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Bow River Ranch Story IV

Geschrieben von Veija im Blog Veijas Real Life Gedöns ^-^. Ansichten: 103

Wieder gibts zwei neue Parts, falls jemand lesen möchte :)

The Last Ride
November 2021, by Ravenna & Veija
Zeitliche Einordnung: März 2021

Caleb
Die letzten Tage, ja sogar die letzte Nacht, kamen mir vor wie im Traum. Ich wachte am frühen Morgen mit einem Stapel Blätter auf meiner Bettdecke auf. Ein Teil des Papiers breitete sich auf dem Boden aus. Auf der obersten Seite stand in Großbuchstaben: ‘Adoptionsantrag’. Ich hatte mich also doch nicht getäuscht. Ein Traum, in dem Ylvi vorgekommen wäre, hätte mit Sicherheit nicht eine solche Richtung eingeschlagen.
Müde rieb ich mir einmal durch die Augen, ehe ich alle Blätter aufsammelte und auf meinen Nachttisch neben dem Bett legte. Ich würde mir den Antrag am Nachmittag anschauen, jetzt musste ich erst einmal in den Stall und… es war, als träfe mich der Schlag. Mit einem Mal kochten alle Emotionen hoch, die ich am gestrigen Tag, für Betsy, so gut zu verdrängen versucht hatte. Ich ließ mich wieder aufs Bett sinken, legte meinen Kopf in meine Hände- und fing an zu weinen. Auch Dells Tod am gestrigen Abend war kein Traum gewesen, nein. Es war die bittere, grausame Realität. Er war fort, einfach so. Plötzlich. Einfach aus dem Leben gerissen.
Eine ganze Weile saß ich auf meinem Bett und gab mich meinen Gefühlen hin. Sobald ich aufstand, würde ich stark sein müssen. Stark für meine Mitarbeiter und stark für Betsy. Das allerletzte was sie gerade brauchte, waren weinende Erwachsene um sie herum. Es war so schon schwer genug für sie.
Am vorigen Abend war sie mit Kaya und Tschetan ins Bett gegangen. Louis, Ylvi und ich hatten es für das Beste gehalten, die Kinder nicht zu trennen. Ylvi war mit zu ihnen in den Bungalow gegangen, während Louis und ich dem Rest der Ranch den Tod Dells mitgeteilt hatten. Octavia traf es besonders hart. Sie hatte sich in Bellamys Arme geworfen und bitterlich geweint. Laucene, der jegliches Schluchzen unterdrückte, schien ebenso mitgenommen.
Nun war es an der Zeit aufzustehen, ich konnte nicht mehr länger hier sitzen bleiben… Also zog ich mich an und ging die Treppe nach unten. Im Haus war niemand, selbst Laurence, der immer als erstes am Tisch saß und seinen Kaffee trank, fehlte. Das Einzige was auf einen frühen Vogel hindeutete, war der warme Kaffee in der Kaffeekanne. Aus dem Schrank nahm ich mir einen der Thermobecher, ehe ich mir den letzten Rest des braunen Getränks hinein schüttete und vorsichtig daran nippte. Kurz verzog ich das Gesicht. Laurence’ Gebräu. Um es auch nur annähernd genießen zu können, kippte ich mir eine Menge Milch hinein. Schließlich ging ich in den Stall. Auch dort traf ich niemanden an. Die Boxen waren nicht gemacht und gefüttert hatte auch noch niemand. Dennoch fiel mir auf, dass einige Pferde fehlten. In der Halle stieß ich dann auf Bellamy, Cayce und Laurence.
Ich setzte mich auf die Tribüne, legte meine Füße auf den Vordersitz und schaute den drei Reitern einfach eine Weile zu. Es dauerte allerdings nicht lange, da wurde ich bemerkt und das Training stoppte kurz.
“Wir… ähm…”, fing Cayce an, stockte dann jedoch.
“Wir konnten irgendwie alle nicht schlafen… zu erst war nur ich hier, dann kamen die anderen dazu”, beendete Laurence den angefangenen Satz von Cayce.
Ich lehnte mich auf dem Sitz etwas vor, um nicht so laut reden zu müssen. “Ist schon in Ordnung.” Damit stand ich auf und verließ die Halle wieder. Ich wollte ungern in ein Gespräch verwickelt werden, weshalb mich meine Schritte wie von selbst in den Trainingsstall führten, in dem ich schon einmal die morgendliche Fütterung übernahm und die Pferde danach nach draußen brachte.

Ylvi
Lange hatte ich wach gelegen neben Louis. War immer wieder aufgestanden um mich zu vergewissern ob die beiden Kinder schliefen. Tschetan hatte sein Bett für Betsy zwar geräumt. Schlussendlich fand jedoch Betsy ihren Weg in das Bett von Kaya. Beide Mädchen hielten sich im Arm. Ihren Schmerz konnte ich nicht verstehen. Aber Kaya war Betsy womöglich in dieser Zeit die beste Stütze. Da der Schlaf nicht einsetzte war ich drauf und dran Tschetan von der Couch zu jagen.
Als ich nach ihm sah, merkte ich das die kleine Lampe noch brannte. Als er meine Fußtritte vernahm, ging hastig das Licht aus. "Ich hab das Licht noch bemerkt." flüsterte ich in die Dunkelheit hinein. Hörte das leise Rascheln und schließlich das klick des Schalters. "Schlafen sie?" fragte Tschetan, deutete dabei vage mit den Lippen in Richtung des Zimmers der Mädchen. Ich lächelte, nickte ihm zu. "Was hält dich wach?" fragte ich den Jungen. "Die Couch, die ist einfach unbequem…" dann sah er hinab auf seinen Schoß. "Naja...und eigentlich." er machte eine unbedeutende Handbewegung in den Raum. "Bevor das ganze Chaos der letzten Tage passiert ist….also ein Mädchen aus der Schule, die wollte in Calgary mit mir in die Mall. Jetzt weiß ich nicht ob das angebracht ist." Ich schmunzelte ein wenig in mich hinein. Ein Mädchen interessierte sich für Tschetan? Nicht, dass mich das ganze überraschte. Natürlich waren mir die Blicke der Mädchen, sogar junger Frauen schon aufgefallen. Tschetan wurde bald 15 Jahre alt. Er sah seinem Cousin Louis bereits jetzt sehr ähnlich. Seine Gesichtszüge wirkten nicht länger wie die eines Kindes. Sein Gang hatte die Schlaksigkeit verloren. Er sah älter aus als er war. Natürlich hatten die Mädchen seines Alters Interesse an ihm. Und obwohl der Schmerz von Dells Tod allgegenwärtig war. So machte mir dieser Moment bewusst wie andere Bereiche des Lebens einfach weiter gingen. Das Rad des Lebens würde sich weiter drehen. "Ich denke ein Treffen in der Mall ist genau das Richtige, um ein wenig Zerstreuung zu finden. Aber lass mich mit Louis darüber sprechen, wann wir das einplanen können,ja?" Tschetan nickte besonnen. "Schlaf jetzt...morgen wird genug zu tun sein."

Caleb
Nachdem alle Pferde auf der Weide oder den Paddocks waren, hatte ich angefangen die Boxen zu misten. Ich wusste gar nicht mehr, wie lange ich bereits im Stall gestanden und geschaufelt hatte.
“Caleb, kommst du auch was essen? Es ist schon Mittag.”, fragte mich irgendwann eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich dieser zu und rieb mir einmal die Augen.
“Ich äh.. ja, Ylvi”, murmelte ich in mich hinein, stellte die Bollengabel gegen die Schubkarre und folgte der Frau schweigend nach drinnen. Erst dann schaute ich auf die Uhr und erschrak kurz. Das Mittagessen war schon eine Weile vorbei, die Zeit war mir einfach davongelaufen.
Klar, dass schon alle fertig mit essen waren, so spät wie es war. Nur wo waren sie alle abgeblieben?
Ylvi setzte sich ebenfalls an den Tisch, lud sich eine kleine Portion des Auflaufs auf den Teller und aß schweigend. Nachdem ich mir ein Glas Wasser befüllt und auf meinen Platz gestellt hatte, nahm auch ich mir etwas zu essen. Das Schweigen dauerte nicht lange.
“Caleb… wir müssen das mit der Adoption regeln- und wir müssen uns Gedanken zu… seiner Beerdigung machen.”
Zunächst sah ich nicht von meinem Teller hoch. Als ich es dann doch tat, drohten sich meine Augen erneut mit Tränen zu füllen, die ich mit aller Mühe hinunterschluckte. “Ich bin mir sicher, dass er ein Plätzchen nahe der Ferienranch ausgesucht hätte, wenn er dazu selbst die Chance gehabt hätte. Oben an einer Stelle, wo man in der Ferne die Ranch sehen kann. Wir lassen.. wir lassen ihn einäschern, reiten alle zusammen zur Ferienranch, er in der Tragtasche eines der Pferde.. als seinen letzten Ritt.”
Ylvi hörte mir gebannt zu, schien mich zu verstehen. Schließlich nickte sie traurig: “Das hört sich wunderschön an.” Wir schwiegen einen Moment. “Aber Caleb, was ist mit den Adoptionspapieren?”
“Hat das nicht noch ein wenig Zeit?”
Ylvi verneinte. “Wir müssen uns schnell darum kümmern, bevor uns diese Entscheidung abgenommen wird.”
Ich seufzte, legte das Besteck auf meinen Teller ab und leerte mein Glas Wasser in einem Zug. “Ich geh die Papiere holen.”

Ylvi
“Vielleicht sollte ich besser meine Seele verkaufen!” damit flog der Stift beinahe quer über den Tisch. Caleb lehnte sich nach hinten, verschränkte die Arme vor der Brust. Seine gesamte Stirn lag in Falten. Wir waren bereits eine gute Stunde damit zugange die Papiere der Adoption gemeinsam auszufüllen.
Es war Chaos. Nicht nur weil Caleb in den letzten Jahren seine Unterlagen nicht vernünftig geführt hatte...nein Dell hatte das quasi auch nie getan. Ich stupste ihn mit der Schulter an. “Ich weiß...mir geht es doch ähnlich. Wir müssen ganz schön blank ziehen vor den Behörden. Aber ist das ganze erstmal durch. Sind wir einen Schritt weiter. Für Betsy ist das die beste Entscheidung. Und zumindest stehen wir bereits in der Verfügung von Dell. So können nicht irgendwelche weiten Verwandten plötzlich einfach Anspruch auf Betsy erheben.”
“Du hast ja nicht Unrecht….Aber es hat eben schon seine Gründe wieso du mittlerweile für den blöden Papierkram der Ranch verantwortlich bist. Ich versteh die Hälfte von den Sätzen und Vorschriften gar nicht. Das könnte doch immerhin in einer leicht verständlichen Sprache verfasst sein.”
“Das wäre zu einfach”
“Na klasse, stattdessen muss ich mich hier herum plagen.”
“Bier?” kam plötzlich eine fremde Stimme von der Seite. Tschetan stand im Türrahmen, zwei Biere in der Hand. Sein Haar trug er offen. Es schien gerade frisch gewaschen. “Tschetan, du bist mein Retter.” verkündete Caleb schelmisch. Ein zaghaftes Lächeln auf seinen Lippen. Es tat gut das zu sehen. Auch wenn es nur wenige Lidschläge anhielt. Ich angelte über den Tisch nach dem weg geworfenen Stift. “Komm schon. Die Konzentration wieder hier rauf. Es sind nicht mehr viele Seiten.”
“Das sagst du so einfach.” gerade wollte er die Flasche von Tschetan an die Lippen setzen. Da griff ich danach. Verdutzt sah er mich an. Bestimmt tippte ich auf die Papiere und schob sie ihm zu. “Sieh das Bier als Belohnung.”
“Hmpf”

Caleb
Wir waren bei der letzten Seite des Adoptionsantrages angekommen. Etwas verwundert war ich schon, dass folgende Frage so weit am Schluss, kurz vor den Unterschriften der möglichen Adoptanten seinen Platz fand: Familienstand: [ ] ledig, [ ] verlobt, [ ] verheiratet.
„Ähm Ylvi..“, murmelte ich und kratzte mir mit den Stift, den ich mittlerweile wieder in der Hand hielt, am Kopf. „Kreuzen wir jetzt ledig und verheiratet an? Oder nur verheiratet? Oder nur ledig?“
Sie stutzte. „Ich glaube, dass wir sowohl ledig, als auch verheiratet ankreuzen sollten. Das entspricht ja der Wahrheit.“
Ich setzte also einen Haken bei ledig, als auch bei verheiratet. „Dann sollten wir aber wohl eine kurze Erklärung daneben schreiben, oder? Den Fragen, die dazu auftauchen werden, zuvorkommen?“ Ylvi nickte, ich reichte ihr den Stift und sie schrieb unsere Situation auf. Dass wir zum Zeitpunkt, an dem Dell uns als potenzielle Adoptiveltern auserkoren hatte, ein Paar gewesen sind, dass wir nun getrennt wären, Ylvi verheiratet sei aber dennoch hier auf der Ranch leben würde und sie wie auch ihr Mann meine Angestellten wären. Kompliziert konnten wir.
Nun fehlten nur noch die Unterschriften. Ylvi sah mich an, ich sah sie an. Tschetan schaute abwechselnd zwischen uns beiden hin und her. Außer unseren Herzschlägen und unserem Atem herrschte völlige Stille. Ylvi setzte den Stift an und unterschrieb zuerst, dann folgte meine Unterschrift. Nun gab es kein Zurück mehr, der erste Schritt zur Adoption Betsys war getan.
„Ich werde gleich nach Calgary fahren, mich um einige Dinge für die Beerdigung kümmern. Wenn ich es noch früh genug schaffe, kann ich die Unterlagen direkt auf dem Amt abgeben. Fährst du mit?“, fragte ich Ylvi und streckte meinen Arm aus, um an das Bier zu kommen, welches sie mir vorenthalten hatte.

Ylvi
Skeptisch hob ich die Augenbraue. “Also entweder, wartest du bis wir wieder zurück sind mit dem hier.” damit tippte ich mit dem Fingernagel gegen das Glas.” oder du lässt besser mich fahren.”
Caleb zuckte nur mit den Schultern. “Soll mir Recht sein. Fahr du nur.” Damit erhaschte er das Bier aus meiner Hand. Ich schüttelte seufzend den Kopf. Brachte etwas Ordnung hinein in die Unterlagen. Steckte sie zurück in den Hefter. Das schließen des Druckknopfes schien beinahe etwas endgültiges zu haben. “Großer Schritt. Nicht wahr?” kam es im ernstem Ton von Caleb. “Ich….ich weiß wirklich nicht ob ich das kann.”
“Vater sein?”
“Ich möchte Dell gar nicht ersetzen.”
“Caleb, das kann niemand. Aber du kannst für sie da sein. Ihre Vertrauensperson. Ihr Fels in der Brandung. Du bist mit der Entscheidung nicht allein...wir alle werden helfen. Gemeinsam packen wir das.” ich legte meine Hand an seine, strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. Spürte wie seine Hand erst zuckte, als wolle er sie weg ziehen. Dann trafen sich unsere Blicke. Und ich war mir nicht ganz im klaren darüber was ich in seinen Augen sah. Es war so vieles unausgesprochenes zwischen uns. Dann nahm er seine andere Hand, fort vom Bier, legte sie auf meine Hand. “Gemeinsam.” ….dann lächelte er “das haben wir eine verdammt lange Zeit nicht gesagt.” Ich spürte wie sich mir die Nackenhaare aufstellten. Begann dieser griesgrämige Cowboy mir etwa tatsächlich zu verzeihen? “Dann lass uns mal losfahren. Ehe es zu spät wird.”

Caleb
In Calgary angekommen stolperten wir kurz vor knapp beim zuständigen Amt für Adoptionsverfahren hinein. An der Rezeption wurden wir darauf hingewiesen, dass wir zwar ganz schön spät dran seien, die zuständige Sachbearbeiterin allerdings gleich von einem Besuch im Außendienst zurückkommen würde und sie uns noch kurz reinschieben könnte.
So setzen wir uns ins Wartezimmer und vertrieben uns die Zeit damit, uns über die Plakate zu Adoptions- und Pflegefamilien zu unterhalten. Schließlich wurden wir aufgerufen und betraten das freundlich eingerichtete Zimmer der uns zugeteilten Sachbearbeiterin, welche nach uns das Zimmer betrat, uns die Hände schüttelte und sich dann hinter ihren Schreibtisch setzte. Sie wirkte auf mich ziemlich jung, ungefähr unser Alter, eventuell ein paar Jahre jünger, hatte rötliche Haare und helle Augen. Ich war mir nicht sicher ob grün, blau oder sogar eine Mischung aus beidem. „Ich bin Hailey Miller und ihre Sachbearbeiterin im Falle der eventuellen Adoption von Betsy Dell. Die Unterlagen haben Sie ausgefüllt dabei, nehme ich an?“ Ylvi nickte hastig und legte sie ihr auf den Tisch. Die Frau uns gegenüber überflog die Papiere grob, nickte schließlich und klappte die Mappe. „Unterschriften sind drauf, die werden gerne vergessen. Auf den ersten schnellen Blick haben Sie alles ausgefüllt. Ich werde Ihre Angelegenheit bei Zeiten prüfen und mich dann bei Ihnen melden. Sie hören also von mir.“ Damit stand die Frau auf, reichte zuerst Ylvi, dann mir die Hand und scheuchte uns mehr oder weniger aus ihrem Büro hinaus.
Draußen sah Ylvi mich verdutzt an. „Dass das heute so schnell geht, damit hätte ich nicht gerechnet.“
„Sie hat auch keine Frage zum Familienstand gestellt, was mich wirklich gewundert hat“, antwortete ich, warf Ylvi wieder die Schlüssel des Trucks zu und setzte mich auf den Beifahrersitz. „Jetzt zu den unangenehmen Angelegenheiten“, seufzte ich und beschrieb Ylvi den kürzesten Weg zum Bestatter.
Die Wahl der richtigen Blumen, der Urne und allem was dazu gehörte war quälend und der Papierkram dazu wollte kein Ende nehmen. Schlussendlich war alles geregelt. In drei Tagen würden wir die Urne abholen dürfen, ebenso wie die Blumen, mit denen wir die Pferde als auch die Stelle, an der wir Dell beerdigen würden, schmücken wollten. Ylvi und die anderen wussten noch nichts davon, aber ein wenig Asche wollte ich oben auf dem Berg verstreuen, ein Teil von Dell verdiente es, frei wie der Wind zu sein.
Als wir wieder beim Auto ankamen, ließen wir beide uns vollkommen fertig auf die Sitze fallen. Ylvi kämpfte wieder mit den Tränen, verstaute die Unterlagen auf der Rückbank und kreuze meinen Blick für einen Moment. „Ich weiß…“, flüsterte ich und nahm ihre Hand, drückte sie leicht und schwieg. Eine ganze Weile saßen wir so da, ehe sie die Hand wegzog, den Motor startete und wir uns auf die eineinhalbstündige Heimfahrt zur Ranch machten.

Ylvi
Die Fahrt...zog sich dahin. Endlos leierten die Lieder hintereinander weg. Keiner von uns fand die richtigen Worte. Keiner füllte die Stille. Stattdessen hingen wir nur den Gedanken hinterher. Es begann bereits zu dämmern als mein Truck die Auffahrt zur Ranch hinauf fuhr. “Der erste Schritt ist tatsächlich getan.” murmelte Caleb als ich den Motor ausgeschaltet hatte. “Pack ich das?”
Meine Gedanken schweiften zurück. Zu dem Moment da Caleb mit einer angelegten Waffe vor mir stand. Über die Prügeleien die er geführt hatte. All die Momente in den letzten 3...fast 4 Jahren die ich mit ihm erlebt hatte. An all die Geschichten die ich gehört hatte von seiner Zeit auf der Gips Reminder Ranch und davor. “Caleb...ich glaube. Von dem unbeherrschten jungen Cowboy ist nicht mehr viel übrig. Seitdem ich dich kenne hast du uns hier ein neues zu Hause gegeben. Bist Betsys guter Freund geworden. Und für Tschetan sogar ein richtiges Vorbild. Du packst das.”
“Ohne dich hätte ich den Schritt nicht gewagt.” Ich lächelte ihn schwach von der Seite an. Ich wusste, dass es die Wahrheit war. Ohne mich hätte er vielleicht so einiges nicht gewagt. “Lass uns vorerst...nur an die Beerdigung von Dell denken. Einen Schritt nach dem anderen. Danach kommt alles weitere.”
“Kommst du noch mit? Schauen ob die Pferde genug Wasser haben.”
Mein Blick huschte hinüber zum kleinen Bungalow. Dort brannten die Lichter, an der Stelle wo sich unsere Küche befand. Louis bereite sicherlich gerade das Essen vor. Caleb hatte es bemerkt. Er seufzte und wollte beginnen aus dem Wagen zu steigen. “Was?” fragte ich in seine Richtung. “Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen….du als Mutter.” ich konnte nicht anders als zu schmunzeln. “Das sagt der richtige...schließlich dürfen wir dich demnächst Papa Caleb nennen.”

Caleb
Unsere Wege trennten sich und ich verbrachte den restlichen Tag bei und mit den Pferden. Die tägliche Arbeit machte auch heute keinen Halt vor mir, so dass ich erst wieder daran denken konnte, ins Haus zu gehen, als es bereits dunkel war. Von meinem Arbeitszimmer aus konnte ich die Bungalows sehen. Mit zusammengekniffenen Augen trat ich näher ans Fenster heran. In Dells… Betsys Hütte brannte Licht.
Schnellen Schrittes ging ich wieder nach unten, schnappte mir an der Tür Jacke und Stiefel und ging nach draußen. Wenig später kam ich am Bungalow an, klopfte an der Tür. Sie war offen, so dass ich hineinging. “Hallo, ist hier jemand?”, fragte ich in die Stille hinein. Nichts war zu hören. Das komplette Haus schien beleuchtet, denn als ich ins Wohnzimmer ging und von dort aus die anderen Zimmer durchkämmte, kam mir jedes Mal ein Lichtschwall entgegen. Im großen Schlafzimmer schließlich fand ich die Person, die dafür verantwortlich war. Vorsichtig schob ich die Tür auf und blickte in Betsys tränenüberströmtes Gesicht. Sie hielt einen von Dells Pullis im Arm und hatte sich damit auf seinem Bett zusammengekauert. Ich senkte kurz den Blick. “Darf ich.. reinkommen?”, fragte ich das Mädchen, welche zaghaft nickte und auf dem Bett ein wenig zur Seite rutschte, so dass ich mich neben sie setzen konnte.
Ich horchte in mich hinein, wollte nichts falsches sagen. Gab es hier in dieser Situation überhaupt ‘das Richtige’?
“Möchtest du heute Nacht hier schlafen?”, fragte ich sie dann leise und streckte meine Hand aus, um sie auf ihren Rücken zu legen und sie sanft zu drücken. Betsy nickte, entzog sich aber meinem Versuch ihr irgendwie Trost zu spenden, indem sie den Rücken wegdrückte. “Möchtest du, dass ich hierbleibe?” Keine Reaktion. Dann jedoch nickte sie zaghaft. Ich zog meine Jacke und die Stiefel aus, schlug die Decke zur Seite und legte mich neben sie ins Bett. Nichts war zu hören, außer meinem gleichmäßigen Atem und Betsys leisem Schluchzen. Das Einzige, was ich in diesem Moment für sie tun konnte, war für sie da zu sein, zu versuchen, ihr Halt zu geben; wenn auch nur, dass ich hier im Bett neben ihr lag, damit sie nicht alleine war.
Das Schluchzen endet. Betsy zog den Pulli enger an sich heran, ehe sie zaghaft etwas näher an mich herangerückt kam. Dann noch ein Stück… und noch ein Stück, bis ich sie schließlich in die Arme schließen konnte. Es dauerte keine fünf Minuten, da erkannte ich an ihrem regelmäßigen Atem, dass sie eingeschlafen war.
Ich schrieb Ylvi schnell eine Nachricht, dass ich hier mit Betsy im Bungalow sei. Die Lichter ließ ich brennen, denn ich wollte nicht mehr aufstehen und riskieren, dass ich sie weckte- sie hatte den Schlaf so dringend nötig. Und ich ebenso, denn auch mich riss die Erschöpfung wenig später ins Land der Träume.

Ylvi
Es vergingen 3 Tage, in denen die ganze Ranch versuchte wieder einen normalen Ablauf des Tages hinzubekommen. Ich befand mich gerade auf dem Heimweg. Die Kids hatten alle einvernehmlich beschlossen wieder zur Schule zu gehen. Sie wollten nicht zu viel vom Stoff verpassen. Außerdem vermittelte ihnen die Schule ein gewisses Maß an Normalität.
Tatsächlich...war es fast leicht in der Weite der Ranch zu vergessen. Schob man den Gedanken an Tod aus dem Gedächtnis. So konnte man einfach denken, Dell sei irgendwo beschäftigt.
Nur am Abend, wenn sich alle im Haupthaus versammelten. Ein Platz in der Mitte des Tisches frei blieb. Erst dann kam der Gedanke daran zurück. Wie ein blöder Moment eine Person aus ihrer Mitte gerissen hatte. Aus Gewohnheit, wurde der Platz von jedem der Küchendienst hatte mit gedeckt. Als würde Dell einfach nur zu spät kommen.
Ich blieb noch einen Moment im Truck sitzen. Auch ich hatte beschlossen heute meine Arbeit im Büro wieder aufzunehmen. Schließlich galt es Rechnungen zu erstellen. Arbeitspläne zu erstellen. In den letzten Tagen hatte ich eher die körperliche Arbeit bevorzugt, aber der Alltag musste nunmal auch weitergehen. Seufzend öffnete ich meine Tür, zog den Kragen meines Pullis höher gegen den kühlen Wind der heute über das Land fegte.
Im Büro startete ich den Rechner gerade, als das Telefon auf Calebs Arbeitsplatz klingelte. Ich schlängelte mich vorbei am Tisch und dem Beistelltisch, um ranzugehen, bevor die Rufumleitung aktiv wurde.
“Ja?” - blöde Angewohnheit
“Mister o’Dell?”
“Nein, Ylvi ...Ylvi KillsBears”
“Gut, sie stehen als Kontakt auch in meinen Notizen. Hier ist Miranda McNamara. Ich rufe vom Krematorium aus Calgary an. Die Überreste von Mister Dell können abgeholt werden. Ich würde gern einen Termin zur Übergabe mit ihnen ausmachen”
Ich musste schlucken. Das war unerwartet schnell gegangen. “Mhm”, ich räusperte mich.
“Ich könnte die Überreste sogar noch heute abholen. Ich werde am Nachmittag meine Kinder aus Calgary holen.”
“Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Schaffen Sie das?”
“Selbstverständlich. Dann würde ich etwa zu 17.30 bei Ihnen vor Ort sein?”
“Wunderbar. Bis später Miss KillsBears”
Das Geräusch als ich den Hörer beiseite legte hörte ich kaum, durch das Piepen in meinem Ohr. Der letzte Ritt hinauf zur Ranch stand damit kurz bevor. Wie in Trance schrieb ich Caleb eine Nachricht.
Das Krematorium rief an. Heute 17.30 Abholung der Urne. Willst du mit?

Caleb
Gemeinsam mit Bellamy hatte ich den Tag im Sattel verbracht. Der Alltag pendelte sich schnell wieder ein, zu schnell, wenn man mich fragte. “Wir müssen uns vor dem nächsten Frühjahr und vor den neuen Fohlen Gedanken machen, welche Pferde wir verkaufen sollen”, meinte ich irgendwann und sah zu Bellamy rüber, der seine Stute Dakota ritt. Sie war definitiv nicht meine erste Wahl gewesen, um bei den Rindern vorbei zu schauen, doch er hatte darauf bestanden. Die Stute kam viel zu kurz im Moment und hatte sich einen schönen Ausritt redlich verdient. Ich selbst saß auf Devil, wie konnte es auch anders sein. Die anfangs unberechenbare Stute war zu meinem besten Ranchpferd geworden. Im nächsten Jahr sollte sie ihr vermutlich letztes Fohlen bekommen, erneut von Blue. Somit hatte sie ein Fohlen von Gangster, eins von Unbroken Soul of a Devil, und zwei von Blue. In Bailey, das Stutfohlen von Gangster, steckte ich große Hoffnungen, ein ebenso tolles Ranch- und Cuttingpferd zu werden, wie Vater und vor allem Mutter.
Wir hatten zur Zeit sowieso einige Verkaufspferde, aber noch fast keines wirklich im Netz angepriesen. Das kam auch Bellamy wieder in den Sinn.
“Vielleicht sollten wir mal neue Verkaufsfotos schießen? Die Verkaufspferde nochmal kurz ins Training nehmen und ordentliche Fotos machen- dann lassen sie sich gleich leichter verkaufen”, meinte er schulterzuckend. “Ylvi kann dir ja die Fotos machen, das ist kein Problem. Trainingstechnisch haben wir alle im Moment Kapazitäten frei, also sollten wir das auch auf die Reihe bekommen.”
Ich nickte. Recht hatte er.
Als wir uns gerade auf dem Rückweg zur Ranch befanden und ich wieder Netz hatte, piepste mein Telefon. Eine Nachricht von Ylvi. Mist, wir waren noch ganz schön weit weg von zuhause. Dennoch antwortete ich ihr ein knappes ‘ja’ und sah dann zu Bellamy. “Lust auf ein kleines Wettrennen nach Hause?” Bellamy nickte. Wir gaben den Pferden Küsschen und galoppierten aus dem Schritt an. Devil ließ sich das nicht zweimal sagen und hängte Bellamy schon nach den ersten Metern ab. Dakota schien das aber vollkommen egal zu sein, denn sie galoppierte einfach in ihrem Tempo hinter uns her. Bellamy lachte nur und ließ sie laufen, ohne sie wirklich anzutreiben. Nach einem weiteren kurzen Blick nach hinten, ob alles in Ordnung sei, schaute ich wieder nach vorne und trieb Devil an. Wie hatte ich das vermisst. Im gestreckten Galopp, ein klares Ziel vor Augen, die Sorgen und Ängste für einen Moment vergessen.
Dieses Gefühl war jedoch viel zu schnell vorbei, denn als ich nicht mehr weit von der Ranch entfernt war, nahm ich meine Stute zurück und forderte von ihr einen schönen, gesetzten Galopp. Das Leben war eben nicht nur Spaß und Freude.
Am Hof angekommen wusste ich nicht, wer gerade stärker pumpte. Devil, oder ich. Das fiel auch Cayce sofort auf, der kopfschüttelnd auf mich zukam. “Da haste es aber wieder gut gemeint, nicht wahr?”, tadelte er mich, nahm mir die Stute aber direkt ab, als ich mich aus dem Sattel auf den Boden schwang. “Kannst du die waschen und ins Solarium stellen? Ich muss mit Ylvi nach Calgary… die ähm.. die Urne abholen.” Da war er wieder, der Kloß in meinem Hals. Auch Cayces Miene trübte sich. Er nickte nur, klopfte der Stute den Hals und verschwand in Richtung des Stalles.
Ylvi fand ich vor dem Haupthaus vor. “Beeil dich”, rief sie mir zu und tippte auf ihren Arm, an dem sich die Uhr befand. “Von wo kommst du überhaupt?”
“Rinder…”, antwortete ich knapp und schnappte mir ihren Arm, um auf die Uhr zu schauen. Ein paar Minuten hatten wir noch, bevor wir losfahren mussten. “Ich muss schnell noch duschen”, murmelte ich. Das gekeifte ‘Wir müssen los!’ nahm ich gar nicht mehr wirklich wahr. 10 Minuten später saßen wir im Truck und ich erzählte Ylvi von der Idee mit den Verkaufsfotos.

Ylvi
Da war er wieder, der feste Klumpen der sich irgendwo in meinem Bauch gebildet hatte. Nicht nur das ich genervt davon war,dass wir viel zu spät los kamen. Es ging wieder normal weiter…..und der Klumpen in meinem Magen. Dieser zog sich munter enger zusammen. Verkaufsfotos machen...war fast genauso schlimm wie heute morgen das Büro zu betreten. “Dann gehen wir das denke ich nach der Beerdigung an”, murmelte ich leise. “Hat heute morgen allen geklappt bei den Rindern?” “Aye” ...Caleb schwieg, schien aber noch etwas anfügen zu wollen. “Leider ist deutlich zu merken...naja uns fehlt halt ein Arbeiter. “ da seufzte er “Ich fürchte neben den Verkaufsfotos muss ich dich wohl auch bitten eine Stellenanzeige zu schreiben. Die Stelle ist schließlich frei.”
“So früh?” wieso zitterte meine Stimme dabei so?
Dann spürte ich eine Hand auf meinem Oberschenkel, Calebs Hand. Ich konnte nicht anders, griff danach und suchte den Halt. Eine Träne verirrte sich nun doch aus meinem Augenwinkel. Das war einfach nicht fair. Nicht für Betsy, nicht für uns, nicht für die Ranch. Ich war wütend. Auf das ganze Universum. Vielleicht sogar auf Dell der ohne richtige Vorrichtung diesen doofen Trailer hatte reparieren wollen.
Erst als ich den Motor abstellte an der Schule um die Kinder abzuholen. Verschwand Calebs Hand von meinem Oberschenkel. Die Stelle blieb einen Moment warm, dann schien sie kälter als zuvor. Als würde sie vermisst werden. Mit den Händen wischte ich etwas grimmig die Tränen weg. In Gedanken beugte ich mich hinüber zu dem Platz der nun von Caleb besetzt wurde. War es auf die Macht der Gewohnheit. Möglicherweise auch die allgemeine Verwirrung und Trauer die aktuell herrschte. Ich küsste raue Lippen. Was flüchtig hatte werden sollen. Was...aus reiner Gewohnheit geschehen war. Eine übliche Verabschiedung von Louis. Wurde plötzlich erwidert. War das ein Seufzen der Verwirrung oder der Erleichterung die ich von Caleb wahrnahm? Ich spürte seine Hand in meinem Nacken. Wieso geriet ich immer wieder in diese Situationen? Ich konnte nicht aufhören. Gewohnheit, mein Körper der sich erinnerte...und der simple Fakt das mein Verstand diesen blöden Cowboy noch immer liebte. Ähnlich wie Caleb lehnte ich mich ihm entgegen. Hing am Kragen seiner Weste, bis mir die Luft ausging.
Flüchtig, gemurmelt mit einem “Bis gleich.” stieg ich aus dem Auto. Bis mein Verstand realisiert hatte was ich soeben getan hatte. Ich drehte mich nochmal um. Mechanisch, das Gesicht verzogen in Verwirrung, der Mund geöffnet. Dann beschloss ich nichts zu sagen. Verschloss die Tür und stiefelte vom Auto fort. Wie konnte ich jetzt nur wieder einsteigen?
Noch viel schlimmer, wie sollte ich das aufklären. Mit verkniffenen Augen schüttelte ich den Kopf, rieb mir über die Stirn. Als ich frontal mit jemandem zusammenstieß. Mein Hirn schien noch immer umnachtet. Louis? War mein erster, erschrockener Gedanke. Bis ich...schlaksige Arme wahrnahm, geflochtene Zöpfe. “Tschetan!” entfuhr es mir ..ertappt? erschrocken? Wie viel mochte er gesehen haben? Er war alt genug um zu verstehen...und mitzubekommen was gewesen war. “Alles in Ordnung?” hörte ich da eine gewisse Skepsis in der Stimme des jungen Mannes? Raste mein Herz da etwa? “mhm, alles super.” log ich. Mit dem herben Geschmack von Caleb auf den Lippen.

Caleb
Verdattert blieb ich im Auto sitzen, meine Gedanken kreisten. Aus Reflex hatte ich den Kuss erwidert, ohne darüber nachzudenken, was es bedeutete. Nun hatte ich Zeit zum Denken. Seufzend klatschte ich mir die Hand vor den Kopf. ‘Du Vollidiot.’ Diese Worten hallten immer wieder in meinem Kopf nach. Doch Ylvi hatte den Kuss ebenfalls erwidert! Sie hätte ihn abbrechen können, was sie aber nicht getan hat. Und ich? Wieso hätte ich mich zurückziehen sollen, wo sie doch damit angefangen hatte! Weiter kam ich mit meinen Gedanken nicht. Ylvi kam mit den Kindern zurück.
Die Schultaschen wurden verstaut und die drei Kinder setzten sich auf die Rückbank. Tschetan erzählte munter von der Schule, Kaya und Betsy hörten ihm neugierig zu, Ylvi und ich schwiegen. Am Laden der Bestatterin hielt Ylvi an, wartete im Wagen mit den Kindern. Ich ging nach drinnen, klopfte meine Stiefel kurz auf der Fußmatte ab und sah zu Ms. McNamara, die für unseren Fall zuständig war. “Hallo, Caleb O’Dell”, stellte ich mich erneut vor und reichte ihr kurz die Hand. “Ich wollte die Blumen und die… Urne von William Dell abholen.”
Ms. McNamara nickte, kramte in ihren Unterlagen und führte mich zu ein paar Kisten. Weiße Blumen hatten wir bestellt, viele verschiedene, aber alles in weiß. Das würde morgen wunderschön aussehen, wenn wir die Pferde damit schmückten und zur Dude Ranch reiten würden.
Als mein Blick jedoch auf die Urne fiel, hielt ich einmal kurz inne, stockte in der Bewegung. Einen Moment später sah ich zu McNamara. “Sie ist wirklich.. schön geworden.”
“Wir haben sie extra nach ihren Wünschen gestaltet, die Gravuren waren nicht einfach, aber ich denke, wir haben es doch sehr gut hinbekommen.”
Die Kisten mit den Blumen waren schnell eingeladen, auch die Urne und den kleinen Grabstein wurde in einer Kiste verstaut, ehe diese ebenfalls eingeladen wurde. Ich bezahlte die junge Frau und verabschiedete mich. “Falls doch etwas fehlen sollte oder sie morgen spontan den Wunsch nach etwas anderem haben, lassen Sie es mich wissen.” Damit verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Rückweg zur Ranch.
“Die Blumen sind wunderschön”, flüsterte ich zu Ylvi rüber. Betsy war eingeschlafen, wer konnte es ihr verübeln. Nachts schlief sie kaum durch, schreckte immer wieder hoch. Die einzige Nacht, in der sie bisher durchgeschlafen hatte, war die gewesen, in der sie und ich in Dells Bett geschlafen hatten. “Die Gravuren auch… in der Urne.” Ylvi blickte zu mir hoch. “Jaja ich weiß, davon wusste niemand etwas. Ihr werdet es morgen sehen.” - als sei es eine Überraschung, auf die sich jeder freuen könnte, Vollidiot, tadelte ich mich innerlich selbst und schaute wieder geradeaus auf die Straße. Niemand sagte auch nur einen Satz zum vorherigen Kuss, nichts.
Auf der Ranch angekommen räumte ich die Blumen und die Kiste mit Urne und Grabstein in die Garage, wo sie bis morgen stehen bleiben würden. Die Blumen standen alle im Wasser, so dass ihnen dort nichts passieren und sie nicht verwelken würden. Dann ging ich nach drinnen und setzte mich an den Tisch, um mit den anderen gemeinsam Abend zu essen. Neben Kaya und Tschetan saß Betsy, die viel zu müde war um viel zu essen. Schließlich stand Ylvi auf und erklärte sich bereit, das Mädchen ins Bett zu bringen. Momentan schlief sie zusammen mit Kaya drüben im Bungalow von Ylvi und Louis.
Es hatten fast alle den Tisch verlassen. Lediglich Cayce und Bellamy saßen noch dort. Für meinen Plan kam mir das gerade gelegen. “Was habt ihr zwei heute Abend noch vor?”, fragte ich in die Runde und schaute abwechselnd zwischen den beiden hin und her.
“Äh.. nichts mehr”, antwortete mir Cayce und schaute neugierig zu mir rüber. Auch Bellamy war noch nicht verplant.
“Ich brauch eure Hilfe, drüben im Schuppen beim Holz. Also deine erstmal, Cayce. Bellamy du kannst dir meinen Truck schnappen, wir brauchen Schaufeln, Beton, Schrauben, Nägel und sowas.. wir fahren gleich noch rüber zur Ferienranch. Sie bekommt heute Abend endlich einen Namen.”

Ylvi
Das Abendessen war ruhig verlaufen. Louis hatte es benommen Betsy und Kaya in ihr Bett zu verfrachten. Mit Tschetan hatten wir noch begonnen einen Film zu schauen. Allerdings reichte meine Konzentration kaum um dem Film zu folgen. Louis hatte seine Hand über die Lehne der Couch um mich gelegt. Seine Finger streichelten mir unablässig über die Schulter. Sie schienen bleischwer. Mich beschäftigte der Kuss. Ich wollte ihn nicht ungeschehen machen. Noch viel schlimmer der Kuss hatte mich an andere Zeiten erinnert.
Ich konnte das alles gar nicht fassen. Eigentlich sollten meine Gedanken bei Dell sein. Schließlich hatten wir vorhin seine Asche aus dem Krematorium geholt. Hier saß ich allerdings. Konnte nicht fassen was geschehen war. Und war trotzdem drauf und dran hinüber ins Haupthaus zu gehen. War ich eigentlich jetzt vollkommen bescheuert geworden? Ich regte mich in meiner Position, die innere Unruhe ließ mich schwer still sitzen. "Ich muss mal auf Toilette", murmelte ich einem verwirrt zu mir schauenden Louis zu. Gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und erhob mich. Im Bad warf ich mir ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht. Betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Hatte ich da etwa Augenringe? Ich seufzte schwer, sah hinaus aus dem Fenster. Von hier aus konnte ich einen Teil der Ranch sehen. Verwundert ging mein Blick zur kleinen Lichtquelle an der Seite des Berges. Jetzt war es natürlich duster, aber ich wusste natürlich, dass dort der Berg war. Licht? Oben an der Ferienranch. Verwunderlich. Was tat Caleb um diese Zeit dort oben noch? Vielleicht hatte er noch vor dort oben einiges zu schmücken. Da er mich nicht eingeweiht hatte, beschloss ich sollte es mir egal sein und verließ das Bad wieder. Nur um in ein dunkles Wohnzimmer zurückzukehren. "Tschetan ist ins Bett verschwunden." flüsterte es aus der Dunkelheit. Die Augen stellten sich noch auf sie ein, also nahm ich nur einen kleinen Umriss wahr der auf der Couch saß. "Wer kann es verübeln. Morgen wird…" ich seufzte und spürte schon wieder die Tränen in mir aufsteigen. Louis rückte näher zu mir auf der Couch heran, seine langen Arme schlossen mich in eine warme Umarmung. Seine Finger Strichen mir über den Rücken. Ich wollte jetzt nicht denken. Louis Lippen spürte ich auf meinem Hals, wanderten mein Kinn hinauf. Sein Atem spürte ich in meinen Ohren. Die Gänsehaut lief mir über den Körper. Schließlich fanden sich unsere Lippen. Wie nur konnte sich auch dieser Kuss so natürlich anfühlen? Dies war mein Mann...und dieser Kuss, die Art wie er meinen Körper zu berühren kann. Ich liebte es. Ich liebte ihn. Und trotzdem wusste mein Körper um einen anderen Mann, der eine andere Art des Feuers in mir entfachen könnte. Louis nahm mich auf den Arm, ohne dabei den Kuss zu unterbrechen. Trug mich durch die Dunkelheit zu unserem Schlafzimmer. Schloss fast ein wenig unsanft die Tür. In dieser Nacht spendeten wir uns einander Trost.

Caleb
Am nächsten Morgen war ich früh auf den Beinen; also wirklich früh. Ich quälte mich in die Küche und ging schnurstracks zur Kaffeemaschine, von der mir ein wohliger Geruch in die Nase stieg. Ich blickte zuerst auf die Uhr: wir hatten gerade einmal halb 5. Um halb 1 war ich endlich im Bett gewesen, die Arbeiten für die Ferienranch hatten länger gedauert, als ich gedacht hatte.
Ich schaute mich in der Küche um. Laurence saß in der Ecke auf seinem Platz und grummelte mir ein “Morgen” entgegen. Laurence, Laurence. Immer der erste, der auf den Beinen war, egal wie früh am Morgen man die Küche betrat. Ehe ich mich auf meinen Platz setzte, schenkte ich mir eine Tasse des wohlig duftenden, aber viel zu starken Gebräus ein. Knapp die Hälfte Milch ruinierte die schöne, dunkle Farbe. “Seit wann sitzt du schon hier?”, fragte ich den älteren Mann neben mir, nachdem ich einmal an der Tasse genippt hatte.
“Etwa eine Stunde. Ich konnte mal wieder nicht schlafen. Außerdem habt ihr gestern Abend ganz schön Krach auf der Ranch gemacht”, tadelte er mich.
Ich seufzte, legte meinen Hut neben mich auf die Bank und starrte auf meine Finger. “Das war es wert.”
Zwei Stunden später hatte ich mit Laurence und auch Cayces Hilfe alle Pferde versorgt. Bellamy und Octavia waren auch dazu gestoßen und hatten sich um die Verkaufspferde und die des Nebenstalls gekümmert, so dass wir schon anfangen konnten, die Pferde zu satteln und für den letzten Ritt (The Last Ride) Dells zu schmücken.
Als alle Pferde hergerichtet waren, zog ich mir den schwarzen Anzug, den ebenfalls schwarzen Hut und die weiße Krawatte an.
Nach und nach trudelten die Mitarbeiter der Ranch ein. Ich teilte ihnen die Pferde zu und sie setzten sich in den Sattel. Lediglich Betsy und ich standen noch am Boden. Das Mädchen drehte sich zu mir um und sah mich aus geröteten Augen an: “Ich möchte, dass er von Sue getragen wird… von meiner Sue. Ich möchte Blue reiten.”
Ich nickte, verstaute die Urne in der Satteltasche von Sue und ging Blue holen, den ich für Betsy sattelte und schmückte. Dann saßen wir alle im Sattel. In der linken Hand hielt ich die Zügel von Devil, auf deren Rücken ich saß, in der rechten den Strick des Halfters von Sue, die ich als Handpferd mitnahm.
Gemeinsam ritten wir vom Hof und machten uns auf den Weg von ungefähr zwei Stunden (da wir viel Schritt gehen würden) zur Ferienranch.
Betsy auf Blue, Laurence auf Honor, Cayce auf seinem Shorty, Bellamy auf Dakota, Octavia auf Raspberry, Louis auf Whinney, Ylvi auf Kristy, Tschetan auf Alan, Kaya auf Hope, ich auf Devil und… Dell mit Sue.

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Nach dem Verlassen des Hofes hielten sie sich eine ganze Weile auf dem Feldweg in Richtung Berge auf. Niemand sprach ein Wort, alle schienen in ihren eigenen Gedanken versunken. Plötzlich hielt Octavia, die an der Spitze ritt, an. “Oh, schaut mal!”, sagte sie leise, drehte sich dabei zum Rest der Truppe um und zeigte nach rechts vorne. Dort stand eine Herde Bisons die friedlich graste.
“Ich habe hier soweit südlich bei uns noch nie Bisons gesehen”, murmelte Caleb. “Lasst sie uns bitte großzügig umreiten, aufschrecken und in Panik versetzen möchte ich sie wirklich nicht.”
Also verließen sie den Feldweg und wandten nach links auf die großen Wiesen ab. Hier war kaum noch etwas eingezäunt, der Blick reichte soweit das Auge schauen konnte. Um etwas Abstand zwischen die Bisonherde und die Pferde zu bekommen, legten sie eine kurze Trabphase ein. Als die fremden Tiere nur noch kleine Punkte am Horizont waren, wurde wieder zum Schritt durchpariert.
Nun waren sie am Fluss angekommen, der durchquert werden musste. “Caleb, hey Caleb, schau mal!”, sprach Betsy aufgeregt und zeigte zu den wenigen intakten Bäumen, die es an dieser schmalen Flussstelle noch gab. An den Stämmen machten sich einige Biber zu schaffen. Caleb lächelte. Auch diese Tiere hatte er hier bisher kaum zu Gesicht bekommen. Stetigen Schrittes wateten die Pferde durch die schmale Stelle des Flusses. Die Biber hielten inne in ihrem Tun, beobachteten die seltsamen Tiere, die ihre Ruhe störten, aus ihren schwarzen Knopfaugen. Hinter der Biegung des Flusses die alle durchquert hatten, öffnete sich eine weite Wiese mit vereinzelt stehenden Bäumen, die ihre Schatten warfen. Deutlich waren die tiefen Spuren der Bisons zu sehen. Louis deutete auf sie um Kaya auf sie aufmerksam zu machen. Caleb wendete sein Pferd nicht auf die weite Ebene des Tales, sondern zur Baumgrenze die hinauf in die Berge führte. Ab hier begann die anspruchsvollste Strecke für die Pferde, die sonst eher die flache Ebene gewohnt waren. Auf manchen der Pfade mussten alle hintereinander reiten. “Caleb? Wo führst du uns lang? Das ist nicht der übliche Weg zur Ranch hoch!” rief Ylvi von ihrer Position zwischen Betsy und Kaya. Caleb drehte sich halb im Sattel, lugte unter seinem Hut hervor. “Wir reiten von hinten heran. Da wir keine Rookies sind, sollten wir den Weg packen.” Ylvi schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben und rückte ihr Kleid am Knie ein wenig zurecht. Im Sattel in einem Kleid war wirklich keine gute Idee gewesen. Als sie nach 2 Umwegen, da der Weg vor ihnen durch einen umgestürzten Baum versperrt gewesen war, schließlich die Gebäude der Ferienranch erreichten, da herrschte leichte Verwirrung was nun eigentlich zu tun war. Jeder stieg aus dem Sattel. Hielten ihre Pferde an den Zügeln. Spiegelten im Grunde Calebs Verhalten wider. Dieser sammelte sich. Sortierte die Zügel seinen Reittieres und die Leine an dessen Ende Sue hing. Drehte sich in Richtung eines kleinen Zaunes. Dort öffnete sich nicht nur der dichte Wald um sie herum. Ein Felsvorsprung ragte einer Nase gleich aus dem Berg. Stand man an seinem Ende, so blickte man in das Tal des Bow River. Von hier aus konnten sie alle die Ranch durch die Bäume sehen. Die Wiesen auf den gegenüberliegenden Weiden erahnen. Ein Schluchzen unterbrach die Stille. Dabei stammte es nicht nur von einer Person. Doch Ylvi fand die Worte die allen auf der Zunge lagen.”Von hier aus wird er über das Tal wachen...und alle beobachten können. Das ist ein perfekter Ort.” Sie griff nach Calebs Hand, entwand ihnen die Zügel von Devil. Um ihm den möglichen Freiraum zu geben mit Blue näher an den Zaun zu gehen. Dort war bereits eine kleine Mulde ausgehoben worden. Tannenzweige lagen darum. Ein kleiner Haufen,in ihm eine Schaufel um die Erde später wieder zu verschließen. Alle wandten plötzlich ihre Blicke in Richtung des Himmels, als das Rufen von Gänsen über ihnen zu vernehmen war. Noch kündigte die Temperatur nicht davon, doch der Sommer schien früh in diesem Jahr zu kommen, wenn sich die Gänse auf den Weg in den Norden machten. Ob sie wohl Dells Seele mit auf Reisen nahmen?
Zusammen mit Sue trat Caleb an das Grab heran. Den Zaun am Abgrund hatte er am vergangenen Abend noch mit Cayce und Bellamy gebaut, er würde ihn gleich noch brauchen. Der Cowboy öffnete die Packtasche des Sattel, entnahm die Urne und stellte sie neben das Grab auf den Boden, dann führte er Sue zurück zu Ylvi, die die Stute festhielt.
Schließlich ergriff er das Wort: “Knapp dreieinhalb Jahre war Dell bei uns gewesen. Hatte nach dem Tod seiner geliebten Frau und Mutter seiner Tochter bei uns ein neues Zuhause gefunden. Vom Fremden zum Stallburschen, zur Hand für alles und schließlich zum Freund. Sogar zum guten Freund, einer meiner Besten. Er stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite, half mir auf die Beine, wenn es mir mal nicht so gut ging oder ich wieder… zu aufbrausend wurde, so dass ich jemanden hätte in der Luft zerreißen können. Er hat mir gezeigt, was es überhaupt bedeutet, ein Vater zu sein. Ich kann mich noch genau an unser Gespräch am Frühstückstisch erinnern vor ein paar Tagen.. da habe ich ihn gefragt, wie es ist, Vater zu sein. Wisst ihr was seine Kernaussage war? ‘...aber Caleb, es ist das Schönste im Leben…’”, Caleb seufzte. “Aber auch ich habe ihm geholfen. Wenn er mal nicht weiter wusste, mit der Welt überfordert war, da war ich für ihn da gewesen- wie Freunde das so machen. Ich habe gestern mit Betsy gesprochen. Sie hat mir gesagt, ich darf einen Teil seiner Asche über das Tal verstreuen. Dell verdient es, über die Ferienranch zu wachen, er verdient es, weiterhin in unserer Mitte zu sein, er verdient es, immer einen Blick auf Bow River zu haben ; aber er verdient es auch, frei zu sein. Frei wie der Wind.” Mit diesen letzten Worten ging Caleb auf die Urne zu, stellte sich zum Zaun und… zückte sein Handy, klickte etwas darauf herum und startete das Lied, welches er extra für diesen Moment ausgesucht hatte. Aus den Boxen hinter ihnen lauschten alle den leisen Klängen der Musik, ehe eine Frau zu singen anfing.

“Pack my bags cause I'm headed farther south
Turn around, see the chaos of this house
The road ahead is dark and lonely
It's so cold and it's so stormy
And it looks like I'm the only one around
I'm going where the world ends and the sky begins
Leaning over the edge but pushed back by the wind
Reaching out for heaven but I pull my arm back in
I'm standing where the world ends and goodbye begins
I think I'm lost but I have no place to go
Should I start walking back, try to find someone I know
But the road behind is dark and lonely
It's so cold and it's so stormy
And it looks like I'm all on my own
I'm standing where the world ends and the sky begins
Leaning over the edge but pushed back by the wind
Reaching out for heaven but I pull my arm back in
I'm standing where the world ends and goodbye begins
I'm going where the world ends and the sky begins
Leaning over the edge but pushed back by the wind
Reaching out for heaven but I pull my arm back in
I'm standing where the world ends and new life begins” - ‘Where the World Ends von Layne Elizabeth’

Während des Liedes öffnete Caleb die Urne, nahm Betsy kurz in den Arm, die sich zu ihm gesellt hatte und stellte sich auf die unterste Latte des Zaunes. Betsy tat es ihm gleich, sie hatten das so abgemacht und er hatte es ihr versprochen. Als das Lied verstummt war, herrschte für einen kurzen Moment Ruhe. Schließlich ergriff Caleb erneut das Wort und sprach: “I'm standing where the world ends and goodbye begins.” Er streckte seinen Arm über den Abgrund, neigte die Urne gen Boden und schüttelte sie leicht auf und ab, so dass die Asche nach unten rutschte. Die ausgeschüttete Asche wurde von einer Windböe erwischt und schien im Wind zu tanzen. Zunächst stieg sie etwas nach oben, ehe sie sich schnurstracks auf den Weg zum Boden machte. Kurz bevor sie aus unserem Sichtfeld verschwunden war, wurde sie von einem Adler durchstoben, der sich seinen Weg nach oben suchte, kurz vor uns abwendete und in die Weite des Tales hinaus flog. Nun war es auch um Caleb geschehen, der, um Betsy ein Fels in der Brandung sein zu wollen, versucht hatte, nicht zu weinen. Eine Träne nach der anderen kullerte seine Wange hinunter, als er vom Zaun stieg, Betsy hinab half und die Urne ins Grab legte. Ein Mitarbeiter nach dem Anderen warf eine weiße Blume ins Grab. Zum Schluss auch Betsy und Caleb, ehe der Mann sich die Schaufel nahm und das Loch zu schaufelte. Betsy drückte sich an ihn. Caleb nahm sie fest in den Arm.
So standen sie eine ganze Weile einfach nur da, starrten die aufgetürmte Erde an und weinten. Nicht nur Betsy und Caleb. Alle Mitarbeiter, nein Freunde Dells, weinten um ihn, zückten Taschentücher und fielen einander in die Arme.
Caleb sah auf. Es war eine Mädchenstimme zu hören, leise und unbekannt. Zunächst sah der Mann runter zu Betsy, die vor sich hin schluchzte… Als er den Blick schweifen ließ blieb er an Kaya hängen. Sie sprach! Die stumme Kaya! Caleb traute seinen Ohren kaum.
Auch die anderen schauten sie an, hörten ihr zu. Die schmale Gestalt hatte sich halb umgedreht. Als würde sie nicht zu den anderen sondern ihrem Pferd sprechen. Die Hände um die Zügel waren fest um sie geschlungen, weiß traten ihre Knöchel hervor. Die Worte die sie sprach verstand niemand. Nicht, weil Kaya zu leise sprach. Nein..es waren Worte gesprochen in Lakota. Viele der Gäste drehten sich daher zu Louis und Tschetan um, doch diese waren zu baff um den anderen eine Übersetzung zu geben. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter sprach das Mädchen. Ylvi und Louis stürzten vor. Tschetan hatte seine kleine Schwester bereits in die Arme genommen. Wirbelte sie herum und flüsterte. “Es ist gut deine Stimme zu hören, kleine Schwester!”
Die anderen Verteilten sich. Begannen die Pferde zusammen zu treiben. Oder irgendwo sicher anzubinden. Jeder einzelne konnte an das kleine Grab heran gehen. Seine ganz persönlichen Worte an Dell richten. Betsy lief, mit Calebs Hand in der einen auf die kleine Familie zu die Kaya umarmten. Kayas Augen strahlten. Und obwohl der Schatten von Dells Tod über ihnen allen hing. So sah man das Lächeln in den Gesichtern der kleinen Gruppe. Auch Betsy schenkte ihrer Freundin ein Lächeln. Kaya zog sie in eine Umarmung, wieder ihre zarte, raue Stimme die Betsy ins Ohr flüsterte “Ich bin jetzt für dich da, čhuwé(große Schwester).” Betsy hatte Kaya den Schmerz erleichtert als sie ihre Mutter so plötzlich verloren hatte. Die stetige Stille zwischen ihnen hatte Betsy nie für einen Grund genommen Kaya nicht zu akzeptieren. Und hier, auf dem Plateau der Ferienranch, am Grab des Vaters ihrer Freundin gab sie das Versprechen wie eine Schwester für Betsy zu sein. Und plötzlich fand sich die ganze Familie in einer Umarmung wieder. Ylvi schlang die Arme um das Mädchenpaar, Betsy die noch immer Calebs Hand hielt, zog diesen näher zu sich. Und auch Louis und Tschetan gaben sich einen Ruck um diesen Moment zu genießen. Als würden sie Kayas Versprechen damit besiegeln wollen. Von der kleinen Versammlung unbeobachtet sah man den alten Mann die Gruppe fixieren. Laurence's sowieso faltiges Gesicht, zeigte ein schmales Lächeln.
Sie verbrachten beinahe den ganzen Tag auf der Ferienranch. Als die Sonne sich ganz langsam gen Erde neigte und so den Sonnenuntergang ankündigte, machten sie sich wieder auf den Weg zurück zur Ranch. Weit kamen sie allerdings nicht, denn Caleb wählte dieses Mal den Haupteingang zur Ferienranch, ritt durch ein Schild, hielt davor an und ließ die ganze Gruppe umdrehen. “Die Ranch hat einen Namen!”, quietschte Octavia und stellte sich in die Bügel ihres Pferdes, um den Namen besser lesen zu können. “Dells Rookie Ranch.”
“Das ist es also, was ihr gestern Abend so spät noch hier gemacht habt”, schlussfolgerte Ylvi und sah mit einem Lächeln zu Caleb.
Betsy kamen erneut die Tränen. Sie saß nun auf Sue, Blue hielt Caleb in der rechten Hand und nahm ihn als Handpferd mit nach Hause. “Ich danke dir, Caleb”, waren Betsys Worte an ihn. “So bleibt er unvergessen.”
Caleb seufzte. Dieses Mädchen hat in ihrem Leben schon so viel mitmachen müssen, so viel Leid und Tod erfahren, dass es gut und gerne für zwei Leben reichen würde.
“Ich dachte… weil er die Ferienranch so geliebt hat und viel hier gearbeitet hat.. und… und nun hier begraben ist… ein besseres Andenken hätten wir ihm nicht machen können.”
Alle stimmten ihm nickend zu. Auch Louis lächelte, ihm schien der Name ebenfalls zu gefallen.
Etwa zwei Stunden später, so langsam wurde es wirklich dunkel, erreichte die Mannschaft die Ranch. Die Pferde wurden versorgt, die Abendrunde abgeschlossen und die Menschen verteilten sich auf der Ranch. Louis nahm die Kinder mit in den Bungalow, es war höchste Zeit, dass sie ins Bett gingen.
Ylvi machte noch einen kurzen Zwischenstopp im Büro, überflog die heute liegengebliebenen E-Mails und entschloss, sie am nächsten Tag zu beantworten, denn es war nichts wichtiges dabei. Sie machte gerade den Computer aus und wollte den Raum verlassen, als Caleb ins Zimmer gestürmt kam. Er hielt einen aufgerissenen Brief in der Hand.
“Verdammt Ylvi, wir haben ein Problem”, knurrte er und drückte ihr den Brief in die Hand. Ylvi las die fett geschrieben Wörter laut vor: "Vorladung zum Adoptionsantrag Betsy Dell”

Dells Rookie Ranch
Februar 2022, by Ravenna & Veija
Zeitliche Einordnung: April 2021
Ylvi
"Ich habe vorhin mit der Adoptionsbehörde telefoniert. Wir haben einen Termin für den Montag in knapp einer Woche bekommen. Um 18 Uhr. Dann sollten die gröbsten Arbeiten auf der Ranch erledigt sein."
2 Tage hatten wir wie gelähmt damit verbracht auf de Brief zu antworten. Hatten uns die Verantwortlichkeit hin und her geschoben. Heute in der Bürozeit fand ich endlich den Schneid den Hörer in die Hand zu nehmen. Am Telefon hatten sie mir leider keine Auskunft über den Grund der Vorladung geben wollen. Einerseits zitterte ich. Hatte das Ganze mit der ungewöhnlichen Situation zwischen Caleb und mir zu tun? Oder war es ganz anders...hatte sich tatsächlich noch Verwandtschaft finden lassen die Betsy zu sich nehmen wollte? Wie sollten wir das den beiden Mädchen nur beibringen. Caleb sah von seinen Unterlagen auf. "Das erscheint mir gerade wie eine Ewigkeit. Wie sollen wir die Zeit nur überbrücken?" Da es mir ganz ähnlich ging, zuckte ich nur mit den Schultern. Schließlich deutete ich aber auf das was Caleb da so eifrig in den Händen hielt. "Wir könnten quasi damit starten, die Verkaufspferde zu fotografieren. Das Wetter da draußen ist quasi perfekt. Leicht Bewölkt, die Blätter färben sich bunt. Die Pässe der Pferde scheinst du ja bereits sortiert zu haben? Meine Kamera wäre ebenfalls startklar."

Caleb
Gesagt, getan. In Windeseile fanden wir uns auf dem Reitplatz wieder. Die beiden Pferde, die für heute Morgen angedacht waren, waren Alan und Homy. Von Homy (General’s Coming Home) behielten wir das letztjährige Stutfohlen BR Homecoming Queen, weshalb ich mich dazu entschlossen hatte, den Hengst nun zu verkaufen. Mit Queen, deren Mutter Face Down ja bei der Geburt verstorben war, hatten wir so einen Glückgriff gemacht, dass wir die Vaterlinie nun in einem anderen Stall zur Verfügung stellen wollten.
Ähnlich war es mit Alan’s Psychedelic Breakfast. Von ihm blieb sein letztjähriges Hengstfohlen BR Alans Smart Dream sowie zwei seiner Stutfohlen, BR Sheza Topnotch Babe und BR Black Pamina. Sein Verkauf würde mir etwas schwerer fallen, doch ich war mir sicher, dass er ein gutes Zuhause finden würde. Seine Nachkommen würden sein Erbe hier auf Bow River weiter vertreten.
Wir konnten leider nicht alle Pferde behalten. Der letzte und auch diese Fohlenjahrgang war so unglaublich stark, so dass wir uns von ein paar alten Pferden trennen müssen.
Wir starteten mit ein paar Portraits und Ganzkörper Bildern der Pferde, zunächst ohne Ausrüstung, dann mit.
Schließlich folgten Reitfotos und Videos. Die beiden Pferde merkten genau, dass ich mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Vor allem Homy nutzte dies schamlos aus. Ich wank Ylvi ab. Sie sollte aufhören Fotos zu machen, ich müsste den Hengst zunächst nochmal schön weich bekommen, bevor sie weiter draufhalten konnte.
Schließlich klappte es dann doch.
Später schauten wir uns am PC gemeinsam die Fotos an, suchten die passenden heraus und Ylvi fing mit der Bearbeitung an, während ich einen kurzen Text zu den Tieren verfasste und auch den Preis festlegte. Ganz billig waren sie nicht, aber sie waren beide erfolgreich im Sport, waren gekört und hatten gute Nachzuchten, was man außer Acht lassen durfte. Alan setzte ich mit 1300 Joellen und Homy mit 1100 Joellen an.
Dann drehte ich mich zu Ylvi um. Sie nickte mir zu, sandte mir die Fotos rüber auf meinen PC und ich konnte sie der Verkaufsanzeige hinzufügen.
“Uff”, seufzte ich, nachdem ich auf ‘absenden’ gedrückt hatte. “Verkaufen ist immer schwer, besonders bei Pferden, die man schon länger hat.”
Ylvi nickte, lächelte kurz und wendete sich dann wieder ihrem Bildschirm zu. Schließlich sagte sie: “Wir bräuchten auch nochmal neue Fotos der Fohlen und Jährlinge, schau mal, wann wir sie das letzte Mal abgelichtet haben.” Ich stand auf und ging rüber zu ihrem Bildschirm, auf dem ich McDreamy erblickte, wie er auf wackeligen Beinen stand und mit seinem viel zu langen Hals versuchte, etwas Gras zu fressen.
“Der sieht jetzt ganz anders aus, wie ein richtiges Pferd schon!”, lachte ich und Ylvi nickte erneut.
“Deshalb müssten wir neue Bilder machen… direkt?”
“Okay.”

Ylvi
“Lass uns fix zwei der Pferde trensen und dort hinauf reiten. Ich denke ein bisschen Beine und Seele baumeln lassen tut uns beiden sicherlich gut." Den Vorschlag musste Caleb tatsächlich kein bisschen überdenken. "Dann lass und gleich 2 aus dem Trainingsstall nehmen, die haben immer etwas Bewegung nötig."
"Wen auch immer du mir zuweisen möchtest."
Caleb rieb sich über das Kinn. Auf dem ich jetzt erst so richtig bemerkte das er sich in den letzten Monaten hatte einen Bart stehen lassen. Oder in den letzten Wochen? Warum fiel mir das erst jetzt auf. Als Caleb merkte das ich ihn anstarrte, schlug ich verschämt meinen Blick nieder. "Ich denke Plankton und Nic sind keine verkehrte Wahl. Nic hatte ich dabei für dich im Sinn."
Im Stall bemühten wir uns tatsächlich nicht mal damit den Ponys ihre Trensen zu verpassen. Mit einfachen Knotenhalftern half mir Caleb auf den Rücken von Nic. Schwang sich in einem eleganten Sprung auf Plankton, während wir Richtung Osten die Ranch verließen um an den Hängen vor der Ferienranch, mein Hirn hatte sich an den neuen Namen noch immer nicht gewöhnt, nach der Herde den Jungpferde ausschau zu halten. Im Grunde war das allerdings beinahe nicht nötig - die gesamte Herde schien dermaßen neugierig auf Artgenossen. Sie stromarten bereits aus den Teilen des Waldes die Hänge hinunter in die Ebene, in Richtung des Zaunes. Ungewollt hielt ich Nic an. Sah den Pferden dabei zu, wie sie sich ihren Weg uns entgegen suchten. Ein schweres Gefühl schien sich plötzlich von meinen Schultern zu lösen. Ein Seufzen kam über meine Lippen. Schließlich, bevor ich es noch ganz begriffen hatte, schluchzte ich auf. Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Ich wusste nicht mal wieso. Aktuell schien ich mit allem überfordert. Der Kuss mit Caleb hing mir im Gedächtnis. Die Tatsache, dass Tschetan uns gesehen haben musste. Ich noch keinen Mut gefunden hatte Louis davon zu erzählen. Dells Tod. Die Tatsache, dass Kaya nun tatsächlich begonnen hatte zu sprechen. Die Angst, dass Betsy all das hier vor uns, vielleicht nicht mehr lang haben würde. Diese Angst war fast genauso groß wie jene gewesen diese Ranch für immer zu verlassen. Plötzlich zog mich jemand von meinem Pony. Calebs Arme schlangen sich wortlos um meinen Körper, während ich von Schluchzern überwältigt wurde.

Caleb
So standen wir eine ganze Weile im feuchten Gras. Unsere beiden Pferde hatten die Köpfe gesenkt und fraßen seelenruhig vor sich hin. Ich vernahm ein leises Schnauben, dann herrschte wieder Stille- bis auf das Schluchzen Ylvis.
An Dells Beerdigung hatte es mich überkommen, ich hatte mich der Trauer hingegeben, geweint. Nun allerdings, jetzt hier bei Ylvi, versuchte ich stark zu bleiben. Ihr ein Fels in der Brandung zu sein.
“Das ist einfach nicht fair”, murmelte Ylvi und drückte sich enger an mich.
“Was im Leben ist schon fair”, antwortete ich zwischen zusammengebissenen Zähnen und fuhr ihr mit einer Hand über die Haare. War es fair, dass die Frau, die ich geliebt hatte tot war? War es fair, dass die Frau, der ich mich geöffnet hatte, mit einem anderen verheiratet war? War es fair, dass sie jetzt hier in meinen Armen lag und weinte, anstatt sich ihrem Ehemann zu öffnen? Nichts davon war fair. Weder das Leben, noch der Tod. Wir konnten uns nur damit abfinden und nach vorne schauen. Ein Schritt nach dem Anderen. Auf einen Tag folgt ein Anderer.
“Wir werden das schon hinbekommen, Ylvi. Es wird alles wieder gut.” Da war es wieder. Das Verlangen, was mich in der letzten Zeit immer wieder überkommen hatte. Wieder entfacht durch den Kuss Ylvis vor ein paar Tagen im Auto. “Es wird alles wieder gut...,”, murmelte ich erneut, hob ihren Kopf mit meinem Zeigefinger an und legte meine Lippen auf die Ihren. Ich küsste sie und es fühlte sich an wie damals. Vertraut, nach Zuhause. Obwohl mich ein schlechtes Gewissen überkam, ließ ich nicht ab von ihr, legte ihr meine Hand in den Nacken und zog sie so ein wenig enger an mich heran. Nach einem kurzen Zögern erwiderte sie den Kuss, wurde fordernder.
Schließlich lösten wir uns voneinander, sahen uns an. Niemand sagte ein Wort, ehe wir uns in einem erneuten Kuss wiederfanden.

Tschetan
Mir perlte der Schweiß von der Stirn. Ich stand inmitten einer Box, meine Gummistiefel in der nassen Plörre, die der Hengst hinterlassen hatte. Ehrlich gesagt war mir gar nicht bewusst in wessen Box ich gerade stand.
Aber das dämliche Vieh hatte seinen Arsch so lang an der Tränke geschubbert, bis selbige abgebrochen war. Und die gesamte Wasserleitung hatte munter fröhlich die Box,sowie den Gang gewässert. Heute morgen hatte mich also eine Masse aus Scheiße, Wasser und Stroh in der Stallgasse erwartet. Das noch vor Schulbeginn!
In Windeseile hatte ich zumindest mal das Wasser abgestellt. Nun stand ich also in der Sauerei. Die Ablenkung kam mir allerdings gerade Recht. Zu viel das mir durch den Kopf ging. Simples Schaufeln brachte mich fort davon.
“Tschetan!”
“WAH!” schrie ich, zuckte sogar richtig zusammen. Sah mich um nach dem Ursprung der Stimme.
“Bist du verrückt? Hast du mal auf die Uhr geschaut? Du musst zur Schule. Mach hin! Ich hab nicht wieder Lust auf euch zu warten” zeterte Octavia mich an. Noch im Schreck klammerte ich mich an die Mistgabel. “Hee!” sie winkte mit ihrer Hand vor meinem Gesicht umher “Schau nicht wie ein Schellfisch.” Ich stellte die Gabel vor der Box ab. Tauschte meine Gummistiefel. Während O mir dabei zu sah. So richtig wusste ich ihren Blick nicht zu deuten. “Hattest du schon Frühstück?” fragte O in ihrem üblichen Ton. “Bisher nicht.” kam mir die knappe Antwort über die Lippen. “Dann schlag ich vor, du bewegst dich unter die Dusche. Du stinkst.” flüsterte sie in einer zuckersüßen Stimme. Fast augenblicklich fingen meine Ohren zu glühen an. Hervorragender Morgen.

Aimee
Ich hatte gerade das letzte Pausenbrot geschmiert da kam Tschetan in die Küche gestolpert. Seine langen Haare zu nassen Zöpfen geflochten sprang er quasi über den Tisch auf die Rückbank, schmierte sich in einer Schnelligkeit, die mich nur staunen ließ, ein Brot und stopfte es sich gefühlt komplett in die Backen. “Mal wieder zu spät dran”, lachte ich und reichte auch ihm eine der Tüten, in die ich das Essen gepackt hatte.
“Na einer von uns muss doch hier auf dem Hof was helfen, Caleb rastet aus wenn wir hier nicht mit anpacken”, schmatzte er mir entgegen.
“Mach den Mund beim Kauen zu- oder besser, mach den Mund leer, bevor du etwas sagst.”
“Jaja…”
Octavia platzte in die Küche, schaute uns Schulkinder einen nach dem Anderen mit einem Todesblick an und sagte: “Ab ins Auto!”
Tschetan, Kaya, Betsy und ich flüchteten geradewegs aus dem Haus und nachdem ich das ‘Ich sitz vorn’- Spiel gegen Tschetan verloren hatte, nahm ich hinter O Platz. “Ääääätsch”, hörte ich vom Beifahrersitz, gefolgt von einem “Aua, sag mal spinnst du?!”. Ich hatte Tschetan gegen die Schulter geboxt.
Eineinhalb Stunden später waren wir in Calgary angekommen. “Ich komm euch später abholen”, sagte O, ermahnte uns, die Türen des Wagens fest zu zu machen und fuhr dann zu ihrem Termin- was auch immer sie hier in Calgary zu erledigen hatte.
“Sehen wir uns in der Pause?”, fragte ich in die Runde und ging nach einem allgemeinen Nicken meiner Wege.

Tschetan
In dem Versuch mich etwas bequemer hinzusetzen, erhob ich mich leicht auf dem Stuhl. Meine langen Beine passten kaum unter den Tisch. Ich musste, wenn ich sie lang streckte aufpassen sie nicht zwischen die Beine meines Vordermannes zu schieben. Anschließend starrte ich aus dem Fenster. Dieser Tage fiel es schwer mich zu konzentrieren. In meinen Noten spiegelte sich das ein wenig wieder. Aber auf der Ranch konnte ich vieles davon aufholen. Der Schulstoff fiel mir nie schwer. Manchmal war ich sogar fast ein wenig unterfordert damit. Mein Starren aus dem Fenster blieb jedoch nicht unbemerkt. Plötzlich versperrte mir eine Gestalt den Ausblick. Mein Blick wanderte vom Rüschen und Blumen verzierten Rock, hinauf zum rosa Strick Pulli. Um schließlich in die blauen Augen von Mrs. Schuyler zu schauen.
Irgendwo, ganz tief unter ihrem sehr verwirrenden Kleidungsstil war sie sicherlich hübsch. In den meisten Fällen wirkte sie allerdings nur lächerlich und das nicht nur wegen ihrer Größe von nur 1,50 m. Sie schien auch nicht sonderlich viel von den First Nations zu halten. Das hatte ich bereits einige Male deutlich zu spüren bekommen. Ihre Hände hatte sie in die Hüften gestützt. “Ich gehe stark davon aus, dass du meinem Unterricht nicht gefolgt bist?” sprach sie mahnend. Da mein Hirn einen Moment brauchte um ihre Worte zu verarbeiten, schaute ich sie wenige Augenblicke verklärt an. Das ganze schien sie irgendwie zu irritieren. Sie leckte sich nervös über die Lippen. Dann legte ich den Kopf schief, grinste leicht und sprach in meiner süßesten Stimme “Nein, tut mir Leid Mrs. Schuyler.” Tat ich ihr etwa plötzlich Leid? Das Lehrerkollegium wusste sicherlich um den Todesfall auf der Ranch. In der letzten Zeit verhielten sich so einige Frauen in meiner Umgebung äußerst seltsam. “Ich sammle mich einen Moment und arbeite wieder mit. Versprochen.” Mrs. Schuyler schien darauf keine weiteren Einwände zu haben, tapperte auf kurzen Beinen wieder vor zum Smartboard...um ihren Unterricht in Sozialkunde fortzusetzen. Vielleicht fiel mir jetzt wieder ein, wieso ich dem Unterricht nicht hatte folgen wollen.
Nicht das ich die weibliche Anatomie langweilig fand, aber sie erinnerte mich zu sehr an das was mein Kopf seit einigen Tagen auseinander nahm. Zu sehr an Ylvi...und an Caleb. Und ihren Kuss. Oder vielmehr Küsse. Ich hatte gedacht der im Auto sei eine einmalige Sache gewesen. Doch vorgestern hatte ich sie auf einem Ritt mit Dakota erneut gesehen. Ich konnte mit diesem Wissen nicht umgehen. Noch hatte ich niemandem davon erzählt. Allein mit mir ausgetragen. Einerseits...meinte ich zu verstehen was sie zueinander zog. Andererseits kannte ich mich damit nicht aus. Weder mit Frauen, noch mit Beziehungen. Mich verwirrte sogar die Anziehung die ich gegenüber Octavia empfand. Seither stürzte ich mich in die Arbeit auf der Ranch. Sie war geradlinig. Folgte ihren eigenen Regeln, während alles andere meinen Verstand zu sehr durcheinander brachte. Mein Verständnis von Liebe war...gelinde gesagt wohl als durchwachsen anzusehen. Mit dem Umzug zur Ranch hatte ich zumindest ein Verständnis für Familie entwickelt. Nur erschütterte Ylvi dieses gerade in meinen Grundfesten.

Aimee
„Aimee wie lange bist du jetzt hier in der Klasse?“, fragte mich meine Sitznachbarin, was mich erst zum Grübeln und dann zum Lachen brachte.
„Ich glaube... drei, vier Monate? Letzten Dezember sind mein Vater Brian und ich auf die Bow River Ranch umgezogen. Caleb hatte neues Personal gesucht, mein Vater unterstützt ihn beim Training der Pferde”, antwortete ich während ich mit meinem Stift immer wieder die grauen Linien nachfuhr, die die Mähne meines gemalten Pferdes darstellen sollte. Ich hatte schon immer gezeichnet, mal mehr, mal weniger. In letzter Zeit und mit dem neuen Leben auf der Ranch war das etwas hinten runtergefallen, doch hier im Unterricht, in der Selbstlernzeit, fand ich wieder Motivation dazu.
“Psst, der Lehrer kommt”, flüsterte mir jemand von rechts zu. Sofort blätterte ich in meinem Block eine Seite weiter. Gerade rechtzeitig. Fast.
“Aimee ich weiß, dass du noch relativ neu hier bist und auch, dass privat bei euch allen viel los ist aber ich bitte dich, konzentriere dich und mach die Aufgaben. Malen kannst du im Kunstunterricht.” Mit diesen Worten nahm er mir mein gemaltes Bild weg. Ich wollte protestieren, stand schon halb auf. Doch Louis, der links von mir saß, zog mich an der Schulter wieder auf meinen Platz zurück, schüttelte den Kopf. “Leg dich nicht mit dem an”, flüsterte er mir zu und zuckte kurz mit den Schultern.
In der Pause erzählte ich Tschetan davon. Natürlich hatte ich mein Bild nicht zurückbekommen, sondern es war im Müll gelandet. Mein Gegenüber reagierte aufbrausend, doch auch ihm gab Louis zu verstehen, dass wir uns nicht mit diesem Lehrer anlegen sollten. Es wurde geredet. Dass die Kinder von der Bow River Ranch Sonderbehandlungen bekamen, dass sie zeitens viele Fehltage aufwiesen. Jetzt einen Aufstand wegen eines Blatt Papiers zu schieben, wäre nicht förderlich.
In der zweiten Pause stellte ich mich zu Kaya und Betsy. Die beiden waren in der selben Klasse. Tschetan ein paar darüber, ich eine über ihm. Die beiden Mädchen waren nicht wirklich für ein Gespräch zu gewinnen, weshalb ich mich umschaute. Tschetan sah ich gerade nicht, aber die anderen Jungs und Mädchen, die in Gruppen umher standen, schauten immer mal wieder zu uns rüber und tuschelten. Bildete ich mir das nur ein, weil Louis heute davon gesprochen hatte? Oder wurde wirklich so viel über uns geredet?
Ich entschied, der Sache auf den Grund zu gehen und Tschetan zu suchen. Während ich umherging, schnappte ich immer wieder Gesprächsfetzen auf. Es wurde über die Schule gesprochen, das Wetter, die Lehrer. Kein einziges Mal bekam ich etwas über uns mit. Einige Grüppchen verstummten allerdings auch, als ich an ihnen vorbeikam.
Wo trieb sich Tschetan eigentlich schon wieder herum? Nahe des Footballfeldes fand ich ihn schließlich. Dort stand er mit ein paar anderen indianischen Kindern und unterhielt sich mit ihnen auf einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich blieb mit einigem Abstand stehen, winkte ihn zu mir herüber und lächelte den Anderen im Kreis freundlich zu. Diese drehten sich jedoch einfach weg. Verwirrt wandte ich mich meinem Freund zu. “Hab ich denen was getan?”, platzte es aus mir heraus. Das war doch eigentlich überhaupt nicht das, weshalb ich ihn mir hergerufen hatte.
“Nein.” Mehr Antwort bekam ich nicht. Okay… dann musste ich mich wohl damit zufrieden geben.
Ich räusperte mich. “Ich ähm… ist dir etwas aufgefallen, dass die Anderen über uns reden?”, fragte ich ihn dann. “Es war mir gar nicht bewusst… aber eben als Louis das erzählt hat, und mein Mathelehrer eben im Unterricht. Und wie er mit mir gesprochen hat: ‘Aimee ich weiß, dass du noch relativ neu hier bist und auch, dass privat bei euch allen viel los ist aber ich bitte dich, konzentriere dich und mach die Aufgaben.’”, äffte ich meinen Mathelehrer nach. “Hast du davon was bemerkt?”

Tschetan
Gossip also. Ich seufzte schwer. "Aimee, Aimee...du gibst einfach zu viel darauf was andere über dich denken könnten." Dabei legte ich einen Arm um ihre Schulter. "Ich achte nicht darauf. Aber was dein Lehrer da gesagt hat, klingt schon ein wenig seltsam. Dabei muss man zugeben.Wir Ranch-Kids werden schon manchmal anders behandelt." Dabei dachte ich nicht nur allein an die Bow River. In der Fahrgemeinschaft, sowie der damaligen Versammlung um Heim-Unterricht. Da waren es mehr Eltern gewesen, die einen Bus-Shuttle gewünscht hatten. Im letzten Semester der Schule hatte der auch noch funktioniert, doch über den Schneereichen Winter war das wieder abgebrochen. So hatten wir uns alle in Fahrgemeinschaften organisieren müssen. So wechselten aktuell alle mit einem Auto auf der Ranch, sowie der umliegenden Ranches ab. Aimee legte den Kopf schief "mhm, du magst vielleicht Recht haben.Ich find es einfach nur auffällig." sprach sie konsterniert. "Nur Mrs. Schuyler ist in letzter Zeit so seltsam. Du kennst sie? Die junge Lehrerin mit Hang zu Rüschen und rosa Strick-Sachen?"
"Die Sozialkunde-Lehrerin?" "mhm, genau die."
"Tut mir Leid...ich kenn die zwar flüchtig. Aber im Unterricht habe ich sie nicht. Inwieweit ist sie denn seltsam? Ich liebe ja ihr lockiges Haar." schwärmte Aimee. "Haar hin oder her. Meine Freunde hatten, aufgrund ihrer Herkunft aus dem Reservat schon so einige Probleme mit ihr. Auch an mir ist das nicht ganz vorbei. Letztens musste ich mal wieder Nachsitzen bei ihr. Ich bin vielleicht ein wenig unaufmerksam im Unterricht." ich kratzte mir am Kopf dabei. Sollte ich Aimee von Ylvi und Caleb erzählen? Sie war noch nicht lang da. Aber in den wenigen Monaten eine wirklich gute Freundin geworden.

Aimee
“Hm, ist denn alles ok?”, fragte ich den jungen Mann und schälte mich aus seinem mich umfassenden Arm, um ihm wieder gegenüber zu stehen und ihn ansehen zu können. Dieser winkte nur ab und schaute in Richtung der Schulglocken, die uns mit ihrem Klingeln zu verstehen geben, dass wir uns für die letzten zwei Stunden wieder zurück ins Schulgebäude begeben sollten. “Bis später”, verabschiedete ich mich von Tschetan, für den mir einfach kein geeigneter Spitzname einfallen wollte, um wieder in mein Klassenzimmer zurück zu gehen. Beim Hineingehen langte ich flink in den Papiermüll und zog mein Bild wieder heraus.
An meinem Platz angekommen glättete ich es sorgfältig mit meinem Ärmel, ehe ich es in meinen Block steckte- sicher verwahrt vor weiteren Lehrern, die es mir wegnehmen könnten.
Die letzten beiden Stunden vergingen wie im Flug. Draußen traf ich Kaya und Betsy wieder, mit denen ich schon einmal zum Auto ging. O holte uns wieder ab. Da Tschetan nicht da war, krallte ich mir den Beifahrerplatz und streckte ihm die Zunge raus, als er sich auch endlich bequemte, zu uns rüber zu kommen. Kaya und Betsy unterhielten sich auf der Rückfahrt munter. Tschetan und ich schienen beide eigenen Gedanken nachzuhängen, denn niemand von uns sagte ein Wort.
Auf der Ranch angekommen ging es zum gemeinsamen Mittagessen, danach an die Hausaufgaben. Ich blieb am Küchentisch im Haupthaus sitzen, eine der wenigen Gelegenheiten, den Trubel hier hautnah mitzubekommen. Caleb stiefelte ein und aus und beachtete mich nicht weiter. Ylvi ging ein und aus, immer darauf bedacht, an der Küche vorbei zu huschen und immer genau gegenteilig zu Caleb. Ging er raus, kam sie rein. Ging er rein, kam sie kurz danach raus. Die Beiden waren mir ein Rätsel.
“Na Aimee, brauchst du noch lange?”, fragte mich Laurence, der auf einmal in der Tür zum Flur stand.
Ich sah auf, schlug mein Heft zu und sah ihn strahlend an. “Gerade fertig geworden!”
“Gut, kannst du mir mal bei der neuen Tränke helfen? Ich bekomm die Schrauben nicht gut rein. Wird wohl doch Zeit, dass ich mir eine Brille hole”, grummelte der alte Mann und ich folgte ihm schweigend.
Tschetan hatte so etwas heute Morgen erzählt, dass einer der Hengste in einer Box die Wassertränke zerstört hatte. Wir brauchten nicht lange, da konnte ich wieder meiner Wege gehen. Ich steuerte auf den Bungalow meines Vaters und mir zu, in dem ich in mein Zimmer ging und mich umzog. Als ich den Bungalow wieder verlassen wollte, stand Tschetan vor der Tür. “Ich äh.. hast du Lust auf einen Ausritt? Caleb sagte wir dürften Chou und Jade mitnehmen.”

Tschetan
Nach den Hausaufgaben, sowie dem Beritt zweier Trainingspferde von Caleb, hatte ich mich mit der Bitte auf einen Ausritt aus seinem Dunstkreis retten können. Wie ich mit ihm umgehen wollte, oder besser sollte mit dem Wissen das ich hatte wusste ich nicht. Normalerweise fiel es mir nicht schwer mit ihm solche Sachen zu besprechen. Manchmal hatte ich ihm mehr anvertrauen können als meinem Onkel. Mit dem Bruch in meinem Vertrauen hatte ich nun wirklich ein Problem erreicht das ich nicht wirklich zu klären wusste.
Aimee erschien mir daher wie die naheliegendste Wahl. Zu einem Ausritt musste sie selten überredet werden. In der Stallgasse quatschten wir über belanglose Dinge. Ließen uns Zeit damit die Pferde fertig zu machen, schließlich blieb es immer länger hell. Die Sonne schien sogar manchmal schon so sehr vom Himmel, dass sie einem die Haut wärmte. Ich hielt Chou vorn am Zügel fest, während Aimee sich in den Sattel schwang. Ehe ich es mir auf dem Rücken von Jade bequem machte. Ihr entging mein Zeichen mit den Lippen den Weg zu weisen. Also wiederholte ich die Geste mit der Hand. "Manchmal vergesse ich, dass du nicht wie ich aufgewachsen bist." Aimee drehte sich halb zu mir um, Verwirrung in ihrem Blick. "Wir geben oft mit vorgeschobener Lippe eine Richtung an, oder deuten auf andere Personen. So " damit wiederholte ich die kleine Geste. "Das ist mir so geläufig. Selbst Ylvi kannte das. Aber in der Schule oder mit dir. Vielen entgeht das einfach."
"Warum macht ihr das auch?"
"Mit dem Finger oder der Hand auf andere zu weisen ist schrecklich unhöflich." Aimee grinste breit "Bei uns auch, aber ich glaube niemand kam auf die Idee einfach die Geste zu verändern."
"Du kannst eben noch eine ganze Menge von mir lernen." ich drückte meinen Rücken durch, schob die Brust heraus und schaute 'weise' wie möglich drein. "Musst du kacken?" fragte Aimee spöttisch, trabte Chou an und verschwand einen Moment aus meinem Blickwinkel. Ohne nachzudenken gab ich Jade die Zügel vor. Schrie "Yihaaw" und preschte im Galopp an ihr vorbei. Chou hatte keine Schwierigkeiten damit mir und Jade zu folgen. Nachdem der Pfad in den Wald allerdings verwurzelter wurde parierte ich das Pony durch. "Mach das nicht nochmal!" schimpfte Aimee mit mir. Doch das Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Natürlich wusste ich, dass Aimee ein bisschen aus der Übung war mit dem Reiten. Sie war zwar auf einem Pferderücken aufgewachsen, hatte die letzten 6 Jahre aber in der Stadt gelebt und keine Pferde gesehen. Ich war mir sicher, hätte sie mich erreicht, dann hätte sie mir wütend auf die Schulter geschlagen. Das war eine ihrer seltsamen Angewohnheiten. Trotzdem entschuldigte ich mich nicht, es war schließlich nichts passiert. "Sieh dir lieber diesen Ausblick an!" stichelte ich, deutete in Richtung des Bow River der sich unter uns erstreckte. Der Galopp hatte den leichten Anstieg in den Wald genommen. “Erinnert ein wenig an den auf der Ferienranch.” sprach Aimee zögerlich. Ihr war es unangenehm über Dell’s Tod zu sprechen. Sie hatte den Mann schließlich kaum gekannt. “Tatsächlich, das ist mir so direkt noch nie aufgefallen. Allerdings ist es der falsche Hang.” Ich gab Jade das Zeichen weiter voran zu laufen.
“Tschetan...sag mal, normalerweise bist du ein wenig gesprächiger mit mir. Bedrückt dich irgendwas? Ich hatte auf dem Schulhof schon das Gefühl du möchtest etwas loswerden.” Ich zuckte mit den Schultern. “Schon ja, aber irgendwie finde ich die richtigen Worte nicht.”
“Sprech sie einfach aus.Richtige Worte lassen sich schwer finden.”
“Ich hab...vor ein paar Tagen gesehen wie sich Caleb und Ylvi im Auto vor der Schule geküsst haben. ...und dann am Sonntag, also gestern. Hab ich auf meinem Trainingsritt mit Dakota gesehen wie sie auf der Ebene standen. Erst hat er sie nur umarmt. Und plötzlich haben sie sich innig geküsst. Sie waren ein Paar, weißt du. Bevor Louis sie geheiratet hat. Ich weiß das war..naja mehr aus Zweckmäßigkeit. Sie hätte sonst die Ranch verlassen müssen. Aber ich sehe auch wie sie zu uns ist...mit Louis umgeht. Ich verstehe nicht viel von Liebe...aber die Art wie sie Louis anschaut. Das bilde ich mir doch nicht ein? “ bei meiner Unsicherheit blieb Jade plötzlich stehen, sodass Chou beinahe in sein Vorderpferd hinein lief.

Aimee
“Oh shit”, bekam ich gerade noch über die Lippen, da hing ich am Hals meines Pferdes. Die Zügel hatte ich aus Reflex fallen gelassen, um mich selbst am Tier festzuhalten. Zum Glück hatte Chou nur aus dem Schritt einen Satz zur Seite gemacht, so dass es mich nicht komplett vom Rücken gefegt hatte.
“Mein Gott, Aimee”, bekam ich von Tschetan zu hören, der lachend die Augen verdrehte und mich wieder aufs Pferd schob. Auch langte er nach meinen Zügeln, um sie mir wieder in die Hand zu drücken.
Ich schaute ihn schmollend an. “Jaja, du darfst jetzt gerne wieder aufhören zu lachen.” Wir ritten weiter. Ich war ihm noch immer eine Antwort schuldig.Es war wirklich schwer für mich, Caleb, Louis und Ylvi einzuschätzen. Genau das antwortete ich Tschetan schließlich auch. “Ich habe immer mal wieder ein paar Bruchstücke mitbekommen, von den Dreien. Dass Ylvi zuerst mit Caleb zusammen gewesen ist, dann mit Louis. Anscheinend gibt es öfter Streit, was die betrifft?” Tschetan nickte. “Hmpf…”, murmelte ich und lenkte Chou durch die tiefhängenden Äste, bis wir ganz oben auf dem Hügel angekommen waren, von dem aus man das gesamte Tal überblicken konnte. Ich atmete einmal tief ein. Oh wie hatte ich das vermisst, diese Landluft und die großen Weiten von… nichts. Okay nichts war es nicht wirklich, aber keine Straßen und Autos oder Hochhäuser oder… “Aimee, hallo, komm wieder hierher zurück”, lachte Tschetan und legte seine Hand kurz auf mein Bein.
“Ist ja gut”, grummelte ich, drehte Chou so, dass seine Hand von meinem Bein rutschte und sah zur Bow River Ranch rüber. “Ich verstehe Caleb und Ylvi aber auch nicht… meine Eltern haben sich getrennt und kämen nie auf die Idee, nochmal etwas miteinander anzufangen und…”
“Ich glaube Caleb und Ylvi haben sich nie richtig getrennt.”
“Hm?”
“Na… Louis hat sie geheiratet, damit sie bleiben konnte. Auf der Ranch. Ich glaube, sie haben nie richtig Schluss gemacht.”
“Oh”, war meine knappe, verwunderte Antwort. “Aber das ist doch trotzdem kein Grund.. ich mein.. ach was weiß ich denn schon.” Ich zuckte die Schultern. Tschetan sah mich ebenso ratlos an. “Komm, lass uns zurückreiten.”
Wir wählten dieses Mal einen leichteren Weg, so dass wir viel auf der Geraden traben und galoppieren konnten.
Auf dem Hof angekommen kam uns Laurence entgegen, der nicht sehr erfreut aussah. Ich wechselte einen kurzen, hilfesuchenden Blick mit Tschetan, ehe das Donnerwetter losging. “Wenn ihr nochmal so vom Hof prescht wie die Bekloppten… dann wars für ein paar Wochen das letzte Mal, dass hier einer von euch ein Pferd reitet!”
“ ‘tschuldigung, Laurence”, murmelten Tschetan und ich synchron. “Kommt nicht wieder vor.” Laurence nickte und tigerte um uns herum. “Die werden jetzt hoffentlich gewaschen und ins Solarium gestellt. Was habt ihr mit denen gemacht?”
Tschetan ergriff das Wort, erklärte sich und versicherte ihm, dass wir die Pferde waschen und anschließend unter das wärmende Solarium stellen würden. Noch war es zu kalt, um sie an der Luft trocknen zu lassen.

Tschetan
Ich pulte an dem getrockneten Schweiß in Jades Fell herum. Wir standen gemeinsam unter dem Licht des Solariums. Chou war etwas ungeduldig, sodass Aimee das Pferd immer wieder korrigierte. “Aimee. Ignoriere das Scharren einfach. Du weißt doch...Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit, auch wenn das Pferd scharrt.” Der Blick den ich über Chous Rücken zugeschickt bekam, hätte mich wohl getötet, wenn Blicke solcherlei Dinge vermochten. Ich konnte nicht anders als ihn mit einem breiten Grinsen zu erwidern. Aimee seufzte “Du bist fast so schlimm wie Caleb.” dabei rollte sie die Augen. Ich zuckte die Schultern “Das hat gar nichts mit Caleb zu tun. So hab ich es gelernt. Lakota strafen ihre Kinder nicht. Sie müssen ihre Erfahrungen selbst machen. Stattdessen wurden uns lehrreiche Geschichten erzählt. Kein Elternteil bei Verstand würde gegen seine Kinder die Hand erheben.” Zumindest war es in alten Zeiten so gewesen...Louis hatte uns so erzogen. Auch meine Großmutter. Mein Vater jedoch, wenn er zu viel Alkohol getrunken hatte. Ich schaute hinab zu meiner Hand die noch immer mit der verschwitzten Stelle spielte. Das war ein Thema an das ich nicht gern dachte. Genauso wie den Tod meiner Mutter. Aimee sprach mich nicht an, es herrschte eine ganze Weile einfach nur Schweigen. Dafür war ich ihr Dankbar. Sie wusste manchmal ganz genau, wenn es sich nicht lohnte weiter nach zu bohren.
“Ich denke wir können die zwei wieder auf die Paddocks bringen.” murmelte Aimee irgendwann zu mir. “Ich will nur noch schnell die Schweißkruste aus dem Fell bürsten.”
“Das ist keine schlechte Idee.” erwiderte Aimee. Seite an Seite bürsteten wir beiden Pferden die Rückenpartie. Trotzdem sie beinahe trocken waren, beobachteten wir beide Pferde noch dabei wie sie sich ausgiebig im Dreck wälzten. “Tschetan?” ich drehte mich suchend nach der Stimme um, die meinen Namen gerufen hatte, es war Ylvi gewesen. “Hast du deine Schwester in der letzten Stunde zufällig gesehen?”
“Tut mir Leid, ich war auf einem Ausritt.”
“Diese zwei Kids machen mich wahnsinnig. Also, wenn du Kaya oder Betsy irgendwo siehst - schick sie zum Bungalow. Es wird Zeit für das Abendessen. Bist du heute dabei? Oder isst du drüben mit den anderen?” Ich schenkte Aimee einen Seitenblick. Ihre Lippen formten das Wort ‘Drüben’.
Dabei fiel mir etwas ein. “Hast du drüben im Haupthaus mal nach den beiden gesucht? Schließlich wird Betsy über kurz oder lang dort ihr Zimmer beziehen. Ich denke vor dem Kamin in der Bibliothek werden sie es sich bequem gemacht haben.” Nicht das sie sich sonderlich für die Bücher dort interessiert hätten. Vielmehr den riesigen Bildschirm den Laurence dort vor einigen Wochen aufgehängt hatte.

Laurence
Gähnend schaute ich nach oben, als eine Gestalt in die Bibliothek gepoltert kam. Es war Ylvi, die sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht strich. “Hier habt ihr euch verkrochen!” Damit meinte sie vermutlich eher Kaya und Betsy als mich. “Was schaut ihr euch da eigentlich an?”, setzte sie nach, schnappte sich die Fernbedienung und knipste die Kiste aus. “Es gibt Essen, kommt. Du auch Laurence.”
Im Esszimmer angekommen fiel mir sofort auf, dass Ylvi den Weg zur Haustür eingeschlagen und rausgegangen war. Aß sie nicht mit uns? Ich überflog den gedeckten Tisch mit einem kurzen Blick. Zwei Teller zu wenig. Ylvi und Louis.
Kurzerhand nahm ich Platz und schaute zur Tür, als Tschetan und Aimee den Raum betraten. Ich sah sie fragend an und bekam schließlich von Tschetan Antwort: “Jade und Chou sind wieder auf ihren Paddocks.” Kurz nickte ich, ehe ich zu Caleb sah, der sich mit Betsy unterhielt. Seit neustem haben wir die Sitzordnung am Tisch etwas geändert, so dass die Kleine neben Caleb saß. Dieser Platz war ehemals Ylvi zugeteilt gewesen.
Dolly hatte sich wieder die größte Mühe gegeben. Lasagne gab es am heutigen Abend und alle schlugen sich die Bäuche voll. Was Louis und Ylvi drüben wohl aßen?
Ich war froh, dass wir morgens und abends gemeinsam hier am Tisch sitzen und essen konnten. Die Haushaltshilfe Dolores, liebevoll von uns allen Dolly genannt, war eine unglaubliche Bereicherung- und das schon über einen geraumen Zeitraum hinweg! “Dolly, setz dich doch und iss auch etwas mit uns”, bot ich ihr an und rückte auf der Bank ein Stück zur Seite. Sie nickte lächelnd und setzte sich mit einem Teller und Besteck neben mich.
Die Mitarbeiter unterhielten sich munter, es herrschte eine lockere Stimmung. Schließlich war es Zeit, den Tisch abzuräumen. Wir hatten uns angewöhnt, dass jeder seinen Teller nach dem Essen in die Spülmaschine stellte. Dolly nahm uns zwar viel Arbeit ab, aber das bekam jeder auch gut selbst auf die Reihe und entlastete sie so ein wenig. “Bis morgen früh, Dolly”, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg in den Stall. Heute war ich mit der Abendrunde dran.

Tschetan
“Wo hast du Kaya gelassen?” kam eine Stimme aus der Dunkelheit. Ich zuckte doch tatsächlich zusammen als Aimees Stimme plötzlich auftauchte. “Übernachtungsparty drüben bei Betsy. Bedeutet...endlich mal wieder in meinem Bett schlafen!” Aimee zog verwirrt das Gesicht kraus.
“Betsy hat in den letzten Wochen so oft bei uns geschlafen. Da war die Couch mein Bett”
“Stimmt, die Bungalows sind alle gleich geschnitten. Du hast kein eigenes Zimmer.”
“Richtig. Es war mal in der Sprache das ich rüber in das Haupthaus ziehe...aber irgendwie kam das Thema nie wieder auf.”
“Und du findest das okay dir mit deiner 12 jährigen Schwester und ihrer Freundin das Zimmer zu teilen?”
“Das ist schon...naja in Ordnung. Im Reservat haben wir oft zu 5 in einem Raum geschlafen. Ich kenn es tatsächlich gar nicht anders.”
“Ouh...tut mir Leid, ich vergess das immer wieder.”
“Schon gut.” winkte ich ab. “Gut...dann mal gute Nacht.” ich winkte ihr zu, öffnete die Tür und verschwand im inneren. “Wo ist Kaya?” ich musste ein wenig Grinsen. Innerhalb weniger Minuten dieselbe Frage gestellt zu bekommen. “Sie schläft drüben bei Betsy.”
Ylvi seufzte “Vielleicht sollten wir mit ihr sprechen...es ist ja schön das sie so erwachsen wird. Aber sollte sie uns nicht um Erlaubnis fragen?” fragend sah sie sich zu Louis um. Der machte eine Geste die sie nicht verstand. “Sie hat ihrem Bruder bescheid gegeben. Sie ist nicht weit fort.”
“Ja also dann.”
“Ich wünsche euch beiden eine gute Nacht.” damit ging ich zur Couch. Umarmte Louis...und gab Ylvi einen Kuss auf die Wange. Nur weil ich gesehen hatte was zwischen ihr und Caleb vorgefallen war, wollte ich vorerst nicht anders mit ihr umgehen. Noch wusste ich nicht was ich mit meiner Information anstellen würde. Aber es hatte gut getan Aimee heute davon zu erzählen.

Caleb
Sonntagabend. Die Woche war wie im Flug vergangen. 11 Tage war Dell nun schon begraben. Oben auf dem Hügel auf dem nun die neue Ferienranch trohnte. Dells Rookie Ranch. Den Sommer über würden wir an den Gebäuden arbeiten, so dass sie zum Winter hin einzugsbereit war. Ich saß in meinem großen Sessel im unteren Wohnzimmer vor dem imposanten Kamin und schauten den Flammen zu, die sich immer wieder ihren Weg nach oben suchten, züngelten wie eine Schlange, um im nächsten Moment wieder in sich zusammen zu fallen. Ich nahm einen Schluck des Bieres, welches sich in meiner rechten Hand befand. In meiner Linken drehte ich Vultures Anhänger, das kleine Gewehr, immer wieder hin und her. Ich war mir sicher gewesen, ich hätte es wieder am Halfter meines Hengstes befestigt. Wie also konnte ich es dann in der Tasche meines Hemdes finden?
Meine Gedanken schweiften, ich war aufgeregt, unruhig. Morgen Abend war der Termin auf dem Jugendamt wegen Betsy. Am Telefon wurde uns nicht verraten, um was es ging. Wieder nippte ich an der Flasche, steckte den Anhänger zurück in meine Tasche und beobachtete weiter die Flammen. Schließlich schloss ich meine Augen und lehnte meinen Kopf seufzend zurück gegen die Kopfstütze des Sessels. *klong* “Prost, Caleb”, trällerte Octavia, die gerade mit ihrer Flasche an meiner angestoßen hatte, ehe sie sich aufs Sofa setzte. Ihr folgten Cayce, Murphy und Bellamy, die sich ebenfalls im Raum verteilten und munter miteinander anstießen. Ich grummelte etwas unverständliches, drehte den Sessel und wohnte ihrer Unterhaltung bei. Octavia unterhielt sich über Bellamy hinweg mit Murphy, dass sie mit den Fortschritten von Soul absolut begeistert wäre. Bellamy derweil warf immer wieder ein, dass sich seine Dakota gemacht hätte, seit wieder Zeit da war, um sie regelmäßig zu arbeiten.
“He Cayce, was macht Shorty?”, fragte ich den braunhaarigen Mann der mir am nächsten saß. Shorty war beim letzten Zusammentreiben der Kühe in den Stacheldraht gekommen, als er einer ziemlich übel gelaunten Mutterkuh ausweichen musste.
“Halb so wild”, murmelte er und nahm einen Schluck aus der Flasche. “Es heilt gut. Ich denke, ihn nehm ihn morgen wieder mit.”
“Wenn du ihm dennoch etwas mehr Ruhe gönnen möchtest, nimm ruhig weiterhin Gangster oder Devil. Es sei denn… du suchst die Herausforderung. Dann schnapp dir Crystal. Eigentlich bräuchte sie mehr Routine…”
“Routine?”, lachte Cayce. “Um Routine zu entwickeln, müsste die erstmal eine ordentliche Grundausbildung am Rind haben und… verdammt.”
Alle lachten, auch die, die unserem Gespräch bisher nicht wirklich gefolgt waren. “Du hast deine Aufgabe für die nächsten Wochen gerade selbst festgelegt.”
“Noch irgendwelche Jobs, die du mir aufdrücken willst?”, murrte er und rollte dabei theatralisch mit den Augen.
“Nein, nein. Erstmal nicht.”
Mir war gar nicht aufgefallen, dass Ylvi den Raum betreten und sich auf den zweiten Sessel, mir gegenüber gesetzt hatte. Ich nickte ihr zu, hob mein Bier und wir beide tranken einen Schluck.
Nach und nach leerte sich der Raum, bis es nur noch wir beide waren, die sich darin befanden. Einzig und allein das Knacken des Feuers bewahrte uns davor, uns in peinlicher Stille gegenüber zu sitzen.

Ylvi
Ich hatte versucht ihm aus dem Weg zu gehen. Aber zwischen den Schlucken von Wein und Bier hatte ich den Moment verpasst das Zimmer frühzeitig zu verlassen. Das Knacken des Feuers...und mein gelegentliches blättern war zu hören.
Ab einem Punkt zwischen den Gesprächen hatte ich mich dem Buchregal zugewandt. “Das hast du lang nicht getan.” durchbrach Calebs Stimme plötzlich die Stille.
“Mhm?” fragte ich verwundert.
“Ich hab dich eine ganze Weile nicht mehr lesen sehen.”
“Reine Ablenkung.”
“Solltest du die Ablenkung nicht drüben bei deinem Mann suchen?” Wieso betonte er das Wort Mann nur so sehr? Ich klammerte mich an das Buch auf meinem Schoß. “Caleb, bitte..”
“Was? Ich dachte ich hätte dich vergessen...und dann fängst du mit diesem...ja was...Spiel? An.”
Ich musste schwer schlucken, sah ihn an wie ein verschrecktes Reh. Irgendwie hatte er ja Recht. Aber da draußen auf der Ebene, da hatte er mich schließlich geküsst! “Also wieso bist du hier?”
“Ich...ich wollte dir Gesellschaft leisten..Morgen ist ein wichtiger Tag. Wir haben beide Angst. Vielleicht mag es dir nicht einleuchten. Aber Betsy ist auch in meinem Haushalt ein und aus gegangen. Ich bin für sie genau so eine Ansprechpartnerin wie du es bist. Ich fände es schrecklich sie zu verlieren. Ich dachte…”
“Ich glaube nicht das du denkst..” sprach Caleb bitter. Ich klappte mein Buch zu. Fein, wenn er meine Gesellschaft nicht wollte. “Nein, vielleicht denke ich dieser Tage nicht ganz rational. Aber wir haben auch eine ganze Menge durchgemacht. “ ich erhob mich aus dem Sessel. Musste jedoch einen Moment inne halten. Meine Beine im Schneidersitz hatten begonnen zu kribbeln, jetzt waren sie eingeschlafen. Von meinem Standpunkt aus sah ich Caleb an, der sich noch einen Schluck von seinem Bier nahm. Den Flaschen auf dem Tisch zu schließen auch nicht unbedingt seine erste. Und bei meinen Worten hatte er nur aufgelacht. Er schien auf Streit aus...oder sprach der Alkohol aus ihm? Dann deutete er mit der Flasche auf mich. “Ich versteh dich einfach nicht. Gerade schien es als würden wir zu einem normalen Miteinander zurückkehren können. Und dann...küsst du mich.” Ich wollte diese Konversation nicht, also humpelte ich, trotz eingeschlafenem Fuß aus dem Raum. Ich hatte gerade seinen Sessel erreicht. “Du solltest dich wirklich entscheiden was du willst.” nicht nur Caleb hatte zu viel getrunken.
Ich hatte noch gar nicht vernünftig darüber nachgedacht, da war ich bereits herumgewirbelt und das Schallen meiner Ohrfeige klang durch den Raum. Calebs Körper, an jahrelange Prügeleien gewohnt, schoss aus dem Sessel auf.Die Bierflasche fiel dabei dumpf auf den Teppichboden. “Nur zu..” drohte ich, auf meiner Wange lief eine Träne der Wut hinab. Mein Blut kochte.Ich sah ihm in die funkelnden Augen. “Du hast deine Chance vertan.” damit stieß ich meinen Finger in seine Brust. “DU hast damals nichts getan. Dabei hab ich gedacht...ich hab gedacht ich würde dir irgendetwas bedeuten. Eine Woche lang...hab ich mir die Augen ausgeheult. Du bist mir aus dem Weg gegangen. Ich dachte du hättest mich abgeschrieben…” flüsterte ich unter dem Einfluss des Alkohols, weinte dabei stumme Tränen und schlug ihm auf die Brust. “Louis war derjenige der mich davor bewahrt hat diesen Ort zu verlassen. Erst war es nur Anziehung, aber auch er brauchte die Hochzeit um die Kinder zu behalten. Die Zuneigung kam erst mit der Zeit. Es ist unfair mich dafür zu verurteilen. Du hattest deine Chance.” schluchzte ich.
“Du hast dich entschieden...ich hatte...Angst. Angst dich zu fragen. Bist du vielleicht mal auf die Idee gekommen mich danach zu fragen? Nein...stattdessen hast du dich meinem besten Freund an den Hals geworfen, Ylvi. Du hast mich zerstört. Mein Vertrauen missbraucht. Keine Lügen...kannst du dich an das Versprechen noch erinnern?” knurrte Caleb mir zu. “Ich habe dich nie belogen, Caleb. Ich habe dir die Wahrheit gesagt.”
“Dann verrat mir mal...wieso dein Mann da drüben in seinem Bungalow sitzt...und du hier bist,mhm? Belügst du dich selbst so sehr? Wohin gehört dein Herz Ylvi.”
“Du bist nicht fair...Zwing mich nicht zwischen euch wählen zu müssen.” schluchzte ich. Wollte mich umdrehen um zu gehen. Das ganze Gespräch hatte sich in eine völlig falsche Richtung entwickelt.
Um meiner Verwirrung und Frustration noch mehr Futter zu geben, fand ich mich plötzlich in einem stürmischen Kuss wieder. Lippen auf den meinen. Meinem Hals. Zähne die an meinem Ohrläppchen knabberten. Ich seufzte hinein in die Zärtlichkeiten. Obwohl mein Verstand befahl mich sofort von ihm loszureißen. Was sollte das hier eigentlich werden. “Sag mir das ich aufhören soll.” forderte Caleb. “Caleb” stotterte ich, meine Knie zitterten. Seine Arme zogen mich enger an ihn. Er wusste wie sehr ich unter seinen Armen zu zerfließen konnte. Schon von seiner ersten Berührung vor all der Zeit. “Muss ich dich wirklich zwingen mich zu wählen.” hauchte er atemlos in mein Ohr. Natürlich war die Antwort nicht so einfach. Das musste selbst Caleb wissen. Ich krallte meine Finger in seinen Rücken, als er mich an der Hüfte packte und mich auf seinen Arm hob. “Caleb, wir…..nicht..”
“Du wolltest mir doch Ablenkung schenken, lass mich jetzt nicht allein.” Mein Verstand...ein kleiner Teil davon schrie an ihm zu widerstehen. Aber der Teil, der ihn vermisst hatte, dieser Teil öffnete meine Beine für ihn und hieß ihn willkommen. Die Scham...sie kam erst später. Warum nur hatte sich mein Herz, mein Verstand und mein Körper zwei Männern verschrieben?

Caleb
Wir saßen im Wartezimmer des Jugendamtes. Ylvi hatte sich, ‘damit es besser aussah’ widerwillig auf den Stuhl neben mich gesetzt, obwohl wir beide innerlich nach Abstand zu schreien schienen. Der gestrige Abend hatte mich zum platzen gebracht. Meine Gefühle, Wut, die ich so lange angestaut hatte, war einfach explodiert. Ich war zwar aus dem Sessel aufgesprungen und hatte einen Satz auf Ylvi zugemacht, aber die Hand gegen sie erhoben hätte ich niemals, nie.
War es eigentlich nur Wut, die da in mir brodelte? Nein. Es war Enttäuschung, Unsicherheit, Verletzbarkeit, Verrat, Wut und.. Trauer. Ja, traurig über die Umstände, in denen sich die Ranch gerade befand. Traurig darüber, dass wir jetzt hier saßen und jemand anderes über das Schicksal von Betsy entscheiden würde obwohl in Dells Testament glasklar stand, dass Ylvi und ich für sie sorgen sollten.
Wir wurden aufgerufen und konnten ins Zimmer unserer Bearbeiterin Hailey Miller gehen, bei der wir ja schon einmal gewesen waren.
Schweigend setzten wir uns hin und warteten auf die Frau. Niemand von uns sagte ein Wort oder sah den anderen an. Die Fahrt hier nach Calgary war mir schon wie eine Ewigkeit vorgekommen.
“Guten Morgen Mr. O’Dell und Misses Kills-Bears. Ich möchte direkt zum Punkt kommen, bevor ich lange um den heißen Brei herumrede. Ich habe die Auflagen geprüft und wurde stutzig, als ich mich mit dem Familienstand von Ihnen Beiden beschäftigt habe. Sie, Mr. O’Dell sind ledig und Sie, Misses Kills-Bears sind mit einem… lassen Sie mich nachschauen, Louis Kills-Bears verheiratet, welcher zwei Kinder: Kaya und Tschetan adoptiert hat von seinem… verstorbenen Schwester”, die Frau schwieg und blätterte in ihren Unterlagen hin und her. Wie tief mochte sie wohl gegraben haben?
“Ich kann Ihnen gemeinsam das Sorgerecht für Betsy Dell nicht übergeben, auch wenn Mr. William Dell diesen Wunsch in seinem Testament hinterlassen hat.”
Stille. Schweigen. Fassungslosigkeit.
“Nein?”, kam es irgendwann leise von Ylvi, die ihre Hände auf ihrem Schoß nervös hin und her bewegte.
“Nein, leider nicht.”
Ich schluckte schwer. Was bedeutete das für Betsy? Musste sie jetzt doch in ein Heim? Gab es Verwandte? Hatte sich jemand gemeldet? Würde man sie uns wegnehmen?
“Ich kann, unter diesen Umständen, nur einem von Ihnen das Sorgerecht übertragen. Meiner Erfahrung nach wäre das Kind besser bei Ihnen aufgehoben, Misses Kills-Bears. Sie sind verheiratet und ziehen bereits zwei Kinder groß, während Sie Mr. O’Dell ledig sind und keine bisherigen Kinder vorweisen können. Auch habe ich die Befürchtung, dass sie mit der Aufgabe ein Kind großzuziehen neben ihren anderen Arbeiten als Ranchbesitzer überfordert sein könnten.”
Uff. Der hatte gesessen. Ich ballte eine meiner Hände zu einer Faust, während ich mit der anderen meinen Hut vom Kopf nahm und mir durch die wieder viel zu langen Haare strich. Da war sie erneut. Die Wut, gegen die ich in letzter Zeit wieder viel zu oft hatte ankämpfen müssen. Ylvi schaute besorgt zu mir rüber, ich sah, wie sie aus dem Augenwinkel auf meine Faust starrte, zögerlich ihre Hand darauflegte und sie erst wieder wegnahm, als ich meine Finger entspannte und die flache Hand auf meinem Bein platzierte. Dennoch blieb die Wut.
Bevor ich etwas dummes sagen konnte, ergriff Ylvi das Wort. “Ist das jetzt ihr finales Urteil? Ich meine.. Caleb hat sich in den letzten Tagen und auch schon vor Dells Tod um das Mädchen gekümmert, sie vertraut ihm, kommt mit Problemen zu ihm und sucht bei ihm Trost. Sie und Kaya verstehen sich wunderbar, sind viel zusammen aber ein kleiner Umzug ins Haupthaus, zu Caleb, hat schon stattgefunden. Außerdem ist…”, sie stockte, “... meine Familie auch auf der Ranch und somit nie weit weg. Wir… wir stehen Caleb mit Rat und Tat zur Seite.”
‘Danke’, formte ich lautlos in Ylvis Richtung mit meinen Lippen. Sie nickte kurz, sah dann wieder nach vorne zu Miss Miller. Ylvi wusste genau, wie viel mir an Betsy lag und dass ich es nicht ertragen könnte, sollte sie nicht bei mir bleiben dürfen.
Auch ich setzte an um mich zu rechtfertigen, wurde jedoch schnell von der Frau unterbrochen: “Es tut mir sehr Leid, aber ich habe meine Entscheidung für ein vorläufiges Sorgerecht bereits getroffen. Ich kann Louis & Ylvi Kills-Bears das Sorgerecht für Betsy Dell übertragen, dazu muss Mr. Kills-Bears natürlich noch hierher kommen und dem zustimmen.”
“Moment, vorläufiges Sorgerecht?”, warf Ylvi ein und ließ auch mich wieder aufhorchen.
“Ja, genau. Ein vorläufiges Sorgerecht. Wenn Sie das wünschen, Mr. O’Dell, würde ich sie einer Prüfung unterziehen, um zu schauen, ob ich Sie für fähig erachte, in nahe Zukunft das alleinige Sorgerecht für das Kind zu übernehmen. Dazu würde ich Ihnen ein paar Unterlagen mitgeben, die Sie bitte ausgefüllt zurückschicken. Außerdem würde ich Sie ein paar Mal unangekündigt besuchen kommen, um die Umstände vor Ort zu prüfen.”
“Ja.” Schneller als ich hätte über ihre Worte nachdenken können, hatte das Wort ‘ja’ meinen Mund schon verlassen. Ja, ja, ja. Was gab es da noch zu diskutieren?
Miss Miller überreichte mir die Unterlagen und wandte sich nun wieder an Ylvi. “Ich möchte gerne noch mit Ihnen alleine sprechen… Mr. O’Dell ich danke Ihnen für Ihr kommen und erwarte die Unterlagen zeitnah zurück.”
Mit diesen Worten stand ich auf, blickte zu Ylvi herab die mich aus leicht verquollenen Augen ansah und verließ den Raum, nur um mich dort auf einen der Stühle fallen zu lassen und die Papiere in den Händen hin und her zu drehen. Zehn Minuten vergingen, zwanzig Minuten vergingen. Mittlerweile war ich aufgestanden und tigerte im Flur auf und ab. Letztendlich ging ich nach draußen, um weiter zu warten. Ich hielt es im Gebäude nicht mehr aus. Immer wieder warf ich einen Blick auf die Unterlagen. So viele Fragen! So viel was das Amt über mein Leben wissen wollte. ‘Verhältnis zu den eigenen Eltern’, ‘Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus?’, ‘Trinken Sie Alkohol’? und und und. Ich wirbelte herum und trat mit aller Kraft gegen den Mülleimer, der hinter mir gestanden hatte. Er flog über den Gehweg und entledigte sich all seiner Inhalte. “Verdammte Scheiße!”, fluchte ich und fing dennoch an, alles wieder aufzuheben, in den Mülleimer zu stecken und das blöde Teil wieder dorthin zu stellen, wo es hingehörte.
Nach einer halben Stunde öffnete sich die Tür und Ylvi trat heraus, ging schnurstracks ohne ein Wort zu sagen an mir vorbei, stützte sie sich an einen der Bäume und atmete ein paar Mal tief durch. Alle meine Gefühle wischen Besorgnis, als ich mich neben sie stellte und eine meiner Hände auf ihren Rücken legte. “Ylvi, ist alles in Ordnung?”
“Ja.. ja.. es ist nur…”, sie richtete sich wieder auf. “Caleb, verdammt. Reiß dich doch mal zusammen! Durch das Fenster vom Zimmer, in dem wir eben saßen, kann man genau hier herunter schauen. Meinst du dass du den Mülleimer über den Gehweg getreten hast bringt dich Betsy auch nur einen Schritt weiter?”
“Was weißt du schon!”, knurrte ich sie an, wollte mich umdrehen und zum Wagen gehen. Ylvi griff nach meinem, setzte zu einem neuen Satz an doch ich entzog mich ihr und ging zum Wagen.
Auf der ganzen Rückfahrt sprach ich mit ihr kein Wort, auch wenn sie ein paar Mal versuchte ein Gespräch zu starten.
Auf der Ranch angekommen packte sie mich wieder am Arm. “Caleb, hör mir doch kurz zu…”
“Nein, lass mich in Ruhe!” - Kindskopf. Ich stieg aus, schnappte meine Papiere und wollte ins Haus gehen. Ylvi war aus dem Wagen gesprungen und hatte sich vor die Motorhaube gestellt, um mich noch zu sehen. “Ja, Caleb, lauf ruhig wieder davon, das kannst du ja besonders gut!”
Die Tür des Haupthauses knallte ich besonders feste zu, lehnte mich mit dem Rücken dagegen, schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Verdammte Scheiße…

Ylvi
Erst schritt ich hinterher, blieb dann nach 3 Längen stehen, verschränkte meine Arme vor der Brust um zu sehen ob er nochmal raus käme. Scheinbar war das allerdings nicht der Fall. Also seufzte ich. Verschloss die Türen des Autos, nachdem ich meine Tasche raus gefischt hatte. “Lief das ganze nicht gut?” kam die skeptische Frage von meinem Ziehsohn. “Eigentlich...naja schon. Anders als Caleb das wollte, aber zumindest kann Betsy vorerst auf der Ranch bleiben.”
“Anders? Darf ich? Also willst du es erzählen?”
“Vorerst wird sie mir und Louis anvertraut. Wir bekommen vorübergehende Pflegschaft für Betsy.”
“Das hat ihm nicht gefallen.”
“Hat es nicht nein….vielleicht aber noch weniger die Tatsache. Naja, das Amt will prüfen wie geeignet Caleb als Vaterfigur ist...alleinstehend, mit seiner Vergangenheit, der Rancharbeit. Wir mussten komplett blank ziehen. Und Caleb wird sich einigen Untersuchungen und Besuchen unterziehen müssen. Das kann ein langer Prozess werden. Am Ende könnte es sogar sein, dass er nie die Pflegschaft für Betsy bekommt. Ich kann seinen Zorn verstehen.”
Tschetan ließ sich keine Regung anmerken. Schaute nur zu der Tür, die hinter Caleb ins Schloss gefallen war. Nur seine Augenbrauen zuckten ein wenig. “Ich fürchte wir können ihm in der Sache wenig helfen.” Ich sah den jungen Mann an, manchmal zeigte sich in Tschetan die beginnende Weisheit des Alters. Ich spürte ein unbestimmtes Gefühl in der Brust. War es Stolz? Ich legte eine Hand auf seine Schulter. “Ich fürchte nicht wirklich. Aber..” ich lächelte ein wenig. “Vielleicht ein wenig Ablenkung verschaffen. Frag ihn doch ganz ungeniert nach einem Ausritt. Mit den Mädchen zusammen. Ich denke das wird ihn auf andere Gedanken bringen. Sprech am besten nicht an..was du eben mitbekommen hast.”

Tschetan
Ich war zwar nicht unbedingt begeistert davon die Mädchen auf den Ritt mitzunehmen. (Manchmal wünschte ich mir dann doch meine stumme Schwester wieder). Aber ich Verstand sehr wohl ihren Gedanken dahinter.
Ich überbrückte also die Distanz zur Haustür. Drückte die Klinke hinunter und stieß gegen einen Widerstand auf der anderen Seite. “Verdammt nochmal verschwinde, Ylvi” brüllte es auf der anderen Seite von Caleb. Ich schmunzelte, ließ den Spalt ein Stück offen. “Das letzte Mal als ich schiffen musste, hatte ich was zwischen den Beinen.” sprach ich ganz tonlos sachlich. Calebs Gesicht erschien im Spalt der Tür. “Oh Tschetan, mit dir hab ich nicht gerechnet.”
“DAS hab ich soeben bemerkt. Eigentlich...naja ich wollt die Mädels auf einen Ausritt entführen. Cayce meinte ich solle dich fragen welche Pferde. Da hab ich direkt gedacht du könntest mit. Die Zäune bei den Rindern auf der oberen Weide checken. Das hatten wir letztens erst im Gespräch, erinnerst du dich?” Gut das ich dieses Gespräch noch im Sinn hatte. Hoffte allerdings keiner der anderen Jungs hatte die Aufgabe schon aufgedrückt bekommen. Sonst fiel mir in diesem Moment nichts besseres ein.

Caleb
Ich seufzte, rappelte mich auf und ging einen Schritt zur Seite, damit die Tür ganz geöffnet werden konnte. “Wir könnten die Pferde mitnehmen die ich für die Ferienranch trainieren will. Honor (A Walking Honor), Chou, Jade, Kristy (Kristy Killings) und Shanee (Honey’s Aleshanee). Such dir welche aus, nur Kristy kommt auf jeden Fall mit- unter dir oder unter mir. Ich komm gleich.” Mit diesen Worten schloss ich die Tür und bekam die Antwort, die Tschetan mir entgegenbrachte, gar nicht mehr mit. Mein Weg führte mich hinauf in mein Zimmer, von dessen großem Fenster aus ich Tschetan beobachten konnte, wie er auf die Stallungen zuging. Ich beobachtete ihn dabei, wie er Steine des Schotterweges bei jedem seiner Schritte durch die Gegend kickte.
Ich wandte mich vom Fenster ab und zog mich kurz um. Andere Jeans, ein anderes Hemd und eine ärmellose Weste- so warm war es noch nicht.
In der Küche füllte ich mir kurz ein Glas Wasser und trank dieses in einem Zug. Ein paar Minuten stand ich ans Waschbecken gestützt, ließ meine Gedanken schweifen. Etwas in mir, und wenn es nur ein kleiner Funke war, wünschte sich das Rodeoleben zurück. Immer auf Tour, immer unterwegs, immer unter Leuten. Keine Pflichten, keine Aufgaben, keine Verantwortung. Nichtmal Liebe. Liebe zum Sport, ja. Liebe zu den Tieren, ja. Doch eine Liebe zu einem anderen Menschen? Nein. Spaß, der stand im Vordergrund, aber durch das ständige Umherreisen war es nie mehr geworden. Und nun? Heute? Besaß ich eine Ranch. Bezahlte Mitarbeiter, beherbergte meine.. eine.. Liebe mit ihrem Mann, war eigentlich auf einem guten Weg gewesen, ein Kind zu adoptieren! Herr im Himmel, ein Kind für Caleb O’Dell!
Das Glas stellte ich in die Spülmaschine, schnappte mir im Rausgehen meinen Hut und zog mir die Stiefel an, ehe ich draußen auf vier gesattelte Pferde traf. Drei davon waren schon besetzt von Tschetan, Betsy und Kaya. Verdutzt schaute ich in Tschetans Gesicht. Wie lange hatte ich in der Küche gestanden und vor mich hin geträumt?

~ etwa eine Woche später ~

Tschetan
“Du hättest ihn einfach in Ruhe lassen sollen.”
“Tschetan…nun schau mich nicht so an. Bryces Vater sitzt im Schulrat. Du hast viel riskiert.”
Ich funkelte Aimee an, die vor mir auf dem Boden hockte, um mir ins Gesicht zu schauen. Bitterkeit klang in meiner Stimme mit. “In Ruhe lassen? Findest du? So wie er dich in Ruhe ließ?” Hatte Aimee gerade die Augen gerollt? “So ist Bryce nun eben manchmal. Du kennst ihn nicht.” Das Auflachen konnte ich mir nicht verkneifen.
“Ich habe doch gesehen wie du versucht hast ihn abzuwehren. Für mich sah das nicht nach Spaß aus…”, ich verstummte einen Moment “und falls es so ist bist du nicht diejenige für die ich dich gehalten habe. Jemanden wie Bryce einen Freund zu nennen.” Aimee richtete sich auf. Die Hände in die Hüften gestemmt.
“Was soll das jetzt bitte bedeuten?”
“Dass du eine seltsame Auswahl an Freunden hast.”
“Und was ist mit dir? Deine Freunde kriegen ja kaum ein englisches Wort von den Lippen. Und die Blicke, wie sie mich mustern.”
Mein Blick zuckte zu ihr herunter. “Das kannst du doch wohl nicht Ernst meinen. Du vergleichst mich und die anderen mit Bryce? Weißt du wie er mich nannte? Rothaut! Ha! Natürlich hast du, du hast ja immerhin eng an ihm da gestanden. Und sollte es dir vielleicht entgangen sein. Dich hat er dabei auch beleidigt.”
“Und? Was weiß ich was deine indianischen Freunde da so sprechen?”
“Wasicu withko(verrückte Weiße)” entfuhr es mir unwillkürlich in meiner Sprache, dabei fuhr ich mir mit der Faust im Kreis über die Stirn. Ich wollte diese Unterhaltung nicht weiter führen. Rein aus Gewohnheit machte ich das Zeichen für Ende. Verschränkte die Arme und starrte konsterniert vor mir her. Aimee indes funkelte mich wütend an. Nicht in der Lage, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. “Genau das mein ich! Viel Spaß beim Warten. Such dir ein anderes Taxi zurück zur Ranch! ICH fahre!” Ich sah ihr hinterher, wie sie sich keck das rotbräunliche Haar über die Schulter warf. Nichts verstand sie. Vielleicht hatten die anderen Recht. Freundschaften mit Weißen brachten nur Probleme. Aimee hatte es in ihrem Leben so furchtbar einfach gehabt. Sie konnte nicht verstehen wie es für mich und die anderen war. Gehasst allein für das was wir waren. Welche Leiden vergangene Generationen durchgemacht hatten. Wie wenig wir noch immer in der Gesellschaft verankert waren. Bryce hatte das heute eindeutig bewiesen. Sein Vater war Großgrundbesitzer. Seine Firma baute geradewegs eine Pipeline durch das heilige Land der Tsuu T’ina Nation. Dem Stamm aus dem viele meiner Freunde entstammten. Weder Bryce noch Aimee hatten eine Ahnung, welche Gefühle das auslöste.
Nicht allein wie er Aimee begrapscht hatte. Für mich hatte es nicht gewirkt als sei das ganze Spaß gewesen. Ich hatte ihn gebeten sie in Ruhe zu lassen. Bryce jedoch hatte gefragt ob ich Probleme damit hätte, wenn er sich meiner Sqaw widmen würde. Ich hatte zwischen den Zähnen hervorgezischt, dass Aimee nicht meine Freundin sei. Und kurz blitzte in mir der Gedanke auf, dass es diese Aussage vielleicht gewesen war - das was Aimee vielleicht wirklich so wütend machte. Denn wieso sollte es Aimee stören, dass ich Bryce ins Gesicht geschlagen hatte? Natürlich erst, nachdem er mich eine Rothaut genannt hatte..und die Dreistigkeit besessen hatte einen meiner Zöpfe zu packen.
Da war mir eine Sicherung geplatzt. Ich hatte schließlich nichts provoziert. Noch mehr nagte die Sache an mir, das ICH jetzt hier vor dem Zimmer des Direktors hocken musste…nicht etwa Bryce.

Caleb
“Ja.. nein.. ja ich verstehe…das macht Sinn.. okay..”, ‘tuuuuut, tuuuuuut’, “Moment, ich muss auflegen hier kommt ein anderer Anruf rein. Ja, ja ich melde mich. Nein, sie brauchen nicht..” ‘Klack’. Aufgelegt. Der neue Futterlieferant war wirklich ein Idiot. Beschwerte sich, bis hier raus auf die Ranch zu fahren. Wir sollen das Futter in der Stadt abholen.
Ungläubig schüttelte ich den Kopf und nahm den neuen Anruf an. “Principal Webber am Apparat, spreche ich mit Louis Kills Bears? Nein? Ach, Mister O’Dell Sie stehen hier auch in den Unterlagen, dann spreche ich mit Ihnen. Ich möchte, dass Sie Tschetan Kills Bears von der Schule abholen, er hat einen Mitschüler geschlagen. Alles Weitere besprechen wir gleich in meinem Büro.” ‘Klack’. Was waren die Personen am anderen Ende der Leitung bloß alle so unhöflich heute? War es zu viel verlangt, das Gespräch mit einem ‘auf Wiedersehen’ oder mit einem ‘bye’ zu beenden?
Seufzend erhob ich mich aus meinem Stuhl. Ach Tschetan… wo war er jetzt schon wieder hineingeraten?
Wenige Minuten später, ohne Ylvi oder Louis gefunden zu haben, um Bescheid zu geben was mit Tschetan los war, saß ich im Truck und telefonierte erneut mit dem Futterlieferanten herum. Wenn ich schon wegen Tschetan extra nach Calgary fahren musste, dann konnte ich auch gleich das Futter in einem mitnehmen. Aus diesem Grund hatte ich einen der großen Pferdehänger am Wagen hängen. Schnell konnte ich damit nicht unterwegs sein- aber nach etwas mehr als einer Stunde parkte ich mit meinem Gefährt 5 Parkplätze des Schulgeländes zu, setzte mir beim Aussteigen aus dem Wagen meinen Cowboyhut auf den Kopf und kämpfte mir meinen Weg durch neugierige Schüler hinauf zum Büro des Direktors.
Nachdem ich mich bei der Sekretärin angemeldet hatte, ließ sie mich weiter durchgehen in das kleine Vorzimmer, in dem der Junge saß. Mit einem ‘Warum um Himmels Willen muss ich jetzt hier her kommen?’ starrte ich Tschetan an. “Caleb… Aimee und ich…”, weiter kam er nicht denn die Tür zu Principal Webbers Büro öffnete sich und er bat uns beide hinein. Ich konnte ihn nicht leiden, schon von Anfang an nicht. Ihm gegenüber hegte ich stets Misstrauen, sogar die Vermutung, er konnte die Kids von der Ranch nicht ausstehen- egal um welches es sich handelte.
Tschetan und ich setzten uns vor den riesigen Schreibtisch ihm gegenüber und warteten, dass er etwas sagte. Ohne um den heißen Brei herum zu reden erzählte er mir eine Geschichte, die ich so nicht zu glauben vermochte. “Tschetan hat einen unserer Schüler, Bryce, brutal ins Gesicht geschlagen, nachdem dieser mit Aimee Carter… eng zusammen gestanden hatte. Ich habe bereits mit Bryce gesprochen, er ist sich keiner Schuld bewusst und…” Ich lachte so herzlich auf, dass Tschetan zusammen zuckte.
“Bitte? Er ist sich keiner Schuld bewusst? Das glauben Sie und ich nicht, dass Tschetan hier jemandem ohne Grund ins Gesicht schlägt. Jetzt erzählen Sie mir noch einmal die wahre Geschichte, warum ich hier sitzen muss.”, knurrte ich.Tschetan war selten ruhig, daran erkannte ich, dass die Geschichte sich auf keinen Fall so zugetragen hatte, wie mir der Principal weismachen wollte.
“Nun gut. Tschetan, erzähl uns doch deine Sicht des Vorfalls.”
Tschetan erzählte. Zunächst zögerlich, doch im Verlauf wurde mir immer mehr bewusst, welch verlogene Kinder hier auf dieser Schule herumliefen.
“Also an dieser Schule ist Mobbing und Lügen absolut okay, sich dagegen zu wehren allerdings nicht? Was hätte Tschetan machen sollen? Danke und Amen sagen?”, ich fing - wie immer- an mich in Rage zu reden.
“Mister O’Dell bitte unterlassen Sie diesen sarkastischen Ton. Uns ist es wichtig, ein harmonisches Miteinander zu fordern und zu fördern. Wir sitzen nun gemeinsam hier um darüber zu sprechen, welches Disziplinarverfahren auf Tschetan zukommt und…”
Ich nahm meinen Hut vom Kopf, fuhr mir einmal durch die Haare und warf einen kurzen Blick zum Jungen, der rechts neben mir auf seinem Stuhl immer kleiner wurde. Ihm war das Ganze hier sichtlich unangenehm und ich merkte ihm an, dass er nicht sagen konnte, was er wollte. “Mister O’Dell, haben Sie mir zugehört?”
“Nein”, antwortete ich wahrheitsgetreu, setzte meinen Hut wieder auf den Kopf, stand auf und legte Tschetan eine Hand auf die Schulter mit einem Blick der ihm ‘Steh auf’ signalisierte. “Der gute Tschetan hier wird dann wohl auf der Ranch eine Woche die Boxen misten müssen. Mit schmerzender Hand von seinem Schlag wird das gewiss kein Spaß, das genügt als Disziplinarmaßnahme”, das letzte Wort sprach ich absichtlich ziemlich lächerlich aus, “des Weiteren fordere ICH, als besorgter… Sorgeberechtigter… dass dieses mobbende Arschloch sich seine zukünftigen Worte ganz genau überlegt- und wenn ich auch nur im entferntesten mitbekomme, dass er sich unserer Aimee erneut nähert, komm ich wieder und reiß ihm den Arsch auf. Schönen Tag noch, Mister Principal.”
Mit diesen Worten und einer heruntergeklappten Kinnlade des Principals verließen Tschetan und ich das Büro, das Schulgebäude und schließlich im Pick Up sitzend das ganze Schulgelände.
Wir fuhren zum Lieferanten, luden gemeinsam die Futtersäcke in den Hänger und machten uns auf den Heimweg zur Ranch.
Schließlich fand Tschetan seine Worte wieder und sprach mit mir: “Caleb… ich weiß nicht, ob du alles jetzt besser oder schlimmer gemacht hast, aber den Blick von Webber… dafür hat es sich allemal gelohnt.”
Ich lachte. “Glaub nicht, dass das mit den Boxen ein Witz war.”
“Ich… ich weiß. Aber Bryce hatte es verdient, er….so behandelt man niemanden.”
“Warum bist du eigentlich so ausgeflippt? Doch nicht wegen der Worte, die er zu dir gesagt hat? Was war wirklich der Grund?”
“Er hat meine Zöpfe angefasst”, antwortete er mir zwischen zusammengebissenen Zähnen. Ich wusste um die Bedeutung der Zöpfe und konnte Tschetans Wut und seinen Ausraster nun besser verstehen. “Bitte sag Louis und Ylvi nichts hiervon- und sag Aimee nichts vom Gespräch. Ich möchte selbst noch einmal mit ihr reden.”
“Dann hüten wir beide wohl nun ein Geheimnis des Anderen”, murmelte ich und sah kurz zu ihm rüber. Fragezeichen spiegelten sich in seinem Blick wieder.
“Was meinst du?”
Wieder traf mein Blick den Seinen. “Ich habe gesehen, dass du uns beobachtet hast. Ylvi und mich, als wir uns geküsst haben.”
Tschetan schwieg.
“Warum hast du mich nicht darauf angesprochen?”
“Ich verstehe es nicht, deshalb. Ylvi und Louis sind verheiratet… wieso küsst sie dich dann?”
“Ein ‘es ist kompliziert’ reicht dir bestimmt nicht als Antwort, oder?”, fragte ich ihn und lächelte zu ihm rüber. Tschetan schien es jedoch gar nicht zum Lachen zu sein. “Tschetan ich kann es dir auch nicht richtig erklären. Ylvi und ich sind durch so viele Höhen und Tiefen und… du weißt, dass Louis sie geheiratet hat, damit sie bleiben konnte.” Ich stockte und überlegte mir die nächsten Worte genau. Schließlich konnte ich schlecht zu ihm sagen: ‘Bestimmt liebt er sie gar nicht richtig. Oder gar nicht mehr richtig.’ Das ging mich nichts an, diese Worte standen mir nicht zu. Stattdessen sagte ich: “Wir haben nie richtig Schluss gemacht, nie wirklich über das gesprochen, was Tatsache war und ist. Ja, ich habe noch Gefühle für sie und ja ich weiß, dass das falsch ist… aber gegen seine Gefühle anzukommen, so zu tun als gäbe es sie nicht, sie nicht durchzulassen und ihnen keine Macht zu geben.. puh. Auch das habe ich lange versucht… und wir beide haben ja gesehen, wohin es letztendlich geführt hat.”
Tschetan schwieg wieder, er schien nachzudenken. Schließlich sagte er: “Du weißt, dass es falsch ist?”
Ich nickte. “Ich weiß, dass es falsch ist.”
“Dann ist dein Geheimnis bei mir sicher.”

Tschetan
War Liebe falsch? Konnte man seine Liebe zwischen mehreren Personen aufteilen? Tatsächlich hatte ich bereits solche Dinge bei Google gesehen. Dokumentationen am Abend geschaut. Das Begreifen dessen was ich sah, tat mir allerdings schwer.
“Und was erzählen wir jetzt wieso Amy mich hat sitzen lassen?” Caleb sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. “Streit im Paradies?”
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. “Was heißt Streit? Sie hat sich tierisch darüber aufgeregt was ich getan habe! Ich versteh die Frauen nicht.”
Da ertönte plötzlich ein schallendes Lachen von dem Cowboy neben mir, was mir die Situation nicht unbedingt behaglicher machte. Caleb versuchte 2x zu einer Antwort anzusetzen, musste aber immer wieder prusten. Ich rollte die Augen. “Glaub mir, Tschetan. Manchmal verstehen die sich selbst nicht.”
“Na der Wahnsinn.”
“Ich hab dich einfach abgeholt damit du mir bei den Säcken Futter hilfst. Nur falls einer fragt, Aye?”
“Aye” gab ich Caleb seine typische Piraten-Antwort. Die mich manchmal ebenso verwirrte wie die Frauen.
Zurück auf der Ranch verzog ich mich auf die Außenpaddocks. Ich brauchte jetzt körperliche Arbeit um nicht nachdenken zu müssen. In den Ohren laute Musik von “a tribe called red”. Ich hatte unter der Anleitung von Louis im Winter begonnen ein wenig PowWow zu tanzen. Vielleicht würde ich mich ähnlich wie er in diesem Jahr zu meiner ersten seit Jahren anmelden. Irgendwo in meinen alten Sachen musste sich meine alte Regalia befinden. Vieles würde mir mit Sicherheit nicht mehr passen, aber vielleicht konnte Ylvi mir dabei helfen einiges zu überarbeiten. Sie hatte ein Recht gutes handwerkliches Geschick dafür. Ich schreckte zusammen als mir plötzlich jemand mit der Hand auf die Schulter schlug. “Meine Güte. Wie laut hörst du Musik?” vernahm ich O’s Stimme.
“Eh…sehr laut?”
“Ich wollt mit den Jungs später rüber zur heißen Quelle. Kommst du mit?”
“Jungs?” ich stand vollkommen auf dem Schlauch
“Ach, denen der Nachbar…Ranch? Na du weißt schon dem Haufen Bereiter vom etepetete Stall nebenan.” Mein noch immer wirres Gesicht veranlasste O die Augen zu rollen und noch etwas anzuführen “Rennen in viel zu engen Hosen rum. Klingelt's?” Jetzt ging mir ein Licht auf. Im nächsten Tal hatte ein Dressurstall aufgemacht. Viele der Bereiter waren in O’s Alter. Auch dort lebten einige Familien, deren Kinder die Schule in Calgary besuchten. Ich konnte zwar wenig mit deren Reitstil anfangen, allerdings waren die Typen alle schwer in Ordnung.
“Lass mich das mit Ylvi und Louis klären, dann bin ich dabei.”
“Wunderbar!”

Octavia
Eine dreiviertel Stunde später saßen Aimee, Tschetan und ich auf den Pferden, um den Jugendlichen aus dem Dressurstall entgegen zu reiten. Die Quelle befand sich etwa in der Mitte. Betsy und Kaya hatten mitkommen wollen, doch Ylvi schien sie auf wundersame Weise davon abgehalten zu haben. Ich glaube sie wollten zusammen Cupcakes backen. “Können wir?”, fragte ich in die Runde und kontrollierte noch einmal, ob die Packtasche an Shanee (Honey’s Aleshanee) richtig verschnallt war. Tschetan hatte sich, auf Geheiß von Caleb, für Layla (Sweet like Chocolate) entschieden. Aimee für Honor (A Walking Honor). “Von Layla hab ich tatsächlich noch nicht viel gesehen. Die ist auch noch nicht wirklich gefördert worden, oder?”, fragte ich Tschetan, der, was das Training der Westernpferde und Calebs Arbeiten, immer besser im Blick hatte als ich.
“Nee, die läuft bisher nebenbei. Caleb hat sich jetzt entschieden, dass sie auch für die Guest Ranch trainiert werden soll.”
“Apropos Guest Ranch…”, überlegte ich “wann gehts denn da weiter?”
Tschetan zuckte nur mit den Schultern. “Ich glaub Caleb hat gerade andere Probleme.”
Mit diesen Worten trabten wir die Pferde vom Ranchgelände und galoppierten sie auf dem Feldweg an.
Eine halbe Stunde später trafen wir auf die Jugendlichen des anderen Stalles. Sie schlossen sich uns an und gemeinsam ritten wir ein Stück zurück, ehe es hoch zum Fluss und der heißen Quelle ging.
Dort angekommen tauschten wir die Trensen der Pferde gegen Halfter, ehe wir sie an den Bäumen anbanden, damit sie grasen konnten.
Aimee und ich waren die einzigen Mädchen, vom anderen Stall kannte ich nur die beiden älteren Jungs, Eric und Trevor. Nachdem Aimee mich zur Seite gezogen hatte und mir kleinlaut von den jüngeren Kerlen erzählte, wusste ich auch ihre Namen. Bryce und Nicholas. Bryce war derjenige, den Tschetan heute morgen geschlagen hatte. Deshalb war dieser auf dem Ritt so kleinlaut gewesen. Nicholas dagegen hatte Frage um Frage zu den Westernpferden gestellt.
Nachdem wir uns umgezogen und in die Quelle gesetzt hatten, schaute ich zu Tschetan, der immer noch drein schaute wie sieben Tage Regenwetter. Ich nickte ihm unbemerkt zu. Zunächst erwiderte er nichts, doch dann nickte er mir zurück. ‘Dann ist alles ok’, schlussfolgerte ich.
Langsam ließ ich mich nach unten ins warme Wasser sinken. Tschetan hatte die Quelle vor einiger Zeit bei einem Ausritt gefunden. Seither kamen wir regelmäßig hier hin. Hätte er gewusst, dass Bryce unter den Jugendlichen des anderen Stalls wäre, hätte er sie mich nicht hier her einladen dürfen. Ich hatte das leider auch nicht vorher gewusst, denn dann wären wir ohne sie hier hoch geritten.
Eric und Trevor hatte ich durch Zufall in der Stadt kennengelernt und wir hatten uns ein paar Mal getroffen.
“He Tavia, guck mal was ich mitgebracht hab”, riss mich Trevor aus den Gedanken und warf mir eine kleine Flasche in die Hände, die ich aus dem Wasser nach oben riss und Aimee vollspritzte. Von der Seite hörte ich nur ein “pffpfpfpfttt” und nahm ein Armfuchteln wahr. “Oh jetzt wird es interessant”, murmelte ich und betrachtete die Flasche Bier in meiner Hand. Trevor gab auch Eric eine der Flaschen, während er den vier ‘Kindern’ Root Beer gab. “Nett”, quittierte Bryce diese tolle Geste, schien sich damit aber dennoch zufrieden zu geben.

Tschetan
Als sich hinter den älteren Jungs noch zwei weitere Pferde aus der Dämmerung schälten, hatte ich eigentlich direkt wieder Lust mein Pferd zu wenden. Da hockte doch tatsächlich Bryce auf einem der Tiere. Nicht nur, dass wir gerade unterwegs waren zu einer geheimen Location - denn mit den Erwachsenen hatte ich das Wissen noch nicht wirklich geteilt, er war auch noch einer derjenigen, die ich ganz besonders gerade nicht um mich haben wollte. Über seinen Kumpel Nicholas vermochte ich wenig zu sagen - schließlich kam er neben Bryce selten zu Wort. Ich unterdrückte also ein Seufzen, biss die Zähne aufeinander. Und schwor mir den Typen einfach zu ignorieren.
Umso überraschter war ich gewesen, als Nicholas Stimme die meiste Zeit zu hören war. Er unterhielt sich abwechselnd mit Aimee und O' und stellte einige fundierte Fragen zu den Westernpferden. Obwohl er auf einem der Pferde des Dressurstalles, in einem englischen Sattel hockte, schien er dort nicht wirklich zu Hause. Im Gegensatz zu den Anderen trug er zum Beispiel auch keine der üblichen engen Hosen, sondern eine normale Jeans. Ich lenkte Layla vorsichtig näher an die Gespräche. Lauschte den Fragen und den Antworten der Mädchen, beteiligte mich aber ansonsten herrlich wenig mit den anderen.
Trevor und Eric hatten uns jüngeren Root Beer mitgebracht - immerhin eine nette Geste. Allerdings musste ich trotzdem schmunzeln. "Seit wann halten wir uns denn an die Gesetze des Landes?" fragte ich hinüber zu O'.
Auf der Ranch nahm man es für gewöhnlich nicht ganz so genau mit dem Alkoholverbot unter 21. Ganz besonders Ylvi hielt das Gesetz für "Mumpitz" wie sie immer sagte. Ich hatte allein Probleme das Deutsche Wort überhaupt zu artikulieren. Ich für mich entnahm dem Alkohol nicht viel. Der meiste schmeckte furchtbar, das wenige gute Bier - ließ sich Ylvi aus ihrer Heimat Deutschland schicken. Außerdem hatte ich in meiner Kindheit oft genug gesehen was der Alkohol mit den Menschen anstellte, welche Hemmungen er niederbrach. Daran war nichts ehrenhaftes. Meine Ahnen hatten es nicht umsonst Feuerwasser genannt. O' winkte meinen Satz ab. "Ja gut, aber vielleicht sollten wir damit nicht vor allen prahlen." lachte sie fröhlich.

Aimee
Ich nippte an meinem Root Beer und sah immer mal wieder auf. Sobald ich nach links schaute, sah ich Bryce direkt an. Er war wirklich hübsch. Ein Junge, der mir gefiel. Sobald ich nach rechts schaute, sah ich Tschetan direkt an. Ein Junge, der irgendwie wie ein Bruder für mich geworden war. Manchmal schien ich mir aber nicht ganz sicher, ob es das wirklich für uns war. ‘Wie Geschwister’. Ich hatte bisher nie ernst mit ihm darüber gesprochen. Vielleicht wurde es mal Zeit?
Andererseits.. war da Bryce. Er sah mich für das an, was ich war. Eine Freundin. Nicht eine Schwester. Allerdings schien er Tschetan heute morgen so beleidigt zu haben, dass Letzterer ihm eine reingehauen hatte. Ich war nicht mehr sauer auf Tschetan, eher auf Bryce und mich. Aber nicht heute Mittag. Jetzt genoss ich das warme Wasser, die Gesellschaft und das… Leben.
Erneut nahm ich einen Schluck aus der Flasche. Plötzlich spürte ich einen Handrücken an meinem linken Bein, welcher langsam hoch und runter fuhr. Etwas panisch sah ich zunächst runter ins Wasser, dann hoch in Bryce Gesicht. Rechts von mir spürte ich eine Regung im Wasser. Tschetan griff, in meine Richtung, hinter sich. Dabei berührte eines seiner Beine das Meine. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Fand ich es jetzt toll, dass Bryce mein Bein streichelte? Oder fand ich es toll, dass Tschetan mich berührt hatte? Seine Berührung war nur flüchtig und unbeabsichtigt gewesen, die von Bryce mit voller Absicht.
Tschetan beugte sich weiter nach hinten. So sehr, dass ich ihm Platz machte und ein Stück nach vorne rutschte. “Klappt das da?”, fragte ich ihn verwirrt und drehte mich um, um zu schauen, was er denn da eigentlich tat. Er hob einen flachen Stein auf, drehte ihn in den Händen und warf ihn dann in den Fluss. Er hüpfte zweimal übers Wasser und sank aufs Flussbett hinab. Schließlich setzte er sich wieder richtig hin.
Bryce behielt seine Hand bei sich. Hatte Tschetan das gerade extra gemacht?

Tschetan
“Ah…wunderbar bei diesem Wetter.” seufzte Trevor, ließ sich bis zum Kinn weiter in den Pool gleiten. Der Boden bestand aus feinem Sand. Große Findlinge trennten die heiße Quelle vom Rest des Nebenarms des Bow River. “Ich hab gar nicht gewusst, dass es in Kanada auch heiße Quellen gibt, die nicht erschlossen sind. Das letzte Mal hab ich auf Island in einer gesessen.”
Das Gespräch nahm eine Wende die mir ganz entgegen kam. Zwar hatte Bryce seine Hände von Aimee genommen. Wie ich weiter damit verfahren wollte, das wusste ich nicht. Ich wusste nicht was ich eigentlich wollte. Sollte ich versuchen ihr näher zu kommen? Ich sah wie Selbstsicher O’ sich zwischen den älteren Jungs verhielt. Eric hatte einen Arm um ihre Schulter, was in mir ebenfalls ein seltsames Gefühl aufkommen ließ. Trevors Worte kamen kaum an meine Ohren, bis O’ das Wort an mich richtete. “Keine Ahnung….Tschetan hat den Ort gefunden. Wie kommt das?” ich starrte auf das Wasser, dann zu O’ “Mhm?”
“Trevor fragte gerade. Wie es kommt, dass der Pool nicht längst mit Touristen überschwemmt ist.” Ich schluckte. Sah wie alle mich erwartungsvoll ansahen. Und einen Moment länger als nötig blieb mein Blick an Bryce hängen. Was er wohl dachte?
“Das liegt vor allem daran…dass dieser Teil des Landes, und des Flusses….auf Native American Land liegt. Ich war hier mit Freunden aus der Schule wandern, als ich die Quelle entdeckt hab.”
“Das ist das Land der Siksika. Nicht wahr?” fragte Eric nun. Milde überrascht hob ich die Augenbraue. Es kam selten vor das sich jemand mit den First Nations auseinander setzte. “Du hast Recht, ja.”
“Lebst du auch dort? Im Reservat? Versteh mich nicht falsch. Ich hab viel von der Welt gesehen, bevor ich mich als Bereiter hier beworben habe. Ich hab einen Faible für First Nations.”
“Na großartig. Wollen wir jetzt nach Federn suchen und schreiend um die Quelle rennen?” beschwerte sich Bryce lautstark. Ich machte den Rücken gerade, ballte die Faust unter dem Wasser. Bereit ihm noch eine zu verpassen. Er taxierte mich. O’ richtete sich auf, schlug mir die flache Hand auf die Brust um meine Vorwärtsbewegung zu stoppen. “Entweder, du benimmst dich, oder du gehst.” grollte sie in Richtung Bryce. “Fein. Ich gehe.!” Damit erhob er sich aus dem heißen Wasser. Wischte sich das Wasser vom Körper. Als er gerade nach der Trense seines Pferdes griff, drehte er sich um. “Nicholas!” brüllte er. Sein Freund zuckte zusammen im Wasser, sah in die Runde, erhob sich. Und zur Überraschung von allen: “Aalso, ich denke ich werd noch eine Weile hier bleiben”, sagte er mit bebender Stimme. Er wusste, dass Bryce diese Entscheidung nicht mögen würde. Dann sah sich Bryce zu Aimee um “Aimee?”. Reflexartig legte ich Aimee unter Wasser die Hand auf das Knie. Hielt sie fest. Ich wusste nicht wieso, aber ich wollte auf gar keinen Fall das sie mit Bryce ging. Es blieb ruhig bis wir Bryce zwischen den hohen Felsen nicht mehr sahen. Nur das Rauschen des Flusses neben uns. “Hui…ich das tut mir Leid. Vielleicht hätte ich das Thema nicht aufbringen sollen. Ich wusste ja wie sein Vater…” ich winkte ab.
“Ich will ja nicht sagen ich hätte mich dran gewöhnt, aber…ich kenn das. Man ist öfters Anfeindungen ausgesetzt. Zu deiner Frage….nein. Ich lebe nicht in der Reservation. Nicht mehr zumindest. Allerdings, bin ich kein Siksika. Ich bin Lakota.” sagte ich mit einem gewissen Stolz in der Stimme.
“Du bist weit fort, vom Land deiner Ahnen.” stellte Eric fest und ich war dankbar für das Mitgefühl das in seiner Stimme mitschwang. Ich spürte plötzlich eine Hand auf der meinen, die ich noch nicht von Aimees Knie genommen hatte. Sie zog mich zurück in eine sitzende Position neben ihr. Nicholas machte uns Platz. “Dann können wir froh sein das es First Nations Land ist. Wir werden immer unsere Ruhe hier haben.” brach Trevor die Stille. O’ schmunzelte. “Da magst du Recht haben. Also…keine fetten Partys hier. Die können wir uns für andere Gelegenheiten offen lassen.”
“Tschetan, ich dachte einen Augenblick du willst ihm nochmal eine verpassen.” witzelte O’ um die Stimmung zu lockern.
“Ich hätte gut und gern Lust dazu gehabt.”
“Besser nicht, du hättest ihn aus den Latschen gehauen. Bryce hat Oberarme wie ein Baby.” stellte Trevor belustigt fest. “Meistens versteckt er sich hinter seinen bulligen Freunden.” damit schenkte er Nicholas einen vielsagenden Blick. Der Junge rückte, etwas ungemütlich, weiter an die Felsen in seinem Rücken. “Ich bin auch nicht Stolz drauf. Früher…da war er anders.” Nicholas sah sich nach seiner Flasche Root Beer um, musste dabei hinter mich greifen.

Nicholas
“Wisst ihr zuhause da haben meine Eltern auch ein paar Westernpferde. Ich bin nämlich gar kein Englischreiter”, gab ich preis und sah dabei zu den Pferden, die genüsslich grasten. Zumindest ein paar davon.
Die Tiere der Bow River Ranch hatten ihre Köpfe gesenkt und sich damit abgefunden, angebunden zu sein und nur in einem kleinen Radius das saftige Grün abpflücken zu können. Die Pferde, die wir mitgebracht hatten allerdings, schienen sich damit nicht zufrieden geben zu wollen. Starlight, die Stute die ich ritt, hängte sich immer wieder in den Strick, rempelte eins der Bow River Pferde dabei ständig an. Dieses schien jetzt genug von dem Zirkus zu haben, hob schlagartig den Kopf und biss die Stute in die Schulter. Starlight machte einen empörten Satz nach vorne und quietschte, weshalb alle anderen Pferde auch die Köpfe hoben und nervös schnaubten. Das Pferd neben Starlight legte noch immer die Ohren an und taxierte das Tier. Gerade als ich die Situation auflösen wollte, stand Tschetan aus dem Wasser auf und ging zu den Pferden rüber. “He, Layla, lass die mal in Ruhe”, sagte er ruhig zu der Dunkelfuchsstute und legte ihr eine Hand auf die Kruppe. “Ist das deine?”, fragte ich Tschetan, welcher mir erst antwortete, als er wieder im Wasser war.
“Nein, auf Bow River hab ich kein eigenes Pferd. Die gehören fast alle Caleb, wir dürfen die meisten davon aber reiten. O’ hier hat ein paar eigene Pferde, aber alles… keine Westernpferde”, lachte er.
“He ich hatte mal Westernpferde! Und Dakota wird von Bellamy mittlerweile ja auch Western geritten.”
“Was hast du eigentlich mit den ganzen Vollblütern vor, O’?”. fragte Aimee schließlich.
“Verkaufen.”
Nun horchten alle auf. “Echt?”, mischte sich Trevor verwundert in die Unterhaltung ein.
“Ja, ich merke, dass ich immer mehr im Westernsattel zuhause bin. Kein Wunder, auf einer Westernranch voller Westernpferde und Cowboys.” Alle lachten, die Stimmung hatte sich so gelockert, seit dem Bryce abgedampft war.
“Ich wollte die Pferde Pineforest anbieten oder Phoenix Valley. Dann weiß ich wenigstens, dass sie weiterhin ordentlich trainiert werden und sich später gut in der Zucht machen.”
“Erzählt mal, wie es so auf der Ranch ist?”, fragte ich dann in die Runde. Aimee erzählte, Tschetan erzählte und O erzählte. Ich konnte mir alles bildlich vorstellen.
“Ihr könnt doch mit rüber kommen, dann zeigen wir euch die Ranch. Caleb oder Cayce können euch und die Pferde später bestimmt zurückfahren, das ist kein Problem.”
Trevor schaute auf sein Handy, was er in seiner Hosentasche neben der Quelle verstaut hatte. “Ich hab gleich Training. Wenn ich das absage, bekomm ich die Hölle heiß gemacht”, meinte er und sah zu seinem Kumpel Eric rüber. “Sieht wohl so aus, als müssten wir uns verabschieden”, erklärten die beiden älteren Jungs und sahen zu mir. “Aber du kannst ja mitreiten, Bryce spielt heute auch den restlichen Tag die beleidigte Leberwurst.”
Ich nickte. Warum nicht?

Tschetan
“Schade das Louis die Indian Relays aufgegeben hat. Einige deiner Vollbüter wären sicherlich dafür geeignet.” O’ zog eine Augenbraue nach oben. “Aber grundsätzlich könntest du das doch auch tun,oder nicht?”
Ich zuckte mit den Schultern. “Schon, aber ganz ungefährlich ist es nicht. Ich weiß nicht wie Ylvi und Louis darüber denken. Da helf ich lieber bei dem Training der Westernpferde.”
“Du hilfst da mit?” fragte Nicholas erstaunt neben mir. Noch bevor ich eine Antwort geben konnte, fiel Aimee mir ins Wort. “Wenn er so weiter macht, dann ist er bald der beste Trainer am Stall. Caleb vertraut ihm seine besten Pferde an.” Ich senkte betreten den Kopf. “Jetzt übertreib mal nicht.” murmelte ich. “Naja, ganz Unrecht hat sie nicht. Du sitzt manchmal auf Pferden, von denen würde ich nur träumen kann“, erwiderte O’ trocken. Ich wusste, dass es stimmte. Doch ich war nicht der Typ dafür, vor anderen anzugeben. Ich rutschte ungemütlich im Sattel herum, bei dem bewundernden Blick, den mir Nicholas von der Seite zuwarf. “Vielleicht sollte ich den Stall wechseln.”
“Wir geben keinen Reitunterricht”, gab ich wahrheitsgemäß von mir.
“Aber Hilfe bei der Rancharbeit braucht ihr doch sicherlich? Im Westernsattel fühl ich mich einfach wohler.”
“Vielleicht lässt sich was finden. Darüber müsste man mal mit Caleb sprechen”, warf Aimee ein. Darauf erwiderte ich nichts. Ich hatte einfach im Hinterkopf, dass Nicholas zu oft bei Bryce rumhing. Der Gedanke, diesen Idioten vielleicht auch auf der Ranch zu wissen, missfiel mir. Deshalb versuchte ich erst gar keine Bande der Freundschaft zu Nicholas entstehen zu lassen. Ich misstraute ihm.

Caleb
Gleich als ich auf der Ranch angekommen war, machte ich mich daran, das Futter abzuladen. Zum Glück kamen mir Brian und Bellamy zur Hilfe, so dass alles ziemlich schnell an seinem Platz verstaut war.
Da es noch relativ früh war, entschloss ich mich dazu, noch rüber zur Ferienranch zu reiten.
Dazu machte ich mir meinen Vulture fertig. Er war noch nicht so viel im Gelände gewesen, und vor allem nicht alleine. Das würde also abenteuerlich werden.
Ich wollte schon ein wenig Werkzeug mit hoch nehmen, so dass ich die Satteltaschen am Sattel des Hengstes befestigte und packte. Einerseits mit nützlichen Utensilien, andererseits mit Papier und Stift, um mir aufzuschreiben, woran wir in der nächsten Zeit arbeiten wollten.
Als ich aus dem Stall raus ging traf ich auf Bellamy. “Ich reite hoch zur Ferienranch und schau, ob ich heute schon was machen kann. Dann weiß einer wo ich bin.”
“Okay alles klar. Soll ich dann das Futter für heute Abend fertig machen? Du wirst ja eine Weile brauchen.”
“Ja, das wäre top. Könntest du dich heute Mittag auch noch um das Training von Cody und Ginger kümmern? Lass die einfach im Round Pen ein bisschen laufen. Falls du dann noch Lust und Zeit hast… Nic bräuchte auch mal wieder Bewegung.”
“Nic?”, fragte Bellamy verwirrt und schien nachzudenken. “Ach du meinst Moonie! Mensch, nenn den doch einfach mal um. Nic kann sich keiner merken!”
Wir beide lachten, dann gurtete ich Vultures Sattel nach und schwang mich rauf. Absolut gesittet verließen wir das Ranchgelände. Als ich ihn dann jedoch antrabte, durfte ich erst einmal ein paar Buckler aussitzen.
“Gehts jetzt wieder? Funktioniert dein Hirn jetzt wieder so, wie es funktionieren soll?”, fragte ich den Braunen kopfschüttelnd, verlangte nun aber über ein langes Stück einen gleichmäßigen, ordentlichen Trab. Erst als er mir schön genug lief, parierte ich ihn zum Schritt durch. So konnte er etwas verschnaufen, bevor ich ihn gleich angaloppieren würde.
Ich hatte die Strecke an der Rinderkoppel vorbei gewählt, so dass wir diese einmal überqueren konnten. Eine Abkürzung sozusagen. Es stellte sich jedoch als gar nicht so einfach raus, das Tor von diesem Pferd aus zu öffnen. Ständig sprang er zur Seite, tänzelte vor sich hin oder ließ mich gar nicht nah genug heran.
Da ich heute keine Zeit zum Rumdiskutieren hatte, stieg ich kurzerhand ab, öffnete das Tor vom Boden aus und schloss es wieder, nachdem wir beide die Wiese betreten hatten. Ich stieg wieder auf und manövrierte Vulture auf die Rinderherde zu. Je näher wir ihr kamen desto mehr prustete der Hengst und machte den Hals rund. “Man glaubt dir wirklich nicht, dass du Cutting gezogen bist, mein Freund.”
Völlig unbeachtet dessen, dass er wieder zu tänzeln anfing, lenkte ich ihn souverän durch die Herde durch. Die Zügel der Kandare hatte ich nun leider fast auf Anschlag, weil Vulture den sterbenden Schwan spielen musste.
Als wir auf der anderen Seite fast wieder aus der Herde raus waren, trabte ich ihn locker an, was sich hinterher als Fehler herausstellte. Eines der Rinder machte neben uns einen Bocksprung und überholte uns von hinten. Vulture, so explosiv wie er manchmal sein konnte, machte erst einen Satz nach vorne, ehe er die Beine in die Hand nahm und im Galopp davonstob. Dieses Pferd war noch sowas von grün, fluchte ich innerlich und sortierte die Zügel, ehe ich den einen langsam immer mehr annahm. Den ‘one rein stop’ kannte er vom Anreiten. Alle Pferde der Ranch kannten ihn. Man nahm einen Zügel langsam immer mehr auf, bis die Nase des Pferdes eines der Reiterbeine berührte. Die Pferde wurden automatisch langsamer und blieben irgendwann ganz stehen, da man sie so komplett aus dem Gleichgewicht brachte. Auch Vulture hielt irgendwann an. Das Rind hatte es aufgegeben uns zu verfolgen. Nach ein paar weiteren Metern waren wir am Tor angekommen. Ich stieg dieses Mal direkt ab, um ein erneutes Theater zu vermeiden.
Eine gute halbe Stunde später waren wir fast an der Ferienranch angekommen, wir mussten nur noch durch den Wald nach oben reiten.
Als ich die Ferienranch durch die Bäume erblickte, hielt ich Vulture an und starrte einfach nur das Schild “Dells Rookie Ranch” an. Dell… die letzten Tage hatte ich die Gedanken an ihn zur Seite geschoben. Der Alltag hatte uns wieder. Damit aber auch weitere Sorgen und Probleme.
“Na komm”, sagte ich zu Vulture, schnalzte kurz und wir ritten unter dem Namensschild hindurch, direkt auf den Zaun zur Klippe zu. Dort, wo ein Teil der Asche von Dell begraben war. Ich stieg vom Pferd, kniete mich hin und nahm den Hut vom Kopf. In Gedanken sprach ich ein paar Worte.
Dann setzte ich mir meinen Hut wieder auf den Kopf und fing an, mit Vulture im Schlepptau die Ranch abzulaufen. Nebenbei machte ich mir immer wieder Notizen, was alles gemacht werden musste. Hier oben befanden sich drei Hütten in einem mehr oder weniger guten Zustand. Außerdem zwei Koppeln und ein in der Mitte geteilter Offenstall, der an beide Wiesen angrenzte. Perfekt, um die Pferde hier oben nach Stuten und Wallachen zu trennen.
Allzu viel konnte ich hier heute alleine nicht erreichen, doch hier zog ich mal eine lose Schraube fest, dort hammerte ich etwas, hier schnitt ich etwas ab oder zupfte Unkraut raus, wo definitiv keins wachsen sollte.
Leider verlor ich die Zeit völlig aus den Augen. Ich schaute nämlich erst wieder auf die Uhr, als es anfing, kalt zu werden. “Mist…Komm Vulture, wir müssen zurück.” Übernachten konnte man hier oben nämlich nicht- noch nicht.
Vulture, der sich dem Gras gewidmet hatte, schien wenig davon begeistert, nun wieder aufbrechen zu müssen. Widerwillig ließ er mich die Trense wieder über das Knotenhalfter ziehen. “Wenn du so weitermachst gibts für dich ein paar Tage hardcore Anstandstraining”, murrte ich, schloss den Kinnriemen und schwang mich nach dem nachgurten in den Sattel.
Beim Verlassen der Ranch schaute ich noch einmal zum Schild zurück. Dells Rookie Ranch. Ich hoffte, wenn ich einmal starb, würde auch jemand als Andenken an mich eine Ranch nach mir benennen. O’Dells Pro Ranch wäre ein schöner Name.
Es schüttelte mich. Eigentlich wollte ich noch lange nicht sterben… aber man konnte ja nie wissen.
Der Ritt zurück zur Ranch dauerte dieses Mal wesentlich kürzer an. Wir galoppierten dieses Mal aber auch mehr- gesittet, versteht sich.
An der Bow River Ranch angekommen traf ich auf die Kids, die heute Mittag unterwegs gewesen waren. Sie hatten einen fremden Jungen dabei.
“Hey ihr”, sagte ich freundlich und streichelte den verschwitzten Hals meines Hengstes.
“Was hast du denn mit dem gemacht?”, fragte Tschetan mich und zeigte mit vorgeschobener Lippe, wie er es so oft machte, auf mein Pferd.
“Wir waren oben bei der Ferienranch. Ich hab mir Notizen gemacht was alles zu tun ist, damit wir da bald anfangen können.”
Tschetan nickte vielsagend, dann ergriff Aimee das Wort: “Hör mal, das hier ist Nicholas von dem neuen Dressurstall drüben im Tal, er ist aber eigentlich Westernreiter, nur hängt er drüben viel rum wegen seinem Freund Bryce. Falls du Arbeit hast würde er hier gerne ab und an mal aushelfen.”
Bryce. Als Aimee diesen Namen nannte, flog mein Blick unauffällig zu Tschetan, der unbemerkt seinen Kopf hin und her bewegte.
Ich zog eine Augenbraue hoch, schaute dann jedoch wieder zu Aimee. Nicholas wirkte auf den ersten Blick nett, aber… “Im Moment brauchen wir tatsächlich keine Hilfe… aber wenn wir drüben bei der Ferienranch anfangen sieht die Sache wieder ganz anders aus. Aimee kann sich ja bei dir melden, falls sich was ändert?”, schlug ich freundlich vor.
“Vielen Dank, Mr. O’Dell”, antwortete mir der Junge, was mich kurz zum Schmunzeln brachte. Sah ich etwa so alt aus?
“Caleb.”
“Okay, danke Caleb.”
“Geht schon mal vor, ich komm gleich”, schickte Tschetan die drei in Richtung Stallung.
“Also… DER Bryce?” Tschetan nickte mit zusammengebissenen Zähnen.
“Ich misstraue Nicholas, er hängt zu viel mit Bryce rum.”
Ich nickte verständnisvoll. “Auf den ersten Blick scheint er mir nicht wie dieser Bryce vorzukommen. Lern ihn doch kennen, wenn du dein ok gibst stell ich ihn ein.”
Tschetan nickte erneut und wandte Layla zum Gehen.
“Ach übrigens, Tschetan”, setzte ich an und strich Vulture wieder kurz über den Hals. “Falls du Lust hast hier ein wenig mehr Verantwortung zu übernehmen… such dir doch ein oder zwei der Jungpferde für die Ferienranch aus und mach aus ihnen zuverlässige Arbeitstiere.“
Der Junge sah mich mit großen Augen an. “Echt?”
“Echt.”
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