Im Spiegel

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Eowin, 19 März 2012.

  1. Eowin

    Eowin Hufschmied =)

    Hallo ihr da draußen =)


    nachdem das Update es gefressen hat, kommt hier nochmals "Im spiegel".
    Vielleicht weise ich diesmal noch deutlicher darauf hin, dass es in die Gattung des modernen Romans einzuordnen ist.
    Soll heißen: Ihr bekommt eure Informationen nicht wie im klassichen Roman da hin geklatscht, sondern müsst selbst deuten. Es ist absicht, dass in jeder Zeile mehr steht, als es zuerst scheint - daher würde ich mich freuen, wenn ihr euch einen Moment wirklich zeit nehmen und es lesen würdet.
    Es ist ein auf jeden Fall ungewohnter Stil, an den man sich erst gewöhnen muss^^ Aber vielleicht könnt ihr dem ja doch was abgewinnen ;)
    jedenfalls freue ich mich über jeden Kommantar - ob gut ob schlecht - von jedem, der sich etwas Zeit für das Stückchen genommen hat ;) und über ehrliche Kritik würde ich mich sehr freuen.
    Wenn gewünscht kann ich auch ne Definition zum modernen roman und beispiele aus "Tauben im Gras" wo's wirklich deutlich wird mit dem stil, rauspinnen - dann sagt einfach bescheid, wenn euch der Zugang so verwehrt bleibt :p
    Es ist halt kein Text, den mal lari fari lesen sollte :p

    Trotzdem - viel Vergnügen und danke schonmal für's lesen!


    Im Spiegel

    Die Welt hielt Sofie den Spiegel vor.
    Die Straße glitt unentwegt unter ihr hinfort, eine graue Melasse eiserner Sturheit, ein unbewegtes Gefüge, grau und trist mit Rissen, Erhebungen, Einkerbungen; Einkerbungen, Erhebungen, Risse im Leben, in ihren Leben, Sofies Leben. Ein auf und ab, ein unentwegtes Gleiten, eine Unaufhaltsamkeit, eine graue Melasse eiserner Sturheit. Sie wusste, dass sie stur war, auch jetzt war sie stur, mit dem Kopf durch die Wand, durch die graue Melasse, durch das Unbewegte, das Unbewegliche.
    Erhebungen, Einkerbungen, Risse, davon hatte es viele gegeben, viele Steine im Leben, viel Sonne, Regen, Schnee, gefühlskalter Schnee, Regen, wärmende Sonne.
    Brodelnd und wabernd stieg die Welt vor ihr auf. Eine Suppe der Natur, Ausgeburt der Willkür, dunkel und bedrohlich stand ein Himmel vor ihr, der dunkel war. Dunkel, düster dreinblickend, auf sie herab blickend, wie alle auf sie herab blickten. Von oben herab, auf die herab, was besseres als sie, Einbildung, Naivität, Eitelkeit, Arroganz, eine schlechte Welt, eine brodelnde und wabernde und wiegende Welt. Wiegend im Schmerz in der Eitelkeit, ein Bad im Schmerz, der Trauer, der Würdelosigkeit, wie Blut, blubbernd und brodelnd und heiß und kalt, wabernd, wippend, wogend und wiegend, wie Siegfried, unverwundbar und doch getötet, das Lindenband, wehend im Wind, tanzend in der Schwerelosigkeit, allein in der Welt, allein in der Willkür der Natur, eine Suppe der Natur, der Willkür, nur Wahrsagerei der Blick in die Zukunft, nichts gutes zu verheißen, nichts gutes zu sehen, zu singen, zu erzählen, nichts zu lachen, viel zu weinen. Viel zu weinen, Schmerz, Trauer, Leid. Sie nennen es Leben, sie nannte es Hass.
    Die Welt hielt ihr den Spiegel vor. Sie kniete nieder auf die graue Melasse eiserner Sturheit, die Straße, die aufgehört hatte, unentwegt unter ihr hinweg zu gleiten. Das war es, wohin sie gehörte, in die wogende, wabernde, wiegende, wehende, brodelnde, blubbernde Welt des Leidens, des Schmerzens, der Trauer, sie stand unten in der Hierarchie der Gedankenlosen, Verantwortungslosen, Lieblosen, Hasserfüllten.
    Sie kümmerte sich nicht darum. Sie fand sich damit ab.
    In der Suppe der Willkür der Natur, ihre Stellung von Geburt an vorgegeben. Akzeptanz, Annehmen, Widerspruchlosigkeit, Rebellion, Demonstration, Widerspruch gegenüber dem Spiegelbild, das sie sah, als die Natur ihr den Spiegel vor hielt.
    Im Spiegel. Sofie im Spiegel. Im Spiegel der Natur, der Willkür der Natur, der Suppe, wabernd und wogend und wehend und wiegend und blubbernd und brodelnd.

    © Eowin
     
  2. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Für jeden Autor kommt die Zeit, in der er anfängt, mit seinem Stil herumzuexperimentieren und etwas neues auszuprobieren. Das muss bei den Lesern nicht unbedingt gut ankommen, denn wer bekommt schon gerne Birnen, wenn er sich auf ein paar leckere Äpfel gefreut hat. Ich habe von dir schon Sachen gelesen, die mir deutlich besser gefallen haben. Aber das ist wohl einfach Geschmackssache.

    Ich möchte natürlich zuerst was positives sagen. Wie mit den meisten deiner Texte fesselst du unglaublich. Es ist kein Herumgeplätscher an der Oberfläche, sondern man muss erstmal hineintauchen, sich reindenken. Das ist was, das ich zu schätzen weiß. Und hat man sich dann erstmal gefunden, ist man wie vor de Kopf geschlagen, weil man merkt, dass du recht hast,

    Was ich an diesem Text nicht mag, sind zum einen die scheinbaren Widersprüche. Das Gefüge ist unbewegt, aber es hat Risse und Erhebungen. Das passt in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Bis zum dritten Komma entsteht in meinem Kopf das Bild einer geraden, grauen Fläche. Und dieses Bild wird dann wieder "kaputtgemacht". Wir haben also Risse. Nagut, du setzt sie mit Rissen im Leben gleich. Das ist eine gelungene Metapher und ich mache mir ein neues Bild. Huch - plötzlich gleiten wir jedoch darüber. Ich kann über Erhebungen und Einkerbungen nicht so einfach gleiten. Sie würden mich vielmehr zum Stolpern bringen.

    Es ist nicht so, dass ich keinen Zugang zu dem Geschriebenen finde - Auch wenn du sicher aus Erfahrungen heraus andere Interpretationsansätze im Kopf hast, ist es ja sicher auch nicht verkehrt, sich selbst in einem Schriftstück zu suchen. Und ich als jemand der sehr gerne und sehr viel liest - und sehr viel interpretiert, ist es bei mir sicher nicht der Umstand, dass ich zu flüchtig darüberhinweglese. Im Gegenteil; wie du Infos verpackst, gefällt mir an sich gut, schon immer. Ich mag deine Metaphern und deine sehr überlegte Wortwahl. Solange die Wörter nicht zu oft kommen.

    Das ist Punkt zwei meiner Kritik. Was für dich mit Sicherheit gewollt ist, denn sonst hättest du als durchaus talentierte Schreiberin es sicher nicht gemacht, stört mich im Lesefluss ungemein, und zwar die Wortwiederholungen. Das geht los mit "dunkel und bedrohlich stand ein Himmel vor ihr, der dunkel war." - Bei jedem "Anfänger" hätte ich an dieser Stelle tadelnd mit dem Zeigefinger gewackelt. Es folgt ein langer Abschnitt, in dem es unter anderem heißt: "Brodelnd und wabernd stieg die Welt vor ihr auf. (...) Eine brodelnde und wabernde und wiegende Welt. Wiegend im Schmerz in der Eitelkeit (...) blubbernd und brodelnd." Und ich denke: Zu viel des Guten! Ich hab's kapiert! Ist schon gut, ich hab's ja verstanden! :D

    Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Ich mag deinen Stil an sich so gerne leiden, aber hier hast du es für meinen Geschmack einfach etwas zu gut mit Kommata, Aneinanderreihungen und Wiederholungen gemeint. ^^
     

Diese Seite empfehlen