Das Leben eines Pferdes

Dieses Thema im Forum "Eigene Geschichten" wurde erstellt von Andrena, 4 Aug. 2006.

  1. Andrena

    Andrena Guest

    Diese Geschichte erzählt vom Leben eines Pferdes. Auf die Idee zu dieser Geschichte kam ich gestern Abend, als ich mal wieder darüber nachgedacht hab, wie viele Pferde doch eigentlich ein schlechtes Leben führen, aber nie die Möglichkeit haben davon zu berichten.


    Ich wurde in den Morgenstunden eines regnerischen Herbstmorgens geboren. Der Regen prasselte auf das Dach des Stalles, der Donner grollte und die Blitze zuckten nur mit kurzen Pausen vom Himmel. Für den Züchter war es ein schlechtes Omen. Und kaum war ich auf der Welt, lag schwach, nass und frierend im Stroh, fand er, in seinen Augen, die Bestätigung dafür, dass das Wetter ein schlechtes Omen war. Meine Eltern waren beide reinrassige Trakehner. Meine Mutter, Leandra, war eine dunkelbraune Stute mit langer schwarzer Mähne und klugen Augen. Mein Vater, Aleandro, war ein nachtschwarzer Hengst, der vor seiner Karriere als Deckhengst sehr erfolgreich im großen Sport gewesen war. Der Züchter hatte sich von den beiden ein Spitzenfohlen erwartet. Doch ich entsprach nicht im Geringsten seinen Erwartungen. Ich war klein. Nein, ich war nicht nur klein, ich war schon fast winzig und dazu noch auf einem Auge blind. Auch hatte ich nichts von meinen Eltern mitbekommen. Mein struppiges Fell war fuchsfarben und eine unregelmäßige Blesse zierte mein Gesicht. Der Züchter verließ den Stall und ließ mich mit meiner Mutter alleine, die sich sofort liebevoll um mich kümmerte. Die Welt hier war mir fremd und machte mir Angst. Sie war so groß und ich war so klein und schwach.
    Über meine Zeit als Fohlen gibt es nicht viel zu erzählen. Ich wurde schon sehr früh von meiner Mutter getrennt, damit sie wieder gedeckt werden konnte und sich nicht mit einem Krüppel herumschlagen musste. Denn so wurde ich oft genannt. Ich war einfach nur der Krüppel. Dabei war ich kein Krüppel. Ich war einfach nur kleiner als die anderen Fohlen und auf einem Auge blind, was mich immer sehr unsicher machte. Ich konnte nicht sehen was auf der linken Seite von mir geschah und das machte mir Angst.
    Natürlich besaß ich auch einen richtigen Namen. Ich wurde auf den Namen Adrianus getauft. Nur wie schon erwähnt wurde ich allerdings meistens einfach nur Krüppel genannt. Wenn sich denn überhaupt jemand um mich kümmerte. So wurde ich vom Fohlen zum Jährling und vom Jährling zum richtigen Pferd. Und damit kam auch die Zeit des Einreitens herbei. Was für den Bereiter des Gestütes sonst kein Problem war, wurde bei mir zu einem richtigen Kamp. Da ich auf der linken Seite ja nicht sehen konnte, drehte ich jedesmal fast durch, wenn er sich mir mit dem Sattel näherte. Zur Strafe bekam ich Schläge und bald war ich so verängstigt, das ich niemanden an mich heran ließ. Trotzdem wurde nicht aufgegeben und irgendwann schafften sie es dann, mich zu satteln, zu trensen und auch wenig zu reiten. Mein Vertrauen kam aber nicht wieder.
    Zu diesem Zeitpunkt hatte der Züchter endlich einen Käufer für mich gefunden. Ich kam auf einen Reiterhof und sollte dort eigentlich als Schulpferd eingesetzt werden. Doch die Tatsache, dass ich jegliches Vertrauen zu den Menschen verloren hatte, machte mich nicht gerade zum idealen Reitschulpferd. Also wurde ich bereits nach einem halben Jahre bereits wieder verkauft. Ich landete bei einem Pferdehändler, stand dort in einer kleinen engen Box und musste mich jeden Tag von Menschen anschauen und betasten lassen. Das trug nicht gerade dabei, um mein Vertrauen wieder zu steigern. Ganz im Gegenteil, es nahm immer mehr ab und schon bald schnappte ich nach jedem Menschen, der mir ein bisschen zu nahe kam. So wurde ich auf `s neue verkauft. Dieses Mal führte mich mein Weg auf einen Gnadenhof. Ich war zu diesem Zeitpunkt knapp 6 Jahre alt. Auf dem Gnadenhof durfte ich 4 Jahre bleiben und genoss die Zeit dort auch. Ich wurde zu nichts gezwungen und durfte mein Leben auf der Weide genießen. Doch dann, an einem Morgen, der so war wie der Morgen meiner Geburt änderte sich alles.
    Und nun stehe ich wieder in einer engen Box, umgeben von ängstlichen Pferde und dem Geruch nach Tod. Ich bin, nach einem Leben, das nur wenig gutes für mich bereit hielt, bei einem Abdecker gelandet und warte nun darauf , den letzten Weg anzutreten. Da kommt er auch schon, der Helfer des Abdeckers. Er legt mir das Halfter an und führt mich die Stallgasse entlang in einen Raum, der kalt und mit grellem Licht ausgeleuchtet war. In der Mitte des Raumes musste ich stehen bleiben und dann trat er Abdecker auf mich zu. Ich schloss die Augen und sah vor meinem geistigen Auge die Weide, auf der ich zuvor so lange gestanden hatte. Ich sah andere Pferde, mit denen ich herumtollen konnte und ich sah meine Eltern. Dann spürte ich plötzlich einen scharfen Schmerz und dann wurde es dunkel um mich herum…
     
  2. Stella

    Stella Neues Mitglied

    o mann, das is ja voll traurig:( .....aber vielleicht besser so, sonst hätte er ja nur weitergelitten !
     
  3. lalula

    lalula Neues Mitglied

    AW: Das Leben eines Pferdes

    gute geschichte respect
     
  4. Cocana

    Cocana Neues Mitglied

    AW: Das Leben eines Pferdes

    schöne geschichte, ich finde du hast gut darüber nachgedacht wie das so ist :)
     
  5. Andrena

    Andrena Guest

    AW: Das Leben eines Pferdes

    danke schön an alle.
    wir haben selbst einige Pferde auf der Weide, die in ihrem bisherigen Leben nicht viel gutes erlebt haben und wahrscheinlich beim abdecker gelandet wären, hätte meine verpächterin sie nicht gekaufte.
     
  6. sunshine1212

    sunshine1212 Neues Mitglied

    AW: Das Leben eines Pferdes

    Tolle Geschichte . Ich find sie super klasse .
     

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