1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Mohikanerin

St. Pauli's Amnesia

Trakehner | Stute | Ungekört | (c) Sadasha

St. Pauli's Amnesia
Mohikanerin, 18 Feb. 2020
Bracelet, Wolfszeit, Zion und 2 anderen gefällt das.
    • Mohikanerin
      Dressur A zu L | August 2021

      St.Pauli's Amnesia // Lubumbashi

      Die Tage wurden kürzer, kühle Luft wirbelte über den Hof und die meisten Pferde standen mit ihren Decken auf den Paddocks. Lubi fasste immer Selbstbewusstsein, sowohl in der kleinen Herde als auch unter dem Sattel, weswegen der Trainingsstand von ihr heute geprüft werden sollte. Auch Amy, die ihre Heimat im Springsport hatte, sollte mehr gymnastiziert werden. Also nahm ich zunächst die braune Stute in den Beschlag und ließ sie mir von einem der Kinder fertig machen. Sie liebten es sich auch im Winter im Stall zu beteiligen und so hatte ich dann eine saubere Stute unter dem Sattel, die sogar Zöpfchen bekam.
      Nach einer langen Aufwärmphase trabte ich zunächst locker am Zügel. Dabei baute ich Wendungen ein, sowohl Kurzkehrt als auch auf der Hinterhand. Die acht Meter Volten saßen schon und im Mitteltrab eine Schlangenlinie mit zwei Bögen, setzte Lubi auf den Schenkel genau um. Im Galopp auf dem Zirkel wechselte ich die Hand, ohne einen einfachen Wechsel zu reiten und auch den Außengalopp trat die Stute durch. Am Ende versammelte ich noch im Galopp und Trab. Das verschwitzte Pferd schritt entspannt vorwärts, bis eins der Kinder Amy zur Halle brachte und Lubi abritt. Auch mit der gescheckten Stute durchlief ich selbige Lektionen, Bahnfiguren und Gänge. Im Trab hatte sie noch Probleme die Geschwindigkeit zu halten, doch im Galopp sprang sie aktiv und achtete auf alle Hilfen. Somit sollte das Training der beiden Pferde weitergehen, aber die L-Dressur saß bei den Pferden!

      © Mohikanerin // Anders Holm // 1488 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Winter}
    • Mohikanerin
      [​IMG]
      kapitel fyra | 21. Oktober 2021

      St. Pauli’s Amnesia / Forbidden Fruit LDS / Glymur / Erlkönig / HMJ Divine

      Vriska
      Drei Uhr. Morgens. Wildes Gepolter ließ mich aus dem Bett hochschrecken. Das konnte nicht wahr sein! Harlen räumte seine Sachen aus dem großen Koffer, mit dem er anreiste.
      “Oh gut, du bist wach. Sag mal, was zieht man zu so einem Pferdedingsi an. Das oder das?”, vollkommen euphorisch hielt er zwei Kleidungsstücke in meine Richtung.
      “Eher das links”, murmelte ich und zeigte auf den dunkelblauen Blazer. Zustimmend nickte Harlen und legte das Oberteil über die Lehne des Stuhls. Dann griff er nach zwei Hosen, bei denen auch er wieder meine wenig professionelle Hilfe benötigte.
      “Warum fragst du mich das jetzt ausgerechnet? Wolltest du nicht noch die Haare gemacht haben?”, stöhnte ich und packte meine Haare in einen Zopf. Überall hingen die Strähnen heraus. Den Morgen vor einem Turnier stellte ich mir immer romantischer vor. Natürlich war es nicht mein Erstes, aber heute fühlte es sich anderes an. Linas netten Worte hallten noch leise in einem Teil meines Kopfes und auch die Bilder von der Show auf dem Whitehorse Creek hatten sich eingebrannt. Wir hatten tatsächlich Bilder davon bekommen, auch wenn ich auf jedem ein ziemlich unpassendes Gesicht machte, war ich dankbar für diese Möglichkeit. Glymur sah toll aus.
      “Kommst du jetzt, oder willst du dir das Dingsi nur auf dem Handy anschauen?”, neckte mich mein Bruder und zog die Decke herunter. Wo hatte er diese Euphorie her? Erst heult er wie ein Schlosshund, um jetzt wie auf Kokain durch das kleine aber feine Eigenheim zu rennen.
      “Harlen, das nennt man Turnier. Du könntest deiner ausgelaugten Schwester einen schwarzen Kaffee zubereiten”, schlug ich stattdessen vor. Die Decke versuchte zurückzuerobern, was missglückte. Lachend zog er die letzten Millimeter weg. Ein kalter Luftzug strich mir um die Zehen. Das Zeichen nun das warme kuschlige Bett zu verlassen und mich anzuziehen. Fürs Erste reichte eine der Jogginghosen, dem dunklen Kapuzenpullover und irgendein Shirt.
      “Und was Ordentliches hast du nicht parat?”, musterte Harlen meine Outfitwahl und drückte mir meinen Kaffee in die Hand. Ein leicht verbrannter Geruch stieg mir in die Nase, auch eine Nuance von Holz kitzelte meine Duftstoffrezeptoren. Genussvoll schlürfte ich einen Schluck des Heißgetränks. Vor dem Spiegel bewunderte ich mein gewagtes Outfit. Lächelnd entschied ich mich dagegen, etwas anderes überzuziehen.
      “Haben ja, wollen nein. Also komm, wir haben nicht ewig Zeit”, triezte ich ihn und verschwand im Badezimmer, um das Wasserstoffperoxid mit dem violetten Blondier Pulver zu vermischen. Darauf entstand eine elastische blaue Masse, die glücklich auf seinem Haar verteilt werden wollte.
      “Und das wird wirklich nicht gelb?”, erkundigte sich Harlen noch mal.
      “Hatte ich je gelbe Haare?”, verdrehte ich die Augen und trug das Zeug weiter auf. Als sich alles gut verteilte, legte ich eine Folie auf und trank den Kaffee aus.
      “Du machst dir das selbst?”, wunderte sich mein Bruder und musterte er die dicken weißen Haare, die teilweise aus dem Zopf quirlten.
      “Selbst ist die Frau, weißt du”, erklärte ich. Das konnte nun zweideutig betrachtet werden, was Harlen nicht raffte. Sein Hirn war sehr kindlich, beinah naiv. In den Menschen sah er immer das Positive, fühlte, was sie wollten und bot sich dem an.
      “Also in 10 Minuten musst du es ordentlich auswaschen und dann Shampoo. Mich ruft nun ein Pferd im Stall. Wir sehen uns am Auto?”, betonte ich die Wichtigkeit pünktlich vom Hof zu kommen. Mit weichen Knien setzte ich den ersten Schritt vor die Tür. Auf dem menschenleeren Hof herrschte eine unheimliche Stille. An Linas großen Fenstern schimmerte gedämpftes Licht nach draußen und auf dem Vorhängen zeichneten sich verschwommene Silhouetten ab. Sie huschten von links nach rechts. Offensichtlich hatten nicht nur Harlen und ich am frühen Morgen einiges zu tun. Aus dem Stall drang schmetternder Hufschlag auf dem Stein in die Stille. Schnellen Schrittes folgte ich den Geräuschen und entdeckte Tyrell, der verzweifelt versuchte, Fruity Transportgamaschen anzulegen.
      “Je hektischer du an sie herantrittst, umso weniger wird das zum gewünschten Erfolg führen”, schlug ich verwundert vor und griff nach eine der Gamaschen. Schon bei dem bloßen Anblick schlug sie hektisch den Kopf nach oben und der Schweif peitschte gegen die Holzwände der Putzbox.
      “Ach, gehst du jetzt unter die Pferdeflüsterer oder was ist los mit dir?”, fauchte Tyrell.
      “Willst du nicht lieber ins Bett gehen und wir fahren allein?”, deutete ich vorsichtig an. Kleine Blitze flogen in meine Richtung und für einen Moment gewann die Stille wieder ihre Oberhand.
      “Tatsächlich wollte ich darüber noch mit dir sprechen. Ich habe mehrere Termine reinbekommen und Ralle soll Beritt bekommen”, änderte sich sogleich seine Stimmung, unterstützt von einem Gähnen. Zustimmend nickte ich, bekam die Schlüssel in die Hand und dann verschwand er geradewegs aus dem Stall.
      “Jetzt müssen wir wohl allein klarkommen. Was hältst du davon, dass ich dir die hohen Gamaschen befestige anstelle dieser Dinger?”, unterhielt ich mich mit Fruity und zeigte auf die Transportgamaschen. Als verstände sie mich, wippte sie mit dem Kopf. Kurzerhand huschte ich in die Sattelkammer mit einem schnellen Blick auf die Uhr, noch blieb etwas Zeit übrig. Bereits in der zweiten Metallkiste fand ich alle vier Teile des Beinschutzes. Deutlich zufriedener betrachtete sie die hohen Gamaschen und stand geduldig, bis ich fertig war.
      “Ich schaue dann mal noch, ob die anderen so weit sind und ob das Gepäck vollständig ist. Warte hier”, beruhigte ich Fruity noch einmal und trat schnellen Schritts zum Hänger. Auf dem Weg schaltete ich die Außenbeleuchtung an und öffnete erst die Klappe und dann die Seitentür. Der Sattel hing auf seiner Stange, zusammen mit der Trense und auch der Putzkasten fand seinen Platz. Darin befanden sich ebenfalls Gamaschen zum Warmreiten, also waren wir fertig. Im Augenwinkel vernahm ich, dass das Licht erlosch in Linas Fenstern und dumpfe Schritte auf dem Holz lauter wurden. Juliett schleppte sich viel mehr zur Treppe, so früh aufstehen, war sie offenbar nicht gewohnt. Aus dem Stall hörte ich wieder Getrappel. Fruity wurde ungeduldiger und auch mir wurde unwohl im Bauch. Es drückte unangenehm auf Magenhöhe und beim Schlucken brannte es. Vier Stunden Autofahren bei maximal fünf Stunden Schlaf befürwortete keine angenehme Reise.
      „Fruity, ich muss noch schnell was machen, dann gehen wir los, Okay?“, erklärte ich dem Pferd, dass ohnehin kein Wort verstand. Die Stille kam wieder und ich lausche den gedämpften Geräuschen, die in den Stall schwebten. Schweden schlief noch, aber ich fuhr mit vier Leute nach Stockholm, auf ein Turnier, das ich gar nicht reiten wollte. Eine Turnierteilnahme, die Tyrell in die Wege geleitet hatte, um eins seiner besten Pferde zu präsentieren, ohne dabei zu sein. Das bedeutete, dass Lina mir auf dem Abreiteplatz letzte Ratschläge geben müsste. Vor Kummer atmete ich aus und zog mein Handy aus der tiefen Hosentasche. Eilig tippte ich eine sinnlose Nachricht an Erik, die er ohnehin nicht beantworten würde. Mittlerweile wurde unser Chatverlauf so etwas wie mein persönliches Tagebuch, auf das niemand ein Blick warf.
      “Abfahrbereit?”, fragte ich aufmunternd. Ein leises Raunen ging durch die Menge und jeder nahm Platz im Fahrzeug.

      Unbeschadet kamen wir auf dem riesigen Gelände in Stockholm an. Viele bunte Hänger, Autos und Transporter standen geordnet auf der feuchten Wiese. Diverse Reifenspuren übersäten das saftige Grün mit dunkeln Einkerbungen im Mutterboden. Langsam suchten wir einen Platz und Harlen wies mich an einer geeigneten Stelle ein.
      „Stooooooop“, rief es von draußen. Schnell drückte ich in die Eisen und abrupt kam das Gespann zum Stehen. Seltene Töne erhellten meine Ohren – Harlen fluchte. Irgendjemand drängelte sich unhöflich zwischen ihm und dem Fahrzeug auf dem Rücken eines dazwischen. Um Haaresbreite verfehlte ich das Paar, dass mich auf Schwedisch beleidigte. Welch eine Gastfreundlichkeit. Als der Hänger schließlich richtig stand, bauten wir den Paddock auf, entfernen die Zwischenwand aus dem Hänger und Harlen errichtete das Zelt einige Meter entfernt. Juliett schlief derweil auf der Rückbank und bekam von dem ganzen Stress nichts mit. Zu guter Letzt koppelte ich noch das Zugfahrzeug ab und stellte es schützend auf die andere Seite des Zeltes. Wir richteten uns ein. Es gab zwei separate Kabinen, in denen jeweils Platz für fünf Personen war. Das Zelt wirkte beinah wie ein Luxushotel, wenn man die Augen schloss. Nun holten wir auch Juliett aus dem Auto, die vollkommen zerknittern sich aufrichtete und auf eine der Luftmatratzen weiterschlief. Ich für meinen Teil machte mich auf den Weg zum Getränkewagen, um mir einen Kaffee zu holen, der wohl auf einem Turnier wie diesem nicht viel besser schmecken würden, als bei unseren Isländern.
      “Hej, hade du en kort natt också? (Na, hattest du auch eine kurze Nacht?)”, lachte der ältere pummelige Mann mit Bart im Getränkewagen, als er mir eine dünne dunkle Flüssigkeit reichte, die ich ihm mit 30 Kronen entlohnte – Stolzer Preis, für Filterkaffee! Nach dem ersten Schluck wurde mir klar, dass er nicht so schlecht wie erwartet schmeckte, aber dennoch nicht ein Vergleich zu meiner Kaffeemaschine war. Ich lächelte ihm freundlich zu und drehte um. Fruity graste friedlich. In zwei Stunden mussten wir anfangen.
      Für einen Augenblick schloss ich die Augen und wachte im nächsten Moment durch warme Hände auf, die schützend auf meinen Knien lagen. Harlen hockte breit grinsend vor mir. Die Sonne blendete mich und hastig hielt ich meine Hände vor meine Augen.
      “Schätzchen, ich würde dich nicht wecken, wenn du langsam mal dein Pferd fertig machen solltest”, verteidigte er seinen Überfall und half mir aus dem wirklich unbequemen Campingstuhl nach oben.
      “Mh, okay. Wenn das so ist, ziehe ich mich mal um”, gab ich nach verkroch mich ins Zelt. Dort wechselte ich zur weißen Hose und dem dunkelgrünen Jackett, auf dem unser Logo am Rücken aufgestickt wurde. Auf Herzhöhe stand mein Name. Jeder hatte eine Ausstattung bekommen und Tyrell gab ein Haufen an Geld dafür aus, um jedem Mitarbeiter eine ordentliche Bekleidung zu übergeben. Es machte etwas her, doch welche Notwendigkeit es gab, konnte ich mir bis heute nicht ganz erklären.
      Angespannt sah ich mich um. Verschiedene Reiterpaare tummelten sich auf dem Platz. Es lockte auch viele Zuschauer an, denn heute standen diverse Disziplinen auf der Liste, jedoch sah ich bis auf mich niemand, der gar einen barocken Eindruck machte. Zumindest bekam ich diese Informationen. Miss billig betrachteten
      “Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Tyrell mich eine normale Dressur reiten lässt und nichts Akademisches”, sagte ich zu Lina, die ich im Schritt umkreiste.
      “Da hast du leider recht. Ich habe auf der Starterliste gesehen, dass du eine A* Kür vorstellst mit Fruity”, gab die zu. Unglaublich. Er hatte mich angelogen, um mich hier herzubekommen, aber mit welchem Ziel? Wohl kaum, dass das Pferd sich präsentierte, denn sie beherrschte höhere Lektionen.
      „Anstatt dir weiter darüber den Kopf zu verbrechen, solltest du mit Fruity mehr Warmreiten und sie mehr nach vorn bekommen”, half mir Lina, wieder in die Realität zurückzukehren. Am lockeren Zügel trabte ich die Stute an und bleib zunächst auf Zirkel. Etwas mehr versammelt begann ich mit Seitengängen auf der ganzen Bahn und Diagonalen. Nach einer Schrittpause nahm ich die Zügel wieder mehr auf. Fruity hatte einen guten Tag, wie immer eigentlich, sofern keine Transportgamaschen in der Nähe waren. Als ich zum Galopp ansetzte mit einem geplanten einfachen Wechsel, stellte sich ein Reiter auf dem Rücken eines Schecken in unseren Weg. Noch rechtzeitig bremste ich ab und galoppierte auf einer gebogenen Linie um ihn. Hatte ich das gerade richtig gesehen? Prüfend ritt ich einen Übergang in den Schritt, als sich dieser Reiter direkt zu mir gesellte und sich auf meiner Rechten anreihte. Das Pferd kaute zufrieden und streckte sich. Freundlich stupste Fruity sie an, aber wurde mit Nichtachtung gestraft.
      „Weißt du, was mich gewundert hat?“, fragte er und sah mich dabei mit einem verschmitzten Lächeln an.
      “Das ich keine Zöpfe bei einer Stehmähne binden kann?”, blickte ich verwundert zu ihm. Wenn ich ihm in die Augen sehen würde, könnte ich mich darin verlieren und das wollte ich auf jeden Fall verhindern!
      „Warte was? Nein! Eigentlich meinte ich, dass ich dich noch immer um den Verstand bringe“, flüsterte Niklas verspritzt. Woher wusste er das? Hatte Erik ihm das gesagt, oder wie sollte ich das verstehen? Ich sah mich um und bemerkte die Blicke der anderen auf dem Platz. Auch am Zaun tuschelten sie über uns. Lina hatte sich bereits aus dem Sand entfernt, denn es wurden immer mehr Reiter, die teilweise sehr grob ihre Pferde vorantrieben.
      „Warum zur Hölle weißt du das?“, zischte ich leise. Niklas lachte.
      „Wenn du mir sagst, was du meinst, dann beantworte ich dir die Frage“, provozierte er munter weiter, ungeachtet der anderen. Misstrauisch beäugte uns Lina, aber schwieg. Sie wirkte nicht verwundert, dass wir ihn hier trafen. Allerdings hoffte ich bis zum Warmreiten, dass es kein klischeebehaftetes Dressurturnier sein wurde, sondern ein schön kleines mit akademischer Ausrichtung.
      „Boah, wenn du dann Ruhe gibst! Ich stehe irgendwie noch auf dich. Okay? Immer wenn ich dich sehe, wird mir anderes. Irgendwie warm ums Herz und ich vermisse, was wir hatten. Also das körperliche meine ich, denn Rest nicht“, antwortete ich genervt. Was redete ich? Erstaunlich gut fühlte ich mich, wo er es nun auch wusste. Das, was mir bei Lina noch verletzte und schwer im Magen lag, erleichterte sich. Allerdings wünschte ich mir, nicht zwischen tausend Menschen ihm davon zu erzählen, sondern irgendwann bei einem wärmenden Feuer, mit viel Glögg in Eriks Armen und lachend, als eine Art ‘weißt du noch damals’. Stattdessen kochte ich in meinem lockeren zweifarbigen Hemd auf dem Pferd. Die Sonne meinte es gut mit dem Wetter, bei wolkenlosem Himmel und Temperaturen über zwanzig Grad.
      „Ich fühle mich geschmeichelt und wenn es nach mir ginge, könnte man es auch wiederholen“, schmunzelte Niklas. Das seltsame Kribbeln kam wieder. Fiel es ihm jetzt schon schwer, niemandem schöne Augen zu machen oder lag das Problem viel mehr bei mir?
      „Aha“, versuchte ich gelangweilt und desinteressiert zu wirken, obwohl ich am liebsten vom Pferd springen wollte, ihm das wunderschöne Jackett vom Leib reißen und was weiß nur Gott zu tun. Angeekelt von dem Gedanken knurrte mein Magen.
      „Jetzt bist du mir eine Antwort schuldig“, fügte ich hinzu und trieb die Stute energischer, um bei Amy Schritt halten zu können.
      „Da reden wir später drüber, schließlich sollst du für die Prüfung gut gelaunt sein. Denk einfach weiter an mich.“ Wie selbstverliebt wollte er eigentlich noch sein? Als müsse ich nur an ihn denken und plötzlich wurde alles rosarot. Dafür schmerzte es zu sehr, dass Niklas mit Lina zusammen war. Ich brauchte jemanden, der normal war.
      “Wo ist Chris?”, fragte ich schlagartig Niklas, der noch immer im Schritt seine Runden drehte.
      “Der müsste noch am Transporter sein, solltest du nicht übersehen”, antwortete er nach einer kleinen Denkpause. Ich bedankte mich noch und trabte zum Ausgang. Harlen stellte sich mir in den Weg.
      “Wo willst du hin? Du bist gleich an der Reihe”, sagte er verärgert und stellte seine Arme übermotiviert in die Hüfte. Durch glückliche Fügung musste ich mein Anliegen nicht formulieren, denn er lief geradewegs auf mich zu. Hektisch winkte ich und er kaum zu mir. Harlen machte den Weg frei, sah aber noch immer nicht begeistert aus.
      „Was machst du denn hier?“, fragte Chris überrascht und strich Fruity über den kräftigen Hals.
      „Reiten, obviously. Ich muss dich etwas fragen, aber nicht hier“, sagte ich. Er stimmte zu und wir ging zum Platz, auf dem ich gleich einreiten würde. Hier saßen noch mehr Leute, die gespannt auf die aktuelle Teilnehmerin blickten. Unter sich hatte sie einen übermotivierten Hengst, der seinen Teil gut machte, sie jedoch sehr unbeholfen wirken ließ.
      „Aber bevor du was sagst, zieh dich bitte ordentlich an“, musterte Chris mich und reichte mir sein viel zu großes Frack. Ich beäugte es kritisch, aber tauschte es schließlich gegen das Dunkelgrüne. Nun trug ich ein Kleid. War ich damit nicht etwas overdressed in einer A Dressur?
      “Ich reite doch gerade nicht im Team, warum soll ich das tragen?”, informierte ich mich.
      “Es ist auch unser Vereinsoberteil, wenn du genauer hinschaust und schließlich bist du auch in Kalmar. Also musst du das tragen. Aber jetzt sag schon, was ist los?“, grinste er.
      „Wenn ich das wüsste“, murmelte ich verschlossen und konnte nicht so richtig in Worte fassen, was mir gerade durch den Kopf ging.
      „Geht es darum, was du über unserem Prinzesschen geschrieben hast?“, lachte Chris. Natürlich wusste er es. Wenn hatte Erik das wohl noch alles gezeigt? Ju vielleicht? Wo war der eigentlich? Nach einigen hektischen Bewegungen auf dem Pferd, entdeckte ich ihn nicht, nur seine Stute, auf der Niklas noch immer Ritt. Wieder lief es mir kalt den Rücken herunter. Das Publikum klatschte verstohlen, gefallen fanden sie an dem Ritt nicht. Hoffentlich würde ich ihnen sympathisch sein.
      „Junger Mann, sie müssen jetzt leider Vriska verlassen“, kam Harlen freundlich dazu und nahm ihm mein Jackett hat. Ich würde als Nächstes vor dem Publikum reiten. Die Anspannung wurde immer größer, schließlich saß ich vor sechs Tagen das erste Mal auf diesem Pferd und bestritt nun eine Kür, wenn auch nur eine Anfängerkür aus dem barocken Bereich. Von Lina bekam ich noch einige nette Worte auf den Weg und ritt im Trab ein.
      „Ett okänt ansikte träder nu in på arenan. Vriska Isaac på Forbidden Fruit LDS, ett sexårigt barockridningssto, för Ridklubben Kalmar. Lycka till! (Ein unbekanntes Gesicht betritt nun Platz. Vriska Isaac auf Forbidden Fruit LDS, eine sechsjährige Barockhäst Stute, für den Ridklubben Kalmar. Viel Erfolg)“, ertönte es aus den Lautsprecherboxen.

      Niklas
      Mit einem mulmigen Bauchgefühl betrachtete ich wie Vriska mit der hübschen Stute einritt, während die vorherige Reiterin hastig vom Pferd sprang eine Standpauke der Familie kassierte. Eine andere junge Dame riss ihr förmlich die Zügel aus der Hand und führte das nervöse Tier von der Menschenmasse weg. Die Sitze der Arena waren gut gefühlt und selbst ich verspürte eine kleine Aufregung. Es war die erste L-Dressur für Amy. Ju meldete sich seit Kanada nur noch spärlich und auf dem Hof bekam niemand ihn zu Gesicht. Umso erstaunlicher war ich, als die Nachricht kam, ob ich Zeit hätte, Amy vorzustellen. Als sein eigentlich bester Freund unterstütze ich ihn dabei, obwohl ich mir unsicher war, was seine Abwesenheit hervorrief. Die gewählte Musik von Vriska passte zu ihrem Auftritt. Südliche Klänge schallten über den Platz und alle Blicke waren auf das Pferd-Reiter-Paar gerichtet. Dabei bemerkte ich auch Lina.
      „Mamma! Du har klarat det (Mama, du hast es geschafft)“, freute ich als meine Mutter auf ihren hohen Schuhen durch den Sand stampfte und ihre Hand auf meinem Oberschenkel ablegte. Erst nach einem herzlichen Kuss erzählte sie von der schrecklichen Fahrt zum Gelände und wie sehr Vater die Idee hasste, dass sie herkam. Widerlicher Kerl!
      „Jag är ledsen att du inte kan delta med din nya ponny (Es tut mir leid, dass du nicht mit deinem neuen Pony teilnehmen kannst)“, sagte sie sanft und strich Amy über den Hals. Zusammen gesellten wir uns zu den anderen, wenn auch mit Abstand. Der heutige Tag war eine einzige Belastung. In meinem Kopf klang vor gut zwei Wochen unsere Abmachung noch nach einer vielversprechenden Idee, aber nach dem ich alles las, was Vriska belastete und sie für den Bastard empfand, konnte ich das nicht mehr. Mein Rücken schmerzte. Der Kopf fühlte sich an, als hätte ein Schwarm Wespen in ihm ein neues Zuhause gefunden und alle drei Sekunden flog eine Drohne gegen meine innere Schädelwand. Ich wich den Blicken aller aus. Ich hätte das nicht tun sollen. Denn Stress programmierte sich bei einem solchen Vertrauensbruch vor. Und dann war doch noch Lina, der ich auch nicht vor den Augen treten vermag. Wir sahen einander kaum, was verschiedene Gründe hatte.
      „Vad är det som händer med dig, Niki? (Was ist los mit dir, Niki?)“, bemerkte Mama meine Abwesenheit.
      „Äh … Jag är ett rövhål (Ähm … ich bin ein Arschloch)”, murmelte ich ihr zu.
      “Åh, älskling. Det får du från din far (Ach Liebling, das hast du von deinem Vater)”, lachte sie aufmunternd.
      “Men pappa älskar dig, eller hur? (Aber Papa liebt dich doch?)”, fragte ich irritiert. Ihr Lachen verstummte.
      “Niki, du är inte fyra år. Vid det här laget borde du veta att det är svårt med din pappa, men vi står alltid bakom varandra när något är fel (Niki, du bist keine vier Jahre mehr alt und solltest selbst wissen, dass mit deinem Vater schwierig ist. Aber wenn was ist, sind wir füreinander da)”, sprach sie ruhig weiter und legte die Hand wieder auf mein Bein. Mama war eine liebevolle Frau, wenn auch mit alten Idealen. Sie lernten sich damals in der Schule kennen mit sechzehn oder siebzehn Jahren. Keinen Tag getrennt, auch wenn Mama kurz davor war Vater zu verlassen, als sie von Eriks Existenz erfuhr. So ergab es im Nachhinein Sinn, durch seine seltsame Masche hielt er sie zu Hause, obwohl ich mir nichts anderes wünschte, als mit ihr ein schönes Haus zu suchen und aus den Familiengeschäften fernzubleiben.
      “Älskling? Var är din flickvän? (Schätzchen? Wo ist deine Freundin?)”, wechselte Mama schnell das Thema, nach dem durch meinen naiven Gedanken keine Antwort folgte. Mit meinem Kopf nickte in Linas Richtung, die immer wieder ein Blick zu uns warf, aber Vriskas Kür folgte. Wie viel sie von unserem Gespräch auf dem Abreiteplatz mitbekam, wusste ich auch nicht, aber wollte ich auch nicht. Ich hatte meine Triebe nicht im Griff in Vriskas Anwesenheit. Ihre Aura zog mich an, wie Motten vom Licht. Eine Motte, die genau wusste, dass sie sich verbrennen würde und elendige Schmerzen an dem heißen Leuchtstoffmittel erleidet. Sie vergaß es, nur um sich dem Verlangen hinzugeben. So verbrannte auch ich mich jedes Mal aufs Neue, um den Kick zu spüren und am Ende das Häufchen Elend zu sein, dass Mama aufmunterte.
      Ich schwang mich vom Rücken der Stute und lockerte den Sperrriemen des Gebisses um weitere Löcher. Mama nahm mir die Zügel aus der Hand und führte Amy. Sie lächelte. Zu Hause lächelte sie selten, versteckte sich hinter eine Maske aus Gleichgültigkeit und Achtung vor Vater. Beim Essen wird geschwiegen. Der Idiot geisterte immer in meinem Kopf herum, sobald ich Mama sah, vor allem wenn sie mit mir Zeit verbrachte und so viel anderes war, als er. Wenn sie einander nicht mehr liebten, wieso verließ sie ihn nicht? Jeder würde eine tolle Frau sie haben wollen, da war ich mir sicher!
      “Lina, det här är min mamma (Lina, das ist meine Mama)”, tippte ich meinen Zwerg mit einem Grinsen auf dem Gesicht auf der Schulter an.
      “Trevligt att träffa dig. Jag heter Onta (Schön dich kennenzulernen. Ich heiße Onta)”, stellte sich Mama höflich vor und sah herunter zu ihr.
      “Die Freude ist ganz meinerseits. Ich bin Lina”, erwiderte sie aufrichtig und reichte meiner Mutter höflich die Hand. Gerade als ein äußerst offenes Gespräch, zwischen den beiden entstand, übertönte die tobende Masse jedes sonst verständliche Wort. Unsere Augen richteten sich zu Vriska, die im Schritt am langen Zügel vom Platz ritt. Von einem zum anderen Ohr strahlte sie, wenn auch hochrot und vollends außer Atem. Sie warf das Jackett sich, lobte das Pferd und fasste kein klares Wort. Seit unseren gemeinsamen Abenteuern hatte ich sie nicht mehr so glücklich gesehen. Auch auf meinen Lippen bildete sich ein freundliches Lächeln.
      “Vem är den lilla? (Wer ist die Kleine?)”, flüsterte Mama, jedoch so laut, dass Chris es hörte, der sich mittlerweile dazu gestellt hatte. Etwas fernab vom geschehen standen wir und die Stute graste.
      “Sie ist jetzt eindeutig eine Targaryen! Schließlich verwandelte sich ihr Bruder nun endlich in Viserys. Hoffentlich trägt sie nicht auch noch das Drogo Kind in sich”, lachte Chris und sah mich dabei an.
      “Ich schlafe nicht mit meinem Bruder!”, echauffierte sich Vriska verständlicherweise.
      “Wovon sprecht ihr bitte?”, wunderte sich Mama, aber lachte ebenfalls.
      “Unwichtig”, murmelte ich und drehte mit den Augen.
      “Chris, kann es sein, dass du ein wenig zu viel Zeit vor dem Fernseher verbracht hast? Siehst du gleich auch noch ein paar Drachen herumflattern?”, scherzte Lina.
      “Erst mal brauchen wir drei hübsche Eier, zwei hätte ich schon”, bot er an mit nach oben gezogenen Brauen.
      “Chrisantos, ich verbitte mir solch unsittliche Witze”, ermahnte ihn Mama direkt. Jegliche Kommentare unter der Gürtellinie widerte sie an.

      Vriska
      Stolz strich ich Fruity immer wieder über den Hals und versuchte besten Gewissens mich daran zu erinnern, was in der Prüfung passierte. Wir schwebten über den Sand und nach dem Gruß zum Start der Prüfung schalteten sich alle Gedanken. Mein Blick nach vorn gerichtet und es verstummte um mich herum. Alles, was ich noch vernahm, waren die sanften Klänge der lebhaften und sehr feurigen Musik. Bei jeder Transition von tiefen Tönen zu hellen wechselte auch die Gangart oder auch die gezeigte Bahnfigur. Ihre Hufe, die sicher vom Boden emporhoben und sich legte, bestimmten den Takt meines Herzschlages. Wir wuchsen zusammen, nur uns beide gab es noch. Die Umwelt komplett ausgeblendet, folgte ich dem Ablauf der Kür, die wir mit einem Schulhalt beendeten. Es stand nicht im Kürbogen, aber vollendete für mich das, was wir bisher geleistet hatten. Tatsächlich erklärte der Sprecher beim Ausreiten, was ein Schulhalt sei und die Menge tobte. Ich sog die Aufmerksamkeit, wie ein Schwamm das Wasser, in mich hinein und ein Gefühlsausbruch aus Endorphinen übermannte mich, als ich im Schritt auf meinen persönlichen Fanclub zu Ritt. Dass Niklas ebenfalls dabei war, ließ mich kalt und traf mich erst, nachdem Chris unangebrachte Witze machte und es nicht für nötig hielt, meine positive Verstimmung zu akzeptieren.
      „Vivi? Wo ist denn die Schüssel?“, rief mir Harlen beim Wühlen in der Seitentür zu. Ich hatte ihn damit beauftragt das Futter für die Stute zubereiten. Augenscheinlich packte ich den Hänger nicht so gut, wie erhofft, denn auch meine Suchaktion scheiterte. Aus den Grashalmen sammelte Fruity die Müsli-Mischung und Obst auf. Ich beobachtete jeden Bissen und saß mit meiner weißen Reithose im Dreck. Harlen kam dazu.
      „Was bist du denn wieder so betrübt? Dein Ritt war klasse, alle waren begeistert!“, versuchte er mich aufzumuntern.
      „Stimmt schon“, murmelte ich abwesend. Das sanfte Knirschen bei den Kaubewegungen des Kiefers beruhigten mich ungemein. Dabei zupfte ich ebenfalls am Gras, wickelte die Halme um einen Finger, um sie dann voller Wut herauszuziehen.
      „Ist es der Tyri verschnitt, der dir Sorgen bereitet?“, erkannte Harlen meine Schwäche.
      „Kann man so sagen“, entschied ich die Wahrheit zu sagen.
      „Geht es um den Vorfall, der am Feuer angedeutet wurde und unserem Gespräch, dass du dich wegen etwas nicht schlecht fühlst, obwohl es die Gesellschaft so vorschreibt?“ hinterfragte mein Bruder kritische und musterte mich. Ich fühlte mich wie auf einem Präsentierteller, was mir vorhin noch gefiel aber nun eine zusätzliche Last auf meinen Schultern wurde.
      „Wir haben mehrfach miteinander geschlafen, einfach, weil es gepasst hat. Aber wir kommen sonst nicht gut klar, er nervt mich durch seine Art. Das kann ich nicht. Sobald er mit den Geldscheinen wedelt, sind alle direkt bei ihm und bewundern ihn“, schnaubte ich.
      „Vater hat genug dafür gesorgt, dass dir so was egal ist. Aber sag mal, wenn du ihn nicht magst, dann ist er auch nicht dein nicht Freund, der keine Antwort dalässt?“ Harlen legte dabei seine Hand auf meine linke Schulter und seinen Kopf auf die andere. Sanft strich ich ihm durchs trockene Haar. Als hätte Niklas Fledermausohren, stand er neben dem Hänger. Allein. Von unten nach oben sah ich auf. Mein Bruder hatte gar nicht so unrecht mit dem Tyri verschnitt. Rein von den äußerlichen Aspekten sahen sie sich ziemlich ähnlich. Weiße Turnschuhe, enge Hose, lockeres Shirt, Tattoos, kräftig gebaut und dazu ein markantes Gesicht mit einem gepflegten Bart. Nicht zu vergessen, die Wortgewandtheit. Es fehlte nur das Snap Back. Tatsächlich trug Niklas ausnahmsweise etwas auf dem Kopf – Das Cap vom Nationalteam. Als würde sein reines Auftreten nicht für genug Aufmerksamkeit sorgen, schrie nun auch noch das Logo nach ‘Sieh her, wie toll ich bin. Ich reite für das Nationalteam und sehe traumhaft aus.‘ Ekelhaft.
      „Ich bin dir noch eine Antwort schuldig“, sagte er freundlich und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Doch, ich stand ohne seine Hilfe aus dem Gras auf und folgte ihm einige Meter auf dem Weg, bis er stehenblieb und sich bedenklich umsah.
      „Vorher muss ich noch etwas wissen“, formulierte Niklas sein nächstes Anliegen, als sei das alles eine Quizshow.
      „Wie viel denn noch, bis du mir die Frage beantwortest?“, fragte ich genervt und wollte wieder zurück zu Harlen. Ich fiel vom Regen in Traufe. Augenscheinlich ritt ich eine fabelhafte Kür mit allen Elementen, die man für eine gute Geschichte brauchte mit einem fesselnden Spannungsbogen. Die Anerkennung dafür schenkte mir jedoch niemand, stattdessen fühlte sich meine Euphorie wie Selbstüberschätzung, nicht entsprechend meiner Leistung. Als hätte ich die Erwartung der anderen enttäuscht, aber mich im Glauben gelassen, ein verstecktes Talent zu besitzen, dass meinen eigenen Rahmen sprengt. Mich aus der Festung der Einsamkeit entließe und neue Welten eröffnete, um weiter leben zu können. Der Schein trog.
      „Warum sagtest du es mir nicht früher? Es gab so viele Möglichkeiten“, entriss mich Niklas aus meinem Labyrinth der ewigen Trauer. Sein Blick wandte sich von mir und er fummelte an einem losen Ende seines Shirts herum, wischte damit ständig an seiner Hose herum. Kurz schloss ich meine Augen, um der schwingenden Bewegung nicht mehr zu folgen und eine Antwort zu verfassen.
      “Weil mein Hirn es als unvernünftig hält, mit dir weiter Zeit zu verschwenden. Aber dein gnädiger Bruder scheint auch ziemlich viel von eurem Vater zu haben”, schnaubte ich unerwartet. Das wollte ich gar nicht sagen! In meinem Kopf suchte ich noch immer einen Ausweg, um auf den rechten Pfad zurückzukommen. Neben dem ungestillten Verlangen, dass ich in seiner Nähe verspürte, gesellte sich die Angst dazu, ihn zu verlieren. Zu verlieren, was Niklas in mir auslöste und den letzten Funken an Freude endgültig zu verbannen. Mein Pfeil aus unbarmherzigen Worten traf ihn ins Herz. Er biss sich verlegen auf der Unterlippe herum und ballte die Faust, die zuvor noch am Shirt sich festhielt.
      „Ach, wenn das so ist. Erik und ich haben einen Deal. Ich sollte die Nachrichten abfangen, die du ihm schreibst und entscheiden, ob du ihm überhaupt würdig bist. Aber offenbar bist du auch nichts weiter als irgendjemand, der mir eins auswischen will und dafür meinen Bruder benutzen möchte. Er hat es auch nicht leicht, okay? Die Welt dreht sich nicht nur um dich. Diverse Leute fühlen sich belästigt von dir und allem woran du denkst, bist du. Nur du, du und du. Such dir wen anderes, der das erträgt. Wir sind zu gut dafür“, brüllte Niklas mich erkaltet an. Seine glasigen Augen reflektierten das Sonnenlicht wie die Wasseroberfläche eines tiefen Sees. Stumm sah ich zu ihm und hoffte die passenden Worte zu finden, die es nicht gab. Nichts konnte entschuldigen, was ich sagte. Die Leere breitete sich aus und schubste die letzte Hoffnung hinaus nicht nur Niklas als einen Freund in meinem Leben zu haben, sondern auch Erik jemals wiederzusehen. Schnaufend und kopfschüttelnd stieß er mich zur Seite, um wieder zu den anderen zu laufen. Vom Frust zerfressen rief ich ihm noch nach: “Immerhin habe ich Hintergrund im Gegensatz zu Lina.“ Es stoppte ihn. Er überlegte und kam wieder auf mich zu. Drohend fuchtelte Niklas mit seinem Finger vor meinem Gesicht.
      „Hintergrund also? Du meinst eine Firma, die gerade einen großen Skandal in den Medien ausgelöst hat, durch die falsche Beladung eines Schiffes wobei mehrere Tonnen Chemikalien in den Fluss gelangten? Die Firma, die gerade im wahrsten Sinne des Wortes den Bach heruntergeht? Die Firma zu der mein Vater alle Geschäftsbeziehungen gekündigt hat? Lustig. Ich schätze, dein ach so toller Hintergrund bringt dir nun auch nichts mehr“, fluchte er. Das Bedrohliche an ihm ließ mich schwach werden und vollkommen unüberlegt, umklammerte ich mich mit meinen Armen seinen Hals. Niklas stoppte in seinem Ingrimm. Für einen Wimpernschlag überlegte er, aber legte schließlich entschlossen seine Hände fest an meine Hüfte und drückte mich an sich heran, bereit dafür, überrascht zu werden. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf deinen Lippen aus. Die Welt stand für mehrere Sekunden still, als ich mich in seinen Augen verlor. Sie strahlten in allen Farben des Himmels und die rasende Wut verflog in der Winde.
      „Genau der Hintergrund und jetzt, tu, was du nicht lassen kannst“, flüsterte ich sanft in sein Ohr und küsste dabei langsam den Hals. Ich spürte einen leichten Druck im Bauchbereich und in meine Nase stieg ein Duft von Aftershave, Pferd und Schweiß. Noch bevor es mir gelang, seine Nähe mit allen Sinnen wahrzunehmen, packte mich etwas am Kragen meines Shirts.
      „Tut mir leid, dass ich euch unterbrechen muss, aber ich brauche die hier“, sagte Harlen übertrieben freundlich und schliff mich zum Hänger. Ich wehrte mich stark gegen den Überfall, aber er ließ mich nicht los. Sichtlich enttäuscht sah Niklas uns nach. Auf meinen Lippen formte sich ‚Hilf mir‘, was er mit einem Kopfschütteln verneinte. Stattdessen grinste er breit und richtete sich unten herum neu ein, bevor er noch einmal provokant winkte und sich umdrehte. Meine Sehnsucht mich ihm hinzugeben wuchs wie ein Geschwür in Windeseile und löste dabei unerträgliche Schmerzen aus. Während das Hirn noch einen klaren Gedanken fassen wollte, legten sich die Arme schützend um meinen Unterleib. Harlen drückte mich unliebsam auf den Campingstuhl vor dem Zelt und verschränkte die Arme. Unsere Blicke trafen sich und ich hoffte ihm ein nachsichtiges Lächeln zu entlocken, was jedoch dafür sorgte mit Missachtung gestraft zu werden.
      „Was stimmt mit dir nicht?“, schaltete ich den Verteidigungsmodus ein.
      „Die Frage sollte ich dir stellen. Ich lass dich nicht mehr aus den Augen, ernsthaft. Du bist doch irre“, schimpfte Harlen ziemlich aufgebracht. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was hatte er damit zu, was Niklas und ich trieben, oder auch nicht. Nichts mehr wünschte ich mir, als die Unterstützung seinerseits.
      „Nachname?“, fragte er im nächsten Augenblick.
      „Was?“, wunderte ich mich.
      „Wie heißt Hulk mit Nachnamen?“, wiederholte er sein Anliegen.
      „Ähm … Olofsson, wieso ist das wichtig?“, versuchte ich dem auf den Grund zu gehen.
      „Wenn du schon so sehr nötig hast, dein Verlangen nach ihm zu stillen, nutze es für etwas Sinnvolles“, lächelte er nun. Ich irre also … dass ich nicht lachte.
      “Also beabsichtigst du mich für etwas auszunutzen, um was genau zu wollen?”, zupfte ich nervös an dem Stuhl herum. Er schien das auch noch nicht so genau geplant zu haben. Wenn Harlen nachdachte und wirklich eine Lösung suchte, folgte er einer speziellen Abfolge von Schritten. Zunächst im Kreis, dann einige Tritte zurück, Richtungswechsel und auf der anderen Erneut. Zwischendurch kniete er sich hin und kratzte sich dabei immer wieder an der rechten Schläfe. Für andere wirkte es willkürlich, was er tat, dich dafür kannte ich meinen Bruder zu Gut.
      “Wie auch immer du es anstellst, sorge dafür das Vidar die geschäftliche Beziehung fortsetzt. Keiner unserer Kunden nimmt solch hohe Mengen ab”, sagte Harlen schließlich und nahm endlich Platz auf dem Stuhl mir gegenüber.
      “Aus welchem Grund sollte ich das tun?”, runzelte ich die Stirn. Mir fiel kein triftiger Grund diese Umweltverschmutzung zu unterstützen. Es widerte mich an und entsprach nicht dem, was ich mir wünschte der Welt zu hinterlassen.
      “Entweder, weil ich dein Bruder bin und eventuell im Gefängnis lande oder weil du nicht möchtest, dass ich Lina von euch beiden erzähle”, grinste Harlen. In seinen Augen funkelte das Böse, dass er keinesfalls von unserer Mutter hatte. Je tiefer ich hineinsah, umso beängstigender wurde die Vorstellung, dass er sich gegen mich auflehnte und mir den Gnadenschuss gab.
      “Und wenn ich es nicht schaffe?”, stimmte ich indirekt zu ihm dieses einzige Mal behilflich zu sein.
      “Dann hast du es versucht, aber bitte. Versuche es”, mahnte er bedrohlich. Ich nickte nur und wendete ich mich von seiner Finsternis ab. Es sollte ein entspanntes Turnier werden mit einer normalen Prüfung und eine daraus folgende Heimfahrt.
      „Warum machst du das mit mir?“, fragte ich weinerlich. Der Schmerz noch einen Teil meiner Familie zu verlieren, jagte mir eine infernalische Angst ein. Den Teil der Familie, der immer bei mir war in schweren Zeiten und nur sich an meiner Seite befand, weil ich danach fragte, auch diesen Abschnitt zu überstehen. Das imaginäre Geschwür in meinem Magen fühlte sich nunmehr nach einem Medizinball an, der mich zu Boden drückte und mich engte. Panisch schnappte ich nach Luft wie ein Fisch am Land.
      “Vivi, höre mir nun ganz genau zu. Bis vier atmest du ein, für sieben hältst du die Luft an und zusammen atmen wir wieder aus. Also eins … zwei … drei … vier”, kam Harlen zu mir und hielt mich an den Händen fest. Mit geschlossenen Augen folgte ich seinen ruhigen Worten, hörte genau hin und konzentrierte mich nur auf ihn. Einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund mit der Zunge an den Schneidezähnen. Bereits nach der vierten Wiederholung verspürte ich eine Besserung, körperlich und geistig. Der brennende Schmerz in meiner Lunge kühlte ab und die Übelkeit verschwand.
      “Also Vivi, ich tue das wirklich ungern, aber ich muss jetzt auch mal meinen Arsch retten. Hilf mir, bitte”, ersuchte er mich. Den Gefallen meinem Bruder ausschlagen zu wollen, kam mir unangebracht vor. Was würde das schon groß werden? Ich muss ein scheußliches Gespräch mit jemanden führen, den ich vom Hörensagen ziemlich unsympathisch fand und eventuell etwas essen, was überhaupt nicht meiner Vorstellung entsprach. Dieses eine Mal musste ich mich überwinden, um das Richtige zu tun. Um Harlens Willen, nicht wegen der Firma.
      “Okay, ich mache es. Aber du lässt mich jetzt einige Stunden im Zelt allein”, wuschelte ich ihm etwas positiver gestimmt durchs Haar.

      Lina
      Das Gesehen um mich herum nahm ich kaum wahr, lauschte nur mit halbem Ohr den Gesprächen. Je länger ich hier war, umso unwohler fühlte ich mich. Orte mit vielen Leuten mied ich ohnehin schon. Ganz besonders die, an denen ich mich nicht auskannte. Ich hasste es, nicht die nötige Distanz zu den Menschen wahren zu können, fühlte mich eingeengt und befangen. Wenn ich dann doch einmal an einen solchen Ort musste, weil Turniere und Zuchtschauen nun mal unvermeidbar sind, wenn man mit Pferden arbeitet, dachte ich an Zuhause. Nach den paar Stunden oder Tagen würde ich zurück sein, dort wo alles wieder seinen gewohnten Weg laufen würde. Dieser Gedanke hatte mich das alles immer irgendwie durchstehen lassen. Zwar gab es auch hier einen Ort, an den wir morgen zurückkehren würden, aber als Zuhause würde ich das LDS noch nicht bezeichnen. Es war schön, keine Frage, aber wie ein Zuhause fühlte es sich bisher nicht an. Im Gegensatz zu meiner Schwester, die sich grundsätzlich überall zugehörig fühlte, verspürte ich meist das Gegenteil. Überall hier in Schweden fühlte ich mich fremd. Ich brauchte nicht einmal den Kopf zu drehen, um einen Reminder dafür zu finden, wo ich war. Menschen, die eine andere Sprache sprachen, blau gelbe Flaggen, die träge im Wind flatterten, ein Hinweisschild, ja sogar die verfluchten Wälder. Das, was in den Bergen Kanadas überwiegend Tannenwälder waren, waren hier wie für die skandinavischen Küsten üblich Kiefernwälder, durchsetzt mit Fichten und Birken, die hell zwischen den anderen Bäumen hervortraten.
      Die Geräusche um mich herum verschwammen miteinander, schwollen an zu einem immer lauter werdenden Rauschen. Ich brauchte jetzt dringend einen Moment für mich, ohne tausend Menschen um mich herum.
      "Tulen pian takaisin (Bin gleich wieder da)", murmelte ich meiner Schwester zu, bevor ich mich von den anderen entfernte. Mit einem nicken nahm sie es zur Kenntnis, löste sich aber nicht aus der fachlichen Debatte über den Stil des Reiters, der gerade mit seinem Palomino über den Reitplatz pflügte. Mühsam schlängelte ich mich durch die Massen. Achtete nicht auf die Leute um mich herum, hoffte nur eine ruhige Ecke zu finden. Doch die Leute schienen einfach überall zu sein. Allerorts wuselten Leute hin und her, führten Pferde zurück zu dem Hänger, ritten zum Abreiteplatz. Die Frequenz meiner Schritte nährte sich immer mehr der meines Herzschlages an, bis ich endlich ganz am Rande des Geländes ein einsames Plätzchen fand. Am Füße einer schlanken Birke ließ ich mich in, dass trockene Grad sinken. Der raue Stamm in meinem Rücken bot mir einen gewissen Schutz vor Blicken, falls sich doch jemand hier her verirren sollte.
      Ich schloss die Augen in der Hoffnung die Welt, um mich herum für eine Sekunde zu vergessen. Was hätte ich mir hier nur zugemutet? Mit der Entscheidung nach Schweden zu gehen hatte sich mein gesamtes Leben von einem Tag auf den anderen komplett geändert. Ein neues Land, eine neue Arbeit, neue Leute um mich herum und meine Freunde tausende Kilometer weit weg. Ich war ohnehin schon niemand, der sich schnell an neue Situationen gewöhnte, aber hier fühlte es sich schwerer an, denn je. Der Ort an dem ich die letzten 3 Jahre verbracht hatte, mein Pferd, meine Freunde … All das war nun meilenweit weg. Hier fehlte mir etwas, was mir Orientierung bot, jemand, der mir half mir in dieser Neuen Welt zurechtzufinden. Für Vriska schien ich nur lästiges Beiwerk zu sein, schon in Kanada hatte sie begonnen mich zu meiden und hier in Schweden hatte sich nicht viel daran geändert. Jedes Mal, wenn ich ein Gespräch mit ihr anzufangen versuchte war es nur oberflächlich und endete meist in einem unangenehmen Schweigen. Und Niklas … Nik bekam ich kaum zu Gesicht. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen. Nein, nicht jetzt, nicht hier in der Öffentlichkeit. Krampfhaft versuchte ich den trüben Schleier vor meinen Augen wegzublinzeln, versuchte durchzuatmen, vergeblich. Immer mehr von der salzigen Flüssigkeit staute sich an meinen Augenrändern an, bis sich ein Tropfen von den anderen löste. Auf seinem Weg über meine Wange hinterließ er eine kühle, feuchte Spur.
      Man könnte jetzt sagen: Aber Lina, du hast doch deine Schwester? Ja, hatte ich, aber Juli ist hier genauso fremd wie ich, auch wenn es nicht den Anschien hatte. Ich bewunderte sie für diese Eigenschaft. Wie ein Chamäleon passte sie sich innerhalb von Sekunden an, passte perfekt ins Bild, verlor dabei niemals ihr positives Wesen. Oft wünschte ich mir, ich könne nur ein wenig mehr wie sie sein, adaptiver, beständiger, unbeschwerter. Ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, kullerten weitere Tränen über meine Wangen und tränkten den Stoff meines Shirts.
      Auf einmal spürte ich etwas Pelziges an meinem Nacken. Eine feuchte Schnauze schnüffelte mir besorgt durch das Gesicht, bevor sie ein riesiger Hundeschädel anschmiegte. Weich spürte ich sein drahtiges Fell an meiner Wange, aus dem ein sanfter Duft nach Kiwi strömte. Normalerweise hätte ich mich wohl drüber gewundert, doch ich war zu überrascht vom Erscheinen des Tieres. Sanft strich ich dem Ungetüm über die Ohren, woraufhin es sich freundlich brummend noch ein wenig fester an mich drückte. Mit der Gegenwart des Hundes wurde mein Herzschlag ruhiger, mein Körper entspannte sich zunehmend und der Tränenfluss versiegte.
      “Wer bist du denn?”, fragte ich den Hund, der mittlerweile neben mir saß, schniefend strich im weiterhin über das graue Fell. Anstatt mir eine Antwort zu geben, sah der Graue mich weiterhin mit seinen freundlich braunen Augen an, als wolle er sagen: “Du brauchst nicht länger traurig sein, ich bin ja jetzt da.” Ein schwaches Lächeln schlich sich auf meine Lippen, das Herz dieses Hundes war wohl mindestens genauso riesig wie seine äußere Erscheinung. Ich nahm das Tier näher in Augenschein. Auch jetzt, wo er neben mir saß, würde er ein kleines Pony mit seiner Größe noch knapp überragen. Zottelig lag das graue Fell am Körper des schlanken Hundes. Irgendwie kam mir der Deerhound bekannt vor … Das letzte Mal begegnete ich einem solchen Hund in Kanada, doch eigentlich war es unmöglich, dass das hier derselbe Hund war, es sei denn … irritiert blinzele ich ein paar Mal und sah erneut hin. Doch, ich war mir sicher, dieser Hund da war Trymr, der Hund von dem Kerl, der bei Vriska Verhaltensweisen hervorrief, die man von ihr nicht kannte. Gleichzeitig war das Herrchen dieses Hundes, aber auch einer der Gründe, die Vriska einiges an Kummer zu bescheren schienen, seit wir wieder in Schweden angekommen waren. Ob sie die scheinbare Anwesenheit ihres langersehnten Herzblattes schon mitbekommen hatte? Na ja, egal, es ging mich nichts an, was zwischen den beiden lief oder vielleicht auch nicht lief. Auffordernd legte der Hund mir eine seiner schlanken Pfoten auf das Bein und beharrte darauf weiter gekrault zu werden.
      “Ich soll also weitermachen?”, lächelte ich und setzte es fort den Hund zu streichen. Es dauerte keine 30 Sekunden, da legte er sich neben mir ab und rollte auf die Seite, damit ich ihm auch den Bauch kraulte. So niedlich wie das riesige Tier dabei aussah, konnte man ihm diese Forderung unmöglich ausschlagen.
      “Genug jetzt Großer, du wirst doch sicherlich schon vermisst. Wo hast du denn dein Herrchen gelassen?”, beendete ich die Schmuseeinheiten und wand den Kopf, um zu sehen, ob Erik irgendwo in der Umgebung zu sehen war. Mürrisch brummte das Ungetüm, erhob sich ziemlich ungeschickt, schüttelte den losen Dreck aus dem rauen Fell. In einer gleichmäßigen pendelnden Bewegung begann sein Schwanz sich zu rühren und zielgerichtete Schritte kam auf mich zu. Ohne den Blick nach oben richten zu müssen, erkannt ich sofort, dass meine Erinnerung an den Hund mich nicht trübte. Langsam kniete er sich hinunter, setzte ein kleines Kind zu Boden, lächelte freundlich. Sie tapste unwillkürlich in meine Richtung, stolperte, stand wieder auf und klammerte sich fest an meine Schulter. Unverständlich stammelte sie etwas auf Schwedisch und plumpste zu Boden. Herzlich lachte sie.
      “Wie ich sehe hat alle funktioniert, willkommen in Schweden. Was sitzt du denn hier so allein?”, wendete Erik sich nun mir zu und reichte höflich seine Hand zur Begrüßung.
      “Ja danke, es hat alles einwandfrei funktioniert. Ich wollte mich auch noch einmal bei dir bedanken, dass du das so schnell in die Wege leiten konntest”, begrüßte ich ihn freundlich, bevor ich auf seine Frage einging. “ Sagen wir mal so: Große Menschenansammlungen sind nicht so mein Ding und dann noch die ganzen neuen Eindrücke hier. Da brauchte ich einfach mal eine kurze Pause von dem ganzen Trubel. Wer ist denn die junge Dame hier, die du mitgebracht hast?” Interessiert erforschte das kleine Mädchen meine Haare, die in einem geflochtenen Zopf über die Schulter fielen.
      “Vad heter du? (Wie heißt du?)”, lehnte er sich zu seiner Tochter, die mich nun mit ihren großen blauen Augen anstarrte und verlegen lachte. “Fredna”, stammelte sie und begann den Gummi aus den Haaren zu fummeln.
      “Hej Fredna, jag heter Lina”, stellte ich mich der kleinen vor, die mich für einen Moment anblickte und sich dann weiter mit dem Haargummi beschäftigte. “Echt niedlich, deine Kleine”, wand ich mich lächelnd wieder an Erik.
      “Danke, aber das war auch nicht viel Aufwand”, scherzte er. Dann übernahm Fredna wieder das Gespräch. Unverständlich stammelte sie einzelne Worte vor sich hin, taumelte zu Trymr, der sich ruhig vor meine gelegt hatte, mit meinem Haargummi in der kleinen Hand. Der Hund erhob seinen Kopf, als sie näherkam, sein Halsband griff und auf seinen Rücken krabbelte. Einzelne Strähnen des Hundes im Gesicht formte sie zu einer Palme und befestigte den Haargummi daran. Wehleidig sah er zu mir hoch, aber regte sich nicht. Fredna lachte wieder und klammerte sich fest an ihm.
      “Är det din tjej? (Ist das deine Freundin?)”, verstand ich nun die Frage, die sie immer wieder stellte, klarer.
      “Lina är en vän, inte min tjej (Lina ist eine Freundin, nicht meine Freundin)”, korrigierte Erik sie und half seinem Hund aus der Klemme. Fredna gefiel das gar nicht, begann zu zetern und Prost einzulegen. Anstelle sich durchzusetzen, ließ er seine Hände von ihr und strich seinem Gefährten über den Kopf. Glücklich über den Erfolg lachte sie wieder.
      “Hon ser ut som en prinsessa (Sie sieht aus wie eine Prinzessin)”, funkelten ihre Augen. Unbeholfen sah ich mich um, schwer mit ihren Worten umzugehen, ihre Intention zu verstehen. Erik erkannte es und machte einen Vorschlag.
      “Fredna, ska vi gå till ponnyerna? (Fredna, wollen wir zu den Ponys gehen?)”, wild sprang sie vom Hund, hüpfte in die Luft und landete auf den Knien. Grasflecken bildeten sich auf der hellen Strumpfhose und sie taumelte wieder zu mir, als wolle sie getragen werden – aber nicht von Papa. Er wollte sie von mir nehmen, als der Protest wieder begann.
      “Weißt du, wo Vriska ist?”, sah Erik sich um.
      “Also meiner letzten Information nach müsste sie noch bei Fruity sein, wenn sie sich dort nicht wegbewegt hat. Ich kann dich gerne hinbringen”, antworte ich ihm nach kurzem Überlegen.
      “Das wäre super, danke”, Erleichterung breitete sich in seinem Gesicht aus, das tiefe Augenringe verzeichnete. Fredna schien schon einige Nächte an seiner Seite zu sein, was nicht viel Schlaf mit sich brachte, jedes Mal, wenn er etwas von ihr verlangte, begann sie sich zu widersetzen, ohne, dass er etwas machen konnte. Es war spürbar, dass Erik sich noch schwertat in seiner neuen Rolle. Wenn ich mir dann noch vorstellte, dass er weiterhin arbeitete, eine echte Herausforderung. Überzeugt heftete Fredna sich an meine Seite, während Trymr vorwärts trabte, um ihr zu entkommen.
      Niklas
      Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, wissend entgegen meiner Prinzipien gehandelt zu haben, spazierte ich zur VIP-Lounge, in der Mama und Chris auf mich warteten, entlang der kargen Buchsbäume, zerfressen von den Raupen des Buchsbaumzünslers, der in den warmen Monaten nun auch seinen Weg von Mitteleuropa zu uns fand. Aus allen Richtungen strömten Menschenmassen entlang der schmalen, sandigen Trampelpfade, drängten sich wild über das Gelände, ungeachtet der Natur. Es war eine Qual mich zwischen all der Buntheit und Diversität zurechtzufinden, von neugierigen, lüsternen Blicken verfolgt, Gottes gleich bewundert zu werden und schließlich die riesige Eingangstür zu betreten, die nicht nur durch spezielle Lesegeräte gesichert war, sondern noch bewacht von mehreren Sicherheitsleuten. In leuchtenden Lettern schimmerte “VIP” über der Milch-glasigen Doppeltür, das hellblaue Licht der Neonröhren spiegelte sich auf den Kacheln am Boden. Aus dem Inneren ertönte Jubel in allen Formen, Klatschen, Trommeln und fröhliches Pfeifen ermutigte mich wieder in meine Welt einzutauchen.
      „Mitt barn! (Mein Kind)“, sichtlich erleichtert, schloss Mama mich in ihre Arme und drückte sich liebevoll an mich, ließ von mir und ihr Blick schweifte von oben nach unten, mehrmals.
      „Det är något fel på honom, tycker du inte det? (Etwas stimmt mit ihm nicht, denkst du nicht auch?)“, richtete sie sich an Chris, von dessen Gesicht das breite, herzliche Lächeln schwand, als wüsste er, dass ich sein Versprechen nicht einhalten konnte. Er bat mich endlich mit Vriska abzuschließen, sie in den tiefen Abgrund der Verdammten zu stoßen, und Erik den Weg freizugeben, aus berechtigten Gründen. Ich versagte auf ganzer Linie. Wie umhüllt von einer lodernden Flamme der Leidenschaft, gab ich mich meinem Verlangen nach, für wenige Sekunden. Die beißenden, vorgeworfenen Blicke der beiden versetzten mich in eine Schockstarre, der Schmerz sie, meine Freundin, die Person der ich nahestand und nur das Beste wollte, vergaß und außer Acht ließ, versetzte mir einen Messerhieb in die Magenregion. Es war mir Ernst mit ihr, wirklich ernst, denn nie zuvor spürte ich derartiges Gefühl. Konnte es möglich sein, dass ich etwas fühlte, das fernab von Befriedigung lag? Etwas, das ich sonst nur aus Erzählungen kannte oder aus Liedern, die im Radio fröhlich trällerten, bevor mein Handy die musikalische Untermalung einer Autofahrt übernahm.
      “Jag har lite smink med mig, så du borde kunna täcka fläckarna (Ich habe Schminke dabei, damit solltest du die Flecken überdecken können)”, eröffnete meine Mama die Realität, in der ich kenntlich Spuren trug von dem kurzen Verlust meiner Geisteskraft.
      „Tack“, bedankte ich mich beiläufig, schnappte mir das kleine Hautfarbene Töpfchen und lief zum Badezimmer. Die besagten Flecken an meinem Hals waren trivial, kaum sichtbar, aber vorhanden, zwei, drei Handgriffe und sie verschwanden wie von Zauberhand. Zumindest so lang, dass niemand mich noch einmal am Hals überfallen würde.
      „Du kommer inte att gilla det jag ska berätta för dig (Was ich dir jetzt sagen werde, wird dir nicht gefallen)“, kam Chris in den Toilettenraum dazu, um sicherzugehen, dass wir allein waren, lief er an allen Kabinen vorbei und stellte sich schließlich neben mich.
      „Jag ringde Erik eftersom det stod klart för mig att du inte skulle kunna förklara för Vriska vad du hade gjort (Ich habe Erik angerufen, denn es war mir klar, dass du es nicht schaffst Vriska zu erklären, was du getan hast)“, sprach Chris halb genervt, halb gelangweilt. Es war ihm Ernst, dass ich sie vergaß und auch nicht weiter in meinem Kopf herumspucken ließ. Das wollte ich auch, wirklich. Aber mit anzusehen, wie jemand, wie er, sie nur mit einem Fingerschnipseln an sich heftete, verschlug mir den Atem. Ich konnte nicht, nein, ich wollte es nicht akzeptieren, dass dieser Bastard immer bekam, was er wollte, vor allem, wenn ich es zuerst hatte. Verärgert schlug ich auf den Rand des Waschbeckens, so sehr, dass es klirrte und ein kleiner Riss in der Keramik sich bildete. Schockiert blickten wir einander an, bis Chris unwillkürlich mich in den Arm nahm.
      “Nu ska du bete dig som en vuxen och släppa taget. Vi kan göra detta tillsammans (Jetzt benimm dich wie ein Erwachsener und lass los. Wir schaffen das zusammen)”, ermutigte er mich mit einem Klopfen auf dem Rücken auf. Ich sah in den Spiegel, ich erkannte, dass es so nicht weitergehen konnte, erkannte, dass ich wenig schlief, mich quälte, obwohl ich die tollste junge Dame an meiner Seite hatte, die man sich nur vorstellen vermag. Dieses ständige ringen mit meinen Gefühlen musste aufhören. Gefühle, die ich den letzten zwei Jahren verstärkt aus meinem Leben verband und versteckte, als müsse ich irgendjemanden beweisen, dass ich die Trennung noch immer nicht verarbeitete hatte. So stürzte ich mich von einer misslichen Lage in die nächste, dachte, Gefallen daran zu haben, obwohl ich nichts anderes wollte, als jemanden an meiner Seite. Jemanden, der mich akzeptierte, wie ich war, ohne auf die äußerlichen Faktoren zu schauen, oder mein Geld wollen. Schluss damit.
      “Tack för att du har funnits där för mig (Danke, dass du für mich da bist)”, umarmte ich ihn erneut und öffnete die Tür zur Lounge, ohne das Waschbecken weitere Beachtung zu schenken. Meine Hand schmerzte, aber ich spürte etwas.
      “Du ser ut som ny, min son (du siehst aus wie neu, mein Sohn)”, freute sich auch Mama mich wiederzusehen. Herzlich lächelte ich sie an, setzte mich mit auf die Couch, um die aktuelle hohe Dressur zu beobachten. Mein Ritt würde erst am späten Abend sein.

      Lina
      “Ponny”, quietschte es begeistert neben meinem Ohr, als wir nur in Sichtweite der Hänger kamen, zwischen denen überall Pferde auf den provisorischen Ausläufen standen. Fredna begann auf meinem Arm herumzappeln wie ein Fisch auf dem trockenen. Am liebsten wäre sie sofort auf das erste Pferd zu gerannt, doch dem Fuchs, der ohnehin schon nervös in seinem Auslauf herumrannte, traute man lieber kein kleines, Pferde-verrücktes Kind zu.
      “Om du väntar ytterligare en minut, Fredna, kan du till och med åka ponny, okej (Wenn du noch eine Minute wartest kannst, Fredna, dann ”, versprach ich der Kleinen und tatsächlich hörte sie auf mit dem Gezappel, stattdessen begann sie fröhlich zu grinsen. Im gleichen Moment hoffe ich, das ich nicht zu viel versprach und Fruity mitspielen würde. Hätte ich Divine hier wäre das kein Problem gewesen, der Hengst liebte Kinder abgöttisch und war in ihrer Nähe auf einmal so vorsichtig als seien sie aus Glas. Die Falbstute hingegen konnte ich nicht wirklich einschätzen, ich hatte sie bisher nur zusammen mit Vriska erlebt, wo sie allerdings einen gelassenen Eindruck machte. Erik lief neben mir her und schien erleichtert sich ein paar Minuten lang nicht um das aufgeweckte Mädchen kümmern zu müssen, die Ruhe sei ihm gegönnt. Am Hänger fand ich eine friedliche Szene vor. Harlen saß vor dem Zelt auf einem der Stühle in ein Buch vertieft, während die barocke Stute entspannt auf ihrem Paddock graste. Von Vriska weit und breit keine Spur. Trymr stand nun schwanzwedelnd vor Vriskas Bruder und erwartete begrüßt zu werden, doch er bekam keine Reaktion.
      “Harlen, hast du eine Ahnung, wo deine Schwester steckt? Ich habe da jemanden gefunden, über den sie sich sehr freuen würde”, tippte ich ihn an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. In Seelenruhe legte er ein Lesezeichen in sein Buch, klappte es zusammen und drehte sich zu mir um. Musternd schweifte sein Blick an Erik hoch und wieder runter. Langsam nickte er, skeptischen Blickes zum Zelt gedreht.
      “Sie schläft und ich denke nicht, dass sie irgendwen sehen möchte, erst recht nicht irgendeinen Typen”, weißte er uns darauf hin, seine Stimme klang ängstlich, beinah besorgniserregend.
      “Ich bin nicht irgendwer”, beschwerte sich Erik, die Stimme zitternd und das letzte Wort ungewöhnlich lange betont. An seinen Hals pulsierte die Aorta, als fühle er sich durchs Harlens Aussage gedemütigt, vor den Pranger gestellt. Die Hände zur Faust geballt. Von meiner löste sich Fredna, die direkt zu ihrem Vater rannte und ihn an seinem Bein umklammert, sie murmelte etwas Aufmunterndes, dem er keine Beachtung schenkte.
      “Dann bist du, der Nicht-Freund schätze?”, stellte Harlen sich demonstrativ vor ihn, als würden zwei Hähne im nächsten Moment in den Ring steigen. Verwirrt betrachtete ich die beiden und holte Fredna aus der Mitte, die wehleidig hochsah, als wäre sie nicht mehr seine Tochter. Sie löste sich von ihm und ich nahm sie hoch in den Arm. Um sie aus der Situation herauszuhalten, liefen wir einige Schritte weiter zum Paddock, auf Fredna neugierig Fruity betrachtete, die zum Zaun kam und interessiert die Nüstern in ihre Richtung streckte. Freudestrahlend tippelte sie auf das Pferd zu, strich ihr vorsichtig über den Kopf. Mit einem Auge und Ohr folgte ich den beiden Männern, die sich noch immer einen Krieg der Blicke lieferten. Was war denn los mit denen? Keinen der beiden kannte ich so, wenn man die wenigen gemeinsamen Stunden überhaupt ‘kennen’ nennen kann.
      “Vem är det? (Wer ist das?)”, tippte mit Fredna an und zeigte auf die Stute.
      “Äh, det här är Fruity (Das ist Fruity)”, erklärte ich geistesabwesend, aber darauf bedacht, dass der kleinen nichts passierte. Genau wie die Stute, die gelassen auf der Stelle stand. Der Falbe war brav, aber um einiges zurückhaltender als ich es von meinem Hengst kannte. Ivy interagierte richtig mit den Kindern, beschnupperte und beknabberte sie, stupste sie vorsichtig an und gab zur Begrüßung stets ein leises Wiehern von sich. Nachdem die erste Neugierde gestillt war, schien Fruitys Interesse viel mehr darin zu liegen, ob das kleine komische Menschlein etwas Essbares dabeihatte. Natürlich hatte ich ein Leckerli dabei, welches ich Fredna in die Hand gab, damit sie es der Stute hinhalten konnte. Vorsichtig nahm die Stute es von ihrer kleinen Hand. Divine liebte jede Sekunde der Aufmerksamkeit der kleinen Menschen und ließ sich stundenlang putzen und frisieren. Sogar mit nach Himbeeren duftendem Glitzer Fellspray ließ sich der Freiberger liebend gern einschmieren. Allerdings sehr zu meinem Bedauern, denn er und alles was mit ihm in Berührung kam glitzerte noch 3 Wochen danach, wie ein Weihnachtsbaum. Was Fruity von Zöpfchen hielt, würde ich wohl so schnell nicht herausfinden, denn das gab es nicht viel, was man hätte flechten können.
      Die Streithähne, die zuvor noch diskutierten, verstummten. Stattdessen gab Trymr weinerliche, quälende Geräusche von sich, die viel mehr Freude als Trauer bedeuteten. In geduckter Haltung trat nun Vriska hervor, bekleidet mit einem riesigen schwarzen Kapuzen-Pullover, der auf der Vorderseite mit einem Logo bedruckt war, eines Rugbyteams aus London. Verwundert betrachtete ich sie und vor allem das Oberteil näher. Auf der rechten Seite der Brust stand ein Name, den sie bereits in Erzählung erwähnte – Tyri. Auf der anderen Seite das Logo eines Sponsors. Es war so lang, dass ich mir nicht sicher sein konnte, ob sie eine Hose anhatte oder nicht. Die Kapuze trug sie wie immer auf dem Kopf, die Haare offen aber den Rest des Gesichtes versteckt hinter einer Sonnenbrille. Trymr, der ihr um die Beine tanzte noch immer, bekam nicht mal eine Streicheleinheit, dennoch kämpfte er weiter um ihre Aufmerksamkeit.
      “Shut up”, fluchte Vriska, obwohl keiner etwas seit Sekunden sagte. Sie war müde, wirklich müde. Sie schien nicht einmal den Hund wahrzunehmen oder das dazugehörige Herrchen. Wir sahen sprachlos weiter zu ihr, wie sie leicht taumelnd weiterlief und schließlich neben ihrem Bruder stand.
      “Wieso hast du das Ding noch?”, unterbrach er die quälende Stille.
      “Damit ich weiß, woher ich komme”, murmelte Vriska abwesend und erstaunlich ruhig. Klar, sie sprach nicht immer so viel, wie betrunken, aber sie wirkte erstaunlich zurückweisend. Jeder von uns hatte mehr Freude ihrerseits erwartet, den Angebeteten wiederzusehen, vor allem so überraschend und er war guten Willens hier, dass konnte ich spüren.
      “Vriska?”, stammelte Erik schließlich, legte seine Hänge auf ihre Schultern, die sie direkt wegschlug und einige Schritte zurückwich. Gestern noch wollte sie alles dafür tun, ihn treffen zu können, bei sich zu haben und jetzt tat sie so, als wäre er ein Fremder. Verstehe einer dieses Kind. Langsam nahm Vriska die Sonnenbrille ab. Der schwarze Eyeliner vollkommen verwischt, einen Anblick, den man von ihr traurigerweise schon gewohnt war. Eine Sache fiel mir erst auf den zweiten Blick auf, sie trug ihre Piercings nicht in der Lippe und die Augenbrauen beinah unsichtbar.
      „Was willst du hier?“, fragte sie genervt, mit einem sonst leblosen Gesichtsausdruck. Was auch immer vorgefallen war, es musste schlimm gewesen sein. An dem Ritt mit Fruity setzte niemand etwas aus, ganz im Gegenteil. Sie bewiesen sich zwischen all den Talenten, die auf dem Sand tanzten.
      „Ich … ich wollte dich sehen“, antwortete er irritiert über die Nichtachtung seiner Anwesenheit, auch Trymr hatte mittlerweile akzeptiert, dass sie ihm keine Streicheleinheit schenkte und stand mittlerweile neben mir. Ich tätschelte den Rüden aufmunternd und Fredna war glücklicherweise zu sehr damit beschäftigt, um die Beine der Stute zu tapsen, sie beim Fressen zu beobachten. Und ich? Ich stand wie angewurzelt neben dem Paddock, wusste nicht so recht die Situation zu deuten, aber spürte den Schmerz der Beteiligten. Mehrfach schluckte ich unwillkürlich, spielte an den losen Haaren herum, die nicht mehr in dem mühevoll geflochtenen Zopf waren.
      “Ah okay, hast du ja jetzt. Den Weg zurück solltest du kennen, einfach so, wie du hergekommen bist”, maulte Vriska, setzte die Sonnenbrille auf die Nase zurück und drehte sich um. Doch erstaunlicherweise stoppte ihr Bruder sie, der zuvor genauso wenig begeistert von Eriks Anwesenheit war, wie sie. Irgendetwas flüsterte er ihr ins Ohr, worauf hin sie zwar stoppte, aber weiterhin keinerlei Emotionen zeigte. Erst jetzt merkte sie auch mich, worauf hin zumindest ein kleines Lächeln über die Lippen huschte.
      “Also bin ich jetzt plötzlich würdig? Verstehe. Ich habe keine Lust auf euren komischen Spielchen, also suche dir jemanden anderes, der das alles erträgt”, fauchte sie Erik an.
      “Es ist nicht wie du denkst”, kam seine Verteidigung.
      “Und jetzt erklärst du mir noch, dass dein großer Bruder sonst immer weiß, was er tut und du ihm vertraut hast. Plötzlich einsiehst, dass es nicht richtig war und du um Verzeihung bittest? Denk dir was Besseres aus und dann können wir meinetwegen noch einmal sprechen, aber jetzt geh mir aus den Augen”, packte Vriska aus, was sie auf dem Herzen hatte. Tief in mir vermutete ich schon, dass Niklas wieder einmal seine Finger mit im Spiel hatte. Dass Erik jedoch so unbedacht darauf hörte, konnte man als Enttäuschung betrachten. Es tat mir wirklich leid für sie, dass mein Freund sich wie der letzte Dreck verhielt. Während Vriska wieder den Weg zum Zelt antrat, verharrte er an der Stelle, vollkommen unbeholfen und weiß im Gesicht. Schnell reagierte Harlen und reichte ihm eine Wasserflasche aus dem Kofferraum, die er dankend annahm und austrank.
      “Die bekommt sich wieder ein, keine Sorge”, sagte ihr Bruder aufmunternd und schlug ihm auf die Schulter.
      “Vielleicht wäre es besser gewesen, direkt mitzufahren. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, aber nein. Erst musste ich …“, begann Erik sein Herz auszuschütten, aber Harlen stoppte ihn.
      “Am besten hebst du dir das für später auf, denn mich interessiert es nicht. Alles, was ich sehe, ist meine zu tiefst verletzte Schwester, die dir nachläuft und die letzten Tage andauernd schrieb. Elendig lange Nachrichten darüber, wie sehr sie dich vermisst. Aber von dir nicht einmal ein Lebenszeichen. Also komm mal klar”, schimpfte Harlen. Erik sagte dazu nichts mehr, kam stattdessen zu mir und Fredna. Seine Tochter lief freudig auf ihn zu, lachte fröhlich und wollte hoch auf seinen Arm. In seinen Augen zeichnetet sich der Schmerz ab, aber im Gesicht quälte er sich ein Lächeln auf die Lippen. Er hob seine Tochter auf seine Schultern, bedankte sich bei mir und lief weiter. Richtung der Tribünen bei denen wohl gerade das L-Springen aufgebaut wurde.
      „Es tut mir leid, dass du das mitbekommen musstest. Alles, was sie wollte, war Ruhe, vielleicht solltest du zu deiner Schwester, sie macht sich sicher schon Sorgen um dich“, sprach Harlen mich an und drückte mir eine Plastikkarte in die Hand, auf der ‚VIP Access‘ geschrieben stand. Da würde ich wohl den Rest Truppe finden.
      “Schon gut, ich gehe dann mal die anderen suchen”, antworte ich und entfernte mich noch ein wenig sprachlos von den Hängern. Was auch immer da gerade stattgefunden hatte, es war verdammt unerwartet und in meinen Ohren hatte auch kaum etwas davon nachvollziehbar geklungen, warum auch, es ging mich sowieso nichts an. Ich sollte dringend aufhören alles verstehen zu wollen, denn mit jedem weiteren Tag wurde mir Vriska unbegreiflicher. Die voyeuristischen Blicke einer Gruppe Teenager, die sich in der Nähe der VIP-Lounge herumdrückten, ignorierend schlüpfte ich durch die Milchglastür in die schillernde Welt der High Society. Die Stimmung hier drin war ziemlich gelöst, die meisten schienen schön ziemlich tief ins Glas geschaut zu haben.
      “Tauchst du auch mal wieder auf”, trällerte meine Schwester gut gelaunt. “Aber sag mal, in welchen Wirbelsturm bist du denn geraten?”, fragte sie und macht sich im gleichen an dem zu schaffen, was sich mal mein Zopf nannte. Mit routinierten Handgriffen brachte sie das ganze wieder in Ordnung.
      “Kein Wirbelsturm, eher die Finger eines Kleinkindes”, erläuterte ich den Zustand meiner Haare. Etwas irritiert blickte Juli mich an: “Wo hast du denn bitte ein Kleinkind her?”
      “Ähhh, du erinnerst dich doch sicher, dass ich dir von Erik erzählt habe? Ihm bin ich eben draußen begegnet mit seiner Tochter, niedliches kleines Ding”, beantworte ich ihre Frage. Von der Seite kam großen Schrittes noch Chris dazu, als hätte er unser Gespräch verfolgt. Als er begann zu sprechen, bestätigte sich meine Annahme.
      “Also ist Erik wirklich da? Ich hoffe, er war schon bei Vriska, sonst wird es heute Abend ekelhaft”, klang er erleichtert.
      “Ja und Ja. Ich glaube aber nicht, dass das den Abend positiv beeinflusst”, gab ich stirnrunzelnd zu bedenken.
      “Bitte sag mir nicht, dass sie schon wieder das allseits bekannte Ekelpaket vorschickte”, fluchte er, wusste natürlich selbst, dass genau das passierte. Erschöpft ließ er sich in den Sessel fallen, bevor ich mich wieder meine Schwester zuwandte.

      Vriska
      Frohen Mutes drückte ich mich hoch aus der Isomatte, halb erschöpft, halb Tatendrang, wühlte ich mich vor zum Reißverschluss. Die Bullenhitze, die im Zelt stand, machte es mir schwer zu atmen, kleine Schweißperlen rannen an meiner hellen Haut herunter, die vom Sommer in Kanada sogar etwas braun war an einigen Stellen. Rasch zog ich mir das Shirt drüber, dass über unserer Tasche lag und der Größe zur Folge von meinem Bruder stammte. Verwundert darüber eine kurze Hose anzuhaben, kämpfte ich mich aus der Hölle heraus ins Freie. Der Himmel getaucht in einen wunderschönen Farbverlauf. An einigen Stellen bereits zugezogen in dunklen Farben, zur anderen Seite strahlten noch die letzten Atemzüge der Sonne.
      “Vivi, du bist wieder unter den Lebenden”, freute sich mein Bruder sichtlich über mein Zugegen sein. Mein Kopf brummte, die Hitze im Zelt stieg mir zu hoch, aber ich hatte noch Aufgaben zu erledigen und in weniger als einer Stunde stand die Siegerehrung an, die darüber entschied, ob ich morgen im Finale reiten würde oder nicht. Natürlich waren die Listen dafür bereits ausgehangen, aber ich wollte mich überraschen lassen, überraschen, ob ich es wirklich geschafft hatte, mich zwischen all den anderen Talenten durchzusetzen, auf einem Pferd, dass ich sonst nur auf dem Paddock betrachtete oder longierte. Fruity, die große Ehre, konnte wirklich was reißen und das tat ich zusammen mit ihr.
      “Ich habe richtigen Müll geträumt”, begann ich Harlen aus der Erinnerung heraus, den Schrecken darzulegen, jedoch unterbrach er mich. Mit einer Bewegung meines Fußes unter dem Auto am Kofferraum öffnete sich die Klappe. Das Wasser befand ich sich noch immer in der Kühltruhe und wartete nur darauf, geöffnet zu werden.
      “Lass mich raten, dein Nicht-Freund war da und du hast ihn zur Schnecke gemacht?”, lachte er verunsichert an dem Stuhl fummelnd. Ich hingegen setzte immer wieder die Flasche ran, sammelte das Wasser in meinem Mund, bevor es kühlend meine Kehle hinunterlief.
      “Woher weißt du das. Nein, sage bitte nicht, dass es kein Traum war, sondern wieder einer meiner Schlaf-Wach-Aktionen, die ich nur peripher wahrnahm.” Ich hoffte, dass ich falsch lag. Aber seine wehleidigen Blicke verrieten alles, die Lippen fest aneinandergedrückt und an den Wangen formten sich niedliche Grübchen, die Stirn gerunzelt. Die leere Flasche warf ich unsanft zurück in den Kofferraum und schloss ihn wieder. Da hatte ich ziemlich viele Sorgen bei allen verbreitet, wenn ich so darüber nachdachte, wer alles davon mitbekommen hat. Aus der Hoffnung heraus, dass unsere Nachbarn kein Deutsch verstanden, lächelte ich einem jungen Mann zu, der verlegen dich wegdrehte.
      “Wir müssen uns jetzt fertig machen”, sagte ich zu Fruity, die müde im Rasen lag und die Augen nur mit Mühe offenhielt. Als ich das Halfter holte, spitzte sie die Ohren, ihre Unterlippe zuckte vergnügt. Ich verspürte den Drang, mich nur zu ihr zu legen, nicht mehr aufzustehen und alles zu vergessen. Vergessen, was ich zu Erik sagte. Vergessen, dass ich mir noch die Hoffnung machte mit Niklas ein Abenteuer zu erleben. Aber so schnell würde es nicht mehr meinen Verstand verlassen.
      “Ich ziehe mir etwas anderes an und solange kannst du noch liegen bleiben, okay?”, versprach ich der Stute und krabbelte in das Saunazelt, um mir zumindest eine Reithose anzuziehen und ein ordentliches Shirt. Harlen saß noch immer vertieft in einem fesselnden Buch im Campingstuhl, ungeachtet des Trubels, der zunehmend die Oberhand gewann im Kampf um die herrschenden Töne. Auch der junge Mann neben uns, sattelte mit einem Dressursattel seinen Fuchs, zog sich etwas eleganter an und stieg neben dem Paddock auf. Interessiert warf ich immer wieder einen Blick nach drüben, musterte ihn. Er trug ein graues Poloshirt, dazu eine weiße weite Reithose, braune Stiefel und dazu passend einem braunen Helm. Vielleicht war eine Möglichkeit zu vergessen.
      “Sehen wir uns gleich?”, fragte er höflich. Überrascht, dass er wohl doch die Aktion vorhin mitbekam, verharrte ich, bis ein zaghaftes Nicken von mir kam. Noch einmal lächelte er breit und ritt im Schritt los. Von der Seite stupste mich Fruity an, als wollte sie mich wieder wachrütteln. Das sanfte Beben ihrer Nüstern beruhigte mich ungemein, ich brauchte keinen Kerl bei mir, nur die Pferde. Sie machten mir keine Vorwürfe, sondern waren stillschweigend an der Seite, treu und genügsam.
      Mit einem kräftigen Schwung legte ich den schweren Sattel auf ihren Rücken und zog den Gurt nur so fest wie nötig, dass er nicht hinunterfiel. Im Anschluss würde ich noch die morgige Kür üben wollen, weswegen ich das Baucher mit aus der Kammer holte und als Gebiss an das Zaum hängte. Geduldig, wie sie war, wartete Fruity, dass ich fertig wurde und aufstieg.
      “Kommst du mit?”, fragte ich auf dem Rücken der Stute hinunter zu Harlen, der das Buch zur Seite legte.
      “Natürlich, als könnte ich das verpassen”, lächelte er.
      Der Himmel verdunkelte sich von jeder Minute zur Nächsten. Im Flutlicht der Hauptarena stellten sich langsam die Sponsoren auf und Helfer, bewaffnet mit Körben und Fahnen, die im schwachen Wind flatterten. Bewusst sah ich nur nach vorn, vermag es mir, die anderen Reiter zu betrachten, die wie in Schwalle der Hoffnung um uns herumritten, in hektischen Tönen auf eine Platzierung bangten. Doch, ich? Ich hoffte auf nichts, wusste das meine Leistungen jedem Training übertrafen und einer der fünf wertvollen Plätze für das morgige Finale mir gehörte. Dann traute ich mich, einen Blick auf die anderen zu werfen. Sie scheuchten ihre Tiere, wie ein aufgebrachter Bienenschwarm, über den Platz, als würde es etwas an der Entscheidung der Richter ändern. Was stand schon auf dem Spiel? Es war eine lächerliche Anfänger-Dressur, die keine Qualifikation benötigte, um weitere Turniere zu reiten, doch jeder tat so, als wären wir auf einen der großen Veranstaltungen.
      “Vivi, es geht los”, holte Harlen mich in die Wirklichkeit, lächelnd und voller Fürsorge. Es lag so viel Vertrauen in seiner Stimmte, dass es beinah beängstigend war ihn, als meinen Bruder zu bezeichnen. Innerlich hoffte ich schon öfter, dass es nur ein Traum war, er adoptierte wurde und wir nicht blutsverwandt. So hätte ich die Liebe zu ihm, als Bruder, auf eine neue Ebene heben können, wahrhaftiger wahrnehmen können.
      Alle Teilnehmer warteten, aufstellt auf dem Hufschlag in Reih und Glied, nur, um gesagt zu bekommen, ob es ein Morgen geben würde oder nicht. Fruity kaute genüsslich auf dem Gebiss, zupfte an den Zügeln und streckte immer wieder den Hals nach unten. Nur wenige der anderen Pferde waren so ruhig, wie sie es war. Sie tänzelten herum, widersetzten sich dem Reiter und traten rückwärts gegen den Zaun. Ihre Menschen, stark verunsicherten, zogen willkürlich an den Zügeln, drückten die Fersen unliebsam in den Bauch oder meckerten mit den Tieren. Mit Gewalt kommt man dabei jedoch nicht so viel weiter.
      Zu den ersten drei gehörte ich nicht, wodurch sich das Gefühl einschlich, mich überschätzt zu haben. Die Truppe verlor auch kein einziges Wort über meinen Ritten, taten so, als wäre das hier ein Spiel oder irgendein lustiger Wochenendkurs, bei dem es nur um Spaß ging, Spaß miteinander zu haben, untereinander. Ich hatte keinen. Alles, was ich sah, waren hilflose Wesen, die danach strebten, ein Teil der Gesellschaft zu sein, Aufmerksamkeit zu bekommen und in irgendeinem Bericht in den Printmedien positiv erwähnt zu werden.
      “ … Vriska Isaac med Forbidden Fruits LDS på fjärde plats …”, hörte ich plötzlich meinen Namen und den meines Pferdes. Freudestrahlend holte ich Fruity unter die Wachenden mit einem kleinen Stoß in die Seite. Im Schritt setzte sie an, blieben bei den anderen drei stehen. Eine kleine Urkunde überreichte man mir, bevor noch der fünftplatzierte dazu ritt. Kurz dachte ich, es sei der junge Mann mit dem Fuchs, aber ich irrte mich.
      “Ich bin stolz auf dich”, die fünf Worte strahlten so viel aus, dass eine Flut aus Freude durch meinen Körper spülte, mich positiv in den morgigen Tag blicken ließ. Es waren nicht nur die Worte, sondern die Person, die sie sagte. Niklas stand neben mir und lächelte, wie den Tag beim Probereiten. Seine Augen funkelten, aber fernab vom Verlangen, viel mehr freundschaftlich und demütig. Wie er da stand, wirkte er so perfekt und unberührt, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Ich sollte mich mit dem Gefühl arrangieren mit ihm eine Freundschaft zu führen, oder ihn für immer zu hassen.
      “Danke dir”, sagte ich glücklich.
      “Herzlichen Glückwunsch. Ich wusste doch, dass ihr zwei das Meistern werdet”, beglückwünschte mich nun auch Lina und strich der Stute über den braunen Hals. Etwas in mir sagte, dass es richtig war, sie hier zu haben. Nicht nur als Grund von Niklas fernzubleiben, was mir bisher weniger gut gelang, sondern auch als Stütze. Ich bemühte mich am Hof freundlich zu sein, mein Leid für mich zu behalten, aber strafte sie mit Nichtachtung und Schweigen. Das tat mir auch weh.
      “Lina, die Hellseherin, wer hätte das gedacht”, lachte ich und ritt wieder zum Platz. Die Reiter wurden weniger.
      “Ich würde dir gern helfen, aber Amy und ich sind gleich zur L-Dressur auf dem großen Platz. Aber keine Sorge, du schaffst das und ich werde auch ohne deine Anwesenheit den ersten Platz belegen”, schien Niklas mich aufzumuntern. Seine stechenden, heißen Blicke in die Augen lenkten mich ab, so sehr, dass ich in einen der Reiter hineinritt.
      “Titta här! (Achtung)”, beschwerte er sich laut stark, bevor die Entrüstung durch ein freundliches Lächeln abgelöst wurde. Es war der Herr von nebenan, auf seinem Fuchs.
      “Oh tut mir leid, ich hatte meine Gedanken woanders”, sagte ich zurückhaltend, getaucht im Schamrot mit leuchtenden Augen.
      “Ich bin übrigens Eskil, wie soll man dich nennen?”, freute er sich mich wiederzusehen. Die anderen drei Männer neben mir, beäugten das Gespräch kritisch, unsicher, was das hier werden würde. Besonders Harlens Begeisterung hielt sich in Grenzen, obwohl ich nicht viel mehr als höflich war. Hätte ich ihn anmaulen sollen, wie ich es sonst tat? Dafür gab es gar keinen Grund, hingegen aller Erwartungen freute sich mein junges Herz, darüber, endlich mal einen Erfolg zu verzeichnen, wenn auch nur einen kleinen. Ich stand im Finale und das sollte gefeiert werden, doch zu vor, musste ich noch mal die neue Kür üben, die bereits Elemente der L Dressur beinhaltete. Aufgabe war es, über sich hinauszuwachsen und nicht unbedingt wie viele andere in weißer Bekleidung und Lack-schwarzen Leder durch den Sand zu tanzen, mit nach vorn geworfenen Vorderbeinen. Eine Darbietung, die jeder abliefern konnte mit dem passenden Pferd. Es lockerte die Sache auf, nur gewisse Elemente mit einzubauen, in einer kreativen Zusammensetzung im Zusammenspiel mit dem Pferd.
      “Schön dich kennenzulernen, Eskil. Ich bin Vriska, sag einfach Vivi”, bot ihm an, freundlich lächelte er und ritt voraus. Von der Seite hörte ich Niklas murmeln: “Uns hat sie nie ihren Spitznamen verraten.”
      “Eifersüchtig?”, grinste mein Bruder und folgte mir schnellen Schrittes zum Platz. Wir ließen die anderen hinter uns, als wären sie nicht gut genug für uns, eine Blamage durch und durch. Dem war nicht so, aber es fühlte sich richtig an, sich nicht vor der eigenen Leistung wegzudrücken und den Erfolg zu genießen.
      Auf meinem Handy las ich mir die Abfolge der Aufgaben durch, die Tyrell entwickelte hatte, extra für das Finale. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass kein einfacher Galoppwechsel geplant war, sondern ein fliegender. So etwas bin ich zuvor nie geritten, kannte die Hilfen nicht, wusste nur, dass die Stute bereits soweit geschult wurde.
      “Eskil?”, fragte ich den kräftigen Herrn, der im Schritt nur einige Meter entfernt ritt. Sogleich drehte er sich und lenkte das Schiff eines Pferds in unsere Richtung.
      “Wie kann ich dir behilflich sein?”, erkundigte er sich freudestrahlend, als wäre er der Retter in der Not, aber in meinen Augen einfach der Einzige, der mehr hatte als ich und Harlen zusammen. Sonst gab es niemanden auf dem Reitplatz und ich kannte zumindest seinen Namen.
      “Das mag seltsam klingen, aber ich bin noch nie einen fliegenden Wechsel geritten. Wie mache ich das am besten?”, legte ich mein Anliegen nah. Seine rechte Wange zog sich nach oben, und die markante Kieferpartie strahlte noch stärker in seinem hübschen Gesicht. Ohne etwas zu sagen, galoppierte er den Fuchshengst an, dessen Rasse mir nicht offensichtlich genug war, eher ein gewöhnliches Warmblut, nichts Besonderes, aus dem Stand. Als gäbe es nichts Leichteres, sprang sein Pferd wie von Zauberhand um, die Beine des Reiters gleichmäßig am Bauch und nur durch minimale Einwirkungen in den Bewegungen. Nach dem ersten Sprung galoppierte er auf dem Zirkel weiter und setzte von dort aus erneut in den Wechsel um, dieses Mal eine Serie von Wechseln, die einer nach dem anderen extrem sauber gesprungen waren. Wie es im optimalen Fall aussehen sollte, wusste ich vorher schon, aber das Paar zog mich dennoch in den Bann. Es war nicht wie bei Niklas und Smoothie, die eine Einheit bildeten und zusammenflossen, sondern jeder für sich hatte etwas Besonderes, obwohl ich Füchse nicht mochte. Sie sahen alle gleich aus und auf der Weide in Deutschland damals griff ich grundsätzlich das falsche Pferd.
      “Und jetzt du”, sagte Eskil aufmunternd, was mich viel mehr besorgte, als beruhigte.
      “Ich würde gern, aber ich weiß immer noch nicht, wie der Ablauf der Hilfen ist”, wiederholte ich mein Anliegen, als hätte er mir gar nicht richtig zugehört. Er stellte sich mit seinem Pferd vor mich, damit ich die Hilfen sehen konnte. Dazu erklärte er noch, wann welche folgte und ich jedes auffußen der Hinterhufe mit meinem Gesäßknochen genau verspüren sollte. Seine Worte schalten noch Minuten später in meinem Kopf, denn die Erklärung war grandios, so gut, dass ich bereits beim ersten Versuch eine große Sicherheit verspürte und Fruity von rechts nach links wechselte, ohne dabei nachzuspringen oder an Tempo zuzulegen. Zufrieden lobte ich die Stute mit einem sanften Streicheln über den Hals.
      “Das war wirklich hilfreich, danke”, zollte ich ihm mein Respekt, was er herzlich annahm.
      Es wurde später und später, auch die Temperaturen nahmen ab. Harlen stand fröstelnd am Zaun, wollte mich aber keinen Augenblick allein lassen. Seiner Meinung nach wollte Eskil mich nur ins Bett bekommen, wogegen ich grundsätzlich nichts einzuwenden hatte, meinen Bruder jedoch nicht mitteilte. Ich beruhigte ihn mit irgendwelchen Phrasen, die jeder von uns schon tausend Mal gehört hatte.
      „Vriska?“, sagte lautstark eine mir wohlgesinnte Stimme vom Zaun. Am langen Zügel ritt ich zu dem bärtigen Mann, der niemand anderes als Herr Holm war. Freundlich legte er seine Arme auf dem Zaun ab, direkt neben meinem Freund.
      „Hej“, antwortete ich und bremste Fruity in den Halt.
      „You've already met our newest member of the club, I'm glad you get along“, lachte er freundlich. Verwundert sah Eskil zu mir und auch war überrascht darüber, ihn wohl nun öfter zu sehen. Damit ging mein Plan, irgendwen diesen Abend zu benutzen und dann nie wiederzusehen, wohl nicht mit ihm auf, schade. Dass unser Trainer nichts gegen die Wahl meines Pferdes sagte, verwunderte mich, aber offensichtlich überzeugte ich auch auf den Rücken eines Dressurpferdes.
      “Du bist in auch in Kalmar?”, fragte er lachend.
      “Zufälligerweise ja, aber damit –”, ich stoppte willkürlich. Harlen sah mich mit zusammengekniffenen Augen an, als wüsste er, was folgen sollte. Für mehrere Sekunden lieferten wir uns ein Krieg der Blicke, was mir zu verstehen gab, nichts mit dem Typen anzufangen.
      “Eskil, ta inte så lång tid på dig med Erlkönig, festen börjar om en timme, du borde lära känna de andra då (Eskil, mache nicht mehr so lange mit Erlkönig, in einer Stunde beginnt die Party, da sollst du die anderen kennenlernen)”, mahnte Herr Holm und lief weiter zu dem Hauptreitplatz, auf dem mittlerweile Niklas geritten sein sollte.
      “Bist du dann auch da?”, vergewisserte Eskil sich bei mir, als wir im Schritt zusammen die Pferde abritten. Die beiden Tiere verstanden sich gut, keine Zickereien und auch keiner der sich sein Geschlecht entsprechend benahm – im Gegensatz zu uns.
      “Mal sehen, aber vermutlich schon. Schließlich muss die jemand im Griff haben”, lachte ich fröhlich, obwohl ich wusste, dass ich diejenige war, die stets einen Betreuer benötigte, um einen klaren Kopf zu behalten.

      Fruity sammelte wieder ihr Futter zwischen den Grashalmen auf, während Harlen mir einen Vortrag darüber hielt, dass ich mich weniger anzüglich bekleiden sollte und damit nur lüsterne Männer auf mich zog. Er mochte es nicht, wenn ich sehr aufreizend gekleidet war. Ein Abend, die alte Vriska sein, wenn auch nur dieses eine Mal, mehr verlangte ich nicht. Schon tief in den Gedanken eingetaucht, mich volllaufen zu lassen und mir den nächsten Kerl zu schnappen, einen, den ich morgen nie wieder sehen werde. Schließlich ging es nun nicht mehr darum, wer der Auserwählte sein durfte, denn ich hatte mich selbst nicht unter Kontrolle und es wohl dem Kerl geschenkt, der es am wenigsten verdient hatte. Aber im Nachhinein erscheint es nicht schlecht gewesen zu sein, ganz im Gegenteil. Niklas war zärtlich, einfühlsam und überhaupt nicht grob, gar nicht, wie ich es erwartet hatte. Er gab auf mich Acht, überließ mir die Kontrolle, die er sonst nicht abgeben wollte. Die gemeinsame Erinnerung schenkte mir Kraft, wenn auch nur den Willen, ihn mit Lina glücklich zu sehen. Sie hatte es verdient, viel mehr als ich, niemand mehr als sie.
      „Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass du feierst unter so vielen Leuten, die wir nicht kennen“, versuchte Harlen erneut an mein Gewissen zu appellieren. Er wusste nur zu gut, wie die meisten Partys bei mir endeten, dennoch lagen seitdem mehr als drei Jahre dazwischen. Ich hatte dazugelernt, fest entschlossen, mich wohlzufühlen, einfach alles, um mich herum zu vergessen und in Welt der lauten Töne und flackernden Lichter einzutauchen. Genau das brauchte ich, um Erik und Niklas aus meinem Kopf zu jagen.
      „Es ist nicht meine erste Party und ein Kind bin auch nicht mehr“, schnaubte ich euphorisch und bürstete noch einmal die langen Haare durch. Viele blieben in den Borsten hängen, wo kamen die alle her? Je öfter ich über meinen Kopf fuhr, umso mehr wurden es. Das musste der Stress der letzten Tage sein, vor allem, wo noch immer Prüfungen vor mir standen und ich vergnügt auf einem Turnier war.
      „Genau deswegen, außerdem … Erik will dich wirklich an seiner Seite haben.“
      „Es ist mir egal, was der will, okay? Wir kennen uns kaum und nur, weil ich bereit war ihn ranlassen, kommt er jetzt wieder an. Scheint wohl sonst nicht gut bei ihm zu laufen. Nein danke, ich möchte nicht wieder der Knochen von irgendwen sein”, erklärte ich Harlen. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass ich Erik bei mir haben wollte. In der Nacht die Augen zu schließen und zu wissen, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich wollte, jemanden, der wusste, wie es war, allein zu sein, sonst niemanden zu haben. Wir waren uns so ähnlich, dass es bedrohlich war, die Chance nicht zu nutzen, mehr von der Welt kennenzulernen. Diese Chance wollte ich nutzen, auch wenn es bedeutete ihm und mir schmerzen dabei zuzufügen.
      “Warte, was? Du hast schon mit ihm geschlafen? Was stimmt –” Ich unterbrach ihn. “Nein! Nur mit Niklas.”
      “Ach Vivi, du machst es dir wirklich schwer. Entscheide Weise, ich denke, dass du mit Erik einen guten Kerl an deiner Seite hättest”, trichterte er erneut ein. Langsam reichte es von meinem Umfeld jeden Tag hören zu müssen, wie ich etwas entscheiden sollte. Offensichtlich wusste es jeder besser als ich, was es bedeutete, in meinem Körper zu stecken, die Gedanken und Gefühle zu haben, Schmerz zu spüren, jeden verdammten Tag zum nächsten sich zu schleppen.
      “Harlen, sei ruhig. Es ist meine Entscheidung und ich will ihn – nicht mehr sehen. Akzeptiere es”, wiederholte ich mich, ohne mir das Leid in den Worten anmerken zu lassen. Nur für heute, ausblenden, dass es Erik oder Niklas gab. Wieso spuckten überhaupt zwei Typen in meinem Kopf? Es hätte schon gereicht, wenn es einer wäre, den ich nicht vergessen kann. Aber genug! Irgendwen würde ich schon finden, der für eine schnelle Nummer zur Verfügung stand, den Hulk sollte bei Lina an der Seite bleiben.
      “Ich glaube dir nicht, aber okay. Du weißt schon, was du tust”, unterstützte mich mein Bruder endlich und nahm mich in den Arm. Kleine Bartstoppel drückten sich rau auf meine Haut und ein Hauch seines sonst sehr intensiven Geruchs stieg mir in die Nase, es roch nach Zuhause, vertraut.
      “Danke, dass du für mich da bist”, drückte ich mich fester an ihn.
      “Du bist meine kleine Schwester, wie sollte ich dir etwas ausschlagen können”, lachte Harlen vergnügt und zusammen liefen wir zum Tanzsaal in das größte der Hallen auf dem Gelände, dort, wo oben die VIP-Lounge war. In den Himmel flackerten die großen Strahler vom Dach, fröhlich dröhnte elektronische Musik nach draußen, nichts, das mir gefiel, aber Hauptsache laut. Harlen griff nach meiner Hand, hielt sie fest in seiner, blickte mich tief an und zog mich in das Gebäude. Viele Menschen tummelten sich bereits im Eingangsbereich, sprachen vernehmlich über diverse Teilnehmer und als ich mit meinem Bruder an ihnen vorbeilief, begannen sie orphisch über uns zu tuscheln. Ich verstand nicht alle Worte, aber, dass sie uns seltsame Gerüchte abhängten und auch, dass ich diejenige war, die Niklas in Kanada verführte, nur Ju eifersüchtig zu machen. Seitdem hatte ihn niemand mehr gesehen, ja, sogar ich hatte ihn seit der Ankunft in Schweden nicht mehr gesehen. Am Flughafen stieg er in einen Uber und verschwand. Nachrichten las er, aber eine Antwort bekam man nur, wenn es benötigt wurde. Die Schuld daran zu geben, sah ich nicht ein. Ju war alt genug, um selbst zu entscheiden, was er tut. Außerdem schien er schon in Kanada nicht mehr so motiviert für die ganze Sache mit den Pferden zu sein, keine Lust mehr auf die Gespräche, Stress und ständiges Unterwegs zu sein. Ich konnte es nachvollziehen, im Gegensatz zu allen anderen.
      Nach der Kontrolle unserer farbigen Bändchen befanden wir uns einen separaten Bereich, einige bekannte Gesichter erblickte bei dem Augenschweif. Chris hatte eine junge Blondine auf seinem Schoß, die ihm sehr wohlgesonnen wirkte. Niklas stand eng umschlossen mit Lina an der Wand, während ihre Schwester sich an einem Trinkspiel beteiligte. Ich fühlte mich nun nicht mehr so wohl bei der Sache, doch als Eskil uns zu sich rief, wurde es in mir wieder ruhiger. Fröhlich trabte ich zu ihm, drehte mich auf der Stelle und warf meine Arme freundschaftlich um seinen Hals. Er legte eine Hand auf meinen Rücken, klopfte diesen.
      “Es ist schön, dass du noch gekommen bist mit deinem reizenden Bruder”, sagte er höflich und lächelte ihn an. Verschmitzt zuckten auch Harlens Lippen. Sie musterten einander, spürte nur ich das? Die beiden hatte eine seltsame Verbindung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Tatsächlich lernte ich bisher nie einen Partner kennen, den er hatte, oder Partnerin. Bisher war ich mir nie sicher, was er wollte, doch jetzt schien es fassbar zu sein.
      “Gefällt er dir?”, flüsterte ich Harlen in seinem Ohr, was er strickt verneinte und mich für verrückt erklärte. Vielleicht spielten meine Gefühle wirklich verrückt, alles drehte sich, eine innerliche Achterbahn durchfuhr mich.
      Herr Holm stellte die Musik leichter und begann uns alle einander vorzustellen. Wenn Eskil sich gut anstellte, könnte er sogar im Nationalteam mitreiten, zumindest, bis er für uns zu alt wurde, was in weniger als drei Jahren so weit sein würde. Erstaunlich, dass er trotz so einer guten Verbindung zu seinem Pferd, erst jetzt die Möglichkeit bekam, das Land zu vertreten. Dann standen noch zwei jüngere Damen mit dabei, die nur schüchtern winkten und kurz sich vorstellten, Zwillinge, Eineiige Zwillinge. Obwohl sie noch vor einer Sekunde ihre Namen nannten, hatte ich sie schon wieder vergessen.
      Kaum endete die Vorstellungsrunde, wurde die Musik wieder lauter und heiter setzten sich alle in Bewegung. Mein Bruder verschwand nach unten, in den öffentlichen Bereich, während ich mich auf einer der Sitzmöglichkeiten hinsetzte und alles zunächst in Augenschein nahm. Hatte ich wirklich gedacht, dass ich für einen Abend eine Reise zurück in mein ein altes Leben konnte, ohne Gefühle, einfach zu Leben? Falsch gedacht. Das funktionierte nicht. Zwischen all den glücklichen Menschen, die einander hatten, fühlte ich mich unwohl. Ich zupfte an meiner Shorts herum, an meinem Shirt, aber natürlich wurde es nicht plötzlich länger.
      “Willst du meine Jacke?”, drückte mir Eskil ein langes, dunkel Stück Stoff in die Hand. Langsam begutachtete ich die Jacke, bedankte mich und legte sie mit über, wie eine Decke. Obwohl mir nicht kalt war, schämte ich mich dafür, so auszusehen, Haut zu zeigen und es interessierte niemanden. Er setzte sich zu mir.
      “Gibt es hier keinen, der mit dir tanzt?”, fragte Eskil aufgeschlossen, als würde er mich fragen wollen. Alles in mir schrie ‘Ja, keiner möchte, doch mein Herz schrie ‘Nein, es wartet jemand’. Es schrie so laut, dass es in meinen Ohren pulsierte, die Musik übertönte und keinerlei Erbarmen zeigte, mir gerecht zu sein.
      “Doch, aber er ist nicht da”, stammelte ich willkürlich, nicht, so wie ich es wollte. Aber in mir blutete es, zerriss mich und der Schmerz verlangte, auf schnellsten Wegen mich in das Zelt zu verziehen.
      “Also hast du jemanden an der Seite?”, die Frage zu beantworten, fiel mir schwer. Die Antwort wäre natürlich nein, ganz offensichtlich, aber ja. Erik schwebte mir durch den Kopf, wie ein Parasit, der sich mein Hirn zum Mittagstisch vornahm. Verzweifelt wischte mir durchs Gesicht. Ich hielt es nicht aus, entschuldigte mich kurz bei Eskil und lief hinaus zur Terrasse. In der letzten Ecke stellte ich mich ans Geländer. Von hier konnte man weit sehen, zu den Lichtern der Stadt und den wunderschön erhellten Wegen des Geländes. Das indirekte Licht schmeichelten der Architektur und Flair. Ich wünschte mit dem Ort bessere Erinnerungen verknüpfen zu können wie meiner Prüfung und nicht dem emotionalen Blödsinn. Aus meinem BH holte ich das Zigarettenetui, dem ich abschwören wollte, aber es nicht konnte. Vermutlich auch gar nicht wollte. Aber mein Feuerzeug war nicht da, freundlich fragte ich eine Frau neben mir, der ich mehrfach mein Geburtsdatum nennen musste, bis sie mir glaubte, dass ich über achtzehn Jahre alt war. Lächerlich bei der Vorstellung, dass Kinder eigentlich rauchen durften, nur der Verkauf nicht zulässig war. Erleichtert nahm ich einen kräftigen Zug vom Glimmstängel, die Lunge brannte und in meinem Hals setzte sich eine kratzige Schicht aus Gift ab, nicht gesund, aber mir egal. Traurig blickte ich wieder zu den bunten Lichtern, als es in meinem BH vibrierte. In dem Ding war echt Platz für alles, der Vorteil darin, kaum Oberweite zu haben.
      „Vriska. Ich dachte, dass ich dir beweisen müsste, ein Mann zu sein. Jemand, wie mein Bruder es ist. Stattdessen habe ich damit alles kaputt gemacht. Die gemeinsame Zeit genoss ich in vollen Zügen und möchte für dich da sein, egal wie schwer es sein wird. Sag mir, was ich tun soll, und ich werde es tun. Egal, was. Bitte, gib mir diese Chance, dir zu zeigen, was du mir bedeutest. Ich habe alles Mögliche getan, um bei dir sein zu können. Auf unbestimmte Zeit wurde ich beurlaubt und könnte von jetzt auf gleich zu dir kommen, solang wie du mich ertragen kannst, sofern du kein Problem mit meiner Tochter hast. Und dem Höllenhund. Bitte. Wenn du dafür bereit bist, dann drehe dich um.
      Gruß, Erik”, las ich unter dem Sternenhimmel die Nachricht, die aufleuchtete, mehrfach. Was sollte ich jetzt tun? Ich stand mit zwei, drei Leuten auf der Dachterrasse des Gebäudes, weit und breit niemand, den um Rat fragen konnte, niemand, der mir diese Entscheidung nehmen konnte. Aus meinen glasigen Augen tropften eine Träne und ich drehte mich um.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 96.667 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]
      kapitel fyra | 21. Oktober 2021

      St. Pauli’s Amnesia / Forbidden Fruit LDS / Glymur / Erlkönig / HMJ Divine

      Vriska
      Da stand er, perfekt wie er war. Getaucht im blauen Licht der kleinen LED-Leisten am Rande des Geländers. Hinter ihm reflektierten die bodentiefen Fenster die Lichter der Stadt, während im Inneren die Leute vergnügt tanzten, lachten und tranken. Das alles, machte es zu einem wunderschönen Abend. Weitere Tränen flossen unaufhaltsamen in meinem Gesicht hinunter und ich schämte mich dafür, ihn abgewiesen zu haben, daran gedacht zu haben, irgendwen für meine Spielchen ausnutzen zu wollen. Es wurde still und wir sahen einander an, niemand von uns beiden sagte etwas. Meine Knie zitterten, vor allem, weil es draußen super kalt war und ich die kluge Idee hatte, eine Shorts anzuziehen, die nicht viel länger war, als eine Unterhose und darüber ein lockeres bauchfreies Shirt. Eskil Jacke hing über dem Geländer, aber ich trug sie nicht. Langsamen Schrittes kam er näher, so wie wir uns das erste Mal sahen. Der graue Anzug schmeichelte nicht nur seine Figur, sondern untermalte seine Autorität, die ihm ansonsten ziemlich fehlte. Die Haare locker nach hinten gegelt und über dem Hemd mit feste, ein blaues längliches Jackett, dass Erik auszog und mir über die Schultern legte. Mit meinen hohen Schuhen fehlte sogar gar nicht mehr viel, um ihn in die Augen zu schauen, ohne eine Genickstarre zu bekommen.
      “Erik, du musst nicht wie dein Bruder sein, sei du selbst, denn so will ich dich”, sagte ich verlegen, hoffend darauf, endlich wieder seine Nähe zu spüren. Ohne zu zögern, legte er seine Hände an meinen Hals, drückte sie sanft zusammen und ich schloss meine Augen. Seine Lippen berührten meine. Alle Zweifel in mir rückten in den Hintergrund, als hätte es nie welche gegeben, als gäbe es nur uns beide, für immer. Das sanfte Kribbeln durchströmte meinen Körper, als würden Ameisen mich besiedeln, denn anders konnte ich es nicht beschreiben. Nur bei ihm hatte ich die Gefühle, nur er brachte mich auf andere Gedanken, auf positive Gedanken. Als Erik von mir absetzte, vermisste ich das Gefühl, dass er auf meinem Mund hinterließ schon wieder. War das Real, oder träumte ich?
      “Aber sag, wo sind deine beiden Begleiter?”, unterbrach ich das Schweigen, noch immer ihm klar vor meinem Gesicht. Er lächelte, die Augen funkelten.
      “Reiche ich dir nicht?”, lachte er vergnügt und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
      “Doch – doch! Aber du meintest”, stammelte ich verloren, unsicher darüber, ob es ihm zu direkt war, oder einer seiner gutmütigen Scherze.
      “Sie sind in guten Händen, damit wir etwas Zeit für einander haben”, klärte Erik auf und reichte mir seine Hand. Sogleich griff ich nach ihr, süchtig ihn zu spüren, bei mir zu haben. Auf der Terrasse standen auch bequeme Polstermöbel, die ich mit ihm gerne teilen würde, doch Erik hatte andere Pläne.
      “Wo willst du mit mir hin?”, fragte ich irritiert.
      “Wirst du schon sehen”, schmunzelte er und zog mich in das Getümmel der Leute, die nicht mal unsere Anwesenheit wahrnahmen. Hier waren wir irgendwer, keinem interessiert, wer wir waren oder ob Erik der seltsame kleine Bruder vom großen Olofsson war. Wir waren x-beliebige Leute, die einfach nur durch die Menge taumelten. Im Vorbeigehen schnappte ich mir eine offene Bierflasche, die mich schon aus der Ferne anlächelte. Der erste Schluck vollkommen widerwärtig, doch bereits der zweite lief hinunter wie Wasser und noch bevor wir unser Ziel erreichten, stellte ich die leere Flasche auf einer Mauer ab. Vor dem Haupteingang stoppte er, aus der Puste klammerte ich mich um seinen Hals, spürte das Verlangen, dass auch ihn durchtrieb. Einseitig biss ich auf meiner Lippe, hoffte von ihm zu Boden gerungen zu werden. Dass er seine Prinzipien über den Haufen warf und sich mir hemmungslos hingab, innig und vertraut, nur wir beide, in einer stillen Ecke, oder auch genau hier. Ich konnte mit beides vorstellen, aber er sollte es sein und nicht irgendjemand. Statt mir zu geben, nachdem ich mich so sehr gesehnt hatte, raunte er mir ins Ohr: “Erfolg ist mit den Geduldigen.” Sanft küsste er mich am Hals.
      Wir kamen hinter den ganzen Reitplätzen heraus, auf einer Wiese. Keine Menschenseele in der Nähe, nur wir beide und der Sternenhimmel über Stockholm. Aus einer seiner Hosentasche kramte er eine Kerze, stellte sie in den Rasen und zündete sie an.
      “Es ist nicht viel –”, wollte er die kleine Geste schlechtreden, doch ich legte meinen Finger auf seinen Mund, um ihn zu stoppen. Ein Lächeln bildete sich und seltsam lutschte er ihn ab. Irritiert zog ich ihn weg und wischte die Spucke an seinem Jackett ab.
      “Es ist perfekt”, flüsterte ich und kletterte zu ihm hinüber, im Augenwinkel die Kerze, um sie nicht umzustoßen.
      “Ich würde sagen, dass ihr euch ein Zimmer nehmen solltet, aber hier ist sonst keiner”, hörte ich plötzlich meinen Bruder und sah über Erik zu ihm. Im Dunkeln trat er an uns heran und musterte das Gesehen. Noch immer saß ich auf seinem Schoß, sein Hemd geöffnet und die Krawatte hin locker um seinen Hals. Erik drückte mich an sich, nicht im Begriff von mir zu lassen.
      “Und was möchtest du genau hier?”, fragte ich meinen Bruder.
      “Eigentlich wollte ich nur gucken, ob es dir gut geht, aber das scheint offensichtlich zu sein. Vielleicht wäre es auch gut, wenn ihr ins Zelt geht. Hier ist es nicht nur kalt, sondern dein Pferd hungert. Ihr könnt euch die Zeltkammer teilen, ich schlafe woanders”, grinste er, drehte um und verschwand in der Dunkelheit. Dann wandte sich mich Blick wieder zu Erik.
      “Was denkst du, kommst du mit oder fährst du wo auch immer hin?”, die letzten Worte kamen verlegen aus dem Mund, in der Angst, ihn wieder zu verlieren, wenn auch nur für die Nacht. Es dauerte ungewöhnlich lang, bis er mir antwortete, als hätte darüber noch nicht nachgedacht, was ich mir bei ihm nur schwer vorstellen konnte. Er plante durch Dinge voraus, machte sich Gedanken darüber, was passieren würde und was man stattdessen machen könnte.
      “Natürlich komme ich mit, aber deine Finger lässt du bei dir”, schmunzelte Erik und half mir aus dem Rasen nach oben, als ich mich von ihm herunterrollte und blickte verloren in den Nachthimmel. In der Hauptstadt Schwedens war so unglaublich Still in der Nacht, dass mich immer wieder danach umhörte, ein Geräusch zu vernehmen oder mich an etwas zu klammern, worüber ich mich aufregte. Aber es gab nichts.
      “Das lässt du so”, raunte ich Erik zu, worauf ich einen skeptischen Blick erntete, aber meinen Willen bekam. Sanft strich ihm noch einmal über die Brust, voller Ehrfurcht und zittrigen Fingern. Kleine Stolpern wie an Harlens Hals spürte ich, es war alles so perfekt. Die Kerze erlosch und Hand in Hand liefen wir zum Zelt. Vor dem Hauptgebäude stoppte, wir noch einmal, da Erik dringend noch mal zur Toilette musste, hoffend, dass er nicht noch einmal selbe tat wie beim letzten Mal. Ich saß in der Zeit auf einen der großen Steine vor dem gläsernen Gebäude und betrachtete die kalt-leuchteten Lampen ringsum, musterte ich alle Farben, die aus dem obersten Stockwerk nach Außen traten. Ich erblickte meinen Bruder, gedrückt an eine der Scheiben, doch die sich öffnende Schiebetür der Gebäude lenkte mich ab. Gefühlte Stunden vergingen, bis Erik wieder kam. Als erneut nach oben sah, war mein Bruder weg. Was meinte er mit, er schliefe woanders? Wenn hatte Harlen sich angelacht? War sie hübsch, eine der Bedienungen oder so eine von den Hardcore Pferdemädchen, vergleichsweise jemand wie ich?
      „Was suchst du da oben?“, fragte Erik und sah ebenfalls du den Fenstern, entdeckte jedoch genauso wenig wie ich.
      „Mein Bruder war da oben, gedrückt an eine der Scheiben. Es interessiert mich, wo er für die Nacht verbringen möchte“, erzählte ich ihm.
      „Dann frag ihn später, außer es hindert dich mit mir zu sein“, lachte er vergnügt, was ich mit einem Kopfschütteln verneinte. Fröhlich sprang ich auf und nahm wieder seine Hand. Es fühlte sich gut, ihn bei mir zu haben, dass konnte ich nicht oft genug denken. Die Freude kribbelte noch immer in meinem ganzen Körper und das Bier konnte wohl kaum der Grund dafür sein. Mit den hohen Schuhen in der Hand hüpfte ich über den sandigen Weg, auf dem ich zwischen meinen Zehen immer wieder kleine Steine spürte, die wie Dolche in die Haut eindrangen. Aber es war mir egal, der Schmerz zeigte mir, dass es kein Traum war, sondern die Realität.
      „Du kannst schon ins Zelt, ich muss noch mal das Heu nachfüllen“, sagte ich Erik, warf mein Handy und das Zigarettenetui in den Eingang des Zeltes, um dann weiter zum Pferd zu hüpfen.
      Flüsternd erzählte ich ihr von Erik, wie gut ich mich fühlte und wie sehr ich mich darauf freute, mit ihr morgen im Finale mitzureiten und vielleicht sogar auf das Treppchen zu steigen. Die anderen vier waren eine starke Konkurrenz. Chris hatte mir erzählt, dass eine von ihnen wirklich nur teure Pferde unter den Sattel bekam, während der andere Tag und Nacht trainierte und später ebenfalls im Nationalteam zu reiten. Keiner von ihnen wollte das Förderprogramm, so wie ich es hatte, denn damit war etwas Minderwertiges. So fühlte ich mich aber gar nicht, sondern viel mehr erfreut, die Möglichkeit bekommen zu haben, ohne, dass Vati mit den Geldscheinen wedelte. Ich hatte mir das alles selbst erarbeitet. Aus dem Hänger nahm ich das Heunetz und lief noch immer barfuß zu dem Ballen, der einige Meter von unserem Standort entfernt stand. Von Weiten sah ich Eskil, jedoch nicht am Heu holen, sondern hielt sich an etwas fest.
      Auf der Ferse drehte ich schnellstmöglich um, den anderen Ballen an fokussiert. So sehr darauf konzentriert, dass eins der Seile eines Zeltes übersah und im Dreck landete, direkt auf mein linkes Fußgelenk, dass mir schon durch die hohen Schuhe genügend Kummer besorgte. Schmerzlich rieb drüber, bis Erik zwei Plätze weiter zu mir kam.
      „Was machst du immer!“, lachte er und half mir beim Aufstehen.
      „Wegrennen, vor gruseligen Geräuschen“, antwortete ich leise, damit Eskil nicht hörte, was ich zuvor vernahm.
      „Lass die jungen Leute doch ihren Spaß haben“, mahnte Erik, als wären wir Ende fünfzig und seit Jahrhunderten enthaltsam.
      „Natürlich, jeder wie er es braucht. Außerdem ist er älter als wir“, lachte ich, humpelnd begleitete er mich, hielt mich fest und half sogar dabei das Netz zu befüllen.
      „Ach, du kennst ihn?“, fragte Erik interessiert und schloss das Band.
      „Ja, aber rege dich jetzt nicht auf. Ich wollte alles Mögliche in den Rachen gießen, um dich zu vergessen und die Erwartungen zu erfüllen, die man von mir hat“, gab ich zu, senkte meinen Kopf, um seinen Blick nicht zu sehen. Doch er schob mein Kinn wieder nach oben, lächelte sehnsüchtig. Nun war ich endgültig verwirrt.
      Was war denn bei ihm falsch. Ich verharrte und konnte nicht fassen, so ein Angebot bekommen zu haben, obwohl ich gar kein Interesse mehr daran hatte.
      „Na, wenn du nicht willst, auch okay, aber beweg dich jetzt, mir ist kalt“, küsste er auf der Stirn und lief zurück zum Camp. Fruity brummte freundlich, als er ihr das Netz wieder an der Seite des Hängers befestigte und ich betrachtete diese traumhafte Kulisse. Erik, der sein Hemd komplett offen hatte, gab meinem Pferd ein Heunetz, obwohl er ziemlich viel Respekt vor den freiheitsliebenden Tieren hatte. Konnte das wahr sein? Ich glaube kaum. Nur Lina hatte es besser als ich, ihr Kerl war die Topnummer der jungen Elite in Schweden, bestens ausgebildet, stets in Uniform unterwegs und dann auch noch bedacht auf das Wohl der Tiere, keiner Leistung. Dagegen konnte Erik nichts ausrichten, aber das war okay. Immerhin hatte er andere Dinge zu bieten.
      „Schaffst du es allein ins Zelt, oder soll der große Starke wieder zur Hilfe kommen?“, lachte er.
      „Natürlich musst du mir helfen, schließlich bin ich verletzt“, antwortete ich übertrieben theatralisch und streckte die Arme nach oben. Er nehme meine Arme und Beine und trug mich wie eine Braut zum Zelt. Allerdings landete ich unsanft mit meinem Po auf der Isomatte, die nicht wirklich gut gepolstert war. Seine Hände neben mir aufgestellt, beugte er sich über mich. Innerlich rannte sie Zeit, in der wir einander nur noch ansahen.
      „Was hast du denn vor, junge Dame?“, flüsterte Erik.
      Die Schmerzen an meinem Fußgelenk schon wieder vollkommen vergessen, krabbelte ich wortlos heraus und lief wieder zu den Campingstühlen.
      Aus dem Etui griff ich nach einer der Glimmstängel und als Erik dazu kam, bot ich ihm auch eine an. Jetzt war der richtige Moment, zu gehen. Ich fühlte mich vorgeführt, unsicher was ich denken sollte und nicht in der Stimmung das Ganze als einen Scherz aufzufassen. Süchtig zog ich an der Zigarette und wartete darauf, dass er was sagte.
      „Vriska. Ich will, aber ich kann nicht“, sagte Erik später, als aus der Ferne Schritte zu hören waren.
      „Na, dann lassen wir es, so einfach“, maulte ich eingeschnappt und aschte demonstrativ ab, würdigte ihm keines Blickes.
      „Es liegt nicht an dir, ich — bin einfach nicht bereit dafür“, stammelte er verlegen.
      „Dein Körper sendet dafür aber zu klare Zeichen“, murmelte ich.
      „Können wir das wann anderes besprechen, bitte? Lass uns nicht so schlafen gehen“, bettelte Erik und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Aus dem Frust heraus, wollte ich sie wegschlagen, doch mein Körper war da ganz anderer Meinung, als er langsam weiter fasste.
      “Oh, hallo ihr beiden”, begrüßte Lina uns gut gelaunt. Ihre Augen strahlten geradezu und ein entspanntes Lächeln lag auf ihren Lippen. “Schön, dass ihr doch noch einmal zusammengefunden habt”, fügte sie hinzu und es schien dabei wirklich aufrichtig zu sein.
      „Mal sehen wie lange“, rollte ich mit den Augen, stand auf und humpelte in das Zelt. Dort verkroch ich mich direkt in die letzte Ecke meiner Kabine und kuschelte mich in mein großes Kissen. Bis Erik kam, dauerte es noch einen Augenblick.
      „Vriska, ich bitte dich. Sei nicht so, sonst kann ich auch —“, anstelle ihn ausreden zu lassen, drehte ich mich blitzschnell um und drückte meine Lippen auf seine. Das Kribbeln kam wieder, von der vorherigen Körperspannung, ließ Erik sich fallen. Statt ihn sich selbst entkleiden zu lassen, übernahm ich diese Aufgabe, auch wenn es nicht mehr haben konnte, genoss jeden Atemzug mit ihm, um mich am Ende an ihn heranzulegen.
      „Erik?“, flüsterte ich in sein Ohr, damit es die anderen nicht hörte, was bei der bisschen Plastik, das uns umgab, mehr als eine sinnlose Unternehmung war.
      „Anwesend“, lachte er und drückte seinen Arm, auf dem ich lag, näher zu sich.
      „Ich möchte, dass du mein für immer bist.“

      Lina
      Müder aber glücklich krabbelte ich hinter meiner Schwester in das Zelt. Nach meinem persönlichen Tiefpunkt heute Nachmittag hatte der Tag noch ein schönes Ende gefunden. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ließ ich mir den Abenden noch einmal durch den Kopf gehen. Natürlich hatte ich mir den Ritt meines Freundes nicht entgehen lassen. Nicht das ich ihn ohnehin schon den ganzen Tag einfach nur betrachten konnte, aber in Verbindung mit einem Pferd wirkte er noch strahlender. Die Pferde waren seine Leidenschaft, Teampartner, keine reinen Sportgeräte. Statt dem Tier nur stumpfe Befehle zu erteilen, trat Niklas in einen Dialog mit dem Tier. Wenn er ritt, wirkte es so mühelos, als würde er seinen Lebtag nichts anderes tun. Das war es, was ihn von vielen der Konkurrenten unterschied und die Zuschauer in den Bann zog. Bisher hatte ich Amnesia nur unter Ju laufen sehen und hatte kaum glauben können, dass das dort auf dem Platz dasselbe Pferd sein sollte. Das soll jetzt nicht heißen, dass Ju ein schlechter Reiter war, keinesfalls, aber ihm fehlte das Gewisse etwas. Heute Abend tanzte Niklas mit der Scheckstute durch das Viereck und die Stute lief zur Höchstform auf. Für das ungeschulte Augen waren seine Hilfe unsichtbar und auch für den erfahrenen Reiter nur erkennbar, weil er wusste wie sie funktionierten. Obwohl Amy und er von einer deutlich schwächeren Aura umgeben waren, als, wenn Nik auf seiner Schimmelstute saß, verzauberte er nahezu jeden Zuschauer. Niklas und Amnesia waren nicht nur Sieger der Prüfung, sondern auch Sieger der Herzen. Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, wie viele der Mädchen im Publikum meinen Freund anhimmelten wie etwas Heiliges.
      Als ich im weiten Verlauf des Abends mit Juli zusammen auf den Weg zur Haupthalle war, in der noch eine Feier zum Ausklingen des Tages stattfinden sollte, war ich ein wenig nervös gewesen. Verschiedene Dinge spukten mir durch den Kopf. Einige hatten mit den vielen Leuten, um mich herumzutun, gerade mit den Leuten vom Verein. Der Verein und ganz besonders das Nationalteam war eine eingeschworene Gemeinschaft. Wie ein Bienenstaat folgte, sie alle den gleichen ungeschriebenen Gesetzten. Ein jeder schien jeden zu kennen, und vermeintlich über alles Bescheid zu wissen. Jeder, der nun in dieses Gefüge eindrang, schien erst einmal auf Abstand gehalten, beobachtet und beurteilt zu werden. Das war eindeutig mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb war.
      Das andere was mir nicht direkt Sorgen bereitete, aber große Verwirrung in mir auslöste war Vriska. Auf einmal stand sie vor meiner Tür, trug mir all ihr Leid vor, erzählte mir, dass ihr Traumprinz nicht mehr antwortete, sie aber auch noch irgendwie auf meinen Freund stand und dann… Dann war alles wieder wie vorher. Vriskas Worte über Niklas hallten in meinem Kopf wider, schien wie ein Flummi von den Wänden meines Schädels abzuprallen und durch meine Gehirnwindungen zu springen. Natürlich hatte ich die beiden auf dem Abreiteplatz entdeckt, ich war ja schließlich nicht blind. Auch wenn es nur ein kurzer Moment gewesen war, bis ein Pferde-Reiter-Paar mir die Sicht versperrt, reichte dieser aus, als dass ich unwillkürlich alles in mir zusammenzog. Schon in der Halle auf dem LDS hatten sie so seltsam vertraut gewirkt… Die Art und Weise wie Vriska Erik abwies, war nicht gerade zuträglich mein Gefühl zu beruhigen. Doch ich wollte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es nur eine Sinnestäuschung war, eine Überinterpretation meines Hirns, dessen Frühwarnsysteme sich noch zu genau an den Grund erinnerten, warum die Beziehung mit Flinn endete. Wegen dieser Gedanken war ich nun umso erleichterte darüber, dass Erik und Vriska doch zueinander gefunden hatten. Ich freute mich für die beiden. Erik hatte bereits in Kanada den Eindruck hinterlassen, als sei ihm das mit Vriska wirklich ernst und spätestens nach Vriska plötzlichen Anfall von offener Ehrlichkeit gestern, schien es auch ihr ziemlich wichtig zu sein. Eben hatte sie zwar wegen irgendetwas beleidigt gewirkt, aber mit jemandem den man eigentlich hasste würde man wohl kaum die Nacht verbringen. Wo ich gerade an die beiden dachte, kam mir die Frage, wo ihr Bruder eigentlich abgeblieben war. Nachdem Chris sich vorhin, noch bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, heftigst dagegen wehrte, dass ich die Nacht bei Niklas verbrachte, erwarte ich nicht gerade, das Harlen vorhatte das Zelt mit seiner Schwester und Erik zu teilen.
      “Juli, tiettä missä Vriskan veli? En Uskon, että hän nukkuu kummankaan klo (Juli, weißt du, wo Vriskas Bruder ist? Ich glaube nicht, dass er bei den beiden schläft.) ”, sprach ich leise meine Schwester an, die sich bereits auf ihrer Isomatte gemütlich gemacht hatte, während ich noch dabei gewesen war, mich umzuziehen.
      “Minulla on arvaus, missä hän yöpyy (Ich habe da so eine Vermutung)”, kicherte sie als wäre ihre Annahme unheimlich lustig. Allerdings musste das noch lange nichts heißen. Wenn Juliett betrunken war, fand sie grundsätzlich alles ziemlich lustig, sosehr, dass das ein oder andere männliche Wesen ziemlich beleidigt war, wenn es Gekicher als Antwort auf obszöne Annäherungsversuche bekam. Diese Szenen waren dann meistens für die Umstehenden ziemlich lustig, wodurch sich die Herren meist noch mehr in ihrer Würde verletzt fühlten.
      “Ja mikä tämä olettamus on? (Und was ist diese Annahme?)”, fragte ich in meinen Schlafsack schlüpfend. Kühl legte sich das Polyester an meine nackten Beine und ließ mich frösteln. So warm wie die letzten Sommertage auch sein möchten, in der Nacht kühlten die Temperaturen recht schnell herunter.
      “Näin hänet aikaisemmin kauniin nuoren miehen kanssa. Molemman näyttivät aika tutuilta. (Ich sah ihn vorhin mit einem hübschen jungen Mann. Die beiden wirkten ziemlich vertraut miteinander aus.)” So sehr wie sie das ziemlich vertraut betonte, brauchte ich nicht weiter fragen um zu wissen, was ihre Vermutung war. Ein junger Mann also… Unerwartet, als Homosexuell hätte ich Harlen nicht eingeschätzt. Er zeigte keine der typischen Verhaltensweisen, die ich von Alec und Magnus kannte, aber was wusste ich schon.
      “Riittää spekulointia tälle päivälle. Menen sänkyyn. Rakasta sinua pikkuinen Kauniita unia
      (Genug spekuliert für heute. Ich gehe jetzt schlafen. Hab dich lieb, Kleine. Träum süß)”, unterbrach Juliett meine Gedanken und schaltet die kleine Laterne aus, die mit ihrem schwachen Licht für die nötige Orientierung im Inneren des Zeltes gesorgt hatte.
      “Rakastan sinua myös, sis. Nuku hyvin. (Liebe dich auch, Schwesterherz. Träum schön)”, flüsterte ich in die völlige Dunkelheit, die uns nun umgab und kuschelte mich in mein Kissen. Für einen Moment lag ich völlig still, lauschte nur auf die Geräusche vor dem Zelt. Eine Maus, die auf der Suche nach Nahrung durch das trockene Gras raschelte, der Ruf eines Käuzchens, die Blätter, die sich leise säuselnd im Wind bewegten und die dumpfen Geräusche von Pferdehufen auf dem weichen Boden. Ein vollkommener Kontrast zu den satten Bässen, die mir vorhin noch in den Ohren dröhnten. Wie von selbst wanderten meine Gedanken zurück zum heutigen Abend, projizierten Bilder in meinem Kopf.
      Meine Schwester hatte meine anfängliche Anspannung wahrgenommen und war wie so häufig augenblicklich bereit gewesen, etwas dagegen zu unternehmen. Kaum hatten wir die Halle betreten, verschwand sie zielstrebig in der Menschenmenge, kehrte mit etwas undefinierbares, was sie einen Cocktail nannte, zurück und drückte mir das Glas begleitet von folgenden Worten in die Hand:” Riippumatta siitä, mitä päässäsi liikkuu, unohda se ja pidä hauskaa tänä iltana (Egal was in deinem Köpfchen mal wieder vorgeht, vergiss es und habe heute Abend ein wenig Spaß)”
      Die blutrote Flüssigkeit schmeckte überwiegend nach Cranberry Saft mit einem Hauch von Limette und brannte ein wenig im Abgang. Ich konnte nicht ausmachen, was in dem Gebräu drin war, aber es erzielte den von Juli vorhergesehen Effekt. Ich entspannte mich mit jedem Schluck etwas mehr und schob die ganzen Gedanken, die in meinem Kopf herumgeisterten, beiseite. Zufrieden betrachte Juliett mich als, das Glas leer war, nahm mich bei der Hand, leitet mich durch die Menschen. Ich hatte Mühe ihr zu folgen, da sie manchmal unvorhergesehen abbog oder sich irgendwo hindurchquetschte. Als sie endlich wieder stehen blieb, hatte ich die Orientierung hoffnungslos verloren. Die Bässe dröhnten in meinen Ohren, vermischten sich mit dem Stimmengewirr. Bunte Lichter, die über fremde Gesichter zuckten. Ein Gemisch aus den unterschiedlichsten Parfüms, Aftershaves und Alkohol lag in der stickigen Luft. Vollkommene Reizüberflutung.
      “Ja nyt pikku prinsessani, prinssi odottaa sinua (Und jetzt, meine kleine Prinzessin, wartet dein Prinz auf dich)”, raunte Juliett mir in mein Ohr und schob mich in eine Richtung. Für ein paar Sekunden verstand ich nicht was genau sie von mir wollte. Hektisch suchten meine Augen die Umgebung ab, bis ihn entdeckte. Niklas stand lässig an die Wand gelehnt, die Füße in den sündhaft teuren Sneaker überkreuzt. Die obersten Hemdknöpfe, seines weißen Hemdes, standen provokant offen und ermöglichten einen Blick auf die muskulöse Brust darunter, einfach atemberaubend. Ein offenherziges Lächeln trat auf sein Gesicht, als er mich erblickte. Augenblicklich durchfuhr mich eine Hitzewelle, erfüllte jede Faser meines Körpers und hinterließ ein Kribbeln auf meiner Haut, wie den kleinen Füßchen hunderter Schmetterlinge, die sich auf ihr niederließen. Ich vergaß die dröhnende Musik, das zuckende Licht, vergaß alles um mich herum. Ich nahm nur noch Niklas wahr.
      Von ganz allein trugen mich meine Füße zu ihm hinüber, bewusst der Blicke, die auf mir lagen. Sollten sie ruhig schauen, sollten sie sehen, dass ich zu diesem wundervollen Mann gehörte. Der Mann, der selbst meine kühnsten Träume übertraf, der so perfekt war.
      Im nächsten Moment fand ich mich in seinen Armen wieder, umgeben von seinem Duft, den ich in mich aufsaugte wie ein Schwamm. Ich spürte seine kräftigen Hände auf meinem Körper, die Wärme seiner Haut, das dynamische Zusammenspiel der Muskeln unter meinen Finger, verlor mich in seinen mit Begierde erfüllten Augen. Als sich unsere Lippen trafen, explodierte ein Feuerwerk aus Endorphinen in mir.
      Die Erinnerungen an den Abend verschwammen miteinander, wirbelten durch meinen Kopf, durchströmen mich erneut mit Leidenschaft und bildeten neue Bilder, die allmählich zu Träumen wurden.

      Vriska
      Ein rauer, unbarmherziger Windzug aus Schnee und Graupel vernebelte mir die Sicht, außer dem Pferd und mir war niemand in greifbarer Nähe, und wenn doch, dann hätte ich ihn nicht gesehen. Die dunklen Ohren des Tieres erschienen nur schemenhaft vor meinen Augen und mein Versuch mich zu orientieren, scheiterte. Im Schritt setzte ich an, noch immer im Willen daran, wo ich sei, wie ich hierherkam, als brodelnde, rote Blitze sich vor mir eröffneten. Das Pferd stieg, weigerte sich den Weg nach vorn zu nehmen, stattdessen drehte es im gestreckten Galopp. Ein Blick nach hinten, noch immer verfolgt von der heißen Flüssigkeit, umschlossen von Nebel und Kälte. Plötzlich fiel ich hinein in den Dreck, der Flug nach unten endete nicht, stattdessen fiel ich immer weiter, immer weiter. Wach. Was war das?
      Vorsichtig griff ich neben mich, Erik fehlte. In meinem Kopf eröffnete sich die Panik, dass es gestern Abend nur ein Traum, aber kein Traum wie dieser, sondern ein schöner, schön, wie er es war. Hoffend darauf, dass er noch da war, schob ich die Folie der Zelttür zur Seite, bekleidet mit Tyris Rugby Pullover und einer kurzen Hose, und trat an die frische Luft. Ein kalter Windzug fegte um meine Beine, aber da saß er zusammen mit Harlen, Eskil. Herzlich lachte sie, doch jeder für sich irritierte mich. Fern ab davon, dass keiner von ihnen ein Shirt trug. Erik, der sich in Kanada noch dafür schämte seinen Oberkörper zu präsentieren, saß vollkommen selbstverständlich mit dabei, trank einen Kaffee und in der anderen Hand eine Zigarette. Die drei wirkten ungewöhnlich vertraut, besonders mein Bruder, den ich zwar als sehr gesellig kannte, bot mir einen ganz anderen Teil seiner Persönlichkeit. Er saß still daneben, halb anwesend, halb verträumt. Immer wieder musterte er die beiden von oben bis unten, in den Augen funkelte etwas, etwas Unbekanntes. Konnte es möglich sein? – Nein! Das wäre unvorstellbar und nur ein Hirngespinst, dass sich in mir ausbreitete durch Mangel des Liebeslebens. Aber nein, ich wollte mir meinen Bruder beim Geschlechtsverkehr gar nicht vorstellen, das hätte zu viele Elemente meines Vaters. Nein!
      “Vivi, willst du weiter so gaffen oder kommst du auch dazu?”, fragte mich Erik belustigt und hielt mir demonstrativ die Schachtel entgegen. Eigentlich war der Wille von dem Gift abzulassen, noch immer präsent, aber ich konnte ihm kein Angebot ausschlagen und lief die wenigen fehlenden Schritte zu ihnen. Erst jetzt sah ich Eskil in seinem Ausmaß an Körper dabeisitzen, überseht von kleinem Liebkosen der vermeintlichen vergangenen Nacht.
      “Wer von euch hatte eigentlich die Idee, wie die drei Engel von Charly in eurer vollen Männlichkeit morgens um sieben Uhr hier herumzusitzen?”, fragte ich interessiert, gab Erik einen zaghaften Kuss und setzte mich auf den verbliebenen Campingstuhl dazu. Wie abgesprochen sahen sie einander an, lachten aber verwehrten mir die Antwort.
      “Vielleicht wenn du etwas älter bist”, grinste Eskil, was ich mit einem eingeschnappten Schmollmund beantwortete. Wenn ich hier nicht willkommen war, konnte ich mich auch um mein Pferd kümmern. Doch auch Fruity schlief noch, der Heusack aufgefüllt und der Wassertrog ebenfalls bis obenhin voll, obwohl ich vor nicht einmal zehn Minuten aus der Sauna hinauskletterte.
      “Eskil? Hast du Fruity mitversorgt?”, fragte ich überrascht, als ich noch mal prüfend um den Paddock herumlief.
      “Nein, dein Freund hat das gemacht”, antwortete er schulterzuckend. Erik und Pferde? Freiwillig? Viel mehr konnte er mir gar nicht zeigen, dass er bei mir sein wollte, zeigen, was er gestern im Zelt nicht mit Worten erwiderte. Stattdessen legte er seinen Arm fest um mich, innig und vertraut. Obwohl noch immer sein Bruder schemenhaft in meinem Kopf spuckte, versuchte ich ihn bestmöglich auszublenden, denn was ich brauchte, saß nur einige Meter entfernt.
      “Esy, dass ihr nicht-Freund, wichtiger Unterschied”, mischte sich auf einmal mein Bruder mit ins Gespräch ein. Wieder musste ich unter ihrem Getue leiden, als hätte ich sonst keine Sorgen. Ich wusste nicht einmal, wann der Start anstand, welche Musik laufen würde, wie ich abschneiden würde. So viele Fragen, die ich nicht zu beantworten wusste. Unwillkürlich begann ich auf der Stelle herumzutänzeln, ratlos von links nach rechts zu laufen und irgendwelche Gegenstände von der einen zur anderen Seite zu bringen.
      “Liebling, setzt dich noch mal, du machst du uns alle verrückt”, versuchte mich Erik zu bändigen, was die innerliche Stimmung nur noch verschlechterte.
      „Ihr macht mich verrückt!“, fauchte ich genervt und schließ die dreckige Schüssel in die Seitentür des Hängers. Alles lag herum, als lebten wir seit Jahren, aber nein, die Unordnung wurde innerhalb weniger Stunden verursacht und ich denke nicht, dass das nur mein Verschulden war. Wieso hatte ich so viele Menschen mit zum Turnier genommen? Schrecklich. Plötzlich spürte ich einen warmen Luftzug um meinen Nacken, drehte mich und Erik standen mit einem schelmischen Lächeln vor mir.
      „Muss ich mir etwa Sorgen machen, dass du deine geballte Lust nicht zügeln kannst?“, flüsterte er sanft ins Ohr, küsste meinen Hals und drückte mich gegen die Tür des Hängers.
      „Ach vor Publikum kannst du aufeinander“, es lag mehr Hoffnung in den Worten als ich wollte, zu gleichen Teilen versprühte sich das ein kribbelndes Gefühl im Körper, jede seiner Berührungen intensiver wurde. Wieso machte er es so schwer? Der Hänger wäre frei und deutlich bequemer als unser Zelt!
      „Vielleicht wenn du nachher den Sieg nach Hause holst, überlege ich es mir“, hauchte er. Ein Schwall von Alkohol zog an meiner Nase vorbei. Das erklärte tatsächlich mehr als mit lieb war. Ich stieß ihn vorsichtig zur Seite und schlüpfte unter seinen Armen in die Freiheit.
      „Jetzt erklärt mir sofort einer euch Idioten, wieso ihr um solch unchristlichen Zeiten schon am Trinken seid!“, verlangte ich nach mehr Antworten, denn wenn es so weiterging, wäre die Autofahrt die reinste Hölle. Mein Bruder wurde ab einem gewissen Punkt noch peinlicher als ich, auch wenn dieser deutlich später wurde. Kinderbetreuung, immerhin hatte Lina gestern schon üben dürfen, so sollte sie die auch in den Griff bekommen.
      „Schon? Du meinst noch immer“, lachte Eskil leicht lallend. Noch immer genervt, rollte ich die Augen, stieß Erik ein weiteres Mal zur Seite, da er wieder ankam, um mir falsche Hoffnungen zu machen.
      „Noch immer? Dann solltet ihr besser aufhören oder musst du heute nicht mehr reiten?“, versuchte ich das Ganze weniger ernstzunehmend, was jedoch in einem leicht hysterischen Grummeln endete.
      “Doch, aber erst am Nachmittag, bis dahin sollte ich ausgenüchtert sein”, wollte Eskil mich überzeugt weiß machen.
      “Na, wenn das so ist, dich wird wohl der Elch wachgehalten haben, der in der Nacht heimlich vom Heuballen klaute”, lies ich endlich die Katze aus dem Sack. Sein Gesicht tauchte sich in einen blassen Ton, die Wagen erröteten langsam und seine Hände fassten krampfhaft in die Stuhllehne, als suche er etwas in ihnen. Unverständlich stammelte er vor sich hin, obwohl es doch nichts Schlimmes darangab, mit jemanden Spaß zu haben.
      “Wer war denn die Glückliche?”, versuchte ich mehr Informationen zu bekommen, auch im Gedanken daran, mir alles nur eingebildet zu haben.
      “Ich weiß nicht, wer sie war”, kam wie aus der Pistole geschossen, als wäre es eine Standardantwort, die er gab, um nicht das Gespräch weiterzuführen. Ich beschloss auch, keine weiteren Fragen zu stellen, obwohl ich gern mehr Details haben wollen würde, denn ich hatte noch immer Erik im Kopf, der kein Problem damit gehabt hätte, dass ich dazu gehe. Aber wie hätte das funktionieren soll? Fragen, ob ich auch mal darf? Das wäre äußerst seltsam, dann würde ich auch kein Gespräch darüber führen wollen.
      “War’s denn wenigstens gut?”, lachte Harlen und klopfte ihm aufmunternd auf den Oberschenkel. In seinen Augen fand ich kein Zeichen dafür, dass es ein Versuch war, das Alibi aufrechtzuerhalten, aber vollkommen überzeugt wurde ich nicht.
      “Und wie! Aber nach wie vor weiß ich nicht, wer sie war, um es zu wiederholen”, schien Eskil nun wieder offener zu sein. Ich musterte die beiden im Wechsel, aber konnte nicht noch einmal den Vibe vom Abend spüren im Saal.
      Im Wechsel schütteten die Männer sich immer mehr Alkohol in die Shotgläser, als hätten sie schon lange die Kontrolle. Besonders Erik schockierte mich, der sonst ziemlich Behutsam im Umgang dieser Getränke, doch nun musste ich der Spielverderber sein. Was sollten die anderen denken am Platz, wenn drei ziemlich gutaussehender Herren der Schöpfung mit einem kleinen blonden Mädchen an einem Tisch saßen, vollkommen albern, belustigt und jeden unpassenden Witz machten, der sich anbot.
      “Erik, was ist eigentlich mit deiner Tochter und deinem Hund? Vermissen die dich nicht schon?”, versuchte ich ein kreativeres Gespräch zu eröffnen, als die obszönen Witze von ihnen weiter zu hören.
      “Die kommen klar, sind bei meiner Schwester. Ich möchte gerade nur bei dir sein”, lallte er ziemlich, was für mich der Grund wurde, von hier zu verschwinden. Glücklich, wenn auch etwas genervt, krabbelte ich leise ins Zelt, um im nächsten Moment bereits festzustellen, dass Juliett und Lina durch das Gegröle der Herren schon wach wurden. Die Sonne hatte den Palast ziemlich aufheizt, obwohl ich vorsorglich das Vorzelt geöffnet hatte.
      “Tut mir leid, dass sie euch geweckt haben”, entschuldigte ich mich bei ihnen, im Bewusstsein darüber, dass sie von selbst, nicht auf die Idee kämen. Gleichzeitig suchte ich weiter nach meiner Reithose, die Verschwunden wirkte in dem Haufen aus Kleidung in unserer Kabine. Was ich sofort fand, war Eriks Hemd, dass ich ordentlich zusammenlegte und zur Seite packte, um es ihm gleich zu überreichen. Ich wollte nicht, dass andere ihn so ansahen, wie ich es tat. Er gehörte mir und das sollte auch jeder wissen! Schlussendlich fand ich die Reithose auch nicht, aber zumindest meine graue Jogginghose, die wohl zum Training auch einen Zweck erfüllen würde. Den Pullover, der zumindest eine positive Erinnerung an meine Heimat weckte, selbst mit Tyris Namen auf ihm, wechselte ich gegen die Hofjacke.
      “Alles gut. So langsam ähnelt das hier drinnen eh einer Sauna. Und gut geschlafen?”, erkundigte sich Lina munter. Trotz der noch frühen Uhrzeit wirkte sie ziemlich ausgeschlafen im Gegensatz zu ihrer Schwester, die nicht so aussah, als würde sie vor dem ersten Kaffee zu etwas zu gebrauchen zu sein. Kaffee … Ich hatte auch noch keinen, vielleicht sollte ich für uns beide einen besorgen.
      “Ich würde lügen, wenn ich nein sage. Aber es war ungewohnt … irgendwie, keine Ahnung. Egal”, machte ich mich noch kleiner. Das, was alles in mir schwebte, wie sehr ich Erik genoss, einfach nur dabei ihn anzusehen, verschlug mir die Worte. Worte, die ich nicht auszusprechen vermag und erst recht nicht gefragt zu jemanden, der noch vor weniger als zwei Tagen gesagt bekommen hat, dass ich am liebsten den Freund bei mir haben wollte. Der ganze Gefühlskram war mir zu viel und so willkürlich, als wäre ich in der Pubertät.
      “Freut mich zu hören, da gewöhnst du dich sicher noch dran”, antworte sie mit ungebremst guter Laune und begann leise vor sich hin summend ihren Sneaker zuzubinden. Es irritierte mich, dass sich alle heute ungewöhnlich fröhlich anzutreffen waren.
      “Das bleibt abzuwarten”, grummelte ich weiter, in Andacht meines Traumes, ihn vielleicht doch schneller zu verlieren, als mir lieb war.
      “Mensch Vriska, du bist mir ein Rätsel. Erst beschwerst du dich, dass dein Angebeteter nicht antwortet und wenn er dann endlich da ist siehst du schon das Ende? Erfreue dich doch erst einmal seiner Anwesenheit”, bekundete sie optimistisch.
      “Du verstehst das nicht”, rollte ich mit den Augen, bis mir auffiel, dass sie es nur gut meinte. Also fügte ich noch hinzu: “Na gut, ja. Es stimmt, was du sagst, ich habe viele Zweifel und aber ich mag ihn von ganzem Herzen.”
      “Ich verstehe dich, wegen Niklas und der Entscheidung herzukommen, hatte ich auch Zweifel, eine Menge Zweifel sogar. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich immer noch den ein oder anderen Zweifel und trotzdem bin ich hier. Das könnte die klügste oder die dümmste Entscheidung in meinem ganzen Leben gewesen sein, wir werden sehen. Aber weißt du, mein Gefühl sagt mir, dass Erik auch ziemlich viel an dir liegt, also gibt ihm die Chance deine Zweifel zu beseitigen”, sagte sie ermutigend. Wow, war das da vor mir immer noch derselbe Mensch, der vorgestern behaupte, hatte er sei nicht optimistisch? Auch Juliett schien ein wenig verwundert über ihre Schwester zu sein, denn sie warf ihr stirnrunzelnd einen schrägen Blick zu. Eigentlich würde ich auch gut zu reden, aber wir kannten Niklas mehr oder weniger gleich gut, wenn auch verschiedenen Ebenen.
      “Ich habe meinen Namen gehört?”, kam nun auch der Zweifel persönlich dazu, mein Zweifel. Jeden Blick, den zu ihm richtete, schrie danach, Lina recht zu geben, es mir selbst zu gönnen, jemanden wie ihn an meiner Seite zu haben, aber etwas konnte das nicht akzeptieren.
      „Hier, zieh dir was“, sagte ich stumpf zu ihm, drückte ihm das Hemd in die Hand und lief zielgerichtet zum Hänger. Dabei entging mir nicht, dass Eskil sichtlich interessiert meinen Bruder ansah, der ihm auch sehr tief in die Augen schaute, aber daran konnte ich nicht mehr denken. Es quälte mich viel mehr, diese Achterbahn aus Gefühl zu spüren, obwohl ich doch einfach nur ein Turnier reiten wollte. Ein Turnier, um Tyrells Pferd vorzustellen, nichts Besonderes. Bruce Pferde ritt ich andauernd auf irgendwelchen Turnieren, wenn auch in einem deutlich geschlossenen Kreis aus Menschen. Es gab weder Partys, noch hatte ich jemals mehr als eine Person als Begleitung dabei. Hier hatte ich das Gefühl von jedem angestarrt zu werden, gemustert und kritisiert. Allein das äußere Erscheinungsbild von Fruity Unterschied sich deutlich. Ihre kräftigen Beine, die Stehmähne, der plüschige Schweif und die dazu großen treuen Augen, die freudig funkelten, wirkte auf andere bedrohlich oder lächerlich. Da war ich mir nicht ganz sicher. Weiter betrachtet unsere Ausrüstung. Weder trug ich einen besonders schönen Helm, auf den meine Initialen mit Glitzersteinen verziert waren, noch irgendwelche Designer Stiefel, und Fruity? Die hatte ein eher Sitzkissen ähnliches Erscheinungsbild auf dem Rücken, ohne ein klassisches Sattelblatt oder enorm-große Pauschen, in denen wirklich jeder sitzen konnte und dazu eine schwarze Trense, die kein Lack hatte, sondern noch mal geputzt werden sollte, oder zwanzigmal am besten. Es war nicht einmal mein Verdienst, wie Fruity sich präsentierte. Alles, was ich tat, war meine Beine im richtigen Moment zu bewegen und meinen Sitz anzupassen. Mit etwas Übung schaffte das jeder, also was hatte ich im Finale zu suchen? Nichts, wirklich gar nichts.
      Von der Seite begann etwas an meiner Hose herumzufummeln. Fruity stand am Zaun und inspizierte meine Hosentasche nach einem Leckerli aus, doch da konnte sie nichts finden als ein mit gewaschenem Taschentuche. Aber ich wusste, wo es welche gab und lief direkt zum Hänger, der noch immer aufstand, um ihr Gesuch nachzukommen.
      “Hier meine Hübsche”, flüsterte ich sanft, als sie vorsichtig aus meiner Hand das Leckerli sammelte. Dann begann ich sie zu putzen, obwohl viel Dreck nicht auf den wichtigen Stellen war, womit es mir gelang, das Pferd innerhalb von zehn Minuten zu satteln und noch einen schweifenden Blick zu den anderen zu werfen. Erik hatte noch einmal versucht, ein Gespräch zu führen, doch ich ignorierte ihn. Dafür gab es keinen Grund, aber ich schämte grundlegend für meine Gefühle, außerdem hatte er Spaß mit den anderen, da musste ich nicht mit meiner seltsamen Stimmung alles zerstören.
      “Ich gehe zum Platz”, sagte ich kurz Bescheid und lief los, ohne noch einmal zurück zu gucken. Vielleicht war die Einstellung nicht falsch, immer nach vorne zu sehen, aber in dem Fall hätte ich sicher warten können, ob jemand mitkommen wollte. Die Leere kam wieder, Unwissenheit, was kommen würde, Angst, alles verlieren zu können. Zu viele Fragezeichen in der Zukunft außerdem spürte ich jenes, dass etwas Schlimmes passieren würde in geraumer Zeit.
      “Hey, warte Vriska ich komme mit”, rief mir jemand nach und ich hörte schnelle Schritte, die sich Fruity und mir näherten. Zu meinem Erstaunen war es nicht Lina, die dort angelaufen kam, sondern ihre Schwester.
      “Na gut, gern. Aber erwarte nichts”, schmunzelte ich aufgesetzt, um mir nichts weiter anmerken zu lassen. Natürlich schien es sehr naiv von mir, denn sofern ich nicht glücklich strahlend mit Erik unterwegs war, fehlte mir immer irgendetwas. Kurz sah ich doch noch einmal zurück, aber er kam nicht mit, sondern lachte mit den anderen dreien am Tisch, ohne mich.
      “Keine Sorge, ich erwarte schon nichts. Ich bin beeindruckt, dass du mit einem solchen Pferd wie ihr auf einem klassischen Warmblüter Turnier auftauchst, da gehört einiges an Mut zu”, versuchte Juliett ein Gespräch zu beginnen und deutet mit einer Kopfbewegung auf die Stute neben mir.
      „Ganz einfach gesagt, ich hatte keine Wahl. Ich musste das tun“, murmelte ich verschlagen und strich Fruity über den Hals. Dem traf dabei überhaupt keine Schuld! Sie konnte sich schon bei der ersten Runde durchsetzen und einige Fans gewinnen, ich hingegen fühlte mich nicht mehr sowohl wie in dem Moment, als ich ausritt. Die Missachtung meiner vermeintlichen Freunde demütigte mich und sogar mein Bruder empfand, alles andere, als so viel interessanter, als die Leidenschaft seiner Schwester, stattdessen erpresste er mich. Wenn es nicht so dramatisch mit ihm ablaufen würde, hätte ich ihn nachher am Flughafen abgesetzt und dann wäre er verschwunden.
      “Aber dafür, dass du nicht freiwillig hier bist haben sich, dein Pferd und du gestern gut geschlagen, es ist sicher nicht einfacher als früher geworden sich gegen die klassischen Warmblüter durchzusetzen”, setzte sie das Gespräch anerkennend fort. Juliett meinte es auch nur gut, aber ich hatte nichts Besseres zu tun, als mir einer Zeit der Freude, wieder schlechte Laune einzureden, um sinnlose Ausreden zu erfinden, scheitern zu können.
      „Ach, dann bist du auch mal geritten?“, fragte ich aus der Höflichkeit heraus, ohne echtes Interesse zu haben. Es tat mir leid, aber mir fehlte zu so vielen Menschen die Bindung.
      “Ja, das bringt es so mit sich auf einem Pferdehof aufzuwachsen. Na ja, fast meinen Bruder hat niemand auf ein Pferd bekommen”, lachte sie mild und schien ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen.
      „Wenn du mal wieder auf ein Pferd sitzen möchtest, finden wir sicher etwas Passendes auf dem LDS, die sind nicht alle vollkommen gestört“, musste ich nun doch lachen. Freundlich öffnete sie das Gatter zum Platz, auf dem Betriebs Reiter unterwegs waren und die Tiere förmlich über den Sand schubsten. Es fehlte an Motivation, sie trampelten einfach nur vorwärts. Auf der kleinen Tafel lass ich, dass das M-Reiter sein werden, da in wenigen Minuten die Prüfung begann, schämt euch. Im nächsten Moment schwang ich mich in den Sattel und begann im Schritt, dabei immer mein Handy in der Hand, um die Kür zu lernen. Trab, Volten, Handwechsel mit Verstärkung, Versammlung, irgendwelche Bahnfiguren, stehen, Ecke kehrt im Galopp, fliegender Wechsel, Schlagenbögen, Versammlung, fertig. Das sollte ich doch wohl hinbekommen. Mir kam die eine Atemübung wieder in den Sinn, die Niklas mir gezeigt hatte, um mich besser auf etwas konzentrieren zu können. Also hielt ich an und setzte sie um, je öfter ich bewusst längere Atemzüge machte, umso besser wurde meine Gedankenwelt, aber auch die Müdigkeit holte mich ein. Kein Wunder, wenn man nur fünf Stunden schlief und aus einem Alptraum aufwachte.
      „Vriska?“, hörte ich plötzlich meinen Namen auf dem sonst lauten Reitplatz, als ich die Schlagenbögen im versammelten Galopp ritt. Die Stimme würde ich unter tausenden erkennen, der kindliche Singsang in den Silben und vertraute Bass in den Untertönen, schnellte mein Herzschlag oben. Am Zaun stand Erik, mittlerweile wieder bekleidet und hatte Juli bereits einen Kaffee gereicht, somit würde der andere für mich sein.
      „Soll ich denn so lange noch halten?“, fragte er freundlich, als ich neben ihm anhielt.
      „Nein, ich brauche den jetzt, sonst würdest du vermutlich schon morgen nach Neuseeland fliegen“, entfachte sich die Begier nach dem Schwarzen Heißgetränk, das er mir sogleich reichte.
      „Wer sagt denn, dass ich nicht schon ein Ticket gebucht habe?“, sagte Erik, betrachtete mich dabei von unten nach oben bis seinen Blick in meinen Augen hängen blieb.
      „Dann wünsche ich dir einen guten Flug. Ich denk an dich“, beendete ich kurzfristig das Gespräch und ritt wieder an. Es gab keinen Grund zur Sorge, er war hier. Vielleicht trug die Müdigkeit ihren Teil dazu bei, dass ich alles sehr extrem verspürte, doch schon ersten Schlucken der dunkelbraunen Flüssigkeit erquickten mein Herz zutiefst und ein Lächeln zauberte sich auf meine Lippen.
      „Komm, wir zeigen ganzen aufpolierten Stelzen, was du kannst!“, flüsterte ich Fruity in ihr Ohr, setzte mich in den Sattel und hielt weiterhin die Zügel in der linken Hand, denn in der rechten Dampfte mein Kaffee. Bei einem Punkt, den ich als Platz Mitte definieren würde, hielt ich an, um bestmöglich die Prüfung zu imitieren und trabte im Arbeitstempo an auf der linken Hand. Mit der Volte Links begann ich, die Zügel nur als Mittel der Haltung und alles gesteuert über den Sitz, konzentriert auf minimale Hilfen. Im Wechsel auf die rechte Volte wurde es für einen Wimpernschlag holprig, der Kaffee schwappte ein wenig über den Rand und tropfte auf meine Hose, toll. Egal, es war nur meine Jogginghose.
      Nach dem Viereck vergrößern, verkleinern kam die erste Herausforderung – versammelter Schritt, rechts Kurzkehrt und wieder weiter im Arbeitstrab. Als es zum Halt kam, spürte ich starrenden Blicke um mich herum, auch das Geflüster entging mir nicht. Unsicher sah ich zu Erik, der noch immer ein breites Lächeln auf den Lippen trug, als würde es zu ihm gehören, wie die perfekt geschnittene Anzughose. Entspannt nahm ich einen Sipp vom Rand des Kaffees und nach einigen Tritten rückwärts, galoppierte ich aus dem Stand an im versammelten Tempo. Fruity meisterte auch das wie ein junger Gott, was sie mit ihren sechs Jahren auch noch war. Eine blonde Dame, die uns schon eine Weile beobachtete, nickte mir anerkennend zu, als sich unsere Blicke trafen. An ihr Gesicht erinnerte ich mich noch, es war eine der Zwillinge. Sie saß auf einem wunderschönen Schecken, was auch einen außergewöhnlichen Anblick in der Dressur bildete, vor allem, weil der Hengst auch einen barocken Schnitt hatte. Seine weiße Mähne zu Zöpfen genäht und im Trab wallte der zweifarbige, imposante Schweif, schon rein optisch hatten die beiden vielen etwas voraus.
      Mutig galoppierte ich im Außengalopp im Mittelzirkel, gedanklich bei dem fliegenden Wechsel, den ich weder beherrschte, noch einhändig ritt. Aber ich wollte es allen beweisen, vor allem mir selbst. Doch ich erwischte mich dabei wieder Hilfen vergessen zu haben, galoppierte Runde um Runde auf dem Zirkel zum Entsetzen der anderen, die unsertwegen mehrfach Platz machten. Ich holte Fruity zurück in den Schritt, ließ die Zügel los und ritt ab. Damit war meine Motivation erloschen, gute Voraussetzung für die Prüfung später.
      “Behöver du hjälp? Jag tycker inte att det ska sluta så här (Brauchst du Hilfe? Ich denke nicht, dass das so enden sollte)”, kam die blonde junge Dame wieder zu mir. Mangelnd der Sprache schüttelte ich den Kopf und ritt schweigend weiter mit dem tiefen Blick in meinem Kaffeebecher, der schon halb leer war. Von der Seite bemerkte ich Gelächter, Lästereien und abfällige Blicke. Wäre Fruity nicht außer Atem, wäre ich direkt abgesprungen, zum Hänger, Pferd einladen und zurück zum Hof. Aber meine Teilnahme zurückziehen, stand auch noch zur Wahl.
      “Habt ihr alles ausgetrunken oder ist noch was da?”, fragte ich aus dem Nichts, was Verwunderung auslöste.
      “Gin meinst du? Oder Kräuter?”, begriff Erik dann doch noch, was ich mit einem Nicken bestätigte. Ehrlich gesagt, interessierte es mich nicht, was wir genau dahatten, Hauptsache genügend Umdrehung.
      “Wenn die beiden endlich aufgehört haben, dann sollte noch was da sein”, gab er zu bedenken. Ich wartete nur auf die Belehrung, die jedoch nicht kam. Stattdessen nahm er mir den Kaffee ab und strich Fruity freundlich über die Schulter.
      “Ihr schafft das schon nachher”, munterte Erik mich auf, legte seinen Arm um mich, nach dem ich vom Pferd stieg und den Gurt gelockert hatte. Was passierte hier eigentlich schon wieder? Ich wollte den Sieg, ich wollte ihn bei mir haben, aber redete mir in jedem Moment ein, dass alles nie zu schaffen, nie Erfolge zu erzielen, nur ein Nebendarsteller zu sein in einem Leben, dass eigentlich meins war.
      “Du bist auch erst am Nachmittag dran”, kam Juliett freundlich von hinten dazu gerannt.
      “Ach, hast du auf der Startliste geguckt? Das ist lieb, danke”, bedankte ich mich und drückte meine Lippe etwas nach oben, bevor wieder alles entspannte und der natürliche leere Gesichtsausdruck, die Vorherrschaft übernahm.
      Die Kegelgruppe wurde immer Gruppe, denn Chris und Niklas hatten auch ihren Weg zu uns geschafft, als hätten sie keine eigenen Pferde zu versorgen. Als ich sie bemerkte, griff ich hektisch nach Eriks Hand, um lüsternen Blicken Niklas’ ausweichen zu können, denn ob ich schon bereit dafür war, ihn zu vergessen, wusste ich nicht. Generell wusste ich nichts, außer dass ich in zwei Tagen die letzte praktische Prüfung vor mir hatte, die Prüfung, von der alles abhing. Ob ich auf dem LDS bleiben konnte, ob das Förderprogramm sein Ende fand und noch viel wichtiger – ob ich zurück, ohne Ausbildung, nach London musste.
      Lina saß auf Niklas Schoß, glücklich darüber ihn bei sich zu haben, freudestrahlend und begnügt. Sie wirkten so unbeschwert zusammen, als gäbe es die anderen um sie herum gar nicht, selbst die kichernden Weiber, die an unserem Camp vorbeiliefen, ignorierten sie. Besonders Lina, die sonst auch in aller Blicke eine Belastung empfand. Ich konnte mir nur eingestehen, ihn endlich zu vergessen. Vergessen, was wir hatten und im Laufe der Zeit uns im Weg stehen würde. Erschöpft atmete ich aus, hob den Sattel vom Rücken der Stute und hängte ihn zurück in den Hänger. Dort herrschte schon wieder das reinste Chaos, wer war das? Ich hatte vor weniger als zwei Stunden darin aufgeräumt und ein weiteres Pferd stand nicht im Paddock, wie konnte das sein.
      “Wer von euch, schmeißt das Zeug eigentlich nur rein?”, schnaubte ich verärgert und begann wieder zu sortieren, um den Sattel wegzuhängen.
      “Schätzchen, das machst du selbst. Vorhin hast du alles von der einen zur anderen Seite geräumt, ohne System. Dass du dann wenig später der Meinung bist, dass es unordentlich ist, kein Wunder”, erklärte mein Bruder, der bisher nicht viel gesagt hatte. Seltsam, dass ich es als ganz anders empfand, stellte es aber nicht infrage. Ich sollte noch mal schlafen gehen, bis ich an der Reihe war. Aber als ich zum Zelt lief, rief mich Erik zurück. Er wollte mich bei sich haben und dem kam ich natürlich nach. Fest umklammerte ich mich an seine Beine und legte den Kopf an seinen Knien ab. Während er seine Hand sanft über mein Gesicht strich, schlief ich glücklich ein.

      Die kalten Lampenmittel der Scheinwerfer auf dem Reitplatz blitzten mehrfach auf, bevor sie ihr Licht über den Sand verteilten. Am Horizont stand die Sonne, die durch die Wolken nur noch wenige Strahlen hindurchdrücken konnte, was für die Richter keine gute Voraussetzung war. Freudestrahlend trabte eine große braunhaarige auf ihrem Rappen vom Platz, während ich noch wie angewurzelt versuchte die Gesichtszüge des Publikums zu verinnerlichen. Mit einem kräftigen Krachen wurde es dunkel. Von da an schlug die Stimmung auf dem Gelände um. Große Gewitterwolken zogen sich zusammen und eröffneten sich wie auf ein Schnipsen über uns. Eine elektrische Spannung schwebte durch die Luft, Leute flüchteten von links nach rechts, wie kleine Ameisen, die panisch den Angreifer ihres Haufens vertreiben wollten. Und auf mein Pferd und mich prasselten die großen Regentropfen, nass flossen sie auf herunter, bildeten kleine Pfützen neben uns. Es wurde still und endlich bekam ich das Gefühl mich wohlzufühlen. Auf den Tribünen saß niemand mehr, am Zaun auch nicht. Somit war ich wie allein, nur ich und die vier Richter.
      “Vill du fortfarande rida? (Wollen Sie noch reiten?)”, fragte mich eine Frau von der Veranstaltung mit einem Schirm in der Hand. Zuversichtlich nickte ich und sie gab mir den Weg frei. Das Licht konnten sie wieder einschalten, auch wenn die eine Lampe noch immer flackerte. Obwohl ich nicht wusste, dass es mir fehlt, aber jetzt spürte ich es. Aus den Lautsprechern ertönte das wohl einzig passende Lied: ‘Forbidden Fruit’ von Hallway Swimmers. Der Auftritt erfüllte mich großer Freude schon vor dem Betreten des Platzes, dem Gefühl meine Bestimmung gefunden zu haben.
      Im Trab plätscherten wir durch den nassen Sand, der Matsch spritzte in alle Richtungen, auch meine Schuhe waren schon nach einigen Metern am Schaft besprengt. Die Tropfen funkelten im Licht der Strahler und amüsierte mich, obwohl viele von ihnen direkt in meinem Gesicht landeten, strahlte ich vom linken bis zum rechten Ohr. Auch Eriks Zuversicht schmeichelte mir. Beide Volten beherrschten wir wie im Schlaf und bei dem wechseln durch die ganze Bahn ab Kilo jubelte innerlich im verstärkten Tempo durch den Matsch zu fetzen. Ich kam mir vor wie ein Kind, dass glücklich durch Pfützen sprang, ungeachtet der Blicke von Erwachsenen. Die Ausstattung würde Ewigkeiten zum Trocknen brauchen, aber das interessierte mich in dem Moment nicht, alles, was ich wollte, war endlich zu galoppieren. Diese folgte dann auch nach dem Halten und Rückwärtsrichten. Im versammelten Galopp wippte ihr Kopf aktiv im Takt und meine Hüfte ließ ich locker mitgehen. Immer wieder schloss ich die Augen, um die Ruhe zu genießen und der Musik zu folgen. Bravo kam immer näher, somit der Mittelzirkel aus dem ich gleich einen fliegenden Wechsel. Eskil hatte mir beim Warmreiten noch einmal geholfen, umso sicherer fühlte ich mich das zu schaffen. Sprung, Sprung, Hilfe, Sprung – Gewechselt. Das Grinsen wurde noch breiter, aber den kleinen Erfolg konnte ich nicht feiern, denn ich musste direkt noch einmal wechseln. In der Ecke bei Hotel kehrt, ohne zu wechseln und erneut auf den Zirkel im Außengalopp. Rechts, links, Sprung, rechts, links. Der Rest war ein Klacks. Fruity versammelte sich ausgezeichnete und auch die Schlangenlinie mit drei Bögen und einfacheren Wechseln, machten mir keine Schwierigkeiten.
      Ein letzter Handwechsel durch die ganze Bahn im mittleren Galopp, Versammlung bei Erreichen von Mike und aufreiten im versammelten Trab zur Mitte. Geschafft. Der Regen hatte mich vollständig durchnässt, das Jackett von Chris klemmte unangenehm an meinen Oberschenkeln, Sattel, einfach überall. Aber: Ich war glücklich. Fruity hatte trotz der Widrigkeiten keine meiner Hilfen infrage gestellt und das als Stute. So gut es ging, lehnte ich mich noch vorn, um meine Arme um ihren Hals zu legen, auch wenn diese seltsamen Polster es mir nicht leicht machten. Ihre winzigen Haare klebten überall verteilt am Jackett.
      Erik erwartete uns schon in dem Übergangstunnel zum Platz mit einer Decke für das Pferd und mich. Hinter ihm, gefolgt von Lina und seiner Tochter. Sie griff erwartungsvoll nach vorn, konnte es gar nicht abwarten endlich zu dem Pferd zu kommen. Ich wurde vollkommen ignoriert, Fruity stand im Vordergrund. Lina setzte sie ab und sofort tapste seine Tochter ungeschickt an die Beine der Stute, klammerte sich fest daran. Neugierig beschnupperte sie das Kind am Kopf und knusperte aber der kleinen Regenjacke.
      „Fredna? Vill du inte säga hej?“, fragte Erik sie und zeigte auf mich.
      „Nej“, weigerte die Kleine sich, hielt sich an Fruitys Kopf und fummelte interessiert an dem Leder der Trense herum. Dass Kinder mich nicht mochten, wurde mir schon früh bewusst, aber dass Eriks Tochter mich ignorierte, vermittelte mir einen schlechten Eindruck, wie das auf langer Sicht funktionieren sollte. Er tippte sie noch mal an, dass Fredna auf mich Aufmerksam würde, doch alles, was sie wollte, war das Pferd.
      „Jag vill sitta på den!“, nörgelte sie plötzlich. Meinerseits gab es ein Problem damit, denn in diesem Sattel sollte jeder einen guten Halt haben, nicht nur ich mit dem großen Hintern. Ich würde ihr hoch helfen, aber ich konnte nicht mal ohne zu keuchen satteln. Also ließ ich Erik den Vortritt und zur Aufsicht stellte Lina sich auf die andere Seite. Unbeholfen stand ich daneben, ignoriert von allen. Hatte ich etwa einen Fehler in der Vorstellung? Durch den Regen waren die großen Monitore nicht an, was vermutlich auch an dem kurzen Stromausfall lag, und es war so laut wieder geworden, dass ich kaum etwas aus den Lautsprechern wahrnahm.
      Schon die Hoffnung verloren noch mal Aufmerksamkeit zu bekommen, kuschelte ich mich in die Abschwitzdecke und kauerte am Boden, wartend darauf, dass die Siegerehrung in der Halle in zwanzig Minuten begann. Lina führte in der Zeit Fruity auf und ab durch den Gang, Erik begleitete sie.
      “Was sitzt du denn hier im Dreck, Kleines?”, fragte mich Chris und kam runter auf seine Knie. Desinteressiert und traurig zuckte ich mit Schultern, als wüsste ich nicht, was wieder los war.
      “Du sagst mir jetzt, warum du schon wieder Depressionen schiebst”, stupste er mich freundlich an der Schulter an. Die Decke schob sich ein Stück herunter und hektisch zog ich sie wieder über mich. Einige andere Reiter ritten an uns vorbei, sahen abfällig zu mir, dann lachten sie. Genau, ich war wieder die Lachnummer, daran dachte ich auch nur. Ich machte mir auf diesem Turnier etwas vor, etwas, das ich nicht war. Die Euphorie in der Aufgabe schien unbegründet zu sein, unnötig und krankhaft.
      “Weil ich Krank bin, deswegen”, murmelte ich verlegen, nicht gewollt meine Gefühle zu offenbaren.
      “Erzähl mir was Neues. Also sag schon, was bedrückt dich, oder muss erst deinen Kryptonit holen?”, neckte er mich, dass Chris es nur gut meinte, wusste ich. Aber ich konnte ihm nicht sagen, dass es mich zerriss ihn nicht bei mir zu haben, niemanden, der mich wertschätzte hier zu sein oder mir zumindest sagte, dass ich es echt eine Horrorvorstellung vorführte.
      “Lieb von dir, aber mir ist nicht zu helfen und er kann daran auch nichts ändern”, hoffte ich meine Ruhe zu bekommen. So könnte ich sagen, im Regen sieht man meine Tränen nicht, aber zumindest mein Gesicht war schon wieder trocken.
      “Erik, kan du komma hit, snälla? (Erik, kommst du bitte herkommen?)”, rief er ihm doch dazu. Überrascht drehte er sich um, kam direkt auf uns zu.
      “Vad är det som händer? (Was ist denn hier los?)”, fragte Erik seinen Freund, in dem, noch immer, seltsamsten Dialekt, den ich je zu Ohren bekam. Sie begannen sich gegenseitig etwas zuzuflüstern, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, mich in der Abschwitzdecke zu vergraben, dass ich nicht mithörte. Dann reichte Erik mir mit funkelnden Augen die Hand. Mit meiner inneren Leere sah ich langsam auf und erwartete mehr, als eine Hand, denn ich hatte mich gerade auf den Steinen eingedeckt und die perfekte Position gefunden.
      “Wir müssen etwas besprechen, komm bitte mit”, sagte er zunehmend ernster. Ich hatte ihn bisher nur einmal so erlebt und das war, als er sich mir vorstellte. Aber was hatte ich jetzt verbrochen? Wie ein Gespenst in der dunkelblauen Decke umfüllt, schlich ihm nach, bis wir in einer ruhigen Ecke ankamen, in der wohl so schnell niemand vorbeikommen würde. Nur so viel wie nötig, atmete ich, spürte das es nicht gut lief, an meinem bereits nassen Rücken kullerten zusätzliche Schweißperlen hinunter und mein Gesicht fühlte sich kalt, blass an.
      “Vriska?”, begann er endlich die quälende Stille zu unterbrechen.
      “Erik?”, antwortete ich besorgt darüber, was gleichkommen würde.
      “Wenn irgendetwas nicht stimmt, dann möchte ich, dass du mir das auch sagst und nicht wie meine Tochter herumsitzest, wartest bis endlich alle um dich herumstehen. Meine Güte, die bist über zwanzig und solltest doch in der Lage sein, mit jemanden zu sprechen. Also sage mir um Gottes willen was schon wieder ein Problem ist”, wurde es offensichtlich eine Belehrung, was ich zu tun und zu lassen habe, aber ich konnte nicht umdrehen und einfach davor wegrennen, dafür stand er zu nah an mir, verdrehte mir den Kopf. Vielleicht sollte ich es wirklich sagen, auch wenn es mir Angst macht.
      “Ich habe in jeder Sekunde Angst, dass es die letzte mit dir ist. Angst, dich nie wiederzusehen und vollkommen allein zu sein, die Leere weiter zu ertragen. Dass Gefühl zu haben, nicht zu wissen, wie es weitergeht, was wir sind. Ich kann das nicht, okay? Und ich akzeptiere, dass du es langsam angehen willst, aber für mich ist das nichts, nicht zwischen all dem anderen Kram, den ich mit mir herumtrage”, schüttete ich ihm meine Gefühle aus. Er dachte nach, bis ein zaghaftes Lächeln auf die Lippen trat.
      “Und deswegen benimmst du dich, wie eine vierzehnjährige, die das erste Mal Kontakt zu jemanden hat und stetig ein Auf und Ab der Gefühle hat?”, kritisierte er mich eindringlich, machte mir ein schlechtes Gewissen und sorgte dafür, dass die Sorge ihn zu verlieren, in den Vordergrund trat.
      “Es – Es tut mir leid”, versuchte ich eine Antwort zu finden. Mit kräftigen Atemzügen bemühte ich mich, die Tränen zurückzuhalten, um seine Aussage nicht noch zu stärken.
      “Gibst du mir trotzdem die Chance, daran zu arbeiten?”, fragte ich im Moment der Stille, denn nach meinem Versuch einer Entschuldigung schwieg er. Nichts in seinem Gesicht zuckte. Als Erik wieder begann zu sprechen, pochte mein Herz wie wild und die Tränen flossen nun doch.
      “Vriska, ich freue mich, wenn du daran arbeiten möchtest, aber dafür gibt es keinen Grund. Ich möchte dich bei mir haben und nicht nur so provisorisch, wie es jetzt ist. Sondern als meine Vriska”, lachte er und nahm mich in den Arm. Der Schock saß mir tief im Mark, aber er meinte es ernst, wirklich ernst. Panisch schnappte ich nach Luft und drückte mich an ihn. Beruhigt strich er über meinen Kopf, versuchte mich zurückzuholen zur Vernunft.
      “Also sind wir jetzt –”, stammelte ich. Hatte ich ihn richtig verstanden? Wollte er mich wirklich, also so richtig? Freund und Freundin? Schon, wenn ich darüber nachdachte, kamen die nächsten Tränen.
      „Wenn du das auch möchtest, würde ich mich freuen“, drückte er mein Kinn nach oben, tiefblickend in meine Augen. Sein seliges Lächeln strahlte so viel mehr aus, als Freude. Er strahlte förmlich vor Glück, als wäre ich das, was ich immer gesucht hatte und endlich bei sich hatte. Genau das fühlte auch in dem Moment, in ihm sah ich meine Zukunft, eine bessere Version von mir selbst, alles was ich je wünschte.
      „Natürlich“, schluchzte ich glücklich, wischte immer wieder die Freudentränen aus dem Gesicht und drückte meine Lippen auf seine. So viel mehr Zärtlichkeit erfüllte mich, als hätten diese ridikülen Worte etwas zwischen uns geändert. Aber natürlich, es waren nun wir, und nicht mehr du und ich.
      „Aber wir müssen langsam zurück, schließlich musst du dir deine Schleife abholen“, schmunzelte MEIN Freund und zog mich an der Hand zu den anderen, die sehnlich auf die Antwort warteten. Ich war noch vollkommen perplex und überglücklich, weswegen nur er nickte und kleinen Applaus auslöste. Sogar Fredna klatschte so gut sie konnte mit. Lina zeigte auf mich, erklärte ihr etwas und sie lachte herzerwärmend. Aber ich musste nun vollkommen durchnässt aufs Pferd steigen, dass durch die Decke wieder mehr oder weniger trocken war. Ihr Schopf hing nur noch wie ein Lappen herunter und viele Härchen standen ab. Chris nahm mir das Jackett ab und gab mir ein anderes, von wem das war, keine Ahnung, aber es passte deutlich besser.
      „Bereit?“, flüsterte ich Fruity ins Ohr und bekam sogar ein kleines Nicken geschenkt.
      Vollen Mutes ritt ich zum Eingang der Halle, in der die anderen Vier bereits im Schritt ihre Runden drehten auf dem Hufschlag und die Sponsoren noch hektisch irgendwelche Dinge sortierten, Zettel von links nach rechts reichten, bis sie ihre Positionen fanden. Zunehmend kamen auch die Zuschauer zur Ruhe und es wurde Stiller. Noch immer flossen kleine Tränen aus meinen Augen, die ich nicht bremsen konnte. Zunächst kam eine kleine Ansprache darüber, was das für ein tolles Wochenende war, wie die sehr sich alle anstrengten, um ausgezeichnete Leistungen zu erreichen, aber es kann immer nur einen Sieger geben, so was eben. Deswegen hörte ich nur mit einem Ohr hin, gedanklich bei meinem Freund. Tatsächlich fühlte es sich seltsam an, diese Worte zu denken oder gar auszusprechen. Aber es war die Realität! Ich fand jemanden, durch wohl den größten Zufall, den man haben kann, und dann mochte er auch mich. Herausschreien wollte ich es, allen unter die Nase reiben und beweisen, dass ich nicht so schlimm war, wie viele von mir dachten. Aber ich schwieg, grinste wie ein Honigkuchenpferd und hoffte auf einen Platz auf dem Treppchen.
      “Nu kommer vi till dagens överraskning, de tog sig precis till finalen, men nu tog de sig till tredje plats. Mina damer och herrar, välkomna Vriska Isaac till Forbidden Fruit LDS. Grattis! (Nun kommen wir zur Überraschung des Tages, noch gerade so ins Finale geschafft, schafften die beiden es nun auf den dritten Platz. Meine Damen und Herren begrüßen sie mit uns Vriska Isaac auf Forbidden Fruit LDS. Herzlichen Glückwunsch!)”, ertönte es aus dem Lautsprecher. Das waren wir! Im Schritt ritt ich zu den Sponsoren, wurde von aller Richtung zum Händeschütteln genötigt, aber hielt mich brav an die gesellschaftlichen Verhaltensnormen, die man erwartete. Vermutlich musste ich sechs Leute berühren, mehr als zehnmal mich bedankten und bekam neben einem Bronze-farbigen kleinen Pokal auch eine Schleife an das Zaum der Stute, die alle neugierig anstupste und mit der Lippe in dem Präsentkorb der einen Person fummelte. Das Grinsen verschwand nicht von meinem Gesicht, wurde nur stärker, als brannte es sich in die Muskulatur. Dritter Platz! Atemberaubend, auf so einen Erfolg hatte ich gehofft.
      Die beiden über mir platzierten nahmen noch ihre Preise an und vor uns huschten verschiedene Fotografen vorbei, dass Stativ an der Kamera befestigt, obwohl es bei der Brennweite keinen Sinn ergab. Das erzeugte ein Ungleichgewicht und gefährdete die ganze Konstruktion. Aber sollten sie ihre Ausrüstung kaputt machen. Neugierig betrachtete Fruity noch immer alles, die vielen Geräusche und bunten Dinge irritierten sie nicht, stattdessen überlegte sie, wie es wohl schmecken würde oder ob es etwas zum Fressen dabeihatte. Leider musste ich sie enttäuschen, aber am Hänger gäbe es genug für das Krümelmonster. Zum Abschluss ritten wir noch eine Ehrenrunde, alle ließen ihre Pferde strampeln in einer Verstärkung, doch Fruity hatte genug für heute und ich trabte nur am langen einhändig-geführten Zügel hinterher.
      Juliett nahm mir die ganzen Sachen ab, die ich mit mir herumschleppte und ich konnte wieder vom Pferd, mir die Decke umhängen. Die nasse Kleidung unterkühlte mich deutlich, die Knie zittern und am ganzen Körper zuckte es. Erst jetzt, wo ich langsam wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkam, spürte ich, wie kalt mir wirklich war. Erik bemerkte es und gab mir noch seine Jacke, legte seinen Arm um mich.
      “Ich habe doch gesagt, dass du das schafft”, küsste er mich fröhlich am Kopf und zeigte sich zuversichtlich, dass es beim nächsten Mal genauso gut werden würde. Aber welches nächste Mal? Natürlich hatte es auch Spaß gemacht, dass alles zu erleben, aber ich fühlte mich von dem ganzen Rummel drum herum, erst mal geheilt und wollte nichts anderes, als in meinem warmen Bettchen liegen mit einem Kaffee und einer entspannten Serie. Stattdessen lief ich nass bei ziemlich stark brausendem Wind zum Camp, dass nur noch Teilweise aufgebaut war. Das Zelt stand schon nicht mehr und auch der Paddock war im Hänger verstaut. Sie hatten es wohl eilig nach Hause zu kommen, aber sie mussten auch nicht fahren, sondern ich hatte die viereinhalb Stunden Reise vor mir, müde und unterkühlt.
      “Ich habe noch eine Frage”, sagte ich zu Erik, während ich mir vor dem Auto die Kleidung wechselte. Chris hatte freundlicherweise Fruity versorgt und verschwand dann selbst, um mit Niklas zurückzufahren. Die Flucht vom Gelände hatte schon vor Stunden begonnen, einige hatten es vor dem Wolkenbruch geschafft und andere warteten noch darauf, ihre Prüfung zu reiten. Hoffentlich würde ihre Fahrt nicht so eine Weltreise werden, wie unsere.
      “Was möchtest du wissen?”, schmunzelte Erik und inspizierte mich genau, strich mir sanft über den Bauch und Oberschenkel. Seine Hände waren warm und ziemlich weich, jede Stelle, die er berührte, kribbelte wie wild. Ich hoffte, diese Gefühle ihn nie zu verlieren, aber irgendwann würde der Tag kommen, an dem es selbstverständlich wurde, leider.
      „Wie genau hast du dir das jetzt in der Umsetzung vorgestellt?“, stellte ich wohl die wichtigste Frage, schließlich wohnte er meines Wissens nach bei seiner Ex-Freundin, mehr als fünfhundert Kilometer entfernt vom Hof und Stockholm war auch nicht näher dran. Somit würden enorm lange Strecken zwischen uns liegen, die wohl auf Dauer keiner mehr bewältigen möchte.
      „Um ehrlich zu sein, dass weiß ich noch nicht. Aktuell bin beurlaubt und könnte dementsprechend mitkommen, ansonsten bin ich zu meiner Schwester gezogen, da meine Ex plötzlich der Meinung war, keine Lust mehr auf Fredna zu haben. Ich könnte im Homeoffice arbeiten und mir ein Haus bei dir in der Nähe suchen“, schlug er dann vor, strich mir immer wieder über meinen Bauch, ohne mir in die Augen zu sehen. Er wirkte wie hypnotisiert, geblendet von einer Welt, die es nicht gab, außer in seinem Kopf.
      “Findest du das nicht etwas überstürzt, ich mein – das ist doch alles furchtbar kompliziert”, sprach ich meine Gedanken aus, denn ich wollte ihn keinesfalls aus seinem gewohnten Umfeld herausreißen, allerdings wusste ich eigentlich nichts über ihn. Dennoch hatte ich mich auf dieses Abenteuer begeben, eine Reise ins Ungewisse.
      “Ich habe eine Idee. Wenn ich wieder zu Hause bin, spreche ich mit meiner Schwester. Sie wollte ohnehin raus aus Stockholm und vielleicht wäre es auch für sie ein gelungener Start.” Eriks Vorstellung war grenzenlos, hoffentlich nahm er sich nicht zu viel damit vor. Aber ich wollte Abwarten, schauen, ob seine Idee von einem Neuanfang wirklich Wurzeln fassen konnte, deswegen entschied ich, optimistisch zu bleiben. Aus der Ferne hörte ich nun auch Lina mit ihrer Schwester kommen, die noch immer die Kinderbetreuung von Fredna übernommen hatten, das Kind, welches mich bisher vollkommen ignoriert hatte und dessen Mutterrolle ich wohl auf kurz oder lang übernehmen musste. Eine Aufgabe, für die ich mich überhaupt nicht gewachsen fühlte, aber für meinen Auserwählten war ich bereit, es zu versuchen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 71.708 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    kalmar.
    Hochgeladen von:
    Mohikanerin
    Datum:
    18 Feb. 2020
    Klicks:
    687
    Kommentare:
    23

    EXIF Data

    File Size:
    293,1 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Zuchtname: St. Pauli's Amnesia
    Rufname: Amy

    Aus der: Takada
    Mutter: Kalympia Vater: Donnerschall (FS1 | FS2)
    MM: Unbekannt MV: Unbekannt / VM: Marah VV: Don Calandrio (FS1 | FS2)

    Den: Sankt Pauli
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    ____________________________________

    Geschlecht: Stute
    Rasse: Trakehner
    Geburtsdatum: 16. August 2016
    Farbe: Rappschecke Splash
    Abzeichen: Blesse, Scheckungsbedingt (Beine)
    Stockmaß: 169 cm

    Charakter:
    /
    ____________________________________

    Gencode: Ee aa nT nSpl
    Zuchtzulassung: Nein
    Gesamtnote: -
    Nachkommen: -

    [Schleife]
    Prüfung
    ____________________________________

    Dressur: L / L
    Springen: E / S
    Military: E / M
    Fahren: E / E
    Rennen: -
    Gangreiten: -
    Western: -
    Distanz: -

    Gänge: 3

    [​IMG]
    498. Militaryturnier (19.09.2021)

    ____________________________________

    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: Atomics Valley, Deutschland
    VKR: Sadasha
    Ersteller: Sadasha (Fohlen von Mohikanerin)
    Punkte: 7
    ____________________________________

    PNG | PSD | Details | Fohlen | Trab als Fohlen | Familienbild