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Wolfszeit

Ready For Life

a.d. Unbk v. Unbk || Freiberger [36,33 %]

Ready For Life
Wolfszeit, 2 Juli 2022
Bracelet, Sosox3, Canyon und 2 anderen gefällt das.
    • Wolfszeit
      [​IMG]
      kapitel nitton | 04. Juni 2022
      Snotra / Lubumbashi / Maxou / Glymur / Moonwalker LDS / Planetenfrost LDS / Wunderkind / Harlem Shake LDS / Waschprogramm / Form Follows Function LDS / Satz des Pythagoras/ Lu’lu’a / HMJ Holy / Sturmglokke LDS / Enigma LDS / Millennial LDS
      Einheitssprache / Caja / HMJ Divine / Legolas / Ready for Life / Benjamin

      Vriska
      “Du wolltest doch nur schnell deine Haare neu machen”, jammerte Lina hinter der geschlossenen Badtür.
      “Jaha, ich bin doch gleich so weit”, rief ich langgezogen, mit dem Blick auf mein Handy gerichtet. Beinah sekündlich aktualisierte ich die Instagram Startseite und beobachtete, die Zahl neben dem kleinen Herz, das aufleuchtete, stieg. Wir hatten Tyrell von dem kleinen nächtlichen Ritt in der Halle erzählt und er wollte sich am gestrigen Tag selbst davon überzeugen, nur hatte ich dieses Mal den Sattel auf die Stute gelegt. Seiner Begeisterung über meine Leistung folgte der Einsatz der Kamera. Die Ergebnisse waren großartig, landeten deshalb nicht nur auf der Seite vom Gestüt, sondern auch auf meiner. Und was soll ich sagen? Niklas war hoch im Rennen, sich positiv darüber auszusprechen. Selbst Lina, die es sonst kritisch sah, dass ihr Freund Sympathie für mich hegte, freute sich daran.
      Deshalb saß ich auf dem geschlossenen Deckel der Toilette und wollte nicht zur Teambesprechung. Wollen, war eventuell der falsche Ausdruck, denn ich fand keine Motivation durch den angetauten Schnee wieder zurückzulaufen. Wir hatten schon einiges geschafft. Lina machte große Fortschritte im Umgang mit Rambi und ich war mit Snotra ausreiten, die einen anderen Sattelgurt benötigte. Dieser wurde zunehmend zu kurz. Lina scherzte bereits, dass Glymur mehr Erfolg hatte, als vermutet, doch ich bezweifelte es. Dafür war die Zeit zu kurz auf der Weide gewesen. Aber was wusste ich schon.
      “Ich schneide sie dir ab, wenn du jetzt nicht kommst”, ermahnte sie mich noch einmal und nun öffnete ich doch die Tür. Sie stürmte sofort hinein.
      Einen Moment später patschten wir durch den Matsch auf den Wegen zur Halle. Am Himmel zogen kleine Wolken vorbei, der ansonsten verdächtig blau leuchtete. Ein vereinzelter Vogel kreiste über den Bäumen. Der Hof lag still, getaucht in einer wässrigen Decke und umschlossen von Ästen. Alles wie immer, es war ein typischer Montag.
      Im warmen Raum der Mitarbeiter saßen wir als Erstes an unseren Plätzen. Folke trafen wir noch mit Dustin in der Stallgasse und mein Bruder verbrachte womöglich mit Jonina, die sich beide außergewöhnlich nahe standen seit dem Geburtstag. Ich beäugte die Beziehung kritisch, aber äußerste mich nicht dazu.
      „Oh, ihr seid da“, sagte Tyrell und klatschte erfreut die Hände zusammen. Dann begann er mit einer ganz simplen Sache: Neue Berittpferde.
      „Lina, bist du bereit, dich einer Herausforderung zu stellen? Caja ist nicht ganz einfach, schrieb man mir im Voraus und schickte anbei einige Videos“, erzählte er eher, als dass es eine Frage darstellte.
      “Wie darf man ‘nicht ganz einfach’ verstehen?”, hinterfrage Lina mit zusammengezogenen Augenbrauen. Ihr schien bereits klar zu sein, dass es bei solch einer Ankündigung nicht nur um eine einfache Lappalie handeln konnte.
      „Fuchs mit großer Blesse?“, fragte ich verwirrt. Das Pferd war nur bedingt unbekannt in der Region, primär in meinem Umfeld.
      „Ja?“, schloss er sich unserer Stimmung an.
      „Ich habe Gerüchte gehört“, grinste ich teuflisch, als hätte ich mir insgeheim bereit gewünscht, dass etwas daran wahr war. „In Spanien soll Mika schwer mit ihr gestürzt sein beim Vortraining und seitdem kommt keiner mehr an sie heran.“
      „Fast. Der Hauptgrund sind wohl Männer, denen sie nicht mehr vertraut und ihr Besitzer möchte ihr nun ein besseres Zuhause schenken“, erläuterte Tyrell weiter. Linas Augen wurden größer.
      „Aber du schaffst das. Wir haben so viel Zeit wie nötig ist, bekommen, also Stress dich nicht“, blieb er zuversichtlich. Cash reihte sich damit in eine lange Liste von schwierigen Pferden ein, die wir am häufigsten am Gestüt hatten. Vermutlich sprach sich herum, dass wir es eine gute Adresse dafür waren.
      “Wenn du das sagst”, entgegnet meine Kollegin, die noch nicht so ganz überzeugt schien, dieser Aufgabe wirklich gewachsen zu sein, aber auch nicht zu widersprechen wagte.
      „Wenn nicht, kann das bestimmt auch Mateo machen“, sprach er weiter, „ach ja, ihr wisst das noch gar nicht. Diesen sammeln wir in Kiel auf. Mit euch wird er dort die Woche verbringen und macht dann im Anschluss bei uns seinen Bereiter und Trainerschein. Vielleicht möchte er auch bleiben, das hat er sich noch nicht überlegt.“
      Oh, jemand Neues im Team? Das klang interessant. Tyrell hatte ein gutes Gespür dafür, wer zu uns passte und wer nicht. Deshalb bereitete die mir Tatsache keine Bedenken.
      „Und eine Praktikantin bekommen wir auch, aber die wird bei Bruce im Stall sein. Mal schauen, es gibt noch weitere Anfragen für alles Mögliche, jedoch sind so gut unsere Zahlen auch nicht, dass wir jeden und alles einstellen können, vor allem, wenn jeder seine Pferde mitbringt“, dabei blickte er uns beide an, aber begann dann zu lachen.
      “Ach, die zwei Ponys fallen doch gar nicht auf, die futtern auch nur ganz wenig”, scherzte Lina, wohl wissend, dass allein Ivy schon das Doppelte an dem verspeiste, was Maxou zu sich nahm.
      „Natürlich, es sind Shetlandponys“, beschwichtigte Tyrell, „aber noch etwas anderes. Ich bitte euch nicht jedes Pferd in Kiel zu kaufen.“ Seine Augen schielten mehr zu mir als zu Lina.
      „Aber eigentlich staune ich ohnehin, dass du jetzt erst eins hast“, fügte er hinzu.
      „Wirklich?“, hakte ich nach.
      „Wenn du könntest, wäre der Stall voll. Zu gleichen Teilen muss das Pferd aber auch für dein Verständnis perfekt sein.“ Ein belustigtes Lächeln umspielte seine Lippen.
      „So groß sind meine Ansprüche nicht, nur wusste ich bisher nicht, in welche Richtung es gehen sollte. Kein Fuchs, kein Kerl und eigentlich Isländer, doch das ist jetzt durch“, zählte ich die kleinen Feinheiten auf.
      „Aber sowohl Glymur als auch Capi zählen doch zur Gattung Kerl?“, traf Tyrell ins Schwarze.
      „Ja, aber die gehören nicht mir. Es geht vielmehr um das drumherum“, versuchte ich nicht vorhandene Gründe der Geschlechterwahl zu finden.
      „Welches Drumherum? Hier ist Hengsthaltung doch gar kein Problem und Wallach werden meistens bevorzugt.“
      „Schon, aber woher soll ich wissen, wie lange ihr mich ertragt und halbe Kerle sind so langweilig. Außerdem will ich die nicht so intim waschen“, lachte ich.
      “Also, dass man Wallache langweilig findet, kann ich noch verstehen, aber Intimpflege, ernsthaft? Eine wirklich seltsame Begründung”, schmunzelte Lina.
      „Das interessiert mich jetzt, aber auch sonst bist du doch recht offen, was männliche Intimzonen betrifft“, musste Tyrell natürlich noch eine Schippe drauflegen. Ich schloss verzweifelt die Augen und versteckte die ansteigende Röte meiner Wangen hinter meinen Händen. Natürlich hatte er mehr von Harlen erfahren, ansonsten – denken wir besser nicht darüber nach.
      „Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Obendrein finde ich es einfach eklig, okay? Ich möchte nicht mit meinen Händen in dem Bereich an einem Pferd fummeln“, gab ich ihnen meinen Grund dafür mit kratziger Stimme.
      “Ist ja okay”, grinste Lina, “dann hoffe ich mal für dich, dass dir nicht doch mal eines Tages ein Hengst zuläuft.”
      „Das wird nicht passieren“, blieb ich überzeugt, dass nichts im Leben etwas daran ändern könnte. Es gab so viele Pferde, da würde ich eine andere Möglichkeit finden.
      „Spannend“, blieb Tyrell ebenfalls behaglich, „die Größe scheint doch sonst eher in deinem Blick zu sein.“
      Die Röte intensivierte sich.
      „Tyrell! Das sind Pferde“, versuchte ich an seinen verlorenen Verstand zu appellieren.
      “Gibt es, außer diese Sache sonst noch etwas zu besprechen?”, startete Lina, ein feistes Grinsen auf den Lippen, einen Versuch wieder die essenziellen Dinge zu thematisiert und mich damit aus der seltsamen Situation zu befreien. Zum Glück hakte sie nicht weiter nach, vorher seine wirren Behauptungen stammten. Erleichtert atmete ich aus.
      „Tatsächlich, ja“, sagte Tyrell. „Ihr könntet Divine und Legolas heute mal in die Herde packen und dann schauen, wie die beiden sich machen. Irgendwer von den beiden hat die Selbsttränken beschädigt, deswegen steht dort der Eimer.“
      “Okay, cool. Ich hoffe nur, dass mein Spielkind noch nichts überflutet hat”, kommentierte sie.
      “Leider muss ich dich enttäuschen, noch bevor ihr im Stall wart, haben Folke und ich alles getrocknet. Aber alles gut. Kommt vor”, zuckte unser Chef, wenn er das überhaupt noch war, mit Harlen als Geschäftsführer, mit seinen Schultern.
      Sonst stand nichts mehr an und wir bewegten uns nacheinander aus dem Raum heraus. Im Flur kam uns aufgeregt, der junge Hund entgegen, als er unsere Stimmen hörte. Freudestrahlend bewegte sich sein Schwanz, ehe er sich vor unseren Füßen auf den Boden warf. Wir knieten uns hin, um dem Tier einen Augenblick der Aufmerksamkeit zu schenken, doch mussten dann schon weiter. Die Halfter hingen ohnehin an der Box, wodurch wir geradewegs weiterkonnten.
      “Hallo”, begrüßte Lina ihren hellen Hengst spielerisch und war direkt verloren. Noch einige Male versuchte ich eine Antwort auf meine Frage zu bekommen – vergeblich. Damit wir hier keine Ewigkeit verbrachten, legte ich dem Rappen sein blaues Halfter um, das schon bessere Zeiten gesehen hatte.
      “Also, wann kommt Samu endlich wieder?”, nahm ich einen letzten Anlauf, als ich kurz den Paddock standen und die darin befindenden Pferde interessiert ans Gatter kamen. Leise brummten sich die Tiere an, quietschten und verteilten sich wieder vereinzelnd.
      “Mittwoch kommt er definitiv und wenn es zeitlich passt, wollte er vielleicht heute noch kurz hereinschauen”, antworte sie fröhlich.
      “Oh toll, ist da etwas Besonderes?”, fragte ich.
      Lego rieb seinen Kopf an meiner Schulter, bekam einen Klaps, aber ignorierte diesen konsequent. Immer wieder schob ich ihn zur Seite, bis Lina ihm kurz in die Schranken weißte. Der Hengst spitzte die Ohren und gehorchte ihr.
      “Nicht, dass ich wüsste, aber es wäre nicht ausgeschlossen, dass der schon wieder mit irgendwelchen Überraschungen ankommt”, entgegnet sie frohen Mutes, während sie beiläufig die Haarpracht des Freibergers ein wenig ordnete, obwohl dies vermutlich ohnehin gleich wieder durchgewirbelt werden würde.
      “Als hättest du eine Vermutung”, nickte ich verstehend, zumindest versuchte ich es. Die Beiden waren mir ein Rätsel, aber ich finde sie so niedlich zusammen.
      Aber zunächst mussten die Pferde auf dem Paddock. Deswegen öffnete ich am Griff die Litze. Nacheinander führten wir die Hengste hinein, lösten die Stricke und schon bewegten sie sich zu den anderen. Dominant trabte Rambi aus der Gruppe heraus, um ihnen gegenüber dem Mann zu stehen. Er scheuchte die Beiden herum, aber als Benjamin dazu kam, wurde die Gruppe ruhiger.
      “Ja, Intuition”, lächelte sie, “aber ist mir eigentlich auch egal, Hauptsache, er lässt sich gelegentlich hier blicken.”
      “Er ist auch ein Sahnestückchen. Das schaut man gern an”, sprach ich meinen Gedanken aus, ohne die Augen von den Hengsten zu lösen. Lego hatte sich zwischen zwei anderen Warmblütern begeben und zupfte an dem Heu.
      “Na, lass das mal nicht deinen Freund hören”, feixte sie, “aber Unrecht hast du nicht.”
      “Mein Freund will, dass ich mich mit einem Typen treffe, den ich nicht kenne, nur damit ich mit dem Schlafe, anstelle dass er es tut, also bitte”, wurde ich zum Ende leiser. Ein Hauch von Enttäuschung schwang mit, denn eigentlich wollte ich den Satz eher als Scherz klingen lassen, doch alles daran entsprach der Wahrheit. Den Moment nutzte ich, um mein Telefon zu prüfen, stille. Nicht einmal Instagram unterbreitete mir eine erfreuliche Nachricht, einzig die Uhrzeit und das heutige Datum leuchtete mich an. Dennoch lächelte ich. Obwohl ich beschlossen hatte, meinem Sperrbildschirm wieder eine normale Optik zu verpassen, zeichnete sich dort noch immer besagtes erstes Bild, das mir gesendet wurde. Ich mochte es, nicht nur aus emotionaler Sicht, sondern auch aus ästhetischer.
      “Wie oft hast du schon an Samu gedacht, also aus anderen Gründen?”, fragte ich noch nach, als das Handy wieder in der Jackentasche verschwand.
      “Ich fürchte, eine genaue Anzahl ist schwer zu ermitteln”, scherzte sie, “aber oft, gerade in der hochpupertären Phase, wie du dir vielleicht vorstellen kannst.”
      Versichert huschten meine Augen von links nach rechts, während meine Zähne die Unterlippe hindurchzogen. Kein Thema war so schwierig in meinem Leben wie diese, doch sie konnte das nicht wissen.
      “Von meinen Freunden weiß ich das, ja. Ansonsten habe ich davon einiges Übersprungen und verpasst”, gab ich zu. Aus Serien und Büchern wurde mir das Thema Jugendliebe auch schon nähergebracht, grundlegend nichts, worauf ich neidisch war.
      “Oh, entschuldige, ich wusste nicht, dass das so ein sensibles Thema für dich ist. Aber ich kann dir sagen, es ist keine Lebensphase, die ich gerne wiederholen würde”, setzte sie beschwichtigend nach.
      “Kann ich mir vorstellen”, nickte ich, “aber du und Samu? Grandiose Vorstellung.” Ein freches Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Vermutlich wäre sie auch deutlich glücklicher mit ihm als mit Niklas, aber das hatte ich nicht zu beurteilen.
      “Findest du? Ich weiß ja nicht so recht”, antwortete sie argwöhnend, schien aber dennoch über meine Worte nachzudenken. Ihr Blick blieb bei ihrem Hengst, der noch immer von ihrem anderen Schützling über den Paddock gescheucht wurde. Keine Bisse, keine Tritte, also hielten sich die Rangdiskussionen noch im Rahmen. So färbte sich aber das saubere helle Fell, immer mehr zu einem Leoparden.
      “Willst du jetzt hören, wie schön eure Kinder aussehen könnten?”, begann ich zu lachen.
      “Ach, jetzt sind wir schon bei Kindern”, amüsiert funkelte es in ihren Augen, “Offenbar hast du genauere Vorstellung über mein Leben als ich selbst.”
      “Natürlich. Grund eins: Hast du dich mal richtig angeschaut? Du bist niedlich. Grund zwei: Dein Leben ist so viel interessanter als meins, deswegen mache ich mir Gedanken, um äußerst seltsame Dinge”, baute ich die Diskussion aus. Sie konnte nicht direkt einordnen, was ich meinte, aber nickte einmal sehr lang, als es im Kopf ankam.
      “Ich habe ja bereits vieles gehört, was ich sein soll, aber niedlich war selten dabei, aber danke”, lächelte sie geschmeichelt, “Aber was ist an meinem Leben dann so viel spannender? Es kommt mir nicht so vor als würde bei dir so wenig passieren.” Sie klang wirklich interessiert an meinem Gedankengang, auch wenn sie stets die Tiere im Auge behielt. Immerhin arbeiteten wir, während die nette Unterhaltung geführt wurde. Viel stand heute ohnehin nicht auf dem Plan.
      “Meine Wortwahl war interessanter und nicht weniger. Dennoch ist es ziemlich einfach, weil es bei dir so geregelter wirkte, bisher und die Erzählungen von deinem Umfeld immer so mitreißend ist”, erläuterte ich.
      “Wenn das so interessant ist, sollte ich vielleicht schon einmal an meiner Biografie arbeiten”, scherzte sie, “Aber Danke für das Kompliment?” Irritiert schielte sie kurz zu mir hinüber, bevor die felligen Vierbeiner wieder die Aufmerksamkeit bekamen.
      „Ich war ein Jahr im Literaturkurs, das könnte helfen“, offerierte ich.
      “Nette Angebot, aber ich glaube, das ist ziemlich viel Aufwand dafür, dass es vermutlich nur dich interessiert”, lächelte sie sanft.
      „Ach, Niklas sollte dafür auch sehr zu haben sein und der kann vermutlich die komplette erste Auflage kaufen“, bemerkte ich beiläufig und verfiel wieder darin, dass ihr bester Freund offenbar auch ihre Jugendliebe darstellte. Romantische Vorstellung, wie ich feststellte und meine womöglich erste und einzige Liebe als kribbelndes Gefühl unter der Haut spürte. Natürlich, Erik war großartig und ich wollte auf eine gewisse Art und Weise für immer bei ihm sein, aber er war nicht … Ich gab mir einen kleinen Klaps auf die Wange, um den Blick wieder für die Tiere zu haben und davon abzukommen. Der Schmerz war stets präsent, aber versteckt, wie chronische Kopfschmerzen.
      “Ich glaube, so funktioniert das nicht, wenn man halbwegs erfolgreich sein wollen würde”, sprach sie grüblerisch und gerade die letzten Worte klangen eher als sei es eher ein hypothetisches Gedankenspiel als eine ernsthafte Überlegung.

      Nach einer weiteren verstrichenen halben Stunde setzten wir uns wieder in Bewegung. Lina nahm sich ihrem Schützling Rambi an, während ich in der Sattelkammer saß und klägliche Aufgaben wie Sattelzeugpflege verrichtete. Eine Trense nach dem anderen nahm ich auseinander, fettete sie ein und baute alle Einzelteile wieder zusammen. Bereits nach der Vierten verlor ich die Lust daran, obwohl noch mehr als zwanzig Stück vor mir lagen.
      „Du bist aber fleißig“, sagte Tyrell und legte den Sattel zurück auf seinen Platz. Seine Schritte hatte ich bereits vernommen, aber man hörte andauernd welche. Selbst über mir knarrte es unregelmäßig.
      „Offensichtlich“, murmelte ich nur. Dabei schloss ich das Reithalfter wieder am Genickstück an.
      „Das war vorhin Spaß“, kam er sofort auf das Thema zu sprechen, was immer wieder in meinem Kopf aufblickte, als wäre es der nervige Wecker am Morgen, der alle neun Minuten ans Aufstehen erinnerte.
      „Freut mich, dass es dir Spaß bereitete“, drehte ich mich zu ihm, mit einem aufgesetzten Lächeln. Widmete mich im Anschluss wieder der Trense, die an ihren Platz zurückkam.
      „Eigentlich wollte ich noch etwas anderes ansprechen“, setzte sich Tyrell mit ernstem Blick neben mich. Wachsam spitzte ich meine Ohren. Die Finger fummelten eine weitere Trense auseinander, aber meine Augen sagen gespannt in seine Richtung.
      „Folke und Hedda werden zurückgehen nach Kalmar, auch Holy lassen sie hier und ich überlege, die Traber nach und nach zu verkaufen“, sagte er mit einem Seufzer. An den Tieren lag ihm viel, umso schwerer wirkte die Entscheidung.
      „Und, was soll ich nun tun?“, versuchte ich mehr in Erfahrung zu bringen.
      „Wäre es möglich, dass du wieder fährst?“, kam er zum Punkt.
      Nein, sagte ich in Gedanken, aber meine Lippen blieben geschlossen. Neben dem harten Training mit Lubi und der anderen Pferde nun auch noch, die Traber in Form zu halten, überstieg deutlich meine Leistungen. Außerdem kam ich selbst kaum auf das nötige Gewicht, wodurch die Rennen für mich nichts sein würden.
      „Es ist in Ordnung, wenn du nicht möchtest. Aber ich würde deine Hilfe benötigen bei der Suche nach jemand Neues“, wartete Tyrell nicht einmal auf meine Antwort.
      „Keine Ahnung, wie ich dir dabei eine Hilfe sein soll, aber ja“, stimmte ich nickend zu, „ich kann auch erst mal, zumindest hier, die Pferde fahren, aber rennen werde ich nicht nennen.“
      Er nickte.
      „Was passiert mit Holy und dem Fohlen?“, kam mir umgehend die Plüschkugel in den Kopf.
      „Die werden wir übernehmen, aber später dann schauen, ob wir sie behalten. Für die Reitschule könnte sie schwierig werden“, erklärte Tyrell. Sprach er von der Reitschule, die bisher nur Ausrede für Pferde war, die er kaufte und keine Notwendigkeit hatten? Gerade mal zwei Reitschüler kamen in der Woche, nichts Nennenswertes für einen weiteren Ausbau.
      „Okay“, nickte ich. Tyrell verließ den Raum und ich widmete mich wieder den Trensen. Aktuell schien sich alles zu ändern. Es kamen immer mehr neue Menschen und im selben Zuge verließen uns andere. Dass es innerhalb weniger Monate derartig viele Veränderungen geben würde, hätte ich nicht denken können. Immer mehr verfiel ich wieder in meinen Trott aus schlechten Gedanken, aber versuchte mich mit den Trensen abzulenken.
      „Die Leute lieben dich“, hörte ich hallend im Flur vor der Sattelkammer. Harlen unterstrich seine Freunde mit seinem Handy hoch in Luft gereckt. Er hatte wohl auch von den Bildern mitbekommen und gesellte sich zu mir.
      „Scheint so“, antwortete ich abwesend, ohne das Zaum aus der Hand zu legen. Den Blick behielt ich ebenfalls daran, um wirklich jede noch so kleine Verschmutzung zu entfernen. Nur noch fünf Stück lagen vor mir.
      „Was ist los?“, fragte er ernst.
      „Nichts.“
      „Für ‚nichts‘ bist du ziemlich seltsam und in dich gekehrt“, merkte Harlen an. Womöglich wieder eine seiner brüderlichen Instinkte, die ihn dazu anstifteten, hartnäckig zu bleiben.
      „Alles wie immer“, konnte ich mich nicht auf ein tiefgründiges Gespräch über meine Gefühle einlassen. In seinem Kopf ratterte es. Seine Hand fuhr durch das nach oben gegeltem Haar und richtete er sich auf.
      „Wir haben mitgeteilt bekommen, welche Pferde ihr in Kiel betreut“, wechselte Harlen gekonnt, das Thema.
      „Cool“, blieb ich desinteressiert. Kiel lag emotional noch so weit entfernt, dass ich darüber noch gar nicht nachdenken konnte. Letztlich war es nur arbeiten an einem anderen Ort, mit weniger Freiheiten.
      „Vivi, könntest du bitte mehr Interesse zeigen?“, appellierte er, aber kam damit nicht wirklich bei mir durch. Die nächste Trense baute ich nach dem Einfetten wieder zusammen. Ich stand auf und hängte sie zurück an ihren Platz. Es müsste jene sein, die wir an Götterdämmerungen verwendeten, zumindest nahm ich sie.
      „Okay, Harlen. Wenn du mich dann in Ruhe lässt, rede ich mit dir darüber“, gab ich schließlich nach. Er verhinderte, dass ich mit der nächsten Trense fortsetzen konnte.
      Zustimmend nickte er.
      „Tyrell musste mal wieder alte Wunden aufreißen, du verheimlichst mir Dinge und ich weiß nicht, wofür mein Herz schlägt“, ratterte ich im Akkord herunter.
      „Du hast recht“, seufzte mein Bruder, „ich war nicht ehrlich zu dir und das tut mir leid.“
      „Und welchen Grund sollte es dafür geben?“, seufzte ich.
      „Es ist kompliziert, deshalb wollte ich nicht darüber reden.“ Seine kurze Aussage klang nach weiterem Schweigen darüber, aber er überlegte auch. Ich hatte mir wieder eine Trense geschnappt, als er weitersprach: „Eigentlich wollte ich nicht hierbleiben, nachdem es mit der Firma geklärt war, aber einige Sachen verhinderten dieses Unterfangen. Papa sieht es nicht gern, dass ich von hier ausarbeite und nun auch noch als zweifacher Geschäftsführer agiere. Ich habe entschieden, dass mein Verwalter das Familienunternehmen vertritt und ich hierbleibe.“
      Harlen sprach um den heißen Brei. Nichts davon wirkte kompliziert oder verriet, wieso er die Entscheidung traf.
      „Du wirst wohl kaum geblieben sein, weil Schweden so schön ist. Dafür sitzt zu viel im Büro“, merkte ich an.
      „Aber das Wetter ist etwas besser.“ Er grinste. Gut, Punkt an ihn.
      „Willst du wirklich wie ich hier auf dem Hof verschimmeln?“, fragte ich.
      „Wieso sollten wir hier verschimmeln? Du planst gerade deine Karriere und ich führe ein erfolgreiches Gestüt, das eine große Zukunft vor sich hat, vor allem, wenn die Weltreiterspiele hier stattfinden sollen. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?“ In Harlens Augen funkelten förmlich die Geldscheine, aber er sah auch nur das große Ganze, nicht die Arbeit mit den Tieren.
      „Ich denke nicht, dass ich es so weit schaffe und die ganze Arbeit!“, jammerte ich.
      „Es geht nun mal nicht von heute auf morgen. Für dich ist es immer so einfach.“

      Tatsächlich hatte ich alle Trensen geschafft, noch vor sechs Uhr am Nachmittag. Damit blieb noch genug Zeit, um mich im Stall umzusehen, wer beschäftigt werden wollte. Von Folke verabschieden, stand ebenfalls noch auf dem Plan. Heute war sein letzter Tag, hatte mir noch Harlen mitgeteilt. Dass es so schnell gehen würde, dachte ich nicht. Veränderungen. Allein diese Tatsache lag mir schwer im Magen, aber ich konnte dagegen nichts tun.
      „Rambi war gut?“, fragte ich Lina in der Stallgasse, die gerade Walker gesattelte hatte und den Kappzaum verschnürte.
      „Ja, super“, antwortete sie kurz. Am Sattel passte sie die Bügellänge ein und verschwand im Schritt durch das große Tor. Ihr Zeitplan schien auch voll zu sein. Indessen stand ich am selben Punkt: Welches Pferd sollte noch geritten werden? Lubi hatte Pause, schließlich stand morgen ein intensives Training mit Eskil an und Maxous Beule wurde wieder größer, wodurch ich zunächst auf den Befund der Biopsie wartete. Unser Tierarzt hatte Zweifel geäußert zwischen den Zeilen, aber ich versuchte optimistisch zu bleiben.
      Also schlich ich durch Aufgang der Hengste, sah wie Plano an der Mähne von Wunderkind knabberte, Shaker an der Selbsttränke spielte und jedes Mal zusammenzuckte, wenn knarrend das Wasser zischte. Von der Seite kam Waschprogramm dazu, das seltsame Barockpferd, dass Tyrell einfach so gekauft hatte. Übersät von Matsch, erkannte man kaum die Punkte in dem Fell.
      „Na komm, dann machen wir mal was“, sagte ich entschlossen und stieg durch die Gitter auf den Paddock. Im Handumdrehen lag das Halfter an seinem Kopf. Treudoof folgte mir das Tier in den Stall.
      Nach einer halben Stunde putzen, verlor ich die Lust noch mehr der riesigen Sandflecken zu entfernen und führte ihn einige Meter weiter zur Indoordusche. Langsam schaltete ich den Wasserhahn an, bis es für mich eine angenehme Temperatur hatte. Waschprogramm jedoch machte seinem Namen keine Ehre. Wie ein kleines Kind hampelte er von links nach rechts, um dem lauwarmen Strahl zu entkommen. Vorsorglich entledigte ich mich der Jacke und Pullover. Im nächsten Augenblick stellte es sich als eine gute Entscheidung heraus. Der Hengst schnappte in den Schlauch und mich überkam ein Schwall aus Wasser.
      “Toll gemacht”, sagte ich zynisch und betrachtete mein tropfendes T-Shirt. Unter mir bildete sich eine kleine Pfütze. Gerade, als ich das Shirt auch noch zur Seite gelegt hatte und das Seitentor geschlossen, ergriff Waschi erneut den Schlauch. Ein bitterlicher Kampf um die Hoheit über die gelb-rote Schlange begann. Kurze Zeit dominierte ich den Besitz, konnte große Teile seines Körpers zumindest anfeuchten, bis er mit gestrecktem Kopf das Gummi in die Luft ragte. Zum Glück war die Dusche großzügig angelegt, dass im Hauptgang alles trocken blieb.
      Eingeseift und wie ein begossener Pudel stand der Hengst vor mir, den Hals gesenkt und die Augen mitleidig nach oben gedreht. Als ob es so ein Problem war, dachte ich insgeheim. Aber kaum floss das Wasser wieder, setzte der Kampf fort. Schritte nährten sich, die ich im Eifer des Gefechts kaum für voll nahm. Besagte Person stoppte. Waschprogramm hatte zu dem Zeitpunkt wieder den Schlauch im Maul und musste umgehend dafür sorgen, dass auch wirklich jeder in seinem Umfeld von seinem Leid etwas zu spüren bekam.
      “Gib zu, das macht er in deinem Auftrag”, ertönte Niklas tiefe Stimme hinter mir. Verlockt, der Tatsache zuzustimmen, drehte ich mich zunächst um. Ich schluckte.
      “Ohne meinen Anwalt sage ich nichts. Ich kenne meine Rechte!”, scherzte ich und griff zu dem Handtuch, das allerdings genauso nass war wie das Umfeld. Ich schmiss es zurück über die Stange. Ungewöhnlich schnell hatte er die durchnässte Jacke in der Hand. Das Shirt darunter wies nur kleine Flecken auf, was Waschi schleunigst zu ändern wusste. Einmal wippte er mit seinem Kopf und schon bekam Niklas die nächste Dusche ab.
      “Es tut mir leid, aber du hättest damit rechnen müssen”, sprach ich schulterzuckend und versuchte den Schlauch zu erobern. Dafür schaltete ich diesen aus, schon hatte ich ihn zurück. Zumindest das Shampoo sollte aus dem Fell heraus, dann wäre er von seinem Leid erlöst.
      “Dann muss ich mich wohl von noch mehr trennen”, lachte Niklas und warf mir sein Shirt entgegen. Ein intensiver Schweißgeruch gemischt mit Deo lag mir in der Nase. So schnell ich konnte, legte ich es wieder weg.
      “Nur das Nötigste”, ermahnte ich ihn, aber konnte auch mein Lachen nicht verdrängen.
      “Oh nein, bringe ich dich etwa in Schwierigkeiten?”
      “Eher du dich selbst. Lina könnte jeden Augenblick wieder kommen”, setzte ich die Grenzen. “Aber, was machst du hier?”
      “Eigentlich wollte ich mein Pferd bewegen, aber jetzt muss ich erst mal neue Sachen aus dem Auto holen”, sprach Niklas.
      Ich drehte mich von ihm weg, um nicht noch bei den auffälligen Blicken auf seine Tattoos eine Anmerkung zu kassieren. Verlegen biss auf meiner Unterlippe, schaltete das Wasser ein und entfernte den restlichen Schaum aus dem Fell des Pferdes. Der Abstand zu ihm verhinderte, dass er in den Schlauch schnappte.

      Lina
      Beinahe wie ein Geist hob, sich die helle Gestalt des Hengstes von dem strahlend blauen Himmel ab, der sich in der Pfütze spiegelte.
      “Großer, da ist nichts zu sehen, außer dir selbst”, sprach ich ruhig zu dem Tier. Seit einigen Minuten stand Walker vor der großen Pfütze, die das leichte Tauwetter auf dem Weg hinterlassen hatte und bewegte sich keinen Zentimeter vorwärts. Immer wieder senkte der Schimmel den Kopf, um mit weit geblähten Nüstern in das Wasser zu starren, ganz so als würde gleich ein Hai daraus emporspringen, um ihm in die Nase zu beißen.
      Mit sanftem Druck in die Flanken, forderte ich Walker erneut auf, sich zu bewegen und tatsächlich setzte der Hengst vorsichtig einen Huf in das Wasser.
      “So ist es brav.” Mit lobenden Worten strich ich über das dichte Fell, welches den Hengst umhüllte wie eine weiche Decke. Der Hengst setzte weiter Hufe in das Nass, auch wenn er die reflektierende Oberfläche nicht aus den Augen ließ. Nach der Durchquerung bekam der Hengst ein Leckerli für den Heldenmut sich dem gefährlichen Miniozean zu stellen.
      Weitere Gefahren begegneten uns auf dem Weg in den Stall nicht, allerdings eröffnete sich ein ziemlich seltsames Bild beim Betreten der Stallgasse. Aus der Waschbucht blickte Waschprogramm, mit hängenden Ohren und ließ sich Schicksalsergeben von Vriska abduschen, die dies aus nicht ersichtlichen Gründen ohne Shirt tat. Sollte ein warmer Wintertag doch nicht gleich ein Grund sein, alle Hüllen von sich zu schmeißen. Als sei das nicht bereits fragwürdig genug, stand mein Freund ebenso unbekleidet da, auch wenn er gerade auf dem Weg nach draußen zu sein schien.
      “Habe ich den Sommeranfang verpasst?”, kam mir, schneller als dass ich es überdenken konnte, ein spitzer Kommentar über die Lippen, bevor ich Walker energisch an den beiden vorbei, zum Putzplatz trieb.
      „Schön wäre es!“, schnaubte Vriska, „Der wollte unbedingt, dass wir auch sauber sind.“ Dabei zeigte sie auf Waschi, der die Augen langsam die Augen nach oben schon und schlussendlich in den Schlauch biss. So schnell konnte man Vriska gar nicht folgen, da ließ der Wasserdruck nach und das Pferd vom Gummi.
      “Ah ja”, argwöhnte ich, denn so wirklich sinnig erschein mir diese Erklärung dennoch nicht, “und weil Waschi meint alle wässern, zieht man sich gleich aus?” Auf die Antwort wartend, ließ ich mich aus dem Sattel des hellen Hengstes gleiten. Seine blauen Augen beharrlich auf mich gerichtet, die Ohren spielend, beobachte er, wie ich um ihn herumtrat, um das Halfter zu ergreifen, welches dort an einem Haken hing.
      „Also ich habe mich vorsorglich ausgezogen“, erklärte sie schließlich. Der Hengst hatte sich geschüttelt und sie nebenbei mit dem Schweißmesser das überschüssige Wasser entfernt. „Dein Freund hat es ungeschickter getroffen, deswegen ist er zum Auto.“
      Unverändert nickte ich. Dann nahm ich den Sattel vom Rücken. Im Flur kam Welpi wie ein Pfeil angeschossen, fußelte um meine Beine herum, noch bevor ich überhaupt in der Sattelkammer ankam. Ungewöhnlich frisch roch es, aber nicht so wie Wäsche duftet, wenn man sie aus der Waschmaschine nahm, sondern eher nach Seife und … Lederfett? In der Kammer bestätigte sich meine Vermutung, die Trensen hingen alle ordentlich geputzt und an der Wand und erstrahlten in fettigen Glanz. Hier musste jemand ziemlich fleißig gewesen sein oder hatte viel Langeweile, wobei mir in letzterem Fall ungefähr hundert andere Dinge einfallen, die mehr Spaß machen würden. Schwungvoll hievte ich den Sattel auf seinen Platz und fiel beinahe über den Hund, der mir noch immer zwischen den Füßen herumlief.
      „Vorsicht Kleiner“, lächelte ich und ging mit ihm auf Augenhöhe. Sofort grub der kleine Rüde seinen Kopf in meinem Schoß, während seine Rute wie ein Propeller durch die Luft flog. Freudige Laute drangen aus dem kleinen Brustkorb, während ich ihn ausgiebig kraulte. Nach einem Moment schob ich ihn von mir, schließlich wartete Walker noch auf sein Futter, bevor er zurück zu den anderen in das Matschwetter durfte. Der Welpe schien nicht der Meinung, dass ihm bereits genug Aufmerksamkeit zukam, denn er setzte sich unmittelbar auf meine Füße. Seinen großen Runden Welpenaugen beobachtet jede Bewegung, während ich das Gebiss auswusch.
      “Fred, so geht das nicht, du bist nicht der Einzige, der heute noch meine Aufmerksamkeit möchte”, versuchte ich den Welpen zu erklären. Natürlich verstand er kein einziges meiner Worte und fühlte sie dadurch, genauso wenig inspiriert sich zu erheben. So schob ich den Hund von meinen Füßen herunter auch, bemüht seinen Kugelaugen zu widerstehen.
      “Ach, wer möchte die denn noch?”, drang eine dunkle Stimme schäkernd an meine Ohren. Ich hatte gar nicht wahrgenommen, dass jemand den Raum betreten hatte. Erschrocken fuhr ich herum: “Gott, schleiche dich doch nicht so an.” Im Türrahmen stand Niklas, ein charmantes Grinsen auf den Lippen und vollständig bekleidet. Zugegebenermaßen müsste ich eigentlich leider sagen, denn ohne den verhüllenden Stoff …
      “Habe ich doch gar nicht. Vielleicht solltest du mehr auf deine Umgebung achten, bei deinen tierischen Gesprächen”, unterbrach mein Freund diesen Gedanken, bevor er weitere Form annehmen konnte. Von dem Neuankömmling begeistert, tapste der Welpe ihm entgegen und hüpfte wie ein Flummi an ihm hoch. Mich beschlich das unbestimmte Gefühl, dass Niklas sich auf meine Kosten amüsierte.
      “Das war kein Gespräch”, verteidigte ich mich, “dafür hätte nämlich eine Antwort erfolgen müssen.” Leicht pikiert wand ich mich von ihm ab, um Walkers Trense ordentlich zwischen den anderen zu platzieren.
      “Nicht immer alles so ernst nehmen, Engelchen. Ich scherze doch nur”, beschwichtigte Niklas direkt und hatte mit wenigen Schritten den Raum durchquert. Unmittelbar hinter mir konnte ich seine Präsenz spüren, die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, die starken Hände, die sich auf meiner Taille ablegten.
      “Eigentlich ist das sogar ganz niedlich”, flüsterte er mir sanft ins Ohr. Die glühenden Funken, welche in seiner Nähe stets durch meine Adern tanzten, wurden immer mehr, bis eine Flamme zu lodern begann. Es waren weniger die Worte selbst, die all diese Empfindungen anfachten, als mehr die Offenherzigkeit, die in diesem Moment zu liegen schien. Langsam wand ich mich zu ihm um, blickte in seine strahlenden Augen, in denen die Begierde aufblitze. Worte waren nicht vonnöten, denn wie von selbst fanden unsere Lippen zueinander und die Welt um mich herum verschwamm. Sein Geruch, die kurzen Bartstoppeln, die über meine Haut kratzten, jeder einzelne Muskel, von dem mich nur dünner Stoff trennte – all das wirkte so berauschend. Rau und zart zugleich, war die Haut seiner Finger, die zärtlich den Konturen meiner Lippe folgte, als ich den Kuss für eine Atempause unterbrach. Wohlige Schauer rieselten meine Wirbelsäule hinab. Unglaublich, wie viel so eine winzige Berührung auslösen konnte. Erneut senkte er seine weichen Lippen auf meine, diesmal wenige sanft, irgendwie fordernder. Bereitwillig öffnete ich sie, sodass unsere Zungen sich wie in einem Tanz umspielten. Meine Hände glitten aus seinen Nacken hinab, wanderten an seinem muskulösen Oberkörper hinab, bis er meine Finger stoppte. Ganz langsam lösten sich unsere Münder voneinander, doch unsere Blicke hielten einander fest. Das Herz in meiner Brust schlug wild, drohte beinahe aus meiner Brust zu springen und gleichzeitig regten sich noch ganz andere Dinge in meinem Inneren.
      “Weißt du eigentlich, wie wunderschön du gerade bist?”, flüsterte Nik sacht und strich mir eine der dunklen Haarsträhnen aus der Stirn. Dick eingepackt in mehrere Schichten Kleidung, um dem schwedischen Winter zu trotzen, bedeckt mit Matsch und Pferdehaaren. Nicht einmal meine Haare, die ich jeden Morgen zu bändigen versuchte, verweilten lange in gewünschter Ordnung. Alles in allem eher ein Zustand, den ich mit einer anderen Wortwahl, als wunderschön beschreiben würde. Dennoch versuchte ich den Drang ihm zu widersprechen zu unterdrücken und nicke zustimmend. Noch immer loderten die Flammen in meinem Inneren, erweckten eine Sehnsucht. Sehnsucht nach mehr von dem, was er in mir bewegen konnte, mehr Niklas.
      “Ich finde es so schön, wenn du hier bist”, sprach ich schließlich aus, was immer mal wieder in meinem Kopf herumgeisterte, ”kannst du nicht vielleicht öfter vorbeikommen?” Eigentlich kannte ich die Antwort bereits. Neben seiner Arbeit war das Training ziemlich zeitintensiv und irgendwo dazwischen wollte man selbstverständlich auch noch Zeit für Freunde und Familie haben, oder was auch immer mein Freund in seiner Freizeit anstellten. Da sich an diesen Umständen nichts verändert haben würde, war es ziemlich naiv zu glauben, dass seine Zeit mehr geworden sein sollte.
      “Da wirst du spätestens im Frühling glücklich sein. Dann wechseln wir aus Kalmar her”, grinste Niklas.
      “Na gut, dann hoffe ich, dass der Winter schnell vergeht”, lächelte ich zurückhaltend. Wir hatten gerade einmal Anfang November, was bedeute, dass es noch einige Monate bis zum Frühling hin sein würde. Noch viel länger konnten die nordischen Winter werden, wenn man in einen alltäglichen Trott verfiel. Wenigstens gelegentlich vermochten Niklas Besuche ein wenig Licht in die dunkeln Wintertage zu bringen.
      “Apropos Zeit”, er räusperte sich, “kommst du dann mit nach Stockholm?” Natürlich musste diese Frage über kurz oder lang kommen. Ewigkeiten hatte ich mir den Kopf über diese Entscheidung zerbrochen, denn sowohl für Kiel als auch für Stockholm hatte es gute Argumente gegeben. Letztlich war die Entscheidung jedoch auf Kiel gefallen. Denn auch wenn Stockholm mit einer sagenumwobenen Show lockte, bot die Auktion die einmalige Chance einiges zu lernen und Einblicke in eine Welt zu bekommen, die bisher weit jenseits meiner Vorstellungen lag.
      “Ich wäre so gerne mitgekommen, aber leider sind Vriska und ich da bereits auf einer Art Fortbildung”, entgegnete ich bedauernd. Es war auch einfach nicht fair, dass die Ereignisse in denselben Zeitraum fielen.
      Niklas nickte verständnisvoll. “Immerhin sitzt du nicht traurig hier in der Einöde. Aber ich kann dir sicher einen Code besorgen für die Onlineausstrahlung.” Sofort erhellte ein Lächeln mein Gesicht, denn auch wenn es gestreamt nicht ganz dasselbe Erlebnis sein würde, war es immerhin eine Möglichkeit, die beiden Veranstaltungen zu vereinen. Am allerwichtigsten natürlich war es, dass ich Niklas Auftritt mit seiner neuen Stute nicht verpassen wollte.
      „Traumhaft, ich bin schon gespannt, wie Form sich machen wird. Aber sicherlich wirst du wie immer alle umhauen”, schmunzelte ich. Leider bekam ich nur ziemlich wenig von Nikis Training mit seiner schwarzen Schönheit mit, schließlich wollte ich Vriska nicht ständig auf die Nerven gehen, wenn sie mit Lubi zum Training fuhr. Dabei faszinierte es mich immer wieder, wie leichtfüßig und elegant solch ein gigantisches Warmblut wirken konnte, wenn nur der Richtige im Sattel saß.
      “Anders feilt aktuell noch an der Kür für den Freestyle, aber im Großen und Ganzen bin ich zuversichtlich”, blieb er zuversichtlich, obwohl seine Finger ungeduldig am Shirt fummelten.
      “Alles okay? Wenn ich dich aufhalten sollte, kannst du ruhig zu deinem Pferd gehen”, bot ich entgegenkommend an, denn einen anderen Grund für seine Unruhe konnte ich nicht erkennen.
      “Du hältst mich nicht auf”, das Grinsen auf seinen Lippen wurde größer, “nur wollten meine Kollegen nachher noch in eine Bar.”
      “Und deshalb hibbelst du hier so rum?”, hinterfragte ich kritisch, denn mich beschlich das Gefühl, dass der Kerl noch irgendetwas anders im Sinn hatte.
      “Was willst du denn hören?”, er zuckte mit den Schultern und nahm den innigen Blickkontakt von mir. “Ich habe noch anderes zu tun, als hier herumzustehen, auch wenn es nicht nett klingt.”
      Dass seine Stimmung urplötzlich kippte, konnte nichts Gutes bedeuten. Aus dem Regal nahm er den Putzkasten heraus, sowie die Trense der Schimmelstute.
      “Du bist seltsam heute”, sprach ich offen aus, was mir durch den Kopf ging. Dennoch beschloss ich nicht weiter nachzuhaken, wollte ich nicht noch durch meinen Argwohn das Gefühl in ihm erwecken, dass ich ihm nicht vertrauten würde. Wenn es etwas zu bereden gab, würde er das schon ansprechen.
      “Aber dann werde ich Walker mal sein Futter bringen, viel Spaß mit deinem Pony”, setzte ich nach, verharrte noch kurz, ob es noch eine Antwort geben würde oder das Gespräch nun tatsächlich beendet war.
      “Danke dir auch”, drehte Niklas sich noch einmal um und verschwand.
      Auf der Stallgasse wurde ich bereits von dem Schimmelhengst erwartet, der auch sogleich die Schnauze in der Plastikschüssel versenkte. Im Zuge der Überlegung, welchen Vierbeiner ich mich als Nächstes widmen wollte, zog ich mein Handy aus der Tasche. Unmittelbar unter der Verknüpfung zum Hofsystem leuchtete aufdringlich ein roter Punkt in der Ecke der stilisierten Polaroidkamera, den ich geflissentlich ignorierte. Nach einem kurzen Blick vor einigen Stunden hatte ich bereits wahrgenommen, dass meine DMs unter den zahlreichen Reaktionen auf die Story von heute Morgen beinahe explodierten. So viel Aktivität hatte dort zuletzt geherrscht, als das HMJ noch aktiv am Laufen war und ich konnte mir nicht so recht erklären, was die Leute dazu bewegt hatte. Schließlich waren ein paar Pferde, die im Matsch spielten, nicht gerade außergewöhnlich, auch wenn eines davon ein weißer Freiberger war.
      Aber zurück zum eigentlichen Thema. Mit wenigen Klicks hatte ich auch bereits das Tier im Blick, mit welchem ich mich als Nächstes beschäftigen wollte.
      Binnen weniger Minuten hatte Walker sein Futter eingesaugt und sowohl Schlüssel als auch Boden vollkommen Krümel frei zurückgelassenen. So entließ ich den Schimmel zurück auf seinen Paddock, wo er zielstrebig zum Heu und sich zwischen Lu und Plano drängelte. Von den Hengsten aus lief ich unmittelbar weiter zu Holy. Mit jedem Tag schien die Stute runder zu werden, was nicht allein an dem guten Heu lag, welches sie haufenweise futterte. Nein, auch die Überraschung in ihrem Bauch ließ sich nun nicht mehr verstecken. Geschickt schlüpfte ich durch den Zaun zu den Stuten hinein.
      Die geschenkte Plüschkugel stand gemütlich unter dem Dach und knabberte an ihrem Heunetz.
      "Na, Mausi", begrüßte ich den Tinker, "Lust dich ein wenig zu bewegen?" Neugierig drehte sich der dunkle Kopf in meine Richtung. Zart kitzelte der kleine Schnurrbart, der der Stute an der Oberlippe gewachsen war, über meiner Hand, als Holy zart meine Finger beknabberte. Seltsamerweise hatte die Stute sich dieses Verhalten angewöhnt, seitdem es weniger Leckerlis gab. Routiniert zog ich das Halfter über den breiten Ponyschädel, während selbiges geduldig wartete, was Vriskas Aussagen nach, einiges an Zeit und Nerven gekostet hatte. Ich dachte beinahe, dass sie mir artig in den Stall folgen würde, doch Holy schien es eilig zu haben und drängelte an mir vorbei. Dreimal musste ich sie korrigieren, bevor sie sich fürs Erste fügte.
      Freundlich, wie immer, legte Smoothie die Ohren an, als ich Holy an ihr vorbei auf den freien Putzplatz führte. Bis heute war es mir unerklärlich, warum Niklas Stute mit jedem Tag, den ich mit ihr arbeitete, zickiger wurde, interessanterweise nur mir gegenüber. Alle anderen Menschen wurden ignoriert oder, was sie hauptsächlich bei Ju häufig tat, auf Leckerbissen hin untersucht. Meine Hypothese, lautete, dass Smooth eifersüchtig war, weil ich ihr wertvolle Zeit mit Niki stahl, denn sowohl in Kanada als auch noch so lang wie sie in Kalmar stand, war sie noch nicht so launisch gewesen. Wie auch immer. Bei Smoothie konnte ich tun, was ich wollte, sie blieb immer abweisend, was ich mittlerweile so hinnahm.
      Seufzend betrachte ich Holy. Bis zum Bauch war sie bedeckt mit grauen Matschspritzern, die langen Haare an ihren Beinen klebten aneinander und ließen die eigentliche Farbe darunter nur noch stellenweise erahnen. So schön die Puschel an den Füßen auch waren, für so ein Matschwetter schienen sie nur wenig geeignet. Dennoch entschied ich mich dagegen, der Stute die Füße zu waschen, sie würden ohnehin wieder nass und eklig werden.
      Mit einem mehr oder minder sauberen Pony, ausgestattet mit Kappzaum und Longiergurt, ging es schließlich in die Halle.
      “Tür frei”, rief ich, bevor ich das Hallentor langsam aufschob. Bis auf meinen Freund, der mit seiner Schimmelstute gerade an der gigantischen Fensterfront entlang schritt, war die Halle leer. So führte ich Holy in die Zirkelmitte, um dort erst einmal die Doppellonge einzufädeln. Diese notwendige Vorbereitung dauerte heute allerdings besonders lang. Und zwar nicht, weil Holy sich wieder ungeduldig zeigte, nein, viel mehr, weil Niklas Gegenwart ein wenig ablenkend war. Immer wieder zog es meinen Blick auf den definierten Oberkörper, dessen Muskeln sich deutlich unter dem dünnen Shirt abzeichneten. Verführerisch lockten die tintenschwarzen Linien, die sich kunstvoll über seiner Arme wanden, damit ihren Weg bis unter den dünnen Stoff zu verfolgen und die Gebiete zu erforschen, die darunter verborgen lagen. Willkürlich biss ich mir auf die Unterlippe, um die kleinen Flammen zu zügeln, die sich in meinem Innerem entfachen wollten. Stattdessen versuchte ich, mich auf die Leinen in meinen Händen zu konzentrieren.
      “Ich glaube, dafür muss man sich bewegen”, unterbrach seine Stimme die Stille der Halle. Süffisant grinsend hatte er seine Stute unmittelbar vor mir angehalten. Als wolle er seiner Worte noch unterstreichen, ließ er seine Muskeln spielen. Augenblicklich breitete sich Hitze in mir aus und brachte meine Wangen zum Glühen. Beschwerlich wand ich die Augen von Niklas ab und richtete sie auf meine Finger, in denen ein kleiner Leinensalat gebildet hatte.
      "Das tun wir schon fast", entgegnete ich und versuchte die Longen zu sortieren, die sich bei den hastigen Bewegungen allerdings nur weiter ineinander verheddern. Was war nur los, dass meine Hormone heute dermaßen unbeherrschbar schienen. Sonst brachte mich die Anwesenheit meines Freundes nicht so verheerend schnell aus dem Konzept und das, obwohl er zu jederzeit äußerst anziehend wirkte.
      “Soll das eine neue kreative Art werden, eine Longe zu halten?”, stichelte Niklas, bequem auf seiner Stute thronend, die neugierig die Nase zu dem Tinker hinstreckte.
      “Nein”, fluchte ich leise, “ich versuche diesen verdammten Knoten zu lösen.” Frustriert löste ich die innere Leine wieder vom Kappzaum in der Hoffnung so besser zum Knotenpunkt vorzudringen. Weiter erhitzte sich mein Gesicht, diesmal allerdings vor Schmach.
      Sicher war niemand so unfähig, eine Longe bereits beim Einhängen zu verknoten.
      “Na gib schon her, ich helfe dir.” Schneller als dass ich es hätte ablehnen können, war mein Freund bereits aus dem Sattel geglitten und nahm mir den Wirrwarr aus den Händen. Mit zwei Handgriffen hatte er den Knoten bereits gelöst und fädelte die Longe wieder dort ein, wo sie hingehört.
      “Jetzt kommt das hier, in das kleine Händchen”, sprach Niklas ganz nah an meinem Ohr und griff von hinten um mich herum,” und das in das andere.” Der Protest lag mir schon auf der Zunge, als jeden meiner Finger einzeln um die Stränge legte, als würde er mit einem Anfänger arbeiten, doch mein klopfendes Herz ließ mich verstummen.
      “Und jetzt nicht wieder verknoten, Engelchen”, raunte er an meinem Ohr, ein unverhohlenes Grinsen in der Stimme. Kein Zweifel bestand darin, er sich seiner Wirkung bewusst war. Vermutlich hätte er sein Spiel noch weitergetrieben, wäre da nicht die Pferdeschnauze, die sich ungestüm, zwischen uns drückte. Smoothie hatte entschieden, dass es genug war. So entschwand mein Freund aus meiner unmittelbaren Nähe, ließ nur eine Wolke betörenden Duftes zurück. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich meinen Herzschlag, wieder herunterzubringen und das Gefühl zu durchdringen, welches wie dichter Nebel durch meinen Kopf waberte. Erst als Niklas die Arbeit mit seiner Stute wieder aufnahm, hatte ich so viel Klarheit erlangt, dass ich mich auf den gescheckten Kaltblüter konzentrieren konnte. Unaufmerksam stolperte Holy los und ließ die Hufe unmotiviert durch den Sand schleifen, sie hatte eindeutig keine Lust darauf. Erst nach einiger Schrittarbeit wurde, der Tinker aufmerksamer und begann eine vernünftige Haltung einzunehmen. Aufgrund dessen wie lang es dauerte, bis die junge Stute mir zuhörte, fragte ich im Trab nur kurz eineiige leichte Lektionen ab, bevor ich die Einheit beende. Sichtlich angestrengt gähnte sie, während ich die Longe wieder abbaute und die Anstrengung damit nachließ.
      Ein Blick zu Niklas verriet mir, dass er lange noch nicht fertig war. Smoothie schien jetzt erst richtige wach zu werden und begann mit ihrem typischen rebellischen Verhalten, welches er deutlich besser zu händeln wusste, als ich es tat. Mir tanzte die große Schimmelstute regelmäßig auf der Nase herum und brachte mich damit an manchen Tagen nahe an den Rand der Verzweiflung. Doch auch wenn es sicherlich die bequemere Lösung wäre, die Verantwortung für Smoothie abzugeben, wollte ich nicht schon aufgegeben. Meinen Fähigkeiten vertraute ich dabei zwar nur bedingt, aber dafür vertraute ich auf Niklas Urteil, der mir sein Pferd sicher nicht anvertraut hätte, würde er denke ich würde nicht mit ihr fertig werden. Einen letzten Blick warf ich auf Pferd und Reiter, die, einiger Uneinigkeiten zum Trotz nicht besser zusammenpassen könnten, bevor ich mich widerwillig von dem Anblick löste. Wenn es nach mir ging, könnte ich meinem Freund den ganzen Tag lang zuschauen.
      Mit der müden Plüschkugel im Schlepptau verließ die Halle. Unter dem dicken Winterfell hatte Holy ordentlich zu schwitzen gefangen, sodass ich sie direkt unter dem Solarium parkte. Erschöpft hängte das Tier den Kopf in das Halfter, sobald die beiden Stricken diesen bequem hielten und schloss die Augen. Von der Seite schlich sich Vriska an, die offenbar den Welpen aus dem Büro geholt hatte. Freudig sprang er in unsere Richtung, während sie alles andere als ein Kind der Fröhlichkeit war. Der Uhrzeit zur Folge fehlte das Nachmittagskaffee, deshalb sparte ich mir eine Nachfrage, die ohnehin von nur wenig Erfolg gekrönt sein würde.
      Schweigend stand Vriska neben der Tinkerstute, zupfe aus der Mähne einige lockere Strähnen heraus und ließ sie zu Boden fallen. Ich war zeitgleich mit dem Welpen beschäftigt. Mit dem Schwanz schob er den Dreck von einer Seite zur anderen und sorgte damit, für unschöne dunkle Flecken im weißen Fell.
      „Ich weiß nicht, wie viel du heute aus den Stallgesprächen aufgeschnappt hast, aber“, Vriska nahm einen kräftigen Atemzug, als gäbe es Anlass zur Sorge. „Holy bleibt erst mal, bis das Fohlen da ist, dafür gehen Folke und Hedda zurück nach Kalmar.“
      Sie wich dauerhaft meinem Blickkontakt aus, ohne dabei die Hände von der ohnehin dünnen Mähne zu lassen. Immer mehr Haare landeten auf dem Boden, selbst den Schopf verschonte die Blonde nicht.
      „Oh, das ist schade. Warum gehen die beiden?“, fragte ich nach. Auch wenn zu meinen anderen Kollegen deutlich weniger Austausch bestand als zu Vriska, war das Team dennoch so etwas wie eine kleine Familie, in der jeder seinen festen Platz hatte. Selbst der rebellische Rotschopf, dessen anfänglich Passion für Holy deutlich nachgelassen hatte, hatte seine Platz darin gefunden.
      „Den genauen Grund habe ich schon verdrängt, aber ich schätze, dass er sehr an Kalmar hängt. Schließlich war Folke sein Leben lang bei ihnen auf dem Hof und Hedda hat es weniger weit zur Schule“, sprach sie gezielt, als würde jedes Wort zunächst aus den Untiefen ihr Gedächtnis gezogen werden. Immerhin hatte Vriska vom Langhaar die Finger genommen und massierte die Stirn der Stute. Holy stand mit aufgestelltem Bein, unter dem wärmenden Licht, unter das sich auch der Welpe gelegt hatte.
      „Nachvollziehbar“, nickte ich und begann allmählich zu realisieren, dass diese Nachricht nicht nur einen Verlust, sondern viel mehr einen Wechsel im Team bedeuten würde. Folke war schließlich der Einzige, der sich um das Training der Rennpferde kümmerte und auch wenn Vriska wohl in der Lage dazu wäre, glaubte ich nicht, dass sie den Sattel gegen den Sulky tauschen wollte oder sollte sie doch? Lag darin der Grund für ihr gedämpfte Verhalten?
      „Wie stellt Tyrell sich das mit den Rennpferden kommen? Wird dafür jemand Neues kommen?“, beschloss ich dieser Frage auf den Grund zu gehen.
      “Für dieses Jahr stehen ohnehin nur noch zwei Rennen auf dem Plan, dafür ist Folke genannt und er wird sie fahren, allerdings nur als Jockey. So lang werde ich mich den Tieren widmen müssen, bis jemand gefunden ist. Mein Bruder hatte schon Andeutungen gemacht, dass es über den Verband Kandidaten gibt, allerdings hat Tyrell gesagt, dass es nicht leicht ist, wen zu finden. So, I do not know”, sprach sie weiterhin niedergeschlagen. Ihre Erzählung durchkreuzte tiefe Atemzüge, die geräuschvoll durch ihre Nase kam, die etwas verstopft war. “Immerhin sind es aktuell nur zwei aktive Hengste, denn einige wird Tyrell mit nach Kiel nehmen. Lu und Sturmi laufen zwar noch, aber ist wohl nur von wenig Erfolg gekrönt. Die Stuten Mill und Enigma sind für März oder April geplant auf Rennen, aber mit Jungpferden am Sulky kann ich nicht so gut”, fügte sie noch hinzu. Also doch. Zumindest für eine Weile würde Vriska mit dem Reiten etwas kürzertreten müssen. Dabei schien sie, seit Lubi nicht nur Spaß an der Dressur zu finden, sondern entwickelte regelrecht Ehrgeiz, mit dem sie sicher einige erreichen könnte.
      “Oh, das klingt nicht so gut”, bekundete ich meine Anteilnahme, “Ist sonst alles in Ordnung mit dir?” Es berührte mich, sie so niedergedrückt zu sehen, vor allem weil dieser Zustand schier endlos wiederzukehren schien und ich wirklich ratlos war, wie sie wohl möglich aufzuheitern vermochte.
      “Wenn in Ordnung ‘Es ist immer dasselbe Chaos’ bedeutet, dann ja”, zuckte Vriska mit den Schultern. Aus ihrem Gesichtsausdruck konnte ich unmittelbar ablesen, dass es sie sehr belastete und ich ihre Unsicherheit über die kommende Zeit nachvollziehen konnte. Auch für mich war es noch immer schwer begreiflich, wo ich mich befand, umso komplizierter, musste es für sie sein. Wir hatten jeder für sich diese Entscheidung getroffen, nur aus anderen Beweggründen.
      © Mohikanerin, Wolfszeit // 53.776 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang November 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel tjugo | 12. Juni 2022
      Sturmglokke LDS / Legolas / Ready for Life / Enigma LDS / Millennial LDS / Outer Space / Maxou / Lubumbashi / Harlem Shake LDS / Götterdämmerung LDS

      Lina
      Dampf stieg von dem hellen Fell des Falben in die kalte Luft empor. Im Vergleich zu den letzten beiden Tagen, war es heute wieder kälter geworden und der kräftige Wind jagte dunkle Wolkenfetzen über Himmel. Dennoch hatte ich mich gegen die Halle entschieden, als die Einsteller erblickte, die sich darin tummelten. Es waren zwar nur drei von ihnen und die Halle eigentlich groß genug, aber eines der Pferde war eine ziemlich zicke Stute. Deren Besitzerin ungefähr ebenso umgänglich war und die Schuld für das ungezogene Verhalte ihres Tieres grundsätzlich auf die anderen schob. So hatte ich mich mit Sturmglokke also nach draußen verkrümelt, wo ich den Platz wegen des eisigen Windes immerhin für mich allein hatte. Sturmi störte sich keineswegs an dem Wetter, blieb selbst in dem Moment ruhig als eine Plastikfolie, die wohl von der Baustelle kam, knisternd und raschelt an uns vorbeigeweht wurde. Mit etwas mehr Training könnte er sicherlich ein gutes Einsteigerpferd für den Turniersport werden.
      Die Dampfwolken wurden weniger und auch die Überprüfung mit meinen Fingern im Fell des Hengstes, bestätigten, dass er nahezu trocken war. Den Rest würde eine Abschwitzdecke erledigen können.
      Was ich erblickte, kaum hatte ich das riesige Tor, erfreute mein Herz. Ein dunkler Kopf mit einer Marken großen Blesse blickte mir vom Putzplatz entgegen. Zu den Füßen des Hengstes stand die silberne Kiste, die sein Putzzeug beinhaltete. Das konnte nur bedeuten, dass …
      “Samu”, rief ich erfreut aus, als der Finne mit dem Sattelt des Hannoveraners aus der verglasten Kammer auftauchte, “Lässt du dich auch endlich mal wieder blicken.” Auch auf seinem Gesicht erstrahlte ein Lächeln, offenbar lag die Freude nicht nur auf meiner Seite.
      “Ja und ich komme mit guten Neuigkeiten”, grinste er und platzierte den Sattel auf Legos Rücken.
      “Neuigkeiten? In der Mehrzahl?”, hinterfragte ich neugierig seinen Wortlaut, während ich begann den Falbhengst abzusatteln.
      “Ja, das hast du schon richtig gehört”, nickte er, machte allerdings keinerlei Anstalten, mit besagten Nachrichten herauszurücken. Stattdessen widmete er sich in aller Seelenruhe dem, die dunkle blaue Schabracke noch einmal zurechtzulegen, dann das dünne Gelpad und schließlich zog er auch den Sattel noch mal ein Stück nach vorn.
      “Und die Neuigkeiten wären?” Noch bevor er um Lego herumtreten konnte, um den Gurt zu befestigen, stelle ich mich in seinen Weg und blickte ihm forschend an. Offenbar hatte Samu heute den Schalk im Nacken, der schenke mit nur ein verschmitztes Lächeln.
      “Man, du bist gemein”, beschwerte ich mich und lief erst einmal in die Futterkammer, um Sturmis Futter zu holen. Gierig steckte der Falbe die Nase in die Schüssel und begann augenblicklich damit, die Krümel zu verschlingen.
      “Hat es was mit Lego zu tun?”, fragte ich eindringlich. Wenn er nicht von selbst redete, musste ich halt ihn halt dazu bringen
      “Ja, auch”, entgegnete Samu und wollte gerade das Halfter vom Kopf des Rappen löse.
      “Halt, stopp! Du läufst jetzt nicht weg”, protestierte ich, denn zu warten bis Samu fertig mit seinem Training war, dauerte mir eindeutig zu lang. Schnell warf ich einen Blick in die grüne Futterschüssel. Leer, sehr gut.
      “Warte kurz, ich mache schnell Redo fertig”, wies ich den Finnen an. In Windes eile, hatte ich den Hengst auf den Paddock gebracht und stand mit dem Halfter vor der Box meiner Rappstute, die mich nur ihren wohlgeformten schwarzen Hintern erblicken ließ. Redo war zwar von Grund auf ein freundliches Tier, aber gehörte zu denen, die auch gut ohne Menschen klarkommen würde, sofern für genug Futter gesorgt war. Unbeirrt schlüpfte ich an der kräftigen Stute vorbei, steckte ihr ein Motivationsleckerli in die Schnauze und schon folgte sie mir bereitwillig zurück zu Samu.
      “Halt mal kurz”, drückte ich Samu die Stute in die Hand, die sogleich neugierig von Legolas inspiziert wurde. Schnell öffnete ich die Schnallen an der Decke, die Redo trug, da sie mir nach dem Ende ihrer Dienstzeit mit sportlichem Kurzhaarschnitt geliefert wurde. Auf direktem Wege ging es weiter in die Sattelkammer. Von der Wand leuchtete mit das pinke Hackamore entgegen, welches sie vermutlich für Lubi angeschafft hatte. Kurzerhand entschied ich mich dafür, denn sicherlich hatte sie nichts dagegen, wenn ich es mir jetzt mal auslieh. Im gleichen Zug beschloss ich, dass Sättel überbewertet wurden und griff einzig nach einer Abschwitzdecke. Außerdem konnte ich mir so das Putzen sparen, um Samu nicht noch länger aufzuhalten.
      “So, wo waren wir?”, fragte ich zurück bei ihm und den beiden Pferden und nahm ihm die Stute wieder ab. Mit Schwung flog der Fleece Stoff auf den Rücken und das Halfter auf die nahe gelegene Bank.
      “Lego”, half mir Samu auf die Sprünge und begann nun tatsächlich selbigen zu trensen.
      “Ach ja … Du willst mit Lego wieder Turniere reiten”, riet ich willkürlich, was mir als Erstes in den Kopf kam. Langsam nickte mein bester Freund: “Das auch, aber das ist nicht, was ich dir erzählen wollte, denn Legos Comeback in der Turnierwelt steht erst für den Frühling auf dem Plan.” Mit dem Ende des Satzes war auch der Nasenriemen des Hengstes verschlossen.
      “Was ist denn mit dir kaputt? Das ist gar nicht blau oder anderweitig in dein übliches Farbkonzept passend?”, mit einem kritischen Blick musterte er plötzlich das Kopfstück mit den pinken Metallbügeln, welches an Redos Kopf saß.
      “Ist auch eigentlich Vriskas, ich habe es mit nur mal kurz ausgeliehen”, klärte ich ihn auf, ” außerdem hast du ein Problem damit, wenn ich mein Farbkonzept verändern würde?” Ich lachte herzlich. Samu noch nie wirklich viel Verständnis dafür gehabt, dass ich eine gewisse farbliche Harmonie an meinen Pferden bevorzugte, anstatt einfach irgendetwas unter den Sattel zu legen.
      “Ich habe gar nichts dagegen, wenn du dein Pferd kleiden willst, wie es eine 10-Jährige tun will, mach’ halt. Ich wollte nur wissen, ob ich mir Sorgen machen muss”, lachte er und führte seinen Hengst in Richtung Halle.
      “Ich bin keine zehn”, jammerte es plötzlich hinter uns am Rolltor, “aber ja, bediene dich einfach wie auf einem Basar.”
      “Nächstes Mal frage ich vorher, versprochen”, war alles, was ich zu meiner Verteidigung hervor zur bringen hatte, “Aber es musste schnell gehen. Der da unterschlägt Neuigkeiten und es besteht Fluchtgefahr.” Redo zupfte derweil an meiner Jackentasche, um sich ein Leckerli zu ergaunern.
      “Vor ein paar Wochen habe ich dir schon mal gesagt, dass du dir nehmen kannst, was du brauchst”, grinste Vriska, offenbar Fehlalarm meiner Einschätzung.
      “Aber Samu, es kann nicht sein. Da wirst du einen langen Abend, wenn du nicht direkt darüber sprechen willst.”
      Erst als sie näher an uns herantrat, bemerkte ich, wie sie von oben bis unten von Matsch übersät, ihr Gesicht leer von jeder Emotion, nach dem das Grinsen binnen Sekunden sich in Luft auflöste. Enigma führte sie direkt am Halfter, was das junge Pferd etwas irritierte von der groben Handhabung war. Ihre blauen Augen weit aufgerissen und den Schweif leicht aufgestellt.
      “Ich habe Zeit”, winkte Samu grinsend ab, “außerdem musst du nur besser raten, Lina. So einfach ist das.” Gelangweilt stützte Lego seinen Kopf auf Samus Schulter. Etwas, was der Hengst meistens tat, wenn man ihn hinter den Ohren oder an der Stirn kratzen sollte.
      “Einfach. Ja, wenn ich Gedanken lesen könnte”, verdrehte ich Augen.
      “Neuigkeiten also, Mhm. Ich hoffe schwer darauf, dass du mit deiner Freundin Schluss gemacht hast, um Lina deine Liebe zu gestehen und ihr endlich die wunderschönen Kinder bekommt, die mir jede Nacht den Schlaf rauben”, feixte sie im Vorbeigehen und wartete nicht einmal auf eine Antwort, die sie ohnehin hören würde bei dem schallenden Gebäude. Irritiert legte Samu die Stirn in Falten, als schien er zu überlegen, wie viele der Worte vielleicht doch ernst gemeint sein mochten.
      “Sie ist bekennender Fan”, lachte ich herzlich, “und ganz ehrlich, mich würde es auch nicht wundern, wenn irgendwo eine kleine süße Geschichte diesbezüglich existiert.” Ich durchschritt mit Redo das Hallentor und stellte fest, dass diese mittlerweile glücklicherweise leer war. Ideale Bedingungen, um an weitere Informationen zu gelangen. Der Blonde stellte seinen Rappen neben mir auf und half mir bereits auf mein Pferd, bevor ich überhaupt danach gefragt hatte. Angenehm, wenn der Gegenüber bereits wusste, was man wollte.
      “Also es hat mit Lego zu tun, aber nicht mit Turnier”, fasste ich die kläglichen Erkenntnisse zusammen, die ich bisher erlagen, konnte. Angenehm drang die Körperwärme meiner Stute durch das dünne Fleece und ich spürte unmittelbar die Rückenmuskulatur, wie sich anspannte unter meinem Körpergewicht.
      “Korrekt”, nickte er, während er den Sattelgurt enger zog und seinen Hengst zu der kleinen ausklappbaren Aufstiegshilfe in der Wand führte. Sanft drückte ich Redo die Beine in die Flanken, damit sie den beiden folgte.
      “Aber du willst ihn doch nicht etwa verkaufen.” Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an. Aus Erzählungen wusste ich, dass der Hannoveraner ziemlich häufig den Besitzer gewechselt haben musste, bevor er auf dem WHC geladen war. Sein Misstrauen gegenüber Schaufeln und die wulstige Narbe an seinem linken Röhrbein zeugten davon, dass ihm dabei nicht nur Gutes widerfuhr. In meinen Augen war es unvorstellbar, wie man ein Lebewesen so schlecht behandeln konnte.
      “Natürlich nicht”, entgegnete Samu kopfschüttelnd, “Wenn Enya so weiter jammert, muss ich viel mehr ein zweites Pferd anschaffen.”
      “Komm dein eines Pferd erst einmal öfter besuchen, bevor du dich erweiterst. Der arme Lego gerät noch ganz außer Form, wenn der immer nur rumsteht und du bestimmt auch.”
      “Du willst mir erzählen, dass ich außer Form gerate?”, hakte er mit einem amüsierten funkeln in den Augen nach, “Wie lange hast du dein Vorsatz, mit dem Joggen, noch mal durchgehalten? Zwei Wochen?”
      “Das waren zwei Monate”, protestierte ich und verzog das Gesicht. Aber ganz Unrecht hatte mein bester Freund damit nicht. Jedes Jahr fasste ich erneut diesen Vorsatz, aber sonderlich von Erfolg gekrönt, war das bisher nicht.
      “Siehst du, aber bevor du mir noch einmal sagst, ich würde fett werden, verrate ich dir lieber, ein Teil von dem, was du wissen willst.” Erwartungsvolle blickte ich ihn an, während Redo gemütlich neben dem größeren Rappen hertrottete.
      “Der hübsche Kerl hier, soll auf eine Zuchtschau gehen”, verkündete Samu knapp und strich dabei über den kräftigen Hals, der vor ihm aufragte. Verwirrt blickte ich durch die Ohren meines Pferdes hindurch nach vorn: “Warum, er ist doch bereits zur Zucht zugelassen?”
      “Es geht nicht um eine Körung, sondern um eine Hengstschau”, erläuterte er weiter, “und du wirst mitkommen.” Das ergab schon mehr Sinn, auch wenn mir nicht klar war, was ein Hannoveraner auf einer Hengstschau in Schweden zu suchen hatte. Oder züchtete man die deutschen Warmblüter etwa auch hier?
      “Oh, das ist schön und wann soll das Ganze stattfinden?”, erkundigte ich mich interessiert. Auf einer Hengstschau war ich bisher noch nie gewesen. Ob das wohl anders ablief als eine Körung? Wo lag da eigentlich der Unterschied?
      “Ende Februar und falls du dich fragst: Wozu das Ganze? Wenn alles läuft wie geplant, wird Lego dann damit für die schwedischen Warmblüter zugelassen”, erklärte Samu auch die letzten notwendigen Details.
      “Geld! Daher weht also der Wind”, scherzte ich, wohl wissend, dass Samu der letzte war, der sich viel daraus machte.
      “Na ja, Lego ist zwar kein schlechtes Pferd, aber ich denke reich wird man damit nicht. Da bleibe ich mal lieber bei meinem Job”, lachte er und trabt seinen Hengst aus dem Nichts heraus an.
      “Entschuldigung? Glaubst du etwa, dass wir schon fertig sind?”, entrüstete ich mich und drückte meiner Stute die Waden gegen den Bauch. Ein wenig holprig, waren die ersten Tritte, bevor Redo wieder einzufallen schien, dass sie kein Trampeltier war. Geschickt kürzte ich durch die Mitte der Halle ab, um den Vorsprung auszugleichen, den Samu mit seinem Hengst hatte. Samu war mir nur leider einen Schritt voraus und wich mir geschickt mittels einer halben Volte aus. Einige Minuten ging die kleine Verfolgungsjagd, bis Redo beschloss, immer langsamer zu werden. Korrekt wäre es natürlich gewesen, sie zu korrigieren, doch mit ernsthaftem Training hatte das hier ohnehin wenig zu tun.
      “Okay, du hast gewonnen”, rief ich ihn zu und ließ die Stute vollständig in den Schritt fallen, “Aber das wird noch eine Revanche geben!” Lautes Prusten erklang, als auch Samu seinen Hengst, mit einem siegreichen Grinsen durch parierte: “In dem Fall ist es wohl gut, dass du mich in Zukunft öfter ertragen musst.”

      Vriska

      „Vivi, warte mal“, rief mir Harlen noch im richtigen Moment zu. In einer Hand hielt ich einen Kopfhörer, während die andere Enigmas Leinen faste. Die junge Stute stand ruhig im Sulky und musterte meinen Bruder, der in seinem Jackett, kombiniert mit einer viel zu großen grauen Jogginghose, die Treppen herunterrutschte und im nächsten Augenblick bei uns stand.
      „Was ist denn?“, sprach ich jämmerlich genervt, noch drei weitere Pferde musste ich heute fahren und ich überzog bereits jetzt meine Arbeitszeit.
      „Du müsstest noch ein weiteres Pferd holen“, stammelte er außer Atem und wich jedem Versuch der Stute aus, an ihm zu knabbern.
      „Aha. Wieso?“ Ich zog meine Augenbrauen zusammen, die unter der Skimaske kaum zusehen sein sollten.
      „Wir haben gerade jemanden da, der bereits nächste Woche anfangen könnte, aber du musst beurteilen, wie der mit Pferden umgeht“, erklärte Harlen.
      „Na gut, ja. Aber sollte er dann nicht das Pferd holen und fertig machen?“, hakte ich scharf nach.
      Harlen schwieg, als würde er meinen Vorschlag genauer überdenken. Schließlich nickte er.
      „Okay, dann schicke ich ihn zu dir, weil so kommst du gewiss nicht ins Büro“, unterstrich er damit meinen komplett matschigen Anzug. Obwohl ich am Sulky einen Spritzschutz befestigt hatte, kam es bei so hohen Geschwindigkeiten doch mal dazu, dass ein Gemisch aus Schnee und Sand gegen mich flog und das Schwarz in grässliche Grau-Brauntöne tupfte.
      Harlen verschwand wieder und ich hängte den Sulky mit wenigen Handgriffen wieder ab. Enigma blickte sich mehrmals verwundert um. Sie dachte vermutlich auch, was der Schwachsinn soll, aber ich konnte es nicht ändern. Zusätzlich nahm ich den Helm ab und meine Maske. Ich konnte nicht einschätzen, was mich erwarten würde, also setzte ich mich an den Rand und versuchte mit der Bürste immerhin das Gröbste an Dreck von der rauen Oberfläche zu entfernen. Als Fahrer müsste besagter Herr jedoch wissen, was es für eine Sauerei werden konnte im Winter. Die Zeit zog ins Land und es dauerte gefühlte Jahrhunderte, bis dumpfe Schritte auf der Treppe zu hören waren. Bevor ich meinen Kopf aufrichtete, tippte ich die Nachricht an Eskil zu Ende und verstaute das Gerät in meiner Innentasche. Unerwartet überkam eine Wucht aus Glücksgefühlen, die mir einen kalten Schauer aus Schweiß über den Rücken jagte. Sofort zitterte meine Finger, wodurch es mir nicht gelang, den Reißverschluss der Jacke zu schließen. Der erste Eindruck ist der wichtigste, hatte meine Mutter damals immer gesagt, wenn ich anstelle einer Jeans zur Jogginghose griff. Ich schämte mich für den dreckigen Anzug, hätte alle Zeit gehabt, um ihn in der Sattelkammer zu wechseln, aber dagegen entscheiden. Mit einem breiten Grinsen trat der junge Mann zu mir.
      „Tut mir leid. Draußen die Bahn ist“, stammelte ich wirres Zeug, was er mit einem kräftigen Händedruck stoppte. Er hatte noch nicht einmal etwas gesagt, da überkam mich ein weiteres Gefühl, dieses Mal im Bauch. Undefiniert zog es und ich versuchte seinen eindringenden Blicken zu entweichen, doch hingen meine Augen an seinen. Es fühlte sich genauso vertraut an, wie das erste Treffen mit Erik, nur deutlich intensiver.
      „Ich bin Lars“, stellte er sich kurz vor, ohne seine Hand von meiner zu lösen. Oder war ich es, die sich an ihm klammerte?
      „Nett dich kennenzulernen. Ich bin Vriska, aber du darfst mich Vivi nennen“, kam endlich meine Stimme wieder und er befreite sich förmlich aus meinen Fängen.
      „Okay, Vivi.“
      Schon allein, wie er meinen Namen aussprach, trieb weiteren Schweiß auf meinen Rücken, der ganz langsam in meine Hände wanderte und dabei auf den Armen eine Gänsehaut auslöste. Unfassbar, wie sehr mich der Herr, kaum älter als ich, derartig aus dem Konzept brauchte. Ich tat alles dafür, um nicht nur professionell zu wirken, sondern auch ihm die Entscheidung zu erleichtern, uns als seinen neuen Arbeitgeber zu wählen. Lars erzählte von seiner Familie, die in Visby lebte, einer Stadt auf der Ostseeinsel Gotland. Auch seine Schwester und Vater trainierten Trabrennpferde, weshalb sie schnell entschlossen hatten, sich bei uns zu melden. Alle drei interessierten sich daran, bei uns anzufangen und auch ihren eigenen kleinen Bestand an Kaltbluttrabern herzubringen, worunter ich mir nichts vorstellen konnte. Bisher waren mir nur unsere langbeinigen Warmblüter bekannt, die durch den Sport schnell einen Verschleiß aufwiesen, egal, wie sehr wir an ihrer Stabilität arbeiteten. Somit liefen unsere nicht jedes Rennen mit.
      Wir waren einander sofort sympathisch, sodass ich jedes seiner Worte genau folgte und zwischendurch nachhakte. Lars hatte nicht nur Ahnung von Rennpferden. Sein eigener Hengst lief schon seit Jahren keine Rennen mehr, stattdessen ritt er ihn auf dem Platz, sprang auch mal und diente die sonstige Zeit als Deckhengst.
      „Eine seiner Töchter hat den großen Preis bei Stockholm gewonnen“, erzählt er fröhlich und zeigte mir sogar Bilder von der Stute. Sie war ein Rappe mit lustigen hellen Plüschohren. Ihre blauen Augen hoben sich magisch vom dunklen Untergrund ab, als würde das Pferd jeden Moment aus dem Bild springen und mit seiner majestätischen Ausstrahlung den Hof in sommerliche Farben hauchen.
      „Und dein Hengst?“, wollte ich unbedingt mehr Bilder sehen. Er sperrte sein Handy und zeigte diesen auf seinem Sperrbildschirm. Ein helles Pferd streckte seine Nase mir entgegen, mit einem blauen Auge und das andere tiefschwarz, einzig einige schwarze Tupfer verzierten die sonst hautfarbenen Lider. Daneben stand er, allerdings nur angeschnitten, aber es reichte, um mir vorstellen, was sich unter dem Rollkragenpullover und dicken Jacke verbarg. Wieder musste ich schlucken, denn in mir lief es langsam aus dem Ruder. Die schlechten Gedanken der letzten Tage, beinah Wochen, lösten sich wie in Luft auf, stattdessen blieb nur das Gefühl von Erlösung und Sehnsucht, das er mit sich brachte, mit jedem Wort, das über seine geschwungenen Lippen huschte.
      „Wunderschön“, sprach ich fasziniert, „also dein Pferd, meine ich.“
      „Ich höre das oft genug, danke.“ Er drückte die Lippen zusammen und mir fiel wieder ein, wieso wir überhaupt am Stutenpaddock standen. Ich zeigte ihm Mill, die mit einer Decke in der Hütte stand und die anderen Stute vom Heu fernhielt. Zielstrebig ging er auf sie zu. Mill, die eigentlich Millennial hieß und eine unserer Nachzuchten war, stellte interessiert die Ohren auf und musterte den hübschen Kerl, der ihr das Halfter umlegte. Vorsichtig tastete sie mit den Lippen seine Hand ab, die im Gegensatz zu seinem mächtigen Körper klein wirkte. Zusammen liefen wir in die Stallgasse.
      „Zugegeben, bisher scheint euer Hof so gigantisch, dass ich Zweifel hege, ob wir hierher passen“, gab Lars zu verstehen. Jeder dachte das am Anfang auf dem Gestüt.
      „Wir sind staatliche gefördert“, erklärte ich, „und ich weiß nicht, wie viel mein Bruder dir erzählt hat –“
      Er unterbrach mich.
      „Warte, Harlen ist dein Bruder?“, fragte Lars beinah schockiert nach.
      „Ja, seitdem ich Lebe“, schmunzelte ich.
      „Tatsächlich hatte ich vermutet, dass er dein Freund ist, so wie er gestrahlt hatte, als er zurückkam.“
      „Nein, und Tyrell auch nicht”, klärte ich auf, versuchte bestmöglich zu verschleiern, dass es Erik gab. Lars fragte allerdings nicht weiter nach, deswegen setzte ich fort.
      „Auf jeden Fall, durch die Förderung wurden nun mal ganz neue Standards gesetzt, auch was Nachhaltigkeit betrifft und du wirst die Baustelle gesehen haben: Wir bauen um, weil die Weltreiterspiele hier stattfinden werden.“
      Nebenbei putzte er Mill über, die durch ihre Decke kaum Schmutz aufwies. Einzig an ihren Beinen und Hals haftete Matsch, teils getrocknet, teils noch feucht. Enigma entspannte in der Box. Zusammen liefen wir zur Sattelkammer der Traber, die sich in der anderen Hütte neben dem Platz befand. Folke hatte ein riesiges Chaos hinterlassen. Überall hingen lose Geschirrteile, Trensen und Leinen, die sonst einen festen Platz hatten. Ich wühlte mich durch die Menge an Leder, bis wir alles für die Stute hatten.
      „Sicher, dass ihr der Herausforderung einer so großen Veranstaltung gewachsen seid?“, scherzte Lars nebenbei. Umgehend übergab ich ihm einen Haufen aus losen Teilen, die mal ein Geschirr werden wollten.
      „Ja“, antwortete ich stumpf, „dein Vorgänger hat das hinterlassen, aber ich traue dir zu, dass du das hier in den Griff bekommst.“
      Ein verschmitztes Lächeln huschte über seine Lippen.
      „Noch ist nicht aller Tage Abend. Aber es freut mich zu hören, dass ich offenbar so herzlich empfangen werde“, lachte Lars und wuschelte mir durch das ohnehin wirre Haar. Aus dem Schrank suchte ich noch einen Anzug heraus, dass seine Kleidung vor den Widrigkeiten geschützt war. Zusammen verließen wir den Raum, nicht ganz unbeobachtet. Harlen stand an der Tür vom Büro, die zur Galerie führte, auf der man einen wunderbaren Überblick zur Halle und Anbinder hatte. Auch er konnte nicht anders als zu Strahlen. Offenbar überzeugte Lars nicht nur mit seinem Äußerlichen, sondern auch seinem Lebenslauf. Provokant riss ich meine Augen auf und gab meinem Bruder ein Handzeichen, dass er uns nicht beobachten sollte. Dieser schüttelte nur amüsiert den Kopf.
      Ich half unserem Kandidaten dabei, die gescheckte Stute einzuspannen und wenig später befanden wir uns auf dem Weg in den Wald. Obwohl ich Mill nur zickig am Sulky kannte, lief sie, mit ihm als Fahrer, wie ausgewechselt. Die Leinen hingen beinah durch und in einem ruhigen, gleichmäßigen Tempo trat sie durch den matschigen Sandboden. Doch auch Enigma ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, nicht mal das Kaninchen, dass aus dem Unterholz unseren Weg kreuzte, beeindruckte. Stattdessen schnaubte sie immer wieder ab und streckte mit gewölbten Hals ihren Kopf. Gleichzeitig erzählte Lars fröhlich weiter über seine bisherige Arbeit, was für Erfolge aus seiner Hand stammten. Sein vielfältiges und tiefgreifende Wissen über Pferde sowie Trainingsmethoden aller Art imponierte mir zutiefst.
      „Das reicht dann aber auch“, beendete Lars plötzlich seine Erzählung als wir eine Runde im lockeren Trab hinter uns hatten. Ich hatte uns beiden ein Funkgerät befestigt, das er noch nicht die Daten auf Grund der fehlenden Applikationen überprüfen konnte. Es war auch wunderbar für Unterhaltungen. Schon jetzt, als er schwieg, vermisste ich seine Stimmte und wollte so viel mehr über Rennpferde wissen. Meine eigene Einführung in das Thema war ziemlich holprig und oberflächlich, Folke erzählte auch nicht viel. Deshalb überraschte es mich, wie viel Erfahrung wertvolles Training bedarf.
      „Erzähl du jetzt von dir. Es wäre unfair, wenn nur ich die ganze Zeit rede.“
      Ich seufzte und gab Enigma die Hilfe dafür, etwas am Tempo zuzulegen, denn Lars entfernte sich mit Mill immer mehr. Aufgeregte prustete sie, aber legte los. Binnen von Sekunden hatten wir das Gespann nicht nur eingeholt, sondern auch überholt. Das spornte ihn an, auch mit Mill etwas schneller zu werden. Aus dem lockeren Tempo kamen wir immer weiter in Bereiche von Renngeschwindigkeit, wie es mir mein Handy auf dem Bildschirm verriet. Es hing in der dafür vorgesehenen Halterung, aber durch den Matsch konnte ich nicht mehr alles erkennen.
      Nach einer weiteren Runde holten wir die Stuten zurück in den Schritt und damit hatte ich Zeit zu erzählen. Wie von selbst kamen die Worte aus meinem Mund und ich erzählte ihm beinah alles, also von Capi, dem Isländer meiner Tante, dann meiner Ausbildung und wie ich schließlich auf der Ersatzbank vom Nationalteam gelandet bin. Bewusst ließ ich einige Details weg, unter anderem, dass Erik mir die Pony Stute gekauft hatte und welche Rolle Niklas dabei spielte, dass ich nun Dressur ritt.
      „Dann habe ich wohl einen Profi neben mir“, sprach er und ich war mir sicher, dass ich unter seiner Maske ein Grinsen ermitteln konnte.
      „Einen hübschen Profi, der sogar fahren kann“, fügte Lars im nächsten Atemzug hinzu. Am liebsten hätte ich es auf das Training und der Maske geschoben, aber das war nicht Grund, wieso mir das Blut in den Kopf pumpte. Stattdessen fummelte ich immer wieder die Leine zurecht, um sie im nächsten Augenblick zu lockern und neu zu sortieren. Alles nur, um seinen stechenden Blick auszuweichen. Unbemerkt blieb es allerdings nicht.
      „Keine Sorge, ich versuche dich nicht ins Bett zu bekommen“, lachte Lars.
      „Schade eigentlich“, tauchte ich belustigt aus meiner Starre auf, „aber wer nicht will, der hat schon.“ Provokant zuckte ich mit den Schultern und soeben war ich die, die unentwegt zu ihm sah. Unter seiner Schutzbrille erkannt ich, dass sein Kopf hochrot wurde. Das würde ich als Gleichstand werten.
      „Dir kann es nicht schnell genug gehen, oder?“, blieb sein Interesse offenbar bestehen.
      „Das fragst gerade du? Als Trainer von Rennpferden?“
      Wir beide begannen herzlich zu lachen.
      Vor der Halle sprang wir beinah synchron aus dem Sitz und führten die verschwitzten, verdreckten Pferde in den Stall herein, in dem wir offenbar schon sehnsüchtig erwartet wurden. Harlen grinste nur und verschwand zum Büro, während Lina hektisch Samu an der Schulter antippte. Mein strahlendes Lächeln kam erst zum Vorschein, als ich den Helm abnahm und die Skimaske abzog. In mir brodelte alles, seitdem er mir die Hand gegeben hatte, ich konnte aber nicht genau einschätzen, was das sollte. Auch, wenn ich darüber nachdachte, was ich hier tat, tropfte es kurz aus dem Fass, aber die schlechten Gedanken flossen durch den Abfluss heraus, als würde mein Körper von selbst heilen in seiner Gegenwart.
      “War das Training gut?”, erkundigte sich Lina und das breite Grinsen zeugte von unverhohlener Neugierde, die sich allerdings nur bedingt auf das Training zu richten schien.
      “Perfekt”, schwärmte ich, auch Lars nickte zustimmend neben uns. Die beiden Stuten schnaubten gelassen ab und schüttelten sich dabei, dabei klapperten die Lederschnallen aneinander.
      “Enigma möchte mal erfolgreich werden”, fügte ich noch hinzu und tätschelte liebevoll ihren Hals.
      “Das klingt doch super”, lächelte sie, “Ach und ich bin übrigens Lina.” Freundlich reichte sie dem jungen Mann neben mir die Hand. Nur ein paar Floskeln tauschten die beiden aus und setzte die braune Stute wieder in Bewegung. Mit aller Ruhe löste ich einen Gurt nach dem anderen und kippte den Sulky zurück an die Wand des Stalles. Wenig später kam auch Lars nach, der mir gleich tat. Freundlich nahm ich ihm das Geschirr ab und trug beide Ausrüstungen zurück in Sattelkammer. Am Chaos hatte sich nichts geändert, vielmehr lag es noch schlimmer da, seitdem ich nach Einzelteilen gesucht hatte. Zumindest die verwendeten Geschirre hänge ich sortiert an die dafür vorgesehene Vorrichtung, als plötzlich Schritte auf den Holzdielen ertönten. Strahlend drehte ich mich um, bemerkte allerdings, das es nur Lina war, die wie ein Heinzelmännchen angeschlichen kam und sich neugierig auf die Unterlippe biss.
      „Ach, du bist es“, seufzte ich und drehte mich wieder zu den Halterungen um, zur Suche nach einer Abschwitzdecke.
      “Hast du etwa auf, wen anders gehofft?”, giggelte sie und wuselte wieder in mein Blickfeld. Über dramatisch rollte ich in einer Kopfbewegung meine Augen.
      “Selbstverständlich Schätzchen”, lachte ich.
      “Gehe ich richtig in der Annahme, dass deine nette Trainingsbegleitung der Grund für deine gute Laune ist?” Wissbegierig funkelte es in ihren Augen, als sie mich forschend anblickte.
      “Hast du ihn dir mal angesehen?”, stammelte ich beinah hysterisch, als hätte ich meine Lieblingsband auf der Straße getroffen, “Omg. Ich halte es nicht aus. Er ist so perfekt und vermutlich unser Arbeitskollege.”
      “Sicher, dass du über 12 bist? Du klingst gerade nicht danach”, lachte sie, “Aber ja, er ist schon ziemlich hübsch.”
      “Pff, ich bin mir sehr sicher, dass ich schon über zwanzig sogar bin. Aber jetzt mal im Ernst, der hat richtig Ahnung von Pferden, schreckt vor nichts zurück und sein Hengst sieht einfach aus wie Ivy! Er zeigt ihn dir sicher, wenn du ihn fragst”, sprudelte es weiter aus mir heraus wie ein Wasserfall. Innerhalb des einen Heats, hatte ich so viel an Wissen erfahren können, dass ich nicht wusste, mit dieser Macht umzugehen. Kurzzeitig traf mich so gar Gedanke, wieder Rennen zu fahren, auch wenn es bedeutete, dass ich mehr Essen muss. Vom Ständer nahm ich zwei riesige Decken herunter, die Vintage und Alfi als Sieger bekamen und farblich mit den beiden Stuten harmonisieren sollten – Hellblau.
      “Uhh, wie Ivy sagst du? Dann ist Lars, also nicht nur hübsch anzusehen, sondern hat auch noch Geschmack. Sehr sympathisch.”, entgegnete sie enthusiastisch.
      “Bagsy”, rief ich umgehend, um die Situation klarzustellen. Verwirrt blickte sie mich an: “Was hast du jetzt für Schmerzen?”
      „Ich habe ihn mir damit reserviert. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, wer zuerst Bagsy sagt, hat Anspruch auf etwas, je nachdem welcher Kontext. Und Lars gehört jetzt mir“, triumphierte ich und rollte die Decken ein, um sie heraustragen zu können. Allerdings kam ich nicht weit, den natürlich stand besagter in der Tür und unbedacht lief ich in ihn.
      „Dachte schon, dass es etwas passiert sei, so lang wie du gebracht hast. Aber ihr habt wohl einiges zu sprechen“, grinste er verlegen und nahm mir den Haufen Stoff aus den Armen. Stocksteif verharrte ich in der Position und versank innerlich in den Boden. Wie viel hatte er mitbekommen? Sollte ich mir jede Chance verbaut haben?
      Lars verschwand aus der Tür heraus und nur meine Augen folgten seiner Bewegung. Obwohl er einiges an Kleidung über sich trug, erkannt ich ein leichte Erhebung, die für sich sprachen. Auf seinem Handy durfte ich bereits erahnen, wie gut aussehend er war und dass ich davon noch in Genuss kommen würde, ahnte ich in dem Moment noch nichts. Stattdessen versuchte ich das drängende Gefühl in mir loszuwerden, das mich in einen Strudel aus Lust und Begierde lenkte und alle anderen Umstände ausschaltete. Ich wollte nur noch am Stall sein, nicht allein in der Hütte sitzen und darüber nachdenken, wie ich meiner quälenden Leere entkommen konnte. Nach Ewigkeiten kam dieses Ventil, auch wenn das Training mit Lubi einiges an meiner Stimmung ins Positive gerückt hatte.
      “Komm mal zurück in die Gegenwart oder willst du da noch weiter herumstehen?”, holte mich Linas Stimme zurück in die Gegenwart, die mich dabei kichernd anstupste.
      “Ich bin doch schon da”, schüttelte ich mich, “hast du Shaker heute bereits bewegt?” Bindend Sekunden überlegte ich mir, den Hübschen auch auf ein Pferd zu setzen, schließlich würde er auch im Alltag nicht nur im Sulky setzen. Damit hatte ich auch schon eine Begründung, wieso er unseren Nachwuchshengst unter den Sattel bekommen würde. Nur ich wusste noch nicht so recht, mit welchem Pferd ich glänzen sollte. Lubi hatte heute nur die Führanlage gesehen, aber dafür gestern ein anstrengendes Training hinter sich, auch mir schmerzten noch die Oberschenkel von den Serienwechseln. Nur ein Pferd kam mir in den Sinn, dass ich unter normalen Umständen wohl nie bewegt hätte – Götterdämmerung, der Fuchs aus der Hölle. Nicht grundlos betitelte ich sie allen gegenüber nur als Mörderpony, aber heute war der richtige Tag für Blut vergießen, zumindest um wieder meinen Kopf geradezurücken.
      “Nein, habe ich nicht”, entgegnete sie.
      “Gut, dann gehe ich das Mörderpony holen”, sprach ich es laut aus und zischte aus der Tür heraus zur anderen Kammer, in der des Stutes Halfter hing. Vorher entledigte ich mich dem furchtbaren matschigen Anzug und hängte ihn im Waschraum zwei Türen daneben auf. Nun froh ich, aber sobald ich im Sattel sitzen würde, wäre das Gefühl wie weggeblasen. Ich hatte nur eine Sommerhose darunter und einen Hoodie, weder Jacke noch richtige Stiefel zog ich mir an.
      Natürlich bereute ich es bereits einige Meter vor dem Rolltor, so wenig anzuhaben, aber da musste ich durch. Die Fuchsstute mit ihrem großen Abzeichen funkelte diabolisch in meine Richtung und drehte sich umgehend weg, als ich merkte, dass ich zu ihr wollte. Fredna hätte ich gebrauchen können, die beruhigt sie. Allerdings schaffte ich es ohne Hilfe an sie heranzutreten. Göttin versuchte, mit schlagendem Schweif mich loszuwerden, drohte auch mit dem Vorderhuf, aber ich schenkte dem keine Beachtung. Stattdessen ärgerte ich mich, dass meine graue Hosen Matschflecken aufwies.
      “Nur heute, dann lasse ich dich in Ruhe”, gab ich dem Pferd zu verstehen und wie ein Wunder, folgte sie mir entspannt. Sogar als wir im Stall ankamen, schaute Tyrell nicht schlecht, der sich gerade mit Lars unterhielt.
      “Offenbar brauchen wir niemanden Neues”, scherzte dieser, was ich mit hochgezogenen Augenbrauen direkt versuchte, zu unterbinden.
      “Natürlich, ich kann nicht jeden Tag so viel machen”, rief ich ihm zu.
      Lina hatte die beiden Stuten in eine freie Box gepackt, damit sie noch länger trocknen können und putzte zur gleichen Zeit den großen Fuchsfalben, ihr Sohn. Er wusste es nicht besser. Shaker trampelte aufgeregt von einer Seite zur anderen und meine Kollegin verdünnisierte sich rechtzeitig, denn sonst hätte sie einen Huf abbekommen. Der Hengst machte seinem Geschlechte alle Ehre, obwohl Göttin nicht einmal in seine Richtung sah. In einem konstanten Tempo liefen wir weiter und ich hakte auf beiden Seiten die hängenden Stricke ein.
      “Benimm dich, bitte”, bettelte ich das Pferd so leise wie möglich an. Aus dem Augenwinkel sah ich Tyrell Lina zur Hilfe kommen, denn dieser wollte sich nicht mehr beruhigen, zu interessiert schien er an seiner Mutter. Das lasse ich an der Stelle einmal unkommentiert.
      So schnell ich konnte, putze ich den feinen Staub aus dem Fell, kratzte die Hufe aus und verschwand im selben Tempo in der Sattelkammer. Überall hingen Sättel und Trensen, die ich in dem Ausmaß noch nie bemerkt hatte. Es war viel, Ja, aber so viel? Unglaublich, mindestens die Hälfte davon sollte man Spenden können an Menschen, mit weniger Mitteln. Mit meinem Finger lief ich Namensschilder durch, als wüsste ich nicht, wonach suchte. Mindestens dreimal übersah ich „Götterdämmerung“, bis ich schließlich wieder vor dem Schwarzen Sattel stand und ihrer Trense. Eigentlich wollte ich meinen Halsring greifen, aber hing nun doch etwas stärker an meinem Leben. Immerhin meine gelbe Otterschabracke nahm ich noch im Vorgehen mit, ehe ich vollgepackt mit Beinschutz, Helm und Sattelzeug die Treppen herunterlief. Die Füße konnte ich nicht sehen, vertraute aber auf meine Fähigkeit, laufen zu können. Wider Erwarten kam ich unbeschadet am Pferd an, warf ihr in Windeseile alles über und stand fertig bei Lina, die gerade einmal mit Lars Hilfe den Sattel fest zurrte.
      “Mit welchen Zauberworten hast du die Göttin denn so kooperativ bekommen”, staunte sie nicht schlecht. Doch den Junghengst für den kurzen Moment aus den Augen zulassen erwies nicht als klug, denn bei seinem aufgeregten herumgehampel rempelte er sie beinahe um als er nach vorne trat.
      “Du weißt doch, ich darf nicht darüber sprechen, wenn Unbeteiligte im Raum sind”, sprach ich bewusst leiser, damit es geheim klang ihm gegenüber.
      “Ach ja, ich habe deinen Hexencodex vergessen”, lachte sie.
      “Sollte ich Fragen stellen?”, mischte sich auch Lars ein, mit einem schiefen Lächeln auf seinen Lippen. Brennend trat ein Kribbeln unter meiner Haut auf, dass sich sehr langsam von den Fingerspitzen im ganzen Körper verteilte. Auch die Fuchsstute zog einmal den Kopf nach oben, als hätte ich ihr einen Stromschlag verpasst. Es zehrte mich mit jedem Atemzug. Ich wollte seine Hände an mir spüren, die Wärme auf meiner kalten Haut wahrnehmen und es schrie. Meine Gedanken waren so laut, dass ich Angst hätte, jemand könnte sie hören. Genauso sah mein Gesichtsausdruck aus. Ununterbrochen grinste ich, so sehr, dass bereits meine Muskeln bitterlich stachen und in den Hinterkopf einen Schmerz sendeten. Cool bleiben, Vriska, es ist alles gut.
      “Nein, besser nicht, aber Lina hat die Theorie entwickelt, dass ich zaubern kann und heimlich meinen Besen verstecke, um nachts durch die Luft zu fliegen. Zugegeben, dass ich nachts häufig nicht im Zimmer bin, entstärkt ihre Argumente nicht”, klärte ich ihn auf, ohne von seinen grünen Augen abzulassen, die in dem warmen Licht der Deckenbeleuchtung funkelten.
      “Das ist nicht nur eine Theorie. Ich bin überzeugt davon, dass du genau so viel Magie besitzt wie Ivy. Das sieht nur keiner”, scherzte Lina weiter.
      “Wer auch immer Ivy ist, aber ich sehe es. Ich finde Vivi zauberhaft”, zuckte er mit den Schultern. Da war es wieder – weiche Knie, zitternde Finger und Hitze im Gesicht. Im Boden versinken wäre perfekt oder einfach verschwinden, aber ich konnte nicht. Es fühlte sich an, als würde ich im Leben zum ersten Mal in einer unangenehmen Situation bleiben.
      “Jetzt übertreiben wir mal nicht. Ich achte nur auf den Tierschutz”, spielte ich mein Empfinden runter. Lina hingegen wirkte erleichtert, dass jemand anderes mir Komplimente machte, obwohl auch sie öfter hören könnte, wie großartig sie ist.
      “Vielleicht hören wir einfach auf zu quatschen und Lars kann sich sein eigenes Bild davon machen”, brachte sich Erwähnte ein und griff nach der Trense, damit auch Shaker endlich reitfertig sein würde. Noch immer unruhig, riss der Falbe den Kopf nach oben und zeigte nur wenig Kooperationsbereitschaft. Nur mit viel gutem Zureden und Lars Hilfe, gelang es schließlich, dass Shaker den Zaum letztlich am Kopf trug.
      Mit der Göttin lief ich bereits vor, zog den Gurt ein Loch fester und schwang mich in den Sattel. Sie legte die Ohren an, aber gewöhnte sich binnen weniger Runden an mich. Gespannt drang sich ein kleines Publikum auf die Tribüne, bestehend aus dem Team und einigen Einstellern, die von unserem attraktiven Kandidaten Wind bekamen. Damit setzte ich mich selbst auch unter Druck. Die Stute tanzte ungeduldig durch den Sand und reagierte kaum auf meine Gewichtshilfe. Lars hingegen, der Minuten nach mir in die Halle einkehrte, steuerte den zuvor ungeduldigen Hengst, wie ein Profi. Mein Plan ging nicht auf. Je mehr ich versuchte, Göttin für schwierigere Lektionen vorzubereiten, umso schwammiger wurden ihre Schritte. Bereits im Trab schlichen sich Galoppsprünge ein, die ich nicht wollte. Selbst meine Linienführung wirkte wie von einem Anfänger. Der Zirkel war nicht einmal rund, also hielt ich entschlossen an, sprang vom Sattel und lief aus der Halle heraus.
      Ein verwundertes Tuscheln ging durch die Masse. Als ich mich noch einmal umsah, bemerkte ich, dass Lars den Hengst sehr locker vorwärts ritt, die Taktfehler ausglich und genau wusste, was er tut. Enttäuscht seufzte ich und verschwand. Ich hatte vieles in meinem Kopf, aber nicht, dass ich kläglich versagte. Göttin rieb sich die Trense ab, während ich langsam das Sattelzeug abnahm und alles wegbrachte, immer unter den strengen Blicken unserer Einsteller, die praktisch neben mir saßen. Ich schwieg mit gesenktem Kopf, wollte nur so schnell wie möglich weg. Was bildete ich mir ein? Kindisch.
      Tränen drängten sich aus meinen Augen, als ich die Stute zurückbrachte, auf ihren Paddock. Immer wieder stupste sie mich aufmunternd an der Schulter an, aber ich ignorierte sie komplett. Es tat mir leid, dass sie mich ertragen musste, obwohl Göttin ihr Bestes gegeben hatte, um zu verstehen, was ich von ihr wollte. Aber ich konnte es nicht, ich war unfähig. Auch Eskil schrieb ich, dass ich morgen keine Zeit für unser Training hatte und nächste Woche vermutlich auch ausfiel. Er stellte keine Fragen, akzeptierte es nur.
      “Es tut mir leid”, murmelte ich Göttin zu und zog das Halfter über die Ohren. Sie schüttelte sich und lief zum Futter.
      Gefühlte Stunden saß ich, mit meinen Armen eng um die Beine geschlungen, im Unterstand der Stuten auf dem Heuballen und lauschte den Geräuschen der Pferde. Zwischendurch hörte man Reifen durch den Kies fahren, Autotüren und das Gelächter aus der Reithalle. Ich überlegte lange, was genau mich geritten hatte und warum ich nicht normal sein konnte, mehr Lina, weniger Vriska, aber eine Antwort darauf gab es nicht. Lösungsansätze hatte ich im Kopf, doch Veränderungen schmerzten, so auch der Kloß in meinem Hals. Er drückte mir die Luft weg und wurde damit immer größer. Ich schluchzte und Tränen tropften auf mein Handy, dass ich anstarrte. Auf dem dunklen Display konnte ich mein Gesicht erkennen, wenn auch nur schemenhaft, doch was ich sag, enttäuschte mich zutiefst. Allerdings erinnerte ich mich an etwas und öffnete mit wenigen Klicks unseren Chat.
      „Ich brauche dich, jetzt“, tippte ich geschwind ein und wartete. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, war er für mich da, so wie ich ihn kannte. Na ja, so gut man jemanden kennt, der unbekannt ist.
      „Was ist los?“, fragte er und ich erklärte ihm in Ausschnitten, was passiert war. Die nächste Antwort kam nicht so schnell. Der Sendestatus änderte sich bereits beim Abschicken, aber offenbar fehlten ihm die Worte.
      „Tut mir leid. Aber ich kann dir nicht helfen, habe Besuch“, schrieb er knapp. Verblüfft las ich die Antwort, immer und immer wieder. Was hatte ich falsch gemacht? Ich fragte ihn, aber er kam nicht mehr online. Grob überschlagen, hinterließ ich zwanzig Nachrichten, die zum Ende hin, ein Monolog wurden.
      „Du nervst, ernsthaft. Aber gut, dann bekommst du einen Rat von mir: Hör auf, dich so wichtig zu nehmen, niemand interessiert sich für dich, nur weil er nett ist. Ich weiß, meine einzige mit dir war es, dich abzulenken, aber langsam stoße ich an meine Grenzen. Außerhalb mein Handys habe ich ein Leben, wie jeder andere Mensch auch und wenn du dich immer wieder von deinen Impulsen steuern lässt, dann solltest du eine Therapie in Erwägung ziehen. Schreib mir nicht mehr.“ Es fühlte sich an, als würde mein Leben an mir vorbeiziehen. Der Schmerz war wie erloschen, nur noch leere verspürte ich in meiner Brust und wusste nicht mehr, was ich denken soll. Monate hatte ich mir so was wie eine besondere Freundschaft aufgebaut, die in Sekundenbruchteilen zerfiel. Er war weg, denn entgegen seiner Nachricht, schrieb ich weiter, jammerte und heulte. Sie wurden nicht zugestellt.

      Lina
      Nur weniger der Einsteller verblieben am Rand der Halle, um Lars Fähigkeiten zu bestaunen, seien die meisten nur zusammen geschwärmt, um sich das Drama anzusehen. Ekelhaft, wie Menschen sich doch verhielten. Dass Vriska keine Weltklassenperformance hinlegen wurde, hatte ich mir bereits gedacht, doch hätte ich geahnt, wie schlecht Vriska mit der Göttin harmonierte hätte, ich sie aufgehalten. Wie verwirrt das Tier über den Sand torkelte, war alles andere als schön anzusehen, und einiges von dem Getuschel, was ich aufschnappte noch viel weniger. Eigentlich hatte ich ihr nach einem kurzen Moment folgen wollen, aber das, was der junge Mann mit Shaker auf dem Sand veranstaltete, löste eine solche Faszination in mir aus, dass ich die Zeit vergaß. Was war das nur, dass jeder hübsche Mann in meinem Umfeld auch noch Pferdeverstand besaß? Erst als Lars bereits dabei war den Hengst abzusatteln, fiel mir auf, dass längst eine Stunde vergangen war. Besorgniserregend, dass Vriska so lang fortblieb, wenn man bedachte, dass sie vorhin nicht genug von Lars bekommen konnte.
      „Ich gehe mal Vriska suchen, sie kann sicher eine Aufmunterung gebrauchen", raunte ich Samu zu und verließ die fröhliche Runde, die noch immer auf der Stallgasse herumlungerte.
      Als Erstes schlug ich den Weg zu unserer Hütte ein. Es erschien mir am naheliegendsten, dass sie sich wie sonst auch in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Licht brannte keines, alle Fenster starrten mir leer und dunkel entgegen als ich dort ankam, doch das musste nichts heißen.
      „Vriska?“, rief ich in die Stille des Hauses, die eisige Klinke noch in der Hand. Nichts, keine Antwort. Nur um sicherzugehen, dass sie tatsächlich nicht hier war, öffnete ich nach einem zaghaften Klopfen auch noch ihre Zimmertür. Aber auch dieser Raum lag still und leer vor, damit hieß es wohl weitersuchen. Hier war sie nicht, im Stall auch nicht, demnach bleiben nur noch zwei Möglichkeiten, wo sie stecken konnte – bei den Pferden oder die hatte sich vom Hof bewegt. Inständig hoffte ich, dass letzteres nicht der Fall sein würde, denn dann könnte sich die Suche als ziemlich schwierig erweisen.
      Dem matschigen Weg folgte ich zu den Paddock und sah bereits aus der Ferne die Dunkelfuchsstute zwischen den anderen stehen. Ein gutes Zeichen, dann würde Vriska vielleicht auch in der Nähe sein.
      Im Unterstand der Stuten fand ich sie tatsächlich. Wie ein Häufchen Elend kauerte sie auf dem Heuballen, die Augen verquollen, die Haut bereits fahl aufgrund der durchdringenden Kälte, was den dramatischen Effekt des verlaufenen Make-ups noch zu verstärken schien.
      “Hey, ich habe dich schon gesucht”, sprach ich sanft, um auf mich aufmerksam zu machen, bevor ich zu ihr auf den Ballen kletterte. Als ich wahrnahm, wie sie zitterte, legte ich ihr sofort meine Jacke um die Schulter, sie benötigte die wärmende Schicht gerade deutlich dringender, bei den wenigen Kleidungsstücke, die sie trug.
      Unverständlich murmelte Vriska, aber dann verstand ich etwas: “Was los?”
      “Du bist seit einer Stunde verschollen, ich wollte sehen, ob es dir gut geht”, brachte ich meine Besorgnis hervor.
      “Okay, danke”, schluchzte sie, wirklich gesprächig schien sie nicht, aber auch meine Jacke brachte keinen Effekt. Es tat mir wirklich in der Seele weh, sie so am Boden zu sehen. Umständlich rutschte ich noch ein Stück näher an sie heran und schloss meine Arme, um ihren zierlichen Körper in der Hoffnung ihr damit wenigstens ein wenig Trost spenden zu können. Hatte der Vorfall vorhin sie wirklich so tief getroffen oder war etwa noch etwas vorgefallen?
      “Möchtest du reden oder soll ich vielleicht irgendwen für dich holen?”, versuchte ich mich behutsam heranzutasten, wie ihr zu helfen sei, denn ehrlich gesagt war ich ein wenig ratlos. Endlich bewegte Vriska sich. Sie ließ die Hände von den Beinen ab und wechselte ihre Position, legte den Kopf auf meinem Schoß ab und nahm die Jacke als Decke.
      “Wen willst du holen? Meinen Bruder, der mir sagt, ich soll zur Therapie gehen oder Mama anrufen?”, lachte sie beinah munter im Vergleich. Mit ihren Stimmungswechseln waren Vriskas Reaktionen für mich so unvorhersehbar wie die der Tiere um uns herum, wenn man ihre Zeichen nicht zu deuten wusste, doch ich bemühte mich davon nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
      “Mangels Kenntnis von Kontaktmöglichkeiten, würde nur erstens infrage kommen”, antworte ich auf ihre Frage, “aber offensichtlich ist das nicht erwünscht.”
      Tatsächlich drückte sie mir stumm ihr Handy in die Hand und vor mir leuchtete ein dunkler Chat auf, mit sehr vielen und vor allem kurzen Nachrichten. Irritiert wischte ich mit dem Finger über dem matten Bildschirm, im Hinterkopf, dass jederzeit ein seltsames Bild kommen könnte. Auf einmal kam Vriskas Finger dazu, der mit dem Anfang zeigte. In meinem Magen lag ein flaues Gefühl, ich konnte ihre Situation nachvollziehen, wie schlecht sie sich in der Halle gefühlt haben muss, andererseits war mir ein Fakt mehr bekannt. Sie waren einander die womöglich wichtigste Person und dann zu lesen, dass der Partner Interesse an jemand anderes hegte, verletzte zutiefst. Was er mit seinem Besuch andeuten wollte, konnte ich überhaupt nicht deuten und wüsste Vriska, dass ihr unbekannter Verehrer ihr Freund war, hätte sie vermutlich die Hälfte davon nicht geschrieben. Am Ende angekommen, bemerkte ich natürlich, dass nichts mehr von ihm kam. Sie bekam das Gerät zurück, das sofort wieder aufleuchtete, unglaublich, dass sie noch immer diese Bild als Sperrbildschirm hatte.
      „Das sind ganz schön harte Worte. Tut mir leid, dass er dich so wegstößt“, wählte ich meine Worte mit bedacht. Unsicherheit und ein schlechtes Gewissen überkamen mich darüber, ob es eine gute Idee gewesen war, sie so lange im Ungewissen zu lassen, wer ihr Unbekannter wirklich war. Vom Flirten hatte sie das vielleicht nicht abgehalten, aber sicherlich hätte es beide davor bewahren können, verletzt zu werden. Doch jetzt war es zu spät, es würde sie nur noch tiefer treffen, wenn sie erfuhr, dass Erik dahintersteckte.
      Stillsaßen wir zusammen auf dem Ballen, nicht ein Wort verließ mehr ihren Mund, nur leichtes Schluchzen drängte zwischen Kaugeräuschen der Pferde hindurch. Noch immer war es kühl und ohne meiner Jacke kam auch ich an meine Grenzen. Vriska zitterte wie Espenlaub.
      „Was denkst du, möchtest wenigstens noch Tschüss an Lars sagen? Er wollte gleich los“, versuchte ich sie zum Aufstehen zu bewegen, nach dem Blick auf die Uhr. Außerdem kam mir zunehmend der Hunger, nach einem arbeitsreichen Tag.
      „Eher nicht“, sagte sie ziemlich in sich gekehrt.
      “Dann lass uns wenigstens nach drinnen gehen, sonst erfrierst du mir hier draußen noch”, redete ich sanft weiter auf sie ein. Wenn ich daran dachte, wie taub meine Finger bereits vor Kälte waren, wollte ich mich gar nicht erst vorstellen, wie kalt ihr sein mochte, wenn sie dies überhaupt wahrnahm.
      “Aber nur weil du es bist”, seufzte Vriska und bewegte sich in Zeitlupe von meinen Beinen herunter, die vermutlich am wärmsten waren. Schmerzlich stieß sie ein Laut aus beim Herunterklettern des Ballens, klammerte sich dabei fest an dem dünnen Netz, um nicht zu fallen. Ungeschickt tat ich es ihr gleich und war froh als ich den festen Boden wieder unter den Füßen hatte.
      Wie zwei alte Omas, die bereits von Arthritis gezeichnet waren, bewegten wir uns zu unserer kleinen Hütte. Kaum in unserem kleinen warmen Reich angekommen, ließ Vriska sich auf das Sofa plumpsen, streifte sich die Schuhe von den Füßen und wickelte sich wie ein Wrap in die flauschigen grauen Decke. Mein Weg hingegen führte geradewegs in die Küche. Mit schmerzenden Finger befüllte ich den Wasserkocher, denn bevor ich irgendetwas Weiteres tun konnte, musste etwas Warmes her.
      “Möchtest du auch einen Tee?”, rief ich Vriska zu, während ich bereits für mich eine Tasse aus dem Schrank ergriff.
      „Ich bin zwar britisch, aber bevorzuge Kaffee, egal wann“, schien sie mich erinnerten zu wollen, so gut wie nie Tee zu trinken. Stattdessen war ich so frei, die Kaffeemaschine einzuschalten, denn einen Knopf drücken, lag noch in meinen Fähigkeiten. Die Kälte schien sich regelrecht in den Fasern meiner Kleidung festgesetzt zu haben, denn die Wärme erreichte mich kaum. So nutze ich den Augenblick, indem die Geräte ihre Arbeit taten, um dem entgegenzuwirken. So warf ich, bis auf die Unterwäsche sämtliche Kleidungsschichten von mir und ersetzte diese mit einer gemütlichen Jogginghose und einem viel zu großen Pulli mit dem verwaschen Logo der Eishockey-Mannschaft in der Samu lange Zeit aktiv gewesen war. Ich liebte dieses Kleidungsstück, denn er war einfach perfekt vom Gemütlichkeitsfaktor, weshalb er einst heimlich von seinem in meinen Besitz wechselte. Na ja, genaugenommen war er nicht geklaut, sondern eher so etwas wie eine … Dauerleihgabe auf unbestimmte Zeit. Was zuallerletzt nicht fehlen durfte, waren die wunderbar flauschigen Kuschelsocken mit den niedlichen Ottern drauf.
      Gerade wieder in der Küche angekommen, verkündete der Wasserkocher mit einem leisen Pling, dass er fertig war und auch Vriska Getränkt dampfte bereits in seinem Behältnis und verströmte sein kräftiges Aroma. Laut gluckerte es in meinem Bauch und erinnere an die Leere darin.
      Mit wenigen Handgriffen war auch mein Getränk bereitet und ich balanciert die heißen Tassen hin zu Vriska, wo ich diese auf dem Tisch abstellen, bevor ich mich neben sie quetsche.
      „So, wo ich nicht mehr Gefahr laufe zu erfrieren, wie sieht es mit Essen aus?“, kam ich direkt auf das zweite Bedürfnis zu sprechen, welches gestillt werden wollte. Auf ihre Antwort wartend, nahm ich einen Schluck von der dampfenden Flüssigkeit und verbrannte mir prompt daran die Zunge. Das hatte man davon, wenn man zu gierig war.
      „Hier, such dir was aus“, sprach Vriska müde und drückte mir das Handy in die Hand, geöffnet eine herkömmliche Bestell-App. Es dauerte ein Moment, bis ich mich wieder fähig genug fühlte, die Landessprache zu verstehen. Die Auswahl war groß, beinahe zu groß, so fiel die Wahl mangels Entscheidungsfähigkeit auf eine Pizza. Im selben Moment, wie ich Vriska das Gerät bereits wieder reichen wollte, fiel mir Samu ein, der vermutlich noch da sein musste. Zumindest hatte ich keine anderweitige Information erhalten.
      „Ähm, warte kurz. Ich muss kurz Samu schreiben“, wies ich sie an und suchte hektisch mein Handy. In der Hosentasche war es nicht, auch nicht im Pulli – musste es wohl noch im Zimmer liegen. In Windeseile wuselte ich also zurück. Tatsächlich lag besagtes Gerät, begraben unter dem Klamottenhaufen, auf dem Bett.
      Auf dem Bildschirm leuchteten mir direkt eine Instagram Notifikation entgegen, die ich allerdings ignorierte. Die Prioritäten lagen jetzt eindeutig woanders.
      Mein Finger flogen nur so über die Tastatur und versendeten eine kurze, prägnante Nachricht. Kaum war diese angekommen, leuchtet bereits die blauen Haken auf und ich bekam ein okay zurück.
      Wenige Minuten später klopfte es auch schließlich an der Tür. Motiviert möglichst bald an Nahrung zu gelangen, sprang ich auf, um diese zu öffnen.
      „Oh, du bist auch noch da. Ich dachte, du wolltest schon gegangen sein?“, stellte ich fest, als ich erblickte, dass der Finne nicht allein gekommen war, „aber kommt rein.“
      Kaum hatte Lars angesetzt zu erklären, dass er seine Fähre zur Insel nicht mehr rechtzeitig bekommen hätte, erklang lautes Gerumpel hinter mir. Panisch rollte sich Vriska über die Lehne und hinterließ dabei die Decke als Spur ihrer Flucht. Unmittelbar danach fiel die Zimmertür zu und man vernahm die Zylinder einmal ins Schloss fallen. Ich zuckte nur mit den Schultern vor den irritierten Blicken der Jungs, die langsam in die Hütte eintraten. Umgehend zog Lars seine Schuhe aus, um sie zwischen der riesigen Sammlung meiner Mitbewohnerin zu verstauen. Von mir stammten nur zwei Paar, vollkommen ausreichend bei dem schmuddeligen Wetter und kaum Ausgehmöglichkeiten, nicht, dass ich darauf Lust hatte, aber so generell. Vriska schien hingegen für jede Eventualität vorbereitet.
      Ihr Handy lag noch immer entsperrt auf dem niedrigen Couchtisch, womit sich auch unsere Gäste ihre Nahrung wählten. Samu wusste noch nicht so genau, was er wollte, während es bei Lars ziemlich schnell ging. Neugierig blickte ich in die Bestellliste – Gemüsepizza. Interessant.
      Eine andere Vriska kam aus dem Zimmer heraus. Die Hose gewechselt zu einer sehr engen dunklen Jogginghose und darüber ein bauchfreies Shirt, das eher aussah, als stammte es aus der Kinderabteilung von H&M. Es war der Schnitt und nicht das Motiv, was mich irritierte. Die Schminke war komplett entfernt, wodurch ihre Augenringe deutlich hervorstachen und Augen noch rot verfärbt vom Weinen.
      Nicht nur ich sah mir ihre Verwandlung genau an, sondern auch der junge Mann neben mir, der auf dem Sofa Platz genommen hatte, konnte den Blick gar nicht mehr von ihr lassen. Zur gleichen Zeit kamen bedauerliche Stiche in meiner Magenregion, durchzogen von Grummeln.
      Mit gewissem Abstand setzte sie sich auch zurück auf ihren Platz, prüfte mit kurzen, aber hektischen Blicken, wie groß die Spalte zwischen ihr und Lars war. Doch er wusste geschickt, sie näher bei sich zu haben. Vriska beugte sich vor, um selbst etwas zu wählen, was mich schon ziemlich überraschte. Dabei wechselte er seine Position und saß plötzlich direkt neben ihr, den Arm locker auf der Lehne. Hätte ich die beiden im Schulalltag getroffen, wäre ich ihnen aus dem Weg gegangen. Sein Selbstbewusstsein und ihr gespieltes Mitleid waren das perfekte Beispiel für Schulmobber, die mir den Alltag erschwerten.
      Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, sie an ihren Freund zu erinnern, der grundsätzlich noch existierte, auch, wenn er bestimmt ziemlich genervt war, entschied aber gegen schlechte Stimmung. Vriska konnte so impulsiv und aufbrausend sein, dass jeden den Abend versaute.
      Unentschlossen durchforsteten wir Netflix, klickten eine Serie an, um im nächsten Augenblick ein genervtes Stöhnen von Vriska zu hören, weil ihr etwas nicht passte. Das Problem löste sich allerdings nach kurzer Zeit von selbst auf. Immer schläfriger hing sie neben Lars, der sie zwar versuchte wachzuhalten, aber damit keine Erfolge erzielte. Stattdessen lag sie an seiner breiten Brust und schlief ein. Süß waren sie schon, mit einem bitteren Beigeschmack.
      Mit Bedauern stellte ich leere in meiner Tasse fest, dabei waren wir doch erst vor gefühlten zehn Minuten hereingekommen. Das Zeug musste sich in Luft aufgelöst haben. Wenigstens hatte es seinen Zweck erledigt, denn neben dem Gefühl in meinen Fingern, war auch die Wärme zurückgekehrt. Langsam erhob ich mich von der weichen Sitzgelegenheit und bewegte mich erneut in die Küche. Wie ich feststellte, gefolgt von Samu, der an der Theke lehnend meine Handgriffe beobachtete.
      “Du weißt schon, dass Gedankenübertragung nicht funktioniert?”, wie ich freundlich daraufhin, dass er reden sollte, wenn er etwas wollte.
      > Onko Viska kunnossa?
      “Ist mit Vriska alles in Ordnung?”, sprach er mir gesenkter Stimme. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er zum Sofa, wo sich nur schemenhaft die Umrisse der beiden im gedimmten Licht abzeichneten.
      > Ei oikeastaan, se, että Erik ei ole ollut mukana pitkään aikaan, häiritsee häntä suuresti.
      “Nicht so wirklich, dass Erik schon länger nicht mehr da war, macht ihr ganz schön zu schaffen”, entgegnete ich seufzend. Schon allein die Erwähnung ihres Freundes ließ das ungute Gefühl wachsen, welches beim Anblick der beiden aufkam.
      > Mutta ovatko he edelleen yhdessä?
      “Aber die beiden sind schon noch zusammen?”, runzelte er die Stirn. Verständlich, dass er das in Anbetracht von ihrem Verhalten infrage stellte.
      > En ole niin varma.
      “Ich bin mir nicht so sicher”, antworte ich zögerlich. Auch wenn sie offiziell mit dem Unbekannten geschrieben hatte, war es immer noch Erik, dem sie offenbarte, dass er nicht der einzige Mann war, an dem sie Interesse zeigte. Die Verletzung, die damit einherging, war aus den Worten deutlich herauszulesen gewesen und vor allem die darauffolgende Funkstille schien eindeutig zu sein.
      > Hän kertoi tuntemattomalle flirttailustaan ja tämä oli... hieman vähemmän innostunut
      “Sie hat dem Unbekannten von ihrem Flirt berichtet und der war … eher weniger begeistert”, deute ich die Geschehnisse an, was Samu auszureichen schien, zumindest stellte er keine weiteren Fragen. Auch er kannte Vriska mittlerweile gut genug, um sich erklären zu können, weshalb sie trotz oder vermutlich gerade wegen der Vorkommnisse nicht von Lars abließ.
      Mit einem tiefen seufzend entwich sämtliche Luft aus meinem Lugen. Ein Zusammenleben mit ihr würde wohl niemals einfach werden.
      > Tiedän, että haluat auttaa häntä, mutta älä unohda itseäsi
      “Ich weiß, du willst ihr helfen, aber vergiss dich dabei bitte nicht”, appellierte Samu, ganz der besorgte Freund, der er schon immer gewesen war. Er las mich wie ein Buch und manchmal glaubte ich er würde mich besser kennen, als ich es selber tat.
      Nickend nahm ich seine Sorge zur Kenntnis, doch ich hatte genug von diesem Thema. Aktuell konnte ich die Situation ohnehin nicht ändern.
      Mit einem frischen Tee ließ ich mich wieder vor dem TV nieder. Angelehnt an die Schulter meines besten Freundes, ließ ich mich von den bewegten Bildern berieseln.
      Je spannender die Ermittlung um einen Amoklauf wurde, umso mehr vergaß ich die Anwesenheit von Vriska und Lars, womit auch das mulmige Gefühl diesbezüglich in den Hintergrund rückte. Das Gluckern und Gurgel in meinem Bauch hingegen tat das Gegenteil. Ungeduldig angelte ich nach Vriskas Handy, das konnte doch nicht so lange dauern. Oder lieferten die, die Pizza direkt aus Italien? Eigentlich wollte ich nur in die Lieferapp, doch unmittelbar auf dem Sperrbildschirm leuchten zahlreiche Push-Benachrichtigungen auf. Eigentlich wollte ich nicht neugierig sein, doch als ich Eriks Namen lass konnte ich nicht anders als darauf zu tippen. Sechs ungelesen Nachrichten erschienen, allesamt eingetroffen ab dem Zeitpunkt, ab dem Lars auf dem Hof war. Bereits nach den ersten beiden Nachrichten konnte ich deutlich herauslesen, dass Erik sich Sorgen machte, da Vriska sich nicht meldete. Da war es wieder, das beklemmende Gefühl in der Brust. Es war nicht richtig, ihre Nachrichten zu lesen, auch wenn sie den Schutz ihrer Privatsphäre nicht allzu wichtig nehmen zu schien. Schnell wischte ich die Nachrichten hinfort und wurde auf dem Homescreen von Maxou begrüßt. Ein niedliches Bild hatte sie ausgewählt, doch mein Begehren lag gerade wo anderes. Intuitiv strich ich von unten nach oben und glücklicherweise tauchte wie gewohnt der Task-Manager auf, in dem ich auch sogleich die Lieferapp entdeckte. Zehn Minuten, lautete die Auskunft. Viel zu lange, bis dahin war ich sicherlich längst verhungert.
      “Lina, du weißt aber schon, dass das nicht schneller geht nur, weil du alles fünf Sekunden nachsiehst?”, amüsierte sich der Kerl zu meiner Rechten, nachdem, ich das Gerät bestimmt zum zwanzigsten Mal entsperrte.
      “Aber ich habe doch so Hunger”, jammerte ich kläglich und stellte fest, dass sich die Anzeige in den letzten acht Minuten kein Stück verändert hatte, “Ich glaube, die blöde App ist kaputt.”
      “Gib mal her”, nahm Lars mir das Gerät aus den Händen. Kurz tippte er darauf herum, dann schüttelte er den Kopf: “Alles normal”
      “Manno”, grummelte ich, doch mir fehlte so langsam auch die Geduld, um stillzusitzen. Wie ein hungriges Raubtier tigerte ich zwischen Couch und Küche hin und her, umrundete den Küchentisch und wieder zurück.
      “Weißt du, dass du ziemlich nervig bist, wenn du hungrig wirst?”, merkte Samu an. Ganz klar eine Aufforderung, mich wieder zusetzten.
      “Aber Samuuuu”, quengelte ich, ließ mich dennoch widerstrebend wieder auf der Sofa kante nieder, breit in Sekundenschnelle an der Tür zu sein. Meine Augen klebten förmlich an der Türklinke, als sei ich ein einsamer Hund, der auf seinen Besitzer wartete.
      Mich von dem Tor der Begierde zu lösen, fiel bereits leichter, als die Ermittlungen in der Serie neue Facetten ans Tageslicht brachten. Samu kommentierte das Ganze mit Nachfragen, einzig allein, damit ich nicht zur Tür sah. Es würde jeden Augenblick klingeln, sagte eine Stimme in meinem Hinterkopf, wodurch sich das rechte Bein kurz anspannte, als würde ich in Rekordzeit losspringen. Dafür hörte ich Vriska neben uns wachwerden, leise murmelte sie vor sich hin. Lars, der sichtlich unzufrieden von ihrer Liegeposition war, atmete erleichtert aus als sie sich geraderichtete. Dann geschah, was passieren musste. Unüberlegt saß sie auf seinem Schoß und drückte einfach ihre Lippen auf seine. Mir stach es in der Magenregion, das passierte nicht wirklich, oder? Noch mehr überraschte mich, dass Lars seine Hände fest ihren Unterrücken hielt und auf sich bewegte. Im selben Moment klingelte es und ich sprang wie ein Terrier vom Korb, um die Klinke aufzureißen. Was ich dann sah, brachte mich in Atemnot.
      Niklas stand mit einer großen Tüte in der Hand vor mir, hielt diese wie eine Trophäe nach oben. Die Hitzewelle, die plötzlich über mich hereinbrach, sorgte für zusätzliche Verwirrung in meinem ohnehin schon überforderten Gehirn, sodass ich meinen Freund für einige Sekunden einfach nur anstarrte. Verdammt, sah er heiß aus, in dieser Uniform.
      „Bin ich hier richtig bei Frau Valo?”, ergriff er vollkommen ernst das Wort, als sein wir uns noch nie im Leben begegnet. Ich konnte nur stumm nicken, denn die Verbindung zum Sprachmodul, hatte meinem Hirn offenbar noch nicht wieder hergestellt. Stattdessen piepte es und eine kleine rote Lampe blickte hektisch.
      „Dann habe ich wohl eine Lieferung für sie", setzte er fort, ein frivoles Grinsen auf den Lippen. Niklas war so nah an mich herangetreten, dass kaum mehr eine Handbreit Luft zwischen uns war. Wunderbar leckerer Duft stieg aus der Tüte empor, vermischte sich mit Niklas eigenem zu einer betörenden Mischung. Zu dem unfassbar heftigen klopfen hinter meinem Brustbein, gesellte sich ein unsägliches ziehen in meinem Bauch, was das Denken nicht minder erschwerte.
      “Niklas … du … hier?”, stolperten Worte über meine Lippen, die eigentlich ein ganzer Satz werden wollten. Die Verbindungen meines Sprachzentrums schienen einen gewaltigen Hitzeschaden erlitten zu haben, durch sein erscheinen.
      “Eure Lieferung landete im Streifenwagen”, grinste er für einen Augenblick, bevor sich seine Miene verfinsterte. “Es ist etwas mit Erik passiert.”
      © Mohikanerin, Wolfszeit // 64.836 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang November 2020}
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  • Album:
    LDS - Schweden
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    Wolfszeit
    Datum:
    2 Juli 2022
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  • Ready For Life
    Bereit für das Leben

    Rufname: Redo

    geboren am 14. April 2010

    Aktueller Standort: Lindö Dalen Stuteri, Vadstenalund [SWE]
    Unterbringung: Paddock

    –––––––––––––– a b s t a m m u n g


    Aus: Ravel [Freiberger]
    MMM: Rubine ––––– MM: Rilana ––––– MMV: Nicolo
    MVM: Zora ––––– MV: Ninjo ––––– MVV: Nejack

    Von: Québec [Freiberger]
    VMM: Fauvette ––––– VM: Venise ––––– VMV: Vagabond
    VVM: Salomé ––––– VV: Qui-Saint ––––– VVV: Quai d'Orsay


    –––––––––––––– b e s c h r e i b u n g

    Farbe: Rappe mit Birkauge rechts
    [Ee aa]

    Rasse: Freiberger [FM]
    Freiberger | FB 36,33 %

    Geschlecht: Stute
    Stockmaß: 158 cm

    Charakter:
    Nervenstark| Menschenfreundlich |Gelassen| Intelligent

    Ready for Life ist ein äußerst nervenstarkes Pferd, neben ihr könnte im wahrsten Sinne des Wortes eine Bombe explodieren, ohne dass sie nur mit den Ohren zucken würde. Mit Menschen kommt sie gut klar, solang es keine Kinder sind. Kinder mag sie nicht sonderlich, akzeptiert diese aber. Redo ist intelligent und hat Spaß daran, Neues zu lernen.

    Ready for Life wurde in der Schweiz als Polizeipferd ausgebildet. Nach einigen Jahren Dienstzeit in Deutschland und Dänemark kam sie nach Schweden, wo sie nun für kleinere Veranstaltungen eingesetzt wurde und vor allem für Anfänger im Reittraining diente. Redo hatte ihre besten Jahre im Dienste des Staates erreicht und sollte nun eine Karriere als furchtloses Freizeitpferd beginnen.

    *mag Wassermelone
    * ist nahezu taub, wegen eines Unfalls im Einsatz

    –––––––––––––– l e i s t u n g

    [​IMG][​IMG]
    Dressur M [M] – Springen E [L] – Militay E [M] – Fahren E [A]

    Niveau: National

    Anzahl der Gänge: 3

    Dezember 2021
    Dressur E zu A

    Februar 2022
    Dressur A zu L

    Mai 2022
    Dressur L zu M

    –––––––––––––– z u c h t

    Stand: 01.02.2022
    [​IMG]
    Ready for Life ist nicht zur Zucht zugelassen.


    Zugelassen für: -
    Bedingungen: Zuchtwert mind. X ODER Gesamtnote mind. X
    Decktaxe: x Joellen

    Fohlenschau: -
    Materialprüfung: -

    Exterieurnote: -
    Gesamtnote: -

    Herkunft: Unbekannt

    –––––––––––––– n a c h k o m m e n

    Ready For Life hat 0 Nachkommen.

    NAME a.d. NAME *20xx

    –––––––––––––– g e s u n d h e i t

    Gesamteindruck: Gesund, gut in Training
    Krankheiten: -
    Beschlag: Barhuf

    –––––––––––––– s o n s t i g e s

    Ersteller / VKR : Mohikanerin
    Bezugsperson: Lina
    Eigentümer: Lina Valo [100%]

    Redo steht aktuell nicht zu Verkauf.
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