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Nordwind (1)

Geschrieben von Bahiyah im Blog Bahiyah's "Gedankensammelstelle". Ansichten: 243

Nordwind



Ein eisiger Wind fegte über die Wiese hinweg und griff mit kalten Fingern nach mir. Selbst er konnte meine trüben Gedanken nicht vertreiben. Frustriert drehte ich dem Sturm mein Hinterteil zu und begann zu grasen.



Die Weide war so gut wie abgegrast, die Halme kurz. Meine Stimmung hob das natürlich nicht. Bald würde der Winter kommen. Hart und unbarmherzig. Wie immer. Wie jedes Jahr.

An solchen Tage war ich froh über mein dichtes Winterfell. Es schützte mich vor Regen und Wind. Keine Seltenheit hier. Aber vor einem konnte es mich nicht schützen. Vor dem Menschen. Sattel und Trense wollten sie mir aufzwingen. Mich erniedrigen. Zu ihrem Reittier machen. Nein, das würde ich mir nicht gefallen lassen. Unter keinen Umständen würde ich einen Reiter tragen. Wie die anderen Pferde hier. Wie bereits meine Mutter. Ich hatte nie in der Wildnis gelebt, nie war ich frei umher galoppiert. Noch nie hatte ein Zaun meinen Weg behindert. Ich wollte frei sein.

Wenn wir auf die großen Sommerweiden gebracht wurden, war die beste Zeit im Jahr gekommen. Hier war genug Platz zum Rennen, Toben, Spielen und Grasen. Es war ein Hauch von Freiheit, den wir dann erlebten.

Jetzt war es Herbst. Die Zeit der Hofkoppeln. Klein waren sie. Zu klein. Der Sturm war abgeflaut zu einem kräftigen Wind. Bald würde wieder Stille einkehren.

Ein schriller Pfiff ließ mich aufhorchen. Jetzt war es so weit. Der Mann, der uns pflegte und fütterte, kam mit einem Halfter auf mich zu gestiefelt. Hastig wich ich ein paar Schritte zurück. Sein Gesicht verzog sich zu einem unfreundlichen Ausdruck und ich beschloss, es nicht auf ein Fangspiel ankommen zu lassen. Lieber keine Menschen unnötig verärgern. Ein bisschen stellte ich mich beim Aufhalftern aber schon an. Der sollte bloß nicht denken, dass ich einfach so kampflos aufgab!

Gestern schon hatten sie mir Sattel und Trense angelegt und mich im Kreis laufen lassen. Der Sattel war nach kurzer Zeit im Sand gelandet. Bei der Trense musste ich schließlich aufgeben. Erst hatte ich noch versucht, das Gebiss auszuspucken, aber das Ding war so verschnallt, dass ich es nicht los wurde. Mit der Gerte hatten sie mich aufgetrieben, mich angeschrien, als ich mich mit dem Sattel wälzen wollte. Verstört hatte ich versucht zu fliehen. Der Mann hielt mich zurück. Geschimpft hatten sie, oh ja.

Nach ein paar lieblosen Bürstenstrichen kam der eine schon wieder mit dem Sattelding und der Trense an. Warnend legte ich die Ohren an, als er näher kam. Grummelnd legte er den Sattel auf meinen Rücken und wollte ihn gerade fest machen, als ich entschieden protestierte. Der Sattel landete wiederum im Sand. Fluchend beeilte sich der Mann, das Ding auf meinen Rücken zu bekommen. Ich protestierte heftig. Schließlich gab er es auf. Leider aufgetrenst, aber mit erhobenen Kopf marschierte ich neben dem einen Mann her. In dem umzäunten Viereck hielt er mich fest, während der andere sich bemühte, auf meinen Rücken zu gelangen. Ich bockte und tänzelte zur Seite. Jetzt nahmen sie mich in die Mitte. So eingeengt blieb mir nur noch die Flucht nach vorne.

Ich zog an den Zügeln, stemmte mich dagegen. Es tat weh, aber besser, als einen Reiter auf dem Rücken zu haben. Plötzlich ließ der eine Mann mich los und ich schoss nach vorne. Aber was war das? Da saß der andere doch tatsächlich auf meinem Rücken! Wütend und panisch zugleich preschte ich buckelnd durchs Viereck. Mühsam das Gleichgewicht haltend. Ich bekam ihn nicht runter! Zitternd blieb ich schließlich stehen. Schaum bedeckte mein schönes Fell. Ich konnte einfach nicht mehr.

Jetzt haben sie es geschafft!, schoss es mir durch den Kopf. Ich war besiegt. Unterdrückt, erniedrigt. Das war es, was ich nicht wollte. Noch nie gewollt hatte.

In diesem Moment brauste der Wind wieder auf. Spielte in meiner Mähne, gab mir Kraft. Und erinnerte mich an die Freiheit. Ich wollte kämpfen!

Mit meiner letzten Energie sprang ich zur Seite, bockte, stieg, sprang in die Luft. Und schließlich gelang es mir, den überraschten Menschen wieder auf den Boden zu bringen.

Nein, so leicht würde ich nicht aufgeben!
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