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Nordlicht (3)

Geschrieben von Bahiyah im Blog Bahiyah's "Gedankensammelstelle". Ansichten: 247

Jetzt!

Mit einem Satz schoss ich aus dem engen Verschlag, mit dem halbhohen Mauern und dem Eisenrohr als Abtrennung zwischen den einzelnen Boxen, heraus. Dass ich dabei meinen Besitzer fast umrannte, störte mich nur wenig. Schließlich war er auch zu mir ja auch nicht freundlicher.



Umso mehr versetzte mich die geschlossene Stalltür in Erstaunen und ich legte erst einmal eine Vollbremsung hin. Es war ja auch wirklich zu ärgerlich. Gestern war ich immerhin bis zum Hoftor und ein Stück den Schotterweg hinauf gekommen. Allerdings war mir dann ein gänzend schwarzes Blechdings in den

Weg gekommen und die Frau, welche wild gestikulierend und erregt schimpfend aus dem Gefährt stieg, war mir nicht so recht geheuer gewesen, weshalb ich dann auch lieber umkehrte.

Auf dem Hof erwartete mich zwar ein nicht minder aufgebrachter Hofherr, der mich kurzerhand angebunden wieder in die Box sperrte und zudem nicht an Flüchen und Grobheit sparte, mich allerdings den Tag lang wenigstens in Ruhe ließ.

Das war, wie gesagt, gestern. Heute blieb mir der Stress jedoch durch die geschlossene Tür erspart. Ein so stattliches Pony wie ich hätte sie zwar leicht überspringen können, aber mein geliebter Besitzer nutzte mein Erstaunen aus, um mich einzufangen.

„Tja Bursche, so dumm wie du glaubst, bin ich nicht!“, ertönte es von hinten. Wäre ich ein Mensch, ich hätte mich in die Sattelkammer, welche gleich neben der Stalltür lag, eingesperrt.

Wider Erwarten kam ich nicht zurück in die Box, sondern wurde an einem der eisernen Ringe an der Wand angebunden.

„Du kannst dir deinen Übermut gleich mal abarbeiten“, knurrte der Mann. „Und glaub ja nicht, dass du heute noch was Anständiges zu fressen bekommst. Da würd ich mir mein Pulverfass ja selbst füllen!“

Ich war jedoch nicht der Einzige, der etwas tun musste. Die Kleine-Zweibeiner-Zeit hatte leider noch nicht aufgehört und so standen wir immer noch Tag und Nacht in den kleinen, ungestreuten Verschlägen herum. Nur die Pensionspferde hatten etwas größere und eingestreute Boxen in dem angrenzenden Stallgebäude. Sie durften auch öfter mal auf die angrenzende Weide oder den kleinen Sandpaddok, an dem wir manchmal stundenlang auf unsere nächsten Reiter warteten.

Kinderstimmen rissen mich aus meinen Tagträumen. In der vergangenen Nacht hatte ich kein Auge zugetan. Wie auch, wenn man kurz angebunden in der Box stehen muss und sich kaum regen kann. Die erste Reitstunde war immer unsere Lieblingsstunde, da die kleinen und großen Reiter oft selber zum putzen kamen Und jedes Pony hoffte immer inständig, eines der „Auserwählten“ zu sein. Überhaupt nicht geritten zu werden, kam, wenn überhaupt, nur an Tagen mit schlechtem Wetter vor. Allerdings hatte man, außer in Reitstunden und Ausritten, keine andere Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. Deshalb schoben sich den Kindern, auch nun aus jeder belegten Box, weiche und hoffnungsvolle Ponynasen entgegen.

Rasch waren die Lieblingsponys ausgesucht, die Halfter übergezogen und passend verschnallt, die Boxentüren geöffnet und das verschmutzte Pony am Putzplatz angebunden. Von allen Seiten ertönte das vertraute: „Wie siehst du denn aus, Smokey?!“ und „Na, du hast dich aber wieder eingesaut, Merlin!“. Dabei wuselten sie eifrig zwischen Putzeimern und Ponys hin und

her, plauderten und planten und nach einer Weile waren wir einigermaßen sauber und das rege Treiben kam etwas zur Ruhe.

„Early lahmt.“ Ein blondes, mit Lederstiefeln ausgestattetes Mädchen trat durch die Stalltür. Early war eines der gut genährten, gepflegten Privatponys und hieß eigentlich Earl of Cantford.

„Joa, dann nimm doch erstmal den Grauen. Ich seh mir dein Pony gleich mal an“, kam es von meinem Besitzer.

Typisch! Bis gerade hat mich noch keiner beachtet und nun sollte ich doch noch ran. Wahrscheinlich nur, weil dem feinen Fuchs ein Strohhalm drückte.

Das blondmähnige Mädchen schaute mich abschätzend an, als der Mann mir einen drückenden Sattel auf den ungeputzten Rücken schmiss und mir unsanft die Trense überzog.

„Den soll ich reiten!?“, kam es pikiert.

„Ja nun stell dich mal nicht so an. Der braucht heute mal 'ne feste Hand und ich hab dem auch die Hengsttrense draufgemacht.“ Die Hengsttrense, war eine ganz normale Trense, in die ein sehr scharfes Gebiss eingeschnallt war.

Missmutig nahm Earlys Besitzerin meine Zügel und zog mich Richtung Reitplatz. Ich wusste, dass sie viel lieber auf der langbeinigen Ruby gesessen hätte oder wenigstens auf Windsor, dem Welshhengst unseres Besitzers.

Dass sie Fiona hieß, erfuhr ich beim Warmreiten. Ich mochte dieses Mädchen nicht, denn sie war, ähnlich wie der Hofherr, grob und wenn etwas nicht sofort nach ihrem Willen ging, hatte ich natürlich schuld. Nun gut, ich muss zugeben, dass ich es ihr nicht gerade leicht machte. Im Schritt warf ich den Kopf auch und tänzelte nervös vorwärts, worauf sie die Zügel noch kürzer nahm. Beim ersten Antraben schoss ich vorwärts und als Fiona darauf hin wütend an den Zügeln zerrte, stieg ich sogar etwas. Mein Besitzer gab ihr dann eine Gerte und nun ging ich noch heftiger vorwärts, um ihren Hacken und der Gerte zu entgehen.

„So, dann galoppiert mal an“, kam es vom Rand der Reitbahn.

Die Galopphilfe kam so heftig, dass ich im gestreckten Galopp aus der Abteilung ausbrach und an ihr vorbei raste. Fiona stieß einen Schrei aus, der mich zu erschrockenen Bocksprüngen veranlasste.

Beim zweiten saß sie dann auch schon im Sand und schimpfte wie ein Rohrspatz.

Ruby und Smarty, mein bester Kumpel, jagten derweil, einerseits verängstigt, andererseits vergnügt hinter mir her. Das Mädchen auf Merlin fing an zu weinen, als der kleine Schimmel sich tatsächlich einmal zu einem kleinen Hüpfer aufraffte.

Das Chaos war komplett und mein Besitzer hatte alle Hände (obwohl er eigentlich mehr als seine zwei benötigt hätte) voll zu tun, um die Ordnung wieder herzustellen.

Fiona war inzwischen wieder aufgestanden und weigerte sich, nochmal in meinen Sattel zu steigen. Schade eigentlich. Aber dann kam es doch noch besser. Ein schüchternes, braunhaariges Mädchen, welches heute auf Dancer saß, hielt den hellgrauen in der Mitte der Reitbahn.

„Vielleicht könnte ich ja den Grauen reiten“, sagte sie vorsichtig zu dem Mann.

Fionas Gesicht erhellte sich schlagartig. Dancer war einer der Favoriten unter den Verleihpferden.

„Wenn du dich freiwillig auf dieses lebensgefährliche Untier setzen willst, bitte. Lass dich nicht davon abhalten.“

Lebensgefährliches Untier. Diese beiden Wörter benutzten die Zweibeiner oft im

Zusammenhang mit mir. Ich fand das übertrieben. Lebensgefährlich war ich auf keinen Fall. Und ein Untier auch nicht! Naja, ich hattte halt manchmal meinen eigenen Kopf, aber eigentlich lockere ich den Alltag doch nur etwas auf ...

Wieder einigermaßen befriedigt schwang sich Fiona in Dancers Sattel und Marie, das braunhaarige Mädchen, erklomm meinen. Ich kannte sie noch nicht so gut. Erst ein paar Mal hatte ich sie reiten sehen. Aber die anderen Ponys sagten, dass sie sehr nett und lieb wäre und sich gut um uns kümmerte.

Marie nahm auch jetzt meine Zügel vorsichtig auf, und ich brummelte Dancer noch rasch etwas Mut zu, bevor sie mich auf meinen alten Platz in der Abteilung zurück lenkte.

Die Reitstunde ging zum Glück schnell vorbei und meine Reiterin krauelte mich rasch noch, bevor sie mich an den nächsten Zweibeiner weitergab. Da ich den Ausritt so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, legte ich die Hälfte der Strecke im flotten Galopp zurück. Trotz starker Proteste meines Reiters kam ich außer Atem am Hof an. Mein dunkelgraues Fell war schweißnass und so trottete ich zum Reitplatz, wo mein Zweibeiner schimpfend aus dem Sattel rutschte, meine Zügel aber erst zu fassen bekam, als ich bereits genüsslich im Sand lag. Gerade als ich mir noch eine andere Stelle zum wälzen suchen wollte, kam der Mann auf den Platz gestürmt und trieb mich mit der Gerte wieder hoch. „Elender Bock, du lernst es wohl nie!“

Mit diesen Worten wurde ich mal wieder in meinen Verschlag verfrachtet.
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