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Wolfszeit

Small Lady [8/20]

a.d. Echo v. Little Prince_GBS regestriert_ZW 89

Small Lady [8/20]
Wolfszeit, 6 März 2022
Bracelet, Stelli und AliciaFarina gefällt das.
    • Mohikanerin
      08.03.2019 | Rinnaja
      Alles ich über meinen Hof lief mit meinen Hund war es sehr sehr Leise und ruhg geworden. Ich hatte viele Pferde abgeben da ich nicht mehr die Zeit und Kraft hatte mich um alle zu Kümmeren. Es sind nur noch 6 Pferd geblieben dir mir sehr stark an Herzen lagen. 4 Hengst und zwar Little Prince, Benjamin, Magnus von Störtal und natürlich meine Zicke Okotos. Naturlich hatte ich noch 2 Stutuen Small Lady und Ronja behalten auch von denen konnte ich mich einfach nicht Trennen, Ich mache meine Hof runde und Guckte ebend bei den Hengsten nach die zum glück friedlich zusammen stehen konnten und da gab es zu meinen Glück auch kein stress oder streit. Ich fulte das wasser nach und guckte mir alle 4 genau an aber sie waren okay und grüßten mich nur jeder auf ihre eigenen weise. Als ich fertig war machte ich nocht einen kleinen abstecher bei Small Lady u Ronja die beide Ruhg am Heu standen und frassen auch bei den beiden war alles okay so das ich auch ihr wasser nach fuhlte und mich an die Boxen Arbeit machte damit sie alle Heute Nacht wieder in die Boxen konnten.

      22. Juli 2019 | Rinnaja
      ich hatte zu zeit eine menge um die ohren gehabt so das ich nicht viel auf meinen hof machen konnte. zum glück waren noch meine helfer da so das die pferd in guten hande waren. ich machte einen kleinen rund gang um mir meine tiere alle einzelt anzusehen und um zu gucken das sie in einen guten zustand sind trotz wenig zeit. bei fashion girl fing ich an und machte bei small lady und sasanchoweiter sie waren alle okay weiter ging es zu rinja, pleasing, okoto,magnus von störtal, little prince, fannani, doo wop und zum schluss benjamin. alle waren in einen top zustand so das ich mir keine sorgen machen muss. naturlich hatte jeder der pferde seine streichel einheiten bekommen und sein leckerlie und konnten weiter pferd sein auf hiere großen weide bis ich wieder mehr zeit hatte um mich um alle meine süßen zu kümmeren.

      05. November 2019 | Rinnaja
      Es war mal wieder ein ganz entspannter morgen als ich meinen Rundgang über meinen kleinen Pferdehof machte. Ich ging kurz durch die Stallgasse die schön fertig sauber gemacht wurde, und blieb einen Moment lang stehen und geniest die Frische gesäubert Stallgasse. Die nach Frischen Stroh und Heu roch bevor es raus ging auf den Pfaddocks wo die Pferde den Winter über standen.
      Ich machte meinen ganz normalen Rundgang, der auch gleich Zeitig ein Kontrollgang war ob bei meinen Pferden alles okay ist und ob es keine Problem oder sonstiges bei ihnen mir auffiel. Mein erster Stop war bei meinen 3 Stuten (Ronja,Small Lady,Pleasing) ob bei ihnen alles okay war und sie Fit waren. Leider muss ich meinen Hof auf das Minimum Reduzieren da ich selber kaum noch Zeit hatte die Pferd zu bewegen. Aber von manchen konnte ich mich nicht trennen und so mit blieben sie bei mir auf Hof und genossen zu Zeit ihr Pferde leben in vollen zeugen wenn nicht grade ein paar Kinder aus dem Dorf kamen um ein Wenig auf den Reitplatz zu Reiten und mit den Pferden Spazieren gehen wollten. Als ich paar Apfel & Mohren verteilt hatte bei den 3 Stuten ging ich weiter zu der Hengstbande um auch da zu gucken ob alles okay sei. Zum Glück vertrugen sich die Hengst gut so das ich sie zusammen auf einen riesen Paddock stellen konnte so das sie sich immer aus den Weg gehen konnte. Eigentlich war es nur Okoto der mit dem Stress jeden mal anfing aber auch auf horte. Was er mit der zeit gelernt hatte wo er bei mir ist. Magnus von Störtal, Benjamin, Little Prince,Fannani ging es so weit gut als ich sie Streichelte und sie mir genauer an sah. Alle 5 Hengste standen bei Samen und frass das fische Heu was Sascha mein Helfer heute führ extra auf die paddock gebracht hatte. Noch ein Leckerli ihr und da zum Abschluss und so ging wie ich wieder runter von den Pfaddock als ich sah das bei allen alles okay sei. Ich ging gemütlich wieder in Haus und ging meine Häuslichen arbeiten nach.

      18. März 2020 | Wolfszeit
      Heute Unterstütze ich Rinnaja auf ihrem Hof. Als erstes Fütterte ich alle Pferd ich fing an bei Ronja, die Fuchstute wartete schon auf ihr Futter und wieherte mir entgegen. Ich kippte der Futter ihre zwei Schippen Futter in den Trog und fütterte auch den Rest des Stalls. Jule,ein Norikerstute war die letzte die ihr Futter bekam. Danach ging es für die Pferde auf die Weide. Magnus von Störtal, Benjamin, Little Prince und Okto kamen zusammen auf eine Koppel. Pleasing, Jule und Ronja kamen mit den beiden Fohlen Small Lady und Fannani auf die Koppel.

      08. September 2020 | Stelli
      Am heutigen Tag wurde ich von Rinnaja gefragt, ob ich kurz nach ihren Pferden sehen konnte, solange sie im Urlaub war. Da es kein großer Akt für mich war, machte ich dies natürlich. Um die Mittagszeit fuhr ich los und fand mich eine halbe Stunde später bei Rinnajas Weiden wieder. Zuerst sah ich nach den Stuten von Rinnaja. Auf der großen Koppel mit vielen Bäumen standen Prinzessin Mononoke, Ronja, Small Lady, Pleasing, Jule und Valhalla. Ich ging über die Koppel um nach jedem Schützling zu sehen. Besonders Pleasing, eine Reitponystute, hatte es mir besonders angetan. Als ich bei den Stuten fertig war. Ging ich den kleinen Hügel runter und war fünf Minuten später bei der Koppel, wo sich die Hengste befanden. Auf dieser Koppel stehen Captain Morgan, Magnus von Störtal, Benjamin, Little Prince, Oktoto und Fannani. Auch hier sah ich nach jedem Pferd einzeln. Hier schien ebenfalls alles in bester Ordnung zu sein. Ich hinterließ Rinnaja eine kurze Nachricht auf ihrem Handy, dass es ihrem Pferden gut ging. Zufrieden machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause um meine Pferde nun zu versorgen.

      23. Januar 2021 | Wolfszeit
      Heute sah ich kurz nach Rinnajas Pferden. Als Erstes sah ich nach den drei Fohlen Prinzessin Mononoke, Small Lady und Fannani. Die drei Fohlen waren inzwischen ganz schön groß geworden. Anschließend sah ich nach Ronja und Pleasing. Die beiden Stuten waren zwar aktuell wenig bemuskelt, aber sie standen gut im Futter und sahen zufrieden aus. Als Letztes sah ich auch noch nach Magnus von Störtal, Benjamin, Little Prince und Okto. Auch den vier Hengsten ging es gut. Somit fuhr ich wieder nach Hause.

      27. Mai 2021 | Wolfszeit
      Prinzessin Mononoke| Fannani| Small Lady| Ronja| Pleasing| Okoto| Benjamin| Little Prince| Magnus von Störtal
      Heute half ich mal wieder bei Rinnaja aus. Als Erstes wollte ich nach ihren kleinsten sehen. Mononoke, Fannani und Lady tolten bereits fröhlich über die Koppel. Mononoke war die jüngste von den dreien stand den anderen beiden allerdings nicht in der Neugierde nach. Zusammen hatten die drei Fohlen schon so einiges an Chaos auf dem Hof angerichtet. Gerade scheinen sie allerdings friedlich zu sein, somit kann ich mich in Ruhe den großen Pferden widmen. Als Erstes sah ich nach Ronja. Die Quaterhorse Stute ist bereist 22 Jahre alt, weshalb sie ihren Ruhestand genießen darf. Ich brachte Ronja ihr Mash. Das konnte sie dann in Ruhe fressen während ich Pleasing bewegen würde. Die junge Ponystute sprühte nur so vor Energie, sodass sie mich fast umrannte, als ich sie aus ihrer Box raus führte. Wir brauchten ziemlich lang, bis wir an der Halle ankamen, da ich die Stute immer wieder korrigieren muss mich nicht umzurennen. In der Halle ließ ich die Stute frei, wo sie sich erst einmal ordentlich aus bockte. Nachdem die Smokey Cream Stute sich ausgepowert hatte, brachte ich sie und Ronja auf die Koppel. Auch die vier Hengste Okoto, Benjamin, Prince und Magnus brachte ich auf die Koppel

      19. September 2021 | Rinnaja
      Prinzessin Mononoke| Fannani| Small Lady| Ronja| Pleasing| Okoto| Benjamin| Little Prince| Magnus von Störtal
      Ich hatte Heute mal ein wenig Zeit gefunden also kümmerte ich mich um meine Pferde auf meinen Hof.
      Zuerst brachte ich Magnus von Störtal, Benjamin,Little Prince und Okoto auf die Hengst weide und danach die Restlichen (Prinzessin Mononoke, Ronja Small Lady,Fannani und Pleasing) raus.
      Es ging den an die Boxen die den mit viel Zeit und Pausen nach und nach sauber gemacht habe. Als das Fertig war kümmerte ich mich nach und nach um die Pferd bevor ich die Abend wieder rein brachte und den Abend aus Klingen lies.
    • Mohikanerin
      22. Februar 2022 | Wolfszeit
      Prinzessin Mononoke| Fannani| Small Lady| Ronja| Pleasing| Okoto| Benjamin| Little Prince| Magnus von Störtal
      Verschneit lag der kleine Hof vor mir. Die Auffahrt war nicht geräumt, sodass mein Geländewagen ein wenig zu kämpfen hatte. Warm, schlug mir schließlich die Luft entgegen, als ich dir Stalltür öffne und hindurchschlüpfte. Direkt streckte Prince seinen Kopf aus der Box und brummelte freundlich. Einige Boxen weiter trat Okoto, übel gelaunt wie immer gegen die Boxenwand. Es ist wirklich wunderlich, dass die Holzplanken noch unbeschadet waren. Noch bevor ich das Fütter auffüllte, sah ich nach den drei Fohlen, die gemeinsam eine riesige Doppelbox bewohnten. Alle drei waren wohlauf, blickten mir auf dunklen Knopfaugen entgegen. Nachdem ich überall Heu verteilt hatte, brachte ich Magnus und Ronja eine Portion Heucobs, da beide nicht mehr gut fraßen. Nachdem alle Stallarbeit erledigt war, macht ich mich wieder auf den Heimweg.
    • Mohikanerin
      Dressur E zu A | 29. März 2022

      Small Lady / Feuergeist di Royal Peerage / San Diego / Chester / Cardica

      “Vielleicht nimmst du sie mehr zurück, damit sie zum Schwerpunkt kommt”, rief ich zum Reiter auf der Schimmelstute. Small Lady trottete nur so vor sich hin, zog dabei die Hinterbeine durch den Sand und wollte nur schwerfällig durch den Sand. San Diego hingegen, war gar nicht zu stoppen. In gleichmäßigen Tritten wurde er auf dem Zirekl getrabt, bevor sie ihn bei X in den Halt brachte und daraus wieder antrabte. Auch Brook auf Cardica, einem weiteren Schimmel, machte ein gutes Bild in der heutigen Anfänger Dressur. Ansonsten befanden sich noch Feuergeist und Chester mit in der Halle. In zwei Abteilungen, mit einem weiteren Trainer, übten wir an Übergängen und klaren Bahnfiguren. Der eine trabte unsicher auf dem Tier, während ein anderer übermotiviert die Beine an den Bauch drückte und immer mehr Tempo entwickelte. Ermahnend erklärte ich die Geschwindigkeit noch mal, bevor einer nach dem anderen die nötigen Bahnfiguren vorzeigte in der A-Dressur. Als jeder einen Teilerfolg erreichte, war das Training in der Reitstunde abgeschlossen.

      © Mohikanerin // 1047 Zeichen
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    • Mohikanerin
      Dressur A zu L | 05. Mai 2022

      Connerys Brownie / WHC‘ Oceandis / Small Lady

      Mittlerweile lag eine Woche zwischen der Ankunft der Schimmelstute in Schweden und dem heutigen Training. Aufmerksam spitze sie die Ohren, als ich durch den Stutentrackt lief. Auch Oceandis sah mich mit ihren großen blauen Augen an.
      „Du bist später dran“, strich ihr über den hellen Kopf und holte das erste Berittpferde aus der Box heraus. Natürlich stieß es mir noch immer sauer auf, wenn das getupferte Fell anblickte und darin immer wieder meinen Ex-Freund spürte. Alec wusste nicht, von wem er das Pferd gekauft hatte, aber ich war froh, nichts damit zu tun gehabt zu haben. Abermals tätschelte ich ihren Hals, bevor ich begann, zu putzen. Mit dem Fell begann ich und kratzte im Anschluss die Hufe aus, danach machte ich noch das Langhaar zurecht. Aktuell ritt ich sie mit Erls Sattel, da ihr neuer Besitzer bisher noch unentschlossen war, ob ich unseren Sattler anrufen sollte. Das hielt mich nicht davon ab, sie zu bereiten, wie vereinbart.
      Es war noch verhältnismäßig früh am Morgen, kurz nach neun Uhr, sodass kaum jemand am Stall herumhuschte. Einzig Herr Holm beschäftigte sich mit einem der Hengste im großen Trakt. Dieser hampelte wie besessen von einer zur anderen Seite, wollte nur ungern zwischen den Paddock hindurch und zum kleineren Reitplatz. Der Trainer blieb ruhig und gab dem Pferd, was benötigte. Im Laufe der Zeit verstummte der hektische Hufschlag und wurde abgelöst durch einen gleichmäßigen Viertakt. Lady hingegen schlief beinah ein, als ich sie durchs Tor hinausführte und zur Halle lief. Der Sandboden lag ruhig vor uns, kein einziger Abdruck durchbrach die gleichmäßige Oberfläche, bis ich den ersten Schritt hineinsetzte. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich mich wie Neil Armstrong, aber dann stellte ich fest, dass es nur ein gemachter Hallenboden war. Meine Euphorie klang umgehend ab und ich empfand den emotionalen Vergleich beinah anstoßend.
      Im Schritt begann ich zu arbeiten, die Stute wachte aus dem Halbschlaf auf. Das typische spanische Temperament kam zum Vorschein. Sie forderte umgehend eine Lektion, was mich an den Punkt brachte, ihr das Warmreiten und Vorbereiten zu erklären. Immer wieder, wenn sie hektisch wurde, gab ich eine ganze Parade zum Halt. Aufgeregt schnaubte sie, aber gehorchte geduldig. Mit der Stimme lobte ich Lady, um ihr mehr Sicherheit zu geben. Es half wirklich, denn von Runde zu Runde wurde sie ruhiger. Auf dem Zirkel blieb ich für eine Weile und trabte dort auch das erste Mal, daraus wechselte ich und verweilte bei A. Ihr Hals wölbte sich gleichmäßig, sie tendierte dazu, den Kopf hinter die Senkrechte zu stellen, was ich mit wenigen Handgriffen wieder richtete. Ich versuchte sie zu motivieren, sich zu strecken, aber sobald die Zügelverbindung verloren ging, raste sie wie Rennwagen um die Kurven.
      Wir diskutierten sehr lang, bis Lady endlich einmal den Kopf senkte und anschnaube. Danach beendete ich die Einheit. Ich hatte alle Zeit der Welt, denn ihr Flug war erst Ende des Jahres angesetzt, womöglich erst im nächsten. Alec bekam einen Sonderpreis von mir, denn es fühlte sich wie eine Ehre an, ihm meine Dienste anzubieten. Ein strahlendes Grinsen legte sich auf meine Lippen. Dann stieg ich ab und schlug die Bügel über. Lady schlief abermals im Laufen ein, wachte erst auf, als die Futterschüssel neben ihr klammerte. Sie reckte ihren Hals und fraß genüsslich ihr Portion. In der Zeit hatte ich Oceandis aus ihrer Box geführt, die Chris gehörte. Aktuell ritt ich die helle Stute mit, solang ich keinen Ersatz für Erl hatte. Der Hengst war nun offiziell in Rente und würde in geraumer Zeit aufs LDS ziehen, um dort in den Genuss zu kommen, in einer Herde zu sein. Ich hoffte darauf, dass er sich genauso freute wie ich mich.
      Als Oceandis gesattelt war, führte ich Lady zurück in ihre Box. Dann holte ich noch die Trense meiner nächsten Beritt Stute, um auch mit ihr in die Halle zu gehen. Sie lief bereits auf einem sicheren hohen Niveau, dennoch bevorzugte ich, alle Einheiten mit einfachen Übungen zu starten. Im Schritt ritt ich zunächst Zirkel und Volten, im Trab kamen auch Schlangenlinien dazu. Gehorsam folgt Oceandis den Hilfen, war bereits in der Lage, sich in einer angemessenen Haltung zu tragen. Die zottelige kurze Mähne wippte gleichmäßig in den Tritten mit. Erst im Galopp spürte ich, dass es der Stute noch an mehr Gymnastizierung bedarf. Mit einer leichten Gewichtsverteilung tiefer in den Vielseitigkeitssattel parierte sie in den Trab durch und erneut galoppierte ich an. Je mehr Übergänge ich einsetzte, umso klarer wurden die Sprünge und der Dreitakt verdeutlichte sich. Zufrieden tätschelte ich ihren Hals.
      Nach dem Ritt erhielt auch Oceandis eine wertvolle Mischung aus Hafer und Kräutern, die sie in Zeitlupe fraß. Den Moment nutzte ich, um Alec eine Zusammenfassung vom heutigen Training seiner Stute zu schreiben. Entgegen meiner Erwartung wechselten die grauen Haken umgehend auf Blau und aus online wurde, schreibt.
      „Das klingt großartig“, las ich. „Hätte, sofern euch beide gesehen, aber es ist noch nicht aller Tage Abend.“
      Ich schmunzelte.
      Er war sympathisch und immer häufiger erwischte ich uns beide dabei, dass Reitstunden zu endlosen Erzählungen wurden. Aber auch, dass er zwischendurch anrief, nur um zu reden. Diese Freiheit hatte nicht jeder meiner Kunden, dennoch ließ ich ihm das. Außerdem waren Gespräche mit ihm toll, seine raue, aber liebevolle Stimme lag mir immer in den Ohren, wenn ich seine Nachrichten las.
      Oceandis hatte aufgefressen, konnte somit zurück in ihre Box. Auf dem Weg aus dem Stall heraus, traf ich abermals Herrn Holm, der noch immer den Trakehner Hengst am Wickel hatte.
      „Läuft nicht so?“, fragte ich und er stimmte mir zu. Herr Holm erzählte von der Geschichte des Pferdes. Er stammte aus einer Zuchtauflösung, wanderte schließlich von einer Hand in die nächste, bis er nun hier war. Mit jedem neuen Trainer kamen weitere Probleme dazu. Damit bekam er da Pferd für einen Spottpreis, obwohl großes Potenzial dahintersteckte.
      Einige Minuten sah ich noch, aber verschwand schließlich, um auch mit Erl zu arbeiten, der sehnsüchtig in seiner Box wartete.

      © Mohikanerin // Eskil Mattsson // 6116 Zeichen
      zeitliche Einordnung {November 2020}
      Wolfszeit gefällt das.
    • Mohikanerin
      Abschied in Spanien | 06. Mai 2022

      Monet / Dix Mille LDS / Jokarie / St. Pauli‘s Amnesia / WHC‘ Poseidon / Crystal Sky / Small Lady / Jora

      Bereits am Flughafen stellte ich fest, dass meine dicke Winterjacke eine schlechte Wahl für Spanien war. Ich hatte nicht einmal so weit gedacht, eine dünnere Jacke im Handgepäck mitzuführen. Stattdessen zog ich sie auf und krempelte den Pullover an den Armen nach oben. Alicia scherzte bereits in Genf am Flughafen.
      „Die Pferde sind schon vor Ort, also kommt“, kam Lotye mit wedelnden Zetteln in der Hand zu uns gelaufen. Sie flog mit den beiden zusammen, was für große Diskussion gesorgt hatte.
      „Wie geht’s Monet?“, fragte ich umgehend. Es war sein erster Flug, während Dixie schon gut um die Welt kam, zumindest in Europa.
      „Alles bestens.“ Meine Trainerin legte ihren Arm um mich herum. Sie wusste, dass es unser letztes gemeinsames Turnier für die nächsten zwei Jahre sein würde, denn auch ich konnte nicht abschätzen, wie es weitergeht. Papa hatte bereits zwischen den Zeilen verlauten lassen, dass er in Schweden ein hervorragendes Angebot bekommen hatte. Ich seufzte. Dann schloss auch Alicia sich an. Inmitten der Menschenmassen standen wir in der Eingangshalle des Flughafens und umarmten einander.
      „Mir fehlt das hier jetzt schon“, sagte ich. Die beiden nickten.
      „Aber lasst uns nicht Trübsal blasen, sondern Spaß haben“, munterte Lotye uns auf. Zusammen suchten wir den nächsten Laden auf, der Kaffee in großen Bechern verkaufte, gar nicht so einfach. Schließlich wurden wir vor dem Gebäude fündig.
      Der Geruch aus dem Becher war mäßig, kein Vergleich zu meinem herkömmlichen Getränk. Stattdessen roch dieser bitter und kratzig, aber am Ende machte es keinen Unterschied. Alicia suchte zur gleichen Zeit nach einem Fahrer, damit wir auf das Turniergelände kamen. Wir fanden heraus, dass es nicht weit von hier war, aber die sommerlichen Temperaturen und unser Gepäck erschwerten einen Spaziergang. Endlich fanden wir ein freies Fahrzeug, dass uns zu dem abgesperrten Gelände brachte. Es lag abseits von der Stadt, aber direkt am Strand.
      „Ist das etwa?“ Mir blieb der Mund offen stehen, als ich das abgezäunte Dressurviereck direkt am Strand sah, umgeben von einer langen Tribüne.
      „Oh! Ich möchte auch am Strand reiten“, schwärmte Alicia.
      „Keine Sorge, das Springen findet auch dort statt“, beruhigte Lotye sie. In ihren Augen sah ich die Erleichterung. Wäre es nicht so gewesen, hätte meine Freundin mir wohl noch Wochen in den Ohren gelegen.
      Am Tor setzte man uns ab und mit den Ausweisen durften wir die Schranke durchqueren. Zwischen zwei Hotels im typischen andalusischen Baustil waren Zeltboxen aufgebaut, während auf einem großen Parkplatz die Transporter ordentlich in einer Reihe standen.
      „Lasst uns erst mal die Sachen wegbringen und dann gehen wir zu den Pferden“, sagte unsere Trainerin, als Alicia und ich schon an den Zelten entlang tigerten und unsere Nummer suchten.
      „Na gut“, gab ich nach. Wir betraten eins der Hotels und checkten ein. Die Einganghalle war nicht groß, aber hell. Durch eine bodentiefe Fensterfront konnte man den Pool sehen, an bereits ein paar Leute entspannten in der Sonne. Ich meine sogar, mir bekannte Gesichter gesehen zu haben, aber ich könnte mich auch irren. Bevor ich sie genauer inspizieren konnte, zog mich Alicia mit zum Fahrstuhl. Unsere Zimmer lagen in der vierten Etage und verfügten über einen kleinen Balkon mit Meerblick. Meine Freundin ließ ihre Tasche neben der Tür stehen und rannte sofort raus. Um Haaresbreite verfehlte ich ihr Gepäck, konnte mich noch am Türrahmen halten.
      „Hallo? Bist du bescheuert?“, fluchte ich und setzte gezielt meine Beine daran vorbei. Aber Alicia hatte recht. Die Aussicht war ein Traum.
      „Schau mal“, zeigte sie nach links, wo man den Reitplatz teilweise erkennen konnte, während der Rest von den überdachten Tribünen überdacht war.
      „Ich bin froh, doch mitgefahren zu sein“, sprach ich mit einem unberührten Lächeln auf den Lippen.
      „Eindeutig!“, schloss sie sich an. „Und wir suchen für dich einen besseren Kerl als Vachel!“

      Bei den sommerlichen Temperaturen am Mittelmeer, die selbst im Herbst aktuell bei knapp zwanzig Grad Celsius lagen, konnte ich nicht in der langen Jogginghose bleiben. Mir vorher zu informieren, funktionierte nicht. Stattdessen bediente ich mich bei Alicia, die gefühlt ihren ganzen Kleiderschrank dabei hatte. Mit einer Hotpants bekleidet, einem Tank Top und einer leichten rosafarbenen Jacke darüber stiefelte ich zu Monet. Um meinen Hals trug ich die Karte, die mich für alle Bereiche berechtigte, außer den VIP, schließlich war ich nicht Raphael, die Alicia mit ihren Adleraugen bereits ausgespäht hatte und verschwand. Mir egal, schließlich wollte ich endlich meinen Hengst sehen! Er stand im mittleren Zelt, irgendwo weiter hinten, berichtete mir Lotye zuvor. Sie blieb in ihren Zimmern und war wirklich erschöpft von der Reise, was ich ihr nicht verübeln konnte. Tausenden Fragen über den Transport lagen auf meiner Zunge, lösten dabei ein ungestilltes Kribbeln aus, dass sie wie kleine Elektro-Schocks in Richtung meines Nackens ausbreitete.
      In der Gasse standen einige Menschen herum, die ich beim ersten Sichten noch nie gesehen hatte. Nur das Gesicht einer großen Blonden kam mir bekannt vor, vermutlich in einem Video. Aber mich interessierte im Augenblick nur mein Pony, das schon seinen Kopf aus der Box regte und sich mit der Zunge die Lippen leckte. Zwischen den ganzen Warmblütern wirkte er wie ein Baby, das hier nichts zu suchen hatte. Kurz fühlte auch ich mich so, die Gespräche um mich herum verstummten urplötzlich, als ich bei ihm anhielt. Liebevoll tätschelte ich seinen Hals und kramte aus der Jackentasche ein Leckerchen heraus. Gierig nahm er es von meiner Hand.
      „Die denkt doch nicht wirklich, dass sie was mit dem reißen kann“, hörte eine zu jemandem sagen. Diese lachte.
      „Wohl kaum. Vielleicht gehört sie zu dem Ponyreiten morgen“, feixte die andere.
      Ich drehte mich nicht mal zu ihnen um, zu sehr schmerzte es mich. Auch Monet schien die Worte verstanden zu haben und stupste mich voller Inbrunst an. Ein zartes Lächeln huschte über meine Lippen. Fürs Erste entschied ich, ihm das Halfter umzulegen und eine Runde über den Veranstaltungsort zu drehen. Nach dem Flug musste er sich sicher mal die Beine vertreten, vor allem, wenn er nun für mehrere Tage nur in der Box stehen würde. Sicher sehnte er sich schon nach seiner Weide.
      Die beiden Mädels verzogen sich aus dem Zelt und ich verließ es ebenfalls, nach dem ich den feinen Staub aus seinem Fell entfernt hatte. Folgsam lief er am Strick neben mir her. Wir folgten dem Weg. Überall standen Schilder, wo man mit einem Pferd hin durfte und wo nicht, dem kamen wir nach. Nach und nach trudelten mehr Transporter ein und am Horizont senkte sich die Sonne in Richtung mehr. Ein wunderschönes rötliches Licht spiegelte sich auf der malerischen Oberfläche, tauchte dabei hellen Häuser am Hafen in warme Töne. Ich musterte jede Fassette am Himmel, während Monet nur Augen für das Grün am Boden hatte. Es schmerzte inzwischen doch. Wieder kam Vachel in mein Gedächtnis, wie er ganz trocken sagte, verlobt zu sein. Unbegreiflich war das alles für mich, noch nie hatte ich von der Dame gehört, die Alicia zu kennen schien. Im Stall verhielt ich mich normal ihm gegenüber, nur er suchte Abstand, was ich verstand. Eigentlich hätte es offensichtlich sein müssen, was für Gefühle ich ihm gegenüber pflegte. Wir lagen oft am Abend auf der Couch, ich in seinen kräftigen Armen und er strich mir den Bauch. Es war zu schön, um wahr zu sein.
      Lange standen wir noch an der Uferpromenade. Ich hatte mich mittlerweile auf den Boden gesetzt und fröstelte. Wir bekamen Gesellschaft. Schritte näherten sich und sogar mein Pony hob den Kopf. Leise brummte er, wodurch auch in mir die Neugier Funken sprühte. Allerdings nur für den Hauch einer Sekunde. Ich verfluchte ihn, aber was wollte Vachel überhaupt hier? Sky hatte bis Februar erst einmal Pause und erst dann wollte er mit der Qualifikation für diese wirklich großen Dressurturniere bekommen, bei denen man Punkte bekam. Die ganzen Arten der Turniere durchblickte ich noch nicht, aber ich war ohnehin glücklich genug, dass Monet sich mit Warmblütern messen konnte.
      „Hey“, sagte ich mit zu Versagen drohender Stimme. Dabei versuchte ich ein Lächeln aufzusetzen, dass mir nur mäßig gelang. Er hingegen strahlte und löste damit ein Schlagzeugsolo in meiner Brust aus. Die Hände steckten locker in der leicht nach oben gekrempelten Anzughose, darüber, ein wirklich sehr enges Poloshirt. Ich schluckte.
      In meinem Kopf leuchtete ein Szenario auf, wie er sich zu mir runterbeugte, die Lippen trocken und die Augen glasig. Eine Strähne hatte sich hinter meinem Ohr gelöst, die er vorsichtig zurücklegte und die Hand am Kiefer behielt. Das Trommeln in meiner Brust wurde stärker, bis sich schließlich alles löste und unsere Münder aufeinanderlagen.
      Natürlich passierte das nicht, stattdessen blieb er auf Abstand bei mir stehen. Vachel drehte die Daumen und schien nicht so ganz entschlossen, was er bei mir wollte. Einen wirklichen Grund dafür verspürte ich nicht, nur die Enttäuschung, dass wir einander so fern waren.
      „Ich wollte nur sagen, dass ich hier bin. Damit“, Vachel hielt für einen Wimpernschlag inne, „es nicht seltsam ist, wenn du mich mit Giada siehst.“
      „Alles klar.“ Zustimmend nickte ich, als wäre ich dankbar über diese Geste, auch wenn es in mir ganz anders aussah. Schließlich wusste ich nicht einmal, wer sie war, doch offenbar ritt sie auch. Nach Alicias Reaktion hatte ich mir das bereits denken können, aber ich wollte mich damit ehrlich gesagt, nicht auseinandersetzen.
      Stumm stand er noch Minuten lang bei mir, wischte mit dem Fuß den Kies von einer Seite zur anderen, während Monet den Kopf wieder ins Grün gesteckt hatte.
      „Ich werde dann mal wieder gehen“, sagte Vachel.
      „Okay“, sprach ich abwesend. Mein Blick lag wieder auf dem Meer, das die Sonne verschluckt hatte.
      „Wir sehen uns noch“, verabschiedete er sich.
      „Bestimmt.“
      Lange saß ich noch neben der Palme und Monet graste weiter. Immer wieder tauchten andere Menschen mit ihren Pferde auf und ließen sie ebenfalls am Gras zupfen, aber nur kurz, als wäre es eine Süßigkeit, wovon das Tier zunahm. Grauenhaft. Ich hatte währenddessen mein Handy hervorgezogen und schrieb Eskil: „Wenn du das sehen könntest, warte“, dann machte ich ein Bild. Am Himmel leuchteten ein paar Wolken in ehrlichen Violetttönen und spiegelten sich auf der bewegenden Wasseroberfläche.
      „Erlkönig hätte sich sicher über etwas mehr Heimatgefühl gefreut“, antwortete er und erzählte mir mehr über seinen Hengst. Dieser stammte auf Portugal. Auch dort müssten aktuell dieselben Temperaturen herrschen, wie am Mittelmeer, überlegte ich. Dann suchte ich danach. Tatsächlich war etwas kühler, durch irgendwelche andere Wasserströme schätzte ich, aber Geografie war ein Rätsel für mich.
      Monet stand wieder in seiner Box und war wenig überzeugt von dem Heu, ändern konnte ich nichts. Für mich stand auch Essen auf dem Plan. Ich folgte dem steinigen Weg zurück ins Hotel, durch die Einganghalle und kam im Speisesaal an. Die Tischen waren zahlreich besetzt, überall aßen Leute, tranken und sprachen. Und obwohl ich nur wenige verstand, wirkten alle sehr fröhlich. Obwohl mich die Gesellschaft zwischen glücklichen Menschen stets in den Bann zog, verlor ich immer mehr den Hunger. Es drehte sich, kniff unsanft in der Magenregion und wanderte wie eine Schlange nach oben. Auch der Anblick der Weinflaschen ekelte mich.
      „Neele, hier“, winkte Alicia, nach dem ich schon den ganzen Raum abgesucht hatte. Unser Tisch war ebenso zahlreich besetzt, auch mit einem Typen, den bisher noch nie gesehen hatte. Freundlich hob ich die Hand als Begrüßung und setzte mich stumm zu Lotye.
      „Für mich ist es mehr Spaß an der Freude“, setzte der Unbekannte das Gespräch mit meiner Freundin fort. „Schließlich ist Karie alles andere als typisch.“
      Offenbar sprach er über sein Pferd.
      „Ach, sah doch super aus beim Training“, sagte Alicia mit funkelnden Augen. Mit dem Typen aus dem Nebenstall war es nur eine kleine Liebelei, wie sie mir vor einiger Zeit erzählt hatte. Es tat ihr aber nicht einmal leid, dass ich dementsprechend vernachlässigt wurde. Sie dachte nie weiter als ein Meter Feldweg, dennoch wünschte ich mir Rücksicht. Mich wunderte es aber nicht, dass sie wieder jemand anderes im Auge hatte. Währenddessen sortierte sie mit der Gabel die Lebensmittel um, ohne etwas davon zu essen. Das vertrieb mir noch mehr den Appetit.
      „Und, mit Monet ist alles gut?“, schmunzelte Lotye.
      „Ja, ich habe ihn grasen lassen“, erklärte ich kurz.
      „Sehr schön“, sie nickte, „morgen um neuen Uhr würde ich noch mal mit dir die Kür durchgehen, schließlich ist am Abend schon deine Prüfung.“
      Tatsächlich hatte ich diese Tatsche vollkommen verdrängt in meinem Gedankenzirkel. Schon morgen war die Prüfung. Obwohl es in Genf nur schlecht für uns lief, sah sie das Potenzial in uns beiden und auch das Training half und bei der Verbesserung, allerdings hatte ich da noch ein positives Bild im Kopf. Jetzt leuchtete nichts in mir, es war ein Ringen um Trauer und Enttäuschung. Lotye wusste das alles nicht. Bestmöglich überspielte ich das Grauen.
      Die anderen am Tisch aßen auf, während ich stumm dabei saß und weiter Nachrichten tippte, mit Eskil. Ich hatte mich gegen Essen entschieden, obwohl meine Trainerin versuchte, dass ich zumindest eine Kleinigkeit zu mir nahm. Das Buffet hatte einiges zu bieten, nur mir drehte noch immer der Magen.
      „Wir gehen noch zur Bar, kommst du mit?“, fragte Alicia. Lotye sah kritisch zu mir.
      „Nein, ich brauche Ruhe für morgen“, sagte ich und sie verschwand mit dem neuen Typen.

      Im Bett, es müsste tief in der Nacht gewesen sein, wachte ich kurz auf. Alicia stolperte ins Zimmer und brachte eine unbeschreibliche Wolke an Gerüchen mit – Schweiß, Alkohol, Zigarettenqualm und Deo, alles strömte durch den Raum. Es roch so widerlich, dass ich beim Wachwerden mich erinnerte. Ich stand also auf und öffnete als Erstes das Fenster, schon dafür auch die Vorhänge beiseite.
      „Wie spät ist es?“, fragte Alicia heiser und zog sich die Decke über den Kopf.
      „Sieben Uhr“, murmelte ich. Mir war schlecht. Ob es von der Luft im Raum kam oder dem fehlenden Abendessen, konnte ich nicht genau einordnen. Beides vermutlich. Ich verstand ihr Verhalten nicht. Wir waren nicht zum Feiern hier, erst recht nicht, wenn noch keiner eine Prüfung geritten war. Auch unter der Dusche überlegte ich noch lange, was sie in der oben solchen Teufelskreis zog, aber mir fiel beim besten Willen kein Grund ein. Nach dem Zähne putzen, zog ich mir die blaue Reithose an, ein frisches Poloshirt und griff noch meine Jacke, bevor ich leise den Raum verließ zum Frühstücken. Lotye wartete am Eingang auf mich.
      “Guten Morgen”, lächelte sie freundlich und legte die Hand auf meine Schulter. “Ich hoffe, dass du Hunger mitgebracht hast.”
      “Guten Morgen. Nicht wirklich”, ich seufzte, “Alicia roch wie eine Kneipe und jetzt habe ich Kopfschmerzen.”
      “Was ist denn mit ihr los?”, fragte sie kritisch nach, als hätte ich Ahnung. Ich zuckte mit den Schultern. Sie nickte nur verständnislos und zusammen suchten wir einen Tisch.
      “Oh, bei Vachel sind noch zwei Plätze frei”, sprach meine Trainerin und lief schnellen Schrittes dazu. Natürlich wusste sie um unsere Situation nicht, was ich auch dabei belassen wollte. “Ist hier noch Platz?”
      “Ja, setzt euch”, sprach er freundlich und klopfte mit der Hand auf die Tischplatte. Meine Beine bewegten sich nicht, hielten mich wie ein Zweikomponenten-Kleber auf dem Boden. Die Finger zitterten, während es bis in meinen Hals klopfte. Wahrlich verschlug es mir den Atem und Hunger. Lotye sprach kurz mit ihm, aber suchte danach das Buffet auf. Eindringlich trafen mich ihre Blicke, als würde sie mich erinnern wollen, dass Essen wichtig war.
      “Wie lange möchtest du noch herumstehen?”, hakte Vachel nach, obwohl sein Gesichtsausdruck zufolge, er wusste schon, was das Problem war.
      “Ich weiß nicht”, sagte ich unentschlossen. Dann setzte ich mich ihm gegenüber. Wehmut überkam mich bei jedem Wort, das wir wechselten, obwohl ich mich versuchte von meinen Gefühlen zu entreißen. Der Kampf war aussichtslos, aber mit jedem Atemzug der meine Luft durchströmte, zog ich neue Kraft in meinen schlappen Körper. Selbst die wunderschöne Aussicht aufs Meer und die Palmen machte es nicht erträglich.
      “Das ist doch idiotisch.”
      “Wie bitte?”, fragte Vachel nach. Mist! Hatte ich das gerade laut gedacht? Schockiert hielt ich mir die Hände vor den Mund, als hätte ich sonst was gesagt, allerdings konnte ich auch nicht genau einschätzen, wie viel der Gespräche in meinem Inneren nach außen traten.
      “Ach nichts”, versuchte ich vom Thema abzulenken, als ich meinen Augen nicht trauen wollte. Eine blonde, langbeinige Dame kam näher an den Tisch heran, mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck. Sie musterte mich ebenfalls. Egal, was ich sagen würde, sie hatte mich bereits verurteilt. Ich hatte ihr nichts Böses getan, als ein Welsh Pony zu besitzen. Dass ich als Einzige in dem Jungen Reiter Grad Prix kein Warmblut unter dem Sattel hatte, sprach sich offenbar herum wie ein Buschfeuer.
      “Was macht der Ponyreiter hier?”, zischte sie und kam näher zu uns. Ihre Hände fasten auf seine Schultern, wanderten dann langsam über seine Brust. Sie küssten sich. In mir zog sich abermals alles zusammen. Wo blieb Lotye? Suchend wanderten meine Augen von links nach rechts, aber ich fand sie nicht.
      “Giada, das ist Neele”, erklärte er.
      “Ah”, sie schnappte verächtlich nach Luft. „Kommst du, mein Herz?“
      „Eigentlich nicht, wieso?“, fragte Vachel verwundert. Er verstand genauso wenig wie ich, wieso sie sich nicht einfach mit zu uns setzte.
      „Caro wartet schon auf uns, komm doch bitte“, setzte sie noch eine Schippe darauf. Sie sprach vermutlich von der Brünetten, die mit Zelt lungerte. Es dauerte nicht lange, dann verabschiedete Vachel sich. Ihm war die Diskussion ebenso unbequem wie mir.
      „Viel Erfolg“, sagte er noch beim Vorbeigehen und verschwand mit ihr. Verloren saß ich weiter am Tisch. Was tat ich hier eigentlich? Meine Hände stützten meinen Kopf.
      „Neele, du hast immer noch nichts gegessen“, mahnte Lotye.
      „Man. Ich habe keinen Hunger, mir ist schlecht!“, schimpfte ich jämmerlich.
      Ihre Stimmung wechselte im nächsten Augenblick. Sie legte das Besteck klappernd zur Seite und richtete ihre Augen zu mir. Die Ernsthaftigkeit löste sich in Luft auf.
      „Was ist los? Bist du so aufgeregt?“, fragte sie fürsorglich.
      „Ja, auch“, ich seufzte und erzählte ihr alles von Vachel, von hinten bis vorn und die Gesichtszüge entglitten immer wieder. Besonders sauer stieß ihr das Verhalten seiner Verlobten hier am Tisch auf.
      „Kann doch nicht wahr sein“, brummte sie kopfschüttelnd.
      „Leider schon, aber was soll‘s?“, sagte ich teils enttäuscht, teils erleichtert.
      „Lass den Kopf nicht hängen, nimm dir ein Brötchen und dann üben wir noch mal die Übergänge, dann machst du die platt!“, lachte Lotye. Sie war nur einige Jahre älter als ich, Ende zwanzig, und konnte entsprechend nachvollziehen, wie es mir ging. Für sie gab es nur die Pferde, auch wenn sie schon vereinzelt mal einen Kerl ans Land gezogen hatte. Wie sie sie sagte, es passte nie. In meinem Alter stand Lotye am Scheideweg, ob sie ihr Geld in ein teures Turnierpferd steckte oder in Trainerscheine, nach dem ihr Hengst urplötzlich einer Kolik erlag. Ich war froh über ihre Entscheidung, denn der begleitete mich schon einige Jahre und hatte sehr daran gefeilt, dass ich mit Monet so weit kam.
      Ihrem Rat mit dem Brötchen kam nach und aß sogar zwei, damit fühlte sich die Leere in meinem Magen bereits besser. Dann schnappte ich mir noch eine große Wasserflasche und verließ den Raum mit Lotye zusammen. Wir sprachen mittlerweile die Aufgabe durch, welche Abfolgen besonders schwierig für mein Pony und mich waren. Im Zelt wurde es zunehmend mehr Leute, doch der Gang war breit genug, dass man noch zu seinem Pferd durch kam.
      „Die?“, flüsterte Lotye in mein Ohr, als Giada auftauchte, mit ihrem Anhängsel. Ich nickte unauffällig.
      „Dann sehen wir mal“, sagte sie entschlossen und zog das Handy hervor. Natürlich startete sie auch bei den jungen Reitern und war nur drei Starts vor mir dran. Das Grummeln in meinem Magen begann wieder.
      „Vielleicht sollte ich zurückziehen“, rückte ich direkt mit meinen Bedenken raus, noch bevor ich überhaupt auf dem Pferd saß.
      „Schwachsinn“, schimpfte sie lächelnd. Monet spitzte seine Ohren und streckte sich in ihre Richtung, als würde es Leckerlis bedeuten. “Siehst du, selbst er ist überzeugt.”

      Wenig später war der Unmut über die ganze Situation wie verflogen. Jeder federnde Schritt durch den weichen Sand setzte Glückshormone frei, die mir ein Lächeln auf die Lippen legten. Fröhlich strich ich Monet immer wieder über den Hals und fummelte an den Strähnen herum, die später noch Zöpfe werden wollten.
      „Mehr zurücknehmen, damit er von hinten kommt“, sagte Lotye durch das Funkgerät in meinen Ohren. Mit einer halben Parade nahm ich seinen Rahmen deutlicher zusammen und trieb gleichmäßig am Bauch. Der Hengst richtete den Rumpf auf, trat dabei gezielter unter. Erneut lobte ich ihn. Wir setzten das Programm fort mit Verkürzungen im Trab und auch Galopp. Die Seitengänge legten wir hauptsächlich zum Lockern ein, denn in der Box bekam er nicht Auflauf den er sonst hatte und am langen Zügel trabte er locker in der Dehnungshaltung. So konzentriert mein Pony in allen Möglichkeiten der Reitkunst für die Prüfung vorzubereiten, bemerkte ich nicht, dass der Platz immer leerer wurde und sich am Zaun eine Traube gebildet hatte. Selbst im Schritt fiel es mir erst sehr spät auf, genauer gesagt, als ich die Bügel überschlug und abritt. Ich sah in überraschte und glückliche Gesichter, als hätte Monet Kapriolen geschlagen.
      „Was wollen die alle?“, fragte Lotye durchs Mikrofon.
      „Dich in der Prüfung gewinnen sehen“, ich sah zu ihr und sah ein strahlendes Grinsen über ihr ganzes Gesicht.
      „Aber man muss doch nicht immer gewinnen“, merkte ich beiläufig an. Wir hatten das Training gebraucht, vordergründig ich, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Obwohl ein Sieg etwas Schönes wäre, konnte ich mir nicht vorstellen, das wir uns zwischen den fünfundfünfzig Teilnehmern diesen ergattern konnten. Es war auch nicht mein Ziel. Ich wollte nur unter die ersten zwölf kommen und da sah ich uns. Monet hatte in dem tiefen und feinen Sand sehr zu kämpfen, dennoch war ich nach dem Training zuversichtlich.
      „Du willst nicht gewinnen?“, hakte Lotye nach, als wir im Stall Monet den Sattel abnahmen und im Anschluss zur Waschbox liefen.
      „Nein. Das Ziel wäre deutlich zu hoch gesteckt, wenn ich an die neunundvierzig Prozent in Genf denke“, erklärte ich ruhig.
      „Aber du würdest dich dennoch freuen?“, eine Augenbraue hob sich bei ihrer Frage.
      „Natürlich! Ich würde vermutlich heulen vor Freude, aber ich möchte mit einem guten Gefühl in das Programm gehen und wieder heraus. Dafür ist kein Sieg von Nöten.“
      „Sehr reflektiert“, stimmte sie mir zu.
      Vor der Waschbox hatte sich eine Schlange gebildet. Unruhig trampelten Pferde von Links nach Rechts und auch Monet wirkte von den Tieren sehr abgelenkt. Seine Ohren bewegten sich hektisch in alle Richtungen, der Kopf nach oben gestellt und der Strick bis zum zerbersten gespannt.
      „Gibt es noch eine andere?“, fragte ich meine Trainerin. Diese nickte und auffällig folgten wie ihr. Am anderen Ende des Platzes fanden wir diese tatsächlich, leer und einsam lag sie vor uns.
      „Faules Pack“, lachte ich.
      „Ja, die wollen sich doch heute alle nicht mehr bewegen. Ich habe sogar gesehen, dass einige schon Groomer haben.“ Sie meinte damit Leute, die die Pferde für den Reiter beschäftigten und betreuten.
      „Sowas werden wir nie brauchen“, dachte ich laut nach und Lotye lachte.
      „Du reitest auch nur ein Pferd, aber teilweise sind die Leute mit mehreren Tieren hier im Auftrag der Besitzer. Sie arbeiten.“ Gespannt lauschte ich ihrer Erklärung. Obwohl Turniere für mich kein Neuland waren, kannte ich besonders die Atmosphäre bei den wirklich großen Veranstaltungen nicht, Lotye hingegen begleitete viele Leute, deswegen musste sie auch gleich verschwinden. Sie hatte noch drei weitere Reiter vor Ort.
      „Danke dir!“, rief ich ihr noch nach und begann das Silber Shampoo aus seinem schneeweißen Fell zu waschen, das bis auf einiger Punkte, beinah rein war.
      Von Kopf bis Fuß tropfte das Wasser an und herunter, aber es fühlte sich erfrischend an. Was nicht vom Schweiß getränkt war, wurde durch Monet nass. Schon am Vormittag herrschten über fünfzehn Grad, was ich aus dem Gebirgsvorland im Herbst nicht kannte. Ich flocht ihm kleine Zöpfe und begann sie zu vernähen, als jemand dazu kam, mit einem Schecken. Das Pferd musterte meins, das interessierte brummte.
      „Lass das“, zischte ich Monet an. Der zuckte mit dem Kopf und das Metall klapperte aneinander.
      „Ach, ist doch alles gut“, sagte der Mann, der dazu kam. Dieser war riesig, gut aussehend, aber tätowiert, die Arme voll von oben bis unten. Ich meinte, ihn schon mal gesehen zu haben, aber nicht auf einem Turnier, sondern in einem Video, das Alicia mir gezeigt hatte. Regungslos sah ich ihn an, der Schlauch plätscherte fröhlich vor sich hin und mein Pony wusste auch nicht so genau, was ich tat. Der Herr grinste weiter und tätschelte dabei den weißen Teil des Halses vom Pferd.
      Erst als Monet sich schüttelte und abermals das Wasser an mir verteilte, erwachte ich aus der Starre. Größtenteils war meine Kleidung abgetropft, aber das wusste er, natürlich zu ändern.
      „E-Es tut mir leid“, stammelte ich verlegen. Ich spürte, wie die meine Haut glühte, obwohl die Knie zitterten vom kühlen Wasser und Luftzug, der an mir vorbeihuschte.
      „Was tut dir leid?“, musterte er mich und lachte dabei. Sein Lachen war herzlich und offen. Ich mochte sein Lachen, die gleichmäßigen tiefen Atemzüge, bei denen ein Ton auftrat, der nicht passender hätte sein können zu seiner Stimme und Äußerlichkeit. Wie ein Virus fühlte ich mich davon angesteckt und musste nun auch über meine dämliche, jugendliche Art Lachen.
      „Ich bin Neele“, beschloss ich mich vorzustellen, anstelle ihm zu erklären, dass es mir peinlich war, vollkommen durchnässt vor ihm zu stehen.
      „Juha, aber jeder sagt einfach Ju“, stellte er sich vor. Der Händedruck fühlte sich gut an, wie schon sein Lachen zuvor, rückten mehr Glückshormone in meinem Gehirn zur Arbeit aus. Sie setzten damit weitere Prozesse in Kraft und die blöden Gedanken vom Frühstück rückten immer weiter in den Hintergrund.
      „Nett, dich kennenzulernen“, strahlte ich.
      „Ebenfalls.“
      Wir tauschen die Plätze, aber verschwand nicht sofort mit Monet. Stattdessen unterhielten wir uns. Ich erfuhr, dass seine Stute nicht nur unheimlich gut aussah, sondern auch ein Sankt Pauli Pferd war, erstes Grades. Den Rapphengst kannte man Weltweit, vor allem, da er nur wenige Nachkommen hatte. Die Besitzerin wollte nicht, dass es wie bei Totilas enden sollte mit der Genverteilung. Stattdessen wählte sie die Stuten gezielt aus und schaffte damit einen kleinen Kult. Fasziniert lauschte ich seinen Erzählungen. Er kannte sich wirklich aus mit Pferden, aber wirkte auch, als würde er Eindruck schinden wollen. Später endete die Unterhaltung eruptiv. Alicia kam, noch ziemlich verschlafen, zu uns gelaufen, mit Dixie am Halfter. Die Stute trat mit bebenden Nüstern neben ihr her, reckte den Kopf nach oben.
      „Ach, was haben wir denn hier?“, schmunzelte sie. Auf ihren Lippen lag ein schmieriges Lächeln.
      „Ein geschecktes Pferd“, antwortete Ju schlagfertig.
      „Seh ich“, lachte sie, „aber ich meinte, euch beide.“ Ihre Augen wanderten hin und her, nur wir wussten nicht so recht, was sie uns damit sagen wollte.
      Ich half meiner besten Freundin, ihre Stute fertig zu machen. Im Gegensatz zu mir lag vor ihr ein entspannter Tag. Sie wollte gleich noch auf den Platz, den ein paar Sprünge wurden dort aufgebaut, für die Reiter der morgigen Prüfung. Auch Ju kam mit und immer mehr Reiter wurden es im fließenden Licht der Mittagssonne. Mich hatte man zum Stangen aufheben beauftragt, obwohl es noch genügend andere Menschen am Zaun gab. Einige bekannte Gesichter begrüßten mich, darunter auch Raphael mit seinem blauäugigen Hengst, der Amy, Jus Stute, die Show stahl. Mit Leichtigkeit sprang dieser über den niedrigen Sprung, der kaum höher als ein Meter war. Zur Gymnastizierung war dieser, wie Alicia mir erklärt hatte und wieder bei ihrer neuen Bekanntschaft landete. Damit stand ich allein da, hob immer wieder die Stange aus dem Sand. Wie konnte es eigentlich sein, dass die Pferde diese immer wieder rissen, aber auf dem Platz beinah das Doppelte an Höhe erwartete? Besonders Alicias Typ, der wohl Mateo hieß, hatte seine Fuchsstute nicht wirklich im Griff. Es waren Freudensprünge, wie man mir im Nachhinein erklärte. Er hatte Karie zuvor rasiert und damit kam auch unerwartete Energie aus dem schweren Warmblut, richtig. Sein Pferd passte genauso wenig in das Bild eines Startes hier vor Ort. Ich versuchte mehr Informationen zu bekommen über ihn, aber es wurde mir verwehrt.
      „Neele, komm, setz‘ dich mal auf Amy“, sagte Ju später zu mir. Ich gluckste verwirrt herum, aber schwang mich schließlich auf die Stute. Amy war bequem und nicht nur das, nein, das Pferd schwebte durch den Sand. Ju gab mir mehrere Anweisungen, die ich herzlich annahm und schließlich setzte ich sie sogar über den Sprung. Es war eine Leichtigkeit für das Tier. Sie lief Gehorsam an den Hilfen, reagierte schon auf den Gedanken.
      „Das war toll“, bedankte ich mich bei Ju und schlang sogar meine Arme um ihn. Für mich war springen nichts, aber dass mir ein beinah fremder junger Mann sein Pferd anbot, geschah auch nicht alle Tage.
      „Wo kommst du eigentlich her?“, fragte ich, als wir zurück ins Stallzelt liefen.
      „Aus Schweden, offensichtlich“, lachte er und zeigte auf die Flagge an seinem Ärmel. Wie blöd war ich eigentlich? Demonstrativ fasste ich mir an den Kopf, während Amy genüsslich auf ihrem Gebiss kaute.
      „Oh“, glitt es über meine Lippen. Obwohl ich mittlerweile jede Facette seines Körpers genau unter Lupe genommen hatte, entging mir dieses kleine Detail. So oberflächlich es auch klingt, er war wirklich heiß. Ein Grund mehr, wieso es im Inneren raste und Alicia mich ignorierte. „Offenbar zieht mich das Land magisch an.“
      „Sachen gibt's. Aber wie kommst du darauf?“, hackte er nach. Ich erzählte ihm alles, von Eskil in Genf und auch dem Umzug auf das riesige Gestüt. Nervös drückte Ju seine Lippen zusammen als würde er etwas sagen wollen, aber lauschte weiterhin meiner Erzählung bis ich zum Ende kam. Zur gleichen Zeit nahm er den Sattel vom Rücken und machte einen der Zöpfe neu.
      „Dann sehen wir uns wohl bald öfter“, grinste er verlegen und ich denke, dass die Röte auf seinen Wangen nicht durch die Temperaturen allein kamen.
      „Ach ja? Wieso denn das?“, fragte ich verwundert nach. Schweden war riesig und meine Zeit begrenzt. Außerdem konnte ich nicht ahnen, was mich dort erwarten würde. Auf den Karten lag das Gestüt mitten im Nirgendwo, umgeben von Wald und Wasser.
      „Wir stehen dort als Einsteller.“
      Mir rutschte das Herz in die Hose und ein flaues Gefühl legte sich auf meinen Magen, während Amy aus einer blauen Schüssel ihr Mittag genoss. Ich tätschelte sie am Hals, in der Hoffnung, wieder einen normalen Herzschlag zu bekommen. Ju war der Hammer: Offen, lustig und höflich. All diese Eigenschaften hatte Vachel auch, aber es gab einen Unterschied. Zumindest hoffte ich das.
      „Hast du eine Freundin?“, rutschte es mir ungeschickt über die Lippen. Selbst er zog eine Braue hoch.
      „Das kam unerwartet, aber nein. Schon länger nicht mehr“, erklärte Ju. „Interesse?“
      „Ähm“, stammelnd schnappte ich nach Luft, aber winkte ab.
      „Das war ein Scherz.“
      „Ich frage nur lieber vorher“, dann beugte ich mich näher an ihn heran, „meine letzte Bekanntschaft war urplötzlich verlobt und nannte alles einen Ausrutscher. Das ertrag ich nicht noch einmal. Ich bin so jemand nicht.“
      Die Wände könnten Ohren haben, deshalb drehte ich mich mehr als herum, um alles im Blick zu haben. Wir waren, bis auf einen Spanier, allein. Dieser fütterte sein Pferd und beachtete uns nicht.
      „Ich bin so jemand nicht“, wiederhole Ju nüchtern. „Das höre ich oft.“
      „Gut, die Wortwahl stimmte nicht ganz“, entschied ich, die Situation umgehend klarzustellen. „Ich meinte damit, dass ich in keine Beziehung funken möchte, deshalb habe ich mich umgehend von ihm angewendet.“
      „Okay.“ Ju schien weiterhin nicht mehr interessiert an einer fortlaufenden Unterhaltung. Stattdessen brachte er die Stute in die Box. Stillstand ich bei ihm und betrachtete jeden seiner Schritte, hatte ich was Falsches gesagt? Meine Hände fummelten das Shirt nach unten, aber gehen wollte ich auch nicht. Noch eine Weile stand ich da, bis Ju sich verabschiedete.
      „Eine Freundin wartet noch“, erklärte er und verschwand durch den Ausgang.
      Erst dann setzten sich meine Beine in Bewegung. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Bis zur Prüfung lagen noch Stunden vor mir und Monet nun auch nervös zu machen, sollte kein Plan sein. Also begutachtete ich das Gelände. Auf dem Prüfungsplatz ritt eine junge Dame auf einem Schecken in der Pony Dressur. Das Tier stand gut an den Hilfen, keine Höchstleistungen von den beiden, aber nett anzusehen. Also lief ich weiter und bemerkte den kleinen Markt, der nicht weit von Tribünen aufgebaut war. Schabracken lächelten mich an, allerdings lag mein Geld auf dem Zimmer.
      „Kann ich mir diese zurücklegen lassen?“, fragte ich den Verkäufer, dieser nickte und schrieb meinen Namen auf. Bis zum Abend hatte ich Zeit, gut.
      Auf dem Gelände gab es nicht viel zu sehen, dennoch drängten Menschenmassen durch die liebevoll eingerichtete Marktstraße. Auch einheimische Händler standen dort, boten Essen und Getränke an. Beinah verloren irrte ich umher, bis schließlich vor unserem Hotel stand. An der Seite warteten Reporter, blickten auf den kleinen Bildschirm der Kameras und schenkten mir nicht mal einen Hauch von Aufmerksamkeit. Man kontrollierte meinen Ausweis und ich kam in den kühlen Vorraum an der Rezeption. Nach einem kurzen Wortwechsel bekam ich die Schlüssel fürs Zimmer. Im Fahrstuhl schossen so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich nicht mit in der richtigen Etage ausstieg und heimatlos durch die Flure irrte. Zu meinem Bedauern traf ich bekannte Gesichter.
      „Was willst du hier?“, zischte Giada, als wäre ich auf dem Weg zu Vachel.
      „Ich suche mein Zimmer“, jaulte ich förmlich und sah mich weiterhin eilig um. Die Zahlen stimmten nicht, was allerdings nichts zu bedeuten hatte. Nach der 1052 folgte eine 389, sehr willkürlich.
      „Hier ist es nicht“, sagte sie unverändert.
      „Schatz, jetzt lass doch mal in Ruhe“, mischte Vachel sich schließlich ein. Sie rollte die Augen, gab zu meiner Überraschung keine Widerworte. Da zog sich auch meinerseits eine Braue nach oben. Mir war nicht ganz wohl, also drückte ich wieder hektisch die Taste für den Fahrstuhl, der nicht kommen wollte.
      “Wo musst du denn hin?”, sagt er und begutachtete meinen Schlüssel. Mit seinem Finger malte er in der Luft herum, bis ein erleuchtendes Stöhnen seinen Mund verließ. Selbst dieses kleine Geräusch löste in mir das Feuerwerk aus, das eigentlich in Kisten verstaut war. Es brodelte und kochte, die kleinen Funken der Zündschnüre sprangen auf weitere über, sodass in wenigen Sekunden jede noch so kleine Zelle unter der Haut kribbelte.
      “Also weißt du, wo ich hin muss?”, zitterte meine Stimme bei der Frage.
      “Ja”, er nickte zustimmend und setzte den erste Fuß in den Fahrstuhl, “oder willst du auf einmal nicht mehr in dein Zimmer?”
      Flink folgte ich ihm und Giada stand kopfschüttelnd da. Aus ihren Augen sprühten Blitze in meine Richtung. Sie ertrug es nicht, dass er mit mir sprach oder ich sogar existiere. Ich spürte, dass es heute noch einen riesigen Streit geben würde, aber ich wollte doch nur in mein Zimmer.
      „Das hier.“ Vachel schmunzelte. Meine Orientierungslosigkeit bei hohem Stress kannte er schon.
      „Danke“, sagte ich und überspielte die aufgewühlte Stimmung im Inneren.
      Er legte seine Hand auf meinen Arm. Sofort brach das nächste Feuerwerk aus und ich schloss die Augen. Es könnte so einfach sein, aber nein. Ich landete im größten Drama, das man sich hätte vorstellen können. Um uns herum wurde es still, nur mein Herzschlag drückte unangenehm am Hals und irgendwo an der Decke hörte man das Flimmern eines Leuchtmittels.
      „Ist noch was?“, stammelte ich.
      „Ja.“ Vachel seufzte. „Aber können wir das … Drinnen besprechen?“
      Im Zimmer schloss ich die Tür und lief mit weichen Knien zum Tisch hinüber, an dem er sich gesetzt hatte. Er wirkte zerbrechlich und rastlos, ihm machte es vermutlich zu schaffen, dass es mit uns beiden wieder stiller wurde. So viel hatte er für mich getan, mich unterstützt, wieder aus dem Loch geholt und was die Pferde angeht mal ganz zu schweigen. Wir waren perfekt füreinander, aber das Kapitel endete schon vor Wochen. Alles, was noch blieb, war die Enttäuschung.
      „Ich liebe sie nicht“, brach es aus ihm heraus und er vergrub sein Gesicht in den Händen.
      „O-oh okay?“, tastet ich mich langsam heran, denn ich wollte nicht schweigen.
      „Es ist schwer zu erklären. Wir haben uns auf dem Turnier kennengelernt, ihre Eltern haben Geld und“, Vachel atmete durch, bevor das unaussprechliche folgte. Ich wusste, worauf er hinaus wollte, aber ich ließ ihn sprechen. „Sie sorgen dafür, dass Sky noch bei mir ist. Ich hatte große Probleme nach der Trennung von Alicia, nein, eigentlich schon in der Beziehung. Meine Ausbildung hat ein Haufen Geld gefressenen, dann das Auto, Skys Behandlung, weil er Druse hatte und die Scheidung meiner Eltern. Luise nervt auch immer mehr.“ Tränen drangen aus deinen Augen hervor. Mindestens die Hälfte davon wusste ich nicht und bezweifelte auch, dass er Marin davon erzählt hatte. Vielleicht öffnete Vachel sich Giada gegenüber, aber das Weib machte nicht den Eindruck, überhaupt Gefühle zu besitzen.
      „Ich geriet in finanzielle Schwierigkeiten, deswegen verkaufte ich Sky. Giada Eltern sind hohe Leute im Reitsport und haben mir das Angebot gemacht, dass ich einen geringen Teil von Sky zu behalten, ihn weiter reiten dürfte, aber sie trugen fortan die Kosten. Es war für sie unbegreiflich, wieso ich zu euch wollte“ beendete er seine Erzählung. Das Schluchzen wurde immer intensiver, bis ich es nicht mehr ertrug und meine Arme um seinen Hals schlag. Vachel erwiderte die Umarmung. Dann platze Alicia rein, sah uns schockiert an.
      „Was denn hier los?“, stammelte sie erbost. „Ich dachte, dass ihr beide klug genug seid und Abstand nimmt.“
      „Alicia, bitte. Halt die Klappe“, fauchte ich. Eigentlich war es nicht in meinem Sinne ihr so den Ernst der Situation zu vermitteln, doch ihr Gesicht lockerte sich umgehend, als Vachel sie mit roten Augen anblickte. Hinter ihr fiel die Tür zu. Niemand sagte mehr etwas, nur noch sein Schluchzen dröhnte dumpf durch das Hotelzimmer. Ich konnte ihn nicht aufmuntern, nur für ihn da sein, denn was sollte die Lösung dafür sein? Würde er nicht mehr mit Giada zusammen sein, wäre auch Sky für immer verloren. Weder er noch ich hatte das Geld. In dem Augenblick kam mir die Idee.
      „Was ist, wenn ich Papa nach Geld frage?“, schlug ich vor. Innerhalb von Sekunden erhob Vachel seinen Kopf.
      „Denkst du, dass er das macht?“
      „Worüber sprecht ihr?“, mischte sich auch Alicia wieder ein. Ruhig erklärte er ihr alles, worauf hin sie meine Idee befürwortete. Papa kannte meine Freunde mindestens genauso lange wie ich und war für gewöhnlich sehr hilfsbereit. Wie viel dieses Pferd für uns alle bedeutete, konnte man gar nicht in Zahlen zusammenfassen, dennoch war ich mir sicher, dass es im Rahmen der Möglichkeit stand. Lange schmiedeten wir noch Pläne und in Vachels Augen leuchtete wieder Hoffnung. Voller Tatendrang griff ich nach meinem Handy, als die Tür sich öffnete. Lotye blickte überrascht uns alle an.
      „Schön, dass ihr euch wieder vertragt, aber Neele, du solltest eigentlich Monet fertig machen“, mahnte sie. Die Augen huschten zur Uhr, Mist! In knapp dreißig Minuten war mein Start. Ich rannte ins Badezimmer, zog mich um und lief zusammen mit meiner Trainerin zum Zelt. Zu meiner Überraschung blickte mich Monet alpinweiss und gesattelt an, einzig seine Kandare hing am Haken vor der Box.
      „Ich hatte Hilfe“, funkelte Lotye und Ju trat von der Seite heran.
      „Wir wussten nicht, wo du bist, deshalb habe ich kurzerhand geholfen“, grinste er. Herzlich bedankte ich mich und sprang in die Box, um noch den Zaum zu befestigen. Lotye reichte mir meinen Helm. Noch einen tiefen Atemzug nahm ich, dann musste ich nur noch funktionieren. Wie von selbst trug mich mein Pony auf dem Abreiteplatz, auf dem sich viele Reiter tummelten. Zwischen all den riesigen dunklen Pferden war Monet der Hingucker. Es wurde gekichert. Ein Vater sagte am Zaun zu seiner Tochter: „Die traut sich aber was.“ Dann lachten sie. Aber für Prüfungsangst gab es keinen Platz in meinem Kopf, obwohl schon auf den ersten Blick jeder einen besseren Eindruck machte, als ich. Ich wollte Spaß haben und keinen Sieg, das sagte ich mir immer wieder, bis mein Name aufgerufen wurde von einer Dame am Zaun. Die Reiterin vor mir hatte den großen Platz betreten und damit musste ich mich als Nächstes für den Start vorbereiten. Ich war nur einige Runden locker getrabt und etwas galoppiert. Für mehr hatte ich keine Zeit, aber ich glaubte an Monet und mich.
      Lotye hakte den Strick am Gebissring an. Ju folgte uns.
      „Musst du nicht zu deinen Freunden?“, fragte ich mit zittriger Stimme nach.
      „Müssen tue ich nichts und offensichtlich brauchst du mich“, grinste er zuversichtlich. Obwohl meine Trainerin es bevorzugte ihre Schützlinge allein vor Prüfung zu haben, grinste auch sie. Offenbar war er ihr sympathisch und sie sah darüber hinweg, ihn wegzuschicken. Netterweise entfernte er die schwarzen Gamaschen von den Beinen und brüstet noch mal über. Dann waren wir so weit.
      Giada hatte hohe Maßstäbe gesetzt und lag momentan auf dem ersten Platz, wie hätte es auch anderes sein können. Allerdings blieb die Vermutung, dass Vachel wohl noch mit Alicia oben im Zimmer saß, denn keinen der beiden konnte ich, am Rand entdecken der Tribünen. Ein letzten hilfesuchenden Blick lenkte ich zu Ju, der seinen Daumen in die Luft streckte. Die Musik ertönte und auf der Vorbereitung neben dem Viereck galoppierte ich den Hengst an. Erst vor der Ecke, bevor ich Eintritt, versammelte ich ihn und hielt schließlich auf den Mittelpunkt an. Selbstverständlich platzierte er die Füße nebeneinander und kaute entspannt auf dem Gebiss, keine wippende Unterlippe, nur aktives Ohrenspiel. Mit einem leisen Schnalzen trieb ihn wieder in den Trab, setzte mich tiefer in den Sattel, um ihn zu versammeln. Dabei reichte der Gedanke. Meine Muskeln sendeten die richtigen Impulse und ich konnte immer mehr in dem Takt der Musik versinken. Aus der Versammlung kam eine Verstärkung, dann wieder zurückholen, auf die Mittellinie – Traversalverschiebungen. All diese Lektionen und Bahnfiguren ritt ich nacheinander ab, fühlte mich dabei wie auf Wolken im weichen Sand, der Meeresbrise in der Nase. Es war schöner als Urlaub, auch wenn ich unter dem Jackett ziemlich schwitzte, wünschte ich mich nirgendwo anders hin. Ich spürte, wie das Strahlen in meinem Gesicht auf die Zuschauer übertrug, die gespannt meiner Passage folgten, die das Pony perfektioniert hatte. Auch in der darauffolgenden Piaffe konnten sich die Warmblüter noch etwas anschauen. Gleichmäßig reagierte er auf meine Hilfen und setzte willig die Übergänge zur Passage um. Dabei war ein deutlicher Unterschied zu erkennen, nicht nur in Kadenz. Wie es noch heute in der Reitkunst praktiziert wird, tänzelte er auf der Stelle, ohne dabei langsam vorwärts zusetzen. Lotye legte großen Wert darauf. Nach dem Mitteltrab folgte die vorherige Abfolge der Lektion, nur auf der anderen Hand, bevor ich ihn sanft in den starken Schritt zurückholte. Monet trat fleißig voran, schnaubte einmal ab, hielt sich dabei wie von Selbst. Der Zügelkontakt hatte bei ihm nur ein äußerliches Erscheinungsbild. Hier und da erinnerte ich ihn durch leichtes zupfen, wie er das Genick stellen sollte, doch ansonsten achtete er auf die Gewichts- und Schenkelhilfen. Willig galoppierte er rechts an und zeigte sich von seiner besten Seite. Eine seiner Stärken lag im starken Galopp, der durch die ganze Bahn folgte. Obwohl wir uns auf einem zwanzig mal sechzig Viereck befanden, konnte Monet eine deutliche Rahmenerweiterung zeigen, die in den weiten Sprüngen gipfelte. Leider kam nun der schwierigste Teil für uns. Ich verpasste die erste Hilfe für den Wechsel und büßte dabei an Punkten ein, auch der Übergang zur Versammlung war nicht ganz sauber. So drückte ich ihn zu schnell zurück, dass er mit dem Kopf schlug und seine Ohren anlegte. Ein tiefes Raunen ging durchs Publikum, aber davon ließen wir uns nicht einschüchtern.
      Wie in der Halle, sagte ich zu mir und erinnerte mich an das Training im strömenden Regen, als Papa mich abholte und erzählte, dass es nach Schweden gehen würde. Krampfhaft drückte sich mein Kiefer zusammen, aber die Galopptraversale nach links saß auf dem Punkt genau. Wohingegen die Pirouette noch deutlicher sein hätte können. Im Programm waren sechs bis acht Sprünge vorgesehen, wie mein Pony nicht schaffte, stattdessen wurden es zehn.
      „Du hast es gleich geschafft“, erinnerte ich Monet. Bei C angekommen bogen wir nach links ab und dabei spürte ich, dass die Kraft in den Hinterläufen abnahm. Meine Motivation galt gleichermaßen mir. Fröhlich sprang der Hengst auf der Mittellinie die gewünschten Serienwechsel. Einmal verpasste ich die Hilfe und so wurden es anstelle der zwei Sprünge drei. Und erst, als wir nach der erneuten Abfolge zu dem Sprung zu Sprung wechseln kam, verspürte ich, welche Herausforderungen wir uns zumuteten. Nur einmal waren wir alle Teile am Stück durchgeritten und das lag weit in der Vergangenheit. Ungefähr vor zwei Monaten müsste es gewesen sein, kurz nach dem Reit in Genf. Gleichwohl ritten wir noch die restlichen Aufgabenteile zu Ende und kamen nach der Passage von X zu G an, hielten an und grüßten. Das Publikum tobte, während mir vor Erleichterung Tränen die Wange herunterliefen. Wir hatten es wirklich geschafft. Beinah fehlerfrei schafften wir das Programm und ich konnte nichts mehr tun, außer meinem Pferd liebevoll den Hals zu tätscheln.
      „Na das kann sich doch sehen lassen“, grinste mich Ju beim Ausreiten vom Platz an und zeigte dabei auf die Leinwand. Wir hatten zwar nicht Giada eingeholt, aber dennoch mit 71,23 % eine persönliche Höchstleistung aufstellt und kletterten damit auf die dritte Platzierung.
      „Danke“, sagte ich erschöpft.
      „Am besten geht ihr beide jetzt zum Abreiteplatz“, gab Lotye ihren Senf dazu und tätschelte ebenfalls seinen verschwitzten Hals. „Ich habe jetzt zwei andere Leute zu betreuen, bis später.“
      Dann verschwand sie den Weg entlang zum Vorbereitungsplatz. Ju stand weiterhin neben mir, hielt den Strick und halte im Gebissring der Kandare ein.
      „Keine Sorge, ich lass dich nicht zurück“, sprach er und führte Monet. Erst jetzt bemerkte ich meine zitternden Hände, wie meine Knie sich am Sattel drückten und die Füße vor Aufregung im Bügel schlotterten. Das Pony folgte ihm. Kein einziger Impuls kam von mir, eher saß ich wie eine Dreijährige auf dem Rücken und sprach kein Wort. Auch nach einigen Runden im Schritt auf dem überfüllten Reitplatz, kam mein Selbstvertrauen nicht zurück. Was stimmte nur nicht?

      Missgünstig beobachtete ich Giada bei ihrer letzten Runde über den Reitplatz. Sie hatte den zweiten Platz belegt, denn der letzte Teilnehmer, ein Portugiese, überholte sie.
      „Die steht zum Verkauf“, funkelten Alicias Augen, als die hübsche Schimmelstute im lockeren Zügel einhändig galoppierte.
      „Und was willst du damit?“, antwortete ich nüchtern, ohne den Blick von Giadas Hengst zu nehmen, der nervös auf der Stelle tänzelte und die Schleife an seinem Zaum überhaupt nicht wohlgesonnen war. Immer wieder gab sie heftige Paraden, zog dabei auch am Kandarenzügel.
      “Was ist denn mit dir los? Der sechste Platz ist doch wunderbar”, jammerte Alicia weiter. Ich hatte ihr nicht mehr zugehört, hing in Gedanken nur an meiner Schwäche und Unfähigkeit fest, insbesondere, weil Vachel so ein Modepüppchen ertragen muss.
      “Nichts”, murmelte ich und erhob mich aus dem Sitz. “Es ist mir nur egal, ob das Pferd zum Verkauf steht oder nicht. Das kostet bestimmten Millionen und die habe ich nicht.”
      “Du redest gerade über Sky, habe ich recht?” Alicia hatte auf den Punkt getroffen, natürlich ging es um diesen Schimmel und nicht die hübsche Andalusier Stute, die noch immer sehr aufmerksam an den Hilfen ihres Reiters lief, der ebenfalls grob die Sporen in die Seite stemmte. Es gab überhaupt keinen Grund, aber soll jeder machen, ich konnte daran nicht viel ändern.
      “Ja”, antwortete ich. Dann seufzte ich abermals.
      “Das wird schon, aber wir können auch nicht so viel tun. Er hat sich das selbst eingebrockt”, erinnerte sie mich. Das Gespräch verstummte umgehend, denn von der Seite kam der blonde Typ wieder an.
      “Kommt ihr mit? Ich habe uns einen schönen Platz am Wasser gesucht”, fragte er.
      “Natürlich”, strahlte Alicia und sah zu mir.
      „Nein, ich bin müde“, antwortete ich.
      „Ju ist auch da“, versuchte er mich zu überzeugen, aber ich blieb dabei. Also verabschiedete sich beide, ich verblieb allein am Zaun. Da kamen mir wieder Alicias Worte entgegen. Eskil suchte doch eine Stute? Schnell machte ich noch ein paar Bilder und schickte sie ihm, bevor der Typ vom Platz verschwand, mit den anderen beiden Platzierten. Auf der Tribüne lichtete es sich, denn nun war Pause, ehe die Abendvorstellung um 21 Uhr begann.

      Am nächsten Morgen las ich erst Eskils Antwort. Die Stute sei nicht sein Beuteschema, aber er kenne jemanden. Um ihm zu helfen, setzte ich mir auf den Plan, den Herren zu finden und mehr Informationen zu bekommen, aber dafür musste ich erst einmal aufstehen. Langsam tastete ich das Bett ab, stellte fest, dass ich allein war.
      „Ach Alicia“, murmelte ich und setzte die Füße nacheinander auf den Holzboden. Leise knarrte die in Jahre gekommenen Dielen bei jedem Schritt, die mich direkt ins Bad führten.
      Ein nächster sinnloser Tag würde anstehen, auch wenn heute Vachel ritt. Mit gemischten Gefühlen stand ich unter Dusche.
      „What are you waiting for“, sang ich die Musik aus den Lautsprechern mit, wollte so gern mehr von meiner besten Freundin haben. Sie war offen, wusste, was sie wollte und nahm es sich. Ich schwieg stattdessen und verkroch mich, eigentlich sollte damit Schluss sein, aber Veränderungen stellten mich immer vor eine Herausforderung. Egal, ich hatte mein Laptop dabei und würde sicher, ein schönes Plätzchen finden, zum Videos schauen.
      Frisch geduscht, schlüpfte ich meine Reitsachen und lief aus dem Zimmer heraus. Heute ging es meinem Magen schon besser und ich entschied allein etwas zu frühstücken. Kurz nach Zehn saßen kaum noch Leute im Speisesaal, den die erste Prüfung hatte bereits begonnen. Ich suchte mir keinen Tisch, sondern direkt am Buffet einen Teller. Unentschlossen tigerte ich um die Auslage. Einige Brötchen lagen noch da, die aber größtenteils an ihrer knusprigen Oberseite eingedrückt waren und bei den Körnerbrötchen fehlten die meisten dieser. Also nahm ich mir einen leichten Salat und Ei, dazu noch einen Joghurt mit Erdbeeren. So gesund aß ich nicht einmal zu Hause! Dann trugen mich die Füße nach draußen. Am Himmel stand bereits die Sonne und zauberte ein warmes Licht auf das Meer, das sich in den Fenstern spiegelte. Im Gegensatz zu drinnen, waren hier fast alle Tische belegt und als meine Augen so wanderten, winkte mich jemand zu sich, Raphael saß mit einigen anderen an einem großen Tisch direkt an der Umrandung der Terrasse. Wie von selbst, mit einem Grinsen auf den Lippen, lief ich hinüber.
      “Guten Morgen”, grüßte ich alle und setzte mich neben eine junge Dame, die wohl seine Freundin sein musste, so verliebt wie sie ihn anstarrte und über den Witz kicherte. Wenn ich das Alicia erzähle, wird sie sicher traurig sein, aber sie hatte sich ohnehin verdünnisiert. Bestimmt verbrachte sie die Nacht bei dem Typen, der eigentlich ganz freundlich war.
      “Guten Morgen, ich glaube, wir haben uns noch nicht kennenlernen dürfen. Ich bin Quinn”, entgegnete sie direkt freundlich und stellte sich in dem Zuge auch direkt vor.
      “Nett dich kennenzulernen”, reichte ich mir die Hand, “man kennt mich als Neele”, grinste ich höflich.
      “Dann warst du das gestern mit dem kleinen weißen Pony in der Dressur, richtig? Ich finde es richtig cool, dass du die Konkurrenz mit den Großen aufnimmt”, entgegnete sie anerkennend.
      “Da muss ich Quinn zustimmen, es sollte mehr von deiner Sorte geben. In meinen Augen sahst du mit deinem Pony deutlich harmonischer aus als so manch anderer”, stimmte Raphael seiner Vorrednerin mit einem breiten Lächeln zu.
      “Auf YouTube habe ich schon einige Ponys in den hohen Klassen gesehen. Es ist nun mal blöd, dass es die schwierigen Lektionen nicht separat gibt. Wer will denn sein Leben lang im leichten Niveau reiten?”, untermalte ich den Standpunkt und schob einen Löffel voll mit Salat mir in den Mund.
      “Niemand, der Sinn und Verstand hat”, nickte Quinn zustimmend, bevor sie einen großen Schluck aus dem weißen Porzellan nahm. Noch eine Weile diskutiert wir darüber, wie sinnlos die Ausschreibungen der Weltorganisation waren, in der sich sogar vom Nebentisch ein Richter einmischte, der unsere Meinung teilte. Der Herr hatte sogar mich gestern benotet, wie ich im Nachhinein erfuhr.
      „Und, was steht bei euch heute auf dem Plan? Oder reitet ihr erst morgen bei den Großen mit?“, fragte ich später, schließlich wusste ich nicht wie Alicia über jeden Bescheid. So war Raphael in meinen Augen irgendwas zwischen Anfang oder Ende zwanzig, wohingegen seine Freundin auch minderjährig sein könnte, ohne jemandem etwas vorzuwerfen. Wenn sie das überhaupt war, doch an dem Gedanken hielt ich fest. Letztere blickte fragend zu ihrem Freund, der offenbar für die Tagesplanung verantwortlich war.
      “Heute Abend steht das drei Sterne Springen an und bis dahin heißt es Poseidon bei Laune halten. Ich denke, zu diesem Zweck werden wir später ans Wasser gehen und was hast du so vor?”, erläuterte der Dunkelhaarige den Tagesablauf.
      “Auf den Flug morgen warten”, ich seufzte und wollte eigentlich kein Mitleid erregen, allerdings drückte Jordan seine Unterlippe vor die Obere. Quinn drehte sich auch zu ihrem Freund, der die Augenbraue liftete. Aufklärungsbedarf. “Aber alles gut, Alicia spring nachher auch.”
      “Das klingt ja nicht gerade begeistert. Ist springen nicht so deins?”, hakte Raphael behutsam nach, ohne gleich zu aufdringlich zu sein zu wollen.
      “Ich möchte mich jetzt nicht unbeliebt bei euch machen, aber es sind in jedem Ritt dieselben Sprünge, die in der richtigen Reihenfolge überquert werden müssen, so schnell wie möglich. Spätestens nach dem vierten Reiter, weiß man schon, was kommt, erst wenn was passiert, wird es interessiert. Aber ich möchte nicht, dass jemanden etwas passiert”, erläuterte ich. Mir war bewusst, dass es sehr oberflächlich von mir war, schließlich ritten in den festen Dressurprüfungen das gleiche Programm.
      “Alle gut, ich denke, wir können nachvollziehen, was du meinst, schließlich wird der Nervenkitzel nicht an die Zuschauer transportiert”, schmunzelte Jordan amüsiert.
      “Genau”, nickte ich. „Solang seid ihr auch keine Konkurrenz, nur nette Menschen, die man mal trifft.“ Beinah rutschte mir ‚Freunde‘ heraus, was ich im letzten Moment noch verhinderte.
      “Nur nette Menschen, hast du das gehört. Da ist mal jemand, der nicht deinem Charme erliegt, Rapha”, feixte Jordan und schlug Teamkameraden spielerisch auf die Schulter. Angesprochener schüttelt nur schmunzelnd den Kopf: “Hör nicht auf den, der ist nur neidisch, dass er keinen Fanclub hat.”
      „Raphael, da muss ich dich leider enttäuschen. Ich musste mich nicht an dir satt sehen, denn Alicia kann gar nicht genug von dir bekommen“, platze es lachend aus mir heraus, „da trete ich lieber dem Jordan Fanclub bei. Kleine, aber feine Gemeinschaft.“ Demonstrativ zog ich den Kugelschreiber aus meiner Jackentasche heraus, den ich immer bei mir trug, und schrieb auf eine Serviette so etwas wie einen Mitgliedsausweis für mich.
      “So sieht’s aus, Qualität statt Quantität”, sprach der junge Mann und bedachte mich dabei mit einem schiefen grinsen.
      “Als würde ich etwas dafür könnte, wer mir alles nachrennt”, erklang ein warmes Lachen aus Raphaels Brust. Einzig Quinn schien nicht ganz zu wissen, wie sie reagieren sollte, überspielte es allerdings mit einem höflichen Lächeln.
      “Keine Sorge, ich renne dir nicht nach, auch wenn man einen anderen Eindruck im Augenblick haben könnte”, versuchte ich Quinn zu beruhigen, als Raphael ein gegenteiliges Bild zu zeigen.
      “Alle gut, mich stört das nicht, auch wenn es so wäre”, zuckte er mit den Schultern und schob den Stuhl nach hinten, um aufzustehen, “Ich hol mir noch nen Kaffee, soll ich sonst noch wem was mitbringen? Dir vielleicht?” Bei der letzten Frage blickte er spezifisch Quinn an, die ihm auch sofort ihre leere Tasse über den Tisch hinweg reichte.
      „Nein, alles gut“, winkte ich ab, blickte dabei auf den leeren Teller. Hunger hatte ich keinen mehr, aber als Beschäftigung während des Gesprächs, wäre es dennoch cool gewesen. Essen aus Langeweile stellte mich immer wieder vor Gewissenskonflikten.
      „Und du? Reitest du auch?“, fragte ich Quinn, als ihr Freund verschwunden war.
      “Grundsätzlich ja, aber hier bin ich nur zur Begleitung”, antwortete sie offen.
      “Ach, das ist aber schön. Da freut sich dein Freund sicher”, grinste ich und bemerkte, wie Jordan seine leuchtenden Augen aufriss und ein verschmitztes Lächeln aufsetzte.
      “Mein Freund?”, frage Quinn ein wenig irritiert, bis ihr einige Sekunden später ein Licht aufzugehen schien.
      “Oh, du denkst Raphael und ich … also nein, wir sind nicht zusammen”, korrigierte sie das Missverständnis, richtete leicht verlegen den Blick zur Tischplatte. Beinah hätte ich nach dem ‘Warum’ fragen wollen, aber da wurde mir klar, dass es mich weder etwas anging, noch passend wirkte.
      “Entschuldige meine forsche Art”, sagte ich, “manchmal trete ich in böse Fettnäpfchen.” Mit besten Gewissen versuchte ich die gedrückte Stimmung wieder aufzuheitern, aber dafür sorgte Raphaels Rückkehr wie von allein. Er reichte seiner Nicht-Freundin die Tasse, die sie umgehend umklammerte und versuchte daraus zu trinken, aber noch deutlich stieg der Dampf heraus auf. Etwas Missgunst kam nun doch in mir hoch, aber ich überspielte es mit einem freundlichen Lächeln.
      “Wie ist das eigentlich mit so einem hellen Pferd, ist das nicht anstrengend das sauber zuhalten? Gerade jetzt so auf Turnier?”, erkundigte sich Raphael und machte es sich wieder auf seinem Stuhl bequem.
      “Ach, ich wasche ihn und die meiste Zeit trägt er seinen Sleezy”, erklärte ich ganz selbstverständlich, als gäbe es nichts Einfacheres im Leben. Mit seinem Rappen kannte er die Probleme natürlich nicht.
      “Interessant, ich glaube, bei Jora würde so etwas nicht lange dran bleiben”, lachte Jordan, “Sie schafft es schon sich aus Decken herauszuwinden, wie so ein Wurm.”
      “Dann wäre das vermutlich eine unkomfortable Situation”, merkte ich an und er nickte zustimmend.
      “Deine Stute ist auch einfach besonders. Dass aus der mal ein vernünftiges Sportpferd wird, hätte auch keiner geglaubt, so Verhaltens-kreativ wie sie ist”, trug auch der Dunkelhaarige grinsend seinen Teil zu der Konversation bei.
      “Aber die reine Anwesenheit auf einem Turnier, macht es auch nicht zum vernünftigen Sportpferd”, scherzte ich in den Dunst hinein. Schließlich hatte ich Jora nur einmal gesehen und das war gestern auf dem Platz, auf dem die Stute von Alicias Typen sich deutlich kreativer vorwärtsbewegte.
      “Wenn du heute Abend zum Springen kommts, wirst du schon noch sehen, was sie so drauf hat. Auch wenn wir noch nicht ganz so gut sind wie Rapha mit seinem Gott”, entgegnete der junge Mann ganz von sich und seinem Pferd überzeugt.
      „Ich weiß nicht, ob ich so lange das Hüpfen von A nach B ertrage“, gab ich provokant zurück, mit dem Hintergedanken es mir in jedem Fall anzusehen, schließlich würde Alicia mich dazu zwingen.
      „Deine Entscheidung, ob du dir das Beste entgehen lässt“, zuckte Jordan mit den Schultern. Dennoch lag ein schelmische Glitzern in seinen Augen, „Aber eigentlich ist das Pflicht für Exklusiv-Mitglieder des Fanclubs.“ Um die letzten Worte zu unterstreichen, tippte er auf die bemalte Servierte vor mir.
      „Tendenziell hat er recht, allerdings möchte Amy bewundert werden und nicht der Bauerntrampel“, ertönte eine bekannte Stimme hinter uns und beinah synchron drehten wir uns um. Ju kam, zu uns gelaufen, mit einer hübschen, groß gewachsenen, blonden Dame, gegen die ich wohl keine Chance haben würde. Allerdings erhellten seine Worte meinem Kopf, dass er keine Freundin habe. Für den Augenblick stockte meine Atem, aber ich versuchte gelassen zu bleiben. All das Drama um irgendwelche Typen, stieg mit langsam zu Kopf, meine Gefühle waren unreflektiert und willkürlich. Konnte ich nicht einfach etwas gefasster sein und klarkommen wie jeder andere auch?
      „Leider muss ich zu Jordan halten und seinem Bauerntrampel, der mit hoher Wahrscheinlichkeit dich schlagen wird“, schmunzelte ich besagtem zu, bevor mein Blick wieder zu Ju fiel.
      „Ach, Jungs, sicherlich gibt es für euch alle genug Bewunderung, ihr seid ja nicht alle gleichzeitig auf dem Platz“, schaltete Quinn sich in das Gespräch. Sie schien sichtlich amüsiert von dem Wetteifern der Jungs und ließ sich davon nur wenig beeindrucken. Aber genauso sicher war ich mir, dass sie ihren heimlichen Favoriten bereits hatte, denn auch jetzt huschten ihrer Augen immer wieder zu Raphael, obwohl die Brünette das Gespräch mit dem Blick verfolgte.
      „Abwarten“, zuckte Ju mit dem Schulter.
      „Also ich wäre auf jeden Fall da sein“, schmiegte sich die Blonde noch enger an seine Brust und klimperte vertraut mit den Augen. Damit strich ich in meiner gedanklichen Liste die nächste Person weg. Ein Gefühl der Einsamkeit und Leere überkam mich urplötzlich, aber ich musste durchhalten. Morgen Nachmittag ging der Flug zurück und dann würde ich schon fast bei Eskil sein.
      „Dann scheint meine Anwesenheit wohl nicht nötig“, wiederholte ich, nur dieses Mal mit mehr melancholischen Unterton. „Schließlich verstehe ich das nicht mal.“
      „Das erkläre ich dir“, setzte sich Ju ohne zu fragen neben mich und im Wechsel sprach jeder am Tisch über die Disziplin. Unregelmäßig schielte ich zu ihm hinüber. Ich spüre, wie sich die Leere füllte, mit einem Gemisch aus Freude und Sehnsucht. Es stach, es drückte und schnürte mich den Atem ab. Sehnsucht, ein Gefühl, das ich so oft verspürte, aber nur schwer einordnen konnte. Ich sehnte mich nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Mit all den elitären Reitern am Tisch zu sitzen fühlte sich echt an, aber es war nur eine Moment aufnahm. Ein Moment, der jederzeit verfliegen könnte, ohne wirklich dagewesen zu sein. Schwer ums Herz traf es auch ein prickelndes Stechen im Bauch, das sich intensivierte, wenn sich die Blicke von Ju und mir trafen. Er bot mir so viel mehr Vachel, allem voran: Ruhe, Geborgenheit – Dabei kannte ich ihn kaum. Es war die Art, wie ihr zu mir stand, Dinge erklärte und nicht davor zurückschreckte, wenn ich einen blöden Witz machte.
      “Malst du dann auch ein Schild?”, unterbrach Jordan meinen Gedanken. Irritiert wanderten meine Blicken zwischen den Parteien, die mich wie ein gespannter Bogen auf mich gerichtet waren.
      “Was für ein Schild?”, fragte ich vorsichtig. Alle lachten, nur Jordan schüttelte amüsiert den Kopf. “Wir brauchen klare Regeln im Fanclub.”
      “Am besten beginnen wir mit dem Transfer zu mir. Schließlich konnte Neele schon in den Genuss kommen, mein edles Ross zu besteigen”, gab Ju seinen Senf dazu. Das Gelächter platzte aus allen Nähten. Mittlerweile waren wir allein auf der Terrasse, dass keiner am Nebentisch sich gestört fühlen konnte. Mein Gesicht nahm einen leichten rosafarbenen Teint an und ich vergrub es hinter meinen Händen. Das Balzverhalten der jungen Männer überforderte meine Gefühlswelt.
      “Man gewöhnt sich daran”, legte Phina, wie sich die Blonde später vorgestellt hatte, ihre Hand auf meinen Arm.
      “Ich glaube nicht”, murmelte ich.
      “Wer gefällt dir denn besser? Ju oder Jordan?”, nahm sie kein Blatt vor den Mund, aber ich musste nach Luft schnappen, wie ein Fisch am Trocknen. Für einen Augenblick verstummte es am Tisch, alle starrten mich intensiv an, aber ich fühlte mich wie in der Schule, wenn man Vokabeln aufsagen sollte. Das quälende Gefühl der Unwissenheit jagte mein Blut durch die Adern. Aber ich rappelte mich auf.
      “Von welchem Standpunkt aus?”, hakte ich nach und musterte beide intensiv, als würde ich eine Checkliste erstellen. Ju lag vorn, ganz klar. Jordan war zwar sympathisch und deutlich attraktiver als sein charmanter Kollege, dennoch für meinen Geschmack, zu selbstbewusst. Vielleicht sogar selbstverliebt.
      “Das Gesamtpaket, wer von den beiden macht den besten Eindruck?”, lächelte Quinn freundlich und spezifizierte ihr Interesse.
      „Ihr setzt mich ziemlich unter Druck, wisst ihr das?“, schüttelte ich spielerisch enttäuscht mit dem Kopf. „Aber dann muss leider Schweden den Punkt bekommen, schließlich empfing er mich nach der Prüfung. Zudem wäre es blöd, wenn ich es mir damit vermassel, schließlich muss ihn bald öfter sehen.“
      Ein verklemmtes Grinsen legte sich auf seine Lippen und ich spürte, wie sich seine Hand auf meinen Oberschenkel legte. Ich schluckte, aber wollte es mir nicht anmerken lassen, wie meine Finger zitterten. Deswegen schloss ich sie ineinander und drückte die Unterarme leicht auf die Holzplatte.
      „Ju! Die kleine ist scharf auf dich“, feixte Phina beinah diabolisch.
      „So habe ich das gar nicht gesagt“, verteidigte ich mich mit zittriger Stimme. „Nur, dass er deutlich mehr effort zeigte als Jordan.“
      “Lasst Neele doch einfach in Frieden, ihr müsst doch nicht aus allem einen Wettbewerb machen”, rollte Raphael mit den Augen, dem die Diskussion langsam zu bunt zu werden schien.
      “Danke”, murmelte ich und wollte am liebsten im Boden versinken vor Pein. Tatsächlich schob sich mein Po etwas tiefer in den Sitz, aber Jus Hand hielt mich fest, damit ich nicht im Dreck landete.
      “Vielleicht sollten wir dann langsam auch zu den Pferden”, versuchte Phina die Situation zu entschärfen.
      “Richtig”, nickte Raphael und erhob sich von seinem Stuhl, “Kommst du Quinn? Poseidon wartet sicherlich schon.” Eifrig nickte seine Begleitung und leerte den Rest ihrer Tasse, bevor sie sich ebenfalls erhob.
      “Einen schönen Tag euch noch”, verabschiedete sie sich freundlich, bevor sie sich an Raphaels Seite heftete und die beiden in Richtung der Stallzelte verschwanden. Ohne etwas zu sagen, sprang auch Phina ihnen nach. Plötzlich saß ich allein mit Ju auf der Terrasse, mit dem Blick zum Meer und wenn man den Kopf etwas senkte, dann konnte man den aktuellen Reiter auf dem Platz sehen.
      „Vielleicht sollte ich auch langsam“, stammelte Ju unentschlossen, nach einigen Minuten der Stille.
      „Okay.“
      Er stand auf.
      Ich blieb sitzen, wie anklebt.
      „Na komm schon, Monet möchte sich sicher auch die Beine vertreten“, munterte er mich auf, als würde er spüren, dass in mir ein Roman geschrieben wurde.
      Nun war ich die, die seinen Arm um sich trug. Mich erfühlte es mit Stolz, als wir zu den Ställen lief, obwohl uns niemand Beachtung schenkte, nur Giada schaute nicht schlecht. Sie stand bei ihrem Hengst und Vachel hielt diesen fest, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Der Kleidung zur Folge hatte er ihr auch das Pferd sauber gemacht. Leise knurrte sie, was ich aber nicht genauer verstanden hatte.
      „Ich würde dann hinüber zu Amy gehen“, sagte Ju, aber ich hielt ihn sanft am Arm zurück.
      „Kannst du bitte bleiben, bis die weg sind?“, funkelte ich mit meinen Augen. Grinsend stimmte er zu und begrüßte Monet. Dieser stand in seinem hübschen rosafarbenen Ganzkörperanzug in der Box und mümmelte am Heu. Lotye hatte ihn wohl gefüttert, den so viel bekam er sonst nicht von mir. Davon könnte vermutlich tagelang fressen.
      Ich führte ihn aus der Box und entfernte erst einmal seinen Anzug. Mürrisch brummte Monet, als das Ding an den Ohren hängenblieb und er für länger als sonst nichts sehen konnte. Ju, der sich auf meine Putzkiste gesetzt hatte, kam dazu und half mir. Befreit, schüttelte Monet sich und die dicke, kurz geschnittene Mähne fiel wellig auf beide Seiten.
      „Die müsste mal wieder geschnitten werden“, stellte ich, flüsternd zum Pferd, fest.
      „Der Arme“, bemerkte Ju schmollend, „dabei sieht er so viel niedlicher aus.“
      „Du hast doch Amy auch die Mähne abgesäbelt.“
      „Leider muss ich dich enttäuschen, aber das war ich nicht, sondern die Tante vom Beritt“, bemerkte Ju ziemlich abfällig, aber ich konnte es nachvollziehen. Mich hätte es auch genervt, das eigene Pferd plötzlich verändert zu sehen.
      „Tut mir leid“, zog ich meine Aussage zurück. Aber er lächelte nur warm. Das Prickeln sprang wie in der Luft elektrisiert zu mir hinüber und unsere Blicke trafen sich wieder. Etwas sagte mir, dass zwischen ihm und mir noch so viel mehr gab, als den gleichen Pferdehof. Schon aus dem Grund musste ich meine jungen Pferde in der Brust zügeln.
      Endlich verzogen sich Giada und Vachel aus dem Stall, nach dem ich wieder mal Getuschel vernahm. Offenbar war ich das große Thema hier, ohne sonderlich einen Beitrag zu leisten.
      „War das besagter Typ mit Freundin?“, hackte Ju nach.
      „Ja, leider“, seufzte ich.
      „Ach, ist doch alles in Ordnung. Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Aber jetzt, braucht mich mein Pferd.“

      Am Abend saß ich nervös auf der Tribüne, direkt neben dem Eingang. Gerade zeigte Raphael auf seinem Poseidon, wofür sie oft trainiert hatten. Mit Leichtigkeit peilten sie ein Sprung nach dem anderen an, ließen dabei nicht nur jede Stange an Ort und Stelle liegen, sondern setzten eine nur schwer zu schlagende Zeit an. Begeistert sprang ich auf, als seine Runde beendet war und er im Schritt vom Platz ritt. Seine Nicht-Freundin empfing ihn mit hochroten Kopf, als hätte sie auf dem Rappen gesessen. Die beiden wirkten so vertraut und glücklich miteinander, dass abermals Missgunst in mir aufkam. Es lag nicht daran, dass Raphael ein sympathischer und gut aussehender junger Mann war, der auch reiterlich neue Maßstäbe setzte, sondern er interessierte sich für jemanden, der selbiges zurückgab.
      Der nächste Starter sprang bereits, aber ich beachtete ihn nicht sonderlich. Jordan war demnächst an der Reihe, weshalb ich die Tribüne verließ und auf dem Vorbereitungsplatz nach ihm Ausschau hielt. Obwohl es mit dem Fanclub nicht mehr als blöder Scherz war, würde es ihn sicher freuen. Mein Eindruck trübte. Zwei Damen standen kichernd am Rand und unterhielten sich rege mit ihm, während seine Stute ungeduldig zur Seite tänzelte und dabei mit dem Schweif schlug. Ihre Ohren lagen im Genick und immer wieder schnappte sie nach anderen Pferden, wenn diese Vorbeiritten. Vermutlich ein Teil davon, was vorhin am Tisch berichtet wurde. Damit hatte sich meine Idee erledigt. Ich drehte mich gerade weg, als die hübsche gescheckte Trakehner Stute ihren ersten Huf neben uns setzte und ihr Reiter zu mir sagte: „Schön, dass du da bist.“
      Eiskalt lief es mir den Rücken herunter, aber sofort wandte ich mich ihm zu und strahlte über beide Ohren.
      „Natürlich, ich möchte doch wissen, was dein Papier kann“, scherzte ich. Er drückte seine Ferse in den Rumpf seiner Stute, die sich gehorsam vorwärtsbewegte. Aufmerksam folgten meine Augen den grazilen Schritten, auch im Trab und Galopp machten beide eine gute Figur. Nebeneffekt meines Besuchs am Vorbereitungsplatz war, dass ich Jordans Ritt verpasste, aber die Zeit sah im Nachhinein betrachtet, einwandfrei aus. Er rutschte damit auf den aktuellen vierten Platz.
      Endlich wurde Ju aufgerufen und ich lief mit ihm zusammen an den Einlass. Ein älterer Herr folgte uns unauffällig, der sich später als Herr Holm vorstellte und sein Trainer war.
      Im gleichmäßigen Galopp begann er den Parcours und das Rick überquerte Amy wie eine Elfe. Nach fünf weiten Sprüngen folgte ein Oxer. Ju holte sein Pferd zu früh zurück, wodurch sie deutlicher weiter springen musste, aber diesen Fehler ihres Reiters ausglich. Immer wieder kam es zu Wackelpatien, in denen die beiden eine Stange berührten mit den Hinterläufen. Diese blieb liegen bis auf einmal. Ju verschätzte sich abermals mit den Abständen, was zum Verhängnis in der Kombination wurde. Amy kam mit den Vorderbeinen gegen die obere Stange. Ein tiefes Raunen ging durchs Publikum, aber es jubelte trotzdem, als er durchs Ziel ritt. Die Zeit konnte sich sehen lassen, aber mit den vier Fehlerpunkten rutschte er auf den achten Platz. Am Ausgang empfing ich ihn freudig, doch er beachtete mich nicht. Stattdessen ritt Ju stillschweigend an mir vorbei und zog genervt am Zügel herum.
      „Denk nicht so viel nach, Juha kann speziell sein. Er braucht jetzt Ruhe und Zeit für sich“, erklärte mir Herr Holm. Zustimmend nickte ich und kletterte durch den Zaun vom Gang hinaus, lief zurück auf meinen Platz, der noch immer leer war.
      Die restlichen Teilnehmer sah ich mir noch an, auch wenn ich Alicia nicht entdecken konnte. Was auch immer es mit dem Typen auf sich hatte, offenbar gehörte ich nicht mit in die Rechnung. Hinter mir sprachen zwei Menschen über Jus Ritt, kritisierten ihn bis aufs Äußerste.
      „Vielleicht solltet ihr das erst einmal reiten, bevor ihr so das Maul aufreißt“, drehte ich mich verärgert um. Wie Autos blickten die beiden in meine Augen und verstummten.
      Bei der Siegerehrung musste sich Raphael mit dem dritten Platz zufriedengeben, denn ein Deutscher und ein Belgier hatten ihn vom Thron verdrängt. Ein Hauch von Wehmut schwang in mir, aber als ich sein Strahlen und das von Quinn erblickte, verschwand es. Laut jubelte ich, freute mich wirklich für ihn. Den Moment wollte ich so gern mit jemanden teilen, aber ich hatte niemanden. Lotye war außerhalb meiner Sichtweite, Alicia ging vermutlich ihrer Natur nach und Ju verschwand wie von Erdboden.
      Just in dem Moment fiel mir wieder der eigentliche Plan vom Morgen ein: Ich wollte für Eskil mehr Informationen über die Stute besorgen. So gut ich konnte, kämpfte ich mich durch die Ränge heraus und folgte dem Weg zu den Zelten. Es dauerte nicht lange, bis ich bei den Stuten das Schimmeltier entdeckte, das hektisch mich anblickte und weiter den Kopf ins Heu steckte. Ein Zettel hing davor mit oberflächlichen Informationen und einer Email sowie Webadresse. Mit einem Foto leitete ich all das an ihn weiter und schoss noch mehr vom Pferd. Die Stute war mir gegenüber sehr skeptisch, zuckte immer wieder zusammen, wenn sie gegen meine Hand kam und legte bei jeder meiner Bewegungen die Ohren an.
      „Gefällt sie dir?“, kam ein Mann freundlich zur Box gelaufen.
      „Schon, ja, aber ein Freund von mir ist interessiert, deswegen bin ich hier“, erklärte ich höflich und wie ein Wasserfall begann er über die Stute zu Sprechen. Sie hieß Small Lady und war, wie bisher angenommen, ein Andalusier. Ihre Abstammung sagte mir nichts, aber klang nach sehr talentierten Pferden. Lange lauschte ich seiner Erzählung, die immer weiter abdriftete und schließlich bei dem Gestüt endete, auf dem er lebte und seinen Eltern gehörte. Die Stute gehörte zu einem der wenigen Andalusiern dort, weshalb sie ein anderes Zuhause finden sollte.
      „Scheren vermutlich“, antwortete ich, als er fragte, wohin sie denn kommen sollte.
      „Ah, das ist cool. Mein Ex-Freund lebt dort jetzt“, quasselte er frohenmutes weiter, aber ich konnte nicht mehr genau zuhören. Immer wieder nickte ich, bis er endlich zum Ende kam. Dennoch bedankte ich mich für die ganzen Informationen, bevor ich so schnell wie möglich aufs Zimmer ging.
      Der nächste und letzte Tag kam viel zu schnell. Die halbe Nacht schaute ich eine Dokureihe über Tiere in Afrika, bis ich einschlief. Auch nach dem Schlafen setzte ich an der Stelle fort. Alicias Ritt verlor ich aus den Augen, denn sie hatte auch diese Nacht auswärts geschlafen. Auf meine Nachrichten gab es keine Antworten. Zum Frühstück ging ich nicht, genoß viel mehr das schöne Wetter auf dem Balkon.
      „Wo ist denn Alicia?“, fragte ich Lotye nervös, als ich mit einem Koffer vor der Rezeption stand und nicht so wirklich wusste, mit mir anzufangen. Sie seufzte.
      „Also, sie fliegt mit mir morgen, entschied sie gestern.“ Aufmunternd klopfte Lotye meine Schulter, aber das brauchte auch nichts. Abermals stand ich allein da, nur weil Alicias Interessen offenbar einen höheren Stellenwert hatten, als meine. So hätte ich auch schon früher nach Hause fliegen können. Im Stall verabschiedete ich mich von meinem Pony und stieg im nächsten Augenblick in das Taxi zum Flughafen. Auf einmal fühlte ich mich so unglaublich unwichtig, dass all die Glücksgefühle sich in Luft auflösten.

      © Mohikanerin // Neele Aucoin // 76.797 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
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      Dressur M zu S | 30. Oktober 2022

      Erlkönig / Ready For Life / Small Lady / Legolas

      Obwohl der Fuchs bereits schnaufte wie eine Lokomotive, doch Eskil gab ihm keine Ruhe. Einen fliegenden Wechsel nach dem anderen forderte er dem Pferd ab, während Lina noch versuchte, dass Redo klar auf der rechten Hand galoppierte. Die Freiberger Stute hatte noch deutliche Schwierigkeiten auf dem großen Viereck sich durch den Sand zu bewegen. Ihre kleine Reiterin setzte sich jedoch gut durch und nach weiteren Versuchen wurde sogar die Linienführung besser. Später kamen noch Lego und Small Lady in die Halle, um an ihren Kenntnissen zu pfeilen. Zuverlässig waren die Hilfen auf dem mittleren Niveau abrufbar, sodass die Weiterführung zu schweren Lektionen nach Plan verlief.

      © Mohikanerin // 680 Zeichen
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      kapitel fyrtiotre | 13. Juni 2023

      Jokarie / St. Pauli’s Amnesia / Ready for Life / Mockup / HMJ Divine / Mondlandung LDS / Binomialsats / Small Lady / Glanni frá glæsileika eyjarinnar / Erlkönig / Ermgravin / Aares / Maxou / Form Follows Function LDS / Satz des Pythagoras / Tjelvar

      SONNTAG, 11:45 Uhr
      LINDÖ DALEN STUTERI

      Lina
      Trotz des herannahenden Frühlings herrschte heute eine unheimliche Kälte, was wohl an dem kräftigen Wind liegen mochte, der heftig an den jungen Trieben zerrte. Ich hatte Redo nach einem kurzen Spaziergang gerade zurück auf ihren Auslauf gebracht und lief die Stufen hoch zur Gemeinschaftsküche, als ich aus dem Fenster heraus das Geschehen in der Halle erblickte. Während Mateo mit seiner Stute im Schlepptau, einen augenscheinlich letzten Oxer aufbaute, drehte Ju mit seiner gescheckten Stute bereits die ersten Runden im Schritt. Mit routinierten Handgriffen bereitete ich mir in der Küche ein Heißgetränk zu, mit dem ich in den Zuschauerbereich der Halle lief. Wenn ich schon kältebedingt eine Pause einlegte, konnte ich dies auch bei guter Unterhaltung tun. Die Hände um einen Becher Kaffee geklammert saß dort, optisch deutlich übernächtigt, Vriska.
      “Morgen”, grüßte ich und ließ mich neben ihr auf der Bank nieder.
      “Na, ist dein Kerl schon wieder abgehauen?”, fragte sie. In der Stimme schwang reges Interesse mit.
      “Niki ist nur gerade zu seinen Ponys gefahren”, informierte ich sie und nahm einen großen Schluck von meinem Tee. Wohlig rann die Flüssigkeit meine Kehle hinab und verbreitete eine angenehme Wärme in meinem Bauch.
      “Ach, das ist schön, aber wieso bist du nicht mit zum Stall?”
      Vriska nahm ebenfalls einen Schluck aus dem Becher. Ihre Haare fielen in der Bewegung nach hinten, dass deutlich schlecht kaschierte Flecken am Hals sichtbar wurden. Kaum bemerkte sie meine Blicke, zog sie den Rollkragen etwas höher und zupfte die Haare zurecht. Die Neugierde brannte in mir, doch als Mateo vor uns anhielt, um Karies Decke auf der Bande abzulegen, hielt ich mich zurück und beantwortete stattdessen ihre Frage: “Weil er mit ein paar Leuten ausreiten gehen wollte, da wäre es etwas sinnfrei ihn zu begleiten.” Für gewöhnlich begleitete ich ihn gerne mit zum Training, doch auch mir war es einleuchtend, dass ich zum Herumsitzen und Warten nicht mitkommen brauchte. Das konnte ich hier schließlich genauso gut.
      “Das klingt natürlich schlüssig”, nickte Vriska. Ungewöhnlich höflich und in sich gekehrt wirkte sie. Seitdem sie am späten Nachmittag zu den anderen Rennpferden gefahren war, hatte ich sie weder gesehen noch gehört, obwohl ziemlich lange noch das Licht in der Hütte brannte. Prüfend blickte ich zur Sandfläche vor uns. Sowohl Mateo als auch Ju befanden sich außer Hörweite auf der anderen Seite der Halle.
      “Was war bei dir gestern eigentlich noch los?”, taste ich mich an das Thema meines Interesses heran.
      “Hach, da kommt der Schäferhund wieder. Lars hatte noch Besuch und es wurde ziemlich spät“, umriss sie die Umstände mit einem trügerischen Grinsen auf den Lippen. Ihre Augen hingen mittlerweile an Ju, der trotz der höllischen Kälte im kurzärmligen Shirt seine Stute trabte.
      “Dass es spät wurde, ist mir nicht entgangen”, lachte ich, “muss wohl Spaß gemacht haben, was ihr da tatet.” Für einen Moment wanderte mein Blick zu Mateo hinüber, der schwungvoll einen Stangenfächer nahm, den seine Freibergerstute mit Leichtigkeit im Trab überwand.
      “Es war gewagt und brachte leider mit sich, dass Lars bereits sehr früh aufstand und mir seitdem aus dem Weg geht”, feixte sie, nicht wirklich getroffen von der Tatsache. Kurzzeitig schwang die Aufmerksamkeit um und sie tippte fröhlich auf dem Handy herum.
      “Gewagt, inwiefern?”, hakte ich weiter nach und versuchte gleichzeitig einen Blick auf ihren Bildschirm zu erhaschen. Mit ihrer diffusen Ausdrucksweise macht sie mich nur noch neugieriger, zumal mein Verdacht größer wurde, dass es mit dem schlecht versteckten Staubsaugerunfall zusammenhing.
      “Nun, ich weiß nicht genau, ob dein Nervenkostüm dafür bereit ist”, misstrauisch zog sie ihre Brauen nach oben und blickte über das Brillengestell hinweg. Dabei konnte ich kurzzeitig sehen, dass sie mit Basti schrieb, der ihr ein Bild von einem Rappen geschickt hatte, den ich nicht genauer identifizieren konnte.
      “Was habt ihr denn bitte getrieben, was derart furios sein soll?”, fragte ich verdutzt.
      „Ich habe dich vorgewarnt“, sagte sie noch und begann zu erzählen, dass Lars zufälligen Besuch von einem alten Bekannten hatte. Mit diesem sei er in Visby zur Schule gegangen, bis sich, durch die Berufswahl, ihre Wege trennten. Besagter Bekannter entschied sich recht früh, Jurist zu werden und war aufgrund einer Verhandlung in der Region. Vriskas Blick huschte durch Halle, aber anhand des Funkelns in ihren Augen, ahnte ich bereits, wie er sich womöglich vorgestellt hatte. Im selben Zuge zeigte sie mir Bilder auf Instagram, der Herr in Lars‘ Alter hätte genauso gut Erik sein können, wenn auch mit einem anderen Haarschnitt und die Gesichtszüge fülliger. Große Unterschiede waren sonst nur schwer zu finden – zumindest, wenn man die Tattoos wegdachte und die breite Silhouette, die eher nach Niklas aussah, ignorierte.
      „Und auf jeden Fall“, Vriska schluckte, „war Lars nur wenig begeistert, dass wir einander gut verstanden.“
      “Das kann ich mir vorstellen”, entgegnete ich und musste unwillkürlich daran denken, wie von sich selbst überzeugt Lars sein konnte. Dennoch brannte ich noch immer darauf, wie der Abend fortfuhr, was ich ihr auch sogleich zu verstehen gab.
      “Gegen einundzwanzig Uhr brachte er die Pferde vom Renntag in den Stall, sodass wir knappe dreißig Minuten für uns hatten”, schelmisch schmunzelte sie und drückte die Lippen zusammen, “ich muss dazu sagen: Mit Basti war es seltsam und er hat mir viele Hoffnungen auf mehr gemacht, die ich betrunken zu dem Zeitpunkt nicht mehr einordnen konnte. Anstelle ihm all mein Verlangen zu eröffnen, war Markus da.”
      “Du hast doch nicht etwa …?”, ich beendete den Satz nicht, starrte sie nur mit großen Augen an, als mir ihre Mimik bereits die Antwort verriet.
      “Ich weiß nicht genau, worauf du hinauswillst, aber wir sind übereinander hergefallen”, immer breiter wurde ihr Lächeln, je weiter die Geschichte ging. Da einer des jungen Herrn bedrohlich nah an der Bande vorbeikam, stoppte sie kurzzeitig. Ein dumpfes Geräusch dröhnte durch die Halle und im Sand landete eine der bunten Stangen, die Amy berührt hatte. Bei einer Höhe von 145 Zentimetern wunderte ich mich bereits, dass noch keine fiel. Mir fehlten komplett die Worte, so starrte ich Vriska nur an, bis Ju an der Bande hielt und auf sich aufmerksam machte.
      “Ich unterbreche euch nur ungern bei eurem Kaffeekränzchen, aber wäre einer von euch Grazien so freundlich, die Stange wieder aufzulegen?”, fragte er freundlich.
      “Ähm, ja”, nickte ich, die Zellen meines Sprachzentrums wieder zur Funktion bringend, da sprang Vriska bereits die Bande hinunter. Zum Glück war Tyrell nicht im Haus, um sie zu ermahnen. Wie ein Hörnchen wuselte sie durch den Sand und wenig später lag die Stange wieder auf dem Gestell. Ju nickte ihr freundlich zu.
      “So, zurück”, sie setzte sich auf die Sitzmöglichkeit, nach dem sie deutlich anmutiger als ich es könnte die Bande hinaufkletterte.
      “Wow, elegant”, kommentierte ich ihren Aufschwung, konnte dennoch nicht erwarten, dass sie endlich weitersprach.
      “Ist Markus also die Ursache dein kleines Andenken”, brachte ich die verschiedenen Informationen in Zusammenhang. Deutlich erkannt ich in ihrem Gesicht, dass sie mit sich haderte. Ihre Hand hielt sie vor den Mund, um das nicht aufhörende Grinsen zu verbergen. Mit geschlossenen Augen sprach sie: “Nein, nicht nur er.” Wie das Affen Emoji versteckte sie ihre Augen, schob dabei leicht die Brille nach oben.
      “Was?”, mit offenem Mund starrte ich sie an. Hieß das etwa … Ich traute mich nicht so recht den Gedanken zu Ende zu bringen, wirkte er zu surreal für mich, als dass es der Wahrheit entsprechen könnte.
      „Lars kam natürlich zurück, als die Pferde im Stall standen und war wenig begeistert von dem, was er sah. Allerdings konnte er auch nicht mehr davon sprechen, klar bei Verstand zu sein. Wie ein zu groß gewachsener Spatz plusterte er sich auf, bekam sogar Tränen in den Augen, als hätte Vorrecht auf irgendwas. Kurz um, ich gab ihm, was er wollte, und Markus schloss sich dem an“, damit war die Geschichte wohl zu Ende, denn Vriska tauchte vollständig in Händen ab und zog die Kapuze über den Kopf. Es zu bereuen, schien sie nicht, zu sehr strahlte sie.
      “Heftig” brachte ich ein einziges Wort hervor und presste meine Hände gegen die Wangen, die allein von ihren Worten ganz heiß geworden waren. Erneut hallte ein dumpfer Schlag durch die Halle. Diesmal war es Karie, die mit dem Hinterhuf eine Stange riss, weil Mateo die Distanz deutlich zu weit wählte.
      “Würdet ihr …”, noch bevor Mateo den Satz beendete, sprang ich in die Halle hinunter und brachte die Stange zurück an Ort und Stelle. Für den Rückweg nahm ich lieber den herkömmlichen Weg, denn Vriskas Geschick lag weit über meinen Fähigkeiten.
      “Vielen Dank”, bedankte sich Mateo, ein keckes Funkeln in den Augen, bevor er seine Stute aus dem Stand angaloppierte. Unverändert kauerte Vriska auf der Sitzfläche und ich hätte schwören können, dass die hinter ihren Finger rot, wie eine Warnlampe leuchtete. Erst jetzt, wo ich mir ihre Worte erneut durch den Kopf gehen ließ, entfaltete ihre Erzählung ihre volle Wirkung und die darauffolgenden Gedanken, brachten meine Wangen erneut zum Glühen.
      “Da hattest du ja wirklich eine wilde Nacht”, sprach ich überwältigt und schüttelte sogleich den Kopf, um die sich immer weiter entwickelnden Bilder zu vertreiben.
      “Wenn es nur das wäre”, seufzte sie laut, dass sogar die Herren auf den Pferden zu uns sahen.
      “Was ist denn noch?”, fragte ich nun eher ein wenig besorgt. Solch ein Stimmungswechsel konnte nichts Gutes bedeuten.
      “Ich glaube, ich will ihn wiedersehen.”
      “Und was ist daran so dramatisch?”, versuchte ich ihren Standpunkt besser nachvollziehen zu können.
      “Basti ist bestimmt sauer, wenn er davon erfährt und ich möchte nicht, dass er sauer wird. Außerdem schien der Schlipsträger mir weniger mitfühlend als Erik”, brabbelte sie in den Kragen hinein.
      “Warum sollte er denn sauer sein, er hat doch selbst gesagt, dass ihr nur Freunde seid?” Irritiert verzog ich die Stirn, letzteres klang schon eher nach einem Argument für mich, auch wenn es mir einen wenig seltsam vorkam. Bisher erweckte es den Anschein, als würde Vriska den optischen Aspekt, bei der Wahl ihrer reinen Sexualpartner weit über den emotionalen stellen.
      “Noch sind wir das”, sprach sie leise, aber ziemlich überzeugt, dass sie einen Plan hatte. Obwohl, wenn ich genauer nachdachte, kam seine Sprachnachricht vom gestrigen Tag wieder in den Vordergrund.
      „Aber ist es theoretisch nicht irrelevant, was geschah, bevor man eine verbindliche Beziehung einigt?“, überlegte ich und korrigierte mich im selben Zug, “Beziehungsweise bevor absehbar war, dass es verbindlich werden könnte.“
      „Das sagst du so leicht aus deiner privilegierten Position heraus, beinah seit einem Jahr in einer Beziehung zu sein“, kippte ihrerseits die Stimmung komplett. Ich seufzte, an ihren Worten war etwas dran, würde ich aus ihrer Position ähnliches denken. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass dies nicht der Fall wäre, hätte ich Niklas alles von dem aufgewogen, was davor geschah. Ihr Handy, das auf dem Holz lag, vibrierte. Sofort griff sie danach und begann zu lachen. Ohne die Benachrichtigungen zu öffnen, zeigte sie mir die beiden Mitteilungen. Zum einen war eine Nachricht von Basti mit dem Inhalt: “Herzlichen Glückwunsch, du hast Eindruck bei Timo hinterlassen und er möchte nun Fahren lernen. Zudem wissen, ob du einen Freund hast.” Darunter eine Nachrichtenanfrage, die offenbar von diesem besagten Timo war.
      „Wer ist Timo?“, fragte ich verwirrt von dem Anschein, dass nun noch ein weiterer Mann ins Spiel kam.
      “Das muss auf dich wirken, als würde von einem Bett ins nächste Springen”, leicht schüttelte sie den Kopf, “er ist einer der Pfleger von Basti, der mich gestern viele Minuten unterhielt.”
      „Bei dem musst du aber ziemlichen Eindruck geschundenen haben“, lachte ich. Es wirkte beinahe, als ziehe Vriska die Männer an wie ein Magnet.
      “Schätzungsweise bin ich nicht solch eine Gesichtsgrätsche wie der Rest. Außerdem war er mir zu jung”, feixte sie, verständlich, dass sie nicht jedem offen gegenüberstand.
      „Ein wenig wählerisch darf man ja auch ruhig sein“, lächelte ich, aber selbst, wenn sie es nicht wäre, war es ihre Sache.
      “Nett anzuschauen, ist er dennoch”, Vriska übergab mir erneut das Handy. Dieses Mal war das Profil von Timo geöffnet. Viele Bilder hatte dieser nicht veröffentlicht, doch was ich sah, war zwar hübsch, nur konnte er meinem Freund nicht das Wasser reichen.
      „Ja, ganz niedlich", urteilte ich. Mir fehlte das gewisse Etwas, was den Funken so wirklich überspringen ließ.
      Zustimmend nickte Vriska.
      Eine Weile saßen wir noch auf der Tribüne, hatten mittlerweile das Thema gewechselt zu etwas weniger Pikanten. Erstaunlich agil überwanden beide Pferde immer wieder die Hindernisse, wobei im direkten Vergleich zwar Karies Körperbau herausstach, doch schien sie Amy im Können nichts nachzustehen. Pünktlich mit dem letzten Tropfen in meinem Becher beendeten die beiden Jungs ihr Training. Wir halfen noch, die Hindernisse abzubauen und wegzuräumen, wobei Vriska beinahe wie eine Elfe durch die Gegend schwebte. Fehlten nur noch die Flügel und sie würde tatsächlich abheben. Wir verstauten die letzte Stange in der Bande, dann schlug Vriska etwas vor: „Ich habe überlegt, heute Mocki anzuspannen. Hast du Lust uns zu begleiten mit Divine?“
      Dieser Tag verdiente ein dickes, farbiges Kreuz im Kalender. Sie hatte meine Pferde nach Ewigkeiten nicht als Tonne bezeichnet! Offenbar lösten all die Ergebnisse etwas Unbegreifliches in ihr aus, das bestenfalls so bleiben sollte.
      “Ja, gerne würde ich Mocki in Action sehen”, stimmte ich freudig zu, woraufhin wir zusammen meinen Hengst vom Paddock holten und auf demselben Weg auch Mocki eingesammelten. Interessiert inspizierte der Helle den Fuchs, welches mit gleichem Interesse erwidert wurde. Verspielt zog der Traber an einer der langen Strähnen, woraufhin Ivy nach seinem Halfter schnappte, was mir zum Grinsen brachte. Die beiden waren ziemlich niedlich zusammen. Dennoch griff ich wenig später nach Ivy Halfter, um die Anbindestricke daran zu befestigen. Auf dem Gang huschte Lars an uns vorbei, der es tatsächlich heute ziemlich eilig hatte. Mit wenigen Worten begrüßte er uns – oder viel mehr mich, denn Vriska schaute er nur mit gesenktem Blick an. Sie sah sich nach ihm um, auch er tat ihr gleich. Anders als, sonst hatte Lars sich nicht gewendet, um sie von hinten zu begutachten, sondern sammelte die leeren Eimer vor den Boxen ein.
      „Wow, was hast du denn mit dem gemacht?“, flüsterte ich Vriska zu. Dass er sie infolge des gestrigen Abends mied, hatte sie bereits angekündigt, aber dass die Ereignisse solche Ausmaße hatten, damit rechnete ich nicht.
      “Wenn ich das wüsste”, sprach sie in normaler Lautstärke und zuckte mit den Schultern.
      “Mysteriös” entgegnete ich und widmete mich wieder Divines Fell. Auch Vriska war bereits ganz auf ihren Fuchs konzentriert und reinigte ihn penibel. In Windeseile waren die beiden Pferde vorbereitet und ich half Vriska anspannen. Misstrauisch schaute Mockup das Gefährt an, was auch in mir gemischte Gefühle auslöste. Sie tätschelte ihn friedfertig und ging behutsam beim Einklinken vor. Aus der Sattelkammer holte ich Ivys Trense.
      “Och nein”, jammerte ich, als klimpernd etwas zu Boden fiel, Ivys Schutzengel. Beim Schubbern hatte der Freiberger, den Anhänger deutlich in Mitleidenschaft gezogen. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis eintrat, was gerade geschah.
      „Kann man dir helfen?“, fragte Vriska, den Kopf aus der Putzbucht reckend.
      “Nein, ich denke nicht wirklich”, seufzte ich und sammelte vom Boden, was davon übrig war.
      “Mh?”
      Sie trat näher an mich heran. Mockup war zunächst an Reithalfter wieder angebunden, das dafür eigene Ringe hatte.
      „Ivy hat nur seinen Anhänger getötet“, erklärte ich und hielt ihr die einzelnen Perlen hin, die von dem dünnen Draht gerutscht waren, der sie zusammenhalten sollte.
      “Ach, das können wir doch zusammenbasteln. Ich müsste noch”, Vriska lief zu ihrer Putztasche und wühlte hektisch darin, bis sie eine kleine Plastiktüte herausholte.
      “Hier” reichte sie mir das Ding, um alles vorsorglich zu verpacken.
      „Oh, danke, du bist meine Rettung “, lächelte ich und lies die Kleinteile, des bereits verloren geglaubten Schmuckstückes hineinfallen, um das Ganze sicher zu verstauen. Damit trenste ich meinen Hengst nun wirklich, womit wir wenig später den Stall verließen. Mittlerweile hatte der Wind etwas nachgelassen, sodass die schwachen Sonnenstrahlen alles etwas aufwärmten. In einem zügigen Schritt lief der Fuchs den verwachsenen Weg entlang, die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet. Ivy hingegen wurde an jedem grünen Blättchen ein wenig langsamer und ich musste ihn mehrfach ermahnen nicht alles zu fressen, was ihm in die Queere kam. Auf dem äußersten Ring der Rennbahn angelangt, wo der Weg etwas breiter und vor allem Futter frei wurde, schloss ich zu Vriska auf. Wir tauschten uns über die aktuellen Veränderungen am Stall aus. Besonders interessant war dabei, was ich noch gar nicht mitbekommen hatte, der Bau im Wald für einen ganz neuen Stalltrakt. Weitere sollten wohl auch kommen, nur sei dieser von äußerst hoher Priorität. Vriska wusste allerdings so wenig wie ich darüber und wir rätselten eine Weile, für wen diese bestimmt sei.
      „Also unsere Pferde kommen dort nicht hin, dafür hat Tyrell zu viel Eifer in die Planung der Halle gesteckt“, sprach sie nachdenklich und schaute am Wagen vorbei, um den Weg vor uns besser zu sehen.
      “Wer auch immer dort einzieht, muss viel Geld bringen, wenn es derartig priorisiert wird”, überlegt ich eine Alternative. Abgesehen davon, dass mein Interesse an den Bauarbeiten gering war, hatte ich ohnehin den Überblick verloren, was alles errichtet werden sollte.
      “Gut möglich, aber wer will hier mitten ins Nichts ziehen?”, trug sie dazu bei. Mockup schnaubte ab und schüttelte sich, sodass einer der Zugwatten-Bommel aus dem Ohr rutschte. Aufmerksam schossen Ivys Ohren, die bis eben in halb acht Stellung ruhten, nach vorn und betrachte das seltsame Ding, welches am Hals seines Kumpels baumelte.
      “Ich habe absolut keine Ahnung, Naturliebhaber?”, scherzte ich.
      “Hoffentlich keine Wendy-Reiter, die dann täglich herumheulen, dass wir Rennpferde haben”, rollte Vriska mit den Augen. Noch lockerer fasste sie die Leinen, sodass die letzte Schlaufe in ihren Händen lag. Damit lief der Hengst wie ein Trüffelschwein durch den weichen Sand.
      “In dem Fall wüsste ich, welches Gebiet ich großräumig meide”, stimmte ich ihr zu. Diese Art von Menschen war mir schon auf Social Media zu viel. Ständig kritisierten sie alles, ohne zu reflektieren, dass es auch Gründe für bestimmte Gegenstände und Trainingsansätze geben könnte, schließlich funktionierte nicht jedes Tier mit Telepathie.
      “Ob unsere Weiden bleiben oder müssen die Kinder umziehen?”, Vriska überlegte mehr laut, als dass sie eine Antwort erwartete. “Na komm, lass uns etwas zulegen.”
      Wir hatten die erste Hälfte der langen Seite passiert, da klatschten die Lederstrippen auf den Po des Fuchses und mit Dino ähnlichen Geräuschen trabte er an. Sie hatte mit ihm zu kämpfen. Mockup lag in den Leinen, zerrte fürchterlich daran und wurde Meter für Meter mehr Pferd. Die Vorderhand schwang er wie ein Dressurpferd nach vorn, ohne dabei die Balance zu verlieren. Divine hingegen trabte locker unter mir, schnaubte entspannt und zeigte sogar von sich aus eine annehmbare Selbsthaltung. So langsam wurde mein kleiner doch tatsächlich ein Dressurpferd. Wie Mocki an Tempo zulegte, fiel es dem Freiberger zunehmend schwerer den Takt zu halten, sodass er in den Galopp umsprang. Für einen Moment war die Luft einzig durchdrungen von dem Hufschlag und dem rhythmischen Schnauben der Pferde. Zum Ende der geraden hin hatte Vriska Mühe den großen Fuchs abzubremsen, wurde dennoch langsamer, woraufhin ich Ivy ebenso abbremste.
      “Ziemlich schnell dein Fuchsi”, sprach ich zu Vriska, als wir das Schritttempo erreicht hatten und klopfte Ivy lobend den Hals. Noch vor einem halben Jahr hätte er einen solchen Galopp nur ein paar Meter halten können, doch heute konnte er recht gut mit dem Traber mithalten, ohne großartig zurückzufallen.
      “Ach, das war normales Jogging-Tempo”, lachte sie angeheitert, “selbst Eichi zieht mehr an.”
      “Wenn das normal ist, was ist dann schnell?”, fragte ich neugierig. Gemessen an Ivy, war es ein langsames bis mittleres Galopptempo gewesen, was für einen Trab schon recht ordentlich schien.
      “Du warst doch mit bei mehreren Rennen, da solltest du doch die Geschwindigkeiten kennen”, sah sie zur mir.
      „Ja, aber das sieht doch so von außen immer ganz anders aus“, entgegnete ich. Tatsächlich hatte ich nie so genau in Relation gesetzt, wie schnell die Traber waren. Stückweise fehlte es mir auch einfach an Anhaltspunkten für einen Vergleich.
      Eine Antwort wurde mir verwehrt, stattdessen wurde Vriska nachdenklich. Wie hypnotisiert hing, ihr Blick am pendelten Schweif. Minute für Minute verging, als es plötzlich an meiner Brust vibrierte. Die Zügel einfach auf Ivys Hals fallen lassend kramte ich hektisch das Handy hervor, bevor es sein Signal wieder einstellen würde. Eine unbekannte Nummer leuchtet auf, aus Kanada. Wer war denn so irre, um mitten in der Nacht jemanden anzurufen?
      „Seltsam“ murmelte ich mehr zu mir selbst und betätigte den grünen Hörer.
      „Hallo“, meldete ich erwartungsvoll.
      „Ich spreche mit Lina, richtig?“, erklang eine Männerstimme am anderen Ende.
      „Ja“, entgegnete ich irritiert, denn ich konnte die Stimme keiner bekannten Person zuordnen, „und mit wem habe ich das Vergnügen?“ Ivy schnaubte und schüttelte dabei die Mähne, sodass die Zügel in Richtung seines Kopfes rutschen.
      „Oh, entschuldige, ich bin Raphael“, stellte der Anrufer sich vor. Nein, eindeutig unbekannt, stellte ich fest und angelte nach meinen Zügeln.
      „Okay, Raphael, dürfte ich erfahren, was du von mir willst?“, fragte ich mit in Falten gelegter Stirn. Es kam nicht gerade alle Tage vor, dass mich unbekannte Männer anriefen. Schon gar nicht welche, die mich offenbar zu kennen schienen.
      „Ähm, das ist ein wenig kompliziert…“, setze er an, „Hast du gerade Zeit, könnte ein klein wenig länger dauern.“ Ich warf einen kurzen Blick zu Vriska, die jedoch immer noch in ihrer Welt verloren schien.
      „Sieht so aus“, antwortete ich also und warte gespannt auf seine Erklärung. Raphael erzählte, dass er Springreiter sei und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er war Quinn geheimnisvolle Begleitung. Darin lag auch der entscheidende Punkt, der junge Mann würde sie gerne überraschen, wenn sie hier nach Schweden kämen, benötigte allerdings jemanden, der vor Ort einige Dinge klären und begutachten könnte. Gespannt lauschte ich seiner Idee und stellte einige Nachfragen zu seinen Vorstellungen.
      „Okay, ich denke, das ist umsetzbar“, schloss ich schließlich, „könntest du mir die Eckdaten erneut zu senden, das wäre klasse.“
      „Ja klar, mache ich“, bestätigte Raphael, „vielen Dank für deine Hilfe.“
      „Gerne, ich freue mich, wenn ich helfen kann. Dir einen schönen Tag noch“, verabschiedete ich mich.
      „Danke dir auch“, entgegnete der Kanadier und legte auf.
      „Vriska, wir haben eine Mission!“, verkündete ich, als ich das Gerät wieder verstaute. In meinem Kopf ratterte es und die Informationen begannen sich zu einem Bild zusammenzusetzen. Ich war mir sicher, dass wir etwas für Raphael finden würden.
      „Noch mehr? Langsam kann man den Überblick verlieren“, antwortete sie, ohne sich zu rühren.
      „Wie noch mehr?“, fragte ich verwirrt. Sie konnte doch noch gar nicht wissen, was es beinhaltete.
      “Du hast sicher genauso viel auf deiner Agenda wie ich”, nun sah sie zu mir, ein schiefes Lächeln tragend.
      „Ja, das stimmt wohl“, nickte ich, „Jedenfalls braucht jemand unsere Hilfe, okay, meine Hilfe. Aber ich könnte deine Ideen gebrauchen.“
      “Du trägst ziemlich viel auf, als würde es um viel Geld gehen”, Vriska wirkte misstrauisch, aber zu gleichen Teilen interessiert. Allerdings wurde der Fuchs zunehmend unruhiger, zerrte wieder an den Leinen und verdrehte den Kopf. Durch halbe Paraden versuchte sie ihn in die korrekte Haltung zurückzubekommen, aber er sträubte sich. Seine Oberlippe zuckte nach oben und in Manieren, wie ich sie von Mola kannte, drückte er den Unterhals hervor.
      „Geht es auch gewissermaßen auch“, erklärte ich. Am nötigen Kleingeld schien es keineswegs zu mangeln, der Preisrahmen, welchen der Springreiter nannte, war groß, ziemlich groß sogar. Im Schnelldurchlauf gab ich Vriska das Telefonat wieder. Aufmerksam hörte meine Kollegin zu, auch wenn sie mit ihrem Fuchs beschäftigt war.
      “Wir haben bestimmt was”, antwortete sie entschlossen.
      „Ja, dachte ich auch“, nickte ich mit einem nervösen Lächeln, „du willst mir sicher dann beim Auswählen helfen?“ Auch wenn ich Raphael gerne half, zweifelte ich ein wenig daran, dass ich kompetent genug war, um seinen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich meine, wann hatte ich denn schon einmal ernsthaft so etwas ausgewählt.
      „Ich verspreche nichts, aber kann dir bestimmt helfen, auch wenn mir Warmblüter nicht ferner liegen könnten“, witzelte sie. Nur halb war sie bei der Sache, noch immer kämpfte Mockup. „Eigentlich müssten wir jetzt abbiegen zum Hof, aber ich schätze, der Kerl möchte dir einmal hautnah zeigen, was Geschwindigkeit bedeutet.“
      Ohne auf meine Antwort abzuwarten, trabte Vriska an und Mockup legte im Tempo zu. Deutlich schneller als ich, schalte mein Pferd und sprang im Galopp hinterher. Ich dachte zu Beginn nicht, dass Ivy den Traber, der in vollen Renntempo über die Bahn fetzte, einholen konnte, doch erstaunlicherweise verringerte sich der Vorsprung des Traber langsam. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit flogen die beiden Pferde über den Sand, dass mir der kalte Wind die Tränen in die Augen trieb. Der Neid auf Vriskas Schutzbrille war groß. Ivy und ich waren gleich auf mit dem Gespann, als sie das Tempo drosselte und Mocki erst in einen langsameren Trab, dann schließlich in den Schritt fiel. Auch ich parierte meinen Hengst, doch er brauchte einige Meter mehr, um aus dem schnellen Galopp in der langsamsten Gangart anzukommen. Wie eine Dampflok prustet er und das Fell an Brust und Hals war dunkel vom Schweiß. Eine so intensive Galoppeinheit hatte er noch nie geleistet. Für diese außerordentliche Leistung steckte ich ihm ein Leckerli zu.
      “Okay, jetzt verstehe ich, was schnell ist”, sprach ich zu Vriska, mit einem Grinsen auf den Lippen.
      “Kam allerdings mehr Tempo, als ich erwartet hatte”, gab sie offen zu. Die Brille schon sie hoch auf den Helm. Ihr Kopf glühte rot.
      “Mocki ist wohl doch nicht so langsam, wie dir gesagt wurde”, entgegnete ich.
      “Als Halbbruder zu Who’s Who, Makethemark oder auch Moni Viking wundert es mich nur wenig, dass Kurzstrecke ihm liegt”, schmunzelte sie zufrieden und klopfte den schäumenden Hengst. Am Himmel lichtete sich die Sonne hervor. Mockup, der ohnehin wie eine Warnweste leuchtete, glänzte warm.
      “Keine Ahnung welche Pferde das sein sollen, aber das wird schon stimmen”, nickte ich zustimmend. Was die Traberwelt anging, war ich schon froh, wenn ich den Durchblick bei unseren eigenen Pferden behielt. So war es bewundernswert, dass sich noch ungefähr Hunderte weitere merken konnte und auch zudem wusste, in welchem Zusammenhang diese standen.
      “Pferde, die bisher schon viel Geld verdient haben”, erklärte sie lachend.
      “Dann hast du wohl gute Chancen, dass Mocki ein wenig einbringt”, sagte ich zuversichtlich.

      15:09 Uhr
      Kalmar Stuteri
      Eskil
      „Meine Güte, nimm den Bock zurück und gib ihm die Sporen“, tönte es lautstark vom Springplatz in den Stall. Irritiert rümpfte ich die Nase und ließ den Gurt durch meine Finger gleiten. Lady schüttelte sich. Beinah kam mir der Sattel entgegen, den ich, ohne nachzudenken griff.
      Seit Wochen, nein eher seit Monaten liefen die Vorbereitungen für das große Springturnier auf dem Hof. Gäste aus aller Welt würden uns überlaufen und sich messen. Ich nahm Abstand von dem Stress, hatte kurzzeitig überlegt Lady oder Gräfin vorstellen oder gar meinen Fuchs, aber wich vom Plan ab. Erlkönig schickte ich in Turnierrente. Jonina, meine Schwester, ritt ihn im Moment, denn Glanni tat sich im Augenblick schwer. Erst hatte der Isländer Mauke, dann eine Verletzung an der Brust und nun lahmte er aus unerklärlichen Gründen. Das Pferd war ihr Ein und Alles, schmerzlich mit anzusehen, wie sie zu Hause saß auf der Couch und das Internet durchforstete nach einer Lösung.
      „Willst du dir noch länger die Beine in den Bauch stehen?“
      Zickig, wie immer kam Phine mit ihrem riesigen Pferd an, das mit müden Augen die Stute anblickte. Motivation sah anderes aus.
      „Ja, bis ich verschrumpelte bin“, erwiderte ich gekonnt und hob den Sattel vom Rücken. Den Gurt ich bereits auf die Sitzfläche gelegt. Phine zog das Tier hinter sich her und band es am Ende der Stallgasse an. Zum Glück.
      Small Lady, die gar nicht so klein war, wie man bei dem Namen vermuten konnte, stellte ich zurück in ihre Box. Ihren Trog fühlte ich mit der täglichen Portion Hafer. Bei einem Blick auf die Uhr zeigte sich, dass es Zeit wurde, nach Hause zu fahren. Demnächst hatte sich meine Schwester Feierabend, die – wie gesagt – durch Glanni Sonderbetreuung benötigte. Weit kam ich allerdings nicht.
      „Kili, willst du etwa gehen?“, grinste mich Niklas an, der am langen Zügel seinen Braunen abritt. Der Hengst hatte eine gelbe Decke über Po gelegt und schäumte.
      „Meine Schwester kommt gleich“, rief ich ihm zu. Noch immer war unser Verhältnis schwierig, nicht, auf der Weise, wie es vorher war. Blöde Kommentare verkniff er sich oder formulierte sie so, dass jeder etwas zum Lachen hatte. Aber der Zwischenfall in der Umkleide, der eine einmalige Sache war, hing zwischen uns wie ein unsichtbarer Vorhang.
      Schließlich lief ich doch noch zum Zaun und legte darauf meine Arme ab. Herr Holm baute währenddessen die Hindernisse auf eine andere Höhe um.
      „Kann ich dir helfen?“, fragte ich höflich, was er mit einem Handzeichen verneinte.
      Niklas bremste vor mir ab. Ich klopfte freundlich den Hals des Hengstes, der mit schielendem Blick mich ansah.
      „Der hat sich entwickelt“, stellte ich fest.
      „Mal mehr, mal weniger“, seufzte er resigniert und fummelte die kurze Mähne zu Recht. Beinah wöchentlich hantierte er mit der Schere daran herum. Viel hatte der sportliche Traber ohnehin nicht, sodass ich manchen Tages Sorge hatte, dass er bald aussehen würde wie Form. Die arme Stute lief mit ein paar Zottel herum, denn scheuern gehörte zum Tagesgeschäft.
      „Lass dich nicht unterkriegen. Wir zählen auf dich“, versuchte ich ihn aufzumuntern und setzte ein Lächeln auf.
      „Mir reicht es, wenn ich durchkomme. Ju ist mit Amy deutlich weiter und die Weiber machen auch kein schlechtes Bild“, schmunzelte Niklas nun auch. „Besonderes Lyra“ – „die Blonde?“ – „genau die. Manchmal muss ich mich wirklich zusammenreißen.“
      „Zusammenreißen?“, hakte ich skeptisch nach. Die Wortwahl klang oberflächlich, beinahe verwerflich, aber ich sparte mir, ihm einen Vortrag zu halten.
      „Du weißt schon“, mied er seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
      „Ehrlich gesagt, nein“, blieb ich unwissend zurück. Niklas setzte Bino in Bewegung. Kopfschüttelnd stand ich weiterhin am Zaun, obwohl ich nach Hause wollte. Ihn allerdings beim Abreiten zu beobachten, gefiel mir aus vielerlei Gründen besser. Bereits bei dem Ausritt am Morgen konnte ich mich nur schwer lösen, ob es daran lag, dass wir einander unregelmäßig sahen oder er verdammt gut ritt, ließ ich offen. In letzter Zeit war es für mich stressig, hauptsächlich Aares, dem seine neue Heimat weniger gefiel als gedacht. Der Fuchs stand ebenso wie Bino unter dauerhaften Strom. Ich gab ihm Zeit und aktuell verbrachte er mehr Zeit auf der Weide als im Stall. Umso glücklicher stimmte mich, dass ich zumindest zwei Berittpferde hatte, womit alle Kosten gedeckt waren und sogar etwas übrigblieb.
      „Du hast offenbar mehr Zeit, als du zugeben willst“, sprach Niklas. Er glitt aus dem Sattel und rollte die Bügel des Springsattels hoch, dann lockerte er den Gurt für ein paar Löcher.
      „Eigentlich nicht“, murmelte ich ertappt und senkte leicht den Kopf. Im stillen Einverständnis folgte ich in den Stall, schrieb nebenbei meiner Schwester, dass ich später zu Hause sein würde.
      „Kein Problem. Bringst du für uns Bowles mit?“, schlug sie vor. Dem stimmte ich zu und steckte das Handy zurück.
      „Ich habe länger Zeit“, teilte ich Niklas mit.
      „Ach, wunderbar. Man sieht sich schließlich kaum noch“, grinste er. Beim Absatteln half ich. Der Hengst verschlang gierig den Inhalt seiner Schüssel, während sein Besitzer die Gamaschen von den Beinen löste. Ich hatte zeitgleich alle anderen Sachen in die Kammer geräumt.
      „Wie läuft es mit der Wohnungssuche?“
      So viel hatte ich noch mitgenommen, wusste bereits, dass er welche zur Auswahl besichtigte. Einzig die Ergebnisse daraus waren mir fremd.
      „Letzte Woche bin ich eingezogen“, berichtete er sogleich.
      „Fabelhaft. Und Lina? Traf sie mittlerweile eine Entscheidung?“ Niklas blickt hoch zu mir und rollte mit den Augen. Dann seufzte er.
      „Schwieriges Thema“, sprach er mit deutlicher Enttäuschung in der Stimme und drehte sich wieder zum Hinterbein. Nervös schlug der Hengst mit dem Schweif, aber trat nicht.
      „Es ist so: Sie möchte ungern in die Stadt und ich ertrage es nicht, jeden Tag zum Hof zu fahren. Der Weg von der Arbeit ist zwar nicht weit, aber die Einöde kann einen erschlagen“, fügte er hinzu. Aufmerksam folgte ich seinen Worten.
      „Verständlich, aber du musst bedenken, sie hat dort ihr Umfeld und wenn du arbeitest, würde sie sich langweilen“, versuchte ich, ihm eine andere Sichtweise nahezulegen. Seiner Reaktion nach hörte er es öfter.
      „Smoothie zieht zum Ersten wieder hierher, damit ich besser trainieren kann. Die ganzen Einsteller und neugierigen Blicke der Angestellten bieten mir kein optimales Erlebnis der Trainingsmöglichkeiten. Ich habe es so lang versucht, aber Smoothie war seit Jahren nicht mehr dermaßen unentspannt“, zweifelte er.
      Bino hatte aufgefressen und bekam eine Weidedecke umgelegt. In der Nacht sanken die Temperaturen noch immer auf Minusgrade. Wieder lief ich ihm nach. Obwohl ich die Situation nur schwer nachvollziehen konnte, hörte ich zu. Ich spürte, dass es ihm guttat. Je mehr aus Niklas heraussprudelte, umso ruhiger wurden die Worte.
      „Hast du Lust, dir die Wohnung anzuschauen?“, fragte er plötzlich auf dem Weg zu den Autos. Nach kurzem Überlegen stimmte ich zu. In meiner Brust klopfte es lauter und stärker, als ich gedacht hatte, ewig war es her, dass ich bei jemandem zu Hause war. Ich versuchte mir vorzustellen, wie wohl seine Einrichtung aussehen würde. Bestimmt hatte Niklas eine Innenarchitektin beauftragt, die in penibler Kleinstarbeit ihm auf den Zahn fühlte, um ihre Aufgabe zu meistern. Bei einer Sache war ich mir sicher: Die Wohnung war ordentlich und sauber, wenig Deko und keine persönlichen Gegenstände. Höchstens ein paar Pokale würden auf einem Regal an der Wand stehen und an der Wand Zertifikate.
      Ausgestiegen, fuhren wir mit einem Fahrstuhl aus der Tiefgarage direkt in seine Wohnung. Ich hatte mit allem recht. Seine Küche sah aus, als hätte er sie nie verwendet, obwohl ein Obstkorb dastand. Auf einer Anrichte stand ein Bild von seiner Schimmelstute, die anderen suchte man vergeblich.
      „Hier ist die Küche und nebenan direkt das Wohnzimmer“, führte mich Niklas durch einen langen Flur und zeigte nach links einen hellen Raum. Gegenüber war ein Badezimmer. Er zögerte kurz, bevor ich die Tür zu einem weiteren Zimmer öffnete, am Ende des Gangs.
      „Das Schlafzimmer“, murmelte er unbeholfen, „ich ziehe mir kurz etwas anderes an.“
      Niklas verschwand kurz und ich betrachtete für einen Moment die karge Dekoration im Flur. Dabei huschten meine Augen nur für einen Wimpernschlag zurück ins Schlafzimmer. Er stand dort, zog sich gerade das Shirt über den Kopf. Ein Geruch von Schweiß und Parfüm schwang in kleinen Wellen zu mir heran. In mir regte sich etwas, das ich für den ersten Moment nicht einzuordnen wusste. Schnell drehte ich mich weg, als er das Starren bemerkte.
      „Es ist okay“, lachte er und kam heraus, ohne sich etwas übergezogen zu haben.
      Auch ich musste schmunzeln. Hatte er anderes erwartet? Niklas zog immer und überall die Blicke auf sich, was natürlich auch belastend sein konnte, keine Frage.
      „Manchmal“, er setzte anzusprechen, aber schwieg. Als wären wir verbunden, hörte ich den Rest seiner Aussage im Kopf und sprach mit: „Musst du noch daran denken?“
      Zustimmend nickte Niklas, den Blick von mir abgewandt. Er wusste, meine Einstellung dazu, an der sich nichts ändern würde.
      „Oft fühle ich mich allein“, sprach er.
      „Jeder fühlt sich mal allein. Vollkommen normal“, versuchte ich ihn aufzumuntern, aber wie ein nasser Sack, ließ er sich auf der Couch fallen. Leise knackte das Holzgestell.
      „Ich wünschte, ich könnte glücklich sein mit dem, was ich habe“, Niklas rieb sich mit den Handflächen die Augen, „aber es funktioniert nicht. Der Reiz von damals fehlt.“
      „Reiz?“, fragte ich nach.
      „Dieses Kribbeln in den Fingern, das sich langsam im ganzen Körper ausbreitet und unnötige Gedanken abschaltet. Mir fehlen der Fokus und ich laufe blindlings in jedes Drama hinein“, erläuterte Niklas näher. Auch wenn mir nicht vorstellen konnte, welches Drama er meinte, legte ich ihm nette Worte ans Herz. Es gab nun mal schwierige Zeiten, die nur überwunden werden konnten, wenn der Stressor wegfällt.
      „Aber jetzt überlege doch mal genau. Bino ist schwer zu händeln, ja, aber du bist mit ihm auf Prüfungsniveau gesprungen. Beim Kauf war das undenkbar. Ich kann mir vorstellen, dass er durch dich so gestresst ist, weil du dich selbst unter immensen Stress setzt“, warf ich ein, nach dem Schweigen eingetroffen war.
      „Nicht ausgeschlossen“, sprach Niklas und legte den Kopf in den Nacken. Langsam fuhr er sich mit den Händen durchs Haar, dabei spannten mehrere Muskelpartien an. Ich wandte Blick hinaus zum Fenster. Das Apartment war höher gelegt, sodass man einen Blick auf die dämmernde Stadt hatte und das Meer sah. Autos fuhren mit grellen Lichtern durch die Straße.
      „Würdest du Form zweimal die Woche bewegen?“, schlug er plötzlich vor und richtete sich auf. Mein Blick drehte zu ihm. Die Hände waren in der Hüfte aufgestellt, als gäbe es einen Anlass für motivierende Worte seinerseits.
      „Kann ich tun, aber hast du Vriska gefragt? Sie kennt das Pferd doch“, wunderte ich mich.
      „Ach, die“, mit einer Handbewegung vermittelte er deutliche Abneigung, „hat anderes zu tun. Jedes Wochenende fährt sie mit dem Pack auf Renntage. Zudem bändelt sie mit Sebastian an.“
      Mir entglitten die Gesichtszüge. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass sie häufiger mit zu diesen Trabrennen fuhr, aber alles andere kam wie eine Lawine. Das gesamte Gelände – auch unsere Stallanlage – gehörte den Göransson. Schon öfter gab es Verhandlungen zur Pachtauflösung, denn sie wollten ihre Stallanlagen zurück. Dass sich die Rennen überhaupt rentierten, wunderte mich, schließlich hatten sie vor einigen Jahren eine Insolvenz abwenden können. Zumindest erzählte man es sich so im Stallgeflüster. Obwohl ich die Familie und alle anderen, die dazu gehörte, nur oberflächlich kannte, verspürte man eine gegenseitige Abneigung. Das Prinzip Pferderennen war mir zuwider, so wunderte es mich stark, dass ich Vriska dem annahm. Nun, sie arbeitete auf einem Gestüt, das Traber züchtete, doch aus ihren Erzählungen wurden rennunfähige Tiere, wie jedes andere Pferd auch, ausgebildet und verkauft. Mit dem Gedanken, dass sie sich einen deutlichen älteren Kerl anlachte, der Pferde rein zum Profit über die Bahn hetzte, konnte ich mich ebenfalls nicht anfreunden.
      „Und keiner sagt etwas dazu?“, sprach ich abfällig und schüttelte den Kopf.
      „Keine Ahnung, aber meinetwegen soll sie wieder in das Loch fallen, aus dem sie gerade herausgestiegen war“, äußerte Niklas, „selbst bei Nelly kann ich bis heute nicht verstehen, wieso sie schon so lang mit dem zusammen ist.“
      „Warte, Sebastian hat schon eine Freundin und trotzdem …“, mein Gegenüber ließ mich nicht aussprechen.
      „Genau und das hat Nelly nicht verdient“, seufzte er.
      „Verstehe, aber dann ist es doch einigermaßen gut so wie es sich entwickelt“, dachte laut nach und er stimmte nickend zu.
      „Woher kennst du sie überhaupt?“
      Niklas holte weit aus, erzählte von seiner ersten Beziehung und ließ dabei keine Details aus. So wusste ich binnen Minuten, wie er mit ihr zusammenkam. Dabei schwang ein Hauch von Wehmut mit, ein Gefühl davon, dass es ihn immer noch schmerzte, darüber zu sprechen. Freundschaftlich klopfte ich ihm auf die Schulter, bis zu dem Punkt kamen, dass seine Exfreundin sie damals einander vorstellte. Es ist nie etwas gelaufen, versicherte er und ich glaubte ihm das. In dem Atemzug lernte er auch Sebastian kennen, der wohl wenig gesprächig war, keine Gemeinsamkeiten aufwies außer dem Interesse an Trabern. Nur konnte Niklas nie etwas mit dem Sport anfangen und ritt die meisten Pferde der Familie nebenbei, schließlich war zu dem Zeitpunkt bereits hoch in der Vielseitigkeit und Dressur angesehen.
      Die Abneigung gipfelte wohl darin, dass versucht wurde Gelder zu unterschlagen und Training anders als abgesprochen durchzuführen. Inwieweit diese Aussagen stimmten, konnte natürlich nicht prüfen. Stattdessen hörte ich zu.
      „Ich hoffte, dass ich den loswerde“, erklärte er und seufzte.
      „Es muss ein Schock gewesen sein“, stellte ich fest. Niklas stimmte nickend zu.
      „Erst nimmt er Nelly aus wie eine Weihnachtsgans und versucht er bei Vriska dasselbe“, redete er sich in Rage.
      „Wir wissen nichts, also wäre es falsch, ihm etwas zu unterstellen“, versuchte ihn zu beruhigen aber traf auf Widerstand.
      „Ich würde mich nicht wundern, wenn auch der andere Kerl Ähnliches plant.“ Seine Behauptungen wurden immer wilder, dass mir zunehmend die Worte fehlten. Deutlich spürte ich, dass all der Hass aus der allgemeinen Unzufriedenheit herauskamen und der innerliche Kampf um Kontrolle seinen Beitrag leistete. Niklas brauchte Hilfe, ob ich diese sein würde, unvorstellbar.
      „Möchtest du mit zu mir kommen? Dann können wir mit meiner Schwester etwas essen und du kannst dich ablenken“, schlug ich vor.
      „Warum nicht“, stimmte er zu und zog sich endlich etwas über. Zumindest hielt ich mich mit meinen Worten zurück, denn auch mir herrschte eine Zerrissenheit. Ich war vernünftig genug, die Situation zu überblicken, aber dennoch ein gewisses körperliches Verlangen zu verspüren. Mein Herz rutschte mir in die Hose, nicht unüblich in seiner Nähe.


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      zeitliche Einordnung {Mitte April 2021}
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  • Album:
    LDS - Schweden
    Hochgeladen von:
    Wolfszeit
    Datum:
    6 März 2022
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  • Small Lady

    Rufname: Lady
    geboren 12. Januar 2016

    Aktueller Standort: Kalmar [SWE]
    Unterbringung: Offenstall


    __________ s t a m t a v l a

    Aus: Echo [Pura Raza Espanola]
    MMM: Unbekannt _____ MM: Sahnebonbon _____ MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt _____ MV: Suger _____ MVV: Unbekannt



    Von: Little Prince [Pura Raza Espanola]
    VMM: Unbekannt _____ VM: Enya _____ VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt _____ VV: Unbekannt _____ VVV: Unbekannt


    __________ h ä s t u p p g i f t e r

    Rasse: Pura Raza Espanola [PRE]
    PRE 100%

    Geschlecht: Stute
    Stockmaß: 164 cm
    Farbe: Grullo [Grey]
    [Ee aa nD Gg]

    Charakter
    Aufmerksam, Ruhig, Verschmust, Verspielt, Neugierig

    Small Lady ist eine total verschmuste Stute, die jede Streicheleinheit genießt.
    Sie nimmt auch gerne alles ins Mäulchen und spielt auch gerne damit. Aber
    mit Leckereien bekommt man schnell alles zurück, was sie sich gemopst hat.
    Scheu zeigt sie keinerlei, sie geht mit Mut und einer großzügigen – vielleicht etwas zu großen – Portion Neugierde an alle Fremdem


    __________ t ä v l i n g s r e s u l t a t

    [​IMG][​IMG]

    Dressur S [S+] – Springen E [L] – Military E [L] – Western E [A]

    Niveau: International
    Platzierungen: 0 | 0 | 0

    März 2022
    Training, Dressur E zu A

    Mai 2022
    Training, Dressur A zu L

    September 2022
    Training, Platzhalter

    Oktober 2022
    Training, Dressur M zu S

    November 2022
    Training, Platzhalter

    Februar 2023
    Training, Platzhalter


    __________ a v e l

    [​IMG]
    Stand: 01.02.2023


    Small Lady wurde durch SK X zur Zucht zugelassen.

    Zugelassen für: PRE, BRP, a.A.
    Bedingungen: Keine Inzucht
    Decktaxe: x Joellen, [kein Verleih]

    Fohlenschau: 7,73 [BFS 272]
    Materialprüfung: [1.ZR M3]

    Körung
    Exterieur: -
    Gesamt: -

    __________ a v k o m m e r

    Small Lady hat 0 Nachkommen.

    NAME a.d. STUTE [FM] *20xx


    __________ h ä l s a

    Gesamteindruck: Gesund; gut in Training
    Krankheiten: -
    Beschlag: Barhuf


    __________ ö v r i g

    Pfleger: -
    Reiter: Eskil
    Trainer: -
    Eigentümer: Ensam Varg [100%]
    Züchter: k. A.
    Ersteller, VKR: Sadasha

    Small Lady steht aktuell nicht zu Verkauf.

    Punkte: 8

    Abstammung [5] – Trainingsberichte [3] – Schleifen [0] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [0]
    _____

    Spind – Exterieur – PNGHintergrund

    Small Lady existiert seit dem 08. März 2019, In meinem Besitz seit dem 06. März 2022