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Mohikanerin

// tc Herkir

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Mohikanerin, 2 März 2021
Occulta gefällt das.
    • Mohikanerin
      Ein lustiger Ausflug | 15. April 2014

      Über mir zwitscherte eine Blaumeise, träge hob ich den Kopf und blickte zu ihr empor. Ich lag unter dem grossen Laubbaum auf der Hengstfohlen Weide und genoss die kühle Brise, die mir die Haare zerzauste. Am Himmel waren bereits dunkle Wolken zu sehen, es würde wohl bald anfangen zu gewittern. Ganz in der Nähe graste eine kleine Gruppe von Fohlen, die Hengstchen. Sie interessierten sich nicht mehr sonderlich für mich, zu lange lag ich schon hier und beobachtete sie. Am Anfang waren sie jedoch die ganze Zeit gekommen und hatten an meinen Wanderschuhen geknabbert. Neben mir verlief eine dicke Wurzel durch den mit Rindenstückchen gespickten, nur spärlich bewachsenen Boden. Ich fuhr gedankenverloren mit den Fingern darüber, als wäre es der Arm von jemandem. Dann richtete ich mir so plötzlich auf, dass selbst die Fohlen zusammenzuckten. Da war doch was, jemand hat nach mir gerufen – dachte ich mir, und sah mich verwirrt um. Jonas kam vom Nebenstall her angerannt. „Occu! Occu, die Minihengstchen sind ausgebüxt!“ Na toll – dachte ich mir. Die Hengstchen durften zwar auch ab und zu frei auf dem Hof herumlaufen, so wie die Stuten, doch leider musste man sie ständig im Auge behalten, weil sie doch ab und an etwas weiter vom Hof weg wollten. Die Stuten hingegen bleiben immer da, wo es etwas zu fressen gab: Zuhause. Ich sprang auf, wischte mir kurz die Erdklümpchen von den Hosen und lief zum Weidentor. Jonas hielt es mir bereits auf, sodass ich nur hindurch zu schlüpfen brauchte. „In welche Richtung sind sie gelaufen?“, fragte ich schnellen Schrittes. „Das weiss niemand so genau; die Pfleger waren beschäftigt mit dem Füttern im Hauptstall und als sie zurück kamen waren die Hengstchen verschwunden. Auf dem Hof sind sie jedenfalls nicht mehr, wir haben überall gesucht.“ Ich rollte mit den Augen. Die Schuldigen wurden natürlich mal wieder geschützt, ‚die Pfleger‘ waren es, keine Personen mit Namen. Aber ich schwieg und schnappte mir, wie ich es in so einer Situation immer tat, den Sattel von Moon aus der Sattelkammer. Die Stute und ich waren ein eingespieltes Team, ich konnte ihr blind vertrauen und sie auch mir. Ausserdem hofften wir, die beiden Hengstchen mit zwei Stuten anzulocken. Jonas nahm Gini, die zwar noch recht neu auf dem Hof war, aber sich bisher sehr musterhaft benommen hatte und sich sehr fein lenken liess. Wir sattelten die beiden Stuten und zäumten sie mit ihrem Bosal; wir ritten die Criollos fast nur mit gebisslos. Dann trabten wir, mit Halftern und Stricken bewaffnet, ohne grosses Aufwärmen den Kiesweg in Richtung Fluss entlang, denn die beiden waren den ganzen Morgen über auf der Weide gewesen. Bei einer kleinen Waldinsel gleich am Flussufer machten wir halt und überblickten das Gelände um uns herum. Hier waren die Hengstchen schon einmal auf einem Fluchtversuch vorbeigekommen, deshalb hatten wir beschlossen, hier zuerst zu suchen. Und tatsächlich: etwas weiter vorne beim Ufer, durch das Gestrüpp gerade noch erkennbar, zeichneten sich die Silhouetten von zwei kleinen Pferdchen ab. Ich gab Jonas ein Handzeichen, dass er einen Bogen machen solle, sodass wir sie in Richtung Ufer einkesseln konnten. Durch das Wasser würden sie nicht fliehen – hoffte ich zumindest. Zunächst bestätigte sich dies auch, die beiden hoben die Köpfe und spitzten die Ohren (Lenny sah mit seiner langen Mähne fast aus wie ein Wildpferd). Doch dann schien der temperamentvolle Lenny förmlich einen Entschluss zu fassen, drehte sich gegen das Wasser und trabte mitten in die schwache Strömung. Er suchte sich seinen Weg auf einer Sandbank, die sich, wie ich jetzt erst begriff, geradewegs bis zu der Grossen Flussinsel durchzog. Wenige Augenblicke später kletterte der Hengst auf der anderen Seite aus dem Wasser und schüttelte sich. Als würde er uns auslachen, positionierte er sich auf einer mit Gras bewachsenen Uferstelle und gähnte entspannt, ehe er den Kopf zum fressen senkte. Ich konnte es noch immer nicht fassen und achtete nicht auf Arco, der hin und hergerissen zu Lenny starrte. Jonas versuchte mich noch zu warnen, doch da war es auch schon zu spät. Arco hatte ebenfalls einen Hüpfer ins kalte Nass gemacht und stampfte zur Insel. Zu allem Überfluss begann es jetzt auch noch zu regnen. „Na wenigstens sind sie jetzt auf der Insel, dort können wir sie leicht fangen. Kanntest du die Stelle vorher?“ meinte Jonas zu mir. „Nein, mir ist es nie aufgefallen… Aber die müssen wir uns merken, im Sommer können wir so zur Insel gehen und baden!“ antwortete ich begeistert. Insgeheim war ich stolz auf Lenny, der diesen Weg entdeckt hatte. Sonst gab es keinen Weg zur Insel, ausser man schwamm quer durch den Fluss. Nach kurzem Zögern überzeugte ich Moon, ebenfalls hindurch zu waten. Jonas und Gini folgten uns. Auf der Insel angekommen blieb ich mit Moon beim Ufer stehen, um den einzigen Fluchtweg zu versperren. Unterdessen machte sich Jonas daran, die Minis einzufangen. Er stieg ab und band Gini mit dem dritten Bosal-Zügel an den tief hängenden Ast eines Baumes. Dann lief er seitlich auf Arco zu, der sich dank seines gutmütigen Charakters auch gleich berühren und auf halftern liess. Ich beobachtete Jonas gespannt, als er auf Lenny zuging. Lenny sah ihn zuerst misstrauisch an, doch beschloss nach einem kurzen hin und her anscheinend, dass das Weglaufen zwecklos war. Jonas kam grinsend mit den beiden im Schlepptau zurück. Mittlerweile schüttete es wie aus Eimern und wir waren schon völlig durchnässt. Ich Lächelte ihm etwas schief entgegen und ritt auf ihn zu um ihm Arco abzunehmen. Dann wendete ich Moon geschickt und wir wateten zurück durch das Wasser ans andere Ufer.
      Wieder auf dem Hof brachten wir die Minis auf die Weide zurück und versorgten dann Moon und Gini. Dann rannten wir lachend zum Haus und trockneten uns gegenseitig mit frischen Frottiertüchern. Er stupste mich immer wieder an die Nase und ich stupste zurück, eine alte Spielerei bei uns beiden. Als nächstes machten wir uns für die Ankunft von zwei neuen Fohlen bereit, ein kleiner Isländer und ein Vollblutfohlen aus berühmter Zucht. Beide waren eingeflogen worden und vermutlich ziemlich gestresst und müde, daher musste bei ihrer Ankunft alles reibungslos verlaufen. Wir bereiteten zwei Boxen im Hauptstall vor, dort sollten sie sich erstmal einen Tag lang erholen, ehe sie zu den anderen Fohlen kamen. Gerade als wir fertig waren, kam ein Transporter auf dem Parkplatz an. Mittlerweile regnete es schon nicht mehr ganz so stark. Lewis, Lisa, Jonas und ich liefen ihm mit Regenjacken ausgerüstet entgegen und begrüssten den Fahrer. Es war Hans, der nette Bauer der unsere Neuankömmlinge jeweils am Flughafen abholte. Er wurde natürlich gleich zu einem Tee im Haus eingeladen, doch zuerst wollten wir die Fohlen versorgen. Wir öffneten die Klappe. Dies war jedes Mal wieder ein Moment der Spannung, denn man war immer neugierig, was sich in dem Transporter nun verbarg. Schnell wurde klar, dass die beiden Fohlen bei bester Gesundheit waren und uns aufmerksam entgegen schielten. Herkir, der Isländer, war schon ziemlich gross und fast bereit zum Einreiten. Alysheba hingegen war erst ein Jährling und noch sehr schlaksig. Lewis und ich führten beide rückwärts raus, was sie gut meisterten, und brachten sie dann ganz ruhig in den Hauptstall. Natürlich gab es seitens Alysheba ein mächtiges Gewieher, schliesslich wollte er auf sich aufmerksam machen und herausfinden, ob hier irgendwo vielleicht noch andere Fohlen waren. Auch in der Box drehte sich der Junghengst noch aufgeregt, anstatt wie Herkir das Heu zu fressen. Er sah sehr edel aus, trotz seines unfertigen Körperbaus. Herki sah mit seiner Wuschelmähne schon wie ein richtiger Isländer aus. Allerdings war er eher etwas zurückhaltend, fast schon scheu. Vermutlich weil er recht lange einfach auf einer Weide gestanden war. Nun war Hans aber dran, wir waren bereits wieder im Haus und hatten für alle Anwesenden Tassen bereitgestellt. “Aaand? How does business go?“, fragte Hans nach einer kurzen Pause. “Very well indeed, we’re certainly not unlucky. We’ve got several really good horses here and we won lots of competitions since we have this Stable.”, antwortete ich gelassen. Jack kam die Treppe runter und begrüsste Hans, dann schnappte auch er sich einen Stuhl und setzte sich. Wir plauderten etwas über den Hof und über englische Traditionen, bis hin zu militärischen Einsätzen der Pferde im ersten Weltkrieg. Es war äusserst interessant Hans zuzuhören, der noch viel von seinem Vater wusste. Schliesslich war es Zeit, sich zu verabschieden, denn wir mussten um halb sieben noch ein neues Pferd am Flughafen empfangen – Horror Kid. Die Araberstute war wohl manchmal sehr schwer im Umgang, weshalb wir sie lieber selber holen wollten. Eine Stunde später standen Jonas, Jack, Quinn und ich immer noch auf dem Flughafenparkplatz und warteten auf ihre Landung. Der Flug hatte anscheinend Verspätung, wenigstens regnete es jetzt nicht mehr. Es lag noch immer ein Geruch nach nassem Asphalt in der Luft. Quinn langweilte sich sichtlich, auch wenn sie es nicht zugab. Sie spielte die ganze Zeit über mit einer ihrer gelockten Haarsträhnen herum. Jonas und Jack waren im Gespräch über ein kommendes Qualifikationsrennen. Ich stand einfach nur daneben und genoss den Sonnenuntergang. Plötzlich kamen uns ein paar Flughafenhelfer mit einem rot leuchtenden Fuchs entgegen. Dies war unsere Araberstute! Im Licht der untergehenden Sonne glänzte ihr Fell überirdisch schön. Den edlen Kopf hatte sie nach oben geworfen und die Nüstern waren weit gebläht. Ihre lange, feurige Mähne und der buschige Schweif umwehten den dünnen, gebogenen Hals und die Sprunggelenke. Ich übernahm ehrfürchtig den Strick als sie bei uns ankamen und führte die Stute vorsichtig in den Transporter. Sie blieb zuerst unwillig stehen und sträubte sich mit ihrem ganzen Gewicht. Auch nach weiteren Versuchen glückte das Unterfangen nicht; Horror war noch immer nicht in den Anhänger gestiegen. Jonas und Quinn versuchten mit einer Longe nachzuhelfen, während Jack und ich sie lockten. Doch alles half nicht – nach einer halben Stunde stand die Stute noch immer draussen. Keuchend rieb ich mir die Stirn und dachte nach. Jedes mal wenn wir Horror in Richtung Rampe zogen, machte sie einige Schritte rückwärts. Mir kam plötzlich eine Idee: Ich testete, ob sich die Stute auch einfach so rückwärtsrichten liess. Sie spielte mit und trat brav zurück. Also drehte ich sie mit dem Hinterteil in Richtung Rampe und liess sie abermals rückwärts laufen. Es klappte, Schritt für Schritt lief sie die Rampe hoch. Dabei achtete ich darauf, dass sie nicht nach hinten schauen konnte. Schliesslich konnten wir nach hause fahren und die Stute in ihr neues Reich führen. Das Abendessen mit dem köstlichen Fruchtsalat danach hatten wir uns alle reichlich verdient.

      © Occulta | 10.800 Zeichen

    • Mohikanerin
      Having troubles or what? | 08. August 2014

      Die ganze letzte Woche über war wundervolles, aber verdammt heisses Wetter gewesen. Die Sonne strahlte auch an diesem Morgen unbarmherzig auf den rissigen Boden, als hätte sie es sich zum Ziel gemacht, auch das letzte Tröpfchen Wasser zu verdunsten. Besorgt betrachtete ich meine Topfpflanze auf dem Fenstersims, die einst saftig grün gewesen war – jedoch beruhte ihr jetziges Aussehen mehr auf meiner Faulheit als auf der Witterung. Ich seufzte leise und hüpfte die Stufen hinab in die Küche. Dort machte ich mir schnell noch ein Sandwich, ehe ich in die schwüle Mittagsluft trat. Ich beobachtete belustigt Rosie, die absichtlich von Schatten zu Schatten eilte, um ihre empfindliche Haut zu schützen. Ich musste selbst auch immer aufpassen, dass ich nicht zu einem tomatenähnlichen Etwas wurde. Ich betrat den Nebenstall, der zum Glück einigermassen kühl war und kontrollierte die Arbeit der Pfleger. Moon, Lila, Álaedis, Noir, Halluzination, Horror, Ljóski, Herkir, Bandit, Numair, Dod, Dancer und Pilot hatten allesamt duftend frisches Stroh und einen ordentlichen Haufen Heu in der Box, den sie sichtlich genossen. Ajith und Quinn hatten wie immer gute Arbeit geleistet. Ich erwischte sie dabei, wie sie im Schatten hinter dem Nebenstall ein Schokoeis genossen und gönnte es ihnen von ganzem Herzen. Ich schlich mich schnell wieder davon um sie nicht zu stören und machte mich daran, das Putzzeug von Hallu zu holen. Die hübsche Stute sah mich vorwurfsvoll an als sie bemerkte, dass ich kein Leckerli dabei hatte. Ich führte sie dennoch nach draussen um sie unter dem Dach des Nebenstalls an den Holzbalken anzubinden. Heute schien die launische Gesellin gut gelaunt, jedenfalls hob sie brav alle Hufe und war auch nicht so kitzlig wie sonst. Als Jacky angebraust kam und zwischen ihren Beinen hindurchwuselte legte sie trotzdem ein wenig die Ohren platt. Ich liess Jacky in sicherer Distanz Platz machen und hielt Ausschau nach Jack, der vom Einkaufen zurück sein musste wenn die Hündin auch wieder hier war. Tatsächlich sah ich ihn gerade noch durch die Haustür schlüpfen. Etwas enttäuscht, dass er mich nicht begrüsst hatte bürstete ich kräftig weiter. Er musste mich sicherlich gesehen haben, vielleicht kam er ja gleich wieder raus. Ich glättete Hallus Fell mit einem Lammfellhandschuh bis sie richtig schön schimmerte und holte eine Schere um die Mähne wieder ein wenig zu stutzen. Schliesslich sah sie wie ein Showpferd herausgeputzt aus und hatte den linken Hinterhuf entspannt aufgestützt. Einen leichten Schrumpelmund machte sie allerdings trotzdem noch. Das war der standard Ausdruck der Stute, egal ob zufrieden oder nicht. Ihr Beinabzeichen vorne leuchtete richtig im grellen Sonnenlicht und auch der Stern der ihre Stirn zierte wirkte noch weisser als sonst. Ich löste den schwarzen Führstrick und brachte Hallu zurück in ihre Box. Als nächstes war Noir dran, zum Arbeiten war es allerdings immer noch zu heiss. Also beschloss ich, mir ihr zum Fluss zu gehen und einen Badeausflug zu machen. Rasch hatte ich auch Lisa und Rosie mit der Idee angesteckt; Sie rannten begeistert in die Sattelkammer um ihre Badesachen zu holen (auch ich ging mich kurz umziehen), sattelten Herkir und Ljóski und folgten mir nach draussen. Die Sättel brauchten wir nicht nasszumachen, da waren wir uns einig, also schwangen wir uns im Bikini auf den blanken Pferderücken. Ich liebte es, barfuss zu reiten, denn so spürte ich Noirs weiche Fell an meinen Zehen kitzeln. Ich hielt mich etwas an ihrer dichten Mähne als wir das Ufer hinunter ritten und sie sich einen Schritt nach dem anderen ins Wasser vorarbeitete. Sie scharrte und stampfte im Wasser, sodass ich froh war, den Bikini anzuhaben. Ich trieb Noir weiter rein, Ljóski hinterher. Herkir und Lisa folgten uns nur langsam. Lisa hatte noch etwas Mühe mit dem jungen Hengst, denn er wurde erst eingeritten und kannte viele Hilfen noch gar nicht wirklich. Auch Loki war frisch eingeritten, aber immerhin schon etwas länger unter dem Sattel. Schliesslich waren wir so weit drin, dass Noir schwimmen musste. Ich klammerte mich an die nasse Mähne und achtete darauf, ihr nicht in den Weg zu kommen. Es lief alles glatt und wir genossen den Ausflug richtig.
      Als wir auf dem Rückweg waren, ertönte plötzlich ein lautes Knattern über unseren Köpfen. Erschrocken beobachteten wir ein kleines Motorflugzeug, welches bedrohlich tief über den Hof hinweg brauste und nur knapp die Tannen beim Hofeingang verfehlte. Noir scheute augenblicklich und stieg kerzengerade in die Höhe als ich sie zurückhalten wollte. Ich klammerte mich verzweifelt an den panisch hochgerissenen Hals und versuchte, mich oben zu halten. Es gelang mir knapp, ich hätte keine Sekunde länger genügend Kraft gehabt, als sie endlich einigermassen ruhig stand. Rosie, Lisa und ich wechselten kurz einen Blick um uns zu vergewissern, dass alle noch unversehrt oben sassen. Dann vergass ich das eben geschehene und galoppierte mit den anderen sofort zum Nebenstall, wo wir unsere Pferde anbanden und in Richtung Parkplatz rannten. Jack, Jonas, Ajith und Quinn standen bereits völlig entgeistert da und warteten auf uns, Quinn hatte das Mopho noch in der Hand da sie bereits die Ambulanz gerufen hatte. Gemeinsam liefen wir auf der Strasse in Richtung Westen und sahen schon von weitem die unheilverheissende, schwarze Rauchsäule aufsteigen. Das Flugzeug war auf einem der grossen Felder abgestürzt und schien zu brennen, jedenfalls sah man hin und wieder eine leuchtende Stichflamme auflodern. Gerade als ich auf das Feld abbiegen wollte um dabei zu helfen, den Piloten vielleicht noch zu retten, hielt mich Jack grob zurück und die Gruppe machte auf sein rufen hin Halt. „Ihr bleibt hier, das ist viel zu gefährlich! Jonas und ich gehen alleine nachsehen und ihr lauft der Ambulanz entgegen und zeigt ihnen den Weg!“ Zu gefählich, pha! Ich war augenblicklich sauer und wollte seine Anweisungen schon ignorieren, doch dann fiel mir ein, dass ich so die Rettung eher behindern würde. Ich wandte mich schnaubend ab und lief die Strasse weiter entlang um den Krankenwagen an der Kreuzung zu empfangen. Während ich wartete, sah ich nervös zum Flugzeugwrack und betete, dass den beiden nichts passierte. Ich sah, wie Jonas verzweifelt um das Wrack herumrannte und nach einem Zugang suchte, während Jack geradewegs auf das Cockpit zusteuerte. Plötzlich zerriss ein Ohrenbetäubender Knall das leise Knistern und Zischen in der Ferne und Flugzeugteile wurden in einer orangen Glutwolke quer über die Wiese geschleudert. Entsetzt schrie ich auf und rannte so schnell wie meine Beine mich trugen durch das hohe Gras. „JACK!! JONAS!!!“ Auch Ajith hatte sich von den anderen losgelöst und ignorierte die Rufe, die ihn zurückhalten wollten. Eine weitere kleine Explosion erfolgte, nicht so stark wie die erste aber stark genug, um mich und Ajith zur Vorsicht zu zwingen. Wir näherten uns nun langsamer und hielten Ausschau nach den beiden Rettern. Grauenvolle Szenen spielten sich in meinem Kopf ab, eine blutrünstiger als die andere. Ich hatte die Hände vor Aufregung zu Fäusten geballt und suchte das versengte Gras nach irgendeinem Menschlichen Zeichen ab. Bitte lass ihn leben! Lass beide leben! Endlich bog ich um das Heck des ehemaligen Motorflugzeugs und entdeckte einen Kopf mit krausen, dunklen Haaren zwischen den Trümmern. Ich zögerte einen Moment, angstvoll, dass noch etwas im inneren des Wracks explodieren könnte, und rannte dann zu dem am Boden liegenden Körper. „Jonas!“, wimmerte ich beinahe schon und untersuchte ihn rasch auf ein Lebenszeichen. Als er seinen Namen hörte, stöhnte er und drehte mir den Kopf zu. Ich schloss einen Moment erleichtert die Augen und riss sie im nächsten wieder auf um konzentriert zu bleiben und ihn nach lebensgefährlichen Wunden abzusuchen. Die Zeit drängte – immerhin waren wir mitten in der Gefahrenzone. Bis auf ein paar üble Verbrennungen am Oberkörper konnte ich nichts entdecken, weshalb ich mich sogleich daran machte, ihn über die Wiese weg vom Wrack zu schleifen. Er versuchte, sich aufzurappeln und mir zu helfen, doch ich gebot ihm ruhig zu liegen, das würde mir schon Hilfe genug sein. Als wir in sicherer Distanz waren, liess ich ihn, so weh es mir tat, alleine zurück und rannte nochmals zum Wrack um Ajith zu helfen. „Have you found him!?“ er schüttelte verzweifelt den Kopf. Fieberhaft durchkämmte ich auf einen Gedankenblitz hin das umliegende Gras. Er konnte durch die Wucht der Explosion auch weggeschleudert worden sein. Tatsächlich entdeckte ich kurz darauf ein Bein – doch daran hing kein Körper. Entgeistert starrte ich es an und begann noch stärker zu zittern, bis mir auffiel, dass ich die verkohlte Hose nicht erkannte. „This is not Jack!“, rief ich voller Hoffnung zu Ajith, der neben mich gestürmt war. Es musste der Pilot sein. Der arme Kerl, dachte ich verbittert, und riss mich los um weiterzusuchen. Plötzlich schrie mir Ajith von der Rückseite des Flugzeugs zu. Ich stolperte zu ihm und kniete mich neben den leblosen Körper meines Mannes. Ajiths Gesichtsausdruck verdüsterte sich schlagartig, als er den Puls von Jack prüfte. Mir stockte der Atem. Das kann nicht sein… Das darf nicht sein!
      To be continued…

      © Occulta | 9187 Zeichen

    • Mohikanerin
      Saturday Night | 06. Oktober 2014

      "Vollmond. Definitiv." Ich schüttelte müde den Kopf, als Reaktion auf eine von Spots Hüpfereien. Der Hengst war heute richtig mühsam; erschrak andauernd vor irgendwelchen Kleinigkeiten und buckelte, anstatt seine Energie für die Galopparbeit einzusetzen. Wenigstens erging es Quinn neben mir mit Fly nicht besser. Der sensible Vollblüter hätte sie beinahe von seinem Rücken befördert, als Katze Sushi aus dem Gebüsch geschossen kam. Spot mochte die Katzen, daher hatte es ihn recht wenig interessiert. (Die Kazen schliefen sogar hin und wieder auf seinem Rücken, wobei sie über die oberen Ränder der Boxen balancierten, um dann geschickt auf seiner Kruppe zu landen. Dieses Spektakel hatten wir Lewis zu verdanken, der den kleinen Miezen jeden Unsinn beibrachte.) Zugegebenermassen war es niedlich zuzusehen, wie Spot an der Katze schnüffelte, die Nüstern in ihr weiches, halblanges Fell drückte und die Ohren spitzte. Die Katze nahm dies vollkommen gelassen, legte jedoch die Ohren platt wenn es ihr zu viel wurde.

      Wir arbeiteten eine halbe Stunde intensiv mit kleinen Sprintgalopps und trabten danach Seite an Seite um die Gehorsamkeit zu schulen. Die Pferde mussten ihr Tempo angleichen und auf gleicher Höhe bleiben. Es klappte ganz gut, trotz der angespannten Atmosphäre. Nach dem abkühlen im entspannten Schritt, bei dem wir insbesondere die immergrünen Nadeln der Tannen von weitaus kürzerer Distanz hatten betrachten durften, als dies angenehm üblich gewesen wäre, und uns auch ausserordentliche Grasstudien nicht verwehrt geblieben waren, brachten wir die Vollblüter in den Stall, um sie königlich zu versorgen. Sie bekamen ihr wohlverdientes Heu, ihre weiche Fleece-Decke und hübsch eingefettete Hufe. Ich schwang die schwarze Standard Abschwitzdecke über Spots Wiederrist und bewunderte einmal mehr die ausgebildeten Schultermuskeln beim zuknüpfen. Ein letztes Mal strich ich über die seidige Halspartie, beendete die Bewegung in einem freundschaftlichen Klaps und verliess dann das Territorium des Vollblüters. Auch Quinn kam mir bereits entgegen, sich mit dem Arm symbolisch über die Stirn wischend. "So what are we gonna do now?" Anstelle einer Antwort bedeutete ich ihr mit dem Zeigefinger und einem gespielt bedrohlichen Blick, mir zu folgen. Ich führte Quinn zu den Weiden und schliesslich in den Offenstall der Mini-Stuten. Dort schnappte ich mir zwei der schwarzen Halfter und gab Quinn das eine. "Take a pony, we're gonna have a bit fun." Belustigt über meinen Tonfall sah sie mich an und lief dann zu Goldy. Ich dachte ebenfalls kurz nach und entschied mich für Lady Diva. Sie sahen beide etwas zerzaust aus, aber wir werden sie später noch schick machen, beschloss ich im Stillen. Wir liefen mit den beiden Pferdchen zum gepflegten englischen Rasen neben dem Haus, eben dort wo wir letztens die gekörten Hengste des Nebenstalls für ein Fotoshooting aufgestellt hatten. Die kleinen Hufe konnten dem Gras nicht viel anhaben und der Untergrund war schön weich, optimal für Zirkuslektionen. Ich begann damit, mit Lady am langen Seil zwischen den Büschen hindurch Slalom zu joggen. Quinn tat es mir in die andere Richtung gleich. Nachdem wir auch einen (aufgrund meiner Ausdauer) nur kurzen Galopp nicht verschmäht hatten, hielt ich im Schatten des Kirschbaumes und nahm Ladys Vorderbein, um es nach vorne zu ziehen. Sie gab es willig und zog es auch nach einigen Sekunden nicht zurück. So weit, so gut - dachte ich und liess das Bein los, bedeutete ihr aber durch Anstupsen der Schulter, es weiterhin vorzustrecken. Es klappte, sie hielt das Bein vor und bekam ein Karottenscheibchen. Nun wollte ich sehen, ob sie das Kompliment noch beherrschte. Ich gab ihr die Stimmhilfen und das entsprechende Touchier Zeichen an der Brust, worauf sie so rasch reagierte, dass sie beinahe hingefallen wäre. "Abliegen kommt erst später", murmelte ich lachend. Ein Blick in Richtung Sunny verriet mir, dass es bei ihr nicht ganz so eifrig lief. Quinn gab sich alle Mühe, doch die Stute wolle nicht auf den Knien bleiben. Immer wieder lief sie rückwärts. Ich legte Divas Seil auf den Boden und eilte zu Hilfe. Vorsichtig nahm ich das linke Vorderbein der Stute und zog es sanft nach hinten, während Quinn die Hilfen gab und Sunny lobte. Wir übten dies einige Male, ehe wir zufrieden waren und Goldy in Ruhe liessen. Ich wandte mich wieder Diva zu, die friedlich am Gras zupfen war und sich nicht weit wegbewegt hatte. Spielerisch hüpfte ich auf sie zu und warf die Arme hoch, sodass sie den Kopf hochriss und stieg. "How many tricks does she know?", fragte Quinn mit leicht neidischem Unterton. Ich grinste nur und warf einen Blick auf die Uhr an meinem Handgelenk. Dann liess ich Lady Diva abliegen, setzte mich neben sie und legte den Kopf auf ihren Bauch, als wäre sie ein übergrosses Kopfkissen. Es war durchaus bequem; Lady konnte weiterfressen während ich sie halbwegs umarmend kraulte. Auch Goldy konnte schliesslich zum Abliegen gebracht werden, sie wirkte dabei jedoch noch deutlich unbehaglicher als Diva.

      Nach zehn Minuten hatte sogar Lady genug und versuchte mir in den Arm zu zwicken, weil sie aufstehen wollte. Ich strafte dies zärtliche einklemmen meiner Haut nicht, schliesslich war ich die gewesen, die sie genervt hatte. Um ihr dennoch zu zeigen, dass sie besser nicht zu ungehobelt mit ihrem Chef werden sollte, schickte ich sie einige Schritte rückwärts, sobald sie sich aufgerappelt hatte. Wir begaben uns zurück zu den Weiden. Dort angekommen hängte ich das Seil aus, öffnete das Zaun Tor der Mini-Stuten-Weide und gewährte der ganzen Herde ein wenig Freilauf. Alufolie, die Älteste der Stütchen und gegenwärtige Leitstute, drängelte sich zuerst durch die Öffnung und begrüsste Goldy und Diva mit einem kurzen Schnüffeln. Als sie sicher war, dass ihr alle Herdenmitglieder hinausgefolgt waren, lief sie zügigen Schrittes den Weg hinauf zum breiteren Kiesweg. Bei einem kleinen Baum am Wegrand stoppte sie, senkte den Kopf und begann, das saftige Gras zu bearbeiten. Ich warf einen Blick zu den Hengstchen und beschloss, kurz Arco kraulen zu gehen. Er kam sofort an getrottet und beschnüffelte mich, während ich kraulte. Auch Lenny wollte seine Schmuseeinheit nicht missen. Die Tränken sahen sauber aus, die Boxen ebenfalls – die Offenstallverantwortlichen erledigten ihren Job also trotz des Events gewissenhaft. Quinn und ich waren der bescheidenen Herde gefolgt, als würden wir dazugehören. Wir hatten tatsächlich gerade nichts Besseres zu tun, und das trotz der beinahe 70 Pferde, die auf dem Gestüt lebten. Der Grund dafür war, dass es genug Pfleger auf Pineforest Stable gab. In den letzten Monaten hatten wir insgesamt sechs neue Angestellte eingearbeitet, sodass nun drei Pfleger für die Offenställe (einer davon speziell für die Fohlen) verantwortlich waren und die restlichen jeweils drei oder vier feste Pfleglinge hatten. Mittels eines Monatsplans wurde hierbei immer etwas abgewechselt, sodass es Pferden und Pflegern nicht langweilig wurde. Elliot hatte das Aufstellen und Verwalten des Plans freiwillig und begeistert übernommen. Jeder Pfleger musste so zwar sieben Tage in der Woche für ‚seine‘ Pferde da sein, wenn er die tägliche Arbeit mit ihnen aber rasch und gründlich erledigte hatte er viel Freizeit dazwischen. Zudem hatten die Pferde immer sonntags Ruhetag, ausser wenn an diesem Tag Rennen oder Turniere stattfanden. Quinn hatte Paint und Kierka schon am Morgen bewegt, Fly eben noch mit mir zusammen. Sie hatte jetzt bis zur nächsten Fütterung nichts mehr zu tun, denn die Boxen waren auch schon sauber.

      Gerade wollten wir uns wieder in den Hauptstall verkrümeln, da hob Alu den Kopf und trottete langsam hinter uns her – woraufhin die ganze Gruppe natürlich folgte. Ich drehte mich zu der Stute um und kraulte ihr die Stirn unter dem flauschigen Schopf. “So you want to come with us? Okay then, let‘s discover the world!“, rief ich lachend. Quinn und ich waren uns einig und so liefen wir voran in Richtung Geländeparcours, die Minis hinter uns her lockend. Kiwi hatte etwas Mühe mitzuhalten, denn die kleine Stute liess sich dauernd ablenken und blieb stehen, doch Queenie zwickte ihrem Fohlen immer mahnend in die Kruppe, sodass sie nicht verloren ging. Narnia und Papillon hatten sich seit ihrer Ankunft sehr aneinander gehängt, die beiden konnte man fast immer zusammen beobachten. Chip drängte sich ab und zu wieder zu Alu vor um sie in Frage zu stellen. Die junge Stute war sehr dominant und aufmüpfig, doch Alu liess keine Diskussionen zu. Daki lief direkt hinter mir, sie war immer schon besonders anhänglich gewesen. Als wir die Rennbahn überqueren wollten, schrie uns plötzlich jemand von den Startboxen her entgegen. Ich erkannte Oliver, der mit fuchtelnden Armen und tief rotem Kopf auf uns zu stampfte. Ich zuckte zusammen und half Quinn rasch die Minis auf die andere Seite der Bahn zu scheuchen, denn Thomas und Lily standen mit Sunday und Light in den Startboxen und hatten eigentlich gerade trainieren wollen. „Sorry Ollie!“, rief ich peinlich berührt quer über die Bahn und schob Chip die letzten Zentimeter zu den anderen. Ich hatte ganz vergessen, dass es schon sechs Uhr war. Quinn und ich sahen uns einen Moment schweigend an, ehe wir in lautes Gelächter ausbrachen und uns ins Gras fallen liessen. Die Minis verteilten sich um den grossen Baumstamm mit den Büschen an beiden Enden, der als eines der Naturhindernisse diente, und grasten wieder friedlich. Quinn und ich beobachteten das Trainingsrennen mit dem spannenden Kopf-an-Kopf Part gegen Ende und genossen die letzten strahlen der Herbstsonne, die zu untergehen begann und den ganzen Hof in goldenes Licht tauchte.

      Langsam wurde es kühl. Ich zog Quinn mit einer edlen Geste auf die Beine und wir lockten die Minis fröhlich witzelnd zurück zu den Weiden, wo wir gleich den Offenstallpflegern dabei halfen, sie für die Nacht einzusperren. Heute mussten sie schon etwas früher rein, denn wir hatten in dieser Nacht einen besonderen Event.



      Quinn und ich schlossen uns um neun Uhr der fröhlich schnatternden Gruppe von Pflegern vor dem Hauptstall an. Es war bereits recht dunkel, doch der Mond erhellte die Nacht so sehr, dass man beinahe die säuberlich geschnittenen Grashalme am Rand zählen konnte. Unser Gärtner hatte sich mal wieder mächtig ins Zeug gelegt, obschon ihm die Minis einen Grossteil der Arbeit abnahmen. Auf ihren täglichen Streifzügen über das Hofgelände wirkten sie besser als jeder Rasenmäher. "Where are Lewis and Jonas?", murmelte ich eher zu mir selbst. Quinn zuckte mit den Schultern. Sie hatte letztens eine Auseinandersetzung mit Lewis gehabt, seitdem redete sie kaum noch mit - geschweige denn über ihn. Die Basis dieser plötzlichen Feindschaft war ebenso lächerlich wie rätselhaft, zumal Quinn und Lewis unter gewohnten Umständen den rationalen Denkern angehörten: eine Stoppuhr. Lewis hatte die Zeit gestoppt als Quinn mit Paint trainierte und dabei versehentlich die Reset-Taste gedrückt, sodass Quinn nochmals dieselbe Strecke neu hätte reiten müssen. Sie hatte sich darüber furchtbar aufgeregt, anstatt Paint, die gut in Form war, einfach nochmals laufen zu lassen. Mein Eingreifen in das daraus resultierende, unschöne Wortgefecht hatte wohl auch nicht zu einer Stimmungsbesserung unter den beiden geführt.

      Ich wollte mich schon umdrehen und nach den beiden suchen gehen, als Jonas und Lewis mit einem Sack voller Knicklichter auf uns zukamen. „Wo zum Teufel habt ihr denn die jetzt her?“, wollte ich freudig überrascht wissen. Wir hatten schon damit gerechnet, es den Event mit Windlichtern oder ähnlichem durchführen zu müssen. „Wir sind extra nach Birmingham gefahren und haben es gerade noch vor Ladenschluss geschafft. Die gab’s in ‘nem Bastelladen.“ Lewis erzählte dasselbe den rein englischsprachigen Pflegern, dann trat Elliot vor um den Event zu erklären:

      Er und Lisa würden die Knicklichter auf dem ganzen Hofgelände verstecken. Manche Verstecke waren sehr schwer zu finden, manche eher leicht. Es gab sogenannte Lager, das Ziel war, die Knicklichter dorthin zu bringen. Die Lager waren Hula-Hoop-Reifen, welche im Innenhof des Hauptstalls verteilt waren. Es gab zweier Teams, jedes Team hatte ein eigenes Lager. Ausserhalb der Lager war alles erlaubt: Man durfte den Gegnerischen Teams die Knicklichter gewaltsam (in gesundem Masse) entreissen. Wem das zu ruppig war, der konnte auch jemanden mittels Schere-Stein-Papier herausfordern (eine solche Herausforderung durfte man nicht ausschlagen), oder sich Challenges ausdenken. Alle Hilfsmittel waren erlaubt, solange niemand dabei zu Schaden kommen konnte. Man durfte immer nur 5 Knicklichter gleichzeitig auf sich tragen. Die überflüssigen mussten liegen gelassen werden. Am Ende gewann das Team mit den meisten Knicklichtern. Das Ende des Events war für zwölf Uhr festgelegt, danach würde es noch einen kleinen Brunch und eine warme Tasse Tee geben. Elliot und Lisa spielten nicht mit, da sie ja schon alle Verstecke wüssten. Dies alles klang vielleicht etwas merkwürdig und manch einer würde verwirrt auf solche Spiele in einem seriösen Renngestüt reagieren, doch den Menschen von Pineforest Stable war dies egal. Die Pfleger und hatten ein sehr freundschaftliches Verhältnis und pflegten dieses auch mit Abwechslung und vielen kreativen Ideen. Zweimal im Jahr hielten wir einen sogenannten ‚Rat der Pfleger‘, ein gemeinsames Essen an dem Rückblicke, Verbesserungen und Vorschläge aufgeführt wurden. Dort entstanden auch meist die grossartigen Event-Ideen. Wer nicht mitmachen wollte, der konnte beruhigt schlafen gehen, doch selbstverständlich waren auch diesmal alle sofort begeistert dabei gewesen, als Elliot den Vorschlag gemacht hatte.



      Ich hatte meine Geheimwaffe schon die ganze Zeit über neben mir liegen: Jacky. Ich hatte vor, sie nach den Knicklichtern suchen zu lassen, das entsprechende Kommando kannte sie schon lange. Nun wurden aber erstmal die Teams bestimmt. Wir konnten selber Gruppen bilden, aber das entpuppte sich als schwieriges Unterfangen. Ich hatte mir bisher kaum Gedanken darum gemacht, doch nun da es so weit war überlegte ich fieberhaft, mit wem ich gute Chancen gehabt hätte. Quinn! War der erste Gedanke, doch bevor ich reagieren konnte wurde sie von Rosie gefragt. Sie sah mich fragend an und ich zuckte mit den Schultern zum Zeichen der Gleichgültigkeit, konnte die Enttäuschung allerdings nur schwer verbergen. Okay, dann eben…Lewis? Ich sah mich hoffnungsvoll um und lief suchend geradeaus. Im nächsten Moment stiess ich mit Jonas zusammen. „Sorry! Ich hab dich nicht ge… Wollen wir?“ Ich unterbrach mich selbst bei der plötzlichen Entzückung, die aus dieser Idee folgte. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Vielleicht war es eine zu grosse Überwindung gewesen zu fragen… Warum eigentlich? Er war schliesslich ein Pfleger wie jeder andere auch. Kein Grund für mulmige Gefühle. Ich glaubte mir selbst nicht so recht und erschrak beinahe, als er den Kopf schief legte und meinte „Why not.“ Ich jubelte innerlich und begann, mit ihm Pläne zu schmieden.

      „Ich habe hier meine Geheimwaffe – Jacky. Was für eine Idee hast du?“

      „Wir könnten uns Herkir und Loki schnappen, sobald der Startschuss fällt. Mit ihnen sind wir schneller und trotzdem sind sie schön klein und wendig.“

      „Gute Idee, aber die beiden sind noch nicht lange Eingeritten und spielen bei dem ganzen Trubel vielleicht nicht mit… Ausserdem wette ich, dass die anderen sich auch schon zu solchen Gedanken vorgearbeitet haben.“

      „Besserer Vorschlag?“

      „Ne, aber wir müssen das genauer planen. Was tun wir, wenn die beiden durchbrennen?“

      „Wir bringen sie zurück und kleben ein Tape mit dem Schriftzug ‚Achtung Angsthase - in der Box lassen!‘ auf die Boxenwand.“

      Ich lachte und nickte.

      „Na gut. Wie kommen wir vor den anderen zu ihnen?“

      „Wir gehen gleich am Anfang zu den Boxen, der kürzeste Weg ist es, den unteren Eingang zu benutzen. Danach suchen wir je 5 Knicklichter und bringen sie ins Lager, erst dann planen wir weiter, denn ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie gross das Gewusel hier sein wird.“

      „Gut, ich versuche Jacky vom Pferd aus zu dirigieren, aber das dürfte schwer werden… Vielleicht verlassen wir uns doch besser auf unsere Augen. Du gehst zuerst in Richtung Startboxen, ich zu den Offenställen. So wie ich Elliot und Lisa kenne, haben die bestimmt sogar bei den Minis etwas versteckt.“

      „Hoffentlich fressen die Biester nichts davon!“, lachte er.

      Wir sahen gespannt zu den anderen, denn langsam verebbte das Gemurmel und alle Blicke richteten sich wieder auf Elliot. Die Teams waren erfolgreich verteilt, also konnten die Lager zugewiesen werden. Jonas und ich hatten Glück – wir bekamen eines in der Nähe des Durchgangs zum Kiesweg. Es blieben uns noch einige Minuten Zeit um Vorbereitungen zu treffen oder etwas zu trinken, während die Leuchtstäbe versteckt wurden. Jonas und ich schlichen uns geschwind zu den Boxen der Isis und zogen ihnen schon mal ihr Zaumzeug an. Auf Sättel verzichteten wir der Sicherheit halber. Wir einigten uns darauf, dass ich Loki nehmen würde. Ich verflocht die Zügel etwas miteinander, damit er beim Fressen nicht hineintreten konnte, dann eilten wir zurück zum Lager.

      Das Spiel startete pünktlich um zehn Uhr. Elliot gab den ‚Startschuss‘ mit einer Trillerpfeiffe, woraufhin alle Teams in verschiedene Richtungen auseinanderstoben. Jonas und ich und Jacky sprinteten wie geplant sofort zum Nebenstall, es schien uns niemand zu folgen. Ich riss die Boxentür von Loki auf und führte ihn eilig hinaus. In diesem Moment kamen Lewis und Lily um die Ecke und schrien enttäuscht auf als sie sahen, dass wir schneller gewesen waren. Wusst ich’s doch! Triumphierend beobachtete ich, wie sie zu Ale stolperten. Draussen holte ich kurz Anlauf und schwang mich dann auf Lokis blanken Rücken. Als auch Jonas sicher auf Herkir sass, nickten wir uns kurz zu, dann trieb ich Loki in den trab in Richtung Weiden. Die Nebenstallpferde hatten ja zum Glück alle Laufboxen, so waren sie immer etwas in Bewegung und das Wegfallen des Einwärmens nicht allzu tragisch. Trotzdem wollte ich nicht gleich galoppieren. Auch die anderen teilten diese Einstellung. Jacky hüpfte aufgeregt umher, als ich schon auf dem Weg ein Knicklicht fand und mich an Lokis Seite baumeln liess um es hochzuheben. Ich streckte es ihr hin und liess sie dran schnuppern, dann rief ich „Such!“, grosse Hoffnung hatte ich jedoch nicht. Die Hündin sah sich ein wenig um, hüpfte weiter umher, suchte jedoch nicht wirklich. Ich zuckte mit den Schultern und trieb Loki weiter. Der Hengst war feurig durch das immerwährende Rufen der Leute und die vielen schnellen Bewegungen. Seine Mähne wirbelte wild, als ich mit ihm zum Offenstall von Gianna und Piroschka töltete. Auch dort fand ich nach einer kurzen Suche tatsächlich zwei Lichter, eines zwischen den Balken eingeklemmt und eines im Gras neben dem Zaun getarnt. Fieberhaft dachte ich nach, wo sonst noch gute Verstecke wären. Ich klapperte noch drei Offenställe ab, ehe ich fünf Knicklichter hatte und nun im Galopp zurück zum Lager jagte. Jonas war ebenfalls dort und warnte mich gerade rechtzeitig vor Rosie, die um die Ecke kam und auf mich zu rannte. Ich schaffte es vor ihr zum Ring und schmiss alle fünf Stäbe hinein, dann erst verschnaufte ich. Jonas hatte ein erfreutes und ehrgeiziges Funkeln in den Augen. Wir besprachen uns kurz und entschieden, gemeinsam weiterzumachen, da dies sicherer war. Wir trabten (Loki töltete lieber) zur Halle, voller Anspannung was uns dort erwarten würde. Darren, Ajith und April waren bereits da und suchten das Gebäude ab. Jonas beugte sich zu mir und murmelte: „Bestimmt sind ein paar drinnen vergraben.“ Ich nickte und wir ritten durch den Eingang nach drinnen. Dort riskierten wir es, Loki und Herkir stehen zu lassen um im Hallensand zu wühlen. Tatsächlich war dies eine wahre Goldgrube: gleich sechs Stück fanden wir. Doch als sich Jonas umdrehte um nach den Pferden zu sehen, sahen wir gerade noch Herkirs bunten Po im Eingang verschwinden. „Na toll! Schnell hinterher!“ Ich rappelte mich auf und stolperte auf den Eingang zu. Als die beiden Isis wieder in mein Sichtfeld kamen sah ich, dass Darren und Ajith sie führten und soeben aufstiegen. Jonas wollte schon in ihre Richtung rasen, doch ich hielt ihn zurück und meinte: „Lass gut sein, die holst du eh nicht ein und wenn dann nehmen sie dir im schlimmsten Fall die Knicklichter ab. Wir haben ja noch Jacky.“ Die kleine Hündin stand mit heraushängender Zunge und aufgerichtetem Schwanz da und sah mich erwartungsvoll an. Er starrte noch einen Moment zu Ajith, dann senkte er den Blick und nickte. „Weitersuchen oder ins Lager bringen?“, fragte ich herausfordernd. „Ins Lager, sonst ärgern wir uns umso mehr wenn wir voll beladen überfallen werden.“ Ich stimmte zu und wir joggten zu unserem Ring. So weit so gut, wir hatten nun schon 16 Knicklichter. Diesmal gingen wir in Richtung Haupthaus und dann zu den Büschen daneben, denn beim Haus selbst waren bereits etwa vier Leute versammelt. Wir suchten rasch in den Gebüschen. Ich Kroch in den grossen Rhododendron Busch, dort drin war es finster wie in einem Katzenmagen. Ich tastete mich vorsichtig voran, denn ganz am Ende des Buschs sah ich das verräterische Glimmen eines grünen Knicklichts. Plötzlich durchfuhr ein stechender Schmerz meine Hand und ich stiess ein wütendes „Au!“ aus. Jonas fragte von aussen, ob alles okay sei. Ich murmelte: „Nur eine Dorne, aber schau her, ich hab ein Knicklicht!“ Es raschelte und die dunkle Gestalt eines Kopfes erschien in einer Lücke des Gebüschs. Ich grinste und streckte ihm das leuchtende Stäbchen entgegen. Er streckte die Hand aus und zog mich aus dem Gebüsch. Dankbar klopfte ich mir die Erde von den Hosen und wischte ihm ein Blatt von den Schultern. Wir sahen uns kurz an und lachten, dann eilten wir in Richtung Hauptstall, denn Jonas hatte auch noch drei Stäbchen gefunden. Doch weit kamen wir nicht: plötzlich kamen David und Anne von der Seite her auf uns zu gerannt. Anne stiess mich unsanft zu Boden und wollte mir die Knicklichter aus der Hosentasche nehmen, doch sie hatte sich verschätzt, denn ich war recht wehrhaft. Ich rollte mich weg und zog sie nach unten, dann warf ich mich seitlich über sie und fixierte ihre Arme über dem Kopf. Keuchend lächelte ich sie an, sie versuchte sich frei zu zappeln. Jonas hatte etwas mehr Mühe mit David, denn dieser war nicht gerade klein und ein ebenbürtiger Gegner. Nach einer fast zweiminütigen Rangelei lag Jonas keuchend am Boden, Anne war geflohen und David hatte die meisten unserer Knicklichter. Ich stand auf und zog Jonas auf die Beine. „Na das war wohl nix… Wir brauchen eine neue Strategie“, meinte ich mürrisch. „Gehen wir in die Offensive?“ „Aber sicher!“, antwortete ich. Wir machten uns in der folgenden Stunde auf die Suche nach guten Opfern und eroberten auf diese Weise ganze 20 Knicklichter. Langsam wurde es schwer noch etwas zu finden, denn es waren kaum mehr Stäbchen versteckt.

      Um zwölf Uhr ertönte die Trillerpfeife; ich war zu dieser Zeit gerade auf der Galoppbahn und schlenderte nach dem Pfiff mit den Händen in den Hosentaschen zurück zum Lager. Als Jonas mir fragend entgegenkam zuckte ich mit den Schultern, dann grinste ich und angelte 3 Knicklichter aus der Hosentasche. Er legte den Arm über meine Schultern und wir tanzten übermütig zu Elliot und Lisa, die gerade am durchzählen waren.

      Wir hatten zwar nicht gewonnen, doch waren auch nicht die schlechtesten gewesen. Wir hatten uns alle versammelt zum Brunch, leider hatte es zu wenige Sitzplätze. Jonas, der sich einen Gartenstuhl ergattert hatte, lud mich ein auf seinen Schoss zu sitzen, was ich dankend annahm. Wir waren allesamt müde und trotz des ganzen Spasses froh, dass wir nun endlich im Begriff waren in die Betten zu kriechen. Den Tee genoss ich aber zuvor noch in vollen Zügen.

      © Occulta | 23.831 Zeichen

    • Mohikanerin
      Signs and Sins | 16. Dezember 2014

      Dieser Morgen war ebenso kalt wie der Letzte. Es fiel mir aufgrund des offenen Fensters auf, durch das ein schneidend kalter Hauch drang, sodass ich meinen Arm mit unter die Decke nahm. Erst jetzt wurde ich richtig wach. Es war noch dunkel, wie immer wenn ich mich im Winter aus dem Bett quälen musste. Ich stutzte. Warum ist das verdammte Fenster sperrangelweit offen? Ich richtete mich auf und wollte Quinn in die Seite stupsen, um sie zu wecken. Da fiel mir ein kleiner Umschlag auf dem Teppichboden auf. Misstrauisch rutschte ich von der Bettkante und hob ihn auf. Ehe ich ihn genauer betrachtete, schloss ich das Fenster, denn ein erneutes Schaudern hatte mich durchschüttelt. Dann setzte ich mich halb unter die Bettdecke und wendete den Umschlag in meiner Hand. Er war vollkommen weiss, ohne jegliche Beschriftung. Vorsichtig riss ich ihn auf und sah hinein. Darin befand sich ein getrockneter Pinienzweig. Ein Schaudern durchfuhr mich, doch diesmal hatte es nichts mit der kühlen Luft zu tun. Auch Quinn war unterdessen aufgewacht und sah den Zweig verwirrt an. Es musste eine Botschaft sein, vermutlich vom Killer. Von wem denn sonst? Wir zeigten allen den Zweig und rasch breiteten sich die wildesten Gerüchte wie ein Feuer aus. "He wants to play with us, he will kill us all!", verkündete Lisa hysterisch. Ajith versuchte, sie zu beruhigen, doch es half nichts. Ich stand zwischen Lewis und Jonas, der mich nichteimal ansah. Was ist jetzt wieder los? Bin ich nun wieder Luft? Das ist ja zu erwarten gewesen. Dennoch ertappte ich mich bei einem enttäuschten Stirnrunzeln. Ich hielt es hier drin nicht mehr aus, also huschte ich durch den Türspalt und rief die Polizei an. Draussen herrschte die allmorgendliche Dunkelheit mit leichten Nebelschwaden.

      Als ich alle Fragen der Beamten bezüglich des morgentlichen Fundes geklärt hatte, lief ich zu den Weiden und setzte mich unter den grossen Baum auf der Ministutenweide. Ein paar Mitglieder der mittlerweile beachtlichen Herde gesellten sich zu mir und streiften als dunkle Silhouetten durch das nasse Gras. Ich erkannte bei genauerem Hinsehen Daki und Lady Diva, weiter hinten war ausserdem Goldy. Beim Anblick der schnaubenden und graszupfenden Pferdchen huschte mir ein Lächeln über die Lippen, das jedoch augenblicklich der stillen Leere in meinem Kopf wich. Ich war nicht jemand, der sich leicht geschlagen gab, und schon gar nicht ein Melancholiker; doch packte mich in letzter Zeit seit Jacks Tod oft eine unerklärliche Sehnsucht - vielleicht nach einem anderen Leben.
      Ich besitze ein wundervolles Gestüt mit prächtigen Pferden und viel Land. Ich bin weder arm, noch so reich, dass ich besonders viele Neider hätte. Dennoch bin ich verbittert, schweigsam und immer wieder den Tränen nahe. Ich dachte, es würde mit der Zeit besser werden, verfliegen wie der Nebel am Nachmittag. Aber meine Gedanken wurden bloss grauer. Wenn ich nachdenke, was mich wirklich, wirklich beschäftigt – die ganze Verantwortung die auf mir lastet, die Erinnerungen an Jack und natürlich die Leere, die er zurücklässt. Seit er weg ist, bin ich wieder mein altes Ich, die gefühlskalte, langweilige Individualistin. Die Geister in meinem Kopf sind wieder eingezogen und haben es sich bequem gemacht. Sie hinterfragen alles, was ich tue und sehe. Sie flüstern mir zu, dass alles keinen Sinn hat und Menschen ohnehin nur eine selbsterschaffene Lüge leben, mit dem Ziel, irgendwie ein Bisschen Glück zu finden, nur um am Ende festzustellen, dass sie bloss ein Tropfen auf dem glühenden Stein sind. Der einzige, der mich in diesen Tagen noch zu einem ernstgemeinten Lachen verführen kann, ist Jonas. Jeden Abend denke ich an seine Sanfte Stimme, an seine klaren, und doch geheimnisvollen Augen. In meinen Träumen stelle ich mir zärtliche Gesten vor - nichts Ernstes, denn danach strebe ich gar nicht mehr. Ich scheine ihn nicht für seinen Körper zu lieben, sondern für das, was er wirklich ist. Es ist schwer zu beschreiben; als währe ich in seinen Charakter verliebt. Im Traum begegne ich dem Jonas, den ich zwischen den Scherzen und den Alltagssituationen zu erkennen glaube. Eine seriöse, aufrichtige, feinfühlige und wunderschöne Version von ihm. Mag sein, dass meine Fantasie mit mir durchgeht. Wenn ich aufwache, bin ich jedenfalls allein. Ich habe so viele Leute um mich, doch alles was sie sagen verschwimmt und erscheint mir wertlos. Alle Taten, Ziele und Gewohnheiten; ich stelle sie in Frage, ohne eine Alternative zu wissen. Äusserlich mag es mir gut gehen, doch innerlich bin ich zerfressen. Jedes Mal wenn die Standardfrage auftaucht: "Geht's gut?" möchte ich sarkastisch loslachen, aber sie würden es nicht verstehen. Niemand könnte das, denn niemand denkt und fühlt wie ich. Ich bin einzigartig - das sagte meine Mutter immer. Doch es macht mich einsam. Will ich mich nicht doch der grauen Menge anschliessen und jeden Tag Lebensfreude vorspielen? Ich kann mich längst nicht mehr wirklich an den täglichen 'Glücksmomenten' erfreuen. Irgendwie hat die Realität ihren Reiz verloren. Das einzige, was das Kartenhaus zu stützen scheint, sind ein paar wenige Dinge, an denen ich mich festhalte. Meine Familie, die Pferde, Jonas... Würde er mich genauso quälen, wenn er dies alles wüsste? Würde er mich auslachen? Für verrückt und egoistisch erklären? Wo es doch so viel Leid auf dieser Welt gibt. Und doch - dies ist der Schmerz den ich fühle. Kein anderer muss ihn ertragen. Sie alle haben ihre eigenen Sorgen; meine Nervenzellen verspüren nur die meinigen. Vielleicht, aber nur vielleicht, würde er mich ja verstehen. Mich lieben. Wenn es denn dieses sagenumwobene Etwas wirklich gibt. Aber ich fühle mich als Verräter, wenn ich mir eine glückliche Zukunft mit ihm vorstelle. Eine Zukunft, die Jack nicht erleben kann. Dennoch… Ich muss meine Einsamkeit brechen, irgendwie zurück finden.
      In meinem Kopf spielten sich Szenen aus dem Alltag mit ihm ab. Und unsere besonderen Momente. Eigentlich war es doch recht offensichtlich, oder etwa nicht? Die Art wie er mich ansah, wie er mich umarmte und mich wieder neckte. Aber ich konnte mich genauso gut irren, und das war der Punkt. Ich wäre zu stolz für solch einen Fehltritt - ich müsste Jonas wegschicken, wenn es schieflaufen würde. Und das war das Letzte, was ich wollte. Da ertrug ich lieber weiterhin schweigend meine Last.

      Endlich wurde ein rötliches Leuchten am Horizont sichtbar. Ich seufzte und stand auf, um mit der Arbeit zu beginnen: Offenställe misten, Wiesen Säubern, Heu nachfüllen, wollige Minis striegeln und bürsten, Tränken reinigen und Weidezäune kontrollieren. Als ich auch mit den Fohlenställen fertig war, holte ich ein Mini nach dem anderen nach draussen, um es an den Zaun zu binden und das Langhaar zu stutzen. Besonders Papillon hatte es nötig, der schokobraunen Stute reichte der Schweif fast bis zum Boden. Viele Minibesitzer scherten ihre Pferde, doch ich tat dies jeweils erst kurz vor einer Show oder einem Fahrturnier, denn Winterfell war immerhin noch immer besser als jeden Tag eingedeckt zu werden. So kam es, dass im Moment nur Queenie und Alu geschoren waren. Sie waren beide letzten Samstag an einem Showspringen gewesen, wobei Alu sogar den vierten Platz geholt hatte. Rose, deren mit deutlichen, hellen Punkten durchsetztes Fell besonders schick aussah, wollte einfach nicht stillhalten. Sie zog den Schweif immer wieder weg und streckte den Hals in alle erdenklichen Richtungen. Aber auch sie entkam der Schere nicht. Narnia, deren Fell etwas heller war, hatte ebenfalls eine viel zu lange Mähne, die ich prompt auf etwas mehr als handbreit kürzte. Bei Tiki und Kiwi hingegen hatte ich nichts zu schneiden. Sie hatten zwar langsam eine ordentliche Mähne bekommen, aber die war noch kurz genug. Nun musste ich auch noch zu den Hengstchen überlaufen, denn auch diese beiden Fellkugeln warteten schon ungeduldig. Arco war fast einheitlich silbern im Winter; man sah seine Punkte kaum mehr. Glenns Aalstrich zeichnete sich hingegen umso stärker ab. Chip kam neugierig zum Zaun um zu sehen, ob es 'ihren' beiden Herren noch gut ging. Bloss, um gleich wieder die Ohren anzulegen und zickig mit dem Vorderbein zu stampfen, als sie und Lenny die Nüstern zusammensteckten. Schliesslich war ich fertig und klopfte erleichtert auf Arcos Hals, ehe er in die Freiheit entlassen wurde.

      Einen Moment stand ich tatsächlich ratlos da, bis mir in den Sinn kam, was ich als nächstes vorhatte. Ein neuer Hengst würde heute ankommen! Nicht irgendeiner, nein - Daydreaming Sorrow war es. Ich hatte schon immer grosses Interesse an dem Welsh Hengst gehabt, doch nie geglaubt, ihn tatsächlich einmal kaufen zu können. Mittlerweile müsste er schon fast beim Flughafen sein, spekulierte ich aufgeregt. Doch bevor Hans ihn abholte, musste er noch einem Gesundheitscheck unterzogen werden. Ich kümmerte mich in der Zwischenzeit um Pointless. Sie war kurz nach Sweets, Lady und Bluebell zu den erwachsenen Pferden in den Stall gekommen und nun bereitete ich sie auf das Einreiten vor. Gegen Abend würde eine weitere Vollblutstute fürs Training ankommen, jedoch gehörte sie einem Japanischen Geschäftsmann, der seit Jahren in England sein Unwesen trieb. Ich schmunzelte jedes Mal, wenn Lewis dies so beschrieb. Point war mürrisch heute. Anscheinend war ihr der Umzug gegen den Strich gegangen. Als ich die Boxentür aufschob, sah sie mir zwar entgegen, doch sobald ich ihren Hals berührte, um die Deckenschnallen zu öffnen, legte sie die Ohren platt und wollte mich in den Arm kneifen. Sofort reagierte ich und gab ihr einen lauten Klaps auf den Nacken, woraufhin sie erschrocken zurückwich. Sie legte danach die Ohren zwar seitwärts nach hinten, jedoch zögerlich und ohne aggressive Anstalten. Ich arbeitete nach der Massregelung wieder ganz normal mit ihr, denn nachtragend zu sein nützte bei Pferden bekanntlich überhaupt nichts. Nach einer halben Stunde, in der ich sie an der Longe um den Hof und in der Halle geführt hatte, liess ich es auch schon gut sein und bürstete sie gründlich. Sie kannte das Geführtwerden wie es in jedem Rennstall üblich war seit Fohlenalter, jedoch nur im Beisein der Mutter. Danach war sie auf Pineforest Stable nur hin und wieder geführt worden. Auch das Anbinden musste ich üben. Bei den ersten Versuchen hatte sie zwei Halfter zerrissen, trotz Panikhaken. Ich fragte mich noch immer, wie das hatte geschehen können, denn meine Anweisung an die Pfleger war ausdrücklich langsames, geduldiges Vorgehen gewesen. Jedenfalls klappte es jetzt schon besser: die Stute stand locker angebunden an der Boxenwand und schien die Striegelei sogar zu geniessen. Immerhin waren die Ohren jetzt locker zur Seite baumelnd. Nur der Schweif verriet hin und wieder eine gewisse Unruhe, wohl auf Ungeduld gründend. Ich packte sie zum Schluss wider warm ein, jedoch nur mit einer Netzdecke, denn ich hatte mich bisher nicht getraut, Point zu scheren. Sheela und Jacky, die mir schon den ganzen Morgen um die Beine wuselten, rauften sich gerade. Sie tollten spielerisch knurrend durch die Stallgasse und schubsten dabei fast eine Putzbox an der Wand um. Ich pfiff sie zu mir, als ich mit Point fertig war. Dann lief ich zum Parkplatz um Sorrow zu empfangen.
      Jonas schlich mir unterwegs hinterher und erschreckte mich, er hatte wohl, diesmal eher geschmacklos, wie ich fand, Mörder spielen wollen. Ich war erst etwas verwirrt, musste aber mehr lachen als mir lieb war, da er mich halb auskitzelnd in die Arme nahm. Augenblicklich stieg ein warmes Glücksgefühl in mir auf, ohne dass ich es unterdrücken konnte. Elliot, der sich über die Holzstangen vor dem Nebenstall lehnte, sah uns amüsiert zu. Ich sah ihn im Augenwinkel und erwartete jeden Moment einen dummen Kommentar - er kam auch. "You'd be an amazing couple, wouldn't you?" Ich wollte gerade den Mund aufmachen und etwas entgegnen, da antwortete Jonas plötzlich gespielt ernst: "Yes, surely. We are together – since yesterday." Stirnrunzelnd sah ich ihn an. "And why did I not know that?" "You’re clueless anyway", meinte Jonas frech. Wir lachten, ich jedoch eher schief. Dann liess er mich los und ich verschwand endgültig in Richtung Parkplatz. Was bedeutet das denn jetzt? Ernst gemeint war es sowiso nicht. Aber vielleicht insgeheim? Oder ich interpretiere schon wieder zu viel? Die Verwirrung war komplett, doch eine seltsame Zufriedenheit gleichermassen genährt. Ich lächelte heimlich und wollte gerade zum Hauptstall gehen, als der bereits erwartete, silberne Transporter vorfuhr. Hans schüttelte mir nach dem Aussteigen heftig erfreut die Hand, dann luden wir den bildschönen Welsh Hengst aus. Seine wuschelige Mähne fiel ihm wild über beide Seiten des mächtigen Halses und feine Wölkchen stiegen aus den geblähten Nüstern empor. Er musterte die Umgebung mit seinen kleinen, schwarzen Augen und spitzte die hübsch gebogenen Ohren in Richtung Hauptstall. Beim Führen wurde sofort klar, dass er total brav und gut erzogen war, denn er folgte wie ein Lamm, trotz der vielen Eindrücke. In seiner Box angekommen, tätschelte ich ihm zuerst den Hals, dann löste ich das Halfter und liess ihn fressen. Er hatte grossen Hunger vom langen Flug und würde sich einige Tage akklimatisieren müssen, immerhin kam er aus Kanada. Doch er sah top fit aus: sein Fell schimmerte in kräftigen Farben, die Hufe waren in makellosem Zustand und frisch beschlagen, der Behang war zwar mit Stroh bespickt, aber sonst sauber und der Schweif fiel wollig über seine Sprunggelenke. Ich schob zufrieden die Boxentür zu und gönnte dem Hengst seine Ruhe.

      Draussen erkannte ich Jonas und Lisa bei den Büschen vor dem Pflegerhaus. Ich blieb beim Eingang stehen und beobachtete die Szene einen kurzen Moment. Jonas stupste sie, und sah sie zwischendurch lange an. Was machen die beiden da? Reden natürlich, was sonst… Lisa lachte herzhaft und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Auf einmal wurde mir klar, wie hübsch sie doch war. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Rippen. Ist das etwa Eifersucht, Occu? Sei nicht dumm, die beiden kennen sich schon ne ganze Weile und sind gute Kollegen. Selbst wenn mehr dahinter stecken sollte, ginge es dich nichts an... Eigentlich müsstest du dich doch sogar darüber freuen oder? Hast du dir nicht nach Jack geschworen, frei und unabhängig zu bleiben? Ich wandte mich dennoch leicht bitter ab, an die schöne Illusion von zuvor denkend. Ich lief gespielt fröhlich zum Nebenstall, wo ich Herkir rausholte und am Holzgatter anband. Dann begann ich ihn gründlich zu putzen. Der Nachteil war, dass ich die ganze Zeit über das Gelächter dieser glücklichen Menschen ertragen musste. Ab und zu wagte ich einen Blick, um ihn dann nur schmerzlich betrübt wieder auf Herkirs hellrotes Winterfell zu richten. Fast hätte ich die beiden angefahren, sie sollen doch wieder zur Arbeit gehen. Ich biss die Zähne zusammen und sattelte, so schnell ich konnte, um dieser Situation zu entfliehen. Schliesslich töltete ich auf der Galoppbahn, um den Kopf frei zu bekommen. Herkir lief toll: geschmeidig und taktvoll. Seine Wuschelmähne tanzte lustig zur Bewegung seiner Schultern, während ich still sass. Der Galopp war noch etwas schwieriger, denn er sprang nicht gleich ein. In der Tat musste ich den Isländer eine viertel Runde bearbeiten, bis er angaloppierte. Sheela raste die ganze Zeit neben uns her und hatte eine riesen Freude an meiner Reitgerte.

      Nach diesem Ritt war es bereits Mittag. Ich gesellte mich mit meinem Sandwich zu den Pflegern, zusammen mit Sheela und Jacky. Als Jonas die Sattelkammer betrat, versuchte ich, nicht aufzusehen. Er blieb bei ein paar anderen stehen, wie ich aus dem Augenwinkel beobachten konnte. Schliesslich waren plötzlich alle am selben Gespräch beteiligt, und ich schien mich ausversehen durch mein in-der-Ecke-Stehen selbst zum Thema gemacht zu haben. Das ging so weit, dass Rosie irgendwann warum auch immer den Einwurf brachte, man müsse endlich einen neuen Mann für mich finden. Die meisten stimmten lauthals zu. Ich entgegnete ironisch, mich endlich auch der Gruppe zuwendend, dass ich ja anscheinend schon mit Jonas zusammen sei, worauf der mit dem Zeigefinger auf mich deutete und "exactly" meinte. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, also schwieg ich fortan, doch nicht ohne ein erneut aufflauendes Lächeln.

      Später am Abend kam die japanische Stute an. Sie wurde von ihrem Pfleger liebevoll Shio genannt, was wir natürlich weiterführten. Als danach langsam Ruhe auf dem Hof einkehrte, kam die alte Angst vor dem Mörder wieder auf. Ich schlief abermals im Pflegerheim. Wir unterhielten uns noch etwas in gemütlicher Atmosphäre im Aufenthaltsraum, ehe wir zu Bett gingen. Jonas sass etwas entfernt auf einem einsamen Sessel. Ab und zu erwischte ich ihn, wie er in meine Richtung sah, bis mir klar wurde, dass Lisa direkt neben mir sass. Mir pochte der Kopf immer mehr, je später es wurde. Ein Anflug von unglaublicher Müdigkeit war die Ursache. Im Verlaufe des Abends wollte Lewis plötzlich schwerzhaft wissen, wie Jonas und ich denn nun zueinander gefunden hätten. Ich bat Jonas lächelnd zur Erklärung, selbst gespannt darauf. Doch die Antwort war ernüchternd. Wir seien natürlich nicht zusammen. Ich grinste stur mit, auch wenn es ein wenig mehr weh tat, als ich erwartet hatte. Lisa und Quinn kontrollierten alle Türen und Fenster, ehe sie die Lichter löschten. Ich lag bald als letzte wach auf meiner Matratze und starrte die Decke an. Dann drehte ich mich um und schloss die Augen, eine feine Träne rollte mir die Wange hinunter.

      © Occulta | 17.490 Zeichen

    • Mohikanerin
      Gangreiten E zu A | 14. März 2015

      Heute führte mich mein Beruf als Ausbildern zu Occulta. Hier sollte ich Ljóski und Herkir ausbilden.
      Ich parkte mein Auto auf dem Parkplatz und stieg aus. Suchend sah ich mich um. Ich kannte den Hof nicht und fragte mich gerade wo ich nun hingehen sollte, als mir eine Frau entgegen kam. Ihres sicheren Auftretens wegen, hielt ich sie für Occulta und mein Gefühl trog mich nicht.
      Sie begrüßte mich herzlich und stellte sich vor, dann führte sie mich zu ihren zwei Hengsten.
      Ich entschied mich dafür, mit dem Wildfang Herkir zu beginnen. Der Hengst mit der flauschigen Mähne war noch relativ Jung und sollte laut Occulta schnell Dinge lernen. Leider auch solche, die dem Reiter nicht gefallen, hatte sie betont und dabei geschmunzelt.
      Wenige Minuten später stand Herkir, genannt Herki, am Putzplatz und trug bereits seinen Sattel auf dem Rücken. Während Occu ihren Hengst trenste, erklärte ich ihr kurz und bündig mein übliches Vorgehen: „Es wäre gut wenn sie mir den Hengst einfach mal vorführen könnten, dann bekomme ich ein gutes Bild von ihrer üblichen Reitweise und ihrem Pferd.“
      Gesagt getan, schon saß Occulta auf ihrem Herki und bedeutete mir ihr zu folgen, während sie zur Bahn ritt.
      Es war ein windiger Tag und graue Wolken trieben über den nicht sonderliche blauen Himmel. Im großen und ganzen ein perfekter Tag für Pferde wie Herki, die es liebten zu rennen.
      Beim Aufwärmen ging er noch relativ entspannt, doch als Occu die Zügel aufnahm und versuchte ihr Pferd auf Tölt vorzubereiten, verstand der Hengst das ganze ein wenig anders. Freudig hob er den Kopf hoch und lief los. Bis die Reiterin ihren Hengst gebändigt hatte, vergingen ein paar Minuten und schließlich rief ich ihr zu: „Versuch mal gegen den Wind zu reiten, dann kommt er hoffentlich nicht auf die Idee los zu rennen.“
      Occu nickte und wendete Herkir. Beim zweiten Versuch klappte das antölten recht gut. Herkir war ein Viergänger mit einem passablen Tölt, der aber mehr auf Geschwindigkeit als auf Eleganz gab. Im Kern ein extrem zuverlässiges Pferd, nach außen hin aber der größte Kasper den man sich vorstellen kann.
      „Ich denke ich habe jetzt ein ganz gutes Bild von Herkir.“ sagte ich und nahm die Zügel des Hengstes. „Jetzt bin ich mal gespannt. Ich hab die Erfahrung gemacht das mehrere Hengste es lieben durchzugehen wenn es windig ist und ich drauf sitze.“
      Ich begann mit betont entspannten Übungen, ehe ich einen Handwechsel ritt. Der Wind, der inzwischen zugenommen hatte, schlug mir ins Gesicht und auch Herkir gefiel das ganz und gar nicht. Immerhin gelang uns ein Stückchen Tölt, ehe der Hengst den ersten Versuch machte, auf eigene Faust einen Handwechsel zu gehen.
      Zum Glück kannte ich Pferde wie ihn zu Genüge und hatte seine Absichten schnell bemerkt. So wurde nichts daraus und ich brachte ihn mit ein wenig Anstrengung dazu, noch etwas mehr Tölt zu gehen. Langsam spürte ich, das Herkir immer zappeliger wurde. Schließlich begann er unentspannt mit dem Kopf zu rucken und versuchte mehrmals mir die Zügel aus der Hand zu ziehen. Die Botschaft war eindeutig: „Lass mich rennen, los, ich will rennen.“ schien er zu sagen. Nachdem ich noch einmal versucht hatte den Hengst zum tölten zu bewegen, ließ ich ihm schließlich seinen Willen. Kaum hatte ich ihm auch nur gewendet, sprang er aus dem Schritt in den Galopp. Er streckte sich, reckte die Nase in den Wind und schüttelte stolz dem Kopf. Vom Tempo das er vorlegte war ich nicht überrascht. Ich duckte mich tief über seinen Hals und genoss die Geschwindigkeit, ehe ich ihn am Ende der Bahn durchparierte und noch etwas Tölt abnötigte.
      Jetzt, wo die übermütige Energie in den Galopp geflossen war, wunde sein Gang mit einem Mal entspannt. Er war zwar kein Naturtölter mit anmutigen Bewegungen und doch schön zu sitzen. Als ich die ersten Regentropfen spürte, erklärte ich das Training von Herkir schließlich zufrieden als beendet.

      Die nächste halbe Stunde regnete es in Strömen. Da bei diesem Wetter niemand reiten wollte, machte ich Pause. Als der Regen allmählich nachließ, ging ich zum Putzplatz. Dort stand Occulta bereits und putze Ljóski. „Soll ich Loki auch vorführen?“ fragte sie sobald sie mich entdeckt hatte. Ich bejahte die Frage. Wenig später stand ich an der Bahn und beobachtete Occu und ihren Hengst beim aufwärmen. Auch der Wind hatte sie weitestgehend gelegt und so verlief die Vorführung problemlos. Loki schien ein echter Naturtölter zu sein und zeigte insgesamt Qualitäten als Fünfgänger. „Das wird nicht schwierig.“ verkündete ich und übernahm die Zügel von Occulta.
      Nach etwas Schritt nahm ich die Zügel auf und bereitete Loki auf den Tölt vor. Als Naturtölter kannte er die Gangart gut und ging sie sicher. Ich trieb ich ihn vorwärts und er fiel ich einen schwungvollen, gleichmäßigen Tölt.
      In der folgenden halben Stunde entpuppte sich der Hengst als fleißig und lernwillig. Problemlos ging er Tölt sowie auch Trab, der ihm allerdings etwas schwerer fiel.
      Schnell ging ich zu Übungen wie Schlangenlinien oder Volten im Tölt über und erklärte sein Training auf A schließlich für Erfolgreich abgeschlossen. Ich hatten viel weniger Zeit gebraucht als ich ursprünglich eingeplant hatte. „Ljóski hat wirklich Potenzial.“ lobte ich den Hengst noch im nach hinein. Wenig später saß ich bereits im Auto und war auf dem Weg nach Hause.

      © BellaS | 5278 Zeichen

    • Mohikanerin
      Willkommen zurück, alter Freund | 06. August 2015

      Als ich am Morgen erwachte, sah ich als erstes Jonas‘ dunkle Locken. Sofort schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. Ich zog die Decke etwas höher, da öffnete er ebenfalls die Augen. Wir sahen uns lange an, ohne etwas zu sagen. Dann strich er mir eine Strähne hinters Ohr und streichelte meine Wange, woraufhin ich noch etwas näher rückte. Er legte seinen Arm unter meinen Kopf. Wir lagen noch eine ganze Weile da, bis plötzlich jemand an die Haustüre hämmerte und die Hunde augenblicklich zu bellen begannen. „Occu? It’s 6 o’clock, are you alright?“ Lisas Stimme war nicht zu überhören. Ich warf einen Blick auf den Wecker. Tatsächlich, ich hatte vergessen ihn zu stellen und nun war es bereits sechs Uhr. Ich rief ihr zu, dass ich gleich kommen würde und stand augenblicklich auf. Jonas richtete sich ebenfalls auf und drehte sich weg, damit ich mich umziehen konnte. Dann gingen wir gemeinsam nach unten, fütterten Sheela und Jacky, assen eine Schüssel Müsli und verliessen zügig das Haus. Die beiden Hündinnen durften frei herumlaufen, denn Sheela hatte sich soweit eingewöhnt, dass sie jetzt auch wie Jacky brav auf dem Hofgebiet blieb. Als ich draussen vor dem Nebenstall Bluebell reitfertig machte, führte Jonas Herkir zum Roundpen. Lisa lief nebenher und ich schnappte ein paar Fetzen des Gesprächs auf. „Und wo hast du heute Nacht geschlafen? Darren hat gesagt, du seist weg gewesen“ „Stimmt, ich war noch etwas länger draussen“, mehr verriet er nicht. Ich schmunzelte und wandte mich Bluebell’s Hufen zu, die es auszukratzen galt. Mit der Reitponystute wollte ich heute ins Gelände gehen. Sie war erst zweimal draussen gewesen, sonst hatten wir vor allem auf dem Platz und der Galoppbahn mit ihr gearbeitet. Ich ging bewusst alleine mit ihr raus, denn ich wollte, dass sie sich vollkommen auf mich verlassen musste. Jedenfalls konnte ich so verhindern, dass sie an anderen Pferden klebte. Eigentlich hätte ich heute auch noch mit Sweets rausgehen wollen, doch dafür reichte die Zeit nicht, also wollte ich sie heute nur longieren. Bluebell drehte sich neugierig um, als ich ihre Beine vorne routinemässig abtastete. Ich machte das immer mal wieder, um heisse Stellen oder Knötchen frühzeitig zu bemerken. Die Beine der Roanschecke fühlten sich normal an. Ich richtete mich auf und nahm liebevoll ihren Kopf, um sie auf dem Nasenrücken zu streicheln. Sie schloss beinahe die Augen und genoss die Berührung sichtlich. „Bist eben doch eine Geniesserin, stimmt’s?“, murmelte ich leise. Rosie kam aus Islah’s Box. „Hey boss, the crazy cow is served. I’ve tried to lunge her, but she always stops as soon as I take the whip away. It’s a hopeless case I guess.” Wir lachten herzhaft, denn wir wussten ja beide, dass Islah nicht gerade die Hellste war. Dafür eine sehr führsorgliche Mutter, das hatte sie bei ihrem letzten Fohlen bewiesen. Mir geisterte schon seit längerer Zeit der Gedanke durch den Kopf dass es Zeit wäre, sie wieder einmal decken zu lassen. Die Frage ist nur, Numair oder Anubis? Oder soll es ein Mix werden? Da war ich mir noch unschlüssig. Ich fand die Idee mit Numair aber am attraktivsten, denn das Fohlen würde so sicherlich eine interessante Farbe bekommen. “However, what do you do now?“, fragte ich die Pflegerin. Sie antwortete unschuldig “I thought I probably go back to the house and… have a nap?” “How about having a nice ride into the woods with Sweets? Or are you really so tired? I know that I should work with her, but several new horses come today, so I’m quite busy…” “I’d like that! I’m not tired at all, I just didn’t know what to do” Ich klopfte ihr dankbar auf die Schulter und half ihr kurz, Sweets zu putzen, sodass wir gleichzeitig starten konnten. Als wir fertig waren, ritten wir gemeinsam vom Hof weg. Der Plan war, dass wir uns nach der Brücke trennten und dann etwa eine halbe Stunde alleine unterwegs waren, ehe wir uns vor der Übergangsstelle zur Flussinsel wieder trafen. Gesagt, getan – die Trennung verlief besser als Gedacht. Bluebell wieherte zwar etwas, doch nach einer halben Parade meinerseits lief sie brav und zügig den Weg zum Wald hinauf. Sweets war noch ruhiger: sie drehte gerademal den Kopf um zu sehen, wo ihre Kollegin hin verschwand, dann konzentrierte sie sich wieder auf Rosie und die Strecke die vor ihr lag. Mit Bluebell liess ich’s mal richtig krachen. Wir galoppierten so viel wie noch nie, was ihr sichtlich Freude bereitete, denn sie wurde jedes Mal geladener und konnte es kaum erwarten, wieder loszupreschen. Mir war das gerade recht, sie sollte ruhig auf den Geschmack kommen und das Gelände mit Spass und Abenteuer verbinden. Sie zeigte sich furchtlos und vertraute mir sogar, als wir auf der Wiese hinter dem Wald einer riesigen Mähmaschine begegneten. Ich ritt insgesamt eine grosse Schlaufe und war durch Blue’s fleissigen Takt früher als geplant wieder beim Fluss. Ich nahm mir daher richtig Zeit dabei, sie ans Wasser zu gewöhnen. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt in die richtige Richtung machte, lobte ich ausgiebig; wenn sie hingegen zurückwich, trieb ich sie kommentarlos wieder zurück an die vorherige Stelle. Bald setzte sie den ersten Huf ins erfrischende Nass, dann ging alles ganz schnell. Mit einem Satz standen wir im Fluss. Bluebell sog laut hörbar Luft ein und hatte die Ohren angespannt zu mir gedreht, entspannte sich aber schnell und senkte kurz darauf den Kopf zum Trinken. Gerade als Sweets ankam, begann sie, mit dem Vorderhuf zu plantschen. Ich flattierte sie lachend und winkte Rosie zu, dass sie auch reinkommen solle. Sweets war bereits letzte Woche einmal mit David im Wasser gewesen, daher musste die Scheckstute nur kurz überlegen, ehe sie ihre Füsse in den Fluss setzte. Blue wurde langsam ungeduldig und ich lenkte sie in eine kleine Volte, damit sie nicht wieder ans Ufer kletterte. Ich gab Rosie ein Handzeichen, daraufhin setzten wir uns in Bewegung über den Fluss. Wir mussten wie immer auch die Insel überqueren. Durch das ständige durchreiten hatte sich ein Trampelpfad durch die Büsche gebildet, der das Durchkommen erleichterte. Wir trabten auf der anderen Flussseite entspannt zurück zum Hof. Unterdessen erzählte mir Rosie, wie ihr Ausritt gelaufen war. Sweets war ihr einmal durchgebrannt, als ein grosser Schäferhund, der noch dazu unangeleint war, auf sie zu gerannt kam. Er hatte zwar nur spielen wollen, wie sich im Nachhinein rausstellte, doch Rosie gab zu, dass ihr auch etwas mulmig zumute gewesen sei und sie Sweets daher nicht wirklich böse sein konnte. Ich nickte zustimmend und erzählte ihr von meinem Abenteuer. Zurück vor dem Nebenstall versorgten wir die beiden Reitponys zurück in ihre Box, denn im Moment war es noch zu heiss für einen Weidegang. Ich sah auf die Uhr, deren kleiner Zeiger auf der Sieben stand. Jacky kam angeschossen und wuselte mir schwanzwedelnd um die Beine, von Sheela war keine Spur, aber weit konnte sie nicht sein.

      Bis um acht Uhr gab ich Rita mit Calico eine Reitstunde. Die beiden machten grosse Fortschritte, hatten aber in letzter Zeit wieder etwas mehr Meinungsverschiedenheiten. Heute lief der Criollo Hengst ganz schlecht. Er machte keinen Schritt freiwillig und bockte sogar, als Rita angaloppieren wollte. Ich runzelte nachdenklich die Stirn und lief zu den beiden hin, da Rita mit hängendem Kopf angehalten hatte. „Rita – tell me. What is it?“ Sie begann zu schluchzen und erzählte mir, dass ihre Eltern sich nun definitiv trennen wollten. Zu allem Überfluss hatte sie das Gefühl, schuld daran zu sein, wegen dem ganzen Theater mit Calico. Ich tröstete sie so gut ich konnte, denn das war nicht gerade eine meiner Stärken. Trotzdem fasste sie sich wieder und ich erklärte ihr, dass es im Leben eben manchmal nicht ganz wie geplant laufe, dies aber keineswegs den Untergang der Welt bedeutete. Dann rollten auch schon neue Tränen ihr Gesicht runter. Sie erklärte mir schluchzend, dass sie jetzt sogar das Reiten wieder verlernt habe und wirklich zu gar nichts zu gebrauchen sei, dass sie sich über ihre Unfähigkeit schäme und am liebsten ganz aufhören würde. “Look – there’s nothing to be ashamed of. It’s no wonder that Cali doesn’t want to work with you if you’re so much distracted. But you had reason to be. However, now it is time to focus on your little friend here again and forget all these problems. He feels your distress and refuses to work, because he is worried.” Sie sah mich mit grossen Augen an. “Do you really think that he knows how I feel?” “Sure, he knows better than yourself. That’s one wonderful thing about horses.” Sie rieb sich die Augen und lehnte sich nach vorne, um Calico zu streicheln und ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Dann richtete sie sich auf und sagte entschlossen: „Okay then, Rita is back.“ Ich war froh, das alte feurige Leuchten in ihren noch immer etwas geröteten, braunen Augen wiederzuentdecken. Allerdings schlug ich vor, das Reiten für heute sein zu lassen und stattdessen mit Calico schwimmen zu gehen. Ich half ihr beim Absatteln und schickte sie dann mit Badesachen, Knotenhalfter und Strick bewaffnet zum Fluss; das würde ihr guttun. Zufrieden klatschte ich in die Hände, als die beiden hinter den Tannen verschwanden.

      Nun wandte ich mich dem ersten Neuankömmling zu. Es handelte sich um eine wunderschöne, nachtschwarze Furiosostute namens Parányi. Als sie aus dem Anhänger stieg, entdeckte ich das Brandzeichen des Gestüt Sanssouci. Ich blieb anfangs etwas auf Abstand und hielt sie am langen Seil, denn so hübsch die Stute auch war: sie war berüchtigt dafür, sehr selbstständig Entscheidungen zu treffen. Und ich wollte lieber nicht im Weg dieser grauen Hufe stehen. Als sie dastand und mit giraffenartigem Hals ihre Umgebung abcheckte, trat ich zu ihr hin und streichelte beruhigend ihren Hals. Sie gab mir zum Dank eine Kopfnuss, als sie sich wieder umdrehte. „Stillstehen müssen wir noch üben, was?“ schmunzelte ich. Überhaupt war die Stute ja noch gar nicht eingeritten und würde erstmal gründlich aufgebaut werden, doch ich war überzeugt, dass sie Potential hatte. Als ich sie um die Ecke des Hauptstalls führte, rannte ein Schildpattfarbener Kater vor uns über den Weg. „Kafka! You’ll get tramped if you’re not cautious!“ Kopfschüttelnd erinnerte ich mich an die vier kleinen Kätzchen, die Lisa gefunden und aufgepäppelt hatte. Die vier waren nun ein Jahr alt und hatten nur Flausen im Kopf. Zum Glück bekam ich sie selten zu Gesicht, denn meistens waren sie irgendwo versteckt am Jagen. Ausserdem waren sie scheu Fremden gegenüber, also waren sie jeweils spurlos verschwunden, sobald die öffentlichen Reitstunden stattfanden. Na gut, okay, eigentlich mag ich die Fellknäuel. Besonders die kleine Shiwa. Ich brachte Parányi zur grossen Stutenweide, denn sie würde fürs Erste im Offenstall leben. So hatte sie immer genügend Bewegung und war bestimmt angenehmer im Training. Doch bevor ich sie ganz zu den anderen liess, musste sie auf dem Abgegrenzten Teil der Hauptweide ausharren und mit den anderen Bekanntschaft machen.

      Sehr gut, nun ab zu Ljóski. Im Nordstall begegnete ich Jonas. Erwarte nicht zu viel, er wird bestimmt wieder so tun, als sei nichts gewesen, sagte ich mir unverblümt. Doch er überraschte mich. Auf meinen herausfordernden Blick antwortete er mit einem Lächeln, dann kam er auf mich zu und umarmte mich spielerisch. „Herkir ist versorgt, Boss, ich habe heute etwas länger mit ihm gemacht. Hab ihn nämlich noch geduscht. Du hättest den Dreck sehen sollen, der aus dem ganzen Fell kam.“ „Loki hätte es auch mal wieder nötig“, meinte ich mit einem Seitenblick in dessen Box. Dann lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter und schloss die Augen für einen Moment. Es kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch schliesslich löste ich mich wieder von ihm und nahm Lokis Halfter von der Boxentür. Der kleine Isländer liess sich wie immer gut aufhalftern und nach draussen führen. Bevor ich durch die Tür verschwunden war, fragte Jonas, ob ich Hilfe bräuchte. Ich antwortete zögernd, um einen guten Grund liefern zu können. „Ahhh, ja, ich könnte ein wenig Schrecktraining mit ihm machen. Du könntest mir helfen, die Posten vorzubereiten.“ Er nickte und folgte mir. Loki liess ich in der Halle (es war uns beiden draussen auf dem Platz zu heiss gewesen) frei laufen, während wir einen bunten Ball, eine Rettungsdecke, einen Regenschirm, ein paar Kegel und einen Flattervorhang holten. Zuerst führte ich ihn zum Ball. Er schnüffelte vorsichtig daran, dann stiess er ihn sogar etwas weg. Sofort lobte ich ihn. Dann rollte ich den Ball auf ihn zu, woraufhin er etwas zurückwich. „Okay, neue Strategie: wir rollen den Ball vor ihm weg, sodass er denkt, dass der Ball Angst vor ihm hat. Jonas nickte und stand auf die andere Seite, dann führten wir den Plan aus. Tatsächlich wurde Loki schon nach wenigen Minuten mutiger und ging wirklich zum Ball hin. Ich scherzte zwischendrin: „Das ist aber ein echter Angsthasenball!“ Als nächstes war der Regenschirm dran. Zuerst öffnete ich ihn in einiger Entfernung, dann kam ich immer näher, während ich ihn auf und zu klappte. Hin und wieder gab Jonas dem Hengst ein Karottenstückchen. Der Schirm schien kein Thema für Loki zu sein, denn am Ende konnte ich ihn sogar direkt neben seinem Kopf öffnen. Weiter ging’s zur Rettungsdecke, die schön silbern glänzte. Er musste darüber laufen. Dies war schon etwas schwieriger für den Schecken, denn er konnte das funkelnde Zeug vor seinen Füssen irgendwie nicht einordnen. Als er nur noch rundherum zirkelte und gar nicht erst in die Nähe wollte, beschloss ich, ihn nur noch ein paar Mal in die Nähe kommen zu lassen, danach liess ich es gut sein. „Beim nächsten Mal wird auch das klappen“, erklärte ich Jonas überzeugt. Am Ende waren noch die Kegel dran. Dort machten wir nur etwas Slalom, als Führtraining und zum Ausklingen lassen. Loki musste auch rückwärts hindurch. Er schmiss zwar den letzten Kegel um, aber ich war längst zufrieden und führte ihn nun zum Waschplatz. Jonas und ich hatten eine halbe Schaumschlacht während dem einseifen von Loki. Jedenfalls war es sehr spassig. Ljóski hingegen fand das ganze Trara wohl nicht ganz so amüsant, er zappelte nämlich nach spätestens 10 Minuten immer wieder ungeduldig herum. Ich konnte es ihm nicht verkennen und liess ihn dafür zum Trocknen noch etwas neben dem Nordstall grasen. Jonas hatte verschwinden müssen, um nach Sorrow und Dancer zu sehen.

      Gegen Abend kamen endlich die letzten drei neuen an, oder besser gesagt die drei neuen alten. Denn alle waren schon mal auf meinem Hof gewesen. Caillean war der erste. Der kleine Miniature Horse Hengst war eines unserer Zuchtfohlen; ein Sohn von Alu. Ich musste ihn zurückholen, da sich seine Besitzerin nicht mehr um ihn gekümmert hatte. Zum Glück hatte mich ein alter Freund bei der örtlichen Polizei darauf aufmerksam gemacht, sodass wir den kleinen von seiner verdreckten Weide holen konnten. Er war ziemlich dünn und sein Fell struppig. Es tat mir richtig leid, ihn so zu sehen. Zum Glück schien er sonst nicht gesundheitlich angeschlagen. Ich holte ihn mit dem Transporter ab und stellte ihn zuhause als erstes unter eine gründliche Dusche. Er wurde von Kopf bis Fuss einshamponiert, bis er wieder blitzblank war. Dann erst durfte Caillean zu seinem Vater. Ich blieb jedoch während der ersten halben Stunde dabei und liess danach Lisa weiter beobachten, ob sich die Hengste vertrugen. Feather akzeptierte den Neuankömmling jedenfalls rasch, Caresse brauchte aber wiedermal etwas länger.

      Als nächstes wurden auch noch Paluche und Bottle of Jack zurückgebracht. Paluche hatte ich damals direkt von seiner Züchterin gekauft, seinen Bruder Jack hatte ich später übernommen. Ich hatte sie damals allerdings nach etwas mehr als einem Jahr verkaufen müssen, aus Platzgründen. Nun waren die beiden wieder hier, weil die ehemalige Besitzerin keine Zeit mehr hatte und mir extra angerufen hatte, ob ich sie nicht wieder nehmen wolle. Ich hatte nicht nein sagen können, denn Pal hatte mir wirklich gefehlt und nun hatten wir ja wieder freie Boxen, dank des neuen Nordstalls. Ich freute mich riesig, als die beiden stattlichen Dreijährigen aus dem Transporter geführt wurden. Besonders Pal war zu einer echten Schönheit herangewachsen und Jack lockte mit einer aussergewöhnlichen Scheckung. Die beiden Rabauken kamen mit den anderen Junghengsten auf die Weide. Als ich das Zauntor öffnete, fiel mir ein, dass nur noch Winter die zwei kannte, alle jetzigen Junghengste waren damals noch nicht hier gewesen. Etwas traurig wurde ich schon, als ich mich an Sunny, Smarty, Kabuki und Majandro erinnerte. Besonders bei Kabuki, denn der Reitponyhengst war noch als Fohlen an einer Vergiftung gestorben. Die anderen lebten in einem neuen Zuhause und waren bestimmt schon eingeritten. Jedenfalls wurden Pal und Jack neugierig in Empfang genommen. Es gab auch kurz ein paar Rangeleien, doch vorerst ordneten sich die beiden gut sozialisierten Criollos unter und wurden in Ruhe gelassen. Sie grasten zwar etwas abseits, aber das würde sich bestimmt bald ändern. Auch Parányi durfte nun übrigens zu den anderen, sie hatte ja den ganzen Tag über Zeit gehabt, sich mit ihnen durch den Zaun hindurch anzufreunden.

      Als es dunkel war, überkam mich die ganze Müdigkeit der letzten Woche und ich musste gähnen. Ich schloss kurz die Augen, da mich das Licht von Ajith’s Taschenlampe blendete. Jemand umschlang mich von hinten und murmelte mir ins Ohr „Schlaf nicht ein, sonst muss ich dich noch ins Haus tragen.“ „Vielleicht sollte ich echt langsam rein gehen, ehe ich noch umkippe. Unterwegs einnicke, musst du mich retten kommen, versprochen Jonas?“ „Promised Boss“, murmelte er lächelnd, und begleitete mich zur Tür. Auch Jacky und Sheela kamen auf mein Pfeifen hin angesaust. Ich sagte ihm gute Nacht und schlich ohne Licht nach oben in mein Zimmer, etwas enttäuscht, dass er nicht wieder mitgekommen war. Aber ich war wiedermal zu stolz gewesen um ihn zu fragen. Jedenfalls schlief ich in dieser Nacht besonders tief und träumte von gepunkteten Pferden, schwarzen Schäfchen und Regenschirmen.

      © Occulta | 18.009 Zeichen

    • Mohikanerin
      Gangreiten A zu L | 26. Oktober 2015

      „Viergang, was sonst. Immer nur Tölt, Dressur, Viergang. Jeden Tag.“, muffelte ich vor mich hin, als ich meine E-Mails mit den noch unerledigten Aufträgen durchsah. Es stimmte tatsächlich: Da wir die einzigen Gangtrainer weit und breit waren, bekamen wir fast nur Aufträge, bei denen wir Isländer oder andere Gangpferde trainieren mussten. Das war auch der heutige Fall.
      Um neun Uhr kam ich auf dem Pine Forest Stable an. Wie ich herausgefunden hatte, beherbergte das Gestüt hauptsächlich Rennpferde, aber man konnte hier auch Pferde, die auf andere Reitstile spezialisiert waren. Mein heutiges Trainingspferd war ein Isländerhengst namens Herkir. Er gehörte Occulta Smith, der auch das Gestüt gehörte.
      Als ich den Hof betrat, traf ich auf einige Vollblüter, die die Köpfe aus den Boxen streckten und den Hof überwachten. Bald darauf kam eine Frau, etwas älter als ich, aus dem Stall. „Herzlich Willkommen auf dem Pine Forest Stable. Ich bin Occulta Smith, aber nenn mich Occulta.“, stellte sie sich vor. „Guten Tag, ich bin Linn Petri, freut mich
      dich kennenzulernen.“, begrüßte auch ich sie. Zusammen gingen wir in die Sattelkammer, wo wir Halfter und Putzsachen holten. „Kannst du die schonmal nach draußen bringen? Ich hole Herkir.“ Occulta deutete auf die Putzkiste, welche ich auf dem Hofplatz neben dem Anbinder abstellte. Kurz darauf kam Occulta mit einem stattlichen Junghengst zurück. Er hatte ein Fell mit einer wilden, fuchsroten Scheckung. Wärend wir Herkir putzten, erzählte mir Occulta, wie der Hengst sich gegenüber fremden Trainern im Training verhielt. „Normalerweise ist er sehr aufmerksam, wenn man aber nicht aufpasst, probiert er auch gerne jeden möglichen Unsinn mit einem aus. Auch wenn es sehr windig ist oder sehr kalt, muss man vorsichtig sein, denn dann gewinnt er sein isländisches Temperament zurück und dreht gewaltig auf.“
      Dann ging Occulta wieder in die Sattelkammer und kam mit Töltsattel und Trense wieder. Sie sattelte Herkir schnell und gab mir die Zügel. „Bahn oder Viereck?“, fragte mich Occulta. „Am liebsten Ovalbahn oder ähnliches, Viergang im Dressurviereck ist grausam.“, erwiderte ich. „Okay, dann Bahn, aber du wirst sehen, die ist sehr viel größer als eine isländische Ovalbahn“, warnte Occulta mich. Wir gingen zu der Bahn, die, wie ich zugeben musste, sehr viel größer war, als ich sie mir vorgestellt hatte, und auch sehr viel größer als die Ovalbahnen, die ich bisher gesehen hatte. „Hier brauche ich ja nur drei Runden reiten und Herkir ist fix und fertig“, lachte ich. Occulta stellte sich an den Rand der Bahn und ich gurtete nach und saß dann auf. Herkir blieb brav stehen, bis ich alles sortiert hatte. Mittlerweile waren dunkle Wolken aufgezogen, es hatte angefangen zu nieseln und der Wind blies stärker. Ich ließ Herkir im fleißigen Schritt losgehen, und wärmte ihn auf beiden Händen gut auf. Da beim Viergang neben den Grundgangarten der Tölt ganz groß geschrieben wurde, ritt ich, in Vorbereitung auf diesen, viele Schlangenlinien und Kehrtvolten, damit sich Herkir gut biegen ließ und sich im Rücken nicht fest machte, was für ein sehr unangenehmes Training sorgen konnte. Da wir mit dem Aufwärmen schon den verlangten Schritt abhaken konnten, nahmen wir uns nun den Tölt vor. Da ich Herkir vorher noch nie geritten war, gesehen hatte, wie er geritten wurde, und auch nicht wusste, auf welchem Stand er in Sachen Tölt wirklich war, machte ich mich auf alles gefasst. Zu meiner großen Überraschung, aber auch Freude, ließ er sich besser als viele perfekt ausgebildeten Turnierpferde tölten. Ich ritt mit ihm auf beiden Händen Tölt im gemäßigtem Tempo und im Arbeits- und Verstärktem Tempo. Herkirs Tölt ließ sich wunderbar reiten, was an den fließenden Beinbewegungen lag. Obwohl es nicht zur V4, in der ich Herkir gerade trainierte, gehörte, überstrich ich während der Viertelstunde, in der Herkir töltete, ein paar mal die Zügel, was Herkir wohl schon aus Trab und Galopp gewohnt zu sein schien. Auch der Trab gab keine Schwierigkeiten auf: Herkir ließ sich, trotz des langen Tölttrainings zuvor, in den Trab treiben und gehorchte gut, wenn ich das Tempo verlangsamte oder verstärkte. Schließlich, nach einer Dreiviertelstunde, in der wir Tölt und Trab immer abwechselnd geritten waren, damit er sich immer wieder umstellen musste und immer gut sehen musste, welche Hilfen ich gab, fehlte nur noch der Galopp. Ich beschloss, zuerst auf der rechten Hand zu galoppieren. Deshalb machte ich eine Kehrtvolte und ließ Herkir antraben, bevor ich ihn in der Ecke nach der kurzen Seite angaloppieren ließ. Herkir hatte keinen besonders schnellen Galopp, und so war es einfach, ihn in einem angemessenem Tempo zu halten. Nach zwei Runden parierte ich ihn wieder durch zum Trab, machte eine Kehrtvolte und galoppierte auch auf der linken Hand. Diesmal pfiff mir der Wind an der langen Seite der Bahn mächtig ins Gesicht, und auch Herkir schien ihn gut zu spüren. Jedenfalls machte er einen Satz nach vorne, bevor ich ihn wieder gut unter Kontrolle hatte. Nach zwei Runden Galopp auch auf der linken Hand parierte ich ihn durch zum Trab und schließlich zum Schritt. Ich ließ mir die Zügel aus der Hand kauen, während der Regen uns vollends durchnässte. Schnell saß ich ab, zog die Bügel hoch und lief mit Herkir rüber zum Tor, das Occulta schon für uns geöffnet hatte. „Mistwetter!“, fluchte sie, während wir hinüber zum Stall trabten. Damit Herkir nicht im Regen stehen musste, bekam er sein Futter im Stall, was er auch nicht übel zu finden schien. Während er fraß, putzten wir ihn trocken und zogen über das schlimme Herbstwetter her. Schließlich hatte Herkir aufgefressen und wir brachten ihn zurück in seine Box. Mittlerweile war es fast elf Uhr, und ich hatte noch viel zu tun, weshalb ich mich mit einem „Immer gerne wieder“ von Occulta verabschiedete. Im Regen lief ich hinüber zum Auto. Als ich vom Hof fuhr, dachte ich bei mir, dass es ja doch viel schlimmeres als ein Viergangtraining gab.

      © Seimure | 5952 Zeichen

    • Mohikanerin
      Silhouetten im Nebel | 12. Dezember 2015

      Ich befand mich gerade bei meiner neuen, gestreiften Freundin, als Lily wieder angerannt kam. Sie war schon den ganzen Morgen so hibbelig drauf und ich machte mir langsam Sorgen, dass in ihrem Müsli zu viel Zucker drin sein könnte. Thairu liess sich auch ein wenig anstecken und trabte den Kopf verdrehend von mir weg, nur um einige Meter entfernt einen kräftigen Buckler zu machen und danach wieder zu mir zu glotzen. „Komisches Tier“, murmelte ich grinsend, dann sah ich mich nach meiner kleinen Nichte um. Wenigstens hatte sie von dem kleinen Drama mit Golden Sunset nicht viel mitbekommen, das sich vorgestern ereignet hatte. Ich konnte es noch immer kaum ertragen, daran zu denken, wie die kleine Stute geschwitzt und sich gewälzt hatte. Sie hatte eine schwere Kolik bekommen, vermutlich, weil Spaziergänger ihr überreife Früchte gefüttert hatten. Wir hatten sofort den Tierarzt gerufen als Lewis es bemerkt hatte, aber es war auch gegen Abend trotz der ausgezeichneten Betreuung in der Tierklinik nicht besser geworden. Ich hatte daraufhin schweren Herzens mein Einverständnis gegeben, die Palominostute zu erlösen. Noch am selben Abend brachten die Pfleger Schilder an den Weidezäunen an, die das Füttern der Tiere verboten. Lilys Stimme brachte mich zurück in die Gegenwart. „Tante Occu, darf ich heute auf White Dream reiten?“ Ich seufzte erschöpft. Lily hatte die ganze vergangene Woche immer wieder danach gefragt und ich überlegte langsam ernsthaft nachzugeben, alleinschon, damit ich endlich Ruhe hatte. Das Mädchen war nun seit zwei Wochen hier und mindestens einmal am Tag auf dem Pferd gesessen; Trotzdem schien sie nie genug zu haben. „Biiiite“, las ich von ihren runden, dunkelbraunen Augen ab. „Na gut, aber nur in der Halle, und nur nachdem Lisa mit ihr gearbeitet hat.“ Das reichte anscheinend schon völlig, denn ich bekam eine kräftige Umarmung und musste augenblicklich lächeln. So nervig Kinder auch manchmal sein konnten, so waren sie doch immer sehr ehrlich und zeigten einem, was sie fühlten. Nicht so wie manche Erwachsene… Jonas winkte uns von der Halle her zu. „Hey Boss, warst du schon mit Empire draussen?“ „Vergiss es, ich hab mich schon mit Quinn verabredet“, murrte ich zurück, was sogar der Wahrheit entsprach. Er zuckte mit den Schultern und verschwand wieder um die Ecke. „Und was soll ich in dieser Zeit tun?“, fragte Lily erwartungsvoll. „Uhhm, what about… Du hast heute frei, darfst selbst entscheiden.“ Sie nickte fröhlich und lief zu den Mini Weiden. Na wer hätte das gedacht, schmunzelte ich und stand ebenfalls zum Gehen auf. Ich pfiff nach Zira, die durch das nasse Gras angehoppelt kam. Ihr Bauchfell kräuselte sich schon vor Feuchtigkeit und sie hatte dreckige Pfoten, mit denen sie an mir hochstehen wollte. Ich stiess sie etwas unsanft weg und liess sie sitzen, dann lobte ich sie. Ich musste die junge Hündin erst noch erziehen, aber die Grundkommandos klappten schon ganz gut. Auch die anfänglichen Stubenreinheits-Probleme hatten wir bereits überwunden. So konnte ich sie auch ohne Bedenken im Haus lassen, als ich zum Hauptstall ging, um Empire zu putzen. Stromer stand bereits in der Stallgasse angebunden und drehte sich nach mir um, als er das Stalltor knarren hörte. Ich streichelte ihn liebevoll und entdeckte im selben Moment Quinn, die mit der Wurzelbürste seine matschigen Beine bearbeitete. Ich meinte zu ihr, dass das nicht viel bringe und man die Beine auch morgen noch waschen könne, weil er ja sowieso wieder dreckig von der Weide käme. Daraufhin befasste sie sich in erster Linie mit der Sattellage. Ich führte unterdessen Empire aus seiner Box und band ihn ebenfalls an. Der völlig ausgeschimmelte Hengst hatte wiedermal ein paar schöne Mistflecken, die ich am liebsten mit Bleichmittel bearbeitet hätte, aber das wäre wohl keine gute Idee gewesen. Daher beschränkte ich mich auf einen Kuhstriegel und mehrfaches durchbürsten, bis nur noch ein paar hellgelbe Flecken übrig waren. Das Langhaar war ebenfalls verdreckt, aber ich entwirrte es nur etwas und löste die gröbsten Klumpen, den Rest würde ich morgen machen. Dafür kratzte ich die Hufe gründlich aus, damit keinerlei Steinchen mehr darin verklemmt waren. Weil er so schön geduldig dastand und die Beinchen artig hob, bekam Empire ein Karottenstückchen. Natürlich musste ich daraufhin auch Stromer eines geben, der schliesslich auch stillgestanden war. Endlich konnten wir satteln, zäumen und die beiden Hengste nach draussen führen. Ich war gut eingepackt in meine Winterjacke, mit Mütze, Handschuhen und Schal. Auf Empires Fleecedecke hatte ich aber diesmal verzichtet, da wir heute viel galoppieren wollten. Quinn und ich ritten los in Richtung Dorf, bogen dann nach Norden und kamen endlich zu einem Laubwald. Der Nebel als dicke Suppe über der Landschaft und man sah nur ein paar Meter weit. Wir liessen Stromer und Empire auf dem Waldweg lange traben, dann bogen wir auf einen Trampelpfad und jagten durch die Gebüsche bis zum Waldrand. Dort trabten wir wieder kurz, bevor wir zu einem geeigneten Feld kamen und die beiden Blüter erneut ziehen liessen. Es machte unheimlich Spass, durch den dichten Nebel zu preschen. Wir konnten es auch nicht lassen, auch ein kleines Rennen daraus zu machen, wer zuerst am Feldende ankam. Natürlich gewann Quinn mit Stromer überlegen, denn im Gegensatz zu Empire war er noch deutlich leichter. Empire hatte dafür länger Ausdauer, doch solch kurze Feldgalopps konnten die beiden Vollblüter ohnehin nicht erschöpfen. Nach einer halben Stunde im Gelände waren die zwei erst richtig fit und liessen sich kaum mehr zügeln in ihrem Eifer. Aber ich erinnerte Empire jeweils durch halbe Paraden daran, dass ich auch noch da war. Der Hengst versammelte sich schön und machte einen runden Hals, kombiniert mit feinstem Spicktrab. “Oi, I’m not used to this behaviour of yours, you could do that more often. “Though we’re not in a dressage competition right now, ‘kay”, meinte ich lachend. Empire drehte bloss die Ohren zurück um zu hören, ob ich etwas Wichtiges gesagt hatte. Dann stolzierte er weiter. Ich wollte dieses Jahr mit ihm an einem Weihnachts Dressurturnier teilnehmen und war daher glücklich, ihn so toll laufen zu fühlen. Es war, als würden wir über den Feldweg tanzen, mit einem immer gleichbleibenden Takt. Stromer hatte mittlerweile auch kaum mehr Mühe, den Takt zu halten und ausbalanciert zu traben. Das war früher ganz anders gewesen, als er frisch auf Pineforest Stable gewesen war. Die meisten Vollblüter wurden in erster Linie auf Geschwindigkeit getrimmt, Balance und versammeltes Tempo wurden oft unterschätzt, obwohl die meisten Pferde erst dadurch ordentlich Kraft in der Hinterhand entwickelten.

      Wir kehrten nach fast eineinhalb Stunden auf den Hof zurück und sattelten die Pferde ab. Als wir sie versorgt hatten, suchte ich Lily und fand sie noch immer mit einer Bürste bewaffnet bei den Mini-Hengstchen. Sie erzählte mir stolz, dass sie bisher Daki, Alu, Diva, Chip, Papillon und auch noch Tigrotto geputzt hatte. Ich prustete los vor Lachen, als ich die Frisuren bemerkte, die sie Arco mit ihrem Haargummi verpasst hatte. „Das ist nur zum hochstecken, damit ich besser an den Hals rankomme! Lach doch nicht so!“ Ich entschuldigte mich, noch immer Tränen in den Augenwinkeln. Die kleine lachte nun aber selbst auch herzhaft. „Okaaay, es sieht bescheuert aus. Aber es hilft!“ Plötzlich wurde sie leiser und senkte den Blick. „Sunny hatte auch so ne schöne, helle Mähne…“ Ich klopfte ihr tröstend auf die Schulter und fragte, ob ich ihr ein paar schöne Flechtformen zeigen solle, um sie abzulenken. Sie nickte eifrig. Wir nahmen uns gleich Arco als Modellpferdchen. Mein kleiner Schatz hatte kürzlich die Körung bestanden und war als drittplatzierter aus der Gesamtwertung hervorgegangen. Ich war unglaublich stolz, nun einen weiteren hervorragenden Miniature Zuchthengst zu besitzen. Und nächsten Frühling würden auch schon seine ersten Fohlen auf die Welt kommen, was ich bereits frühzeitig geplant hatte. Ich zeigte nun aber Lily erstmal einen Französischen Zopf mit der Mähne des kleinen Charmeurs. Es ging leider nicht ganz so gut, da ich seine Mähne erst kürzlich wieder geschnitten hatte, aber Lily sah trotzdem beeindruckt aus und die Sache mit Sunny war vorerst wieder verdrängt. Wir gingen zu den Stuten und fingen uns Rose ein, denn sie hatte noch ihre volle Haarpracht. Daran durfte Lily nun üben. Sie bekam am Anfang noch leicht ein Durcheinander mit den verschiedenen Strähnen, aber nach einer Weile klappte es ganz gut. Ich zeigte ihr auch noch das Einflechten des Schweifs, dann machten wir uns auf den Weg zum Haus um zu Mittag zu essen.

      Am Nachmittag war Lisa mit Dream in der Halle und Lily drängte mich, mein Versprechen zu halten. Schade, dass sie es nicht vergessen hat, dachte ich augenrollend, doch dann nickte ich und wir sahen Lisa bis sie fertig war zu. Lily klebte förmlich an der Scheibe der kleinen Reiterstube in der Halle. Dream lief durchaus hübsch und artig, aber ich machte mir dennoch Sorgen, ob die kräftige Ponystute das richtige Modell für meine kleine Nichte war. Die kleine schien sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Der von grauen Strähnchen durchzogene Schweif der Forest Stute wehte wie eine Fahne hinter ihr her, als sie über die Kombination sprang. Lisa hatte einen kleinen Parcours aufgebaut, weil sie für das Adventsspringen nächste Woche trainierte. Ich nickte zufrieden, als Dream auch das In-Out und den Oxer überflog. So würden die beiden garantiert gewinnen. Als sie fertig war, winkte uns Lisa zu sich. Offenbar hatte ihr Lily bereits von ihrem Vorhaben erzählt, denn sie stieg ab, als wir näher kamen und übergab dem kleinen Mädchen die Zügel. Lily strahlte wie ein Kleinkind, das gerade einen riesigen Lolli in den Fingern hielt. Sie streichelte die Stute liebevoll, dann half ich ihr in den Sattel. Wenigstens ist Dream kein Riese, dachte ich noch immer skeptisch. „Soll ich dich zuerst führen?“ Ich bekam ein bestimmtes „Nein!“ als Antwort. Lily nahm die Zügel auf und trieb Dream in den Schritt. Die Stute streifte mit ihrem blauen Augen meinen Blick und ich flüsterte kaum hörbar: „Sei lieb.“ Augenblicklich richteten sich die kleinen weissen Öhrchen auf, als hätte sie mich verstanden. Lily ritt zunächst im Schritt eine Runde auf der ganzen Bahn, bis sie sich an den Schritt der Stute gewöhnt hatte, dann machte sie eine Volte und liess Dream dehnen, wie ich es ihr gezeigt hatte. Die Stute begann, den Kopf zu senken und zu schnauben. Es wirkte, als sei sie total entspannt. Als Lily die Zügel wieder aufnahm (wobei sie ein wenig ein Durcheinander bekam), machte Dream sofort einen runden Hals und lief am Zügel. Ich musste schmunzeln, denn die Stute kam normalerweise nicht so freiwillig zurück. Vielleicht, weil Lily nur ein Federgewicht ist und daher wie ein Ausbinder wirkt, überlegte ich mir. Plötzlich trabte die Stute an und ich sah Lily bereits am Boden liegen, aber alles war okay: Dream zockelte brav auf dem äusseren Hufschlag, während sich Lily an ihren Takt anpasste und leichtritt. Nach einer Runde klappte es schon hervorragend. Nun musste selbst ich zugeben, dass die beiden ziemlich harmonisch wirkten. Vielleicht passt es auch einfach, stellte ich lächelnd fest. Lily tastete sich immer mehr an die Stute heran und begann, sie ein wenig anzupacken. Sie ritt ein paar Schlangenlinien und galoppierte am Ende sogar auf der Volte an. Dann musste ich sie aber bremsen und daran erinnern, dass Dream ja schon müde von der vorherigen Stunde war. Lily sah kurz enttäuscht, akzeptierte es dann aber grinsend und liess sich vom Rücken der Stute gleiten. „Das war richtig toll! Sie ist soooo lieb“, berichtete sie vergnügt. Lisa sah mich lächelnd an und meinte: „Ich verstehe wirklich deine Bedenken nicht. Dream war schon immer sehr brav und ausgeglichen.“ „Ja, aber im Parcours und im Gelände gibt sie immer extra Gas“, antwortete ich verteidigend. „Welches Pony schon nicht? Ich bin sicher, dass Paulchen sogar schlimmer war.“ Ich gab mich geschlagen und erlaubte Lily, fortan auch auf Dream Stunden zu nehmen. Wenn ich so darüber nachdachte, kamen mir meine anfänglichen Sorgen wirklich schon fast übervorsichtig vor. Aber ich war nunmal verantwortlich für das Wohl meiner Nichte und hatte mit Rachel genau geplant, welche Pferde sie reiten durfte. Mit einem Schaudern wurde mir klar, dass Rachel von diesem Planwechsel nicht sehr begeistert sein würde. Sie war von Anfang an nicht begeistert von dem Projekt gewesen, hatte aber ihrer Tochter zuliebe zugestimmt. Einerseits verstand ich die sorgenvolle Mutter, denn sie hatte auch selbst immer erfolgreich geritten, bis sie eines Tages einen üblen Unfall gehabt hatte und seither die meisten Pferde mied. Sie hatte sich aber hin und wieder dazu überreden lassen, auf Pineforest Stable auszuhelfen, wenn auch ohne sich selbst auf’s Pferd zu schwingen. Als ihre Tochter begonnen hatte, sich für die Vierbeiner zu interessieren, hatte sie ihr erlaubt, sich mit Shettys und kleinen Ponys abzugeben. Doch Lily reichte das auf Dauer nicht, also hatten wir vereinbart, dass sie einen Monat lang hier bleiben durfte. Rachel wusste, dass ich gut auf ihre Tochter aufpassen würde. Sie vertraute aber auch darauf, dass ich mich an die Spielregeln hielt. Dream ist ja wirklich lieb, da wird sie schon nicht ausflippen…, beruhigte ich mein Gewissen. Lily führte Dream selbstsicher zum Nebenstall und versorgte sie. Die zwei boten einen niedlichen Anblick, weil Lily die Stute immer wieder liebevoll kraulte und Dream genüsslich die Lippe verzog. Danach half mir Lily dabei, Die Stuten rauszubringen. Sie musste sicherstellen, dass der Weg überall mit den Zaunstücken abgegrenzt und das Weidetor offen war. Als sie mir rief, öffnete ich die Boxen der Stuten im Hauptstall und liess sie selber zur Weide laufen. Unterstützend lief ich hinterher und klatschte in die Hände, wenn die Gruppe irgendwo Halt machte.

      Als auch das erledigt war, halfen wir kurz beim Misten und kümmerten uns dann gemeinsam um Herkir. Das wollige Islandtier hatte sich so dermassen eingesaut, dass wir ihn duschen mussten, um ihn je wieder sauber zu bekommen. Da er am Abend noch mit April in der Dressurstunde laufen sollte, hatten Lily und ich uns die Aufgabe gestellt, der beschäftigten Pflegerin vorsorglich unter die Arme zu greifen. Ich machte das Shampoo und die Putzkiste bereit, während Lily dem Hengst das Halfter überstreifte. Danach führten wir ihn gemeinsam zum Innenhof des Hauptstalls, wo wir ihn anbanden. Ich weichte das lange Winterfell erstmal gründlich ein, bevor Lily es mit Shampoo und Wurzelbürste bearbeitete. Leider war Herkir ungeschoren, was die Prozedur nicht gerade erleichterte. Die Mähne und den Schweif mussten wir dreimal neu einweichen und ausspülen, bis sie wieder einigermassen blond waren. Wir badeten ihn übrigens mit warmem Wasser, was für alle Beteiligten angenehmer war. Herkir gefiel das baden trotzdem nicht so wirklich. Um uns zu strafen, schlug er mit dem Schweif hin und her, als wollte er eine Fliege verscheuchen, und spritzte uns so nebenbei nass.

      Am Abend kümmerte ich mich um Caprice. Die feuerrote Stute drehte sich sofort zu mir, als ich ihre Box betrat, denn sie wusste, dass ich immer ein paar Karottenstücke dabei hatte. Beim Putzen war sie dann aber doch wieder zickig und legte die Nüstern in Falten. Vielleicht war das auch einfach ihre Art zu zeigen, dass sie sich wohl fühlte, denn eigentlich fehlte es der Stute an nichts. Seit sie vor einem Jahr hier angekommen war, hatte sie sich prächtig entwickelt. Sie wurde zwar mittlerweile vor allem zur Zucht eingesetzt und nicht mehr zum Rennen, aber dazwischen förderten wir sie im Springen und insbesondere in der Dressur, worin sie ein Naturtalent zu sein schien. In der ganz grossen Liga konnten wir aber natürlich trotzdem nicht mithalten. Ich strich nachdenklich mit der Hand über das Seidige, aber stoppelige Fuchsfell. Wie wohl das diesjährige Fohlen wird? Wir hatten alle grosse Erwartungen in den kommenden Jahrgang, sowohl was den Rennsport, aber auch was die Farbenpracht anging. Ich hoffte, dass ihr Fohlen denselben, wunderschönen Kopf wie die Mutter haben würde. Mit ihren dunkel umrandeten Augen und der eleganten Blesse, kombiniert mit einer edlen Kopfform und feinen Ohren, war die Stute einfach ein Bild von einem Vollblut. Ich longierte sie eine halbe Stunde lang in der Halle und arbeitete dabei besonders an der Stellung und dem lockeren Gang. Die Stute neigte noch immer dazu, ihren eigenen Sturkopf durchsetzen zu wollen und nach aussen zu ziehen. Aber wenigstens lief sie in letzter Zeit schön ruhig auf dem Zirkel. Ausser, wenn es wieder ans Angaloppieren ging; dann folgten, wie auch heute, erstmal ein paar Bocksprünge. Solange sie dabei nicht gegen mich zielte, hatte ich nichts dagegen. Soll sie sich ruhig auspowern, dann läuft sie hinterher schöner. Gerade, als sie richtig schön zu dehnen anfing, hörte ich auf und liess sie austraben. So konnte sie das Training in guter Erinnerung behalten. Ich lobte sie ausgiebig und führte sie zurück zum Hauptstall, um sie zu versorgen. Ich packte sie für die Nacht in ihre warme Stalldecke, da ich nicht das Gefühl hatte, dass sie noch grossartig nachschwitzen würde. Dann ging ich weiter zum Nordstall, wo der Neuankömmling Skyrim auf mich wartete. Ich hatte den gekörten, sechsjährigen Reitponyhengst kürzlich von einer Bekannten erworben und unter meine Fittiche genommen, um ihn weiter zu fördern. Er zeigte Potential für die ganz hohen Klassen, weshalb er in Zukunft auch für die Zucht eingesetzt werden sollte. Der hübsche Hengst bestach ausserdem mit seiner tollen Scheckung und einem makellosen Charakter. Er war erst gestern angekommen, weshalb ich noch sachte mit ihm umging. Lily kam mit Zira, Jacky und Sheela angehüpft, kaum hatte ich Skyrim in der Stallgasse angebunden. „Ahhh, der Hübschling. Ich mag ihn“, meinte sie beiläufig, und streichelte Sky am Hals. „Er hat so einen lieben Gesichtsausdruck.“ Ich lächelte und drückte ihr eine Bürste in die Hand. „Da, wenn dir langweilig ist, kannst du mir gleich helfen.“ „Nur, wenn ich dann auch eine Runde auf ihm reiten darf!“ Ich rollte die Augen. „Nur im Schritt, du darfst mich auch zur Sicherheit führen“, meinte sie unnachgiebig. „Fine. Aber wehe du bürstest nicht sauber!“, scherzte ich. Wir hörten während dem Putzen noch etwas Musik und summten mit. Die Stimmung war hervorragend, auch die Pfleger, die vorbei liefen machten mit. Nur Jonas schien etwas kurz angebunden. Ob er wohl beleidigt ist wegen heute Morgen? Ich führte Sky in die Halle zum Aufsteigen. Eine halbe Stunde lang erprobte ich intensiv, was der Hengst schon alles kannte. Auch ein paar kleine Hindernisse übersprang ich, um zu sehen, wie er sich handeln liess. Ich hatte ihn nicht probegeritten, sondern auf das Urteil der alten Besitzerin vertraut, was ich nicht bereute. Er lief sehr fein und fast konstant am Zügel. Dressurmässig war er etwas weiter als im Springen; er hatte auch eher die Veranlagung für diese Richtung. Am Ende führte ich, wie versprochen, Lily ein paar Runden Schritt (okay, zugegebenermassen nahm ich es mit dem Führen nicht ganz so genau und lief eher einfach nebenher). Dem Mädchen gefielen die weichen Gänge des Ponys. Sie schwärmte später noch den ganzen Abend davon. Auch begann sie sich auszumalen, wie ein Fohlen von ihm und Dream aussehen würde, wozu ich vorerst nur schmunzelte. Denn was Lily nicht wusste war, dass Dream schon längst ein Fohlen von Sky erwartete. Deshalb war sie auch so ‚untrainiert‘, wie Lily gleich zu Beginn bemerkt hatte. Wir genossen den restlichen Abend drinnen bei einer Tasse heissem Kakao und einem Krimi, aber natürlich erst nachdem wir um neun Uhr nochmal nach den Pferden gesehen hatten.

      © Occulta | 19.472 Zeichen

    • Mohikanerin
      Montag Mondtag | 08. März 2016

      “Why do they always freak out when there’s a full moon?”, stöhnte Lewis kopfschüttelnd, während er Anubis mit der Hinterhand weichen liess. Wir waren mitten auf einem Ausritt, doch bisher waren eher die Pferde mit uns ausgeritten. Auch Dod und ich hatten Ärger miteinander, denn der sture Hengst wollte einfach nicht an den frisch gefällten Baumstämmen vorbei, die am Wegrand lagen. Ich trieb, gab einen mahnenden Klaps mit der Hand hinter dem Sattelblatt und schnalzte, doch schliesslich wirkte nur Geduld. Wer den längeren Atem hat, gewinnt. Wir schafften es, alle Pferde vorbeizubekommen, ohne einen meterweiten Bogen um den Stapel zu machen. Am ruhigsten war diesmal Baccardi geblieben, obwohl sein Kumpel Donut genauso gezickt hatte wie der Criollo und der Araber. Darren hatte also ausnahmsweise mal Glück gehabt. Quinn, die sonst eher langbeinige, grossgewachsene Vollblüter ritt, war mit ihrem wendigen Reitpony ein wenig überfordert. Ich riet ihr, Donut gut mit den Beinen einzurahmen und einen führenden Zügel zu bestimmen, der quasi als unterstützende Wand fungierte. Der restliche Ritt verlief auch nicht ganz störungsfrei, mitunter weil es begann, wieder in Strömen zu regnen, aber zumindest angenehmer was das Verhalten der Pferde anging. Ich freute mich schon sarkastisch auf den Ausritt mit Islah und Numair, den ich anschliessend mit Rosie vorhatte.
      Zurück auf dem Hof empfing mich Rosie bereits mit denselben Gedanken, denn sie berichtete, dass auch Burggraf total unkonzentriert gewesen war. Die Gruppe mit ihm, Pilot, Vychahr, Calico und Diarado war in die andere Richtung losgeritten und etwas früher zurückgekehrt. Lily gesellte sich mit den drei Hunden zu uns und hörte gespannt zu. „How about doing some Dressage instead?“, schlug ich vor, doch Rosie antwortete, was ich kurz darauf selbst dachte: „We’ve been in the arena yesterday and even the day before that, since it was also rainy then. I think they wouldn’t like it…” Lewis, der hinter uns durchhuschte, meinte scherzhaft: “You could do some sacking out, Islah would like that.” Wir lachten herzhaft, aber die Idee war tatsächlich nicht allzu schlecht. Immerhin wären sie dann beschäftigt, und schaden tut das eh nie. Rosie war einverstanden, also holten wir wenig später die beiden Araber aus ihren Boxen. Ich übernahm für heute wieder Islah, brav nach Einteilungsliste. Wir stellten in der Halle eine Plastikplane, einen Flattervorhang, einen grossen roten Ball, einen Tütenstock, einen Regenschirm und eine kleine Plastikpistole bereit. Numair war heute eindeutig der wildere von den beiden, denn schon beim Betreten der Halle glotzte er in der Gegend herum. Islah Schweif und geblähten Nüstern darüber, als ob sie gleich versinken würde. Eigentlich sah sie bildhübsch aus, wenn sie sich so aufplusterte. Trotzdem hatte ich es lieber, wenn sie etwas gemässigter unterwegs war, oder mich wenigstens vorwarnte, wie Numair es mit Rosie tat. Er spitzte schon Meter vor der Plane die Ohren, bis sie sich fast berührten, lief dann aber erstaunlicherweise im Schritt darüber. Da sieht man den Unterschied, dachte ich lächelnd. Numair findet die Plane wohl wirklich etwas unheimlich, Islah hingegen will mich bloss veräppeln. Ich schickte das furchtlose Vieh gleich weiter durch den Flattervorhang, was sie auch mehr oder weniger ohne Zögern meisterte. Auch der rote Ball schien sie nicht zu beeindrucken – den hatten wir aber auch schon beim letzten Schrecktraining gefühlte 100 Mal gegen ihre Vorderbeine rollen lassen. Während Numair und Rosie mit dem Regenschirm beschäftigt waren, wagte ich mich an die Plastikpistole. Beide Pferde zuckten ganz schön zusammen, als ich sie das erste Mal knallen liess. Numair vergass sogar den Schirm für einen Moment und hatte nur noch Augen für das kleine, schwarze Ding in meiner Hand. Beide gewöhnten sich aber nach ein paar weiteren Versuchen an das Geräusch, bis sie jeweils nur noch die Ohren spitzten. Wir beendeten das Training nach einer halben Stunde und brachten die beiden Araber zurück in ihre Boxen.
      Ich konnte es nicht lassen, zwischendurch nach Dream und Skydive zu sehen. Das schwarze Hengstfohlen war so unglaublich niedlich. Es hatte besonders schöne, im Moment noch leicht bläuliche Augen, die später aber ganz dunkel werden würden. Die gekräuselten Tasthaare an seinem Maul liessen ihn noch etwas dümmlich aussehen, genauso wie die übergrossen Ohren und knochigen Beine. Aber er war ein rechter Brocken für seine beinahe-14-Stunden Lebenszeit. Es war ein unbeschreiblich süsser Anblick, als er an Jacky schnüffelte, die durch das Stroh wuselte und nach Mäusen suchte. Es war zwar schon fünf Uhr, aber ich hatte noch immer einiges vor, also begab ich mich wieder in den Nordstall, wo Loki und Herkir bereits ungeduldig grunzten. Mit ihnen hatte ich ebenfalls ins Gelände gewollt, aber das fiel nun ins Wasser. Ich holte stattdessen die Doppellongen Ausrüstung und arbeitete so mit beiden je eine halbe Stunde. Ich achtete bei beiden auf die Dehnungshaltung, da sie als Tölter dazu tendierten, den Kopf über die Linie zu nehmen und den Rücken nicht zu heben. Ich war am Ende viel müder als die beiden, deshalb gönnte ich mir eine kleine Pause mit einer Tasse Tee, ehe ich zu Circus Dancer weiterging. Der Knabstrupper Hengst war auch etwas aufgewühlter als sonst. Er zappelte beim Putzen und lief in Giraffenhaltung auf dem Weg zur Halle, während wir beide vom Regen durchweicht wurden. Ich entfernte das Tuch vom Sattel, das ich zum Schutz vor dem Wasser darübergelegt hatte, und stieg auf wie immer um ihn warm zu reiten. Mir fiel schon im Schritt auf, dass er die eine Hallenecke immer wieder zu meiden versuchte und jeweils die Ohren spitzte, wenn wir daran vorbei kamen. Ich versuchte, die Ecke trotzdem auszureiten und das Verhalten zu ignorieren. Doch als ich das erste Mal im Trab durchkam, nahm er plötzlich den Kopf über die Linie und startete durch. Mit Mühe zog ich Dancer auf eine enge Volte und liess ihn drehen, bis er stand. Vermutlich hatte etwas in der Ecke geknackt, oder vielleicht war eine Maus durchgehuscht – jedenfalls ritt ich jetzt extra im Schritt nochmal hin, um ihm die ‚gefährliche‘ Ecke gründlich zu zeigen. Zunächst wehrte er sich, indem er den Rückwärtsgang einlegte und versuchte, abzudrehen. Ich trieb ihn konsequent vorwärts und schaffte es, ihn in der Ecke zu parkieren. Wir standen dort bis er den Kopf zu senken begann und an der Wand schnupperte. Dann streichelte ich ihn und ritt auf die Volte. Ich trabte an und kam siegessicher wieder auf die Ecke zu, doch abermals versuchte er das Spiel mit dem Losrennen. Ich zog ihn wieder in die Wendung und gab ihm einen Klaps mit der Gerte, nicht stark, aber um ihm klarzumachen, dass ich das gezeigte Verhalten nicht akzeptierte. Ich verglich den Einsatz der Gerte gerne mit dem Ausschlagen oder Zubeissen des Leitpferdes, als Züchtigung im Ausnahmefall. Ich ritt wieder auf die Ecke zu, wieder im Trab, als wäre nichts gewesen. Er lief zwar mit Aussenstellung und gespitzten Ohren daran vorbei, blieb aber im Trab. Ich lobte ihn und gab ihm eine Denkpause, indem ich auf die andere Volte wechselte. Ich verkleinerte und vergrösserte die Volte und versammelte ihn dabei mit korrekter Innenstellung. Er entspannte sich ein wenig und schnaubte. Ich überstrich lobend den Hals und hielt eine lockere, ruhige Verbindung zum Pferdemaul. Dann ritt ich wieder auf der ganzen Bahn und damit auch durch die berüchtigte Ecke. Diesmal reagierte er kaum noch und blieb sogar in Anlehnung. Ich lobte abermals und galoppierte an. Wir konnten den Rest der Stunde ohne weitere Uneinigkeiten abschliessen und er lief sogar schöner als am Vortag. Ich liess ihn spüren, dass ich zufrieden mit ihm war und kraulte ihn ausgiebig, als wir wieder in der Box waren, währendem er seine Karotten verschlang. Nun war nur noch Daydreaming Sorrow übrig. Ich nahm mir viel Zeit für den Welsh und flocht ihm einen ordentlichen Französischen Zopf, bevor ich sattelte. Das machte ich vor allem, damit mir seine mächtige Mähne beim Reiten nicht in den Weg kam. Auch die Stirnfranse flocht ich zu einem Zopf und klemmte sie beim Zäumen unter das Stirnband. Wir trabten förmlich zur Halle, weil es noch stärker regnete als zuvor. In der Halle stieg ich auf und ritt ihn warm, dann begann ich mit Stangentraben; das war das heutige Thema für den Hengst. Ajith hatte mit die bunten Stangen während dem Satteln vorbereitet und stand nun beim Halleneingang um ein wenig zuzusehen. Ich ritt zuerst schwungvoll über gewöhnliche Trabstangen, sodass er die Beine heben und sich auf seinen Untergrund konzentrieren musste. Als Nebeneffekt davon kaute er auf dem Gebiss und lief in wunderschöner Anlehnung. Eine weitere Lektion war das Reiten einer Volte, wobei ich jedes Mal über vier gleichmässig verteilte Stangen galoppierte. Ich wechselte auch ab und zu aus der Volte und nutzte die Stange in der Mitte der Halle zum Galoppwechseln. Am Schluss sprang ich ein paar Cavaletti mit Sorrow, was ihm offenbar Spass machte, denn er gab jeweils extra Gas. Am Ende lobte ich ihn und liess ihn austraben.
      Vor dem Schlafengehen machte ich wie immer mit Lily einen letzten Kontrollrundgang. Zufrieden stellte ich fest, dass die meisten Pferde bereits stehend oder liegend dösten und alles schön aufgeräumt war. Ich löschte in allen Stallgebäuden das Licht, wünschte den Pflegern, die zum Pflegerheim schlenderten, eine gute Nacht und begab mich mit meiner kleinen Nichte dann selbst zurück ins Haus.

      © Occulta | 9464 Zeichen

    • Mohikanerin
      Hufschmied | 28. März 2016

      Heute hatte ich einen etwas größeren Auftrag. Ich sollte mich um vier Pferde von dem Sportpferdegestüt Pineforest Stable kümmern... als0 um derren Hufe. Ich ging zu meinem Auto und tat alles was ich brauchen würde in den Kofferraum dann stieg ich ein und fuhr los.
      Schon von weitem sah ich die großen Ställe, Galoppstrecken und anderes. Begeistert fuhr ich auf den Hof und parkte mein Auto. Ich stieg aus und machte mich auf die suche nach Occulta Smith, der Hofbesitzerin. ,,Hallo?", rief ich da ich mich auf dem großen Hof einwenig verloren fühlte. Gott sei Dank kam mir Occulta Smith lächelt entgegen und gab mir die Hand. ,,Schön das Sie so schnell kommen konnten!", meinte sie und schüttelte meine Hand. ,,Kein Problem ich habe ja Spaß an meiner Arbeit!", lachte ich. Die rot-blond haarige Frau zeigte mir einen Platz wo ich mein Zeugs ausräumen konnte und half mir beim aufbauen. ,,Also mit welchen Pferdchen fangen wir an?", fragte ich und grinste. ,,Mit Diarado einem Oldenburger.", erklärte Occulta und führte mich zu dem Nordstall. Dort fanden wir den Rappen und brachten ihn zu meinem Hufschmied-Platz. Occulta band ihn an und streichelte ihn. Auch ich stellte mich als erstes bei dem Hengst vor, das machte ich immer da ich der Meinung bin das die Pferde dann weniger Angst vor meiner Arbeit hatten. Nach der kurzen "Kuschel-Vorstellung" machte ich mich an die Arbeit. Als erstes machte ich mich an das rasplen der Hufe, schnell,sauber aber auch vorsichtig machte ich diese Arbeit. Als ich fertig war kontrollierte ich meine Arbeit nochmal, dannach machte ich mich an die Hufeisen. Vorsichtig um das Pferd nicht zu erschrecken machte ich auch diese Arbeit schnell und sauber. ,,Very very good, sweet boy!", sagte ich lachend und streichelte den Hengst. Occulta lachte... kein wunder bei meinem Englisch haha. Die Hofbesitzerin band den Hengst los und führte ihn weg, während sie den nächsten hollte, richtete ich schon alles her. Occulta kam zurück mit einem süßen und wunderschönen Isländer Hengst. ,,Na hallo du!", lächelte ich und streichelte den Süßen. Der Isi stupste mich verspielt und frech an worauf ich lachte. ,,Okayokay!", kicherte ich, dann machte ich mich an die Arbeit die diesmal etwas schwieriger war als zuvor bei Diarado. Herkir war halt etwas frecher. Aber auch diesmal ging das raspeln und neu beschlagen gut. Das war ja die Hauptsache! Ich kontrollierte nochmal meine Arbeit dann tätschelte ich den Isländer. ,,Wer ist mein nächster Patient?", fragte ich lachend und klatschte in die Hände. ,,Valentine's Dublin eine Englisches Vollblut Stute.",lächelte Occulta und führte Herkir weg. Ein paar Minuten später kam sie mit der gefleckten Stute wieder. Ich streichelte die Stute und sagte zu Occulta, wie schön die Stute wäre, worauf Occulta mir sofort zustimmte. Nach dieser kurzen Pause, machte ich mich an das raspeln der Hufe. Nachdem strechelte ich die Stute nochmals, dannach ging es an das neu beschlagen. Bei der jungen Stute war ich noch mehr vorsichtig, da ich nicht wusste ob die kleine sich bereichts an Hufschmiede gewöhnt hatte. Wie sich herausstellte blieb die Stute aber ganz ruhig. ,,Finish.", lächelte ich und tätschelte die Stute. ,,Kannst du dir jetzt noch schnell die Hufe von einem Miniature Horse ansehen? Nur zur Sicherheit?", fragte Occulta. ,,Sicher!", meinte ich. Occulta brachte Dublin weg und führte mich dann zu einer Weide wo mehrere Mini Pferdchen herumtollten. Die Hofbesitzerin ging rein und ich folgte, bei einer kleinen Stute blieben wir stehen und ich beugte mich um mir ihre Hufe anzusehen. ,,Sieht gut aus.", murmelte ich und kontrollierte alles. ,,Ja alles super!", nickte ich und streichelte das kleine. ,,Das ist gut.", lachte Occulta. Wir redeten noch ein wenig doch dann musste ich weg. Schnell packte ich meine Sachen und verabschiedete mich.

      © CreepyGirl | 3817 Zeichen

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  • Album:
    Atomics Valley
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    Mohikanerin
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    2 März 2021
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  • [​IMG]

    Zuchtname: tc Herkir
    Rufname: Herkir

    Aus der: Havanna (Club)
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Milka Luflee
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    ____________________________________

    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 5. Februar 2010
    Farbe: Fuchsschecke (Tovero)
    Abzeichen: Scheckungsbedingt (Kopf und Beine)
    Stockmaß: 135 cm

    Charakter:
    Herkir ist ein sehr aufmerksamer, hübscher Junghengst. Er ist sehr verspielt und für jeden Blödsinn zu haben, leider lernt er auch schnell Dinge, die dem Reiter nicht wirklich gefallen. Er testet seinen Reiter zwar gerne, lässt sich aber in der Regel durch nichts aus der Ruhe bringen und würde wohl sogar beim Carneval mitlaufen. Ab und zu dreht er aber gewaltig auf, er scheint den Wind in seiner flauschigen Mähne zu mögen.
    ____________________________________

    Gencode: ee A+A ff nSb nO
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 7,65
    Nachkommen: -

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    HK 480 (25.05.2016)
    ____________________________________

    Dressur: E / ?
    Springen: E / ?
    Military: E / ?
    Fahren: E / ?
    Rennen: E / ?
    Gangreiten: E / ?
    Western: E / ?
    Distanz: E / ?

    Gänge: 4

    [​IMG]
    36. Gangturnier (01.08.2015)
    53. Gangturnier (07.12.2015)
    66. Gangturnier (24.03.2016)
    69. Gangturnier (24.084.2016)
    77. Gangturnier (30.06.2016)
    84. Gangturnier (20.08.2016)
    179. Gangturnier (08.05.2018)

    [​IMG]
    28. Gangturnier (06.06.2015)
    64. Gangturnier (07.12.2015)
    90. Gangturnier (04.10.2016)
    97. Gangturnier (12.12.2016)

    [​IMG]
    29. Gangturnier (14.06.2015)
    42. Gangturnier (20.09.2015)
    82. Gangturnier (06.08.2016)
    89. Gangturnier (28.09.2016)
    96. Gangturnier (01.12.2016)
    ____________________________________

    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: TC Performance, Irland
    VKR: Verfallen
    Ersteller: Huhn
    Punkte: -
    ____________________________________

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