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Wolfszeit

WHC' Poseidon [8/20]

a.d. Colour Splash, v. Herkules | GBS regestriert

WHC' Poseidon [8/20]
Wolfszeit, 28 Okt. 2021
Bracelet, Friese, MeisterYoda und 6 anderen gefällt das.
    • Wolfszeit
      [​IMG]
      08.12.2021|Wolfszeit
      Harvest Celebrations mit Abstecher auf die Sky River Ranch

      Abe’s Aelfric| PFS’ Caruso| Celevant ’Mad Eye’|WHC’ Poseidon |Whats’ Happen In The Dark| WHC’ Mitena| WHC’ Candela| Rumkugel| Coco| Wanita Iblis| Le Perle Noir

      Dienstag, Tag 1
      Alle waren Abfahrt bereit, der Transporter gepackt, fehlten nur noch die Ponys. Aufgeregt strich ich Caruso ein letztes Mal durch die strubbelige Mähne, bevor ich ihn die Transportgamaschen anlegte. Hazel und mich würde es heute auf den Weg nach Langley gehen, denn wir würden beide dort an einem Turnier teilnehmen. Mit Caruso startete ich am Donnerstag in der Working Hunter Class starten. Dieses Turnier würde eine kleine Premiere sein, denn es war meine erste Hunter Class, bisher war ich nur normale Zeitspringen geritten oder auch gelegentlich mal eine Dressur. Hazel würde mit gleich zwei Ponys an den Start gehen. Einmal mit Rici am Mittwoch in einer Baby Green Hunter Class um am Donnerstag mit Mad Eye in einer Pree Green Hunter Class. Den Höhepunkt des Turniers würde am Samstag ein Teil des Longines FEI Jumping World Cup bilden, bei dem wir natürlich nur Zuschauer waren. Doch ich freute mich nicht nur auf das Turnier, denn wir würden auch noch einen Abstecher nach Seattle machen und dort die Sky River Ranch besuchen. Im März dieses Jahres hatten wir Rumkugel nach dorthin verkauft und auch Darky würde bald dorthin umziehen. Ich freute mich darauf meinen Schützling wiederzusehen, hoffentlich hatte er sich gut entwickelt.
      “Quinn, kommst du endlich. Die anderen Ponys stehen schon auf dem Transporter”, rief Jayden durch den Stall. Er würde uns begleiten, weil die Fahrt an die Küste nicht gerade kurz war und ich Hazels Fahrkünsten nicht wirklich vertraute. Seit knapp einem halben Jahr hatte sie ihre Fahrlizenz, aber gab sich im Verkehr alle Mühe sie direkt wieder zu verlieren. Nicht nur einmal erlitt ich einen Herzinfarkt auf Autofahrten, bei der sie am Steuer saß.
      “Ich komme schon”, antworte ich und schloss schnell den letzten Klettverschluss, bevor ich Caruso losband. Artig folgte mir der kleine Hengst in den Hof, wo Jace gerade die beiden Jungstuten entlang zu Koppel führte. Die anderen beiden Pferde standen tatsächlich schon auf dem Transporter und Hazel hatte es sich bereits in der Fahrerkabine bequem gemacht. Zügig half mir Jayden das Pony zu verladen, sodass wir dann schnell loskonnten.
      Das erste Stück fuhr ich, denn ich hatte keine Lust das letzte Stück im Berufsverkehr zu fahren. Lieber genoss ich den Highway, der nahezu menschenleer war. Weite offene Flächen mit Flüssen und Seen wechselten sich ab mit den Bergen und Wälder der kanadischen Rockey Mountains. Kurz hinter Jasper machten wir eine kurze Pause, um den Pferden etwas zum Trinken anzubieten und einen Fahrerwechsel zu machen. Die weitere Fahrt döste ich vor mich hin, wurde erst wieder halbwegs wach, als wir eine zweite Pause in Kamloops machten, wo wir nicht nur die Pferde mit Futter und Wasser versorgten, sondern auch uns. Mittlerweile hatte ich echt Hunger und konnte meinen Bagel kaum schnell genug in mich hineinstopfen.
      “Haben wir noch Kekse?”, fragte ich anschließend in die Runde, denn mein Magen verlangte noch immer nach Nahrung. Hazel, die auf dem Tritt in der geöffneten Beifahrertür saß, griff hinter sich und warf mir die Kekspackung zu. Natürlich konnte Jayden das nicht unkommentiert lassen: “Wie kann so ein zartes Persönchen wie du eigentlich immer so einen Hunger haben?”
      “Weißt du Jayden, wenn du so viel denken würdest wie ich hättest du auch Hunger”, sichelte ich ein wenig. “Ja ist gut, nerve uns nicht, mit deinem blöden Studium”, genervt verdrehte er die Augen, “Außerdem sei froh, dass nicht Jace euch begleitet, der denk noch weniger.” Okay, da hatte er recht. Einerseits war Jace Fahrstil noch riskanter, als der von Hazel und andererseits konnte er einem mit seiner selbstverliebten Art ziemlich auf die Nerven gehen.
      “Ach, Jace mag manchmal unüberlegt handeln, aber so schlimm ist er doch gar nicht”, teilte Hazel mit. Manchmal handelte Jace unüberlegt? Ich hatte eher das Gefühl es sei immer der Fall, eigentlich ein Wunder, dass ausgerechnet er auserwählte, um die Reiter des Landes zu vertreten. An Jayden Gesicht konnte ich ablesen, dass er ungefähr dasselbe dachte wie ich auch. Die Entscheidung sich für das Canadian Equestrian Team zu bewerben, war vermutlich eine der wenigen klugen Entscheidung gewesen, die er treffen konnte. Das Einzige, was man Jace nicht absprechen konnte, war sein Talent. Bevor dieses Gespräch noch in eine Diskussion ausartete, stopfte ich mir lieber meinen Keks in den Mund und stand auf, um noch einmal nach den Ponys zusehen, bevor wir wieder aufbrachen.
      Clay döste mit halb geschlossenen Augen, während Rici und der Schimmel neben ihm an ihrem Heu knabberten, also stand einer Weiterfahrt nichts im Wege.
      Am Abend hatten wir endlich das wirklich riesige Gelände des Thunderbirdshow Parks erreicht. Die Ponys luden wir aus und während Jayden den Transporter parkte, führten wir sie ein wenig auf dem Gelände umher, nach der langen Fahrt freuten sie sich über die Bewegung. Als Jayden zu und zurückkehrte, brachten wir die Pferde in das Stallzelt und machten uns auf den Weg zum Hotel.

      Mittwoch, Tag 2
      Den ganzen Morgen quatschte Hazel mich nun schon zu, als hätte sie Quasselwasser getrunken. Ich weiß gar nicht so genau, was mit ihr los war, immerhin war das nicht ihr erstes Turnier. Während Hazel begann den braunen Hengst, mit dem sie heute reiten würde, zu putzen und einzuflechten, schnappte ich mir Caruso. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, wo noch nicht los war und ein kurzes Training vor dem großen Tag machen. Außerdem brachte das ein hervorragender Grund, um Hazel Gequassel zu entfliehen. Schnell putzte ich den Porzellanschecken und macht mich auf den Weg zum Abreiteplatz. Ein kalter Wind wehte draußen, zerzauste die kurze Mähne meines Ponys und ließ braune Blätter durch die Luft wirbeln. Um mich besser gegen die Kälte zu schützen, zog ich den Reißverschluss der blauen Hofjacke höher.
      Aufgeregt wieherte mein Ponyhengst und tippelte neben mir her. Das kalte Wetter, die lange Fahrt gestern, der Hengst hatte Bewegungsdrang. Hinzu kam auch noch die Nervosität durch die fremde Umgebung.
      Zu meinem Erstaunen war ich nicht die Erste auf dem Platz. Ein junger Mann auf einem Rappen mit einem niedlichen Abzeichen auf der Nase drehte dort im Schritt seine Runden. Weich setzte das Pferd seine Hufe in den hellen Sand, jede Bewegung der trainierten Muskeln konnte man unter dem samtigen Fell erkennen. Der Rappe wirkte so perfekt, als wäre er gerade der Werkstatt eines Bildhauers entsprungen. Plötzlich blieb das mächtige Pferd stehen, direkt vor mir.
      “Stehst du mit deinem Pony immer am Zaun herum?”, fragte eine angenehme honigwarme Stimme. Ich sah in das Gesicht eines jungen Mannes, der seinem Pferd optisch keineswegs nachstand. Ein verschmitztes Grinsen lag auf seinen Lippen.
      “Ähm, nein”, Hitze stieg in meine Wangen, ”eigentlich wollte ich reiten.” Was war nur los mit mir? Wie ein kleines Schulmädchen stammelte ich vor mich hin, peinlich.
      “Na dann solltest du vielleicht aufsteigen”, lachte der Schwarzhaarige, “Ich bin übrigens Raphael.”
      “Ich bin Quinn”, stellte ich mich eilig vor. Immerhin wusste ich noch meinen Namen, wenn ich schon kurzfristig vergessen hatte, was ich hier eigentlich wollte. Ich führte Caruso an dem Rappen vorbei in die Mitte des Platzes. Der junge Mann folgte mir und ritt in großen Volten um mich herum, den Blick seiner hellen Augen immer auf mich gerichtet. Irgendwie ließ mich seine Gegenwart ganz nervös werden und ich musste mich darauf konzentrieren, was ich tat.
      “Ich habe dich hier noch nie gesehen, du bist zum ersten Mal hier, oder?”, fragte er interessiert. Ich nickte nur, zog Carusos Sattelgurt enger, schwang mich in den Sattel des Schecken und legte mir die Abschwitzdecke um die Beine.
      “Du darfst ruhig mit mir sprechen, ich beiße nicht und Poseidon auch nicht”, scherzte er und lachte leise. Poseidon, ein passender Name für so ein gottgleiches Pferd. Ich treib meinen Schimmel in den Schritt. Der Rappe blieb beständig neben mir, während sein Reiter die Befragung fortsetzte: “In welcher Klasse trittst du mit deinem Pony an?”
      “Ich reite morgen die Working Hunter Class mit Caruso, eine kleine Premiere so zusagen”, antworte ich begleitet von einem nervösen Lächeln.
      “Eine Premiere? Für dich oder dein Pony?”, fragte Raphael seltsam interessiert nach. Flirtete er und war er einfach nur nett?
      “Für uns beide, bisher haben wir nur an Zeitspringen teilgenommen”, lächelte ich schüchtern und strich Caruso durch die Mähne. Raphaels Pferd schnaubte und schüttelte gelangweilt den Kopf, in der Mähne waren noch leichte Löckchen zu sehen, wie als sei sie vor Kurzem noch eingeflochten gewesen.
      “Da möchtest du ja hoch hinaus mit deinem Pony”, sagte er anerkennend, “Mit meiner Jungstute gehe ich auch eine Hunterclass. Aber der Große hier soll am Sonntag um die Qualifikation für den World Cup kämpfen.” Liebevoll klopfte er seinem Pferd den Hals. “Wow”, staunte ich, “dann musst du ja ziemlich gut sein.” Erst jetzt fiel mir das Logo des Canadian Equestrian Team auf, welches auf der Brust seiner grauen Softshelljacke aufgestickt war. Auf seinem Oberarm sowie auf der Schabracke seines Pferdes war die Landesflagge abgebildet.
      “Ach, was die meiste Arbeit macht doch Poseidon”, antworte er bescheiden, „Ist das eigentlich dein Pony?“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf Caruso und hielt kurz ab, um die rote Fleecedecke vom Hinterteil seines Rappen zu entfernen.
      „Nein, Caruso gehört meiner Chefin. Ich habe kein eigenes Pferd“, antwortete ich lächelnd. Ungeduldig schlug Caruso mit dem Kopf, ein eindeutiges Zeichen, dass es nun Zeit war richtig zu reiten. Raphael hatte seinen Hengst angetrabt und begann ihn, zu gymnastizieren. Ich legte auch Caruso Decke auf den Zaun. Kaum hatte ich ihn angetrabt, machte er einen kleinen Bocksprung, den ich aber problemlos aussaß. Nach mehreren Handwechseln, Bahnfiguren und ein paar Traversalen, die ich einbaute, um den Gehorsam meiner kleinen Rakete abzufragen, bevor ich mit ihm die Übungshindernisse ansteuerte. Freudig stellte der Hengst die Ohren auf, als er das niedrige Kreuz erspähte und legte an Tempo zu. Ich nahm das übermütige Pony nicht genug zurück, sodass er sich ein wenig übersprang. Als ich den Sprung wiederholte, nahm ich den Schecken etwas mehr zurück und uns diesmal ein sauberer Sprung gelang. Immer wieder sah ich zu Raphael und staunte darüber, wie er mit seinem Hengst geradezu über die Hindernisse hinweg zu schweben schien, was sich allerdings als nicht so klug herausstellte. Caruso galoppiert geradewegs auf das Hindernis zu, zu spät erkannte ich, dass die Distanz nie im Leben passen würde. Scheppernd fielen die Stangen zu Boden als das Pony mitten in dem Oxer landete. Nur knapp konnte ich mich auf dem Schimmel halten. Raphael kam zu uns getrabt und hielt sein Pferd neben und an.
      “Alles okay bei euch beiden?”, fragte er fürsorglich und sah zu mir herunter. Unwillkürlich trat Hitze auf mein Gesicht.
      “Ja, alles okay”, murmelte ich beschämt. Es war ziemlich peinlich vor Raphaels Augen im Hindernis zu landen, vor allem noch aus einem so dämlichen Grund. Im Schritt treib ich Caruso aus dem Stangensalat hinaus und stieg ab, um den Oxer wieder aufzubauen.
      “Könntest du mein Pony vielleicht kurzhalten, während ich das da wieder aufbaue?”, fragte ich den Mann auf dem großen Hengst. Mit Caruso im Schlepptau konnte ich das nämlich vergessen. Warum auch immer hielt er es für ziemlich spaßig, die Stange so lange anzuschubsen, bis sie herunterfielen.
      “Wie könnte ich dir nur einen Gefallen ausschlagen”, schmunzelte der Reiter,” natürlich kann ich dein Pony halten.” Lächelnd reichte ich Raphael die Zügel hinauf. Während ich die Stangen wieder auf die Ständer legte, belästigte der kleine freche Schecke Poseidon, indem er versuchte an seiner Mähne zu knabbern und zu ziehen. Wenig begeistert drehte der Rappe die Ohren nach hinten, fast als wolle er sagen: Kann jemand dieses nervige Kind von mir entfernen. Kurz darauf erfüllte ich des Pferdes unausgesprochen Wunsch und nahm das Pony wieder an mich. Die restliche Trainingseinheit verlief ohne weitere Unfälle, weil ich mich dazu zwang mich auf meinen Hengst zu konzentrieren.
      Der Wind war mittlerweile kräftiger geworden, weshalb ich mir die Abschwitzdecke fest um die Beine gelegt hatte. In einem gemütlichen Tempo schritt der große Rappe neben mir her.
      “Wer ist denn der Typ da am Zaun? Ist das dein Freund oder warum grinst der so?”, erkundigte Raphael. Ich folgte seinem Blick. Am Zaun stand Jayden und grinste breit, vermutlich hatte er inzwischen auch genug von Hazel Gequassel.
      “Nein, das ist Jayden, mein Arbeitskollege. Der macht sich sicher mal wieder über irgendwen lustig”, lachte ich. Die Vorstellung allein fand ich ziemlich erheiternd, denn mein Kollege war jetzt nicht gerade da, was ich als meinen Typen beziehen würde.
      “Aber so ein hübsches Mädchen wie du hast doch sicher einen Freund?”, ging Raphael nun in die Offensive. Wow, das war eine ziemliche direkte Frage, aber er schmeichelte mir.
      “Danke für das Kompliment, aber nein, ich habe derzeit keinen Freund”, antwortete ich wahrheitsgemäß. Aktuell konzentrierte ich mich auch lieber auf mein Studium und auf die Arbeit, als dass ich mir groß Gedanken über so was machte. Einen Moment ritten wir noch nebeneinanderher, unterhielt uns, bevor Raphael einen Blick auf die Uhr warf.
      “Ich würde noch gerne länger mit dir quatschen, aber ich muss los Héritage vorbereiten. Sieht man sich später noch mal?”, setzte Raphael zum Abschied an.
      “Ja, gerne, ich werde noch den ganzen Tag hier sein. Viel Glück mit deiner Stute”, erwiderte ich, bevor er mit dem langbeinigen Rappen vom Platz schritt.
      “Na, der Kerl wäre doch was für dich Quinn”, zog Jayden mich direkt auf, als ich neben ihm her zurück zu Stallzelt ritt. “Wo hast du denn den aufgegabelt?”
      “Ich habe ihn nicht aufgegabelt, er war zufällig auf dem Platz, der gehört mir ja nicht allein”, erwiderte ich empört. Immer musste Jayden jeden aufziehen, ganz besonders dann, wenn vielleicht ernsthaftes Interesse an irgendwem im Spiel sein könnte.
      “Wen hast du angeblich nicht aufgegabelt?”, frage nun auch Hazel neugierig, die mit Rici auf der Stallgasse stand. Ich ignorierte ihren Kommentar, führte Caruso in seine Box und begann seine Trense zu öffnen.
      “Unsere Quinn hat so einen Schnösel auf dem Platz getroffen”, erzählte Jayden grinsend.
      Genervt trat ich aus der Box und verstaute das Sattelzeug in dem mobilen Sattelschrank. “Ersten ist Raphael kein Schnösel”, erklärte ich ungehalten, “und zweitens bist du doch nur neidisch, weil er besser reitet als du.” Jayden lachte nur amüsiert: “Ach ich bin doch nicht eifersüchtig, ohne mich würde das Pferd gar nicht so toll springen”, sagte mein Kollege überheblich. Noch bevor ich mir Gedanken über seine Worte machen konnte, erblickte ich Rici, was mich ein wenig aus dem Konzept brachte. Das dunkle Fell des Windfarbenen glänzte bereits und Hazel war gerade dabei, seine Mähne einzuflechten. Allerdings sah das, was sie dort tat, ziemlich grausam aus, viel zu dick waren die Knödel am Hals des Hengstes.
      “Meine Güte Hazel, hast du vergessen, wie man eine Mähe einflechtet? Das ist doch nicht dein erstes Turnier?”, fragte ich entsetzt. So konnte ich sie nicht in den Parcours lassen, sie würde ja den ganzen Hof blamieren. Die klassischen Hunter Zöpfchen würden bei dem Pony ohnehin nicht hinhauen, aber zumindest ordentliche Dressurzöpfe sollten machbar sein.
      “Das ist gar nicht so einfach mit so viel Mähne”, beschwerte sie sich und ließ die Strähne los, die sie gerade flocht. Ich trat neben sie, löste die bereits vorhandenen Zöpfe wieder.
      “Eingeteilt hast du die Strähnen schon richtig, aber bei einer so langen dicken Mähne wie Rici sie hat, würde ich dir empfehlen, anders vorzugehen als sonst”, begann ich zu erklären. Ich flocht nur etwa 10 cm der Strähne, verschloss sie dann mit einem Gummi, bevor ich diese mithilfe einer großen Häkelnadel einmal nahe dem Mähnenkamm durch die Mähne führte. Auf diese Weise entstand ein hübscher kleiner Zopf, den man nur noch mittels eines Mähnengummis befestigen musste. Das, was von dem Zopf nun ungeflochten auf der anderen Seite wieder herauskam, nahm ich und flocht es in den nächsten Zopf mit ein.
      “Hast du das verstanden oder soll ich es noch einmal zeigen?”, fragte ich Hazel, als ich die ersten drei Zöpfe gemacht hatte. Sie nickte und setzte ihre Tätigkeit unter meiner Aufsicht fort. Nach knapp 20 Minuten konnte sich das Pony wirklich sehen lassen. Das wurde auch Zeit, denn Hazel musste allmählich mal ihren Parcours abgehen.

      Knapp eine Stunde später saß Quinn zusammen mit Jayden im Publikum und beobachten den Wettbewerb. Obwohl der Parcours nicht sonderlich schwierig war, ging eine erstaunliche Anzahl der Teilnehmer mit schlechten Punktzahlen raus.

      “Als nächste Starterin mit der Nummer zweihundertvierzehn, Hazel O’Connor auf Abe’s Aelfric, tritt an für das Whitehorse Creek Stud”, kündigte der Kommentator Hazel an, während der Starter vor ihr die Bahn verließ. In einem entspannten Trab kam Hazel mit dem braunen Hengst auf den Sandplatz getrabt. Obwohl es das erste Turnier für das kleine Pony war, war er erstaunlich gelassen. Als die Glocke ertönte, galoppiert Hazel ihn in einem ruhigen Tempo an und steuerte das erste Hindernis an. Mit aufmerksam gespitzten Ohren machte Rici einen letzten Galoppsprung und setzte über das Hindernis. Auch die darauffolgende Kombination meisterten die beiden hervorragend. Nach dem nächsten Sprung wurde Rici ein wenig schnell, aber dank seiner geringen Größe schafften sie noch eine saubere Linienführung. Am Ende der Runde ging Hazel mit guten 88 % vom Platz und rückte somit auf den ersten Platz der bisherigen Rangliste. Wenn die weiteren Starter sich weiterhin so dämlich anstellten, würde sich daran auch nicht mehr viel ändern. Freudestrahlend ritt Hazel vom Platz, wo wir ihr entgegenliefen.
      “Ihr zwei habt das super gemacht”, lobte ich die junge Reiterin, die ihrem Pony glücklich den Hals tätschelte. Rici wirkte als könne er den Parcours direkt noch einmal machen. Auch Jayden gratulierte Hazel zu dem guten Ritt. Nervös warf ich einen Blick auf mein Handy. In 10 Minuten würde Raphael mit seiner Stute in der großen Hunter Arena starten und das wollte ich mir unbedingt ansehen, gespannt darauf, ob Héritage genauso über die Sprünge flog wie der große Rappe.
      “Warum so aufgeregt Quinnzey, hast du noch was vor?”, fragte Hazel lachend, die mein Verhalten offenbar bemerkt hatte. Noch bevor ich etwas sagen konnte, übernahm Jayden die Antwort: “Sie möchte doch sicher zu ihrem engelsgleichen Verehren und seinem göttlichen Pferd.” Er unterstrich seine Aussagen mit theatralischen Gesten.
      “Er ist nicht mein Verehrer”, genervt verdreht ich die Augen, “Außerdem möchte ich seine Stute sehen, nicht Poseidon. Ihr zwei scheint das auch super allein zu schaffen, also bis später.”
      “Ja, ja, das Pferd ist klar”, hörte ich Jayden noch lachen, bevor ich mich unter die Menschen mischte. Obwohl auf diversen Plätzen Prüfungen liefen, waren noch ziemlich viele Zuschauer unterwegs, holten sich etwas zum Essen, liefen zu einem der Plätze oder stöberten an den zahlreichen Ständen nach etwas Interessantem. Zu gerne hätte ich mich auch umgesehen, doch wollte ich Raphaels Auftritt nicht verpassen. Er ritt gerade auf einem hübschen braunen Pferd in die Arena, als ich dort ankam. Mit einem Grinsen nickte er mir zu, als er mich entdeckte, bevor er sich ganz auf seinen Wettbewerb fokussierte. Eine Gruppe Mädchen, etwas entfernt, warfen mir seltsame Blicke zu und begannen zu tuschen. Natürlich blieb auch Raphael nicht von den komischen Groupies verschont, die ich bereits von Jace, Alec und sogar von Jayden kannte. Junge männliche Wesen, die auch noch halbwegs erfolgreich waren, sind in der Reiterszene schließlich nicht gerade weitverbreitet.
      Die Stute, auf der Raphael nun saß, war um einiges zierlicher als der Rappe von heute Morgen. Ihr Fell hatte in der schwachen Herbstsonne, die Farbe der herbstlichen Blätter, die durch die Luft wirbelten. Der schmale Kopf der Stute wurde geziert von einer großen weißen Blesse und jedes der vier Beine, die in einem gleichmäßigen Drei Takt auf dem Boden aufsetzen, hatte einen anderen Weißanteil.
      Wie gebannt starrte ich auf den Reiter und sein Pferd. Eins, zwei, drei, schon segelten die beiden mit einer perfekten Distanz über das Hindernis. Mit Leichtigkeit hätte die Stute auch noch ein höheres Hindernis geschafft, denn zwischen den Hufen des Pferdes und den Stangen war noch einiges an Luft. Raphael lenkte seine Stute in eine perfekte Kurve, setzte über das erste Hindernis hinweg, schienen eigentlich ein wenig zu schnell für die Kombination, doch gekonnt verkürzte er die Galoppsprünge und kam gerade noch so passen an das Kreuz. Ich verfolgte jede Bewegung der Stute, bis Héritage auch kraftvoll über das letzte Hindernis hinwegsetzte. Mit einem Score von 89 % setzte sich Raphael Craig mit Héritage du Coeur an die Spitze der Rangliste, wie ich der großen Leuchttafel am Rand der Arena entnehmen konnte. Im Schritt kam er vom Sandplatz und hielt sein Pferd neben mir an.
      “Schön dich wiederzusehen, Quinn”, lächelte der Reiter freundlich. Mein Name hörte sich ein wenig anders an aus seinem Mund, sprach er das Q ein wenig weicher aus als die meisten. Seine Stute streckte mir neugierig ihre Schnauze entgegen. Sanft strich ich ihr über die helle Stirn, von der mir ein mit weißen und roten Steinchen besetzter Stirnriemen entgegenfunkelte. Die freundlich gespitzten Ohren verschwanden unter einem schwarzen Fliegenmützchen auf, das das rote Ahornblatt aufgestickt war.
      “Deine Stute ist ja genauso eindrucksvoll wie Poseidon”, sagte ich immer noch beeindruckt von seinem Ritt. Aus dem Augenwinkel nahm ich wie die Mädelsgruppe tuschelnd die Köpfe zusammensteckte. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, worüber sie sprachen.
      “Ach, das war noch gar nichts, die Kleine kann noch viel mehr, aber auf den Turnieren wollen wir erst einmal langsam starten”, erklärte Raphael. “Kommst du mit zum Abreiteplatz? Die Siegerehrung ist erst in 10 Minuten.” Als seine Stute sich in Bewegung setzte, folgte ich ihm.

      10 Minuten später, stand ich wieder am Rand der großen Arena und verfolgte die Siegerehrung. Ich fühlte mich beinahe so aufgeregt, als würde ich selbst auf meine Ergebnisse warten. Als die Teilnehmer begleitet von ehrender Musik einritten, nickte mir der dunkelhaarige mit einem umwerfenden Lächeln auf den Lippen zu, was ein undefiniertes warmes Gefühl in mir hinauf beschwor.
      Den dritten Platz belegte ein junges Mädchen mit einem dunklen Schecken, auf dem zweiten Platz war ein hochnäsig aussehender Junge, etwas in Hazels Alter, mit ein langbeinigen Roan. Und wie nicht anders zu erwarten, belegte Raphael mit seiner Stute den ersten Platz. Nervös tänzelte der Schecke auf der Stelle und als die Richter mit der Schleife kamen, wich er mit weit aufgerissenen Augen rückwärts. Nur mit Mühe und der Hilfe ihres Trainers brachte das junge Mädchen das Tier zum Stehen.
      In der Ehrenrunde zeigte seine Stute dann auch, dass sie ein wenig anders konnte, als in gemäßigtes Tempo durch einen Parcours zu springen. Gleich an der ersten langen Seite machte sie einen ordentlichen Bocksprung, wohl mehr aus Bewegungsfreude heraus, und zog das Tempo anschließend ordentlich an. Die Überschwänglichkeit der jungen Stute ging auch auf den Roan über, welcher plötzlich den Kopf hochriss und lossprintete. Der Reiter des Pferdes geriet durch einen plötzlichen Start ein wenig in Not, rutsche fast aus dem Sattel und hing dem armen Pferd ganz schön im Maul. Dieser Reiter gehörte offensichtlich zu denen, die ihrem Erfolg allein der guten Ausbildung ihres Pferdes zu verdanken hatten.
      Raphael machte ein deutlich eleganteres Bild auf der braunen Stute. Recht entspannt, mit einem ganz leicht anstehenden Zügeln, thronte er auf Héritage und ließ sie einfach machen. Nachdem die Pferde den Reitplatz bereits zum zweiten Mal umrundet hatten, zügelte der junge Mann an der Téte sein Pferd und schritt aus der Arena. Augenblicklich verließ ich meinem Platz am Rand und heftete mich an seine Seite. Mit einem zügigen Schritt lief sie voran, als könne sie es kaum erwarten in ihre Box zu kommen.
      „Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg“, gratulierte ich ihm herzlich. Raphael hatte die Zügel seine Pferde losgelassen, um sich den Helm vom Kopf zu nehmen. Lässig fuhr er sich mit einer Hand durch die fluffigen, dunkeln Haare.
      „Danke“, entgegnete er höflich und klopfte der braunen Stute den Hals. Vor dem Stallzelt hielt er sie an und schwang sich elegant von ihrem Rücken herunter. Immer noch ein wenig aufgeputscht von der Siegerehrung machte sie ein paar Schritte seitwärts, während ihr Reiter das Martingal abzuschnallen versuchte. Beruhigend redete er auf das Pferd ein, strich ihr sanft über das geschorene Fell und wartete, bis sie wieder stillstand, bevor er sein Vorhaben fortsetze. Die nun deutlich ruhigere Stute führte er in das große Zelt hinein. Hier drinnen war es zwar genauso kalt wie draußen, aber immerhin windstill, was es deutlich angenehmer machte. Nur wenig Köpfe sahen aus dem Boxen, waren die meisten Pferde vermutlich noch in den Prüfungen unterwegs.
      Raphael führte die Stute in eine Box, vor der ein großer dunkelroter Boxenvorhang aus schwerem Steppstoff hing, bestickt mit seinem Namen und dem seiner Stute. Daran hing einen edel aussehende Deckenleiter, an der eine Decke aus demselben Stoff hing, ebenfalls bestickt. Vor dem Vorhang stand noch ein kleiner, kompakter Schrank mit Rollen daran. Schon allein der Aufmachung der Box sah man an das Raphael in einer ganz anderen Liga unterwegs war als wir. Wobei? Ob Jace vielleicht ebenso professionell auf Turniere ging.
      „Darf man dich gleich vielleicht noch auf ein Mittagessen einladen?“, fragte Raphael und riss mich damit aus dem Staunen. Freundlich lächelte er mich über den Rücken seines Pferdes hinweg an. Mittagessen? Mit mir? Unwillkürlich spürte ich wieder diese Wärme in mir.
      „Ja, gerne“, entgegnete ich freudestrahlend.

      Donnerstag, Tag 3
      „Du warst ja gestern ziemlich spät erst im Hotel. Warst du noch mit deinem Angebeteten unterwegs?“, fragte sie mit einem verschmitzten Grinsen.
      „Raphael ist nicht mein Angebeteter“, genervt verdrehte ich die Augen und schnappte mir Carusos Putzkoffer aus dem Hänger. Bereits gestern Abend hatte Hazel versucht herauszufinden, wo ich den gesamten Nachmittag verbracht hatte, doch ich hatte meine Aussage strikt verweigert.
      „Was höre ich hier gerade, du warst erst spät zurück?“, fragte nun auch Jayden neugierig, der mit zwei Pappbechern Kaffee zurückkam und mir einen davon in die freie Hand drückte.
      „Danke“, entgegnete ich, „aber gar nichts hörst du hier. Ich habe mich gestern Abend lediglich mit Raphael und einem seiner Teamkollegen festgequatscht. Übrigens, der Transporter, den die dabeihaben, ist schon ziemlich cool“
      „Mit Raphael und einem Kollegen also, in ihrem Transporter“, wiederholte Jayden mit einem dreckigen Grinsen auf dem Gesicht. Was der Kerl sich schon wieder vorstelle, wollte ich lieber gar nicht erst wissen.
      „Und wo warst du den restlichen Nachmittag?“, fragte Hazel weiter. Warum hatte ich es noch mal für eine gute Idee gehalten, Luchy vorzuschlagen auf sie für dieses Turnier zu melden? Ich wusste es nicht, denn bisher war sie mir nur auf die Nerven gegangen.
      „Ich war auf dem Gelände hier unterwegs, mit Raphael, aber da läuft nichts, ich finde ihn einfach nur … nett“, versuchte ich meinen Standpunkt klarzumachen. Doch ich spürte, dass das nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Der Name dieses einzigartigen Mannes fühlte sich wunderbar zart auf meiner Zunge an, wenn ich ihn aussprach. Ich stellte die Putzbox und den Kaffee auf den Boden vor Carusos Box und griff nach seinem Halfter.
      „Ja klar, einfach nur nett“, nickte Jayden und bemühte sich nicht einmal seinen Sarkasmus bei dieser Aussage zu verstecken. Augenrollend legte ich meinem Pony das Halfter an. Gerade als ich den Schecken hinausführen wollte, kam natürlich Jordan vorbei, der besagte Teamkollege, der mit Raphael zusammen hier war.
      „Guten Morgen, Quinn“, begrüßte er mich freundlich, „war echt nett gestern mit dir. Wenn du Lust hast, kannst du heute gerne wieder vorbeikommen und deine Freunde da darfst du auch gerne mitbringen.“ Auch, wenn Jayden hinter meinem Rücken stand, konnte ich mir seinen dämlichen Blick nur zu gut vorstellen.
      „Guten Morgen. Danke für die Einladung“, bedankte ich mich freundlich bei dem aschblonden Jungen. Neugierig streckte Caruso seine Nase nach ihm aus.
      „Ist das, dass Pony, von dem du gestern erzähltest?“, erkundigte er sich freundlich und strich im über das helle Fell.
      „Ja genau, das ist Caruso. Mit ihm werde ich heute reiten“, bestätigte ich seine Aussage.
      „Na dann, viel Glück“, sagte er noch bevor er die Stallgasse herunter verschwand, vermutlich um sich um sein eigenes Pferd zu kümmern. Hinter mir brach Hazel, aus mir unerfindlichen Gründen, in wildes Gekicher aus.
      Ich warf ihr nur einen bösen Blick zu, als ich Caruso auf die Stallgasse stellte und anband. Glücklicherweise reichte das aus, damit Hazel zu ihrem eigenen Pferd verschwand. Jayden lehnte grinsend an der Boxenfront und scrollte auf seinem Handy herum.
      Ein wenig gestresst, weil sie meine Startzeit auf einmal nach vorne geschoben hatten, packte ich schnell die Putzkiste zusammen und lief zum Hänger, um Carusos Sattelzeug zu holen. Doch in meiner Hektik achte ich nicht genau darauf, wohin ich lief, und rannte geradewegs in jemanden hinein, jemanden mit einer ziemlich muskulösen Brust unter der grauen Jacke.
      „Langsam Quinn“, lachte eine warme, mir wohlbekannte Stimme und nahm kräftige Hände an meinen Unterarmen wahr. Die Haut unter meinem Pulli begann unwillkürlich zu kribbeln.
      „Entschuldigung“, stammelte ich und spürte wie mir das Blut in die Wangen schoss. Ich stand nah an ihm, ziemlich nah. So nahe, dass mir der herbe Geruch seines Aftershaves in die Nase stieg und auch ein Hauch seines Shampoos war wahrnehmbar.
      „Alles gut. Es ist ja nichts passiert“, lächelte Raphael und blickte mir sanft in die Augen. Seine grünen Augen waren aus der Nähe betrachtet noch viel hübscher und strahlten so viel Sanftmut aus. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor ich mich in ihnen, bis ich Schritte wahrnahm, die sich näherten.
      „Ich muss weiter, bin schon spät dran“, erklärte ich hastig und entzog mich seiner Berührung. Er brachte meine Gedanken ganz durcheinander, bis ich auf Pferd stieg, musste ich definitiv vermeiden ihm noch einmal so nah zu kommen. Hastig lief ich hinaus zum Hänger. Der Nebel, der schon den ganzen Morgen über dem Gelände hing, hatte sich mittlerweile in einen leichten, aber beständigen Regen verwandelt. Na toll, das fehlte mir noch – ein nasser, rutschiger Reitplatz.
      “Soll ich dir vielleicht helfen?”, fragte Raphael, der mir gefolgt war.
      “Oh ja, das wäre echt lieb von dir. Könntest du vielleicht schon mal mit dem Satteln anfangen?”, bat ich ihn. Er nickte und ich zeigte ihm noch den richtigen Sattel sowie Martingal und Trense, bevor ich mir mein eigenes Outfit schnappe und im Transporter verschwand.
      Als ich kurz später umgezogen in die Stallgasse kam, verschloss Raphael gerade die letzten Riemen der Trense.
      “Vielen Dank, du rettest mich damit wirklich”, bedankte ich mich und nahm Caruso entgegen. Ein wenig aufgeregt tippelte der helle Schecke neben mir her zum Abreiteplatz. Auf dem Platz tummelten bereits einige Teilnehmer. Ein junges Mädchen mit einem nervösen Fuchs brachte alle ein wenig in Aufruhr. Immer wieder verweigerte das Pferd, tänzelte nervös umher oder galoppierte haarscharf an jemandem vorbei. Ich würde mich wohl idealerweise so weit wie möglich von diesem Pferd fernhalten und gleichzeitig hoffte ich, dass der kleine Schimmel sich nicht von der Nervosität anstecken ließ. Raphael, der mich freundlicherweise begleitet hatte, half mir auf mein Pony und augenblicklich begann ich mit dem Aufwärmen. Caruso war heute ziemlich aufgeregt, schritt eilig voran und zog ein wenig gegen meine Hand an, während ich zurückhielt. Die Abschwitzdecke war bereits nach einigen Minuten völlig durchnässt, sodass ich sie meiner Begleitung reichte. Im Schritt konnte ich dem Mädchen mit ihrem Fuchs noch gut ausweichen, doch als ich den kleinen Hengst gerade antrabte, kam sie uns gefährlich nahe. Der Fuchs quietschte laut auf und versuchte nach Caruso zu schnappen, der sich mit einem Satz nach vorn gerade noch so vor den Zähnen des anderen Pferdes retten konnte. Allerdings sorgte diese Begegnung auch dafür, dass das Pony seinen Kopf hochriss und Tempo noch mehr anzog.
      “Quinn, lass deinem Pony ein wenig mehr Zügel, dann rennt er auch nicht so”, rief mir der junge Mann oder den Platz hinweg zu. Kaum leistete ich seiner Anweisung Folge, nahm der Schecke seinen Kopf herunter. Zum Glück verließ die Reiterin mit dem Fuchs den Platz bald, sodass ich nicht auch noch beim Probespringen mit ihr zu kämpfen hatte. Wie immer wurde Caruso am Sprung ein wenig übermütig und ich hatte ein wenig Mühe ihn zu bremsen, wodurch die Distanz ein wenig knapp wurde. Dem Pony war ganz und gar anzumerken, dass er normalerweise Zeitspringen kannte, in denen man schon mal das Risiko einer knappen Distanz einging, wenn es einen zeitlichen Vorteil bringen sollte. Aus dem Augenwinkel sah ich wie Hazel mit Clay auf den Platz kam, vermutlich hatte sich auch Jayden dabei, der sich am Rand platzierte.
      Raphael rief mir noch ein paar letzte Tipps zu, bis ich dann auch schon aufgerufen wurde an den Start zu gehen. Schnell drückte ich ihm noch meine Regenjacke in die Hand und ritt mit dem Schimmelhengst zum Eingang des Platzes. Der Regen war inzwischen stärker geworden, weshalb das Wasser mittlerweile Pfützen auf dem Platz bildete. Zum Glück war Caruso kein wasserscheues Pferd, ansonsten könnten die kleinen Seen wirklich zu einer Herausforderung werden. Zum Glück war der Parcours nicht sonderlich schwer, somit konnte ich mich ganz und gar auf mein Pferd konzentrieren.
      “Viel Glück, dir und deinem Pony da draußen. Denk dran, hier geht es nicht um Geschwindigkeit, also achten auf deinen Takt”, riet Raphael mir und lächelte mir aufmunternd zu.
      Ein wenig aufgeregt trabte ich auf dem großen Platz und ritt, wie in den Hunter Prüfungen verlangt, einen großen Zirkel, bevor ich den Porzellanschecken angaloppierte und auf das erste Hindernis zu lenken. Wie auch eben auf dem Abreiteplatz wollte er an Tempo zulegen, doch ich setzte mich tief hin und bemühte mich ein gleichmäßiges Tempo zu halten. Mit einem perfekten Sprung setzte er darüber hinweg. In einer engen Kurve lenkte ich den kleinen Hengst nach rechts auf das nächste Hindernis zu. Am Wendepunkt rutschte er kurz mit einem Huf weg, fing sich aber recht schnell wieder und galoppierte gleichmäßig weiter. Ein Galoppsprung, zwei, drei und schon hatte das Pony auch über dieses Hindernis hinweggesetzt. Ungebändigt flog mir der Regen ins Gesicht und durchnässte das Pony und mich vollkommen, immerhin war der Sand nicht ganz so rutschig, wie ich gedacht hatte.
      Beim vorletzten Hindernis musste ich ganz auf den Mut des Hengstes vertrauen, denn direkt dahinter erstreckte sich eine große Pfütze. Ich hoffte zwar, dass er springen würde, macht mich aber innerlich schon auf eine Verweigerung gefasst. Mit gespitzten Ohren galoppierte Caruso auf das niedrige Rick zu. Noch ein Galoppsprung, dann spannte sich der Körper unter dem Sattel an, setzte zum Sprung an.
      Seine Hufe drangen durch die Wasseroberfläche und das trübe Wasser spritze überallhin, durchnässte mein Jackett endgültig uns sprenkelte uns beide von Kopf bis Fuß. Jetzt trennte und nur noch ein letzter Oxer vom Ziel. Auch diesen überwand Caruso mit Leichtigkeit. Strahlend, dass der kleine Hengst und ich den Parcours so gut gemeistert hatten, ritt ich noch eine große Volte bevor ich ihn durch parierte.
      Stolz klopfte ich dem Pferd den Hals als ich vom Platz ritt. Wie die Bewertung aussehen würde, müsste sich zwar noch zeigen, aber immerhin hatten wir den Parcours fehlerfrei überstanden.
      “Und du bist dir sicher, dass das deine erste Hunter Class war?”, empfing mich Raphael lächelnd, “Ihr zwei saht super aus.” Er reichte mir meine Jacke, die ich dankbar entgegennahm, bevor er die durchnässte Decke über mein Pony legte.
      “Danke, aber ja war es wirklich”, lächelte ich fröhlich. So ein Lob von einem Reiter seines Erfahrungsstandes fühlte sich noch viel besser an, als es Lob ohnehin schon tat.
      Meine Mühen wurden letztlich mit einem bronzenen Schleifchen belohnt, das nur knapp am zweiten Platz vorbei war.
      “Hast du auch noch eine trockene Decke für dein Pony?” Mit einem Kopfnicken deutete Raphael auf die tropfnasse Decke, die noch auf dem Po des Hengstes lag.
      “Oh Mann, jetzt weiß ich, was ich vergessen habe”, fluchte ich und schlug mir die Hand vor die Stirn. Tatsächlich war ich auf alles vorbereitet gewesen, hatte eine Ersatz-Schabracke eingepackt, ein anderes Gebiss, Fliegenohren, alles Mögliche, nur an eine weiter Abschwitzdecke hatte ich nicht gedacht. Von Hazel konnte ich leider auch keine ausleihen, dass die Decke von Rici zu klein für Caruso war.
      “Nicht schlimm, ich habe noch eine Decke dabei, die Héritage ein wenig knapp ist, das könnte halbwegs auf dein Pony passen”, lächelte er und lief die Stallgasse hinunter zu der Box seiner Stute. Zurück kam er mit einer edel aussehenden grauen Decke.
      “Ein wenig groß, aber wird schon gehen, bis dein Pony trocken ist”, sagte er, nachdem er die Decke auf dem Schecken platziert hatte. Fasziniert strich ich über den Stoff, er fühlte sich an und sah aus wie Wolle, war aber nicht ganz so schwer. Der obere Teil setzte sich in einem dunkleren Grau ab und der Widerrist war mit künstlichem Schaffell gepolstert. An der Brust setzten sich die Verschlüsse edel mit Leder ab, auf das ein Logo geprägt war.
      “Wow, Royal Equest”, staunte ich und fuhr die Einfassung der Decke entlang.
      “Ja, ist einer meiner Sponsoren”, sagte der junge Mann beiläufig, als sei es etwas ganz Alltägliches. Wieder einmal wurde mir klar, dass er in einer ganz anderen Liga spielte als ich.
      “Einer deiner Sponsoren? Hast du etwa noch mehr? ”, staunte ich und führte Caruso in seine Box. Das Heunetz, welches dort noch hing, was so gut wie leer, also hängte ich es ab.
      “Ja, das meiste Lederzeug und vor allem die Sättel kommen von Prestige”, erklärte er freundlich. Ich steckte dem Ponyhengst noch ein Leckerli zu, strich ihm über den nassen Hals, bevor ich aus der Box heraustrat.
      “Soll ich das Mitnehmen”, fragte er und deutete auf das Heunetz in meiner Hand, “Ich muss die von meinen beiden sowieso noch auffüllen. Dann kannst du dir vielleicht auch mal etwas Trockenes anziehen.” Noch immer trug ich das tropfnasse Jackett und sogar durch meine Stiefel drang die Feuchtigkeit inzwischen hindurch.
      “Ja, das wäre nett. Danke”, antworte ich und reichte ihm das Netz. Der junge Mann verschwand die Stallgasse herunter, hielt noch einmal kurz bei den Boxen seiner Pferde, bevor er nicht mehr zu sehen war. Ich verschwand in die entgegengesetzte Richtung und schlüpfte in den Transporter, wo bereits meine trockene Kleidung auf mich wartete.
      Als ich gerade wieder aus dem Fahrzeug kam, kam mir Jayden mit dem Sattel von Clay entgegen, offenbar war Hazel nun wohl auch fertig mit ihrem Ritt.
      “Wie war dein Ritt?”, erkundete sich mein Kollege, während er den Sattel verstaute.
      “Caruso hat sich hervorragend geschlagen, dafür dass das Wetter heute so bescheiden ist. 3. Platz”, erzählte ich stolz, “Wie lief es bei Hazel?”
      “Leider nicht ganz so gut. Mad Eye ist leider in eines der Hindernisse reingerutscht, das hat ihr die Wertung versaut”, entgegnete er. Zusammen liefen wir zurück in den Stall, wo Hazel mit einem tropfenden Pony auf der Stallgasse stand und den Matsch aus seinen Hufen kratzte. Sie Blicke auf als wir uns näherten.
      “Quinn, warum steht dein Pony mit einer zu großen Decke in der Box?”, fragte sie direkt. Natürlich war ihr das direkt aufgefallen. Hatte sie denn nicht genug mit ihrem eigenen Pony zu tun?
      “Raphael hat mir die geliehen, weil ich mit einem solchen Wetter nicht gerechnet habe.” Ich deutete auf die Abschwitzdecke meines Ponys, die zum Trocken vor seiner Box hing. Darunter hatte sich bereits ein dunkler Fleck auf dem Steinboden gebildet. Noch bevor einer meine Kollegen wieder einen dummen Spruch machen konnte, kam eben erwähnter mit einem gefüllten Heunetz zurück. Mit einem Kopfnicken grüßte er meine Kollegen und betrat die Box, frech begann Caruso schon direkt an dem Heu zu zupfen, bevor Raphael es überhaupt freigab. Konsequent schicke er da Pony zurück, bis er fertig war.
      “Ausgesprochen ungeduldig, dein Pony”, lachte er und strich dem kleinen Hengst über den Hals, “aber niedlich und so klein.” Hazel hatte sich mittlerweile mit Clay in die Box verkrümelt, sodass nur noch Jayden dämlich grinsend auf der Stallgasse stand.
      “Ja, das ist er, wobei ich glaube, dass er sich selbst mindestens für doppelt so groß hält”, lächelte ich. Der dunkelhaarige trat aus der Box heraus und schloss sie hinter sich.
      “Hast du Lust gleich noch mitzukommen? Jordan wollte gleich etwas zu essen organisieren”, bot er mir freundlich an. Ich überlegte nicht lange, denn mir den ganzen restlichen Tag die Bemerkungen und Sticheleien von Jayden und Hazel anhören wollte ich garantiert nicht.
      “Ja, gerne. Ich habe heute eh nichts anderes mehr vor”, stimmte ich zu. Raphael wirke äußerst erfreut über diese Antwort: “Okay super, dann gehen wir gleich rüber, ich muss nur gerade noch die beiden hungrigen Tiere da füttern.” Ich folgte Raphael zu den Boxen seiner Pferde, wo er zwei Futterschüsseln und einen Eimer mit Kraftfutter aus dem kleinen Sattelschrank holte. Er verteilte die Portionen in den Schüsseln, gab noch etwas Mineralfutter und Öl dazu und eine Möhre.
      “Magst du das gerade Poseidon bringen?”, er drückte mir eine der Schüsseln in die Hand und verschwand selbst in die Box seiner Stute, die schon die ganze Zeit neugierig zugesehen hatte.
      Ich ging auf die Box des großen Rappen zu, öffnen langsam die Tür. Mit gespitzten Ohren hob das Pferd den Kopf, blickte mir neugierig aus seinen blauen Augen entgegen.
      “Na, Großer, mich hast du wohl nicht erwartet”, sprach ich zu dem Pferd, welches seine Nase zu mir herunter streckte und mich auszuschnüffeln begann. In der Box konnte ich keinen Trog entdecken, lediglich ein Wassereimer hing an dem Gestänge. Also stellte ich die Schüssel einfach auf den Boden. Der Hengst senkte den Kopf hinunter zu der Schüssel, schnupperte daran und knusperte als Erstes die Möhre weg.
      “Wo kommt ihr eigentlich her?”, erkundigte sich der junge Mann freundlich. Lässig lehnte er am Türrahmen, eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn und ich musste mich zusammenreißen ihn nicht einfach nur anzustarren.
      “Aus Alberta. Der Hof liegt ein wenig entfernt von Cadomin in den Bergen”, erzählte ich.
      “Ah, dann kommt ihr vom Whitehorse Creek Stud”, lächelte er und erstaunte mich damit. Ich hatte nicht erwartet, dass Raphael den Hof kennen würde. Seit dem letzten Jahr, nahm die Bekanntheit zwar zu, aber die Anzahl der nicht verkauften Fohlen sprachen für sich. Interessiert fragte ich nach: “Wow, woher kennst du den Hof?”
      “Ich habe Poseidon bei euch gekauft”, schmunzelte er, “und außerdem, Jace kommt doch auch vom Whitehorse Creek.” Natürlich, Jace ritt ja mit ihm einem Team, da hätte ich auch von selbst draufkommen können. Mit großen Augen starrte ich den stattlichen Rappen an, der die letzten Krümel seines Futters auf schlabberte. Dieses Pferd kam von unserem Hof? Kaum zu glauben! Als könnte Raphael meine Gedanken lesen, sprach er weiter: “Schon als zweijähriger hatte er ein unglaubliches Sprungvermögen, aber das ist auch kein Wunder bei den Eltern. Colour Splash kann sich schon sehen lassen, aber Herkules ist ein wahrer Hingucker, wie der sich bewegen kann.”
      “Ja, das stimmt. Splash hatte ich schon selbst unter dem Sattel, wirklich ein talentiertes Pferd”, stimmte ich ihm zu. Der Rappe hatte mittlerweile aufgefressen und strecke mir seine rosa Nase entgegen. Ich zog ein Leckerli aus der Tasche und gab es dem Schwarzen, bevor ich die Schüssel aufhob.
      “Und wo kommst du her?”, gab ich seine ursprüngliche Frage zurück.
      “Edmonton”, antwortete er knapp. Für den Bruchteil einer Sekunde, berührten sich unsere Finger, als Raphael die Schüssel wieder an sich nahm und verräumte. Sofort breitete sich ein leichtes Kribbeln in meinen Fingerspitzen aus.

      Den restlichen verregneten Tag verbrachte Quinn bei Raphael und Jordan. Am späten Nachmittag gesellten sich Jayden und Hazel in die Runde und benahmen sich zu Quinn Freude sogar vorbildlich. Die drei Jungs verstanden sich sogar ausgesprochen gut, sodass Jayden noch ein wenig dablieb, als die beiden Mädels sich in Bett verabschiedeten, das sie morgen relativ früh nach Seattle aufbrechen würden.

      Freitag, Tag 4

      Bereit um sechs riss mich mein Wecker unsanft aus dem Schlaf. Die Motivation mich aus dem warmen, kuscheligen Bett in die kalte Welt zu bewegen, hielt sich in Grenzen. Langsam rollte ich zu Seite und angelte mein Handy vom Nachttisch und wischte über den Bildschirm, damit das Gedudel endlich verstummte. Der Wecker verschwand und mein Sperrbildschirm leuchtete vor mir auf mit einer Notification von Instagram: “raphael_craig hat dich in einer Story markiert. Neugierig öffnete ich die App. Die Story zeigte dann erstaunlicherweise noch ein Ausschnitt aus von meinem Ritt mit Caruso. “Herzlichen Glückwunsch zu einem hervorragenden dritten Platz für @quinn.drake”, stand darauf. Unwillkürlich zogen sich meine Mundwinkel nach oben. In der nächsten Story folgte ein Bild von gestern Abend, wie wir alle zusammen in der erstaunlich geräumigen Wohnkabine saßen und miteinander anstießen, darauf waren wir alle getaggt. Woher hatte er denn meinen Instagramnamen? Mich hatte er definitiv nicht danach gefragt. Ich schloss die Storys wieder und tippte auf das Herz in der oberen Ecke, welches mittels eines roten Punktes nach Aufmerksamkeit verlangte. Raphael hatte mich nicht nur markiert, sondern mich auch gleich noch abonniert. Interessiert drückte ich auf sein Profil. In seiner Story standen nur spärliche Informationen, aber neben seinem Namen leuchtete ein blauer Haken. Als Erstes betätigte ich den Abobutton und begann durch seine Post zu scrollen. Gleich der erste Post war eine Nahaufnahme vom Kopf seiner Stute, die die goldene Schleife an der Trense trug. Darunter ein kurzer Text, dass dieser Sieg ein gelungener Saisonabschluss für seine Stute sei. Ich scrollte immer weiter durch sein Profil, das hauptsächlich aus Bildern von ihm, seinen Pferden bestand, bis ich plötzlich an einem Bild hängen blieb. In der Mitte eines kristallklaren, türkis strahlenden Sees stand Poseidon majestätisch bis ungefähr zum Bauch im Wasser, das nasse Fell des Rappen legte sich glänzend über die kräftigen Muskeln. Auf seinem Rücken thronte Raphael, wohlgemerkt oberkörperfrei. Verdammt, war der Kerl gut gebaut, ich konnte gar nicht mehr meine Augen von dem Bildschirm lösen.
      “Quinnnzey, was schaust du da? Müssen wir nicht langsam mal aufstehen?”, sprach auf einmal Hazel, die die Beine aus dem Bett schwang. Vor Schreck zuckte ich zusammen als sie ansprach und drückte ganz schnell den Bildschirm aus.
      “Nichts”, antworte ich ihr unschuldig und legte das Handy zu Seite, “Und ja müssen wir, um kurz vor neun kommt das Taxi.” Immer noch ein wenig unwillig, schwang ich die Beine aus dem Bett, tapste zu meinem Koffer und verschwand mit einem Stapel frischer Kleidung im Badezimmer.
      Von Dampfwölkchen begleitet steig ich aus der Duschkabine und wickelte mich in eines der flauschigen, weißen Handtücher ein. Wie schafften die Hotels das nur, dass sie immer so weich waren? Ich will das Zuhause auch haben. Ich beeilte mich damit, mir die Haare zu föhnen und mich anzuziehen, schließlich musste Hazel sich auch noch fertig machen.
      Um kurz nach acht saßen wir dann schließlich im Frühstücksraum und ich konnte endlich meinen Kaffee genießen, besser konnte ein Morgen nicht anfangen.
      “Ahhhh, das hast du also vorhin so angestarrt”, rief Hazel auf einmal triumphierend, nachdem sie gelangweilt auf ihrem Handy herumgetippt hatte. Das Lächeln gefror mir im Gesicht und ich warf einen Blick auf ihren Bildschirm und atmete erleichtert aus. Zum Glück sie sah sich nur die Story an, hoffentlich kam sie nicht noch auf die Idee sein Profil näher auszuchecken, so wie ich es vorhin tat.
      “Ja, genau das ist es”, stimmte ich nickend, zu und blickte, auf meinen eignen Bildschirm, der auf einmal aufleuchtete. Wenn man vom Teufel sprach. Eine Direktnachricht auf Instagram war eingetroffen, von Raphael. Mir wurde ganz seltsam warm ums Herz, als ich die Nachricht öffnete.
      “Guten Morgen, Quinn”, las ich. Dazu hatte er auch ein Bild gesendet. Freundlich lächelte er in die Kamera und über seine Schulte drängte sich Poseidons Schnauze ins Bild.
      “Guten Morgen. Schon so früh beim Pferd?” tippte ich eifrig und die Wärme begann sich weiter in mir auszubreiten, floss von meinem Herzen bis in die Fingerspitzen.
      “Klar, die Pferde sind immer als Erstes dran”, kam augenblicklich eine Antwort zurück.
      “Aber hoffentlich nicht vor dem ersten Kaffee, oder?” Nicht gegen die Vierbeiner, doch bereits vor dem ersten Kaffee mehr zu tun als der braunen Flüssigkeit dabei zuzusehen, wie sie durch die Maschine lief, war ziemlich unvorstellbar.
      “Doch, natürlich. :D Übrigens, dein Pony scheint so zu sein wie du.” Wieder tauchte ein Bild auf, diesmal von Caruso wie er noch gemütlich im Stroh lag, die Augen halb geschlossen und den Kopf nur beschwerlich oben halten konnte.
      “Aww, niedlich, aber ich hatte mittlerweile Kaffee. :D Wird auch langsam Zeit, schließlich müssen wir gleich los”, antworte ich mit einem Blick auf die Uhrzeit.
      “Ideal, viel Spaß in Seattle”, erschien auf dem Bildschirm, bevor ich ihn leider ausschalten musste. Ich kippte den letzten Schluck der wohltuenden Flüssigkeit aus meiner Tasse hinunter und verließ kurz darauf mit Hazel das Hotel.
      Der Regen hatte in der Nacht zwar aufgehört, aber dennoch klebten feuchte Blätter in unterschiedlichsten Farbschattierungen auf dem Asphalt. Ein kalter Wind wehte mir einige Haarsträhnen ins Gesicht und zerrte an meinem Mantel. Glücklicherweise dauerte es nicht lange bis das Fahrzeug eintraf, das uns nach Seattle bringen würde. Flink kletterten wir in das Fahrzeug, dankbar der schneiden Wind zu entkommen.
      Kaum fuhr das Fahrzeug los, begann Hazel den Fahrer zuzutexten. Ich warf noch einmal ein Blick auf mein mobiles Endgerät, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Raphael noch etwas geschrieben hatte. Doch, keine weitere Nachricht. Seltsamerweise fühlte ich mich ein wenig enttäuscht von der Leere meines Postfachs.
      Ich richtete meine Augen aus dem Fenster und betrachtete die Stadt, die wir durchfuhren. Langley war überraschend unspektakulär, dafür das hier Turniere internationaler Größe stattfanden. Die meisten Gebäude, die an uns vorbeizogen, waren Hotel oder riesige Glasklötze von Bürogebäuden. Erst in den Außenbezirken wichen die eckigen Gebäude, edlen, von Mauern umringten Einfamilienhäusern, deren Baujahr noch nicht allzu weit zurückliegen konnte.
      Anstelle der Häuser zogen sich mittlerweile gigantische Wiesen und Felder entlang des Highways, auf denen der Regen noch in großen Pfützen stand, diese teilweise sogar überflutete. Ein Schwarm Gänse zog in der typischen keilförmigen Formation über den Himmel. Die braun-schwarzen Tiere verließ Kanada nun und würden den Winter in den südlichen Gebieten Amerikas verbringen, wo es ein wenig wärmer sein würde.
      Douglas, der Ort, in dem wir die Grenze in die USA überschritten, war ähnlich unspektakulär wie Langley. Ein kleiner Ort in dem sich vorwiegend Gewerbegebiete erstrecken. Die Grenzkontrolle ging unkompliziert und schnell vonstatten, sodass wir unsere Fahrt schnell fortsetzen konnten.
      Zwei Stunden später fuhren wir durch eine bewaldete Gegend in der kaum noch Häuser standen. Ringsherum waren nur noch Buchen und Birken mit gelb-orangenen Laub, dazwischen ein paar Fichten, bis sich die Landschaft öffnete und den Blick auf weiträumige Weiden freigab. Sky River Ranch stand in großen Lettern an einem Torbogen, den wir durchfuhren. Wenig später hielt das Taxi vor einem Kleinen, schon etwas älter aussehend Wohnhaus, an das sich ein Offenstall anschloss. Ich bezahlte den Fahrer, bevor wir aus dem Auto stiegen und freundlich von der Hofbesitzerin in Empfang genommen wurde.
      “Hallo Quinn, schön, dass ihr gut angekommen seid”, begrüßte sie uns.
      “Ja, danke Kaylee, dass wir herkommen dürfen. Das ist Hazel, die Kollegin, die sich derzeit noch um Darky kümmert”, stellte ich Hazel vor, die sich bereits mit großen Augen umsah.
      “Möchtet ihr erst einmal hereinkommen oder gleich zu den Pferden?”, erkundigte sie freundlich. Fragend blicke ich Hazel an, der ich die Antwort bereits am Gesicht ablesen konnte.
      “Erst zu den Pferden”, antworte sie dann euphorisch. Dafür, dass sie ursprünglich gar nicht mitkommen wollte, ist sie nun ganz schön begeistert. Die junge Frau nickte und bedeute uns mit einer Geste zu folgen. Sie führte uns um das Wohnhaus herum. Auf der Rückseite schloss sich ein recht geräumiger Auslauf an, auf dem ich auch gleich zwei Pferde entdeckte. Das eine war mir wohlbekannt, der kleine braune Hengst stand an einer großen Heuraufe. Der Schimmel neben ihn war kaum größer als Rum, dafür um einiges feingliedriger. Ich vermute, er war ein Araber, denn auch der Kopf war recht schmal. Beide Pferde hoben interessiert den Kopf und Rumkugel kam auch so gleich an getrottet und stecke sogleich die Nase in Richtung meine Tasche. Natürlich erkannte die Kugel gleich, wo sie Leckerlis steckten, was anderes hatte dieser Hengst auch nicht im Kopf. Ich steckte ihm eines zwischen die Lippen und strich ihm sanft über den Kopf. Es war schön meinen ehemaligen Schützling nach so langer Zeit wiederzusehen.
      “Wie macht Rumkugel sich so?”, erkundigte ich mich bei Kaylee, während die Kugel weiterwanderte, um auch in Hazel Taschen nachzusehen. Der andere Hengst nahm zwar wahr, dass es hier am Zaun Futter gab, hielt sich aber dennoch im Hintergrund.
      “Er macht sich ganz wunderbar. Unter dem Sattel ist er inzwischen super balanciert und wir beginnen gerade mit ein wenig komplexeren Lektionen”, erzählte sie,” und mit Coco versteht er sich auch prima.” Es freute mich so positiv von dem jungen Pferd zu holen. Auch körperlich hatte sich der Hengst entwickelt. Ich bildete mir ein, dass er sicher ein paar Zentimeter gewachsen war, zudem hatte er schöne Muskulatur ausgebildet, die sogar unter dem flauschigen Winterfell deutlich hervortrat. Auch bei Hazel staubte der kleine Hengst noch ein Leckerli ab, was Coco nun, doch dazu bewegte sich uns zu nähren. Mit weit geblähten Nüstern streckte er ganz vorsichtig seine graue Nase in meine Richtung und nahm ganz vorsichtig das Pellet von meiner Hand.
      Kaylee erzählte noch ein wenig zu dem Schimmel, aber auch zu Rumkugel und der Gegend hier, bevor sie uns zu einem weiteren Auslauf führte. Darin zwei dunkle Stuten, ebenso feingliedrig wie Coco. Die beiden wurden uns als Wanita Iblis und Le Perle Noir vorgestellt. Beide Tiere zeigten sich neugierig, auch wenn sich die Roanstute als etwas eifersüchtig rausstellte. Typisch Stute zickte sie ihr Herdenmitglied manchmal mit und manchmal grundlos an. Diese Launenhaftigkeit der Stuten war ein Grund, weshalb ich lieber mit Hengsten und Wallachen arbeitete, für gewöhnlich waren diese ausgeglichener oder wenigstens beständig in ihrer schlechten Laune.
      Als es uns allen zu kalt draußen wurde, bat Kaylee uns in ihr Haus, erzählte uns noch einiges über ihre Pferde und was sie mit ihnen vorhatte. Auch wir erzählten einiges, unter anderem über das Turnier, von dem wir kamen, über das Whitehorse Creek, über Kanada, alles was einem gerade so einfiel. Nach dreieinhalb Stunden mussten wir die Sky River Ranch leider schon wieder verlassen, denn der Weg zurück nach Langley, war nicht der kürzeste und wir mussten noch die Pferde bewegen. Jayden hatte zwar versprochen, die drei zumindest mal für ein, zwei Stunden herauszuholen und herumzuführen, aber wenn die Tiere schon für die Woche mit deutlich weniger Auslauf als gewöhnlich zurechtkommen mussten, wollte ich Caruso wenigstens ordentlich auspowern.
      Kaum war das Taxi vom Hof gefahren, spürte ich eine Müdigkeit über mich hereinbrechen, wie so häufig auf Autofahrten, wenn ich nicht selbst fuhr, selbstverständlich. Doch, plötzlich vibrierte mein Handy sanft in meiner Hosentasche, auf das ich auch sogleich einen schläfrigen Blick hinauswarf. Als ich sah, wer mir dort geschrieben hatte, war ich allerdings sofort wieder hellwach.
      “Na, schon zurück von deinem Ausflug?”, las ich die Buchstaben, die sich dunkel vom hellen Grund der App abhoben. Obwohl es nur eine simple Frage war, lief ein Kribbeln durch meine Finger als ich eine Antwort tippte: “Nein, wir sind gerade ins Taxi gestiegen. Dauert leider noch zwei Stunden :(” Kaum dreißig Sekunden später erschien auch schon seine Antwort auf dem Bildschirm: ”Schade, ich dachte, du hättest vielleicht Lust mit Poseidon und mir ein wenig umherzureiten. Hättest du vielleicht dann Lust, wenn du zurück bist?” Das Prickeln in meinen Fingern wurde intensiver und begann, sich weiter in meinem Körper auszubreiten.
      “Ja, super gerne”, tippte ich mit flinken Fingern, “Ich schreibe dir sofort, wenn wir da sind :D
      “Okay, ich warte auf dich”, kam noch eine letzte Antwort von Raphael bevor der Grüne Punkt, der seinen Onlinestatus verriet, verschwand. Ich warte auf dich. Diese vier Worte lösten ein herrliches Gefühl in mir aus und mit einem versonnenen Lächeln drückte ich mir das Handy an die Brust. Meine Güte, was tat ich hier eigentlich, ich benahm mich wie fünfzehn. Hazel war glücklicherweise mit ihrem eigenen Mobilgerät beschäftigt, sodass ich nicht mitbekam, wie ich dämlich vor mich hin grinste.
      Von meinen Gefühlen überwältigt, lehnte ich meinen Kopf gegen die Scheibe. Kühl schmiegte sich das Glas an meine Erhitzen Wangen und ich schloss die Augen.
      Ich spürte den kalten Wind in meinem Gesicht, die donnernden Hufe eines Pferdes unter mir, die im Gleichtakt mit meinem Herzen schlugen und das gleichmäßige Schnaufen, welches jeden Galoppsprung begleite. Von hinten kam auf einmal ein weiteres Pferd gelaufen und sein Reiter hielt es einen Moment auf meiner Höhe, sodass ich die beiden in Augenschein nehmen konnte. Seidig glänzte das dunkle Fell, unter dem sich kräftige Muskeln bewegten und die Nase des Pferdes war mit einer unverkennbaren großen schnippe gezeichnet. Auf dem Rücken des Rappen thronte ein Mann, welcher das Pferd so spielend leicht beherrschte, als, gäbe es, nichts Leichteres. Er warf mir ein umwerfendes Lächeln zu, seine grünen Augen funkelten herausfordernd, bevor er seinen Hengst antrieb und an mir vorbeizog. Die Vögel, die bis eben noch auf dem Feld nach Futter gesucht hatten, stoben auf, als er mit dem Pferd mitten hindurchritt. Das Pony unter mit hob den Kopf, spitze die Ohren und zog das Tempo an, nicht ohne einen Bocksprung einzubauen, doch mit seinen kurzen Beinen hatte er keine Chance den Rappen einzuholen.

      “Ey, Schlafmütze aufwachen, wir sind gleich da”, krähte Hazel mir ins Ohr und stupste mich im 5-Sekunden-Takt an, als ob sie nicht schon so nervig genug wäre.
      “Ist ja gut, ich bin ja schon wach”, murmelte ich verschlafen. Vor dem Fenster tauchte gerade das Ortsschild von Langley auf. Die Sonne stand bereit tief am Himmel, färbte ihn bereits orange und ließ die bunten Wälder noch mehr in den herbstlichen Farben leuchten.
      “War es gut, dein Nickerchen?”, nervte Hazel weiter herum.
      “Jap”, antworte ich knapp, während ich auf meinem Handy herumtippe, um Raphael Bescheid zu geben, dass ich in ungefähr einer halben Stunde am Stall sein würde.
      “Mit wem schreibst du da?”, fragte Hazel neugierig und versuchte einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen. Schnell schloss ich die App und wechselte zu dem bekannten Messanger mit dem grünen Symbol, auf dem gerade eine Nachricht meiner Schwester eingetrudelt war: „Bleibst du eigentlich wirklich bis morgen auf dem Turnier? Und siehst du dann das CSI Springen live? Die können alle so gut reiten. <3“ Als Hazel sah, dass es nur meine Schwester war, verlor sie augenblicklich das Interesse und widmete sich wieder ihrem eigenen Gerät und ihrem Blick nach zu urteilen, trat sie wohl mit ihrem Freund in Kontakt. „Ja, sehe ich und weißt du was Emi, ich bringe dir ein Autogramm mit. Ich habe nämlich einen der Reiter aus dem CET kennengelernt ;)“, schrieb ich der Kleinen mit einem Lächeln zurück. Schon nachdem Jace die ersten Turniere für das CET geritten war, musste ich ihr ein Autogramm besorgen und die Tatsache, dass ich mit einem solchen „Star“ arbeitete, ließ mich in ihren Augen fast selbst wie einen erscheinen. Emilya sah zu mir auf, als sei ich eine Weltberühmtheit, die die Welt nur noch nicht entdeckte, hatte und das, obwohl sie nur meine Stiefschwester war. Oder vielleicht gerade deshalb. Die kleine verfolgte wirklich jedes meiner Turniere und war meisten sehr traurig, wenn diese nicht im Internet gestreamt wurden, weil es sich nur um kleine unbedeutende Turniere handelte. Seitdem mein Dad Lauren geheiratet hatte, bettelte sie nach einem eigenen Pony, doch mein Dad blieb beharrlich bei dem einen Argument war er mir schon immer entgegenbrachte. Es sei nicht sinnvoll einem Teenager ein Pferd zu kaufen, weil das sei ein Haufen Verantwortung. Zudem sei nicht sicher, ob sie in fünf Jahren immer noch Lust auf das Reiten hatte. Somit musste Emi sich mit einer Reitbeteiligung auf einem kleinen Braunfalbwallach zufriedengeben. Ein schüchternes Kerlchen, aber die beiden passten recht gut zusammen.
      „Ohhh wie cool <3. Wen hast du denn kennengelernt? Erzähl mir alles!“, kam nur eine Minute später eine Antwort zurück. Ich konnte mir förmlich vorstellen wie sie gerade wie ein kleines Känguru durch ihr Zimmer hüpfte und einen Freudentanz aufführte. Das Taxi bog gerade auf die Straße ab, die zum Hotel führte, weshalb ich meine Antwort eher kurzhielt: „Raphael Craig, vielleicht hast du seinen Ritt mit seiner Stute Héritage gestern ja gesehen. Ich schrieb dir später noch mal Emi, ich muss gleich noch zu Caruso.“ Ich drückte gerade auf Senden, als das Fahrzeug vor dem bereits hell erleuchteten Hotel hielt. Mit Hazel zusammen lief ich aufs Zimmer, wo ich mich umzog. Als ich verschwinden wollte, fragte meine Kollegin natürlich wo ich hinwollte und als ich ihr erklärte, dass ich Caruso noch einmal bewegen wollte, hängte sie sich an.
      Auf dem Turniergelände war mittlerweile die Dunkelheit hereingebrochen, nur die Wege und Plätze waren noch hell erleuchtet. Auf dem ein oder anderen Platz herrschte sogar noch reger Betrieb, da noch einige Prüfungen liefen. Hazel war ich zum Glück losgeworden, denn sie wollte sich erst auf die Suche nach Jayden machen, um ihn zu fragen, inwiefern er die Ponys denn schon bewegt habe.
      Im Stallzelt herrschte bereits Ruhe und nur wenig Pferde streckten ihre Köpfe hinaus, als ich eintrat, darunter war auch ein brauner Kopf mit großer Blesse. Aus der Nachbarbox, sah allerdings nicht der Rappe hinaus, stattdessen trat Raphael daraus hervor.
      „Guten Abend Quinn“, begrüßte er mich freundlich mit einem umwerfenden Lächeln auf den Lippen, welches mir beinahe die Sprache verschlug. Meine Augen konnten sich nicht von ihm lösen, obwohl Caruso gerade begann meine Jacke voll zu schlabbern.
      „Hallo, ich hoffe du musstest nicht allzu lange warten“, antworte ich schließlich doch, in dem Bewusstsein, dass aus der halben Stunde eine dreiviertel Stunde geworden war, weil ich meine Handschuhe nicht hatte finden können.
      „Alles gut. Ich war so frei und habe dein Pony schon geputzt, wir müssten also nur noch Sattel und dann können wir los“, erwiderte er schmunzelnd.
      „Vielen Dank“, antworte ich und merkte wie mir das Blut in den Kopf schoss. Bevor ich ihn noch anstarren würde wie ein Ausstellungsstück im Museum, wandte ich mich ab und lief zum Hänger, um Sattel und Trense von Caruso zu holen. Dieses wohlige Kribbeln, welches ich bereits bei seinen Nachrichten verspürte breitet sich wieder in meiner Magengegend aus. Was auch immer es war, was Raphael an sich hatte, es ließ meine Hormone komplett verrücktspielen. Mit dem Sattelzeug kehrte ich in den Stall zurück und sattelte mein Pony zügig, sodass wir aufbrechen konnten.
      “Wo lang?”, fragte ich den groß gewachsenen Mann auf dem Rappen. Statt zu antworten, drückte er seinem Pferd nur die Schenkel in den Bauch. Er führte mich an einem der großen Reitplätze vorbei in eine Allee, deren Bäume gelb-orangene Blätter trugen. Im sanften Schein der Laternen sah die Umgebung hier ganz anders aus als bei Tag. Die winzigen Tropfen, des Nebels flirrten durch die Lichtstrahlen und legten einen sanften Glanz auf alles.
      “Bist du öfter hier in der Gegend?”, fragte ich Raphael neugierig, als er seinen Rappen am Ende der asphaltierten Allee selbstsicher auf einen kleinen Feldweg lenkte.
      “Ja, hier sind öfter mal große Turniere. Ich nutze bei so langen Turnieren ganz gerne jede Möglichkeit, um dem ganzen Trubel zu entkommen”, antwortete er und auf seinem Gesicht war ein sanftes Lächeln zu erkennen. Die Flucht konnte ich nur allzu gut nachvollziehen, obwohl das hier mein erstes Turnier war, welches länger als zwei Tage andauerte. Nicht dass ich etwas gegen Menschen hatte, aber ich hatte immer das Gefühl, dass auf solchen Veranstaltungen nur jeder darauf wartete, dass man einen fatalen Fehler machte, unabhängig, ob auf dem Platz oder im Stall. Gerade auf solch großen Veranstaltungen wie dieser gab es nur wenige, die so am Boden geblieben waren wie meine Begleitung.
      Zu unserer linken erstreckte sich ein Wäldchen den Hügel hinauf, während sich auf der anderen Seite eine hochgewachsene Wildwiese eröffnete. Nur spärlich zeichneten sich die Umrisse des hochgewachsenen Rappen in der Dunkelheit ab, obwohl es selbst zwischen den Bäumen noch erstaunlich hell war. Vermutlich lag dies an dem bereits ziemlich ausgedünnten Blätterdach, durch das silbrige Mondstrahlen drangen.
      “Wie kommt es eigentlich, dass du jetzt noch in der Dunkelheit mit mir ausreiten gehst? Ich meine, solltest du dich nicht eher für morgen vorbereiten oder so was?”, kam es mir urplötzlich über die Lippen. Im selben Moment registrierte ich wie dumm sich diese Frage anhören musste, sollte ich es doch eher schätzen, dass er Zeit mit mir verbringen wollte. Sicherlich gab, es eine Menge Mädchen, die gerne hier an meiner Stelle wären. Ein warmes Lachen ertönte aus Raphael Brust, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
      “Ganz einfach Quinn, weil ich Lust darauf hatte mit einem netten Mädchen ausreiten zu gehen”, lächelte er herzlich,” Ich mag es außerdem, dass du mich als Mensch siehst und mich nicht auf meinen Erfolg oder mein sagenumwobenes Pferd reduzierst.” Bei den letzten Worten strich er Poseidon durch die voluminöse Mähne. Unwillkürlich erstrahlte bei seinen Worten ein Lächeln auf meinem Gesicht.
      “Ich halte nicht viel von Voreingenommenheit. Am liebsten lerne ich Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse kennen…”, sprach ich. Ich wollte gerade meinen Satz fortsetzen, als Raphael mit einer Geste bedeutet anzuhalten.
      "Hörst du das?", flüsterte er leise. Ich traute mich kaum mich zu bewegen, lauschte einfach in die Stille Nacht hinein, als ein hoher lang gezogener Ruf durch den Wald hallte. Ich hatte nicht allzu viel Ahnung von den fliegenden Waldbewohnern, aber dieses Geräusch konnte ich eindeutig einer Eule zuordnen.
      “Das ist ein Streifenkauz”, ergänzte er meinen Gedankengang und ritt sein Pferd wieder an.
      “Wow, das erkennst du allein an dem Ruf?”, fragte ich beeindruckt von seiner Fähigkeit.
      “Ja, hier in der Gegend gibt es nur zwei Eulenarten, das ist das nicht allzu schwer”, erklärte Raphael schmunzelnd. Caruso drehte immer wieder die Ohren und ein wenig Befangenheit schien sich in dem sonst so mutigen kleinen Racker breitzumachen.
      “Wo hast du das gelernt? Ich meine, das ist ja jetzt nicht der normale Schulstoff”, fragte ich neugierig. Raphael schwieg für einen Moment geheimnisvoll, bevor er mit einem verschmitzten Lächeln antwortete: ” Mein Vater ist Ranger in Jasper, da lernt man so einiges, vor allem weil wir auch gelegentlich Tiere aufzupäppeln dahaben.”
      Unsicher orientierte sich der kleine Schecke an der dunklen Gestalt Poseidons. Um uns herum raschelten die Blätter leise im Wind und der gefrorene Boden gab bei jedem Schritt, ein knirschendes Geräusch von sich. Im Unterholz links von uns knackte es plötzlich, woraufhin sich der Schimmel panisch an den dunklen Körper seine Artgenossen presste. Beruhigend strich ich ihm über das kurze Fell. Sicherlich war das nur ein Hirsch, der durch das Unterholz lief, somit kein Grund zur Beunruhigung oder doch?
      “Hier gibt es keine Wölfe oder andere gefährlichen Tiere, oder?”, wand ich mich an Raphael, in der Hoffnung, dass er meinen Gedankengang bestätigte.
      “Nein, hier gibt es zwar Pumas und auch Bären, aber die kommen für gewöhnlich nicht so nah an die Stadt heran”, sprach meine Begleiter beruhigend. Der Wald um uns herum lichtete sich allmählich und ging über in eine karge Steppenlandschaft. Raphael ritt noch ein Stück, bevor er Poseidon von dem Weg hinunter lenkte und einen Weg durch das hohe Gras einschlug. Caruso der sich so eben noch ängstlich an den Hengst geschmiegt hatte, wurde im hellen Mondschein wieder sicherer und stapfte hinter Poseidon durch die langen Halme.
      Wir hatten eine Anhöhe erreicht, auf der wir anhielten. Unter uns glitzerten die Lichter der Stadt und der Thunderbirdshow Park erstrahlte in seiner vollen Pracht. Nur noch vereinzelte Reiter schoben sich über den Sand in den hell erleuchteten Arenen, sodass das Gelände beinahe friedlich vor uns lag.
      “Wow, sieht das schön aus von hier oben”, staunte ich und betrachtete die Sterne, die mit den Lichtern der Stadt um die Wette funkelten. Ich spürte Raphaels Blick auf mir ruhen. Als ich mich umwand, traf mein Blick unmittelbar auf seine Augen, in denen sich die Lichter spiegelten und sie zogen mich in ihren Bann. In mir krabbelte und kribbelte es, als wären hunderte, nein tausende Glühwürmchen auf einmal abgehoben, die nun auf ihrem bezaubernden Flug um die Wette leuchteten.
      Ein Wind kam auf und brachte das hohe Gras zum Rascheln. Angespannt drehten sich die Ohren meines Schimmels als der Wind noch ein wenig stärker wurde. Als dann auch noch das hohe Gras um uns herum zu rascheln begann, tippelten die kleinen Hufe nervöse über den Boden.
      “Was ist los?”, ertönte die sanfte Stimme meiner Begleitung. Im Gegensatz zu meinem Pony stand Poseidon vollkommen ruhig, dass er beinahe wie eine Bronzeplastik wirkte, wären da nicht die Mähnenhaare, die sachte im Wind herumwirbelten.
      “Im Dunkel ist Caruso ein kleiner Angsthase”, erklärte ich schmunzelnd und strich Caruso sanft über den gescheckten Hals. Es war schon erstaunlich, dass der sonst so ungestüme kleine Kerl bei Dunkelheit plötzlich vollkommen freiwillig alle Führung an mich abgab.
      “Na, wenn das so ist, sollten wir deinen Kerlchen vielleicht nach Hause bringen”, gluckste Raphael, ließ seinen Hengst auf der Stelle kehrt machen und lenkte ihn wenige Meter weiter auf einen kleinen Trampelpfad, der über die Wiese den Hügel wieder hinabführte. Ängstlich drängte das Pony nach vorn und ließ sich nur schwer davon abhalten, seitlich in die hohe Wiese hineinzuspringen und an dem Rappen vorbeizudrängen. Je weiter wir in die Wiese hineinritten, umso höher wuchsen die Halme, wodurch sie auch verstärkt raschelten und Caruso noch mehr gegen das Gebiss trieb.
      Meine Finger bekamen erst wieder ein wenig Entspannung, als wir die beleuchtete Allee erreicht hatten. Der Schimmel entspannte sich allmählich, während das Klappern der Eisen von den Gebäuden zurückgeworfen wurden. Tagsüber, wo das Gelände mit Massen an Menschen gefüllt waren, wirkten die Dimensionen ganz anders als jetzt, wo es beinahe gespenstisch vor uns lag.
      Das Stallzelt war nur noch schwach erhellet als wir eintraten. Die meisten Pferde kauten entspannt an ihrem Heu und einige wenige lagen bereits in ihrer Einstreu und schliefen. Raphaels Stute, wieherte leise und streckte neugierig ihren Kopf aus der Box, als sie seine Stimme vernahm. Niedlich war sie mit leicht schräg gelegtem Kopf um ein Leckerli bettelte als ihr Besitzer mit der Trense, aus der Box des Rappen trat. Mein Pony hingegen hatte sich gleich auf sein Heu gestürzt, kaum hatte ich die Trense von Kopf gezogen. Verfressener kleiner Kerl, kaum zu glauben, wie er trotzdem so schlank blieb.
      “Danke für den Ausritt, das war wirklich schön mit dir”, bedanke ich mich mit einem zurückhaltenden Lächeln bei Raphael, nachdem wir die beiden Pferde abgesattelt und versorgt hatten. Um die Lampe, die den Vorplatz des Stallzeltes illuminierten, schwirrten ein paar letzte Motten herum. Markant traten seine Gesichtszüge in dem schummrigen Licht hervor und ließen ihn noch attraktiver wirken als ohnehin schon. Das leichte Herzklopfen, welches mich den ganzen Ausritt begleitet hatte, verstärkte sich zunehmend.
      “Ich hoffe, dass du Spaß hattest, trotz deines kleinen Angsthasen”, lächelte Raphael und seine Augen leuchten wie Smaragde in dem schummrigen Licht. Ich sehe ihn an und mein Lächeln wurde unwillkürlich breiter. Mein Herz pochte mittlerweile so stark in meinem Inneren, dass ich glaubte, es würde der Brust jeden Moment entspringen.
      „Ja, es hat wirklich Freude bereitet”, antwortete ich freudvoll, “vielen Dank für den schönen Abend.“ Unmittelbar trafen seine Augen auf meine und er sprach: „Das erfreut mich, aber ganz selbstlos war das nicht. Ich habe den Ausritt mit dir auch sehr genossen.“ Wie Honig perlten die Worte von seinen Lippen und erfüllten mich mit Glück, welches mich von innen heraus wärmte und mir den Atem nahm. Verlegen wand ich den Blick zum Boden, denn plötzlich kam ich mir ein wenig blöd vor, dass ein quasi Unbekannter in mir solche Gefühle auslösen konnte.
      „Schade, dass wir morgen bereits wieder nach Hause müssen, ich würde das gerne wiederholen“, murmelte ich leise, war mir nicht sicher, ob er mich überhaupt gehört hatte. Sanft legten sich seine Finger unter mein Kinn, schoben es vorsichtig nach oben, sodass ich ihm in die Augen sehen musste.
      “Quinn, das können wir doch, nur nicht hier”, lächelte er. Sein Blick war warm und weich und es lag ein geheimnisvoller Ausdruck darin, den ich nicht so recht zu deuten wusste. Seine Worte weckten die Hoffnung in mir, dass dies hier kein einmaliges Ereignis, keine bedeutungslose Schwärmerei sein musste.
      “Wirklich?”, fragte ich voller Zuversicht und konnte meine Augen nicht von seinen lösen.
      “Ja, wirklich”, antwortete er und sah mich mit diesem Blick an, der die Funken in mir zum Aufflammen brachte, „Ich möchte dich kennenlernen, Quinn.” Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Zeit verging und mit jedem Augenblick gewann die Hoffnung in mir an Kraft. Sein Blick war noch immer so warm und weich, dass ich nicht anders konnte, als ihn anzulächeln. “Gib mir mal dein Handy", fordert er mich nun auf. Etwas irritiert, was er damit wollte, reichte ich ihm das Gerät. Lebendig brach sich das Licht auf der rosé golden Oberfläche, allein durchbrochen durch die stilisierte Zeichnung eines Hirsches, welche die ansonsten durchscheinende Hülle zierte.
      "Nettes Gerät, Quinn, aber wenn ich damit etwas anfangen können soll, solltest du es schon entsperren", lachte er und hielt es mir wieder hin.
      „Natürlich“ murmelte ich verlegen und entsperrte das Gerät mittels des Face Locks. Interessiert beobachte ich wie er gezielt auf dem Gerät herumtippte. Als er mir entgegenhielt, leuchte ein vollständiger Adressbucheintrag auf dem Bildschirm.
      "So, jetzt bestehen jegliche Voraussetzungen dafür, dass wir erneut Ausreiten gehen können", lächelte er sanft. Während ich mein Handy entgegennahm, berührten sich unsere Finger, woraufhin ein elektrisierendes Gefühl durch meine Nervenbahnen flirrte und die Gravitation schien für eine winzige Sekunde auszusetzen.
      „Es ist bereits spät. Ich muss dann mal los, wenn ich mir morgen den Sieg holen will”, sprach er sanft,”, aber wir sehen uns morgen." Noch immer lag ein unfassbar umwerfendes Lächeln auf seinen sinnlichen Lippen. „Gute Nacht, Quinn“, sprach Raphael nun und zog mich in eine sanfte Umarmung. Selbst unter der Jacke ließ sich die gut trainierte Brust erahnen, die darunter verborgen lag.
      "Gute Nacht", hauchte ich und spürte, wie mein Herz sich in einem wilden Tempo schlug.
      "Wir sehen uns morgen", flüsterte er, bevor er mich losließ und mit großen Schritten in der Dunkelheit verschwand.

      Quinn Drake| 76.199 Zeichen
      zeitliche Einordnung Ende September 2020
    • Mohikanerin
      Hoffnung in Genf | 04. Januar 2022

      Monet / Erlkönig / WHC‘ Poseidon / Dix Mille LDS / Jora / Crystal Sky

      Hatte ich schon erwähnt, dass mir dieser Abreiteplatz einen gehörigen Schrecken einjagte? Um mich herum tummelten sich namhafte Reiter aus der gesamten DACH Region, dass ich kaum ein Auge auf meinen Hengst werfen konnte, ohne weiche Knie zu bekommen. Alicia hingegen wirkte wie ein Profi. Ihre Rappstute schritt durch den Sand, verzog keine Miene und hielt die Ohren konsequent bei ihrer Reiterin, selbst der hektische Hengst einige Meter entfernt war vollkommen uninteressant. Ja, Mo fand diesen Ort genauso angsteinflößend wie ich.
      Wir kamen zusammen aus einem verschlafenen Grenzort zur Schweiz, Chez Favre. Mit ein paar weiteren jungen Menschen teilten wir uns ein Stallabteil auf einem Gemeinschaftshof. Wo man nur hinsah, standen Pferde jeder Größe, Farbe und Rasse, dazwischen kleine Wege entlang der Zäune, teils aus Sand und zum anderen befestigt aus alten roten Steinen, wie auch die Gebäude. An den Ställen hing Efeu, der im Frühjahr weiß blühte. Idyllisch war es, doch der Schein trübte. Ständig entstanden unnötige Diskussionen um Gott und Welt und versteht mich nicht falsch, ich wusste nicht einmal welches Problem die Mädels im Stall neben uns hatten. An einem Tag hieß es, dass wir die Reithalle nicht sauber gemacht hätten, obwohl keiner von uns einen Slot gebucht hatte, und an dem nächsten waren wir es, die eine Decke geklaut hatten, die nach einigen Stunden dann doch wieder auftauchte. Bekamen wir eine Entschuldigung? Nein, natürlich nicht. Ich war es leid mich mit dem Stress zu befassen, aber einen Stall zu finden, von dem aus ich nur wenige Minuten nach Hause fuhr, gab es nicht.
      „Neele Aucoin mit Monet bitte in die Halle“, ertönte es aus den blechernen Lautsprechern auf dem Abreiteplatz. Alicia streckte noch die Daumen nach oben und grinste breit, bevor ich sie aus den Augen verlor. Reiten macht Spaß, sprach die leise Stimme in meinem Kopf. In der großen Reithalle verstummten die Zuschauer, die zuvor noch den jungen Mann Beifall gaben. Wir begegneten uns im Tunnel und obwohl kein Wort über meine Lippen huschte, sah ich hoch zu ihm, musterte sein Gesicht. Markant legte sich ein Schatten an seinem Hals vom Kiefer und auf den Lippen strahlte ein solch herzliches Lächeln, das mich ansteckte. In meiner Brust beruhigte sich das pochende Herz. Merci, flüsterte ich und verwahrte das rechte Bahn an der Seite meines Hengstes, während sich das Gewicht leicht zur Linken verlagerte. Einmal sah ich ihm noch nach, so wie er mir auch. Verhalten lächelte ich, wandte den Blick von ihm zum Sand und im nächsten Augenblick betraten wir den abgezäunten Reitplatz inmitten der Reithalle, okay, es war keine richtige Reithalle, sondern eine Messehalle, in der Sand auf den Boden geschüttet wurde.
      Monet schwebte durch den Sand und von einer Phase zur nächsten bekam ich das Gefühl, dass mein Pony Hengst immer größer wurde. Sein Rumpf erhob sich, wodurch durch die Hinterbeine immer weiter unter seinen Schwerpunkt kamen. Durch eine ganze Parade verkürzte sich der letzte Sprung und wir standen, still. Gelassen kaute er auf dem Gebiss, während ich langsam meine rechte Hand zu meinem Helm bewegte, um zu grüßen. Eine Dame von den Richtern lächelte freundlich, nickte und aus dem Halt trabte ich wieder los. Kaum sichtbar vermehrte ich die treibende Hilfe auf beiden Seiten des Pferdebauchs, versuchte mit nur leichten Zügelkontakt das Genick des Pferdes als höchsten Punkt zu behalten, wobei seine Ohren lustig nach vorn und hinten wippten. Je tiefer ich mich in den Sattel setzte, umso mehr setzte auch Monet seine Hinterhand. Im Zusammenspiel mit halben Paraden, den treibenden Beinen verkürzte ich seine Tritte. Kurz vor dem Erreichen der kurzen Seite verlagerte ich das Gewicht auf meine linke Seite und zupfte einmal an dem Gebiss. Punktgenau bog er ab. Den Großen hatte Monet einiges voraus – in den Kurven bekam er die Möglichkeit einige Tritte mehr zu nutzen, um durch die Ecke zu kommen, umso mehr Einsatz benötigte ich, ihn in der Biegung zu halten. Dafür reichte das minimale Verwahren an der Außenseite aus, um ihn an meinem inneren Bein zu wenden und dabei die Schulter nicht zu verlieren. Im Wechsel durch die ganze Bahn verstärkte ich die Tritte. Monet geriet mir dabei zu sehr hinter den Zügel. Unruhig schnaubte er. Aber wie gewünschten bekam er mehr Schwung, vielleicht etwas zu viel, denn ich spürte, wie sich sein Rücken unter dem Sattel verfestigte. Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht tiefer in den Sattel, gab ihm Maul eine halbe Parade, um Schub aus der Bewegung zu nehmen. Sofort fußte die Hinterhand aktiver ab und vor mir, baute sich Mo wieder auf. Natürlich würde es Abzüge geben, aber das war mir wirklich nicht wichtig. Ich wollte mir selbst, und den Anderen, beweisen, dass ein Pony genauso gute Chancen haben kann wie ein Warmblut in der Grand Prix. Dass heute nicht der richtige Tag dafür sei und ich uns beide besser hätte vorbereiten sollen, wurde mir erst vor dem Publikum klar. Die Prüfung deswegen abzubrechen, würde daran nichts ändern. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich die 49 % auf der Anzeige aufleuchte. Am liebsten hätte ich mich dafür geohrfeigt, aber ich konnte die Zügel nicht loslassen, also blieb mir nur der Gedanke daran.
      In der Traversale nach verschätzte ich mich, einige Tritte zu früh kamen wir an der langen Seite an, womit wir uns erneut einen gehörige Punktabzüge einhandelten. Bei der nächsten passte es jedoch und ich flüsterte meinen Hengst leise ein Lob zu. Den Übergang zur Versammlung beherrschten wir im Schlaf und auch in den Halt. Wieder kaute Monet ruhig auf seinem Olivengebiss, während ich den Moment der Ruhe nutzte, um meine Energie wieder zu sammeln. Schreitend trat er fünf Schritte zurück, die ich mit meinen Beinen genau koordinierte. Sanft drückte ich kräftiger in den Bauch, ließ am Zügel nach und er trabte versammelt an. Dabei schnaubte er gelassen haben. Monet war ein Streber, durch und durch, aber der Weg dorthin ähnelte einer Wanderung über die Alpen – barfuß, im Winter.
      „Neele, du hast es geschafft“, freute sich Lotye Quiron, meine Trainerin. Mir fehlten dir Worte, in meiner Brust schlug das Herz Purzelbäume und auch Mo prustete laut. Also nickte ich nur langsam, während meine Hand über den verschwitzten Hals meines Hengstes strich. Von der Seite kam auch mein Vater dazu, der breit grinste und uns beide lobte.
      Wie hypnotisiert drehte ich viele Runden auf dem Abreiteplatz, sah leer zwischen die Ohren meines Tieres hindurch und versuchte mit niemandem einen Unfall zu bauen. Gekonnt wich Monet wie von selbst den anderen Reiterpaaren aus, drehte kleine Volten um sie herum und zwischen trabte er sogar an. Doch für mich gab es nur die Gedanken an die Prüfung. Wir hatten zwar in der Gesamtwertung keine hohe Punktzahl erzielen können, doch hätte mir einer gesagt, dass er mit seiner Passage 89 % erzielen würde, hätte ich gelacht. Nicht, weil es für unwahrscheinlich empfand, sondern aus der Unsicherheit heraus. Doch Monet hatte es geschafft. Für diesen einen kleinen Moment hatte sich die ganze Arbeit gelohnt, als die Tränen, die geflossen sind und Schweiß, all die schlaflosen Nächte und Gedanken, ihn abzugeben, aber es dann doch nicht getan zu haben.
      „Du warst großartig“, flüsterte ich Monet zu und gab ihm ein Kuss zwischen die Nüstern. Im Zeichen seiner Zuneigung drückte er seinen Kopf an meine Schulter und versuchte sich zu scheuern, kurz lachte ich und schob ihn zur Seite. Dann kam auch Lotye wieder, im Schlepptau Alicia und meinen Vater. Die drei schienen es gar nicht abwarten zu können, wieder zurück in die Nachbarhalle zu gehen, um den Hengst abzusatteln. Nur müde schleppte er sich uns hinterher, beachtete gar nicht die Stuten, die ihm lüstern anblickten, zum Glück meinerseits.
      Monet stand mit seiner Decke, und seinem schwarzen Sleezy, in seiner Box, mümmelte schläfrig sein Heu. Erst jetzt, wo alles erledigt war, spürte ich meine eigene Müdigkeit. Schwer lag mein Kopf auf den Schultern und nur mit Mühe konnte ich ihn oben tragen. Auch meine Augen fielen unkontrolliert zu, bis eine tiefe Stimme mich begrüßte und mit dem Finger auf meine Schulter tippte. Am ganzen Körper zuckte ich zusammen, rutschte einige Zentimeter tiefer in den Stuhl, ehe ich mich wieder aufrappelte und den groß gewachsenen, jungen Mann neben mir bemerkte. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass es der Herr auf dem Fuchs war, den ich beim Einreiten getroffen hatte. Auf seinen schmalen, rosigen Lippen lag ein höfliches Lächeln, das mich erneut aufmunterte zu grinsen. Ich schüttelte mich, realisierte dabei auch, dass meine eigentlich weiße Hose vollkommen verdreckt war und der Zopf nur noch locker herunter hing mit vielen Strähnen, die sich daraus verabschiedet hatten. So saß ich vor ihm, kaum zu glauben, dass mich überhaupt jemand ansprach.
      „Soll ich noch mal umdrehen und wieder kommen?“, scherzte er.
      „Ach, alles gut. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass mich heute noch mal jemand ansprechen wird“, gluckste ich unsicher, schob unaufhörlich die lockeren Strähnen aus meinem Gesicht hinters Ohr, „Aber was machst du hier?“
      „Um ehrlich zu sein, wollte ich dich auf einen Snack einladen, weil du dich so tapfer gegen die ganzen Warmblüter durchsetzen konntest“, reichte er mir seine Hand, um mir aus dem Stuhl zu helfen. So, wie ich vor ihm stand, bemerkte ich, dass er riesig war. Gut einen Kopf ragte er über meinen hinauf, was aber bei meinen Knappen eins sechzig nicht schwer war.
      „Sehr gern“, antwortete ich. Hektisch sah ich mich um, denn einfach zu verschwinden war nicht meine Art, doch von keinen meiner drei Begleitern entdeckte ich jemanden.
      „Vorher muss ich aber meinen Vater finden, warte hier“, huschte ich an ihm vorbei, worauf er wie ein begossener Pudel neben der offenen Box meines Hengstes stand und mir mit zusammen gezogenen Brauen nachsah. Vorbeizog ich an den Menschen, die sich in einigen Gängen tummelten, teilweise mit einem Glas in der Hand, in dem wohl Sekt oder Weißwein drin war. Aus den Gesprächen konnte ich nicht viel verstehen, denn auf einem internalen Turnier, herrschte allem voran ein reges Treiben von Menschen aus anderen Ländern. Wenn ich hätte raten müssen, war die Gruppe aus Polen, oder Tschechien. Oder ein beliebiges anderen Land aus dem Ostblock, so genau kannte ich ihre Sprachen nicht. Für mich stellte es schon eine Herausforderung dar, vier an der Zahl zu beherrschen. Ganz am Ende, dem Eingang, wo die Transporter hineinfuhren und parkten, sah ich meinen Vater rauchend zusammen mit meiner Trainerin.
      „Da seid ihr ja“, krächzte ich außer Atem und legte meine Hand stützend auf die Schulter von ihm. Er grinste und atmete tief aus.
      „Was bist du denn so aus der Puste, hast du ein Gespenst gesehen?“, alle Beteiligten lachten, nur ich nicht.
      „Nein, ich wollte mit jemanden etwas essen gehen und nur Bescheid geben, dass ich nicht mehr bei Monet bin“, gab ich klar zu erkennen. Alica kam auch von der Seite dazu, das Gesicht mit einem frechen Grinsen belegt.
      „Ach ja? Mit jemanden also?“, sprach sie verschmitzt.
      Ich nickte.
      „Du kennst die Regeln“, zog mein Vater verdächtig eine Braue nach oben, zog dabei an seiner Zigarette.
      „Ja, ja. Keine Sorge. Wir essen nur etwas“, rollte ich mit den Augen, „außerdem bin ich volljährig.“
      Erneut lachten die Beteiligten nur, Grund genug, um mich wiederzuverziehen, doch meine beste Freundin folgte mir neugierig.
      „Was willst du?“, fauchte ich sie scharf an, aber sie schwieg. Nur das Grinsen auf ihren Lippen wurde schmutziger. Erneut zogen wir vorbei an der Ostblockgruppe, die aus Polen stammten, denn auf einem der Schabracken vor der Box war ihre Flagge zu sehen. Die Weingläser standen mittlerweile leer auf einem kleinen Tisch und eine andere Flasche mit blauem Etikett stand dabei, die Shotgläser daneben nicht zu verkennen. Glücklich jauchzten sie. Die silberne Schleife verriet mir, dass wohl einer von ihnen den zweiten Platz gemacht hatten in der Senior Klasse. Als wir an ihnen vorbei waren, erblickte ich ihn, wie er noch immer vor der Box stand, aber nun mein Pony ausgiebig streichelte. Der Hengst hatte seinen Kopf an seine Schulter abgelegt und genoss es am Unterhals gekrault zu werden. Von solch großen Händen würde ich auch gekrault werden wollen, nein Neele, halt. Ich schüttelte den Kopf, hör auf, sagte ich mir.
      „Na, diskutierst du wieder mit dir selbst“, erkannt Alicia sofort und drückte ihren Finger in meine Seite. Schmerzerfüllt zuckte ich zusammen, blieb dabeistehen. Sie grinste noch immer schelmisch, als ich ihr nickend beschwichtigte.
      „Aber was willst du eigentlich?“, fragte ich erneut.
      „Ich will sehen, was du dir da angelacht hast und was ich bisher sehe, ist eindeutig über deinem Niveau“, lachte sie und öffnete den Zopf ihrer schwarzen Haare, die weitgefächert über ihre Schultern fielen.
      „Bei Freunden wie dir, braucht man wirklich keine Feinde“, rollte ich mit den Augen und zupfte mir einige Sägespäne aus den Haaren, die ich jetzt erst bemerkte.
      „Außerdem, was heißt ihr über meinem Niveau? Wen soll ich deiner Meinung nach den kennenlernen?“, funkelten meine Augen böse in ihre Richtung. Abermals richtete sie sich das üppige Dekolleté und knöpfte sogar zwei Knöpfe ihres Poloshirts weiter auf. Nein, meine beste Freundin war keine Matratze, wusste sich nur vor dem anderen Geschlecht zu präsentieren, mit dem, was sie hatte, ganz im Gegenteil zu mir. Bis auf meine Haare und dem Eyeliner hatte ich nichts Weibliches an mir. Am liebsten trug ich zu weite, schwarze Shirts, die ich aus dem Schrank meines Vaters klaute, bedruckt mit Metalbands vor meiner Zeit. Die Musik hörte ich nicht einmal, aber mochte die Prints. Äußerlich wäre ich vermutlich das, was man noch vor einigen Jahren als Emo bezeichnete, aber sonst traf nichts auf diese Bezeichnung zu. Weder hatte ich meine Pubertät damit verbracht, alles und jeden zu hassen, noch eine ernsthafte Erkrankung zu haben oder die dazugehörige Musik zu hören. Ehrlich gesagt hörte ich am liebsten Taylor Swift und Katy Perry, außerdem interessierte mich die Meinung Anderer nicht, wirklich. Wirklich, wirklich. Na gut, vielleicht ein wenig.
      „Nun, er sieht gesellschaftstauglich aus, was man von den Herren zuvor nicht sagen kann“, zuckte Alicia ihre Schultern.
      „Gesellschaftstauglich also? Was war denn so schlimm an Noah oder Artus?“, hackte ich nach. Sie zog mich am Arm, aber standhaft blieb ich an der Stelle verwurzelt, wollte dieses Thema erst geklärt haben, bevor wir zu ihm gingen. Ja, ich wusste seinen Namen zu dem Zeitpunkt noch nicht.
      „Man, Neele, müssen wir jetzt darüber diskutieren? Noah war hässlich wie die Nacht, kaum zu glauben, dass du mit dem so lange, so glücklich warst und Artus wollte nicht mal mit auf den Pferdehof, weil ihm das eklig war“, ratterte sie wie ein Dieselmotor beim Start herunter, zog erneut an meinem Arm. Da mir wirklich die Worte fehlten, folgte ich. Je näher wir kamen, umso emsiger pochte das Herz wieder in meiner Brust, was nicht dem Tempo geschuldet war, das Alicia an den Tag brachte.

      „Hey“, rief sie ihm laut zu und winkte. Freundlich gab er es zurück, trat aus der Box hervor und schloss sie langsam. Monet trat einige Schritte vor, um seinen Kopf auf dem Metall abzulegen.
      „Ich sehe, wir gehen nicht allein etwas essen?“, grinste er. Noch bevor ich es verneinen konnte, mischte sich Alicia ein: „Sehr gern komme ich mit.“
      Hörbar atmete ich aus, aber blieb stumm. Die Beiden kamen umgehend ins Gespräch, dem ich nicht folgte. Stattdessen lief ich einige Schritte, die zwischen meinem Pferd und mir lagen, um ihm das letzte verbleibende Leckerlis aus meiner Hosentasche zu geben. Vorsichtig fummelte er mit seiner Oberlippe auf meiner Handfläche herum, bis er erfolgreich das Stück aufgesammelte hatte und langsam zwischen den Zähnen zerkaute. Dabei strich ihm über den in Stoff verhüllten Kopf.
      „Warte, das bist du?“, hörte ich plötzlich meine beste Freundin lauthals rufen. Erschreckt, drehte ich mich zu den Beiden um, denn auch Monet hatte sich mit einem kleinen Sprung zur Seite Distanz geschaffen. Weit öffneten sich meine Augen.
      „Ist das wichtig?“, zuckte er mit den Schultern.
      Sofort nickte Alicia.
      „Ach ja?“, sagte ich überrascht und trat näher an die Beiden heran, die für meinen Geschmack zu sehr beieinander standen, aber so grob gesagt, hatte sie wohl mehr Chancen bei ihm, „wer bist du denn, dass meine beste Freundin einen derartigen Schock bekommt?“
      Ja, ehrlich gesagt war mir egal, wie er hieß oder welches Ansehen er in der Pferdeszene hatte, schließlich konnte er sich mit der Schleife küren, das erste männliche Wesen zu sein, dass mich freiwillig angesprochen hatte.
      „Eskil. Eskil Mattsson aus Schweden“, grinste er und gab mir die Hand. Auch mir blieb der Atem weg. Er hatte in der Grand Prix den ersten Platz belegt mit einer Top-Leistung von 90,57 %, hatte damit für die Schweiz einen internen Rekord aufgestellt. Da wunderte es mich nicht, dass sein Fuchshengst vorhin so sehr geschwitzt hatte. Wow, formte sich stumm auf meinen Lippen.
      „Dein Pferd ist so toll“, schwärmte Alicia und fragte ihn direkt tausend Sachen, die Eskil gar nicht so schnell beantworten konnte, wie sie auf ihren Mund ratterten. Währenddessen stand ich nur daneben, verkniff mir jegliche unsinnige Kommentare. Dafür bekam ich die Möglichkeit, den durchtrainierten jungen Mann genau zu mustern, wobei ich auch sein Anubis Tattoo auf dem Unterarm bemerkte. Langsam wanderten meine Augen am Arm entlang. Sein Bizeps zuckte leicht, als wüsste er nicht wohin damit und auf seine Schulter und der Nacken waren angespannt. Dann trafen sich unsere Blicke. Eskil lächelte so sanft, dass ich nur schlucken konnte und den Kopf zu Boden senkte.
      „Wenn wir hier weiter so herumstehen, werde ich wohl ein Pferd essen müssen“, mischte ich mich ein und erntete kleine Blitze, die mir Alicia mit ihren Augen zusandte.
      „Lieber nicht, dann ist noch jemand traurig“, lachte Eskil wieder einmal. So viel Frohsinn wie er hätte ich gern einmal.
      Auf der Fressensmeile gehörten wir zu den letzten Leuten, die verzweifelt versuchten etwas Essbares auszuwählen. Vom Publikum war kaum noch einer da, na gut, die Messe schloss auch in weniger als zwanzig Minuten und für die Reiter, sowie das Personal waren die Stände noch eine Stunde länger geöffnet. So konnten besonders die bekannten Leute der Laufkundschaft entgehen und in Ruhe alles besichtigen. Das internationale Event war von der Vielfalt nicht mit einer typischen Messe vergleichbar, aber es reichte aus, um die neusten Trends zu beschauen oder sich ein Beratungstermin zu unterziehen. Tatsächlich wurden es von Minute zu Minute mehr Leute an den Ständen, aber ich konnte mich erneut für keine Speise entscheiden. Alica lief wie ein Tiger hin und her, beachtete mich nicht einmal. Doch ich war froh, als Eskil sich zu mir stellte.
      „Du wolltest gerade noch ein Pferd essen, kaum zu glauben, dass du dich nun nicht entscheiden kannst“, legte er seinen kräftigen Arm auf meinen Schultern ab. Für einen Augenblick stoppte meine Atmung, ehe ich hörbar ein- und ausatmete. Frech schielte er zu mir hinunter.
      „Schon, aber irgendwie klingt das alles nicht nach dem, was mir vorschwebt“, seufzte ich. Auch meine Augen wanderten hoch zu ihm. Zugegeben, für einen Moment fühlte es sich an, als würden wir uns ewig kennen und diese Nähe, die zwischen uns lag, brachte mich zum Schwitzen. Ein Gefühl durch schwemmte meinen Körper und willkürlich kam in mir das Verlangen, meine Lippen auf seine zu drücken, obwohl ich mir auch gut vorstellen konnte, dass ein Mann wie er, nur vergeben sein konnte. Neele, sei ruhig.
      „Worauf hast du denn Lust?“, erkundigte sich Eskil. Wäre es unangebracht mit ‘auf dich’ zu antworten? Vermutlich. Kurz dachte ich nach und mein grummelnder Magen gab mir zu verstehen, dass ich lieber schneller einen Entschluss fassen sollte.
      „Pizza“, gab ich zu verstehen, und grinste. Er nickte, dann nahm er den Arm wieder von meinen Schultern und lief zu dem Stand, der sich zwischen den Hallen befand. Es gab tatsächlich Pizza hier. Erleichtert fiel mir ein Stein vom Herzen und schnellen Schritten folgte ich ihm, beim Bestellen musste ich zum Verdruss feststellen, dass mein Geld noch bei Papa in der Jackentasche war.
      „Du?“, tippte ich ihm mit meinem Zeigefinger vorsichtig in den Bauch. Natürlich kam direkt ein fühlbarer Widerstand und ich spürte, dass er seine Muskulatur anspannte. Sein Ernst? Immer mehr kam das Verlangen in mir hoch, aber ich wusste mich zu beherrschen, schließlich war Eskil nicht der erste hübsche Mann in der meiner Gegenwart.
      „Ja? Was ist los?“, flüsterte er.
      „Mir ist das wirklich unangenehm, aber ich habe mein Geld vergessen“, säuselte ich. Eskil lachte auf, schüttelte nur den Kopf und fühlte sich dann dazu berufen mir die Frisur noch mehr zu versauen und meine halbe Pizza zu bezahlen. Dankbar funkelte ich hoch zu ihm, hielt mich dabei an einem Oberarm fest. Ungezwungen grinsten wir einander immer wieder an, bis schließlich Alicia dazu kam und ich panisch wieder von ihm abließ. Wieder funkelten ihre Augen böse in meine Richtung, was mir zunehmend mehr Sorgen bereitete. Ich wollte nicht, dass wir wegen eines Typen uns stritten. Das gab mir den Grund, ihn ihr zu überlassen, auch, wenn am Ende des Tages er die Entscheidung treffen musste.
      Mit der Pizza in der Hand liefen wir alle zusammen zu den Tischen, die über eine Treppe auf einer Art Terrasse standen, von der aus man einen wunderbaren Blick auf den Abreiteplatz hatte. Tatsächlich ritten dort einige. In der Mitte waren zwei Sprünge aufgebaut, die jemand im Wechsel abänderte und hörbar Tipps gab, zumindest war es das naheliegendste. Die Sprache kam keiner der mir bekannt nahe, selbst nicht dem Polnisch, das vorhin meine Ohren vordrang.
      „Ich flippe aus“, flüsterte mir Alicia laut ins Ohr. Was hatte ich vor einigen Stunden, noch auf dem Platz sagt? Dass sie wie ein Profi sei? Diese Aussage würde ich nun revidieren. Je mehr bekannte Personen sie bemerkte, umso höher wurde ihre Stimme, so auch offenbar der Herr auf einem glänzenden Rappen, der ein furchtbar niedliches Abzeichen auf dem Kopf trug.
      „Wer ist das?“, wunderte sich Eskil und drehte sich um. Ich zuckte nur mit den Schultern. Schon allein aus der Tatsache heraus, dass ich mir Namen nur schlecht merken konnte, befasste ich mich zwar mit der Szene, aber Größen aus dem internationalen Sektor mussten erst ihren Platz in meinem Kopf finden. Einen kannte ich, auch wenn mir der Name just ist diesem Moment wieder verfiel. Er ritt eine Schimmel Stute mit blauen Augen und seine Arme – voll tätowiert, ein Traum, auch wenn es mich an Menschen aus dem Gefängnis erinnerte. Schön anzusehen, aber ein Gespräch wollte ich lieber nicht mit ihm führen, dafür wirkte er mit seiner Größe zu einschüchternd, die Breite seines Kreuzes und das restliche Auftreten trugen auch ihren Teil dazu bei. Und Geld hatte er, das verschwieg er nicht. Ah, da kam es mir wie ein Geistesblitz, sein Nachname war Olofsson, so wie der Stahl-Hersteller aus Schweden.
      „Jetzt sagt mir nicht, dass ihr nicht wisst, wer der hübsche junge Mann ist“, gab Alicia zu bedenken, doch Eskil und ich zuckten nur synchron mit den Schultern, „das ist Raphael Craig mit seinem Elite-Hengst Poseidon. Die Beiden springen extrem erfolgreich auf CSI*1 und seit einigen Turnieren sogar schon auf CSI*2. Auf den letzten hatten sie sogar jeden den Sieg auf ihrer Seite.“
      Ausgiebig erklärte sie uns, was der Kerl mit dem Hengst schaffte. Für mich waren die Begriffe des Niveaus schon zu schwer verständlich, denn das höchste meiner Gefühle zum Springen war ein Einsteiger Turnier. Doch da hatten Monet und ich uns ziemlich gut geschlagen, bei fünfzig Teilnahmen belegten wir den zwölften Platz.
      „Dann muss ich wohl doch morgen das Springen ansehen“, lachte Eskil und biss von meiner Pizza ab, die wie versteinert in meiner Hand hing.
      „Das ist meine“, zog ich verärgern das Stück wieder zu mir. Er wischte sich mit der Hand die rote Soße von den Mundwinkeln weg. Frech zogen sich die Wangen nach oben, wodurch sein markantes Kinn Schatten warf. Verträumt biss ich mir auf der Unterlippe herum, auch, um mich zu zügeln. Kaum war ich ihm wieder so nah, gingen die jungen Pferde in meinem Kopf durch. War er perfekt? Zumindest sehr dicht daran.
      „Ich springe morgen CSI*1, wirst du dann auch im Publikum sitzen?“, funkelten Alicias Augen groß. Unter dem Tisch trat sie mir unlieb gegen das Schienbein, denn von mir gabs es ausnahmsweise auch einmal einen bösen Blick. Es stieß mir noch immer sauer auf, dass sie mit biegen und brechen versuchte seine Zunft zu gelangen, obwohl wir eigentlich gute Freunde waren. Ja, ihr Ex-Freund Vachel, der bis vor der Trennung, der beiden ebenfalls bei uns mit im Stall stand, gehörte mit zu meinen engen Freunden, doch danach war es auch vorbei. Hatte ich ihr jemals erzählt, dass ich starke Gefühle für ihn hegte und deswegen sogar die Beziehung zu Noah beendete? Nein, natürlich nicht. Auch, versuchte ich mich stets zurückzuhalten, was ihn betraf, nur, um sie nicht in eine solche Situation zu bringen.
      „Neele, du wirst sicher zu sehen, oder?“, vergewisserte ich Eskil, woraufhin ich direkt nickte, „dann ja.“ Alles an dieser Antwort brachte mein Blut in Wallungen. Wie er meinen Namen aussprach, dass er es von mir abhängig machte, rundum – perfekt. Alicia gab darauf nur eine kurze Antwort und lehnte sich zur Seite, um Raphael, oder wie er hieß, genauer beobachten zu können.

      „Hast du meine Tochter gesehen?“, hörte ich meinen Vater zu Alicia sagen, als ich noch mit Eskil hinter den Boxen stand, abseits der wenigen Leute, die uns hätten sehen können. Dicht standen wir beieinander, meine Arme eng um seinen Hals geschlungen. Was tat ich hier eigentlich? Ich kannte ich so gut wie gar nicht, aber kam meiner Versuchung nach, wissen zu wollen, wie er schmeckte. Doch Eskil machte es mir nicht leicht. Etwas unbeholfen hielt er mich an der Hüfte fest, grinste mich jedoch breit an. Seine Augen gaben mir jedoch andere Signale. Flüchtig wichen sie mir aus, versuchten einen Weg herauszufinden. Aber um mir zumindest einen Augenblick des Erfolgs zu geben, drückte ich meine Lippen auf seine Wange und ließ von ihm ab.
      „Danke“, flüsterte ich nur und verabschiedete mich kurz. Er hob die Hand, die leicht zittrig die Finger bewegte.
      „Da bist du“, gab mein Vater erleichtert zu verstehen und schob mich am Pony vorbei in Richtung des Ausgangs. Nur wenige Kilometer entfernt hatte er für uns ein Hotelzimmer gemietet, in dem Alicia und ich uns ein Bett teilten. Er schlief einen Raum weiter.
      Als wir im Bett lagen, huschten all die Gedanken durch meinen Kopf. Es war ein Rausch der Gefühle, vollbracht durch unreflektiertes Verhalten und dem Verlust aller sinnigen Gesellschaftsregeln, die mein Vater so viele Jahre versuchte mir beizubringen. Bisher hatte ich es auch geschafft, als dieses einzuhalten, doch heute war etwas anderes. Vermutlich trug auch Alicia ihren Teil dazu, dass ich ihr beweisen wollte, dass ich in der Lage war einen attraktiven Kerl kennenzulernen. Leise seufzte ich.
      „Bist du noch wach?“, flüsterte sie mir zu.
      „Ja“, stimmte ich zu.
      „Es tut mir leid, dass ich mich heute derartig schlecht dir gegenüber verhielt. Ich habe mich so darüber geärgert, dass dich jemand angesprochen hat und nicht mich“, entschuldigte sich Alicia. Ein stilles Schniefen ging durch den Raum.
      „Ach, ist doch alles gut. Passiert, aber morgen wird es besser. Vielleicht spricht Raphael mit dir“, hörte man auch das Grinsen in meiner Stimmte.

      In Herrgottsfrühe klingelte mein erster Wecker, bei dem ich unmittelbar hochschreckte und mit meinen Füßen den kühlen Holzboden berührte. Über Nacht war das Fenster offen und hatte die, sonst erträgliche, Temperatur im Raum, um einiges heruntergekühlt. Schnellen Schritte verschwand ich im Bad unter der Dusche und noch bevor der zweite Wecker schellte, hatte ich mich abgetrocknet und das Zimmer verlassen. Mürrisch drehte sich Alicia im Bett.
      „Ich möchte nicht aufstehen“, murmelte sie leise und zog sich die Decke über den Kopf.
      „Nichts da“, nahm ich lachend die Bettdecke wieder weg, „aufstehen!“
      Erneut sprach sie ins Kopfkissen, aber entschloss sich dann doch ins Badezimmer zu gehen. Ich setzte mich in der Zeit auf den Stuhl neben dem Bett und durchforstete die neusten Nachrichten rundum die Pferdewelt, eine große Eilmeldung war, dass die Weltreiterspiele verschoben wurden, da es Probleme bei der Planung gab und sie nun ein Jahr früher stattfinden sollten. Aufgrund des bereits festgelegten Termins musste jedoch ein neuer Austragungsort gefunden werden, wovon schon einzige in der engeren Auswahl standen. Mehr Informationen konnten bisher nicht herausgegeben werden. Ganz am Ende stand noch einige wichtige Mitteilung für mich. Ich hatte bereits Tickets, die auch für die neue Austragung gültig sein würden oder kostenlos storniert werden können. Erleichtert atmete ich aus. Dann scrollte ich weiter, besonders eine Schlagzeile verankerte sich fest in meinem Kopf: “Schwedische U25 Teamaufstellung so schwach wie noch nie.“ War Eskil nicht aus Schweden? Zumindest meine ich mich an ihre Flagge zu erinnern, die verhalten auf seiner weißen Schabracke glänzte. Im kaum beleuchteten Tunnel konnte ich es jedoch nicht genau erkennen. Kurz überflog ich den Artikel, der davon berichtete, dass immer mehr aus dem Kader wegen schlechtem Benehmen und Leistungen diesen verlassen mussten, einige interessante Kandidaten standen für die nächste Aufstellung zur Wahl, doch es war noch zu früh, um darüber zu spekulieren, wer die nächsten sein würden. Auch bei den Senioren gab es Schwierigkeiten ein vollständiges Team zu bekommen. Traurig, gab es so wenig gute Reiter? Ich kannte das Land als ein ziemlich erfolgreiches.
      „Bist du bereit“, sprang Alicia voller Motivation aus dem Badezimmer, nur mit mehreren Handtüchern um den Leib gebunden.
      „Im Gegensatz zu dir bin ich mit dem Turnier durch, aber ich freue mich, dass du so voller Energie bist“, grinste ich freundlich und steckte das Handy zurück in die Hosentasche. Es vibrierte, aber meine Neugier hielt nur kurz an, sodass ich gar nicht nachsah.
      „Mädels, seid ihr angezogen?“, fragte mein Vater durch den Türspalt, was ich bejahte. Dann schob er noch das letzte Stück auf und in neuer Frische stand er grinsen vor uns. Mit einem herzlichen ‘Guten Morgen’ grüßten wir einander.
      „So, dann kann es losgehen?“, vergewisserte er sich nach einem kurzen Gespräch darüber, wie die Nacht war.
      „Ja, auf in die Schlacht“, lachte ich und erhob mich aus dem Stuhl. Wir folgten dem langen Flur, der mit einem seltsamen blauen Teppich geschmückt war, nicht etwa auf dem Fußboden, nein, an der Wand. Schön sah es nicht aus, dafür dass dieses Hotel ganze vier Sterne unter dem Namen trug.
      „Lotye hat dir einen Platz im freien Training besorgt“, erzählte mir Papa, als wir einige Meter hinter Alicia zum Auto liefen. Verhalten nickte ich.
      „Danke“, murmelte ich noch. Besorgt sah er mich von der Seite an.
      „Freust du dich nicht?“, wunderte er sich umgehend. Von seiner Kleidung stieg der eklige, stickende Geruch von Schweiß und Zigarettenqualm in meine Nase. Wie konnten das seine Arbeitskollegen im Büro nur aushalten? Für mich war es schon schwer in dem weitläufigen Flur.
      „Doch schon“, seufzte ich, „aber eigentlich wollte ich nicht noch eine Nacht hier schlafen.“
      „Hättest du sowieso, weil ich euch nur hinüberfahre und dann ins Büro muss. Einige Planungen warten noch auf mich und wir brauchen den Zuschlag“, erklärte Vater. Wieder nickte ich wissend, dass die Arbeit immer in seinem Leben Vorrang hatte. Gut, da ich heute ohnehin keine Vorstellung hatte, passte es mir ziemlich gut. So konnte ich mein Erspartes für eine oder zwei Schabracken ausgeben. Vielleicht wurde ich auch fündig bezüglich einer weiteren Jacke für noch winterlichere Temperaturen, die im Hochland zum guten Ton gehörten.
      „Okay?“, vergewisserte er sich.
      „Ja, alles gut. Passt“, grinste ich und stieg ins Auto, an dem Alicia bereits sehnsüchtig wartete. Während der kurzen Fahrt war es still. Meine Freundin fummelte wild auf ihrem Handy herum und zeigte mir einige Bilder von der Dressur. Leider fand sie keins von Monet und mir, doch in kleinen Vorschau erkannt ich sofort Eskil mit seinem Fuchs wieder. Erlkönig hieß er, wenn ich der Bildbeschreibung Glauben schenken konnte. Hitzig riss ich ihr das Handy aus Hand und betrachtete alle sehr genau. Wie konnte jemand wirklich so gut aussehen und dermaßen freundlich? Ich verstand es nicht, wollte es vermutlich auch nicht. Stattdessen begann dieses undefinierte Kribbeln in meinem Bauchraum wieder die Oberhand zu ergreifen.

      „Das reicht doch jetzt“, flüsterte sie mir zu, aber war so zuvorkommend mir den Link zu senden, damit ich selbst noch einmal in Ruhe sehen konnte. Augenblicklich funkelte schon der Eingang vom Gelände durch die Windschutzscheibe, überall hingen violette Fahnen mit dem allseits bekannten Logo der FEI, die nicht weit von hier entfernt ihren Sitz hatten. Vorbeizogen wir an den langen Schlangen des Besucherparkplatz, direkt zur Schranke.
      „Kann ich euch hier herauslasen?“, fragte Papa nach, woraufhin ich schon die Tür aufdrückte und aus dem Fahrzeug stieg. Alicia wirkte von dem schnellen Rauswurf überfordert, aber stieg ebenfalls einige Sekunden später ins Freie. Oberflächlich verabschiedeten wir uns und schon brauste der schwarze Geländewagen an uns vorbei. Ich lief vor, da meine beste Freundin ohnehin nur mit meiner Hilfe den Weg finden würde. Mehrfach wurden wir mit unseren Ausweisen kontrollieren und kamen schließlich in der Halle an, in der alles vollgestellt war mit den Boxen. Der vertraute Geruch von Schweiß, Heu und Pferdeäpfeln stieg mir in die Nase und versteht mich nicht falsch, ich würde sogar sagen einen Crêpe erduftet zu haben. Mürrisch meldete sich mein Magen. Seit der halben Pizza hatte ich nichts mehr gegessen und da Alicia demnächst an der Reihe war, sollte ich wohl für uns beide noch etwas besorgen. Kurz prüfte ich die Tasche meines Kapuzenpullovers, in der mein Portemonnaie friedlich ruhte.
      Eilig liefen wir durch die überfüllten Gänge, versuchten so schnell wie möglich unsere beiden Pferde zu erreichen, die im landeseigenen Abteil standen, darüber hing die große Drapeau Tricolorevon der Decke, die eine gute Orientierungsmöglichkeit boten. Neben uns waren die Ukrainer und Spanier. Auch Raphael entdeckte ich aus der Ferne, gab Alicia jedoch nicht Bescheid. Sie hatte genug damit zu tun bei meinen kleinen, aber flinken Schritten mitzuhalten und somit kam ich als Erstes bei den Boxen an. Monet wieherte mich neugierig an. Sofort schob ich die Tür zur Seite und umarmte meinen Hengst innig, der nichts besseres Zutun hatte, als an meiner Kapuze zu zupfen. Natürlich hatte ich in meiner Hosentasche bereits ein Leckerli für ihn vorbereitet.
      „Kannst du Croissants besorgen?“, funkelten mich die braunen Augen meiner besten Freundin von der Seite an, als ich gerade die Kraftfutterportionen der Pferde zubereitete. Kurz ließ ich die Eimer stehen.
      „Wie viel Klischee möchtest du noch sein?“, lachte ich und nahm die schwarzen Behälter wieder hoch, um sie in die jeweilige Box unserer Pferde zu stellen. Monet verschwand samt Ohren in seinem Frühstück. Überall klebte das Masch. Froh darüber, dass er den Sleezy trug, lächelte ich und warf noch einen Blick auf Dix. Die Rappstute fraß wie ein Schwein, überall verteilte sich das Kraftfutter im hellen Einstreu, wohingegen Monet es bevorzugte darin zu baden. Ja, ehrlich gesagt konnte keins unserer Pferde vernünftig Fressen.
      „Excuse-moi“, rollte Alicia mit den Augen und sortierte sinnlos die Sachen vor der Box, von einer Seite zur anderen, bevor ich sie am Arm griff und in den Stuhl drückte. Vollkommen außer Atem sah sie an mir hoch, die Augen glasig und ihr Eyeliner verwischte etwas. Sie hatte ein Talent dafür, nicht über die innerliche Anspannung zu sprechen, stattdessen suchte Alicia sich eine Beschäftigung. Vielleicht sollte ich ihr eine Freude machen, schließlich entdeckte ich Raphael bereits nur wenige Gänge weiter.
      „Ich gehe gleich“, sagte ich dann und lächelte freundlich. Hörbar nahm sie einige kräftige Atemzüge und auch ihre Augen wurden trockener. Für meine beste Freundin war es die erste CSI*1, aber sie verpasste keine einzige Veranstaltung, die von unserer Heimat erreichbar war. Also kannte Alicia die Atmosphäre besser, doch nun selbst zu den Teilnehmern zu gehören, wirkte nicht mehr so vertraut. Ihre Knie zitterten unaufhörlich.

      „Was ist, wenn was passiert?“, flüsterte sie mir leise zu.
      „Dann passiert es nun mal, kann man nicht ändern“, zuckte ich mit den Schultern, obwohl ich selbst bisher nicht verarbeiten konnte, dass ich Monet kaum vorbereitet hatte und damit die Wertung niedriger ansetzte, als es sein Niveau war. Ich wurde ihm nicht gerecht an diesem Wochenende, aber es standen noch viele Turniere an, wo ich unser Können Unterbeweis stellen würde. Lang und breit erklärte Alicia mir, was alles in dem Parcours passieren könnte, dass sie mit Dix für solche Fällte nicht trainiert hatte und nun den Start überlegte abzusagen. Wie war das noch mal? Profi? Ich lachte. Schockiert riss sie die Augen auf und blitzte finster in meine Richtung.
      „Du bist keine Hilfe“, maulte sie und schickte mich auf den Weg Essen zu besorgen. Wieder kämpfte ich mich durch die Mengen in den Gängen, vorbei an den Kanadiern, die nur drei Blöcke entfernt ihr Quartier hatten. Neugierig musterte ich die Jungs, wovon einer Raphael war. Angezogen von dem Charme der Männer blieb ich auf ganze Linie stehen. Einer ihrer erhob sich, lief zu seinem Brauner in der Box. Dann verstummte das Gespräch, als er meine starrenden Blicke bemerkte und mit einer fuchtelnden Handbewegung mich zu sich holte. Kalt lief mir ein Schauer über den Rücken. Alicias Worte hingen mir noch in den Ohren – Raphael war auf dem Weg nach ganz Oben, zu den Stars und Sternchen des Springreiterhimmels. Der Nächste reihte sich in meiner Liste an mit Männern, die mich bedeutungslos auf einem Turnieransprachen. Ich versuchte die Freundlichkeit in den Vordergrund zu stellen und nicht direkt an eine Hochzeit zu denken, schließlich war nicht jedes Gespräch eine Offenbarung der Liebe.
      Nacheinander stellte man uns einander vor, dabei tippte ich mit meiner Hand gleichmäßig am Oberschenkel, versuchte weder in Tränen auszubrechen, noch den Schleier aus Freundlichkeit zu verlieren. In meiner Brust wurde es lauter und lauter, aber den Blicken zur Folge hörte es niemand. Nur in meinen Ohren vibrierte und donnerte es laut, als befand ich inmitten eines Schlachtfeldes, zwischen den Schützengräben, die weit entfernt lagen und mir keinen Schutz mehr gewähren konnten. Zu lange hatte ich kein männliches Wesen, außer meinen Hengst, an meiner Seite, dass mir langsam oder sicher jedes Gespräch mit einem dieser wie ein Groschenroman vorkam. Etwas lag in dieser Halle in der Luft, dass mich wie ein unsichtbarer Mantel umzog und schließlich in mich hineinkroch, festgebissen an allem, was an Gefühlen vorherrschte. So stand ich hier, machtlos und überrumpelt. Ich konnte gar nicht verstehen, was sie zu mir sagten und das scheiterte keinesfalls an der sprachlichen Barriere. Stattdessen fühlte ich mich erschlagen von all den Hormonen, die in diesen Gängen schwebten, mir die Sicht vernebelten und schlussendlich die letzten klaren Gedanken übernahmen.
      „Kann ich dir helfen?“, fragte Raphael zum wiederholten Mal, doch erst jetzt drangen die Worte wellenartig in meine Ohren. Ich schüttelte mich.
      „Es tut mir leid, mein Hirn musste neu gestartet werden“, lachte ich und schob eine Strähne aus meinem Gesicht. Auch die anderen setzten mit ein. Dann fiel mir meine Idee wieder ein. Kurz erläuterte ich meinen Plan, dem er höflich zustimmte. Anschließend verschwand ich, um die nötigen Sachen dafür zu besorgen. Den Ausschilderungen folgte ich, kam wieder an den Polen vorbei, die ihren Alkohol auf dem Tisch zu stehen haben. Versteht mich nicht falsch, es gab kein Problem mit der Nation, nur wunderte ich mich, dass ich die fünf nur beim Trinken von russischem Kochwasser sah. Meine Austauschschülerin vor sechs Jahren, oder waren es mehr, trank nicht so viel. Na gut, zu dem Zeitpunkt waren wieder minderjährig.

      Ungeduldig stand vor dem einzigen Bäcker, den ich in der Fressmeile fand, voll war es und auch auf den Tribünen wurden es zunehmend immer mehr. Aktuell fand das Pony Springen statt, dass nicht ansatzweise so viele Begeisterte fand. Schade eigentlich. Mehrfach erhaschte ich einen Blick auf die teils sehr jungen Reiter mit ihren Ponys. Die Zeiten klangen gut, auch wenn sich meine Erfahrung hierfür in Grenzen hielt. Besonders eins fiel mir sofort ins Auge. Der Palomino Hengst stolzierte wie ein König über den Abreiteplatz, während die kleine Dame im Sattel ihn nur schwer unter Kontrolle bekam. Im Galopp buckelte er einige Male, doch sie hielt sich tapfer.
      „Madame, ihre Bestellung“, wiederholte die Verkäuferin. Mist, ich sollte heute konzentrierter sein, wenn ich mir die geistige Abwesenheit nicht anmerken lassen wollte. Für meine beste Freundin wählte ich drei Croissants, mir hingegen reichte ein belegtes Baguette mit Käse und Salat, dazu einen Kaffee. In zwei verschiedene Tüten verpackte sie die wohlriechenden Backwaren und ich lief schnellen Schritte zu Raphael, der als freundlicher Überbringer der Nahrung agieren sollte. Aber noch bevor ich bei dem Kanadier ankam, lief ich unsanft in eine Person herein, dabei verkippte ich mein Heißgetränk über das weiße Hemd und die dazugehörige Hose.
      „Beauf“, fauchte er böse. Warte, die Stimme kam mir bekannt vor. Langsam hob ich den Kopf vom Boden nach oben.
      „Vachel?“, fragte ich vorsichtig, worauf hin er sich mir um den Hals warf. Ja, er war es. An meiner Haute spürte ich, wie die warme, braune Flüssigkeit sich nun auch auf mir verteilte. Etwas angeekelt zuckte ich zusammen. Bloß sein vertrauter Geruch sorgte dafür, dass ich mich wieder in meinem normalen Ich fand, der Neele, die zwar tollpatschig, aber fernab von dem ganzen Gefühlskram durch die Welt ging. Der Grund dafür stand vor mir, oder hing mir am Hals, als wäre nie etwas geschehen.
      „Was machst du denn hier?“, gluckste ich. Aus einer der Tüten nahm ich die Servietten, in der Hoffnung damit seine Kleidung wieder sauber zubekommen – ein unmögliches Befangen. In einer Millisekunde trafen sich unsere Finger. Ich schluckte. All die alten Gefühle sprudelten nach oben, als wäre monatelang Ebbe gewesen, doch jetzt, jetzt kam die Flut. Sie spülte das Alte wieder an die Oberfläche, Erinnerungen und Momente, die ich vergessen hatte oder wollte. Der Übergang war häufig fließend.
      „Eigentlich wollte ich mir einen Crêpe holen und dann mit Sky auf den Abreiteplatz, da wir morgen in der CDI*3 starten, aber offensichtlich“, zeigte er an sich herunter, „muss ich mich erst einmal umziehen.“
      „Dann hole ich dir deinen Crêpe und“, überlegte ich, aber Vachel wusste schon, was ich sagen wollte. Dafür kannten wir uns schon lang genug. Verstohlen lächelte ich, versuchte wie er, das Beste aus der Situation zu machen.
      „Und ich ziehe mich um. Kommst du dann zu unseren Boxen?“, auf seinen Lippen formte sich dieses Lächeln, dass mich vor vielen Jahren bereits verzauberte. Sanft zogen sich die Mundwinkel nach oben und die markanten Wangenknochen traten hervor. Aber meine Chancen waren schlecht. Ziemlich schnell wurde ich in seine Friendzone geschickt, dementsprechend erzählt ich ihm nie von meinen Gefühlen. Bis heute vermutlich eine sehr weise Entscheidung.
      „Da bist du endlich“, jauchzte Raphael, der ungeduldig mit dem Bein wippte. Hinter ihm zupfte Poseidon, der Hengst, der von Alicia so in den Himmel gelobt wurde, an seinem Heunetz. Zwischendurch erhob den Kopf, musterte mit seinen blauen Augen die Umgebung und spitzte interessiert die Ohren, als die Tüte mit den Croissants raschelte. Langsam trat er an uns heran, streckte soweit er konnte den Hals über die Tür. Raphael zeigte ihm die braune Papptüte und das Pferd hatte nur im Sinn einmal kräftig hineinzubeißen.
      „Viele würden das jetzt nicht mehr essen wollen, aber meine beste Freundin wird heulen vor Freude“, lachte ich. Auch er setzte mit ein, versuchte dabei die Tüte wieder aus dem Maul des Tieres zu bekommen. Die Ohren des Tieres bewegten sich verwirrend von vorne nach hinten, erst reichte man ihm die großartige Tüte und dann sollte er sie im nächsten Augenblick wieder hergeben. Ich würde genauso eingeschnappt reagieren wie der Gott. Wieder lachte ich.
      „Noch ist etwas da, also lass uns deine Freundin überraschen, schließlich habe ich noch anderes zu tun“, sagte Raphael entschlossen und lief voraus zu den Boxen. Mein Mund öffnete sich, um mich für die Störung zu entschuldigen, doch da hörte ich die genervte Stimme von Alicia und dem Gegenpart – Vachel. Fragend drehte sich der Kanadier zu mir um.
      „Am besten entführe ich den Hahn und du folgst mir“, schlug ich vor. Er nickte und überholte ihn. Wieder sah ich die polnischen Reiter, doch dieses Mal stand eine Wasserflasche auf dem Tisch. Die Hoffnung bestand, dass das Kochwasser zuvor noch vom Abend war.
      An den Boxen bemerkte ich Vachel als Erstes, hatte sich in der Zwischenzeit mit sauberer Kleidung ausgestattet. Das graue Oberteil saß eng an seinem Oberkörper, der durchtrainiert durch den Stoff blitzte. Sein verärgertes Gesicht wandelte sich zu einem sonderbaren und begierigen Lächeln, dabei sahen wir uns tief in die Augen. Die Flut kam näher ans Ufer, noch tiefere und versteckte Gefühle drückten sich durch den getrockneten Sand nach oben. Bevor es wie ein Tsunami über das Land trat, vernahm ich die sanfte Berührung an meinem Arm von Raphael, der von seinem kleinen Versteck in den Vordergrund trat. Schließlich drehte sich auch Alicia um. Unbeweglich standen wir vier voreinander, versuchten die Situation zu deuten, bis meine beste Freundin panisch losschrie, auf Französisch oder auch Deutsch, vielleicht etwas Italienisch, auf jeden Fall laut und unerträglich. Er reichte ihr die angebissene Tüte, worauf erneut unverständliche Worte durch die Halle schwangen.
      Zusammen mit Vachel ging ich ein Stück zur Seite, besser gesagt zu seinem Hengst, der um einiges entfernt stand. Vielleicht auch besser für alle Beteiligten. Dann stoppte er plötzlich und flüsterte: „Ist der Schnösel ihr Freund? Oder deiner?“ Über die Absurdität konnte ich nur lachen und schüttelte den Kopf.
      „Nein, das ist ein bekannter Springreiter, von dem sie ein riesiger Fan. Ich, als beste Freundin, habe nur dafür gesorgt, dass er ein Gespräch mit ihr führt. Also alles gut. Hängst du noch an ihr?“, überfiel ich ihn umgehend mit meinem ersten Gedanken. Er schluckte, aber verneinte.
      „Dafür war die Trennung zu schmerzhaft, um der gemeinsamen Zeit hinterher zu jammern. Aber war schön, dich zu treffen, sehen wir uns später noch einmal?“, sanft legten sich seine Worte in meinen Ohren ab. Ich vermisste die Zeit mit ihm, nicht nur wegen der Gefühlsduselei. Vielmehr waren wir so enge Freunde, dass der Verlust vermutlich noch schmerzlicher war, als die Trennung. Also ja, ich hatte nichts mit der Trennung am Hut, konnte mir der Umstände entsprechend vorstellen, wie er sich dabei fühlte. Auch, nach dem Alicia von einem zum anderen Tag beschloss, dass er deshalb aus dem Stall verschwinden sollte.
      Ich bekomme die Krise.
      Nervös fummelte ich in der Mähne meines Hengstes herum, versuchte mich all der Dusselei klar zu werden. Wünschte ich mich in dem Augenblick woanders hin? Ganz bestimmt, aber was ich noch nicht wusste: Der Wunsch würde sich schneller erfüllen, als es mir lieb war. Doch dazu wenden wir uns an einem anderen Tag.
      „Wo ist eigentlich dein gutaussehender neuer Freund?“, drückte Alicia noch tiefer in die Wunde. Seit unserer Ankunft versuchte ich ihn in den Mengen der Menschen zu entdecken, scheiterte aber auf ganzer Linie. Resigniert zuckte ich mit den Schultern und reichte ihr die Trense von der Boxenfront, wo sie an einem Haken hing.
      „Ach Neele“, jammerte sie beim Trensen, „jetzt sei nicht so ein Miesepeter. Er wird sich schon anfinden, ansonsten finden wir jemand anderes für dich und dieses Jahr stehen doch noch einige Veranstaltungen auf dem Plan.“ Ihr kindliches Lachen zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann schnappte ich mir die nötigen Sachen wie Gerte und Abschwitzdecke. Für heute wurde ich als Turniertrottel vereinnahmt, sah mir demnach ihre Runde von der besten Position an.
      Auf dem Abreiteplatz wurde es immer mehr Reiter, daraus resultierte auch, dass der gegenseitige Respekt sich verringerte. Insgesamt waren fünf Sprünge aufgebaut, die Alicia nach einer intensiven Aufwärmphase mit Dix nacheinander nahm. Die Stute zog kräftig an, doch sie wusste ihr Pferd mit einer halben Parade und einem tiefen Sitz im braunen Sattel zu bändigen. Dix bremste und sprang im richtigen Moment ab, wie ein Vogel flog der Rappe über die bunten Stangen, touchierte jedoch mit dem rechten Hinterbein die oberste. Mein Atem stockte, aber als die Vorderbeine im Sand landeten und die Stange noch auf der Halterung lag, wurde mir ums Herz leichter. Normal setzte meine Atmung fort. Vor dem Sprung zwischen all den Anderen drückte ich meine Daumen fest gegen die Handinnenfläche. Es würde mir fehlen, wenn heute etwas passieren würde. Dann wurde es mir klar: Lotye, unsere Trainerin, war gar nicht da. Verzweifelt wühlte ich mich durch die Abschwitzdecke zu meiner Hosentasche vor, wischte mit meinem Finger über den gläsernen Bildschirm und klickte schlussendlich auf das kleine Hörer-Symbol. Zweimal piepte es und dann kam schon die Mailbox. Auch beim vierten, fünften und sechsten Mal hob sie nicht ab. Meine Atmung wurde schneller, das Blut brodelte in meinen Adern und schlagartig wurde mir heiß. Das kann doch nicht sein. Alicia sprang heute die erste CSI1 im Senior, eine Höhe von hundertfünfundzwanzig Zentimetern musste sie bestreiten bei zwei Durchgängen und zwölf Hindernissen. Schon allein diese Vorstellung jagte mir eine gehörige Angst ein. Ich hatte das den Parcours in der Hand, versuchte den Ablauf in meinem Kopf mit Monet zu springen. Eigentlich wirkte es ganz niedlich, doch mir war klar, dass keiner uns von uns beiden dazu in der Lage war.
      „Was denn mit dir passiert?“, fragte meine beste Freundin schockiert, die mit Dix vor mir anhielt.
      „Lotye geht nicht an ihr verdammtes Telefon“, fluchte ich. Sie begann zu lachen. Hatte ich was verpasst?
      „Du hörst wohl nicht richtig zu. Sie hat heute Training auf einem Gestüt hier in der Nähe, deswegen wird sie mich nicht betreuen. Da Dix schon sicher bis hundertvierzig springt, waren wir uns einig, dass das heute ein Kinderspiel wird“, erklärte Alicia. Ach ja? Ein Kinderspiel also? Vor einigen Stunden saß sie noch kreidebleich vor der Box ihrer Stute, wusste nicht, wohin mit den schlechten Gedanken und hatte dabei um Haaresbreite ihren Traummann verpasst, was dank mir doch noch funktionierte. Aber ich mochte Alicias Selbstsicherheit, wenn sie auf ihrer glänzenden Stute saß. Die beiden wirkten so harmonisch und vertraut, dass keiner sie auseinanderbringen könnte. Ein Vorteil, wenn man wie wir ein Tier viele Jahre begleitet und sich auf Partner-Pferd verlassen konnte, egal was passieren mag.
      Alicia war die zweite Teilnehmerin in der Prüfung, so hatte sie nur einmal die Möglichkeit den Parcours geritten zu trachten. Hintergründig spielte Musik, ich glaube es was das Titellied von Titanic, während aus dem schrillen Lautsprecher der Name des ersten Reiters ertönte. Es war der junge Pole, der gestern grölend durch die Gänge lief und versuchte Kleingeld zu bekommen. Vermutlich hatten sie im Rausch eine seltsame Wette abgeschlossen, oder einen Junggesellenabschied. Nur bei einer Sache war ich mir ganz und gar sicher – den Leuten werde ich aus dem Weg gehen. Wie ein hilfloses Reh galoppierte er sein Pferd an, das nervös den Kopf nach oben zog und dabei den Unterhals vordrückte. Vor dem allerersten Sprung ließ er das Tier los und mit einem guten Absprung begann der Parcours. Mit einem Stangenwurf und drei Sekunden zu langsam ritt er hinaus, strich seinem Pferd dennoch strahlend über den verschwitzten Hals.
      Alicia trabte bereits mit Dix durch den Sand und wartete auf ihren Start. Der Sprecher sagte die Beiden an: „Alicia Émile Jacques auf Dix Mille LDS, viel Erfolg.“ Dann verstummte die Halle. Ich stand direkt neben eine der großen Boxen aus denen noch immer Musik ertönte, vermutlich so leise, dass Reiter sie gar nicht wahrnahmen. Mir störte Gebrumme, aber für die fünfundneunzig Sekunden könnte ich das aushalten. Gigantisch galoppierte die Rappstute an, hatte ihre Ohren die ganze Zeit bei ihrer Reiterin. Sprung für Sprung nahmen sie wie die Profis. Aus der Kombination ging es auf geraden Weg zum Wassergraben, in meinem Kopf zählte ich die Galoppsprünge mit: eins, zwei, drei, vier, fünf, hopp. Stolz ballte ich meine Faust, wenn die beiden gezielt über die bunten Stangen flogen, ohne dass Dix eine von ihnen berührte. Stattdessen wölbte sie ihren Rücken, zog die Vorderbeine eng an den Brustkorb und wirkte dabei wie ein startendes Flugzeug. Nun kamen noch ein Oxer und danach ein Rick. Nervös bis ich mir auf der Unterlippe herum. Jede Zelle in meinem Körper wippte in der Bewegung meiner besten Freundin mit, fühlte die Hufe des Pferdes, die sanft durch den Sand glitten und jede Hilfe und Parade umsetzten, doch da. Alicia verschätzte sich bei dem Rick, Dix kam ins Stolpern, sprang zu früh ab. Stille. Hohl fiel die Stange zu Boden und die beiden handelten sich damit unnötige Strafpunkte ein. Aber sie strahlte breit, von einem Ohr zum anderen. Der Übermut kam am Ende durch, doch mit der rekordverdächtigen Zeit konnten sie einiges gut machen, abzuwarten blieb der zweite Ritt.
      „Das war fantastisch“, gab ihr Zuspruch.
      „Ja, Dix war wunderbar und ich“, natürlich wollte sie den Fehlerpunkt umgehend als ein riesiges Problem darstellen, aber ich unterbrach Alicia noch, bevor sie ausgesprochen hatte.
      „Und du warst auch grandios. Mein Gott, es war die erste Runde, nachher wird es besser“, strich ich Dix über den nassen Hals und wischte meine Hand an der Decke ab. Verstohlen nickte sie nur, ein Zeichen, dass sie ihre Ruhe wollte.
      „Ich setzte mich da an die Seite“, zeigte ich auf eine ruhige Stelle hinter dem Zaun, “wenn was ist, schrei“, freundlich zog ein Lächeln über die Lippen und legte die Decke auf dem Po der Stute ab. Auf Umwegen kam ich an der gesagten Stelle an. Noch immer war niemand dort zu sehen und setzte mich auf den grauen Teppichfußboden, der rundum in den Hallen verlegt war. All die Aufregung ihrer Prüfung fiel mit einem Mal von mir ab. Mein Handy sagte mir, dass Lotye mir eine Nachricht schrieb mit dem Inhalt: „Neele, ich bin auf einem Trainingstag. Es ist alles geklärt, viel Erfolg. Gruß Lotye“
      Abermals schwebte mein Finger über den Bildschirm, wusste allerdings genauso wenig wie ich, worauf er tippen sollte. Ich merkte die auffällige, zweistellige, weiße Zahl im roten Kreis neben dem Instagram Icon, was war denn da los. Neugierig öffnete ich die Anwendung und die Anzahl der Benachrichtigungen blickte kurz auf, ehe ich auf das Herz klickte. Viele mir unbekannte Leute versuchten mir zu folgen, da ich privat war, musste jede Anfrage separat beantwortet werden. Einige von ihren waren großbrüstige Bots, die umgehend ablehnte, doch ein Name fiel mir direkt ins Auge. Offenbar hatte Eskil schon gestern Abend versucht mir zu folgen. Mein Blick erhob sich, weg von der leuchtenden Anzeige und sah sich um. Noch immer keiner in der Nähe, somit konnte ich mir in Seelenruhe seine Bilder anschauen. Das Kribbeln im Bauch kam wieder, als ich die ganzen Oberkörperfreien Fotos sah. Hitze stieg mir in den Kopf und ich musste einen Augenblick nach Luft schnappen mit einem überspitzten Lächeln auf den Lippen. Sosehr ich auch versuchte diese Gefühle loszuwerden, gelang es mir nicht. Zwischen all den anzüglichen Bildern entdeckte ich auch welche von seinem Hund und einem braun gebrannten anderen jungen Herrn, der wohl sein bester Freund war. Als Standort war Portugal angegeben, hatte er da gelebt, oder lebte er da sogar noch? Je weiter ich mich durcharbeitete, umso fand ich über ihn heraus. Kaum zu glauben, wie leichtsinnig Menschen mit ihren Daten umgingen.
      Ich wusste, dass er in Portugal bei seinem besten Freund auf dem Hof lebte und dort mit dem Fuchshengst Erlkönig in der Dressur trainierte, nebenbei auch die portugiesische Arbeitsreitweise beherrschte. Sie holten und separierten Kühe auf einem großen, trocknen Feld. Ansonsten war er auch an dem Training anderer Pferde beteiligt. Das neuste Bild wurde in Schweden aufgenommen, vermutlich zog er zurück in seine Heimat. Ach, und er hatte eine Schwester, Jonina, die einen Isländer besaß.
      Auf meiner Schulter spürte ich eine warme Berührung und beunruhigt drehte ich mich um. Vor lauter Schreck fiel mir mein Handy aus der Hand – Eskil stand hinter mir und grinste.
      „Na, stalkst du mich?“, lachte er fröhlich. Schlagartig lief mein Gesicht rot an. Mit geöffnetem Mund versuchte ich eine Antwort zu verfassen, doch nur Luft verließ ihn.
      „Ganz ruhig, ich meinte das nicht so“, strich er mir durchs Haar.
      „Du … was … Hä … warum bis … Wo warst du?“, stammelte ich. Eine Hand fummelte nach meinem Handy, das offenbar in meinen Schritt gefallen war. Dennoch versuchte ich es herauszufischen, wobei mir Eskil schließlich zu Hilfe kam. Seine unglaublich großen, weichen Hände berührten meine. Unüberlegt strichen meine Finger auf seinem Handrücken entlang. Fasziniert betrachtete ich das Spiel seiner Knochen, die sichtbar unter der dünnen Haut hervorlugten und von Adern übersät Schatten warfen. Mein Gestammel verstummte und auch Eskil schwieg, unverändert lag das Lächeln auf den Lippen. Aus der Stille wurde erst ein Klopfen in den Ohren und dann ein Schreien, als würde mein Gewissen mitteilen wollen, dass er sich genauso sehr nach mir sehnte wie ich mich nach ihm. Doch von der anderen Schulter wurde ich daran erinnert, dass genau dieser gestandene Mann am Abend zuvor wie ein Häufchen Elend vor mir stand, als ich nur sehr dicht mein Gesicht an seinem hatte. Entschieden nahm ich meine Hand von seiner und stand vom Teppich auf. Mein Fuß kribbelte seltsam – Eingeschlafen.
      „Worauf warten wir hier?“, wechselte Eskil das Thema, nach dem mein kleines Tänzchen beendet war, womit ich versuchte das Blut wieder in die Gliedmaße zu bekommen. In meinem Kopf ratterte es, aus welchen Grund war ich noch einmal hier? Dabei huschte ein glänzender Rappe an uns vorbei, hielt und die Luft aus den geblähten Nüstern prustete in meine Richtung. Alicia! Deswegen. Unglaublich, dass in dem kurzen Rausch der Emotionen meine beste Freundin vollkommen verdrängt hatte.
      „Dein Prinz scheint dich wieder gefunden zu haben“, feixte sie. Mit einem kräftigen Schnauben schien auch Dix dieser Aussage zuzustimmen. Mir wurde umgehend wieder warm um die Wangen.
      „Was sagt die Wertung?“, fragte ich und drehte den Kopf Seite. Neben dem Zaun stand eine Anzeige mit dem aktuellen Ranking. Von vierundsechzig Teilnehmern waren neunundvierzig durch, dabei hielt sich meine beste Freundin wacker auf dem dreizehnten Platz, das hieß nichts Gutes, aber noch gab die Chance in der zweiten Runde aufzuholen. Bei einer Fehlerlosen könnte sie sich noch hoch, unter die Top-Zehn kämpfen und so gut ich sie kannte, wusste ich, dass sie die Zähne zusammenbiss. Was es mir an Ehrgeiz fehlte, machte sie wieder gut!
      „Sieht doch vielversprechend aus“, gab Eskil seinen Senf dazu.
      „Vielleicht sollte ich mal nach Monet sehen, der fühlt sich sicher allein so in der Box“, murmelte ich dann, als meine beste Freundin wieder ihre Stute in den Schritt versetzte und federnden Tritten durch den Sand stolzierte.
      „Wenn du möchtest, aber ich denke, dass er klarkommt. Neben ihm stand doch noch ein anderes Pferd“, brachte er mich zum Nachdenken. Vermutlich machte ich mir wirklich zu viele Gedanken. Dennoch verließen wir den Zaun vom Abreiteplatz, liefen wieder einmal zur Fressmeile. Obwohl ich wie ein Stein in dem weichen Bett des Hotelzimmers schlief, übergab mich zunehmend die Müdigkeit, ungünstig, wenn es heute noch ein langer Tag werden sollte. Während Eskil sich eine Gemüsepfanne bestellte, besorgte ich mir drei Stände weiter einen Kaffee, nach dem der vorherige auf der Kleidung von Vachel verschüttging. Intensiv nahm ich einen Atemzug an dem kleinen Loch des Plastikdeckels, verspürte, dass es die richtige Wahl war. Auch der Große hielt glücklich die Schüssel in der Hand. Neben der Tribüne suchten wir uns einen Platz, um das Springen beobachten zu können. Meiner besten Freundin schrieb ich Nachricht, die sie mit ‘k beantwortete. Kurz, aber passt.
      „In ungefähr zwei Stunden muss ich aber los“, seufzte Eskil, nach dem er aufgegessen hatte. Flattrig wippte mein Bein unter dem Tisch. Das Gefühl wanderte langsam in meinen Oberkörper, wodurch sich mein Magen ungewöhnlich leer und voll gleichzeitig anfühlte. Lieber Körper, ich wäre dir sehr dankbar daraus keine große Sache zu machen.
      „Wo geht es hin?“, blieb ich gefasst und nahm einen Schluck aus dem Becher.
      „Nach Hause, Schweden. Schließlich steht für Erlkönig und mich am kommenden Wochenende bereits die nächste Prüfung an“, sprach er herzlich. Ich nickte langsam, wissend, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach.
      „Welche?“, versuchte ich meiner Unwissenheit Einhalt zu gebieten.
      „Auch wieder eine CDI3*, in Stockholm. Wirst du auch da sein?“
      „Unwahrscheinlich“, murmelte ich und versuchte einen anderen Termin zu finden, an dem wir uns wiedersehen würden. Ich zückte mein Handy wieder aus der Hosentasche, las ihm die drei Turniere vor, an denen ich in diesem Jahr noch international mit Monet starten wollte, sofern keine andere Angelegenheit mir einen Strich durch die Rechnung machte. Leider überkreuzte sich keines davon mit seinen Plänen. Niedergeschlagen senkten sich meine Schultern, während sich die Hände an dem Pappbecher klammerten, der von außen deutlich heißer war, als von innen. Dann kam eine unangenehme Stille auf.
      Nach der Pause setzte sich der Start wie zuvor zusammen, damit hetzte der Pole mit seinem Pferd in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch den Sand. Dabei verweigerte das Tier jedoch und riss zwei Sprünge. Die Zeit war besser, aber die Ansammlung an Fehlerpunkten machten ihm diese Wertung zunichte. Sein Lächeln hingegen blieb unverändert. Als Nächstes ging damit meine beste Freundin an den Start. Dix trampelte ungeduldig auf der Stelle herum und beim Start legte sie einen gehörigen Sprung nach vorn an den Tag. Selbst von unserer Position so Abseits hörte ich das laute prusten und grunzen der Stute.
      Alicia schaffte es, die aufgeputschte Stute fehlerfrei durch den schweren Parcours zu lenken und dabei noch eine persönliche Bestzeit abzulegen. Damit würde sie auf jeden Fall unter die Top-Zehn rutschen, das spürte ich. Schnell rauschte ich die Treppen herunter, die laut unter meinen Schritten knarrten. Eskil folgte mir, um meine beste Freundin noch am Ausgang abzufangen. Sie ritt die verschwitzte Stute noch so lange durch den Sand, bis sich die Atmung mehr oder weniger normalisierte hatte. Dann half ich in guter Manier, die Steigbügel hochzulegen, den Gurt leicht zu lockern und das Zeug zu tragen. Alicias Kopf war noch von der Prüfung hochrot gefärbt, während der Helm eine genaue Spur auf ihrem dunklen Haar hinterließ.
      „Ich bin sprachlos und sehr stolz auf euch“, gab ich positiven Zuspruch, den sie nur mit einem Handwink hinnahm. Meine Bekanntschaft schwieg dabei, aber folgte dem Gespräch, half sogar beim Tragen. An den Boxen ging es ziemlich schnell. Ich bereitete eine weitere Portion Kraftfutter zu und Eskil nahm dem Pferd das Sattelzeug ab. In der Zeit nahm sich Alicia eine kurze Auszeit im Stuhl, schaffte es zu meiner Verwunderung sogar einzuschlafen. Fasziniert beobachtete ich, wie sie den Kopf an die Box gelegt hatte und sogar leise schnarchte. Wir ließen sie schlafen.
      „Wenn sie schläft, mag ich sie am liebsten“, spottete Vachel von der Seite, musterte dabei auch Eskil, der wieder voller Freundschaft meinen Hengst am Unterhals streichelte. Ich könnte ihnen stundenlang zu sehen und Mo sah es vermutlich genauso. Wenn ich nicht gerade mit der Stallarbeit beschäftigt war, kuschelten wir ebenfalls stundenlang. Ja, ich verbrachte jeden Tag, vom Morgen bis zum Abend auf dem Hof. Meinen Vater störte es nicht, so konnte er in Ruhe Bekanntschaften mit nach Hause bringen oder länger im Büro arbeiten.
      „Nicht so laut, sonst weckst du sie noch“, flüsterte ich ihm zu. Vachel drehte in seiner überheblichen Art die Augen, natürlich wollte er immer im Mittelpunkt stehen, das hatte er mit seinem bildschönen Schimmelhengst gemein.
      „Und er da? Dein Freund?“ Musste das sein?
      „Nein, ich bin …“, und dann unterbrach ich Eskil, der zu einer Antwort ansetzen wollte, „Nein, nur ein netter Kerl, den gestern kennengelernt habe. Eifersüchtig?“ Erleichtert holte er Luft, wodurch Vachels Grinsen noch strahlender wurde.
      „Und, bei dir? Hast du jemanden an deiner Seite?“, versuchte ich die Frage so beiläufig, wie möglich zu stellen. Wenn sich seinerseits, durch den Erguss des Kaffees, nichts geändert hatte, würde er meine Nervosität auf Alicia beziehen. Im Schlaf wendete sie sich auf dem Stuhl, aber wachte nicht auf.
      „Nicht direkt“, er überlegte, „hier und da mal etwas, sagen wir Kurzfristiges, aber nichts Festes.“
      Nebenher nickte ich ein paar Mal, ohne den Augenkontakt zu halten. Generell versuchte ich den Blick auf seiner strammen Brust zu halten, die Gründe dafür genauso vielfältig wie mein Kleiderschrank.
      „Was willst du eigentlich bei uns? Hattest du nicht geplant mit Sky, wenn du ihn noch hast, auf den Platz zu gehen?“, wechselte ich das Thema.
      „Ja, deswegen bin ich hier. Ich habe meine Bandagen vergessen“, grinste Vachel und schielte zu meiner Tasche, aus der die dunkelroten Fleece-Bänder lugten, zusammen mit den schwarzen Unterlagen.
      „Klar“, antwortete ich und reichte ihm alles. Mit der kleinen Stofftasche in der Hand bedankte er sich. Selbst Eskil drückte er beinah brüderlich an sich heran, ehe er sich auf den Rückweg zu seinem Pferd machte. Für mich hieß es nun abwarten, in zwei Stunden war die Siegerehrung der Prüfung, die Alicia mit Dix beschritten hatte.
      „Ach und noch etwas“, drehte Vachel sich auf halbem Weg um, trat dabei wieder wenige Schritte zu uns zurück, „Nachher ist eine Feier, ich erwarte euch.“
      Eskil runzelte seine Stirn.
      „Da werde ich wohl absagen müssen“, spottete er, „und den hübschen Kanadier verpasse ich auch.“ Prüfend sah er zu seinem Handgelenk, an dem eine silberne Uhr funkelte.
      „Ach alles gut, man sieht sich bestimmt noch mal wieder“, grinste ich aufmunternd und umschlang meine Arme um seinen Oberkörper. Mit einer Hand strich er mir über den Rücken, mit leichtem Druck kam ich näher an ihn heran. Sanft zog mein Lächeln sich durch mein Gesicht, dass ich an seiner Brust vergrub. Von seinem dunklen Oberteil stieg mir ein blumiger Geruch in die Nase mit einem Hauch Männlichkeit und Holz, sehr vertraut und angenehm. Kräftig zog ich die Noten in mich hinein, versuchte sie abzuspeichern, um auf sie in schwierigen Momenten abrufen zu können.
      „Musst du dann los?“, lösten wir uns voneinander. Eskil nickte. Kurz drückte wir uns erneut, bevor er winkend den gleichen Weg einschlug wie Vachel und zwischen den Boxen verschwand. Weg war er. Schwer wurde mir ums Herz, als hätte ich einen wirklich bedenklichen Verlust erlitten.

      Nervös tippte Alicia auf ihrem Handy herum, dass in ihrer Hand zitterte und jeden Augenblick drohte hinunterzufallen. Glücklicherweise standen wir im Sand, wodurch der Fall verkraftbar sein würde. Wir hatten uns das Ranking seit dem zweiten Ritt nicht mehr angesehen, viel mehr wollte sie den Moment erleben, in dem ihr Name unter Umständen aufgerufen wurde. Dann begann es. Stimmungsvolle Musik kam verhaltend aus den Lautsprechern. Die Töne marschierten wie die Teilnehmer, verstärkten die Lautstärke bis ein rhythmisches Klatschen im Publikum begann. Auch aus der Ferne bekam ich das Gefühl, dass Alicias Unruhe sich auf meinen Körper übertrug. Fest klammerte ich mich an die Brüstung, die dabei verdächtig quietschte. Eine Dame hinter mir flüsterte gemeine Sachen in das Ohr ihres Freunds, aber mein Selbstbewusstsein fühlte sich davon nicht betroffen.
      Auf dem ersten Platz landete eine Reiterin aus Deutschland mit zwei fehlerlosen Runden und zwei atemberaubenden Zeiten, kurz dahinter folgte ein Brite und tatsächlich, bevor die Hoffnung verflog, kam Alicia. Kurz prüfte ich die Wertung. Mir fiel auf, dass der Herr, der vor ihr im Ranking war, durch die Ausrüstungskontrolle gefallen ist. Glücklich strahlte sie zu mir und meine sogar die Freudentränen in ihrem Gesicht zu sehen, als sie den Preis entgegennahm. Aus allen Richtungen flackerte helles Licht untermalt mit einem unaufhörlichen Klicken der Blende.
      „Herzlichen Glückwunsch“, drückte ich mich fest an meine beste Freundin heran, die schluchzend vor mir stand und noch immer nicht die Situation fassen konnte. Sie hatte es wirklich aufs Treppchen geschafft! Stolz liefen wir weiter und eigentlich müsste man darauf anstoßen, doch keiner von uns beiden genoss Alkohol.
      „Wollen wir dann noch Raphael zu sehen? Der müsste doch demnächst an der Reihe sein“, versuchte ich Alicia wieder in die Realität zurückzuholen. Entgegen meiner Erwartungen schüttelte sie mit dem Kopf. Verwirrend drückte ich die Brauen zusammen.
      „Ich würde viel lieber shoppen gehen“, strahlte sie und wechselte in der Box ihrer Stute die Kleidung von weiß zu dunkelblau. Eigentlich wollte ich seinen Ritt sehen, aber ich konnte ihr den Wunsch nicht ausschlagen. Deswegen schnappte ich mir meine Tragetasche und zusammen gingen wir zu der Halle, in der die Stände mit Pferdezubehör aufgebaut waren.


      © Mohikanerin // Neele Aucoin // 69.700 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
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    • Mohikanerin
      Herbst im Wald | 18. Januar 2022

      Monet / Crystal Sky / WHC' Poseidon / Jora / Walking On Sunshine / Herkules

      Woche um Woche zog an mir vorbei, wie ein Schwarm Gänse Richtung Süden, die der klirrenden Kälte des Gebirges entflohen. Die letzten wärmenden Sonnenstrahlen versteckten sich hinter einer Wolkenwand, als ich nachdenken zum Himmel hinaufblickte und mich fragte, wann wieder bessere Tage kommen würden. Um mich herum wurde es still. Eigentlich sollte ich mich gerade auf dem Weg nach Lyon befinden, doch hatte ich meine Teilnahme abgesagt. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber für mein Pferd musste die einzig sinnvolle Entscheidung getroffen werden. Bevor du dir damit anfängst Sorgen zu machen, nein. Monet geht es gut! Der besten Gesundheit erstrahlt sich der potente Hengst, tollte wie kleines Kind über die gefrorenen Weiden und ließ sich von den niedrigen Temperaturen nicht unterkriegen. An seinem Kopf und Beinen trug er den ersten Winterpelz, den ich am restlichen Körper bewusst entfernte. Im Vergleich zu den Warmblütern in den Ställen um uns herum, verwandelte sich Monet zu einem Eisbären.
      Alicia war nicht da. Damit meinte ich nicht ihre physische Abwesenheit, sondern als Freundin. Ja, es hatte damit Zutun, dass vor einiger Zeit ein junger Herr in den Stall nebenan zog. Von Anfang an verstanden sie sich gut, doch mir wurde er nicht einmal vorgestellt. So kam es dazu, dass wir uns Tag für Tag seltener sahen, ich ihre Stallarbeit übernahm und an diesem Tag die Box leer vorfand, ohne dass es eine Nachricht gab. Ich hatte ihr geschrieben, mehrfach, aber Alicia hielt es nicht für nötig mir zu antworten. Niedergeschlagen erhob ich mich auf dem weißen Plastikstuhl, der zu einer Sitzreihe vor unserem Gebäude gehörte und vermutlich einen der wichtigsten Orte für mich darstellte. Viele Abende verbrachten wir hier, lachten, scherzten und genossen die freie Zeit. Das wird schon wieder, flüsterte meine innere Stimme. Aber was sollte wieder werden? Dass ich erneut wegen eines dahergelaufenen Typen auf die Erleuchtung meiner besten Freundin wartete, dass er nicht gut genug für sie war? Langsam reichte es.
      In der kleinen Küche, die zum Stallabteil gehörte, stellte ich gerade die Waschmaschine mit unseren Abschwitzdecken an, als mein Handy auf dem Tisch begann zu tanzen. Durch die Vibration und dem nervigen Klingelton schüttete ich zu viel Waschmittel in das Fach, verlor den Halt auf meinem Hocker und landete sanft in einem weiteren Haufen dreckiger Decken hinter mir. Dennoch tat mir der Ellenbogen weh, mit dem ich mich abfing. Fluchend stand ich auf und lief zum Tisch. Erneut verlangte das Gerät meine Aufmerksamkeit. Wen war es denn so wichtig, mich zu erreichen? Vachel leuchtete auf dem schwarzen Grund. Zittrig hielt ich mein Handy in der Hand. Tausend Gedanken strömten durch meinen Kopf. Was wollte er? Wieso schrieb er mir nicht, oder hatte er mir geschrieben? Sollte ich rangehen? Noch bevor ich eine gewissenhafte Entscheidung traf, drückte mein Daumen auf den Hörer.
      “Hallo?”, sagte ich automatisch. Meine Knie schlotterten und ich entschied einen weiteren Fall aus dem Weg zu gehen, in dem ich auf die Holzbank Platz nahm.
      “Bonjour, freut mich, dass du doch noch abhebst”, lachte er in seiner Eigenart.
      “Tut mir leid, dass ich nicht den ganzen Tag an meinem Handy hänge”, antwortete ich echauffiert. Eigentlich war es gelogen, denn seitdem ich Alicia nicht mehr, wie ein Schoßhund folgte, kam oft Langeweile auf. Ich erwischte mich dabei immer Zeit auf Instagram zu verschwenden, denn auf Facebook gab es seit Jahren nichts Interessantes mehr, nur Hass und Hetze. Dabei entlockte sich auch der Wunsch, mehr Einfluss zu haben. Vermutlich war meine ganze Generation davon geprägt im Internet Macht auszuüben, Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch worüber sollte ich schon berichten? Wie ich jeden Tag den Stall säuberte, die Pferde auf ihre Paddocks brachte und das Chaos der anderen wieder ordnete? Wohl kaum interessierte das jemanden.
      “Neele, bist du noch da?”, fragte Vachel.
      “Ja, ich habe nur nachgedacht”, äußerte ich wahrheitsgemäß.
      “Worüber denn?”, ich hörte, dass er in der Stimme grinste. Krampfhaft hielt ich mich an der Tischkante fest, wollte nicht wieder die Nerven verlieren, wie bei seinem Ritt in Genf. Als würden Sky und Vachel die ganze Welt gehören, schwebten sie durch den Sand, von einem Buchstaben zum nächsten. Still beobachtete ich, träumte davon, auch einmal in meinem Leben unter solcher Ehrfurcht bestaunt zu werden, aber selbst nur Augen für meinen Partner zu haben. Für das Treppchen hatte es nicht gereicht, aber für mich waren die beiden das größte, was auch Alicia zu kommentieren wusste. Begeistert war sie nicht, dass ich ihren Ex-Freund haargenau musterte und dabei die Welt um mich herum vergaß. Gut, vielleicht war das auch der Moment, als es zwischen ihr und mir spannungsreich wurde. Kopfschüttelnd verschwand zu den Pferden und ignorierte mich vollkommen. Schließlich kamen wir doch in ein Gespräch, wo ich mir die Schmerzen von der Seele redete, aber sie schwieg. Überwältigt von den ganzen Gefühlen wollte Alicia Abstand, den hatten wir jetzt.
      “Mist”, fluchte ich kaum hörbar. Wieder dachte ich über ihn nach und müsste darauf auch so antworten, aber verkniff ich mir diese Antwort. Stattdessen sagte ich hörbar: “Dies und das, was halt so ansteht.” Super Neele, klingt glaubwürdig.
      “Ach ja? Aber wieso ich überhaupt anrufe”, ein lauter Atemzug dröhnte aus den Membranen in mein Ohr, “Bist du in Lyon?”
      “Ähm”, stammelte ich wirr. Die klare Antwort darauf wäre nein, einfach nein. Ich saß in der warmen Küche vor der Heizung und vertrieb mir die Zeit mit unnötigen Telefonaten, oder vielmehr einem.
      “Also nein”, lachte Vachel herzlich. Ich nickte. Ach, das konnte er gar nicht sehen, deswegen erwiderte ich: “Genau. Ich bin im Stall und Alicia ist ohne mich gefahren mit ihrem neuen Typen.” Das war zu viel. Es ging ihn gar nichts an, was mit meiner besten Freundin war oder mit wem sie ihre Zeit verbrachte.
      “Dann hättest du zwei Stunden für mich zur Verfügung?” Innerlich schrie es laut auf. Das Blut formte sich zu einem reißenden Fluss, der sich durch meine Adern drückte und dabei nichts mehr als Unheil anrichtete. Immer präsenter wurden die alten Gefühle für ihn, obwohl ich mich etwas Neues öffnen wollte. Da Eskil jedoch nur sporadisch antwortete und wir uns seit dem Turnier nicht mehr gesehen hatte, war es kaum möglich, ihn in mein Bewusstsein zu pflanzen. Aber ich dachte oft an ihn, seine Wärme und kühne Art. Auch er machte mich glücklich, nur nicht, wie Vachel es tat.
      “Ja”, kam es viel zu schnell aus mir heraus, als hätte ich mich seit Tagen auf diese Frage vorbereitet, um im richtigen Moment zu antworten.
      “Hervorragend, dann lade ich Sky ein und komm zu dir rübergefahren”, jauchzte er und im Hintergrund ertönte das Klacken einer Autotür, die sich zu öffnen schien. Dann hörte ich Hufschlag, fremde Stimmen und ein seichter Wind fegte am Mikrofon entlang, bildete dabei einen rauschenden Unterton.
      “Wo steht ihr eigentlich?”, versuchte ich noch einen Augenblick länger das Gespräch am Leben zu halten.
      “In Saxel, also dauert nicht lange”, antwortete er nach einer kurzen Pause, “brauchst du noch etwas, oder kann ich mein Pferd einpacken.”
      Ich verneinte und dann ertönte ein dumpfes Piepen – aufgelegt. Auf der Karte betrachtete ich den Weg hier her, vierzehn Minuten. Diese kurze Zeitspanne lag zwischen ihm und mir. Bis dahin musste ich mir etwas anderes übergezogen und Monet von der Weide geholt haben. Schnell griff ich nach seinem Strick, den ich vorhin nur über den Strohballen geworfen hatte, der in der eigentlichen Pferdedusche stand. Im Winter benötigten wir die ohnehin nicht, deswegen störte es keinen von uns. Flink lief ich über den mit roten Steinen gepflasterten Weg, entlang der kniehohen Zäune, die einen kleinen Garten des Nachbarstalls einfriedeten, bis ich schließlich an der Reithalle rechts abbog und schon Monet in einer hellgrünen Weidedecke sah. Freundlich rief ich seinen Namen. Der Kopf erhob sich und kadenzierte zum Zaun, wobei er laut wieherte und die Mähne durch die Luft wirbelte. Ihm folgte sein Partner, Willi, das Shetlandpony von Marie. Ihr großer Wallach stand einige Meter von den Ponys entfernt und zupfte die letzten Halme Gras.
      “Wir gehen gleich ausreiten”, berichtete ich Monet bei der Rückkehr zum Stall. Neben uns verlief der Hauptweg parallel. Ein silberner Pick-Up VW rollte dort entlang mit einem Anhänger angehangen. Das würde dann Vachel sein. Harsch zog ich zweimal am Strick und versuchte noch vor dem Gespann den Stalleingang zu erreichen, beinah gleichzeitig hielten wir auf dem Vorplatz. Das elendige Brummen des Motors verstummte und aus dem Fenster der Fahrertür grinste mich breit der junge Mann an, den ich zu vergöttern schien. Eigentlich waren meine Gefühle nicht so vordergründig wie es klang. Natürlich sah zu ihm auf, was nicht nur der Körpergröße geschuldet war, vielmehr faszinierte mich seine natürliche und lockere Art sich Problemen zu stellen, die Angst in den Hintergrund zu stellen und wertungsfrei an Dinge heranzugehen – so wie jetzt. Niemals hätte ich mich getraut ihn anzurufen und dann gefragt, ob er Zeit hätte für einen Ausritt. Aus dem Anhänger erklang ein klägliches Wiehern, das Monet sogleich mit seiner hohen Stimme erwiderte. Der Klang rauschte in einem Echo durch die Schneisen der Gebäude. Durch seinen Hufschlag wurde auch Sky aktiver, trampelte auf dem Holzboden herum, dabei wackelte das Gespann verdächtig.
      “So viel Freude”, lachte Vachel und schloss die Fahrertür hinter sich.
      “Natürlich, schließlich braucht ihr drei Männer auch mal eine nette Dame in eurem Leben”, spottete ich. War das zu viel Selbstsicherheit?
      Während er seinen Schimmel die Klappe hinunterführte, band ich das Pony an der Stange im Vorraum an. Immer wieder wieherte Monet herzzerreißend, als wusste er genau, dass sein großer Freund wieder in erreichbarer Nähe war.
      “Auch ich freue mich”, flüsterte ich in sein plüschiges Ohr und beobachtete, wie der Herr seinen Hengst hineinführte. Schwungvoll trat ein Huf nach dem anderen auf den Boden, bevor der Hufschlag erlosch und durch tiefes Brummen abgelöst wurde. Intensiv schnupperten die Pferde aneinander, wobei mein Pony sich Aufmerksamkeit verschaffte und das Vorderbein in der Luft schwang. Kurz klappte ich mit meinem Handrücken gegen seine Brust und aufgeregt schnaubte er auf. Dann war wieder Ruhe. Vachel band Sky einige Meter entfernt auch an der Stange an. Erst dann erfolgte unsere, leider sehr kurze, Begrüßung. Er legte einen Arm um mich und drückte uns aneinander. In meine Nase stieg ein sanfter Duft seines Aftershaves, etwas Herbes hatte es an sich, ohne dabei ätzend zu kratzen. Trotz oder gerade wegen der winterlichen Temperaturen im Stall stieg Wärme in mir auf, die den Motor in meinem Körper antrieb. Für einen Augenblick länger wünschte ich die Position an ihm halten zu können, doch wurde mir dieser verwehrt.
      Schritt für Schritt versuchten die Pferde sich näherzukommen, so zupfte Monet vergnügt am losen Ende Skys Strickes, bis sich der Knoten löste. Im ruhigen Moment lief der Hengst los und stellte sie an den Heuballen, neben dem meiner bereits stand. Doch für das Pony gab es nur eine Sache, die wichtiger war als Fressen und das war Spielen. Immer wieder schnappte er nach dem Ohr des Schimmels, der ebenfalls bereit dafür war, Monet an der Mähne zu ziehen und dabei einige der Gummis zu lösen, die ich erst am Morgen fein säuberlich geflochten hatte. Warum Vachel seinen Hengst nicht einsammelte? Er telefonierte vor der Tür mit einer Bekannten, die er die hohe Stimme am anderen Ende der Leitung bezeichnete, und mir war es egal, ob sich Sky verselbstständigte. Viele Fluchtmöglichkeiten gab es nicht und dafür musste er an mir vorbei. Da es sich noch um Stunden handeln könnte, zog ich mein Handy heraus, tippte wild auf dem Bildschirm herum und landete schlussendlich auf einem beliebigen Online-Pferdemagazin. Als ob ich mir merken konnte, wann ich auf welcher Seite war, ich bitte euch, nein. Doch eine Schlagzeile blieb mir wie im Kopf verankert, die ein Nagel, der den Balken im Dach hielt. „Kanadisches Team erfreut sich an neuen Mitgliedern“, stand dort schwarz auf weiß. Eingangs wurden die bisherigen Mitglieder gezeigt, wovon Raphael einer war und Jordan mit seiner Stute Jora. Dann folgten mir unbekannte Gesichter, fernab davon, dass mir bis auf die beiden aufgezählten keiner im Gedächtnis blieb. Einer von ihnen war Jace, ein düster dreinblickender junger Mann mit einer hübschen Palomino Stute in der einen Hand und zur anderen ein buckskinfarbener Hengst. Vom Whitehorse Creek, wo er lebte und arbeitete, hatte Vachel vor Jahren seinen Schimmel gekauft und angesichts dessen beschäftigte ich mich so lange mit dem Artikel oder besser gesagt, Jace. Es wurde berichtet, wie er ins Team kam, zumindest das dank eines kleinen Turniers einer aus dem Vorstand auf ihn aufmerksam wurde, seltsam, findet ihr nicht auch? Sollten nicht die Turnierergebnisse wichtiger sein als die Leistung an einem Tag? Kopfschüttelnd scrollte ich weiter und als ich ihn auf der Stute durch den Sand reiten sah, verstand ich allerdings, warum er gewählt wurde. Gesetzt fußte das Pferd die Hinterbeine ab, erhob sich empor vom Boden, erschienen, um im Glanze der Sonne zu tanzen. Kein Funken von Zweifel sah man ihm im Gesicht an und so verglühten auch meine. Nicht, dass ich wieder begann nach jemanden zu schmachten, vielmehr erfüllte es mich mit Ehrfurcht der Leistung gegenüber. Solch hochtrabende Ritte, dem Vertrauen zwischen Pferd und Reiter sah man nur noch selten. Der Normalfall war es, dass die Grundlagen nur nebenher gearbeitet wurden und die schweren Lektionen einen höheren Stellenwert betrugen. Natürlich konnte so nur schwer der Ausbildungsskala gefolgt werden oder einem erhofften Menschenverstand. Seufzend steckte ich mein Handy samt Artikel zurück in die Hosentasche. Sky versuchte mit aller Kraft den letzten noch verbliebenen Zopfgummi aus der Mähne meines Hengstes zu entfernen. Sicherlich telefonierte Vachel bereits geschlagene zwanzig Minuten. Den Pferden wurde langweilig und ebendiese Tiere wollten sich bewegen, erst recht, wenn der Sattel bereits auf dem Rücken lag.
      Es dauerte noch weitere zehn Minuten, bis sich der gnädige Herr zurückbesann, weshalb er überhaupt gekommen war. Mit Falten in der Stirn beäugte seinen Schimmel, der auf den Kapalgelenken im halben Heuballen lag und dabei einen Heuhalm nach dem anderen fröhlich verschlang. Zur Ablenkung hatte auch Monet einen Haufen bekommen. Die leisen Kaugeräusche der Pferde beruhigte mich ungemein. Nein, ich war nicht eifersüchtig auf seine Bekannte, nur hätte er sie auch später zurückrufen können.
      “Danke, dass du gewartet hast”, nickte Vachel zu mir und versuchte mit voller Kraft, das ihm überlegende Tier aus der reichhaltigen Futterquelle zu entfernen.
      “Hatte ich eine Wahl?”, äußerte ich mich gleichgültig. Vachel schwieg, als wollte er sich auf keine weite Diskussion einlassen, obwohl es die nicht mit mir geben würde. Innerlichen rollte ich mit den Augen, verschränkte die Arme und fing mich im selben Moment noch ab, um nicht von der Aufstiegshilfe zu fallen. Aus der Position hatte ich die perfekte Sicht auf das Gesehen. Wie im Kampf zwischen David und Goliath, doch in dem Fall war das Pferd der mutige Junge, dem es nicht scheute, sich der Herausforderung zu stellen. Energisch zog am Halfter, das zu zerbersten drohte und gefährlich laute reißende Geräusche von sich gab. Vachel ließ los und sah sich im Stall um, als suche er nach etwas, um Sky aus der Verteidigung zu locken. In der Ecke stand eine Gerte, die er sogleich griff und mehrmals auf den Boden knallen ließ. Kurz drehten sich die Ohren des nervenstarken Hengstes, der augenblicklich weiterfraß. Nur Monet sprang zur Seite, riss den Kopf nach oben, sodass das Weiß der Augen hervorlugte und Blitze in Richtung des vermeintlichen Angreifers flogen. Auch Druck gegen die Brust mit der Gerte half nicht. Sky blieb fest verankert im Heu liegen. Überall verteilten sich die Halme in der chaotischen Mähne und man könnte meinen, das Pferd gehöre zur Dekoration.
      “Möchtest du auch etwas trinken?”, fragte ich des Pferdes Widersacher, der mich nur anknurrte. Dann halt nicht, zuckte ich mit den Schultern und verschwand in der Küche. Unschlüssig durchsuchte ich die Schränke, öffnete eine Tür nach der anderen, die ich, so leise wie es mir möglich war, wieder schloss und weitersah. Ich wollte etwas Warmes, aber, kurz sah ich hinter mich zur Uhr, für einen zweiten Kaffee war es zurück. Als sei es Gottes Wille, funkelte mich der Kasten Milch an, der unter der Spüle stand. Im Oberschrank hatte ich Kakao erblickt, also nahm ich noch eine Tasse, mischte alles zusammen und erwärmte es in der billigen und von außen sehr demolierter Mikrowelle. Ja, ich gebe es zu, mit Stühlen jeder Art falle ich öfter um. Nervig piepte es neben mir und im nächsten Augenblick meldete sich auch das andere Gerät zum Dienst. Bei der Waschmaschine wusste ich, dass sie wieder verstummen würde, aber der Küchenhelfer hielt nur wenig von solch pfleglichen Verhalten. Meine Hand rammte ich förmlich in den Öffnungsmechanismus und die Tür sprang mit entgegen. Kleine Wölkchen stiegen in die Luft empor, als mich der Geruch von warmer Schokolade in die Nase stieg. Prüfend lugte ich durch die schmale Tür hinaus in den Vorraum, unverändert mümmelte Monet sein Heu und Vachel, der mittlerweile wie Rumpelstilzchen um sein Pferd wetterte, versuchte Sky zu motivieren aus dem Paradies aufzustehen, oder eher aufzuerstehen?
      Als würde die Zeit rennen, hatte ich die Decken aufgehängt und die letzte Ladung in die Maschine verstaut. Resigniert kam Vachel zur Tür rein, überall an seiner Kleidung waren Heuhalme verteilt und auch in seinem dunklen Haar steckten einige. In seinem Gesicht trug eine leichte Röte, die seine auffälligen Tränensäcke noch mehr betonte.
      “Ich hätte jetzt doch etwas zum Trinken, bitte”, lächelte er mich erschöpft an.
      “Okay”, nickte ich und zeigte ihm die mangelnde Auswahl, aus der er einen Kaffee wählte. Laut knirschte die Maschine los nach dem Einschalten, verlangte einen Schluck Wasser, ehe die dunkle Flüssigkeit durch die Drüsen lief. Vachel hatte sich zu mir gesellt und stand dicht an meiner Seite. Sein Schweißgeruch vermischte sich mit dem würzig-nussigen Aroma des frischen mahlenden Kaffees, der wie ein sanfter Luftzug zwischen uns schwebte. Während seine Röte im Gesicht verschwand, übertrug sie sich auf mich. Mein Blick wendete sich zu ihm nach oben, ehe ich wieder hinunter auf den Steinboden sah, wenn auch er zu mir schielte. Im Rachen wurde es immer trockener, sodass ich mir den ersten, und angemerkt heißen, Schluck des Getränks genehmigte.
      “Hast du noch mehr Zeit?”, sprach Vachel leise und hob die warme Keramiktasse aus meiner Hand heraus, um sie auf dem Tisch abzustellen.
      “J-Ja”, stammelte ich. Einen Schritt trat er näher an mich heran und versuchte den klügsten Weg zu finden aus der unangenehmen Situation herauszukommen. Unangenehm, weil ich nicht wusste mit diesen Schüben alter Gefühle umzugehen, die glühende Flamme loderte mittlerweile wieder und begann sich wie ein Buschfeuer auszubreiten. Aber er wirkte ebenfalls interessiert, zumindest schien es der Glanz in seinen Augen zu vermitteln. Wie von selbst bewegten sich meine Hände an seinen Oberkörper, sammelten behutsam einen Halm nach dem anderen ab, die sie einfach zu Boden fallen ließ. Unsere Blicke hielten dabei aneinander fest und vermutlich war es der innigste Moment, den ich je mit einem Mann seines Kalibers erlebte. Dabei fühlte es so befreiend an und auch ungezwungen.
      Es dauerte gar nicht lang, dann hingen nur noch wenige Halme in seinen Haaren, die ich eher ungern berühren wollte. Vachel legte einen hohen Wert auf seine Frisur, ein möglicher Grund wieso er das Hirn eher selten zu schützen vermag. Wir standen so dicht aneinander, dass ich nicht nur den Mix der Gerüche mit jedem Atemzug verinnerlichte, sondern auch sein Herz hörte. Es schlug ebenso schnell wie meins und als er mit den Händen meine Hüfte umfasste, war es vorbei mit meinem Verstand. Langsam näherten sich seine Lippen und in meinem Kopf begann eine Aufräumaktion. Es fühlte sich an, als würden die schlechten Erfahrungen mit ihm verbrannt werden in einem riesigen Lagerfeuer. Nebenher wurde das Gute an eine Pinnwand gehängt, um präsent vor dem inneren Auge zu sein. So nah spürte ich ihn nie zuvor. Aber was soll ich sagen? Sie berührten sich nicht, also nicht, wie man es sich bei einem Kuss vorstellte. Sanft knabberte ich an seiner Lippe. Die Stimme in meinem Kopf meldete sich aus dem Feuer raus, schrie, wie eine verbrennende Seele im Fegefeuer. Mit den Händen drückte ich mich, soweit ich konnte von ihm weg, trat dabei einen Fuß vor den anderen, verlor den Halt und landete dieses Mal schmerzlich auf meinem Steißbein. Auch mein Knöchel begann das noch wallende Blut sich anzusammeln, pochte dabei unangenehm.
      “K-Kann ich dir helfen?”, kam Vachel wieder zu Worten und reichte mir dabei Hand.
      Meine Augen bewegten sich in Zeitlupe von seinen Schuhen nach oben, entlang an seiner von Erregung gezeichneten Hose, zur breiten Brust, an der die Schultern gekränkt herunterhingen. Auf seinen geschwungenen Lippen lag ein wehmütiges Lächeln, das wie getroffen von meinen nachdenklichen Blicken sanfter und einladender wurde, dass ich das Angebot nicht ausschlagen konnte. Ich ergriff die Hand, die vor nicht allzu langer Zeit noch an meiner Hüfte lag und stand im nächsten Augenblick wieder auf den Beinen. Das Steißbein schmerzte zwar noch, aber würde mir das keine weiteren Sorgen bereiten. Getroffen von der unangenehmen Situation, die, wie von den Hormonen gesteuert, in der Luft lag, begann ich dümmlich zu lachen. Dabei schüttelte ich den Kopf. Wer schaffte es schon dem Jugendschwarm so nah zu kommen, dann aber doch einen Rückzieher zu machen und dabei zu stolpern? Ja, das war eine typische Geschichte von mir.
      Vachel schnappte sich die abgekühlte Kaffeetasse und zusammen gingen wir zurück in den Vorraum des Stalls. Erst jetzt wurde mit klar, dass Sky hätte jeden Moment nutzen können, um in Seelenruhe aus der Tür herumzuspazieren und wer weiß schon wo, zu landen. Doch der Schimmel lag noch immer vergnügt im Heu. Mittlerweile trug er am ganzen Körper Halme, als hätte er sich darin gewälzt und weiter gefressen. Der Haufen von Monet war so gut wie aufgefressen. Mit gespanntem Strick fummelte er mit der Oberlippe die letzten Reste auf und verrenkte sich dabei augenscheinlich sehr.
      „Und du bist dir sicher, dass das Schimmeltier wirklich der erfolgreiche Star auf dem Platz ist?“, brach ich mit spöttischem Unterton die Stille. Vachel wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, verschluckte sich jedoch an dem Kaffee und begann kräftig zu husten.
      „Ich bin genauso geschockt wie du“, lachte ich und lief zu Sky. Aufmerksam spitzte er die Ohren, auch mein Pony sah gespannt zu mir. Mit den Augen prüfte er meine Hände, als erwarte er ein Leckerli, dafür, dass er noch angebunden an Ort und Stelle verharrte. Ich schüttelte nur mit dem Kopf und er senkte seinen sofort, um eventuell doch noch den einen oder anderen Halm ergreifen zu können. Zu Sky kniete ich mich hinunter.
      “Du musst jetzt leider aufstehen”, flüsterte ich und hakte den Strick am unteren Ring des Halfters ein. Zweimal zupfte ich energisch, dann stand er schon neben mir. Dann schüttelte der Schimmel einige lose Halme ab, die restlichen verleibte sich Monet ein.
      “Offenbar nimmt mich hier niemand ernst”, schnaubte Vachel von der anderen Seite.
      “Also, alles wie immer?”, lachte ich, als wäre nie etwas in der Küche vorgefallen. Auch er überspielte das gekonnt.
      “Du hast recht, entschuldige”, schüttelte er ebenso amüsiert den Kopf.
      Tatsächlich schafften wir es dann doch nach Ewigkeiten, die Pferde zu satteln und im Schritt den Weg Richtung Wald antraten. Skys Augen fielen immer wieder zu, verständlich. Ich wäre auch müde, wenn ich beinah eine Stunde im Heu gelegen und dabei mich vollfressen hätte. Umso fröhlicher tippelte das Pony unter mir vorwärts. Neugierig sah er von links nach rechts zu den Weiden, zwischen denen wir hindurchritten. Nur wenige Pferde standen draußen und zumeist trugen diese ihre Decken, wie auf einer Modenschau auf dem grünen Teppich der Natur. An den Hängen am Horizont färbte sich das Blattwerk der Laubbäume in ein verhaltenes Orange. Feucht glitzerten sie in der Sonne und ich könnte mir, neben dem Winter, keine schöne Jahreszeit vorstellen, als den Herbst. Je länger wir dem Sandweg zu dem naheliegenden Wald folgten, umso mehr Laub sammelte sich. Raschelnd strichen sie mit den Hufen durch die gefallenen Blätter und Monet lief wie ein spielendes Kind hindurch.
      “Bist du dir wirklich sicher, dass wir hier richtig sind?”, fragte Vachel zum wohl zehnten Mal, als wir einem schmalen Pfad, zwischen den Bäumen an einem Hügel hinauf, folgten.
      “Ja, vertrau mir”, lächelte ich ihn hinter mir zu und lehnte mich wieder nach vorn. Aufmerksam fußte Monet ein Bein nach dem anderen ab, hielt dabei den Blick auf den Weg gerichtet. Langsam lichtete es und die Sonnenstrahlen lugten zwischen den Bäumen hervor. Nur noch wenige Meter fehlten, bis wir auf einer der höchsten Erhebungen im Umfeld ankamen. Für gewöhnlich graste hier oben eine Herde Schafe eines Hirten aus dem verschlafenen Örtchen, in dem unserer Feriendomizil hatten, obwohl das die falsche Bezeichnung für das riesige Haus war. Ich lebte dort, allein. Also mehr oder weniger. An den Wochenenden kam mein Papa auch hier raus, um den Stress der Großstadt hinter sich zu lassen, ansonsten verbrachte Alicia mit mir die Zeit, was seit ihrer neuen Bekanntschaft nicht mehr der Fall war. Eigentlich lebte ich mit meinem Vater in der Wohnung in Genf, wo er im selben Haus das Architekturbüro hatte. Seit ich allerdings die Schule abgeschlossen hatte, mit der Matura, war ich dauerhaft in Frankreich. So nach an der Grenze konnte ich für Monet einen günstigeren Stellplatz finden, was zwar generell in Bezug auf das Veterinäramt einige Verwaltungshürden mit sich brachte, aber geklärten werden konnte. Deshalb entschied ich auch in dem Ferienhaus zu bleiben. Papa gefiel der Gedanke nicht, hatte sich allerdings schnell daran gewöhnt und ich kam hervorragend allein klar. Dass wir eine Putzkraft beschäftigten, trug ebenfalls dazu bei. Von den insgesamt vierzehn Räumen, fragt nicht, wozu man so viele benötigte, nutzte ich drei – die Küche, eins der großen Schlafzimmer und das dazugehörige Bad. Natürlich klingt das ziemlich versnobt, das sehe ich ein, aber ich konnte auch nichts dafür, dass mein Vater zu den erfolgreichsten Architekten des Jahrzehnts gehörte. Ich nutzte nur die Vorteile, die sein Ruf mit sich brachte, auch wenn es mir natürlich keine auf dem Turnier gab. Aucoin kannte man, aber ich statt im Wettbewerb genauso gut dar, wie alle anderen Teilnehmer.
      “Wir sind da”, atmete ich erleichtert aus, als Monet die ersten Schritte setzte durch das knöchelhohe Gras auf der Wiese. Am Himmelsrand thronte die Spitze des Kirchturms aus dem nächstgrößeren Dorf, das einige Kilometer hinter Chez Favre lag und auch unseren Stall konnte man von hier aus klein leuchten sehen. Die schwarzen Dächer der Gebäude fielen sofort zwischen all den roten auf. Das alles war mein Zuhause und ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen als hinter zuschauen, während die Sonne sich langsam dem Horizont nährte.
      “Es ist wunderschön”, sprach Vachel leise und geblendet von der Schönheit des Landstrichs. Viele Minuten saßen wir im Sattel. Die Pferde grasten friedlich und in mir erstrahlte der Gedanke nach seiner Hand zu greifen. Nervös fuhren meine Finger durch die losen Strähnen der Mähne Monets, als wüsste ich nicht, was man sonst mit den Gliedmaßen tat. Auffällig oft vibrierte es in meiner Hosentasche, aber unbeeindruckt ignorierte ich das Elektrogerät, das schon so genug Lebenszeit stahl.
      “Wie du”, rutschte es mir raus, was mir erst einige Augenblicke später klar wurde. Ich dachte, dass es nur so laut in meinem Kopf war, doch als Vachel seine Hand auf mein Bein legte, wusste ich, dass ich es nicht nur ein Gedanke war. Beschämt, schluckte ich und biss irritiert auf meiner Unterlippe herum. Die konnte nichts für meinen Fauxpas. Warm wurde es mir ums Herz und ich versuchte alles, nicht zu ihm zu sehen. Seine präsenten und äußerst drängenden Blicke entgegen mir nicht aus dem Augenwinkel, aber ich wollte und konnte es nicht wahrhaben, dass der Tag wirklich so ablief.
      “Seit wann geht es dir so?”, unterbrach er die drückende Stille, die wie eine Nebelwand aus dem Wald kroch.
      “Müssen wir darüber reden?”, sah ich schließlich doch zu ihm. Sanft lächelte Vachel einseitig und seine Augen sprachen zu mir, als wollte er mir sagen: “Du musst dich nicht dafür schämen.” Aber ja, ich schämte mich natürlich dafür, noch viel mehr, da es schon vor Jahren um mich geschehen war, ich die letzten Wochen und Monate wirklich glaube, dass sie einfach verschwunden waren. Doch es kam anders. Bei dem Zusammenstoß in Genf wurde alles wieder aufgewärmt, als wartete nur alles darauf, ihn endlich wiederzusehen. Wusste jemand davon? Nein, ich hatte nie mit jemanden gesprochen.
      “Vielleicht sollten wir zurückreiten, wenn du noch im Hellen zu Hause sein möchtest”, stammelte ich und zog den Zügel nach oben. Genervt grunze Monet einmal, aber lief beim ersten Kontakt mit meiner treibenden Hilfe los. Ich gab Vachel nicht einmal die Möglichkeit zu widersprechen, sondern folgte dem eigentlichen Weg nach hier oben. Man musste nicht wie wir zwischen den Bäumen entlang auf dem Trampelpfad. So gab es links neben uns einen breiten Weg, auf dem sonst der Jäger entlangfuhr, um zu seinem Hochstand zu kommen, der am Rande der Wiese stand. Am Abend waren hier Rehe unterwegs und mit etwas Glück sah man auch Wölfe, die er selbstverständlich in Ruhe ließ. Still folgte Vachel, aber Sky schien nur wenig überzeugt sich von dem Grün zu trennen. Ich hörte, wie er mit seinem Hengst schimpfte und unregelmäßig ertönte das Geräusch, wenn Leder aneinander rieben. Ich war nur wenig davon beeindruckt und ritt, ohne zurückzuschauen mit meinem Pony durch den Wald. Überall knarrte und knackste es, aber weder Mo noch ich blickten uns um, schließlich trabte er an. Bremsen wollte und konnte ich nicht, zu sehr war ich darauf bedacht, nach vorne zu schauen, um Vachel loszuwerden. Seine Abwesenheit verwandelte mich in ein altes Ich von mir, ein Ich, dass ich nicht mehr war und nicht ertrug. Ja, meine Pubertät stellte sich nicht anderes dar als das vieler. In der Regelzeit beendete ich die Schule mit einer durchschnittlichen Note, hatte meine Freundesgruppe, aber fand mich nur selten auf einer Hausparty. Es hätte schlimmer sein können, eventuell auch besser.
      Erst als die Zäune am Weg sichtbar wurden, kam Monet in den Schritt zurück. Aufgeregt prustete der Hengst, schnaubte ab und schüttelte den Kopf. Die Zügel klimperten leise am Gebiss und neben uns kamen einige der Jungpferde angetrabt. Erst in dem Moment bewegte ich den Kopf zur Seite, sah, dass die Tiere uns folgten und hinter uns ertönte Hufschlag auf dem Waldboden. Obwohl mein Herz bereits raste, fühlte es sich an meinem Hals an, als würde die Hauptschlagader in wenigen Minuten aufplatzen.
      “Du hattest es plötzlich eilig”, scherzte Vachel erschöpft und strich seinem Hengst über den schwitzten Hals. Auch dieser war außer Atem, schüttelte sich mit einem Grunzen, bis sich die Verspannung mit einem losgelassenen Schnauben löste. Der dumpfe Hufschlag wurde klarer, nach dem nur noch eine Kurve uns vom Eingang zum Stall trennte. Ich ignorierte ihn weiterhin, bemerkte stattdessen, dass ein weiteres Auto vor dem Gebäude stand und ein aufgeregter, hellbrauner Hund lief an den niedrigen Zäunen entlang.
      “Yola, was machst du denn hier?”, sagte der Kerl hinter mir genauso überrascht, wie ich es war, über seine Aussage. Er sprang aus dem Sattel und der Hund trabte schwanzwedelnd zu uns. Freundlich begrüßte er das Tier, aber u ihm, nur kurz sah mich das Tier an. Ungläubig schüttelte ich den Kopf, ehe ich ebenfalls abstieg. Obwohl ich umgehend in den Stall wollte, blieben meine Füße wie angewurzelt stehen, trugen mich nicht zu meinem Ziel. Von dem dunkelblauen Fahrzeug öffnete sich die Fahrertür. Eine groß gewachsene dunkelhaarige Dame stieg aus und lächelte in Vachels Richtung. In meiner Brust schlug erneut das Herz schneller, als es mir lieb war. Neele, jetzt reiß dich endlich zusammen, schrie mich die Stimme in meinem Kopf an. Sie hatte recht. Es nützt nichts, wenn ich mir über alles und jeden so sehr Gedanken machte, vor allem, wenn ich die Möglichkeit bekam, offen über meine Gefühle zu reden. Entschlossen setzte ich die Füße vom Boden ab, einen Schritt nach dem anderen zum Stall. Darin bemerkte ich die beiden Pferde von Marie, die jedoch nicht in Sichtweite war.
      Monet stand abgesattelt am Anbinder, fraß friedlich seine Schüssel voll mit Müsli, als Vachel nun endlich auch kam. Nur für den Hauch einer Sekunde blickte meine Augen vom leuchtenden Bildschirm auf, musterten seinen Körper und kurz darauf den hellen Hund, ehe ich die Aufmerksamkeit zurück auf Instagram lenkte. Er sagte etwas zu mir, hörte jedoch nicht hin. Zu sehr hatte mich das alles verunsichert, mich von meiner Bahn des Lebens gelenkt und Weichen verstellt. Ich musste nachdenken, die Gedanken sammeln, um schließlich in neuer Frische auferstehen zu können.

      © Mohikanerin // Neele Aucoin // 33.385 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Wolfszeit
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      Feel it still| 12. Februar 2022
      Fiama di Royal Peragee | WHC’ Venice | Vakany| Mijou | Briair | WHC’ Delicious Donut | Minnie Maus | WHC’ Minya | WHC’ Mimithe | WHC’ Candela | WHC’ Mitena | Nurja | Lady Moon | HMJ Divine | Ready for Life | Vikar | WHC’ Poseidon | Herkules | Colour Spalsh | WHC’ Oceandis | Curly Lure | Songbird | LMR Fashin Girl | Black Lady | WHC’ Unsung Hero | Walking on Sunshine | WHC’ Shakoy | Miss Griselda Braun | British Gold | WHC’ Quatchi | Miss Leika| All Hope Is Gone| Flanell d’Egalité| Chessqueen| Sunny Empire| Baroness of the Gurad | LMR Ice Rain | Elvish Beauty | Saturn | Ursel - die Bärengöttin | Cremella | Amigo | PFS’ Artic Tiger | Acerado | Lifesaver | Elf Dancer | Little Buddy
      Wohlig wurde Jace von der Wärme des Hauses empfangen, als er eintrat. Eilig streifte er die nassen Schuhe von den Füßen und die Jacke warf er achtlos über einen Kleiderhaken. Er hatte etwas Herzerfrischendes auf der Fohlenkoppel entdeckt, was er Lina nun zeigen wollte. Wobei, wenn man ehrlich war, nur ein vorgeschobener Grund, denn es zog Jace ohnehin immer wieder zu der jungen Frau. Diese lag bisher noch dick eingekuschelt zwischen Kissen und Plüschtieren, noch tief im Reich der Träume. Ein gelöster Ausdruck zeichnete ihr zartes Gesicht. Wovon sie wohl träumen mochte? Dies hier könnte ein Märchen sein, wäre ihr schlaf doch tiefer. Statt von einem leidenschaftlichen Kuss wurde Lina durch ein sachtes Klopfen an ihrer Türe erweckt. Müde blinzelte die Brünette in das dämmrige Licht, welches durch die kleinen Schlitze zwischen den Lamellen der Rollläden hindurch fiel.
      “Geh weg! Du störst beim Schlafen”, rief Lina dem Störenfried entgegen und kuschelte sich tiefer in ihre Kissen. Sie versuchte nach den verblassenden Schlieren des Traumes zu greifen, doch es war, als würde eine immer dichter werdende Nebelwand das Unterbewusste verdrängen.
      Gut, dann ist sie immerhin wach, dachte sich Jace auf der anderen Seite der Tür und verschwendet nicht einen Gedanken daran Lina weiterschlafen zu lassen.
      “Nein, ich gehe nicht weg. Ich muss dir nämlich etwas zeigen”, verkündete er energetisch.
      Langsam bewegte sich die Klinke unter seinen kräftigen Fingern. Die Schneeflocken auf seinem Haar, die in der Wärme des Hauses langsam schmolzen und die leichte Röte auf Wangen und Nase, zeugten davon, dass er bereits draußen gewesen war.
      “Was genau kann denn so wichtig sein, dass du es mir sofort zeigen musst?”, murrte die junge Frau und zog sich die Decke über den Kopf. Sie sollte dringend anfangen, die Tür nachts abzuschließen, war es nicht das erste Mal, dass irgendwer ungebeten hereinkam. Tief sog sie die Luft in die Lungen. Es war ihr egal, was Jace wollte, denn sie wollte nur die Wärme ihres Bettes genießen und einen Moment länger an den Erinnerungen diesen zwei Wochen festhalten, die der Traum erneut weckte. Vor diesem Sommer hätte sie niemals geglaubt, dass sie jemandem wie ihm überhaupt auffiel. War er doch etwas wie der Traumprinz der Moderne. Wohlhabend, gut aussehend, beliebt. Und was war sie? Ein Niemand, das unscheinbare Mädchen vom Lande.
      Ihr ganzes Leben lang war sie von solchen Leuten ausgeschlossen, wie ein Objekt behandelt worden. Dem Verhalten nach, was Niklas zu Beginn an den Tag legte, war sie sich sicher gewesen, dass sie ihn niemals ausstehen können wird, doch noch bevor sie es begriff, war es bereits um ihr Herz geschehen. Bereits bevor es richtig begann, schien es aussichtslos, dennoch ließ sie es geschehen. Somit verschwand, mit dem Ende des Sommers, auch er, und mit ihm, ein Teil ihres Herzens. Sie blieb hier allein zurück, mit nicht viel mehr als verblassenden Erinnerungen und einem Pferd. Ein Pferd, welches jeden Morgen treuherzig auf das Mädchen warte. Divine, der Hengst, den sie mehr liebte als sich selbst, der sie jedoch jeden Tag an den Abschied erinnerte. Während die zierliche Gestalt noch mit ihren Gedanken kämpfte, trat der blonde Mann ein, sah nicht, was sie zu verbergen suchte. Viel mehr durchfloss ihn prickelnde Wärme, die sich in seinem Herzen zu einer sprudelnden Quelle konzentrierte.
      “Ich muss dir etwas Niedliches zeigen”, antwortete der blonde Mann und ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder. Den Teil, dass es fast so niedlich war wie Lina, sprach er nicht aus, aber ein versonnenes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sanft zogen die kräftigen Hände die Decke vom Kopf des Mädchens, worauf hin ein widerwilliges Brummen ertönte.
      “Jace, es ist noch viel zu früh, lass mich schlafen!”, murmelte sie und boxte ihn halbherzig. Der junge Mann musste sich zusammenreißen, nicht loszulachen. Hielt er sie doch für überaus putzig, so ganz verschlafen. Das übergroße Shirt fiel locker um ihren zarten, kleinen Körper und einige der dunklen Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst und fielen ihr in die Stirn.
      “Linchen, es ist schon halb zehn, da kann man auch mal aufstehen”, konterte Jace und hielt ihr sein Handy als Beweis vor die Nase. Jace kassierte sogleich einen Tritt, von seinem zeternden Gegenüber: „Du weißt, ich hasse das, wenn du mich so nennst und außerdem habe ich heute frei.” Die junge Frau wollte sich das Kissen über den Kopf ziehen, doch Jace schnappte es sich und warf es außerhalb ihrer Reichweite, auf die andere Betthälfte.
      “Langweilerin, wenn du immer so lange schläfst verpasst du alles.” Unbeirrt der geringen Begeisterung, die ihm entgegengebracht wurde, plapperte Jace weiter: “Ich habe Fia heute zum erst mal bei der Fellpflege gesehen. Ist das nicht toll?” Der Blonde zeigte ihr ein Video, wie die kleine Lustitanostute freundlich von Vakany’s Fohlen beknabbern wurde. Fiama, hatte als einziges Fohlen, welches bereits ohne Mutter in der Herde lief, einige Anschlussprobleme gehabt. Doch seit die Fohlen nach und nach entwöhnt wurden, fand auch die kleine Fuchsstute endlich den Anschluss.
      “Okay, das ist wirklich süß, aber wenn du mich nächste Mal für so eine Kleinigkeit weckst, an einem freien Tag, bring wenigstens Frühstück mit”, gähnte Lina und begann sich zu strecken. Jace würde wohl nicht aufgeben, bis sie endlich aufstand. Als sie ihre Arme und Schultern zu strecken begann, verrutschte ihr Shirt ein Stück und gab den Blick auf ihr Schlüsselbein frei, auf dem sich eine verblasste Narbe abzeichnete. Nur schwer konnte Jace seinen Blick von ihr lösen. Er verstand nicht, warum sie so einen geringen Selbstwert an den Tag legte, waren es doch gerade diese kleinen Makel, die sie in seinen Augen noch schöner wirken ließ.
      “So, und wo du jetzt wach bist”, sprach er schließlich und ging zurück zur Tür, ließ sich aber nicht nehmen, ihr die Decke im Gehen vollständig von den Knien zu ziehen, “möchtest du bestimmt mit mir die Fohlen umweiden. In 10 Minuten unten.” Lina protestierte lautstark gegen den Diebstahl ihres Federbettes und damit auch der letzten Wärme, doch ihr Kollege war bereits aus dem Raum verschwunden.
      Schicksalsergeben rollte sie sich aus dem Bett. Eigentlich war ihr bei den Temperaturen draußen, ihre kuschelige Decke lieber, aber es schien nicht so als hätten sie eine Wahl. Spätestens in zehn Minuten würde Jace den nächsten Angriff starten und sie glaubte nicht, dass es dann bei einer geklauten Decke bleiben würde. Zudem hatte Jace die Tür offen gelassen, wodurch ein kühler Luftzug in das Zimmer drang und sie zum Frösteln brachte.
      Zwölf Minuten später stand die junge Frau dick eingepackt in eine Daunenjacke und mit einem halben Müsliriegel in der Hand auf der Terrasse. Da weit und breit kein Jace zu sehen war, rief sie nach ihm: “Wo bist du denn, Jace?” Genervt verdreht sie die Augen, erst weckte er sie und dann ließ er sie ohne nennenswertes Frühstück in der Kälte warten.
      “Ich bin doch schon da”, drang eine Männerstimme hinter ihr aus dem Flur. Der Gesuchte stand in der Terrassentür und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. Kurz darauf kam er aus dem Haus und schnappte sich den Rest des Müsliriegels aus Linas Hand.
      „Das war mein Frühstück”, empörte sich die Kleine, doch es war schon zu spät, von dem Riegel war bereits nicht mehr übrig als das Papier.
      „Wir tauschen lieber”, antwortete Jace kauend und stülpe ihr fürsorglich seine Handschuhe über die Finger. “Sonst frieren dein hübschen Fingerchen noch ab”, ergänzter er erklärend. Obwohl es erst Oktober war, war es schon klirrend kalt, -10 Grad um genau zu sein.
      „Das ist kein guter Tausch, ein Frühstück wär mir lieber“, beschwerte sich Lina erneut.
      „Ich verspreche dir, Frühstück bekommst du, wenn wir fertig sind. Ich werde es dir höchstpersönlich zubereiten“, beschwichtigte der große Blonde seiner Begleitung.
      Lustig tanzten die Schneeflocken durch die Luft und unter den Sohlen der Stiefel, knirschten die Eiskristalle als die beiden in Richtung Stall liefen.
      “Am besten nehmen wir erst die Zwillinge, Mijou plus Fohlen und Brair mit. Möchtest du lieber die beiden wilden oder die anderen drei?”, fragte er. Statt eine Antwort abzuwarten, drückte er Lina bereits die Halfter von Mina und Bri in die Hand. Irritiert blickte sie ihn an und frage: “Warum fragst du mich eigentlich, wenn du es dann doch selbst entscheidest?”
      „Na ja,” Jace blickte kritisch an ihr herunter und antwortete etwas spöttisch, “weil du aussiehst als würdest du gleich ein hübscher kleiner Eisklotz werden und du weißt, ja, gerade für Mimi benötigt man schon ein wenig Flexibilität.“ Ganz Unrecht hatte er nicht. Trotz der gefütterten Jacke, die sie trug, fror sie ein wenig und zog sich den voluminösen Schal ein etwasmehr ins Gesicht.
      „Du bist doch bescheuert”, zeterte die kleine Frau und stieß ihm gezielt zwischen die Rippen. Jace murmelte unverständlich, von wegen er würde noch wie verprügelt aussehen, wenn sie so weitermache, aber macht keinerlei Anstalten sich gegen ihre Attacken zu wehren.
      Hinter einem Busch zischte plötzlich ein Schneeball hervor, verfehlte nur knapp das Gesicht der kleinen Brünette und zerschellte an einem Baumstamm hinter ihr.
      “Ohh da bekommst du zurück, Jayden”, rief Jace, der den Ursprung des eisigen Geschosses bereits ausgemacht hatte und zielte auf seinen Kollegen, der hinter der Hausecke hervorlugte. Trotz der Kälte waren alle fröhlich und ausgelassen, doch als Lina sich beschwerte, dass sie den Schnee sogar schon unter dem Shirt hatte, fand der Spaß ein Ende. Sie war nun auch noch nass, nicht nur wie das Weiß um sie herum.. Aufopferungsvoll zog Jace seine Jacke aus und legte ihr diese mit den Worten: „Hier, kleine Eisprinzessin“, um die Schultern. Dankbar schlüpfte sie in die riesige Jacke, ignorierte seinen Kommentar allerdings vollkommen. Das, was für Jace eine normale Jacke war, wirkte an Lina wie ein seltsam geschnittener Mantel.
      Bereits von Weitem war zusehen wie Mimi und Donut sich gegenseitig um Mijou herum scheuchten. Dabei blieb die braune Stute ziemlich gelassen und suchte ein paar Grashalme unter dem Schnee. Es war erstaunlich, wie ruhig die traumatisierte Stute geworden war, seit sie das Fohlen hatte. Bevor der kleine Donut auf der Welt war, hatte Mina kaum ein anderes Pferd in die Nähe gelassen, geschweige denn, dass jemand oder etwa unter ihr durchlaufen durfte, wie Mimi es gerade tat. Auch der kleine Hengst, dem man die Verwandtschaft zu Flanell eindeutig nicht abschlagen konnte, versucht unter seiner Mama durchzulaufen, aber da er inzwischen gute fünfzehn Zentimeter größer war, als das Ponyfohlen, passte es nicht.
      “Schau nur, ich glaube, Candy versucht einen Schnee-Engel zu machen”, lenkte Lina amüsiert die Aufmerksamkeit auf die Scheckstute, die sich prustend im Schnee wälzte. Mitena, die nun angetrottet kam, hatte weiße Flocken in ihrem dunklen Fell kleben, der vermutlich von einer ähnlichen Aktion stammen musste.
      “Das kann ich auch“, schwang Jace große Worte und warf sich in den Schnee. Er begann Arme und Beine auf und ab zu bewegen, sodass unter ihm ein Schnee-Engel entstand. Lachend schüttelte Lina den Kopf über ihren Kollegen. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob er älter als zwölf war, so wie er sich aufführte.
      “Na, hör schon auf mit dem Quatsch, so kommen die Pferde niemals auf eine neue Koppel.“ Lächelnd reichte die braunhaarige ihm eine Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen. Doch statt aufzustehen, nutze er die Gelegenheit und zog sie zu sich runter. Lina landete geradewegs aus seinem muskulösen Oberkörper.
      Für Augenblick hielten beide inne. Jace sah unmittelbar ihre hübschen blauen Augen, umrahmt von lagen dunkeln Wimpern. Darin hatte sich eine Schneeflocke verfangen und funkelte mit ihren Augen um die Wette. Immer mehr von der prickelnden Wärme, pulsierte durch seine Adern, sodass er trotz fehlender Jacke nicht fror. Kurzzeitig erwiderte das Mädchen seinen Blick, bevor sie sich verlegen abwendete. Ganz tief in ihrem Inneren geriet etwas in Bewegung, doch es war noch zu früh, ihr Herz hing stattdessen an Niklas. Ein trübseliger Ausdruck trat in ihre Augen und sie rappelte sich wortlos auf. Jace schien das unausgesprochen zu erahnen, denn er schwieg ebenso. Die einzigen Geräusche um sie herum waren das Heulen des Windes und der knirschende Schnee. Lina gab sich alle Mühe, die Gedanken an Niklas beiseitezuschieben und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
      “Hei, Mina”, sprach sie zu der braunen Stute, als ich sie diese erreicht hatte, “Bereit für einen Umzug?” Natürlich antwortete die Stute nicht, sondern sah sie freundlich aus ihren braunen Augen an. Die Finnin hielt ihr das grüne Halfter hin. Misstrauisch schnupperte die daran, bevor sie wohlerzogen den Kopf senkte, damit die kleine Dame sie halftern konnte. Dies stellte sich, mit Jace viel zu großem Handschuhen an ihren Fingern, allerdings als ziemlich schwierig heraus. Unglaublich, wie umgänglich die Stute mittlerweile war.
      „Hier, die musst du auch mitnehmen.” Jace drückte seine Kollegin den Strick der Schimmelstute in die Hand. Auch die beiden Fohlen hatte der große Blonde bereits eingefangen, obwohl das bei dem kleinen Wirbelwind Mimithe gar nicht so einfach gewesen war. Die kleine Stute fand es nämlich viel lustiger vor ihm davonzulaufen.
      Lina ging mit den beiden Stuten voraus, immer mit dem kleinen Donut an Mijous Seite. Auf der neue Koppel angekommen machten sich alle fünf Pferde erst einmal daran, jeden Zentimeter zu erkunden. Während die Vierbeiner ihre neue Umgebung inspizierten, holten Jace und Lina auch noch die anderen Pferde.
      Nurja und Lady Moon, die zu Gesellschaft bei den Fohlen standen sowie die beiden Jungstuten, waren die letzten Pferde, die umzogen. Wie ein Schneepflug stiefelte Moony über die Koppel und rollte sogar einen kleinen Schneeball.
      “Ich glaube Jamie hat ein künstlerisch begabtes Pferd”, meinte Lina lachend zu Jace und zückte ihr Handy um ein Video zu machen.
      “Ja, schon …”

      Jace | Ein lautes Scheppern, welches den Tod der Tasse verkündete, riss mich aus meinem Dämmerzustand. Fluchend sprang ich auf und sammelte die Scherben von dem dunklen Parkett. Scheiße, das war meine Lieblingstasse gewesen. Nicht, dass die Tasse besonders hübsch gewesen wäre, nein eher das Gegenteil, sie war potthässlich, aber es passte viel hinein. Genau das, was ich benötigte, um morgens wach zu werden.
      Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt und glomm nur noch schwach. Müde ließ ich mich zurück auf das Sofa sinken, starrte durch das Glas des Wintergartens auf die Terrasse. In letzter Zeit schlief ich des Öfteren auf dem Sofa ein, wenn ich mich in meinen Gedanken verlor, aus denen sich unruhige Träume formten.
      Vor ein paar Stunden hatte ein leichter Schneefall eingesetzt, der zunehmend stärker wurde. Kräftiger Wind verwirbelte die dicken Schneeflocken und für einen kurzen Augenblick, glaubte ich die unverwechselbare Silhouette eines Pferdes darin zu erkennen. Das Tier, welches im Stall stand und jeden Tag sehnsüchtig auf Lina warten, doch lange würde er nicht mehr warten müssen. Denn der Tag seiner Abreise war bereits in zwei. Als Samu mitteilte, wann er und damit auch der Freiberger, den Hof verlassen würde, erlosch auch der letzte Funke Hoffnung, dass Lina zurückkehren würde. Auch, wenn ich ihr nur das Beste wünschte, hatte ich damit gerechnet oder viel mehr darauf gehofft, dass sie früher oder später doch noch herausfand, dass Niklas nur ein guter Schauspieler war. Doch alles, was ich von ihr nur, dass sie glücklich sei.. Es war nicht einfach sie loszulassen, aber allmählich merkte ich, wie es zu einer ernsthaften mentalen Belastung wurde, die immer schwerer zu bewältigen war. Nicht mal nachts schaffte ich es, abzuschalten, mein Hirn erschuf allerlei Szenarien, wie es nach dem Tag der Abreise dem schwedischen Team hätte verlaufen können, wenn sie hier geblieben wäre. Aber alle endeten damit, dass irgendwann der Punkt kam, an dem sie dem Mann nachtrauerte, der ihr mit Divine einen Kindheitstraum erfüllte und dass Lina unglücklich sei und sich quälte, war das Letzte, was ich wollte. Die Zeit war wohl gekommen, die Ereignisse anzunehmen, zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die man zwar im Herzen tragen konnte, die aber nicht in meinem Leben sein konnten.
      Unerwartet leuchtet der Bildschirm meines Handys auf dem kleinen Couchtisch auf, tauchte seine Umgebung in einen schwachen, weißlichen Schein. Ich griff nach dem Gerät und erblickte eine Benachrichtigung von Instagram. Ich staunte ein wenig, als ich sah, dass Lina etwas gepostet hatte, denn seit ihrem Umzug war es auf ihrem oder eher Ivys Account relativ still geworden. Es gab nur noch gelegentlich sporadische Updates über den weißen Hengst, logisch, wenn sie sich tausende Kilometer weit von ihm entfernt befand.
      Neugierig, was Lina wohl gepostet haben mochte, öffnete ich die App. Eine Story öffnete sich, darin zu sehen ein Rappe mit einer schmalen Blesse, der erst an einem Heuhaufen knabberte und schließlich neugierig mit der Nase immer näher an die Kamera kam, bis nur noch Nüster zu sehen waren. „Willkommen Zuhause, Ready for Life", stand in der Ecke geschrieben. Es folgte noch eine Boomerang in der die Stute, offenbar auf Kommando flehmte. Was mochte es wohl mit der Stute auf sich haben? Gehörte sie zu Lina? War es ein weiteres Geschenk ihres Freundes? Immerhin hatte sie die Pferde aus Schweden bisher nur sporadisch in Storys gezeigt, wenn sie ausreiten war oder ähnlich, aber nie eines explizit erwähnt. Ich sollte morgen bei Samu nachfragen, ob er mehr wusste über dieses Pferd. Da war sie wieder, die mich ständig beschäftigende Frage, was Lina machte dort drüben auf dem anderen Kontinent. Ich benötigte dringend eine Ablenkung.
      Aus einer Intuition hinaus fischte ich den Zettel aus meiner Handyhülle, der mir vor ein paar Wochen auf der Zuchtschau, wo ich den gescheckt Tinkerhengst Vikar, vorstelle zugesteckt wurde. In einer ordentlichen Handschrift war eine Zahlenfolge und ein Name darauf notiert worden. Die Art des Interesses des Urhebers wurde durch ein schwungvolles Herz neben dem Namen unterstrichen. Bisher hatte es mir widerstrebt, die Nummer zu verwenden. Es war nur ein schöner Abend gewesen, bedeutungslos, einzig dem Zwecke dienend, mich abzulenken. Jetzt wieder in näheren Kontakt mit den Mädchen zu treten, widersprächen den unausgesprochen Gesetzen eines One-Night-Stands, der Flüchtigkeit des Momentes. Doch, was war schon dabei, diese Regel zu missachten?
      Entschlossen tippte ich die Nummer in mein Handy, speichert diese ab und sofort erschien die Verknüpfung zu dem bekannten Messengerdienst mit dem grünen Symbol. Ein paar Sekunden zögerte ich noch, bevor ich darauf tippte und begann eine Nachricht zu tippen:
      “Hey, ich bin es Jace.” Ich kam mir ein wenig blöd vor nicht mehr zu schreiben, doch schon bei unserer ersten Begegnung hatte ich das Gefühl, dass sie genaustens wusste, wer ich bin, was auch wenig erstaunte. Die Turnierszene in der Region war klein, man kannte die aufstrebenden Sterne. Kaum war die Nachricht gesendet, erschienen die beiden Haken und wurden nach knapp 30 Sekunden bereits blau. Unerwartet. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass sie so spät in der Nacht noch wach sei, aber was wusste ich schon. Immerhin ging mein Wissen über sie nicht weit über ihren Vornamen hinaus.
      „Hey“, ploppte die Nachricht auf, „schön von dir zu hören. Warum bist du so spät noch wach?“ Die Frage kam mir ein wenig Paradox vor, schließlich war sie selbst noch wach, aber dies war nicht relevant.
      „Nein, man könnte eher sagen schon wieder", tippe ich in das Nachrichtenfeld und sendete es ab. Kurz darauf fragte Aria nach dem Grund.
      „Es ist kompliziert", antwortete ich ihr, noch darüber nachdenkend, wie klug es sei, mich Aria anzuvertrauen. Immerhin war sie eine Fremde, zugegeben eine, die mir auf körperlicher Ebene bereist ziemlich nah gekommen war.
      „Geht es etwa um ein Mädchen?", unterbrach eine Nachricht von ihr meine Gedankengänge. War es so offensichtlich oder konnte sie etwa Gedanken lesen? Ich beantworte ihre Frage mit einer Bestätigung, bevor ich mich schließlich aufraffte, um mich doch mal in mein Bett zu begeben. Schlaf fand ich dort dennoch lange nicht, sondern schrieb noch einer ganze Weile mit Aria.

      Am nächsten Morgen erwachte ich, weil vermutlich Hazel lautstark durchs Haus trampelte. Unglaublich, wie ein so kleiner Mensch so viel Lärm verursachen konnte. Ächzend rollte ich zur Seite und fischte mein Smartphone vom Nachttisch. Acht Uhr zwanzig leuchte auf dem Sperrbildschirm auf. Fuck, in zehn Minuten war Teambesprechung. In aller Eile sprang ich aus dem Bett, griff wahllos nach einer Hose und einem Shirt und warf noch schnell die Kaffeemaschine an.
      Wenig später polterte ich mit dem Kaffeebecher in der Hand die Treppe hinunter und spurtet mich in den großen Seminarraum zu kommen. Wie nicht anders zu erwarten, waren alle anderen bereits da. Hazel grinste nur fröhlich, während Quinn sich nur schwer von ihrem Handy lösen konnte. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge, schreib sie mit Raphael, einem meiner Teamkollegen, den sie neulich auf einem Turnier traf und der seitdem öfter hier auftauchte. Man musste ihm schon lassen, dass sein Hengst und er ziemlich gut waren, erst letzten Monat hatte er den Sieg bei der ersten Qualifikation für den Jumping Word Cup zu holen. Allerdings war es beinahe vorprogrammiert, mit Poseidon erfolgreich zu sein, schließlich hatte ich den Vater des Rappen selbst unter dem Sattel und wusste um sein Vermögen, mit Hindernissen umzugehen. In Kombination mit Colour Splash, die ebenso geschickt mit den Stangen war, konnte nur ein wahres Känguru dabei herauskommen. Poseidon zeigte schließlich bereits als Junghengst so viel Potenzial, dass Luchy diese Anpaarung wiederholte. Die kleine Oceandis, die dabei herauskam, war nach Schweden gezogen und konnte dort bereits ihre ersten kleinen Erfolge vorweisen.
      “Sehr gut, dann sind wir ja jetzt vollzählig”, begann meine Chefin die Besprechung einzuleiten, nachdem ich mich auf den freien Platz niedergelassen hatte. Sie eröffnete mit dem wöchentlichen Bericht der Reitschule. Hazel hatte die anfänglichen Schwierigkeiten in Linas System hereinzukommen mittlerweile überwunden. So weit lief alles gut, nur die kleine Haflingerstute Curly Lure hatte sich eine Unart angeeignet, weshalb Silvia sie die nächsten Wochen ein wenig in Beritt nehmen sollte. Auch die Shettyschule lief mittlerweile besser als jemals zuvor und mit der zunehmenden Routine war auch Songbird mittlerweile ein fester Teil der Ponytruppe.
      “Als Nächste wollen wir zu den Zuchtstuten kommen. Fashion Girl ist inklusive des kommenden Fohlens verkauft, die beiden werden mit Ladys Fohlen nach Deutschland gehen. Lady soll nach dem Absetzen antrainiert, schließlich antrainiert werden und dann in der Reitschule laufen.” Luchy erläuterte noch die weitere Zuchtplanung und welche Tiere deshalb, an- und abtrainiert werden mussten, darunter auch Chessqueen, Nessi und Empire. Sowie welche weiterhin die Freiheit auf den weitläufigen Weiden genießen durften und welche Jungpferde zu Training weggehen würden, wie Shakoy, der zum Beritt nach Deutschland gehen würde, auf den Hof, wo auch Fashion und die beiden Fohlen hinziehen würde.
      “Als Nächstes kommen wir zu dir Jace”, wand sie sich schließlich an mich, nachdem sie bereits den anderen einen Ausblick auf die kommende Saison gab, “Ich freue mich sehr, dass du mittlerweile erfolgreich unser Land vertrittst, gerade mit Herkules erzielst du gute Ergebnisse. Nun ist es so, dass eines der Jungpferde, Unsung Hero, um genau zu sein, demnächst aus dem Beritt aus Amerika wiederkommen wird. Eigentlich sollte er verkauft werden, hatte aufgrund seines Potenzials auch bereits Interessenten, allerdings würde ich ihn, Anbetracht deiner Ergebnisse gerne dir anvertrauen. Hero zeigt schon jetzt viel Potenzial, welches das von Sunny vermutlich noch übersteigen wird.” Einen Moment dachte ich darüber nach, welches der Jungpferde sie meinte, bis es mir einfiel. Hero, war ein Enkel der Stute, die ich aktuell im Team ritt. Als Fohlen allerdings, schien er weniger vielversprechend, denn er war tollpatschig und wusste seinen langen Beinen nicht so recht zu sortieren. Weil er deshalb öfter mal hinfiel oder auch im Zaun landete, handelte er sich den Spitznamen Unusing Hero ein.
      “Also stellst du mir Hero anstelle von Sunny zur Verfügung?”, versicherte mich, dass ich Luchys Angebot richtig verstanden hatte. Meine Chefin nickte bestätigend.
      “Okay, und wer übernimmt dann Sunny? Ich kann schließlich nicht alle Pferde trainieren”, brachte ich das einzig für mich sichtbare Problem hervor.
      “Sie ist ja nicht mehr sie aller jüngste, deshalb wird sie in Zukunft nicht mehr im großen Sport laufen, sondern als Lehrmeister in der Reitschule dienen”, führte meine Chefin ihre Pläne für die Stute aus.
      “Okay”, lächelte ich, “da bin ich gespannt, wie sich der kleine Tollpatsch im Beritt gemacht hat.” Von den Berittpferden, die außerhalb des Hofes untergebracht waren, bekamen wir immer nur wenig mit, sodass es wahrlich eine Überraschung sein würde, ob der kleine Tollpatsch sich tatsächlich so Positiv entwickelt hatte.
      “Du wirst erstaunst sein”, erwiderte Luchy, “Er kommt Ende November an.” Ich nickte und sie fuhr fort mit der Besprechung.
      Am Ende des Meetings zerstreuten sich alle und gingen wieder an ihre Arbeit. Ich für meinen Teil holte mir noch einen Kaffee, bevor ich in den Stall ging, um das erste Pferd zum Training fertig zu machen. Zahlreiche Fußstapfen führten von der Haustür zu den Ställen und Ausläufen, nur abseits der Wege war die weiße Decke noch unberührt. Ich folgte den Spuren zum Hauptstall, auf dessen gläsernen Dachfirst sich die Sonne spiegelte. Bereits vor dem Betreten der Stallgasse hörte ich Grisi, die mit den Hufen gegen ihre Boxenwand trat. Die freiheitsliebende Stute mochte es nicht sonderlich in der Box zustehen, doch aufgrund einer Verletzung durfte sie nicht auf die gefrorenen Weiden und Paddocks, weshalb sie sich aktuell mit der Box und tagsüber der Longierhalle abgeben musste. Ice Rain reckte ihren Kopf hinüber zu ihrer Boxennachbarin, um sie zu ärgern, worauf hin sie von der Schimmelstute an gequiescht wurde. Bei der Box von British angelangt streckte sich mir sogleich eine helle Nase entgegen, die interessiert an meinem Kaffeebecher herumnabbelte. In mich hinein grinsend schob ich ihren Kopf beiseite, denn die aufgeweckte Stute benötige im Gegensatz zu mir definitiv nicht noch einen Energiebooster. Ich nahm noch einen großen Schluck aus dem Becher, bevor ich ihn abstellte und nach dem petrolfarben Halfter griff.
      Brav folgte mir die Hannoveranerstute zum Putzplatz, auf dem Jayden gerade Miss Leika sattelte. Freundlich beschnupperte die Pearlstute ihre Artgenossin, bevor sie gehorsam einparkte. Unter der Decke kam ein annähernd sauberes Pferd zum Vorschein. Passend zum fertig gesattelten Pferd war dann auch mein Kaffee leer.
      “Na komm Gold, dann wollen wir mal ein wenig Dressurarbeit machen”, sprach ich zu der Stute und zupfte am Zügel, damit sie anlief. Leise knirschte der Schnee unter unseren Füßen. Vereinzelte Flocken tanzten vom Himmel, um sich lautlos auf der Mähne der Stute abzusetzen. In einiger Entfernung tollte der Dalmatiner durch den hohen Schnee und hätte er keine dunklen Flecken im Fell, wäre er vermutlich mit der Umgebung verschmolzen und nur noch als Schneewirbel auszumachen gewesen. Knarzend glitt das große Hallentor zu Seite und ließ uns in das verhältnismäßig warme innere des Gebäudes eintreten. Der helle, lockere Sand lag noch unberührt vor mir, als ich die helle Scheckstute darauf führte. Gerade als ich aufgessen war, vibrierte es in meiner Hosentasche. Während die Stute loslief, sah ich nach, wer etwas von mir forderte. Es war Aria, die mir einen freundlichen guten Morgen wünschte. Ich wünschte ihr ebenfalls einen und fragte sie schließlich, ob es einen Grund für ihr schreiben gäbe.
      “Ja und nein”, kam eine geheimnisvolle Antwort zurück. Einen Augenblick wartete ich, ob sie die Antwort noch erweiterte, bevor ich nachfragte. Das Pferd unter meinem Sattel lief genügsam seine Runden durch den Sand, schien sich nur wenig daran zu stören, dass ich abgelenkt war.
      “Erst wollte ich dir nur einen guten Morgen wünschen”, ploppte eine Nachricht aus, doch noch zeigte das Gerät an, dass sie tippte, “und dann dachte ich mir, ob du nicht Lust hättest etwas mit mir zu unternehmen, aber dann fiel mir ein, dass Papa gleich kommt. Irgendwas wegen eines Polo-Spiels im Club, glaub ich.” Polo, das passte in das Bild, welches ich von Aria hatte. Schon bei erstem Anblick war nicht zu übersehen, dass es ihr oder vermutlich eher ihren Eltern nicht an Geld mangelte.
      “Heute hätte ich ohnehin nicht gekonnt, aber wir können uns vielleicht am Wochenende treffen. Lass uns später noch mal schreiben. Ich muss jetzt erst einmal Gold bewegen”, antworte ich ihr, bevor ich das Gerät in den lautlosen Modus schaltete und es zurück in die Hosentasche verfrachtete. Sobald ich den Zügel sanft aufnahm, lief die Stute sogleich fleißiger und trat aktiv an die Hand heran. Dass sie mittlerweile nahezu mühelos in die korrekte Haltung zu bringen war, war das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Als British hier ankam, war sie kaum zu halten und rannte wie eine Giraffe mit weggedrückten Rücken durch die Gegend und kannte nichts außer dem Springparcours. Natürlich war sie auch noch immer kein Lampenaustreter, dafür fehlte ihr das Potenzial, aber für gesund erhaltende Gymnastizierung war es ausreichend. Mittlerweile war die Hannoveranerstute ausreichend aufgewärmt, sodass ich die nächsthöhere Gangart wählte. Angenehm federten die Schritte der Stute und mit jeder Runde wurde sie gelöster. Aus die Stute fokussiert bemerkte ich Quinn erst, als sie mit dem Fuchs bereit eingetreten war. Leichtfüßig setzte die junge Stute ihre Füße in den Sand und drehte aufmerksam die Ohren. Von dem schlaksigen Jungpferd, welches sie einmal gewesen war, war nicht mehr viel zu sehen, stattdessen kam die Hannovernerabstammung nun deutlich durch.

      Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und brachte die Eiskristalle zum glitzern, als ich mit dem Hengst ins Freie trat. Dampfwolken stiegen von seinem dunklen Fell in den klaren Himmel empor, an den Stellen, wo es nicht mit einer Decke bedeckt war. Hope hatte mal wieder sein Bestes gegeben, den Hengst raushängen zu lassen, weil Jamie mit Ursel ebenfalls in der Halle gewesen war. Als dann auch noch Matt mit Saturn hereinkamen, drehten dem Kaltblut vollends die Sicherungen durch. Schon aus der Ferne sah ich, dass Hazel gerade mit der Ponytruppe auf einen Ausritt aufbrach, also hielt ich den Hengst aus sicherer Entfernung an und ließ sie mit Cremella, Amigo und den anderen Ponys passieren. Den kleinen Tiger hatte sie als Handpferd dabei und dem kleinen silbernen Hengst ging der Schnee, beinahe bis zu den Knien, weshalb er wie ein Storch hindurch starkste.
      Im Stall angekommen, sattelte ich meinen Tinkerhengst ab und ließ ihm unter dem roten Schein des Solarium trocknen. Währenddessen blickte ich auf mein Handy. Zwischen den Einheiten mit den Pferden hatte ich das Gespräch mit Aria fortgesetzt und hatten uns auf Samstag festgelegt, nur über den Ort mussten wir uns noch einigen.
      “Wie wäre es damit, wenn wir uns 87te Ecke 109te in dem kleinen Café treffen?”, schlug sie vor. Ich bestätigte ihr, dass es nach einer guten Idee klang. Hufgegeklapper erfüllte die Stallgasse und Jayden tauchte mit Acerado im Schlepptau auf.
      “Lohnt es sich Ace noch in die FüMa zu stellen oder bist du gleich fertig?”, fragte mein Kollege und deute mit einem Kopfnicken auf den Tinker der sich sogleich wieder aufbaute, in der Hoffnung den braunen Hannoveraner damit zu beeindrucken, besagtes Warmblut störte sich allerdings nur wenig an dem Rappen.
      “Ne, ein paar Minuten und dann ist Hope trocken”, entgegnet ich, “Wie läuft es mit Lifesaver, ist er immer noch so rebellisch?”
      “Rebellisch klingt noch viel zu niedlich”, lachte mein Kollege, “Ich glaub ehe der Kleine möchte sich fürs Rode bewerben. Ich habe selten ein Pferd so viel bocken sehen wie Life.” Acerado schubberte genüsslich den Kopf an dem metallenen Pfosten, nachdem Jayden ihn von der Trense entledigt hatte.
      “So gut wie du dich hältst, kannst du ja dann wie Hazel unter die Cowboys gehen”, feixte ich.
      “Danke, aber ich bleibe bei den Buschreitern”, sagte er noch, bevor er mit dem Sattelzeug in der Kammer verschwand. Just in dem Moment, als er zurückkehrte, erloschen die Glühbirnen der künstlichen Sonne. Kontrollierend fuhr ich mit den Fingern durch das dichte Fell und konnte so wie es zu erwarten war keine Feuchtigkeit mehr auf der Haut feststellen.
      “Du kannst dann Ace jetzt trocken”, wand ich mich an mein Gegenüber und hängte den Tinker ab. Noch während ich die Stallgasse verließ, vernahm ich das Surren der Anlage, das durch das Hochfahren entstand. Kaum hatte ich Hope auf die Koppel entlassen, warf er sich in den Schnee, um sich zu wälzen. Von der Nachbarkoppel hörte man schrillen Quietschen. Die Quelle des Lärms waren Dance und Buddy, die ausgelassen miteinander spielten. Während die Hengste ihre Pause nutzen, um sich auszutoben, warte auf mich nun ein warmes Mittagessen und einen Moment in der Wärme, um wieder aufzutauen.


      © Wolfszeit | Jace Sherwood | 33134 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      Springen E zu A | 22. Februar 2022

      St. Pauli’s Amnesia // Dix Mille LDS // Jokarie // Jora // WHC’ Poseidon

      Auf dem Abreiteplatz tummelte sich eine Horde an Reitern. Ein untypischer Fuchs trabte um die Ecke, Raphael glänzte auf seinem Rappen und Jordan trieb sich auch irgendwo herum. Den Typen auf der Schecken Stute hatte ich bisher noch nie gesehen, aber das Pferd lief fröhlich vor sich hin. Nur ich stand am Zaun und hatte mein Pony in der Heimat gelassen. Einer nach dem anderen setzte sein Pferd auf den Sprung zu, nichts Großes, viel mehr war der Tag vor dem Turnier als einfaches Training angesetzt. Als Höhe lag die Stange auf einem Meter, sowohl das Rick als auch der Oxer waren von mir aufgebaut worden. Man hatte mich schnell als Turniertrottel aufgestuft.
      “Neele, oder?”, hielt der Große auf dem Schecken neben mir.
      “Ja”, sah ich vom Zaun auf und versuchte bei der niedrig stehenden Sonne sein Gesicht zu erkennen, vergeblich, aber sein breites Lächeln entging mir nicht.
      “Die Stange ist gefallen, würdest du sie wieder hochlegen?”, fragte er höflich.
      “Natürlich, sehr unaufmerksam von mir”, lachte ich und stieg durch den Zaun auf den weitläufigen Reitplatz, immer mehr an Fülle zunahm. Wenn sich meine müden Augen nicht irrten, ritten zu viele gut aussehenden jungen Herren mit ihren elitären Pferden auf dem Sand. Achtsam setzte ich einen Fuß nach dem anderen, konzentriert, keinen Huf abzubekommen. Nachdem die Stangen das Rick wieder auf dem Meter lag, flogen bereits die nächsten des Oxers. Kaum drehte ich mich um, hörte ich das Holz den Boden berühren.
      “Strengt euch doch mal an”, rief ich dem Kerl auf dem Fuchs nach, der nur niedlich lächelte und im Galopp seinen Weg fortsetzte. Offensichtlich machten sie sich einen Spaß daraus, mich von der einen zur anderen Seite zu schicken. So genau er auch es schaffte, die Stute auf das Hindernis hinzuzulenken, bockte sie im letzten Galoppsprung und riss damit die Stange zu Boden. Ich schüttelte nur den Kopf und stampfte wieder hinüber. Diesmal blieb ich einige Meter daneben stehen, wie von einem Wunder gesegnet, sprang das Pferd ohne zu reißen.
      „Geht doch“, lachte ich. Als der Schecke wieder bei mir auftauchte. Sofort begann das Pferd mich zu inspizieren, streckte mir das vollgesabberte Maul in mein Gesicht und wischte es schließlich an meiner Schulter ab, als wäre ich der persönliche Waschlappen. Der erste Tag und schon war mein Lieblingsshirt versaut. Kurz davor, es mir über den Kopf zu ziehen, begriff ich noch im richtigen Augenblick, dass ich irgendwo an der spanischen Küste auf einem Reitplatz stand. Im Vergleich zum Herbst an der Schweizer Grenze, brannte mir die Sonne auf den Pelz.
      “Willst du nicht mit Kinderpferd weiterüben? Du scheinst dich als einziger nicht über ein A Niveau Springen zu wollen, Angst?”, neckte ich ihn und lehnte mich leicht an die verschwitzte Stute an. Er ritt sie die meiste Zeit im Galopp auf den Zirkel, sprang von der einen Hand auf die andere. Die Beiden wirkten vertraut, aber distanziert.
      “Angst, vor einem Meter? Sehen wir so aus?”, schob er die Sonnenbrille von der Nase, wodurch ich den ersten Blick auf die wunderschön funkelnden Augen begann. In der Sonne glänzte der helle Braunton noch intensiver als jedes Gold der Erde. Sofort tadelte ich mich Geiste: Neele, du kennst den nicht mal.
      “Offenbar ja, weil dein Pferd langweilt sich”, merkte ich an, nach dem die Stute unaufhörlich an meinem Ohr knabberte, schob ich sie weiter zur Seite. Vergeblich.
      “Na dann”; schwang er sich aus dem Sattel und drückte mir im selben Moment die Zügel in die Hand, “dann viel Spaß.” Wie angewurzelt verharrte ich im Sand, konnte keine Worte finden, die auch gar nicht nötig waren. Mit seinen kräftigen Händen griff er nach meiner Hüfte und warf mich in den Sattel. Wie auf Wolken saß ich auf der Stute, die den Kopf locker hängen ließ und abschnaubte. Ich wusste nicht genau, wie mir geschieht, aber das Pferd lief wie von selbst los und im nächsten Augenblick trabte ich schon über die Stangen neben dem Oxer. Raphael pfiff mir anerkennend zu, als wären wir Freunde, oder kennen uns schon seit Ewigkeiten, obwohl gegenteiliges der Realität entsprachen.
      “Schönes Gefährt”, lachte er und trabte auf seinem Rappen neben mir her, auch Jordan auf Jora kam dazu, doch dieser schwieg. Seine Stute hatte wohl nicht genügend Schlaf, denn obwohl bei ihm keine einzige Stande im Sand landete, konnte er nur mit viel Aufwand, das Pferd auf einer klaren Linie führen. Gut, ich musste einsehen, dass ich die Stute so gut wie gar nicht kannte, nur als Turnierbegleitung meiner besten Freundin auf Abreiteplätzen beobachtet hatte. Wo steckte sie eigentlich? Ohne auf Raphael zu reagieren, ließ ich meinen Blick über den Platz schweifen. Dixie versuchte am Zaun die letzten Grashalme zu erhaschen, während ein offenbar sehr inniges Gespräch mit dem Fuchsjungen hielt. Auch seine rundlich anmutende Stute versuchte an den einen oder anderen Halm zu gelang, deutlich geübter wirkte ich Einsatz am Zaun. Das Funkeln in Alicias Augen konnte ich sogar aus der Ferne ausmachen.
      Weil ich nicht wusste, was ich überhaupt auf dem Pferd zu suchen hatte, trabte ich einfach weiter, schnappte hier und da einen freundlichen Tipp auf, bis ihr Besitzer auf mich zukam. Er tätschelte seinem Pferd den Hals, blickte immer wieder zu mir und auch ich konnte nicht von seiner herzlichen Art ablassen.
      “Vielleicht nimmst du jetzt mal den mickrigen Oxer und dann reden wir weiter”, grinste er. In meiner Brust klopfte das Herz wie wild, schon bei dem bloßen Gedanken an diesen Stangensalat.
      “Bereite Amy so lange vor, wie du dich wohlfühlst. Am wichtigsten ist es, dass du sicher bist und keine Panik bekommst. Sie spürt alles, was du fühlst”, rief er mir noch zu, bevor ich die Galoppsprünge auf einem Zirkel verkürzte. Sie galoppierte mit einer hohen Vorderhandaktion und setzte sich wie ein Profi auf die Hinterhand, als hätte das Pferd auch eine zielgerichtete Dressurausbildung genossen – dass die beiden für Schweden an den Start gingen, erfuhr ich erst später. Aus dem Gefühl heraus schloss ich die Augen und überließ dem Trakehner die Kontrolle. Ich konnte spüren, wie das Pferd im Takt meines Herzschlags den Sprung anvisierte und im nächsten Augenblick abhob. Die Welt zog in Sekunden an mir vorbei, stoppte, bevor die Hufe auf den Sand trafen. Ein Ruck ging durch meinen Körper und energisch zog ich an den Zügeln, aus der Angst, im Dreck zu liegen. Doch die Angst war unbegründet, denn Amy bremste umgehend ab und erhob den Kopf, um meinen Oberkörper aufzufangen.
      “Wow, das war cool”, schwärmte ich lachend und klopft ihr den Hals.
      “Dann spring doch noch ein paar Mal”, schlug er vor, was ich sogleich nutze. Von Sprung zu Sprung fühlte ich mich sicherer und verstand, wieso Alicia so großen Spaß auf Dixie im Springreiten hatten. Bis zu dem Moment hatte ich immer Bedenken, was alles passieren könnte, was wäre, wenn ich etwas falsch mache. An seiner Seite und in diesem Sattel fühlte ich mich gut, bekam Tipps, aber musste leider schneller wieder absteigen, als es mir lieb war. Er nahm sein Pferd entgegen und verschwand. Ich erfuhr nicht einmal seinen Namen, außerdem schwebte noch immer Vachel durch meinen Kopf.
      Ich setzte mich auf den obersten Balken des Zaunes und beobachtete, wie Alicia mit dem Fuchsjungen begann denselben Sprung zu nehmen, gleichzeitig. Faszinierend, wie die Galoppsprünge der Pferde sich synchronisierten und schließlich auf den Millimeter die Stange überquerten. Auch Raphael folgte mit Poseidon und Jordan auf Jora.
      “Komm’, ich bin fertig”, holte mich Alicia wieder weg, nur damit ‘ihre’ Jungs nicht näher betrate, frech, aber so kannte ich sie. Im Großen und Ganzen fand ich es sehr lustig, wenn Reiter aus dem hohen Springniveau plötzlich nur einen sprangen.

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      zeitliche Einordnung {Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      Springen A zu L | 15. März 2022

      Dix Mille LDS / WHC' Poseidon / Jora / Jokarie

      In den wenigen Tagen, die mir noch in dem großartigen Haus verblieben, saß ich die meiste Zeit auf der Couch herum. Monet befand sich in der Vorbereitung auf seine Abreise nach Schweden. Einerseits freute ich mich, schließlich wollte das Schicksal es so, dass ich offenbar näher bei Eskil war, doch brachte es mich in die Situation über tausende Kilometer zwischen Vachel und mir zu haben. Seufzend kippte ich mir zur Seite auf die Polster, blickte zum Laptop auf dem Tisch. Dieses Warten bereitete mir keinen Spaß.
      Ich hatte die Uhr vollkommen aus dem Blick verloren, als ein Schlüssel in der Haustür ertönte und sie sich öffnete. In einer schwarzen Jogginghose stand Alicia da, bewaffnet mit einer alkoholfreien Flasche Wein und Kuchen. Das war meine Rettung.
      “Wir müssen uns was angucken”, grinste sie, das konnte nur mit Matteo und Raphael zu tun haben. Immer mehr eiferte sie den beiden nach und hatte sich sogar dazu entschlossen, mit nach Schweden zu kommen, um dort mit Dixie weiter zu üben. Zum anderen wollte sie nicht allein bleiben. Sie sagte selbst über sich, dass sie gute Chancen hatte und sich bei verschiedenen Reitschulen bewarb. Was es damit auf sich hatte, wusste ich nicht genau, aber das würde sich noch zeigen. Papa freute sich, dass ich damit jemanden hatte, den ich kannte.
      “Dann zeig mal”, freute ich mich und beobachtete, wie sie mit den Fingern über die Tastatur huschte und es öffnete sich eine in schwarz getauchte Website. Darauf leuchteten die blauen Augen in der Frontansicht von Poseidon.
      “Was ist das?”, wunderte ich mich und beugte mich näher zu dem Gerät.
      “Raphael hat seit gestern eine Website und da habe ich ein Video gefunden, was du sehen solltest.” Sie klickte wie wild herum. Dann öffnete sich ein sehr hochauflösendes Video. Sein Hengst wirkte darin noch wie ein Baby, also musste es aus seiner Anfangszeit aus. Immer wieder tauchte auch Jordan mit Jora auf. Nach einander übersprangen sie ziemlich niedrige Hindernisse, also im Verhältnis zu dem, wie ich die beiden bisher erlebte. Poseidon wirkte unsicher, sogar etwas panisch, wenn er den bunten Stangen näherkam. Raphael beruhigte ihn in seiner sanftmütigen und äußerst liebenswürdigen Art. Immer wieder folgten zwischen den direkten Aufnahmen von Pferd und Reiter, Drohnenshots, Slow Motion. Ziemlich teuer und hochwertig. Nach einigen Minuten war es vorbei.
      “Das war cool”, sagte ich noch immer verwundert, welchen Mehrwert ich daraus ziehen sollte.
      “Neele, du bist wirklich schwer zu begeistern”, stöhnte sie. Vom Tisch krallte sie das Gerät und drückte auf dem Trackpad herum, bis ein dumpfes Tuten aus den Lautsprechern ertönte. Sie stellte das Laptop wieder auf den Tisch und schob sich dicht an mich heran. Erschrocken blickte ich zum Bildschirm, konnte das gesehene nicht richtig einordnen.
      “Warum rufst du Raphael an und wieso über mich?”, flüsterte ich in der Angst, dass er genau in dem Moment abhob.
      “Weil wir jetzt Unterricht haben”, grinste sie und dann leuchtete er auf dem Bildschirm. Freundlich winkte er in die Kamera. Schweigend saß ich neben meiner besten Freundin, die direkt fröhlich losplauderte von dem Video, was wir uns gerade angeschaut hatten und dass sie genau diese Übung auch mit Dixie gemacht hatte. Dadurch wurde die Stute so viel Feiner am Schenkel und riss keine einzige Stange von den leichten Hindernissen.
      Tatsächlich hatten wir kein Unterricht in dem Sinne, vielmehr war es ein kommentierter Ritt und zunehmend kamen auch weitere Leute in den Anruf. Auch Alicias anderes Schätzchen. Dieser erzählte ebenfalls von dem heutigen Trainingstag mit seiner Fuchsstute, die aktuell Winterpause hatte und ebenfalls unter einen Meter zwanzig überquerte. Für die kleinere Stute, im Vergleich zu Dixie, schon eine Herausforderung.
      Mich langweilige tatsächlich der Ritt, nur Alicia tauschte sich fröhlich mit den Anderen aus. Was hatte ich auch davon? Ich sprang nicht, es war eine Ausnahme auf Amy. Zwischendurch stand ich auf und holte eins der letzten Gläser. Kaum hatte ich mich umgedreht, um die Flasche zu öffnen, rief Alicia hektisch: “Dein Verehrer hat geschrieben.” Kurz blieb mir die Luft weg. Warum sollte mit Vachel schreiben? Und wieso wusste sie davon. Die Flasche noch mit dem Öffner im Hals ließ ich auf der Stelle in der Küche stehen und huschte zur Couch. Dort lag auch mein Handy, dass ich sofort ergriff. Eskil hatte mir geschrieben. Damit hatte ich wirklich nicht mehr gerechnet. Vor einigen Tagen schrieb ich ihm einige, nun im Nachhinein, seltsame Nachrichten. Ich wollte wissen, ob bei ihm unterkommen kann. Mein Vater hatte so spontan wie er war, ein Haus gekauft, irgendwo zwischen anderen neureichen Menschen, die ich ohnehin nie sehen würde. Auf dem Grundstück standen riesige Hecken, die jede Sicht bedeckte. Aber das Haus steht erst ab Dezember zur Verfügung und ich wollte, keine Ahnung ehrlich gesagt. Vielleicht wollte ich einfach ein Nein hören, doch Eskil stimmte zu.
      “Damit hatte ich nicht gerechnet, aber selbstverständlich. Ich freu mich. Du musst dann aber mit nach Stockholm kommen”, schrieb er. Ich versuchte mich zusammenzureißen, doch aus meinem Mund kroch ein hoher Schrei der Freude. Verwundert drehte sich Alicia um.
      “Was denn mit dir?”, fragte sie, aber verfolgte mit einem Augen den nächsten Ritt weiter. Das Bild hatte sich von Raphael auf Jordan gewechselt, der auch gerade mit dem Warmreiten fertig zu sein schien und locker über ein Rick sprang. Es war schon ziemlich erstaunlich, wie leicht es aussah, aber ich wusste von Alicia wie viel Training es bedarf.
      „Ich bin erst mal bei Eskil in Schweden“, flüsterte ich in Ohr, schließlich war das Mikrofon noch eingeschalten. Mit einem Tastendruck änderte sie das. Auch ihr Gesicht war geprägt von Erstaunen.
      „Oha, du gönnst dir. Du rufst mich dann jeden Abend an, ja?“

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      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      Heavenly Maybe| 07. April 2022
      Don Carlo| Finest Selection| Fraena van Hulshóf| Voilá| WHC’ Aphrodite| Abe’s Aelfric| Cleavant ‘Mad Eye’| Löwenherz| PFS’ Caruso| WHC’ Afterglow| HMJ Divine| Checkpoint| WHC’ Quatchi| WHC’ Unsung Hero| Herkules| Nurja| WHC’ Sunna| WHC’ Poseidon

      Ich war gerade auf dem Weg mir Glowy von der Koppel zu holen, als das Klingeln meines Handys die winterliche Stille störte. ‘Haze’ leuchtete auf dem Bildschirm auf. Seltsam, die sollte doch eigentlich gerade eine Reitstunde geben?
      “Hey, was ist los?”, nahm ich den Anruf dennoch entgegen, während ich das Tor öffnete. In der Ferne hoben die Pferde den Kopf, bewegten sich ansonsten nicht weiter.
      “Ich könnte dich mal gerade hier gebrauchen. Caruso hat schon wieder ein Kind heruntergehauen und jetzt mag keiner auf das Pony steigen”, erklärte sie und klang dabei ein wenig genervt. Es war bereits das dritte Mal diese Woche, dass der Schecke jemandem mit dem Boden bekannt machte.
      “Ich komme, bin gleich da”, seufzte ich und beendete das Gespräch. Dann würde die braune Stute wohl noch ein wenig warten müssen, was eigentlich weniger in meine Tagesplanung passte. Später sollte noch ein potenzielle neuer Einsteller vorbeikommen, dem ich die Anlage zeigen sollte. So kehrte ich ohne Pferd zurück zum Stall und warf im Vorbeigehen das Halfter auf eine Bank in der Stallgasse.
      “Tür frei”, reif ich, bevor ich das große Tor aufschob und eintrat. Felix saß mit einem kleinen Mädchen, vermutlich die Reiterin von Caruso, auf der Bank. Tränen liefen über das kleine Gesicht und mein Kollege gab sich alle Mühe sie zu beruhigen. Hazel stand mit dem Ponyhengst in der Zirkelmitte und setzte ihren Unterricht fort.
      “Bei A auf den Zirkel abwenden und dann bei X zum Schritt durch Parieren”, wies sie die Kinder an, bevor sie mit dem Pony auf mich zukam. Folgsam lenkte das Kind an der Tete den Wallach mit den blauen Augen auf die Kreislinie und wechselte die Gangart.
      “Kannst du dich vielleicht den Rest der Stunde mitreiten, dass er sich dran gewöhnt, dass man sich benehmen muss?”, bat sie mich und setzte ihren Dackelblick auf.
      “Hast du ein Glück, dass ich das Pony gern hab”, scherzte ich und nahm die Zügel entgegen. In Windeseile verlängerte ich die Steigbügel und ließ mich in den Sattel gleiten. Kaum war ich angeritten, begann das Pony bereits mit seinen Faxen. Immer wieder zog er den Kopf runter und deute sogar an zu bocken als ich ihn antrabte. Das junge Pferd strotze nur so von Energie, da war es wenig wunderlich, dass er nur Unsinn im Kopf hatte.
      “Hazel, kannst du mal den Hufschlag räumen?”, bat ich meine Kollegin, die ihre Kinder daraufhin aufmarschieren ließ. In der nächsten Ecke galoppierte ich den Hengst an, bereits darauf vorbereitet, dass er losschießt oder einen Bocksprung machen würde. Letzteres tat der Schimmel auch nach dem zweiten Galoppsprung. Die Knie fest am Sattel und das Gewicht in den Steigbügel saß ich dies problemlos aus. Ich ließ dem Pony den Raum seine Energie abzulaufen und so war es nach einigen Minuten flotten Galopp auch wieder artig.
      "Okay Hazle, ich denke, du kannst jetzt ohne Komplikationen weitermachen", verkündete ich, als ich das Pony neben ihr anhielt. Eine ganze Reihe Kinderaugen starrte mich an, als hätte ich gerade einen Mustang gebändigt.
      “Das war cool”, staunte der kleine Junge, der auf Löwenherz thronte, während den anderen Kindern immer noch der Mund offen stand.
      “Das fand ich auch”, ertönte eine honigwarme Stimme aus Richtung des Tores.
      “Raphael, was machst du denn hier?”, lächelte ich erfreut und lenkte mein Pony in seine Richtung. Hazel forderte währenddessen ihre Kinder zum weiterreiten auf.
      “Ich bin hier, um mir euer wunderschönes Gestüt anzuschauen. Ich überlege nämlich mir Poseidon und Héritage umzuziehen, aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen”, erläuterte er und wand sich dann an Felix, der noch immer auf der Bank saß.
      “Raphael Craig”, stellte er sich freundlich vor und reichte dem Deutschen die Hand.
      “Felix Lundqvist, der Neue hier”, stellte sich auch mein Kollege vor, “Irgendwo her kenn ich dich … Springreiter, richtig?”
      “Ja, genau Springreiter im Dienst der Nation”, bestätigte der Dunkelhaarige. Anschließen hockte sich Raphael vor Carusos ursprüngliche Reiterin.
      "Und wer bist du, kleine Maus?", fragte er die Kleine, die ihn verschüchtert aus ihren großen, Runden anblickte.
      "Ella", antwortete sie zögerlich. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die Kleinen sich bereits für die Stars der Reiterwelt interessierten und deshalb plötzlich so still waren oder ob sie von der Anwesenheit eines Fremden verschreckt wurden. Denn für gewöhnlich plapperten die Kinder unaufhörlich, auch wenn sie sich eigentlich konzentrieren sollten.
      "Ella, bist du vorhin Caruso geritten?", fragte er sanft. Das Mädchen nickte und Felix schien ihn nebenbei über die Situation aufzuklären.
      "Weißt du, das ist gar nicht so schlimm mal runterzufallen, das ist mir auch schon ganz oft passiert”, erklärte der Springreiter.
      Während Raphael mit dem Kind beschäftigt war, ritt ich Caruso im Schritt auf dem Zirkel, damit der kleine Kerl nicht ganz auskühlte bei der kalten Winterluft, den sein flauschiges Fell wies deutliche Schweißflecken auf.
      "Echt? Meine Schwester hat gesagt, dass du bist der beste Reiter auf der Welt", vernahm ich das zarte Stimmchen des Mädchens. Damit bestätigte sich, dass zumindest einigen der Kinder klar war, dass sie eine Berühmtheit vor sich hatten.
      “Na ganz so ist das nicht”, lachte er, “aber selbst die besten landen manchmal auf dem Boden. Du hast doch sicher gerade gesehen, was Caruso gerade bei Quinn gemacht hat.”, erneut nickte das Kind.
      “Das hat er nicht gemacht, weil er böse ist oder Quinn loswerden wollte, sondern weil er sich so doll gefreut hat, dass er endlich laufen darf. Caruso ist nämlich noch ziemlich jung und muss erst noch lernen, dass man mit einem Menschen auf dem Rücken vorsichtig sein muss.” Raphael sprach mit einer solchen Hingabe mit dem Kind, als würde er nur dafür geschaffen worden sein, Kindern den Mut wiederzugeben. Nachdem er eine Weile mit Ella gesprochen hatten, bedeute er mir, mit Caruso in die Mitte zu kommen und kam mit ihr an der Hand auf uns zu. Caruso kaute mittlerweile zufrieden auf seinem Gebiss herum und blickte das Kind freundlich an, als ich mich aus dem Sattel gleiten ließ. Nachdem die Steigbügel wieder umgestellt waren, hob der Besucher das Mädchen auf den Rücken des Ponys und ergriff selbst die Zügel. Ich ließ mich neben Felix auf die Bank fallen und beobachtete versonnen, wie Raphael das Pony über den Sand führte.
      “Wenn ich hier nicht mehr gebraucht werde, gehe ich dann mal Sally versorgen”, verabschiedete sich Felix schließlich und verschwand im Durchgang. Nach einigen Minuten überreichte der Springreiter Ella wieder die Zügel und sie traute sich sogar ein Stück zu tragen, unter der Bedingung, dass er neben herlief. Wie ich so dabei zusah, kam ein Gefühl von Glückseligkeit in mir auf und unwillentlich kamen mit Szenen in den Kopf, wie er wohl mit eigenen Kindern aussehen würde.
      Mit einem breiten Grinsen kam Hazel zu mir, als sie die Reitstunde abgeschlossen hatte, das abreiten konnte sie schließlich auch von der Ecke aus beaufsichtigen.
      “Du stehst auf ihn, das sehe ich doch genau”, feixte sie ein schelmisches Funkeln in den Augen.
      “Shh, nix tu ich hier. Ich finde nur Kinder stehen ihm”, wehrte ich ihre Anschuldigung ab.
      “Deine Kinder?”, entgegnete sie verschmitzt, bevor sie ihren Kindern zu rief, dass sie die nächste Runde aufmarschieren durften.
      “Ich wette, Lina hast du auch mit deinem generve vertrieben”, ging ich in den Gegenangriff über, statt auf ihren Kommentar näher einzugehen. Ella war mittlerweile mit dem Pony aufmarschiert, sodass Raphael nun zu uns hinüberkam.
      “Wer ist Lina?”, fragte er freundlich, offenbar hatte er einen Teil des Gespräches mitgehört.
      “Eine ehemalige Kollegin. Sie ist im August nach Schweden umgezogen”, erklärte ich.
      “Wegen nem ziemliche heißen Typen”, ergänzte Hazel keck, “Für den wäre ich auch umgezogen.” Natürlich konnte sie auch dieses Mal ihre unqualifizierten Kommentare nicht unterlassen. Manchmal wünschte ich es gäb einen Mute-Button für sie.
      “Ah, daher kommen also die Gerüchte”, nickte Raphael als würde sich soeben einige Puzzleteile zusammensetzen. Bei dem Wort Gerücht konnte man Hazel Augen Begeisterung aufflammen sehen.
      “Was erzählt man sich denn so über Jace?”, fragte sie voller Enthusiasmus, woraufhin ich ihr einen Stoß in die Rippen verpasste. Voller Unverständnis blickte sie mich an und rieb sich die Seite.
      “Naja, irgendwer erzählte, dass er sich wohl wegen eines Mädchen geprügelt hat, welches wohl aufgrund dessen den Hof verlassen hat”, antwortete er schulterzuckend, “Aber ist mir auch eigentlich egal, über mich erzählt man sich auch so einiges, was definitiv sehr realitätsfern ist.”
      “Hazle, deine Kinder warten”, wies ich sie darauf hin, als sie gerade ansetzen wollte, unseren Gast weiter auszufragen. Vielleicht hätte sie besser Journalisten werden sollen, bei irgend so einem Klatschblatt. Tatsächlich folgte sie meiner Aufforderung.
      “Soll ich dir dann jetzt mal den Hof zeigen?”, frage ich freundlich und erhob mich von der Bank.
      “Das ein oder andere kenne ich ja bereits, aber ich würde primär einen genaueren Blick auf die Boxen und die Springhalle werfen”, lächelte er bestätigend.
      “Dann fangen wir doch gleich mal im Stall an”, entgegnete ich und steuerte auf das Hallentor zu. Direkt gegenüber der Haller eröffnete sich die Reihe aus sieben Boxen, die noch aus Zeiten herrührte, in denen das Gestüt noch deutlich kleiner war und im Besitz einer Adelsfamilie, wie Luchy einmal erzählt hatte. Um diese Tageszeit waren die Boxen leer, denn die Hengst verbrachten den Tag jetzt im Winter auf den hofnahen Koppeln, die ein wenig ebener und wetterfester waren, als die an den steilen Berghängen der Rocke Mountains.
      “Also die Boxen da voran, dort stehen in der Regel Nachwuchshengste, die in den Sport gehen sollen, aber das wird für dich vermutlich ohnehin nicht relevant sein”, erklärte ich und schritt direkt weiter in Richtung des Hauptstalles.
      “Was ist mit den Offenställen?”, fragte Raphael interessiert als wir diese passierten und sich ein grauer Ponykopf über den Zaun schob.
      “In dem links von uns wohnen die Schulponys und da rechts ein Einsteller und zwei unserer Zuchtstuten”, erläuterte ich bereitwillig, “Neben dem Stall haben wir noch einen mit den männlichen Schulis und unser neuster Zuchthengst ist dort jetzt auch eingezogen, weil Ivy jetzt weg ist.” Aufmerksam lauschte mein gegenüber den Worten und begann das kleine Pony hinter den Ohren zu kraulen.
      “Ivy?”, fragte er schließlich nach. Neben Voilá kam nun auch eine weitere Fellkugel an den Zaun und begann zaghaft an meinem Schal zu knabbern.
      “Ivy, oder besser gesagt Divine ist das Pferd von besagter Kollegin”, beantworte ich seine Frage und wollte gerade zu weiteren Erklärungen ansetzen als er nachdenklich die Stirn runzelte: “Divine … wo habe ich das schon mal gehört?”
      “Vermutlich auf Social Media im Zusammenhang mit dem Horse Makeover”, half ich seinem Gedächtnis auf die Sprünge.
      “Stimmt, damit habe ich mich nur nicht näher auseinandergesetzt, weil die Hauptevents ohnehin mitten in der Turniersaison lagen” erzählte er beiläufig,
      “Übrigens die erfolgreichste Saison, die ich mit Poseidon bisher hatte.” Während Raphael so über seinen Hengst berichtete, begann seine Augen voller Stolz zu leuchten.
      “Ja, mein Mini-Me hat berichtet, dass ihr euch für das Finale des Springworldcup qualifiziert habt. Herzlichen Glückwunsch”, lächelte ich herzlich. Seitdem ich den Springreiter kennengelernt hatte, war meine Stiefschwester zu so etwas wie einem Liveticker mutiert. Kein einziges Turnier verging, ohne dass Emy davon mitbekam.
      “Genau, für Poseidon und mich geht es im April nach Kalmar zum Finale”, grinste er breit, beinahe wie ein Kind, welches eines seiner Kunstwerke stolz erfüllt nach Hause brachte. Das war ihm aber auch nicht übelzunehmen, schließlich gehörte der Worldcup zu den wichtigsten und schwersten internationalen Springprüfungen. Mit Quatchi und Caruso hatte ich zwar mal in die Welt des Springens reingeschnuppert, doch alles jenseits von einem Meter fünf lag noch über außerhalb meines Horizontes.
      “Europa, also. Es ist bestimmt schön da”, entgegnete ich ein wenig verträumt. Bis auf einen Urlaub in Kalifornien hatte ich die Grenze der Nation noch nicht überschritten.
      “Das kann ich so genau nicht sagen, ich habe bisher nur Turnierplätze zu sehen bekommen”, erklang sein warmes Lachen in meinen Ohren und erweckte wieder dieses wohlig warme Gefühl in meinem Inneren.
      “Weißt du was, Quinn, du kommst einfach mit und ich werde organisieren, dass wir auch ein wenig was von Schweden zu sehen, bekommen”, schlug er plötzlich vor. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an: “Das ist doch jetzt ein Scherz, oder?”
      “Ne, das meine ich Ernst, ich lade dich ein”, lächelte er und kraulte das Pony in aller Seelenruhe weiter. Aufregung sprudelte in meinem inneren hoch und ich konnte nicht anders , als ihm übermütig in die Arme zu fallen.
      “Langsam Quinn”, lachte er und musste sie mit einer Hand am Zaun abstürzen, um zu verhindern, dass wir beide uns dem Boden näherten.
      “Sorry”, entschuldigte ich mich und ließ ihn wieder los, bevor ich ihn noch zerquetschte.
      “Alles gut, es ist schön, wenn es dich freut”, lächelte er, “Willst du mir dann jetzt den Stall zeigen?” Ich nickte und setzte den auf das u-förmige Gebäude zu. Der Stall war ziemlich leer, nur das Klimpern der Anbindeseile, welches gegen die Metallpfosten schlugen, drang durch die Stallgasse.
      “Wie du siehst sind die Boxen alle leer, das ist aber natürlich nicht so, weil wir einfach keine Pferde mehr haben”, scherzte ich, “Die sind derzeit alle auf der Koppel.”
      “Wie lange stehen die Pferde auf den Koppel und sind sie in Gruppen oder getrennt?”, schloss der junge Mann augenblicklich eine Frage an.
      “Die kommen raus, wenn es hell wird und wieder rein, wenn es dunkel wird. Sofern sie sozialverträglich sind, stehen sie nach Ställen sortiert in Herden, für weniger verträgliche Tiere versuchen wir immer mindestens einen Koppelpartner zu finden”, erklärte ich die Abläufe auf unserem Hof.
      “Das gefällt mir, in Edmonton, haben wir nur ein kleine Paddock im Winter und es war ziemlich aufwendig jeweils einen Spielkameraden für meine beiden zu finden. Gerade für Poseidon war ich schon so verzweifelt, dass ich bereits überlegte ein Beisteller für ihn anzuschaffen”, verriet er endlich etwas mehr davon, warum er überhaupt darüber nachdachte, mit seinen Tieren mitten in die Pampa zu ziehen.
      “Oh, also das sollte hier kein Problem sein”, grinste ich und setzte die Tour damit vor, Raphael näher mit der Boxenausstattung und den weiteren Dingen im Stall vertraut zu machen.
      Am Putzplatz machte Silvia offenbar gerade das Karlchen zum Reiten fertig. Dem Schimmel schien es allerdings nicht schnell genug zu gehen, denn er pendelte hin und her, so weit des die metallenen Ketten zuließen, sobald sie in der Sattelkammer verschwand.
      “Wer ist der hübsche Schimmel?”, fragte Raphael und trat auf das Tier zu.
      “Das ist Carlo, einer unserer Zuchtanwärter. Der würde dir gefallen, ist ein begabter Springer”, erzählte ich etwas zu dem Hengst. Mit gespitzten Ohren inspizierte der Hannoveraner den jungen Mann, bevor er sich ein wenig entspannte. Dennoch behielt das sensible Pferd jede Bewegung von ihm genaustens im Auge.
      “Ja, das sieht man ihm an”, lächelte er und fuhr mit den kräftigen Händen die Oberlinie des Tieres nach, “wirklich ein schöner Hengst.” Raphael bewunderte noch einen Moment das Tier, bevor wir die Tour zu den Koppel fortsetzen.
      “Habt ihr bei dem Schnee eigentlich keine Bedenken, dass die Pferde sich verletzen könnten?”, hinterfragte er bei den Schneemassen, die sich an den Rändern der Wege auftürmten.
      “Nein, der Schnee ist für die meisten kein Problem. Die Tiere kennen die Flächen gut und hier direkt am Hof sind sie alle ziemlich flach. Die Sommerkoppeln oben an den Berghängen sind deutlich schwierigeres Terrain und macht sie ziemlich trittsicher”, erklärte ich,“ Zudem tragen die beschlagenen Tiere natürlich alle Schneegrip. Bisher sind so eigentlich alle Pferd gut durch den Winter gekommen.” Die erste Koppel, die wir erreichten, war die der tragenden Zuchtstuten. Als Erstes ins Auge stachen Antigone mit der kleinen bunten Plüschkugel an ihrer Seite, die neugierig an den Zaun getrottet kamen.
      “Warum hat das arme Fohlen so eine schreckliche Frisur?” Raphael warf einen musternden Blick über das kleine Fellponyfohlen, dessen dichte Stehmähne schnurgerade geschnitten worden war, auch der Schopf war ziemlich kurz geworden und dazu noch ziemlich fusselig.
      “Weil Jace es für nötig hielt, der armen Aphrodite die Mähne zu schneiden”, lachte ich. Alec wusste schon, warum er mir die Aufgabe übertrug, für das Langhaar von Jace Pferden zu sorgen, ansonsten würde er sich sicherlich auf jedem Turnier blamieren.
      “Wenn die Kleine so aussieht, wie kann es dann sein, dass Hero so ordentlich aussieht?”, hinterfrage Raphael grinsend.
      “Weil nicht Jace ihn frisiert hat, sondern ich. So wie auch alle anderen Pferde für die Jace zuständig ist”, lächelte ich triumphierend.
      “Dann hast du wohl eindeutig mehr Talent als er”, sprach mein Gegenüber sanft. Ein angenehmer Schauder ergriff mich und rieselte hinunter bis in meinen Magen und löste dort ein Kribbeln aus. Obgleich es nur Sekunden gewesen sein mochten, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Das Quietschen eines Pferdes, welches seine Artgenossen vertrieb, lenkte meinen Blick wieder ab. Nurja war an den Zaun gekommen. Obwohl die Stute erst im zweiten Monat tragend war, durfte sie bereit auf die Zuchtkoppel umziehen. Erwachsene Stuten ohne Fohlen, würde es erleichtern, die diesjährigen Fohlen abzusetzen, weil sie so immer noch eine Orientierung für die unerfahrenen Tiere gab.
      “Wo ist ihr Fohlen, hat sie es verloren?”, fragte Raphael verwundert und betrachte das Tier eindringlich.
      “Nein, Nurja hat noch einige Monate. Ihr Fohlen wird erst im Sommer erwartet”, erklärte ich Strick der braunen über den kräftigen Hals, “Wir sind schon alle ziemlich gespannt, wie es aussehen wird, schließlich ist sein Vater ein ziemlicher außergewöhnlicher Rassevertreter.”
      Die Stute beschnupperte “Aber lass uns das Gespräch doch bei einer Tasse Kaffee im Reiterstübchen fortsetzen, dann kannst du auch gleich einen Blick auf die Halle werfen.” Gemütlich im Warmen unterhielten wir uns noch eine gute Stunde, bevor Raphael aufbrechen musste.
      “Dann kommt gut nach Hause”, lächelte ich zuvorkommend, als wir an seinem dunkel glänzenden Porsche standen. Gegen diesen Luxusschlitten wirkte sogar der Mustang von Jace fast billig, ganz zu schweigen von dem, was ich mein nannte.
      “Danke, ich freu mich schon auf unser nächstes Aufeinandertreffen”, lächelte er charmant und zog mich in eine herzlich Umarmung. Deutlich konnte ich die gestählte Muskulatur unter seiner dünnen Jacke spüren. So nah an ihm zu sein verstärkte das wohlige Gefühl in meinem Bauch und aktivierte etwas in mir, was ich nicht zuordnen konnte.
      “Ich freu mich auch schon”, lächelte ich, als wir uns wieder voneinander lösten. Das Herz in meiner Brust schlug so kräftig, als wolle es jedem einzelnen Wort zustimmen und noch einige mehr hinzufügen.
      “Wir werden uns schon bald wiedersehen, das verspreche ich dir.” Ein sanftes Leuchten lag in seinen Augen, als er mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht strich, die der Wind dort hingeweht hatte. Diese Geste war die letzte zum Abschied, bevor er in sein mitternachtsblaues Gefährt begab und vom Hof rollte.


      © Wolfszeit | Quinn Drake | 19.258 Zeichen
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    • Mohikanerin
      Abschied in Spanien | 06. Mai 2022

      Monet / Dix Mille LDS / Jokarie / St. Pauli‘s Amnesia / WHC‘ Poseidon / Crystal Sky / Small Lady / Jora

      Bereits am Flughafen stellte ich fest, dass meine dicke Winterjacke eine schlechte Wahl für Spanien war. Ich hatte nicht einmal so weit gedacht, eine dünnere Jacke im Handgepäck mitzuführen. Stattdessen zog ich sie auf und krempelte den Pullover an den Armen nach oben. Alicia scherzte bereits in Genf am Flughafen.
      „Die Pferde sind schon vor Ort, also kommt“, kam Lotye mit wedelnden Zetteln in der Hand zu uns gelaufen. Sie flog mit den beiden zusammen, was für große Diskussion gesorgt hatte.
      „Wie geht’s Monet?“, fragte ich umgehend. Es war sein erster Flug, während Dixie schon gut um die Welt kam, zumindest in Europa.
      „Alles bestens.“ Meine Trainerin legte ihren Arm um mich herum. Sie wusste, dass es unser letztes gemeinsames Turnier für die nächsten zwei Jahre sein würde, denn auch ich konnte nicht abschätzen, wie es weitergeht. Papa hatte bereits zwischen den Zeilen verlauten lassen, dass er in Schweden ein hervorragendes Angebot bekommen hatte. Ich seufzte. Dann schloss auch Alicia sich an. Inmitten der Menschenmassen standen wir in der Eingangshalle des Flughafens und umarmten einander.
      „Mir fehlt das hier jetzt schon“, sagte ich. Die beiden nickten.
      „Aber lasst uns nicht Trübsal blasen, sondern Spaß haben“, munterte Lotye uns auf. Zusammen suchten wir den nächsten Laden auf, der Kaffee in großen Bechern verkaufte, gar nicht so einfach. Schließlich wurden wir vor dem Gebäude fündig.
      Der Geruch aus dem Becher war mäßig, kein Vergleich zu meinem herkömmlichen Getränk. Stattdessen roch dieser bitter und kratzig, aber am Ende machte es keinen Unterschied. Alicia suchte zur gleichen Zeit nach einem Fahrer, damit wir auf das Turniergelände kamen. Wir fanden heraus, dass es nicht weit von hier war, aber die sommerlichen Temperaturen und unser Gepäck erschwerten einen Spaziergang. Endlich fanden wir ein freies Fahrzeug, dass uns zu dem abgesperrten Gelände brachte. Es lag abseits von der Stadt, aber direkt am Strand.
      „Ist das etwa?“ Mir blieb der Mund offen stehen, als ich das abgezäunte Dressurviereck direkt am Strand sah, umgeben von einer langen Tribüne.
      „Oh! Ich möchte auch am Strand reiten“, schwärmte Alicia.
      „Keine Sorge, das Springen findet auch dort statt“, beruhigte Lotye sie. In ihren Augen sah ich die Erleichterung. Wäre es nicht so gewesen, hätte meine Freundin mir wohl noch Wochen in den Ohren gelegen.
      Am Tor setzte man uns ab und mit den Ausweisen durften wir die Schranke durchqueren. Zwischen zwei Hotels im typischen andalusischen Baustil waren Zeltboxen aufgebaut, während auf einem großen Parkplatz die Transporter ordentlich in einer Reihe standen.
      „Lasst uns erst mal die Sachen wegbringen und dann gehen wir zu den Pferden“, sagte unsere Trainerin, als Alicia und ich schon an den Zelten entlang tigerten und unsere Nummer suchten.
      „Na gut“, gab ich nach. Wir betraten eins der Hotels und checkten ein. Die Einganghalle war nicht groß, aber hell. Durch eine bodentiefe Fensterfront konnte man den Pool sehen, an bereits ein paar Leute entspannten in der Sonne. Ich meine sogar, mir bekannte Gesichter gesehen zu haben, aber ich könnte mich auch irren. Bevor ich sie genauer inspizieren konnte, zog mich Alicia mit zum Fahrstuhl. Unsere Zimmer lagen in der vierten Etage und verfügten über einen kleinen Balkon mit Meerblick. Meine Freundin ließ ihre Tasche neben der Tür stehen und rannte sofort raus. Um Haaresbreite verfehlte ich ihr Gepäck, konnte mich noch am Türrahmen halten.
      „Hallo? Bist du bescheuert?“, fluchte ich und setzte gezielt meine Beine daran vorbei. Aber Alicia hatte recht. Die Aussicht war ein Traum.
      „Schau mal“, zeigte sie nach links, wo man den Reitplatz teilweise erkennen konnte, während der Rest von den überdachten Tribünen überdacht war.
      „Ich bin froh, doch mitgefahren zu sein“, sprach ich mit einem unberührten Lächeln auf den Lippen.
      „Eindeutig!“, schloss sie sich an. „Und wir suchen für dich einen besseren Kerl als Vachel!“

      Bei den sommerlichen Temperaturen am Mittelmeer, die selbst im Herbst aktuell bei knapp zwanzig Grad Celsius lagen, konnte ich nicht in der langen Jogginghose bleiben. Mir vorher zu informieren, funktionierte nicht. Stattdessen bediente ich mich bei Alicia, die gefühlt ihren ganzen Kleiderschrank dabei hatte. Mit einer Hotpants bekleidet, einem Tank Top und einer leichten rosafarbenen Jacke darüber stiefelte ich zu Monet. Um meinen Hals trug ich die Karte, die mich für alle Bereiche berechtigte, außer den VIP, schließlich war ich nicht Raphael, die Alicia mit ihren Adleraugen bereits ausgespäht hatte und verschwand. Mir egal, schließlich wollte ich endlich meinen Hengst sehen! Er stand im mittleren Zelt, irgendwo weiter hinten, berichtete mir Lotye zuvor. Sie blieb in ihren Zimmern und war wirklich erschöpft von der Reise, was ich ihr nicht verübeln konnte. Tausenden Fragen über den Transport lagen auf meiner Zunge, lösten dabei ein ungestilltes Kribbeln aus, dass sie wie kleine Elektro-Schocks in Richtung meines Nackens ausbreitete.
      In der Gasse standen einige Menschen herum, die ich beim ersten Sichten noch nie gesehen hatte. Nur das Gesicht einer großen Blonden kam mir bekannt vor, vermutlich in einem Video. Aber mich interessierte im Augenblick nur mein Pony, das schon seinen Kopf aus der Box regte und sich mit der Zunge die Lippen leckte. Zwischen den ganzen Warmblütern wirkte er wie ein Baby, das hier nichts zu suchen hatte. Kurz fühlte auch ich mich so, die Gespräche um mich herum verstummten urplötzlich, als ich bei ihm anhielt. Liebevoll tätschelte ich seinen Hals und kramte aus der Jackentasche ein Leckerchen heraus. Gierig nahm er es von meiner Hand.
      „Die denkt doch nicht wirklich, dass sie was mit dem reißen kann“, hörte eine zu jemandem sagen. Diese lachte.
      „Wohl kaum. Vielleicht gehört sie zu dem Ponyreiten morgen“, feixte die andere.
      Ich drehte mich nicht mal zu ihnen um, zu sehr schmerzte es mich. Auch Monet schien die Worte verstanden zu haben und stupste mich voller Inbrunst an. Ein zartes Lächeln huschte über meine Lippen. Fürs Erste entschied ich, ihm das Halfter umzulegen und eine Runde über den Veranstaltungsort zu drehen. Nach dem Flug musste er sich sicher mal die Beine vertreten, vor allem, wenn er nun für mehrere Tage nur in der Box stehen würde. Sicher sehnte er sich schon nach seiner Weide.
      Die beiden Mädels verzogen sich aus dem Zelt und ich verließ es ebenfalls, nach dem ich den feinen Staub aus seinem Fell entfernt hatte. Folgsam lief er am Strick neben mir her. Wir folgten dem Weg. Überall standen Schilder, wo man mit einem Pferd hin durfte und wo nicht, dem kamen wir nach. Nach und nach trudelten mehr Transporter ein und am Horizont senkte sich die Sonne in Richtung mehr. Ein wunderschönes rötliches Licht spiegelte sich auf der malerischen Oberfläche, tauchte dabei hellen Häuser am Hafen in warme Töne. Ich musterte jede Fassette am Himmel, während Monet nur Augen für das Grün am Boden hatte. Es schmerzte inzwischen doch. Wieder kam Vachel in mein Gedächtnis, wie er ganz trocken sagte, verlobt zu sein. Unbegreiflich war das alles für mich, noch nie hatte ich von der Dame gehört, die Alicia zu kennen schien. Im Stall verhielt ich mich normal ihm gegenüber, nur er suchte Abstand, was ich verstand. Eigentlich hätte es offensichtlich sein müssen, was für Gefühle ich ihm gegenüber pflegte. Wir lagen oft am Abend auf der Couch, ich in seinen kräftigen Armen und er strich mir den Bauch. Es war zu schön, um wahr zu sein.
      Lange standen wir noch an der Uferpromenade. Ich hatte mich mittlerweile auf den Boden gesetzt und fröstelte. Wir bekamen Gesellschaft. Schritte näherten sich und sogar mein Pony hob den Kopf. Leise brummte er, wodurch auch in mir die Neugier Funken sprühte. Allerdings nur für den Hauch einer Sekunde. Ich verfluchte ihn, aber was wollte Vachel überhaupt hier? Sky hatte bis Februar erst einmal Pause und erst dann wollte er mit der Qualifikation für diese wirklich großen Dressurturniere bekommen, bei denen man Punkte bekam. Die ganzen Arten der Turniere durchblickte ich noch nicht, aber ich war ohnehin glücklich genug, dass Monet sich mit Warmblütern messen konnte.
      „Hey“, sagte ich mit zu Versagen drohender Stimme. Dabei versuchte ich ein Lächeln aufzusetzen, dass mir nur mäßig gelang. Er hingegen strahlte und löste damit ein Schlagzeugsolo in meiner Brust aus. Die Hände steckten locker in der leicht nach oben gekrempelten Anzughose, darüber, ein wirklich sehr enges Poloshirt. Ich schluckte.
      In meinem Kopf leuchtete ein Szenario auf, wie er sich zu mir runterbeugte, die Lippen trocken und die Augen glasig. Eine Strähne hatte sich hinter meinem Ohr gelöst, die er vorsichtig zurücklegte und die Hand am Kiefer behielt. Das Trommeln in meiner Brust wurde stärker, bis sich schließlich alles löste und unsere Münder aufeinanderlagen.
      Natürlich passierte das nicht, stattdessen blieb er auf Abstand bei mir stehen. Vachel drehte die Daumen und schien nicht so ganz entschlossen, was er bei mir wollte. Einen wirklichen Grund dafür verspürte ich nicht, nur die Enttäuschung, dass wir einander so fern waren.
      „Ich wollte nur sagen, dass ich hier bin. Damit“, Vachel hielt für einen Wimpernschlag inne, „es nicht seltsam ist, wenn du mich mit Giada siehst.“
      „Alles klar.“ Zustimmend nickte ich, als wäre ich dankbar über diese Geste, auch wenn es in mir ganz anders aussah. Schließlich wusste ich nicht einmal, wer sie war, doch offenbar ritt sie auch. Nach Alicias Reaktion hatte ich mir das bereits denken können, aber ich wollte mich damit ehrlich gesagt, nicht auseinandersetzen.
      Stumm stand er noch Minuten lang bei mir, wischte mit dem Fuß den Kies von einer Seite zur anderen, während Monet den Kopf wieder ins Grün gesteckt hatte.
      „Ich werde dann mal wieder gehen“, sagte Vachel.
      „Okay“, sprach ich abwesend. Mein Blick lag wieder auf dem Meer, das die Sonne verschluckt hatte.
      „Wir sehen uns noch“, verabschiedete er sich.
      „Bestimmt.“
      Lange saß ich noch neben der Palme und Monet graste weiter. Immer wieder tauchten andere Menschen mit ihren Pferde auf und ließen sie ebenfalls am Gras zupfen, aber nur kurz, als wäre es eine Süßigkeit, wovon das Tier zunahm. Grauenhaft. Ich hatte währenddessen mein Handy hervorgezogen und schrieb Eskil: „Wenn du das sehen könntest, warte“, dann machte ich ein Bild. Am Himmel leuchteten ein paar Wolken in ehrlichen Violetttönen und spiegelten sich auf der bewegenden Wasseroberfläche.
      „Erlkönig hätte sich sicher über etwas mehr Heimatgefühl gefreut“, antwortete er und erzählte mir mehr über seinen Hengst. Dieser stammte auf Portugal. Auch dort müssten aktuell dieselben Temperaturen herrschen, wie am Mittelmeer, überlegte ich. Dann suchte ich danach. Tatsächlich war etwas kühler, durch irgendwelche andere Wasserströme schätzte ich, aber Geografie war ein Rätsel für mich.
      Monet stand wieder in seiner Box und war wenig überzeugt von dem Heu, ändern konnte ich nichts. Für mich stand auch Essen auf dem Plan. Ich folgte dem steinigen Weg zurück ins Hotel, durch die Einganghalle und kam im Speisesaal an. Die Tischen waren zahlreich besetzt, überall aßen Leute, tranken und sprachen. Und obwohl ich nur wenige verstand, wirkten alle sehr fröhlich. Obwohl mich die Gesellschaft zwischen glücklichen Menschen stets in den Bann zog, verlor ich immer mehr den Hunger. Es drehte sich, kniff unsanft in der Magenregion und wanderte wie eine Schlange nach oben. Auch der Anblick der Weinflaschen ekelte mich.
      „Neele, hier“, winkte Alicia, nach dem ich schon den ganzen Raum abgesucht hatte. Unser Tisch war ebenso zahlreich besetzt, auch mit einem Typen, den bisher noch nie gesehen hatte. Freundlich hob ich die Hand als Begrüßung und setzte mich stumm zu Lotye.
      „Für mich ist es mehr Spaß an der Freude“, setzte der Unbekannte das Gespräch mit meiner Freundin fort. „Schließlich ist Karie alles andere als typisch.“
      Offenbar sprach er über sein Pferd.
      „Ach, sah doch super aus beim Training“, sagte Alicia mit funkelnden Augen. Mit dem Typen aus dem Nebenstall war es nur eine kleine Liebelei, wie sie mir vor einiger Zeit erzählt hatte. Es tat ihr aber nicht einmal leid, dass ich dementsprechend vernachlässigt wurde. Sie dachte nie weiter als ein Meter Feldweg, dennoch wünschte ich mir Rücksicht. Mich wunderte es aber nicht, dass sie wieder jemand anderes im Auge hatte. Währenddessen sortierte sie mit der Gabel die Lebensmittel um, ohne etwas davon zu essen. Das vertrieb mir noch mehr den Appetit.
      „Und, mit Monet ist alles gut?“, schmunzelte Lotye.
      „Ja, ich habe ihn grasen lassen“, erklärte ich kurz.
      „Sehr schön“, sie nickte, „morgen um neuen Uhr würde ich noch mal mit dir die Kür durchgehen, schließlich ist am Abend schon deine Prüfung.“
      Tatsächlich hatte ich diese Tatsche vollkommen verdrängt in meinem Gedankenzirkel. Schon morgen war die Prüfung. Obwohl es in Genf nur schlecht für uns lief, sah sie das Potenzial in uns beiden und auch das Training half und bei der Verbesserung, allerdings hatte ich da noch ein positives Bild im Kopf. Jetzt leuchtete nichts in mir, es war ein Ringen um Trauer und Enttäuschung. Lotye wusste das alles nicht. Bestmöglich überspielte ich das Grauen.
      Die anderen am Tisch aßen auf, während ich stumm dabei saß und weiter Nachrichten tippte, mit Eskil. Ich hatte mich gegen Essen entschieden, obwohl meine Trainerin versuchte, dass ich zumindest eine Kleinigkeit zu mir nahm. Das Buffet hatte einiges zu bieten, nur mir drehte noch immer der Magen.
      „Wir gehen noch zur Bar, kommst du mit?“, fragte Alicia. Lotye sah kritisch zu mir.
      „Nein, ich brauche Ruhe für morgen“, sagte ich und sie verschwand mit dem neuen Typen.

      Im Bett, es müsste tief in der Nacht gewesen sein, wachte ich kurz auf. Alicia stolperte ins Zimmer und brachte eine unbeschreibliche Wolke an Gerüchen mit – Schweiß, Alkohol, Zigarettenqualm und Deo, alles strömte durch den Raum. Es roch so widerlich, dass ich beim Wachwerden mich erinnerte. Ich stand also auf und öffnete als Erstes das Fenster, schon dafür auch die Vorhänge beiseite.
      „Wie spät ist es?“, fragte Alicia heiser und zog sich die Decke über den Kopf.
      „Sieben Uhr“, murmelte ich. Mir war schlecht. Ob es von der Luft im Raum kam oder dem fehlenden Abendessen, konnte ich nicht genau einordnen. Beides vermutlich. Ich verstand ihr Verhalten nicht. Wir waren nicht zum Feiern hier, erst recht nicht, wenn noch keiner eine Prüfung geritten war. Auch unter der Dusche überlegte ich noch lange, was sie in der oben solchen Teufelskreis zog, aber mir fiel beim besten Willen kein Grund ein. Nach dem Zähne putzen, zog ich mir die blaue Reithose an, ein frisches Poloshirt und griff noch meine Jacke, bevor ich leise den Raum verließ zum Frühstücken. Lotye wartete am Eingang auf mich.
      “Guten Morgen”, lächelte sie freundlich und legte die Hand auf meine Schulter. “Ich hoffe, dass du Hunger mitgebracht hast.”
      “Guten Morgen. Nicht wirklich”, ich seufzte, “Alicia roch wie eine Kneipe und jetzt habe ich Kopfschmerzen.”
      “Was ist denn mit ihr los?”, fragte sie kritisch nach, als hätte ich Ahnung. Ich zuckte mit den Schultern. Sie nickte nur verständnislos und zusammen suchten wir einen Tisch.
      “Oh, bei Vachel sind noch zwei Plätze frei”, sprach meine Trainerin und lief schnellen Schrittes dazu. Natürlich wusste sie um unsere Situation nicht, was ich auch dabei belassen wollte. “Ist hier noch Platz?”
      “Ja, setzt euch”, sprach er freundlich und klopfte mit der Hand auf die Tischplatte. Meine Beine bewegten sich nicht, hielten mich wie ein Zweikomponenten-Kleber auf dem Boden. Die Finger zitterten, während es bis in meinen Hals klopfte. Wahrlich verschlug es mir den Atem und Hunger. Lotye sprach kurz mit ihm, aber suchte danach das Buffet auf. Eindringlich trafen mich ihre Blicke, als würde sie mich erinnern wollen, dass Essen wichtig war.
      “Wie lange möchtest du noch herumstehen?”, hakte Vachel nach, obwohl sein Gesichtsausdruck zufolge, er wusste schon, was das Problem war.
      “Ich weiß nicht”, sagte ich unentschlossen. Dann setzte ich mich ihm gegenüber. Wehmut überkam mich bei jedem Wort, das wir wechselten, obwohl ich mich versuchte von meinen Gefühlen zu entreißen. Der Kampf war aussichtslos, aber mit jedem Atemzug der meine Luft durchströmte, zog ich neue Kraft in meinen schlappen Körper. Selbst die wunderschöne Aussicht aufs Meer und die Palmen machte es nicht erträglich.
      “Das ist doch idiotisch.”
      “Wie bitte?”, fragte Vachel nach. Mist! Hatte ich das gerade laut gedacht? Schockiert hielt ich mir die Hände vor den Mund, als hätte ich sonst was gesagt, allerdings konnte ich auch nicht genau einschätzen, wie viel der Gespräche in meinem Inneren nach außen traten.
      “Ach nichts”, versuchte ich vom Thema abzulenken, als ich meinen Augen nicht trauen wollte. Eine blonde, langbeinige Dame kam näher an den Tisch heran, mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck. Sie musterte mich ebenfalls. Egal, was ich sagen würde, sie hatte mich bereits verurteilt. Ich hatte ihr nichts Böses getan, als ein Welsh Pony zu besitzen. Dass ich als Einzige in dem Jungen Reiter Grad Prix kein Warmblut unter dem Sattel hatte, sprach sich offenbar herum wie ein Buschfeuer.
      “Was macht der Ponyreiter hier?”, zischte sie und kam näher zu uns. Ihre Hände fasten auf seine Schultern, wanderten dann langsam über seine Brust. Sie küssten sich. In mir zog sich abermals alles zusammen. Wo blieb Lotye? Suchend wanderten meine Augen von links nach rechts, aber ich fand sie nicht.
      “Giada, das ist Neele”, erklärte er.
      “Ah”, sie schnappte verächtlich nach Luft. „Kommst du, mein Herz?“
      „Eigentlich nicht, wieso?“, fragte Vachel verwundert. Er verstand genauso wenig wie ich, wieso sie sich nicht einfach mit zu uns setzte.
      „Caro wartet schon auf uns, komm doch bitte“, setzte sie noch eine Schippe darauf. Sie sprach vermutlich von der Brünetten, die mit Zelt lungerte. Es dauerte nicht lange, dann verabschiedete Vachel sich. Ihm war die Diskussion ebenso unbequem wie mir.
      „Viel Erfolg“, sagte er noch beim Vorbeigehen und verschwand mit ihr. Verloren saß ich weiter am Tisch. Was tat ich hier eigentlich? Meine Hände stützten meinen Kopf.
      „Neele, du hast immer noch nichts gegessen“, mahnte Lotye.
      „Man. Ich habe keinen Hunger, mir ist schlecht!“, schimpfte ich jämmerlich.
      Ihre Stimmung wechselte im nächsten Augenblick. Sie legte das Besteck klappernd zur Seite und richtete ihre Augen zu mir. Die Ernsthaftigkeit löste sich in Luft auf.
      „Was ist los? Bist du so aufgeregt?“, fragte sie fürsorglich.
      „Ja, auch“, ich seufzte und erzählte ihr alles von Vachel, von hinten bis vorn und die Gesichtszüge entglitten immer wieder. Besonders sauer stieß ihr das Verhalten seiner Verlobten hier am Tisch auf.
      „Kann doch nicht wahr sein“, brummte sie kopfschüttelnd.
      „Leider schon, aber was soll‘s?“, sagte ich teils enttäuscht, teils erleichtert.
      „Lass den Kopf nicht hängen, nimm dir ein Brötchen und dann üben wir noch mal die Übergänge, dann machst du die platt!“, lachte Lotye. Sie war nur einige Jahre älter als ich, Ende zwanzig, und konnte entsprechend nachvollziehen, wie es mir ging. Für sie gab es nur die Pferde, auch wenn sie schon vereinzelt mal einen Kerl ans Land gezogen hatte. Wie sie sie sagte, es passte nie. In meinem Alter stand Lotye am Scheideweg, ob sie ihr Geld in ein teures Turnierpferd steckte oder in Trainerscheine, nach dem ihr Hengst urplötzlich einer Kolik erlag. Ich war froh über ihre Entscheidung, denn der begleitete mich schon einige Jahre und hatte sehr daran gefeilt, dass ich mit Monet so weit kam.
      Ihrem Rat mit dem Brötchen kam nach und aß sogar zwei, damit fühlte sich die Leere in meinem Magen bereits besser. Dann schnappte ich mir noch eine große Wasserflasche und verließ den Raum mit Lotye zusammen. Wir sprachen mittlerweile die Aufgabe durch, welche Abfolgen besonders schwierig für mein Pony und mich waren. Im Zelt wurde es zunehmend mehr Leute, doch der Gang war breit genug, dass man noch zu seinem Pferd durch kam.
      „Die?“, flüsterte Lotye in mein Ohr, als Giada auftauchte, mit ihrem Anhängsel. Ich nickte unauffällig.
      „Dann sehen wir mal“, sagte sie entschlossen und zog das Handy hervor. Natürlich startete sie auch bei den jungen Reitern und war nur drei Starts vor mir dran. Das Grummeln in meinem Magen begann wieder.
      „Vielleicht sollte ich zurückziehen“, rückte ich direkt mit meinen Bedenken raus, noch bevor ich überhaupt auf dem Pferd saß.
      „Schwachsinn“, schimpfte sie lächelnd. Monet spitzte seine Ohren und streckte sich in ihre Richtung, als würde es Leckerlis bedeuten. “Siehst du, selbst er ist überzeugt.”

      Wenig später war der Unmut über die ganze Situation wie verflogen. Jeder federnde Schritt durch den weichen Sand setzte Glückshormone frei, die mir ein Lächeln auf die Lippen legten. Fröhlich strich ich Monet immer wieder über den Hals und fummelte an den Strähnen herum, die später noch Zöpfe werden wollten.
      „Mehr zurücknehmen, damit er von hinten kommt“, sagte Lotye durch das Funkgerät in meinen Ohren. Mit einer halben Parade nahm ich seinen Rahmen deutlicher zusammen und trieb gleichmäßig am Bauch. Der Hengst richtete den Rumpf auf, trat dabei gezielter unter. Erneut lobte ich ihn. Wir setzten das Programm fort mit Verkürzungen im Trab und auch Galopp. Die Seitengänge legten wir hauptsächlich zum Lockern ein, denn in der Box bekam er nicht Auflauf den er sonst hatte und am langen Zügel trabte er locker in der Dehnungshaltung. So konzentriert mein Pony in allen Möglichkeiten der Reitkunst für die Prüfung vorzubereiten, bemerkte ich nicht, dass der Platz immer leerer wurde und sich am Zaun eine Traube gebildet hatte. Selbst im Schritt fiel es mir erst sehr spät auf, genauer gesagt, als ich die Bügel überschlug und abritt. Ich sah in überraschte und glückliche Gesichter, als hätte Monet Kapriolen geschlagen.
      „Was wollen die alle?“, fragte Lotye durchs Mikrofon.
      „Dich in der Prüfung gewinnen sehen“, ich sah zu ihr und sah ein strahlendes Grinsen über ihr ganzes Gesicht.
      „Aber man muss doch nicht immer gewinnen“, merkte ich beiläufig an. Wir hatten das Training gebraucht, vordergründig ich, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Obwohl ein Sieg etwas Schönes wäre, konnte ich mir nicht vorstellen, das wir uns zwischen den fünfundfünfzig Teilnehmern diesen ergattern konnten. Es war auch nicht mein Ziel. Ich wollte nur unter die ersten zwölf kommen und da sah ich uns. Monet hatte in dem tiefen und feinen Sand sehr zu kämpfen, dennoch war ich nach dem Training zuversichtlich.
      „Du willst nicht gewinnen?“, hakte Lotye nach, als wir im Stall Monet den Sattel abnahmen und im Anschluss zur Waschbox liefen.
      „Nein. Das Ziel wäre deutlich zu hoch gesteckt, wenn ich an die neunundvierzig Prozent in Genf denke“, erklärte ich ruhig.
      „Aber du würdest dich dennoch freuen?“, eine Augenbraue hob sich bei ihrer Frage.
      „Natürlich! Ich würde vermutlich heulen vor Freude, aber ich möchte mit einem guten Gefühl in das Programm gehen und wieder heraus. Dafür ist kein Sieg von Nöten.“
      „Sehr reflektiert“, stimmte sie mir zu.
      Vor der Waschbox hatte sich eine Schlange gebildet. Unruhig trampelten Pferde von Links nach Rechts und auch Monet wirkte von den Tieren sehr abgelenkt. Seine Ohren bewegten sich hektisch in alle Richtungen, der Kopf nach oben gestellt und der Strick bis zum zerbersten gespannt.
      „Gibt es noch eine andere?“, fragte ich meine Trainerin. Diese nickte und auffällig folgten wie ihr. Am anderen Ende des Platzes fanden wir diese tatsächlich, leer und einsam lag sie vor uns.
      „Faules Pack“, lachte ich.
      „Ja, die wollen sich doch heute alle nicht mehr bewegen. Ich habe sogar gesehen, dass einige schon Groomer haben.“ Sie meinte damit Leute, die die Pferde für den Reiter beschäftigten und betreuten.
      „Sowas werden wir nie brauchen“, dachte ich laut nach und Lotye lachte.
      „Du reitest auch nur ein Pferd, aber teilweise sind die Leute mit mehreren Tieren hier im Auftrag der Besitzer. Sie arbeiten.“ Gespannt lauschte ich ihrer Erklärung. Obwohl Turniere für mich kein Neuland waren, kannte ich besonders die Atmosphäre bei den wirklich großen Veranstaltungen nicht, Lotye hingegen begleitete viele Leute, deswegen musste sie auch gleich verschwinden. Sie hatte noch drei weitere Reiter vor Ort.
      „Danke dir!“, rief ich ihr noch nach und begann das Silber Shampoo aus seinem schneeweißen Fell zu waschen, das bis auf einiger Punkte, beinah rein war.
      Von Kopf bis Fuß tropfte das Wasser an und herunter, aber es fühlte sich erfrischend an. Was nicht vom Schweiß getränkt war, wurde durch Monet nass. Schon am Vormittag herrschten über fünfzehn Grad, was ich aus dem Gebirgsvorland im Herbst nicht kannte. Ich flocht ihm kleine Zöpfe und begann sie zu vernähen, als jemand dazu kam, mit einem Schecken. Das Pferd musterte meins, das interessierte brummte.
      „Lass das“, zischte ich Monet an. Der zuckte mit dem Kopf und das Metall klapperte aneinander.
      „Ach, ist doch alles gut“, sagte der Mann, der dazu kam. Dieser war riesig, gut aussehend, aber tätowiert, die Arme voll von oben bis unten. Ich meinte, ihn schon mal gesehen zu haben, aber nicht auf einem Turnier, sondern in einem Video, das Alicia mir gezeigt hatte. Regungslos sah ich ihn an, der Schlauch plätscherte fröhlich vor sich hin und mein Pony wusste auch nicht so genau, was ich tat. Der Herr grinste weiter und tätschelte dabei den weißen Teil des Halses vom Pferd.
      Erst als Monet sich schüttelte und abermals das Wasser an mir verteilte, erwachte ich aus der Starre. Größtenteils war meine Kleidung abgetropft, aber das wusste er, natürlich zu ändern.
      „E-Es tut mir leid“, stammelte ich verlegen. Ich spürte, wie die meine Haut glühte, obwohl die Knie zitterten vom kühlen Wasser und Luftzug, der an mir vorbeihuschte.
      „Was tut dir leid?“, musterte er mich und lachte dabei. Sein Lachen war herzlich und offen. Ich mochte sein Lachen, die gleichmäßigen tiefen Atemzüge, bei denen ein Ton auftrat, der nicht passender hätte sein können zu seiner Stimme und Äußerlichkeit. Wie ein Virus fühlte ich mich davon angesteckt und musste nun auch über meine dämliche, jugendliche Art Lachen.
      „Ich bin Neele“, beschloss ich mich vorzustellen, anstelle ihm zu erklären, dass es mir peinlich war, vollkommen durchnässt vor ihm zu stehen.
      „Juha, aber jeder sagt einfach Ju“, stellte er sich vor. Der Händedruck fühlte sich gut an, wie schon sein Lachen zuvor, rückten mehr Glückshormone in meinem Gehirn zur Arbeit aus. Sie setzten damit weitere Prozesse in Kraft und die blöden Gedanken vom Frühstück rückten immer weiter in den Hintergrund.
      „Nett, dich kennenzulernen“, strahlte ich.
      „Ebenfalls.“
      Wir tauschen die Plätze, aber verschwand nicht sofort mit Monet. Stattdessen unterhielten wir uns. Ich erfuhr, dass seine Stute nicht nur unheimlich gut aussah, sondern auch ein Sankt Pauli Pferd war, erstes Grades. Den Rapphengst kannte man Weltweit, vor allem, da er nur wenige Nachkommen hatte. Die Besitzerin wollte nicht, dass es wie bei Totilas enden sollte mit der Genverteilung. Stattdessen wählte sie die Stuten gezielt aus und schaffte damit einen kleinen Kult. Fasziniert lauschte ich seinen Erzählungen. Er kannte sich wirklich aus mit Pferden, aber wirkte auch, als würde er Eindruck schinden wollen. Später endete die Unterhaltung eruptiv. Alicia kam, noch ziemlich verschlafen, zu uns gelaufen, mit Dixie am Halfter. Die Stute trat mit bebenden Nüstern neben ihr her, reckte den Kopf nach oben.
      „Ach, was haben wir denn hier?“, schmunzelte sie. Auf ihren Lippen lag ein schmieriges Lächeln.
      „Ein geschecktes Pferd“, antwortete Ju schlagfertig.
      „Seh ich“, lachte sie, „aber ich meinte, euch beide.“ Ihre Augen wanderten hin und her, nur wir wussten nicht so recht, was sie uns damit sagen wollte.
      Ich half meiner besten Freundin, ihre Stute fertig zu machen. Im Gegensatz zu mir lag vor ihr ein entspannter Tag. Sie wollte gleich noch auf den Platz, den ein paar Sprünge wurden dort aufgebaut, für die Reiter der morgigen Prüfung. Auch Ju kam mit und immer mehr Reiter wurden es im fließenden Licht der Mittagssonne. Mich hatte man zum Stangen aufheben beauftragt, obwohl es noch genügend andere Menschen am Zaun gab. Einige bekannte Gesichter begrüßten mich, darunter auch Raphael mit seinem blauäugigen Hengst, der Amy, Jus Stute, die Show stahl. Mit Leichtigkeit sprang dieser über den niedrigen Sprung, der kaum höher als ein Meter war. Zur Gymnastizierung war dieser, wie Alicia mir erklärt hatte und wieder bei ihrer neuen Bekanntschaft landete. Damit stand ich allein da, hob immer wieder die Stange aus dem Sand. Wie konnte es eigentlich sein, dass die Pferde diese immer wieder rissen, aber auf dem Platz beinah das Doppelte an Höhe erwartete? Besonders Alicias Typ, der wohl Mateo hieß, hatte seine Fuchsstute nicht wirklich im Griff. Es waren Freudensprünge, wie man mir im Nachhinein erklärte. Er hatte Karie zuvor rasiert und damit kam auch unerwartete Energie aus dem schweren Warmblut, richtig. Sein Pferd passte genauso wenig in das Bild eines Startes hier vor Ort. Ich versuchte mehr Informationen zu bekommen über ihn, aber es wurde mir verwehrt.
      „Neele, komm, setz‘ dich mal auf Amy“, sagte Ju später zu mir. Ich gluckste verwirrt herum, aber schwang mich schließlich auf die Stute. Amy war bequem und nicht nur das, nein, das Pferd schwebte durch den Sand. Ju gab mir mehrere Anweisungen, die ich herzlich annahm und schließlich setzte ich sie sogar über den Sprung. Es war eine Leichtigkeit für das Tier. Sie lief Gehorsam an den Hilfen, reagierte schon auf den Gedanken.
      „Das war toll“, bedankte ich mich bei Ju und schlang sogar meine Arme um ihn. Für mich war springen nichts, aber dass mir ein beinah fremder junger Mann sein Pferd anbot, geschah auch nicht alle Tage.
      „Wo kommst du eigentlich her?“, fragte ich, als wir zurück ins Stallzelt liefen.
      „Aus Schweden, offensichtlich“, lachte er und zeigte auf die Flagge an seinem Ärmel. Wie blöd war ich eigentlich? Demonstrativ fasste ich mir an den Kopf, während Amy genüsslich auf ihrem Gebiss kaute.
      „Oh“, glitt es über meine Lippen. Obwohl ich mittlerweile jede Facette seines Körpers genau unter Lupe genommen hatte, entging mir dieses kleine Detail. So oberflächlich es auch klingt, er war wirklich heiß. Ein Grund mehr, wieso es im Inneren raste und Alicia mich ignorierte. „Offenbar zieht mich das Land magisch an.“
      „Sachen gibt's. Aber wie kommst du darauf?“, hackte er nach. Ich erzählte ihm alles, von Eskil in Genf und auch dem Umzug auf das riesige Gestüt. Nervös drückte Ju seine Lippen zusammen als würde er etwas sagen wollen, aber lauschte weiterhin meiner Erzählung bis ich zum Ende kam. Zur gleichen Zeit nahm er den Sattel vom Rücken und machte einen der Zöpfe neu.
      „Dann sehen wir uns wohl bald öfter“, grinste er verlegen und ich denke, dass die Röte auf seinen Wangen nicht durch die Temperaturen allein kamen.
      „Ach ja? Wieso denn das?“, fragte ich verwundert nach. Schweden war riesig und meine Zeit begrenzt. Außerdem konnte ich nicht ahnen, was mich dort erwarten würde. Auf den Karten lag das Gestüt mitten im Nirgendwo, umgeben von Wald und Wasser.
      „Wir stehen dort als Einsteller.“
      Mir rutschte das Herz in die Hose und ein flaues Gefühl legte sich auf meinen Magen, während Amy aus einer blauen Schüssel ihr Mittag genoss. Ich tätschelte sie am Hals, in der Hoffnung, wieder einen normalen Herzschlag zu bekommen. Ju war der Hammer: Offen, lustig und höflich. All diese Eigenschaften hatte Vachel auch, aber es gab einen Unterschied. Zumindest hoffte ich das.
      „Hast du eine Freundin?“, rutschte es mir ungeschickt über die Lippen. Selbst er zog eine Braue hoch.
      „Das kam unerwartet, aber nein. Schon länger nicht mehr“, erklärte Ju. „Interesse?“
      „Ähm“, stammelnd schnappte ich nach Luft, aber winkte ab.
      „Das war ein Scherz.“
      „Ich frage nur lieber vorher“, dann beugte ich mich näher an ihn heran, „meine letzte Bekanntschaft war urplötzlich verlobt und nannte alles einen Ausrutscher. Das ertrag ich nicht noch einmal. Ich bin so jemand nicht.“
      Die Wände könnten Ohren haben, deshalb drehte ich mich mehr als herum, um alles im Blick zu haben. Wir waren, bis auf einen Spanier, allein. Dieser fütterte sein Pferd und beachtete uns nicht.
      „Ich bin so jemand nicht“, wiederhole Ju nüchtern. „Das höre ich oft.“
      „Gut, die Wortwahl stimmte nicht ganz“, entschied ich, die Situation umgehend klarzustellen. „Ich meinte damit, dass ich in keine Beziehung funken möchte, deshalb habe ich mich umgehend von ihm angewendet.“
      „Okay.“ Ju schien weiterhin nicht mehr interessiert an einer fortlaufenden Unterhaltung. Stattdessen brachte er die Stute in die Box. Stillstand ich bei ihm und betrachtete jeden seiner Schritte, hatte ich was Falsches gesagt? Meine Hände fummelten das Shirt nach unten, aber gehen wollte ich auch nicht. Noch eine Weile stand ich da, bis Ju sich verabschiedete.
      „Eine Freundin wartet noch“, erklärte er und verschwand durch den Ausgang.
      Erst dann setzten sich meine Beine in Bewegung. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Bis zur Prüfung lagen noch Stunden vor mir und Monet nun auch nervös zu machen, sollte kein Plan sein. Also begutachtete ich das Gelände. Auf dem Prüfungsplatz ritt eine junge Dame auf einem Schecken in der Pony Dressur. Das Tier stand gut an den Hilfen, keine Höchstleistungen von den beiden, aber nett anzusehen. Also lief ich weiter und bemerkte den kleinen Markt, der nicht weit von Tribünen aufgebaut war. Schabracken lächelten mich an, allerdings lag mein Geld auf dem Zimmer.
      „Kann ich mir diese zurücklegen lassen?“, fragte ich den Verkäufer, dieser nickte und schrieb meinen Namen auf. Bis zum Abend hatte ich Zeit, gut.
      Auf dem Gelände gab es nicht viel zu sehen, dennoch drängten Menschenmassen durch die liebevoll eingerichtete Marktstraße. Auch einheimische Händler standen dort, boten Essen und Getränke an. Beinah verloren irrte ich umher, bis schließlich vor unserem Hotel stand. An der Seite warteten Reporter, blickten auf den kleinen Bildschirm der Kameras und schenkten mir nicht mal einen Hauch von Aufmerksamkeit. Man kontrollierte meinen Ausweis und ich kam in den kühlen Vorraum an der Rezeption. Nach einem kurzen Wortwechsel bekam ich die Schlüssel fürs Zimmer. Im Fahrstuhl schossen so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich nicht mit in der richtigen Etage ausstieg und heimatlos durch die Flure irrte. Zu meinem Bedauern traf ich bekannte Gesichter.
      „Was willst du hier?“, zischte Giada, als wäre ich auf dem Weg zu Vachel.
      „Ich suche mein Zimmer“, jaulte ich förmlich und sah mich weiterhin eilig um. Die Zahlen stimmten nicht, was allerdings nichts zu bedeuten hatte. Nach der 1052 folgte eine 389, sehr willkürlich.
      „Hier ist es nicht“, sagte sie unverändert.
      „Schatz, jetzt lass doch mal in Ruhe“, mischte Vachel sich schließlich ein. Sie rollte die Augen, gab zu meiner Überraschung keine Widerworte. Da zog sich auch meinerseits eine Braue nach oben. Mir war nicht ganz wohl, also drückte ich wieder hektisch die Taste für den Fahrstuhl, der nicht kommen wollte.
      “Wo musst du denn hin?”, sagt er und begutachtete meinen Schlüssel. Mit seinem Finger malte er in der Luft herum, bis ein erleuchtendes Stöhnen seinen Mund verließ. Selbst dieses kleine Geräusch löste in mir das Feuerwerk aus, das eigentlich in Kisten verstaut war. Es brodelte und kochte, die kleinen Funken der Zündschnüre sprangen auf weitere über, sodass in wenigen Sekunden jede noch so kleine Zelle unter der Haut kribbelte.
      “Also weißt du, wo ich hin muss?”, zitterte meine Stimme bei der Frage.
      “Ja”, er nickte zustimmend und setzte den erste Fuß in den Fahrstuhl, “oder willst du auf einmal nicht mehr in dein Zimmer?”
      Flink folgte ich ihm und Giada stand kopfschüttelnd da. Aus ihren Augen sprühten Blitze in meine Richtung. Sie ertrug es nicht, dass er mit mir sprach oder ich sogar existiere. Ich spürte, dass es heute noch einen riesigen Streit geben würde, aber ich wollte doch nur in mein Zimmer.
      „Das hier.“ Vachel schmunzelte. Meine Orientierungslosigkeit bei hohem Stress kannte er schon.
      „Danke“, sagte ich und überspielte die aufgewühlte Stimmung im Inneren.
      Er legte seine Hand auf meinen Arm. Sofort brach das nächste Feuerwerk aus und ich schloss die Augen. Es könnte so einfach sein, aber nein. Ich landete im größten Drama, das man sich hätte vorstellen können. Um uns herum wurde es still, nur mein Herzschlag drückte unangenehm am Hals und irgendwo an der Decke hörte man das Flimmern eines Leuchtmittels.
      „Ist noch was?“, stammelte ich.
      „Ja.“ Vachel seufzte. „Aber können wir das … Drinnen besprechen?“
      Im Zimmer schloss ich die Tür und lief mit weichen Knien zum Tisch hinüber, an dem er sich gesetzt hatte. Er wirkte zerbrechlich und rastlos, ihm machte es vermutlich zu schaffen, dass es mit uns beiden wieder stiller wurde. So viel hatte er für mich getan, mich unterstützt, wieder aus dem Loch geholt und was die Pferde angeht mal ganz zu schweigen. Wir waren perfekt füreinander, aber das Kapitel endete schon vor Wochen. Alles, was noch blieb, war die Enttäuschung.
      „Ich liebe sie nicht“, brach es aus ihm heraus und er vergrub sein Gesicht in den Händen.
      „O-oh okay?“, tastet ich mich langsam heran, denn ich wollte nicht schweigen.
      „Es ist schwer zu erklären. Wir haben uns auf dem Turnier kennengelernt, ihre Eltern haben Geld und“, Vachel atmete durch, bevor das unaussprechliche folgte. Ich wusste, worauf er hinaus wollte, aber ich ließ ihn sprechen. „Sie sorgen dafür, dass Sky noch bei mir ist. Ich hatte große Probleme nach der Trennung von Alicia, nein, eigentlich schon in der Beziehung. Meine Ausbildung hat ein Haufen Geld gefressenen, dann das Auto, Skys Behandlung, weil er Druse hatte und die Scheidung meiner Eltern. Luise nervt auch immer mehr.“ Tränen drangen aus deinen Augen hervor. Mindestens die Hälfte davon wusste ich nicht und bezweifelte auch, dass er Marin davon erzählt hatte. Vielleicht öffnete Vachel sich Giada gegenüber, aber das Weib machte nicht den Eindruck, überhaupt Gefühle zu besitzen.
      „Ich geriet in finanzielle Schwierigkeiten, deswegen verkaufte ich Sky. Giada Eltern sind hohe Leute im Reitsport und haben mir das Angebot gemacht, dass ich einen geringen Teil von Sky zu behalten, ihn weiter reiten dürfte, aber sie trugen fortan die Kosten. Es war für sie unbegreiflich, wieso ich zu euch wollte“ beendete er seine Erzählung. Das Schluchzen wurde immer intensiver, bis ich es nicht mehr ertrug und meine Arme um seinen Hals schlag. Vachel erwiderte die Umarmung. Dann platze Alicia rein, sah uns schockiert an.
      „Was denn hier los?“, stammelte sie erbost. „Ich dachte, dass ihr beide klug genug seid und Abstand nimmt.“
      „Alicia, bitte. Halt die Klappe“, fauchte ich. Eigentlich war es nicht in meinem Sinne ihr so den Ernst der Situation zu vermitteln, doch ihr Gesicht lockerte sich umgehend, als Vachel sie mit roten Augen anblickte. Hinter ihr fiel die Tür zu. Niemand sagte mehr etwas, nur noch sein Schluchzen dröhnte dumpf durch das Hotelzimmer. Ich konnte ihn nicht aufmuntern, nur für ihn da sein, denn was sollte die Lösung dafür sein? Würde er nicht mehr mit Giada zusammen sein, wäre auch Sky für immer verloren. Weder er noch ich hatte das Geld. In dem Augenblick kam mir die Idee.
      „Was ist, wenn ich Papa nach Geld frage?“, schlug ich vor. Innerhalb von Sekunden erhob Vachel seinen Kopf.
      „Denkst du, dass er das macht?“
      „Worüber sprecht ihr?“, mischte sich auch Alicia wieder ein. Ruhig erklärte er ihr alles, worauf hin sie meine Idee befürwortete. Papa kannte meine Freunde mindestens genauso lange wie ich und war für gewöhnlich sehr hilfsbereit. Wie viel dieses Pferd für uns alle bedeutete, konnte man gar nicht in Zahlen zusammenfassen, dennoch war ich mir sicher, dass es im Rahmen der Möglichkeit stand. Lange schmiedeten wir noch Pläne und in Vachels Augen leuchtete wieder Hoffnung. Voller Tatendrang griff ich nach meinem Handy, als die Tür sich öffnete. Lotye blickte überrascht uns alle an.
      „Schön, dass ihr euch wieder vertragt, aber Neele, du solltest eigentlich Monet fertig machen“, mahnte sie. Die Augen huschten zur Uhr, Mist! In knapp dreißig Minuten war mein Start. Ich rannte ins Badezimmer, zog mich um und lief zusammen mit meiner Trainerin zum Zelt. Zu meiner Überraschung blickte mich Monet alpinweiss und gesattelt an, einzig seine Kandare hing am Haken vor der Box.
      „Ich hatte Hilfe“, funkelte Lotye und Ju trat von der Seite heran.
      „Wir wussten nicht, wo du bist, deshalb habe ich kurzerhand geholfen“, grinste er. Herzlich bedankte ich mich und sprang in die Box, um noch den Zaum zu befestigen. Lotye reichte mir meinen Helm. Noch einen tiefen Atemzug nahm ich, dann musste ich nur noch funktionieren. Wie von selbst trug mich mein Pony auf dem Abreiteplatz, auf dem sich viele Reiter tummelten. Zwischen all den riesigen dunklen Pferden war Monet der Hingucker. Es wurde gekichert. Ein Vater sagte am Zaun zu seiner Tochter: „Die traut sich aber was.“ Dann lachten sie. Aber für Prüfungsangst gab es keinen Platz in meinem Kopf, obwohl schon auf den ersten Blick jeder einen besseren Eindruck machte, als ich. Ich wollte Spaß haben und keinen Sieg, das sagte ich mir immer wieder, bis mein Name aufgerufen wurde von einer Dame am Zaun. Die Reiterin vor mir hatte den großen Platz betreten und damit musste ich mich als Nächstes für den Start vorbereiten. Ich war nur einige Runden locker getrabt und etwas galoppiert. Für mehr hatte ich keine Zeit, aber ich glaubte an Monet und mich.
      Lotye hakte den Strick am Gebissring an. Ju folgte uns.
      „Musst du nicht zu deinen Freunden?“, fragte ich mit zittriger Stimme nach.
      „Müssen tue ich nichts und offensichtlich brauchst du mich“, grinste er zuversichtlich. Obwohl meine Trainerin es bevorzugte ihre Schützlinge allein vor Prüfung zu haben, grinste auch sie. Offenbar war er ihr sympathisch und sie sah darüber hinweg, ihn wegzuschicken. Netterweise entfernte er die schwarzen Gamaschen von den Beinen und brüstet noch mal über. Dann waren wir so weit.
      Giada hatte hohe Maßstäbe gesetzt und lag momentan auf dem ersten Platz, wie hätte es auch anderes sein können. Allerdings blieb die Vermutung, dass Vachel wohl noch mit Alicia oben im Zimmer saß, denn keinen der beiden konnte ich, am Rand entdecken der Tribünen. Ein letzten hilfesuchenden Blick lenkte ich zu Ju, der seinen Daumen in die Luft streckte. Die Musik ertönte und auf der Vorbereitung neben dem Viereck galoppierte ich den Hengst an. Erst vor der Ecke, bevor ich Eintritt, versammelte ich ihn und hielt schließlich auf den Mittelpunkt an. Selbstverständlich platzierte er die Füße nebeneinander und kaute entspannt auf dem Gebiss, keine wippende Unterlippe, nur aktives Ohrenspiel. Mit einem leisen Schnalzen trieb ihn wieder in den Trab, setzte mich tiefer in den Sattel, um ihn zu versammeln. Dabei reichte der Gedanke. Meine Muskeln sendeten die richtigen Impulse und ich konnte immer mehr in dem Takt der Musik versinken. Aus der Versammlung kam eine Verstärkung, dann wieder zurückholen, auf die Mittellinie – Traversalverschiebungen. All diese Lektionen und Bahnfiguren ritt ich nacheinander ab, fühlte mich dabei wie auf Wolken im weichen Sand, der Meeresbrise in der Nase. Es war schöner als Urlaub, auch wenn ich unter dem Jackett ziemlich schwitzte, wünschte ich mich nirgendwo anders hin. Ich spürte, wie das Strahlen in meinem Gesicht auf die Zuschauer übertrug, die gespannt meiner Passage folgten, die das Pony perfektioniert hatte. Auch in der darauffolgenden Piaffe konnten sich die Warmblüter noch etwas anschauen. Gleichmäßig reagierte er auf meine Hilfen und setzte willig die Übergänge zur Passage um. Dabei war ein deutlicher Unterschied zu erkennen, nicht nur in Kadenz. Wie es noch heute in der Reitkunst praktiziert wird, tänzelte er auf der Stelle, ohne dabei langsam vorwärts zusetzen. Lotye legte großen Wert darauf. Nach dem Mitteltrab folgte die vorherige Abfolge der Lektion, nur auf der anderen Hand, bevor ich ihn sanft in den starken Schritt zurückholte. Monet trat fleißig voran, schnaubte einmal ab, hielt sich dabei wie von Selbst. Der Zügelkontakt hatte bei ihm nur ein äußerliches Erscheinungsbild. Hier und da erinnerte ich ihn durch leichtes zupfen, wie er das Genick stellen sollte, doch ansonsten achtete er auf die Gewichts- und Schenkelhilfen. Willig galoppierte er rechts an und zeigte sich von seiner besten Seite. Eine seiner Stärken lag im starken Galopp, der durch die ganze Bahn folgte. Obwohl wir uns auf einem zwanzig mal sechzig Viereck befanden, konnte Monet eine deutliche Rahmenerweiterung zeigen, die in den weiten Sprüngen gipfelte. Leider kam nun der schwierigste Teil für uns. Ich verpasste die erste Hilfe für den Wechsel und büßte dabei an Punkten ein, auch der Übergang zur Versammlung war nicht ganz sauber. So drückte ich ihn zu schnell zurück, dass er mit dem Kopf schlug und seine Ohren anlegte. Ein tiefes Raunen ging durchs Publikum, aber davon ließen wir uns nicht einschüchtern.
      Wie in der Halle, sagte ich zu mir und erinnerte mich an das Training im strömenden Regen, als Papa mich abholte und erzählte, dass es nach Schweden gehen würde. Krampfhaft drückte sich mein Kiefer zusammen, aber die Galopptraversale nach links saß auf dem Punkt genau. Wohingegen die Pirouette noch deutlicher sein hätte können. Im Programm waren sechs bis acht Sprünge vorgesehen, wie mein Pony nicht schaffte, stattdessen wurden es zehn.
      „Du hast es gleich geschafft“, erinnerte ich Monet. Bei C angekommen bogen wir nach links ab und dabei spürte ich, dass die Kraft in den Hinterläufen abnahm. Meine Motivation galt gleichermaßen mir. Fröhlich sprang der Hengst auf der Mittellinie die gewünschten Serienwechsel. Einmal verpasste ich die Hilfe und so wurden es anstelle der zwei Sprünge drei. Und erst, als wir nach der erneuten Abfolge zu dem Sprung zu Sprung wechseln kam, verspürte ich, welche Herausforderungen wir uns zumuteten. Nur einmal waren wir alle Teile am Stück durchgeritten und das lag weit in der Vergangenheit. Ungefähr vor zwei Monaten müsste es gewesen sein, kurz nach dem Reit in Genf. Gleichwohl ritten wir noch die restlichen Aufgabenteile zu Ende und kamen nach der Passage von X zu G an, hielten an und grüßten. Das Publikum tobte, während mir vor Erleichterung Tränen die Wange herunterliefen. Wir hatten es wirklich geschafft. Beinah fehlerfrei schafften wir das Programm und ich konnte nichts mehr tun, außer meinem Pferd liebevoll den Hals zu tätscheln.
      „Na das kann sich doch sehen lassen“, grinste mich Ju beim Ausreiten vom Platz an und zeigte dabei auf die Leinwand. Wir hatten zwar nicht Giada eingeholt, aber dennoch mit 71,23 % eine persönliche Höchstleistung aufstellt und kletterten damit auf die dritte Platzierung.
      „Danke“, sagte ich erschöpft.
      „Am besten geht ihr beide jetzt zum Abreiteplatz“, gab Lotye ihren Senf dazu und tätschelte ebenfalls seinen verschwitzten Hals. „Ich habe jetzt zwei andere Leute zu betreuen, bis später.“
      Dann verschwand sie den Weg entlang zum Vorbereitungsplatz. Ju stand weiterhin neben mir, hielt den Strick und halte im Gebissring der Kandare ein.
      „Keine Sorge, ich lass dich nicht zurück“, sprach er und führte Monet. Erst jetzt bemerkte ich meine zitternden Hände, wie meine Knie sich am Sattel drückten und die Füße vor Aufregung im Bügel schlotterten. Das Pony folgte ihm. Kein einziger Impuls kam von mir, eher saß ich wie eine Dreijährige auf dem Rücken und sprach kein Wort. Auch nach einigen Runden im Schritt auf dem überfüllten Reitplatz, kam mein Selbstvertrauen nicht zurück. Was stimmte nur nicht?

      Missgünstig beobachtete ich Giada bei ihrer letzten Runde über den Reitplatz. Sie hatte den zweiten Platz belegt, denn der letzte Teilnehmer, ein Portugiese, überholte sie.
      „Die steht zum Verkauf“, funkelten Alicias Augen, als die hübsche Schimmelstute im lockeren Zügel einhändig galoppierte.
      „Und was willst du damit?“, antwortete ich nüchtern, ohne den Blick von Giadas Hengst zu nehmen, der nervös auf der Stelle tänzelte und die Schleife an seinem Zaum überhaupt nicht wohlgesonnen war. Immer wieder gab sie heftige Paraden, zog dabei auch am Kandarenzügel.
      “Was ist denn mit dir los? Der sechste Platz ist doch wunderbar”, jammerte Alicia weiter. Ich hatte ihr nicht mehr zugehört, hing in Gedanken nur an meiner Schwäche und Unfähigkeit fest, insbesondere, weil Vachel so ein Modepüppchen ertragen muss.
      “Nichts”, murmelte ich und erhob mich aus dem Sitz. “Es ist mir nur egal, ob das Pferd zum Verkauf steht oder nicht. Das kostet bestimmten Millionen und die habe ich nicht.”
      “Du redest gerade über Sky, habe ich recht?” Alicia hatte auf den Punkt getroffen, natürlich ging es um diesen Schimmel und nicht die hübsche Andalusier Stute, die noch immer sehr aufmerksam an den Hilfen ihres Reiters lief, der ebenfalls grob die Sporen in die Seite stemmte. Es gab überhaupt keinen Grund, aber soll jeder machen, ich konnte daran nicht viel ändern.
      “Ja”, antwortete ich. Dann seufzte ich abermals.
      “Das wird schon, aber wir können auch nicht so viel tun. Er hat sich das selbst eingebrockt”, erinnerte sie mich. Das Gespräch verstummte umgehend, denn von der Seite kam der blonde Typ wieder an.
      “Kommt ihr mit? Ich habe uns einen schönen Platz am Wasser gesucht”, fragte er.
      “Natürlich”, strahlte Alicia und sah zu mir.
      „Nein, ich bin müde“, antwortete ich.
      „Ju ist auch da“, versuchte er mich zu überzeugen, aber ich blieb dabei. Also verabschiedete sich beide, ich verblieb allein am Zaun. Da kamen mir wieder Alicias Worte entgegen. Eskil suchte doch eine Stute? Schnell machte ich noch ein paar Bilder und schickte sie ihm, bevor der Typ vom Platz verschwand, mit den anderen beiden Platzierten. Auf der Tribüne lichtete es sich, denn nun war Pause, ehe die Abendvorstellung um 21 Uhr begann.

      Am nächsten Morgen las ich erst Eskils Antwort. Die Stute sei nicht sein Beuteschema, aber er kenne jemanden. Um ihm zu helfen, setzte ich mir auf den Plan, den Herren zu finden und mehr Informationen zu bekommen, aber dafür musste ich erst einmal aufstehen. Langsam tastete ich das Bett ab, stellte fest, dass ich allein war.
      „Ach Alicia“, murmelte ich und setzte die Füße nacheinander auf den Holzboden. Leise knarrte die in Jahre gekommenen Dielen bei jedem Schritt, die mich direkt ins Bad führten.
      Ein nächster sinnloser Tag würde anstehen, auch wenn heute Vachel ritt. Mit gemischten Gefühlen stand ich unter Dusche.
      „What are you waiting for“, sang ich die Musik aus den Lautsprechern mit, wollte so gern mehr von meiner besten Freundin haben. Sie war offen, wusste, was sie wollte und nahm es sich. Ich schwieg stattdessen und verkroch mich, eigentlich sollte damit Schluss sein, aber Veränderungen stellten mich immer vor eine Herausforderung. Egal, ich hatte mein Laptop dabei und würde sicher, ein schönes Plätzchen finden, zum Videos schauen.
      Frisch geduscht, schlüpfte ich meine Reitsachen und lief aus dem Zimmer heraus. Heute ging es meinem Magen schon besser und ich entschied allein etwas zu frühstücken. Kurz nach Zehn saßen kaum noch Leute im Speisesaal, den die erste Prüfung hatte bereits begonnen. Ich suchte mir keinen Tisch, sondern direkt am Buffet einen Teller. Unentschlossen tigerte ich um die Auslage. Einige Brötchen lagen noch da, die aber größtenteils an ihrer knusprigen Oberseite eingedrückt waren und bei den Körnerbrötchen fehlten die meisten dieser. Also nahm ich mir einen leichten Salat und Ei, dazu noch einen Joghurt mit Erdbeeren. So gesund aß ich nicht einmal zu Hause! Dann trugen mich die Füße nach draußen. Am Himmel stand bereits die Sonne und zauberte ein warmes Licht auf das Meer, das sich in den Fenstern spiegelte. Im Gegensatz zu drinnen, waren hier fast alle Tische belegt und als meine Augen so wanderten, winkte mich jemand zu sich, Raphael saß mit einigen anderen an einem großen Tisch direkt an der Umrandung der Terrasse. Wie von selbst, mit einem Grinsen auf den Lippen, lief ich hinüber.
      “Guten Morgen”, grüßte ich alle und setzte mich neben eine junge Dame, die wohl seine Freundin sein musste, so verliebt wie sie ihn anstarrte und über den Witz kicherte. Wenn ich das Alicia erzähle, wird sie sicher traurig sein, aber sie hatte sich ohnehin verdünnisiert. Bestimmt verbrachte sie die Nacht bei dem Typen, der eigentlich ganz freundlich war.
      “Guten Morgen, ich glaube, wir haben uns noch nicht kennenlernen dürfen. Ich bin Quinn”, entgegnete sie direkt freundlich und stellte sich in dem Zuge auch direkt vor.
      “Nett dich kennenzulernen”, reichte ich mir die Hand, “man kennt mich als Neele”, grinste ich höflich.
      “Dann warst du das gestern mit dem kleinen weißen Pony in der Dressur, richtig? Ich finde es richtig cool, dass du die Konkurrenz mit den Großen aufnimmt”, entgegnete sie anerkennend.
      “Da muss ich Quinn zustimmen, es sollte mehr von deiner Sorte geben. In meinen Augen sahst du mit deinem Pony deutlich harmonischer aus als so manch anderer”, stimmte Raphael seiner Vorrednerin mit einem breiten Lächeln zu.
      “Auf YouTube habe ich schon einige Ponys in den hohen Klassen gesehen. Es ist nun mal blöd, dass es die schwierigen Lektionen nicht separat gibt. Wer will denn sein Leben lang im leichten Niveau reiten?”, untermalte ich den Standpunkt und schob einen Löffel voll mit Salat mir in den Mund.
      “Niemand, der Sinn und Verstand hat”, nickte Quinn zustimmend, bevor sie einen großen Schluck aus dem weißen Porzellan nahm. Noch eine Weile diskutiert wir darüber, wie sinnlos die Ausschreibungen der Weltorganisation waren, in der sich sogar vom Nebentisch ein Richter einmischte, der unsere Meinung teilte. Der Herr hatte sogar mich gestern benotet, wie ich im Nachhinein erfuhr.
      „Und, was steht bei euch heute auf dem Plan? Oder reitet ihr erst morgen bei den Großen mit?“, fragte ich später, schließlich wusste ich nicht wie Alicia über jeden Bescheid. So war Raphael in meinen Augen irgendwas zwischen Anfang oder Ende zwanzig, wohingegen seine Freundin auch minderjährig sein könnte, ohne jemandem etwas vorzuwerfen. Wenn sie das überhaupt war, doch an dem Gedanken hielt ich fest. Letztere blickte fragend zu ihrem Freund, der offenbar für die Tagesplanung verantwortlich war.
      “Heute Abend steht das drei Sterne Springen an und bis dahin heißt es Poseidon bei Laune halten. Ich denke, zu diesem Zweck werden wir später ans Wasser gehen und was hast du so vor?”, erläuterte der Dunkelhaarige den Tagesablauf.
      “Auf den Flug morgen warten”, ich seufzte und wollte eigentlich kein Mitleid erregen, allerdings drückte Jordan seine Unterlippe vor die Obere. Quinn drehte sich auch zu ihrem Freund, der die Augenbraue liftete. Aufklärungsbedarf. “Aber alles gut, Alicia spring nachher auch.”
      “Das klingt ja nicht gerade begeistert. Ist springen nicht so deins?”, hakte Raphael behutsam nach, ohne gleich zu aufdringlich zu sein zu wollen.
      “Ich möchte mich jetzt nicht unbeliebt bei euch machen, aber es sind in jedem Ritt dieselben Sprünge, die in der richtigen Reihenfolge überquert werden müssen, so schnell wie möglich. Spätestens nach dem vierten Reiter, weiß man schon, was kommt, erst wenn was passiert, wird es interessiert. Aber ich möchte nicht, dass jemanden etwas passiert”, erläuterte ich. Mir war bewusst, dass es sehr oberflächlich von mir war, schließlich ritten in den festen Dressurprüfungen das gleiche Programm.
      “Alle gut, ich denke, wir können nachvollziehen, was du meinst, schließlich wird der Nervenkitzel nicht an die Zuschauer transportiert”, schmunzelte Jordan amüsiert.
      “Genau”, nickte ich. „Solang seid ihr auch keine Konkurrenz, nur nette Menschen, die man mal trifft.“ Beinah rutschte mir ‚Freunde‘ heraus, was ich im letzten Moment noch verhinderte.
      “Nur nette Menschen, hast du das gehört. Da ist mal jemand, der nicht deinem Charme erliegt, Rapha”, feixte Jordan und schlug Teamkameraden spielerisch auf die Schulter. Angesprochener schüttelt nur schmunzelnd den Kopf: “Hör nicht auf den, der ist nur neidisch, dass er keinen Fanclub hat.”
      „Raphael, da muss ich dich leider enttäuschen. Ich musste mich nicht an dir satt sehen, denn Alicia kann gar nicht genug von dir bekommen“, platze es lachend aus mir heraus, „da trete ich lieber dem Jordan Fanclub bei. Kleine, aber feine Gemeinschaft.“ Demonstrativ zog ich den Kugelschreiber aus meiner Jackentasche heraus, den ich immer bei mir trug, und schrieb auf eine Serviette so etwas wie einen Mitgliedsausweis für mich.
      “So sieht’s aus, Qualität statt Quantität”, sprach der junge Mann und bedachte mich dabei mit einem schiefen grinsen.
      “Als würde ich etwas dafür könnte, wer mir alles nachrennt”, erklang ein warmes Lachen aus Raphaels Brust. Einzig Quinn schien nicht ganz zu wissen, wie sie reagieren sollte, überspielte es allerdings mit einem höflichen Lächeln.
      “Keine Sorge, ich renne dir nicht nach, auch wenn man einen anderen Eindruck im Augenblick haben könnte”, versuchte ich Quinn zu beruhigen, als Raphael ein gegenteiliges Bild zu zeigen.
      “Alle gut, mich stört das nicht, auch wenn es so wäre”, zuckte er mit den Schultern und schob den Stuhl nach hinten, um aufzustehen, “Ich hol mir noch nen Kaffee, soll ich sonst noch wem was mitbringen? Dir vielleicht?” Bei der letzten Frage blickte er spezifisch Quinn an, die ihm auch sofort ihre leere Tasse über den Tisch hinweg reichte.
      „Nein, alles gut“, winkte ich ab, blickte dabei auf den leeren Teller. Hunger hatte ich keinen mehr, aber als Beschäftigung während des Gesprächs, wäre es dennoch cool gewesen. Essen aus Langeweile stellte mich immer wieder vor Gewissenskonflikten.
      „Und du? Reitest du auch?“, fragte ich Quinn, als ihr Freund verschwunden war.
      “Grundsätzlich ja, aber hier bin ich nur zur Begleitung”, antwortete sie offen.
      “Ach, das ist aber schön. Da freut sich dein Freund sicher”, grinste ich und bemerkte, wie Jordan seine leuchtenden Augen aufriss und ein verschmitztes Lächeln aufsetzte.
      “Mein Freund?”, frage Quinn ein wenig irritiert, bis ihr einige Sekunden später ein Licht aufzugehen schien.
      “Oh, du denkst Raphael und ich … also nein, wir sind nicht zusammen”, korrigierte sie das Missverständnis, richtete leicht verlegen den Blick zur Tischplatte. Beinah hätte ich nach dem ‘Warum’ fragen wollen, aber da wurde mir klar, dass es mich weder etwas anging, noch passend wirkte.
      “Entschuldige meine forsche Art”, sagte ich, “manchmal trete ich in böse Fettnäpfchen.” Mit besten Gewissen versuchte ich die gedrückte Stimmung wieder aufzuheitern, aber dafür sorgte Raphaels Rückkehr wie von allein. Er reichte seiner Nicht-Freundin die Tasse, die sie umgehend umklammerte und versuchte daraus zu trinken, aber noch deutlich stieg der Dampf heraus auf. Etwas Missgunst kam nun doch in mir hoch, aber ich überspielte es mit einem freundlichen Lächeln.
      “Wie ist das eigentlich mit so einem hellen Pferd, ist das nicht anstrengend das sauber zuhalten? Gerade jetzt so auf Turnier?”, erkundigte sich Raphael und machte es sich wieder auf seinem Stuhl bequem.
      “Ach, ich wasche ihn und die meiste Zeit trägt er seinen Sleezy”, erklärte ich ganz selbstverständlich, als gäbe es nichts Einfacheres im Leben. Mit seinem Rappen kannte er die Probleme natürlich nicht.
      “Interessant, ich glaube, bei Jora würde so etwas nicht lange dran bleiben”, lachte Jordan, “Sie schafft es schon sich aus Decken herauszuwinden, wie so ein Wurm.”
      “Dann wäre das vermutlich eine unkomfortable Situation”, merkte ich an und er nickte zustimmend.
      “Deine Stute ist auch einfach besonders. Dass aus der mal ein vernünftiges Sportpferd wird, hätte auch keiner geglaubt, so Verhaltens-kreativ wie sie ist”, trug auch der Dunkelhaarige grinsend seinen Teil zu der Konversation bei.
      “Aber die reine Anwesenheit auf einem Turnier, macht es auch nicht zum vernünftigen Sportpferd”, scherzte ich in den Dunst hinein. Schließlich hatte ich Jora nur einmal gesehen und das war gestern auf dem Platz, auf dem die Stute von Alicias Typen sich deutlich kreativer vorwärtsbewegte.
      “Wenn du heute Abend zum Springen kommts, wirst du schon noch sehen, was sie so drauf hat. Auch wenn wir noch nicht ganz so gut sind wie Rapha mit seinem Gott”, entgegnete der junge Mann ganz von sich und seinem Pferd überzeugt.
      „Ich weiß nicht, ob ich so lange das Hüpfen von A nach B ertrage“, gab ich provokant zurück, mit dem Hintergedanken es mir in jedem Fall anzusehen, schließlich würde Alicia mich dazu zwingen.
      „Deine Entscheidung, ob du dir das Beste entgehen lässt“, zuckte Jordan mit den Schultern. Dennoch lag ein schelmische Glitzern in seinen Augen, „Aber eigentlich ist das Pflicht für Exklusiv-Mitglieder des Fanclubs.“ Um die letzten Worte zu unterstreichen, tippte er auf die bemalte Servierte vor mir.
      „Tendenziell hat er recht, allerdings möchte Amy bewundert werden und nicht der Bauerntrampel“, ertönte eine bekannte Stimme hinter uns und beinah synchron drehten wir uns um. Ju kam, zu uns gelaufen, mit einer hübschen, groß gewachsenen, blonden Dame, gegen die ich wohl keine Chance haben würde. Allerdings erhellten seine Worte meinem Kopf, dass er keine Freundin habe. Für den Augenblick stockte meine Atem, aber ich versuchte gelassen zu bleiben. All das Drama um irgendwelche Typen, stieg mit langsam zu Kopf, meine Gefühle waren unreflektiert und willkürlich. Konnte ich nicht einfach etwas gefasster sein und klarkommen wie jeder andere auch?
      „Leider muss ich zu Jordan halten und seinem Bauerntrampel, der mit hoher Wahrscheinlichkeit dich schlagen wird“, schmunzelte ich besagtem zu, bevor mein Blick wieder zu Ju fiel.
      „Ach, Jungs, sicherlich gibt es für euch alle genug Bewunderung, ihr seid ja nicht alle gleichzeitig auf dem Platz“, schaltete Quinn sich in das Gespräch. Sie schien sichtlich amüsiert von dem Wetteifern der Jungs und ließ sich davon nur wenig beeindrucken. Aber genauso sicher war ich mir, dass sie ihren heimlichen Favoriten bereits hatte, denn auch jetzt huschten ihrer Augen immer wieder zu Raphael, obwohl die Brünette das Gespräch mit dem Blick verfolgte.
      „Abwarten“, zuckte Ju mit dem Schulter.
      „Also ich wäre auf jeden Fall da sein“, schmiegte sich die Blonde noch enger an seine Brust und klimperte vertraut mit den Augen. Damit strich ich in meiner gedanklichen Liste die nächste Person weg. Ein Gefühl der Einsamkeit und Leere überkam mich urplötzlich, aber ich musste durchhalten. Morgen Nachmittag ging der Flug zurück und dann würde ich schon fast bei Eskil sein.
      „Dann scheint meine Anwesenheit wohl nicht nötig“, wiederholte ich, nur dieses Mal mit mehr melancholischen Unterton. „Schließlich verstehe ich das nicht mal.“
      „Das erkläre ich dir“, setzte sich Ju ohne zu fragen neben mich und im Wechsel sprach jeder am Tisch über die Disziplin. Unregelmäßig schielte ich zu ihm hinüber. Ich spüre, wie sich die Leere füllte, mit einem Gemisch aus Freude und Sehnsucht. Es stach, es drückte und schnürte mich den Atem ab. Sehnsucht, ein Gefühl, das ich so oft verspürte, aber nur schwer einordnen konnte. Ich sehnte mich nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Mit all den elitären Reitern am Tisch zu sitzen fühlte sich echt an, aber es war nur eine Moment aufnahm. Ein Moment, der jederzeit verfliegen könnte, ohne wirklich dagewesen zu sein. Schwer ums Herz traf es auch ein prickelndes Stechen im Bauch, das sich intensivierte, wenn sich die Blicke von Ju und mir trafen. Er bot mir so viel mehr Vachel, allem voran: Ruhe, Geborgenheit – Dabei kannte ich ihn kaum. Es war die Art, wie ihr zu mir stand, Dinge erklärte und nicht davor zurückschreckte, wenn ich einen blöden Witz machte.
      “Malst du dann auch ein Schild?”, unterbrach Jordan meinen Gedanken. Irritiert wanderten meine Blicken zwischen den Parteien, die mich wie ein gespannter Bogen auf mich gerichtet waren.
      “Was für ein Schild?”, fragte ich vorsichtig. Alle lachten, nur Jordan schüttelte amüsiert den Kopf. “Wir brauchen klare Regeln im Fanclub.”
      “Am besten beginnen wir mit dem Transfer zu mir. Schließlich konnte Neele schon in den Genuss kommen, mein edles Ross zu besteigen”, gab Ju seinen Senf dazu. Das Gelächter platzte aus allen Nähten. Mittlerweile waren wir allein auf der Terrasse, dass keiner am Nebentisch sich gestört fühlen konnte. Mein Gesicht nahm einen leichten rosafarbenen Teint an und ich vergrub es hinter meinen Händen. Das Balzverhalten der jungen Männer überforderte meine Gefühlswelt.
      “Man gewöhnt sich daran”, legte Phina, wie sich die Blonde später vorgestellt hatte, ihre Hand auf meinen Arm.
      “Ich glaube nicht”, murmelte ich.
      “Wer gefällt dir denn besser? Ju oder Jordan?”, nahm sie kein Blatt vor den Mund, aber ich musste nach Luft schnappen, wie ein Fisch am Trocknen. Für einen Augenblick verstummte es am Tisch, alle starrten mich intensiv an, aber ich fühlte mich wie in der Schule, wenn man Vokabeln aufsagen sollte. Das quälende Gefühl der Unwissenheit jagte mein Blut durch die Adern. Aber ich rappelte mich auf.
      “Von welchem Standpunkt aus?”, hakte ich nach und musterte beide intensiv, als würde ich eine Checkliste erstellen. Ju lag vorn, ganz klar. Jordan war zwar sympathisch und deutlich attraktiver als sein charmanter Kollege, dennoch für meinen Geschmack, zu selbstbewusst. Vielleicht sogar selbstverliebt.
      “Das Gesamtpaket, wer von den beiden macht den besten Eindruck?”, lächelte Quinn freundlich und spezifizierte ihr Interesse.
      „Ihr setzt mich ziemlich unter Druck, wisst ihr das?“, schüttelte ich spielerisch enttäuscht mit dem Kopf. „Aber dann muss leider Schweden den Punkt bekommen, schließlich empfing er mich nach der Prüfung. Zudem wäre es blöd, wenn ich es mir damit vermassel, schließlich muss ihn bald öfter sehen.“
      Ein verklemmtes Grinsen legte sich auf seine Lippen und ich spürte, wie sich seine Hand auf meinen Oberschenkel legte. Ich schluckte, aber wollte es mir nicht anmerken lassen, wie meine Finger zitterten. Deswegen schloss ich sie ineinander und drückte die Unterarme leicht auf die Holzplatte.
      „Ju! Die kleine ist scharf auf dich“, feixte Phina beinah diabolisch.
      „So habe ich das gar nicht gesagt“, verteidigte ich mich mit zittriger Stimme. „Nur, dass er deutlich mehr effort zeigte als Jordan.“
      “Lasst Neele doch einfach in Frieden, ihr müsst doch nicht aus allem einen Wettbewerb machen”, rollte Raphael mit den Augen, dem die Diskussion langsam zu bunt zu werden schien.
      “Danke”, murmelte ich und wollte am liebsten im Boden versinken vor Pein. Tatsächlich schob sich mein Po etwas tiefer in den Sitz, aber Jus Hand hielt mich fest, damit ich nicht im Dreck landete.
      “Vielleicht sollten wir dann langsam auch zu den Pferden”, versuchte Phina die Situation zu entschärfen.
      “Richtig”, nickte Raphael und erhob sich von seinem Stuhl, “Kommst du Quinn? Poseidon wartet sicherlich schon.” Eifrig nickte seine Begleitung und leerte den Rest ihrer Tasse, bevor sie sich ebenfalls erhob.
      “Einen schönen Tag euch noch”, verabschiedete sie sich freundlich, bevor sie sich an Raphaels Seite heftete und die beiden in Richtung der Stallzelte verschwanden. Ohne etwas zu sagen, sprang auch Phina ihnen nach. Plötzlich saß ich allein mit Ju auf der Terrasse, mit dem Blick zum Meer und wenn man den Kopf etwas senkte, dann konnte man den aktuellen Reiter auf dem Platz sehen.
      „Vielleicht sollte ich auch langsam“, stammelte Ju unentschlossen, nach einigen Minuten der Stille.
      „Okay.“
      Er stand auf.
      Ich blieb sitzen, wie anklebt.
      „Na komm schon, Monet möchte sich sicher auch die Beine vertreten“, munterte er mich auf, als würde er spüren, dass in mir ein Roman geschrieben wurde.
      Nun war ich die, die seinen Arm um sich trug. Mich erfühlte es mit Stolz, als wir zu den Ställen lief, obwohl uns niemand Beachtung schenkte, nur Giada schaute nicht schlecht. Sie stand bei ihrem Hengst und Vachel hielt diesen fest, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Der Kleidung zur Folge hatte er ihr auch das Pferd sauber gemacht. Leise knurrte sie, was ich aber nicht genauer verstanden hatte.
      „Ich würde dann hinüber zu Amy gehen“, sagte Ju, aber ich hielt ihn sanft am Arm zurück.
      „Kannst du bitte bleiben, bis die weg sind?“, funkelte ich mit meinen Augen. Grinsend stimmte er zu und begrüßte Monet. Dieser stand in seinem hübschen rosafarbenen Ganzkörperanzug in der Box und mümmelte am Heu. Lotye hatte ihn wohl gefüttert, den so viel bekam er sonst nicht von mir. Davon könnte vermutlich tagelang fressen.
      Ich führte ihn aus der Box und entfernte erst einmal seinen Anzug. Mürrisch brummte Monet, als das Ding an den Ohren hängenblieb und er für länger als sonst nichts sehen konnte. Ju, der sich auf meine Putzkiste gesetzt hatte, kam dazu und half mir. Befreit, schüttelte Monet sich und die dicke, kurz geschnittene Mähne fiel wellig auf beide Seiten.
      „Die müsste mal wieder geschnitten werden“, stellte ich, flüsternd zum Pferd, fest.
      „Der Arme“, bemerkte Ju schmollend, „dabei sieht er so viel niedlicher aus.“
      „Du hast doch Amy auch die Mähne abgesäbelt.“
      „Leider muss ich dich enttäuschen, aber das war ich nicht, sondern die Tante vom Beritt“, bemerkte Ju ziemlich abfällig, aber ich konnte es nachvollziehen. Mich hätte es auch genervt, das eigene Pferd plötzlich verändert zu sehen.
      „Tut mir leid“, zog ich meine Aussage zurück. Aber er lächelte nur warm. Das Prickeln sprang wie in der Luft elektrisiert zu mir hinüber und unsere Blicke trafen sich wieder. Etwas sagte mir, dass zwischen ihm und mir noch so viel mehr gab, als den gleichen Pferdehof. Schon aus dem Grund musste ich meine jungen Pferde in der Brust zügeln.
      Endlich verzogen sich Giada und Vachel aus dem Stall, nach dem ich wieder mal Getuschel vernahm. Offenbar war ich das große Thema hier, ohne sonderlich einen Beitrag zu leisten.
      „War das besagter Typ mit Freundin?“, hackte Ju nach.
      „Ja, leider“, seufzte ich.
      „Ach, ist doch alles in Ordnung. Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Aber jetzt, braucht mich mein Pferd.“

      Am Abend saß ich nervös auf der Tribüne, direkt neben dem Eingang. Gerade zeigte Raphael auf seinem Poseidon, wofür sie oft trainiert hatten. Mit Leichtigkeit peilten sie ein Sprung nach dem anderen an, ließen dabei nicht nur jede Stange an Ort und Stelle liegen, sondern setzten eine nur schwer zu schlagende Zeit an. Begeistert sprang ich auf, als seine Runde beendet war und er im Schritt vom Platz ritt. Seine Nicht-Freundin empfing ihn mit hochroten Kopf, als hätte sie auf dem Rappen gesessen. Die beiden wirkten so vertraut und glücklich miteinander, dass abermals Missgunst in mir aufkam. Es lag nicht daran, dass Raphael ein sympathischer und gut aussehender junger Mann war, der auch reiterlich neue Maßstäbe setzte, sondern er interessierte sich für jemanden, der selbiges zurückgab.
      Der nächste Starter sprang bereits, aber ich beachtete ihn nicht sonderlich. Jordan war demnächst an der Reihe, weshalb ich die Tribüne verließ und auf dem Vorbereitungsplatz nach ihm Ausschau hielt. Obwohl es mit dem Fanclub nicht mehr als blöder Scherz war, würde es ihn sicher freuen. Mein Eindruck trübte. Zwei Damen standen kichernd am Rand und unterhielten sich rege mit ihm, während seine Stute ungeduldig zur Seite tänzelte und dabei mit dem Schweif schlug. Ihre Ohren lagen im Genick und immer wieder schnappte sie nach anderen Pferden, wenn diese Vorbeiritten. Vermutlich ein Teil davon, was vorhin am Tisch berichtet wurde. Damit hatte sich meine Idee erledigt. Ich drehte mich gerade weg, als die hübsche gescheckte Trakehner Stute ihren ersten Huf neben uns setzte und ihr Reiter zu mir sagte: „Schön, dass du da bist.“
      Eiskalt lief es mir den Rücken herunter, aber sofort wandte ich mich ihm zu und strahlte über beide Ohren.
      „Natürlich, ich möchte doch wissen, was dein Papier kann“, scherzte ich. Er drückte seine Ferse in den Rumpf seiner Stute, die sich gehorsam vorwärtsbewegte. Aufmerksam folgten meine Augen den grazilen Schritten, auch im Trab und Galopp machten beide eine gute Figur. Nebeneffekt meines Besuchs am Vorbereitungsplatz war, dass ich Jordans Ritt verpasste, aber die Zeit sah im Nachhinein betrachtet, einwandfrei aus. Er rutschte damit auf den aktuellen vierten Platz.
      Endlich wurde Ju aufgerufen und ich lief mit ihm zusammen an den Einlass. Ein älterer Herr folgte uns unauffällig, der sich später als Herr Holm vorstellte und sein Trainer war.
      Im gleichmäßigen Galopp begann er den Parcours und das Rick überquerte Amy wie eine Elfe. Nach fünf weiten Sprüngen folgte ein Oxer. Ju holte sein Pferd zu früh zurück, wodurch sie deutlicher weiter springen musste, aber diesen Fehler ihres Reiters ausglich. Immer wieder kam es zu Wackelpatien, in denen die beiden eine Stange berührten mit den Hinterläufen. Diese blieb liegen bis auf einmal. Ju verschätzte sich abermals mit den Abständen, was zum Verhängnis in der Kombination wurde. Amy kam mit den Vorderbeinen gegen die obere Stange. Ein tiefes Raunen ging durchs Publikum, aber es jubelte trotzdem, als er durchs Ziel ritt. Die Zeit konnte sich sehen lassen, aber mit den vier Fehlerpunkten rutschte er auf den achten Platz. Am Ausgang empfing ich ihn freudig, doch er beachtete mich nicht. Stattdessen ritt Ju stillschweigend an mir vorbei und zog genervt am Zügel herum.
      „Denk nicht so viel nach, Juha kann speziell sein. Er braucht jetzt Ruhe und Zeit für sich“, erklärte mir Herr Holm. Zustimmend nickte ich und kletterte durch den Zaun vom Gang hinaus, lief zurück auf meinen Platz, der noch immer leer war.
      Die restlichen Teilnehmer sah ich mir noch an, auch wenn ich Alicia nicht entdecken konnte. Was auch immer es mit dem Typen auf sich hatte, offenbar gehörte ich nicht mit in die Rechnung. Hinter mir sprachen zwei Menschen über Jus Ritt, kritisierten ihn bis aufs Äußerste.
      „Vielleicht solltet ihr das erst einmal reiten, bevor ihr so das Maul aufreißt“, drehte ich mich verärgert um. Wie Autos blickten die beiden in meine Augen und verstummten.
      Bei der Siegerehrung musste sich Raphael mit dem dritten Platz zufriedengeben, denn ein Deutscher und ein Belgier hatten ihn vom Thron verdrängt. Ein Hauch von Wehmut schwang in mir, aber als ich sein Strahlen und das von Quinn erblickte, verschwand es. Laut jubelte ich, freute mich wirklich für ihn. Den Moment wollte ich so gern mit jemanden teilen, aber ich hatte niemanden. Lotye war außerhalb meiner Sichtweite, Alicia ging vermutlich ihrer Natur nach und Ju verschwand wie von Erdboden.
      Just in dem Moment fiel mir wieder der eigentliche Plan vom Morgen ein: Ich wollte für Eskil mehr Informationen über die Stute besorgen. So gut ich konnte, kämpfte ich mich durch die Ränge heraus und folgte dem Weg zu den Zelten. Es dauerte nicht lange, bis ich bei den Stuten das Schimmeltier entdeckte, das hektisch mich anblickte und weiter den Kopf ins Heu steckte. Ein Zettel hing davor mit oberflächlichen Informationen und einer Email sowie Webadresse. Mit einem Foto leitete ich all das an ihn weiter und schoss noch mehr vom Pferd. Die Stute war mir gegenüber sehr skeptisch, zuckte immer wieder zusammen, wenn sie gegen meine Hand kam und legte bei jeder meiner Bewegungen die Ohren an.
      „Gefällt sie dir?“, kam ein Mann freundlich zur Box gelaufen.
      „Schon, ja, aber ein Freund von mir ist interessiert, deswegen bin ich hier“, erklärte ich höflich und wie ein Wasserfall begann er über die Stute zu Sprechen. Sie hieß Small Lady und war, wie bisher angenommen, ein Andalusier. Ihre Abstammung sagte mir nichts, aber klang nach sehr talentierten Pferden. Lange lauschte ich seiner Erzählung, die immer weiter abdriftete und schließlich bei dem Gestüt endete, auf dem er lebte und seinen Eltern gehörte. Die Stute gehörte zu einem der wenigen Andalusiern dort, weshalb sie ein anderes Zuhause finden sollte.
      „Scheren vermutlich“, antwortete ich, als er fragte, wohin sie denn kommen sollte.
      „Ah, das ist cool. Mein Ex-Freund lebt dort jetzt“, quasselte er frohenmutes weiter, aber ich konnte nicht mehr genau zuhören. Immer wieder nickte ich, bis er endlich zum Ende kam. Dennoch bedankte ich mich für die ganzen Informationen, bevor ich so schnell wie möglich aufs Zimmer ging.
      Der nächste und letzte Tag kam viel zu schnell. Die halbe Nacht schaute ich eine Dokureihe über Tiere in Afrika, bis ich einschlief. Auch nach dem Schlafen setzte ich an der Stelle fort. Alicias Ritt verlor ich aus den Augen, denn sie hatte auch diese Nacht auswärts geschlafen. Auf meine Nachrichten gab es keine Antworten. Zum Frühstück ging ich nicht, genoß viel mehr das schöne Wetter auf dem Balkon.
      „Wo ist denn Alicia?“, fragte ich Lotye nervös, als ich mit einem Koffer vor der Rezeption stand und nicht so wirklich wusste, mit mir anzufangen. Sie seufzte.
      „Also, sie fliegt mit mir morgen, entschied sie gestern.“ Aufmunternd klopfte Lotye meine Schulter, aber das brauchte auch nichts. Abermals stand ich allein da, nur weil Alicias Interessen offenbar einen höheren Stellenwert hatten, als meine. So hätte ich auch schon früher nach Hause fliegen können. Im Stall verabschiedete ich mich von meinem Pony und stieg im nächsten Augenblick in das Taxi zum Flughafen. Auf einmal fühlte ich mich so unglaublich unwichtig, dass all die Glücksgefühle sich in Luft auflösten.

      © Mohikanerin // Neele Aucoin // 76.797 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      Everytime we touch | 01. Juni 2022
      Doo Wop | El Pancho | Injaki | Lancasters Peppermint | LMR Roya l Champion | WHC’ Schachgott | WHC’ Solist | Lilli vom Hirschberg | Elfenlied | WHC’ Mitena | WHC’ Candela | WHC’ Darkroom | Keks | WHC’ Devil’s Eye | Black Lady | WHC’ Poseidon

      Panchy war heute gut in Form, sodass ich mich heute an eine neue Lektion wagte. Gleichmäßig federte der Knabbstrupper über den Sand und wich gehorsam auf des anlegen das Schenkels seitwärts. Ich lobte den Hengst ausgiebig und prompt kam der Kopf rum, um sich ein Leckerli abzuholen. Einige Male wiederholte ich die Schenkelweichen, bevor ich das Training beendete. Ich war zufrieden mit dem Hengst, das war ein guter Start in den Tag. Während ich die Abschwitzdecke auf dem hellen Hinterteil des Pferdes ausbreitete, betrat Hazel mit Doo Wop die Halle.
      “So früh schon, so fleißig, dein Urlaub muss ja wirklich motivierende gewesen sein?”, grinste sie, während sie den Gurt ihrer Stute fest zurrte.
      “Ja, Spanien war schön und nicht so unerträglich kalt wie hier”, lächelte ich versonnen.” Als Raphael mich vor zwei Wochen recht kurzfristig fragte, ob ich ihn nach Spanien begleiten wollte, hatte ich nicht lange überlegen müssen. Europa und dann auch noch mit dem süßesten Springreiter im Umkreis von tausend Kilometern.
      “Wart ihr nur auf dem Turnier oder habt ihr auch anderes gemacht?”, versuchte sich die zierliche Gestalt gefühlvoll an den eigentlichen Grund irreres Interesses heranzutasten.
      „Wir waren auch noch in Barcelona, am Stand und in den wahrscheinlich luxuriösesten Hotelzimmer, die ich jemals betreten habe. Du glaubst nicht wie unheimlich schön so ein Infinitypool ist“, begann ich zu schwärmen.
      “Uhhh, also war es heiß?”, hakte Hazel weiter nach und ihr verwegenes Grinsen macht deutlich, dass sie nicht vom Wetter in Europas Süden sprach.
      “Sí", schmunzelte ich, denn neben den Locations waren auch noch ganz andere Aussichten atemberaubend gewesen.
      “Na dann verstehe ich deine Laune vollkommen”, gluckste Hazel und schwang sich auf ihre Stute, die mittlerweile beinahe eingeschlafen war.
      “Und warum bist du so gut drauf? Hängt das etwa mit dem jungen Mann zusammen, der dich neulich abgeholt hat?”, war nun ich an der Reihe Neuigkeit in Erfahrung zubringen. Dass Hazel seit geraumer Zeit nur noch an ihrem Handy hing, wenn sie nicht gerade auf dem Pferd saß, war mir bereits aufgefallen, doch hätte ich nicht ergründen können wieso. Zumindest bis Jayden mir einen Snap mit den Worten “Unsere kleine Hazel wird erwachsen" sendete. Obwohl aus gefühlten tausend Metern Entfernung aufgenommen, war der junge Mann deutlich zu erkennen gewesen, in dessen Auto die kleine Brünette stieg. Ebenso ließ ihre optische Aufmachung keinen Zweifel daran, was sie von ihm wollte – es war eindeutig ein Date Night Outfit.
      “Woher weißt du das? Sicher, dass du weg warst?“, lachte sie erstaunt.
      “Ich hab so meinen Quellen”, entgegnete ich grinsend,”also sag schon.”
      “Ja, Lewis ist der Grund. Wir gehen nachher auf eine Zuchtveranstaltung, für Westernpferde versteht sich”, sprach sie und das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde immer breiter.
      “Oh wie schön, dann wünsche ich dir schon mal viel Spaß für später”, grinste ich und verließ mit Pancho die Halle. Sein Fell war mittlerweile trocken, womit er wieder raus zu den anderen Pferden durfte. Der nächste Weg führte mich zu Peppermint, einem der Junghengste, der diesen Winter angeritten werden sollte. Der gepunktet Warmblüter stand zusammen mit den anderen Jungpferden etwas weiter entfernt auf einer der Weiden an den Berghängen. Dort hinzugelangen, wäre ein ganzes Stück zu Fuß, weswegen ich mir Lilli vom Paddock holte. Die Tinkerstute war ein nicht ganz einfaches Schulpferde, weshalb sie nahezu chronisch unterbeschäftigt war. Schnell putzte ich die Stute über und schallte ihr ein Reitpad auf den Rücken, da sie für mein Gefühl ohne Sattel ein wenig zufriedener lief. Aufgetrenst und mit einem Halfter für den Junghengst ausgerüstet, ginge schließlich los. Wie ein Panzer pflügte das kleine Kaltblut durch den tiefen Neuschnee und bekam für ihre Verhältnisse sogar richtig Tempo. Auf halbem Wege kam mit Felix mit Keks entgegen.
      “Guten Morgen”, grüßte er freundlich und hielt die Warmblutstute auf meiner Höhe an, “Auch so früh schon eine Runde ausreiten, oder wohin soll es gehen?” Neugierig stellte Lilli die plüschigen Ohren auf und reckte den Kopf zu der braunen Stute hin. Kurzes Quietschen erklang, bevor der Hannoveraner den Kontakt doch freundlich erwiderte.
      “Jein, es geht zu den Jungpferden, Peppy holen und ehrlich gesagt wollte ich nicht so weit durch den Schnee stapfen”, lachte ich.
      “Verstehe ich, vor allem, weil du in Spanien bestimmt weniger das Problem mit kalten nassen Füßen hattest”, nickte mein Kollege freundlich.
      “Ja, wenn dann eher gezielt, als unbeabsichtigt”, scherzte ich. Ich erzählte noch ein wenig mehr von Spanien und im Gegensatz zu meiner Kollegin, war Felix weniger an meiner Begleitung interessiert, als tatsächlich an meinem Urlaub. Kaum hatten jeder von uns seinen Weg wieder aufgenommen, tauchten auch schon die Jungpferdewiesen vor uns auf. Viele der Jungstuten drängten sich neugierig am Zaun. Ganz besonders aufdringlich war Elfe, eines der ältesten Tiere in dem bunten Haufen. Die Roanscheckstute drängte sich eng an die Holzbretter, als wolle sie sich hindurchdrücken. Gelassen ließ Lilli die zahlreichen Schnauzen an ihr schnuppern, während ich nach meinem Liebling Ausschau hielt. Rooma oder Darkroom, wie sie eigentlich hieß, kam ganz nach ihrer Mutter Black Lady, einzig die Abzeichen schien sie von Shavalou geerbt zu haben. Besonders niedlich dabei, war die Blesse, die sich auf ihrer Stirn zu einem Herz verformte. Ich entdeckte die Rappstute schließlich etwas abseits des Zaunes in Begleitung von Devil’s Eye und der gleichaltrigen Candela. Zwischen all den bunten Schecken, stach der minimalistische Rappe auf, auch wenn jetzt im Spätherbst viele der hellen Tiere eher in einem Matschbraun erschienen. Schnell verloren die jungen Pferde das Interesse an der Tinkerstute und zerstreuten sich wieder, als ich den Weg zu den Hengsten fortsetzte. Direkt neben dem Wasserfass, stand Jaces Hengst Solo und versuchte sich mit Schachi gegenseitig in Ohren, Hals und Mähne zu beißen, scheinbar auch recht erfolgreich, denn beide Hengste hatten einige Löcher im Fell. Die weiteren Tiere suchten unter der frischen Schneedecke nach einigen Grashalmen. Ich glitt vom Rücken, der kleinen Tinkerstute, ließ sie vor dem Tor stehen. Der Hengst des Begehrens stand glücklicherweise nicht allzu weit weg, sodass der Weg durch den Schnee nur kurz war.
      “Na, Peppy, Lust ein wenig zu arbeiten?”, sprach ich den Hannoveraner an, der daraufhin den Kopf anhob. Zu Begrüßung hielt ich ihm einen Leckerbissen hin, den er zart von meiner Hand nahm. Artig ließ er sich halftern und folgte mir zum Tor, wo die Tinkerstute unverändert stand, nicht einen Huf hatte sie bewegt. Geschickt zog ich mich wieder auf ihren Rücken und begab mich mit dem jungen Pferd im Schlepptau zurück zum Hof. Schnell war Lilli zurück auf ihr Paddock gebracht, sodass ich beginnen konnte mit Pepper zu arbeiten. Für heute hängte ich den Rappen nur an die Longe. Zu Beginn war er ein wenig aufgeregt, ließ sich von Hazel und Injaki ablenken und hielt sich dadurch in der Oberlinie fest, doch mit jeder Runde wurde der Hengst entspannter und begann gegen Ende sogar sich zu tragen. Zufrieden beendete ich damit das Training und bemerkte erst jetzt, dass ich einen Zuschauer bekommen hatte. Ein wohlbekanntes Gesicht grinste mir entgegen, die hellen Augen so strahlend wie die LEDs über unseren Köpfen. Wie ein in Panik versetztes Pferd, begann mein Herz urplötzlich zu rasen, sendete unheimliche Mengen des Lebenssaftes durch meinen Körper.
      “Rhapael”, stammelte ich von den Empfindung übermannt, “solltest du nicht … auf einem Turnier sein, ich dachte, du kommst erst Ende der Woche?” Neugierig, lief der Hengst an meiner Longe auf den jungen Mann zu und beschnupperte ihn.
      “Ja, da hast du schon recht, aber mir war heute nicht danach”, zuckte er mit den Schultern, als sei es ganz und gar nicht wunderlich. Wie hypnotisiert starrte ich auf seine langen, schlanken Finger, die sanft über Peppers Stirn strichen. Ein wohliger Schauer überlief mich, als mein Körper sich erinnerte, dass ebendiese Finger, vor nicht allzu langer Zeit ebenso zärtlich über meine Haut strichen und ich musste mir auf die Lippen beißen, um nicht leise aufzuseufzen.
      “Aber warum bist du dann hier und nicht … Zuhause?”, fragte ich verwirrt. Es kam mir nur wenig sinnig, warum es den Springreiter ausgerechnet mitten im Nirgendwo in die Kälte zog, wenn er auch an einem deutlich gemütlicheren Ort sein konnte.
      “Da ist nicht so nette Gesellschaft?”, sprach er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
      Mit großen Augen starrte ich ihn an. Hatte er das wirklich gesagt, oder war das nur ein Produkt meiner Wunschvorstellung?
      “M-meinst du … mich?”, hakte ich ungläubig nach, dass ich mich auch nicht verhört hatte.
      “Ich bin wegen des hübschen Hengstes hier”, sprach er und fuhr damit, fort dem Hannoveraner den kräftigen Hals zu kraulen. Offenbar schienen meine Augen immer großer zu werden, der lachend hängte er an: “Nein, natürlich meine ich dich, Dummerchen.” Unwillkürlich schoss sengende Hitze durch meine Adern, blitzte durch meine Nervenenden und brachte meine Synapsen zum Platzen. Tatsächlich, ich hatte mir das nicht nur eingebildet. Raphael, der aufstrebende Star des nationalen und internationalen Springsport kam hier her, für mich. MICH, das vermutlich unbedeutendste Wesen, was der Reitsport jemals gesehen hat.
      Klar, er hatte mich bereits mit nach Spanien genommen, aber das fühlte sich anders an. Es mochte daran liegen, dass er mich nur deshalb fragte, weil ein Freund von ihm absprang und er nun einen Ersatz brauchte … oder war es am Ende nur ein Vorwand gewesen?
      Ein lautes Scheppern holte mich zurück in die Gegenwart, wo ich mich erst einmal panisch orientierte, was der Auslöser dafür war. Injaki, war offenbar in einem Trotzanfall, samt Hazel in eines der Hindernisse gescheppert, die noch im unteren Teil der gigantischen Reithalle aufgebaut waren. Das junge Tier an meiner Longe war zu Salzsäule geworden und starrte hoch aufgerichtet in die Richtung, in der meine Kollegin zu Füßen, den Criollohengstes lag.
      Reaktionsschnell war Raphael, bereits die wenigen Stufen der Tribüne hinuntergelaufen und befand sich längst auf halbem Wege zu ihr.
      “Hazel, alles in Ordnung?” rief ihr zu, denn Pepper verhinderte wie ein Anker, dass ich mich zu ihr hin bewegen konnte.
      “Ja, alles noch dran”, ertönte eine kräftige Antwort und sie setzte sich langsam auf. Jakie, der sich offensichtlich selbst vor seiner Aktion erschrocken hatte, stand mit gesenktem Kopf daneben, die Zügel hinter den Ohren hängend. Der Springreiter war mittlerweile bei Hazel angelangt und reichte ihr die Hand zum Aufstehen, ihr schien augenscheinlich nichts passiert zu sein. Nachdem Raphael sich der Unversehrtheit, meiner Kollegin versichert hatte, sah er nach dem dunklen Hengst. Vorne links lahmte er leider, wenn auch nicht besonders stark. Wie sich der Criollo wieder bewegte, kehrte das Leben in auch in Pepper zurück.
      “Danke, den Rest schaffe ich allein”, nahm Hazel ihm ungeduldig die Zügel aus den Händen und verschwand mit dem Rappen. Seltsames verhalten.
      “Verschwindet sie immer so schnell?”, fragte Raphael irritiert, woraufhin ich nur mit dem Kopf schüttelte. Gemeinsam verließen wir nun auch die Hallen und begaben uns in den Hauptstall, wo ich Peppermint den Kappzaum abnahm und alles verräumte.
      “Möchtest du noch einen Kaffee, der Weg zu Koppel ist nicht der kürzeste”, warnte ich den jungen Mann, bevor wir den Weg zu den Koppeln einschlugen.
      “Nein, danke, ich bevorzuge meine Schneespaziergänge ohne Zusatzballast”, lehnte er freundlich ab, nahm den Strick vom Haken an der Wand, und hängte den Hengst ab. An seiner Seite folgte ich ihm hinaus in den Schnee. Still war es draußen, alle hielten sich bevorzugt unter einem Dach auf und das glitzern weiß, schluckte die Geräusche der Umgebung.
      “Weißt du, was mir hier draußen gefällt?”, begann Raphael nach einem Moment der Stille, die einzig von den leisen Geräuschen der Schritte und Peppers leisem schnauben durchbrochen wurde. “Hier ist es so schön ruhig und man wird nicht auf Schritt und Tritt verfolgt und angestarrt. Das schenkt einem unheimliche viel Freiheit.”
      “Freiheit, inwiefern?”, fragte ich nach, denn ich verstand nicht so recht, was er meinte.
      “Die Freiheit, alles zu tun, ohne gleich das neue Klatschthema für die nächsten zwei Wochen zu sein”, lächelte er sanft. Wie beiläufig ergriff er meine Hand und verwob unsere Finger miteinander. Warmes Glück perlte durch meine Adern, sammelte sich in meinem Bauch zu einem wohligen kribbeln und beschleunigte meinen Herzschlag.

      .
      © Wolfszeit | Quinn Drake | 12.550 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
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    • Wolfszeit
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  • Album:
    Torstall
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    Wolfszeit
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    28 Okt. 2021
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  • WHC' Poseidon
    Gott der Meere

    Rufname: Pfützi, Herrscher der Pfützen, Göttlichkeit
    geboren 18. März 2014

    Aktueller Standort: Whitehorse Creek Stud, Cadomin [CAN]
    Unterbringung: Hauptstall; Box [8h], Weide [16h]


    __________ p e d i g r e e

    Aus: Colour Splash [Hannoveraner]
    MMM: Cape Tycoon _____ MM: Miss Vista _____ MMV: Show Heart
    MVM: Herzchen _____ MV: Hirtentanz _____ MVV: Axis TSF



    Von: Herkules [Hannoveraner]
    VMM: Haubenlerche _____ VM: Heliosphäre MD _____ VMV: RFF The Alchemist
    VVM: Paloma _____ VV: Christ _____ VVV: Competent


    __________ i n f o r m a t i o n

    Rasse: Canadian Sport Horse [HANN]
    HANN [10%], TRAK [42%], VB [42%]


    Geschlecht: Hengst
    Stockmaß: 168 cm
    Farbe: Black Splash
    [Ee aa nSW]

    Charakter
    verspielt, freundlich, mutig, superhydrophil

    Poseidon ist ein wahres Seepferdchen, sieht er eine Pfütze, will er sofort hin. Aber aufgepasst, im Wasser kann er Wild werden. Der wendige Hengst ist hervorragend geeignet für den Parcours und mit seinen eleganten Bewegungen kann er sich auch in der Dressur sehen lassen.

    *springt für das kanadische Nationalteam
    *hat Croissants zum Fressen gern


    __________ p e r f o r m a n c e

    [​IMG]

    Dressur E [L] – Springen L ['S] – Militay E [L] – Distanz E [M]

    Niveau: International

    Februar 2022
    Training, Springen E zu A

    März 2022
    Training, Springen A zu L

    Januar 2022
    Training, Dressur E zu A

    März 2024
    3. Platz, 442. Synchronspringen


    __________ b r e e d i n g

    [​IMG]
    Stand: 01.09.2022


    WHC' Poseidon wurde durch HK XXX zur Zucht zugelassen.

    Zugelassen für: HANN, CSH, a. Anfrage
    Bedingungen: Keine Inzucht, Springen mind. M
    Decktaxe: x Joellen, [Verleih auf Anfrage]

    Materialprüfung: -

    Körung
    Exterieur: -
    Gesamt: -

    __________ o f f s p r i n g

    WHC' Poseidon hat 0 Nachkommen.

    NAME a.d. STUTE *20xx


    __________ h e a l t h

    Gesamteindruck: Gesund; gut in Training
    Krankheiten: -
    Beschlag: Falzeisen mit Stollenlöchern


    __________ a d d i t i o n a l

    Pfleger: Lia Bentley
    Reiter: Raphael Craig
    Trainer: Amber Lépicier
    Eigentümer: Raphael Craig [100%]
    Züchter: Whitehorse Creek Stud, Cadomin [CAN], Luchy Blackburn
    Ersteller: Mohikanerin

    WHC' Poseidon steht aktuell nicht zu Verkauf.
    Wert: 1 Mio. Meerjungfrauenschuppen [1040 Joellen]

    Punkte: 6

    Abstammung [2] – Trainingsberichte [2] – Schleifen [0] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [2]
    _____

    Spind – Exterieur – PNGHintergrund

    Poseidon existiert seit dem 28. Oktober 2021