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Sommerwind - Teil 1

Geschrieben von ChiaraBaptistaa im Blog ChiaraBaptistaa. Ansichten: 181

'baskerville old face'Auf der Flucht



'baskerville old face'Am Morgen wurde ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die mir in die Augen schienen. Ich spürte die Wärme und hörte das Knistern eines Feuers. Ich ließ die Augen geschlossen, da ich immer noch müde war, und die wohlige Wärme mich einlullte. Doch dann erinnerte ich mich, dass ich am vorherigen Abend kein Feuer angezündet hatte, und schlug die Augen auf. Ich lag immer noch an demselben Platz wie gestern Abend, doch war ich dort allein gewesen mit meiner Stute. Pferde können zwar Holz schleppen, aber kein Feuer entfachen. Ich setzte mich auf und blickte einem jungen Mann ins Gesicht, das mich verwundert und fürsorglich anblickte. „Guten Morgen, Mylady.“ Sagte er mit einer samtenen, doch verwunderten Stimme. Wahrscheinlich hatte er gedacht, ich würde länger schlafen oder ich wäre tot. „Wer bist du?“ fragte ich schroff und merkte, dass neben meiner Stute ein weiteres Pferd stand – prächtig geschmückt mit einem Wappen als Sattelgravur. Meine Stute sah plump und tollpatschig neben dem edlen Araber mit der Farbe von Wüstensand aus. „Oh, Entschuldigt, wie unhöflich von mir. Mein Name ist Kyle. Ich komme einmal alle sieben Tage in diesen Wald um die Wildbestände zu überprüfen, und heute Morgen fand ich Sie, Mylady, und ich hatte schon die Befürchtung, sie seien tot oder sehr schwer verwundet. Ein Glück sah ich, dass sie noch atmeten, ansonsten hätte ich sie auf einem Karren nach Gradonia bringen müssen, und das wäre sicherlich nicht besonders erfreulich gewesen, in der Jagduniform die Sie tragen, was für die Frauen normalerweise tabu ist.“ Lächelte er, und sein so wie so schon hübsches Gesicht erstrahlte noch mehr. „Dürfte ich den Namen von Mylady erfahren?“ fragte er, und sein warmes Lächeln verschwand. „René“ murmelte ich und merkte wie trocken mein Hals war. „Hätten Sie etwas zu trinken, Mister?“ fragte ich Kyle schüchtern und wich seinem fragenden Blick aus. „Natürlich“ murmelte er verwundert „doch warum haben Sie denn keine Trinkschläuche dabei, René? Grade bei dieser Jahreszeit ist es wichtig, immer etwas dabei zu haben, falls Sie auf längere Reisen gehen, Miss.“ Er reichte mir einen prallen Trinkschlauch und ich roch Rum. Ich leerte den Schlauch mit nur wenigen Zügen. „Was treibt eine Dame alleine in einen Wald, fern von der Zivilisation?“ grübelte er und ich verfiel in Schweigen. Als er keine weiteren Versuche unternahm, ein Gespräch mit mir führen zu wollen, begann er Wachteleier und Schweinespeck in einer Blechschüssel über dem Feuer zu braten und wenig später hatte ich den saftig rauchigen Geschmack von Eiern mit Speck im Mund. „Hätten Sie etwas dagegen, mich nach Gradonia zu begleiten?“ fragte er nach einer Weile. Da ich fand, dass es am wenigsten verdächtig aussah, wenn ich mit Begleitung in die Stadt kam, willigte ich ein und sattelte mit Kyles Hilfe Suana und wir ritten zusammen Richtung Gradonia, wobei jeder seinen Gedanken freien Lauf ließ und ihnen nachhing. Nach einem halben Tagesritt machten wir Rast an einem kleinen Bach und Kyle erklärte mir, dass wir morgen früh weiterreisen würden, damit wir gegen Mittag in Gradonia antreffen würden. Mit diesen Worten deckte ich meine Augen mit dem Arm ab und schlief bald darauf ein.

'baskerville old face'In der Nacht kommen sie – die Menschen. Die Todbringer. Sie vernichten alles, was nicht in ihr Idealbild hineinpasst, alles Unnormale und Unschöne. Sie verdrängen dass, was sie nicht wahrhaben wollen und lassen nur dass am Leben, wo sie sich sicher sein können, dass diese Kreaturen keinen eigenen Willen aufbauen können. Ich versuche wegzulaufen, doch meine nackten Füße sind wund von den spitzen Steinen, auf denen sie mich hetzen mit ihren Pferden und Jagdhunden. Ich versuche, meine Füße dazu zu bringen, schneller zu werden, einen besseren Halt zu finden, doch ich finde keinen Halt, kann nur schlittern und schlottern. Meine Lunge explodiert beinahe, weil ich so nach Luft schnappe, aber keine bekomme. Etwas wird nach mir geworfen, es sieht aus wie ein Seil. Ich renne schneller, zwinge meine Füße, weiter zu rennen, zwinge meine Muskeln, nicht schlapp zu machen, mein Herz, weiter zu pumpen, meine Lunge, Luft zu schöpfen. Ich renne und renne, und kann nicht mehr, habe das Gefühl innerlich auszutrocknen, kaputt zugehen und zu sterben. Doch sie werden nicht langsamer, geben die Verfolgung nicht auf. Was hab ich ihnen getan? Ich spüre, wie jeder meiner Muskeln schmerzt, wie alles in mir zerrt, aufzugeben, und dem sicheren Tod ins Gesicht zu sehen, doch dann höre ich die Hunde. Sie bellen und schnappen und hören nicht auf. Ich merke, wie der Untergrund sich verändert, und plötzlich stehe ich im Wasser. Dankbar schöpfe ich beim Schwimmen Wasser in meinen Mund und spüre, wie mein Kampfgeist zurückkehrt. Ich kämpfe mich voran, doch als ich endlich das andere Ufer erreiche, kann ich nichtmehr auf zwei Beinen laufen. Ich krümme mich, starre auf meine Hände, aus denen Klauen geworden sind, und blicke mein Spiegelbild im klaren Wasser an. Der Fuchs – ein Betrüger – Ich. Ich bin der Fuchs. Und das wissen die Menschen im Fluss auch, ihre Hunde und Pferde, ihre Schrotflinten und Pistolen. Ich ducke mich und pirsche in den Untergrund, suche eine verlassene Höhle oder einen Bau in dem ich mich verstecken kann, dort, wo sie mich nicht finden können. Die Hunde bellen nichtmehr, die Pferde wiehern ängstlich und ihre Reiter brüllen etwas in einer Sprache, die der Fuchs nicht kennt. Eine menschliche Sprache, fernab von dem Wissen der Tiere. Ich ducke mich unter den Büschen heraus und stehe in einer Blutlache. Das Blut der Reiter, der Pferde und der Hunde, vermischt und unkenntlich gemacht, tränkt den Boden des Moorlandes. Mir gegenüber steht ein riesiger schwarzer Wolf, und seine Stimme hallt tief von den Bäumen wider. „Sie hätten wieder gemordet, Füchsin. Hätten wieder jemanden aus unseren Reihen beinahe getötet. Es musste sein, das weißt du.“ Traurigkeit ließ seine Stimme schwer werden, und ich hörte nur, wie ich antwortete. „Ich weiß, Akira. Ich habe sie zu dir geführt. Lass mich endlich zu meinem Bruder. Ich muss wissen, ob Ian noch lebt.“

'baskerville old face'„Wer ist Ian, René?“ fragte Kyle mich und weckte mich unsanft mit seiner fröhlichen Stimme. „Warum wollen Sie das wissen, Kyle?“ erwiderte ich, in der Hoffnung, nicht allzu viel über meinen Traum preisgegeben zu haben. „Sie sprachen davon, dass Sie wissen müssen, ob er noch lebt. Das war alles, was Sie sagten, und das hat mich neugierig werden lassen. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Unbehagen bereite.“ Entschuldigte er sich rasch. „Ian war mein Bruder. Er wurde verwundet in den Wald hier gejagt, als ich acht war. Und ich habe bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er irgendwie überlebt haben könnte. Er war schon immer stärker und zäher als ich. Vielleicht hat er heilende Kräuter gefunden oder so etwas in der Art. Vielleicht lebt er zurückgezogen im Wald und niemand wird ihn jemals finden…“ fantasierte ich vor mich hin. „Miss René, ich muss Ihnen leider sagen, dass das Waldgebiet recht klein ist, und ich jeden Millimeter kenne, und da garantiert keine Kräuter wachsen und auch Ihr Bruder sich keine Hütte gebaut hat, um sich dort zu erholen.“ Gestand Kyle. Somit musste mein Bruder Ian verloren gewesen sein, allein und verwundet gestorben sein. Mir traten die Tränen in die Augen. Ich drehte mich weg, damit Kyle nicht auf die Idee kam, mir doch noch falsche Hoffnungen zu machen, dass mein Bruder noch leben könnte. „Aber ich kenne einen guten Koch namens Ian, in einer Köhlerhütte, nicht weit von hier. Zwar ist sein rechtes Bein steif seit seinem Unfall als er zwölf war, aber er könnte auf Ihre Beschreibung passen.“ Murmelte er vor sich hin. Ich war bereits auf den Beinen, aufgeregt, meinen Bruder vielleicht endlich gefunden zu haben. „Dann nichts wie hin!“ rief ich begeistert.

'baskerville old face'Und so machten wir uns auf zum Köhlerhaus „Schwarzer Bär“.





'baskerville old face'Im Schwarzen Bären

'baskerville old face'Ian hatte dunkles Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, er war muskulös und groß, jedoch nicht unpassend und auffällig groß, sondern so groß wie ein 22-jähriger sein sollte. Seine gepflegten großen Hände flogen über den Töpfen nur so hin und her, und wenn er Zeit hatte, sang er das Wiegenlied das er früher schon gern gesungen hatte. Ohne Zweifel war es mein Bruder, seine Stimme war zwar tiefer als ich sie in Erinnerung hatte, doch die war über zehn Jahre alt. Als Kyle und ich den Schwarzen Bären betraten, hafteten sich alle Blicke auf mich. Die helle Haut, das rabenschwarze Haar, die grünen Augen und die große Oberweite passten nicht zu meinem so jungen Gesicht. Ian hörte auf, den Tresen abzuwischen und starrte mich und Kyle an. Als sein Blick schließlich an mir hängen blieb, räusperte Kyle sich und bestellte ein Bier für sich und einen Rotwein für mich. „Ich trinke keinen Rotwein“ murmelte ich, „um ehrlich zu sein, hasse ich schon seinen Duft, da mein Vater früher immer Rotwein in Massen gekippt hat.“ Flüsterte ich, und entschuldigte mich sogleich. Ian trat an unseren Tisch. Er hinkte leicht mit dem rechten Bein, der Fuß war leicht verdreht, und am Unterschenkel sah man eine kugelgroße lockere Stelle in der sonst perfekt passenden Hose. Das Einschussloch, das er ihm damals zugefügt hatte. „Was darf es denn sein?“ fragte er an mich gerichtet. „Ein Bier bitte für mich Ian, und für René nehmen wir…“ erwartungsvoll blickte Kyle mich an. „Ein Wasser, bitte. Leicht schäumend und ohne Zitronengeschmack, bitte.“ Sagte ich unsicher. Ian blickte mich verwirrt an, da ich immer noch die Stelle fixierte, wo die Kugel ihn getroffen hatte. „Schusswunde, als ich zwölf war. Ich hab versucht, meine… Schwester zu beschützen, wurde aber von einem Mann angeschossen, der sie dann mitgenommen hat. Hab seitdem kein Lebenszeichen im alten Haus vernommen, dass annehmen ließ, dass sie wieder zurück gekehrt war. Wahrscheinlich hat dieser dreckige Bastard sie totgeprügelt.“ Sagte Ian aufgebracht zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Ian…“ Kyle versuchte, irgendetwas zu sagen, doch ich sprang auf, und fiel Ian um den Hals. „Ian! Ich hab dich gefunden!“ schluchzte ich und weinte an Ians Schulter. „Ian, ich hab dir so viel zu erzählen. Ich hab dich so vermisst!“ presste ich zwischen Schluchzern heraus, doch Ian stieß mich von sich weg. „Kyle, was soll der Mist?!“ schrie er, wirbelte zu Kyle herum und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. Es knirschte hässlich. Todbringer. Mörder. Die Stimme des Wolfes hallte in meinem Kopf wider. „Ian! Lass Kyle in Ruhe! Durch ihn weiß ich, dass du noch lebst!“ rief ich entsetzt, und riss Ians Arm runter, der erneut nach Kyle schnappen wollte. Ein wütender Ian drehte sich zu mir um und ich packte rechtzeitig das Handgelenk, dessen Faust auf mich zuhielt. „Du hast mir früher, wenn Vater betrunken war und Mutter draußen im Garten, immer ein Wiegenlied vorgesungen wenn ich nicht schlafen konnte. Und du hast an dem Tag an dem du in den Wald getrieben wurdest mit mir Verstecken im Weidenkraut gespielt. Und du hast Vater immer davon abgehalten, sich an Mutter zu vergreifen, wenn er wieder einmal zu viel getrunken hatte.“ Weinte ich und Ians Arm wurde schlaff. „Ich dachte, er hätte dich tödlich angeschossen und du wärst gestorben im Wald, verblutet, einsam und allein. Ich wusste nicht, ob es dir gut gegangen ist, ich habe zehn Jahre darauf gewartet, dich wiederzusehen!“ rief ich und umarmte ihn wieder. „René…“ flüsterte er. „Früher hattest du einen anderen Namen. Du hießt Belou.“ Murmelte Ian in meine Haare. „Sommerwind“ murmelte ich. „Genau.“ Stimmte Ian mir zu. „Unsere Mutter meinte immer, dein Lachen wäre so wie der Sommerwind, es verbreitet gute Laune und Wärme in den Herzen und den Köpfen.“ Erklärte er. „Ich habe zehn Jahre lang gedacht, er hätte dich umgebracht, oder irgendwelchen widerlichen Spielchen mit dir getrieben. Und jetzt stehst du vor mir, gesund und munter und ohne auch nur einen Kratzer, und bist bei mir hier im Schwarzen Bären und lachst und verbreitest Wärme.“ Sagte er mit tränenerstickter Stimme. „Weine nicht, Bruderherz. Wir haben uns wieder, und niemand wird unser Band jemals wieder durchtrennen, mein Bruder.“ Tröstete ich ihn. Sie sind alle gleich. Sie bringen dich irgendwann noch um, wenn du tröstende Worte findest, oder etwas tust, das ihnen missfällt. Die Stimme in meinem Kopf passte auf. Für meinen Geschmack war sie zu gefühlslos, zu kalt, um von einem Wesen zu stammen, das jemals Liebe erfahren hat. Sei still. Auch du wirst irgendwann jemanden finden, der dich liebt, glaube mir, Akira, und dann wirst du merken, dass dich zwar jeder Mensch verletzen kann, aber manche Menschen es auch wert sind, Schmerz und Leid für sie auszuhalten. Meine Gedanken schlugen Haken, und mir kamen Bilder in den Sinn, wie wichtig Familie und Freunde sind, Menschen, die jemanden lieben und akzeptieren. „Ian“, setzte ich an, „hättest du etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig schlafen lege? Es war ein langer Weg, und der Waldboden ist nicht das gemütlichste Ruhebett für kurze Nächte.“ Ich merkte, wie die Müdigkeit meine Augen schwer werden ließ, alles an mir zehrte danach, sich in ein gemütliches Bett zu legen, mit einem Dach über dem Kopf und der Sicherheit, die dich in den Schlaf wiegt. „Ja, natürlich. Bitte, Belou, folge mir. Ich gebe dir ein Zimmer.“ Flüsterte Ian, nahm mich bei der Hand und führte mich eine schmale Treppe hinter dem Tresen hinauf.

'baskerville old face'Das Zimmer, dass Ian für mich herrichten ließ, war riesig groß und hatte zwei große Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, einen bordeauxroten Teppich und einen kleinen offenen Kamin, vor dem ein Ohrensessel stand, der die selbe Farbe hatte wie der Teppich. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuerchen und auf dem frisch bezogenen Bett lagen ein Nachtgewand und zwei weiche Handtücher. In der dunkelsten Ecke des Raumes stand ein Regal, gefüllt mit dicken Büchern, ein Sessel stand daneben, im schönsten Jadegrün dass ich je gesehen hatte. Neben dem Sessel stand ein Hundekorb mit einem kleinen Bewohner, der so verwirbeltes Fell hatte, dass er zweimal so groß aussah, wie seine eigentliche Größe war. „Ich hoffe es gefällt dir hier, Belou. Falls der kleine Racker dich stören sollte, stell seinen Korb einfach auf den Flur. Die Zimmermädchen kümmern sich immer so liebevoll um den Kleinen. Sein Name ist Idefix, und niemand weiß genau, wem er gehörte, doch er lebt schon immer in diesem Zimmer und lässt niemanden an sich heran, außer den Zimmermädchen und unserer Küchenhilfe.“ Ians Kopf nickte in Idefix‘ Richtung. Der kleine Heimatlose sah mich aufmerksam an, legte aber schließlich seinen Kopf wieder auf den Rand seiner Ruhestätte, den Blick immer noch wachsam auf mich gerichtet. „Danke, Ian.“ War alles, was ich sagen konnte. Er umarmte mich kurz und verließ leise das Zimmer. Das Mondlicht, dass durch die Fenster hereinkam, tauchte alles in ein unwirkliches, silbriges Licht – Wie in meinen Träumen. Ich ging zum Bett und zog mich um. Das Nachthemd, das man mir gegeben hatte, war weich und warm, so als ob es den ganzen Tag in der Sonne gelegen hatte. Kaum hatte ich meinen Kopf auf das Kissen gelegt, war ich schon am Träumen.
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