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Occulta

Surely not Pointless

† 05.10.2016, Verkehrsunfall

Surely not Pointless
Occulta, 6 Okt. 2016
    • Occulta
      Geschichte:
      Occulta
      Ankunft von Pointless und Slaufa

      Ich stand auf dem Parkplatz und wollte gerade losfahren um Slaufa, meine neue Isi-Stute abzuholen, da klingelte mein Handy. "Hallo was ist?" begrüsste ich meinen Mann, dessen Nummer ich auf dem Display gesehen hatte.
      "Hey, ich hab vorhin auf der Arbeit einen Anruf von nem Kumpel bekommen, der gerade an einer Jährlingsauktion ist. Da hat es anscheinend ein Tigerscheck-Fohlen das bisher sehr gut läuft."
      "Cool, das ist ja ne ziemlich seltene Farbe für ein Tb. Aber ich kann da nicht so schnell hinfahren, bis ich da bin ist es schon verkauft..."
      "Kein Problem, mein Kumpel hat gesagt, wenn wir sie, es ist eine Stute, wollen, würde er für uns mitbieten."
      "Super, dann sagst du's ihm?"
      "Jo. Bis später."
      "Bye."

      Fröhlich summend schickte ich Jacky in den Kofferraum, wo ihre kleine Transportkiste war. Dann schloss ich den Kofferraum und stieg ein, um loszufahren. Auf dem Hof von mKay angekommen verluden wir Slaufa, dann fuhr ich direkt weiter zur Auktion. Auf dem Parkplatz stellte ich sicher, dass Slaufa genügend Wasser und Heu hatte, dann lief ich in Richtung Halle. Auf halbem Weg kam mir mein Mann entgegen, mit einem traurigen Gesicht. "Tut mir leid, wir haben sie nicht gekriegt..." "Oh... Schade. Na dann können wir ja wieder gehen.", meinte ich enttäuscht, da kam sein Kumpel mit der kleinen Point angetrabt. "April April!" rief mein Mann und lachte. Ich umarmte ihn und zwickte ihm zur Strafe ins Ohr, dann wandte ich mich Point zu und betrachtete die kleine Stute. "Hübsche Flecken hat sie ja. Aber hat sie auch Potential?" "Ihre Abstammung ist zwar unbekannt, aber sie präsentiert sich ganz ordentlich im Ring." Sagte der Kumpel. Zufrieden nickte ich und schnappte mir ihren Strick. Dann brachten wir sie zu Slaufa in den Anhänger, das hatten wir jedenfalls vor. Doch schnell zeigte sich, dass Pointless, das kleine Juwel, nicht grundlos versteigert wurde. Sie schien sehr sensibel und wollte partout nicht auf die gruselige Rampe des Transporters stehen. Wir versuchten es mit Geduld und Leckerlies, doch es half nichts. Enttäuscht band ich Slaufa los, denn das war unser letzter Einfall. Ich lief mit der gut erzogenen Isi-Stute die Rampe runter und anschliessend wieder rauf, während mein Mann mit Point dicht hinter uns ebenfalls die Rampe hoch lief. Und tatsächlich: es klappte. Wenige Minuten später schlossen wir die Klappe und machten uns auf den Heimweg. Im Stall beschlossen wir dann, Slaufa und Point noch eine Weile zusammen in einer Box im Nebenstall zu halten, auch aus Quarantäne gründen, aber vor allem damit Point ein wenig von Slaufa lernen konnte. Die beiden schienen sich ausserdem sehr gut zu verstehen.
      1 Apr. 2013

      Aysun

      Gelangweilt klickte ich zwischen den vielen Tabs umher. Irgendwo aus den vielen Seiten erklang Musik und schließlich erreichte ich die gesuchte Webseite. Ich suchte nämlich schon länger nach einer Reitbeteiligung und nutzte dafür fast immer das Internet. Schnell gab ich bei der Suche mein Wohnort, die gewünschte Rasse und das gewünschte Alter an. Ich entdeckte viele Pferde, keines davon sprach mich aber wirklich an. Dann sah ich eine kleine Anzeige am Rand der Seite unter 'Die neusten Suchen'. Es war ein Bild von einem Tigerschecken-Fohlen. Langsam wurde ich neugierig und las mir die Informationen durch. Das Fohlen war von Occulta - Gehörte ihr nicht der Stall direkt nebenan, von dem ich so viel gehört hatte? Ich schmunzelte kurz, schloss die Seiten und zog mich um. Schnell war ich vor der Tür und verabschiedete mich kurz bei meiner Mutter, dann nahm ich meine Handtasche und lief die Straße herunter. Nach ungefähr drei Minuten erreichte ich das Gestüt. Unsicher folgte ich der Straße, bis ich zum Hauptgebäude kam, aus dem leise Stimmen drangen. Mit gerunzelten Augenbrauen öffnete ich die knarrende Tür und eine junge Frau drehte sich lächelnd um. Sie war anscheinend gerade mit ihrem Computer beschäftigt und eine andere Frau, wahrscheinlich eine Aushelferin, sortierte gerade Papiere. Ich begrüßte beide und erklärte dann, dass ich die Anzeige im Internet über das Fohlen gelesen hatte und interessiert wäre. Die Frau, das war wahrscheinlich Occulta, nickte und führte mich zum großen Hauptstall in die Stutenabteilung. Dort erblickte ich sehr viele Pferde, erst recht fielen mir aber die etwas kleineren Boxen mit den Fohlen auf. Sie zeigte auf das Fohlen und ich beobachtete es, wie es neugierig auf mich zutappte und unsicher an meiner Kleidung zupfte. Ich lächelte und streichelte sie, sofort zuckte sie aber zurück und wippte unzufrieden mit ihren Ohren. "Leider ist sie ein wenig sensibel und nicht sehr leicht zu händeln ...", hörte ich Occulta sagen. Ich nickte lächelnd und ließ das Fohlen meine Hand beschnüffeln. "Wie wäre es, wenn du einen kurzen Probetag mit ihr machst? Ich zeige dir schnell den Hof!", sagte Occulta und zeigte mir den kompletten Hof: Die großen Weiden, die lange Rennbahn, die vielen Reitplätze und die Halle. Außerdem noch die Sattel- und Futterkammer und vieles mehr. "Ich habe den Hof erst vor kurzem geerbt, aber schon viele Pferde, wie du siehst. Am meisten Englische Vollblüter, da ich eventuell eine Zucht plane.", erklärte sie mir. Ich nickte. "Ach ja, wegen dem Probetag, wärst du interessiert?", fragte sie schließlich, als wir wieder den Stall erreichten. "Sehr gerne! Was würde ich denn alles mit ihr machen dürfen?", fragte ich lächelnd. "Eigentlich alles! Bodenarbeit, an das Putzen gewöhnen, an den Umgang mit den Menschen gewöhnen und natürlich das wichtigste: Ihr die Verbissenheit austrainieren.", sagte sie lächelnd und streckte ihre Hand in Pointless' Box. Sofort hüpfte diese zurück und nach einiger Zeit kniff sie kurz in Occultas Hand. Ich nickte lächelnd. "Also, ich lass dich dann mal alleine, du weißt ja jetzt, wo alles ist. Tschüss!", sagte sie und ich verabschiedete mich ebenfalls von ihr. Dann drehte ich mich um und musterte das junge Fohlen. "Surely not Pointless ...", wiederholte ich schmunzelnd ihren Namen. Sie wurde etwas aufmerksamer und kam zur Boxentür getrabt. "Sicher willst du ein bisschen Bodenarbeit machen, oder?", fragte ich sie grinsend und holte ihr Halfter. Ich öffnete ihre Box einen Spalt und quetschte mich hinein. Mit einem Leckerli lockte ich sie zu mir und während sie fraß, legte ich ihr schnell das Halfter an. Dann machte ich den Strick an den untersten Ring und führte sie aus der Box hinaus. Ich band sie in der Stallgasse an und holte ihre Putzbox, die genau wie das Fohlen weiß mit schwarzen Punkten war. Ich holte den kleinen Striegel und fing an, sie zu bürsten. Erst war Pointless misstrauisch und schnappte ein paar Mal nach der Bürste, dann genoss sie die 'Massage' aber immer mehr und irgendwann döste sie fast ein. Als ich versuchte, ihre Hufe zu heben, wurde sie urplötzlich wieder wach und drehte sofort ihren Kopf. Neugierig, was ich machen wollte, zupfte sie an meinem Pullover herum. Ich drückte ihr ein wenig auf die Fesseln und nach einiger Zeit hob Pointless unwillig ihren Huf. Sehr vorsichtig kratzte ich ihn auf und auch bei den nächsten Hufen machte das Fohlen einen großen Aufstand. Irgendwann hatte ich aber alle durchgearbeitet und betrachtete zufrieden das Ergebnis. Ihr Fell glänzte schön und die schwarzen Punkte hatten viel Kontrast mit der weißen Fellfarbe. Ich lobte Pointless mit einem Leckerli und führte sie dann zum Außenplatz, wo schon einige Aufgaben aufgestellt waren. Ich wunderte mich, wer sie aufgebaut hatte, zuckte dann aber nur mit den Schultern und führte Pointless zum Flatterband. Dahinter stellte ich einen Eimer, in dem ein Apfel lag, und lockte sie zusätzlich mit einem nach Apfel riechenden Leckerli durch das Band hindurch. Pointless blieb unmotiviert stehen und keifte jedes Band an, das sich wagte, sich zu bewegen. Als es für einige Sekunden windstille war, raste sie blitzschnell durch die Bänder und schmiss dabei den Eimer um. Sie rutschte aus und drehte sich knapp, fraß den Apfel und riss mir das Leckerli aus der Hand. Lachend versuchte ich, sie wieder ein zu fangen, und nahm dann eine Plastiktüte für ein kleines Anti-Schreck-Training. Pointless wollte zurück weichen, als ich die Tüte in die Hand nahm, wurde von dem Strick aber ein wenig aufgehalten. Ich legte die Tüte ordentlich auf den Boden und versteckte einige Leckerlis darunter. Pointless wartete ein wenig und bewegte sich dann sehr langsam auf die Tüte zu, bis sie ungefähr dreißig Zentimeter Abstand hatte. Sie streckte ihren Hals und schob die Tüte zur Seite, und als diese dann knitterte, sprang sie sofort wieder zurück. Ich lobte sie und sie betrachtete mich ein wenig beleidigt, dann ging sie wieder auf die Tüte zu, diesmal jedoch selbstbewusster und etwas schneller als vorher. Wieder schob sie die Tüte ein wenig weg, sprang zurück und bewegte sich dann wieder auf die Tüte zu. Dies wiederholte sie immer wieder, bis alle Leckerlis frei waren. Dann stieß sie die Tüte mit den Hufen weg und fraß die Leckerlis. Ich lobte sie und Pointless sah mich grummelnd an. Ich führte sie zurück zur Box, wo Occulta gerade ein anderes Pferd putzte. "Hey! Wie ists gelaufen?", fragte sie. "Sehr gut! Sie ist durch das Flatterband gelaufen und hat Bekanntschaft mit einer Plastiktüte gemacht. Beim Putzen war sie auch sehr brav und hat sogar ihre Hufe fast freiwillig gehoben.", sagte ich und führte sie zurück in die Box. "Wow! Ich bin noch nie so weit mit ihr gekommen, bei mir spinnt sie fast immer herum. Wärst du denn dann an der Reitbeteiligung interessiert?", fragte sie lächelnd. "Ja, sehr gerne sogar! Das Training hat mit ihr viel Spaß gemacht.", sagte ich und klopfte Pointless leicht auf den Hals. Sie sprang zur Seite und drückte beleidigt ihren Kopf weg. Anscheinend war sie nicht sehr erfreut darüber, dass ich mit ihr so viel gearbeitet hatte und sie auch noch mit vielen Leckerlis gelockt hatte. Occulta nickte zufrieden und ich klärte mit ihr kurz ab, wann ich kommen konnte, dann verabschiedete ich mich von ihr und lief zurück nach Hause. Dort begrüßte mich meine Mutter. "Was hast du denn so alles gemacht? Warst ja ziemlich lange weg.", fragte sie verwundert. "Ach, hab nur eine Reitbeteiligung bekommen, mehr nicht.", sagte ich grinsend und lächelnd beglückwünschte mich meine Mutter.
      [7536 Zeichen, von Aysun]
      13 Apr. 2013

      Occulta
      Fohlenspieltag: lernen wie man sich bei Menschen verhält

      Gleich nachdem ich bei Bateau zu Besuch gewesen war, fuhr ich auch schon weiter, diesmal mit dem Anhänger. Ich wollte Bluebell und Sweets abholen gehen, denn die Besitzerin des Gestüts hatte leider beschlossen dieses aufzugeben. Ausserdem hatte ich mich auch gleich mit Sweetvelvetrose abgesprochen um Pal zu holen. Als ich auf dem Secret Creek Stud ankam war es Mittag. Die Pferde die noch hier waren, darunter auch Bluebell und Sweets, standen im Schatten der Bäume auf der Weide. Die Mütter der beiden waren schon abgeholt worden, weshalb sie dicht bei den anderen Stuten standen. Ich schnappte mir zwei Fohlenhalfter aus dem Auto und betrat die Weide. Blue erkannte mich sofort und lief auf mich zu, während Sweets noch etwas zögerte. Ich begrüsste Blue mit kraulen am Wiederrist, wie immer, und zog ihr das Halfter an. Dann wollte ich Sweets holen, doch die kleine Stute dachte nicht daran, sich wegbringen zu lassen. Ich musste sie zuerst in eine Ecke der Weide treiben und festhalten, um ihr das Halfter ebenfalls überzustreifen. Zum Glück war Blue ruhig mit dem Strick über den Rücken gelegt stehengeblieben. Ich führte die beiden zügig in den Anhänger, den sie anscheinend schon kannten. Dann warf ich einen letzten Blick auf das Gestüt, dessen Zukunft ungewiss war. Mit einem leisen Seufzen stieg ich ein und fuhr zur Lone Wolf Ranch um Pal zu holen.

      Wieder zurück im Stall rief ich ein paar Helfer zusammen, die mit mir gemeinsam die Fohlen zum Anbindeplatz im Innenhof des Hauptstalls brachten. Quinn schnappte sich Sunny, Kabi und Winter, Lisa nahm Campina, Silver und Smarty, Lewis holte Tiva, Mano und Jack und ich nahm gleich die drei neuen mit. Fehlten also noch Slaufa und Point, die wir wenige Minuten später auch noch holten. Wir banden alle 14 Fohlen an den dafür vorgesehenen Ringen an der Wand an und begannen sie zu schrubben. Die letzten Reste des Winterfells lösten sich und lagen bald in grösseren Haufen auf dem Boden. Lewis wischte sie sogleich zusammen. Nun prüften wir das Hufegeben. Es war eine Grundübung, die die Pfleger des Offenstalls jeden Tag vor dem hereinholen am Abend machten. Ich wollte sehen, welche der Jungpferde es schon gut beherrschten und welche noch mehr Übung brauchten. Wie erwartet gaben Silver, Smarty, Tiva und Campina die Hufe am besten, weil sie auch am ältesten waren. Winter und Kabi gaben sie auch ordentlich. Sunny zögerte noch immer etwas lange und Point wollte erst mit den Hinterbeinen auskeilen, anstatt sie zu heben. Schliesslich gab aber auch sie alle Hufe brav und ich kraulte der kleinen Stute stolz die Stirn. Mano und Blue waren ebenfalls schön brav und hoben alle vier Hufe wie Musterschüler. Slaufa und die restlichen waren noch etwas unsicher, was sie tun sollten, was durchaus verständlich war, weil sie ja noch nicht lange da waren. Wir machten noch etwas Führtraining mit den Fohlen. Dabei ging es besonders darum, dass sie immer schön auf Schulterhöhe blieben und einem nicht in den Arm kniffen, oder sonst irgendwie frech wurden. Auch, dass sie auf Kommando stoppten und aufmerksam darauf achteten, wenn wir abbogen wurde geübt. Zu guter Letzt übten wir das still stehen bleiben, wenn ihnen der Strick über den Rücken gelegt wurde. Um etwa halb zwei waren wir schliesslich fertig und konnten endlich essen gehen.
      1 Mai 2013

      Occulta
      Surely not Pointless an der FS 207 für Tiger- und Schabrackenschecken

      Heute war ich mit Pointless an ihrer ersten Fohlenschau. Da die Kleine einen schwierigen Charakter hatte, hatten wir uns gut vorbereitet. Wir hatten fleissig vor „Publikum“ trainiert, dazu mussten sämtliche Stallhelfer und Freunde antraben. Immerhin hatte Point nun theoretisch keinen Grund zur Unruhe mehr, allerdings fand sie dennoch immer einen. So wie den gelben Anhänger, der auf dem Weg zur Halle vor uns durch fuhr. Point versuchte sofort den Rückwärtsgang einzulegen, doch ich hatte extra Handschuhe angezogen und konnte sie halten. Das Stütchen war einfach ein Sensibelchen, das hatte ich in den ersten Wochen ihrer Ankunft schnell festgestellt. Aber ich machte das Beste daraus und betrachtete das Fohlen als eine neue Herausforderung. Und ich war fest entschlossen, diese zu meistern. Wir betraten die lichtdurchflutete Halle mit dem Läuten der Glocke. Point zuckte auch dabei zusammen, doch diesmal schien sie sich zu benehmen. Die kleine Dame zeigte in der Halle sogar ordentlich ihre schwungvollen Gänge und liess sich aussergewöhnlich gut händeln. Sie schien eben doch für’s Rampenlicht gemacht. Ich begrüsste die Richter und startete die Kür. Zuerst liefen wir ganze Bahn im Schritt. Dann wendete ich durch die Breite der Bahn. Dies war zwar unspektakulär, aber so konnten die Richter ihren Schritt gut beobachten. Bei A trabten wir an und ich schnalzte anschliessend auf der Diagonalen bei H mit der Zunge, damit die Kleine ein wenig zulegte. Sie nahm dies etwas zu ernst und galoppierte an. Zum Glück konnte ich sie schnell wieder durchparieren und weitermachen. Ich lief eine grosse Schlangenlinie, Pointless folgte brav. Dann bog ich auf die Volte bei C und liess sie angaloppieren. Ich stand in der Mitte des Zirkels und Point galoppierte um mich herum. Nach einer Runde rief ich sie zu mir und wechselte die Seite. Am Schluss liess ich sie möglichst gerade auf die Mittellinie abbiegen und wir liefen auf die Richter zu. In der Mitte der grossen Halle murmelte ich „brrr“ und brachte Point so zum Stehen. Ich stellte Pointless noch kurz vor: „Der Name des Stutfohlens lautet Surely not Pointless, was auf die zweideutige Übersetzung des englischen Wortes Pointless bezogen ist. Sie hat gute Rennveranlagung und ist schon jetzt äusserst temperamentvoll und lauffreudig. Alles in allem ein aufgewecktes, manchmal aber auch schwieriges Fohlen.“. Dann verabschiedete ich mich von den Richtern und verliess die Halle. Draussen tätschelte ich die Kleine vorsichtig auf den Hals und hielt ihr ein Stückchen Apfel hin, aber sie war schon wieder viel zu beschäftigt mit ihrer aufregenden Umgebung.
      Wenig später hatte ich erneut Anlass, stolz auf die Kleine zu sein: sie hatte die Schau gewonnen! Die besondere Vollblutstute hatte das Publikum und die Richter mit ihren schwarzen Tupfen verzaubert.
      16 Juni 2013

      Occulta
      Ankunft von Blue Lady und Spaziergang mit den Fohlen

      Heute hatten wir wiedermal Grosses vor: wir (also die Pfleger und ich) wollten mit den Fohlen Spazieren gehen. Es war noch Morgen und die Sonne war erst kürzlich aufgegangen, graue Nebelschwaden hingen über den Feldern rund um den Hof. Alles schlief noch rund um den Hof, nur ab und zu störte das Schnauben eines Pferdes oder das Zwitschern eines Vogels die Stille. Wir wollten die kühle Morgenluft nutzen, bevor es wieder glühende 34 Grad warm werden würde. Ausserdem erwartete Pineforest Stable wieder einen Neuankömmling: Blue Lady Liquor. Die kleine Stute war eine Vollschwester meines Bateau und stammte ursprünglich ebenfalls vom Gestüt von niolee und mkay. Stolze 10000 Dollar hatte sie gekostet, aber das war die grey-roan-sabino-Stute eindeutig wert. Wir wollten sie auf dem Spaziergang gleich an die anderen Fohlen gewöhnen. Kurze Zeit später kam mein Mann mit der Stute im Anhänger auf den Parkplatz gefahren. Er hatte sie direkt bei mari abgeholt, die ihren Hof bedauerlicherweise fast gänzlich auflösen wollte. Er lud die Hübsche aus und ich betrachtete sie neugierig. Sie hatte ein paar kleine schrammen an den Beinen und an der Flanke, was wohl vom wilden Spielen mit anderen Fohlen stammte. Aber sonst machte sie einen sehr gesunden und wachen Eindruck. Sie schien auch gar nicht scheu zu sein, denn sie beschnupperte sogleich meine Hand und zog an meinem Ärmel. Ich Führte sie zum Nebenstall, wo ich sie am Holzgeländer festband. Dann trommelte ich alle verfügbaren Pfleger zusammen und teilte ihnen die Fohlen zu. „Quinn, du nimmst Smarty und Kabuki. Jonas, du schnappst dir Pal und Jack. Ajith, ich nehme an du möchtest Tiva… Hmm, dann nimmst du am besten gleich noch die Neue. Lisa, du magst sicher Bluebell und Sweets, und Lewis nimmt Slaufa und Point.“ Lewis fluchte leise, denn Point war eher nicht sein Liebling. Niemand mochte Point besonders, ausser mir. Denn die kleine Stute hatte eindeutig Charakter, was sie aber leider auch bei jeder Gelegenheit zeigte. „Bleibt noch Sun. Denn Majandro und Bateau nehme ich. Aber wir haben anscheinend jemanden zu wenig… Ahh, Lily du kommst gerade recht. Du kannst noch Sun nehmen, wir gehen spazieren.“ Lily wurde kurz eingeweiht, dann machten sich alle auf den Weg zu den beiden Fohlenweiden. Ein paar der Fohlen röchelten uns zu, darunter auch Mano und Pal. Ich kraulte die beiden liebevoll, dann zog ich Mano das Halfter über und führte ihn zusammen mit Bateau aus der Weide. Mano versuchte mich etwas anzurempeln, aber ich wies ihn mit einem Klaps auf die Schulter zurecht. „So ist es braaav.“ Lobte ich, als er einige Meter gehorsam neben mir gelaufen war. Als alle ihre Fohlen geschnappt hatten, liefen wir in Richtung Pinienwald auf dem Schnitzelweg. Als wir an der Mini-Stuten Weide vorbeikamen, kamen die vier Stütchen mit viel Gewieher angerannt und wollten mit den Fohlen schnuppern. Aber wir liefen zügig weiter, denn ich wusste genau, dass die Minis nur wieder gelangweilt und auf der Suche nach Ärger waren. Aber das waren sie doch immer. Ich seufzte kaum hörbar, als mir einfiel, dass morgen wieder Mini-Tag sein würde. Es war zwar immer schön, mit den Minis zu arbeiten, aber sie waren auch ganz schön anstrengend.
      Wir liefen bis zum Waldrand schön auf dem Schnitzelweg, dann bogen wir auf den nur spärlich mit Unterholz bedeckten Waldboden ab. Wir wanderten ein wenig zwischen den Bäumen hindurch und genossen das Rauschen der Piniennadeln im Wind. Auch die Fohlen entspannten sich, und interessierten sich das erste Mal für Blue. Vor allen anderen natürlich die jungen Herren. Es wurde aufgeregt gequietscht und auch ein wenig mit den Hufen gescharrt, aber das unterbanden die Pfleger gleich wieder. Mano interessierte sich wenig für das Stütchen, er hielt lieber Ausschau nach gefährlichen Monstern, vor denen man flüchten musste. Der Spaziergang selbst verlief ruhig und unproblematisch, aber als wir wieder Zuhause die Stutfohlen alle gemeinsam auf die Weide entliessen, wurde Blue das Ganze dann doch zu viel und sie wieherte ängstlich, als alle sie beschnupperten. Sie rannten eine Weile umher und jagten die Kleine, und ich machte mich schon bereit um einzugreifen. Aber bevor ich dazu kam, hatten sie sich schon wieder beruhigt und grasten entspannt. Blue war zwar noch etwas abseits, aber nun schien die Rangordnung vorerst geklärt. Ich liess die Fohlen in Ruhe grasen und machte mich auf zum Hauptstall, wo ich schon zum Vollbluttraining erwartet wurde.
      5 Aug. 2013

      Tequila
      Tierarztbericht für Surely not Pointless:

      Ich stand an meinen Wagen gelehnt auf dem Hof und schaute in den Himmel. Als ich Hufe hörte blickte ich auf. Occulta kam mit einer kleinen Stute aus dem Stall. Sie sah wunderschön aus, allerdings ging sie störrisch neben ihrer Besitzerin her. Sie blieb stehen und rammte die Hufe ind den Boden. Als sie bei mir ankamen musterte die kleine Pointless mich neugierig aber als ich die Hand ausstreckte wich sie beleidigt zurück. Ich musste kurz lachen und holte die Spritzen hervor. Ich versicherte mich kurz das die kleine gesund war und näherte mich ihr dann. Sie blieb stehen und ich fand schnell die richtige Stelle zum einstechen. Ich stach zuerst die Tetanus-, Influenza Spritze ein und dann direkt die Herpes-, Pilz Impfung. Erstaunlicher weise zuckte die kleine nur kurz zusammen und blieb ansonsten still stehen. Ich zuckte kurz mit den Schultern und setzte die letzte Spritze an. Die Tollwut-, Streptokokken-, Fohlenlähme Impfung. Nachdem auch die in der Stute war sprang Pointless auf einmal zur Seite und starrte auf meinen Wagen. Ich lachte. Der stand schon die ganze Zeit da und bewegte sich auch nicht. Schließlich holte ich die Wurmkur aus dem Wagen und stellte sie ein. Occulta holte die kleine wieder näher und ich kniete mich vor Pointless. Die Stute wäre am liebsten wieder in den Stall gerannt aber Occulta hielt sie am Halfter. Ich steckte die Spritze in ihren Mundwinkel und drückte der kleinen die Paste in den Mund. Ich stellte mich wieder aufrecht hin. Pointless sah mich beleidigt an und als sie dann von Occulte weggebracht wurde lief sie brav neben ihr her.

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      11 Aug. 2013

      Occulta
      Bericht für Fake und Feline

      Am späten Vormittag arbeitete ich mit Feline. Ich ritt sie mit Bosal und Westernsattel. Wir übten ein paar Gymkana Aufgaben, sodass sie auch geistig ausgelastet war. Zum Beispiel musste sie standhaft bleiben, als ich ihr einen grossen, roten Gummiball zuwarf. Sie wollte zwar beim ersten Mal ausweichen, aber danach blieb sie schön an Ort und Stelle. Ich lobte sie zwischen den Übungen immer wieder und freute mich über unsere Fortschritte. Am Nachmittag durfte sie mit den anderen Stuten auf die Weide. Fake war gegen Abend dran, ich holte sie mit ihrem Halfter von der Weide und ging mit ihr spazieren, mein Mann und Lewis kamen mit Point und Tiva mit. Die drei verhielten sich einigermassen ruhig, nur bei einem Gebüsch, in dem ein Vogel aufflatterte erschreckte sich Point und versuchte, meinen Mann umzurempeln. Nach einer kurzen Zurechtweisung beruhigte sie sich aber wieder.
      5 Okt. 2013

      Occulta
      Fohlenpflege

      "Optimale Pflege und Haltung der Fohlen ist äusserst wichtig." Dies waren die ersten Worte die die Veranstaltungsleiterin aussprach. Neben mir runzelte Jack konzntriert die Stirn. Wir standen gerade auf dem Parkplatz, denn heute fand ein Kurs zur aufzucht von Fohlen und Jungpferden auf Pineforest Stable statt. Wir waren vorher von den Veranstaltern gefragt worden, ob der Kurs hier auf dem Hof stattfinden könne, denn das Gestüt hatte zwei grosse Fohlenweiden mit vorbildlicher Fohlenhaltung. Es waren vor allem Züchter und Bauern aus der Umgebung gekommen, jedoch auch einige aus dem Norden. Nach einem kurzen Einführungstext liefen wir mit der Leiterin zu den Weiden. Die Leute interessierten sich für die Vollblüter, die ihre Köpfe aus den Fenstern des Hauptstalls streckten, doch die Leiterin lief strikt weiter und liess sich nicht beirren. Schliesslich waren heute die Kleinen dran. Wir kamen bei der Stutfohlenweide an und die Teilnehmer versammelten sich vor dem Zauntor. Ich und Jack lehnten uns an den weissen Holzzaun und hörten gespannt zu. Die Veranstalterin erklärte etwas über die Grösse der Weide und des Offenstalls, aber ich wurde rasch abgelenkt, da die Stutfohlen neugierig angetrottet kamen. Bluebell begann sofort mir die Haare zu verwuscheln und ich musste sie grinsend verscheuchen. Die Veranstalterin bemerkte nur, dass diese Fohlen offenbar schon viel Kontakt zum Menschen gehabt hatten, was auch sehr wichtig sei. Jack kraulte Tiva, zu der er eine art besondere Beziehung hatte, weil er oft mit ihr spielte. Die Stute genoss die Streicheleinheit sichtlich und schloss entspannt die Augen. Die anderen Fohlen begannen die fremden Leute zu beschnuppern und nach einer Weile auch zu beknabbern, was vielen zu aufdringlich war. Sie entfernten sich daher grummelnd etwas vom Zaun. Die Leiterin betonte, dass man auch aufpassen müsse, dass die Fohlen nicht zu frech würden. Ich flüsterte zu Jack: "Da hast du's, unsere Fohlen sind skrupellose Frechdachse.", und wir lachten beide los. Die anderen waren derweilen damit beschäftigt, das Weidetor aufzumachen und in richtung Offenstall, von der Jungstutenherde begleitet, über die Weide zu marschieren. Dort angelangt hielt die Leiterin einen Vortrag über die Offenstallhaltung und deren Vor- und Nachteile. Wir folgten den Leuten und versuchten, die Jungstuten von ihnen abzulenken, sodass sie ungestört zuhören konnten. Ich begann dazu Sweets zu kraulen, die ihrerseits Slaufa beknabberte und Slaufa wiederum kniff Lychee in die Kruppe. Jack kraulte Pointless am Hals, was die Zicke anscheinend mochte. Die Stuten genossen dien gegnseitigen Kontakt eine Weile, aber dann quitschte Lychee und hob drohend das Hinterbein weil Slaufa wohl etwas übertrieben hatte. Ich unterbrach die Prozedur als sich die Gruppe wieder auf den Weg aus der Weide und zu den Hengsten machte. Die schienen sich nicht so sehr für uns zu interessieren, jedenfalls blieben sie auf abstand und grasten, nach ein paar prüfenden Blicken in unsere Richtung, gelassen weiter. Von weitem konnte ich erkennen, dass Majandro etwas abseits graste. Ich fragte mich gerade, ob er wohl nicht so gut mit den anderen auskam, aber im nächsten Moment wanderte Bateau zu ihm hinüber und die beiden grasten Kopf an Kopf. Jack, Smarty, Adventure und Pal zupften das halb gefrorene Gras sorgfältig aus. Lächelnd wandte ich mich wieder der Leiterin zu, die gerade über die Junghengsthaltung und ihre Tücken sprach. Sie fragte mich, ob einige der Tierchen schon kastriert seien, ich verneinte. "Wir kastrieren unsere Hengste grundsätzlich nicht, da wir über eine genug grosse Gruppe verfügen, sodass sie untereinander ausreichend grossen Kontakt haben und freidlich sind. Wir haben ausserdem die Erfahrung gemacht, dass sie mit guter Erziehung auch gut in der Nähe der Stuten kontrollierbar sind. In der Tat benehmen sich die meisten unserer Hengste fast wie Wallache, nur eben mit einem bisschen mehr Pepp." Die Leiterin schien beeindruckt und bemerkte jedoch nochmals, dass man für eine solche Haltung, wie hier vorbildlich gezeigt, eine genügende Anzahl an Hengsten haben müsse, um einen ausreichenden Kontakt zu anderen Artgenossen ermöglichen zu können. Ausserdem müssen die Hengste gut sozialisiert und erzogen werden. Die Hengstweide betraten wir nicht, um die Junghengste nicht beim freidlichen Grasen zu stören. Damit war der Hauptteil des Kurses beendet. Nun durften die Gäste zur allgemeinen Auflockerung und Entspannung einen warmen Tee im Garten des Haupthauses geniessen. Jack und ich gingen währenddessen wieder unserer gewöhnlichen Arbeit nach.
      20 Dez. 2013

      Occulta
      Frühling!

      Fröhlich pfeifend lief ich zum Nebenstall, schlenderte an den halboffenen Boxentüren vorbei und streichelte hie und da einen neugierigen Pferdekopf. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne strahlte und es war keine Wolke am tiefblauen Himmel zu sehen. Auch war es sehr warm, etwa 18 Grad und das obwohl erst vor zwei Wochen noch Schnee gefallen war! Überall spriessten Blümchen im noch feuchten Gras und in der Luft lag ein wundervolles Vogelgezwitscher, begleitet von einem frischen Windhauch. Ausserdem lag der saftige Frühlingsduft, den ich so sehr vermisst hatte in der Luft. Ich genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Fleece Jacke und lief zu den Weiden. Die Fohlen waren schon dabei, eifrig die ersten müden Frühlingsgräschen zu zupfen. Aber als sie mich sahen, hoben sie die Köpfe. Die beiden Hengstfohlen kamen sofort zum Zaun gerannt, wobei Mano bockend vorausgaloppierte. Adventure folgte etwas gelassener und hielt etwas rutschend vor dem Zaun, denn der Boden war noch immer aufgeweicht vom Schmelzwasser. Ich streichelte ihn liebevoll, sodass die Eifersucht auch Mano zu uns trieb. Er streckte übermütig die weichen Nüstern vor und wollte mein Ohr anknabbern. Ich stiess mit der Hand sanft seine Schnauze weg und lachte dabei, denn Adventure kniff in meinen Schuh. Zum Glück spürte ich nichts, ich hatte nämlich Wanderschuhe an. „Hmm, ich werde wohl wiedermal eine Spielstunde einbauen müssen.“, bemerkte ich stirnrunzelnd und wandte mich wieder dem Hauptstall zu. Von dort holte ich einen grossen blauen Gymnastikball, der seit dem letzten Gymkhana in der Materialkammer lag. Wir hatten ihn damals extra gekauft. Ich rollte ihn nun zu den Hengstchen auf die Weide, wo sie erstmal eine Runde daran schnüffelten, ehe sie ihn mit dem Kopf an schubsten. Die Stuten blickten abermals neugierig auf und kamen etwas näher. Jedoch taten sie gleich darauf wieder so, als würde sie das Spiel der anderen beiden nicht interessieren. Als der Ball für die Hengstchen nicht mehr wirklich interessant war und sie einander lieber wieder über die Wiese jagten, holte ich ihn und rollte ihn auf die Stutfohlenweide. Sie beachteten ihn aber nicht und manche kehrten mir sogar das Hinterteil zu. Ich lief um die Gruppe herum und wollte Pointless streicheln, doch die Gruppe teilte sich und stob auseinander. „Was soll das denn?“, rief ich laut, etwas enttäuscht. Ich lief abermals auf die kleine Herde zu. Sie liessen mich bis auf etwa drei Meter herankommen, dann rannten sie wiederum im Galopp einige Meter weiter weg. Sie spielten offenbar mit mir. Ich überlegte kurz, dann hüpfte ich über die Wiese zurück zum Ball und setzte mich darauf. Ich tat so, als hätte ich etwas Interessantes in meiner Jackentasche entdeckt und schielte ab und zu zu ihnen hinüber. Mein Plan trug schnell Früchte, denn schon kam Lychee in meine Richtung gelaufen. Bluebell und Slaufa beobachteten sie, Dann kamen sie hinterher. Schliesslich folgten auch die restlichen und umzingelten mich und meinen Ball. Sweets schnupperte an meiner Hand, die, wie sich herausstellte, leer war. „Ha, reingelegt!“, murmelte ich lächelnd und fuhr ihr mit der Hand durch den Schopf. Dann stand ich auf und verliess die Weide, mitsamt dem Ball, denn sie hatten offenbar weiterhin keine Augen für ihn. Ich verräumte ihn in der Materialkammer und lief zur Box von Paint, wo mich eine rosa Schnauze erwartete. Ciela war gut gewachsen aber dennoch noch lange nicht so weit, um zu den anderen Fohlen zu kommen. Wir waren sehr stolz auf die kleine Stute, denn sie hatte bereits zwei Fohlenschauen gewonnen! Ich rief nach Ajith, der sich bisher immer liebevoll um sie gekümmert hatte und sie am besten kannte. Er kam aus Gray’s Box gestolpert und stellte sich vor mir auf. “Ma’am?“ “Did you train her today?” “Yes, I did, and she’s doing extremely well.” Mit diesen Worten schnappte er sich das Fohlenhalfter an der Box und streifte es der Kleinen über, um mir zu beweisen, wie viel sie schon kannte. Ich grinste erfreut und streichelte die Kleine. Hier war also auch alles in bester Ordnung. Für zwei Uhr war noch die Ankunft einer neuen Stute angekündigt, ihr Name war Aerith. Ich hatte sie schon seit längerem ins Auge gefasst, da ich meine Quarters vermisste. Sie war sogar schon gekrönt und so auch zur Zucht geeignet. Ich stand pünktlich bereit, um sie zu empfangen. Die lackschwarze Stute lief brav aus dem Anhänger und sah sich sofort in ihrem neuen Zuhause um. Sie war ausserdem sehr anhänglich und verschmust, denn sie kam sofort mit ihrem Kopf unter meinen Arm und wollte gekrault werden. Ich führte sie überglücklich in ihre neue Box und brachte ihr eine Portion Heu.
      8 März 2014

      Occulta
      There must be something in the Water…

      Ich schlug die Augen auf und sass sofort kerzengerade im Bett. Ich hatte soeben einen schrecklichen Albtraum gehabt, in dem ich wieder zurück auf dem Feld mit dem Flugzeugwrack gewesen war. Um mich herum hatte alles lichterloh gebrannt und mitten in den Trümmern hatte jemand schrecklich geschrien. Dann war ich von dunklem Rauch eingehüllt worden und meine Augen hatten fürchterlich gejuckt. Ich hatte das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen und war schliesslich verzweifelt zu Boden gesunken. Dann war ich aufgewacht – zum Glück. Noch immer schweissgebadet rieb ich mir die Augen und stand auf. Es hatte keinen Sinn, weiterzuschlafen. Auch wenn erst halb fünf morgens war, fühlte ich mich nicht mehr müde und beschloss augenblicklich nach Blüte zu sehen. Sie sollte in den nächsten Tagen ihr Fohlen bekommen und ich war wie immer ziemlich aufgeregt deswegen. Schliesslich konnte so vieles schief gehen! Aber Blüte hatte schon einmal ein Fohlen gehabt und da war alles nach Plan gelaufen. Ich schmierte mir ein Honigbrot und ass es während ich zum Hauptstall lief. Die Pfleger waren noch nicht da, würden aber bald kommen. Ich betrat das grosse Stallgebäude und schlich an den dösenden Pferden vorbei zu Blütes Box. Die Stute stand ruhig da und zuckte nur ab und zu mit der Unterlippe, was mir zeigte, dass auch sie noch schlief. Beruhigt kraulte ich Campina, die nach Coulees Umzug neben Blüte gestellt worden war. Sie war wohl trotz meiner Vorsicht aufgewacht und so fühlte ich mich verpflichtet, die kleine Stute ein wenig zu beschäftigen. Ich betrat ihre Box und strich liebevoll über das bunt gesprenkelte Fell. Als ich sie gekauft hatte, war sie ein solch kleines, verwahrlostes Fohlen gewesen und nun gab sie mir all die Liebe und Arbeit zurück, die ich in sie gesteckt hatte. Ich verstand noch heute nicht, warum niemand das hübsch gescheckte Fohlen gewollt hatte. Aber eines stand fest: auf Pineforest Stable war sie aufgeblüht. Ich klopfte ihr ein letztes Mal auf die Schulter, dann verliess ich den Stall in Richtung Fohlenweiden. Die Jungspunde waren wie immer schon früh morgens unterwegs, jetzt hatte es nämlich noch keine lästigen Fliegen und Brämen. Zuerst ging ich zu den Stuten und setzte mich einfach nur ins kühle Gras. Sie kamen neugierig angelaufen und schnupperten an meinen Schuhen. Ich musste aufpassen, dass Bluebell nicht hineinbiss. Die junge Stute war ordentlich frech geworden und ihre Zähne waren leider nicht mehr so klein und stumpf wie zu Beginn. Bald würde ich sie einreiten können, stellte ich fest. Auch Sweets, Lychee und Mano würden bald so weit sein. Ich wollte die vier gleich alle gemeinsam ausbilden. Amüsiert beobachtete ich, wie Ciela Penny in die Kruppe kniff und diese daraufhin einen Bocksprung machte. Diese Spielereien waren immer sehr unterhaltsam, weshalb ich auch oft einfach hier unter dem Baum sass und die Stimmung genoss. Point graste etwas entfernt, die etwas zickige Genossin erinnerte mich immer wieder an Iskierka. Aber das war nicht schlimm – Kierka war schliesslich trotz allem ein ausgezeichnetes Rennpferd. Ein Blick zu den Hengstfohlen sagte mir, dass auch dort alles im Lot war; Sheba und Mano kraulten sich friedlich am Widerrist. Vielleicht bekommt ihr bald Zuwachs, dachte ich belustigt. Ein Hengstchen wäre schon toll.

      Vier Stunden später rannte ich zum Hauptstall, weil Ajith nach mir gerufen hatte. Blütes Fohlen war auf dem Weg, völlig überraschend am helllichten Tag. Bisher sah alles gut aus, doch zur Sicherheit wollte ich dennoch den Tierarzt rufen. Ich warf kurz einen Blick in die Box, dann flitzte ich zurück ins Haus um das Telefon zu holen. Unterwegs stiess ich beinahe mit jemandem zusammen, den ich in diesem Moment am allerwenigsten erwartet hatte. „Jonas!“ Er grinste verlegen und sah mich dann fragend an. „Ich muss den Tierarzt rufen gehen, danach komm ich gleich – ähhh, warte hier.“ Schon brauste ich davon. Warum sollte er überhaupt dort warten? Er konnte doch gerade so gut zu den anderen Pflegern gehen und sie begrüssen!, dachte ich mir während dem laufen, genervt über mich selbst und meine sinnlosen Einfälle. Als ich jedoch wieder aus der Tür hervortauchte, stand er zu meiner grossen Überraschung tatsächlich noch genau an der Stelle, an der ich ihn hatte warten lassen. „Und, was willst du mir nun erzählen?“, lächelte er erwartungsvoll. Ich rollte die Augen und antwortete: „Gar nichts, ich war bloss wie immer verwirrt und hab nicht nachgedacht. Du kannst natürlich gehen, wohin du willst und brauchst nicht auf mich zu warten.“ Bei den letzten Worten wurde ich etwas verlegen. Schnell überdeckte ich dieses Gefühl mit einem Themenwechsel. „Was machst du überhaupt schon hier? Müsstest du nicht noch im Krankenhaus sein?“ „Willst du mich etwa nicht hier haben?“, fragte er trotzig. Zögernd meinte ich: „Doch schon… aber deine Verbrennungen. Ich will doch, dass du dich nicht überanstrengst.“ Seine Miene hellte sich auf. „Meine Verbrennungen sind nicht mehr so schlimm, in zwei Wochen sollte man kaum mehr etwas davon sehen, meinen die Ärzte. Ausserdem habe ich es dort nicht mehr ausgehalten, es war viel zu still und du hast mir gefehlt.“ Ich zuckte ein wenig zusammen, bemerkte aber, dass er mich schelmisch angrinste und vermutete, dass diese Bemerkung nur wieder eine seiner Spielereien gewesen war. Man wusste eben doch nie so genau, was er wirklich dachte. Schnell sagte ich: „So jetzt aber, komm! Wir müssen zu Blüte.“
      Nur eine Stunde später hatte nicht nur ein wunderschönes, sehr dunkles Hengstfohlen die Welt erblickt, sondern zu aller Überraschung auch ein kleines, dunkelbraunes Stutfohlen. Beide hatten wie ihr Vater einige weisse Flecken, das Hengstchen an der Flanke und an der Schulter. Sein krauses Fohlenhaar erinnerte mich stark an die Wolle eines Schafs, weshalb ich ihn Merino nannte. Die hübschen, noch etwas bläulichen Augen hatten etwas Besonderes in sich, sie wirkten unheimlich intelligent und wissend. Vorsichtig kraulte ich den kleinen, als er auf mich zu stolperte und betrachtete die krummen Tasthaare an seiner Schnauze. Das Stutfohlen bekam vorerst noch keinen Namen, da ich keinen weiteren genialen Einfall hatte. „Occu“, unterbrach mich eine leise Stimme von hinten. Es war Jonas, der anscheinend schon länger auf diesen Moment gewartet hatte, denn er fuhr hastig fort. „Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Würdest du mir kurz nach draussen folgen?“ Verwundert sah ich ihm in die Augen, stand dann aber Wortlos auf. Mein Herz pochte lauter als sonst und ich versuchte mir vorzustellen, was für eine Überraschung er meinen könnte. Draussen liess er mich alleine um etwas zu holen. Es war eine Kartonschachtel mit Löchern auf der Seite und im Deckel. Etwas Materielles…, stellte ich leicht enttäuscht fest. Was hast du erwartet? Vorsichtig öffnete ich den Deckel und starrte auf den Inhalt. Ein pummeliger, lackschwarzer Welpe fiepte mich an, wedelte mit dem kurzen Schwänzchen und versuchte, am Rand der Schachtel hochzuklettern. Ich hob ihn heraus und war einen Moment sprachlos. „Gefällt er dir nicht? Ich dachte, du könntest noch etwas Gesellschaft brauchen nachdem das Haus nun so leer ist. Ausserdem hat Jacky einen Spielpartner nötig, schau nur, wie unmotiviert sie in letzter Zeit ist. Aber wenn du ihn nicht haben willst, übernehme ich ihn eben…“ „Doch doch! Er ist wunderschön und ich bin sicher, dass Jacky sich sehr freuen wird. Aber wie um Himmels Willen kommst du dazu, einen Welpen zu kaufen?“ „Eine bekannte von mir züchtet Labrador Retriever und diese kleine Dame hier ist von ihrem letzten Wurf noch übrig. Sie hat mich daher gefragt, ob ich sie nehmen würde und ich konnte bei dem Fellbündel doch nicht ablehnen.“ Ich lächelte und streichelte das dunkle Wesen auf meinem Arm. Sie musste etwa 4 Monate alt sein und trug ein blaues Halsband. Ich sah Jonas kurz an, dann fasste ich all meinen Mut und gab ihm einen hastigen Kuss auf die Wange. „Danke“, murmelte ich danach verlegen und musterte konzentriert die Hündin. Er lächelte bloss nachdenklich und meinte, die Hündin heisse übrigens Sheela. Ich war erfreut über den schönen Namen und trug den Wildfang ins Haus, wo ich ihr erstmal etwas zu trinken anbot. Jonas half mir, ihr einen Korb zu errichten und sie zu versorgen. Hach, was für ein Hundeleben!
      9 Aug. 2014

      Occulta
      Old and New Fellows

      Caruso quietschte aufgeregt, als Ocean an ihm schnupperte. Dream liess alles gelassen geschehen, sie wusste, dass Ocean ihrem Sohn nichts antun würde. Die beiden waren das erste mal seit Carusos Geburt wieder draussen und er lernte gerade seine ‚Tante‘ kennen. Gespannt beobachtete ich die Szene vom Zaun aus und betrachtete liebevoll die langen Ohren des Fohlens. Obwohl der kleine Hengst erst wenige Tage alt war, verhielt er sich doch schon frech und wild. Dauernd versuchte er, seine Mutter zum Spielen zu bewegen. Und tatsächlich war es ihm bereits vorhin einmal gelungen, die weisse Stute zu einem raschen Galopp über die Weide anzutreiben. Dream schien sich in ihrer Rolle als Mutter wohl zu fühlen, denn sie umsorgte den kleinen liebevoll. Ocean hatte die Nüstern in das weiche Fohlenfell an der Schulter gedrückt und begann nach einigen Augenblicken des Ausharrens, Caruso zu kraulen. Ich lächelte zufrieden und sah meine Anwesenheit als überflüssig an, weshalb ich mich auf den Weg zum Hauptstall machte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag würden ganze drei neue Fohlen ankommen, davon zwei vom selben Züchter. Ich hatte sie sorgsam ausgesucht und war sogar mehrfach herumgereist, um sie mir live anzusehen. Doch sie würden erst um vier Uhr ankommen, daher hatte ich noch etwas Zeit für Frame, der mir aus seiner Box entgegenröchelte. Der Hengst hatte seine starke Bindung zu mir weiter aufgebaut, offenbar erinnerte er sich daran, dass Eowin und ich ihn gerettet hatten. Sie war letztens hier gewesen, um Noir für die Körung zu untersuchen. Ich betrat die Box und kraulte den Schecken liebevoll hinter dem linken Ohr. Was für ein erbärmliches Fellbündel er doch gewesen und was für ein prächtiger Hengst nun aus ihm geworden war. Ich war mittlerweile schon zweimal auf ihm gesessen und es war beide male ein unglaublich tolles Gefühl gewesen. Frame reagierte schon jetzt so fein auf Hilfen und verliess sich blind auf mich. Und ich mich auf ihn. Ich halfterte ihn und führte ihn nach draussen, um einen Spaziergang zu machen. Jacky lief am Boden schnuppernd neben mir her und Sheela tapste freudig und wild um sie herum. Die beiden kamen prima miteinander aus und Jonas hatte Recht behalten – Jacky war wieder viel aufgeweckter, seit die junge Hündin dazugekommen war. Obwohl Sheela schon jetzt grösser als sie selbst war, erzog Jacky den Welpen bei jeder Gelegenheit. Am Abend lagen sie meist eng zusammengerollt neben mir oder in ihrem Körbchen. Ich hob einen Tannenzweig vom Boden auf und warf ihn Jacky, als wir bei der Galoppbahn waren. Es war kühler geworden und ich hätte schwören können, dass die Isländer bereits dichteres Fell hatten. Wir würden sie schären müssen, wenn es so weiter ging.
      Ich fühlte plötzlich das Verlangen, einfach Frames Seil zu lösen um das Vertrauen des Hengstes zu prüfen. Also hängte ich den Strick aus und lief weiter, als sei nichts gewesen. Frame spitzte etwas die Ohren und drehte, in seiner neu erlangten Freiheit, den Kopf zu Seite, um die Landschaft genauer zu betrachten. Er blieb jedoch neben mir und trabte hinterher, als ich mit Jacky losrannte. Sheela hielt sich auf der rechten Seite, denn sie war bereits einmal fast von einem Pferd getreten worden und nun vorsichtiger. Jacky wusste sowieso Bescheid, was den Umgang mit Pferden anging. Als ich ausser Atem war, hielt ich abrupt an, woraufhin auch Frame sofort stoppte. Ich entschied lächelnd, dass ich wohl zukünftig kein Seil mehr brauchen würde. Irgendwie gab mir sein eisiges Auge als er an mir vorbei zu den Weiden starrte das Gefühl, dass er bei mir bleiben würde, komme was wolle. Ich kraulte sanft seine Schulter und bog auf den Schnitzelweg zu den Weiden. Bei den Minis machte ich halt, damit Frame sie beschnuppern konnte. Rosie kam mir entgegen und lachte als sie sah, wie mir Frame beim Laufen von hinten die Haare zerzauste. Er wollte mit mir spielen. Ich hüpfte showmässig zur Seite auf den breiten Grasstreifen neben dem Weg und wich ihm immer wieder aus, rannte ein wenig, bis er mir den Weg abschnitt. Immer wieder stiess er sich kraftvoll vom Boden ab und machte einige Bocksprünge aus purer Lebensfreude. Bei dem Spektakel vergass ich alles andere und war einfach nur wunschlos glücklich, wie ich es schon lange nicht mehr gewesen war. Rosie machte ein kleines Filmchen mit ihrem Handy und zeigte es mir, als ich keuchend mit Frame im Schlepptau angerannt kam. Der Hengst stoppte kurz vor Rosie und verkroch sich misstrauisch hinter meinem Rücken. Ich rollte die Augen und wir lachten beide, denn dieses Verhalten war üblich für den sensiblen Schecken. Ich sah auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es bereits fünf nach vier war. Rasch lief ich in Richtung Parkplatz, wobei mir Rosie noch etwas Unverständliches nachrief. Erst, als vor dem Transporter Halt machte, der bereits dort stand, fiel mir ein, dass Frame immer noch hinter mir stand. Da er brav gefolgt war und sich nun unsicher nach einem Grasflecken am Rand des Parkplatzes umdrehte, liess ich ihn vorerst in Ruhe. Er versicherte sich mit einem Blick, ob ich auch nicht weglief und senkte dann entspannt den Kopf. Ich widmete mich dem Transporter und dessen Inhalt, der bereits unruhig zappelte. Hans, der freundliche Pferde-Chauffeur half mir beim Öffnen der Klappe und teilte mir nochmals seine Trauer und sein Beileid wegen Jack mit, was er besser hätte sein lassen. Ich nickte nur abwesend und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Frame kam neugierig angelaufen um die drei wunderschönen Geschöpfe im inneren des Transporters zu beschnuppern, die zuvor so schrill gewiehert hatten. Das Fuchsfohlen streckte ihm mutig die Nüstern entgegen und machte kurz darauf unterwürfige Kaubewegungen, wie es sich gehörte. Kaythara die kleine Nachzüglerin von Edfriend starrte aufmerksam zum Hauptstall. Nur die zweite Stute, Riven, blieb in der hinteren Ecke verborgen. Sie war zwar eine Handaufzucht, doch relativ scheu geblieben und mochte keine ungewohnten Situationen. Lewis brachte gerade rechtzeitig die Halfter, die ich natürlich auch vergessen hatte, und übernahm Kaythara. Ich schnappte mir Simba und Hans nahm kurzerhand Riven. Er lud die Stute sanft ein, ihm zu folgen, woraufhin sie zögerlich die Rampe runterkletterte. Simba folgte mir relativ zügig und schubste mich ein wenig zur Seite, weshalb ich ihm einen Klaps auf die Schulter gab. Ich staunte, wie weich sein Fell war und wie golden es in der Nachmittagssonne glänzte. Ich habe die richtige Wahl getroffen
      Frame trottete brav wie ein Lamm neben mir her, während ich Simba gemeinsam mit den anderen zu den Fohlenweiden führte. Riven und Kaythara wurden sofort von den anderen Stütchen begrüsst und umringt, besonders Ciela interessierte sich für die Neuankömmlinge. Pointless hingegen blieb hinter Penny auf Abstand und beobachtete uns nur mässig interessiert. Sweets, Liquor und Bluebell wurden fast schon etwas zu aufdringlich für Kaythara, doch zu unserer Überraschung schien sich die schüchterne Riven von Anfang an bei ihnen sicher aufgehoben zu fühlen. Ich hatte Simba inzwischen auf die Weide nebenan geführt und abgehalftert. Er flüchtete nun vor Mano, der ihn spielerisch jagen wollte. Simba verstand dies anscheinend jedoch nicht als Spiel, sondern nahm sein Verhalten ernst. Auch nach zwanzig Minuten war es nicht besser geworden; immer wenn Simba anzuhalten versuchte, wurde er sofort weitergetrieben. Alysheba kam nun ebenfalls hinzu, weshalb ich eingriff und Simba vorerst wieder einfing. Ich dachte angestrengt nach, was ich nun zu tun hatte. Ihn alleine in eine Box stellen? Auf keinen Fall. Ich muss es morgen nochmal versuchen, bis dahin stelle ich den kleinen neben Blüte und Merino. Gedacht getan, ich brachte Campina in ihre alte Box zurück und stellte Simba in die leere neben Blüte, die vor einiger Zeit Coulee gehört hatte. Ausserdem brachte ich bei Gelegenheit auch gleich Frame zurück in seine Box, er hatte genug Freilauf gehabt für heute. Merino streckte neugierig die weichen Babynüstern durch die Gitterstäbe und knabberte mit den Zähnen am Metallrand, bis Simba ihm Beachtung schenkte. Die beiden schnüffelten kurz durch die Stäbe, dann kreiste Simba weiter in der Box herum. Er beruhigte sich aber rasch, offenbar würde die Nacht nicht allzu schlimm für ihn werden. Merino blieb noch immer am Gitter und beobachtete den hellen Fuchs. Seit wir seine Zwillingsschwester an Sarah Kyren verschenkt hatten, war er wohl etwas einsam gewesen. Zum Glück durfte er in wenigen Monaten zu den anderen Fohlen. Wir hatten die kleine Primo Viktoria von ihm und Blüte trennen müssen, da sie bei der Geburt zu schwach gewesen war. Sie wurde mit der Flasche aufgepäppelt, doch da dies sehr aufwendig war, übergab ich sie Sarah, die die nötige Zeit für die Kleine aufbringen konnte.
      Erleichtert verliess ich den Hauptstall, um nochmals nach den Stütchen zu sehen. Kaythara und Riven waren zwar noch etwas abseits, grasten aber einigermassen entspannt. Zufrieden klopfte ich mir auf den Schoss, um Jacky anzulocken und mit ihr ein wenig Ball zu spielen. Auch Sheela kam freudig angerannt und hopste durch das Gras.
      26 Aug. 2014
    • Occulta
      Occulta
      Signs and Sins

      Dieser Morgen war ebenso kalt wie der Letzte. Es fiel mir aufgrund des offenen Fensters auf, durch das ein schneidend kalter Hauch drang, sodass ich meinen Arm mit unter die Decke nahm. Erst jetzt wurde ich richtig wach. Es war noch dunkel, wie immer wenn ich mich im Winter aus dem Bett quälen musste. Ich stutzte. Warum ist das verdammte Fenster sperrangelweit offen? Ich richtete mich auf und wollte Quinn in die Seite stupsen, um sie zu wecken. Da fiel mir ein kleiner Umschlag auf dem Teppichboden auf. Misstrauisch rutschte ich von der Bettkante und hob ihn auf. Ehe ich ihn genauer betrachtete, schloss ich das Fenster, denn ein erneutes Schaudern hatte mich durchschüttelt. Dann setzte ich mich halb unter die Bettdecke und wendete den Umschlag in meiner Hand. Er war vollkommen weiss, ohne jegliche Beschriftung. Vorsichtig riss ich ihn auf und sah hinein. Darin befand sich ein getrockneter Pinienzweig. Ein Schaudern durchfuhr mich, doch diesmal hatte es nichts mit der kühlen Luft zu tun. Auch Quinn war unterdessen aufgewacht und sah den Zweig verwirrt an. Es musste eine Botschaft sein, vermutlich vom Killer. Von wem denn sonst? Wir zeigten allen den Zweig und rasch breiteten sich die wildesten Gerüchte wie ein Feuer aus. "He wants to play with us, he will kill us all!", verkündete Lisa hysterisch. Ajith versuchte, sie zu beruhigen, doch es half nichts. Ich stand zwischen Lewis und Jonas, der mich nichteimal ansah. Was ist jetzt wieder los? Bin ich nun wieder Luft? Das ist ja zu erwarten gewesen. Dennoch ertappte ich mich bei einem enttäuschten Stirnrunzeln. Ich hielt es hier drin nicht mehr aus, also huschte ich durch den Türspalt und rief die Polizei an. Draussen herrschte die allmorgendliche Dunkelheit mit leichten Nebelschwaden.

      Als ich alle Fragen der Beamten bezüglich des morgentlichen Fundes geklärt hatte, lief ich zu den Weiden und setzte mich unter den grossen Baum auf der Ministutenweide. Ein paar Mitglieder der mittlerweile beachtlichen Herde gesellten sich zu mir und streiften als dunkle Silhouetten durch das nasse Gras. Ich erkannte bei genauerem Hinsehen Daki und Lady Diva, weiter hinten war ausserdem Goldy. Beim Anblick der schnaubenden und graszupfenden Pferdchen huschte mir ein Lächeln über die Lippen, das jedoch augenblicklich der stillen Leere in meinem Kopf wich. Ich war nicht jemand, der sich leicht geschlagen gab, und schon gar nicht ein Melancholiker; doch packte mich in letzter Zeit seit Jacks Tod oft eine unerklärliche Sehnsucht - vielleicht nach einem anderen Leben.
      Ich besitze ein wundervolles Gestüt mit prächtigen Pferden und viel Land. Ich bin weder arm, noch so reich, dass ich besonders viele Neider hätte. Dennoch bin ich verbittert, schweigsam und immer wieder den Tränen nahe. Ich dachte, es würde mit der Zeit besser werden, verfliegen wie der Nebel am Nachmittag. Aber meine Gedanken wurden bloss grauer. Wenn ich nachdenke, was mich wirklich, wirklich beschäftigt – die ganze Verantwortung die auf mir lastet, die Erinnerungen an Jack und natürlich die Leere, die er zurücklässt. Seit er weg ist, bin ich wieder mein altes Ich, die gefühlskalte, langweilige Individualistin. Die Geister in meinem Kopf sind wieder eingezogen und haben es sich bequem gemacht. Sie hinterfragen alles, was ich tue und sehe. Sie flüstern mir zu, dass alles keinen Sinn hat und Menschen ohnehin nur eine selbsterschaffene Lüge leben, mit dem Ziel, irgendwie ein Bisschen Glück zu finden, nur um am Ende festzustellen, dass sie bloss ein Tropfen auf dem glühenden Stein sind. Der einzige, der mich in diesen Tagen noch zu einem ernstgemeinten Lachen verführen kann, ist Jonas. Jeden Abend denke ich an seine Sanfte Stimme, an seine klaren, und doch geheimnisvollen Augen. In meinen Träumen stelle ich mir zärtliche Gesten vor - nichts Ernstes, denn danach strebe ich gar nicht mehr. Ich scheine ihn nicht für seinen Körper zu lieben, sondern für das, was er wirklich ist. Es ist schwer zu beschreiben; als währe ich in seinen Charakter verliebt. Im Traum begegne ich dem Jonas, den ich zwischen den Scherzen und den Alltagssituationen zu erkennen glaube. Eine seriöse, aufrichtige, feinfühlige und wunderschöne Version von ihm. Mag sein, dass meine Fantasie mit mir durchgeht. Wenn ich aufwache, bin ich jedenfalls allein. Ich habe so viele Leute um mich, doch alles was sie sagen verschwimmt und erscheint mir wertlos. Alle Taten, Ziele und Gewohnheiten; ich stelle sie in Frage, ohne eine Alternative zu wissen. Äusserlich mag es mir gut gehen, doch innerlich bin ich zerfressen. Jedes Mal wenn die Standardfrage auftaucht: "Geht's gut?" möchte ich sarkastisch loslachen, aber sie würden es nicht verstehen. Niemand könnte das, denn niemand denkt und fühlt wie ich. Ich bin einzigartig - das sagte meine Mutter immer. Doch es macht mich einsam. Will ich mich nicht doch der grauen Menge anschliessen und jeden Tag Lebensfreude vorspielen? Ich kann mich längst nicht mehr wirklich an den täglichen 'Glücksmomenten' erfreuen. Irgendwie hat die Realität ihren Reiz verloren. Das einzige, was das Kartenhaus zu stützen scheint, sind ein paar wenige Dinge, an denen ich mich festhalte. Meine Familie, die Pferde, Jonas... Würde er mich genauso quälen, wenn er dies alles wüsste? Würde er mich auslachen? Für verrückt und egoistisch erklären? Wo es doch so viel Leid auf dieser Welt gibt. Und doch - dies ist der Schmerz den ich fühle. Kein anderer muss ihn ertragen. Sie alle haben ihre eigenen Sorgen; meine Nervenzellen verspüren nur die meinigen. Vielleicht, aber nur vielleicht, würde er mich ja verstehen. Mich lieben. Wenn es denn dieses sagenumwobene Etwas wirklich gibt. Aber ich fühle mich als Verräter, wenn ich mir eine glückliche Zukunft mit ihm vorstelle. Eine Zukunft, die Jack nicht erleben kann. Dennoch… Ich muss meine Einsamkeit brechen, irgendwie zurück finden.
      In meinem Kopf spielten sich Szenen aus dem Alltag mit ihm ab. Und unsere besonderen Momente. Eigentlich war es doch recht offensichtlich, oder etwa nicht? Die Art wie er mich ansah, wie er mich umarmte und mich wieder neckte. Aber ich konnte mich genauso gut irren, und das war der Punkt. Ich wäre zu stolz für solch einen Fehltritt - ich müsste Jonas wegschicken, wenn es schieflaufen würde. Und das war das Letzte, was ich wollte. Da ertrug ich lieber weiterhin schweigend meine Last.

      Endlich wurde ein rötliches Leuchten am Horizont sichtbar. Ich seufzte und stand auf, um mit der Arbeit zu beginnen: Offenställe misten, Wiesen Säubern, Heu nachfüllen, wollige Minis striegeln und bürsten, Tränken reinigen und Weidezäune kontrollieren. Als ich auch mit den Fohlenställen fertig war, holte ich ein Mini nach dem anderen nach draussen, um es an den Zaun zu binden und das Langhaar zu stutzen. Besonders Papillon hatte es nötig, der schokobraunen Stute reichte der Schweif fast bis zum Boden. Viele Minibesitzer scherten ihre Pferde, doch ich tat dies jeweils erst kurz vor einer Show oder einem Fahrturnier, denn Winterfell war immerhin noch immer besser als jeden Tag eingedeckt zu werden. So kam es, dass im Moment nur Queenie und Alu geschoren waren. Sie waren beide letzten Samstag an einem Showspringen gewesen, wobei Alu sogar den vierten Platz geholt hatte. Rose, deren mit deutlichen, hellen Punkten durchsetztes Fell besonders schick aussah, wollte einfach nicht stillhalten. Sie zog den Schweif immer wieder weg und streckte den Hals in alle erdenklichen Richtungen. Aber auch sie entkam der Schere nicht. Narnia, deren Fell etwas heller war, hatte ebenfalls eine viel zu lange Mähne, die ich prompt auf etwas mehr als handbreit kürzte. Bei Tiki und Kiwi hingegen hatte ich nichts zu schneiden. Sie hatten zwar langsam eine ordentliche Mähne bekommen, aber die war noch kurz genug. Nun musste ich auch noch zu den Hengstchen überlaufen, denn auch diese beiden Fellkugeln warteten schon ungeduldig. Arco war fast einheitlich silbern im Winter; man sah seine Punkte kaum mehr. Glenns Aalstrich zeichnete sich hingegen umso stärker ab. Chip kam neugierig zum Zaun um zu sehen, ob es 'ihren' beiden Herren noch gut ging. Bloss, um gleich wieder die Ohren anzulegen und zickig mit dem Vorderbein zu stampfen, als sie und Lenny die Nüstern zusammensteckten. Schliesslich war ich fertig und klopfte erleichtert auf Arcos Hals, ehe er in die Freiheit entlassen wurde.

      Einen Moment stand ich tatsächlich ratlos da, bis mir in den Sinn kam, was ich als nächstes vorhatte. Ein neuer Hengst würde heute ankommen! Nicht irgendeiner, nein - Daydreaming Sorrow war es. Ich hatte schon immer grosses Interesse an dem Welsh Hengst gehabt, doch nie geglaubt, ihn tatsächlich einmal kaufen zu können. Mittlerweile müsste er schon fast beim Flughafen sein, spekulierte ich aufgeregt. Doch bevor Hans ihn abholte, musste er noch einem Gesundheitscheck unterzogen werden. Ich kümmerte mich in der Zwischenzeit um Pointless. Sie war kurz nach Sweets, Lady und Bluebell zu den erwachsenen Pferden in den Stall gekommen und nun bereitete ich sie auf das Einreiten vor. Gegen Abend würde eine weitere Vollblutstute fürs Training ankommen, jedoch gehörte sie einem Japanischen Geschäftsmann, der seit Jahren in England sein Unwesen trieb. Ich schmunzelte jedes Mal, wenn Lewis dies so beschrieb. Point war mürrisch heute. Anscheinend war ihr der Umzug gegen den Strich gegangen. Als ich die Boxentür aufschob, sah sie mir zwar entgegen, doch sobald ich ihren Hals berührte, um die Deckenschnallen zu öffnen, legte sie die Ohren platt und wollte mich in den Arm kneifen. Sofort reagierte ich und gab ihr einen lauten Klaps auf den Nacken, woraufhin sie erschrocken zurückwich. Sie legte danach die Ohren zwar seitwärts nach hinten, jedoch zögerlich und ohne aggressive Anstalten. Ich arbeitete nach der Massregelung wieder ganz normal mit ihr, denn nachtragend zu sein nützte bei Pferden bekanntlich überhaupt nichts. Nach einer halben Stunde, in der ich sie an der Longe um den Hof und in der Halle geführt hatte, liess ich es auch schon gut sein und bürstete sie gründlich. Sie kannte das Geführtwerden wie es in jedem Rennstall üblich war seit Fohlenalter, jedoch nur im Beisein der Mutter. Danach war sie auf Pineforest Stable nur hin und wieder geführt worden. Auch das Anbinden musste ich üben. Bei den ersten Versuchen hatte sie zwei Halfter zerrissen, trotz Panikhaken. Ich fragte mich noch immer, wie das hatte geschehen können, denn meine Anweisung an die Pfleger war ausdrücklich langsames, geduldiges Vorgehen gewesen. Jedenfalls klappte es jetzt schon besser: die Stute stand locker angebunden an der Boxenwand und schien die Striegelei sogar zu geniessen. Immerhin waren die Ohren jetzt locker zur Seite baumelnd. Nur der Schweif verriet hin und wieder eine gewisse Unruhe, wohl auf Ungeduld gründend. Ich packte sie zum Schluss wider warm ein, jedoch nur mit einer Netzdecke, denn ich hatte mich bisher nicht getraut, Point zu scheren. Sheela und Jacky, die mir schon den ganzen Morgen um die Beine wuselten, rauften sich gerade. Sie tollten spielerisch knurrend durch die Stallgasse und schubsten dabei fast eine Putzbox an der Wand um. Ich pfiff sie zu mir, als ich mit Point fertig war. Dann lief ich zum Parkplatz um Sorrow zu empfangen.
      Jonas schlich mir unterwegs hinterher und erschreckte mich, er hatte wohl, diesmal eher geschmacklos, wie ich fand, Mörder spielen wollen. Ich war erst etwas verwirrt, musste aber mehr lachen als mir lieb war, da er mich halb auskitzelnd in die Arme nahm. Augenblicklich stieg ein warmes Glücksgefühl in mir auf, ohne dass ich es unterdrücken konnte. Elliot, der sich über die Holzstangen vor dem Nebenstall lehnte, sah uns amüsiert zu. Ich sah ihn im Augenwinkel und erwartete jeden Moment einen dummen Kommentar - er kam auch. "You'd be an amazing couple, wouldn't you?" Ich wollte gerade den Mund aufmachen und etwas entgegnen, da antwortete Jonas plötzlich gespielt ernst: "Yes, surely. We are together – since yesterday." Stirnrunzelnd sah ich ihn an. "And why did I not know that?" "You’re clueless anyway", meinte Jonas frech. Wir lachten, ich jedoch eher schief. Dann liess er mich los und ich verschwand endgültig in Richtung Parkplatz. Was bedeutet das denn jetzt? Ernst gemeint war es sowiso nicht. Aber vielleicht insgeheim? Oder ich interpretiere schon wieder zu viel? Die Verwirrung war komplett, doch eine seltsame Zufriedenheit gleichermassen genährt. Ich lächelte heimlich und wollte gerade zum Hauptstall gehen, als der bereits erwartete, silberne Transporter vorfuhr. Hans schüttelte mir nach dem Aussteigen heftig erfreut die Hand, dann luden wir den bildschönen Welsh Hengst aus. Seine wuschelige Mähne fiel ihm wild über beide Seiten des mächtigen Halses und feine Wölkchen stiegen aus den geblähten Nüstern empor. Er musterte die Umgebung mit seinen kleinen, schwarzen Augen und spitzte die hübsch gebogenen Ohren in Richtung Hauptstall. Beim Führen wurde sofort klar, dass er total brav und gut erzogen war, denn er folgte wie ein Lamm, trotz der vielen Eindrücke. In seiner Box angekommen, tätschelte ich ihm zuerst den Hals, dann löste ich das Halfter und liess ihn fressen. Er hatte grossen Hunger vom langen Flug und würde sich einige Tage akklimatisieren müssen, immerhin kam er aus Kanada. Doch er sah top fit aus: sein Fell schimmerte in kräftigen Farben, die Hufe waren in makellosem Zustand und frisch beschlagen, der Behang war zwar mit Stroh bespickt, aber sonst sauber und der Schweif fiel wollig über seine Sprunggelenke. Ich schob zufrieden die Boxentür zu und gönnte dem Hengst seine Ruhe.

      Draussen erkannte ich Jonas und Lisa bei den Büschen vor dem Pflegerhaus. Ich blieb beim Eingang stehen und beobachtete die Szene einen kurzen Moment. Jonas stupste sie, und sah sie zwischendurch lange an. Was machen die beiden da? Reden natürlich, was sonst… Lisa lachte herzhaft und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Auf einmal wurde mir klar, wie hübsch sie doch war. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Rippen. Ist das etwa Eifersucht, Occu? Sei nicht dumm, die beiden kennen sich schon ne ganze Weile und sind gute Kollegen. Selbst wenn mehr dahinter stecken sollte, ginge es dich nichts an... Eigentlich müsstest du dich doch sogar darüber freuen oder? Hast du dir nicht nach Jack geschworen, frei und unabhängig zu bleiben? Ich wandte mich dennoch leicht bitter ab, an die schöne Illusion von zuvor denkend. Ich lief gespielt fröhlich zum Nebenstall, wo ich Herkir rausholte und am Holzgatter anband. Dann begann ich ihn gründlich zu putzen. Der Nachteil war, dass ich die ganze Zeit über das Gelächter dieser glücklichen Menschen ertragen musste. Ab und zu wagte ich einen Blick, um ihn dann nur schmerzlich betrübt wieder auf Herkirs hellrotes Winterfell zu richten. Fast hätte ich die beiden angefahren, sie sollen doch wieder zur Arbeit gehen. Ich biss die Zähne zusammen und sattelte, so schnell ich konnte, um dieser Situation zu entfliehen. Schliesslich töltete ich auf der Galoppbahn, um den Kopf frei zu bekommen. Herkir lief toll: geschmeidig und taktvoll. Seine Wuschelmähne tanzte lustig zur Bewegung seiner Schultern, während ich still sass. Der Galopp war noch etwas schwieriger, denn er sprang nicht gleich ein. In der Tat musste ich den Isländer eine viertel Runde bearbeiten, bis er angaloppierte. Sheela raste die ganze Zeit neben uns her und hatte eine riesen Freude an meiner Reitgerte.

      Nach diesem Ritt war es bereits Mittag. Ich gesellte mich mit meinem Sandwich zu den Pflegern, zusammen mit Sheela und Jacky. Als Jonas die Sattelkammer betrat, versuchte ich, nicht aufzusehen. Er blieb bei ein paar anderen stehen, wie ich aus dem Augenwinkel beobachten konnte. Schliesslich waren plötzlich alle am selben Gespräch beteiligt, und ich schien mich ausversehen durch mein in-der-Ecke-Stehen selbst zum Thema gemacht zu haben. Das ging so weit, dass Rosie irgendwann warum auch immer den Einwurf brachte, man müsse endlich einen neuen Mann für mich finden. Die meisten stimmten lauthals zu. Ich entgegnete ironisch, mich endlich auch der Gruppe zuwendend, dass ich ja anscheinend schon mit Jonas zusammen sei, worauf der mit dem Zeigefinger auf mich deutete und "exactly" meinte. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, also schwieg ich fortan, doch nicht ohne ein erneut aufflauendes Lächeln.

      Später am Abend kam die japanische Stute an. Sie wurde von ihrem Pfleger liebevoll Shio genannt, was wir natürlich weiterführten. Als danach langsam Ruhe auf dem Hof einkehrte, kam die alte Angst vor dem Mörder wieder auf. Ich schlief abermals im Pflegerheim. Wir unterhielten uns noch etwas in gemütlicher Atmosphäre im Aufenthaltsraum, ehe wir zu Bett gingen. Jonas sass etwas entfernt auf einem einsamen Sessel. Ab und zu erwischte ich ihn, wie er in meine Richtung sah, bis mir klar wurde, dass Lisa direkt neben mir sass. Mir pochte der Kopf immer mehr, je später es wurde. Ein Anflug von unglaublicher Müdigkeit war die Ursache. Im Verlaufe des Abends wollte Lewis plötzlich schwerzhaft wissen, wie Jonas und ich denn nun zueinander gefunden hätten. Ich bat Jonas lächelnd zur Erklärung, selbst gespannt darauf. Doch die Antwort war ernüchternd. Wir seien natürlich nicht zusammen. Ich grinste stur mit, auch wenn es ein wenig mehr weh tat, als ich erwartet hatte. Lisa und Quinn kontrollierten alle Türen und Fenster, ehe sie die Lichter löschten. Ich lag bald als letzte wach auf meiner Matratze und starrte die Decke an. Dann drehte ich mich um und schloss die Augen, eine feine Träne rollte mir die Wange hinunter.
      16 Dez. 2014

      Eowin Tierarztbericht für Surely not Pointless

      Heurika – diese Stute war die letzte für heute!
      Ich begrüßte das farbenfrohe Tier durch ein Halsklopfen. Ich hatte schon viel von ihr gehört und sie machte ihrem Ruf alle Ehre – das gepunktete Pferdchen war ziemlich hübsch.
      Nochmals machte ich in Ruhe die Spritzen fertig (warum hatte ich nicht eigentlich direkt am Anfang alle fertig gemacht, die Eintragungen in die Pferdepässe gemacht und dann die Pferde geimpft?) und impfte die Stute dann.
      Sie war etwas hampelig, aber händelbar.
      Auch die Wurmkur nahm sie anständig, sodass ich daraufhin meine Arbeit für beendet erklären konnte.
      „So, fertig. Wir schicken dir eine Rechnung zu“, sagte ich erschöpft, ließ mich in mein Auto sinken und machte mich auf den Heimweg.

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      8 Jan. 2015

      Occulta
      White Storm

      Sonnenstrahlen wärmten meinen Rücken, als ich mit Lila den Feldweg entlang töltete. Es war Sonntag, kurz nach dem Weihnachtsball. Ein Blick auf die Armbanduhr unterrichtete mich von der Tageszeit – zehn nach zwei Uhr. Es war ein vollgepackter Morgen gewesen. Zwei neue Pferde hatte ich begrüssen dürfen, und morgen würde nochmals eines folgen. Um fünf Uhr war ich aufgestanden, um beim Füttern zu helfen und anschliessend mit den Rennpferden und Jockeys ins Training zu gehen. Kaum war Cantastor wieder abgesattelt und versorgt gewesen, hatte ich Gini auf dem verschneiten Platz bewegt. Es waren sogar immer noch ein paar Flöckchen gefallen, während ich mit ihr Slaloms, Stops und Seitwärtsgänge geübt hatte. Richtig hübsch hatten die weissen Fetzen sich ihren Weg durch den nebligen Himmel getanzt. Danach hatte ich Amor Casdove vom Flughafen abgeholt. Der Pintoaraber hatte wohl einen echten Kulturschock gehabt, als er vom warmen Australien ins verschneite England verfrachtet worden war. Er hatte sich auch entsprechend verhalten und war trotz seiner Winterdecke extrem zappelig gewesen, als hätte es ihm an die Beine gefroren. Ich nahm es dem temperamentvollen Jungspund nicht allzu übel. Er hatte sich in der Box einige Male gedreht und gewiehert, danach war aber auch schon Ruhe eingekehrt. Ich hatte anschliessend Anubis bewegt, der zum Glück einiges ruhiger gewesen war. Nachdem ausserdem auch Donut und Hallu bewegt gewesen waren, hatte ich mich auf den Weg in den Süden gemacht, um meine neue Paint Stute abzuholen. Sie war ein interessantes Projekt, da sie vollkommen militärisch ausgebildet worden war. Ich hatte zwar gute zwei Stunden bis Bristol gehabt, doch die Fahrt hatte sich gelohnt: Echo war bereits mit einigen anderen Pferden angebunden auf dem Parkplatz gestanden, denn sie war nicht das einzige Pferd gewesen, das heute abgeholt worden war. Der alte Bauer, der aufgrund seiner Demenz seine Hobbyzucht aufgeben musste, war etwas verwirrt in Begleitung seiner Tochterzwischen den Pferden und Anhängern hindurch gewuselt und es war ihm sichtlich schwer gefallen zu verstehen, warum seine Pferde weg mussten. Als ich Echo endlich hatte die Rampe hochführen dürfen, hatte ich ihm versichern müssen, dass ich sie weiterhin kavallerietauglich ausbilden würde. Er hatte mir ihr Zaumzeug geschenkt, da sie dieses in der Ausbildung so gut angenommen hatte. Ich hatte beschlossen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen und es für mich als Challenge zu betrachten. Nun war die Stute in ihrer neuen Box und lebte sich ein, während ich auf dem Ausritt mit Lila war.
      Mein Mopho summte, ich bremste die Islandstute. "Hey, bist du noch lange weg?", stand auf dem Display, darüber fand ich das Profilbild von Jonas. Ich verneinte und fragte warum, konzentrierte mich dann aber wieder auf Lila. Mein Pferdchen war fleissig heute: kaum nahm ich die Zügel wieder auf, spurtete sie auch schon im Trab los. Die wollige Mähne tanzte dabei im Takt auf und ab. Überhaupt war alles an ihr wollig. Ich hatte sie noch nicht geschoren, da es so schnell so kalt geworden war, doch nun schien es langsam Zeit zu werden. Sie wird sich sonst zu Tode schwitzen, wenn sie so Gas gibt. Der Schnee war bereits wieder am Schmelzen, doch er stand noch immer knöchelhoch. Und für die nächste Woche war ein Schneesturm angekündigt worden. Ich mochte den Schnee, sehr sogar. Und ich mochte es, gemütlich im warmen Wohnzimmer zu sitzen, während draussen der Wind heulte und der Schnee wirbelte. Alles um mich herum lag still und weiss da, nur hin und wieder lösten sich das schmelzende Pulver von einem Ast und hinterliess einen glitzernden Nebel aus Eiskristallen in der Luft. Irgendwo in der Ferne rief eine Krähe, als ich den Weg beim Flussufer erreichte. An einer steil abfallenden Stelle beim Ufer, dort wo Schmelzwasser in den Fluss lief, entdeckte ich einige wunderschöne Eiszapfen. Ich hielt Lila und liess mich zu Boden gleiten, um einen abzubrechen. Den muss ich unbedingt Lewis zeigen! Er behauptet immer noch, dass 'seiner' bei der Reithalle der grösste sei. Ich sah nochmal auf das Display meines Mophos, ehe ich wieder aufstieg. "Wir wollen Schlitteln gehen. Keine Angst - die Pferde sind schon alle versorgt." Ich lächelte kopfschüttelnd und lenkte mein Pferdchen auf den Heimweg.

      Vor dem Nebenstall stieg ich ab und führte Lila unter das Vordach zum Anbinden. Sie stützte entspannt den Huf auf, während ich den Sattel von ihrem Rücken nahm und das lange Winterfell kurz durchbürstete. Ich schäre sie später gegen Abend. Schon kamen Lewis und Jonas um die Ecke. "Ah, you're back! Okay, let's groom Lila and then go, while it's still sunny", rief Lewis freudig. Ich nickte und die beiden halfen mir kurz beim Hufe Auskratzen und Beine Bürsten. Dann brachten wir Lila rein und holten meinen Holzschlitten aus dem Keller. Rosie, Lisa, Elliot, Darren und Oliver standen schon bereit; Quinn war nicht dabei weil sie sich eine Grippe eingefangen hatte. Ajith fehlte ebenfalls, da er keinen Schlitten hatte und sich nicht so geeignet für den Schneesport fand. Die anderen hatten versucht, ihn zu überreden, doch Ajith bleibt hart Granit wenn er sich einmal entschieden hat. Wir liefen los in Richtung Galoppwiese, dann ein wenig südöstlich. Dort gab es, weit vom Hof entfernt, einen grossen Hügel, den ich letztens mit Numair hochgaloppiert war, um dessen Kondition zu verbessern. Es war mühsam, durch den bereits schmelzenden Schnee zu stapfen. Der Weg auf den Hügel kam mir ewig vor. Doch die Mühe lohnte sich: trotz des klebrigen Schnees fuhren die Schlitten schnell. Dumm nur, dass mein Schlitten bei der zweiten Abfahrt einige Meter neben der Piste eine unliebsame Begegnung mit ein paar Felsen erlitt, die hinterhältig unter der Schneedecke schlummerten. Ich landete unsanft im Tiefschnee und der Schlitten sah mitleidserregend aus. Ich sammelte die linke Kufe und das restliche Holzgestell ein und lief damit die Piste hinunter, wo die anderen halb besorgt, halb lachend warteten. Jonas bot mir an, auf seinem Schlitten mitzufahren, was ich nach einigem Zögern auch annahm. Dankbar hastete ich neben ihm den Hügel hinauf, während er den Schlitten zog. Ich setzte mich vorne hin, er sich hinten, da er so besser lenken konnte. Die Abfahrt war turbulent aber lief gut, bis Lewis uns hinauswarf, indem er den Schlitten hinten packte und herumriss. Wir machten ständig solche Spiele beim Schlittenfahren - das machte es um einiges spannender. Ich lag lachend neben dem Gefährt im Schnee und sah zu Jonas, der sich ärgerlich die Mütze ausschüttelte. Schon entdeckte ich das typische, herausfordernde Glitzern in seinen Augen und wir erklimmten den Hügel erneut. Noch einige Male landeten wir im Schnee, und oft revanchierten wir uns an diesem Nachmittag. Ich genoss es in vollen Zügen und das Beste war, dass Jonas und ich ein hervorragendes Team bildeten. Als der Spass schliesslich zu Ende ging, da es bereits dunkel wurde, liefen wir fröhlich lachend und schnatternd zurück zum Stall. Im Pflegerheim liess ich mich erschöpft aber glücklich mit einem warmen Punsch in der Hand auf die blaue Couch fallen. Jonas setze sich neben mich. Wir redeten eine Weile, ehe wir beschlossen, einen Film zu schauen. Doch zuerst mussten die Pferde versorgt werden. Ich trank aus und zog mich wetterfest an. Es war sechs Uhr und dunkel draussen, ausserdem kam ein starker Wind auf, der eisig durch meine Jacke zog.
      Ich stampfte durch den bloss noch knöchelhohen Schnee zu den Weiden, wo ich Pina und Indiana auf halfterte. Die beiden liefen zügig und aufgeregt schnaubend neben mir den Weg hinauf, offenbar spürten sie den herannahenden Sturm. Ich liess, im Hauptstall angekommen, Diana los, damit sie selber in ihre Box laufen konnte. Währenddessen brachte ich Pina in die ihrige. Auch Jonas kam gerade mit Caprice und Crack angelaufen. Beim Zurückgehen schob ich auch Dianas Tür zu und warf einen Blick in die Box von Cassy, die bereits nass, aber zufrieden am Heu knabberte, dann lief ich erneut los um zwei weitere Stuten zu holen. Beim Eingang wich ich Ajith aus, der Kierka und Blüte hineinführte. Auf dem Weg zu den Weiden hielt mich Lisa auf um zu fragen, wann die Pfleger füttern sollten. Sie schaffte es kaum, Paint und Gray ruhig zu halten. Paint stand breitbeinig da, den Kopf hoch erhoben, und sog hin und wieder geräuschvoll Luft ein. Gray stand mit gespitzten Ohren daneben. Ich beschloss, dass wir das Füttern und Misten gleich erledigen sollten und anschliessend um neun nochmals Heu geben und Kontrolle machen würden. Lewis hatte inzwischen auch Sumerian geholt. Ich kümmerte mich also noch um die letzten beiden, Shio und Pointless. Doch auf dem Weg schüttelte Point die ganze Zeit heftig den Kopf und riss am Strick. Ich massregelte sie mehrfach, Wirkung zeigte es bei der sensiblen Stute kaum. Im Gegenteil: kurz vor dem Hauptstall nahm sie einen gewaltigen Satz in meine Richtung und warf mich beinahe um, sodass ich sie loslassen musste, um nicht überrannt zu werden. Knapp gelang es mir, Shio zu halten. Die gepunktete Stute hingegen raste im gestreckten Galopp zurück in Richtung Weiden. "Spinnvieh!" Ich fluchte vor mich hin und brachte Shio schleunigst in die Box, um gleich darauf ein paar Pfleger zusammenzutrommeln und Pointless zu suchen. Mittlerweile stürmte es fast schon, und es schneite. "Na toll, sie haben den Sturm doch erst für Montag angesagt!", beschwerte sich Lisa. Ich beachtete sie nicht und kniff die Augen zusammen, damit keine Schneeflocke hineingeweht wurde. Ich lief zielstrebig in Richtung Fohlenweide, denn dort vermutete ich die ausgerissene Stute. Die anderen folgten mir. Tatsächlich stand Pointless beim Zaun und sah uns entgegen, doch als wir zu nahe kamen, drehte sie ab und bewegte sich im Stechtrab weiter den Weg hinab. "No chance, she'll run to the field if we try to chase her. We have to block the way down there", rief ich durch den Wind und deutete auf das Ende des Weges zwischen den letzten beiden Weiden. Lewis und ich rannten in einem Bogen über die Weiden nach unten, indem wir uns unter den massiven Holzzäunen hindurch zwängten. Point beobachtete uns hin und wieder misstrauisch, dann wiederum sah sie zu Lisa und Ajith hoch. Als wir unten ankamen, streckten Lewis und ich die Arme aus und blockierten den Weg, von Zaun zu Zaun. Dann trieben wir die aufgewühlte Stute langsam nach oben zu Ajith. Er schaffte es schliesslich, ihr noch immer am Halfter baumelndes Seil zu fassen und ihr zusätzlich einen Strick um den Hals zu legen. Gemeinsam führten wir Pointless in den Stall, was diesmal bis auf einige grunzende Seufzer ihrerseits ereignislos verlief. Als sie endlich in der Box war, atmete ich auf. Wir waren alle vier Total durchnässt und zerzaust vom Wind, der draussen gerade erst seine volle Kraft zu entwickeln schien.
      Wir fütterten die ungeduldig schnaubenden Pferde rasch und säuberten die Boxen, danach machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Pflegerheim. Kaum waren wir da, legte der Sturm richtig los. Es flitzten eine Menge weisser Flocken am Fenster vorbei und der Wind heulte durch die Spalten des Hauses. Drinnen war es dafür umso gemütlicher: die Heizung lief auf Hochtouren und es wurden bereits Decken und heisser Tee verteilt. Ich zog die Jacke aus und stellte fest, dass nicht nur meine Haare, sondern auch meine Hosen durchnässt waren. Ich wickelte mich daher rasch auf dem Sofa in eine der Decken ein und liebäugelte mit einer blauen Tasse auf dem Tisch vor mir. Mit einem federnden Aufschlag liess sich Jonas neben mich fallen, wie ich es mir insgeheim erhofft hatte. Wir starteten den Film und verdunkelten den Raum. Es dauerte nicht lange, da fühlte ich eine Hand sich um meine Schulter legen, und eine sanfte Kraft zog mich weiter nach links. Ich liess es zu, bis ich mit dem Kopf an seine Schulter gelehnt war und wagte es nicht, aufzusehen. Als ich es doch tat, sah er mich mit solch einer Herzlichkeit an, dass ich mir ein glückliches Lächeln unmöglich hätte verkneifen können. Ich liebte seine tiefgründigen Augen, seine feinen und doch kantigen Gesichtszüge und das wollene Haar - alles an ihm war in diesem Moment wundervoll und ich vergass die schmerzenden Monate der Kälte und Nüchternheit. It's so silly, sagte ich zu mir selbst, but if this was a dream, I would never want to wake up. Die Zeit ging viel zu schnell vorüber. Und so kam das unweigerliche Ende der zärtlichen Liebkosungen. Still hatten wir unser Glück für ein paar Stunden gehabt, und ebenso schnell war es wieder vorüber. Das Licht ging an, unsere Wege trennten sich bei den Schlafzimmertüren. Ich lag noch lange wach, während draussen der Sturm an den Schindeln zerrte und alles in Dunkelheit tauchte. Wie wird es wohl morgen sein? Harmonischer Sonnenschein, oder Verwüstung?
      21 Jan. 2015

      Occulta
      Of Sudden Deaths and Pointed Beasts

      Als ich am Morgen aufwachte, oder eher feststellte, dass ich noch immer wach war, fielen gerade die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster. Ich beschloss, dass Weiterschlafen keinen Sinn hatte und zog mich an. Im Kühlschrank stand noch eine angefangene Schüssel Birchermüsli, welche ich mir gleich schnappte. Nach diesem göttlichen Mahl verliess ich das Haus in Richtung Hauptstall und half, die erste Kraftfutterportion vorzubereiten. Danach ging ich zu Shio, die mir noch bis Woche zugeteilt war. Die Cremellostute sah mich mit verschlafenen, blauen Augen an und spitzte die Ohren, als ich die Box betrat. Ich streichelte sie zur Begrüssung, dann zog ich ihr das grüne Halfter vor ihrer Box über und führte sie nach draussen. Im Sommer putzten wir die Pferde gerne im Innenhof des Stalls. Ich befestigte den Strick an einem der vielen Halteringe und begann, das weisse Fell gründlich zu bürsten. Sie hatte einen gelben Fleck am Po, da half alles Schrubben nichts. Ich griff zum Schwamm und bearbeitete den Fleck mit Wasser, so bekam ich ihn beinahe weg. "Weisse Pferde", murmelte ich liebevoll, und klopfte Shio uf den Hals. Mein Geisterpferdchen drehte sich neugierig um und beknabberte meine Hand. Die rosa Lippen verzogen sich in die Länge, als ich ein Karottenstück hinstreckte. Quinn war mit Cassy schon fast fertig, also beeilte ich mich mit dem Satteln. Dann stiegen wir alle auf. Blütenzauber, Capri, Cassy und Shio stampften nun im Entenmarsch zur Galoppbahn. Ich ritt heute das erste mal mit Shio bei den richtigen Trainingsgruppen mit, denn die junge Stute war noch mitten in der Ausbildung. Bisher war sie vor allem Longiert und getrabt worden. Auch Cassy war noch nicht allzu lange regelmässig in den Fortgeschrittenen Gruppen, aber sie hielt schon gut mit. Wie immer wärmten wir die Pferde auf der Galoppbahn auf, ehe wir auf die Grasbahn wechselten. Kaum trabte Blüte, die zuvorderst war, an, da dampfte Shio schon los und wollte nach vorne drängeln. Sie war es sich eben noch nicht gewöhnt in der Gruppe zu laufen und dementsprechend heiss. Ich massregelte sie mit einigen Paraden und konnte sie so knapp halten. Cassy, direkt vor uns, schlug zu allem Überfluss auch noch zickig mit dem Schweif, als wir zu nahe kamen. Ich spürte förmlich wie Shio zerknirscht den Hals steif machte und sich erneut auflud, als ich mit ihr schimpfte und sie so schliesslich vorerst ruhig stellte. Wir kündigten uns gegenseitig jeden Tempowechsel durch Zurufen an, wie immer. Irgendwann rief April “Canter!“ nach hinten, woraufhin alle in einen ruhigen Galopp wechselten. So jedenfalls die Theorie, doch Shio hielt davon reichlich wenig. Sie nahm einen Satz nach vorne, den ich kaum abfangen konnte und auf den Cassy mit den Hinterhufen reagierte. Sie traf Shio vorne bei der Brust und beim Vorderfusswurzelgelenk, sodass die junge Stute erschrocken stieg. Ich balancierte die Bewegung geschickt aus und hielt Shio auf der Stelle. Dann stieg ich ab, um die getroffenen Stellen rasch abzutasten. Vorher gab ich den anderen das Okay, dass sie weiterreiten sollten. Ich fand keine Verletzungen, und auch als ich sie kurz im Trab ein paar Meter führte, war am Gangbild nichts ungewöhnlich. Erleichtert stieg ich wieder auf und ritt in grossem Abstand zu den anderen im Trab auf der Bahn. Die anderen Bogen schliesslich auf die Grasbahn, um dort noch einige Sprints zu wagen. Shio und ich blieben jedoch auf der Galoppbahn und bauten noch etwas Kondition auf. Sie verhielt sich die restliche Zeit viel ruhiger, offenbar war sie noch etwas verwirrt von dem Tritt. Schliesslich war das auch fast wie eine Massregelung von Cassy, denn sie ist die ältere und die Kleine wollte sich vordrängeln, dachte ich amüsiert. Nach einer halben Stunde ritt ich im Schritt zurück zum Hauptstall und sattelte die Stute ab. Sie hatte recht geschwitzt, da es trotz der frühen Morgenstunde schon ziemlich warm war und sie ja noch kaum Kondition hatte. Ich wusch die verschwitzten Stellen mit einem Schwamm, da ich sie nicht schon wieder ganz waschen wollte, dann ging ich mit ihr an der Hand grasen, bis sie trocken war. Sie würde gegen Abend noch auf die Weide kommen, wenn es nicht mehr so viele Insekten hatte. Ausserdem war die rosa Haut der Stute empfindlich auf die starke Sonne. Deshalb brachten wir im Frühling und Sommer grundsätzlich alle hellhäutigen Pferde erst abends raus. Zuletzt versorgte ich Shio in die Box und half anschliessend den Pflegern beim Misten. Mittlerweile waren auch Blüte, Cassy und Capri zurück. Capris Fell glänzte so wunderschön, als sie im Innenhof geputzt wurde. Die Fuchsstute hatte sich prächtig entwickelt und strotzte nur so vor Energie. In zwei Wochen würde sie wieder an einem Rennen in Brighton starten, von dem wir uns viel erhofften.

      Nach dem Misten kümmerte ich mich zugegebenermassen etwas widerwillig um Pointless. Nach der Geschichte mit dem Schneesturm war ich vorsichtiger mit ihr umgegangen. Nur Oliver und ich persönlich arbeiteten im Moment mit ihr, alles andere war zu riskant, denn die Stute hatte sich als echte Knacknuss herausgestellt. Als Fohlen war sie zwar zickig und schreckhaft gewesen, jedoch nie böswillig, denn man hatte ja auch nie etwas von ihr verlangt. Nun jedoch, da das leichte Weidenleben vorüber war und der Spass zunehmend dem Ernst wich, wehrte sie sich mit aller Kraft gegen jeglichen Druck. Man brauchte viel Geduld und Konsequenz im Umgang mit ihr, denn bei jedem Fehlschlag, so kam es mir vor, lernte sie ein Stück mehr, dass sie Kraft hatte. Besonders gefährlich war es letzte Woche gewesen, als Oliver mit ihr spazieren gegangen war und sie beinahe auf die Landstrasse gerannt wäre. Seither hatten wir das Training nur auf dem Hof fortgeführt. Seufzend band ich die Stute an und putzte das gepunktete Fell rasch. Sie war kaum schmutzig, also hatte ich nicht viel zu tun. Danach führte ich sie auf eine der leeren Weiden, denn so war sie für den Fall der Fälle eingezäunt. Ich arbeitete mit Pylonen, einem Flattervorhang und Blachen, um irgendwie das Vertrauen der Stute zu gewinnen. Es klappte sogar erstaunlich gut, heute war sie anscheinend freundlich gestimmt. Vielleicht lag es auch am Knotenhalfter, durch das ich etwas mehr Einwirkung hatte. Ich machte eine dreiviertel Stunde lang Bodenarbeit, allerdings mit kleinen Pausen, in denen sie im Schatten eines Baumes grasen durfte.

      Gerade als ich zusammenräumen wollte, kam Ajith über den Feldweg gehastet. “Heh Occu, Phone for you!“ Erstaunt nahm ich unser Stalltelefon entgegen, dass er extra von der Sattelkammer hier runtergetragen hatte. Bei einem knappen Gespräch erfuhr ich, dass Shio’s Besitzer, der Japanische Geschäftsmann, letzte Woche überraschend verstorben war. Es sei noch unklar, was jetzt mit dem Pferd geschehe, man werde uns weiter informieren. Toll, und jetzt? Nachdenklich folgte ich Ajith mit Pointless im Schlepptau zum Hauptstall, wo ich erst einmal das gepunktete Ungeheuer versorgte. Danach erzählte ich Oliver und ein paar anderen, die neben ihm standen, was ich erfahren hatte. Oliver runzelte die Stirn. Keiner war wirklich betroffen, denn wir hatten den Mann kaum gekannt. Er war bloss einmal zu Besuch gewesen um Shio’s Fortschritte zu sehen. Die Stute selbst war hingegen allen ans Herz gewachsen und man wollte sie nicht mehr hergeben, da waren sich alle einig. Nach einer Weile meinte Oliver scherzhaft: “Now we know why he didn’t pay last Monday“ Da hatte ich einen blendenden Einfall. “Exactly, he didn’t pay, so they can give us the horse instead of the money he owes us!” Ich bekam viel Zustimmung, allerdings äusserte Lily ihr bedenken, dass Shio ja deutlich mehr wert sei al seine Monatszahlung. Lewis lachte und meinte: “We’re talking about judges; they hardly even know what a spur is! So they can never discern between a cheap nag and a precious thoroughbred” Ich schmunzelte und stimmte zu, dass man es versuchen sollte. Als ich am Abend desselben Tages schliesslich anrief und den Vorschlag machte, waren alle Beteiligten einverstanden und froh, ein Problem mehr gelöst zu haben. Und ich war froh, Shio von nun an ganz nach meinen Vorstellungen trainieren zu können.
      28 Mai 2015

      Occulta
      Kreuzchen? Sind doch für Anfänger!

      Ich spazierte alleine den grossen Tannen entlang über die neue Rennbahn. Das Gras war ausgesprochen grün und der Himmel seltsam hell. Von irgendwo hinter mir drang ein Rufen an meine Ohren, doch ich ignorierte es. Ich lief weiter, immer voran. Die Bahn war schier endlos, doch als ich endlich die Kurve erreichte, erkannte ich mein Ziel. Da stand er, lässig an die Rails gelehnt. „Hey“, murmelte ich, und dennoch hörte er mich. Er lächelte und ich ging näher zu ihm hin. Sein Gesicht wurde seltsam beleuchtet, doch ich konnte trotzdem seine Züge nicht genau erkennen. Nur die Augen, die wunderschönen unverwechselbaren Augen strahlten daraus hervor. „Ich muss wissen, was du fühlst! Ich muss endlich die Wahrheit hören, sonst verzweifle ich an der Hoffnung!“, sagte ich plötzlich unwirklich laut. Er nickte und machte den Mund auf, doch ehe ein Wort daraus laut wurde, wachte ich auf. „Nein“, stöhnte ich im Halbschlaf, unwillig den Traum gegen die Realität einzutauschen und ein ganz neues Level von Abneigung zum Wecker entwickelnd, der unaufhaltsam in mein Ohr piepte. Das ist doch einfach Folter… Nichteinmal im Traum verrät er mir, was er von mir denkt. Nach einigem Zögern stand ich auf und streckte mich gähnend. Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer! … Naja, oder so ähnlich. Jedenfalls hatte ich viel vor heute. Es war zwar erst fünf Uhr, doch ich fühlte mich seltsam wach und erholt. Na, für etwas war mein Traumspaziergang wohl doch gut, dachte ich schmunzelnd. Vielleicht war es auch einfach die Gewohnheit, jeden Morgen um diese frühe Stunde aufzustehen. Ich zog mich an und schlurfte in die Küche, um mir eine Tasse Schwarztee zu machen. Die Zeit reichte auch für ein Toast mit Erdbeerkonfitüre vom freundlichen Nachbarsbauern, doch danach musste ich zügig die Socken anziehen, in die Stiefeletten schlüpfen und das Haus in Richtung Hauptstall verlassen. Auf dem Weg schlossen sich Ajith, Lily und Rosie vom Pflegeheim herkommend mir an. Wir begannen mit dem Verteilen der morgendlichen Rauhfutterportion, aus einem Heu/Haylage Gemisch bestehend, das eine Fütterung mit reduzierter Staubbildung erlaubte. Als alle Pfleger des Hauptstalls da waren, verteilten wir auch das Kraftfutter, dann sattelten April, Quinn, Oliver und ich die Vollblüter für die erste Trainingsgruppe. Einmal mehr wurde mir der Mangel an Jockeys bewusst, der im Moment herrschte: Tom war seit dem Unfall noch immer Zuhause bei seinen Eltern und Lily musste ihren Arm noch etwas schohnen. Ich verdrängte die Gedanken an meine verstorbene Stute Crack und lief zu Frame’s Box um ihn aufzuhalftern. Ich stellte ihn anschliessend vor Sumerian, die bereits angebunden war und von Quinn liebevoll gebürstet wurde. April war diesen Monat für Shio zuständig und Oliver hatte sich wieder Pointless angetan. Die Stute war noch nicht wirklich besser im Umgang geworden, aber trainieren musste man sie trotzdem. Da Oliver mehr Kraft hatte als ich, konnte er sie leichter halten. Nach dem Satteln führten wir die Pferde zur Galoppbahn. Die Youngsters waren alle erst etwas mehr als 2 Jahre alt und gerade erst eingeritten worden, also liessen wir es langsam angehen und gaben ihnen viel Zeit, sich umzusehen, denn beim Nordstall standen noch immer Maschinen und Baumaterial herum. Die Galopprennbahn war fast fertig, es mussten nur noch an manchen Stellen die Rails eingefügt werden, doch das Gras war bereits vor Wochen angesäht worden und seither kräftig gewachsen, also konnte man sie nun benutzen. Vorgestern war sie eingeweiht worden. Die Rennpferde hatten bisher sehr positiv reagiert, denn nun hatten sie viel mehr Platz zum galoppieren und überholen. Pointless scheuhte vor der Schubkarre mit den Platten für das Dach. Auch die Folie, die um die Aufgestapelten Boxenelemente gewickelt war und leicht im Wind flatterte, jagte ihr ordentlich Angst ein. Oliver hatte alle Mühe sie zu halten. Sie drängte sich immer wieder gegen ihn im Versuch, Distanz zwischen ihr und die unheimlichen Gegenstände zu bringen. „Come on you cow, I ain’t afraid of you!“, rief der erfahrene Trainer herausfordernd und rupfte einige Male an den Zügeln, bis sie brav neben ihm lief. Sie warf zwar noch etwas den Kopf hoch, doch folgte zügig. Ich war froh, nicht an seiner Stelle zu sein. Ich hätte sie zwar sicherlich auch irgendwie vorwärts gebracht, doch es hätte wesentlich länger gedauert. Wir starteten mit dieser Gruppe wieder ohne Startboxen, denn das machte nun noch nicht viel Sinn. Frame hatte zwar schon Bekanntschaft mit ihnen gemacht, doch die anderen noch nicht. Wir stiegen auf und ritten in einer Reihe im Trab die Bahn runter. Pointless wollte ständig überholen, doch Oliver rahmte sie konsequent ein und behielt sie im Griff. Wir trabten in diesem Stadium der Ausbildung noch sehr viel. Galoppiert wurde nur zweimal über eine relativ kurze Distanz, das Ziel war es mit dieser Gruppe zweimal pro Training die letzten 200 Meter in 15 Sekunden zu schaffen. Das meisterten sie schon sehr gut, nur Shio schwitzte noch etwas viel. Frame war heute in Topform: er trabte sehr raumgreifend und fegte geschmeidig wie eine Katze über das kurze Gras. Sein Eisblaues Auge schielte hin und wieder zu mir zurück um sicherzugehen, dass alles okay war. Ich kraulte ihn jeweils wenn er das tat - das war sozusagen unser stilles Einverständnis, dass es keinen Grund gab, sich zu fürchten. Tat ich es nicht, so zögerte er und wurde langsamer, oder rannte wie von einer Biene gestochen davon. Das ganze Training dauerte nicht viel länger als eine halbe Stunde, dann versorgten wir die Pferde wieder und widmeten uns der nächsten Gruppe.

      Bis um 8 Uhr ritt ich durchgehend Vollblüter, danach kümmerte ich mich um Dancer. Den Knabstrupper Hengst bildete ich im Moment mit Elliots Hilfe in Barockreitweise aus. Er lief sehr fein an den Hilfen und war ein wahres Traumpferd im Umgang, obwohl er auch ein paar Punkte wie Pointless hatte. Allerdings waren die seinigen viel kleiner und zum Teil kaum zu erkennen. Nur am Kopf, wo die Haut durch das dünnere Fell hindurchschimmerte, sah man deutliche Flecken. Aber seit wann hat die Farbe denn etwas mit dem Charakter zu tun?, mahnte ich mich selbst. Ich konzentrierte mich wieder auf das Satteln. Ich hatte letztens an einer Messe eine wunderschöne blaue Samtschabracke gekauft, die zu Dancer natürlich perfekt passte. Mit dem schwarzen Dressursattel und der gleichfarbigen Trense sah er todschick aus. Um den Eindruck zu perfektionieren, flocht ich seine lange Mähne zu einem französischen Zopf. „Perfect Budd“, murmelte ich ihm ins Ohr, ehe ich ihn auf den Platz führte, um während 45 Minuten intensiv mit ihm zu arbeiten. Wir beherrschten zwar noch keine Levade oder Kapriole, doch ich brachte ihm gerade die Piaffe bei. Dazu hatte ich in den vergangenen Wochen Vorarbeit an der Doppellonge geleistet, sodass er nun auf feines Touchieren mit der Gerte reagierte. Er lief wiedereinmal hervorragend. So machte das Reiten richtig Spass. Ich lobte Dancer am Ende der Lektion ausgiebig und liess ihn am langen Zügel bei den schattenspendenden Büschen und Bäumen im inneren der Ovalbahn im Schritt abkühlen.

      Am Abend erwartete mich Elliot zur Springstunde mit Vychahr. Auch Rosie und Jonas ritten mit. Jonas holte Pilot gleich nach mir aus der Box und band ihn neben Filou an. Wir befanden uns übrigens noch nicht im neuen Nordstall, sondern noch immer im Hauptstall, denn der erstere war innen noch nicht fertig. Filou hob das Bein zum Betteln, was ich sofort mit einem Klaps auf die Schulter strafte. Das passiert eben, wenn ihn die Pfleger zu sehr mit Leckerlies vollstopfen, dachte ich aufgebracht. Ich putzte rasch fertig und legte den dunkelbraunen Springsattel mit der blauen Schabracke auf seinen Rücken. Er stand geduldig still bis ich ihn fertig gezäumt hatte, was man von Peace nicht behaupten konnte. Der Hengst scharrte nervös und wollte immer wieder davonlaufen. „Always those spotted beasts“, meinte ich scherzhaft zu Rosie. Wir quatschten auf dem Weg zur Halle ausgelassen. Dann ritten wir die drei Trakehner warm und sprangen ein paar Kreuze. Elliot betrat nach 10 Minuten die Halle und sein erster Kommentar war: „Crosses? They’re for beginners. Let’s try something better.“ Er stellte einen kleinen Parcours auf, der einen Oxer, ein In-Out, eine dreifach Kombination und ein Gatter beinhaltete. Dazwischen waren noch ein paar einfache Steilsprünge zum Abwechseln. Begeistert ritt ich auf das erste Hindernis zu. Es war ein blau-weisser Steilsprung. Filou sprang mit leichtigkeit darüber und liess sich danach schön wieder bremsen. Das Ziel war es erstmal, nach dem Sprung anhalten zu können. Jonas hatte da schon deutlich mehr Mühe. Pilot schüttelte vor dem Sprung energisch den Kopf um mehr Zügel zu bekommen und raste danach um die Kurve. Frustriert ritt Jonas noch weitere dreimal heran, bis es schliesslich klappte. Peace machte keine Zickereien. Wir übten als nächstes ein paar Sprünge aus Kurven heraus, wobei auch recht enge Wendungen vorkamen. So lehrten wir die Pferde, auch mal schräg über ein Hindernis zu hüpfen, was im Parcours oft entscheidend war. Hierbei machten alle drei gut mit. Nun ging es an den eigentlichen Parcours. Filou drückte zwar über dem Oxer etwas kräftiger ab als nötig gewesen wäre, doch wir blieben fehlerfrei und kamen einigermassen schön über die anderen Hindernisse. Auch Peace gab sich Mühe, hob die Beine mit einer guten Manier und gab lediglich etwas viel Gas vor den Sprüngen. Pilot hingegen stand schon beim ersten Sprung hin. Kopfschüttelnd beobachtete ich Reiter und Pferd, die offenbar so gar nicht die selbe Idee vom Springen hatten. Jonas machte immer wieder den selben Fehler: er gab zu scharfe Paraden wenn etwas nicht klappte und verunsicherte so den sensiblen Pilot, der nichts weniger ausstehen konnte als eine harte Hand. Beim zweiten Versuch sprang er zwar, jedoch eher wie ein Schaf. Danach raste er ungebremst um die Kurve und stolperte fast. Nach ein paar Minuten und weiteren Versuchen von Jonas, den Hengst über die Hindernisse zu bekommen, hatte ich genug. Ich ritt zu Elliot, stieg von Vychahr ab und übergab ihm den Hengst. Dann schritt ich entschlossen auf Jonas zu, der auf mein Rufen hin anhielt und abstieg. Ich übernahm die Zügel, schwang mich auf den Rücken von Pilot und trabte los. Der Hengst hastete zuerst los und machte sich steif im Hals, doch schon nach einer Runde auf der Volte entspannte er sich und begann zu kauen. Ich führte die Hand absolut ruhig und gab weiche Hilfen, denn ich steuerte ihn eher per Gewichtshilfen. Als ich mir sicher war, dass Pilot sich wieder gefasst hatte, ritt ich den ersten Sprung an. Der Schecke drückte kraftvoll ab und überflog den Oxer ohne Probleme. Ich lobte ihn, indem ich mit der linken Hand über den Hals strich. Jonas sah betreten zu Boden. „ Schau hierher, dann lernst du auch was!“, befahl ich. Dann liess ich die Zügel ganz weg und übersprang einen Steilsprung freihändig. Pilot blieb schön ruhig und versammelt. „See? It’s not hard if ya go like this.” Elliot nickte anerkennungsvoll und Rosie lächelte, entschlossen, es auch zu versuchen. Ich bremste sie etwas in ihrem Eifer, denn Peace war unberechenbarer als Pilot. Aber ich erlaubte, dass sie es einhändig versuchte. Jonas stieg auf Vychahr und tat es ihr gleich. Am Ende wurde aus der anfänglich ernsten Springstunde fast schon eine Zirkuslektion, denn auf das Einhändig-Springen folgte das Weglassen der Bügel und das Weglassen des ganzen Sattels. Es machte uns allen, besonders den Pferden, ordentlich Spass und Jonas setzte eifrig alle Tipps von Elliot und mir um.
      12 Juni 2015

      Occulta
      Vorbereitungen

      Ich stand gerade mit Jonas auf dem Sandviereck, um Lisa bei ihrem Training mit Feline zuzusehen. Die Stute musste fit sein, denn in wenigen Wochen stand ein grosses Event bevor: Jolympia. Ich hatte beschlossen, auch etwas mitzumischen und kurzerhand Indiana und Feline genannt. Doch damit war es natürlich noch nicht getan – nun mussten die beiden Pferde entsprechend auf das Turnier vorbereitet werden. Indiana war ziemlich gut im Trainingsplan vorangekommen, doch Feline hatte sich vor kurzem auf der Weide einen Fehltritt geleistet und hinten links einen etwas geschwollenen Fesselträger gehabt. Die Schwellung war mittlerweile zurückgegangen, doch dadurch hatten wir einen Trainingsrückstand von etwa zwei Wochen. Feline hatte noch etwas Mühe mit den Schenkelweichen, denn sie kreuzte hinten zu wenig. Indiana machte dafür Probleme im Cross Country: Sie zog vor den Hindernissen extrem an und kam so meist unpassend. Doch an beidem arbeiteten wir nun intensiv. „Nimm das Bein noch etwas weiter nach hinten“ riet ich Lisa, als sie an uns vorbei kam. Sie setzte die Anweisungen um und hatte prompt etwas mehr Erfolg. Nach weiteren zwanzig Minuten beendeten wir das Training und Lisa ging mit der Criollostute auf die Galoppbahn zum Trockenreiten. „Gehst du zu Oliver und sagst ihm, dass Diana morgen nicht im Renntraining mitlaufen soll?“, forderte ich Jonas auf, der noch immer neben mir stand. Er nickte und schlenderte davon. Ich dachte kurz nach, was ich noch alles vorhatte. Stallkontrolle, Springen mit Dream, nach Pointless sehen. Ich begann in ebendieser Reihenfolge. Im Hauptstall duftete es nach frischem Stroh, wie es sich gehörte. Die teuren Rennpferde standen allesamt auf ihrem trockenen Bett und sortierten gelassen die Hälmchen. Manche trugen schon Fleece Decken, denn wir wollten vermeiden, dass sie viel Winterfell produzierten. Ich sah kurz bei Chiccory rein, denn letztes Mal hatte April vergessen, seine Tränke zu säubern. Ich fand zwar noch ein paar Strohhalme darin, doch die schienen frisch zu sein, woraus ich schloss, dass meine Zurechtweisung von gestern Früchte trug. Zufrieden tätschelte ich dem Scheckhengst auf die Schulter. Er war einer der Kandidaten, die ohnehin nicht viel Winterfell hatten. Seine Mähne war noch ganz weich und geschmeidig vom Einflechten am Samstag. Wir hatten mit ihm und Sunday am Jubiläums Cup einer kleineren Bahn im Norden teilgenommen. Der Hengst hatte dabei wiedermal einen hervorragenden Start hingelegt und war knapp Zweiter geworden. Sunday war etwas zu lange im Mittelfeld blockiert gewesen, sodass er erst spät hatte aussen vorstossen können. Trotzdem war er noch Fünfter geworden. Ausserdem hatte Smelyalata am selben Wochenende beim Green Turf in Liverpool gewonnen und war in die nächst höhere Klasse aufgestiegen. Sie brauchte nun nur noch zwei Siege um im kommenden Frühling für das Aufgewichtrennen in Betaque qualifiziert zu werden. Ich schloss Chiccory‘s Boxentür und spazierte durch die sauber gefegte Stallgasse zum Tor. Im Nebenstall wartete Dream bereits am Boxenfenster auf mich und als sie realisierte, dass ich auf sie zukam, röchelte sie erfreut. „Na meine Süsse“, murmelte ich und hielt ihr ein Karottenstückchen hin. Nichts geht über Bestechung. Ich halfterte sie auf und öffnete die Boxentür, dann führte ich sie geradeaus nach draussen zum Holzgitter und band sie fest. Die Schimmelstute hatte es wiedermal gut gemeint mit dem vom Regen feuchten Weideboden. „Hast du’s wenigstens genossen?“, fragte ich sie vorwurfsvoll und begann, die verkrustete Erde aus ihrer Mähne zu lösen. Ich war vorsichtig, denn ich wollte die langen Haare nicht ausrupfen. Nah zehn Minuten hatte ich genug und nahm etwas Glanzspray und eine Wurzelbürste zu Hilfe. Danach wandte ich mich dem fast weissen Fell des Forest Ponys zu. Oder besser gesagt dem fast braunen. Ich schrubbte eine gefühlte halbe Stunde (pro Körperseite) und war erst zufrieden, als das letzte Klümpchen von den Sprunggelenken weggekratzt war. Danach konnte ich endlich satteln, die Geländegamaschen anziehen und zäumen. Nach dem Aufsteigen ritt ich zur Ovalbahn, dorthin wo früher die Grasrennbahn gewesen war. In deren Mitte befand sich noch immer die kleine Geländestrecke, die meine Tante beim Bau von Pineforest Stable in Auftrag gestellt hatte. Sie war, nun da die alte Grasrennbahn weg war, sogar noch etwas ausgebaut worden. Ich ritt zunächst im Trab um die Hindernisse und Büsche, was ich immer wieder praktisch fand, denn hin und wieder gab es kleine Hügel, bei denen Dream die Hinterhand etwas mehr gebrauchen musste. Nachdem die Stute gründlich eingewärmt war, konnte ich mit dem richtigen Training beginnen. Ich übersprang zuerst den grossen Baumstamm, dann aus der Kurve das Buschhindernis. Anschliessend ging’s den künstlichen Hang hoch und auf der anderen Seite über einen Steilsprung nach unten. Nun folgte der Wassergraben. Der machte Dream besonders Spass, denn die Stute liebte das Wasser seit unserem ersten gemeinsamen Strandausflug. Ich hatte manchmal den Eindruck, als würde sie absichtlich stampfen damit es hochspritzt und auch ich etwas von der Erfrischung abbekomme. Jedenfalls waren diese Hindernisse kein Problem für die Ponystute, was aber auch nicht verwunderlich war. Wir hatten diesen Parcours ja schon oft durchritten, da es der einzige auf Pineforest Stable war und die Hindernisse nur bedingt verschiebbar waren. Ich beschloss, spontan in den Wald zu reiten und dort nach ein paar neuen Herausforderungen für Dream zu suchen. Das würde ihr bestimmt auch mehr Spass machen als immer dieselben Hindernisse zu überspringen. Ich ritt also in Richtung Pinienwald und verliess den Sandweg in nach Westen hin. Schon nach wenigen Minuten fand ich einen massiven, umgestürzten Ast, der schräg an einen anderen Baum gelehnt war. Ich ritt prüfend rundherum und holte dann etwas Anlauf. Dream spitzte die Ohren und war zunächst etwas unsicher, ob ich das wirklich ernst meinte. Doch als ich etwas Druck mit den Beinen machte, hüpfte sie willig über den Ast. Im vorsichtigen Galopp ging’s weiter zwischen den Bäumen hindurch, doch schon nach wenigen Metern musste ich wieder bremsen, da die Bäume hier enger beieinander standen. Zum Glück war der Pinienwald abgesehen von ein paar frisch umgestürzten Bäumen frei von Unterholz, da die Parkwächter immer wieder aufräumten. So hatten wir keine Mühe, uns durchzuschlängeln. Ich fand noch ein paar kleinere Abhänge und ein hübsches kleines Bachbett, sodass wir das Klettern und runterrutschen etwas üben konnten. Dream bekam mit der Zeit richtig Freude an den abwechslungsreichen Situationen und ich musste aufpassen, dass sie nicht zu unvorsichtig wurde. Zuletzt übersprangen wir am Ende des Pinienwaldes, wo bereits der anschliessende Wald aus Tannen begann, ein weiteres hervorragendes Hindernis. Es war eine umgestürzte Tanne, deren Äste eine Lücke bildeten, durch die wir springen konnten. Auch hier zögerte Dream etwas, doch mit meiner Überzeugungskraft flogen wir schliesslich höher als nötig über den harzigen Stamm. Danach machte ich mich auf den Heimweg.

      Zuhause schmierte ich zu Sicherheit eine wohltuende Salbe auf die strapazierten Sehnen und versorgte Dream mit frischem Heu. Gerade als ich fertig wurde, kam Ajith, fröhlich pfeifend wie immer, vom Hauptstall herüber. Er tätschelte Dream und fragte mit seinem Indischen Akzent: „And how did she perform?“ „She was very well“, antwortete ich grinsend und wartete auf das, was er mir eigentlich erzählen wollte. Ich war gut im zwischen-den-Zeilen-Lesen. „I wanted to ask if I could possibly leave at five o’clock today“, murmelte er verlegen, als er meinem auffordernden Blick begegnete. „Sure. I think there’s not much left to do today anyway. But… Do you have a date or what? You never leave without extraordinary reason », stichelte ich schelmisch. « Actually… yes. She’s from Ireland, but she works in Liverpool for one year.“ „Oi, I knew it! And how did you meet her then?“, hakte ich neugierig weiter. „I met her the first time this weekend at the Green Turf. Wait, maybe you’ve seen her aswell…“ Er zeigte mir ein Selfie mit einer hübschen Rothaarigen auf seinem Handy. Sie erinnerte mich augenblicklich an Quinn. Er steht wohl auf diesen Typ Frau, dachte ich im Stillen schmunzelnd. Ich wünschte ihm viel Erfolg und er lief emsig zurück an die Arbeit, umso motivierter als zuvor. Eigentlich ist es schade. Die beiden würden gut zusammenpassen, aber irgendwie laufen sie immer aneinander vorbei… Vielleicht will es einfach das Schicksal, dass sie nicht mehr als gute Freunde sind. Dafür sind sie das allemal, so viel wie sie zusammensitzen. Ich schob die Gedanken an Ajith und Quinn beiseite und machte mich auf den Weg zu Pointless. Warum denn das? Ganz einfach: Vor ein paar Monaten (um genau zu sein vor etwas mehr als sechs) hatte ich sie mit meinem Liebling A Winter's Day verpaart. Die Stute hatte ja im Winter eine besonders schlimme Phase gehabt, wodurch Oliver und ich seither die einzigen gewesen waren, die sie trainiert hatten. Wir waren uns beide einig gewesen, dass eine Pause der jungen Stute guttun würde und sie vielleicht durch ihre Aufgabe als Mutter sogar ruhiger werden würde. Zudem erhoffte ich mir, dass sie sich, sobald das Fohlen abgesetzt war, im Training etwas reifer und erwachsener verhalten würde.
      Ich blieb also vor der Box von Pointless stehen und streichelte sie durch die Gitterstäbe. Sie kam mir im Moment so lieb und harmlos vor, doch sie war noch immer schwierig im Umgang. „In der Box ein Engel, draussen ein Bengel“, pflegte ich zu sagen. Sie durfte heute zusammen mit Ronja auf die Weide. Die Achal Tekkiner Stute und Gianna, das Cremello-Criollo-Tier, erwarteten mittlerweile ebenfalls Nachwuchs. Allerdings erst etwas später. Ich zog die Handschuhe an, die in einem kleinen Sack an der Box hingen, und öffnete die Tür um die Führkette einzuhängen. Pointless hielt ausnahmsweise still. Kurz darauf konnte ich sie aus dem Hauptstall zu den Weiden führen. Ich brachte die Stute auf die grosse Weide unter der Stutenweide, da diese als einzige noch frei war. Dann holte ich Ronja aus dem Nebenstall und liess sie ebenfalls laufen. Die beiden beschnüffelten sich kurz, denn Pointless hatte schon wieder am Zaun gewartet. Dann quietschte Ronja, machte einen Freudenbuckler und trabte mit stolz erhobenem Kopf zum Zaun der an die Stutenweide angrenzte. Dort warteten bereits Moon, Gianna und Shadow, um die seltsam gescheckte Genossin zu begrüssen. Sie grasten nach einer Weile Kopf an Kopf, während Pointless auf der anderen Seite der Weide ihr eigenes Grasfleckchen bearbeitete. Einmal mehr hatte ich das Gefühl, dass in der Sozialisierungsphase der Stute etwas schief gelaufen war. Allgemein musste ihre Fohlenzeit sehr unvorteilhaft abgelaufen sein, nur so konnte ich mir das Verhalten der stürmischen und beinahe gefährliche Jungstute erklären. Selbst in dem knappen Jahr, dass sie auf der Fohlenweide von Pineforest Stable verbracht hatte, war sie nie wirklich abhängig von irgendwem gewesen und hatte immer ihren eigenen Kopf gehabt. Ich nahm mir vor, endlich Nachforschungen über ihre Herkunft zu treiben. Und eines war sicher – ich würde nicht zulassen, dass ihr Fohlen denselben Charakter entwickelte. Doch für heute hatte ich noch genug anderes zu tun, schliesslich wartete ein ganzer Hof voller Pferde und Pfleger auf mich.
      1 Okt. 2015

      Occulta
      Schwarz wie die Nacht

      Parányi!“, rief ich meine lackschwarze Jungstute. Sie stand weit weg auf der anderen Seite der Weide und glotzte mich nur verständnislos an. Ich wollte sie heute das erste Mal in ihrem Leben reiten, aber dazu musste ich sie zuerst zu fassen bekommen. Sie konnte manchmal richtig stur sein, das hatte ich in den Wochen seit ich sie gekauft hatte schon gemerkt. Begleitet wurde ich, als ich auf sie zu lief, von den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Es herrschte eine seltsame Stimmung am Himmel. Alles leuchtete kitschig rosa und orange, doch im Vordergrund bauschten sich dunkle Wolken auf. Ausserdem war es bitterkalt geworden, aber das war mir schon den ganzen Tag aufgefallen. Ob es wohl schneien wird? Mir gefiel das rötliche Licht, in welches die Tannen und Wiesen getaucht wurden. Es schien ebenso melancholisch und nachdenklich, wie ich mich den ganzen Morgen gefühlt hatte, sei mich die schreckliche Nachricht von Sarahs Tod erreicht hatte. Sie war mitsamt ihrer Familie bei einem Unfall mit Gas ums Leben gekommen. Ich konnte es noch immer kaum glauben, denn ich hatte oft mit ihr zu tun gehabt und sie war eine hervorragende Trainerin gewesen. Es war ein Verlust, den alle auf Pineforest Stable zutiefst bedauerten. Daher waren selbst die Pfleger schon den ganzen Tag schweigsam gewesen, sogar Ajith hatte ausnahmsweise auf sein fröhliches Summen und Pfeifen verzichtet. Die Pferde waren den ganzen Tag besonders brav gewesen, als spürten sie, dass etwas uns bedrückte. Nur Parányi wollte nicht mitspielen. Sie blieb lieber bei ihren Kollegen auf der Weide, anstatt artig angetrottet zu kommen. Ich überlegte einen Moment, gleich alle Stuten reinzuholen, denn sonst würde ich wohl ein riesen Theater mit dem Jungspund haben. Ausserdem waren sie seit dem Mittag draussen gewesen. Ich entschied mich und trommelte ein paar Pfleger zusammen. Wir hatten, nun da alles fertig umgebaut war, damit angefangen, die Pferde selber zu den Boxen laufen zu lassen. So sparte man viel Zeit. Dazu mussten wir lediglich sämtliche Fluchtmöglichkeiten auf dem Weg mit Elektroband schliessen und die Boxentüren öffnen. Wir hatten vor einer Weile bei allen Durchgängen Bänder abgemessen und befestigt, sodass wir sie jeweils nur noch umhängen mussten. Genau das taten wir jetzt, und danach wurde das erste Weidetor geöffnet. Die Stuten bemerkten unser Pfeifen und begannen, sich trabend auf uns zu zubewegen. Sie wussten genau, dass in den Boxen das Kraftfutter auf sie wartete, wie immer nach dem abendlichen Weidegang. Nacheinander flitzten Sweets, Halluzination, Lady Liquor, Islah, Dream, Bluebell, Ronja, Parányi und zuletzt Satine durch das offene Tor. Sie überquerten die Galoppbahn und kamen erst vor dem Nebenstall zum Halt, wo bereits Lisa und Jonas bereit standen, um sie in die richtigen Boxen zu lotsen. Als alle drin waren, pfiffen die beiden Pfleger und wir öffneten das Tor der zweiten, oberen Weide. Hier standen die Vollblutstuten schon am Zaun und scharrten zum Teil ungeduldig. Sie hatten beobachtet, wie die anderen reingerannt waren und warteten nun selbst darauf. Auch hier öffneten wir, als alles bereit war. Sumerian, Paint, Caprice, Campina, Kierka, Gray, Blüte, Cassy, Shio, Pointless und Indiana nahmen es lustigerweise dann doch etwas gemütlicher als die anderen Stuten. Vielleicht lag es daran, dass sie auch sonst immer genug Gelegenheit zum Rennen hatten. Sie trabten vom Hauptstall und wurden von den Pflegern in Empfang genommen, die sie an den Weidehalftern zu den Boxen führten. Nur Pointless entwischte und machte einen Abstecher zum Hengsttrakt. Die Jungs sahen ihr natürlich prompt interessiert durch die Gitterstäbe nach und versuchten, sie näher zu locken. Doch Point legte nur die Ohren platt und lief zielstrebig innenherum zum Stutentrakt. „Dass du immer eine Ehrenrunde brauchst!“, schimpfte ich kopfschüttelnd und scheuchte sie in ihre Box. Die Jungs waren übrigens am frühen Morgen auf der Weide gewesen, da wir sie immer getrennt von den Stuten raus liessen. Zufrieden schob ich die letzte Tür zu und begab mich zu Parányis Box im Nebenstall. Sie hatte noch nicht ganz fertig gefressen, also nutzte ich die Gelegenheit, um noch rasch die Putzsachen und den Sattel vorzubereiten. Danach bürstete und sattelte ich sie. Beim Zäumen wollte sie den Mund nicht so recht öffnen, also schob ich ihr den Daumen seitlich in den Mund, sodass sie diesen Öffnete. Als ich die kurzen, eher spärlichen Schopfhaare entwirrt und alle Riemen geschlossen hatte, führte ich sie zum Sandviereck. Ich hatte sie bisher schon einige Male mit Sattel und Zaum longiert, aber aufgestiegen war ich noch nie. Auch heute longierte ich sie zuerst etwas, worüber ich im Nachhinein froh war. Denn so musste ich die Freudenbuckler die folgten nicht im Sattel miterleben und konnte einschätzen, wie fit sie war. Schliesslich hängte ich die Longe aus und führte die Stute zur Aufstiegshilfe. Eigentlich wäre ich auch ohne hochgekommen, aber ich wollte es dem jungen Pferd am Anfang so etwas erleichtern. Zunächst liess ich sie neben dem Treppchen stillstehen. Dann lehnte ich mich vorsichtig über den Sattel und kraulte sie gleichzeitig am Hals. Sie war konzentriert, aber ruhig. Also machte ich weiter, bis ich das Bein auf die andere Seite nehmen konnte. Allerdings blieb ich immer noch stehen mit ihr – so jedenfalls geplant. Denn kaum sass ich ganz drauf, lief Parányi im Schritt los. Ich wollte sie mit der Stimme beruhigen und bremsen, aber sie lief zielgerichtet zu den Büschen, die das Viereck säumten. Dort hielt sie dann doch; nämlich um zu fressen. Ich liess mich aus dem Sattel gleiten und führte sie zurück zur Treppe, um das ganze Spiel zu wiederholen. Diesmal steuerte ich sie (so gut es ging). Plötzlich spürte ich eine Schneeflocke auf meiner Nase. Es war mittlerweile wirklich beinahe dunkel und nur ein letztes, rotes Glimmen hinter den Bäumen erinnerte an den vergangenen Tag. Feine Schneeflocken tanzten aus der dunklen Wolkendecke und liessen beinahe Weihnachtliche Stimmung aufkommen. Ich lächelte glücklich und genoss die kalten Kristalle auf meinem Gesicht. Parányi und kurvten unterdessen ein wenig auf dem Platz herum. Sie hatte noch nicht das Gleichgewicht, um gerade Lilien zu laufen, also kam ich mir vor wie jemand der besoffen reitet. Auch Jonas grinste schelmisch, als er mit der Schubkarre vorbeikam. „Du musst gar nicht so schauen, es ist ein junges Pferd!“, entgegnete ich. „‘türlich, ich kenne dich doch, Boss“, bekam ich als Antwort, während er seinen Weg fortsetzte. Ich schüttelte lachend den Kopf und stieg ab. Parányi hatte genug für heute und ich wollte ihre Konzentrationsfähigkeit nicht überspannen.

      Ich versorgte die mit der Dunkelheit verschmelzende Stute und liess Jacky, Sheela und Zira wieder aus dem Haus. Ich sperrte sie jeweils ein, wenn ich sie aus dem Weg haben wollte. Es schneite nun schon ein Bisschen stärker, vor allem waren es grössere Flocken als zuvor. Lily, wo steckst du wieder? Fragte ich mich selbst, während ich zu den Offenställen lief, stets begleitet von meinem kleinen Rudel. Tatsächlich sass sie dort bei den Miniature Horses im Gras und bürstete Tiki. Na toll, ihre Hosen sehen bestimmt wieder schön eingesaut aus, stellte ich fest, denn der Boden war herbstlich feucht. „Siehst du überhaupt noch etwas?“, rief ich ihr von weitem fragend zu. Sie erklärte mir, als ich nahe genug war, dass Tiki so langes ‚Flauschefell‘ hatte und sich damit immer wälzen täte. „Hast du eine Idee, was man dagegen tun könnte?“, fragte ich sie. „Nö, ich hab’s auch schon mit dem Kuhstriegel versucht, aber bei den kleinen Beinchen trau ich mich nicht.“ „Komm, bring Tiki mit – ich bring dir was neues bei.“, meinte ich verschwörerisch und führte die beiden (selbstverständlich mitsamt Queeny und Kiwi und den Hunden) in den Innenhof des Hauptstalls, wo es zum Glück taghelle Lampen hatte. Dann holte ich eine der Akku-Schermaschinen aus der Sattelkammer und zeigte Lily an der ersten Körperhälfte von Tiki, wie sie vorgehen musste. Die halbstarke Stute blieb geduldig stehen; sie kopierte ihre Ziehmuttter, die komplett relaxt an dem dünnen Grasstreifen zwischen Kiesplatz und Karussell knabberte. Als ich zum Bauch kam, wurde sie dann doch etwas zappelig. „Das ist normal, weil das lose Fell sie kitzelt“, erklärte ich. Nun legte meine keine Schülerin selber Hand an. Sie machte es ganz gut für das erste Mal. Natürlich musste ich am Schluss noch ein paar Streifen ausgleichen, aber viel hatte ich nicht zu bemängeln. Ich lobte beide, Schülerin und Testobjekt, und wir brachten die Truppe gleich zurück zum Offenstall, doch nicht, ohne Tiki eine Fohlendecke („Ohhhh süss, die ist ja so gross wie ne Hundedecke!“) anzulegen, damit sie nicht kalt hatte. Die Hengstchen nebenan bewiesen, dass man Minis durchaus als Pferde, und nicht als Spielzeug betrachten sollte: Arco und Caress drehten buckelnd ein paar Showrunden, als wir Queeny zurückbrachten. Auch der kleine Caillean mischte kräftig mit.

      Ich wurde von den Worten „Occu, wann kommt das Zebra?“ aus meinen Gedanken gerissen. „Öhh, um… Warte, jetzt!“, stellte ich fest, als das Mädchen in Richtung eines sich dem Parkplatz nähernden Transporters zeigte. Zum Glück hatte ich am Morgen schon eine Box vorbereitet, denn ich hatte damit gerechnet, dass das seltsame Tier irgendwann im Verlaufe des Tages ankommen würde. Lily stürmte mit den begeisterten Hunden voraus und ich liess mich zugegebenermassen auch zu einem Joggen verleiten. Ich gab es nicht gern zu, aber war unheimlich gespannt, was mich mit dem Exoten erwartete. Gesehen hatte ich die Zebrastute schon einmal, denn ich hatte sie aus der Gruppe des Zoos aussuchen dürfen. Sie stamme nicht etwa aus der Wildnis, sondern aus einer Zucht in Afrika und war Pferde gewöhnt; Ausserdem total handzahm – einer der Gründe, warum ich sie schlussendlich doch genommen hatte. Die Klappe wurde bereits geöffnet und ich entdeckte einen gestreiften Po im Inneren des Transporters. Dann drehte sie mir den Kopf zu und ich war augenblicklich verliebt in die grossen, runden Ohren, die sich mir zuwandten. Mit einem Mal war ich aufgeregt und froh, solch einen aussergewöhnlichen Equiden zu besitzen. ‚Thairu‘ trug ein breites Lederhalfter, an dessen Seite ein kleines Metallplättchen mit ihrem Namen glitzerte. „Ein Abschiedsgeschenk ihrer Fans“, murmelte die Zoowärterin und lächelte beim Anblick des kleinen Mädchens, das ehrfürchtig starrte. „Sie war nicht lange bei uns, aber hatte schon eine grosse Fangemeinschaft, weil sie so zahm ist.“ Ich nickte beeindruckt und löste dann den Strick, mit dem das Zebra angebunden war. Sie lief vorbildlich aus dem Transporter und wirkte auch nicht sonderlich aufgeregt. Das überraschte mich, denn ich hatte mir sogar schon die Handschuhe aus meiner Jackentasche angezogen, weil ich das Schlimmste befürchtet hatte. Mit ihren grossen Ohren scannte sie die Umgebung nach potentiellen Gefahren, aber offenbar schien nichts da zu sein, was sie beunruhigen konnte. Ich bedankte mich bei der Wärterin und unterzeichnete ein paar letzte Formulare, dann standen Lily und ich alleine mit dem Zebra da. „And now?“, fragte ich Lily herausfordernd, und streichelte dabei die schwarze Schnauze von Thairu. Das Zebra zuckte etwas mit dem Kopf, liess sich die Berührung dann aber gefallen. „Du wolltest sie doch zu Dante stellen, nicht wahr?“, meinte Lily, und bettelte im nächsten Atemzug „Darf ich? Biiiite!“ Ich vertröstete sie auf ein andermal, da ich immer noch nicht sicher war, wie brav das Vieh sich benahm. Dann setzten wir uns in Bewegung. Das gestreifte Tier liess sich nicht ganz so wunderbar führen, wie ich es nach der Glanzleistung beim Transporter erwartet hatte. Sie drängelte hin und wieder, oder versuchte, mich an den Rand zum Gras zu ziehen. Ich setzte mich aber durch und schaffte es bis zu dem hübschen, mittlerweile zumindest temporär Wallach gewordenen Eselherrn. Die Tierärztin hatte mir auf mein Zögern bezüglich der anstehenden Kastration hin angeboten, ihn nur chemisch kastrieren zu lassen. So konnte ich mir immernoch alle Optionen offenhalten. Ich hatte natürlich eifrig zugestimmt, sodass er nun seit etwa einer Woche Wallach war. Seinen hengstigen Charakter hatte er aber vorerst noch behalten, dies würde sich erst in ein paar Wochen auch legen. Er rief dem Zebra schon von weitem mit seiner Schrillen Stimme und schnüffelte ganz genau an Thairu, als wir sie über den Zaun die Köpfe zusammenstecken liessen. Thairu schien nicht abgeneigt gegenüber ihrem zukünftigen Gefährten. Dante schien noch nicht so recht zu wissen, was er von dem Gestreiften Tier halten solle. Lily öffnete vorsichtig das Tor zur Weide und ich brachte das Zebra hinein. Die beiden beschnupperten sich sofort wieder. Dante trieb Thairu ein wenig im Kreis herum, bis es ihr zu doof wurde und sie den Kopf zum Fressen senkte. Dann war Friede im Paradies eingekehrt, so schien es jedenfalls. Als ich später am Abend nochmal vorbeischaute, standen die beiden dösend nebeneinander und Thairu hob den Kopf, als sie mich entdeckte. „Gute Nacht mein Mädchen, alles okay“, murmelte ich beschwichtigend und liess die beiden in Ruhe. Doch ganz war der Tag für mich noch nicht vorbei. „Na mein Süsser“, murmelte ich, als ich zu Pilot’s Box im Nordstall kam. Ich erinnerte mich noch gut an den Tag, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Er war damals als sensibler, aber begabter Junghengst ausgeschrieben gewesen. Trotzdem war er noch ziemlich untrainiert und eher gestresst gewesen, als ich ihn schliesslich anschauen ging. Doch ich hatte das Potential des Hengstes gesehen und beschlossen, ihm eine Chance zu geben. Mittlerweile war er in der Höchsten Spring-Liga erfolgreich unterwegs und zeigte mir jeden Tag von neuem, dass ich damals richtig ausgewählt hatte. Niemals könnte ich ihn verkaufen, denn er war ein fester Bestandteil von Pineforest Stable. Und wer könnte diesen intelligenten, dunklen Augen schon wiederstehen? Pilot blickte mir manchmal fast schon etwas schelmisch entgegen, als hätte er wieder etwas geplant. Dabei war der Hengst in den richtigen Händen ein richtiges Lamm, das nach Zuneigung hungerte. Deshalb senkte er auch den Kopf, als ich ihn an den Ohren kraulte, schmiegte sich mit der Stirn an mich und döste fast ein. Ich fuhr nach einer Weile, so leid es mir tat, mit dem Bürsten des gescheckten Stoppelfells fort und kämmte auch den Schweif vorsichtig durch. Dann kratzte ich die Hufe aus und holte das Sattelzeug. Ich hatte vor, einen gemütlichen Ritt am Fluss entlang zu machen, was ich auch umsetze. Es war zugegebenermassen ab und zu etwas unheimlich alleine durch die neblige Dunkelheit zu reiten, doch irgendwie war es auch seltsam beruhigend. Pilot war zügig unterwegs, verhielt sich aber wie ein Musterschüler und scheute auch nicht stark, als vor uns ein Reh aus dem Gebüsch sprang. Wieder zuhause angekommen, gab ich Pilot seine verdiente Portion Karotten und einen Apfel, den er genüsslich zu Brei verarbeitete.
      8 Dez. 2015

      Occulta
      Geschäftiger Dienstag

      Der Wecker klingelte, und ich schaltete ihn murrend aus, doch drehte mich danach nochmal um. Fünf Minuten, nur fünf Minuten… Wenn Lily mich nicht geweckt hätte, wäre ich wohl eine ganze Stunde zu spät aufgestanden. Zum Glück kam sie aber wie jeden Morgen polternd mit den Hunden durch die Tür gestürmt. Ich zog mich an und machte uns und den Hunden Frühstück. Als ich die Haustür öffnete, war es zwar noch immer dunkel, aber immerhin sah man die Sterne – es war kein Wölkchen zu sehen. Zira hüpfte fröhlich raus und verschwand in den Büschen hinter dem Haus, um ein paar schlafende Spatzen aufzuscheuchen. Sheela und Jacky blieben neben mir stehen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich streichelte die beiden und nahm sie mit zum Hauptstall. Lily ging zu Dream und Skydive, das tat sie jeden Morgen zuallererst. Ich hingegen sah bei meinem Liebling Winter vorbei, der ja in der Box gleich neben dem Eingang stand. Er war kein bisschen verschlafen, sondern wirkte voller Elan, hungrig und motiviert, sein morgendliches Galopptraining zu absolvieren. Ich kraulte ihn durch die Gitterstäbe, musste dann aber weiter zu Cool Cat, den ich diesen Monat auf der Liste hatte. Ich war noch immer nicht ganz überzeugt von dem Hengst und hatte die Zuteilung dementsprechend missmutig gemacht, aber ich konnte mich nicht immer davor drücken, ihn zu reiten. Tatsächlich war dies das erste Mal, dass ich persönlich mit ihm arbeitete, seit ich ihn vor ein paar Monaten gekauft hatte. Ich schlurfte also zur Sattelkammer und holte seine Putzsachen, den Sattel und das Zaumzeug schon mal zur Box. Dann holte ich den Hengst raus und band ihn zum Putzen an. Ich begann damit, den schwarzen Hals zu striegeln. Der Hengst hatte schön definierte Muskellinien – die Jockeys hatten bisher gut mit ihm gearbeitet. Sein Fell war weich und seidig, auch an den Stellen, an denen er nicht geschoren worden war. Seine wilde, lange Mähne machte es nicht gerade leicht, den Hals zu bearbeiten. Ich warf sie deshalb auf die andere Seite, doch er schüttelte sich kurze Zeit später und verteilte das rabenschwarze Haar wieder auf beide Halsseiten. „Thanks a lot“, murmelte ich grimmig. Beim Bauch wollte er einfach nicht stillstehen, offenbar war er kitzlig. Ausserdem begann er zu scharren, als ich nicht aufhörte. Ich ignorierte es und entfernte stur jedes kleinste Erdspritzerchen, das noch vom gestrigen Weidegang zu finden war. Mittlerweile herrschte geschäftiges Trieben im Hauptstall. Die Pfleger waren nun alle am Vorbereiten der restlichen Vollblüter für die erste Gruppe und ich war schon etwas hintendrein. Ich beeilte mich deshalb etwas mehr und kratzte nach dem Bürsten direkt die Hufe aus, ehe ich den Sattel auflegte. Als ich schliesslich fertig gesattelt und gezäumt hatte, kämmte ich das widerspenstige Langhaar dann doch noch rasch ein paar Mal durch. Einmal mehr überlegte ich, einfach die Schere zu holen und die Lange Mähne zu kürzen. Doch Rosie hätte mich wohl lebendig begraben, denn sie vergötterte die eher an ein Wildpferd erinnernde Frisur. Ich ignorierte gekonnt ein paar der Knoten im Schweif und schmiss die Bürste zurück in die Kiste. Dann führte ich Cool Cat nach draussen und stieg mit Hilfe von Ajith auf. Es musste alles schnell gehen, denn die jungen Athleten waren ungeduldig und wollten kaum stillhalten. Wir verschwendeten keine Energie damit, sie zum Warten zu erziehen, sondern ritten direkt in einer Reihe zur Bahn. In diesem Alter bestanden wir, anders als bei den Warmblütern, noch nicht auf jede Kleinigkeit im täglichen Umgang, sondern handelten vor allem praktisch; einerseits, um Zeit zu sparen, und andererseits um die Geduld der jungen Pferde nicht unnötig zu strapazieren. Sie sollten sich in erster Linie auf das Rennen konzentrieren, alles andere lernten sie nebenbei. Heute trainierten wir die Zwei- und Dreijährigen mit Startmaschine, doch zunächst mussten alle Pferde warm geritten werden. Danach stellten wir uns hinter den mobilen Startboxen auf und wurden einer nach dem anderen von Oliver und Ajith hineingeführt. Ganz aussen waren Quinn und Dublin, dann folgten Rita und Caligari, Rosie und Ciela, April und Alysheba, Lily und Sumerian, Charly mit Frame und Thomas mit Kaythara. Auch hinter mir und Cool Cat wurden die Tore geschlossen. Der Hengst war ein wenig nervös und ich machte mich bereit, auf ein allfälliges Steigen zu reagieren. Doch er blieb am Boden und trampelte nur ein wenig auf der Stelle. Ich kraulte ihn am Widerrist, nahm meine Schutzbrille runter und fasste die Mähne, bereit für den Start. Dann klirrte die Glocke und die Türen flogen auf. Sofort schossen alle Pferde raus und das Feld formte sich. Ein Blick über die Schulter sagte mir, dass alle sauber weggekommen waren. Zufrieden richtete ich mich wieder nach vorne und fasste die Zügel ein wenig nach. Ich hatte vorhin beim Aufwärmen bereits die Steuerung von Cool Cat ausprobiert und ihn ausreichend kennengelernt, sodass ich ihn nun optimal lenken konnte. Der Rappe machte geschmeidige, raumgreifende Bewegungen und gewann immer mehr Boden. So weit, so gut, dachte ich anerkennend. Aber die Konkurrenz war hart; besonders die anderen Dreijährigen Caligari und Sumerian lagen noch voraus und hielten ein hohes Grundtempo. Im hinteren Teil des Feldes hingegen, hatte Charly sichtlich Mühe mit Frame klarzukommen. Der Schecke blieb nicht auf seiner Spur und schwankte, weil er den Kopf nicht ruhig hielt. Schliesslich musste Charly enttäuscht abbrechen. Ich hatte diesen Ausgang schon vermutet, ohne pessimistisch sein zu wollen, aber Frame lief bei keinem der Pfleger so gut wie bei mir. Er vertraute ihnen einfach nicht genug. Dublin war direkt hinter mir und Cool Cat, Ciela lag etwas weiter zurück und Alysheba war direkt neben ihr. Kaythara war ganz aussen ein wenig vor uns, sodass ich sie gut beobachten konnte. Auf den letzten 300 Metern trennte sich das Feld deutlich auf. Die Zweijährigen blieben zurück, während die Dreijährigen nochmal alles gaben und auf ihre Höchstgeschwindigkeit kamen. Auch Cool Cat zog an. Wir arbeiteten uns an Caligari vorbei, deren Kondition bereits bröckelte und schlossen zu Sumerian auf, die wie ein Motor beständig voransprang. Kurz vor dem Ziel hatten wir die Stute beinahe geschlagen, doch dann feuerte Lily sie nochmal an und konnte so eine ganze Kopflänge Vorsprung ergattern. Trotzdem war ich beeindruckt vom Vermögen Cool Cats und legte die letzten Zweifel an seinem Potential beiseite. Er hatte sich souverän bis ins Ziel dirigieren lassen und bis zum Schluss gekämpft, wie es sein soll. Ich streichelte stolz seinen Hals und liess ihn austraben. Von den Zweijährigen hatte diesmal wieder Kaythara die Nase vorn gehabt, was niemanden sonderlich überraschte. Die Stute hatte ausgezeichnetes Blut und schon jetzt viel Ausdauer.
      Wenig später brachten wir die Vollblüter zum Absatteln, während Ajith und Oliver bereits die zweite Gruppe bereit machten. Die Jockeys von vorhin ritten auch in dieser Runde alle wieder mit, nur ich nicht, also übernahmen Ajith und ich alle Pferde der ersten Gruppe zum Versorgen. Ich nahm Alyshebas Sattel vom Rücken des Hengstes und legte ihn auf Flys. So tauschten wir einer nach dem anderen alle Sättel. Ein Vorteil an den kleinen Rennsätteln war, dass sie praktisch auf jedes Pferd passten, also brauchten wir nicht für jeden ein eigenes Modell. Als Fly, Sympathy, Light, Caspian, Spot, Winter, Campina und Gray allesamt gesattelt waren, übernahmen die Jockeys sie der Liste entsprechend und ich wünschte allen viel Spass. Ich warf, zurück in der Stallgasse, die Abschwitzdecke über Frames Rücken und brachte den Hengst nach dem Hufeauskratzen in seine Box. Dasselbe taten Ajith und ich mit den anderen. Als Belohnung bekamen die Pferde immer nach dem Reiten ein paar Karotten oder einen Apfel.
      Während die zweite Gruppe am Trainieren war, misteten Ajith und ich schonmal die meisten Boxen. Danach half ich beim Versorgen der Pferde aus der zweiten und beim Satteln jener aus der dritten Gruppe. Es handelte sich um die letzte Gruppe für heute, mit Iskierka, Sunday, Stromer, Empire, Chiccory, Cantastor und Muskat. Die tragenden Stuten brachten wir gleich anschliessend auf die Weide, damit wir auch deren Boxen noch misten konnten, wobei uns diesmal Thomas und April noch halfen. April hängte die Zaunbänder um, damit der Weg zu den grossen Weiden seitlich begrenzt war. Als sie rief, öffnete ich die Boxen von Paint, Indiana und Caprice. Alle drei trabten die Stallgasse entlang raus auf den Schotterweg. Auch Pointless und Cassy drehten schon ungeduldig in der Box. Nur Blütenzauber schien irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass sie raus durfte. Sie durchwühlte weiterhin ihr Stroh nach letzten Heuhalmen, bis ich schliesslich schwungvoll die Tür aufschob und die Schwarzbraune rausschickte. Dann trabte auch sie den anderen hinterher. Wir verbrachten den restlichen Morgen mit Misten, Aufräumen und Füttern. Am Nachmittag waren dann die Pferde dran, um die sich die Neben-, Nord- und Offenstallpfleger noch nicht gekümmert hatten.
      8 März 2016
    • Occulta
      Occulta
      Viele viele bunte…

      „Occu, Blütenzauber bekommt ihr Fohlen!“, rief Lisa mir vom Hauptstall entgegen. Ich hastete dorthin um nach dem Rechten zu sehen. Im selben Moment rief Lily hysterisch vom Nebenstall: „Ich glaube Skydive hat gehustet, Tante Occu! Komm schau ob er krank ist!“ So ging das nun schon seit Wochen; ein Fohlen nach dem anderen kam zur Welt. Naja, eigentlich war ja auch absichtlich geplant gewesen, dass die Fohlen fast alle März kommen sollten. Ich rollte die Augen und drehte um. Ich wusste schliesslich genau, dass mir meine kleine Nichte keine Ruhe lassen würde, bis ich mich um ‚ihr‘ Fohlen kümmerte. Wie erwartet hatte sich Skydive aber nur beim Trinken verschluckt, sonst fehlte ihm absolut nichts. Das Hengstchen war kräftig und verspielt, und manchmal überlegte ich skeptisch, ob er nicht schon fast etwas zu moppelig war. Als Lily mich endlich gehen liess, lag Blütenzaubers Fohlen schon als feuchtes Bündel neben ihr im frischen Stroh. Ich betrachtete die beiden liebevoll und versuchte zu erkennen, welches Geschlecht das Tierchen hatte. „Eine Stute!“ Über einen Namen würde ich mir später Gedanken machen. Das Fohlen war das erste von Spot und dementsprechend neugierig war ich auf seine Qualitäten. Ich sah ein paar Boxen weiter nach Caprice und ihrem wolligen braunen Hengstchen, das Gestern in der Frühe geboren worden war. Die Fuchsstute war entspannt und kümmerte sich liebevoll um ihr Erstgeborenes. Sogar noch besser war es vor zwei Wochen mit Pointless gelaufen. Das gepunktete Monster hatte uns alle überrascht und sich als hervorragende Mutter entpuppt. Ausserdem war ihr Fohlen eine unglaublich hübsche, dominant weisse Stute mit ganz feinen, braunen Fleckchen auf dem ganzen Körper. An der Schnauze und um die Augen hatte sie ebenfalls dunkle Flächen, die aufgrund des dort feineren, weissen Fells noch etwas deutlicher zu sehen waren. Auch sie hatte noch keinen Namen, aber ich spielte mit der Idee ‚A Winter’s Tale‘. Ausserdem hatte ich bereits beschlossen, sie definitiv zu behalten, denn ich war neugierig, wie sie sich entwickeln würde. Ich wusste noch nicht genau, welche Fohlen dieses Jahrgangs wir sonst noch zur Ausbildung hier behalten würden; das wollte ich in den kommenden Tagen zusammen mit Oliver bestimmen. Ausser den drei bereits erwähnten Babys hatten noch ein Welsh von Noir, ein Mini von Alu und ein Criollo Fohlen von Gini das Licht der Welt erblickt. Ja, nun war der Frühling definitiv gekommen. Ich freute mich schon auf die letzten Geburten, die noch bevorstanden. Bei Indiana und Islah konnte es jetzt auch jeden Tag so weit sein. Doch nicht nur solch junge Neuankömmlinge hatten wir in letzter Zeit begrüssen dürfen; auch sonst hatte sich viel verändert. Zum Beispiel stand nun in Box Nummer 14 der wunderschöne Fajir El Assuad, ein knapp sechsjähriger Halbbruder von Kaythara. Ich erhoffte mir, ihn später erfolgreich als Zuchthengst einsetzen zu können, denn seine Abstammung war ausgezeichnet. Der einzige Haken daran war, dass er sozusagen keine Rennleistung hatte. Er war früh aus den Rennen zurückgezogen und stattdessen in Dressur oder Springreiten trainiert worden, sodass ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, wie gut seine Nachkommen auf der Bahn sein würden. Vom Körperbau her schien er aber alle Voraussetzungen für einen guten Galopper zu erfüllen. Ausser Fajir waren noch Shattered Glass, eine Paint Horse Stute, und Dante, ein Holsteinerhengst übergangsweise hier. Ich hatte die Beiden von einem Rettungshof übernommen und bereits neue Besitzer gefunden, doch solange der Papierkrieg um die Ausfuhr noch andauerte, blieben sie hier. Auch Álaedis hatte den Weg zurück nach Pineforest Stable gefunden: ich hatte die Stute zurückgekauft, weil sie vernachlässigt worden war. Nun überlegte ich, ob ich sie vielleicht als zukünftige Zuchtstute behalten wollte, doch es hatten sich auch für sie schon wieder Interessenten gemeldet, also würde ich sie wohl weiterziehen lassen. Der letzte Neuling, der heute ankommen sollte, war ein prächtiger Andalusierhengst, den ich im Frühsommer zusammen mit den meisten Fohlen dieses Jahrgangs versteigern wollte. Ich hatte ihn ebenfalls von einem Schutzhof freigekauft und wollte ihn nun aufpäppeln. Er war laut den Tierschützern in Spanien bereits Gekört worden und hörte auf den Namen Negresco. Seine Ankunft war für fünf Uhr geplant, also hatte ich noch etwas Zeit, mich um die Minis zu kümmern.
      Es war drei Uhr, die Sonne schien und die Vögel wollten gar nicht mehr ihren Schnabel halten. Ich schlenderte Barfuss und mit hochgekrempelten Hosen durch das saftige Gras am Wegrand zu den Weiden. Nur im Schatten der Tannen war es noch etwas zu kalt, sodass ich leichte Gänsehaut bekam. Ich hüpfte über den Schotterweg zum Weidetor und betrat das Reich der Stuten. Meine Hornhaut ist auch nicht mehr das, was sie mal war, stellte ich angesichts meiner nun etwas schmerzenden Füsse fest. Aber das wird sich bald wieder ändern. Chip, Daki und Allegra kamen angetrabt, die restlichen glotzten mich nur von weitem an, weil sie genau wussten, dass es nicht Futterzeit war. Ich wich Dakis Hufen geschickt aus, als sie mir fast auf die Füsse trampelte, mit dem Resultat, dass ich fast über Allegra stolperte. Der winzige Fellball versteckte sich erschrocken hinter ihrer Mutter, nachdem sie mir einen warnenden Tritt verpasst hatte. Na zum Glück ist sie noch so klein und schwächlich, dachte ich augenrollend, und rieb mir die Wade wo sie mich getroffen hatte. Ich konnte ihr aber nicht wirklich böse sein, weil es ja meine Schuld gewesen war. „Stupid humans shouldn’t come here barefoot, right?“, rief ich lachend. „That’s probably right“, rief eine Stimme hinter mir zurück. Lewis stand mit der Mistgabel beim Offenstall; ich hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt. Er grinste und machte sich wieder an die Arbeit. Ich lief zu den restlichen Stuten, die in der Nähe der Bäume grasten. Alu und ihr kleines Anhängsel wurden von Papillon beschützt, die sehr Herdenorientiert war und sich anscheinend dazu verpflichtet fühlte. Ich machte mir aber ein wenig Sorgen, dass Papillon das Kleine vielleicht stehlen könnte. Daher bat ich Lewis später ‚to keep a close eye‘ was die beiden anging. Bei den Minis musste nur noch Rapunzel abfohlen. Sie war ein richtiges Fass auf zwei Beinen und ich fragte mich, wie lange sie noch brauchen würde. Eigentlich war der errechnete Termin schon vor über einer Woche gewesen. Andererseits hatte die Stute bei ihrem letzten Fohlen auch etwas länger gebraucht, und am Ende war trotzdem alles gut gegangen. Wo wir schon vom Teufelchen sprachen - Kicks-a-Lot und Tigrotto lieferten sich gerade dem Zaun entlang ein Wettrennen, mit anschliessendem Gerangel. Tic-Tac sah ihnen bloss verschlafen zu, denn sie lag zusammen mit Lady und Rose im Schatten. Ein wenig Training würde ihnen wiedermal guttun, beschloss ich bei Kiwis pummeligem Anblick. Ich hatte in letzter Zeit mehr mit den ausgewachsenen Minis trainiert und die Halbstarken etwas vernachlässigt. Dafür war Lady Diva was das Country Pleasure Fahren betraf nun in die höchste Turnierklasse aufgestiegen.
      Bevor ich wieder zum Nebenstall schlenderte, sah ich kurz bei den Hengstchen rein. Die Langweiler dösten alle im Offenstall, anstatt das tolle Wetter draussen zu geniessen. Ich ging nicht näher heran, um Arco, Caress und Caillean nicht zu stören. In einer Ecke des Stalls lag Becks, den ich vor ein paar Tagen gekauft hatte. Er brachte frisches Blut in meine Zucht und war bereits ein erfahrenes Showpferd. Rapunzel hatte sogar schon einmal Bekanntschaft mit ihm gemacht – das Fohlen von den beiden war damals aber an einer Krankheit gestorben. Immer noch barfuss begab ich mich zu Dreams Box, weil ich Lily suchte. Doch sie war ausnahmsweise nicht hier. Erstaunt sah ich mich um und rief nach den Hunden, die jeweils auch ein gutes Indiz für den Aufenthaltsort meiner Nichte waren. Sheela und Zira kamen hinter der Halle hervorgeschossen, Jacky folgte ihnen humpelnd. Sie war letztens ziemlich übel gestolpert und hatte sich die Pfote dabei verstaucht; nichts Ernstes, aber es würde noch ein/zwei Wochen dauern, bis sie wieder ganz normal lief. Ich lobte die drei für ihr rasches Auftauchen und lief dann, von ihnen verfolgt, auf dem Schotterweg zur Ovalbahn. In der Ferne sah ich Ajith und Quinn beim Osteingang zum Hof stehen. „What’s going on?“, fragte ich, sobald ich bei ihnen war. „Muskat broke free from Charly, when he was trying to get him and Cantastor back to the barn. At first he was able to hold back Canto, but then he fell and Canto got away too. They both ran in this direction; Lily and Charly are following them. We’re standing here in case they manage to chase them back.” Ich entgegnete wütend: “What was he thinking by taking them both at once? He must have known It’s springtime and the horses are all very jumpy!” Ajith zuckte mit den Schultern und Quinn schüttelte den Kopf. Ich nahm Quinn mit zum Nordstall, wo wir Calico und Dod sattelten, um die Ausbrecher einfangen zu gehen. Ich konnte nicht gut mit einem Lasso umgehen, weshalb ich darauf hoffte, nahe genug an die beiden heranzukommen, um die Führstricke zu fassen, die noch immer an den Halftern hängen mussten. Quinn und ich ritten an Ajith vorbei raus und trabten schon nach einer kurzen Einwärmzeit an, um die Verfolgung aufzunehmen. Zunächst mussten wir Charly und Lily finden. Nach langem Rufen begegneten wir ihnen weiter oben am Flussufer. „Where are they?“, fragte ich hoffnungsvoll. „We last saw them somewhere over there, but they’re hidden behind the bushes now.“ Charly deutete zu den Büschen weiter oben. Wir teilten uns auf und ritten, beziehungsweise liefen um das Gebiet herum, sodass wir die Pferde von Norden her einfangen konnten. Mit dieser Strategie wollte ich verhindern, dass sie noch weiter weg liefen. Vorsichtig streiften wir an den Büschen vorbei, bis ich Cantastor entdeckte. Der Dunkelbraune sah mich und Dod mit gespitzten Ohren an. Er blieb zum Glück ruhig stehen, sodass ich mich nähern konnte und sein Seil zu fassen bekam. Ich lobte ihn erleichtert und band sein Seil am Sattelhorn fest. Dann trabte ich weiter auf der Suche nach Muskat. Die anderen hatten ihn inzwischen aufgespürt und umkreisten ihn, doch er suchte bereits nach einer Lücke zum entwischen. Als Quinn auf ihn zuritt, drehte er ab und bretterte mit Fahnenschweif in Richtung Pineforest Stable zurück. Canto tänzelte etwas und rief seinem Kumpel lautstark, versuchte aber nicht, sich wieder loszureissen. Ich befahl Charly, sich auf Cantos Rücken zu schwingen und an der Mähne zu halten, während die kleine Lily bei Quinn vorne mit aufstieg. Wir trieben Muskat in die Richtige Richtung, sodass Ajith einen entscheidenden Versuch hatte, ihn zu fassen zu bekommen. Der dunkelhäutige Pfleger warf die Arme hoch und liess Muskat abbremsen, dann schnappte er sich zielsicher den Strick des Hengstes. Wir jubelten ihm zu brachten dann die beiden Vollblüter gemeinsam zurück zum Hauptstall. Quinn meinte lachend zu Ajith: „That was not bad, he had no chance!“ Er winkte ab, grinste aber übers ganze Gesicht. Charly hatte seine Lektion gelernt und versprach, in Zukunft zumindest die Hengste einzeln zu führen. Kurz darauf kam Negresco an und wurde von Jonas in seine vorläufige Box im Nordstall gebracht. Der Braune hatte einen wunderschönen Kopf und ich konnte mich nur schwer davon abhalten, mit dem Gedanken zu spielen, ihn hier zu behalten.
      Am Abend sassen wir alle auf Gartenstühlen und Bänken unter den drei Bäumen zwischen dem Pflegerheim und dem Haupthaus. Nur Elliot, Lisa und Oliver waren noch unterwegs, um ausserhalb von Pineforest Stable Reitstunden zu geben. Es gab Tee und Kekse, was nach dem langen Arbeitstag eine verdiente Wohltat war. Wir überlegten uns Namen für die Fohlen, war gar nicht so leicht war. Sie mussten nicht nur gut klingen, sondern auch zu den Namen der Eltern passen und später von den Sprechern bei Rennen oder Turnieren gut genannt werden können. Für Pointless‘ Fohlen setzte sich ‚A Winter’s Tale‘ durch, denn uns fiel ausser ‚Surely no Spots‘ und ‚Snowbutt‘ nichts mehr ein (Lewis machte einen Schmollmund, als ‚Snowbutt‘ einstimmig abgelehnt wurde). Blütes Fohlen wurde dank Rosie vorläufig ‚Savory Blossom‘ genannt. ‚Gamble Away‘ wurde es für Mikkes Fohlen. Das kleine Welsh-Tier nannte ich ‚Daydream of Money‘, als Anspielung auf Noir’s französischen Namen. Ginis Fohlen hiess fortan ‚Dreams of Revenge‘ und das Mini-Fohlen von Alu ‚Arctic Alinghi‘. Bei der anschliessenden Stallkontrolle entdeckten wir ausserdem, dass bei Indiana die Wehen eingesetzt hatten. Die Geburt verlief Problemlos und ohne unser Eingreifen. So stand eine Stunde später auch Spots zweites Fohlen, ‚Stop Making Sense‘, zum ersten Mal auf wackeligen Beinen. Ich mochte dieses Kerlchen schon jetzt ganz besonders, weil es fast dieselben wilden Sprenkel wie sein Vater trug. Ausserdem hatte es einen Bildschönen Kopf.
      19 Apr. 2016


      Occulta
      Unspektakulär ist auch gut

      Am selben Nachmittag an dem ich die Übernahme von Eddi’s Ice Coffee bestätigte, wollte ich zum ersten Mal Halftertraining mit den neuen Fohlen machen. Die meisten waren nun schon etwas über zwei Monate alt und begannen, die Welt neugierig und vorwitzig zu erkunden. Der perfekte Zeitpunkt, um die bisher unangetasteten Fohlen schon mal ein wenig auf ihr zukünftiges Leben vorzubereiten. Die Pfleger und ich hatten die Fohlen schon zwei Wochen nach der Geburt spielerisch festgehalten und sie so ans Stillstehen ohne sich zu wehren gewöhnt. Zudem mussten sie lernen, sich überall anfassen zu lassen. Des Weiteren hatten wir schon einige Spaziergänge auf dem Hofgelände hinter uns, bei denen sie neben der Mutter hergelaufen waren. Jedes Mal, wenn wir die Stuten führten oder sonst mit ihnen umgingen, lernten die Fohlen die tägliche Routine und den Kontakt zum Menschen kennen. Die Mütter wurden übrigens bereits wieder trainiert: sie wurden entweder wieder geritten oder an der Doppellonge aufgebaut, je nach Verfassung. Dadurch, dass wir sie bis zwei Monate vor dem Abfohlen geritten hatten, waren sie auch jetzt noch gut in Form und erholten sich rasch. Die Fohlen blieben während dem Training entweder bei Fuss, oder verbrachten die kurze Zeit ohne ihre Mutter mit den anderen auf der Weide. Das klappte eigentlich ohne grössere Probleme, abgesehen von gelegentlichem sehnsüchtigem Wiehern beiderseits. Doch auch das wurde derweilen immer weniger weil die Kleinen lernten, dass ihre Mütter schon nach kurzer Zeit zurückkahmen.

      Zusammen mit Rosie betrat ich nun Caprices Box. Gamby, wie das kleine braune Hengstchen neben ihr von uns gerne genannt wurde, kam zutraulich heran und schnupperte an dem schwarzen Nylon. Ich liess ihn auch daran knabbern, wobei er mit seinen kurzen Zähnchen sowieso keinen Schaden anrichten konnte. Als seine Mutter ihn etwas unsanft wegschubste, weil sie Rosies Hosentasche nach Leckereien absuchen wollte, klackerte er unterwürfig, stakste dann aber nach einer kurzen Pause um sie herum auf die andere Seite, um wieder zu uns zu kommen. Ich kraulte seinen kurzen Hals, während Rosie ihm das Halfter hinhielt. Er spitzte die Lippe und wippte mit dem Kopf im Takt zu meiner Handbewegung. Rosie hielt das Halfter halb über seine Nase, dann zog sie es wieder weg, als er dabei gelassen blieb. Das wiederholte sie einige Male, wobei sie immer ein Stückchen weiter vorrückte, bis sie schliesslich das Band hinter den Ohren durch die Schnalle ziehen und schliessen konnte. Ich kraulte noch ausgiebiger, um es Gamby so angenehm wie möglich zu machen. Dann entfernten wir das Halfter wieder. Für heute reichte das Halftertraining schon. Ich wollte nur noch rasch seine Hufe hochheben und den kleinen dann in Ruhe lassen. Wie jedes Fohlen musste Gamby zuerst verstehen, was ich von ihm wollte. Deshalb belohnte ich schon das kürzeste Hufheben mit Streicheleinheiten. Es fiel ihm sowieso noch zu schwer, das Gleichgewicht auf drei Beinen länger zu halten. Er gab mir sogar nach kurzem Zögern das linke Hinterbein für ein paar Sekunden. Das reichte mir völlig für die erste richtige Trainingseinheit.

      Rosie und ich schlenderten weiter bis wir bei Blütenzauber ankamen. Sie sah uns erwartungsvoll entgegen, offenbar war sie noch nicht longiert worden. Auch bei Blüte war der Effekt des Aufbautrainings schon sichtbar, auch wenn sie im Vergleich zu vorher doch noch ein bisschen pummelig war. Savory Blossom lag ausgestreckt im Stroh und döste, hob jedoch sofort den Kopf, als wir die Boxentür aufschoben. Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, weil wir sie geweckt hatten, aber Rosie meinte nur, sie könne ja später weiterschlafen. Ich war erstaunt, dass das bunte Fohlen nicht auf die Beine sprang, als wir uns näherten. Sie blieb entspannt liegen und liess noch etwas verschlafen die Unterlippe hängen. Eigentlich wollte ich gerade beschliessen, ihr Training auf später zu verschieben, doch in diesem Moment drehte sich Blüte und stupste ihr Fohlen an, um es zum Aufstehen zu bewegen. Vielleicht hatte sie das Gefühl, dass etwas Abwechslung ihrem Nachwuchs guttun würde. Doch wer wusste schon, was im Kopf einer Stute vor sich ging? Rosie nutzte die Gelegenheit jedenfalls und versuchte, das Stütchen fürs Halftertraining zu begeistern. Savory blieb skeptisch und wollte sich hinter ihrer Mutter verstecken. Rosie lief ihr hinterher und zeigte ihr so, dass sie sich uns Menschen nicht einfach entziehen konnte. Sie streifte dem Fohlen sanft das Halfter über und liess sie sofort wieder laufen, als sie es ein paar Sekunden stillstehend duldete. Savory stakste durch das Stroh um uns herum und kam von hinten zu mir. Sie nibbelte an meinem T-Shirt und zupfte mit zunehmendem Selbstvertrauen richtig grob daran. „Heyy!“, rief ich aus und schob sie lachend weg. Eigentlich sollte ich in solch einem Moment streng sein, aber es fiel mir in Anbetracht dieser süssen rosa Schnauze unglaublich schwer… Die Hufe hob Savory ziemlich willig, wackelte und stolperte dann aber genauso schnell wie sie sie gehoben hatte auch wieder davon. Wenigstens schien sie sich Mühe zu geben. Das Kraulen schien sie übrigens nicht ganz so sehr zu begeistern wie Gamby, dafür schien bei ihr die pressure-release Methode besonders gut zu funktionieren. Blüte interessierte sich wenig für unser Gehampel – solange sie wusste, dass ihrem Fohlen nichts geschah, sortierte sie entspannt ihre Strohhalme. Ich schätzte sie wirklich sehr als Zuchtstute, weil sie so unkompliziert war. Doch für die kommenden Jahre wollte ich ihr erstmal eine längere Pause geben und sie wieder mehr im Sport fördern. Auf der Rennbahn gab es für sie natürlich kein Comeback mehr, aber ich hoffte, dass sie mit ihren geschmeidigen Gängen vielleicht die eine oder andere Dressurprüfung bestreiten könnte.

      Weiter ging’s zu Pointless und A Winter’s Tale. Mein kleiner Schatz kam neugierig auf Rosie und mich zu. Rosie hielt ihr das Halfter hin, auf dem sie ohne Zögern rumzukauen begann. Die kleine Stute war aufgeweckt und frech, hatte aber keine Mühe, Grenzen einzuhalten. Ihre Mutter war da etwas anders gestrickt, aber offenbar färbte es zumindest jetzt noch nicht ab. Ziemlich spielerisch gewöhnten wir Talia an das Halfter und tasteten uns an ihre Beine heran. Ich wagte es kaum mich zu erinnern, wie Pointless‘ ersten Trainingseinheiten ausgesehen hatten. Das Punktetier war schon immer dickköpfig und selbstbewusst gewesen, und hatte es uns nie leicht gemacht. Irgendwie hatten wir sie einreiten können, aber da war der Spass auch schon vorbei. Auf einem richtigen Rennen war sie bisher noch nie gelaufen, dafür war sie zu unberechenbar. Doch wenn alles gut ging wollten wir im Herbst einen neuen Anlauf starten, sobald Talia entwöhnt war. Vielleicht war Pointless dann endlich etwas erwachsener und ausgeglichener. Aber ob sie den Wiedereinstieg in ihre Rennkarriere fand, hängte ganz von ihren Trainingsfortschritten ab. Es war zwar eher unwahrscheinlich, dass Olivers Plan aufging, aber wir versuchten es zumindest.

      Auch Stop Making Sense aka Mambo interessierte sich zunächst für das Nylonhalfter, wandte sich aber kurz darauf ab. Offenbar hatte er es schon untersucht und fand es bereits wieder langweilig. Rosie versuchte vergeblich, ihn zur Mitarbeit zu begeistern. Der gesprenkelte Hengst wetzte lieber seine Babyzähne an den Gitterstäben der Box. Das hatte er von seiner Mutter abgekupfert, die so bei den Fütterungen jeweils die Aufmerksamkeit der Pfleger auf sich lenken wollte. Wir liessen ihn in Ruhe, nachdem wir das Halfter einmal erfolgreich übergestreift hatten.

      Das jüngste Mitglied der Vollblutgemeinschaft erwartete mich und Rosie in der nächsten Box. Counterfire von Cassiopeia war letzte Woche endlich auch auf die Welt gekommen. Sie schien schon jetzt dratig und robust gebaut, kombiniert in einem eleganten Gesamtbild. Eine hübsche Fuchsschecke, mit vielversprechender Abstammung. Ich war nun beinahe froh, Cassy die Zwangspause von der Bahn gegeben zu haben, die mir aufgrund ihrer Beinverletzung empfohlen worden war. Nun hatte das Bein genug Zeit gehabt und sie konnte langsam wieder aufgebaut werden. Mit etwas Glück und einem gut strukturierten Trainingsplan hofften wir sie sogar wieder auf die Rennbahn zu bekommen. Seit der Verletzung hatten wir Cassy oft als Handpferd mitgenommen oder vom Boden aus trainiert, damit sie ihre Ausdauer und die Muskeln nicht abbaute, das Bein aber trotzdem nicht mehr als nötig belastet wurde. Es hatte nun ein ganzes Jahr lang Zeit gehabt zu heilen und wir waren gespannt auf den nächsten Tierarzt Check, der bereits anstand. Iskierka nebenan giftete Counterfire an, die ein wenig zu nahe an die Boxenwand gekommen war. Manchmal kam es mir vor, als wäre die Stute eifersüchtig. Das kleine Fuchsfohlen mit der ungewöhnlichen Blesse wich erschrocken zurück und stolperte zu seiner Mutter. Mit diesem Stutfohlen trainierten wir heute noch nicht, dafür war sie noch zu jung. Nur das Festhalten übte ich mit ihr, wie ich es auch mit den anderen Fohlen getan hatte.

      Dafür wurde der nächste Kandidat schonungslos angepackt: Syndromatic Depression musste all das lernen, was auch den anderen Fohlen beigebracht wurde, auch wenn sie sich lieber verkrochen hätte. Sie war bereits jetzt sowas wie ein chronischer Angsthase und versteckte sich immer zuerst hinter Sympathy for the Devil, bevor sie Fragen stellte. Ich runzelte die Stirn, als sie auch heute zuerst eine schöne Kurzkehrtwendung hinlegte und dann zügig hinter Mamas Flanke verschwand, sobald wir die Box öffneten. Sie hatte keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht, aber offenbar hatte ihre Mutter sie zur Vorsicht erzogen, weil sie nach den Komplikationen bei der Geburt anfangs schwächlich und kleiner als die anderen gewesen war. Auch Devil hatte etwas gelitten und musste schonender trainiert werden als die anderen Mütter. Doch mittlerweile war sie wieder fit, genauso wie ihre Tochter. Stück für Stück gewannen wir das Vertrauen der Kleinen und bereiteten sie auf das Halftern vor. Mamma Devil war angenehm zurückhaltend und beobachtete uns mit aufgestütztem Hinterhuf. Irgendwann, als wir die Hinterbeine von Dolly heben wollten, entschied Devil offenbar, dass es nun genug sei und schob sich zwischen uns. Sie knabberte sanft an meiner Hand, doch ich verstand, dass für heute reichte.

      Bei Empire of Irony hatten wir überraschend Mühe, die Hinterbeine zu heben. Das gescheckte Stutfohlen trat sogar zweimal nach mir aus, als ich nicht aufgab. Was für eine kleine Zicke sie jetzt schon ist… dachte ich schmunzelnd. Allerdings gab es auch Momente, in denen Islahs heissblütiger Jungspund lammfromm und verschmust war. Es war eben ganz von ihrer Tagesform abhängig. Islah mischte sich hie und da mit platten Ohren ein, um ihr Fohlen zu ‚beschützen‘. Ich nahm die Araberdame sehr ernst, denn ich hatte in der Vergangenheit bereits Bekanntschaft mit ihren Reisszähnen gemacht. Irony schien aber durch das Einschreiten ihrer Mutter eher verwirrt als beruhigt. Sie versuchte ja nicht, uns zu entkommen, im Gegenteil; sie kam immer wieder heran um uns erneut herauszufordern. Dabei hätte sie sich ohne Probleme hinter ihrer mürrisch Schweifschlagenden Mutter verstecken können. Es war wichtig, ihr jetzt den nötigen Respekt beizubringen, denn offenbar war dieses Stutfohlen geistig schon weiter als die anderen und testete bereits aus, wie weit sie mit uns Zweibeinern gehen konnte. Ich besänftigte Islah mit ein paar Karottenstücken, als sie uns gerade etwas in Ruhe liess. Zu allem Überfluss schwenkte ihr Verhalten aber nun in Futterneid um, sodass sie Irony in die Seite kniff, als das Fohlen an den Karottenscheibchen schnuppern wollte. Ich beschloss, dass es besser war, den beiden erstmal eine Pause zu geben, bevor noch jemand verletzt wurde.

      Argenté Noir war da unkomplizierter. Sie frass ungestört weiter und liess uns ohne zu zicken mit ihrem Fohlen spielen, als sei sie froh, dass sich mal jemand anderes um den Wildfang kümmerte. Daydream of Money war heute frech wie Oskar und klaute Rosie sogar einmal das Halfter. Sie konnte schon jetzt geschickt rückwärtsgehen und abdrehen, was von gutem Gleichgewicht zeugte. Ausserdem war sie kräftig und ein ziemlicher Brocken, aber nicht zu dick. Sie bewies auch den anderen Fohlen gerne ihre Stärke, indem sie bei fast jedem Spiel gewann. Sogar den beiden Vollblut Hengstchen konnte sie das Wasser reichen. Ebenso dominant wie sie mit ihren Fohlenkumpels umging, versuchte sie auch mit uns Menschen zu sein. Sie wird bestimmt nicht leicht einzureiten sein, überlegte ich schmunzelnd. Die Hinterbeine gab sie uns aber überraschend gut, was für mich darauf hinwies, dass sie durchaus kooperativ war.

      Skydive war allen anderen Fohlen bereits Meilen voraus, denn Lily konnte es nicht lassen, fast täglich mit ihm zu üben. Ich musste meine neunjährige Nichte richtiggehend bremsen, damit sie ihn nicht überforderte. Dann wiederum sah ich, wie Dive jeweils bereits neugierig die Schnauze über den Rand des unteren Teil der Boxentür hob und Lily begrüsste. Also hatte er die vielen bunten Gegenstände, die sie ihm mitbrachte, wohl bereits als harmlos und eher spannend abgestempelt. Im Moment war Lily noch bis fünf Uhr in der Schule, aber sie hatte mir heute Mittag schon aufgeregt erzählt, dass sie heute mit ihm Ballspielen wollte. Ich hatte daraufhin mal ein ernstes Wörtchen mit ihr reden müssen, weil wir sonst riskierten, dass Skydive durch das viele Training zu frech wurde. Sie hatte sich daraufhin einverstanden erklärt, sich vorläufig wieder auf Streicheleinheiten zu beschränken. White Dream war glücklicherweise sehr ausgeglichen und nachsichtig mit den beiden, sodass ich mir keine Sorgen um irgendwelche Verteidigungsmechanismen ihrerseits machte.

      Und dann waren da noch die kleinsten im Bunde: Arctic Alinghi und Glenn’s Cookie. Sie waren sowieso eher Plüschtiere, als richtige Pferde und man konnte die beiden problemlos wie einen Hund hochheben. Allerdings durfte man dabei nicht vergessen, dass es sich eben doch um richtige Tiere handelte, die genauso sorgfältig wie die anderen an Neues gewöhnt werden mussten. Dressy Miss Allegra, die schon etwas älter und grösser war, spielte sehr ausgiebig mit ihren beiden ‚Geschwistern‘. Sie war vor deren Geburt für ein paar Wochen die Jüngste gewesen und hatte höchstens unsanfte Raufereien mit Tiki und Kiwi bekommen, die nun als bald Dreijährige übrigens schon ziemlich hochgewachsen waren (natürlich im Mini Pferdchen Format gemeint). Nun konnte sie ihre armen beiden Baby-Geschwister rumschubsen, wie es die anderen mit ihr selbst getan hatten. Auch ihnen zogen wir geduldig die Halfter an und aus, bis es problemlos klappte. So sehr ich es auch wollte - ganz ernstnehmen konnte ich die kleinen Fellkugeln dann doch nicht.
      18 Mai 2016

      Occulta
      Abendspaziergang

      Eine herrliche Abendbrise wehte mir ins Gesicht und wischte mir die Haare von den Schultern. Der Himmel färbte sich langsam dunkel und die Grillen gaben fleissig ihre Konzerte. Um mich herum waren Lily, Jonas, Parker, Lewis, Rosie, Ajith und Quinn versammelt. „Hey Lily“, rief Jonas zwinkernd. „Was?“ und „What?“, antworteten meine Nichte und meine Mitarbeiterin gleichzeitig. Jonas lachte schelmisch. „Du heisst nicht Lily, sondern Parker, schon vergessen?“ „I’m about to…!“ „…Kiss me?“ „Throw you to the dogs.“ „Ich befürchte, die werden ihn höchstens zu Tode schlabbern“, mischte ich mich ein. „Warum denn so empfindlich Parker?“, stichelte Lewis. „Stop nettling her!“, rief Rosie empört. „It’s only because she wants to hang around with that hottie from the pool rather than with us”, erklärte Lewis. “I totally get why! Who would want to hang around with you guys anyways?” “Aww you’re so cruel Rosie! Don’t you know I have a low self-esteem?” Sie schnaubte nur und fasste Parker bei der Schulter, dann begannen die zwei möglichst offensichtlich zu tuscheln. Quinn, die unbeteiligt daneben stand, zogen sie ebenfalls in ihren kleinen Kreis, obwohl sie darüber nicht sehr begeistert wirkte. „That’s unfair ladies! We want to listen as well, don’t we Ajith?“, rief Lewis empört. “He definitely wants to hear what Quinn has to say”, scherzte Jonas. Ajith verneinte vehement, doch seine Reaktion war ganz schön verräterisch. Ich ahnte, wohin das führen würde und unterbrach das Theater deshalb. “Stop it now folks, back to work.“ Ich meinte einen Anflug von Dankbarkeit in Ajiths Blick zu sehen, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Jonas hob erstaunt die Augenbrauen. „Du nennst einen Spaziergang Arbeit?“ Ich ignorierte ihn, weil ich nicht erneut eines seiner Spielchen lostreten wollte und lief voraus zum Hauptstall. „Lewis, you take Devil and Dolly. Jonas, I bet you want Piontless and Snowflake.” “Are you kidding me? She’s gonna kill me!” “Excactly.” “Hey!” Die anderen lachten herzhaft und Lewis klopfte Jonas auf die Schulter. „I get your Playstation, right budd?“ „Yea, love you, too.“ Ich fuhr fort: “Rosie takes Cassy and Counterfire, Quinn gets Indiana and Mambo. Lily can take Dream and Skydive –“, ich wurde von einem Jauchzen unterbrochen, „Parker, Ajith and I take Shira, Primo and Penny.” In diesem Moment hastete Thomas um die Ecke. “I’m sorry, I my mum called and I forgot the time boss…” “It’s allright Tom. Just grab Riven’s halter – you’re gonna take her.”Er nickte und führte meinen Befehl sofort aus. Auch wir anderen holten unsere Pferde raus und brachten sie nach draussen. Zur Sicherheit zogen wir den Fohlen auch Halfter an und führten sie am Strick mit, damit sie nicht in der Dunkelheit verloren gingen. Dann Machten wir uns auf dem Weg zum Fluss. Die Stuten, Youngsters und Fohlen fühlten sich in der Herde sicher, also erschreckte sie kaum etwas und sie liessen sich brav führen. Wir überquerten die Brücke und folgten dem Feldweg in Richtung Whispering Creek Farm. „My god, what happened here?“, fragte Rosie erschrocken, als sie die verlassenen, mit Efeu überwucherten Gebäude sah. „Hast du das nicht mitbekommen? Die Besitzerin ist damals bei der Geschichte mit dem Serienkiller umgekommen. Seither wohnt hier niemand mehr, und ihre Familie hat das Gelände noch nicht verkauft, warum auch immer. Es ist total schade um die hübschen alten Stallungen, aber was soll’s...“, erklärte ich. Sie wirkte nachdenklich und ihr Blick wanderte über das Gelände. „Can we go check it out?“, schlug sie plötzlich vor. „Why? I’m not sure we are allowed to go there…” “No one will see us.” Solch eine Antwort hätte ich von keinem der Pfleger weniger erwartet als von ihr. Völlig baff hakte auch Lewis nach: „Rosie, are you okay? I mean, you would never just break into someones backyard, would you?“ “Don’t be ridiculous. I just want to have a quick look at the inside”, sprach sie forsch. Nach einer Weile fügte sie hinzu: “I like old Buildings, that’s it.” Ich fühlte mich noch immer georfeigt. Das ist nicht die Rosie, die ich kenne. Ich habe sie noch nie so kalt erlebt… Doch im nächsten Moment kehrte ihre warme, helle Stimme zurück und sie meinte: „Come on guys, it will be okay. We’ll just go around it and then continue in the Forest.” “Fine”, beschloss ich. Aber nur kurz. Wir führten die Pferde auf einen verwachsenen Kiesweg, der auf den verlassenen Hof abbog. Man erkannte im Dunkeln gerade noch, dass der Weg in einen kreisförmigen Bogen mündete. Eigentlich ganz hübsch, stellte ich fest. Rosie lief mit Cassy und Counterfire zügig voraus und sah sich gründlich um. Sie schien vollkommen auf die Gebäude konzentriert und achtete nicht mehr auf uns. Wir blieben etwas zurück und warteten auf dem Kiesweg. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte sie zurück, mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. „Thanks, I really appreciated that. Let’s go on.“ Ich nickte, noch immer etwas verwirrt und führte die Gruppe in den Wald. Es war schon etwas unheimlich, im dunkeln durch den Stillen Wald zu spazieren. Doch wir hatten ja eine ganze Gruppe schnaubender Pferde dabei, deren Hufgeklapper die Stille ausfüllte und weniger bedrohlich machte. Die Fohlen blieben eng bei ihrer Mutter, als fürchteten sie sich vor Wildschweinen und Rehen. Dabei wussten sie noch nichteinmal, dass es so etwas gab.

      Wir kamen später als gedacht zurück und versorgten die Pferde sofort, damit die Fohlen schlafen konnten. Im Nachhinein fragte ich mich, ob der Spaziergang so spät abends eine gute Idee gewesen war, aber ich hatte nunmal die Hitze des Tages und die Fliegen meiden wollen. Ich sah noch auf der Junghengstweide vorbei um zu kontrollieren, ob alle zufrieden waren. Vorsichtig öffnete ich das Tor einen Spalt breit und spähte hinein. Simba und Merino lagen nebeneinander im Stroh und zauberten ein Lächeln auf mein Gesicht. Es war so schön zu sehen, dass sich die beiden Junghengste so gut verstanden. Life stand etwas abseits mit aufgestütztem Huf und hängender Unterlippe. Caruso lag neben der Heuraufe und hatte den Kopf tief im weichen Stroh versenkt. Seine Flanke bewegte sich ruhig auf und ab. Ich schlich mich davon und lief zurück zum Haus. Eine dunkle Silhouette zwischen den Bäumen fiel mir auf. Ich ging näher ran um zu erkennen, wer es war. „…that is correct. Thank you Bill, I trust that you take care of everything. I want it done as soon as possible. And make sure to be kind, it is very important that they sell it to us. Good night.” Ich traute meinen Augen und Ohren kaum. “Rosie??” Sie antwortete ruhig: “Oh, Occu, I thought you already went to bed.” Wieder diese ungewohnt bestimmte, ungerührte Art, bemerkte ich. Bevor ich den Mund öffnen konnte, gab mir Rosie die lange Antwort auf das, was mir auf der Zunge lag. „I grew up at the Wilkinson Estate just outside of London. My family has always been very wealthy and the family’s fortune was passed on from generation to generation. When I was eighteen, my parents asked me, what I wanted to become. All I could think of was living a simple life somewhere in the countryside, and having a lot of friends. Sure, that was no answer they wanted to hear. But since we live in a different century now than they grew up in, they had to let me become what I decided. So I packed my things and went to a near farm to work there. Soon I started to like the horses there so much, that I became a jockey, because thoroughbreds I always liked the most. And that’s how I ended up here. Even tough I left home and started to fulfill my dreams, my parents still like me a lot, because I’m their only child. They promised that if I needed anything, I just had to call them. That was what I did just a moment ago, when I talked to Bill, our servant. I will buy that ‘Whispering Creek Farm’.” Ich musste erstmal verdauen, was sie mir da erzählt hatte. Rosie? Aus einer einflussreichen, mächtigen Familie? „Why didn’t you tell anybody?“ „Because I feared that I would only find friends because of where I come from, not who I am.” Ich schwieg einen Moment um meine Gedanken zu ordnen. Dann fragte ich entschlossen: “So you’re gonna leave Pineforest?“ „Sadly, yes. But it would be an honour for me if my little Farm could work together with Pineforest as close as possible.“ Ich lächelte gerührt und versicherte, dass mir nichts lieber wäre. „I have always enjoyed having you as one of my Jockeys, so I would be glad to know that you will ride my thoroughbreds even in the future. I think you have great talent and the horses clearly like you aswell.” “And you were the best Boss I’ve ever had, Occu. I thank you for this great time I already had and that is yet to come.” Ich wünschte ihr eine gute Nacht und begab mich ins Haus. Ob sie wohl den Pflegern jetzt alles erzählt?, überlegte ich, während ich die Zähne putzte. Den ganzen Abend stellte ich mir vor, wie die Ranch renoviert aussehen würde und ich freute mich immer mehr auf die Zukunft, die vor uns lag.
      22 Aug. 2016

      Occulta
      Heisse Gemüter

      Es waren zwei Wochen vergangen, seit Rosie die ‚Wilkinson Ranch‘, wie sie nun alle nannten, übernommen hatte. Rosie hatte sich eigentlich zuerst gegen den Namen gewehrt, doch am Ende siegte der Gruppendruck, indem die Pfleger etwas Geld für ein grosses Holzschild mit dem entsprechenden Schriftzug zusammengelegt hatten. Sie hatten die Nachricht von dem gelüfteten Geheimnis um Rosies Herkunft gar nicht so erstaunt wahrgenommen. Lisa hatte sogar steif und fest behauptet, sie habe die ganze Zeit über so etwas vermutet – was ihr natürlich keiner glaubte. Jedenfalls war Rosie mittlerweile täglich auf ihrer Ranch und schuftete ebenso viel wie die Arbeiter, die sie bestellt hatte. Auf Pineforest vermisste man sie inzwischen schon etwas. So erwischte ich zum Beispiel Oliver beim organisieren des Morgentrainings, ausnahmsweise auf Deutsch: „Quinn reitet statt Cool Cat Spotted Timeout, ich weiss nicht welche Idiot das wieder falsch eingetragen hat. Rosie kann Cat stattdessen übernehmen.“ „Ehmm Boss, Rosie is, ehh…“, meldete sich Thomas scheu. „Yes yes, fine. Ich kann mir auch nicht alles merken hier. Na gut, dann nimmt eben April Cool Cat.“ „But I already ride Caspian!“ „All of you – you drive me nuts! And just because of a certain lady that thinks that she can quit and leave all of a sudden – and a certain boss here doesn’t even stop her!“, rief Oliver aufgebracht aus. Alle schwiegen, bis er sich beruhigt hatte und fortfuhr. Ich wusste ganz genau, dass er es in Wirklichkeit einfach sehr bedauerte, dass Rosie nun nicht mehr 100% für Pineforest zur Verfügung stand. Aber geschäftsorientiert wie er war, versuchte er einfach darüber hinwegzusehen und weiterzumachen. „However. Rita, if I remember it correctly, you have no horse to ride in the first group, have you?“, fragte Oliver mit sarkastischer Stimme. Rita nickte unsicher. “Good. Then go get Cool Cat. All of you – move! Before I make you!” Ich sah ihn streng an, doch wenn er schlechte Laune hatte (was heute mehr als offensichtlich der Fall war) liess man ihn am besten einfach in Ruhe seinen Job machen. Ich begab mich zu Sundays Box. Viel zu lange hatte ich den Braunen nicht mehr im Training geritten, weil ich immer andere Pferde auf der Liste gehabt hatte. Doch diesen Monat waren wir endlich wieder zusammengewürfelt worden. Ich führte den braunen Hengst in die Stallgasse und stellte ihn zwischen Gleam of Light und Spotted Timeout. Dann begann ich wie immer damit, sein Fell gründlich durchzustriegeln. Heute wollte er anscheinend nicht besonders gekrault werden, denn er verzog weder die Lippe, noch legte er den Kopf schief, wie er es sonst so oft tat, wenn ich beim Widerrist angelangte. Ich zuckte mit den Schultern und machte weiter. Das Fell des Braunen war kurz und schimmerte schon nach wenigen Bürstenstrichen wieder wie frisch ein gesprayt. Auch der Schweif liess sich ohne grossen Widerstand kämmen. Ich sortierte ein paar Strohhalme aus dem ordentlich geschnittenen, schwarzen Langhaar heraus, dann ging ich zu den Hufen über. „Occu, can you have a quick look? Sumerian has a scratch…“, rief Thomas um die Ecke. Ich liess den Hufkratzer liegen und ging nachsehen, was er meinte. Innerlich betete ich: bitte nicht noch ein Pferd das verletzt ist! Es reicht schon, dass Winter und Iskierka den ganzen letzten Monat ausgefallen sind! Doch meine Sorge wurde gelockert als ich sah, dass es sich tatsächlich nur um eine oberflächliche Blessur am Sprunggelenk handelte. Vermutlich hatten die Stuten auf der Weide wieder miteinander gezickt. Trotzdem besprühte ich die Wunde mit etwas Silberspray, um die Fliegen und den Dreck fernzuhalten. Dann widmete ich mich wieder Sunday, der bereits ungeduldig scharrte. „Du kriegst nix, Kumpel. Erst nach der Arbeit“, stellte ich mit gehobenem Finger klar, aber natürlich nützte das nichts. Ich stupste ihn an und sagte deutlich „stop it“, woraufhin er tatsächlich aufhörte. Nun konnte ich bereits Satteln und zäumen. Die Anderen waren ähnlich weit, sodass wir alle etwa gleichzeitig das Gebäude verliessen und die Pferde zum Aufwärmen auf die Galoppbahn ritten. Hier blieben wir erstmal fünf Minuten im Schritt, danach folgte zehn Minuten lockerer Trab und schliesslich begaben wir uns zur Rennbahn. Einer nach dem anderen wurde in die Startboxen geführt. Bei dieser Gruppe fand das Training eigentlich bloss noch zur Erhaltung, nicht mehr zum Neuaufbau von Muskeln statt. Diese Pferde waren schon so gut ausgebildet und durchtrainiert, dass man gar nicht mehr viel steigern konnte. Deshalb erlaubten wir uns mit ihnen auch öfter spassige Ausritte anstelle anstrengenden Trainings. Während den ausgiebigen Galopps im Gelände oder dem Schwimmen im Bach wurden die Muskeln schliesslich auch fit gehalten. Trotz des zum Teil jahrelangen Trainings hatte aber immer noch der ein oder andere unangenehme Macken, an denen wir wohl doch noch bis zum Ende der Rennkarriere feilen mussten. Beispielsweise zeigte sich mein Sunday wieder von seiner besten Seite: Ajith wollte ihn wohl für seinen Geschmack etwas zu hastig in die Startmaschine führen, sodass der Versuch damit endete, dass der Hengst stieg und sich beinahe den Kopf anstiess. „Dass du immer gleich Männchen-machen musst, sobald dir etwas nicht passt“, tadelte ich laut, zum Vergnügen der anderen Jockeys. Beim zweiten Versuch klappte es, indem Ajith dem Hengst genug Zeit gab, sich alles anzusehen. Als hätte er es nicht schon 1000 mal gesehen… Aber auch Sumerian hatte mal wieder nen Zickenanfall, und das ausgerechnet beim Start. Anstatt anständig abzudrücken, schoss sie aus der Box und keifte Campina an, die prompt erschrak und einen Seitensprung gegen Cool Cat machte, der durch den Zusammenprall wiederum beinahe stürzte. Wir brachen ab und bremsten die Pferde. Oliver schüttelte genervt den Kopf. „Thomas, what was that? Weren’t you supposed to control your horse? Instead you are dreaming again! I saw that coming since you entered the box!” Und warum hast du dann nichts gesagt? Diese Frage stand Tom förmlich ins Gesicht geschrieben, doch er wollte nicht noch mehr Ärger provozieren und murmelte bloss „sorry Oliver“. Ich war froh, dass er sich unter Kontrolle behielt, denn er zählte normalerweise auch zu den eher heisseren Gemütern auf dem Hof. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden wollte ich nicht erleben.

      Beim zweiten Anlauf klappte es: Sumerian musste ganz aussen Starten und Tom hielt die Zügel straff genug, dass er sofort reagieren konnte, falls die Stute erneut den Kopf drehen wollte. Die Klappen flogen auf und die Pferde sprangen los. Ich krallte mich in Sundays Mähne fest, als der Hengst mit ein paar gewaltigen Galoppsprüngen beschleunigte. Zu sehr liess ich ihn aber noch nicht vor, denn die Kraft musste er sich für den Finish sparen. In jedem Trainingsrennen achteten wir auf dieselben Spielregeln wie bei einem richtigen Rennen, damit sich die Pferde an den Ablauf gewöhnten und später besser kontrollierbar waren, wenn es mal drauf ankam. Wir blieben alle dicht beieinander bis wir eine ganze Runde um die Bahn durchritten hatten, dann folgte die letzte Gerade. Aus der Kurve heraus liess ich Sunday ziehen. Dicht neben mir gab auch Parker Light den Kopf frei. Ich konzentrierte mich so sehr auf diese Seite der Bahn, dass ich nicht bemerkte, wie Cool Cat auf der anderen überholte. Als ich wieder nach vorne sah, sah ich seinen Schweif direkt vor uns wehen und erkannte, dass Rita uns blockieren wollte. Ich zog Sunday auf eine Bahn weiter aussen und duckte mich tief in seine Mähne, doch den Abstand konnte ich in der kurzen Zeit bis zur Zielmarkierung nicht mehr wettmachen. Light konnte sich noch etwas weiter vorschieben, also kamen wir als dritte ins Ziel. „Not bad Rita, it was clever to block Occu and Sunday. But if you try this over a longer distance you probably won’t come away so easily. They were already catching up again and Cat lost all his power during that sprint”, wertete Oliver kurz darauf beim Abkühlen aus. “Sumerian and Spot have to start the final run earlier; they have enough strength to do that. And Campina plus Caspian need a little bit more condition.”

      Wir brachten die erste Gruppe in den Freilauftrainer, damit sie noch etwas länger Schritt laufen konnten. Dann holten wir die nächsten sechs Kandidaten: Chiccory, Winter, Iskierka, Painting Shadows, Sympathy und Shades of Gray. Mein Liebling Winter und Zicke Iskierka liefen wegen besagtem Trainingsrückstand hier mit. Winter hatte sich auf der Koppel bei einem Gerangel mit Neuankömmling Rosenprinz eine üble Schramme am Vorderbein zugezogen, durch die er einige Tage etwas unsauber lief. Ich gab ihm daraufhin gleich einen ganzen Monat Pause, denn Beinverletzungen waren bei den Rennpferden immer heikel. Iskierka hingegen hatte erhöhte Temperatur und Nasenausfluss gehabt, vermutlich eine leichte Grippe, die sie sich bei einem Handicap in London eingefangen hatte. Ärgerlich – aber jetzt ging es ihr dank der führsorglichen Pflege von Ajith wieder gut. Sie hatte uns allen richtig Sorgen gemacht, denn sie war so aussergewöhnlich lieb und ruhig gewesen. Ich musste jetzt noch schmunzeln, obwohl es ja eigentlich nicht lustig gewesen war. Sympathy wurde wie versprochen vorsichtig wieder hochtrainiert, jetzt da ihr Fohlen entwöhnt war. Sie machte sich besser als ich gedacht hatte und kam langsam aber sicher zu ihrer alten Form zurück. Trotzdem war es mit dem ganzen Trainingsverlust und in ihrem Alter nicht mehr ganz so einfach, mit den jungen Fliegengewichten mitzuhalten, die jetzt immer mehr aufstiegen. Paint war schlicht und ergreifend in dieser Gruppe dabei, damit überall etwa gleich viele Pferde liefen. Das Trainingsrennen entschied Gray für sich, und bewies mir damit, dass sie reif für die geplanten Einsätze am Wochenende war.

      Die letzte Gruppe bestand aus den Jungspunden Caligari, Kaythara, Ciela, Cassiopeia, Pointless und Framed in History. Wir bereiteten sie vor, während die vorherige Gruppe in die Führanlage kam; ausser Iskierka – die durfte unter’s Solarium, was sie sichtlich genoss. Cassy war bei weitem noch die pummeligste, denn sie hatte ja auch als eine der letzten abgefohlt. Auch ihre Kondition liess etwas zu wünschen übrig, sodass sie heute als abgeschlagene Letzte ins Ziel bretterte. Kaythara hingegen hatte ein absolutes Formhoch und gewann mit unglaublichen vier Längen Vorsprung und einem neuen persönlichen Bahnrekord. Und dann war da noch Pointless. Sie ging nicht zuletzt durchs Ziel, aber ihre Leistung war nicht gerade schön anzusehen gewesen. Schon bei der Startbox hatte das Gezanke wieder angefangen, und die darauffolgenden 500 Meter waren für mich, die sie abgesehen von Oliver als einzige reiten durfte, ein unangenehmer Kampf gewesen. Doch danach hatte die Stute der Ehrgeiz gepackt; anders konnte ich es mir nicht erklären. Sie hatte die Ohren nach hinten geklappt und sich plötzlich gestreckt, als würde sie verfolgt werden. So waren wir mit dem für ihren Trainings(rück)stand unglaublichen vierten Platz durchgekommen. Doch kaum wollte ich sie bremsen, war alles wieder beim alten: sie schüttelte den Kopf, schlug unwillig mit dem Schweif und stampfte unzufrieden, sobald ich sie in den Schritt gebremst hatte. Oliver war erstaunlich zuversichtlich: „I think it was much better than last time. The foal-break was definitely the right thing to do with her.” Ich nickte nur und dachte insgeheim: das lässt sich leicht sagen, wenn man nicht selber oben sitzt. Wir versorgten auch diese Gruppe. Es wurde jetzt langsam warm, denn es war bereits acht Uhr morgens.

      Am Abend schickte ich dann Coulee zusammen mit Rosenprinz auf die Bahn. Quinn und Parker ritten die beiden. Ich hatte das Gefühl, dass Coulee durch Quicks Anwesenheit viel ruhiger und selbstbewusster war. Die beiden waren quasi zusammen aufgewachsen und hatten sich anscheinend furchtbar vermisst. Jedenfalls grunzte Coulee dem hübschen Falben bei jeder Gelegenheit zu, und meist bekam sie auch eine Antwort. Coulee war auch auf der Bahn wie ausgewechselt, seit Quick mit ihr trainierte. Sie hatte wieder mehr Ehrgeiz, mehr noch, als nach meinen unzähligen Motivierungsversuchen. Ich war sichtig glücklich, wenn ich den beiden zusah. Das einzige, was meine Stimmung noch immer trübte, war die ehemalige Box von Stromer. Caspian stand jetzt darin – überhaupt hatten wir die Boxenordnung etwas umgestellt, weil in Zukunft Cantastor, Empire, Fly Fast, Fajir und Muskat bei Rosie untergebracht werden würden. Sie gehörten noch immer mir, aber sie durften aus praktischen Gründen dorthin ziehen. Fly ging auf Wunsch von Rosie mit, denn er war immer schon ihr Liebling gewesen.

      Ich sah noch rasch nach Mikke und Indiana. Die beiden waren ausgeritten worden und machten einen zufriedenen Eindruck. Den ‚Verlust‘ ihrer Fohlen hatten sie wohl einigermassen überstanden. Auch Dublin war heute nicht mitgelaufen, wie schon die letzten paar Wochen. Grund dafür war, dass sie ein Fohlen von Sacramento erwartete und ich ihr das Training langsam nicht mehr zumuten wollte. Zufrieden löschte ich das Licht um zehn Uhr und verschwand ins Haus.
      25 Aug. 2016

      Occulta
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      “Occu, Paint has remarkably improved in both speed and strength. I almost believe she was never better“, überlegte Oliver laut. „Guess you’re right. See, back then I told you it would be too early to retire her just because of that weak leg.“ „Das geht nicht, ein Rennpferd kann kein Comeback nach Beinproblemen haben. Das ist einfach nicht möglich“, hatten sie gesagt. „Sie wird nie mehr dieselben Leistungen bringen wie zuvor.“ Ich sah in die eisblauen Augen der Stute. Ihr Blick war kein bisschen müde oder ausgebrannt, sondern entschlossen wie eh und jeh. Sie zuckte gelangweilt mit der Unterlippe und stampfte zwischendurch ungeduldig. Ihre Vorderbeine waren schlank und wohlgeformt, die Sehnen frei von Knubbeln und schön strukturiert. Defying the odds? Challenge accepted. „It was mainly your hard training, that made this possible.“ Oliver klopfte mir auf die Schulter und meinte scherzend: „Of course. She’s one of my favourite athletes – those are the ones, who suffer the most.“ Ich grinste und klopfte der Stute Mitleidvoll auf den Hals. „You’re gonna ride her by your self today, right?“, fragte Oliver, die Antwort bereits kennend. „Schau, dass du sie wirklich forderst, sie darf ruhig an ihr Konditionslimit kommen. Wir müssen sie weiterhin hart rannehmen, damit sie trotz ihres zunehmenden Alters mit den Jungspunden mithalten kann.“ Ich nickte, erstaunt, dass er sich die Mühe machte auf Deutsch mit mir zu reden. „You wanna practise your language skills or what? I can speak perfect English u know”, neckte ich ihn. Wir lachten und ich wandte mich wieder Painting Shadows zu. „Alright baby, we’ll do this.“, sagte ich leise und liebevoll zu ihr. Ich striegelte und bürstete sie gründlich; auch am Bauch, wo sie etwas kitzlig war. Das Langhaar pflegte ich, bis man mit den Fingern ohne hängenzubleiben hindurchfahren konnte und es wieder seidig glänzte. Die paar weissen Strähnen die sie im Schweif hatte, sahen ein wenig aus wie altersbedingte Grauheit, aber irgendwie passten sie doch ganz gut ins Gesamtbild der jungen Stute. Sie liess mich ihre Hufe ohne Probleme auskratzen und hielt auch still, als ich ihre Nüstern mit dem Schwamm reinigte. Obwohl es erst halb sechs Uhr war, fühlte ich mich fit und wach nach unserem Entscheid. Auch Paint war es gewohnt, früh aufzustehen und dafür über den Mittag noch ein wenig zu dösen, wie es die allermeisten meiner Vollblüter taten. Ich massierte die Schulter des nachtfarbenen Vollbluts, um allfällige Verspannungen zu lösen und es fit für die bevorstehende Anstrengung zu machen. Die intelligente Stute drehte den Kopf und zeigte mir mit der Schnauze, dass eine Stelle am Vorderbein sie juckte. Ich kratzte und knetete; die Stute verzog genüsslich die Oberlippe. Ich prüfte auch gleich, ob ihre Hufe schön kühl und die Strukturen alle intakt waren. Dann bandagierte ich alle vier Beine mit Paints anthrazitfarbenen Bandagen, sodass sie schön gleichmässig und fast wie aufgemalt aussahen. Ich fand, dass sie ihr äusserst gut standen, doch in erster Linie dienten sie natürlich dem Schutz der Beine. Im Training trugen die meisten der Rennpferde Bandagen, mit Ausnahme derjenigen, die sie nicht mochten und dadurch abgelenkt wurden. Nun holte ich Paints Sattel und Zaumzeug. Es war ziemlich neblig draussen wegen der hohen Luftfeuchtigkeit und wegen des nahen Flusses. Auch kam es mir heute Morgen zum ersten Mal wieder richtig frisch vor, sodass ich beschloss, die Nierendecke mitzunehmen. Als erstes legte ich das Gelpad auf Paints Rücken. Dann warf die königsblaue Decke darüber, darauf achtend, dass nichts verrutschte. Ich zupfte sie zurecht, dann legte ich den Trainingssattel auf, der etwas schwerer und stabiler als der richtige Rennsattel war. Ich befestigte den elastischen Gurt auf der rechten Seite und legte dann von links her die Schaumstoffunterlage darunter, ehe ich den Gurt anzog. Nun folgte der Übergurt, der ein Verrutschen des Sattels verhinderte. Er wurde ordentlich über die Mitte des Sattels und den ersten Gurt gelegt, sodass man von aussen fast nicht sah, dass zwei elastische Bänder vorhanden waren. Nun legte ich noch den Lederriemen um ihren Hals, an dem ich mich beim Start und zwischendurch festhalten konnte. Ich holte meinen Helm und die Jockeybrille und kleidete mich damit ein, bevor ich Paint zäumte und rausführte. In unserer Gruppe waren auch Iskierka und Winter, die nach ihren Wehwehchen wieder voll einsatzfähig waren; ausserdem Sympathy of the Devil, Coulee, Rosenprinz und Pointless. Rosenprinz war nur dabei zum Konditionsaufbau für seine Military Karriere, von ihm erwartete ich keine Bestzeiten. Wir stiegen alle auf und folgten Lisa und Moon, die heute als Trackpony im Einsatz war, zur Bahn. Beim Galoppweg bogen wir ab und trabten an. Zunächst wärmten wir die Vollblüter auf einer ganzen Runde im Trab auf, allen voran ging wieder Moon. Dann folgte eine Runde flotter, aber kontrollierter Canter auf der richtigen Rennbahn, wobei wir in Zweiergruppen nebeneinander blieben. Es war auch eine Gehorsamkeitsübung für die Pferde, die wohl am liebsten einfach im Renngalopp davongeschossen wären. Moon war inzwischen wieder verschwunden – Lisa und sie gingen heute noch ins Gelände. Wir formierten uns nun, noch immer im Galopp, zu einer Front, bis alle etwa auf gleicher Höhe waren. Ein ‚freier Start‘. Auf Olivers Kommando hin, der neben der Null-Marke der Bahn stand, starteten wir das Trainingsrennen. Es ging weniger darum, wer dabei gewann, sondern vielmehr um die individuellen Intervallziele der einzelnen Pferde. Wir ritten in einem ordentlichen Grundtempo und bauten alle paar Hundert Meter Sprints ein, die die Vollblüter in einer gewissen Zeit durchlaufen mussten. Kontrollieren taten wir das mit Gefühl und mit Armbandstoppuhren. Über die letzten zwei furlongs, also 400 Meter, wurde nochmal alles gegeben, wobei es auch hier eine Mindestzeit gab, die wir einzuhalten versuchten. Gemäss dem aktuellen Trainingsstand kam Iskierka als erste durchs Ziel. Danach folgten Winter und Paint. Pointless war mal wieder am rumzicken, schaffte es aber trotzdem, vor Devil im Ziel zu sein. Potential hatte sie eben doch genug, nur an der Einstellung mussten wir arbeiten. Devil war noch immer rasch ausser Puste und hatte ordentlich geschwitzt, trotz der kühlen Temperaturen. Von Coulees Leistung war ich begeistert, denn die Stute hatte sich deutlich gesteigert, was für mich bedeutete, dass sie sich wieder zunehmend wohler fühlte auf der Bahn. Rosenprinz trudelte als letzter ein, hatte aber seine Leistung bestens erfüllt. Wir trabten die Pferde aus und ritten zum Hauptstall zurück. Der Nebel war verschwunden und die Morgensonne begann damit, die frische Luft langsam aufzuwärmen. Es war erst halb sieben, aber die Natur erwachte bereits in allen Ecken des Hofes. Es würde bestimmt wieder ein schöner Tag werden. Wir sattelten die Pferde ab und übergaben die Ausrüstung gleich der nächsten Gruppe, die schon in der Stallgasse blitzblank geputzt bereitstand. Ich ritt bei denen nicht mit, aber musste Coach spielen, weil Oliver diesmal im Sattel von Frame mit dabei war. Ausser Ihm waren noch Spotted Timeout, Chiccory, Shades of Gray, Cassiopeia und Sumerian mit dabei. „Die Nicht-Invalidengruppe“, scherzte Jonas, der Trackpony Calico ritt. Wir setzten jetzt wieder mehr auf die ‚Ponys‘, weil es gerade die Jungpferde deutlich beruhigte und einfach praktisch war. Ich folgte der Gruppe, die im Gänsemarsch zum Galoppweg ritt, nachdem ich Paint wie die anderen in die Führanlage zum Auskühlen gebracht hatte. Während sie sich eintrabten, plauderte ich mit Ajith, der es ebenfalls liebte, seinen Schützlingen beim Training zuzusehen. Er hatte während der ersten Trainingseinheit die meisten der neuen Pferde geputzt. Ohne ihn lief hier gar nichts. Das Training der zweiten Gruppe verlief reibungslos. Ich war immer froh, wenn alles so gut klappte, denn im Hinterkopf hatte ich immer die Bilder von stürzenden Pferden und wüsten Beinverletzungen. Der Rennsport war ein Risiko, das konnte niemand bestreiten. Aber Pineforest war bisher von solch dramatischen Bildern verschont geblieben, was sicherlich auch mit unseren sorgfältigen Trainingsmethoden zu tun hatte. So legten wir beispielsweise grossen Wert darauf, dass die Jungen Pferde genügend Muskeln aufgebaut hatten, bevor sie in höheren Rennen starteten, auch wenn sie die nötigen Geschwindigkeiten schon erreichten. Auch das Skelett und das gesunde Wachstum waren mir sehr wichtig, weshalb Tierärzte und Osteopaten regelmässig zu Routineuntersuchungen bestellt wurden. Mein Ziel war es nicht, möglichst viele Erfolge in kurzer Zeit zu erzielen, sondern vielmehr kontinuierlich ein ganzes langes Pferdeleben hindurch gute Leistungen zu sehen. Daher wurden Pineforests Rennpferde auch öfter Dressur geritten als andere – nämlich um die Grundlage für später und eine solide Ausbildung trotz Rennkarriere aufzubauen.

      Sumerian stach heute besonders hervor. Das Kraftpaket von Stute war mittlerweile so gut, dass Oliver und ich beschlossen, sie wie Caspian und Cool Cat in den höchstdotierten Rennen starten zu lassen. Mit ihren geschmeidigen, raumgreifenden Galoppsprüngen schien sie spielend leicht den Abstand zwischen sich und den anderen zu vergrössern. Nach dem Training lobte ich April dafür, dass sie Sumerian heute so gut geritten hatte. Auch diese Pferde wurden noch im Führkarussell abgekühlt, Cassy und Chiccory durften danach ausserdem unter die beiden Solarien.
      31 Aug. 2016

      Occulta
      Not Pointless - but Hopeless?

      Fröhlich pfeifend schlenderte ich durch die Stallgasse des Hauptstalls. Mein Ziel war Pointless' Box. Die Stute sah mich wie immer unbeeindruckt an und wollte sich wegdrehen, als ich die Tür aufschob. Ich war schneller, schnitt ihr den Weg ab und streifte ihr das Halfter über die gepunkteten Ohren. Dann führte ich sie hinaus in die Stallgasse und band sie zum Putzen an. Sie zappelte, als ich ihren Bauch bürstete und versuchte, als das nichts brachte, mir bösartig in den Rücken zu kneifen. Ich drehte mich blitzschnell um, als ich die Zähne an meinem Rückgrat spürte und gab ihr einen groben Klaps mit der flachen Hand auf die Nase, den man durch den ganzen Hauptstall hörte. Wenn ich etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Beissen. Point riss ruckartig den Kopf hoch und hängte sich in die Seile, die zum Glück diesmal hielten. Die Stute hatte sich in der Vergangenheit oft genug losreissen können, wodurch sie natürlich gelernt hatte, dass sie damit freikam. Allmählich beruhigte sie sich und stand wieder einigermassen ruhig da. Ich pfiff provokativ weiter eine fröhliche Melodie und liess mich durch Drohgebärden wie Schweifschlagen und Naserümpfen nicht aus der Ruhe bringen. „Ich weiss, ich habe heute auch schlechte Laune, und das überträgt sich wohl.“ Die Stute zuckte mit dem Widerrist, als wollte sie Fliegen verscheuchen. „Schlechte Laune, und doch pfeifst du“, murmelte ich zu mir selbst. „Wer kann es mir verübeln? Würdest du gerne mit der Freundin deines heimlichen Geliebten ausreiten gehen?“, fragte ich Pointless, ohne eine Antwort zu erwarten. „Aber Ajith hat gesagt, es sei eine gute Idee. Schliesslich hat Lisa aus ihrer Sicht nichts falsch gemacht, und ich sollte versuchen, mich ihr gegenüber normal zu verhalten.“ Trotzdem wurde ich das bittere Gefühl in meinem Mund nicht los, während ich weiterputzte. Ich lenkte mich damit ab, die Punkte auf dem Fell der Stute zu zählen. Dann schnappte ich mir den Hufauskratzer. "Hör mal, ich kann vielleicht nie deine Kollegin sein, wenn du das nicht willst - aber deine Chefin bleibe ich trotz allem", murmelte ich grimmig, als Pointless mir ihr Bein nur widerwillig gab. Ich war noch immer ratlos über den Grund ihres tiefen Misstrauens uns Menschen gegenüber. Sie war soweit ich wusste nie misshandelt worden und wir hatten uns nun Jahrelang mit sämtlichen Horsemanship Methoden Mühe gegeben, einen Zugang zu der aggressiven Stute zu schaffen. Manchmal war auch tatsächlich Besserung spürbar gewesen, doch es schien als reichte eine schlechte Laune ihrerseits, um alles wieder auszuradieren. Nicht nur, dass ich langsam ans Ende meiner Ideen gelangte machte mir Sorgen, sondern auch, dass Pointless ein dauerhaftes Risiko für das Personal darstellte.

      Mit einem Seufzen zog ich den Sattelgurt an, so rasch ich konnte, um nicht unter die unzufrieden scharrenden Hufe zu geraten, und zog ihr die Trense an, die sie erstaunlich gut annahm. "Man könnte noch auf den Gedanken kommen, dass du dich auf die Arbeit freust", bemerkte ich sarkastisch. Natürlich antwortete das Pferd noch immer nicht. Ich führte Point nach draussen, wo bereits Lisa mit Echo wartete. "Aufbruch?" "Klaro", lächelte ich gezwungen. Wir ritten zur Wilkinson Ranch um zu sehen, wie Rosie und ihr Team vorankamen. Ich war ehrlich erstaunt, als ich feststellte, dass schon fast alles renoviert war. Die Fassaden waren alle vom Efeu befreit und neu gestrichen worden, die Dächer repariert und der Kiesweg erneuert. Ausserdem mähte ein Gärtner gerade das hohe Gras, das wild um die Gebäude wucherte. Rosie war nicht zu sehen, aber sie war wohl irgendwo im Inneren der Ställe und packte mit an. Wir beschlossen, sie nicht abzulenken und trabten in den Wald.

      Wenig später gelangten wir zu einer alten Holzbrücke, die über einen Bach führte. Ich überlegte kurz abzusteigen, weil die Brücke etwas schmal war und ich das Gefühl hatte, dass Pointless nicht so leicht darüber zu bekommen sein würde. Aber das Punktemonster tappte bereits furchtlos mit den Vorderhufen auf die Holzplanken. Echo folgte dicht hinter uns. Zu dicht, denn als wir schon fast drüben waren, zog Point plötzlich den Po ein und liess ihre Hufe ungebremst gegen die Brust der Paint Stute krachen. Ich erschrak fürchterlich, weil ich nicht damit gerechnet hatte und verlor für einen Moment den Zügelkontakt. Echo hatte versucht, dem Schlag auszuweichen und war dabei ungeschickt nach hinten gegen das Geländer der Brücke gestolpert. Just in diesem Moment knackte es laut und das Geländer gab dem Druck nach. Pointless machte vor Schreck einen Satz und ich verlor den Halt, während Echo mit Lisa rückwärts in den Bach stürzte. Ich klammerte mich an Pointless' Hals fest und versuchte irgendwie wieder in den Sattel zu kommen. Doch die Stute preschte nun im Galopp los, mitten in den Wald. Ich fasste verzweifelt den Zügel auf der einen Seite und zog ihren Kopf herum, in dem Versuch, sie dadurch zu bremsen. Doch sie stoppte ruckartig und drehte in eine neue Richtung ab, sodass ich keine Chance mehr hatte und die Fliehkraft siegte. Ich spürte unsanft den Aufprall auf dem Waldboden, zu allem Überfluss war ein Baum im Weg. Einige Sekunden war ich wohl weggetreten, denn als die Geräusche um mich herum langsam wieder dumpf an meine Ohren drangen war mein Pferd längst zwischen den Bäumen verschwunden. Beim Versuch aufzustehen stellte ich fest, dass ich mir den ganzen Lendenbereich geprellt hatte, und einen vielsagenden Schmerz in der Rippengegend spürte ich ebenfalls. Ich brauchte noch einen Moment bis ich auf den Beinen war, denn meine Sinne waren noch nicht ganz wieder hochgefahren. Ich schaffte es schliesslich, indem ich mich an dem Baum hochzog. Ich humpelte irgendwie zur Brücke zurück, um nach Lisa und Echo zu sehen. Die Pflegerin stand mit Echo im Bachbett und tastete die Beine der Stute mit ängstlichem Gesicht ab. „Occu! Ist Pointless…?“ „Weg“, bestätigte ich knapp. Sie bemerkte, dass ich mit schmerzverzogenem Gesicht zu ihr runterkletterte. „Bist du okay?“, fragte sie mit ernsthaft besorgter Stimme. „N‘ paar gebrochene Rippen oder so – geht schon“, murmelte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Als ich die beiden erreicht hatte, deutete Lisa auf Echos linkes Vorderbein. „Das da tut ihr ziemlich weh, sie steht auch nicht ab.“ Ich kniete mich runter und tastete das Bein ab. Die Stute zuckte bei jeder Berührung und zog das Bein weg. „Ich möchte nicht pessimistisch sein, aber ich ziehe in Erwägung, dass es gebrochen ist.“ Lisa schlug entsetzt die Hände vor den Mund. „Hoffentlich nicht! Wir müssen den Tierarzt herrufen, so bekommen wir sie hier bestimmt nicht raus!“ Ich nickte und hatte bereits das Handy gezückt. „Ruf die Ambulanz auch gleich, du siehst echt übel aus“, fügte Lisa hysterisch hinzu. „Ich halte schon durch. Echo ist erstmal wichtiger – du selbst bist unverletzt, oder?“ Sie sah sich ihre Arme und Beine an, als wäre ihr der Gedanke gar noch nicht gekommen, und nickte dann langsam. Ich rief nach dem Tierarzt auch Oliver an, damit er sich auf die Suche nach Pointless begeben konnte.

      Schon acht Minuten Später waren Oliver, Jonas und Darren mitsamt Transporter bei uns. „Du bist verletzt?! Hast du den Arzt gerufen?“, rief Jonas bereits entsetzt, als er aus dem Auto stieg. Ich beschwichtigte ihn. „Alles okay, lass uns erstmal Pointless finden und Echo versorgen.“ „Nichts ist okay! Der gemeingefährliche Klepper kann warten, deine Gesundheit ist wichtiger!“ Na toll, jemand der noch hysterischer ist als Lisa – das hat uns gerade noch gefehlt! Warum haben sie ihn überhaupt mitgenommen? Gereizt beendete ich die Diskussion, indem ich mich an Oliver wandte und Jonas ignorierte. „Sie ist in diese Richtung davongerannt“, erklärte ich mit dem Arm deutend. Oliver sah mich einen Moment skeptisch an und meinte dann zögerlich: „Aber du bleibst hier Occu. Ich riskiere nicht, dass du uns unterwegs umkippst.“ Ich wollte ihm zuerst widersprechen, doch dann machte sich der Stechende Schmerz von zuvor wieder bemerkbar und ich nickte stumm. Die drei stapften entschlossen davon, wobei Jonas einen letzten Blick zurück warf. Kaum waren sie weg, nahm ich das leise Schluchzen von Lisa wahr. „Bist du doch verletzt?“, fragte ich besorgt und wollte schon das Handy erneut aus meiner Hosentasche angeln. „Nein, das ist es nicht“, winkte sie rasch ab. „Es ist nur… Er hat mich nicht mal gefragt wie es mir geht…“ Augenblicklich verstand ich, was sie meinte. Jonas hatte sie vorhin kaum angesehen, geschweige denn angesprochen; als wäre sie bloss eine Nebenfigur. Was hast du dir nur dabei gedacht!, schimpfte ich ihn innerlich aus. Ich versuchte, Lisa zu trösten und erklärte, dass er vermutlich einfach zu zerstreut gewesen war und sie im Bachbett unten gar nicht bemerkt hatte. Ich sah, dass sie sich Mühe gab sich zu fassen, aber es fiel ihr eindeutig schwer. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Wie hätte ich reagiert?, fragte ich mich selbst. Im nächsten Moment fiel mir schaudernd ein, dass ich seine Sorge sogar als lästig empfunden hatte.

      Die drei waren noch nicht zurückgekehrt, als der Tierarzt kam. Ich nahm ihn in Empfang und berichtete ihr im Detail was passiert war, damit er sich ein besseres Bild des Unfalls machen konnte. Inzwischen war mein Adrenalin wohl verpufft, denn der Schmerz in meinen Rippen wurde immer stärker, bis ich mich schliesslich auf einen Stein zurückziehen musste und von dort aus das Geschehen mit zusammengebissenen Zähnen beobachtete.

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      Notfallbericht für Lost in his Echo


      by Eddi

      Ich beendete den Anruf und seufzte dankbar. Eine Sorge weniger… Wir hatten echt nochmal Glück gehabt. Dennoch erwartete uns eine lange, mühsame Genesungsphase. Eddi meinte, wenn wir das Bein gut schonen würden, sollte es bis auf einen bleibenden, aber schmerzfreien Knubbel wieder ganz verheilen.

      Als ich vom Parkplatz her zurückkehrte, entdeckte ich die drei Pfleger mitsamt Punktemonster auf dem Kiesweg. Ich hatte Eddis Ratschlag für’s erste noch vertagt – viel wichtiger war mir im Moment zu erfahren, ob Pointless wieder da war, wo sie hingehörte. „Alles klar? Ist sie unversehrt?“ Oliver war der erste, der den Mund öffnete. „Not even a scratch. Plus, she was super easy to catch. Sometimes I really want to know what’s in this head of hers.” “Nothing but chaos”, meinte Jonas mit gereizter Stimme. Dann fügte er hinzu: “Occu, die Viecher sind beide versorgt – jetzt bist du an der Reihe.“ Bevor ich protestieren konnte, packte er meinen Arm und zog mich in Richtung Parkplatz. Mit einem letzten Blick auf Oliver, der schief lächelte, zum Zeichen dass er hier alles im Griff hatte, gab ich auf und folgte Jonas. Ich stieg auf den Beifahrersitz unseres Allzweck-Hofautos, der Pfleger chauffierte mich zum Spital. Unterwegs herrschte zunächst ein unangenehmes Schweigen zwischen uns. Ich durchbrach es nach einer gefühlten Ewigkeit mit den Worten, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge lagen. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, nicht ein einziges Wort mit Lisa zu wechseln?!“ Er war einen Moment verdutzt, dann schien er sich zu erinnern. Zögerlich antwortete er: „Habe ich nicht? Das tut mir leid, ich war wohl zu aufgeregt…“ „Du solltest dich bei Lisa entschuldigen, nicht bei mir! Man vergisst nicht einfach seine Geliebte, schon gar nicht in einer solch ernsten Situation. Sie sollte das Erste sein, was dir in den Sinn kommt“, tadelte ich. „…War sie aber nicht.“ Er sah stur geradeaus und es schien, als suchte er nach den passenden Worten. „Seit ich mit ihr zusammen bin ist mir jeden Tag klarer geworden, dass sie vielleicht einfach nicht die Richtige ist für mich. Das heute war nur wieder eine weitere Bestätigung.“ Ich schwieg betroffen. Nicht einmal mein innerer Schweinehund konnte sich angesichts seiner traurigen Stimme zu einem gehässigen Gedanken aufraffen. Waren das nicht die Worte, die du die ganze Zeit über hören wolltest? Es fühlte sich einfach nicht richtig an. „Du solltest mit ihr reden. Vielleicht könnt ihr so ein paar Probleme aus der Welt schaffen.“ „Du verstehst das nicht! Ich hätte von Anfang an - “ er stockte, dann erklärte er: „Es passt einfach nicht zwischen ihr und mir, da gibt es nichts ‚aus der Welt zu schaffen‘! Das Ganze war von Anfang an eine dumme Idee, aber sie wird das nicht verstehen und mich dafür hassen.“ Ich hätte ihm gerne gesagt, dass Lisa verständnisvoller sei als er denke, aber leider war ich mir da selbst nicht so sicher. Stattdessen schlug ich vor: „Entschuldige dich erstmal bei ihr und dann siehst du weiter. Ich würde nicht alles einfach so über den Haufen werfen; du bist immer noch unter Spannung und kannst nicht klar denken.“ Er seufzte erschöpft und nickte, wobei er mich mit einem traurigen Blick musterte. „Danke Occu, dass du mir zugehört hast.“ Ich bin immer für dich da, hast du das noch nicht gemerkt?

      Beim Aussteigen sackte ich erstmal zurück auf den Sitz, denn ein stärkerer Schmerz hatte mir, nebst dem alten Stechen in meiner Rippengegend, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jonas eilte bereits herbei. „Soll ich dich tragen?“ „Wage es nicht!“, giftete ich und überwand mich aufzustehen. Wir mussten zum Glück nicht lange warten. Die Diagnose: zwei gebrochene Rippen und üble Prellungen. „Und du wolltest nicht zum Arzt!“, meinte Jonas vorwurfsvoll auf dem Heimweg. „Ich wäre schon noch gegangen, keine Angst. Ich wollte nur zuerst alles andere klären.“ „Ja klar, und dann wärst du bestimmt noch selbst Auto gefahren, oder was?“ „Ich hätte Oliver gefragt!“, rechtfertigte ich mich. „Und warum nicht mich? Bin ich dafür nicht gut genug?“ Diese Frage brachte mich zum Stutzen. „…Doch, aber Oliver ist, ähh… Das spielt doch gar keine Rolle!“, etwas Besseres fiel mir nicht ein. „Achso, natürlich. Es spielt keine Rolle, du hast Recht.“ Ist er jetzt etwa eingeschnappt? Ich schwieg verärgert und sah aus dem Fenster. Zuhause machte ich mir erstmal eine Tasse Tee und sah dann nach Pointless. Sie schien bereits vergessen zu haben, was geschehen war, jedenfalls raschelte sie unbekümmert in ihrem Stroh. „Ich wette, für sie war das heute nur wieder irgendein Spiel”, sagte Lisa, die mir wohl gefolgt war. “Geht es dir besser?” “Ja, danke der Nachfrage”, antwortete ich. “Jonas ist vorhin zu mir gekommen und hat sich entschuldigt.” Dass sie ausgerechnet mit mir darüber reden muss… „Das ist doch toll, dann ist alles wieder in Ordnung?“ „Wir haben Schluss gemacht.“ „Oh“, stiess ich wenig überrascht aus. Idiot. Er hätte es wenigstens versuchen können. „Mein Beileid.“ „Schon okay, es hat einfach… nicht gepasst. Ich war diejenige, die aufhören wollte.“ Nun wurde ich doch neugierig. „Warum denn? Wegen heute?“ „Nicht nur, aber ich denke heute gab mir den entscheidenden Anstoss.“ Ich schwieg, unsicher, was ich darauf noch antworten konnte. „Ich wollte dich nur wissen lassen, dass wir uns davon in keiner Weise von unserer Arbeit ablenken lassen werden, Boss. Du brauchst dir also keine Gedanken zu machen.“ Ich nickte dankbar, ehe sie in Richtung Weiden davon marschierte. In meinem Kopf tobte ein Sturm von Gedanken. Um mich davon abzulenken, schlenderte im Hauptstall auf und ab, nur um am Ende wieder vor Pointless‘ Box stehen zu bleiben. Das Punktemonster sah mich unbeeindruckt an. „Ich hoffe dir ist bewusst, dass ich wegen dir heute ziemlich viel durchgemacht habe?“ Sie zuckte mit dem Widerrist und drehte sich zum Fenster um, weil draussen gerade Sorrow und Vychahr vom Ausritt zurückkamen. Ich seufzte erschöpft und stützte mich mit verschränkten Armen auf das kühle Metall des Boxentürfensters. 04 okt. 2016
    • Occulta
      Letzter Bericht:
      Occulta Letzte Chance

      Ich war wie immer früh auf den Beinen, denn Zeit war kostbar auf einem grossen Gestüt wie Pineforest. Meine Rippen spürte ich zwar bei jedem Schritt, aber das hielt mich nicht davon ab, für Lily Frühstück zu machen und anschliessend in den Hauptstall zu wandern. Zira und Sheela folgten mir treu, während Jacky lieber mit Lily rumblödelte. Oliver fing mich schon beim Eingangstor ab. „You’re not gonna ride. No way.“ „But I’m fine! It only hurts a little bit, and I don’t feel much when I sit”, motzte ich. “I think we should reduce your painkillers, you don’t notice your broken ribs enough”, meinte Oliver nüchtern. Ich seufzte und gab mich geschlagen. Er hat ja Recht… aber trotzdem – ich kann doch nicht einfach rumsitzen und zusehen! Doch schon eine halbe Stunde später tat ich genau das. Genervt tappte ich mit den Fingern auf meine Knie und beobachtete die Jockeys mit Adleraugen. Ich hatte mich auf einem der Gartenstühle niedergelassen, die Oliver zuvor hatte anschleppen müssen. Er sass neben mir und lehnte sich, die Genugtuung ins Gesicht geschrieben, zurück. „These chairs are fantastic. Why didn’t we use them earlier?“, bemerkte er fröhlich. Ich grummelte etwas Unverständliches vor mich hin und konzentrierte mich auf die Vollblüter.

      Wenig später setzte ich mich in die Reiterstube und beobachtete durch die Glasscheibe die Dressurarbeit von Lisa und Fajir. Es war eine der letzten Trainingseinheiten, die er mit der Pflegerin haben würde. Ich hatte den Cremello Hengst an einen jungen Mann aus der entfernteren Nachbarschaft verkauft, weil er ihm so gut gefallen hatte. Ich hatte nie einen besonderen Draht zu Fajit gehabt, trotzdem war ich natürlich etwas traurig, dass er Pineforest verlassen würde. Doch einen Trost gab es: Der Käufer hatte vor, in Zukunft mindestens einmal pro Woche hier an den öffentlichen Reitstunden teilzunehmen, sodass wir Fajir wohl noch oft zu sehen bekommen würden. Was Verkäufe anging war Fajir nicht der einzige Fall – auch Blütenzauber war weg. Sie war gewissermassen ihrem diesjährigen Fohlen Savory Blossom nachgefolgt und lebte nun bei Hunter Crowley. Ich hatte viel mit der Stute erlebt, in der Zeit, in der sie mir gehörte. Hatte sie von der eher durchschnittlichen Jungstute bis zu ihrer Körung aufgebaut und im Gegenzug hatte sie mir ein paar wundervolle Fohlen geschenkt; einmal sogar Zwillinge. Merino und Primo Viktoria entwickelten sich prächtig, und besonders Primo erinnerte mich oft an ihre Mutter. So blieb wenigstens ein Teil von ihr auf Pineforest. Nicht verkauft, aber gewissermassen pensioniert hatte ich Alufolie. Die Miniature Horse Stute hatte in ihrem Leben genug Fohlen gehabt und durfte ein neues Leben auf einem Bauernhof beginnen, unter Betreuung eines fünfzehnjährigen Mädchens. Des Weiteren verliessen uns Argenté Noir und Daydreaming Sorrow, um Teil der bekannten Milky Way Welsh Zucht zu werden. Auch die beiden liess ich nur ungern ziehen, aber dort wartete eine spannendere Zukunft als bei mir, wo sie nur als Freizeitponys dienten. Lila Wolken zog erneut um – zurück zu Eddi. Und dann war da noch Herkir, für den ich ein verlockendes Kaufangebot bekommen hatte. Noch hatte ich nicht zugestimmt, aber ich wollte mich im Verlaufe des Tages entscheiden. Der Haken daran war, dass Jonas so sehr an dem Isländer hing. Ich beobachtete den Pfleger auf dem Rückweg aus der Halle beim Nebenstall. Er fegte gerade die Reste vom Hufeauskratzen zu einem ordentlichen Häufchen. Er wird bestimmt ziemlich traurig sein, wenn ich Herkir weggebe… Aber Herkir käme in einen professionellen Betrieb für Islandpferde, wo er optimal gefördert werden würde. Warum müssen Entscheidungen immer so schwer sein?

      „Hey David! Wie geht es Echo?“, fragte ich den Pfleger, als ich um halb Zwölf Uhr abermals beim Nebenstall vorbeischlenderte. Er putzte die verletzte Stute gerade. „I’d like you to look at this; I think her leg is warm again“, antwortete er besorgt und zugleich erleichtert, dass ich aufgetaucht war. Ich ging zu den beiden hin und tastete das verletzte Vorderbein der Stute ab. Eigentlich hätte es mittlerweile deutlich kühler sein sollen, und auch die Empfindlichkeit hätte abnehmen müssen. Doch Echo zuckte unsicher, als ich das Bein berührte und hob es immer wieder an. Besorgt meinte ich zu David: „Das gefällt mir nicht. Ich rufe Eddi nochmal an, es sollte eigentlich schon deutlich besser sein, aber seit die Schmerzmittel abgesetzt sind, ist es wieder schlimmer geworden.“ Meine Sorge bestätgte sich; Eddi war alles andere als begeistert, diese Neuigkeiten zu hören. Sie riet mir, das Bein gründlich zu kühlen und die Stute nur leicht im Schritt an der Hand zu bewegen, bis eine Verbesserung sichtbar war. Sie selbst hatte gerade zu viel zu tun um vorbeizukommen, doch sie gab mir die Nummer eines anderen Tierarztes, der gegen Abend rasch Zeit haben würde. Ich wollte absolut sichergehen, dass wir nichts falsch machten.

      Nach dem Mittagessen kümmerte ich mich um einen Neuzugang: die Connemarastute Yoomee. Ich hatte sie aus Mitleid gekauft, weil sie dringend einen neuen Platz suchte und sie offenbar niemand sonst wollte. Die Stute war mir nicht unbekannt gewesen (sonst hätte ich das Abenteuer nicht gewagt). Ich hatte sie schon ein paarmal an Wettbewerben gesehen, und sie hatte mir eigentlich immer ganz gut gefallen. Jedenfalls gehörte sie nun mir, und stand in ihrer neuen Box im Nebenstall. Sie hatte ein hübsches Kopfabzeichen, und ihre schicke Fellfarbe fand ich besonders toll. Die Stute war sogar gekört, hatte aber bisher nur einen einzigen Nachkommen. Darüber war ich eigentlich ganz froh, besonders wenn ich an Rosie mit ihrer Farasha dachte. Es würde noch Jahre dauern, bis die ehemalige Zuchtstute nach all den Fohlen ihre schöne Figur zurückhatte. Ich holte Yoomee nur raus um sie zu putzen, reiten konnte ich sie ja im Moment leider noch nicht. Als ich mit ihr fertig war, schlenderte ich durch den leeren Stutentrakt des Hauptstalls. Alle Vollblutstuten waren auf der Weide und man hörte nur die Hengste im anderen Teil des Stalls, die bereits am Vormittag nach dem Training draussen gewesen waren. Doch auf einmal durchbrach ein nahes Rascheln die Stille. Verdutzt entdeckte ich Pointless‘ Hinterteil in ihrer Box. Ich lief zu ihr und runzelte die Stirn. „Haben sie dich etwa vergessen?“ Ich sah mich um, aber es war gerade kein Pfleger in der Nähe. Seufzend, aber entschlossen packte ich Halfter und Seil, die an ihrer Boxentür hingen, und führte die Stute hinaus ins Freie. Auf dem Weg zu den grossen Weiden begegnete ich Darren und Parker, die mich besorgt fragten, ob ich klarkäme. Ich beschwichtigte die beiden, dass ich alles im Griff hätte. Doch wie immer zeigte Pointless spätestens bei den Tannen des Galoppweges ihr wahres Gesicht. Sie begann plötzlich neben mir zu tänzeln und wollte mich dauernd überholen. Ich hielt den Strick mit geballten Fäusten fest, entschlossen die Stute nicht loszulassen, obwohl meine Rippen bereits wieder zu stechen begannen. Ich drehte mit dem Seilende vor der Schnauze der Stute und drückte mit dem Ellbogen von mir weg, damit sie mich nicht einfach wegrempeln konnte. Sie wieherte in ohrenbetäubender Lautstärke nach ihren Kumpels und sog hörbar Luft durch die aufgeregt geblähten Nüstern. „What the – What is wrong with you?!“, rief ich aufgebracht, biss die Zähne zusammen und schickte Pointless ein paar Schritte rückwärts, um sie in den Griff zu bekommen. In diesem Moment flog in den Zweigen über uns irgendein Vogel auf. Pointless zuckte zusammen, und mir wurde in Bruchteilen einer Sekunde klar, was als nächstes passieren musste. Sie schoss an mir vorbei und bretterte über den kurzen Rasen der Rennbahn in Richtung Weiden. Wie einen Kartoffelsack zog sie mich ein paar Meter mit, dann musste ich loslassen, weil die Schmerzen in meinem Brustkorb einfach zu gross wurden. Ich rappelte mich auf, meinen Puls deutlicher als sonst spürend. Pointless bremste bei den Weiden nicht, sondern preschte im vollen Galopp geradewegs Richtung Dorf. „HELP!“, schrie ich zurück in Richtung Stall, ehe ich mich an der Verfolgung versuchte. Zum Glück hatten Oliver, Parker und Darren mich gehört, denn schon eilten sie herbei. „Are you okay?“, fragte Parker ausser Atem. „Yeah, but Pointless is getting away again!“, antwortete ich in die Richtung deutend. “Why the hell did you take her out?! You knew she was dangerous! And in your condition…”, schimpfte Oliver aufgebracht. “I thought… Well she was all alone” “That was because she almost knocked Ajith out when he tried to take her! We intended to leave her inside and wait until she calmed down!” “There’s no time, she’s heading towards the village”, erinnerte uns Parker. “Come back with us, we go get some horses and catch her, but you stay home and wait.” Ich wollte schon wieder protestieren, aber Oliver liess keine Diskussion zu. Die drei sattelten Dod, Calico und Burggraf aus dem Nordstall und ritten sofort mit Lassos bewaffnet los. Ich bezweifelte, dass sie damit wirklich umgehen konnten, aber im Zweifelsfall war es besser als nichts. Als sie nach einer halben Stunde noch nicht zurückwaren, hielt ich es nicht länger aus und fuhr mit dem Auto hinterher. Ich checkte die Umgebung, während ich auf den Quartierstrassen am Rand des Dorfes umherirrte. Plötzlich hörte ich eine Sirene und ein Polizeiwagen bog vor mir in die Strasse ein. Mit einer dunklen Vorahnung folgte ich ihm. Wie in Trance stieg ich aus dem Auto, als ich die Unfallstelle erreichte, auf die die Polizisten zugesteuert hatten. Da lag sie, regungslos und mit einigen hässlichen roten Flecken auf dem gepunkteten Fell. Vor ihr stand ein Auto mit Totalschaden, der Fahrer war bewusstlos. Oliver, Parker und Darren hielten schweigend ihre Pferde und beobachteten, wie der Krankenwagen eintraf. Meine Hände zitterten, als ich den Puls des gepunkteten Vollbluts zu ertasten versuchte. Doch es war zwecklos; Pointless war frontal erwischt worden und bei dem Zusammenprall sofort tot gewesen. Ich fühlte meine Rippenschmerzen längst nicht mehr – alles, was mir durch den Kopf ging, war: Am Ende ist dir dein Verhalten selbst zum Verhängnis geworden… Ich wandte mich entkräftet ab und stand zu meinen drei Pflegern rüber, denn natürlich mussten jetzt eine Menge Formalitäten mit der Polizei geklärt werden.

      Erst gegen Abend war ich zurück auf dem Hof, gerade rechtzeitig um die nächste schlechte Nachricht in empfang zu nehmen: Echos ‚Rückfall‘ kam nicht von direkt ihrer Beinfraktur, sondern aus der Schulter. Der Tierarzt erklärte, dass sie sich offenbar bei dem Sturz eine weitere, bisher unentdeckte Verletzung an der Schulter zugezogen hatte. Als die Schmerzmittel dann abgesetzt worden waren, hatte sie diese wohl gespürt und eine für das Bein unvorteilhafte Entlastungshaltung eingenommen, was wiederum die beobachteten Auswirkungen auf dieses gehabt hatte. Durch die Sache mit der Schulter bekam Echos Zukunft eine neue Wendung: nur noch bedingt reitbar. Niedergeschlagen zog ich mich ins Haus zurück, nachdem der Tierarzt gegangen war. Ich dachte lange nach und kam zu dem Entschluss, Echo zu Gianna auf die Gnadenweide zu geben. Eine bessere Möglichkeit sah ich nicht, denn dort würde sie den anstrengungsfreien Auslauf bekommen, den sie jetzt brauchte. Ich rief dem Bauern an, dem die Weide gehörte und besprach alles mit ihm. Bis es ihr etwas besser ging würde Echo noch hier bleiben, und danach zu meiner pensionierten Criollo-Stute ziehen. Ich legte mich aufs Sofa und starrte an die Decke. Lily war mit den Hunden drausse, sodass im Haus Totenstille herrschte. In Momenten wie diesen kommt es mir vor, als wäre ich eine Marionette, die nach den willkürlichen Fäden eines Autors tanzt, der gerade an seinem ersten Roman sitzt und verzweifelt versucht, Spannung hineinzubringen, um die Leute zu unterhalten. Aber vielleicht ist das auch einfach nur das Los des vielfachen Pferdebesitzers, das ich hier zu spüren bekomme. Ich meine, es kann ja nicht immer nur gut gehen, oder? Aber heute hat sich das Schicksal mal wieder gegen mich verschworen. Ich überlegte, den restlichen Abend im Haus zu verbringen, entschied mich dann aber doch dagegen. Ich kann mich ja mit den Pflegern besaufen oder so. Lewis ist eine humorvolle Ablenkung, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat – na gut, das ist er eigentlich auch sonst. Gerade, als ich das Haus verlassen wollte, klingelte das Telefon. Die Nummer kam mir bekannt vor. Ach ja! Herkir… Ich drückte den Knopf und überlegte, was ich sagen sollte. Bilder von früher schossen mir durch den Kopf. Ich sah Herkir als zotteligen Dreijährigen vor mir, wie er eher scheu und wild war. Dann beim Einreiten, bereits viel offener für die Welt der Zweibeiner. Auch an den Knicklichter-Event erinnerte ich mich, wo wir eine Menge Spass mit ihm und Loki gehabt hatten. Und dann die ganzen Turniere, die er in letzter Zeit gewonnen hatte! Ich fragte mich, ob er in einem professionellen Betreib nicht sogar noch mehr Erfolge holen würde. Doch dann dachte ich daran, wie sehr Loki und er zusammenklebten und fragte mich, ob er auf einem anderen Hof glücklich wäre. Und mir kam Jonas in den Sinn, der mir den Verkauf des Hengstes nie verzeien würde. Ich traf meine Entscheidung.

      Lustlos schlenderte ich zum Hauptstall, doch viel gab es nicht mehr zu tun; die Pfleger räumten bereits auf und wischten ein letztes Mal die Stallgasse. Jemand tippte mir auf die Schulter, und als ich mich umdrehte, umarmte mich Jonas. „Nicht weinen Occu, das Leben geht weiter…“ „Ich weine nicht! Du brichst mir nur gerade die frisch verwachsenen Rippen erneut durch!“, stiess ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Er liess mich erschrocken los und entschuldigte sich. Ich war dankbar für seine Nähe, die mir mehr Trost gab als jedes seiner Worte. „Ich wünschte, ich könnte etwas für dich tun. Das Punktevieh war gemeingefährlich, aber ich weiss, wie sehr sie dir dennoch am Herzen lag.“ „Du brauchst nichts weiter zu tun als mich normal zu behandeln. Ich bin nicht der Typ Mensch, der nach Mitleid bettelt.“ „Normal, huh? Okay.“ Ich sah ihn stirnrunzelnd über die letzte Bemerkung an, zuckte mit den Schultern und wandte mich zum gehen um. Da hielt er mich am Arm zurück. „Warte. Bist du dir sicher, dass ich dich einfach nur ‚normal‘ behandeln soll?“ Er wirkte plötzlich viel ernster als sonst, und ich zögerte verwirrt. „…Weil das möchte ich nämlich nicht. Ich will dich nicht länger ‚normal‘ behandeln.“ „Was meinst du?“ „Ich meine, dass ich dich zu sehr mag, um dich normal zu behandeln.“ „Ist das wieder eines deiner Spiele?“, fragte ich ungerührt. „Nein. Diesmal nicht.“ Erst jetzt begann mein Herz zu pochen, doch auf eine andere Art, als zuvor auf der Unfallstelle. Es pochte lebendiger. Ich war sprachlos, weil mir einfach nichts einfiel, was ich dazu hätte sagen können. So lange hatte ich gewartet, auf diesen einen Moment – und jetzt, wo er endlich da war, brachte ich keinen Muks heraus. „Das mag jetzt vielleicht doof klingen, aber seit Jack gestorben ist, habe ich immer gehofft, dir das eines Tages sagen zu können.“ Nun kam meine Skepsis ins Spiel. „Ach ja? Und dazwischen hattest du mal rasch Stimmungsschwankungen mit Lisa.“ „Das… Ja, das war ein Fehler. Du bist mein Boss, und ich hatte das Gefühl, dass du dich nie auf mich einlassen würdest. Als Lisa zu mir kam und mich fragte, sah ich es als Möglichkeit mich abzulenken, weiter habe ich nicht überlegt.“ Aus irgendeinem Grund fühlte sich das nicht richtig an. Hier stand ich, mit meinem heimlichen Schwarm, der mir soeben seine Gefühle gestanden hatte, und doch hatte ich Zweifel. War es nicht schrecklich unfair von ihm, Lisa Hoffnungen zu machen, wenn er tatsächlich jemand anderen im Sinn hatte? Könnte er dieselbe Nummer nicht auch genau so gut auch mit mir durchziehen? Oder kann ich ihm wirklich glauben schenken? Eine weitere entscheidende Frage schoss mir durch den Kopf, ehe ich sie aussprach: „Was hat dich dazu bewogen zu glauben, dass mich jetzt für dich entscheiden würde, wenn du vorher daran gezweifelt hast?“ Schliesslich habe ich mein Verhalten nicht geändert, im Gegenteil – ich habe mich seit der Geschichte mit Lisa eher von ihm Distanziert. „Ajith hat mir Mut zugesprochen. Er meinte, dass du vielleicht ganz ähnlich fühlen könntest wie ich und selbst wenn nicht, sei es einen Versuch wert.“ Überrascht starrte ich ihn an, dann schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Ajith… Und ich habe immer noch nicht mit Quinn geredet… Ich bin solch eine schlechte Person. “Gib mir etwas Zeit um nachzudenken, okay? Ich muss erstmal mit dem Sturm in meinem Kopf zurechtkommen, bevor ich eine Kurzschlussreaktion habe, die ich später bereuen könnte.“ Er öffnete den Mund und wollte etwas erwidern, doch dann nickte er nur und lächelte mich an. Ich liebte den Ausdruck seiner Augen, die trotz meiner etwas unromantischen Antwort hoffnungsvoll schienen. „Es wird dich vielleicht freuen zu hören, dass ich Herkir nicht verkaufe. Ich hänge zu sehr an ihm, und ich weiss ja, dass es dir gleich geht.“ „Danke Occu. Das war die richtige Entscheidung, glaub mir. Herkir wird dich nicht enttäuschen.“ Wir wandten uns zum Gehen um. Beim Pflegerheim stand eine Gruppe schnatternder Pfleger; mittendrin Rita, die ziemlich aufgeregt wirkte. „Was ist denn hier los?“, wollte ich neugierig wissen. „Rita hat soeben herausgefunden, dass Calico in Wirklichkeit gar nicht Calico heisst!“, rief Lisa aus. „Waaaas?“ „His real name is ‚Chalicó Azul Espada‘, look!“ Rita zeigte mir ein Foto auf einer Argentinischen Website auf ihrem Handy. Tatsächlich – dort war der hübsche graue Hengst als Zweijähriger abgebildet, unverkennbar durch seine auffälligen Abzeichen. „Wie ist das möglich?“ „Father never told me where he got him from, I didn’t really care either. All that was important to me back then was to get a horse, no matter what origin. I’m surprised tough, that he imported him all the way from Argentinia for me…” Ich war ziemlich durcheinander und sah mir die Website nochmal gründlich an. Es schien sich um eine der bekannteren Zuchten zu handeln, jedenfalls hatten sie ganz schön viele Zuchthengste und die Preise waren happig. Ich dachte mit einem schadenfreudigen Schaudern daran, dass ich den Hengst ziemlich viel billiger bekommen hatte. „Und jetzt? Benennen wir ihn um?“, fragte Jonas scherzend. „Nö, für uns wird er immer Calico bleiben. Aber wir könnten seinen richtigen Namen für Turniere und so verwenden.“ Der Vorschlag kam gut an. Ich beschloss, demnächst mehr über Calicos Herkunft in Erfahrung zu bringen; mir kribbelte es förmlich in den Fingern, wenn ich daran dachte. „Gute Nacht Occu“, murmelte Jonas liebevoll, als ich bekanntgab, dass ich mich jetzt ins Haus zurückziehen würde. Dies war wirklich ein Tag der Extreme gewesen.
      05 Okt. 2016
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    Gedenksteine
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    Occulta
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    6 Okt. 2016
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