[3] Angeschlagen | März Trainerbericht

Geschrieben von Muemmi im Blog Sportpferdezentrum und Gestüt Naundorf. Ansichten: 129

Ich verzog das Gesicht, als der Wecker klingelte, aber nicht, weil ich aus dem Bett musste, sondern weil mich seit Tagen schlimme Halsschmerzen plagten. Irgendwas mit den Mandeln. Ich konnte kaum den Kaffee trinken, den ich auch für den Rest der Belegschaft frisch aufgebrüht hatte und auch die Stimme versagte ihren Dienst immer wieder. Ich schrieb mit Kreide die heutigen Aufgaben an die Tafel, als Willi zur Tür rein kam. „Morgen!“ meinte der in seinem muffeligen Ton, ich nickte ihm nur zu. „Immer noch Halsweh?“ meinte der dann doch mitfühlend und ich nickte noch einmal. Genau in dem Moment kam Dave zur Tür rein, der jetzt seit gut zwei Monaten hier arbeitete und diese Woche auf den Hof gezogen war. „Geht schon, danke“ krächzte ich und räumte den Frühstückstisch hin, während sich die beiden Männer an den Tisch setzten und über die Weiden sprachen. Allmählich kamen auch die anderen: Tom, Mia, Susan und Leo. Nachdem ich die erste heiße Tasse Kaffe intus hatte, konnte ich leichter reden und erklärte mit wenigen Worten die Aufgaben. Leo würde heute mit Willi die hinteren Weiden kontrollieren und ein altes Gatter neu einhängen, Mia und Susan würden sich um die Fohlen kümmern und sich dann den täglichen Aufgaben des Berittes annehmen. Dave würde mit mir und Willi vormittags im Stall klar Schiff machen, während sich Tom an die Büroarbeit machte. Nachmittags, wenn Willi mit Leo unterwegs wäre, würden wir uns um Spring- und Dressurtraining kümmern. „Tom übernimmt Webster und Reykja, die beiden müssen wir mal ein wenig pushen, damit in der Saison auch das Dressurstandbein stärker wird. Wir sind im Fahren und im Military sehr sehr gut, aber nur dafür ein Aushängeschild zu sein, öffnet uns zu wenige Tore in die S-Klassen.“ meinte ich ruhig und hustete dann doch. „Dave wird mir heute Mainstream und Amber abnehmen, für´s Springen bin ich die Woche noch nicht fit genug.“ Dave nickte und lächelte. Er hatte sich in meine Cremellostute regelrecht verliebt und träumte jetzt schon von ihren ersten Fohlen, am besten mit seinem frisch gekrönten Hengst Heros. „Ich selber werde Skadi in der Dressur fördern, sie ist noch sehr niedrigklassig und leicht zu reiten.“ meinte ich weiter und richtete das Wort eher an Tom. „Ist in Ordnung. Kommst du mit in den Stall?“ „Nachdem ich hier aufgeräumt und nach Idefix gesehen habe komme ich euch hinterher.“ Susan erzählte danach von ihren Prüfungen und wie es derzeit mit den Fohlen lief. Sie himmelte dabei heimlich Dave an, allen war ihre große Zuneigung zu ihm längst aufgefallen, vor allem Leo. Dave nickte nur, lächelte freundlich und klemmte sich dann den letzten Rest seines Honigbrotes in den Mund, bevor er das Kammerl verließ. „Man, Susan. Wegen dir kann Dave nichtmal in Ruhe frühstücken.“ meinte Willi dann ganz ungeniert. Leicht beleidigt, weil ihr Schwarm einfach so abgerauscht war, strich sie sich ihre Semmel. „Kümmer dich doch um dein Zeug Willi.“ erwiderte sie trotzig. „Schluss mit dem Kindergarten. Ihr kennt Dave doch, immer auf Achse.“ Tom. Er hatte es dick, wenn in der Früh schon Unfrieden auf den Hof kam. Dann wandte er sich an mich: „Lass stehen Luisa. Ich mach das schon. Geh rüber.“ Dankbar lächelte ich ihm zu und ging Dave hinterher in den Flur ins Hauptzimmer. Dort am Ofen hatte Idefix sein Körbchen. Er wurde in letzter Zeit immer schwächer, die letzten kalten Tage im Februar hatten ihm stark zugesetzt und er hatte sich trotz der ersten sommerlich, warmen Frühlingstage nicht wieder erholt. Der Tierarzt war letzte Woche hier und sehr deutlich: Wenn sich Idefix nicht in den nächsten Tagen deutlich erholen würde, sähe er keinen Ausweg mehr. Er war mittlerweile auch schon 12 Jahre alt, für einen Jack Russel eigentlich noch nicht sehr alt, allerdings war auch seine Mutter Paddi nur 10 Jahre alt geworden. Zu meinem Erstaunen saß Dave neben dem Körbchen und kraulte den weißen Rüden. „Er sieht besser aus. Schlapp und müde, aber deutlich besser.“ „Na mein Schatz, wie geht’s dir? Ja, komm her, lass ich in den Arm nehmen.“ flüsterte ich Idefix zu, der mir vorsichtig die rechte Backe ableckte, nachdem ich mich im Schneidersitz neben Dave gesetzt und meinen Hund auf den Schoß gezogen hatte. „Wenn du nur mal so mit mir reden würdest.“ scherzte Dave und streichelte Idefix über den Kopf. Ich zuckte innerlich zusammen. Solche Dinge sagte er mir in letzter Zeit häufiger. „Das ist nicht witzig Dave.“ sagte ich doch recht kühl und kraulte Idefix den Bauch. Der lag jetzt in meinem Schoß und schien sich wirklich langsam zu erholen. „Entschuldige.“ sagte der jetzt ernst, ein wenig Bedauern schwang in seiner Stimme mit. „Außerdem weißt du, dass das nicht geht.“ Ich hob Idefix wieder zurück in sein Körbchen und breitete die Decke über ihm aus. Er kuschelte sich ein und sah mich von unten mit runden Augen an. Ich streichelte nochmal über seinen Kopf, dann sah ich Dave an. Der hatte die Strin gerunzelt. „Ich würde mit Susan in Teufelsküche kommen.“ Da verdrehte er seine hübschen blauen Augen, die auch mich nicht ganz unberührt gelassen hatten, seit er vor einigen Wochen das erste Mal vor mir stand. „Ehrlich Dave, du musst Susan da mal klar sagen, dass es so nicht weiter geht. Tom ist grad nach deinem Abflug in die Presche gesprungen. Und ich möchte mich da nicht einmischen.“ Ich stand nun auf, er tat es mir nach. „Warum das?“ überging er meinen Tadel und sah mich auf einmal sehr durchdringend an. Ich schwieg zwei Sekunden, rührte keine Miene und meinte dann: „Klär das!“ Und grinste dann doch. „Ok, ist in Ordnung, ich rede später mit ihr.“ gab er dann lächelnd nach, sah dabei aber auch schuldbewusst auf den Boden. „Ciao Kleiner!“ zwinkerte ich Idefix zu und bat Dave dann, mir zu folgen. „Tom war so lieb, den Küchendienst zu übernehmen. Er war gestern lange fleißig, Bürokram wird heute kaum anfallen. Da hat er endlich genügend Zeit für Webster und Reki.“ „Letztere macht sich auch langsam richtig, richtig gut, ich hab ihm erst zugesehen, er hat ein Händchen, den Jungpferden die Lektionen schnell anzutrainieren.“ „Und sie sauber abrufen zu lassen und sie zu korrigieren. Ohne Tom wären wir wohl wirklich aufgeschmissen. Wir denken aber trotzdem darüber nach, einen zweiten Korrekturreiter einzustellen. Was meinst du?“ „Ich? Ich bin für Dressur nicht gut genug, um mir da eine Fachmeinung zu bilden. Aber einen Korrekturreiter mehr könnten wir gut brauchen.“ Susan kam genau in dem Moment hinter uns aus dem Haupthaus, auch sie hatte wohl ihr Frühstück schon beendet, dicht gefolgt von Leo und Willi. Als sie mich mit Dave zusammen sah, änderte sich kurz ihr Gesichtsausdruck. Ich hasste es, in diesem Drama Teil zu sein, obwohl ich mich nie direkt einmischte. Also schickte ich Dave mit einer direkten Anweisung sofort vor in den Stall und unsere Wege trennten sich. Ohne nochmal auf Susan einzugehen, machte ich mich an die Arbeit und fütterte die Pferde. Willi fuhr mit dem Traktor den Mist zusammen, während Leo und Dave das Ausmisten anfingen. Mia kam kurz vorbei und meinte, dass der Tierarzt angerufen hätte, dass er morgen nochmal nach Idefix sehen wollen würde. „Danke dir!“ Dann zog sie wieder von dannen, Susan hinterher. Als ich fertig mit Füttern, Heu geben, Putzen und Fegen war, holte ich Skadi und bürstete ihr schneeweißes Fell sauber und flocht ihr einen Bauernzopf in die Mähne. Sie sah damit immer recht hübsch aus. Dann sattelte ich sie und führte sie hinüber zum Platz. Dort war Tom mit Webster schon fleißig am Wiederholen der letzten Übungen, der Holsteinerhengst war wirklich ein Prachtkerl und tanzte unter Tom nur so dahin. Was ich im Springen und im Military gut konnte, hatte Tom in der Dressur perfektioniert. So ergänzte sich jeder auf dem Hof. „Sieht super aus!“ meinte ich, als er locker an mir vorbei galoppierte. Von der Stute ließ sich der Hengst nicht wirklich ablenken, Skadi stand auch ganz brav neben mir und ließ mich in Ruhe aufsteigen. Im versammelten Trab kam Webster erneut vorbei, ging dann wieder in den Mitteltrab und erneut in den Galopp. Die Hilfen von Tom waren kaum zu sehen. Ich ritt Skadi warm, bevor auch ich los legte und die einfachsten Sachen abfragte. Skadi würde heute von A auf E aufsteigen, Webster allerdings den großen Sprung von A nach L machen. Deswegen übernahm das Tom. Ich ritt also mit meiner leichten Erkältung heute nur einige wenige A-Aufgaben, die sich aus Mitteltrab und -galopp, Ganzen Bahnen, Zirkeln, Schlangenlinien und Volten zusammen setzten. Ich Leichttrabte und saß aus, hielt, wechselte den Zirkel, ritt Bögen und galoppierte wieder an. Ich liebte Skadis Galopp. Anfangs war die Stute wirklich schwierig, weil sie neu auf dem Hof war und mich noch nicht kannte. Auch bei Tom testete sie erst an, aber war dann wirklich sehr gelehrig und auch gut zu reiten. Sie war eigentlich nur unterfordert, denn als Warlander hatte sie eine kräftigere Statur und wurde meist als Kaltblutpferd gehalten, das eben nicht sehr viel spritzige Aufgaben brauchte. Skadi aber hatte Köpfchen. Der zwar ebenso intelligente Webster aber war anders. Der schwitzte mittlerweile ordentlich unter Tom, der dem Hengst viel abverlangte. Er war die Ruhe selbst und war auch gern dazu bereit, sich ausgiebig streicheln zu lassen. Er bettelte nie und war auch sonst sehr sozial. Allerdings hatte er sich sehr sehr schnell als Springer disqualifiziert, als klar wurde, dass wir ihn niemals über einen Wassergraben bringen würden. Davor hatte der Hengst nämlich ziemlichen Respekt. „So gar nicht seine Mutter Lacura...“ meinte ich damals trocken, die im vorherigen Leben wohl ein Fisch gewesen sein musste. Tom ritt gerade die letzte Runde ab und hielt auf das Gatter zu, als sich Dave zu uns gesellte. „Soll ich ihn dir abnehmen?“ meinte der, doch Tom winkte ab. „Lass mal. Ich hab heute nichtmehr viel zu tun. Und Reykja braucht nicht sehr lange, ich hab viel mit ihr gemacht letzte Woche. Aber danke.“ Dave sah Tom hinterher, der langsam am langen Zügel hinüber zu den Hauptstallungen ritt. „Du, Luisa. Mia würde Mainstream gerne im Training übernehmen wollen, bei den Fohlen ist alles klar und ihre Reitschülerin ist abgesprungen. Daher geht sie mit Susan zusammen trainieren in der Halle. Wäre das ok für dich?“ Als wenn der Tagesplan auch nur 3 Stunden so bleiben würde, wie man ihn aufgestellt hat. Auf einem Hof ändern sich dauernd zig Sachen an einem Tag, aber ich liebte Mia dafür, dass sie sofort zur Stelle war und den anderen die Arbeit abnahm. Zusätzlich war Susan fest eingebunden. „Ist gut. Und Amber?“ „Mach ich. Nach dem Mittag. Bist du fertig mit Skadi?“ Ich nickte. „Geht´s dir gut?“ fragte er dann vorsichtig, als ich nochmal hustete, nachdem ich abgestiegen war. „Ja. Ich würde mich nur Mittags gern eine Stunde hinlegen. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich bei Amber gerne zusehen.“ „Ob ich da noch ordentlich Springreiten kann,...“ murmelte er und mein Herz machte einen Satz. Schon die zweite Anmerkung heute. Derweil war Military Dave´s Fachgebiet. Amber hatte vor einigen Wochen die Klasse S im Springen erreicht und sahnte seither in den Turnieren eine Schleife nach der anderen ab. Nun würden wir die Stute ins Gelände lassen. Ich ließ auch das unkommentiert und führte die weiße Warlanderin hinüber den Stallungen. Dort half Dave mir ohne weitere Worte beim Absatteln und versorgen der Stute. Als er ihr abschließend liebevoll den Kopf streichelte, sah ich ihm einen unbeobachteten Moment lang zu. Mir war damals schon klar, dass er den Hof auf den Kopf stellen würde. Aber dass er auch mich so erwischen würde… als er sich zu mir her drehte, lächelte ich dann doch, was ihn jetzt verwundern ließ und meinte, dass ich hinüber gehen würde, um das Mittagessen zu kochen. „Ich fahre hinaus zu Willi und Leo. Denen helfen. Ich bring sie dann mit, wenn wir fertig sind.“ Er verließ den Stall, ohne mich noch einmal anzusehen. Jetzt war ich verwirrt. Ich ging hinüber und kochte Gratin. Mittags kamen dann auch alle, Mia erzählte mir vom Fortschritt mit Mainstream. Sie Stute war jetzt im Stande, Sprunghöhen von 1,50m hühelos zu nehmen. „Wir haben 10 Hindernisse aufgebaut, das mit dem Wassergraben haben wir mal wieder provisorisch gelöst. Aber sie macht das sehr sehr gut. Da sie ja schon in der Klasse S geht, war sie heute sehr gelehrig. Und die S* wird keine Schwierigkeit mehr sein.“ Ich war glücklich, dass das mit Mainstream so gut klappte und ich neben Amber jetzt auch eine weitere Stute hatte, die in der S -Klasse ging. Die Saison würde bestimmt die ein oder andere Schleife nach Naundorf bringen. „Ok, also ist das auch geschafft. Danke euch beiden!“ Ich lächelte und Susan schien das mit dem Frühstück schon wieder vergessen zu haben. Sie schien immer wie ausgewechselt, wenn sie bei den Fohlen war, ganz egal, was den restlichen Tag passierte. Ich musste zugeben, dass sie bei ihrer Hingabe für die Fohlen durchaus ein Händchen bewies und nun hatten wir ja mit unseren Neuankömmlingen und Babys so einige auf dem Hof. Wir aßen zusammen und dann ging es wieder auf den Hof. Leo begleitete Willi noch bei den Reparaturen und zog auch Susan mit ins Boot. Tom machte sich ans Training mit Reykja und wollte danach ins Büro gehen. „Ist in Ordnung, dieses Mal räume ich auf.“ versprach ich und fing an, abzuspülen. Dave blieb erst am Tisch sitzen und studierte die aktuellen Anmeldungen für die wöchentlichen Turniere. „Lass mich dir helfen, dann kannst du schlafen gehen und dich erholen. Ich melde für die Turniere diese Woche, danach mache ich Amber fertig. In zwei Stunden, wenn du zusehen willst, können wir uns auf dem Platz treffen.“ „Ist ok, danke Dir.“ Er stand jetzt an der Spüle und stellte die letzten Teller neben das Waschbecken. In mir schlug sich die Erschöpfung die Bahn und ich war wirklich dankbar. Ich legte das Spültuch neben Dave und berührte ihn mit der rechten Hand an der Schulter, als ich mich bedankte. Zu Müde, um noch genau auf ihn zu achten ging ich hinüber zu Idefix, nahm ihn auf den Arm und trug ihn nach oben. Dort kuschelte ich mich in sein Fell, streichelte ihn und schlief dann ein. In weiter Ferne hörte ich Dave das Geschirr verräumen, dann den Kaffee kochen, Willi war kurz im Haus und telefonierte, ich hörte Susan und Dave kurz miteinander reden, dann wieder Ruhe. Ich dämmerte so vor mich hin. Dann Geschirrklappern. Ich drehte mich um und auch Idefix spitzte müde die Ohren. „Luisa?“ flüsterte Dave vorsichtig, als er die Türe zu meinem Schlafzimmer aufdrückte. Meine Wohnung war für jeden meiner Angestellten offen, solange ich mich dort befand und die Haustüre offen stand. Eine Vereinbarung, die aber jeder nur im Notfall nutzte. Sie lag über den Gemeinschaftsräumen und dem Büro, direkt neben der von Tom. „Ich stell dir den Tee da hin, Honig ist auch dabei. Lass dir Zeit, ich telefoniere noch eben mit einem Veranstalter wegen dem Jubiläumsturnier, dann mache ich Amber fertig.“ „Ist die Zeit schon rum?“ murmelte ich und sah ihn müde an. „Du hast fast drei Stunden geschlafen.“ meinte er, lächelte und ging dann wieder. Was? Drei Stunden? Idefix schnarchte neben mir, ich versuchte ihn nicht zu wecken, als ich aufstand und mir meine warmen Reitsachen anzog. Nebenzu nippte ich am Fencheltee, den keiner außer mir auf dem Hof leiden konnte. Dann ging ich nach unten. Dave war schon weg, die Küche aufgeräumt, das Büro leer. Tom war also noch im Stall. Als ich durch die Gasse ging, führte er Reykja gerade aus dem Solarium. Auch sie hatte er ordentlich gefordert. Reki würde Webster dicht folgen in der Dressur und sollte mit ihrem Stammbaum zusätzlich ein kleines Juwel unseres Hofes werden. Sie war gerade 6 Jahre alt, genau richtig, um ordentlich mit dem Training anzufangen, was man ihr auch optisch ansah. Ihr Vater Red war immer ein Baby geblieben, Reki allerdings schlug voll nach Seana, auch wenn diese ihr keinerlei Scheckung mitgegeben hatte. An die Überraschung bei der Geburt kann ich mich heute noch erinnern. „Sie war heute wirklich sehr lieb, ist sie immer, aber sie macht Webster echte Konkurrenz. Ich würde sie die Woche bei der Dressur vorstellen, vielleicht haben wir ja Glück. Derzeit sind viele starke Newcomer in der Gegend.“ Tom warf Reki eine leicht verblasste, rote Fleecedecke über und wickelte ihr Bandagen, während er mir berichtete, was er heute mit Reykja alles gemacht hatte. Die Stute würde ab sofort in der L-Klasse gehen, genauso wie Webster. Ich hatte vollstes Vertrauen in Tom und freute mich, man sah ihm richtig an, dass er heute Spaß hatte. „Ich werde rüber zum Spielplatz gehen, Dave trainiert Amber heute das erste Mal im Gelände.“ Tom nickte, wenn die Rede vom ´Spielplatz´ war, dann war unser kleiner Parcour auf einer abseitigen Wiese gemeint, den wir extra für´s Military hergerichtet hatten. Der Begriff kam von Leo und Dave, der sich irgendwann bei uns eingebürgert hatte. Den Namen hatte der aber eigentlich gar nicht mehr verdient. Nicht wie zu Anfangs standen dort nur 8 Hürden, sondern mittlerweile über eine Sandfläche und den Teich erweitert ganze 25 Stück. Wir hatten vor vier Wochen ordentlich angepackt, Baumstämme gestapelt, Hecken gepflanzt und einen reitbaren Weg zum Teich hinunter angelegt. Das meiste stammte vom Gelände selbst, die Bäume waren Rückschnitte der umliegenden Birken und Kiefern. Ich schlich mich langsam zum größten dieser Baumstämme, die wir seither oft als Zuschauerplatz nutzten und lehnte mich halb an. Dave hatte mich noch nicht gesehen und jagte Amber über den Platz. Die Stute sah unter ihm so wahnsinnig beeindruckend und stark aus, irgendwie stimmte die Chemie zwischen den beiden. Dann setzte sie zum ersten Sprung an, schloss sauber ab, warf die Beine nach vorne und galoppierte wild schnaubend auf das nächste Hindernis zu. Dave ritt manchmal sehr riskant, was mir nicht immer gut gefiel, aber wenn er auf Amber saß, war er wie ausgewechselt. Er lobte ihr klopfend den Hals, als er immer noch unbemerkt in meiner Nähe vorbei kam. Nur Amber hatte mich gesehen und spitzte die Ohren, was auch Dave registrierte. Er sah sich nach dem Baumstamm um, ich winkte ihm und ging langsam in die Mitte des Platzes. Er nickte angestrengt, nahm die Zügel kürzer und ritt das nächste Hindernis an. Er brauchte zwei Sprünge, um wieder genauso gut zu reiten, wie in der ersten Runde – oder bildete ich mir das nur ein? „Sie kommt gut an den Sprung und landet auch sauber, nur die Höhe macht mir immer Sorgen. Und sie muss zügiger ins Wasser. Lass ihr mehr Platz vorne, das sah eben richtig gut aus Dave!“ Er sagte nichts, grinste und ließ sich ein paar Zentimeter Zügel aus den Händen ziehen. Amber schnaubte ab und setzte erneut an, wuchtete ihr und Dave´s Gewicht über den ersten Stamm, dann über den Absprung und hinunter zum Teich. Sie zögerte merklich, aber Dave ließ nicht locker und trieb sie abwärts. Mit einem mächtigen Satz brach sie die Oberfläche ein, die eben noch spiegelglatt gewesen war und preschte auf der anderen Seite hinaus. „Guuut! Super!“ rief ich lobend, mich so über den ersten Erfolg freuend, dass ich kurz meine kaputte Stimme vergaß. „Sehe, du hast den Tee getrunken!“ lachte Dave und trabte Amber kurz an, ritt einige Wendungen und ließ sie dann kurzzeitig Schritt gehen. „Haha.“ Ich grinste in den Boden. „Fühlst du dich besser?“ „Ja, aber immer noch starke Halsschmerzen. Evt. fahre ich morgen rüber zum Tom´s Mutter, die hat immer einen guten Rat.“ Ich lächelte und sah ihn jetzt direkt an. Da schnalzte er mit der Zunge und trieb Amber wieder zum Galopp. Gut eine Dreiviertel-Stunde ritt er Amber durch den Parcours, wechselte Ruhe- mit Trainingsphasen ab. Dann war auch hier endgültig Schluss. „Mach Feierabend!“ Ich hob die linke Hand und winkte, bevor ich hinüber in den Stall ging. Abendfütterung. Vorher drehte ich aber noch eine Runde zu den Fohlen und zu Taciturn. Die Shettystute war die Erzieherin in dem Babyhaufen aus Nachkommen meiner letzten Zuchtpferde des Gestütes Ammersee. Viele meiner alten Hasen waren jetzt in Ruhestand und auf der Gnadenweide. Dann ging es wirklich in den Hauptstall, füttern, misten, die restlichen Pferde von der Weide holen. Willi, Leo und Susan kamen von den Weiden. „Das Holztor draußen war doch maroder, als ich dachte. Wir haben ein neues gebaut, sind aber nicht ganz fertig geworden. Ich müsste morgen auch neue Aufhänger für die Angel holen. Ich bin eh in der Stadt. Die alten hat es bei dem Sturm so verbogen.“ berichtete mir Willi und ich schickte ihn und die Azubis in den Feierabend. „Ich krieg das hier hin, alles gut, Tom ist drin im Büro, sagt ihm, dass er ebenfalls Feierabend machen kann. Der Rest kann bis morgen warten.“ „Danke, schönen Feierabend!“ Leo und Susan machten sich auf den Heimweg, beide wohnten in der Nähe des Hofes und hatten über das Wochenende frei bekommen. „Ciao Dave, schönes Wochenende!“ „Ciao Leo, bleib sauber!“ lachte der und betrat mit Amber im Schlepptau die Gasse. Ich war schon am Fegen, als er den Sattel und das Zaumzeug in die Kammer trug. „Hier ist alles sauber, Licht ist aus. Ich geh rüber in den Hengststall und schau nochmal nach dem Rechten.“ „Ist ok, ich mache hier alles klar und geh dann rüber.“ „Ok, bis gleich.“ Ich fegte den Rest zusammen, löschte dann auch das Licht und ging in die Küche. Dort saß Tom und rauchte seine Feierabendpfeife. Wir redeten noch lange über die Fahrturniere und die Dressuren, die Erfolge und auch über den zweiten Korreturreiter, als Dave wenig später dazu kam. Als es auf 21:00 Uhr zu ging, verabschiedete ich mich von den beiden, die mir eine gute Nacht wünschten. Ich ging aber erst noch hinüber ins Büro. Das Hoftagebuch war aufgeschlagen und der Eintrag für heute von Tom schon gemacht. Er hatte den Alltag und die Reparaturen notiert, die Fortschritte der Trainingseinheiten und was die Azubis heute gemacht hatten. Für die Pferde stand notiert:
„Trainingseinheiten in der Dressur: Webster von Weltstar von Niveau A auf Niveau L – erfolgreich abgeschlossen, Reykja aus der Seana von Red Diamond II von Niveau A auf Niveau L – erfolgreich abgeschlossen, Skadi vom Gestüt Helsing von Niveau E auf Niveau A – erfolgreich abgeschlossen, erstere beiden geritten von: Tom Weber, letztere von: Luisa Goeke, Trainingseinheiten im Springen: Red Possy Pleasure Mainstream aus der Ysun von Red Diamond von Niveau S* auf S** - erfolgreich abgeschlossen, geritten von: Mia Andalik, Trainingseinheiten im Military: Amber von Atlanta von Niveau L auf Niveau M – erfolgreich abgeschlossen, geritten von: Dave Lange. Unterzeichner: Tom Weber“
Ich lächelte und klappte das Buch zu, löschte das Licht und ging dann nach oben. Für heute waren wir wirklich fleißig genug gewesen.

(c) Muemmi | 22.544 Zeichen
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