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Occulta

The Cold Crack of Dawn

† 08.03.2015, Verkehrsunfall

The Cold Crack of Dawn
Occulta, 8 März 2015
    • Occulta
      Geschichte:
      Occulta
      Ankunft von Crack und Risandro 28.04.2013

      Heute früh stand ich nichtsahnend auf und machte mich wie gewöhnlich für die Arbeit mit den Pferden fertig, als plötzlich mein Mann mir von hinten die Augen zuhielt und sie anschliessend mit einem Schal verband. „Was ist denn…?“, fing ich entrüstet an, doch er machte nur „Schhhht“ und führte mich zum Auto. Immer noch etwas verwirrt stieg ich ein und versuchte herauszufinden, was er vorhatte. Ich hatte vor etwas mehr als einer Woche Geburtstag gehabt und war ein wenig enttäuscht über sein Geschenk, eine einfache Karte und eine Tafel Schokolade, gewesen. Es war mir so vorgekommen, als hätte er nicht gewusst, was er mir schenken solle. Ich legte zwar für gewöhnlich nicht so einen Wert auf Geschenke, aber hätte dennoch wenigstens etwas Selbstgebasteltes oder so erwartet. Aber was konnte er mir denn nun noch grossartiges zeigen wollen? Während der ganzen Autofahrt sagte er kein Wort. Ich versuchte zu erraten, wo wir hinfuhren, aber es gelang mir nicht. In einer Kurve bemerkte ich durch ein leichtes Ruckeln des Fahrzeugs, dass der Anhänger hinten angehängt sein musste. Hatte er etwa ein neues Pferd gekauft? Endlich hielt das Auto auf einem Kiesweg, was ich beim Aussteigen durch das Knirschen unter meinen Füssen bemerkte. Ich versuchte durch den dünnen Stoff des Schals etwas zu erkennen, aber ich konnte nur hell und dunkel unterscheiden. Nun betraten wir eine Art Feld, denn ich spürte das Gras um meine Knöchel streifen. Schliesslich blieben wir im Schatten einer Baumgruppe stehen und er nahm mir den Schal ab. Meine Augen mussten sich erst wieder an das grelle Tageslicht gewöhnen. Nach ein paarmal Blinzeln sah ich endlich wieder scharf und bemerkte, dass vor uns am Zaun eine wunderschöne, kleine Sabino-Vollblutstute angebunden war. Am türkis farbenen Halfter hatte sie eine kleine blaue Schleife mit einem Zettelchen daran. Ich trat einen Schritt näher und las die Schrift meines Mannes. „Happy Birthday Schatzi, ich dachte mir du könntest sie mögen :) Name: The Cold Crack of Dawn“ Ich drehte mich zu ihm um und fiel ihm erstmal um den Hals. Ich hatte mir schon lange eine Blue Roan Stute gewünscht, noch dazu ein Sabino – absolutes Traumpferd. Dann betrachtete ich die Stute näher. Sie schien noch sehr jung, vermutlich höchstens 2 Jahre. Sie hatte einen guten Körperbau und eine wilde, zerzauste Mähne. Vermutlich kam sie geradewegs von der Fohlenweide. Sie schien mich mit ihren dunklen Augen zu durchbohren, als wäre sie genauso aufgeregt wie ich. Ich streichelte ihr über die Stirn und kraulte sie hinter den Ohren, um zu prüfen ob sie Kopfscheu war oder nicht. Aber sie liess sich alles ohne zu zucken gefallen. Anschliessend banden wir sie los und führten sie zum Anhänger. Auch das Einladen klappte recht gut, sie folgte mir ziemlich rasch in das „gefährliche“ Monster. Zuhause kam dann gleich noch die nächste Überraschung: Als wir ankamen bekam ich gerade eine Sms von Jackyline. Sie fragte, ob ich Risandro übernehmen könne, damit der Dicke nicht wieder zurück in die Rettungsstation müsse. Ich sagte zu, also fuhren wir am Nachmittag noch los um ihn zu holen. Er kam zu Pilot und den anderen in den Nebenstall, wo er sich schnell einlebte und das frische Heu genoss. Crack kam in den Hauptstall neben Paint.

      Occulta
      Training und Ausritt mit Crack 07.05.2013

      Ich lief gerade zum Hauptstall, um Crack zu holen. Es war schon Mittag und ziemlich warm. Der Himmel war tief blau und fast wolkenlos, man hörte ein paar Vögel zwitschern. Am Abend würden wir grillieren, zusammen mit allen Pflegern die Zeit hatten. Ich war barfuss und in kurzen Cargo Hosen unterwegs, was zum Reiten eigentlich nicht optimal war, aber sonst wäre ich wohl mit einem Hitzschlag vom Pferd gefallen. Im hauptstall selber war es angenehm kühl, der kalte Steinboden tat meinen armen Füssen gut. Das Sonnenlicht strahlte grell durch die offenen Boxenfenster herein, ein paar der Pferde beobachteten Lily, die gerade Painting Shadows im Innenhof wusch. Viele der Pferde waren aber auf der Weide und genossen das vom Frühling frische gras. Ich lief zu Crack und schnappte pfeifend das Halfter an ihrer Boxentür um sie raus zu holen. Sie wartete schon ungeduldig und schlug mit dem huf gegen die boxenwand. Ich wurde kurz etwas streng und wies sie zurecht, damit sie damit aufhörte. Danach streifte ich ihr das Halfter über und führte sie aus der Box. Ich band sie in der Stallgasse an und bürstete das gesprenkelte Fell gründlich. Als ich auch die frisch geschnittene Mähne und den Schweif entwirrt hatte, zäumte ich sie. Ich hatte vor, ohne Sattel mit ihr ins Gelände zu gehen, vielleicht sogar in den nahen Fluss. Ich würde erst am Abend nach dem grillieren mit ihr auf der grasrennbahn trainieren, sobald es kühler war. Ich stieg mit Hilfe eines Eimers, der vor dem Nebenstall im Gras lag, auf. Dann ritt ich los in Richtung Fluss, vorbei an der Galopprennbahn und den Weiden. Ich genoss das kitzeln ihres weichen Fells an meinen Füssen. Crack war wie immer sehr lauffreudig und sah aufmerksam und mit gespitzten Ohren umher. Die Tannen der Galoppbahn warfen einen Augenblick einen kühlen Schatten auf uns, als wir hindurch ritten und den Hof verliessen. Eine Weile ritten wir neben dem Fluss auf einem Feldweg, bis zu einem kleinen Trampelpfad, der zu einem sandigen Ufer des Flusses führte. Dort stieg ich erst mal ab, um Crack das Wasser vom Boden aus zu zeigen. Dabei musste ich auf meine Füsse aufpassen. Ich führte sie zum Ufer und machte einige Schritte ins kühle Nass. Sie folgte mir etwas misstrauisch, fing aber schon bald an mit den Hufen zu scharren und fasziniert den Sand aufzuwirbeln. Ich beschloss, weiter rein zu gehen und so wieder aufzusteigen. Gedacht – getan: ich führte sie rein, bis wir fast nicht mehr stehen konnten und kletterte dann wieder auf ihren rücken. Es war wundervoll; wir beide genossen die Abkühlung sichtlich. Ich kletterte währen sie halb schwimmend herumwatete auf ihrem Rücken herum und lag einmal sogar quer darüber. Es war fast wie auf einem Schwimmbrett, nur viel bequemer. Als sie genug hatte, lief sie langsam zurück zum Ufer. Ich setzte mich wieder richtig hin und liess meine Füsse durchs Wasser ziehen, während sie ans Ufer stapfte. Wieder auf dem Trockenen schüttelte sie sich und ich musste mich an der Mähne festhalten, um nicht runter zu purzeln. Danach trabten wir zurück zum Stall, ich konnte ihr auch einen kleinen Galopp nicht verweigern. Beim Stall bemerkte ich, dass mein Mann die Ministuten wiedermal rausgelassen hatte. Das machten wir oft, denn sie blieben auf dem Hof, schliesslich bekamen sie ja hier ihr Futter. Daki, Goldy, Lady und Chip kamen auf uns zugetrabt und begleiteten uns zum Hauptstall zurück. Crack schien das gerade recht: so hatte sie jemanden zum schnüffeln und quiecken. Ich band sie drinnen wieder an und bürstete sie ein wenig durch, zum Glück war sie schon fast wieder trocken. Danach brachte ich sie auf eine der Weiden. Die Minis folgten mir zurück bis zur Wiese vor dem Haus, wo mein Mann schon dabei war den Grill anzufeuern. Daki und Goldy grasten zwischen den Bäumchen vor dem Haus, Chip und Lady nervten meinen Mann. Ich rannte ins Haus und barfuss die Treppe hoch, um meine Hängematte zu holen. Die Letzten Stufen beim hinuntergehen sprang ich übermütig, wobei ich mir beinahe den Knöchel verknackste. Draussen hängte ich die Hängematte an den beiden kleinen Bäumchen in der nähe des Grills auf und lag dann mit einem guten Buch im schatten darauf. Lange hatte ich nicht Ruhe, denn sobald ich mich hingelegt hatte, liess Daki vom Gras ab und zupfte stattdessen an meiner Hängematte rum. Ich scheuchte sie immer wieder weg, schliesslich einigten wir uns darauf, dass sie ausgerechnet mit dem Kopf unter der Hängematte graste und ich sie am Wiederrist kraulte während dem Lesen. Mit der Zeit kamen die Pfleger, hungrig von der Stallarbeit. Aber es dauerte nicht lange, dann sassen wir alle mit dem Essen an den Klapptischen und plauderten fröhlich. Die Stimmung war top, meine Maiskolben super lecker und Chip sorgte für Unterhaltung, weil sie immer wieder versuchte den Tisch umzuwerfen. Als es kühler wurde und langsam dämmerte, holte ich die Reitsachen und lief wieder zum Hauptstall. Ich Bürstete Crack nur noch kurz durch, denn geputzt war sie ja heute schonmal worden. Kaum war ich fertig, als mein Mann und Quinn reinkamen. "Hey Occu, wie wär's mit einem kleinen Übungsrennen? Spot und Kierka müssen auch noch ein wenig arbeiten." er grinste schelmisch, denn er wusste genau, dass ich nicht wiederstehen konnte. Ich meinte: "Na klaro!" und holte Cracks Rennsattel. Als ich aufstieg flüsterte ich Crack ins Ohr: "komm Süsse, wir zeigen denen was in dir steckt!", denn das war ihr erstes Rennen. Auch wenn es nur zum Spass war, wollte ich zeigen wie weit sie schon war. Wir ritten alle zu den Startboxen, vorbei an der grossen Halle. Ein Besen fiel um, als ein Windstoss durchfegte. Crack, die sowieso schon wieder hibbelig war, erschrak und stieg. Ich war nicht gefasst, weil ich gerade mit Quinn geredet hatte, also stürtzte ich unsanft ins kühle Gras neben dem Weg. Crack blieb zum Glück stehen und liess sich von meinem Mann beim Zügel nehmen, und ich hatte nur ein paar blaue Flecken mehr. Immernoch etwas durcheinander stieg ich wieder auf. Wir ritten auf die Bahn und machten eine Runde Trab zum einwärmen. Es war lustig nebeneinander zu traben. Die Pfleger und sonstigen Zuschauer aus der Nachbarschaft, die auch zum Grillieren eingeladen gewesen war, nahmen Platz im Gras am Rand der Rennbahn. Wir losten anschliessend die Startboxen-Nummern aus, ich zog die 3. In die Startbox ging Crack ohne Probleme, aber als Lewis die Türen schloss, zappelte sie ein wenig herum. Ich beruhigte sie und konzentrierte mich auf die Strecke vor mir. Kierka hängte mal wieder das Sensibelchen raus und weigerte sich in die Box zu gehen. Schliesslich musste Lewis, der für den Start verantwortlich war, sie mit viel Geduld hineinführen. Kurz darauf sprangen die Türen auf und Crack schoss los. Sie hatte im Training ein ausgesprochen gutes Startgefühl entwickelt. Im Moment führte Spot, doch auch er war noch nicht so erfahren und mein Mann machte den Fehler, ihn am Anfang zu lang zu lassen. Quinn und Kierka hielten sich vorerst im Hintergrund. Ich nahm Crack etwas zurück, um sie sauber auf die Innenbahn zu lenken. Mein Mann bemerkte mein vorhaben und blockierte uns. Er drehte sich kurz nach hinten und grinste uns an, dann liess er Spot nochmals schneller laufen. Ich schüttelte den Kopf und blickte zu Quinn, die Kierka nun neben mich und Crack steuerte. Wir kamen an der 750-Meter Markierung vorbei, also war die Hälfte der Bahn durch. Ich Beschloss in der nächsten Kurve auf der Aussenseite aufzuholen und so neben meinen Mann zu kommen. Nun bogen wir auf die Zielgerade und Spot und Crack waren Kopf an Kopf. Doch als wir an der 1250er Markierung vorbeischossen, kam Kierka wie aus dem Nichts von hinten und setzte sich an die Spitze. Quinn warf uns noch ein letztes Lächeln über die Schulter zu, dann war das Rennen vorbei. Ich bremste Crack langsam ab und liess sie austraben. Mein Mann war knapp letzter geworden, weil er Spots Ausdauer überschätzt hatte. Ich war stolz auf Crack und natürlich auf Kierka, denn sie hatte wiedermal bewiesen, was in ihr steckt. Ich wusste aber genau: Cracks Zeit würde noch kommen.

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      Vollblütertraining und so weiter 22.06.2013

      Wie versprochen machte ich mich nach dem Spaziergang mit den Minis noch auf zum Hauptstall, wo ich Sunday putzte und sattelte. Stromer, Felicita, Light, Crack und Paint waren am Morgen schon bewegt worden, blieben also nur noch Spot, Kierka, Pina und Sunday eben. Ausserdem sollte um sieben Uhr noch eine neue Stute ankommen: Shades of Gray. Ich hatte die Süsse von einem Kollegen in Süd England abgekauft. Die Zweijährige war noch nicht eingeritten worden. Doch nun erstmal zurück zu Sunday, den ich nach dem Putzen zur Bahn ritt. Es war schon deutlich kühler geworden und die Sonne stand nicht mehr ganz so hoch. Auf der Grasbahn liess ich ihn locker eintraben, darauf folgte ein kleiner Galopp. Dann trabte ich ihn bis zum 500-Meter Pfosten und machte dort einen fliegenden Start. Er ging gut, galoppierte sauber im Takt. Bei der 1000-Meter Markierung liess ich ihn noch einmal zulegen bis zur 1200er Markierung, danach liess ich ihn auslaufen. Ich lobte ihn und wendete auf der Bahn. Nun wiederholte ich das Ganze auf dieser Seite. Diesmal machten wir eine ganze Runde auf der 1500 Meter langen Bahn. Er blieb bis zum Ende fit, also hängte ich nach einer halben Trabrunde einen kleinen Lockerungsgalopp an. Danach liess ich ihn austraben. Er streckte trotz der Anstrengung schön den Kopf nach unten und lief schwungvoll vorwärts, ein Zeichen dass er mittlerweile gute Kondition hatte. Ich lobte ihn ausgiebig, dann verliess ich im Schritt die Bahn und ritt zur Galoppbahn, um ihn dort noch eine Weile Schritt zu reiten.
      Zurück beim Hauptstall sattelte ich Sunday ab und wusch ihn. Er hatte stark geschwitzt wegen der Wärme und der hohen Luftfeuchtigkeit. Ich nutzte die Gelegenheit, um ihn ganz abzuduschen. Dazu rieb ich ihn ordentlich mit Shampoo ein und spülte dieses danach gründlich aus. Zum Trocknen liess ich ihn ein wenig an der Hand grasen. Er war recht schnell trocken, also verräumte ich ihn wieder in die Box und lief danach zum Parkplatz, wo mein Mann schon wartete. Gleich würde die neue Stute kommen. Wenige Minuten später fuhr der Anhänger auf den Hof und die graue Zweijährige wurde herausgeführt. Ich nahm sie entgegen, während mein Mann sie sich genau ansah. Sie schien top fit und bereit zum einreiten. Zufrieden führte ich sie in ihre neue Box neben Crack. Mein Mann fuhr daraufhin los um eine weitere neue Stute zu holen: Islah. Auch sie kam gut an, die beiden neuen schienen sich jedenfalls auf Anhieb wohl zu fühlen in der grossen Box. In der Zwischenzeit hatten Quinn, Oliver und Lily Pina, Kierka und Spot bewegt. Nun waren also alle müde und zufrieden, Zeit dass auch die Menschen eine Pause bekamen. Zum Abschluss des Tages sassen wir also alle noch draussen vor dem Haus und assen eine Schüssel Fruchtsalat.

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      Crack an der BSK 400 27.06.2013


      Ich lud Crack gerade aus dem Anhänger. Mein Mann hielt sie kurz fest, damit ich den Sattel auflegen konnte. Als ich sie fertig gezäumt hatte, liefen wir zur Halle, wo gerade die Startnummer drei am Reiten war. Ich hatte die Nummer 10, also begann ich auch langsam mit dem Einreiten. Wir trabten ein paar lockere Runden, aber Crack war ziemlich aufgeregt. Mit ihrer sonst schon temperamentvollen Art war sie gewiss kein Anfängerpferd. Kaum hatte ich sie ein wenig ruhiger bekommen, ging auch schon die Hallentür auf und die Teilnehmerin Nummer neun ritt heraus. Mein Mann tätschelte Crack nochmal den Hals und wünschte mir viel Glück, dann trabten wir in die Halle. Es waren nicht besonders viele Leute da, worüber ich froh war. Denn so waren wir beide nicht so nervös. Ich hielt bei X und grüsste die Richter. Dann ritt ich im Trab an. Zuerst trabte ich auf der linken Hand eine grosse Volte, die ich verkleinerte und anschliessend wieder vergrösserte. Nun wechselte ich über die Diagonale und verstärkte den Trab auf der langen Seite der Bahn. Bei H hielt ich Crack an, so dass sie geschlossen stand und liess sie gleich danach etwas rückwärts treten. Ich trabte gleich wieder an und verstärkte den Trab erneut, denn das war eine ihrer Spezialitäten. Bei K versammelte ich sie wieder und liess sie anschliessend bei A angaloppieren. Wir galoppierten eine grosse Volte und wechselten anschliessend aus der Volte die Hand. Bei X machte sie einen korrekten Galoppwechsel. Als wir auch auf die andere Seite eine Volte galoppiert hatten, liess ich sie ganze Bahn gehen und verstärkte den Galopp kontrolliert. Bei F nahm ich sie wieder auf und parierte anschliessend bei K aus dem Galopp in den Schritt. Dann wechselte ich im starken Schritt durch die Breite der Bahn und nahm sie danach wieder zurück in den Mittelschritt. Bei C Trabte ich sie wieder an und liess sie bis zum Buchstaben A im Schulterherein gehen. Dann bogen wir wieder auf die Mittellinie und hielten bei X, wo ich die Richter erneut grüsste. Ich lobte sie ausgiebig, liess die Zügel aus der Hand kauen und verliess im Schritt die Halle. Draussen bekam Crack ihren verdienten Apfel und abermals ein grosses Lob von meinem Mann. Ich war mächtig stolz auf meine kleine Maus!

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      Ein kleiner Spätsommerausflug 14.09.2013

      Es war ein kühler Morgen, aber die ersten Sonnenstrahlen tauchten bereits hinter den Pinien in der Ferne auf. Ich war gerade auf dem Weg zum Parkplatz, um dort das Transportfahrzeug, ein Miet-Camion, für den Ausflug bereitzumachen: wir hatten vor, nach Waterloo (in der Nähe von Liverpool) an den Strand zu fahren und dort baden zu gehen. Ich brachte ein paar Bürsten und Heu, sowie Zaumzeuge verschiedener Art in die kleine Seitenkammer für das Zubehör. Wir konnten maximal 6 Pferde mitnehmen, waren uns aber noch nicht ganz einig welche. Als ich die Ausrüstung vorbereitet hatte, lief ich zum Nebenstall, wo sich Quinn, Lewis, Jonas, Lisa und mein Mann bereits versammelt hatten. „So, habt ihr euch schon entschieden, wen ihr mitnehmt?“ Die meisten nickten, nur Lisa schien unentschlossen. Mein Mann erklärte kurz: „Quinn nimmt Summer, Lewis möchte gerne Islah, Jonas schnappt sich Blüte. Lisa kann sich nicht entscheiden zwischen Peace und Dream…“ „Lisa, nimm doch Dream, mit der verstehst du dich sicher gut und sie ist nicht so gross, du bist dir ja eher kleine Pferde gewöhnt.“, schlug ich vor. Sie nickte zustimmend. „Und wen nimmst du Jack?“, fragte ich meinen Mann. „Shadow, die mag Wasser ja so gerne und dann fühlt sich Summer auch wohler.“ Die Westernpferde wurden meistens zusammen trainiert und waren zusammen deutlich ruhiger. „Gut, dann nehme ich Gray.“ Sagte ich, anschliessend holten wir die Pferde. Summer war etwas irritiert durch die Transportgamaschen, sie war noch nicht oft gereist. Islah machte wiedermal ihren Trippelschritt, denn auf dem Weg zum Parkplatz stiess Lewis ausversehen einen Eimer an, der laut scheppernd vor dem Nebenstall umfiel. Da die Stute sehr Lärmempfindlich war, hatte er seine liebe Mühe sie zu halten. Er fluchte gut hörbar, beruhigte sich aber schnell und lief zielgerichtet weiter. Islah tänzelte zwar noch etwas, aber liess sich führen. Blütenzauber und die restlichen liefen schön brav mit. Wir fuhren los, als alle eingestiegen waren. Jack kannte die Route, weshalb wir kein Navi brauchten. Die Fahrt war schnell vorbei, und Waterloo kam in Sicht. Wir hatten unterwegs gefrühstückt, die Pferde genossen ihr Heu. Wir parkierten auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe des Strandes und luden alle aus. Summer war etwas aufgeregt, sie blähte die Nüstern und hatte die Augen weit aufgerissen als sie rückwärts raus lief. Aber das hatte ich schon erwartet, denn die Stute mochte fremde Gegenden nicht wirklich. Sobald Shadow ganz relaxt ausgestiegen war, beruhigte sie sich aber doch ein wenig. Wir hörten ein paar Möwen schreien, und die Luft war feucht und salzig. Ich cremte mich kurz ein; als Rothaarige verbrannte man sich nunmal schnell. Auch Lewis musste aufpassen, seine Haare waren ja noch feuriger. Ich zäumte Gray mit einem einfachen Mexikanischen Zaum, zog das T-Shirt und die kurzen Hosen aus, denn ich hatte wie die anderen die Badekleider schon darunter an, und führte sie ein wenig abseits zu einem Grasstreifen, damit sie noch ein wenig fressen konnte, bis die anderen fertig waren. Es dauerte aber nicht lange, und schon machten wir uns auf den Weg zum Wasser. Die Sonne brannte schon jetzt auf meine Schultern. Vor mir lief Quinn barfuss und genoss den warmen Sand. Ich hatte noch meine Sandalen an, die ich später ausziehen wollte. Vorne beim Wasser half ich Quinn beim Aufsteigen und schwang mich dann selber auf den blanken Rücken von Gray. Fast wäre ich wieder heruntergerutscht, aber ich klammerte mich an der Mähe fest und schaffte es, mich hochzuziehen. Ich strich mir die von der feuchten Luft gekräuselten Haare aus dem Gesicht und tätschelte Grays Hals. Noch bevor alle oben waren, trabte Islah plötzlich an und wollte Richtung Parkplatz flüchten. Offensichtlich mochte sie das laute Rauschen der Wellen nicht. Auch Summer begann etwas zu tänzeln, aber Quinn hatte auf ihrem breiten Rücken guten Halt und nahm sie ihn einen kleinen Kreis, um sie zum Stehen zu bringen. Schliesslich schaffte es auch Jonas, sich auf Blütes Rücken zu schwingen. „Antraben?“, fragte Jack hoffnungsvoll. Ich blickte zu Lewis, der immer noch Islah in schach hielt. „Schon okay, ich bin froh, wenn ich die Zicke müde machen kann.“, rief er mir zu. Ich nickte und folgte Jonas im Trab, der vorausritt. Neben mir holte Quinn auf und sah fröhlich umher. Unter mir spannte sich Gray, sie war wie ein kleines Gummibällchen, schön locker und im Spicktrab hüpfte sie durch den Sand. Ich fühlte jede Bewegung der kräftigen Muskeln, die schön rhythmisch angespannt wurden. Islah lief zügig vorwärts, aber Lewis hielt die Araber-Pinto Stute schön zurück. Dennoch trug sie den Schweif aufgeregt hoch. Als Jonas Blüte angaloppierte, schoss Islah plötzlich buckelnd nach vorne und Lewis klammerte sich an ihren Hals. Er schafte es sich im Renngalopp zurück in den Sattel zu retten und zügelte die Stute ein wenig, bis wir aufgeholt hatten. "Alles okay?", fragte ich besorgt, er hatte ein vor Anstrengung rotes Gesicht und schnaufte fast so wie Islah. Aber er nickte und meinte mit ironischem Unterton: "Na klar, ist denn was passiert?" Dann grinste er und legte ein wenig zu im Galopp. Wir flogen eine Weile über den Sand, ab und zu steuerte ich auch ein Stück ins Wasser, wobei dieses bei jedem Galoppsprung bis zum Sattel hochspritzte. Gray schüttelte kurz den Kopf, weil ihr etwas Salzwasser ins Ohr gespritzt war, dann streckte sie sich und wir überholten Islah. Als der Strand wieder schmaler wurde und weiter vorne Kieselsteine in Sicht kamen, bremsten wir ab. "Das war toll!", rief Lisa aus. Dreamy war ganz nass, weil sie fast die ganze Zeit durch die heranschwappenden Wellen geritten war. "Au ja! Gehen wir jetzt noch richtig ins Wasser? Summer hat sich bisher noch nicht so getraut...", fragte Quinn hoffnungsvoll. Wir diskutierten kurz, wobei wir uns eigentlich sowieso einig waren: ab ins Wasser! Dann ritt ich mit Gray vorsichtig voraus. Wir achteten darauf, dass es keine Felsen unterwasser hatte und wateten bald schon Bauchtief im Wasser. Weiter gingen wir aber nicht, da die Pferde die Wellen nicht gewöhnt waren. Dream hielt den Kopf ganz hoch, um ja kein Wasser in die Nüstern zu bekommen. Sie war schliesslich auch die Kleinste. Gray scharrte ein wenig mit den Hufen im Sand. Wir ritten langsam schräg zum Strand zurück. Als der Boden anstieg und das Wasser flacher wurde, lief Gray wieder etwas schneller. Schliesslich verliessen wir das Wasser ganz und die Hufe der Pferde wurden nur noch von den sanften Wellen umspühlt. So ritten wir unter dem tosenden Wellengeräusch noch eine Weile weiter, zurück in Richtung Parkplatz. Dort banden wir die Pferde an einem alten Holzzaun an, lange genug, dass die grasen konnten. In der Zwischenzeit gingen wir Zweibeiner nochmal zum Wasser und badeten. Das Wasser war ziemlich kalt, schliesslich waren wir ja nicht in Spanien, sondern in England. Aber nach einer kurzen Überwindungszeit und nachdem Jack schonmal alle nassgespritzt hatte, waren alle im Meerwasser. Ich liess mich von den mässig hohen Wellen tragen und beobachtete, wie Lewis und Quinn sich nass spritzten. Aber spätestens als ich auch etwas abbekam, stürtze ich mich auf sie. Am Ende liessen wir uns wieder müde treiben. Als eine unerwartet grosse Welle kam wurde ich vor schreck kurz untergetaucht. "Woa, die war riesig!", rief Jonas aus. Ich stimmte zu und beobachtete, wie die Welle an den Strand rollte. Nach etwa einer Stunde liessen wir uns schliesslich müde in den Sand fallen und sonnten noch ein wenig. Es war immernoch recht kühl, aber die direkten Sonnenstrahlen wärmten mich. Ausserdem kam Jack schon wieder angeschlichen und umarmte mich. Nach einer weiteren halben Stunde stiess ich ihn spielerisch beiseite und stand auf. "Ich denke, wir sollten uns langsam etwas zu Essen suchen. Ich hab ordentlich Hunger.", schlug ich vor. Die anderen stimmten zu und wir ernannten Jonas zum Aufpasser. Einer sollte schliesslich bei den Pferden bleiben. Wir anderen machten uns auf in Richtung Stadt. Wir wurden schnell fündig und kauften in einem kleinen Supermarkt Zutaten für ein anständiges Sandwich. Ausserdem noch eine Wassermelone und genügend Getränke für alle. Zurück beim Parkplatz hatte es sogar Campingtische, an die wir uns setzten. Nach dem jeder sein eigenes Sandwich gamacht und gegessen hatte, teilten wir uns noch die Melone. Als alle satt waren und noch Melone übrig war, schnappten wir uns je ein Stück und gaben es den Pferden. Blüte schmazte gleich drauf los, Summer schnupperte zuerst daran und schleckte dann vorsichtig etwas dran rum, Shadow mochte ihr Stück nicht und Islah schnappte es sich liebend gerne auch noch. Gray war am Anfang auch etwas skeptisch, nahm ihr Stück dann aber mit Begeisterung. Danach verluden wir die Pferde auch schon wieder und machten uns auf den Heimweg. Zuhause durften die Sechs dann noch zu den anderen Stuten auf die Weide.
      Anschliessend trainierte ich Stromer, Winter und Paint, die übrigens ihre erste Körung gleich gewonnen hatte. Ich war unheimlich stolz auf sie. Mein Mann, Lily und Oliver trainierten mit mir, sie nahmen dabei nacheinander Spot, Sunday und Felicita; Iskierka und Light; Und Crack und Pina. Wir absolvierten ein paar Trainingsrennen und übten saubere Starts aus den Startboxen. Danach liessen wir sie austraben und brachten sie auf die Weiden, damit sie den Abend noch draussen geniessen konnten. Schliesslich war es bald Winter und dann würden sie früher in den Stall zurück müssen. Ich mochte den Winter trotzdem und freute mich schon auf den flockigen weissen Schnee und die Eiszapfen an den Dächern. Aber nun beobachtete ich erstmal noch die Stuten auf der Weide, mit einem Wassereis in der Hand und im schönen Schein der untergehenden Sonne.

      Occulta
      Neujahrsturnier in Worcestershire 12.01.2014

      Heute wurde ich von Jacky geweckt. Ja, Jacky, die kleine, freche Jack Russel-Terrier Hündin die sonst mein Leben angenehm versüsste sprang mit einem riesen Satz auf mein Bett und schleckte mir das Gesicht ab. Ich schlug entsetzt die Augen auf und schubste sie runter. Dann blinzelte ich verschlafen aus dem Fenster um zu sehen, wie spät es war. Ich hatte offenbar verschlafen, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel. Sofort sprang ich auf und lief die Treppe runter in die Küche. Jack war nirgends zusehen, also ass ich ein Stück Brot und lief anschliessend zum Nebenstall, wo ich Ajith traf. Er war gerade damit beschäftigt, die Boxen auszumisten. “Good morning, have you seen Jack?“ “Yes, he disappeared in the Main Stable half an hour ago.“ Ich bedankte mich für die Auskunft und betrat den Hauptstall. Drinnen duftete es nach frischem Heu und die Pferde waren beschäftigt mit dem Sortieren der Halme. Ich entdeckte Jack beim Putzen von Gleam und Spot. „Ahh da bist du. Warum hast du mich nicht geweckt?“ „Du hast so schön geschlafen, da wollt ich dich doch nicht aus deinen Träumen reissen.“, grinste er als Antwort. Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter und schnappte mir die Bürste von Spot. Jacky, die mir die ganze Zeit hinterher trottete legte sich vor eine der Boxen und döste ein wenig. „Was machen wir heute?“ „Wir gehen auf Turnier, schon vergessen?“ Ich starrte ihn an, dann fiel es mir wieder ein. Wir hatten vor am Nachmittag zum Neujahrsturnier vom Gracelandsequestriancentre in Worcestershire zu gehen. Es war nicht weit entfernt vom Hof und wir kannten die Besitzer sehr gut. „Welche Pferde hast du gemeldet?“, fragte ich und versuchte, Spot einen Schmutzfleck auszubürsten. „Kierka, Stromer, Sunday und Feli“ Ich nickte einverstanden und legte die Bürste erfolglos weg um ihm nun die Hufe auszukratzen. Er wollte den rechten Hinterhuf jedoch mal wieder nicht heben. Schliesslich schaffte ich es aber doch noch, indem ich mich gegen den Junghengst lehnte. Als ich ihn nach draussen führte spielte er gelangweilt mit der Oberlippe. „Du musst gar nicht so tun Spot, ich weiss dass du aufgeregt bist weil wir auf die Bahn gehen!“ meinte ich, ihm tief in die frechen Augen blickend. Er hörte auf und ich stieg auf. Als Jack ebenfalls oben war, ritten wir gemeinsam auf die Rennbahn. Wir trabten, dort angekommen, auch gleich an, denn die Pferde waren durch die kurze Strecke bereits aufgewärmt. Spot zog wiedermal ziemlich an den Zügeln und ich musste ein paar Paraden geben damit er nicht einfach davonflitzte. Light nebendran schien hingegen schön ruhig und noch etwas verschlafen. Nach zwei ganzen Runden auf beide Seiten gab ich Jack ein Handzeichen zum angaloppieren. Wir galoppierten eine halbe Runde bevor wir dann in der Kurve die Zügel etwas freigaben. Sofort machte Spot ein paar grosse Galoppsprünge und war vorne. Doch in diesem Moment war Light aufgewacht und holte schnell auf. Der feurige Hengst hatte den Blick straight forward gerichtet und überholte Spot mühelos. Jack schien Mühe zu haben ihn zu bremsen, schaffte es dann aber ihn kontrolliert laufen zu lassen. Er senkte dazu die Hände und stützte sie auf den Hals von Light, sodass dieser quasi gegen seinen eigenen Hals zog. Wir galoppierten eine ¾ Runde in hohem Tempo und bremsten dann ab. Light war zwar noch immer am tänzeln als ich mit Spot näherkam, aber er war tatsächlich im trab. “Woa, that was great!“, lachte Jack nur und tätschelte dem Hengst auf den verschwitzten Hals. „Ja, aber wir müssen aufpassen, dass er sich nicht überarbeitet.“ Er nickte und parierte ihn in den Schritt. Auch Spot bremste und streckte den Kopf nach unten sobald ich die Zügel lockerer liess. Ich lobte ihn und wir liessen die beiden noch eine Weile im schritt gehen, dann wechselten wir auf die Galoppbahn zum Ausdauertraining. Wir liessen sie dort langsam galoppieren und machten immerwieder Trabpausen, dafür zwei ganze Runden lang. Als wir fertig waren dampften die beiden förmlich, also legten wir ihnen im Stall direkt eine Abschwitzdecke an. Es war zwar nicht mehr ganz so kalt, aber wir wollten kein Risiko eingehen. Kaum waren sie wieder zufrieden in der Box holten Jack und ich auch schon die nächsten beiden, Crack und Pina.
      Besonders mit Pina mussten wir die Starts noch üben, da die junge Stute noch unerfahren mit den Startboxen war. Wir ritten also nach dem Putzen direkt zu den Startmaschinen und liessen uns von Lewis, der kurz Zeit hatte, hineinführen. Ich hatte Pina und Jack nahm Crack. Zusätzlich begleiteten uns Lily mit Winter und Oliver mit Gray. Pina war wie erwartet unruhig und legte die Ohren angespannt zurück. Winter hingegen kaute entspannt auf der Trense und Gray schaute abgelenkt in der Gegend herum. Crack schien ebenfalls gelassen, um sie genauer zu beobachten hatte ich aber keine Zeit, denn schon wurde die letzte Türe geschlossen und Lewis öffnete die Vordertüren – los ging’s. Jedoch nur im Trab und nicht für lange, schon nach ein paar hundert Metern bremsten wir ab und widerholten das Ganze. So brachten wir den Pferden bei, beim Start kontrollierbar zu bleiben. Nach dem dritten Versuch trabten wir weiter und galoppierten dann nach einer Runde locker an. Die ganze Gruppe bewegte sich schön taktvoll und locker. Nach einer weiteren halben Runde parierten wir durch und machten eine Trabpause, danach wechselten wir die Seite und galoppierten erneut an, diesmal beschleunigten wir. Wir versuchten jedoch erstmal noch den Platz in der Gruppe zu halten, ehe wir sie dann richtig gehen liessen. Ich hielt Pina mit Winter Kopf an Kopf um ihren Kämpfergeist zu wecken, während Crack und Gray sich weiter hinten massen. Pina hielt sich gut neben dem schneeweissen Hengst und wir absolvierten ein konzentriertes, wundervolles Training. Danach liessen wir alle vier austraben und brachten die drei Damen nach dem Absatteln auf die Weide, Winter ebenfalls aber etwas entfernt und mit Light und Spot. Als wir alles verräumt hatten, assen wir zu Mittag.
      Am Nachmittag verluden wir Stromer, Sunday, Kierka und Feli in den Camion. Kierka machte natürlich wie immer ein riesen Theater und wir hatten fast zehn Minuten bis sie drin war, aber wir schafften es immerhin zu zweit und ganz ohne Hilfsmittel. Die anderen machten keine Probleme. Lisa und Elliot kamen auch mit, es war aber noch unklar welches Pferd von wem geritten werden würde. Schon eine halbe Stunde später waren wir auf dem Hof angekommen, hatten die Pferde ausgeladen und angebunden. Wir putzten sie noch vor Ort, denn sie waren nicht sehr dreckig da wir sie am Vortag bereits geputzt hatten. Ich erlas noch das letzte Stroh aus Kierkas Schweif, dann konnten wir Satteln. „Wer nimmt den jetzt wen?“ Fragte ich ungeduldig, während ich den Sattel hochhievte. „Occu, du kümmerst dich doch grad so toll um Kierka, da könntest du doch sicher…“ Weiter kam Lisa gar nicht, denn ich hatte schon entschieden den Kopf geschüttelt. „Vergiss den Fisch, ich will endlich wiedermal Stromer, du kannst dich mit der Zicke herumschlagen.“ Wir lachten alle und Lisa nickte augenrollend. Jack rief in die Runde: „Ich nehm Sunday, wir verstehen uns ja so gut.“ Elliot war mit Felicita total zufrieden, also war auch das endlich geklärt. Wir führten die Pferde zum Abreitpaltz und stiegen auf. Das Neujahrturnier war etwas speziell: Ein Springturnier kombiniert mit Dressurübungen. Ich war gleich als erste dran, was die Aufgabe nicht gerade erleichterte. Stromer verhielt sich ein wenig unruhig, was nicht ungewöhnlich für den Hengst war, hatte er doch so einige schlechte Erfahrungen gemacht. Ich kraulte ihm den Hals und zeigte ihm die Sprünge, dann durfte ich anfangen. Ich galoppierte an und ritt auf den ersten Sprung zu. Es war ein Steilsprung, 1m hoch und blau-gelb. Stromer überwand ihn ohne Schwierigkeiten. Nun mussten wir vor dem nächsten Sprung aus dem Trab korrekt anhalten. Auch das war kein Problem, wenn ich auch Mühe hatte den fleissigen Hengst zu bremsen. Der nächste Sprung war ein kleiner Oxer. Danach mussten wir im Trab bei A abwenden und Seitwärts zurück auf den Hufschlag. Darauf folgte ein in-out, nachdem wir im versammelten Galopp eine kleine Volte reiten mussten. Und so ging es weiter, im Ganzen über 10 Sprünge. Beim letzten Sprung, abermals ein Steilsprung, hatten wir sehr wenig Schwung und ich hielt die Luft beim Absprung an, aber zum Glück blieb die Stange oben. Zufrieden verliess ich den Platz und führte Stromer trocken, während ich dem Lautsprecher lauschte. Am Ende wurde Elliot mit Feli zweiter, ich und Stromer wurden stolze vierte, Jack wurde siebter und Lisa leider nur 17te, da Kierka ein paar Stangen getreten hatte. Ich war dennoch ganz zufrieden mit der sensiblen Stute, denn zum wiedereinladen zickte sie überhaupt nicht. Zuhause gönnten wir ihnen den Feierabend und wir hart arbeitenden Zweibeiner trafen uns im Garten zu einem Gläschen Weisswein, während die Ministuten wiedermal den Hof unsicher machen durften.

      Occulta
      Osterschnitzeljagd 25.04.2014

      Donut röchelte mir schon entgegen, als ich den Hauptstall betrat. Ich musste mich jedoch erst noch durch die Stallgasse kämpfen, in der gerade Hochbetrieb herrschte. Die Pfleger waren am füttern und man hörte ungeduldiges Hufscharren und Gewieher. Ich schlängelte mich an den Schubkarren vorbei und wich Empires weicher Schnauze aus, der gerade geputzt wurde und mich im vorbeigehen an stupsen wollte. Endlich war ich bei Donuts Box angelangt und stellte die Putzkiste ab. „Na mein kleiner schicker?“ begrüsste ich ihn, wie ich es immer tat. Trotz dem ich so viele Pferde zu betreuen hatte nahm ich es mir nicht, bei jedem Einzelnen gewisse Rituale einzubauen und ihnen allen so Sicherheit zu vermitteln. Ausserdem ritt ich alle Pferde mindestens zweimal pro Woche selber, den Rest übernahmen jeweils die Pfleger, die schliesslich auch gefördert werden mussten. Ausserdem hatten die Pferde alle einmal in der Woche frei, nämlich immer sonntags. Dann durften sie in Gruppen auf die grossen Weiden und das Pferdeleben geniessen. Ich schnappte mir einen Striegel und warf einen Blick auf die Uhr. „Schon halb eins, Jonas du bist spät dran.“, murmelte ich erbarmungslos, denn der Pfleger war gerade in Baccardis Box geschlichen. „T’schuldigung, ich musste noch Telefonieren….“, antwortete er hastig und kam nochmal raus, um sich ebenfalls einen Striegel zu angeln. Als er aufsah trafen sich unsere Blicke. „Etwas Wichtiges?“ „Jain, meine Tante ist letzte Woche verstorben, die Vorbereitungen für die Beerdigung sind schon in vollem Gange.“ „Das hast du mir ja gar nicht erzählt, tut mir schrecklich leid…“ „Ach ich mochte sie nie besonders, wir redeten seit Jahren nicht mehr zusammen.“ Er erklärte mir während dem Putzen, dass seine Tante mit seiner neuen Berufswahl als Pferdepfleger nicht einverstanden gewesen sei. Sie sei immer schon der Meinung gewesen, dass Pferde gefährlich seien und stinken würden. Ich hörte gespannt zu und entwirrte Donuts Mähne. Jonas unterbrach seine Rede, weil er konzentriert versuchte, Baccardis Mähne zu einem französischen Zopf zu flechten. Ich musste lachen bei dem Anblick und wechselte die Box um ihm zu helfen. Ich übernahm die Haarsträhnen und schob ihn sanft zur Seite. Doch er hielt leicht gegen und legte plötzlich seine Arme um mich. Ich sah ihn verwundert an und stupste ihm in den Bauch, da liess er auch schon wieder los und stupste zurück. Ich beschloss, nicht weiter darauf einzugehen, da es vermutlich wieder nur eine Spielerei seinerseits gewesen war. Ich flocht sie Mähne ruckzuck zu einem ordentlichen Zopf, da ich darin viel Übung hatte. Er sah mir dabei ganz genau auf die Finger, beeindruckt von meiner Geschicktheit. „Naja, manche Dinge werd ich wohl nie beherrschen.“, grinste er als ich fertig war. „Sag niemals nie.“, meinte ich und lächelte verschwörerisch. Wir sattelten endlich und führten die Pferde in den Innenhof. Dort stiegen wir auf und ritten anschliessend zum Dressurviereck, wo wir die beiden erstmal gründlich aufwärmten. Nach einer Weile trabte ich an und begann, Volten und Schlangenlinien zu reiten. Donut löste sich schon nach wenigen Runden und lief locker durch’s Genick. Wenn er versuchte, mit dem Kopf auf und ab zu wackeln, gab ich ihm eine leichte Parade am inneren Zügel. Wir hatten das Headshaking dank der vielen Longenstunden gut in den Griff bekommen, aber ab und zu zeigte er noch Rückfälle. Baccardi schien heute etwas aufgezogen zu sein, er trabte recht zügig und glotze ab und zu wieder das Gebüsch an, als ob dort etwas Gefährliches drin schlummern würde. Als ich an derselben Stelle vorbei kam, fuhr Donut plötzlich zusammen und bockte daraufhin los. Ich war völlig unvorbereitet und plumpste schon nach wenigen Sekunden in den weichen Sand. Donut rannte mir gehobenem Schweif und gespitzten Ohren in Richtung Ausgang, doch Jonas konnte ihm gerade noch den Weg versperren. Da Donut angehalten hatte, konnte er ihn nun leicht am Zügel fassen und mit zu mir führen. „Alles okay?“, fragte er besorgt und stieg ab. Ich stand noch etwas benebelt auf und richtete meinen Helm gerade. „Ja, nix passiert. Irgendwas muss da im Gebüsch sein!“, meinte ich, und lief auf die Stelle zu. Mit triumphierendem Blick richtete ich mich kurz darauf wieder auf und drehte mich zu ihm um. In der Hand hatte ich einen kleinen Korb mit bunten Ostereiern. „Da war jemand fleissig. Ich wette, das war Lisa. Die hat immer solchen Unsinn im Kopf.“ Wir lachten herzhaft und versteckten den Korb wieder, ehe wir weiter ritten. Nach knapp einer Stunde intensiver Arbeit mit den beiden Ponyhengsten stiegen wir zufrieden ab und brachten die beiden in ihre Boxen zurück. Nach dem Absatteln und Bürsten spielte ich noch etwas mit Donut: Ich zeigte ihm ein Handzeichen und sagte ruhig und deutlich: „Lachen“. Daraufhin streckte er seine Oberlippe nach oben und flehmte. Ich lobte ihn und gab ihm Karottenstückchen. Als ich keine mehr hatte kam er mit seinem Maul und fummelte mir an der Stirn herum. Ich stiess ihn lachend zur Seite als es mir zu bunt wurde, um zu Baci zu wechseln und ihn noch etwas zu streicheln. Die Blesse die sich über sein Gesicht zog war elegant den Augen angepasst und liess ihn frech und neugierig wirken. Die kräftigen Hengstpony-Backen und die kurzen Ohren unterstützten dieses Bild. Alles in allem war der Hengst wie Donut einfach ein Traum von einem Pony. Ich wuschelte ihm noch etwas mit der Hand durch die Mähne, und weil Jonas mit seinen dunklen, kurzen Locken gerade daneben stand, ihm ebenfalls.
      Am späteren Nachmittag trommelten uns Lisa und Rosie zusammen. Gespannt hörte ich zu, was die beiden wieder ausgeheckt hatten: Eine Ostereier-Schnitzeljagd. Sie hatte mich zuvor gefragt, ob die Pfleger heute mit den Pferden ins Gelände dürften. Ich schlug vor, dass sie gleich die Vollblüter nehmen sollten, die noch nicht bewegt waren. So suchte sich jeder ein Pferd aus und machte es hübsch für die Jagd nach den Eiern. Lewis nahm Sunday, Quinn nahm Paint, Ich nahm Gray, Jack nahm Fly, Rosie nahm Stromer, Jonas nahm Light, Lisa nahm Empire, Oliver nahm Indiana, Lily nahm Chiccory, Ajith nahm Felicita und Elliot nahm Campina. Die anderen, Smarty, Sumerian, Winter, Spot, Kierka, Crack, Blüte und Cantastor waren schon am Morgen auf der Bahn trainiert oder longiert worden. Gray war artig beim Aufsteigen und blieb schön stehen, während Campina neben uns die ganze Zeit wegen der vielen Pferde zappelte. Immerhin waren wir 11 Reiter! Lisa gab uns den Tipp, wo der erste Posten versteckt war und hielt sich dann zusammen mit Rosie im Hintergrund, denn die beiden kannten die Verstecke ja. Jonas und ich erkannten den ersten Posten auch gleich wieder, denn der Tipp lautete: ‚Der Start beginnt, wo der Schüler im Sommer stunden nimmt.‘ Die anderen berieten sich kurz, ehe die Gruppe auf den Platz ritt und das erste Nest suchte. Es dauerte auch nicht lange, bis Lewis es entdeckt hatte. Darin war ein Zettel, der mir vorher gar nicht aufgefallen war: ‚Wo der Fisch schwimmt, dort die Suche erst recht beginnt.‘ Die Zettel waren auf Deutsch, was mir erst jetzt in den Sinn kam. Ich fragte Rosie deswegen und sie meinte, dass es so spannender für die englisch sprechenden sei, da sie erst noch übersetzten mussten. Wir ritten also zum Fluss, der vermutlich gemeint war. In einer Hecke am Ufer war der zweite Korb aufgehängt, diesmal bekam ihn Jack. Auf dem Zettel stand: ‚Zögert nicht und reitet zum dritten, dort wo sich einst Räuber stritten.‘ Ich wusste sofort, was damit gemeint war. Es gab eine alte Bauern Legende, dass im nahen Pinienwald auf der grossen Lichtung einmal eine Banditenfestung gewesen sei. Sie soll ganz aus Holz gewesen sein. Einmal seien die Räuber jedoch erfolglos von einem Beutezug heimgekehrt und hätten sich aus ärger gegenseitig so lange beschimpft, bis einer die Festung in Brand gesetzt hatte. In ihrer Wut hätten sie nicht bemerkt, wie die Rauchfahne ihren Standort verriet und die wütenden Dorfbewohner anlockte. Die Festung sei komplett ausgebrannt und durch die Flammen sei der Wald um sie herum auch noch fast kreisrund gerodet worden, dies war die heutige Lichtung der Legende nach. Wir ritten also auf meinen Aufruf hin zur Waldlichtung. Tatsächlich fanden wir dort hinter einem Steinhaufen versteckt das dritte Körbchen. Rein aus Neugier sah ich mich ausserdem diesmal genauer auf der Lichtung um. Ich ritt in die Mitte, konnte jedoch auf dem Boden nichts Ungewöhnliches entdecken. Enttäuscht trieb ich Gray wieder zur Gruppe zurück. Was hatte ich überhaupt erwartet? Es war ja nur eine Legende und selbst wenn nicht, musste diese Geschichte schon laaange zurück liegen und es würde keine Spuren mehr geben. Ich schob diese Gedanken beiseite und genoss den Ritt. In meiner Abwesenheit hatte ich den neuen Rätselspruch gar nicht mitbekommen. Ich machte mir jedoch auch keine Mühe, ihn noch herauszufinden. Wir ritten zur Galoppwiese, auf der mitten im Feld ein weiterer Korb versteckt war. Wir mussten uns alle aufteilen, um ihn zu finden. Und so jagten auf der ganzen Wiese Pferde im Galopp durchs saftige Gras, auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Als wir sie nach einer Viertelstunde immer noch nicht gefunden hatten, wurde Lisa um Hilfe gefragt. Zu allem Überfluss wusste sie jedoch nicht mal mehr, wo genau sie den Korb hingelegt hatte. Gerade als wir aufgeben wollten hüpfte Elliot triumphierend vom Pferd. Auf dem Zettel stand: ‚Den zweitletzten Schatz hältst du beinahe schon in der Hand. Um ihn zu finden halte dich am Waldesrand.‘ Wir wunderten uns ein wenig über die Einfachheit dieses Hinweises, doch sagten nichts und ritten weiter. Die suche war schliesslich doch nicht so leicht wie gedacht, denn der Korb hängte am Ende an einem Ast über unseren Köpfen. Quinn musste auf Paints Rücken stehen um ihn zu erreichen. Die Stute hielt zum Glück schön still, weil Ajith sie hielt. ‚Das Ende ist nah und doch noch fern, du findest es im Kern.‘ Im Kern? – Ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. „Ist das Nest etwa in einem Apfel?“, scherzte Jonas und die Gruppe brach die Stille mit herzhaftem Gelächter. Lisa schüttelte weise lächelnd den Kopf. „Eigentlich ist es ganz leicht.“, stellte sie fest. Auch Rosie nickte eifrig. Wir beschlossen, erstmal zurück zum Hof zu reiten, denn wir vermuteten, dass das Körbchen dort irgendwo versteckt sein musste. Ich schnalzte und trieb Gray in den Galopp, denn wir waren auf einem der sandigen Galoppwege im Wald angelangt und die Reiter vor uns waren ebenfalls angaloppiert. Ich hielt die Zügel gespannt und schnappte mir ein Büschel Mähne, um Gray besser zu stützen. Wir sprangen den Weg entlang, das dumpfe Geräusch aufschlagender Hufe im Sand klang rhythmisch und vor mir wehten die Schweife. Am Ende der Strecke musste ich Gray in ihrem Eifer stark bremsen, denn wir wären fast in Light reingerasselt. Dieser war zum Glück gerade abgelenkt mit einer Wurzel, über die er halb drüber stolperte. Wenige Augenblicke später hatten wir die kurze Schrittpassage überquert (dort durfte man nur im Schritt durch, da ab und an ein Fussgänger durchlief) und die Vordersten sausten bereits wieder los. Ich trieb Gray auch wieder an. Der Wind zerzauste mir die Haare und Gray nahm gewaltige Sprünge, um einen kleinen Rückstand zu den Vorderen Pferden aufzuholen. Wir galoppierten die ganze Strecke bis zum Waldrand. Erst als wir wieder auf freiem Feld waren, parierten wir die Pferde in den Trab durch und ritten so den restlichen Weg zum Stall zurück. Es war herrlich; Die späte Nachmittagssonne und die angenehm aufgewärmte Luft unterstützten die ausgelassene Stimmung perfekt. Wir plauderten und lachten auf dem ganzen Weg und Lewis erzählte immer wieder Witze. Wir durchquerten die Galoppbahn mit ihren grossen Tannen, wobei wir uns leicht unter einem tief hängenden Ast ducken mussten. Als wir an den Weiden vorbei kamen, kamen die beiden Mini Hengstchen aufgeregt angetrabt und begleiteten uns. Die Stuten schienen sich nicht für uns zu interessieren. Nun ging die Sucherei los: Wir teilten uns auf und durchkämmten das Hofgelände nach dem fehlenden Korb. Ich wollte gerade zu Jack reiten, als Jonas an meine Seite kam. Daher bildeten wir beide gleich ein Team. Er schlug vor, dass wir zuerst auf dem Geländeparcours suchen sollten, schliesslich war dieser der ‚Kern‘ der Galoppbahn. Ich fand dies eine gute Idee und wendete Gray in die richtige Richtung. Ich nutzte die Gelegenheit, um Light etwas zu beobachten. Der sensible Hengst mochte keine harte Hand, doch bei Jonas schien er locker und zufrieden. Er war zwar feurig, wie immer, doch Gray hielt gut mit (sie war ebenfalls recht fleissig) und er trat schön ans Gebiss. Ich blieb stumm und wnedete meinen Blick wieder von dem schwarzen Hengst ab, um nach dem Vogel zu suchen, der sein Lied über unseren Köpfen trällerte. Wir überquerten die Galoppbahn und gelangten schliesslich zur Geländestrecke. Zuerst ritt ich zu der vordersten Baum-Insel und suchte das Bodengestrüpp ab. An den Stellen, an denen der Boden kahl war, wuchs nur spärlich Gras und die Erde war hart getreten von den vielen Hufen, die hier durchgekommen waren. Dennoch sahen die mit Schatten und einzelnen Lichtstrahlen überzogenen Flächen harmonisch und geheimnisvoll aus. Da ich nichts entdecken konnte, trieb ich Gray weiter zur nächsten kleinen Baumgruppe. Ich suchte auch in den Ästen über mir, doch selbst dort befand sich kein Korb. Als nächstes sah ich beim kleinen Grabenhindernis, beim Gebüsch-Sprung, beim Baumstamm und beim Hügelchen. Doch nirgends war etwas zu finden. Auch Jonas schien erfolglos geblieben, deshalb ritten wir zurück zu den anderen. Die hatten sich gerade um Elliot versammelt, der soeben den letzten Korb im Innenhof des Hauptstalls gefunden hatte. „Na klar, der Kern ist der Hauptstall mit unseren Engländern!“, Lachte ich und gratulierte ihm. Dann bedankte ich mich formell bei Lisa und Rosie für die hervorragende Durchführung dieser Eier-Jagd und lud alle Teilnehmer zu einem heissen Tee im Garten des Haupthauses ein. Zuerst wurden jedoch natürlich noch die Pferde versorgt. Sie genossen den Sonnenuntergang in Gruppen auf der Weide.
    • Occulta
      Life goes on Fortsetzung des Nebenstallberichts 'Having troubles or what'

      Mir wurde ganz schwindlig, als sie Jack auf die Trage legten und wegbrachten. Auf einmal kam der ganze Schock, die Verzweiflung, Angst und Trauer über mich wie eine gewaltige Flutwelle, die mich beinahe zu Boden riss. Jonas, der ebenfalls in den Krankenwagen getragen wurde, beobachtete mich mit sorgenvollen Augen. Ich stützte mich gegen Rosie, die mir eine Umarmung anbot und schluchzte ungehalten in ihre Schulter. Alles um mich herum kam mir so unwirklich vor und ich hörte die Stimmen wie durch eine unsichtbare Wand. Alles, was ich von diesem Abend noch mitbekam war, dass Lisa, Rosie und Quinn mich ins Haus brachten und mit einen Tee kochten. Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich wie ein Stein. Mir steckte die Trauer augenblicklich wie ein Kloss im Hals, als ich mich an den vergangenen Tag erinnerte. Am Morgen war ich noch so sorglos gewesen und dann war alles zerbrochen. Ich versuchte mich abzulenken und sah auf die Uhr. Es war erst fünf und draussen ging gerade die Sonne auf. Seufzend richtete ich mich auf und zog meine Reitsachen an. Die Pferde würden mich jetzt am besten trösten können, besonders meine und Jacks geliebte Vollblüter. Als ich durch die Küche lief sprang Jacky von ihrer Decke auf und folgte mir, jedoch schien sie auf seltsame Weise nicht so energievoll wie sonst. Ich machte mich ohne etwas zu frühstücken auf zum Hauptstall und holte die Putzsachen von Winter aus der Sattelkammer. Als ich die Box des schneeweissen Hengstes betrat, streckte er mir mitfühlend seine rosarote Schnauze entgegen, als wüsste er genau, was in mir vorging. Ich krallte mich in dem weichen Fell fest und legte die Wange an seinen Hals. Seinen warmen Puls zu fühlen, jedes Zucken der Muskeln, tat mir gut. Schliesslich angelte ich mir den Striegel und putzte meinen Liebling. Als ich fertig war, sattelte ich ihn mit seinem kleinen Rennsattel und hängte das Vorgeschirr ein. Ich führte ihn wie in Trance nach draussen und stieg auf. Ich ritt zunächst eine Runde Schritt auf der Galoppbahn und trabte anschliessend eine weitere Runde auf die andere Seite. Dann ritt ich zur Rennbahn und liess ihn laufen. Beim 500m-Pfosten sah ich auf die Armbanduhr und stoppte in der nächsten Runde an derselben Stelle. Mein grosser hatte eine gute Geschwindigkeit drauf und war ordentlich fit, deshalb beschloss ich, gleich noch eine Runde zu trainieren, aber diesmal mit Startbox. Prüfend sah ich mich nach den Pflegern um, schliesslich brauchte ich jemanden der die Boxen öffnete. Gerade als ich zurückreiten wollte um jemanden zu rufen, entdeckte ich Quinn, Lily und Oliver mit Spot, Iskierka und Light, die auf uns zu ritten. Winter spitzte die Ohren und hob den Kopf, um seine Stallgenossen zu begrüssen. Ich freute mich wahnsinnig, meine alten Freunde so anzutreffen, hielt dieses Glücksgefühl aber noch versteckt. Ich ritt ihn in eine der mittleren Boxen und wartete konzentriert auf den Start. Die anderen reihten sich ebenfalls ein und Ajith kam herbeigeeilt um die Boxen zu öffnen. Dann donnerten die Vollblüter auch schon los. Ich hielt mich bei Winters Absprung etwas an seiner Mähne, um von der Wucht nicht gleich aus dem Sattel zu gleiten. Es war ein wundervolles Gefühl, die schnaufenden Pferdeköpfe links und rechts von mir zu sehen und unter mir den gewaltigen Körper des Hengstes zu fühlen. Das rhythmische Aufschlagen der Hufe liess mich all den Schmerz vergessen und holte mich zurück in die Welt, in die ich gehörte; das hier und jetzt. Light gewann zwar das Trainingsrennen knapp vor Winter und mir, doch das war mir schnuppe. Ich hatte einen Entschluss gefasst während dem Galoppieren: Das Leben musste weitergehen. Ich tätschelte Winters Hals und plauderte begeistert mit den anderen über das Training. Anschliessend arbeiteten die restlichen Jockeys noch etwas weiter mit ihren Pferden, während ich Winter austraben liess. Er schnaubte schön ab und streckte den Hals tief zu Boden. Schliesslich brachte ich ihn zurück in die Box und versorgte ihn gründlich, ehe ich mich Stromer widmete. Mit dem cremefarbenen Hengst hatte damals alles angefangen – er war mein allererstes Vollblut gewesen. Nun war er schon ganze sechs Jahre alt und hatte sich prächtig entwickelt. Aus dem einst so zerbrechlichen dreijährigen mit der schlechten Vergangenheit war ein top bemuskelter, aufmerksamer und freundlicher Hengst mit wundervollen Gängen geworden. Jetzt im Sommer schimmerte seine rosafarbene Haut stark durch das Fell, was ihm deutlich mehr Farbe verlieh als im Winter, wenn er mit dem dichteren Fell fast weiss wurde. Ich putzte auch ihn sorgfältig und ritt anschliessend wie schon mit Winter in voller Rennmontur zur Bahn, wo ich ihn zunächst aufwärmte. Er hatte viel mehr Erfahrung als Winter und konnte seine Kräfte gut einteilen. Ausserdem hörte er sehr fein auf meine Hilfen und wurde nicht so heftig wie die jüngeren Genossen. Wenig später hatten auch die drei Jockeys ihre Pferde ausgetauscht; sie ritten nun Pina, Sunday und Felicita. Wiederum lieferten wir uns ein Spassrennen und arbeiteten dann noch etwas für uns auf der Bahn, was aber mit den tollen Pferden genauso viel Spass machte. Ich bewegte an diesem Morgen noch Gray, Crack und Indiana, während Quinn Chiccory und Fly, Oliver Paint und Empire und Lily Blüte und Cantastor übernahmen. Besonders bei Crack musste ich wieder mit den Tränen kämpfen, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen und mich so sehr über sie gefreut. Die Erinnerungen kamen wieder in mir hoch und ich musste daran denken, wie ich ihn so voller liebe umarmt hatte. Und doch war ich zuletzt wütend auf ihn und habe ihn mit eben diesem Gefühl angesehen… Dieser Gedanke schmerzte am meisten von allen. Als ich Diana versorgt hatte bemerkte ich ein grummeln und stellte fest, dass ich durch das ganze Arbeiten doch noch Hunger bekommen hatte. Aber alleine zu kochen würde bestimmt schrecklich werden. Ich schlenderte lustlos in Richtung Haus und bemerkte nicht, wie Lisa sich von hinten anschlich. Sie tippte mir auf die Schulter und rief laut „Buh!“, während Quinn und Ajith, die sich an die kühle Wand des Hauptstalls gelehnt hatten die Augen rollten. Ich vergab Lisa diese Taktlosigkeit angesichts meiner Trauer und sah sie bloss fragend an. „Ich… äehm… Ich meine Quinn, Ajith, Lily und ich wollten dich fragen, ob du vielleicht mit uns in die Stadt kommen willst. Wir dachten, wir gehen Jonas im Krankenhaus besuchen und essen unterwegs zu Mittag…“ Mein Herz machte einen Hüpfer. Jonas! Er lebt ja noch… Beschämt, dass ich meinen treuen Freund in der Not ganz vergessen hatte, willigte ich rasch ein und folgte den Pflegern auf den Parkplatz. Wir fuhren mit Lilys kleinem Toyota, in den wir uns allerdings ziemlich reinquetschen mussten. Wir bestellten wie geplant auf dem Weg zum Hospital ein Falafel für mich und sonstigen Schnellimbiss-Kram für die anderen. Als ich den langen Gang zu Jonas‘ Zimmer entlanglief, wurde mir etwas schwindelig. Wie hatte ich nur nicht an ihn denken können? Immerhin war er genauso wie Jack in Lebensgefahr gewesen und hätte genauso gut auch tot sein können! Langsam öffnete ich die Tür und trat ein. Es war vollkommen Still in dem hellen Raum. Die anderen Patienten schienen zu schlafen und auch Jonas hatte die Augen geschlossen. Die Pfleger folgten mir leise und schlossen die Tür hinter sich. Vorsichtig kniete ich mich neben sein Bett und betrachtete die üblen Verbrennungen, die sich über seine Oberarme zogen. Wie durch ein Wunder war das Gesicht beinahe unversehrt geblieben. Er muss es rechtzeitig mit den armen geschützt haben, überlegte ich und begann, seine Nase zu kitzeln. Seine Augenlieder zuckten, dann musste er niesen und wachte auf. „Occu… und ihr! Ich bin so froh, dass ihr gekommen seid.“ Ich lächelte verlegen, immerhin wäre ich ohne die anderen nicht hier. Zögernd fragte ich: „Wie fühlst du dich?“ „Den Umständen entsprechend, aber eigentlich nicht allzu schlecht. Bloss mein Rücken tut ziemlich weh. Aber die Ärzte meinten, es sei nichts ernstes, bloss eine Prellung. Wie geht es Jack?“ Ich zuckte zusammen und sah betreten zu Boden. Er weiss es also noch nicht… Quinn fasste Mut und antwortete leise auf die Frage. „Er hat nicht überlebt…“ Ich beobachtete, wie sich seine Pupillen weiteten und er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, ihn dann aber ohne einen Mucks wieder schloss und ins Leere starrte. „Tot? D das ist schrecklich. Es tut mir so leid Occulta…“ Ich nickte nur und biss mir auf die Oberlippe, um die Fassung nicht wieder zu verlieren. Ich war froh, als er das Thema wechselte. „Wie geht es den Pferden? Haben sie sich sehr erschreckt als das Flugzeug abstürzte?“ „Nein, ich denke nicht. Heute Morgen liefen die Vollblüter im Training jedenfalls top“, antwortete ich. Er nickte mit einem Lächeln und ich fragte ihn, was denn so amüsant sei. „Ich finde es faszinierend, wie glücklich du wieder wirkst, sobald wir über Pferde reden.“ Nun lächelte ich ebenfalls und stupste ihn zur Strafe in die Seite, worauf er sofort aufschrie. „Au au, pass doch auf!“ „tut mir leid, ich hab gar nicht…“, stammelte ich erschrocken, doch schon grinste er mich wieder breit an und ich erriet, dass er nur mit mir gespielt hatte. Böse sein konnte ich ihm allerdings nicht. Wir plauderten noch etwas, dann machten die Pfleger und ich uns auf den Rückweg zum Stall. Er sah uns gequält hinterher, als wir einer nach dem anderen zur Tür hinausgingen, besonders mir, so kam es mir jedenfalls vor.
      Zuhause half ich Quinn, die mit dem Einreiten von Sumerian und Frame weitermachte. Die beiden waren noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung, machten sich aber alles andere als schlecht. Fröhlich beobachtete ich die Fortschritte von Frame, der Monate zuvor noch so erbärmlich ausgesehen hatte, mit all seinen Wunden und Schrammen. Nun ging er nicht mehr lahm und nur eine Narbe zierte den Hals dort, wo der Pfosten einst ein so grosses Loch hinterlassen hatte. Meine Tierärztin hatte hervorragende Arbeit geleistet. Gegen Abend kam dann noch eine Überraschung auf dem Hof an. Ein Transporter fuhr auf den Parkplatz, beladen mit zwei neuen Vollblütern. Als ich mich fragend an den Fahrer wandte erfuhr ich, dass die beiden von Eddy stammten und Jack sie wenige Wochen zuvor abgekauft hatte, da Eddy ihren Bestand etwas reduzieren wollte. Auch ein Fohlen würde in den nächsten Tagen noch ankommen. Ich ignorierte das Stechen, das sich bei Jacks Namen wieder bemerkbar machen wollte und bewunderte den Hengst, Muskat. Er war bereits gekört und würde sicherlich ein wunderbarer Zuchthengst werden. Die Stute, Cassiopeia, hatte ich auch schon ein paarmal an Rennen gesehen, sie war Jack damals besonders aufgefallen. Ich führte beide in den Hauptstall und half anschliessend den Pflegern beim Füttern. Um halb zehn lief ich endlich müde zum Haus, zögerte aber davor und wandte mich stattdessen im halbdunkeln dem Hof zu. Es kehrte Ruhe ein auf Pineforest Stable, nach all der Aufregung schienen sogar die Pferde erledigt. Die Gebäude lagen still im Zirpen der Insekten da und erste Sterne tauchten am Himmel auf. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal mit Jonas im Gras hinter dem Dressurviereck gelegen und an den dunklen Tannen vorbei die Sternbilder betrachtet hatte. Augenblicklich breitete sich eine Art entspannende Wärme in mir aus und zum ersten Mal am heutigen Tage war ich wirklich glücklich. Glücklich hier zu sein, glücklich, dass Jonas lebte und glücklich, dass noch so viel vor mir lag. Ich murmelte sanft, an die Sterne gewandt: „Auf wiedersehen Jack.“ Dann drehte ich mich um und verschwand im Haus.

      Occulta
      Nachts fürchten die Mäuse den Jäger... 03.12.2014

      Ich wachte nach einer unruhigen, mehr oder minder schlaflosen Nacht früh auf und begab mich zum Kühlschrank. Während ich nach einem geeigneten Joghurt kramte, plante ich den Morgen. Es würde alles etwas durcheinandergeraten nach meinem 'announcement', da war ich mir sicher. Doch verängstigte Mitarbeiter zu beruhigen war immer noch angenehmer, als Leichen zu entsorgen. Wenn es denn so weit käme... Vielleicht halste ich mir auch nur zu viele Sorgen auf. Als ich fertig gelöffelt hatte, schmiss ich das leere Gefäss in den Müll und öffnete mit wetterfesten Kleidern die Tür. Es Regnete und war neblig - was konnte es an so einem Morgen sonst sein. Ich seufzte kaum hörbar, aber reichlich genervt und machte mich auf zum Hauptstall. Es war noch finster und die Pferde dösten vor sich hin, als ich vorsichtig das Tor aufschob und eintrat. Winter, in einer der beiden vordersten Boxen, lag mit eingeklappten Beinen im Stroh und sah auf, sobald ich mich näherte. Er blieb jedoch liegen, als ich die Box öffnete und auf ihn zuschritt. Er röchelte sogar leise, und ich kniete neben ihn, um ihn zu kraulen. Es war unheimlich beruhigend, seine dunklen, verschlafenen Augen zu begutachten und seine Lippen entzückt zittern zu sehen. Nach einer Weile öffnete sich das Tor erneut; Quinn und Ajith tauchen in der Öffnung auf. Einen Moment sahen sie sich verwirrt um, dann hörten sie meine Stimme und kamen zur Box. "I woke up earlier. You weren't expecting murderer inside here, were you?" Ajith zeigte sich bestürzt. "What?? No, why?" "Because there's a murderer spraying around in our forests." "No way! And what are we going to do?" Ich schwieg einen Moment. "We inform the others as soon as possible, but then we go on as normally and hope thqt the policemen do their work." Die beiden nickten und ich stand auf, um den besorgten Gesichtern ebenbürtig zu sein. Ich klopfte Winter zum Abschied auf den Hals und verliess seine Box. Wir holten die Schubkarre und füllten sie mit Heu, während nach und nach auch die anderen Pfleger auftauchten. Bald war der Stall erfüllt von munterem Geplapper und dem Scharren und Schnauben der Pferde. Dann hielt ich meine kleine Rede. Und schon war die fröhliche Stimmung ersetzt durch sorgenvolles Schweigen. Keine lustig pfeifenden, witzelnden Pfleger mehr, nur stille Arbeiter. Ich beschloss neutral zu bleiben und lief zu Paints Box - es war Zeit fürs morgendliche Training. Oliver hatte die Pferde ihren Reitern schon am Vorabend zugeteilt, es änderte sich aber kaum etwas im Vergleich zum Wochenplan. Die schwarze Stute begrüsste mich mit ihrer weichen, rosa Schnauze. Ich streichelte das samtige Fell an ihrem Hals und kraulte sie liebevoll hinter dem Ohr, bevor ich ihr das Halfter überzog. Anschliessend band ich sie in der Stallgasse an. Ich öffnete die Schnallen ihrer Fleece Decke und zog sie nach hinten, liess sie jedoch halb auf der Kruppe liegen, denn die Stute war geschoren und um halb sechs war es bekanntlich noch ziemlich frisch, draussen und in der Stallgasse. Ich bürstete das kurze, stoppelige Fell gründlich und entwirrte ihren Schweif. Dann sah ich mir die Hufe an, prüfte ob die Eisen noch hielten und entfernte den Schmutz der Nacht. Weiter vorne in der Gasse richtete Oliver Blüte her, Iskierka wurde gegenüber von mir von Ajith betreut. Auch Gray, Cold, Mikke, Sumerian, Campina, Felicita, Indiana und Cassy wurden geputzt, heute Morgen trainierten wir nämlich alle Stuten zuerst. Diana sah mit ihrem neuen Zaumzeug extrem schick aus. Die Stute nahm zwar aufgrund ihres Alters nicht mehr an grossen Rennen Teil, diente den jüngeren Vollblütern aber als Vorbild und wurde in erster Linie mittrainiert, um sie für's Military fit zu halten. Als alle fertig waren und ihre Pferde nach draussen zum Aufsteigen führten, löste auch ich den Strick von Paint und ging mit der Stute ins Freie. Vor uns hob und senkte sich das muskulöse Hinterteil von Cassy. Ich beobachtete entzückt, wie ihr seidiger, weisser Schweif im Takt dazu Tanzte. Ich war unheimlich froh, die Stute übernommen zu haben, denn sie musterte sich mehr und mehr zu einem talentierten Galopper. Bei ihrer Abstammung war das ja auch kein Wunder. Ich zog den Reissverschluss meiner Fleecejacke höher, trotzdem zitterte ich noch vor Kälte. Bald nicht mehr, dachte ich schmunzelnd. Auch Paint war zappelig, sie kreiste um mich als ich mich in die Reihe stellte um von Oliver auf's Pferd geschmissen zu werden. Mit den kurzen Steigbügeln war es schwer, ohne Hilfe hochzukommen und der kleine Hocker, der bis anhin diese Hilfe geleistet hatte, hatte vor drei Tagen den Geist aufgegeben, sehr zum Pech von Quinn, die danach erschrocken halb am Pferd hing. Ich massregelte Paint und hielt sie einigermassen ruhig, bis ich endlich oben war, dann liess ich sie zügig den anderen zur Galoppbahn folgen. Wir ritten im Gänsemarsch eine Runde schritt, dann trabte die ganze Reihe auf Kommando an. Paint ging schwungvoll und locker, trotz der Temperaturen, aber Grey vor mir zog den Schweif ein wenig ein. Nach einer weiteren Runde wurde es besser. Wir wechselten die Seite und galoppierten schliesslich nach ein wenig linksseitigem Trab an. Nach einem Umlauf verliessen wir die Bahn über den sauber gewischten Kiesweg und ritten zu den Startboxen. Natürlich hatten nur acht Pferde in den acht Boxen Platz, weshalb wir zwei Gruppen bildeten. Per Handzeichen wurde bestimmt, dass Caprice, Felicita, Blüte, Iskierka und Paint zur ersten Gruppe zählten. Ich entschied mich für die dritte Box und trieb Paint hinein, doch sie ging sowieso freiwillig da sie wusste, dass sie gleich rennen durfte. Ich spannte die Zügel, hielt sie kurz, nahm die Startposition ein, um beim Absprung nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Endlich waren alle drin und Ajith, der als "Bodenpersonal" dabei war, rief uns die Kommandos zum fertig machen zu. Dann sprangen die Türen auf und Paint beförderte uns kraftvoll von Anfang an an die Spitze. Ich hielt mich ein wenig an der Mähne der grossen, schwarzen Stute und war froh um meine Schutzbrille, denn die Morgenluft schlug mir eisig ins Gesicht. Ich wagte beim 500-Meter-Pfosten einen Blick über die Schulter und sah, dass Blüte aufholte. Ich liess sie passieren, denn ich wollte Paints Energie für den geplanten Kopf-an-Kopf Schluss sparen. Auch Felicita kam neben uns und hielt diese Position bis zum 1000m-Pfosten. Nun ging es nochmals in die Kurve, danach folgte die Zielgerade. Alle Pferde schlossen zueinander auf und Blüte und Felicita teilten sich die Spitze. Ich gab Paint etwas Zügel frei, sodass wir auch vorne mitmischen konnten. Kierka hängte sich links an Paints Flanke, nur Capri blieb verschollen. Ich drehte mich nochmals kurz und sah die Fuchsstute in einer Pferdelänge Abstand folgen, Tendenz steigend. Die Stute war noch immer nicht wieder 100%ig fit, da erstaunte dieses Schwächeln auf der Bahn nicht. Ich gab Paint nochmals etwas Zügel frei, sodass sie sich streckte und wir mit einer Nasenlänge gewannen. Ich tätschelte ihren Hals, während ich mich aufrichtete und sie auslaufen liess. Als sie in den Trab, und schliesslich in den Schritt fielen, sammelten sich die Pferde und Reiter wieder und ritten gemeinsam zurück zur Startmaschine. Oliver kam auf Aerith angetrabt. Die Stute wurde mittlerweile als Trackpony ausgebildet und eingesetzt, neben den Westernturnieren, die sie regelmässig lief. Oliver wollte später mit Iskierka und Campina das vom-Pony-aus-geführt-werden trainieren. Doch zunächst war die zweite Gruppe auf der Bahn. Ich reihte Paint und mich neben Caprice ein und wir beobachteten das Schauspiel vom Bahnrand aus. Die Türen flogen auf und alle sechs Pferde schossen aus dem Metallgeflecht hervor. Indiana teilte sich sogleich die Spitze mit Gray. Die erfahrene Stute hatte Tendenzen zum Sprinter, Gray jedoch war ganz klar Steher und sollte am Anfang eher im Mittelfeld bleiben, da sie zu wenig ausdauernd war, um das Tempo durchgehend zu halten. Oliver rief die Anweisung, die mir auf der Zunge lag: David solle sie doch endlich zurücknehmen. Unser Trainer hatte wie immer ein Auge für Feinheiten und war unterdessen zu uns getrabt, um diese Details zu besprechen. "Occu, let her go at approximately 900 meters next time. She is old enough to start early." Ich nickte als Zeichen der Kenntnisnahme und kraulte Paint stolz am Widerrist. In der Bemerkung war nämlich ein verstecktes Lob für ihre raschen Fortschritte gewesen. Campina hatte mittlerweile Gray an der zweiten Position abgelöst und Cassy folgte dicht neben der dunkelgrauen Stute. Zu dicht. "Stay away from Gray, or do you want to trap over her legs!", schrie Oliver in gereiztem Tonfall über die Bahn zu Darren. "I told him last time already, but je won't change a bit until the horse has a broken leg!", meinte er an uns gewandt. Ich schwieg und verfolgte das Training. Der 1000m-Pfosten war passiert, nun wurde es erst richtig heiss. Indiana wurde von Cassy überholt, Sumerian tauchte aus dem Nichts auf und zog an Gray vorbei, Crack schob sich vor Campina. Sumerian konnte das Tempo mangels Ausdauer allerdings nicht lange halten und fiel rasch wieder zurück. Indiana entwickelte zwar guten Schub, konnte mit den leichten Jünglingen jedoch nur schwer mithalten. Gray lieferte sich auf den folgenden Metern einen spannenden Kampf mit Crack, die schliesslich richtig zulegte und sich sogar vor Cassy schob, allerdings nicht lange. Die Palominostute mit den grossen Abzeichen verteidigte die Spitze bis zum Schluss. Wir jubelten den heftig atmenden Körpern von Reiter und Pferden über die Bahn zu, ehe wir selbst auf die Bahn zurückkehrten um ein paar fliegende Starts zu üben. Der Nebel hing immer noch erdrückend über unseren Köpfen, doch immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Paint lief etwas zögerlich, vielleicht war sie noch erschöpft vom Rennen. Meine Sorge stieg jedoch, als sie auch nach vier Starts noch nicht gut wegkam. Normalerweise hatte sie mit dem Starten kaum Probleme. Ich rief Oliver, damit er sie sich ansah und tatsächlich: nach einer kurzen Demonstration schüttelte er den Kopf und winkte uns zu sich. "I think there's something wrong with her right foreleg. I'll call the vet." Solche Nachrichten waren in einem Rennstall sehr ungern gesehen, ich hoffte aber natürlich das Beste. Ich liess mich hinuntergleiten und führte die Stute, sorgsam beobachtend, in den Hauptstall zurück. Dort versorgte ich sie mit allem was sie brauchte, schmierte etwas Kühl Gel auf das betroffene Bein und zog ihr die blaue Fleece-Decke an. "Good girl, you'll be back in few days, I'm sure", flüsterte ich, etwas bedrückt. Ich schloss die Boxentür und holte Sheela und Jacky aus dem Haus. Auch die anderen Jockeys waren mittlerweile fertig und versorgten ihre Pferde, ehe sie sich versammelten, um die Hengste aufzuteilen. Ich wählte Sunday, denn ich hatte ihn die ganze letzte Woche Quinn überlassen. Nun wollte ich die Feinheit und Kraft des Hengstes selbst wieder geniessen. Wir trainierten wie zuvor, doch nach den Übungsrennen wurden Gruppen gebildet, um das Abteilungsreiten zu fördern. Die Pferde mussten bei ihrer Gruppe bleiben, selbst im rasenden Galopp. Sie mussten geduldig sein und auf die Hilfen ihres Reiters hören. Ich hängte mich an die Gruppe mit Stromer, Muskat, Winter und Chiccory. Die andere Gruppe bestand aus Fly, Light, Cantastor, Spot und Empire. Was für ein Gefühl das ist, mit fünf bebenden Hochleistungssportlern in einer Reihe über die Bahn zu jagen! Besonders wenn ein Pferd wie mein Sunday so fein mitmacht. Ich beobachtete ausserdem die anderen Pferde mit scharfem Auge, sodass ich mir fast wie Oliver vorkam. Frame war noch immer nicht beim Training dabei. Er war zwar schon mehrfach auf dem Platz kurz von mir geritten worden, doch ich wollte zuerst sicherstellen, dass er gut ausgebildet war und nicht überfordert wurde, ehe ich ihn mit zum Konditionstraining nehmen würde. Auch Oliver hatte mir dabei zugestimmt. Ich musste lachen, als Chiccory sich nach dem letzten Galopp schüttelte, als hätte er Fliegen in den Ohren. Dabei hatte Lisa ihm nur kurz ein Strohstück vom Ohr wischen wollen.

      Nachdem auch diese Trainingseinheit zu Ende war, gab es erst einmal eine Kaffee Pause. Selbstverständlich erst, als die wertvollen Tiere zufrieden in ihrer Box raschelten. Ich hatte Sundays Hufe eingefettet, damit sie nicht brüchig wurden. Dies war eines unserer Rituale, wie das tägliche Bürsten und das Abduschen nach harter Arbeit. Die Stimmung in der Sattelkammer liess nicht den geringsten Zweifel an der Sorglosigkeit der Pfleger zu, sie waren gute Schauspieler. Sie mussten immerhin regelmässig vor Publikum so tun, als ob alles im Griff sei. Schwäche zeigen wollte auf der Rennbahn keiner, es ging den meisten nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre. Die Pferde funkelnd, das Sattelzeug gepflegt und wie neu. Und ein nahtloser Ablauf, ohne sichtbare Kommandos oder Anweisungen. Jeder wusste, was zu tun war. So auch heute, zuhause. Keiner verlor ein Wort über meine Ansprache vor dem Training, alle lächelten. Ich kam mir seltsam verloren vor, in dieser Maskierten Welt. Wem konnte man trauen, wenn das Leben das reinste Gaukelspiel war? Plötzlich ertönte ein lauter Knall, augenblicklich flutete eine erschrockene Stille den Raum. Ein Jäger? Ein Knallen eines Motors? Ich malte mir einige Szenarien aus, während ich mit Ajith und Lewis nach draussen hastete. Stille - wie im Raum zuvor. Dann ein zweiter Schuss, Hilfeschreie. "What the - " Ich stürzte um die Ecke und erblickte unseren Nachbaren, einen sonst so friedvollen, älteren Herren, mit seinem Jagdgewehr in der Hand. Er gestikulierte wild umher und deutete auf einen parkierten Ford, hinter dem jemand kauerte. Lewis und Ajith umstellten den Wagen und packten die Person, ich beruhigte den Bauern. "It is him, he is it! The murderer! I know it!" Der verängstigte junge Bursche stotterte einige unbedeutende Worte, ehe seine Stimme versiegte. Nie und nimmer ist er ein Mörder. Wir klärten das Ganze auf dem Parkplatz, und schon nach einigen Sätzen wusste ich, was tatsächlich vorgefallen war. Der Junge hatte am Morgen wie gewohnt die Arbeit auf dem Lehrbetrieb aufnehmen wollen, doch das Tor war noch verschlossen gewesen, vermutlich als Vorsichtsmassnahme gegen Killer. Daraufhin hatte sich der Junge als Kletterkünstler erwiesen, denn er war kurzerhand auf den Baum neben dem Bauernhaus geklettert, um über den Zaun zu kommen. Der Bauer hatte kaum das raschelnde Laub, die kräftigen Arme und die dunkle Hose des Burschen erblickt, als er schon zur Flinte griff und hinausstürmte. Der Junge, erschrocken über die Reaktion des Bauern, empfand es als klüger, das Weite zu suchen. Dadurch sah sich wiederum der Bauer bestätigt in seiner Annahme und nahm die Verfolgung auf. Ich schüttelte lachend den Kopf, als die Story geklärt war. Die beiden gaben sich noch immer misstrauisch die Hand zur Versöhnung, dann kehrten sie nach einem Beruhigungstee zurück auf ihr Land. Lewis, Ajith und ich sahen uns vor Erleichterung grinsend an. Doch in meinem Kopf sortierte ich die wilden Gedanken der Sorge. Wenn nun schon unser Nachbar so durchdrehte, wie konnten wir dann entspannt hier warten und uns in Sicherheit wägen?
      Alle hatten die Arbeit wieder aufgenommen, einer lag ruhig im Stroh. Lisas Schreie liefen mir kalt den Rücken hinunter. Ich raste mit Jonas zum Schauplatz und bemerkte, wie es ihm fast den Magen umkehrte. Vor uns lag der Elektriker, mit einem verheissungsvollen roten Flecken auf der Brust und im friedlichen, ewigen Schlaf. Ich habe schon schlimmeres gesehen, zum Beispiel zerstückelte Ehemänner, dachte ich bitter. Jonas betreute Lisa, während ich die Polizei rief. Jetzt musste alles schnell gehen - vielleicht waren Spuren auf der Leiche. Etliche Stunden später war klar; der Täter war kein Amateur. Er hatte nicht den geringsten Tipp hinterlassen. Sie jagen ein Phantom, welches uns alle jagt...

      Ich biss mir auf der Unterlippe herum, während ich den Stall der Ministuten ausmistete. Ständig horchte ich auf, in der Erwartung, einen weiteren Schrei zu hören. Doch es blieb still. Totenstill. Nicht einmal die Pferde waren in der Lage, diese erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie schnaubten lediglich hin und wieder leise. Als ich mit den Minis fertig war, befasste ich mich mit den dreijährigen Ponys. Sie waren mittlerweile alt genug um eingeritten zu werden. Zwar standen alle drei noch auf der Fohlenweide, doch wir hatten bereits mit Longentraining und Sattelgewöhnung begonnen. Obwohl alle drei etwa gleichzeitig mit dem Training begonnen hatten, waren erhebliche Unterschiede zu erkennen. Lychee machte fast täglich grosse Fortschritte und arbeitete eifrig mit, manchmal fast zu eifrig. Sweets hingegen war etwas zurückhaltender und brauchte länger, um den Gurt zu akzeptieren. Bluebell war unkompliziert und lernfreudig, mochte es aber überhaupt nicht, angebunden zu werden. Ich fasste eines der schwarzen Standardhalfter und streifte es Sweets über die kurzen Ohren. Sie kam brav mit, als ich mit ihr die Strecke zur Halle lief, bloss hin und wieder drehte sie den Kopf und wieherte. Ein Wohlklang in der Einsamkeit an diesem Nachmittag - dachte ich schmunzelnd. Ich schritt zügig voran und schob das Hallentor auf. Drinnen wärmte Rosie gerade Ocean auf, wie vereinbart. Auch Jockeys mussten ab und zu ein wenig Dressur reiten, um nicht aus der Übung zu kommen, und so konnte ich auch gleich die erfahrene Stute als Lehrmeister für Sweets einsetzen. Kaum erblickte sie Ocean, da wurde Sweets auch schon deutlich ruhiger und konzentrierter. Ich hängte zunächst die Longe ein und liess sie im Schritt um mich herum gehen. Sie tat dies nun zum vierten Mal und wusste bereits, dass sie auf der Kreisbahn bleiben musste. Nur die Biegung konnte noch verbessert werden. Nach vier Runden rief ich deutlich "Trot" und machte etwas Druck mit der Longiergerte, sodass sie beides verknüpfen konnte. Die junge Stute lief schwungvoll - sehr schwungvoll, ich musste sie in ihrem Eifer bremsen. Beim angaloppieren kamen dann die berüchtigten Freudensprünge, doch ich hatte damit gerechnet und vorsorglich Handschuhe angezogen. Nun war es an der Zeit, den Gurt und den Sattel zu holen. Sie wirkte auf den Longiergurt wie zuvor skeptisch, blieb aber still stehen und liess mich ohne zu zicken anziehen. Ich lobte sie einige Male, während ich den Gurt löste und wieder anzog. Als ich das Gefühl hatte, dass sie entspannter sei, holte ich den Sattel und den richtigen Gurt. Ohne zu zögern schwang ich ihn auf Sweets' Rücken und zog den Gurt an, ehe ich ihn wieder löste und das ganze Spiel wiederholte. Später ging ich einen Schritt weiter und longierte sie mit Sattel. Zum Schluss führte ich Sweets noch ein wenig durch die Halle und machte Gehorsamkeitstraining. Danach brachte ich sie in den Nebenstall, wo bereits drei Boxen hergerichtet worden waren. Ja, es war Zeit die Terrorherrschaft der drei Ponys über die anderen Fohlen zu beenden. Sweets zögerte etwas, als ich sie in die hinterste Box führte, sie schien zu ahnen, dass ihr leichtes, sorgloses Dasein auf der grünen Wiese vorbei war. Doch sie wird bald herausfinden, dass es gegen ein anstrengendes, aber spannendes Leben eingetauscht wird, dachte ich schmunzelnd und stellte mir einen herrlichen Wintergalopp mit Sweets vor. Ich liess die kleine Stute in der Box zurück, was ihr so gar nicht passte. Sie lief im Kreis und wieherte nach ihren Kollegen. Den frischen Heuhaufen zu ihren Hufen beachtete sie nicht. Aus einiger Entfernung kam eine gedämpfte Antwort, offenbar wurden Lychee und Blue gerade von Jonas und Rosie geholt. Alles verlief reibungslos: auch die beiden wurden in ihre neuen Boxen gebracht. Blue beschnupperte Sweets prüfend durch das Gitter, dann entspannten sich alle sichtlich und Lychee begann zu fressen. Bald senkte sich auch der letzte Kopf dem Heu entgegen und Ruhe kehrte im Nebenstall ein. Jonas nahm mich spielerisch in den Arm, doch ich war nicht in der Stimmung für Flausen; noch immer horchte ich ständig nach Ungewohntem. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Wir schlenderten zum Hauptstall und ich half beim Wischen.

      Die Dunkelheit schlich sich langsam über den Horizont auf die Britischen Inseln zu und mit ihr die Angst. In der Nacht hatte der Killer bisher gejagt, das war auch überaus vernünftig gewesen. Ich sah zumindest die Logik darin, auch wenn das meine und der Pfleger Situation nicht sonderlich zu bessern vermochte. Ich hatte mich überreden lassen, mit Quinn, Rosie, Lily und Lisa im "Pflegeheim", wie es scherzhaft genannt wurde, zu übernachten. Ich musste zugeben, dass mich der Gedanke an mein einsames, dunkles Zimmer nicht gerade gelockt hatte, doch alles war besser als mit Lisa in einem Raum zu nächtigen - was mir leider viel zu spät klar wurde. Sie plapperte den ganzen Abend mit ihrer schrillen Stimme, als wäre dies eine spassige Pyjamaparty, und spätestens mit ihren etwas taktlosen Horrorszenarien über den Tod des Elektrikers verlor sie den letzten Zuhörer. Ich meinerseits litt bereits an Kopfschmerzen und floh in den Gang hinaus. Im Aufenthaltsraum brannte Licht, Lewis, Darren und Jonas sassen auf den Sofas und unterhielten sich gedämpft. Ich setzte mich wortlos auf den erstbesten Platz der mir einfiel: die Armlehne neben Jonas. Er blickte mich einen Moment geheimnisvoll an, dann wandte er sich wieder den anderen beiden zu. "Do you think they'll catch him soon?" "Nay, he seems to be very clever and of course our dear officers are too lazy, they have not had anything like this since they work here", meinte Lewis. Er fuhr sich gähnend mit den Fingern durch die hellrote Mähne, dann grinste er verheissungsvoll. "I'll go to bed now, or I'll be dead tomorrow." Ich lächelte halbherzig und sah Darren und Jonas an, mit der Erwartung, dass sie ebenfalls aufstehen würden. Doch sie fuhren fort mit dem Gespräch. "They must certainly have found something, or at least they will, 'cause nobody is perfect. He'll make mistakes, like people do" brummte Darren. Jonas konterte: "Jack the Ripper blieb auch verschollen." Darren wollte etwas entgegnen, schloss den Mund jedoch, stumm. Jonas sah mir wieder in die Augen, als wollte er meine Meinung hören. Ich überlegte, dann antwortete ich: "Mir war es egal, wann und wie sie ihn fassen. Solange er einen grossen Bogen um Pineforest Stable machte. Aber das hat er nicht getan, also hoffe ich, dass sie ihn schnappen und er in der Hölle schmort." "Woher weisst du, dass es ein 'er' ist?", wollte Darren wissen. "Ich glaube kaum, dass eine Frau genug Kraft gehabt hätte, um den Elektriker niederzuringen... Abgesehen davon wäre eine Frau geschickter vorgegangen und hätte die Leiche gleich verschwinden lassen." Jonas sah mich gespielt böse an und stupste mir in die Seite, ich musste lachen, da ich schon immer zu den eher Kitzligen gehört hatte. Dann schlang er plötzlich seinen Arm um mich, zog mich von meinem Platz auf seinen Schoss und fasste meine Hand. Ich lachte noch immer, versuchte meine Verwirrung zu verbergen. Darren stand auf und murmelte etwas von wegen "Gute Nacht ihr Turteltäubchen" auf Englisch, ehe er grinsend in einem der Zimmer verschwand. Ich protestierte, in der Hoffnung, dass er es noch hören würde. Mir war bewusst, wonach dieses Szenario aussehen musste, doch ich wusste auch, dass Jonas es nicht ernst meinte (das tat er ja anscheinend nie) und ich wollte keine falschen Gerüchte über uns im Umlauf haben. Besonders Lisa fände solch eine Geschichte bestimmt spannend. Ich schauderte bei dem Gedanken. Jonas wollte mich nun hinlegen, indem er mich hochhob. Ich sperrte mich im ersten Augenblick, doch dann gab ich nach. Mein Herz klopfte, trotz all der Zweifel - ich liess mich fallen. Er legte sich ebenfalls hin, Ende des Spiels war, dass wir beide auf dem Sofa ausgestreckt waren, ich an ihn gekuschelt. Ich hatte mich damit abgefunden, mehr noch; ich begann es zu geniessen. Trotzdem da die übliche Vernunftsstimme in meinem Kopf hallte, "Du weisst, das das nichts ernstes ist". Er fragte leise: "Bequem?" Ich nickte. Ich musste zugeben: es war schon warm und angenehm, wie er den Arm um mich legte. Und das sanfte streicheln seiner Finger über meine Hand jagte mir ein Kribbeln quer durch Körper. Wir lagen dort bestimmt eine halbe Stunde, in der zunächst ich ständig prüfend zur Tür starrte, fest entschlossen bei einer Bewegung sofort aufzuspringen. Ich kann das hier jederzeit beenden, und ich werde ihm auch nicht wieder hinterher trauern. Doch auch nach fünfzehn Minuten war kein Lebenszeichen der Tür zu erkennen, also entspannte ich mich vollends. Und dann war der Spuk auch schon vorbei. Aus einem der vorderen Zimmer rief jemand: "Jonas come here, we want to sleep. If you do not, you have to stay outside!" Er zuckte zusammen und ich stand auf, damit er sich aufrichten konnte. Ein letztes Mal durchwuschelte ich seine dunklen Locken, dann liefen wir gemeinsam zum Gang und trennten uns. Etwas wehmütig war ich schon, denn ich hatte es insgeheim sehr genossen, mit dem Ohr auf seinem Brustkorb dem Herzschlag zu lauschen, oder seinen warmen Atem zu fühlen. Doch ich legte mich in eines der leeren Betten, die anderen schliefen bereits, und leerte meinen Kopf von allen Geschehnissen des Tages, ehe ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf sank.

      Eowin
      Tierarztbericht für The Cold Crack of Dawn 06.01.2015

      Anschließend war The Cold Crack of Dawn – genannt Crack – an der Reihe. Schon beim Heranführen zeigte sich, dass er ein typisches Vollblut war: Unentwegt tänzelte er neben seiner Besitzerin her. Zwar war er nicht böse oder dergleichen, aber er schien einfach nicht zu wissen, wo er mit seiner Energie hin sollte. Dabei achtete er in besonderem Maße auf die Füße seiner Besitzerin und tänzelte stets daneben her, anstatt ihr rücksichtslos auf den Fuß zu treten.
      Auch für ihn machte ich Herpes, Influenza und Tetanus fertig und impfte ihn routiniert. Er schaute mich etwas dümmlich an, als wisse er nicht, was mit ihm geschehe, blieb aber artig.
      Erstaunlicherweise war dies auch bei der Wurmkur ähnlich: Bereitwillig ließ er sich die Tube ins Maul schieben, die Paste ins Maul drücken und schluckte dann, obgleich er es direkt zu bereuen schien. Er kaute geräuschvoll und schlug mit dem Kopf, aber die Paste war geschluckt und nun musste er da nun einmal durch.
      Ich lächelte, während Occulta den Knoten löste und ihren Schützling wieder in die Box brachte.

      Occulta
      White Storm 21.01.2015

      Sonnenstrahlen wärmten meinen Rücken, als ich mit Lila den Feldweg entlang töltete. Es war Sonntag, kurz nach dem Weihnachtsball. Ein Blick auf die Armbanduhr unterrichtete mich von der Tageszeit – zehn nach zwei Uhr. Es war ein vollgepackter Morgen gewesen. Zwei neue Pferde hatte ich begrüssen dürfen, und morgen würde nochmals eines folgen. Um fünf Uhr war ich aufgestanden, um beim Füttern zu helfen und anschliessend mit den Rennpferden und Jockeys ins Training zu gehen. Kaum war Cantastor wieder abgesattelt und versorgt gewesen, hatte ich Gini auf dem verschneiten Platz bewegt. Es waren sogar immer noch ein paar Flöckchen gefallen, während ich mit ihr Slaloms, Stops und Seitwärtsgänge geübt hatte. Richtig hübsch hatten die weissen Fetzen sich ihren Weg durch den nebligen Himmel getanzt. Danach hatte ich Amor Casdove vom Flughafen abgeholt. Der Pintoaraber hatte wohl einen echten Kulturschock gehabt, als er vom warmen Australien ins verschneite England verfrachtet worden war. Er hatte sich auch entsprechend verhalten und war trotz seiner Winterdecke extrem zappelig gewesen, als hätte es ihm an die Beine gefroren. Ich nahm es dem temperamentvollen Jungspund nicht allzu übel. Er hatte sich in der Box einige Male gedreht und gewiehert, danach war aber auch schon Ruhe eingekehrt. Ich hatte anschliessend Anubis bewegt, der zum Glück einiges ruhiger gewesen war. Nachdem ausserdem auch Donut und Hallu bewegt gewesen waren, hatte ich mich auf den Weg in den Süden gemacht, um meine neue Paint Stute abzuholen. Sie war ein interessantes Projekt, da sie vollkommen militärisch ausgebildet worden war. Ich hatte zwar gute zwei Stunden bis Bristol gehabt, doch die Fahrt hatte sich gelohnt: Echo war bereits mit einigen anderen Pferden angebunden auf dem Parkplatz gestanden, denn sie war nicht das einzige Pferd gewesen, das heute abgeholt worden war. Der alte Bauer, der aufgrund seiner Demenz seine Hobbyzucht aufgeben musste, war etwas verwirrt in Begleitung seiner Tochterzwischen den Pferden und Anhängern hindurch gewuselt und es war ihm sichtlich schwer gefallen zu verstehen, warum seine Pferde weg mussten. Als ich Echo endlich hatte die Rampe hochführen dürfen, hatte ich ihm versichern müssen, dass ich sie weiterhin kavallerietauglich ausbilden würde. Er hatte mir ihr Zaumzeug geschenkt, da sie dieses in der Ausbildung so gut angenommen hatte. Ich hatte beschlossen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen und es für mich als Challenge zu betrachten. Nun war die Stute in ihrer neuen Box und lebte sich ein, während ich auf dem Ausritt mit Lila war.
      Mein Mopho summte, ich bremste die Islandstute. "Hey, bist du noch lange weg?", stand auf dem Display, darüber fand ich das Profilbild von Jonas. Ich verneinte und fragte warum, konzentrierte mich dann aber wieder auf Lila. Mein Pferdchen war fleissig heute: kaum nahm ich die Zügel wieder auf, spurtete sie auch schon im Trab los. Die wollige Mähne tanzte dabei im Takt auf und ab. Überhaupt war alles an ihr wollig. Ich hatte sie noch nicht geschoren, da es so schnell so kalt geworden war, doch nun schien es langsam Zeit zu werden. Sie wird sich sonst zu Tode schwitzen, wenn sie so Gas gibt. Der Schnee war bereits wieder am Schmelzen, doch er stand noch immer knöchelhoch. Und für die nächste Woche war ein Schneesturm angekündigt worden. Ich mochte den Schnee, sehr sogar. Und ich mochte es, gemütlich im warmen Wohnzimmer zu sitzen, während draussen der Wind heulte und der Schnee wirbelte. Alles um mich herum lag still und weiss da, nur hin und wieder lösten sich das schmelzende Pulver von einem Ast und hinterliess einen glitzernden Nebel aus Eiskristallen in der Luft. Irgendwo in der Ferne rief eine Krähe, als ich den Weg beim Flussufer erreichte. An einer steil abfallenden Stelle beim Ufer, dort wo Schmelzwasser in den Fluss lief, entdeckte ich einige wunderschöne Eiszapfen. Ich hielt Lila und liess mich zu Boden gleiten, um einen abzubrechen. Den muss ich unbedingt Lewis zeigen! Er behauptet immer noch, dass 'seiner' bei der Reithalle der grösste sei. Ich sah nochmal auf das Display meines Mophos, ehe ich wieder aufstieg. "Wir wollen Schlitteln gehen. Keine Angst - die Pferde sind schon alle versorgt." Ich lächelte kopfschüttelnd und lenkte mein Pferdchen auf den Heimweg.

      Vor dem Nebenstall stieg ich ab und führte Lila unter das Vordach zum Anbinden. Sie stützte entspannt den Huf auf, während ich den Sattel von ihrem Rücken nahm und das lange Winterfell kurz durchbürstete. Ich schäre sie später gegen Abend. Schon kamen Lewis und Jonas um die Ecke. "Ah, you're back! Okay, let's groom Lila and then go, while it's still sunny", rief Lewis freudig. Ich nickte und die beiden halfen mir kurz beim Hufe Auskratzen und Beine Bürsten. Dann brachten wir Lila rein und holten meinen Holzschlitten aus dem Keller. Rosie, Lisa, Elliot, Darren und Oliver standen schon bereit; Quinn war nicht dabei weil sie sich eine Grippe eingefangen hatte. Ajith fehlte ebenfalls, da er keinen Schlitten hatte und sich nicht so geeignet für den Schneesport fand. Die anderen hatten versucht, ihn zu überreden, doch Ajith bleibt hart Granit wenn er sich einmal entschieden hat. Wir liefen los in Richtung Galoppwiese, dann ein wenig südöstlich. Dort gab es, weit vom Hof entfernt, einen grossen Hügel, den ich letztens mit Numair hochgaloppiert war, um dessen Kondition zu verbessern. Es war mühsam, durch den bereits schmelzenden Schnee zu stapfen. Der Weg auf den Hügel kam mir ewig vor. Doch die Mühe lohnte sich: trotz des klebrigen Schnees fuhren die Schlitten schnell. Dumm nur, dass mein Schlitten bei der zweiten Abfahrt einige Meter neben der Piste eine unliebsame Begegnung mit ein paar Felsen erlitt, die hinterhältig unter der Schneedecke schlummerten. Ich landete unsanft im Tiefschnee und der Schlitten sah mitleidserregend aus. Ich sammelte die linke Kufe und das restliche Holzgestell ein und lief damit die Piste hinunter, wo die anderen halb besorgt, halb lachend warteten. Jonas bot mir an, auf seinem Schlitten mitzufahren, was ich nach einigem Zögern auch annahm. Dankbar hastete ich neben ihm den Hügel hinauf, während er den Schlitten zog. Ich setzte mich vorne hin, er sich hinten, da er so besser lenken konnte. Die Abfahrt war turbulent aber lief gut, bis Lewis uns hinauswarf, indem er den Schlitten hinten packte und herumriss. Wir machten ständig solche Spiele beim Schlittenfahren - das machte es um einiges spannender. Ich lag lachend neben dem Gefährt im Schnee und sah zu Jonas, der sich ärgerlich die Mütze ausschüttelte. Schon entdeckte ich das typische, herausfordernde Glitzern in seinen Augen und wir erklimmten den Hügel erneut. Noch einige Male landeten wir im Schnee, und oft revanchierten wir uns an diesem Nachmittag. Ich genoss es in vollen Zügen und das Beste war, dass Jonas und ich ein hervorragendes Team bildeten. Als der Spass schliesslich zu Ende ging, da es bereits dunkel wurde, liefen wir fröhlich lachend und schnatternd zurück zum Stall. Im Pflegerheim liess ich mich erschöpft aber glücklich mit einem warmen Punsch in der Hand auf die blaue Couch fallen. Jonas setze sich neben mich. Wir redeten eine Weile, ehe wir beschlossen, einen Film zu schauen. Doch zuerst mussten die Pferde versorgt werden. Ich trank aus und zog mich wetterfest an. Es war sechs Uhr und dunkel draussen, ausserdem kam ein starker Wind auf, der eisig durch meine Jacke zog.
      Ich stampfte durch den bloss noch knöchelhohen Schnee zu den Weiden, wo ich Pina und Indiana auf halfterte. Die beiden liefen zügig und aufgeregt schnaubend neben mir den Weg hinauf, offenbar spürten sie den herannahenden Sturm. Ich liess, im Hauptstall angekommen, Diana los, damit sie selber in ihre Box laufen konnte. Währenddessen brachte ich Pina in die ihrige. Auch Jonas kam gerade mit Caprice und Crack angelaufen. Beim Zurückgehen schob ich auch Dianas Tür zu und warf einen Blick in die Box von Cassy, die bereits nass, aber zufrieden am Heu knabberte, dann lief ich erneut los um zwei weitere Stuten zu holen. Beim Eingang wich ich Ajith aus, der Kierka und Blüte hineinführte. Auf dem Weg zu den Weiden hielt mich Lisa auf um zu fragen, wann die Pfleger füttern sollten. Sie schaffte es kaum, Paint und Gray ruhig zu halten. Paint stand breitbeinig da, den Kopf hoch erhoben, und sog hin und wieder geräuschvoll Luft ein. Gray stand mit gespitzten Ohren daneben. Ich beschloss, dass wir das Füttern und Misten gleich erledigen sollten und anschliessend um neun nochmals Heu geben und Kontrolle machen würden. Lewis hatte inzwischen auch Sumerian geholt. Ich kümmerte mich also noch um die letzten beiden, Shio und Pointless. Doch auf dem Weg schüttelte Point die ganze Zeit heftig den Kopf und riss am Strick. Ich massregelte sie mehrfach, Wirkung zeigte es bei der sensiblen Stute kaum. Im Gegenteil: kurz vor dem Hauptstall nahm sie einen gewaltigen Satz in meine Richtung und warf mich beinahe um, sodass ich sie loslassen musste, um nicht überrannt zu werden. Knapp gelang es mir, Shio zu halten. Die gepunktete Stute hingegen raste im gestreckten Galopp zurück in Richtung Weiden. "Spinnvieh!" Ich fluchte vor mich hin und brachte Shio schleunigst in die Box, um gleich darauf ein paar Pfleger zusammenzutrommeln und Pointless zu suchen. Mittlerweile stürmte es fast schon, und es schneite. "Na toll, sie haben den Sturm doch erst für Montag angesagt!", beschwerte sich Lisa. Ich beachtete sie nicht und kniff die Augen zusammen, damit keine Schneeflocke hineingeweht wurde. Ich lief zielstrebig in Richtung Fohlenweide, denn dort vermutete ich die ausgerissene Stute. Die anderen folgten mir. Tatsächlich stand Pointless beim Zaun und sah uns entgegen, doch als wir zu nahe kamen, drehte sie ab und bewegte sich im Stechtrab weiter den Weg hinab. "No chance, she'll run to the field if we try to chase her. We have to block the way down there", rief ich durch den Wind und deutete auf das Ende des Weges zwischen den letzten beiden Weiden. Lewis und ich rannten in einem Bogen über die Weiden nach unten, indem wir uns unter den massiven Holzzäunen hindurch zwängten. Point beobachtete uns hin und wieder misstrauisch, dann wiederum sah sie zu Lisa und Ajith hoch. Als wir unten ankamen, streckten Lewis und ich die Arme aus und blockierten den Weg, von Zaun zu Zaun. Dann trieben wir die aufgewühlte Stute langsam nach oben zu Ajith. Er schaffte es schliesslich, ihr noch immer am Halfter baumelndes Seil zu fassen und ihr zusätzlich einen Strick um den Hals zu legen. Gemeinsam führten wir Pointless in den Stall, was diesmal bis auf einige grunzende Seufzer ihrerseits ereignislos verlief. Als sie endlich in der Box war, atmete ich auf. Wir waren alle vier Total durchnässt und zerzaust vom Wind, der draussen gerade erst seine volle Kraft zu entwickeln schien.
      Wir fütterten die ungeduldig schnaubenden Pferde rasch und säuberten die Boxen, danach machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Pflegerheim. Kaum waren wir da, legte der Sturm richtig los. Es flitzten eine Menge weisser Flocken am Fenster vorbei und der Wind heulte durch die Spalten des Hauses. Drinnen war es dafür umso gemütlicher: die Heizung lief auf Hochtouren und es wurden bereits Decken und heisser Tee verteilt. Ich zog die Jacke aus und stellte fest, dass nicht nur meine Haare, sondern auch meine Hosen durchnässt waren. Ich wickelte mich daher rasch auf dem Sofa in eine der Decken ein und liebäugelte mit einer blauen Tasse auf dem Tisch vor mir. Mit einem federnden Aufschlag liess sich Jonas neben mich fallen, wie ich es mir insgeheim erhofft hatte. Wir starteten den Film und verdunkelten den Raum. Es dauerte nicht lange, da fühlte ich eine Hand sich um meine Schulter legen, und eine sanfte Kraft zog mich weiter nach links. Ich liess es zu, bis ich mit dem Kopf an seine Schulter gelehnt war und wagte es nicht, aufzusehen. Als ich es doch tat, sah er mich mit solch einer Herzlichkeit an, dass ich mir ein glückliches Lächeln unmöglich hätte verkneifen können. Ich liebte seine tiefgründigen Augen, seine feinen und doch kantigen Gesichtszüge und das wollene Haar - alles an ihm war in diesem Moment wundervoll und ich vergass die schmerzenden Monate der Kälte und Nüchternheit. It's so silly, sagte ich zu mir selbst, but if this was a dream, I would never want to wake up. Die Zeit ging viel zu schnell vorüber. Und so kam das unweigerliche Ende der zärtlichen Liebkosungen. Still hatten wir unser Glück für ein paar Stunden gehabt, und ebenso schnell war es wieder vorüber. Das Licht ging an, unsere Wege trennten sich bei den Schlafzimmertüren. Ich lag noch lange wach, während draussen der Sturm an den Schindeln zerrte und alles in Dunkelheit tauchte. Wie wird es wohl morgen sein? Harmonischer Sonnenschein, oder Verwüstung?
    • Occulta
      Letzter Bericht:
      Occulta
      Ein schicksalhafter Tag 08.03.2015

      Wie gewohnt lief ich morgens um 5 Uhr durch den Hauptstall und hielt vor der weissen Tafel in der Sattelkammer. Auch Lily und April standen bereits dort und suchten ihren Namen. Am Vorabend waren nämlich die neuen Einsatzpläne für den Februar ausgearbeitet worden. Ich hatte wie immer mitgeholfen beim Einteilen und wollte nun sehen, ob die Jockeys zufrieden waren. April fand sich auf der Liste und rief erfreut: „Yes! I hoped I’d get Fly and Sunday!“ Sie hatte ausserdem noch Blüte und Gray zugeteilt bekommen. Lily nickte ebenfalls zufrieden (sie hatte Light, Campina, Chiccory und Cantastor bekommen) und schien sich im Kopfe schon zu überlegen, wie sie diesen Monat Trainieren wollte. Ich selbst hatte darauf bestanden, wieder Winter und Stromer zu übernehmen, ausserdem hatte ich wie immer Frame bekommen, da der sensible Hengst bei mir mit Abstand am besten lief. Ausserdem hatte ich mich für die neue Stute gemeldet, die wir bei einem Ungarischen Pferdehändler gekauft hatten. Es handelte sich um einen Furioso, ein hübsches dunkelrotes Tier, das jedoch in einem recht schlechten Zustand war. Sie würde heute Nachmittag nach einer langen Auto- und Fährenfahrt ankommen. Noch am Morgen würde ein neuer Vollbluthengst ankommen, von dem wir uns viele Erfolge für die Zukunft erhofften. Ausserdem hatte ich beschlossen, Feline wieder zu mir zu holen. Die Stute hatte sich zu einer echten Schönheit gemausert und so wollte ich sie nicht länger verkaufen. Es fiel mir schwer zuzugeben, dass Elliot recht gehabt hatte und tatsächlich Potential in ihr steckte.
      Ich entschied, zuerst zu Stromer zu gehen und mich der ersten Morgengruppe für die Hengste anzuschliessen. In dieser Gruppe liefen bisher anscheinend Muskat, Empire, Light und Sunday mit. Eine gute Gruppe, dachte ich zufrieden, denn Muskat und Empire waren ja schon etwas älter und erfahren, die jungen Pferde konnten viel von ihnen lernen. Sie wurden eigentlich auch nicht mehr offiziell zum Rennen eingesetzt, nahmen jedoch immer noch regelmässig am Training teil damit sie fit blieben und Kondition fürs Springen hatten. Ich löste die Schnallen von Stromers babyblauer Fleece-Decke und faltete sie über der Kruppe. Dann schnappte ich mir die Langborsten Bürste und wischte damit über sein geschorenes Fell. Für den Kopf nahm ich eine kleinere Kopfbürste, denn er mochte die Grossen Bürsten nicht bei den Ohren. Nachdem ich auch mit der Kardätsche und dem Fellhandschuh über den Körper des Hengstes gefahren war, befand sich kein Stäubchen mehr auf dem Stoppelfell. Auch die Mähne wurde schön gekämmt und auf eine Seite gelegt, doch nach einmal schütteln hatte sie Stromer wieder kreuz und quer über den Hals fallend. Ich musste schmunzeln bei dem Anblick, denn er schien sich immer dann zu schütteln, wenn ich einen Bändigungsversuch an dem weissen Langhaar unternommen hatte. Als nächstes holte ich den kleinen Rennsattel und das Zaumzeug, wobei ich zu Empire und Thomas rüber schielte und feststellte, dass der Jockey auch erst am Satteln war. So weit so gut – als ich fertig war, führte ich meinen Cremello nach draussen zum Aufsteigen. Er wartete geduldig bis ich oben war und die Bügel eingestellt hatte. Ich schloss mich Light und Sunday an, sobald die beiden in Richtung Galoppbahn ritten. Wir würden wie immer zuerst dort aufwärmen und danach auf die Grasbahn gehen, die noch immer von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Stromi war gut drauf und machte schön lange, geschmeidige Schritte. Ich freute mich also auf ein tolles Training. Während dem Schrittreiten plante ich, was heute noch alles zu tun war. Um vier Uhr fand ein Qualifikationsrennen in Nottingham – Colwick Park statt, bei dem the Cold Crack of Dawn und Campina eingetragen waren. Tom und Lily würden sich beim Training unter keinen Umständen verletzen dürfen. Endlich trabte die Gruppe an und ich tat es den anderen gleich. Wir ritten schön hintereinander den Schnitzelweg entlang, dann bogen wir auf den Kiesweg in Richtung Trainingsbahn. Wir starteten heute im Feld und jeder trainierte für sich, wobei wir ab und zu kleine Kopf-an-Kopf Sequenzen einbauten. Einmal rief ich zum Beispiel April, die daraufhin etwas abbremste damit ich aufholen konnte. Sunday gab sich alle Mühe, meinen sechsjährigen Cremello nicht nach vorne zu lassen, doch Stromer streckte sich wie eine geschmeidige Katze und schob sich bei jedem Sprung einige Zentimeter vor. Am Ende des Trainings fiel mir auf, dass Light ein paarmal hustete. Zur Sicherheit sagte ich Oliver Bescheid, der es ebenfalls schon von seiner Beobachterposition am Rand der Bahn bemerkt hatte. Er verordnete einen Ruhetag und eventuell einen weiteren, falls es nach einem längeren Longieren wieder passieren würde. Auf meine Frage hin meinte er, dass es nichts Ernstes sei und sich der fast schwarze Hengst vermutlich etwas erkältet hatte. Ich nickte, beruhigt, dass er dasselbe dachte. Wir verräumten die Pferde, wobei ich Stromer lange mit der Fleecedecke trockenführte, damit er nicht auch noch zu husten anfing. Danach holte ich das Putzzeug von Winter, denn der war als nächstes dran. Mein grosser Schneemann sah mich ungeduldig an und verdrehte die Augen beim ausgiebigen Gähnen. Ich bürstete das weisse Fell liebevoll und kratzte die Hufe aus, ehe ich ihn sattelte und zäumte. In dieser Gruppe liefen Fly, Chiccory und Spot mit, ausserdem einige der Stuten: Paint, Capri und Diana. Dies klappte normalerweise Problemlos, da die Jockeys die Hengste voll im Griff hatten und diese sich sowieso eher auf das Training konzentrierten. Ich beobachtete beim Aufsteigen belustigt, wie Spot herumalberte, als Quinn auf seinen Rücken klettern wollte. Dem Vollblüter mit den lustigen Flecken konnte man einfach nicht böse sein. Er zählte zu meinen absoluten Lieblingen, doch natürlich liebte ich alle meine Pferde. Jedes von ihnen hatte seine eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter, was das Reiten immer wieder aufs Neue spannend machte. Es kam auch häufig vor, dass ich mich mit den Pflegern absprach und spontan ein Pferd ritt, welches nicht bei mir eingeteilt war. Ich hatte kein Problem damit, den ganzen Tag im Sattel zu sein.
      Das Training mit Winter verlief wiederrum gut, allerdings war er nicht in Bestform gewesen und hatte seine Zeit vom letzten Mal überboten. Ich lobte ihn trotzdem sehr beim Absteigen, und hielt ihm ab und zu ein Karottenstück hin beim Trockenführen. Ich lief mit ihm hinunter zu den Weiden, liess ihn an den Minis schnuppern und die Nase zu den Hengstfohlen stecken. Die ganze Zeit über machte Winter ein fröhliches Gesicht und hatte die Ohren entspannt nach vorne gerichtet. Das Wetter war auch herrlich: Die Sonne schien und obwohl es noch immer ziemlich kalt war, kam es mir vor wie an einem Frühlingstag. Doch ich liess mich nicht täuschen, es war erst Februar und der Winter würde sich bestimmt nicht so leicht geschlagen geben. Ich brachte meinen Hengst nach zwanzig Minuten zurück in den Hauptstall und schaute, dass es ihm an nichts fehlte, ehe ich die Boxentüre schloss. Ich sah auf die Uhr. Schon acht! Herrjeh, ich muss noch Frame beschäftigen ehe ich den Vollbluthengst und Feline abhole. Ich beschloss, den Hengst zu longieren, denn das hatte ich schon länger nicht mehr mit ihm gemacht. Er war, seit seine Wunden vollständig verheilt waren, intensiv trainiert worden und hatte ordentlich Muskeln und Kondition aufgebaut. Von dem schwächlichen Jährling, den ich damals auf der Wiese gesehen hatte, war äusserlich keine Spur mehr. Innerlich spukten jedoch immer noch die Bilder von damals in dem Hengst, sodass er kaum eine Person ausser mir wirklich nahe an sich heranliess. Immerhin hatten wir ihn so weit, dass er sich auch von anderen Pflegern einigermassen problemlos führen liess. Doch es war noch ein langer, vielleicht unendlicher Weg bis zum nervenstarken, coolen Leistungssportler. Wie Oliver so schön sagte – das beste Rennvermögen nützt nichts, wenn sich das Tier beim Start erschreckt und den Jockey runterbockt. Ich seufzte bei dem Gedanken an den letzten Versuch mit Lily. Das war nun beinahe zwei Wochen her. Frame hatte sich nicht nur geweigert, in die Startbox zu gehen, er hatte sich auch mitten im Trainingsrennen erschreckt und war aus der Gruppe ausgebrochen, wobei er nur haarscharf an Muskat vorbeigestolpert war. Es hätte übel ausgehen können und Lily war danach so wütend, dass sie sich weigerte, wieder aufzusitzen. Bei mir war der Hengst, aus welchen Gründen auch immer, brav wie ein Lamm. Er folgte mir ohne Seil, zickte nicht rum beim Aufsteigen, tat überhaupt alles, was ich von ihm verlangte. Nur ab und zu vermochte ihn ein plötzliches Geräusch oder eine schnelle Bewegung im Gebüsch zu erschrecken. Jedenfalls putzte ich ihn an diesem Morgen rasch, legte ihm den Longiergurt an und hängte die Doppellonge ein. Dann ging ich mit ihm in die Halle, da dort die Ablenkungsgefahr geringer war. Ich übte mit ihm eine halbe Stunde diverse Übergänge, die Biegung und das schwungvolle Schieben aus der Hinterhand. Danach nahm ich mir Zeit, ihn zu versorgen und hastete anschliessend auf den Parkplatz zum Auto. Zuerst fuhr ich mit dem Anhänger eineinhalb Stunden nach Bristol um den Hengst namens Caspian zu holen. Ich hatte ihn direkt von seinem Züchter gekauft, den ich an einer Auktion kennengelernt hatte. Er hatte mir Caspian weit unter seinem Wert überlassen unter der Bedingung, dass seine Tochter, der er sehr ans Herz gewachsen war, ihn später hin und wieder besuchen durfte. Es war ein rührender Abschied vor Ort, denn die 16 Jährige kannte den Hengst seit seinen ersten wackeligen Schritten. Doch so war das nun mal, sie hatte von Anfang an gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihn loslassen musste. Ich für meinen Teil war froh, Caspian nun endlich nach Hause fahren zu können. Doch auf dem Rückweg ging es erstmal noch zu Feli, die mich mit Diana zusammen schon erwartete. Diana wollte auch in Zukunft immer mal wieder rüber auf Pineforest Stable kommen um Feli zu besuchen, doch sie hatte mittlerweile endlich ein eigenes Pferd von ihrem Vater bekommen, sodass sie sicherlich genug zu tun hatte. Zurück auf dem Hof half mir Jonas beim Ausladen und brachte Feli gleich in den Nebenstall, während ich Caspian vorerst in die Box neben Shio stellte. Falls das gut klappen würde, würde er auch dort bleiben dürfen, wenn nicht, dann mussten wir mal wieder eine neue Boxenordnung ausarbeiten. Der Schimmel schnupperte zwar interessiert an Shio, wandte sich dann jedoch gierig dem Heu zu.
      Am Nachmittag kam wie erwartet Satine, die Furioso Stute. Sie sah noch übler aus, als ich sie in Erinnerung hatte, doch wenigstens schien sie unverletzt. Traurig betrachtete ich das ehemalige Zirkuspferd aus der Nähe. Sie hatte kaum Muskeln und war mager bis auf die Rippen. Selbst ihre strahlend blauen Augen wirkten nichts als gestresst und müde. Ich fasste sie etwas näher am Halfter, als die den Kopf vor meiner Hand wegziehen wollte und murmelte beim Streicheln „Everything’s allright, you’re at home now.“ Sie senkte den Kopf etwas und blinzelte, weil sie Angst hatte, dass ich ihr in die Augen fasse. Ich führte sie nach einigen Minuten langsam in den Nebenstall, denn sie lief von der langen Fahrt noch wackelig und unsicher. In der Box machte sie sich nur halbherzig über das Heu her, sodass ich mich gezwungen sah, einen Tierarzt zu rufen. Hoffentlich ist sie nicht ernsthaft krank, betete ich innerlich. Die Diagnose war eine mittelschwere Lungenentzündung. Würden keine Komplikationen auftreten, so konnte sie in etwa zwei Wochen grösstenteils genesen sein. Sie bekam Antibiotika und strikte Stallruhe verordnet. Die Stute tat mir leid, denn sie hustete nun auch hin und wieder, was ihr Schmerzen zu bereiten schien. Wenigstens bestand kein Risiko für die anderen Pferde. Nachdem ich noch eine Weile bei ihr geblieben war und sie besorgt beobachtet hatte, ging ich zum Hauptstall um zu sehen, wie weit Tom und Lily waren. Sie hatten die Sättel und das restliche Zubehör bereits in den Anhänger gebracht und zogen nun gerade den Vollblütern die Transportgamaschen an. Campina stand bockstill und liess Lily an sich herumzupfen, während Crack wie immer vor und zurück zappelte. Ich half kurz, die Stute festzuhalten und streichelte sie liebevoll, während ich das Halfter hielt. Sie bedeutete mir sehr viel, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen, das machte sie unbezahlbar. Endlich waren die Gamaschen fest um die Beine gelegt und die Pferde wurden zum Parkplatz geführt, wo sie ohne zu zicken die Rampe hochliefen. Ich wünschte den fünfen eine gute Fahrt (Oliver ging als Trainer natürlich auch mit, ich hingegen hatte heute noch zu viel zu tun) und viel Glück beim Rennen. Besonders von Campina erhoffte ich mir eine gute Platzierung, denn die Stute war im Training ausgezeichnet gelaufen und schien auch heute in Topform zu sein. Fröhlich summend ging ich zu Rita, die beim Nebenstall Calico sattelte. Ich hatte versprochen, ihr heute eine Reitstunde zu geben. Die junge Frau, die mittlerweile sogar die Ausbildung zum Jockey in angriff genommen hatte, war extrem fleissig und saugte neues Wissen über Pferde auf wie ein Schwamm. Sie hatte sich von der gnadenlos überforderten Anfängerin zur zuverlässigen Pflegerin gemausert und wohnte nun sogar endlich mit den anderen im Pflegerheim. Ihr Vater hatte sich anfangs dagegen gesträubt, doch schliesslich hatte sie gewonnen, da sie ja schon 24 war und damit gedroht hatte, externe Hilfe anzufordern. Sie konnte zwar nun nichtmehr vom Reichtum ihres Vaters profitieren, doch das brauchte sie auch nicht. Sie verdiente sich ihr Geld nun selbst. Ich war anfangs sehr skeptisch gewesen, was ihren Charakter betraf, hatte ich sie doch als verwöhntes einzelkind eingeschätzt. Doch die Pfleger und ich hatten sie nun wirklich lieb gewonnen und sie war ein fester Teil von uns geworden. Als wir auf dem Platz waren stellte ich einmal mehr fest, dass sich das harte Training gelohnt hatte: Rita sass gerade und selbstsicher auf dem Schimmelhengst, hielt die Absätze tief und am rechten Ort. Ich musste sie jedoch ab und zu daran erinnern, die Hände nicht zu hoch zu halten. Calico spielte brav mit. Er hatte gelernt, respektvoll mit seiner ehemaligen Besitzerin umzugehen und lief bei den restlichen Pflegern und mir sowieso wundervoll. Ich hatte recht behalten: der Hengst hatte eine ausgezeichnete Veranlagung und lernte so schnell wie Rita. Nach der Stunde ging ich mit Sorrow ins Gelände. Es wäre eine Schande gewesen, solch wundervolles Wetter nicht zu nutzen. Vor dem Aufsteigen flocht ich dem stämmigen Hengst einen französischen Zopf in die Mähne. Es stand ihm ausgezeichnet. Wir ritten zum Fluss, überquerten die Brücke und dann nach Süd-Osten zu den beliebten Galoppstrecken. Sorrow gab ordentlich Gas auf den grasüberwachsenen Feldwegen, liess sich jedoch stets wieder bremsen. Einmal kam uns eine Frau mit einem schwarzen Hund entgegen, an dem der Hengst interessiert schnupperte. Dann hüpfte der Hund wieder davon und wir setzten unseren Ritt gemütlich fort. Genoss die Sonne und auch Sorrow drehte die Ohren zufrieden in der Umgebung herum. Auf dem Rückweg liess ich ihn etwas Schulterherein laufen und stellte ihn an den Zügel. So hatten wir auch unsere heutige Protion Dressur.
      Als ich auf dem Kiesweg an den Weiden vorbei ritt, klingelte plötzlich mein Handy. Huch, Was ist denn nun wieder los? Ich nahm ab und erkannte erschrocken Olivers besorgte Stimme. „We‘ve had an accident, you must come quickly to decide what to do with the horses.“ Wie in Trance stieg ich ab, rief Rosie, die Sorrow übernahm und rannte zum Parkplatz. Man hatte entschieden mich vor Ort zu rufen, da die Unfallstelle nur zwanzig Minuten entfernt war. Vor Ort fand ich einen Krankenwagen und mehrere Polizeiautos, ausserdem war bereits ein Tierarzt da. Wie sich herausstellte, hatten die drei eine Kollision mit einem betrunkenen Geisterfahrer gehabt. Dabei hatte sich der Transporter überschlagen. Tom, der gefahren war, war bewusstlos und hatte einige Brüche erlitten, sein Zustand war aber so weit stabil. Lily hatte einen gebrochenen Arm und Prellungen und Oliver war mit einer blutenden Nase davongekommen. Doch am schlimmsten hatte es die Pferde erwischt. Campina hatte starke Prellungen und lahmte. Für Crack gab es keine Rettung mehr. Ich stimmte zu, die Stute von ihren Leiden zu erlösen, denn sie hatte mehrere komplizierte Brüche erlitten und konnte nicht mehr aufstehen. Es war ein schrecklicher Augenblick, als der Tierarzt die Spritze aufzog, und ich drehte mich weg zu Pina, vergrub mein Gesicht in ihrem weichen Fell. Meine wunderschöne kleine Crack, das Geschenk von Jack! Es kam mir so unfair vor, dass mir nun auch diese Erinnerung an ihn genommen wurde. Doch es war besser für die Stute, alles andere wäre Quälerei gewesen. Campina wurde in eine Klinik in der Nähe gebracht, wo sie umfassend untersucht und behandelt wurde. Tom landete im Krankenhaus, durfte zum Glück aber schon nach vier Tagen nach Hause zu seinen Eltern. Auf Pineforest Stable würde er erst wieder in ein paar Monaten zurückkehren, wenn er wieder einsatzfähig war. Lily kam noch am selben Tag mit uns zurück auf den Hof, den Arm in eine Schlinge gehüllt. Sie wurde liebevoll von den anderen begrüsst und Ajith übernahm die ihr zugeteilten Pferde für den restlichen Monat. Ich wanderte nach all den aufmunternden und mitleidigen Worten der anderen still ins Haupthaus, wo ich mir erstmal einen Tee machte. Ich starrte während dem Trinken aus dem Fenster und beobachtete, wie Jonas den Kiesweg entlang zur Tür kam und klopfte. Soll ich aufmachen? Eigentlich will ich nicht… Ich bewegte mich nicht von der Stelle und wartete, bis er wieder verschwunden war. Trotzig dachte ich: wenn etwas passiert bin ich gut genug für dich und sonst behandelst du mich wie Luft. Spar dir die Mühe. Dann legte ich mich aufs Sofa und versank bis zum Abend in Melancholie. Der Tag hatte so schön begonnen, und nun das.
      Am Abend schlenderte ich lustlos zur Halle, wo Lisa gerade eine Reitstunde gab. Es waren ein paar Leute von auswärts da und vier Pfleger: Darren mit Herkir, Jason mit Bluebell, Jonas mit Loki und Anne mit Sweets. Ich setzte mich in den Zuschauerraum hinter die Scheibe und sah zu. Blue lief wiedermal zügig, sodass Jason ständig abwenden musste. Sweets ging beinahe konstant in Anlehnung, doch Anne liess sie zwischendurch strecken, damit sie nicht zu müde wurde. Schliesslich waren beide Pferde erst seit kurzer Zeit unter dem Sattel und noch nicht vollständig ausbalanciert. Herkir und Loki liefen mittlerweile richtig toll und nur Herkir gab ab und zu Gas – immer dann wenn Darren angaloppieren wollte. Ich war zufrieden mit den vieren. Nach der Stunde wollte ich mich wegschleichen, doch Jonas erwischte mich. „Warum hast du nicht reagiert, als ich geklopft habe?“, wollte er wissen. „Ich hab dich nicht gehört.“ „Aber ich war echt laut…“ „Kann passieren. Gute Nacht.“ Es schmerzte, so kalt zu sein, doch er hatte es verdient, da war ich mir sicher. Er sollte ruhig sehen, wie sich das anfühlte. Ich lief nocheinmal durch die Ställe und ging sicher, dass alle Pferde eingedeckt waren, dann legte ich mich ins Bett. Was für ein Tag
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  • Kategorie:
    Gedenksteine
    Hochgeladen von:
    Occulta
    Datum:
    8 März 2015
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