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Occulta

Stromer

† 02.08.2016, Kolik

Stromer
Occulta, 6 Okt. 2016
    • Occulta
      Geschichte:
      Muemmi
      Stromer an der FS 44

      Ich hüpfte aus dem Bett und war aufgeregt wie noch nie. Ich hatte mir vor kurzem ein Cremellofohlen gekauft und hatte nun vor, mir ihm an einer Fohlenschau für aussergewöhnliche Fellfarben teilzunehmen. Ich wusch mir die Haare und zug mich schick an, putzte mir die Zähne und flitzte nach unten in die Küche. Dort machte ich mir ein sehr leckeres Frühstück und schlang es hinunter. Dann räumte ich auf, holte das neue Fohlihalfter und die schöne weiße Decke, die ich noch von Polarfuchs Teilnahme hatte und fuhr in den Stall. Dort begrüßte mich ein kleiner Cremellohengst, er hatte vier weiße Beine, die man wegen seiner hellfalbenen Fellfarbe kaum noch sehen konnte. Stromer, wie der Kleine hieß, schnobberte mir entgegen und stupste mich an. Ich holte ihn aus seiner Box und machte ihn fertig für die Fohlenschau.
      Zuerst bürstete ich säuberlich über sein helles falbenfarbenens Fell, bürstete es schön sauber und befreite es ordentlich von Schutz. Die Haare flogen und ich schwitzte, aber das Fohli wurde immer sauberer und ich war immer zufriedener. Dann holte ich die weicheste Babybürste herraus und strich über sein Fell. Es fing an immer mehr zu glänzen und meine Fohlen war soo schön wie nie. Stromer ließ es sich gefallen und genoss die Prozedur.
      Dann fuhr ich mir der kleinen Haarbürste durch seine weichen flauschigen Haare. Sie fielen sehr weich und sanft über den kleinen Hals, ich machte das gleiche mit dem Schweif. Nun kratzte ich die Hufe aus und bürstete sie ab. Auch machte ich die weißen Beine sauber vom Schmutz und befreite sie von Liegeflecken.
      Dann nahm ich das Huföl, schmierte mit dem Olivenöl die kleinen Hüfchen ein und trat zurück. Ich betrachtete den Kleinen und war stolz auf mein Werk.
      Zuguterletzt rieb ich noch die Nüstern sauber ein und fettete leicht die weiche Haut um die Augen ein. So gläntze der Kleine Stromer noch schöner und sauberer und ich konnte mit dem Hänger anfangen. Diesen hatte ich auf den Hof geparkt, ich musste nurnoch schnell einsteuen und konnte Stromer dann die Rampe hinaufführen. Do hatte er keine Chance sich zu wälzen und sich schmutzig zu machen. So band ich ihn an. Dann brachte ich noch schnell das Heunetz und streichelte den Guten. "Das schaffen wir schon meine Wunderschöner kleiner!" sagte ich und klappte die Rampe hoch. Dann sprang ich schnell in den Stall, holte Wasserkanister, Futter, Gamaschen, Führstick *aufzähl* Wassereimer, und die Putzbox. Dann verstaute ich alles im Hänger in der kleinen Kammer und hüpfte ins Auto. Leicht fuhr ich an und verließ den meinen Reiterhof.

      Als ich ankam, waren noch nicht sehr viele Fohlen da. Ich sah eine sehr aussergewöhnliche Fallfarbe eines Fohlens. Es war anscheinend eine Mischung aus Zebra und Pony. Ich konnte nicht lange genug staunen, denn ich musste mich auch für die Fohlenschau fertig machen und alles vorbereiten. Ich lud Stromer aus und band ihn an einer nahen Putzstange an. Das Aprilwetter war total unberechenbar, aber es hielt sich doch. Ich nahm die alte Fohlendecke von Stromer ab und bürstete nochmal über sein Fell. Dann nahm ich mir einige Strähnen seiner Mähne und flogt sie ein. Dies dauerte nur wenige Minuten, da Stromer stillstand und die Mähne so leicht und weich war, dass ich gut arbeiten konnte. Dann putze ich noch die Hufe ab und lackierte sie nochmal. Alles in allem stand vor mir nun das schönste Fohlen, dass ich mir vorstellen konnte. Ich raffte mein Fohlen und die Ausrüstung zusammen und ging nach kurzem Aufräumen zur Halle hinüber, um mich vor dem aufziehendem Reden zu retten. Auch Stromer folgte mir, er hatte anscheinend keine Lust naß zu werden. Wohl seine einzigste Angst, denn er war ein sehr gelassenes und cooles Pferd(chen). Ich klinkte die Longe ein und ließ ihn erstmal etwas warmlaufen. Das konnte mein Fohli schon sehr sehr gut und er arbeitete sehr sehr konzentriert mit. Dann ging ich einige Übungen der Prüfung durch. Auch wechselte ich dann die Seite und ließ ihn weiter traben, galoppieren und durchparieren. Dann wurde ich von einem anderen Teilnehmer aufgerufen. Sie hatte die Prüfung schon gemacht. Ich war aufgeregt und ging hinüber in die andere Halleum die Prüfung zu machen.

      Ich schritt in die Halle, drei allzubekannte alte Richter saßen auf der Tribühne. Ich kannte sie schon von sooo vielen Körungen, Stutbuchwettbewerben und Fohlenschauen. Aber das war nun unwichtig. Ich nahm mein Fohli am Führstrick und begann die Aufgaben. Zuerst mussten wir antraben, wir liefen los, an der Bahnde entlang. Dann wechselten wir die Spur, hielten auf den Punkt X zu und stoppten. Stromer schaute sehr gespannt. "Was ist denn das hier? Ein neues Spiel?" schien er zu fragen. Er blieb mit gespitzten Ohren und wunderschöner Körperhaltung stehen. Die Richter schauten sehr interressiert, anscheinend sind Cremellofohlen auf dem großen Joelleland nicht sehr oft anzutreffen. Stolz darauf, aber ein solches Pfer besitzen zu dürfen, verneigte ich mich tief. Stromer renkte den Hals weg von mir und sah mich sehr verwirrt an. Ich sah ihn an und die Zuschauer lachten. "Was schaust du denn so verdutzt? DU hast dich doch gerade verrenkt!" schien er zu meinen und sah mich weiter verdutzt an. Aber dann mussten wir auch schon weiter, die Prüfung fortsetzten. Denn ich hatte unbewusst die zweite Aufgabe bewältigt. Wir waren sogar mehr als die verlangten 8 Sekunden ruhig dagestanden. Obwohl etwas merkwürdig, musste ich mir danach eingestehen. Dann trabten wir wieder an und gingen auf die rechte Hand. Dort hielten wir eine Runde durch und arbeiteten schon and er nächsten Aufgabe. Diese gestaltete sich, dass wir beide durch die ganze Bahn im Galopp wechselten. Ich rannte so schnell ich konnte und schnalzte mit der Zunge, Stromer verstand und galoppierte an. Dann gignen wir in Arbeitsgalopp, der zu meinem Glück etwas langsamer war und galoppierten eine ganze Runde weiter bis zum Punkt A. Ab da gingen wir Schritt. Dort bog ich auf X ab, hielt darauf zu und hielt an. Dort zeigten wir ein Kompliment, die fünfte Aufgabe. Dann wendeten wir auf die Mittellinie ab und zeigten drei Kunststücke. Zwei konnte Stromer komischerwiese schon vorher, das dritte war eher ein Zufall, dass er es gelernt hatte. Zuerst zeigten wir eine klassische Verbeugung, er nahm die Nüstern runter zum Boden und knickte ein Vorderbein ein. Raunen ging durch die Reihen. Dann ließ ich den kleinen steigen. Auch das machte er mit einer schönen Leichtigkeit. Das dritte hatte ich schon vorher irgendwo mal gesehen. Ich ging in die Knie, machte mich klein und schickte Stromer weg. Dann rief ich "Aufgehts! Allehopp!" und Stromer galoppierte an. Direkt auf mich zu! Alles Zuschauer hielten den Atem an. Ich grinste, als ich den Luftzug über mir spürte, wie Stromer über mich hinwegsprang und auf der anderen Seite landete. Dann ging ich auf ihn zu, klopfte ihm den Hals und llobte ihn. Dann ging ich weiter zur nächsten Prüfungsaufgabe. Diese war der Schlussgruß. Ich ging weiter, wieder auf X zu und grüßte die bekannten Richter. Dann trabte ich an und verließ in einem richtig schönen fohlenschrittmäßigen Arbeitstrab mit Stromer die Halle.

      Ich war immer noch etwas aufgeregt, als ich die Halle verließ. Einige Zuschauer sahen mir und meinem Kleinen nach. Ich führte ihn zum Hänger und legte ihm die weiße Decke wieder auf. Dann ließ ich ihn etwas trinken. Stromer tauchte die Nase tief in den Eimer, schluckte und schluckte, ich aber verstaute den Rest meines Inventars und ging dann zurück zu Stromer. Dieser hatte den Eimer geleert und ich konnte ihn ebenfalls aufräumen, bevor ich Stromer auf meinen Hänger verlud. Dann packte ich alles zusammen und stieg ins Auto.
      Es dauerte nicht lange, bis ich wieder uaf meinem Reiterhof ankam. Meine wilden Hengste wieherten mir entgegen, als ich an der Weidekoppel vorbeifuhr. "Ist aj gut ich komme gleich!" rief ich aus dem Fenster meines Audis und fuhr weiter auf den Hof. Dort holte ich Stromer gleich aus dem Hänger, und brachte ihn zu den anderen Fohlen auf den Paddock. Dort wurde der Kleine schon begrüßt, ich hatte Müh und Not, die Zöpfchen seiner Mähne zu lösen. Dann räumte ich den Hänger aus und verstaute alles wieder in der Sattelkammer. Das Sägemehl aus der Rampe und der Transportbox kehrte ich schnell herraus und parkte dann den Hänger unter den alten Verschlag. Als ich draussen mit der Arbeit fertig war, ging ich in den Stall zurück und versorgte meinen kleinen Cremellohengst. Stromer schaute mich an, ich knuddelte ihn und flüsterte ihm ins Ohr: "Supüü gemacht mein Kuscheliger Schöner!" Stromer rieb seinen kleinen zierlichen Kopf an mir und ließ sich streicheln. ICh war froh, dass alles vorbei war und hoffte nun auf eine Platzierung. Aber dies würde sich zeigen, meinte ich dann. "Tschüß du verspielter Racker!" sagte ich und verließ voller Spannung auf die Entscheidung das Stallgebäude.

      PecoMaus
      Stromer an der FS 56

      Seit Tagen bin ich mich nun schon auf die bevorstehende Fohlenschau mit Stromer am Vorbereiten. Täglich hole ich ihn aus der Box, putze den kleinen, was manchmal lange dauert, weil er sich imer wieder neue spässe einfallen lässt. doch ich habe damit gelernt umzugehen und sehe es ihm an wenn er wieder was ausheckt. ich gehe dann meist mit ihm in die halle und übe das einfangen, es klappt oft ganz gut, weil er sich das von der weide einfach schon gewöhnt ist, doch manchmal bin ich so nah dran und dann schafft er es trotzdem wieder mich auszutricksen... das mit dem kunstück fiel und schon etwas schwerer, denn stromer war etwas ungeduldig und gab immer schnell auf. es kostete mir fiel geduld. wir probierten immer wiederverschiedene kunstücke aus, um su sehen welches ihm am besten lag. an einem fand stromer besonders gefallen: am hinlegen, wälzen, und aufstehen. wir übten es nun täglich und stromer fand es immer lustig wenn ich mit der gerte an die schulter tippte und "legen" sagte. er knickte vorne ein und blieb liegen bis ich ihn mit der gerte anstupste und er sich drehte. ich sagte dann immer zu ihm: "aufstehen" und tippte seinen bauch an. Tada: meist stand er dann! wir übten das oft, und auf diese feinen gertenhilfen hörte er erstaunlich gut! stromer und ich waren ein gutes team, wir konnten dieses kunststück schon fast im schlaf. auch beim steigen hörte er auf die gertenhilfen und tige dann immer gleich. denn rest der übung die wir dann vorzeigen mussten beherrschten wir shcon relativ gut und mussten nicht mehr so oft geübt werden.

      meine innere uhr liess mich genau um 6 uhr die augen aufschlagen. pfeifend hüpfte ich ihn meine weissen turnierreithosen und ging in den stall. ich fütterte alle pferde und begrüsste sie alle, keines kam zu kurz. bei stromer blieb ich dann stehen und halfterte ihn auf. bis ich sein fast weisses fell makellos geputzt hatte dauerte es schon recht lange, vor allem machte er immer wieder seine kleinen spässe die er immer so gerne machte. endlich! ich hatte es geschafft und führte mein hengstfohlen ind den gestern vorbereiteten hänger. weil wir das früher schon geübt hatten, blinzelte er nicht einmal beim rauflaufen. ich stieg ins fahrer häuschen und los gings....

      Ich kam an, parkte und lus stromer aus. ich lobte ihn, weil er sich im hänger so vorbildlich verhalten hatte. schnell putze ich in nochmals über, bevor ich mich melden ging. so, mit der startnummer 9 kam ich schon recht schnell dran. neun ist meie glückszahl...
      ich lief mit stromer noch etwas auf dem turnierplatz herum. plötzlich schallte einer stimmer über den platz: PecoMaus bitte mit Stromer in die Halle! oups *******e! ich hab die zeit vergessen! schnell gingen wir zur halle. ein turnierhelfer gab mir das ok und ich führte meinen kleinen hoffnungsträger in die halle. ich hielt an und grüsste die richter, ehe ich strome rlaufen liess. verdutzt schaute er mich an, begriff aba schnell und trabte los, schliesslich zeigte er noch so ne galopp. süss sah das aus, wie stolz er da in der halle hrumtobte! er machte kleine hupfer ehe ich seinen namen rufte. er spitze seine kleinen ohren und hüpfte freudig auf mich zu. bei ihm muste ich blitzschnell sein, sonst treibt er wieder seine spielchen. zack! streifte ich sein halfter blitzschnell über. Geschafft! so, nun kam unser kunststück. ich dachte: jetzt oder nie. und tippte mit meiner langen gerte auf seinen rücken und sprach dabei langsam und deutlich: Hinlegen. er knickte vorne ein und legte sich wie immer brav hin. lächelnd gab ich die hilfen fürs drehen. ich lächelte nun nicht mhr sondern lachte richtig vor freude, als stromer wieder stand. ich lobte ihn und er war richtig stolz das er seinen kopf hoch erhoben trug. er sah richtig anmutig aus! nun tippte ich mit der gerte an seine vorderbeine, ich sah wie seine muskeln sich spannten und wie er kerzengerade stieg. er blieb kurz zeit so bis ich den strick leicht unterzog.er begriff und kam "runter". ich führte meinen kleinen zu x und liess ihn anhalten. ich verabschiedete mich von den richtern, mit einem freudestrahlen. ich schnalzte mit der zunge und begann zu joggen. stromer folgte mir in anmutigem trab, so verliessen wir unter geklatsche der zuschauer die halle.

      So toll hatte es bei keiner Probe geklappt! überglücklich fiel ich ihm um den Hals und gab ihm eine möhre. Zufrieden kaute er sie. richtig stolz führte ich stromer zum hänger rund schaute auf die uhr: noch in 30 minuten bis zur rangverkündigung... diese durfte ich nicht versäumen! so kam es das ich alle 3 minuten auf die uhr schaute, ich wollte diesmal ja nicht zuspät kommen!

      Occulta
      (Rückblick): Die Ankunft von Stromer

      Ungeduldig und Aufgeregt wartete ich auf die Ankunft des Anhängers in dem mein neuer Vollblüter sein würde. Ich hatte auch etwas Bedenken, da der dreijährige cremello Hengst anscheinend sowohl die guten, als auch die weniger guten Seiten des Lebens kannte. Dies liess auf einen komplizierten Charakter schliessen. Aber ich mochte Herausforderungen und wollte ihm ein wunderschönes, definitives Zuhause bieten. Endlich sah ich den Anhänger vorfahren und die Rampe wurde heruntergelassen. Stromer trat etwas unsicher aus dem Hänger und sah sich mit angestellten Ohren um. Ich merkte deutlich, dass ihm nicht sonderlich wohl war. Er zuckte etwas zusammen als ich den Strick nahm. Ich führte ihn zuerst auf die Weide um ihm sein zukünftiges reich zu zeigen. Auf der Nachbarsweide wieherte uns Sunday Morning zu. Später würden sie zusammen grasen dürfen, wenn sie sich verstanden. Ich zog Stromer das Halfter aus und liess ihn seine Weide erkunden. Vorsichtig trabte er den Zaun entlang. Als er bei dem wartenden Sunday ankam, beschnupperten sie sich kurz. Dann drehte Stromer ab und galoppierte in vollem Tempo über die Wiese. Einmal mehr wurde mir klar, dass ich es mit einem kraftvollen Vollblüter zu tun hatte. Er schien sich wohl zu fühlen, denn er machte ein paar Bocksprünge um seine verkrampften Muskeln von der Fahrt zu lockern, dann kam er wieder auf mich zugetrabt. Ich hielt ihm eine Karotte hin, die er kurz darauf genüsslich zerkaute. Dann liess ich ihn für heute in Ruhe.
      18 Sep. 2012

      Occulta
      Ankunft im neuen Stall II

      Endlich fuhren wir mit den restlichen Pferden auf den Hof. Es war schon spät am Nachmittag. Am Vortag hatten mein Mann und ich schon einige Pferde hergebracht, nun waren die Letzten auch da. Diesmal hatten wir noch Stromer, Sunday Morning, Co Pilot, Darling und Andersland dabei. Zuerst führte ich Stromer und Sunday in den Hauptstall. Die beiden hatten sich so gut miteinander angefreundet, dass ich sie beide gleichzeitig führen konnte. Unterwegs wieherte uns bereits frech Daki entgegen. Sunday hob den Kopf und wieherte zurück, Stromer hingegen blieb erst mal noch unsicher und sah andauernd unruhig umher. Klipp, klapp, klipp, klapp tönten die Hufe auf dem frischen Asphalt vor dem Hauptstall. Sunday schnupperte an den kleinen Zierbüschen im mittleren Rasenteil des Innenhofes. Ich führte die beiden durch die weit geöffneten Stalltore und zeigte ihnen ihre Boxen. Sie waren im Bereich für die Vollblüter am einen Ende des Stalles. Die Boxen waren bereits grosszügig mit neuer Einstreu befüllt und es duftete nach frischem Heu. Sunday machte sich sofort daran, die grünen Halme zu zermalmen, während Stromer immer noch leicht aufgeregt in seiner Box Runden drehte und immer wieder wieherte. Man sah deutlich, dass er neue ungewohnte Umgebungen nicht mochte. Als ich die Boxentüre öffnete, wollte er mir schon wieder entgegen springen und flüchten. Ich beschloss, ihn erst mal ein wenig auf dem Hof umher zu führen. Währenddessen brachte mein Mann auch Co Pilot, Andersland und Darling einer nach dem andern in den Hauptstall. Darling und Andersland kamen in den Bereich für besonders grosse Pferde, während Co Pilot im mittleren Bereich Platz fand. Er brachte ausserdem Bella vom neben- in den Hauptstall. Sie bekam die Box neben Pilot. So hatte jeder einen Kumpel neben sich. Währenddessen lief ich mit Stromer auf der Galoppbahn eine Runde, dann an den Weiden vorbei zur Rennbahn, in die Halle und wieder hinaus, auf den Aussenplatz und zum Longierzirkel. Sogar das Haupthaus zeigte ich ihm nochmal. Je mehr er sah, umso ruhiger wurde er. Ich vermutete, dass er nun beruhigt war, weil er seine Umgebung kannte und gleichzeitig sein neues Zuhause. Als ich ihn wieder neben Sunday in die Box führte, machte auch er sich endlich ans Fressen. Ich tätschelte noch einmal seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: „Jetzt bist du wirklich zu Hause.“ Ich lief zur Kontrolle noch einmal durch den gesamten Haupt- und Nebenstall und stellte zufrieden fest, dass alle Pferde versorgt und glücklich waren. Am Nachmittag durften sie dann das erste Mal auf die frisch abgesteckten Weiden.
      1 Okt. 2012

      Occulta
      Tag der Auktion

      Als ich heute Morgen aufwachte, wunderte ich mich zunächst über die weisse Decke meines Zimmers. Mein Zimmer hat doch eine gelbe Decke! Dann fiel es mir wieder ein. Wir sind ja schon umgezogen! Sofort stand ich auf und öffnete das Fenster. Die Vögel zwitscherten vom Pinienwald her. Ein herrlicher morgen. Dann sah ich auf den Terminkalender neben meinem Bett. Der heutige Tag war rot umkreist und es stand ganz klein „Auktion“ darunter. Heute war die Vollblut Auktion, bei der ich mir erhoffte, ein paar zukünftige Renn- und Zuchtpferde zu kaufen. Wenige Minuten später hatte ich gefrühstückt und öffnete die Haustüre. Jack schlief noch – kein Wunder, die Auktion war erst am Nachmittag. Ich beschloss erstmal noch eine Runde Bodenarbeit mit Daki und Sunset zu machen. Da fiel mir plötzlich ein: heute um 11 Uhr würden ja noch die neuen Miniature Pferdchen kommen! Mein Mann hatte die beiden auf dem Weg zur Arbeit bei einer kleinen Privatzucht entdeckt und sich sofort in sie verliebt. Da wir ja nun mehr als genug Platz hatten, hatte ich zugestimmt die beiden zu übernehmen. Allerdings wollte mich mein Mann überraschen und hatte mir deshalb noch nicht verraten, wie sie aussahen. Wie auch immer; ich lief nun in den Nebenstall wo mich Daki schon ungeduldig begrüsste. Es war ein Ritual, dass sie jeden Morgen als erste raus durfte. Ich nahm ihre Halfter vom Haken der Boxentür und öffnete die Box. Sofort kam sie mir entgegen und prüfte, ob ich auch genügend „Proviant“ dabei hatte. Zufrieden schnaubte sie und ich zog ihr das Halfter über. Dann holte ich gleich noch Sunset aus der Nachbarsbox und band beide nebeneinander unter dem Vordach des Nebenstalls fest. Zuerst striegelte ich beide gründlich durch, dann ging ich mit der Glanzbürste über’s Fell, bis beide wiederschön glänzten. Schliesslich kratzte ich noch die kleinen Hüfchen aus und löste die Stricke wieder. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon viertel nach zehn war. Ich führte Daki und Sunny auf den grossen Aussenplatz. Dort begann ich ein paar Zirkus Lektionen mit ihnen zu üben. Eine halbe Stunde später war Miss Mini Daki fünf Mal abgehauen und auf die Galoppbahn gerannt, ich jeweils fluchend hinterher, Sunset hatte gelernt zu steigen, was sie nun jedes Mal tat, wenn ihr etwas nicht passte, und Daki hatte nun endgültig genug, weshalb ich sie beim letzten Ausflug in ihrer Box beim Heufressen fand. Nach diesem wunderbaren Durcheinander war ich völlig kaputt und wollte schon zurück ins Haus, als ein Anhänger auf den Parkplatz fuhr. Oh nein, noch zwei mehr von diesen Biestern! Ich lief auf den Mann zu, der gerade ausgestiegen war und die Rampe des Transporters öffnete. „Guten Tag, haben die beiden die Fahrt gut überstanden?“ Er grunzte nur ein knappes „Ja“ und führte die Minis die Rampe runter. Dann verabschiedete er sich wieder und fuhr davon. Ich betrachtete die beiden neugierig. Der eine war ein windfarbenes Hengstchen, die andere eine braune Stute. Beide liefen schön brav mit, als ich sie auf die Weiden führte. Das Hengstchen bekam eine eigene grosse Weide, das Stütchen stellte ich daneben, später holte ich dann Daki und Sunset dazu. Die Offenställe würden bald fertig sein; es fehlten nur noch ein paar Kleinigkeiten, doch die Pferdchen konnten bereits einziehen. Neugierig beschnupperten sie sich, und das Stütchen – Chocolate Chip war ihr Name – quieckte ab und zu aufgeregt. Auch mit Arctic Blue, dem Hengstchen mit den ausgesprochen guten Manieren, verstanden sie sich durch den Zaun super. Zufrieden lief ich zurück zum Haus.
      Nach dem Mittagessen fuhren mein Mann und ich zur Auktion. Es waren nicht so viele Leute da wie erwartet, was ein gutes Zeichen war, denn es handelte sich um eine sehr bekannte Veranstaltung. Wir Namen Platz auf der kleinen Tribüne in der Auktionshalle und warteten gespannt auf das erste Pferd. Bis zur Pause gefiel mir aber eigentlich kein Pferd so richtig. In der Pause selbst liefen wir ein wenig zwischen den parkenden Transportern umher und sahen uns die Pferde an. Ein fast gänzlich weisses Fohlen stach mir sofort ins Auge. Ich war fasziniert von seinem eleganten Körperbau, dem schneeweissen Fell und den kleinen schwarzen Punkten auf dem Kronrand der Hufe. Seine Augen blickten klar und freundlich, und es schien überhaupt nicht aufgeregt. Ich besprach mich kurz mit meinem Mann, dann stand fest: dieses Fohlen wollten wir kaufen. Zurück auf der Tribüne beobachteten wir eine Apfelschimmel Stute, die fast schon über den Hallenboden schwebte. „Nummer 17: Iskierka“. Alle schienen begeistert von ihr und es wurde ein Gebot nach dem anderen gemacht. Plötzlich ertönte das Geräusch eines Traktors hinter der Halle. Sofort stieg die Stute, schlug nach allen Richtungen aus, riss sich los und rannte quer durch die Halle. Der Führer lag am Boden und hielt sich mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht das Bein und Iskierka wäre beinahe noch über ihn drüber gerannt. Ich hatte noch nie ein Pferd so toben sehen. Und ich war anscheinend nicht die einzige; fast sämtliche Bieter zogen ihre Gebote augenblicklich zurück und der Besitzer der Stute sah enttäuscht zu Boden. Anscheinend hatte er gehofft, sie würde sich ausnahmsweise benehmen. Ich wechselte einen kurzen Blick mit meinem Mann. Wir hatten beide gesehen, dass sie schwierig im Umgang war, jedoch auch, dass sie grosses Rennpotential hatte. Entschlossen hob ich die Hand und bot für sie. Es bot niemand sonst mehr mit, also bekamen wir sie für einen Schnäppchenpreis. Dann, drei Nummern weiter, kam der nächste unserer Favoriten: eine braune Stute namens Felicita. Auch sie schien etwas unsicher und zuckte einmal zusammen, als jemand seine Jacke auszog. Aber als es dann still in der Halle war, zeigte sie ausgezeichnete Gänge und folgte brav. Diesmal war es nicht so leicht mitzubieten, aber da wir Iskierka so günstig bekommen hatten, blieb uns mehr Geld zur Verfügung und so bekamen sie schlussendlich doch noch. Nun warteten wir nur noch auf das weisse Fohlen. Mein Herz machte einen Hüpfer, als sein Name verkündet wurde. A Winter’s Day – gar nicht so schlecht. Wir boten eifrig und bekamen dann endlich den Zuschlag. Nach der Auktion verluden wir die neuen Pferde. Iskierka wollte zuerst partout nicht einsteigen, deshalb luden wir zuerst die anderen ein, in der Hoffnung, dass sie es ihnen gleichtun würde. Winter stieg wie ein Musterknabe ein und auch Felicita folgte, jedoch etwas zögernd. Dann starteten wir einen neuen Versuch mit Iskierka. Es war deprimierend zu sehen, wie die schöne Stute stieg und austrat. Am Ende schafften wir es mit sehr viel Geduld, Ruhe und der Hilfe von 3 anderen Leuten, sie doch noch einzuladen. Dann fuhren wir endlich in den Stall zurück. Beim Aussteigen sprang Iskierka unkontrolliert aus dem Transporter, verletzte aber zum Glück niemanden. Ich führte sie, während mein Mann Felicita und das Fohlen führte. Ich hatte den ganzen Weg einen richtigen Kampf mit der Schimmelstute, denn sie versuchte immer wieder zu drängeln, zu steigen und sich loszureissen. Endlich in der Stallgasse angekommen stellte ich sie einige Boxen entfernt neben Stromer und Sunday. Wie erhofft beruhigte sie sich ein wenig, als Felicita in die Box neben sie gebracht wurde. Die Neuankömmlinge wurden von den anderen Pferden durch die Gitterstäbe hindurch aufmerksam beobachtet, und die Hengste waren natürlicherweise etwas aufgedrehter als sonst, aber das würde sich bald legen. Winter brachte ich zu den anderen Fohlen auf die Weide. Am Abend zählte ich meine blauen Flecken von Iskierka, war aber, wenn ich so darüber nachdachte, eigentlich doch glücklich sie vermutlich sogar gerettet zu haben. Wer weiss, was sonst mit der hübschen Stute passiert wäre?
      7 Okt. 2012

      Waiting
      Hufschmiede zum kleinen Sprung
      Auftrag Stromer und Felicita

      Heute stand mein erster Auftrag bei Occulta an. Ich prüfte nochmal mein Werkzeug in meiner mobilen Schmiede, dann stieg ich ein und fuhr zu Occulta. Als ich ankam, parkte ich mein Jeep im Innenhof des Hauptstalles. Ich sah mich kurz flüchtig um, dann kam auch schon Occulta und begrüßte mich freundlich.
      Nachdem sie Stromer geholt hatte und wir uns ein wenig vertraut gemacht hatten, begann ich mit dem den Messern die einzelnen Hufe auszuschneiden. Dann raspelte ich alle 4 Hufe sorgfältig ab. Stromer war ziemlich unsicher und schreckte manchmal zurück. Doch durch gutes Zureden durch mich und Occulta beruhigte sich der schöne Hengst wieder.
      Nun erhitzte ich ein Hufeisen, welches speziell für Rennen gemacht ist, und drückte es auf den Huf. Dieses passte auf Anhieb. Also kühlte ich es in kaltem Wasser ab und holte Nägel und Hammer. Ich nagelte das Hufeisen auf und bog die Nägel um. Das gleiche machte ich auch mit den anderen 3 Hufen. Hier und da musste ich noch was anpassen. Nachdem ich alle Hufe beschlagen hatte, raspelte ich nochmal über alle Hufen, um scharfe Kanten zu beseitigen.
      Zu guter Letzt fettete ich alle 4 Hufe noch mit Huffett ein. Zufrieden lobte ich Stromer und gab ihm ein Leckerchen.
      Occulta brachte Stromer wieder in seine Box und brachte die braune Stute Felicita. Sie war ebenfalls eine unsichere Stute, die sich nicht gerne von Fremden anfassen lässt. Das machte sie mir deutlich.
      Doch ich machte mich rasch an die Arbeit. Auch bei ihr begann ich mit den Messern. Danach raspelte ich ihre Hufe und passte dann die Hufeisen an und beschlug die Stute. Dann raspelte ich nochmal die Hufen und fettete sie schließlich ein.
      Ich war mit meiner Arbeit zufrieden und so bekam auch Felicita ein Leckerchen.
      Ich verabschiedete mich von Occulta, räumte auf und fuhr dann wieder nach Hause.
      (1812 Zeichen; by Boralie)

      Occulta
      Sammelpflegebericht für alle Pferde: Ein typischer Arbeitstag.

      Heute war wiedermal ein purer Arbeitstag: zuerst eilte ich zu den Weiden um bei Daki, Sunset und Chip die Weideboxen auszumisten, ausserdem um Wasser und Raufutter nachzufüllen. Neben mir hüpfte meine neue Jack-Russel Hündin Jacky ungeduldig auf und ab. Ich hatte sie mit acht Wochen von der Züchterin abgeholt, was eher früh war, aber sie war jetzt mit 10 Wochen schon neugierig und in keiner Weise ängstlich. Sie hatte sich gut eingelebt und tapste mir brav hinterher. Allerdings hatte sie eine kurze Leine an, damit ich sie anbinden konnte, wenn ich zu den Pferden ging. Ich wollte ja nicht, dass sie getreten wurde. Die drei mini Stütchen bekamen noch etwas dünnere Decken, denn es war wieder etwas wärmer geworden (trotzdem wollte ich nicht, dass sie zu viel Fell bildeten). Als ich die Weide verliess, um zu den beiden mini Hengstchen zu gehen, wollte mir Daki schon hinterher laufen. Ich sagte amüsiert zu ihr: „Zu den Hengstchen kommst du besser nicht mit. Aber…“ nach kurzem Zögern gab ich ihrem treuen Blick nach und öffnete das Weidetor so weit, dass nur sie hinausschlüpfen konnte. Ich wusste genau: Miss Mini Daki kam überall mit mir mit wie ein Hund. Auch ohne Seil. Und wenn sie abhauen würde, dann eh in die Futterkammer. Ich band Jacky vom Weidepfosten los und sie beschnupperte Daki sofort neugierig. Als ich zu den Hengstchen reinging, begann Daki entspannt aussen am Zaun zu grasen, während Jacky ihr zwischen den Beinen hindurch flitzte. Ich machte mir keine Sorgen um sie, weil Daki ja klein war und die Hufe vorsichtig aufsetzte. Ich kümmerte mich nun um Blue und Prinz. Die beiden hatten sich seit Prinz‘ Ankunft prächtig verstanden und dösten oft entspannt nebeneinander. Ich mistete zuerst wieder die Box und streute neues Stroh rein, dann legte ich noch einen Heuhaufen hin und füllte die beiden Wassereimer wieder auf. Jeder hatte einen eigenen, damit sie auch sicher genug tranken. Dann zog ich auch ihnen die leichteren Decken an und lief anschliessend zu den Fohlen. Die sahen, weil es Winteranfang war, besonders pelzig aus. Ich hatte ihnen keine Decke angezogen, da sie diese bloss zerfleddert hätten. Ich lief an Campina vorbei, die mir kurz darauf gelangweilt hinterher lief. Ich wusste, dass sie meine Anwesenheit immer mit Spannung und Abwechslung verbanden, aber heute mussten sie ausnahmsweise verzichten. Auch Flower lief mir hinterher und kniff mir spielerisch ins Hosenbein. Ich packte ihr Ohr um ihr zu signalisieren, dass ich in Ruhe gelassen werden wollte. Währenddessen spielte Jacky mit Fake. Auch Daki fand schnell jemanden zum Zanken: Flower, die sich wieder von mir entfernt hatte. Winter stand auf der Weide nebenan und beobachtete die Anderen. Nach dem ich auch mit der Box der Fohlen fertig war, lief ich zu ihm und kraulte ihn ein wenig. Er taute sofort auf und begann mir frech in den Ärmel zu kneifen. Ich joggte etwas davon und forderte ihn auf, mir zu folgen. Nach einer Weile trabte und galoppierte er mir hinterher. Aber ich musste bald weiter und mich auch noch um die Anderen kümmern. Deshalb verliess ich die Weide und lief mit Jacky und Miss Mini Daki zum Nebenstall. Daki Blieb bei Goia stehen und leistete ihr etwas Gesellschaft, während ich bei der neuen Criollo-Stute Moon Kiddy anfing. Ich hatte sie, Goia, Flint, Summer, Pilot und Love in den Nebenstall umgesiedelt, damit der Hauptstall nun vollkommen für die Vollblüter genutzt werden konnte. Als ich in allen Nebenstallboxen die Einstreu gewechselt und frisches Heu hingelegt hatte, rief ich Daki und lief die kurze Strecke zum Hauptstall. Neugierig erkundeten Daki und Jacky das Gebäude, während ich mich der Reihe nach um Stromer, Sunday, Light und Spot kümmerte. Spot und Light waren ebenfalls neu. Nach ihrer Ankunft hatte ich beschlossen, dass die Stuten im südlichen Teil des Hauptstalles und die Hengste im nördlichen stehen sollten. Als ich mit den Hengsten fertig war, lief ich zu den Stuten wo Daki und Jacky schon warteten und mit Felicita schmusten. Iskierka, die kleine Diva, war etwas speziell und fand Daki anscheinend nicht besonders anziehend. Auch vor Jacky hatte sie eher Angst, weil ihr das kleine, wilde, bellende Ding nicht geheuer war. Ich mistete die Box des Sensibelchens und befasste mich zu guter Letzt mit Felicita. Am Nachmittag durften alle Pferde auf die Weiden.
      9 Nov. 2012

      Occulta
      Alltag auf Pineforest Stable

      Wie jeden Samstag stand ich früh auf und schlang mein Müsli runter, bevor ich dann in den Hauptstall lief und den Stallburschen beim Füttern half. Alle Pferde warteten schon ungeduldig und besonders Spot klopfte mit dem Huf gegen die Boxentür. Er bekam deshalb als Letzter sein Futter. Die Vollblüter im Hauptstall bekamen eine spezielle Futtermischung, die ihnen die nötigen Vitamine und Mineralstoffe für ihre Rennleistungen brachte. Diese Futtermischung schmeckte wohl auch besonders gut, denn wenn Pferde, die aus irgendeinem Grund gerade nicht im Rennsport tätig waren, stattdessen normales Futter, wie das der Nebenstall-Pferde bekamen, assen sie deutlich weniger und langsamer. Auch im Nebenstall wurde die Schubkarre mit dem Futter schon freudig erwartet und viele der Pferde "röchelten" aufgeregt. Anschliessend brachten wir den Pferden auf den Weiden ihre Heu und Stroh Portionen, denn die bekamen wenn überhaupt nur wenig Getreidefutter. Es war schon recht warm an diesem Morgen und der Schnee war fast gänzlich geschmolzen. An manchen Stellen tauchten erste Frühlingsblumen auf und die Gräser begannen sich wieder aufzurichten. Auch die Luft roch nach Frühling und man hörte überall Vögel zwitschern. Da der geschmolzene Schnee die Weiden matschig werden liess, wurden Teile der Weiden zur Schonung des frischen Grases abgetrennt. Die Mini-Pferdchen waren immer süss anzusehen, wenn sie angerannt kamen, sobald der Futterwagen in Sicht war. Arco wieherte schon aufgeregt als wir die Weide betraten. Anschliessend liessen wir erstmal alle Pferde in Ruhe fressen, dann lief ich erneut zur Mini-Pferdchen Weide. Um neun Uhr kamen dann ein paar Kinder, die regelmässig am Wochenende mit den Mini-Pferdchen spielten und sie putzten. Ich blieb zuerst wie immer etwas dabei und half mit. Unsere Minis waren zwar allesamt super lieb im Umgang und sehr menschenbezogen, aber kommunizierten natürlich auch untereinander als Herde und dabei gab es öfter mal kleine Zankereien. Daki’s Nüstern durchstöberten schon wieder meine Hosentaschen nach Leckerlies und Chip versuchte gerade Goldy in den Hintern zu beissen. Ich packte sie am Ohr und ermahnte sie, denn solange die Kinder anwesend waren, hatte sie sich gefälligst zu benehmen. Arco und Prinz wurden separat geputzt, weil sie ja Hengstchen waren. Besonders an Diva’s knallrotem, flauschigen Winterfell hatten die Kids Freude. Die Minis sahen allgemein wie kleine Plüschkugeln aus. Bei Prinz kam man kaum noch durch den dichten Schweif; ein Frisör-Termin stand für alle an. Später am Morgen arbeitete ich mit Light und Stromer auf der Rennbahn, während mein Mann Spot und Sunday bewegte. Auch Felicita und Iskierka waren trainiert worden, allerdings schon am frühen Morgen. Am Mittag ritten ich und mein Mann gemeinsam mit Ronja und Burggraf aus. Der Boden war auf den Feldwegen recht gut, sodass wir auch viel galoppieren konnten. Auf den Feldern war es dafür allerdings zu matschig. Auf dem kleinen Gelände-Parcours in der Mitte der Rennbahn trainierten wir anschliessend noch etwas für die kommenden Distanzprüfungen. Beim Mittagessen liessen wir uns etwas mehr Zeit. Wir assen wie eigentlich immer mit allen Lehrlingen und Stallhelfern gemeinsam im Restaurant in der Halle. Dort wurde über den Tagesplan und die bereits verrichteten Arbeiten geredet, oder auch über allerlei sonstige Themen.
      Danach ritt ich mit Julia und Jonny, zwei der Helfer, auf den Aussenreitplatz. Ich ritt auf Flint, Julia auf Shadow und Jonny auf Summer. Wir stellten ein paar Stangen auf und bereiteten einen kleinen Western-Parcours auf. Während 45 Minuten trainierten wir diverse Bahnfiguren, Stops, Spins und vieles mehr. Flint war langsam richtig gut im Stoppen, er reagierte auf die feinsten Gewichtshilfen. Auch Summer machte gute Fortschritte, sie hatte allerdings ordentlich Winterfell, was das Westernpferde-Image ein wenig verfälschte. Sie sah lustig aus, wie sie mit all dem Teddy-Fell umher galoppierte. Shadow hingegen hatte sehr feines Fell und fror schnell, wenn sie gerade nicht bewegt wurde. Etwa um 3 Uhr nachmittags ritt ich mit Pilot in der Springstunde mit, die immer Samstags auch offen für Leute aus der Nachbarschaft war. Es kamen oft andere Leute mit ihren Pferden um in der grossen Halle zu trainieren. Einer der Helfer, Freddy, ritt mit Costa mit. Wir machten wieder mal Witze und lachten viel, alle waren fröhlich aufgelegt weil der Frühling kam. Nach der Springstunde ritt ich Peace, den ich ebenfalls noch nicht lange hatte. Er war noch sehr schreckhaft und unkonzentriert, was das Training zur Herausforderung machte, allerdings war bereits eine deutliche Besserung bemerkbar. Trotzdem erschreckte er sich vor einer Taube, die vor seiner Nase durch die Halle flog. Der kräftige Dreijährige bockte mich beinahe runter. Als ich ihn wieder beruhigt hatte, war er dann auch ganz schön verschwitzt, obwohl er geschoren war. Ich beschloss noch ein wenig mit ihm Seitengänge zu üben, zum Abkühlen ritt ich ihn dann noch eine Runde auf der Galoppbahn im Schritt. Nun war ein wenig Spass und Abwechslung mit den Criollos geplant: Ich sattelte Moon, nachdem ich Peace zurück in die Box gebracht hatte, und mein Mann holte Feline. Moon zappelte ungeduldig während wir auf Feline und meinen Mann warteten. Als er endlich kam stiegen wir vor dem Nebenstall auf und ritten zur Galoppbahn. Dort wärmten wir die beiden erstmal im Schritt ein. Anschliessend trabten wir an und machten einige Tempowechsel. Auch Schulterherein übten wir ein wenig. Schliesslich galoppierten wir auch. Nun da es schon fast 6 Uhr war kam starker Wind auf und fegte durch die Tannen des Galoppweges. Es war aber trotzdem noch recht warm und die Abendstimmung mit dem rötlich gefärbten Himmel war wunderschön. Wir beschlossen ein kleines Rennen zu machen. Zuerst ritten wir zur Begrenzung der Rennbahn und zogen den Pferden die Sättel aus. Wir legten sie über den Zaun, dann stiegen wir wieder auf und begaben uns auf die Startposition. Auf sein Zeichen hin preschten wir los. Es war ein herrliches Gefühl gegen den Wind zu galoppieren und die Tannen links und rechts vorbeifliegen zu sehen. Am Anfang lag mein Mann in Führung, dann holten Moon und ich aber auf. Nach der halben Runde waren wir Kopf an Kopf, aber Moon wurde langsam etwas müde. Deshalb verloren wir am Ende knapp. Aber das machte nichts, schliesslich war es ein Spass-Rennen. Wir holten die Sättel wieder und versorgten Moon und Feline. Danach ging ich mit Bella in die Halle und mein Mann mit Sparrow ins Gelände. Ich arbeitete mit Bella an der Losgelassenheit und der Balance, dazu liess ich sie auch über Stangen traben. Um 9 Uhr abends lief ich dann erschöpft zum Haus zurück um das Abendessen zu geniessen. Danach schauten mein Mann und ich einen Horror-Film bevor wir um 11 Uhr nochmals zur Kontrolle durch die Stallgassen liefen. Alles war ruhig und viele Pferde schliefen schon. Pilot röchelte mir zu, als ich an seiner Box vorbei lief. Ich ging ein wenig zu ihm in die Box und kraulte ihn an der Stirn. Dann ging ich ins Bett, voller Vorfreude auf den nächsten Tag.
      5 März 2013

      Occulta
      Stromer an der BHK 438 für Hengste in undynamischer Vorlage und Vollblüter

      Heute war wiedermal ein aufregender Tag: Stromer nahm an einer Hengstkörung teil! Hoffentlich würde alles klappen. Ich suchte nochmal meine schwarzen Handschuhe zusammen, schnappte anschliessend die Zügel von Stromer und führte ihn in Richtung Halle. Vor dem Eingang rückte ich meinen Helm und sein Stirnband zurecht und stieg dann auf. Wir hatten uns zuvor auf dem Platz schon eingewärmt, dann war ich aber nochmal abgestiegen, um meine Nerven mit einem warmen Apfel Punsch zu beruhigen. Stromer ging natürlich auch nicht leer aus: er bekam einen knallroten Apfel. Deshalb kaute er jetzt auch völlig entspannt auf seiner Wassertrense herum. Bald ertönte das läuten und die Tür wurde geöffnet. Ich ritt im Schritt in die lärmdurchflutete Halle und grüsste die Richter. Als das Klingeln zum zweiten Mal ertönte wurde das Stimmengewirr des Publikums leiser und ich durfte beginnen. Zuerst blieb ich im Schritt und bog in eine grosse Volte bei A. Damit demonstrierte ich seine schöne Biegung und Aufrichtung. Als Nächstes wechselte ich die Seite durch die Breite der Bahn. Dabei liess ich ihn den Schritt deutlich verstärken und ihn in die Dehnungshaltung übergehen. Nach einer weiteren flüssigen Mittelschrittphase trabte ich schliesslich an. Ich musste ihn zusammen nehmen, damit er nicht zu fleissig lief. Dafür, dass seine Vergangenheit nicht gerade rosig gewesen war und er normalerweise recht schreckhaft war lief er heute wirklich top. Er schien genau zu wissen, worum es ging und gab sich deshalb wohl extra viel Mühe – ein Beweis für seinen guten Charakter. Nach einer Runde ganze Bahn im Trab bogen wir auf die Mittelvolte und galoppierten bei E an. Er sprang punktgenau ein, denn das war schliesslich seine Stärke: Galopp. Wir absolvierten zwei schwungvolle Runden, dann liess ich ihn geradeaus auf die ganze Bahn galoppieren. Anschliessend wechselte ich diagonal und machte bei X einen sauberen Galoppwechsel. Nun legte ich auf der ganzen Bahn im Galopp zu und zeigte so seinen verstärkten, aber noch immer nicht schnellsten Jagdgalopp. Bei C parierte ich ihn zurück in den Trab und nutzte den Schwung gleich für einen Starken Trab. Zum Schluss bog ich auf die Mittellinie und brachte ihn aus seinem fleissigen Arbeitstrab zum Stehen. Ich grüsste die Richter zum Abschluss und verliess die Halle mit langen Zügeln. Draussen lobte ich Stromer ausgiebig und gab ihm noch einen Apfel.
      Am Nachmittag kam dann die Rangverkündigung. Wir hatten gewonnen! Ich war völlig aus dem häuschen. Dies war die erste Körung überhaupt, die eines meiner Pferde gewonnen hatte. Ich war richtig stolz auf Stromer und freute mich schon auf seine ersten Fohlen.
      16 Juni 2013

      Occulta
      Vollblütertraining und so weiter

      Wie versprochen machte ich mich nach dem Spaziergang mit den Minis noch auf zum Hauptstall, wo ich Sunday putzte und sattelte. Stromer, Felicita, Light, Crack und Paint waren am Morgen schon bewegt worden, blieben also nur noch Spot, Kierka, Pina und Sunday eben. Ausserdem sollte um sieben Uhr noch eine neue Stute ankommen: Shades of Gray. Ich hatte die Süsse von einem Kollegen in Süd England abgekauft. Die Zweijährige war noch nicht eingeritten worden. Doch nun erstmal zurück zu Sunday, den ich nach dem Putzen zur Bahn ritt. Es war schon deutlich kühler geworden und die Sonne stand nicht mehr ganz so hoch. Auf der Grasbahn liess ich ihn locker eintraben, darauf folgte ein kleiner Galopp. Dann trabte ich ihn bis zum 500-Meter Pfosten und machte dort einen fliegenden Start. Er ging gut, galoppierte sauber im Takt. Bei der 1000-Meter Markierung liess ich ihn noch einmal zulegen bis zur 1200er Markierung, danach liess ich ihn auslaufen. Ich lobte ihn und wendete auf der Bahn. Nun wiederholte ich das Ganze auf dieser Seite. Diesmal machten wir eine ganze Runde auf der 1500 Meter langen Bahn. Er blieb bis zum Ende fit, also hängte ich nach einer halben Trabrunde einen kleinen Lockerungsgalopp an. Danach liess ich ihn austraben. Er streckte trotz der Anstrengung schön den Kopf nach unten und lief schwungvoll vorwärts, ein Zeichen dass er mittlerweile gute Kondition hatte. Ich lobte ihn ausgiebig, dann verliess ich im Schritt die Bahn und ritt zur Galoppbahn, um ihn dort noch eine Weile Schritt zu reiten.
      Zurück beim Hauptstall sattelte ich Sunday ab und wusch ihn. Er hatte stark geschwitzt wegen der Wärme und der hohen Luftfeuchtigkeit. Ich nutzte die Gelegenheit, um ihn ganz abzuduschen. Dazu rieb ich ihn ordentlich mit Shampoo ein und spülte dieses danach gründlich aus. Zum Trocknen liess ich ihn ein wenig an der Hand grasen. Er war recht schnell trocken, also verräumte ich ihn wieder in die Box und lief danach zum Parkplatz, wo mein Mann schon wartete. Gleich würde die neue Stute kommen. Wenige Minuten später fuhr der Anhänger auf den Hof und die graue Zweijährige wurde herausgeführt. Ich nahm sie entgegen, während mein Mann sie sich genau ansah. Sie schien top fit und bereit zum einreiten. Zufrieden führte ich sie in ihre neue Box neben Crack. Mein Mann fuhr daraufhin los um eine weitere neue Stute zu holen: Islah. Auch sie kam gut an, die beiden neuen schienen sich jedenfalls auf Anhieb wohl zu fühlen in der grossen Box. In der Zwischenzeit hatten Quinn, Oliver und Lily Pina, Kierka und Spot bewegt. Nun waren also alle müde und zufrieden, Zeit dass auch die Menschen eine Pause bekamen. Zum Abschluss des Tages sassen wir also alle noch draussen vor dem Haus und assen eine Schüssel Fruchtsalat.
      22 Juni 2013

      Occulta
      Ein kleiner Spätsommerausflug

      Es war ein kühler Morgen, aber die ersten Sonnenstrahlen tauchten bereits hinter den Pinien in der Ferne auf. Ich war gerade auf dem Weg zum Parkplatz, um dort das Transportfahrzeug, ein Miet-Camion, für den Ausflug bereitzumachen: wir hatten vor, nach Waterloo (in der Nähe von Liverpool) an den Strand zu fahren und dort baden zu gehen. Ich brachte ein paar Bürsten und Heu, sowie Zaumzeuge verschiedener Art in die kleine Seitenkammer für das Zubehör. Wir konnten maximal 6 Pferde mitnehmen, waren uns aber noch nicht ganz einig welche. Als ich die Ausrüstung vorbereitet hatte, lief ich zum Nebenstall, wo sich Quinn, Lewis, Jonas, Lisa und mein Mann bereits versammelt hatten. „So, habt ihr euch schon entschieden, wen ihr mitnehmt?“ Die meisten nickten, nur Lisa schien unentschlossen. Mein Mann erklärte kurz: „Quinn nimmt Summer, Lewis möchte gerne Islah, Jonas schnappt sich Blüte. Lisa kann sich nicht entscheiden zwischen Peace und Dream…“ „Lisa, nimm doch Dream, mit der verstehst du dich sicher gut und sie ist nicht so gross, du bist dir ja eher kleine Pferde gewöhnt.“, schlug ich vor. Sie nickte zustimmend. „Und wen nimmst du Jack?“, fragte ich meinen Mann. „Shadow, die mag Wasser ja so gerne und dann fühlt sich Summer auch wohler.“ Die Westernpferde wurden meistens zusammen trainiert und waren zusammen deutlich ruhiger. „Gut, dann nehme ich Gray.“ Sagte ich, anschliessend holten wir die Pferde. Summer war etwas irritiert durch die Transportgamaschen, sie war noch nicht oft gereist. Islah machte wiedermal ihren Trippelschritt, denn auf dem Weg zum Parkplatz stiess Lewis ausversehen einen Eimer an, der laut scheppernd vor dem Nebenstall umfiel. Da die Stute sehr Lärmempfindlich war, hatte er seine liebe Mühe sie zu halten. Er fluchte gut hörbar, beruhigte sich aber schnell und lief zielgerichtet weiter. Islah tänzelte zwar noch etwas, aber liess sich führen. Blütenzauber und die restlichen liefen schön brav mit. Wir fuhren los, als alle eingestiegen waren. Jack kannte die Route, weshalb wir kein Navi brauchten. Die Fahrt war schnell vorbei, und Waterloo kam in Sicht. Wir hatten unterwegs gefrühstückt, die Pferde genossen ihr Heu. Wir parkierten auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe des Strandes und luden alle aus. Summer war etwas aufgeregt, sie blähte die Nüstern und hatte die Augen weit aufgerissen als sie rückwärts raus lief. Aber das hatte ich schon erwartet, denn die Stute mochte fremde Gegenden nicht wirklich. Sobald Shadow ganz relaxt ausgestiegen war, beruhigte sie sich aber doch ein wenig. Wir hörten ein paar Möwen schreien, und die Luft war feucht und salzig. Ich cremte mich kurz ein; als Rothaarige verbrannte man sich nunmal schnell. Auch Lewis musste aufpassen, seine Haare waren ja noch feuriger. Ich zäumte Gray mit einem einfachen Mexikanischen Zaum, zog das T-Shirt und die kurzen Hosen aus, denn ich hatte wie die anderen die Badekleider schon darunter an, und führte sie ein wenig abseits zu einem Grasstreifen, damit sie noch ein wenig fressen konnte, bis die anderen fertig waren. Es dauerte aber nicht lange, und schon machten wir uns auf den Weg zum Wasser. Die Sonne brannte schon jetzt auf meine Schultern. Vor mir lief Quinn barfuss und genoss den warmen Sand. Ich hatte noch meine Sandalen an, die ich später ausziehen wollte. Vorne beim Wasser half ich Quinn beim Aufsteigen und schwang mich dann selber auf den blanken Rücken von Gray. Fast wäre ich wieder heruntergerutscht, aber ich klammerte mich an der Mähe fest und schaffte es, mich hochzuziehen. Ich strich mir die von der feuchten Luft gekräuselten Haare aus dem Gesicht und tätschelte Grays Hals. Noch bevor alle oben waren, trabte Islah plötzlich an und wollte Richtung Parkplatz flüchten. Offensichtlich mochte sie das laute Rauschen der Wellen nicht. Auch Summer begann etwas zu tänzeln, aber Quinn hatte auf ihrem breiten Rücken guten Halt und nahm sie ihn einen kleinen Kreis, um sie zum Stehen zu bringen. Schliesslich schaffte es auch Jonas, sich auf Blütes Rücken zu schwingen. „Antraben?“, fragte Jack hoffnungsvoll. Ich blickte zu Lewis, der immer noch Islah in schach hielt. „Schon okay, ich bin froh, wenn ich die Zicke müde machen kann.“, rief er mir zu. Ich nickte und folgte Jonas im Trab, der vorausritt. Neben mir holte Quinn auf und sah fröhlich umher. Unter mir spannte sich Gray, sie war wie ein kleines Gummibällchen, schön locker und im Spicktrab hüpfte sie durch den Sand. Ich fühlte jede Bewegung der kräftigen Muskeln, die schön rhythmisch angespannt wurden. Islah lief zügig vorwärts, aber Lewis hielt die Araber-Pinto Stute schön zurück. Dennoch trug sie den Schweif aufgeregt hoch. Als Jonas Blüte angaloppierte, schoss Islah plötzlich buckelnd nach vorne und Lewis klammerte sich an ihren Hals. Er schafte es sich im Renngalopp zurück in den Sattel zu retten und zügelte die Stute ein wenig, bis wir aufgeholt hatten. "Alles okay?", fragte ich besorgt, er hatte ein vor Anstrengung rotes Gesicht und schnaufte fast so wie Islah. Aber er nickte und meinte mit ironischem Unterton: "Na klar, ist denn was passiert?" Dann grinste er und legte ein wenig zu im Galopp. Wir flogen eine Weile über den Sand, ab und zu steuerte ich auch ein Stück ins Wasser, wobei dieses bei jedem Galoppsprung bis zum Sattel hochspritzte. Gray schüttelte kurz den Kopf, weil ihr etwas Salzwasser ins Ohr gespritzt war, dann streckte sie sich und wir überholten Islah. Als der Strand wieder schmaler wurde und weiter vorne Kieselsteine in Sicht kamen, bremsten wir ab. "Das war toll!", rief Lisa aus. Dreamy war ganz nass, weil sie fast die ganze Zeit durch die heranschwappenden Wellen geritten war. "Au ja! Gehen wir jetzt noch richtig ins Wasser? Summer hat sich bisher noch nicht so getraut...", fragte Quinn hoffnungsvoll. Wir diskutierten kurz, wobei wir uns eigentlich sowieso einig waren: ab ins Wasser! Dann ritt ich mit Gray vorsichtig voraus. Wir achteten darauf, dass es keine Felsen unterwasser hatte und wateten bald schon Bauchtief im Wasser. Weiter gingen wir aber nicht, da die Pferde die Wellen nicht gewöhnt waren. Dream hielt den Kopf ganz hoch, um ja kein Wasser in die Nüstern zu bekommen. Sie war schliesslich auch die Kleinste. Gray scharrte ein wenig mit den Hufen im Sand. Wir ritten langsam schräg zum Strand zurück. Als der Boden anstieg und das Wasser flacher wurde, lief Gray wieder etwas schneller. Schliesslich verliessen wir das Wasser ganz und die Hufe der Pferde wurden nur noch von den sanften Wellen umspühlt. So ritten wir unter dem tosenden Wellengeräusch noch eine Weile weiter, zurück in Richtung Parkplatz. Dort banden wir die Pferde an einem alten Holzzaun an, lange genug, dass die grasen konnten. In der Zwischenzeit gingen wir Zweibeiner nochmal zum Wasser und badeten. Das Wasser war ziemlich kalt, schliesslich waren wir ja nicht in Spanien, sondern in England. Aber nach einer kurzen Überwindungszeit und nachdem Jack schonmal alle nassgespritzt hatte, waren alle im Meerwasser. Ich liess mich von den mässig hohen Wellen tragen und beobachtete, wie Lewis und Quinn sich nass spritzten. Aber spätestens als ich auch etwas abbekam, stürtze ich mich auf sie. Am Ende liessen wir uns wieder müde treiben. Als eine unerwartet grosse Welle kam wurde ich vor schreck kurz untergetaucht. "Woa, die war riesig!", rief Jonas aus. Ich stimmte zu und beobachtete, wie die Welle an den Strand rollte. Nach etwa einer Stunde liessen wir uns schliesslich müde in den Sand fallen und sonnten noch ein wenig. Es war immernoch recht kühl, aber die direkten Sonnenstrahlen wärmten mich. Ausserdem kam Jack schon wieder angeschlichen und umarmte mich. Nach einer weiteren halben Stunde stiess ich ihn spielerisch beiseite und stand auf. "Ich denke, wir sollten uns langsam etwas zu Essen suchen. Ich hab ordentlich Hunger.", schlug ich vor. Die anderen stimmten zu und wir ernannten Jonas zum Aufpasser. Einer sollte schliesslich bei den Pferden bleiben. Wir anderen machten uns auf in Richtung Stadt. Wir wurden schnell fündig und kauften in einem kleinen Supermarkt Zutaten für ein anständiges Sandwich. Ausserdem noch eine Wassermelone und genügend Getränke für alle. Zurück beim Parkplatz hatte es sogar Campingtische, an die wir uns setzten. Nach dem jeder sein eigenes Sandwich gamacht und gegessen hatte, teilten wir uns noch die Melone. Als alle satt waren und noch Melone übrig war, schnappten wir uns je ein Stück und gaben es den Pferden. Blüte schmazte gleich drauf los, Summer schnupperte zuerst daran und schleckte dann vorsichtig etwas dran rum, Shadow mochte ihr Stück nicht und Islah schnappte es sich liebend gerne auch noch. Gray war am Anfang auch etwas skeptisch, nahm ihr Stück dann aber mit Begeisterung. Danach verluden wir die Pferde auch schon wieder und machten uns auf den Heimweg. Zuhause durften die Sechs dann noch zu den anderen Stuten auf die Weide.
      Anschliessend trainierte ich Stromer, Winter und Paint, die übrigens ihre erste Körung gleich gewonnen hatte. Ich war unheimlich stolz auf sie. Mein Mann, Lily und Oliver trainierten mit mir, sie nahmen dabei nacheinander Spot, Sunday und Felicita; Iskierka und Light; Und Crack und Pina. Wir absolvierten ein paar Trainingsrennen und übten saubere Starts aus den Startboxen. Danach liessen wir sie austraben und brachten sie auf die Weiden, damit sie den Abend noch draussen geniessen konnten. Schliesslich war es bald Winter und dann würden sie früher in den Stall zurück müssen. Ich mochte den Winter trotzdem und freute mich schon auf den flockigen weissen Schnee und die Eiszapfen an den Dächern. Aber nun beobachtete ich erstmal noch die Stuten auf der Weide, mit einem Wassereis in der Hand und im schönen Schein der untergehenden Sonne.
      14 Sep. 2013

      Occulta
      Neujahrsturnier in Worcestershire

      Heute wurde ich von Jacky geweckt. Ja, Jacky, die kleine, freche Jack Russel-Terrier Hündin die sonst mein Leben angenehm versüsste sprang mit einem riesen Satz auf mein Bett und schleckte mir das Gesicht ab. Ich schlug entsetzt die Augen auf und schubste sie runter. Dann blinzelte ich verschlafen aus dem Fenster um zu sehen, wie spät es war. Ich hatte offenbar verschlafen, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel. Sofort sprang ich auf und lief die Treppe runter in die Küche. Jack war nirgends zusehen, also ass ich ein Stück Brot und lief anschliessend zum Nebenstall, wo ich Ajith traf. Er war gerade damit beschäftigt, die Boxen auszumisten. “Good morning, have you seen Jack?“ “Yes, he disappeared in the Main Stable half an hour ago.“ Ich bedankte mich für die Auskunft und betrat den Hauptstall. Drinnen duftete es nach frischem Heu und die Pferde waren beschäftigt mit dem Sortieren der Halme. Ich entdeckte Jack beim Putzen von Gleam und Spot. „Ahh da bist du. Warum hast du mich nicht geweckt?“ „Du hast so schön geschlafen, da wollt ich dich doch nicht aus deinen Träumen reissen.“, grinste er als Antwort. Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter und schnappte mir die Bürste von Spot. Jacky, die mir die ganze Zeit hinterher trottete legte sich vor eine der Boxen und döste ein wenig. „Was machen wir heute?“ „Wir gehen auf Turnier, schon vergessen?“ Ich starrte ihn an, dann fiel es mir wieder ein. Wir hatten vor am Nachmittag zum Neujahrsturnier vom Gracelandsequestriancentre in Worcestershire zu gehen. Es war nicht weit entfernt vom Hof und wir kannten die Besitzer sehr gut. „Welche Pferde hast du gemeldet?“, fragte ich und versuchte, Spot einen Schmutzfleck auszubürsten. „Kierka, Stromer, Sunday und Feli“ Ich nickte einverstanden und legte die Bürste erfolglos weg um ihm nun die Hufe auszukratzen. Er wollte den rechten Hinterhuf jedoch mal wieder nicht heben. Schliesslich schaffte ich es aber doch noch, indem ich mich gegen den Junghengst lehnte. Als ich ihn nach draussen führte spielte er gelangweilt mit der Oberlippe. „Du musst gar nicht so tun Spot, ich weiss dass du aufgeregt bist weil wir auf die Bahn gehen!“ meinte ich, ihm tief in die frechen Augen blickend. Er hörte auf und ich stieg auf. Als Jack ebenfalls oben war, ritten wir gemeinsam auf die Rennbahn. Wir trabten, dort angekommen, auch gleich an, denn die Pferde waren durch die kurze Strecke bereits aufgewärmt. Spot zog wiedermal ziemlich an den Zügeln und ich musste ein paar Paraden geben damit er nicht einfach davonflitzte. Light nebendran schien hingegen schön ruhig und noch etwas verschlafen. Nach zwei ganzen Runden auf beide Seiten gab ich Jack ein Handzeichen zum angaloppieren. Wir galoppierten eine halbe Runde bevor wir dann in der Kurve die Zügel etwas freigaben. Sofort machte Spot ein paar grosse Galoppsprünge und war vorne. Doch in diesem Moment war Light aufgewacht und holte schnell auf. Der feurige Hengst hatte den Blick straight forward gerichtet und überholte Spot mühelos. Jack schien Mühe zu haben ihn zu bremsen, schaffte es dann aber ihn kontrolliert laufen zu lassen. Er senkte dazu die Hände und stützte sie auf den Hals von Light, sodass dieser quasi gegen seinen eigenen Hals zog. Wir galoppierten eine ¾ Runde in hohem Tempo und bremsten dann ab. Light war zwar noch immer am tänzeln als ich mit Spot näherkam, aber er war tatsächlich im trab. “Woa, that was great!“, lachte Jack nur und tätschelte dem Hengst auf den verschwitzten Hals. „Ja, aber wir müssen aufpassen, dass er sich nicht überarbeitet.“ Er nickte und parierte ihn in den Schritt. Auch Spot bremste und streckte den Kopf nach unten sobald ich die Zügel lockerer liess. Ich lobte ihn und wir liessen die beiden noch eine Weile im schritt gehen, dann wechselten wir auf die Galoppbahn zum Ausdauertraining. Wir liessen sie dort langsam galoppieren und machten immerwieder Trabpausen, dafür zwei ganze Runden lang. Als wir fertig waren dampften die beiden förmlich, also legten wir ihnen im Stall direkt eine Abschwitzdecke an. Es war zwar nicht mehr ganz so kalt, aber wir wollten kein Risiko eingehen. Kaum waren sie wieder zufrieden in der Box holten Jack und ich auch schon die nächsten beiden, Crack und Pina.
      Besonders mit Pina mussten wir die Starts noch üben, da die junge Stute noch unerfahren mit den Startboxen war. Wir ritten also nach dem Putzen direkt zu den Startmaschinen und liessen uns von Lewis, der kurz Zeit hatte, hineinführen. Ich hatte Pina und Jack nahm Crack. Zusätzlich begleiteten uns Lily mit Winter und Oliver mit Gray. Pina war wie erwartet unruhig und legte die Ohren angespannt zurück. Winter hingegen kaute entspannt auf der Trense und Gray schaute abgelenkt in der Gegend herum. Crack schien ebenfalls gelassen, um sie genauer zu beobachten hatte ich aber keine Zeit, denn schon wurde die letzte Türe geschlossen und Lewis öffnete die Vordertüren – los ging’s. Jedoch nur im Trab und nicht für lange, schon nach ein paar hundert Metern bremsten wir ab und widerholten das Ganze. So brachten wir den Pferden bei, beim Start kontrollierbar zu bleiben. Nach dem dritten Versuch trabten wir weiter und galoppierten dann nach einer Runde locker an. Die ganze Gruppe bewegte sich schön taktvoll und locker. Nach einer weiteren halben Runde parierten wir durch und machten eine Trabpause, danach wechselten wir die Seite und galoppierten erneut an, diesmal beschleunigten wir. Wir versuchten jedoch erstmal noch den Platz in der Gruppe zu halten, ehe wir sie dann richtig gehen liessen. Ich hielt Pina mit Winter Kopf an Kopf um ihren Kämpfergeist zu wecken, während Crack und Gray sich weiter hinten massen. Pina hielt sich gut neben dem schneeweissen Hengst und wir absolvierten ein konzentriertes, wundervolles Training. Danach liessen wir alle vier austraben und brachten die drei Damen nach dem Absatteln auf die Weide, Winter ebenfalls aber etwas entfernt und mit Light und Spot. Als wir alles verräumt hatten, assen wir zu Mittag.
      Am Nachmittag verluden wir Stromer, Sunday, Kierka und Feli in den Camion. Kierka machte natürlich wie immer ein riesen Theater und wir hatten fast zehn Minuten bis sie drin war, aber wir schafften es immerhin zu zweit und ganz ohne Hilfsmittel. Die anderen machten keine Probleme. Lisa und Elliot kamen auch mit, es war aber noch unklar welches Pferd von wem geritten werden würde. Schon eine halbe Stunde später waren wir auf dem Hof angekommen, hatten die Pferde ausgeladen und angebunden. Wir putzten sie noch vor Ort, denn sie waren nicht sehr dreckig da wir sie am Vortag bereits geputzt hatten. Ich erlas noch das letzte Stroh aus Kierkas Schweif, dann konnten wir Satteln. „Wer nimmt den jetzt wen?“ Fragte ich ungeduldig, während ich den Sattel hochhievte. „Occu, du kümmerst dich doch grad so toll um Kierka, da könntest du doch sicher…“ Weiter kam Lisa gar nicht, denn ich hatte schon entschieden den Kopf geschüttelt. „Vergiss den Fisch, ich will endlich wiedermal Stromer, du kannst dich mit der Zicke herumschlagen.“ Wir lachten alle und Lisa nickte augenrollend. Jack rief in die Runde: „Ich nehm Sunday, wir verstehen uns ja so gut.“ Elliot war mit Felicita total zufrieden, also war auch das endlich geklärt. Wir führten die Pferde zum Abreitpaltz und stiegen auf. Das Neujahrturnier war etwas speziell: Ein Springturnier kombiniert mit Dressurübungen. Ich war gleich als erste dran, was die Aufgabe nicht gerade erleichterte. Stromer verhielt sich ein wenig unruhig, was nicht ungewöhnlich für den Hengst war, hatte er doch so einige schlechte Erfahrungen gemacht. Ich kraulte ihm den Hals und zeigte ihm die Sprünge, dann durfte ich anfangen. Ich galoppierte an und ritt auf den ersten Sprung zu. Es war ein Steilsprung, 1m hoch und blau-gelb. Stromer überwand ihn ohne Schwierigkeiten. Nun mussten wir vor dem nächsten Sprung aus dem Trab korrekt anhalten. Auch das war kein Problem, wenn ich auch Mühe hatte den fleissigen Hengst zu bremsen. Der nächste Sprung war ein kleiner Oxer. Danach mussten wir im Trab bei A abwenden und Seitwärts zurück auf den Hufschlag. Darauf folgte ein in-out, nachdem wir im versammelten Galopp eine kleine Volte reiten mussten. Und so ging es weiter, im Ganzen über 10 Sprünge. Beim letzten Sprung, abermals ein Steilsprung, hatten wir sehr wenig Schwung und ich hielt die Luft beim Absprung an, aber zum Glück blieb die Stange oben. Zufrieden verliess ich den Platz und führte Stromer trocken, während ich dem Lautsprecher lauschte. Am Ende wurde Elliot mit Feli zweiter, ich und Stromer wurden stolze vierte, Jack wurde siebter und Lisa leider nur 17te, da Kierka ein paar Stangen getreten hatte. Ich war dennoch ganz zufrieden mit der sensiblen Stute, denn zum wiedereinladen zickte sie überhaupt nicht. Zuhause gönnten wir ihnen den Feierabend und wir hart arbeitenden Zweibeiner trafen uns im Garten zu einem Gläschen Weisswein, während die Ministuten wiedermal den Hof unsicher machen durften.
      12 Jan. 2014
    • Occulta
      Occulta
      Osterschnitzeljagd

      Donut röchelte mir schon entgegen, als ich den Hauptstall betrat. Ich musste mich jedoch erst noch durch die Stallgasse kämpfen, in der gerade Hochbetrieb herrschte. Die Pfleger waren am füttern und man hörte ungeduldiges Hufscharren und Gewieher. Ich schlängelte mich an den Schubkarren vorbei und wich Empires weicher Schnauze aus, der gerade geputzt wurde und mich im vorbeigehen an stupsen wollte. Endlich war ich bei Donuts Box angelangt und stellte die Putzkiste ab. „Na mein kleiner schicker?“ begrüsste ich ihn, wie ich es immer tat. Trotz dem ich so viele Pferde zu betreuen hatte nahm ich es mir nicht, bei jedem Einzelnen gewisse Rituale einzubauen und ihnen allen so Sicherheit zu vermitteln. Ausserdem ritt ich alle Pferde mindestens zweimal pro Woche selber, den Rest übernahmen jeweils die Pfleger, die schliesslich auch gefördert werden mussten. Ausserdem hatten die Pferde alle einmal in der Woche frei, nämlich immer sonntags. Dann durften sie in Gruppen auf die grossen Weiden und das Pferdeleben geniessen. Ich schnappte mir einen Striegel und warf einen Blick auf die Uhr. „Schon halb eins, Jonas du bist spät dran.“, murmelte ich erbarmungslos, denn der Pfleger war gerade in Baccardis Box geschlichen. „T’schuldigung, ich musste noch Telefonieren….“, antwortete er hastig und kam nochmal raus, um sich ebenfalls einen Striegel zu angeln. Als er aufsah trafen sich unsere Blicke. „Etwas Wichtiges?“ „Jain, meine Tante ist letzte Woche verstorben, die Vorbereitungen für die Beerdigung sind schon in vollem Gange.“ „Das hast du mir ja gar nicht erzählt, tut mir schrecklich leid…“ „Ach ich mochte sie nie besonders, wir redeten seit Jahren nicht mehr zusammen.“ Er erklärte mir während dem Putzen, dass seine Tante mit seiner neuen Berufswahl als Pferdepfleger nicht einverstanden gewesen sei. Sie sei immer schon der Meinung gewesen, dass Pferde gefährlich seien und stinken würden. Ich hörte gespannt zu und entwirrte Donuts Mähne. Jonas unterbrach seine Rede, weil er konzentriert versuchte, Baccardis Mähne zu einem französischen Zopf zu flechten. Ich musste lachen bei dem Anblick und wechselte die Box um ihm zu helfen. Ich übernahm die Haarsträhnen und schob ihn sanft zur Seite. Doch er hielt leicht gegen und legte plötzlich seine Arme um mich. Ich sah ihn verwundert an und stupste ihm in den Bauch, da liess er auch schon wieder los und stupste zurück. Ich beschloss, nicht weiter darauf einzugehen, da es vermutlich wieder nur eine Spielerei seinerseits gewesen war. Ich flocht sie Mähne ruckzuck zu einem ordentlichen Zopf, da ich darin viel Übung hatte. Er sah mir dabei ganz genau auf die Finger, beeindruckt von meiner Geschicktheit. „Naja, manche Dinge werd ich wohl nie beherrschen.“, grinste er als ich fertig war. „Sag niemals nie.“, meinte ich und lächelte verschwörerisch. Wir sattelten endlich und führten die Pferde in den Innenhof. Dort stiegen wir auf und ritten anschliessend zum Dressurviereck, wo wir die beiden erstmal gründlich aufwärmten. Nach einer Weile trabte ich an und begann, Volten und Schlangenlinien zu reiten. Donut löste sich schon nach wenigen Runden und lief locker durch’s Genick. Wenn er versuchte, mit dem Kopf auf und ab zu wackeln, gab ich ihm eine leichte Parade am inneren Zügel. Wir hatten das Headshaking dank der vielen Longenstunden gut in den Griff bekommen, aber ab und zu zeigte er noch Rückfälle. Baccardi schien heute etwas aufgezogen zu sein, er trabte recht zügig und glotze ab und zu wieder das Gebüsch an, als ob dort etwas Gefährliches drin schlummern würde. Als ich an derselben Stelle vorbei kam, fuhr Donut plötzlich zusammen und bockte daraufhin los. Ich war völlig unvorbereitet und plumpste schon nach wenigen Sekunden in den weichen Sand. Donut rannte mir gehobenem Schweif und gespitzten Ohren in Richtung Ausgang, doch Jonas konnte ihm gerade noch den Weg versperren. Da Donut angehalten hatte, konnte er ihn nun leicht am Zügel fassen und mit zu mir führen. „Alles okay?“, fragte er besorgt und stieg ab. Ich stand noch etwas benebelt auf und richtete meinen Helm gerade. „Ja, nix passiert. Irgendwas muss da im Gebüsch sein!“, meinte ich, und lief auf die Stelle zu. Mit triumphierendem Blick richtete ich mich kurz darauf wieder auf und drehte mich zu ihm um. In der Hand hatte ich einen kleinen Korb mit bunten Ostereiern. „Da war jemand fleissig. Ich wette, das war Lisa. Die hat immer solchen Unsinn im Kopf.“ Wir lachten herzhaft und versteckten den Korb wieder, ehe wir weiter ritten. Nach knapp einer Stunde intensiver Arbeit mit den beiden Ponyhengsten stiegen wir zufrieden ab und brachten die beiden in ihre Boxen zurück. Nach dem Absatteln und Bürsten spielte ich noch etwas mit Donut: Ich zeigte ihm ein Handzeichen und sagte ruhig und deutlich: „Lachen“. Daraufhin streckte er seine Oberlippe nach oben und flehmte. Ich lobte ihn und gab ihm Karottenstückchen. Als ich keine mehr hatte kam er mit seinem Maul und fummelte mir an der Stirn herum. Ich stiess ihn lachend zur Seite als es mir zu bunt wurde, um zu Baci zu wechseln und ihn noch etwas zu streicheln. Die Blesse die sich über sein Gesicht zog war elegant den Augen angepasst und liess ihn frech und neugierig wirken. Die kräftigen Hengstpony-Backen und die kurzen Ohren unterstützten dieses Bild. Alles in allem war der Hengst wie Donut einfach ein Traum von einem Pony. Ich wuschelte ihm noch etwas mit der Hand durch die Mähne, und weil Jonas mit seinen dunklen, kurzen Locken gerade daneben stand, ihm ebenfalls.
      Am späteren Nachmittag trommelten uns Lisa und Rosie zusammen. Gespannt hörte ich zu, was die beiden wieder ausgeheckt hatten: Eine Ostereier-Schnitzeljagd. Sie hatte mich zuvor gefragt, ob die Pfleger heute mit den Pferden ins Gelände dürften. Ich schlug vor, dass sie gleich die Vollblüter nehmen sollten, die noch nicht bewegt waren. So suchte sich jeder ein Pferd aus und machte es hübsch für die Jagd nach den Eiern. Lewis nahm Sunday, Quinn nahm Paint, Ich nahm Gray, Jack nahm Fly, Rosie nahm Stromer, Jonas nahm Light, Lisa nahm Empire, Oliver nahm Indiana, Lily nahm Chiccory, Ajith nahm Felicita und Elliot nahm Campina. Die anderen, Smarty, Sumerian, Winter, Spot, Kierka, Crack, Blüte und Cantastor waren schon am Morgen auf der Bahn trainiert oder longiert worden. Gray war artig beim Aufsteigen und blieb schön stehen, während Campina neben uns die ganze Zeit wegen der vielen Pferde zappelte. Immerhin waren wir 11 Reiter! Lisa gab uns den Tipp, wo der erste Posten versteckt war und hielt sich dann zusammen mit Rosie im Hintergrund, denn die beiden kannten die Verstecke ja. Jonas und ich erkannten den ersten Posten auch gleich wieder, denn der Tipp lautete: ‚Der Start beginnt, wo der Schüler im Sommer stunden nimmt.‘ Die anderen berieten sich kurz, ehe die Gruppe auf den Platz ritt und das erste Nest suchte. Es dauerte auch nicht lange, bis Lewis es entdeckt hatte. Darin war ein Zettel, der mir vorher gar nicht aufgefallen war: ‚Wo der Fisch schwimmt, dort die Suche erst recht beginnt.‘ Die Zettel waren auf Deutsch, was mir erst jetzt in den Sinn kam. Ich fragte Rosie deswegen und sie meinte, dass es so spannender für die englisch sprechenden sei, da sie erst noch übersetzten mussten. Wir ritten also zum Fluss, der vermutlich gemeint war. In einer Hecke am Ufer war der zweite Korb aufgehängt, diesmal bekam ihn Jack. Auf dem Zettel stand: ‚Zögert nicht und reitet zum dritten, dort wo sich einst Räuber stritten.‘ Ich wusste sofort, was damit gemeint war. Es gab eine alte Bauern Legende, dass im nahen Pinienwald auf der grossen Lichtung einmal eine Banditenfestung gewesen sei. Sie soll ganz aus Holz gewesen sein. Einmal seien die Räuber jedoch erfolglos von einem Beutezug heimgekehrt und hätten sich aus ärger gegenseitig so lange beschimpft, bis einer die Festung in Brand gesetzt hatte. In ihrer Wut hätten sie nicht bemerkt, wie die Rauchfahne ihren Standort verriet und die wütenden Dorfbewohner anlockte. Die Festung sei komplett ausgebrannt und durch die Flammen sei der Wald um sie herum auch noch fast kreisrund gerodet worden, dies war die heutige Lichtung der Legende nach. Wir ritten also auf meinen Aufruf hin zur Waldlichtung. Tatsächlich fanden wir dort hinter einem Steinhaufen versteckt das dritte Körbchen. Rein aus Neugier sah ich mich ausserdem diesmal genauer auf der Lichtung um. Ich ritt in die Mitte, konnte jedoch auf dem Boden nichts Ungewöhnliches entdecken. Enttäuscht trieb ich Gray wieder zur Gruppe zurück. Was hatte ich überhaupt erwartet? Es war ja nur eine Legende und selbst wenn nicht, musste diese Geschichte schon laaange zurück liegen und es würde keine Spuren mehr geben. Ich schob diese Gedanken beiseite und genoss den Ritt. In meiner Abwesenheit hatte ich den neuen Rätselspruch gar nicht mitbekommen. Ich machte mir jedoch auch keine Mühe, ihn noch herauszufinden. Wir ritten zur Galoppwiese, auf der mitten im Feld ein weiterer Korb versteckt war. Wir mussten uns alle aufteilen, um ihn zu finden. Und so jagten auf der ganzen Wiese Pferde im Galopp durchs saftige Gras, auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Als wir sie nach einer Viertelstunde immer noch nicht gefunden hatten, wurde Lisa um Hilfe gefragt. Zu allem Überfluss wusste sie jedoch nicht mal mehr, wo genau sie den Korb hingelegt hatte. Gerade als wir aufgeben wollten hüpfte Elliot triumphierend vom Pferd. Auf dem Zettel stand: ‚Den zweitletzten Schatz hältst du beinahe schon in der Hand. Um ihn zu finden halte dich am Waldesrand.‘ Wir wunderten uns ein wenig über die Einfachheit dieses Hinweises, doch sagten nichts und ritten weiter. Die suche war schliesslich doch nicht so leicht wie gedacht, denn der Korb hängte am Ende an einem Ast über unseren Köpfen. Quinn musste auf Paints Rücken stehen um ihn zu erreichen. Die Stute hielt zum Glück schön still, weil Ajith sie hielt. ‚Das Ende ist nah und doch noch fern, du findest es im Kern.‘ Im Kern? – Ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. „Ist das Nest etwa in einem Apfel?“, scherzte Jonas und die Gruppe brach die Stille mit herzhaftem Gelächter. Lisa schüttelte weise lächelnd den Kopf. „Eigentlich ist es ganz leicht.“, stellte sie fest. Auch Rosie nickte eifrig. Wir beschlossen, erstmal zurück zum Hof zu reiten, denn wir vermuteten, dass das Körbchen dort irgendwo versteckt sein musste. Ich schnalzte und trieb Gray in den Galopp, denn wir waren auf einem der sandigen Galoppwege im Wald angelangt und die Reiter vor uns waren ebenfalls angaloppiert. Ich hielt die Zügel gespannt und schnappte mir ein Büschel Mähne, um Gray besser zu stützen. Wir sprangen den Weg entlang, das dumpfe Geräusch aufschlagender Hufe im Sand klang rhythmisch und vor mir wehten die Schweife. Am Ende der Strecke musste ich Gray in ihrem Eifer stark bremsen, denn wir wären fast in Light reingerasselt. Dieser war zum Glück gerade abgelenkt mit einer Wurzel, über die er halb drüber stolperte. Wenige Augenblicke später hatten wir die kurze Schrittpassage überquert (dort durfte man nur im Schritt durch, da ab und an ein Fussgänger durchlief) und die Vordersten sausten bereits wieder los. Ich trieb Gray auch wieder an. Der Wind zerzauste mir die Haare und Gray nahm gewaltige Sprünge, um einen kleinen Rückstand zu den Vorderen Pferden aufzuholen. Wir galoppierten die ganze Strecke bis zum Waldrand. Erst als wir wieder auf freiem Feld waren, parierten wir die Pferde in den Trab durch und ritten so den restlichen Weg zum Stall zurück. Es war herrlich; Die späte Nachmittagssonne und die angenehm aufgewärmte Luft unterstützten die ausgelassene Stimmung perfekt. Wir plauderten und lachten auf dem ganzen Weg und Lewis erzählte immer wieder Witze. Wir durchquerten die Galoppbahn mit ihren grossen Tannen, wobei wir uns leicht unter einem tief hängenden Ast ducken mussten. Als wir an den Weiden vorbei kamen, kamen die beiden Mini Hengstchen aufgeregt angetrabt und begleiteten uns. Die Stuten schienen sich nicht für uns zu interessieren. Nun ging die Sucherei los: Wir teilten uns auf und durchkämmten das Hofgelände nach dem fehlenden Korb. Ich wollte gerade zu Jack reiten, als Jonas an meine Seite kam. Daher bildeten wir beide gleich ein Team. Er schlug vor, dass wir zuerst auf dem Geländeparcours suchen sollten, schliesslich war dieser der ‚Kern‘ der Galoppbahn. Ich fand dies eine gute Idee und wendete Gray in die richtige Richtung. Ich nutzte die Gelegenheit, um Light etwas zu beobachten. Der sensible Hengst mochte keine harte Hand, doch bei Jonas schien er locker und zufrieden. Er war zwar feurig, wie immer, doch Gray hielt gut mit (sie war ebenfalls recht fleissig) und er trat schön ans Gebiss. Ich blieb stumm und wnedete meinen Blick wieder von dem schwarzen Hengst ab, um nach dem Vogel zu suchen, der sein Lied über unseren Köpfen trällerte. Wir überquerten die Galoppbahn und gelangten schliesslich zur Geländestrecke. Zuerst ritt ich zu der vordersten Baum-Insel und suchte das Bodengestrüpp ab. An den Stellen, an denen der Boden kahl war, wuchs nur spärlich Gras und die Erde war hart getreten von den vielen Hufen, die hier durchgekommen waren. Dennoch sahen die mit Schatten und einzelnen Lichtstrahlen überzogenen Flächen harmonisch und geheimnisvoll aus. Da ich nichts entdecken konnte, trieb ich Gray weiter zur nächsten kleinen Baumgruppe. Ich suchte auch in den Ästen über mir, doch selbst dort befand sich kein Korb. Als nächstes sah ich beim kleinen Grabenhindernis, beim Gebüsch-Sprung, beim Baumstamm und beim Hügelchen. Doch nirgends war etwas zu finden. Auch Jonas schien erfolglos geblieben, deshalb ritten wir zurück zu den anderen. Die hatten sich gerade um Elliot versammelt, der soeben den letzten Korb im Innenhof des Hauptstalls gefunden hatte. „Na klar, der Kern ist der Hauptstall mit unseren Engländern!“, Lachte ich und gratulierte ihm. Dann bedankte ich mich formell bei Lisa und Rosie für die hervorragende Durchführung dieser Eier-Jagd und lud alle Teilnehmer zu einem heissen Tee im Garten des Haupthauses ein. Zuerst wurden jedoch natürlich noch die Pferde versorgt. Sie genossen den Sonnenuntergang in Gruppen auf der Weide.
      25 Apr. 2014

      Occulta
      Life goes on Fortsetzung des Nebenstallberichts 'Having troubles or what'

      Mir wurde ganz schwindlig, als sie Jack auf die Trage legten und wegbrachten. Auf einmal kam der ganze Schock, die Verzweiflung, Angst und Trauer über mich wie eine gewaltige Flutwelle, die mich beinahe zu Boden riss. Jonas, der ebenfalls in den Krankenwagen getragen wurde, beobachtete mich mit sorgenvollen Augen. Ich stützte mich gegen Rosie, die mir eine Umarmung anbot und schluchzte ungehalten in ihre Schulter. Alles um mich herum kam mir so unwirklich vor und ich hörte die Stimmen wie durch eine unsichtbare Wand. Alles, was ich von diesem Abend noch mitbekam war, dass Lisa, Rosie und Quinn mich ins Haus brachten und mit einen Tee kochten. Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich wie ein Stein. Mir steckte die Trauer augenblicklich wie ein Kloss im Hals, als ich mich an den vergangenen Tag erinnerte. Am Morgen war ich noch so sorglos gewesen und dann war alles zerbrochen. Ich versuchte mich abzulenken und sah auf die Uhr. Es war erst fünf und draussen ging gerade die Sonne auf. Seufzend richtete ich mich auf und zog meine Reitsachen an. Die Pferde würden mich jetzt am besten trösten können, besonders meine und Jacks geliebte Vollblüter. Als ich durch die Küche lief sprang Jacky von ihrer Decke auf und folgte mir, jedoch schien sie auf seltsame Weise nicht so energievoll wie sonst. Ich machte mich ohne etwas zu frühstücken auf zum Hauptstall und holte die Putzsachen von Winter aus der Sattelkammer. Als ich die Box des schneeweissen Hengstes betrat, streckte er mir mitfühlend seine rosarote Schnauze entgegen, als wüsste er genau, was in mir vorging. Ich krallte mich in dem weichen Fell fest und legte die Wange an seinen Hals. Seinen warmen Puls zu fühlen, jedes Zucken der Muskeln, tat mir gut. Schliesslich angelte ich mir den Striegel und putzte meinen Liebling. Als ich fertig war, sattelte ich ihn mit seinem kleinen Rennsattel und hängte das Vorgeschirr ein. Ich führte ihn wie in Trance nach draussen und stieg auf. Ich ritt zunächst eine Runde Schritt auf der Galoppbahn und trabte anschliessend eine weitere Runde auf die andere Seite. Dann ritt ich zur Rennbahn und liess ihn laufen. Beim 500m-Pfosten sah ich auf die Armbanduhr und stoppte in der nächsten Runde an derselben Stelle. Mein grosser hatte eine gute Geschwindigkeit drauf und war ordentlich fit, deshalb beschloss ich, gleich noch eine Runde zu trainieren, aber diesmal mit Startbox. Prüfend sah ich mich nach den Pflegern um, schliesslich brauchte ich jemanden der die Boxen öffnete. Gerade als ich zurückreiten wollte um jemanden zu rufen, entdeckte ich Quinn, Lily und Oliver mit Spot, Iskierka und Light, die auf uns zu ritten. Winter spitzte die Ohren und hob den Kopf, um seine Stallgenossen zu begrüssen. Ich freute mich wahnsinnig, meine alten Freunde so anzutreffen, hielt dieses Glücksgefühl aber noch versteckt. Ich ritt ihn in eine der mittleren Boxen und wartete konzentriert auf den Start. Die anderen reihten sich ebenfalls ein und Ajith kam herbeigeeilt um die Boxen zu öffnen. Dann donnerten die Vollblüter auch schon los. Ich hielt mich bei Winters Absprung etwas an seiner Mähne, um von der Wucht nicht gleich aus dem Sattel zu gleiten. Es war ein wundervolles Gefühl, die schnaufenden Pferdeköpfe links und rechts von mir zu sehen und unter mir den gewaltigen Körper des Hengstes zu fühlen. Das rhythmische Aufschlagen der Hufe liess mich all den Schmerz vergessen und holte mich zurück in die Welt, in die ich gehörte; das hier und jetzt. Light gewann zwar das Trainingsrennen knapp vor Winter und mir, doch das war mir schnuppe. Ich hatte einen Entschluss gefasst während dem Galoppieren: Das Leben musste weitergehen. Ich tätschelte Winters Hals und plauderte begeistert mit den anderen über das Training. Anschliessend arbeiteten die restlichen Jockeys noch etwas weiter mit ihren Pferden, während ich Winter austraben liess. Er schnaubte schön ab und streckte den Hals tief zu Boden. Schliesslich brachte ich ihn zurück in die Box und versorgte ihn gründlich, ehe ich mich Stromer widmete. Mit dem cremefarbenen Hengst hatte damals alles angefangen – er war mein allererstes Vollblut gewesen. Nun war er schon ganze sechs Jahre alt und hatte sich prächtig entwickelt. Aus dem einst so zerbrechlichen dreijährigen mit der schlechten Vergangenheit war ein top bemuskelter, aufmerksamer und freundlicher Hengst mit wundervollen Gängen geworden. Jetzt im Sommer schimmerte seine rosafarbene Haut stark durch das Fell, was ihm deutlich mehr Farbe verlieh als im Winter, wenn er mit dem dichteren Fell fast weiss wurde. Ich putzte auch ihn sorgfältig und ritt anschliessend wie schon mit Winter in voller Rennmontur zur Bahn, wo ich ihn zunächst aufwärmte. Er hatte viel mehr Erfahrung als Winter und konnte seine Kräfte gut einteilen. Ausserdem hörte er sehr fein auf meine Hilfen und wurde nicht so heftig wie die jüngeren Genossen. Wenig später hatten auch die drei Jockeys ihre Pferde ausgetauscht; sie ritten nun Pina, Sunday und Felicita. Wiederum lieferten wir uns ein Spassrennen und arbeiteten dann noch etwas für uns auf der Bahn, was aber mit den tollen Pferden genauso viel Spass machte. Ich bewegte an diesem Morgen noch Gray, Crack und Indiana, während Quinn Chiccory und Fly, Oliver Paint und Empire und Lily Blüte und Cantastor übernahmen. Besonders bei Crack musste ich wieder mit den Tränen kämpfen, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen und mich so sehr über sie gefreut. Die Erinnerungen kamen wieder in mir hoch und ich musste daran denken, wie ich ihn so voller liebe umarmt hatte. Und doch war ich zuletzt wütend auf ihn und habe ihn mit eben diesem Gefühl angesehen… Dieser Gedanke schmerzte am meisten von allen. Als ich Diana versorgt hatte bemerkte ich ein grummeln und stellte fest, dass ich durch das ganze Arbeiten doch noch Hunger bekommen hatte. Aber alleine zu kochen würde bestimmt schrecklich werden. Ich schlenderte lustlos in Richtung Haus und bemerkte nicht, wie Lisa sich von hinten anschlich. Sie tippte mir auf die Schulter und rief laut „Buh!“, während Quinn und Ajith, die sich an die kühle Wand des Hauptstalls gelehnt hatten die Augen rollten. Ich vergab Lisa diese Taktlosigkeit angesichts meiner Trauer und sah sie bloss fragend an. „Ich… äehm… Ich meine Quinn, Ajith, Lily und ich wollten dich fragen, ob du vielleicht mit uns in die Stadt kommen willst. Wir dachten, wir gehen Jonas im Krankenhaus besuchen und essen unterwegs zu Mittag…“ Mein Herz machte einen Hüpfer. Jonas! Er lebt ja noch… Beschämt, dass ich meinen treuen Freund in der Not ganz vergessen hatte, willigte ich rasch ein und folgte den Pflegern auf den Parkplatz. Wir fuhren mit Lilys kleinem Toyota, in den wir uns allerdings ziemlich reinquetschen mussten. Wir bestellten wie geplant auf dem Weg zum Hospital ein Falafel für mich und sonstigen Schnellimbiss-Kram für die anderen. Als ich den langen Gang zu Jonas‘ Zimmer entlanglief, wurde mir etwas schwindelig. Wie hatte ich nur nicht an ihn denken können? Immerhin war er genauso wie Jack in Lebensgefahr gewesen und hätte genauso gut auch tot sein können! Langsam öffnete ich die Tür und trat ein. Es war vollkommen Still in dem hellen Raum. Die anderen Patienten schienen zu schlafen und auch Jonas hatte die Augen geschlossen. Die Pfleger folgten mir leise und schlossen die Tür hinter sich. Vorsichtig kniete ich mich neben sein Bett und betrachtete die üblen Verbrennungen, die sich über seine Oberarme zogen. Wie durch ein Wunder war das Gesicht beinahe unversehrt geblieben. Er muss es rechtzeitig mit den armen geschützt haben, überlegte ich und begann, seine Nase zu kitzeln. Seine Augenlieder zuckten, dann musste er niesen und wachte auf. „Occu… und ihr! Ich bin so froh, dass ihr gekommen seid.“ Ich lächelte verlegen, immerhin wäre ich ohne die anderen nicht hier. Zögernd fragte ich: „Wie fühlst du dich?“ „Den Umständen entsprechend, aber eigentlich nicht allzu schlecht. Bloss mein Rücken tut ziemlich weh. Aber die Ärzte meinten, es sei nichts ernstes, bloss eine Prellung. Wie geht es Jack?“ Ich zuckte zusammen und sah betreten zu Boden. Er weiss es also noch nicht… Quinn fasste Mut und antwortete leise auf die Frage. „Er hat nicht überlebt…“ Ich beobachtete, wie sich seine Pupillen weiteten und er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, ihn dann aber ohne einen Mucks wieder schloss und ins Leere starrte. „Tot? D das ist schrecklich. Es tut mir so leid Occulta…“ Ich nickte nur und biss mir auf die Oberlippe, um die Fassung nicht wieder zu verlieren. Ich war froh, als er das Thema wechselte. „Wie geht es den Pferden? Haben sie sich sehr erschreckt als das Flugzeug abstürzte?“ „Nein, ich denke nicht. Heute Morgen liefen die Vollblüter im Training jedenfalls top“, antwortete ich. Er nickte mit einem Lächeln und ich fragte ihn, was denn so amüsant sei. „Ich finde es faszinierend, wie glücklich du wieder wirkst, sobald wir über Pferde reden.“ Nun lächelte ich ebenfalls und stupste ihn zur Strafe in die Seite, worauf er sofort aufschrie. „Au au, pass doch auf!“ „tut mir leid, ich hab gar nicht…“, stammelte ich erschrocken, doch schon grinste er mich wieder breit an und ich erriet, dass er nur mit mir gespielt hatte. Böse sein konnte ich ihm allerdings nicht. Wir plauderten noch etwas, dann machten die Pfleger und ich uns auf den Rückweg zum Stall. Er sah uns gequält hinterher, als wir einer nach dem anderen zur Tür hinausgingen, besonders mir, so kam es mir jedenfalls vor.
      Zuhause half ich Quinn, die mit dem Einreiten von Sumerian und Frame weitermachte. Die beiden waren noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung, machten sich aber alles andere als schlecht. Fröhlich beobachtete ich die Fortschritte von Frame, der Monate zuvor noch so erbärmlich ausgesehen hatte, mit all seinen Wunden und Schrammen. Nun ging er nicht mehr lahm und nur eine Narbe zierte den Hals dort, wo der Pfosten einst ein so grosses Loch hinterlassen hatte. Meine Tierärztin hatte hervorragende Arbeit geleistet. Gegen Abend kam dann noch eine Überraschung auf dem Hof an. Ein Transporter fuhr auf den Parkplatz, beladen mit zwei neuen Vollblütern. Als ich mich fragend an den Fahrer wandte erfuhr ich, dass die beiden von Eddy stammten und Jack sie wenige Wochen zuvor abgekauft hatte, da Eddy ihren Bestand etwas reduzieren wollte. Auch ein Fohlen würde in den nächsten Tagen noch ankommen. Ich ignorierte das Stechen, das sich bei Jacks Namen wieder bemerkbar machen wollte und bewunderte den Hengst, Muskat. Er war bereits gekört und würde sicherlich ein wunderbarer Zuchthengst werden. Die Stute, Cassiopeia, hatte ich auch schon ein paarmal an Rennen gesehen, sie war Jack damals besonders aufgefallen. Ich führte beide in den Hauptstall und half anschliessend den Pflegern beim Füttern. Um halb zehn lief ich endlich müde zum Haus, zögerte aber davor und wandte mich stattdessen im halbdunkeln dem Hof zu. Es kehrte Ruhe ein auf Pineforest Stable, nach all der Aufregung schienen sogar die Pferde erledigt. Die Gebäude lagen still im Zirpen der Insekten da und erste Sterne tauchten am Himmel auf. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal mit Jonas im Gras hinter dem Dressurviereck gelegen und an den dunklen Tannen vorbei die Sternbilder betrachtet hatte. Augenblicklich breitete sich eine Art entspannende Wärme in mir aus und zum ersten Mal am heutigen Tage war ich wirklich glücklich. Glücklich hier zu sein, glücklich, dass Jonas lebte und glücklich, dass noch so viel vor mir lag. Ich murmelte sanft, an die Sterne gewandt: „Auf wiedersehen Jack.“ Dann drehte ich mich um und verschwand im Haus.
      9 Aug. 2014

      Occulta
      Nachts fürchten die Mäuse den Jäger...

      Ich wachte nach einer unruhigen, mehr oder minder schlaflosen Nacht früh auf und begab mich zum Kühlschrank. Während ich nach einem geeigneten Joghurt kramte, plante ich den Morgen. Es würde alles etwas durcheinandergeraten nach meinem 'announcement', da war ich mir sicher. Doch verängstigte Mitarbeiter zu beruhigen war immer noch angenehmer, als Leichen zu entsorgen. Wenn es denn so weit käme... Vielleicht halste ich mir auch nur zu viele Sorgen auf. Als ich fertig gelöffelt hatte, schmiss ich das leere Gefäss in den Müll und öffnete mit wetterfesten Kleidern die Tür. Es Regnete und war neblig - was konnte es an so einem Morgen sonst sein. Ich seufzte kaum hörbar, aber reichlich genervt und machte mich auf zum Hauptstall. Es war noch finster und die Pferde dösten vor sich hin, als ich vorsichtig das Tor aufschob und eintrat. Winter, in einer der beiden vordersten Boxen, lag mit eingeklappten Beinen im Stroh und sah auf, sobald ich mich näherte. Er blieb jedoch liegen, als ich die Box öffnete und auf ihn zuschritt. Er röchelte sogar leise, und ich kniete neben ihn, um ihn zu kraulen. Es war unheimlich beruhigend, seine dunklen, verschlafenen Augen zu begutachten und seine Lippen entzückt zittern zu sehen. Nach einer Weile öffnete sich das Tor erneut; Quinn und Ajith tauchen in der Öffnung auf. Einen Moment sahen sie sich verwirrt um, dann hörten sie meine Stimme und kamen zur Box. "I woke up earlier. You weren't expecting murderer inside here, were you?" Ajith zeigte sich bestürzt. "What?? No, why?" "Because there's a murderer spraying around in our forests." "No way! And what are we going to do?" Ich schwieg einen Moment. "We inform the others as soon as possible, but then we go on as normally and hope thqt the policemen do their work." Die beiden nickten und ich stand auf, um den besorgten Gesichtern ebenbürtig zu sein. Ich klopfte Winter zum Abschied auf den Hals und verliess seine Box. Wir holten die Schubkarre und füllten sie mit Heu, während nach und nach auch die anderen Pfleger auftauchten. Bald war der Stall erfüllt von munterem Geplapper und dem Scharren und Schnauben der Pferde. Dann hielt ich meine kleine Rede. Und schon war die fröhliche Stimmung ersetzt durch sorgenvolles Schweigen. Keine lustig pfeifenden, witzelnden Pfleger mehr, nur stille Arbeiter. Ich beschloss neutral zu bleiben und lief zu Paints Box - es war Zeit fürs morgendliche Training. Oliver hatte die Pferde ihren Reitern schon am Vorabend zugeteilt, es änderte sich aber kaum etwas im Vergleich zum Wochenplan. Die schwarze Stute begrüsste mich mit ihrer weichen, rosa Schnauze. Ich streichelte das samtige Fell an ihrem Hals und kraulte sie liebevoll hinter dem Ohr, bevor ich ihr das Halfter überzog. Anschliessend band ich sie in der Stallgasse an. Ich öffnete die Schnallen ihrer Fleece Decke und zog sie nach hinten, liess sie jedoch halb auf der Kruppe liegen, denn die Stute war geschoren und um halb sechs war es bekanntlich noch ziemlich frisch, draussen und in der Stallgasse. Ich bürstete das kurze, stoppelige Fell gründlich und entwirrte ihren Schweif. Dann sah ich mir die Hufe an, prüfte ob die Eisen noch hielten und entfernte den Schmutz der Nacht. Weiter vorne in der Gasse richtete Oliver Blüte her, Iskierka wurde gegenüber von mir von Ajith betreut. Auch Gray, Cold, Mikke, Sumerian, Campina, Felicita, Indiana und Cassy wurden geputzt, heute Morgen trainierten wir nämlich alle Stuten zuerst. Diana sah mit ihrem neuen Zaumzeug extrem schick aus. Die Stute nahm zwar aufgrund ihres Alters nicht mehr an grossen Rennen Teil, diente den jüngeren Vollblütern aber als Vorbild und wurde in erster Linie mittrainiert, um sie für's Military fit zu halten. Als alle fertig waren und ihre Pferde nach draussen zum Aufsteigen führten, löste auch ich den Strick von Paint und ging mit der Stute ins Freie. Vor uns hob und senkte sich das muskulöse Hinterteil von Cassy. Ich beobachtete entzückt, wie ihr seidiger, weisser Schweif im Takt dazu Tanzte. Ich war unheimlich froh, die Stute übernommen zu haben, denn sie musterte sich mehr und mehr zu einem talentierten Galopper. Bei ihrer Abstammung war das ja auch kein Wunder. Ich zog den Reissverschluss meiner Fleecejacke höher, trotzdem zitterte ich noch vor Kälte. Bald nicht mehr, dachte ich schmunzelnd. Auch Paint war zappelig, sie kreiste um mich als ich mich in die Reihe stellte um von Oliver auf's Pferd geschmissen zu werden. Mit den kurzen Steigbügeln war es schwer, ohne Hilfe hochzukommen und der kleine Hocker, der bis anhin diese Hilfe geleistet hatte, hatte vor drei Tagen den Geist aufgegeben, sehr zum Pech von Quinn, die danach erschrocken halb am Pferd hing. Ich massregelte Paint und hielt sie einigermassen ruhig, bis ich endlich oben war, dann liess ich sie zügig den anderen zur Galoppbahn folgen. Wir ritten im Gänsemarsch eine Runde schritt, dann trabte die ganze Reihe auf Kommando an. Paint ging schwungvoll und locker, trotz der Temperaturen, aber Grey vor mir zog den Schweif ein wenig ein. Nach einer weiteren Runde wurde es besser. Wir wechselten die Seite und galoppierten schliesslich nach ein wenig linksseitigem Trab an. Nach einem Umlauf verliessen wir die Bahn über den sauber gewischten Kiesweg und ritten zu den Startboxen. Natürlich hatten nur acht Pferde in den acht Boxen Platz, weshalb wir zwei Gruppen bildeten. Per Handzeichen wurde bestimmt, dass Caprice, Felicita, Blüte, Iskierka und Paint zur ersten Gruppe zählten. Ich entschied mich für die dritte Box und trieb Paint hinein, doch sie ging sowieso freiwillig da sie wusste, dass sie gleich rennen durfte. Ich spannte die Zügel, hielt sie kurz, nahm die Startposition ein, um beim Absprung nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Endlich waren alle drin und Ajith, der als "Bodenpersonal" dabei war, rief uns die Kommandos zum fertig machen zu. Dann sprangen die Türen auf und Paint beförderte uns kraftvoll von Anfang an an die Spitze. Ich hielt mich ein wenig an der Mähne der grossen, schwarzen Stute und war froh um meine Schutzbrille, denn die Morgenluft schlug mir eisig ins Gesicht. Ich wagte beim 500-Meter-Pfosten einen Blick über die Schulter und sah, dass Blüte aufholte. Ich liess sie passieren, denn ich wollte Paints Energie für den geplanten Kopf-an-Kopf Schluss sparen. Auch Felicita kam neben uns und hielt diese Position bis zum 1000m-Pfosten. Nun ging es nochmals in die Kurve, danach folgte die Zielgerade. Alle Pferde schlossen zueinander auf und Blüte und Felicita teilten sich die Spitze. Ich gab Paint etwas Zügel frei, sodass wir auch vorne mitmischen konnten. Kierka hängte sich links an Paints Flanke, nur Capri blieb verschollen. Ich drehte mich nochmals kurz und sah die Fuchsstute in einer Pferdelänge Abstand folgen, Tendenz steigend. Die Stute war noch immer nicht wieder 100%ig fit, da erstaunte dieses Schwächeln auf der Bahn nicht. Ich gab Paint nochmals etwas Zügel frei, sodass sie sich streckte und wir mit einer Nasenlänge gewannen. Ich tätschelte ihren Hals, während ich mich aufrichtete und sie auslaufen liess. Als sie in den Trab, und schliesslich in den Schritt fielen, sammelten sich die Pferde und Reiter wieder und ritten gemeinsam zurück zur Startmaschine. Oliver kam auf Aerith angetrabt. Die Stute wurde mittlerweile als Trackpony ausgebildet und eingesetzt, neben den Westernturnieren, die sie regelmässig lief. Oliver wollte später mit Iskierka und Campina das vom-Pony-aus-geführt-werden trainieren. Doch zunächst war die zweite Gruppe auf der Bahn. Ich reihte Paint und mich neben Caprice ein und wir beobachteten das Schauspiel vom Bahnrand aus. Die Türen flogen auf und alle sechs Pferde schossen aus dem Metallgeflecht hervor. Indiana teilte sich sogleich die Spitze mit Gray. Die erfahrene Stute hatte Tendenzen zum Sprinter, Gray jedoch war ganz klar Steher und sollte am Anfang eher im Mittelfeld bleiben, da sie zu wenig ausdauernd war, um das Tempo durchgehend zu halten. Oliver rief die Anweisung, die mir auf der Zunge lag: David solle sie doch endlich zurücknehmen. Unser Trainer hatte wie immer ein Auge für Feinheiten und war unterdessen zu uns getrabt, um diese Details zu besprechen. "Occu, let her go at approximately 900 meters next time. She is old enough to start early." Ich nickte als Zeichen der Kenntnisnahme und kraulte Paint stolz am Widerrist. In der Bemerkung war nämlich ein verstecktes Lob für ihre raschen Fortschritte gewesen. Campina hatte mittlerweile Gray an der zweiten Position abgelöst und Cassy folgte dicht neben der dunkelgrauen Stute. Zu dicht. "Stay away from Gray, or do you want to trap over her legs!", schrie Oliver in gereiztem Tonfall über die Bahn zu Darren. "I told him last time already, but je won't change a bit until the horse has a broken leg!", meinte er an uns gewandt. Ich schwieg und verfolgte das Training. Der 1000m-Pfosten war passiert, nun wurde es erst richtig heiss. Indiana wurde von Cassy überholt, Sumerian tauchte aus dem Nichts auf und zog an Gray vorbei, Crack schob sich vor Campina. Sumerian konnte das Tempo mangels Ausdauer allerdings nicht lange halten und fiel rasch wieder zurück. Indiana entwickelte zwar guten Schub, konnte mit den leichten Jünglingen jedoch nur schwer mithalten. Gray lieferte sich auf den folgenden Metern einen spannenden Kampf mit Crack, die schliesslich richtig zulegte und sich sogar vor Cassy schob, allerdings nicht lange. Die Palominostute mit den grossen Abzeichen verteidigte die Spitze bis zum Schluss. Wir jubelten den heftig atmenden Körpern von Reiter und Pferden über die Bahn zu, ehe wir selbst auf die Bahn zurückkehrten um ein paar fliegende Starts zu üben. Der Nebel hing immer noch erdrückend über unseren Köpfen, doch immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Paint lief etwas zögerlich, vielleicht war sie noch erschöpft vom Rennen. Meine Sorge stieg jedoch, als sie auch nach vier Starts noch nicht gut wegkam. Normalerweise hatte sie mit dem Starten kaum Probleme. Ich rief Oliver, damit er sie sich ansah und tatsächlich: nach einer kurzen Demonstration schüttelte er den Kopf und winkte uns zu sich. "I think there's something wrong with her right foreleg. I'll call the vet." Solche Nachrichten waren in einem Rennstall sehr ungern gesehen, ich hoffte aber natürlich das Beste. Ich liess mich hinuntergleiten und führte die Stute, sorgsam beobachtend, in den Hauptstall zurück. Dort versorgte ich sie mit allem was sie brauchte, schmierte etwas Kühl Gel auf das betroffene Bein und zog ihr die blaue Fleece-Decke an. "Good girl, you'll be back in few days, I'm sure", flüsterte ich, etwas bedrückt. Ich schloss die Boxentür und holte Sheela und Jacky aus dem Haus. Auch die anderen Jockeys waren mittlerweile fertig und versorgten ihre Pferde, ehe sie sich versammelten, um die Hengste aufzuteilen. Ich wählte Sunday, denn ich hatte ihn die ganze letzte Woche Quinn überlassen. Nun wollte ich die Feinheit und Kraft des Hengstes selbst wieder geniessen. Wir trainierten wie zuvor, doch nach den Übungsrennen wurden Gruppen gebildet, um das Abteilungsreiten zu fördern. Die Pferde mussten bei ihrer Gruppe bleiben, selbst im rasenden Galopp. Sie mussten geduldig sein und auf die Hilfen ihres Reiters hören. Ich hängte mich an die Gruppe mit Stromer, Muskat, Winter und Chiccory. Die andere Gruppe bestand aus Fly, Light, Cantastor, Spot und Empire. Was für ein Gefühl das ist, mit fünf bebenden Hochleistungssportlern in einer Reihe über die Bahn zu jagen! Besonders wenn ein Pferd wie mein Sunday so fein mitmacht. Ich beobachtete ausserdem die anderen Pferde mit scharfem Auge, sodass ich mir fast wie Oliver vorkam. Frame war noch immer nicht beim Training dabei. Er war zwar schon mehrfach auf dem Platz kurz von mir geritten worden, doch ich wollte zuerst sicherstellen, dass er gut ausgebildet war und nicht überfordert wurde, ehe ich ihn mit zum Konditionstraining nehmen würde. Auch Oliver hatte mir dabei zugestimmt. Ich musste lachen, als Chiccory sich nach dem letzten Galopp schüttelte, als hätte er Fliegen in den Ohren. Dabei hatte Lisa ihm nur kurz ein Strohstück vom Ohr wischen wollen.

      Nachdem auch diese Trainingseinheit zu Ende war, gab es erst einmal eine Kaffee Pause. Selbstverständlich erst, als die wertvollen Tiere zufrieden in ihrer Box raschelten. Ich hatte Sundays Hufe eingefettet, damit sie nicht brüchig wurden. Dies war eines unserer Rituale, wie das tägliche Bürsten und das Abduschen nach harter Arbeit. Die Stimmung in der Sattelkammer liess nicht den geringsten Zweifel an der Sorglosigkeit der Pfleger zu, sie waren gute Schauspieler. Sie mussten immerhin regelmässig vor Publikum so tun, als ob alles im Griff sei. Schwäche zeigen wollte auf der Rennbahn keiner, es ging den meisten nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre. Die Pferde funkelnd, das Sattelzeug gepflegt und wie neu. Und ein nahtloser Ablauf, ohne sichtbare Kommandos oder Anweisungen. Jeder wusste, was zu tun war. So auch heute, zuhause. Keiner verlor ein Wort über meine Ansprache vor dem Training, alle lächelten. Ich kam mir seltsam verloren vor, in dieser Maskierten Welt. Wem konnte man trauen, wenn das Leben das reinste Gaukelspiel war? Plötzlich ertönte ein lauter Knall, augenblicklich flutete eine erschrockene Stille den Raum. Ein Jäger? Ein Knallen eines Motors? Ich malte mir einige Szenarien aus, während ich mit Ajith und Lewis nach draussen hastete. Stille - wie im Raum zuvor. Dann ein zweiter Schuss, Hilfeschreie. "What the - " Ich stürzte um die Ecke und erblickte unseren Nachbaren, einen sonst so friedvollen, älteren Herren, mit seinem Jagdgewehr in der Hand. Er gestikulierte wild umher und deutete auf einen parkierten Ford, hinter dem jemand kauerte. Lewis und Ajith umstellten den Wagen und packten die Person, ich beruhigte den Bauern. "It is him, he is it! The murderer! I know it!" Der verängstigte junge Bursche stotterte einige unbedeutende Worte, ehe seine Stimme versiegte. Nie und nimmer ist er ein Mörder. Wir klärten das Ganze auf dem Parkplatz, und schon nach einigen Sätzen wusste ich, was tatsächlich vorgefallen war. Der Junge hatte am Morgen wie gewohnt die Arbeit auf dem Lehrbetrieb aufnehmen wollen, doch das Tor war noch verschlossen gewesen, vermutlich als Vorsichtsmassnahme gegen Killer. Daraufhin hatte sich der Junge als Kletterkünstler erwiesen, denn er war kurzerhand auf den Baum neben dem Bauernhaus geklettert, um über den Zaun zu kommen. Der Bauer hatte kaum das raschelnde Laub, die kräftigen Arme und die dunkle Hose des Burschen erblickt, als er schon zur Flinte griff und hinausstürmte. Der Junge, erschrocken über die Reaktion des Bauern, empfand es als klüger, das Weite zu suchen. Dadurch sah sich wiederum der Bauer bestätigt in seiner Annahme und nahm die Verfolgung auf. Ich schüttelte lachend den Kopf, als die Story geklärt war. Die beiden gaben sich noch immer misstrauisch die Hand zur Versöhnung, dann kehrten sie nach einem Beruhigungstee zurück auf ihr Land. Lewis, Ajith und ich sahen uns vor Erleichterung grinsend an. Doch in meinem Kopf sortierte ich die wilden Gedanken der Sorge. Wenn nun schon unser Nachbar so durchdrehte, wie konnten wir dann entspannt hier warten und uns in Sicherheit wägen?
      Alle hatten die Arbeit wieder aufgenommen, einer lag ruhig im Stroh. Lisas Schreie liefen mir kalt den Rücken hinunter. Ich raste mit Jonas zum Schauplatz und bemerkte, wie es ihm fast den Magen umkehrte. Vor uns lag der Elektriker, mit einem verheissungsvollen roten Flecken auf der Brust und im friedlichen, ewigen Schlaf. Ich habe schon schlimmeres gesehen, zum Beispiel zerstückelte Ehemänner, dachte ich bitter. Jonas betreute Lisa, während ich die Polizei rief. Jetzt musste alles schnell gehen - vielleicht waren Spuren auf der Leiche. Etliche Stunden später war klar; der Täter war kein Amateur. Er hatte nicht den geringsten Tipp hinterlassen. Sie jagen ein Phantom, welches uns alle jagt...

      Ich biss mir auf der Unterlippe herum, während ich den Stall der Ministuten ausmistete. Ständig horchte ich auf, in der Erwartung, einen weiteren Schrei zu hören. Doch es blieb still. Totenstill. Nicht einmal die Pferde waren in der Lage, diese erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie schnaubten lediglich hin und wieder leise. Als ich mit den Minis fertig war, befasste ich mich mit den dreijährigen Ponys. Sie waren mittlerweile alt genug um eingeritten zu werden. Zwar standen alle drei noch auf der Fohlenweide, doch wir hatten bereits mit Longentraining und Sattelgewöhnung begonnen. Obwohl alle drei etwa gleichzeitig mit dem Training begonnen hatten, waren erhebliche Unterschiede zu erkennen. Lychee machte fast täglich grosse Fortschritte und arbeitete eifrig mit, manchmal fast zu eifrig. Sweets hingegen war etwas zurückhaltender und brauchte länger, um den Gurt zu akzeptieren. Bluebell war unkompliziert und lernfreudig, mochte es aber überhaupt nicht, angebunden zu werden. Ich fasste eines der schwarzen Standardhalfter und streifte es Sweets über die kurzen Ohren. Sie kam brav mit, als ich mit ihr die Strecke zur Halle lief, bloss hin und wieder drehte sie den Kopf und wieherte. Ein Wohlklang in der Einsamkeit an diesem Nachmittag - dachte ich schmunzelnd. Ich schritt zügig voran und schob das Hallentor auf. Drinnen wärmte Rosie gerade Ocean auf, wie vereinbart. Auch Jockeys mussten ab und zu ein wenig Dressur reiten, um nicht aus der Übung zu kommen, und so konnte ich auch gleich die erfahrene Stute als Lehrmeister für Sweets einsetzen. Kaum erblickte sie Ocean, da wurde Sweets auch schon deutlich ruhiger und konzentrierter. Ich hängte zunächst die Longe ein und liess sie im Schritt um mich herum gehen. Sie tat dies nun zum vierten Mal und wusste bereits, dass sie auf der Kreisbahn bleiben musste. Nur die Biegung konnte noch verbessert werden. Nach vier Runden rief ich deutlich "Trot" und machte etwas Druck mit der Longiergerte, sodass sie beides verknüpfen konnte. Die junge Stute lief schwungvoll - sehr schwungvoll, ich musste sie in ihrem Eifer bremsen. Beim angaloppieren kamen dann die berüchtigten Freudensprünge, doch ich hatte damit gerechnet und vorsorglich Handschuhe angezogen. Nun war es an der Zeit, den Gurt und den Sattel zu holen. Sie wirkte auf den Longiergurt wie zuvor skeptisch, blieb aber still stehen und liess mich ohne zu zicken anziehen. Ich lobte sie einige Male, während ich den Gurt löste und wieder anzog. Als ich das Gefühl hatte, dass sie entspannter sei, holte ich den Sattel und den richtigen Gurt. Ohne zu zögern schwang ich ihn auf Sweets' Rücken und zog den Gurt an, ehe ich ihn wieder löste und das ganze Spiel wiederholte. Später ging ich einen Schritt weiter und longierte sie mit Sattel. Zum Schluss führte ich Sweets noch ein wenig durch die Halle und machte Gehorsamkeitstraining. Danach brachte ich sie in den Nebenstall, wo bereits drei Boxen hergerichtet worden waren. Ja, es war Zeit die Terrorherrschaft der drei Ponys über die anderen Fohlen zu beenden. Sweets zögerte etwas, als ich sie in die hinterste Box führte, sie schien zu ahnen, dass ihr leichtes, sorgloses Dasein auf der grünen Wiese vorbei war. Doch sie wird bald herausfinden, dass es gegen ein anstrengendes, aber spannendes Leben eingetauscht wird, dachte ich schmunzelnd und stellte mir einen herrlichen Wintergalopp mit Sweets vor. Ich liess die kleine Stute in der Box zurück, was ihr so gar nicht passte. Sie lief im Kreis und wieherte nach ihren Kollegen. Den frischen Heuhaufen zu ihren Hufen beachtete sie nicht. Aus einiger Entfernung kam eine gedämpfte Antwort, offenbar wurden Lychee und Blue gerade von Jonas und Rosie geholt. Alles verlief reibungslos: auch die beiden wurden in ihre neuen Boxen gebracht. Blue beschnupperte Sweets prüfend durch das Gitter, dann entspannten sich alle sichtlich und Lychee begann zu fressen. Bald senkte sich auch der letzte Kopf dem Heu entgegen und Ruhe kehrte im Nebenstall ein. Jonas nahm mich spielerisch in den Arm, doch ich war nicht in der Stimmung für Flausen; noch immer horchte ich ständig nach Ungewohntem. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Wir schlenderten zum Hauptstall und ich half beim Wischen.

      Die Dunkelheit schlich sich langsam über den Horizont auf die Britischen Inseln zu und mit ihr die Angst. In der Nacht hatte der Killer bisher gejagt, das war auch überaus vernünftig gewesen. Ich sah zumindest die Logik darin, auch wenn das meine und der Pfleger Situation nicht sonderlich zu bessern vermochte. Ich hatte mich überreden lassen, mit Quinn, Rosie, Lily und Lisa im "Pflegeheim", wie es scherzhaft genannt wurde, zu übernachten. Ich musste zugeben, dass mich der Gedanke an mein einsames, dunkles Zimmer nicht gerade gelockt hatte, doch alles war besser als mit Lisa in einem Raum zu nächtigen - was mir leider viel zu spät klar wurde. Sie plapperte den ganzen Abend mit ihrer schrillen Stimme, als wäre dies eine spassige Pyjamaparty, und spätestens mit ihren etwas taktlosen Horrorszenarien über den Tod des Elektrikers verlor sie den letzten Zuhörer. Ich meinerseits litt bereits an Kopfschmerzen und floh in den Gang hinaus. Im Aufenthaltsraum brannte Licht, Lewis, Darren und Jonas sassen auf den Sofas und unterhielten sich gedämpft. Ich setzte mich wortlos auf den erstbesten Platz der mir einfiel: die Armlehne neben Jonas. Er blickte mich einen Moment geheimnisvoll an, dann wandte er sich wieder den anderen beiden zu. "Do you think they'll catch him soon?" "Nay, he seems to be very clever and of course our dear officers are too lazy, they have not had anything like this since they work here", meinte Lewis. Er fuhr sich gähnend mit den Fingern durch die hellrote Mähne, dann grinste er verheissungsvoll. "I'll go to bed now, or I'll be dead tomorrow." Ich lächelte halbherzig und sah Darren und Jonas an, mit der Erwartung, dass sie ebenfalls aufstehen würden. Doch sie fuhren fort mit dem Gespräch. "They must certainly have found something, or at least they will, 'cause nobody is perfect. He'll make mistakes, like people do" brummte Darren. Jonas konterte: "Jack the Ripper blieb auch verschollen." Darren wollte etwas entgegnen, schloss den Mund jedoch, stumm. Jonas sah mir wieder in die Augen, als wollte er meine Meinung hören. Ich überlegte, dann antwortete ich: "Mir war es egal, wann und wie sie ihn fassen. Solange er einen grossen Bogen um Pineforest Stable machte. Aber das hat er nicht getan, also hoffe ich, dass sie ihn schnappen und er in der Hölle schmort." "Woher weisst du, dass es ein 'er' ist?", wollte Darren wissen. "Ich glaube kaum, dass eine Frau genug Kraft gehabt hätte, um den Elektriker niederzuringen... Abgesehen davon wäre eine Frau geschickter vorgegangen und hätte die Leiche gleich verschwinden lassen." Jonas sah mich gespielt böse an und stupste mir in die Seite, ich musste lachen, da ich schon immer zu den eher Kitzligen gehört hatte. Dann schlang er plötzlich seinen Arm um mich, zog mich von meinem Platz auf seinen Schoss und fasste meine Hand. Ich lachte noch immer, versuchte meine Verwirrung zu verbergen. Darren stand auf und murmelte etwas von wegen "Gute Nacht ihr Turteltäubchen" auf Englisch, ehe er grinsend in einem der Zimmer verschwand. Ich protestierte, in der Hoffnung, dass er es noch hören würde. Mir war bewusst, wonach dieses Szenario aussehen musste, doch ich wusste auch, dass Jonas es nicht ernst meinte (das tat er ja anscheinend nie) und ich wollte keine falschen Gerüchte über uns im Umlauf haben. Besonders Lisa fände solch eine Geschichte bestimmt spannend. Ich schauderte bei dem Gedanken. Jonas wollte mich nun hinlegen, indem er mich hochhob. Ich sperrte mich im ersten Augenblick, doch dann gab ich nach. Mein Herz klopfte, trotz all der Zweifel - ich liess mich fallen. Er legte sich ebenfalls hin, Ende des Spiels war, dass wir beide auf dem Sofa ausgestreckt waren, ich an ihn gekuschelt. Ich hatte mich damit abgefunden, mehr noch; ich begann es zu geniessen. Trotzdem da die übliche Vernunftsstimme in meinem Kopf hallte, "Du weisst, das das nichts ernstes ist". Er fragte leise: "Bequem?" Ich nickte. Ich musste zugeben: es war schon warm und angenehm, wie er den Arm um mich legte. Und das sanfte streicheln seiner Finger über meine Hand jagte mir ein Kribbeln quer durch Körper. Wir lagen dort bestimmt eine halbe Stunde, in der zunächst ich ständig prüfend zur Tür starrte, fest entschlossen bei einer Bewegung sofort aufzuspringen. Ich kann das hier jederzeit beenden, und ich werde ihm auch nicht wieder hinterher trauern. Doch auch nach fünfzehn Minuten war kein Lebenszeichen der Tür zu erkennen, also entspannte ich mich vollends. Und dann war der Spuk auch schon vorbei. Aus einem der vorderen Zimmer rief jemand: "Jonas come here, we want to sleep. If you do not, you have to stay outside!" Er zuckte zusammen und ich stand auf, damit er sich aufrichten konnte. Ein letztes Mal durchwuschelte ich seine dunklen Locken, dann liefen wir gemeinsam zum Gang und trennten uns. Etwas wehmütig war ich schon, denn ich hatte es insgeheim sehr genossen, mit dem Ohr auf seinem Brustkorb dem Herzschlag zu lauschen, oder seinen warmen Atem zu fühlen. Doch ich legte mich in eines der leeren Betten, die anderen schliefen bereits, und leerte meinen Kopf von allen Geschehnissen des Tages, ehe ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf sank.
      3 Dez. 2014

      Eowin
      Tierarztbericht für Stromer

      Als ich heute in meinen Terminkalender sah, konnte ich mir ein Seufzen nicht verkneifen. 24 Pferde waren zu impfen und entwurmen – das schrie nach Fließbandarbeit.
      Dennoch machte ich mich frohen Mutes auf den Weg zu Occulta, wo ich nach einer längeren Zeit wie geplant eintraf.
      „Hey, sorry, dass ich so spät bin. Wer rechnet denn damit, dass es bei euch glatt ist?“, lachte ich Occulta an, die mich offenbar schon erwartet hatte.
      Gemeinsam gingen wir zu den Pferden.
      Der erste – Stromer – stand schon bereit.
      „Na Hübscher!“, begrüßte ich den Cremello anerkennend und ließ mir dann den Pass geben.
      Hieraus konnte ich entnehmen, dass wir mit der Grundimmunisierung bei null beginnen mussten.
      Mit routinierten Handgriffen zog ich die Impfungen gegen Tetanus, Herpes und Influenza auf und impfte das Vollblut. Unruhig wie er war, tänzelte er ordentlich hin und her, aber dennoch bekam ich die Spritzen da hin, wo sie hingehörten.
      Bei der anschließenden Wurmkur war er ähnlich murrig und ich konnte die Paste nur mit Trick 17 in sein Maul bringen. Mit etwas Fummelei gelang es mir jedoch.
      „So, das war’s schon!“, meinte ich und klopfte ihm den Hals.
      6 Jan. 2015

      Occulta
      Ein schicksalhafter Tag

      Wie gewohnt lief ich morgens um 5 Uhr durch den Hauptstall und hielt vor der weissen Tafel in der Sattelkammer. Auch Lily und April standen bereits dort und suchten ihren Namen. Am Vorabend waren nämlich die neuen Einsatzpläne für den Februar ausgearbeitet worden. Ich hatte wie immer mitgeholfen beim Einteilen und wollte nun sehen, ob die Jockeys zufrieden waren. April fand sich auf der Liste und rief erfreut: „Yes! I hoped I’d get Fly and Sunday!“ Sie hatte ausserdem noch Blüte und Gray zugeteilt bekommen. Lily nickte ebenfalls zufrieden (sie hatte Light, Campina, Chiccory und Cantastor bekommen) und schien sich im Kopfe schon zu überlegen, wie sie diesen Monat Trainieren wollte. Ich selbst hatte darauf bestanden, wieder Winter und Stromer zu übernehmen, ausserdem hatte ich wie immer Frame bekommen, da der sensible Hengst bei mir mit Abstand am besten lief. Ausserdem hatte ich mich für die neue Stute gemeldet, die wir bei einem Ungarischen Pferdehändler gekauft hatten. Es handelte sich um einen Furioso, ein hübsches dunkelrotes Tier, das jedoch in einem recht schlechten Zustand war. Sie würde heute Nachmittag nach einer langen Auto- und Fährenfahrt ankommen. Noch am Morgen würde ein neuer Vollbluthengst ankommen, von dem wir uns viele Erfolge für die Zukunft erhofften. Ausserdem hatte ich beschlossen, Feline wieder zu mir zu holen. Die Stute hatte sich zu einer echten Schönheit gemausert und so wollte ich sie nicht länger verkaufen. Es fiel mir schwer zuzugeben, dass Elliot recht gehabt hatte und tatsächlich Potential in ihr steckte.
      Ich entschied, zuerst zu Stromer zu gehen und mich der ersten Morgengruppe für die Hengste anzuschliessen. In dieser Gruppe liefen bisher anscheinend Muskat, Empire, Light und Sunday mit. Eine gute Gruppe, dachte ich zufrieden, denn Muskat und Empire waren ja schon etwas älter und erfahren, die jungen Pferde konnten viel von ihnen lernen. Sie wurden eigentlich auch nicht mehr offiziell zum Rennen eingesetzt, nahmen jedoch immer noch regelmässig am Training teil damit sie fit blieben und Kondition fürs Springen hatten. Ich löste die Schnallen von Stromers babyblauer Fleece-Decke und faltete sie über der Kruppe. Dann schnappte ich mir die Langborsten Bürste und wischte damit über sein geschorenes Fell. Für den Kopf nahm ich eine kleinere Kopfbürste, denn er mochte die Grossen Bürsten nicht bei den Ohren. Nachdem ich auch mit der Kardätsche und dem Fellhandschuh über den Körper des Hengstes gefahren war, befand sich kein Stäubchen mehr auf dem Stoppelfell. Auch die Mähne wurde schön gekämmt und auf eine Seite gelegt, doch nach einmal schütteln hatte sie Stromer wieder kreuz und quer über den Hals fallend. Ich musste schmunzeln bei dem Anblick, denn er schien sich immer dann zu schütteln, wenn ich einen Bändigungsversuch an dem weissen Langhaar unternommen hatte. Als nächstes holte ich den kleinen Rennsattel und das Zaumzeug, wobei ich zu Empire und Thomas rüber schielte und feststellte, dass der Jockey auch erst am Satteln war. So weit so gut – als ich fertig war, führte ich meinen Cremello nach draussen zum Aufsteigen. Er wartete geduldig bis ich oben war und die Bügel eingestellt hatte. Ich schloss mich Light und Sunday an, sobald die beiden in Richtung Galoppbahn ritten. Wir würden wie immer zuerst dort aufwärmen und danach auf die Grasbahn gehen, die noch immer von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Stromi war gut drauf und machte schön lange, geschmeidige Schritte. Ich freute mich also auf ein tolles Training. Während dem Schrittreiten plante ich, was heute noch alles zu tun war. Um vier Uhr fand ein Qualifikationsrennen in Nottingham – Colwick Park statt, bei dem the Cold Crack of Dawn und Campina eingetragen waren. Tom und Lily würden sich beim Training unter keinen Umständen verletzen dürfen. Endlich trabte die Gruppe an und ich tat es den anderen gleich. Wir ritten schön hintereinander den Schnitzelweg entlang, dann bogen wir auf den Kiesweg in Richtung Trainingsbahn. Wir starteten heute im Feld und jeder trainierte für sich, wobei wir ab und zu kleine Kopf-an-Kopf Sequenzen einbauten. Einmal rief ich zum Beispiel April, die daraufhin etwas abbremste damit ich aufholen konnte. Sunday gab sich alle Mühe, meinen sechsjährigen Cremello nicht nach vorne zu lassen, doch Stromer streckte sich wie eine geschmeidige Katze und schob sich bei jedem Sprung einige Zentimeter vor. Am Ende des Trainings fiel mir auf, dass Light ein paarmal hustete. Zur Sicherheit sagte ich Oliver Bescheid, der es ebenfalls schon von seiner Beobachterposition am Rand der Bahn bemerkt hatte. Er verordnete einen Ruhetag und eventuell einen weiteren, falls es nach einem längeren Longieren wieder passieren würde. Auf meine Frage hin meinte er, dass es nichts Ernstes sei und sich der fast schwarze Hengst vermutlich etwas erkältet hatte. Ich nickte, beruhigt, dass er dasselbe dachte. Wir verräumten die Pferde, wobei ich Stromer lange mit der Fleecedecke trockenführte, damit er nicht auch noch zu husten anfing. Danach holte ich das Putzzeug von Winter, denn der war als nächstes dran. Mein grosser Schneemann sah mich ungeduldig an und verdrehte die Augen beim ausgiebigen Gähnen. Ich bürstete das weisse Fell liebevoll und kratzte die Hufe aus, ehe ich ihn sattelte und zäumte. In dieser Gruppe liefen Fly, Chiccory und Spot mit, ausserdem einige der Stuten: Paint, Capri und Diana. Dies klappte normalerweise Problemlos, da die Jockeys die Hengste voll im Griff hatten und diese sich sowieso eher auf das Training konzentrierten. Ich beobachtete beim Aufsteigen belustigt, wie Spot herumalberte, als Quinn auf seinen Rücken klettern wollte. Dem Vollblüter mit den lustigen Flecken konnte man einfach nicht böse sein. Er zählte zu meinen absoluten Lieblingen, doch natürlich liebte ich alle meine Pferde. Jedes von ihnen hatte seine eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter, was das Reiten immer wieder aufs Neue spannend machte. Es kam auch häufig vor, dass ich mich mit den Pflegern absprach und spontan ein Pferd ritt, welches nicht bei mir eingeteilt war. Ich hatte kein Problem damit, den ganzen Tag im Sattel zu sein.
      Das Training mit Winter verlief wiederrum gut, allerdings war er nicht in Bestform gewesen und hatte seine Zeit vom letzten Mal überboten. Ich lobte ihn trotzdem sehr beim Absteigen, und hielt ihm ab und zu ein Karottenstück hin beim Trockenführen. Ich lief mit ihm hinunter zu den Weiden, liess ihn an den Minis schnuppern und die Nase zu den Hengstfohlen stecken. Die ganze Zeit über machte Winter ein fröhliches Gesicht und hatte die Ohren entspannt nach vorne gerichtet. Das Wetter war auch herrlich: Die Sonne schien und obwohl es noch immer ziemlich kalt war, kam es mir vor wie an einem Frühlingstag. Doch ich liess mich nicht täuschen, es war erst Februar und der Winter würde sich bestimmt nicht so leicht geschlagen geben. Ich brachte meinen Hengst nach zwanzig Minuten zurück in den Hauptstall und schaute, dass es ihm an nichts fehlte, ehe ich die Boxentüre schloss. Ich sah auf die Uhr. Schon acht! Herrjeh, ich muss noch Frame beschäftigen ehe ich den Vollbluthengst und Feline abhole. Ich beschloss, den Hengst zu longieren, denn das hatte ich schon länger nicht mehr mit ihm gemacht. Er war, seit seine Wunden vollständig verheilt waren, intensiv trainiert worden und hatte ordentlich Muskeln und Kondition aufgebaut. Von dem schwächlichen Jährling, den ich damals auf der Wiese gesehen hatte, war äusserlich keine Spur mehr. Innerlich spukten jedoch immer noch die Bilder von damals in dem Hengst, sodass er kaum eine Person ausser mir wirklich nahe an sich heranliess. Immerhin hatten wir ihn so weit, dass er sich auch von anderen Pflegern einigermassen problemlos führen liess. Doch es war noch ein langer, vielleicht unendlicher Weg bis zum nervenstarken, coolen Leistungssportler. Wie Oliver so schön sagte – das beste Rennvermögen nützt nichts, wenn sich das Tier beim Start erschreckt und den Jockey runterbockt. Ich seufzte bei dem Gedanken an den letzten Versuch mit Lily. Das war nun beinahe zwei Wochen her. Frame hatte sich nicht nur geweigert, in die Startbox zu gehen, er hatte sich auch mitten im Trainingsrennen erschreckt und war aus der Gruppe ausgebrochen, wobei er nur haarscharf an Muskat vorbeigestolpert war. Es hätte übel ausgehen können und Lily war danach so wütend, dass sie sich weigerte, wieder aufzusitzen. Bei mir war der Hengst, aus welchen Gründen auch immer, brav wie ein Lamm. Er folgte mir ohne Seil, zickte nicht rum beim Aufsteigen, tat überhaupt alles, was ich von ihm verlangte. Nur ab und zu vermochte ihn ein plötzliches Geräusch oder eine schnelle Bewegung im Gebüsch zu erschrecken. Jedenfalls putzte ich ihn an diesem Morgen rasch, legte ihm den Longiergurt an und hängte die Doppellonge ein. Dann ging ich mit ihm in die Halle, da dort die Ablenkungsgefahr geringer war. Ich übte mit ihm eine halbe Stunde diverse Übergänge, die Biegung und das schwungvolle Schieben aus der Hinterhand. Danach nahm ich mir Zeit, ihn zu versorgen und hastete anschliessend auf den Parkplatz zum Auto. Zuerst fuhr ich mit dem Anhänger eineinhalb Stunden nach Bristol um den Hengst namens Caspian zu holen. Ich hatte ihn direkt von seinem Züchter gekauft, den ich an einer Auktion kennengelernt hatte. Er hatte mir Caspian weit unter seinem Wert überlassen unter der Bedingung, dass seine Tochter, der er sehr ans Herz gewachsen war, ihn später hin und wieder besuchen durfte. Es war ein rührender Abschied vor Ort, denn die 16 Jährige kannte den Hengst seit seinen ersten wackeligen Schritten. Doch so war das nun mal, sie hatte von Anfang an gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihn loslassen musste. Ich für meinen Teil war froh, Caspian nun endlich nach Hause fahren zu können. Doch auf dem Rückweg ging es erstmal noch zu Feli, die mich mit Diana zusammen schon erwartete. Diana wollte auch in Zukunft immer mal wieder rüber auf Pineforest Stable kommen um Feli zu besuchen, doch sie hatte mittlerweile endlich ein eigenes Pferd von ihrem Vater bekommen, sodass sie sicherlich genug zu tun hatte. Zurück auf dem Hof half mir Jonas beim Ausladen und brachte Feli gleich in den Nebenstall, während ich Caspian vorerst in die Box neben Shio stellte. Falls das gut klappen würde, würde er auch dort bleiben dürfen, wenn nicht, dann mussten wir mal wieder eine neue Boxenordnung ausarbeiten. Der Schimmel schnupperte zwar interessiert an Shio, wandte sich dann jedoch gierig dem Heu zu.
      Am Nachmittag kam wie erwartet Satine, die Furioso Stute. Sie sah noch übler aus, als ich sie in Erinnerung hatte, doch wenigstens schien sie unverletzt. Traurig betrachtete ich das ehemalige Zirkuspferd aus der Nähe. Sie hatte kaum Muskeln und war mager bis auf die Rippen. Selbst ihre strahlend blauen Augen wirkten nichts als gestresst und müde. Ich fasste sie etwas näher am Halfter, als die den Kopf vor meiner Hand wegziehen wollte und murmelte beim Streicheln „Everything’s allright, you’re at home now.“ Sie senkte den Kopf etwas und blinzelte, weil sie Angst hatte, dass ich ihr in die Augen fasse. Ich führte sie nach einigen Minuten langsam in den Nebenstall, denn sie lief von der langen Fahrt noch wackelig und unsicher. In der Box machte sie sich nur halbherzig über das Heu her, sodass ich mich gezwungen sah, einen Tierarzt zu rufen. Hoffentlich ist sie nicht ernsthaft krank, betete ich innerlich. Die Diagnose war eine mittelschwere Lungenentzündung. Würden keine Komplikationen auftreten, so konnte sie in etwa zwei Wochen grösstenteils genesen sein. Sie bekam Antibiotika und strikte Stallruhe verordnet. Die Stute tat mir leid, denn sie hustete nun auch hin und wieder, was ihr Schmerzen zu bereiten schien. Wenigstens bestand kein Risiko für die anderen Pferde. Nachdem ich noch eine Weile bei ihr geblieben war und sie besorgt beobachtet hatte, ging ich zum Hauptstall um zu sehen, wie weit Tom und Lily waren. Sie hatten die Sättel und das restliche Zubehör bereits in den Anhänger gebracht und zogen nun gerade den Vollblütern die Transportgamaschen an. Campina stand bockstill und liess Lily an sich herumzupfen, während Crack wie immer vor und zurück zappelte. Ich half kurz, die Stute festzuhalten und streichelte sie liebevoll, während ich das Halfter hielt. Sie bedeutete mir sehr viel, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen, das machte sie unbezahlbar. Endlich waren die Gamaschen fest um die Beine gelegt und die Pferde wurden zum Parkplatz geführt, wo sie ohne zu zicken die Rampe hochliefen. Ich wünschte den fünfen eine gute Fahrt (Oliver ging als Trainer natürlich auch mit, ich hingegen hatte heute noch zu viel zu tun) und viel Glück beim Rennen. Besonders von Campina erhoffte ich mir eine gute Platzierung, denn die Stute war im Training ausgezeichnet gelaufen und schien auch heute in Topform zu sein. Fröhlich summend ging ich zu Rita, die beim Nebenstall Calico sattelte. Ich hatte versprochen, ihr heute eine Reitstunde zu geben. Die junge Frau, die mittlerweile sogar die Ausbildung zum Jockey in angriff genommen hatte, war extrem fleissig und saugte neues Wissen über Pferde auf wie ein Schwamm. Sie hatte sich von der gnadenlos überforderten Anfängerin zur zuverlässigen Pflegerin gemausert und wohnte nun sogar endlich mit den anderen im Pflegerheim. Ihr Vater hatte sich anfangs dagegen gesträubt, doch schliesslich hatte sie gewonnen, da sie ja schon 24 war und damit gedroht hatte, externe Hilfe anzufordern. Sie konnte zwar nun nichtmehr vom Reichtum ihres Vaters profitieren, doch das brauchte sie auch nicht. Sie verdiente sich ihr Geld nun selbst. Ich war anfangs sehr skeptisch gewesen, was ihren Charakter betraf, hatte ich sie doch als verwöhntes einzelkind eingeschätzt. Doch die Pfleger und ich hatten sie nun wirklich lieb gewonnen und sie war ein fester Teil von uns geworden. Als wir auf dem Platz waren stellte ich einmal mehr fest, dass sich das harte Training gelohnt hatte: Rita sass gerade und selbstsicher auf dem Schimmelhengst, hielt die Absätze tief und am rechten Ort. Ich musste sie jedoch ab und zu daran erinnern, die Hände nicht zu hoch zu halten. Calico spielte brav mit. Er hatte gelernt, respektvoll mit seiner ehemaligen Besitzerin umzugehen und lief bei den restlichen Pflegern und mir sowieso wundervoll. Ich hatte recht behalten: der Hengst hatte eine ausgezeichnete Veranlagung und lernte so schnell wie Rita. Nach der Stunde ging ich mit Sorrow ins Gelände. Es wäre eine Schande gewesen, solch wundervolles Wetter nicht zu nutzen. Vor dem Aufsteigen flocht ich dem stämmigen Hengst einen französischen Zopf in die Mähne. Es stand ihm ausgezeichnet. Wir ritten zum Fluss, überquerten die Brücke und dann nach Süd-Osten zu den beliebten Galoppstrecken. Sorrow gab ordentlich Gas auf den grasüberwachsenen Feldwegen, liess sich jedoch stets wieder bremsen. Einmal kam uns eine Frau mit einem schwarzen Hund entgegen, an dem der Hengst interessiert schnupperte. Dann hüpfte der Hund wieder davon und wir setzten unseren Ritt gemütlich fort. Genoss die Sonne und auch Sorrow drehte die Ohren zufrieden in der Umgebung herum. Auf dem Rückweg liess ich ihn etwas Schulterherein laufen und stellte ihn an den Zügel. So hatten wir auch unsere heutige Protion Dressur.
      Als ich auf dem Kiesweg an den Weiden vorbei ritt, klingelte plötzlich mein Handy. Huch, Was ist denn nun wieder los? Ich nahm ab und erkannte erschrocken Olivers besorgte Stimme. „We‘ve had an accident, you must come quickly to decide what to do with the horses.“ Wie in Trance stieg ich ab, rief Rosie, die Sorrow übernahm und rannte zum Parkplatz. Man hatte entschieden mich vor Ort zu rufen, da die Unfallstelle nur zwanzig Minuten entfernt war. Vor Ort fand ich einen Krankenwagen und mehrere Polizeiautos, ausserdem war bereits ein Tierarzt da. Wie sich herausstellte, hatten die drei eine Kollision mit einem betrunkenen Geisterfahrer gehabt. Dabei hatte sich der Transporter überschlagen. Tom, der gefahren war, war bewusstlos und hatte einige Brüche erlitten, sein Zustand war aber so weit stabil. Lily hatte einen gebrochenen Arm und Prellungen und Oliver war mit einer blutenden Nase davongekommen. Doch am schlimmsten hatte es die Pferde erwischt. Campina hatte starke Prellungen und lahmte. Für Crack gab es keine Rettung mehr. Ich stimmte zu, die Stute von ihren Leiden zu erlösen, denn sie hatte mehrere komplizierte Brüche erlitten und konnte nicht mehr aufstehen. Es war ein schrecklicher Augenblick, als der Tierarzt die Spritze aufzog, und ich drehte mich weg zu Pina, vergrub mein Gesicht in ihrem weichen Fell. Meine wunderschöne kleine Crack, das Geschenk von Jack! Es kam mir so unfair vor, dass mir nun auch diese Erinnerung an ihn genommen wurde. Doch es war besser für die Stute, alles andere wäre Quälerei gewesen. Campina wurde in eine Klinik in der Nähe gebracht, wo sie umfassend untersucht und behandelt wurde. Tom landete im Krankenhaus, durfte zum Glück aber schon nach vier Tagen nach Hause zu seinen Eltern. Auf Pineforest Stable würde er erst wieder in ein paar Monaten zurückkehren, wenn er wieder einsatzfähig war. Lily kam noch am selben Tag mit uns zurück auf den Hof, den Arm in eine Schlinge gehüllt. Sie wurde liebevoll von den anderen begrüsst und Ajith übernahm die ihr zugeteilten Pferde für den restlichen Monat. Ich wanderte nach all den aufmunternden und mitleidigen Worten der anderen still ins Haupthaus, wo ich mir erstmal einen Tee machte. Ich starrte während dem Trinken aus dem Fenster und beobachtete, wie Jonas den Kiesweg entlang zur Tür kam und klopfte. Soll ich aufmachen? Eigentlich will ich nicht… Ich bewegte mich nicht von der Stelle und wartete, bis er wieder verschwunden war. Trotzig dachte ich: wenn etwas passiert bin ich gut genug für dich und sonst behandelst du mich wie Luft. Spar dir die Mühe. Dann legte ich mich aufs Sofa und versank bis zum Abend in Melancholie. Der Tag hatte so schön begonnen, und nun das.
      Am Abend schlenderte ich lustlos zur Halle, wo Lisa gerade eine Reitstunde gab. Es waren ein paar Leute von auswärts da und vier Pfleger: Darren mit Herkir, Jason mit Bluebell, Jonas mit Loki und Anne mit Sweets. Ich setzte mich in den Zuschauerraum hinter die Scheibe und sah zu. Blue lief wiedermal zügig, sodass Jason ständig abwenden musste. Sweets ging beinahe konstant in Anlehnung, doch Anne liess sie zwischendurch strecken, damit sie nicht zu müde wurde. Schliesslich waren beide Pferde erst seit kurzer Zeit unter dem Sattel und noch nicht vollständig ausbalanciert. Herkir und Loki liefen mittlerweile richtig toll und nur Herkir gab ab und zu Gas – immer dann wenn Darren angaloppieren wollte. Ich war zufrieden mit den vieren. Nach der Stunde wollte ich mich wegschleichen, doch Jonas erwischte mich. „Warum hast du nicht reagiert, als ich geklopft habe?“, wollte er wissen. „Ich hab dich nicht gehört.“ „Aber ich war echt laut…“ „Kann passieren. Gute Nacht.“ Es schmerzte, so kalt zu sein, doch er hatte es verdient, da war ich mir sicher. Er sollte ruhig sehen, wie sich das anfühlte. Ich lief nocheinmal durch die Ställe und ging sicher, dass alle Pferde eingedeckt waren, dann legte ich mich ins Bett. Was für ein Tag
      8 März 2015

      Occulta
      The brightest flame casts the darkest shadow

      Pineforest Stable wurde gerade in das Licht der ersten Sonnenstrahlen getaucht, als ich auf dem Weg zum Hauptstall war. Vollblütertraining stand an, wie jeden Morgen. Diesen Monat kümmerte ich mich um Indiana und Stromer, Erstere wollte ich heute zuerst bewegen. Ich holte die lackschwarze Stute aus ihrer Box und begann, sie zu bürsten. Hinter uns machte Lily die ebenfalls rappfarbene Painting Shadows bereit. Paint musterte gerade die dunkelgraue Putzbox am Boden mit ihren eisig blauen Augen. Ich fragte mich einmal mehr, was im Kopf der Stute wohl vorgehen mochte. Ich neigte immer sehr dazu, ihr menschliche Charakterzüge zuzuschreiben, da sie aussergewöhnlich ruhig war und sich alles immer ganz genau ansah. Doch sie wirkte tatsächlich nicht nur intelligent; sie war es auch. Das erkannte man daran, dass Paint schneller als die meisten Pferde neue Dinge lernte und selbst mit schwierigen Aufgaben klar kam. Während Sunday zum Beispiel an der Kartonschachtel mit den Leckerlies nach zehn Minuten erst durch Zufall (er hatte die Schachtel ausversehen mit dem Hinterbein umgekippt, als er sich umdrehen wollte) Erfolg hatte, fand sie schon nach zwei Minuten heraus, dass man die Schachtel mit dem Maul aufstossen konnte. An neue Aufgaben ging die Stute immer neugierig, aber mit gesunder Vorsicht heran, sodass sie sehr leicht zu trainieren war. Ich mochte die Sabinoschecke daher ganz besonders.
      Auch Indiana war eine angenehme Genossin. Sie liess mich in Ruhe ihre Hufe auskratzen, ohne sie extra schwer zu machen, wie es andere Pferdchen zu tun pflegten. In ihrem Schweif war eine Menge Stroh, also hatte sie wohl gut geschlafen. „Dann bist du ja heute sicher fit mein Mädchen“, murmelte ich ihr zu. Ursprünglich hatte die Stute gar nicht so viel mit der Rennbahn am Hut gehabt. Sie war zwar wahrscheinlich als zukünftiges Rennpferd zur Welt gekommen, am Ende aber dann doch an eine mittlerweile gute Kollegin meinerseits verkauft worden. Da diese sie in Dressur und Springen förderte, anstatt sie auf die Bahn zu schicken, kannte Indiana, als sie nach Pineforest Stable kam, nicht einmal die Startboxen. Das war aber kein Problem, denn sie war sehr gut erzogen und geritten worden, sodass wir sie in kurzer Zeit an den Vollblut-Alltag bei uns gewöhnt hatten. Sie war sogar schon bei ein paar kleineren Rennen in die Ränge gekommen. Es schien ihr jedenfalls zu gefallen, wenn sie auf dem kurzen Gras ihre Grenzen ausreizen durfte und mal wieder richtig galoppieren konnte. Heute liessen wir es aber etwas ruhiger angehen: Nachdem Chiccory, Empire, Paint und Indiana allesamt gesattelt draussen bereitstanden, ritten wir auf das grosse Dressurviereck. Ja, auch Rennpferde mussten ab und zu eine Portion Dressur ertragen. Das diente der Rückengymnastizierung, dem Grundgehorsam und – der Abwechslung. Schliesslich durfte das Training den temperamentvollen Vollblütern nicht zu langweilig werden, sonst wurden sie schnell ‚sauer‘. Es herrschte die ganze Stunde über Abreitplatzatmosphäre, denn eigentlich ritt jeder für sich. Nur Oliver, der beim Eingang stand und gelegentlich den Mund öffnete, wenn ihm etwas nicht passte, erweckte durch seine pure Anwesenheit das Gefühl einer Reitstunde. Indiana lief am Anfang etwas verkrampft, doch mit vielen Übergängen und Wendungen konnte ich sie rasch lockern. Danach lief sie in lockerer Anlehnung und zufrieden vor sich hin schäumend. Auch Oliver machte einen zufriedenen Eindruck. Nur Quinn, die auf dem hübschen Schimmel Empire sass, erinnerte er daran, die Hände nicht einzudrehen. Empire nahm’s gelassen und lief trotzdem schön schwungvoll. Der weisse Hengst machte eh immer eine gute Figur, ein typisches weisses Prinzenpferd eben. Oz war sehr fleissig drauf, April musste ständig abwenden. Aber die junge Pflegerin hatte so viel Erfahrung, dass sie ihn gut im Griff hatte und wiedermal das Beste aus ihm herausholen konnte. Und Paint machte sowieso keinen Ärger. Die Stute folgte brav den Hilfen ihrer Reiterin, und zwar eher zum Leid von Lily, denn so sah Oliver sofort jeden noch so kleinen Fehler, den sie machte.
      Nach der Stunde liessen wir die Pferde auf der Galoppbahn abkühlen. Ich war froh um den Schatten der Tannen, selbst jetzt am frühen Morgen. Quinn ritt neben mir und musste Empire ab und zu wieder ermahnen, Indiana nicht zu nahe zu kommen. Wir plauderten ein wenig, tauschten die neusten Gerüchte aus und besprachen Pläne der folgenden Tage. Plötzlich erwähnte Quinn etwas, was mich nachdenklich stimmte. “Did Jonas already talk to you ´bout his journey to Canada?” “Yes, he told me in January already. And yet I wasn’t aware that he will go so soon until you mentioned it…” In fünf Tagen fliegt er. Dann wird er ganze drei Wochen fort sein. Ich konnte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, ihn so lange nicht zu sehen, selbst wenn ich mich eigentlich für ihn freute. Er wollte dort alte Freunde besuchen gehen und ein wenig durchs Land reisen. Gerade jetzt, wo es so gut läuft, muss er wieder weg. Ich wette, danach ist alles wieder wie vorher
      Wir versorgten die Pferde und verräumten die Dressursättel, dann wurde erstmal gemistet. Ajith und Tom waren schon dabei, die restlichen schlossen sich an. Ich plante im Geiste schon wieder durch, was ich den restlichen Morgen zu tun hatte. Nach dem Misten ging ich zu Stromer und holte den Cremellohengst aus seiner Box. Er zappelte wie immer beim Putzen, doch ich regte mich darüber nicht auf; es war ein interessanter Kontrast zu Indiana. Ich ging diesmal nicht mit der zweiten Morgengruppe mit, sondern arbeitete mit dem Hengst an der Doppellonge. Er lief die meiste Zeit in Dehnungshaltung und trat schön unter, ausser wenn er wieder irgendein Monster im Gebüsch entdeckte. Auch nach all dieser Zeit war Stromer noch nicht zum relaxten Verlasspferd geworden und vermutlich würde er es auch nie ganz werden. Er hatte wohl in seinen jungen Jahren einfach zu viel erlebt. Zumindest hatte ich ihn so weit, dass er sich zwischendurch entspannte und konzentriert mitarbeitete, denn unter der verstörten, unsicheren Oberfläche lag ein überaus ehrgeiziger Schüler. Dieser kam auch heute ans Licht. Besonders schön war es, als ich ihn auf der ganzen Bahn galoppieren liess, indem ich nebendran mitlief und ihn so versammelt hielt. Er fiel nicht einmal in den Trab zurück und vergass sogar, Jonas mit der Schubkarre anzugaffen. Der hatte angehalten und uns beobachtet, um am Ende zu klatschen. Ich schenkte ihm ein Lächeln und liess Stromer im Schritt trockenlaufen. Jonas kam zu uns aufs Viereck und lief nebenher. „Dann ist also alles okay wegen Samstag?“ „Samstag? Ahh ja, Samstag. Alles klar. Mach dir keine Sorgen, wir haben hier alles im Griff. Du kannst die Reise also in vollen Zügen geniessen.“ „Schwingt da ein betrübter Unterton mit?“ „Höchstens, weil Kanada ein tolles Land ist und ich auch schon lange nicht mehr dort war. Aber ich muss hier bleiben und auf dem Hof nach dem Rechten sehen.“ „Aye Occu, das ist das Los des Chefs.“ „Was willst du damit wieder andeuten? Naja egal. Schau her, ich hab dir einen Glücksbringer geschnitzt.“ Ich überreichte ihm eine schlichte Kette mit einem Specksteinanhänger in der Form eines Kleeblatts, den ich in meiner Freizeit geschliffen hatte. Ich mochte solche künstlerischen Kleinigkeiten sehr, ich malte auch ab und zu etwas, wenn ich Zeit dazu fand. Er sah den Anhänger erstaunt an. „Hast du den gemacht? Der ist toll! Danke.“ Ich lächelte verlegen und streichelte Stromers weichen Hals. Er zog den Anhänger über seine andere Halskette an, die er einmal von seinem Cousin geschenkt bekommen hatte. So hatte ich es jedenfalls in Erinnerung. Dann trennten wir uns wieder, denn ich musste Stromer in den Stall bringen und er musste Heu holen.

      Als es dunkel wurde und die Schatten sich in die Länge zogen, klopfte es an meiner Haustür. Zugegeben – mein Herz pochte schon etwas, als ich öffnete und niemand geringeres als Jonas draussen stand. Er gab auch gleich den Grund für sein Erscheinen bekannt. „Occu, auf meiner Reise komme ich auch an der Gips Reminder Ranch vorbei, du weisst schon, der Hof von Verena.“ Ich nickte aufmerksam. „Summer, Flint und Shadow stehen ja dort. Ich dachte mir, ich gehe die drei besuchen und schicke ein paar Fotos rüber, wenn ich schon mal dort bin.“ „Das klingt gut. Ich vermisse besonders Shadow… Würde mich wirklich darüber freuen zu sehen, was aus ihr geworden ist. Ich wette Verena hat sie gut trainiert.“ Er wünschte mir einen schönen Abend und drehte sich zum Gehen um. Mir fiel auf, dass er die Kette seines Cousins nicht mehr trug. „Hey, hast du deine Kette verloren?“ „Nein, aber dein Anhänger hat sich immer wieder darin verheddert, also hab ich sie abgezogen, damit er nicht kaputt geht.“ Während er ging, jubelte ich innerlich auf wie ein kleines Kind. Er hat doch tatsächlich die Kette, die er jetzt über ein Jahr durchgehen trug, gegen meine getauscht! Das muss ihm doch etwas bedeuten! Dann wiederum ermahnte ich mich, rational zu bleiben und beschloss, einfach abzuwarten. Abzuwarten, was die Zukunft bringen würde. In meinen Träumen sah sie leuchtend hell aus.
      9 Aug. 2015

      Occulta
      [​IMG] E-A

      „Hey Occu, herzlichen Glückwunsch, das war ein hervorragendes Rennen!“ Ich drehte mich um, um zu sehen, woher die Stimme kam. „Ahhh Henry, ja ja, ich bin mehr als zufrieden.“ Mein alter Kumpel hatte sich den Weg über die Tribüne zu mir erkämpft. Wir befanden uns wieder mal in Ascot, am jährlichen Bengough Stakes Rennen. Stromer hatte das Rennen für sich entschieden, mit einer traumhaften Zeit von 1:13.20 auf den 1‘200 Metern. Auf dem dritten Platz war Winter gelandet, mit ebenfalls hervorragenden 1:14.80. Chiccory, der auch teilgenommen hatte, war leider nur im Mittelfeld geblieben. „Deine Pferde sind richtige Muskelprotze geworden – richtig schöne Tiere“, schwärmte Henry. Ich lächelte verlegen und meinte: „Da steckt auch viel Arbeit drin. Aber gelohnt hat es sich.“ „Ich weiss noch, als ich einmal bei euch zu Besuch war, bei dir und dem alten Jack… Armes Schwein, ich kann’s auch nach all der Zeit noch nicht glauben… Wie auch immer, damals wart ihr grad mitten im Training und ich war so begeistert von Iskierka, erinnerst du dich?“ „Ja, das war vor etwa zwei Jahren, oder? Kierka war damals noch ziemlich frisch auf dem Hof und ein richtiges Monster. Ich weiss noch, als ich an der Auktion schlussendlich die einzige war, die sich für das wilde Biest interessierte. Und schau sie dir heute an!“ „Also damals als ich zugesehen hab, hat sie sich jedenfalls benommen“, meinte Henry. „An dem Tag haben wir aber auch viel mit Sprints gearbeitet, das mochte sie schon immer. Ganz anders sah es beim Ausdauertraining am nächsten Tag aus – da wollte sie bloss noch durchbrennen.“ „Aber ihr habt ja dann im 2 Meilen Rennen einen Monat später gewonnen, nicht wahr? Da hatte sie auch Ausdauer.“ „Während den Rennen selbst ist sie sowieso immer anders; Sie hat einen gewissen Stolz, der sie zum Gewinnen zwingt. Aber wir haben vorher wirklich hart daran gearbeitet, dass sie nicht schon am Anfang abdampft. Oliver musste mich einige Male anschnauzen, weil ich sie zu wenig zusammenhielt. Erst auf den letzten vierhundert Metern durfte ich sie ziehen lassen.“ „Richtig so. Dadurch lernen sie den Schlusssprint am besten. Sie durfte dann ja auch schon kurz darauf an den höher dotierten Rennen teilnehmen. Ich sag’s dir, der Oliver, der ist Gold wert. Lass den ja nie weggehen, hörst du?“ Ich nickte lächelnd. Oliver hatte zum Glück auch nicht vor, irgendwo anders hin zu verschwinden. Er beharrte immer darauf, dass er nirgends sonst so viele Freiheiten beim Aufstellen der Trainingspläne hatte. Henry fuhr fort: „Wie macht sich eigentlich die zweite Graue?“ „Ganz gut, vor er Weile haben wir etwas Pausiert, weil sie nach dem letzten Rennen etwas warme Gelenke hatte und nicht ganz gerade ging, aber sie läuft im Training mittlerweile schon wieder ganz vorne mit.“ „Sie war damals bei meinem Besuch aber nicht auf der Bahn, oder? Ich glaube, ich habe sie noch gar nie trainieren sehen.“ „Ich glaube damals hatten wir sie schon am frühen Morgen für irgendein Qualifikationsrennen trainiert. Sie schlug sich ganz gut, blieb schön ruhig bis zur Zielgeraden.“ „Hmm, ich bin gespannt, sie einmal im Rennen zu sehen. Wenn sie so viel Power wie Iskierka hat, aber dazu einen angenehmeren Umgang, dann dürfte sie ein ziemlicher Crack sein.“ „Jaaa, leider fehlt es ihr an Power etwas… Jedenfalls muss man sie immer gehörig motivieren - ausser, wir gehen ins Gelände.“ „Ha! Das kenn ich nur zu gut. Mein Hengst braucht auch immer zuerst einen Schubser. Aber sag mal – was wurde aus Blütenzauber?“ „Ich bin ziemlich stolz auf Blüte. Sie war gerade letztens wieder in einem kleineren Rennen platziert; Nur eben für die grossen scheint es nicht ganz zu reichen. Aber wir arbeiten dran. Es war halt nicht gerade leicht, sie nach ihrer Fohlenpause wieder in Form zu bringen.“ „Fohlen? Davon wusste ich ja gar nichts!“ „Wir haben sie, nachdem wir sie übernommen hatten, nicht sofort trainiert, sondern erstmal einleben lassen. Da sie so ein gutes Exterieur hatte, obwohl sie völlig unbemuskelt bei uns ankam, wollte ich in der Zwischenzeit bereits ein Fohlen von ihr. Für den kleinen Hengst hatte ich ein gutes Kaufangebot bekommen, also liessen wir sie im nächsten Jahr gleich nochmal decken, weil ich selber auch noch ein Fohlen von ihr behalten wollte. Diesmal wurden es Zwillinge, was etwas bedenklich war. Aber wie durch ein Wunder haben beide Fohlen überlebt und sich seither prächtig entwickelt. Besonders das Hengstfohlen namens Merino ist ein Kraftprotz geworden. Primo Victoria, das Stütchen, steht seit einer Weile auch wieder bei uns, denn sie war am Anfang an eine gute Kollegin abgegeben worden, weil ich zu wenig Zeit für das Aufpäppeln gehabt hatte. Jedenfalls haben wir danach angefangen, Blüte intensiv zu trainieren. Aber vermutlich wird sie den Vorsprung der anderen Fünfjährigen nie einholen, dafür hat sie einfach zu viel verpasst. Durch ihre Reife und ihre Ausgeglichenheit ist sie aber eine hervorragende Lehrerin für jüngere Pferde. Nach ihrem ersten Erfolg in den Einsteigerrennen, haben wir sie übrigens gezielt für die Handicaps ausgebildet. Weil sie schon älter und kräftiger war, hatte sie kaum Mühe mit den Zusatzgewichten.“ Henry nickte beeindruckt. „Du schaffst es immer wieder Occu. Auch Stromer hast du so weit gebracht.“ „Ach was, jetzt übertreibst du. Stromer ist ein Naturtalent!“ „Schon möglich, aber ich habe noch genau den unsicheren, schlaksigen Cremello vor Augen, der damals am Zweijährigenrennen, genau hier in Ascot, startete. Er war so überfordert, dass er den Start verpasst hat! Du hast ihn zurück auf die richtige Bahn gelenkt.“ Ich sah verlegen umher. „Da, sie kommen raus. Ich muss meinen Champion knuddeln gehen“, scherzte ich. Wir schlenderten gemütlich zu den Pferden, die bereits zum Siegerring geführt wurden. Viele Fotos wurden für die Zeitungen geknipst und Stromer erhielt eine hübsche Schärpe. Winter war übrigens wiedermal der Publikumsliebling, weil er mit seinem weissen Fell ein besonderer Blickfang war. Aber auch sein Geblödel begeisterte die Leute (er war ein echter Clown, wenn er im Mittelpunkt stand). „Winter hast du ja auch ganz schön erzogen, was?“, neckte mich Henry. „Ich wünschte ich hätte es. Aber er war einfach so ein hübsches Fohlen, ich konnte ihm nie lange böse sein, geschweige denn mit ihm schimpfen. Dafür hab ich ihn im Training hart rangenommen. Er musste einmal gefühlte zehn Runden durchstehen, weil er mir die ganze Zeit Zügel klaute und nach aussen driftete, was ich ihm nicht durchgehen lassen wollte. Er hat’s überlebt und lief am Schluss brav innen.“ „Und nebenbei hat er Kondition aufgebaut, nicht wahr?“ „Naja, er war danach schon ziemlich fertig. Er hat seither nie mehr so geschwitzt wie damals. Aber er hat es mit Stolz ertragen, denn er liess es sich nicht nehmen, danach immer noch mit gehobenem Schweif zum Stall zurück zu tänzeln. Ich liebe dieses Pferd einfach.“ „Das kann ich gut nachvollziehen, er ist wahrlich einzigartig.“ „Du würdest lachen, wenn du seine Tochter sähest! Sie ist eine perfekte Kopie von ihm, nur etwas eleganter“, schwärmte ich. „Aber Occu, jetzt interessiert mich doch noch – warum war denn Chiccory heute nicht weiter vorne anzutreffen?“ „Keine Ahnung, jeder hat mal nen schlechten Tag.“ „Also läuft er normalerweise besser?“ „Ja, viel. Im Training ist er meistens im Mittelfeld, aber an den Rennen gibt er sonst immer Gas. Heute war ihm vielleicht das Feld zu langweilig…“ „Zu langweilig? Ha!“ „Vielleicht darf ich ihn auch einfach nicht mehr im selben Rennen wie seine Kumpels laufen lassen, sonst denkt er, es sei auch nur eine Art Training.“ „Ist es das nicht? Ich finde, sie wachsen mit jedem Sieg.“ „Natürlich, da stimme ich dir voll und ganz zu. Mit jedem Mal gewinnen sie mehr Selbstvertrauen und Kampfwille. Wenn man Glück hat, werden sie irgendwann süchtig nach dem Gewinnen.“ Ich sah auf meine Uhr, mit der Absicht, das Gespräch endlich zu beenden und den Jockeys beim Absatteln zu helfen. Henry bemerkte meine Ungeduld glücklicherweise und erlöste mich. Wir hatten uns bestimmt nicht das letzte Mal gesehen, und beim nächsten Treffen würde ich ihm wieder von neuen Siegen erzählen können, da war ich sicher.
      8 Dez. 2015
    • Occulta
      Occulta
      Silhouetten im Nebel

      Ich befand mich gerade bei meiner neuen, gestreiften Freundin, als Lily wieder angerannt kam. Sie war schon den ganzen Morgen so hibbelig drauf und ich machte mir langsam Sorgen, dass in ihrem Müsli zu viel Zucker drin sein könnte. Thairu liess sich auch ein wenig anstecken und trabte den Kopf verdrehend von mir weg, nur um einige Meter entfernt einen kräftigen Buckler zu machen und danach wieder zu mir zu glotzen. „Komisches Tier“, murmelte ich grinsend, dann sah ich mich nach meiner kleinen Nichte um. Wenigstens hatte sie von dem kleinen Drama mit Golden Sunset nicht viel mitbekommen, das sich vorgestern ereignet hatte. Ich konnte es noch immer kaum ertragen, daran zu denken, wie die kleine Stute geschwitzt und sich gewälzt hatte. Sie hatte eine schwere Kolik bekommen, vermutlich, weil Spaziergänger ihr überreife Früchte gefüttert hatten. Wir hatten sofort den Tierarzt gerufen als Lewis es bemerkt hatte, aber es war auch gegen Abend trotz der ausgezeichneten Betreuung in der Tierklinik nicht besser geworden. Ich hatte daraufhin schweren Herzens mein Einverständnis gegeben, die Palominostute zu erlösen. Noch am selben Abend brachten die Pfleger Schilder an den Weidezäunen an, die das Füttern der Tiere verboten. Lilys Stimme brachte mich zurück in die Gegenwart. „Tante Occu, darf ich heute auf White Dream reiten?“ Ich seufzte erschöpft. Lily hatte die ganze vergangene Woche immer wieder danach gefragt und ich überlegte langsam ernsthaft nachzugeben, alleinschon, damit ich endlich Ruhe hatte. Das Mädchen war nun seit zwei Wochen hier und mindestens einmal am Tag auf dem Pferd gesessen; Trotzdem schien sie nie genug zu haben. „Biiiite“, las ich von ihren runden, dunkelbraunen Augen ab. „Na gut, aber nur in der Halle, und nur nachdem Lisa mit ihr gearbeitet hat.“ Das reichte anscheinend schon völlig, denn ich bekam eine kräftige Umarmung und musste augenblicklich lächeln. So nervig Kinder auch manchmal sein konnten, so waren sie doch immer sehr ehrlich und zeigten einem, was sie fühlten. Nicht so wie manche Erwachsene… Jonas winkte uns von der Halle her zu. „Hey Boss, warst du schon mit Empire draussen?“ „Vergiss es, ich hab mich schon mit Quinn verabredet“, murrte ich zurück, was sogar der Wahrheit entsprach. Er zuckte mit den Schultern und verschwand wieder um die Ecke. „Und was soll ich in dieser Zeit tun?“, fragte Lily erwartungsvoll. „Uhhm, what about… Du hast heute frei, darfst selbst entscheiden.“ Sie nickte fröhlich und lief zu den Mini Weiden. Na wer hätte das gedacht, schmunzelte ich und stand ebenfalls zum Gehen auf. Ich pfiff nach Zira, die durch das nasse Gras angehoppelt kam. Ihr Bauchfell kräuselte sich schon vor Feuchtigkeit und sie hatte dreckige Pfoten, mit denen sie an mir hochstehen wollte. Ich stiess sie etwas unsanft weg und liess sie sitzen, dann lobte ich sie. Ich musste die junge Hündin erst noch erziehen, aber die Grundkommandos klappten schon ganz gut. Auch die anfänglichen Stubenreinheits-Probleme hatten wir bereits überwunden. So konnte ich sie auch ohne Bedenken im Haus lassen, als ich zum Hauptstall ging, um Empire zu putzen. Stromer stand bereits in der Stallgasse angebunden und drehte sich nach mir um, als er das Stalltor knarren hörte. Ich streichelte ihn liebevoll und entdeckte im selben Moment Quinn, die mit der Wurzelbürste seine matschigen Beine bearbeitete. Ich meinte zu ihr, dass das nicht viel bringe und man die Beine auch morgen noch waschen könne, weil er ja sowieso wieder dreckig von der Weide käme. Daraufhin befasste sie sich in erster Linie mit der Sattellage. Ich führte unterdessen Empire aus seiner Box und band ihn ebenfalls an. Der völlig ausgeschimmelte Hengst hatte wiedermal ein paar schöne Mistflecken, die ich am liebsten mit Bleichmittel bearbeitet hätte, aber das wäre wohl keine gute Idee gewesen. Daher beschränkte ich mich auf einen Kuhstriegel und mehrfaches durchbürsten, bis nur noch ein paar hellgelbe Flecken übrig waren. Das Langhaar war ebenfalls verdreckt, aber ich entwirrte es nur etwas und löste die gröbsten Klumpen, den Rest würde ich morgen machen. Dafür kratzte ich die Hufe gründlich aus, damit keinerlei Steinchen mehr darin verklemmt waren. Weil er so schön geduldig dastand und die Beinchen artig hob, bekam Empire ein Karottenstückchen. Natürlich musste ich daraufhin auch Stromer eines geben, der schliesslich auch stillgestanden war. Endlich konnten wir satteln, zäumen und die beiden Hengste nach draussen führen. Ich war gut eingepackt in meine Winterjacke, mit Mütze, Handschuhen und Schal. Auf Empires Fleecedecke hatte ich aber diesmal verzichtet, da wir heute viel galoppieren wollten. Quinn und ich ritten los in Richtung Dorf, bogen dann nach Norden und kamen endlich zu einem Laubwald. Der Nebel als dicke Suppe über der Landschaft und man sah nur ein paar Meter weit. Wir liessen Stromer und Empire auf dem Waldweg lange traben, dann bogen wir auf einen Trampelpfad und jagten durch die Gebüsche bis zum Waldrand. Dort trabten wir wieder kurz, bevor wir zu einem geeigneten Feld kamen und die beiden Blüter erneut ziehen liessen. Es machte unheimlich Spass, durch den dichten Nebel zu preschen. Wir konnten es auch nicht lassen, auch ein kleines Rennen daraus zu machen, wer zuerst am Feldende ankam. Natürlich gewann Quinn mit Stromer überlegen, denn im Gegensatz zu Empire war er noch deutlich leichter. Empire hatte dafür länger Ausdauer, doch solch kurze Feldgalopps konnten die beiden Vollblüter ohnehin nicht erschöpfen. Nach einer halben Stunde im Gelände waren die zwei erst richtig fit und liessen sich kaum mehr zügeln in ihrem Eifer. Aber ich erinnerte Empire jeweils durch halbe Paraden daran, dass ich auch noch da war. Der Hengst versammelte sich schön und machte einen runden Hals, kombiniert mit feinstem Spicktrab. “Oi, I’m not used to this behaviour of yours, you could do that more often. “Though we’re not in a dressage competition right now, ‘kay”, meinte ich lachend. Empire drehte bloss die Ohren zurück um zu hören, ob ich etwas Wichtiges gesagt hatte. Dann stolzierte er weiter. Ich wollte dieses Jahr mit ihm an einem Weihnachts Dressurturnier teilnehmen und war daher glücklich, ihn so toll laufen zu fühlen. Es war, als würden wir über den Feldweg tanzen, mit einem immer gleichbleibenden Takt. Stromer hatte mittlerweile auch kaum mehr Mühe, den Takt zu halten und ausbalanciert zu traben. Das war früher ganz anders gewesen, als er frisch auf Pineforest Stable gewesen war. Die meisten Vollblüter wurden in erster Linie auf Geschwindigkeit getrimmt, Balance und versammeltes Tempo wurden oft unterschätzt, obwohl die meisten Pferde erst dadurch ordentlich Kraft in der Hinterhand entwickelten.

      Wir kehrten nach fast eineinhalb Stunden auf den Hof zurück und sattelten die Pferde ab. Als wir sie versorgt hatten, suchte ich Lily und fand sie noch immer mit einer Bürste bewaffnet bei den Mini-Hengstchen. Sie erzählte mir stolz, dass sie bisher Daki, Alu, Diva, Chip, Papillon und auch noch Tigrotto geputzt hatte. Ich prustete los vor Lachen, als ich die Frisuren bemerkte, die sie Arco mit ihrem Haargummi verpasst hatte. „Das ist nur zum hochstecken, damit ich besser an den Hals rankomme! Lach doch nicht so!“ Ich entschuldigte mich, noch immer Tränen in den Augenwinkeln. Die kleine lachte nun aber selbst auch herzhaft. „Okaaay, es sieht bescheuert aus. Aber es hilft!“ Plötzlich wurde sie leiser und senkte den Blick. „Sunny hatte auch so ne schöne, helle Mähne…“ Ich klopfte ihr tröstend auf die Schulter und fragte, ob ich ihr ein paar schöne Flechtformen zeigen solle, um sie abzulenken. Sie nickte eifrig. Wir nahmen uns gleich Arco als Modellpferdchen. Mein kleiner Schatz hatte kürzlich die Körung bestanden und war als drittplatzierter aus der Gesamtwertung hervorgegangen. Ich war unglaublich stolz, nun einen weiteren hervorragenden Miniature Zuchthengst zu besitzen. Und nächsten Frühling würden auch schon seine ersten Fohlen auf die Welt kommen, was ich bereits frühzeitig geplant hatte. Ich zeigte nun aber Lily erstmal einen Französischen Zopf mit der Mähne des kleinen Charmeurs. Es ging leider nicht ganz so gut, da ich seine Mähne erst kürzlich wieder geschnitten hatte, aber Lily sah trotzdem beeindruckt aus und die Sache mit Sunny war vorerst wieder verdrängt. Wir gingen zu den Stuten und fingen uns Rose ein, denn sie hatte noch ihre volle Haarpracht. Daran durfte Lily nun üben. Sie bekam am Anfang noch leicht ein Durcheinander mit den verschiedenen Strähnen, aber nach einer Weile klappte es ganz gut. Ich zeigte ihr auch noch das Einflechten des Schweifs, dann machten wir uns auf den Weg zum Haus um zu Mittag zu essen.

      Am Nachmittag war Lisa mit Dream in der Halle und Lily drängte mich, mein Versprechen zu halten. Schade, dass sie es nicht vergessen hat, dachte ich augenrollend, doch dann nickte ich und wir sahen Lisa bis sie fertig war zu. Lily klebte förmlich an der Scheibe der kleinen Reiterstube in der Halle. Dream lief durchaus hübsch und artig, aber ich machte mir dennoch Sorgen, ob die kräftige Ponystute das richtige Modell für meine kleine Nichte war. Die kleine schien sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Der von grauen Strähnchen durchzogene Schweif der Forest Stute wehte wie eine Fahne hinter ihr her, als sie über die Kombination sprang. Lisa hatte einen kleinen Parcours aufgebaut, weil sie für das Adventsspringen nächste Woche trainierte. Ich nickte zufrieden, als Dream auch das In-Out und den Oxer überflog. So würden die beiden garantiert gewinnen. Als sie fertig war, winkte uns Lisa zu sich. Offenbar hatte ihr Lily bereits von ihrem Vorhaben erzählt, denn sie stieg ab, als wir näher kamen und übergab dem kleinen Mädchen die Zügel. Lily strahlte wie ein Kleinkind, das gerade einen riesigen Lolli in den Fingern hielt. Sie streichelte die Stute liebevoll, dann half ich ihr in den Sattel. Wenigstens ist Dream kein Riese, dachte ich noch immer skeptisch. „Soll ich dich zuerst führen?“ Ich bekam ein bestimmtes „Nein!“ als Antwort. Lily nahm die Zügel auf und trieb Dream in den Schritt. Die Stute streifte mit ihrem blauen Augen meinen Blick und ich flüsterte kaum hörbar: „Sei lieb.“ Augenblicklich richteten sich die kleinen weissen Öhrchen auf, als hätte sie mich verstanden. Lily ritt zunächst im Schritt eine Runde auf der ganzen Bahn, bis sie sich an den Schritt der Stute gewöhnt hatte, dann machte sie eine Volte und liess Dream dehnen, wie ich es ihr gezeigt hatte. Die Stute begann, den Kopf zu senken und zu schnauben. Es wirkte, als sei sie total entspannt. Als Lily die Zügel wieder aufnahm (wobei sie ein wenig ein Durcheinander bekam), machte Dream sofort einen runden Hals und lief am Zügel. Ich musste schmunzeln, denn die Stute kam normalerweise nicht so freiwillig zurück. Vielleicht, weil Lily nur ein Federgewicht ist und daher wie ein Ausbinder wirkt, überlegte ich mir. Plötzlich trabte die Stute an und ich sah Lily bereits am Boden liegen, aber alles war okay: Dream zockelte brav auf dem äusseren Hufschlag, während sich Lily an ihren Takt anpasste und leichtritt. Nach einer Runde klappte es schon hervorragend. Nun musste selbst ich zugeben, dass die beiden ziemlich harmonisch wirkten. Vielleicht passt es auch einfach, stellte ich lächelnd fest. Lily tastete sich immer mehr an die Stute heran und begann, sie ein wenig anzupacken. Sie ritt ein paar Schlangenlinien und galoppierte am Ende sogar auf der Volte an. Dann musste ich sie aber bremsen und daran erinnern, dass Dream ja schon müde von der vorherigen Stunde war. Lily sah kurz enttäuscht, akzeptierte es dann aber grinsend und liess sich vom Rücken der Stute gleiten. „Das war richtig toll! Sie ist soooo lieb“, berichtete sie vergnügt. Lisa sah mich lächelnd an und meinte: „Ich verstehe wirklich deine Bedenken nicht. Dream war schon immer sehr brav und ausgeglichen.“ „Ja, aber im Parcours und im Gelände gibt sie immer extra Gas“, antwortete ich verteidigend. „Welches Pony schon nicht? Ich bin sicher, dass Paulchen sogar schlimmer war.“ Ich gab mich geschlagen und erlaubte Lily, fortan auch auf Dream Stunden zu nehmen. Wenn ich so darüber nachdachte, kamen mir meine anfänglichen Sorgen wirklich schon fast übervorsichtig vor. Aber ich war nunmal verantwortlich für das Wohl meiner Nichte und hatte mit Rachel genau geplant, welche Pferde sie reiten durfte. Mit einem Schaudern wurde mir klar, dass Rachel von diesem Planwechsel nicht sehr begeistert sein würde. Sie war von Anfang an nicht begeistert von dem Projekt gewesen, hatte aber ihrer Tochter zuliebe zugestimmt. Einerseits verstand ich die sorgenvolle Mutter, denn sie hatte auch selbst immer erfolgreich geritten, bis sie eines Tages einen üblen Unfall gehabt hatte und seither die meisten Pferde mied. Sie hatte sich aber hin und wieder dazu überreden lassen, auf Pineforest Stable auszuhelfen, wenn auch ohne sich selbst auf’s Pferd zu schwingen. Als ihre Tochter begonnen hatte, sich für die Vierbeiner zu interessieren, hatte sie ihr erlaubt, sich mit Shettys und kleinen Ponys abzugeben. Doch Lily reichte das auf Dauer nicht, also hatten wir vereinbart, dass sie einen Monat lang hier bleiben durfte. Rachel wusste, dass ich gut auf ihre Tochter aufpassen würde. Sie vertraute aber auch darauf, dass ich mich an die Spielregeln hielt. Dream ist ja wirklich lieb, da wird sie schon nicht ausflippen…, beruhigte ich mein Gewissen. Lily führte Dream selbstsicher zum Nebenstall und versorgte sie. Die zwei boten einen niedlichen Anblick, weil Lily die Stute immer wieder liebevoll kraulte und Dream genüsslich die Lippe verzog. Danach half mir Lily dabei, Die Stuten rauszubringen. Sie musste sicherstellen, dass der Weg überall mit den Zaunstücken abgegrenzt und das Weidetor offen war. Als sie mir rief, öffnete ich die Boxen der Stuten im Hauptstall und liess sie selber zur Weide laufen. Unterstützend lief ich hinterher und klatschte in die Hände, wenn die Gruppe irgendwo Halt machte.

      Als auch das erledigt war, halfen wir kurz beim Misten und kümmerten uns dann gemeinsam um Herkir. Das wollige Islandtier hatte sich so dermassen eingesaut, dass wir ihn duschen mussten, um ihn je wieder sauber zu bekommen. Da er am Abend noch mit April in der Dressurstunde laufen sollte, hatten Lily und ich uns die Aufgabe gestellt, der beschäftigten Pflegerin vorsorglich unter die Arme zu greifen. Ich machte das Shampoo und die Putzkiste bereit, während Lily dem Hengst das Halfter überstreifte. Danach führten wir ihn gemeinsam zum Innenhof des Hauptstalls, wo wir ihn anbanden. Ich weichte das lange Winterfell erstmal gründlich ein, bevor Lily es mit Shampoo und Wurzelbürste bearbeitete. Leider war Herkir ungeschoren, was die Prozedur nicht gerade erleichterte. Die Mähne und den Schweif mussten wir dreimal neu einweichen und ausspülen, bis sie wieder einigermassen blond waren. Wir badeten ihn übrigens mit warmem Wasser, was für alle Beteiligten angenehmer war. Herkir gefiel das baden trotzdem nicht so wirklich. Um uns zu strafen, schlug er mit dem Schweif hin und her, als wollte er eine Fliege verscheuchen, und spritzte uns so nebenbei nass.

      Am Abend kümmerte ich mich um Caprice. Die feuerrote Stute drehte sich sofort zu mir, als ich ihre Box betrat, denn sie wusste, dass ich immer ein paar Karottenstücke dabei hatte. Beim Putzen war sie dann aber doch wieder zickig und legte die Nüstern in Falten. Vielleicht war das auch einfach ihre Art zu zeigen, dass sie sich wohl fühlte, denn eigentlich fehlte es der Stute an nichts. Seit sie vor einem Jahr hier angekommen war, hatte sie sich prächtig entwickelt. Sie wurde zwar mittlerweile vor allem zur Zucht eingesetzt und nicht mehr zum Rennen, aber dazwischen förderten wir sie im Springen und insbesondere in der Dressur, worin sie ein Naturtalent zu sein schien. In der ganz grossen Liga konnten wir aber natürlich trotzdem nicht mithalten. Ich strich nachdenklich mit der Hand über das Seidige, aber stoppelige Fuchsfell. Wie wohl das diesjährige Fohlen wird? Wir hatten alle grosse Erwartungen in den kommenden Jahrgang, sowohl was den Rennsport, aber auch was die Farbenpracht anging. Ich hoffte, dass ihr Fohlen denselben, wunderschönen Kopf wie die Mutter haben würde. Mit ihren dunkel umrandeten Augen und der eleganten Blesse, kombiniert mit einer edlen Kopfform und feinen Ohren, war die Stute einfach ein Bild von einem Vollblut. Ich longierte sie eine halbe Stunde lang in der Halle und arbeitete dabei besonders an der Stellung und dem lockeren Gang. Die Stute neigte noch immer dazu, ihren eigenen Sturkopf durchsetzen zu wollen und nach aussen zu ziehen. Aber wenigstens lief sie in letzter Zeit schön ruhig auf dem Zirkel. Ausser, wenn es wieder ans Angaloppieren ging; dann folgten, wie auch heute, erstmal ein paar Bocksprünge. Solange sie dabei nicht gegen mich zielte, hatte ich nichts dagegen. Soll sie sich ruhig auspowern, dann läuft sie hinterher schöner. Gerade, als sie richtig schön zu dehnen anfing, hörte ich auf und liess sie austraben. So konnte sie das Training in guter Erinnerung behalten. Ich lobte sie ausgiebig und führte sie zurück zum Hauptstall, um sie zu versorgen. Ich packte sie für die Nacht in ihre warme Stalldecke, da ich nicht das Gefühl hatte, dass sie noch grossartig nachschwitzen würde. Dann ging ich weiter zum Nordstall, wo der Neuankömmling Skyrim auf mich wartete. Ich hatte den gekörten, sechsjährigen Reitponyhengst kürzlich von einer Bekannten erworben und unter meine Fittiche genommen, um ihn weiter zu fördern. Er zeigte Potential für die ganz hohen Klassen, weshalb er in Zukunft auch für die Zucht eingesetzt werden sollte. Der hübsche Hengst bestach ausserdem mit seiner tollen Scheckung und einem makellosen Charakter. Er war erst gestern angekommen, weshalb ich noch sachte mit ihm umging. Lily kam mit Zira, Jacky und Sheela angehüpft, kaum hatte ich Skyrim in der Stallgasse angebunden. „Ahhh, der Hübschling. Ich mag ihn“, meinte sie beiläufig, und streichelte Sky am Hals. „Er hat so einen lieben Gesichtsausdruck.“ Ich lächelte und drückte ihr eine Bürste in die Hand. „Da, wenn dir langweilig ist, kannst du mir gleich helfen.“ „Nur, wenn ich dann auch eine Runde auf ihm reiten darf!“ Ich rollte die Augen. „Nur im Schritt, du darfst mich auch zur Sicherheit führen“, meinte sie unnachgiebig. „Fine. Aber wehe du bürstest nicht sauber!“, scherzte ich. Wir hörten während dem Putzen noch etwas Musik und summten mit. Die Stimmung war hervorragend, auch die Pfleger, die vorbei liefen machten mit. Nur Jonas schien etwas kurz angebunden. Ob er wohl beleidigt ist wegen heute Morgen? Ich führte Sky in die Halle zum Aufsteigen. Eine halbe Stunde lang erprobte ich intensiv, was der Hengst schon alles kannte. Auch ein paar kleine Hindernisse übersprang ich, um zu sehen, wie er sich handeln liess. Ich hatte ihn nicht probegeritten, sondern auf das Urteil der alten Besitzerin vertraut, was ich nicht bereute. Er lief sehr fein und fast konstant am Zügel. Dressurmässig war er etwas weiter als im Springen; er hatte auch eher die Veranlagung für diese Richtung. Am Ende führte ich, wie versprochen, Lily ein paar Runden Schritt (okay, zugegebenermassen nahm ich es mit dem Führen nicht ganz so genau und lief eher einfach nebenher). Dem Mädchen gefielen die weichen Gänge des Ponys. Sie schwärmte später noch den ganzen Abend davon. Auch begann sie sich auszumalen, wie ein Fohlen von ihm und Dream aussehen würde, wozu ich vorerst nur schmunzelte. Denn was Lily nicht wusste war, dass Dream schon längst ein Fohlen von Sky erwartete. Deshalb war sie auch so ‚untrainiert‘, wie Lily gleich zu Beginn bemerkt hatte. Wir genossen den restlichen Abend drinnen bei einer Tasse heissem Kakao und einem Krimi, aber natürlich erst nachdem wir um neun Uhr nochmal nach den Pferden gesehen hatten.
      15 Dez. 2015

      Occulta
      [​IMG] A-L

      Heute wollte ich mit den Zweijährigen zum zweiten Mal auf die Bahn. Sie waren am Dienstag das erste Mal auf den Geschmack gebracht worden, und nun galt es, eine erste Grundkondition aufzubauen. Während sechs Monaten waren die vier Jungspunde sorgfältig darauf vorbereitet worden; anfangs nur durch Longieren, nach dem Anreiten durch viel Trabarbeit und Ausreiten. Ich hatte diesen Monat die Verantwortung für meine Ciela übernommen, da ich meinem kleinen Liebling die Grundlagen selbst zeigen wollte. Quinn ritt Kaythara, Lily hatte Dublin, und Alysheba wurde von Thomas übernommen. Ausserdem begleiteten uns die erfahrenen Rennpferde Chiccory, Stromer, Painting Shadows, Empire State of Mind und Cantastor, geritten von Rosie, April, Rita, Charly und Oliver höchst persönlich. Die fünf ‚alten Hasen‘ waren schon am Vortag richtig gearbeitet worden und dienten heute nur als Lehrmeister für die jungen Nachwuchstalente. Ich führte Ciela nach draussen, als ich fertig war. Charly stand mit Empire bereits da und redete mit seiner Schwester Robin. Die beiden neuen Pfleger waren noch etwas zurückhaltend und blieben gerne unter sich, aber besonders Charly wurde von Tag zu Tag offener. Seine Schwester war etwas stiller. Ich erwischte sie dabei, wie sie wieder mal mit geheimnisvoller Miene zu mir schielte. Sie tat das häufig, ausserdem mied sie meine Anwesenheit und ich glaubte langsam, dass sie mich nicht sonderlich mochte. Ich zuckte mit den Schultern über meine eigenen Gedanken und löste die Steigbügel zum Aufsteigen. Zum Einwärmen hatte ich sie noch lang, besonders bei diesen jungen, unerfahrenen Pferden. So hatte ich mehr Kontrolle und Einwirkung. Mit einem lauten, schlitternden Hufgetrappel kündigte sich Stromer an, der sich vor einer umfallenden Heugabel erschreckt hatte. April beruhigte den Cremello geschickt und führte ihn weiter. Er lief zwar noch mit aufgeregt gehobenen Kopf, liess die Reiterin aber brav aufsteigen. Charly, geweckt von dem Geräusch, stieg ebenfalls auf; seine Schwester verschwand in Richtung Nordstall. Als alle draussen waren, ritten wir zum Aufwärmen auf die Galoppbahn. Kaythara, die direkt hinter mir und Ciela lief, war ganz beschäftigt mit den vielen Hengsten um sie herum, denen sie bei jeder Gelegenheit ihre Abneigung demonstrieren musste. Zum Glück liefen wir auf der Galoppbahn in einer Einerreihe, sodass sie sich etwas abregen konnte. Captured in Time war sowieso wiedermal ein Engelchen auf vier Hufen. Beim Antraben versuchte Alysheba, sich vor Chiccory zu drängen, was Thomas zu spät bemerkte. „Ey Cooper, watch it!“, schimpfte Oliver sofort. Mit dem strengen Trainer war während der Arbeit nicht zu spassen. Er hatte seine Jockeys und Pferde allesamt fest im Griff, seinen Adleraugen entging nichts. Ich hörte Tom zu Rosie „sorry“ murmeln. Sie lächelte nur und trieb Chiccory weiter vorwärts. Ich war froh, dass die Pfleger eigentlich alle gut miteinander auskamen. Das erleichterte vieles in der täglichen Arbeit. Wir bogen schliesslich auf die Rennbahn und teilten uns auf. Ciela und ich gesellten uns zu Oliver und Canto, damit der Trainer und ich uns gut unterhalten konnten. Kaythara musste neben Paint laufen, damit sie ruhig blieb. Dublin bekam gleich von zwei Seiten Unterstützung, nämlich von Chiccory und Empire. Und auch Stromer und Alysheba stellten sich auf. Dann galoppierten wir alle in leichtem Canter bis zur ersten Kurve. Die Jungen Athleten orientierten sich wie erhofft an ihren älteren Genossen und glichen ihr Tempo an. Dublin senkte sogar den Kopf und lief beinahe am Zügel, was man von Empire nicht behaupten konnte. Oliver wies Charly darauf hin, den Hengst etwas mehr zusammenzuhalten, damit er über den Rücken lief. Der junge Jockey setzte die Anweisung sofort um. Captured in Time sprang in regelmässigem Rhythmus voran und liess sich nicht beirren, wenn Canto ihr etwas nahe kam weil Oliver damit beschäftigt war, jemanden zu korrigieren. Painting Shadows und Kaythara kamen gut miteinander aus, also konnten wir diese beiden auch in Zukunft miteinander trainieren lassen. Wir machten eine Viertelstunde lang leichte Galopparbeit. Dabei legten wir auch einmal über 200 Meter etwas zu, aber das war auch schon alles in Sachen Tempo. Wie erwartet schwitzten die Jungen Pferde und blähten ihre Nüstern; eindeutige Zeichen der mangelnden Kondition. Aber sie hatten sich gut geschlagen und das heutige Trainingsziel erfüllt. Auch die Erfahrenen Pferde hatten heute wieder ein Stückchen mehr Gehorsam auf der Bahn gelernt, was in ihrem Stadium ebenso wichtig wie Muskelarbeit war.
      21 Jan. 2016

      Occulta
      Geschäftiger Dienstag

      Der Wecker klingelte, und ich schaltete ihn murrend aus, doch drehte mich danach nochmal um. Fünf Minuten, nur fünf Minuten… Wenn Lily mich nicht geweckt hätte, wäre ich wohl eine ganze Stunde zu spät aufgestanden. Zum Glück kam sie aber wie jeden Morgen polternd mit den Hunden durch die Tür gestürmt. Ich zog mich an und machte uns und den Hunden Frühstück. Als ich die Haustür öffnete, war es zwar noch immer dunkel, aber immerhin sah man die Sterne – es war kein Wölkchen zu sehen. Zira hüpfte fröhlich raus und verschwand in den Büschen hinter dem Haus, um ein paar schlafende Spatzen aufzuscheuchen. Sheela und Jacky blieben neben mir stehen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich streichelte die beiden und nahm sie mit zum Hauptstall. Lily ging zu Dream und Skydive, das tat sie jeden Morgen zuallererst. Ich hingegen sah bei meinem Liebling Winter vorbei, der ja in der Box gleich neben dem Eingang stand. Er war kein bisschen verschlafen, sondern wirkte voller Elan, hungrig und motiviert, sein morgendliches Galopptraining zu absolvieren. Ich kraulte ihn durch die Gitterstäbe, musste dann aber weiter zu Cool Cat, den ich diesen Monat auf der Liste hatte. Ich war noch immer nicht ganz überzeugt von dem Hengst und hatte die Zuteilung dementsprechend missmutig gemacht, aber ich konnte mich nicht immer davor drücken, ihn zu reiten. Tatsächlich war dies das erste Mal, dass ich persönlich mit ihm arbeitete, seit ich ihn vor ein paar Monaten gekauft hatte. Ich schlurfte also zur Sattelkammer und holte seine Putzsachen, den Sattel und das Zaumzeug schon mal zur Box. Dann holte ich den Hengst raus und band ihn zum Putzen an. Ich begann damit, den schwarzen Hals zu striegeln. Der Hengst hatte schön definierte Muskellinien – die Jockeys hatten bisher gut mit ihm gearbeitet. Sein Fell war weich und seidig, auch an den Stellen, an denen er nicht geschoren worden war. Seine wilde, lange Mähne machte es nicht gerade leicht, den Hals zu bearbeiten. Ich warf sie deshalb auf die andere Seite, doch er schüttelte sich kurze Zeit später und verteilte das rabenschwarze Haar wieder auf beide Halsseiten. „Thanks a lot“, murmelte ich grimmig. Beim Bauch wollte er einfach nicht stillstehen, offenbar war er kitzlig. Ausserdem begann er zu scharren, als ich nicht aufhörte. Ich ignorierte es und entfernte stur jedes kleinste Erdspritzerchen, das noch vom gestrigen Weidegang zu finden war. Mittlerweile herrschte geschäftiges Trieben im Hauptstall. Die Pfleger waren nun alle am Vorbereiten der restlichen Vollblüter für die erste Gruppe und ich war schon etwas hintendrein. Ich beeilte mich deshalb etwas mehr und kratzte nach dem Bürsten direkt die Hufe aus, ehe ich den Sattel auflegte. Als ich schliesslich fertig gesattelt und gezäumt hatte, kämmte ich das widerspenstige Langhaar dann doch noch rasch ein paar Mal durch. Einmal mehr überlegte ich, einfach die Schere zu holen und die Lange Mähne zu kürzen. Doch Rosie hätte mich wohl lebendig begraben, denn sie vergötterte die eher an ein Wildpferd erinnernde Frisur. Ich ignorierte gekonnt ein paar der Knoten im Schweif und schmiss die Bürste zurück in die Kiste. Dann führte ich Cool Cat nach draussen und stieg mit Hilfe von Ajith auf. Es musste alles schnell gehen, denn die jungen Athleten waren ungeduldig und wollten kaum stillhalten. Wir verschwendeten keine Energie damit, sie zum Warten zu erziehen, sondern ritten direkt in einer Reihe zur Bahn. In diesem Alter bestanden wir, anders als bei den Warmblütern, noch nicht auf jede Kleinigkeit im täglichen Umgang, sondern handelten vor allem praktisch; einerseits, um Zeit zu sparen, und andererseits um die Geduld der jungen Pferde nicht unnötig zu strapazieren. Sie sollten sich in erster Linie auf das Rennen konzentrieren, alles andere lernten sie nebenbei. Heute trainierten wir die Zwei- und Dreijährigen mit Startmaschine, doch zunächst mussten alle Pferde warm geritten werden. Danach stellten wir uns hinter den mobilen Startboxen auf und wurden einer nach dem anderen von Oliver und Ajith hineingeführt. Ganz aussen waren Quinn und Dublin, dann folgten Rita und Caligari, Rosie und Ciela, April und Alysheba, Lily und Sumerian, Charly mit Frame und Thomas mit Kaythara. Auch hinter mir und Cool Cat wurden die Tore geschlossen. Der Hengst war ein wenig nervös und ich machte mich bereit, auf ein allfälliges Steigen zu reagieren. Doch er blieb am Boden und trampelte nur ein wenig auf der Stelle. Ich kraulte ihn am Widerrist, nahm meine Schutzbrille runter und fasste die Mähne, bereit für den Start. Dann klirrte die Glocke und die Türen flogen auf. Sofort schossen alle Pferde raus und das Feld formte sich. Ein Blick über die Schulter sagte mir, dass alle sauber weggekommen waren. Zufrieden richtete ich mich wieder nach vorne und fasste die Zügel ein wenig nach. Ich hatte vorhin beim Aufwärmen bereits die Steuerung von Cool Cat ausprobiert und ihn ausreichend kennengelernt, sodass ich ihn nun optimal lenken konnte. Der Rappe machte geschmeidige, raumgreifende Bewegungen und gewann immer mehr Boden. So weit, so gut, dachte ich anerkennend. Aber die Konkurrenz war hart; besonders die anderen Dreijährigen Caligari und Sumerian lagen noch voraus und hielten ein hohes Grundtempo. Im hinteren Teil des Feldes hingegen, hatte Charly sichtlich Mühe mit Frame klarzukommen. Der Schecke blieb nicht auf seiner Spur und schwankte, weil er den Kopf nicht ruhig hielt. Schliesslich musste Charly enttäuscht abbrechen. Ich hatte diesen Ausgang schon vermutet, ohne pessimistisch sein zu wollen, aber Frame lief bei keinem der Pfleger so gut wie bei mir. Er vertraute ihnen einfach nicht genug. Dublin war direkt hinter mir und Cool Cat, Ciela lag etwas weiter zurück und Alysheba war direkt neben ihr. Kaythara war ganz aussen ein wenig vor uns, sodass ich sie gut beobachten konnte. Auf den letzten 300 Metern trennte sich das Feld deutlich auf. Die Zweijährigen blieben zurück, während die Dreijährigen nochmal alles gaben und auf ihre Höchstgeschwindigkeit kamen. Auch Cool Cat zog an. Wir arbeiteten uns an Caligari vorbei, deren Kondition bereits bröckelte und schlossen zu Sumerian auf, die wie ein Motor beständig voransprang. Kurz vor dem Ziel hatten wir die Stute beinahe geschlagen, doch dann feuerte Lily sie nochmal an und konnte so eine ganze Kopflänge Vorsprung ergattern. Trotzdem war ich beeindruckt vom Vermögen Cool Cats und legte die letzten Zweifel an seinem Potential beiseite. Er hatte sich souverän bis ins Ziel dirigieren lassen und bis zum Schluss gekämpft, wie es sein soll. Ich streichelte stolz seinen Hals und liess ihn austraben. Von den Zweijährigen hatte diesmal wieder Kaythara die Nase vorn gehabt, was niemanden sonderlich überraschte. Die Stute hatte ausgezeichnetes Blut und schon jetzt viel Ausdauer.
      Wenig später brachten wir die Vollblüter zum Absatteln, während Ajith und Oliver bereits die zweite Gruppe bereit machten. Die Jockeys von vorhin ritten auch in dieser Runde alle wieder mit, nur ich nicht, also übernahmen Ajith und ich alle Pferde der ersten Gruppe zum Versorgen. Ich nahm Alyshebas Sattel vom Rücken des Hengstes und legte ihn auf Flys. So tauschten wir einer nach dem anderen alle Sättel. Ein Vorteil an den kleinen Rennsätteln war, dass sie praktisch auf jedes Pferd passten, also brauchten wir nicht für jeden ein eigenes Modell. Als Fly, Sympathy, Light, Caspian, Spot, Winter, Campina und Gray allesamt gesattelt waren, übernahmen die Jockeys sie der Liste entsprechend und ich wünschte allen viel Spass. Ich warf, zurück in der Stallgasse, die Abschwitzdecke über Frames Rücken und brachte den Hengst nach dem Hufeauskratzen in seine Box. Dasselbe taten Ajith und ich mit den anderen. Als Belohnung bekamen die Pferde immer nach dem Reiten ein paar Karotten oder einen Apfel.
      Während die zweite Gruppe am Trainieren war, misteten Ajith und ich schonmal die meisten Boxen. Danach half ich beim Versorgen der Pferde aus der zweiten und beim Satteln jener aus der dritten Gruppe. Es handelte sich um die letzte Gruppe für heute, mit Iskierka, Sunday, Stromer, Empire, Chiccory, Cantastor und Muskat. Die tragenden Stuten brachten wir gleich anschliessend auf die Weide, damit wir auch deren Boxen noch misten konnten, wobei uns diesmal Thomas und April noch halfen. April hängte die Zaunbänder um, damit der Weg zu den grossen Weiden seitlich begrenzt war. Als sie rief, öffnete ich die Boxen von Paint, Indiana und Caprice. Alle drei trabten die Stallgasse entlang raus auf den Schotterweg. Auch Pointless und Cassy drehten schon ungeduldig in der Box. Nur Blütenzauber schien irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass sie raus durfte. Sie durchwühlte weiterhin ihr Stroh nach letzten Heuhalmen, bis ich schliesslich schwungvoll die Tür aufschob und die Schwarzbraune rausschickte. Dann trabte auch sie den anderen hinterher. Wir verbrachten den restlichen Morgen mit Misten, Aufräumen und Füttern. Am Nachmittag waren dann die Pferde dran, um die sich die Neben-, Nord- und Offenstallpfleger noch nicht gekümmert hatten.
      8 März 2016

      Occulta
      Freunschaftliches Wettreiten

      Es war Anfang März. Mittlerweile wurde es täglich etwas wärmer und trockener, sodass die Pferde wieder jeden Tag auf die Weide konnten. Sie genossen dies sichtlich; hatten sie anfangs auch wild gebuckelt und galoppiert, grasten sie nun friedlich in der Nähe des Waldrands und genossen das Frühlingsgras. Allerdings durften sie noch nicht allzu lange draussen bleiben, da das frische Gras in Massen sonst zu Bauchschmerzen geführt hätte. Lily musste wieder in die Schule, was ihr anfangs ganz und gar nicht gepasst hatte. „Warum kannst nicht einfach du mich hier unterrichten? Du hast doch auch studiert und weisst ganz schön viel!“ Ich hatte schmunzelnd geantwortet: „Leider ist das Leben kein Ponyhof; du lernst dort viel, was ich dir nicht beibringen könnte, und ausserdem hätte ich darauf auch gar keine Lust.“ Sie war nun neu in einer Klasse in Birmingham, und nach ein paar Tagen hatte sie auch schon gute Freunde gefunden. Aber im Knüpfen von neuen Bekanntschaften schien das Mädchen sowieso nie Schwierigkeiten zu haben, ganz anders als ich. Natürlich bedeutete die Schule auch, dass sie nun nicht mehr so viel reiten konnte, was sie richtig schlimm fand. Ich tröstete sie jeweils damit, dass sie beinahe jeden Abend Dream und klein Skydive beschäftigen durfte, und regelmässig Dressurstunden auf Skyrim bekam. Ausserdem hatten wir das ‚Projekt Zebra‘ fortgeführt und waren mit Thairu nun so weit, dass man nun auf dem Viereck Slaloms mit ihr reiten konnte, jedenfalls solange sie Lust dazu hatte.
      Wie jeden Morgen half ich heute zuerst den Pflegern beim Füttern. Danach brachten wir die Nebenstallpferde auf die oberste, und die Nordstallpferde auf die unterste der drei grossen Weiden. Die Bäume, die den Strassenrand zierten und die Zufahrt somit zu einer Allee machten, waren erst vor kurzer Zeit gepflanzt worden und daher noch nicht sehr gross, aber sie boten auch eine Art Sichtschutz, damit die Hengste auf der unteren Weide gar nicht erst auf Ideen kamen. Aber das ganze wäre wohl auch sonst kein Problem gewesen, da die Jungs schon immer alle gemeinsam auf der Weide gewesen waren und sich gut kannten. Die Raufereien, die hin und wieder beobachtet werden konnten, waren also rein spielerischer Natur, auch wenn das weibliche Geschlecht in der Nähe war. Nur die Neulinge in der Gruppe, wie im Moment Artemis, hatten jeweils Startschwierigkeiten. Der Schimmel brachte deshalb sofort etwas Distanz zwischen sich und die Gruppe, als wir sie durch das Weidetor lotsten. Ich erkannte, dass Pilot ihm mit Drohgebärden bei jedem Näherkommen klarmachte, dass er ihm noch nicht ganz traute. Pilot war momentan der Chef der Hengstgruppe. Er hielt diese Position nun schon seit einem ganzen Jahr aufrecht und erzog aufmüpfige Junghengste konsequent. Trotzdem war er sehr tolerant und ging nicht jedem kleinsten Fehlverhalten nach. So liess er auch zu, dass zum Beispiel Baccardi und Calico sich ein wildes Spiel lieferten. Als sie ihm dann doch zu nahe kamen, schlug er geschickt in Richtung Baccardi aus, verfehlte ihn vermutlich absichtlich, doch zeigte ihm so, dass er vorsichtiger sein musste. Baccardi akzeptierte die Zurechtweisung und drehte ab, Calico folgte ihm. Die beiden Trabten etwas weiter weg und senkten dann die Köpfe um friedlich nebeneinander zu fressen. Ich fand das Herdenverhalten äusserst interessant und beobachtete meine Pferde oft über längere Zeit. Doch nun musste ich mich zuerst um das Training der Vollblüter kümmern, wobei ich aber heute nicht selber mitmachte. Die beiden Pferde, die ich in diesem Monat in erster Linie zu betreuen hatte (nämlich Stromer und Light), waren gestern an einem Handicap gestartet und hatten heute frei. Das einzige Vollblut, das ich noch bewegen musste, war Frame, aber der war diese Woche schon dreimal nacheinander im Sprinttraining gelaufen und hatte daher am Nachmittag zur Abwechslung Dressur auf dem Programm. Trotzdem musste ich dafür sorgen, dass alles klappte und Oliver beim Beurteilen der Pferde und Jockeys helfen. Optimierung war beim Vollbluttraining alles; wenn wir merkten, dass etwas nicht so lief, wie es das sollte, griffen wir sofort ein. Daher tauschte Oliver auch sofort Charlys Pferd gegen Caligari aus, als er sah, dass dieser mit Sumerian schon beim Aufsteigen nicht zu Rande kam. Charly musste später in Ruhe mit Sumerian etwas Bodenarbeit machen, um sie besser kennenzulernen. Der junge Jockey war noch nicht lange auf Pineforest Stable, und kannte daher noch nicht alle Pferde gleich gut. Seine Schwester blitzte mich schon wieder vom linken Torbogen des Hauptstalls aus an. Ich mochte sie immer noch nicht besonders, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mir aus irgendeinem Grund misstraute. Ich gab mir aber keine Mühe, ihre Sympathie zu gewinnen; entweder, sie renkte sich ein und kam mit mir klar, oder sie musste sich am Ende eben einen neuen Job suchen.
      Oliver und ich liefen mit zur Bahn, führten ein Pferd nach dem anderen in die mobile Startmaschine und lösten dann den Start aus. Die Pferde schossen los und bretterten über das saftige, kurzgemähte Frühlingsgras. Oliver und ich stoppten die Zeiten mit vier Uhren. Es wurden zwar an diesem Morgen keine Rekorde aufgestellt, was auch sonst eher selten vorkam, sehr wohl aber persönliche Bestzeiten der Pferde verbessert.

      Gegen Mittag holten wir die Pferde von den Weiden und liessen sie zu ihrem Mittagessen in die Boxen laufen. Bei den meisten klappte das auf Anhieb, nur manche musste man aus einer fremden Box scheuchen und zu ihrer eigenen bringen. Danach wurden die Stallgassen aufgeräumt und gefegt. Ich suchte noch rasch meine Hunde, ehe ich ins Haus ging um selbst auch etwas zu essen. Sie warteten jedoch bereits bei der Haustür. Ich strubbelte Sheela, die schwanzwedelnd auf mich zugekommen war und rief übertrieben hoch „You clever dogs! Yass, so clever!“
      Um ein Uhr durften die Vollblüter raus, wieder auf die drei grossen Weiden verteilt. Die Stuten teilten wir in zwei Gruppen auf, da gewisse Zicken nicht miteinander auskamen. Die Zicke, von der ich sprach, war hellgrau und legte gerade die Ohren gegen Blütenzauber platt. „Kierka, be nice“, rief ich augenrollend. Die Stuten quietschten, dann trabte Iskierka mit Fahnenschweif davon, nur um wenig später eine Runde im Jagdgalopp am Zaun entlang zu drehen. Immerhin – das Gangbild der Stute war einwandfrei und die Sprünge in bester Manier. Sie teilte sich die grosse Weide nur mit Blüte, ihrer Halbschwester Shades of Gray, Painting Shadows und Indiana. Alle anderen waren auf der Weide dahinter. Unten bei den Hengsten war alles in bester Ordnung. Sie grasten friedlich schweifschlagend verstreut über die ganze Weide.
      Als ich gegen fünf Uhr Frame reinholte, um mit ihm zu arbeiten, kreuzte ich betend die Finger, dass er sich nicht eingeschlammt hatte. Ich war erhört worden: der weiss gescheckte Hengst erstrahlte noch immer in gepflegtem Glanz, nur die Beine waren etwas verspritzt. Ich führte ihn von den anderen weg zum Hauptstall, was mit ihm kein Problem war, jedenfalls solange ich ihn führte. Ich wusch rasch die Beine ab und trocknete sie mit dem Handtuch, dann bürstete ich ihn gleich im Innenhof an der wärmenden Sonne durch und sattelte ihn. Ich musste sogar die Jacke ausziehen, so warm wurde mir. Wir schlenderten zum Sandplatz und liefen uns ein. Mit ‚uns‘ meinte ich auch uns beide, denn ich stieg nicht gleich auf, sondern trabte mit ihm an der Hand spielerisch ein paar Volten. Dabei verzichtete ich darauf, den Zügel zu halten, sondern machte einen Knoten rein, damit er nicht über den Hals fiel. Ich lief ab und zu absichtlich langsamer, woraufhin der feinfühlige Hengst auch bremste. Dann wiederum rannte ich über den Platz und er machte sogar einen Freudenbuckler. Damit er nicht zu wild wurde, liess ich ihn gleich anschliessend anhalten und ging im Schritt weiter. Danach legte ich aber mit der eigentlichen Dressurarbeit los und ritt eine gute halbe Stunde lang verschiedenste Lektionen mit ihm.
      Als ich ihn zurück zum Hauptstall führen wollte, bemerkte ich Mark und Charlotte mit ihren Pferden beim Parkplatz. „Hey, hello! What are you two doing here?“, rief ich ihnen winkend zu. Sie schienen erleichtert, mich gefunden zu haben und kamen mir entgegen. „We were riding along the forest, when we spotted what we thought to be Pineforest Stable. Looks like we were right”, stellte er zuletzt zufrieden fest. Panther schnaubte und rieb den Kopf an Marks Schulter, der ihn sanft wegschob. „Well… I will show you around a bit“, schlug ich vor. Die beiden brachten ihre Pferde zum Nebenstall, wo sie sie mit den mitgebrachten Knotenhalftern anbanden. Charlotte bewunderte Frames blaues Auge. „It’s so beautiful“, stellte sie fest, und streichelte die rosa Nase des Hengstes. „I wish Milena had such pretty eyes!“ Ich entgegnete, dass ihre Stute dafür eine tolle, gewellte Mähne hatte. Ich fühlte mich etwas seltsam, als ich die beiden herumführte, weil sie kaum Fragen stellten und auch sonst eher schweigsam waren. Mark interessierte sich sehr für Unbroken Soul of a Rebel, vermutlich weil der schicke Hengst auch ein Westernpferd war. Er fragte nach der Abstammung des Hengstes und seinen bisherigen Erfolgen. Panther und Milena warteten entspannt beim Nebenstall und genossen die Sonne. Irgendwann stiessen Lewis, Rosie und Jonas zu uns. Mark blühte etwas auf und unterhielt sich ausgiebig mit Rosie über die Vorzüge eines Quarter Horse. Lewis unterbrach ihn nach einer Weile, wobei ich eine leichte Gereiztheit in seiner Stimme zu erkennen glaubte: „Mark, according to Lisa, your horse is very fast and strong. Now that I see him, I must say that I’m a bit disappointed. I expected a better shaped stallion.” Ich war etwas sprachlos über die Unverfrorenheit meines Angestellten und wollte gerade den Mund aufmachen, um ihn zurechtzuweisen, als Mark kühl und gefasst antwortete: „Well, I could show you, how fast he is. How about a little race?“ Lewis war genauso stutzig wie ich, liess es sich aber nicht anmerken. “Alright – Boss, could you lend me Dod for a while?“ Nun griff ich definitiv ein. “Lewis, it’s enough! We do not insult our guests, nor do we challenge them in silly races! They obviously came a long way to see us, and their horses must not spend too much energy on stupid cock fights.” Mark entgegnete gelassen: “Panther is fit enough, it should be no problem. Besides, I am really interested in competing against such a strong opponent.” Lewis verengte argwönisch die Augen, Mark lächelte nur. Jonas stiess mich in die Seite und flüsterte: „Lass es sie ausdiskutieren, Dod wurde heute eh noch nicht bewegt. Ich will auch sehen, wer gewinnt!“ Ich verdrehte die Augen, genauso wie Rosie. Als wir uns wenig später auf zu Dods Box machten, während Charlotte und Mark sich um ihre Pferde kümmerten, nahm sie ihn wütend zur Seite. „What the hell were you thinking? He is our guest, and you were really rude! You will have to apologize afterwards!” Lewis antwortete gereizt: “He is a braggart, I will prove that. I saw it right away, that’s why I don’t like him.” Ich schwieg und ordnete meine Gedanken. Es muss noch etwas anderes dahinterstecken… Ob Lewis Mark wohl kennt? Unwahrscheinlich, sonst hätten die beiden anders aufeinander reagiert. Aber was ist es dann? Jedenfalls muss Dod jetzt gewinnen, sonst wird es eine ziemlich peinliche Geschichte für uns… Ich half mit, den Criollo zu putzen und redete ihm gut zu. Der Rappe mit der grossen Blesse schob seinen Kopf unter meinen Arm und liess sich die Ohren kraulen – etwas, was er sonst nur bei völliger Entspannung tat. Es schien, als wollte er sagen: „Du kannst dich auf mich verlassen.“ Plötzlich fiel mir ein, dass es vielleicht nützlich war, wenn wir unbeteiligten ebenfalls Pferde hätten, um die beiden Streithähne zu begleiten. In Rekordzeit bürstete ich Donut. Rosie nahm Baccardi und Jonas Numair, wobei er auf meine Frage hin, ob er nicht noch Stallarbeiten zu erledigen habe, gespielt unschuldig den Kopf schüttelte. Ich seufzte und erlaubte ihm, auch mit zu kommen. Sobald Dod gesattelt war, führten wir ihn nach draussen zu den beiden Gästen. Der Fairness halber trug auch er einen Westernsattel, sodass beide Pferde etwa dasselbe Gewicht zu tragen hatten. Gleichberechtigung war auch der Grund gewesen, warum Lewis keinen Vollblüter ausgewählt hatte, wie er beim Putzen erklärt hatte. Mark streichelte Panther gelassen die Stirn, während er Dod und seinen Reiter betrachtete. „Ready?“, fragte Lewis. Sein Gegenüber nickte, und die beiden ritten voraus in Richtung Galoppwiese. Charlotte, Rosie, Jonas und ich folgten ihnen. Wir reihten uns bei der Imaginären Startlinie auf und Ich gab das Signal zum Start, sobald alle ruhig waren. Die beiden schossen los und waren sofort gleichauf, ein fairer Start also. Wir Beobachter ritten am Waldrand entlang mit, allerdings in gemütlichem Schaukelgalopp. Aus der Ferne beobachtete ich, wie Lewis Dod anfeuerte und der Hengst als Reaktion unwillig mit dem Schweif schlug, dann aber zulegte. Man sah, dass beide alles gaben, denn Dod schien zu verstehen, dass sein Reiter um jeden Preis gewinnen wollte und liess sich davon anstecken. Bei Mark und Panther war es aber nicht anders; die beiden waren ein eingespieltes Team und der Dunkelbraune reagierte unmittelbar auf jedes Zeichen seines Reiters. Dod war da schon etwas sturer und blieb auf seiner bevorzugten Spur, aber der Hengst war auch clever und nutzte seine Kenntnisse über den hiesigen Boden; er kannte die Galoppwiese und ihre Unebenheiten nur zu gut. Eine Weile sah es so aus, als wären die beiden tatsächlich gleichauf, doch dann fiel Panther immer weiter zurück. Der braune Quarterhengst konnte mit der Ausdauer und Geschicklichkeit des ausgezeichnet trainierten und robusten Criollos nicht mithalten; Lewis ritt triumphierend über den schmalen Trampelpfad, der als Ziellinie diente. Mark tätschelte Panther geschlagen den Hals und zwang sich zu einem Lächeln. Jonas klatschte freudig Lewis‘ Hand, doch Rosie schenkte ihm nur einen verachtenden Blick. Ich gratulierte ihm mit gemischten Gefühlen: froh, dass er unsere Ehre verteidigt hatte, aber skeptisch, ob Mark nun nicht zu verärgert war. Zu meiner Erleichterung winkte er ab: „Ahh, next time we win, right Panther? You have a very good horse right there Miss Smith.“ Ich nickte dankbar und führte die Gruppe zurück zum Hof. Lewis musste sich natürlich trotzdem noch bei Mark entschuldigen, konnte aber auf dem ganzen Rückweg ein schelmisches Grinsen kaum verkneifen. Die beiden Gäste blieben noch für eine Tasse Tee, dann machten sie sich langsam auf den Nachhauseweg. Als ich mich zum Nebenstall begab, um Ronja zu holen, bekam ich mit, wie Lewis an Rosie vorbeilief, wobei er fröhlich meinte: „Sloppy shaped Quarter Horses are still not comparable with good trained Criollos.“ Sie ignorierte ihn und lief davon. „Hey, it was only a joke!“, rief er ihr noch nach, aber das nützte auch nichts mehr.
      5 Apr. 2016

      Occulta
      Ein Tinker für Lily

      Stirnrunzelnd sass ich am Küchentisch und sah mir die Zeitung an. Ein Überfall hier, Probleme im Ausland, ein Brand da… Aber rund um Birmingham war es im Moment zum Glück friedlich. Lily kam die Treppe runtergepoltert und ich nippte demonstrativ an meinem Tee. „Ich auch einen!“, forderte sie sofort. Sie ist so durchschaubar. Ich schmunzelte und fragte nach dem „Zauberwort“. Zugegeben – mein Leben war nochmal ein Tickchen spannender geworden, seit meine Nichte bei mir wohnte. Sie nahm mir das letzte Bisschen der Einsamkeit, die mich seit Jacks Tod zerfressen hatte. Allerdings, und das betonte ich vor meinen Angestellten und Freunden immer, war „Little Miss Adams“ auch ganz schön anstrengend. Rachel hatte sie nicht zu knapp verwöhnt und sie zu einem sehr selbstbewussten Mädchen erzogen. Doch so langsam waren wir auf einer Wellenlänge und hatten immer weniger Meinungsverschiedenheiten. Eine grosse Hilfe war wohl auch, dass Lily auf Pineforest Stable den Ponyhof-Traum eines jeden pferdeverrückten Mädchens lebte und mehr als genug frische Luft bekam. So brauchte ich abends eigentlich nie mit ihr zu diskutieren, wann es denn nun Schlafenszeit sei; sie kroch freiwillig schon um Neun ins Bett. Auch sonst war sie ‚pflegeleicht‘, denn sie war gut in der Schule, hielt ihr Zimmer einigermassen ordentlich (jedenfalls im Vergleich zu mir selbst) und machte sich auch mal selber ein Sandwich, wenn ich keine Zeit hatte. Andererseits musste man sowieso selbstständig sein, wenn man unter meinem Dach überleben wollte – mit gut 80 Pferden, die es zu versorgen galt, hatte ich nicht auch noch Zeit, mich um aufwändige Menschlein zu kümmern. Ich dankte Lily ihre gute Manieren mit Reitstunden und Ausritten in der malerischen Landschaft des Parks; und einem guten Geburtstagsgeschenk, wenn ich denn eines fand. Immerhin feierte Lily in wenigen Tagen ihr erstes Jahrzehnt auf diesem Planeten. Aber was sollte ich ihr schenken? Sie hatte mir noch kaum verraten, was ihre sonstigen Interessen ausser den Equiden waren. Je mehr ich darüber nachdachte, desto peinlicher wurde es mir, dass ich meine Nichte noch immer so schlecht kannte. Ich beschloss an diesem Morgen, im Verlaufe des Tages die Augen und Ohren offenzuhalten, um das perfekte Geschenk zu finden.

      Der Morgen verlief unspektakulär. Lily war in der Schule, also konnte ich sie nicht direkt beobachten. Stattdessen horchte ich während dem Misten die Pfleger aus, um zu erfahren, ob sie vielleicht mehr wussten. „Hmm, every little girl that I know likes dolls“, meinte Lewis. “Seems like you don’t know many”, antwortete ich knapp und verschränkte die Arme. Ich hatte eigentlich nie mit Puppen gespielt, als ich noch klein gewesen war. Viel lieber hatte ich Schlösser aus Legoklötzen gebaut und dann Schlachten nachgestellt, die nicht selten in meiner Fantasie blutig endeten. „Sorry boss, forgot you were an exception.“ Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich auch Lily noch nie mit einer Puppe spielen sehen. Und mit 10 noch eine Puppe geschenkt bekommen? Ich war skeptisch.

      Lisa schlug vor, ihr ein Handy zu schenken. Ich blockte sofort ab und entgegnete „Oi, das wär ja noch so schön – ich will sie doch nicht zu einem dieser frühreifen Tussis erziehen! Sie soll ihre Kindheit ohne Smartphone geniessen können.“ Lisa zuckte mit den Schultern. „Mir hat es auch nicht geschadet.“ „Bist du dir da sicher?“, rief Jonas schelmisch aus Stromers Box und duckte sich im nächsten Moment, um dem Besenstiel auszuweichen, mit dem wütend nach ihm gestochert wurde.

      Ich longierte Sweets, die heute Reitpause hatte, alberte mit Parányi in der Halle rum und ging mit Halluzination ins Gelände. Danach übte ich mit Vychahr Schenkelweichen und ein paar andere Lektionen auf dem Sandviereck. Den krönenden Abschluss des Morgens machte ich mit Islah, der ich ein paar Trail Hindernisse näher brachte. Ihr Stutfohlen schrie sich in der Box zwar im ersten Moment fast die Stimmbänder aus, aber das musste die kleine eben auszuhalten lernen. Ausserdem war Mama schon nach einer halben Stunde zurück. Die Begrüssung war herzzerreissend – es hatte den Anschein, als wären die beiden Jahre getrennt gewesen. Ich wandte mich augenrollend ab und begab mich ins Haus, um Mittagessen zu kochen.

      Lily kam pünktlich ins Haus gestampft, schmiss den Rucksack in eine Ecke und spielte zuallererst eine Runde mit den Hunden, bis das Essen fertig war. So half sie mir am meisten, weil ich nicht mehr dauernd über Jacky stolperte. Es gab einfallslose Bratkartoffeln mit Broccoli und Spiegelei, ausserdem einen Tomaten-Eisbergsalat – Lilys Lieblingssalat. Die Hunde verteilten sich um den Tisch herum, nachdem sie ihr eigenes Futter verschlungen hatten, und beobachteten uns mit puppy-eyes. Doch ich blieb kalt, und auch Lily beachtete den Bettelblick nicht, sondern stocherte fröhlich in ihren Kartoffeln herum. Jacky gab als erste auf. Sie drehte sich um und zockelte zum Sofa, wo sie sich auf der Decke zusammenrollte. Zira blickte ihr hinterher und ich sah es förmlich in ihrem Kopf rattern. Nach ein paar Herzschlägen hüpfte die junge Malinois Hündin übermütig hinterher und stand beim Sofa hoch, setzte sich aber schliesslich doch nur davor auf den Fussboden, weil Jacky sie böse angeblinzelt hatte. Sheela hingegen blieb hartnäckig und wartete hoffnungsvoll, bis wir fertig gegessen hatten. „Typisch Labrador“, murmelte ich. Lily stimmte mir zu. „Man könnte meinen, du liessest sie verhungern.“ „Sag mal Lily, was mögen zehnjährige Mädchen heutzutage denn so?“ „Hmm? Also… In meiner Klasse fahren alle voll auf diese bunten Gummibänder ab, oder diese Zeitschrift – ach, ich hab den Namen vergessen.“ „Bestimmt cool, diese… uhm… Gummibänder, nicht wahr?” „Geht so. Ich verstehe nicht ganz, was so lustig daran sein soll die zu sammeln. Ich sammle lieber meine Tierfiguren, aber auch nur die, die ich ganz besonders schön finde.“ „Und sonst?“ „Fragst du wegen meines Geburtstags?“ Ich zögerte ertappt. „…Jap. Man wird schliesslich nicht jeden Tag zehn. Gibt es etwas, das du dir ganz besonders wünschst?“ Sie überlegte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. „Nö, überrasch mich. Aber es braucht nix Grosses zu sein.“ Ich war überrascht über ihre Bescheidenheit, aber hinterfragte sie nicht.

      Am Nachmittag hatte Lily frei und half im Stall mit. Sie bürstete Skydive, der vermutlich das mit Abstand sauberste Fohlen im Umkreis von 100 Kilometern war, ritt Dream auf dem Sandplatz und half mir dabei, Skyrim und Majandro zu bewegen. Die kleine Familie rund um Skydive schien es ihr wirklich angetan zu haben. Soll ich ihr den kleinen Rabauken schenken? Doch ich verwarf die Idee gleich wieder, denn er gehört ja sowieso schon so ziemlich ihr, das wäre nur noch rein formal… Mit Shira konnte sie sich übrigens dann doch nicht so recht anfreunden. Als ich sie einmal darauf angesprochen hatte, war die Antwort gewesen, dass Shira auch sonst schon genug Aufmerksamkeit bekomme, weil sie so wertvoll sei. Dive hingegen sei einfach nur süss. Ich schmunzelte noch heute über diese Erklärung, aber es war schon etwas dran. Shira hatte eine blühende Zukunft vor sich, wenn man ihre Abstammung in Betracht zog. Es läuft auf einen Konkurrenzkampf zwischen den beiden hinaus, schätzte ich.

      Jonas schlich sich von hinten an und stupste mich in die Seite. „Was ist das? Keinen Respekt mehr vor deinem Boss? Ich glaube ich muss deinen Lohn kürzen“, murrte ich. „Warum denn so grimmig?“ „Weil ich ein Geburtstagsgeschenk brauche, aber keines finde.“ „Aber du hattest doch schon Geburtstag? Also – versteh mich nicht falsch, ich würde dir sofort wieder ein Geschenk besorgen.“ „Warum denn plötzlich so charmant? Mal abgesehen davon, dass du meinen Geburtstag zuerst vergessen hattest. Aber nein, es ist für Lily.“ „Schenk ihr ein Pony.“ „Sie hat doch schon Skydive, der gehört ja so gut wie ihr.“ „So gut wie – aber nicht ganz. Macht aber auch nix; ich meine ein richtiges Pony, das sie schon jetzt reiten kann, das ganz allein ihr gehört und mit dem sie die anderen Mädchen eifersüchtig machen kann.“ Er zwinkerte schelmisch, dann verschwand er ohne ein weiteres Wort im Nordstall. Ein Pony? Ich könnte ihr Majandro geben… Aber nein, der ist zu jung und wild. Der muss zuerst sicherer werden. Donut, Sky und Baccardi sind meine Zuchthengste, die zudem im hohen Sport laufen; die kann ich ihr auch nicht überlassen. Isis sind zu jung, Sweets und Bluebell ebenfalls, Dream ist und bleibt mein eigenes Pony, da bin ich egoistisch. Stirnrunzelnd und in Gedanken vertieft schlenderte ich den Schotterweg entlang. Mit einem Seufzer holte ich mich schliesslich selbst zurück in die Gegenwart. Es muss etwas anderes geben, und ich finde etwas gutes für dich – versprochen. Ich nutzte die Nähe zum Nebenstall und warf einen Blick in die Boxen, um zu kontrollieren, ob die Pfleger sauber gearbeitet hatten. Zufrieden begab ich mich danach zum Offenstall der Stuten. Adrenaline stand beim Zaun und musterte mich, als ich auf sie zukam. Sie schnüffelte an meiner Hand und folgte mir zum Offenstallgebäude, als ich die Weide betrat. Die braune Criollostute sah noch recht mitgenommen aus, doch so langsam setzte sie wieder Pfunde an. Das Team von Royal Peerage hatte gute Vorarbeit geleistet, doch es dauerte nun mal seine Zeit, bis sich ein Pferd von den Strapazen der Vernachlässigung erholt hatte. Ich fand, dass die Stute mit jedem Tag hübscher und wacher wurde. Im Moment machten wir vorsichtigen Muskelaufbau mit ihr; richtig lange reiten wollte ich sie in ihrer Verfassung noch nicht.

      Gegen Abend gönnte ich mir eine Pause und las in der Hängematte vor dem Haus die Zeitung vom Morgen zu Ende. Eine kühle Brise liess meine Haare aufstehen, sodass ich mir schon nach kurzer Zeit einen kuscheligen Pullover aus dem Haus holte. Aus reiner Neugierde blätterte ich die Anzeigen durch und entdeckte tatsächlich eine äusserst interessante Notiz. Hunter hatte offenbar einen schicken Tinker zu verkaufen, den er auf einem Markt in Irland aufgegabelt hatte. Ich las den Text bestimmt dreimal durch, bevor ich mich dafür entscheiden konnte, anzurufen. Schnell war klar, dass „Areion“ ein umgänglicher, geduldiger und verlässlicher Genosse war. Am Ende war es aber wohl doch besonders seine bestechende Erscheinung, die mich überzeugte. Wenn Lily ihn nicht will, behalt ich ihn glatt selber, schmunzelte ich verschwörerisch. „Was grinst du so?“ Ich zuckte zusammen. Ich hatte gar nicht bemerkt wie Lily auf mich zugekommen war. „Ach nichts“, log ich, denn ich wollte sie überraschen. Warte nur, das Geschenk das du kriegst ist tausendmal cooler als Gummibänder oder Zeitschriften
      18 Mai 2016

      Occulta
      [​IMG] L-M

      Ich stand im Hauptstall und versorgte gerade das Sattelzeug von Coulee, als Quinn und Lewis angeschlendert kamen. „Coffee break?“, fragten beide im Chor, und lachten danach herzhaft. „Ihr seid kindisch. But of course“, gab ich zurück und folgte ihnen, sobald ich fertig war. Wir setzten uns in die Reiterstube in der Halle und machten Tee. Oliver stand an die Wand gelehnt neben der Vitrine mit den Pokalen und war vertieft in ein Fotoalbum. „What are you looking at?“, fragte ich neugierig, und schlicht mich an. Es war das Album von 2014. „Ahh, Winter. He looks gorgeous on that Pic”, bemerkte ich schwärmend. Ich hatte das Album gar nie richtig angeschaut, nur einmal überflogen. Rachel hatte es gemacht, mit den Fotos, die sie bei den zahlreichen Rennen geschossen hatte, an denen sie uns zugesehen hatte. Ich zog Oliver zum Tisch und wir legten das Album in die Mitte, damit die anderen es auch ansehen konnten. „Do you remember that one? It was so muddy, I’ve never had a race like that ever since!“, rief Quinn aufgeregt, auf ein Foto von Stromer deutend. Tatsächlich war der Hengst auf dem Bild kaum noch zu erkennen – er war vom Cremello zum Grauschimmel geworden. Doch Quinn jubelte auf dem Bild mit hochgestrecktem Arm und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. „You won that race, right?“, wollte Ajith wissen. „No, we came in second, I think. But It was my first race with him and I was so happy because you know how difficult he used to be.” “Oh yes, I remember very well. Once he jumped into the rail because of a Bird”, bemerkte Oliver augenrollend. “But remarkable speed, once he was focused. And look at him now – he is just incredible for his lineage. His parents weren’t really that much of a promising combination, but he really surprised me.” Ich warf ein: “Just as Winter did. Remember? Your words were ‘that silly foal is never going to be something extraordinary’” “Who would have thought that? I only saw the colour and knew: that colt is more of a toy than a racehorse.” “Well, seems like your opinion changed quite a bit over these past few years”, lachte Quinn. “Yea… I have to admit that they seem to have kind of a talent.” Quinn stocherte nach. “And who was the one who desperately wanted to buy Sumerian? Don’t tell me she has none of that ‘toy like colour’!” Wir lachten alle und Oliver gab sich geschlagen. Dann blätterten wir weiter. „Oh look, these are from the autumn training on our old track!“, rief Rosie aus. “That was with Cantastor, Chiccory, Stromer, Paint and Blütenzauber, right?” “Yep. Pity we don’t race Canto anymore. He was always a pleasure to ride.” “Well now he’s comin’ up in eventing, so I’m not too sad about it. But I like to think back at these times. That was when they made huge progress at home and later succeeded in the annual Brighton Festival, right?” “Jup, except for Blüte, who had a bad start.” Wir diskutierten noch eine Weile weiter. Irgendwann fragte ich nachdenklich: “Today Spot managed to win against Light and Winter, with a nice distance between them. He was always quite fast, but since when does he have so much stamina?” “I guess it’s thanks to Olivers interval training. They did that yesterday again, while you were out with Anubis. Fly also stayed always very close to these three, I think they are pretty much on the same level now.” “That’s great. I can assume then that they are ready for Ascot next month?” “Yes, they should do fine. We will do even more intense training in the next few days and then give them a break after the race.” Ich nickte zufrieden und klatschte übermütig in die Hände. “I can’t wait to see them win!”
      30 Mai 2016
    • Occulta
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      Occulta
      Wie eine Achterbahnfahrt

      „Happy birthday to you, happy birthday to youuu. Happy birthday dear Lily, happy birthday to youuu!” Lily grinste verlegen und pustete die zehn Kerzen auf ihrem Schoko-Kuchen mit Erdbeeren darauf aus. „Willst du selbst anschneiden?“, fragte ich fröhlich und drückte ihr das Messer in die Hand. Wir waren in der Reiterstube in der Halle, alle anwesenden Pfleger hatten sich rund um den Tisch versammelt. Wer konnte schon widerstehen wenn es darum ging, ein Stück Kuchen abzuräumen und länger Pause zu bekommen? Lily schien aber etwas schüchtern und zurückhaltend angesichts der vielen Leute, die ihre Aufmerksamkeit auf sie richteten. Sorgfältig bedacht, keinen Fehler zu machen, schnitt sie sich ein winziges Stück Kuchen heraus und schob es auf ihren Teller. „Sicher dass du genug hast?“ „Ich kann ja später nochmal ein Stück nehmen…“, meinte sie verlegen. „I’m not sure there will be any cake left“, meinte Lewis verschwörerisch, und sah sich demonstrativ um. Wir lachten herzhaft und verzehrten gemeinsam einen Grossteil des Kuchens. Danach übergaben die meisten Pfleger Lily ein kleines Geschenk. Es waren keine teuren, wertvollen Geschenke, sondern eher selbstgebasteltes, oder Souvenirs von Reisen. Ajith zum Beispiel übergab Lily zögernd ein etwas ungeschickt verpacktes Schachtelchen, in dem ein aus dunklem Holz geschnitztes Pferdchen war. Ich hatte ihn letzte Woche beobachtet, wie er über den Mittag daran herumgeschnitzt hatte. Bewundernd stellte ich fest, dass er offenbar im Schnitzen ziemlich begabt war. Lily freute sich wahnsinnig darüber und umarmte den Pfleger sofort. Es war so herzerwärmend, die beiden zu beobachten. Ob sie sich über mein Geschenk auch so freuen wird?, fragte ich mich insgeheim. Von Quinn bekam sie ein geflochtenes Armband aus dem Schweifhaar von White Dream und Skyrim. Das von Skydive war offenbar noch zu kurz für die Verarbeitung gewesen.

      Als letztes war ich nun dran. Ich prüfte kurz mit einem Blick nach draussen, ob alles bereit war, dann hielt ich Lily die Augen zu und schob sie vor die Halle. Als ich meine Hände wegnahm, erblickte sie Hans, der den hübschen Tinkerhengst Areion neben sich hielt. Das wollige Tier war fein säuberlich herausgeputzt und gebürstet worden, sodass die weichen Puschel an seinen Beinen und sein prächtiges Langhaar besonders zur Geltung kamen. Gespannt beobachtete ich Lily, die sich dem Tinker langsam näherte, im über die Schnauze strich und Hans‘ Geburtstagswünsche entgegennahm. Doch zu meiner Überraschung drehte sie sich um und sagte knapp: „Ich will ihn nicht.“ Ich stand da, als wäre ich gerade geohrfeigt worden und runzelte die Stirn. „Gefällt er dir nicht?“ „Doch, er ist wunderschön, aber ich hab doch gesagt, du sollst mir nichts Grosses schenken.“ „Er ist ja nicht gross – er hat bloss 153 Zentimeter Stockmass“, scherzte ich, da ich nun verstand, worauf sie hinauswollte. „Lily, Ich will ehrlich sein: ich hatte zuerst keine Ahnung was ich dir schenken sollte. Du wohnst erst seit ein paar Monaten hier, und ich wollte dir zuerst Zeit geben, das Geschehene zu verarbeiten. Mir ist bewusst, dass ich deine Mutter nicht ersetzen kann, und ich gebe mir zwar Mühe, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass du dauernd, jeden Tag, vorspielst glücklich zu sein, obwohl du es innerlich nicht bist. Die Sache mit dem Pony war Jonas‘ Idee – ohne ihm die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen – und danach ergab sich irgendwie alles von selbst. Die Anzeige von Areion hat mich förmlich angesprungen. Ich will damit nicht nur diesem Tinker eine Chance geben sich zu entfalten, sondern auch dir eine neue Aufgabe geben, etwas woran du täglich arbeiten kannst und das es dir erleichtert, die Vergangenheit hinter dir zu lassen. Du sollst nicht vergessen – niemals, sondern viel eher akzeptieren und weitergehen. Aber wenn du dir wirklich sicher bist, dass du es nicht versuchen möchtest, dann muss ich das natürlich akzeptieren.“ Lily stand einen Moment wortlos da, dann sprang sie mir in die Arme. Sie schluchzte leise und ich begriff, dass ich wohl einen wunden Punkt getroffen hatte. Ich streichelte sie sanft und wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Die Pfleger standen da und beobachteten uns, unsicher, was sie tun sollten. Schliesslich räusperte sich Hans. „Should I bring Areion to his new box, ma’am?” “Yes, please”, antwortete ich dankbar. Lily richtete sich ebenfalls auf und sah ihrem neuen Pony nach. Dann meinte sie plötzlich: „Ich mag ihn Occu. Er ist so pelzig wie ein Grizzlybär und er hat mir vorhin ganz neugierig die Schnauze in den Bauch gedrückt – das war so süss.“ „Dann willst du ihn also behalten?“ „Ja. Danke Tante Occu.“ Ich lächelte beruhigt.



      Es war mittlerweile Mittag und ich verliess gerade mit Lily das Haus, nachdem wir gegessen hatten. Sie lief mit Sheela und Zira zum Nordstall um Areion zu sehen, ich hingegen machte mich auf zum Hauptstall, zusammen mit Jacky, die mir als einzige treu blieb. Ich streichelte die Terrier Hündin liebevoll und betrat das mächtige Gebäude. Es war ruhig, weil die Pfleger noch beim Mittagessen waren und die Pferde entspannt ihre Heuration sortierten. Nur einer drehte sich unruhig in seiner Box: Stromer. Sofort näherte ich mich seiner Box und schob die Tür auf. Er war total verschwitzt und scharrte immer wieder, ausserdem atmete er schwer und wirkte gestresst. Das ist gar nicht gut, dachte ich sofort, und verständigte mit dem Handy den Tierarzt. Bis dieser auf dem Hof ankam, führte ich den Hengst im Inneren der Führanlage, das wie eine Art überdachtes Roundpen war. Als Ajith, Quinn und April vom Mittagessen zurückkamen und bestürzt zu uns stiessen konnte ich nicht anders, als sie anzufahren, wieso sie die Anzeichen nicht bemerkt hatten. Sicherlich hatte Stromer nicht von einer Sekunde auf die andere so ausgesehen. April begann unter meinen Ausrufen zu schluchzen und Quinn brachte sie in der Sattelkammer ‚in Sicherheit‘, während Ajith Besänftigungsversuche mit mir unternahm. Wenig später entschuldigte ich mich, weil ich aufgrund meiner wachsenden Verzweiflung überreagiert hatte. Ich hasste es, so unprofessionell zu sein, doch dieses Pferd bedeutete mir einfach zu viel, und so wie es im Moment aussah, hing sein Leben an einem seidigen Faden. Stromer schleppte sich indessen apathisch neben mir her und hatte die Nüstern noch immer bei jedem Atemzug gebläht, als würde er gerade das Rennen seines Lebens laufen. Ich erkannte, dass ich ihn Ajith übergeben sollte, damit sich meine Unruhe nicht noch mehr auf ihn übertrug und alles verschlimmerte. Endlich traf der Tierarzt ein.
      2 Aug. 2016

      Eowin
      Notfallbericht für Stromer

      Im letzten Moment, bevor ich einnickte, spürte ich, wie mein Kinn langsam von meiner Hand abrutschte und ich so um ein Haar mit dem Kopf auf die Tischplatte geknallt wäre, wäre ich nicht aus meinem Dämmerschlaf erwacht. Ich war desorientiert und verwirrt, doch dann plötzlich bemerkte ich, dass mein Notfalltelefon klingelte. Da wurde ich schnell.
      Es ging um eine Kolik und so wie es sich anhörte, schien die Sache wirklich eilig zu sein.
      Ich machte mich sofort auf den Weg zum Pineforest Stable.
      Dort angekommen brauchte ich nicht lange, um die Lage zu überblicken. Occulta, die Besitzerin des hübschen Hengstes Stromer, um den es ging, führte selbigen in der Führanlage umher. Und ich brauchte auch nicht lange, um zu erkennen, dass die Lage wirklich übel war.
      Der Cremello war inzwischen klatschnass vor Schweiß. Seine Nüstern waren gebläht, die Augen stachen ängstlich hervor, mit jedem Schritt zog er müde die Beine hinter sich her. Er hob die Hufe nur noch so hoch, dass jeder einzelne eine kleine Schleifspur im Sand hinterließ.
      Ich begrüßte die Besitzerin knapp und ließ mir die aktuelle Lage in Kürze berichten. Offenbar war nicht viel Zeit vergangen, seit die Kolik aufgefallen war.
      Mit Nachdruck bat ich darum, den Hengst in die Reithalle zu bringen, da ich dort mehr Handlungsspielraum hatte als im Roundpen. Der Weg war nicht weit, doch ich merkte, wie meine Konzentration auf diese Art und Weise stieg, wie sie es nur tat, wenn sie auch wirklich notwendig war. In der Zwischenzeit holte ich meine Sachen in die Halle und stellte sie auf dem Hocker, der eigentlich zum Aufsteigen gedacht war, ab.
      Sobald der Hengst in der Halle war, legte er sich neben seiner Besitzerin in den Sand und begann, sich an der Hand zu wälzen. Dabei stieß er einen Laut purer Qual aus.
      „Hoch! Er muss aufstehen! Er darf nicht liegen bleiben!“, schrie ich beinahe.
      Sogleich riss Occulta am Halfter und versuchte, den Hengst zum Aufstehen zu bewegen. Derweil waren weitere Menschen angelaufen gekommen, offenbar Angestellte, deren Namen ich nicht kannte. Ich fragte jedoch auch nicht danach, es gab gerade wichtigeres.
      „Du da“, sagte ich und zeigte auf einen der vermeintlichen Angestellten, „treib ihn zur Not hoch oder stütze ihn soweit es geht, damit er sich nicht noch einmal hinlegt. Ich muss einen Zugang legen!“
      Ich zog eine Spritze auf und spritzte Stromer zunächst ein krampflösendes Mittel, dann legte ich einen Tropf. „Hoch halten!“, befahl ich und gab den Beutel mit Kochsalzlösung weiter.
      Routiniert griff ich in meinen Koffer und zog einen Handschuh heraus, streifte ihn mit rascher Bewegung zunächst über meinen Arm, dann die Schlaufe über meinen Kopf.
      Ich drückte dem angestellten den Schweif in die Hand. „Festhalten!“
      Freunde würde ich mir heute sicherlich keine hier machen.
      Sogleich überprüfte ich, ob bei dem Hengst etwas quer saß und eine Verstopfungskolik vorlag. Dies musste ich verneinen. Es handelte sich um eine Krampfkolik. Nicht gut.
      Während der Hengst noch einmal versuchte, sich hinzulegen, begutachtete ich den Tropf. Die Flüssigkeit lief nur sehr langsam, aber immerhin beständig. Mit viel Mühe gelang es uns, den Hengst auf den Beinen zu halten und ich holte – mittlerweile rennend – mein Stethoskop.
      Damit hörte ich den Hengst ab und stellte rasch fest, dass die Lage wirklich ziemlich ungünstig war. Die Darmgeräusche waren beinahe zum Erliegen gekommen. Der Verdacht lag nahe…
      Dennoch nahm ich zur Sicherung meiner Diagnose Blut ab und nahm, während der Schnelltest lief, Puls und Temperatur. Dann schaute ich rasch nach den Schleimhäuten. Diese waren schon erblasst.
      Ein Piepen des Gerätes verriet mir, dass der Test fertig war. Der Hämokrit-Wert belegte, was ich befürchtet hatte.
      „Es ist eine Darmverschlingung. Krampflösende Mittel werden ihm nicht helfen. Ich brauche eine Entscheidung. Wenn wir operieren, könnten wir ihm das Leben retten, aber ich bin ehrlich: Die Chancen stehen Fifty Fifty.“
      Occulta erblasste. Auch die Angestellten waren plötzlich sichtlich betreten.
      Ein paar Sekunden vergingen. Währenddessen trat ich unruhig von einem Fuß auf den anderen. Während sie sich nicht entscheiden konnte, musste der Hengst leiden.
      Wie um dies zu bestätigen, stöhnte er laut vor Schmerz auf.
      „Wir operieren“, kam dann ganz plötzlich die Entscheidung.
      Alles ging ganz schnell. Bei niemandem war auch nur noch ein Fitzelchen Farbe im Gesicht. Dennoch herrschte emsiges Treiben und jeder einzelne hätte – so schätzte ich die Lage ein – erst aufgehört, alles vorzubereiten, wenn er oder sie ohnmächtig umgefallen wäre.
      „Wir brauchen einen Anhänger ohne Trennwand. Weich einstreuen, falls er sich hinwirft. Und wir brauchen mindestens eine Person, die mitfährt und ihn während der Fahrt betreut“, wies ich an.
      „Das werde ich machen“, sagte Occulta sofort. Ich nickte nur.
      Ich nahm den Tropf, der inzwischen durchgelaufen war, ab und spritzte dem Hengst eine ordentliche Portion Schmerzmittel. Dann verschloss ich den Zugang und klebte ihn fest, sodass er die Autofahrt unbehelligt überstehen würde.
      Dann rief ich Zuhause an und wies wiederum meine Angestellten an, den OP vorzubereiten.
      In Windeseile stand Stromer auf dem Anhänger und neben Occulta war noch einer der vermeintlichen Angestellten dazu angehalten worden, mitzufahren. Aus der Unterhaltung schloss ich, dass er Ajith heißen musste.
      Wir fuhren los – ich voran, dann der Wagen mit dem geplagten Hengst. Sicherlich hätte uns so niemand blitzen dürfen. Denn wir überschritten nicht nur die Höchstgeschwindigkeit, die mit Pferdeanhänger erlaubt war, sondern auch sämtliche anderen. Dennoch fuhren wir vorsichtig und so, dass der ohnehin schon sehr schwache Hengst sich zumindest einigermaßen gut ausbalancieren konnte.

      Zuhause angekommen parkten wir den Anhänger rückwärts vor der Praxis, um dem Hengst den Weg so weit wie möglich zu verkürzen. Er hatte die Fahrt gut überstanden und es war den Beiden gelungen, dass er sich nicht hinlegte. Zunächst keimte etwas Hoffnung bei mir auf, doch als der Hengst langsam in die Klinik torkelte, traf mich die Erkenntnis, dass er noch deutlich schwächer geworden war, wie ein Hammer. Ich schluckte schwer, dann machte ich mich für den OP fertig und legte zu guter Letzt Stromer unter Vollnarkose.
      Unter einem letzten Wimmern schloss er die Augen. Auf seiner Haut stand mittlerweile eiskalter Schweiß, der bei meiner Bewegung schäumte.
      Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie Occulta nun draußen saß und hoffte. Auch ich hatte schon schwere Verluste zu verbuchen gehabt und ich wusste, wie es war, wenn man spürte, dass einem das eigene Pferd unter der Hand weg starb, ohne dass man etwas daran hätte machen können.
      Mit Hilfe meiner Angestellten öffnete ich den Bauchraum und machte mir einen Überblick der Lage. Wie vermutet, war ein nicht unerheblicher Teil des Darmes bereits abgestorben. Diese mussten wir entfernen und hoffen, dass der übrig bleibende Teil ausreichte, damit der Hengst weiterleben konnte.
      In voller Konzentration führte ich die OP durch. Währenddessen mussten wir feststellen, dass bereits ein Reflux stattgefunden hatte. Daher pumpten wir den Magen mit dem aus dem Darm zurückgeflossenem Futterbrei aus.
      Nach der OP nähte ich den Bauchraum des Hengstes sorgfältig zu und versorgte die große Wunde. Dann zog ich bekümmert mein Resümee. Wir hatten ganze fünf Meter Dünndarm entfernen müssen. Der Reflux war bisher „nur“ ein Zeichen, dass die Darmaktivität eingestellt war. Sollte sich das in den nächsten Tagen erneut einstellen, wäre dies ein Zeichen, dass der Darm die Aktivität auch nicht wieder aufnahm. Aber die Hoffnung blieb, dass alles gut ging.
      Stromer wurde in seine Aufwachbox gebracht, wo er sorgfältig beobachtet wurde. Jede noch so kleine Veränderung würde mir sofort mitgeteilt werden.
      Währenddessen zog ich mein OP-Dress aus und trat in den Wartebereich, um Occulta auf den neusten Stand zu bringen.
      Dort saß sie neben ihrem angestellten, im Gesicht keine Farbe und so wie es aussah, hatten ihre Fingernägel unter der Wartezeit derbe gelitten.
      Ich lächelte sie matt und schief an. Was für eine dumme Idee, jetzt zu versuchen zu lächeln! Dann schüttelte ich sacht, kaum merklich für andere, den Kopf und sah sie mit festem Blick an.
      „Stromer ist jetzt in der Aufwachbox und wird gründlich beobachtet. Er lebt also“, erklärte ich und sah Hoffnung in Occultas Augen aufflackern. Sie war deutlich gestresst, nervös und angespannt, auch als ergriffen hätte ich sie zu diesem Moment bezeichnet, aber sie war gefasst. Es hatte noch keine Panik von ihr Besitz ergriffen und sie war auch noch kein Opfer ihrer Emotionen geworden. War sie nun extrem professionell, gefasst – oder einfach nur kühl? In den Moment konnte ich sie nicht einschätzen, geschweige denn, was in ihr vorging.
      Just in dem Moment klingelte das Telefon von Occulta.
      Sie nahm ab und begrüßte den Menschen an der anderen Seite deutlich barsch.
      „Ja, er lebt. Nein, wir wissen noch nichts. Nein, die Tierärztin berichtet gerade. Kann ich nicht später wieder anrufen? … Ja, ich weiß, dass April völlig fertig war. Ja, ich melde mich, sobald ich genaues weiß.“
      Genervt legte sie auf. Ich konnte mir das Geschehen ansatzweise zusammenreimen. Mir war am Hof eine junge Frau aufgefallen, deren Gesicht von Tränen gezeichnet gewesen war.
      Ich räusperte mich, dann blickte Occulta mich an. Ihre Gesichtszüge glätteten sich, der genervte Ausdruck wich aus ihren Augen und machte einer großen Spannung Platz.
      „Leider kann ich wirklich nicht entwarnen. Stromer hatte einen Reflux, wir mussten also noch seinen Magen auspumpen.“
      Ich beobachtete, wie das Gesicht von Ajith weiter an Farbe verlor. Der Angestellte war ebenfalls extrem gefasst, man merkte ihm jedoch deutlich an, dass es ihm eine große Anstrengung abverlangte und dass dies auch für ihn gewiss keine alltägliche Situation war.
      Rasch fuhr ich fort. „Außerdem mussten wir ihm ganze fünf Meter Dünndarm entfernen.“
      „FÜNF?!“, entfuhr es Ajith empört.
      „Ja genau. Das kann ein Pferd noch überleben, man kann bis zu sieben Meter Darm entfernen. Aber wir brauchen uns nichts vormachen: das war ein ziemlich heftiger Eingriff.“
      Occulta nickte und begann, an der Haut neben ihren Fingernägeln zu kauen, bis sie zu bluten begann. Mir schien, als wäre das wirklich nicht typisch für sie, aber ich war mir auch bewusst, dass es hier nicht nur um eine emotionale Geschichte ging, sondern auch um eine finanzielle. Stromer war gekört und jung, er stand in der Blüte seines Lebens uns aufgrund seiner Sonderfarbe allein war sein Wert hoch. Dazu kam, dass er sich als vielseitiges Pferd erwies und seine erste Tochter durchaus gelungen war. Er schien seinen netten, aufgeschlossenen Charakter weiter zu vererben, aber auch sein kämpferisches Herz. Ja, ich hatte ihn auch vorher schon gekannt. Und ich war mir durchaus bewusst, was für ein heftiger, finanzieller Verlust sein Tod darstellen würde.
      Aber ich wollte nicht den Teufel an die Wand malen und fuhr mit meinen Ausführungen fort.
      „Wir warten jetzt, bis er aus seiner Narkose erwacht und beobachten, wie gut er wieder auf die Beine kommt. Bisher scheint er alles gut verkraftet zu haben, aber die nächsten Tage steht er noch ganz klar auf Messers Schneide.“
      Occulta nickte. Ihr Angestellter schien inzwischen völlig gelähmt zu sein.
      Ich blickte auf die Uhr und zog dann mein Telefon aus der Tasche. „Hey, Schatz. Wir wären jetzt so weit“, sprach ich hinein und legte dann bald wieder auf.
      Einen kurzen Moment später kam mein Freund hinein und brachte Kekse, Kaffee, Tassen, Milch, Zucker und einige Schnittchen.
      „Es ist spät geworden“, sagte ich und grinste nun wirklich.
      Ich wusste, dass ein solcher Vorfall eine enorme Belastung für alle Menschen war. Und da wir ohnehin gerade nichts weiter tun konnten, als abzuwarten, hielt ich es für das Beste, eine Stärkung einzunehmen.
      „Nur zu, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, sagte ich und goss mir einen Kaffee ein.

      Als Stromer wieder aufwachte, stand ich hinter der Glasscheibe, von der aus man nach unten in die Box hinein blicken konnte. Ich hatte dort oben ein zweites Büro, welches nicht öffentlich war, da ich es wie ein zweites Schlafzimmer eingerichtet hatte. Es war jenes Zimmer, in dem ich in Fällen wie diesen schlief und lebte, während ich meine vierbeinigen Schützlinge stetig unter Beobachtung hielt.
      Stromer machte sich gut. Er stand lange wackelig auf den Beinen und war noch immer sichtlich schwach, aber er schien die Narkose gut verkraftet zu haben.
      Occulta und Ajith waren mittlerweile nach Hause gefahren, nachdem die beiden mehrfach von den Verbliebenen des Hofes angerufen waren. Dort schien noch einiges anzustehen – das Mädchen, welches mir heute Mittag bereits aufgefallen war, war augenscheinlich mit ihren Nerven total am Ende und der Verzweiflung nahe. Es schien also nicht nur für mich eine lange Nacht zu werden, dachte ich.

      Am nächsten Morgen umsorgten wir Stromer liebevoll. Er wurde wieder aufmerksam und beobachtete uns, als wir zunächst an seinem Stall vorbei gingen und dann sogar hinein. Er trank bereits einige Schluck Wasser, wurde aber auch weiterhin mit einem Tropf unterstützt, dass er ja nicht austrocknete. Am Abend wagten wir es, ihm eine kleine Portion Mash zu geben. Er fraß erstaunlich ruhig für die lange Zeit, die er nichts mehr bekommen hatte, aber er hatte sichtlichen Appetit. Das war ein gutes Zeichen.
      Später telefonierte ich mit seiner Besitzerin und trug ihr die Neuigkeiten zu. Auch berichtete ich ihr, dass wir am nächsten Morgen ein paar Heucobs probieren würden und gegen Mittag etwas Heu, um seinen Darm wieder auf Touren zu bringen.
      Und so geschah es auch. Wir fütterten sehr langsam an, gaben ihm mehrere wirklich kleine Portionen. Sein Appetit wurde immer größer, er wurde immer aufmerksamer und begann, die Späne in seiner Box von rechts auf links zu drehen – offenbar hatte der große Kerl bereits Langeweile.
      Zwei Tage nach der OP bekam er nun abends endlich die erste, größere Heu-Portion. Er fraß begierig und zog Halm für Halm aus seinem Heunetz, das dafür sorgte, dass er nicht zu schnell fraß und so eine neue Kolik riskierte.
      Mitten in der Nacht machte ich mich zu meiner Kontroll-Runde auf. Und stellte fest, dass Stromer lag.
      Ich betrat die Box und versuchte, den Hengst aufzuscheuchen, doch er weigerte sich. Ich strich ihm über den Hals – er war nass.
      „Nicht schon wieder!“, rief ich aus und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Sofort rief ich seine Besitzerin an, die am Telefon zunächst sehr verschlafen war, dann aber plötzlich hellwach. Während sie sich auf den Weg machte, holte ich meine Sachen.
      Als sie auf meinem Hof ankam, war die Diagnose bereits gesichert. Es hatte einen erneuten Reflux gegeben, der Darm hatte seine Aktivität nicht oder nur viel zu wenig wieder aufgenommen, sodass sich der Futterbrei am Eingang des Darmes staute. Dadurch bildete sich dort ein Verschluss, was für Stromer wieder Schmerzen bedeutete.
      Occulta war sichtlich betreten, als sie ihren Hengst dort so liegen sah. Ich erklärte ihr, dass die Chancen für ihn sehr schlecht standen und dass er, wenn wir ihn denn retten könnten, immer kolikanfällig bleiben würde. Seine sportliche Karriere wäre vorbei – der Stress würde für ihn ein viel zu großes Risiko bedeuten. Und die Chance, dass er die nächsten Tage überlebte, standen vielleicht bei eins zu zehn. Wenn überhaupt.
      Sie drehte sich weg, murmelte irgendetwas unverständliches, was sich eindeutig nach einem Fluch anhörte, kaute wieder auf der zarten Haut neben den Fingernägeln. Dann drehte sie sich um und ich sah, wie gefasst sie war. „Dann machen wir ein Ende davon.“
      Ich nickte nur. Dann ging alles ganz schnell. Da der Zugang noch lag, war das Betäubungsmittel schnell gesetzt. Langsam schloss er die Augen. In der Routine gefangen schaute ich noch einmal nach den Schleimhäuten. Sie waren fast weiß. Wahrscheinlich war noch mehr in ihm kaputt als ich so auf die Schnelle hätte ahnen können. Vielleicht wäre er kollabiert, wenn ich ihn nicht kontrolliert hätte. Man weiß es nicht.
      Langsam und ruhig setzte ich die letzte Spritze. Er lag ganz ruhig da. Fast als schliefe er. Noch immer hob und senkte sich sein Brustkorb bei jedem Atemzug. Seine Nüstern blähten sich rhythmisch. Dann war es mit einem Mal vorbei. Ganz einfach so.
      Ich schluckte schwer. Ganz gleich, wie lange man diesen Job machte, Momente wie diese fielen einem immer schwer.
      „Es tut mir sehr leid“, murmelte ich leise. Occulta nickte nur.
      Da nahm ich sie, aus einem Impuls, der so schnell aufkam, dass ich ihn nicht unterdrücken konnte, heraus, einfach in den Arm, obwohl wir uns so gut eigentlich gar nicht kannten.

      Es waren genau diese Momente, in denen das Leben so sinnlos erschien. Man kämpfte mit allem, was man hatte, nein, man brachte noch mehr auf. Und man verlor trotzdem. Es zeigte, dass nichts im Leben selbstverständlich war, dass einem nichts geschenkt wurde. Gott nahm und Gott gab. So wie er es wollte.
      Langsam lehnte ich mich in meinem Bürostuhl nach hinten. Ich schaute auf die Kuhle im Einstreu, wo noch vor Kurzem der Cremello gelegen hatte. Die Lehne schwang nach hinten, quietschte, mein Blick traf die Zimmerdecke. Dann richtete ich mich wieder auf und stürzte das Gläschen Mariacron in einem Zug herunter.
      by Eowin
      2 Aug. 2016
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    Gedenksteine
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    Occulta
    Datum:
    6 Okt. 2016
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