Of Screws and Metal - Hof-Nebenstory Teil 9

Geschrieben von Occulta im Blog Nebenstorys. Ansichten: 79

Teil 9
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Mehr als zwei Wochen vergingen, ehe wir einen Termin fanden, der für alle Beteiligten passte. Mr Harpers Rennpferd stand in der Nähe von Birmingham, auf dem Gestüt Pineforest Stable. Ich hatte schon ein paarmal das Vergnügen gehabt, gegen Pferde von dort zu gewinnen - abesehen von einer Niederlage gegen eine Stute namens Iskierka. Das Gestüt war vor allem bekannt für ungewöhnlich aussehende Rennpferde. Es gab dort meines Wissens nach viele Schecken und sogar schneeweisse Vollblüter - ich hoffte insgeheim, heute solch ein Tier zu Gesicht zu bekommen. Wenn Harpers Pferd ein Flop ist, kann ich vielleicht eines von denen reiten? Ich malte mir alle möglichen Szenarien aus und versuchte mir vorzustellen, wie toll ein ganz weisses Pferd auf der Bahn aussehen musste – auch wenn es vielleicht nicht das schnellste war. Vor lauter Träumerei verfuhr ich mich, weil ich die Abzweigung verpasste. Ich irrte durch ein Quartier, ehe ich zurück auf die Hauptstrasse fand und die richtige Strasse erwischte. Ich mahnte mich selbst, die Konzentration zu behalten und kam schliesslich auf dem Parkplatz hinter der imposanten, mit Tannen gesäumten Grasbahn des Gestüts an. Mr Harper erwartete mich bereits, ungeduldig auf seine schwarz-silberne Armbanduhr blickend. Ohne ihn zu begrüssen rief ich ihm entgegen: "Hey, I'm not late. It's exactly seven o'clock." Er murmelte irgendwas vor sich hin, dann führte er mich zu seinem Pferd. Ich hatte beschlossen, die Sache ein wenig anders als sonst anzugehen. Schliesslich hatte er mir das Angebot gemacht, also waren wir im Moment gewissermassen auf Augenhöhe. Ich stellte mich kritisch und professionell, die ganze Schleimerei von früher liess ich bleiben. Als ich das Pferd sah, sank mir das Herz jedoch in die Hose und ich verlor ein Stückchen meiner Coolness. "He is very beautiful", sagte ich zwischen zusammengepressten Zähnen - er sieht haargenau wie Piratebay aus, dachte ich dabei leicht entsetzt. Ich schüttelte nebenbei die Hand seines Trainers, George Collins, der bei dem Pferd auf uns gewartet hatte. Sogar die Abzeichen an den Beinen stimmten beinahe überein. Es war fast schon unheimlich. Nur der Babyspeck war verräterisch. Als ich näher trat, fiel mir dann aber auf, dass sein Fell eine andere Art von Braun aufwies. Es war einheitlicher, nicht mit deutlichen schwarzen Bereichen wie bei dem vermeintlichen Zwilling. Und er hatte, anders als Piratebay, auch noch einen kleinen Bauchfleck. Ich strich fasziniert über die glatten, kurzen Haare. "I know, he is perfect, right?", schwärmte Mr Harper mit einem leidenschaftlichen Funkeln in den Augen, wie ich es noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Leicht schaudernd nickte ich, um ihn nicht zu enttäuschen. Er konnte ja nicht ahnen, was in mir vorging. Collins zuckte auf meinen vorsichtigen Blick hin mit den Schultern - er schien wie erwartet ein gewöhnlicher Trainer zu sein, der sich vor allem für sein Business interessierte. Ich versuchte mich selbst abzulenken, indem ich ein paar Fragen stellte. "What colour is this? It doesn't look like an ordinary brown?" "I was told that he is a smoky black. He seems to have inherited diluting genes from his mother." "How old?" “Turns three next year" “His debut?“ “This Spring.“ "Bloodlines?" "Raving Hope Slayer - Race is Hope." Ich nickte. Sieht man ihm an, jedenfalls was die Statur angeht. Ich kannte mittlerweile ein paar der beliebten Blutlinien und sah mir gerne alte Fotos von Siegerpferden an, denn dabei lernte man einiges über deren Anatomie und bekam ein Auge für vielversprechende Jungtiere. Es war für die Karriere von Jockeys entscheidend, dass sie gute Pferde zur Verfügung hatten. Ich wollte dabei möglichst wenig dem Zufall überlassen. Gutes Pferd bedeutete gutes Geld. Der Vierbeiner vor mir sah wirklich so aus wie Piratebay, und ich befürchtete fast schon, dass er auch so viel Potential haben würde. Befürchten deshalb, weil ich mir alles andere als sicher war, ob ich ihn überhaupt reiten wollte - oder konnte. Wenn mir meine Vorurteile und unterdrückten Ängste in den Weg kamen, nützte es uns beiden nichts, Potential zu haben. Der Trainer beäugte mich skeptisch, als könne er meine Gedanken mitverfolgen. Mr Harper hingegen bemerkte nichts von meinem Zögern. Vielleicht ignorierte er es auch absichtlich. Jedenfalls schlug er fröhlich vor, ich solle Black Powder War doch erst einmal ausprobieren. Mit einem erneuten Seitenblick auf den Trainer willigte ich ein und sattelte den Fake-Braunen gleich selbst - die Pineforest-Pfleger wirkten beschäftigt. Der Hengst zappelte ein wenig, als ich den Trainingssattel auflegte, aber das war nicht ungewöhnlich für junge Rennpferde. Ich tastete ein letztes Mal die Beine ab - etwas, was ich unter anderem für meine eigene Gesundheit immer tat, bevor ich ein neues Pferd ritt. Sie fühlten sich kühl und sehnig an, so wie es sein sollte. Ich zäumte das dunkle Tier, bekam, nach einem kurzen Ungedulds-Tänzchen mit dem Vierbeiner, ein Leg-up von Collins und ritt den beiden Herren hinterher zur Grasbahn. Black Powder War schien etwas klemmig, weil keine anderen Pferde dabei waren. Ich trieb ihn konsequent vorwärts und lernte mit jedem Schritt etwas mehr über seinen Charakter. Er war meiner Ersteinschätzung nach ein einigermassen mutiger Kerl, der trotz anfänglichem Zögern auch ohne seine Kumpels bereit zur seriösen Mitarbeit wirkte. Gute Voraussetzungen schon mal. Auf der Grasbahn kamen dann schliesslich doch noch andere Pferde in Sichtweite - eine Gruppe die vermutlich gerade ihr Morgentraining absolvierte. Mein Reittier entspannte sich fühlbar. Seine Gänge wurden raumgreifender und geschmeidiger, sein Rücken blieb allerdings ein wenig steif. Ansonsten hatte er die für einen knapp Dreijährigen üblichen Gleichgewichtsdefizite, sobald man etwas Komplizierteres als Geradeauslaufen verlangte. Wir einigten uns auf eine Trainingsdistanz von 1000 Metern, freier Start (Collins und ich waren zu faul um einen Helfer für die Maschine aufzutreiben). Black Powder War reagierte nach dem Einwärmen prompt auf meinen Schenkel und lief zügig los. Die erste Hälfte der Strecke legten wir in einem lockeren, aber fordernden Galopp zurück, währenddessen ich den Gehorsam des Hengstes testete. Wir wurden von zwei anderen Pferden überholt. Er schüttelte wütend den Kopf und wollte ihnen hinterherziehen, aber ich liess ihn nicht. Wir setzten stur unser Tempo fort bis zum 500-Meter-Pfosten. Dann machte ich einen kurzen Sprint, bremste erneut, und setzte zu einem finalen Sprint an. Der Hengst, gespannt wie eine Bogensehne vom ewigen Zurückhalten, streckte sich voll aus und passierte mit weiten Sprüngen den 1000-Meter-Pfosten. Ich stand in den Bügeln auf und stellte die Zügel an, bis er in den Trab fiel - aber er konnte es sich nicht verkneifen, vorher noch übermütig mit den Vorderbeinen zu stampfen, einen kleinen Buckelsprung zu machen und dabei wie ein Schweinchen zu quieken. Ich rollte die Augen und holte seine Konzentration zurück zu mir. Dann wendete ich ihn und trabte die Strecke zurück zu Collins und Mr Harper. Mein ehemaliger Boss erinnerte mich an ein kleines Kind, dem man gerade ein neues Spielzeug geschenkt hatte. "You two really seem to get along!" Ich summte ein nicht halb so begeistertes "M-hmm". Collins runzelte nachdenklich die Stirn. Ich ritt den dunklen Hengst am langen Zügel zurück zum Stallgebäude, Mr Harper lief nebenher. Ich musste mich entscheiden. Er ist ein gutes Pferd, zweifellos - ein freches Energiebündel mit viel Tatendrang. Wir scheinen auch tatsächlich zu harmonieren, jedenfalls lässt er sich von mir pilotieren, von den kleinen Mätzchen abgesehen. Aber darf ich mein Bauchgefühl wieder einmal ignorieren? Ist es überhaupt mein Bauchgefühl, das sich meldet, oder sind es doch eher Vorurteile, die ich entwickelt habe? Was ist nur aus meiner Abenteuerlustigkeit geworden... Beim Absteigen drehte sich Black Powder War erwartungsvoll zu mir um. Ich sah ihn einen Moment rätselnd an, dann klärte Mr Harper mich auf: "He is used to getting a treat after every ride. I think it is only fair, since he does most of the work." Diesmal war ich mit dem Stirnrunzeln an der Reihe. Seinem Gesicht nach zu urteilen hatte es keinen Sinn, diese Praxis in Frage zu stellen - auch wenn ich gerne erwähnt hätte, dass der Hengst für ein Rennpferd ausgesprochen verwöhnt zu sein schien. Das erklärte auch seine eher pummelige Statur, die mich zuerst an seinem Trainingsstand hatte zweifeln lassen. Collins, der zwei Schritte hinter Mr Harper versteckt stand, verdrehte vielsagend die Augen. Wir würden auf jeden Fall ein paar Baustellen vor uns haben. Nun interessierte mich noch, wer sein vorheriger Reiter gewesen war, beziehungsweise warum Mr Harper überhaupt nach einem neuen Jockey suchte. Ich hakte nach, aber die Antwort war nicht gerade zufriedenstellend. "Black Powder War did not like them." Them? Meine Alarmglocken schrillten, aber Mr Harper zog im richtigen Moment das Lohn-Ass aus dem Ärmel. Der vorgeschlagene Betrag war bestechend hoch. Meine Hemmschwelle sank und ich schüttelte ihm einwilligend die Hand. Collins drängte sich zu Wort und winkte Mr Harper zu sich. Ich hörte das gedämpfte Gespräch problemlos mit. "Mr Harper, I think we should wait and look at a few more candidates first." "No. She rides well and they get along." "But she is not strong enough to handle this horse. If the men couldn't do it, how can she?" Das Geflüster stachelte mich förmlich an. Ich entgegnete frech: "Are we done Mr Harper? I have some other really feisty horses to ride back in Newmarket." Er packte die Gelegengeit und löste sich mit dankbarem Ausdruck von Collins. "Yes, that was all. I can count on you Miss Hayes?" "You will hear from me.", versicherte ich, und stolzierte mit einem absichtlichen Umweg durch den gesamten Stalltrakt von Pineforest Stable zurück in Richtung Parkplatz – ich wollte schliesslich noch einen Blick auf die weissen Vollblüter erhaschen.

Ich machte meine Hausaufgaben gewissenhaft: ich sah mir Rennvideos von Black Powder War an, suchte nach seinen Bestzeiten, studierte seine Abstammung, überprüfte seine Resultate. Das fertige Bild, das ich am Ende vor meinem inneren Auge hatte, betrachtete ich mit gemischten Gefühlen. Der Hengst schien eines dieser typischen Sensibelchen zu sein, die bei der kleinsten Ungereimtheit zu hadern begannen. Seine Geschichte sprach Bände; er hatte bisher jeden seiner insgesamt vier Jockeys irgendwie nach kurzer Zeit vergrault. Oder war es doch eher sein Besitzer, der sie abgeschreckt hat? Mal lief der Hengst rekordverdächtige Zeiten, dann wiederum war er schon beim Start ausgeschieden, weil er rumhampelte und dadurch nicht rechtzeitig aus der Maschine kam. Ich rieb mir müde die Augen. Was habe ich mir da wieder angetan?


Anfangs hatte ich tatsächlich ein paar Schwierigkeiten mit Black Powder War. Der junge, ungestüme Hengst, der beim Ausprobieren noch gewöhnlich brav gewesen war, zeigte nach den ersten Intervalltrainings sein wahres Gesicht - oder versuchte es zumindest. Ich hatte nämlich auch so einige Asse im Ärmel, um ihn unter Kontrolle zu halten; nicht zuletzt dank Piratebay. Da sich die Erinnerung an meine Erfahrungen mit dem verstorbenen Rennpferd so hartnäckig in meinen Hinterkopf hielt, konnte ich aber auch nicht einfach so weitermachen wie damals. Ich forderte nach den bisher schlimmsten Mätzchen des Hengstes, die zum Teil schon beim Aufsteigen begannen, von Mr Harper, dass er sein Pferd von einem Spezialisten durchchecken liess. Dabei stellte ich ihn vor die Wahl: "Either you can prove that he is absolutely healthy and fit, or I will stop right here. I do not risk my own health unnecessarily." Zu meiner positiven Überraschung fand der Boss der Harper Tech Solutions dies eine hervorragende Idee, und vereinbarte noch am selben Abend einen Termin mit einem Chiropraktiker. Schon fünf Tage später wurde auf Black Powder Wars Rücken herumgedrückt und fleissig analysiert. Und siehe da: der Hengst hatte diverse Verspannungen und Schmerzen bei der Sattellage. Der Chiropraktiker ordnete einen passenderen Trainingssattel und einen neuen Hufschmied an, denn offenbar war der Beschlag mehr als suboptimal. Anschliessend löste er die Problemzonen mit einigen gezielten Griffen. Ich sah fasziniert zu, wie das Pferd gerichtet wurde – Mr Harper hatte darauf bestanden, dass ich bei der Behandlung dabei war. Der Hengst bekam eine Woche Erholungsphase verordnet und durfte die Auszeit auf den Weiden von Pineforest Stable geniessen. Mr Harper schien erleichtert über diese Lösung zu sein - offenbar hing er mehr an dem Tier, als ich es für möglich gehalten hatte. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er: "I suspected there was something going on, but all the Jockeys, and George as well, kept assuring me that it was just bad habits." "I like to listen to my guts regarding these things." "I guess I relied a bit too much on so-called experts..." Ich meinte, mit einer sich mehrenden Sympathie für den ungewöhnlichen Rennpferdebesitzer: "I'm sure you only wanted the best for your horse. But sadly we cannot trust many people these days, especially when money is involved." "…I can trust you though?" Er fixierte mich ernsthaft mit seinen grüngrauen Augen, so dass mich ein Gefühl von Unbehagen beschlich, obwohl ich nichts zu verbergen hatte. "As long as I get my payment on time." Er brachte tatsächlich eine Art Schmunzeln hervor - diesmal hatte er die Anspielung wohl verstanden. Mir war schon in der Vergangenheit oft aufgefallen, dass Humor nicht gerade seine Stärke zu sein schien. Ich war mir dabei nicht sicher, ob er einfach verkorkst war oder zu wenig Kreativität mit Wortspielen und dummen Sprüchen hatte. Vielleicht ist Englisch gar nicht seine Muttersprache? Vielleicht hat er sich einfach einen perfekten Business-English Akzent antrainiert. Heutzutage ist vieles möglich.

Woche um Woche zog vorüber und ich kannte bald alle von Black Powder Wars Mätzchen. Der Hengst begann aber umgekehrt auch mich zu kennen - und erstaunlicherweise zu respektieren. Unsere Beziehung wuchs zu einer Art Kompromiss-Zusammenarbeit: solange ich ihm genügend Leckerlis und Streicheleinheiten bot, und ihn nicht grob behandelte, hielt er sich mit seinen Flausen zurück. Ob es reichen würde, um tatsächlich ein Rennen zu gewinnen, musste sich noch zeigen. Die Gelegenheit nahte aber rasch. Wir trainierten fleissig für ein Rennen in Newmarket, eines der letzten der Saison, das nicht zu anspruchsvoll schien und bei dem wir uns gute Chancen errechneten. Black Powder War stand gelangweilt im Putzstand und spielte mit der Anbindekette. Als ich um die Ecke kam, sah er mit gespitzten Ohren auf und brummelte. Er konnte so einen unglaublich süssen Hundeblick aufsetzen, wenn er ein Leckerli erwartete. Dabei bekam er von mir eigentlich selten etwas, im Vergleich zu seiner Ausbeute wenn Mr Harper zu Besuch war. Zu Beginn war der erfolgreiche Firmenchef noch oft beim Training dabei gewesen, aber er hatte nun mal auch einen Job zu erledigen und konnte unmöglich immer morgens um 6 Uhr nach Birmingham kommen. Deshalb begegneten wir uns mit der Zeit wieder nur noch selten, worüber ich ganz glücklich war. Wenn ich etwas über die Jahre gelernt hatte, dann war es, dass man mit seinem Boss am besten so wenig wie möglich zu tun haben sollte. Ich kraulte den Hengst an seiner Lieblingsstelle beim Hals, dann legte ich den mitgebrachten Trainingssattel mitsamt dickem Pad auf seinen Rücken und gurtete das ganze fest. Er schlug etwas mit dem Schweif und stampfte - ein Überbleibsel von seinen vorherigen Verspannungen. Es war eben schwierig ein einschneidendes Erlebnis zu vergessen, das wusste ich selbst auch zu gut. Ich zäumte ihn, sobald er ruhig war, und führte ihn wie immer raus zum Aufsteigen. Auf der Gegenseite kam auch gerade Quinn Callahan, ein Jockey von Pineforest, von einer schneeweissen Stute gefolgt aus dem Tor. Ich grüsste die dunkelrothaarige Frau freundlich. Draussen standen bereits ein paar Pferde mit weiteren Jockeys des Gestüts. Es muss toll sein, bei einem Gestüt angestellt zu werden, überlegte ich. Man hat geregelte Arbeitszeiten und den Lohn auf sicher. Dafür muss man die Gestütseigenen Pferde reiten und kann sie sich nicht aussuchen... Black Powder War brummelte der weissen Stute zu. Ich zupfte streng an seinem Zügel. "Where are your manners, silly boy." Ich führte ihn zur Aufstieghilfe und murmelte tröstend "I think she's beautiful, too. But I'm afraid she's out of your league." Mein dunkles Reittier verdrehte die Augen, um noch einen Blick zu erhaschen, während ich aufstieg. Dann trieb ich ihn vorwärts, um in Ruhe vor den anderen auf die Bahn zu kommen. Der Hengst wischte missmutig mit seinem Schweif und setzte sich in Bewegung. Ich mochte es, dass er so viel Persönlichkeit zeigte. Das machte es für mich einfacher, ihn zu verstehen. Es gab nämlich auch Pferde, die alles in sich hineinfrassen und dann plötzlich unerwartet wegen einer Kleinigkeit in die Luft gingen. Black Powder War lief eine gute Zeit. Auch Collins war dieser Meinung. Er fand zunehmend Gefallen an meinem Reitstil und war nicht mehr so skeptisch wie zu Beginn. Aber ich hatte das unterschwellige Gefühl, dass all seine Sympathie mir gegenüber vom Erfolg unseres ersten Rennens abhängen würde.

Am frühen Morgen des Renntags schliesslich, war auch Mr Harper wieder anwesend. Er wollte überall seine Finger im Spiel haben und ich musste ihn förmlich aus der Sattelkammer scheuchen, um meine Ausrüstung in Ruhe zusammensuchen zu können. Ich war froh, als wir endlich losfuhren. Black Powder War und ich brauchten gar nicht aufgeregt zu sein - Mr Harper übernahm den Part für uns beide. Es war irgendwie seltsam belustigend, ihn so ausser sich zu sehen, besonders, wenn man nur seine ruhige, professionelle Seite kannte. Collins bestätigte mir, dass er immer so aufgelegt war, egal vor welchem Rennen. Wir erlaubten uns, gemeinsam darüber amüsiert zu sein.
Auf dem Rennbahngelände ging alles zügig voran wie auf Schienen. Da Black Powder War keinen persönlichen Pfleger hatte, bereitete ich ihn selber vor, mit gelegentlicher Hilfe von Collins. Wir machten schon fast den Eindruck eines eingespielten Teams - es schüttelte mich beinahe bei dem Gedanken. Der Lohn. Denk an den Lohn. Ich musste den Fake-Braunen nur noch zäumen, dann liefen wir alle gemeinsam zum Führring. "You can leave it to us from here on, Mr Harper", versprach ich in einem Versuch, den noch immer nervösen Rennpferdebesitzer auf die Tribüne zu verbannen. Ansonsten würde er Black Powder War noch anstecken. Widerstrebend wünschte er mir einen sicheren Ritt und streichelte sein Pferd noch einmal - wie eine überfürsorgliche Mutter, die ihren einzigen Sohn in den Krieg schickte - ehe er endlich davonzog. Nun konnte ich mich auf das Rennen konzentrieren. Wir setzten Huf auf die Grasbahn und trotteten bis zur Startmaschine. Als wir an der Reihe waren, wurde Black Powder War von den Helfern in die schmale Box geschoben. Er hatte kaum Zeit, sich zu sträuben - es lief alles professionell und rasch ab. Wir hatten nur kurz Zeit um uns zu sammeln, dann sprangen die Tore auch schon auf. Ich mochte es auf diese Weise, denn je länger die Pferde in der Maschine warten mussten, desto nervöser wurden sie. Black Powder War kam gut weg. Wir konnten uns gleich an die Spitze setzen und für die erste Hälfte auch dort halten. Die heutige Distanz betrug nur etwa 1000 Meter, das war für mein Reittier ideal. Der Hengst hatte einen schnellen, kraftvollen Galopp, wurde aber über längere Strecken müde - er war ein typischer Sprint-Typ. Im Training war ihm jeweils ab 1200 Meter die Puste ausgegangen, mit etwas Konditionstraining konnten wir das aber sicherlich noch auf 1500 erweitern. Obwohl wir also eigentlich unter idealen Bedingungen teilnahmen, waren wir immer noch Aussenseiter, wenn man dem Wettbüro Glauben schenkte. Anscheinend waren ausser uns noch eine Handvoll hoffnungsvoller Neulinge mit am Start. Jedenfalls rückte nach der halben Distanz plötzlich ein echter Brauner von aussen her näher. Vermutlich wollte er sich eine gute Position für die letzten Meter ergattern. Ich wog das Risiko ab, dann entschied ich, das Tempo bereits zu erhöhen, um etwas mehr Vorsprung aufzubauen - jetzt wo er noch fit war. Wir holten bis zur Zielstrecke fast drei Längen heraus. Doch nun wurde es spannend, denn die Jockeys forderten von ihren Reittieren auf den letzten Metern alles. Das Feld rückte wieder näher, besonders der Braune von zuvor, dicht verfolgt von einem weiteren Schwarzbraunen. Mit einem leichten Seufzen befürchtete ich, dass meine Strategie nicht reichen würde. Unsere Konkurrenz war stärker als ich eingeschätzt hatte und unser Vorsprung schrumpfte rasch dahin. Ich trieb Black Powder War nochmal an, in der Hoffnung, dass er irgendwie mithalten würde; und wurde völlig überrascht, als der Hengst entgegen meiner Erwartungen so kraftvoll wie zu Beginn des Rennens zulegte. Ich krallte mich euphorisch in seiner Mähne fest und rief laut, damit er sich noch mehr streckte. Es fühlte sich unglaublich toll an. Wir setzten uns erneut klar an die Spitze und zogen davon. Die anderen konnten uns nichts mehr anhaben, und wir passierten die Ziellinie mit ungefähr demselben Vorsprung wie zuvor. Ich strahlte stolz über's ganze Gesicht und klopfte dem Hengst auf den Hals, als wir zurücktrabten. Auch Mr Harper jubelte begeistert, und sogar Collins liess sich davon anstecken - er schien jedenfalls klarstellen zu wollen, dass er das Tier trainiert hatte. Die Stimmung war auch nachdem Black Powder War längst wieder zufrieden Zuhause in seinem Stroh herumstöberte noch ausgelassen. So toll hatte ich mich zuletzt nach meinem allerersten Sieg gefühlt. "I could see their dumbfounded faces from my seat. It was hilarious! Everyone thought you were dead-beat and out already." - Collins konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Schwärmen. Mr Harper nippte zufrieden an seinem Kaffee und warf gelegentlich einen liebevollen Blick zu seinem Pferd rüber. Wir (vor allem Collins und ich) diskutierten noch eine Weile, dann löschten wir das Licht im Stallgebäude und schlichen hinaus.​
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