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[02] Rosige Zukunft

Geschrieben von vampyrin im Blog väämps Blog ^^. Ansichten: 404

April 2016 – White Oak Ridge – England

„Passt du eigentlich auch auf wo du hin reitest?!“, die wütenden Worte rissen mich unsanft aus meinen Gedanken. Leon hatte seinen Wallach glücklicherweise noch rechtzeitig abbremsen können, bevor wir zusammengestoßen waren. „Jetzt hol mal deinen Kopf aus den Wolken und konzentrier dich auf die Arbeit, bevor du noch jemanden verletzt.“, brummelte er missmutig. „Schon gut, schon gut.“, Zerknirscht packte ich die Zügel und lenkte den Braunen an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich die beiden jungen Frauen die sich mit uns die Halle teilten einen vielsagenden Blick zuwarfen, gefolgt von einem Unterdrückten Kichern. Ich hatte zu viele andere Sachen im Kopf um mich darüber zu ärgern. Zwar hatte ich das Angebot meines Vaters und Bruders bereits ausgeschlagen, doch es wollte einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden. Die letzten Tage konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren, war dauernd abgelenkt. Dass Leon jede Gelegenheit suchte mir Ärger einzubrocken, machte das Ganze nicht einfacher. Er beäugte jeden kleinsten Fehler den ich machte mit Argusaugen, wohl in der Hoffnung eines Tages etwas gegen mich in der Hand zu haben. Dass er ebenfalls auf die Stelle in der Führungsposition scharf war, stellte nun wirklich kein Geheimnis dar. Ich versuchte mein Training so schnell wie möglich zu beenden um ihm aus dem Weg gehen zu können.

Ich sehnte mich einfach nach ein wenig Ruhe. Ein kleiner Geländeritt würde mir gut tun. Nur mein Pferd und ich, ohne lästige Menschen um uns herum die jeden kleinen Fehltritt gleich zu einem Weltuntergang machten. Rasch putzte ich den braunen Wallach noch einmal über, warf eine Decke über seinen Rücken und brachte ihn zurück in seine Box um ihn gegen die Fuchsstute auszutauschen, in die momentan eine ganze Menge Hoffnung gesetzt wurde. Sie sollte in näherer Zukunft im Geländereiten ganz groß rauskommen und ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe zugeteilt bekommen, genau dafür zu sorgen. Sie war nicht immer ganz einfach und so freute ich mich, dass mir das Vertrauen zuteilwurde sie auszubilden. Bald stand ihr erstes Turnier an und von da an hoffentlich eine steile Karriere. „Na komm Fern, Training ist angesagt.“, begrüßte ich sie sanft. Die Stute brummelte leise in freudiger Erwartung. Sie war immer so motiviert, dass es eine Freude war mit ihr zu arbeiten. Trotz ihres Temperaments.

Ich schoss jegliche Bedenken bezüglich der bedrohlich am Himmel auftauchenden Regenwolken in den Wind und eine halbe Stunde trottete sie glückselig den Pfad entlang der vom Hof weg führte. Ich wollte mich abseits der offiziellen Geländestrecke halten um nicht Gefahr zu laufen einem weiteren Mitarbeiter über den Weg zu reiten, also war etwas querfeldein-Training angesagt. Im Wald fanden sich immer zahlreiche Baumstämme und andere Hindernisse die wunderbar für ein paar Hüpfer geeignet waren. Fern wurde spürbar zappeliger, sie wollte rennen und ich hatte alle Mühe sie in einem händelbaren Tempo zu halten. Bei ihr hatte ich gar nicht die Gelegenheit auch nur für eine Minute abzuschweifen, das würde sofort gerächt. Endlich hatten wir den Wald erreicht. Ich drehte ein paar enge Volten um ihr Tempo zu regulieren und galoppierte dann langsam an. Man merkte wie das große Tier unter mir brodelte, in freudiger Erwartung wie ein Blitz davon zu schießen, während mir bereits jetzt der Schweiß auf der Stirn stand. Wir folgten eine Weile dem schmalen Trampelpfad, doch als der Wald etwas lichter wurde, traute ich mich auch querfeldein. Fern hopste über Sträucher und Büsche und schaffte es uns sicher wieder auf den Weg zu bringen. Durch die Bäume landeten vereinzelt Regentropfen in meinem Gesicht, doch der Wald schirmte zum Glück das schlimmste ab.
Während der Wald lichter wurde, wurde der Regen stärker. Wasser rann mir über das Gesicht und behinderte meine Sicht. Trotzdem kam ich nicht auf den Gedanken das Tempo zu zügeln und auch Fern drängte immer weiter vorwärts, entzog sich immer öfter kurzzeitig meiner Kontrolle. Wir waren nun am Ende des Waldes angekommen, der Regen knallte mir schmerzhaft in die Augen. Ich spürte mehr als das ich es sah, wie Fern sich anspannte, ihr Gewicht auf die Hinterhand nahm und einen gewaltigen Satz nach vorn machte. Sie kam hart auf der anderen Seite des Bächleins auf, über den sie hinüber gesetzt hatte, ich kam leicht aus dem Gleichgewicht, als ich merkte wie ihre Hinterhand zur Seite rutschte. Plötzlich spürte ich leicht, als würde ich fliegen, segelte eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft, ehe ich unsanft im kalten Matsch landete. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stute schmerzerfüllt aufschreien bevor die Dunkelheit überhandnahm und mich in einen tiefen, traumlosen Schlaf zerrte.

Meine Augen schmerzten. Ich war in helles Licht gehüllt, um mich herum unidentifizierbare Geräusche, die mich in meinem Meer aus Lärm ertrinken ließen. Mein Kopf fühlte sich an als würde er jeden Moment platzen. Ein wenig hoffte ich sogar darauf. Es kostete mich viel Arbeit meine Augen zu kleinen Schlitzen zu öffnen, sodass ich die verschwommenen Gestalten die um herum wuselten erkennen konnte, ehe ich wieder in der Dunkelheit versank.

Als ich das nächste Mal aufwachte herrschte Stille. Abgesehen von dem monotonen Piepen, das durch meinen Kopf zu hämmern schien. Diesmal schaffte ich es die Augen zu öffnen und mich in dem weißen Raum umzusehen. Ich war an Kabel angeschlossen und durch das Fenster konnte ich Leute auf und ab gehen sehen. Offenbar war ich im Krankenhaus. Nur noch verschwommen konnte ich mich daran erinnern was passiert war, wie ich hergekommen war wusste ich nicht. In diesem Moment platzte eine Krankenschwester hinein. „Ach, Sie sind wach. Warten Sie, ich hole den Arzt.“ Ehe ich etwas sagen konnte, war sie schon wieder verschwunden. Wobei meine Kehle so ausgetrocknet war, dass ich vermutlich ohnehin kein Wort rausbekommen hätte. Kurze Zeit später betrat ein bebrillter Mann mittleren Alters das Zimmer. Aus seinem weißen Kittel schloss ich, dass es der Arzt sein musste. „Da haben sie aber nochmal wahnsinniges Glück gehabt.“, begrüßte er mich. „Guten Tag, Dr. Merritt mein Name, ich bin Ihr behandelnder Arzt. Bis auf ein paar Schrammen und eine ordentliche Gehirnerschütterung ist ihnen nichts passiert. Trotz allem werden wir Sie noch ein paar Tage hierbehalten.“, er schwafelte eine ganze Weile, doch ich konnte ihm gar nicht zuhören. Immer wieder fiel ich in einen leichten Dämmerschlaf, hatte Mühe die Augen offenzuhalten, bis ich schließlich hochschreckte. „Was ist mit Fern?!“
„Wie bitte?“
„Mit dem Pferd, was ist mit dem Pferd passiert?“ Er blickte mich einen Moment lang verwirrt an. „Ich.. ich weiß nicht, darüber liegen mir keine Informationen vor.“ Resigniert ließ ich mich in die Kissen fallen. „Ich muss mit jemandem von Oak Ridge sprechen!“
„Von wo?“
„Meinem Arbeitsplatz verdammt! Holen Sie irgendjemanden her!“
„Ihr Arbeitgeber ist bereits informiert.“
„Ich will wissen was aus dem Pferd geworden ist, verdammt nochmal! Bringen Sie mir irgendeinen Mitarbeiter von Oak Ridge her, der weiß was Sache ist, das kann doch nicht so schwer sein!“
„Miss“, er blickte kurz auf sein Klemmbrett „Partanen, es gibt keinen Grund sich aufzuregen. Gerade in Ihrem Zustand brauchen Sie viel Ruhe. Wie gesagt, ihr Chef ist informiert. Er wirkte sehr besorgt. Ich kann gerne weiterleiten, dass sie aufgewacht sind und ihn herschicken.“
„Danke.“, murmelte ich zerknirscht.

Er hatte sein Wort gehalten. Wenige Stunden später trat mein Chef, Mr. Emerson durch die Tür. Tatsächlich war sein Gesicht sorgengetrübt. „Guten Tag, Miss Partanen. Wie geht es Ihnen?“
„Soweit ganz gut, ich soll noch ein paar Tage hier bleiben, dann kann ich wieder an die Arbeit. Wie geht es Fern?!“
„Hören Sie Miss Partanen. In Anbetracht Ihrer momentanen Lage und der Vorkommnisse..“
„Fern?! Was ist mit ihr? Wie es mir geht ist doch gerade vollkommen egal, wieso will mich hier denn keiner aufklären?!“
„Lassen Sie mich bitte ausreden! Es gibt überhaupt keinen Grund patzig zu werden, schon gar nicht von Ihrer Seite!“, ein Anflug von Zorn huschte durch seine Stimme, die mich ganz kleinlaut werden ließ. „In Anbetracht der Vorkommnisse..“, er räusperte sich. „Sie haben sich unverantwortlich benommen. Eigentum der Oak Ridge beschädigt, uns einen gewaltigen Schaden verursacht. Das Pferd von dem Sie sprechen wurde an Ort und Stelle eingeschläfert. Es ist irreparabel geschädigt, das Hinterbein ist mehrfach gebrochen, die..“
„Das kann nicht wahr sein!“, unterbrach ich ihn fassungslos. „Mein Gott, das ist alles meine Schuld!“, ich begann zu schluchzen. „Ich.. ich, es tut mir so leid!“, Tränen strömten nun unaufhaltsam mein Gesicht herunter.
„Nun ich denke, das wird nie wieder vorkommen.“, meinte Mr. Emerson ernst.
„Nein, nein, natürlich nicht! Ich werde besser aufpassen in Zukunft, es tut mir so wahnsinnig leid.“
„Diese Stute war unsere größte Hoffnung in dieser und allen darauffolgenden Saisons. Sie hätte eine gewaltige Einnahmequelle darstellen können. Ich hatte Ihnen die Verantwortung übertragen für ihre Ausbildung und auch für Ihre Sicherheit zu sorgen. Leider, muss ich in Anbetracht der Umstände feststellen, dass sie nicht in der Lage waren wertvolles Firmeneigentum mit dem gewünschten Respekt zu behandeln. Mr. Blake hat mir in der letzten Zeit oft davon berichtet, dass sie nicht aufpassen würden. Dass sie geistesabwesend sind und sich und andere bereits vermehrt in Gefahr gebracht haben.“ Leon.. wenn ich seinen verdammten Hals in die Hände bekommen würde.. „Ich habe mich eingehend mit den leitenden Mitarbeitern beraten und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir Sie unter diesen Umständen nicht weiter beschäftigen können und wollen. Durch die Kündigungsfrist sind die für die nächsten drei Monate berechtigt weiter in der Mitarbeiterwohnung zu verweilen, auch Ihr Gehalt wird bis zum Eintreten der Kündigung weiter gezahlt. Jedoch möchten wir Sie bitten sich von den Pferden fernzuhalten. Halten Sie sich nicht an diese Aufforderung sehe ich mich gezwungen, Sie polizeilich zu entfernen, denn Sie stellen eine Gefahr für die Tiere dar.“
Mir stockte der Atem. „Das soll doch jetzt ein Scherz sein?!“, meinte ich perplex und konnte ein heiseres Lachen nicht unterdrücken. Als sein Blick mich weiterhin kalt durchbohrte, erwuchs in mir jedoch die Erkenntnis, dass es keiner war. „Sie.. Sie wollen mich feuern?! Ich soll was darstellen?! Eine Gefahr für die Pferde? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Vor ein paar Tagen war ich noch Anwärter auf eine Führungsposition und jetzt wollen Sie mir unterstellen ich würde Ihre Tiere in Gefahr bringen? Es war ein verdammter Unfall, Fern ist ausgerutscht! Ich hätte sicherlich besser handeln können, aber Ihre Reaktion ist doch wohl etwas übertrieben!“, ich spürte wie mein Puls hochjagte, fühlte Zorn, Verzweiflung, gemischt von einem unsagbaren Schuldgefühl, das bewies, dass ich meinen Worten selbst nicht so ganz glaubte.
„Das letzte Wort ist hiermit gesagt, ich habe Sie über alles informiert. Wenn Sie noch Fragen haben, dürfen Sie sich natürlich jederzeit telefonisch oder bei mir im Büro melden. Eine gute Besserung wünschte ich Ihnen noch.“, das war alles. Mit diesen Worten schritt er aus dem Zimmer und ließ mich vollkommen überfordert zurück. So kalt und berechnend hatte ich Ihn noch nie gesehen. Eine tiefe Verzweiflung breitete sich in mir aus. Wie konnte mein ganzes Leben in so kurzer Zeit auseinanderbrechen. In diesen Hof hatte ich mein halbes Leben gesteckt, jede freie (und nicht-freie) Minute hatte ich mit ihnen verbracht, jegliche Leidenschaft die ich aufbringen konnte lag bei diesen Tieren und nun war da noch eine tiefe, schwarze Leere. Plötzlich lag meine vor kurzem noch so rosige Zukunft kalt und dunkel vor mir. Es graute mir davor mich ihr zu stellen. Noch lange Zeit saß ich einfach nur da und starrte ins Leere, bis mich endlich die Müdigkeit überrannte und mir einen ruhelosen Schlaf schenkte.


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