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Gewinner des 46 KGs - Leaenna

Dieses Thema im Forum "Gewinner" wurde erstellt von deivi, 17 Okt. 2014.

  1. deivi

    deivi Don't drink and daif Staff

    Gewinner des 46. Kurzgeschichtenwettbewerbs ist Leaenna
    Thema: Freies Thema​
    Stammdaten der Kurzgeschichten:
    - Titel der Kurzgeschichte:
    Someone Like You
    - Thema der Kurzgeschichte: Einmal in deine Arme fallen
    - Verfasst am: August 2014​
    Someone Like You
    Für J.
    „Können wir kurz reden?“

    Mein Blick huscht zu den anderen, die an den Tischen oder im Gras sitzen, essen, trinken, sich unterhalten, amüsieren, und ich muss einen dicken Kloß in meiner Kehle herunterschlucken, ehe ich noch hinterherschiebe: „Unter vier Augen, meine ich.“ Diese Fröhlichkeit wird mir gerade ein bisschen zu viel, irgendwie. Manchmal habe ich das so, dass mir in den schönsten Momenten auf einmal ganz unwohl wird und ich den Anblick lachender Menschen plötzlich einfach nicht mehr ertragen kann. Diesmal hat es immerhin einen Grund.

    Jemanden so von der Seite anquatschen und dann damit auch noch vom Essen abhalten, das ist echt nicht die feine englische Art. Für einen Moment wirkt er auch verwirrt, aber immerhin nicht genervt, und nach kurzem Zögern stellt er den Pappteller mit Nudelsalat wieder auf dem Klapptisch ab. „Na klar.“ Er ist nie von irgendwas genervt, glaube ich. Ich wüsste gerne, ob er überhaupt irgendwie negative Gefühle empfinden kann. Ob er manchmal insgeheim kurz davor ist, seine Freunde anzufahren, weil sie laut sind, obwohl er müde ist. Oder ob er manchmal so richtig sauer wird, weil ihm jemand im Geschäft das letzte T-Shirt in seiner Größe vor der Nase wegschnappt. Er wirkt einfach immer gut gelaunt, immer freundlich, immer herzlich. Nur einer der Gründe, warum ich mich damals so Hals über Kopf in ihn verliebt habe. „Lass uns ein Stück gehen.“

    Der moosbedeckte Waldboden scheint alle Geräusche zu absorbieren. Mit einem Mal erweckt es in mir den Eindruck, als seien die anderen ganz weit weg. Die anderen Jungen und Mädchen, das Grillfest, nichts spielt mehr eine Rolle. Hier gibt es nur ihn und mich, ganz kurz steht für uns die Zeit still. „Also, was ist los? Ich habe schon den ganzen Tag das Gefühl, dass du irgendwie mit den Gedanken woanders bist.“ Es klingt wie „Ich ‘abe“ und für einen Moment muss ich die Augen schließen, weil der bloße Klang seiner Stimme mich völlig um den Verstand bringt. Ich versuche, mir einzureden, dass es nur der Akzent ist, auf den ich anspringe, aber ich scheitere. Insgeheim weiß ich genau, dass die Schmetterlinge in meinem Bauch jetzt nicht mal müde mit den Fühlern wackeln würden, wenn das gerade nicht er, sondern irgendjemand anders gesagt hätte.

    „Das stimmt. Mir geht momentan ziemlich viel im Kopf rum. Und ehrlich gesagt bist du nicht ganz unschuldig an der ganzen Sache.“ Ich ziehe wacklig die Mundwinkel nach oben, es ist der Versuch eines Lächelns. „Im Grunde wollte ich dich aber nur sprechen, um dir – du weißt schon, um dir alles Gute zu wünschen. Dir und Amanda. Sie scheint ein echt tolles Mädchen zu sein und ich freue mich für euch. Und das wollte ich dir einfach gerne persönlich sagen, und nicht nur mit einem ‚Like‘ auf Facebook unter eurem Beziehungsstatus, weil, ich weiß nicht, das ist so… so…“ Ich merke, wie ich mich verhasple, und presse die Lippen aufeinander. So war das nicht geplant gewesen. Einatmen, Ausatmen. Neuer Versuch. „Man sieht nie den Menschen am anderen Ende der Internetleitung. Man weiß nicht, ob er sich wirklich für einen freut oder ob er nur klickt, weil alle es tun. Deshalb war es mir wichtig, dass du aus meinem Mund hörst, dass ich mich wirklich für euch freue. Ich tu’s nämlich.“ Jetzt ist es draußen. Keine Ahnung, ob er weiß, wie schwer mir diese Worte fallen. Ob er eine Ahnung hat, wie viel wirklich dahinter steckt. Aber ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass sie nicht gelogen sind, und das ist, glaube ich, der wirklich wichtige Teil an der ganzen Sache. Zumindest für mich.

    Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort und als ich schon glaube, es nicht mehr länger aushalten zu können, öffnet er endlich den Mund. Zögert. Schließt ihn wieder. Öffnet ihn ein zweites Mal: „Und deswegen wolltest du mit mir alleine sprechen?“ Ein Schlag in den Magen hätte nicht unangenehmer sein können, das Gefühl ist ein ganz ähnliches. Sofort kriege ich ein schlechtes Gewissen, rudere zurück. Er hat recht, oh Himmel, natürlich hat er recht, das Ganze war dumm von mir, eine dumme Idee, ich habe einen Narren aus mir gemacht. Was wird er jetzt denken, wir hatten nie viel miteinander zu tun und plötzlich quatsche ich ihn aus dem Nichts an wegen – sowas? Geh zurück, will ich sagen, du hast ja recht, es war dumm, geh zurück zu den anderen, tu, als sei nichts gewesen und ich verspreche dir, ich nerve dich nie wieder. Ich will es sagen, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich schlucke zweimal.

    Dass ich die ganze Zeit auf meine Schuhe gestarrt habe, fällt mir erst auf, als ich jetzt den Blick zögerlich hebe. Ich habe Angst vor der Verständnislosigkeit in seinem Blick, die mich zwangsläufig erwartet und die ich ihm nicht einmal übel nehmen kann. Doch seine Augen sind freundlich wie immer, azurblaues Meer an einem windstillen Tag, und um seine Lippen spielt ein Lächeln. Oh, Gott, womit habe ich bloß so einen guten Menschen in meinem Leben verdient. „Ja.“ Ich nicke. „Ja, genau deswegen. Ich muss zugeben, ich war erst ein bisschen überrumpelt, als ich’s gelesen hab. Aber dann ist mir klar geworden, dass es eigentlich immer nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis du jemanden kennenlernst, und dass ich das hätte wissen müssen und -- dass das einzige daran, das mich noch hätte überraschen dürfen, das ,Wann' ist. “ Jetzt sprudeln die Worte geradezu aus mir heraus, ich kann den Schwall kaum zurückhalten. Und es tut gut, auf eine verquere Art und Weise tut es so unglaublich gut, ihm einfach endlich alles zu erzählen, was ich so lange zurückgehalten habe. „Also bin ich neugierig geworden und habe mich gefragt, wie ein Mädchen, in das du dich verliebst, wohl so ist, und, ach, was soll ich sagen, sie ist wunderbar! Wenn sie und ich uns vorher gekannt hätten, ich wette, wir wären Freundinnen geworden. Sie ist nett und lustig und klug und total natürlich und ich finde, du hast wirklich eine gute Wahl getroffen, mit ihr zusammen zu sein. Siehst du, ich kann’s nicht ausstehen, wenn Jungs so oberflächlich sind und ihnen die BH Größe eines Mädchens wichtiger ist als ihr Charakter, und ich habe immer gehofft, nein, gewusst, dass du nicht so bist. Und, naja, indem du Amanda triffst, hast du mir schließlich bewiesen… dass ich recht hatte.“ Gen Ende werde ich leiser, verstumme schließlich ganz. Ich stoße ein tiefes Seufzen aus und beschließe, ihn endlich auch mal wieder zu Wort kommen zu lassen. Aber als ich schweige, bleibt es still zwischen uns und ich winde mich unter seinem undefinierbaren Blick. Eigentlich sollte ich mich jetzt irgendwie erleichtert fühlen. Oder?

    Für einen Moment kann ich es regelrecht hinter seinem schwarzen Haarschopf arbeiten sehen, dann werden seine Augen groß. Wie Sandkörner in einer Sanduhr willenlos der Schwerkraft folgen und nach unten rieseln, so trifft ihn die Erkenntnis, ob er will, oder nicht, und vor Überraschung stößt er ein leises „Oh.“ aus. Ja, mein Lieber, das finde ich auch. „Du warst…“ Bist, verbessere ich gedanklich. In dich verliebt. Bingo. „Ich wäre gerne an ihrer Stelle gewesen”, antworte ich leise. „ Aber ich bin es nicht und das ist in Ordnung so.” Um seine Mundwinkel zittert es, es sieht fast aus wie Schuldbewusstsein. „Ich hatte keine Ahnung.“ Natürlich nicht.

    „Du hast mich nicht enttäuscht, bis zum Schluss nicht.“ Ich raffe mich auf, hole noch einmal tief Luft, wappne mich für meine letzten Worte, die Grabrede der Hoffnung, dann darf der Sarg endlich in das kühle Erdreich hinabsinken. „Denn du bist der, für den ich dich immer gehalten habe. Und – Und deshalb war es kein Fehler, mich in dich zu verlieben, auch wenn ein Außenstehender sagen würde: Aber aus euch ist doch nichts geworden. Ich hab mich in genau den Richtigen verliebt, hörst du? In genau den Richtigen. Es hat – Es hat bloß leider nie auf Gegenseitigkeit beruht.“ Ah, guten Abend, liebe Tränen. Ihr seid spät dran, wie geht es meinen ältesten Freunden? Sie sammeln sich in meinen Augen, verschleiern meine Sicht und lassen meine Stimme schwanken. Er streckt eine Hand aus, ganz zögerlich, als könne ich zerbrechen, wenn er mich berührt, und vielleicht ist da etwas dran, vielleicht zersplittere ich jeden Moment einfach in tausend Stücke, es fühlt sich zumindest so an. Zaghaft berührt er meine Schulter, dumpf höre ich das Holz in der Tiefe aufsetzen, dann löst sich ein erster, einsamer Tropfen aus meinen Augen und wässert das frische Grab. Und ehe ich mich versehe liege ich in seinen Armen, vergrabe mein Gesicht an seiner Schulter und weine, weine, weine hemmungslos wie ein Kind.

    Es dauert ein paar Minuten, bis ich mich wieder beruhigt habe. Er bleibt bei mir, er lässt mich nicht alleine. Und als ich schließlich das letzte Schluchzen herunterschlucke, spüre ich seine Finger meinen Rücken hinabgleiten, wieder und wieder, beruhigend, ein stilles Mantra. „Das üben wir aber noch, ja?“ Ich blinzle und ziehe die Nase hoch. Mein Kopf ist irgendwie seltsam leer, als hätte ich alle Gefühle einfach herausgeweint, und meine Gedanken fließen zäh durch den hohlen Raum „…Was?“ - „Das mit dem Flirten. Sich Verstecken ist nicht die beste Taktik, um einen Jungen rumzukriegen, weißt du?“ Ich muss lächeln. Ich muss tatsächlich lächeln. Verdammter Idiot. „Darum ging es mir auch nie.“ Trotz des Schmunzelns auf meinen Lippen sind meine Worte ernst. „Ich will niemanden rumkriegen. Rumkriegen ist einseitig. Es bedeutet, jemandem aufzuzwingen, dass er mit dir glücklich ist. Und das kann nicht funktionieren. Es sollte genauso dein Wille wie meiner sein.“ Ich will meinen Kopf von seiner Schulter heben, doch er macht keine Anstalten, die Umarmung zu lösen, und nach kurzem Zögern lasse ich ihn zurücksinken. Es fühlt sich alles irgendwie so natürlich an, so richtig, als wären seine Arme zu nichts anderem geschaffen, als meinen Körper zu umfassen. Und doch weiß ich, dass das hier das erste und zugleich letzte Mal ist, dass ich ihm je so nah sein werde.

    „Du bist ein wundervolles Mädchen. Und du wirst jemanden finden, glaub mir. Jemanden, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als mit dir zusammen zu sein. Jemanden, der Tag und Nacht an nichts anderes denken kann, als an dich. Ich weiß es.

    Es tut mir nur leid, dass ich es nicht bin.“

    Könnt‘ ich einen einzigen Tag nur in meinem Leben dir gefallen,
    Um dann ein einziges Mal nur in deine Arme zu fallen.
    (Philipp Poisel)

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    Herzlichen Glückwunsch ^_^
     
    3 Person(en) gefällt das.
  2. Leaenna

    Leaenna Killjoy

    Vielen Dank! ^_^
     

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