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Stelli

scs Bluebell | DRP, ♀ | ♛

gekrönte Stute (Zuchtstute)

scs Bluebell | DRP, ♀ | ♛
Stelli, 10 Dez. 2020
Occulta gefällt das.
    • Stelli
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Erster Besuch bei Bluebell
      Heute war ich ganz besonders aufgeregt! Mein reserviertes DRP-Stutfohlen des Secret Creek Stud war geboren worden! Natürlich würde sie noch einige Monate bei ihrer Mutter Bon Voyage bleiben, aber ich wollte Bluebell heute besuchen gehen. Ich fuhr also auf Delilahs Hof, mit dabei war natürlich auch Jacky, meine Jack-Russel Hündin. Vorsichtig betrat ich die Box von Bon Voyage und entdeckte das kleine Stütchen hinter seiner Mutter versteckt. Ich ging in die Hocke und lockte sie mit der Hand zu mir. Langsam schnupperte sie daran und fing schon bald neugierig an, meine Finger zu beknabbern. Ich verliebte mich sofort in das Stütchen und wollte sie am liebsten gleich mitnehmen, aber ich beschloss dennoch, ihr die Zeit bei ihrer Mutter zu gönnen, damit sie natürlich und gesund aufwachsen konnte. Eine Weile spielte ich mit der Kleinen. Ihr Vertrauen zu mir wuchs und bald schon lief sie mir etwas nach in der Box und durchwühlte mit ihrer weichen Baby-Lippe meine Haare. Ich fühlte schon jetzt, dass ich einmal eine tiefe und wundervolle Freundschaft mit ihr aufbauen würde und wir ein unschlagbares Team werden würden. Freudig an die Zukunft denkend verliess ich nach vielen tollen Minuten mit ihr die Box; wohlwissend, dass es nicht die Letzten gewesen sein würden.
      22 Dez. 2012

      Besuch bei Bluebell und Sugar and Sweets
      Heute war ich wieder unterwegs nach Secret Creek Stud, weil auch mein zweites Auftragsfohlen das Licht der Welt erblickt hatte. Es war wiederum ein Stütchen. Als ich auf dem Hofgelände ankam, wurde ich zur Box der kleinen und ihrer Mutter geführt. Sie trank gerade Milch, als ich kam. Leise rief ich den Namen des Fohlens, Sugar and Sweets. Natürlich reagierte sie nicht auf den Namen, sondern auf meine Stimme, aber sie sah immerhin in meine Richtung. Vorsichtig betrat ich die Box und kniete ins frische Stroh, um etwas weniger furchteinflössend zu wirken. Die Kleine zögerte und sah mich weiter an. Als ich die Hand ausstreckte um sie zu locken, zuckte sie zusammen und hüpfte auf wackeligen Beinen hinter ihre Mutter. Etwas enttäuscht verharrte ich auf der Stelle und wartete eine Weile. Sweets traute sich jedoch auch nach mehreren Minuten nicht hervor. Als schliesslich ihre Mutter neugierig zu mir kam und mich beschnupperte, taute die Kleine etwas auf und machte ebenfalls ein paar Schritte auf mich zu. Ich konnte sie an der Nüster berühren, worauf sie wieder zurückzuckte. Aber nun war ihre Neugier geweckt und sie kam immer wieder in reichweite. Nach einer Weile konnte ich sie am Hals und an der Brust streicheln, dann auch am Kopf. Ich beschloss es dabei zu belassen und verliess die Box, um sie nicht weiter zu stressen. Dann lief ich zu den Weiden und hielt ausschau nach Bluebell. Ich fand sie schon bald mit ihrer Mutter bei ein paar anderen Stuten grasend, sie war ja auch kaum zu übersehen mit ihrem auffälligen Fell. Ich rief sie, und sie schien ihren Namen schon etwas zu kennen, denn sie guckte sofort mit gespitzten Ohren in meine Richtung. Ich rief nochmal und betrat die Weide. Blue machte ein paar Schritte auf mich zu, blieb dann aber wieder stehen und dehte sich zu ihrer Mutter um. Ich wartete einen Augenblick, bis sie sich zurückdrehte und auf mich zugetrabt kam, jedoch in einem Sicherheitsabstand vor mir stehen blieb. Sie schien mich wiederzuerkennen und spielen zu wollen. Ich ging in die Hocke und lockte sie nochmals mit der Stimme. Plötzlich kam sie, als währe es selbstverständlich, zielsicher auf mich zu und zerwuschelte mir die Haare, wie sie es beim letzten Besuch schon getan hatte. Ich kraulte ihr glücklich den Wiederrist. Dann spielte ich etwas mit ihr, indem ich herumlief und sie mit hinterher trabte. Immer wieder drehte ich ab und lief spielerisch auf sie zu, worauf sie nach hinten sprang und um mich herum galoppierte. Nach einer Weile sah ich auf die Uhr und bemerkte, dass es schon wieder Zeit war, zu gehen. Ich kraulte Blue nochmal zum Abschied, dann verliess ich den Hof und fuhr nach Hause.
      27 Jan. 2013

      Fohlenspieltag: lernen wie man sich bei Menschen verhält
      Gleich nachdem ich bei Bateau zu Besuch gewesen war, fuhr ich auch schon weiter, diesmal mit dem Anhänger. Ich wollte Bluebell und Sweets abholen gehen, denn die Besitzerin des Gestüts hatte leider beschlossen dieses aufzugeben. Ausserdem hatte ich mich auch gleich mit Sweetvelvetrose abgesprochen um Pal zu holen. Als ich auf dem Secret Creek Stud ankam war es Mittag. Die Pferde die noch hier waren, darunter auch Bluebell und Sweets, standen im Schatten der Bäume auf der Weide. Die Mütter der beiden waren schon abgeholt worden, weshalb sie dicht bei den anderen Stuten standen. Ich schnappte mir zwei Fohlenhalfter aus dem Auto und betrat die Weide. Blue erkannte mich sofort und lief auf mich zu, während Sweets noch etwas zögerte. Ich begrüsste Blue mit kraulen am Wiederrist, wie immer, und zog ihr das Halfter an. Dann wollte ich Sweets holen, doch die kleine Stute dachte nicht daran, sich wegbringen zu lassen. Ich musste sie zuerst in eine Ecke der Weide treiben und festhalten, um ihr das Halfter ebenfalls überzustreifen. Zum Glück war Blue ruhig mit dem Strick über den Rücken gelegt stehengeblieben. Ich führte die beiden zügig in den Anhänger, den sie anscheinend schon kannten. Dann warf ich einen letzten Blick auf das Gestüt, dessen Zukunft ungewiss war. Mit einem leisen Seufzen stieg ich ein und fuhr zur Lone Wolf Ranch um Pal zu holen.
      Wieder zurück im Stall rief ich ein paar Helfer zusammen, die mit mir gemeinsam die Fohlen zum Anbindeplatz im Innenhof des Hauptstalls brachten. Quinn schnappte sich Sunny, Kabi und Winter, Lisa nahm Campina, Silver und Smarty, Lewis holte Tiva, Mano und Jack und ich nahm gleich die drei neuen mit. Fehlten also noch Slaufa und Point, die wir wenige Minuten später auch noch holten. Wir banden alle 14 Fohlen an den dafür vorgesehenen Ringen an der Wand an und begannen sie zu schrubben. Die letzten Reste des Winterfells lösten sich und lagen bald in grösseren Haufen auf dem Boden. Lewis wischte sie sogleich zusammen. Nun prüften wir das Hufegeben. Es war eine Grundübung, die die Pfleger des Offenstalls jeden Tag vor dem hereinholen am Abend machten. Ich wollte sehen, welche der Jungpferde es schon gut beherrschten und welche noch mehr Übung brauchten. Wie erwartet gaben Silver, Smarty, Tiva und Campina die Hufe am besten, weil sie auch am ältesten waren. Winter und Kabi gaben sie auch ordentlich. Sunny zögerte noch immer etwas lange und Point wollte erst mit den Hinterbeinen auskeilen, anstatt sie zu heben. Schliesslich gab aber auch sie alle Hufe brav und ich kraulte der kleinen Stute stolz die Stirn. Mano und Blue waren ebenfalls schön brav und hoben alle vier Hufe wie Musterschüler. Slaufa und die restlichen waren noch etwas unsicher, was sie tun sollten, was durchaus verständlich war, weil sie ja noch nicht lange da waren. Wir machten noch etwas Führtraining mit den Fohlen. Dabei ging es besonders darum, dass sie immer schön auf Schulterhöhe blieben und einem nicht in den Arm kniffen, oder sonst irgendwie frech wurden. Auch, dass sie auf Kommando stoppten und aufmerksam darauf achteten, wenn wir abbogen wurde geübt. Zu guter Letzt übten wir das still stehen bleiben, wenn ihnen der Strick über den Rücken gelegt wurde. Um etwa halb zwei waren wir schliesslich fertig und konnten endlich essen gehen.
      1 Mai 2013

      Bluebell an der 206. Fohlenschau für Fohlen mit mindestens 3 Abzeichen
      Bluebell zuckte nervös zusammen. Dies war der erste Wettbewerb, an dem das junge Stutfohlen teilnahm. Sie war auch das erste Mal ohne ihre Kumpels an einem fremden Ort. Aber nicht für lange, denn kurz nach der Schau würde sie wieder mit ihnen zusammen sein können. Ich hatte ihre Mähne hochgeflochten, was ihren schönen dünnen Hals zur Geltung brachte. Ich streichelte ihr über den Mähnenkamm, ein paar Strähnchen der weichen Fohlenmähne, die sich nicht hatten bändigen lassen, kitzelten mich leicht an meinen Händen. Dann wurde die Hallentür geöffnet und wir setzten uns in Bewegung. Die Kleine lief zügig neben mir und wieherte einmal kurz nach ihrer Mutter, als wir vor die Richter traten. Ich grüsste die Richter und startete das Programm. Zuerst liefen wir auf die grosse Volte bei A. So konnten die Richter gut die Gänge von Blue beurteilen. Dann wechselte ich die Seite in der Volte. Anschliessend lief ich geradeaus und begann zu joggen, um Blue zum Traben zu animieren. Sie versuchte mich im Trab ein paar Mal gegen die Hallenwand zu drängen, aber ich hielt entgegen. Ich wechselte über die diagonale und versuchte gleichzeitig einen Tempowechsel mit ihr. Sie machte alles in allem sehr gut mit und gab sich richtig mühe, allerdings war sie noch ein Baby, also konnte man kaum Perfektion verlangen. Auch auf der anderen Seite zeigte Blue schöne Gänge im Trab. Gegen Ende lief ich wiederum auf die grosse Volte und liess den Führstrick etwas länger. Dann blieb ich in der Mitte der Volte stehen und „longierte“ die Kleine. Nun liess ich sie angaloppieren und so zwei Runden laufen, bevor ich aus der Volte wechselte und sie auch auf die andere Seite galoppieren liess. Sie schien sich nun etwas beruhigt zu haben und senkte auch den Kopf etwas. Dann holte ich sie wieder zu mir und lief mit ihr im Schritt auf die Richter zu. Vor ihnen liess ich sie gerade hin stehen und stellte sie kurz vor; „Bluebell ist eine deutsche Reitpony-Stute aus der Zucht ‚Secret Creek Stud‘. Sie hat gute Abstammung und ist brav und unkompliziert im Umgang.“ Dann grüsste ich die Richter erneut und verliess die Halle. Unterwegs klopfte ich Blue lobend auf den Hals und streichelte ihre Nüstern.
      Wieder zuhause wurde sie sofort von den anderen Stutfohlen begrüsst und beschnuppert. Wir hatten an der Fohlenschau den guten 2. Platz erreicht, ich war sehr zufrieden mit ihr.
      22 Mai 2013

      Ankunft von Blue Lady und Spaziergang mit den Fohlen
      Heute hatten wir wiedermal Grosses vor: wir (also die Pfleger und ich) wollten mit den Fohlen Spazieren gehen. Es war noch Morgen und die Sonne war erst kürzlich aufgegangen, graue Nebelschwaden hingen über den Feldern rund um den Hof. Alles schlief noch rund um den Hof, nur ab und zu störte das Schnauben eines Pferdes oder das Zwitschern eines Vogels die Stille. Wir wollten die kühle Morgenluft nutzen, bevor es wieder glühende 34 Grad warm werden würde. Ausserdem erwartete Pineforest Stable wieder einen Neuankömmling: Blue Lady Liquor. Die kleine Stute war eine Vollschwester meines Bateau und stammte ursprünglich ebenfalls vom Gestüt von niolee und mkay. Stolze 10000 Dollar hatte sie gekostet, aber das war die grey-roan-sabino-Stute eindeutig wert. Wir wollten sie auf dem Spaziergang gleich an die anderen Fohlen gewöhnen. Kurze Zeit später kam mein Mann mit der Stute im Anhänger auf den Parkplatz gefahren. Er hatte sie direkt bei mari abgeholt, die ihren Hof bedauerlicherweise fast gänzlich auflösen wollte. Er lud die Hübsche aus und ich betrachtete sie neugierig. Sie hatte ein paar kleine schrammen an den Beinen und an der Flanke, was wohl vom wilden Spielen mit anderen Fohlen stammte. Aber sonst machte sie einen sehr gesunden und wachen Eindruck. Sie schien auch gar nicht scheu zu sein, denn sie beschnupperte sogleich meine Hand und zog an meinem Ärmel. Ich Führte sie zum Nebenstall, wo ich sie am Holzgeländer festband. Dann trommelte ich alle verfügbaren Pfleger zusammen und teilte ihnen die Fohlen zu. „Quinn, du nimmst Smarty und Kabuki. Jonas, du schnappst dir Pal und Jack. Ajith, ich nehme an du möchtest Tiva… Hmm, dann nimmst du am besten gleich noch die Neue. Lisa, du magst sicher Bluebell und Sweets, und Lewis nimmt Slaufa und Point.“ Lewis fluchte leise, denn Point war eher nicht sein Liebling. Niemand mochte Point besonders, ausser mir. Denn die kleine Stute hatte eindeutig Charakter, was sie aber leider auch bei jeder Gelegenheit zeigte. „Bleibt noch Sun. Denn Majandro und Bateau nehme ich. Aber wir haben anscheinend jemanden zu wenig… Ahh, Lily du kommst gerade recht. Du kannst noch Sun nehmen, wir gehen spazieren.“ Lily wurde kurz eingeweiht, dann machten sich alle auf den Weg zu den beiden Fohlenweiden. Ein paar der Fohlen röchelten uns zu, darunter auch Mano und Pal. Ich kraulte die beiden liebevoll, dann zog ich Mano das Halfter über und führte ihn zusammen mit Bateau aus der Weide. Mano versuchte mich etwas anzurempeln, aber ich wies ihn mit einem Klaps auf die Schulter zurecht. „So ist es braaav.“ Lobte ich, als er einige Meter gehorsam neben mir gelaufen war. Als alle ihre Fohlen geschnappt hatten, liefen wir in Richtung Pinienwald auf dem Schnitzelweg. Als wir an der Mini-Stuten Weide vorbeikamen, kamen die vier Stütchen mit viel Gewieher angerannt und wollten mit den Fohlen schnuppern. Aber wir liefen zügig weiter, denn ich wusste genau, dass die Minis nur wieder gelangweilt und auf der Suche nach Ärger waren. Aber das waren sie doch immer. Ich seufzte kaum hörbar, als mir einfiel, dass morgen wieder Mini-Tag sein würde. Es war zwar immer schön, mit den Minis zu arbeiten, aber sie waren auch ganz schön anstrengend.
      Wir liefen bis zum Waldrand schön auf dem Schnitzelweg, dann bogen wir auf den nur spärlich mit Unterholz bedeckten Waldboden ab. Wir wanderten ein wenig zwischen den Bäumen hindurch und genossen das Rauschen der Piniennadeln im Wind. Auch die Fohlen entspannten sich, und interessierten sich das erste Mal für Blue. Vor allen anderen natürlich die jungen Herren. Es wurde aufgeregt gequietscht und auch ein wenig mit den Hufen gescharrt, aber das unterbanden die Pfleger gleich wieder. Mano interessierte sich wenig für das Stütchen, er hielt lieber Ausschau nach gefährlichen Monstern, vor denen man flüchten musste. Der Spaziergang selbst verlief ruhig und unproblematisch, aber als wir wieder Zuhause die Stutfohlen alle gemeinsam auf die Weide entliessen, wurde Blue das Ganze dann doch zu viel und sie wieherte ängstlich, als alle sie beschnupperten. Sie rannten eine Weile umher und jagten die Kleine, und ich machte mich schon bereit um einzugreifen. Aber bevor ich dazu kam, hatten sie sich schon wieder beruhigt und grasten entspannt. Blue war zwar noch etwas abseits, aber nun schien die Rangordnung vorerst geklärt. Ich liess die Fohlen in Ruhe grasen und machte mich auf zum Hauptstall, wo ich schon zum Vollbluttraining erwartet wurde.
      5 Aug. 2013

      Tierarztbericht für Bluebell
      Ich fuhr mit meinem Jeep auf Occulta`s Hof. Auf mich warteten heute 4 Patienten. Ich hielt an und stieg aus dem Wagen und sah auf dem Hof schon Occulta mit meiner ersten Patientin stehen. Ich ging zu ihnen und begrüßte sie. Die hübsche Rotschimmelscheck-Stute beschnupperte mich neugierig. Ich streichelte sie kurz und ging dann mit beiden zu meinem Wagen. Aus dem Kofferraum holte ich die vorbereiteten Spritzen. Ich stellte vorher klar das Bluebell gesund ist und strich ihr dann über den Hals. Ich fand die richtige Stelle und gab stach die Tetanus-, Influenza Spritze ein. Die kleine Stute blieb einigermaßen ruhig und ging einen Schritt zur Seite. Occulta lobte die kleine während ich die Herpes-, Pilz Impfung einstach. Sie zuckte wieder nur zusammen und ich nahm mir schnell die Tollwut-, Streptokokken-, Fohlenlähme Impfung. Sie hatte anscheinend keine große Lust mehr still zu stehen und schlug unwillig mit dem Kopf. Ich nahm die Spritze weg und Bluebell rannte zwei Schritte nach hinten. Ich fischte ein Leckerlie aus meiner Tasche und lockte sie wieder nach vorne. "Feines Mädchen" lobte ich sie und streichelte sie. Die Impfungen hatten wir hinter uns und ich holte die Wurmkur aus dem Auto. Ich stellte sie auf ihr Gewicht ein und hockte mich dann neben die kleine. Occulta hielt sie am Halfter fest und ich schob die Spritze in ihren Mundwinkel. Sie riss den Kopf hoch und ich drückte ihr schnell die weiße Paste in den Mund und schob noch was leckeres hinterher damit sie es nicht wieder ausspuckte. Ich lobte die kleine und verabschiedete mich von ihr. Occulta verschwandt mit ihr im Stall und während ich auf den nächsten Patient wartete holte ich die neuen Spritzen.

      Fohlenpflege
      "Optimale Pflege und Haltung der Fohlen ist äusserst wichtig." Dies waren die ersten Worte die die Veranstaltungsleiterin aussprach. Neben mir runzelte Jack konzntriert die Stirn. Wir standen gerade auf dem Parkplatz, denn heute fand ein Kurs zur aufzucht von Fohlen und Jungpferden auf Pineforest Stable statt. Wir waren vorher von den Veranstaltern gefragt worden, ob der Kurs hier auf dem Hof stattfinden könne, denn das Gestüt hatte zwei grosse Fohlenweiden mit vorbildlicher Fohlenhaltung. Es waren vor allem Züchter und Bauern aus der Umgebung gekommen, jedoch auch einige aus dem Norden. Nach einem kurzen Einführungstext liefen wir mit der Leiterin zu den Weiden. Die Leute interessierten sich für die Vollblüter, die ihre Köpfe aus den Fenstern des Hauptstalls streckten, doch die Leiterin lief strikt weiter und liess sich nicht beirren. Schliesslich waren heute die Kleinen dran. Wir kamen bei der Stutfohlenweide an und die Teilnehmer versammelten sich vor dem Zauntor. Ich und Jack lehnten uns an den weissen Holzzaun und hörten gespannt zu. Die Veranstalterin erklärte etwas über die Grösse der Weide und des Offenstalls, aber ich wurde rasch abgelenkt, da die Stutfohlen neugierig angetrottet kamen. Bluebell begann sofort mir die Haare zu verwuscheln und ich musste sie grinsend verscheuchen. Die Veranstalterin bemerkte nur, dass diese Fohlen offenbar schon viel Kontakt zum Menschen gehabt hatten, was auch sehr wichtig sei. Jack kraulte Tiva, zu der er eine art besondere Beziehung hatte, weil er oft mit ihr spielte. Die Stute genoss die Streicheleinheit sichtlich und schloss entspannt die Augen. Die anderen Fohlen begannen die fremden Leute zu beschnuppern und nach einer Weile auch zu beknabbern, was vielen zu aufdringlich war. Sie entfernten sich daher grummelnd etwas vom Zaun. Die Leiterin betonte, dass man auch aufpassen müsse, dass die Fohlen nicht zu frech würden. Ich flüsterte zu Jack: "Da hast du's, unsere Fohlen sind skrupellose Frechdachse.", und wir lachten beide los. Die anderen waren derweilen damit beschäftigt, das Weidetor aufzumachen und in richtung Offenstall, von der Jungstutenherde begleitet, über die Weide zu marschieren. Dort angelangt hielt die Leiterin einen Vortrag über die Offenstallhaltung und deren Vor- und Nachteile. Wir folgten den Leuten und versuchten, die Jungstuten von ihnen abzulenken, sodass sie ungestört zuhören konnten. Ich begann dazu Sweets zu kraulen, die ihrerseits Slaufa beknabberte und Slaufa wiederum kniff Lychee in die Kruppe. Jack kraulte Pointless am Hals, was die Zicke anscheinend mochte. Die Stuten genossen dien gegnseitigen Kontakt eine Weile, aber dann quitschte Lychee und hob drohend das Hinterbein weil Slaufa wohl etwas übertrieben hatte. Ich unterbrach die Prozedur als sich die Gruppe wieder auf den Weg aus der Weide und zu den Hengsten machte. Die schienen sich nicht so sehr für uns zu interessieren, jedenfalls blieben sie auf abstand und grasten, nach ein paar prüfenden Blicken in unsere Richtung, gelassen weiter. Von weitem konnte ich erkennen, dass Majandro etwas abseits graste. Ich fragte mich gerade, ob er wohl nicht so gut mit den anderen auskam, aber im nächsten Moment wanderte Bateau zu ihm hinüber und die beiden grasten Kopf an Kopf. Jack, Smarty, Adventure und Pal zupften das halb gefrorene Gras sorgfältig aus. Lächelnd wandte ich mich wieder der Leiterin zu, die gerade über die Junghengsthaltung und ihre Tücken sprach. Sie fragte mich, ob einige der Tierchen schon kastriert seien, ich verneinte. "Wir kastrieren unsere Hengste grundsätzlich nicht, da wir über eine genug grosse Gruppe verfügen, sodass sie untereinander ausreichend grossen Kontakt haben und freidlich sind. Wir haben ausserdem die Erfahrung gemacht, dass sie mit guter Erziehung auch gut in der Nähe der Stuten kontrollierbar sind. In der Tat benehmen sich die meisten unserer Hengste fast wie Wallache, nur eben mit einem bisschen mehr Pepp." Die Leiterin schien beeindruckt und bemerkte jedoch nochmals, dass man für eine solche Haltung, wie hier vorbildlich gezeigt, eine genügende Anzahl an Hengsten haben müsse, um einen ausreichenden Kontakt zu anderen Artgenossen ermöglichen zu können. Ausserdem müssen die Hengste gut sozialisiert und erzogen werden. Die Hengstweide betraten wir nicht, um die Junghengste nicht beim freidlichen Grasen zu stören. Damit war der Hauptteil des Kurses beendet. Nun durften die Gäste zur allgemeinen Auflockerung und Entspannung einen warmen Tee im Garten des Haupthauses geniessen. Jack und ich gingen währenddessen wieder unserer gewöhnlichen Arbeit nach.
      20 Dez. 2013

      Frühling!
      Fröhlich pfeifend lief ich zum Nebenstall, schlenderte an den halboffenen Boxentüren vorbei und streichelte hie und da einen neugierigen Pferdekopf. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne strahlte und es war keine Wolke am tiefblauen Himmel zu sehen. Auch war es sehr warm, etwa 18 Grad und das obwohl erst vor zwei Wochen noch Schnee gefallen war! Überall spriessten Blümchen im noch feuchten Gras und in der Luft lag ein wundervolles Vogelgezwitscher, begleitet von einem frischen Windhauch. Ausserdem lag der saftige Frühlingsduft, den ich so sehr vermisst hatte in der Luft. Ich genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Fleece Jacke und lief zu den Weiden. Die Fohlen waren schon dabei, eifrig die ersten müden Frühlingsgräschen zu zupfen. Aber als sie mich sahen, hoben sie die Köpfe. Die beiden Hengstfohlen kamen sofort zum Zaun gerannt, wobei Mano bockend vorausgaloppierte. Adventure folgte etwas gelassener und hielt etwas rutschend vor dem Zaun, denn der Boden war noch immer aufgeweicht vom Schmelzwasser. Ich streichelte ihn liebevoll, sodass die Eifersucht auch Mano zu uns trieb. Er streckte übermütig die weichen Nüstern vor und wollte mein Ohr anknabbern. Ich stiess mit der Hand sanft seine Schnauze weg und lachte dabei, denn Adventure kniff in meinen Schuh. Zum Glück spürte ich nichts, ich hatte nämlich Wanderschuhe an. „Hmm, ich werde wohl wiedermal eine Spielstunde einbauen müssen.“, bemerkte ich stirnrunzelnd und wandte mich wieder dem Hauptstall zu. Von dort holte ich einen grossen blauen Gymnastikball, der seit dem letzten Gymkhana in der Materialkammer lag. Wir hatten ihn damals extra gekauft. Ich rollte ihn nun zu den Hengstchen auf die Weide, wo sie erstmal eine Runde daran schnüffelten, ehe sie ihn mit dem Kopf an schubsten. Die Stuten blickten abermals neugierig auf und kamen etwas näher. Jedoch taten sie gleich darauf wieder so, als würde sie das Spiel der anderen beiden nicht interessieren. Als der Ball für die Hengstchen nicht mehr wirklich interessant war und sie einander lieber wieder über die Wiese jagten, holte ich ihn und rollte ihn auf die Stutfohlenweide. Sie beachteten ihn aber nicht und manche kehrten mir sogar das Hinterteil zu. Ich lief um die Gruppe herum und wollte Pointless streicheln, doch die Gruppe teilte sich und stob auseinander. „Was soll das denn?“, rief ich laut, etwas enttäuscht. Ich lief abermals auf die kleine Herde zu. Sie liessen mich bis auf etwa drei Meter herankommen, dann rannten sie wiederum im Galopp einige Meter weiter weg. Sie spielten offenbar mit mir. Ich überlegte kurz, dann hüpfte ich über die Wiese zurück zum Ball und setzte mich darauf. Ich tat so, als hätte ich etwas Interessantes in meiner Jackentasche entdeckt und schielte ab und zu zu ihnen hinüber. Mein Plan trug schnell Früchte, denn schon kam Lychee in meine Richtung gelaufen. Bluebell und Slaufa beobachteten sie, Dann kamen sie hinterher. Schliesslich folgten auch die restlichen und umzingelten mich und meinen Ball. Sweets schnupperte an meiner Hand, die, wie sich herausstellte, leer war. „Ha, reingelegt!“, murmelte ich lächelnd und fuhr ihr mit der Hand durch den Schopf. Dann stand ich auf und verliess die Weide, mitsamt dem Ball, denn sie hatten offenbar weiterhin keine Augen für ihn. Ich verräumte ihn in der Materialkammer und lief zur Box von Paint, wo mich eine rosa Schnauze erwartete. Ciela war gut gewachsen aber dennoch noch lange nicht so weit, um zu den anderen Fohlen zu kommen. Wir waren sehr stolz auf die kleine Stute, denn sie hatte bereits zwei Fohlenschauen gewonnen! Ich rief nach Ajith, der sich bisher immer liebevoll um sie gekümmert hatte und sie am besten kannte. Er kam aus Gray’s Box gestolpert und stellte sich vor mir auf. “Ma’am?“ “Did you train her today?” “Yes, I did, and she’s doing extremely well.” Mit diesen Worten schnappte er sich das Fohlenhalfter an der Box und streifte es der Kleinen über, um mir zu beweisen, wie viel sie schon kannte. Ich grinste erfreut und streichelte die Kleine. Hier war also auch alles in bester Ordnung. Für zwei Uhr war noch die Ankunft einer neuen Stute angekündigt, ihr Name war Aerith. Ich hatte sie schon seit längerem ins Auge gefasst, da ich meine Quarters vermisste. Sie war sogar schon gekrönt und so auch zur Zucht geeignet. Ich stand pünktlich bereit, um sie zu empfangen. Die lackschwarze Stute lief brav aus dem Anhänger und sah sich sofort in ihrem neuen Zuhause um. Sie war ausserdem sehr anhänglich und verschmust, denn sie kam sofort mit ihrem Kopf unter meinen Arm und wollte gekrault werden. Ich führte sie überglücklich in ihre neue Box und brachte ihr eine Portion Heu.
      8 März 2014

      There must be something in the Water…
      Ich schlug die Augen auf und sass sofort kerzengerade im Bett. Ich hatte soeben einen schrecklichen Albtraum gehabt, in dem ich wieder zurück auf dem Feld mit dem Flugzeugwrack gewesen war. Um mich herum hatte alles lichterloh gebrannt und mitten in den Trümmern hatte jemand schrecklich geschrien. Dann war ich von dunklem Rauch eingehüllt worden und meine Augen hatten fürchterlich gejuckt. Ich hatte das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen und war schliesslich verzweifelt zu Boden gesunken. Dann war ich aufgewacht – zum Glück. Noch immer schweissgebadet rieb ich mir die Augen und stand auf. Es hatte keinen Sinn, weiterzuschlafen. Auch wenn erst halb fünf morgens war, fühlte ich mich nicht mehr müde und beschloss augenblicklich nach Blüte zu sehen. Sie sollte in den nächsten Tagen ihr Fohlen bekommen und ich war wie immer ziemlich aufgeregt deswegen. Schliesslich konnte so vieles schief gehen! Aber Blüte hatte schon einmal ein Fohlen gehabt und da war alles nach Plan gelaufen. Ich schmierte mir ein Honigbrot und ass es während ich zum Hauptstall lief. Die Pfleger waren noch nicht da, würden aber bald kommen. Ich betrat das grosse Stallgebäude und schlich an den dösenden Pferden vorbei zu Blütes Box. Die Stute stand ruhig da und zuckte nur ab und zu mit der Unterlippe, was mir zeigte, dass auch sie noch schlief. Beruhigt kraulte ich Campina, die nach Coulees Umzug neben Blüte gestellt worden war. Sie war wohl trotz meiner Vorsicht aufgewacht und so fühlte ich mich verpflichtet, die kleine Stute ein wenig zu beschäftigen. Ich betrat ihre Box und strich liebevoll über das bunt gesprenkelte Fell. Als ich sie gekauft hatte, war sie ein solch kleines, verwahrlostes Fohlen gewesen und nun gab sie mir all die Liebe und Arbeit zurück, die ich in sie gesteckt hatte. Ich verstand noch heute nicht, warum niemand das hübsch gescheckte Fohlen gewollt hatte. Aber eines stand fest: auf Pineforest Stable war sie aufgeblüht. Ich klopfte ihr ein letztes Mal auf die Schulter, dann verliess ich den Stall in Richtung Fohlenweiden. Die Jungspunde waren wie immer schon früh morgens unterwegs, jetzt hatte es nämlich noch keine lästigen Fliegen und Brämen. Zuerst ging ich zu den Stuten und setzte mich einfach nur ins kühle Gras. Sie kamen neugierig angelaufen und schnupperten an meinen Schuhen. Ich musste aufpassen, dass Bluebell nicht hineinbiss. Die junge Stute war ordentlich frech geworden und ihre Zähne waren leider nicht mehr so klein und stumpf wie zu Beginn. Bald würde ich sie einreiten können, stellte ich fest. Auch Sweets, Lychee und Mano würden bald so weit sein. Ich wollte die vier gleich alle gemeinsam ausbilden. Amüsiert beobachtete ich, wie Ciela Penny in die Kruppe kniff und diese daraufhin einen Bocksprung machte. Diese Spielereien waren immer sehr unterhaltsam, weshalb ich auch oft einfach hier unter dem Baum sass und die Stimmung genoss. Point graste etwas entfernt, die etwas zickige Genossin erinnerte mich immer wieder an Iskierka. Aber das war nicht schlimm – Kierka war schliesslich trotz allem ein ausgezeichnetes Rennpferd. Ein Blick zu den Hengstfohlen sagte mir, dass auch dort alles im Lot war; Sheba und Mano kraulten sich friedlich am Widerrist. Vielleicht bekommt ihr bald Zuwachs, dachte ich belustigt. Ein Hengstchen wäre schon toll.

      Vier Stunden später rannte ich zum Hauptstall, weil Ajith nach mir gerufen hatte. Blütes Fohlen war auf dem Weg, völlig überraschend am helllichten Tag. Bisher sah alles gut aus, doch zur Sicherheit wollte ich dennoch den Tierarzt rufen. Ich warf kurz einen Blick in die Box, dann flitzte ich zurück ins Haus um das Telefon zu holen. Unterwegs stiess ich beinahe mit jemandem zusammen, den ich in diesem Moment am allerwenigsten erwartet hatte. „Jonas!“ Er grinste verlegen und sah mich dann fragend an. „Ich muss den Tierarzt rufen gehen, danach komm ich gleich – ähhh, warte hier.“ Schon brauste ich davon. Warum sollte er überhaupt dort warten? Er konnte doch gerade so gut zu den anderen Pflegern gehen und sie begrüssen!, dachte ich mir während dem laufen, genervt über mich selbst und meine sinnlosen Einfälle. Als ich jedoch wieder aus der Tür hervortauchte, stand er zu meiner grossen Überraschung tatsächlich noch genau an der Stelle, an der ich ihn hatte warten lassen. „Und, was willst du mir nun erzählen?“, lächelte er erwartungsvoll. Ich rollte die Augen und antwortete: „Gar nichts, ich war bloss wie immer verwirrt und hab nicht nachgedacht. Du kannst natürlich gehen, wohin du willst und brauchst nicht auf mich zu warten.“ Bei den letzten Worten wurde ich etwas verlegen. Schnell überdeckte ich dieses Gefühl mit einem Themenwechsel. „Was machst du überhaupt schon hier? Müsstest du nicht noch im Krankenhaus sein?“ „Willst du mich etwa nicht hier haben?“, fragte er trotzig. Zögernd meinte ich: „Doch schon… aber deine Verbrennungen. Ich will doch, dass du dich nicht überanstrengst.“ Seine Miene hellte sich auf. „Meine Verbrennungen sind nicht mehr so schlimm, in zwei Wochen sollte man kaum mehr etwas davon sehen, meinen die Ärzte. Ausserdem habe ich es dort nicht mehr ausgehalten, es war viel zu still und du hast mir gefehlt.“ Ich zuckte ein wenig zusammen, bemerkte aber, dass er mich schelmisch angrinste und vermutete, dass diese Bemerkung nur wieder eine seiner Spielereien gewesen war. Man wusste eben doch nie so genau, was er wirklich dachte. Schnell sagte ich: „So jetzt aber, komm! Wir müssen zu Blüte.“
      Nur eine Stunde später hatte nicht nur ein wunderschönes, sehr dunkles Hengstfohlen die Welt erblickt, sondern zu aller Überraschung auch ein kleines, dunkelbraunes Stutfohlen. Beide hatten wie ihr Vater einige weisse Flecken, das Hengstchen an der Flanke und an der Schulter. Sein krauses Fohlenhaar erinnerte mich stark an die Wolle eines Schafs, weshalb ich ihn Merino nannte. Die hübschen, noch etwas bläulichen Augen hatten etwas Besonderes in sich, sie wirkten unheimlich intelligent und wissend. Vorsichtig kraulte ich den kleinen, als er auf mich zu stolperte und betrachtete die krummen Tasthaare an seiner Schnauze. Das Stutfohlen bekam vorerst noch keinen Namen, da ich keinen weiteren genialen Einfall hatte. „Occu“, unterbrach mich eine leise Stimme von hinten. Es war Jonas, der anscheinend schon länger auf diesen Moment gewartet hatte, denn er fuhr hastig fort. „Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Würdest du mir kurz nach draussen folgen?“ Verwundert sah ich ihm in die Augen, stand dann aber Wortlos auf. Mein Herz pochte lauter als sonst und ich versuchte mir vorzustellen, was für eine Überraschung er meinen könnte. Draussen liess er mich alleine um etwas zu holen. Es war eine Kartonschachtel mit Löchern auf der Seite und im Deckel. Etwas Materielles…, stellte ich leicht enttäuscht fest. Was hast du erwartet? Vorsichtig öffnete ich den Deckel und starrte auf den Inhalt. Ein pummeliger, lackschwarzer Welpe fiepte mich an, wedelte mit dem kurzen Schwänzchen und versuchte, am Rand der Schachtel hochzuklettern. Ich hob ihn heraus und war einen Moment sprachlos. „Gefällt er dir nicht? Ich dachte, du könntest noch etwas Gesellschaft brauchen nachdem das Haus nun so leer ist. Ausserdem hat Jacky einen Spielpartner nötig, schau nur, wie unmotiviert sie in letzter Zeit ist. Aber wenn du ihn nicht haben willst, übernehme ich ihn eben…“ „Doch doch! Er ist wunderschön und ich bin sicher, dass Jacky sich sehr freuen wird. Aber wie um Himmels Willen kommst du dazu, einen Welpen zu kaufen?“ „Eine bekannte von mir züchtet Labrador Retriever und diese kleine Dame hier ist von ihrem letzten Wurf noch übrig. Sie hat mich daher gefragt, ob ich sie nehmen würde und ich konnte bei dem Fellbündel doch nicht ablehnen.“ Ich lächelte und streichelte das dunkle Wesen auf meinem Arm. Sie musste etwa 4 Monate alt sein und trug ein blaues Halsband. Ich sah Jonas kurz an, dann fasste ich all meinen Mut und gab ihm einen hastigen Kuss auf die Wange. „Danke“, murmelte ich danach verlegen und musterte konzentriert die Hündin. Er lächelte bloss nachdenklich und meinte, die Hündin heisse übrigens Sheela. Ich war erfreut über den schönen Namen und trug den Wildfang ins Haus, wo ich ihr erstmal etwas zu trinken anbot. Jonas half mir, ihr einen Korb zu errichten und sie zu versorgen. Hach, was für ein Hundeleben!
      9 Aug. 2014

      Old and New Fellows
      Caruso quietschte aufgeregt, als Ocean an ihm schnupperte. Dream liess alles gelassen geschehen, sie wusste, dass Ocean ihrem Sohn nichts antun würde. Die beiden waren das erste mal seit Carusos Geburt wieder draussen und er lernte gerade seine ‚Tante‘ kennen. Gespannt beobachtete ich die Szene vom Zaun aus und betrachtete liebevoll die langen Ohren des Fohlens. Obwohl der kleine Hengst erst wenige Tage alt war, verhielt er sich doch schon frech und wild. Dauernd versuchte er, seine Mutter zum Spielen zu bewegen. Und tatsächlich war es ihm bereits vorhin einmal gelungen, die weisse Stute zu einem raschen Galopp über die Weide anzutreiben. Dream schien sich in ihrer Rolle als Mutter wohl zu fühlen, denn sie umsorgte den kleinen liebevoll. Ocean hatte die Nüstern in das weiche Fohlenfell an der Schulter gedrückt und begann nach einigen Augenblicken des Ausharrens, Caruso zu kraulen. Ich lächelte zufrieden und sah meine Anwesenheit als überflüssig an, weshalb ich mich auf den Weg zum Hauptstall machte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag würden ganze drei neue Fohlen ankommen, davon zwei vom selben Züchter. Ich hatte sie sorgsam ausgesucht und war sogar mehrfach herumgereist, um sie mir live anzusehen. Doch sie würden erst um vier Uhr ankommen, daher hatte ich noch etwas Zeit für Frame, der mir aus seiner Box entgegenröchelte. Der Hengst hatte seine starke Bindung zu mir weiter aufgebaut, offenbar erinnerte er sich daran, dass Eowin und ich ihn gerettet hatten. Sie war letztens hier gewesen, um Noir für die Körung zu untersuchen. Ich betrat die Box und kraulte den Schecken liebevoll hinter dem linken Ohr. Was für ein erbärmliches Fellbündel er doch gewesen und was für ein prächtiger Hengst nun aus ihm geworden war. Ich war mittlerweile schon zweimal auf ihm gesessen und es war beide male ein unglaublich tolles Gefühl gewesen. Frame reagierte schon jetzt so fein auf Hilfen und verliess sich blind auf mich. Und ich mich auf ihn. Ich halfterte ihn und führte ihn nach draussen, um einen Spaziergang zu machen. Jacky lief am Boden schnuppernd neben mir her und Sheela tapste freudig und wild um sie herum. Die beiden kamen prima miteinander aus und Jonas hatte Recht behalten – Jacky war wieder viel aufgeweckter, seit die junge Hündin dazugekommen war. Obwohl Sheela schon jetzt grösser als sie selbst war, erzog Jacky den Welpen bei jeder Gelegenheit. Am Abend lagen sie meist eng zusammengerollt neben mir oder in ihrem Körbchen. Ich hob einen Tannenzweig vom Boden auf und warf ihn Jacky, als wir bei der Galoppbahn waren. Es war kühler geworden und ich hätte schwören können, dass die Isländer bereits dichteres Fell hatten. Wir würden sie schären müssen, wenn es so weiter ging.
      Ich fühlte plötzlich das Verlangen, einfach Frames Seil zu lösen um das Vertrauen des Hengstes zu prüfen. Also hängte ich den Strick aus und lief weiter, als sei nichts gewesen. Frame spitzte etwas die Ohren und drehte, in seiner neu erlangten Freiheit, den Kopf zu Seite, um die Landschaft genauer zu betrachten. Er blieb jedoch neben mir und trabte hinterher, als ich mit Jacky losrannte. Sheela hielt sich auf der rechten Seite, denn sie war bereits einmal fast von einem Pferd getreten worden und nun vorsichtiger. Jacky wusste sowieso Bescheid, was den Umgang mit Pferden anging. Als ich ausser Atem war, hielt ich abrupt an, woraufhin auch Frame sofort stoppte. Ich entschied lächelnd, dass ich wohl zukünftig kein Seil mehr brauchen würde. Irgendwie gab mir sein eisiges Auge als er an mir vorbei zu den Weiden starrte das Gefühl, dass er bei mir bleiben würde, komme was wolle. Ich kraulte sanft seine Schulter und bog auf den Schnitzelweg zu den Weiden. Bei den Minis machte ich halt, damit Frame sie beschnuppern konnte. Rosie kam mir entgegen und lachte als sie sah, wie mir Frame beim Laufen von hinten die Haare zerzauste. Er wollte mit mir spielen. Ich hüpfte showmässig zur Seite auf den breiten Grasstreifen neben dem Weg und wich ihm immer wieder aus, rannte ein wenig, bis er mir den Weg abschnitt. Immer wieder stiess er sich kraftvoll vom Boden ab und machte einige Bocksprünge aus purer Lebensfreude. Bei dem Spektakel vergass ich alles andere und war einfach nur wunschlos glücklich, wie ich es schon lange nicht mehr gewesen war. Rosie machte ein kleines Filmchen mit ihrem Handy und zeigte es mir, als ich keuchend mit Frame im Schlepptau angerannt kam. Der Hengst stoppte kurz vor Rosie und verkroch sich misstrauisch hinter meinem Rücken. Ich rollte die Augen und wir lachten beide, denn dieses Verhalten war üblich für den sensiblen Schecken. Ich sah auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es bereits fünf nach vier war. Rasch lief ich in Richtung Parkplatz, wobei mir Rosie noch etwas Unverständliches nachrief. Erst, als vor dem Transporter Halt machte, der bereits dort stand, fiel mir ein, dass Frame immer noch hinter mir stand. Da er brav gefolgt war und sich nun unsicher nach einem Grasflecken am Rand des Parkplatzes umdrehte, liess ich ihn vorerst in Ruhe. Er versicherte sich mit einem Blick, ob ich auch nicht weglief und senkte dann entspannt den Kopf. Ich widmete mich dem Transporter und dessen Inhalt, der bereits unruhig zappelte. Hans, der freundliche Pferde-Chauffeur half mir beim Öffnen der Klappe und teilte mir nochmals seine Trauer und sein Beileid wegen Jack mit, was er besser hätte sein lassen. Ich nickte nur abwesend und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Frame kam neugierig angelaufen um die drei wunderschönen Geschöpfe im inneren des Transporters zu beschnuppern, die zuvor so schrill gewiehert hatten. Das Fuchsfohlen streckte ihm mutig die Nüstern entgegen und machte kurz darauf unterwürfige Kaubewegungen, wie es sich gehörte. Kaythara die kleine Nachzüglerin von Edfriend starrte aufmerksam zum Hauptstall. Nur die zweite Stute, Riven, blieb in der hinteren Ecke verborgen. Sie war zwar eine Handaufzucht, doch relativ scheu geblieben und mochte keine ungewohnten Situationen. Lewis brachte gerade rechtzeitig die Halfter, die ich natürlich auch vergessen hatte, und übernahm Kaythara. Ich schnappte mir Simba und Hans nahm kurzerhand Riven. Er lud die Stute sanft ein, ihm zu folgen, woraufhin sie zögerlich die Rampe runterkletterte. Simba folgte mir relativ zügig und schubste mich ein wenig zur Seite, weshalb ich ihm einen Klaps auf die Schulter gab. Ich staunte, wie weich sein Fell war und wie golden es in der Nachmittagssonne glänzte. Ich habe die richtige Wahl getroffen
      Frame trottete brav wie ein Lamm neben mir her, während ich Simba gemeinsam mit den anderen zu den Fohlenweiden führte. Riven und Kaythara wurden sofort von den anderen Stütchen begrüsst und umringt, besonders Ciela interessierte sich für die Neuankömmlinge. Pointless hingegen blieb hinter Penny auf Abstand und beobachtete uns nur mässig interessiert. Sweets, Liquor und Bluebell wurden fast schon etwas zu aufdringlich für Kaythara, doch zu unserer Überraschung schien sich die schüchterne Riven von Anfang an bei ihnen sicher aufgehoben zu fühlen. Ich hatte Simba inzwischen auf die Weide nebenan geführt und abgehalftert. Er flüchtete nun vor Mano, der ihn spielerisch jagen wollte. Simba verstand dies anscheinend jedoch nicht als Spiel, sondern nahm sein Verhalten ernst. Auch nach zwanzig Minuten war es nicht besser geworden; immer wenn Simba anzuhalten versuchte, wurde er sofort weitergetrieben. Alysheba kam nun ebenfalls hinzu, weshalb ich eingriff und Simba vorerst wieder einfing. Ich dachte angestrengt nach, was ich nun zu tun hatte. Ihn alleine in eine Box stellen? Auf keinen Fall. Ich muss es morgen nochmal versuchen, bis dahin stelle ich den kleinen neben Blüte und Merino. Gedacht getan, ich brachte Campina in ihre alte Box zurück und stellte Simba in die leere neben Blüte, die vor einiger Zeit Coulee gehört hatte. Ausserdem brachte ich bei Gelegenheit auch gleich Frame zurück in seine Box, er hatte genug Freilauf gehabt für heute. Merino streckte neugierig die weichen Babynüstern durch die Gitterstäbe und knabberte mit den Zähnen am Metallrand, bis Simba ihm Beachtung schenkte. Die beiden schnüffelten kurz durch die Stäbe, dann kreiste Simba weiter in der Box herum. Er beruhigte sich aber rasch, offenbar würde die Nacht nicht allzu schlimm für ihn werden. Merino blieb noch immer am Gitter und beobachtete den hellen Fuchs. Seit wir seine Zwillingsschwester an Sarah Kyren verschenkt hatten, war er wohl etwas einsam gewesen. Zum Glück durfte er in wenigen Monaten zu den anderen Fohlen. Wir hatten die kleine Primo Viktoria von ihm und Blüte trennen müssen, da sie bei der Geburt zu schwach gewesen war. Sie wurde mit der Flasche aufgepäppelt, doch da dies sehr aufwendig war, übergab ich sie Sarah, die die nötige Zeit für die Kleine aufbringen konnte.
      Erleichtert verliess ich den Hauptstall, um nochmals nach den Stütchen zu sehen. Kaythara und Riven waren zwar noch etwas abseits, grasten aber einigermassen entspannt. Zufrieden klopfte ich mir auf den Schoss, um Jacky anzulocken und mit ihr ein wenig Ball zu spielen. Auch Sheela kam freudig angerannt und hopste durch das Gras.
      26 Aug. 2014

      Nachts fürchten die Mäuse den Jäger...
      Ich wachte nach einer unruhigen, mehr oder minder schlaflosen Nacht früh auf und begab mich zum Kühlschrank. Während ich nach einem geeigneten Joghurt kramte, plante ich den Morgen. Es würde alles etwas durcheinandergeraten nach meinem 'announcement', da war ich mir sicher. Doch verängstigte Mitarbeiter zu beruhigen war immer noch angenehmer, als Leichen zu entsorgen. Wenn es denn so weit käme... Vielleicht halste ich mir auch nur zu viele Sorgen auf. Als ich fertig gelöffelt hatte, schmiss ich das leere Gefäss in den Müll und öffnete mit wetterfesten Kleidern die Tür. Es Regnete und war neblig - was konnte es an so einem Morgen sonst sein. Ich seufzte kaum hörbar, aber reichlich genervt und machte mich auf zum Hauptstall. Es war noch finster und die Pferde dösten vor sich hin, als ich vorsichtig das Tor aufschob und eintrat. Winter, in einer der beiden vordersten Boxen, lag mit eingeklappten Beinen im Stroh und sah auf, sobald ich mich näherte. Er blieb jedoch liegen, als ich die Box öffnete und auf ihn zuschritt. Er röchelte sogar leise, und ich kniete neben ihn, um ihn zu kraulen. Es war unheimlich beruhigend, seine dunklen, verschlafenen Augen zu begutachten und seine Lippen entzückt zittern zu sehen. Nach einer Weile öffnete sich das Tor erneut; Quinn und Ajith tauchen in der Öffnung auf. Einen Moment sahen sie sich verwirrt um, dann hörten sie meine Stimme und kamen zur Box. "I woke up earlier. You weren't expecting murderer inside here, were you?" Ajith zeigte sich bestürzt. "What?? No, why?" "Because there's a murderer spraying around in our forests." "No way! And what are we going to do?" Ich schwieg einen Moment. "We inform the others as soon as possible, but then we go on as normally and hope thqt the policemen do their work." Die beiden nickten und ich stand auf, um den besorgten Gesichtern ebenbürtig zu sein. Ich klopfte Winter zum Abschied auf den Hals und verliess seine Box. Wir holten die Schubkarre und füllten sie mit Heu, während nach und nach auch die anderen Pfleger auftauchten. Bald war der Stall erfüllt von munterem Geplapper und dem Scharren und Schnauben der Pferde. Dann hielt ich meine kleine Rede. Und schon war die fröhliche Stimmung ersetzt durch sorgenvolles Schweigen. Keine lustig pfeifenden, witzelnden Pfleger mehr, nur stille Arbeiter. Ich beschloss neutral zu bleiben und lief zu Paints Box - es war Zeit fürs morgendliche Training. Oliver hatte die Pferde ihren Reitern schon am Vorabend zugeteilt, es änderte sich aber kaum etwas im Vergleich zum Wochenplan. Die schwarze Stute begrüsste mich mit ihrer weichen, rosa Schnauze. Ich streichelte das samtige Fell an ihrem Hals und kraulte sie liebevoll hinter dem Ohr, bevor ich ihr das Halfter überzog. Anschliessend band ich sie in der Stallgasse an. Ich öffnete die Schnallen ihrer Fleece Decke und zog sie nach hinten, liess sie jedoch halb auf der Kruppe liegen, denn die Stute war geschoren und um halb sechs war es bekanntlich noch ziemlich frisch, draussen und in der Stallgasse. Ich bürstete das kurze, stoppelige Fell gründlich und entwirrte ihren Schweif. Dann sah ich mir die Hufe an, prüfte ob die Eisen noch hielten und entfernte den Schmutz der Nacht. Weiter vorne in der Gasse richtete Oliver Blüte her, Iskierka wurde gegenüber von mir von Ajith betreut. Auch Gray, Cold, Mikke, Sumerian, Campina, Felicita, Indiana und Cassy wurden geputzt, heute Morgen trainierten wir nämlich alle Stuten zuerst. Diana sah mit ihrem neuen Zaumzeug extrem schick aus. Die Stute nahm zwar aufgrund ihres Alters nicht mehr an grossen Rennen Teil, diente den jüngeren Vollblütern aber als Vorbild und wurde in erster Linie mittrainiert, um sie für's Military fit zu halten. Als alle fertig waren und ihre Pferde nach draussen zum Aufsteigen führten, löste auch ich den Strick von Paint und ging mit der Stute ins Freie. Vor uns hob und senkte sich das muskulöse Hinterteil von Cassy. Ich beobachtete entzückt, wie ihr seidiger, weisser Schweif im Takt dazu Tanzte. Ich war unheimlich froh, die Stute übernommen zu haben, denn sie musterte sich mehr und mehr zu einem talentierten Galopper. Bei ihrer Abstammung war das ja auch kein Wunder. Ich zog den Reissverschluss meiner Fleecejacke höher, trotzdem zitterte ich noch vor Kälte. Bald nicht mehr, dachte ich schmunzelnd. Auch Paint war zappelig, sie kreiste um mich als ich mich in die Reihe stellte um von Oliver auf's Pferd geschmissen zu werden. Mit den kurzen Steigbügeln war es schwer, ohne Hilfe hochzukommen und der kleine Hocker, der bis anhin diese Hilfe geleistet hatte, hatte vor drei Tagen den Geist aufgegeben, sehr zum Pech von Quinn, die danach erschrocken halb am Pferd hing. Ich massregelte Paint und hielt sie einigermassen ruhig, bis ich endlich oben war, dann liess ich sie zügig den anderen zur Galoppbahn folgen. Wir ritten im Gänsemarsch eine Runde schritt, dann trabte die ganze Reihe auf Kommando an. Paint ging schwungvoll und locker, trotz der Temperaturen, aber Grey vor mir zog den Schweif ein wenig ein. Nach einer weiteren Runde wurde es besser. Wir wechselten die Seite und galoppierten schliesslich nach ein wenig linksseitigem Trab an. Nach einem Umlauf verliessen wir die Bahn über den sauber gewischten Kiesweg und ritten zu den Startboxen. Natürlich hatten nur acht Pferde in den acht Boxen Platz, weshalb wir zwei Gruppen bildeten. Per Handzeichen wurde bestimmt, dass Caprice, Felicita, Blüte, Iskierka und Paint zur ersten Gruppe zählten. Ich entschied mich für die dritte Box und trieb Paint hinein, doch sie ging sowieso freiwillig da sie wusste, dass sie gleich rennen durfte. Ich spannte die Zügel, hielt sie kurz, nahm die Startposition ein, um beim Absprung nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Endlich waren alle drin und Ajith, der als "Bodenpersonal" dabei war, rief uns die Kommandos zum fertig machen zu. Dann sprangen die Türen auf und Paint beförderte uns kraftvoll von Anfang an an die Spitze. Ich hielt mich ein wenig an der Mähne der grossen, schwarzen Stute und war froh um meine Schutzbrille, denn die Morgenluft schlug mir eisig ins Gesicht. Ich wagte beim 500-Meter-Pfosten einen Blick über die Schulter und sah, dass Blüte aufholte. Ich liess sie passieren, denn ich wollte Paints Energie für den geplanten Kopf-an-Kopf Schluss sparen. Auch Felicita kam neben uns und hielt diese Position bis zum 1000m-Pfosten. Nun ging es nochmals in die Kurve, danach folgte die Zielgerade. Alle Pferde schlossen zueinander auf und Blüte und Felicita teilten sich die Spitze. Ich gab Paint etwas Zügel frei, sodass wir auch vorne mitmischen konnten. Kierka hängte sich links an Paints Flanke, nur Capri blieb verschollen. Ich drehte mich nochmals kurz und sah die Fuchsstute in einer Pferdelänge Abstand folgen, Tendenz steigend. Die Stute war noch immer nicht wieder 100%ig fit, da erstaunte dieses Schwächeln auf der Bahn nicht. Ich gab Paint nochmals etwas Zügel frei, sodass sie sich streckte und wir mit einer Nasenlänge gewannen. Ich tätschelte ihren Hals, während ich mich aufrichtete und sie auslaufen liess. Als sie in den Trab, und schliesslich in den Schritt fielen, sammelten sich die Pferde und Reiter wieder und ritten gemeinsam zurück zur Startmaschine. Oliver kam auf Aerith angetrabt. Die Stute wurde mittlerweile als Trackpony ausgebildet und eingesetzt, neben den Westernturnieren, die sie regelmässig lief. Oliver wollte später mit Iskierka und Campina das vom-Pony-aus-geführt-werden trainieren. Doch zunächst war die zweite Gruppe auf der Bahn. Ich reihte Paint und mich neben Caprice ein und wir beobachteten das Schauspiel vom Bahnrand aus. Die Türen flogen auf und alle sechs Pferde schossen aus dem Metallgeflecht hervor. Indiana teilte sich sogleich die Spitze mit Gray. Die erfahrene Stute hatte Tendenzen zum Sprinter, Gray jedoch war ganz klar Steher und sollte am Anfang eher im Mittelfeld bleiben, da sie zu wenig ausdauernd war, um das Tempo durchgehend zu halten. Oliver rief die Anweisung, die mir auf der Zunge lag: David solle sie doch endlich zurücknehmen. Unser Trainer hatte wie immer ein Auge für Feinheiten und war unterdessen zu uns getrabt, um diese Details zu besprechen. "Occu, let her go at approximately 900 meters next time. She is old enough to start early." Ich nickte als Zeichen der Kenntnisnahme und kraulte Paint stolz am Widerrist. In der Bemerkung war nämlich ein verstecktes Lob für ihre raschen Fortschritte gewesen. Campina hatte mittlerweile Gray an der zweiten Position abgelöst und Cassy folgte dicht neben der dunkelgrauen Stute. Zu dicht. "Stay away from Gray, or do you want to trap over her legs!", schrie Oliver in gereiztem Tonfall über die Bahn zu Darren. "I told him last time already, but je won't change a bit until the horse has a broken leg!", meinte er an uns gewandt. Ich schwieg und verfolgte das Training. Der 1000m-Pfosten war passiert, nun wurde es erst richtig heiss. Indiana wurde von Cassy überholt, Sumerian tauchte aus dem Nichts auf und zog an Gray vorbei, Crack schob sich vor Campina. Sumerian konnte das Tempo mangels Ausdauer allerdings nicht lange halten und fiel rasch wieder zurück. Indiana entwickelte zwar guten Schub, konnte mit den leichten Jünglingen jedoch nur schwer mithalten. Gray lieferte sich auf den folgenden Metern einen spannenden Kampf mit Crack, die schliesslich richtig zulegte und sich sogar vor Cassy schob, allerdings nicht lange. Die Palominostute mit den grossen Abzeichen verteidigte die Spitze bis zum Schluss. Wir jubelten den heftig atmenden Körpern von Reiter und Pferden über die Bahn zu, ehe wir selbst auf die Bahn zurückkehrten um ein paar fliegende Starts zu üben. Der Nebel hing immer noch erdrückend über unseren Köpfen, doch immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Paint lief etwas zögerlich, vielleicht war sie noch erschöpft vom Rennen. Meine Sorge stieg jedoch, als sie auch nach vier Starts noch nicht gut wegkam. Normalerweise hatte sie mit dem Starten kaum Probleme. Ich rief Oliver, damit er sie sich ansah und tatsächlich: nach einer kurzen Demonstration schüttelte er den Kopf und winkte uns zu sich. "I think there's something wrong with her right foreleg. I'll call the vet." Solche Nachrichten waren in einem Rennstall sehr ungern gesehen, ich hoffte aber natürlich das Beste. Ich liess mich hinuntergleiten und führte die Stute, sorgsam beobachtend, in den Hauptstall zurück. Dort versorgte ich sie mit allem was sie brauchte, schmierte etwas Kühl Gel auf das betroffene Bein und zog ihr die blaue Fleece-Decke an. "Good girl, you'll be back in few days, I'm sure", flüsterte ich, etwas bedrückt. Ich schloss die Boxentür und holte Sheela und Jacky aus dem Haus. Auch die anderen Jockeys waren mittlerweile fertig und versorgten ihre Pferde, ehe sie sich versammelten, um die Hengste aufzuteilen. Ich wählte Sunday, denn ich hatte ihn die ganze letzte Woche Quinn überlassen. Nun wollte ich die Feinheit und Kraft des Hengstes selbst wieder geniessen. Wir trainierten wie zuvor, doch nach den Übungsrennen wurden Gruppen gebildet, um das Abteilungsreiten zu fördern. Die Pferde mussten bei ihrer Gruppe bleiben, selbst im rasenden Galopp. Sie mussten geduldig sein und auf die Hilfen ihres Reiters hören. Ich hängte mich an die Gruppe mit Stromer, Muskat, Winter und Chiccory. Die andere Gruppe bestand aus Fly, Light, Cantastor, Spot und Empire. Was für ein Gefühl das ist, mit fünf bebenden Hochleistungssportlern in einer Reihe über die Bahn zu jagen! Besonders wenn ein Pferd wie mein Sunday so fein mitmacht. Ich beobachtete ausserdem die anderen Pferde mit scharfem Auge, sodass ich mir fast wie Oliver vorkam. Frame war noch immer nicht beim Training dabei. Er war zwar schon mehrfach auf dem Platz kurz von mir geritten worden, doch ich wollte zuerst sicherstellen, dass er gut ausgebildet war und nicht überfordert wurde, ehe ich ihn mit zum Konditionstraining nehmen würde. Auch Oliver hatte mir dabei zugestimmt. Ich musste lachen, als Chiccory sich nach dem letzten Galopp schüttelte, als hätte er Fliegen in den Ohren. Dabei hatte Lisa ihm nur kurz ein Strohstück vom Ohr wischen wollen.
      Nachdem auch diese Trainingseinheit zu Ende war, gab es erst einmal eine Kaffee Pause. Selbstverständlich erst, als die wertvollen Tiere zufrieden in ihrer Box raschelten. Ich hatte Sundays Hufe eingefettet, damit sie nicht brüchig wurden. Dies war eines unserer Rituale, wie das tägliche Bürsten und das Abduschen nach harter Arbeit. Die Stimmung in der Sattelkammer liess nicht den geringsten Zweifel an der Sorglosigkeit der Pfleger zu, sie waren gute Schauspieler. Sie mussten immerhin regelmässig vor Publikum so tun, als ob alles im Griff sei. Schwäche zeigen wollte auf der Rennbahn keiner, es ging den meisten nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre. Die Pferde funkelnd, das Sattelzeug gepflegt und wie neu. Und ein nahtloser Ablauf, ohne sichtbare Kommandos oder Anweisungen. Jeder wusste, was zu tun war. So auch heute, zuhause. Keiner verlor ein Wort über meine Ansprache vor dem Training, alle lächelten. Ich kam mir seltsam verloren vor, in dieser Maskierten Welt. Wem konnte man trauen, wenn das Leben das reinste Gaukelspiel war? Plötzlich ertönte ein lauter Knall, augenblicklich flutete eine erschrockene Stille den Raum. Ein Jäger? Ein Knallen eines Motors? Ich malte mir einige Szenarien aus, während ich mit Ajith und Lewis nach draussen hastete. Stille - wie im Raum zuvor. Dann ein zweiter Schuss, Hilfeschreie. "What the - " Ich stürzte um die Ecke und erblickte unseren Nachbaren, einen sonst so friedvollen, älteren Herren, mit seinem Jagdgewehr in der Hand. Er gestikulierte wild umher und deutete auf einen parkierten Ford, hinter dem jemand kauerte. Lewis und Ajith umstellten den Wagen und packten die Person, ich beruhigte den Bauern. "It is him, he is it! The murderer! I know it!" Der verängstigte junge Bursche stotterte einige unbedeutende Worte, ehe seine Stimme versiegte. Nie und nimmer ist er ein Mörder. Wir klärten das Ganze auf dem Parkplatz, und schon nach einigen Sätzen wusste ich, was tatsächlich vorgefallen war. Der Junge hatte am Morgen wie gewohnt die Arbeit auf dem Lehrbetrieb aufnehmen wollen, doch das Tor war noch verschlossen gewesen, vermutlich als Vorsichtsmassnahme gegen Killer. Daraufhin hatte sich der Junge als Kletterkünstler erwiesen, denn er war kurzerhand auf den Baum neben dem Bauernhaus geklettert, um über den Zaun zu kommen. Der Bauer hatte kaum das raschelnde Laub, die kräftigen Arme und die dunkle Hose des Burschen erblickt, als er schon zur Flinte griff und hinausstürmte. Der Junge, erschrocken über die Reaktion des Bauern, empfand es als klüger, das Weite zu suchen. Dadurch sah sich wiederum der Bauer bestätigt in seiner Annahme und nahm die Verfolgung auf. Ich schüttelte lachend den Kopf, als die Story geklärt war. Die beiden gaben sich noch immer misstrauisch die Hand zur Versöhnung, dann kehrten sie nach einem Beruhigungstee zurück auf ihr Land. Lewis, Ajith und ich sahen uns vor Erleichterung grinsend an. Doch in meinem Kopf sortierte ich die wilden Gedanken der Sorge. Wenn nun schon unser Nachbar so durchdrehte, wie konnten wir dann entspannt hier warten und uns in Sicherheit wägen?
      Alle hatten die Arbeit wieder aufgenommen, einer lag ruhig im Stroh. Lisas Schreie liefen mir kalt den Rücken hinunter. Ich raste mit Jonas zum Schauplatz und bemerkte, wie es ihm fast den Magen umkehrte. Vor uns lag der Elektriker, mit einem verheissungsvollen roten Flecken auf der Brust und im friedlichen, ewigen Schlaf. Ich habe schon schlimmeres gesehen, zum Beispiel zerstückelte Ehemänner, dachte ich bitter. Jonas betreute Lisa, während ich die Polizei rief. Jetzt musste alles schnell gehen - vielleicht waren Spuren auf der Leiche. Etliche Stunden später war klar; der Täter war kein Amateur. Er hatte nicht den geringsten Tipp hinterlassen. Sie jagen ein Phantom, welches uns alle jagt...
      Ich biss mir auf der Unterlippe herum, während ich den Stall der Ministuten ausmistete. Ständig horchte ich auf, in der Erwartung, einen weiteren Schrei zu hören. Doch es blieb still. Totenstill. Nicht einmal die Pferde waren in der Lage, diese erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie schnaubten lediglich hin und wieder leise. Als ich mit den Minis fertig war, befasste ich mich mit den dreijährigen Ponys. Sie waren mittlerweile alt genug um eingeritten zu werden. Zwar standen alle drei noch auf der Fohlenweide, doch wir hatten bereits mit Longentraining und Sattelgewöhnung begonnen. Obwohl alle drei etwa gleichzeitig mit dem Training begonnen hatten, waren erhebliche Unterschiede zu erkennen. Lychee machte fast täglich grosse Fortschritte und arbeitete eifrig mit, manchmal fast zu eifrig. Sweets hingegen war etwas zurückhaltender und brauchte länger, um den Gurt zu akzeptieren. Bluebell war unkompliziert und lernfreudig, mochte es aber überhaupt nicht, angebunden zu werden. Ich fasste eines der schwarzen Standardhalfter und streifte es Sweets über die kurzen Ohren. Sie kam brav mit, als ich mit ihr die Strecke zur Halle lief, bloss hin und wieder drehte sie den Kopf und wieherte. Ein Wohlklang in der Einsamkeit an diesem Nachmittag - dachte ich schmunzelnd. Ich schritt zügig voran und schob das Hallentor auf. Drinnen wärmte Rosie gerade Ocean auf, wie vereinbart. Auch Jockeys mussten ab und zu ein wenig Dressur reiten, um nicht aus der Übung zu kommen, und so konnte ich auch gleich die erfahrene Stute als Lehrmeister für Sweets einsetzen. Kaum erblickte sie Ocean, da wurde Sweets auch schon deutlich ruhiger und konzentrierter. Ich hängte zunächst die Longe ein und liess sie im Schritt um mich herum gehen. Sie tat dies nun zum vierten Mal und wusste bereits, dass sie auf der Kreisbahn bleiben musste. Nur die Biegung konnte noch verbessert werden. Nach vier Runden rief ich deutlich "Trot" und machte etwas Druck mit der Longiergerte, sodass sie beides verknüpfen konnte. Die junge Stute lief schwungvoll - sehr schwungvoll, ich musste sie in ihrem Eifer bremsen. Beim angaloppieren kamen dann die berüchtigten Freudensprünge, doch ich hatte damit gerechnet und vorsorglich Handschuhe angezogen. Nun war es an der Zeit, den Gurt und den Sattel zu holen. Sie wirkte auf den Longiergurt wie zuvor skeptisch, blieb aber still stehen und liess mich ohne zu zicken anziehen. Ich lobte sie einige Male, während ich den Gurt löste und wieder anzog. Als ich das Gefühl hatte, dass sie entspannter sei, holte ich den Sattel und den richtigen Gurt. Ohne zu zögern schwang ich ihn auf Sweets' Rücken und zog den Gurt an, ehe ich ihn wieder löste und das ganze Spiel wiederholte. Später ging ich einen Schritt weiter und longierte sie mit Sattel. Zum Schluss führte ich Sweets noch ein wenig durch die Halle und machte Gehorsamkeitstraining. Danach brachte ich sie in den Nebenstall, wo bereits drei Boxen hergerichtet worden waren. Ja, es war Zeit die Terrorherrschaft der drei Ponys über die anderen Fohlen zu beenden. Sweets zögerte etwas, als ich sie in die hinterste Box führte, sie schien zu ahnen, dass ihr leichtes, sorgloses Dasein auf der grünen Wiese vorbei war. Doch sie wird bald herausfinden, dass es gegen ein anstrengendes, aber spannendes Leben eingetauscht wird, dachte ich schmunzelnd und stellte mir einen herrlichen Wintergalopp mit Sweets vor. Ich liess die kleine Stute in der Box zurück, was ihr so gar nicht passte. Sie lief im Kreis und wieherte nach ihren Kollegen. Den frischen Heuhaufen zu ihren Hufen beachtete sie nicht. Aus einiger Entfernung kam eine gedämpfte Antwort, offenbar wurden Lychee und Blue gerade von Jonas und Rosie geholt. Alles verlief reibungslos: auch die beiden wurden in ihre neuen Boxen gebracht. Blue beschnupperte Sweets prüfend durch das Gitter, dann entspannten sich alle sichtlich und Lychee begann zu fressen. Bald senkte sich auch der letzte Kopf dem Heu entgegen und Ruhe kehrte im Nebenstall ein. Jonas nahm mich spielerisch in den Arm, doch ich war nicht in der Stimmung für Flausen; noch immer horchte ich ständig nach Ungewohntem. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Wir schlenderten zum Hauptstall und ich half beim Wischen.
      Die Dunkelheit schlich sich langsam über den Horizont auf die Britischen Inseln zu und mit ihr die Angst. In der Nacht hatte der Killer bisher gejagt, das war auch überaus vernünftig gewesen. Ich sah zumindest die Logik darin, auch wenn das meine und der Pfleger Situation nicht sonderlich zu bessern vermochte. Ich hatte mich überreden lassen, mit Quinn, Rosie, Lily und Lisa im "Pflegeheim", wie es scherzhaft genannt wurde, zu übernachten. Ich musste zugeben, dass mich der Gedanke an mein einsames, dunkles Zimmer nicht gerade gelockt hatte, doch alles war besser als mit Lisa in einem Raum zu nächtigen - was mir leider viel zu spät klar wurde. Sie plapperte den ganzen Abend mit ihrer schrillen Stimme, als wäre dies eine spassige Pyjamaparty, und spätestens mit ihren etwas taktlosen Horrorszenarien über den Tod des Elektrikers verlor sie den letzten Zuhörer. Ich meinerseits litt bereits an Kopfschmerzen und floh in den Gang hinaus. Im Aufenthaltsraum brannte Licht, Lewis, Darren und Jonas sassen auf den Sofas und unterhielten sich gedämpft. Ich setzte mich wortlos auf den erstbesten Platz der mir einfiel: die Armlehne neben Jonas. Er blickte mich einen Moment geheimnisvoll an, dann wandte er sich wieder den anderen beiden zu. "Do you think they'll catch him soon?" "Nay, he seems to be very clever and of course our dear officers are too lazy, they have not had anything like this since they work here", meinte Lewis. Er fuhr sich gähnend mit den Fingern durch die hellrote Mähne, dann grinste er verheissungsvoll. "I'll go to bed now, or I'll be dead tomorrow." Ich lächelte halbherzig und sah Darren und Jonas an, mit der Erwartung, dass sie ebenfalls aufstehen würden. Doch sie fuhren fort mit dem Gespräch. "They must certainly have found something, or at least they will, 'cause nobody is perfect. He'll make mistakes, like people do" brummte Darren. Jonas konterte: "Jack the Ripper blieb auch verschollen." Darren wollte etwas entgegnen, schloss den Mund jedoch, stumm. Jonas sah mir wieder in die Augen, als wollte er meine Meinung hören. Ich überlegte, dann antwortete ich: "Mir war es egal, wann und wie sie ihn fassen. Solange er einen grossen Bogen um Pineforest Stable machte. Aber das hat er nicht getan, also hoffe ich, dass sie ihn schnappen und er in der Hölle schmort." "Woher weisst du, dass es ein 'er' ist?", wollte Darren wissen. "Ich glaube kaum, dass eine Frau genug Kraft gehabt hätte, um den Elektriker niederzuringen... Abgesehen davon wäre eine Frau geschickter vorgegangen und hätte die Leiche gleich verschwinden lassen." Jonas sah mich gespielt böse an und stupste mir in die Seite, ich musste lachen, da ich schon immer zu den eher Kitzligen gehört hatte. Dann schlang er plötzlich seinen Arm um mich, zog mich von meinem Platz auf seinen Schoss und fasste meine Hand. Ich lachte noch immer, versuchte meine Verwirrung zu verbergen. Darren stand auf und murmelte etwas von wegen "Gute Nacht ihr Turteltäubchen" auf Englisch, ehe er grinsend in einem der Zimmer verschwand. Ich protestierte, in der Hoffnung, dass er es noch hören würde. Mir war bewusst, wonach dieses Szenario aussehen musste, doch ich wusste auch, dass Jonas es nicht ernst meinte (das tat er ja anscheinend nie) und ich wollte keine falschen Gerüchte über uns im Umlauf haben. Besonders Lisa fände solch eine Geschichte bestimmt spannend. Ich schauderte bei dem Gedanken. Jonas wollte mich nun hinlegen, indem er mich hochhob. Ich sperrte mich im ersten Augenblick, doch dann gab ich nach. Mein Herz klopfte, trotz all der Zweifel - ich liess mich fallen. Er legte sich ebenfalls hin, Ende des Spiels war, dass wir beide auf dem Sofa ausgestreckt waren, ich an ihn gekuschelt. Ich hatte mich damit abgefunden, mehr noch; ich begann es zu geniessen. Trotzdem da die übliche Vernunftsstimme in meinem Kopf hallte, "Du weisst, das das nichts ernstes ist". Er fragte leise: "Bequem?" Ich nickte. Ich musste zugeben: es war schon warm und angenehm, wie er den Arm um mich legte. Und das sanfte streicheln seiner Finger über meine Hand jagte mir ein Kribbeln quer durch Körper. Wir lagen dort bestimmt eine halbe Stunde, in der zunächst ich ständig prüfend zur Tür starrte, fest entschlossen bei einer Bewegung sofort aufzuspringen. Ich kann das hier jederzeit beenden, und ich werde ihm auch nicht wieder hinterher trauern. Doch auch nach fünfzehn Minuten war kein Lebenszeichen der Tür zu erkennen, also entspannte ich mich vollends. Und dann war der Spuk auch schon vorbei. Aus einem der vorderen Zimmer rief jemand: "Jonas come here, we want to sleep. If you do not, you have to stay outside!" Er zuckte zusammen und ich stand auf, damit er sich aufrichten konnte. Ein letztes Mal durchwuschelte ich seine dunklen Locken, dann liefen wir gemeinsam zum Gang und trennten uns. Etwas wehmütig war ich schon, denn ich hatte es insgeheim sehr genossen, mit dem Ohr auf seinem Brustkorb dem Herzschlag zu lauschen, oder seinen warmen Atem zu fühlen. Doch ich legte mich in eines der leeren Betten, die anderen schliefen bereits, und leerte meinen Kopf von allen Geschehnissen des Tages, ehe ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf sank.
      03.12.2014

      Ein schicksalhafter Tag
      Wie gewohnt lief ich morgens um 5 Uhr durch den Hauptstall und hielt vor der weissen Tafel in der Sattelkammer. Auch Lily und April standen bereits dort und suchten ihren Namen. Am Vorabend waren nämlich die neuen Einsatzpläne für den Februar ausgearbeitet worden. Ich hatte wie immer mitgeholfen beim Einteilen und wollte nun sehen, ob die Jockeys zufrieden waren. April fand sich auf der Liste und rief erfreut: „Yes! I hoped I’d get Fly and Sunday!“ Sie hatte ausserdem noch Blüte und Gray zugeteilt bekommen. Lily nickte ebenfalls zufrieden (sie hatte Light, Campina, Chiccory und Cantastor bekommen) und schien sich im Kopfe schon zu überlegen, wie sie diesen Monat Trainieren wollte. Ich selbst hatte darauf bestanden, wieder Winter und Stromer zu übernehmen, ausserdem hatte ich wie immer Frame bekommen, da der sensible Hengst bei mir mit Abstand am besten lief. Ausserdem hatte ich mich für die neue Stute gemeldet, die wir bei einem Ungarischen Pferdehändler gekauft hatten. Es handelte sich um einen Furioso, ein hübsches dunkelrotes Tier, das jedoch in einem recht schlechten Zustand war. Sie würde heute Nachmittag nach einer langen Auto- und Fährenfahrt ankommen. Noch am Morgen würde ein neuer Vollbluthengst ankommen, von dem wir uns viele Erfolge für die Zukunft erhofften. Ausserdem hatte ich beschlossen, Feline wieder zu mir zu holen. Die Stute hatte sich zu einer echten Schönheit gemausert und so wollte ich sie nicht länger verkaufen. Es fiel mir schwer zuzugeben, dass Elliot recht gehabt hatte und tatsächlich Potential in ihr steckte.
      Ich entschied, zuerst zu Stromer zu gehen und mich der ersten Morgengruppe für die Hengste anzuschliessen. In dieser Gruppe liefen bisher anscheinend Muskat, Empire, Light und Sunday mit. Eine gute Gruppe, dachte ich zufrieden, denn Muskat und Empire waren ja schon etwas älter und erfahren, die jungen Pferde konnten viel von ihnen lernen. Sie wurden eigentlich auch nicht mehr offiziell zum Rennen eingesetzt, nahmen jedoch immer noch regelmässig am Training teil damit sie fit blieben und Kondition fürs Springen hatten. Ich löste die Schnallen von Stromers babyblauer Fleece-Decke und faltete sie über der Kruppe. Dann schnappte ich mir die Langborsten Bürste und wischte damit über sein geschorenes Fell. Für den Kopf nahm ich eine kleinere Kopfbürste, denn er mochte die Grossen Bürsten nicht bei den Ohren. Nachdem ich auch mit der Kardätsche und dem Fellhandschuh über den Körper des Hengstes gefahren war, befand sich kein Stäubchen mehr auf dem Stoppelfell. Auch die Mähne wurde schön gekämmt und auf eine Seite gelegt, doch nach einmal schütteln hatte sie Stromer wieder kreuz und quer über den Hals fallend. Ich musste schmunzeln bei dem Anblick, denn er schien sich immer dann zu schütteln, wenn ich einen Bändigungsversuch an dem weissen Langhaar unternommen hatte. Als nächstes holte ich den kleinen Rennsattel und das Zaumzeug, wobei ich zu Empire und Thomas rüber schielte und feststellte, dass der Jockey auch erst am Satteln war. So weit so gut – als ich fertig war, führte ich meinen Cremello nach draussen zum Aufsteigen. Er wartete geduldig bis ich oben war und die Bügel eingestellt hatte. Ich schloss mich Light und Sunday an, sobald die beiden in Richtung Galoppbahn ritten. Wir würden wie immer zuerst dort aufwärmen und danach auf die Grasbahn gehen, die noch immer von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Stromi war gut drauf und machte schön lange, geschmeidige Schritte. Ich freute mich also auf ein tolles Training. Während dem Schrittreiten plante ich, was heute noch alles zu tun war. Um vier Uhr fand ein Qualifikationsrennen in Nottingham – Colwick Park statt, bei dem the Cold Crack of Dawn und Campina eingetragen waren. Tom und Lily würden sich beim Training unter keinen Umständen verletzen dürfen. Endlich trabte die Gruppe an und ich tat es den anderen gleich. Wir ritten schön hintereinander den Schnitzelweg entlang, dann bogen wir auf den Kiesweg in Richtung Trainingsbahn. Wir starteten heute im Feld und jeder trainierte für sich, wobei wir ab und zu kleine Kopf-an-Kopf Sequenzen einbauten. Einmal rief ich zum Beispiel April, die daraufhin etwas abbremste damit ich aufholen konnte. Sunday gab sich alle Mühe, meinen sechsjährigen Cremello nicht nach vorne zu lassen, doch Stromer streckte sich wie eine geschmeidige Katze und schob sich bei jedem Sprung einige Zentimeter vor. Am Ende des Trainings fiel mir auf, dass Light ein paarmal hustete. Zur Sicherheit sagte ich Oliver Bescheid, der es ebenfalls schon von seiner Beobachterposition am Rand der Bahn bemerkt hatte. Er verordnete einen Ruhetag und eventuell einen weiteren, falls es nach einem längeren Longieren wieder passieren würde. Auf meine Frage hin meinte er, dass es nichts Ernstes sei und sich der fast schwarze Hengst vermutlich etwas erkältet hatte. Ich nickte, beruhigt, dass er dasselbe dachte. Wir verräumten die Pferde, wobei ich Stromer lange mit der Fleecedecke trockenführte, damit er nicht auch noch zu husten anfing. Danach holte ich das Putzzeug von Winter, denn der war als nächstes dran. Mein grosser Schneemann sah mich ungeduldig an und verdrehte die Augen beim ausgiebigen Gähnen. Ich bürstete das weisse Fell liebevoll und kratzte die Hufe aus, ehe ich ihn sattelte und zäumte. In dieser Gruppe liefen Fly, Chiccory und Spot mit, ausserdem einige der Stuten: Paint, Capri und Diana. Dies klappte normalerweise Problemlos, da die Jockeys die Hengste voll im Griff hatten und diese sich sowieso eher auf das Training konzentrierten. Ich beobachtete beim Aufsteigen belustigt, wie Spot herumalberte, als Quinn auf seinen Rücken klettern wollte. Dem Vollblüter mit den lustigen Flecken konnte man einfach nicht böse sein. Er zählte zu meinen absoluten Lieblingen, doch natürlich liebte ich alle meine Pferde. Jedes von ihnen hatte seine eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter, was das Reiten immer wieder aufs Neue spannend machte. Es kam auch häufig vor, dass ich mich mit den Pflegern absprach und spontan ein Pferd ritt, welches nicht bei mir eingeteilt war. Ich hatte kein Problem damit, den ganzen Tag im Sattel zu sein.
      Das Training mit Winter verlief wiederrum gut, allerdings war er nicht in Bestform gewesen und hatte seine Zeit vom letzten Mal überboten. Ich lobte ihn trotzdem sehr beim Absteigen, und hielt ihm ab und zu ein Karottenstück hin beim Trockenführen. Ich lief mit ihm hinunter zu den Weiden, liess ihn an den Minis schnuppern und die Nase zu den Hengstfohlen stecken. Die ganze Zeit über machte Winter ein fröhliches Gesicht und hatte die Ohren entspannt nach vorne gerichtet. Das Wetter war auch herrlich: Die Sonne schien und obwohl es noch immer ziemlich kalt war, kam es mir vor wie an einem Frühlingstag. Doch ich liess mich nicht täuschen, es war erst Februar und der Winter würde sich bestimmt nicht so leicht geschlagen geben. Ich brachte meinen Hengst nach zwanzig Minuten zurück in den Hauptstall und schaute, dass es ihm an nichts fehlte, ehe ich die Boxentüre schloss. Ich sah auf die Uhr. Schon acht! Herrjeh, ich muss noch Frame beschäftigen ehe ich den Vollbluthengst und Feline abhole. Ich beschloss, den Hengst zu longieren, denn das hatte ich schon länger nicht mehr mit ihm gemacht. Er war, seit seine Wunden vollständig verheilt waren, intensiv trainiert worden und hatte ordentlich Muskeln und Kondition aufgebaut. Von dem schwächlichen Jährling, den ich damals auf der Wiese gesehen hatte, war äusserlich keine Spur mehr. Innerlich spukten jedoch immer noch die Bilder von damals in dem Hengst, sodass er kaum eine Person ausser mir wirklich nahe an sich heranliess. Immerhin hatten wir ihn so weit, dass er sich auch von anderen Pflegern einigermassen problemlos führen liess. Doch es war noch ein langer, vielleicht unendlicher Weg bis zum nervenstarken, coolen Leistungssportler. Wie Oliver so schön sagte – das beste Rennvermögen nützt nichts, wenn sich das Tier beim Start erschreckt und den Jockey runterbockt. Ich seufzte bei dem Gedanken an den letzten Versuch mit Lily. Das war nun beinahe zwei Wochen her. Frame hatte sich nicht nur geweigert, in die Startbox zu gehen, er hatte sich auch mitten im Trainingsrennen erschreckt und war aus der Gruppe ausgebrochen, wobei er nur haarscharf an Muskat vorbeigestolpert war. Es hätte übel ausgehen können und Lily war danach so wütend, dass sie sich weigerte, wieder aufzusitzen. Bei mir war der Hengst, aus welchen Gründen auch immer, brav wie ein Lamm. Er folgte mir ohne Seil, zickte nicht rum beim Aufsteigen, tat überhaupt alles, was ich von ihm verlangte. Nur ab und zu vermochte ihn ein plötzliches Geräusch oder eine schnelle Bewegung im Gebüsch zu erschrecken. Jedenfalls putzte ich ihn an diesem Morgen rasch, legte ihm den Longiergurt an und hängte die Doppellonge ein. Dann ging ich mit ihm in die Halle, da dort die Ablenkungsgefahr geringer war. Ich übte mit ihm eine halbe Stunde diverse Übergänge, die Biegung und das schwungvolle Schieben aus der Hinterhand. Danach nahm ich mir Zeit, ihn zu versorgen und hastete anschliessend auf den Parkplatz zum Auto. Zuerst fuhr ich mit dem Anhänger eineinhalb Stunden nach Bristol um den Hengst namens Caspian zu holen. Ich hatte ihn direkt von seinem Züchter gekauft, den ich an einer Auktion kennengelernt hatte. Er hatte mir Caspian weit unter seinem Wert überlassen unter der Bedingung, dass seine Tochter, der er sehr ans Herz gewachsen war, ihn später hin und wieder besuchen durfte. Es war ein rührender Abschied vor Ort, denn die 16 Jährige kannte den Hengst seit seinen ersten wackeligen Schritten. Doch so war das nun mal, sie hatte von Anfang an gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihn loslassen musste. Ich für meinen Teil war froh, Caspian nun endlich nach Hause fahren zu können. Doch auf dem Rückweg ging es erstmal noch zu Feli, die mich mit Diana zusammen schon erwartete. Diana wollte auch in Zukunft immer mal wieder rüber auf Pineforest Stable kommen um Feli zu besuchen, doch sie hatte mittlerweile endlich ein eigenes Pferd von ihrem Vater bekommen, sodass sie sicherlich genug zu tun hatte. Zurück auf dem Hof half mir Jonas beim Ausladen und brachte Feli gleich in den Nebenstall, während ich Caspian vorerst in die Box neben Shio stellte. Falls das gut klappen würde, würde er auch dort bleiben dürfen, wenn nicht, dann mussten wir mal wieder eine neue Boxenordnung ausarbeiten. Der Schimmel schnupperte zwar interessiert an Shio, wandte sich dann jedoch gierig dem Heu zu.
      Am Nachmittag kam wie erwartet Satine, die Furioso Stute. Sie sah noch übler aus, als ich sie in Erinnerung hatte, doch wenigstens schien sie unverletzt. Traurig betrachtete ich das ehemalige Zirkuspferd aus der Nähe. Sie hatte kaum Muskeln und war mager bis auf die Rippen. Selbst ihre strahlend blauen Augen wirkten nichts als gestresst und müde. Ich fasste sie etwas näher am Halfter, als die den Kopf vor meiner Hand wegziehen wollte und murmelte beim Streicheln „Everything’s allright, you’re at home now.“ Sie senkte den Kopf etwas und blinzelte, weil sie Angst hatte, dass ich ihr in die Augen fasse. Ich führte sie nach einigen Minuten langsam in den Nebenstall, denn sie lief von der langen Fahrt noch wackelig und unsicher. In der Box machte sie sich nur halbherzig über das Heu her, sodass ich mich gezwungen sah, einen Tierarzt zu rufen. Hoffentlich ist sie nicht ernsthaft krank, betete ich innerlich. Die Diagnose war eine mittelschwere Lungenentzündung. Würden keine Komplikationen auftreten, so konnte sie in etwa zwei Wochen grösstenteils genesen sein. Sie bekam Antibiotika und strikte Stallruhe verordnet. Die Stute tat mir leid, denn sie hustete nun auch hin und wieder, was ihr Schmerzen zu bereiten schien. Wenigstens bestand kein Risiko für die anderen Pferde. Nachdem ich noch eine Weile bei ihr geblieben war und sie besorgt beobachtet hatte, ging ich zum Hauptstall um zu sehen, wie weit Tom und Lily waren. Sie hatten die Sättel und das restliche Zubehör bereits in den Anhänger gebracht und zogen nun gerade den Vollblütern die Transportgamaschen an. Campina stand bockstill und liess Lily an sich herumzupfen, während Crack wie immer vor und zurück zappelte. Ich half kurz, die Stute festzuhalten und streichelte sie liebevoll, während ich das Halfter hielt. Sie bedeutete mir sehr viel, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen, das machte sie unbezahlbar. Endlich waren die Gamaschen fest um die Beine gelegt und die Pferde wurden zum Parkplatz geführt, wo sie ohne zu zicken die Rampe hochliefen. Ich wünschte den fünfen eine gute Fahrt (Oliver ging als Trainer natürlich auch mit, ich hingegen hatte heute noch zu viel zu tun) und viel Glück beim Rennen. Besonders von Campina erhoffte ich mir eine gute Platzierung, denn die Stute war im Training ausgezeichnet gelaufen und schien auch heute in Topform zu sein. Fröhlich summend ging ich zu Rita, die beim Nebenstall Calico sattelte. Ich hatte versprochen, ihr heute eine Reitstunde zu geben. Die junge Frau, die mittlerweile sogar die Ausbildung zum Jockey in angriff genommen hatte, war extrem fleissig und saugte neues Wissen über Pferde auf wie ein Schwamm. Sie hatte sich von der gnadenlos überforderten Anfängerin zur zuverlässigen Pflegerin gemausert und wohnte nun sogar endlich mit den anderen im Pflegerheim. Ihr Vater hatte sich anfangs dagegen gesträubt, doch schliesslich hatte sie gewonnen, da sie ja schon 24 war und damit gedroht hatte, externe Hilfe anzufordern. Sie konnte zwar nun nichtmehr vom Reichtum ihres Vaters profitieren, doch das brauchte sie auch nicht. Sie verdiente sich ihr Geld nun selbst. Ich war anfangs sehr skeptisch gewesen, was ihren Charakter betraf, hatte ich sie doch als verwöhntes einzelkind eingeschätzt. Doch die Pfleger und ich hatten sie nun wirklich lieb gewonnen und sie war ein fester Teil von uns geworden. Als wir auf dem Platz waren stellte ich einmal mehr fest, dass sich das harte Training gelohnt hatte: Rita sass gerade und selbstsicher auf dem Schimmelhengst, hielt die Absätze tief und am rechten Ort. Ich musste sie jedoch ab und zu daran erinnern, die Hände nicht zu hoch zu halten. Calico spielte brav mit. Er hatte gelernt, respektvoll mit seiner ehemaligen Besitzerin umzugehen und lief bei den restlichen Pflegern und mir sowieso wundervoll. Ich hatte recht behalten: der Hengst hatte eine ausgezeichnete Veranlagung und lernte so schnell wie Rita. Nach der Stunde ging ich mit Sorrow ins Gelände. Es wäre eine Schande gewesen, solch wundervolles Wetter nicht zu nutzen. Vor dem Aufsteigen flocht ich dem stämmigen Hengst einen französischen Zopf in die Mähne. Es stand ihm ausgezeichnet. Wir ritten zum Fluss, überquerten die Brücke und dann nach Süd-Osten zu den beliebten Galoppstrecken. Sorrow gab ordentlich Gas auf den grasüberwachsenen Feldwegen, liess sich jedoch stets wieder bremsen. Einmal kam uns eine Frau mit einem schwarzen Hund entgegen, an dem der Hengst interessiert schnupperte. Dann hüpfte der Hund wieder davon und wir setzten unseren Ritt gemütlich fort. Genoss die Sonne und auch Sorrow drehte die Ohren zufrieden in der Umgebung herum. Auf dem Rückweg liess ich ihn etwas Schulterherein laufen und stellte ihn an den Zügel. So hatten wir auch unsere heutige Protion Dressur.
      Als ich auf dem Kiesweg an den Weiden vorbei ritt, klingelte plötzlich mein Handy. Huch, Was ist denn nun wieder los? Ich nahm ab und erkannte erschrocken Olivers besorgte Stimme. „We‘ve had an accident, you must come quickly to decide what to do with the horses.“ Wie in Trance stieg ich ab, rief Rosie, die Sorrow übernahm und rannte zum Parkplatz. Man hatte entschieden mich vor Ort zu rufen, da die Unfallstelle nur zwanzig Minuten entfernt war. Vor Ort fand ich einen Krankenwagen und mehrere Polizeiautos, ausserdem war bereits ein Tierarzt da. Wie sich herausstellte, hatten die drei eine Kollision mit einem betrunkenen Geisterfahrer gehabt. Dabei hatte sich der Transporter überschlagen. Tom, der gefahren war, war bewusstlos und hatte einige Brüche erlitten, sein Zustand war aber so weit stabil. Lily hatte einen gebrochenen Arm und Prellungen und Oliver war mit einer blutenden Nase davongekommen. Doch am schlimmsten hatte es die Pferde erwischt. Campina hatte starke Prellungen und lahmte. Für Crack gab es keine Rettung mehr. Ich stimmte zu, die Stute von ihren Leiden zu erlösen, denn sie hatte mehrere komplizierte Brüche erlitten und konnte nicht mehr aufstehen. Es war ein schrecklicher Augenblick, als der Tierarzt die Spritze aufzog, und ich drehte mich weg zu Pina, vergrub mein Gesicht in ihrem weichen Fell. Meine wunderschöne kleine Crack, das Geschenk von Jack! Es kam mir so unfair vor, dass mir nun auch diese Erinnerung an ihn genommen wurde. Doch es war besser für die Stute, alles andere wäre Quälerei gewesen. Campina wurde in eine Klinik in der Nähe gebracht, wo sie umfassend untersucht und behandelt wurde. Tom landete im Krankenhaus, durfte zum Glück aber schon nach vier Tagen nach Hause zu seinen Eltern. Auf Pineforest Stable würde er erst wieder in ein paar Monaten zurückkehren, wenn er wieder einsatzfähig war. Lily kam noch am selben Tag mit uns zurück auf den Hof, den Arm in eine Schlinge gehüllt. Sie wurde liebevoll von den anderen begrüsst und Ajith übernahm die ihr zugeteilten Pferde für den restlichen Monat. Ich wanderte nach all den aufmunternden und mitleidigen Worten der anderen still ins Haupthaus, wo ich mir erstmal einen Tee machte. Ich starrte während dem Trinken aus dem Fenster und beobachtete, wie Jonas den Kiesweg entlang zur Tür kam und klopfte. Soll ich aufmachen? Eigentlich will ich nicht… Ich bewegte mich nicht von der Stelle und wartete, bis er wieder verschwunden war. Trotzig dachte ich: wenn etwas passiert bin ich gut genug für dich und sonst behandelst du mich wie Luft. Spar dir die Mühe. Dann legte ich mich aufs Sofa und versank bis zum Abend in Melancholie. Der Tag hatte so schön begonnen, und nun das.
      Am Abend schlenderte ich lustlos zur Halle, wo Lisa gerade eine Reitstunde gab. Es waren ein paar Leute von auswärts da und vier Pfleger: Darren mit Herkir, Jason mit Bluebell, Jonas mit Loki und Anne mit Sweets. Ich setzte mich in den Zuschauerraum hinter die Scheibe und sah zu. Blue lief wiedermal zügig, sodass Jason ständig abwenden musste. Sweets ging beinahe konstant in Anlehnung, doch Anne liess sie zwischendurch strecken, damit sie nicht zu müde wurde. Schliesslich waren beide Pferde erst seit kurzer Zeit unter dem Sattel und noch nicht vollständig ausbalanciert. Herkir und Loki liefen mittlerweile richtig toll und nur Herkir gab ab und zu Gas – immer dann wenn Darren angaloppieren wollte. Ich war zufrieden mit den vieren. Nach der Stunde wollte ich mich wegschleichen, doch Jonas erwischte mich. „Warum hast du nicht reagiert, als ich geklopft habe?“, wollte er wissen. „Ich hab dich nicht gehört.“ „Aber ich war echt laut…“ „Kann passieren. Gute Nacht.“ Es schmerzte, so kalt zu sein, doch er hatte es verdient, da war ich mir sicher. Er sollte ruhig sehen, wie sich das anfühlte. Ich lief nocheinmal durch die Ställe und ging sicher, dass alle Pferde eingedeckt waren, dann legte ich mich ins Bett. Was für ein Tag
      8 März 2015
    • Stelli
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Willkommen zurück, alter Freund
      Als ich am Morgen erwachte, sah ich als erstes Jonas‘ dunkle Locken. Sofort schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. Ich zog die Decke etwas höher, da öffnete er ebenfalls die Augen. Wir sahen uns lange an, ohne etwas zu sagen. Dann strich er mir eine Strähne hinters Ohr und streichelte meine Wange, woraufhin ich noch etwas näher rückte. Er legte seinen Arm unter meinen Kopf. Wir lagen noch eine ganze Weile da, bis plötzlich jemand an die Haustüre hämmerte und die Hunde augenblicklich zu bellen begannen. „Occu? It’s 6 o’clock, are you alright?“ Lisas Stimme war nicht zu überhören. Ich warf einen Blick auf den Wecker. Tatsächlich, ich hatte vergessen ihn zu stellen und nun war es bereits sechs Uhr. Ich rief ihr zu, dass ich gleich kommen würde und stand augenblicklich auf. Jonas richtete sich ebenfalls auf und drehte sich weg, damit ich mich umziehen konnte. Dann gingen wir gemeinsam nach unten, fütterten Sheela und Jacky, assen eine Schüssel Müsli und verliessen zügig das Haus. Die beiden Hündinnen durften frei herumlaufen, denn Sheela hatte sich soweit eingewöhnt, dass sie jetzt auch wie Jacky brav auf dem Hofgebiet blieb. Als ich draussen vor dem Nebenstall Bluebell reitfertig machte, führte Jonas Herkir zum Roundpen. Lisa lief nebenher und ich schnappte ein paar Fetzen des Gesprächs auf. „Und wo hast du heute Nacht geschlafen? Darren hat gesagt, du seist weg gewesen“ „Stimmt, ich war noch etwas länger draussen“, mehr verriet er nicht. Ich schmunzelte und wandte mich Bluebell’s Hufen zu, die es auszukratzen galt. Mit der Reitponystute wollte ich heute ins Gelände gehen. Sie war erst zweimal draussen gewesen, sonst hatten wir vor allem auf dem Platz und der Galoppbahn mit ihr gearbeitet. Ich ging bewusst alleine mit ihr raus, denn ich wollte, dass sie sich vollkommen auf mich verlassen musste. Jedenfalls konnte ich so verhindern, dass sie an anderen Pferden klebte. Eigentlich hätte ich heute auch noch mit Sweets rausgehen wollen, doch dafür reichte die Zeit nicht, also wollte ich sie heute nur longieren. Bluebell drehte sich neugierig um, als ich ihre Beine vorne routinemässig abtastete. Ich machte das immer mal wieder, um heisse Stellen oder Knötchen frühzeitig zu bemerken. Die Beine der Roanschecke fühlten sich normal an. Ich richtete mich auf und nahm liebevoll ihren Kopf, um sie auf dem Nasenrücken zu streicheln. Sie schloss beinahe die Augen und genoss die Berührung sichtlich. „Bist eben doch eine Geniesserin, stimmt’s?“, murmelte ich leise. Rosie kam aus Islah’s Box. „Hey boss, the crazy cow is served. I’ve tried to lunge her, but she always stops as soon as I take the whip away. It’s a hopeless case I guess.” Wir lachten herzhaft, denn wir wussten ja beide, dass Islah nicht gerade die Hellste war. Dafür eine sehr führsorgliche Mutter, das hatte sie bei ihrem letzten Fohlen bewiesen. Mir geisterte schon seit längerer Zeit der Gedanke durch den Kopf dass es Zeit wäre, sie wieder einmal decken zu lassen. Die Frage ist nur, Numair oder Anubis? Oder soll es ein Mix werden? Da war ich mir noch unschlüssig. Ich fand die Idee mit Numair aber am attraktivsten, denn das Fohlen würde so sicherlich eine interessante Farbe bekommen. “However, what do you do now?“, fragte ich die Pflegerin. Sie antwortete unschuldig “I thought I probably go back to the house and… have a nap?” “How about having a nice ride into the woods with Sweets? Or are you really so tired? I know that I should work with her, but several new horses come today, so I’m quite busy…” “I’d like that! I’m not tired at all, I just didn’t know what to do” Ich klopfte ihr dankbar auf die Schulter und half ihr kurz, Sweets zu putzen, sodass wir gleichzeitig starten konnten. Als wir fertig waren, ritten wir gemeinsam vom Hof weg. Der Plan war, dass wir uns nach der Brücke trennten und dann etwa eine halbe Stunde alleine unterwegs waren, ehe wir uns vor der Übergangsstelle zur Flussinsel wieder trafen. Gesagt, getan – die Trennung verlief besser als Gedacht. Bluebell wieherte zwar etwas, doch nach einer halben Parade meinerseits lief sie brav und zügig den Weg zum Wald hinauf. Sweets war noch ruhiger: sie drehte gerademal den Kopf um zu sehen, wo ihre Kollegin hin verschwand, dann konzentrierte sie sich wieder auf Rosie und die Strecke die vor ihr lag. Mit Bluebell liess ich’s mal richtig krachen. Wir galoppierten so viel wie noch nie, was ihr sichtlich Freude bereitete, denn sie wurde jedes Mal geladener und konnte es kaum erwarten, wieder loszupreschen. Mir war das gerade recht, sie sollte ruhig auf den Geschmack kommen und das Gelände mit Spass und Abenteuer verbinden. Sie zeigte sich furchtlos und vertraute mir sogar, als wir auf der Wiese hinter dem Wald einer riesigen Mähmaschine begegneten. Ich ritt insgesamt eine grosse Schlaufe und war durch Blue’s fleissigen Takt früher als geplant wieder beim Fluss. Ich nahm mir daher richtig Zeit dabei, sie ans Wasser zu gewöhnen. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt in die richtige Richtung machte, lobte ich ausgiebig; wenn sie hingegen zurückwich, trieb ich sie kommentarlos wieder zurück an die vorherige Stelle. Bald setzte sie den ersten Huf ins erfrischende Nass, dann ging alles ganz schnell. Mit einem Satz standen wir im Fluss. Bluebell sog laut hörbar Luft ein und hatte die Ohren angespannt zu mir gedreht, entspannte sich aber schnell und senkte kurz darauf den Kopf zum Trinken. Gerade als Sweets ankam, begann sie, mit dem Vorderhuf zu plantschen. Ich flattierte sie lachend und winkte Rosie zu, dass sie auch reinkommen solle. Sweets war bereits letzte Woche einmal mit David im Wasser gewesen, daher musste die Scheckstute nur kurz überlegen, ehe sie ihre Füsse in den Fluss setzte. Blue wurde langsam ungeduldig und ich lenkte sie in eine kleine Volte, damit sie nicht wieder ans Ufer kletterte. Ich gab Rosie ein Handzeichen, daraufhin setzten wir uns in Bewegung über den Fluss. Wir mussten wie immer auch die Insel überqueren. Durch das ständige durchreiten hatte sich ein Trampelpfad durch die Büsche gebildet, der das Durchkommen erleichterte. Wir trabten auf der anderen Flussseite entspannt zurück zum Hof. Unterdessen erzählte mir Rosie, wie ihr Ausritt gelaufen war. Sweets war ihr einmal durchgebrannt, als ein grosser Schäferhund, der noch dazu unangeleint war, auf sie zu gerannt kam. Er hatte zwar nur spielen wollen, wie sich im Nachhinein rausstellte, doch Rosie gab zu, dass ihr auch etwas mulmig zumute gewesen sei und sie Sweets daher nicht wirklich böse sein konnte. Ich nickte zustimmend und erzählte ihr von meinem Abenteuer. Zurück vor dem Nebenstall versorgten wir die beiden Reitponys zurück in ihre Box, denn im Moment war es noch zu heiss für einen Weidegang. Ich sah auf die Uhr, deren kleiner Zeiger auf der Sieben stand. Jacky kam angeschossen und wuselte mir schwanzwedelnd um die Beine, von Sheela war keine Spur, aber weit konnte sie nicht sein.
      Bis um acht Uhr gab ich Rita mit Calico eine Reitstunde. Die beiden machten grosse Fortschritte, hatten aber in letzter Zeit wieder etwas mehr Meinungsverschiedenheiten. Heute lief der Criollo Hengst ganz schlecht. Er machte keinen Schritt freiwillig und bockte sogar, als Rita angaloppieren wollte. Ich runzelte nachdenklich die Stirn und lief zu den beiden hin, da Rita mit hängendem Kopf angehalten hatte. „Rita – tell me. What is it?“ Sie begann zu schluchzen und erzählte mir, dass ihre Eltern sich nun definitiv trennen wollten. Zu allem Überfluss hatte sie das Gefühl, schuld daran zu sein, wegen dem ganzen Theater mit Calico. Ich tröstete sie so gut ich konnte, denn das war nicht gerade eine meiner Stärken. Trotzdem fasste sie sich wieder und ich erklärte ihr, dass es im Leben eben manchmal nicht ganz wie geplant laufe, dies aber keineswegs den Untergang der Welt bedeutete. Dann rollten auch schon neue Tränen ihr Gesicht runter. Sie erklärte mir schluchzend, dass sie jetzt sogar das Reiten wieder verlernt habe und wirklich zu gar nichts zu gebrauchen sei, dass sie sich über ihre Unfähigkeit schäme und am liebsten ganz aufhören würde. “Look – there’s nothing to be ashamed of. It’s no wonder that Cali doesn’t want to work with you if you’re so much distracted. But you had reason to be. However, now it is time to focus on your little friend here again and forget all these problems. He feels your distress and refuses to work, because he is worried.” Sie sah mich mit grossen Augen an. “Do you really think that he knows how I feel?” “Sure, he knows better than yourself. That’s one wonderful thing about horses.” Sie rieb sich die Augen und lehnte sich nach vorne, um Calico zu streicheln und ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Dann richtete sie sich auf und sagte entschlossen: „Okay then, Rita is back.“ Ich war froh, das alte feurige Leuchten in ihren noch immer etwas geröteten, braunen Augen wiederzuentdecken. Allerdings schlug ich vor, das Reiten für heute sein zu lassen und stattdessen mit Calico schwimmen zu gehen. Ich half ihr beim Absatteln und schickte sie dann mit Badesachen, Knotenhalfter und Strick bewaffnet zum Fluss; das würde ihr guttun. Zufrieden klatschte ich in die Hände, als die beiden hinter den Tannen verschwanden.
      Nun wandte ich mich dem ersten Neuankömmling zu. Es handelte sich um eine wunderschöne, nachtschwarze Furiosostute namens Parányi. Als sie aus dem Anhänger stieg, entdeckte ich das Brandzeichen des Gestüt Sanssouci. Ich blieb anfangs etwas auf Abstand und hielt sie am langen Seil, denn so hübsch die Stute auch war: sie war berüchtigt dafür, sehr selbstständig Entscheidungen zu treffen. Und ich wollte lieber nicht im Weg dieser grauen Hufe stehen. Als sie dastand und mit giraffenartigem Hals ihre Umgebung abcheckte, trat ich zu ihr hin und streichelte beruhigend ihren Hals. Sie gab mir zum Dank eine Kopfnuss, als sie sich wieder umdrehte. „Stillstehen müssen wir noch üben, was?“ schmunzelte ich. Überhaupt war die Stute ja noch gar nicht eingeritten und würde erstmal gründlich aufgebaut werden, doch ich war überzeugt, dass sie Potential hatte. Als ich sie um die Ecke des Hauptstalls führte, rannte ein Schildpattfarbener Kater vor uns über den Weg. „Kafka! You’ll get tramped if you’re not cautious!“ Kopfschüttelnd erinnerte ich mich an die vier kleinen Kätzchen, die Lisa gefunden und aufgepäppelt hatte. Die vier waren nun ein Jahr alt und hatten nur Flausen im Kopf. Zum Glück bekam ich sie selten zu Gesicht, denn meistens waren sie irgendwo versteckt am Jagen. Ausserdem waren sie scheu Fremden gegenüber, also waren sie jeweils spurlos verschwunden, sobald die öffentlichen Reitstunden stattfanden. Na gut, okay, eigentlich mag ich die Fellknäuel. Besonders die kleine Shiwa. Ich brachte Parányi zur grossen Stutenweide, denn sie würde fürs Erste im Offenstall leben. So hatte sie immer genügend Bewegung und war bestimmt angenehmer im Training. Doch bevor ich sie ganz zu den anderen liess, musste sie auf dem Abgegrenzten Teil der Hauptweide ausharren und mit den anderen Bekanntschaft machen.
      Sehr gut, nun ab zu Ljóski. Im Nordstall begegnete ich Jonas. Erwarte nicht zu viel, er wird bestimmt wieder so tun, als sei nichts gewesen, sagte ich mir unverblümt. Doch er überraschte mich. Auf meinen herausfordernden Blick antwortete er mit einem Lächeln, dann kam er auf mich zu und umarmte mich spielerisch. „Herkir ist versorgt, Boss, ich habe heute etwas länger mit ihm gemacht. Hab ihn nämlich noch geduscht. Du hättest den Dreck sehen sollen, der aus dem ganzen Fell kam.“ „Loki hätte es auch mal wieder nötig“, meinte ich mit einem Seitenblick in dessen Box. Dann lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter und schloss die Augen für einen Moment. Es kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch schliesslich löste ich mich wieder von ihm und nahm Lokis Halfter von der Boxentür. Der kleine Isländer liess sich wie immer gut aufhalftern und nach draussen führen. Bevor ich durch die Tür verschwunden war, fragte Jonas, ob ich Hilfe bräuchte. Ich antwortete zögernd, um einen guten Grund liefern zu können. „Ahhh, ja, ich könnte ein wenig Schrecktraining mit ihm machen. Du könntest mir helfen, die Posten vorzubereiten.“ Er nickte und folgte mir. Loki liess ich in der Halle (es war uns beiden draussen auf dem Platz zu heiss gewesen) frei laufen, während wir einen bunten Ball, eine Rettungsdecke, einen Regenschirm, ein paar Kegel und einen Flattervorhang holten. Zuerst führte ich ihn zum Ball. Er schnüffelte vorsichtig daran, dann stiess er ihn sogar etwas weg. Sofort lobte ich ihn. Dann rollte ich den Ball auf ihn zu, woraufhin er etwas zurückwich. „Okay, neue Strategie: wir rollen den Ball vor ihm weg, sodass er denkt, dass der Ball Angst vor ihm hat. Jonas nickte und stand auf die andere Seite, dann führten wir den Plan aus. Tatsächlich wurde Loki schon nach wenigen Minuten mutiger und ging wirklich zum Ball hin. Ich scherzte zwischendrin: „Das ist aber ein echter Angsthasenball!“ Als nächstes war der Regenschirm dran. Zuerst öffnete ich ihn in einiger Entfernung, dann kam ich immer näher, während ich ihn auf und zu klappte. Hin und wieder gab Jonas dem Hengst ein Karottenstückchen. Der Schirm schien kein Thema für Loki zu sein, denn am Ende konnte ich ihn sogar direkt neben seinem Kopf öffnen. Weiter ging’s zur Rettungsdecke, die schön silbern glänzte. Er musste darüber laufen. Dies war schon etwas schwieriger für den Schecken, denn er konnte das funkelnde Zeug vor seinen Füssen irgendwie nicht einordnen. Als er nur noch rundherum zirkelte und gar nicht erst in die Nähe wollte, beschloss ich, ihn nur noch ein paar Mal in die Nähe kommen zu lassen, danach liess ich es gut sein. „Beim nächsten Mal wird auch das klappen“, erklärte ich Jonas überzeugt. Am Ende waren noch die Kegel dran. Dort machten wir nur etwas Slalom, als Führtraining und zum Ausklingen lassen. Loki musste auch rückwärts hindurch. Er schmiss zwar den letzten Kegel um, aber ich war längst zufrieden und führte ihn nun zum Waschplatz. Jonas und ich hatten eine halbe Schaumschlacht während dem einseifen von Loki. Jedenfalls war es sehr spassig. Ljóski hingegen fand das ganze Trara wohl nicht ganz so amüsant, er zappelte nämlich nach spätestens 10 Minuten immer wieder ungeduldig herum. Ich konnte es ihm nicht verkennen und liess ihn dafür zum Trocknen noch etwas neben dem Nordstall grasen. Jonas hatte verschwinden müssen, um nach Sorrow und Dancer zu sehen.
      Gegen Abend kamen endlich die letzten drei neuen an, oder besser gesagt die drei neuen alten. Denn alle waren schon mal auf meinem Hof gewesen. Caillean war der erste. Der kleine Miniature Horse Hengst war eines unserer Zuchtfohlen; ein Sohn von Alu. Ich musste ihn zurückholen, da sich seine Besitzerin nicht mehr um ihn gekümmert hatte. Zum Glück hatte mich ein alter Freund bei der örtlichen Polizei darauf aufmerksam gemacht, sodass wir den kleinen von seiner verdreckten Weide holen konnten. Er war ziemlich dünn und sein Fell struppig. Es tat mir richtig leid, ihn so zu sehen. Zum Glück schien er sonst nicht gesundheitlich angeschlagen. Ich holte ihn mit dem Transporter ab und stellte ihn zuhause als erstes unter eine gründliche Dusche. Er wurde von Kopf bis Fuss einshamponiert, bis er wieder blitzblank war. Dann erst durfte Caillean zu seinem Vater. Ich blieb jedoch während der ersten halben Stunde dabei und liess danach Lisa weiter beobachten, ob sich die Hengste vertrugen. Feather akzeptierte den Neuankömmling jedenfalls rasch, Caresse brauchte aber wiedermal etwas länger.
      Als nächstes wurden auch noch Paluche und Bottle of Jack zurückgebracht. Paluche hatte ich damals direkt von seiner Züchterin gekauft, seinen Bruder Jack hatte ich später übernommen. Ich hatte sie damals allerdings nach etwas mehr als einem Jahr verkaufen müssen, aus Platzgründen. Nun waren die beiden wieder hier, weil die ehemalige Besitzerin keine Zeit mehr hatte und mir extra angerufen hatte, ob ich sie nicht wieder nehmen wolle. Ich hatte nicht nein sagen können, denn Pal hatte mir wirklich gefehlt und nun hatten wir ja wieder freie Boxen, dank des neuen Nordstalls. Ich freute mich riesig, als die beiden stattlichen Dreijährigen aus dem Transporter geführt wurden. Besonders Pal war zu einer echten Schönheit herangewachsen und Jack lockte mit einer aussergewöhnlichen Scheckung. Die beiden Rabauken kamen mit den anderen Junghengsten auf die Weide. Als ich das Zauntor öffnete, fiel mir ein, dass nur noch Winter die zwei kannte, alle jetzigen Junghengste waren damals noch nicht hier gewesen. Etwas traurig wurde ich schon, als ich mich an Sunny, Smarty, Kabuki und Majandro erinnerte. Besonders bei Kabuki, denn der Reitponyhengst war noch als Fohlen an einer Vergiftung gestorben. Die anderen lebten in einem neuen Zuhause und waren bestimmt schon eingeritten. Jedenfalls wurden Pal und Jack neugierig in Empfang genommen. Es gab auch kurz ein paar Rangeleien, doch vorerst ordneten sich die beiden gut sozialisierten Criollos unter und wurden in Ruhe gelassen. Sie grasten zwar etwas abseits, aber das würde sich bestimmt bald ändern. Auch Parányi durfte nun übrigens zu den anderen, sie hatte ja den ganzen Tag über Zeit gehabt, sich mit ihnen durch den Zaun hindurch anzufreunden.
      Als es dunkel war, überkam mich die ganze Müdigkeit der letzten Woche und ich musste gähnen. Ich schloss kurz die Augen, da mich das Licht von Ajith’s Taschenlampe blendete. Jemand umschlang mich von hinten und murmelte mir ins Ohr „Schlaf nicht ein, sonst muss ich dich noch ins Haus tragen.“ „Vielleicht sollte ich echt langsam rein gehen, ehe ich noch umkippe. Unterwegs einnicke, musst du mich retten kommen, versprochen Jonas?“ „Promised Boss“, murmelte er lächelnd, und begleitete mich zur Tür. Auch Jacky und Sheela kamen auf mein Pfeifen hin angesaust. Ich sagte ihm gute Nacht und schlich ohne Licht nach oben in mein Zimmer, etwas enttäuscht, dass er nicht wieder mitgekommen war. Aber ich war wiedermal zu stolz gewesen um ihn zu fragen. Jedenfalls schlief ich in dieser Nacht besonders tief und träumte von gepunkteten Pferden, schwarzen Schäfchen und Regenschirmen.
      6 Aug. 2015


      Schwarz wie die Nacht
      Parányi!“, rief ich meine lackschwarze Jungstute. Sie stand weit weg auf der anderen Seite der Weide und glotzte mich nur verständnislos an. Ich wollte sie heute das erste Mal in ihrem Leben reiten, aber dazu musste ich sie zuerst zu fassen bekommen. Sie konnte manchmal richtig stur sein, das hatte ich in den Wochen seit ich sie gekauft hatte schon gemerkt. Begleitet wurde ich, als ich auf sie zu lief, von den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Es herrschte eine seltsame Stimmung am Himmel. Alles leuchtete kitschig rosa und orange, doch im Vordergrund bauschten sich dunkle Wolken auf. Ausserdem war es bitterkalt geworden, aber das war mir schon den ganzen Tag aufgefallen. Ob es wohl schneien wird? Mir gefiel das rötliche Licht, in welches die Tannen und Wiesen getaucht wurden. Es schien ebenso melancholisch und nachdenklich, wie ich mich den ganzen Morgen gefühlt hatte, sei mich die schreckliche Nachricht von Sarahs Tod erreicht hatte. Sie war mitsamt ihrer Familie bei einem Unfall mit Gas ums Leben gekommen. Ich konnte es noch immer kaum glauben, denn ich hatte oft mit ihr zu tun gehabt und sie war eine hervorragende Trainerin gewesen. Es war ein Verlust, den alle auf Pineforest Stable zutiefst bedauerten. Daher waren selbst die Pfleger schon den ganzen Tag schweigsam gewesen, sogar Ajith hatte ausnahmsweise auf sein fröhliches Summen und Pfeifen verzichtet. Die Pferde waren den ganzen Tag besonders brav gewesen, als spürten sie, dass etwas uns bedrückte. Nur Parányi wollte nicht mitspielen. Sie blieb lieber bei ihren Kollegen auf der Weide, anstatt artig angetrottet zu kommen. Ich überlegte einen Moment, gleich alle Stuten reinzuholen, denn sonst würde ich wohl ein riesen Theater mit dem Jungspund haben. Ausserdem waren sie seit dem Mittag draussen gewesen. Ich entschied mich und trommelte ein paar Pfleger zusammen. Wir hatten, nun da alles fertig umgebaut war, damit angefangen, die Pferde selber zu den Boxen laufen zu lassen. So sparte man viel Zeit. Dazu mussten wir lediglich sämtliche Fluchtmöglichkeiten auf dem Weg mit Elektroband schliessen und die Boxentüren öffnen. Wir hatten vor einer Weile bei allen Durchgängen Bänder abgemessen und befestigt, sodass wir sie jeweils nur noch umhängen mussten. Genau das taten wir jetzt, und danach wurde das erste Weidetor geöffnet. Die Stuten bemerkten unser Pfeifen und begannen, sich trabend auf uns zu zubewegen. Sie wussten genau, dass in den Boxen das Kraftfutter auf sie wartete, wie immer nach dem abendlichen Weidegang. Nacheinander flitzten Sweets, Halluzination, Lady Liquor, Islah, Dream, Bluebell, Ronja, Parányi und zuletzt Satine durch das offene Tor. Sie überquerten die Galoppbahn und kamen erst vor dem Nebenstall zum Halt, wo bereits Lisa und Jonas bereit standen, um sie in die richtigen Boxen zu lotsen. Als alle drin waren, pfiffen die beiden Pfleger und wir öffneten das Tor der zweiten, oberen Weide. Hier standen die Vollblutstuten schon am Zaun und scharrten zum Teil ungeduldig. Sie hatten beobachtet, wie die anderen reingerannt waren und warteten nun selbst darauf. Auch hier öffneten wir, als alles bereit war. Sumerian, Paint, Caprice, Campina, Kierka, Gray, Blüte, Cassy, Shio, Pointless und Indiana nahmen es lustigerweise dann doch etwas gemütlicher als die anderen Stuten. Vielleicht lag es daran, dass sie auch sonst immer genug Gelegenheit zum Rennen hatten. Sie trabten vom Hauptstall und wurden von den Pflegern in Empfang genommen, die sie an den Weidehalftern zu den Boxen führten. Nur Pointless entwischte und machte einen Abstecher zum Hengsttrakt. Die Jungs sahen ihr natürlich prompt interessiert durch die Gitterstäbe nach und versuchten, sie näher zu locken. Doch Point legte nur die Ohren platt und lief zielstrebig innenherum zum Stutentrakt. „Dass du immer eine Ehrenrunde brauchst!“, schimpfte ich kopfschüttelnd und scheuchte sie in ihre Box. Die Jungs waren übrigens am frühen Morgen auf der Weide gewesen, da wir sie immer getrennt von den Stuten raus liessen. Zufrieden schob ich die letzte Tür zu und begab mich zu Parányis Box im Nebenstall. Sie hatte noch nicht ganz fertig gefressen, also nutzte ich die Gelegenheit, um noch rasch die Putzsachen und den Sattel vorzubereiten. Danach bürstete und sattelte ich sie. Beim Zäumen wollte sie den Mund nicht so recht öffnen, also schob ich ihr den Daumen seitlich in den Mund, sodass sie diesen Öffnete. Als ich die kurzen, eher spärlichen Schopfhaare entwirrt und alle Riemen geschlossen hatte, führte ich sie zum Sandviereck. Ich hatte sie bisher schon einige Male mit Sattel und Zaum longiert, aber aufgestiegen war ich noch nie. Auch heute longierte ich sie zuerst etwas, worüber ich im Nachhinein froh war. Denn so musste ich die Freudenbuckler die folgten nicht im Sattel miterleben und konnte einschätzen, wie fit sie war. Schliesslich hängte ich die Longe aus und führte die Stute zur Aufstiegshilfe. Eigentlich wäre ich auch ohne hochgekommen, aber ich wollte es dem jungen Pferd am Anfang so etwas erleichtern. Zunächst liess ich sie neben dem Treppchen stillstehen. Dann lehnte ich mich vorsichtig über den Sattel und kraulte sie gleichzeitig am Hals. Sie war konzentriert, aber ruhig. Also machte ich weiter, bis ich das Bein auf die andere Seite nehmen konnte. Allerdings blieb ich immer noch stehen mit ihr – so jedenfalls geplant. Denn kaum sass ich ganz drauf, lief Parányi im Schritt los. Ich wollte sie mit der Stimme beruhigen und bremsen, aber sie lief zielgerichtet zu den Büschen, die das Viereck säumten. Dort hielt sie dann doch; nämlich um zu fressen. Ich liess mich aus dem Sattel gleiten und führte sie zurück zur Treppe, um das ganze Spiel zu wiederholen. Diesmal steuerte ich sie (so gut es ging). Plötzlich spürte ich eine Schneeflocke auf meiner Nase. Es war mittlerweile wirklich beinahe dunkel und nur ein letztes, rotes Glimmen hinter den Bäumen erinnerte an den vergangenen Tag. Feine Schneeflocken tanzten aus der dunklen Wolkendecke und liessen beinahe Weihnachtliche Stimmung aufkommen. Ich lächelte glücklich und genoss die kalten Kristalle auf meinem Gesicht. Parányi und kurvten unterdessen ein wenig auf dem Platz herum. Sie hatte noch nicht das Gleichgewicht, um gerade Lilien zu laufen, also kam ich mir vor wie jemand der besoffen reitet. Auch Jonas grinste schelmisch, als er mit der Schubkarre vorbeikam. „Du musst gar nicht so schauen, es ist ein junges Pferd!“, entgegnete ich. „‘türlich, ich kenne dich doch, Boss“, bekam ich als Antwort, während er seinen Weg fortsetzte. Ich schüttelte lachend den Kopf und stieg ab. Parányi hatte genug für heute und ich wollte ihre Konzentrationsfähigkeit nicht überspannen.
      Ich versorgte die mit der Dunkelheit verschmelzende Stute und liess Jacky, Sheela und Zira wieder aus dem Haus. Ich sperrte sie jeweils ein, wenn ich sie aus dem Weg haben wollte. Es schneite nun schon ein Bisschen stärker, vor allem waren es grössere Flocken als zuvor. Lily, wo steckst du wieder? Fragte ich mich selbst, während ich zu den Offenställen lief, stets begleitet von meinem kleinen Rudel. Tatsächlich sass sie dort bei den Miniature Horses im Gras und bürstete Tiki. Na toll, ihre Hosen sehen bestimmt wieder schön eingesaut aus, stellte ich fest, denn der Boden war herbstlich feucht. „Siehst du überhaupt noch etwas?“, rief ich ihr von weitem fragend zu. Sie erklärte mir, als ich nahe genug war, dass Tiki so langes ‚Flauschefell‘ hatte und sich damit immer wälzen täte. „Hast du eine Idee, was man dagegen tun könnte?“, fragte ich sie. „Nö, ich hab’s auch schon mit dem Kuhstriegel versucht, aber bei den kleinen Beinchen trau ich mich nicht.“ „Komm, bring Tiki mit – ich bring dir was neues bei.“, meinte ich verschwörerisch und führte die beiden (selbstverständlich mitsamt Queeny und Kiwi und den Hunden) in den Innenhof des Hauptstalls, wo es zum Glück taghelle Lampen hatte. Dann holte ich eine der Akku-Schermaschinen aus der Sattelkammer und zeigte Lily an der ersten Körperhälfte von Tiki, wie sie vorgehen musste. Die halbstarke Stute blieb geduldig stehen; sie kopierte ihre Ziehmuttter, die komplett relaxt an dem dünnen Grasstreifen zwischen Kiesplatz und Karussell knabberte. Als ich zum Bauch kam, wurde sie dann doch etwas zappelig. „Das ist normal, weil das lose Fell sie kitzelt“, erklärte ich. Nun legte meine keine Schülerin selber Hand an. Sie machte es ganz gut für das erste Mal. Natürlich musste ich am Schluss noch ein paar Streifen ausgleichen, aber viel hatte ich nicht zu bemängeln. Ich lobte beide, Schülerin und Testobjekt, und wir brachten die Truppe gleich zurück zum Offenstall, doch nicht, ohne Tiki eine Fohlendecke („Ohhhh süss, die ist ja so gross wie ne Hundedecke!“) anzulegen, damit sie nicht kalt hatte. Die Hengstchen nebenan bewiesen, dass man Minis durchaus als Pferde, und nicht als Spielzeug betrachten sollte: Arco und Caress drehten buckelnd ein paar Showrunden, als wir Queeny zurückbrachten. Auch der kleine Caillean mischte kräftig mit.
      Ich wurde von den Worten „Occu, wann kommt das Zebra?“ aus meinen Gedanken gerissen. „Öhh, um… Warte, jetzt!“, stellte ich fest, als das Mädchen in Richtung eines sich dem Parkplatz nähernden Transporters zeigte. Zum Glück hatte ich am Morgen schon eine Box vorbereitet, denn ich hatte damit gerechnet, dass das seltsame Tier irgendwann im Verlaufe des Tages ankommen würde. Lily stürmte mit den begeisterten Hunden voraus und ich liess mich zugegebenermassen auch zu einem Joggen verleiten. Ich gab es nicht gern zu, aber war unheimlich gespannt, was mich mit dem Exoten erwartete. Gesehen hatte ich die Zebrastute schon einmal, denn ich hatte sie aus der Gruppe des Zoos aussuchen dürfen. Sie stamme nicht etwa aus der Wildnis, sondern aus einer Zucht in Afrika und war Pferde gewöhnt; Ausserdem total handzahm – einer der Gründe, warum ich sie schlussendlich doch genommen hatte. Die Klappe wurde bereits geöffnet und ich entdeckte einen gestreiften Po im Inneren des Transporters. Dann drehte sie mir den Kopf zu und ich war augenblicklich verliebt in die grossen, runden Ohren, die sich mir zuwandten. Mit einem Mal war ich aufgeregt und froh, solch einen aussergewöhnlichen Equiden zu besitzen. ‚Thairu‘ trug ein breites Lederhalfter, an dessen Seite ein kleines Metallplättchen mit ihrem Namen glitzerte. „Ein Abschiedsgeschenk ihrer Fans“, murmelte die Zoowärterin und lächelte beim Anblick des kleinen Mädchens, das ehrfürchtig starrte. „Sie war nicht lange bei uns, aber hatte schon eine grosse Fangemeinschaft, weil sie so zahm ist.“ Ich nickte beeindruckt und löste dann den Strick, mit dem das Zebra angebunden war. Sie lief vorbildlich aus dem Transporter und wirkte auch nicht sonderlich aufgeregt. Das überraschte mich, denn ich hatte mir sogar schon die Handschuhe aus meiner Jackentasche angezogen, weil ich das Schlimmste befürchtet hatte. Mit ihren grossen Ohren scannte sie die Umgebung nach potentiellen Gefahren, aber offenbar schien nichts da zu sein, was sie beunruhigen konnte. Ich bedankte mich bei der Wärterin und unterzeichnete ein paar letzte Formulare, dann standen Lily und ich alleine mit dem Zebra da. „And now?“, fragte ich Lily herausfordernd, und streichelte dabei die schwarze Schnauze von Thairu. Das Zebra zuckte etwas mit dem Kopf, liess sich die Berührung dann aber gefallen. „Du wolltest sie doch zu Dante stellen, nicht wahr?“, meinte Lily, und bettelte im nächsten Atemzug „Darf ich? Biiiite!“ Ich vertröstete sie auf ein andermal, da ich immer noch nicht sicher war, wie brav das Vieh sich benahm. Dann setzten wir uns in Bewegung. Das gestreifte Tier liess sich nicht ganz so wunderbar führen, wie ich es nach der Glanzleistung beim Transporter erwartet hatte. Sie drängelte hin und wieder, oder versuchte, mich an den Rand zum Gras zu ziehen. Ich setzte mich aber durch und schaffte es bis zu dem hübschen, mittlerweile zumindest temporär Wallach gewordenen Eselherrn. Die Tierärztin hatte mir auf mein Zögern bezüglich der anstehenden Kastration hin angeboten, ihn nur chemisch kastrieren zu lassen. So konnte ich mir immernoch alle Optionen offenhalten. Ich hatte natürlich eifrig zugestimmt, sodass er nun seit etwa einer Woche Wallach war. Seinen hengstigen Charakter hatte er aber vorerst noch behalten, dies würde sich erst in ein paar Wochen auch legen. Er rief dem Zebra schon von weitem mit seiner Schrillen Stimme und schnüffelte ganz genau an Thairu, als wir sie über den Zaun die Köpfe zusammenstecken liessen. Thairu schien nicht abgeneigt gegenüber ihrem zukünftigen Gefährten. Dante schien noch nicht so recht zu wissen, was er von dem Gestreiften Tier halten solle. Lily öffnete vorsichtig das Tor zur Weide und ich brachte das Zebra hinein. Die beiden beschnupperten sich sofort wieder. Dante trieb Thairu ein wenig im Kreis herum, bis es ihr zu doof wurde und sie den Kopf zum Fressen senkte. Dann war Friede im Paradies eingekehrt, so schien es jedenfalls. Als ich später am Abend nochmal vorbeischaute, standen die beiden dösend nebeneinander und Thairu hob den Kopf, als sie mich entdeckte. „Gute Nacht mein Mädchen, alles okay“, murmelte ich beschwichtigend und liess die beiden in Ruhe. Doch ganz war der Tag für mich noch nicht vorbei. „Na mein Süsser“, murmelte ich, als ich zu Pilot’s Box im Nordstall kam. Ich erinnerte mich noch gut an den Tag, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Er war damals als sensibler, aber begabter Junghengst ausgeschrieben gewesen. Trotzdem war er noch ziemlich untrainiert und eher gestresst gewesen, als ich ihn schliesslich anschauen ging. Doch ich hatte das Potential des Hengstes gesehen und beschlossen, ihm eine Chance zu geben. Mittlerweile war er in der Höchsten Spring-Liga erfolgreich unterwegs und zeigte mir jeden Tag von neuem, dass ich damals richtig ausgewählt hatte. Niemals könnte ich ihn verkaufen, denn er war ein fester Bestandteil von Pineforest Stable. Und wer könnte diesen intelligenten, dunklen Augen schon wiederstehen? Pilot blickte mir manchmal fast schon etwas schelmisch entgegen, als hätte er wieder etwas geplant. Dabei war der Hengst in den richtigen Händen ein richtiges Lamm, das nach Zuneigung hungerte. Deshalb senkte er auch den Kopf, als ich ihn an den Ohren kraulte, schmiegte sich mit der Stirn an mich und döste fast ein. Ich fuhr nach einer Weile, so leid es mir tat, mit dem Bürsten des gescheckten Stoppelfells fort und kämmte auch den Schweif vorsichtig durch. Dann kratzte ich die Hufe aus und holte das Sattelzeug. Ich hatte vor, einen gemütlichen Ritt am Fluss entlang zu machen, was ich auch umsetze. Es war zugegebenermassen ab und zu etwas unheimlich alleine durch die neblige Dunkelheit zu reiten, doch irgendwie war es auch seltsam beruhigend. Pilot war zügig unterwegs, verhielt sich aber wie ein Musterschüler und scheute auch nicht stark, als vor uns ein Reh aus dem Gebüsch sprang. Wieder zuhause angekommen, gab ich Pilot seine verdiente Portion Karotten und einen Apfel, den er genüsslich zu Brei verarbeitete.
      8 Dez. 2015


      Ein Sonniger Sonntag
      Es windete mich zwar fast von den Füssen, als ich gleich nach dem Mittagessen vor die Haustür trat, doch zumindest war es so warm wie schon lange nicht mehr. Die Sonne schien, der Himmel war wolkenlos und der regendurchweichte Boden begann zu trocknen. Ausserdem entdeckte ich bereits erste Krokusblumen im Rasen vor dem Haus – dabei war es doch erst Februar! Ich betrachtete die violetten Blüten, ehe ich mich auf den Weg zum Nebenstall machte. Nach dem morgendlichen Vollblütertraining, das heute des nassen Geläufs wegen nur zaghaft vonstattengegangen war, freute ich mich auf einen langen Ausritt mit meiner Moon Kiddy. Auch Lisa, Lewis und Lily kamen mit, auf Piro, Gini und Feline. Das kleine Mädchen konnte so viel Ablenkung wie möglich gebrauchen, nach dem tödlichen Unfall ihrer Mutter. Meine braune Stute genoss die Sonne, während ich ihre Matschverkrustete Mähne entwirrte. Gestern hatten wir die Stuten zum ersten Mal seit einer ganzen Woche wieder rausgelassen, weil es zuvor einfach zu Nass gewesen war. Mit dem ganzen Schmelzwasser war der Boden durchtränkt und es konnten grosse Schäden entstehen, wenn die Pferde die ganze Zeit darauf herumtrampelten. Die Fohlen wollten wir heute auch wieder aus dem Offenstall lassen, denn dort drin musste dringend mal wieder gründlich gemistet werden, was mit einem Haufen neugieriger Jungspunde hinter dem Rücken gar nicht so leicht war. Ich beschloss, Moons Beine kurz zu waschen, denn mit der Bürste malte ich mir mindestens eine halbe Stunde Arbeit aus. Gesagt – getan, danach ölte ich die Hufe auch gleich ein, damit sie nicht zu viel Feuchtigkeit von der nassen Weide aufnahmen. Nun brauchte ich nur noch den Westernsattel zu holen und die Braune zu zäumen, wie gewohnt mit dem Bosal. Auch die anderen waren so weit, also stiegen wir auf und ritten los. Piro war ziemlich geladen und steckte die anderen nach kurzer Zeit an. So kam es, dass wir schneller unterwegs waren, als uns lieb war. Dafür erweiterten wir die geplante Route um einen Waldweg in Richtung Dorf. Lily schlug sich ganz gut mit Feline, aber auch die sonst so brave Schimmelstute begann zunehmend herumzuhampeln. Ich schlug vor, einen ausgiebigen Galopp zu machen, damit die vier etwas müde wurden und nicht mehr so viel überschüssige Energie hatten. Wir polterten nebeneinander den Waldweg entlang, dabei war es gar nicht so leicht, Moon bei der Gruppe zu halten. Tatsächlich wurden die Pferde langsamer, als es auf das Ende des langen Weges zuging und wir kamen sogar zum Treiben. Im flotten Trab ritten wir über eine Weggabelung und anschliessend bis zum Waldrand. Dort liessen wir die vier etwas strecken. Piro schnaubte zufrieden und Feline versuchte, am Wegrand zu knabbern, doch Lily setzte sich erfolgreich durch. Sie hatte viel gelernt, seit sie das erste Mal bei mir in den Ferien gewesen war. Und seit dem Unfall war sie mit noch grösserem Eifer dabei, sodass ich sie zeitweise fast bremsen musste. Ich machte mir Sorgen, dass sie sich überforderte, indem sie die Trauer mit physischer Beschäftigung überspielte. Sie beteuerte hingegen immer, „okay“ zu sein. So langsam kam Pineforest Stable wieder in Sicht, also verlangsamten wir das Tempo etwas und genossen die restlichen Meter im Schritt. Die Natur schien sich nicht einig zu sein, ob sie nun erwachen, oder doch noch im Tiefschlaf bleiben sollte. Zum Teil schossen bereits Blumen aus dem Boden, doch die Bäume hatten noch keine Knospen und auch das Gras schien noch schlaff. An der Sonne war es beinahe so warm, dass man im T-Shirt reiten konnte, doch im Schatten der Bäume bekam man Hühnerhaut. Die Pferde schienen aber ziemlich zuversichtlich zu sein, denn sie begannen bereits mit dem Fellwechsel. Der Wind zerzauste mir dauernd die Haare, aber es war eine wundervolle Stimmung und wenigstens kam er von seitlich vorne.
      Wieder auf dem Hof, brachten wir die vier Stuten direkt zurück zum Offenstall und liessen sie nach dem Absatteln freilaufen. Sie hatten tatsächlich mal wieder ein wenig geschwitzt, aber das trocknete bei dem Wind rasch. Die Hufe kontrollierten wir dann doch noch schnell, wie es sich gehörte. Als Nächstes gingen wir zu den Fohlenställen und schoben die grossen Tore auf. Wie erwartet schossen Merino, Life und Simba sofort raus und drehten erstmal einige Runden. Die Stuten gingen das Ganze etwas gemässigter an und blieben zuerst stehen um sich umzusehen, doch danach bockten und stolperten auch sie durch das feuchte Gras. Shira hatte sich mittlerweile gut in die Herde integriert und besonders in Prada eine neue Freundin gefunden. Penny und Primo klebten auch ziemlich aneinander, nur Riven war eher selbstständig. Sie war auch die unangefochtene Anführerin der Stutengruppe und ziemlich dominant mit den anderen. Ich half den Pflegern beim Misten mit dem kleinen Traktor, wobei es gar nicht so viel zu tun gab, ausser die Reste mit der Heugabel aus den Ecken zu kratzen. Wir räumten das alte Substrat komplett raus und füllten frisches Stroh ein. Ausserdem wurden die Tränken und Futtertröge geschrubbt. Wir waren eine gute halbe Stunde beschäftigt pro Offenstall, also war es bereits halb fünf Uhr, als ich endlich wieder zum Nebenstall kam. Um die letzten Sonnenstrahlen noch zu nutzen, schloss ich mich Rosie, Darren und Jonas auf den Dressurplatz an. Die drei übten auf Sweets, Bluebell und Lychee ein Dressurprogramm fürs kommende Wochenende. Es war zwar nur ein internes Clubturnier, aber wir wollten trotzdem eine gute Figur machen und zeigen, wie weit unsere jungen Schützlinge schon waren. Ich putzte Satine und übte ebenfalls ein paar der L Lektionen, die die Stute noch nicht perfekt beherrschte. Sie war heute aber irgendwie sehr abgelenkt und schreckhaft, sodass ich nicht ganz so viel mit ihr machen konnte, wie ich eigentlich geplant hatte. Pferde haben eben auch Launen und schlechte Tage, stellte ich fest. Nach vierzig Minuten brach ich ab und liess die Fuchsstute austraben. Wenigstens streckte sie sich schön. Wir versorgten auch diese Pferde nach der Arbeit. Nun waren schon fast alle Pferde bewegt worden und wir konnten es alle etwas ruhiger angehen. Ich beschloss, nochmal nach Dream zu sehen, die laut dem Tierarzt in den nächsten Tagen abfohlen sollte. Lily war schon bei ihr als ich kam und streichelte gedankenversunken die rosa Nüstern der Stute. Ich erschreckte sie fast, als ich ihr auf die Schulter tippte. Ich schlug vor, die Schimmeldame zu putzen, was Lily gefiel. Wir bürsteten das weisse Fell und kämmten das graue Langhaar, bis es wieder schön entwirrt war. Dream schien die Prozedur zu geniessen, oder zumindest störte es sie nicht. Ich meinte dennoch, eine leichte Unruhe in den Augen und im Verhalten der Stute zu bemerken. Vielleicht war es ja schon heute Nacht soweit. Ich sagte Lily nichts, damit sie nicht enttäuscht war, wenn es heute doch noch nicht geschah. Vor dem Abendessen gingen wir noch zu Ronja, um sie auf einen Spaziergang mitzunehmen. Paranyi und Halluzination wurden unterdessen in der Halle bewegt. Lily, Ronja Räubertochter und ich liefen über die Brücke beim Fluss. Auf der anderen Seite liessen wir sie etwas grasen. Lily suchte im Dunkeln nach ersten Schnecken oder Insekten. Ich beobachtete meine Enkelin und war froh, dass sie einmal mehr zu vergessen schien, warum sie hier war. Ich fragte mich immer noch wie es sein würde, sie immer hier zu haben. Der Unfall war nun schon ein paar Wochen her, aber so richtig hatten wir uns beide noch nicht an die neue Situation gewöhnt. Ich war froh, dass das kleine Mädchen schon so selbstständig war, denn sonst wäre ich vermutlich leicht überfordert gewesen. Doch so kamen wir irgendwie klar. Lily hatte sich ein Leben auf einem Reiterhof immer gewünscht, doch war es fair, sie dafür einen solch hohen Preis zahlen zu lassen? Das Leben war hart und unbarmherzig, aber irgendwie drehte sich die Welt immer weiter. Schliesslich machten wir uns auf den Heimweg und gingen ins Haus.
      Nach dem Abendessen schauten wir uns einen Film an, wobei wir einmal eine Pause einlegen mussten, um die Abendliche Stallkontrolle zu machen. Um halb Zehn schickte ich Lily ins Bett und ging dann noch rüber ins Pflegerheim bis halb elf Uhr. Ich hatte meinen Wecker extra ein wenig früher gestellt, damit ich vor dem Frühstück rasch nach Dream sehen konnte. So stand ich um fünf auf und schlich mich raus. „Hab ich’s mir doch gedacht!“, schmunzelte ich, als ich ein dunkles Bündel im Stroh neben Dream entdeckte. Es konnte kaum eine Stunde alt sein, denn es war noch ganz zittrig. Ich prüfte kurz Augen, Nüstern und Puls des kleinen, stellte fest, dass es ein Hengstchen war und sah nach Dream. Beide, Mutter und Kind, waren zwar müde, aber bei bester Gesundheit. Erleichtert lief ich zurück zum Haus und weckte Lily. Ich erwähnte das Fohlen erst nach dem Frühstück, denn ich wusste genau, dass sie sonst nicht hätte stillsitzen können. Sie rief schliesslich halb vorwurfsvoll, halb überrascht „Occu!“ und stürzte zur Tür raus. Sie konnte ihre Begeisterung kaum unterdrücken, schaffte es aber, ruhig und vorsichtig näherzugehen. Das Hengstchen stand mittlerweile auf wackligen Beinen und sah sich die Wand an. Dream schubste es etwas zur Seite, als sie sich drehte, um uns zu begrüssen. Es schaffte es, irgendwie auf den Beinen zu bleiben und stolperte ihr hinterher, blieb aber auf Abstand. Ich fragte Lily, was sie von dem Namen ‚Skydive‘ hielt, und wir einigten uns darauf. Nach einer Weile kamen auch ein paar der Pfleger hinzu und beobachteten das kleine fröhlich. Doch dann mussten wir mit dem Füttern anfangen und der Routine nachgehen.
      8 März 2016


      Sich die Seele frei reden
      Ich stand mit Satine unter dem Dach des Nebenstall und bürstete die Stute. Der August war beinahe vorbei und somit würde ich nächsten Monat auch wieder andere Pferde zugeteilt bekommen, wie jedes Mal. Ich wollte die restlichen Tage nun aber noch geniessen, an denen ich Satine und meine anderen Augustpferde so intensiv betreute. Natürlich hatte ich jeden Tag irgendwie mit allen Pferden zutun, aber die zugeteilten Pferde waren jeweils die, die ich ritt und persönlich umsorgte. Mit Satine war ich für heute aber schon fertig – ich bürstete nur noch die feuchten Haare ordentlich, die vom Schweiss-Abwaschen mit dem Schwamm übrig waren. Das feuerrote Fell der Stute schimmerte in allen Orangetönen die das Sonnenlicht wecken konnte. Die mittellange, gewellte Mähne fiel aufgrund des staubigen, heissen Wetters nicht ganz so seidig über den wohlgebogenen Hals, sondern fühlte sich eher etwas klebrig an, wenn man mit den Fingern hindurchfuhr. Aber ohne genaueres Hinsehen fiel das nicht auf. Ich kontrollierte nochmals die Hufe, dann löste ich den Strick und führte die Stute in ihr Strohbett. Ich achtete beim Halfterausziehen darauf, dass sie nicht den Kopf wegzog und zu den Äpfeln stürmte, die in der Krippe warteten, sondern geduldig stillhielt. Dann klopfte ich ihr zufrieden zum Abschied auf die Kruppe und schloss die Boxentür hinter mir. Draussen packte ich die Putzbox, um sie in die Sattelkammer zurück zu bringen. „Hey Boss!“ Ich drehte mich um, wohlwissend wem diese Stimme gehören musste. „Was läuft Jonas?“ „Alles was nicht angebunden ist.“ Ich rollte die Augen, zum Zeichen, dass ich keine Zeit für doofe Scherze hatte. „Schon gut. Ich wollte fragen, ob du mit auf einen Ausritt kommen würdest.“ „Hat Lisa keine Zeit?“, fragte ich abweisend. „Doch, aber ich will heute wiedermal mit dir ausreiten.“ „Und womit habe ich die Ehre verdient?“, fragte ich leicht sarkastisch. Seine Antwort war verschwörerisch: „Ich muss mit dir reden.“ „Willst du die Kündigung einreichen?“ „Nein, natürlich nicht!“, versicherte er. „…Ist es denn sehr wichtig? Kann es nicht bis morgen warten? Ich wollte eigentlich mit Bluebell in die Halle“, versuchte ich als Ausrede, natürlich nicht gut genug. „Ja, es ist wichtig. Es geht um etwas Persönliches.“ Irgendetwas an dieser Aussage liess mich aufhorchen. Was könnte das wohl sein? Er wird doch nicht… Ich verwarf den Gedanken nicht ganz, auch wenn es mir lächerlich schien. Aber in letzter Zeit lief es gar nicht schlecht, wir haben wieder mehr zusammen geredet und auch öfter als mir lieb war etwas zusammen unternommen – meist zwar durch Zufall, aber er wirkte immer sehr glücklich… Und ich war es doch irgendwie auch. Entschlossen verkündete ich: „Na wenn es dir so wichtig ist, dann komme ich eben mit.“ Er machte eine triumphierende Geste und lief mit dem Satz „Ich mach dann mal Lila Wolken bereit“ davon. Kaum war er im Hauptstall verschwunden, um das Putzzeug zu holen, atmete ich tief durch. Auf was hab ich mich da wieder eingelassen? Dann fiel mir ein, dass ich ja auch in die Sattelkammer wollte.
      Als ich reinkam, redete Jonas gerade mit Darren und David. Die beiden lachten laut und ich fragte, alle drei überraschend, was denn so lustig sei. „Ach Darren hat gerade erzählt, dass Halluzination wiedermal nicht ins Wasser wollte. Vermutlich war ihr Name Programm und sie sah Krokodile im Fluss.“ „Aber sonst lief sie gut?“ Ein bisschen zickig und faul sei sie gewesen, aber ganz okay im Vergleich zu gestern, meinte der Pfleger. „Und wie lief’s mit Parányi?“, hakte ich bei seinem Zwillingsbruder nach. Er klagte über die üblichen Jungpferde Herausforderungen, aber das war ja nichts Ungewöhnliches. Zufrieden holte ich die Pony-Putzbox. Darren und David machten sich auf den Weg um Sugar and Sweets und La Bella Goia von der Weide zu holen.
      Während dem Putzen diskutierten Jonas und ich fröhlich über die Amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Aus irgendeinem Grund war ich total locker und freute mich mittlerweile sogar auf den Ausritt. Ich gebe ja zu, dass mir der Gedanke gefällt, alleine mit ihm unterwegs zu sein, dachte ich insgeheim. Bluebell spürte, dass ich gute Laune hatte und versuchte, das auszunutzen um Blödsinn zu machen. Zum Beispiel während dem Hufauskratzen an meinen Unterhosen ziehen, oder dauernd den Huf zum Betteln heben. Ich fand das nicht ganz so toll und ermahnte sie ein paarmal, ohne dabei wirklich streng zu werden. Junges Pferd eben. Ich sattelte und zäumte, Jonas war ebenfalls soweit. Dann führten wir die Pferde auf den Kiesweg, stiegen auf und ritten in Richtung Fluss vom Hofgelände runter. Blue war entspannt und mutig, weil Lila dabei war und ihr Sicherheit gab. Sonst gingen wir oft alleine mit den jungen Pferden raus, damit sie lernten unabhängig von der Gruppe auf den Reiter zu hören. Wir überquerten den Fluss per Holzbrücke und ritten dann im Trab dem Flussbett entlang bis zur Mündung des kleineren Seitenbaches, der von der Wilkinson Ranch her floss. Wir nutzten eine flache Uferstelle, die durch die Mäandrierung des Flusses entstanden war und wateten durch das Wasser auf die andere Seite der Bachmündung, dann folgten wir dem Verlauf weiter bis zu den Büschen am Uferrand. Wir gelangten zur Feuerstelle, die wir vor langer Zeit einmal auf einem Halloweenausflug gebaut und seither ab und zu auch wieder benutzt hatten. Wir ritten heute aber daran vorbei und folgten weiterhin dem Trampelpfad, der sich zwischen Fluss und Büschen durch das halbhohe Gras schlängelte. Es hatte viele Mücken, aber die Landschaft war herrlich und ich genoss den Schatten, den die Bäume und Büsche lieferten. „So, what was it that you wanted to talk about?“, fragte ich schliesslich, nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit dem Vogelgezwitscher gelauscht hatten. „Nun… ich weiss nicht wie ich anfangen soll… Ach was soll’s. Occu, vielleicht hast du es gemerkt, aber da ist jemand, den ich mag“, begann er ausweichend. Mein Herz pochte mir bis in den Hals, aber ich sah ihn nicht an. „Oder anders gesagt, sie mag mich, und ich sie irgendwie doch auch, weil ich sie schon sehr lange kenne und weiss, dass sie ein guter Mensch ist.“ Es wird immer schlimmer. Ich hatte Angst, dass ich rot anlaufen könnte, also drehte ich den Kopf in Richtung andere Uferseite, so tuend, als würde ich beiläufig die Natur beobachten. Als er nicht fortfuhr, fragte ich zögernd: „Und woher bist du dir so sicher, dass sie dich auch mag?“ Doch die Antwort war alles andere als erwartet. „Sie hat es mir gestern gesagt.“ Ich fühlte mich gerade ziemlich geohrfeigt. Nun war jedenfalls bestimmt keine Farbe mehr in meinem Gesicht. Stirnrunzelnd drehte ich mich zu ihm um, so ruhig wie möglich. „Von wem reden wir?“ „Lisa.“ Ein Kloss bildete sich in meinem Hals, und selbst Schlucken brachte nichts. „Aha… Nein, ich hatte nichts davon bemerkt.“ „Du hast vermutlich keine Zeit für so Kleinigkeiten, aber wir haben jetzt schon oft zusammen geredet und…“ „Ja ja schon gut“, unterbrach ich harsch, denn ich hatte keine Lust mir anzuhören wie er Kuscheln oder Spasshaben sagte. Ich fügte schnell hinzu, um keinen Verdacht zu wecken: „Was ist das Problem? Warum willst du darüber reden?“ „Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Ich kenne sie schon so lange, und habe eigentlich nie mehr für sie empfunden – das fing erst an, als sie auf mich zukam. Daher weiss ich nicht, ob ich mehr Ärger als nötig provoziere, wenn wir zusammenkommen…“ Ich war kurz davor zu sagen: Klar gibt das Ärger! Tu das bloss nicht! Doch ich konnte nicht. Das wäre unfair. Ich darf mich da nicht dazwischen stellen, wenn ich mir selbst unsicher bin, was ich empfinde. So sehr ich das auch möchte. Deshalb sagte ich neutral: „Ich glaube nicht, dass das grosse Probleme geben würde. So wie ich die anderen kenne, würden sie euch bestimmt auch unterstützen.“ „Und du? Was haltest du davon?“ „Spielt das eine Rolle? Ist doch mir egal, was du tust. Ist dein Leben, nicht meins“, blaffte ich, aufgebrachter als gewollt. Er schwieg einen Moment, dann meinte er: „Schätze du hast Recht. Danke, ich werde es versuchen. Ich denke, das ist es wert.“ Ich nickte, doch mein Magen verzog sich und ich wäre am liebsten einfach weit weg geritten. Ich habe ihn noch ermutigt! Aber das war das Richtige… Oder? Den ganzen Heimweg über wechselten wir kaum noch ein Wort, weil alles gesagt schien – jedenfalls für ihn. Meine Gedanken verwirrten sich so sehr, dass ich wohl ein Buch hätte schreiben können. Die Hauptsätze wären dabei wohl gewesen: Hätte ich früher die Initiative ergreifen sollen? Habe ich meine Chance verpasst? Oder hatte ich gar nie eine?
      Ich konnte meine geknickte Laune kaum verbergen, sodass mich Ajith beim Füttern fragte, was mich denn so beschäftige. Die anderen waren weiter vorne, sodass niemand auf uns achtete und ich zögernd beschloss, mich dem dunkelhäutigen Pfleger zu öffnen. Jedenfalls Ansatzweise. Ich fragte ihn: „You know how it feels, if someone you love asks you about going out with someone else?“ Er zögerte überrascht, dann nickte er. “Wanna talk about it?” Ich war dankbar, dass er mich nicht auf der Stelle ausfragte, den die anderen näherten sich schon wieder. „Okay. I think I need that…“ Ajith nickte verständnisvoll und schlug vor: „Nine o’clock, straw storage?“ „Yep.“ Er lächelte und verschwand in der nächsten Box, um dem Hungrigen Insassen sein Abendessen zu überreichen. Ich fühlte mich seltsam erleichtert, nun da ich wusste, dass ich jemandem von meinen Gefühlen erzählen konnte. Ich war zwar noch immer erstaunt über mich selbst, dass ich dem Pfleger überhaupt etwas davon gesagt hatte. Doch andererseits kannte ich Ajith schon seit den Anfängen von Pineforest, und ich vertraute dem Pfleger mehr als jedem sonst. Wenn es jemanden gab, der mich verstehen konnte, dann war es Ajith, der mit seinen Worten und Taten das Beste in den Menschen um ihn herum weckte und es immer wieder schaffte, sie zum Lachen zu bringen.
      Wie versprochen kletterte ich um Neun Uhr die Leiter zum Strohlager im Hauptstall hoch. Das Stroh war direkt über den Boxen gelagert, und man sah hinunter in die Stallgasse. Ich setzte mich auf einen Ballen und wartete nachdenklich. Lange dauerte es nicht. Ajith setzte sich neben mich und begann: „I know very well how this feels. And I guess you know to whom I refer. So wouldn’t it be fair to tell me about your grief, too?” Ich seufzte und erklärte ihm die Situation. Alles. Ich erzählte von all den Jahren, die ich still gewartet und mitgespielt hatte. Ich erzählte, wie er in mir immer wieder Hoffnung geweckt hatte, nur um sie dann, Tage oder gar Augenblicke später wieder zunichte zu machen. Wie ich mich dabei gefühlt hatte und was meine Bedenken oder Gründe für mein Zögern gewesen waren. Und dann schliesslich, was heute passiert war. Er hörte die ganze Zeit über aufmerksam zu und unterbrach mich nie. Am Ende kamen mir dann doch ein paar Tränen, die ich nicht länger unterdrücken konnte. Da nahm er mich in den Arm und wartete, bis ich mich gefasst hatte. Dann erzählte er mir von Quinn, und wie sie einen hübschen jungen Mann beim Schwimmen kennengelernt hatte. Und wie er selbst daneben gestanden war, als sie sich rücksichtslos umarmt und liebkost hatten. Doch bei ihm war es dasselbe Dilemma: Quinn wusste nicht, was er wirklich fühlte, und er war zu scheu und unsicher, um es ihr zu sagen. Besonders jetzt, da sie anscheinend jemand anderen gefunden hatte. Es tat so unglaublich gut, mit ihm über diese Dinge zu reden. Ich fühlte mich danach erholt und mit neuer Kraft gestärkt. Wir versprachen uns nämlich gegenseitig, dass wir unser Bestes tun würden, um dem jeweils anderen zu helfen. Ich nahm mir fest vor, Quinn einmal auszuhorchen und nach ihren wahren Gefühlen für diesen ‚Pool Boy‘ zu fragen. Was Ajith vorhatte, konnte ich nur erahnen – doch ich hoffte, dass er nicht zu eilig an die Sache ranging. Ich war mir schliesslich nicht sicher, ob Jonas überhaupt je etwas für mich empfunden hatte. Bei Quinn hingegen hatte ich das Gefühl, dass sie Ajith durchaus sehr mochte.
      Wir wünschten uns eine gute, erholsame Nacht und gingen getrennte Wege. Ich starrte im Bett liegend lange die Decke an, weil es einfach zu heiss zum Einschlafen war. Vielleicht drehte sich aber auch einfach mein Kopf noch zu viel. Ich konnte es, nun da ich alleine war, nicht so recht fassen, dass ich tatsächlich mit Ajith darüber geredet hatte. Ich fragte mich langsam, ob das nicht nur wieder irgendein dummer Traum gewesen war. Doch am nächsten Morgen lächelte mir der Pfleger schief entgegen, und ich wusste sofort, dass wir nun eine spezielle Verbindung hatten. Ich lächelte zurück und war froh, einen so guten Freund zu haben. Aber Kummer blieb mir nicht ganz erspart, denn kurz darauf beobachtete ich Jonas und Lisa, Arm in Arm zu den Weiden schlendernd.
      28 Aug. 2016


      Happy Halloween
      Es war wieder soweit: Halloween stand vor der Tür, und Lisa, Lewis, Lily und Jonas liessen sich nicht zweimal bitten. Sie dekorierten schon den ganzen Morgen eifrig den Hof mit Kürbissen. Gegen Abend erwarteten wir Reitschüler und sonstige Nachbaren zu einem kleinen Kostüm-Gymkhana. Ich war dieses Jahr auch schon ziemlich im Halloween-Feeling, denn ich hatte vor kurzem mit Primo Viktoria gleich an zwei Reiterspielen zum Thema Teilgenommen. Heute liess ich es aber bis zum Abend ruhig angehen; als nächstes stand zum Beispiel ein gemütlicher Ausritt mit Baccardi auf dem Plan. Da ich keine Lust hatte, alleine rauszugehen, suchte ich Quinn und schleifte sie mit in den Nordstall. Sie holte Flintstone aus seiner Box, während ich mich um meinen Dunkelfuchs kümmerte. Die beiden hatten ein paar Dreckkrusten vom Vortag im Fell, wobei Flint schlimmer aussah als Baccardi. Ich entstaubte den Ponyhengst so gut es irgendwie ging und kämmte sein dunkles Langhaar. Dann kratzte ich die Hufe aus und putzte seine Augenwinkel mit einem feuchten Tuch, denn diese waren etwas verkrustet. Der Hengst hatte manchmal etwas Mühe mit Zugluft. Ich wollte schon den Sattel holen gehen, da meinte Quinn „Come on, let’s go bareback today. We want to take it slow anyway.“ Aus dem ‚take it slow‘ wurde dann doch nichts. Die beiden Jungs zeigten uns, dass sie top motiviert und fit waren, also machten wir ein paar erfrischende Galopps unterwegs. Ein kühler Herbstwind zerzauste uns die Haare und fegte Blätter von den Bäumen, während wir darunter hindurchritten. Baccardi ging schön am Zügel, denn ich hatte ihn nach dem Galopp etwas aufgenommen. Ein bisschen Dressurarbeit unterwegs konnte nie schaden. Ich liess ihn Schulterherein machen und achtete auf die Stellung, wann immer der Weg eine Kurve beschrieb. Quinn liess Flint hingegen locker am langen Zügel laufen. Sie hatte offensichtlich keine Lust auf Arbeit. Ich nahm es ihr nicht übel, denn sie hatte gestern Abend bis spät noch Sättel geputzt. Wir waren nach eineinhalb Stunden zurück auf dem Hof und sattelten die Pferde ab.
      Es war fast Mittag und somit Zeit, die Stuten von der Weide zu holen. Lily und Lisa halfen mir rasch damit. Lily führte natürlich ihre geliebte White Dream rein, während ich Satine und Parányi übernahm. Für Lisa blieben noch die beiden Jungspunde Bluebell und Sugar and Sweets. Die Stuten von der zweiten Weide waren bereits zurück im Stall – Darren und David hatten sie reingetrieben. Im Futterrauf wartete das Mittagessen, dementsprechend erpicht darauf waren die Damen, in die Boxen zu gelangen. Die übermütige Parányi versuchte, sich einfach an mir vorbei durch die Tür zu drücken. Ich schickte sie massregelnd rückwärts und liess sie nicht durch, bis sie anständig wartete. Die junge Stute ‚vergass‘ manchmal noch, dass ich ranghöher war.
      Auf dem Weg zurück zum Haupthaus wurde ich von Jonas überfallen, der beleidigt feststellte „du hättest auch mich mit auf den Ausritt nehmen können!“ „Du warst so schön beschäftigt mit der Dekoration, ich wollte dich nicht dabei stören“, gab ich grinsend zurück. „Ach was, du weisst genau, dass ich eine Gelegenheit um Lisa zu entkommen mit Handkuss begrüsst hätte!“ „Ach du armes, armes Schaf.“ Ich legte tröstend den Arm um seine Schultern und wir folgten Lily ins Haus.
      Nach dem Mittagessen kümmerte ich mich um meinen geliebten Co Pilot. Er hatte heute Reitpause und durfte nachher mit den anderen auf die Weide, aber vorher wollte ich ihn longieren. Als ich ihn im Nordstall anband und zu striegeln begann, huschte plötzlich ein schwarzer Schatten um die Ecke. Huch? An die Katze erinnere ich mich gar nicht, dachte ich verwundert. Ich wusste zwar, dass es vier Katzen auf dem Hof gab, allesamt von Lisa grossgezogen, aber sie waren alle bis auf eine recht verwildert. Diese schwarze von vorhin bekam ich so selten zu Gesicht, dass sie mir bisher gar nicht aufgefallen war. Ich legte den Striegel auf den Boden und schlich ihr neugierig hinterher. Sie stand mit dem Rücken zu mir vor der hintersten Box und hatte mich offenbar noch nicht bemerkt. Ich packte die Gelegenheit und griff nach der auf den Spalt zwischen den Boxenwänden konzentrierte Katze. Ich erwischte sie und sie versuchte sich erschrocken aus meinem Griff zu befreien. Doch es half nichts, ich hatte meine Hände fest in ihrem langen, weichen Fell vergraben und musterte sie nun genauer. Der schwarze Pelz hatte helle Unterwolle, die durchschimmerte, wenn sie sich bewegte. Ausserdem war das Fell an ihrem Hals etwas gekraust und ebenso wie das ganze Bauchfell ganz hell. Ihre hübschen, graugrünen Augen waren entsetzt geweitet und die Ohren plattgelegt. Sie schien nur darauf zu warten, dass sich eine Gelegenheit zur Flucht auftat, denn der ganze, geschmeidige Körper war angespannt. Ich hielt sie noch einen Moment fest, dann setzte ich sie vorsichtig ab. Sie flitzte augenblicklich davon. „Tze, Tze. Da hat sich Lisa wohl nicht so viel Mühe gegeben, was?“, murmelte ich zu Pilot, der mir erwartungsvoll den Kopf zugewandt hatte. Ich lief zu ihm zurück und streichelte seine weisse Stirn. Die intelligent aussehenden Menschenaugen schlossen sich halb vor Wohlsein. Ich knetete liebevoll seine Ohren, dann fuhr ich fort mit der Fellpflege. Während dem Bürsten hatte ich das Bild von Jonas vor Augen, wie er gestern mit Lily und den Hunden gespielt hatte. Am Anfang war es ein komisches Gefühl gewesen, wieder jemanden an meiner Seite zu haben. Doch mittlerweile kam es mir vor, als sei es nie anders gewesen. Wir konnten mit so einer Leichtigkeit reden und scherzen, aber auch zanken und einander ärgern, dass Rosie uns schon mit einem alten Ehepaar verglichen hatte. Wenn ich so darüber nachdachte, war er schliesslich auch immer da gewesen. Zwar nie als Geliebter, aber immerzu als verlässlicher Kumpel. Viel anders war es auch jetzt nicht – nur dass wir nun noch viel mehr miteinander zu tun hatten, Zärtlichkeiten austauschten und uns ein Bett teilten. Ein Lächeln schlich über mein Gesicht, als meine Gedanken schweiften und ich zwang mich zurück in die Gegenwart, denn Pilot war inzwischen sauber. Ich schnappte mir die Longiersachen und führte den Hengst zum Roundpen. Zunächst liess ich ihn im Schritt zum Aufwärmen ein paar Biegeübungen machen. Dann machte ich eine halbe Stunde lang Trab- und Galopparbeit mit ihm. Besonders das Angaloppieren war hervorragend für die Schubentwicklung in der Hinterhand, weshalb ich ihn jeweils nur über kurze Sequenzen im Galopp liess. Am Ende streckte er den Kopf schön in die Tiefe und liess den Rücken schwingen. Ich war zufrieden und gab ihm ein paar Karottenstücke. Dann führte ich Pilot direkt zur Weide und entliess ihn zu seinen Kumpels.
      Den ganzen Nachmittag über war ich im Sattel oder bespasste Pferde vom Boden aus – was sonst. Dressur, Bodenarbeit, Trail, Ausreiten, einen kleinen Parcours springen; Ich gestaltete die Zeit den Pferden und mir selbst zuliebe möglichst Abwechslungsreich. Zuletzt war ich mit Ronja Räubertochter auf dem Viereck, und zwar zum puren Vergnügen. Die Achal Tekkiner Stute hatte am Vortag ein anstrengendes Distanztraining absolviert und durfte heute dafür die Seele baumeln lassen. Ich versuchte, ihr Ansätze für das Kompliment zu entlocken und brachte ihr das Beinheben für den Spanischen Schritt bei. Der nette Nebeneffekt war, dass sie so ihre Schulter und Rückenmuskulatur dehnte und lockerte. Ich spielte ausserdem mit Ronja, indem ich mir von Darren den grossen Gymnastikball bringen liess und ihn dann vor uns her rollte. Sie begriff schnell was sie zu tun hatte, obwohl ihr der blaue Ball am Anfang etwas suspekt gewesen war. Ich liess sie wie zuvor für den spanischen Schritt die Beine heben und so den Ball anstossen. Sie wurde sogar etwas übermütig und begann kräftig zu scharren, sodass der Ball immer schneller rollte. Gerade als sie begann, das Interesse an dem Ball zu verlieren, schoss vor uns Kafka aus dem Gebüsch. Ronja zuckte erschrocken zusammen und wölbte skeptisch den Hals. Der schildpattfarbene Kater stand schwanzpeitschend da und starrte auf die andere Seite des Platzes, dann zu mir hoch. Ich meinte eine Art schelmischen Ausdruck in seinem Gesicht zu erkennen und es kam mir so vor, als hätte er Ronja absichtlich zu erschrecken versucht. Ich erwiderte seinen Blick mit verärgert verengten Augen und scheuchte ihn armfuchtelnd weg. Er verschwand geschmeidig zwischen den Büschen, die das Viereck säumten. „Verfluchter Flohpelz“, murmelte ich und versorgte Ronja.
      Es wurde dunkel, also half ich Lisa und den anderen, die Kürbislichter anzuzünden. Die ersten Transporter fuhren auch schon auf den Parkplatz. Charly, David, Elliot und Parker waren fast fertig mit dem Aufstellen des Parcours. Ich half noch rasch, einen Flattervorhang aufzubauen und die grosse ‚Murmelrollbahn‘ mit dem Gymnastikball zu verbessern. Die Gäste waren ziemlich kreativ gewesen mit ihren Kostümen: allerlei Gruselgestalten wuselten zwischen Pferden und Gebäuden hindurch. Die Nacht war erfüllt mit fröhlichen Stimmen und Gelächter, dazwischen das Schnauben von Pferden. Insgesamt waren 33 Teilnehmer angemeldet, die meisten davon Kinder und Jugendliche. Ich selbst beobachtete das Geschehen mit einer heissen Tasse Apfelpunsch von der Reiterstube aus. Lily machte mit Areion natürlich mit, denn sie nutzte jede Gelegenheit um mit ihrem Tinker zu üben. Jonas gesellte sich neben mich um Lilys Durchgang mitzuverfolgen. Areion trug meine Nichte zuverlässig durch den Slalom und die Flatterbänder. Nur wenn die beiden in die Nähe des Eingangs kamen, wo lautstarke Teilnehmer und Zuschauer warteten, wurde er etwas unsicher. Die beiden waren nicht die Schnellsten, aber sie hatten nur wenige Fehler zu verzeichnen und gute Teamarbeit geleistet. Ich trank meinen Punsch aus und zog Jonas am Arm mit nach draussen. Wir halfen Lily beim Versorgen von Areion. Der jetzt in den kalten Jahreszeiten besonders wollige Tinker hatte zwar einen ruhigen Eindruck gemacht, war aber insgeheim doch recht gestresst gewesen. Er hatte ordentlich geschwitzt, auch ein wenig hinter den Ohren – ein klares Zeichen von Aufregung. Wir brachten ihn daher gemeinsam zum Hauptstall und parkierten ihn unter dem Solarium. Ich kraulte den verschmusten Hengst, dankbar, dass er sich für Lily so zusammengerissen hatte. „Tinker sind schon feine Tierchen“, bemerkte auch Jonas. Lily bürstete unterdessen eifrig das feuchte Fell ihres Ponys. Als wir den Hengst zurück in den Nordstall brachten, riefen uns Lewis und Charly zu sich. „Can you guys come to the Pflegerheim when you are finished with Areion? We have something to discuss.” Ich hob erstaunt die Augenbrauen, nickte aber. Bevor Jonas und ich wie versprochen zum Pflegerheim wanderten, sah ich nochmal beim Gymkhana nach dem Rechten. Lisa, Jason, Anne und Rita hatten alles im Griff, also konnte ich guten Gewissens abtauchen. Als ich die Tür öffnete, waren im Aufenthaltsraum eine erstaunliche Menge an Menschen versammelt. „What’s the matter?“, fragte ich leicht erschrocken, beinahe eine Meuterei erwartend. Lewis meldete sich zu Wort. „You see… We have a request. There’s this beautiful pair of congo gray parrots, that my cousin bought recently. Turns out he hasn’t got enough time for them and the neighbours complained about the noise they make. We discussed it through and would like to have them here in the Pflegerheim, if you allow it.” “Hmm, are you going to build a cage then? Because you can’t just let them roam around freely and destroy everything with their beaks…” Thomas meldete sich vorsichtig. “I’m gonna build something in here for them, my gramps had parrots, too, so I know how it works.” April fügte rasch hinzu: “We’re all gonna look after them, it will be fun!” Ich seufzte und sah zu Jonas rüber, der verständnisvoll lächelte. “Alright, fine. We try it as a project. But if I see those damn birds suffering from lack of care just once, I will intervene.” Lewis und Charly gaben sich ein triumphierendes High-Five und ich bereute meine Entscheidung jetzt schon. Aber Jonas nahm mich grinsend in den Arm und gab mir Zuversicht. „Ah Occu; one of them, the male, has even got a rare colour mutation called ‘blue’. Due to that, it’s tail is white”, informierte mich Lewis. Beeindruckt nickte ich, obwohl ich zugegebenermassen nicht viel damit anfangen konnte – ich kannte mich kaum mit Papageien aus. Jonas und ich liefen zurück zur Halle, um das restliche Gymkhana mitzuverfolgen.
      4 Nov. 2016


      Neues Jahr, wie wunderbar
      Es war der Morgen des 31. Dezembers. Ich war sofort hellwach, als ich die Augen aufschlug. Es gab noch so viel zu tun heute, bevor das neue Jahr beginnen konnte! Jonas war ausnahmsweise ebenfalls rasch auf den Beinen; normalerweise war er ein echter Siebenschläfer. Ich ass ein Honigbrot, fütterte die Hunde und zog die Reitsachen an. Als ich die Haustür aufmachte, erschrak ich beinahe. So viel Schnee! Es musste die ganze Nacht hindurch geschneit haben, denn die Schicht von den letzten paar Tagen hatte sich verdoppelt. Hinter mir hörte ich Jonas, also hüpfte ich die Veranda runter und lauerte ihm mit einem Schneeball auf. Natürlich verfehlte ich. „Muss ich dich in den Schnee legen?“, rief Jonas herausfordernd. Ich rannte lachend davon, zum Hauptstall. Es war draussen noch dunkel, aber im Stall brannte bereits Licht und die Pfleger begannen gerade mit dem Füttern. „Good morning everyone!“, rief ich fröhlich durch die Stallgasse. Als erstes stand eine Dressurstunde mit Sunday, Caspian und Cool Cat an. Heute war nur für die unerfahreneren Vollblüter Galopptraining auf dem Plan – die etwas älteren mussten anderweitig arbeiten und morgen war für alle Ruhetag. Ich ritt in der Stunde auf Caspian. Der Schimmelhengst war ziemlich geladen und ich musste ihn dauernd mit kleinen Volten und engen Wendungen bremsen. Der nette Nebeneffekt war, dass er wunderschön ans Gebiss trat, weil ihn die Biegung löste.

      Nach uns hatten Parker, Charly und Anne ebenfalls Dressurstunde, und zwar mit Gleam of Light, Chiccory und Spotted Timeout. In der Zwischenzeit begaben Jonas und ich uns mit Fly Fast und Framed in History auf einen Ausritt, um die beiden geländetauglicher zu machen. Beide waren noch sehr guckig und fanden immer wieder eine Ausrede um einen Seitensprung ins Feld zu machen. Um den beiden Nervenbündeln etwas Sicherheit zu geben, kamen auch Flint und Rebel mit, geritten von Lisa und Darren. Von den erfahrenen Westernpferden konnten sich die beiden Vollblüter viel abschauen. Wir waren länger unterwegs als geplant, weil Fly bei einem mit Planen abgedeckten Holzhaufen partout nicht vorbeiwollte. Wir nahmen uns daher viel Zeit um ihm den unheimlichen Haufen zu zeigen – bis er beim Durchreiten bloss noch das Ohr dorthin drehte. Ich fand es immer besser, solche Dinge auszudiskutieren, besonders bei Fly. Ansonsten neigte er dazu, sich bei kleinen Dingen immer weiter aufzuschaukeln, bis man kaum mehr anständig reiten konnte. Deshalb erklärten wir ihm immer alles doppelt, damit er keine Zweifel mehr hatte. Das brauchte Zeit, und genau diese Zeit hatten wohl seine alten Besitzer, bei denen er sich am Ende komplett verweigerte, nie gehabt. Er war eben von Natur aus ein sensibles Pferd und war schnell überfordert. Seit er auf Pineforest war, hatten wir uns grosse Mühe gegeben, dass er nie wieder eine seiner Ausraster hatte, bei denen er alles um sich herum vergass und wie mit Scheuklappen davonpreschte. Ich hatte einmal ein altes Video gesehen, von einem seiner letzten Rennen, bei dem er vor Verwirrung in die Rails gekracht war. Mittlerweile war er meistens ziemlich gut händelbar, aber sicherlich kein Anfängerpferd. Frame war ebenfalls nicht ganz einfach, aber er war einfach ein Angsthase. Er lernte jeweils schnell, doch fragte vorher lieber einmal zu viel nach, ob er nicht doch abdrehen sollte. Wenigstens glaubte der Schecke mir nach kurzer Zeit, dass der Haufen ungefährlich war. Und einmal begriffen, testete er es auch nicht erneut aus. Da war Fly hartnäckiger. Aber Frame vertraute mir sowieso aussergewöhnlich stark. Es kam mir manchmal fast so vor, als sähe er mich wegen seines üblen Weideunfalls immernoch als seine Retterin an. Jedenfalls war er bei mir viel mutiger als bei anderen, weshalb ich ihn noch immer fast ausschliesslich selbst ritt.
      Als wir vom Ausritt zurückkamen, machten sich gerade die Jockeys für das Training mit den jüngsten Vollblütern fertig. Die fünf kannten noch nicht viel und waren entsprechend hibbelig, als sie hintereinander zur Bahn ritten, während die Pfleger mit anderen Pferden an ihnen vorbeiliefen. Merino und Primo Victoria waren für mich immernoch etwas ganz Besonderes, mit ihren weissen Birdcatcher-Spots auf dem dunklen Fell, das so sehr dem ihrer Mutter ähnelte. Punkte hatte auch Cryptic Spots, und zwar nicht zu knapp. Aber mein heimlicher Liebling dieser Gruppe war immernoch Simba Twist, mit seinem aussergewöhnlich hellen, fuchsfarbenen Fell. Besonders wenn die Sonne darauf fiel schillerte es wie richtiges Gold. Ob er auch in Sachen Gewinne ein Goldjunge war, musste sich noch zeigen. Im Moment dominierte Miss Moneypenny die Trainingsrennen der Gruppe.
      Sobald ich Frame versorgt hatte, machte ich mich auf den Weg zu Moon Kiddy. Ich fand es eine reizvolle Idee, am Jahresabschluss mit ihr einen etwas längeren Ausritt zu machen. Mit der Stute hatte ich schon so viel erlebt und sie war einfach ein absoluter Schatz im Umgang. Nach der wilden Runde mit Fly und Frame war das nun genau das Richtige für mich. Ich striegelte und bürstete Moons weiches Winterfell. Dann entwirrte ich ihr dichtes Langhaar. Es war eher etwas dratig und robust im Vergleich zu dem feinen Haar eines Vollblüters, ausserdem hatte es hartnäckige Wellen, die es noch voluminöser wirken liessen. Ohne etwas Glanzspray war es fast unmöglich durchzukommen, ohne Haare auszureissen. Doch als ich fertig war, fiel es schön locker und war frei von Strohstückchen. Auch die Hufe kontrollierte ich, aber die Stute war barhuf und vom Schnee auf der Weide waren die Sohlen saubergewaschen, also gab es nichts auszukratzen. Mit der etwas kleineren Bürste nahm ich mir noch den Kopf vor, dann waren wir ready. Ich packte den Westernsattel auf ihren Rücken und zäumte sie mit ihrem Bosal. Der Ausritt führte uns durch das Nachbardorf und auf dessen anderer Seite durch ein Waldstück, in das ich bisher nur selten vorgestossen war. Hier gab es viele befestigte Wanderwege, auf denen wir wunderbar galoppieren konnten. Ich begegnete auch ein paar Spaziergängern, die mir jeweils einen guten Rutsch wünschten – was ich natürlich dankend erwiderte. Ein kleines Mädchen, dem wir unterwegs mit seiner Familie ebenfalls begegneten, war ganz begeistert von Moon und wollte die Stute streicheln. Wir unterhielten uns ein paar Minuten und ich lud sie ein, einmal auf Pineforest vorbeizuschauen und vielleicht eine Reitstunde zu nehmen. So macht man Werbung, dachte ich schmunzelnd, als ich weiterritt. Ich war sicher, dass ich das Mädchen namens Emilia nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Überhaupt wollte ich mich im kommenden Jahr wieder etwas mehr den Ferienkindern widmen, die jeweils in den Sommerferien bei uns waren. Ich musste mir neue Spassturniere ausdenken und das Programm möglichst vielseitig machen. Aber das hatte alles noch Zeit. Im Moment genoss ich die stille, gefrorene Winternatur mit Moon. Auf dem Heimweg begann es sogar wieder zu schneien. Ich liess es mir nicht nehmen, mit Moon noch ein letztes Mal über ein Feld zu galoppieren, bevor wir zuhause waren. Im Tiefschnee wurde die Stute rasch müde, dafür machte es uns beiden umso mehr Spass.
      Um elf Uhr hatte ich Moon versorgt und gönnte mir eine Teepause, bevor ich weiter zu Lily mit Areion ging. Dank der Weihnachtsferien konnte ich ihr jetzt wieder vormittags eine Reitstunde geben und nicht erst abends, wenn es schon dunkel wurde. Die anderen Pfleger hatten schon um zehn Uhr Pause gemacht, deshalb sass ich alleine in der Reiterstube und beobachtete das Springtraining von Baccardi, Bluebell, Sugar and Sweets, White Dream und Donut. Die fünf Ponys galoppierten geschickt um die Kurven und schienen ganz schön fit. Zufrieden bemerkte ich, dass Bluebell fast jedes Mal im richtigen Galopp landete und abgesehen von ein wenig Zögern beim Plankensprung flüssig über alle Hindernisse drüberging. Sweets hatte da noch mehr Mühe, David musste sie jeweils neu angaloppieren wenn sie im Aussengalopp war. Baccardi und Donut waren sowieso erfahrener und beherrschten die fliegenden Wechsel; sie landeten aber ohnehin meist richtig. Mit Dream war es dasselbe, aber heute war sie etwas zu hastig und räumte dann doch ein paar Stangen ab.
      Ich fragte Lily, was sie heute mit ihrem flauschigen Tinker machen wollte. Sie beschloss, dass sie mit ihm zum ersten Mal ohne Sattel Cavaletti springen wollte. Ich nickte schmunzelnd und dachte mir, dass ich die Gelegenheit auch gleich nutzen könnte, um mit Adrenaline etwas Spass zu haben. Wir putzten die beiden, wobei ich meiner Nichte etwas half, denn Line war praktisch sauber, während Areion mit seinem langen Winterfell mehr Pflege brauchte. Besonders die dichten Puschel an den Beinen waren mühsam, denn darin verfingen sich dutzende Strohstückchen. Ausserdem musste ich die Fesselbeugen auf Mauke kontrollieren, denn unter dem ganzen Behang staute sich Feuchtigkeit. Vorsorglich salbte ich deshalb ein wenig und erklärte währenddessen Lily worauf sie achten musste. Meine Nichte kümmerte sich gewissenhaft und ausdauernd um ihren Tinker. Sie machte jeden Tag etwas mit ihm, und wenn es nur Spazieren war. Die beiden wurden immer mehr zu einem Team, wie ich es mir bei seinem Kauf erhofft hatte. Areion war ein gutmütiger, ausgeglichener Hengst. Und wenn es doch mal Probleme gab, konnte ich ihr rasch helfen. Zur Sicherheit setzte ich mich trotz allem sowieso einmal pro Woche selbst drauf; auch, damit der Hengst richtig gymnastiziert wurde. Tinker neigten ja dazu, einen weichen Rücken zu haben. Mit Lilys Fliegengewicht war das im Moment kein Thema, aber ich wollte auch in Zukunft sicherstellen, dass Areion die nötigen Muskeln hatte und gesund blieb. Als wir die beiden fertig vorbereitet hatten, gingen wir zusammen in die Halle. Die Ponygruppe hatte die Hindernisse stehengelassen, also stellten wir sie einfach etwas tiefer und benutzten sie anstelle der Cavaletti. Zuerst wärmten wir die beiden Pferde vom Boden aus auf. Zum Aufsteigen schwang ich mich einfach vom Boden aus auf Lines Rücken, während Lily ihren Tinker von der Aufstiegshilfe aus bekletterte. „Irgendwann musst du mir das auch noch beibringen Occu“, meinte sie etwas frustriert, als sie mich beobachtete. „Es sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte auch lange, bis ich es endlich beherrschte“, ermunterte ich sie. Wir galoppierten zuerst ein wenig, dann sprang ich mit Line das erste Hindernis vor. Lily und Areion taten es uns gleich. Lily rutschte zwar auf Areions Hals, rückte aber schnell wieder in die richtige Position zurück und grinste ünbers ganze Gesicht. „Gut gemacht für den ersten Versuch“, lobte ich anerkennend. Ich riet ihr noch etwas besser in die Mähne zu greifen, denn „dafür ist seine dicke Wolle ja geradezu perfekt“. Schon nach wenigen Versuchen hielt sie das Gleichgewicht deutlich besser und wurde mutiger. Einmal mehr war ich froh, dass Areion so gutmütig und geduldig war. Wenn es nicht passte, dann stoppte er zwar, aber dann musste Lily einfach neu anreiten und schon klappte es. Adrenaline hoppste übrigens auch brav über die Sprünge.
      Nach dieser kurzen Spass Lektion gingen wir mittagessen. Um ein Uhr begab ich mich einmal mehr zu Phantom, meinem original USA Mustang, mit dem ich die letzten Tage intensiv gearbeitet hatte. Seit einer ganzen Woche ging ich nun schon jeden Tag zu ihm und gewöhnte ihn Stück für Stück an alles, was er in der Menschenwelt kennen musste. Am zweiten Tag hatte ich ihn weiter an Berührungen gewöhnt, auch an den Beinen, und sogar schon erste Versuche gemacht, die vorderen zu hochzuheben. Ausserdem hatte ich angefangen, ihn ein wenig zu longieren und unsere gemeinsame Sprache zu finden. Ich hatte ihm die Peitsche gezeigt und ihn dagegen desensibilisiert, und zu guter Letzt hatte ich bereits begonnen, neben ihm zu hüpfen und ihn an schnellere Bewegungen zu gewöhnen. Tag drei nutzte ich bereits dazu, zum ersten Mal auf seinem Rücken zu sitzen. Dazu kraulte ich ihn wieder ausgiebig und verstärkte das Hüpfen neben ihm immer weiter, bis ich mich schliesslich über seinen Widerrist legte. Anfangs machte er immer wieder Ausweichschritte, aber mit der Zeit blieb er stehen und so konnte ich fortfahren, bis ich ganz oben sass. Mehr als das verlangte ich noch nicht. Nebenbei gewöhnte er sich auch an das Führseil, dass er meistens einfach lose hinterherzog. Er lernte, dass er darauf stehen konnte und dass es sich um seine Beine wickeln konnte, ohne dass ihm etwas schlimmes passierte. Tag vier verbrachten wir damit, ein paar erste Schritte mit mir auf seinem Rücken zu gehen. Anfangs noch in einer kleinen Volte, dann schon etwas selbstsicherer. Er erschreckte sich zunächst noch, wenn ich wieder runtersprang, also übten wir das auch ausgiebig. Ausserdem zeigte ich ihm schon die wichtigsten Hilfen, nämlich Lenkung und Bremsen, bzw. Rückwärtsgang. Er war sehr aufmerksam und lernte schnell, aber seine Körpersprache verriet mir, dass er immernoch sehr angespannt und unsicher war. Am Abend von Tag vier führte ich ihn dann auch zum ersten Mal aus dem überdachten Roundpen in den Hauptstall. Wir machten eine Runde durch den Stallgang und ich liess ihn an allem schnuppern, was ihm unheimlich vorkam. Die Pfleger sahen begeistert zu. Am darauffolgenden Tag nahm ich ihn zum ersten Mal mit in die Halle und longiere ihn dort. Am ende liess ich ihn freilaufen und stellte ihm den grossen blauen Gymnastikball vor, den wir im Lagerraum hatten. Er schubste ihn sogar etwas herum. Tag sechs nutzte ich, um den ganzen Schweiss und Dreck von seinem Körper zu waschen. Auch das nahm wieder viel Zeit in Anspruch; zunächst gewöhnte ich ihn an den Schlauch, dann Schritt für Schritt an den Wasserstrahl. Ich benutzte ganz wenig Shampoo am Körper und genug beim Langhaar, um es zu entknoten und ganz sauber zu bekommen. Danach stellte ich ihn, weil es Winter war und draussen Schnee lag, unters Solarium im Hauptstall. Auch dabei musste ich ihn zuerst überzeugen, dass das rot leuchtende Ding keinen Appetit auf Pferde hatte. Aber als er es einmal begriffen hatte, stand er brav still und ich konnte nebenbei das trocknende Langhaar ein wenig frisieren. Gestern Nachmittag schliesslich hatte ich mit ihm Schrecktraining in der Halle gemacht und ihm ein paar neue, wichtige Alltagsdinge wie Klettverschluss und Blachen gezeigt. Ausserdem hatte ich den Morgen dafür genutzt, zum ersten Mal auf ihm zu traben und ihn bereits etwas ausgiebiger zu reiten. Heute wollte ich daran anknüpfen und ihn draussen auf der Ovalbahn reiten. Wenn alles gutging, konnte ich einen ersten Galopp wagen. Die Ovalbahn war aussenherum durchgehend mit Rails abgegrenzt, was ihn im schlimmsten Fall daran hindern würde, einfach auszubüxen. Trotzdem hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl, weil ich ihn noch nie zuvor draussen geritten hatte. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich betrat den überdachten Roundpen und rief den Mustang zu mir. Er reagierte darauf jeweils sofort und kam zügig angelaufen, was mich immer wieder von neuem freute. Er hatte sich also schon weitgehend auf mich eingelassen und begann, mir wirklich zu vertrauen. Das merkte ich auch beim anschliessenden Bürsten, denn er stand still obwohl ich das Seil nur über die Wand der Führanlage gelegt hatte und genoss das Striegeln mit gespitzter Oberlippe. Er war im Umgang sehr respektvoll (vermutlich war auch noch ein Rest Unsicherheit im Spiel) und wurde von Tag zu Tag neugieriger. Ich versuchte, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Daher war ich in den letzten Tagen auch immer wieder zwischendurch zu ihm gegangen – bloss um ihn zu kraulen oder ihm eine Karotte zu bringen. So verknüpfte er mich sehr positiv und deshalb kam er auf Rufen auch sofort zu mir. Bürsten am Kopf klappte mittlerweile auch ganz gut; am Anfang hatte er die Bürste in seinem Gesicht ganz und gar nicht gemocht. Das Hufeauskratzen mussten wir noch weiter üben, denn im Moment zog er den Huf nach kurzer Zeit wieder weg. Als ich fertig war, führte ich ihn zur Ovalbahn. Er folgte mir brav und sah sich neugierig um, als wir das fremde Gelände betraten. Natürlich hatte er es von der Halle her auch schon gesehen, aber ich liess ihm dennoch Zeit, die Umgebung etwas zu erkunden. Dann knotete ich das Führseil als Zügel an das Knotenhalfter und schwang mich auf seinen Rücken. Zunächst machte ich eine Schrittrunde und überprüfte die Hilfen indem ich kleine Volten und Seitenwechsel machte, oder ihn rückwärtstreten liess. Dann trabte ich an und machte auch dabei immer mal wieder eine kleine Volte. Ich begann damit, ihn ein wenig Schulter vor zu reiten – auch um sein Tempo etwas besser zu kontrollieren. Endlich war es so weit und ich konnte angaloppieren. Sein Galopp war bequemer als erwartet und er blieb in einem angenehmen Tempo. Beim zweiten Angaloppieren machte er einen kleinen Buckler, den ich aber ohne weiteres aussitzen konnte. Ich machte zwei Runden auf jede Seite, dann parierte ich ihn durch und hüpfte von seinem Rücken. Ich lobte ihn ausgiebig mit Kraulen und brachte ihn zurück ins Roundpen. „Und, wie lief’s?“, wollte Jonas wissen, als er mich dabei entdeckte, wie ich den Rappen noch ein wenig beobachtete. „Richtig gut, wir konnten problemlos galoppieren“, antwortete ich stolz. „Das ist toll, wenn es so weiter geht ist er bald so sicher wie die Criollos“, stellte Jonas etwas übertrieben fest. „Meinst du, wir könnten einen Versuch wagen und ihn morgen mit ein, zwei anderen Jungs auf die Weide bringen? Ich möchte ihn nächstens etwas intensiver reiten und da wäre es gut, wenn er ausgeglichen ist…“ Er stimmte zu, dass es an der Zeit wäre, das auszuprobieren. Ich konnte nicht wirklich einschätzen, wie gut er sich mit den anderen verstehen würde, aber ich drückte die Daumen, dass alles gut ging. Irgendwann wollte ich ihn auf die Stutenweide umsiedeln, aber zuerst wollte ich sichergehen, dass er den grössten Teil seines Hengstverhaltens abgelegt hatte.
      Um halb drei bewegte ich Co Pilot in der Halle, während Ljóski und Herkir draussen auf der Ovalbahn von Jonas und Darren geritten wurden. Ich sah ihnen während der Dressurarbeit immer mal wieder zu und suchte nach Fehlerchen, mit denen ich Jonas später aufziehen konnte. Aber es war schon ganz schön schwer bei ihm und Herkir noch etwas zum motzen zu finden – die beiden waren ein sehr eingespieltes Team. Pilot liess sich den Winter nicht anmerken, er lief heute so ruhig wie schon lange nicht mehr. Trotzdem war er bei der Sache und gab sich Mühe, alle meine Hilfen umzusetzen. Ich galoppierte mit ihm viel, wobei ich vorallem immer wieder angaloppierte; mal aus dem Schritt, mal aus dem Stehen. Denn das gab den besten Muskelzuwachs. Beim Anspringen musste er viel Kraft mit der Hinterhand aufnehmen, was ihm wiederum dabei half, sich zu versammeln. Ausserdem feilte ich weiter an den Galopppirouetten, die er noch nicht perfekt beherrschte.
      Eine gute Stunde Später wünschte ich Lisa, Elliot, Lewis, Linda und David einen schönen Ausritt. Die fünf ritten mit Dancing Moonrise Shadows, Piroschka, Ice Coffee, Ronja Räubertochter und Lovely Summertime vom Hof weg in Richtung Fluss. Ausserdem erwischte ich Jonas dabei, wie er Lily auf Fake Reitstunde gab. Still schmunzelnd beobachtete ich die beiden einen Moment, dann schlich ich davon, um sie nicht abzulenken. Ich beschloss, mit der frisch gekörten Feline ein wenig Bodenarbeit im Roundpen zu machen. Die Criollostute hatte es tatsächlich endlich geschafft – noch vor zwei Jahren hatte niemand daran geglaubt. Sie war so ein unscheinbares Fohlen gewesen, nie besonders hübsch, immer etwas schmal – sozusagen ein graues Entlein. Auch als Jungstute hatte sie nicht überzeugen können, doch nun endlich hatte sie sich zu einer hübschen Schimmelstute mit einem grossen Herzen entwickelt. Sie war eines der liebsten, gutmütigsten Pferde die ich kannte und dankte uns jeden Tag von neuem die Zeit und die Arbeit, die wir in sie gesteckt hatten. Ich putzte das jetzt im Winter beinahe weisse Fell der Stute gründlich, ehe ich sie zum Roundpen brachte. Dort angekommen spielte ich einfach ein bisschen mit ihr herum. Ich schickte sie weg und liess sie wieder zu mir kommen, motivierte sie zu einem frischen Galopp auf dem schneebedeckten Sandboden und machte ein paar Seitenwechsel, bei denen ich sie spielerisch anstachelte. Ich fand es auch eine gute Gelegenheit, um das Steigen mit ihr zu üben. Als wir fertig waren, zeigte sie tatsächlich gute Ansätze. Zufrieden warf ich das Führseil über ihren Hals und öffnete das Tor des Rounpens. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, das Seil wieder in die Finger zu nehmen; die Stute folgte mir auch so zurück zur Stutenweide. Als ich danach beim Nebenstall durchschlenderte, sah ich, dass Satine und Parányi nicht da waren. Ich warf einen Blick in die Halle, wo Lily und Fake gerade am Trockenreiten waren. Auch nicht, hmm… Auf dem Viereck war ebenfalls keine Spur von den beiden. Sind sie ausreiten gegangen?, wunderte ich mich. Doch kurz darauf entdeckte ich die beiden mit Jason und Rita auf dem Galoppweg. Sie trabten nebeneinander unter den Tannen hindurch und schienen Spass zu haben. Zufrieden schlenderte ich zum Haus und machte mir eine Tasse Tee, denn ich brauchte auch mal eine Pause.
      Wenig später kam Lily durch die Tür gepoltert. „Und? Wie war deine Reitstunde?“, fragte ich grinsend. „Toll! Jonas gibt besser Unterricht als du!“ Sie streckte mir die Zunge raus und ich meinte empört: „Na dann brauche ich dir in Zukunft ja keinen mehr zu geben.“ „Doooch!“ Sie setzte sich auf meinen Schoss und forderte: „Ich brauche von euch beiden Reitunterricht, damit ich noch viel besser werde. Ich will schliesslich im Frühling mit Areion auf Turniere gehen!“ „Pass auf, dass du nicht zu ehrgeizig wirst und dich selbst überforderst. Ich bin sicher, du wirst nächstes Jahr ein paar Schleifen sammeln.“ „Nächstes Jahr, pah!“ „Das ist aber doch schon bald, also so viel Geduld wirst du wohl noch haben müssen.“ „Nächstes Jahr ist… Ach ja, mähh Occu du bist doof“, machte sie, als ihr wieder einfiel, dass heute Abend Silvester war. „Wer ist hier doof?“, erwiederte ich lachend und schloss sie in den Arm. Ihre Stimme drang gedämpft durch meinen Ärmel. „Jenny hat ihrem weissen Pony zu Weihnachten eine Mütze aufgesetzt. Das sah echt cool aus! Sie hat mir das Bild gestern gezeigt.“ „Echt? Das kann ich mir gut vorstellen. Wir haben Empire auch mal ne Mütze aufgesetzt, aber das ist schon zwei Jahre her.“ Sie befreite sich aus meinem Griff und meinte: „Wir könnten ja ein paar von unseren weissen Pferden für Silvester schmücken! Dann kann ich Jenny auch ein Foto zeigen, wenn wir wieder in die Schule müssen.“ „Könnten wir, ja.“ „Tun wir?“, fragte sie nocheinmal mit hoffnungsvollem Nachdruck. „Tun wir.“, versicherte ich kopfnickend. „Dann los!“ Sie rutschte von meinem Schoss runter und wollte schon zur Tür stürmen. „Warte, womit willst du sie schmücken?“ „Ehhh… Keine Ahnung…“ „Komm hier, wir nehmen die Girlande vom Weihnachtsbaum und irgendwo in meinem Schrank habe ich noch zwei Mützen. Ich hole sie rasch.“ Wir kramten ein paar Dinge zusammen, dann liefen wir zum Hauptstall. Die drei perfekten Pferde für das Unterfangen waren Empire State of Mind, A Winter’s Day und Captured in Time. Wir holten alle drei raus und putzten sie. Ich rief Ajith, damit er Lily mit Ciela helfen konnte, während ich Winter und Empire gleichzeitig putzte. Ajith half auch beim Dekorieren mit, weil er die Idee lustig fand. Als wir fertig waren, stellten wir die drei auf dem Parkplatz draussen auf und schossen ein Foto. Es sah wirklich hübsch aus und Lily freute sich wahnsinnig darauf, es ihrer Kollegin zu zeigen.
      Am Abend Machten Jonas, Lily und ich uns Pizza. Diejenigen Pfleger, die nicht nachhause gingen, schmissen im Pflegeheim ihre eigene Party. Um Mitternacht gingen wir zu ihnen rüber und stiessen alle zusammen auf’s neue Jahr an – für Lily gab es natürlich nur Traubensaft. Lewis zeigte mir und Lily bei der Gelegenheit gleich noch stolz, welche Wörter die Papageien schon kannten. Spätestens als Africa zu fluchen begann, fand ich dass es Zeit war, ins Bett zu gehen. So starteten wir lachend und gut gelaunt ins neue Jahr. Als ich mich schliesslich in meine Bettdecke kuschelte, versuchte ich mir vorzustellen, was dieses Jahr alles mit sich bringen würde. Ich freute mich schon darauf weiter mit Phantom zu arbeiten, aber auch mit allen anderen Pferde lag ein weiteres Jahr voller Abenteuer und Spass voraus.
      20 Jan. 2017


      Zwei Reitponys finden ihren Weg nach Pineforest
      …Im Fall von Blue Lady Liquor, oder Lychee, wie ich sie immer schon gerne genannt hatte, war es sogar ein Wiedersehen. Weil meine Kollegin Ally beschlossen hatte, sich nun endgültig von ihren Pferden zu trennen, durfte ich die Stute mit der speziellen Farbe wieder zuhause begrüssen. Sie befand sich in Begleitung einer zweiten Scheckstute namens Sika. Diese war Allys absoluter Liebling und ich sah, wie schwer es ihr fiel, sie loszulassen. Ihr einziger Trost war, dass Sika es auf Pineforest Stable bestimmt gut haben würde. Nach ihrer Ankunft brachte ich die beiden Stuten zuallererst auf die Weide, damit sie sich von der Fahrt erholen konnten. Lychee zeigte, dass sie die Umgebung wiedererkannte und sich sofort pudelwohl fühlte – sie bretterte im Hoppelgalopp durch den Schnee. Sika hingegen schnaufte lauft hörbar und sah sich unsicher um. Sie schien ein eher vorsichtiges Pferd zu sein und blieb zurückhaltend, obwohl ihre Gefährtin sich nicht fürchtete. Ich beobachtete die beiden eine Weile gespannt, dann beschloss ich, die anderen Stuten aus dem Nebenstall auf die Nachbarweide zu stellen. Lisa und David halfen mir rasch dabei. Wir nahmen immer zwei Pferde gleichzeitig und entliessen sie in die von heute Nacht mit frischem Schnee bedeckte Weide. Sofort gingen die Stuten neugierig zum Zaun, wo bereits Lychee auf sie wartete. Ich meinte im Verhalten von Bluebell und Sweets zu erkennen, dass sie durchaus noch wussten, wer Lychee war, und dass sie schon als Fohlen alle zusammen gespielt hatten. Ich fand die Wiedervereinigung rührend, besonders, als die drei anfingen, dicht am Zaun Kopf an Kopf zu grasen. Sika kam unterdessen auch näher, um mit den fremden Stuten Bekanntschaft zu schliessen. Es gab etwas Gequietsche und Gestampfe, doch dann verlohren beide Partien das Interesse und wandten sich ebenfalls dem Freischarren von Gras zu. Zufrieden ging ich zurück zum Nebenstall und überprüfte, ob die Boxen der zwei bereit waren. Danach machte ich eine kleine Pause in der Reiterstube. Stolz betrachtete ich das Foto von Sunday Morning, welches an der Pinwand hing. Es stammte vom Neujahrsspringen auf dem Gestüt Wolfsgrund, bei dem Team Pineforest alle drei Podestplätze belegt hatte. Halluzination, Satine und eben Sunday hatten hervorragende Arbeit geleistet und sich eine Menge Karotten verdient. Doch es gab noch weiteren Grund zum Feiern: Feline hatte endlich die Körung bestanden. Es war ein langer, beschwehrlicher Weg mit der Stute gewesen; nicht etwa, weil sie schwierig im Umgang war, sondern weil sie gewissermassen immer ein graues Entlein gewesen war. Schon als Fohlen hatte sie niemand gewollt, weil sie zu unscheinbar und zu unförmig gewesen war. Doch mittlerweile hatte sie sich zu einem Schwan gemausert, der sogar schon an Jolympia geglänzt hatte. Längst wurde sie von den Pflegern für ihre liebe, freundliche Art geliebt und war besonders für Lily eine gute Lehrerin. Vielleicht würde sie in Zukunft nun auch noch eine hervorragende Mutter werden? Jedenfalls war ich froh, auch diese Hürde geschafft zu haben.
      Gegen Mittag holten wir die Stuten wieder rein, denn am Nachmittag waren die Hengste dran mit dem Auslauf. Sika sah sich noch immer etwas unwohl in ihrer neuen Box um, während Lychee sich bereits gierig über die Mittagsration Heu hermachte. Ich freute mich schon, mit den beiden zu arbeiten und war gespannt zu sehen, was Lychee inzwischen alles gelernt hatte.
      31 Jan. 2017
    • Stelli
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Tierarztbericht (c) Calypso
      Heute war ich zu Besuch bei Occulta auf dem Pineforest Stable. Ich hatte schon viel davon gehört und staunte nicht schlecht als ich auf der riesigen Anlage ankam. Es hieß das ich bis zum Hauptstall vor fahren konnte, dort warteten nämlich zwei Englische Vollblut Stuten auf mich. Occulta hatte mich bereits entdeckt und begrüßte mich freudestrahlend. Sie fragte nach dem Hengstfohlen das ich ihr abgekauft hatte, wie es ihm ginge usw. Wir plauderten ein wenig bevor sie mich zu der ersten Stute führte, Coulee. Sie wurde in der Stallgasse angebunden und ich machte mich erstmal mit ihr bekannt. Man merkte sofort das sie eher scheu war und Abstand zu mir suchte. Ich konnte mit solchen Pferden ganz gut umgehen, ich selbst bin auch eher gelassen und geduldig und diese Ruhe strahlte ich auf die Tiere natürlich aus. Auch redete ich ihnen immer gut zu. „Na Süße, darf ich dich mal genauer anschauen? - Ja so ist es brav.“ ich tastete sie ab und hob die Beine an um sie mir genauer anzuschauen. Dann hörte ich mit dem Stethoskop die Herz- und Lungenfunktionen ab. Die Stute war in einem sehr guten Allgemeinzustand und so wollte ich sie gar nicht lange unnötig stressen und begann mit den Impfungen. Auch dies führte ich mit viel Ruhe und gutem zusprechen durch. Danach waren wir schon fertig und Occulta lobte ihr Stütchen zufrieden. „Jetzt haben wir noch eine eher schreckhafte Kandidatin.“ meinte Occulta schmunzelnd und zeigte mir Cabinet of Caligari. Auch ein Englisches Vollblut. „An der Flanke habe ich vorhin eine kleine Bisswunde entdeckt.“ Occulta zeigte sie mir „Sieht nicht weiter schlimm aus. Schmierst eine Wund- und Heilsalbe oder Jodsalbe drauf. Soll ich dir was mitgeben?“ „Nein ich glaube da habe ich noch was da.“ ich nickte und schaute mir die Stute genauer an durch abtasten. Dies dauerte hier ein wenig länger, da Cabinet of Caligari sich oft meiner Berührungen entzog. Danach wurde auch sie abgehört und ich schaute in ihren Impfpass. Ihre Impfungen waren noch recht aktuell, also musste ich hier nichts weiter machen. Wir verließen den Hauptstall und gingen in den Nebenstall wo Deutsche Reitponys auf mich warteten. „Bei Sika glauben wir das sie auf einem Bein lahmt. Wenn du nochmal darauf schauen könntest....“ Occulta zog der Stute das Halfter über und führte sie aus der Box. „Führe sie mir mal draußen im Trab vor.“ Die beiden traten auf den Hof und Occulta schnalzte zweimal um Sika in den Trab zu bewegen. Jetzt im Trab konnte man es deutlicher erkennen, hinten links trat sie kürzer. „Das reicht schon.“ meinte ich und sah mir das linke Hinterbein genauer an um die Stute auf Schmerzreaktionen zu testen „Ich glaube nicht das es was ernsteres ist. Vielleicht eine Überbelastung oder ihr lasst den Hufschmied auch nochmal drüber schauen ob man was am Beschlag ändern kann. Aber das was ich sehe dürfte bald vorüber gehen. Schont sie einfach noch ein bisschen, ihr kennt euch ja aus.“ erklärte ich und tätschelte Sika sachte am Hals. Ich fuhr dann mit der eigentlichen Untersuchung fort. Tastete und hörte sie ab und verabreichte ihr alle nötigen Impfungen. „So ein braves Pony“ lobte ich sie und steckte ihr ein Hagebutten Leckerli zu, die ich immer dabei hatte. Nun kamen wir zu meiner vorletzten Patientin. Bluebell, eine Red Roan Scheckstute. „Also ich muss jetzt wirklich mal betonen was du für schöne Pferde hier hast. Vor allem so viele verschiedene Fellvariationen, wahnsinn.“ ich kam direkt ins schwärmen. Bluebell war sehr verschmust und drückte mir gleich ihren Kopf entgegen und wollte gestreichelt werden. Dieser Aufforderung ging ich natürlich nach und machte mich mit ihr bekannt. Nach dem abtasten nahm ich das Stethoskop zur Hand und hörte Herz und Lunge ab. Bluebell war sehr interessiert daran was ich da machte und stupste mich immer mal wieder an, was ich mit einem Lächeln sachte abwehrte. Auch sie war in einem guten Allgemeinzustand und ich konnte keinerlei Auffälligkeiten feststellen. Auch sie musste geimpft werden und nach einem kleinen Pieks, was die Stute gelassen wegsteckte, waren wir auch hier fertig. Zu guter Letzt kamen wir zu einer Weide wo es nur vor lauter kleinen Zwergen wimmelte. Mein Herz machte einen Satz und ich konnte es mir nicht verkneifen „Nein wie süß, meine Patienten werden hier ja immer kleiner.“ scherzte ich und auch Occulta musste lachen. „Wer von der Rasselbande ist denn mein Schützling?“ Occulta zeigte auf ein Apfelschimmelchen namens Silhouette of a Rose. Sie war nicht einmal 1 Meter hoch und ich konnte mich innerlich gar nicht mehr einkriegen, so süß war sie. Die Untersuchung konnte ich auch hier auf der Weide machen, deshalb blieben wir gleich hier. Occulta nahm die Stute nur ans Halfter um sie halten zu können. Ich musste auf die Knie gehen um das Pony richtig abtasten zu können. Mein Gott die kleinen Hufe waren einfach zu niedlich. Als ich sie abhörte zuckte sie etwas, wahrscheinlich war sie dort kitzelig. Das Impfen gestaltete sich etwas schwierig, nicht das sie Angst gehabt hätte, aber sie fand die Spritzen ja so interessant und war einfach extrem neugierig, sodass ich aufpassen musste das sie sie mir nicht aus der Hand schnappte. So etwas hatte ich auch noch nicht erlebt, aber ich fand es lustig. Occulta entließ das Stütchen dann wieder und wir besprachen noch einige Dinge. Ich gab ihr für die 5 Pferde Wurmkuren mit, die konnte sie ihnen selbst verabreichen, und wünschte ihr viel Glück bei den bevorstehenden Körungen.

      Hoher Besuch
      Gleam of Light, Spotted Timeout, Fly Fast of the Nightrunners, Caspian of the Moonlightvalley, A Winter's Day, PFS' Merino, Primo Victoria, tc Miss Moneypenny, Simba Twist, PFS' Cryptic Spots, Framed in History, Sumerian, Kaythara El Assuad, Cabinet of Caligari, Chiccory ox, Sunday Morning, Indiana, Mikke, Diarado, Vychahr, Calico, Flintstone, Baccardi, Donut, Burggraf, Sika, Yoomee, River's Blue Lady Liquor, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, Parányi, Fake xx, PFS‘ Ljúfa, Papillon d'Obscurité, Silhouette of a Rose, PFS' Kicks-A-Lot, Tic Tac, PFS‘ Dressy Miss Allegra, Snottles Peppermint, PFS' Sarabi, PFS' A Winter's Tale, PFS' Counterfire, PFS' Stop Making Sense, PFS' Shadows of the Past, PFS’ Skydive
      Heute musste alles etwas schnell gehen, denn meine Eltern kamen zu Besuch und ich wollte die Pferde vorher bewegt haben. Ausserdem musste alles sauber aufgeräumt werden, aber das überliess ich den Pflegern und Jonas. Ich kümmerte mich nun zuerst um Jungstute Ljúfa. Die rappfarbene Stute putzte ich gründlich, anschliessend spielte ich ein wenig im Rounpen mit ihr, um sie gegen den grossen Gymnastikball, die bunte Blache und die Fahne zu desensibilisieren. Sie fand das ganze am Anfang sehr unheimlich und machte grosse Glupschaugen. Sie war aber charakterlich sehr geduldig und aufgeschlossen, sodass wir rasch Fortschritte machten.
      Nachdem ich bei Ljúfa fertig war, ging es weiter mit Diarado. Der elegante und doch imposante Warmbluthengst war kaum schmutzig und sein kurzes Sommerfell glänzte seidig. Ich wischte nur rasch mit der Staubbürste darüber, dann war er wieder blitz-blank. Ich zog ihm den Kapzaum an und nahm ihn an der Longe mit zum Sandplatz, wo er in der noch kühlen Morgenluft sein lockerungs work-out bekam. Ich war zufrieden mit seinen durchschwingenden Bewegungen und liess ihn nach etwa einer halben Stunde austraben.
      Ich war bereits auf dem Weg zur nächsten Box, aber sah unterwegs gerade noch Lisa mit Vychahr losreiten. Die beiden gingen auf einen schönen, langen Ausritt. So wie ich Lisa kannte, würde Vilou bestimmt auch der ein oder andere Galopp bevorstehen. Der Fuchshengst war aber auch toll zu reiten im Gelände. Das machte den Galopp mit ihm umso verlockender.
      Auch Calico musste ich nicht selber bewegen - das übernahm Rita liebend gerne für mich. Sie liebte ihren Criollo immernoch wie kein anderes Pferd. Ich schmunzelte immer darüber, wie sie beim Putzen mit ihm redete. So auch heute; der Hengst wurde rundum betüddelt. Immerhin, ihm schien die Aufmerksamkeit zu gefallen.
      Ich erreichte endlich Flintstones Box. Seine kristallblauen Augen verfolgten mich gebannt, während ich seine Ausrüstung holte. Wir gingen Ausreiten, den für die Reithalle war es jetzt schon zu heiss und der Sandplatz war bereits voll mit Pferden. Wir ritten durch den schattenspendenden Wald. Flint wirkte ruhig und zufrieden, also war ich es auch. Nach dem Ritt bürstete ich ihn gut durch und brachte ihm seine Karotten.
      Baccardi und Donut wurden von Darren und David bewegt. Es sah witzig aus, wie die beiden Zwillinge auf den Ponys über den Platz kurvten. Darren war zwar der bessere Reiter, trotzdem schienen heute beide dieselben Fehler zu machen. Die Ponys waren gnadenlos und machten bei der Hitze keinen Schritt gratis. Die Reiter schienen aber auch nicht so motiviert wie sonst.
      "Du bist viel zu langsam", murmelte ich zu mir selbst und seufzte, als ich feststrellte, dass es schon fast Mittag war. Burggraf drehte den Kopf um zu sehen, ob er ein Leckerli bekam. Er musste dafür aber zuerst arbeiten. Arbeit hiess für ihn konkret, ein richtig weiter Ausritt mit viel Trab. Das war auch Teil seiner Distanzausbildung.
      Unsere Spaghetti mit Pesto-Sauce waren zwar kein Gourmet Menu, aber erfüllten ihren Zweck als Mittagessen und machten uns satt. Lily dümpelte noch ein wenig auf dem Hof herum und spielte mit den Hunden, bevor sie wieder mit dem Fahrrad in Richtung Schule verschwand. Ich hingegen begab mich zu den Miniweiden und holte Silhouette of a Rose raus. Ihre silbernen Dapples waren im Sommer besonders gut zu sehen, wie bei Arco. Mit ihr machte ich Langzügelarbeit, zusammen mit Lewis und Papillon d'Obscurité.
      Als ich mit Rose zurückkam, sah ich, dass Lisa bereits Kicks-A-Lot und Tic Tac putzte. Lewis und ich erlösten unsere beiden Ponys von deren Ausrüstung. Wir wurden gerade Zeugen, wie Dressy Miss Allegra zum Zaun geschlendert kam, um Kiwi und Tiki abzulenken. Die Jungpferde hatten eben nichts als Flausen im Kopf. Lewis und ich schmunzelten amüsiert, als Lisa das aufdringliche Fohlen verscheuchen wollte.
      Von der Miniweide wechselte ich direkt zu den Fohlen. Dort stand unter anderem die mittlerweile garnicht mehr so kleine Sarabi. Zu dem Stutfohlen hatte ich einen Besonderen Bezug; nicht wegen ihrer besonders schönen Farbe oder den ausdrucksstarken blauen Augen, sondern weil sie von meinem geliebten Stromer abstammte. Ich vermisste den Hengst immernoch wahnsinnig und sah immer wieder wehmütig auf sein Bild, das im Reiterstübchen in der Halle hing. Sarabi hatte viele der Züge ihres Vaters geerbt und besonders ihr Kopf glich dem seinigen. Das weckte einerseits stets schmerzvolle Erinnerungen, denn sie konnte Stromer ja nicht ersetzen - andererseits erinnerte es mich auch daran, dass das Leben weiterging und ein Teil von ihm immernoch hier war, direkt vor meiner Nase. Ich streichelte die Stute daher mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht.
      Ebenfalls ein Fohlen von einem meiner Lieblingshengste war A Winter's Tale. Ihr Vater lebte aber zum Glück noch und war äusserst fit. Ein Blick in die Ferne unter den Tannen hindurch zu den grossen Weiden bestätigte mir dies. Die kleine Snowflake, wie die Pfleger sie nannten, war heute frech und neugierig. Sie kam sofort an den Zaun und beschnupperte meine Hände. Dann versuchte sie, meine Haare mit ihrer Fohlenschnauze zu zerzausen. Ich schubste sie lachend beiseite und kraulte sie am Hals, sodass sie genüsslich die Oberlippe verzog. Ich liebte es, einfach zwischendurch bei den Fohlen Halt zu machen und mit ihnen Zeit zu verbringen. So konnten wir jetzt schon eine Beziehung aufbauen und sie lernten, dass Menschen meistens Gutes brachten.
      Auch Cassys Fohlen Counterfire genoss meine Streicheleinheiten und konnte gar nicht genug kriegen. Das Fuchsfohlen vom letzten Jahr hatte ich behalten, weil sie eine vielversprechende Abstammung hatte und ich noch kaum Füchse im Rennstall besass. Ich bereute es keinen Moment, denn sie entwickelte sich prächtig und ganz entsprechend ihrer Eltern. Schon jetzt hatte sie drahtige, lange Beine und ein gut bemuskeltes Hinterteil. Ich freute mich schon darauf, sie und die anderen Fohlen ihres Jahrgangs einzureiten und rennen zu sehen.
      Mambo gefiel mir auch von Tag zu Tag besser. Stop Making Sense, wie er effektiv hiess, ich ihn aber nie nannte, war in letzter Zeit wieder ziemlich in die Höhe geschossen und immernoch hinten überbaut, aber langsam wurde sein Hals breiter und sein Langhaar liess ihn wie ein Wildpferd wirken. Weil ich es so schick fand, zögerte ich auch so lange wie es ging das Schneiden hinaus. Obwohl Oliver anderer Meinung war. Er meinte, dass es schon längst fällig sei und ein Vollblut gefälligst auch als solches erkannt werden sollte, "wenn es schon von der Farbe her nicht so aussieht." Aber da immernoch ich hier das Sagen hatte, blieb die lange Mähne vorläufig noch.
      'Prinzesschen' Shadows of the Past war mittlerweile eigentlich kräftig genug zum Anreiten. Ich wartete aber noch damit, weil die Stute sich beim Spielen auf der Weide eine kleine Verletzung am Sprunggelenk zugezogen hatte, die ich zuerst ganz verheilen lassen wollte. Sie war zwar nur kurz etwas lahm gegangen und zeigte mittlerweile kein Unwohlsein mehr, aber die Schramme war doch noch gut sichtbar und das Gelenk leicht geschwollen. Ausserdem musste bei ihr noch der Zahnarzt vorbei kommen und ihr ins Maul schauen, um sicher zu gehen, dass die Zähne uns beim Reiten keine Probleme bereiten konnten. Ich erwartete allerdings keine grossen Überraschungen, denn die Beisserchen von Shira sahen allesamt schön gerade aus - man konnte es immer wieder gut beurteilen, wenn sie damit am Zaun nagte.
      Als Lily kurz nach vier Uhr Nachhause kam, war sie wiedermal als Erstes bei Skydive zu finden. Der Junghengst wurde wirklich rundum von ihr mit Streicheleinheiten und Spielen verwöhnt. Er brummelte ihr sogar schon zu, wenn er sie sah. Die beiden werden mal ein gutes Team, stellte ich schmunzelnd fest. Skydive sollte aber nicht nur Lilys Kinderpony werden, sodern auch im Sport laufen. Der Hengst hatte mehr als genug Potential durch seinen Vater und sein Exterieur liess auch auf Springveranlagung schliessen. Je älter er wurde, desto mehr erinnerte er mich an ein britisches Riding Pony. Tatsächlich war er aber ein Mix aus englischen und deutschen Vorfahren, durch seine Mutter White Dream.
      Jetzt stand für mich noch ein schöner Nachmittagsausritt zum Fluss an, und zwar mit Yoomee. Begleitung bekamen wir von Darren und Lisa mit Sika und Blue Lady Liquor. natürlich liessen wir es uns nicht nehmen, auch ins Wasser hinein zu reiten und den Pferden eine Abkühlung zu geben. Yoomee ging ohne zu Zögern rein und begann auch gleich zu scharren. Ich musste regelrecht aufpassen, dass sie sich nicht hinlegte. Lychee war zuerst nicht ganz so begeistert, folgte dann aber Sika, die mutig voraus ging. Wir blieben einen Moment am Ufer, dann Ritten wir weiter zum Pinienwald, wo es reichlich Schatten gab.
      Auf dem Ausritt begegneten wir auch Anne und Rita, die mit Sugar and Sweets und Bluebell in die andere Richtung unterwegs waren. Sie hatten schon über eine Stunde Ausreiten hinter sich und waren auf dem Heimweg. Ich fragte rasch, wie's gelaufen war. Anne erzählte, dass Rita fast runtergefallen sei, als Bluebell sich vor einem Fahrradfahrer erschrocken habe. Rita spielte das Ganze verlegen etwas herunter und meinte, sie sei nur kurz hinter die Bewegung gekommen. "Schon okay, kann ja mal passieren. Hauptsache du bist noch oben", stellte ich schulterzuckend fest. Da musste man ja nun wirklich kein Drama draus machen. Das hätte ich gerne auch zu Anne gesagt, aber ich liess es dann doch bleiben.
      Vom Ausritt nachhause gekommen, kümmerte ich mich als nächstes um Parányi. ich wollte sie nur rasch longieren, da sie am Vortag eine anstrengende Springstunde gehabt hatte und sie mit ihrem rabenschwarzen Fell bei der Hitze sowieso bestimmt Mühe hatte. Ich putzte sie also gründlich, dann ging ich mit ihr zum Roundpen und übte lockernde Übergänge. Sie arbeitete konzentriert mit, obwohl auf dem Kiesweg neben dem Roundpen immer wieder Jonas mit Fake durchfuhr. Er hatte die Hackneystute vor ein Sulky gespannt und übte fleissig mit ihr. Ich bewunderte die extravaganten, dynamischen Bewegungen von Fake, die ganz von Natur aus die typischen Hackney Gänge zeigte.
      Um halb sieben fand ich mich wieder im Hauptstall ein, wo gerade fleissig aufgeräumt wurde. Meine Eltern kamen jeden Moment an und ich war froh, dass Jonas sich um das Abendessen kümmerte. Wir wollten grillieren, wobei die Pfleger unter sich bleiben und Jonas, Lily und ich mit meinen Eltern essen würden. Ich streichelte im Vorbeigehen Mikke, die mir zuröchelte. "Ja meine schöne, wir gehen morgen wieder zusammen raus. Für heute hat April dich genug bewegt." Sie erwiderte mein Kraulen mit ihrer Schnauze. Ajith lief fröhlich pfeifend an uns vorbei, sodass ich mich ihm gleich anschloss und 'Caprice' vorher aber noch ein letztes Mal über die Stirn strich.
      "Anything unusual today?", fragte ich Ajith beiläufig. "Nope, they all doin' fine, boss." Ich nickte zufrieden und fragte, ob denn Indiana heute wieder ausgegessen hatte. Am Vortag hatte sie nämlich am Mittag ein wenig übrig gelassen. "Yeah, I checked on her a moment ago and it was all gone", beruhigte mich der Pfleger. Ich nickte zufrieden. Vielleicht lag es ja an der Hitze, überlegte ich mir. Oder sie hatte schon genug Gras auf der Weide.
      Chiccory und Sunday Morning standen in der Stallgasse, weil sie noch eine Massage von Elliot bekamen. Der Reitlehrer hatte sich vor einer Weile weitergebildet und kannte ein paar nützliche Handgriffe, um verspannte Muskeln zu lockern. Normalerweise liessen wir das einen Experten machen, zum Beispiel kurz vor einem wichtigen Rennen. Aber so zwischendurch war es für Elliot eine gute Übung und für die Pferde natürlich auch nur positiv. Sunday, der gerade dran war, schlief jedenfalls fast ein vor Entspannung. Sein Kopf hing in den Seilen und die Unterlippe liess er hängen. Chiccory war hingegen etwas ungeduldig und scharrte, als ich neben ihm durchlief. Wie ich ihn kannte, wollte der Hengst nichtmal Futter, sondern einfach nur Aufmerksamkeit. Ich kraulte ihn deshalb kurz, bevor ich weiterging.
      Gleam of Light, Spotted Timeout, Fly Fast of the Nightrunners, Caspian of the Moonlightvalley und A Winter's Day waren noch immer auf der Weide. Sie waren die letzte Gruppe von Hengsten, die noch reingeholt werden musste. Kurze Zeit später kamen sie dann auch in die Stallgasse getrabt und wurden von den Pflegern in Empfang genommen, damit sie auch wirklich in die richtige Box gingen. Die Pferde liefen ansonsten den ganzen Weg von der Weide zum Stall und umgekehrt selbstständig über den jeweils rasch abgezäunten Weg. Winter blieb bei mir stehen, also übernahm ich ihn gleich und führte ihn in seine Box, indem ich ihm rasch einen Führstrick um den Hals legte. Die Pferde trugen auf den Weiden aus Sicherheitsgründen meistens keine Halfter.
      Ich wollte den Hauptstall gerade verlassen, als Oliver reinkam und mich zu sich winkte. "I just wanted to tell you that the second group this morning ran better than yesterday. Almost all of them made it in over a second less Time." "Ahh, wonderful to hear. I'm sorry I wasn't able to take part, but I had so much to do..." "Sure, no problem." Es freute mich zu hören, dass die jungen Rennpferde sich stets verbesserten. Framed in History, Sumerian und Kaythara El Assuad waren im Moment herausragend. Dafür hinkte Cabinet of Caligari wieder etwas hinterher. Aber für mich war es nur eine Frage der Zeit bis sie mehr Muskeln und Ausdauer hatte.
      "What about the youngest Group?", fragte ich Oliver weiter. "Well, could be better, but I guess they just need time." Ich nickte zustimmend, aber mein Ehrgeiz piekte mich trotzdem ein wenig. Ich hatte gehofft, dass in diesem Jahrgang auch wieder ein paar Überraschungen sein würden. Besonders in Merino und Primo Victoria hatte ich hohe Erwartungen gesteckt. Aber natürlich konnte sich das alles noch entwickeln - schliesslich waren die Jungspunde noch ganz am Anfang. Oliver fügte noch an: "Miss Moneypenny had the leading time today. Didn't surprise me really, she has the longest legs already." "And what about Simba Twist and Cryptic Spots?" Oliver machte sein 'ich-bin-nicht-so-zufrieden-wie-ich-es-gerne-wäre'-Gesicht und ich fragte nicht weiter. Schmunzelnd lief ich zum Parkplatz, denn ich hörte ein Auto heranrollen. Ich begrüsste meine Eltern, die aus dem Taxi ausstiegen und führte sie zum Haus.
      Wir assen alle gemütlich zu Abend und unterhielten uns über alles was seit dem letzten Telefonat so passiert war. Lily war natürlich wieder als erste fertig und wollte vom Tisch. Ich liess sie, weil sie sonst sowieso nur herumgezappelt hätte. Sie verschwand mit Sheela in Richtung Weiden. Zira und Jacky blieben treu hinter mir im mittlerweile kühlen Gras liegen. Ich war Barfuss und genoss das kitzeln der kühlen Halme. Meine Eltern redeten auch viel mit Jonas; sie fragten ihn fast schon aus, was mir etwas peinlich war. Er schien es aber locker zu nehmen und setzte sein charmantes Lächeln auf. Plötzlich kam Lily wieder zurück, ohne Sattel und nur mit Stallhalfter auf Snottles Peppermint sitzend. Offenbar wollte sie etwas bluffen, wie gut sie schon reiten konnte. Meine Eltern waren nicht so begeistert, dass ihre Enkelin keinen Helm trug und ich versuchte ihnen weiss zu machen, dass sie ihn normalerweise trug. (Was sie auch tatsächlich tat, zumindest wenn sie richtig reiten ging.) Wir genossen den Abend dann doch noch ohne weitere Diskussionen und meine Eltern blieben über Nacht im Gästezimmer.

      Herbstbeginn, oder: es gibt Ärger auf Pineforest Stable, Teil I
      Chiccory ox, Shades of Gray, Iskierka, Painting Shadows, Coulee, Sympathy of the Devil, A Winter’s Day, Campina, Spotted Timeout, Fly Fast of the Nightrunners, Gleam of Light, Caspian of de Moonlightvalley, Sunday Morning, Unbroken Soul of a Rebel, Drømmer om Død, Flintstone, Calico, PFS’ Captured in Time, Kaythara El Assuad, Sumerian, Framed in History, One Cool Cat, Cabinet of Caligari, Halluzination, Yoomee, Sika, Fake xx, Parányi, River’s Blue Lady Liquor, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, Islah
      Seit zwei Wochen war der neue Praktikant Tobias Leech nun bei uns. Ich hatte ihn nach der ‚Schnupperzeit‘ eingestellt, denn er hatte seine Sache gut gemacht und zeigte sich sehr hilfsbereit. Auch jetzt war er stets anständig, kümmerte sich um seine Aufgaben und befolgte sämtliche Anweisungen. Ich hatte also nichts zu meckern und war zufrieden, wie es im Moment lief. Es standen ein paar interessante Events bevor, und heute hatte ich auch noch eine Notiz von einer Fuchsjagd in der Zeitung gesehen, bei der es mich schon in den Fingern kribbelte. Als erstes wollte ich heute Morgen wie immer bei den Vollblütern helfen. Um richtig in die Gänge zu kommen, musste ich mir davor aber eine Schüssel Müsli und einen kräftigen Schwarztee genehmigen. Eine weitere Leiche kam die Treppe runter geschlurft und setzte sich gähnend an den Tisch. „Ich verstehe einfach nicht, wie du jedesmal eine Stunde vor mir im Bett liegst, nur um dann am Morgen trotzdem so schlapp zu sein“, wunderte ich mich laut. Jonas murrte: „Manche Menschen brauchen nunmal mehr als fünf Stunden Schlaf.“ „Jetzt übertreibst du aber – sechs Stunden hast du ja mindestens, wenn du schon um Elf ins Bett kriechst“, neckte ich. Er seufzte mit hochgezogenen Augenbrauen und und nippte an seiner Tasse. „Schüler müsste man sein. Lily kann richtig ausschlafen im Vergleich zu uns.“ Für unsere kleine Schülerin stellte ich auch schonmal Besteck und Schüssel auf den Tisch, auch wenn sie erst in ein paar Stunden aufstehen würde. Jeden Tag zwischen Fünf und halb Sechs zu frühstücken ist schon hart, aber man gewöhnt sich daran, mit ein paar Ausnahmen – ich warf einen schmunzelnden Blick zu meinem Gegenüber. „Irgendweilche besonderen Pläne für heute, von denen ich noch nichts weiss?“, fragte Jonas während dem Müsli-Löffeln. „Nö, aber wenn du willst können wir heute wieder etwas weiter ausreiten gehen. Ich würde gerne sehen, ob sie in Tewkesbury schon meine Lieblingskürbisse haben.“ „Klingt gut.“
      Ich machte mich mit Zira und Jacky auf in den Hauptstall, wo die meisten Jockeys bereits die Pferde aus den Boxen holten und zu putzen begannen. Sheela begleitete Jonas zum Nordstall. Gruppe drei war heute zuerst dran, bestehend aus Chiccory, Shades of Gray, Iskierka, Painting Shadows, Coulee, Sympathy und Winter. Ich selbst hatte vor in Gruppe vier mitzureiten, nämlich auf Gleam of Light. Während sich Gruppe drei vorbereitete, huschte ich zwischen den Pferden durch und machte die morgendliche Stallkontrolle. Ajith hatte so früh morgens natürlich noch nicht mit dem Misten begonnen, aber ansonsten sahen die Boxen einwandfrei aus und waren gut eingestreut. Gesunder Schlaf war schliesslich wichtig für Rennpferde. Raufutter hatten sie schon bekommen; Kraftfutter gab es erst nach dem Training. Wir wollten heute die ersten Vollblüter scheren, weshalb bei den Auserwälten bereits die passenden Decken vor den Boxen hingen. Wir begannen damit jeweils früh, weil die Rennpferde natürlich um einiges mehr schwitzten als die sonstigen Reitpferde und mit Winterfell zu lange trocknen mussten. Eine der Kandidatinnen für eine heutige Schur war auch Indiana. Sie lief zwar nicht mehr aktiv Rennen, wurde aber ziemlich fit gehalten für’s Military. Die rappfarbene Stute kaute an ihrer morgendlichen Heuration, während sie interessiert das Treiben im Stallgang beobachtete. Ich fragte mich beim betrachten ihrer dunklen Augen, ob die Stute wohl den Alltag auf der Rennbahn vermisste. Doch dann fiel mir ein, dass sie vermutlich gar nie richtig Rennen gelaufen war. Ich wusste nur von einem einzigen Rennen, bei dem sie gestartet war; dem Joelle-Galopp Maiden über 1400 Meter. Dabei war sie immerhin auf dem dritten Platz gelandet. Im Training mit den jungen Vollblütern, als wir sie für’s Military aufzubauen begannen, zeigte sie auch ein gewisses Talent, schien aber mit der Startmaschine nicht vertraut und brauchte einen Moment, um sich auf ihren Jockey einzulassen. Jedenfalls schaute mich Indiana zwischendurch erwartungsvoll an, als meinte sie, dass ich gleich ihre Box öffnen und sie halftern würde. Ich ging jedoch weiter und beendete meine Runde, bevor ich mich langsam aber sicher auch ans Putzen machte. Die erste Gruppe war inzwischen draussen und wärmte sich ein. Light grunzte begeistert, als ich bei ihm hielt. Er hatte sein Heu noch längst nicht fertig gefressen, schien aber bereits begierig darauf, die soeben aufgenommene Energie wieder zu verpuffen. Vielleicht freute er sich auch einfach über die Karotte, die ich ihm als Begrüssung brachte. Ich holte ihn aus seiner Box und band ihn in der Stallgasse an, dann begann ich mit Striegeln. Er spitzte genüsslich die Lippe, als ich beim Unterhals schrubbte. Als ich bei der Kruppe angelangte, kippte der ganze Körper plötzlich nach hinten und Light streckte sich genüsslich, gefolgt von einem ungeduldigen Scharren. „Are you ready now?“, lachte ich belustigt und wechselte auf die andere Seite. Nach dem Striegeln wischte ich sein Fell mit der Staubbürste ab und kratzte die Hufe aus, ausserdem sprayte ich etwas Glanzspray in das schwarze Langhaar und kämmte es gründlich durch. Nun sah Light wieder so aus, als würde er seinem Namen alle Ehre bereiten: Er glänzte von Kopf bis Fuss. Ich sattelte Gleam und bandagierte seine Beine, mit dem Zäumen wartete ich noch. Die anderen waren noch nicht ganz fertig, also alberten wir noch ein wenig herum. Light konnte auf Kommando Lächeln und seine Zunge rausstrecken. Während dem Warten versuchte ich ihn dazu zu bewegen, abwechselnd die Vorderbeine zu strecken. „Pass auf, dass er nicht zu betteln anfängt“, rief Jonas, der sich gerade unter Sundays Anbindekette durchduckte. „Nö, er kriegt nur was, wenn ich ihm ein Kommando gebe. Was gibt’s?“ „Ich wollte nur Bescheid geben, dass Darren, Alan und ich mit Rebel, Dod und Flint rausgehen“, erklärte er, und fügte mit einem Zwinkern an „nicht dass du mich suchst.“ „Pfft, als ob ich dich von allen Leuten vermissen würde“, neckte ich zurück, und gab ihm einen raschen Kuss. „Weisst du vielleicht gerade, wo Rita ist? Vielleicht will sie mit Calico mitkommen“, fragte er beim Gehen. „Die reitet in der letzten Gruppe mit, also könnte es noch knapp reichen – ich glaube ich habe sie vorhin bei der Sattelkammer vorne gesehen.“ Er hob die Hand, zum Zeichen, dass er verstanden hatte und verschwand wieder zwischen den Pferden. Inzwischen konnte ich zäumen und dann Light hinter Caspian und Fly rausführen. Ajith und Oliver gingen uns beim Aufsteigen zur Hand, sodass alle nach wenigen Sekunden oben sassen und losreiten konnten. Wir ritten schön in einer Reihe zum Galoppweg, wo wir uns wie immer im Trab aufwärmten. Die Pferde dieser Gruppe kannten den Ablauf ganz genau und wussten, als wir ans Ende der Runde kamen, dass sie gleich auf die Bahn durften. Die vorherige Gruppe verliess gerade die Bahn, also liessen wir sie rasch durch. Fly begann etwas unruhig zu werden und steckte Spot mit Zappeln an. Auch Light schaukelte vorne leicht in die Luft, doch ich stellte ihn nach links und ritt ihn im Schulter-Vor um die Kurve, um ihn ruhig zu halten. Das Gehampel war zwar nervig, aber andererseits wollten wir auch, dass die Pferde wach waren und eine gewisse Grundspannung hatten. Tatsächlich kamen wir heute auch beim Start hervorragend weg und ich klopfte Light rasch zufrieden auf den Hals, bevor ich mich auf die Bahn vor uns konzentrierte. Die einzige Stute in dieser Gruppe, Campina, zog übermütig an uns vorbei und ich fragte mich, ob Parker das mit Oliver so abgesprochen hatte. Später stellte sich heraus, dass sie die Stute eigentlich hatte bremsen wollen, aber zuerst etwas mehr Platz schaffen wollte.
      Nach dem anstrengenden Intervalltraining liessen wir die Pferde austraben und ritten sie zurück zum Hauptstall. Dort wurden sie abgesattelt und in den Freilauftrainer gebracht, damit sie sich noch trockenlaufen konnten. Ich gab auch Light beim ‚Karussell‘ ab und übernahm stattdessen Iskierka, um die inzwischen trockene Stute in ihre Box zurück zu bringen. „Hey Zicke“, murmelte ich liebevoll, als ich sie hinausführte. Sie hatte nur eines im Kopf: Ihr Kraftfutter, das bald in der Raufe liegen würde. Beim Tor wollte sie mich wiedermal überholen, obwohl wir das schon gefühlte 1000-mal geübt hatten. Das war einfach typisch Iskierka – egal wie oft man sie zu erziehen versuchte, sie war und blieb dominant und hatte Mühe sich unterzuordnen. „I know you’re hungry, but you have to wait even longer, if you keep it up like this”, sprach ich augenrollend aber geduldig. Ich wusste, dass es nichts brachte, sich über das Verhalten der Stute aufzuregen. Man kam schneller voran, wenn man schön ruhig blieb und ihr klare Anweisungen gab. Ich liess sie deshalb rückwärts wieder vom Tor weg weichen, dann versuchte ich es erneut, so lange, bis sie respektvoll blieb. Schliesslich durfte sie in ihre Box und sich über das restliche Heu von der ersten Fütterung hermachen, bis das Kraftfutter serviert wurde. Ich beobachtete noch, wie Gruppe zwei, bestehend aus Ciela, Kaythara, Sumerian, Frame, One Cool Cat und Cabby zum Aufsteigen geführt wurden. Frame röchelte leise, als er mich sah. Ich ging rasch zu ihm hin, streichelte ihn und half Quinn beim Aufsteigen. Bei ihr war der sensible Schecke in guten Händen, aber es konnten ihn noch immer längst nicht alle reiten. Als die Gruppe zur Bahn lief, wechselte ich zum Nebenstall. Ich liess zusammen mit Robin und David die Stuten auf die Weide unter der Stutenweide. Das Gras dort war wieder etwas üppiger geworden, weil wir sie lange geschohnt hatten, also mussten die vierbeinigen Rasenmäher ran. Damit es schneller ging zäunten wir wie immer den Weg ab und liessen die Pferdchen selber zur Weide laufen. Robin und ich öffneten die Boxen, während David sicherstellte, dass niemand unterwegs anhielt zum Fressen oder mit den anderen Stuten Zanken. Sika und Lychee trotteten sogleich aus ihrer Box und liefen zügig die Betonrampe runter auf den Kiesweg. Die anderen liessen sich mehr Zeit und wollten lieber schon unterwegs am Wegrand grasen. Als alle aus den Boxen waren, liefen Robin und ich den übriggebliebenen Stuten hinterher und trieben sie bis zur Weide. Bluebell, Sweets und Yoomee waren heute auch so mühsam vorwärtszubewegen. Als sie endlich alle durch das Weidetor getrabt waren, schlossen wir dieses und beobachteten amüsiert, wie Fake im Bluff-Hackney-Trab über die Wiese schwebte, weil die Stuten von der Offenstallweide zur Begrüssung an den Zaun gekommen waren. Parányi führte die Gruppe dann aber in eine andere Ecke der Weide, wo es anscheinend besseres Gras gab. Sie war im Moment wohl die Ranghöchste der Nebenstallstuten, wobei sie sich aber immer mal wieder mit Hallu zankte. Manchmal wusste ich gar nicht so recht, wer denn nun wirklich Chef war von den beiden.
      Auf dem Rückweg zu den Ställen begann mein Handy plötzlich hartnäckig zu summen. Erstaunt erkannte ich Rosies Nummer auf dem Display. “Hello?“ “Occu, I have a problem! The horses were stolen!“ “What!!?” Ich traute meinen Ohren kaum. “What do you mean they were stolen?” “They’ve disappeared from the barn!” “Whait – I’ll come over, inform the police!” Ich lief zügig zum Parkplatz und stieg in mein Auto. Auf der Wilkinson Farm angekommen, erzählte mir die aufgewühlte Rosie, dass sie vorhin in den Stall gegangen war, um die Pferde auf die Weide zu lassen; doch diese seien einfach spurlos verschwunden gewesen. Die Polizei, die eine Viertelstunde später ebenfalls eintraf, vermutete, dass die Pferde über Nacht aus den Boxen geholt und wegtransportiert worden waren. Sie befragten alle Anwesenden und suchten nach Spuren, doch weder Rosie, noch ihr Angestellter Lucas Gordon hatten etwas mitbekommen. Ausserdem waren die Diebe anscheinend ziemlich professionell vorgegangen und hatten kaum Hinweise zurückgelassen. Besorgt und ruhelos wanderte Rosie auf dem Hof herum, trotz meiner Versuche, ihr einzureden, dass die Polizei die Pferde schon finden würde. „If they took them in the middle of the night they could already be who-knows-where!” Darauf wusste ich nichts zu erwiedern. Nachdenklich sah ich mich auf dem Hof um. Irgendeinen Hinweis muss es doch geben… Aber Natürlich war ich auch nicht schlauer als die Beamten, die ihren Job sehr gründlich auszuführen schienen. Im nächsten Moment fiel mir jedoch eine Bewegung im Augenwinkel auf, weiter hinten bei der Reithalle. „Over there! That is… Islah!?“ Rosie und ich hasteten sofort in die entsprechende Richtung. Da stand sie, die braun gescheckte Araberstute – friedlich am Wegrand grasend, als wäre nichts geschehen. Rosie näherte sich ihr langsam. Die Stute schien unversehrt. Als ich mich auf den Weg machen wollte, um ein Halfter zu holen, fand ich im halbhohen Gras ein schwarzes solches liegen, mitsamt Führstrick. Der Backenverschluss war jedoch abgerissen. Ich fasste es nicht an, damit die Beamten, die sich erst näherten als sie sahen, dass Islah bei Rosie blieb, es unverändert untersuchen konnten. „Looks like someone tried to use this, but it broke and the horse got away”, schloss einer der Polizisten. “What a clever girl, Islah!“, rief Rosie aus und umarmte die Stute, die mittlerweile ein intaktes Halfter, von Lucas gebracht, trug. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie das ganze abgelaufen sein musste: vermutlich hatten die Diebe ein Pferd nach dem anderen unter Zeitdruck rausgeführt und verladen. Da Islah jedoch überhaupt nicht gerne einstieg und jeweils ordentlich rumzicken konnte, wenn es auch nur schon auf einen Anhänger zuging (erst recht mit fremden Leuten, malte ich mir aus), hatte sie sich wohl reingehängt und das Halfer zerrissen. Danach musste sie es irgendwie geschafft haben, ganz daraus zu schlüpfen und so zu entkommen. Vermutlich hatten sich die Diebe gar nicht die Mühe gemacht, der Stute hinterherzujagen, sondern stattdessen rasch die anderen Pferde verladen und weggebracht. In diesem Fall war ihr eigener Sturkopf der Stute zugute gekommen. Rosie und ich brachten Islah in ihre einsame Box und brachten ihr eine ordentliche Portion Heu, um sie abzulenken. Sie begann nämlich nach den anderen zu rufen, als sie bemerkte, dass sie weg waren. Vielleicht ist sie auch empört und denkt, die anderen seien auf der Weide, während sie in den Stall muss, überlegte ich stirnrunzelnd. Jedenfalls musste sie nun erstmal so ausharren, bis ihre Kollegen wieder auftauchten. Wenn sie denn wieder auftauchen, dachte ich missmutig. Wir sahen uns nun noch angestrengter um, falls noch ein Pferd entkommen sein sollte. Vielleicht Numair – er ist ja auch nicht immer leicht im Umgang. Oder Bintu… Doch leider fanden wir nichts Weiteres. Die Polizei schickte trotzdem noch Suchtrupps ins nahe Gelände. Schliesslich blieb mir nichts anderes übrig, als zurück auf meinen eigenen Hof zu wechseln und abzuwarten. Ich erzählte Jonas und den bereits neugierigen Pflegern was passiert war. Alle diskutierten angeregt und suchten parallelen zu anderen Pferdediebstählen in der Region. Bis plötzlich Lewis bemerkte „Speaking of disappearance – has anyone seen this Leech-guy since mornin‘?“ Es wurde still und alle schienen angestrengt nachzudenken. Lisa war die erste, die die Stille brach. „…actually I have not seen him today at all.“ Die anderen nickten langsam, und auch ich schloss müde die Augen, als es mir dämmerte. Dieser Mistkerl! Ich hatte ihm gleich am ersten Tag sogar noch brav die Wilkinson Farm gezeigt, sodass er wunderbar hatte abchecken können, wie die Infrastruktur war und wo man sich am besten Zugang verschaffte. „Ich bin so ein Idiot…“, murmelte ich enttäuscht. „Sei nicht zu hart mit dir; woher hättest du den wissen sollen, dass er ein Krimineller ist? Sogar ich fand ihn nett“, tröstete mich Jonas. Auch die Pfleger schienen fassungslos, denn Leech war immer anständig und freundlich rübergekommen. Das war wohl alles geschauspielert, stellte ich fest.
      Ich meldete die Entdeckung der Polizei und gab alle Infos weiter, die ich von dem Verdächtigen hatte. Natürlich stellte sich heraus, dass der Name und die Identität gefälscht waren und der Typ jemand ganz anderes sein musste, als er vorgegeben hatte. Wenigstens kannten wir sein Aussehen, was ein guter Anfang war. Die folgenden Tage waren für mich quälend lang und ich wartete sehnsüchtig auf Fortschritte bei der Fahndung.

      Tierarztbericht (c) Loulou
      „So, hab ich wirklich alles eingepackt?“, murmelte ich zu mir selbst und begutachtete die volle Tasche. „Hast du vor auszuziehen?“, neckte mich William, welcher hinter mir am Kofferraum stand. „Sehr witzig. Nein, ich habe heute einfach etwas mehr Patienten.“, erklärte ich und schloss den Kofferraum des Geländewagens. „Pass mir gut auf meine Pferde auf.“, sagte ich zu dem jungen Mann und umarmet ihn kurz zum Abschied. Meine Arbeit würde mich diesmal nicht weit von zu Hause wegführen. Es ging zu den Pineforest Stables zu Occulta Smith nach Birmingham. Ich war gespannt auf ihr Gestüt, denn es war mir sehr wohl bekannt.
      Als ich die Auffahrt schließlich herauffuhr, war ich nicht weniger Beeindruckt, als erwartet. Es war nicht annähernd mit unserem kleinen Anwesen zu vergleichen und dennoch wirkte es gleichzeitig professionell und heimisch. Angekommen parkte ich meinen Wagen und sogleich trat eine junge Frau auf mich zu, welche sich als Occulta Smith vorstellte. Sie begrüßte mich und wartete, bis ich meine Tasche aus dem Auto genommen hatte. „Wollen wir gleich im Hauptstall anfangen.“, sagte sie und ich folgte ihr, während sie von den beiden Patienten berichtete, die dort auf uns warteten. „Das ist Goldy.“, sagte sie und wir blieben vor einer jungen Vollblutstute mit einer außergewöhnlichen Farbe stehen. Das Pferd spitzte neugierig die Ohren und trat an uns heran, als Occulta die Box öffnete. Die junge Frau hielt sie fest und ich begrüßte Goldy kurz, ehe ich mich an die körperliche Untersuchung machte. Zunächst hörte ich Herz und Lunge mit dem Stethoskop auf pathologische Geräusche ab, ehe ich die Lymphknoten auf Vergrößerungen abtastete. „Hier ist alles so weit wie man das von außen beurteilen kann in Ordnung.“, murmelte ich, ehe ich zum Kopf ging und der interessierten Stute in Maul, Augen, Nüstern und Ohren schaute. „Keine Rötungen, kein Ausfluss, die Zähne sehen auch gut aus.“, fuhr ich fort und klopfte ihr kurz den Hals, ehe ich wieder neben sie trat, um alle Gelenke durchzubewegen. Grade bei viel beanspruchten Turnierpferden im jungen Alter würden unentdeckte Verletzungen die Karriere früh und vor allem unnötig beenden. Goldy ließ es ruhig über sich ergehen, auch als ich zu guter Letzt noch Fieber maß. „Sie ist in einem wirklich guten Zustand, sowohl gesundheitlich als auch von Fütterung und Erscheinung her.“, fasste ich zusammen und strich ihr über den Rücken. „Führst du sie noch einmal durch die Stallgasse?“, bat ich die junge Frau und sie nickte. „Ihr Gangbild ist soweit auch gut.“, sagte ich. „Ich gebe ihr noch die Wurmkur und dann können wir auch schon weiter.“, erklärte ich dann und nahm mit diesen Worten meine vorbereitete Einmalspritze ohne Kanüle. Occulta hielt ihren Kopf runter und ich gab ihr die Paste rasch ins Maul, welche sie mit kritischem Schmatzen herunterschluckte. „Braves Mädchen.“, lobte ich sie und wir überließen ihr wieder die Box.
      „Als nächstes geht es zu Kaya. Ebenfalls ein junges Vollblut, genauso unkompliziert.“, informierte Occu mich und ich folgte ihr nickend. Bei Kaya begann die gleiche Prozedur von vorne. Wie erwartet war auch die junge Vollblutstute in einem ausgezeichneten Allgemeinzustand. Das war lange nicht so selbstverständlich und es machte mich immer wieder froh einen gut geführten Stall mit gepflegten Pferden zu finden. Gerade von dieser Größe und mit diesem Erfolg. „Auch bei ihr keine Auffälligkeiten. Sie ist gut beweglich, Maul, Ohren, Nüstern und Augen sind blande, die Temperatur okay und das Gangbild gut.“ Occulta nickte zufrieden. „Dann noch die Wurmkur und wir sind hier im Stall fertig.“, sagte sie und gemeinsam verabreichten wir auch ihr die Paste. „Begeisterung sieht anders aus.“, sagte ich belustigt und beobachtete Kaya. „Die Wurmkur ist laut Hersteller mit Apfelgeschmack, riecht auch nicht schlecht.“, sagte ich und zuckte die Schultern. „Trotzdem ist mir kein Pferd begegnet, dass davon zu überzeugen war.“ Ich verabschiedete mich von der Stute und wir gingen gemeinsam zum Nordstall.
      „Das ist Areion.“ Wir standen vor einem massigen Tinker mit auffallend hübscher Fellfarbe. „Hier ist wirklich jeder ganz besonders.“, sagte ich beeindruckt und warf auch in die anderen Boxen einen neugierigen Blick. „Ist er genauso brav?“, fragte ich und erhielt ein Nicken. „Wunderbar.“, lächelnd trat ich an den Großen heran und Occu hielt ihn derweil fest. „Bei dir muss man sich erstmal durchkämpfen.“, stellte ich belustigt fest und schob sein dichtes Fell bei Seite um ihn abzuhören. Er freute sich sichtlich über die Aufmerksamkeit, die ihm zu Teil wurde, während ich seine Lymphknoten auf Schwellungen abtastete. „Wunderbar.“, schloss ich ab und trat an seinen Kopf heran. Kurz rubbelte ich ihm die Stirn und führte dann die Untersuchung fort. „Na, haben wir hier einen kleinen Dickschädel?“, murmelte ich und musste mit etwas mehr Nachdruck sein Maul öffnen. „Nicht mit mir, mein Freund.“ Schmunzelnd gab ich ihm die Wurmkur und lobte ihn. Ich maß noch Temperatur und sah mir kurz seinen Gang an. „Gut.“, schloss ich ab. „Wie alt ist er?“, fragte ich Occu. „10 Jahre.“, antwortete sie und ich nickte. „Wir müssten mal an seine Zähne ran. Könntest du ein bisschen mehr Zeit für mich aufbringen, oder wollen wir das an einem anderen Termin machen?“, fragte ich sie. Wir entschieden uns für heute und brachten den Hengst an einen geeigneten Ort für die Behandlung. „Ich gebe ihm ein leichtes Beruhigungsmittel, ich nehme an du kennst das.“, begann ich zu erklären. „Das heißt er wird heute ein bisschen benommen sein, aber das wird schnell abgebaut, ist allerdings noch ein paar Tage im Blut nachweisbar. Er sollte die nächsten 48 Stunden auch kein Futter bekommen, dass viel Säure enthält, das würde die Zähne zu sehr angreifen.“ Sie nickte und ich gab ihm eine kleine Injektion, welche ich in der Zwischenzeit vorbereitet hatte. Als Areion langsam schläfrig wurde, banden wir gemeinsam seinen Kopf hoch und ich setzte die Maulsperre ein, ehe ich mit der Behandlung begann. Das meiste war einfach mit einer Handraspel zu korrigieren, nur an die Schneidezähne mussten wir mit einer elektrischen Maschine ran. Trotz Sedierung missfiel dem Hengst die Behandlung eindeutig Bei dem lauten Geräusch legte er missmutig die Ohren an und wich ein paar Schritte zur Seite aus, ließ es jedoch über sich ergehen. Eine große Wahl blieb ihm auch nicht. Nach einer dreiviertel Stunde war das Ganze beendet. Das große Tier wurde erlöst und trottete müde hinter Occulta her zurück in seine Box, während ich aufräumte.
      Als nächstes ging es in den Nebenstall, wo die meisten Patienten auf uns warteten. Es handelte sich um vier deutsche Reitponys. Als erstes ging es zu Sika, einer neunjährigen Stute. Sie sah uns aus misstrauischen, aber sanften Augen entgegen. Occulta beruhigte die anscheinend ein wenig schreckhafte Stute, während ich sie abhörte, abtastete und alle Gelenke durchbewegte. An der Hinterhand hatte sie eine kleine Schramme, vermutlich vom letzten Weidegang. „Das ist nichts, was wir behandeln müssten. Ab und an passiert das auf der Weide oder im Gelände, aber man sieht ja auch, dass sie nicht davon beeinträchtigt ist.“, erklärte ich und lobte die Stute. Auch das Fieber messen ließ sie über sich ergehen, ebenso die Wurmkur.
      „Wer ist jetzt an der Reihe?“, fragte ich Occu und sie zeigte mir Blue Lady Liquor, Lychee genannt. „Sie ist sehr freundlich und lernwillig - eigentlich.“ – „Eigentlich?“, wiederholte ich und betrachtete die Stute, welche eher unruhig, fast schon nervös wirkte. Occulta nickte. „Sie ist normalerweise die Ruhe selbst, liebt Menschen und das Arbeiten und ist ein gutes Turnierpony. Nur in letzter Zeit ist sie nervös, launisch und verspannt.“, erklärte sie. Nachdenklich betrachtete ich das Pony. „Wie alt ist sie?“, fragte ich. Vier Jahre. „Und dann schon gut Trainiert und erfolgreich. In der Medizin sagt man immer, häufige Krankheiten sind häufig und seltene selten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr Magnesium fehlt. Grade bei jungen Pferden die dann noch gut im Training stehen, kann das vorkommen und das verändert tatsächlich das Wesen, beziehungsweise die Reizbarkeit. Ich schlage vor, wir nehmen einmal Blut ab, ich lasse dir ein Präparat da und informiere dich dann heute Abend über die Ergebnisse. Wenn ich falsch lag, müssen wir weitersuchen.“, erläuterte ich und Occu stimmte zu. Also entnahm ich zuerst alles für ein kleines Blutbild, Gerinnung und klinische Chemie, ehe ich mit der Routineuntersuchung begann. „Gut, sonst ist aber alles in Ordnung, entwurmt ist sie jetzt auch, das Präparat lasse ich dir hier.“ Mit diesen Worten packten wir zusammen und gingen zum nächsten Pony.
      Silverangel sollte ihrem Namen Ehre machen. Sie war ein bildhübsches und vor allem kooperatives Pony. Anstandslos ließ sie alle Untersuchungen über sich ergehen. „Gut.“, beendete ich nach nur wenigen Minuten. „Alles ist einwandfrei, sie ist in einem ausgezeichneten Zustand. Die körperliche Untersuchung ist ohne Befund, sie läuft rund und bekommt jetzt noch ihre Wurmkur.“, erklärte ich ihrer Besitzerin. Rasch drückte ich ihr Maul auf und gab dem Pony die Paste.
      Die nächste Patientin war Bluebell, ebenfalls ein deutsches Reitpony und die letzte von den vieren. „Hallo Bluebell.“, begrüßte ich sie und begann meine Arbeit. Bluebell schaute kurz und spielte mit den Ohren, richtete dann ihre Aufmerksamkeit aber wieder auf das Geschehen um sie herum im Stall. Ich horchte auch bei ihr auf Herz und Lunge, tastete die Lymphknoten ab, bewegte ihre Gelenke und warf einen Blick in Maul, Augen, Nüstern und Ohren. Zuletzt maß ich Fieber, auch sie war im Rahmen. „Dann entwurmen wir dich einmal.“, murmelte ich und griff nach Spritze Nummer sechs. Occulta hielt den Kopf fest und ich drückte den Inhalt der Spritze in das Maul des Pferdes. Ich sah mir noch einmal ihren Gang auf der Stallgasse an und nickte zufrieden. „Wunderbar.“, beendete ich unsere Arbeit im Nebenstall. Ich nahm meine Tasche und wir ließen die Stuten zurück, um zu den nächsten beiden Patienten zu gehen.
      Occu führte mich zum Putzplatz, wo zwei American Miniature Horses auf uns warteten. Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht und ich betrachtete die beiden kleinen Ponys. „Die beiden sind sehr umgänglich, die meiste Zeit stehen sie draußen auf der Weide.“, sagte die junge Frau und ich nickte. Zunächst ging ich zu Silhouette of a Rose, einer kleinen Silver Dapple Stute. Auch bei ihr begann ich mit dem Abhören von Herz und Lunge. „Man hört leichte Rasselgeräusche beim Atmen.“, stellte ich fest und richtete mich wieder auf. „Auch die Lymphknoten sind leicht angeschwollen, Ausfluss aus der Nase hat sie aber keinen. Ist dir bei ihr ein Husten aufgefallen?“ Occulta nickte. „Linda, eine der Pflegerinnen der Offenställe hat mir vor einer Woche berichtet, dass sie einen trockenen Husten hat. Wir wollten das zunächst beobachten und sie dann mit Vorstellen, wenn der Tierarzt kommt.“ Ich nickte und griff zu meiner Tasche. „Sie scheint sich eine kleine Infektion eingefangen zu haben. Ich gebe ihr ein paar Medikamente, welche grob gesagt den Husten lösen und ihr das Atmen ein wenig erleichtern, auch wenn sie noch nicht merkbar eingeschränkt scheint. Am besten trennst du sie von den anderen, bis sie sich erholt hat, was rasch gehen sollte. Der trockene Husten wird sich lösen und produktiver, dann sollte er abklingen. Wenn nicht melde dich nochmal, aber eigentlich wird ein gesundes Pferd gut damit fertig, sie ist ja auch noch jung.“, erklärte ich, ehe ich ihr die Medikamente verabreichte und die restliche Untersuchung fortführte, diesmal jedoch befundlos. Auch eine Temperaturerhöhung war nicht erkennbar.
      Papillon hingegen war fit und offensichtlich nicht gleich mit angesteckt. Auch ihre Gelenke waren in Ordnung und es gab nirgendwo ein Zeichen für eine Infektion. Wir entwurmten beide und ich streckte mich kurz. „Ungewohnte arbeitshöhe.“, sagte ich schmunzelnd und wir überließen die Ponys wieder den Mitarbeitern der jungen Frau, welche sie gleich eingewiesen hatte.
      „So, jetzt kommen wir zum letzten Pferd.“, begann Occu. „Ljúfa macht mir ein paar Sorgen. Sie wurde früh eingeritten, grade für einen Isländer, wenn auch schonend bewegt und trainiert. In der letzten Zeit wirkt sie sehr verspannt und scheint Schmerzen zu haben.“ Ich nickte und folgte ihr zu der jungen Rappstute. Zunächst checkte ich sie durch, wie die anderen auch, merkte beim Bewegen der Gelenke jedoch deutlich, dass es ihr missfiel. Sie schlug mit dem Schweif und wich aus. Ich bat Occu sie mir im Schritt und Trab vorzuführen. Ljúfa lief steif und unregelmäßig und ich bat sie wieder zu mir. „Das reicht, man sieht schon, dass sie Schmerzen hat.“ Occulta nickte. „Wir haben gemerkt, dass sie widerwilliger mitgearbeitet hat und das Training unterm Sattel gleich beendet, als klar war, dass sie Schmerzen hatte.“ – „Sehr gut, die Pause behaltet ihr in der nächsten Zeit auch noch bei. Ich gebe ihr jetzt einmal ein Schmerzmittel subkutan, sprich unter die Haut und einen Entzündungshemmer. Das bekommt sie die nächsten sieben Tage auch noch oral verabreicht. Zum einen nimmt das die Schmerzen bei der Bewegung, damit sie nicht durch eine falsche Haltung weiter verstärkt werden und zum anderen hemmt das alle entzündlichen Prozesse. Ich nehme an, ihr Sattel ist nicht Ursache der Probleme und der Hufschmied kommt bei dir auch regelmäßig. Vermutlich wird es wirklich die Belastung sein. Therapiebegleitend kann man Bodenarbeit machen, longieren und auch Wärmeanwendung oder Massagen. Ich persönlich bin kein Vertreter von alternativen Methoden wie Akupunktur oder ähnlichem, ob du das für deine Pferde möchtest, musst du selbst entscheiden.“, beendete ich meinen Ratschlag. „Wenn es nicht besser werden sollte meldest du dich nochmal. Medikamentös ist sie abgedeckt, wie du am besten weiter trainierst, wirst du ja auch aus Erfahrung wissen und vor allem individuell sehen, wie sie reagiert.“ Occu hörte zu und nickte. Zum Schluss entwurmten wir auch die Isländerstute und ich konnte mich am Späten Nachmittag von der jungen Frau verabschieden und die Heimreise antreten.
      Am Abend begab ich mich reichlich müde noch einmal in die Praxis, um das Blut von Lychee in die Geräte zu geben. Ich sollte Recht behalten. Der Stute fehlte es tatsächlich nur ein wenig an Magnesium, was ich Occulta noch telefonisch mitteilte, welche hörbar beruhigt war, dass wir nach keiner komplexen Ursache suchen mussten.

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      4x Hufkontrolle, Raspeln, Korrigieren & Ausschneiden | PFS' Ljúfa, scs Bluebell, Silhouette of Rose, Sika
      Heute stand ein Besuch bei Occulta an, also hatte ich mich früh auf den weg gemacht um in ihren Stall zu kommen. Als ich ankam, hatte Occu schon die vier Stuten heraus gestellt, sie grüßte mich freundlich und ich kam mit meinen Werkzeug gleich zu ihr, heute brauchte ich nicht so viel, da es nur ums Ausschneiden ging.
      Also zögerte ich nicht lange und begann mit meiner Arbeit, ich nahm mir als erstes die Isländerstute vor, Sie schien recht pflegeleicht zu sein, da sie wirklich lieb und verschmust war. Also wuschelte ich ihr kurz über die Stirn und begann dann meine Arbeit. Als erstes kam das linke Vorderhuf, welches ich anhob und innen das abgestorbene Horn mit dem Hufmesser beseitigte. Als der Strahl wieder zu sehen war, korrigierte ich diesen und putzte nochmal mit der Hufbürste darüber, ehe das Huf aufbockte und mit dem Ausschneiden des Außenhorns weiter machte. Ljúfja sah mir neugierig zu aber ließ brav ihr Huf oben, sodass das überstehende Horn abgeschitten war und die Hufraspel zum Einsatz kam, damit die Ränder wieder gerade waren. Nun stellte ich das Huf wieder zurück auf den Boden und ging zum zweiten Vorderhuf, wo der gleiche Ablauf erfolgte. Also packte ich mir ihr Bein und begann nach dem Kontrollieren, wo alles passte, mit dem Ausschneiden des Horns. Der Strahl ist leicht verwachsen, da ein Stein darin klemmte, welcher nun draußen war. ,,Occu, das hier musst du beobachten, da hat sich das Horn mit einen Stein verwachsen, sollte aber sonst keine großen Probleme machen!", erklärte ich der Besitzerin, welche mir zunickte und ich mich dem Ausschneiden widmete. Dann bockte ich das Huf auf den Hufbock auf und raspelte die ungeraden Kanten zurecht, ehe das Bein wieder am Boden stand. Die hinteren Beine waren dran, also nahm ich mir gleich das rechte vor, dieses gab mir die Stute ebenso brav und ich schnitt das abgestorbene Horn weg, besserte den Strahl aus und begann dann das Außenhorn am Bock zu Bearbeiten, welches wieder in die richtige Position kommen musste, da sie sonst schief laufen würde. Das letzte Huf war dran, welches die dunkle Isländerin ebenso brav hergab, sodass ich auch hier das Innenhorn mit dem Hufmesser schneiden konnte und den Strahl verbesserte. Dann raspelte ich die kleinen verwachsenen Kanten am Rand zurecht und glättete wieder alles. Die erste Stute war fertig, also bat ich Occu eine kurze Runde mit ihr zu laufen. Mit meinen Augenmaß konnte ich sie entlassen und widmete mich dem nächsten Pferd.
      Diesmal hatte ich was bunteres vor mir, die junge Stute kannte ich gut von Turnieren, da ich selbst schon öfter gegen diese ritt. Und diese Farbe vergisst man auch nicht so leicht. Mit einem Lächeln grüßte ich die Roandame und kümmerte mich dann um meine Aufgabe. Ich schnappte mir das erste Vorderbein und begann meine Arbeit, auch diese Stute war brav, also hatte ich keine Probleme. Gründlich richtete ich das Innenhorn und entfernte alles abgestorbene, ehe ich den Huf aufbockte und mit der Raspel die Kanten begradigte. Dann stellte ich das Huf ab und machte mit den nächsten Vorderen weiter. Dieses musste ich diesmal säubern, da viel Dreck darin war, also tat ich das und schnitt dann das Innenhorn aus, dann bockte ich ihr Huf auf und schnitt mit den Hufmesser überstehendes Horn weg, begradigte grobe Ecken und raspelte alles wieder glatt. Die vorderen Beine waren gemacht, also kamen jetzt die hinteren, welche ich auch erstmal säubern musste. Dann schnitt ich das abgestorbene Horn innen weg und begradigte den Innenstrahl, ehe ich auch ihr Huf aufbockte und das Außenhorn mit der groben Hufraspel behandelte, ehe ich mit der feineren über das Horn ging und diesen glättete. Dann stellte ich das Huf ab und kümmerte mich um das letzte Huf. Welches ich erstmal gründlich reinigte und dann mit dem Verbessern des Innenhorns und Strahls weiter machte, als alles wieder richtig geschnitten war, bockte ich ihr Huf auf und schnitt überstehendes Horn weg, dieses raspelte ich dann glatt und stellte es wieder ab. Bei Blue durfte Occulta eine Runde drehen, welche ich dann mit einen nicken vorerst entließ und zum nächsten Pferd ging.
      Diesmal kam was kleines: ,,Sowas hatte ich schon länger nicht mehr!", grinste ich und begutachtete die kleine Miniature Dame, ehe Occu zurückgrinste: ,,Ja mal was kleines und zierliches.". Ich fing gleich an mit meiner Arbeit, die kleine war auch pflegeleicht, weswegen ich da nicht so viele Probleme hatte. Also ging ich in die Hocke und schnitt das kleine Huf gründlich aus, es war nicht viel verwachsen, weswegen nur ein paar Kleinigkeiten am Innenstrahl der Fall waren. Ich holte mir nun erstmal einen kleineren Hufbock, den der andere war zu groß für das Minilein. Diesen positionierte ich passend vor ihr und stellte das Huf hinauf und begradigte das Außenhorn. Dann stellte ich das erste Huf wieder auf den Boden. Nun kam das zweite Vorderhuf, hier zickte Rose anfangs, doch ließ sich schnell von Occu korrigieren. Ich wand mich nachdem die Stute ruhig war, wieder zu dem Huf und schnitt das Innenhorn mit meinen Hufmesser zurecht, es waren keine vielen Schnitte nötig, so war es schon wieder in Takt und das Huf kam auf den Hufbock, wo ich gleich die ungeraden Stellen weg schnitt und dann glatt raspelte, ein paar Korrekturen am Horn selbst waren nun noch an der Reihe. Als das Huf wieder in seiner gesunden Form war, ging ich nach hinten und hob das erste Bein an. Die Stute wollte es zurückziehen, sie hatte ziemlich Kraft, doch ich blieb stur und konnte mich dann in die Hocke begeben und das Innenhorn schneiden. Dieses war auch nicht sehr beansprucht von Schäden und Ungeradigkeiten, sodass es schnell erledigt war und ich das Hinterbein etwas diagonal, nach Außen vom Pferd, auf den Bock positionierte. Dort nahm ich mir meine Huffeile mit der groben Seite her und raspelte die Verwachsenen Stellen weg, dann glättete ich sie nochmal mit der Feinen Seite und stellte das Huf wieder ab. Das letzte Bein war an der Reihe, welches ich erstmal anhob und auf meinen Schoß legte, um dann mit dem Hufmesser das Innenhorn zu schneiden. Hier waren nur ein paar Schnitte zu machen, weswegen ich ihr Huf aufbockte und diesmal festhalten musste, die Kleine hatte wohl keine Lust mehr. Aber da musste sie durch, also klemmte ich mir ihr Bein zwischen meine und behandelte das Außenhorn mit dem Hufmesser, schnitt eine große schiefe Stelle weg und begradigte anschließend den groben rand, sodass man wieder anfassen konnte ohne sich weh zu tun. Hier war das gleiche am Ende und Occu präsentierte mir ihre Stute im Trab und Schritt. ,,Passt, sie läuft wieder gut!", lächelte ich und bewegte mich zum letzen Pferd hin.
      Sika wieder eine Reitponystute war an der Reihe. Diese Stute hatte es mir schon länger angetan: ,,Wenn du sie abgibst hier!", grinste ich und strich der Scheckin über den Hals. Sie war sehr scheu, weswegen ich vorsichtig mit ihr umgehen musste, also tat ich das auch und ging vorsichtig am Bein herab und hob es an, widerwillig machte sie mit und ich begann das Huf langsam zu säubern, als sie sich entspannte, arbeitete ich mich langsam mit meinen Hufmesser vor und schnitt den Innenstrahl zurecht, auch das abgestorbene Horn entfernte ich ehe ich ihr Huf vorsichtig aufbockte und dann das Außenhorn schnitt, als all das überstehende Horn weg war, verfeinerte ich den Rand mit der Hufraspel und glättete diesen. Dann ließ ich das Bein zu Boden zurücksinken und ging zum nächsten, langsam lockerte sich der Körper der Stute und ich wagte etwas stärkere Bewegungen, ehe ich das Bein und anschließend das Huf in den Händen hielt, hier begann ich gleich mit dem Ausschneiden, denn in Ordnung war alles. Daraufhin bockte ich vorsichtig das Huf auf und ging mit der Raspel dann über das Außenhorn, hier begradigte ich Kanten und Ecken am Hufrand, ehe ich das Huf wieder zurück auf den Boden ließ. Dann kam das erste Hinterbein an die Reihe, hier glitt ich vorsichtig am Schenkel bis zur Fessel, dann hob sie es und ich nahm es mir, dann säuberte ich das Huf gründlich, sah es mir an und begann dann mit dem Hufmesser das abgestorbene Horn zu entfernen, der Strahl war gut, also konnte ich gleich darauf das Hinterbein aufbocken. Dies war der Stute ein wenig unangenehm, doch Occulta war schnell da und strich ihr beruhigend über den Hals. Ich widmete mich, nachdem ich wusste sie blieb ruhig, dem wegschneiden des überstehenden Horns und glättete dan den Rand und konnte das dritte Huf als erledigt bezeichnen. Beim letzen Huf zögerte Sika ein wenig, doch hob es nach langen ruhigen Zusprechen doch. Hier sah das Huf ein wenig wüst aus, also schnitt ich erstmal abgestorbene Stellen weg und begutachtete den Strahl, er war etwas aus der Form, so schnitt ich vorsichtig die Ränder zurecht und besserte es so gut es ging. Der Rest musste sich mit der Zeit erholen, was ich auch Occulta sagte, damit sie es unter Beobachtung hielt. Sie nickte mir verstehend zu und ich behandelte dann das Außenhorn mit der Raspel, hier war nicht viel schlimm, nur etwas verwachsen, aber das hatte ich schon wieder gemacht und war gerade dabei den Rand zu glätten. Sika erschrack, da es knallte, schnell zog ich den Hufbock weg und wir beruhigten sie. ,,Alles gut!", sprach Occu und kraulte ihre Ohren. Nachdem Occulta sie beruhigt hatte, konnte ich noch den Rest glätten und sie dann entlassen.
      Sie ging wieder besser, das war gut also kehrte ich das Horn auf einen Haufen und schmiss es in eine Mistkarre, wo ich dann mein Werkzeug kurz säuberte und anschließend wieder im van verstaute. ,,So alles gemacht, der Rest kommt dann mit der Rechnung!", informierte ich Occulta, welche mir dankte und mich dann verabschiedete.
    • Stelli
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Bluebell an der Stutenkörung
      Für Bluebell gab es heute eine gerittene Kür. Sie war an ihrer ersten Stutenkörung und wir hofften natürlich das Beste. Da sie auf mich keinen besonders aufgeregten Eindruck machte, rechnete ich uns gute Chancen aus. Ich hatte Bluebell am Anhänger angebunden und sattelte sie gerade. Zuerst legte ich die weisse Schabracke auf, dann folgte Bluebell’s Springsattel. Ich zog den Gurt erst ins zweite Loch, damit ich keine Haut einklemmte. Dann zäumte ich die Reitponystute und führte sie zum Abreitplatz. Wir kamen an einem schwarzen Anhänger vorbei. Gerade als ich auf dessen Höhe war, führte eine andere Teilnehmerin eine schwarze Stute dahinter hervor, ohne nach vorne zu schauen. Unsere beiden Pferde stiessen beinahe zusammen und die schwarze Stute zickte Bluebell mit drohend plattgelegten Ohren an. Die fremde Reiterin murmelte irgendwas Abschätziges im Stil von „geht’s noch?“. Ich schüttelte genervt den Kopf und lief gleichgültig weiter. Auf solche Leute brauchte ich mich gar nicht erst einzulassen, das war bloss Verschwendung meiner gerade jetzt so kostbaren Nerven. Ich stieg auf, als ich beim Sandplatz angelangt war und begann mit dem Einwärmen. Die Zeit reichte auch für einen erfrischenden Galopp, bevor Bluebell’s Nummer aufgerufen wurde. Wir wechselten zum Kürplatz und ich grüsste beim Einreiten die Richter. Dann trabte ich an und begann mit der Kür. Bluebell lief zuerst etwas angespannt, lockerte sich aber im Verlaufe der Kür zunehmend, bis sogar ihre Ohren zu wackeln begannen. Ich gab mir extra Mühe sie in der korrekten Anlehnung zu halten, denn Bluebell wollte sich ab und zu daraus lösen um ins Publikum zu schielen. Trotzdem achtete ich darauf, dass wir eine geschmeidige Verbindung hatten und sie nicht zu eng wurde. Die junge Stute machte ihre Sache sehr gut und bog sich besonders in der Zehnmeter-Volte schön. Aber auch auf der Diagonalen blieb sie gerade und vergrösserte die Tritte etwas. Wir galoppierten beim Buchstaben A an und machten eine ganze Runde auf der grossen Volte, ehe wir aus der Volte wechselten und den Galopp auf der anderen Hand zeigten. Danach liess ich Bluebell einen Schrittübergang machen und etwas strecken, jedoch nur so viel, dass sie nicht auf die Vorhand kippte. Auch im Schritt machten wir nochmal einen Seitenwechsel durch die Breite der Bahn. Danach ritt ich im Trab vor das Richterpult, hielt an und grüsste die Richter abermals. Zufrieden klopfte ich Bluebell auf den Hals und verliess mit ihr am langen Zügel den Platz. Beim Anhänger sattelte ich sie ab und liess sie dann am Wegrand grasen, bis die Resultate verkündet wurden.
      22 Nov. 2017

      Jungpferde und ältere Jungpferde
      PFS’ Sarabi, PFS’ Counterfire, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, Daedra, Nosferatu, Areion, Sika, Parányi, Vychahr, Bintu Al-Bahri, Farasha, Islah, Numair, Lindwedel, Circus Dancer, tc Herkir, Ljóski, Vai Alida, Cabinet of Caligari, scs Bluebell, PFS’ Dancin’ to Jazz
      Oliver und ich sassen zusammen in der Reiterstube und beobachteten die Reitstunde durch die grosse Glasscheibe. Lisa stand in der Mitte und dirigierte fremde, sowie unsere eigenen Leute durch verschiedenste Bahnfiguren. Mit einem Lächeln beobachtete ich die kleine Suri, Lilys neue Freundin, die auf Nosferatu leichttrabte. Sie bewegte sich noch etwas unbeholfen und hatte nicht immer ganz denselben Takt wie das Pony unter ihr, aber sie gab sich sichtlich Mühe und versuchte ihren Körper gerade zu halten. Lily, die mit ihrem Tinker Areion ein eingespieltes Team war, ritt ihr natürlich um die Ohren, aber dafür, dass Suri erst seit zwei Wochen im Sattel sass, schlug sie sich richtig gut. Pony Nossi benahm sich ebenfalls tadellos. Sie buckelte nicht, war nicht zu schnell und liess sich von Lisa per Stimmkommandos fast fernsteuern. Ich wandte mich wieder an Oliver, der mich fast gleichzeitig ansah. «So?», fragte ich mit erwartungsvollem Blick, denn der Trainer hatte mich hierherberufen, um über die jungen Vollblüter zu reden. «The Training this morning was okay. But I still worry, because your horses were started about 9 months later than all the others. They missed their complete two-year-old debut.» «And?» «Well, they sure have gained lots of muscles, but they had less time to build bone substance and gain experience.» «Yes, but instead they were able to grow unaffected by rider weight during these extra months. And they had more time to grow mentally aswell», rechtfertigte ich. «I just want to make a suggestion. You may want consider starting the yearlings from last spring, because they would be at an ideal age now.» «Mambo and the others? Isn’t that too early?», fragte ich mit einem mulmigen Gefühl. «Look, it is normal in the racing industry to start them at about 18 to 20 months of age. They are 20 months old right now, plus you don’t have any of your so called ‘more mature’ two-year-olds to train for the coming season. You know we treat them very gentle and Jockeys aren’t lightweight for no reason.» Ich runzelte nachdenklich die Stirn. Weil ich schwieg, fuhr er fort. «The reason why I didn’t complain last year or the year before that was because those two-year-olds had late brith dates and those dates were also too far apart. It would have been impossible to start them at a reasonable time for the racing season, considering their differences in age. I admit that I manipulated you into breeding at a convenient time so that the foals last year were mostly born in march, so this issue wouldn’t come up again. Early training is crucial so that their bone structure can adjust to the strains of racing.» «I don’t know… Not so long ago they were just little foals. I mean, I remember Dollys birth as if it had been yesterday.» «But look at them now. Thoroughbreds grow extremely fast, they were bred like that for exact that reason.» «Give me a little time to think about it.» Er nickte und stand auf. Ich blieb noch eine Weile sitzen und beobachtete die Reitschüler. Sie mussten sich gerade am Schulterherein versuchen. Darren ritt auf Sika, die deutlich dreispurig lief. Zufrieden lächelte ich bei dem Anblick. Darren bemerkte, dass ich ihn beobachtete, als er an der Scheibe vorbeiritt und lächelte verlegen zurück. Bei Lily klappte das Schulterherein noch nicht ganz, also holte Lisa sie zu sich in die Mitte und zeigte ihr, wie sie den Unterschenkel halten musste. Danach waren schon bessere Ansätze erkennbar, aber natürlich noch weit weg von den erfahreneren Reitern. Nosferatu lief zuverlässig zweispurig geradeaus, mit leichter Innenstellung. Aller Anfang war nun mal schwer, aber ich wettete, dass Lisa Suri auch gesagt hatte, dass sie es einfach versuchen solle und noch nicht beherrschen müsse. Für den Galopp nahm die Reitlehrerin ihre jüngste Schülerin dann auch an die Longe, während die anderen auf der A-Volte blieben. Suri musste sich im Moment nur am Sattel festhalten und sich an den Bewegungsablauf gewöhnen, die Zügel hatte Lisa für sie über dem Widerrist verknotet, damit das Mädchen die Hände frei hatte. Nossi war ziemlich gut ausbalanciert und lief zuverlässig im Kreis. Suri musste ihre Hände als Balanceübung vom Sattel lösen und frei nach aussen strecken. Einmal wurde Nossi dann doch etwas schnell, sodass Suri sich kurz erschrocken festhielt, danach aber gleich wieder mutig weiterübte.
      Als sie mit dem Austraben begannen, verliess ich die Reiterstube und begab mich in den Nebenstall. Es war drei Uhr, aber der Himmel war so düster, dass es mir vorkam wie Abend. Der Himmel war mit grossen, bauschigen Wolken bedeckt und ein kalter Wind schlich sich durch meine Jacke hindurch bis zur Haut. Die Stuten im Nebenstall kümmerte das sichtlich wenig. Sie raschelten gemütlich in ihrem Stroh und unterbrachen diese Tätigkeit höchstens, um zu sehen, ob ich ihnen etwas Besseres zu Fressen brachte. So auch Parányi, als ich ihre Boxentür entriegelte. Sie drückte mir erwartungsvoll ihre dunkle Schnauze ins Gesicht, typisch unsanft für ein junges Pferd, wie ich bemerkte. Weil es so windete, hatte die rappfarbene Stute auch wenig später beim Putzen viel zu glotzen. Vorbeiwehende Blätter, galoppierende Fohlen in der Ferne… Die Stute sah sich alles mit aufmerksam hochgestrecktem Kopf an und blendete mich sozusagen aus. Mir war das schnuppe, solange sie mich nicht irgendwie anrempelte oder mir auf die Füsse stand. Das schien sie auch zu wissen, denn trotz der Ablenkung gab sie ihre Hufe brav und stand schön still. Jedenfalls bis eine grosse, weisse Plastiktüte über den Schotterweg fegte. Da fielen ihr die Augen fast aus den Höhlen und sie musste laut rasselnd Luft einsaugen. Ich klopfte ihr beruhigend auf den Hals und stellte sicher, dass sie mich bemerkte. Trotzdem stand sie nach einem folgenden Zusammenzucken etwas breitbeiniger da als zuvor. «Schon gut, Glupschi. Es wird dich nicht auffressen», lachte ich bei dem Anblick. Insgeheim beschloss ich, dass die Stute wiedermal ein wenig Anti-Schrecktraining brauchte. Auch Jonas, der dem Plastiksack hinterherlief, um ihn in die Mülltonne zu schmeissen, bemerkte Parányi und mich. «Haha, freu dich auf nachher; so wie die heute drauf ist werdet ihr’s lustig haben», rief er mir entgegen. Ich meinte lachend, dass das auch meine Sorge sei. Nichts desto trotz sattelte ich Parányi kurz darauf und führte sie fertig gezäumt zum Aufsteigen auf den Kiesweg. Ich hatte tatsächlich einen Ausritt mit ihr vor, allerdings war mir zugegebenermassen unwohl, wenn ich mir den grossen, schwarzen Angsthasen neben mir ansah. Da kam mir Lewis gerade recht, der Vychahr auf den Sandplatz führen wollte. «Hey!», rief ich, «do you want to join me and Parányi instead?» Er hielt an und überlegte kurz, dann gab er mir ein Daumen-Hoch und schwang sich auf den Rücken des Fuchshengstes. Ich erklomm mein Reittier ebenfalls und schloss zu ihm auf. «Wanna visit Rosie?», fragte Lewis. «Sure.» Wir ritten zwischen den Tannen hindurch in Richtung Fluss, trabten nach der Brücke den ganzen Schotterweg bis zur Wilkinson Farm und spazierten auf den Hof. «Good day Mr. Gordon. Is Rosie at home?» Der stämmige Chefpfleger der Farm wischte gerade den Platz vor dem Stall, als wir ihn überraschten. «I will inform her, just a moment.» Er verschwand im Stallgebäude und brachte die dunkelrothaarige Ex-Pflegerin von Pineforest Stable mit raus. Verwundert begrüsste sie uns. «I didn’t expect you to come today, what brought you here?» «Nothing really, we were just passing by and thought we’d say hello», erklärte ich. Sie meinte daraufhin, dass wir eigentlich gerade recht kämen, weil sie uns etwas zeigen wolle. Gespannt stieg ich ab und band Parányi beim Putzplatz an, Lewis tat es mir mit Vychahr unter Einhaltung genügenden Abstands gleich. Wir folgten Rosie zu den Weiden und entdeckten nebst den beiden friedlich grasenden Araberstuten Farasha und Islah auch noch eine weitere, graue Figur unter den Bäumen. Im ersten Moment dachte ich aus lauter Gewohnheit an First Chant, verwarf die Idee aber augenrollend sofort wieder – das Stutfohlen stand ja inzwischen auf unserer eigenen Fohlenweide zuhause. «That over there is Lindwedel. He’s a Fell pony, I bought him last week. He looked very cute with his curly mane and tail, so I thought ‘why not?’» «He sure is stunning. How old is he?» «16 years» «Really? And still so dark grey?», meldete sich Lewis zu Wort. «Yep. Doesn’t look like he will get much lighter, too.» «Nice. Gelding, I guess?», riet ich mit einem Blick auf die Weide mit den beiden Stuten. Rosie antwortete lachend «Of course.» Wir plauderten noch eine Weile, dann machten Lewis und ich uns wieder auf den Weg. Allerdings verliess ich den Hof nicht, ohne Anubis und Numair ein Leckerli zu bringen – wenn ich schon nicht wegen ihnen hier war. Bintu bekam auch eins, damit er nicht eifersüchtig wurde.
      Als wir von unserem Ausritt zurück waren, musste ich Parányi die Abschwitzdecke anziehen – obwohl sie am Bauch geschoren war. Wir hatten ein paar lustige Galopps und Geisterbegegnungen hinter uns, aber im Grossen und Ganzen war der Ausritt schön gewesen. Vychahr hatte sich von der Rappstute natürlich auch etwas anstecken lassen, war aber längst nicht so verschwitzt. Während ich Die Stute in ihre Box versorgte, hörte ich David und Elliot mit dem Anhänger zurückkommen. Die beiden hatten mit Dancin’ to Jazz ein Trail-Anfänger-Turnier besucht. Gespannt wechselte ich zum Parkplatz, sobald ich die Boxentür geschlossen hatte. Liebevoll lief ich zu Jazz und streichelte die Stute zur Begrüssung. «Heyy my beauty. How was she?» Elliot antwortete verschwörerisch «make a guess.» «…Last?», fragte ich besorgt. «Far off. They were placed second», enthüllte Elliot grinsend, und wurde prompt von meinem fröhlichen «yes!» abgewürgt. Ich umarmte den Hals der Stute und klopfte David stolz auf die Schulter. Meine Freude war gross, denn diese erste Platzierung der Stute zeigte mir, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Nun durfte Jazz aber erstmal zurück in den Offenstall und ihre Ruhe geniessen. Diese Woche war wirklich hervorragend gelaufen, denn es hatten auch gleich drei unserer Stuten ihre Körungen geschafft: Vai Alida, Cabinet of Caligari und meine kleine Bluebell.
      Mit bester Laune ging ich ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Nach der Kälte draussen war das eine weitere Wohltat. Kafka, der bunte Kater, sass draussen auf dem Fensterbrett bei der Küche. Ich beobachtete ihn durch die Scheibe. Er schien irgendwas zu sehen, jedenfalls blickte er tiefgründig in die Ferne. Ich konnte es nicht sein lassen, ihn zum Spass zu erschrecken, indem ich das Fenster aufmachte und «Buh!» rief. Er sprang runter und peitschte mit dem leicht gesträubten Schwanz, dann verschwand er um die Hausecke. «Du hast mich und die Pferde oft genug überrascht, geschieht dir absolut recht», murmelte ich rechtfertigend, hatte aber trotzdem einen Anflug von schlechtem Gewissen. Eine weitere Katze entdeckte ich unweit entfernt unter den Büschen die den Reitplatz säumten. Sie war nichts weiter als ein dunkler Schatten zwischen den Zweigen, nur die grünen Augen sah man deutlich. Es handelte sich um die scheuste der vier Katzen, Moya. Ich wollte sehen, ob Lisa schon Fortschritte dabei gemacht hatte, das wollige Tierchen zu zähmen. Ich öffnete die Haustür und stellte zunächst angewidert fest, dass Kafka mir mal wieder eine Kopflose Maus dagelassen hatte – das schlechte Gewissen von zuvor verflüchtigte sich augenblicklich. Ich schob die kleine Leiche mit dem Fuss von der Terrasse ins Gras und näherte mich dann vorsichtig meinem Ziel. Moya war schon im Begriff aufzustehen und zu flüchten, also kniete ich rasch runter und lockte sie mit allem, was mir einfiel. Sie sah mich mit grossen Augen an, die misstrauischer nicht hätten sein können. Aber sie blieb kauernd unter dem schützenden Gebüsch, und liess mich ganz langsam näherkommen. Ich konnte schon fast den Arm nach ihr ausstrecken, als plötzlich Jonas von hinten rief «Was machst du da, Occu?» Ich zuckte zusammen, und bevor ich es realisierte, erkannte ich nur noch knapp einen schwarzen Schatten bei den Paddocks des Nebenstalls verschwinden. Enttäuscht richtete ich mich auf und strich mir die feuchten Hände an den Hosen ab. «Na toll, ich war so nahe dran», schmollte ich vorwurfsvoll an Jonas gewandt. «Die schwarze Katze? Die kann doch niemand streicheln. Sogar Lisa hat aufgegeben.» «Lisa ist auch dauernd hyperaktiv, da würd ich auch abhauen.» Wir lachten und schlenderten über den Hof. Zira entdeckte mich und kam vom Parkplatz her angerannt, fast an ihrer eigenen Zunge erstickend. Ich knuddelte sie liebevoll durch. «Wenigstens die ist anhänglich», stellte ich fest. «Und was ist mit mir?», meinte Jonas empört und umarmte mich spielerisch. «Ja ja, schon gut. Du brauchst mich nicht gleich zu zerquetschen. Wie war überhaupt dein Tag? Ich hab dich heute kaum gesehen, ausser beim Mittagessen und Plastiksack-Jagen.» «Ich war auch dauernd im Gelände unterwegs. Am Morgen mit Herkir, in Begleitung Ljóski und Lewis –» «Haha, ich vorhin auch. Wir waren mit Vilou und Parányi draussen.» «Ach, ich hab mich schon gefragt wo er steckte; ich war, nachdem du weg warst, mit Dancer auf dem Sandplatz, um Dressurarbeit zu machen und hab seine Sprüche bezüglich meines Stuhlsitzes vermisst.» «Der ist doch schon viel besser geworden, nicht?» Er zuckte mit den Schultern. «Wir können ja heute Abend zusammen zu Elliot in die Stunde gehen, dann wird er’s dir schon sagen. Ach ja, ich muss noch was Wichtiges entscheiden – Oliver hat mir schon Dampf unter dem Hintern gemacht.» «Was denn?» «Ob wir Generation Mambo schon jetzt einreiten sollen.» «Eiiigentlich sehen die ja schon ganz ordentlich aus, da hat der alte Olly schon Recht.» Beim Begriff ‘alter Olly’ musste ich belustigt glucksen. «Lass ihn das nicht hören, ja? Der reisst dir den Kopf ab. Aber ernsthaft, meinst du die sind so weit?» «Komm mal mit.» Wir liefen zu den Weiden und beobachteten die Stutfohlen eine Weile. Ich unterbrach das Schweigen nachdenklich. «Weisst du, Oliver hat schon Recht, wenn er sagt, dass sich der Körper der Vollblüter so früh wie möglich an die Belastung anpassen und entsprechend Substanz bilden sollte. Mit zunehmendem Alter ist der Effekt einfach nicht mehr derselbe, und gerade wenn sie noch im Wachstum sind, können sich mit dem richtigem Training die optimalen Strukturen entwickeln, damit sie später trotz der Rennbelastung lange gesund bleiben.» Jonas sprach zuversichtlich: «Ich meine, wenn du merkst, dass sie überfordert sind, kannst du jederzeit abbrechen und sie wieder auf die Weide stellen. Da könnte auch ein Oliver nichts entgegenhalten. Ausserdem kannst du sie im Voraus und zwischendurch Tierärztlich abchecken lassen, wenn das dein Gewissen beruhigt. Und zuletzt könntest du ja auch einen Kompromiss machen, indem du dich einverstanden erklärst, dass sie zwar schonend trainiert werden, aber nicht an Rennen starten bis sie dreijährig sind. So wäre zumindest der Einwand wegen des Knochenwachstums vom Tisch.» «Die Idee mit dem Kompromiss ist genau das, was ich gebraucht habe», rief ich dankbar aus. «Das Training selber leuchtet mir nämlich wie gesagt gewissermassen ein, aber mir war es ein Dorn im Auge, schon an den Rennen für die Zweijährigen teilzunehmen. Ich finde das einfach zu früh. Aber diesen Vorschlag werde ich Oliver nachher mal unterbreiten. Und sonst zieh ich mit seinem Plan nicht mit, Vogel friss oder stirb.» Mit einem beruhigten Gewissen streichelte ich Thalia, die an den Zaun gekommen war. Die beinahe schneeweisse Stute untersuchte mit ihrer rosa Schnauze meine Hand und schleckte mir die kalten Finger ab. Hinter ihr tauchten auch Dolly und Sarabi auf. Nur Daedra und Counterfire blieben zusammen mit den jüngeren Fohlen in der Mitte der Weide und grasten weiter. Bei Daedra würde ich mit dem Training auf alle Fälle auch noch warten, denn sie war im Herbst geboren und damit ein halbes Jahr jünger als die anderen. Das sah man ihr auch deutlich an.
      Wie beschlossen, redete ich gegen sieben Uhr mit Oliver, den ich in einer der Sattelkammern im Hauptstall erwischt hatte. Er war nicht nur einverstanden mit meinem Vorschlag, sondern wirkte damit sogar sehr zufrieden. Wir beschlossen, die Youngster morgen in den Hauptstall zu verschieben und mit der Gewöhnung an die Ausrüstung zu beginnen. In den nächsten Wochen würden sie noch vollkommen ohne Reitergewicht, an der Longe oder Doppellonge, trainiert werden. Erst dann wollten wir langsam die leichtesten der Jockeys auf ihre Rücken setzen und viel Schritt im Gelände reiten. Wenn alles gut lief, konnten wir danach mit der Trabarbeit beginnen. Ich bestand ausserdem auf die Tierärztlichen Untersuchungen. So konnte ich einigermassen entspannt zu Bett gehen.

      Ein weiteres neues Jahr
      Baccardi, Donut, Sika, Calico, Ice Coffee, PFS’ Bacardi Limited, PFS‘ Navy Sniper, scs Bluebell, Painting Shadows, PFS‘ Stromer’s Painting Gold, Primo Victoria, PFS‘ Merino, Simba Twist, tc Miss Moneypenny, PFS’ Cryptic Spots, Arctic Blue, PFS‘ Arctic Silver Lining, PFS‘ Reverie, Tayr al Diyari, Phantom, Matinée
      Mit dem neuen Jahr kamen auch einige Veränderungen nach Pineforest stable. Besonders bei den Reitponys, denn dort 'verliessen' uns gleich drei davon. Nunja, sie verliessen uns nicht wirklich, denn sie waren weiterhin hier eingestallt, aber sie hatten jetzt neue Besitzer. Donut gehörte definitiv dem Mädchen, das sich beim Probereiten in ihn verliebt hatte, Baccardi ging in den Besitz von Linda Ashton über und Sika hatte ebenfalls eine junge Dame gefunden, die sie in der Dressur fördern wollte. Ich fand kaum Zeit um darüber traurig zu sein, denn es waren bereits zwei Nachfolger eingezogen. Einerseits Bacardi Limited, unschwer zu erraten ein Sohn von Baccardi, aus einer Raunchy-Tochter, den ich ja bereits vor einer Weile ins Auge gefasst hatte. Ich hatte ihn auf einer Auktion ersteigert, zwar zu einem stolzen Preis, aber das war er mir auch wert gewesen. Die Raunchy-Linie war begehrt und doch selten, und mit Baccardis Blut vereint eine spannende Kombination. Andererseits war auch ein weiterer neuer Ponyhengst im Nordstall: Navy Sniper, ein Sohn von Bluebell, jedoch aus einer Leihstute. Er war, wie Bacardi Limited, erst knapp dreijährig und ziemlich grün hinter den Ohren. Da er jedoch sogar noch ein paar Monate jünger war als Bacardi, wollte ich ihn noch einen Moment in Ruhe lassen und erst Anfang Sommer anreiten. Sein Vater war der Falbhengst Delicious, ein aufkommender Zuchthengst der ebenfalls eher seltene, begehrte Abstammung hatte. Sniper hatte ich im Hintergrund gezüchtet, mit dem ursprünglichen Gedanken, ihn irgendwann zu verkaufen; doch das Fohlen hatte mir mit seiner besoderen Farbe und den Abzeichen unerwartet gut gefallen, sodass ich ihn auf einer externen Aufzuchtweide vorerst hatte grosswerden lassen, um zu sehen, ob sich sein Körperbau ebenfalls so toll entwickeln würde. Mittlerweile war ich froh, ihn nicht als Fohlen schon verkauft zu haben, denn er hatte sich wirklich gemacht.
      Nicht nur neue Reitponys waren eingezogen, sondern auch ein Sohn von Arco war neu auf Pineforest. Arctic Silver Lining, den ich als Fohlen verkauft hatte, kam als vierjähriger Junghengst zu uns zurück. Er hatte viel erlebt seither. Von einer Institution für Service Animals gekauft, hatte er seine Fohlenjahre auf einer Weide mit anderen zukünftigen Dienst-Ponys verbracht. Er war speziell ausgesucht worden – Mitarbeiter der Institution hatten ihn vor dem Kauf mehrfach auf Pineforest besucht und Intelligenztests mit ihm durchgeführt, um sicherzugehen, dass er für den Job geeignet war. Mit zwei Jahren hatte seine Ausbildung begonnen, und ihm waren 23 Stimmkommandos beigebracht worden, die er zuverlässig ausführen konnte. Laut der definitiven Besitzerin, einer blinden älteren Dame, kannte er aber sogar noch mehr Kommandos und verstand manchmal auch Aufgaben, für die er gar nicht ausgebildet war. Die Dame hatte ihn von der Institution nach Ende des etwa einjährigen Trainings übernommen, doch im vergangenen Jahr hatte sich ihr Gesundheitszustand so sehr verschlechtert, dass sie kaum mehr mobil war. Daher gab es auch für Linus, wie er liebevoll von ihr genannt wurde, kaum mehr etwas zu tun. Die Frau wünschte sich für den jungen Hengst ein Zuhause mit grossen Weiden, viel Zuwendung und Abwechslung. Normalerweise wäre er einer anderen handicapierten Person zugeteilt worden, denn so eine Ausbildung für Guide Horses war eine ganz schön teure Angelegenheit. Aber sie hatte sich mit uns in Kontakt gesetzt und gebeten, dass Arctic Fox zurück in sein altes Zuhause kehren möge. Ihrer eigenen Aussage zufolge hatte er ihr immer auf eine Art Leid getan, weil er nicht mit anderen Pferden draussen Spielen hatte können, sondern stattdessen mit ihr in der Stadt unterwegs gewesen war. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass er so todunglücklich gewesen wäre, aber natürlich war ich auch nicht abgeneigt, den hübschen Hengst zurückzukaufen. Warum er übrigens noch Hengst war, wusste niemand so genau. Offenbar hatte man es aufgrund seines Charakters nie als nötig empfunden ihn zu kastrieren, obwohl das eigentlich Standart war für alle Guide Horses. Jedenfalls würde er in etwa zwei Wochen wiedereinziehen.
      Ausserdem erst in ein paar Wochen einziehen würde auch eine neue Criollostute, ein Fohlen von Cazador und Chaira, genau gesagt. Die hübsche Falbscheckstute sollte frischen Wind in meine Criollo Zucht bringen, doch erstmal musste sie fleissig Schleifen sammeln.
      Ein Stutfohlen von Páranyi tobte neu mit über die Fohlenweide. Die kleine hiess Reverie und war beinahe zweijährig. Ich mochte sie jetzt schon ganz besonders, denn sie hatte wunderschöne Abzeichen und schwungvolle Gänge.
      Etwas mehr aufsehenerregend war die Neuanschaffung von Rosie Wilkinson. Sie hatte sich mit anderen Araber-Züchtern zusammengetan und sich am Import einer Handvoll Rennarabern aus Katar beteiligt. Ein spannendes Projekt, um die Zucht von Rennarabern in England auf ein ganz neues Niveau zu heben. Sie selbst hatte nun einen hellen Fuchshengst mit Stichelhaaren im Stall stehen, der auf den Namen Tayr al Diyari hörte. Ich kam sofort ins Schwärmen, wenn ich an den edlen Kopf in Kombination mit dem fürs Rennen ausgelegten Körperbau dachte. Ich beneidete Rosie, aber mein Trost war, dass ich den Hengst aufgrund unserer Partnerschaft mit der Wilkinson Farm später jederzeit auch zur Zucht verwenden konnte.
      Ice Coffee hatte ich zu Echo auf die grosse Gnadenweide gebracht, nachdem sie sich im Offenstall vermutlich bei einer Rangelei eine unglückliche Sehnenverletzung zugezogen hatte. Ich hatte anscheinend einfach kein Glück mit den Painthorses, jedenfalls nicht mit den Braunschecken. Und zu guter Letzt hatte ich Calico zu Weihnachten an seine alte Besitzerin Rita verkauft, als Dank für ihre tolle Mitarbeit und weil ich das Gefühl hatte, dass sie nun bereit für den stattlichen Criollo war. Mein Angebot war eine Überraschung gewesen, und sie hatte sich unheimlich darüber gefreut; besonders, weil sie ihn mit einem Mitarbeiterrabatt weiterhin auf Pineforest einstellen konnte, damit sie sich nicht um das Finanzielle sorgen musste.
      Ich sass gerade an meinem Pult und füllte ein paar Nennformulare für die ersten Turniere im neuen Jahr aus. Letztens hatte ich Grund zum Schmunzeln gehabt: bei einem Galopprennen zum Jahresabschluss waren gleich alle Podestplätze von Pineforest-Nachzuchten belegt gewesen. Aber überhaupt lief es im Moment richtig gut mit unserem Nachwuchs. Bei Merino ganz besonders: er war bei seinen ersten richtigen Rennen gleich dreimal zuvorderst durchs Ziel gekommen. Ich konnte kaum in Worte fassen, wie stolz ich auf ihn und die anderen jungen Athleten war. Wenn es so weiter ging, konnte er sich dieses Jahr vielleicht für einige hochdotierte Rennen Qualifizieren.
      Als ich mit den Nennungen fertig war, schloss ich für einen Moment die Augen, dann öffnete ich die Seite der Mustang-Rettungsstation. Ich hatte ja beschlossen, die Grullo Stute, Phantoms kleine Freundin, zu retten, falls sie nach einer Woche immernoch ausgeschrieben wäre. Inzwischen waren sogar schon ein paar weitere Tage dazwischengekommen, und ich fragte mich, ob es nicht längst zu spät war. Doch als ich runterscrollte, fand ich die Bilder noch immer an derselben Stelle vor - nur diesmal mit einem rot geschriebenen "urgent" darüber. Ich fasste den Entschluss, griff das Telefon und wählte die angegebene Nummer. Die Frau am anderen Ende war reichlich erstaunt, einen britischen Akzent zu hören, schien jedoch nicht minder erfreut, als ich mein Interesse bekannt gab. Natürlich gab es wieder eine Menge Papierkram und die Stute würde das Okay des zuständigen Tierarztes benötigen, doch beim letzten Mal hatte es ja auch geklappt, also war ich zuversichtlich. Als ich das Telefon ablegte, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Jetzt muss ich nur noch hoffen, dass „Matinée“ sich immernoch mit Phantom versteht.
      Ich rief Zira, die auf ihrer Decke lag, und zog meine Jacke an, dann traten wir beide raus an die kühle Winterluft. Ein eisiger Wind wehte mir ins Gesicht, sodass es trotz meines Schals binnen Sekunden taub war. Ich warf einen Blick an den Himmel. Für heute war eine Sturmwarnung herausgegeben worden, doch eigentlich hatten die Wetterfrösche von Regen gesprochen. Dafür kam es mir eindeutig zu kalt vor. Ich hastete zum Hauptstall, ins schützende innere. Noch fiel kein Schnee, aber es sah so aus, als würde das Wetter draussen bald umschlagen. Ich rief Ajith zu mir und gab ihm ein paar Anweisungen, damit er mit den anderen Pflegern den Hof sturmsicher machte. Ich wollte nicht ruskieren, dass wir am Morgen irgendwelche Gegenstände auf dem Feld einsammeln mussten. Als er verschwunden war, streichelte ich rasch Zira, die mich schon die ganze Zeit erwartungsvoll angesehen hatte, dann holte ich Goldy aus ihrer Box. Wenig später, als ich sie gerade durchbürstete, kamen auch Quinn und Parker rein, um Primo und Penny vorzubereiten. Alle hatten wir dasselbe Ziel: noch schnell in die Halle, bevor es draussen umschlug. Daher putzten wir auch eher schnell-schnell; nach dem reiten konnte ich ja in der Box nochmal gründlicher drüber. Wir führten die Pferde fertig gesattelt rüber zur Halle und stiegen zum Einwärmen auf. Merino, Simba und Cryptic drehten bereits ihre Runden durch den Hallensand. Es war Absicht, dass wir alle Vollblüter dieser Renngruppe hier hatten, denn wir trainierten sie meistens zusammen, damit alle etwa auf dem gleichen Ausbildungsstand waren. Ein paar Cavaletti lagen auf dem inneren Hufschlag bereit; Elliot hatte sie für uns dagelassen. Also schickten wir die sechs Jungspunde über die bunten Stangen, sodass sie die Bauchmuskeln anziehen und den Raumgriff erweitern mussten. Goldy war schön ruhig und lief in gleichmässigem Takt weiter, während die meisten der anderen fünf etwas hastiger wurden. Die Jockeys gaben sich die beste Mühe, ihre Pferde ruhig zu halten, damit das Training seinen vollen Nutzen entfalten konnte. Primo lief am Anfang mit eingezogenem Schweif - offenbar war sie etwas verspannt vom gestrigen Ausritt, bei dem die Gruppe weiter als sonst gewandert war, um an einem Hügel zu trainieren. Mit der Zeit wurde sie aber lockerer und hob ihn wieder wie sonst leicht an. Draussen wurde es immer ungemütlicher: die Tannen bogen sich in Stellungen, die ich nicht für möglich gehalten hätte und es fielen erste Flocken, die sich in kürzester Zeit zu einem dichten, hagelartigen Niederschlag vervielfachten. Schneeverwehungen glitten über die Felder und das Dachgebälk der Halle begann zu knarren. Auch wurde es immer dunkler draussen. Goldy scheute in den Ecken, weil der Wind unheimliche Geräusche machte. Ich hielt den äusseren Zügelkontakt streng aufrecht und spielte innen ab, um ihre Aufmerksamkeit zurückzuholen. "Occu, a tree just fell...", meldete Charly, fasziniert von dem Anblick. Ich verzog grimmig die Lippe und beobachtete durch die Dämmerung, wie gleich noch eine zweite Tanne knickte, als wäre sie ein Streichholz. "Okay guys, let’s go back to the barn - I don't think the horses can focus like this anyway." Zustimmendes Gemurmel war zu hören und wir stiegen gerade ab, als plötzlich das Licht ausging. Ich hörte Charly und Parker jubeln, und auch ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Es war noch genug hell, um etwas zu sehen, aber es war trotzdem seltsam, durch die dunkle Halle zu laufen. Draussen wurden wir fast davongeweht, beziehungsweise unsere Abschwitzdecken, die wir zum Glück vorne geschlossen hatten. Wir motivierten die Pferde zu einem flotten Trab und führten sie so rasch wie möglich in den schützenden Stall. Wir waren alle ganz schön durcheinander, als wir an unserem Ziel ankamen. Ich strich mir erstmal ein paar Stränchen hinter die Ohren, die sich aus dem Haargummi gelöst hatten, dann sah ich mich um, ob wir komplett waren und brachte Goldy anschliessend in ihre Box. Sie war relativ ruhig geblieben, so wie ich auch - anders als Penny, die sich aufgeregt zum geschlossenen Fenster drehte, sobald sie frei war. Sie liess ein tiefes Ausschnaufen hören und blinzelte, dann siegte der Hunger über die Aufregung und sie wandte sich dem Heuhaufen in der Ecke zu. Ich sattelte Goldy ab und trocknete mit einem Frotteetuch den von geschmolzenen Schneeflocken angefeuchteten Kopf. Danach liess ich sie in Frieden und half den Pflegern. Ich hörte den Wind draussen, aber im Inneren des Hauptstalls merkte man kaum etwas davon. Hier war wie immer alles schön hell und ruhig. Als wir die Pferde komplett versorgt, gefüttert und gemistet hatten, sammelten wir uns, öffneten das nächstbeste Tor einen Spalt weit und warfen wir einen Blick hindurch. "Nasty", bemerkte Parker richtigerweise. Es sah noch übler aus als zuvor; der mittlerweile Schneeregen wurde im Licht der Lampen in sichtbaren Wellen vom kalten Wind zu Boden gedrückt. "Who wants to be first?", fragte ich herausfordernd. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich wollte schon die Kapuze über den Kopf ziehen, als ich Rufe hörte. Lewis und Jonas kamen durch den Sturm auf uns zu gerannt. Wir öffneten das Tor gerade genug, dass sie hineinschlüpfen konnten, und bevor ich wieder schliessen konnte, huschte auch noch Sheela hindurch. Die Labrador Hündin schüttelte sich den Schnee vom Fell und sah dann freudig zu mir auf. "What the hell are you doing? We were about to go back to the house, so why'd you come here?" Die beiden hielten grinsend einen grossen Plastiksack in die Höhe. "We brought some snacks, tea and games. Who want's to stay?" Ich schüttelte belustigt den Kopf. Normalerweise machten wir Spielabende im Pflegerheim, wo es Sofas und eine Heizung hatte. "You are just... Incredible." Restlos alle Anwesenden fanden die Idee attraktiver, als raus in den Regen zugehen. Also stiegen wir auf den Heuboden und machten es uns gemütlich. Sheela kam die Leiter nicht alleine hoch, aber nachdem sie winselnd und mit Puppy-Eyes zu uns hochgeschaut hatte, musste Jonas sie hoch hieven. Zum Glück war sie aus einer Jagdlinie und daher nicht so schwer wie andere verfressene Labradoren die ich kannte. "Ist Lily im Trockenen?", fragte ich, sobald er sich wieder neben mich gesetzt hatte. "Ja, sie ist im Haus - sie wollte noch ihre Serie fertig schauen und danach ins Bett." Ich nickte beruhigt.
      Die Zeit verging wie im Flug. Als ich beim zweiten Kartenspiel schon zu Beginn rausflog, kletterte ich die Leiter runter und streichelte Painting Shadows, bis die nächste Runde anfing. Wir vergnügten uns bis knapp vor elf Uhr, dann war es endgültig Zeit ins Bett zu gehen. Der Sturm hatte etwas nachgelassen, sodass wir uns wenigstens nicht mehr vor herumfliegenden Gegenständen in Acht nehmen mussten. Ich wünschte allen eine gute Nacht und mit Jonas und Sheela im Haus.

      Aus dem Leben eines kleinen Mädchens
      PFS’ Merino, PFS’ Sarabi, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Lindwedel, Burggraf, Areion, Circus Dancer, Estragon Sky, Co Pilot de la Bryére, Vychahr, Nosferatu, Halluzination, Fake my Destiny, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Phantom, Matinée, Islah, Lindwedel, Beck’s Experience, Glenns Caress, Dakota S, Chocolate Chip, Papillon d’Obscurité, Snottles Peppermint, Blue Dawn’s Nachtfalke, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS‘ Skydive, tc Herkir, Ljóski, Daedra, Chanda, PFS‘ British Oreo Rascal, PFS‘ Arctic Silver Lining, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Challenging Time, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Moon Kiddy, Feline
      Mein Wecker klingelte hartnäckig, und gab keine Ruhe, bis ich meinen Arm ausstreckte, um den kleinen roten Knopf an der Seite zu drücken. Auf dem Display stand eine Acht mit zwei Nullen dahinter - ich kannte die Bedeutung dieser Ziffer nur zu gut. Ich wollte mich schon stöhnend wieder umdrehen, doch dann fiel mir ein, dass ich heute ja keine Schule hatte, weil die Lehrer eine Weiterbildung machen mussten. Sofort fühlte ich mich wacher und fand sogar die Kraft, vom Bett zu rutschen, um mich anzuziehen. Ich lief runter in die Küche, wo eine Schüssel Müsli auf dem Tisch für mich bereitstand. Ich kippte etwas Milch dazu und sortierte wie immer die einzelnen Müsliflocken während dem Essen. Ich fand es lustiger, die verschiedenen Flocken nacheinander zu essen, anstatt einfach alle miteinander in den Mund zu stopfen. Tante Occu hatte zwar schon irgendwie recht, wenn sie sagte, dass dann ja die letzten Flocken schon total aufgeweicht seien, aber ich ass einfach schnell genug, damit das nicht passierte. Occu und Jonas waren wie immer schon draussen bei den Pferden. Sie konnten nicht so lange schlafen, weil sie ja arbeiten mussten. Das fand ich zwar ein bisschen doof, weil wir so am Morgen nicht zusammen essen konnten, aber ich hatte mich daran gewöhnt und auf früher aufstehen hatte ich keine Lust. Am Anfang war ich da noch energievoller gewesen und hatte versucht, auch um halb sechs aufzustehen, aber mit der Zeit war es mir zu anstrengend geworden. Nach dem Essen zog ich mir die Jacke an (weil Occu mich sonst wieder reinschicken würde, obwohl ich eigentlich nicht kalt habe) und ging als erstes zu Areion rüber. Es ist schon cool, auf einem Hof zu leben. Früher, als ich noch bei Mum wohnte, musste ich immer mit dem Fahrrad zwanzig Minuten zum Stall fahren, um Paulchen zu besuchen. Hach Paulchen... Wie es ihm wohl geht? Die Tür und die Fenster zum Nordstall waren offen und die meisten der Pferde streckten entspannt ihre Köpfe raus, um die Morgensonne zu geniessen. Auch mein Teddy hatte die Augen halb geschlossen, zumindest bis er mich hörte. Er spitzte die Ohren und streckte mir den Kopf entgegen. Ich streichelte ihn zur Begrüssung. Im Stall lief Musik, denn die Pfleger waren gerade am Ausmisten und Wischen. Ich summte mit der Musik und sang ab und zu den Refrain mit, wenn ich ihn kannte. Ich merkte einmal gar nicht, dass Jonas hinter mir durchlief, bis er plötzlich auch mitträllerte. Lachend zog ich an Teddys Bein, damit er es mir zum Auskratzen gab. Ich konnte gut in seinen langen Behang greifen, um den Huf oben zu halten. Seine Barhufe waren vorne runder als hinten; das hatte mit der Verteilung des Körpergewichts zu tun, hatte mir Occu erklärt. Ich stellte sicher, dass wirklich kein Dreck mehr in den Furchen neben dem Strahl war, bevor ich den Huf wieder absetzte und Teddy lobend auf die Schulter klopfte. Er war wirklich ein tolles Pferd und ich vertraute ihm mittlerweile total. Und seit er den Stuten nicht mehr hinterhersah, war er auch super zum Reiten. Ich kämpfte mich noch mit dem Kamm durch seine Dicke Mähne und den Schweif, dann holte ich den Sattel. Ich führte ihn in die Halle und kletterte auf seinen Rücken. Zuerst musste ich ihn warmreiten, wie wir es auch immer in der Reitstunde machten. Wir waren nicht alleine in der Halle, auch Lisa und David waren mit Aristo und Artemis da. Artemis lief besonders toll. Er sah mit seinem feinen Hals und dem weissen Fell total schick aus, und David hatte ihm eine Hellblaue Schabracke mit silbernem Rand unter den Sattel gelegt. Mein Tinker trug heute seine rot-schwarze Schabracke, auf der sein Name aufgestickt war. Die hatte ich ihm mit meinem Taschengeld gekauft, als ich mit Occu auf einer Messe gewesen war. Ich trabte Teddy an und versuchte, möglichst gerade zu sitzen, die Absätze runter zu lassen und die Hände schön ruhig zu halten. Es war schwer, sich auf alles gleichzeitig zu konzentrieren und dann auch noch das Pferd zu steuern. Aber ich hatte Elliots und Occus Stimmen von den Reitstunden im Kopf. Im Galopp hielt ich mich manchmal ein bisschen an der Mähne fest, damit ich nicht das Gleichgewicht verlor. Ohne Sattel machte ich das auch immer. Ich machte eine kurze Pause und beobachtete neidisch, wie Lisa mit Burggraf Trabverstärkungen übte. Burggraf hob zwar die Beine nicht so schön wie zum Beispiel Vilou, aber er lief dynamisch und kraftvoll über die Diagonale. Teddy konnte das sowieso nicht so toll, weil er einfach anders gebaut war. Aber wenn Occu ihn ritt sah man wenigstens schon einen Unterschied zwischen normalem und verstärktem Trab. Irgendwann wollte ich das auch so gut können, aber ich musste zuerst noch längere Beine bekommen, damit ich besser treiben konnte. Skydive wird bestimmt auch so tolle Gänge haben wie Vilou, war ich mir sicher. Er trabt immer so schön über die Weide, und sein Galopp sieht total weich zu sitzen aus. Ich kann es kaum erwarten bis er eingeritten ist, aber das dauert leider noch ein Jahr. Ich kraulte Teddys Hals liebevoll und sagte ihm "Du bist aber auch super Teddy." Ich alberte noch ein bisschen herum, indem ich Teddy im Schritt nur mit Gewichtsverlagerung zu steuern versuchte. Es klappte nicht immer ganz so, wie ich das wollte und wir waren ein paarmal auf Kollisionskurs mit den aderen. Aber es machte Spass. Nachdem Teddy seine Karotten runtergschlungen hatte, führte ich ihn zu seinen Stallgenossen auf die grosse Weide am Pinienwaldrand. Er konnte es kaum erwarten und zog mich zugegebenermassen ein wenig durch die Gegend - er spürte mein Fliegengewicht eben kaum am anderen Seilende. Ich wusste zwar von Occu, dass ich seine Hinterhand bewegen musste, wenn er mir vorne zu stark wurde, aber das war auch leichter gesagt als getan, weil er mit seinem dicken Winterfell kaum was spürte. Wir kamen jedenfalls rasch beim Weidetor an, und ich hängte einfach den Strick aus, ohne grosses Drumherum. Teddy trabte zu seinen Kumpels - Herkir liess sich sofort auf ein kleines Renn-Spiel ein und auch Loki setzte sich in Bewegung, um die beiden zu verfolgen. Ich sah noch ein bisschen zu, dann lief ich zurück, wobei ich auf Sheela und Jacky stiess, die herumstreunerten. Ich fand beim Galoppweg einen Stock, den ich Sheela warf. Aber Jacky war schneller und kam stolz mit dem langen Ast im Maul zu mir getrottet. Sie gab ihn mir nicht sofort, sondern zog noch ein wenig daran. Ich bewegte ihn lachend hin und her, bis sie losliess. Sie wartete schon mit aufgerichteten Ohren auf den nächsten Wurf, die eine Vorderpfote anwinkelnd und bereit um loszuschiessen. Nach gefühlten 100 Würfen hatte ich keine Lust mehr, aber wäre es nach der Jack Russel Terrier Hündin gegangen, hätten wir noch den ganzen Morgen weiterspielen können. Sie wurde einfach nie müde und brachte das Stöckchen jedes mal zuverlässig zurück, während Sheela abgelenkt zwischen den Bäumen schnupperte.
      Ich lief zum Hauptstall und suchte von dort aus Tante Occu. Ich fand sie ziemlich schnell - nämlich in Shiras Box. Sie legte der jungen Ponystute gerade das Knotenhalfter an und führte sie raus zum Putzen. Ich half ihr dabei, indem ich das Stroh aus Shiras Schweif erlas. Als ich damit fertig war, sprayte Occu den Schweif ein bisschen ein, sodass er ganz seidig und weich wurde. Auch beim Hufe auskratzen durfte ich helfen, aber Occu stand daneben und passte auf, weil Shira manchmal noch etwas zappelig war. Nach dem Putzen führte Occu das Pony zum Roundpen. Sie hatte ein paar Gegenstände vorbereitet, an die sie Shira gewöhnen wollte. Ich nahm sofort den Regenschirm in die Finger und wollte ihn aufspannen, aber Occu meinte, ich solle damit noch warten. Zuerst liess sie Shira nämlich ein paar Runden im Kreis warmtraben. Dann durfte ich den Schirm immer wieder auf und zu tun und krach damit machen, zuerst weit weg, dann nahe bei ihr. Ich rannte mit dem Schirm um Shira herum, je nachdem was Occu mir sagte. Ich fand das super; Shira am Anfang nicht so. Aber sie gewönte sich schnell daran und wurde immer ruhiger. Wir übten auch mit einem Ball und mit Blachen. Als Occu Shira wieder zurück in die Box brachte, bog ich stattdessen zu den Miniweiden ab. Ich wollte mit Silver Lining spielen. Das Miniature Horse war nicht nur niedlich, sondern auch total intelligent und konnte über zwanzig verschiedene Tricks. Er hatte vorher einer Frau gehört, die nichts sehen konnte. Also war er sozusagen ihr Ersatzauge gewesen, hatte mir Occu erklärt. Ich fand das ziemlich cool, weil das ja auch für die Frau dann viel spannender als ein Blindenstock oder so sein musste. Sie hatte so gleichzeitig auch einen Freund gehabt. Aber jetzt lag sie im Spital und konnte nicht mehr so viel machen, also hatte sie für Lining ein schönes Zuhause gesucht. Das war echt lieb von ihr. Der graue miniatur Hengst kam neugierig zu mir und schleckte meine Hand ab. Er war ganz vorsichtig und nicht so frech wie Oreo, der mir in den Ärmel zwickte, weil er ein Leckerli wollte. Ich fand es einfach schade, dass Arctic Blue und Rapunzel jetzt nicht mehr hier waren, sondern mit Alufolie und Echo auf einer grossen Weide lebten. Die Beiden waren frühzeitig in Rente gegangen, damit Occu die Jungpferde problemlos unterbringen konnte. Arco ist immer so süss gewesen mit seiner grossen Blesse... Aber die Jungen Hengste waren auch süss, besonders Oreo hatte einen hübschen Kopf und war seiner Mutter ziemlich ähnlich. Ich wusste, dass Occu noch ein paar Nachkommen von Nachtfalke irgendwo auf einer Fohlenweide versteckt hatte, die sie erst hierherholen wollte, wenn der kleine schwarze Hengst gekört war, weil sie erst dann richtig mit ihnen auf Shows gehen konnte. Anscheinend war es günstiger und einfacher, sie bis dahin auswärts zu halten. Ich war gespannt, wie die Fohlen aussehen würden, denn ich hatte nur ein paar Babybilder gesehen. Ich zog meine Schuhe aus, denn ich hatte Lust, barfuss zu laufen. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste und es gefährlich war, um die Pferde herum ohne Schuhe zu sein, aber ich war ja nicht mehr sooo klein und konnte gut auf meine Füsse aufpassen. Ich wusste auch, dass Occu kein Mitleid haben würde, wenn etwas passierte - weil sie mir gesagt hatte, dass ich dann selber schuld wäre. Deshalb war ich umso sorgsamer bedacht, keine Fehler zu machen. Das vom Morgen noch kühle Gras kitzelte meine Knöchel und ich liebte einfach das Gefühl, die Wiese unter meinen Sohlen zu spüren. Ich warf meinen rechten Schuh ein paar Meter weg und gab Lining das Kommando, ihn zu holen. Er brachte ihn mir zuverlässiger als ein Hund zurück, und ich kraulte ihn begeistert am Widerrist. Dann klopfte ich mit der flachen Hand auf den Boden, das Zeichen, dass er abliegen solle. Er liess sich neben mich ins Gras plumpsen und ich konnte halb auf ihn drauf liegen. Eine Weile beobachtete ich verträumt die vorbeiziehenden Wolken, während er einfach im Liegen weitergraste. Bis mir Lenny von oben seine Schnauze ins Gesicht drückte und an meiner Nase knabbern wollte. Ich lachte erschrocken los und Lining sah sich zu mir um, blieb aber ruhig liegen. Es war so süss, fast, als wollte er sichergehen, dass alles in Ordnung war. Ich stand auf und erlöste das silbergraue Hengstchen von seinem "Dienst". Meine Schuhe hätte ich fast vergessen, als ich unter dem Zaun durch zu den Ministuten rüberging. Und Becks wäre fast darüber getrampelt. Ich ging zu Peppy, die vom grasen aufsah und mir ein Stück entgegen kam. „Denkst du etwa, wir gehen schon wieder trainieren?“, fragte ich sie amüsiert. Manchmal kam es mir fast so vor, als freue sie sich richtig auf das Renntraining. Jedenfalls schien sie es zu lieben, über die für ihre Verhältnisse übergrosse Rennbahn zu flitzen, denn ich musste sie nie zweimal auffordern. Ich knuddelte die Shettystute; ihre Mähne war so schön weich. Ich zupfte etwas loses Fell aus einer Stelle an ihrem Bauch, die der Schermaschine entkommen war. Dort sah man, dass sie eigentlich immernoch einen Rest Winterfell gehabt hätte, wenn wir sie wegen des vielen Galoppierens nicht geschoren hätten. Ich legte mich über ihren Widerrist und schwang mein Bein über ihren kurzen Rücken. Noch konnte ich sie reiten, aber irgendwann würde ich zu gross für sie sein. Ich fand das schade, aber ich wollte ihr ja nicht schaden, also machte ich schon jetzt pläne, was ich alles mit ihr tun wollte, wenn es so weit war. Einfahren stand ganz oben auf dem Plan. Vielleicht konnten wir ja bei Sulky-Rennen mitmachen? Ich ritt ein wenig planlos über die Weide, so gut steuernd, wie es ganz ohne Ausrüstung nunmal ging. Einmal wurde Peppy etwas übermütig und begann zu traben, nach einer Weile sogar zu galoppieren. Ich griff in ihre Mähne und hielt mich gut fest, Angst hatte ich keine. Ich hatte das Gefühl, dass Peppy gleich wieder bremsen würde, und so war es auch. Sie trug mich neben Papillon und Chip, den Kopf wieder zum Grasen senkend. Um sie nicht weiter zu belästigen, rutschte ich vom Ponyrücken runter und entfernte mich. Ich kletterte auf einen der Bäume und legte mich auf einen dicken, waagrechten Ast, von dem aus man einen guten Blick über die Weide hatte. Ich zählte die Ameisen, die vor mir über die Rinde krabbelten und sich in keinster Weise von ihrer Arbeit ablenken liessen. Manche trugen Ästchen oder Blattstücke, die viel grösser waren als sie selbst. Unter dem Baum stand Kiwi, und sah neugierig zu mir hoch. Sie verlor das Interesse aber schnell wieder, denn Tiki lief unweit von ihr entfernt zielstrebig zum Offenstall. Ich erkannte Lewis, der wohl gerade die Vormittagsration Heu vorbeibrachte. Dakis halb quietschendes Brummeln war sogar von hier aus zu hören. Ich beobachtete belustigt, wie Chip und sie sich unterwegs rasch mit einer eindeutigen Geste angifteten, um zu klären, wer zuerst zum Heu durfte. Natürlich gewann Daki. Ich pfiff laut, sodass der Lewis sich umsah. Dann lachte ich laut, weil er mich auf dem Baum nicht sehen konnte. Durch das Lachen verriet ich mich, und er kam zum Baum gelaufen. "Little Miss, you shouldn't distract people from Work!" Ich grinste frech. "Since when are YOU working? Is Jonas ill or what?" "Ha! Just you wait, I'm gonna get you down here!" Er hängte sich an die untersten Äste, die er natürlich viel besser erreichte als ich. Der ganze Baum zitterte, als er sich etwas mühevoll hochhievte. "Ugh, it seems I'm a bit out of practice..." Gerade in diesem Moment kam Occu den Weg zu den Weiden runter. "What in the World are you doing?!", rief sie mit leicht strengem Unterton. Lewis sah mich erschrocken an, dann lachten wir herzhaft und kletterten runter. Papillon, die erst jetzt auf dem Weg zum Heu war, zuckte erschrocken zusammen, als Lewis sich runterfallen liess. "Hey ihr Kindsköpfe... Die Mini Hengstchen verzweifeln fast, weil ihre Heuration auf dieser Seite des Zauns feststeckt." Tatsächlich standen alle fünf ungeduldig am Zaun und glotzten mit gespitzen Ohren zu uns rüber. Ich hatte einen mittleren Lachanfall bei dem Anblick – es sah einfach zu süss aus. „Aber ernsthaft, ihr könnt nach dem Mittag wieder rumalbern. Jetzt gehen die Pferde erstmal vor.“ Ich sah unschuldig in die Wolken und Lewis stupste mich, so wie es auch Jonas dauernd tat. Dann machte er sich mit einem entschuldigenden „right away, boss“ zurück an die Arbeit und ich holte meine Schuhe, ehe ich Occu folgte. "Ab hier ziehst du die wider an", befahl sie, auf die Schuhe deutend, als wir in den Hauptstall abbogen. Ich gehorchte und wir machten uns auf die Suche nach Ajith. Wir fanden ihn mit Gabel und Mistschubkarre bei Khiaras Box. "I see, you're finished soon?" "Yea, April is doin' the boys." "Good. Can you prepare the babies afterwards?" Mit "babies" meinte Occu die jüngste Gruppe der Vollblüter, die gerade angeritten wurden. Soweit ich wusste, wollten sie vor dem mittag noch rasch ein wenig Dressur mit der Gruppe üben. Daedra war jetzt auch im Hauptstall und wurde mittrainiert, sie hatte aber noch einen kleinen Rückstand, weil sie ja ein bisschen jünger war. Occu fragte mich, ob ich nach dem Mittag noch rasch Thairu und Zazou mit ausreiten wollte, ehe Suri vorbeikam. Erstaunt fragte ich „kommt sie heute auch?“, weil ich davon gar nichts wusste. „Jap, sie hat vorhin angerufen und gefragt, ob du da bist. Ich hab ihr gesagt, dass du nichts vorhast am Nachmittag – ich hoffe das stimmt?“ „Klar!“, rief ich freudig. Es machte mir total Spass, mit Suri Reiten zu üben und wir waren mittlerweile beste Freundinnen. „Und ja, ich will mit Thairu raus. Darf ich sie diesmal wieder reiten?“ Occu nickte und ich machte einen kleinen Hüpfer. „Ich will noch schnell schauen, wie’s Chanda geht. Kommst du?“ Wir schlenderten zum Nebenstall und warfen einen Blick in die Box der neuen Criollostute. Sie war vorgestern angekommen und stand noch unter Quarantäne hier, weil sie etwas Nasenausfluss hatte. „Vielleicht ist sie auch auf Pollen allergisch, wie Elliot?“, fragte ich rätselnd. „Kann schon sein, aber ich denke eher, dass sie sich erkältet hat, weil sie beim Verladen vor Stress geschwitzt hat und es abends dann doch recht kühl war.“ Occu wollte sie später zu Moon und Feline auf die Stutenweide stellen, aber sie wollte erst sichergehen, dass die hübsche grullo-Scheckstute ganz gesund war. Sie kräftig aus und hatte schon sämtliches Winterfell verloren; so sah es jedenfalls aus. Chanda streckte neugierig ihre rosa Schnauze über die Boxentür und ich berührte sie mit meinen Fingern. Die Stute spielte mit ihren Lippen, um meine Finger in den Mund zu nehmen, aber ich passte auf und zog sie jedesmal lachend weg. „Ich geh jetzt zu den Youngsters, wenn du willst, kannst du natürlich zusehen kommen“, meinte Occu, sich zum Gehen wendend. Ich machte nur „nops, keine Lust“ und lief stattdessen wieder zum Nordstall. Ich hatte gestern eine Maus gesehen, die bei Vychahrs Box herumgeklettert war. Ich schlich mich vorsichtig an, aber es regte sich nichts ausser Circus Dancer und Vilous Mäulern, die eifrig im Stroh nach Heuhalmen suchten. Royal Champion war übergangsweise auch wieder hiergewesen. Occu hatte ihn ohne zu Zögern zurückgekauft, als sie seine Verkaufsanzeige gesehen hatte, aber der Platz im Nordstall war begrenzt und irgendwann würden ja Skydive, Clooney, Solas und Woody auch noch umziehen. Also hatte sie nun eine definitive Lösung für den jungen Schecken gesucht und ihn schliesslich zurück an seinen Geburtort gebracht, der Lake Mountain Ranch. Ich kannte den Hengst nicht so gut, aber es war natürlich immer schade, wenn ein Pferd vielleicht nicht hierbleiben konnte. Ich war jedenfalls froh, dass Occu Skydive ganz sicher behalten wollte.
      Beim Mittagessen erzählte Occu, dass Dolly diesmal schon viel entspannter gewesen sei und anfing, den Rücken loszulassen. Die junge Vollblutstute war momentan der Angsthase der Gruppe und brauchte einen Tick länger als die anderen, um sich in ihrer Aufgabe zu entspannen. Sogar Daedra war schon gelassener, wenn auch sehr temperamentvoll und lauffreudig. „Ach und Mambo hat wiedermal Eckenmonster gezählt. Ich hab ihn an der Reiterstuben-Seite kaum vorbeigebracht, ohne gleichzeitig Seitengänge zu üben. Aber sonst war er toll, er hat Fortschritte im Angaloppieren gemacht. Fire ist immernoch etwas zu heiss und kriegt dauernd einen Beinsalat, weil sie noch kaum Gleichgewicht hat. Wenn ich einen rauspicken müsste, wäre Snowflake im Moment mein Favorit. Sie ist schon so erwachsen und einfach nur praktisch im Umgang. Sarabi lässt sich zu leicht ablenken und testet schon jetzt ihre Grenzen, das wird bestimmt noch lustig mit der.“ Jonas stimmte nickend zu. Mit halb vollem Mund setzte er an „Wann denkst du –“, schluckte auf Occus strengen Blick hin runter und fügte hinzu „sorry, wann fangt ihr mit dem intensiveren Galopptraining an?“ „Oliver will mit dem schnelleren Intervalltraining Anfang Mai beginnen. Sie sind dann knapp drei Monate unter dem Sattel und haben mehr als genug Basisarbeit hinter sich. Unser Ziel ist es, ein erstes Renn-Debut im Spätsommer zu machen. Wenn das gut läuft, wollen wir die restliche Saison noch fleissig ausnutzen; wenn nicht, verlegen wir das Ganze auf nächsten Frühling und trainieren intensiv für die Dreijährigen-Saison.“ „Wann bringst du eigentlich Merino an ne Körung? Ich hab ihn heute mit Charly laufen gesehen und er macht sich in letzter Zeit wirklich gut. Ich bin sicher, er wird auch mal ein beliebter Zuchthengst.“ „Ja, er hat sich wirklich sehr verbessert. Das ist wohl auch Rachel Wincox Zu verdanken, die ihn an den letzten paar Rennen hervorragend geritten hat, als unsere eigenen Jockeys ausgebucht waren. Es war eine gute Entscheidung, sie zu engagieren.“ Jonas nickte zustimmend. Wir assen fertig und verräumten das Geschirr, dann rannte ich schonmal voraus zur Zebraweide. Thairu und Zazou chillten bei ihrem Unterstand. Thairu hatte ein Hinterbein aufgestützt und machte sich nicht mal ansatzweise die Mühe, ihr Gewicht zu verlagern als ich kam. Ich duckte mich zwischen dem Zaun durch und lief geradewegs auf sie zu. Occu brachte ihr und Zazous Knotenhalfter mit. Wir führten beide zum Nebenstall. Occu liess mich Thairu selber putzen, während sie Halluzination holte. Ich fand es so cool, dass Thairu bei ihrem Popo braune Streifenzwischenräume hatte, anstelle von weissen. Am Anfang hatte ich gedacht, dass es nur Dreck sei, aber ihr Fell hatte tatsächlich diese Farbe. Man sah auch ein paar verbleichte Streifen in den grösseren Lücken. Als ich Thairus wieder kurzes Sommerfell entstaubt hatte, kratzte ich ihre Hufe aus. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Occu mich, bzw. Thairu dabei beobachtete, damit sie eingreifen konnte, falls das Zebra rumzickte. Aber ich hatte das voll im Griff. Thairu gab sogar ihre Hinterhufe brav. Ich klopfte ihr lobend auf den Hals und nahm die nächste Bürste aus der Box. Ich durchfuhr die Stehmähne des Zebras damit und kraulte es dabei hinter den grossen, runden Ohren. Thairu mochte das besonders im Fellwechsel, aber auch, wenn es draussen ganz warm war. Ich bürstete auch den Zebraschweif, auch wenn es nicht sonderlich viel zu bürsten gab. Der ‚Fliegenwedel‘ wollte dauernd hin- und herschwingen, obwohl es noch kaum Insekten hatte – das war nicht gerade praktisch zum Putzen. Occu meinte aber, solange der Schweif schön ruhig wedelte, war alles in Ordnung. Ein stillstehender Schweif wäre wohl ein Zeichen von Anspannung gewesen. Ich hielt ihn trotzdem irgendwie fest und bürstete so schnell ich konnte. Dann half mir Occu beim Satteln. Sie war mit Hallu auch schon fast so weit, und während sie noch rasch fertig putzte, kümmerte ich mich auch rasch um Zazous Fell. Dann zäumte Occu Hallu und ich band einfach den Strick als Zügel ans Knotenhalfter. Wir ritten Thairu eigentlich fast immer nur mit Halfter, weil sie das lieber mochte und damit braver war. Occu nahm Zazou als Handesel mit. Wir stiegen auf und ritten zur Galoppwiese. Allerdings galoppierten wir heute mit Thairu nicht, weil sie etwas fit war. Auch Hallu spielte sich ein paarmal auf, den Kopf verwerfend und mit den Vorderbeinen stampfend. Sie war wohl etwas grantig, weil sie nicht gasgeben durfte. Occu ritt die eigenwillige Fuchsstute trotzdem gelassen einhändig, denn sie kannte sie ganz genau und hatte keine Angst vor dem aufmüpfigen Verhalten. Und Hallu wusste, dass sie nicht mehr als so herumzicken durfte. Zazou wollte manchmal lieber am Wegrand anhalten um zu fressen. Occu musste ihn dann jeweils sanft mit der Gerte zum Weiterlaufen ermutigen. Wir hatten es ziemlich lustig unterwegs, und Thairu schien es auch zu gefallen.
      Als wir zurückkamen, war Suri schon da. Sie half mir beim Wegräumen von Thairu und Zazou, danach gingen wir zu Nosferatu und Fake. Wir machten zusammen einen Ausritt über den Fluss in Richtung Wilkinson Farm und plauderten ausgelassen über Peppy und mein erstes Rennen vor ein paar Tagen. „But this stupid cow Fiona… Only because she won in her group she thinks she’s the best. It really pisses me off.” “Don’t worry, you’re gonna show ’em”, meinte Suri zuversichtlich. “After all you’ve got Peppy. She’s a super-unicorn-pony!” Ich fiel vor lachen fast von Fakes Rücken. Wir kamen an den Weiden der Wilkinson Farm vorbei und Suri bemerkte „Oh, there’s a grey pony I haven’t seen before.“ „That’s right, you have not come here for a while, huh? He’s called Lindwedel.“ „Lindwedel? What a funny name! I kinda like it.“ “How about we go pay him a visit?” Suri nickte begeistert. Wir ritten auf den Hof und banden unsere Ponys beim Waschplatz an. Rosie bemerkte uns und kam zur Begrüssung rüber. „Hey Ladies. What’s up?“ „Hi Rosie. Can I show Suri Lindwedel?“ „Sure.“ Wir liefen über die Weide und ich streichelte unterwegs Islah, die uns neugierig ein paar Schritte entgegengekommen war. Auch Lindwedel hob den Kopf und kam auf uns zu. Suri war sofort verzaubert von seiner langen Mähne und dem dunkelgrauen Fell. „He is really, really cute. I’m sure he would be fun to ride”, meinte sie verträumt. “That’s the first time I hear you talk like that. Usually it’s always been me, craving to ride other people’s ponies.” Suri lächelte verlegen. “You can just ask Rosie, you know. I’m sure she’d allow you to ride him.” Suri schüttelte eifrig den Kopf. “No no, it’s fine. I’m very happy with riding Nossi!” Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Wir blieben noch einen Moment auf der Wilkinson Farm, dann machten wir uns wieder auf den Weg.
      Nach dem Ritt machten wir uns auf die Suche nach den Katzen, denn Suri hatte noch gar nie alle gesehen. Moya war inzwischen leicht zu finden. Sie lag am liebsten im Wohnzimmer auf der Couch zusammengerollt. Sie mochte es nicht, wenn man sie streichelte (ausser bei Occu), also versuchte ich es gar nicht erst. Sonst hätte sie wohl eh gleich wieder die Flucht ergriffen. Jonas hatte eine Katzenklappe in die Tür eingebaut und Moya durfte rein und raus, wann immer sie wollte. Aber sie benutzte lieber das Küchenfenster, anders als Kafka, der die Klappe voll ausnutzte und dauernd Occu in ihrem Büro nerven kam. Wir fanden Gismo in einer der Sattelkammern, auf einer Schabracke schlafend. Er blinzelte müde, als Suri ihn streichelte und streckte sich anschliessend ausgiebig, ehe er sich wieder auf die Seite legte und einfach weiterschlief. Um Shiva zu finden, brauchten wir deutlich länger. Sie kletterte ausnahmsweise mal nicht auf dem Heuboden herum, sondern jagte auf dem Feld hinter der Rennbahn Mäuse. Von Kafka war keine Spur zu finden, aber ich wettete, dass er auch irgendwo am Jagen war. Wir spielten auch nochmal eine Runde mit Jackie und Sheela im Garten hinter dem Haus. Lisa und David winkten uns zu, als sie vom Ausritt mit Sweets und Bluebell zurückkamen. Später hängten wir ein wenig auf den Bäumen auf den Weiden herum. Der Apfelbaum auf der Stutfohlenweide hatte ein paar coole Astgabelungen, in die man sitzen konnte. Die Fohlen beobachteten uns dabei neugierig. First Chant wurde immer hellgrauer. Occu meinte, sie werde vermutlich ganz weiss, wenn sie gross ist. Am Anfang hatte ich das gar nicht glauben können. Ich verstand vor allem nicht, warum Lindwedel dann nicht auch weiss war, mit seinem Alter. Darauf hatte auch Occu keine ausreichende Antwort gewusst, nur „ist halt manchmal unterschiedlich“. Ich fand Chime so süss (da war es wieder, mein Flair für ganz helle Pferde). Die kleine Stute war dünner als die anderen, aber genauso verspielt und agil. Die kraulte sich mit Karma am Widerrist, dann frassen beide Kopf an Kopf. Richtig Idyllisch. Suri war vom Baum geklettert und machte eine Blumenkette aus Löwenzahn. Sie kam aber nicht weit, bevor Reverie angetrampelt kam und die Kette auffressen wollte. Ich lachte amüsiert und half Suri, ihr Kunstwerk vor den gierigen Fohlen zu verteidigen. Es war ja nicht so, als hätte es rund um uns herum nicht noch mehr Blumen gehabt. Aber wie immer waren die frechen jungen Pferde besonders an denen interessiert, die wir in der Hand hielten. Nur Cranberry und Indy waren abseits und grasten friedlich. Irgendwann überliessen wir den Fohlen die Kette und wechselten die Weide. Am liebsten kletterte ich nämlcih immernoch auf die Bäume der Stutenweide, denn die waren schön gross und hatten trotzdem praktische Äste für den Aufstieg. Suri blieb lieber auf den unteren Ästen, während ich zum bluffen gerne bis in die Baumkrone kletterte. Die Pferde kümmerten sich nicht sonderlich um uns. Wir ernteten höchstens manchmal einen skeptischen Blick von Phantom. Aber plötzlich spitzte die Herde die Ohren, denn Occu kam zum Weidetor. Ich liess mich vom Baum ins Gras fallen und rannte zu ihr rüber. „Schon wieder barfuss?“, meinte sie streng, sagte aber nichts weiter, ausser „passt einfach auf, okay.“ „Was machst du?“, fragte ich neugierig, als ich das Knotenhalfter und den Strick in ihrer Hand sah. Suri gesellte sich nun auch neben uns und streichelte Zira, die sich aber nach wenigen Berührungen wegduckte und auf Occus andere Seite auswich. „Ich will noch ein wenig mit Matinée arbeiten.“ „Können wir zusehen?“, fragte ich sofort aufgeregt. „Aber nur, wenn ihr nicht stört.“ Wir liefen zurück zum Baum und holten unsere Schuhe, dann folgten wir Occu, die inzwischen die Mustangstute eingefangen hatte. Es klappte jetzt wirklich schon gut, ganz anders als am Anfang, als Occu sie noch jedes Mal 10 Minuten hatte jagen müssen. Wir begaben uns in die Halle, weil die Sonne unbarmherzig auf den Sandplatz runterbrannte. Occu führte die Stute in der Halle herum und liess sie immer wieder ein wenig weichen. Dadurch wurde sie aufmerksam und weich im Umgang. Sie führte Matinée über eine am Boden liegende Stange und liess sie mitten darüber anhalten. Dann schickte sie die Stute seitwärts der Stange entlang. Am Anfang hatte Matinée das nicht gemocht. Ich hatte es einmal beobachtet; sie war immer wieder erschrocken, als sie die Stange berührt hatte und Occu war es kaum gelungen, sie anständig über der Stange anzuhalten. Inzwischen konnte Occu sich sogar über den Rücken der Stute lehnen, ohne dass diese ausflippte. „Soll ich aufsitzen?“, fragte Occu plötzlich. Ich war etwas unsicher, ob das schlau war. Denn ich hatte schon gesehen, wie Matinée bocken und ausschlagen konnte. „Weiss nicht… Ist das nicht gefährlich ohne Sattel?“ „Ohne Sattel ist es viel weniger riskant, glaub mir. Man fällt vielleicht schneller runter, aber man kann dafür nirgens hängen bleiben. Es gibt nichts schlimmeres, als vom Pferd nachgeschleift zu werden.“ Das verstand ich. Occu sprang an Matinées Seite auf und ab, um zu testen, ob sie sich nachhaltig an die Bewegung gewöhnt hatte. Dann sprang sie hoch und lehnte sich über den Rücken der Stute, das angespannte Seil in der linken Hand haltend, damit sie sofort den Kopf kontrollieren konnte, wenn die Stute Mätzchen machte. Als Matinée ruhig blieb, wagte sie es, das rechte Bein auf die andere Seite zu legen und sich aufzurichten. Sie kraulte Matinée ausgiebig am Hals, bewegte die Beine ein wenig, und liess sich dann wieder runtergleiten. „So, das war’s. Ich bin das erste Mal auf ihr gesessen.“ Suri und Ich klatschten begeistert, auch wenn das ganze etwas unspektakulär ausgesehen hatte. Matinée spitzte die Ohren und zuckte zusammen, als sie das Geräusch unserer Hände hörte, blieb aber neben Occu stehen. „Ich mache jetzt noch ein wenig longenarbeit mit ihr. Lily, kannst du mir die blaue Longe holen?“ Ich nickte und brachte sie ihr. Wir legten ein paar Cavaletti auf die Mittelvolte, damit Occu die Stute darüberschicken konnte. Das sei gutes Rückentraining, erklärte sie mir und Suri. „I don’t want to ride her until she’s got more back muscles.” Sie sah aber schon viel besser aus als bei ihrer Ankunft, wie ich feststellte, als ich sie beim Stangentraben beobachtete. Als sie angekommen war, hatte man die Rippen zählen können und der Rücken war total eingefallen gewesen. Occu hatte auch eine Tierärztin hiergehabt, die bestätigt hatte, dass Matinée unter Rückenschmerzen litt, die aber zum Glück nur von Verspannungen herrührten, nicht von irgendwelchen bleibenden Schäden. Die Stute war inzwischen von einem Chiropraktiker gelockert worden, und Occu konzentrierte sich nun auf den korrekten Muskelaufbau, damit die Stute in Zukunft keine Probleme mehr haben würde. Matinée trug den Kopf schön tief und schnaubte ab. Man merkte, dass es noch anstrengend für sie war, die verschieden hohen Cavaletti auf der Kurve zu überwinden. Aber das Training zeigte seine Wirkung und die Stute schwang mit dem Rücken schön mit, wie Occu uns zeigte. Am Ende bekam sie ein Leckerli und durfte zurück zu Phantom auf die Weide. Obwohl sie heute so brav gewesen war, sah man doch deutlich, dass sie immernoch am allerliebsten einfach bei ihren Kumpels auf der Weide stand, weit weg von Menschen, Seilen und unheimlichen Gegenständen. Irgendwie verstand ich sie gut. Ich war schliesslich auch lieber hier auf dem Hof bei den Tieren, als in der Schule. Aber um später klarzukommen, musste ich nunmal alles Nötige lernen, und so war das auch bei Matinée.

      Der grösste Backofen der Welt
      Vai Alida, PFS’ Colours of Life, Lindwedel, Burggraf, Circus Dancer, Estragon Sky, Drømmer om Død, tc Herkir, Ljóski, PFS’ Bacardi Limited, PFS’ Navy Sniper, Nosferatu, Halluzination, Cambria, Ronja Räubertochter, Fake my Destiny, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, Nimué, Moon Kiddy, Chanda, Farasha, Numair, Islah, Tayr al-Diyari, Brendtwood
      Ich betrachtete den rissigen Boden unter mir. Das kurze Gras darauf war an manchen Stellen braun, und jedes Fleckchen Erde, das ich sehen konnte staubtrocken. Schon allein vom Betrachten dieses Trauerspiels lief mir der Schweiss runter. Wir waren seit Tagen am Wässern und versuchten, den englischen Rasen wieder einigermassen grün werden zu lassen . Und noch war kein Regen in Aussicht, ausser vielleicht ein kurzes Gewitter. Es war so heiss, dass wir den Pferden zum Teil Hitzefrei gaben und wenn dann erst abends oder früh morgens ritten. Das Vollbluttraining fand noch etwas früher als sonst statt, dafür konnten die Pferde den ganzen Tag durch verschlafen. Es hatte vor ein paar Wochen geregnet, und zwar gar nicht mal wenig. Aber danach war der Sommer nochmals zurückgekehrt, um uns ein letztes Mal daran zu erinnern, warum wir uns auf den Herbst freuten. Im Moment war Nachmittag, und ich chillte in meiner Hängematte hinter dem Haus. Wir machten wirklich nur das nötigste Tagsüber, wie Misten und Füttern. Aufgeräumt und gewischt wurde auch erst abends. Ich beobachete die Blätter über mir, auf denen Ameisen emsig umherkrabbelten. Es kam mir bewundernswert vor, wie fleissig sie trotz der Temperaturen waren. Ein Bellen liess mich über den Stoffrand blicken. Jonas war zurück vom Einkaufen und wurde von einer übermütigen schwarzen Labradorhündin begrüsst. Auch Zira stand von ihrem Platz im kühlen Gras neben der Hängematte auf und spitzte die Ohren. "Sheela! Come here girl", rief ich. Sie liess von Jonas ab und kam hechelnd zu mir gerannt. "See? It's far too hot to freak out like that." Sie legte sich zu Zira in den Schatten. Jonas brachte die Einkäufe uns Haus, dann kam er mit zwei Wasserglacen raus und streckte mir eine hin. Ich nahm sie dankbar. "Wann wollen wir die Pfleger zurück in den Stall holen?" "5 Uhr? Ein paar sind mit Lewis ins Schwimmbad gefahren." "Dann hätten wir noch etwas Zeit übrig... Ich hatte da so eine Idee", überlegte er laut. "Erzähl?" "Hab in der Zeitung gesehen, dass heute ne Sportpferdeauktion nahe London ist. Lust da vorbeizusehen?" "Wofür denn? Ich brauch kein weiteres Pferd im Moment..." "Wir müssen ja nix kaufen. Ich dachte, man könnte sich so vielleicht ein Bild davon machen, welche der aktuell im Trend stehenden Hengste etwas taugen. Da sieht man deren Nachwuchs mal live und das wäre vielleicht nützlich." "Stimmt. Ist die Halle klimatisiert?" Er lachte. "Also ob." Ich stöhnte symbolisch und legte mich noch mal in die Hängematte zurück, dann stand ich auf. "Okay. Gehen wir, sonst wird es zu spät." Jonas hatte die Autoschlüssel noch in der Hosentasche, also mussten wir nichteinmal ins Haus gehen. Lily war mit Suri unterwegs im Pinienwald - die beiden hatten sich aus Ästen und Steinen ein Lager gebaut und die halben Ferien darin verbracht. Einmal hatten sie sogar darin übernachtet. Manchmal ritten sie mit Nossi und Fake rüber, aber das erlaubte ich nur, wenn sie nicht länger als zwei Stunden blieben - den Ponys zuliebe. Jonas und ich fuhren also über die Autobahn Richtung London und erreichten den Vorort mit der Auktionshalle. Der Parkplatz war voll, also mussten wir den Wagen an einem Strassenrand abstellen und ein Stück zu Fuss gehen. Es hatte reichlich Leute, zu meinem Bedauern. Ich mochte keine Menschenmengen, erst recht nicht, wenn es heiss war. Jonas wusste das und steuerte von Anfang an auf eine Stelle am Rand der Tribüne zu, an der nicht so viele Leute sassen. Von dort aus sah man zwar nicht ganz so viel, aber dafür hatte ich meinen Frieden. Die Auktion war bereits in vollem Gange, als wir uns setzten. Jonas hatte unterwegs ein Infoheft geschnappt und studierte es nun. "Der da ist ein Saphir Royal Sohn. Von denen sieht man in letzter Zeit viele, nicht wahr?" "Jup. Aber der ist rein dressurgezogen. Ich interessiere mich mehr für Springpferde." "Was ist dann mit dem da? Raloubet du Bouqet aus einer Erdbeercornet Obolenski-Mutter?" "Das wäre schon eher mein Fall. Aber der Kopf gefällt mir nicht, und der hat Bockhufe hinten." In diesem Stil nahmen wir die nächsten zwanzig Jungpferde, die vorgestellt wurden kritisch unter die Lupe. Die meisten hatten eine Sache gemeinsam: sie wurden schon mit ihren zarten drei Jahren rund geritten und mussten Trabverstärkungen und imposante Knieaktion zeigen. Deshalb mochte ich solche Auktionen nicht sonderlich. Denn die Jungpferde hatten noch gar nicht genug Muskeln, um in solcher Versammlung und Aufrichtung zu laufen. Die Hinterhand wurde so schon früh abgehängt und schaufelte hinten raus, die weichen, raumgreifenden Gänge (besonders der Schritt) wurden förmlich kaputtgeritten. Die unschuldigen Grünschnäbel taten mir leid, denn viele hatten eigentlich alles in die Wiege gelegt bekommen, um federleicht durch die Bahn zu schweben - sobald sie die Kraft dazu hatten, auch mit dem Reiter. Aber hier an der Versteigerung mussten sie natürlich 'hübsch laufen', damit sie einen möglichst hohen Preis erzielten.
      Ich fand viele der Jungpferde süss und gut, aber ihnen fehlte das gewisse Etwas, um mir wirklich aufzufallen. Bis eine Stute hineingeführt wurde, auf die ich insgeheim gewartet hatte. Im Infoheft hatte die Abstammung mein Interesse geweckt. Nun, mir war bekannt gewesen, dass der Grossvater, Cadoc, oft Schecken hervorbrachte. Aber diese Stute hatte eine solch harmonische, angenehm anzusehende Verteilung von weissen Flecken im hinteren Körperbereich, dass ich einfach sofort begeistert war. "Aber das ist Tobiano, oder Tovero - nicht Sabino, oder?", fragte ich Jonas verwundert, wissend, dass Cadoc ein Sabinoschecke war. Jonas zuckte mit den Schultern. "Du bist hier die Farbexpertin. Aber ja, ich hätte auch gesagt, dass es mehr nach Plattenschecke aussieht." "Ach stimmt ja! Der Papa ist Pajero, der ist ein Tobiano. Also hat sie's von ihm." "Gefällt sie dir?", fragte er verschwörerisch. "Darfst dreimal raten." "Gibt aber nur 2 mögliche Antworten. Ausser du zählst 'ich weiss nicht' dazu." "Tüpflischisser." Ich beobachtete das Gangbild der Stute. Cambria hiess sie, und ein reiner Holsteiner war sie, obwohl gescheckt. Je länger ich sie betrachtete, desto besser sah sie aus. Zwar lief auch sie bereits leicht hinter der Senkrechten und strampelte sich ihren Weg durch die Halle, aber sie wirkte konzentriert und arbeitswillig, trotz der vielen Leute auf den Tribünen. "Wie gross ist unser Budget?", fragte Jonas verheissungsvoll. "Eigentlich hatte ich nichts eingeplant..." Er sah mich tadelnd an. "Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass dir hier kein einziger Blickfang begegnen könnte? Aussserdem hab ich dein Gespräch mit Elliot schon mitgehört. Von wegen du wollest dich irgendwann nach einem weiteren Springpferd umsehen, um Robin zu fördern." Es stimmte. Ich hatte Elliot darauf angesprochen, was er davon halte, Charlys Schwester, die offensichtliches Talent zeigte, entsprechend zu fördern. Mit ihr selbst hatte ich darüber allerdings noch nicht gesprochen. Als hätte er meine Gedanken gelesen, schlug er vor: "Wenn die beiden nicht zusammenpassen, kannst du sie ja selber reiten und Robin Satine überlassen. Oder du verkaufst sie eben wieder..." "Na gut", gab ich nach. " 12'000, höher gehe ich für das gerade erst ausgebildete Jungpferd nicht." Jonas grinste verschmitzt, "Wusst ich's doch" stand ihm wie mit Edding quer über's Gesicht geschrieben. Ich überliess ihm den Sieg für heute und wartete erstmal ab, wie viel die Leute für Cambria boten. Meiner Erwartung entsprechend war sie nicht nur mir aufgefallen, und ihr Preis stieg rasch auf 11'000. Als es einen Moment ruhiger wurde, hob ich das Infoheft deutlich hoch. Sofort wurde ich wieder überboten. Ich sah Jonas schulterzuckend an, "Kann man nix machen." "Du gibst so schnell auf?" Entschlossen nahm er mir das Heft ab und streckte es abermals hoch. Als ihr Preis schliesslich auf 13'000 anstieg, bat ich ihn aufzuhören. "Ich möchte wirklich nicht mehr ausgeben. Für den Preis kann ich längst auch selbst ein Fohlen züchten und ausbilden. Dann hätte das eben kein neues Blut, ist doch egal." Etwas enttäuscht war ich trotzdem. Wir sahen noch eine Weile zu, dann tippte ich auf meine Armbanduhr und wir verliessen die Tribüne, denn es war schon halb fünf. Wir nahmen den Umweg durch die Stallungen, um zum Parkplatz zu gelangen. So konnten wir uns die Pferde nochmal flüchtig aus der Nähe ansehen. "Hey, rate mal wer da vorne steht." Ich wandte meinen Blick durch die Stallgasse und sah ein weisses Hinterteil. "Schade, jetzt sehe ich sie auch noch von Nahem und ich wette, sie wird mir so noch viel besser gefallen... Hoffentlich hat sie einen Makel, irgendeine Warze oder einen Bockhuf, den man vorhin nicht so gut sah", murmelte ich zu Jonas. Wir liefen stumm vorbei und schnappten ein paar Worte des Gesprächs der Anwesenden auf, die mich aufhorchen liessen. "A pity. She's really my type. But it's absolutely shameful to try and sell her like this." Die Neugier packte mich. "Excuse me Sir, what's the matter?" Der bärtige Typ drehte sich zu mir um und hob erstaunt die Augenbrauen. "Occulta?" Ich brauchte einen Moment länger, ehe ich realisierte, dass es sich um Fabrizio Martell handelte, einen bekannten Züchter aus Oxford, den ich noch vom Studium her kannte. Mit Bart sah er ganz anders aus, als ich es in Erinnerung gehabt hatte. "Long time no see, everything's fine at your place?", fragte ich nach einem kräftigen Händedruck. "Yes yes, I can't complain. The foals are growing and the fools still going, what else can we wish for?" Ich lachte bei seinem Wortspiel ernsthaft und vergass fast, dass Jonas noch hinter mir stand. "Ah yeah, this is Jonas, he's my... Boyfriend, I guess? I'm sorry, it feels more like we've been married for years, even though we aren't." "Ahh, nice to meet you. When I heard about Jack's death, I honestly didn't expect Occu to ever be in a relationship again. She was such a reserved, cold girl at university, ya know." "Hey!" Diesmal lachte Jonas laut, während ich empörte Blicke mit beiden austauschte. "Alright, alright now. So what's the matter with this beauty here?" "She's been drugged with painkillers to hide a sore foot. Look at this hoof. It already looks painful. My vet Bob confirmed it for me." Bob nickte mir bestätigend zu. Ich warf einen Blick zu dem Mann, der offenbar Besitzer der Stute war. Er stand etwas abseits und diskutierte mit einem der Auktions- Organisatoren. Vermutlich versuchte er sich irgendwie herauszureden. "So what now?" "I obviously won't buy her like this. And surely not for that price. I guess he will take her back home and try to sell her on the internet." Ich hakte bei Bob nach: "Do you think that hoof is treatable? It's not something genetic or chronic, right?" Er erklärte, dass es nach einem Abzess aussehe, der eine Weile brauchen würde um herauszuwachsen, aber um sicher zu sein, müsse man weitere Abklärungen treffen. Ich kniff nachdenklich die Lippen zusammen. Cambria stand ruhig da und zuckte mit dem Widerrist, um ein paar Fliegen zu verscheuchen. Ihre dunklen Augen blickten eher sorgenvoll und müde, nicht, wie es sich für ein Jungpferd gehörte, aufmerksam und neugierig. Ahh, jetzt ist es geschehen. Ich habe Mitleid mit ihr... Es hatte keinen Sinn, dagegen anzukämpfen, ich wusste genau, wie das hier ausgehen würde. Ich sah sie mir wenigstens nocheinmal ganz genau an, bevor ich zu ihrem Besitzer lief und die entscheidenden Fragen stellte. Ihre Kruppe hätte deutlich bemuskelter sein sollen für ihren angeblichen Ausbildungsstand und der Rücken zeigte Anfänge von leichten Kuhlen, dort wo die Sattelkissen normalerweise lagen. Aber ihre Schulter und der Hals sahen okay aus, und das wichtigste: ihre Beine waren trocken und hatten weder Klümpchen noch schwammige Bereiche. Nichts also, was ich mit anständiger Hinterhandaktivierung und einem passenden Masssattel nicht beheben konnte. "Excuse me Mr?" Er drehte sich zu mir herum. Ich stellte mich rasch vor und verkündete mein Interesse an der Stute, wobei ich jedoch möglichst gleichgültig zu klingen versuchte. Ich wollte den Preis ihrem Momentanen Zustand entsprechend runterhandeln, da durfte ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich sie auch für mehr nehmen würde - was tatsächlich auch so stimmte. Nicht, dass ich sparen musste, aber ich war nicht gewillt, dem Typen auch nur einen Penny unnötigerweise zu überlassen. Zu meinem Glück ging mein Plan auf und ich bekam Cambria unter ihrem eigentlichen Wert. Die Veranstalter waren zwar nicht begeistert, dass ich die Stute kaufte, obwohl der Typ gegen die Vorschriften verstossen hatte, aber sie gaben ihr okay. Mein Gefühl sagte mir, dass wir den Huf mit etwas Pflege wieder hinbekommen würden. Wenn ich Recht hatte, bekam Robin ein klasse Sportpferd zu einem Schnäppchenpreis. Wenn nicht - nun, darüber dachte ich lieber nicht nach. Aber so hatte ich wenigstens nicht ganz so viel Geld in den Sand gesetzt im Falle eines Falles. Wir einigten uns darauf, dass ich Cambria in ein paar Tagen abholen kommen würde. Fabrizio sah nachdenklich aus, als ich zurück zu den Männern stiess. "Did I make a mistake? If Occu buys her, then there must be something about her", meinte er scherzhaft. "Nah, I just like her colour, that's all", spielte ich meine Entscheidung herunter. Das war nicht die volle Wahrheit, denn ich sah ausserdem Potential in der seltenen Blutlinienkombination. Aber das brauchte er vorerst nicht zu wissen, jedenfalls nicht, bis sich abzeichnete, ob ich richtig lag oder nicht. "Alright, we've got to be on our way now. It was nice to see you again; I hope we'll meet more often at competitions from now on. My Daughter has only just started her career as a show jumper." "Good to hear, Rachels Daughter Lily is also quite ready to go to shows more frequently. So there's a good chance we'll meet at some lower class competitions next year." Wir verabschiedeten uns mit einem herausfordernden Händedruck und gingen getrennte Wege zum Parkplatz. Ich spürte Jonas' schelmischen Seitenblick während dem Laufen. "Ist ja gut, bist du jetzt zufrieden? Wir haben sie." "Ich muss nicht zufrieden sein. Du musst zufrieden sein." Ich antwortete lächelnd "das bin ich" und gab ihm einen Kuss.
      Natürlich waren wir später zurück auf dem Hof als ursprünglich geplant. Ich war in letzter Zeit ohnehin schlecht darin, pünktlich irgendwo zu sein. Selbst an Turniere fuhren wir regelmässig 'last minute'. Das hatte aber nichts daran geändert, dass meine beiden jungen Reitpony-Hengste auf ihren allerersten Turnieren gleich beide in mehreren Disziplinen auf den ersten drei Plätzen klassiert gewesen waren. Bacardi Limited zum Beispiel, machte seiner Abstammung alle Ehre und gewann sowohl in seinem ersten Synchronspringen, als auch im kurz darauffolgenden Dressurturnier und räumte zwei Wochen später, um das Resultat zu bekräftigen, auch gleich noch den zweiten Platz im Militaryturnier ab. Trotz der anhaltenden Hitze, beziehungsweise des hartnäckigen Regens während letzterem. Und Sniper hatte überraschenderweise in einem Fahrturnier den Sieg geholt, obwohl wir ihn nur mit der Doppellonge und später zum Spass mit einem Sulky eingefahren hatten, weil ich es für gutes Aufbautraining hielt. Jedenfalls hatte er so als Nebeneffekt wohl auch gleich seine Ausdauer mittrainiert, denn sogar bei einem Einsteiger-Distanzturnier schaffte er es aufs Treppchen. In der Dressur und im Springen war er schlichtweg noch nicht so weit wie Bacardi, der schon ein paar Monate mehr unter dem Sattel lief. Er musste zuerst noch lernen, ruhiger und taktvoller zu gehen; mehr Balance entwickeln. Dann würde ohne Zweifel auch er erste Erfolge im Springen verzeichnen können, so war ich mir sicher.
      Ich machte mich auf den Weg zu Circus Dancers Box. Der beinahe ganz weisse Knabstrupper sah gerade mit tiefgründigem Blick zu seinem Boxenfenster hinaus, als ich die Tür aufschob. Er hatte mich wohl nicht kommen sehen, denn er drehte sich beim Geräusch der Tür um und sah mich mit grossen, schwarzen Augen an. Dann brummelte er freudig und kam näher. Ich streichelte seinen Nasenrücken und gab ihm ein Karottenstück zur Begrüssung. Als nächstes streifte ich ihm das Halfter über und band ihn im Stallgang an. Allein vom in-der-Box-stehen hatte er eine schweiss-feuchte Brust. "Du armer. Keine Angst, wir machen nichts verrücktes heute, mir geht's ja genau gleich wie dir." Ich bürstete ihn nur rasch mit der normalen Bürste durch, denn dreckig war er sowieso nicht - höchstens staubig. Auch seine Hufe waren so gut wie sauber, dafür nahm ich mir die übrige Zeit um seine Mähne mal wieder gründlich zu entwirren und zu flechten. Die weissen Haare waren noch leicht gewellt vom letzten Mal, aber wiedermal reichlich verknotet. Ich sattelte den Knabstrupper und ging mit ihm auf einen Ausritt im Schatten der Pinien - das einzige halbwegs angenehme, was man im Moment tun konnte.
      Anschliessend war es bereits sieben Uhr und endlich kräuselte ein erlösendes Lüftchen meine unter dem hochgebundenen Dutt vorstehenden Nackenhaare. Ich holte Artemis raus, um mit ihm ein Intervalltraining zu machen, bevor die Vollblüter ihr Abendtraining starteten. Er war trotz der warm-feuchten Luft am Ende gar nicht so verschwitzt, wie ich gedacht hätte. Das zeigte mir, dass er mittlerweile eine ziemlich gute Kondition haben musste. Der Schimmel lief brav neben mir her, während ich ihn zum Abspritzplatz führte. Ich hatte seit seinem Einzug auf Pineforest Stable schon einiges mit ihm erlebt - unsere Amerika-Reise war gewiss ein Highlight gewesen, das ich nie vergessen würde. Der Schimmel hatte dabei gelernt, mir zu vertrauen und war seither zu einen treuen Verlasspferd geworden. Er hatte zwar wie jeder andere auch mal etwas schlechtere Tage, aber die waren selten, und es konnte schliesslich nicht immer alles perfekt laufen. Ich wusch ihn mit einem grossen Schwamm und einem Eimer Wasser ab - mehr war gar nicht nötig. Dann brachte ich ihn zurück in den Nordstall. Auch mein zweiter Achal Tekkiner Hengst, Burggraf, war unterdessen bewegt worden. Lisa hatte sich um ihn gekümmert. Ich liess den Blick durch die Boxen schweifen, bis er auf die beiden Isländern fiel. Als hätte er meine Gedanken laut gehört, betrat Jonas den Nordstall und deutete fragend auf Herkir. Ich nickte grinsend, also holten wir die beiden raus und begannen mit dem Putzen. "Unsere Telepathie wird immer besser", meinte Jonas während dem Bürsten auf meine Bemerkung hin, dass ich gerade ans Ausreiten gedacht hatte, bevor er reingekommen war. "Telepathie? Du meinst wohl meine unausgesprochenen Befehle." "Hmm, okay. Das musst du mir dann aber auch noch beibringen, jetzt wo ich offiziell dein Stellvertreter bin." Ich nickte belustigt. Letzte Woche hatte ich wiedermal einen der weniger vollgepackten Tage genutzt, um eine Mitarbeiterversammlung einzuberufen und die Pläne für Ende 2018 bekanntzugeben. Dabei hatte ich auch gleich ein paar Umstrukturierungen vorgenommen. Jonas war zum stellvertretenden Gestütsleiter ernannt worden, Elliot war jetzt vollzeitmässig Reitlehrer und Ansprechpartner für die Vermietung unserer Infrastruktur. Er kümmerte sich um sämtliche Reitstunden für Auswärtige und Clubs, die unsere Halle oder die Galoppbahn nutzen wollten. Lisa verwaltete die Trainingsaufträge für Berittpferde und organisierte zudem kleinere Events wie Gymkhanas und Geländeritte auf Pineforest. Dies nahm mir etwas Arbeit ab und erlaubte es mir, mich noch mehr auf die Pferde selbst zu konzentrieren. Bezüglich Pferde hatte sich auch noch etwas getan: ich hatte Vai Alida symbolisch an Oliver verkauft. Sie blieb natürlich hier auf Pineforest und diente in Zukunft auch unserer Zucht, aber der Cheftrainer hatte solch einen Gefallen an der braunen Stute gefunden, dass er mich darum gebeten hatte. Er war in den letzten paar Jahren nicht mehr so viel selbst in den Sattel gestiegen. Nach eigener Aussage gab ihm Alidas Kauf die Motivation, wieder mehr dergleichen zu tun, erst recht, wenn sie irgendwann von ihrer Rennkarriere pensioniert wurde. Ich hatte nicht lange überlegen müssen - das passte einfach und brachte für beide Seiten nur Vorteile. PFS‘ Bring me to Life, der eigentlich bereits verkauft war und nur noch bis zur Abholung auf Pineforest stehen sollte, gehörte nun offiziell den beiden Fox-Brüdern. Die ursprüngliche Käuferin hatte mich mehrfach wegen des Geldes für den ihn vertröstet und auch nie mehr Anstalten gemacht, ihn abzuholen. Also hatte ich den Vertrag aufgelöst. David und Darren hatten mich daraufhin angesprochen und ihr Interesse an dem Hengst geäussert, als ihr erstes eigenes Pferd. Sie teilten sich ihn und kümmerten sich liebevoll um Life, später wollten sie sogar mit ihm im Militarybereich starten. Auch einen neuen Namen hatte der Hengst mit meinem Einverständnis bekommen: Colours of Life, was ich sehr passend fand. Und dann waren da noch meine beiden Haflinger, die ich an Lisa verkauft hatte. Sie war offensichtlicher Hafi-Fan, und zwar seit sie ein kleines Mädchen war. Die Blonden Mähnen und herzförmigen Popos hatten es ihr einfach angetan. Auch wenn Nim und Woody etwas schlankere Typen waren, so war Lisa doch von Anfang an begeistert von den beiden gewesen und da ich selbst keine Haflingerzucht anfangen wollte, geschweigedenn viel mit den beiden Anfangen konnte, wollte sie sie als vielseitige Sport und Freizeitpferde ausbilden und sogar hin und wieder für Sommer-Reitcamps einsetzen.
      Wir hatten einen Traumhaften Ausritt in der Dämmerung. Man hörte nebst dem dumpfen Geräusch der Hufe auf den Feldwegen kaum etwas, höchstens ab und zu ein leise entferntes Brummen von Autos, je nachdem wie nahe wir dem Dorf kamen und wie die kühle Brise wehte. Irgendwann begann auch noch ein Käuzchen die Stille mit seinen Rufen zu durchbrechen, und eine Weile lang lauschten wir nur, ohne zu reden. Herkir und Loki schienen dasselbe zu tun. Ihre Ohren waren aufmerksam nach vorne gerichtet und ihre Köpfe nickten leicht mit ihren Schritten mit. Sie machten einen zufriedenen, ruhigen Eindruck, auch wenn sie sich teilweise wieder ein übermütiges Schrittrennen lieferten, bis Jonas und ich sie daran erinnerten, dass wir auch noch da waren. Wir kamen im Dunkeln nach Hause, aber im Nordstall brannte Licht und als wir reinkamen, war Darren gerade dabei, Dods Hufe auszukratzen. Er hatte den Criollo an der Doppellonge unter Lisas Aufsicht durch einen Trail Parcours gelenkt, zusammen mit zwei weiteren Pflegern, mit Moon und Chanda. Wir sattelten die beiden Isländer ab und gaben ihnen Karotten aus einer Kiste beim Eingang, zur Belohnung. "Hast du Fake heute eigentlich schon bewegt?", fragte ich Jonas beiläufig. "Nö, Lily hat das für mich gemacht." "Faulpelz." "Du bewegst deine Pferde ja auch nicht alle selber." "Ich hab aber auch..." Ich brauchte gar nicht fertig zu reden, denn er grinste nur schelmisch und legte einen Arm über meine Schultern. Wir schlenderten zusammen zum Nebenstall, denn ich musste als allerletztes noch Halluzination bespassen, bevor der Tag 'zuende' war. Im Nebenstall waren Blue's und Sweets' Boxen leer, also vermutete ich, dass beide entweder in der Halle oder auf einem Abendausritt waren. Jonas liess mich in Ruhe machen und ging schonmal ins Haus, um mit Lily zusammen das Abendessen vorzubereiten und Hausaufgaben zu machen. Ich war sehr dankbar dafür, dass er so verlässlich war und sich um meine Nichte kümmerte. Die beiden kamen so gut zusammen aus, dass niemand auf die Idee kommen würde, dass das Mädchen gar nicht seine Tochter war. Ich fragte mich insgeheim trotzdem immer wieder, wie sehr Lily ihre richtigen Eltern vermisste. Sie machte eigentlich immer einen glücklichen, unbesorgten Eindruck, aber ich wusste auch, dass sie eine sehr gute kleine Schauspielerin sein konnte, und oft nicht verriet, was sie wirklich beschäftigte. So gedankenversunken bürstete ich Hallus Fuchsfell im Schein der Lampen unter dem Dach des Nebenstalls. Während der Dressurarbeit danach lief sie wiedermal etwas eigenwillig und sah in jeder Ecke Monster. Es war anstrengend, sie so zu beschäftigen, dass sie keine Zeit für Mätzchen fand. Wir galoppierten viel, um Energie abzulassen und als das auch nicht weiterhalf, stieg ich rasch ab und legte ein paar Stangen aus. Über diese ritten wir anschliessend im Trab und Galopp aus verschiedenen Winkeln und Kurven, sodass sie auf ihre Füsse achten und einen besseren Takt finden musste. Sie versuchte zwar trotzdem, zwischendurch einfach über die Stangen drüber zu rennen, aber im Grossen und Ganzen ging mein Plan auf und wir hatten eine halbwegs anständige halbe Stunde. Ich liess sie ausgiebig austraben, um sie weiter zu beruhigen, damit wir mit einem lockeren vorwärts-abwärts Trab aufhören konnten. Die Stute war manchmal einfach launisch und hatte ihre eigenen Vorstellungen von Arbeit. Aber an Turnieren war sie meistens kooperativ, sodass ich darüber hinwegsehen konnte.
      Ich tätschelte Hallu nochmal auf die Kruppe, dann liess ich sie in Ruhe in ihrem Stroh herumstöbern und ging ins Haus zum Abendessen. Lily und Jonas sassen bereits am Tisch und diskutierten eifrig über Arabische Pferde. "Ich glaube die sind schneller als unsere englischen. So wie Diyari heute abgegangen ist!..." Ich unterbrach Lily interessiert. "Wie ist er denn 'abgegangen'?" Sie erzählte es mir natürlich eifrig. "Ich war heute ja mit Suri unterwegs, wir haben Fake und Nossi genommen. Bei der Verzweigung mit dem Galoppweg, der mit dem breiten Grasstreifen am Waldrand-" "Jup, ich weiss welchen du meinst." "...Ist uns Rosie begegnet. Sie war eben mit Diyari unterwegs und wir haben eine kurze Strecke gemeinsam gemacht - nunja, bis eines dieser Dirtbikes kam." Mir dämmerte bereits, was passiert sein musste. "Diyari hat sich erschrocken und ist durchgebrannt. Rosie hatte keine Chance den zu halten, wir haben nur noch den Fahnenschweif gesehen." "Hat sie sich verletzt?", fragte ich wie aus der Pistole geschossen. "Nö, sie ist sogar oben geblieben. Wir sind ihnen langsam hinterhergeritten und haben sie ein paar Felder weiter eingeholt. Rosie konnte ihn bremsen, indem sie ihn auf eine Kurve gelenkt hat, so Schneckenhaus-mässig." Ein komisches, grunzendes Geräusch kam von Jonas. Wir wandten uns ihm fragend zu. "Ach nichts, nur... Schneckenhaus - um dein Pferd zur Schnecke zu machen?" Ich sah ihn mit meinem "ernsthaft?"-Blick an und Lily stöhnte entnervt, aber doch leicht belustigt. "...Jedenfalls hat sie dem Dirtbike-Fahrer alle Schande gewünscht, denn der hat es lustig gefunden, extra mit dem Gas zu spielen. Deshalb ist Diyari ja überhaupt erst geflüchtet. Wir sind dann noch mit ihr bis zur Wilkinson Farm geritten, weil sie uns auf eine Tasse Tee und Cookies eingeladen hat. Suri durfte sogar ein bisschen Bodenarbeit mit Lindwedel versuchen. Und ich hab deine alte Zicke Islah besänftigt, als Farasha sie zurechtgewiesen hat." "Du bist aber nicht etwa dazwischengegangen, oder??" "Nein, natürlich nicht. Ich bin ja nicht doof." "Das hoffe ich sehr." "Numair kommt übrigens ans selbe Distanzturnier wie Ronja nächste Woche!" "Ich weiss, ich hab ihn auf der Startliste gesehen" "Warum hast du die Araber jetzt ganz an Rosie verkauft? Die waren doch so hübsch...", motzte sie. "Sie sind ja nicht weg, bleiben auf der Wilkinson Farm. Es ist nur etwas praktischer für Rosie auf diese Weise, wegen Papierkram und so. Ich kann sie immernoch ab und zu reiten gehen, wenn ich Lust habe. Und ganz alle hab ich ja nicht verkauft; ich hab noch first Chant, und die geb ich nicht mehr her", meinte ich lächelnd. "Zum Glück!" In der Kraft dieser Aussage zeigte sich einmal mehr, dass meine Nichte Schimmel-Fan war, oder eher von hellen Pferden im Allgemeinen. Jonas schenkte uns einen "ich-bin-jetzt-müde-und-geh-ins-Bett"-Blick und stand auf. "Du gibst schon auf?", fragte ich triezend. Er winkte nur symbolisch mit der Hand und gähnte dazu. Das löste bei Lily und mir eine Kettenreaktion aus, sodass wir am Ende alle gähnend im Badezimmer standen und uns die Zähne putzten. Es war eben schön, das Leben auf dem 'Ponyhof', aber auch anstrengend.
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Herbstliche Fuchsjagd
      Indiana, Painting Shadows, Chiccory ox, Sunday Morning, Coulee, Iskierka, Gleam of Light, Caspian of the Moonlightvalley, Spotted Timeout, Shades of Gray, A Winter’s Day, Campina, Cassiopeia, One Cool Cat, PFS’ Stromer’s Painting Gold, Cabinet of Caligari, PFS’ Captured in Time, Kaythara El Assuad, tc Miss Moneypenny, PFS’ Merino, Simba Twist, PFS’ Cryptic Spots, Primo Victoria, PFS’ A Winter’s Tale, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Ronja Räubertochter, Silverangel, Satine, Fake my Destiny, scs Bluebell, Anubis, PFS’ Vivo Capoeira
      Es war ein nebliger Herbsttag, wie schon die letzten fünf davor. Ich öffnete das Schlafzimmerfenster und genoss für einen Moment die kühle Luft, die hineinströmte. Die Natur war vollkommen ruhig; es war noch alles dunkel und die Vögel schliefen. Ich streckte mich erneut, dann begab ich mich nach unten in die Küche, stupste im Vorbeigehen aber noch den reglosen Deckenhaufen, der sich Jonas nannte. "Aufstehen." Das Frühstück war heute simpel: eine Schüssel Müsli für jeden. Ich hatte meine schon fast fertig gelöffelt, als Jonas die Treppe runterkam. Lily schlief wie immer noch etwas länger - das war auch gesünder für sie. Ich ging zuerst raus und machte sogleich die morgendliche Stallrunde, bevor die ersten Pfleger eintrudelten. Es war kühl und ich bereute es jetzt schon, nur meine Fleecejacke angezogen zu haben. Aber um sie extra im Haus zu wechseln war ich zu faul. Da biss ich lieber die Zähne zusammen und bewegte mich eben etwas mehr. Bei den Fohlen und Minis war alles ruhig, auch die Stuten im Offenstall schliefen noch so halb. Zurück im Hauptstall verfolgte ich wie gewöhnlich das Renntraining. Diesmal ritt ich aber bei den beiden jüngsten Gruppen nicht mit, sondern schwang mich erst bei den erfahrenen Rennpferden in den Trainingssattel. Zuerst ritt ich Gleam of Light, den eleganten Schwarzbraunen. Trotz seiner muskelbepackten Schultern und Hinterhand, hatte er schlanke, lange Beine und einen recht feinen Hals für einen Hengst. Er war so ein Schatz im Umgang, und so fein zu lenken. Er reagierte auf die feinsten Hilfen, war aber gleichzeitig ein richtiges Powerpacket. Beim Aufwärmen ritt ich ihn vorab und gab das Tempo vor, die anderen folgten uns. Spot war wiedermal etwas lustig aufgelegt, und Winter liess sich gleich davon anstecken. Die beiden piaffierten fast frustriert, weil sie hinter Light bleiben mussten. Sunday und Paint wurden durch das Theater zwar auch etwas schneller, hampelten aber nicht so herum. Erstaunlicherweise blieb Iskierka diesmal konzentriert, obwohl man Charly auf ihrem Rücken ansah, dass ihm mulmig war und er ihre Ohren misstrauisch genau beobachtete. Oliver forderte uns auf, die Gruppe ruhig zu halten, als wir auf die Bahn abbogen. Er wollte trotz allem einen geordneten freien Start sehen, keinen 'Ameisenhaufen'. Wir reihten uns in eine Linie ein, so gut es ging, und warteten auf sein Handzeichen. Die Pferde kannten das Zeichen für den Start nach all den Trainings natürlich genauso, und schossen sofort los, ohne dass wir irgendwas tun mussten (oder konnten). Light liess sich von der wilden Bande vor uns nicht abschütteln und suchte förmlich nach einer Lücke. Ich hielt die Zügel straff und liess ihn nicht vorrücken, bis der 1000 Meter Pfosten kam. Ab hier machten wir drei Intervalle im Sprinttempo und beendeten dann das Training mit einem lockeren Auslauf-Galopp bis zum Eingang der Bahn. Ich parierte Light in den Schritt durch und liess ihn strecken, während ich seinen Hals kraulte, um ihn zu loben. Der Hengst schnaubte zufrieden und schüttelte seinen Kopf. Sein Schritt war trotz der Anstrengung noch immer geschmeidig und fleissig; er trug seinen Hals nach anfänglichem in-die-Tiefe-Dehnen entspannt waagrecht und sein Schweif war stolz angehoben. So schreiteten wir hinter Shades of Gray und den anderen zurück zum Hauptstall. Ich liess mich von Lights Rücken gleiten und führte ihn in den Innenhof. Ajith fragte mich mit einem Handzeichen, ob er ihn übernehmen solle, aber ich schüttelte lächelnd den Kopf; ich wollte mir die Zeit nehmen und ihn selber versorgen. Wir stellten die Pferde zum trocknen mit Abschwitzdecken bepackt in den Freilauftrainer und liessen sie dort zehn Minuten ausschreiten. Danach kamen diejenigen, die immernoch etwas feucht waren unters Solarium und die anderen wurden durchgebürstet, anschliessend in ihre Boxen gebracht. Light schlang zufrieden seine Karotten runter und ich streichelte nochmal seinen Hals. Dann begann ich damit, Caligari aus der nächsten Gruppe vorzubereiten. Die Stute mit dem auffälligen, weissen Gesicht schaute mir freundlich entgegen und nahm mein Begrüssungsgeschenk, ein Karottenstückchen, gerne an. Sie liess sich brav anbinden und gab auch alle vier Hufe artig, nur beim Bürsten zickte sie ein wenig, weil sie bei den Hinterbeinen kitzelig war. Sie war kaum schmutzig, denn auch sie hatte bereits kurzgeschorenes Fell und trug eine leichte Decke. Ich sattelte auch sie mit Anti-Rutschpad, gepolsterter Satteldecke und Trainingssattel, dann führte ich sie fertig gezäumt nach draussen. Quinn brauchte mit Ciela am längsten, denn die Stute hatte sich die Beine und den Bauch so gut es ging eingesaut. Quinn wusch zwar ihre Beine mit lauwarmem Wasser bis fast ganz oben, aber das dauerte trotzdem eine Weile. Wir warteten alle draussen auf die beiden. Caspian wollte kaum stillhalten; er verstand nicht, warum wir nicht wie sonst auch gleich losliefen. Bei seinen Tänzeleien lief er fast rückwärts in Campina rein, die sofort aufgebracht die Ohren plattlegte. April liess sie etwas weiter zur Seite weichen, um dem Schimmel vor ihnen aus dem Weg zu gehen. Quinn lächelte verlegen, als sie endlich mit der schneeweissen Stute im Schlepptau rauskam und sich von Ajith auf ihren Rücken helfen liess. Sie sortierte rasch ihre Zügel und nickte dann, sodass wir losreiten konnten. Wiederum liefen wir uns zuerst ein wenig auf dem Galoppweg warm, dann absolvierten wir das Training nach Olivers Vorgaben. Caligari streckte sich schön, als ich sie beim ersten Sprint ziehen liess. Sie galoppierte ausgezogen, und doch sehr rhythmisch. Cool Cat holte uns trotzdem mit Leichtigkeit ein und zog beinahe bluffend an uns vorbei. Es sah fast so aus, als würde das Ego des Hengstes mit jedem überholten ‘Rivalen’ weiterwachsen. Er hatte jedenfalls einen wilden Blick drauf und schien entschlossen, als er uns überholte. Kalte Luft streifte mein Gesicht unter der Schutzbrille, obwohl ich den Kragen meiner Fleecejacke ganz zugezogen hatte. Ausserdem froren meine Ohren trotz des Helmes. Es dämmerte langsam, aber der Nebel blieb hartnäckig über den Wiesen hängen. Nach dem Training waren auch wir Jockeys ganz schön feucht, weil sich die Tröpfchen aus der Luft an unseren Kleidern festgesetzt hatten. Wir wärmten uns daher, nachdem alle Pferde trocken und versorgt waren, in der Reiterstube auf und Oliver gab seine übliche Bewertung zum Training ab.
      Ich spazierte nochmal durch den Hauptstall, um zu sehen, ob alle Pferde zufrieden und wohlauf waren. Coulee sah mir mit solch einem Hundeblick entgegen, dass ich gar nicht anders konnte, als sie rasch zu streicheln. Sie schleckte meine Hand ab, aber leider hatte ich gerade keine Leckereien mehr dabei. Zira, die schon in der Reiterstube wieder die ganze Zeit neben mir gesessen hatte, bellte einmal kurz, als Kaythara ihren Kopf über die Boxenwand reckte und sie so erschreckte. Ich musste darüber lachen, denn eigentlich liess sich Zira sonst nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Aber sie hatte mich wohl so konzentriert beobachtet, dass sie Kaya nicht bemerkt hatte. Dieser Hund war einfach faszinierend. Sie hatte so eine unheimliche Arbeitseinstellung und wollte mir bei jedem Schritt, den sie machte gefallen. Ich musste ihr auch dauernd neue Kommandos beibringen und Aufgaben stellen, damit sie zufriedengestellt war. Ich fragte mich, ob das eher von der Rasse oder ihrem Charakter herrührte. Sheela war zwar auch gehorsam, wenn man ihr einen Ernsthaften Befehl gab, aber sie machte viel mehr Blödsinn und hatte einfach eine verspieltere Natur. Aber man sagt ja, dass Hunde ihren Besitzern gleichen, überlegte ich, schmunzelnd an Jonas denkend. Jackie war eine Mischung aus beidem. Sie war zwar verspielt und wild, aber auch pflichtbewusst. Und sie schmuste gerne abends auf dem Sofa, anders als Zira, die körperlichen Kontakt eher mied. Wenn ich sie streicheln wollte, was ich in diesem Moment tat, legte sie sich sofort unterwürfig auf den Rücken. Sie genoss die Berührungen zwar, wenn sie von mir kamen, aber es wäre ihr wohl nie in den Sinn gekommen, darum zu Betteln. Ich kraulte sie liebevoll am Bauch, dann stand ich auf und sie folgte mir sofort wieder wie ein Schatten zum Nebenstall.
      An diesem Nachmittag wurde in der Nähe von Manchester eine Fuchsjagd durchgeführt (natürlich keine richtige, es ging lediglich um Spiel und Spass). Lily und ich hatten uns angemeldet – es würde Lilys erste Fuchsjagd werden. Als Reittiere hatten wir Satine und Fake genannt, und da es erlaubt war, Hunde mitzubringen, waren Zira und Sheela ebenfalls dabei. Jacky musste hierbleiben, denn bei ihr war mir das Risiko des unter-die-Hufe-Geratens etwas zu gross, ausserdem hatte sie doch deutlich kürzere Beine als die anderen zwei und würde damit vielleicht nicht so gut mithalten können. Da die Fahrt fast zwei Stunden dauerte, mussten wir schon am Mittag losfahren. Bis dahin blieb mir noch Zeit, um mit Silver Dressur auf dem (etwas feuchten) Sandplatz zu machen, Ronja zu longieren und mit Bluebell ebenfalls noch rasch ein paar Runden auf dem Platz zu drehen. Mittagessen wollten wir uns unterwegs besorgen, deshalb begannen wir direkt mit dem Verladen, sobald ich mit Blue fertig war. Lily führte Fake selbst in den Anhänger. Die Hackney Pony Stute zögerte kurz und überlegte, folgte Lily dann aber hinein. Satine war nach ihren unzähligen Turnieren ebenfalls schon ein Verladeprofi und brauchte keine zweite Einladung. Für sie war jede Fahrt mit dem Anhänger wie ein neues Abenteuer, auf das sie sich zu freuen schien. Wir hielten also unterwegs bei einem Döhnerladen (Ja, auch ich gönnte mir gelegentlich etwas Ungesundes) und kauften uns zwei Falafel. Wir waren zwar beide nicht reine Vegetarier, aber wir assen kaum Fleisch, wenn dann nur bei besonderen Gelegenheiten. Es war schon etwas komisch, den Pferdeanhänger auf dem kleinen Parkplatz abzustellen, aber wir waren ja schnell wieder weg. Zum Glück gab es keinen Stau auf der Autobahn, sodass wir sogar etwas früher als erwartet ankamen. Die beiden Stuten sahen sich neugierig um, als wir sie ausluden. Es waren schon viele andere Reiter und Pferde auf der Wiese, die als Parkplatz diente. Die Stimmung schien gut zu sein, jedenfalls die Gruppe von Frauen neben uns stiess gelegentlich lautes Gelächter aus. Lily sattelte Fake ganz selbstständig, wie sie es mittlerweile immer tat. Vor ein paar Jahren, als sie gerade erst nach Pineforest Stable gekommen war, hatte ich ihr dabei noch helfen müssen; später war mein Eingreifen zu einer simplen Kontrolle vor dem Aufsteigen geschrumpft, und nun war sie selbst dafür verantwortlich, dass alles passte. Natürlich behielt ich trotzdem immer ein wachsames Auge, und half rasch nach, wenn etwas vergessen ging oder z.B. der Gurt noch nicht ganz angezogen war. Wir ritten nebeneinander zu den bereits wartenden Teilnehmern. Es dauerte nicht lange, bis der Organisator auftrat und nochmal den Ablauf erklärte. Dann stellte sich die ganze ‘Jagdgesellschaft’ auf und wartete auf das Signalhorn. Wir trabten in der Gruppe los und überquerten das Feld zum ersten Waldrand. Von dort aus lag eine zweistündige Strecke durch die malerisch schöne Herbstlandschaft bei Manchester vor uns.
      Es war wundervoll über den Laubbedeckten Boden zu schreiten, oder sogar zu galoppieren, wo die Wege dies zu liessen. Es gab auch weniger angenehme Stellen; zum Beispiel wurde es ein paarmal recht matschig und die Gamaschen der Pferde waren bei unserer Rückkehr kaum noch als solche zu erkennen. «Eww, den Gurt von Fake werden wir definitiv auch waschen müssen», bemerkte ich, als wir zurück beim Anhänger anhielten und abstiegen. Die Ausrüstung war braun gesprenkelt und die Pfoten der Hunde waren ebenfalls durchgeweicht. Aber sowohl die beiden als auch die Pferde wirkten äusserst zufrieden und ausgepowert. Wir beeilten uns mit dem Absatteln und legten Fleecedecken auf die feuchten Rücken der beiden Stuten. Zira und Sheela durften schonmal ins Auto hüpfen und es sich auf der Decke im Kofferraum gemütlich machen. Wir verluden die Pferde und gingen noch zum Abschliessenden Glühwein-Trinken. Gewonnen hatten wir die Jagd zwar nicht, aber es hatte viel Spass gemacht und war wiedermal eine schöne Abwechslung für Fake und Satine gewesen.
      Gegen Abend gab es für mich nicht mehr viel zu tun; ich musste nur noch Goldy und Indiana bewegen. Mit letzterer machte ich etwas Gelassenheitstraining, einfach, um das Ganze wiedermal aufzufrischen und zu testen, ob sie nach dem doch schon etwas weiter zurückliegenden, letzten solchen Training noch immer bei all den bunten und lauten Gegenständen ruhig blieb. Bis auf eine kleine Panikattacke bei den Luftballons erfüllte sie meine Erwartungen. Bevor ich anschliessend ins Haus ging, um das Abendessen zu machen, sah ich noch bei den Fohlen vorbei. Ich war die letzten paar Tage stets mit einem Auge wachsam gewesen, denn bei den Hengstfohlen gab es einen Neuling. Der kleine Palomino mit dem auffällig bleichen Gesicht hiess Capoeira, oder einfach nur «Capy». Es war unschwer zu erraten, wer seine Mutter sein musste. Er glich Cassiopeia in unheimlichem Masse, sodass man die beiden später wohl von weitem locker Verwechseln würde. Nur seine Beinabzeichen waren nicht ganz so hoch, wie die der Mutter. Capy hatte sich in den paar Tagen seit seiner Ankunft bei den Pflegern auch bereits einen weiteren Spitznamen eingehandelt: Capybara - Wasserschwein. Man sah ihn nämlich höchstens direkt nach dem Bürsten mit sauberem Fell auf der Weide stehen; ansonsten war er stets in eine gräuliche Schlammkruste eingepackt. Lewis, der sich alle Mühe gab, den hübschen Palomino sauber zu halten, fluchte dann jeweils mit vielseitigem Wortschatz.
      Was Cassiopeia anging, hatte ich eine schwere Entscheidung treffen müssen. Die Stute hatte sich beim Training in feuchten Geläuf ihre alte Beinverletzung wieder überlastet, obwohl der Tierarzt eigentlich gemeint hatte, dass sie vollständig verheilt sein müsste. Nach einigen Selbstvorwürfen und Diskussionen mit Oliver, hatte ich entschieden, die Stute nun definitiv aus dem Rennsport zu verabschieden, um ihre Gesundheit nicht weiter zu riskieren. Für sie suchte ich nun einen Käufer, der sie weiterhin auf Pineforest einstellen würde, damit sie hierbleiben konnte, aber trotzdem mit einem neuen Karottenspender optimal gefördert wurde. Für den grossen Sport war sie natürlich nicht mehr geeignet, aber als Freizeitpferd taugte sie allemal, und vielleicht konnte sie ja irgendwann noch in der Dressur glänzen. Im Moment lahmte sie noch etwas, aber die Verletzung war bloss gereizt, nicht komplett zurückgekehrt. Mit ein paar Tagen Schonfrist würde sie wieder ganz die Alte sein. Auch Chiccory hatte ich aus dem Rennsport und der Zucht zurückgezogen, weil er nun doch schon einige Nachkommen auf Pineforest hatte, und ich sein Blut nicht weiter verwenden wollte. Im Rennsport trudelte er ausserdem seit einer Weile immer eher im hinteren Teil des Feldes ins Ziel – er war langsam einfach vom Körperbau her zu schwer und konnte nicht mehr mit den Jungen mithalten. Ihn schickte ich deshalb auf den etwas weiter entfernten Hof, auf dem ich auch Fly Fast untergebracht hatte. Dort wurden die beiden zu Springpferden umgeschult und ambitionierten Nachwuchsreitern zur Verfügung gestellt, sodass diese Turniererfahrung sammeln konnten. Ich fand das einen guten Kompromiss, denn ich war jederzeit willkommen, sie beide zu besuchen.
      Aber genug von den Vierbeinern, die uns mehr oder weniger verlassen mussten. Es gab auch genug erfreuliche Nachrichten, zum Beispiel die rückblickend sehr starke Saison der Vierjährigen. Cryptic, Merino, Primo, Penny, Simba und Goldy hatten allesamt einige wichtige Erfolge zu verzeichnen und waren mittlerweile wirklich grossartige Rennpferde geworden. Sie hatten noch ein paar aufregende Jahre auf der Bahn vor sich, und ich hoffte natürlich nichts geringeres als Siege in ganz England für die Zukunft. Aber wie es auch kommen mochte, ich war glücklich, solch wertvolle und talentierte Pferde in meinem Stall zu haben. Bei den jüngeren Jahrgängen hatten wir ebenfalls einen sauberen Einstieg in den Rennsport erreicht. Dank Olivers Idee, die Jünglinge diesmal schon etwas früher einzureiten und dadurch über längere Zeit schonend auf die Belastung vorzubereiten, hatten sie mehr Knochensubstanz aufgebaut und waren mittlerweile wie ihre älteren Vorbilder mit einem athletischen, gut bemuskelten Körper gesegnet. Talia erinnerte mich an schlechten Tagen zwar manchmal doch etwas an ihre Mutter Surely not Pointless, aber meistens war sie ein Schatz wie ihr Vater und gab sich sichtbar Mühe auf der Bahn. Dolly war ebenfalls auf dem Weg, mutiger und gelassener zu werden, auch wenn wir noch einen langen Weg vor uns hatten, wie ich befürchtete. Dafür strotzte Counterfire nur so vor Talent, und wir mussten aufpassen, dass sie an Renntagen nicht zu grosse Vorsprünge herausholte, denn das würde in Handicaps zusätzliches Gewicht für sie bedeuten.
      Auch bei Rosie auf der Wilkinson Farm schien es übrigens gut zu laufen: Anubis hatte erst letztens wieder erfolgreich ein Distanzturnier bestritten und seine Qualität unter Beweis gestellt. Er gehörte zwar jetzt nicht mehr mir, sondern ganz Rosie, aber ich ritt ihn hin und wieder, wenn Rosie mich zu einem Ausritt einlud. Jetzt hiess es aber erstmal Abendessen machen, denn ich hatte längst nicht mehr nur hungrige Vierbeiner zu versorgen. Nebst Moya und den Hunden warteten auch Lily und Jonas bereits hungrig im Wohnzimmer. „Ihr könntet die Teigwahren auch selber ins Wasser tun, wisst ihr?“, stellte ich augenrollend fest, als ich reinkam und sie mich wie wilde Tiere vom Sofa aus ansahen. „Kommt nicht in Frage, du bist heute dran“, rief Lily aus. Jonas sah mich amüsiert an und zuckte unschuldig mit den Schultern.

      Reitsportlager auf Pineforest Stable
      PFS’ Captured in Time, Kaythara El Assuad, tc Miss Moneypenny, PFS’ Merino, Simba Twist, PFS’ Cryptic Spots, Primo Victoria, PFS’ Sarabi, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Daedra, Areion, Circus Dancer, Co Pilot de la Bryére, Drømmer om Død, Vychahr, tc Herkir, Ljóski, Nosferatu, Cambria, White Dream, Yoomee, Silverangel, Fake my Destiny, River’s Lychee, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Moon Kiddy, Lovely Summertime, Phantom, Matinée, Cinnemont’s History, All Pride, Unbroken Soul of a Rebel, Diarado, Flintstone, PFS‘ Beck’s Daisy Orchid, Silhouette of a Rose
      Seit ich beschlossen hatte, ein Reitlager durchzuführen, hatte sich einiges getan, allerdings bei weitem nicht schnell genug. Aus dem Herbstlager war ein Winterlager geworden, weil es nebst den ganzen Turnieren einfach nicht für anständige Planung gereicht hatte. Lisa und Elliot hatten ihre Reitschüler mobilisiert und auch im Internet und in der lokalen Zeitung hatten wir es ausgeschrieben. Allerdings hatten wir nirgendwo erwähnt, dass ich auf der Suche nach Turnierreitern war. Das war Teil meines Plans – ich wollte sehen, wie die Jugendlichen sich natürlicherweise benahmen, nicht wie sie sich verstellten, um den ‘Job’ zu bekommen. Ausserdem war so sicher niemand enttäuscht, denn ich konnte die Kids später privat anfragen, ohne es an die grosse Glocke zu hängen. Das Lager würde in wenigen Tagen stattfinden und im Moment liefen noch die letzten Vorbereitungen. Aber vom Lager abgesehen, war die wohl grösste Veränderung seit langem der geplante Neubau eines weiteren Stallgebäudes. In Grobplanung war es schon länger gewesen, aber ich hatte zuerst die nötigen Bewilligungen einholen müssen. Es war sozusagen eine Erweiterung des Nordstalls, denn dort wurde langsam der Platz knapp, die Nachwuchshengste eingerechnet, die ich noch auf der Fohlenweide hatte. Wie ich die so geschaffenen vier grossen Boxen in dem halboffenen Gebäude verplanen wollte, wusste ich noch nicht genau. Aber ich hatte eine Idee im Kopf, daraus eine Art Ponystall zu machen, für die kleineren Sportponys. Das wäre auch praktisch für zukünftige Ferien-Reitlager, und so konnte ich die Boxen im Nord- und Nebenstall vollständig für die grösseren Pferde nutzen, so meine Überlegung. Ich hatte im Sinn, erstmal Herkir, Loki, Fake und Nossi dorthin umzusiedeln. Es würde aber noch eine Weile dauern, denn der Stall sollte erst im Frühling gebaut werden.
      Schliesslich war es so weit, der erste Tag des Lagers stand vor der Tür. An diesem Morgen fand ich England in einer dicken Nebeldecke eingehüllt vor. Die Luft war so feucht, dass sich Tautropfen an Jonas’ Augenbrauen bildeten, die zudem zu gefrieren drohten, als wir auf unserem morgentlichen Rundgang zu den Weiden liefen. Und das obwohl es seit etwas mehr als einer Woche nicht mehr geregnet hatte. Es war irgendwie komisch zu sehen, dass der Boden im Licht der Lampen an den Stallungen schon wieder trocken und rissig war, während die Luft und das Gras sich so feucht anfühlten. Es war bitterkalt. Ich schob das Tor des Stutenoffenstalls auf und begrüsste die Pferde. Moon und Phantom kamen sofort näher und besonders der Rappe machte auf mich einen eifrigen Eindruck, als wartete er nur darauf, dass ich ein Halfter zückte und ihm eine Aufgabe gab. Moon hingegen war noch etwas verschlafen und rieb erstmal ihre Stirn gegen meine Hand, als ich sie unter ihrem langen Schopf streichelte. Die Stute war eben im Vergleich zu Phantom und besonders Matinée immer noch viel zutraulicher, aber auch frecher zu mir. Sie kannte den Umgang mit Menschen wie die meisten domestizierten Pferde seit dem Fohlenalter, vermutlich seit ihren ersten paar Minuten in dieser Welt. Die anderen Stuten belagerten mich nun ebenfalls neugierig, in der Hoffnung, ich hätte etwas Leckeres dabei. «Später Ladies, später», versprach ich. «You will all get your carrots.» «Das ist so süss, wie du mit ihnen sprichst», bemerkte Jonas kichernd. «Machst du doch auch.» «Ja klar, hab ja nicht gesagt, dass es schlecht ist. Ich find’s toll. Sie verstehen zwar kein Wort, aber ich bin sicher, dass sie die Aufmerksamkeit geniessen.» «Ich glaube schon, dass sie was verstehen. Zum Beispiel spitzen die meisten ihre Ohren, wenn ich ‘apple’ sage.» Just in diesem Moment kam Summer einen Schritt näher und verdrehte bettelnd ihren Kopf, als wollte sie meine Theorie untermauern. Wir lachten beide los. Manche der Pferde machten die lustigsten Grimassen, wenn sie etwas zu Fressen erwarteten. Summer verdrehte ihren Kopf und streckte ihre Lippen, weil ich ihr vor einiger Zeit das Lächeln beigebracht hatte, und sie es nun manchmal einfach so anfing, zum Betteln eben. Ich hatte nichts dagegen, wenn die Pferde so verspielt und erwartungsvoll waren, solange es nicht in ein Scharren oder aggressives Verhalten ausartete. Mit Cambria hatten wir deswegen etwas Ärger, denn die Scheckstute scharrte in der Stallgasse dauernd, sobald jemand durchlief. Es war gar nicht so leicht, ihr das abzugewöhnen, und es gab meines Wissens nach auch keinen Spezial-Trick dafür. Alles, was ich tun konnte war, sie möglichst anderweitig zu beschäftigen und ihr gezielt Tricks beizubringen, als Ersatz für das Scharren. Wenn sie nie etwas dafür bekam, dann gab sie es vielleicht irgendwann auf. Jonas und ich machten uns auf den Weg um die Runde zu beenden. Ich sah noch bei Zebra Thairu und Zazou dem Esel rein. Soweit ich durch die Dunkelheit und den Nebel hindurch erkannte, standen sie beide unter ihrem Unterstand und dösten noch, also liess ich sie gleich wieder in Ruhe. Es war nun sowieso Zeit, in den Hauptstall zu gehen und dem Vollbluttraining beizuwohnen. Dort war man bereits emsig dabei, die Pferde zu putzen. Ich beeilte mich damit, Dolly aus ihrer Box zu holen und in der Stallgasse anzubinden. Die junge, roanfarbene Stute war in Spiellaune und nahm die Anbindeketten ins Maul, während ich sie Bürstete. Als ich ihren Bauch säubern wollte, schlug sie missmutig mit dem Schweif, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. «Hey, reiss dich zusammen – ich bin schneller fertig wenn du mich machen lässt», schimpfte ich. Sie runzelte ihre Nüstern und trampelte weiterhin ungeduldig herum. Ich wollte sie nicht zu sehr provozieren, aber ich musste weitermachen, bis sie stillhielt, damit sie nicht mit der Unart Erfolg hatte. Als sie endlich einen Moment ruhig war, hörte ich auf und machte mit einer Stelle am Hals weiter, die sie mochte. Danach wandte ich mich dem Langhaar zu, und natürlich den Hufen. Bei den Hinterhufen brauchten wir heute drei Versuche, bis ich sie wirklich hochnehmen konnte. Da war es auch nicht sonderlich hilfreich, dass wir heute allen Rennpferden Stollen eindrehen mussten, weil der Rasen im Gegensatz zum Boden selbst nebelfeucht war. Sie wollte kaum stillhalten, als ich mir Eisen für Eisen vornahm. Ich fragte mich langsam, ob die Stute schlecht gelaunt war, aber wenn ich ihren Blick richtig deutete, so schien das nicht der Fall zu sein. Ausserdem genoss sie es wie immer, wenn ich sie an ihrem Unterhals kraulte. «Der muss noch etwas weniger kräftig werden», bemerkte ich dabei liebevoll murmelnd. Als das gestichelte Fell sauber war, holte ich die Trainingsausrüstung. Ich legte eine Anti-Rutsch Unterlage, dann eine gut gepolsterte Satteldecke auf Dollys Rücken und zuletzt den Trainingssattel. Den Gurt schlaufte ich durch eine Lammfellpolsterung, bevor ich den Sattel damit befestigte. Ein Vorgeschirr brauchte die Stute nicht, denn bisher war der Sattel bei ihr noch nie wirklich nach hinten gerutscht. Ich legte ihr ein Kopfstück mit gewöhnlicher, einfach gebrochener Trense an und führte sie anschliessend nach draussen. Die Jockeys bekamen von Oliver und Ajith ein leg-up. Wir ritten alle hintereinander zum Galoppweg, vorbei an ein paar Transportern, die auf dem Parkplatz standen. Für heute hatte sich wiedermal ein auswärtiger Trainer angemeldet, der die Bahn nutzen wollten, um seine Jungpferde an fremde Situationen zu gewöhnen. Sie würden mit uns trainieren – eine gute Gelegenheit, um die unsrigen mit dem fremden Nachwuchs zu vergleichen. Wir wärmten die Gruppe ganz normal ein und ritten dann auf den kurz gemähten, sorgfältig gepflegten Rasen. Die Startmaschine liessen wir weg, weil es mit den fremden Pferden ohnehin zu wenig Plätze für alle hatte. Stattdessen machten wir einen freien Start und liessen die Pferde auf eine nicht ganz so ernste Weise gegeneinander antreten. Es ging nicht darum, Höchstgeschwindigkeiten herauszulocken, sondern viel eher, ein anstrengendes, ertragreiches Training durchzuführen und am Ende zu sehen, welche Pferde noch fit waren. Trotzdem stachelten sich die Jockeys gegenseitig etwas an, und Oliver musste sie ein paarmal mit strengen Rufen daran erinnern, die Pferde nicht zu überfordern. Besonders Parker liess sich provozieren, von einem Typen mit einer ebenfalls schwarzen Stute, die man angesichts der Wetterlage und der Tageszeit kaum von Daedra unterscheiden konnte. Ich sah nur, dass die beiden die längste Zeit Kopf-an-Kopf liefen, und alle anderen hinter sich gelassen hatten. Mambo und Sarabi liefen dicht bei mir und Dolly, sodass ich sie gut im Blick hatte. Ihre Bewegungen schienen kraftvoll und raumgreifend, soweit sah also alles richtig aus. Counterfire schien aber irgendwie nicht so richtig in Fahrt zu kommen, und auch Thalia war weiter hinten; ich hörte Oliver einmal rufen, dass Charly sie endlich vorwärtsschicken solle. Ich fragte mich, was da los war, denn normalerweise waren beide Pferde eigentlich ziemlich fleissig und eher vorne mit dabei. Zurückschauen konnte ich aber nicht gut, weil ich mich auf Dolly konzentrieren musste, die schon wieder ein Ungeheuer im Gebüsch zu sehen glaubte und nach links drängeln wollte. Dann liess sich Mambo auch noch von dem Getue anstecken und begann, sich gegen Quinns Zügel zu wehren. «Was ist denn heute nur los!», rief ich aus und richtete Dolly so gut es ging wieder gerade. Die fremden Pferde liefen weiter, als wäre nichts gewesen. Sie spulten einfach ihr Programm ab, ohne den Kopf zu heben. Später sah ich Oliver nach dem Training den Kopf schütteln und seinen typischen, unzufriedenen Ausdruck präsentieren. Ich seufzte nur, denn es brachte sowieso nichts, etwas zu sagen. «What the hell was wrong with you guys? That was a perfect disaster! I’m sure the others will have a lot to laugh about on their way home.” “Oliver.” Ich sah ihn mahnend an. Es war nicht förderlich für die Motivation der Jockeys, wenn er solche Sprüche von sich gab, auch wenn wir uns das einigermassen gewohnt von ihm waren. Alle schwiegen, die Stimmung war nicht gerade auf dem Höhepunkt. «Look, we train our horses differently, so that was to be expected. They don’t have to run with their Heads tied down, they don’t have to blindly follow stupid orders and don’t get a beating if they misbehave only a little. You could say that they are spoiled and sassy. In the end however, we won’t have broken machines that only work because they have to, but horses that want to win and still have their personality and pride. That is exactly the difference between a champion and an ordinary racehorse, that gets sorted out after a few races because it has no more will to please. If anyone is unhappy with the way we work, then please say so and start looking for a new racing stable.” Meine kleine Rede zeigte Wirkung. Die Jockeys nickten zustimmend, und Oliver wirkte nachdenklich, als sei ihm bewusst geworden, dass er womöglich überreagiert hatte. Damals, als ich Oliver eingestellt hatte und ins Renngeschäft eingestiegen war, hatte ich von Anfang an ganz klare Forderungen an den Trainer und die Jockeys gestellt. Pineforest hatte eine lange Tradition als Rennpferdegestüt, aber ich hatte es nach meinen Vorstellungen umstrukturiert und damit begonnen, die Pferde auf meine Weise auszubilden; mit der skrupellosen Geldmacherei der Rennindustrie wollte ich nichts zu tun haben. Mir ging es nur um die Freude am Rennsport selbst. Mir genügte es, meine athletischen, gesunden und vor allem psychisch zufriedenen Rennpferde über die Bahn fliegen zu sehen, völlig gleich, ob sie nun als erste oder als letzte ins Ziel kamen. Aber ich brauchte mir gar keine Sorgen um die Reputation des Gestüts zu machen, denn die Pferde gewannen regelmässig und konnten gut mit den ‘auf die herkömmliche Weise’ Trainierten mithalten. Das war auch Oliver, der mich anfangs noch belächelt hatte, über all die Jahre bewusst geworden, und deshalb hatte der ehrgeizige Trainer nicht längst zusammengepackt. Nur musste ich ihn gelegentlich daran erinnern. Weil ich irgendwodurch eine sehr sture und selbstsichere Persönlichkeit hatte, fiel es mir auch überhaupt nicht schwer, dem fremden Trainer mit einem zufriedenen Lächeln gegenüberzustehen und zum Abschied die Hand zu schütteln. In meinen Augen hatten wir alles richtig gemacht. Und nur so nebenbei hatte Daedra gegen den anderen Rappen gewonnen, aber das Gefühl dieses süssen Triumphs behielt ich für mich.
      Wir brachten es auf die Reihe, ziemlich gut gelaunt mit der zweiten Gruppe ein Kopf-an-Kopf Training durchzuführen. Die Stimmung schwappte auf Primo, Merino, Simba, Cryptic, Penny und Ciela über und sie liefen hervorragende Zeiten für uns. Nun hatte sich auch Olivers Stimmung wieder aufgehellt. Er trank, nach dem die Pferde zum Trocknen in den Freilauftrainer gebracht worden waren, mit uns Tee und gab wieder sachliche, nützliche Tipps anstelle von gehässigen Sprüchen. Als er fertig geredet hatte, sah er mich einen kurzen Moment an, und ich nickte lächelnd. So machte das Rennpferdetraining Spass.
      Während Oliver und die Jockeys nun die älteren Gruppen trainierten, machten Lily und ich in der Halle Dressur mit Areion und Circus Dancer. Wir übten spielerisch ein ausgedachtes Pas-de-Deux ein, das wir im Verlaufe der Woche auch mit den Lagerkindern einstudieren wollten. Es war eine hervorragende Übung für meine Nichte, weil sie zu jeder Zeit schauen musste, was ich gerade tat und sich gleichzeitig darum kümmern musste, selbst exakt zu reiten. Areion war dabei wiedermal ein richtiger Schatz. Er half Lily immer wieder aus, wenn sie einen Patzer machte und es war so süss wie er sich Mühe gab, um seiner jungen Reiterin zu gefallen. Dafür bekam er am Ende auch eine Extraportion Karotten (nunja, die Portion war eigentlich mittlerweile gar nicht mehr ‘extra’, weil er sie eh fast immer bekam). Auch Dancer sah mich mit einem perfekten Hundeblick an, als ich vom Schrank zurückkehrte und seine Karotten hinter meinem Rücken versteckte. «Hast du dir die verdient?», fragte ich schmunzelnd, woraufhin er seinen Kopf einmal ruckartig auf und ab bewegte, was fast schon einem Nicken glich. Ich erlöste ihn und hielt die Karotten hin, damit er sie aus meiner Hand ziehen konnte. Er kaute geräuschvoll darauf herum. Pilot und Vychahr in den Nachbarsboxen streckten ihre Köpfe natürlich ebenfalls in meine Richtung, aber sie würden sich noch etwas gedulden müssen. Als nächstes holte ich Dod aus seiner Box. Der Criollo stand beim Putzen schön still, zeigte aber wiedermal seine sture Seite, als es darum ging, die Hufe hochzunehmen. Ich schaffte es trotzdem und kratzte alle vier gründlich aus. Mir blieb nicht mehr viel Zeit, denn um zehn Uhr wollte ich die Kids offiziell empfangen. Daher longierte ich ihn eine halbe Stunde in der Halle, sorgte aber dafür, dass er während dieser Zeit trotzdem ordentlich arbeiten musste und sogar ein bisschen ins Schwitzen kam. Ich liess ihn nämlich viele Galoppübergänge machen, was gutes Training für die Hinterhand war. Lisa und Darren waren mit Rebel und Flint ebenfalls in der Halle. Die beiden Schecken liefen fleissig vorwärts, wobei Flint jedoch zwischendurch mit einem Blick durch die Fensterwand abschweifte. Der Nebel war draussen nachwievor hartnäckig. Als ich Dod zurück zum Nebenstall führte, waren bereits die ersten Eltern mit ihren Kindern auf dem Parkplatz. Ich beeilte mich damit, den Criollo Hengst zu versorgen – seine Karotten bekam er natürlich trotzdem. Ich hörte schon ein paar Stimmen, sowohl von Kindern als auch von Eltern schwärmen, was denn das für ein hübscher Rappe sei und musste dabei stolz schmunzeln. Im Norstall fand ich auch gleich Jonas vor, der Diarado für einen Ausritt putzte. Wir planten noch rasch das Mittagessen, dann versorgte ich hastig Dods Ausrüstung. Schliesslich trat ich vor die Anwesenden und begrüsste sie. Zira war wie immer brav an meiner Seite und musterte die Leute mit wachsamem Blick. Shira und Jacky schnupperten schon an der ein- oder anderen Hand und liessen sich streicheln, sehr zur Begeisterung der Kinder. Nachdem ich rasch den Tagesablauf erklärt hatte, erlöste ich ich die Kinder und Eltern von der beissenden Kälte und bat sie ins Pflegerheim. Dort hatten die Pfleger einen Raum für die Kids freigeräumt, sodass diese sich nun gleich einquartieren konnten. Die Pfleger hatten eingewilligt, für die eine Woche etwas näher zusammenzurücken – sonst hätten wir das Lager im Winter gar nicht durchführen können. Im Sommer war sowas kein Problem, weil man dann auch gut im Strohlager oder in Zelten draussen übernachten konnte. Aber bei minus fünf Grad war beides nicht das Wahre. Die Eltern blieben noch einen Moment, um sich umzusehen. Danach verschwanden sie endlich und wir konnten mit dem Programm starten. Es waren insgesamt neun Kinder gekommen, allesamt Mädchen. Darüber war ich ein kleines Bisschen enttäuscht, denn ich hatte gehofft, auch ein paar Jungs für das Lager zu begeistern. Auch Lea, die Lily an der International Horse Show kennengelernt hatte, war wie versprochen mit dabei. Die beiden kicherten jetzt schon die ganze Zeit und warfen sich vielsagende Blicke zu. Wir machten ein paar Kennenlernspiele zum Aufwärmen. Es stellte sich heraus, dass manche der Mädchen sich auch schon aus der Schule kannten. Zudem hatte es einige dabei, die schon oft mit ihren eigenen Ponys in die Reitstunde gekommen waren. Aber zumindest drei Mädchen waren ganz neu, und auch Lea war noch nie hier auf dem Hof gewesen. Als wir unsere Namen schon ein bisschen kannten, führte ich die Gruppe zu den Ponys in den Nebenstall. Spätestens da war das Eis gebrochen. Die Mädchen begannen sofort damit, die neugierig über die Boxentür spähenden Ponys zu streicheln und sich begeistert zu unterhalten. Ich stellte Cinni, Silver, Sweets, Blue, Lychee, Shira, Dream, Yoomee, Nim (die Lisa freundlicherweise zur Verfügung stellte) und Fake vor und genoss dabei aufmerksame Zuhörer. Die wichtigste aller Fragen stand allen förmlich ins Gesicht geschrieben: Welches Pony darf ich reiten? Ich hatte schon im Vorfeld angekündigt, dass jedes Kind sich die ganze Woche um dasselbe Pony kümmern würde, damit ich genau sehen konnte, welche Fortschritte gemacht wurden. Ich erlöste die Kids, indem ich die teils ausgeloste, teils den mir mitgeteilten Reitkünsten angepasste Liste hervorkramte und herunterlas. „Gina will take Shira, since you seem to be the one with the most experience. She’s only four years old, so riding her will be a bit more demanding. But she has a nice temper, so you should be fine. Just keep in mind that she does not know everything yet. Fiona, your pony will be Silver. Rachel takes Cinni, Emma will have to deal with Yoomee, Mariana can ride Sweets. Sheridan, you take Dream. Ruth takes Nim. Where was I? Ah yes, Lea takes Bluebell and Aliyah can have Lychee. Lily, you are stuck with Fake, as always.” Den letzten Teil fügte ich mit einem Zwinkern hinzu. Ich war erleichtert, als ich keine wirklich enttäuschten Gesichter sah – alle schienen mit ihren zugeteilten Partnern zufrieden zu sein. So weit so gut. „What about we start right now and see how good you are?“, schlug ich vor, und bekam begeisterte Rückmeldung. “Fine. Go and get your riding clothes, we’ll meet right here in fifteen minutes.” Ein paar trugen ihre Reitsachen schon und sahen mich fragend an. „You can help me get the grooming stuff here.“ Ich führte sie zu den Sattelkammern im Hauptstall und drückte jedem zwei Kisten in die Finger. Sie waren alle beschriftet – dafür hatten Lily und ich im Vorfeld gesorgt. Als auch die anderen wieder da waren, holten wir die Ponys raus und begannen mit dem Putzen. Ich sah zu und half zwischendurch, aber sie waren natürlich alle ziemlich selbstständig. Lily und Lea plauderten ausgelassen, und auch die anderen begannen immer mehr damit, sich gegenseitig auszutauschen. Nur Ruth putzte schüchtern schweigend ihre Haflingerstute. Ich gesellte mich beiläufig zu ihr und fragte sie ein wenig aus, wobei sie auch etwas auftaute. Ich erfuhr, dass sie kein eigenes Pony hatte, aber manchmal das einer Bekannten reiten durfte. Meine Erwartungen in ihre Reitkünste sanken damit etwas, denn offenbar hatte sie ja noch nicht viel Erfahrung sammeln können. Trotzdem liess ich mich natürlich gerne überraschen. Als die Ponys zufriedenstellend sauber waren, sattelten und zäumten wir sie. Anschliessend liefen wir alle zusammen zur Halle, wo wir eine erste, klassische Reitstunde abhielten. Ich wollte nicht zu wild starten; natürlich hatte ich noch einige weitaus interessantere Pläne für die nächsten Tage. Die Reitstunde kam aber auch schon nicht schlecht an. Ruth überraschte mich tatsächlich: sie hatte einen erstaunlich guten Sitz und schien gut mit Nim klarzukommen. Bei Aliyah haperte es dagegen am Anfang etwas, weil Lychee heute recht feurig war. Sie galoppierte einmal sogar mit ein paar übermütigen Buckelsprüngen an, was Aliyah dann doch gleich etwas Respekt einflösste. Sie blieb zwar oben, war aber deutlich angespannt und unsicher. Ich beruhigte sie so gut es ging und zeigte ihr, wie sie Lychee mit Schulterherein und kleinen Volten so beschäftigen konnte, dass sie nicht wieder auf dumme Gedanken kam. Das funktionierte dann zum Glück auch. Shira machte, sich Lychee als Vorbild nehmend, ebenfalls Anstalten zum Buckeln. Gina konnte das aber gut aussitzen und hatte die junge Stute rasch wieder konzentriert bei der Arbeit. Die anderen Ponys benahmen sich zu meiner Erleichterung vorbildlicher. Ich hätte sie alle gestern nochmal richtig durchkneten sollen, überlegte ich kopfschüttelnd. Aber manchmal hing es auch einfach von der Tageseinstellung ab. Jedenfalls konnten wir nach der ersten Stunde ein durchaus positives Fazit ziehen und die Kids sahen nicht minder begeistert aus – mit Ausnahme von Aliyah vielleicht. Ich beschloss, Lily darauf anzusetzten, ihr später ein wenig gut zu zureden. Wir versorgten die Ponys, wobei Rachel etwas voreilig war und ich sie darauf hinweisen musste, dass Cinni noch nicht genug durchgebürstet sei, um schon die Decke auf ihren Rücken zu packen. Die korrekte Pflege der Ponys war mir sehr wichtig, wichtiger noch als das Reiten selbst. Reitkünste liessen sich schnell verbessern, aber eine persönliche, vielleicht eher bequeme Einstellung in die richtige Richtung zu formen war weitaus schwieriger. Wir assen alle gemeinsam in der Reiterstube zu Mittag. Ich hatte mit Jonas im Vorfeld abgemacht, dass er einen grossen Topf Nudeln kochte und dazu etwas Tomaten- und Pestosauce vorbereitete. Den Salat machten Lily, Lea und ich noch schnell. Am Nachmittag folgte dann eine Theorielektion über den allgemeinen Umgang mit Pferden. Ich versuchte dabei, möglichst bildlich und spannend, immer wieder auch mal lustig zu erzählen, und brachte viele Beispiele, die ich selbst schon erlebt oder beobachtet hatte. Das kam gut an bei den Kids. Nur Lily musste ich ab und zu ermahnen, dass sie nicht zu viel schwatzte. Ich fragte mich schmunzelnd, ob sie in der Schule auch so gesprächig war. Irgendwann machten wir eine Pause mit Tee und Baumnüssen zum selberknacken, dann ging es weiter mit einer Bodenarbeitseinheit. Die Ponys waren etwas erstaunt, dass sie ein zweites Mal arbeiten mussten. Aber das tat ihnen gut, besonders der wilden Lychee, die jetzt schon deutlich ruhiger war als zuvor. Wir stellten Pylonen auf und machten Führünungen. Ausserdem zeigte ich den Mädchen, wie man Pferde an einer Körung oder sonstigen Schau vorstellen würde. Gegen Abend mussten die Kids dann etwas im Stall mithelfen, bis es wieder Essen gab. Auch das fand ich als Einblick in den Alltag mit Pferden eine wertvolle Lektion. Nach dem Abendessen liess ich der Gruppe Freizeit, sodass sie sich ohne mein Einmischen besser Kennenlernen konnten. Ich brachte ihnen aber noch ein paar Kartenspiele, um ihnen einen Anstoss zu geben. Jonas war froh darüber, denn so hatte er mich endlich allein für sich.
      Die folgenden Tage vergingen so schnell, dass es fast schon unheimlich war. Wir studierten die ersten Elemente der geplanten Quadrille ein, machten ein Gymkhana, gingen auf Ausritte im Pinienwald, standen einmal schon früh morgens auf, um das Renntraining mitzuverfolgen und befassten uns sogar mit einfacher Pferdeanatomie. Ich hatte das Gefühl, dass die Kids mächtig Spass dabei hatten. Sie waren jedenfalls längst nicht mehr schüchtern, sondern ein bunter, schnatternder Haufen und zum Teil schon ganz schön frech. Lily schlief ab Mitte Lager nicht mehr bei uns im Haus, sondern bei Lea und den anderen. Ich ahnte schon, dass sie nachts länger aufblieben als geplant, um sich noch Räubergeschichten zu erzählen, oder zu spielen. Ich drückte natürlich beide Augen zu – ich war ja auch mal in dem Alter gewesen, und das gehörte einfach zu einem guten Lager dazu. Tagsüber, wenn wir nicht gerade Programm führten, verbrachten die Kids gerne Zeit bei den Miniature Horses. Sie nahmen Lewis und Lisa sozusagen das Bürsten der Fellkugeln ab. Die Ponys mochten daran wohl besonders, dass jeweils ein paar extra Karotten für sie heraussprangen. Am beliebtesten bei den Mädchen waren Orchid und Rose; das süsse Fohlen überzeugte mit seinem Fohlen-Flausch, und Röschen mit ihrer bestechlichen Schönheit. Die Papageien im Pflegerheim waren übrigens auch so eine kleine Attraktion. Fast in jeder Pause wurden Africa und Blue von der Horde Mädchen bespasst. Ich hatte die beiden dazwischen noch nie so friedlich in ihrem Käfig schlafen sehen; Sie schienen richtig ausgelastet. Auch die Katzen kamen in den Genuss vieler Streicheleinheiten – besonders Gismo. Die anderen liessen sich ja bei weitem nicht so oft blicken, und Moya blieb der Gruppe sowieso vollkommen fern. Und natürlich war auch das Zebra eine der Hauptattraktionen, die regelmässig besucht wurden. Die Mädchen waren eine coole Truppe. Sie kamen gut miteinander aus und machten eigentlich alle super mit. Es kristallisierte sich bald heraus, welche meine Favoriten waren, was die Zukünftige Turnierreiterei anging. Ins Auge gefasst hatte ich insbesondere Gina, Ruth und Sheridan. Und natürlich Lea, aber die war sowieso schon so gut wie dabei, jedenfalls wenn es nach Lily ging. Die hatte sie auch schon darauf angesprochen, sodass Lea bereits Bescheid wusste und es nur noch mit ihren Eltern abklären musste. Aliyah wurde leider auch bis zum Ende des Lagers nicht so richtig warm mit Lychee. Ich schätzte, dass die beiden einfach irgendwie nicht auf derselben Wellenlänge waren.
      Der letzte Tag rückte näher und wir konzentrierten uns noch etwas mehr auf die Quadrille. Wir brauchten besonders lange, um das Timing bei den diagonalen Wechseln mit dem Kreuzen zwischeneinander hindurch hinzukriegen. Auch das reissverschlussartige Einreihen auf der Mittellinie verlangte volle Konzentration von allen. Am letzten Abend blieben die Mädchen besonders lange auf, um nochmal ausgiebig die Zeit miteinander zu geniessen. Ich erlaubte ihnen, einen Film zu schauen und dazu Popcorn in der Mikrowelle zu machen. Gismo blieb dabei den ganzen Abend mit ihnen auf der Couch und liess sich verwöhnen. Am nächsten Morgen folgte dann die Generalprobe. Wir mussten noch ein paar Widerholungen machen und Kleinigkeiten anpacken, dann passte alles. Die Musik zur Quadrille hatten die Kids natürlich selbst ausgesucht (mit meiner lenkenden Beratung). Als die Eltern kamen, herrschte einen Moment lang Chaos, weil alle aufgeregt erzählten und ihre Ponys zeigten. Dann ordneten wir uns und lotsten die Eltern in die Halle, wo wir einen Teil mit Absperrband abgegrenzt hatten. Ich sorgte dafür, dass die Eltern alle warmen Tee oder Kaffee bekamen, weil es wiedermal ziemlich kalt war. Die Mädchen bereiteten sich inzwischen zusammen mit Lisa vor. Dann kamen sie alle hintereinander in die Halle geritten. Alle Ponys trugen weisse Schabracken und Bandagen, die Mähnen waren den ganzen Morgen mühsam eingeflochten worden. Es sah richtig schick aus. Die Quadrille formierte sich und die Musik startete. Es war ein voller Erfolg. Zwar klappten nicht alle Figuren perfekt synchron, und auch beim Kreuzen gerieten die letzten zwei Paare wieder etwas aus dem Takt, aber den Eltern fiel das gar nicht richtig auf und sie klatschten sowieso begeistert, als die jungen Reiterinnen fertig waren. Die strahlten alle stolz und lobten ihre Ponys. Wir liessen uns Zeit mit dem verräumen der Ponys und die meisten der Mädchen liefen sie gemeinsam mit ihren Eltern im Schritt trocken. Dann packten alle noch ihre restlichen Sachen und verabschiedeten sich von ihren Vierbeinigen Partnern. Für die Ponystuten gab es einige Abschiedskarotten und –Äpfel, worüber sie sich natürlich brummelnd und zufrieden kauend freuten.
      Ein paar Tage nach dem Lager fragte ich wie geplant bei Gina, Ruth und Sheridan nach, ob Interesse daran bestünde, die Ponys auch zukünftig zu reiten. Gina lehnte leider ab, da ihre Familie selbst einen kleinen Stall führte und sie bald die eignenen Nachwuchsponys reiten würde. Die anderen beiden nahmen das Angebot aber begeistert an, und so konnten wir Lea Reed, Ruth Crawford und Sheridan Langley neu in unserem Team begrüssen. Eine Überraschung gab es noch: Lea brachte ihren Welsh Pony Hengst All Pride mit nach Pineforest. Das hatten wir in der Vereinbarung so ausgemacht, damit Lea die Infrastruktur nutzen und den Racker auch gleich optimal trainieren konnte. Der kleine braune Hengst war ein hübsches Kerlchen – er gefiel sogar mir. Ich hatte das Gefühl, dass Lily, Suri, Lea, Ruth, Sheridan und die Ponys noch jede Menge Spass zusammen haben würden.

      Turnierreiterei
      Areion, Diarado, Vychahr, Flintstone, White Dream, Yoomee, Silverangel, Fake my Destiny, River’s Lychee, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, Nimué, PFS’ Shadows of the Past, Cambria, Fallen Immortality, Namuna, Farasha
      Heute stand ein aufregender Tag bevor. Es war Samstag und wir gingen auf Turnier – mit «wir» meinte ich Lily, Sheridan, Ruth, Robyn, Lisa, Darren und mich. Jonas hatte Hausarrest; jemand musste auf den Hof aufpassen und er war in letzter Zeit öfter als die anderen im Schwimmbad gewesen. Er war deswegen den ganzen Morgen etwas grumpy und streckte mir die Zunge raus, als er mich auf dem Weg zum Tor des Hauptstalls beim Stiefel-Putzen in der Sattelkammer sah. Ich lächelte nur liebevoll - er konnte so ein Kindskopf sein. Am frühen Morgen bewegte ich Flint und Yoomee, danach machte ich mit Lily, Areion, Lisa und Nimué einen Ausritt im Sattel von Silver. Wir ritten wie so oft bei Rosies Wilkinson Farm vorbei. Dort schien auch etwas los zu sein: ein Transporter stand in der Einfahrt und Rosie öffnete gerade zusammen mit einem Fremden die Rampe. Ich erkannte einen Schimmel im Inneren des Gefährts und bog prompt neugierig ab. "Hey!", riefen Lisa und Lily fast synchron, und folgten mir. "Good day to you, Miss Wilkinson!", begrüsste ich Pineforests ehemalige Rennreiterin mit frechem Unterton. "All the same for you, my dearest Mrs Smith. How are you doing lately?", meinte sie nicht minder neckisch. "Very well, thank you. And what a fine new horse do we have here. You wouldn't happen to have a moment to introduce us?" "Sure, no problem. This is Fallen Immortality, my newest acquisition." Sie löste den Anbindestrick und schickte die Stute rückwärts die Rampe runter. Es polterte kurz, dann sah sich die Araberdame mit geblähten Nüstern in ihrem neuen Zuhause um. "Hello gorgeous!", bemerkte ich bewundernd. "I hope she will get along with Namuna and Farasha. The two were a bit rough with eachother lately, I think Namuna is trying to rise in rank. Maybe this beauty will provide some distraction." Ich meinte dazu nur zwinkernd "I'm sure they will have a lot of fun."
      Nach dem Ausritt widmete Lisa ihre ganze Aufmerksamkeit Bluebell, während Lily und ich zusammen Mathe-Hausaufgaben lösten, die die Schülerin nicht ganz verstand. Die Zeit schritt rasch voran und ehe wir uns versahen, war es Zeit, uns für das Turnier fertig zu machen.
      Jonas half uns trotz schmollen beim Packen. Wir parkten den Selbstfahrer mit dem zusätzlichen zweier Anhänger hintendran und den dreier-schrägverlad-Anhänger um, räumten die am Vortag geputzten Sättel und Zäume ein, und pro Fahrzeug eine Putzbox zur Sicherheit. Danach folgte das ausgiebige Pferdeputzen. Ich nahm mir Diarado vor, den nachtschwarzen Rapphengst. Innerhalb einer halben Stunde verwandelte ich ihn von frisch-von-der-Weide-staubig zu showreif-glänzend. Der Schweif war das Mühsamste: ich musste ihn waschen, denn sonst hätte ich nur unnötig viele Haare ausgerissen. Ich sortierte also die Stohstückchen aus, machte ihn nass, arbeitete einen Klecks Shampoo ein bis es schäumte, und spülte ihn anschliessend gründlich aus. Dann drückte ich so viel Wasser wie möglich raus und sprühte ihn im noch feuchten Zustand mit Conditioner ein, um ihn einfacher entwirren zu können. Während der Schweif schon trocknete, packte ich auch gleich die Gelegenheit um die kleinen Beinabzeichen des Hengstes wieder weiss zu waschen und die Hufe zu fetten. Den Kopf bearbeitete ich mit einer weichen Bürste. Das mochte Diarado ziemlich gerne; er hielt den Kopf tief und schloss die Augen halb, als würde er nächstens einschlafen. Ich hob seinen Schopf, um auch darunter zu bürsten, wobei er ein entspanntes Seufzen von sich gab. Die Hufe waren rasch ausgekratzt, und danach fehlten nur noch die Transportgamaschen. Ein Blick zu Vychahr hinter uns verriet mir, dass auch Darren fast fertig war. Zufrieden klettete ich Diarados Gamaschen fest und überprüfte den Sitz. Dann musste er noch einen Moment warten, während ich nach den anderen sah. Ich versuchte, mich zu beeilen, denn es war elf Uhr und schon jetzt viel zu heiss. Die Prüfungen fanden erst am späten Nachmittag statt, aber wir hatten vorher drei Stunden Fahrt vor uns: den ganzen Weg nach Chelmsford. Im Nebenstall wurden Lily, Sheridan und Ruth gerade mit Fake, Lychee und Sweets fertig. Robyn kratzte Cambria noch die Hufe aus, dann war auch sie so weit, die Gamaschen anzuziehen. Die Mädchen halfen danach noch Lisa, die sowohl White Dream, als auch Shira putzte. Kurz darauf konnten wir alle Pferde zügig verladen. Bis auf Shira kannten alle das Verladen zur Gnüge, aber trotzdem war die junge Ponystute nicht die, die am längsten brauchte. Cambria schien nämlich genau zu wissen, was wir vorhatten und war nicht begeistert darüber. Sie versuchte durch Rückwärtsziehen und ansatzweisem Steigen davonzukommen. Robyn blieb aber hartnäckig und führte sie immer wieder in die Ausgangsposition vor dem Anhänger. Lisa wollte schon vorschlagen, dass wir sie doch anstelle von White Dream in den Selbstfahrer stellen sollen, aber ich wollte der Stute das sture Verhalten nicht durchgehen lassen. «Keep adding pressure, until she stops pulling back. As soon as she stops, release immediately, then ask her again to make a step.” Robyn folgte meinen Anweisungen und hielt den Führstrick entgegen. Cambria streckte ihren Hals und zog noch immer dagegen. Die junge Frau erhöhte den Druck, indem sie schnalzte und das ende des Führstricks schwang. Als Cambria immer noch keinen Schritt tun wollte und stattdessen schon wieder Anstalten zum Steigen machte, trieb ich sie von hinten einen Schritt vorwärts, damit Robyn sie loben konnte und sie begriff, was wir von ihr wollten. Wir gaben ihr einen Moment Pause, dann forderte Robyn einen weiteren Schritt in Richtung Rampe. Diesmal musste ich nicht nachtreiben; sie gab nach ein paar Sekunden des Seilziehens nach und der Führstrick entspannte sich. Wiederum liess ihr Robyn einen Moment Zeit zum Nachdenken. Die gescheckte Stute schleckte sich die Lippen und senkte den Kopf, um die Rampe zu untersuchen. Das war es, was ich sehen wollte: dass sie sich mit der Situation beschäftigte, und nicht einfach per se flüchten wollte. Wir forderten weiter und sie stellte sich schliesslich mit beiden Vorderhufen auf die Rampe. Kurz vor dem Einsteigen bekam sie aber nochmal Bedenken wegen des Dachs über ihren Ohren und sie versuchte, sich nochmals mit Steigen wegzudrehen. Robyn liess sie nicht weg und schnalzte sofort energisch, bis die Stute wieder mit einem Huf auf der Rampe stand. Cambria sog laut Luft ein und überlegte noch einen Moment, dann folgte sie der jungen Pflegerin endlich ins ach so gefährliche Innere des Anhängers. Wir lobten sie ausgiebig und schlossen rasch die Stange hinten. Im Normalfall hätte ich sie gleich nochmal ausgeladen und es erneut geübt, aber wir mussten uns langsam beeilen, weil wir nicht wussten, ob es Stau geben würde. Wir schlossen alle Rampen und liessen ein paar Fenster spaltweise offen, damit es während der Fahrt nicht zu warm im Inneren der Fahrzeuge wurde. «Everyone ready?», fragte ich, mich umsehend, ehe ich einstieg. Wir fuhren los und kamen wie geplant kurz nach zwei Uhr an. Wir fanden sogar einen Parkplatz, der halbwegs im Schatten lag. Nun hatten wir erstmal Zeit, uns umzusehen, denn die erste Prüfung begann erst um drei Uhr. Darren blieb bei den Fahrzeugen und wir öffneten alle Türen und Fenster zum Durchlüften. Die Mädchen, Lisa und ich verschafften uns einen Überblick über die Anlage. Der Springplatz war gleich neben dem Abreitplatz gelegen. Das war gut, denn so konnten die unerfahreneren Pferde sich den Parcours bereits von weitem ansehen. Gleich zuerst fand die Prüfung über 70 cm statt, die Lily mit Fake bestritt. Es tat mir etwas leid, dass meine Nichte mit dem Hackney Pony gleich in der grössten Nachmittagshitze starten musste, aber den Zeitplan konnte ich nun mal nicht ändern. Lily hatte die Startnummer 16. Wir halfen ihr beim Bereitmachen und ich lief mit ihr zum Abreitplatz, um ihr die Hindernisse beim Einwärmen zu stellen. Es tummelten sich bereits reichlich Reiter auf dem kleinen Sandplatz, sodass es ziemlich unübersichtlich wurde. Ich biss die Zähne zusammen und hoffte, dass Lily niemandem in den Weg kam – und natürlich auch umgekehrt. Ein Kreuzchen stand schon, also konnte sie nach dem Eintraben direkt damit beginnen. Fake zeigte trotz der Hitze sofort ihren lebhaften Charakter und raste mit Lily auf jedes Hindernis zu, das ich ihr aufbaute. «Halt sie etwas zurück, sonst ist sie schon müde bevor ihr reingeht!», rief ich meiner Nichte zu – und erntete dabei ein paar verwunderte Blicke, weil ich deutsch mit ihr sprach. Wir liessen Fake nur vier Hindernisse springen, danach fand ich, dass beide bereit waren. Fake hatte schon leicht geschwitzt, besonders am Hals. Die beiden blieben noch eine Runde im Schritt auf dem Platz, dann konnten sie sich beim Start melden. Lily stellte sich wie ein kleiner Profi den Richtern vor. «Number 16, Lily Adams» Der Mann nickte und winkte sie auf den Springplatz. Die vorherige Teilnehmerin war gerade gestartet. Lily ritt aussen durch, sowohl um Fake die Festzelte und Lautsprechanlagen zu zeigen, als auch um der anderen Reiterin nicht in den Weg zu kommen. Sobald die andere fertig war, konnte Lily angaloppieren und sauber auf das erste Hindernis zusteuern. Fake zog an und die beiden flitzten über ein Hindernis nach dem anderen. Ich ermahnte mich, nichts dazwischen zu rufen, aber innerlich dachte ich aufgeregt: halt sie zusammen, sonst wird sie flach. Ich machte mir die Sorgen um sonst, denn meine Nichte kannte das Pony langsam gut genug. Die beiden absolvierten den Parcours fehlerfrei und mit einer sehr schnellen Zeit. Lily schnaufte genauso wie Fake, als die beiden rauskamen und ich ihnen stolz entgegenkam. «Well done!» Ich tätschelte Fakes schlanken Hals und gab der Stute eine Karotte. Sie kaute die orange Wurzel in Rekordzeit und kratzte sich dann den Kopf an ihrem Vorderbein, um den juckenden Schweiss bei ihren Augen loszuwerden. Wir führten sie zum Anhänger zurück und nahmen sofort den Sattel ab, dann brachte Lily sie zum Waschplatz bei den Stallungen des Turniergeländes. Inzwischen begannen Robyn und Ruth mit dem Satteln. Sie waren beide gleich nacheinander in der nächsten Prüfung dran, und zwar schon nach der dritten Startnummer. Sie wärmten deshalb Cambria und White Dream schon ein wenig auf, während der alte Parcours umgebaut und die Rangverkündigung abgehalten wurde. Ich musste Lily auf deren Bitten hin wiedermal begleiten. Sie wollte nie alleine zur Siegerehrung gehen, «weil dann so viele Leute sie ansahen», wie sie mir mal erklärt hatte. Sie landete auf dem zweiten Platz – ein einziges anderes Pony war schneller als Fake gewesen. Die Leute klatschten und Lily nahm verlegen ihre Schleife entgegen. Die Siegerehrung fand übrigens unberitten statt, weil es so heiss war. Die Prüfung, in der Ruth und Robyn starteten war über 80 cm und der Parcours würde auch für die nächste, die 90er Prüfung, derselbe sein. Auch Darren und Vychahr starteten in dieser Höhe, aber erst als fünftletztes Paar. Ausserdem waren die beiden auch für den 90er gemeldet, aber das wollte ich streichen lassen, um den Fuchs zu schohnen. Als der Parcours zur Besichtigung geöffnet wurde, hielt ich die beiden Pferde rasch, damit ihre Reiterinnen sich ihre Strategien überlegen konnten. Cambria war zu erst dran. Die Scheckstute, die beim Verladen noch so unartig gewesen war, verhielt sich nun wie ausgewechselt. Sie konzentrierte sich ab dem Augenblick, in dem sie den Springplatz betrat, voll auf ihre Aufgabe. Robyn machte eine schöne, ruhige Volte, bevor sie zum ersten Sprung ansetzte. Bis zum sechsten Hindernis lief alles wie am Schnürchen. Es würde zwar vielleicht keine Bestzeit werden, aber es sah sehr harmonisch aus. Beim siebten Hindernis, einer Kombination, musste ich dann kurz die Luft anhalten, denn Cymru verpasste den richtigen Moment zum Abspringen und konnte sich nur dank der geringen Höhe und ihrer schieren Sprungkraft retten. Robyn trieb sie an, um für das zweite Hindernis den Takt wiederzufinden, was dann zum Glück auch klappte. Erleichtert atmete ich auf und verfolgte gespannt den restlichen Parcours. Leider wurde die junge Stute beim letzten Hindernis dann doch noch zu müde und zog das linke Hinterbein etwas zu spät an – sodass die oberste Stange gerade noch zu Boden fiel. «What a pity!», konnte ich nur wiederholen, lobte die beiden aber trotzdem ausgiebig. In der Hitze war es nun mal nicht leicht, die Konzentration bis zum Schluss zu behalten. «I stopped helping her a bit too early», stellte dann auch Robyn fest. Ruth hatte ihren Umgang auch bereits gestartet und ich bekam gerade noch die zweite Hälfte mit. Sie blieben fehlerfrei, in einer vernünftigen Zeit. Mit White Dream war es nicht schwierig, noch etwas mehr auf’s Gas zu drücken, aber Ruth war noch nicht so erfahren und deshalb hatten wir bisher im Training auch immer ein ruhiges Grundtempo und einen «schönen Nuller» angestrebt. Darren und Vychahr bekamen acht Strafpunkte, weil Vychahr einmal verweigerte und bei einem weiteren Hindernis einen Abwurf hatte. Darren war so enttäuscht, dass er gerne doch noch den nächsten Parcours gesprungen wäre, aber ich redete es ihm aus. «I really start to believe that he is rather a dressage prospect than a jumper», bemerkte ich lachend, um den Pfleger aufzuheitern. Vychahr hatte sich trotz allem Mühe gegeben, und war halt heute einfach nicht ganz fit gewesen. Da brachte es nichts, ihn mit noch einer Runde Schwitzen zu bestrafen. Wir wollten schliesslich, dass er alles positiv in Erinnerung behielt. Darren stimmte mir nach dieser Erklärung zu und die beiden genossen eine Abkühlung beim Waschplatz. Die nächsten waren Sheridan und Lisa. Normalerweise war geplant, dass Sheridan und Ruth mit den Ponys in der Silver- beziehungsweise Gold-League des Pony Jumping starteten. Aber da sie ohnehin viel Üben mussten, waren auch Turniere für normale Pferde für sie von Nutzen. Deshalb startete Sheridan heute mit Lychee über 1.00 m. Im Training waren die beiden schon bis 1.20 m gesprungen, aber mit den Temperarturen machte es sowieso Sinn, das Ganze etwas gemütlicher anzugehen. Lisa startete übrigens mit Shira ebenfalls auf dieser Stufe. Vorher war Sheridan aber noch mit Sweets in der 90er Prüfung am Start – und holte sich prompt den Sieg. Danach war sie so euphorisch, dass sie im Durchgang mit Lychee beim drittletzten Sprung, einem blauen Oxer, patzte. Vielleicht war die junge Reiterin auch einfach langsam zu müde geworden. Natürlich ärgerte sie sich darüber, aber der Ritt war ja trotzdem nicht schlecht gewesen. Nun gab es für uns eine Pause, bevor um acht Uhr die Prüfung für mich und Diarado über 1.30 m begann. Wir beobachteten die Durchgänge der fremden Pferde und Reiter, um ihre Ritte zu analysieren. «There he should have picked up a quicker pace – see, I knew he wouldn’t make it through those two…” Es schien auch besonders spannend für die Mädchen, von diesen vielen fremden Reitern zu lernen. Wobei ich aber am Ende feststellen musste, dass sie eher die Vierbeiner bewerteten. «Ohhh, look at his markings! That’s the type I like best…” “Hey, didn’t that one also compete in the previous class?” “Yeah, I think so. He looks a bit tired, don’t you think?” “But the rider as well. Her face is all red.” “OH MY! Did they get hurt?” Während wir plauderten driftete das Pony bei der Kombination seitlich in einen der Hindernisständer und zerlegte den halben Sprung. Die Reiterin konnte sich oben halten, aber es war offensichtlich, dass beide nicht mehr genug Energie hatten, um sich richtig zu konzentrieren. Darren reagierte auf meinen Blick und nickte nur – er verstand nun, was ich gemeint hatte und schien froh, auf die zweite Runde verzichtet zu haben.
      Schliesslich wurde der 1.30 m Parcours gebaut und ich lief ihn ab, nach möglichen Schwierigkeiten Ausschau haltend. Diarado war sehr wendig, deshalb entschied ich mich, zwischen Hindernis 4 und 7 hindurch abzukürzen und dann den neunten Sprung leicht schräg anzusteuern. Da es sich um einen der niedrigsten Steilsprünge im Parcours handelte, rechnete ich mir gute Chancen für das doch etwas riskante Manöver aus. Entschlossen lief ich zu Darren zurück, der den Rappen bereits gesattelt hatte. Wir starteten mit der Nummer sieben, deshalb musste ich gleich mit dem Aufwärmen beginnen. Diarado war etwas abgelenkt, als wir auf dem Reitplatz unsere Runden trabten und dann ein paarmal über die Hindernisse in der Platzmitte ritten. Er schielte dauernd zum Parkplatz rüber, oder drehte seine schlanken Ohren zur Tribüne und den Festzelten. Ich ermahnte ihn jeweils mit halben Paraden und versuchte, ihn möglichst abwechslungsreich zu bewegen, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu locken. Als wir beim Eingang warteten, war er zwar am Zügel, aber ich hatte trotzdem gemischte Gefühle. Ich sollte recht behalten: gleich beim ersten Hindernis passierte uns ein Patzer. Diarado schien unvorbereitet auf den Absprung gewesen zu sein und spickte die oberste Stange mit den Vorderbeinen zu Boden. Damit waren unsere Siegeschancen verspielt. Trotzdem konzentrierte ich mich auf den Parcours vor uns. Wir hatten nun keinen Druck mehr und konnten die anspruchsvollen Kombinationen und abgekürzten Wendungen perfekt zum Üben gebrauchen. Diarado hatte anscheinend seinen Fehler bemerkt und gab sich für den Restlichen Umgang umso mehr Mühe, alles richtig zu machen. Er war nun endlich voll bei der Sache und liess sich von mir in gewohnter Weise mit feinsten Hilfen steuern. Wir überwanden die nachfolgenden drei Hindernisse wie im Flug und kürzten dann in der Kurve zur ersten Kombination gekonnt ab. Die Distanz zum hinteren Oxer passte perfekt und so konnten wir auch diesen, höchsten Sprung des Parcours fehlerfrei bezwingen. Der improvisierte Wassergraben beeindruckte Diarado überhaupt nicht, ebenso wenig wie die darauffolgende Mauer. Er drückte einfach etwas kraftvoller ab. Nun folgte die geplante Abkürzung, die ich nach kurzem innerlichem Zögern präzise ansteuerte. Diarado und ich rauschten möglichst nahe am Hindernisständer des siebten Sprungs vorbei und ich versuchte danach eine möglichst gerade Linie auf die kurze Distanz vor dem neunten Hindernis hinzubekommen. Der Absprung war nicht ganz passend, aber Diarado rettete sich mit seiner gewaltigen Sprungkraft irgendwie über die blauen Stangen. Ich kraulte für eine Millisekunde stolz seinen Hals beim Widerrist, dann widmeten wir uns dem letzten Teil, der sich als wahres Kinderspiel nach den ersten paar Herausforderungen herausstellte. Wir behielten unsere vier Punkte vom Anfang bei und schlossen in einer Spitzenzeit ab. Von Sheridan bekam der Hengst eine Karotte, als wir hinausschritten. Es war wichtig, den Patzer zu vergessen und ihn für den übrigen, souverän gemeisterten Parcours ausgiebig zu loben; da waren sich alle einig. Wir versorgten gemütlich die Vierbeiner und die Ausrüstung in den Transportern. Diarado wollte ich zuletzt einladen, weil er noch nassgeschwitzt war und ich ihn ein wenig neben den Anhängern grasen liess. Der Himmel färbte sich langsam dunkler und Wolken zogen auf, ein frisches Lüftchen zog zwischen den Fahrzeugen hindurch. Durch einen entfernten Lautsprecher wurden die Reiter für die berittene Siegerehrung aufgerufen. Nur dank dem Windzug, der den Klang der Stimme weiter mittrug, hörte ich meinen Namen unter den genannten. Ich traute meinen Ohren kaum. Sofort eilte ich mit Diarado zum Transporter rüber und drückte seinen Strick Darren in die Finger. Er sah mich verwirrt an, und ich entgegnete nur, während ich den Sattel und das Zaumzeug holte, «don’t ask me how, but somehow we made it!» Er half mir eifrig. Die Mädchen, die noch vorne beim Turnierplatz zugesehen hatten, kamen angerannt. «Occu, you have to go –» Lily brach ab als sie sah, dass ich Diarado bereits Zäumte. Lisa, an der der Trubel natürlich nicht vorbeigegangen war, setzte mir den Helm auf den Kopf und half mir auf den Rücken des Rappen. «And off you go», murmelte sie bewundernd, und gab Diarado, der vermutlich die Welt nicht mehr verstand, einen symbolischen Klaps auf die Kruppe. Ich trabte zum Reitplatz und stellte mich neben die anderen wartenden. Die letzte Reiterin beendete gerade noch ihren Parcours, konnte aber keine Platzierung mehr herausholen, da die Tafel ebenfalls schon vier Punkte anzeigte. Gespannt wartete ich ab; und wir wurden am Ende tatsächlich aufgerufen. Wir kamen gerade noch auf den zehnten Platz dank unserer schnellen Zeit – offenbar hatten nur neun Reiter den Parcours ohne Fehler geschafft. Wie froh war ich nun, dass ich mich an die ganzen Abkürzungen gewagt hatte! Stolz klopfte ich Diarados Hals, als sie ihm die Schleife anhängten und mir eine Tüte Leckerlis mit einem Gutschein überreichten. Wir hatten wiedermal das Beste aus einer unglücklichen Situation herausgeholt.

      Von überlaufenden Fässern
      Iskierka, Raving Hope Slayer, PFS’ Riptide, One Cool Cat, Kaythara El Assuad, PFS’ Counterfire, Daedra, Unbroken Soul of a Rebel, Burggraf, Areion, Diarado, Drømmer om Død, Vychahr, Flintstone, Nosferatu, Cambria, White Dream, Yoomee, Silverangel, Fake my Destiny, River’s Lychee, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Moon Kiddy, Chanda, Dancing Moonrise Shadows, Phantom, Matinée, PFS’ Ljúfa, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, Cinnemont’s History, All Pride, PFS’ Karat, PFS’ Lyskra, PFS‘ Savory Blossom, Odyn, PFS‘ Strolch, Eismärchen, Piroschka, Louvré
      Was ist nur aus dem Herbst geworden?, trauerte ich innerlich, als ich zum Fenster hinaussah und feststellte, dass der Tau auf dem Gras gefroren war. Ich sah ausserdem nicht besonders weit, denn eine dicke Nebelwand verechluckte die Gebäude des Hofs. Irgendwie hatte der Herbst diesmal kaum mehr als zwei Wochen angedauert, danach hatte gleich der Winter angeklopft. Es waren sogar schon die ersten Schneeflocken gefallen, jedoch auch gleich wieder verschwunden, kaum dass sie den Boden berührt hatten. Ich rieb mir die Augen, als Jonas das Licht einschaltete. "Warum stehst du hier im Dunkeln rum? Komm runter, Frühstück steht auf dem Tisch." Es war mir ein Rätsel, welches Virus ihn diesmal erwischt hatte, dass er für einmal früher aufgestanden war als ich. Normalerweise musste ich ihn regelrecht aus dem Bett zerren, in der kalten Jahreszeit ganz besonders. Ich zog mich an und stakste die Treppen runter, möglichst leise, um Lily nicht zu wecken. Sie musste wie immer erst um 8 Uhr zur Schule, wohingegen das erste Rennpferdetraining um 6 Uhr begann. Bei so vielen Vollblütern wie wir mittlerweile hatten, konnten wir auch im Winter nicht später anfangen - sonst reichte die Zeit für alles andere nicht mehr. Und den nächste Zuwachs erwarteten wir bereits im Frühling: Felicita, Deadly Ambition und Savory Blossom erwarteten Fohlen. Ich freute mich besonders auf das von Felicita, denn der Vater war Gleam of Light und somit hatte es zwei besonders treue Gefährten aus den Anfängen meiner Zeit auf Pineforest als Eltern. Der Gedanke weckte eine gewisse Nostalgie in mir. Damals waren nur eine Handvoll Rennpferde auf dem Hof gewesen, die Jack und ich mehrheitlich alleine trainierten. Wenn ich mir überlegte, was daraus entstanden war, konnte ich es kaum glauben.
      Wenig später, als ich während dem Müsli-Kauen die Zeitung las, surrte mein Handy. Es war eine Nachricht von Lisa.
      - Komme etwas später, muss meine Mutter zum Flughafen bringen
      Fällt dir auch früh ein, tadelte ich sie stumm kopfschüttelnd.
      - Ok.
      Ich wollte das Handy gerade wieder weglegen, da surrte es erneut.
      - Btw hast du mitbekommen, dass die kleine Icy Rebel Soul gestorben ist??
      Nein, hatte ich nicht. Die Nachricht dämpfte meine Vorfreude auf den Tag ein Stück. Offenbar hatte Lisa um sieben Ecken mitbekommen, dass das Stutfohlen von Rebel nicht einmal zwei Jahre alt geworden war. Die genauen Umstände waren uns nicht bekannt, was es nicht unbedingt besser machte. Ich bereute zutiefst, dass ich im letzten Halbjahr nicht mehr nach ihr gefragt und somit gar nichts von ihrem Zustand mitbekommen hatte. Normalerweise behielt ich unsere Zuchtfohlen immer ein wenig im Auge und las mit Freude von ihren Erfolgen im Sport. Ich stand auf und stellte seufzend meine Müslischüssel in den Geschirrspühler. Jonas hakte nach, was los sei und ich berichtete ihm kurz, was ich so eben erfahren hatte. Auch er war traurig, denn das Stutfohlen hatte uns beiden gut gefallen. Aber so war das Leben nunmal.
      Nach dem Frühstück ging ich wie immer als erstes in den Hauptstall. Iskierka, Raver, One Cool Cat, Kaythara und Odyn wurden gerade für’s Trainig ausgerüstet. Ich lief durch die Stallgasse und streichelte jeden kurz, wobei ich jeweils einen prüfenden Blick über die ganzen Vierbeiner wandern liess. Besonders bei Odyn und Iskierka nahm ich mir einen Moment Zeit, um die korrekte Ausrüstung in Augenschein zu nehmen, denn die beiden wurden heute von zwei neuen Jockeys geritten. Ich hatte die eine junge Frau, Isaiah Griffiths, schon an mehreren Rennen beobachtet und Oliver hatte mir zugestimmt, dass sie talent hatte. Isaiah hatte mir dann kurz nach meiner Anfrage noch einen Rennreiter namens Idris Shaw empfohlen, sodass ich ihn ebenfalls auf einen Proberitt eingeladen hatte. Die beiden kannten sich anscheinend schon länger. Beide ritten unter Olivers und meinen kritischen Augen hervorragend, sodass ich sie gleich beide eingestellt hatte. Mit den vielen Nachwuchspferden brauchten wir einfach mehr Reiter, damit wir auch alle regelmässig starten lassen konnten. Ich freute mich auf die weitere Zusammenarbeit mit den beiden neuen Jockeys. Nicht nur Zweibeiner waren zu unserem Team gestossen, auch eine Nachwuchsstute von Riven in a Dream und Rosenprinz ergänzte meine „Sammlung“ seit ein paar Wochen. Sie hiess Riptide und war eine braune Stute mit samtigem Fell. Ich hielt bei ihrer Box und schob die Tür auf, denn ich sah eine kleine Schramme an ihrer Schulter. Sie wandte sich sofort neugierig zu mir. „She’s going to be stunning, once she has muscles and starts to race“, bemerkte Ajith hinter mir, und erschreckte mich dadurch fast. “When did you get here? Gee, don’t sneak up on me like that.” “Sorry boss.” Tut dir überhaupt nicht leid, bei deinem Grinsen. „Anyway, is Quinn already here?“ „Why would I know?“, meinte er nur schulterzuckend. Ich runzelte skeptisch die Stirn. “I thought you two had a really good time after the St. Legers?” “We’re not going out, if that’s what you expected. She… Kind of started avoiding me again.” Ich seufzte ungeduldig. “What is wrong with you guys? You obviously belong together.” Er lächelte schief, dann wechselten wir das Thema und evaluierten stattdessen Riptides Futtermenge. Quinn stiess später zu uns, denn sie ritt erst in der zweiten Gruppe mit. Diesmal sattelte sie Strolch. Der helle Palomino mit den auffallenden, grünen Augen spielte mit der Anbindekette, als ich zu ihm kam. Ich streichelte seine weisse Stirn. Die grosse Blesse verlieh seinem Gesicht noch mehr babyhafte Züge als es sonst schon hatte. Er war eines von den Pferden, die man am liebsten knuddeln wollte, wenn man sie sah. Zum Glück war er auch ziemlich verschmust, sodass er die Aufmerksamkeit toll fand. Er war kaum dünkler als Stromer es gewesen war. Auch der Körperbau war mittlerweile ähnlich geworden, anders als bei Ally, der eher grobknochig gebaut war. Alle Stromerfohlen waren recht unterschiedlich – da mischte nunmal jeweils noch ein grosser Teil der Mutterseite mit. Ich mochte sie aber alle wahnsinnig gerne, und alle erinnerten mich auf die eine oder andere Art an meinen verstorbenen Liebling. Wenn es nicht das äussere war, dann dafür umso mehr der Charakter. Ich werde ihn nie vergessen, stellte ich einmal mehr wehmütig fest. Da war es wieder, dasselbe Gefühl wie schon beim Frühstück. Vielleicht bin ich so sentimental weil Weihnachten naht, überlegte ich. Ich beschloss mich selbst etwas aufzuheitern und ging zu Counterfire. Die Stute hatte ihr Wehwehchen am Vorderbein gut überstanden und war wieder voll einsetzbar. Und frech wie immer. Sie zupfte an meinem Schal, als ich sie durchs Boxenfenster streichelte. „You will get to show your talent next year“, versprach ich ihr flüsternd, im hinblick auf die nächste Saison. Daedra hatte ihr dieses Jahr ziemlich die Show gestohlen, mit ihrem unerwarteten Sieg in den St. Leger Stakes. Aber ich war sicher, dass die feurige Fuchsstute auch noch ein paar Überraschungen für uns auf Lager hatte.
      Ich lief vom Innenhof des Hauptstalls zum Nebenstall, denn als erstes wollte ich heute mit Yoomee arbeiten. Die Ponystute wirkte noch ein wenig verschlafen, liess sich aber brav aus der Box führen. Ich bürstete sie gründlich und kämmte ihre kurze Mähne. Auch die Hufe kratzte ich aus; es war aber kaum etwas darin, weil sie noch nicht auf der Weide gewesen war. Danach sattelte ich sie und brachte das vierbeinige Tier zur Halle. Ich stellte ein paar Cavaletti auf, während ich sie herumführte. Als ich mit dem Aufbau zufrieden war, stieg ich in den Sattel und ritt Yoomee warm. Die nächste halbe Stunde nutzte ich, um das Connemara über den Cavaletti zu gymnastizieren. Es war insofern ein guter Tageseinstieg, als sie fleissig mitmachte und die meisten Aufgaben geschickt löste.
      Nach der Arbeit mit Yoomee wechselte ich vom Nebenstall zum Nordstallgebäude, das mittlerweile fertig umgebaut, beziehungsweise erweitert war. Es gab nun im Anbau vier weitere grosse Boxen aus dunklem Holz, in denen vorläufig All Pride, Areion und Skydive hausten. Lily nannte es liebevoll ihren „Ponystall“, auch wenn nicht alle Ponys dort standen. (Wo wir gerade von ihr Sprachen, sie schwang sich in diesem Moment auf ihr Fahrrad und brauste richtung Schule davon. Ich winkte ihr zum Abschied.) Skydive lief mittlerweile übrigens in allen drei Gangarten unter dem Sattel. Wir nahmen ihn im Moment so oft wie möglich auf Ausritte mit, so dass er möglichst viele neue Eindrücke kennenlernte und viel geradeauslaufen konnte. Lily war natürlich wann immer sie zuhause war dabei – sie war sogar schon ein paarmal nachdem ich ihn geritten hatte auf seinem Rücken gesessen, zum trockenreiten. Sie schwärmte jeweils, wie weich sein Schritt war. Ich fand auch, dass er bequeme Gänge hatte, aber nicht aussergewöhnliche. Lily neigte nunmal zu Übertreibungen, wenn es um ihren Liebling ging. Bevor ich heute wieder mit dem jungen Ponyhengst arbeitete, war aber Vychahr dran. Der Dunkelfuchs brummelte mir schon ungeduldig zu, als ich mit seinem Stück Begrüssungskarotte zu ihm kam. Ich bewegte ihn eine Dreiviertelstunde in der Halle und übte an unseren Seitengängen, wobei ich aufpassen musste, Lisa und Darren mit Rebel und Flint nicht in die Quere zu kommen. Die beiden trainierten nämlich ihre Reiningfertigkeiten. Irgendwie kamen wir aneinander vorbei. Ich war jedoch froh, dass ich mit Vilou fertig war, bevor auch noch David mit Aristo, Linda mit Piroschka und Thomas mit Chanda reinkamen, weil es draussen zu Regnen begann. Es war im Winter eben doch etwas mühsam, wenn alle in die Halle wollten. Ich versorgte den Dunkelfuchs und gab ihm seine Belohnung, danach holte ich gleich Dod raus. Ich hatte mich nämlich mit Jonas beim Frühstück auf einen Ausritt um neun verabredet. Angesichts des Wetters verzog ich zwar etwas das gesicht, aber wie man so schön zu sagen pflegte: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Jonas nahm Shadow mit, und wir ritten gemeinsam Richtung Norden zu den Laubwäldern, die inzwischen nur noch einzelne, rotbraune Blätter in den Kronen trugen. Wir trabten den grössten Teil der Strecke über nasses Laub und trotzten dem garstigen Wetter. Shadow und Dod waren nach kurzer Zeit völlig durchnässt und ihr Fell klebte an ihren Hälsen. Es schien sie aber nicht sonderlich zu stören; sie klappten einfach geduldig die Ohren zurück, wenn wieder eine Windböe das Wasser in ihre Richtung zu wehen drohte.
      Nachdem wir Ausrüstung, Pferde und uns selber getrocknet hatten, hastete ich zur Stutenweide um Phantom und Matinée zu holen. Mit beiden gleichzeitig im Schlepptau joggte ich zum Nebenstall und band sie unter dem Dach an. Matinée war klitschnass, weil sie im Regen gestanden hatte. Phantom war wenigstens so gnädig gewesen, sich unter einen Baum zu stellen. Ich trocknete das Winterfell der beiden Mustangs mit einem Frotteetuch so gut es ging, dann kämmte ich noch das Langhaar durch und kratzte die Hufe aus. Jonas übernahm Phantom, sobald er vom Haus zurückkam – er hatte ein Telefonat mit dem Hufschmied geführt. Nasse Weiden bedeuteten viele fehlende Eisen. Zum Glück hatten wir auch viele Barhufpferde, sodass sich das Problem in Grenzen hielt. Wir bewegten die Mustangs, indem wir einfache Reiningübungen mit ihnen machten. Dabei ging es stets vor allem um die Losgelassenheit, besonders bei Matinée. Sie war heute aber gut aufgelegt, sodass sie mir sogar zum ersten Mal im Galopp abschnaubte und den Hals in die Tiefe streckte, als ich die Zügel länger werden liess. Höchst zufrieden lobte ich sie dafür. Allerdings liess sie sich ablenken, als Lisa mit Brendtwood reinkam, und der junge Haflingerhengst erstmal in der Gegend herum wieherte, weil Skydive nicht in der Nähe war. Die beiden klebten ein wenig aneinander, weil wir oft zusammen raus gingen. Ich hoffte, dass es besser werden würde, nun da Skydive im Anbau eingestallt war. Ich holte Matinées Aufmerksamkeit noch für ein paar letzte schöne Schlangenlinien mit korrektem Umstellen zurück, dann liess ich es gut sein. Die Halle füllte sich wieder, als wir raus gingen: Diarado, Nimué und Moon wurden von Anne, Rita und Jason bespasst. Rita und Lisa hatten sich wegen der Haflinger abgesprochen. Jonas und ich brachten die beiden Ex-Wildpferde zurück auf die Weide, wo sich Phantom gleich in den Schlamm legte und genüsslich wälzte. Jonas konnte nicht hinsehen, wie der Rappe sein sauber geputztes Fell wieder ruinierte, und auch ich stöhnte entsetzt. „Morgen dasselbe Spiel wie immer…“, stellte ich fest. „Wenigstens scheint er es zu geniessen, dem entspannten Grunzen nach zu urteilen.“, meinte Jonas dazu. Wir schlurften durch den noch immer strömenden Regen ins Haus, denn es war bereits Mittag. Ich war froh, die nassen Kleider zumindest für den Moment abzulegen. Zum Aufwärmen machten wir uns erstmal eine Tasse Tee, dann kochte ich das Mittagessen. Lily kam kurz darauf rein und tropfte alles voll, sodass ich sie ins Badezimmer scheuchen und ihr die Haare trocknen musste, wie zuvor schon den Hunden. Wir assen zusammen, dann musste sie wieder in den Unterricht. Ich sass noch eine halbe Stunde vor dem PC und checkte meine E-Mails, danach musste auch ich zurück in den Regen. Jonas half bereits eifrig beim Misten, als ich abermals zum Offenstall der Stutenweide kam. „Braucht ihr hier noch jemanden?“ Lewis, der halb hinter Ljúfa versteckt gewesen war, verneinte. „You could start with the foals though.“ Ich nickte, liess es mir aber nicht nehmen, vor dem Gehen die kleine Lyskra zu streicheln. Im Frühling wollten wir sie zu den anderen Fohlen stellen, aber im Moment war sie noch glücklich bei ihrer Mama. Da sie erst im Mai zur Welt gekommen war und mit Mama im Offenstall lebte, hatten wir es nicht eilig, die beiden zu trennen. Bei den Fohlenoffenställen herrschte ein riesen Schlammbad, direkt vor den Eingängen. Die Fohlen hatten die Weide förmlich umgepflügt. Das war aber nicht zum ersten Mal so, wir kannten das Problem längst. Zum Glück wuchs das Gras im Frühling relativ zuverlässig nach, wenn man frühzeitig mit Grassamenausstreuen nachhalf und die besonders geschädigten Stellen so gut es ging abzäunte. Solas, Louvi, Karat und Clooney bedrängten mich gelangweilt, als ich ihr Stroh mistete. Karat schubste einmal sogar fast die Schubkarre um. Ich scheuchte die Gruppe junger Flegel infolgedessen hinaus in den Regen, sodass ich in Ruhe arbeiten konnte. Bei den Stutfohlen waren auch nicht mehr viele übrig; im Moment teilten sich nur Reverie, Chime, First Chant und Cranberry die grosse Weide und den Offenstall, genau gleich viele also wie bei den Hengstchen. Dadurch gab es auch nicht so viel zu misten wie ein paar Monate zuvor, als die jungen Vollblüter noch hier standen.
      Gegen drei Uhr nutzte ich eine vorläufige Regenpause und machte mich zügig auf den Weg zum Nebenstall. Dort wartete die Ponystute Eismärchen auf mich. Ich nahm ihr Halfter vom Haken und öffnete die Boxentür. Märchen drehte die Seite mit dem gesunden Auge ihres Kopfes zu mir und kam einen Schritt auf mich zu. Ich streichelte sie, dann streifte ich ihr das Halfter über. Sie war eigentlich völlig normal im Umgang, wie jedes andere Pferd. Nur hin und wieder merkte man den Unterschied, wenn eine plötzliche Berührung auf der blinden Seite sie zusammenzucken liess. Ich wollte mir ihr ausreiten gehen, solange es noch nicht wieder aus Eimern regnete. Ich band sie draussen unter dem Vordach an und begann, ihr grauweisses Fell zu bürsten. Sie hatte wirklich eine interessante Musterung - eine Mischung aus Appaloosa- und Pintoscheckung. Das Resultat waren weisse Stellen, deren Übergang zum restlichen grauen Fell teilweise verwaschen und gestichelt erschienen. Ich bewunderte die vielseitig abgestuften Grautöne, als ich darüber bürstete. Ihr Winterfell war ausserdem richtig schön weich. „Are you daydreaming?“, drang Jonas‘ Stimme an mein Ohr. „Huh?“ „Ich hab etwa dreimal versucht dich anzusprechen. Du warst richtig schön abwesend“, meinte er schmunzelnd. „Oh, sorry. Ich war wohl tatsächlich etwas Gedankenversunken. Was gibt’s?“ „Ich will nochmal mitkommen, muss noch Cambria bewegen.“ „Na gut, wenn es unbedingt sein muss“, neckte ich. Er holte die Scheckstute raus und putzte sie in Rekordtempo. Zaumzeug und Sattel waren kurz darauf montiert und wir konnten die beiden zum Aufsteigen auf den Kiesweg führen. Der Ausritt führte uns durch den Pinienwald und über ein paar wunderschöne, neblige Galoppwege. Die Hunde Zira, Jacky und Sheela liefen artig mit und inspizierten die zahlreichen Gerüche im Unterholz. Eismärchen war so ein Engel zum Ausreiten. Sie war entgegen der Intuition überhaupt nicht guckig und marschierte selbstsicher voran. Sie verliess sich total auf mich, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kannten – vermutlich war ihr das über die Jahre so beigebracht worden. Sie wurde auch nie irgendwie heftig, auch nach dem dritten Galopp nicht. Cambria überholte uns mehrfach, weil sie am liebsten über das feuchte Gras davonbrettern wollte. Als der Hof wieder in Sicht kam, begegneten wir am Waldrand einer ganzen Gruppe von Reitponys. Sheridan, Ruth, Lily, Lea und zu meiner positiven Überraschung auch Suri ritten mit Cinni, Silver, Bluebell, Shira und White Dream aus. Sie hatten ausserdem Sweets und Lychee als Handpferde dabei. Ich war froh, dass Lilys Kollegin Suri nun doch wieder häufiger auf den Hof kam und die Ponys ritt. Sie hatte sich offenbar damit abgefunden, dass Lindwedel weg war, so schade es auch sein mochte. Je näher wir zu der Gruppe kamen, desto mehr fiel mir auf, dass sie offenbar schwierigkeiten mit Sweets hatten. Das braun gescheckte Pony zickte immer wieder gegen Silver und dohte zwischendurch sogar auszuschlagen. Wir hielten kurz an und tauschten uns aus. „She is a total nuisance today“, jammerte Lily. Sheridan, die das Pony am Führseil hatte, bestätigte dies. “You know what? I take her, I will lunge her a bit. It’s okay, you guys can go ahead and enjoy your hack.” Die Mädchen bedankten sich, als ich Sweets Strick übernahm. Die freche Ponystute hampelte zwar auch neben Eismärchen ein wenig, aber ich hielt sie mit der Reitgerte auf Abstand. Zuhause longierte ich sie dann wie beschlossen eine halbe Stunde lang ausgiebig, damit sie sich auspowern konnte. Danach lief sie mir wie ein Lämmchen hinterher. Als ich sie versorgte, begann es gerade wieder zu tröpfeln. Ich rettete mich mit den Hunden ins Haus, aber die Mädchen mit den Ponys wurden nass, denn sie waren noch nicht zurückgekehrt. Lily musste bis zum Abendessen ausserdem noch Nossi und Fake bewegen, danach kam auch sie abermals klitschnass ins Haus. Ich wartete bereits mit einem Frotteetuch auf sie, weil ich sie durchs Küchenfenster hatte kommen sehen. „I think I’ve seen enough water for today“, bemerkte sie naserümpfend. “So you don’t even want to take a hot bath then?” “Ohhh…” Sie wechselte sofort ihre Meinung und schlich ins Bad. Ich sah ihr hinterher und schmunzelte. Sobald sie weg war, kam Moya unter dem Sofa hervor und strich mir um die Beine. Ich nahm sie auf den Arm und streichelte sie, wobei sie laut schnurrte. „Du hast dich auch ganz schön verändert, Kampfkatze“, sprach ich zu ihr. Das warme, weiche Fell verriet, dass sie wohl den ganzen Tag keinen Fuss vor die Tür gesetzt hatte. Katze müsste man sein. Ich sah zum Fenster raus uns seufzte. Es war längst dunkel und schüttete immernoch in Strömen. „Jonas, die Regentonne überläuft schon“, rief ich die Treppe hoch. Von oben kam die Antwort: „Ich weiss, schon seit dem Mittag. Wenn es nicht bald aufhört, sind die Weiden wieder eine ganze Woche lang unter Wasser.“ Ich liess mich auf’s Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein, kurz darauf jedoch gleich wieder aus, denn es kam nichts Schlaues. „Ich freue mich auf den Sommer“, bemerkte ich laut. Moya sprang von meinem Schoss runter und tapste zu ihrem Futternapf. Sie ass die letzten paar Krümel von dem, was ich vorher aufgefüllt hatte und verschwand danach die Treppe hoch, vermutlich ins Büro auf den Schrank neben dem Fenster, ihren heimlichen Lieblingsplatz. Dafür kam Jonas runter und setzte sich zu mir. „Machen wir morgen einen Ausflug?“ „Wohin willst du denn bei dem Hundewetter?“ „Ich dachte, wir könnten mit Lily nach Bristol ins Aquarium gehen.“ „Noch mehr Wasser?“, stöhnte ich scherzhaft. Aber eigentlich fand ich es eine gute Idee, nur – „aber ich muss morgen noch so viel erledigen…“ „Genau darum möchte ich ja, dass du eine Auszeit nimmst. Bald fängt der Weihnachtsstress an, und du hast in letzter Zeit non stop gearbeitet. Ich habe bereits mit den Pflegern gesprochen, Lisa schaut, dass alles läuft.“ Ich kuschelte mich dankbar an ihn und gab ihm einen Kuss.
      „Occu, komm endlich!“, rief Lily ungeduldig. „Ja, gleich!“ Ich hastete zu Odyns Box und wechselte rasch dessen Decke zu einer leichteren Stalldecke. Dann sah ich bei Cool Cat rein und stellte fest, dass er ebenfalls noch die schwere Decke trug. „Moment noch!“ „Occu!!“ „Lass Ajith seine Arbeit machen und komm jetzt“, meldete sich nun auch Jonas. „Aber ich muss noch schnell Kaytharas Bein mit Lehm einstreichen! Und Riptide hat auch noch eine kleine Schramme auf der Schulter die ich gestern gesehen habe!“ „Das machen die Pfleger. Sie sind alle informiert. Es wird alles klappen, wirklich.“ Mit einem Seufzen gab ich auf. „Na schön. Aber wehe ich komme zurück und hier herrscht Chaos!“ „So ist’s gut“, meinte Jonas zufrieden lächelnd, und empfing mich, den Arm um meine Schulter legend. „Für alle Pferde ist gesorgt. Du kannst unseren Ausflug in vollen Zügen geniessen.“ „Meinst du?“ „Klar.“ Ich lehnte meinen Kopf an seinen und zwang mich zu einem Lächeln. Lily zog an meiner Hand. „Das Aquarium schliesst um fünf Uhr!“ „Es ist erst zehn Uhr, little Miss Adams.“ „Trotzdem!“ Jonas und ich lachten. Dann liefen wir gemeinsam zum Parkplatz.
    • Stelli
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      Alte Berichte (c) Occulta
      Leben und Tod
      PFS' Pinot Noir, PFS' Baila, Moon Kiddy, PFS' Dahu, Feline, Piroschka, PFS' Ljúfa, PFS' Dancin' to Jazz, Vychahr, Diarado, Phantom, Lovely Summertime, Dancing Moonrise Shadows, Matinée, Cinnemont's History, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS' Ravissante, Chanda, Halluzination, Dakota S, Chocolate Chip
      Occu
      "Und?" "Wie und?" "Na wie nennst du ihn nun?" "Keine Ahnung." "My my, du bist doch sonst nicht so einfallslos wenn es um Namen geht. Und es kann doch nicht sein, dass das jüngere Fohlen schon einen Namen hat." Ich zuckte mit den Schultern. "Es war einfach bei Baila, weil ich mir so viele Stutennamen ausgedacht hatte - die ich am Ende bis auf einen gar nicht brauchen konnte." "Natur geht eben ihre eigenen Wege. Aber sieh es positiv: das sind gleich drei vielversprechende zukünftige Zuchthengste, allesamt mit interessanten Blutlinien." "Ist so." "Aber ernsthaft, das Schwarze braucht einen Namen. Wenn du es bis Ende diese Woche nicht benennst, dann heisst es einfach Blacky." "Nichteinmal vielleicht! Es gibt keinen schlimmeren Namen für Rappen!" "Dann eben Toothless." "Ich kenne schon ein Pferd das so heisst. Und auch wenn der Drache süss ist, der Name ist trotzdem bescheuert." "Iskierka hast du auch nach einem Drachen benannt." "Ja, aber das klingt schön." "Dann eben Nightfury" "Weisst du was? Lassen wir das. Ich muss jetzt raus zu den Pferden." Ich gab Jonas einen vertröstenden Kuss, verräumte meine Müslischüssel und schnappte meine Jacke. Den ersten Stopp machte ich bei Mikado und ihrer neuen Tochter Baila. Ich hatte mich wahnsinnig gefreut, dass wir doch noch ein Stutfohlen bekommen hatten. Und ein wunderschönes noch dazu. Die kleine war über und über mit weissen Haaren gesprenkelt, ganz wie bei Mama, aber die Grundfarbe ein kräftiger Fuchston. Grosse Abzeichen hatte das Tierchen auch - ich fragte mich woher. Das Fohlen lag im Stroh und döste mit halb geschlossenen Augen. Hin und wieder zuckte die Unterlippe oder eines der flauschigen Ohren, wenn Mikados Schweifhaare sie streiften. Ich wäre zu gerne in die Box reingegangen um Baila zu knuddeln, so weich wie ihr Fohlenfell aussah. Aber ich wollte sie nicht wecken, wenn sie so friedlich schlummerte. Das Leben war eben anstrengend, besonders, wenn man noch so viel zu entdecken hatte. Ich löste mich von dem idyllischen Bild des schlafenden Fohlens mit den gekrümmten Tasthaaren und lief in Begleitung von Zira der Malinois Hündin zu Moon Kiddy. Die Criollostute stand bereits am Zaun, als sie mich kommen sah. Lewis hatte die Stuten also gleich als erstes rausgelassen. Ich streichelte ihre Blesse zur Begrüssung, dann duckte ich mich zwischen dem massiven Holzzaun durch und holte ihr Halfter beim Offenstall ab, wobei sie mir hinterherlief. Auch Phantom, Jazz, Summer und Shadow kamen uns im Dunkeln neugierig hinterher. "You guys seem to be bored, huh? I know. Spring grass will come soon", murmelte ich liebevoll, Phantoms kräftigen Hals rasch kraulend. Der Rappe war feucht-matschig bemalt, was mich bei den aktuellen Bodenverhältnissen kein bisschen verwunderte. Mit einem prüfenden Blick und der Hilfe der Lampe beim Eingang des Stalls, stellte ich fest, dass auch Matinée, Piro und Feline sich eingesaut hatten - die beiden Schimmelstuten natürlich mit der grössten Sorgfalt von allen. Ich rollte die Augen und klinkte das Führseil bei Moon ein. Wir liefen zum Nebenstall, wo ich sie putzte und Sattelte. Die Beine musste ich abspülen, da brachte mich die Bürste nicht weiter. Die Mähne flocht ich rasch zu einem französischen Zopf, damit sie nicht in den Weg kam. Ich ritt Moon, wie auch die anderen "Westernpferde" grundsätzlich mit Bosal oder Knotenhalfter, heute mit letzterem. Ein Gebiss hatte sie nur zwischendurch zur Abwechslung im Maul, wenn ich mit ihr in der Halle arbeitete. Es machte eigentlich längst keinen Unterschied mehr, womit ich Moon ritt - sie reagierte mit allen Zäumungen gleich fein und hörte vor allem auf Sitzhilfen. Es war eine wahre Freude, auf der gründlich ausgebildeten Stute die Winterlandschaft zu geniessen, wenn man sonst vor allem mit frechen Jungpferden oder hibbeligen Vollblütern klarkommen musste. Im Winter war es bekanntlich nochmals interssanter... Jedenfalls genossen Moon und ich die Ruhe dieses kalten, beinahe unbewölkten Morgens. Es wurde immer heller, während wir unterwegs waren, und die Natur rund um uns herum wachte langsam auf. Ich war erstaunt, frühlingshaftes Vogelgezwitscher zu hören. "Really, it's supposed to be still winter...", murmelte ich kopfschüttelnd. Moon schnaubte zufällig, fast als würde sie mir zustimmen. Ich schmunzelte und genoss die ersten Sonnenstrahlen, die es durch die Pinienwedel bis auf mein Gesicht schafften. Zira trottete glücklich durch das spärliche Unterholz und patroullierte ihr Revier.
      Eine Stunde später kamen Moon und ich zurück von unserem Ausflug. Ich verräumte den Westernsattel der Criollostute und bürstete die Sattellage gründlich, ehe ich Moon zurück auf die Weide brachte. Sie schüttelte zufrieden ihre dichte Mähne und bewegte sich mit waagrecht gehaltenem Hals zu Ljúfa und Chanda unter die Bäume. Ich streichelte rasch die kleine Dahu, die schon wieder selbstsicher durch die Begleitung ihrer Mama nähergekommen war, schloss dann das Weidetor und spazierte zum Nebenstall zurück. Dort fand ich auch Jacky vor, die mit nach hinten ausgestreckten Froschbeinen auf dem Beton lag und sich sonnte. Sie öffnete ihre zusammengekniffenen Augen erst, als ich im Vorbeilaufen ihren Hinterkopf knetete. "Faulpelz." Ich sah bei Bluebell in die Box und pfiff. Das Pony war im Auslauf, drehte aber aufmerksam den Kopf und kam zu mir an die mittlerweile geöffnete Tür. "Hello", murmelte ich mit liebevoll verzogener Stimme. Ich zog ihr das Halfter über, führte sie raus und band sie am Holzgeländer an. Während ich sie gemütlich putzte, lief Jonas mit Diarado durch. "Oi, da ist noch ein wenig Stroh im Schweif", tadelte ich kopfschüttelnd. Er sah unschuldig nach hinten. "Tatsächlich. Wie peinlich." Ich nickte grinsend. "Es soll dir vergeben sein. Was machst du nachher?" "Weiss noch nicht, aber wir können ausreiten gehen. Ich könnte Ravissante nehmen." "Klingt gut, ich komme mit Hallu mit. Wir könnten gleich noch zwei der Minis als Handpferde mitnehmen, dann muss Lewis zwei weniger bespassen." "Wollen wir ihm den Gefallen wirklich tun?", meinte Jonas schelmisch. Mein Blick genügte, dass er weiterlief. Ich kämmte schmunzelnd Bluebells rote Mähne.
      Nachdem ich mit der Ponystute ein paar Seitengänge in der Halle geübt hatte, wollte ich mit Matinée arbeiten. Vor zwei Wochen hatte ich einen neuen Bestechungstrick gefunden, um ihr die Zusammenarbeit mit mir buchstäblich zu versüssen. Die Tierärztin war wegen einer Blutegeltherapie bei Gleam of Light hier gewesen (er hatte ein geschwollenes Sprunggelenk nach einer Keilerei mit Raving Hope Slayer gehabt) und hatte mir ein paar Zuckerwürfel in die Tasche gegeben, um ihn dabei von den kleinen Beisserchen abzulenken. Später am selben Tag hatte ich versucht, die Mustangstute von der Weide zu holen - was wiedermal in ein Fangspiel ausgeartet war. Als sie sich dann endlich hatte aufhalftern lassen, war mir beim Angeln nach einer Belohnung ein verbleibender Zuckerwürfel in die Hand gekommen, also hatte ich ihr den anstelle des Karottenstücks gegeben. Sie hatte zunächst skeptisch darauf herumgebissen, dann aber sofort meine Hand nach mehr abgesucht. Eigentlich war ich ja kein Fan von Zucker als Belohnung, denn es war für die Zähne natürlich milde gesagt suboptimal. Aber es war bisher unmöglich gewesen, die wilde Stute für irgendeine Futterbelohnung derartig zu begeistern. Und in Massen konnte es nicht so wahnsinnig schädlich sein, schliesslich hatten es die alten Meister früher wie selbstverständlich eingesetzt. Seit dem köderte ich die Mustangstute beim Einfangen also mit einem einzigen Zuckerwürfel. Natürlich war mein langfristiges Ziel, eine ausreichende Beziehung zu ihr aufzubauen, sodass ich den Zucker nicht mehr brauchen würde. Aber wenn uns das den Anfang erleichterte und ihr half, sich auf mich einzulassen - warum nicht? Es klappte jedenfalls auch diesmal. Matinée wandte sich mir zu, hielt inne um den Inhalt meiner Hand aus der Entfernung zu beäugen, dann wagte sie die letzten Schritte zu mir hin. Ich überliess ihr den Würfel und umfasste sanft ihren Hals, um ihr das Knotenhalfter anzulegen. Dann führte ich sie zum Nebenstall, wobei sie mir in respektvollem Abstand folgte. Beim Putzen achtete ich wie immer darauf, sie überall anzufassen, damit sie sich daran gewöhnte. Sie tolerierte es mittlerweile, wenn auch manchmal mit angelegten Ohren. Abgesehen von unserem Einfang-Problem war sie inzwischen sowieso eigentlich fast wie ein normales Reitpferd. Wenn Phantom dabei war erst recht - dann liess sie sich auch ohne Zucker fangen.
      Es wurde fast zehn Uhr bis ich die Mustangstute wieder verräumt hatte. Wir hatten nichts Spezielles gemacht, nur weiter an den Grundlagen gefeilt; ein wenig Galopparbeit, Schlangenlinien, Übergänge. Vor dem Mittag begab ich mich auf den versprochenen Ausritt mit Jonas (wir nahmen tatsächlich Daki und Chip als Handponys mit) und longierte danach noch rasch Sweets.
      Am Nachmittag waren Cinni und Vychahr dran. Mit Cinni machte ich einen Ausritt, wobei ich besorgt die regenverheissenden Wolken im Auge behielt, die sich nach und nach über uns sammelten. Muss das denn schon wieder sein? Es hat doch schon die ganze Woche geregnet. Und es ist erst noch zu warm als dass es wenigstens schneien könnte... Wir schafften es trocken nachhause und ich versorgte Cinni mit ein paar wohlverdienten Karotten, die die Ponystute dankend zermürbte. Auch Vilou war heute gut gelaunt und arbeitete konzentriert mit, als ich von ihm mehrere fliegende Galoppwechsel hintereinander verlangte. Am Anfang sprang er nach den ersten beiden Wechseln noch jeweils in den Kreuzgalopp, weil er verwirrt wurde. Aber nach einer Weile hatte er den Dreh raus und verlagerte mehr Gewicht nach hinten, um für die Wechsel bereit zu sein.
      Gegen Abend fuhr ich mit Jacky in die Stadt, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Der Kühlschrank füllte sich leider trotz gutem Zureden nicht von selber. Es hatte glücklicherweise nicht so viele Leute wie sonst um diese Uhrzeit, sodass ich rasch vorankam. Die Regenwolken, die sich den ganzen Nachmittag über aufgeplustert hatten, begannen nun ihren Inhalt auf die sonst schon grüne Landschaft zu ergiessen. Ich hatte keinen Schirm dabei, also rannten Jacky und ich die Strecke vom Auto zum Laden. Auf der Rückfahrt drehte ich den Radio ein wenig auf und beobachtete gedankenversunken die vorbeiziehenden Lichter, während ich das Innere Birminghams verliess. Jacky lag vermutlich zusammengerollt auf ihrer Decke im Kofferraum, wie sie es immer tat, wenn wir fuhren. Das regelmässige Geräusch des Scheibenwischers war beinahe hytpnotisierend. Es ist schon seltsam, wie sich mein Leben bisher entwickelt hat. Eigentlich habe ich alles, was ich mir je gewünscht habe bekommen. Ein grosses Gestüt, Erfolg im Rennsport, einen gutaussehenden, humorvollen Partner (bei dem Gedanken kam ich nicht umhin zu schmunzeln), viele tolle Pferde und eine coole Truppe von Angestellten, auf die ich mich verlassen konnte - sowohl bei der Arbeit, als auch als Freunde. Mein Leben ist sozusagen perfekt. Ich glaube, wenn ich heute sterben würde, könnte ich behaupten, all meine Ziele erreicht zu haben. Die Gedanken stimmten mich nostalgisch und ich dachte an meine Anfänge auf Pineforest. Wie ich zu Beginn schier überfordert mit der grösse des Gestüts gewesen war. Nur um später festzustellen, dass es doch beinahe nicht austeichend Platz bot. Wie ich zum ersten Mal mit Stromer auf der Rennbahn gearbeitet hatte. Und dann sein erstes Rennen. Die ganzen Turniere mit Pilot, und mein Einstieg in die Welt der Miniature Horses mit Daki. Es war so viel passiert seither. So viel hatte sich verändert, aber vieles war immernoch gleich geblieben. Ich summte zu dem Lied, das gerade lief - ... won't ever be alone, wait for me to come home... Mittlerweile war ich auf einer Landstrasse und es hatte keine Strassenlaternen mehr. Auf der einen Seite erstreckte sich eine niedrige Steinmauer, auf der anderen reihte sich ein Gebüsch nach dem anderen, einen kleinen Bach säumend. Gerade als die Mauer aufhörte und ein grosser Acker begann, sprang plötzlich ein Rehbock vor mir aus dem Ufergebüsch. Erschrocken trat ich voll auf die Bremse und versuchte auszuweichen. Es ging alles viel zu schnell; auf der Regennassen Strasse geriet mein Wagen ins Schlittern und ich realisierte noch, wie es wortwörtlich "bachab" ging, ehe alles dunkel wurde.
      Jonas
      Es ist schon seltsam, wie wir Dinge, die uns alltäglich bebegnen, irgendwann nicht mehr wertschätzen. Man hält sie einfach für selbstverständlich. Erst, wenn sie fehlen, wird einem bewusst, wie sehr man sie braucht. Und dass man sie von einem Tag auf den anderen verlieren könnte, daran denkt man oft gar nicht. Lily kam reingeplatzt. "Jonas, Jacky winselt schon wieder die ganze Zeit. Ich kann mich so nicht auf Mathe konzentrieren!" "Sie vermisst eben Occu... Ich komme sie holen." Ich lief mit zum Haus und rief die Jack-Russel Terrier Dame zu mir. Ich kraulte sie tröstend beim Halsband. "Come on, sweetheart. I miss her too. But whining is not gonna bring her back. You are lucky you survived. That damn deer was lucky, too." Zira lag in ihrem Körbchen und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Als sie sah, dass nichts Erwähnenswertes passierte, legte sie den Kopf wieder auf ihre Vorderpfoten. Jacky folgte mir auf mein Kommando hin und begleitete mich zurück zu den Ställen. Ich hatte zu viel zu tun, um mir über den Unfall noch mehr den Kopf zu zerbrechen. Schliesslich musste ich alle von Occus Aufgaben zusätzlich übernehmen. Lisa hatte zwar angeboten, mir vorläufig unter die Arme zu greifen, aber ich wollte die Verantwortung nicht abgeben. Ich ritt den ganzen Tag ein Pferd nach dem anderen, erledigte bis acht Uhr jede Menge Papierkram und kochte für Lily. Danach stieg ich mit Jacky ins Auto und fuhr in Richtung Birmingham. Es war fast schon gespenstisch hell draussen, denn der Mond wurde ausnahmsweise von keiner einzigen Wolke gestört. Der Himmel war sternenklar und die Luft bitterkalt. Es hatte nach dem Regen der vergangenen Tage einen Temperatursturz gegeben, sodass der Winter nun quasi ein Comeback feierte. Gerade mal drei Tage waren seit dem Unfall vergangen, aber es kam mir bereits vor wie eine Ewigkeit. Pineforest war einfach nicht dasselbe ohne Occu, wie ich einmal mehr feststellte. Jacky wurde schon ganz ungeduldig, als ich auf den grossen Parkplatz fuhr. Sie winselte und kratzte an ihrem Drahtkäfig im Kofferraum. Ich vertröstete sie und stieg alleine aus - sie durfte ohnehin nicht mit rein. Ich meldete mich beim Empfang, dann lief ich den langen Korridor entlang, unterwegs verschiedenste Leute kreuzend. Mit einem Klicken öffnete sich die Tür zu einem sauberen, mit tiefgründigen Bildern dekorierten Zimmer. "Das hat aber gedauert. Ich dachte schon, du kommst heute nicht mehr." Beim Klang der Stimme drängte sich automatisch ein Lächeln auf mein Gesicht. "I'm sorry, I kinda had to work for two today." Ich beugte mich über das Bett und gab Occu, die auf der Kante sass, einen Kuss. "Good to see you", flüsterte ich. "Yeah", hauchte sie zurück. "How's Jacky?" "She misses you, of course. But other than that she's fine. She doesn't seem to mind getting into the car either. In fact, she seemed quite eager to get in and meet you." "Let's not keep her waiting then." Occu war längst umgezogen und bereit, nachhause zu fahren. Sie stand auf und pflückte ihre Jacke vom Haken hinter der Tür. "By the way, why are you talking English?" "Habit. Ich musste in den letzten drei Tagen mit soo vielen englischsprachigen sprechen - many of them verrry British." Sie gluckste belustigt über meine übertriebene Aussprache und folgte mir nach draussen. Sie hatten Occu vor allem zur Sicherheit im Krankenhaus behalten, falls sie doch noch ein Schädeltrauma davongetragen haben sollte - sie hatte nämlich über leichte Kopfschmerzen geklagt. Aber erstaunlicherweise schien sie mit ein paar blauen Flecken davongekommen zu sein. Draussen gab es eine stürmische Begrüssung von Jacky, die rausgehechtet kam, bevor ich die Autotür überhaupt ganz öffnen konnte. Bei der Heimfahrt redeten wir nicht viel, aber eine tiefe Zufriedenheit lag in der Luft: es war ein Moment, den ich einfach nur genoss, glücklich, dass alles so war und blieb, wie es war.
      Zuhause bestand Occu darauf, zuallererst eine Stallrunde zu machen. Ich hatte nichts geringeres von meiner Partnerin erwartet. Ich war erleichtert, als sie ein zufriedenes Lächeln aufsetzte. Ich hatte meine - ihre - Arbeit also gut gemacht. Endlich begaben wir uns ins warme Haus und ich befahl Occu, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen. In der Küche hatte ich eine Flasche Wein vorbereitet. Als wir aneinandergekuschelt dasassen und an unseren Gläsern sippten, sagte Occu plötzlich "Pinot." Ich runzelte die Stirn. "Ja. Was ist damit? Den hast du übrigens rausgesucht, als wir zusammen in London waren." "Der Name, für das Rappfohlen. Pinot Noir. Hat doch was elegantes, findest du nicht?" Ich schmunzelte und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.

      Unter Vierbeinern
      Compliment, PFS’ Captured in Time, tc Miss Moneypenny, Primo Victoria, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Challenging Time, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Areion, Diarado, Vychahr, Flintstone, PFS’ Bacardi Limited, PFS’ Navy Sniper, PFS’ Skydive, Brendtwood, Halluzination, PFS’ Ravissante, Cambria, Yoomee, Cinnemont’s History, Silverangel, Fake my Destiny, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Chanda, Feline, Lovely Summertime, PFS’ Ljúfa, Scooter, PFS’ Reverie, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Karat, Louvré, PFS’ Lyskra, PFS’ Murphy’s Law, PFS’ Global Riot, PFS’ Pinot Noir, PFS’ Dahu, PFS’ Baila, PFS’ Rune, PFS’ Faro, PFS’ Charivari, HMJ Honesty
      Der Morgen begann vielversprechend. Das Training der ersten Vollblüter brachte einen neuen Bahnrekord bei den Vierjährigen, natürlich wie erwartet von Couterfire. Die Fuchsstute hatte ihre eigene Bestzeit von vor zwei Wochen geknackt und gleichzeitig auch die aller unserer bisherigen Vierjährigen auf der hauseigenen Grasbahn. Ich war unglaublich stolz, als sie, noch immer schnaufend, zurück zum Hauptstall kam. Sofort half ich Quinn, indem ich die Stute hielt, während sie vom Rücken sprang, den Gurt löste und die Bügel hochschob. Sobald der Sattel weg war, führte ich Counterfire noch einen Moment herum, bis sich ihre Atmung normalisiert hatte. Dann brachte ich sie zum Waschplatz und spülte den ganzen Schweiss ab. Anschliessend kam sie mit einer Abschwitzdecke in die Führmaschine. Dasselbe machten wir auch mit Dolly, Compliment und den anderen Vierjährigen. Compliment war beim Waschen zappeliger als sonst. Ajith beeilte sich deshalb, damit der junge Hengst nicht zu lange stillstehen musste. Es hatte keinen Sinn, ihn zu massregeln, denn er war nunmal noch aufgedreht vom Training. In der Führmaschine beruhigte er sich aber rasch und lief nach wenigen Augenblicken brav mit dem Gitter vor ihm mit. Ich hatte während des Trainings der Vierjährigen noch Primo verräumt, die ich zuvor selber galoppiert hatte. Die Ikarus-Tochter war gut in Form und zeigte eine stabile Leistung im Training, nicht wie Ciela, die im Moment sehr Launisch schien. Penny war in letzter Zeit ebenfalls nicht ganz auf der Höhe gewesen, aber das hatte damit zu tun, dass sie auf der Weide einen Tritt von Primo kassiert hatte. Ihr Sprunggelenk hinten war ein paar Tage geschwollen gewesen, aber der Tierarzt hatte Entwarnung gegeben und sie war nie Lahm gelaufen. Ich wollte Primo demnächst wieder an ein Rennen anmelden, aber im Moment konzentrierte ich mich ganz besonders auf den dreijährigen Nachwuchs. Karma, Indy und Saphi hatten dieses Wochenende Renntag; heute stand deshalb ein letztes Mal vor dem Rennen intensives Kopf-an-Kopf Training auf dem Plan. Ich übernahm Karma, gleich nachdem wir uns um Counterfire gekümmert hatten. Die grossgewachsene Stute war schon beim Satteln ungeduldig, und auch beim Aufsteigen wurde es nicht besser. Ajith musste mir quasi im Mitlaufen hoch helfen. Ich führte die Gruppe zum Galoppweg an und gab somit auch das Trabtempo unter den Tannen an. Erst nach einer ganzen Runde Trab wechselten wir auf die Grasbahn. Damit der empflindliche Rasen nicht immer an denselben Stellen beansprucht wurde, achteten wir stets darauf, uns gut zu verteilen. Trotzdem war so eine Grasbahn natürlich ziemlich aufwändig instand zu halten. Wir mussten andauernd Löcher Flicken und besonders im Sommer darauf achten, dass das Gras genügend bewässert wurde. Bei anhaltendem Regen oder Bodenfrost im Winter konnten wir die Bahn nicht benutzen und mussten die Pferde entweder anderweitig trainieren oder auswärts auf eine Sandbahn ausweichen. Trotzdem war ich zufrieden mit der Grasbahn, denn sie war schonender für die Pferdebeine und die Vierbeiner mochten sie auch lieber als Sand. Ausserdem waren ohnehin viele der Rennen in England auf Turf. Ich hielt Karma am Anfang zurück, sodass sie gespannt wie eine Bogensehne wurde und zwischendurch frustriert grunzte. Ich ignorierte ihr Getue und wartete, bis die anderen beiden uns eingeholt hatten. Dann liessen wir die drei Stuten ausstrecken. Sie bretterten rhythmisch über den Rasen, bis wir die 1000 Meter Markierung erreicht hatten und uns in den Sätteln aufrichteten. Karma hatte die Nase vorne gehabt. Die Stute hatte durch ihre Grösse einen Vorteil. Oliver und ich waren aber mit der Leistung aller drei Stuten zufrieden. Ich liess Karma austraben, ritt sie gründlich Schritt zum auskühlen und duschte sie anschliessend wiederum ab. Oliver kam auf mich zu, als ich sie in die Führanlage brachte. „I talked to Rick yesterday; he raved over his new water treadmill. Many trainers use them these days.” “Yeah, I read about it, too. Sound pretty darn cool, for sure…”, meinte ich nachdenklich. “You think it is worth considering?“, fragte er unauffällig. „I’d have to create a budget, and think of a place to build such a thing.” “It depends whether you want a round version, like the walker, or just a small treadmill - or a straigt channel.” “I think it would be best to have something straight, where they don’t have to bend. But I don’t like the treadmills, they make even me claustrophobic. I think I’d prefer a channel, then we could also use it for several horses at the same time.” “Good thought. Should I ask around what the other trainers have in their backyards?” “That would be helpful, yes.” Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, eine Art Aquatrainer zu bauen. Natürlich war es eher ein Luxus und keine Notwendigkeit, aber ich fand es eine nette Abwechslung für die Pferde, und richtig eingesetzt war ich sicher, dass es auch durchaus seinen Nutzen haben konnte.
      Nach einer kleinen Teepause kümmerte ich mich um die Ausbildung von Karat. Der Fuchshengst machte sich hervorragend unter dem Sattel. Er war ein fleissiger Schüler, und abgesehen von ein paar schlechten Tagen auch sehr angenehm zu reiten. Nur zwischendurch hatte er seinen eigenen Kopf und konnte dann auch ein wenig ‚bockig‘ werden. Er war wie ein kleines Kind, das eigentlich alles richtig machen wollte, aber sich manchmal selber im Weg stand. Alles in allem machte es grossen Spass, ihm die Welt zu erklären. Beim Putzen spielte er heute gelangweilt mit dem Anbindeseil und verscheuchte zwischendurch überdeutlich all jene Fliegen, die es wagten, sich an seinen fuchsfarbenen Bauch zu verirren. „Vonwegen Bauch – der ist ganz schön rund. Du musst deinen Babyspeck loswerden“, murmelte ich liebevoll, während ich seinen Hals entstaubte. Die kleinen Staubwolken, die sich dabei bildeten, drohten gleich wieder auf seinem Fell zu landen, denn die Fenster des Nordstalls waren alle offen und draussen windete es zunehmend. Ich drehte Karat daher kurzerhand um, sodass der Wind den Staub wegblies. Nachdem ich auch die Hufe ausgekratzt hatte, sattelte ich ihn und führte ihn anschliessend auf den Reitplatz. Es war erst neun Uhr morgens, aber am Horizont zogen dunkle Wolken auf, so dass fast schon eine Art Abendstimmung aufkam. Ich betrachtete die Wolken skeptisch, beschloss aber, dass wir rechtzeitig vor dem Regen fertig sein würden. Durch den Wind war Karat etwas aufgeregter als sonst. Er schritt zügig über den Sand und glotzte in der Gegen herum. Solange wir beim Aufwärmen waren, liess ich ihn machen. Aber sobald ich die Zügel aufnahm, verlangte ich Konzentration von ihm. Karat lief diesmal auch in den höheren Gangarten etwas spannig und übereifrig. Verständlich, nach dem erneuten Temperatursturz von letzter Nacht. Ich machte das Beste daraus und verlangte vorwiegend Lektionen und Figuren, die bremsend wirkten. So zum Beispiel kleine Volten in korrekter Biegung. Am Ende schnaubte Karat jedenfalls zufrieden ab und hob den Rücken schön an. Es begann zu tropfen, also beeilte ich mich mit dem Austraben und ritt dann direkt zum Nordstall zurück. Wir konnten uns gerade noch rechtzeitig unter das Dach zwischen dem Nordstall und dem Neubau retten, dann begann es wie aus Eimern zu schütten. Ich klopfte Karat beruhigend auf die Schulter, als er wegen des lauten Prasselns des Regens auf dem Dach laut schnaufte und den Hals aufrichtete. Lisa und Jason kamen mit den beiden Reitponys Bacardi und Sniper angejoggt. Ich machte ihnen Platz. Sie hatten Pech gehabt und waren nun tropfnass. Bacardi und Karat streckten unbemerkt die Köpfe zusammen und quietschten scharf auf. Ich stellte mich so nebenbei dazwischen und fragte Jason, ob er mit Sniper auch Galoppwechsel geübt hatte. Er bejahte und ich gab ihm ein zufriedenes Daumen-Hoch. Wir warteten ein paar Sekunden, dann hasteten wir ins Innere des Nordstalls. Dort versorgte ich Karat und reichte den beiden Pflegern dann zwei Frottéetücher aus dem Schrank, damit sie sich selbst und die Sättel abtrocknen konnten. „You think they need a rug?“, fragte Jason. „No, it‘s warm enough. No need to pamper them unnecessarily.” Der Regen liess nicht nach, inzwischen hagelte es sogar zeitweise. Ich beschloss, mit Flint weiterzumachen, anstatt in den Nebenstall zu wechseln. Ich hatte die Hoffnung, dass das Gröbste vorüber sein würde, wenn ich ihn fertig geputzt hatte. Der Paint Hengst begrüsste mich mit einem leisen Brummeln. Ich streifte das Halfter über seine rosa Schnauze und band ihn in der Stallgasse an. Lisa hatte das Licht angelassen, weil es draussen so apokalyptisch dunkel war. Ich begann mit dem Gummistriegel und arbeitete mich mit kreisförmigen Bewegungen über den gesamten Rücken und Hals des Hengstes. Er spitzte genüsslich die Lippen und lehnte sein Hinterteil leicht gegen mich. Sein kurzes Sommerfell war pflegeleicht. Den wenigen Staub, der sich darin gesammelt hatte, konnte ich einfach mit der Bürste wegwischen. Danach schimmerten die wenigen dunklen Flecken des Hengstes wieder, und die weissen glänzten ebenfalls ein wenig im Licht der Lampen. Ich holte einen feuchten Schwamm und wusch dem Hengst die Nüstern – Zeit hatte ich mehr als genug, denn der Sturm wütete noch immer. Im Anschluss ölte ich noch gleich die Hufe ein, schnipselte ein wenig an Flints Mäne herum und massierte den Paint Hengst. Ich hatte keine Massage-Ausbildung oder so, aber ich beobachtete sehr genau, wie er auf die verschiedenen Druckpunkte reagierte und passte meine Bewegungen entsprechend an. Jedenfalls machte ich irgendetwas richtig, denn schon nach wenigen Griffen senkte er den Kopf und hing entspannt in den Anbindeseilen. Endlich wurde das Trommeln auf dem Dach sanfter und auch das gelegentliche Donnern von zuvor immer seltener. Ich wagte zusammen mit Lisa einen hoffnungsvollen Blick aus dem Tor. Wir waren uns einig und holten die Pferde; sie hatte nämlich inzwischen Vychahr geputzt. „Mit Woody hätte es gar keinen Sinn, jetzt vernünftig arbeiten zu wollen. Der könnte sich sowieso nicht konzentrieren bei dem Wetter. Ich will heute unbedingt an den Galoppübergängen arbeiten, er braucht dafür immernoch zu lange“, erklärte sie mir beim Zäumen. Wir führten die beiden Hengste zum Tor, zählten bis drei und joggten dann durch den nachlassenden Regen zur Halle. Ich ritt mit Flint diverse Reining-Lektionen, einfach zum Spass und als Abwechslung von den strengen Pleasure- und Horsemanship-Patterns, die wir sonst übten. Ihm machte es anscheinend auch Spass, denn er wurde mit der Zeit etwas übermütig, sodass ich wieder ruhigere Lektionen abfragte und am Ende besonders Schulterherein übte. Vor dem Mittag bewegte ich anschliessend noch Halluzination. Ich liess sie einen einfachen Trainingsparcours springen – just for fun. Sie war so erfahren im Springen, dass es keinen Sinn machte, noch regelmässig mit ihr an der Technik zu feilen. Stattdessen konzentrierten wir uns auf die Motivation und die Erhaltung ihrer Muskulatur. Ich war zufrieden mit ihrer Leistung und sie schien eifrig mitzumachen, obwohl sie beim Putzen etwas herumgezickt hatte. Darren und Diarado übernahmen den Parcours gleich nach uns in ähnlicher Manier, während ich Hallu verräumte und anschliessend Mittagessen kochen ging. Lily hatte am Nachmittag Schulfrei, also konnten wir gleich nach dem Essen zusammen ausreiten gehen. Wir nahmen mit Areion und Reverie die Route zum Fluss. Der jungen Stute tat es gut, so viel wie möglich rauszukommen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mich etwas veräppelte. Zum Beispiel scheute sie auch diesmal wieder vor der Holzbrücke, obwohl wir diese mittlerweile bestimmt schon zwanzig Mal überquert hatten, und es die letzten Dreimal kein Problem gewesen war. Ich begegnete der jungen Stute jedoch trotz allem mit der nötigen Geduld und erklärte ihr erneut, dass die Planken stabil genug waren. Am Ende glaubte sie es mir unter anderem Dank Areion, der brav vorausging. Lily und ich plauderten über die letzten paar Turniere, besonders aber über Ravissantes hervorragenden zweiten Platz im Synchronspringen mit einer Warmblutstute namens Maleficient. Sie machte sich langsam wirklich gut als Springpferd, wobei unser Hauptziel aber noch immer Military war. „Und wann reitest du Solas, Clooney und Chia endlich ein?“, fragte Lily frech. „Bald. Im Moment habe ich zu viel andere Baustellen, ausserdem eilt es nicht. Es reicht, dass wir Chime dieses Wochenende in den Hauptstall bringen. Bin gespannt, wie sie sich unter dem Sattel machen wird.“ „Ich auch.“ Chime sah so gut aus wie noch nie. Sie war nachwievor dünn, aber sie hatte einen Wachstumsschub hinter sich und besonders ihre Brust war etwas breiter geworden. Es sprach auch laut Tierärztlicher Abcheckung nichts dagegen, sie nun schohnend auszubilden. Ob ich sie auf die Rennbahn lassen wollte, wusste ich jedoch noch nicht so genau. Es kam ganz darauf an, wie sie die ersten Trainings vertrug.
      Nachdem wir zurück auf dem Hof waren, ging ich gleich erneut mit einer Gruppe auf einen Ausritt – diesmal eine ganze Horde Reitponys. Lea, Ruth, Sheridan und Alec, Angelinas Sohn, kamen mit Silver, Sweets, Bluebell und Cinni mit. Ausserdem waren Lily und Suri mit Skydive und Scoot dabei. Ich selber ritt Shira. Scoot zockelte brav neben Skydive her, doch der Schein trügte: das Pony hatte es faustdick hinter den Ohren. Während sie in der Halle meistens willig mitmachte und sich benahm, zeigte sie draussen oft etwas mehr Leben und war im Galopp mit Suri sogar schon zweimal durchgebrannt. Deshalb trug Suri mittlerweile auch einen Rückenprotektor – Anweisung ihres Vaters. Ich war zuversichtlich, dass das Mädchen bald lernen würde, ihr Pony besser zu kontrollieren. Die beiden mussten sich nur zuerst finden und zu einem Team werden. Angst schien Suri nicht zu haben, oder sie liess es sich nicht anmerken. Lily unterstützte sie tatkräftig; die beiden verbrachten oft ganze Abende nach der Schule bei den Ponys und ich hatte sie sogar schon bei zusätzlichen Balanceübungen, zum Beispiel über Trabstangen, erwischt. Ich musste dann jeweils über den jugendlichen Enthusiasmus schmunzeln. Wir liessen es uns nicht nehmen, die Pferde zum Flussufer zu reiten und kurz bis zu den Karpalgelenken ins Wasser zu waten. In der Gruppe gingen auch alle ohne übermässiges Zögern mit hinein. Sweets stampfte und spritzte alle um sie herum nass. Nach unserer Rückkehr kümmerte ich mich noch um Yoomee. Ich longierte die Stute im Roundpen, wobei ich versuchte, unsere gemeinsame Körpersprache weiter zu verfeinern. Lisa ritt mit Nimué vorbei – sie war auf dem Weg zur Galoppwiese. Ich wünschte ihr einen schönen Ritt. Mir fiel auf, dass bei den Fohlen Unruhe herrschte, also unterbrach ich die Arbeit mit Yoomee kurz, um Lewis zu holen. Erst, als wir bei den Weiden ankamen, wurde klar, was die Ursache war: Lyskra war ausgebüxt. Die Jährlingsstute hatte wohl irgendwie das Weidetor geöffnet, oder jemand hatte es offengelassen – jedenfalls war sie auf der falschen Seite des Zauns. Erstaunlicherweise hatten Chime, Charivari und Chia ihre Chance nicht gepackt und waren im Inneren der Weide geblieben. Die Junghengste sahen gespannt zu, wie wir die Isländerstute wieder einfingen – zuvorderst Louvi, der sogar einmal laut wieherte. Drüben auf der Stutenweide schien die Vorführung ebenfalls Anklang zu finden. Viele neugierige Pferdeköpfe drängten sich an den Zaun. „Man könnte meinen, euch allen sei langweilig“, murmelte ich kopfschüttelnd. Die jungen Fohlen schienen weniger interessiert. Baila, Pinot, Riot und Rune lagen allesamt im Gras und dösten. Einzig Dahu stand neben ihrer Mutter glotzend am Zaun. Murphy konnte ich auf den ersten Blick gar nicht sehen, aber dann bemerkte ich einen fuchsfarbenen Fohlenschweif und ein paar lange Stelzenbeine hinter Chanda. Seine eigentliche Mama graste etwas abseits. Faro und Feline waren im hintersten Teil der Weide mit Grasen beschäftigt. Sobald Lyskra wieder sicher hinter dem Zaun war, konnte ich mich wieder Yoomee widmen, die inzwischen ein Sandbad im Roundpen genommen hatte.
      HMJ Honesty war heute ein kleiner Wildfang. Wir hatten den ersten schlechten Tag seit langem, und es ging so weit, dass sie mich herunterbockte. Ich liess mich davon nicht entmutigen, denn Rückschritte gehörten nunmal mit zum Training. Aber ich beschloss, die nächsten paar Tage wieder etwas mehr an den Grundlagen zu arbeiten, denn ich vermutete, sie mit der heutigen Aufgabe ein wenig überfordert zu haben. Ich hatte ein paar Gymkhana Gegenstände aufgestellt, darunter die Blache, die sie so schrecklich unheimlich fand. Ich führte sie nach meinem Sturz vom Boden aus darüber, ehe ich noch einmal aufstieg und sie darüberritt. Danach liess ich es gutsein und lobte sie. Ich wollte mit einem guten Erlebnis aufhören.
      Gegen Abend gab ich Lily, Robin und Lea Reitstunde, auf Fake, Cambria und Ljúfa. Danach musste ich nur noch Summertime bewegen, bevor ich für heute Feierabend hatte. Für sie holte ich tatsächlich nochmal ein paar Trabstangen und Cavaletti hervor, damit wir ein paar Trail Übungen machen konnten. Am Ende des Tages liess ich mich erschöpft aber glücklich in meine Hängematte im Garten fallen. Jonas kam zu mir und gab mir einen Kuss. Ich zog ihn näher heran, bis er sich ebenfalls vorsichtig in die Hängematte setzte. Zum Glück hielt sie, sodass wir ungestört kuscheln und den Abend geniessen konnten, während Lily mit Kafka auf dem Rasen ein Feder-Angelruten-Spiel spielte.

      Nebliger November
      Khiara El Assuad, Indiana, Vai Alida, Coulee, Iskierka, Compliment, PFS’ Northern Dancer, PFS’ Stromer’s Painting Gold, PFS’ Captured in Time, tc Miss Moneypenny, Primo Victoria, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, PFS’ Snap Cat, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Challenging Time, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Areion, Diarado, Unbroken Soul of a Rebel, Flintstone, Ljóski, PFS’ Bacardi Limited, Brendtwood, Halluzination, PFS’ Ravissante, Cambria, PFS’ First Chant, Cinnemont’s History, Eismärchen, Silverangel, Fake my Destiny, River’s Lychee, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Piroschka, Chanda, Lovely Summertime, Phantom, Matinée, PFS’ Ljúfa, PFS’ Dancin’ to Jazz, Scooter, Beck’s Experience, Glenns Caress, Dakota S, Lady Diva from the Sky, Chocolate Chip, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, Tigrotto, Snottles Peppermint, Blue Dawn’s Nachtfalke, PFS’ Arctic Silver Lining, PFS’ Arctic Rainstorm, PFS’ British Oreo Rascal, PFS’ Glenn’s Dare to Shine, Beck’s Daisy Orchid, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Reverie, PFS’ Soñando Solas, PFS’ Clooney, PFS’ Karat, Cabaret, Louvré, PFS’ Lyskra, PFS’ Murphy’s Law, PFS’ Global Riot, PFS’ Pinot Noir, PFS’ Dahu, PFS’ Baila, PFS’ Rune, PFS’ Faro, PFS’ Charivari, PFS’ Nemo, PFS’ Otello di Verdi, PFS’ Braemble, HMJ Honesty, BR Wherigo, PFS’ Móinn, Þota von Atomic
      Nebel, so weit das Auge reichte - also nicht besonders weit - empfing mich an diesem kühlen Herbstmorgen, wie auch schon in den Tagen zuvor. Es war noch stockfinster um sechs Uhr morgens. Seit ein paar Wochen verbrachte ich besonders viel Zeit im Stutenoffenstall; das hatte einen flauschigen, orange-pelzigen Grund namens Móinn. Jeden Morgen hastete ich als erstes zu ihm, um nach ihm zu sehen und ihm die erste Flasche des Tages zu geben. Er war zumindest gesund, wuchs und trank normal, also schien ich soweit alles richtig zu machen. Trotzdem war ich jedesmal angespannt, wenn ich den Offenstall betrat. Insgeheim rechnete ich wohl noch immer damit, ihn eines Tages leblos im Stoh vorzufinden. Zum Glück war er auch heute noch schön warm, als ich ihn zur Begrüssung kraulte, und untersuchte sofort eifrig meine Finger. Er wusste inzwischen genau, dass ich die Flasche brachte. Im Moment hatte er noch kaum Zähne, da war es noch süss, wenn er einem an den Fingern nuckelte. Aber bald schon würde er nicht mehr so sanft sein, das wusste ich nur zu gut von den vielen anderen Fohlen die wir über die Jahre hinweg gezüchtet hatten. Matinée, die neben dem Isländerfohlen gestanden hatte, wich ein wenig zurück und beobachtete mich argwönisch. Sie war nicht zufällig dort gewesen. Am Morgen nach Móinns Geburt hatte die mausgraue Stute offenbar beschlossen, das verwaiste Fohlen zu sich zu nehmen. Seither behielt sie ihn stets im Auge und lenkte ihn von den anderen Stuten und auch von den Zweibeinern weg. Sie drängte sich dazwischen um ihn zu beschützen, wenn der Kleine neugierig näherkommen wollte, oder sich eine andere Stute ihm näherte. Natürlich konnte sie ihm keine Milch geben, weshalb ihr Verhalten zwar nett gemeint, aber manchmal etwas problematisch war, vor allem wenn ich den kleinen füttern wollte. Zum Glück war Móinn erstaunlich zutraulich, trotz seiner misstrauischen Ersatzmutter, und schaffte es immer irgendwie zu mir hin zu kommen, zu Matinées Missfallen. Die Stute war im Umgang eigentlich mittlerweile ganz anständig. Aber sie beschäftigte sich nur mit dem Menschen, wenn es sein musste. Ich liess sie auch grösstenteils in Ruhe, abgesehen von Ausritten und etwas Muskelarbeit in der Halle. Móinn hielt ich die Flasche hin und er sog sie eifrig aus - zum trinken musste man ihn nie zweimal bitten, er hatte diese Art der Fütterung gut angenommen. Das machte es geradezu leicht ihn grosszuziehen; Ich hatte schon von Fällen mit mäkeligen Trinkern gehört, die weitaus mühsamer gewesen waren. Sobald er alles leergetrunken hatte, kraulte ich ihn ein wenig, bevor er zurück zu der Mustangstute stakste und sich die beiden zum nun aufgeschobenen Tor hinaus auf die Weide bewegten.
      Ich lief noch meine Komtrollrunde zuende, dann machte ich mich auf den Weg zum Hauptstall. Der November hatte gerade erst begonnen. Für den zweitletzten Monat des Jahres waren mir unter anderen Compliment und Sciaphobia zugeteilt. Den schwarzen Hengst ritt ich zuerst. Ich hatte zugegebenermassen noch nicht sehr viel persönliche Zeit mit ihm verbracht, seit ich ihn übernommen hatte. Das lag nicht daran, dass ich ihn nicht mochte, sondern einfach an der vielen sonstigen Arbeit, die ich zu erledigen hatte. Es war manchmal wirklich nicht einfach, bei so vielen Pferden mit allen gleichermassen Zeit zu verbringen. Aber genau deswegen planten wir die Monatsverteilungen so sorgfältig - so wurde jedes Pferd ausreichend betüddelt. Nur manche kamen damit nicht klar und wollten lieber eine oder zwei bestimmte Bezugspersonen. Zum Beispiel Clooney - aber dazu später mehr. Compliment liess sich brav in der Stallgasse anbinden. Er wollte neugierig an der Bürste schnuppern, die ich benutzte um seinen Kopf zu putzen. Ich liess ihn, denn ich war den anderen sowieso voraus mit dem Putzen. Compliment schloss genüsslich die Augen und senkte den Kopf, als ich seine Stirn gleich unterhalb der Stirnfranse bürstete. Seine unregelmässige Blesse und das glänzende, schwarze Fell liessen keine Zweifel daran, dass er Indianas Sohn war. Ich kratzte ihm die Hufe aus und klopfte als Lob auf seine kräftige Schulter, als er alle vier Hufe ohne Zögern hochgehalten hatte. "Such a lovely boy." Parker und Charly hatten ihn anscheinend gut erzogen, oder aber seine Manieren von vorher beibehalten. Ich sattelte ihn mit Trainingssattel, Lammfellgurt und dickem Pad. Als Trense nahm ich eine gewöhnliche englische, ohne Nasenband für bessere Atemfreiheit und mit einfacher Olivenkopftrense. Er kaute entspannt darauf herum, während ich ihn zum Aufsteigen rausführte. Das Training verlief tadellos, Oliver war ausnahmsweise zufrieden mit uns. Compliment hatte eine tolle Arbeitseinstellung und war leichtrittig. Das machte vieles einfacher. Ich stellte sicher, dass ich den gröbsten Schweiss mit einem grossen Schwamm und warmem Wasser abwusch, dann packte ich ihn in eine Fleecedecke und brachte ihn zum trocknen in die Führanlage, wie die anderen Pferde der Gruppe.
      Nun war Saphi an der Reihe, während Compliment im Karussell seine Runden drehte. Ich wurde noch immer wehmütig, wenn ich sie von weitem sah. Sie glich ihrem Vater einfach viel zu sehr, und ich vermisste den Schecken. Es war ein Trost, dass seine Tochter so ein vielversprechendes, starkes, gesundes Tier war. Ihre wohlbemuskelte Hinterhand und die sehnigen Beine wirkten wie gemacht für hohe Geschwindigkeiten. Sie glich aber beinahe mehr einem Quarterhorse, mit ihrer breiten Schulter. Auf den ersten Blick hätte sie auch ein Hengst sein können, aber dafür war ihr Hals zu schmal. "Eine richtige Maschine bist du", murmelte ich, während ich ihren Scheif ausbürstete und die schön eingebettete Rückenlinie von hinten betrachten konnte. "I like big butts", stellte ich einmal mehr grinsend fest. Auch Saphi musste durchs Intervalltraining. Wir steigerten die Geschwindigkeit im letzten Intervall im Vergleich zum vorherigen Monat. Für die Scheckstute war das nicht wirklich ein Problem, aber sie schwitzte am Ende doch noch ordentlich. Ich wusch deshalb auch sie gründlich ab, ehe ich sie in die Führanlage brachte. Langsam wurde es taghell und der Nebel wurde lichter. Compliment stand inzwischen wieder in seiner Box und verzehrte seinen morgentlichen Heuhaufen. Ich fand es wichtig, dass die Pferde immer etwas zu kauen hatten, damit ihnen nicht langweilig wurde. Das beugte ausserdem Magengeschwüren vor, und so entstanden Verhaltensstörungen wie Koppen oder Weben gar nicht erst. Es lag bekanntlich in der Natur eines Pferdes, den ganzen Tag über kontinuierlich Futter aufzunehmen. Das wusste niemand besser als HMJ Honesty, die scheinbar nimmersatte Mustangstute. Mit ihr verbrachte ich an diesem Vormittag ebenfalls eineinhalb Stunden - sicher ein Drittel dieser Zeit musste ich für die Fellpflege aufwenden. Sie hatte sich wieder alle Mühe gegeben um sich möglichst unattraktiv für Reiter zu gestalten. Aber ich liess mich davon nicht abschrecken, denn für diesen Zweck waren Metall-Federstriegel, oder wie ich sie gerne nannte "Kuh-Striegel", erfunden worden. Honesty hatte sich sogar ihre Ohren eingesaut. Sie musste also den Kopf richtiggehend in den Schlamm gedrückt haben. Auf der Stutenweide hatte es eine Stelle, an der die Pferde immer wieder durchliefen, wodurch sie so richtig sumpfig war. Offenbar war ebendiese Stelle extrem beliebt für Schlammbäder. Die restliche Wiese sah noch einigermassen intakt aus. Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, Gummimatten oder Sand über das Schlammloch zu legen, aber so riskierte ich eher, das Problem an eine neue Stelle zu verlagern. Seufzend schrubbte ich den gescheckten Rücken vor mir. Honesty wich ein wenig aus, als ich in den Lendenbereich auf der linken Seite kam. Ich hielt inne und massierte die Stelle mit sanftem Druck von Hand. Honesty leckte sich die Lippen und begann zu gähnen - Stressabbau. Offenbar waren ihre Muskeln an dieser Stelle verspannt. Ich massierte sie noch ein wenig weiter und wärmte die schmerzenden Muskelfasern mit meinen Handflächen. Sie senkte den Kopf und zuckte leicht mit der Unterlippe. Das deutete ich als Zeichen der Wohltat. Ich versuchte immer auf solche Zeichen der Vierbeiner zu achten, wenn ich mit ihnen arbeitete. Oft ersparten sie einem Tierarztkosten und Ärger auf lange Sicht. Ausserdem gab es den Pferden Vertrauen, wenn sie spürten, dass man auf sie einging und ihr Wohlbefinden respektierte. Honesty seufzte nun ebenfalls, aber der Entspannung wegen. Ich kraulte sie lächelnd am Hals und fuhr dann mit dem Putzprozedere fort. Da sie scheinbar so verspannt war, hielt ich die geplante Dressurarbeit für unangebracht. Stattdessen beschloss ich kurzerhand sie zu longieren, um sie einwenig aufzulockern. Honesty dankte es mir, indem sie den Hals brav in die Tiefe streckte und richtig schöne Volten lief, ohne wie sonst, leicht nach aussen zu ziehen. Ich lobte sie für die gute Mitarbeit und zeigte ihr, dass es sich lohnte; sie bekam ein paar Karottenstücke am Ende der halben Stunde.
      Nun gönnte ich mir eine kleine Pause. Ich holte eine Tasse Tee und spazierte damit auf dem Hofgelände herum, nach dem Rechten sehend. Bei den Fohlen stützte ich mich mit den Armen auf den Zaun und genoss die Sicht auf den Nachwuchs von Pineforest. Wherigo, der relativ neue Appaloosa Sprössling, graste zufrieden neben den anderen. Kurz darauf kam ihm aber Faro zu nahe und er wurde von seinem Grasfleck verdrängt. Dass er sich sogar von dem jüngeren Criollo herumschubsen liess fand ich etwas seltsam, aber er war scheinbar charakterlich kein ranghoher Genosse. Verdi war auch ein seltsames Tierchen. So goldig er auf den ersten Blick auch schien, er hatte es faustdick hinter den Ohren. Der kleine Hengst versuchte jetzt schon frech zu schnappen, wenn man ihn an der falschen Stelle streichelte oder wenn er futterneidisch wurde, weil man seinem Nachbaren etwas anbot. Lewis und Linda waren dabei ihn zu erziehen, aber es schien gar nicht so einfach, das selbstbewusste Kerlchen zu beeindrucken. Ich fragte mich, woher er das hatte. Irgendwie spürte ich seine Grossmutter Khiara durchschimmern... Pinot und Murphy waren richtige Engelchen im Vergleich, richtig verschmust und freundlich. Und Riot zwar zurückhaltend, aber ebenfalls lieb. Der Dunkelbraune war im Moment das schmalste Fohlen der Gruppe. An ihm war nicht viel dran, man konnte seine Rippen beinahe zählen. Die Tierärztin meinte auch, er sei eher auf der leichten Seite, aber ansonsten vollkommen gesund. Scheinbar war er einfach etwas schwerfuttrig, jedoch zum Glück nicht im selben Ausmass wie die arme Chime. Ich kippte den letzten Schluck Tee in meinen Mund und sah im Augenwinkel Lewis, der mit einem Halfter bewaffnet zur Stutenweide lief. Ich musste schmunzeln, weil ich genau wusste, was seine Mission war. Gespannt sah ich zu wie er die Weide betrat und sich vorsichtig Matinée und Móinn annäherte. Doch wie erwartet liess sie ihn lediglich bis auf etwa fünf Meter heran, dann machte sie kehrt und versteckte sich hinter Phantom. Das Isländerfohlen folgte ihr verwirrt und wurde beinahe umgeschubst, als sie kurz darauf erneut davontrabte. Die Mustangstute hatte einen Termin beim Hufschmied und Lewis versuchte nun halb fluchend, sie zum Nebenstall zu bringen. Ich hätte ihm ja helfen können. Ich kannte nämlich mittlerweile alle ihre Tricks und war eine der wenigen, die sie in kurzer Zeit einfangen konnten. Aber es gefiel mir besser, den beiden bei ihrem kleinen Fangspiel zuzuschauen. Ausserdem musste Lewis ebenfalls mit der Mustangstute klarkommen, falls ich mal nicht verfügbar war. Ich genoss also amüsiert die Vorstellung und klatschte hörbar jubelnd, als er sie endlich am Strick hinter sich her zum Nebenstall zog. Er streckte mir bloss die Zunge raus. Gerade als ich mich zum Gehen abwenden wollte, gab es eine kleine Unruhe bei den Stutfohlen. Ich lief hin um nach dem Rechten zu sehen. Baila hatte sich scheinbar mit der deutlich älteren und grösseren Charivari angelegt. Die beiden standen sich nun quietschend gegenüber und versuchten sich gegenseitig ins Hinterteil zu kneifen. Natürlich hatte das Roanstutfohlen keine Chance gegen die Halbstarke Charivari. Sie wurde ohne Wenn und Aber verjagt. Daraufhin gesellte sie sich, keineswegs betrübt durch die Niederlage, zu Dahu und begann sogleich eine neue Runde mit ihr. Scheinbar war ihr einfach langweilig und sie wollte irgendwen nerven. Das Simba-Töchterchen war voller Feuer und erinnerte mich stark an Counterfire, als die noch ein Fohlen gewesen war. Dass sie auch dieselbe hervorragende Rennleistung bringen würde blieb zu hoffen. Ihre Eltern waren zwar keine berühmten Rennpferde, aber auf Papieren kann man bekanntlich sowieso nicht reiten. Thota und Lyskra hatten sich inzwischen übrigens miteinander arrangiert. Sie frassen oft beisammen und Thota folgte dem blauäugigen Giftzwerg überall hin. Eigentlich war Lyskra ja ganz lieb, wie ihre Mutter Ljúfa. Aber eben nur mit Menschen. Mit ihren Artgenossen war sie bemüht, einen Eindruck von Dominanz und Selbstbewusstsein zu hinterlassen, das zeigte sich vor allem beim Fressen. Dann verschwanden ihre flauschigen Ohren jeweils in der dichten, hellgrauen Mähne und sie machte eine fürchterliche Schrumpelschnute. Zusammen mit ihren eisigen Augen sah das richtig furchteinflössend aus.
      Die kleine Rune riss mich aus meinen Gedanken, indem sie durch den Zaun hindurch an meinem Ärmel zupfte. Das Ponyfohlen mit den feinen, weissen Sprenkeln und der typischen Appaloosa-Haut um Augen und Nüstern war gleichermassen neugierig und frech. Sie würde später bestimmt ein tolles Kinderpony werden, da war ich mir jetzt schon sicher. Sie liess sich bereits brav die Beine heben und überall anfassen. Ihre gleichaltrigen "Brüder" Braemble und Nemo waren ebenfalls unkompliziert. Ich blieb gespannt, wie sich die drei entwickeln würden, besonders auch farblich. Sie waren alle drei echte Glückstreffer gewesen, denn ich hatte einerseits auf die Appaloosagene gehofft und andererseits passte auch Braemble mit seinen Stichelhaaren genau in mein Beuteschema. Die Fohlen hatten sich inzwischen beruhigt und grasten wieder friedlich. Bis auf ein paar spielerische Rangeleien war also alles in bester Ordnung. Ich spazierte in Richtung Hauptstall zurück, liess es mir aber nicht nehmen, noch rasch Louvré und Cabaret zu streicheln, die so süss den Kopf über den Zaun hielten, um nach Aufmerksamkeit zu betteln. Beim Nebenstall traf ich auf Jonas, der gerade auf dem Weg war um Karat zu reiten. Wir liefen gemeinsam zum Nordstall, weil ich dort eh noch rasch mit Darren reden wollte, wegen der Lektionen die er mit Reverie üben sollte. „Sag mal, hättest du Lust, heute durch den Tag hindurch Móinn für mich zu füttern?“, fragte ich Jonas bei der Gelegenheit. „Du warst ja dabei, als der Tierarzt erklärt hat wie man die Milch anrührt. Ich dachte, weil er Herkirs Sohn ist würdest du dich vielleicht gerne um ihn kümmern…“ „Ich hab mich schon gefragt, wann du damit kommst. Natürlich. Ich kümmere mich gerne um den kleinen Racker. Ich weiss doch, wie voll du dir deinen Zeitplan wieder gepackt hast, besonders im Hinblick auf nächste Woche.“ Ich gab ihm einen Kuss. „Danke. Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen.“
      Ich ging als nächstes auf einen sportlichen Ausritt mit Oliver, der seine Stute Vai Alida auf diese Weise fit hielt. Ich meinerseits tat dasselbe mit Indiana. Die beiden Stuten trabten schulbeispielhaft nebeneinander über die Schotterwege und blieben auch im Galopp brav beisammen. Sie waren vernünftiger und erwachsener als die vielen jungen Athleten, die noch aktiv auf der Bahn liefen. Als wir zurückkamen war es bereits Mittag. Mein Magen knurrte wiedermal pünktlich, während ich Indiana in ihre Box versorgte. Ich klopfte ihn zum Abschied auf den Po, während sie ihre Karotten geräuschvoll zerkaute. Dann widmete ich mich meinem eigenen Essen, und dem meiner kleinen Familie. Lily half mir, indem sie den Salat vorbereitete und den Tisch deckte, sobald sie von der Schule kam. "Wie ist den Mathe Test gelaufen?" Fragte ich beiläufig, die Sauce rührend. "Genügend." "Genügend? Wo ist dein Ehrgeiz? Stell dir vor, das wäre eine Dressurnote. Da würdest du dich aufregen." "Es ist aber keine Dressurnote. Und ich werde eh Jockey, da brauche ich keine Mathematik." "Selbst ein Jockey muss Steuererklärungen ausfüllen und rechnen können. Frag mal Quinn oder Parker." "Tsk." Ich gluckste amüsiert. "Aber mal ernsthaft, Lily. Eine gute Grundausbildung ist sehr wichtig, egal ob du hier bleibst und mithilfst, oder am Ende etwas ganz anderes tust und es dich woanders hin zieht." "Ich bleibe ganz sicher hier", stellte sie klar. Ich winkte ab. "Ich dachte früher auch immer, dass ich nie aus der Schweiz weggehe. Aber dann bot sich diese Chance hier, und ich hatte meine Koffer blitzschnell gepackt. Manchmal führt einem das Leben auf ganz unerwartete Pfade. Wer weiss, vielleicht lernst du irgendwann jemand Besonderen kennen und verschwindest mit ihm, oder ihr, ins Ausland. Vielleicht wird dir Pineforest irgendwann zu langweilig." "Pineforest und langweilig? Nie!", lachte sie. Ich war froh, dass sie so eingestellt war. Natürlich rechnete ich damit, dass es sie irgendwann von hier wegziehen würde, und wenn der Tag kam, wollte ich sie in jedem Fall unterstützen. Aber es wäre auch schön, wenn sie bliebe, dachte ich insgeheim. Zum Glück lag das alles noch in weiter Ferne.
      Im Hier und Jetzt machte ich mich unterdessen wieder startklar für den Nachmittag. Zuerst genoss ich einen ausgiebigen Ausritt mit Rebel, danach war die Ausbildung von Solas an der Reihe. Es war komisch, von einem Pferd, das fast meine Gedanken zu lesen schien und alle meine Hilfen prompt umsetzte, zu einem komplett grünen Jungspund zu wechseln. Ich musste mich wirklich konzentrieren, um dem Criollo klar verständliche, deutliche Kommandos zu geben und nicht einfach davon auszugehen, dass er wusste was ich wollte. Wir machten im Moment eigentlich nichts anderes als Übergänge und Volten, oder Schlangenlinien. Oberstes Ziel war es, ihn locker und losgelassen zu reiten, und ihn einen stabilen Arbeitstakt finden zu lassen. Auf die Anlehnung achtete ich noch nicht so sehr, denn seine eigene Balance war mir erstmal wichtiger und die meisten Lektionen versuchte ich, am halblangen Zügel mit gerade ausreichend viel Kontakt zu reiten. Er sollte von anfang an lernen, einen feinen Kontakt zu suchen und sich nicht auf die Zügel zu lehnen, oder gar zu verkriechen. Zum angaloppieren nahm ich die Zügel unterstützend ein Wenig mehr auf. Das klappte bei Solas schon recht gut. Auch die Dauer unserer Trainingseinheiten war noch eher kurz, aber es machte keinen Sinn, seine noch spärlichen Muskeln zu übersäuern. Lieber hörte ich zur Belohnung früher auf, wenn er etwas besonders gut machte.
      Nach der Arbeit mit dem Criollo Nachwuchs sah ich bei den Weiden vorbei, wo die Vollblüter sich gerade tummelten. Auf der obersten Weide standen unter anderem Coulee, Iskierka und Goldy – die Gruppen waren ungefähr nach Alter eingeteilt, was durchaus Sinn machte, weil die Pferde auch jeweils auf der Bahn zusammen trainiert wurden. Dem entsprechend teilten sich die jüngeren beziehungsweise neueren Stuten wie Northy, Indy und Karma die untere Weide. Die Gruppe mit Ciela, Penny, Primo und Dolly befanden sich auf der Weide direkt unter der Stuten-Offenstallweide. In einer halben Stunde würde dann der Wechsel stattfinden, damit die Vollbluthengste auch noch raus konnten. Ich war milde gespannt, ob sich Snap Cat und Capy wieder einsauen würden, wie schon die letzten sechs Tage nacheinander.
      Als nächstes ging es wieder auf einen Ausritt, diesmal in Begleitung von Lily, Suri, Lea und Sheridan. Wir hatten es lustig zu fünft, und auch die Ponys genossen die herbstlichen Sonnenstrahlen, die mittlerweile unsere Rücken wärmten. Wir hatten Sweets, Scoot, Fake, Cinni und Bluebell dabei, ich ritt auf ersterer. Gleichzeitig mit uns ritt auch eine Gruppe mit Cambria, Ravissante, Bacardi und Flint los, angeführt von Lisa und Woody. Wir teilten uns aber bei der Brücke auf; sie ritten weiter geradeaus, Suri hatte sich einen Ritt durch den Laubwald gewünscht. Scooty machte Fortschritte unter dem Sattel. Sie hatte ein wenig Muskeln aufgebaut, dank Doppellongentraining und fleissigem Stangenlaufen. Suri gab sich grosse Mühe, gut für ihr hellgraues Pony zu sorgen, sodass es Scooter an nichts fehlte. Die Stute wurde aber nebenbei immer selbstbewusster und frecher, sie blühte richtig auf. Das war nicht immer nur positiv. Suri war inzwischen schon einige Male runtergebockt worden, meist aus trivialen Gründen. Ich machte mir Sorgen, dass das Mädchen Angst bekommen könnte, aber sie war zäher als sie aussah und liess sich nicht so leicht einschüchtern. Offenbar hatte sie es sich wirklich zum Ziel gemacht, mit Scooter auf Turniere zu gehen. Lily half ihr wo sie nur konnte, und gab ihr manchmal fast schon zu viele Tipps, wie ich fand. "Lass sie doch auch mal selber etwas herausfinden und ausprobieren", hatte ich ihr letztens einmal geraten. Seither hielt sie sich etwas mehr zurück. Die gelegentlich langsam von den Bäumen segelnden Blätter verstärkten die Herbststmmung, die sonst schon durch die bunten Baumkronen gegeben war. Ich genoss die feuchte, kalte Luft in meinen Lungen. Es roch überall nach Erde und Regen. Plötzlich erklang in der Ferne Hundegebell. Wir sahen uns aufmerksam um, dachten uns aber zunächst nichts dabei, denn hier kamen oft Spaziergänger mit ihren Hunden durch. Im Wald mussten die Vierbeiner angeleint bleiben, so gaben es die Regeln des Parks vor. Der Hund, der jedoch wenig später ganz in unserer Nähe durchs spährliche Unterholz flitzte, lief frei; von seinem Besitzer keine Spur. Entsetzt erkannte ich, dass ihm voraus ein Fuchs um sein Leben rannte. Der Abstand der beiden war gering und der Hund sah sogar nach einer Art Jagdhunde-Mischling aus, auf jeden Fall athletisch gebaut. „Oh my… He almost got him!“, rief ich aus. Die Mädchen waren gleichermassen besorgt. „We have to help!“, meinte auch Lily flehend. Ich schnalzte und trabte Sweets an. Die Mädchen wies ich an, auf dem Waldweg weiter zu reiten und den Besitzer des Hundes zu finden. Ich behielt den Hund fest im Blick, während ich mir mit Sweets einen Weg zwischen den Bäumen hindurch bahnte. Der Waldboden war weich und aufgeräumt, besonders viel Unterholz hatte es nicht. Das machte es zwar für das Pony und mich etwas leichter, aber deshalb konnte sich der Fuchs auch nirgens in ein Versteck retten. Die beiden waren natürlich viel zu schnell für Sweets, weshalb ich sie zeitweise fast aus den Augen verlor. Der Hund hetzte das Wildtier unnachgiebig weiter, bis er es schliesslich erwischte und zu Boden drückte. Ich trabte in die Nähe, schwang mich von Sweets Rücken und verdrehte so schnell ich konnte die Zügel, um zu verhindern dass sie hineintrat wenn ich sie losliess – dann stolperte ich auf die beiden raufenden Tiere zu. Ich schrie den Hund an, um ihn zu beeindrucken und von seiner Beute zu verscheuchen. Doch er ignorierte mich und schüttelte den Fuchs, der verzweifelt das Maul aufsperrte. Ich sah, dass er ein Halsband trug und wandte daraufhin die Technik an, die ich erst kürzlich in einem Hundekurs mit Zira gelernt hatte, um einen Angriff zu unterbrechen: Ich packte das Halsband, riss den Hund vorne von den Pfoten und verdrehte meine Hand, um ihn zu würgen. Das unterbrach den Blutfluss in sein Gehirn für einen Moment, sodass er sogar kurz knock out war. Wenn man danach gleich wieder losliess war es ungefährlich, aber äusserst effektiv. Der Fuchs lag benommen auf dem Waldboden und schnaufte schwer. Vorsichtig, um nicht gebissen zu werden, untersuchte ich sein Fell nach Bisspuren. Tatsächlich hatte er einige blutende Wunden zwischen dem dichten Winterpelz, ganz genau konnte ich es nicht bestimmen. Er wirkte nicht, als würde er noch irgendwen beissen, und der Hund hinter mir begann bereits wieder zu bellen, also fasste ich einen herzhaften Entschluss und nahm den halbtoten Fuchs auf meinen Arm, um ihn zu schützen. Zur Sicherheit hielt ich zunächst sein Maul zu, aber als das Tier keine Anstalten machte sich zu wehren, liess ich selbst das bleiben und konzentrierte mich darauf, den Hund von mir fernzuhalten. Ich machte einen drohenden Schritt auf ihn zu, ihn mit meinem Blick fixierend, und rief laut „Go home!“ Er zögerte und sah sich um, denn von irgendwoher war ein weiteres Rufen zu hören. Endlich wandte er sich ganz von uns ab und hechtete zu seiner Besitzerin zurück, die gefolgt von den Mädchen und ihren Ponys auf uns zugestakst kam. Sobald sie ihn angeleint hatte, bekam sie von mir eine wütende Tirade zu hören, in der ich unter anderem die Parkregeln zitierte, sie als verantwortungslos beschimpfte und drohte, Anzeige gegen sie zu erstatten. Ich war einfach so aufgebracht, dass ich nicht anders konnte. Sie entschuldigte sich vielfach, aber ich hörte nur mit einem Ohr zu; innerlich überlegte ich, was ich nun mit dem Fuchs tun sollte, der noch immer schlaff auf meinem Arm ruhte. Den Jäger anrufen? Ich wusste nur zu gut, was das für den armen Rotpelz bedeuten würde. Der Jäger würde nicht zögern, nach der Flinte zu greifen und das Wildtier zu erlösen. Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt Überlebenschancen hatte, weil ich nicht wusste, wie drastisch seine Verletzungen waren. Aber ihn einfach zu erschiessen schien mir falsch. Mir kam der Gedanke, vielleicht kann ich ihn in eine Wildtierstation bringen. Aber zuerst musste ich ihn irgendwie nachhause schaffen. Die Frau und ihr Hund zogen sich zurück und die Mädchen kamen näher, um den Fuchs anzuschauen. „Is it dead?“, fragte Sheridan besorgt. „Not quite. But it needs medical treatment. I have to take it to a vet or something…“ Ich erinnerte mich daran, dass ich ja auch noch ein Pony dabei gehabt hatte und stellte erleichtert fest, dass Sweets noch beinahe an derselben Stelle stand. Ich lief zu ihr hin und lobte sie, die Mädchen folgten mir. Lily stieg ab, sodass sie den Fuchs vorsichtig halten konnte, bis ich aufgestiegen war und sie ihn mir wieder überreichte. Meine Nichte war furchtlos, wenn es um solche Dinge ging – ganz ähnlich wie ich selbst. Zum Glück war Sweets so eine ruhige, gehorsame Persönlichkeit. Ich konnte sie einhändig nachhause reiten, während der Fuchs auf meinem Arm langsam wieder lebendiger wurde. Ich hielt ihn so gut es ging am Nackenfell, aber beim Absteigen musste mir Jonas helfen, der auf mein Rufen hin beim Nebenstall aus Hallus Box herbeigeeilt kam. „What the-… Ist das ein Fuchs??“ Ich erzählte ihm die Kurzfassung und er nahm mir das nunmehr zappelde Wildtier ab, während ich abstieg. Dann gab ich ihm die Anweisung „Take him inside please. Bathroom.“ Ich nahm unterdessen Sweets den Sattel vom Rücken und brachte sie in ihre Box. Ich Bürstete sie nur kurz durch, um möglichst rasch nach dem Fuchs sehen zu können. Jonas hatte ihn erfolgreich ins Badezimmer gesperrt – ich hatte ein Déja-vu von den Anfängen mit Moya. Die hatte sich übrigens längst in Sicherheit gebracht und beäugte das Geschehen vom Sofa aus, ganz anders als Jacky und Sheela, die neugierig vor der Tür standen. Ich schickte sie zu Zira auf ihre Decken, dann öffnete ich die Tür vorsichtig einen Spalt weit. Der Fuchs kauerte unter der Toilette und machte ein ängstliches Gesicht. „Was würdest du tun?“, fragte ich Jonas, der sich neben mich stellte, um ebenfalls einen Blick hineinzuwerfen. „Neues Hautier?“ Ich rollte die Augen. „Ne, ernsthaft. Ich hab nur kurz geschaut, aber er hat sicher die eine oder andere Wunde, mein Arm ist auch ganz blutig. Irgendwie müssen wir ihn zum Tierarzt schaffen.“ „Ich finde er sieht gar nicht so schlecht aus. Hat sich auch ordentlich gewehrt, als ich ihn hier reingetragen habe.“ „Als ich ihn hatte, war er noch halb tot.“ „Vermutlich der Schock. Aber jetzt ist er aufgewacht. Ich glaube es wäre nur unnötiger Stress, wenn wir ihn jetzt packen und mit dem Auto irgendwohin verfrachten würden. Lass ihm etwas Zeit, gib ihm zu Fressen und zu Trinken, dann erholt er sich blitzschnell und wir können ihn laufen lassen.“ Ich hatte meine Bedenken. „Aber die Verletzungen…“ Aber Jonas winkte ab; „…Entzünden sich nicht, solange er hier auf dem sauberen Badezimmerboden sitzt.“ Ich seufzte und stimmte dem Plan zu. Ich brachte dem Fuchs eine Schüssel Hundefutter und eine Schale Wasser, ausserdem stellte ich ihm eine Kartonschachtel als Rückzugsort rein. Dann liess ich ihn in Ruhe und schloss das Badezimmer zur Sicherheit ab, damit niemand ausversehen hineinging. Lily kam reingeplatzt und fragte nach dem Tier, die anderen drei warteten neugieriug vor der Haustür. „Everything’s alright. Will just let him rest for a bit, then he can go back to the forest.“
      Ich lief nochmal bei Sweets vorbei und bürstete sie gründlicher durch, ausserdem kratzte ich noch ihre Hufe aus und versorgte die Ausrüstung. „Sorry Sweetie, it was an emergency“, entschuldigte ich mich leise, ihre Nase kraulend. Dann schlurfte ich erschöpft in den Nordstall, um Clooney zu bewegen. Der gescheckte Co Pilot-Sohn genoss Sonderbehandlung, aufgrund seines sensiblen Charakters. Wir hatten seit dem Einreiten des Hengstes herausgefunden, dass er mit Reiterwechseln Mühe hatte. Das äusserte sich in sturem, unwilligem Verhalten. Aufgefallen war es vor allem, weil Alan ihn zum Einreiten meistens geritten hatte, wobei er eigentlich immer schön locker gelaufen war; aber sobald Lisa oder Darren es versucht hatten, war er kaum noch vorwärtsgegangen. Sogar bei Jonas und mir hatte er den Schweif eingeklemmt. Wir hatten uns daraufhin geeinigt, dass ihn für’s erste nur Alan und ich reiten würden, zumindest bis er etwas weiter fortgeschritten war in der Ausbildung. Bei mir lief er inzwischen auch einigermassen losgelassen. Scheinbar brauchte er einfach Bestimmte Bezugspersonen um sich wohlzufühlen. Ich kannte die Sensible Seite ja von seinem Vater nur zu gut, aber Clooney war noch extremer. Trotzdem; wenn er ebensoviel vom Talent seines Papas geerbt hatte, machte ich mir um seine Sportkarriere keine Sorgen. Ich sattelte ihn und ritt ihn anschliessend eine halbe Stunde lang intensiv in der Halle. Allerdings lief das Training nicht ganz so gut wie erhofft. Ich wusste nicht, ob es an mir lag (meine Gedanken waren immernoch zwischendurch im Badezimmer), oder ob er einfach einen schlechten Tag hatte. Aber der Hengst lief unkonzentriert und erschreckte sich immer wieder künstlich in den Ecken der Halle. Ich fokussierte die Arbeit deshalb auf die Mittelvolte und verlangte so wenigstens ein paar schöne Runden, bevor ich aufhörte und ihn austraben liess. Es hatte keinen Sinn, sich darüber aufzuregen – morgen war ein neuer Tag. Draussen wurde es bereits wieder dunkel, aber das hielt mich nicht davon ab, auch noch mit Ljóski und Diarado zu arbeiten. Mit letzterem ging ich sogar raus auf den beleuchteten Sandplatz, um ein wenig Parcours zu springen. Die Mädchen ritten in der Zwischenzeit Areion, Silverangel, Eismärchen und Lychee in der Halle. Sie hatten offenbar ihren Spass, denn ich hörte Musik und fröhliches Gelächter. Lily erklärte mir später, dass sie Quadrillen-Training gemacht hatten. Hauptsache, die Ponys wurden vernünftig bewegt.
      Vernünftig bewegen mussten wir auch die Miniature Horses. Lewis und Linda hatten den Tag hindurch zusätzlich zu ihren Stallarbeiten auch Grosspferde bewegt, nämlich Summer, Chanda, Piro und Jazz. Deshalb hatte meine kleine Herde bisher nur gelangweilt auf den beiden Weiden gestanden. Dafür hatten wir jetzt ein kleines Abenteuer vor. Wir wollten nämlich tatsächlich mit allen Minis gleichzeitig spazieren gehen – naja, zumindest mit allen Stütchen. Mit den Hengsten wollten wir stattdessen im Anschluss etwas Springtraining machen. Lily, Suri, Lea und Sheridan hatten noch immer nicht genug Stallluft für heute gehabt, weshalb sie auch wieder mithalfen. Zusammen schrubbten wir die Miniature Stuten alle sauber, denn sie mussten ja auch halbwegs anständig aussehen, falls wir unterwegs jemandem begegneten. Ich Putzte Papillon und Daki. Beide waren ungeschoren und sahen aus wie explodierte Plüschkugeln. Solange sie nicht an eine Show mussten, gab es keinen Grund den Pelz zu entfernen. Im Moment waren deshalb nur Xinu, Acira und Darling geschoren. Und Peppy, weil Lily sie immernoch zwischendurch ritt und sie dann doch ein wenig ins Schwitzen kam. Meine Nichte setzte sich allerdings nicht mehr so oft auf das Shetty, weil sie langsam zu gross wurde. Stattdessen planten wir, Angelina Moores achtjährige Tochter Susan auf den Rücken von Peppy zu setzen. Zuerst musste Peppy aber noch etwas bessere Manieren bekommen, denn dank der Ponyrennen war sie noch immer in einem sehr guten Trainingszustand und entsprechend manchmal auch aufgedreht. Eigentlich war sie aber bestens geeignet als Kinderpony, weil sie sonst einen sehr ehrlichen, lieben Charakter hatte. Anders als Papillion, die gerade wieder versuchte mich in den Arm zu nippen, weil ich sie mit der Bürste am Bauch kitzelte. Wir brauchten zwanzig Minuten, bis alle Ponys sauber waren. Bevor wir uns schliesslich auf den Weg machten, holten Lily und Lea noch Thairu und Dante von der Weide – sie wollten die beiden auch mitnehmen, was nicht verkehrt war, weil die heute auch noch keine Beschäftigung gehabt hatten. Wir nahmen Daki, die „Leitstute“, und die zwei Jungspunde, Allegra und Daisy, ans Seil, und natürlich das Zebra und den Esel; die übrigen durften frei laufen. Auch die drei Hunde begleiteten uns, sodass wir eine beachtliche Gruppe bildeten. Die Mädchen passten auf, dass keine der Stuten abhanden kam. So liefen wir als Herde, ausgerüstet mit Stirnlampen, durch die Dunkelheit zum Pinienwald. Ich ging mit Daki zuvorderst. Sie zockelte brav neben mir her und versuchte gelegentlich, eine Kostprobe von einem Busch am Wegrand oder einem grossen Grasbüschel zu erhaschen. Das gelang ihr auch, besonders, weil ich die meiste Zeit abgelenkt war, um das Zebra im Auge zu behalten. Thairu war zwar längst Halfterführig und so gut ausgebildet wie ein gewöhnliches Pony, aber sie blieb eben trotzdem etwas Besonderes und man durfte nicht vergessen, dass sie eigentlich ein Wildtier war. Lily kannte sie aber genauso gut wie ich selbst und wusste, worauf sie bei dem Zebra, das eine andere Körpersprache hatte als die Pferde, achten musste. Deshalb entspannte ich mich auch im Verlauf des Spaziergangs immer mehr. Es war so witzig wie die Gruppe hinter mir aussah, wenn ich mich gelegentlich umdrehte. Die vielen Flauschkugeln, die in der Dunkelheit den Weg entlang trotteten, halb angeleuchtet vom Schein der Lampen. Chip war die mühsamste der Truppe, weil sie ständig abbiegen und grasen wollte. „As if you hadn’t got enough grass on your pasture“, meinte Lewis kopfschüttelnd, als er sie einmal mehr zum Weitergehen scheuchen musste. Sie legte die Ohren kurz platt und rümpfte die Nase, schloss sich dann aber wieder der Gruppe an; bis ein neuer, lecker aussehender Grasfleck in Sichtweite kam. Daki wäre genau gleich, schmunzelte ich innerlich, mit einem Seitenblick auf das helle Pony neben mir, welches schonwieder gierig die Lippen spitzte. Tigrotto und Lady folgten direkt hinter uns, brav nebeneinander. Und Kiwi und Tiki liefen ebenfalls zusammen, aber zuhinterst, weil Kiwi in Lewis‘ Nähe bleiben zu wollen schien, und der ja wie bereits erwähnt ständig auf Chip aufpassen musste. Kiwi hielt sogar zum Teil an, um auf die beiden zu warten. Sie hatte wirklich seit Fohlenalter eine besondere Beziehung zu dem Pfleger, die mich immer wieder faszinierte.
      Wir kehrten gegen sieben Uhr zurück und kümmerten uns danach schleunigst um die Hengstchen, denn ich wollte vor dem Feierabend noch mit Shira in die Halle. Ich führte Glenns Caress durch den kleinen Parcours, den Lewis uns aufbaute. Der kleine Hengst war ein bedeutender Teil meiner Zucht und machte keine schlechte Falle über den Hindernissen, wenn er auch nicht so hoch hinaus kam wie Nachtfalke. Auch Oreo war mittlerweile kräftiger geworden und schaffte eine beachtliche Höhe. Lining war nicht ganz so begabt, dafür glänzte er in anderen Bereichen. Vor allem bei den Zirkustricks konnte ihm niemand was vormachen. Er hatte ja schon eine beachtliche Menge Tricks von seiner Ausbildung als Begleitpony mitgebracht, und Linda liebte es, ihm weiteres beizubringen. Becks war ebenfalls nicht der geborene Springer, aber er gab sich dennoch Mühe und schaffte immerhin 85 Zentimeter fehlerfrei – so viel wie sein eigenes Stockmass. Nach diesem lustigen, manchmal etwas chaotischen Training brachte ich die Hunde ins Haus und spähte rasch ins Badezimmer. Der Fuchs hatte sich in die Kartonkiste zurückgezogen, schien aber soweit okay zu sein. Erleichtert Machte ich mich auf den Weg zu Shira. Summend bürstete ich ihr sonderbar geschecktes Fell und kratzte alle vier Hufe aus. Das Langhaar war schon wieder ziemlich lang, weshalb ich mir die Zeit nahm, ihr wieder einen sauberen handbreiten Schnitt zu verpassen und den Schweif gerade zu stutzen. Weil ich zu müde war, um noch anständig mit ihr zu arbeiten, entschloss ich mich zu einer Bodenarbeitseinheit, mit Spielen und ein paar Biegungsübungen. Ich führte sie in Stellung, liess sie die Beine Kreuzen und forderte damit ihre Seitengänge. Das half auch verspannte Muskeln zu lösen und sie wieder fit für’s nächste Dressurtraining zu machen. Um neun Uhr löschte ich zufrieden die Lichter in der Halle und brachte Shira zurück. Nun lief ich wirklich „auf den Felgen“, aber bevor ich ins Warme konnte, wollte ich nochmal nach Móinn sehen. Jonas hatte sich ja heute um ihn gekümmert. Das Isländerfohlen sah jedenfalls munter aus und döste neben Ersatzmutter Matinée. Beruhigt rettete ich mich ins Haus, während der Nebel langsam wieder die Felder einnahm und immer dichter wurde. Als erstes liess ich mich aufs Sofa sacken und checkte meine Mailbox mit dem Smartphone. Jonas machte uns Tee, sogar Lily wollte einen. Sie sass im Wohnzimmer auf dem Teppich und malte ein Bild von Skydive. Es sah sogar einigermassen gut aus, auch wenn die Proportionen noch nicht ganz stimmten. Ich verkniff es mir aber, sie zu korrigieren – ich wollte sie so malen lassen, wie es ihr gefiel. Moya schlich sich zu mir und legte sich schnurrend auf meinen Bauch. Ich hatte das Katzentier wirklich liebgewonnen, denn sie war fast wie eine besonders samtig-weiche Bettflasche, abgesehen von den gelegentlichen Knetattacken mit ihren viel zu scharfen Krallen. Ich schnitt sie zwar immer wieder, aber die Dinger wuchsen unglaublich schnell nach. Eine interessante Nachricht fiel mir ins Auge. Die Mail war von einer Kollegin aus Irland, die ebenfalls Pferde Züchtete. Sie hatte vor einiger Zeit ein besonderes Projekt gestartet, und ich hatte auch meinen Teil dazu beigesteuert. Ihr langfristiges Ziel war es, eine neue Rasse zu gründen: ein sportliches Warmblut mit Wildfärbung. Um ihr Ziel schneller zu erreichen, setzte sie mitunter auf moderne Labortechnik, inklusive Embryotransfer. So kam es, dass sie mir nun Bilder von zwei ganz besonderen Jungpferden schickte. Das eine war eine Stute, die genetisch von Nimué und Diarado abstammte, das andere ein Hengst aus Chanda und Ally. Sie hatte noch weitere Fohlen gezüchtet, aber keines der anderen hatte die gewünschten Farben der Elterntiere übernommen. Die Stute zeigte deutliches Pangare, der Hengst war ein schicker Grullo, vielleicht sogar Smoky Grullo. Beeindruckt gratulierte ich ihr zu diesen beiden Gründertieren und drückte ihr die Daumen bei den künftigen Zuchtzulassungsprüfungen. Vielleicht konnten wir schon bald auf Turnieren wie Urpferde gefärbte Sportpferde bewundern, sofern sie mit ihrem Unterfangen erfolgreich war. Irgendwann motzte Lily „muss ich jetzt jedes Mal zu den Pflegern rüber wenn ich auf’s Klo will?“ Tatsächlich war das im Moment ein notwendiger Umstand, denn solange der Fuchs das Badezimmer behwohnte, mussten wir eben dorthin ausweichen. Ich streckte mich und schlug vor „wir können zusammen gehen, ich muss auch.“ Als wir zurückkamen, assen wir zu Abend, danach meldete ich noch ein paar Pferde auf Körungen an, während Lily schon friedlich schlummerte. Um elf Uhr konnte ich mich endlich auch ins Bett schleppen. Als ich mich unter die Decke zu Jonas gekuschelt hatte, sprang plötzlich etwas auf meine Beine. Ich erschreckte mich beinahe und bewegte mich etwas ruckartig, sodass Moya, die hochgesprungen war, gleich wieder flüchten wollte. „No no, wait silly! Du darfst ruhig herkommen wenn du magst.“ Ich lockte sie mit der Hand, sodass sie langsam wieder näherkam und zu mir hochsah. Sie hatte bisher noch nie versucht, auf dem Bett zu schlafen. Ich hatte nichts dagegen und ermutigte sie, wieder hochzuspringen, was sie nach einigem Überlegen auch tat. Sie rollte sich am Bettende bei meinen Füssen zu einer Kugel und schleckte sich zufrieden die Pfote, ehe sie den Kopf unter ihrem buschigen Schwanz versteckte.
    • Stelli
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      Trainingsberichte bei Occulta (12 Stück)
      Dressur E-A (c) Gwen
      scs Bluebell, River's Blue Lady Liquor, scs Sugar and Sweets
      Momentan hatte ich drei neue Schützlinge. Eigentlich hatte ich mich ihnen schon länger annehmen wollen, aber wie es nun einmal für das Leben typisch war, war etwas dazwischen gekommen und ich hatte die drei vollkommen vergessen. Erst kürzlich war ich dann beim Aufräumen wieder auf die Unterlagen der drei Reitponys gestoßen und mich hatte direkt mein schlechtes Gewissen ereilt. Innerhalb einer Woche hatte ich mich dann mit Occulta Smith in Verbindung gesetzt und schon meine Reise nach England geplant. Nun war es so weit: die zweite Hälfte des Aprils würde ich auf den Pine Forest Stables verbringen!
      Ich hatte es für die drei jungen Pferde angenehmer gefunden, wenn sie zu Hause bleiben durften und so war es auch für mich einfacher zu koordinieren, denn so konnte ich mich vollkommen auf die drei Vierbeiner konzentrieren. Ich würde als Trainerin tätig sein und ich war schon sehr gespannt. Die Stuten waren noch verhältnismäßig frisch unter dem Sattel, aber gerade mit Jungpferden machte es ungemein viel Spaß zu arbeiten! Und genau darauf freute ich mich jetzt schon.
      Kurz nach Mittag kam ich auf dem Flughafen an und nachdem ich endlich im Besitz meiner Koffer war, konnte ich mich auch auf die Suche nach meiner Fahrgelegenheit machen. Occulta hatte mir geschrieben, dass ihre Reitlehrerin Lisa mich abholen wollen würde und altmodisch wie damals mit einem Namensschild auf mich warten würde. Leider war sie nicht die einzige, die diese glorreiche Idee besessen hatte und so war der Empfangsbereich übersäht mit Menschen und Namensschildern.
      Ich besann mich darauf, dass Lisa wahrscheinlich, wie üblich für eine Reitlehrerin, in Reithosen herumwandern würde und damit war sie hier auf jeden Fall die einzige. Und tatsächlich! Als ich meine Aufmerksamkeit den Kleidungen widmete, entdeckte ich sie schneller als gedacht. Grinsend nahm sie mich in Empfang und befreite mich dann direkt aus den Menschenmassen. Die Fahrt zum Gestüt dauerte ein Weilchen, aber da wir beide pferdevernarrt waren, hatten wir uns genug zu erzählen.
      Auf dem Gestüt wurde ich dann auch herzlich von Occulta in Empfang genommen, die hatte im Schlepptau einen großen und schneeweißen Vollblüter, welcher ihr wie ein kleiner Hund brav folgte. Lisa übernahm dennoch weiterhin die Aufgabe, mich einzuweisen. Sie zeigte mir als erstes grob das gesamte Gestüt und dann mein Gästezimmer. Dort lagen auch ein Plan des Gestüts auf dem Tisch und einige Hinweise, so dass ich mich doch recht gut zurecht finden sollte. „Ich bringe dir gleich noch etwas zu Essen, denn Mittag gab es schon“, meinte Lisa grinsend. „Aber gewöhne dich nicht daran!“, mahnte sie lachend.
      Ein paar Minuten später stand vor mir ein Teller mit aufgewärmten Spaghetti, dankend nahm ich den entgegen und stillte erst einmal meinen Hunger. Dann gönnte ich mir eine Dusche, um erst einmal wieder etwas wacher zu werden, mit diesen Jetlags war echt nicht zu spaßen, aber ich wollte auf keinen Fall einen halben Tag vergeuden! Stattdessen wollte ich heute schon meine drei Schützlinge kennenlernen.
      Als Hilfe wurde mir dafür Rosie zur Seite gestellt. Die Pflegerin mit der roten Feuermähne war entgegen ihres Aussehens relativ ruhig, aber nach einer Weile verstanden wir uns ganz gut und sprachen auch fröhlich miteinander. Sie zeigte mir die Boxen, Weiden und Spinde meiner drei Schützlinge, damit ich das auch später finden würde. Dann holte sie gemeinsam mit mir Bluebell und Blue Lady Liquor von der Weide. Das waren die ersten beiden im Bunde. Ich übernahm Bluebell beim Putzen und Rosie kümmerte sich um Lychee, so wurde der Roanschecke gerufen.
      Rosie konnte mir viel über den Charakter und Ausbildungsstand der beiden erzählen, so dass ich schnell ein ausgiebiges Bild von den Reitponystuten bekam. Dann gingen wir gemeinsam eine Runde spazieren und ich erfuhr noch allerhand mehr. Blue war sehr verschmust, offen und freundlich. Sie mochte anscheinend die Arbeit mit dem Menschen, aber ich merkte auch, dass ihr sehr schnell langweilig werden konnte und das zeigte sie dann auch. Lychee war genauso aufmerksam und verspielt, konnte damit ihre Menschen aber auch ganz schnell nerven, wenn sie schlichtweg zu aufdringlich wurde. Also mussten beide Stuten auf jeden Fall immer sinnvoll beschäftigt werden.
      Nachdem die beiden wieder auf der Weide standen, musste mich Rosie leider verlassen, die versprach mir aber, mir ab und an immer einmal zur Seite zu stehen, wenn ich Hilfe brauchte und das Angebot nahm ich natürlich gerne an. Stattdessen holte ich mir nun Sugar and Sweets von der Weide. Das war die dritte Stute im Bunde und die, die es mir wohl am meisten angetan hatte. Sie war eher die ruhige von den dreien und manchmal auch eher vorsichtig und umsichtig. Natürlich konnte sie auch zickig werden und das zeigte sie mir direkt, als wir durch die Stallgasse zum Putzplatz liefen und an einem Pferd vorbeikamen, was sie anscheinend gar nicht leiden konnte.
      Aber sonst war sie wirklich ein Sonnenschein, sie war weder aufdringlich noch nervend, sondern stets aufmerksam, aber eher still. Ich entschied sie heute noch zu longieren, zumal der Longierzirkel sowieso gerade frei geworden war. Dank Rosies vorherigen Rundgang fand ich auch ohne Probleme den Kappzaum und die Longe und schon konnte es losgehen.
      Sweets arbeitete aufmerksam und neugierig mit und schien sehr motiviert zu sein. Ihre Gänge waren wirklich schön und sie besaß schon eine sehr gute Selbsthaltung. Sie schien generell körperlich schon etwas weiter zu sein, als ihre beiden anderen Kumpanen. Dennoch war auch für sie das Training anstrengend und nach zwanzig Minuten beendete ich die Arbeit.
      Am Abend saß ich alleine in meinem Zimmer und vor mir lagen drei noch weiße Blätter. Ich wollte die Trainingspläne für die drei Stuten gestalten und nach zwei Stunden waren diese dann auch vollkommen ausdetailliert und mein Aufenthalt vollkommen ausgeplant. Natürlich ließ ich mir auch nicht die Gelegenheit entgegen, ab und an die Ruhetage der Stuten alle auf einen Tag zu legen, an welchem ich einige Sehenswürdigkeiten von England besichtigen konnte, aber sonst drehte sich alles nur um die drei Schecken.
      Am nächsten Morgen am Frühstückstisch weihte ich auch direkt Occulta in meine Pläne ein und sie schien sichtlich angetan zu sein. Ihr gefiel es, dass die drei Stuten ein wenig mehr Aufmerksamkeit erhielten und besonders in ihrer Ausbildung gefördert wurden. Pine Forest hatte den Fokus vor allem auf Vollblüter gelegt und so kamen ab und an die anderen Vierbeiner etwas zu kurz, zumindest was die weiterführende und intensive Ausbildung betraf. Dementsprechend hatte ich auch freie Hand und viel Zeit für die drei, da sie nirgendwo zwingend gebraucht wurden, was auf jeden Fall auch sehr angenehm sein konnte. Und heute wollte ich damit direkt loslegen.
      Im Stall herrschte schon reges Treiben, denn die Vollblüter wurden schon wesentlich früher trainiert. So war der Stall auch bereits gemistet und meine drei Schützlinge standen schon auf der Weide. Witzigerweise waren sie auch Weidengenossen und so hatte ich immer recht kurze Wege. Ich lehnte mich an den Zaun und genoss die warme Frühlingssonne. Heute war ein herrlicher Tag und die Sonne ließ das grüne England direkt noch schöner erscheinen. Aufmerksam ließ ich meinen Blick über die drei grasenden Stuten schweifen.
      Anfangen wollte ich heute mit Bluebell, dementsprechend war auch sie die erste, die ich heute von der Weide holte. Brav und gutgelaunt folgte mir die junge Stute in den Stall, wo ich sie gründlich putzte und mithilfe von Rosie dann auch sattelte. Dann entschied ich mich dafür, auf den Außenplatz zu gehen, damit wir die Sonne genießen konnten. Anfangs waren wir da sogar alleine, während ich Bluebell warmritt und ein wenig herumtestete.
      Das war für mich auch tausendmal angenehmer, als mit Argusaugen beobachtet zu werden und so fanden wir beiden schneller als gedacht zueinander. Natürlich nahm ich mir direkt von Anfang an vor, Bluebell immer ausgiebig zu beschäftigen und Abwechslung in das Training zu bringen. Die Stute war schon recht weit in der Ausbildung und die Grundlagen des E-Niveaus saßen. Dementsprechend baute ich stattdessen allmählich ihre Selbsthaltung und die Anlehnung aus.
      Das sah in etwa so aus, dass ich sie immer etwa fünf bis zehn Minuten in Anlehnung ritt, ehe ich sie abstrecken und entspannen ließ. Es war eine gute Übung und Bluebell verstand schnell das Prinzip. Motiviert und locker arbeitete sie mit und so beendete ich zufrieden unsere erste Trainingseinheit. Als Belohnung ritten wir eine kleine Schrittrunde über den Hof, ehe ich Bluebell versorgte und mich direkt der nächsten Stute annahm: Lychee.
      Sie schien heute nicht gar so motiviert zu sein und wirkte schon am Putzplatz etwas genervt, während ich sie putzte und sattelte. Dementsprechend machte ich vor dem Reiten erst einmal ein paar Bodenarbeitsübungen mit ihr, um ihre Aufmerksamkeit und Motivation zu fördern. Das gelang mir auch recht gut und schon bald war Lychee wieder besser drauf und ich konnte mich auf ihrem Rücken schwingen.
      Eigentlich erarbeitete ich auch mit ihr das Gleiche, nur dass Lychee auf der rechten Hand ein wenig mehr Probleme im Galopp mit der Balance hatte. Dementsprechend merkte ich mir direkt, was wir bei der kommenden Longiereinheit besonders üben würden. Das gehörte nämlich auch zu meinen Trainingsplänen, denn ich wollte die Stuten nicht nur reiten, sondern auch vom Boden aus arbeiten. Was sie da lernten, konnten sie unter dem Sattel direkt viel besser umsetzen.
      Dieses Phänomen hatte ich bereits öfters erlebt und in der Ausbildung von jungen Pferden bewährte es sich schlichtweg immer wieder. Nach der Einheit heute wusste ich auch, wo bei Lychee ihre Schwächen und Stärken lagen und wie ich diese fördern beziehungsweise nutzen konnte.
      Nach der Roanstute gab es erst einmal Mittagessen und entgegen meiner Vermutung hatte ich einen Bärenhunger. Außerdem konnte ich mich so direkt mit den anderen über die Fortschritte der Stuten austauschen und bekam noch den ein oder anderen guten Tipp.
      Nach dem Mittagessen war nun noch Sweets an der Reihe. Auch sie putzte und sattelte ich in aller Ruhe und ging dann mit ihr auf den Platz. Dort herrschte inzwischen mehr Betrieb, denn außer mir ritten inzwischen auch zwei weitere Reiter dort. Die Sonne zog einfach jeden nach draußen.
      Auch mit Sweets arbeitete ich mit den Wechseln zwischen Anlehnung und Dehnung, was auch ihr ganz gut gelang. Manchmal wies Sweets aber noch leichte Probleme in den engeren Wendungen auf, denn dann fehlte die aktive Hinterhand und Sweets kam nicht hinterher.
      Schnell legte ich auch darauf den Fokus und siehe da, nach einigen aufbauenden Übungen klappte es immer besser und so lernte ich auch Sweets immer besser kennen. Auch sie durfte dann noch eine Schrittrunde ins Gelände, ehe es wieder auf die Weide ging.
      Am Abend schmerzte mir dann mein gesamter Nacken und Occulta bedachte mich beim Abendessen mit einem breiten Grinsen. Da den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, hatte ich mir einen krebsroten Sonnenbrand geholt, denn an das Eincremen hatte ich natürlich nicht gedacht. Den Abend verbrachte ich also mit Kühlen und ich wusste, was ich die kommenden zwei Wochen nicht noch einmal vergessen würde.
      Das Training mit den Stuten lief einwandfrei. Nach den ersten drei Tagen hatten wir uns wirklich gut aneinander gewöhnt und ab sofort arbeitete ich die Stuten jeweils zweimal am Tag. Eine Einheit ritt ich immer, die zweite wurde vom Boden aus gemacht. Dabei ging ich auch einmal mit ihnen Spazieren oder machte nur lockere Bodenarbeit, denn die drei sollten schließlich nicht den Spaß an der Arbeit verlieren.
      Dennoch ging auch das Training unter dem Sattel gut voran und nachdem die Grundlagen fest saßen und alle drei Stuten allmählich richtig schön ausbalanciert waren, wollte ich mich mit den Anforderungen des A-Niveaus beschäftigen. Perfekt ausgebildet würden sie nach meinem Aufenthalt nicht sein, aber ich war mir sicher, dass ich allerhand reißen konnte, zumal viele Anforderungen nicht groß von den Grundlagen abwichen.
      Sweets lernte beinahe am schnellsten und hatte schon nach kurzer Zeit die Seitengänge beinahe perfekt drauf. Ab und an lief sie noch über die Schulter hinweg, aber ihre Hinterhand trat aktiv unter und ihre Stellung war konstant. Lychee hatte mit den Seitengängen ein wenig Probleme, dafür war sie aber absolut talentiert was die Verstärkungen der Gangarten anging und flog regelrecht durch das Viereck. Bluebell war generell sehr feinfühlig und viele Übungen klappten nach kurzer Zeit bereits mit den kleinsten Hilfen.
      Besonders die Kehrtwendung und das Rückwärtsrichten machten mit Bluebell enormen Spaß, denn das leichte Aufnehmen der Zügel und das Anlegen des Schenkels reichten und schon reagierte die junge Stute. Es war einfach herrlich!
      Am Ende meines Aufenthaltes war ich mir sicher, dass die drei Stute locker eine A-Dressur packen würden, wenn es auch vielleicht noch nicht für den ersten Platz reichen würde, auf das Treppchen würden sie es locker schaffen. Die Übungen saßen. Sowohl einzeln als auch zusammen in einer Kür. Testweise hatte ich die Stuten auch öfters einmal von den anderen Reitern reiten lassen, zumal ich ja dann sowieso nicht mehr da war.
      Und das klappte besser als gedacht! Auch Occulta war sichtlich zufrieden mit meiner Arbeit und auch stolz auf ihre Stuten. Das, was sie da im Viereck sah, gefiel ihr sichtlich und das sagte sie auch offen. Ein Lob von der Besitzerin war immer das Beste, was man bekommen konnte und si war ich mir sicher, dass ich meine Arbeit hier gut gemacht hatte.
      Nach zwei Wochen verließ ich Pine Forest wieder und stieg in die Maschine nach Hause, denn auch dort würde weitere Arbeit auf mich warten und wer weiß, vielleicht würde ich ja mal wieder nach England kommen?
      19 Apr. 2015

      Springen E-A (c) Gwen
      scs Bluebell, River's Blue Lady Liquor, scs Sugar and Sweets
      Wie schon letzten Monat widmete ich auch im Mai wieder die letzte Woche für eine Reise nach England. Erneut sollte es auf die Pine Forest Stables gehen, um meine drei Schützlinge zu besuchen. Der Flug war ganz angenehm, einen dezenten Jetlag hatte ich aber dennoch.
      Dementsprechend war ich heilfroh, als ich endlich Occulta auf dem Flughafen fand und wir uns auf den Weg zum Gestüt machten. Dort würde nämlich ein schönes warmes Gästezimmer auf mich warten. Ich freute mich jetzt besonders auf eine heiße Dusche und das Bett.
      Ich war extra so geflogen, dass ich abends ankam, denn mit einem halben Tag hätte ich sowieso nichts mehr anfangen können. Die drei Jungstuten kannte ich bereits und sie waren auch bisher gut im Training.
      Ich hatte bei meiner letzten Abreise für alle drei einen Trainingsplan ausgearbeitet, welcher sicherlich auch vorbildlich befolgt worden war, so dass die letzte Maiwoche reichen sollte. Nun musste ich mich aber erst einmal dringend ausruhen, die kommenden Tage würden hart werden.
      Da Pine Forest vor allem ein Vollblutgestüt war, ging es hier früh los. Bereits um fünf konnte man draußen Stimmen und Hufgeklapper hören, die Vollblüter gingen für die erste Trainingseinheit auf die Bahn. Sicherlich war auch Occulta schon unterwegs.
      Ich gönnte mir zumindest Schlaf bis sechs Uhr, ehe auch ich mich aus der kuscheligen Decke erhob und das Bad aufsuchte. Eine Stunde später hatte ich auch fertig gefrühstückt und machte mich auf den Weg in den Stall.
      Da ich im Gegensatz zum Rest des PFS-Teams mit drei Berittpferden eher mager ausgestattet war, half ich täglich noch mit bei der Stallarbeit aus. Für mich war es nichts Neues, da ich meine eigene Ranch mit zwanzig Pferden auch tagtäglich selber machte und so vergingen die Tage beinahe noch schneller.
      Die Pläne für die Reitponys hatte ich bereits zu Hause angefertigt und so ging es heute auch direkt los. Diesen Monat stand Springen auf dem Plan, erst einmal die Grundlagen bis zum A-Niveau und dann würden wir den jungen Stuten wieder eine Pause gönnen.
      Beginnen tat ich diesmal mit Sugar and Sweets. Ich holte mir die Scheckstute von der Weide und putzte sie gründlich. Für heute wollte ich vom Boden aus beginnen, also stattete ich sie mit Kappzaum und Longe aus und machte mich auf den Weg in die Halle. Die war um die Uhrzeit sogar noch frei und so wärmte ich Sugar erst einmal auf, ehe wir dann mit Trabstangen und Cavalettis arbeiteten.
      Die Stute sollte ein Gefühl für die Stangen bekommen, für Höhen und Abstände. Sugar lernte auch recht zügig und war die ganze Zeit aufmerksam mit dabei, so dass wir nach einer halben Stunde das doch recht schweißtreibende Training beenden konnten.
      Vor dem Mittagessen wollte ich noch Lychee schaffen, also versorgte ich Sugar zügig und holte die zweite Stute in den Stall. Sie erwartete heute die gleiche Trainingseinheit und sie machte sich fast so gut wie Sugar. Einwandfrei überwand sie Trabstangen und Cavaletti, die beiden ersten qualifizierten sich auf jeden Fall schon einmal für den morgigen Tag.
      Nachdem Lychee wieder auf der Weide stand, gab es erst einmal Mittagessen. Eine der wenigen Zeiten, wo man fast das gesamte Team antraf. Danach waren aber direkt wieder alle über das gesamte Gelände verstreut. Ich hingegen legte eine kurze Büropause ein und arbeitete an meinen Unterlagen, eh die dritte Stute rief.
      Bluebell war die dritte im Bunde und nachdem wir uns fertig gemacht und aufgewärmt hatten, zeigte sich sehr schnell ihre Leidenschaft fürs Springen. Sie liebte es sichtlich und vergaß oftmals sogar die Diskussionen mit mir. Mit Bluebell überschritt ich sogar ein bisschen unser Zeitlimit, aber sie war so motiviert dabei, dass ich das nutzen wollte.
      Am kommenden Tag stand für die Vierbeiner Freispringen auf dem Plan. Ich wollte die frisch eingerittenen Pferde nicht direkt mit dem Reitergewicht über dem Spring belasten, sie sollten das ruhig erst einmal selber auf die Reihe bekommen.
      Da Lychee und Sugar am Vormittag noch einen Hufschmiedtermin hatten, kümmerte ich mich erst einmal nur um Bluebell. Die war dafür wieder Feuer und Flamme, vielleicht ein bisschen zu sehr. Manchmal jagte sie auf die Hindernisse zu, so dass ich Angst hatte, sie könnte das Springen vergessen. Aber immer drückte sie sich kurz vorher mit enormer Wucht ab und flog über die kleinen Hindernisse hinweg.
      Am Nachmittag waren dann die anderen beiden dran, aber auch einzeln und nacheinander. Zuerst kümmerte ich mich um Lychee und dann um Sugar. Lychee überwand die Hindernisse in einer Seelenruhe, sie sprang immer sehr bedacht aber gleichzeitig selbstbewusst.
      Sugar war da wesentlich vorsichtiger und testete erst einmal aus, wie sich die Hindernisse am besten nehmen ließen. Schnell hatte sie aber auch ihre Technik heraus und sprang genauso entspannt und ruhig wie die anderen.
      Wie immer lernten die Stuten schneller als gedacht. Neben meinen Trainingseinheiten wurden sie weiterhin täglich geritten und so konnte ich bei den nächsten Schritten auch gut Zeit sparen, denn ich agierte nun als Reitlehrerin beziehungsweise Trainerin vom Boden.
      So bekam ich zum einen alle drei Stuten in einer Stunde unter und konnte das Ganze vom Boden aus beobachten.
      In der ersten Stunde nahmen wir einfach nur Trabstangen und Cavaletti dazu. Mir war es besonders wichtig, dass die Stuten lernten, trotz der Hindernisse ihre Balance und ihren Takt beizubehalten. Dies verhinderte Unkonzentriertheit und Stolpern.
      Zwei Tage lang trainierten wir nur mit den kleinen Hindernissen und dem Freispringen, dann entschied ich, dass ich mich selber wieder in den Sattel schwang und die ersten richtigen Hindernisse nehmen wollte.
      Während das mit Lychee und Sugar ganz problemlos ging und die beiden nur ab und an ein wenig überzeugt werden mussten, war es mit Bluebell echt nervig. Madame war der Meinung das Training besser zu kennen als ich und diskutierte gerne.
      Bei ihr legte ich das Augenmerk schnell auf das kontrollierte Anreiten, denn sie schoss zu gerne einfach mal los. Einige Trabstangen vor den Hindernissen minderten dann ihren Trieb und sie lernte sich zu konzentrieren.
      Wenn sie das nicht getan hätte, hätte sie bei den späteren und höheren Hindernissen ernsthafte Probleme bekommen.
      Da wir dieses Mal nur bis zum A-Niveau trainierten, waren die Stuten auch recht schnell so weit. Lychee war ein wahres Verlasspferd im Parcours, man konnte ihr schon jetzt blind vertrauen, denn sie sprang immer ruhig und sicher.
      Sugar musste man manchmal noch etwas motivieren und der Reiter musste sicher wussten, was er tat und was er wollte, dann machte auch die Stute selbstbewusst mit. Und Bluebell, die war eben Bluebell. Feurig und selbstbewusst wie immer.
      Sie hätte den Parcours mit Sicherheit auch ohne Reiter absolviert. Bei ihr hieß es also, ein wenig das Feuer zu mindern und ihre Energie zu bündeln und positiv einzusetzen. Bei Zeitspringen würde sie aber garantiert eine verdammt gute Figur machen und auch die Höhe war kein Problem, nur der Stil war jetzt noch nicht sonderlich ausgereift und perfekt.
      Die Grundlagen des A-Levels hatten alle drei am Ende meines Aufenthalts aber erreicht. Den letzten Nachmittag widmete ich mich den fortlaufenden Trainingsplänen für die drei Ponys, welche ich dann auch Occulta aushändigte und noch einige Tipps mit hinzufügte.
      Am kommenden Morgen war es dann auch wieder Zeit für mich abzureisen und ich machte mich nach dem doch erholsamen Englandaufenthalt wieder auf den Heimweg ins gute alte Kanada.
      27 Mai 2015

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      A -> L (c) Occulta
      Ich trommelte an diesem Morgen gleich nach dem Frühstück Lisa und Lewis zusammen, denn wir wollten unsere Reitponystuten wie jeden Dienstag ein wenig mit Dressur ärgern. Bluebell, Sugar and Sweets und Blue Lady Liquor waren rasch vom Heu weggeholt und vor dem Nebenstall angebunden. Das eigentliche Putzen hingegen dauerte wesentlich länger, denn die drei hatten es wiedermal gut gemeint mit dem Matsch. Nach einer Viertelstunde liess ich entmutigt die Bürste sinken und rieb mir den schmerzenden Arm. „Ich hab morgen definitiv Muskelkater“, jammerte auch Lisa. Nur Lewis war schon fast fertig und zuckte mit den Schultern. „We’re fine, aren’t we, Sugar?“ spottete er und kraulte grinsend Sweets. Meine Bluebell kaute unterdessen gelangweilt am Strick. „Du brauchst gar nicht so zu tun, bist selber schuld“, murmelte ich und raffte mich zu den letzten Bürstenstrichen auf. Endlich konnten wir alle satteln, zäumen und aufsteigen. Wir ritten gemeinsam über den Kiesweg zur Halle und wärmten die drei auf, ehe wir mit der ersten richtigen Lektion begannen. Da Lychee schon eine Stufe weiter ausgebildet war, übte sie statt versammeltem Trab den verstärkten Trab. Sie war noch zu hektisch; Lisa musste sie gut spannen, damit sie die Energie in die Beine und nicht ins Tempo steckte. Als zweites übte sie den starken Schritt, weil es grad so schön passte, Lewis und ich versuchten uns währenddessen an den Kehrtwendungen. Dann wurde es richtig heiss in der Halle: Die Galopparbeit war dran. Wir übten den versammelten Galopp, was nicht gerade leicht war, weil Lychee dauernd im verstärkten Galopp an uns vorbeibretterte. Im Aussengalopp um die Kurve zu flitzen war aber auch kein Problem für Bluebell und Sweets. Wir reduzierten das Tempo allesamt wieder ein wenig, damit Lewis und ich einfache Galoppwechsel üben konnten. Lisa nutzte dies um das Anhalten aus dem Galopp zu versuchen. Danach machten wir alle eine Pause und liessen die drei kurz strecken. Zuletzt übte Lisa mit Lychee die Seitwärtsgänge, während Sweets und Bluebell nochmal im versammelten Trab auf die Schlangenlinien mussten. Dann liessen wir die drei austraben.
      8 Dez. 2015

      Springen A-L (c) Gwen
      Heute würde ich zwei altbekannte Gesichter wiedersehen. Lange war es her, dass ich regelmäßig auf dem Gestüt Pineforest unterwegs gewesen war und nun schickte mit Occulta ihre beiden jungen Reitponystuten nach Kanada. Dabei handelte es sich um Sugar and Sweets und Bluebell. Ich kannte die beiden sehr gut, hatte sie damals regelmäßig trainiert.
      Wie erfuhr, war die ehemals dritte im Bunde nun schon verkauft und hatte einen tollen neuen Besitzer gefunden und so hatte ich diesen Monat nur zwei Berittpferde. Nichtsdestotrotz würde ich alle Hände voll zu tun haben und war auf jeden Fall gut beschäftigt.
      Gegen Nachmittag sollten die beiden bei mir ankommen. Occulta hatte einen ihrer Pfleger mit auf die Reise geschickt und als der Transporter bei uns auf der Ranch ankam, wurde ich auch zuerst von ihm begrüßt. Gemeinsam luden wir danach die Stuten aus und dann ihre Ausrüstung. Als dann alles verpackt war, verabschiedete er sich und machte sich auf den Heimweg.
      Sweets und Blue standen gemeinsam auf ihrer neuen Weide und vertraten sich die Beine. Für heute hatten sie erst einmal frei und durften hier in Kanada ankommen. Ab Morgen würden wir dann beginnen. Wie auch meine anderen Pferde würden sie die Nacht im Stall verbringen und die restliche Zeit des Tages draußen auf ihrer großen Weide.
      Am kommenden Morgen band ich die beiden Stuten direkt in meine tägliche Routine mit ein und das klappte auch sehr gut. Nachdem dann alle Pferde versorgt waren und ich die Stallarbeit hinter mich gebracht hatte, holte ich mir zuallererst Sweets von der Weide in den Stall.
      Vorbildlich folgte sie mir und stand auch am Putzplatz brav still. In aller Ruhe putzte ich sie und machte mich wieder mit ihr bekannt. Sweets war für ihren vorbildlichen Charakter bekannt. Diese Stute machte eigentlich so gut wie nie Probleme, wenn man ihrer Ausbildung behutsam und ruhig umging.
      Die beiden Reitponys waren für die Weiterbildung im Springen bei mir. Ziel war das L-Niveau und ich war mir sicher, dass das keine Probleme machen würde. Sweets hatte sowieso großes Talent im Springen und war stets sehr motiviert. Auch heute sollte sie mich nicht enttäuschen:
      Wir gingen in die Halle und nach den zehn Minuten Schritt am Anfang, wärmte ich sie in aller Ruhe auf und gymnastizierte sie ordentlich. Sweets lief, ebenso wie Blue, bereits auf gutem A-Niveau und da setzten wir heute an. Aufgebaut hatte ich einen A-Parcours mit L-Elementen. Generell wollte ich erst einmal schauen, wie sich die Stute unter dem Sattel und im Parcours bisher machte.
      Sweets war recht sicher, aber wenn sie etwas nicht kannte, zögerte sie sehr stark. Ich musste sie teilweise arg zum Springen motivieren, aber das würde sich machen lassen. Abgesehen von dem etwas fehlenden Selbstvertrauen, sahen Technik und Können bei Sweets sehr gut aus und deshalb beendete ich die Stunde auch etwas eher.
      Zum Abreiten ging es noch eine Schrittrunde ins Gelände, ehe Sweets nach dem Training auch noch abgeduscht wurde. Erst nachdem ich sie mit dem Schweißmesser abgestrichen hatte, ging es zurück auf die Weide. Da nahm ich mir auch direkt Blue mit, denn diese war als nächstes an der Reihe.
      Auch sie war im Umgang ein wahrer Engel und so waren Putzen und Satteln kein Problem. In der Halle wärmte ich sie dann genauso auf wie ihre Vorgängerin. Im Gegensatz zu Sweets besaß Blue genügend Selbstvertrauen, um auch mal anzuzeigen, wenn ihr etwas nicht passte. Mit beiden Stuten musste man also sensibel umgehen.
      Mit Blue sprang ich auch einen A-Parcours und es lief sehr gut. Leider wurde sie vor dem Hindernis gerne mal schneller – teilweise zu schnell, als dass man den Absprung hätte richtig koordinieren können. Bei den kleinen Höhen rettete sich Blue noch gut mit ihrem Springtalent, aber sobald es höher werden würde, würde ihr das Probleme machen.
      Also hatte ich bei beiden genügend zu tun, woran ich arbeiten musste. Auch mit Blue ging es zum Abkühlen noch im Schritt raus, ehe sie abgeduscht wurde. Danach durfte auch sie zurück auf die Weide und ich machte mich daran, die Trainingspläne für die beiden Pferde zu erstellen.
      Die kommenden Wochen waren wir schwer beschäftigt, denn ich bewegte die beiden Pferde zweimal am Tag. Einmal ritt ich und das zweite Mal longierte ich oft oder machte Bodenarbeit oder Schrecktraining. Alles förderte das Können im Parcours, denn je sicherer die beiden Stuten in jeder Situation waren, desto problemloser würden Hindernisse und Turniere werden.
      Bei der Höhe machte ich mir sowohl bei Sweets als auch bei Blue keine Gedanken. L war nichts Besonderes für beide, sie hatten auf jeden Fall Talent für mehr, dementsprechend klappte das problemlos. Stattdessen arbeitete ich an der Technik und ließ viel Stangenarbeit einfließen.
      Diese ließ Blue konzentrierter und ruhiger werden, während sie Sweets mehr Vertrauen gab. Am Ende der zwei Wochen Training konnten sich beide wirklich sehen lassen. Denn sie sprangen einen L-Parcours wirklich einwandfrei durch. Keine Steher, keine runterfallenden Stangen. Sie konnten sich wirklich sehen lassen.
      Ich war sehr zufrieden mit meiner Arbeit, wobei mir beide Stuten mit ihrer soliden Grundausbildung und ihrem Springtalent auch sehr entgegen gekommen waren. Vieles hatte schon beim ersten Mal geklappt und auch lerntechnisch waren Blue und Sweets definitiv nicht hinterher.
      So konnte ich schon bald mit Occulta die Abreise besprechen und eines Morgens ging es für die beiden Reitponys wieder auf die lange Reise zurück nach England. Sie wurden früh abgeholt und verladen, so dass sie unbesorgt ankommen würden.
      28 Juni 2016
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      L -> M (c) Occulta
      Nun da das Galopptraining vorbei war, konnte ich mich der Jungpferdeausbildung widmen. Für Parányi, Bluebell, Sweets und Echo stand eine Springstunde an. Lisa, Jonas, Darren und ich Sattelten die vier Pferde, dann führten wir alle in die Halle, wo David und Elliot uns einen kleinen Parcours gestellt hatten. Zunächst wurde eingewärmt in allen drei Gangarten. Anschliessend übersprangen wir ein paar einzelne Hindernisse, darunter auch einen für die Pferde anscheinend sehr bedrohlichen Oxer. Später stellten wir fest, dass nicht der Oxer das Problem war, sondern die Babymaus, die davor im Sand umhertapste; unschlüssig, wo sie sich in der grossen Halle verstecken sollte. Ich grummelte „Where are the damn cats if you need them?“ Darren sah mich entsetzt an und meinte „Occu you’re cruel! Look at these cute little ears!“ Ich rollte seufzend meine Augen. “It may be cute, but it obviously scared Echo to death, so there must be something evil about this little creature, right?” “Well you know – horses don’t need a reason”, mischte sich Elliot lachend ein.
      Nachdem das Maus-Problem beseitigt (eingefangen und aus Mitleid vor die Hallentür gesetzt) war, konnte die Stunde normal fortgesetzt werden. Wir ritten nun mehrere Hindernisse nacheinander und schliesslich den gesamten Parcours. Bluebell musste zweimal antreten, weil sie beim ersten mal zwei Stangen runterschmiss. Elliot lehrte Darren, dass er sie besser zusammenhalten musste, damit sie nicht nachlässig wurde, danach klappte es. Parányi war mal wieder etwas eigenwillig. Sie erinnerte mich in solchen Momenten stark an ihren Vater, dessen Sportkarriere ich stets interessiert verfolgt hatte. Auch er war nicht gerade für super Mitarbeit und Gehorsam bekannt, aber dafür für seine Leistung. Wenn sie wenigstens genauso viel davon geerbt hatte, war ich ganz zufrieden. Das schwarze Fell hatte sie jedenfalls auch bekommen. Sie stand immer mal wieder hin oder zog am Hindernis vorbei, bis Jonas die Beine auf Elliots Anweisung hin besser dran behielt und die Stute so mehr einrahmte. Sweets war zuckersüss wie immer. Sie machte ohne zu mucken ihren Job, trug Lisa zuverlässig durch den Parcours und bereitete ihrer Reiterin grosse Freude. So unterschiedlich sie auch waren – ich war mit allen Jungspunden zufrieden und freute mich auf die Zukunft mit ihnen.
      31 Juli 2016

      Military E-A (c) Gwen
      Gähnend blickte ich in meine leere Tasse. Heute hatte ich mir zum Morgen einen starken Cappuccino gegönnt, aber nach der Tasse war ich trotzdem noch müde, nicht einmal das Radio half mir auf die Beine. Es war allerdings bereits sechs Uhr und ich musste langsam los. Ich war extra früher aufgestanden, weil ich heute ein Berittpferd vom Flughafen abholen würde.
      Bluebell hatte eine lange Reise hinter sich, denn sie kam aus England vom Pineforest Stable. Anlässlich des diesjährigen Jolympias hatte Occulta Smith von uns einen Gutschein erhalten. Aus technischen und organisatorischen Gründen hatte das große Turnier leider nicht stattfinden können. Occulta war jedoch schon früher angereist und hatte allerhand Mühen auf sich genommen, die wir nun gerne entschädigen wollten.
      Und die Entschädigung betraf nun Bluebell, welche für ein paar Wochen zu mir ins Training geschickt werden sollte. Occulta wollte den Rest des Sommers direkt noch einmal dafür nutzen, ihr Pferd im Gelände weiterzubilden, also würde für Bluebell bei uns Geländespringen auf dem Plan stehen, dafür musste sie nun aber erst einmal herkommen.
      Am Flughafen lief alles erstaunlich schnell und pünktlich ab. Bluebell war schon durch die tierärztliche Untersuchung als ich kam und konnte direkt verladen werden, nachdem ich entsprechende Papiere unterschrieben hatte und dann ging es auch schon wieder zu uns nach Hause.
      Dort lud ich Bluebell aus und ließ sie direkt auf ihre kleinere Weide neben meinen Stuten. Sie würde den ersten Tag frei haben und sich ausruhen dürfen. So konnte sie auch direkt unseren Tagesablauf kennenlernen und Morgen würde es dann losgehen.
      Bluebell war mir keine Unbekannte, ich hatte sie schon öfters unter dem Sattel gehabt. Nichtsdestotrotz ging ich es ruhig an und ritt sie die ersten paar Tage normal auf dem Platz. Meist mit viel Gymnastizierung durch Cavalettis und Stangen, aber auch teils schon kleine Sprünge. Bluebell sprang theoretisch schon bis M-Niveau. Ihres jungen Alters geschuldet, blieb Occulta aber bevorzugt auf A.
      Aber dennoch hatte Bluebell im Springen schon sehr viel Erfahrung und ich würde darin nicht mehr sonderlich viel Zeit investieren müssen. So ging es nach unserer kleinen Kennlernphase direkt ins Gelände. Erst einmal nur in Form von Ausritten, wobei ich hier schon viel Konditions- und Krafttraining einfließen ließ.
      Bluebell war alles in allem eine sehr liebe und gelehrige Stute. Manchmal kam es zu unterschiedlichen Meinungen, aber mit Ruhe und Geduld konnte ich Bluebell schnell auf meine Seite bringen. Die erste Woche ging es also größtenteils nur in Gelände und erst danach durfte Bluebell unsere Geländestrecke kennenlernen.
      Diese splittete sich auf in die richtige Strecke, welche auch durch den Wald verlief, besaß aber davor auch eine große Wiese, auf welcher sich gefühlt jede Art an Hindernis finden ließ, so dass man alles wunderbar selbst trainieren konnte.
      Wir begannen jedoch mit dem Gelände an sich: Kuhlen, Hügel, Auf- und Absprünge. Ebenso das Wasser. Bluebell wurde also erst einmal an die Grundlagen gewöhnt, ehe es überhaupt an das Springen ging. Auch Gräben, Baumstämme und Co durfte sie sich alles einmal in Ruhe und vom Boden aus anschauen.
      Erst nachdem Bluebell bei nichts mehr guckig war, begann ich das Springen. Erst einmal die niedrigsten und einfachsten Hindernisse. Bluebell musste lernen, worauf es im Gelände ankam, denn bisher waren noch nicht alle Hindernisse mit einer hohen Sicherheitsklasse ausgestattet, so dass viele noch unnachgiebig waren.
      Ebenso übten wir enge Wendungen und das schräge Anreiten von Hindernissen. Im Gelände ging es weniger um die Höhe als um die Technik, sicher durch den Parcours zu kommen. Bluebell war teilweise sehr stürmisch und übersprang sich gerne, obwohl sie diese Kraft lieber in die Galoppstrecken investieren sollte.
      So baute ich nach und vor Sprüngen immer lange Strecken ein, brachte Bluebell von dem Gedanken Springen ab, ehe das nächste Hindernis folgte. So lernte sie auch, sich länger zu konzentrieren und nicht abzuschalten, sobald kein Hindernis mehr in der Nähe war.
      Allmählich verbesserte sich ihre Kondition und Konzentration und ich begann, täglich unterschiedliche Strecken zu springen. Da es mir weniger um die Höhe ging, behielten wir vorerst die einfachen Hindernisse bei, zumal Bluebell meist eh sehr viel Luft ließ und sehr hoch sprang.
      Bluebell machte sich sehr gut. Sie war nun schon locker zwei Wochen bei uns in Kanada und strotzte inzwischen nur so vor Energie und Kraft. „Was das Geländetraining aus Pferden macht“, murmelte ich grinsend.
      Unsere letzte Woche begann und so ging es nun auf A-Höhe im Gelände. Bluebell war inzwischen bestens vorbereitet und in den Grundlagen gesichert, so dass ich mir eigentlich keine Gedanken machte, als ich heute die Stute sattelte und dann warmritt.
      Tatsächlich enttäuschte mich Bluebell nicht: Wir durchsprangen heute zum ersten Mal einen A-Parcours mit verhältnismäßig leichten Terrain und sie bewältigte es mit Bravour. Im Verlauf der Woche erhöhte ich den Schwierigkeitsgrad und als ich mir sicher war, dass Bluebell locker jedes A-Springen bewältigen würde, rief ich Occulta an.
      Schon ein paar Tage später stand für Bluebell die Heimreise an. Ich knuddelte die süße Reitponystute noch einmal ordentlich, ehe ich sie auf den Hänger führte und noch einmal kontrollierte, ob alles eingepackt war. Dann machte sie sich mit einem Pfleger von PFS auf den Heimweg.
      27 Aug. 2016


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      Military A -> L (c) Occulta
      Auch ein Militarytraining stand heute Vormittag an. Doch nach dem Galoppieren mit den Jungpferden wollten wir uns alle erstmal einen Tee gönnen. Wir versammelten uns in der Reiterstube und besprachen den weiteren Tagesablauf. Ich nippte entspannt an meiner Tasse und lehnte mich an Jonas. Er würde zum Militarytraining nicht mitkommen, weil er in der Zwischenzeit hier auf dem Hof zu tun hatte. Aber ich war sowieso nicht der Typ Frau, die ständig an ihrem Liebhaber kleben musste. Solange ich wusste, dass wir abends Zeit für uns hatten, war alles in bester Ordnung.
      Wenig später putzten wir die Pferde und trafen uns im Inneren der Ovalbahn, dem hauseigenen kleinen Geländeparcours. Es waren zwar nur wenige bescheidene Hindernisse hier, aber das reichte für unser Vorhaben, nämlich ein paar der Vollblüter ans Geländespringen zu gewöhnen. Ich ritt natürlich wieder auf Framed in History, der an mir hängte wie eine Klette. Er war total zufrieden und wackelte mit den Ohren, sobald ich aufstieg und losritt. „Wenn du nur bei den anderen Pflegern auch so brav laufen würdest“, murmelte ich kopfschüttelnd. Ausser Frame waren auch Coulee, Cabinet of Caligari, Kaythara, Captured in Time, Sympathy of the Devil und Cassiopeia dabei. Ausserdem hatten sich David, Lisa und Thomas mit Bluebell, Sugar and Sweets und Parányi dazugeschlichen. So waren es ganz schön viele Pferde für den kleinen Parcours, aber mit etwas Management durch Oliver kamen wir aneinander vorbei. Zunächst wärmten wir uns alle ein, wobei die Jockeys mit den Vollblütern Olivers Anweisungen folgten und die anderen drei ihr eigenes Programm abspulten. „Occu hands up, you’re holding them too deep“, erinnerte der Trainer mich, als ich gerade kleine Volten ritt. Frame gab sofort im Genick nach und wurde ganz leicht. Ich lächelte vergnügt über den Eifer des Hengstes und lobte ihn. Als die Aufwärmphase durch war, übersprangen wir ein paar leichte Hindernisse. Zunächst einzelne, und gegen Schluss des halbstündigen Trainings einen einfachen Parcours aus fünf Hindernissen. Frame zögerte ab und zu, aber sobald ich ihm nochmals durch Schenkeldruck versicherte, dass er auf dem richtigen Weg war, sprang er jeweils mutig über die Naturhindernisse hinweg. Devil hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Charly beim Wassergraben, ging aber nach zwei Versuchen wiederwillig doch hindurch. Cassy wurde im Verlaufe des Trainings ziemlich heiss und Rita musste sie gut zusammenhalten, damit sie nicht zu flach über die Hindernisse kam. Coulee schien das Springen ebenfalls zu gefallen, jedenfalls machte sie einen Fahnenschweif und hielt die Ohren stets nach vorne gerichtet, ausser wenn sie gerade absprang; dann klappte sie sie konzentriert nach hinten. Caligari und Kaythara wussten beide nicht so recht, was sie von dem Busch-Hindernis halten sollten. Caligari verweigerte sogar einmal, was aber laut Oliver einzig und allein Parkers Fehler gewesen war. Die beiden Reitponys hielten sich übrigens auch nicht schlecht unter ihren ganzen langbeinigen Kollegen. Bluebell und Sweets flitzten wendig und geschickt um die Kurven und galoppierten uns ordentlich um die Ohren. Parányi und Tom übten an schwierigeren Hindernissen, denn die schwarze Stute war bereits fortgeschritten im Geländespringen. Einmal streifte Frame mit den Vorderbeinen den Baumstamm – ein Zeichen für mich, dass er langsam müde wurde. Zum Glück hatte ich ihm die besonders gut schützenden Geländegamaschen angezogen. Ich machte also nur noch ein paar letzte Sprünge, bevor ich es gut sein liess. Am Ende lobte ich ihn ausgiebig und liess ihn am langen Zügel austraben. Es war ein erfolgreiches, Unfallfreies Training gewesen.
      30 Nov. 2016


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      Distanz E -> A (c) Occulta
      Nun ging es weiter zu den Reitponys. Mit ihnen stand zur Abwechslung ein erstes Distanztraining an, damit sie etwas mehr Ausdauer aufbauen konnten. Natürlich war das in einem Mal nicht möglich, aber wir wollten in nächster Zeit nach Möglichkeit einmal pro Woche mit ihnen einen längeren Ritt machen. Sika, Lychee, Bluebell und Sweets waren allesamt unerfahren was grössere Distanzen anging. Aber irgendwo musste man ja anfangen. Lisa, Jonas, Darren und ich putzten und sattelten die Ponys. Ich selbst übernahm Lychee, denn ich wollte mir einen ersten Eindruck von ihrem Können verschaffen, nachdem ich sie ja erst vor ein paar Tagen zurückgekauft hatte. Vor dem Aufsteigen checkten wir ihren Puls, sodass wir einen Referenzwert hatten. Dann ging es auch schon los. Vor uns lag ein circa 15 Kilometer langer ‚Ausritt‘, welchen wir in lockerem Trab und vielen, langen Schrittpausen absolvierten. Dazwischen wurde immer mal wieder Puls geprüft. Die Ponys machten sich gut, nur Bluebell hatte einen leicht zu hohen Puls gegen Ende des Ritts. Wir nahmen deshalb noch mehr Tempo zurück und passten uns alle der Stute an. Wieder auf dem Hof kühlten wir die Beine der Ponys und wuschen die verschwitzten Stellen mit dem Schwamm. Danach führten wir sie ausgiebig trocken und packten sie in ihre Abschwitzdecken ein, damit sie sich nicht erkälteten. Mir frohren mittlerweile fast die Finger ab, obwohl ich dicke Handschuhe trug. Ich gab Lychee ihre wohlverdienten Karotten und liess sie dann wieder in Ruhe.
      31 Jan. 2017

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      E -> A (c) Occulta
      Mit den DRPs wollten wir uns heute einen kleinen Spass erlauben. Dazu nahmen wir sie erstmal aus den Boxen und Putzen sie. Bluebell sah mir bereits aufmerksam entgegen, als ich zum Nebenstall kam. Ich begrüsste sie mit einem Karottenstück und öffnete die Boxentür, um ihr ihr blau grünes Halfter überzustreifen. Sie war etwas ungeduldig und wollte bereits an mir vorbei aus der Box laufen, doch ich stupste sie in die Brust und schickte sie zurück. Warten war eine wichtige Lektion für junge Pferde. Als nächstes band ich sie am Holzgeländer an und begann mit dem Striegeln. Sie genoss es mit gespitzter Lippe, denn sie verlor reichlich Winterfell und es schien sie überall zu jucken. Sogar am Bauch, wo sie normalerweise etwas kitzlig war, liess sie mich diesmal ohne Schrumpelschnauze putzen. Ich kratzte auch die Hufe gründlich aus und kontrollierte, ob noch immer etwas Strahlfäule vorhanden war. Diese hatte sich im Winter hartnäckig immer wieder in kleinen Flächen gezeigt, sodass wir Bluebells Hufe immer besonders gut säubern mussten. Neben mir und Bluebell waren natürlich noch die anderen Reitponystuten angebunden. Lisa sattelte Blue Lady Liquor bereits. "Wie kannst du nur so schnell sein? Ich musste einen Kisseninhalt an Fell rausbürsten!", motzte ich an sie gewandt. "Ich kann's halt einfach", meinte sie schulterzuckend, begleitet von einem breiten Grinsen. Anne sah so aus, als hätte sie wiedermal nicht verstanden, was wir gesagt hatten. Ich half ihr rasch: "We talked about how it was even possible for Lisa to already finish this mess of a Wookie-shedding." Sie stiess ein stummes "Ah" aus und wandte sich wieder Sugar and Sweets zu. Zuhinterst war übrigens David, der stumm Sikas geschecktes Fell entstaubte. "Why so quiet, Dave?", fragte ich neckend. "You know exactly why", gab er zurück. "You can ride Bluebell the whole next month, so let me enjoy her a little bit longer", befahl ich. Bluebell war nunmal Davids Lieblingspferd und er verschränkte gespielt beleidigt die Arme. Wir konzentrierten uns wieder auf das Bereitmachen. Ich bandagierte Bluebells Beine zur Sicherheit - denn wir wollten tatsächlich mit den Ponys auf die Rennbahn. Das Training diente dem Konditionsaufbau, aber in erster Linie auch einfach dazu, die Ponys mal so richtig laufen zu lassen. Auf die Rennsättel (oder eher die Trainingssättel) mussten wir aber verzichten, denn die waren für die Vollblüter ausgelegt. Stattdessen nahmen wir einfach die normalen Springsättel. Auch die anderen Bandagierten die Beine und wir montierten allesamt Vorgeschirre, damit die Sättel nicht verrutschen konnten, wenn sich die Rennponys streckten. Als alle bereit waren, machten wir uns auf den Weg zur Bahn. Doch weit kamen wir nicht, als eine vertraute Stimme hinter uns rief: "Wartet auf mich!". Ich brauchte mich nichtmal umzudrehen, um zu wissen, dass uns Lily mit Snottles Peppermint im Schlepptau gefolgt war. Sie hatte sich fest in den Kopf gesetzt, Peppy für Shettyrennen zu trainieren. Sein Wochen übte sie und baute Peppys Kondition auf. Ich hatte das Shetland Pony sogar scheren müssen, denn mit dem dichten Winterpelz hätte es viel zu stark geschwitzt. Beim Nordstall stiessen auch noch Darren und Baccardi zu uns. Somit waren alle Deutschen Reitponys startbereit, ausser Donut. Der hatte sich beim Toben auf der Weide eine Zerrung geholt, die laut TA noch etwas länger Ruhe brauchte. Für ihn gab es daher im Moment nur Spaziergänge und Bodenarbeit. Wir wärmten unsere Ponys gründlich ein und reihten uns dann zu einem freien Start auf. Auch Peppy und Lily stellten sich neben uns. Als es losging, konnte die Shettydame mit ihren kurzen Beinen aber nicht wirklich mithalten und fiel bald zurück. Wir versuchten ein gescheites Intervalltraining in Form eines kleinen Trainingsrennens aufzugleisen, was aber gar nicht so leicht war, denn die Ponys wollten am liebsten einfach nur im Jagdgalopp über das Gras preschen. Auch ich hatte meine liebe Mühe, Bluebell vor dem Sprintteil etwas zurückzunehmen und dann kontrolliert schneller werden zu lassen. Zuletzt gaben wir ihnen den Kopf frei, einfach nur aus Neugier, wer denn nun als erstes ins Ziel kommen würde. Es endete in einem knappen Kopf-an-Kopf zwischen Sweets und Bluebell, wobei Sweets die Nase vorn hatte. Zufrieden klopfte ich Bluebell auf den Hals und liess sie austraben. Wir ritten zurück zu Lily und Peppy, die ihren eigenen Trainingsplan eingehalten hatten. "Und? Wie lief sie?" "Ach ganz okay, am Start müssen wir noch etwas arbeiten", stellte Lily fest. Wir ritten gemeinsam zurück zu den Ställen und wuschen die Ponys, die es bei den Frühlingshaften Temperaturen nach der Anstrengung nötig hatten. Dann gingen wir alle zusammen an der Hand mit ihnen grasen, wobei auch Donut wieder dabei war. Die beiden Hengste verhielten sich übrigens brav neben den vier Stuten - das hatten wir ja auch lange genug trainiert.


      [​IMG] Military L-M (c) Occulta
      für River's Blue Lady Liquor, Donut, Silverangel, Baccardi, Sika, Calico und scs Bluebell

      Eine anstrengende, aber spassige Dressurstunde hatte ich schon hinter mir – als nächstes folgte Geländetraining. Dieses brauchten heute besonders die Reitponys. Wir waren daher gleich mit einer ganzen Gruppe unterwegs, bestehend aus Lychee, Silver, Sika, Bluebell, Baccardi, Donut und – als einziges nicht-Pony – Calico. Ich selbst ritt auf Donut. Das Gewitter von vorhin hatte sich bereits wieder verzogen, beziehungsweise gab nun dem nächsten Dorf eine Dusche. Wir waren darüber nicht wütend. Allerdings war das Gras noch ganz nass, sodass wir zur Sicherheit Stollen einschlugen und beschlossen vorsichtig zu reiten. Ich machte meinen schwarzen Ponyhengst im Nordstall bereit und führte ihn dann zur Ovalbahn, in deren inneren sich unsere kleine Trainingsstrecke befand. Sie war zwar wirklich bescheiden, aber beinhaltete doch die wichtigsten Hindernisse zum Üben. Und da nur Bluebell bereits auf M Klasse trainiert werden musste, brauchten wir nicht extra auf die auswärtige Militarystrecke zu fahren. Wir stellten alle verstellbaren Hindernisse zunächst auf die kleinstmögliche Stufe. Im Verlaufe des Trainings erhöhten wir für Lychee und Donut auf 1 Meter, für die anderen auf 1.10 Meter. Mit Bluebell übten wir vor allem an den Hindernissen, die sie noch etwas zögerlich übersprang. Für Sika war ein einfacher Baumstamm das unheimlichste, für Silver hingegen war es das Wasser. Wir trainierten eine halbe Stunde lang intensiv, doch hörten auf bevor die Pferde müde wurden. Denn dann wurde es gefährlich, mit den grösstenteils massiven, festen Hindernissen. Ich liess Donut am Ende auf der Ovalbahn austraben und lobte ihn ausgiebig. Dann gingen wir noch ein wenig Spazierreiten im Schritt, während wir Reiter ausgelassen plauderten. Schliesslich spritzte ich Donut gründlich ab, damit er keinen Schweiss mehr im Fell hatte. Er genoss das kühle Wasser, denn es war bereits wieder heiss geworden seit dem Gewitter, und zudem ziemlich schwül. Auch das Abspritzen am Kopf machte ihm nichts aus. Neben mir wusch David auch Baccardi, der das ganze aber nicht so sehr mochte. Ich schmunzelte, als er ungeduldig scharrte.

      [​IMG] Distanz A-L (c) Occulta
      scs Bluebell, River’s Blue Lady Liquor, Silverangel, Sika, Fake xx, PFS’ Ljúfa, PFS’ Dancin’ to Jazz, Donut, Baccardi, Vychahr, Flintstone, Calico, Areion, Diarado, Circus Dancer, Co Pilot de la Bryére
      Alle waren fleissig am Pferdeputzen. Anlass dazu gab das heutige Distanztraining, bei dem wir unsere Sportpferde auf einem mehrstündigen ‚Ausritt‘ ein wenig fitter machen wollten. Wir waren eine ganz schön grosse Gruppe; 16 Pferde insgesamt. Da brauchte es schon etwas mehr Organisation und Vorbereitung als bei einem gewöhnlichen Spazierritt. Zum Beispiel hatten Jonas, Lewis und ich im Voraus abgeklärt, welche Strassen am wenigsten befahren sein würden und wo wir am wenigsten Spaziergänger stören konnten. Wir wollten schliesslich das gute Verhältnis mit den Anwohnern in den Dörfern rund um Birmingham aufrechterhalten. Ich war schon gespannt, ob wir überall gut durchkommen würden und wie die Pferde sich benahmen. Ich hatte mir für heute meinen Liebling Co Pilot ausgesucht, dem das Training sicherlich gut tun würde, angesichts dessen, dass wir zukünftig mit ihm auch etwas mehr Military machen wollten. Dasselbe galt für Vychahr, der zwar eher dressurgezogen war, aber auch dafür schadete eine gute Kondition sicherlich nicht. Und natürlich kam auch Diarado mit, aus demselben Grund wie Pilot. Aus dem Nordstall waren ansonsten noch Flintstone, die Reitponys Donut und Baccardi, Dancer, Calico und schliesslich Areion dabei. Allerdings heute nicht mit Lily, denn die hatte einen anderen Job gefasst. Da Jonas zu schwer für seine Hackneypony Stute Fake war, hatten die beiden kurzerhand Rollen getauscht und so musste Jonas nun mit dem wolligen Tinker auskommen. „Was hab ich mir da nur wieder angetan?“, rief Jonas entsetzt aus, als er das Fell des Tinkers sah. Es war, wie konnte es auch anders sein, mit einer halbtrockenen Schicht grauem Schlamm überdeckt. „Dein Ernst?? Ich glaube ich spanne Fake doch ein.“ „Vergiss es, dann musst du alleine gehen. Das wird sonst zu umständlich, dauernd auf dich und das Sulky Rücksicht zu nehmen“, stellte ich klar, wobei ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Jonas holte Areion raus und spickte symbolisch ein Dreckklümpchen von seiner Kruppe. Dann seufzte er laut und schnappte sich den Federstriegel aus der Putzkiste. „Wo soll ich denn hier bitte anfangen?“ „Hör auf zu jammern, Pilot hat sich auch paniert.“ „Aber der hat wenigstens kurzes Seidenfell! Da fällt der Dreck ja schon fast von alleine ab“, beharrte Jonas, während er mit dem Striegeln begann und nach kurzer Zeit wegen des aufgewirbelten Staubes eine Hustenattacke bekam. „Du musst das Zeug nicht inhalieren“, neckte ich ihn lachend, und begann auch Pilot abzuschrubben. Darren, Anne und Alan, die direkt neben uns ihre Reittiere putzten, schmunzelten über unsere sinnfreie Unterhaltung. „Hey, an welche Körung melden wir Flint jetzt eigentlich an?“, fragte Alan während dem Hufeauskratzen. „Stimmt ja, den könnte man eigentlich bald nennen… Vom Können her ist er ja schon längstens soweit. Ich werde mich in nächster Zeit mal darum kümmern“, beschloss ich laut. Rita meldete sich von zuhinterst und meinte: „Calico könnte man wohl mittlerweile auch kören lassen, dann kannst du ihn endlich für die Zucht brauchen.“ „Wär schon toll, ja. Dod bringt zwar sehr gute Fohlen, aber etwas Abwechslung würde wohl nicht schaden.“ Calico kam heute mit, obwohl er eigentlich schon viel weiter in Distanz ausgebildet war als die anderen. Rita und er wollten die Route in einem höheren Tempo absolvieren und würden vorausreiten. So konnten sie uns auch gleich vorwarnen, falls unterwegs ein unerwartetes Hindernis auftauchen sollte.
      Als wir endlich alle Pferde sauber bekommen hatten, sattelten wir sie und trafen uns dann mit den anderen Pflegern draussen vor dem Nordstall. Die meisten standen schon bereit, aber man sah sofort, wessen Pferde ihren Weidegang am meisten genossen hatten. Fake glänzte wie frisch geölt, trotz des beginnenden Fellwechsels. Jonas schielte missmutig zu ihr und Lily rüber, und ich konnte seine Gedanken förmlich von seinem Blick ablesen. Ich erlaubte mir ein halb verkniffenes Schmunzeln und stieg auf den Rücken von Pilot. Ich rief meine Hunde Zira und Sheela zu mir, damit sie zwischen den vielen Pferden nicht unter die Hufe kamen. Jacky kam nicht mit, weil sie zu kurze Beine hatte und ich befürchtete, dass sie nicht mithalten könnte. Bluebell tänzelte etwas ungeduldig und steckte damit prompt auch Lychee an, indem sie sie mit ihrem Popo wegdrängte. Lychee quietschte verärgert und wollte Bluebell bereits ihr eigenes Hinterteil zuwenden, aber David hinderte sie daran und ritt sie etwas weiter nach vorne, um dem Ärger aus dem Weg zu gehen. Na das fängt ja gut an, dachte ich im Stillen. Es war eindeutig Zeit loszureiten. „Where’s April? Ahh, there she comes. Allright, let’s go”, sprach ich, und führte die Gruppe zusammen mit Darren und Diarado an. Calico und Rita liessen uns wie abgemacht nach den ersten zehn Minuten zurück und ritten ein ansprichsvolleres Tempo. Ich sah ihnen lange nach und dachte an die Zeit zurück, in der Rita den Criollo nichtmal anständig führen konnte. Nun waren sie so ein eingespieltes Team. Ein Anflug von Stolz überkam mich, wenn ich so darüber nachdachte, dass ich ihr damals die ersten Reitstunden gegeben hatte.
      Die unerfahrendste in unserer Gruppe, Ljúfa, hatte noch am meisten Mühe mitzuhalten. Zusätzlich erschwerend war, dass sie etwa doppelt so viele Schritte machen musste wie die Grosspferde. Am Anfang des Ritts merkte man noch nichts davon, doch gegen Ende war sie ziemlich nassgeschwitzt und atmete schwer. Lisa beschloss daher, ihr nochmals eine Pause zu geben und danach im Schritt zurück zu reiten. Ich stimmte dem zu und liess zur sicherheit auch Lewis mit Jazz warten, damit sie nicht alleine zurückreiten musste. Pilot trabte auch auf den letzten Strecken zurück zum Hof noch frisch und kraftvoll – ich hatte seine Ausdauer wohl ziemlich unterschätzt. Ich klopfte ihm stolz auf den Hals, als wir wieder die Grasrennbahn überquerten und durch die Tannen ritten. Er streckte sich eifrig und trug den Schweif leicht angehoben. Sika machte sich bei unserer Rückkehr laut bemerkbar, indem sie nach Sweets rief. Eine Antwort bekam sie auch, wenn auch nur eine leise. Die beiden Stuten, die direkt nebeneinander im Nebenstall standen, klebten für meinen Geschmack schon etwas zu sehr aneinander. Daran würden wir wohl noch arbeiten müssten. Ich beobachtete nach dem Absteigen, wie Silver sich genüsslich den Kopf an Robins Schulter rieb. Die junge Pflegerin wurde dabei fast weggeschubst und musste sich Mühe geben, um standhaft zu bleiben. Robin bemerkte, dass ich sie beobachtete und sah unsicher weg, besann sich dann aber eines besseren und lächelte mir verlegen zu. Sie kämpfte immernoch mit ihrer Schüchternheit, aber es wurde langsam besser. Wir versorgten die Pferde und ich bot Zira und Sheela eine Schüssel Wasser an, damit sie nach dem langen Spaziergang ihren Durst stillen konnten.


      [​IMG] L-M
      Circus Dancer, Halluzination, Burggraf, Estragon Sky, Ronja Räubertochter, scs Bluebell, Vychahr
      Die Pfleger tuschelten aufgeregt, während sie eifrig die Pferde putzten, die für die nachfolgende Dressurstunde eingeplant waren. Die Aufregung war deshalb so präsent, weil heute ein bekannter Dressurreiter nach Pineforest kommen würde, um die Stunde zu halten. Genauer gesagt, war er längst hier und trank mit Elliot, dem wir die besondere Trainingsgelegenheit zu verdanken hatten, in der Reiterstube Tee. Es war ein Grand-Prix Reiter, Carl Bester sein Name. Elliot hatte durch seine Connections unter den Dressurreitern ein Treffen mit ihm vereinbaren können. Natürlich waren jetzt alle Pfleger scharf darauf, bei diesem aussergewöhnlichen Unterricht mitzumachen. Wir hatten uns aber mit Mr Bester darauf geeinigt, dass sieben Pferde teilnehmen würden. Circus Dancer, Halluzination, Bluebell, Vychahr, Ronja, Aristo und Artemis. Die glücklichen Reiter, die ausgelost wurden, waren Lisa, David, Linda, Robin, Alan, April und meine Wenigkeit. In Lisa und Hallu steckten wir besonders hohe Erwartungen – für die beiden ging es um den letzten Schliff zur Grand Prix Dressur. Aber auch Dancer war längst bereit für internationale Turniere. Zudem wollten wir unsere Nachwuchstalente fördern – Robin ritt deshalb auf Bluebell, damit die beiden gleich zusammen lernen konnten. Ich selbst sattelte Vychahr. Der Fuchsfarbene Hengst hatte grosses Potential für die Dressur, obwohl er ursprünglich für’s Springen gedacht gewesen war. Aber manchmal fanden sich eben doch ungeahnte Wege zum Erfolg, während andere, geplante weniger erfolgversprechend ausfielen. Die drei Achal Tekkiner waren auf einem eher bescheidenen Niveau im Vergleich zu den anderen, aber auch sie hatten gute Veranlagung und besonders ihre Reiter konnten von den Kritischen Augen Besters profitieren. Wir ritten gründlich warm, wobei wir bereits erste Lektionen ritten. Die Pferde mussten quasi von Anfang an konzentriert dabei sein – am halblangen Zügel schlendern kam nicht in Frage. Ich trieb Vilou entsprechend konsequent an und achtete schon im Schritt auf seine Biegung. Im Verlaufe der Stunde ermahnte mich Bester, nicht zu viele und zu offensichtliche Hilfen zu geben. Stattdessen solle ich sparsam und präzise mit ihnen umgehen. Ich war wohl etwas zu eifrig gewesen. Vilou wurde daraufhin tatsächlich etwas feiner und aufmerksamer. Bei Lisa bemängelte der Trainer, dass Hallu manchmal mit der Hinterhand zu faul wurde. Er zeigte ihr, wie sie die Stute besser motivieren konnte und schlug ein paar nützliche Übungen vor. Wir übrigen hörten natürlich interessiert mit. Für Robin nahm sich der Grand Prix Reiter extra viel Zeit und gab ihr viele Sitzkorrekturen während den verschiedenen Übungen. Besonders bei den Seitwärtsverschiebungen hatte die junge Reiterin noch Mühe, Bluebell vor’s Bein zu bekommen. Das änderte sich aber im Verlauf des Unterrichts dank der Tipps. Die Stunde war ziemlich lehrreich und wir mussten bis in die letzte Minute „dranbleiben“ – Bester gönnte uns nichtmal beim Austraben eine frühzeitige Pause. Er erklärte uns, dass die Lösungsphase am Anfang und die Entspannungsphase am Schluss beinahe wichtiger seien, als die Lektionen dazwischen. Beim Ausschreiten ritten wir nebeneinander und diskutierten begeistert das Gelernte. Bester und Elliot bewegten sich Richtung Parkplatz, nachdem wir uns nochmals herzlich bedankt hatten. Diejenigen Pfleger, die von der Reiterstube aus zugesehen hatten, verteilten sich wieder an ihre Arbeiten. Ich klopfte Vilou auf den Hals und gab ihm beim Absteigen ein Leckerli, das er sich zweifellos verdient hatte.
    • Stelli
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      Januar 2021 - Jahresrückblick
      Das neue Jahr war schon wieder vier Tage an. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Auch das verflixte Jahr 2020 verging wie im Flug. Hoffentlich, oh hoffentlich würde 2021 besser und schöner werden als das letzte Jahr. Etwas nachdenklich machte ich mich also an die Arbeit und das Versorgen meiner Pferde und – endlich – auch Ponys. Ich konnte im Vorjahr zwei wirklich fantastische Deutsche Reitponys erwerben, was mich sehr glücklich machte. Früher schon hatte ich viele Reitponys im Besitz, bis heute loderte dieses Feuer für diese Rasse in mir. Feuervogel und scs Bluebell waren es, die bei mir einzogen. Die Beiden hatten sich schon sehr gut bei mir eingelebt und ich plante auch schon, Bluebell bald decken zu lassen, evnetuell auch von Feuervogel? Wer weiß! Mit Bluebell stand heute Dressurarbeit an, Feuervogel wurde longiert. Bei den Großpferden hatte sich auch einiges getan was den Zuchwachs betraf. Es war so großartig, wieder so viele Pferde um einen zu haben. Das erinnerte mich an früher, wo ich Hofgut Tannenheide geleitet hatte.. mit so vielen wunderbaren Pferden. Dempsey zog heute morgen bei mir ein. Ich holte die Trakehnerstute heute relativ früh bei Bracelet ab. Deswegen durfte sie sich erstmal die Woche über eingewöhnen. Auch Bjarka war Ende letzten Jahres zu mir gezogen, ganz überraschend. Sie war ein Geschenk, worüber ich mich unendlich freute. Wir hatten uns schon gut zusammengerauft und passten super zusammen, es harmonierte einfach. Bjarka ritt ich heute nur locker vorwärts-abwärts, sie hatte die letzten Tage genug gearbeitet. Uranium Fever und Forever Yours konnte ich ebenfalls neu dazugewinnen. Grade bei Forever Yours war es eine Herzensangelegenheit, denn die Stute hatte ich bereits vor vielen Jahren lange besessen, bis der Hof unerwartet zerstört wurde. Forever Yours hatte so ihren Lebensplatz bei mir bekommen bis an Ende ihrer Tage. Sie durfte bei mir ein entspanntes Leben führen, mit bisschen reiten und viel Koppel, bis sie auch als Zuchtstute in Rente geht. So auch heute, sie kam nur auf die Weide, wo sie den ganzen Tag rumdümpeln durfte. Uranium Fever hingegen hatte noch einiges vor sich. Sie wurde heute von meinem Freund geritten und durfte etwas springen. Das Training war anstrengend, aber sehr gut. Grey Rose war nun endlich soweit, dass sie Zuchtstute werden darf und gekrönt werden kann. Wir hielten bereits Ausschau nach geeignet ausgeschriebenen Zuchtstutenprüfungen im Umkreis, wo wir teilnehmen konnten. Grey Rose wurde heute nur locker am Halfter longiert und hatte sonst den Rest des Tages frei. Golden Highlight und It’s Tea Time waren seit Ende des Jahres 2020 eingetragene Zuchtstuten. Auch hier war der Plan, sie dieses Jahr eventuell von einem geeigneten Hengst decken zu lassen. Die beiden wurden heute zusammen ausgeritten von meinem Freund und mir. Es hatte ein wenig geschneit und die Landschaft war von einem Hauch Puderzucker überzogen. Es war ein entspannter Ausritt mit viel Schritt und noch größeren Plaudereien. Als wir mit den Stuten durch waren, ging es an die Hengste. Auch hier konnten wir 2020, in der kurzen Zeit wo wir den Hof und die Pferde besaßen, extreme Fortschritte machen. Wir hatten mit Fürstenherz einen extrem schicken Trakehnerhengst gewonnen, der mit seiner seltenen Fellfarbe die Trakehnerzucht auf ein neues Level bringen würde. Ihn galt es jetzt ordentlich auf die Körung vorzubereiten. Doch er hatte auch noch ein bisschen Zeit. Er wurde heute ausgebunden über Stangen longiert. Leviathan’s Levisto zog ebenfalls bei mir ein. Mit ihm wurde früher nicht viel gemacht. Nachdem wir ihn jetzt langsam angeschoben haben war er konditionell fit und machte sich sehr gut. Ich ritt Levi heute nur locker im leichten Sitz, wir galoppierten viel. Nach Levi ging es weiter. Wir waren so begeistert von dem schönen Wetter, dass wir kurzer Hand beschlossen, mit den restlichen Hengsten auch ausreiten zu gehen. Zuerst sattelten wir Shavalou und Smarty Jones. Shavalou durfte sich derweil auch gekörter Deckhengst nennen. Die Hengste galoppierten wir deutlich mehr, da wir merkten, dass sie ziemlich Energie hatten. Wir entschieden uns deshalb für eine lange Galoppstrecke, die leicht bergauf ging, was die Beiden wirklich mal forderte. Zufrieden abschnaubend machten wir uns irgendann wieder auf den weg nach Hause, denn da warteten noch Diamond’s Shine und Sezuan auf ihren Ausritt ins Winter Wonderland. Auch diese Beiden sind 2020 Deckhengste geworden. Ich war auf ihre Zukunft sehr gespannt und was die Zeit bringen würde. Nachdem wir auch diesen Ausritt beendet hatten, kamen die Zwei nochmal raus auf die Koppel. Sweet Spot war ebenfalls eine neue Stute, die kurz vor Silvester bei mir einziehen durfte. Die bunte Knabstrupperstute hatte es mir sofort angetan und ich hatte Glück – sie war noch verkäuflich, da ihr eigentlicher Käufer sie nie bezahlt hatte. Gut für mich! Ich fackelte nicht lange und kaufte sie. Nun hatte sie sich bereits ein wenig eingelebt, war noch etwas schüchtern. Was sich aber von Tag zu Tag besserte. Heute durfte sie auf dem Reitplatz mal für sich etwas laufen und sich ausbocken. Nachdem ich Sweet Spot wieder auf die Koppel gebracht hatte ging es weiter mit PFS’s Colours of Life und Blue Moon II, meine beiden Vollblüter, die das Blüter-Trio komplettieren. Beide wurden parallel von mir und meinem Freund longiert. Nachdem alle Pferde draußen waren, mistete ich schnell die Boxen ab und streute sie nach. Die Pferde blieben den Rest des Tages draußen und kamen erst gegen Abend bei Einbruch der Dunkelheit wieder in den Stall.
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  • Album:
    06 - Hofgut Birkenau | Sportponys
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    Stelli
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    10 Dez. 2020
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  • scs Bluebell


    [​IMG]
    Vom: Viktor
    Vom: Visconti
    Aus der: St. Pr. Soraya


    Aus der: Bon Voyage (früher Radetta)
    Vom: Voyager
    Aus der: Con Appetit



    [​IMG]
    Rufname: Blue
    Geburtsjahr: 2013
    Stockmaß: 1.48 m
    Rasse: Deutsches Reitpony (DRP)
    Geschlecht: Stute
    Fellfarbe: Red Roan Tobiano (ee,Aa,Rnrn,Toto)
    Abzeichen: Blesse, 3x weiß (Scheckung)
    Gesundheit: Sehr gut


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    verschmust, leistungsfreudig, fleissig, manchmal etwas stur, schnell gelangweilt
    Bluebell stammt aus dem einst berühmten 'Secret Creek Stud' aus Deutschland.


    [​IMG]
    Besitzer: Stelli
    Ersteller: Delilah
    VKR: -
    Verkäuflich: Nein

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    Zuchtzulassung: Ja

    SK 454
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    Nachkommen: PFS' Navy Sniper
    Decktaxe: nicht berechnet
    Stationiert: -


    [​IMG]
    Galopprennen Klasse: A
    Western Klasse: E
    Spring Klasse: M
    Military Klasse: M
    Dressur Klasse: M
    Distanz Klasse: L
    Fahren Klasse: E

    Eignung: Dressur, Springen
    Geritten: Ja


    [​IMG]
    SW 468
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