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Nordsturm (2)

Geschrieben von Bahiyah im Blog Bahiyah's "Gedankensammelstelle". Ansichten: 176

Nordsturm



„Ich will das graue Pony da reiten!“, quietschte eine helle Stimme und riss mich aus meinen Träumereien. Menschen! Würden sie es nie lernen, dass wir Pferde Fluchttiere sind und uns bei lauten Geräuschen erschrecken? Wahrscheinlich nicht.



Dieser kleine Zweibeiner kam nun auf mich zugerannt. Erschrocken wich ich laut schnobernd zurück.

„Mama, bitte, ich will dieses Pony reiten!“, quängelte es.

„Aber Schatz, du hast doch gehört, was der Mann gesagt hat. Dieses Pony ist noch nicht brav genug. Nimm doch lieber den süßen Braunen da drüben.“

Jawohl, ihr habt es erraten. Mit dem unerzogenen grauen Pony bin ich gemeint. Wer auch sonst. Ich bin das einzige Pony hier, was sich nicht anständig unterwirft. Ich habe halt meinen Stolz und anscheinend auch mehr Mut als die anderen hier, sich gegen den Menschen aufzulehnen.

Der süße Braune ist übrigends mein Kumpel Smarty. Man könnte ihn auch einen kleinen braunen Schleimer auf vier kurzen Beinen nennen. Aber er ist eigentlich immer anständig und deshalb auch mein bester Freund. Selbst ein so unabhängiges Pony wie ich braucht einen Kumpel.

„Den darfst du nächste Woche reiten, dann haben wir ihn so weit“, ertönt eine mir wohlbekannte und verhasste Stimme. Einer der beiden Männer, die mich zähmen wollten, und der, wie es scheint, das Leittier auf dem Hof ist, tritt neben meine Box.

Es ist Kleine-Zweibeiner Zeit und da stehen wir eingerittenen Ponys Tag und Nacht im Stall.

Langweilig! Und diese Umstände tragen nicht gerade zu meiner Gemütsruhe bei. Und dann regen die sich auf, wenn ich auf dem Platz erst einmal Dampf ablassen muss, anstatt im langsamen Trott meine Runden zu drehen. Versteh einer die Menschen!

„Ich will das Pony aber JETZT reiten!“, ertönt es von unten energisch. Durchsetzen kann das kleine Ding sich, und penetrant sein auch, oh ja! Meine Hochachtung! Allerdings wirst du garantiert nicht auf meinem Rücken rumhopsen!

„Ich kann dir ja mal zeigen, was der so macht, wenn da jemand drauf will“, meint der Herdenchef und zieht mir verdutztem Pony, schwupps!, ein Halfter über den Kopf. Verblüfft stehe ich noch vor der offenen Tür, als der Zweibeiner an meinem Seil zieht.

„Los, beweg dich du kleines Aas!“, grummelt er und ruckt heftiger an dem Führdings. Ärgerlich gehe ich, nun wieder gefasst, einige Schritte rückwärts. Jedenfalls so weit es mir in der engen Box möglich ist. Ein bisschen freundlich könnte er schon mal sein, wenn er heute noch auf meinen Rücken steigen will!

Widerwillig folge ich dem Mann zu dem Raum mit den ungeliebten Trensen und Sätteln. Er bindet mich an einen Balken an und schnallt mir unsanft diesen drückenden Lederhaufen auf den Rücken.

„Gleich kannst du mal sehen, was kleine, bösartige Ponys anstellen können“, sagt er zu dem kleinen Zweibeiner. Allerdings hat er da die Rechung ohne mich gemacht. Ich hatte nämlich gar nicht vor, das bösartige Pony zu spielen, und ihm damit zu helfen. Nein, ich wollte nur einen kleinen Streit vom Zaun brechen. Das ist übrigends ein merkwürdiger Satz, den die Menschen aber häufig sagen. Und so ließ ich das unsanfte Satteln und Trensen zähneknirschend brav über mich ergehen und folgte ebenso scheinheilig dem verhassten Zweibeiner zum Platz mit dem Zaun drum. Der Mann musterte mich prüfend, verwundert über meine plötzliche Wandlung. Ich wusste, er traute mir nicht.

Mit festem Griff packte er die Zügel und schwang sich, mehr oder weniger elegant, in den Sattel. Ebenso wie der kleine Zweibeiner, war er, als ich nicht wie erwartet, losschoss, sehr überrascht.

„Aber der ist doch ganz lieb“, ertönte es vom Rand des Platzes.

„Noch“, meinte der Mann auf meinem Rücken, „aber warte nur ab, bis der Schritt gehen muss.“

Tja, pech gehabt. Auch als er mir die Fersen in die Seiten drückte, und das nicht gerade vorsichtig, bewegte ich mich nur im leicht verspanntem Schritt vorwärts.

„Du hast gesagt, der ist wild!“, nörgelte der kleine Zweibeiner wieder.

„Ja, normalerweise, aber ...“

„Ich will den jetzt reiten, wenn der so lieb ist! Bitte Mama!!!“

Da war er, mein Streit. Zufrieden schnaubte ich und drehte mit fröhlich gespitzten Ohren weiter meine Runden. Der Störenfried auf meinem Rücken sah das wohl als gutes Zeichen und zog kräftig an den Zügeln, so dass ich eine Vollbremsung hinlegte. Endlich stieg er von meinem schmerzenden Rücken. Diese Sättel waren wirklich sehr unbequem!

„Na gut, aber erst einmal nur Schritt“, willigte der große Zweibeiner ein.

„Ja! Hurra! Mama, ich darf das Pony doch reiten!“, quiekte das kleine Fohlen begeistert.

Mist! Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich wollte diesen kleinen, zarten Menschen auch nicht verletzen. Dann halt nur davon überzeugen, dass ich nicht das brave Schmusepony war, für das sie mich hielten. Vielleicht würde der große Mensch dann ja Ärger bekommen! Da war mir alles recht.

Mit Schwung landete das Fliegengewicht auf meinem Rücken. Bloß nicht fallen lassen! Meine guten Vorsätze waren jedoch verschwunden, als zwei kurze Beine ihre Hacken schwungvoll in meinen Bauch stießen und der kleine Mensch dabei „Hüh!“, schrie. Erschrocken prustete ich und machte einen Satz vorwärts. Der kleine Zweibeiner auf mir quietschte verängstigt und fing an zu schreien, als ich panisch lostrabte. Mit Schwung hopste es auf meinem Rücken auf und ab. Um den unangenehmen Gefühl zu entgehen, preschte ich im Galopp vorwärts und bekam gerade so noch die Kurve. Doch das Schreien und der Druck auf meinem Rücken wurde nicht weniger. Inzwischen war der Mann auf den Platz gelaufen und versuchte mich mit ausgebreiteten Armen zu stoppen. Vielleicht sollte der mir lieber das schreiende, ungemütliche Ding von meinem Rücken nehmen, anstattt nur wild rumzufuchteln und „Halt! Bleib stehen, du Mistvieh!“, zu rufen! Nervös und verschreckt warf ich den Kopf auf und tänzelte auf der Stelle. Der Chef packte meine Zügel und das Geschrei verstummte. Auch der Schmerz war plötzlich weg. Stattdessen plumste etwas neben mir zu Boden, was mich zu einem Seitensprung veranlasste.

Fluchend hielt mich der Mann fest und riss an meinen Zügeln. Aua, lass das!, protestierte ich. Ich konnte schließlich nichts dafür. Er hatte mir dieses furchtbare Etwas auf den Rücken gesetzt.

Während die Mutter besorgt ihr weinendes Fohlen aufsammelte, wurde ich unsanft zurück in die Box gebracht und an den Zügeln kurz und fest angebunden. Den Sattel bekam ich nicht abgenommen, obwohl mein Rücken inzwischen ziemlich wehtat.

„Das hat ein Nachspiel, verlass dich drauf!“, drohte mit der große Zweibeiner. „Irgendwann kommst auch du zur Vernunft! Das bekommt dir auf Dauer besser!“

Pah! Einschüchtern konnte der mich nicht! Aufgeben? Niemals!
  • Cranberry
  • Saphira
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