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Sommerwind - Teil 1

Geschrieben von ChiaraBaptistaa im Blog ChiaraBaptistaa. Ansichten: 149

'baskerville old face'Sommerwind

'baskerville old face'Prolog

'baskerville old face'Absichtlich ließ ich mich in das hohe Weidenkraut fallen, das hier überall wuchs. Ich wollte nicht, dass er mich allzu schnell fand und da es sonst nirgends ein gutes Versteck gab, musste ich mich hiermit zufrieden geben. Ich kicherte nur so vor mich hin, als er versuchte, mich zu finden, und absichtlich in die falsche Richtung rief. Alles war so unbeschwert, so leicht und fröhlich, bevor es geschah. Ich sprang aus meinem Versteck und lief auf die Hütte zu, in der unsere Mutter mit dem Essen auf uns wartete. „Komm Ian!“ rief ich lachend und glucksend, den Blick grade auf die Eingangstür gerichtet, mit der Gewissheit, dass mein älterer Bruder dicht hinter mir war. Kichernd an der Haustür angekommen, rief ich nach meiner Mutter, damit sie uns die Tür öffnete. „Mama! Wir sind Zuhause!“ kicherte ich, als die Tür geöffnet wurde. Doch statt meiner Mutter kam ein fremder Mann aus dem Haus, ein Gewehr hinter mich gerichtet. „Rein mit dir, dummes Kind!“ grunzte er wütend, und zog mich hinter sich. Bevor ich begriff, dass Ian noch draußen war, schoss der Mann. „Ian!“ schrie ich. „Ian!“ Ich drückte mich an dem Mann vorbei durch die Tür durch, doch statt meinem großen Bruder, sah ich nur noch eine Blutspur, die in den nahe gelegenen Wald führte. „Was haben Sie gemacht?“ schrie ich unter Tränen den Mann an. Ich trommelte mit meinen kleinen Händen gegen seine Brust, wohlwissend, dass eine achtjährige gegen einen ausgewachsenen Mann nichts tun konnte. „Mama! Der Mann hat Ian angeschossen!“ rief ich in das Innere des Hauses, doch bekam keine Antwort. Geschockt blickte ich den Mann an. „Du hast niemanden mehr, der dir helfen würde, Mädchen.“ Knurrte er, und ich ließ die Fäuste sinken. Mein Bruder verblutete irgendwo im Wald, und meine Mutter lag tot in unserem Haus, während ich mich versteckt hatte, und gekichert und gelacht hatte. Der Mann hob mich hoch und ging mit mir hinter unser Haus, als ich begann, zu weinen. Behutsam setzte er mich auf einen Karren, der hinter ein schwarzes Pferd gespannt war, und beobachtete stur den Karrenboden, auf dem ich hockte, als der Wagen sich mit mir in Bewegung setzte.



'baskerville old face'Zehn Jahre später…

'baskerville old face'Alles, was ich sah, als ich zurückkehrte, war ein vermodertes Haus, das einmal sehr prächtig ausgesehen haben muss. Ich ließ meinen Blick über das Weidenkraut schweifen, bis hin zu dem nahegelegenen Wald, wo die Bäume die Wolken mit ihren Blättern kitzelten. Zehn Jahre war es her, dass ich hier gewesen bin. Zehn Jahre der Ungewissheit, ob Ian noch lebte und ob mein Vater aus dem Krieg jemals zurückgekehrt war. Zehn Jahre lang hatte ich in einem modrigen Zimmer gelebt, dessen einziges Möbelstück ein Bett und dessen einzige Lichtquelle Kerzen waren. Zehn Jahre wurde ich wie eine Gefangene gehalten, und doch lehrte er mich lesen und schreiben, reiten und Bogenschießen. Wir feierten jedes Jahr, zehn Jahre lang meinen Geburtstag und ich hatte zehn Jahre lang genug zu essen und war immer gepflegt, denn darauf legte er großen Wert. Jetzt, mit achtzehn Jahren, wollte er mich mit einem Burschen vermählen, den ich einmal auf einem Hoffest gesehen hatte. Ich hatte ein Pferd bekommen für die lange Reise durch das Moorland, und mein Begleiter trug genug Proviant, um eine ganze Horde Soldaten durch einen Winter zu bringen. Ich hatte verlangt, diese Route zu reiten, um Gewissheit zu haben, das niemand mehr hier war. Nun hatte ich Gewissheit, und Schuldbewusstsein nagte an meinem Herzen wie eine Maus an einem Stück Käse. Ich hatte allen Grund, wegzulaufen, aber nie die Zeit unbeaufsichtigt gehabt, diesen Plan zu verwirklichen. Ich hatte einen Auftrag zu erfüllen, wie jedes Mal. „Heute werden wir bei der alten Hütte dort unten unser Nachtlager aufschlagen. Es wird bald dunkel und wir müssen noch Feuerholz sammeln.“ Sagte ich zu meinem Begleiter. Sein kleiner Wallach hatte die Farbe von morschem Holz und ungefähr auch das gleiche Durchhaltevermögen, sodass wir mehrere Rasten an einem Tag hatten halten müssen. „Wie Ihr wünscht, Lady René.“ Nickte mein etwas dummer und pummeliger Begleiter. „Paul, ich sagte Ihnen bereits mehrfach, dass Sie mich nur René nennen sollen.“ Sagte ich und ritt den Abhang runter. Paul war in Zukunft mein Schwager, sollte ich jemals Gerhold Haningen heiraten, was ich allerdings nicht vorhatte. Mein Verlobter hatte aschgraue Haare, drei andere Frauen, die Figur eines Bierfasses und auch dessen Ausdauer. Außerdem hätte er mein Vater sein können. Ich sattelte ab und ging mit einem Stück Seife an den kleinen Bach, der hier immer entlang geflossen war, als ich noch ein kleines Kind gewesen bin. Ich stieg in das seichte Wasser und begann ein Lied zu singen, dass mein Bruder Ian mir früher immer vorgesungen hatte, wenn ich nicht schlafen konnte.



'baskerville old face'„Leb wohl, mein‘ Lieb, gedenke stets,

'baskerville old face'wie ich einst weilt‘ bei dir;

'baskerville old face'lass dir mein Herz, mein Lieb, leb wohl,

'baskerville old face'ich hoff, du weinst nicht mehr…“



'baskerville old face'Ich blickte an meinem nackten Körper hinunter. Dort, wo einst Kinderhaut sanft und weich gewesen war, blickte ich nun auf Narben und Hautstreifen, die zusammengeflickt worden sind. Kriegsnarben waren das nicht. Misshandlungsnarben, Folterungsnarben, ja, aber Kriegsnarben hatte ich keine. Für Krieg- oder Kampfnarben hätte ich in eine Patrouille gesetzt werden, und das wollte er nicht. Er wollte sein Druckmittel ja nicht verlieren. Mittlerweile waren die Kennzeichnungen zehn Jahre alter Folter mir egal, doch früher ekelte ich mich vor mir selbst. Ich stieg aus dem Bach und ging zurück zu unserem Lager. Dort stand ein schwitzender Paul mit Feuerholz unter dem Arm panisch auf meine Rückkehr, denn ohne mich wäre er hilflos verloren. Doch ich durfte kein Mitleid zeigen, nicht weich werden.

'baskerville old face'Als Paul schlief ging ich rüber zu unseren Vorräten und packte so viel ein, wie ich brauchte, um ohne Hunger in das nächstgelegene Jagdgebiet oder die nächste Stadt zu kommen. Den Rest packte ich sorgfältig wieder weg, sodass Paul auch noch genug hatte, um ein wenig Wartezeit zu haben, bevor der große Hunger kommt – wenn er nicht alles auf einmal aß. Ich sattelte meine Shirehorsestute und ritt, bepackt mit Bogen, Pfeil und Vorräten, Richtung Wald. Morgen werde ich mich im Wald umsehen, nach Lebenszeichen und Zivilation suchen. Ich ritt im Schritt an dem schlafenden Paul vorbei, den Hügel hoch und an den Waldesrand. Hier begann ich zu traben und ließ meine Stute drei Stunden weiterlaufen. Dann hielten wir, weil ich eine Pause brauchte und meine Stute ermüdet war. Da ich mich noch nicht wagte, ein Lagerfeuer anzuzünden, brach ich mir ein Stück von dem Laib Brot ab und aß es, während ich Suana, meiner Stute zusah, wie sie ihren Kopf beugte und in einem tiefen Schlaf verfiel. Ich legte mich ebenfalls hin, rollte mich neben meinem Bogen zusammen und schlief ein.

'baskerville old face'Sie standen um das Lagerfeuer, verteilt auf der ganzen Lichtung, die Gesichter kaum im Flammenschein zu erkennen. Sie machten allerlei Geräusche, die allesamt etwas Gleiches hatten. Sie sangen. Ein Lied über die Jagd und Leben, über Schmerz und Liebe, über Tod und Widergeburt. Über die menschliche Furcht und den Hass ihnen gegenüber. Ich stand unter ihnen, eine von vielen, und blickte mich um. Es waren keine normalen Menschen, sie sahen zwar so aus, doch zwischen ihnen standen Tiere, Wölfe, Pumas und Tiger, Frauen und Männer mit langen Mänteln und komischen Hüten – Zauberer und Hexen – aber auch normal aussehende Menschen. Halbwesen wie Zentauren und Satire und viele andere Gestalten, mit allen möglichen Farben und Figuren. Doch dann trat ein Mann hervor, der zwischen Pumas und Hexen gestanden hatte, sein langer Pelzmantel aus schwarzem Marder streifte den Boden, als er an das Feuer heran schritt und mit tiefer rauer Stimme zu sprechen begann. „Sie haben erneut gemordet, meine Freunde. Sie haben erneut einen aus unseren Reihen umgebracht, mein Volk. Sie nennen uns Monster, und selbst sind sie nicht anders. Wir können uns nirgends in Sicherheit wiegen, ständig in der Angst um das Wissen, dass sie uns und unseren Familien etwas antun können.“ Er endete und ließ seinen wachsamen Blick über die Menge schweifen. Ein Wolf trat neben ihn und begann in einem tiefen Singsang zu heulen. „Wie ein Monster fühlst du dich… Ungeliebt und widerlich.“ Er verstummte, und blickte zu seinen Kameraden. „Sie sind ängstlich.“ Rief eine Hexe, „denken, wir sind gefährlich!“ lachte sie bitter, und stellte sich ebenfalls neben den Wolf und den Mann ans Feuer. „Dabei sind wir ehrlich und gut.“ Flüsterte ein alter Mann der sich auf seinen Stock stütze. „Und was zeigen sie dir? – Endlose Wut.“ Maunzte ein Tiger weiter hinten, und die Menge teilte sich, damit auch er ans Feuer kommen konnte. „Sie hegen Hass gegen die Dinge, die sie nicht kennen… Sofern sie nicht davonrennen.“ Sagte ein Zentaur, der mit stolzem Gang sich zu der Gruppe ans Feuer gesellte. „Sie wissen nichts von dir, und auf einmal stehst du hier.“ Murmelte die Frau neben mir und humpelte langsam ans Feuer. Ihr fehlte der rechte Unterschenkel, und sie musste sich auf zwei handgeschnitzte Krücken stützen, um vorwärts zu kommen. „Groß und abstoßend siehst du aus.“ Flüsterte ein riesenhafter Mann, und kniete sich ganz dicht ans Feuer. „Und sie jagen dich schnell wieder raus.“ Jetzt schluchzte er. „Sie verurteilen dich, “ Hörte ich mich sagen, „denn sie fürchten sich.“ Und auch ich ging auf das Feuer zu, als die Menge wieder mit ihrem Gesang anfing, und nahm die Hände, die nach mir griffen, wiegte mich hin und her und fiel in den Gesang mit ein.
  • Atha
  • ChiaraBaptistaa
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