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[RS] Ein Schulprojekt mal anders!

Dieses Thema im Forum "Rollenspiele" wurde erstellt von vikulja, 21 Aug. 2011.

  1. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Merkte man mir so sehr an, dass ich nicht viel von dem verstand, was ich hier tat? Scheinbar schon. Mist. "Bleib stehen", forderte ich Snow White auf. Alaric hatte gesagt, ich solle sie mit der Stimme kontrollieren, aber das schien sie scheinbar nicht zu verstehen. "Steh. Halt. Haaalt." Endlich. Ging doch. So ganz war mein Wissen über Pferde also doch noch nicht eingerostet - Vor Jahren war ich mal ein ganz klein wenig geritten, aber an viel erinnerte ich mich eigentlich nicht mehr.
    "Siehst du, wie sie mich anguckt? Der Blick sagt: Was will der denn von mir!" Ich streckte der Stute die Zunge raus - Woraufhin sie ihren Platz auf dem Zirkel verließ und neugierig zu mir in die Mitte kam. "Oh, nein, so war das nicht gemeint, geh weh!" Hastig sammelte ich die lockere Longe vom Boden ein, damit Snow White nicht hineintreten und sich verheddern konnte. Das jedoch ließ sie immer noch näher und näher kommen, und ehe ich es mich versah, schnoberte sie mir schon über die Brust. Ich unterdrückte den Impuls, das Gesicht verziehen zu wollen. Halbwegs zumindest. Vorsichtig, sehr vorsichtig tätschelte ich die Nase des Pferdes. "Okay." Ich resignierte. "Zeig mir, wie das richtig geht, Kleiner."
     
  2. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Er war offensichtlich vollkommen überfordert und irgendwie war es eine Genugtuung, dass der so 'perfekte' Alex auch manchmal an seine Grenze stieß. Innerlich triumphierte ich, ließ davon aber nichts nach draußen dringen und nahm ihm die Longe vorsichtig ab. "Also, erstmal musst du sie so halten." Ich demonstrierte es ihm. "Wenn das Pferd linke Hand geht, dann hälst du die Longe in der linken und die Peitsche in der rechten Hand. Geht es andersherum, dann hälst du auch Longe und Peitsche andersherum. Wenn du willst, dass sie angeht und von dir weg, dann musst du sie mit der Stimme antreiben und gleichzeitig mit der Peitsche nach außen dirigieren." Eine erneute Demonstration. Snow White ging wieder nach außen. "Trab und Galopp machst du ebenfalls durch die Stimme und gleichzeitig unterstützend mit der Peitsche. Peitsche aber nur, wenn sie auf die Stimme nicht reagiert." Ich ließ sie antraben. "Wenn du möchtest, dass sie langsamer wird, dann sagst du langsam, wenn du willst, dass sie durchpariert, dann musst du die gewünschte Gangart zu ihr sagen und Halt bedeutet, dass sie anhalten soll. Wenn sie nicht auf deine Stimme reagiert, dann kannst du versuchen die Longe kürzer zu nehmen und sie immer wieder mit der Stimme zurückzuholen, bis sie reagiert. Im schlimmsten Fall lässt du sie vor die Bande oder in dem Fall vor den Zaun laufen, um sie erstmal wieder anzuhalten, aber da Snow White recht gut ausgebildet zu sein scheint, wird das, denke ich, nicht nötig sein." Ich parierte Snow White wieder durch und ließ sie dann anhalten. Als ich begann die Longe einzusammeln, kam sie auf uns zu. Als sie wieder bei uns war, fragte ich:"Möchtest du es noch einmal versuchen?"
     
  3. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Hm. Bei Alaric sah das alles irgendwie so leicht aus. Geschickt dirigierte er die Stute auf den Zirkel, ließ sie dort erst Schritt, dann Trab gehen und schließlich ohne großes Zutun wieder anhalten, während er mir alles, was er tat, erklärte. Als Snow White schließlich jedoch wieder zu uns in die Mitte kam, konnte ich ein Seufzen nicht unterdrücken. Das hatten wir doch eben schonmal, und dann hatte sie mich herzlich abgeschnobert. An meinem Shirt war ein großer, grüner Sabberfleck zurückgeblieben.
    "Nagut. Ich probiere es noch einmal", beschloss ich, so viel Ehrgeiz besaß ich dann doch. Ich nahm von Alaric die Longe und die Peitsche entgegen und gab mir Mühe, beides so zu halten, wie er es vorgemacht hatte. Als Snow White mich schon wieder anstupsen wollte, schob ich ihre Nase weg. Das war nicht böse gemeint, aber ich musste mich gerade konzentrieren. Ich trieb die Stute nach außen auf den Zirkel und ließ sie erstmal im Schritt angehen. Dass ich nicht zu viel mit der Peitsche herumfuchteln durfte, hatte ich gemerkt. Als das einigermaßen klappte, versuchte ich es nach zwei Runden auch mal mit ein bisschen Trab. Ich konnte nicht verhindern, dass ein stolzes Lächeln über meine Lippen zuckte. Vielleicht mochte mein Vater denken, dass ich ein Versager war, aber immerhin das hier hatte ich hinbekommen, immerhin hier und jetzt war ich keiner.
     
  4. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Alex war ein gelehriger Schüler, musste ich feststellen. Er machte seine Sache besser, als ich es gedacht hätte und man sah ihm an, dass er stolz war. Das konnte er auch sein, weshalb ich mir ein stichelndes Kommentar verkniff. Lächelnd beobachtete ich was er tat und sagte nach einigen Minuten:"Sehr gut. Lass sie jetzt mal durchparieren und danach anhalten. Wir müssen sie noch auf der anderen Hand longieren, damit sie auf beiden Händen ausgeglichen bewegt worden ist." Ich war wirklich froh, dass ich wieder hier war. Lange hatte ich es ja nicht ausgehalten fort zu bleiben. Selbst mit geprelltem Arm hatte ich es nicht aushalten können zu Hause zu bleiben.
     
  5. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Fast hatte ich mit erneuter Kritik von Alaric gerechnet, mit irgendeinem überheblichen Kommentar, der klar machte, dass er, egal, wie gut ich mich gerade anstellen mochte, immernoch der bessere Reiter und Pferdemensch war. Ich an seiner Stelle hätte so gehandelt - Ich hätte mit Sicherheit irgendeinen dummen Spruch losgelassen. Aber Alaric verkniff es sich, vielleicht hatte er auch gar kein Verlangen nach einer solchen Besserwisserei. Er war ein guter Kerl. Ein besserer als ich, vermutlich. Ich parierte Snow White durch, wie der Kleine gesagt hatte, und ordnete das Durcheinander von Longe und Peitsche gewissenhaft neu in meinen Händen, nachdem ich das Pferd herumgedreht hatte. Als ich sie diesmal angehen ließ, lief das Ganze schon viel flüssiger ab. Ich beschloss, die Zeit zu nutzen, um mich an etwas Smalltalk zu versuchen. "Wie war's bei dir so, in den letzten Tagen, zu Hause?" Ich war mir bewusst, dass das ein empfindliches Thema war, aber zugleich war es nunmal auch ein sehr wichtiges. Alaric hatte mir einiges anvertraut, was bei ihm zu Hause abging, insbesondere, was seinen Vater betraf. Und da ich ihn als so etwas wie einen Freund bezeichnen würde, wollte ich irgendwie auch sichergehen, dass es ihm gut ging.
     
  6. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Er lernte wirklich flott, aber ich hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet. Er war vielleicht überheblich, aber er war ganz sicher nicht dumm und wenn man bedachte, dass er innerhalb der letzten Tage ziemlich gut gelernt hatte souverän im Sattel zu sitzen, dann war es auch kein Wunder, dass er das mit dem Longieren ziemlich schnell recht gut raus hatte. Er wechselte die Seite und fragte mich dann, wie es in den letzten Tagen zu Hause war. Ich wusste natürlich, dass seine Frage auf meinen Vater hin abzielte. "Wie immer", antwortete ich,"mein Vater war mies drauf." Verdammt mies, wenn man meinen geprellten Arm bedachte. Na ja, ich hoffte, dass er nur geprellt war. "Er war aber auch öfter mal weg." Obwohl ich ihm mein Herz ausgeschüttet hatte, konnte ich noch immer nicht wirklich darüber reden, wie schlimm es zu Hause war. Nicht in diesem Moment jedenfalls, wo ich nicht darüber reden wollte.
     
  7. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Alarics Antwort war ausweichend, und im ersten Moment spürte ich, wie der Widerwillen in mir hochbrodelte. Unwillkürlich fragte ich mich, was das sollte - Ich wollte ihm helfen und zum Dank speiste er mich so ab. Doch ich biss mir auf die Unterlippe und kämpfte das Gefühl nieder, erinnerte mich selbst daran, dass es so einfach nunmal nicht funktionierte. Vielleicht wollte er einfach gerade nicht reden, dann musste ich das respektieren. Reiß dich am Riemen, Alex. Gerade das Gefühl, nicht über etwas sprechen zu wollen, das einen belastete, kannte ich doch eigentlich selbst nur zu gut. "Immerhin", antwortete ich schwach, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. "Ein bisschen Ruhe zwischendurch, das ist doch mal was." Ich parierte Snow White durch - Langsam wurde mir das Tappen im Kreis irgendwie langweilig. Mir ging es oft so, ganz generell, dass ich das Interesse an Dingen verlor, sobald ich sie halbwegs gut hinbekam. Dann sah ich keine Herausforderung mehr. "Ich habe es dir schonmal gesagt - Glaube ich." Ich holte die Stute zu uns in den Zirkel und klopfte ihr kurz lobend den Hals. So musste ich Alaric nicht ansehen, während ich fortfuhr. "Wenn es dir zu viel wird, kannst du zu mir kommen." Hatte ich ihm das schonmal gesagt? Ich war mir nicht sicher. Es war ein ehrlich gemeintes Angebot, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, wie ich es im Zweifelsfall wirklich umsetzen sollte. Wir hatten zu Hause mit Sicherheit genug Platz für Gäste, eine andere Frage war jedoch, was meine Eltern davon halten würden, jemanden, wie Alaric... Ich schob den Gedanken beiseite. Als ob es mich auch nur peripher interessierte, was meine Eltern dachten.
     
  8. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Es tat mir fast leid, dass ich nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte, aber was hätte er denn schon tun können? "Ja, ein bisschen Ruhe braucht jeder mal." Vor allem meine Mum. Deshalb stellte ich mich ja auch immer wieder zwischen meinen Vater und sie. Ich war noch jung, nicht so zerbrechlich, wie sie. Er bot mir ein weiteres Mal an, dass ich zu ihm kommen konnte, wenn es mir zu viel war. "Das kann ich nicht. Selbst wenn ich wollte." Ich konnte meine Mutter schließlich nicht im Stich lassen. "Aber danke für das Angebot. Ich weiß das zu schätzen. Ehrlich." Das war mehr, als ich von meinen sogenannten Freunden je erwarten könnte. Sie regten sich immer furchtbar über meinen 'Alten' auf, aber mir wirklich angeboten, hatten sie noch nie, dass ich bei ihnen schlafen konnte oder so. Sie meinten eher:"Schlag doch einfach mal zurück. Lass dir das doch nicht gefallen." Die hatten gut reden. Ich war nun mal nicht der allergrößte und viel Kraft hatte ich auch nicht gerade.
     
  9. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Natürlich konnte er nicht zu mir kommen. Selbst wenn er wollte, sei das nicht möglich, behauptete Alaric, und dann fügte er noch hinzu, er wisse das Angebot dennoch zu schätzen. Na, klar. Genau so sah er auch aus. Was hatte ich auch anderes erwartet? Dass er ausgerechnet von mir Hilfe annehmen würde? Wohl kaum. Ich war eben doch nur der dumme reiche Idiot, mit dem er eben zwangsweise in einem Schulprojekt zusammenarbeiten musste, mehr nicht. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass ich das mit dem Nettsein lieber einfach lassen sollte - Es fiel mir unnötig schwer und brachte sowieso nichts. Immerhin wusste ich jetzt, woran ich war: Ich hatte nicht viele echte Freunde und Alaric war offensichtlich keiner davon. "Lass uns Snow White in den Stall bringen."
    Die Peitsche in der einen Hand, die Longe mit dem Pferd am anderen Ende in der anderen, stiefelte ich vom Platz. Mit dem Knie öffnete ich das Gatter, ehe ich Snow White hindurchführte. Ich blinzelte in die Sonne und zwang mich zum Durchatmen. Ich wollte meine Gereiztheit nicht nach Außen dringen lassen, denn ich wusste, dass das Alaric gegenüber nicht fair war. Aber jetzt gerade war ich einfach ein bisschen genervt von ihm, weil er sich scheinbar so überhaupt nicht helfen lassen wollte. Vielleicht sollte ich mir meinen Hund schnappen und ein paar Kilometer laufen, bis mir die Luft ausging. Das machte ich manchmal, wenn ich merkte, dass die schlechte Laune in mir Überhand gewann - Wenn man nach Atem rang, blieb nicht mehr viel Raum für irgendwelche Gedanken.
     
  10. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Was war denn jetzt los? Fast beleidigt stiefelte Alex vom Platz, ließ mich einfach stehen und verschwand mit der Stute im Stall. Perplex stand ich noch ein paar Sekunden da und folgte ihm dann, hatte irgendwie das Gefühl, dass ich ihn verärgert haben könnte. Was ich jetzt schon wieder gesagt hatte, wusste ich ehrlich nicht, aber war das nicht klar gewesen? Niemand konnte sich innerhalb von ein paar Tagen so grundlegend verändern und vom verwöhnten, reichen Söhnchen zum verständnisvollen Freund mutieren. In ein paar Wochen war das Projekt vorbei und ich machte mir keine Illusionen, dass ihm mein Schicksal nach Abschluss des Projekts genauso egal sein würde, wie es jedem anderen egal war, wie es selbst mir egal geworden war. Ich wollte nur meinen Abschluss schaffen und dann irgendwie Geld verdienen, um meine Mutter zu versorgen. An eine eigene Familie verschwendete ich keine Gedanken, denn ich würde meine Mutter nie allein zurücklassen. Sie war alles, was mir geblieben war. Schweigend machten wir Snow White fertig. Ich hätte auch nicht gewusst, was ich in diesem Moment hätte sagen sollen. "Also ... dann bis morgen",murmelte ich und verließ beinahe gehetzt den Stall im verzweifelten Bemühen nicht gehetzt zu wirken. Ich ließ mich auf die Bank an der Haltestelle sinken und wartete, bis der Bus kam, stieg ein. Zu Hause erwartete mich das Chaos. Mein Vater hatte gewütet und wohl das halbe Geschirr zerbrochen. Meine Mutter kehrte es auf, während mein Vater sie beschimpfte, dass sie Schuld sei, dass das gute Geschirr auf dem Boden verteilt läge, weil sie eine Sch.lampe sei, die ihn sowieso nur verarsche. "Hört endlich auf zu streiten", fuhr ich dazwischen, hielt mir die Ohren zu. "Hört auf, verdammt nochmal. Hört auf!"
    "Du halt dich da raus, sonst setzts was", brüllte mein Vater. Ohne mich um meine Mutter oder sonst wen zu scheren rannte ich einfach nach draußen, knallte die Tür hinter mir und lief los. Ich musste weg, einfach nur weg. Wenig später fand ich mich in meinem Versteck wieder.
     
  11. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Noch vor zehn Minuten war ich stolz wie ein junger Gott gewesen, dass ich das mit dem Longieren so schnell so gut hinbekommen hatte, und hätte mit stolzgeschwellte Brust am liebsten die ganze Welt umarmt. Nun war das gute Gefühl jedoch plötzlich mit einem Mal wieder wie weggeblasen. Herzlichen Glückwunsch, Alex. Du hast mal wieder alles kaputt gemacht. Ich hatte Alaric nicht verjagen wollen. Ich hatte extra versucht, meine schlechte Laune nicht nach außen dringen zu lassen - Immerhin wusste ich, dass sie unbegründet war, nur, dass das leider nichts daran änderte, dass ich sie nicht so einfach unterdrücken konnte. Scheinbar war ich wohl aber kein besonders talentierter Schauspieler und er hatte es doch bemerkt. Und dann erwartest du noch, dass er mit dir befreundet sein will? Schneller, als ich hätte reagieren können, war Alaric dann jedenfalls mit einem kurzen Abschiedsgruß aus dem Stall verschwunden.
    Ich blieb noch eine Weile bei Snow White stehen und spielte gedankenlos mit den Fingern in ihrer Mähne. Die Ruhe der Stute, die ohne Hast an ihrem Heu mümmelte, konnte sich langsam ein wenig auf mich übertragen. Ich war nicht der Typ Mensch, der laut mit irgendwelchen Tieren sprach und ihnen all seine Probleme auftischte - Das machte ich weder bei meinem Hund noch jetzt bei dem Pferd, denn auch, wenn es gute Zuhörer sein mochten, so konnten sie eben doch nicht antworten. Aber ihre Nähe tat selbst mir irgendwie gut. Nach einiger Zeit schließlich klopfte ich Snow White noch einmal zum Abschied den Hals und machte mich dann auf den Weg nach Hause.
     
  12. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Tränen brannten in meinen Augen, aber sie traten nicht über die Ufer. Mit geschlossenen Augen lehnte ich mich an die Wand hinter mir und seufzte. Vielleicht hätte ich Alex Angebot doch annehmen sollen? Um mich dann wie der letzte Idiot zu fühlen? Sicher nicht! Trotzdem würde ich mich von ihm nicht abhalten lassen, auch morgen wieder zu Snow White zu gehen. Reiten würde ich vermutlich für die nächsten Tage vergessen können. Mein Arm schmerzte und wenn ich zu Hause geblieben wäre, würde da sicherlich noch das ein oder andere Wehwehchen dazu kommen. Ich war so ein Weichei! Nachdem ich noch eine Weile auf dem Boden gehockt hatte, ging ich nach draußen und nestelte umständlich meine letzte Kippe aus der Verpackung. Jaja, jetzt denken sicher alle: kann sich sonst nichts leisten, aber für Kippen hat er Geld? Die Antwort ist: nein, habe ich nicht. Woher ich sie habe? Von Bekannten. Mit zitternden Fingern zündete ich sie an und sog genüsslich den Rauch ein. War ja im Endeffekt egal, woran man verreckte, nicht wahr? Seit dem das Projekt angefangen hatte, rauchte ich wieder mehr. Stressrauchen nannte man das wohl. Nachdem ich den letzten Zug an der Zigarette genommen hatte, machte ich mich langsam wieder auf den Weg nach Hause. Nützte ja doch nichts, sich zu verkriechen. Ich konnte meine Mutter nicht mit ihm alleine lassen. Nicht über Nacht. Er war noch da, als ich kam. "Gehst du dich heute nicht besaufen",fragte ich?
    "Halts Maul!"
    "Warum sollte ich, du versoffener Bastard?" Ich wusste nicht, was mich gerade ritt. Vermutlich der ganze angestaute Frust und die schlechte Laune, die ich schon seit ein paar Tagen mit mir herumtrug, aber nie nach außen getragen hatte. Mein Vater stand auf, schwankte etwas, schien aber noch soweit bei Verstand zu sein, dass er mich an meinem geprellten Arm packte und zu sich heranzog, um mir mit der anderen Hand die Faust ins Gesicht zu rammen. "Was hast du gesagt?"
    "Versoffener Bastard. Das bist du doch. Brüllte ich zurück und fing mir gleich einen weiteren Hieb ein. Diesmal in meinen Bauch." Zitternd ging ich kurz in die Knie, bevor ich mich aufrappelte und das erste Mal wirklich zurückschlagen wollte. Ich traf nich, dafür drehte er mir den Arm auf den Rücken, bis es hässlich knirschte und ich die Vermutung hatte, er hätte ihn gebrochen. Mein Vater ließ mich los und torkelte nach drüben ins Badezimmer, während meine Mutter aus dem Schlafzimmer gestürzt kam und sich neben mich sinken ließ. "Ach Junge, was machst du nur?"
    "Ich wollte ihm nur einmal die Stirn bieten, Mama. Nur einmal." Sie sah sich meinen Arm an und sagte:"Du musst ins Krankenhaus."
    "Nein."
    "Doch. Das muss gegipst werden. Bitte, mach doch keine Dummheiten." Sie redete noch eine Weile auf mich ein.
    "In Ordnung, Mama. Ich gehe." Ich schnappte mir meine Krankenkarte und machte mich auf den Weg.
     
  13. Samanta

    Samanta Leseratte

    Formular
    Vor- und Nachname:
    Alaric Baxter
    Alter: 27 Jahre
    Geschlecht: männlich
    Viertel (arm/reich): Armenviertel
    Charakter: Alaric hat sich seinen Humor stets bewahrt, obwohl die letzten Jahre alles andere als leicht für ihn gewesen sind. Er ist zu einem bodenständigen und stolzen, jungen Mann herangewachsen, der sich durch wenig aus der Ruhe bringen lässt. Er hat einen hohen Gerechtigkeitssinn und setzt sich für Schwächere ein. Dennoch hat er auch so seine kleinen Fehler. Er brockt sich regelmäßig Ärger ein und hat ein Problem mit Autorität, vor allem männlicher Autorität und stellt diese regelmäßig in Frage. Mit weiblicher Autorität kommt er zumeist besser klar. Gerade wenn es um die Ungerechtigkeiten des Lebens geht, kann er sehr emotional werden und das artet teilweise in Gewalt aus – niemals gegen Schwächere, aber er geht selten aus einem Kampf als Verlierer heraus. Für ihn zählen weiterhin die inneren Werte eines Menschen und seine sind seiner Meinung nach – abgesehen von ein paar Aussetzern – durchaus liebenswert.
    Aussehen: Alarics trägt sein schwarzes Haar kürzer als in seiner Jugend. Es ist auch nicht mehr ganz so verstrubbelt, obwohl er weiterhin wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Er hat ein wenig an Masse zugelegt und sieht auch nicht mehr so halb verhungert aus, wie noch zu Zeiten des Projektes. Ansonsten hat er sich wenig verändert, sein Hautton ist eventuell etwas heller geworden, da er nicht mehr so viel Zeit auf der Straße verbringt. Es ist die ein oder andere Narbe dazugekommen, aber die hat er sich stets selbst zuzuschreiben.
    Vorgeschichte: Alaric wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und hat 3 Jahre seines Lebens buchstäblich die Hölle auf Erden erleben müssen. Sein Vater, ein Trinker und Schläger, hatte sich zuletzt immer häufiger auch gegen den Sohn gewendet, bis dieser sogar im Krankenhaus landete. Ein gebrochener Arm, mehrere gebrochene Rippen und zahllose Blessuren. Die Geschichte, es sei nur ein dummer Unfall gewesen, nahm ihm niemand ab und das Jugendamt wurde eingeschaltet. Nach heftiger Gegenwehr und stundenlangen Gesprächen mit einem Sozialarbeiter flohen er und seine Mutter in ein Frauenhaus, um dem gewalttätigen Vater zu entkommen. Überstürzt mussten sie aufbrechen, sodass ihm nicht einmal die Zeit geblieben ist, sich von Alex und den Pferden zu verabschieden. Keiner in der Schule wusste, wo er war, kein Verwandter – abgesehen von seiner Mutter- und sein Vater schon gar nicht. Nachdem sie drei Jahr dort untergekommen waren, fingen sie ein neues Leben an. Der Vater hatte sich zwischenzeitlich in Therapie begeben und Alaric hat ihn ein oder zwei Mal getroffen, ihm aber klar gemacht, dass er ihm nicht verzeihen kann, was er ihm und seiner Mutter angetan hat. Nachdem er an einem neuen Ort erfolgreich die Schule abgeschlossen hatte, wendete er sich der sozialen Arbeit zu. Er hatte ein neues Bild von Sozialarbeitern bekommen und wollte etwas im Leben tun, das Sinn ergibt und anderen hilft. Zurzeit ist er Streetworker und arbeitet mit vernachlässigten Jugendlichen. Aufgrund seines Aggressionsproblems besucht er regelmäßig ein Anti-Aggressionstraining und hat große Fortschritte gemacht. Er hat großes Glück, dass sein Arbeitgeber recht kulant ist, da er bisher nie auf der Arbeit aggressiv aufgetreten ist. Er weiß, dass er ein Problem hat und dass sein Vater nicht unschuldig an der Sache ist. Als Alaric im Krankenhaus landete, hatte dieser sich das erste Mal gewehrt und es war zu einer heftigen Schlägerei gekommen, in der sowohl Alaric als auch sein Vater viel hatten einstecken müssen. Der Triumph endlich zurückschlagen zu können, hatte in ihm den Wunsch geweckt nie wieder das Opfer sein zu müssen. All das hat er in einer Therapie bereits aufgearbeitet und wird demnächst das Training erfolgreich beenden. Mit Pferden hat er weiterhin zu tun, aber eine Beziehung ist er nicht eingegangen. Sein ehemaliger Partner hat sich hartnäckig in seinem Herzen festgesetzt, obwohl dieser niemals auch nur die Andeutung gemacht hat, dass er sich für das gleiche Geschlecht interessieren könnte. Alaric hat es das ein oder andere Mal versucht, aber die Beziehungen haben immer damit geendet, dass man ihm vorwarf, dass er emotional nicht erreichbar war. Er freut sich auf das ehemaligen Treffen auf dem Hof und hofft insgeheim, dass Alex ebenfalls auftauchen wird.

    Welches der Pferde: Er ist begeistert von Snow White und Mercury
    Sonstiges:
     
    Zuletzt bearbeitet: 2 Sep. 2022
  14. Samanta

    Samanta Leseratte

    Zehn Jahre später:

    Alaric

    Stirnrunzelnd betrachtete ich den Brief, der auf mysteriöse Weise in meinem Briefkasten gelandet war. Ich war mir ziemlich sicher, dass man meine Adresse nicht so einfach rausfinden würde, immerhin hatte ich dafür gesorgt. Ehemaligen Treffen, las ich die Überschrift zum gefühlt zwanzigsten Mal und überflog den Rest ein weiteres Mal. Das Projekt "Vorurteile abbauen - Brücken schaffen", an dem ich vor zehn Jahren teilgenommen hatte, wollte ein ehemaligen Treffen auf dem Reiterhof veranstalten. Es reizte mich, ja wirklich. Vielleicht würde ich Alex wiedersehen, den ich bei meiner plötzlichen Flucht einfach ohne ein Abschiedswort zurückgelassen hatte. Nicht, dass es ihn vermutlich wahnsinnig interessiert hätte. Wahrscheinlich war er froh gewesen, dass er das Projekt jetzt doch nicht mehr durchführen musste. Dennoch hatte er sich in meinen Gedanken stets festgesetzt. Ein paar Mal war ich versucht gewesen, mich bei ihm zu melden, herauszufinden, wie es ihm ergangen war und vor allem zu schauen, ob er immer noch der alte war: arrogant, geringschätzig und absolut liebenswert. Aber drei Jahre im Frauenhaus waren eine lange Zeit gewesen. Niemand hatte wissen dürfen, wo wir waren. So waren die Regeln. Keine Freunde außerhalb des Frauenhauses, Schulunterricht zu Hause, stets abmelden, wenn man nach draußen wollte. Ich hatte mich wie im Gefängnis gefühlt und dementsprechend war ich immer wieder über die Strenge geschlagen. Meine Mutter hatte verzweifelt versucht mich auf die richtige Bahn zu bringen, aber vergebens. Erst ein Zusammentreffen mit einer Sozialarbeiterin, die mir gezeigt hatte, wie ich meine Energie besser unter Kontrolle bringen konnte, hatte mich auf den richtigen Weg zurückgeholt und ich würde ihr wohl für immer dankbar sein, dass sie mir ermöglich hatte, auf einem Reiterhof unterzukommen und mich dabei unterstütz hatte, mein Ziel 'Sozialarbeiter werden' zu erreichen. Dem Brief war ein Antwortschreiben beigefügt. In drei Wochen schon sollte das Zusammentreffen sein. Ich hatte den Brief schon vor ein paar Wochen erhalten, aber mich bisher davor gedrückt ihn zu beantworten. Kurzerhand füllte ich den Antwortbogen aus und schickte ihn sogleich ab. Ich würde dahin gehen. Entweder das Schicksal wollte, dass ich Alex wieder sah oder eben nicht. Dann musste ich ein für allemal über den Jungen hinwegkommen, den ich als 17-jährigen gekannt hatte und der mir bisher all meine Beziehungen gründlich vermasselt hatte. Vielleicht war er ja auch mittlerweile verheiratet, hatte Kinder. Es waren 10 Jahre vergangen. Alles war möglich. Und dennoch hoffte ich, dass dem nicht so war. In den wenigen Wochen, die wir miteinander verbracht hatten, hatte ich eine Seite von ihm kennengelernt, die tief verborgen schien. Er war ein absolutes Ar***loch gewesen, aber in einigen Momenten war etwas anderes durchgeblitzt und das hatte mich für ihn eingenommen. Total bescheurt, ich weiß. Es waren zwei Wochen gewesen und dann war ich überstürzt abgehauen, aber man sagte offensichtlich nicht ohne Grund, dass man die erste große Liebe nicht vergaß. Oder ich war einfach nur absolut bescheuert und emotional auf dem Stand eines 17-jährigen geblieben. Ich erhoffte mir aus dem Treffen irgendetwas. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich mich in ihm getäuscht hatte, dass er einfach nur ein Idiot war. Vielleicht die Erkenntnis, dass er mittlerweile verheiratet war oder auch dass er einfach gar nicht auftauchte, weil ihm das Projekt am Ar*** vorbeiging und er froh gewesen war, dass ich einfach verschwunden war. Vielleicht hatte er das Projekt auch mit einem anderen Partner zu Ende gebracht. Wer wusste das schon? Ich würde es jedenfalls nicht erfahren, wenn ich nicht hinfuhr. In drei Wochen würde ich es wissen.
     
  15. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Formular
    Vor und Nachname: Alexander of Leicester
    Alter: 27
    Geschlecht:
    Aussehen: Alex ist in den letzten Jahren sichtlich erwachsen geworden, aber man erkennt noch immer deutlich den Jungen in ihm, der er mal gewesen war. Dafür, dass er in seiner Jugend immer einer der Größten war, ist er nach seinem 17. Lebensjahr nur noch wenige Zentimeter gewachsen und kratzt nun am oberen Durchschnitt. Seinen schlanken, athletischen Körperbau hat er beibehalten und keine allzu wuchtige Muskulatur aufgebaut. Mit den schwarzen, leicht gewellten Haaren gibt der junge Mann sich etwas mehr Mühe als früher, sodass aus dem Chaos tatsächlich soetwas wie eine Frisur geworden ist. Alexanders Gesichtszüge sind etwas kantiger geworden, werden aber von den schokobraunen Augen jederzeit auch gegen seinen Willen entschärft. Wenn er keine Lust hat, seine Brille zu tragen - inzwischen ein subtiles, schwarzes Modell - greift er auch immer öfter auf Kontaktlinsen zurück.
    Charakter: Wie sehr kann ein Mensch sich in zehn Jahren verändern? Wenn man ehrlich ist, vermutlich nicht allzu viel, zumindest dann nicht, wenn sich an seinem Leben nichts geändert hat. Seinen Glauben, etwas Besseres als andere zu sein, hat Alex jedenfalls nicht verloren, genausowenig wie den Widerwillen, sich die Finger schmutzig zu machen. Warum sollte er auch zuverlässig sein, wenn ein Haufen Geld im Zweifelsfall alle seine Fehler wieder wett macht? Er vergnügt sich lieber mit zahlreichen One Night Stands, aus denen jedoch nie mehr wird, weil Alex sich vor festen Bindungen scheut. Alexander ist ein sturer und ungeduldiger Mensch, und sehr schnell von allem und jedem um ihn herum gelangweilt. Ob es auch etwas Gutes über ihn zu sagen gibt? Vielleicht, dass ihm manchmal, aber eben auch nur manchmal, selbst nicht gefällt, wer er ist.
    Vorgeschichte: Alex war es vorherbestimmt, das zur Perfektion gedrillte Kind seiner Eltern zu sein, doch in diese Rolle konnte er sich nie gänzlich einfügen. Während er insbesondere auf Gleichaltrige stets von dem imaginären Podest, auf das man ihn gestellt hatte, herunterspuckte, verlor er dort vor allem in Gegenwart seines Vaters oft das Gleichgewicht. Als sein Projektpartner Alaric nicht mehr am Stall auftauchte, kümmerte sich Alex noch eine Woche alleine um Snow White, ehe er das Projekt um eine Woche verfrüht abbrach. Noch etwa drei Wochen später versuchte er ein paar Mal, Alaric zu Hause anzutreffen, doch ihm öffnete nie jemand die Tür, sodass er schließlich aufgab. Nachdem Alex seinem Vater einmal, noch während der Projektlaufzeit, von den Pferden erzählt hatte, bewies dieser, wie sehr er seinen Sohn doch liebte (und vor allem, wie viel Geld er hatte), indem er ihm von einem Tag auf den anderen ein teures, hochkarätiges Springpferd schenkte. Alex versuchte sich etwa ein Jahr lang an dem völlig für Anfänger ungeeigneten Tier, ehe er es aufgab. Sein Rüde 'Artie' ist vor fünf Jahren im stolzen Alter von 12 verstorben. Alex hat die Schule mit durchschnittlichen Noten beendet und danach angefangen, halbherzig BWL zu studieren, um in die unternehmerischen Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er müsste allmählich dringend seine Masterarbeit anfangen, wenn er die Maximalstudiendauer nicht überschreiten will, aber ihm fehlt die Motivation.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2 Sep. 2022
  16. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Ich stieß den Rauch durch die Nase aus und ließ den Zigarettenstummel achtlos fallen. Du meine Güte, dachte ich und schüttelte über mich selbst den Kopf, während ich in mein Auto stieg. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, für dieses blöde Treffen zuzusagen? Natürlich gab es immer noch die Option, einfach nicht hinzugehen. Dass ich das Rückschreiben mit meiner Anmeldung bereits vor Wochen abgeschickt hatte, wäre dabei nichts, das mich sonderlich störte. Unzuverlässigkeit war etwas, das man sich leisten können musste, doch ich hatte bisher in meinem Leben noch jede verpasste Klausur, jeden verspäteten Termin und jeden vergessenen Geburtstag mit ein bisschen Charme und Geld wettmachen können. Aber... Ja, was, 'Aber'?
    Vor etwa sechs Wochen hatte ich den Brief beim Frühstück auf dem Tisch vorgefunden, wo ihn die Haushälterin mit der anderen Post platziert hatte. Ich war selbst überrascht gewesen, wie schnell die Erinnerungen an das Reiterhofprojekt zu mir zurückgekehrt waren, und das, obwohl es nun schon zehn Jahre zurücklag. An die tägliche Fahrt von der Schule mit dem Bus, an Snow White und Mercury - die wirklich lieb gewesen waren im Vergleich zu der Stute, die mein Vater später angeschleppt hatte -, und an Alaric. In den letzten Jahren hatte ich nur noch selten an den kleinen Kerl gedacht, aber das war eine Zeit lang anders gewesen. Nachdem er zu dem Projekt einfach nicht mehr aufgetaucht war, war ich mehrmals mit dem Mountainbike bei ihm vorbeigefahren, aber entweder es war nie jemand zu Hause gewesen, oder es hatte mir zumindest nie jemand aufgemacht. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, ihn wiedertreffen zu wollen, aber mich noch lange gefragt, was wohl aus ihm geworden war, ob es ihm gut ging in seinem furchtbaren Elternhaus... und warum er mich nicht mehr sehen wollte. Das schmerzhafte Stechen in meiner Brust ignorierend, hatte ich kurzerhand energisch ein Kreuzchen bei "Ich werde teilnehmen" gesetzt, und mich erst danach gefragt, warum - genauso wie bei jedem Mal, wenn ich den Termin danach im Kalender gesehen hatte, und auch jetzt.
    Na, wie auch immer. Ich würde etwas essen, mit ein paar Leuten von meiner alten Schule quatschen und dann konnte ich ja wieder gehen. Entweder, Alaric würde heute auftauchen und mir sagen können, warum er damals verschwunden ist, oder ich würde eben weiterhin genauso mit der Unwissenheit leben, wie ich es die letzten zehn Jahre gut getan hatte. Ich drehte den Schlüssel im Schloss um und machte mich auf den Weg zu dem Reiterhof, den Gedanken bewusst zur Seite schiebend, auf welche der beiden Möglichkeiten ich wohl insgeheim hoffte.
     
  17. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric

    Die drei Wochen waren wie im Flug vergangen. Ich hatte beschlossen mit dem Auto zu kommen. So war ich unabhängiger und konnte nach Hause fahren, wann ich wollte. Ich hatte mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel genommen. Nichts kostspieliges, aber so teuer, dass ich damals nicht einmal eine Stunde dort hätte verbringen können. Es fühlte sich immer noch seltsam an, nicht mehr jeden Cent einzeln umdrehen zu müssen. Ich war bei weitem nicht reich, aber ich hatte genug zum Leben und musste mich nicht mehr bei anderen durchschlagen. Zum Hof fuhr ich mit dem Bus. Nostalgiegründe vielleicht oder Konfrontation. Als ich mich auf die altbekannten Sitze fallen ließ, überkam mich eine leichte Nervosität. War es eine gute Idee gewesen wieder hierher zurückzukehren, wo ich die letzten 10 Jahre doch wunderbar ohne diesen Ort überstanden hatte? Ich hatte meine Therapeutin, die ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr aufsuchte, angerufen und mit ihr über diesen Schritt gesprochen. Sie war der Ansicht, dass es mir helfen würde loszulassen und vielleicht hatte sie recht. Nun gab es jedenfalls kein zurück mehr. Der Bus fuhr die Auffahrt hinauf und hielt an der Haltestelle. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus und verließ dann den Bus. Ich schien einer der ersten zu sein, Alexander sah ich nicht, aber das musste noch nichts heißen. Vielleicht hatte er sich verändert oder er kam noch. Vielleicht kam er auch einfach gar nicht. Wer wusste das schon? Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen kam mir der Hofbesitzer entgegen. "Es ist schön, dass du gekommen bist." Das Alter sah man ihm eindeutig an, aber auch ich hatte mich sicher verändert. Ich erwiderte das Lächeln herzlich und sagte: "Ich freue mich Sie zu sehen." Nachdem er mich den anderen Anwesenden vorgestellt hatte, fragte ich: "Ob ich wohl nach Snow White sehen könnte?" Er nickte und sagte: "Aber natürlich." Und so betrat ich seit langer Zeit wieder den Stall, in dem ich so viel Leid und so viel Freude empfunden hatte. Ich schritt den Gang entlang und da stand sie. "Hallo, meine Hübsche." Auch ihr sah man das Alter deutlich an. Vor zehn Jahren war sie 9 gewesen, sie musste jetzt also 19 sein. Die Stute steckte ihren Kopf aus der Tür und schnoberte mich ab. Ich lächelte und kramte in meiner Jackentasche, reichte ihr eine Möhre. "Hier, ich weiß ja, wie sehr du das magst." Sanft strich ich ihr über den Kopf und begab mich dann wieder nach draußen. Ich wollte immerhin nicht verpassen, ob Alex noch auftauchte. Zugegebenermaßen war ich wahnsinnig aufgeregt. Würden wir uns überhaupt noch erkennen? Zehn Jahre waren eine lange Zeit und ich hatte mich verändert. Nicht nur innerlich.
     
  18. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Die frisch geputzten Lederschuhe knirschten auf dem Kiesweg, mit einem Naserümpfen wich ich einem zerfahrenen Pferdeapfel aus. Es war nicht so, dass ich Pferde aus Prinzip nicht mochte - verdammt, ich besaß immerhin sogar eins, wenn auch unfreiwillig - aber das Ausmisten der Boxen, das Wühlen im Dreck war kein Aspekt, den ich nach dem ungeplant frühen Ende des Projekts damals auch nur einen Tag lang vermisst hatte. Nicht, dass ich dem oft nachgegangen war. Meistens hatte Alaric solche Aufgaben übernommen und war sogar noch froh darüber gewesen, oder den Eindruck hatte er zumindest immer gemacht. Und für Carmina hatte ich mehr als genug Angestellte, die sie fütterten, sauber hielten und auch ritten. Vermissen... das war ein großes Wort, und doch hallte es in mir nach. So sehr, dass ich eben auf dem improvisierten Parkplatz, für den eine abgefressene Weide geöffnet worden war, noch einige Minuten im offenen Auto gesessen und zwei Beruhigungszigaretten geraucht hatte. Zwei, weil der Nikotingehalt von einer einzelnen mich eigentlich schon gar nicht mehr über meinen Grundzustand brachte. Hatte ich das Projekt vermisst? Snow White? Oder Alaric? Ich hatte damals, vor zehn Jahren, zwei Wochen lang sowas wie einen Freund gehabt. Jemanden, der Zeit mit mir verbrachte, obwohl ich nicht immer nett zu ihm war, und das sogar manchmal über die verpflichtende Zeit hinaus. Ja, das hatte ich lange vermisst. Aber ich war nicht derjenige gewesen, der diese Freundschaft dann einfach ohne ein Wort beendet hatte.
    Ein letztes Mal zupfte ich mir Jeans und Hemd zurecht, ohne darüber nachzudenken, warum oder für wen ich gut aussehen sollte, aber das ging einem als Geschäftsmann wohl einfach irgendwann in Fleisch und Blut über. Das Jackett hatte ich im Auto gelassen, in der Hoffnung, dass es nicht so kühl werden würde, dass ich es brauchte, denn schon beim Anblick des alten Stallgebäudes aus der Ferne war ich mir damit plötzlich sehr overdressed vorgekommen. Möglichst lässig betrat ich das Gelände des Hofes. Atmete den seltsam gemischten Geruch von Bratwürstchen, Kuchen und Pferdemist ein und sah in das lächelnde, altgewordene Gesicht des Stallbesitzers. Zehn Jahre - erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, wie verdammt lange das her war. "Hi, ich bin Alexander." "Ich erinnere mich. Schön, dass du da bist."
    Nur zögerlich glitt mein Blick über die anderen ehemaligen Teilnehmer und als ich ein paar Leute von meiner alten Schule entdeckt, gesellte ich mich sogleich zu ihnen. Ich wollte plötzlich gar nicht mehr wissen, ob Alaric da war. Denn weder sein Auftauchen noch sein Fernbleiben sagten etwas Gutes aus. Wenn er gekommen war, ging es ihm gut und es gab keine Entschuldigung dafür, dass er mich damals sitzengelassen hatte. Wenn er nicht gekommen war, war ihm womöglich etwas... zugestoßen, und das wollte ich mir nicht ausmalen. Nicht dem lieben kleinen Kerl. In meinem Ohr quietschte es. "Oh. Mein. Gott! Alex! Scheiße, ist das lange her!" Flüchtig nahm ich Diana in den Arm, dann Becky. Ihre Oberweiten waren seit der Schulzeit deutlich üppiger geworden und ich wusste jetzt immerhin, was ich nach dieser Witzveranstaltung hier machen würde.
     
  19. Samanta

    Samanta Leseratte

    Alaric
    Ich war gerade aus dem Stall getreten, als ich jemanden Alex "quietschen" hörte, ja anders konnte man das wohl nicht bezeichnen und mein Magen verkrampfte sich. Immerhin war ich damals einfach so verschwunden ohne 'auf Wiedersehen' zu sagen. Nicht, dass ich davon ausging, dass es ihn groß gekümmert hatte, aber es war dennoch nicht die feine englische Art gewesen. Ein paar Mal war ich versucht gewesen ihn zumindest anzurufen, aber die Sozialarbeiter hatten mir eingebläut, dass niemand wissen durfte, wo wir waren, wenn meine Mutter und ich sicher sein wollten. Also auch nicht Alex. Innerlich wappnete ich mich schon gegen die Ablehnung, ballte kurz meine Fäuste und sagte mir dann, dass ich nicht mehr der verängstigte 17 Jährige war. Mein galoppierendes Herz und die klammen Hände straften diese Worte lügen. Reiß dich gefälligst zusammen! Aber was zur Hölle sollte ich sagen? Ein einfaches 'hi wie geht's' war wohl eher nicht angebracht. Ich wartete ab, bis sich die beiden Mädchen anderen ehemaligen Schulkollegen zugewendet hatten und trat dann auf Alex zu. "Hi, Alex". Lange nicht gesehen. Ja, haha. Ich war ja auch einfach verschwunden und hatte mich auch nicht gemeldet, nachdem meine Mutter und ich nicht mehr in diesem verfluchten Frauenhaus gewesen waren, aber es war mir einfach komisch vorgekommen, nach vier Jahren Funkstille wieder Kontakt aufzubauen. Sag irgendwas, du Trottel! Wenn es überhaupt möglich war, dann sah er noch besser aus, als vor zehn Jahren und meine Hoffnung, dass diese alberne Schwärmerei sich in Luft auflösen würde, wenn ich ihm gegenüberstand, verflüchtigte sich zu meinem Leidwesen. Mein Blick huschte über seine Aufmachung und ich konnte eine gehobene Augenbraue nicht unbedingt verhindern. "Weißt du, ein weißes Hemd ist nicht unbedingt das, was ich zu einem Treffen auf einem Reitehof anziehen würde, aber steht dir." Ja, Sarkasmus, das war besser, als alles andere, was ich hätte sagen können. Was hätte ich auch sonst sagen sollen? 'Hey, Mann. Tut mir leid, dass ich damals einfach so abgehauen bin. Wir mussten uns vor meinem prügelnden Vater verstecken!' Ja, genau. Nicht gerade die beste Eröffnung für ein Gespräch. Wobei auch diese hier schnell nach hinten losgehen konnte. Ich wusste ja, wie er früher drauf gewesen war. Immer recht schnell auf 180 und eigentlich 99 % der Zeit ein echtes Ar*schloch. Ob sich das wohl geändert hatte?
     
  20. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Alex

    Mit dem simplen Klang meines Namens rutschte mir das Herz, schwer wie ein Stein, in die Hose. Seine Stimme mochte ein wenig tiefer geworden sein, aber ich erkannte sie sofort. Alaric war also doch da.
    Langsam drehte ich mich zu ihm um. Schob die Hände in die Hosentaschen, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit ihnen machen sollte - ihm die Hand schütteln, ihn umarmen, ihm eine reinhauen -, und musterte den jungen Mann vor mir. Meine Zunge drückte sich von innen leicht gegen die Backenzähne, während ich Worte in meinem Mund zurechtlegte und wieder verwarf, und schließlich... "Das ist Alabaster, nicht Weiß." Das waren sie? Das waren die ersten Worte, die ich nach zehn Jahren zu Alaric Baxter sagte? Du meine Güte, da hatte ich mich ja wirklich selbst übertroffen. Jahrelang hatte ich darüber nachgedacht, was ich zu ihm sagen würde, sollten wir uns jemals wiedersehen: Aus 'Wo warst du gestern? Ich schaufel doch nicht alleine Pferdekacke!' war ein 'Was war letzte Woche los, geht es dir gut?' geworden, und Jahre später, je nach Stimmung, aus 'Wo zur Hölle warst du?' ein 'Du hast mir gefehlt'. Doch nun schien das alles irgendwie völlig unangebracht und konstruiert, und so mir fiel nichts besseres ein, als - als - Farbenlehre? Großartig. Ganz großartig.
    Er war gewachsen, stellte ich fest, und hätte ich ihm in die Augen schauen wollen, hätte ich den Blick um einen, vielleicht zwei Zentimeter heben müssen. So viel zu dem 'Kleinen' und meinem damaligen Spitznamen für ihn. So dünn und ausgemergelt wie früher sah Alaric auch nicht mehr aus. Gut für ihn. "Bin ja zum Glück gerade nicht zum Scheißeschaufeln hier wie früher. Oder wie sahen deine Pläne für den heutigen Tag aus?" Ah, Angriff. Seit jeher die beste Form der Verteidigung. Als wären wir Tiere, so kam es mir vor, die beim Aufeinandertreffen erneut ihre Rangfolge absteckten, ausloteten, ob sich daran etwas verändert haben mochte. Ich zog die Rechte aus der Hosentasche, schob die Brille ein Stück an meinem Nasenrücken hoch, und wo ich die Hand nun schon einmal zufällig draußen hatte, streckte ich sie Alaric schließlich entgegen. "Du lebst also noch. Gut zu sehen."
     

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