noch nicht einmal deine Verwandlung steuern!“ verärgert jagte Henry der hellen Füchsin quer über die Lichtung nach, bis ich im Dickicht verschwand. Hinter mir hörte ich das wütende Knurren des Wolfes, zu dem Henry sich verwandeln konnte. Ich blieb besser noch etwas in dem Dornengebüsch, bis Henry es aufgab, mich davon zurückhalten zu wollen, zu seinem Bruder und damit in die Schlacht zu ziehen. Es tut mir leid, aber ich muss mich vergewissern, dass die Männer und Frauen die sich um deinen Bruder kümmern, auch wirklich alles geben. Sei bitte nicht sauer, Henry. Du kannst mich so oder so nicht mehr aufspüren, wenn ich erst einmal auf dem Weg bin. Ich werde dich aber auf dem Laufenden halten, Henry. Pass bitte solange ich weg bin auf Joanne auf. Sie braucht dich mehr wie ich. Sie liebt dich wirklich. Und zur Bekräftigung meiner Worte, schloss ich meine Gefühle weg und sendete das Bild, wo Joanne Henry küsste mit meinen Gedanken mit. Na gut. Sei auf der Hut – Sie dürfen dich jetzt zu jeder Zeit töten, wenn sie wollen. Joanne würde es verstehen, wenn ich mitkäm. Sie liebt mich? Tust du das nicht? Ich jedenfalls liebe dich. Und ich werde dich mit meinen Gedanken begleiten, obwohl Akira es sehr missbilligen wird, wenn er herausfindet, dass du weggelaufen bist, und er will dich bestrafen lassen, wenn du wieder da bist – Du kennst ihn nicht so gut, wie du denkst. Henrys Stimme klang besorgt, als er mir Akiras Art nahelegte mit Bildern von Geschöpfen, die über und über voller Blut waren. Ihre Schreie allerdings blieben Stumm. Pass auf dich auf, Belou. Laufe mit dem Wind und möge die gute Urmutter deine Pfoten mit Leichtigkeit über alle Berge hinübertragen. Traurigkeit machte sich in seiner Stimme breit. Ich werde schon auf mich aufpassen, Henry. Pass du auf Joanne, dich und Orie auf. Mach keinen Unfug, ich werde schon bald wieder da sein, um dich in die Arme zu schließen. Möge die Urmutter solange ihr Mondlicht auf deinen Weg scheinen lassen und dir alle Wege erleuchten, und mögen die Götter dir mitteilen, dass du in meinem Herzen mit mir reist. Henry? – Ich liebe dich, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich dieselbe Belou sein werde, wenn ich von der Schlacht zurückkehre. Doch ich werde erst zurückkommen, wenn ich eine Lösung gefunden habe, wie man den Krieg vermeiden und beenden kann und in Frieden miteinander leben kann. Meine eigene Traurigkeit wurde von tiefer Entschlossenheit verdrängt. Ich werde mich heute Abend bei dir erkundigen, wie es dir geht. War alles, was er noch zu mir sagte, bevor ich vernahm, wie er sich von seinem Posten vor dem Busch entfernte und wenig später etwas in der menschlichen Sprache zu einer Wache sagte. Ich verließ den Busch und lief in den Wald hinein, mal wieder ließ ich eine Heimat hinter mir, um meine Bestimmung zu finden und einen Weg aus dem Blutvergießen heraus.

'baskerville old face'Immer weiter lief ich in der Gestalt der hellen Füchsin in den Wald, rannte über Baumstümpfe und morsche Äste, über Kadaver toter Tiere und raschelndes Laub. Ich wich Bäumen aus und verfing mich kein einziges Mal in einem Dornenbusch und machte auch nur ein einziges Mal Halt an einem kleinem Wasserlauf, um zu trinken und Luft zu tanken. Mit jedem Atemzug spürte ich, wie die Müdigkeit immer weiter zunahm, doch ich musste mir noch ein geschütztes Plätzchen zum Schlafen suchen. Nachdem der Mond aufgegangen war und ich einen weiteren Wasserlauf hinter mir gelassen hatte, und ich ihn nur noch leise in der Ferne glucksen hörte, entschied ich mich, Henry in Gedanken aufzusuchen und ihm doch zu sagen, wo ich mich befand. Doch als ich mich unter einem Gestrüpp niederlegen wollte, roch ich einen fremden Geruch, konnte ihn aber nicht zuordnen, und so kam ich zu dem Schluss, dass es ein Beutetier sein musste. Doch auch nach einer weiteren halben Stunde verschwand der Geruch nicht. Ein Bau eines Kaninchen hätte ich erkannt, und auch von Dachsen, Füchsen und die Höhlen von Spechten und Eulenarten kannte ich mittlerweile, doch solch ein Geruch hatte etwas Seltsames an sich. Es roch nach Mensch, dann mal nach Tier. Und dann wurde mir etwas klar; Ich hatte die Wete-Grenze schon überschritten, und bewegte mich wie ein Wildschwein auf den Jäger zu ihnen hin. Panik ergriff mich und ich wollte wieder nach Hause zu Henry. Ich bin hier. Ich werde dir helfen. Das war nicht Henry. Das war die Stimme die ich weggeschickt hatte, als Henry und James mich gefunden hatten. Lass mich dir helfen, Tochter. Ich lotse dich um die Wächter herum. Vertraue mir. Bat die Stimme. Ich lasse mir helfen, wenn du mir sagst, wie du heißt, und auf welcher Seite du stehst. Knurrte ich als Antwort. Ich habe viele Namen, doch die Menschen und Deinesgleichen nennt mich Keidefo. Und du kannst mich ebenfalls so nennen, wenn es dir gefällt. Doch zuerst musst du hier fort. Geh ein wenig nach links, bis ich dir sage, dass es reicht. Dann lass mich sehen, wo die Wachen stehen, damit ich dich weiterlotsen kann, Tochter. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste Keidefo vertrauen. Also ging ich nach links, so wie er mich dirigiert hatte. Belou? Wo bist du? Henry! Mein Herz machte Freudenhüpfer, auch wenn seine Stimme angstvoll war. Mir geht es gut, ich bin nur müde. Doch hier sind Wetewachen aufgestellt, und ich suche einen Weg außen rum. Mach dir keine Sorgen. Ist mein Verschwinden aufgefallen? Fragte ich neugierig nach. Ja! Und du musst dich von den Wachen wegmachen! Akira ist kurz davor, dir zu folgen! Er will nach dir suchen, und alle denken, du hättest vor, uns noch einmal zu verraten, so wie der andere Fuchs es vor zehn Jahren gemacht hatte! Bitte, sag mir, wo du bist, ich will dir helfen! Sie werden dich töten, wenn sie dich finden! Und dann werden wir alle getötet – James, Joanne, Orie, die Heiler, die dich gepflegt hatten… Alle werden sterben, wenn er dich findet! Bitte, Belou. Wir können uns irgendeinem neutralen Gebiet anstammen, aber lass bitte nicht zu dass sie dich töten! Ich hörte, wie er weinerlich wurde. Henry hatte richtig Angst um mich, und Akira persönlich hatte sich auf die Suche nach mir gemacht, um mich zur Strecke zu bringen. Ich scannte meine Umgebung und schickte das Bild zu Henry. Ich habe zwei Wasserläufe überquert und bin an der Stelle, die von Weten nur so stinkt. Erklärte er. Versteck dich, so gut es geht. Ich werde dich finden. Morgen früh werde ich da sein, wenn du erwachst. Wenn Akira vor mir da sein sollte… er beendete den Satz nicht. Dann werde ich ihn zuerst umbringen, wenn er versuchen sollte, mich umzubringen. Doch dann sendete er mir ein Bild, dass nicht sehr viel früher in seine Erinnerungen gedrungen. Sie wollen aufbrechen. Ich verschwinde durch das Gebüsch, das du auch genommen hast. Als Wolf. Dann bin ich schneller, denn sie müssen auf Pferden durch den Wald, sie haben mehr Gepäck. Ich werde jagen müssen. Er ließ mich durch seine Augen blicken. Henry steuerte-als Mensch- den Dornenbusch an, nahm Anlauf und verwandelte sich in seinem Sprung über den Busch in den Wolf. Und nun, versuche zu schlafen. Ich werde da sein. Ich werde dich beschützen. Die gedankliche Verbindung brach. Er war der Wolf, er würde schnell hier sein. Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen und schlief ein. Ich werde dich beschützen. Murmelte auch die Stimme Keidefo. Danke. Flüsterte ich Henry und Keidefo in Gedanken zu, dann schlief ich ein.



'baskerville old face'Sie jagten ihre Pferde durch den Wald, Schaum bildete sich vor den Nüstern der nachtschwarzen Pferdemäuler. Akira ritt ganz an der Spitze. Sie waren zu siebt. Sie hatten Hunde dabei. Große Hunde mit langen Beinen und spitzen, weißen Zähnen. Drei Hunde, sieben Reiter. Zehn. Es waren keine normalen Hunde, es waren Gestaltwandler, wie ich. Nur war ich es, die sie suchten. Ich konnte ihren Atem in meinem Nacken spüren, ihre zähn ein meinem Fleisch, meine Schreie, die immer verzweifelter wurden. Und dann sah ich auch, was ich mir vorstellen konnte. Einer der Hunde hatte mich gefunden, packte mich mit seinem tödlichen Kiefer im Nacken und schüttelte mich. Ich versuchte, mich zu wehren, doch ich war zu schwach. Ich versuchte, meine Zähne in seine hängenden Ohren zu schlagen, bekam aber immer nur Luft zu spüren. Schließlich ließ er mich fallen und ich sprang auf die Pfoten, geschwächt und blutend. Doch seine klaren, dunklen Augen starrten hinter mich, und mit einem Satz sprang ein Wolf vor mich und schlug seine Zähne in die Flanke des Hundes, der sofort heulend und knurrend zur Seite sprang und zum Gegenangriff ansetzte. Doch der zweite Hund kam Henry zuvor und sprang Henry in den Nacken, wo er sich festbiss und seinen Kiefer immer weiter vorarbeitete. Ich sah, wie Henry blutverschmiert und nur noch flach atmend und leicht zuckend zu Boden sank, und die Hunde zu ihrem Herren zurückgingen, so als ob nie etwas gewesen sei. ‚Siehst du, was du anrichtest?‘ fragte mich Akira, doch als ich mich umsah, konnte ich ihn nirgends sehen. ‚Wir werden dich vorher finden, und ihr werdet sterben. Wie Joanne und die Anderen auch.‘

'baskerville old face'Ich schreckte hoch und sah mich hektisch um. Alles, was ich sah, war ein großer, dunkler Wolf mit freundlichen Augen, der mir gegenüber saß. Das war nicht Henry. Ein Klagelaut schlich sich durch meinen Rachen und entwich meinen Lefzen. Der Wolf legte den Kopf schief. Wer bist du? Fragte mich eine Frauenstimme, die immer noch freundlich, aber neugierig klang. Mein Name ist Belou. Und wer bist du? Ich blickte sie an, und versuchte sie mir als Frau vorzustellen. Man nennt mich Gareu. Das ist eine der vergessenen Sprachen, wie dein Name auch, Füchsin. Gareus Blick wanderte in der Umgebung umher, als suche sie jemanden. Ich bin eine Wete, und du, Belou? Was für einem Rudel hast du dich angeschlossen? Entschuldige, wenn ich so direkt frage, aber du hast eine seltsame Mischung aus Waldgeruch, Furilegeruch und Wetengeruch an dir, da fällt es mir schwer, mich auf eine Sache festzulegen… Oder bist du ein Medium? Gareu feuerte eine Frage nach der anderen auf mich ab. Ich… Ich habe bis vor einer Weile mit meinem Gefährten, einem Wolf wie du es bist, bei den Furilen Unterschlupf gesucht, doch sie sind ein kaltes, mörderisches Rudel, und es missfiel mir, wie sie miteinander umgingen. Sie waren zu hart, und ich konnte nicht länger bleiben. Ich habe mich in die Füchsin gewandelt, um ihrer Jagd nach mir zu entkommen, und mein Gefährte musste wenig später ebenfalls fliehen, da der Anführer der Furilen, Akira, drohte, alle die Unseren umzubringen, wenn er mich fände. Und da es doch Furile gibt, die freundlich und herzlich sind, möchte ich ihnen dieses Schicksal ersparen… Gareu blickte mich verständnisvoll an. Ich verstehe. Möchtest du ein wenig Gesellschaft bei deinem Warten auf deinen Gefährten? Sie nickte mir zu und ich nickte ebenfalls. Danke, das ist sehr freundlich von dir, Gareu. Ich danke dir, ein bisschen Gesellschaft täte mir ganz gut, denke ich. Kaum hatte ich geendet, kam Henry aus dem Dickicht. Sein Fell war zerzaust, seine Zunge hing aus dem Maul und sein Blick suchte mich. Da bist du ja! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Er kam auf mich zu, und Gareu machte höflich Platz für ihn. Wer ist der fremde Wolf? Fragte er und sah verwirrt zwischen Gareu und mir her. Mein Name ist Gareu, Fremder. Du bist sicher der Gefährte von Belou, richtig? Ich bin eine Wete, und meine Aufgabe ist es, Fremde Wesen aus unseren Kreisen zu verscheuchen, doch ich habe mir Belous Geschichte angehört und kam zu dem Entschluss, dass ihr es verdient habt, auf eurer Flucht vor dem Tyrannen durch unser Land hindurch und in das Neutrale Land dahinter zu reisen. Erklärte Gareu ihre Absichten und mir ging ein Licht auf. Das war die Wächterin, die ich gestern gerochen hatte. Wenn ich fragen darf… Was hat meine Gefährtin dir erzählt? Henry hatte sich neben mich gelegt und so lagen wir alle da, und Gareu begann Henry zu erklären, was ich ihr erzählt hatte. Hin und wieder sah Henry mich an, doch ich hörte nichtmehr der Geschichte zu, sondern machte mich mit meinen Sinnen auf die Suche nach einer Spur von Akira und den Hunden. Als Gareu geendet hatte, sagte sie; Nun, ich wittere Furile, und sie scheinen nicht in freundlicher Absicht zu kommen. Ich schlage vor, wir gehen ins Zentrum unseres Lagers, und erbitten um Zuflucht für euch. Wenn sie euch gewährt wird, lebt ihr nur so lange bei uns, wie es bedarf, euren Weg in das Neutrale Land vorzubereiten, doch ich stehe euch gern zur Verfügung, falls ihr Hilfe benötigt. Doch wenn ihr in das Lager kommt, wird man von euch verlangen, euch zurück in eure menschliche Gestalt zu verwandeln, denn viele erkennen nicht die wahre Gestalt unter dem Tier. Ich bitte euch, diese Aufforderung nicht zu missachten, denn es könnte sein, dass euch dann der Weg durch unser Land untersagt wird. Gehen wir also, gehen wir gemeinsam. Sie stand auf und ging vor einem erschöpften Henry und mir vor Richtung Lagermitte.
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