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[01] Ein Neuanfang?

Geschrieben von vampyrin im Blog väämps Blog ^^. Ansichten: 644

April 2016 – Troll Lair EC – Finnland
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und drückte den Klingelknopf. Es war seltsam wieder hier zu sein, nach all den Jahren. Der alte Hof wirkte wie eine Geisterstadt. Nicht gerade das was ich gewohnt war. Zuhause war immer Trubel. Kein Wunder, schließlich arbeitete ich auf einem renommierten Sportpferdegestüt, mit einem Haufen Pferde und Mitarbeiter. Ein leiser Stich fuhr mir durchs Herz. Es war heruntergekommen hier. Die Gebäude brauchten dringend Handwerker, alles wirkte karg und verwahrlost. Nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte. Mit einem leisen Klack wurde die Klinke herunter gedrückt. Einen Moment lang stand eine Gestalt regungslos in der Tür. „Du bist tatsächlich hergekommen!“, ein Lächeln breitete sich auf dem bärtigen Gesicht aus, kurz bevor der alte Mann mich in den Arm nahm. „Papa.“, das Wort blieb mir auf halbem Weg im Halse stecken. „Komm doch erst mal rein, na los.“, meinte er und schob mich mit sanfter Gewalt durch die Tür. „Ich freue mich so, ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich auftauchst.“, ich meinte eine Träne in seinem Augenwinkel zu sehen. Tatsächlich war ich selbst noch nicht sicher ob ich wirklich hier sein sollte. „Hannes sagte es gäbe Neuigkeiten.“, meinte ich rasch, bevor ich mir unendliche Geschichten anhören durfte, was die letzten Jahre alles passiert war. „Ja. Ja, das stimmt, warte ich rufe ihn, geh du erst mal ins Wohnzimmer.“ Er humpelte hinaus. Ich sah mich um. Nichts von der früheren Wärme war mehr zu sehen. Das Wohnzimmer war bis auf ein kleines Sofa und einige Sessel praktisch leer. Keine Bilder hingen an der Wand, keine Blumen ziehrten den Raum. Außerdem war es kalt. Von den Fenstern her zog der Wind hinein und die letzte Glut die im Ofen noch vorhanden war, verlor den Kampf gegen die letzte Winterkälte.

Man hörte lautes Getrampel aus dem Flur und kurz darauf erschien eine große Gestalt in der Tür. Sein Gesicht lag im Schatten, doch ich konnte die Verwunderung sehen die in den Augen meines Bruders aufflackerte. „Maira.“, ich biss mir auf die Lippe, damit nicht auch mir die Tränen kamen. Mit einem einzigen gewaltigen Schritt stand er vor mir um umarmte mich so fest, als wolle er nie wieder loslassen. Endlich löste er sich und packte mich an den Schultern, merklich zitternd. „Du hast den Brief also bekommen. Und beschlossen ihm zu folgen.“ Ich schwieg, nicht wissend was ich erwidern sollte. Ja, ich hatte ihn bekommen, ich hatte ihn gelesen, ich hatte ihn zu einer kleinen Papierkugel zerknüllt und in den Müll geworfen. Und doch war ich nun hier. Ließ all die schmerzlichen Erinnerungen an meine Kindheit wieder auf mich einprasseln, für die ich mein ganzes Leben gebraucht hatte um sie zu überwinden. Meine Mutter die uns hatte sitzen lassen, als wir noch Kleinkinder waren. Wie es meinen Vater zerbrochen hatte. Ihn so zerstörte, dass er alles den Bach runtergehen ließ. Nach und nach verlor er alles. Seine Frau, sein Geld, seine Pferde und nicht zuletzt seine Tochter. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten ihn so zu sehen. Eines Nachts packte ich meine Sachen und verschwand von dem Hof auf dem ich meine gesamte Kindheit verbracht hatte. Zu Fuß kämpfte ich mich zur nächsten Stadt durch, nur um dort von einem Polizisten aufgegabelt zu werden. Was hatte auch eine 10-Jährige mitten in der Nacht, alleine in der Stadt zu suchen. Ich hatte geschrien und geweint und mich geweigert wieder nach Hause zu fahren. Hatte mitangesehen wie es meinem Vater das Herz gebrochen hatte, als ich ihm ins Gesicht schrie, dass ich ihn nie wieder sehen wollte, dass es mir besser ohne ihn ging. Er war so schwach. Hatte sich durch seine eigene Frau zerstören lassen, das konnte ich nicht ertragen. Und so brach ich jeglichen Kontakt ab und verbrachte mein Leben im Heim. Nicht einmal habe ich versucht zurückzukehren. Bis heute. Viel schlimmer noch, niemand schien wütend auf mich zu sein. Wieso freuten sie sich so mich zu sehen, nach allem was ich ihnen angetan hatte? „Wie könnten wir nur?“, wimmerte mein Vater. Hatte ich das etwa laut gedacht? „Die letzten 16 Jahre, ich habe jeden Tag darauf gehofft dich wiederzusehen“, noch eine Umarmung. Diesmal erwiderte ich sie, wenn auch sehr zaghaft. „Ich geh euch einen Tee holen!“, meinte der alte Mann eifrig und wischte sich eine weitere Träne aus dem Augenwinkel. Hannes setzte sich. „Wo warst du die letzten Jahre? Wie geht es dir? Ich möchte jede Kleinigkeit wissen!“
„Na, na, lass die doch erst mal zur Ruhe kommen.“, mahnte Vater mit einem breiten Lächeln im Gesicht und drückte uns beiden einen Becher mit dampfendem Tee in die Hand.
„Also, du arbeitest in England, richtig?“,
„Und gar nicht mal schlecht, wenn ich recht höre. White Oak Ridge, oder so ähnlich? Steht öfter mal in der Zeitung, auch dich hab‘ ich da schon das ein oder andere Mal entdeckt.“

So ging es die nächsten paar Stunden weiter. Ich wurde ausgequetscht über die letzten Jahre, auf den neuesten Stand gebracht was hier so passiert war, nicht gerade viel.
„Können wir das jetzt mal ruhen lassen? Seid ehrlich, ihr habt mich doch nicht herbestellt nur um mich auszufragen. Warum bin ich hier? Was sind die Neuigkeiten?“
Ich konnte sehen wie die beiden Blicke austauschten, dann ergriff mein Bruder das Wort. „Wir wollen den Hof wieder aufbauen.“, wie früher redete er nicht lange um den heißen Brei herum. „Ich weiß, es ist ganz schön heruntergekommen in den letzten Jahren, aber Vater und ich sind uns einig, dass es so nicht weitergehen kann. Wir vermissen die Pferde, die Arbeit, die Selbstständigkeit. In meinem Job halte ich es nicht mehr lange aus, es ist tagein tagaus dasselbe. Wir könnten wieder etwas mit unseren eigenen Händen schaffen. Das Familienunternehmen wieder aufrichten. Es wird ein riesen Haufen Arbeit sein, wir werden einen Kredit aufnehmen müssen, allein um den Hof wieder herzurichten, aber ich denke wir können es schaffen. Papa hat sogar ein paar Pferde im Blick.“, dem letzten Satz folgte ein verschmitztes Grinsen.
Fragend blickte er mich an. Fragend blickte ich zurück. „Das freut mich sehr für euch.“, meinte ich zögerlich. „Für uns. Wir möchten dich bitten miteinzusteigen.“ Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen. Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile um zu verstehen was er da sagte.
„Ihr wollt was? Ich soll meinen Job schmeißen um vielleicht den uralten Hof wieder herzurichten? Und dann? Ich mache gerade richtig Karriere, das soll ich einfach so aufgeben? Papa, du hast es schon mal erlebt. Wie alles zugrunde ging! Wer sagt dass es diesmal anders wird? Ich habe mir etwas aufgebaut, ich habe gute Chancen bald eine Führungsposition auf White Oak zu bekommen! Ich.. ich kann das nicht einfach aufgeben für.. eine Möglichkeit.“
Kurz flackerte die alte Unsicherheit in den Augen meines Vaters auf. Für den Bruchteil einer Sekunde war es wie früher. Geplagt von Zweifeln, Angst, Unsicherheit. Er schüttelte den Kopf. „Niemand zwingt dich zu etwas. Du hast Recht. Wir wissen nicht ob es funktionieren wird, vielleicht machen wir den größten Fehler unseres Lebens, aber wir sind uns einig. Wir wollen es probieren. Und wir würden freuen wenn du dabei wärst. Du hast das nötige Fachwissen, das es braucht um ein erfolgreiches Gestüt zu führen, du hast dir bereits einen Namen gemacht, du könntest dir etwas ganz eigenes Schaffen. Und.. und wir könnten wieder eine Familie sein.“, er unterdrückte ein leises Schluchzen. „Ich verstehe, dass das eine schwere Entscheidung ist aber manchmal muss man Risiken eingehen um in seinem Leben vorwärts zu kommen. Ich bitte dich, denk zumindest darüber nach. Nimm dir etwas Zeit für dich, überleg es dir. Es ist dein Leben, also entscheidest du was du damit machst.“
Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Für mich war die Sache klar, ich konnte nicht alles in den Wind schießen. „Ich werde jetzt ins Hotel fahren. Morgen kehre ich nach England zurück. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft, aber ich werde kein Teil davon sein.“
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