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Wolfszeit

Ready For Life

a.d. Unbk v. Unbk || Freiberger [36,33 %]

Ready For Life
Wolfszeit, 2 Juli 2022
Bracelet, Sosox3, Canyon und 2 anderen gefällt das.
    • Wolfszeit
      [​IMG]
      kapitel åtta | 8. Dezember 2021

      Satz des Pythagoras // Schneesturm // Vintage // Forbidden Fruit LDS // Götterdämmerung LDS // HMJ Holy // Girlie // Einheitssprache // Ready for Life // HMJ Divine

      Niklas
      Spät in der Nacht kam ich zu Hause an. Die sonst ziemlich kurze Fahrt vom Hof verlängerte sich ungemein durch einen Zwischenstopp im Nirgendwo. Eigentlich kannte ich die Gegend wie meine Westentasche, aber plötzlich und unerwartet leitete mich das Navigationssystem von der Fernstraße ab. Folgte der Straße durch kleine verschlafene Dörfer, Felder, Wälder, bis ich auf einem verlassenen Rastplatz landete mit einer Ladesäule neben einem heruntergekommen gelb blauen Tankstellen Gebäude, das mit einem älteren Mann besetzt war. Er stand an dem hinteren Eingang, rauchte und beobachtete mich genau, als ich die Auffahrt hinauf fuhr im Schritttempo. Normalerweise waren die meisten Ladestationen mit einer hohen Leistung ausgestattet mit um die zweihundertfünfundsiebzig Watt, diese jedoch brauchte sie nicht auf. Also stand ich, wartete, deutlich länger als erwartet, um zumindest die verbleibenden vierzig Kilometer nach Hause zu schaffen.
      Obwohl ich den Luxus genoss, ausschlafen zu können, klingelte mich unliebsam mein Handy aus dem Bett. Zu bestimmen, wie viel Stunden ich in meinem Bett verbringen durfte, konnte ich nicht einschätzen. Es war zu kurz, denn nur kläglich fand ich den Weg ins Badezimmer und es dauerte eine Ewigkeit, bis ich aus dem Kleiderschrank ein Outfit wählte.
      > God morgon, min son
      “Guten Morgen, mein Sohn”, begrüßte mich Mama freundlich, als ich mit hängenden Schultern die hölzerne Treppe ins Erdgeschoss hinauflief.
      > God morgon
      “Guten Morgen”, murmelte ich. Aus der Küche roch es verlockend und neugierig warf ich einen Blick auf den Herd. Mama und ich hatten uns abgesprochen, heute gemeinsam zu essen, bevor ich mich auf dem Weg zu meiner Freundin machte.
      > Lyckades du i går?
      “Warst du gestern erfolgreich?”, fragte sie bei dem Decken des Tisches. Im Voraus hatte ich mit ihr gesprochen, wusste, dass ich ihr vertrauen kann und ihre Tipps immer richtungsweisend waren.
      > Nej, inte på ett lyckat sätt. Men vi lyckades lösa det.
      “Erfolgreich, nein. Aber wir konnten das Problem lösen”, erklärte ich verschlossen.
      > Det är ju trots allt så
      “Immerhin”, seufzte Mama,
      > Ska du fortfarande gå till din flickvän?
      “ Triffst du dich dennoch mit deiner Freundin?”
      “Jag”, sagte ich wenig überzeugt, aber freute mich vordergründig meine Stute zu treffen. Lina schickte mir täglich Bilder von ihr, wie sie auf die Weide kam, ihr Futter bekam oder in der Führanlage typisch temperamentvoll den Schweif aufstellte und ihre Runden drehte. Ich vermisste sie viel mehr, als ich dachte. Zeitlich hätte ich es aber nicht geschafft, Form für die nächste Saison vorzubereiten und Smoothie abzutrainieren. Irgendwo dazwischen musste ich schließlich arbeiten, essen und selbst meine Fitness aufrechterhalten, da reichte das Reiten leider nicht aus.
      > Upp med hakan, du kommer över det.
      “Kopf hoch, du kommst schon darüber hinweg”, rief mir Mama noch zu, als ich durch die Garagentür den Wohnraum verließ. Schon beim Einsteigen in mein graues Fahrzeug wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine Restreichweite von fünfzig Kilometern blieb. Bei dem Blick zur Steckdose bemerkte ich auch wieso. Der Volvo meines Vaters hing noch immer am Kabel und ich vergaß meinen Wagen einzustecken. Also tippte ich Lina eine Nachricht, dass ich etwas später kommen würde, da es einige Schwierigkeiten gab. Ihr zu offenbaren, dass ich im Zuge meiner gestrigen Verwirrtheit einen Fehler machte, fiel mir selbst gegenüber nicht einmal leicht. Sie antworte, dass sie sich bereits freute und es kein Problem sei. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ein kleines Lächeln huschte durch mein Gesicht, also konnte ich noch nach einer passenden Ladesäule suchen, wo ich nicht Stunden verbringen müsste, um endlich weiterzukommen, außerdem fehlte auch die Lust mit Lina unbekannterweise zu warten. Es ging schnell, bis mein Auto mir nach dem Start sagte, dass an einer Ausfahrt mit Tankstelle eine für mich passende stand. Dort fuhr ich ab und steckte den Taycan an. Ich musste nur mit meinem Finger an der Büchse entlangfahren und schon öffnete sich der Deckel wie von Zauberhand.
      Bevor die Fahrt weitergehen konnte, sah ich mir das eintönige Gelände näher an, besonders das Innere der Tankstelle, weckte mein Interesse. Bereits auf der kurzen Strecke spürte ich, dass meine Augen Probleme hatten, den Blick auf der Straße zu halten. Keine gute Voraussetzung, wenn ich das Auto noch eine Weile behalten wollen würde. Also bestellte ich mir einen großen Milchkaffee und fand noch eine Kleinigkeit für Lina, über die sie sicher freuen würde. Es war ein kleines weißes Plüsch Einhorn mit rosafarbenen Flügeln, die mit etwas Fantasie an Ivy erinnerten. Sie vermisste ihn und ich konnte es nachvollziehen. Das Pferd war noch meilenweit davon entfernt ein gutes Reitpferd zu sein, aber konnte einem durch sein ruhiges Gemüt wirklich weich werden lassen. Mir fehlte die Verbindung zu ihm, aber glaubte fest daran, dass es mit den Beiden Schicksal sein musste.
      Zwanzig Minuten später durfte ich meine Fahrtfortsetzung, denn sechzig Prozent Ladung sollten für die heutigen Kilometer ausreichen. Augenrollend spielte ich mit dem Gaspedal und wollte am liebsten ins Lenkrad beißen, nach dem es auf der einspurigen Strecke nur noch mit dreißig Kilometer pro Stunde weiter ging bei einer erlaubten Geschwindigkeit von hundert. Laut atmete ich ein und wieder auf, ganz ruhig Niklas, die Kerle in den Lkw arbeiten nur. Darin lag auch mein Problem, würde ich in der Geschwindigkeit arbeiten, hatte ich eine schöne Zeit im öffentlichen Dienst. Kurz lachte ich. Latte würde mir fehlen, wenn ich sein freundliches Wiehern am Morgen nicht hören würde oder die unpassenden Kommentare meiner Kolleginnen, die es äußerst unterhaltsam fanden, dass ich mit meinem Hengst sprach. Ich unterhielt mich mit ihm über fast alles, sogar Lina durfte er schon kennenlernen, außerdem bat ich ihn, etwas zu tun. Er konnte empfindlich sein, mochte es nicht, wenn es regnete oder windig war. Doch auch Sonne irritierte den Braunen. Eigentlich stand er am liebsten in seiner Box und biss in dem Gummispielzeug, dass eigentlich für große Hunde entwickelt worden war. Die Varianten des Dings für Pferde interessierte ihn nicht. Den größten Unterhaltungsfaktor brachten wir in der Reithalle im freien Training. Ich spielte regelmäßig mit ihm, denn auf dem Paddock stand er allein, so wie ich – der Hahn im Korb.
      > Sväng höger.
      “Rechts abbiegen”, erinnerte mich mein Auto daran, endlich die Fernstraße zu verlassen. Erleichtert drückte ich auf das Gas und fuhr minimal zu schnell die Abfahrt entlang. Erst im Nachhinein prüfte ich, ob Kollegen in Sicht waren oder einer der so beliebten Blitzer, aber nein. Für den Augenblick kam ich noch davon, sonst wäre es teuer geworden. Nur noch wenige Minuten trennten mich davon mein Pferd endlich wiederzusehen und natürlich auch Lina. Meine Augen wanderten zum Beifahrersitz, auf dem Ivy bereits auf sie wartete. Schon aus der Ferne erkannt ich das schwarze Schild mit dem handgezeichneten Logo. Vielleicht sollte Lina es einmal überarbeiten, so wirkte es ziemlich unordentlich, aber was wusste ich schon. Im Schneckentempo fuhr ich die Auffahrt entlang und parkte auf dem Parkplatz neben Eriks Auto, dass der immer noch hier war. Unglaublich. Hatte der nichts Besseres zu tun, als Vriska zu belästigen? Verzweifelt atmete ich aus, griff nach dem Mini Ivy und stieg aus.
      Suchend sah ich mich um, aber sah niemanden. Meine erste Adresse war somit der Stall, dort traf ich bisher immer irgendwen. Auch heute wurde ich nicht enttäuscht, zumindest in der Tatsache, jemanden zu treffen. Ausgerechnet Vriska ritt im Gebäude. Schon an der Stimme erkannt ich, dass sie es sein musste, auch wenn es etwas nasal klang. Ich zögerte, die Schwelle zu übertreten, denn ich wollte ihr nicht unter die Augen treten nach der seltsamen Situation zwischen uns, dem allem voran meine Unsicherheit. Normalerweise fühlte ich mich allen überlegen, wusste, was ich tat, aber jetzt scheiterte es schon daran, eine minimale Kante zu übertreten. Aber ich tat es, nur um zu überprüfen, ob Lina eventuell auch dabei war. Ich warf einen Blick zu meiner Linken und sah Vriska auf einer langbeinigen Schimmelstute mit dunklem Langhaar sitzen. Sie trug ein Martingal und bevor ich einen Gedanken darüber verlor, was der Grund sein könnte, dass sie einem Pferd Hilfszügel befestigte, schwang es energisch den Kopf nach oben, aber wurde durch die Ringe am Zügel daran gehindert. Immer wieder wippte sie und erinnerte mich an einen Wackeldackel, der auf der Ablage eines alten Mercedes stand. Vriska hatte mit dem Pferd zu kämpfen, es in eine Gebrauchshaltung zu bekommen und deutlich den Trab zu beruhigen. Sie bemerkte mich am Rand nicht, zum Glück, oder zumindest konzentrierte sie sich auf den Schimmel und sah nicht zu mir.
      “Du musst ihr mehr Freiheit geben sich fallen lassen zu dürfen und ruhiger sitzen”, dachte ich plötzlich laut, ich Idiot. Jetzt bekam ich doch ihre Aufmerksamkeit. Umgehend bremste Vriska die Stute in den Schritt ab und hielt an der Bande ab. Sie reichte ihr so hoch, dass sie die Arme darauf ablegte und lachte.
      “Ach, da ist ja unser Klugscheißer. Lina rennt heute schon den ganzen Vormittag aufgeregt über den Hof, am besten guckst du mal links bei den Weiden. Sie hatte sich zu Smoothie gesetzt”, half sie mir weiter und zeigte in Richtung eines anderen Ausgangs.
      “Danke”, hielt ich mich kurz und drehte mich weg.
      “Ich habe zu danken”, antwortete sie noch. Ich sah noch einmal neugierig zu ihr und wie ich es sagte, trabte der Schimmel deutlich ruhiger und warf nicht mehr so stark den Kopf nach oben. Stolz lächelte ich in mich hinein.
      Aufgeregt folgte ich dem Weg zur Weide, der tatsächlich mit kleinen handgeschriebenen Wegweisern ausgeschildert war und da saß Lina auf einem Stuhl, den Kopf zum Schoß gesenkt, auf dem ein Block lag. Sie zeichnete vermutlich, denn ich schätzte sie nicht als Schreiberin ein. Langsam näherte ich mich und wollte sie überraschen, aber Smoothie vermasselte mir diese Chance. Aus dem Nichts bockte sie im Stand und quietschte aufgeregt. Dann kam sie zum Zaun getanzt, konnte nicht erwarten, dass ich ihr endlich über Kopf strich. Auch Lina bemerkte das Theater und drehte sich um. Ein strahlendes Lächeln zauberte sich auf ihr zartes Gesicht. Ich hatte fast vergessen, wie sie einem in ihren Bann ziehen konnte. Ja, wenn Vriska nicht in Sichtweite war. Ich schämte mich dafür.
      “Guck mal, ich habe dir einen Mini Ivy mitgebracht”, lachte ich, viel mehr, um mich wieder abzulenken, als um Lina dafür zu begeistern. Sie legte, ihren Block beiseite, nahm das Plüschtier entgegen und betrachte es begeistert.
      “Aww, das ist niedlich, das sieht tatsächlich fast aus wie Ivys wahre Persönlichkeit”, lachte sie entzückt und spielte an den kleinen Flügeln herum, “und dann ist es noch so schön flauschig. Dankeschön, das ist so süß von dir.”
      “Bitteschön”, schmunzelte ich verlegen und schlang meine Arme um sie, roch an ihren Haaren, die vertraut nach Mandelblüte dufteten und in der Nase kitzelte. Ich verharrte einen Moment und strich über ihren Rücken. In meinem Inneren suchte ich nach dem, was man fühlen sollte, aber konnte nicht genau definieren, was gerade vorherrschte. Mein Herz schlug schneller. Ich hoffte, Lina bei mir haben zu können, solang ich es brauchte, bis ich mir klar darüber werden würde, was ich wollte. Aber so funktionierte es natürlich nicht. Also schwieg ich, redete mir ein, dass es das Richtige war – Alles, nur in Millisekunden, weniger als einem Wimpernschlag. Mein Herz raste.
      “Ich weiß nicht genau, ob dein Pony oder ich mich mehr darüber freuen, dass du da bist”, lächelte sie, sah dabei mit ihren strahlenden Augen zu mir hoch. Einzelne Strähnen hatten sich aus den liebevoll geflochtenen Zöpfen verabschiedet und standen chaotisch in die Luft. Der seichte Wind ließ sie wehen. Es wurde still, auch in meinem Kopf, nur die sanften Töne der noch immer aufgeregt tänzelnden Stute lagen hypnotisierend in der Luft.
      „Ich weiß es leider auch nicht, aber Smoothie scheint sich mehr ins Zeug zu legen“, schmunzelte ich.
      „Ist das so?“, raunte Lina leise, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mir einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen drückte. Ohne darüber nachzudenken, legte ich meine Hände an ihre Hüften, zog sie zärtlich an mich. Doch, dann zögerte ich. In mir spülte sich das Verlangen in den Vordergrund, langsam mit meinen Händen zum Rücken zu wandern. Einfach machte es mir Lina nicht. Die dunkelblaue Reitleggings saß eng an ihrer Hinterpartie, verlockte mich danach zu greifen. Aber ich tat es nicht, aus einem ganz einfacheren Grund: Ich hatte Angst, ihr schlechte Gefühle zu bereiten oder ungewünschtes Verhalten auszulösen, als riss ich mich zusammen.
      “Na gut, überzeugt”, stammelte ich, schob meine Brille wieder nach oben und öffnete gedankenverloren die Litze der Weide. Smoothie stupste mich an, erhob den Kopf, um mir meine Frisur zu zerstören. Sie hatte schon immer ein Problem damit, wenn ich mich besonders bemühte, die Pracht unter Kontrolle zu bekommen. Beinah rüpelhaft stieß sie mir gegen den Kopf.
      > Sluta.
      “Hör auf”, fluchte ich und hob drohend die Hand. Einige Schritte tanzte sie zurück, beruhigte sich umgehend. Sie schnaubte und stellte sich mit Abstand zu mir.
      “Soll ich schon vorgehen, oder lässt du deine Kunst hier liegen?”, fragte ich aufrichtig und drehte mich zu Lina um.
      “Ja geh schon mal, ich bring das gerade schnell weg”, antworte sie und sammelte geschäftig ihre Sachen ein. Ich nickte und folgte dem Trampelpfad, der durch die Weiden zum befestigten Kies führte. Wieder begann die Stute ihren Kopf an mir zu reiben, trat mir mit den Vorderhufen in die Schuhe. Entschlossen bremste ich, drehte mich zu ihr.
      > Ta dig nu samman!
      „Jetzt reiß dich zusammen“, tadelte ich. Aus der Ferne vernahm ich das Starten eines älteren Traktors und die Motorgeräusche wurden lauter. Smooth zuckte zusammen und senkte den Kopf, die zuvor weit aufgerissenen Augen schlossen sich in gleichmäßigen Abständen vertraut. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass Lina die falsche Person im Umgang mit ihr sein könnte, schüttelte mich. Es war absurd. Sie konnte gute mit Pferden umgehen und es fehlte nur die Erfahrung mit meinem Ausnahmetalent.
      Im Stall lief zunächst durch die Gasse, suchte, an welcher Stelle ich das Pferd anbinden könnte. Nachdem ich das x-te Mal über den Beton schritt und mittlerweile schon den Strick in der Hand gehalten hatte, der vorher an der Box meines Pferdes hing, blieb ich an der Bande stehen und versuchte durch meine reine Anwesenheit, Vriskas Aufmerksamkeit zu gelangen. Lina schien nicht nur ihre Zeichensachen wegzuräumen, sondern noch die Wohnung zu putzen oder nach Kanada zu reisen, um ihr Pferd zu holen.
      „Wonach giert es dir?“, lachte Vriska, als sie mich endlich bemerkte nach meinem elendigen Starren.
      „Wo kann ich mein Pferd putzen?“, stotterte ich unsicher. Sie zeigte mit ihrem Finger zu einer breiten boxenähnlichen Struktur direkt neben dem Solarium. Erleichtert nickte ich, bevor sie sich umgehend abwandte und erneut mit der Schimmelstute über das Konstrukt aus Stangen trabte. Innerlich entfachte sich erneut die Empörung darüber, dass sie praktisch von einem auf den anderen Tag kein Interesse mehr an mir hatte. Ihre Zeichen waren deutlich. Sie sah kein einziges Mal zu mir, als ich Smoothie vorbereitete, und hatte sogar mir Vertrauen geschenkt, über ein Inneres zu sprechen. Mit Erik wirkte es inniger, als es mir lieb war. Die Angst, sie auch zu verlieren an der Sache, wie den Großteil meines Umfelds wuchs stündlich. Ich konnte und durfte es nicht zulassen, dass sie ebenfalls in dem Loch landete.
      Lina kam mit einem Schecken am Halfter durch den Gang gelaufen, aber wurde prompt von Vriska gestoppt. Überrascht sahen sie einander an, als hätte keiner damit gerechnet.
      “Vinni wird dir keine Freude machen, hol dir lieber Fruity”, grinste Vriska.
      “Okay, wenn du das sagst”, lächelte Lina, “Danke.”
      Ihre Freude über Vriskas Angebot war unverkennbar, als sie mit dem Schecken wieder kehrt machte. Der Hengst drehte verwundert den Kopf, aber folgte freundlich. Es dauerte nicht lange, bis sie mit der Braunfalbstute wieder kam. Das Pferd hatte schon beim Führen eine erstaunliche Ausstrahlung. Langsam schloss sie die Augen, öffnete sie wieder und das blau leuchtete. Ihr großes Kopfabzeichen setzte sich prägnant vom dunklen Kopf ab.
      “Da möchte mir wohl jemand Konkurrenz machen?”, musterte ich die beiden mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Lina winkte nur lachend ab und hängte die Regendecke über eine Stange, die sie zuvor herausklappte. Sie war rasiert, bis auf die Beine und dem Kopf standen nur noch kleine Stoppeln zur Luft. Wenn ich die Außentemperaturen betrachtete, konnte ich es nicht nachvollziehen. Zudem wusste ich, dass die Stuten Tag und Nacht draußen verbrachten und nicht wie Smoothie in der Nacht in eine der großen, warmen Boxen durften. Ich strich meinem Pferd über das Fell am Hals. Sie war fertig geputzt und weitestgehend sauber, natürlich stellte es schon von jeher eine Herausforderung dar, einen Schimmel wirklich sauber zu bekommen. Das matschige Herbstwetter half mir bei meinem Vorhaben auch nicht so ganz, aber es stand ohnehin keine Veranstaltung mehr an, somit durfte Smoothie das innerliche Schwein ausleben.

      Lina
      Dadurch, dass Fruity eingedeckt war, gab es nicht viel zu putzen. Neugierig nestelte die Stute an alle herum was in die Nähe ihrer Schnauze kam, schien sich regelrecht zu freuen mal jemand anderen als üblich vor sich zu haben. Sanft schob ich ihren Kopf beiseite, um an ihr vorbei zur Sattelkammer zu kommen. Der heutige Tag erfüllte mich mit unfassbar viel Freude. Der Besuch meines Freundes allein wäre schon ein Grund gewesen, sich zu freuen, aber in den Genuss zu kommen, Forbidden Fruit zu reiten steigerte meine Stimmung ins Unermessliche. Die Falbstute war der aktuelle Liebling meines Chefs und wenn man sie nur ein paar Minuten betrachtete, verstand man auch warum. Schon, wenn die Stute einfach ruhig dastand und einen freundlich aus ihren blauen Augen entgegenblickte, zog sie einen in den Bann. Bereits seit ich die Stute das erste Mal erblickte, bewunderte ich sie insgeheim und hätte niemals gedacht sie mal reiten zu dürfen. Glücklich hüpfte ich in die Sattelkammer nur, um festzustellen, dass der Sattel der Stute erstaunlich schwer war. Entspannt blieb Fruity stehen, während ich sie zurechtmachte. Auch mit Smoothie war Niklas schnell fertig, sodass wir recht bald Start bereit waren.
      Für einen Herbsttag war es heute recht warm, die Sonne schien angenehm am beinahe wolkenlosen Himmel. Ein seichter Wind ließ ein paar Blätter durch die Luft schweben und in der Ferne war das Geschnatter eines Gänseschwarm zu vernehmen, welcher sich allmählich auf den Weg in wärmere Gefilde machte. Smoothie schien ein wenig aufgeregt, drehte die Ohren in alle Richtungen, hampelte herum, wie ein kleines Kind, welches es kaum erwarten konnte, endlich loszukommen. Der Schimmel war so ungeduldig, dass sie sogar seitwärts kurzzeitig für eine gute Bewegungsrichtung hielt. Ich musste schmunzeln, selten war mir ein Pferd begegnet, was so Banane im Kopf war wie diese Stute. Entspannt mit gespitzten Ohren schritt Fruity neben der deutlich größeren Stute her, ließ sich von ihren Faxen in keinster Weise stören.
      Begleitet von den gleichmäßigen Geräuschen der Pferdehufe, betraten wir den herbstlichen Wald. Mit dem farbenprächtigen Indian Summer, den ich Kanada erlebte, konnte der Herbst hier, nicht mithalten. Dennoch verliehen die Laubbäume, deren Blätter sich bereits gelb färbten, dem Wald ein mythisches Flair, so wie sie zwischen den dunklen Nadelkronen der Kiefern hervorleuchteten. Für einen Moment verlor ich mich in glücklichen Erinnerungen an Tage, an denen ich mit meiner Schwester die bunten Wälder unserer Heimat durchstreiften auf der Suche nach Magie und Geheimnissen. Im Herbst meinte Juliett stets, sei die Magie in den Wäldern am größten.
      “Ist es nicht schön hier draußen?”, fragte ich Niklas und strich der Falbstute versonnen über das kurze Fell. Als hätte ich sie gefragt, schnaubte Fruity und nickte mit dem Kopf.
      “Mhm”, murmelte er, ohne mit den Wimpern zu zucken. Smoothie kam nicht zur Ruhe, noch immer tänzelte sie in alle möglichen Richtungen und mein Freund wurde langsam aber sicher genervt von ihr. In seinen glasig werdenden Augen funkelte die Verzweiflung, sein Kiefer knirschte unregelmäßig. Obwohl er eine recht lockere dunkle Jacke trug, bemerkte ich, dass auch seine Brustmuskulatur willkürlich zuckte und er langsam die Geduld verlor, oder den Glauben an sein ach so toll ausgebildetes Pferd. Ich war mir nicht ganz sicher. Innerlich schmunzelte ich etwas, denn offenbar gab es auch in seiner Welt Grenzen und Smoothies rüpelhaftes Verhalten war eine davon. Als ich vorschlug einige Meter zu traben, um sie etwas zu entlassen, verschlug es Niklas die Stimme und alles, was hervorkroch, war seine pulsierende Halsschlagader. Wie konnte er solche schlechte Laune bekommen, nur weil sein Pferd einmal nicht funktionierte? Lag es an mir, hatte ich eventuell dafür gesorgt? Diese Gedanken waren irreführend und nicht hilfreich, um die Situation zu entschärfen.
      “Es tut mir leid”, stammelte ich unbeholfen, was er nur mit einem Augenrollen kommentierte und plötzlich antrabte. So schnell konnte ich mit Fruity gar nicht reagieren, wie er mit Smoothie über den feuchten Waldboden donnerte und Dreck in unsere Richtung warf. Die Ohren meiner Stute schnellten aufgeregt nach vorne, sie wartete nur auf das Signal folgen zu dürfen. Ohne weiter darüber nachzudenken, fasste ich die Zügel nach, ließ die Stute unter mir laufen. Die Hufe der barocken Stute schien geradezu über den Waldboden zu fliegen, der Dreck spritze mir bis zu den Ohren, als sie durch eine Pfütze donnerte. Obwohl Fruity sich mächtig Mühe gab, schien der Abstand zu Niklas, der ohnehin schon einen Vorsprung hatte, größer zu werden. Das Vollblut konnte man bei Smooth eindeutig nicht verleumden. Rhythmisch schnaubte Fruity im Takt ihrer Schritte, wollte noch einmal ein wenig anziehen, als der Schimmel um eine Kurve verschwand, doch ich ließ sie nicht. Ungern wollte ich, dass sie noch ausrutschte auf dem feuchten Boden.
      Bereits ein paar Meter hinter der Kurve, entdeckte ich das Niklas allmählich wieder langsamer wurde und schließlich anhielt, um auf mich zu warten. Mit wachem Blick, die riesigen Ohren aufmerksam aufgestellt, sah Smoothie mir entgegen, nun deutlich ruhiger und sogar in der Lage stillzustehen. Ich ließ meine Falbstute langsam auslaufen, bevor sie schnaubend vor der Schimmelstute stehen blieb.
      “Ich hätte das Vieh verkaufen sollen, als ich die Möglichkeit dafür hatte”, fluchte Niklas und richtete einen erbosten Blick zum Mähnenkamm seines Pferdes. Hektisch zog er an den Zügeln, hoffend darauf, eine Reaktion von ihr zu bekommen. Doch sie ignorierte das Zupfen am Gebiss und starrte noch immer in meine Richtung. So schnell verfluchte man also das Pferd, welches man eigentlich liebte. Ich war immer noch ein wenig verschreckt, wie schnell und heftig seine Laune umgeschlagen war, sobald wir losritten.
      “Meinst du wirklich, du wärst dann glücklicher?”, fragte ich beschwichtigend, innerlich bereits darauf vorbereitet angemeckert zu werden. Er hielt inne, biss sich auf der Unterlippe herum und stoppte das unerträgliche Zerren am Zügel. Ein Kieselstein fiel mir vom Herzen, denn allein das Zusehen dabei schmerzte. Gleichzeitig tat mir ein wenig in der Seele weh, meinen sonst so starken Freund so fertig zu sehen.
      „Ich weiß es nicht“, murmelte er plötzlich still, „Es ist gerade einfach sehr viel und es wird meine Schuld sein.“
      Smoothie schnaubte ab, als fühle sie sich genauso erleichtert wie ich für den Augenblick. Ihre zuvor angespannte Halsmuskulatur lockerte sich und entspannt kaute sie ab, bis der Kopf losgelassen nach unten hing. Sanft strich er ihr durch die Mähne und es sah beinah so aus, als huschte ein leichtes Lächeln über sein markantes Gesicht.
      “Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, falls es etwas gibt, worüber du reden möchtest. Du musst das nicht allein durchstehen”, lächelte ich aufmunternd, “Wollen wir dann weiter?”
      „Ach, ich weiß einfach nicht so genau, ob ich weiterhin meine Energie in etwas stecken soll, dass am Ende kein mehr Sinn mehr ergibt. Pferd hin oder her, denn mit Form müsste ich noch ewig trainieren, bevor wir ernsthaft eine Grand Prix reiten könnten. Wenn ich Glück habe, könnte eine S bis zum Ende des Jahres sitzen“, erzählte Niklas und setzte währenddessen zum Schritt an. Die Schimmelstute wirkte nun noch ruhiger. Der Schweif pendelte gleichmäßig und noch immer kaute sie aktiv auf dem Gebiss.
      „Ich wollte nächstes Jahr die Qualifikation schaffen für die Weltreiterspiele, aber das könnte ich nun vergessen“, fügte er nach einigen Metern hinzu. Beschäftigte ihn dieses Thema also immer noch. Bereits am Vortag vor der großen Kür in Kanada hatte er so etwas angedeutet. Lebenswünsche sind wie Seifenblasen, schillernd, bunt, lebendig, aber leider ebenso fragil. Zu gut konnte ich nachvollziehen, wie es sich anfühlte, wenn sie zerplatzten. In diesem Moment wünschte ich mir, es gäbe ein Heilmittel für den Spat. Einen Weg Smoothie wieder fit zu machen und Niklas den Wunsch zu ermöglichen mit seinem Herzenspferd beim World Cup teilzunehmen, doch die Chance, dass ein solches Wunder geschehen würde, standen gleichermaßen bei 0. Der einzige realistische Weg wenigstens einen Teil dieses Wunsches zu erfüllen, wäre durchzuhalten und mit Form weiterzumachen.
      “Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst.”, setze ich verständnisvoll an, „Ob das mit Form den erwünschten Erfolg haben wird, kann ich dir nicht sagen. Aber du stehst jetzt vor zwei Möglichkeiten.” Ich hielt für einen Moment inne, betrachtete ihn, wie er auf seiner Stute thronte. “Du kannst aufzuhören, Energie in ihr Training zu stecken und deinen Traum, und alles, wofür du bisher gearbeitet hast, aufzugeben, aber das wird die Konsequenz mit sich bringen, dass du niemals erfahren wirst, ob du es hättest schaffen können. Wenn du denkst, es ist das Richtige für dich, dann tu es. Oder aber du machst weiter, siehst, wohin es dich führt. Ich für meinen Teil glaube, dass du das mit Form schaffen kannst. Sie hat das Potenzial und du sowieso, aber die Entscheidung musst du selbst treffen.”
      “Wie gesagt, es ist gerade ziemlich viel“, wiederholte Niklas mit starrer Miene nach vorn gerichtet, als hätte ich nichts gesagt. Seine Stille verunsicherte mich, denn eigentlich hatte er immer irgendetwas zu sagen oder war zumindest optimistisch gestimmt. Nur in der Situation sollte wohl ich diejenige sein, die positiv auf die kommende Zeit blickte. Offenbar wollte er nicht reden, also ließ ich Fruity einfach stillschweigend dahin trotten. Das Einzige, was jetzt noch zu hören war, waren die Geräusche der Pferde und das leise Rascheln der Blätter, die sich im Wind bewegten.
      „Tut mir leid, dass es nicht so gelaufen ist, wie du es dir vermutlich vorgestellt hast“, sagte Niklas, als wir eine Stunde später zum Hof zurückkehren und vor dem Gebäude von den verschwitzten Pferden stiegen.
      “Ist schon okay, ich kann nicht von jedem immer gute Laune erwarten”, entgegnete ich friedfertig. Fruity begann neugierig mit ihren Lippen an meiner Jacke herumzuspielen, während ich den Sattelgurt lockerte.
      “Dann glaube ich dir, möchtest du dennoch zur Pizzeria?”, erkundigte er sich und half mir dabei den Sattel vom Rücken zu nehmen.
      “Ich glaube schon”, erwiderte ich, “also, wenn dir das nicht zu viele Umstände bereit.” Ich war neugierig die Umgebung, in der ich nun lebte, näher kennenzulernen, aber meinetwegen sollte Niklas sich nicht zusätzlich stressen.
      “Dann frag ich jemand anderes, ob er mitkommen möchte”, lachte er provokant und schielte dabei zum Sand, auf dem gerade Vriska es tatsächlich mit Götterdämmerung versuchte. Erstaunlich, dass sie das Pferd überhaupt aufgehalftert bekam und nun im Schritt führte. Natürlich hatte der Fuchs die Ohren angelegt, wedelte gestresst mit dem Schweif. Hätte Niklas nicht so intensiv zur ihnen hinüber gestarrt, wäre es mir vermutlich entgangen.
      “Nein, brauchst du nicht, weil ich dich liebend gern begleiten werde”, sagte ich entschlossen, bevor ich mit Fruitys Zeug in die Sattelkammer stiefelte.
      “Dann bin ich nicht nur froh”, schwärmte er, “sondern auch erleichtert.” Er folgte mir mit dem Zeug seiner Stute. Unter großem Energieaufwand versuchte ich den Sattel der Falbstute auf ihren Halter zu hieven, bevor ich ihm antworte, was sich für einen Zwerg wie mich schon als Challenge herausstellte. Ganz besonders für einen Zwerg, der seit Wochen sein Training schliefen, ließ. Niklas kam mir freundlicherweise zu Hilfe, nachdem er Smooth Sattel verträumt hatte.
      “Ich fühle mich geschmeichelt, dass du so viel Wert auf meine Gegenwart legst”, lächelte ich, sah ihm dabei in seine wunderschönen Augen, die, wie ich in dem Moment merkte, rot unterlaufen waren im weiß. Immer häufiger blitzte, als hätte er Schwierigkeiten seine Augen offenzuhalten. Dennoch sah er mir weiter intensiv in meine und begann noch breiter zu lächeln. Plötzlich wurde mir warm, ich spürte das meine Wagen rot anliefen und in mir fühlte ich die Bestätigung, dass sich die Reise nach Schweden gelohnt hatte. Ich erkannte, dass Niklas meine Anwesend so sehr schätzte, wie ich seine und auch, dass ich mir im Augenblick niemand anderes an seiner Stelle wünschte. Selbst die letzten kleinen Zweifel, die tief in mir schlummerten, waren auf einmal wie fort gewischt. Um mich herum verstummte alles, die Geräusche von außerhalb der kleinen Hütte lösten sich in Luft auf und wurden zu nichts anderem als einem untertönigen Hintergrundrauschen. Seine warmen Hände schoben sich sanft unter mein Oberteil und sein Körper drückte mich vorsichtig gegen die bodentiefen Fenster hinter mir. Jeder, der nun seinen Weg durch den Flur wagte, würde uns sehen, aber es kam niemand, hoffte ich. Niklas legte seine Lippen auf meine und ich hielt mich liebevoll an seinem Hals fest, vergrub meine Finger in seinen Haaren. Ich wollte mich ihm nur noch hingeben, seine Wärme unter meinen Fingern spüren.
      Dann wurden wir unterbrochen. Laut aufheulend stand plötzlich ein Hund im Raum, doch als ich die Augen öffnete, stand nicht Trymr vor uns und wedelte mit dem Schwanz. Die Töne, die sie von sich gaben, waren dafür zu freundlich und eher melodisch als tiefgründig. Dieses Tier kannte ich bisher nicht. Erschrocken ließ Niklas von mir ab und drehte sich um. Mittlerweile saß das Tier, starrte uns noch immer an. Ein Pfeifen ertönte quer durch den Flur, bis die Schritte endeten.
      “Ach, hier steckst du”, lachte ein groß gewachsener junger Mann, dessen Gesicht ich vor einigen Tagen schon einmal gesehen hatte. Wie hypnotisiert folgten meine Augen, dem Hund, der zu ihm lief, bevor ich mich aus meiner Starre löste.
      “Ähh, Hallo”, murmelte ich, zupfte verlegen an meinem Sweatshirt. Hoffentlich hatte der unerwartete Besucher nicht allzu viel mitbekommen.
      “Was machts du denn hier?”, fragte ich und versuchte mich dabei möglichst normal zu verhalten.
      “Stör ich?”, lachte er und warf einen musternden Blick auf uns beide. Niklas sah mit geröteten Wangen weg und sagte: “Mein Pferd wartet”, und verschwand aus der Tür.
      “Offenbar”, fügte der junge Herr hinzu, “also eigentlich hatte ich mit Tyrell besprochen, dass heute die Ponys kommen, aber gerade meinte Vriska, dass er gar nicht da ist. Also typisch mal wieder. Ich bräuchte Hilfe beim Wegstellen und sie hatte keine Zeit. Also.” Er stoppte und stellte sich deutlich unbeholfen an die Tür. Sein Oberarm rutschte von der Türklinke und sein Kopf landete geradewegs gegen das Glas. Dann lachte er.
      “Ja klar kann ich helfen. Ich müsste nur vorher noch schnell Fruity wegstellen”, lächelte ich hilfsbereit. So viele Ponys würden es schon nicht sein, als dass es Ewigkeiten dauern würde, hoffte ich zumindest.
      “Danke dir, dann bis gleich”, sagte er und verließ den Raum. Seine Hündin sah noch kurz zu mir, bevor sie ihrem Herrchen folgte. Kurz nach ihnen verließ auch ich den Raum und lief zu meinem Freund, der bei den Pferden wartete. Mit halb geschlossenen Augen stand Fruity da, die Lippe locker hängend, ein Hinterbein angewinkelt döste sie, während Smoothie unter Niklas kraulenden Händen zu Giraffe wurde. Wie lang konnte ihr Hals wohl werden? (ja.)
      “Ich muss da gleich mal kurz helfen, Ponys einsortieren”, teilte ich mit und griff nach der Decke der Falbstute um sie ihr anzuziehen.
      “Dann ich darf mich doch in der Zeit bei dir frisch machen, oder?”, fragte er schließlich, als Smoothie genug hatte.
      “Selbstverständlich kannst du das”, beantwortete ich seine Frage und weckte Fruity, damit, dass ich den Brustverschluss der Decke schloss. Ohne weitere Fragen zu stellen, nahm er seine Stute und trottete aus dem Gebäude heraus. Etwas verschlafen stolperte die barocke Stute hinter mir her als ich ihnen zu den Paddocks folgte. Niklas verschwand direkt in Richtung meiner Wohnung, während ich den Weg zurück zu den Ställen einschlug, wo Bruce mit seinem Hund bereits wartete.
      “So da bin ich, was soll ich tun?”, erkundigte ich mich bei dem jungen Mann.

      Wir sehen uns morgen, die Worte hallten auch noch durch meinen Kopf, als ich die Göttin eindeckte und auf den Paddock zurückstellte. Sie schnappte immer häufiger nach mir, versuchte sogar zu steigen, doch ich war viel zu sehr damit beschäftigt, über ihn nachzudenken, dass ihre Spielchen vollkommen wirkungslos erschienen. Hinter mir hörte ich Lina mit Bruce sprechen, während sie die wenigen Stuten mit zu Girlie und Holy stellten. Mehr Aufmerksamkeit hielten sie aber auch nicht von mir. Das Halfter der Stute schmiss ich lieblos an den Eingang des Paddocks und lief in mein Zimmer, ohne zurückzusehen. Ich konnte nicht mehr. Schon auf dem Weg kullerten die ersten Tränen aus meinen glasigen Augen und als ich zur Tür hineinkam, rutschte ich im Inneren an ihr herunter und schluchzte laut. Immer mehr Tränen überströmten mich und tropften auf die graue Hose.
      “Ich hasse ihn”, schrie ich verzweifelt, als plötzlich schwere Schritte über den Holzboden bebten und lauter wurden. Die gleichmäßigen Tönte konnten nur von dem Ungetüm stammen. Was machte der überhaupt noch hier? Schwanzwedelnd legte er sich vor mir ab und stützte den Kopf auf meinen Schoß. Bestürzt griff ich nach meinem Handy, scrollte die Anrufliste entlang und drückte auf Erik. Tränen liefen weiterhin über meine Wangen, auch mein Schluchzen hatte sich noch nicht eingestellt, als er abhob. Bevor ich ihm irgendwelche Vorwürfe machen konnte, ergriff er das Wort.
      “Was ist los?”, sagte Erik feinfühlig, “wieso weinst du?”
      “Weil du weg bist”, entschloss ich zu sagen, ohne einen Gedanken darüber zu verlieren, wieso er überhaupt wegfuhr. Ich wusste nämlich, dass er noch einige Termine vor sich hatte in Stockholm und deswegen erst nach dem Wochenende wieder Zeit für mich haben würde.
      “Aber das ist doch kein Grund, wir sehen uns doch Sonntagabend wieder”, versuchte er mich aufzumuntern. Seine Worte klangen vertraut und genauso schmerzerfüllt wie meine Gedanken es waren.
      “Nein, du drehst jetzt um und holst deinen Hund, ich will dich nicht mehr hier haben”, schluchzte ich tief betrübt. Was tat ich hier eigentlich? Hatte ich wirklich aus der Verzweiflung heraus Erik zur Hölle geschickt? Ich war wirklich ein Idiot. Vor einer Stunde war noch alles gut und plötzlich entschied sich mein Gewissen, alles Gute über den Haufen zu werfen, mir alles noch schwerer zu machen, als es schon war. Unaufhörlich vibrierte mein Handy auf dem Fußboden und drückte mir auf die Ohren.
      “Was”, krächzte ich in das Mikrofon.
      “Wir reden später, nicht jetzt”, sagte Erik Monoton, “Trymr werde ich nicht abholen. Der wollte vorhin schon nicht mit, wie sollte das jetzt etwas werden. Wenn er dich stört, musst du ihn zu Papa bringen.”
      Es schmerzte mich ihn so verletzt zu hören, aber ich konnte ihn nicht in meinem Leben lassen, wenn in mir noch so viele ungeklärte Faktoren bestanden. Faktoren, die ich weder ändern konnte, noch alle kannte. Ich musste mich erst selbst entdecken, bevor ich mit ihm glücklich sein könnte.
      “Na gut”, zitterte meine Stimmte.
      “Ich überweise dir nach her Geld, dann kannst du Futter für ihn holen”, sagte er und verstummte. Aus dem Lautsprecher ertönte, dass er laut einatmete und auch seine Nase nicht ganz frei war. Laut begann wieder zu schluchzen.
      “Vriska. Versprich mir eins”, flüsterte Erik starken Wortes, “was auch immer gerade los ist, denk daran, dass du immer einen Platz bei mir hast. Ich mag dich, sehr.” Dann legte er auf. Eine Chance ihm das zurückzugeben, bekam ich nicht. Auch ich mochte ihn, allerdings lieber ohne seine Tochter. Gab es uns beide nun noch, oder war das eine Trennung? Konnte man das überhaupt Beziehung nennen, die paar Tage?
      Mein Handy hielt ich noch in meiner Hand und ich traf einen folgenschweren Entschluss. Ungesteuert schwebte mein Daumen über den Touchscreen zu Niklas Chat. Dabei überflogen auch meine Augen den bisherigen Verlauf, der noch davon dominiert waren, was er mir in der Nacht schrieb.
      “Ich habe mit Erik Schluss gemacht. Deinetwegen. Du machst mich fertig. Ich hasse dich”, tippte ich wild und feuerte das Gerät durch den Raum. Es flog gegen den Couchrücken aber landete zum Glück auf dem Teppich. Die Chance, dass es noch voll intakt, stieg somit. Geld, mir ein neues zu kaufen, hatte ich nicht.
      Es vibrierte. Dass Niklas so schnell antworten würde, hätte ich nicht gedacht. Auf Knien krabbelte ich hinüber und Trymr folgte mir unentwegtes. Seine Augen sahen immer wieder tief in meine und mit seinem Kopf stupste er mich an. In bei mir zu haben, besänftige mich langsam.
      “Beruhige dich, bitte. Nie sagte ich, dass du das tun sollst, aber lass uns reden. Ich bin gleich bei dir”, las ich. Nein, nein, nein. Mit niemandem war ich bereit darüber zu sprechen, alles, was ich wollte, war Dampf abzulassen, denn er hatte durch seine bloße Anwesenheit dafür gesorgt, dass mein kleines Leben wie ein Kartenhaus zusammenfiel und ich gerade mit meinem Traummann innerhalb kürzester Zeit beendete, was wir hatten.
      Es klopfte, aber ich ignorierte es, hielt mir die Ohren zu und schloss die Augen. Aber Trymr begann zu bellen und als ich hörte, wie die Terrassentür aufgeschoben wurde, knurrte das Ungetüm sogar. Ich schickte den Hund weg und stand vom Boden auf.
      „Warum ist der noch hier?“, fragte Niklas verwundert und sah leicht verängstigt das graue Tier an. Seine Haare waren noch triefend nass, als sei er geradewegs aus der Dusche gesprungen und hinübergerannt.
      „Schön, dass das deine einzige Sorge ist“, ranzte ich ihn verärgert an und nahm Platz am Tisch. Keinen von uns beiden ließ der Hund aus den Augen, dann fletschte er wieder die Zähne, als der großgewachsene, viel zu gutaussende Kerl näherkam. Nicht schwach werden Vriska, der ist nur hier, weil seine Freundin wenige Meter entfernt ist. Nicht schwach werden!, wiederholte ich mental immer wieder. Meine Beine wippten nervös.
      „Sprich mit mir, oder brüll mich an. Mir egal“, sagte er selbstbewusst und entschied sich ebenfalls an den Tisch zu setzen. Seine Arme legte auf der Platte ab. Ich griff nach seinen Händen. Dann schlossen sich meine Augen. In mir spielten sich gleichzeitig tausend Szenen ab, Dinge die passiert waren, das was ich zu Erik sagte und was ich gerade am liebsten hätte. Für einen Wimpernschlag verstummte es um mich herum, aber die Gedanken schrien. Sie waren so laut, dass meine Ohren schmerzten und auch mein Kopf dröhnte. Dann ließ ich wieder von ihm. Seine warme Haut spürte ich auch noch Minuten später. Er saß noch immer mit mir am Tisch, gab mir die Zeit, die brauchte zum Antworten und schwieg. Immer wieder schielte er zur Uhr, die an der Wand.
      „Du kannst gehen“, versuchte ich ihn wieder loszuwerden. Ehrlich gesagt, wollte ich Niklas nicht in meiner Nähe haben, erst recht nicht allein mit ihm in einem Raum sein. Unaussprechliches könnte passieren, wenn es keine Zeugen gab.
      „Solang du nicht mit mir darüber sprichst, werde ich nirgendwo hingehen“, blieb er felsenfest auf dem Stuhl sitzen und verschränkte die Arme. Tatsächlich entschied ich mich dazu, nichts zu sagen. Ich hatte riesige Angst davor auszusprechen, was in meinem Kopf war. Angst davor, dass er selbiges fühlte und auch, dass er es nicht fühlte. Egal, was er dazu zu sagen hätte, es würde mich verletzten und das wollte ich uns beiden ersparen. Doch Niklas wurde zunehmend ungeduldig.
      „Hätte ich nicht etwas zu tun, würde ich warten, bis du dich öffnest“, übernahm er nun doch das Wort und setzte sich aufrecht hin, „Ich werde das jetzt nur einmal sagen, also höre genau zu. Eigentlich würde ich nun sagen, dass es mir leidtut, was zwischen uns beiden passiert ist und auch, dass es offenbar mit euch beiden nicht funktionierte. Aber ich bin tatsächlich sehr froh, dass du ihn zum Mond geschossen hast. Von Anfang an sagte ich dir, dass das mit ihm nichts Gutes werden würde, aber du hast mir nicht glauben wollen. Und wir beide, ich bereue nichts. Ich bin froh, dass wir uns kennengelernt haben und auch, die Erlebnisse mit dir gehabt zu haben. Aber solche körperliche Nähe, werden wir nicht mehr erleben, denn ich mit jetzt mit Lina zusammen und damit auch äußerst glücklich.“ Dann schluckte er. Ich spürte, dass er log oder zumindest bei dem letzten Wort zunehmend verunsichert war. Niklas wurde nervöser, wippte ebenfalls mit dem Bein und sah sich immer wieder zur Seite um, als hätte er Angst, dass sie es mitbekam. Aber was sollte ihr Problem sein? Wir saßen doch nur am Tisch und sprachen miteinander.
      „Fast. Es ist noch schwer für mich zu beweisen, dass ich es ernst meine, denn körperlich haben wir uns noch immer nicht genährt. Darum geht es jetzt aber nicht. Vriska, bitte vertraue mir, wenn ich sage, dass du ein toller Mensch bist. Du liegst mir sehr am Herzen und es schmerzt mich, dich so zu sehen. Ich möchte, dass du mir noch eine Weile erhalten bleibst, auch wenn es auf rein freundschaftlicher Basis passiert“, setzte er fort. Doch ich unterbrach ihn.
      „Freundschaft? Ich möchte nicht mit dir befreundet sein, das würde mich nur täglich daran erinnern, was ich in meinem Leben nicht haben kann“, seufzte ich, „also geh jetzt bitte.“ Er nickte, stand auf und lief hinaus.
      “Niklas”, stammelte ich unbeholfen. Sofort drehte er sich wieder um, als zoge ich an einem unsichtbaren Band, das sich zwischen uns befand. Erwartungsvoll blickte er mich an, als erhoffte gewisse Worte zu vernehmen.
      “Danke, dass du dir Sorgen machst”, atmete ich erleichtert aus. Zustimmend nickte Niklas, schob die Brille nach oben, aber drehte sich, ohne etwas zu sagen, weg.

      Niklas
      “Willst du immer noch nach Australien?”, unterbrach ich Lina plötzlich, die seit geschlagenen zwanzig Minuten nur über die Isländer sprach, die vorhin am Hof ankamen. Es nervte mich das Thema zu hören, denn die Pferde erinnerte mich an Vriska. An das, was ich vorhin sehen musste. Sie so zu sehen, am Boden zerstört und weinend, löste auch in mir merkwürdige physische Symptome aus. In meiner Magenregion zog es willkürlich, mein Herz schlug ungewöhnlich schnell und mir fehlten sogar die Worte. Ich dachte darüber nach, wie ich ihr aus der schweren Zeit helfen könnte, ob ich Erik ins Krankenhaus bringen sollte oder sie einfach über den Tisch legte und unsere innigen Momente wiederholte. Besonders letzteres juckte mir in den Fingern, aber mein Kopf sagte klar und deutlich: Nein. Auf keinen Fall, niemals. Lina bemerkte nicht einmal, dass ich ihrer Erzählung nicht folgte und drückte in unbestimmten Abständen auf dem Bildschirm vor ihr herum. Dabei wechselte sie nicht nur die Musik andauernd, um mir unbedingt etwas zeigen zu müssen, sondern empfand es auch als ziemlich unterhaltsam darüber auf mein Handy zugreifen zu können. Der Chat mit Vriska existierte nicht mehr, also blieb ich entspannt dabei. Obwohl ich kein Groll gegen Popmusik hegte, genoss ich bei der Autofahrt lieber Kompositionen von Oscar Byström oder Carl Almqvist. Die ruhigen Töne des Pianos lenkten mich nicht zu sehr von der Straße ab oder lenkten meine Gedanken in eine gewisse Richtung. Aber ich schwieg, um Lina nicht ihren Spaß zu nehmen.
      “Ja, mein inneres Kind träumt immer noch davon Koalas zu streicheln, die sehen so weich aus”, antwortete sie beschwingt.
      “Wenn es danach geht, könnten wir auch nach Deutschland”, lachte ich und sah kurz zu ihr hinüber. Sie zupfte sich zaghaft das blaue Kleid hinunter, dass durch ihren entspannten Sitz immer weiter nach oben rutschte. Zusehen gab es nichts, als etwas Haut, die durch die dunkle Strumpfhose funkelte.
      “Aber natürlich, dann werden wir im Winter fahren. Was denkst du?”, fügte ich noch hinzu.
      “Man kann in Deutschland Koalas streicheln?”, fragte sie erstaunt. “Ja, ich denke, Winter klingt hervorragend.”
      “Ja, in Leipzig. Mama hatte davon erzählt. Ich bin ungern in Deutschland”, erklärte ich und nickte. Im Winter gab es ohnehin nicht viel, was man in Schweden machten konnte. Weder war ich Fan, davon in der Kälte zu verharren, noch Aktivitäten dabei zu machen. Lina erschien mir auch ein Mensch zu sein, der beschäftigt werden wollte, somit lag es nah mit dem Charter quer über die Erde zu fliegen.
      “Wow, das ist wirklich cool. Ist es nicht schön oder warum bist du nicht gerne dort?”, erkundigte sie sich neugierig. Dafür, dass sie die Sprache ziemlich fließend sprach mit Vriska, wundert es mich, dass sie nicht wusste, was ich meinte.
      “Die Reitplätze sind okay, fand die in Polen oder Frankreich besser, aber darum geht es nicht. Sie wirken so gestresst, immer unter Strom. Auf keinen Abreiteplatz erlebte ich je solch belastende Blicke und Sprüche wie in Deutschland”, sagte ich überzeugt und bekam direkt wieder dieses mulmige Gefühl im Magen, dass auch im nächsten Jahr dort einige Prüfungen anstanden in der Theorie, die ich mit Form aber unmöglich schaffen würde.
      “Das klingt nicht angenehm, nachvollziehbar, dass man sich dann dort nicht gerne aufhält”, stimme Lina zu. Dann verstummte unser Gespräch wieder. Sie war noch immer äußerst interessiert an den ganzen Touchscreens, drückte vergnügt in den Oberflächen herum, bis plötzlich eine Nachricht von Vriska aufblickte. Für einen Moment sah ich zu ihr hinüber. Verwundert blickte sie auf den Monitor.
      “Was schreibt sie?”, fragte ich neugierig. Eine Antwort bekam ich nicht, stattdessen biss sie sich auf der Unterlippe herum und blickte aus dem Fenster heraus, schweigend. Erst als ich ein weiteres nachfragte, las sie zögerlich vor: “Hej … Du hattest vorhin nichts mehr gesagt, aber ich wollte mich wirklich bedanken, das war aufrichtig von mir. Sollte ich dich in Verlegenheit gebracht haben, tut mir das leid. Es ist gerade so viel, hauptsächlich in der Unsicherheit darüber, was ich will und brauche. Du bist ein toller Mensch und ich akzeptiere auch, dass du jetzt mit Lina zusammen bist. Ich werde mich nicht mehr zwischen euch drängen. Aber Erik hat sich noch immer nicht gemeldet, obwohl er das sagte. Denke nicht das noch etwas kommt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wäre es möglich, dass du mich morgen mit Lubi abholst, ich habe Angst.” Linas Stimmte zitterte und sie seufzte immer wieder.
      “Schreib ihr, dass ich es tun werde”, gab ich monoton weiter. Nur zögerlich tippte sie auf dem Touchscreen herum, aber schrieb mir netterweise die Nachricht. Sie äußerte sich nicht dazu, blieb ganz still, hefte ihre Augen auf einen unsichtbaren Punkt vor dem Fenster. Einzig ihre Finger, die an dem zarten Armband an ihrem Handgelenk spielten, waren der einzige Hinweis, dass etwas in ihr vorging.
      „Lina, sprich mit mir, wenn was ist“, sagte ich viel ernster, als ich wollte, „wenn du es nur in dich hineinfrisst, kann ich dir nicht helfen.“
      Zögerlich begann sie zu sprechen: “Vriska und du … wie ihr euch manchmal anseht, … wie vertraut ihr miteinander seid”, sie machte einen tiefen Atemzug, “das lässt einfach unwillentlich Alarmglocken in mir schrillen. Es … es tut mir leid, es liegt nicht an dir, ich möchte dir eigentlich vollends vertrauen, aber seit …” Sie stocke, was auch immer sie sagen wollte, es schien ihr ziemlich schwer zu fallen. “Seit meinem Ex ist ein Teil von mir einfach … kaputt.” Mit jedem Wort wurde sie immer leiser, starrte noch immer aus dem Fenster.
      „Jetzt rede doch nicht so einen Stuss“, versuchte ich die Situation zu retten. Ich war froh darüber, dass sie bis jetzt keins der Worte in Waagschale legte und darüber mehr wissen wollte. Sonst hätte ich nie eine logische Erklärung finden können, die sie besänftigt hätte, was ich bei Vriska wollte. Ihre Schwester befand sich mit ‚sie braucht meine Hilfe‘ vollkommen zufrieden, aber bei Lina würde es nichts am inneren Chaos ändern.
      „Bei dir mag einiges nicht so sein, wie bei anderen, aber das heißt nicht, dass du kaputt bist. Jeder von uns muss sein Päckchen tragen, die einen mehr, die anderen weniger und ich habe einen starken Rücken“, munterte ich sie auf und legte meine Hand auf ihr Bein. Wie verängstigt zuckte Lina zusammen, aber umfasste meine Hand direkt, als sie zu mir sah.
      „Wir schaffen das zusammen“, entfachte sich plötzlich ein Feuer in mir, jenes Feuer, dass ich schon einmal bei ihr spürte. Ein kleines Feuer, aber stark genug, um es wahrzunehmen. Ich wollte ihr besseres Leben bieten kann, eins das sie verdient hatte.
      Da sie weiterhin schwieg, sprach ich weiter: „Und wie vertraut sollten den Vriska und ich sein, deiner Meinung nach? Ja, wir hegen Gemeinsamkeiten, aber nichts, das sich zwischen uns stellen würde. Ich habe das im Griff, weiß sie zu bändigen und hinter mir zu lassen. Es gibt genug Leute, die mich so ansieht, wie sie es tut. Sie bewundert mich nur. Das ist alles und ich sehe in ihr nicht mehr, als in allen anderen im Verein. Wir müssen dort an einem Strang ziehen, wenn wir Gruppensiege wollen. Dazu gehört auch, dass Vriska schnell auf das richtige Niveau kommt und dafür muss ich ihr helfen. Ich hätte sie im nächsten Jahr ungern auf der Ersatzbank, dafür reitet sie zu gut.“ Ich verstummte. Es war schon immer mein Problem, dass ich erst sprach und dann über die Worte nachdachte. Sie waren falsch gewählt und das Reiten in dem Satz auf jeden Fall eine andere Bedeutung bekam, versuchte ich im Inneren zu verdrängen.
      „Also Lina“, versuchte ich wieder auf das eigentliche Thema zu kommen, „ich habe alles im Griff. Du bist mein Mädchen und möchte niemanden an meiner Seite so sehr schätzen, wie dich.“ Gut gerettet. Erleichterter atmete ich aus und hoffte, noch die Kurve bekommen zu haben. Ihr Gesichtsausdruck vermittelte mir das. Sie lächelte zaghaft und die Wangen erröteten. Beherzt faste ich stärker nach ihrem Oberschenkel. Vor mir eröffnete sich der leere Parkplatz der Pizzeria und es stand sogar ein Schild auf ihm, dass sie erst in vier Stunden heute öffneten, also hatten wir genug Zweisamkeit.
      “Du findest einfach immer die richtigen Worte. Danke, dass ich dich an meiner Seite haben darf”, sprach sie tief aus dem Herzen und die Unsicherheit verschwand aus ihren Augen. Gab es darauf eine schlüssige Antwort darauf? Ich wusste es nicht, also schwieg ich und stieg als Erstes aus dem Fahrzeug und half ihr dabei.
      Im kleinen Imbiss wählte Lina einen Tisch ziemlich nah an der Küche, um die Zubereitung der Pizza beobachten zu können. Uns servierte der Chef, Remo, die Speisen und tat alles dafür, meine Freundin zufriedenzustellen. Mir schlug das Gespräch mit Vriska noch immer scheußlich auf den Magen. Schon der bloße Gedanke ans Essen verengte mich innerlich und Magensäure stieg mir in der Speiseröhre hinauf. Bestmöglich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, hörte aufmerksam jedes ihrer Worte aber schielte auf mein Handy, dass vor mir auf dem Tisch lag. Kein Zeichen von Vriska, keine einzige Nachricht. Es war stumm und genauso still wie ich, nur, dass das Gerät es sollte und ich nicht. Entschlossen griff danach und suchte nach Erik. Ich wollte nicht, dass es die beiden gibt, aber Vriska brauchte ihn, auch wenn sie es nicht eingestehen konnte. Seine Stille konnte ihre Ungeduld zeigen, oder alte Charakterzüge widerspiegeln. Von einem Fenster zum nächsten swipte ich und endete schlussendlich bei Eniro mit der Adresse in der Zwischenablage.
      > Vilken jävel!
      „So ein Bastard“, schrie deutlich lauter als ich wollte. Alle Blicke richteten sich zu mir, dann arbeiteten sie weiter.
      “Alles okay bei dir?”, fragte Lina bedacht, sah mich verwundert an. Stand es überhaupt in meiner Macht ihr zu erzählen von dem, was ich wusste, oder zumindest annahm zu wissen?
      „Bei mir? Ja, aber ich weiß nicht“, räusperte ich mich, „ob ich das so hinnehmen kann, allerdings geht es mich auch nichts an.“ Erst jetzt legte ich mein Handy zur Seite, dachte darüber nach, wie ich damit umgehen sollte und aktivierte nun doch noch die Benachrichtigung, wenn er den Ort wieder verlassen würde. Lina war sichtlich irritiert, schien diese Antwort allerdings so hinzunehmen und fragte nicht weiter nach, wechselte stattdessen das Thema.
      “Ich wollte dir noch was erzählen”, plapperte sie munter los, “und zwar, ich habe gestern ein voll cooles Pferd kennengelernt, also, nicht dass auf dem Hof nicht eine ganze Menge cooler Pferde herumständen, aber es ist ein Freiberger, genauer gesagt ein perfektes Beispiel, wie ein Urfreiberger aussehen sollte. Einheitssprache heißt er.” Sie tippe kurz auf ihrem Handy herum, bevor sie es zu mir herüberschob. Das Display zeigte den Kopf eines schwarzbraunen mit breiter Blesse, der neugierig in die Kamera blickte. Unter einem dichten, langen Schopf kamen blaue Augen zum Vorschein und die leicht ergrauten Stellen in seinem Fell ließen darauf schließen, dass er nicht mehr der Jüngste war. Kurz enttäuschte es mich, dass es immer nur zwei Themen bei uns gab: Den Beweis, dass sie mir wichtiger war als Vriska und Pferde. Aber was erwartete ich schon? Interessiert sah ich das Tier an.
      „Und was willst du mit dem? Kaufen oder was schwebt dir vor?“, brachte ich mich ins Gespräch ein.
      “Kaufen? Also ob meine Finanzen das hergeben würden”, scherzte sie trocken. “Nein, also man könnte sagen, er ist so was wie meine Reitbeteiligung”, fügte sie dann noch erklärend hinzu.
      „Brauchst du was?“, fragte ich überrascht, suchte meine Hose ab, bis ich den Bund fand und zu begann zählen.
      “Nein, stopp, du kannst mir doch nicht ständig Pferde kaufen, das ist doch viel zu teuer!”, protestierte Lina, “Außerdem steht er auch erst ab nächstes Jahr zum Verkauf.” Verwundert sah ich an ihr hoch.
      „Warum sollte ich dir das Pferd kaufen? Ich dachte einfach … so? Damit du etwas normal leben kannst, aber gut dann nicht“, lachte ich und orangen sowie roten Scheine zurück, „das da draußen ist schließlich auch von einem Monat Taschengeld.“
      “Danke, aber ich denke, kann mir mein Geld zum Leben hervorragend selbst verdienen, bin immerhin noch nicht verhungert”, entgegnete sie kurz angebunden bevor sie weitersprach. “Wenn das nur einen Monat Taschengeld ist, hast du eindeutig zu viel Geld”, lachte sie kopfschüttelnd.
      „Will ja keiner“, zuckte ich mit den Schultern. Bevor Lina noch etwas sagen konnte, wurde ihre Pizza gebracht, ganz klassisch belegt mit Mozzarella, Tomaten und ein wenig Rucola. Widerlich das grüne Zeug, aber zum Glück kam auch direkt mein Pizzabrot. Teig, der nur mit Kräuterbutter und Käse in den Ofen kam und nun einen Aioli-Datteldip getunkt wird, dazu einen Tomatensalat.
      „Perfekt, so muss Pizza sein“, teile Lina äußerst zufrieden mit als sie das erste Stück nahm und betrachte wie der Käse lange Fäden zog. Ich nickte bloß lächelnd und betrachtete mein eher karges Mahl, bis sich mein Handy äußerst dafür einsetzte, meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Je länger ich versuchte es zu ignorieren, umso hartnäckiger wurde es, als würde ein kleines Gespenst in ihm sitzen. Wer auch immer sein würde, musste noch eine Weile meinen Entzug erleiden.
      Später verstummte es und fertig gegessen, hatten wir auch. Somit konnte ich ihr endlich etwas zeigen, das mir schon einfiel, als Lina mir den Freiberger präsentierte. Wir hatten auch Stute bei uns, die ihm sogar ziemlich ähnlichsah.
      „Guck mal“, sagte ich, nachdem ich die Millionen Benachrichtigungen durch das X allesamt entfernt hatte, aber noch wahrnahm, dass Erik den Standort verließ. Auf dem Bild saß ich auf der Rappstute im Trab in unserer Reithalle. An den Wänden hingen Luftballons und einer der Kollegen hielt zwei Bengali. Wenn man zur Seite wischte, waren weitere Bilder von Redo von dem Training in Malmö.
      “Wow, dieses Pferdchen muss echt starke Nerven haben, ich kenne Ponys, die bekommen schon bei einem Ballon einen Herzinfarkt”, lachte sie, “aber bei einem Polizeipferd ist das natürlich zu erwarten. Und es läuft so schön unter dir. Wenn ich mich nicht täusche, ist das hübsche Tierchen ein Freiberger, oder?”
      “Ja, das ist unsere Anfängerstute aus der Schweiz und sucht einen neuen Möhrengeber, da ihre Dienstzeit vorbei ist“, erklärte ich, „möchtest du sie kennenlernen?“
      “Ich glaube, du kennst die Antwort schon, zu der Chance ein Freiberger kennenzulernen kann ich einfach nicht Nein sagen”, lächelte Lina, ihre Augen glitzerten vergnügt.
      „Na dann los“, stand ich überzeugt auf, richtete meine Hose und legte, vermutlich viel zu viele, Scheine auf den Tresen. Lina ließ sich noch die letzten Stücke einpacken und folgte zum Auto.

      Lina
      Nach knappen zwanzig Minuten tauchte ein Industriegebiet vor uns auf, wäre ich allein hierhergefahren, hätte ich umgedreht. Wirklich auffällig wirkte das alles nicht, erst als zur linken Seite plötzlich ein Kampfpanzer auftauchte und Niklas freundlich die Hand hob, sah ich mich genauer um. Ringsum standen Hallen aus Metall und am Ende der Straße, ja wirklich, sie endete einfach, erhob sich ein Backsteinhaus. Langsam fuhr Niklas an dem Gebäude entlang und dahinter erstreckten sich weitere Backsteingebäude, ein riesiger Reitplatz und Paddock. Interessiert nahm ich alles in Augenschein. Das hier war das komplette Gegenteil vom LDS, eher funktional und schlicht.
      “Hier arbeitest du also? Ganz schön riesig”, staunte ich, während Niklas parkte.
      „Für gewöhnlich bin ich nur Dekoration“, lachte er, „aber ja, hier verbringe einige Stunden am Tag.“
      “Hübsch aussehen und dann noch dafür bezahlt werden, du hast dir vielleicht einen einfachen Job gesucht”, sagte ich neckisch zu ihm, bevor ich die Tür des Wagens öffnete, um hinauszuhüpfen, neugierig auf die Stute, aber auch den Arbeitsplatz meines Freundes ein wenig kennenzulernen.
      „Ach das hätte noch leichter funktioniert, wenn ich bei Papa in den Vorstand gegangen wäre“, merkte er scherzhaft an, „aber was soll ich mit Stahl.“ Dann liefen wir durch eine ziemlich kleine und enge Tür, die uns den Weg zu den Pferden eröffnete. Schon bei dem Klappern des Schlüssels ertönte ein hektisches Wiehern aus dem Inneren und als Niklas zuerst das Gebäude betrat, musste er direkt einen Fuchs mit Blesse beruhigen, der aufgeregt in der Box hüpfte.
      „Irgendwie sind alle verrückt, wenn sie mich sehen“, lachte Niklas und strich seinem Partner über den Kopf. Der Fuchs schnaubte sanft ab und wir folgen der Gasse, bis zum Ende. Von rechts blickte mich der kräftige Kopf der Rappstute an. Ich streckte ihr meine Hand entgegen, die sie mit weit geblähten Nüstern beschnupperte.
      „Hallo du Hübsche”, raunte ich der Stute zu, strich ihr über den kräftigen, dunklen Hals. Neugierig inspizierte sie mich, offenbar auf der Suche nach etwas Essbarem. Das war eine der Eigenschaften, die alle Fribys gemeinsam zu haben schienen, sie sind alle furchtbar verfressen. Doch in diese Hinsicht musste ich die Stute enttäuschen, ich hatte keinen Leckerbissen dabei.
      „Wie heißt sie eigentlich?“, fragte ich Nik. Lässig lehnte er an der hölzernen Boxenfront und tippte dann auf das schwarze Schild über einer Abschwitzdecke.
      „Ready for Life, oder einfach Redo“, lächelte er.
      „Das scheint mir ein passender Name zu sein, sie sieht aufgeweckt aus“, stellte ich nach kurzer Betrachtung des Pferdes fest. Redo hatte die Futtersuche mittlerweile aufgegeben, mümmelte stattdessen an ihrem Heu.
      Niklas nickte. Wissbegierig wand ich mich wieder zu der Stute, versuchte sie mit sanfter Stimme hervorzulocken, doch es kam keine Reaktion, nicht einmal die Ohren der Stute bewegten sich in meine Richtung. Erst als sie zufällig den Kopf hob und ich wieder in ihrem Blickfeld war, stellte sie ihre Ohren freundlich auf und streckte ihren Kopf erneut heraus, noch ein paar Halme Heu in der Schnauze. Für einen Moment verschwand mein Freund und ließ mich allein mit der gelangweilten Stute. Noch immer lag ihr einziges Augenmerk auf das verbleibende Heu zwischen den Sägespänen.
      “Hier”, drückte Niklas mir einen Helm in die Hand und stellte neben der Box einen Putzkasten ab.
      “Sattelzeug hole ich gleich, muss noch mal zu Latte, bevor der die Box zerstört”, fügte er noch hinzu und drehte sich um, denn der Fuchs stand am Anfang des Ganges und wieherte ziemlich laut. Immer wieder schlug es laut gegen das Holz, bis es endlich verstummte.
      Reiten? Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Abwägen warf ich einen Blick an mir herunter. Das kurze Kleid war nicht unbedingt das beste Outfit um sich auf ein Pferd zu setzten, aber solang die Stute nicht beschloss irgendwelchen Unfug zu machen, würde das schon gehen. Ich griff nach dem Halfter, welches vor der Box hing. An dem braunen Lederhalfter war eine Plakette angebracht, in die das Wort Polisrytteriet graviert war. Als ich die Boxentür aufschob, nahm die Stute keine Notiz von mir, auch nicht als ich sie leise ansprach. Erst als ich ein paar Schritte auf sie zu machte fuhr ihr Kopf hoch und sie starrte mich mit weit geöffneten Augen an. Das Verhalten der Stute kam mir ein wenig seltsam vor, hätte sie mich doch schon lange hören müssen. Beruhigend strich ich Redo über den Hals, bevor ich ihr das Halfter überstreifte und sie auf der Stallgasse anband. Neugierig streckte ihr Boxennachbar den Kopf aus der Box, um zu kontrollieren, ob etwas Spannendes passierte. Kurz schnupperte das Pferd an der Bürste in meiner Hand, bevor es sich wieder in seine Box zurückzog. Mit kreisenden Bewegungen begann ich den Körper der Stute zu striegeln. Sonderlich viel Dreck kam nicht aus ihrem dunklen Fell, dafür jede Menge Haare, ein sicheres Zeichen, dass es bald richtig kalt werden würde. Samu hatte bei seinem Besuch am Montag erzählt, dass es auf dem Whitehorse Creek bereits die ersten Schneeflocken des Jahres gegeben hatte. Allerdings war es noch nicht kalt genug, als dass der Schnee liegen blieb. Es war nur wenig verwunderlich, dass es dort bereits schneite. Soweit oben in den Bergen wie das WHC lag, wurden die Nächte schnell frostig kalt, was auch das Wetter umschlagen ließ. Der Gedanke daran ließ mich ein klein wenig wehmütig werden, gerne würde ich Ivys “ersten” Schnee miterleben und sehen wie er darauf reagiert, wenn plötzlich alles weiß ist. Doch leider würde der Schnee schneller in Kanada einziehen, als mein Zauberpony wieder an meiner Seite sein würde.
      Vorsichtig stupste Redo mich an. In Gedankenversunken hatte ich wohl aufgehört zu putzen und die Stute schien sich zu wundern, warum ich denn noch vor ihr herumstand.
      “Du hast ja recht Süße, ich sollte mich lieber weiter mit dir beschäftigen”, seufzte ich leise, strich ihr über die breite Stirn, bevor ich die Bürste weglegte und gegen den Hufkratzer tauschte.
      „Immer noch nicht fertig?“, scherzte Niklas. Beim Laufen klapperten seine Schuhe, die er offenbar in der Zwischenzeit gewechselt hatte. Sie passten nicht wirklich zu seiner engen schwarzen Hose und der kombinierten Jeansjacke, die am Kragen Lammfell aufwies und dennoch sah er noch unverschämt gut aus.
      “Nein, noch nicht ganz, aber hab’s gleich”, gab ich zu Antwort und hob das Bein der Stute auf. Redo benahm sich ziemlich brav und hielt ihren Huf sogar selbst nach oben, nicht so wie viele Pferde, die ihr Bein einfach hängen ließen oder sich gar auf einen hängten, als würden sie gleich umfallen.
      „Gut“, hielt er sich kurz, verschwand und tauchte mit einem Dressursattel wieder auf, sowie einer dunkelblauen Schabracke, die mit dem Logo der Polizei bestickt war. An ihrer Trense hing eine kleine goldene Krone und alle wichtigen Stellen, wie Genick und Nasenbein waren mit Lammfellschonern umwickelt. Ich übernahm das Satteln und Niklas befestigte an den Beinen Gamaschen und Glocken. Auch hierbei benahm die Stute sich außerordentlich vorbildlich, sodass sie wenig später reitfertig war.
      “Wo lang?”, fragte ich Niklas erwartungsvoll, während ich mir den Helm auf dem Kopf setzte. Das Pferd neben mir kaute entspannt auf dem Gebiss herum, schien nur auf das Kommando loszugehen zu warten. Mit einer Handbewegung vermittelte er uns zu folgen. Der Weg führte uns durch eine große rot gestrichene Holztür, quer über den Hof, auf dem schon die Lampen leuchteten in Richtung eines weiteren Gebäudes, das genauso aussah wie der Stall von außen. Das Tor knarrte sehr laut beim Öffnen und vor mir öffnete sich eine riesige Halle, die wohl keine Turniermaße hatte, aber wie gewohnt gab eine Tribüne und sogar eine gläserne Galerie. Aus der Ferne erkannt ich, dass dort neben Malereien von Pferden, auch Bilder hingen sowie Banderolen. Das Licht benötigte einige Minuten, bevor es seine vollständige Leuchtkraft erreichte und in der Zeit erzählte mir Niklas einiges mehr über die Rappstute. So wurde sie ursprünglich als Polizeipferd in der Schweiz ausgebildet, wer hätte das nur vermuten können. Nach einigen Jahren Dienstzeit in Deutschland und Dänemark kam sie irgendwann nach Schweden, wo sie nun für kleinere Veranstaltungen eingesetzt wurde und vor allem für Anfänger im Reittraining diente. Redo hatte ihre besten Jahre in den Diensten des Staates erreicht und wollte nun eine Karriere als furchtloses Freizeitpferd beginnen. Aus dem Kollegium konnte sie niemand aufnehmen, da die meisten, wie auch Niklas, bereits eigene Pferde besaßen.
      Zugegeben, so wie ich die Stute bisher kennengelernt hatte, war die Versuchung groß, sie einfach direkt einzupacken und mit nach Hause zu nehmen. Man würde vermutlich nicht viele Exemplare der Schweizer Pferderasse in Schweden finden und das ruhige Gemüt der Stute sagte mir durchaus zu. Aber so viel Verstand besaß ich gerade noch, dass ich wusste, dass die Entscheidung sich ein Pferd zuzulegen nicht innerhalb von wenigen Minuten getroffen werden sollte. Gerade dann, wenn es bereits das Zweite innerhalb eines Zeitraumes von knapp einem Monat sein sollte, schließen hing so eine Entscheidung an ein paar mehr Faktoren, als nur an der Sympathie für das Tier.
      Ich führte Redo erst einmal ein paar Runden, so konnte ich mich schon einmal ein wenig auf das Pferd einstellen, bevor ich mich in den Sattel schwang. Die Stute hatte einen ziemlich flotten Schritt, der schon fast ein wenig zockelig wirkte wie bei einem Pony. Ansonsten war der Freiberger weiterhin tiefenentspannt und achtet gut auf mich und meiner Körpersprache.
      Nach gut zehn Minuten beschloss ich, dass ich genug zu Fuß unterwegs gewesen war und parkte Redo neben Niklas in der Hallenmitte, um nach zu gurten und die Steigbügel korrekt einzustellen. Die Stute war ungefähr so groß wie Divine, ich würde also knapp hinaufkommen, aber eher beschwerlich.
      “Magst du mir bitte hinaufhelfen?”, bat ich meinen Freund, der am Kopf der Stute stand.
      “Natürlich mein Schatz”, lachte er. Dann lief er mit wenigen Schritten zur Seite und hielt mir im Bügel gegen.
      “Vielen Dank”, lächelte ich und schwang mich in den Sattel der Stute. Es fühlte sich ein wenig ungewohnt an, denn die Stute war ein wenig schmaler, als zum Beispiel Divine oder auch Holy, aber sie war auch nicht ganz so schmal wie die Traber. Sanft drückte ich meine Schenkel gegen den Bauch der Stute. In einem flotten Tempo tippelte die Stute voran, was sich schon nach wenigen Metern als recht unbequem herausstellte oder zumindest war es ziemlich gewöhnungsbedürftig. Während des Aufwärmens fragte ich ein paar Basics ab, die die Stute alle einwandfrei beherrschte. Entgegen meiner Erwartung war Redos Trab relativ bequem, einzig die rutschige Strumpfhose erschwerte das ganze Etwas, weshalb ich lieber leicht trabte, auch um den Rücken der Stute zu schonen. Die gute Ausbildung war der Schwarze anzumerken, denn sie ließ sich gut stellen und lief in hervorragender Selbsthaltung.
      Das erste Angaloppieren war ein wenig holprig, was aber vermutlich eher an mir lag, der Galopp war schon immer meine Schwachstelle. Meistens dachte ich zu viel, was zum Ergebnis hatte, dass ich mich versteifte. Ich parierte die Stute durch, versuchte mich erst einmal wieder ein wenig zu entspannen, was mir unter Niklas Blick nur mäßig gelang. Es war nicht so wie sonst, dass ich mich zunehmend unwohler fühlte, wenn mich jemand bei der Arbeit mit den Pferden beobachtete. Nein, viel mehr wurde ich ganz kribbelig, wenn ich daran dachte, dass seine Aufmerksamkeit ganz allein mir galt. Dies spiegelte sich nun auch im Verhalten der Stute. Ihre bisher recht ruhigen Schritte wurden kürzer und sie wurde schneller, so konnte das nichts werden. Ich hielt Redo an, konzentrierte mich für einen Moment nur auf meine Atmung, wie die Luft in meine Lunge ein und ausströmte. Mit jedem Atemzug wurde ich ein wenig lockerer und fokussierter.
      Noch bevor ich wieder zu verkopft an die Sache herangehen konnte, galoppierte ich aus dem Stand heraus an. Es war zwar immer noch verbesserungswürdig, aber schon deutlich geschmeidiger als beim vorherigen Versuch. Ich ließ sie an der langen Seite ein wenig zulegen, ihre Galoppsprünge wurden länger und größer, aber es kostete mich einiges an Kraft, dass sie diese auch sauber durchsprang.
      Lächelnd lobte ich die Stute, als ich sie durch parierte, nachdem ich das Können der Stute ausreichend erprobt hatte. Die Stute machte Spaß, auch wenn ihr Schritt, in dem sie nun unter mir hertrotte, immer noch seltsam war.
      “So wie du schaust, schwebst du auf Wolke sieben”, lachte Niklas hatte sich neben uns positioniert. Redo kaute mit gesenktem Kopf zufrieden auf dem Gebiss, die Ohren wippten locker im Takt ihrer Schritte.
      “Ich fühle mich auch, als würde ich schweben”, antwortete ich entzückt, “Redo ist großartig.”
      “Also, gekauft?”, lachte er, als wäre es so einfach ein Pferd zu halten und vor allem zuzahlen. Wenn ich aber an seine Worte vor dem Restaurant zurückdachte, dann konnte Niklas das gar nicht nachempfinden, wie man sich dabei fühlte. Platz wäre sicher auf dem LDS, sofern Tyrell nichts dagegen hatte, aber schon ein Pferd strapazierte mein Konto genug, gerade da Divine derzeit noch teuren Spezialbeschlag und Zusatzfutter benötigte.
      “Wenn es denn nur so einfach wäre”, murmelte ich und senkte gedrückt den Blick zum Mähnenkamm der Stute.
      “Mein Angebot steht noch”, wedelte Niklas schon wieder mit den Scheinen herum, die er aus seiner hinteren Hosentasche. Warum lief er überhaupt mit so viel Geld in der Tasche herum, war er eigentlich komplett irre oder hatte er öfters vor spontane Pferdekäufe zu tätigen? So gern ich sein Angebot auch annehmen wollte, haderte ich damit. Nicht dass ich es mir wünschte, aber was wäre denn, wenn wir uns trennen würden, ich könnte das Pferd doch nur schwer wieder hergeben.
      “Ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen, aber was ist denn, wenn sich unsere Wege irgendwann wieder trennen sollten? Allein könnte ich zwei Pferde doch gar nicht finanzieren”, äußerte ich meine Bedenken.
      “Du weißt schon, dass der Staat die Kosten für Redo für zehn Jahre übernehmen wird und du nur ihre Versicherung und so Sachen wie Equipment zahlen musst? Natürlich auch einem Ablösebetrag, aber sonst wird es von Steuern gezahlt”, erklärte er, “aber wenn du nicht willst, alles gut.”
      “Nein, nein, sie ist wundervoll, gern würde ich ihr ein neues Zuhause geben”, lächelte ich wieder hochgemut, “aber das hättest du ruhig ein wenig früher erwähnen können.”
      “Okay, dann werde ich das klären”, grinste er und schien sehr erleichtert zu sein. Nochmal strich er über ihren Hals, entschuldigte sich für einen Augenblick und verschwand vom Sand. Glücklich lehnte ich mich nach vorn und umschlang ihren kräftigen Hals. Automatisch hob sie den Hals ein Stück, lief aber brav weiter voran.
      “Hörst du Süße, bald darfst du in ein neues Zuhause”, raunte ich ihr zu, “hoffentlich wird Ivy nicht allzu eifersüchtig, bei so hübscher Konkurrenz.” Die Rappstute schnaubte, aber ihre Ohren blieben unbewegt, was mich noch immer ein wenig irritierte. Normalerweise reagierten die Pferde zumindest mit einem leichten drehen der Ohren, nur dieses offensichtlich nicht. Ich richtete mich im Sattel wieder auf, ließ Redo locker am langen Zügel laufen und betrachtete uns in dem großen Spiegel an der kurzen Seite, auf den wir gerade zuritten. Mein eigenes Gesicht strahlte mir aus dem Glas entgegen, eingerahmt von den dunklen Haaren, die mir ausnahmsweise offen über die Schultern fielen. Gleichmäßig folgte mein Körper den Bewegungen, den die dunkle Gestalt des Freiberges vorgab, ihr Kopf gerade so hoch, dass man ihn noch über der Bande auf und ab wippen sah. Die unregelmäßige Blesse schlängelte sich hell schimmernd von ihrer Stirn bis hinunter zu den samtweichen Nüstern. Gerne hätte ich diesen Moment festgehalten, doch mein Handy lag mangels Taschen noch im Auto, also musste wohl meine Erinnerung ausreichen.
      Es fühlte sich so unreell an, vor fast einem Monat schien der Traum meiner Kindheit noch so ungreifbar weit weg, wie die Sterne. Und jetzt? Jetzt war dieser Traum gleich doppelt in Erfüllung gegangen, mit Tieren, die so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht. Zumindest optisch, charakterlich würde sich das wohl noch zeigen.
      Redo hatte wohl allmählich genug davon im Kreis herumzulaufen, denn sie wurde zunehmend langsamer und fragte, ob sie aufmarschieren durfte. Ich ließ der Stute ihren Willen und wendete sie ab, wo sie schon ganz von selbst auf der Mittellinie stehen blieb. Lobend strich ich über den samtigen Hals der Stute. Sabber flog durch die Luft, als sie entspannt den Kopf schüttelte und schnaubte.
      „Also, sie wird noch bis Ende des Monats im Dienst sein, aber dann wird sie vorbeigebracht“, kam Niklas ziemlich spät wieder. In der Zeit hatte ich den Sattel bereits in der Stallgasse entfernt und ihr die Decke von der Boxenfront befestigt.
      “Perfekt, ich freu mich schon”, strahlte ich ihn an und führte Redo wieder in ihre Box. Bevor ich die Tür zu zog, strich über die breite Stirn und raunte ihr noch ein paar liebe Worte zu. Auch jetzt wieder war keine wirkliche Reaktion auf meine Stimme zu bemerken.
      “Hört sie nicht so gut oder warum reagiert sie kaum auf Geräusche?”, fragte ich Niklas, denn so langsam dämmerte mir, dass es vermutlich einen physischen Grund für ihr Verhalten gab. Auf jegliche andere Art der Kommunikation reagierte sie nämlich mehr als gut.
      „Vor ungefähr drei Jahren bekam sie bei einer Eskalation nach einem Fußballspiel mehrere Blendgranaten ab, da half leider nicht einmal die Watte in den Ohren. Seitdem“, Niklas überlegte kurz, „seitdem hört sie nicht mehr so gut.“
      “Oh, armes Pony”, kommentierte ich mitfühlend. “Aber sie scheint ja erstaunlich gut damit zurechtzukommen, es wäre mir beinahe nicht aufgefallen”, fügte ich noch schmunzelnd hinzu.
      “Ja, es war auch kein vollständiger Verlust, aber sie ignoriert auch mal”, lachte er noch und drückte mit seinem Finger auf die Oberlippe. Neugierig spitze Redo die Ohren und begann zu flehmen.
      “Aww, niedlich. Ignorant, aber offenbar gelehrig”, grinste ich entzückt. Ich liebe es, wenn Pferde solche Kleinigkeiten konnten und umso mehr Spaß daran hatte ich daran, den Tieren so etwas beizubringen. Nicht, weil diese Tricks irgendwie nützlich sein, nein sie waren einfach nur drollig.
      “Du wirst sehen, da ist noch mehr, womit du deinen Spaß haben kannst”, fügte er hinzu, sah zum x-ten Mal auf seine Uhr an der linken Hand.
      “Wir müssen langsam los”, begann Niklas endlich sein passiv aggressives Erinnern an die Uhrzeit zu begründen, “ich habe noch ein Date. Mit dem Schießstand und einigen Hirschen.”
      “Ein Date also? Dann hoffe ich mal, dass die Hirsche mir nicht allzu große Konkurrenz machen”, scherzte ich, strich der Stute noch ein letztes Mal über die weichen Nüstern und folgte meinem Freund aus dem Stall.
      “Du hast Puls, die demnächst nicht mehr”, zuckte er mit den Schultern. Hinter uns schloss er die massive Tür und öffnete das Auto für mich, dass ich nicht weiter in der Kälte stehen musste. Niklas hatte sich seinen Pullover nicht mehr übergezogen, sondern stand luftig obenrum bekleidet im Wind. Nicht ein Härchen stellte sich bei ihm auf. Wie konnte er nicht frieren bei dieser Kälte?
      “Wie kannst du einfach so dastehen? Mir wird schon nur bei deinem Anblick kalt”, sagte ich kopfschüttelnd. Tatsächlich überkam mich ein Schauer, als ein Windstoß über meine Haut jagte, der durch die geöffnete Tür in das Innere des Wagens drang.
      “Sehr romantisch von dir”, lachte er, “für gewöhnlich bin ich heiß.”
      So viel Selbstvertrauen hätte ich auch gerne, wie Niklas es teilweise an den Tag legte. Tage, an denen ich mich gegenüber Fremden nicht gleich in Luft auflösen wollte, waren für mich schon die guten Tage.
      “Diese These sollte augenblicklich überprüft werden”, neckte ich ihn ein wenig und hüpfte wieder aus dem Auto, drückte mich ganz dicht an ihn ran. Tatsächlich strahlte seine Haut eine unglaubliche Hitze aus, als sein Niklas ein wandelnder Saunaofen. Sanft steig mir sein sinnlicher Geruch in die Nase. Ich ließ meine kühlen Finger über seine Brust wandern, sogar durch den dünnen Stoff seines Shirts spürte ich den deutlichen Temperaturunterschied.
      “Ich würde sagen”, unaufhörlich wandert meine Finger weiter, ”stimmt eindeutig.” Intensiv blicke ich ihn in die Augen. In dem schummrigen Licht schien, das blau darin nahezu gänzlich von dem sanften braun geschluckt zu werden, ganz so wie die Geräusche um uns herum. Warm lagen seine kräftigen Hände an meiner Taille, zogen mich näher an ihn heran.
      Meine Finger fanden von ganz allein ihren Platz an seinem Hals und nur einen Wimpernschlag später, lagen meine Lippen auf seinen. Niklas' Wärme schien auf mich überzugehen, ließ mich von innen heraus erglühen und jagte Wellen von Begierde durch meinen Körper. Wie aus dem Nichts schossen mir plötzlich Szenen aus meiner Vergangenheit durch den Kopf und die Alarmglocken in meinem Kopf begannen zu schrillen. Nein, Stopp! Das würde mir nicht diesen Tag vermiesen, nicht diesem Moment, dafür war er zu wertvoll. Mit all meiner Willenskraft drängte ich diese Dinge wieder zurück in die dunkle Ecke, in der sie jahrelang gelauert hatten. In der festen Überzeugung diesen Dämon nur allein bekämpfen zu können, beschloss ich mir nicht anmerken zu lassen, was sich innerhalb von Sekunden in meinem Kopf abspielte und ließ die Glückshormone wieder die Kontrolle übernehmen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 78.656 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel elva | 29. Dezember 2021

      Forbidden Fruit LDS // Anthrax Survivor LDS // CHH' Death Sentence // Hawking von Atomic // Liv efter Detta LDS // Vandal LDS // Heldentum LDS // Lu‘lu‘a // Northumbria // Einheitssprache // HMJ Divine // Outer Space // Wunderkind // Raleigh // Satz des Pythagoras // Ready for Life // Maxou // Arktikkfrost LDS // Yumyulakk LDS

      Vriska
      Überpünktlich stand ich im Stall und putzte den Sand vom Kopf der Stute, die immer wieder interessiert an meiner Jackentasche zupfte, in der Hoffnung eins der wertvollen Leckerlis ergattern zu gönnen. Trotzig schlug sie mit dem Schweif, wenn ich sie keins bekam, doch ich schenkte dem nur wenig Beachtung und reinigte auch noch den Rest ihres Körpers. Der Regen und Sturm wurde in früher Stunde vom Nebel abgelöst, der eine Frostwelle auslöste. Von einer zur anderen Stunde glitzerten die letzten Grashalme im matten Licht der aufsteigenden Sonne auf den Weiden und neben den Wegen. Durch die großen Fenster im Stall konnte man winzige Eisblumen entdecken, die das Licht trübten und ein malerisches Farbspiel auf dem Reitplatz in der Halle bewirkten. Eigentlich wollte ich eine Runde durch den Wald drehen, um die Schäden zu begutachten, an Flur und Forst.
      “Morgen”, spuckte mir Jonina verärgert entgegen, ohne stehenzubleiben, sondern rauschte wie ein geölter Blitz an Fruity und mir vorbei. Verwundert sah ich ihr noch nach, wobei ich nicht einmal die Möglichkeit hatte, die Begrüßung zu erwidern. Wir lernten uns schon am ersten Tag auf dem falschen Fuß kennen und klärten das nicht einmal, um ein entspanntes Arbeitsklima zu erreichen. Stattdessen spuckte sie wie ein Geist durch unseren Stall, sah abfällig an mir vorbei und ignorierte mich ansonsten.
      Die kaum größere Stute zupfte wieder an meiner Jacke, als ich den Gurt fester zog zum Aufsteigen. Ich entschied mich gegen die mystische Stimmung auf dem Sand und wollte die Zäune der Weiden im Wald prüfen. Mit einem leichten Druck am Schenkel setzte ich Fruity in Bewegung an der Ovalbahn entlang zur Lichtung, die sonst unsere Galoppstrecke darstellte. Doch ich hielt das Tempo, gab der Stute die gesamte Länge des Zügels und schweifte mit meinem Blick durch die Landschaft. Zwischen den Birken funkelten einige alte Eichen hindurch und in hellen Orangetönen getauchte Ahornbäume, die das triste Braun aufgelockerten. Ich konnte kaum weitersehen als fünf Meter, aber erkannt, dass zwei junge Füchse auf dem Feldweg spielten und bei ertönen des Hufschlags panisch in das Buschwerk stürzten und von rechts rannte die Mutter ihnen nach. Neugierig spitzte Fruity die Ohren. Neben uns raschelte das Geäst und zwei große Augenpaare fokussierten uns, musterten jeden Schritt, den Fruity über den gefrorenen Sand machte, bis wir schließlich aus der Sichtweite waren. Die kommenden Meter zur Weide trabten wir, was ich nutze, um meine Fähigkeiten im Aussitzen auf die Probe zu stellen. In der Prüfung hatte ich mich zwar ziemlich gut angestellt, doch in den vergangenen Trainingseinheiten entwickelte die Falbstute immer mehr Schwung und das zeigte sich umgehend im Trab. Wie ein Kartoffelsack wackelte ich im Sattel, versuchte die Stöße durch meine Füße abzufangen, doch fand den Takt nicht. Frustriert parierte ich wieder durch, aber kam im selben Augenblick an der ersten Weide an, auf der die Junghengste ihr Unwesen trieben. Sogleich kamen Death und Anti zum Zaun getrabt, um den Besuch freundlich zu begrüßen. Von weiter kam auch Hawking mit seiner halbstarken Gruppe aus Arktikk und Vandal. Immer mehr blauäugige Augen funkelten Fruity an, die sich zwischen den ganzen Hengsten gar nicht zurechtfand und fortan Schritte zurückwich. An meinem Bein bog ich die Stute am Zaun entlang und entdeckte noch Heldentum, eins der Wunderpferde, dass sich mit seiner unbekannten Fellfarbe fernab der anderen Pferde versteckte, häufig in Begleitung mit Yumyulakk, einem ziemlich freundlichen Architekkt Sohn, der sich ebenso gern aus der Herde zurückzog.
      “Jungs, wir müssen weiter”, trieb ich die Stute weiter und untersuchte noch die Damen auf der anderen Seite. Natürlich hielt ich mich dabei mehr die Zäune zu beachten. Auf dem offenen Feld hing der Nebel noch stärker, was mir die Arbeit nicht erleichterte. Treu trampelten aber zwei Jungstuten entlang, die mir zumindest Hoffnung gaben, dass alles noch an Ort und Stelle war. Die Criollo Stute Liv wackelte bei jedem ihrer Schritte lustig mit den Ohren, während Mitternacht, die vermutliche einzige helle Stute mit diesem Namen, nur unmotiviert nachlief.
      Die Sonne rückte ihre Position immer erhabener am Himmel, wodurch der Nebel wie zu verschwinden schien und uns die Möglichkeit eröffnete, zu traben. Fruity schnaubte ab und genoss die Abwechslung auf dem Feld an Tempo zulegen zu dürfen, ohne panisch von mir gebremst zu werden. Meter für Meter beäugte ich kritisch und war ziemlich froh darüber, keinerlei Schäden entdeckt zu haben. Aus der Ferne hörte ich den Trubel am Hof, der hauptsächlich aus Traktorengeräuschen bestand und dem Hufschlag der Pferde auf dem Beton. In einem der Gebäude klopfte unser Schmied neue Eisen an die Hufe, gut das ich nicht zum Dienst eingeteilt war, denn sinnloses herumstehen konnte ich nur wenig ausstehen.
      „Und, wie war sie heute?“, fragte Tyrell interessiert und klopfte stolz den verschwitzen Hals der Stute.
      „Großartig, wie immer“, schwärmte ich, während ich mich aus dem Sattel schwang und die Zügel über den Hals zog.
      „Das höre ich gern“, grinste er, „aber ich habe eine wohl schlechte Nachricht für euch beide.“ Schlagartig verzog nicht nur ich meine Miene, sondern auch Tyrell wirkte nervös.
      „So schlecht wird das schon nicht sein“, versuchte ich die Stimmung aufzulockern. Zusammen betraten wir den Stall, in dem der besagte Schmied neue Schuhe an den Hufen von Lu befestigte.
      „Morgen kommen Interessenten für die Stute“, seufzte er und lockerte den Gurt am Bauch.
      „Interessenten?“, schrie hysterisch durch den Stall, was einige Leute zu mir sehen ließ, bevor sie sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten widmeten. Dann atmete ich noch tief durch und sagte: „Ich dachte, dass du die Stute behalten möchtest, für deine geplante Kuhherde.“
      Tyrell nickte unsicher.
      „Stimmt, aber für den richtigen Betrag ist jedes Pferd verkäuflich“, zuckte er mit den Schultern und trug den Sattel weg. Wie verwachsen mit dem betonierten Untergrund blieb ich an der Stelle stehen, kam aus dem Schock nicht heraus, bis Fruity im am Rücken anstupste und höflich nach einem Leckerli fragte. Aus meiner Jackentasche fischte ich eilig eins heraus und strich ihr liebevoll über die Blesse.
      „Unwahrscheinlich, dass ich so einen Betrag für dich übrighabe“, murmelte ich. Dann kam mein Chef auch wieder zurück mit ihrer Weidedecke.
      „Jetzt sei nicht traurig, sie würde am Hof bleiben“, lächelte er. Schön, dann könnte ich mir sogar ansehen, wie ein so tolles versaut wird, klingt nach grandiosen Aussichten.
      „Ich komme klar“, griff ich energisch nach der Decke in seinen Armen und zog sie der Stute über. Keinen müden Blick warf ich ihm noch zu, spürte aber, wie er mich weiterhin stumm anstarrte. Unverständlich stammelte er vor sich hin, doch ich hörte nicht zu, sondern löste den Strick von der Box und führte Fruity zurück auf den Paddock. Sie verspürte meine Anspannung bestimmt, aber trottete wie an jedem anderen Tag neben mir und fummelte an meiner Jacke. Mit großen Augen blickte mich Humbria an beim Öffnen des Tors. Auch sie bekam ein Leckerli.
      “Kommst du zum Frühstück?”, erkundigte sich mein Chef, der mir offensichtlich zum Paddock folgte.
      “Nein, ich habe noch Besuch und möchte gerade nicht auf heile Welt machen, wenn du eins deiner besten Pferde verkaufst”, rollte ich mit den Augen, strich Humbria über dem Hals. Wir kamen gut miteinander klar, doch das Wetter spielte seit Wochen nicht mehr mit, um mit ihr eine Runde am Sulky durch den Wald zu drehen.
      Tyrell nickte anerkennend, drehte auf der Ferse um zur Halle. Ich hängte das Halfter an den Haken unter dem Dach und strich durch die Weiden zur Hütte. Vor der Scheibe sah ich Trymr aufgeregt auf und ab laufen, stieß dabei immer wieder mit der Nase gegen das Glas und verursachte unschöne Flecken. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich auch Lina, die wohl zum Frühstück wollte. Bevor ich zu ihr stürmte, schob ich die Terrassentür nur einen Spalt auf, durch den das Ungetüm stürmte und täppisch an meinen Beinen hinaufsprang, um an meinen Händen knabbern zu können.
      “Guten Morgen”, strahlte ich sie an, denn die erholsame Nacht hing mir noch so stark im Körper, dass der Fruity-Schock mich nicht so sehr aus dem Konzept brachte.
      “Guten Morgen, Vriska”, trällerte sie fröhlich. Wie so häufig sprühte sie auch heute nur so vor Energie. Offenbar hatte sich Niklas nur an mir in der Nachricht darüber beschwert, was ich mir einbilde, ihn derartig vorzuführen. Mir war es ziemlich egal, vermutlich mehr, als es sollte.
      “Und, hat es heute Nacht mal gefunkt zwischen euch?”, grinste ich schelmisch.
      “Du bist auch überhaupt nicht neugierig”, erfasste sie haarscharf, ”ja … Nein …, noch nicht so wirklich” Sie nuschelte, ein wenig unverständlich und augenblicklich legte sich eine leichte Röte auf ihre Wangen.
      “Entschuldigung”, rollte über dramatisch mit den Augen und klopfte ihr auf die Schulter, “ich frage nicht mehr. Aber willst du bei uns mit Essen? Ich mag Tyrell nicht mehr unter die Augen treten, denn er will Fruity morgen verkaufen. Kannst du dir das vorstellen?”
      Schneller als es mir lieb war, ratterte ich die neuesten Nachrichten herunter und versuchte sie auf die dunkle und deutliche bessere Seite des Hofes zu ziehen, auch wenn es dafür eher keinen Grund gab und auch der Gedanke ziemlich idiotisch war. Verwirrt kratzte ich mir ab Kopf, aber grinste dann auffällig lange, bis Trymr mich erneut ansprang und mit seinen matschigen Pfoten meine Hose dekorierte. Wo hatte er eine Pfütze gefunden, wenn alles gefroren war? Ich wischte mit meinen kalten Händen auf meinen Oberschenkeln herum und schickte ihn zurück, was er viel mehr als eine Spielaufforderung ansah und mich wieder anbellte. Lina blickte zu dem Ungetüm und betrachte ihn: “Ich glaube, du solltest ihm ein Spielzeug besorgen.”
      Dann kam sie auf das eigentliche Thema zurück: “Das ist traurig, dass Fruity verkauft werden soll, sie ist doch so ein tolles Pferd und ihr wart doch so erfolgreich auf dem Turnier.”
      „Ich werde nicht das Gefühl los, dass das dazu beitrug“, murmelte ich und überlegte, womit ein Hund wohl spielt. Aus Sendungen wusste ich, dass Menschen Stöcke warfen, aber für ihn müsste ein Baum herhalten, um genug zu sein. Noch immer biss er in meine Hand, nicht aggressiv und es fühlte sich auch eher so an, als würde ich als Nuckel verwendet werden.
      „Na gut, mir wird jetzt kalt. Kommst du mir oder nicht?“, hakte ich erneut nach und drehte mich mit meinem Körper Richtung Hütte, aus der ein warmes Licht durch die Fenster schien und die Bäume gegenüber reflektierten auf dem Glas.
      “Ja, komme ich”, nickte sie und setzte an mir zu folgen. Erfreut sprang ich in die Luft, drehte mich dabei, wie ein Kind, dass einem langen Winter wieder über eine Frühlingswiese tollte und die ersten Sonnenstrahlen des Jahres nutzte. Meine Euphorie war genauso wenig erklärlich wie vermutlich neunzig Prozent meines Verhaltens, aber das wusste sie bereits und so bekam ich, bis auf ein irritiertes Kopfschütteln keinen Kommentar reingedrückt. Langsam schob die Terrassentür auf und zog davor die Schuhe aus.
      „Was? Geht die Welt heute unter?“, fragte ich Erik schockiert, der in einer meiner Jogginghosen in der Küche stand und irgendwas in der Pfanne zubereitete. Mein sonst so guter Partner Nase machte mir einen Strich durch Rechnung und war von der kalten Luft vor der Tür, verstopft.
      „Ich wundere mich viel mehr, dass sie selbst mir zu groß ist“, lachte er und sah an sich herunter. Erst dann bemerkte er Lina, schien sich umzusehen und etwas zu suchen. Zugegeben, ich hätte den Besuch vorher ankündigen können und dass er bis auf einer Hose nichts trug, wirkte eventuell auf Außenstehende verstörend. Aber was erwartete man schon in meiner Hütte? An meinen Wänden hingen neben seltsame Zeichnung und einige erotischste Bilder von wildfremden Männern und auch Frauen, die ich auf Flohmärkten fand. Oder auch Holzmasken, die vermutlich mal ein Teil einer skurrilen Ausstellung waren und mit Graffiti besprüht wurden. Vor knapp einer Woche hatte noch Kartons von mir im Lager gefunden und rigoros umgestaltet.
      „Schatz?“, zog ich unnötig lang das Wort und Erik sah mich verwirrt über die Schulter an. Entschlossen machte ich ein Foto mit meinem Handy, schließlich musste man so eine Premiere festhalten. Dann hüpfte ich genauso erfreut zu ihm und gab ihn einen flüchtigen Kuss auf den Mund.
      „Das mit dem Begrüßen üben wir aber noch“, hauchte er mir ins Ohr und zog mich an der Hüfte fest an sich heran. Dann gab er mir deutlich leidenschaftlicher einen weiteren Kuss. Es muss für Lina mehr als unangenehm sein, deswegen drehte ich mich entschlossen um. Mit weit aufgerissenen Augen strahlte sie in meine Richtung, hatte aber genau die Ausstrahlung, dich ich bereits vermutete.
      „Sorry“, lächelte ich breit und zog meine Brauen nach oben. Dann ließ Erik von mir ab und gab ihm ein Shirt aus dem Schlafzimmer.
      “Alles gut. Vielleicht lass ich dir das nächste Mal besser einen Vorsprung”, scherzte sie und lächelte schief. Ich bat sie heran.
      “Und mein Hund muss draußen bleiben?”, schloss sich auch Erik dem kurzen Gespräch an. Trymr drückte seine Nase durch den schmalen Spalt zwischen Schiebetür und Rahmen ins Innere. Entschlossen öffnete ich die Pforte wieder, die er sogleich durchlief und sich auf dem Teppich vor die Couch legte. Seine Ohren stellten sich bei dem Geklapper in der Küche auf, ohne das etwas für ihn auf dem Fußboden landete.
      Linas Jacke hatte ich noch immer in der Hand und hängte sie an den Kleiderhaken in den Flur, wo sie stand. Inständig betrachtete sie verschwiegen die seltsamen Masken über der Kommode im Flur und ließ den Blick schweifen über die Bilder aus den vergangenen Jahrzehnten, die teilweise nicht einmal meine Eltern miterlebten. Zwischendrin entdeckte sie auch die Partybilder von meinen Freunden und mir, auf denen auch Jenni zu sehen war. Lange hatte auch ich nicht mehr genauer hingesehen. Eins der besagten Fotos stammte noch aus der Anfangszeit mit meinem Ex-Freund, der ziemlich stolz mich auf seinem Rücken trug und auf dem nächsten Schnappschuss seine Lippen auf meine drückte. Entschlossen nahm ich Rahmen von der Wand und verstaute ihn in einer der Schubladen der Kommode, bevor ich die wenigen Schritte zur Küche machte und den Tisch für uns deckte.
      In meinem Nacken spürte ich einen warmen Atemzug, der meine Haare aufstellte und sogleich das Blut in Wallungen brachte. Langsam schloss ich meine Augen und öffnete sie bei einem tiefen Atemzug wieder. Lüstern berührten seine Lippe meinen Hals und begleitet mit einem sachten Saugen, breitete sich das Kribbeln am ganzen Körper aus. Eriks Händen strichen mir über den Arm.
      “Ich finde auch schön, dass du hier bist, aber wir haben Besuch”, raunte ich. Mehrmals schluckte ich, krampfte mich an der Tischplatte fest und versuchte mir von seiner Nähe nicht den Geist zu nebeln.
      „Ach, sie ist doch gerade noch beschäftigt und zwischen uns ist die Wand“, flüsterte Erik und drückte sich ein weiteres Mal an mich heran.
      „Sie ist doch nicht blöd, also setz dich“, versuchte ich ihn zur Vernunft zu bekommen. Glücklicherweise gab er schneller nach als ich vermutete, zog nun endlich das Shirt über seinen wohl gezeichneten Oberkörper, den ich stundenlang betrachten könnte.
      „Linchen, was möchtest du trinken?“, fragte ich noch, als der Kaffee durch die Maschine lief und sie sich mit an den Tisch setzte.
      "Hast du vielleicht Tee da? Ansonsten begnüge ich mich auch mit Wasser", bekam ich zur Antwort.
      „Natürlich“, lachte ich und öffnete eine der oberen Schranktüren. Dahinter verborgen sich Unmengen an Teesorten, die wild durcheinander standen und keine genaue Reihenfolge aufwiesen. Mit meiner Hand zeigte ich die Menge an und ließ ihr die freie Wahl.
      "Klasse, gleich so eine Auswahl", lächelt Lina begeistert, "Den da bitte." Sie deutete auf eine Packung mit Früchtetee, der hauptsächlich aus Brombeere und Granatapfel bestand.
      Zum Glück konnte die Maschine im Handumdrehen Wasser zum Kochen bringen und erfolgreich stellte ich Lina ihre Tasse hin. Ein lieblicher, beeriger Geruch breitete sich in Windeseile im ganzen Raum aus und entfaltete bei jedem Atemzug weitere Nuancen in Mund und Nase. Die Verlockung war für einen Wimpernschlag so groß, ebenfalls einen zu trinken, doch die dunkle Flüssigkeit vor mir holte mich zurück. Nur Kaffee konnte mein Leben vervollständigen. Da Erik sich zu fein war, das Essen zu servieren, übernahm ich das wohl auch noch.
      „Oh, du hast Pancakes gemacht“, freute ich mich überschwänglich und beinah tanzend lief ich zum Tisch. Jeder bekam für den Anfang drei Stück.
      „Nur für dich mein Engel“, grinste Erik verlegen und verschränkte die Arme.
      In einer gemütlichen Runde aßen wir, beobachteten, wie die bunten Blätter vor der Scheibe ihre Runden drehten und in geschwungenen Linien tanzten, so ungezwungen und frei. Trymr versuchte sie zu fangen, wenn auch nur ein Zentimeter Blatt und Scheibe zwischen ihnen lag. Dafür, dass der Rüde solch höllische Töne von sich geben konnte und auch äußerlich eher einem Monster glich, bewegte er sich wie ein junges Kalb und wirkte so liebenswert in seinem Spieltrieb. Ich fühlte mich gut, wirklich gut. Erik, der immer wieder zu mir hinüberschielte und über meinen Oberschenkel strich, Lina, die vergnügt lachte. Beides löste eine wollige Wärme aus, dass aus dem Grinsen nicht mehr herauskam und dachte, dass sie so Familie anfühlen musste, Heimat, ein Ort an dem man Willkommen ist. Es fehlte mir an nichts, doch dann kam ich im Gedanken wieder auf Lina zurück.
      „Sag‘ mal, wann kommt Ivy eigentlich?“, sagte ich mit kratziger Stimme.
      “Der genaue Termin steht noch nicht, aber bald hoffe ich. Es hängt derzeit nur noch an den Behörden”, erzählte sie hoffnungsvoll. Dass sie es kaum erwarten konnte, ihr Pferd wiederzuhaben, war kaum zu übersehen, denn sie strahlte über das ganze Gesicht.
      „Aber er braucht doch nur Gesundheitspapiere, die offiziell unterschrieben wurden“, murmelte Erik schulterzuckend, ziemlich abwesend.
      „Hör auf dich so zu benehmen“, schlug ihn behutsam mit meinem Handrücken gegen die Brust. Böse sah er zu mir runter und griff kräftiger in mein Bein. Schmerzerfüllt verzog ich mein Gesicht. Während bei Lina es eher so wirkte, als hätte sie Angst davor, dass in wenigen Sekunden ein Ehestreit ausbrach und sie mittendrin feststeckte. Aber ich wandte mich ihr zu und sagte: „Dann dauert es bestimmt nicht mehr lange. Ob er sich gut mit Rambi versteht?“
      Rambi war der Hengst einer Einstellerin, mit dem sie viel Zeit verbrachte. Da Einheitssprache sich nur ziemlich bescheuert rufen lässt, wurde aus Rampensau irgendwann Rambi. Er präsentierte sich gern und konnte somit ziemlich gut ihn ihr Beuteschema passen, wenn man ihren Prinzen dazu zog.
      “Ich denke, Ivy wird das kleinste Problem dabei sein, der hat sich bisher mit jedem Pferd verstanden, aber ob Rambi das genauso sieht? Man wird sehen”, erwiderte sie optimistisch.
      „Bevor wir uns hier verquatschen und Erik die Ohren abfallen, sollten wir weiterarbeiten“, beschloss ich ihn von den Pferden zu erlösen. Zumindest hatte ich die kleine Portion aufgegessen und die anderen teilten sich die restlichen gerecht auf.
      „Du bleibst noch kurz und darfst dann gehen“, hielt mich Erik an Ort und Stelle fest. Seine Stimme klang ernst und nickte ich Lina zu, dir bereits ihre Jacke holte.
      „Ich weiß nicht, wie lange es dauert, aber würdest du Alfi schon fertig machen?“, sagte ich selbstsicher und versuchte meine Unsicherheit durch ein freundliches Lächeln zu überspielen.
      “Ja klar, mache ich”, antworte sie bevor sie uns schließlich allein ließ. Er sah ihr noch nach, bis Lina endgültig aus der Sichtweite verschwand und auch Trymr zurück auf den Teppich tippelte. Seine Ohren standen stets gespitzt nach oben, um dem Gespräch zu folgen.
      Erik stand auf und stellte sich entschlossen hinter mir. Seine Arme eng umschlungen an meinen Schultern. Ich schloss meine Augen und versuchte ruhig zu bleiben, um dem Verlangen nicht nachzukommen, dass er bei jeder Berührung auslöste.
      „Willst du dich nicht entschuldigen?“, hauchte er kaum hörbar in mein Ohr und setzte dort fort, wo er vorhin aufhörte. Langsam berührten seine Lippen meinen Hals. Sie waren feucht und an einigen Stellen ziemlich rau. Meine Haare stellten sich wieder auf.
      „Wofür sollte ich mich entschuldigen?“, zitterte meine Stimme, denn er ließ nicht von mir ab, sondern konnte es, gefühlt, nicht abwarten, auch mich an sich zu spüren. Sein plötzliches Verlangen nach mir und forsches Auftreten löste nicht nur Spannungen zwischen uns aus, sondern machte es dynamisch. In meinem Kopf blitzten tausende Bilder auf.
      „Mich vor anderen aufzuführen, sollte in Zukunft nicht mehr vorkommen“, drückte Erik fest an meinem Hals, ohne dabei seine Lippen von mir zu lösen. Ein zärtliches Stöhnen huschte aus meinem Mund und brachte ihn zum Lachen. Langsam öffneten sich meine Augen, schielten durch meine Lider zu ihm hoch. Unverkennbar strahlte er, durch die Lippen funkelte die obere Zahnreihe hindurch.
      „Natürlich. Entschuldigen Sie mein törichtes Verhalten“, hauchte ich. An meinem Rücken spürte ich seine feste und pulsierende Bewegung, die sich so positioniert äußerst skurril anfühlte. Dann trat er zurück, ließ auch seine Hände von meinem Hals. Stattdessen blicken Eriks satten Augen in meine.
      „Du hast es verstanden“, sprach er in meinen leicht geöffneten Mund, zog begehrend mit seinen Zähnen an meiner Unterlippe. Alles explodierte in mir, neue Energiequellen entstanden und schickten durch meinen ganzen Körper kleine Blitze, die Kettenreaktionen mit sich brachten.
      „Bitte“, stammelte ich benebelt vor Glück, „verlass mich nicht mehr.“
      „Auf keinen Fall, aber jetzt wartet deine Freundin“, drückte er mich nach oben aus dem Stuhl und ich bekam einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Am ganzen Körper zitterte ich, konnte mich nur schwer damit abfinden, dass der innige Moment so schnell wieder endete. Ich fühlte mich nie derartig geliebt, wie von ihm. Dann verzog ich mich ins Schlafzimmer, denn neben neuer Unterwäsche, musste ich auch einen anderen Pullover anziehen. Fruity hatte überall Flecken hinterlassen, die nur durch einen Waschgang zu beseitigen waren. Somit landete auch dieses Stück Stoff bei den anderen im Wäschekorb, bevor ich zur Tür lief und meine Schuhe anzog.
      „Erik?“, steckte ich noch meinen Kopf ins Innere. Belustigt drehte er sich um, als suche er zusammen mit mir nach der angesprochenen Person. Dann lehnte er sich entschieden zurück, verschränkt die Arme wieder und blickte tief durch meine Augen zur Seele.
      „Danke, dass du da bist“, schmunzelte ich glücklich.
      “Das kann ich nur zurückgeben”, spiegelte er mich, bevor sein Laptop dann doch interessanter wurde. Sehnsüchtig sah mit Trymr nach. Ich entschied schon nach einigen Metern umzudrehen.
      “Schon wieder da?”, lachte Erik und klappte den Bildschirm ein Stück zur Tastatur, um darüber hinweg zu mir zu sehen.
      “Dein Hund würde sicher gern mitkommen”, sagte ich beim Holen der Leine vom Kleiderhaken, auf dem nur noch mein Overall hing sowie Eriks Mantel und Jacke. Panisch suchte ich den Ständer ab, aber fand nichts weiter als einen Schal. Neben mir ertönten Schritte und beim Umdrehen stand er dann wieder neben mir.
      “Das hier suchst du?”, wedelte Erik mit der Leine in der Hand vor meiner Nase herum, mit einem schmutzigen Lächeln auf den Lippen. Jedes Mal, wenn ich danach griff, zog er sie nach oben, sodass mir nichts andere übrigblieb, an ihm hochzuspringen. Den Grund dahinter hatte ich schnell raus. Meine Hand lag auf seiner Schulter, als auch seine mich packten und fester an seinen Oberkörper drückten. In meine Nase stieg wieder sein unverkennbarer Geruch, der mich wie zuvor zuhause fühlen ließ. Ich wollte zu Lina, doch drängte mich das Verlangen bei ihm zu bleiben, mich nicht von der Stelle zu bewegen und für immer in seinen Armen zu liegen. Mit weit geöffneten Augen sah ich hoch in seine glänzenden, hoffte ihn ein letztes Mal spüren zu können, bevor es Abschied bedeutete für einige Stunden und nach Hause wollte er auch noch.
      „Bist du noch da, wenn ich zurückkomme?“, fragte ich flehend.
      „Je nachdem wie lang du unterwegs bist, dennoch würde ich sagen, vermutlich nicht“, äußerte sich Erik zurückhaltender, aber hielt mich weiterhin fest, auch wenn seine Hände in der Zwischenzeit weiter nach unten wanderten und meinen Po umfassten. Innerlich stritten Vernunft und Leidenschaft um ihre Stellung im emotionalen Minenfeld, dass sich in wahnsinniger Geschwindigkeit mit Nebel zuzog. Aus der wirtlichen Wärme wurde übergangslos eine klirrende Kälte, die erst meine Adern erstarren ließ und nach einem Wimpernschlag den Rest meines Körpers. In meinen Ohren ertönte der schnelle Herzschlag aus meiner Brust und vor mir wurde es schummerig. Elendig rang ich nach Luft, gab alles, um das schwere Gefühl loszuwerden. Ungewiss, was geschah, lichtete sich im nächsten Moment der Nebel vor meinen Augen und in meinem Geist. Ich spürte das Kribbeln wieder, das unter meiner Haut wie tausende kleine Nadelstiche mich durchsetzen, aber keinesfalls etwas Schlechtes bedeutete. Viel mehr fühlte ich lebendig.
      “Geht es dir besser, Vivi?”, raunte Erik in mein Ohr. Seine Lippen hatten sich in ein weiches Rot getaucht, das sich langsam wieder legte. Auf meinen spürte ich es auch. Unsere Annäherung konnte nur von kurzer Dauer gewesen sein, denn ich erinnerte mich nur wage, aber sein Geschmack lag mir noch im Mund, festgesetzt wie ein intensives Getränk. An meinen Schultern lagen seine Arme, fest genug, um die Berührung zu spüren, locker genug, um mich frei zu bewegen. Ich atmete bewusst ein und wieder aus.
      “Ja”, nickte ich und spürte ein heftiges Kratzen in meinem Rachen, das vor wenigen Sekunden noch nicht da war.
      “Was war das?”, erkundigte er sich langsam, weniger forsch als noch am Tisch.
      “Ich weiß es nicht”, niedergeschlagen murmelte ich in den Kragen meiner Jacke, wich seinen Blicken aus und musterte intensiv meine dreckigen Reitstiefel, die ich mir vor einigen Wochen erst gekauft hatte. Dann fragte ich resigniert: “Wann kommst du wieder?”
      “Das liegt an dir”, holte er meinen Kopf wieder nach oben, “du hast Abstand verlangt, Freiheit, die ich dir gab und nun kommst du gar nicht mehr weg von mir.” Auf seinen Lippen zeichnete sich wieder der liebliche Rotton und ein verzauberndes Lächeln.
      “Es macht mir Angst”, versuchte ich mich zu erklären, doch legte er seinen Zeigefinger auf meinen Mund und ich verstummte umgehend. Eriks hellen Augen funkelten.
      “Ich hole dich heute Abend ab. Wir veranstalten eine kleine Runde unter Freunden und ich möchte, dass du sie kennenlernst”, bot er an. Aus meiner Schwermut wurde umgehend Vorfreude, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht einschätzen konnte, was das zu bedeuten hatte und ich es im Nachhinein bereuen würde.
      “Okay, machen wir so”, druckste ich und drückte flüchtig meine Lippen auf seine, nahm ihm die Leine ab und ging schlussendlich aus der Hütte, zusammen mit Trymr, der die ganze Zeit am Glas wartete.

      Lina
      “Na, ich zwei, meint ihr, sie kommt heute noch?”, fragte ich die beiden Hengste neben mir, allerdings erhielt ich keine Reaktion. Wunderkind hatte schon vor einer viertel Stunde entspannt den Kopf gesenkt und döste mit halb geschlossenen Augen, die rosa Unterlippe locker herunterhängend. Alfi hingegen scharrte fordernd mit den Hufen über den Boden und wippte ungeduldig mit dem Kopf auf und ab. Tadelnd klopfte ich dem Hengst auf die Schulter, was zumindest für einen Moment Wirkung zeigte.
      Bevor der Schimmelhengst zu einer erneuten Randale ansetzen konnte, ertönten endlich Vriskas Schritte auf der Stallgasse, begleitet vom Klackern der Hundepfoten. Trymr trabte freundlich auf mich zu und forderte auch augenblicklich eine angemessene Begrüßung ein.
      “Ahh, da bist du ja endlich und ich dachte schon, du gehts ohne uns spazieren”, scherzte ich. Was auch immer sie noch gemacht hatte, es schien sehr einnehmend gewesen zu sein.
      “Tut mir leid, ich war mir nicht bewusst, dass es so lange dauern wird”, verschloss sie den Reißverschluss ihrer dunkelblauen Jacke und fummelte dann weiter an der hellbraunen Lederleine des Hundes.
      “Alles gut. Wollen wir dann los?”, entgegnete ich freundlich und stupste Wunderkind, an dem sein Kopf mittlerweile gemütlich im Halfter hing, als sei es zu anstrengend, ihn selbst oben zu halten. Langsam kamen seine blauen Augen wieder unter seinen Lidern zum Vorschein und blickten mich an, synchron dazu hob sich auch der Kopf des Pferdes wieder an.
      “Auf jeden Fall”, grinste sie und holte noch den Helm aus der Sattelkammer. Es dauerte nicht lange bis wir dann schließlich auf den Pferden saßen. Während Alfi frisch und spritzig voranschritt, musste ich Wunder ein wenig motivieren. Er schien noch nicht wieder ganz aus seinem Delirium erwacht zu sein. Zugegeben bei den frostigen Temperaturen, war es dem Hengst nicht zu verdenken, dass er lieber weiterschlafen wollte, ein kuscheliges Bett wäre jetzt schon ziemlich verlockend. Alternativ wäre eine Sauna sicher auch okay, aber die würde ich hier auf dem Hof vergeblich suchen. Schließlich waren wir hier nicht in meiner Heimat, wo es sogar mitten im Wald Schwitzhütten gab. Auch wenn die Sonne den morgendlichen Nebel bereits vertrieben hatte, glitzerte immer noch Frost auf den beschatteten Stellen des Bodens und ein Habicht zog auf der Suche nach Beute seine Runden über den beinahe wolkenlosen Himmel. Kurzum es war ein wunderschöner, idyllischer Herbstmorgen. Genüsslich ließ ich die kühle Luft in meine Lungen strömen, nahm die Gerüche von feuchter Erde, nassem Laub und natürlich auch von den Pferden wahr.
      “Ist das nicht schön, all die bunten Farben, die die Natur jetzt zeigt”, sprach ich einfach meine Gedanken aus, die mir gerade durch den Kopf geisterten, “Weißt du, früher hatte ich mal eine Freundin, die sagte, es mache sie traurig, wenn die Natur im Herbst beginnt zu sterben, aber ich sehe das anders. Ich meine, der Herbst ist doch eher ein Neubeginn. Eichhörnchen verstecken Nüsse und aus denen, die sie vergessen, waschen im nächsten Jahr neue Bäume, auch die Elchbrunft legt neue Lebensgrundlagen und mit den Fruchtkörpern der Pilze kommt eines der größten Lebewesen weltweit ans Tageslicht. Was denkst du dazu?”
      “Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht”, antwortete Vriska abwesend und war im Wechsel damit beschäftigt den Hengst zu bremsen und Trymr zurückzurufen, der immer wieder eine neue Spur ins Dickicht nahm. Mittlerweile hatte sein Fell von Grau zu Braun, matschig gewechselt. Ich wartete auf ihre Antwort, beobachtete die Natur währenddessen weiter und bemerkte zwischen den jungen Kiefern und älteren Birken eine sehr alte Eiche, die fest verwurzelt an Ort und Stelle stand. Ringsum kaum Bäume, nur ihr eigenes Refugium.
      “Ich denke, dass die Natur einen Grund dafür hat und wir Menschen viel zu klein auf dem wahnsinnig großen Planeten sind, um uns dem in den Weg zu stellen”, murmelte sie.
      “Ja, da magst, du recht haben” stimmte ich zu, betrachte den knorrigen Baum, der Ehrfurcht gebietend vor uns aufragte. Die Eiche war sicher schon einige Jahrzehnte alt, wenn nicht sogar Jahrhunderte und schien so viel beständiger als der Wald ringsherum.
      “Wir sind nur eine winzige, kurzweilige Existenz in dieser Welt”, fügte ich gedankenvoll hinzu.
      “Wenn wir so weiter machen, sagen wir noch Sachen, die wir nicht so meinen”, kam es verschlossen aus Vriska, die dann noch Lächeln anknüpfte und den Hengst energisch vorwärtstrieb, um im langsamen Pass voranzukommen. Ihre Aussage irritierte mich ein wenig. Hatte ich etwas Falsches gesagt oder war das mal wieder einer ihrer rätselhaften Launen?
      Um nicht den Anschluss zu verlieren, trieb auch ich meinen Hengst an. Wunder erhöhte zwar seine Geschwindigkeit, aber aufgrund der ziemlich unrunden Bewegungsabläufe, war ich mir sicher, dass ich zuverlässig Gangsalat produziert hatte. Man hatte mir zwar mittlerweile oft genug erklärt, wie das funktionierte mit den Trabern, und den mehr Gängen, dennoch schaffte ich es immer mal wieder Gänge zu aktivieren, die ich nicht wollte oder gänzlich Chaos zu verursachen. Ein Wunder das noch keines der Pferde einen Knoten in den Beinen bekam. Mein Glück, dass das Pferd unter mit klüger war als ich, denn nach weniger Metern entschied der Hengst selbst die Wahl der Gangart zu übernehmen und sich dem Schimmelhengst anzupassen und den Abstand zu ihm zu verringern.
      “Vriska, warte doch”, versuchte ich Vriska wieder zum langsamen Reiten zu bewegen, “ist etwas los?” Eine Reaktion folgte jedoch nicht, stattdessen schnaubte Alfi ab und hielt sein Tempo, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt. Aber der Weg wurde zunehmend unsicherer, viele Wurzeln durchzogen den Sandboden, die sich unter den Hufeisen und leichten Frost darstellten. So entschied Vriska endlich das Pferd zu parieren, erneuert stellte ich meine Frage und diesmal sah sie sogar zu mir, während der Hengst sich erholt streckte.
      „Es ist ein erneutes Mal alles etwas viel“, schnaufte sie laut. Ihre Hände fummelten unkontrolliert an der Mähne des Pferdes herum, strichen ihm über den Hals, bis sie schließlich den Reißverschluss wieder in den Fingern hatte.
      “Verstehe ich, es ist mal wieder ziemlich viel los hier”, antworte ich einfühlsam. Zu gut konnte ich Vriska verstehen. Fruitys Verkauf, Glymur, den sie abgeben musste, Erik, der auf einmal wieder da war, es war fast so, als kenne Vriskas Leben nur Action und gab keine Zeit für Erholungspausen.
      „Und dann noch die ganzen Einsteller, die zur kalten Jahreszeit Beritt wollen. Ich kann mir auch nur schlecht vorstellen, wie ich sonst mein Leben regelte“, grinste sie.
      “Ja, das ist schon erstaunlich”, lächelte ich, „das kenn ich so gar nicht. In Kanada wurde es zum Winter her eher weniger Arbeit. Aber okay, wir hatten auch gerade einmal zwei Einsteller auf dem Hof.” Gleichmäßig zu Wunders Atemzüge, stiegen kleine, weiße Atemwölkchen aus seinen Nüstern empor und die wenigen Stellen, an der er begonnen hatte zu schwitzen, dampften ein wenig.
      „Klarer Fall von keine-Lust-bei-dem-Wetter-das-Pferd-selbstzubewegen“, zuckte Vriska mit den Schultern und holte Alfi im Tempo wieder zurück.
      „Nicht nachvollziehbar. Ich glaube nach spätestens zwei Tagen, wüsste ich nichts mehr mit mir anzufangen so ohne Pferde. Solang am Ende des Tages eine warme Dusche auf mich wartet, ist das sogar beim ekeligen Wetter okay“, entgegnet ich verständnislos. Sie zuckte auch nur mit den Schultern und musterte den Himmel, an dem immer mehr Wolken aufzogen und die letzten wärmenden Strahlen der Sonne verdeckten. Die Kronen der Bäume bewegten sich sanft im Wind, knarrten mysteriös und bunte Blätter fielen in unsere Richtung. Diese Idylle wurde lediglich kurz unterbrochen durch einen leisen Signalton meines Handys. Ich brauchte nicht nachzusehen an was das Gerät mich erinnern wollte, denn ich dachte schon ungefähr seit drei Tagen ununterbrochen daran.
      “Vriska, habe ich dir eigentlich erzählt, dass heute mein neues Pony kommt?”, grinste ich voller freudiger Erwartung. Tatsächlich war ich mir nicht ganz sicher, ob ich tat, denn ich hatte bereits mit so vielen Leuten darüber gesprochen, dass ich vergaß, wen genau ich schon davon in Kenntnis setzte.
      “Warte”, bremste sie eruptiv den Hengst ab, “du hast dir noch ein Pferd gekauft?” Ihre Stimme klang kratzig und äußerst stark auf ‘noch ein’ betont. Kurz räusperte sie sich, wand sich dem Hund zu, der erneut seinen Weg in das Dickicht des Waldes suchte. Mit einem einzigen Pfiff folgte Trymr uns wieder.
      “Dann ist die Box neben Smoothie also für deinen neuen Begleiter? Ich will alles wissen”, jubelte Vriska erfreut und sah mit ihren Augen starr in meine Richtung.
      “Ja, eigentlich war ich ja nicht auf der Suche, weil ich ja Ivy habe, aber ich konnte nicht nein sagen, als Niklas sie mir gezeigt hat. Sie ist nämlich, wer hätte das nur erwartet, ein Freiberger.” Ich begann wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen und spürte, wie nun langsam die Aufregung in mir stieg, wie bei einem Kind an Weihnachten, wenn die Geschenke bereits in Sichtweite unter dem Baum lagen.
      “Redo ist ein Polizeipferd und hat mit ihren elf Jahren nun genug Dienst geleistet, weshalb sie jetzt bei mir ihre Rente genießen darf. Optisch ist sie wohl eher das Gegenteil von Divine, denn sie ist schwarz wie die Nacht und hat eine unglaublich niedliche Blesse, aber das wirst du ja später selbst sehen”, schwärmte ich voller Elan von meinem neuen Pferd.
      “Ach so, toll”, murmelte sie überzogen, aber folgte der Erzählung. Schon als ich den Namen meines Freundes erwähnte, rollten ihre Augen und der Blick verschwand zur Seite.
      “Warum bist du heute so seltsam, Vriska? Da steck doch sicher mehr dahinter, als dass aktuell viel los ist”, hakte ich nach und musterte sie prüfend. Erneut räusperte sie sich: “Erik ist eifersüchtig, weil ich mit Niklas trainiere, obwohl wir schon so weit gekommen sind. Darüber schien er nicht sehr begeistert zu sein. Erst jetzt, wo ich etwas mehr darüber nachdenke, kommt es mir blöd vor.”
      “Ja, ein wenig blöd klingt das schon, aber ganz ehrlich, ich kann es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, ich meine bei eurer Vergangenheit …”, murmelte ich und schielte verhalten zu ihr hinüber, “aber das ist sicher nicht das, was du hören wolltest.” So gut wie ich Eriks Seite nachvollziehen konnte, so konnte ich auch Vriska verstehen.
      “Jedenfalls, denke ich, er hat einfach nur Angst davor dich zu verlieren. Wenn dich etwas an seinem Verhalten stört, solltest du mit Erik darüber reden und versuchen einen Kompromiss zu finden, mit dem ihr beide leben könnt”, riet ich ihr. Ohne recht zu wissen warum, strich ich Wunderkind über den gescheckten Hals, woraufhin er schnaubte.
      “Vergangenheit. Ah ja”, schnaubte sie und unterstrich ihre Aussage mit einem sehr deutlichen Augenrollen, dass wohl auch die Hengste zu deuten wussten. Ihr gefiel meine Aussage ganz und gar nicht, doch statt wie gewohnt dann die Flucht anzutreten, atmete Vriska tief durch und sah mich starr an. “Aber nein, ich werde nicht darüber mit ihm sprechen, denn es das einzige Anliegen, was er je geäußert hat und dem werde ich nichts entgegentreten”, fügte sie deutlich gelassener hinzu, aber setzt dann doch noch einmal zu einem scharfen Zusatz an: “Dein Kerl hatte damit ein so viel größeres Problem und musste mir daraufhin urig lange Texte verfassen, die davon geplagt waren, wofür ich ihm so dankbar sein sollte oder so.”
      “Jap, das glaube ich dir gern. So ist er, der Herr”, kommentierte ich das Ganze trocken. So ganz nachvollziehen, warum sie sich bei mir darüber beschwerte, konnte ich nicht, schließlich war Niklas mein Freund und nicht mein ungezogenes Kind, aber wenn es ihr damit besser ging, solle sie mal machen. Immerhin wusste ich wie anstrengend er mit seinen Eigenheiten manchmal sein konnte. Verdutzt entglitten ihre Gesichtszüge, um nun doch ein schnelleres Tempo mit dem Hengst anzustreben. Im Pass bretterte Alfi los, gefolgt von Trymr, der mit lockerem Zug hinterherrannte. Sein Schwanz bog sich zwischen die Beine, als wäre er auf der Jagd nach einem Hasen, der ihm zufälligerweise über den Weg lief. Auf der Bahn erlangte Wunderkind viele Siege, aber sobald ein Sattel auf seinem Rücken lag, musste man kontinuierlich mit den treibenden Hilfen am Ball bleiben, dass er nicht zurückfiel. Sosehr ich mich auch bemühte dem Wunderkind zu etwas mehr Geschwindigkeit zu verhelfen, der langbeinige Schimmel hatte mehr davon, womit Vriska jeden Kommunikationsversuch abblockte. Der Wind blies mir kräftig entgegen, zerzauste das, was mal ordentliche Zöpfe gewesen waren und der Matsch spritze Wunder mindestens bis an die Brust und bedeckte sein Fell mit graubraunen Punkten.
      Erst als Vriska am Hof gezwungen war Alfi zu bremsen, hatte ich die Chance sie einzuholen. Ein wenig angestrengt lenkte ich den gescheckten Fuchs neben den Hengst, der mit geblähten Nüstern die Luft in seine Lungen zog und kleine Wolken in der Luft bildete.
      “Möchtest du mir verraten, was ich gesagt habe, dass du vor mit flüchtest oder hüllst du sich lieber weiter in Schweigen?”, versuchte ich wieder, die Kommunikation mit ihr aufzunehmen. Noch bevor sie ein Wort sagte, musterte auch den Parkplatz, den sie offensichtlich mit ihren Augen absuchte. Wie vermutet, standen dort nur noch unsere Fahrzeuge vom Hof und drei Autos der Einsteller, die aktuell ihre Pferde besuchten. Eine von ihnen, Eve, kam uns freudig entgegen und saß auf ihrem Kaltblüter Hengst Raleigh, der neugierig die Ohren aufstellte, als Trymr ihm entgegentrat. Die schulterlangen schwarzen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der am Helm hinten wie ein kleines Hörnchen herausstand.
      “Immer noch keinen Sattel gefunden?”, fragte Vriska höflich. Offenbar lag es doch an mir, denn mit Eve begann sie umgehend ein Gespräch, obwohl ich wusste, dass sie nicht leiden konnte. Vermutlich wäre auch einfacher aufzuzählen, wen sie mochte und dafür würde eine Hand reichen.
      “Leider nicht”, antwortete Eve kurz und ritt weiter. Der Hengst schnaubte ab, schenkte den beiden Rennpferden überhaupt keine Beachtung. Sein dreckiger Beinbehang schob sich durch den Kiesweg und hinterließ größere Löcher, als die anderen Pferde. Mehrmals drehte ich mich noch um und bewunderte etwas, dass sie ohne Sattel so selbstsicher auf dem Riesen saß. Vriska hingegen schwieg, aber ich spürte, dass es in ihrem Kopf brodelte. Sie warf mir einen fragenden Blick zu und ihre Augen glitzerten gläsern im Licht der kalten Lampen an der Außenwand des Stallgebäudes. Eine Träne kullerte über ihre Wange, die sie sofort wegwischte.
      “Ich will nicht, dass du mich hasst”, zitterte ihre Stimme, “aber dieses Auf und Ab die letzten Wochen mit Erik, tat mir noch weniger gut, als sein nicht da sein zuvor. Ich verlor mich in Gedanken, wusste nicht, was ich wollte oder verstand, was ich tat. Das endete darin, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte, was ich sonst immer relativ gut schaffte und auch emotional davon abschottete. Dennoch fand ich mich betrunken auf Niklas Schoß wieder und zwei Shots später, fühlte er sich ebenfalls bereit dafür. Wäre Chris nicht dagewesen, weiß ich nicht, worin es geendet hätte.” Die Worte waren durchtrieben von Schluchzten und lauten Atmen. Dass es wieder mal so einen Auslöser geben würde, dachte ich mich bereits, versuchte meinen Geist aber zu beruhigen. Vermutlich gehörten solche Ekstasen zu seinem Dasein und ich musste akzeptieren, ihn immer mit seinen schlechten Eigenschaften teilen zu müssen. Eine Antwort kam mir nicht in den Sinn, doch Vriska keuchte mit roten Augen, die weiter mit Tränen besetzt waren, weiter: “Sonst gehe ich ihm schon immer aus dem Weg und reduzierte den Kontakt aufs nötigste, um mich auf das wesentliche zu konzentrieren. Aber beim Training fühlte ich mich so frei, geborgen und es unwichtig wer ich bin oder was ich darstellen sollte. Das verletzt mich und noch so viel mehr, dass ich immer wieder zwischen euch funke, obwohl das überhaupt nicht mein Plan ist. Deswegen überlege ich wieder nach Hause zu fahren.” Das Gesagte war bitter, doch die Qual darin war so deutlich, dass ich es beinahe selbst zu spüren glaubte. Es betrübte mich, dass Vriska so sehr litt, dass sie in der Flucht den einzigen Ausweg sah. Verübeln, könnte ich es ihr allerdings auch nicht, schien es doch der leichteste Weg zu sein, einfach aus diesem Leben hier zu verschwinden und weit wegzukommen, an einem anderen Ort neu anzufangen.
      “Ich hasse dich nicht”, sprach ich sanft, bevor ich auf der Suche nach den richtigen Worten innehielt, “viel mehr danke ich dir für deine Aufrichtigkeit. Ich spüre wie es dich zerreißt und es tut mir leid, dass das Training als Wohlfühlort nun wegfällt. Aber ich würde mir wünschen, dass du hierbleibst, nicht das aufgibst, was du dir aufgebaut hast. Ich meine, wie du selbst schon, sagtest du bist bisher so weit gekommen und auch wenn du es vermutlich nicht glauben kannst, ich brauche dich. Wer unterstützt mich denn sonst dabei, der Männlichkeit hier nicht völlig die Macht zu überlassen?” Aufmunternd lächelte ich ihr zu, bevor ich die Rede fortsetzte: ”Außerdem, hast du mit Erik einen wundervollen Menschen an deiner Seite, der dich sicher unterstützen wird. Wenn du wirklich zurück in deine Heimat willst, bin ich die Letzte, die dich aufhalten wird, aber lass uns vorhersehen, ob es nicht auch eine andere Lösung geben könnte.”
      Das Schluchzen endete und verlief sich im Säuseln der Blätter, der jungen Birken am Wegesrand. Von außen betrachtet standen wir sinnlos herum, weder links noch rechts hatte jemand die Möglichkeit an uns vorbeizukommen und die Hengste schnappten verspielt nach einander. Erst nach geraumer Zeit griff Vriska in das Geschehen ein und tadelte den Schimmel. Er wippte mit dem Kopf und trat zwei Schritte zurück. Dann lobte sie ihn, Ruhe kehrte wieder ein, obwohl ihr Atem noch sehr präsent war. Obwohl sie ihr Piercing schon länger aus der Unterlippe nahm, biss sie mit der oberen Zahnreihe darauf herum und versuchte nicht vorhandene Objekt mit der Zunge zu drehen. Es sah schon aus wie Ivy, wenn er eine Banane auf dem ganzen Boden verteilte.
      “Wir kennen ihn beide kaum, um das beurteilen zu können”, seufzte Vriska und wischte eine Haarsträhne aus dem Gesicht, “aber ich soll heute seine Freunde kennenlernen.”
      “Ausgezeichnet, dann nutzt deine Chance ihn besser kennenzulernen”, versuchte ich sie weiter aufzumuntern.
      “Hörst du dir eigentlich manchmal selbst zu?”, lachte Vriska mit verstopfter Nase, “erst mal sehen, ich habe Angst und weiß nicht, ob das nicht einfach so ein aktuell verstehen wir uns echt gut, mit ihm sein wird.”
      “Nein, da setzt mein Hirn regelmäßig aus”, schmunzelte ich, freute mich aber Vriska aufmuntern zu können, “Dann lass dir Zeit mit deiner Entscheidung, tu das womit du dich am wohlsten fühlst.”
      “Merke ich. Aber ich weiß nicht, womit ich mich wohlfühle. Er ist toll, aber nur solang er bei mir ist für einige Stunden. Außerdem”, sie schluckte, bevor die Worte zittrig ihre Lippen verließen, “ist da auch noch Fredna, mit der ich mich nicht so recht anfreunden kann.”
      “Ersteres wirst du wohl leider allein rausfinden müssen. Erforsche einfach langsam, was du willst und was Fredna betrifft … ich denke, das benötigt Zeit, Geduld und Verständnis. Das ist sowohl für dich als auch für die Kleine eine komplett neue Situation. Erwarte nicht sofort, dass sie dich vergöttert, mach dir aber auch selbst keinen Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen oder dass es sofort funktionieren muss”, riet ich Vriska und lächelte sie aufmunternd an.
      “Das sagst du so leicht, dich mag sie”, wieder seufzte sie, aber schwang sich aus dem Sattel. Der Wind wurde rauer und auch mir wurde zunehmend unangenehm kalt auf dem offenen Feld. Prüfend sah Vriska sich im Stall um, ehe sie ihre Verteidigung wieder aufbaute, als sollte ich von meiner Stellung ablassen und ihr dazu raten, Erik erneut fallenzulassen: “Ich weiß nicht, was ich erwarte, schließlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet, mir Gedanken machen zu müssen, was passiert, wenn man jemanden an seiner Seite haben könnte. Spaß wollte ich haben, ansonsten wird mir hier doch alles geboten. Na gut, ein eigenes Pferd wäre noch toll.”
      “Dann wird es jetzt mal Zeit, dass du dir darüber Gedanken machts oder du wartest einfach ab, wohin das Leben dich führt”, blieb ich bei meiner Haltung, dass sie Erik zumindest eine weitere Chance geben sollte, auch wenn ihr das Modell feste Beziehung und dann auch noch mit einem Kind im Spiel, ziemlich zu schaffen machen schien.
      “Und ich glaube da mit dem Pferd, könntest du sicher erfüllen, wenn du dein Geld nicht so viel für überteuerte Schabracken ausgeben würdest, wobei ich dir zustimme, dass dieser Barbielook von Lubi auf Dauer nur schwer erträglich ist”, ging ich auch noch auf ihren letzten Satz ein, bevor ich den Sattel von Wunders Rücken zog und mich mit diesem auf den Weg in die Sattelkammer machte.
      “Die hat nur 1199 Kronen (ca. 120 Euro) gekostet”, murmelte Vriska verstohlen in ihren Kragen und folgte mir mit dem Sattelzeug des Schimmels, den sie entschlossen in das Solarium stellte. Trymr hatte sich derweil auf einer der Decken platziert und streckte alle Viere von sich, erschöpft aber glücklich wedeltet die Rute langsam.
      “Und was Erik betrifft”, setzte sie nach einem Augenblick der Stille wieder an, “der gibt sich doch auch kaum Mühe, hofft nur, dass etwas Nähe reicht. Ich weiß nicht einmal, was er aktuell macht nach dem er gekündigt wurde. Es ist blöd so, aber was weiß ich schon, was man ändern sollte. In meinem Kopf hüpfen nur bunte Ponys.”
      “Weißt du, es gibt da so etwas, das nennt sich Kommunikation. Ich habe gehört, das soll helfen, wenn man sich wünscht, dass Menschen sich verändern sollen. Sag ihm, dass du das, wie es aktuell läuft, doof findest, dass dir da etwas fehlt. Vielleicht findet ihr zusammen den Punkt, an dem es hakt”, versuchte ich ihr besten Gewissens zu helfen, was angesichts der Tatsache, wie unsicher Vriska in Bezug auf Erik war, nicht gerade einfach war.
      “Kannst du das nicht machen? Schließlich scheint es ihm an nichts zu fehlen”, zuckte sie mit den Schultern, dann griff sie in ihr Fach, in dem normalerweise das Handy lag. Jedoch befand sich dort nichts.
      “Ja, das kann ich für dich tun, aber ich kann dir nicht versprechen, dass das den gewünschten Effekt hat”, erwiderte ich ehrlich. Ich konnte nachfühlen, dass sie das Thema nicht selbst ansprechen wollte, schließlich ging ich selbst der Konfrontation mit unangenehmen Themen, wenn möglich, aus dem Weg.
      “Ach schon gut, ich werde erst mal sehen, was sich heute ergibt. Mir würde schon reichen, wenn ich überhaupt etwas über ihn im Internet finden würde, aber nein. Er ist ein Phantom”, legte sie laut und griff immer wieder in das leere Fach, als konnte sie nicht glauben, dass sich das Gerät dort nicht befand. Vriska seufzte und drehte sich schließlich zu mir, klemmte die Schuhe zwischen ihre Knie und band sich das lange weiße Haar zu einem neuen Zopf.
      “Apropos Phantom. Ich habe deinen ehemaligen Kerl gefunden”, dreckig lachte sie und ein falsches Lächeln durchzog ihr Gesicht. Für ein paar Sekunden fühlte es sich an, als sei mein Herz stehen geblieben, bevor es umso heftiger pulsierend wieder einsetzte und dabei das gesamte Blut aus meinen Extremitäten in die Körpermitte zu saugen schien.
      “Du hast was?”, presste ich hervor und starrte sie mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Auf Social Media hatte meine Schwester damals dafür gesorgt, dass er blockiert wurde und alles andere wo Bilder oder Beiträge von ihm auftauchen konnte, mied ich wie die Pest. Er war einer der Gründe, weshalb Dinge wie das Jahrbuch aus meinem Abschlussjahr zusammen mit einem Sammelsurium an Fotos und anderer Dinge in einer Kiste einstaubten.
      “Ich habe doch gesagt, wenn ich ihn finde, mache ihm das Leben zur Hölle”, zuckte sie mit den Schultern und zog den Gummi fester. Ich bewegte mich nicht von der Stelle, spürte aber, dass sie ihre Hand auf mir ablegte, bevor sie weitersprach.
      “Offensichtlich puscht er sein Ego nun damit, von anderen Mädchen angehimmelt zu werden und ich nutze bewusst diesen Begriff. Im ersten Überblick waren die zwischen zwölf und siebzehn”, ungläubig schüttelte sie mit dem Kopf, “beliebt wurde er durch einen Unfall, der ihn ziemlich viel Aufmerksamkeit brachte und seine internationale Ice Hockey Karriere trug wohl den Rest dazu bei. Ach, und der ist mit so einem Model aus Estland zusammen, was aber ziemlich gestellt wirkt. Viel Zeit verbringen sie nicht miteinander, denn die gefühlten stündlichen Story-Updates zeigen nur selten beide zusammen am selben Ort. Bilder hingegen waren nur gemeinsam. Seine Agentur hat auch gute Arbeit verrichtet, zu verschleiern, was vor seiner großen Onlinekarriere kam. Ich fand einige Dokumente über einen mehrjährigen Gefängnisaufenthalt wegen Körperverletzung, durch das verstoßen gegen Bewährungsauflagen. Also hat er seine Strafe bekommen, wenn auch zu kurz.”
      Ein wenig gruselig, wie viele Informationen Vriska einzig aufgrund eines Vornamens herausgefunden hatte. Doch die Anspannung löste sich langsam von mir, auch wenn mein Kopf einen Moment benötigte, um die Informationen zu verarbeiten.
      “Warum wundert mich das nicht, dass seine Freundin offenbar nur Fake ist …”, murmelte ich vor mich hin. Schon nach der Trennung hatte ich die bittere Erkenntnis, dass weder ich noch irgendein anderes Mädchen für ihn jemals mehr gewesen waren als ein dekoratives Schoßhündchen.
      “Gefängnis, sagst du?”, wiederholte ich und Vriska nickte bestätigend, „dazu kann ich nur sagen, Karma ist eine Bitch. Nur traurig, dass sie ihn wieder herausgelassen haben.” Erstaunlicherweise fühlte es sich überraschend gut an, zuhören, dass das Leben dieses Arschlochs, nicht nur aus Glanz und Gloria bestand. Es macht die Ereignisse zwar nicht ungeschehen, deren unsichtbare Narben ich auf dem Herzen trug, aber es der Gedanke, dass das Leben ihn strafte, machte es geringfügig erträglicher damit zu existieren.
      “Tyri hat bis heute nicht bekommen, was er verdient”, gab Vriska nur trocken von sich und trat aus der Sattelkammer heraus. Von außen drang das Piepen des Solariums hinein, was womöglich ihre Flucht beantwortete.
      “Das tut mir leid”, bekundete ich meine Anteilnahmen und folgte aus dem Raum. Auf dem Putzplatz fand ein schlafendes Wunderkind vor. Bisher war mir noch kein Pferd begegnet, welches so viel döste, äußerst energieeffizient für ein Rennpferd. Mit einem sanften Stupser weckte ich den Hengst und versuchte ihn in Bewegung zusetzten. Langsam stellte er sich normal hin, streckte sich und folgte mir dann doch langsam in seine Box. Vriska befreite derweil den Schimmel aus dem Solarium und stellte ihn ebenfalls weg.

      “Lina, jetzt hör doch mal auf hier herumzulaufen wie ein aufgeschrecktes Huhn”, sagte Vriska augenrollend, als ich sicherlich bereits zum dritten Mal prüfte, dass die Box für Redo auch wirklich ausreichend vorbereitet war, aber natürlich war sie das, weil außer das eine Box frisch eingestreut war, gab es nichts vorzubereiten.
      “Aber wo soll ich denn dann hin mit meiner ganzen Energie?”, entgegnet ich und wippte auf meinen Zehen auf und ab. Es konnte nicht mehr lange dauern bis die Transporter mit meinem neuen Pferd auf den Hof rollte.
      “Keine Ahnung, aber so machst du nicht nur mich kirre, sondern auch die Pferde”, antwortete, sie schulterzuckend und deute auf Smoothie, die in der Box hinter mir stand, eines der riesigen Ohren nach vorn, eines nach hinten gedreht und mich irritiert anstarrte, um kurz darauf nervös mit dem Kopf zu schlagen. Dem Pferd zuliebe mühte ich mich, das Wippen einzustellen, was sich dafür darin niederschlug, dass ich ersatzweise an meinem Armband herumnestelte. Wenn das so weiterginge, würde es noch in einem Übermaß an nervöser Energie kaputtgehen.
      Glücklicherweise wurde es davor bewahrt, da nun das Dröhnen eines Motors draußen zu vernehmen war, was dem ganzen Warten endlich ein Ende setzte.
      “Sie sind da”, quietsche ich begeistert und lief schnellen Schrittes zum Tor. Im Schein der untergehenden Sonne rollte der überdimensionierte Transporter auf den Hof. Wenn man ihn so sah, könnte man denke ich habe eine ganze Herde gekauft und nicht nur ein einziges Tier. Das Gefährt kam zum Stillstand und ein Mann kletterte aus der Fahrerkabine, der nach einer kurzen Begrüßung, noch ein wenig Papierkram hervorkramte. Schnell waren die Formalien erledigt, sodass es ans Ausladen gehen konnte.
      Aufgeregt beobachte ich wie der Mann, die Klappe und das leere Abteil, welches vor meiner Stute war, öffnet. Als er einen kleinen Teil öffnete, kam sogleich der Kopf der Stute zum Vorschein. Mit neugierig aufgestellten Ohren streckte sie dem Mann die Schnauze entgegen, der einen Strick an ihrem Halfter befestigte, bevor er die Seitenwand komplett öffnete. Routiniert, als würde sie das jeden Tag machen, ließ sich die Stute die Rampe herunterführen.
      Neugierig, aber ganz ruhig stand Redo am Fuß der Rampe und nahm die neue Umgebung in Augenschein, während ich den Strick von dem Mann entgegennahm. Eine Welle von Endorphinen jagt durch meinen Körper und ließ meinen Puls unwillkürlich in die Höhe schnellen. Das mag jetzt bescheuert klingen, aber es fühlte sich irgendwie ziemlich erwachsen an zu wissen, dass ich dieses Pferd von meinem eigenen Geld gekauft hatte.
      > Tervetuloa kotiin kauniisti.
      „Willkommen Zuhause, Hübsche”, raunte ich der Stute zu und strich ihr von Glück erfüllt über den kräftigen Hals. Kurz beschnupperte Redo mich, bevor sie die Nase zum Boden hinuntersenkte, um diese zu inspizieren.
      “Darf ich vorstellen, das ist Ready for Life. Sie darf ab heute ein Leben als Freizeitpferd genießen”, wand ich mich nun stolz an Vriska, die die ganze Szene mit etwas Abstand beobachtet hatte.
      “Das ist doch toll”, lachte sie aufrichtig und hielt der Stute ihre Hand hin, die konsequent ignoriert wurde. Gerade als sie den Mund öffnete, um weiteres zu sagen, stoppte sie und sah hektisch zur Seite. Niklas hatte die Tür seines Autos zugeworfen und lief großen Schrittes zu uns.
      “Mein Einsatz, viel Spaß euch”, duckte sie sich ein Stück nach unten und verschwand zur anderen Richtung. Offenbar setzte sich das seltsame Fluchtverhalten von heute Morgen noch fort. Doch anstatt mir darüber Gedanken zu machen, strahlte ich meinen Freund an, dessen Anblick nur noch mehr Glückshormone durch meinen Körper jagtet. So viele, dass ich ihm am liebsten in die Arme gesprungen wäre, was ich aber in Anbetracht des Pferdes in meiner Hand besser ließ. Stattdessen kam nur ein kurzes, “Hey Schatz”, über meine Lippen, bevor ich diese stürmisch auf seine drückte. Die wohlige Wärme, die von ihm ausging, schien meine Haut geradezu zu absorbieren, damit sie auf direktem Weg mein Herz erwärmte. Langsam löste ich mich meine Lippen wieder von ihm, aber mein Blick konnte sich nicht von seiner perfekten Erscheinung lösen. Erst ein leichter Zug auf dem Strick, dessen Ursprung Redo war, die ein paar Schritte getan hatte, um an drei einsame Grashalme heranzukommen, holte mich von meiner Liebeswolke hinunter.
      “Du kommst genau richtig, ich wollte mein Pony gerade in ihr neues Zuhause bringen”, lächelte ich und holte mir mit einem sachten zupfen am Strick den Kopf der Stute wieder zu mir. Daraufhin suchte sie nun in meinen Jackentaschen nach etwas Essbarem. Tatsächlich hatte ich noch Leckerlis in der Tasche, von denen ich ihr eines in die Schnauze stecke.
      “Ach und ich glaube, dein Pferdchen würde sich über deine Anwesenheit freuen, die war heute Morgen ziemlich launisch”, fügte ich noch hinzu, bevor ich meine Rappstute in Bewegung setzte. Smoothie hatte heute Morgen nicht nur das Vollblut raushängen lassen, sondern zusätzlich auch noch die Stute, was wirklich keine sonderlich umgängliche Mischung war.
      “Jeder freut über meine Anwesenheit”, grinste er verschmitzt und folgte mir.
      “Natürlich Liebster, nur manche freuen sich ein wenig mehr als andere”, stimmte ich ihm schmunzelnd zu. Als wir die Stallgasse betraten, schien seine Stute diese Aussage unterstützen zu wollen, denn kaum erblickte sie Niklas, quietschte sie auf und sprang in ihrer Box herum wie ein junges Fohlen. Redo schien von dem Gehampel weitestgehend unbeeindruckt und versuchte neugierig Kontakt zu den Pferden aufzunehmen, die ihre Köpfe über die Boxentüren reckten. Während mein Freund sein hüpfendes Schimmeltier beruhigte, ließ ich meine Stute gewähren, schließlich bestand heute kein Zeitdruck. Schon nach einem kurzen Schnuppern verloren die meisten allerdings bereits das Interesse und zogen sich in ihr Boxen zurück.
      In ihrer Box nahm ich Redo das Halfter ab bevor ich mich zurückzog, damit sie sich in Ruhe alles ansehen konnte. Lächelnd beobachtete ich wie der Freiberger den Kopf senkte, ein Stück durch die Box stiefelte und sich niedersinken ließ. Brummelnd kugelte sie in den Holzspänen umher. Allem Anschein nach entsprach zumindest schon einmal der Bodenbelag den Vorstellungen der Stute. Nach einigen Minuten rappelte sie sich auf, schüttelte sich und steuerte zielstrebig das Heu an.
      “Kleiner Nimmersatt”, murmelte ich in mich hineinlächelnd und sah der Stute beim Fressen zu. Es erfreute mich, dass sie sich direkt so wohl hier zu fühlen schien. Unbewusst wanderte mein Blick zu Niklas hinüber, der in der Nachbarbox mit seiner Stute herumblödelte. Schon allein bei seinem Anblick regte sich etwas in mir, was sich einfach wundervoll anfühlte und mich immer wieder darin bestätigte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hier wollte ich bleiben, denn dieser Ort war ein Zuhause geworden und Niklas war ein nicht unwesentlicher Teil davon. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so akzeptiert und geborgen bei jemandem gefühlt, der nicht Samu oder meine Schwester war.
      Das Einzige, was noch fehlte, um das ganze vollkommen zu machen, war mein Zauberpony, denn dann würde die Sehnsucht in meinem Herzen endlich ein Ende nehmen.
      Mein Handy, welches plötzlich Aufmerksamkeit verlangte, holte mich aus meinen Gedankengängen. Samus Name leuchtete auf dem Bildschirm, besser hätte es gerade ja nicht passen können. Hoffnungsvoll, dass er anrief, weil er gute Neuigkeiten hatte, drückte ich auf den grünen Hörer: “Hei, Samu.”
      > Lina, mitä kuuluu? Onko päiväsi ollut mukava tähän asti?
      „Hey Lina, wie geht's? War dein Tag schön bisher?”, kam es durch den Hörer. Leider konnte ich seine Stimmung nicht richtig deuten, sodass ich wohl abwarten musste, ob er vielleicht Neuigkeiten hatte.
      > Minulla menee loistavasti. Ready for Life on juuri saapunut ja näyttää tuntuvan melko mukavalta täällä, ainakin ruoka on heidän prioriteettinsa.
      ”Mir geht es wundervoll. Ready for Life ist gerade angekommen und scheint sich hier schon ganz wohlzufühlen, zumindest ist Futter ihre Priorität”, erzählte ich und warf lächelnd einen Blick auf die Stute, die immer noch an ihrem Heu mümmelte. Als sie merkte, dass sie angesehen wurde, hob sie ihren Kopf und kam zu mir getrottet. Sanft strich ich Redo durch die kurze Mähne.
      > Kuulostaa siltä, että hän on selvästi oikea Freiberger
      ”Klingt als sei sie ganz eindeutig ein echter Freiberger”, lachte Samu.
      > Onko poikaystäväsi kanssa kaikki hyvin?
      „Und mit deinem Freund ist auch alles gut?”, fragte er seltsam bemüht darum, dass es beiläufig klang.
      > Odotatko jo hääkutsua vai miksi kysyt niin oudosti?
      „Wartest du schon auf die Hochzeitseinladung oder warum fragst du so seltsam?”, amüsierte ich mich,
      > Mutta kyllä, kaikki hyvin. Ilman sitä olisit kuunnellut tätä kauan.
      ”Aber ja, alles gut. Wäre es nicht so hättest du das schon lange zuhören bekommen.”
      > Jos asia on niin, odotan innolla, että päivästäsi tulee vielä kauniimpi.
      ”Na, wenn das so ist, freue ich mich deinen Tag gleich noch schöner zu machen”, kündigte Samu groß an, rückte aber nicht mit der Sprache raus. Er wollte mich wohl echt auf die Folter spannen.
      > Samu, sano kyllä.
      „Samu, jetzt sag schon”, forderte ich nachdrücklich,
      > Ole hyvä.
      „Bitte.”
      > Eläinlääkäri oli juuri siellä ja Ivy saa nyt lähteä.
      ”Der Veterinär war gerade da und Ivy darf jetzt ausreisen”, gab er mir endlich die Neuigkeiten durch, auf die ich schon seit Tagen hoffte. Redo, die begonnen hatte, sanft mit ihren Lippen an meinen Zöpfen herumzuspielen, zuckte zurück, als ich freudvoll auf quietschte und einen kleinen Hüpfer machte. Von Niklas erntete ich daraufhin einen schrägen Blick. Entschuldigens strich ich Redo über den flauschigen Hals, bevor ich wieder an Samu wandte:
      > Kiitos Samu, olet paras. Milloin hän tulee?
      „Danke Samu, du bist der Beste. Und wann wird er dann hier sein?”
      > perjantaina lastaamme hänet tänne lentokoneeseen, mikä tarkoittaa, että lauantaina taikaponisi on kanssasi.
      ”Am Freitag laden wir ihn hier in das Flugzeug, das heißt am Samstag ist er bei dir”, erklärte Samu offenbar amüsiert über meine überschwängliche Reaktion.
      > Linchen, minun on palattava töihin. Lähetän tarkat päivämäärät uudestaan ja tänä iltana tai sinulle huomenaamulla saat päivittäisen Ivy-raporttisi. Hyvää illanjatkoa.
      „Okay Linchen, ich muss jetzt zurück an die Arbeit. Die genauen Daten schicke ich dir dann noch mal und heute Abend bzw. für dich morgen früh bekommst du dann noch deinen täglichen Ivy Report. Dir noch einen schönen Abend“, beendete Samu schließlich das Gespräch.
      > Myös mukava päivä ja jälleen valtava kiitos siitä, että huolehdit siitä. Heippa.
      „Dir auch noch einen schönen Tag und noch mal ein Riesen-Dankeschön, dass du dich darum gekümmert hast. Tschüs”, bedanke ich mich noch mal überschwänglich bei ihm bevor das Gespräch endgültig ein Ende fand. Der Abend war heute ohnehin schon von jeder Menge Glück erfüllt, aber die Nachricht, dass ich am Samstag wieder mit meinem geliebten Vierbeiner vereint war, toppte einfach alles. Das breite Grinsen, was sich seit der Verkündung dieser Nachricht auf meinem Gesicht ausgebreitet hatte, wollte gar nicht mehr verschwinden. Um weiteren Gefühlsausbrüchen zu entgehen, hatte mein anderes Pferd sich in seine Box zurückgezogen und mümmelte wieder entspannt an ihrem Heu. Anders als Divine war sie wohl eher weniger an menschlichen Emotionen interessiert.
      “Niki”, fröhlich lief ich zu der Nachbarbox, um die Informationen gleich mit meinem Freund zu teilen, “Samu hat gerade angerufen, in wenigen Tagen kommt Ivy endlich her.” Um Smoothie, die im Gegensatz zu heute Morgen nun wieder äußerst freundlich aussah, nicht zu verschrecken, bemühte ich mich meine Körpersprache zu mäßigen.
      “Dann bist du endlich wieder vollständig”, grinste auch Niklas mich an.
      “Ja, du sagst es”, trällerte ich heiter, “ich glaube der Tag kann jetzt nicht mehr viel besser werden.” Meine Hände ließ ich präventiv in den Jackentaschen versinken, bevor sie wieder abenteuerliche Figuren in der Luft beschreiben würden. Neugierig streckte sich mir eine rosa Pferdenase entgegen, die auch sogleich erkannte, dass sich neben meinen Händen noch etwas Essbares in den Taschen befand. Jetzt wollte Smoothie offenbar doch das Leckerli, welches sie heute Morgen verschmäht hatte. Niklas sorgte allem Anschein nach nicht nur bei mir jedes Mal für eine erhebliche Verbesserung der Launen, sondern bei seiner Stute schien er diese Wirkung ebenso zu haben. Schon allein wie sie immer herumsprang, wenn sie ihn nur hörte, irgendwie niedlich.
      Gierig schnappte die Stute nach der Leckerei, fast so als sei sie ein ausgehungertes Krokodil. Meine Finger hatten sie auch bereits zwischen ihren Lippen und diese entkamen ihren Zähnen nur knapp. Kaum hatte Smoothie das Leckerli verschlungen war ich aber auch schon wieder komplett uninteressant für sie. Gegen Niklas unwiderstehliche Aura kam ich nicht an, was mich auch wenig wunderte, da Smooth geradezu vernarrt in ihn war. Eines der wenigen Dinge, die die Stute und ich wohl gemeinsam hatten.

      „Du hast ein perfektes Timing“, rief ich Niklas beschwingt zu, der gerade die Wohnung betrat, bevor ich mich wieder summend dem Herd widmete. Während in dem einen Topf das Rentier vor sich hin köchelnde und einen wunderbaren Duft aussendete, warte ich nur noch darauf bis die Kartoffeln endlich weich waren.
      „Perfektes Timing wofür?“ Niklas zu mir gestiefelt und warf einen Blick über meine Schulter. Liebevoll gab er mir einen Kuss auf den Scheitel und legte seine Hände an meine Taille. Augenblicklich begann meine Haut unter seinen Berührungen zu kribbeln.
      „Was kochst du denn da schönes?“ Sanft kitzelten die Worte über meine Haut und sorgten dafür, dass sich die winzigen Härchen in meinen Nacken aufstellten und sich das wohlige Kribbeln in mir weiter ausbreitete.
      „Poronkäristys“, entgegnete ich fröhlich, nicht bedacht darauf, dass es damit vermutlich nichts anfangen konnte. „Also Rentier-Geschnetzeltes mit Kartoffelpüree und Preiselbeermarmelade“, fügte ich dann noch erklären hinzu, „nach einem Familienrezept.”
      Bereits seit einigen Tagen gelüstete es mich nach diesem Gericht, allerdings hatte ich nicht die Zeit gefunden es zu kochen. Mit knapp einer Stunde Kochzeit war es kein Gericht für schnell zwischendurch. Außerdem war es auch viel zu schade dafür, denn dieses Essen musste man genießen. Das Rezept dafür stammte noch von meiner Oma mütterlicherseits. Leider hatte ich sie niemals kennengelernt, denn sie verstarb bereits vor meiner Geburt. Aber mein Bruder, sagten immer, dass sie stets das beste Poronkäristys gemacht hatte, nicht mal das Rezept seiner Verlobten komme daran.
      “Es schmeckt sicher so wundervoll wie es duftet”, raunte Niklas mir sanft ins Ohr und umschloss mich nun vollständig mit seinen kräftigen Armen.
      “Das will ich doch hoffen”, lächelte ich geschmeichelt und ließ sanft meine Hände auf seinen nieder, worauf sich unsere Finger wie von selbst miteinander verwoben. Mit jeder Faser meines Körpers nahm ich ihn wahr und gab mich der Welle an Gefühlen hin, die durch meine Adern pulsierten. Alles, was sich in meinem Verstand regte, schien auf einmal zum Stillstand zu kommen, denn es war nur noch Platz für eine Sache: Niklas. Wie der Mond die dunkle Nacht erhellt, schaffte er es, das Dunkel in meinem Inneren zu bändigen.
      Von Zeit zu Zeit vergaß ich noch immer, dass das hier die Realität war, denn was er in mir auslösen, fühlte sich viel zu schön an, als dass es wahr sein könne. Für einen Augenblick verlor ich mich in dem Strudel aus Sinneswahrnehmungen und Gedanken und erst der Timer für die Kartoffeln lenken meinen Fokus wieder auf das Abendessen. Nur widerwillig ließ ich die alltäglichen Gedanken wieder die Kontrolle übernehmen und löste meine Finger aus seinen.
      Mit dem Messer pikste ich, welches noch in dem kleinen Chaos auf Arbeitsfläche lag, in die Kartoffeln, um zu testen, ob sie schon fertig seien, was mittlerweile auch der Fall war. Also stellte ich die Herdplatte aus, bevor ich den Topf nehmen wollte, um die Kartoffeln abzugießen, wobei die eingeschränkte Bewegungsfreiheit durch Niklas ein wenig hinderlich war. Zu gern hätte seine Nähe noch ein wenig weiter genossen, doch dann würden wir wohl hungrig bleiben. Durch den köstlichen Duft, der durch die Küche zog, hatte ich mittlerweile immensen Hunger und ich war mir sicher, meinem Freund ging es ähnlich.
      „Schatz, magst du schon mal den Tisch decken?“, bat ich ihn sanft.
      „Natürlich“, entgegnete er gutmütig und hauchte mir noch einen zarten Kuss in den Nacken, bevor er mich freigab.
      Dampfend kamen die Kartoffeln aus dem Topf, welche ich schließlich zurück auf die Herdplatte stellte, bevor ich die Knollen in eine Schüssel gab und zu Brei verwandelte. Ich spürte wie Niklas Blick auf mir ruhte, während ich noch immer summend die Mahlzeit zubereitete. Seine Aufmerksamkeit genoss ich in vollen Zügen, auch, wenn es sich trotz der mehr als zwei vergangenen Monate noch ein wenig befremdlich anfühlte. Flinn hatte mich früher nie so angesehen wie Niklas es jetzt tat, es fühlte sich so viel besser an. Bei Niklas fühlte ich mich geschätzt als das, was ich war und nicht als etwas, was irgendjemand in mir sehen wollte. Bei meinem Ex-Freund hatte ich den verheerenden Fehler begangen, mich von ihm verbiegen zu lassen, sodass ich für ihn nicht mehr war als ein beliebig austauschbares Spielzeug. Im Nachhinein betrachtet war Flinn auch nur in sehr wenigen Aspekten, dass was ich mir unter einem idealen Partner vorstellte. Aber Schluss damit, Flinn gehörte der Vergangenheit an und so sollte es auch bleiben.
      Als ich, die köstlich duftenden Teller auf den Tisch stellte, sah ich, dass Niklas offensichtlich die Weinflasche entdeckt hatte, die ich gestern zum Kochen genutzt hatte, denn es standen zwei Gläser mit der dunkelroten Flüssigkeit darin auf dem Tisch.

      Vriska
      Mit lautem Getöse fuhr Erik mit seinem Oberklassen-Coupé die steinige Auffahrt entlang und hielt genau vor meinen Augen an. Mein Handy, auf dem ich zuvor noch eine letzte Nachricht an meinen heimlichen Verehrer tippte, steckte ich in meine kleine Handtasche. Zeitgleich stieg er höflich aus, ohne den Motor abzustellen. Trymr, der neben mir saß, jaulte vergnügt und schob mit seinem Schwanz die Kieselsteine von links nach rechts. Fest klammerte ich mich an der Leine, obwohl der Hund keinerlei Anstalten machten loszuspringen.
      „Sollte ich mir Sorgen machen?“, musterte ich sein Outfit von oben bis unten. Es war fast undenkbar geworden, dass er keinen seiner Anzüge trug, die in meinen Augen so etwas wie sein Lebensstil war und eigentlich wie angewachsen seinen Körper umspannten. Auf seinen Schultern hing ein lockerer elfenbeinfarbener Wollpullover mit Rollkragen, die Ärmer nach oben geschoben, kombiniert mit einer hochgekrempelten Jeans, an den Füßen Boots.
      „Ich wollte dir bei nichts nachstehen“, lächelte er verlegen und lud als Erstes den Hund ein, bevor Erik auch für mich die Autotür öffnete. Im Wind des abendlichen Lüftchens wehte das weite Kleid an meinen Beinen zur Seite und durch seinen Mantel, den ich tragen sollte, ließ mich der Zug ein wenig frösteln. Doch einsteigen wollte ich noch nicht. Stattdessen sah ich zu ihm nach oben.
      „Du hast dir deine Augenbrauen gemacht?“, wunderte ich mich und legte meine Hand auf seiner Wange ab. Ich spürte kleine Stoppeln, die er womöglich beim Rasieren übersehen hatte, seine Augen lachten wie seine Lippen und den Blick abzuwenden, wagte ich nicht. Stattdessen schloss ich meine Augen, spürte sofort eine Explosion aus Gefühlen im Inneren meines Körpers, als er mich an sich herandrückte und sich unsere Lippen berührten. Nur durch ihn verlor ich nicht den Halt, klammerte mich an seinem Hals fest mit meinen Armen. An meiner Haut spürte ich, wie seine Halsschlagader pulsierte, unsere Körper zu einem Kreislauf wurden und alles in einem Takt schlug. So musste sich fliegen anfühlen.
      Seine Lippen ließen von meinem ab, doch alles sehnte sich nach mehr, auch wenn meine Knie schlotterten in der klirrenden Kälte. Sanft strich er mir durchs Haar und sagte leise: „Das fällt vermutlich nur dir auf“, dann bekam ich einen letzten Kuss auf die Stirn, bevor ich in das warme Fahrzeug stieg. Die Tür fiel neben mir zu. Auch er stieg noch ein und setzte das Fahrzeug in Bewegung. Leichter wurde es nicht. Nervös zupfte ich an den Enden des Kleides herum und blieb mit meinen Augen an Linas Fenster hängen, bei dem ich erkannt, dass sie endlich näher zueinanderkamen. Und dann gab es mich, undankbar darüber, was ich hatte und verängstigt, einzugestehen, dass nicht alles ein Abenteuer sein konnte. Ich verlor mich wie so oft in Gedanken, was auf dem Planeten zu suchen hatte, ob sogar besser wäre, wenn ich aus dem Leben aller verschwinde. Vielleicht eine Hütte mitten im Wald, allein, ohne Zivilisation, wenn das Geld reichte, sogar auf einem Berg und wenn morgens meinen Kaffee genoss, sah ich hinunter. Ein kleiner Fjord erhellte meine Augen und spiegelte die säuselnden Bäume oder eine Reihe von Bergen. Auf der kleinen Veranda lag ein Block mit Feder und Tinte, ich schrieb Bücher, obwohl selbst nie viel las und meistens Jenni alles in der Schule zusammenfasste, während ich ihre Mathematik Aufgaben löste. Ich vermisste sie, vermutlich lebte sie deshalb in meinen Gedanken und war stets mein Begleiter.
      „Vivi, wir sind da“, lächelte mich Erik an und rieb mit seiner warmen Hand über meinen linken Oberschenkel. Sofort griff ich nach ihr, als prüfe ich, ob es der Realität entsprach. Erleichtert atmete ich aus, ehe ich begriff, wo er das Auto geparkt hatte. Wir standen vor dem hell erleuchteten Haus der Olofsson und urplötzlich musste ich nach Luft schnappen, klammerte mich noch fester an seiner Hand.
      „Nicht dein Ernst, oder?“, stotterte ich aufgelöst.
      „Wenn ich das gesagt hätte, wärst du sicher nicht mitbekommen“, gab er sich selbstsicher und versuchte mir einen Kuss zu geben. Doch ich drehte mich weg. Strafend drückte Erik seine Finger fest um meinen Oberschenkel und ich biss mir zu Kompensation auf der Unterlippe herum. Ein Gefühl von Sicherheit schlich sich durch meinen Verstand, obwohl der eisenhaltige Geschmack im Mund andere Zeichen sendete.
      „Erik?“, fragte ich mit zittriger Stimme und drehte mich wieder mit meinem Blick zur linken Seite. Ungewöhnlich weit öffneten sich seine Augen, als hätte er nicht auf eine Eingebung meinerseits gerechnet. Seinen Oberkörper ließ er in das Polster fallen und drehte sich mit verschränkten in meine Richtung. Ohne seine Hand schützend auf dem Bein fühlte ich mich nackt, allein gelassen, als würde eine kleine Welt in mir zusammenbrechen. Auch das Gefühl von Nutzlosigkeit kam auf.
      „Denkst du, dass eine so vielversprechende Idee ist, wenn ich deinem Vater wieder unter die Augen trete?“, noch immer konnte ich es nicht in Worte fassen und mit ihm ein Gespräch darüberzuführen, stellte ich mir seltsam vor. Ein klemmendes Gefühl drückte mir wieder auf den Magen.
      „Sonst hätte ich wohl kaum dich eingeladen, denkst du nicht?“, das Lächeln auf seinen Lippen wandelte sich vertraut.
      „Mir ist das unangenehm“, gab ich zu und stammelte weiter, „und dir sollte es das doch auch.“
      „Ich bitte dich, hör auf. Was soll ich denn noch alles tun, um dir zu beweisen, dass du mir wichtig bist und meinerseits nichts zwischen uns steht?“, fragte Erik ernst und schüttelte nur den Kopf. Die Distanz wurde unspezifisch größer. Alles in mir trieb mich zurück in meine warme Hütte, sitzend auf dem Bett mit dem Blick aus dem Fenster.
      „Du bekommst nun die letzte Chance von mir. Die Chance mir zu zeigen, was du wirklich willst. Zeig mir, dass du noch da bist und das, was dich in Kanada zu mir trieb. Jetzt stell dich nicht so an und steh dazu. Es nervt mich, schließlich habe deine Worte befolgt. Ich nahm Abstand, gab dir deinen Freiraum, aber das kann nicht ewig so weitergehen, dass ich auf Knopfdruck für dich da sein soll. Du bist mir verdammt wichtig“, tadelte er mich weiter und aus heiterem Himmel fühlte es sich endgültig an, als könnte es der letzte Abend mit ihm sein. Dann öffnete er wortlos die Tür, schien keine Antwort darauf zu erwarten und holte im Anschluss auch seinen Hund raus. Ich atmete tief durch, schloss die Augen und stieg aus dem Auto. Erik stand nur wenige Meter neben mir und begann wieder zu strahlen.
      „Tack“, murmelte er und griff direkt nach meiner Hand, als ich zu ihm lief. Das Auto leuchtete zweimal den Lichtern auf und Klicken der Zentralverriegelung ertönte dumpf im Hintergrund. Zunehmend übernahm die Musik im Haus die Oberhand und stellte das leise Rauschen des Meeres zurück. Ein paar Seemöwen krächzten und für einen kurzen Moment vergaß ich, wie viel Leid ich mir selbst mit negativen Gedanken zufügte. Mit einem Lächeln sah ich zu Erik, der wieder gut gelaunt war und mich spiegelte.
      „Du bist mir auch wichtig“, gab ich seine letzten Worte zurück. Entschlossen zog er mich an sich heran. Mit seinen Händen fuhr er langsam an der Seite meines Körpers herunter, bis er schließlich an meinem Po ankam und fest zudrückte. Dann trafen sich unsere Lippen und ich spürte, wie sich seine Hüfte an mich schmiegte. Ein leichter Druck entstand, bis wir uns wieder voneinander lösten. Verliebt strahlte ich hoch zu ihm.
      „Siehst du“, grinste Erik und gab mir noch einen flüchtigen Kuss, bevor er flüsterte: „So wünsch ich mir das.“
      Die Zeit schien für mich wie stehen geblieben und dass sein Hund wieder einmal selbstständig den Weg auf dem weitläufigen Gelände suchte, bemerkte ich erst, als er ihn lautstark zurückrief. Wie angewurzelt blieb ich auf der Stelle stehen, sah ihm nicht einmal nach, sondern war in Gedanken dabei, wie er dominant mich bei sich hielt.
      „Kommst du bitte auch?“, wurde nun auch ermahnt. Kurz schüttelte ich meinen Kopf, um aus der Starre wieder in die Realität einzutreten. Vor der Haustür nahm ich einen kräftigen Atemzug, noch einen und noch einen, bis uns freundlich sein Vater begrüßte. Erik strich sich achtungsvoll über die Hose und, dass seine Knie leicht zitterten, entging mich nicht. Etwas zurückhaltend legte ich meine Arme um ihn, den er hielt seine weit offen, um zu einer Umarmung anzusetzen.
      > Jag är glad att du också kom. Känn dig som hemma.
      „Freut mich, dass du auch gekommen bist. Fühl dich wie zu Hause“, reichte Vidar mir eine Flasche Wasser und wendete sich seinen Sohn zu, der gar nicht mehr von der fröhlichen Stimmung abzubringen war. Sie standen rechts von mir und mein Blick fiel in das Wohnzimmer, dass menschenleer wirkte und ich Zweifel hatte, ob Eriks Freunde hier sein sollten, vor allem: warum bei seinem Vater? Doch mir wurde der Gedanke umgehend untersagt. Aus der geöffneten Terrassentür strömten drei weitere Gestalten hinein, die sich direkt auf Trymr stürzten. Schützend platzierte ich mich an der Wand, um den spielenden Ungetümen nicht in den Weg zu kommen. Sie rollten als Knäuel um die Treppe herum und ich flüchtete zu meinem Freund, der sich noch im Gespräch befand und lachte. Ich griff nach seinem Arm und schob ihn ein Stück nach vorn, um mich an seinem Rücken vor der Meute zu schützen.
      > Är du rädd?
      „Hast du Angst?“, fragte Vidar und pfiff die Hunde zurück aus dem Haus heraus.
      > Nej, jag har respekt för dem.
      ”Nein, Respekt“, schielte ich zu den Tieren hinüber mit zittriger Stimme.
      > Hälsosam inställning.
      „Gesunde Einstellung“, grinste er breit und klopfte mir auf die Schulter. Erik schob mich wieder nach vorn, aber ich behielt meine Hände an seinem Arm. Noch immer pulsierte das Herz in meiner Brust wie in einem Marathon, auch meine Atmung wollte nicht langsamer und leiser werden, wie ein Fisch auf dem Trocknen schnappte ich nach Luft.
      „Kann ich dir behilflich sein?“, fragte er schließlich, aber ich schüttelte nur den Kopf und löste mich von seinem Arm. Gemeinsam liefen wir in die Richtung, in der die Hunde verschwanden. Vor mir eröffnete sich eine große Gruppe von Menschen, die gespannt uns anblickte und nacheinander standen Personen auf, wovon mir nur zwei Gesichter äußerst bekannt vorkamen. Doch bevor ich schalten konnte, drang die Traube an Menschen zu vor. Jeder von ihnen begrüßte mich äußerst freundlich, umarmten mich und nannten ihre Namen. Aber in meinem Kopf drängte sich nur eine Frage in den Vordergrund: Wie sollte ich mir so viele Namen merken? Mein Körper handelte nur, legte immer wieder die Arme um fremde Personen und meine Augen starrten gefühlt in die kalte Leere. Auf meinen Lippen dominierte ein Grinsen, doch viel mehr aus der Überforderung heraus anstelle der Freude, dass ich so herzlich empfangen wurde. Die Menge war bunt durchmischt, was ich erst als eine reine Männerrunde empfand, wandelte sich zu einigen Pärchen und auch offensichtlich alleinstehenden Frauen. Insgesamt müssten um die fünfundzwanzig Leute auf der großen gepflasterten und überdachten Terrasse sein, die schon alkoholisch besudelt waren. Das Getümmel löste sich auf und Erik saß mittlerweile zwischen zwei Typen, mit denen er bereits ein ziemlich intensives Gespräch führte und ich stand wie angewurzelt da. Überfordert bewegte ich nur meine Augen, suchte nach einem anderen Ort zum Verweilen, bis eine sanfte Stimme neben ertönte: „Du kannst dich mit zu mir setzen.“ Die junge Dame, nur etwas größer als ich, zeigte auf eine Bank, an der noch zwei weitere Leute saßen und freundlich winkten. Ich folgte ihr und setzte mich dazu. Von allein drei hatte ich Namen bereits vergessen und überhaupt, erinnerte ich mich an keinen einzigen.
      „Zugegeben“, zögerte ich kurz und beobachtete, wie der einzige Mann am Tisch nervös mit seinem Finger über den Rand eines Weinglases fuhr, „ich habe eure Namen schon wieder vergessen.“
      „Ich bin Majvi und das sind Zwen und Rika“, stellte sie alle vor. Umgehend reichte man mir einen warmen Met, denn das Wasser hielten sie nicht für aussagekräftig, um den heutigen Anlass zu feiern. Ich nickte bloß. Mich zu outen, dass ich überhaupt keinen Schimmer davon hatte, was der Plan des Abends war, ließ meine Knie zittern unter dem Tisch. Zu den Gesprächen über den letzten Urlaub konnte ich nur wenig beitragen. Höflich hörte ich den einzelnen Worten zu und gab eine Antwort, wenn man mich nach etwas fragte, sonst schwieg ich. Im Laufe des Abends legte sich Trymr zwischen meine Beine auf den kalten Fußboden. Wenn jemand an der Bank vorbeilief, wedelte sein Schwanz langsam. Der Wind zog an meinen Beinen vorbei und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ziemlich fehl am Platz war. Es hatte nichts mit den Leuten zu tun, schließlich waren sie sympathisch und versuchten mich zu integrieren, sondern daran, dass sich Erik nicht zu mir setzte. Ich schielte zwischendrin zu ihm hinüber, doch sein Blick war seinen Freunden gewidmet, die ihm äußerst interessante Dinge erzählen mussten.
      „Du kannst auch rübergehen“, Majvi hatte meine ständigen Kopfbewegungen gemerkt und klang zuversichtlich.
      „Nein, schon gut. Er hat zu tun“, murmelte ich unsicher.
      „Ach, jetzt stell dich nicht so an. Du tust fast so, als würdet ihr einander nicht kennen“, lachte Rika. Willkürlich zuckte ich mit den Schultern und mein Kopf senkte sich leicht nach unten.
      „Er redet nur über dich, also komm“, beschloss Majvi und stand auf. Dabei zog sie mich mit nach oben, um den Weg zur Sitzgelegenheit auf der anderen Seite anzusteuern. Besorgt folgte ich, belastete mich unnötigen Gedanken. Ihre schulterlangen, rötlichen Haare bewegten sich im ruhigen Wind, der auf der Terrasse wehte. Kaum aufzuhalten tippte sie ihm auf der Schulter an. Er zuckte kurz, aber freute sich umgehend.
      „Na ihr beiden, was ist los?“, fragte Erik überrascht und sah zu uns hoch von seiner niedrigeren Position auf der Couch. Auch seine beiden Freunde sahen uns an, während ich vor Scham im Boden versickern wollte. Was würde ich dafür geben, dass sich unter meinen Füßen ein Riss bildete und direkt ins Innere der Erde brachte, zu den Dinosauriern. Natürlich wusste ich, dass wohl kaum die Steinplatten sich spalten und das Auswirkungen auf ernstlichen Erdschichten hätte. Aber Dinos wären schon cool.
      „Deine Freundin hat dich vermisst, also hier“, schob mich Majvi plötzlich am Arm zur Seite, wodurch ich ins Straucheln geriet und auf seinem Schoß landete. Umgehend breitete sich neben der Wärme in meinen Wangen auch ein Kribbeln im Magen aus, dass nur durch seine Berührung ausgelöst wurde. Fest drückte er mich an sich und gab mir einen flüchtigen Kuss auf meine Haare. Die neue Bekanntschaft meinerseits, setzte sich gegenüber auf das Sitzpolster und wurde direkt in ein Gespräch eingewickelt.
      „Warum bist du dann nicht allein hergekommen?“, flüsterte Erik mir ins Ohr und strich die Strähnen zur anderen Seite. Ihm zu erklären, dass ich eine undefinierte Angst dabei verspürte und es mir auf eine gewisse Weise peinlich war, blieb mir erspart. Seine kalten Lippen trafen auf meinen Hals und den Mund, den zuvor öffnete, um ihn zu antworten, drückte ich fest zusammen und schloss die Augen. Fest biss ich mir auf die Zunge, um die schlagartige Wollust zu zügeln. Glücklicherweise beließ er es bei einem langen Kuss und ich lehnte mich an seiner Schulter an.
      „Es freut mich, dass du wieder jemanden hast“, sagte sein Kumpel, neben den sich Majvi gesetzt hatte. Ich ersparte mir meinen Kommentar, dass wir nicht darüber sprachen, ob mein plötzlicher Stimmungsabfall wirklich eine Trennung bedeutet, oder ob es sich dabei um eine gesetzliche Reklamation handelte, die jeder innerhalb der ersten vierzehn Tage machen konnte. Viele Fragen standen im Raum, aber sie anzusprechen, fiel mir bedeutend schwerer, als so zu tun, ob nie etwas vorgefallen war. Also grinste ich nur und griff nach seiner Hand, die er auf meinem Oberschenkel abgelegt hatte. Er drehte sie auf den Handrücken, sodass meine Finger in seine Zwischenräume rutschten und wir einander fest umklammerten. Das Kribbeln intensivierte sich.
      „Ich auch“, sagte Erik überzeugt. Mit seiner anderen Hand schob er meinen Kopf zu sich, um mir nun einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund zu geben. Umgehend wechselte ich meine Position und saß breitbeinig auf seinem Schoß, mit den Rücken den anderen zugewendet. Vor mir sah ich nur noch ihn, wie er mich angrinste, bevor ich meine Lippen auf seine drückte. An den Beinen fuhren seine Hände langsam entlang und griffen energisch an meinen Po. Ich genoss es mit ihm zu sein, bereute nicht, dass Majvi mich hier hergezerrt hatte. Hinter mir vernahm ich zunehmend Getuschel.
      > Du borde få ett rum.
      ”Sie sollten sich ein Zimmer nehmen“, drang eine tiefe männliche Stimme in den Vordergrund, worauf Erik direkt seine Lippen löste. Ein kurzer Blick erhaschte ich auf seine geröteten Wangen, bevor ich mich neben ihn platzierte. Viele Augen starrten in unsere Richtung, als wären wir die einzigen. Dann drehten sie sich wieder weg und setzten die Gespräche vor. Auch ich wurde zunehmend offener an seiner Seite, obwohl es nicht leicht war von seinen Augen loszukommen. Nicht nur heute benahm er sich ungewöhnlich, bereits gestern verspürte ich Dinge von ihm, die zuvor keine Intensität hatten oder bei ihm etwas auslöste. So versuchte ich aus seinem Verhalten schlau zu werden und weiterhin Teil des Gesprächs über Tattoos zu bleiben. Torulf, ein kräftiger bärtiger Typ, der neben Majvi saß, präsentierte mir stolz die Kunst unter seiner Haut. Neben typischen Wikinger Tattoos, darunter verstand ich diverse Darstellungen von Göttern und Runen in Kombinationen mit Mustern, zeigte er mir das Abbild seiner Katze. Dieses Tier hatte nur ein Ohr und sah danach aus, als hätte es schon seine beste Zeit hinter sich gelassen. Fröhlich erzählte er geschickten über seinen Kater, Carl, wie er eine Taube fing oder eines Tages eine trächtige Katze im Schlepptau hatte, somit aus einem Kater vier wurden. Die anderen erzählten ebenfalls Geschichten von ihren Haustieren, für mich ein klarer Grund zu schweigen. Es lag nicht daran, dass Trymr in der reinen Theorie mein Erstes war, sondern vielmehr, dass das meiste sehr verantwortungslose Erzählungen darstellte. Und meine Vokabelkenntnisse könnten an dem Tag etwas besser sein. Also lehnte ich mich wieder zurück, tiefer ins Polster, und widmete mich meiner Instagram Startseite, die, neben ziemlich eintönigen gestellten Fotografien meiner ehemaligen Freunde, den neusten Beitrag von Lina präsentierte. Erst scrollte ich weiter, bis mein Finger dann doch interessiert wieder nach unten wischte, um ihren Post zu zeigen. In dem Karussell befanden sich drei, nicht sonderlich schöne, Bilder ihres Hengstes, der in Kanada bereits wie ein Teddybär aussah, wie ein dreckiger Teddybär. Dazu schrieb sie, dass sie ihn in wenigen Tagen endlich in die Arme schließen würde. Natürlich freute ich mich darüber, wenn auch nicht so sehr, dass ich ihr eine lebensbejahende Nachricht schreiben würde. Vordergründig eröffnete sich das Gefühl, dass sie hatte, was ich nicht haben konnte — das Seelenpferd. Nein, stattdessen dümpelte ich auf irgendwelchen Tieren herum, die zwar ihren Reiz mit sich brachten, aber nicht dasselbe vermittelten, was ich bei Glymur verspürte. Ich seufzte und verließ die App, ohne eine Gefällt mir Angabe zu hinterlassen. Eher wechselte ich umgehend zur schwedischen Variante einer Kleinanzeigen-Anwendung und machte mich auf die Suche nach einem Pferd. Einige interessante Tiere fielen mir vor die Augen, aber von der Masse fühlte ich mich erschlagen, denn ich wusste nicht so recht, was ich überhaupt wollte.
      „Und, was machst du da?“, lehnte sich Erik zu mir herüber, worauf ich umgehend das Gerät mit dem Display gegen meinen Oberkörper drückte, um ihn den Blick darauf zu verwehren. Skeptisch erhob er seine Brauen und nahm es mir sanft, aber eindringlich, aus der Hand, um schließlich selbst zu sehen.
      „Pferde also, wer hätte das nur gedacht“, lachte er und gab es mir zurück. Erleichtert atmete ich aus.
      „Ja, schon“, murmelte ich und begann wieder zu scrollen.
      „Bei euch stehen doch genug. Ist da nichts bei?“, erkundigte er sich.
      „Nicht wirklich“, überlegte ich laut, „überwiegend sind das Rennpferde, teure Rennpferde.“
      „So viel weiß ich von Pferden, das, was du auf Turnier geritten bist, war keins“, strich er mir aufmunternd durchs Haar. Ich drückte laut Atem durch meine Nase, offenbar so laut, dass auch die anderen auf unser leises Gespräch aufmerksam wurden und sich Eriks Freund, dessen Namen ich immer noch nicht aufschnappen konnte, zu uns drehte.
      „Nein, aber die kommt morgen jemand anschauen“, sagte ich unmotiviert und wischte weiter auf meinem Bildschirm herum, bis Erik seinen Finger auf den Touchscreen legte und ein Pony auswählte, das ich bewusst nicht anklickte. Es war betitelt mit „besondere Stute sucht ihren Menschen“, das konnte nur bedeuten, dass etwas in ihrem Kopf falsch lief und von solchen Tieren kannte ich genug. Doch Erik war gar nicht zu bremsen und wischte interessiert durch die Bilder. Darauf zu sehen eine helle Pony-Stute, vermutlich nicht größer als hundertvierzig Zentimeter und besonders oft dargestellt mit schrecklichen Zöpfen, die wohl die Kinder gemacht hatten, die ebenfalls zu sehen waren. Viele von denen standen um sie herum, während ihre Ohren gelangweilt zur Seite hingen und die Augen leer wirkten. Doch auch professionelle Bilder von einem Turnier waren dabei, sowohl in der Dressur als auch beim Springen. Bis auf ihre Fellfarbe wirkte nichts besonders an dem Pony. Dann durfte ich endlich weiter scrollen zum Text, der für mich die nächsten Hürden aufwarf. Ich konnte zwar Erfahrungen in Frankreich nachweisen, aber deren Sprache ließ nur Fragezeichen in meinem Kopf aufblicken.
      „Kannst du das lesen?“, fragte ich und drückte ihm meinem Handy in die Hand.
      „Klar“, zuckte er mit den Schultern. Was fragte ich eigentlich? In einer wahnsinnigen Geschwindigkeit huschten seine Augen über den leuchtenden Bildschirm und sein Daumen schob den Text nach oben, bis zum nächsten Atemzug ich mein Handy zurückbekam.
      „Also sie ist dreizehn Jahre alt, im höchsten Dressur Niveau ausgebildet und springt bis ein Meter zwanzig. Sie beschreiben das Pferd mit einer besonderen Geschichte, denn sie wurde mit der Flasche aufgezogen und ist sehr anhänglich. Manchmal fordert Maxou ihren Reiter heraus, aber das schafft jeder zu bändigen. Ansonsten Schmied kein Problem, Tierarzt auch nicht, kennt die Turnieratmosphäre. Aktuell hat sie zwei Reitbeteiligungen, da es für ihre Tochter gekauft wurde, die jetzt kein Interesse mehr hat“, erklärte Erik. Es machte mich direkt stutzig, dass das Pony so günstig angeboten wurde, noch zum Verkauf stand, wenn es so hoch ausgebildet wurde. Mehrmals wischte ich durch die Bilder, um Anzeichen zu finden, was der Haken war, wieso die hübsche Stute so strafte, keinen Besitzer zu finden.
      “Wonach suchst du?”, musterte er mich und seine Stimme klang deutlich euphorischer, als es mir lieb war. Natürlich weckte das Pony mein Interesse, aber zu gleichen Teilen auch die Skepsis, dass es viel zu gut passen würde, als es möglich war. Schließlich saß ich mitten in der Woche, in der Nacht, auf einer Terrasse, umgeben von wildfremden, betrunkenen Menschen, wovon die neben mir gerade über den Geschmack von Ölfarbe diskutierten. Warum machte man sich darüber Gedanken? Tatsächlich erwischte ich mich für einen Augenblick dabei, ob es wohl einen Unterschied zu Ölpastellkreide machen würde. Schnell kam ich wieder zu dem Fakt, dass Erik Maxou unbedingt kennenlernen wollte und ich den Schritt zumindest wagen würde. Einen unverbindlichen Termin machen, tat keinesfalls weh, noch setzte ich mich einer Art von Verpflichtung aus.
      “Kannst du das machen?”, suchte ich den Blickkontakt. Meine Augen trafen umgehend auf seine, denn strahlend saß er neben mir, sah im Wechsel zu mir und zum Handy. Je länger ich das funkelnde Hell betrachte, umso stärker wurde das Gefühl, alles richtigzumachen. Für einen Wimpernschlag schwieg es in mir, als würde auch mein Herz für das My einer Sekunde aussetzen, ehe mich das Glück wie eine Flutwelle traf und eine Kettenreaktion auslöste. Nacheinander kribbelte es überall, ich schluckte, versuchte standhaft zu bleiben, mich nicht der Sehnsucht seiner Nähe und Zärtlichkeit hinzugeben. Seinerseits wirkte es so leicht, als wollte Erik genau diesen plötzlichen Anstieg an Lust jedes Mal aufs Neue auslösen, um mich zu verunsichern, an sich zu binden und zu fesseln. Ob das sein Plan war, oder nur sein Zeichen für Zuneigung, erfuhr ich nicht, wusste jedoch, dass es funktionierte. Meine zittrigen Finger suchten am Rand des Geräts nach dem Sperrknopf, während sich mein Blick nicht löste. Mit jedem Atemzug krampfte mein Unterbauch, stärkte, gab mir keine Verschnaufpause, aber ich konnte ihm diesen Erfolg nicht lassen.
      „Können ja“, antwortete er endlich, „aber möchte ich das?“ Auf seinen Lippen weichte das sanfte Lächeln einem zugespitzten Gesichtsausdruck. Erik hatte sich unter Kontrolle, nutzte seine Position aus, aber gab mir damit die nötige Sicherheit.
      „Wenn du nicht möchtest, dann akzeptiere ich das. Aber bitte. Ich flehe dich an, dass du mir unter die Arme greifst und das regelst“, sprach ich leise und weinerlich, wodurch auch seine Ungeduld anstieg. Eins der Beine wippte und seine Hand klopfte auf dem Oberschenkel, im Wechsel mit einem Wischen der Handflächen über den Stoff seiner Hose.
      „Ach, du flehst mich also an?“, bedrohlich nah kam er mir mit seinem Gesicht und die Worte wurden leiser, aber noch immer verständlich genug. Wie eine Schlange, die ihre Beute an fokussiert, bewegte sich sein Kopf in der Schräglage langsam von links nach rechts, bis nur noch wenige Zentimeter zwischen uns lagen. Ich spürte seinen warmen Atem, der wie ein Waldbrand über meine kalte Hand fegte und mit einem Gefühl von gleißender Hitze auslöste.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 97.196 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
      Dressur E zu A | 31. Dezember 2021
      Moonwalker LDS // HMJ Holy // Einheitssprache // Klinkker LDS // Northumbria // Ready for Life // Schleudergang LDS // Milska // Hallveig från Atomic // Narcissa // Vrindr // Spök von Atomic // Legolas

      Mit einem lauten Klirren fiel nur wenige Meter von uns entfernt das Rolltor aus der Verankerung. Heinz, der nur noch einige Zeit bei uns war zum Beritt, sprang zur Seite und streckte den Kopf zur Linken, um zu prüfen, woher dieses schreckliche Geräusch stammte. Immerhin sorgte es dafür, dass die klirrende Kälte vor dem Stall blieb. Der Hengst hatte sich wieder dem gelben Futternapf gewidmet und dampfte weiter unter dem wärmenden Licht der roten Birnen.
      Zuvor beschritten wir eine erfolgreiche, wenn auch kurze, Reiteinheit mit Tyrell, der gleichzeitig Walker an der Hand schulte, zum Lösen von Verspannungen. Zunehmend kam der helle Hengst ins Gleichgewicht und lernte auch entspannt zu sein, wenn andere Pferde sich in der Halle befanden. Von vornherein war es klar, dass er sich schwer, nicht die Ranghöhe bei der Arbeit zu genießen, die er sich hart mit Frost erkämpfte. Deswegen überlegten wir noch, die Paddocks zu teilen, um allen Pferden die nötige Ruhe gewährleisten zu können. Den Herren neben mir interessierte das alles jedoch überhaupt nicht. Heinz hatte zwar eine gewisse Blütigkeit mütterlicherseits geerbt, aber ihm kam auch die Ruhe seines Vaters zugute, was ihn zu einem treuen und ausgeglichenen Partner machte. Deswegen, und natürlich auch seiner Optik, war es nicht verwunderlich, dass er schnell Anhänger fand und ein schönes Zuhause in Deutschland. Brooke, eine, die mir bisher als Springreiterin bekannt war und an der einen und anderen Stelle als aufsteigender Stern angesehen wird. Zumindest hatte ich das einmal in einem der Onlineartikel gelesen aus meiner ehemaligen Heimat, neben Tratsch und Klatsch aus der Reiterszene.
      „Vriska, machst du dich dann bitte Humbria bereit?“, sagte Tyrell, der Walker zurück auf den Paddock brachte.
      Ich nickte.
      Neugierig blickte mich die dunkle Stute an, als ich mit dem Halfter in der Hand am Tor stand und ihren Namen rief. Tag täglich war Humbria motiviert mit mir zu arbeiten und auch fand meinen Reiz darin, der Stute den Weg zu zeigen in das Leben eines gesunden Reitpferdes.
      Die kleinen Steine knirschten beinah friedlich unter unseren Schritten, während die Idylle von dem Lärm der Maschinen auf der anderen Seite des Gestüts gestört wurde. Sosehr ich auch versuchte mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sich der Hof auf kurz oder lang zu einem der renommiertesten entwickeln würde, sah ich kritisch in die Zukunft. Ich liebte das alles hier, wie es war und es gab keine Notwendigkeit etwas zu verändern, aber meine Stimme hatte kein Gewicht.
      Schwermütig seufzte ich, als ein Fuß, nach dem anderen den Betonboden betrat und ich schließlich die Stute fertig machte. Auch Lina war bereits damit beschäftigt ihre neuste Errungenschaft zu putzen. Das Pferd war ebenfalls komplett rasiert und benötigte dementsprechend nur mäßige Fellpflege. Humbria legte immer wieder die Ohren an, als Redo freundlich sie inspizierte. Einmal quietschte sie sogar auf. Konsequent ignorierte ich ihr Verhalten, das mussten die beiden unter sich klären.
      In der Sattelkammer betrachtete ich nachdenklich die Auswahl an Schabracken und Sätteln. Für gewöhnlich würde ich den Wolken-Sattel von Lubi nehmen, doch aus unerklärlichen Gründen nahm ich das Schulungspad und dazu meine Filzunterlage aus der Schweiz, die bisher wie ein gehüteter Schatz in meinem Schrank hing. Behutsam nahm ich den Schutz von ihr ab und betrachtete das kleine Vermögen. *‘Ich sollte weniger Geld ausgeben für so was’*, überlege ich augenblicklich, aber zuckte mit den Schultern und lief hinaus, nach dem ich noch die Trense vom Haken nahm.
      „Ich gehe schon in die Halle“, nickte Lina mir zu und führte die Rappstute aus der Bucht heraus. Nur kläglich folgte sie, streckte den Hals so lang sie konnte, ehe der erste Schritt nach vorne sich setzte. Dann folgte einer nach dem anderen und nur noch der Hufschlag war von den Beiden zu hören. Urplötzlich verschwand wieder meine Motivation, was vermutlich damit zusammenhing, dass Jonina mit Halli die Gasse betrat, gefolgt von Bruce, der jedoch ohne Pferd unterwegs war. Schnell drehte ich mich wieder zur dunklen Stute, um den Baumwohlgurt zu befestigen.
      „Heute wird es eine große Runde“, lachte Bruce und klopfte mir auf die Schulter.
      Ich nickte, aber schwieg.
      Noch immer konnte ich mir nicht erklären, wie ich so schnell meine Angst gegenüber großen Pferden ablegen konnte. Die Fahrt nach Kanada hatte alles verändert. Fortan setzte ich neue Ziele, versuchte mich wieder zu einer besseren Form meiner Selbst zu entwickeln. Aber was dachte ich andauernd über das nach? Der Tod meiner besten Freundin zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben, nagte an mir und ließ mich nicht los. *Wird es jemals erträglich?*
      Von der Seite stupste mich die dunkle Stute an und versuchte mich wieder in die Realität zu holen. Ihre Augen funkelten fröhlich im warmen Licht der Deckenstrahler. Im sicheren Abstand zu den anderen beiden Damen führte ich Humbria im Schritt durch den tiefen Sand, viel mehr, um mich selbst auf diese Einheit vorzubereiten, als die Stute. Sie war ruhig und sogar deutlich geschmeidiger im Genick als die Tage zu vor.
      „Vriska, jetzt steige endlich auf. Das sinnlose Herumführen bringt dem Pferd nichts“, schnaubte Tyrell aus den Kopfhörern, aber widerwillig zog ich an den Zügel zu der Aufstiegshilfe. Das Schulungspad verfügte nicht über Steigbügel und stellte damit die erste Herausforderung dar, doch mein Trainer kam freundlicherweise dazu und drückte sanft mein Bein nach oben. Einmal schüttelte Humbria mit dem Kopf, aber wartete geduldig, bis ich vernünftig im Leder saß. Vorbereitend prüfte ich meinen Sitz, spürte direkt, dass ich rechts höher saß als links und der Kopf des Pferdes wieder nickte. Langsam setzte ich das Tier in Bewegung, wirklich langsam. Ein Tritt nach dem anderen setzte sie nach vorn, jedoch genau an meiner Hilfe. Mithilfe der Zügel holte ich den Kopf nach oben, um die Geschmeidigkeit im Genick zu behalten und setzte mich tief in den Sattel. Doch als Lina, bereits im Mitteltrab, fiel mir die Stute aus dem Rahmen. Trotzig schnaubte Humbria ab.
      „Sei geduldig mit ihr. Noch vor drei Wochen lief sie auf der Bahn, da kann sie dir auch heute keine Hochleistung im Sand bringen“, korrigierte mich Tyrell. Seine Sprüche waren mir bekannt und die Intention noch viel mehr, aber ein kleiner innerlicher Teufel versuchte mir immer ins Gewissen zu sprechen, dass es bei anderen so viel einfacherer war und ich allein diesen täglichen Kampf hatte.
      „Okay, aber was soll ich tun?“, murmelte ich in das kleine Mikrofon an meiner Brust.
      Seufzten ertönte in meinen Ohren.
      „Hör ihr zu, was sagt sie? Und im Unterschied dazu, was sagst du ihr? Gib ihr die Zeit. Am besten fernab der anderen, viel weiter im Inneren. Erst, wenn ihr auf einer Ebene kommuniziert, könnt ihr die Schiefe ausgleichen. Außerdem muss der Schub weg, aber daran bist du auch gewillt zu Arbeit, wie ich sehe“, holte er weit aus. Wie ein Anfänger fühlte ich mich, als säße ich zum ersten Mal auf dem Rücken eines Pferdes, aber weit davon war ich auch nicht entfernt. Drei Jahre Erfahrung machen mich nicht zu Profi, wenn auch der unter 25 Jahren Kader eine glückliche Fügung darstellte.
      Im Inneren arbeitete ich im Stillen mit Humbria, konnte von jedem Abwenden sie besser ausgleichen, bis sie schließlich geschlossen stehen bleiben konnte und mich in den Kurven nicht mehr nach Außen hob. Die anderen Beiden Reiter erschienen im Kontrast so viel weiter. Lina trabte entspannte mit Redo, galoppierte gezielt aus dem Schritt an und konnte die Rappstute durch wenige Hilfen zurücknehmen. Auch Jonina auf Hallveig konnte sich sehen lassen, wenn auch unvergleichbar. Die braune Isländerstute brachte enormen Schwung an den Tag, was Auswirkung auf die Tragkraft hatte. Im Tölt strampelte sie wie ein Weltmeister und was so wirklich das Ziel der Beiden in der Reithalle war, konnte ich nur erahnen. Als hätte Tyrell meine Gedanken erhört, kommentierte er ihre Reitweise. Bruce saß still daneben. Eine kleine Diskussion entbrannte darüber, was richtig und was falsch sein. Ich schnappte vor Verwunderung nach Luft und konzentrierte mich wieder auf den Chaoten unter mir.
      Behutsam drückte ich beide Haken in die Seite der Stute und die Gerte wedelte gezielt. Aus dem versammelten Schritt heraus, baute sich Humbria auf, bekam einen bombastischen Schwung an Energie und sprang direkt in den Galopp, den man beinah als Schulgalopp bereits ansehen konnte. Es war das erste Mal, dass sie aus sich herauskam und den Brustkorb hob, dass ich dieses Angebot nur annehmen konnte für einige Tritte und dann die Zügelverbindung beendete und lobte. Wie ein hungriges Krokodil drehte sie sich zu mir und öffnete das Maul, um auf das Leckerli zu warten. Natürlich bekam sie aus, angesichts der Tatsache, dass sie unausstehlich wurde, wenn es keins gab. Ja, es war eine schlechte Angewohnheit, woher auch immer diese Stammen sollte, aber wir arbeiteten daran. So gab es keins mehr beim Holen vom Paddock, was mittlerweile verkraftbar war.
      Ein letztes Mal auf der anderen Hand wollte ich die Energie aus ihr herausholen. Bekam sogar den gewünschten Trab, den ich mit einer weiteren treibenden Hilfe ins Arbeitstempo verstärkte und mir auf dem vierten Hufschlag die Zügel aus der Hand kauen ließ. Zur gleiche Zeit waren die anderen Beiden in einer Abteilung unterwegs, trabten auf einer Schlangenlinie mit vier Bögen und galoppierten sogar zusammen auf einem sehr großen Zirkel. Aus dem Augenwinkel betrachtete auch Humbria dies. Voller Freude sprang ich beim nächsten Halt aus dem Pad und lobte die Stute ausgiebig.
      „Gut ihr Beiden, dann kannst du mir auch die Ente fertig machen“, sagte Tyrell zu mir, bevor ich Kopfhörer rausnahm und das Mikrofon stummte. Die Ente war kein anderes Pferd als Schleudergang, eins seiner Nachzuchten. Ich verstand nicht genau, wie er auf die Idee kam, das Barock-Reitpferd neu zu erfinden, aber mein Chef tat es und das beinah radikal. Unsere Ente hatte dichtes Langhaar mit einem mittellangen Hals, die Schulter schräg und reichte markant in den Rücken hinein – rundum, dem Zuchtprogramm entsprechend. Aber was man erst bei einem zweiten, und vor allem genaueren, Blick sah, war, dass dieses Pferd sehr ungeschickt lief. Ente hatte sich nicht unter Kontrolle, wirkte wie ein junges Tier, das vor wenigen Stunden lernte sich zu bewegen. Das machte die Arbeit mit ihr zu einem großen Problem, oder wie mein Chef zu sagen pflegte: Es ist kein Problem, sondern eine Herausforderung. Deswegen war ich froh, den nötigen Abstand zur Stute zu haben.
      Northumbria fraß genüsslich ihre Kraftfuttermahlzeit im Solarium und ich hatte mich mit einem Halfter bewaffnet, um die Ente vom Paddock zu holen. Wie alle anderen stand sie mit dem Po Richtung wird vor dem Unterstand, der Kopf gesenkt und von Motivation eher weniger geprägt. Genauso verlief auch das Holen und fertig machen für’s Training. Mit mir zusammen erreichte auch Bruce die Reithalle, hatte dabei seine große Hoffnung: Spök. Die junge, und ziemlich hübsche, Stute aus Krít lief mit wippenden Ohren neben ihm her, auf dem Rücken einen Longiergurt und in seiner Hand die Doppellonge.
      „Und, wann wirst du dich draufsetzen?“, erkundigte ich mich.
      „Jonina saß gestern das zweite Mal im Sattel und nächste Woche möchte ich mit ihr eine kurze Runde in den Wald in Begleitung“, erzählte Bruce und ging weiter zum Tor.
      Die Ente hatte ich geputzt und gesattelt, bevor Tyrell kam, um sie abzuholen. Dann nahm auch ich Humbria wieder aus dem Solarium heraus. Obwohl das Pferd nahezu trocken war, legte ich ihr wieder die grüne Weidedecke auf den Rücken und stellte sie weg. Direkt lief sie in den Unterstand und begann das Heu zu knabbern. Von der Seite kam Jonina dazu, hatte offenbar Halli weggestellt und nun Milska sowie Cissa in der Hand.
      „Bruce wollte, dass du sie Korrektur reitest“, gab sie mir die gescheckte Stute. Durch den dichten Schopf funkelten ihre Augen, wovon eins blau war und das andere tiefschwarz. An der linken Ohrspitze befand sich ein kleiner Fleck, ansonsten war ihr Kopf hell. Bruce hatte mir schon von der Stute berichtet. Angeschafft für die Reitschule, stellte sie sich als eine Herausforderung dar für junge Leute, da sie zwar geduldig war und sehr zuverlässig den Hilfen folgte, hatte sie Tage, an den nichts lief.
      Aufgeregt pochte mein kleines Herz in der Brust, drohte sich den Weg ins Freie zu suchen. Cissa erfüllte beinah alle meine Anforderung, rein optisch, zu einem Traumpferd. Die Augen waren treu und groß, die Ohren Aufmerksamkeit und die Gelenke kräftig. An den Fesseln hing viel Behang und das Langhaar war dicht. Neugierig stupste sie mich an, beobachtete jeden meiner Schritte im Stall und konnte es scheinbar gar nicht abwarten, sich zu präsentieren. Glücklicherweise hatte ich meinen eigenen Sattel, musste demnach Bruce nicht stören, der mit Spök die Anforderungen einer A-Dressur vom Boden aus erarbeitete. Mit einer Lammfellunterlagen konnte ich kleinere Unebenheiten zwischen Rücken und Sattel ausgleichen und legte darunter die grüne Otter-Schabracke, die natürlich um einiges zu groß war, aber das störte mich nicht. Da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, legte ich ihr noch einfachere schwarze Gummiglocken an die Vorderbeine, ehe wir auch wieder in die Halle gingen.
      Die Brüder konzentrierten sich vollständig auf die Handarbeit mit den beiden Stuten, bemerkten mich nur peripher, auch Lina nickte nur, als ich „Tor frei“, rief. Auf der Mittellinie stellte ich mich auf und gurtete nach. Dabei immer im Augenwinkel die elfjährige Stute, die noch immer sehr genau meine Schritte beobachtete. Zum Kennenlernen nahm ich die Zügel in die rechte Hand auf Höhe des Widerristes und trieb sie mit der Gerte, in der linken Hand, schrittweise los. Unbalanciert taumelte sie nach vorn, wenig davon begeistert, dass ich sie einrahmte. Aber Meter für Meter, die wir hinter uns ließen, kam Cissa in ihren Schwerpunkt. Der Unterschied von einem Gangpferd ihrer Art war unverkennbar. Sie war in der Lage, die Schulter und Vorderhand zu heben, ohne dabei den Rumpf mitzunehmen und sich dabei mehr zu tragen. Jeden Schritt, den sie bei alldem in die richtige Richtung machte, belohnte ich mit einem Leckerli. Zufrieden mit der bisherigen Handarbeit schwang ich mich auf ihren Rücken und trabte auf dem Zirkel an. Mir fehlte der Vergleich, aber bequem trabte ich leicht, fühlte mich ungewöhnlich auf ihr. Für mein eigenes Vergnügen töltete ich auch einige Male die Bahnfiguren einer Anfänger Dressur in Verbindung mit vorbereitenden Seitengängen. Im Tölt fiel es ihr leichter sich in der Schulter zu wegen und mobil zu sein, während die Kruppe sehr steif an seiner Stelle blieb. Wenige Schritte kamen, wenn ich gezielt das Gewicht nach innen verlagerte, dabei die Stellung des Genicks am Zügel hielt und außen schob. Ja, seitwärts Bewegungen waren in einer so frühen Phase des Tanzes im Sand außergewöhnlich, aber durch Tyrell hatte ich es zu schätzen gelernt Pferden von Anfang an das Tragen zu vermitteln. Besonders für ein Gangpferd war es wichtig Tragkraft zu bekommen, denn Schwung und Schubkraft waren von Natur aus zu genüge da. Wie auch schon mit Humbria hörte ich auf, als es am besten lief. Ohne sie wirklich abzureiten, sprang ich ab und führte sie heraus.
      „Hufe noch“, erinnerte mich mein Bruder, der diese Sparmaßnahme auf Biegen und Brechen durchbringen wollte.
      „Das ist so unnötig“, rollte ich mit den Augen und griff nach dem Hufkratzer neben dem Tor. Zugegeben, Cissa hatte wirklich viel Sand zwischen dem Grip und zufrieden setzte er seinen Weg fort.
      „Wo willst du eigentlich, schon wieder hin?“, rief ich noch nach, aber bekam bis auf ein freches Grinsen, keine Antwort.
      Cissa hatte sich eine Portion Kraftfutter verdient und ich mir eine Pause. In der Futterkammer mischte ich die alle Zutaten laut ihres Speiseplans zusammen und mir reichte ein Apfel. Da auch sie vollkommen verschwitzt nicht auf das Paddock zurückkonnte, durfte sie eine Einheit im Rotlicht genießen. Da Lina und Tyrell noch eine Einzelstunde hatten, setzte ich mich an den Rand.
      Der Hengst hatte einen wunderschönen Zopf entlang des Mähnenkamms bekommen und sie selbst trug ihr Haar auch wie eh und je geflochten. Im Gleichklang wippten die Zöpfe im Takt des Schrittes. Rambi, oder Einheitssprache, wie er auf dem Papier hieß, machte sich seines Geschlechtes alle Ehre. Den Rumpf groß aufgebäumt trug er sich auf der Hinterhand, dabei den Schweif leicht aufgestellt und immer wieder drückte er sich von der Gebrauchshaltung weg. Dabei brummte er schrittweise, oder wieherte. Von draußen kamen mehrere Antworten der anderen Männer und auch die eine oder andere Stute beteiligte sich an dem innigen Gespräch.
      „Ihr solltet miteinander arbeiten, nicht gegeneinander“, hörte ich Tyrell sagen, bevor Lina den Hengst mit großem Kraftaufwand anhielt. Er schüttelte den Kopf und mit der Kruppe stieß er gegen die Bande, untermalt von einem leisen Brummen.
      „Und wie?“, fragte Lina. Dann begann eine ausführliche Erklärung über die Hengsterziehung und was alles dazu gehörte mit einem neuen Pferd ein Team zu werden. Gespannt hörte meine Kollegin, und auch Freundin, zu, aber mich nervte das Geschwafel. Das Glück war auf meiner Seite, so piepte das Rotlicht zweimal und Cissa hatte aufgefressen. Mit dem Handtuch neben der Bucht, wischte ich zur Kontrolle durch Fell, trocken.
      „Kann ich in den nächsten Tagen noch einmal mit ihr arbeiten?“, hoffte ich mit einem Ja beantwortet zu bekommen von Bruce, dem ich am anderen Stall begegnete, um Cissa zurück auf ihren Paddock zu stellen. Er blieb stehend und musterte uns beide. Aufgeregt fummelte meine Hand an dem kleinen Gummi, der als Etikett am Bund meiner Jacke hing. Natürlich konnte trotz aller Anspannung, das Grinsen auf meinen Lippen nicht verbergen. Die Mundwinkel zuckten vergnügt.
      „Natürlich“, lachte er mit seiner Hand auf meiner Schulter. Ein altes, aber wohlbekanntes Gefühl breitete sich durch meinen Blutkreislauf aus – Familie. *Seid ihr das?*

      Aus Schulungszwecken hatten Lina und ich zusammen mit Holy am Kappzaum gearbeitet. Die junge und trächtige Stute kannte die Grundlagen der Légèreté, umso angenehmer war es, dass sie etwas in Bewegung kam. Mit ihrem Kugelbauch konnte man kaum denken, dass erst in vier Monaten das Fohlen kommen sollte. Jeder ihrer Schritte wirkte wie eine Herausforderung, aber die Arbeit half der Stute an der Tragkraft zu arbeiten. Schließlich wollte auch das Baby getragen werden.
      „Du musst die Hilfen korrekt am Bauch setzen, da wo auch dein Schenkel liegen würde“, zeigte ich Lina noch einmal mit so viel Geduld und Freundlichkeit, wie ich aufbringen konnte. Ja, nicht jeder konnte sofort Profi sein, denn ich war es auch nicht, aber Hilflosigkeit irritiert mich.
      „Okay“, lächelte sie. Erneut legte Lina ihre Hand an das Gebiss, um das Genick der Stute in eine leichte Stellung zu nehmen und mit der Gerte am Bauch bewegte sich Holy schrittweise nach innen.
      „Kann ich euch allein lassen, oder brauchst du noch meine Hilfe?“, erkundigte ich mich einige Minuten später, als Lina mit Holy an der Haltung arbeitete.
      „Nein, alles gut“, winkte sie, aber rief mir noch nach, „Was hast du jetzt noch vor? Mit Humbi Ausreiten?“
      Lachend hielt ich an.
      „Eigentlich wollte ich mit Bruce raus, da er mit Spök nicht allein den Wald beschreiten möchte“, grinste ich fröhlich und hüpfte hinaus.
      Aus der klirrenden Kälte, deren Wind unsanft durchs Land zog, wurde zwar kein Hochsommer, aber es war trockener. Die Luft stand, erzeugte eine angenehme Frische, sodass ich in meinem Outdoor Pullover wieder in den Wald konnte. An dem dunklen Stoff der Ärmel klebten überall Pferdehaare. Ich hatte aufgegeben jeden Tag sie zu entfernen, aber warum auch? Ungewöhnlicherweise gefiel mir, die kleinen Fellmonsterreste an mir zu tragen.
      Wie ein alter Hase lief Spök neben Vrindr durch den Wald, den manch ein Pferd als den gruseligsten Teil des Gestüts empfand. Von allen Richtungen ertönte lautes knacken des Unterholz und meine sogar einen Hirsch gehört zu haben, als wir auf die Trainingsbahn abbogen. Die gescheckte Stute sah sich mit angewinkelten Ohren in der Gegend um, schien nach bekannten Orten zu suchen oder einem Gespenst, das es natürlich nicht gab. Bruce scherzte derweil.
      „Kannst dir vorstellen Cissa in deine Obhut zu nehmen bis zum nächsten Jahr?“, fragte er nach einem Stück, das wir getrabt waren.
      „Vorstellen ja, aber ich denke, meine Zeit gibt das nur schlecht her“, antwortete ich entrüstet. Tyrell schob mir im Arbeitsplan immer mehr Pferde zu und auf meinem eigenen Pony hatte ich bis heute nicht gesessen, obwohl es bei ihr mehr die Angst war, etwas falsch zu machen, als meine Zeit. Gleichzeitig benötigte Lubi sehr viel Bewegung. Morgens begann es mit einer halben Stunde Führanlage und abends stand sie häufig noch im Aquatrainer, dazwischen arbeiteten wir an der Hand oder hatten eine lange Einheit auf dem Platz. Die Stute war wissbegierig und nur schwer müde zu bekommen, kein Wunder, wenn sie in Kalmar täglich drei Stunden Training hatte vor meiner Zeit. Die Besitzer legten viel Wert darauf, dass sich der Trainingsstand ihrer Stute verbessert und dabei sollte auch die Ausdauer auf dem gewünschten Stand befinden. Außerdem hatte ich auch meinen Freund, der sich nach gemeinsamer Zeit sehnte, die ich aktuell in den Hintergrund schob und dabei selbst auch den Boden unter den Füßen verlor. Wenn es so weitergehen würde, könnte ich wieder im Teufelskreis landen oder bei Niklas.
      „Es würde schon reichen, wenn du mit ihr zwei bis drei Mal auf dem Platz arbeitest. Sie ist sehr motiviert in ihren Gängen in der Dressur und bei euch hatte ich das Gefühl, dass es passt. Also würden wir uns beide darüber freuen“, baute Bruce mich auf. Den restlichen Weg durch den Weg dachte ich darüber nach, konnte aber keine Entscheidung treffen, bevor ich mit einer außenstehenden Person die Situation besprochen hatte. Damit sei es nicht getan, auch meinen Zeitplan sollte ich dafür noch einmal genau studieren, doch zuvor sollte die Vrindr versorgt werden.
      Bei der Rückkehr in den großen Stall, durchquerte ich den Weg an den Stutenpaddocks, auf dem Holy wieder am Heu zupfte mit Girlie zusammen. Auf dem Sand daneben folgte mir der Blick von Humbria, die bereits am Morgen eine kurze, aber intensive Einheit auf dem Reitplatz genoss. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen bei dem Gedanken, dass die Stute so große Lernerfolge zeigt. Ja, es gab Rückfälle, die sich als impulsive Ausfälle zeigten. Sie sprang hektisch durch den Sand, ignorierte ihren Reiter komplett und Tyrells Meinung zur Folge half dabei nur Absteigen und das ruhige Vermitteln der Lektion vom Boden. Dem kam ich nach und tatsächlich beruhigte sich das Rennpferd dabei.
      „Nachbesprechung ist essenziell“, erinnerte Tyrell, als wir uns im Büro versammelten. Lina und ich hingen zusammen auf einem Sessel, während Jonina allein auf dem daneben saß und mich mit ihren durchdringenden Blicken löcherte. Unauffällig versuchte ich die junge Dame zu analysieren, verstand aber nicht, welches Problem sie mit mir hatte. *Egal?*
      „Nun gut, da keiner von euch Einwände hat, fahre ich fort. Northumbria entwickelt sich großartig, so gut, dass sie sich eine Woche Pause verdient hat. Lockere Ausritte würden ihr guttun, aber keine intensiven Versammlung, lieber durchparieren in den Halt, um anschließend einige gezielte Tritte rückwärtszusetzen. Demzufolge wirst du in den Einheiten Walker bekommen. Lina, deine Stute ist großartig, aber wir sollten an einem anderen Punkt mit ihr weiterarbeiten. Die Anfänger Einheiten sind zu leicht, wodurch sie auf blöde Ideen kommt, umso wichtiger ist die Zeit mit deinem Hengst. Außerdem solltest du ihm Glocken anlegen, am besten sogar auf dem Paddock. Auch du Jonina kannst mit den Isländern gut an das Niveau der Anderen ansetzen, aber ich schätze, du schaffst das auch mit meinem Bruder. Zum Abschluss möchte ich euch noch sagen, dass wir morgen der theoretische Kurs beginnt und dabei gern dich und Rambi zum Vorzeigen hätte. Und, dein Freund kommt noch?“, erkundigte sich Tyrell, worauf Lina nickte, „sehr gut, dann sehen wir uns alle morgen um zehn Uhr in Raum 102.“
      Den freie Nachmittag nutze ich tatsächlich für ein Training mit Cissa auf dem kleinen Reitplatz, denn auf dem großen herrschte reger Wechsel der Einsteller und sogar Zickerei, wovon ich bestmöglichen Abstanden nahm. Neugierig beobachtete sie abermals jeden meiner Schritte, ein Zupfen an der Jacke hier und warmer Atem in meinem Gesicht da. Dennoch trat sie unruhig von einem Huf auf den anderen, dabei klimperten die Eisen einige Male, was mich an Tyrells Worte an Lina erinnerte. Auch Cissa sollte wohl besser Glocken zum Schutz tragen. Demnach holte ich alles Nötige aus der Sattelkammer, vergaß wie sooft den Helm, und befestigte das Zubehör korrekt.
      Für die heutige Einheit entschied ich besonders viel Wert auf Ruhe zu legen, die sie von vornherein an dem Tag nicht hatte. Es fiel ihr schwer den Schwerpunkt in der Mitte zu finden, setzte mich immer wieder nach außen, obwohl ich in den Kurven deutlich innen sitzen müsste. Im Stand nahm ich den Bügeltritt zur Hilfe, um das Gewicht gezielt zu verlagern und setzte die Einheit fort. Ihre Balance nahm zu, so legte ich mit sanften Impulsen an Geschwindigkeit zu und wiederholte die wichtigen Figuren der Anfänger Dressur. Kaum zu glauben, aber in meinem Kopf eröffnete sich, wieso auch das so wichtig war zu üben. Durch eine klare Linienführung spürte ich bei jedem Schritt, ob die Hufe ordnungsgemäß fußten, welche Defizite das Pferd unter dem Sattel vorwies und ihr leichter fiel. Cissa war rechts hohl. Besondere Auswirkungen hatte diese schiefe auf ihre Schulter. In den wenigen Metern Tölt, die sie in den Ecken im Trab zwischendurch machte, blieb das eine Bein deutlich länger am Boden und hielt sich tiefer in der Luft. Häufige Handwechsel und auch Kehrwendungen auf der Vorderhand ermöglichten es mir, die Körperteile akkurat zu mobilisieren. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, deswegen schwang ich mich nach weiteren Runden im Trab aus dem Sattel und lobte die Stute ausgiebig.
      Am Horizont verabschiedete sich die Sonne langsam, ein Zeichen, dass ich die letzte Reiteinheit des Tages in die Halle verlagern sollte. Erneut war ich mit Lina verabredet, die mit Redo noch an der Longe arbeitete und mit mir zusammen die Hengste plante zu bewegen. Klinkker hatte vor der Abreise noch ein Training und bei meiner Kollegin entwickelte sich so etwas wie Ehrgeiz, um morgen mit Rambi morgen zu glänzen. Sie sprach nicht offen darüber, aber ich sah dieses Leuchten in ihren Augen, das sich ausbreitete, wenn ich Fragen zu dem hübschen Hengst stellte.
      In der Sattelkammer durchsuchte Lina hektisch ihren Schrank, der sich mittlerweile zu einem kleinen Paradies aus Schabracken verwandelt hatte. Gut, bei mir wurden es, gefühlt, ebenfalls immer mehr. Einige der Stücke hatten sogar noch das Etikett daran. Noch bevor ich meine abschließende Wahl traf, griff ich nach meinem Handy. Der Sperrbildschirm war überseht von Benachrichtigungen, wovon die meisten uninteressant waren, doch eine Nachricht, weckte direkt mein Interesse – *Avledning*. Prüfend schwebten meine Augen von links nach rechts. Alle wussten davon, aber ich wollte besonders das Treffen in weniger als einem Monat weiterhin geheim halten.
      „Wenn es sich glücklich macht, nutze die Chance. Ich sehe keine Nachteile darin“, las ich in seiner Nachricht. Zuvor berichtete ich von Cissa, natürlich nur indirekt. Das Thema Pferd und Reiten waren für viele zu kompliziert, besonders emotional gesehen, dass ich ihm dies ersparte.
      „Okay, dann werde ich es versuchen“, schwebten meine Finger über die dunkle Tastatur.
      „Nein, du versuchst es nicht. Du machst das“, antwortete er umgehend und verlor mich selbst in der Konversation.
      Offenbar hatte ich es mir unbewusst auf den Polstern inmitten des Raumes bequem gemacht, denn Lina stand vor und tippte mich auf den Beinen an. Eingeschüchtert fuhr ich hoch, was dem Schrecken geschuldet war.
      „Eigentlich will ich dich ungern stören, aber die Pferde warten auf uns“, lächelte sie.
      Ich rollte mit den Augen. *War es ihre übertriebene Freundlichkeit oder die reine Tatsache, dass ich mein Handy weglegen sollte, die mich nervte?*
      Rambi sah einmalig aus. Lina hatte wirklich Talent dafür, das Outfit ihres Pferdes, auch wenn nicht wirklich ihr gehörte, abzustimmen. In der geflochtenen Mähne trug der Hengst ein violettes Band, die Schabracke ebenfalls in dieser Farbe und aus der Wühlkiste mit Glocken hatte sie tatsächlich auch welche gefunden, die dazu passten. Außer acht sollte man auch die Trense nicht lassen, die nach ihren Farbwünschen gemacht hatte. Das Kletterseil in dem beerigen Violett fand ich noch in meiner Sammlung aus alten Schnüren und bis auf den letzten Zentimeter hatte ausgereicht, um ihr ein schönes Zaum zu gestalten. Ich hingegen hatte eine beliebige Schabracke gewählt in Grün und sehr unpassend dazu trug Klinkker dunkelblaue Bandagen mit Wolle als Unterlage, worauf ich im Internet stieß.
      „Wenn du mich brauchst, musst du mich über das Headset kontaktieren“, sagte ich zu Lina und stellte bei den Geräten die korrekte Frequenz ein. Zustimmend nickte sie und schwang sich in den Sattel. Einige Meter entfernt reihte ich mich auf der Mittellinie auf, gurtete nach und setzte mich ebenfalls auf den Rücken des Tieres. Interessiert drehte er den Kopf zu mir, musterte genau meine Bewegungen. Gezielt setzte ich mich ins Leder. Das letzte Pferd eines Tages war immer eine Herausforderung für meine Konzentration, umso mehr hatte ich das große Ganze im Kopf.
      Klinkker brachte sich gut in die Arbeit ein. Bereits nach einigen Runden im verkleinerten Viereck balancierte sich der Hengst und brachte eine hohe Konzentration an Tragkraft auf. Daraus entschied ich mehr am Schwung anzusetzen, die Schubkraft herauszuarbeiten. Ein Ansatz dafür stellten Schritt-Galopp-Übergänge und Rückwärtsrichten.

      Erst im Nachgang erfuhr ich, wie Lina mit ihrem Hengst zu kämpfen hatte. Abermals präsentierte Rambi sich mit den schlimmsten Hengstmanieren, die ein Pferd an den Tag bringen konnte. Sie schaffte es jedoch einige Bahnfiguren mit ihm zu erarbeiten und näher an die Ansprüche der Anfänger Dressur zu rücken.
      „Was denn das für ein Kaffeeklatsch?“, lachte Niklas, der mit Smoothie an der Tribüne vorbeikam. Böse schielte ich zu ihm.
      „Weiterbildung, eine Aktivität zum Vertiefen, Erweitern oder Aktualisieren von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen“, gluckste ich. Lina stieß mir im selben Moment mit zwei Fingern in die Seite. Aua, formte ich auf meinen Lippen. Sie grinste.
      „Endlich, du kannst schließlich nicht immer das dumme Blondchen bleiben“, gab er noch hochnäsig zu verstehen und setzte sich wieder mit der Schimmelstute in Bewegung. Im Herzen brannte die Sehnsucht, wenn auch hintergründig, aber sie war da. Seufzend drehte ich mich weg, als sie aus dem Sichtfeld verschwanden.
      Tyrell hatte Samu gebeten sich auf Lego zu setzen und seine normale Dressurarbeit zu zeigen. Neben der kleinen Gruppe vom Hof saßen auch noch andere Außenstehende. Von verschiedenen Höfen kamen sie her, versuchten besser zu verstehen, was es mit der Ecolé de Légèreté auf sich hat. Einige bekannte Gesichter gab es natürlich, die regelmäßig bei Tyrell Unterricht nahmen. Anhand des Rappen zeigte er auf, welche Probleme das Pferd hatte, inwieweit eine Lektion bereits zu früh angefangen wurde und es nicht am Reiter liegt. Dann begann ein tiefsinniger Monolog über den Druck der Gesellschaft und der heutigen Turnierkultur. Wichtig war ihm der Punkt, dass er kein grundlegendes Problem mit der Turnierlandschaft hatte, sondern wie gerichtet wurde und die Rücksichtslos die Tiere ausgebildet wurden. Mit einigen Tipps konnte Legolas sich mehr Fallen lassen und Samu die Hilfen gezielter einsetzen, um dem Hengst klar und deutlich zu vermitteln, was er von ihm wollte.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 31.853 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel tolv | 31. Januar 2022

      Forbidden Fruit LDS // Lubumbashi // Ready for Life // Sturmglokke LDS // Klinkker LDS // Girlie // Maxou
      HMJ Divine // Keks // Legolas


      VRISKA
      Wie hatte ich das noch vor wenigen Jahren geschafft so spät ins Bett zu kommen und dennoch pünktlich aufzustehen, ohne müde zu sein? Der mittlerweile vierte Wecker drängelte mich aus der warmen Decke und stellte mir ernsthaft die Frage, ob arbeiten und leben an einem Ort wirklich die richtige Entscheidung war. Neben mir hatte es sich das Monster bequem gemacht, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, als er mir in die Augen blickte. Nur mit Mühe konnte ich sie offenhalten und strich verschlafen dem Tier über den Kopf. Aus dem Wohnzimmer ertönte mechanisches Tippen in einem gleichmäßigen Rhythmus.
      “Gehst du jetzt unter die Autoren?”, rief ich heiser und schmunzelte in mich hinein. Die Geräusche verstummten. Es folgte ein kratziges Schieben über den Holzfußboden, ehe das Knarren ertönte und sich Schritte nährten.
      “Nein”, lachte er und nahm Platz auf der Bettkante, “vielleicht so ähnlich.”
      Interessiert zog ich eine Braue nach oben, krabbelte über die Decke hinweg zu ihm. Noch bevor eine Antwort kam, legte er eine Hand an meinem Kopf, strich sanft mit dem Daumen über meine Wange. Seine Lippen umzuckte ein Lächeln fröhlicher Zuversicht, als wolle Erik mir mitteilen, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Innerlich strafte mich jedoch ein Gefühl der Zerrissenheit, und dem Wissen einander nur etwas vorzumachen. Er versteckte seine Angst, Kummer und Scheu hinter einer Fassade aus Selbstbewusstsein, konnte sich nicht eingestehen, die echten Gefühlen zu zeigen oder sich dem hinzugeben. So auch ich. Für mich gab es nur Kampf oder Flucht, obwohl mir der Rausch in seiner Nähe oft den Kopf vernebelte und ich alles gab, meine Unsicherheit zu überspielen. Ich schloss meine Augen, hoffend darauf mehr von ihm zu spüren. Aber in den Genuss kam ich nicht sofort. Trymr sprang zwischen uns, warf mich um und ich begann zu lachen. Das Fellknäuel ließ sich auf meinem Schoß fallen, als wäre das Tier nur wenige Zentimeter größer als eine Handtasche.
      “Ach Trymr”, stöhnte ich vergnügt und drückte seinen Hintern mehrfach zur Seite. Immer wieder kam er zurück, wedelte mit dem Schwanz und quietschte.
      > Gå ner!
      „Geh runter”, tadelte Erik und blickte ernst zu seinem Hund, der die Pupillen nach oben schob. Das Weiß kam hervor.
      “Er hätte auch hierbleiben können”, richtete ich mich wieder auf, strich die wenigen Hundehaare von meinem dunklen Oberteil.
      „Absammeln hilft bei den dünnen Haaren nicht“, erklärte er mir.
      Zur gleichen Zeit klopfte es zweimal laut an der Haustür. Direkt bekundete Trymr sein Leid, bellte und jaulte auf, als hätte er Angst, aber wolle gleichzeitig uns vor dem Geräusch schützen. Kurz drehte ich mich zur Seite, beschloss dann, mich weiter um die Morgentoilette zu kümmern.
      „Ich komme“, rief Erik, dann folgten Schritte. Wirr um den Kopf reckte ich diesen durch die Badezimmertür in den Flur.
      „Reicht dafür ein Klopfen?“, lachte ich. Mit einem Mal stand er vor mir, als hätte Erik sich zu mir gezaubert. In der Hand hielt er sein Hemd, legte es wie einen Schal um meinen Hals und drückte mich an sich heran. Erneut setzte das Kribbeln ein und in seinen blau-grauen Augen funkelte es wollüstig.
      “Wenn du es mir verwehrst?”, schmunzelte er.
      Ich schluckte und antwortete mit kratziger Kehle: “Du machst es mir nicht leicht.”
      “So der Plan.”
      Dann ertönte das Klopfen erneut, aber energischer und klang dringlich. Trymr bellte laut auf.
      “Ich geh’ dann mal nachsehen”, ließ Erik von mir ab, streifte sich das Hemd über und knöpfte es beim Laufen zu. Ich machte mir erneut die Haare. Der Spiegel vor mir sprach Bände. Mein Gesicht war übersät von kleinen geplatzten Adern unter meiner Haut, in Augen ebenfalls. Dazu traten die beiden Löcher an einem Mund hervor, wo sich mal die Lippenpiercings befanden. Schnell griff ich nach meiner Schminke und sorgte dafür, dass ich gesellschaftstauglich wirkte, auch wenn ich nur auf einem Pferdehof meine Zeit verbrachte.
      “Vivi, ist für dich”, wurde ich gerufen und sprang fröhlich aus dem Bad. Er trat zur Seite. Lina stand in der Kälte und grinste. Obwohl ich vor nicht mehr als einer Minute die Röte meiner Wangen verdeckte, spürte ich, dass sie wie Weihnachtsbeleuchtung wieder strahlte. Für gewöhnlich war mir nur sehr wenig unangenehm, doch dass Erik halb nackt die Tür öffnete, verunsicherte mich mehr als ich wollte. Die reflektierte und erwachsene Seite vertraute darauf, dass Lina ein Engel an Sanftmut war, weder kokett noch mit lüsterner Blicke auf ihn bedacht. Allerdings beruhte meine Erfahrung darauf, dass stille Wasser tief sind und ich ihn nicht teilen wollte, bestenfalls mit niemandem.
      „Ich“, kam es nur in Fetzen aus meinem Mund, „bin gleich so weit.“
      „Stress dich nicht“, munterte Lina mich auf. Dann hielt ich die Tür ein Stück weiter auf, um sie hereinzubitten. Ein eisiger Luftzug streifte mein Gesicht. So schnell wie möglich drückte ich die Eingangspforte zurück ins Schloss, um den Hauch aus dem Norden vor dem Haus zu lassen.
      „Kaffee? Tee?“, fragte ich höflich. Sie verneinte.
      Wir standen in der einigermaßen geräumigen Küche, die ausnahmsweise in einem ansehnlichen Zustand war, in der Trymr innig von Lina begrüßt wurde und eine intensive Streicheleinheit genoss. Währenddessen diskutierte ich mit meiner Kaffeemaschine, dass sie genug Wasser im Tank hatte, um mir das gewünschte Heißgetränk zuzubereiten. Sie hörte mit dem nervigen Piepen nicht auf, also füllte ich mit einem Messbecher aus dem Schrank die letzten Milliliter des Tanks, womit sie nun endlich zufriedengestellt war. Laut ertönte das Mahlwerk, dass die Bohnen zerkleinerte und dadurch das Wasser in die Tasse drückte. Ich nutze den Augenblick auf das ursprüngliche Gespräch zurückzukommen. Es wurde Zeit, etwas mehr über ihn zu erfahren.
      “Wenn du keinen Bestseller-Roman schreibst, was dann?”, sah ich über meine Schulter hinweg zu Erik, der sich zum Schutze meines geistigen Zustandes die Hose wieder übergezogen hatte.
      “Vielleicht geht er ja unter die Journalisten”, stellte Lina eine gewagte Hypothese auf.
      “Interessante Idee”, überlegte ich laut. Vor der Couch schielte er zu uns und schüttelte belustigt mit dem Kopf.
      “Später könnte beides der Fall sein, aber das würde noch einige Jahre dauern und bedauerliche Morde benötigen”, sagte er forsch und stellte sein Laptop zur Seite, “aber ich erkläre es dir so, dass du es verstehen solltest.”
      “Was soll das denn heißen?”, beschwerte ich mich lautstark. Dann sippte ich am Rand der Tasse, verbrannte mir natürlich die Zunge. Bedauerlich wedelte ich mit meiner Hand vor dem Mund. Autsch.
      “Dass du manchmal schwer von Begriff bist. Aber ich halte mich kurz. Wir müssen gerade ein Fallbeispiel bearbeiten und dafür werte ich diverse Statistiken aus, untersuche Zusammenhänge und vergleiche Zeugenaussagen, um erste Indizien zu finden”, erklärte Erik. Sonderlich spannend klang es allerdings nicht und ich sah auch keinen wirklichen Grund dafür schon vor acht Uhr aufgestanden zu sein.
      “Statistiken so früh am Morgen, wirklich spannend”, sprach Lina mein Gedanken aus und der sarkastische Unterton war nur schwer zu überhören.
      “Ihr seid doch doof”, schenkte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Elektrogerät. Wir beide ließen ihn in Ruhe, die Aufgaben weiterbearbeiten und unterhielten uns über die Pferde, besonders ihre Rappstute, Redo, war das Thema des Morgens. Die Freude übertrug sich phasenweise immer mehr auf mich. In meinem Verstand manifestierte sich die Tatsache, dass auch ich womöglich heute mein eigenes Pferd bekam, aber es auf dem Hof nichts besonders sein würde. Hier kamen andauernd neue Vierbeiner. Was war mein Problem? Ich durchforste die Nervenstränge meines Hirns, bis ich den Ursprung fand des Schweregefühls. Lubi wurde zwar die ersten Tage bewundert, wenn ich in der Halle ritt, doch mittlerweile ignorierte mich jeder, niemand lobte mich oder gab mir das Gefühl, etwas beizutragen. Schrecklich, dass ich mir darüber überhaupt Gedanken machte, schließlich war alles wie immer.
      “Hast du heute Nachmittag schon was geplant?”, fragte ich vorsichtig und konnte endlich einen kräftigen Schluck der bitteren Flüssigkeit.
      “Nein, bisher noch nicht”, antwortete sie, „warum fragst du?”
      “Ich … ähm, nein, eher wir gehen uns nachher ein Pony angucken. Aber ich habe doch keine Ahnung”, gab ich wehleidig meine Unfähigkeit zu, senkte mein Kopf Richtung Tasse, die ich im Anschluss erneut ansetzte. Warm floss der Kaffee mir die Kehle herunter, löste den schweren Kloß und ich bekam wieder das Gefühl tief durchatmenzukönnen.
      “Ich nehme an, deine Frage zielt darauf ab, dass ich euch begleite?”, fragte sie nach, woraufhin ich bestätigend nickte.
      “Toll, dass du jetzt auch unter die Pferdebesitzer gehen möchtest”, frohlockte sie, “Liebend gerne helfe ich dir dabei.”
      “Aber erst muss ich mit meinem Kontostand ein ernstes Gespräch führen”, murmelte ich und sah die letzten Ersparnisse erstaunlich schnell schwinden, sobald ein Vierbeiner in mein Leben treten würde. Keines der Tierheime wollte ich mitteilen ab sofort die Zahlungen einzustellen, denn auch die Hunde in Griechenland benötigten meine Hilfe. Auch, wenn es noch eine andere Möglichkeit gab.
      “Vivi, jetzt mach’ dir nicht um solch unnötige Dinge Gedanken”, kam es stillschweigend von der Couch. Erik spukte immer in meinem Kopf herum, als hätte er mir einen Chip am ersten Abend eingesetzt und verfolgte seitdem alles, was in mir herumschwirrte.
      “Ist klar, dass du wieder so großspurige Töne spuckst”, rollte ich mit den Augen.
      “Musst du nicht langsam arbeiten?”, provozierte er belustigt weiter. Lina nickte. Dann war es das Zeichen den Kampf in der Kälte zu beginnen.

      Später im Stall

      Unter meinen Pullover zog ich noch einen Rollkragen Pullover. Den Kragen stellte ich so hoch wie möglich auf, um den Kräften der Natur standhaft gegenüberzutreten. Na gut, holte so schnell wie möglich Fruity vom Paddock, die mit aufgestellten Ohren und blauen lachenden Augen neben mir hertrottete. Der Schweif pendelte gelassen bei jedem der weiten Schritte. Lina hatte in der Gasse bereits alles vorbereitet, ja, sogar das Sattelzeug hing schon da.
      “Danke, dass du mitgedacht hast”, grinste ich und band die Stute in der Putzbox an. An uns vorbeihuschten verschiedene Gestalten mit ihren Pferden und auch Folke mit Sturmi, einem jungen Hengst der Rennpferde. Er erzählte kurz, dass er mit ihm nun den zweiten Heat des Tages fahren gehen würde und die Zeiten vom ersten bereits sehr vielversprechend waren. Aus meiner Hosentasche kramte ich ein Leckerli. Interessiert hob die Stute ihren Kopf und verdrehte ihn leicht zur Seite, ihre Art, um zu betteln. Ich lachte und stopfte den kleinen Brick ins Maul des Pferdes. Dann strich ihr über den rasierten Hals, ehe ich mit dem vollen Putzprogramm begann. Obwohl sie auf dem Paddock die dicke Winterdecke trug, hatte Fruity es geschafft an ihrem ganzen Körper Sand zu verteilen, der sich nur mit Mühe entfernen ließ. Verärgert wechselte ich mehrfach die Bürste, bis ich am Ende noch einmal die Stehmähne gerade schnitt und auch den Schweif einige Millimeter kürzte.
      “Ich würde sagen, du siehst perfekt aus, aber ich wünsche mir so sehr, dass du hierbleibst”, musterte ich die Stute.
      “Jap, sieht gut aus”, bestätigte Lina, die mein fertiges Werk betrachtete, “Bei deinem Wunsch würde ich dir zustimmen, aber man kann leider nicht alles haben.”
      “Natürlich könnte man”, protestierte ich. Aber noch bevor ich weitere Hasstiraden schüren konnte, kam Tyrell von der Seite mit musterndem Blick.
      “Ich sehe schon, ihr beiden habt das im Griff”, grinste er. Wir nickten.
      “Und du musst noch lernen, professionell zu bleiben. Nimm’ dir ein Beispiel an Lina, sie macht das wirklich gut”, fügte unser Chef noch hinzu, bevor er mit dem Halfter weiter zum Paddock der Hengste lief.
      “Verschwende deine Energie mal nicht aufs Schimpfen, die kannst du gleich noch viel besser verwenden”, blieb Lina vollkommen unberührt und begann die türkisfarbenen Fesselkopfgamaschen an den Beinen der Falbstute zu befestigen.
      “Willst du nicht lieber Warm- und Vorreiten?”, erkundigte ich mich. Sie hatte deutlich mehr Erfahrung als ich und ihre Reittechnik war ebenfalls besser. Schade, dass sie nicht im Team reiten durfte, denn ich schätzte sie als gut genug ein. Aber sagen wir es anders: ununterbrochen vibrierte es in meiner Hosentasche am Bein. Natürlich zügelte ich meine Neugier auf das Nötigste, um schnellstmöglich mit dem Pferd fertig zu werden, aber in meinem Inneren brannte es, besonders in meinem Kehlen.
      “Du lässt heute auch nichts unversucht”, stelle sie schmunzelnd fest, “aber nein. Erstens kennst du Fruity genauer als ich und beim Reiten bewundert werden kannst du auch viel besser. ”
      Ich seufzte.
      “Das sagst gerade du!”, ein wirklich gutes Argument fiel mir jedoch nicht ein, also führte ich Fruity der Box heraus zur Halle. Lina öffnete mir freundlich die Tür und dann stieg ich auf. Mit meiner Hand griff ich zu meinem Kopf – kein Helm, egal. Im Schritt führte ich die Stute zunächst einige Runden durch den Sand, ehe ich mich auf der Mittellinie aufstellte, den Gurt zwei Löcher enger zog und mich in den barocken Sattel schwang. Leider musste ich mir eingestehen, dass die Neugier mich immer mehr auf die Folter spannte, als wäre sie ein Bogen mit Pfeil, bei dem nur noch das My fehlte, um zu zerreißen. Weit und breit war noch niemand zu sehen, also beschloss ich, die wohl einzige Regel zu brechen, die ich mir bisher zum Reiten setzte; kein Handy auf dem Rücken eines Pferdes.
      Aus der seitlichen Tasche an meinem Bein zog ich das Gerät heraus und es entsperrte sich umgehend mit der Gesichtserkennung. Im Nachrichtenordner befanden sich drei an der Zahl, eine davon war noch immer von Niklas, die ich mir seit gestern ersparte zu lesen, denn schon der Anfang klang nach typisch männlichem Geheule, durch kränken seines Egos. Doch darüber leuchtete eine blaue Zwei neben Avledning. Nervös biss ich mir auf die Unterlippe und nach einem tiefen Atemzug tippte ich mit geschlossenen Augen auf dem Chat. Meine Augen fuhren schnell über die Worte: “Godmorgon. Wolltest du mir nicht mitteilen, wie es gelaufen ist? Enttäuschend. Also, ich warte ungern, du weißt.” Schlagartig beschleunigte mein Herzschlag und mit meiner Hand, in der ich das Gerät hielt, drückte gegen meine Brust, als wäre die ultimative Heilung durch meinen Körper gefahren. Einhändig tippte ich mit einem breiten Lächeln auf den Lippen: “Hej. Es tut mir leid, wirklich. Ich hätte dir Bescheid sagen sollen, dass ich zeitlich ziemlich eingespannt bin. Es lief gut, wir haben uns wieder zusammengerauft.” Dann sah ich hoch, bremste die Stute mit meinem Sitz im Tempo ab. Noch immer waren keine Gäste in Sicht, umso mehr Glück erfuhr ich. Der Unbekannte antwortete umgehend.
      “Freut mich, aber was ist mit uns? Besteht weiterhin dein Interesse an Ablenkung, oder möchtest du es beenden?”, las ich erst einmal, dann erneut und wieder. Mir blieb die Luft weg. Was wollte ich? Unsicher hielt ich vor Lina an, das Lächeln schien immer noch präsent in meinem Gesicht, denn sie musterte mich sehr genau. Ihr Blick schwankte von unten nach oben, als wüsste sie genau, worum es ging.
      “Ich kenne diesen Blick”, erfasste sie, “Du schreibst noch immer mit dem Unbekannten.”
      “Eher schon wieder. Und er fragt, ob es dabeibleibt, oder ob ich aufhören will”, beim Sprechen strich ich mir eine der losen Haarsträhnen hinters Ohr.
      “Und offensichtlich denkst du noch über die Antwort nach, sonst würden deine Finger bereits über die Tastatur fliegen”, bemerkte sie und musterte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen.
      “Ja, weil ich Angst habe, dass Erik wieder geht”, für einen Augenblick hielt ich inne. Es fühlte sich so real an, als würde mit ihm alles auf Kipp stehen und jeder kleinste Fehler meinerseits wieder das Verlassen werden einleiten. Ich atmete tief durch und sagte: “Obwohl es nur so was wie ein guter Freund ist, also nichts worüber man zweifeln sollte. Vielleicht wegen der Inhalte, aber sonst.” Aus der Ferne ertönten die Schritte von drei Personen und vergnügtes Lachen. Scheint, als würden unsere Gäste in wenigen Minuten da sein.
      “Ich verstehe deine Angst, aber wenn es nicht zu zweifeln gibt, gibt es doch auch keinen Grund das zu beenden”, antworte sie erwägend. Verschmitzt grinste ich Lina an. Wenigstens einer, der es verstand. Ich nickte und ritt Fruity wieder an, während meine Finger über den Touchscreen fegten: “Aus welchem Grund? Gibt es etwas, das ich wissen sollte? Aber entschuldige mich bitte, ich muss nun arbeiten. Wir schreiben später.”
      Für einen Augenblick starte ich noch auf mein Telefon, bis die Schritte so nah klangen und eine Nachricht erschien noch. In meiner Brust sprang es einige Male auf und ab, denn ungewöhnlicherweise leuchtete am Ende seiner Nachricht ein schwarzes Herz auf, das eine Art Motivation in mir weckte. Ich steckte es zurück und trabte am langen Zügel an.

      Whitehorse Creek, Kanada.

      SAMU
      Müde fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht, als pünktlich um sieben Uhr dreißig der Wecker klingelte. Die letzte Nacht war kurz gewesen, denn zum Anlass meiner endgültigen Abreise aus Kanada hatten meine Kollegen noch eine kleine Abschiedsfeier organisiert und wie das so häufig war, ging das Ganze länger als geplant. Ich zog die Vorhänge auf, um die ersten Sonnenstrahlen, die über die entfernten Bergrücken kletterten, hineinzulassen. Die Welt draußen war überzogen von Frostkristallen, die im ersten Licht des Tages glitzerten. Doch, für die Betrachtung der Natur bleib heute keine Zeit, denn schon um zehn Uhr mussten die Pferde auf dem Hänger stehen, damit wir pünktlich am Flughafen sein würde. Noch im Halbschlaf schlurfte ich ins Badezimmer, um mithilfe einer warmen Dusche, erst einmal meine Lebensgeister zu aktivieren.
      Eine halbe Stunde später saß ich mit einer dampfenden Tasse Kaffee, die ihren kräftigen Geruch in der Küche verteilte, am Küchentisch und kaum hatte ich mein Handy in der Hand, ploppten auch schon zahlreiche Benachrichtigungen auf. Ungefähr fünf der Nachrichten stammten von Lina, die mir einerseits Bilder ihrer neuen Stute geschickt hatte und sich andererseits darüber beschwerte, dass sie gestern kein Update über Divine bekommen hatte. Was auch immer es war, was Schweden an sich hatte, dass sie sich nun schon das zweite Pferd anschaffte, ich freute mich für sie. Dass sie mal mehr als einen der felligen Vierbeiner besitzen wurde, war mir schon lange klar, nur, nicht dass es so schnell gehen würde. Wenn sie so fortschreiten würde, würde sie nur allzu bald in die Fußstapfen ihrer Tante treten und ihre eigene Pferdezucht auf die Beine stellen und Schweden mit lauter kleinen Freibergern überfluten.
      Aber außer Lina verlangte auch noch jemand anderes nach Aufmerksamkeit, denn die Nachricht, die gerade eintrudelte, stammten wie jeden Morgen von meiner Freundin, die mir immer nach der Arbeit, einen kleinen Morgengruß sendete. Selig vor mich hinein grinsend tippte ich Enya eine ausführliche Antwort. Ich konnte es kaum erwarten meine Mädchen wieder in die Arme zu schließen, fehlte sie mir seit dem Besuch in Schweden noch mehr als vorher.
      Eine Nachricht von Jace, holte mich aus meinen Gedanken und erinnerte mich daran, dass noch einiges zu tun war, bis es zu diesem Ereignis kommen würde. Mit einem Zug leerte ich den Kaffeebecher, bevor ich die Küche aufräumte, um anschließend noch die letzten Dinge in den Koffer zu werfen. Die Pferdesachen hatte ich gestern bereits zusammengepackt, wobei Linas Zubehörsammlung, die sich noch in Divines Spind befand, den Großteil einnahm. Wie konnte man nur so viele Schabracken besitzen und mit Gewissheit konnte ich sagen, dass sie den Großteil davon anschaffte, bevor sie auch nur ein einziges Pferd besaß.
      An der Tür griff ich mir meine Jacke und lief zum Stall hinüber, wo Jace bereits dran war, die Pferde zu füttern.
      “Guten Morgen”, grüßte ich meinen Kollegen, der mit kurz zunickte und anschließend seiner Arbeit weiter nachging. Keks, die es wie so häufig nicht erwarten konnte, bediente sich einfach schon mal selbst aus der Schubkarre. Ach, wie ich die Pferdebande hier doch vermissen würde, einige der Tierchen waren mir doch ziemlich ans Herz gewachsen. Aus der Sattelkammer griff ich mir Divines Halfter, an dem der kleine Schutzengel baumelte, sowie auch das von Legolas, um die beiden Pferde von der Koppel zu holen.
      Der weiße Freiberger, der mittlerweile eher einem plüschigen Teddybären mit seinen kleinen Öhrchen ähnelte, wartete bereit am Tor. Eigentlich hatte ich Lina ein sauberes Pferd mitbringen wollen, nur Ivy schien andere Pläne zu haben. Irgendwie schaffte er es, sich die leichte Decke, die ich ihm gestern angezogen hatten, halb auszuziehen. Die Decke hing zu Hälfte auf dem Boden und ein dunkler Matschfleck hob sich von dem hellen Fell ab.
      Ich zog mein Handy aus der Tasche und beschloss Linas Wunsch nach einem Ivy Update zu befriedigen: “Dein Pony hat sich extra für dich hübsch gemacht”, kommentierte ich das Bild und drückte auf den Knopf zum Senden.
      In mich hinein grinsend öffnete ich das Koppeltor und streifte das Halfter über seinen Kopf. Der kräftige Hannoveranerhengst stand nicht weit entfernt und kam gutmütig auf mich zu getrottet, sobald ich nach ihm reif.
      “Na kommt ihr zwei”, setzte ich die beiden in Bewegung, nachdem ich auch den Rappen aufgehalftert hatte und führte sie zum Stall.
      Legolas stellte ich in die Box, denn als Erstes wollte ich versuchen den Matschfleck aus Divines Fell zumindest ein wenig auszubürsten. Die Regendecke von Divine tausche ich mit einer Abschwitzdecke aus, bevor ich mich mit Schimmelspray bewaffnet an seinem Fell zu schaffen machte. Nach knapp zwanzig Minuten war Ivys Fell wenigstens wieder ansatzweise weiß. Schweif und Mähne flocht ich ein, denn Lina wusste es sicherlich zu schätzen, wenn die mühevoll herangezüchtete Mähne unversehrt blieb.
      “Samu, bist du bald so weit? Wir sollten so langsam das Auto packen und die beiden verladen”, rief Jace über die Stallgasse.
      “Ja, in fünf Minuten bin ich fertig, aber du kannst ja schon mal anfangen”, entgegnete ich, während ich die kräftigen Beine des Hengstes mit Transportgamaschen umhüllte. Jace nickte und verschwand aus der Stallgasse. Divine war somit Abfahrt bereit, fehlte nur noch mein eigenes Pferd. Bei Lego tauschte ich lediglich die Decke und verpackte auch seine Beine sicher in Gamaschen. Ich ließ die beiden Pferde auf der Stallgasse stehen und trat aus dem Stall hinaus, um nach Jace zu sehen. Dieser hatte mittlerweile das Auto samt Hänger vorgefahren und packte gerade die Koffer ein. Perfekt, denn dann konnten die beiden Pferde auch gleich verladen werden. Ich verschwand wieder im Stall und füllte noch Heunetzte, die ich im Hänger platzierte, damit die beiden auch etwas zu knabbern, hatten auf der Fahrt.
      “Okay, ist das so weit alles bis auf die Pferde?”, erkundigte sich mein Kollege, der gerade den letzten Koffer ins Auto packte.
      “Wenn du auch Linas Pferdekoffer aus der Stallgasse mitgenommen hast, ja”, lachte ich.
      “Pferdekoffer?”, fragte Jace stirnrunzelnd nach.
      “Ja, da sind ihre ganzen Schabracken und all das Zeug drin”, antworte ich.
      “Ah, das war also drin”, sagte Jace, ”aber ja, den habe ich eingepackt.” Gemeinsam gingen wir zurück in den Stall, um nun auch noch die Pferde zu holen. Jace wirkte fast ein wenig trübselig, als er dem Freiberger über das lange Fell strich, bevor er ihn losband. So hundertprozentig schien er noch nicht über Lina hinweggekommen sein, obwohl er sich seit ein paar Wochen des Öfteren mit einem Mädchen traf.
      “Jace, alles okay bei dir?”, hakte ich nach, als er immer noch wie angewurzelt neben dem Freiberger stand und ihn streichelte, als ich mit Legolas loslief.
      “Ja, alles gut”, seine Stimme klang ein wenig belegt und ich glaubte ein verräterisches Glitzern in seine Augen zu sehen, was er eilig hinfort blinzelte. Schweigend verluden wir die beiden Hengste. Ein letztes Mal wand ich mich um, nahm den Hof in Augenschein. Viele Erinnerungen kamen auf. Momente voller Freude, aber auch Momente voller Trauer, Sorge und Wut. Ursprünglich war gar nicht vorgesehen, dass wir hier so lange bleiben würden, ein Monat war angedacht, sollte das Whitehorse Creek doch eine der letzten Stationen sein, bevor es zurück in die Heimat ging. Doch Lina hatte sich hier so wohlgefühlt, blühte richtig aus, dass aus einem Monat zwei wurden und aus Monaten wurden schließlich Jahre. Jahre, in denen jeder von uns eine feste Rolle hier hatte und auf seine eigene Weise den Hof bereicherte, nicht zu vergessen auch die persönliche Entwicklung. In meiner Ausbildung, die ich auf einem ziemlich prestigeträchtigen Hof machte, hatte ich ausschließlich mit hochkarätigen Pferden zu tun, die einen Stammbaum mit sich brachten, der durchzogen war von den erfolgreichsten Pferden der Szenen. Bei uns wurde nie ein Pferd angeritten, bevor es nicht mindestens 4 ½ Jahre alt war, aber immer mal wieder hatten wir junge Pferde in Beritt, die bereits 4-jährig S-Lektionen liefen, was in den meisten Fällen aber auch viele Probleme mit sich brachte. Unwillige, hypersensibler Tiere, die nur in Haltung liefen, wenn der Reiter sie mit dem Zügel in Position hielt, waren keine Seltenheit in der Dressur. Häufig wurde diese mangelnde Ausbildung mit schwungvollen Gängen und großrahmigen Pferden zu überdecken versucht. Traurigerweise sah man solche Pferde viel zu oft auf europäischen Turnierplätzen und für meinen Geschmack bekamen sie viel zu häufig, viel zu gute Noten. Im Springen hingegen sah man viel Pferde, die unkontrolliert durch den Parcours bretterten und der Reiter allein durch eine harte Hand und ein scharfes Gebiss überhaupt Kontrolle über ihr Tier hatten. Auf dem Whitehorse Creek genoss ich es regelrecht weit weg von der dem alltäglichen Wahnsinn der Turnierwelt zu sein. Das sollte man nicht falsch verstehen, ich präsentiere gerne das, was ich mit einem Pferd erreicht habe, aber mir geht es dabei immer, um Fairness gegenüber dem Tier und den Spaß an der Sache. Insgesamt empfand ich die Atmosphäre hier in Kanada stets als sehr angenehmen. Dadurch, dass die englische Reitszene nicht ganz so groß war wie die europäische, schien man alles auf nationaler Ebene deutlich entspannter zu sein. Neben der gemäßigten Atmosphäre auf den Turnieren werden mir auch die schier endlosen Ausritte durch die Rockey Mountain fehlen, die ihren ganz eigenen Charme mitbrachten und nicht zu vergessen auch die Hofgemeinschaft, die über die Jahre eine zweite Familie geworden war. Auch, wenn ich mich hier immer sehr wohlgefühlt hatte, konnte Kanada nie wirklich zu einer Heimat für mich werden, weshalb nun der Zeitpunkt für eine Veränderung gekommen war. Dankbar über all die Erfahrungen, die ich hatte, sammeln dürfen, würde ich diesen erinnerungsträchtigen Ort hier hinter mir lassen.
      “Na, komm, wir müssen los”, forderte Jace mich freundlich dazu auf ins Auto zu steigen. Einen, nun wirklich, allerletzten Blick warf ich auf das Gestüt, bevor ich in den Wagen stieg. Im Auto herrsche eine melancholische Stimmung und jeder von uns hing so seinen Gedanken nach. Meine Gedanken driften von dem, was ich hinter mir ließ, immer mal wieder zudem, was jetzt auf mich zukommen würde, durchmischt mit Fragen, wie es Lina wohl in dem vergangenen Monat ergangen sei. Diese Frage drängte sich immer wieder in mein Bewusstsein, obwohl wir ja in regem Austausch miteinander standen. Am Telefon konnte ich ihre Stimmungen nur eingeschränkt deuten, zumal Lina noch nie jemand gewesen war, der gerne telefonierte, weshalb sie Gespräche für gewöhnlich kurzhielt. Der Gedanke, dass sie etwas versteckte, um mir keine Sorgen zu bereiten, schlich sich in den letzten Wochen öfter in meine Gedanken. Im Vertrauen darauf, dass Lina trotz der Distanz auf mich zukam, wenn ihr etwas auf dem Herzen lagt, schob ich ihn allerdings beiseite.
      “Samu”, sprach Jace plötzlich in die Stille hinein, “Jetzt, wo du Ivy mitnimmst, fühlst es sich an, als würde auch das letzte Stück von Lina mit ihm verschwinden.” Jace starrte mit zusammengepressten Lippen auf die Straße vor ihm.
      “Ich habe Angst davor, dass mit den letzten physischen Spuren ihrer Existenz auch die Erinnerung schwindet, als sei sie nie da gewesen. Samu, ich möchte sie nicht vergessen. Gleichzeit habe ich Bedenken dabei mit ihr in Kontakt zu treten, dass ich damit etwas Schlechtes heraufbeschwören könnte”, sprach er kummervoll, “Ich möchte doch, nur dass sie glücklich ist.”
      Es war ungewöhnlich für Jace, dass er so frei heraus sprach, waren solch tiefe Einblicke in seine Seele doch meist Alec vorbehalten.
      “Jace, ich weiß, jemanden loszulassen ist nicht einfach, aber wenn du ihr weiterhin so hinterhertrauerst, wirst du dir nur selbst im Weg stehen und damit ist niemandem geholfen. Vergiss nicht, Lina ist nicht aus der Welt und auch deine Erinnerung werden sich nicht einfach in Luft auflösen. Zudem hat sie deutlich mehr Spuren zurückgelassen außer ihrem Pferd, du musst nur ein wenig genauer hinsehen”, sagte ich ermunternd. ”Ich kann dir nur sagen, dass es Lina aus meinem aktuellen Blickwinkel super geht, sie hat sich sogar gerade erst ein weiteres Pferd gekauft.” Jace nickte beim letzten Satz als sei das keine neue Information für ihn. Ich vermute, auch er hatte ihre kleine Story gesehen, die sie zu Ankunft der Stute online gestellt hatte.
      “Das ist auch alles schön und gut, aber was ist denn mit ihrer Beziehung? Ich mag diesen Kerl zwar ausgesprochen wenig, aber wenn das Linas Wahl ist, möchte ich dem auch nicht wieder im Weg stehen”, brachte Jace seinen Zweifel hervor. Einige der Dinge, die im Sommer, zwischen ihm und Lina vorgefallen waren, schien er wirklich zu bereuen.
      “Jace, du müsstest dich schon wirklich dämlich anstellen, um aus der Entfernung im Weg zustehen. Lina mag zerbrechlich wirken und ich kenne dein Bedürfnis, sie vor allem Unheil schützen wollten, nur zu gut, aber sie ist stärker als man glauben mag. Das zeigt sie jeden Tag aufs Neue”, sprach ich bedacht darauf, nicht aus Versehen Dinge preiszugeben, die nicht für Jace Ohren bestimmt waren. Der letzte Satz war tatsächlich nicht nur so dahingesagt, nein es entsprach der Wahrheit. Viele Dinge trägt sie mit sich herum und obwohl es einige Menschen gibt, die ihr mit diesen Belastungen helfen wollen, offenbart sie diese nur ungern, was es schwer macht sie, als Persönlichkeit vollständig zu erfassen.
      “Danke Samu, für deine Worte”, murmelte Jace. Auf der weiten offenen Fläche eröffnete sich nun das umzäunte Rollfeld, auf dem eine gigantische Maschine Fahrt aufnahm, um dann in einem steilen Winkel in den Himmel emporzusteigen. An einer Kreuzung bog Jace ab und folgte der breiten Straße zur Animal Lounge, wo wir als Erstes die beiden Pferde abgeben würden, bevor ich mich dann selbst auf dem Weg zum Boarding machte. Nachdem ich uns am Serviceschalter angemeldet hatte, kam auch sogleich ein Mitarbeiter, der uns zeigte, wo wir die Tiere ausladen konnten. Als Erstes luden, wird Divine aus, bevor ich auch meinen Rappen von der Rampe führte. Neugierig nahmen die beiden Hengste ihre Umgebung in Augenschein und der Freiberger ließ ein aufgeregtes Wiehern ertönen. Am Eingang der großen Halle bekamen die beiden nach der Überprüfung des Mikrochips noch jeweils ein Schild an ihr Halfter, wo Flugnummer, Zielflughafen, Name, sowie auch Farbe und Geschlecht darauf standen. Die Decken mussten die beiden ausziehen, da ansonsten die Gefahr bestünde, dass sie damit in der Kiste irgendwo hängen bleiben würden, zudem wurde der Bauch des Flugzeugs extra beheizt, damit die lebende Fracht nicht fror. Als Erstes nahmen die Männer Legolas entgegen. Anstandslos ließ sich der Rappe in die große Metallkiste führen. Divine hingegen wehrte sich ein wenig. Mit aufgerissenen Augen starrte der Hengst die Kiste an und wollte keinen Fuß auf die Rampe setzen. Erst nach viel Gutem zu reden, ließ der Freiberger sich in den Container schieben. Erleichterung breitet sich aus, das hätte mir jetzt noch gefehlt, dass ich Lina sagen musste, dass ihr Pferd leider in Kanada bleiben musste, weil er nicht in den Container wollte.
      Nachdem die beiden Pferde verladen waren und sich auf dem Weg ins Flugzeug befanden, stand nun auch das Boarding für mich an. Jace half mir noch das Gepäck aufzugeben, bevor Abschied nehmen hieß.

      Am späten Nachmittag, zurück in Schweden.

      VRISKA
      Mit zittrigen Beinen stand ich neben gescheckten Hengst Klinkker, nur Heinz genannt von uns, der seinen Kopf in die gelbe Schüssel steckte und mit kleinen Bissen das Futter kaute. Alles in seiner Umgebung musste Gelb sein, das filterte sich bereits als Jährling heraus, erzählte mein Chef häufig. Sobald jemand in einem Kleidungsstück am Zaun oder der Box vorbeilief, stellten sich seine Ohren auf, die Augen funkelten und eine unbeschreibliche Kraft strahlte er aus. Könnt ihr euch vorstellen, wie schwer es war, die Richter bei der Körung davon überzeugen, dass ich ein gelbes Shirt tragen musste für die Vorstellung? Nun, genauso schwer wie mich. Aber es fruchtete und damit durfte Heinz nicht nur als der beste Hengst gekürt werden, sondern fand einen festen Platz auf dem Gestüt. Zumindest so fest, wie man es von Fruity behaupten konnte. Zu meiner Zufriedenheit war es Chris, der Interesse an der Stute fand und sie für seine kleine Schwester wählte, die am heutigen Tag ihren vierzehnten Geburtstag feierte und endlich ein eigenes Pferd bekommen sollte. Die Freude war groß, als sie die Blauäugige in der Halle laufen sah und wenige Minuten später selbst im Sattel saß. Missmutig übergab ich ihr die Zügel, aber blieb dabei, nicht nach meinem Handy zu greifen, wie jetzt auch. Stattdessen beobachtete ich den Hengst.
      Um seine Augen herum war es dunkel und der Rest seines Körpers, der mit einer Decke bedeckt war, triefte vor Schweiß. Wir hatten eine kurze, aber intensive Reitstunde bei Tyrell, die viel mehr meine reiterlichen Fähigkeiten ausbaute als das Talent unter dem Sattel des Hengstes.
      “Heinz, bist du immer noch nicht fertig?”, rollte ich mit den Augen und schwankte die Schüssel ein wenig in der Luft, um den Inhalt zu prüfen.
      “Warum Heinz?”, fragte Lina, die gerade mit Girlie die Stallgasse entlangkam, ein wenig verwirrt und blieb mit der Stute vor mir stehen. Umgehend erhob der Hengst sein Haupt, die Nüstern blähten sich auf und ein leises Brummen ertönte. Mit einem kleinen Klaps an der Brust hielt ich ihn zurück einen Schritt nach vorn zu setzen, denn er sollte endlich auffressen.
      “Der hat nur Faxen im Kopf und als wir hierherzogen, das erste Grillen hatte, entschied er sich aus der Box zu befreien und vom Tisch die Ketchupflasche zu klauen. Anfangs hielten wir es für einen blöden Zufall, doch mittlerweile passiert es häufig und deswegen haben wir den Grillplatz verlegt”, erzählte ich lachend. Er fraß den Inhalt nicht, aber schraubte mit seiner Oberlippe den Schraubverschluss auf.
      “Wow, das ist mal eine außergewöhnliche Geschichte”, lächelte sie amüsiert.
      “Du hast vermutlich das einzig normale Pferd am Halfter. Alle anderen hier sind gestört, wirklich gestört”, nickte ich und musterte die Criollo Stute, die sich so weit wie möglich ihren Kopf streckte. So gern hätte sie sich an dem gelben Trog bedient, doch Lina verhinderte es.
      “Na du musst es ja wissen, aber so ein richtig verrücktes Pferd ist mir bisher nicht aufgefallen. Nur der alltägliche Wahnsinn”, lachte sie,” Ich würde ja jetzt sagen, wie gut, dass Ivy das bald ändert, aber zugeben, so ganz normal ist er auch nicht.” Ihre Augen begannen zu leuchten und die Freunde über die baldige Ankunft ihres Hengstes war ihr deutlich anzumerken.
      „Holst du ihn ab oder wird er gebracht?“, fragte ich freundlich.
      „Er wird gebracht“, sagte sie fröhlich, „allerdings vermutlich erst am Sonntag wegen der Quarantäne und so.“ Lina zog eine Schnute, die die Missgunst, über die ihrer Meinung nach unnötigen Wartezeiten deutlich zum Ausdruck brachte.
      “Verstehe”, dachte ich laut und wirbelte meine Finger durch die kurz geschnittene Mähne von Heinz, der noch immer nicht fertig gefressen hatte. Prüfend sah ich auf mein Handy, nur noch dreißig Minuten, bis es zum Pony losging. Wieder wurden meine Knie zittrig. Ich atmete tief durch und steckte es zurück, ohne ihm zu schreiben.
      „Aufgeregt wegen des Ponys?“, fragte Lina, der es wohl nicht entgangen war, “Was für ein Pferde möchtest du dir eigentlich ansehen? Einen Isländer oder doch eher etwas mit weniger Gängen?“
      “Eine Gurke”, schmunzelte ich und holte dann doch wieder mein Handy heraus. Die Finger huschten über dem Display, landeten schließlich in der Anzeige, bei der groß réservé, vermutlich reserviert in der Baguette-Sprache. Ich reichte ihr mein Gerät, wenn auch nur zögerlich, denn meine Angst, dass mein Unbekannter schrieb, war stets präsent. Interessiert las sie sich die Anzeige durch.
      “Ein Lusitano Reitpony Mix also, das klingt nach einer gewagten Mischung”, kommentierte Lina grinsend, “Aber niedlich sieht sie aus mit diesen lustigen kleinen Zöpfchen, da bin, ich mal gespannt wie sie sich in Natura zeigt.” Nachdem sie die Anzeige in aller Ausführlichkeit studiert hatte, reichte sie mein Handy zurück.
      “Für mich klingt es alles sehr seltsam bei dem niedrigen Preis, aber ich hätte sagen können, was ich will, denn Erik will sie unbedingt angucken und wenn wir mal ehrlich sind. Die wird bestimmt auch gekauft, ob ich will und nicht”, atmete ich unentschlossen aus. Auch ich wischte noch einmal die Bilder durch, steckte es schlussendlich wieder weg.
      “Erik hat das angeleiert? Ich dachte, er mag Pferde nicht besonders. Aber warte erst mal ab, nur weil ihre Geschichte ein wenig seltsam ist, muss das nichts heißen. In Kanada hatten wir einige Pferde, die seltsame Geschichten mit sich brachten, aber sich letztlich zu wunderbaren Tieren mauserten”, versuchte Lina mir die Bedenken ein wenig zunehmen.
      “Es ist auch kein Pferd, sondern ein Pony”, korrigierte ich lachend, “Aber ja, ich weiß auch nicht so recht. Der Typ wird immer seltsamer.” Zum Ende des Satzes wurde ich langsamer und vor allem leiser, denn ich hörte Schritte hinter mir. Behutsam drehte ich meinen Kopf nach hinten, aber zu meiner Freude kam Harlen dazu.
      “Nimmst du dann das Auto oder den Transport?”, fragte er und streckte mir zwei Bünde Schlüssel entgegen. Fragend sah ich Lina an: “Auto oder Transporter?”
      “Wenn du dir so sicher bist, dass das Pony eh gekauft wird, vielleicht besser gleich den Transporter”, riet sie mir halb scherzend, halb im Ernst.
      “Du sagst es”, murmelte ich und griff wenig überzeugt nach den Schlüsseln vom kleinen Transporter. Harlen grinste verschmitzt. Dann trat er einen Schritt näher an mich heran, um seine Arme herzlich um mich zu legen. Er flüsterte: “Überlege es dir aber gut, sonst musst du mehr arbeiten.” Auffällig rollte ich mit den Augen, stieß ihn sanft von mir weg.
      “Ja, ja. Aber am besten nimmst du dir diesen Rat selbst zu herzen, du hast bestimmt noch eine Menge zu tun”, zischte ich.
      “Viel Spaß mit der”, lachte er und sah dabei zu Lina, die noch immer grinste. Meine Stimmungsschwankungen waren furchtbar, besonders wenn von einer Sache nicht wirklich überzeugt war. Dazu zählte insbesondere Maxou, die mich überhaupt nicht ansprach, zwar interessant war, aber ich wollte eigentlich irgendwas … Ich wusste nicht einmal was.
      “Ach, die findet ihre Laune schon noch wieder”, winkte sie nur lachend ab, ihre Laune schien heute mal wieder wirklich unerschütterlich zu sein. Da der gepunkteten Stute die gelbe Futterschüssel verwehrt blieb, begann sie nun in Linas Jackentaschen nach etwas Essbarem zu suchen, doch statt ein Leckerli zu bekommen, strich Lina ihr nur durch die lange Mähne und tätschelte sanft ihren Hals.
      “Danke Heinz”, stöhnte ich erleichtert und führte ihn umgehend von der Schüssel weg, die nahezu leer war, aber nicht mehr für ihn interessant. Sogleich ergriff die Stute das Teil. In der Gasse zu dem Paddock leuchteten nacheinander die kleinen LED-Lampen auf, die neben der Wegbeleuchtung mir die Sicht ermöglichten. Es wurde immer schneller Dunkel und so dämmerte es bereits um kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Ich nahm dem Hengst zunächst die Decke ab und dann das Halfter. Heinz schüttelte sich. Einen letzten Atemzug und dann gab es kein Zurück mehr.
      In der Sattelkammer hängte ich alles an seinen Platz zurück, holte meinen anderen Helm aus dem Regal und schloss hinter mir die Tür. Bellend rollte mir das Ungetüm entgegen, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, bis es schließlich auf dem Boden lag und am Bauch gekrault wurde. Freundlich beugte ich mich über das Tier, strich ihm vergnügt durch das weiche Fell am Bauch. Dämonenartig unterhielten wir uns, abwechselnd von meinen hohen quietschenden Tönen und seinem tiefen brünstigen Grummeln.
      “Aber sonst stimmt alles bei euch?”, lachte Erik. Langsam kam er einige Schritte zu mir, die Hände in den Taschen seines Mantels und die Haare nach hinten gegelt. Mitleidig schob ich die Unterlippe vor die Obere.
      “Ja, aber bei dir offensichtlich nicht”, täuschte ich eine nicht vorhandene Enttäuschung vor, die er jedoch genauso auffasste, wie ich plante. Sein Lächeln verschwand und er kniete sich zu mir, legte eine seiner Hände auf meine Schulter.
      “Es tut mir leid. Was habe ich gemacht?”, fragte er. Flüchtig bekam ich einen Kuss auf die Wange.
      „Deine Haare“, wimmerte ich.
      Erik lachte und fuhr durch meine.
      „Aber, so kennst du mich doch“, half er mir hoch und zog mich im selben Atemzug fest an sich heran. Meine Hände verschwanden sofort im Mantel, wärmend an seinem Rücken. Verträumt sah ich hoch zu ihm, konnte das Lächeln nicht mehr ablegen.
      „Schon“, sprach ich leise, schluckte. Sollte ich den Gedanken aussprechen? Erwartungsvoll hob er die Braue. Seine Wangenknochen kamen markant nach vorn. Die Worte steckten in meiner Kehle fest. Innerlich begann wieder Kampf um meine Gefühle. Es war unangenehm darüber zu sprechen. Rein die Tatsache, dass es sich wie wieder aufgewärmtes Essen mit ihm anfühlte, lag mir flau im Magen. Natürlich gab es einige Gerichte, die man problemlos für einige Sekunden in die Mikrowelle stellte und noch genießbar waren, doch häufig scheiterte es am Geschmack.
      “Kommt da noch was?”, funkelten seine Augen. Langsam nickte ich und er schwieg wieder. Geduld stand ihm nicht. Nervös tippten seine Finger an meinem unteren Rücken, drückten mich ungleichmäßig zu sich heran und wieder weg. Allein, dass wir still vor dem Eingang des Stalls standen, machte es von einer Sekunde zur anderen schwieriger.
      „Ich kann das nicht“, murmelte ich und senkte meine Stirn an seine Brust. Er strich mir über den Rücken.
      „Du musst es mir auch nicht sagen, es ist okay“, flüsterte Erik, „Aber du zeigst es mir, das reicht.“
      Kurz fühlte es sich an, als wäre mein Herz stehen geblieben und ich war froh, dass er es nicht falsch verstand. Wie Stein fiel der Kummer von mir. Frohen Mutes und trotzend vor neuer Energie griff ich nach seiner Hand und lief mit ihm zum Transporter. Trymr folgte uns, erblickte Lina an dem Fahrzeug und sprang los wie vom Teufel getrieben. Wieder setzten die brummenden Geräusche ein.
      “Da seid ihr ja, dann können wir ja jetzt los”, lächelte sie gut gelaunt und kraulte den großen Hund an seiner Lieblingsstelle, woraufhin das Brummeln sich noch verstärkte und er sich liebenswürdig an sie anschmiegte. Aus der Hosentasche kramte ich den Autoschlüssel, wollte die Fahrertür öffnen, als Erik die Tür festhielt und mir das Band abnahm. Auf seinen Lippen formte sich ein freches Grinsen und er stieg vor mir ein. Verwundert sah ich zum Steuer, aber stieg auf der anderen Seite ein, setze mich jedoch auf einen der hinteren Sitze in dem wirklich kleinen Schlafbereich des Transporters. Trymr nahm Platz neben mir und ich schnallte ihn an. Auch Lina kam zu mir nach hinten.
      “So abfahrbereit?”, sah Erik nach hinten. Synchron wippten Lina und ich mit dem Kopf. Der Schlüssel klackte im Schloss. Das gleichmäßige Dröhnen des Vierzylinders stotterte los. Interessiert beobachtete ich Lina mir gegenüber, die fasziniert das Innere des Fahrzeuges musterte. An einigen Stellen strich sie über die Oberfläche und drückte auf verschiedenen Knöpfen herum, die teilweise Licht auslösten oder die eine oder andere Klappe öffnete.
      „Wow, ziemlich cool“, sagte sie fasziniert und drückte auf einen weiteren Knopf, „Nicht, dass ich noch nie einen Transporter gesehen hatte, aber der hier ist so … luxuriös im Vergleich.“
      „Ach ja, den vom Team hast du ja noch nicht sehen dürfen von innen“, lachte ich freundlich. Das riesige Fahrzeug stellte alles in den Schatten, ich würde sogar sagen, unser ganzes Gestüt, aber was erwartete man auch anderes von dem elitären Standard, den, wohlgemerkt, Niklas dort setzte. Aber das spielte auch gar nicht zur Sache, wichtig war es, dass wir nicht froren und sicher bei dem Pony ankamen. Wo genau wir hinfuhren, hatte ich mir nicht gemerkt, konnte nur abschätzen, dass wir eine Weile fuhren. Entschieden nahm ich mein Handy zur Hand, verfasste erste eine Nachricht und wenig später eine weitere an meinen Unbekannten. Kurz beschrieb ich meine emotionale Beklemmnis aus der Situation am Stall, hoffte darauf, einen nützlichen Rat von ihm zu bekommen, aber Stille. Seine sonst so schnellen Antworten fehlten. Seufzend legte ich das Gerät zur Seite, versuchte mich darauf einzustellen, dass ich mir nun ein Pferd zulegte, eins, dass nur für mich bestimmt war. Na gut, vielleicht auch für Fredna, aber sonst musste ich es mit niemandem teilen oder mir sagen lassen, was ich zu tun hatte. Wärme erfüllte mich, wenn auch die Ungewissheit blieb.
      Lina tippte mich sanft an der Schulter an: „Vriska, wir sind gleich da.“ Ich drückte die Augenlider weit nach oben und blinzelte langsam. Draußen war es stockdüster und schlagartig kam das mulmige und flaue Gefühl in meinem Magen wieder auf. Sofort warf ich einen Blick auf mein Handy. Er hatte weder die Nachrichten gelesen noch geantwortet. Erst da bemerkte ich, dass sie nicht einmal zugestellt wurden. Hatte ich was falsch gemacht? Hätte ich ihn vorhin nicht sagen sollen, dass keine Zeit hatte? Stärker wurde das Drücken im Magen. Es drehte sich alles, auch in meinem Kopf wollte es nicht ruhiger werden.
      „Erik? Mir ist schlecht“, murmelte ich noch verschlafen. Das Fahrzeug bremste ab und umgehend stürzte ich hinaus ins Freie. Wir hielten mit im Wald, die einzige Straße lag leer vor uns und sonst standen die Bäume rings um uns herum.
      „Was ist los?“, er näherte sich langsam von der Seite und strich mir liebevoll über den Rücken, während die andere Hand meine Haare einsammelte und nach oben hielt. Ich hing gebeugt über dem kleinen Straßengraben. In meinen Augen liefen die Tränen und der Magen hatte wohl einen der schlechtesten Momente aller Zeiten.
      „Es ist gerade alles zu viel“, stammelte ich, ehe mein Magen sich erneut wölbte, um den Rest an Flüssigkeit wieder nach draußen zu bekommen.
      „Verstehe“, murmelte Erik, „oder auch nicht. Ich möchte nicht lügen, also ich verstehe nicht, wovon du redest. Was ist dir zu viel?“
      Konnte er nicht für einen Augenblick ruhig sein? Wieder übergab ich mich, bekam von Lina eine Flasche Wasser gereicht und setzte mich auf die Stufen im Eingang zur Wohnkabine. Mit verschränkten Armen, was wohl an der Kälte lag, stand der junge Mann vor mir und musterte mich. Meinen Kopf hielt ich fest, stützte ihn mit meinen Armen auf den Knien. Noch immer drehte sich alles, aber das flaue Gefühl legte sich zunehmend.
      „Muss das jetzt sein?“, stöhnte ich und wischte mit einem Taschentuch durch mein Gesicht.
      Erik nickte.
      Ich seufzte.
      „Dass du wieder da bist, als wäre nichts gesehen. Wir nicht einmal darüber reden. Die komische Aktion bei deinem Vater. Du mir den Kontakt verbietest zu Niklas. Wir jetzt ein Pony ansehen und“, es sprudelte alles aus mir heraus, bis ich stoppte, aber auch über den Unbekannten schwieg. Erik dachte nach, so viel erkannt ich in seinem Gesicht trotz der fehlenden Lichtquelle, die mir Aufschluss darüber geben würde, ob es richtig war, das unausgesprochene wieder hochzuholen.
      „Engelchen“, er strich mir noch eine Strähne aus dem Gesicht, „Ich bin wieder da, weil du mich brauchtest und ich dich vermisst habe. Wir reden nicht darüber, weil es nichts zu reden gibt. Letzten Monat war es einfach stiller, aber na und? Was sollte das ändern? Und bei meinem Vater? Ich hatte mich vermutlich nicht klar genug ausgedrückt, aber alles was folgte, hast du mehr oder weniger selbst entschieden“, er druckste weiter herum. Dann überlegte er für einen Augenblick: „Es ist nur Niklas, mehr nicht. Müssen wir darüber wirklich diskutieren? Du siehst doch wie glücklich Lina jetzt ist und das wird seinen Teil mit dazu beitragen“, wieder schüttelte Erik den Kopf, aber schlug zusätzlich die Hände dahinter zusammen, „und natürlich fahren wir uns Maxou anschauen. Du hast selbst gesagt, dass sie ein unschlagbares Angebot ist, wenn alles passt. Also komm. Du schaffst das und deswegen ist Lina doch da, falls du nicht weiterweißt.“ Zumindest sein letzter Satz klang logisch für mich und stieg wieder hinein, ohne ihm eine weitere Antwort zu geben. Immer wieder zettelte ich unangenehme Situationen an, aber er hatte leider recht, dachte ich. Mein Handy schwieg ebenfalls, Nachrichten noch immer nicht angekommen. Wie konnte das nur so unglaublich wichtig für mich sein? Lina kam ebenso wieder in das Fahrzeug geklettert, wobei sie mich besorgt musterte.
      „Geht es dir auch wirklich so weit gut? Wir müssen das hier nicht unbedingt heute tun?“, erkundigte sie sich fürsorglich.
      „Wir sind jetzt zwei Stunden gefahren, da drehen wir doch nicht wieder um, ohne dagewesen zu sein“, kam letzten Reste an Motivation aus mir heraus. Mit einer meditativen Atemübung versuchte ich den erhöhten Puls wieder zu beruhigen und auch Trymr half mir mit seiner Anwesenheit. Seinen Kopf hatte er auf meinen Beinen abgelegt, während seine Augen langsam zu mir hochsahen, sich öffneten und wieder schlossen. Ich strich ihm durchs Fell.
      “Das müsste es sein”, prüfend sah Erik auf den großen Monitor im Fahrerbereich und dann wieder aus dem Fenster. Vor uns lag ein matschiger, wenig beleuchteter Stall, der keinen Vergleich zu Höfen darstellte, die ich bisher kannte. Langsam fuhr er die Buckelpiste entlang, parkte das Fahrzeug zwischen einem Hänger und dem Zaun ab. Ich wechselte meine Schuhe, denn zum Glück hatte ich mir meine Wintermatschstiefel eingepackt. Auf den Bildern ließ sich bereits erahnen, dass wir nicht das königliche Gestüt besichtigten. Erik sprang aus dem Fahrzeug, stieß laut Luft aus der Nase, ehe er die Tür für uns öffnete. Ich schmunzelte. Nicht nur seine Schuhe hatten eine ungesunde Menge an Matsch abbekommen, sondern auch die Anzughose. Selbst schuld, strömte als erster Gedanke durch meinen Kopf und ich stieg aus. Lina zog sich derweil noch andere Kleidung an.
      “Ich zwinge dich zu nichts, wenn es nicht passt, dann passt es nicht, okay?”, vergewisserte sich Erik und strich mir mit seinem Handrücken durchs Gesicht. Willkürlich wurde mein Lächeln breiter.
      “Ja, okay. Aber du kannst mich ohnehin zu nichts zwingen”, provozierte ich ein wenig.
      “Das denkst auch nur du”, feixte er und drückte mich gegen die kalte Oberfläche des Transporters. Meine Hände fest in seinem Griff versuchte ich mich herauszuwinden, doch konnte mich nur schwer von seinem Antlitz lösen. Sanft küsste er meinen Hals. Ich schloss die Augen. Umschlungen von einem seltsamen Rausch, der wie Meeres Musik mein Blut und auch die Seele in Wallungen brachte, ließ ich kein weiteres klares Wort mehr verlauten, konnte mich nicht bewegen, nur fühlen. Einen Herzschlag später berührten seine weichen Lippen meine, ungleich intensiv spürte ich die Leidenschaft, die uns umgab und wie von einem Blitz durch uns beide ging, die Körper miteinander verschmolz. Fest packte er mich an der Hüfte und sich fester an mich heran. Etwas schockiert über seine plötzliche Zärtlichkeit erfüllte mich dennoch eine Hitze im ganzen Körper, die wohl auch mit dem sanften Druck gegen meinen Bauch zu tun hatte. Erik löste seine Lippen von mir, grinste noch immer verschmitzt und strich mir schließlich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus dem Dutt gelöst hatte.
      “Ich denke nicht, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt ist”, fand ich meine Stimme zurück.
      “Zugegebenermaßen, nein”, lachte er und ließ mich in die Freiheit zurück. Lina lugte heiter aus der Tür des Transporters heraus, ehe sie einen Fuß nach dem anderen über die schmalen Stufen hinaussetzte. Trymr folgte ihr, aber stoppte, als er das dreckige Nass mit den ersten Ballen seiner Zehen berührte.
      > Du kan bo här.
      “Du kannst hierbleiben”, scherzte Erik. Der Hund drehte umgehend wieder um und legte sich auf die breite Sitzbank ab. Ich schloss die Tür.
      “Bereit?”, fasste ich allen Mut zusammen und lief los.
      Eine rundliche Frau kam uns entgegen, begrüßte uns herzlich auf Französisch, also schwieg ich. Erik übernahm das Wort und auch Lina schien fröhlich dem Gespräch zu folgen. Wie von einem plötzlichen Regen erfasst, schwemmte aller Mut von mir und ich fühlte mich wie in meine Kindheit zurückversetzt, wenn ich mit meinen Eltern einen Laden betrat, um etwas für mich zu kaufen, aber ich nur still folgte. Wir kamen in einen kleinen Stall mit warmem Licht, das aber nur wenig Helligkeit spendete. Auf beiden Seiten standen Ponys in ihren Boxen, zumeist eingedeckt, und genüsslich das Heu knabberten. Neugierig musterte ich die Tiere, die nicht einmal den Kopf hoben, um die Besucher zu betrachten. Beinah am Ende des Ganges blieben wir stehen. Das kleine Pferd von den Bildern stand vor uns.
      > Detta är hennes.
      “Das ist sie”, sprach die Frau ich schlechter Betonung. Zusammen mit Lina verschwanden wir in einem Raum. Ein reines Durcheinander dominierte das Auftreten. Überall standen Putzkisten herum, die zum einen Teil kaputt waren oder furchtbar dreckig. Auf dem Boden lagen auch Sättel und Trensen in einem ebenso schlechten Zustand. Sie drückte uns einen riesigen Springsattel in die Hand und eine abgescheuerte Schabracke. Mir blieb die Luft weg, aber versuchte meine Wut mit einem aufgezwungenen Lächeln zu überspielen. Lina wirkte gleichermaßen verwirrt, aber half der Dame die richtigen Sachen zu finden. Dann ließ sie uns allein, erklärte nur, dass sie in der Halle auf uns warten würde.
      “Laufen Besichtigungen immer so ab?”, fragte ich verwirrt und sah zu meiner Kollegin.
      “Nein”, antwortete sie skeptisch dreinschauend, “für gewöhnlich läuft so etwas … ein wenig betreuter ab und weniger …” Lina machte eine Geste, die wohl das Chaos um uns herum umschreiben sollte. Zustimmend nickte ich. Mit dem Zeug in der Hand liefen wir aus der verstaubten Kammer heraus und schockiert blieb ich stehen. Unsanft rammte Lina in mich heran, unverständlich murmelte und sah dann ebenfalls nach oben.
      “Sehe ich das richtig?”, flüsterte ich zu ihr, die Augen fest an Erik, aber mein Kopf drehte sich ein Stück zu ihr. Er hatte die Box zur Stute geöffnet, die mit Hals herausragte. Freundlich schmiegte sie sich an ihm und Erik fuhr mit seiner Hand durch das kurze Fell. Hätte Lina mich nicht daran erinnert, dass Pferde eher weniger in seinem Interesse lagen, würde ich meinen letzten Cent dafür geben, sie nicht mehr voneinander zu reißen.
      “Jap. Ich glaube, dieses Pony muss etwas Besonderes an sich haben”, raunte sie eine Antwort, mit einem Ausdruck der Verwunderung auf dem Gesicht. Erneut drückte das Pony an ihn heran, schloss dabei entspannt die Augen. Ihr Kopf gesenkt und das Bein angewinkelt, schienen sie schon jetzt ein Herz und eine Seele zu sein. Ein furchtbarer Schmerz fegte durch mein Inneres und entfesselte ein heftiger Anfall von Eifersucht. Beides versuchte ich kläglich zu unterdrücken, als ich mich hörbar räusperte. Lina drängelte sich im selben Atemzug an mir vorbei, aber mein Arm schob ich ein Stück zur Seite, um sie aufzuhalten.
      “Ich muss dir was mitteilen”, flüsterte ich und ihre Augen funkelten, getrieben von Neugier hielt sie an, “Ist es lächerlich, wenn ich dir sage, dass ich nie wieder die Beiden trennen vermag und bei mir machen möchte. So, für immer?”
      “Awww, wie herzig”, äußerte sie sich entzückt, ”was du da sagst ist nicht lächerlich, sondern vollkommen legitim.”
      „Aber ich will so was nicht fühlen“, sprach ich bedeckt, jedoch er bekam sichtlich mehr davon mit, als ich wollte. Erik trat aus der Box heraus, dabei kippte das Pferd minimal nach vorn, fing sich noch rechtzeitig auf.
      „Wollt ihr da Wurzeln schlagen? Ich finde es hier nicht so schön, um verweilen zu wollen“, lachte er. Ich schüttelte mich kurz und lief los. Das schreckliche Sattelzeug legte ich auf dem Strohballen vor der Box ab und Lina stellte dazu den Putzkasten, oder vielmehr die Werkzeugkiste. Aus meiner Hosentasche griff ich nach einem Leckerli und reichte es Richtung Pony. Maxou roch behutsam an meiner Hand, zuckte zurück, bevor die Oberlippe nach dem Brick fummelte. Sehr lange schob sie ihren Kiefer von links nach rechts und noch länger, bis sie schluckte. Selbst Heinz konnte schneller fressen als sie. Ich seufzte. Meine Hand fuhr ihr an der Stirn nach unten. Ihre Augen sahen matt in Eriks Richtung, der von einer anderen Stute uns gegenüber gepiesackt wurde. Sie fummelte interessiert an seinem braunen Mantel herum und ließ sich durch nichts von ihrem Plan abbringen. Erst als er sich zu einem anderen Pferd an die Box stellte, gab sie nach.
      “Lina, ich denke nicht, dass sie reiten werde”, musterte ich das erschöpfte Pony. Kritisch nahm sie das Pony ein wenig genauer in Augenschein. “Ja, das halte ich auch nicht für eine gute Idee. So fit schaut sie nicht aus und ihre Fressgeschwindigkeit finde ich äußerst bedenklich.” Ich beobachtete, wie Lina der kleinen Stute behutsam über die Stirn fuhr, bevor sie sich langsam zur Kauleiste hervor tastete. Obwohl sie nur sanften Druck ausübte, legte Maxou die Ohren an und es war ersichtlich, dass ihr die Berührung unangenehm war.
      “Dachte ich mir schon”, murmelte sie leise und entfernte die Hände wieder vom Kopf der Stute.
      “Wie schlimm sind die Zähne?”, seufzte ich.
      “Ihrer Reaktion nach, und so fest wie das alles ist, ziemlich schlimm. Sie hat sicherlich schon längere Zeit keinen Zahnarzt mehr gesehen”, erläuterte sie ihr Urteil.
      „Also?“, trat Erik mit verschränkten Armen an und heran. Mein Puls raste hoch, was wohl weniger an seinem fehlerlosen Anblick lag als an der Tatsache, dass ich mich offenbar entscheiden musste. Mir tat das Pony leid, oder vielmehr, dass er so sehr mit ihr verbunden war vom ersten Anblick an, dass es mir gar nicht möglich war, eine reflektierte Entscheidung zu treffen. Fragend sah ich zu Lina, die hektisch mit dem Kopf schüttelte und dann mit den Schultern zuckte, als meine Unterlippe nach vorne schob. Sie sah sich schließlich noch den Rest des Tieres an, der auch nicht wirklich überzeugend wirkte. Ja, sie war gut im Futter, die Muskulatur in Ordnung und der Körper zeigte noch keine Zeichen einer Trageerschöpfung, dennoch war sie geistig nicht anwesend und sah genauso müde aus wie ich.
      Entschlossen griff ich nach Eriks an und zerrte ihn zu der rundlichen Frau, die rauchend auf einer Bank vor der Reithalle saß. Verwundert sah sie uns, aber schüttelte nur den Kopf. Gerade im Begriff aufzustehen, stellte ich mich näher an sie heran, verwandelte düster meinen Blick.
      “Sag’ ihr, dass wir sie für fünftausend weniger direkt mitnehmen und sie nie wieder etwas von uns hört”, sagte ich ernst zu Erik. Nun sah auch er mich mit zusammen gekniffenen Augen an, zog mich stumm zu Seite. Offenbar war das gegenseitige Herumschubsen Pflichtprogramm. In mir raste es vor Wut, aber auch Enttäuschung, dass ich mir natürlich einen Tierschutzfall annahm. Nichts konnte normal laufen, aber warum auch. Für das Kleingeld meinerseits konnte es nur eine Gurke eines matschigen Pferdehofs werden, der inmitten des Waldes stand.
      “Was ist dein Plan?”, fauchte er mich leise an.
      “Ich weiß es nicht”, gab ich zu, “aber wir nehmen sie mit, ansonsten finden wir mit etwas Training und pflege jemanden anderes. Bei uns am Hof ist so viel Publikumsverkehr, das wird. Und die fünftausend fehlen mir für den Kaufpreis.”
      “Was habe ich dir gesagt, dass Geld die geringste Sorge ist”, ermahnte er, legte mir mal wieder eine Strähne hinter das Ohr. Die kleine Berührung beruhigte mich ungemein, zügelte meine Wut. Erik war stets so zärtlich und leidenschaftlich, so beschützend und großzügig. Womit verdiente ich das?
      “Also möchtest du sie haben?”, vergewisserte er sich. Langsam nickte ich, behielt seine Hand fest in meiner. Mit einer Bewegung schickte er mich jedoch weg und begann eine hitzig klingende Diskussion zu entbrennen. Kurz blickte ich zurück, ehe ich die Schritte vergrößerte und bei Lina ankam. Die Stute spitze die Ohren.
      “Die kleine kommt also mit?”, formulierte Lina es eher als Aussage als, als Frage.
      “Ja, wenn er sie runterhandelt, aber ich schätze, dass er jeden überzeugen kann”, dann lachte ich warm. In dem Augenblick kam Erik sogar schon wieder, hielt triumphierend einige Blätter in die Luft.
      “Guck mal”, reichte er mir das Papier, “Wir haben jetzt ein Pony.” Klamm stand ich neben Lina, starrte mit tränennassen Augen in seine Richtung. Nichts regte sich mehr, selbst mein Herzschlag fühlte sich an, als hätte es aufgehört. Ich schnappte nach Luft und sprang los, direkt in seine Arme. Maxou schreckte nach oben. Ihre Hufen klimperten auf dem steinigen Boden, dann beruhigte sie sich, doch in mir brannte es. Fest zog ich mich an ihn heran und richtete den Blick hoch zu seinem Gesicht, das genauso glücklich strahlte wie meins, nur weniger verweint.
      “Hätte mir einer gesagt, dass es so leicht ist dich glücklich zu machen mit einem Pferd, hätte ich mir überhaupt keine Mühe geben müssen”, lachte Erik und drückte überzeugt seine Lippen auf meine. Unwillkürlich wichen jegliche Anspannungen aus meinen Gliedern, aber seine kräftigen Arme hielten mich problemlos fest. In meinen feuchten Augen glitzerte das Licht der Stallbeleuchtung und alles verschwamm in einer gematteten Oberfläche.
      “Was für eine Mühe? Deine Anwesenheit reicht, um mir den Verstand zu verdrehen”, feixte ich und gab ihm erneut einen Kuss, musste mich dann unserem neuen Familienmitglied zuwenden.
      “Willkommen in der Welt der Pferdebesitzer”, beglückwünschte sie uns knapp.
      ”Ich will euch in eurer Freude nicht hindern, aber ich wäre dankbar, wenn ihr das vielleicht auf zu Hause verschieben könntet, dieser Ort behagt mir nicht besonders”, fügte sie ein wenig drängend hinzu, während ihre Augen immer wieder argwöhnisch umherwanderten.
      “So viel Leid in der Luft”, murmelte ich zustimmend.
      “Ich gehe zum Transporter, mir ist kalt”, fügte dann auch Erik hinzu. Ich nickte, folgte ihm jedoch, um alles Notwendige zu holen.
      Rau fegte der Wind über den offenen Vorplatz des sogenannten Pferdehofes, wirbelte mein Haar vor die, schon durch Dunkelheit beschränkte, Sicht. Langsam kroch der Nebel zwischen den Bäumen hervor und verschluckte bereits die ersten Zäune in sich. Für einige Schritte tänzelte ich durch den Matsch, bis ich mich schützend an Eriks Arm festhielt. Sanft lächelte er. Merkwürdig fühlte es sich an, einen solch fundamentalen Schritt mit ihm einzugehen, dass es beinah beängstigend war, wie nah wir einander kam. In seiner Umlaufbahn verspürte ich Zuversicht, Vertrauen und vollständige Hingabe, Dinge, die ich zu vor nur in wenigen Sekunden meines Lebens wahrnahm. Ich war zuversichtlich, als ich entschied bei den Earles auf dem Gestüt blieb, meine alte Heimat den Rückenkehrte und einen neuen Abschnitt begann. Vertrauen schenkte ich meinem Bruder, der nicht nur mit kleinen Überraschungen lockte, sondern auch ein offenes Ohr für meine Probleme hatte. Hingabe? Natürlich kam mir Niklas als Erstes in den Sinn, aber mit einem kräftigen Atemzug verschwand er wieder. Nichts sollte diesen Moment zerstören.
      “Ich würde dann gern einsteigen”, legte Erik seine Hand an mein Kinn und drückte es ein Stück nach oben, damit ich ihm in die Augen sah.
      “Sicher?”, lüstern verdrehte ich leicht den Blick, erkundete, für wie viel er sich heute noch bereit fühlen würde. Doch auch er hatte sein Talent darin, mir die Sicht zu vernebeln. So verhinderte er, dass ich meine Lippen erneut auf sein Drücken konnte, indem er den Zeigefinger auf meinen Mund ablegte.
      “Erst unser Pferd einladen”, grinste Erik vergnügt und begrüßte das Ungetüm. Trymr wedelte wild mit dem Schwanz, wagte es nicht in den Dreck zu hüpfen. Kurz beobachtete ich beiden noch, ehe ich aus der Sattelkammer hinten eine Abschwitzdecke holte sowie Gamaschen und eine andere Halfter. Beim Wühlen fand ich noch zwei Bürsten, die um einiges besser waren als der Dreck in der Werkzeugkiste.
      “Hast du die Papiere und den Equidenpass?”, lugte ich noch einmal vollbepackt in den hinten Abteil des Fahrzeugs. Auf dem Tisch legte er alles aus, was er bekommen hatte. Prüfend fuhren meine Augen die Buchstaben entlang und fanden alles Wichtige.
      “Ach und”, drehte ich mich noch mal um, Erik wollte gerade die Tür wieder schließen, “Danke. Danke für alles.” Dann setzte ich den Weg mit gesenktem Kopf fort, verängstigt, zu viel zu sagen, oder das falsche. Oder seine Reaktion zu sehen, dass ich mich nicht traute meine Gefühle auszudrücken. Im Stall tätschelte Lina weiterhin die angeschlagene Stute am Kopf und Hals. Ihre Ohren hingen locker zur Seite und auch die Unterlippe war vollständig erschlafft.
      “Hier, ich habe noch Bürsten gefunden”, reichte ich Lina eine und nährte mich langsam meinem Pferd. Unglaublich, dieses Pony gehörte nun mir. Ich hatte sie weder intensiv gestreichelt noch geführt, stattdessen nur beobachtet, aber war mir sicher, dass jemand wie Erik, der überhaupt keine Ahnung hatte, nur Sicherheit bei dem richtigen Tier verspürte. Maxou stellte die Ohren auf und stupste mich an der Jacke an, aus der sie vorhin bereits ein Leckerli bekam.
      “Möchtest du noch eins?”, fragte ich ins Blaue und kramte nach einem weiteren. Noch immer vorsichtig nahm sie es mit der Lippe von meiner flachen Hand und kaute langsam vor sich hin. Denn Moment nutze ich, ihr das eklig verdreckte Halfter abzunehmen, dass ich an den Haken vor der Box hängte. Erstaunlich, dass die Frau noch immer nicht im Stall auftauchte, wenn es danach hing: Im Hänger wäre noch ein weiterer Platz frei. Auffällig unauffällig schweifte Blick durch die Gasse, hielt Ausschau nach einem weiteren Kandidaten. Doch nichts Interessantes erblickte ich.
      “Ihre Hufe sehen genauso schlimm aus, wer hätte das nur gedacht”, sprach ich leise zu Lina, als ich die Hufe auskratze. Die Hufwand wuchs bereits merklich über die Eisen hinweg, Ringe waren zur Erleichterung meinerseits nicht zu sehen. Ein Rehe Pony hätte mir noch gefehlt.
      “Ja, armes Tierchen. Aber es hätte sie noch deutlich schlimmer treffen können, zumindest äußerlich lässt sich nichts erkennen, was sich nicht mit ein bisschen Pflege wieder geradebiegen ließe”, entgegnete sie und strich mit sanften Bürstenstrichen über das helle Fell.
      “Da wird sicher noch vieles mehr in ihr stecken”, verstummte ich schließlich. Von der Seite nahm ich die Gamaschen und legte sie vorsichtig an ihre Beine. Mehrmals zuckte sie nervös am ganzen Körper, schlug mit dem Schweif und legte sogar die Ohren an.
      “Alles gut, kleine Maus”, versuchte ich sie sanft zu beruhigen. Behutsam ging ich voran, bis sich mich schließlich an ihren Beinen gewähren ließ. Neugierig knusperte sie an meinem Dutt herum. Schief schielte ich zu ihr, aber konnte den Spaß nicht ablehnen, den sie mit dem großen Haargummi hatte. Lina legte genauso vorsichtig die Decke über das Pferd. Zu guter Letzt fehlte noch das ordentliche grüne Halfter für die Fahrt. Dann schnappte sich meine Kollegin noch die beiden Bürsten, somit waren wir fertig.
      Nur kläglich folgte Maxou aus der Box, aber mit einem weiteren Leckerli konnte ich sie genügend davon überzeugen. Ihre Hinterbeine hob sie ungewöhnlich hoch und stolzierte wie ein Storch durch den Matsch. Den Rest ließen wir sorglos liegen in der Stallgasse, würde ehrlich gesagt auch gar nicht weiter auffallen. Auffällig leuchtete der ganze Transporter und Lina öffnete die Rampe an der Seite. Langsam fuhr sie nach unten. Skeptisch tänzelte Maxou, baute sich am Hals hoch auf und stieg einige Zentimeter in Luft. Ich ließ ihr den Raum, den sie wollte, aber zupfte vorsichtig am Strick. Ihre kurze und ungerade geschnittene Mähne wehte im Wind, wie auch die Decke. Neugierig musterte sie dann doch die Gummiklappe und stürmte von selbst hinauf, drehte sich sogar in Fahrtrichtung hinein. Meine Brauen zogen sich überrascht noch oben zusammen.
      “Das ging schnell”, überlegte ich laut und drückte mit Lina die Rampe nach oben, nachdem ich Maxou ausreichend im Inneren befestigte und die Zwischenwand schloss. Ich überprüfte noch alle anderen Türen, ob sie ausreichend gesichert waren, ehe ich ebenfalls einstieg.
      Fröhlich begrüßte mich Trymr, jaulte, als wäre ich seit Wochen nicht mehr bei ihm gewesen, aber erwiderte die Reaktion aus vollem Herzen. Das Tier genoss die unverdrossene Einheit von Liebe. Im Schlusslicht sprang er zu Lina, holte sich eine weitere Streichelei ab.
      “Liebling”, quietschte ich viel zu laut und er nahm die Hand vors Ohr, an dem ich mich hinüberbeugte.
      “Wie ist dir zu helfen, Liebes?”, funkelten seine hellen und verträumten Augen.
      “Denkst du, Fredna würde sich darüber freuen, noch heute in mein trautes Heim zu kommen?”, schmunzelte ich. Überrascht drehte Erik sich stärker zu mir, schien vor Glück kein weiteres Wort mehr aus dem wohlgeformten Mund pressen zu können, stattdessen schloss er seine Augen und zog mich an sich heran. Er wusste genau, dass ein einfacher Kuss reichte, um mich zu überwältigen und die Lust zu entflammen. Aber ich zügelte mich und alles an wilden Gefühlen, die fürs Erste in den Hintergrund rücken sollten.
      “Meine Schwester erzählte bereits, dass sie mich vermisst, aber wohl auch dich. Na gut, es waren mehr die Pferde, die sie damit versuchte wiederzusehen”, feixte er. Ich nickte, drehte mich um und blickte prüfend durch das Fenster zum Pony. Maxou stand entspannt im Transporter. Kurz dachte ich nach, aber entschied mich ein Bild zu machen und nach Jahren wieder etwas auf Instagram zu posten. Sie war es wert der Welt präsentiert zu werden. Auch Lina scrollte gerade durch ihre Timeline, als ich mich dazu setzte, da Trymr sich auf der anderen Bank belagerte. Unbewusst huschte mein Blick auf ihr Gerät, beobachtete genau, was sie likte und in den Kommentaren nachlas. Natürlich versuchte ich mit aller Kraft ihr den nötigen Freiraum zu geben, aber meine Neugier ließ sich nur selten bändigen.
      Ich entschied mich dazu mich etwas mehr über das Pferd zu informieren, griff also nach dem Equidenpass und durchblickte den nichts aussagenden Stammbaum. Keins der Pferde kam mir auf Anhieb bekannt vor, wie auch? Ihre Mutter war ein französisches Pony und ihr Vater ein Hengst aus Spanien, laut dem Internet als Jährling aus Portugal gekauft. Heute steht er an der Grenze zu Frankreich am Mittelmeer. Ein warmes Gefühl breitete sich aus und versetzte mich in angenehmere Gebiete der Welt. An meinen Füßen spürte ich den Sand eines Strandes und zwischen den Zehen die Wellen des Meeres, während in der Nase der Duft von Fisch und Salz dominierte. Winter macht traurig und die wenigen Sonnenstunden im schwedischen förderten es noch mehr. Ich seufzte. Den Browser schloss ich und bemerkte die kleine zwei am Nachrichtendienst. Verwundert darüber drückte ich auf das grüne Symbol und bemerkte, dass der Unbekannte geschrieben hat. Langsam schielte ich durch den Transporter. War es der richtige Augenblick? Eigentlich hatte ich mit Lina bereits festgestellt, dass nichts an dem Kontakt falsch war. Der Chat war noch offen, so leuchteten die beiden Nachrichten auf: “Verkopf dich nicht so in den Kleinigkeiten, geh offen in die Situation. Du schaffst das”, ich schluckte und sah zur nächsten, “Es fällt mir schwer dich aufzubauen, aber so viel wie ich von dir bisher gelernt habe ist, dass du eine starke Frau bist mit festen Vorstellungen. Also mach’ etwas daraus. Behalte im Hinterkopf, dass ich dich will, so sehr wie nichts anderes. Jede Nachricht von dir bringt mein Blut in Wallungen und auch bei der Arbeit schwebst du in meinem Kopf, du machst mich verrückt. Mir wird warm, wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lasse und mir nicht auszumalen weiß, wie die Zweisamkeit wäre. Ich entschuldige, wenn ich das Chaos in dir befeure.”
      Das Handy entglitt mir aus den Fingern und am ganzen Körper begann ein Zittern vor Erregung. Wie konnte er nur? Lina schien sichtlich amüsiert, aber auch verwundert. Ihr Gesicht strahlte noch immer heiter und ich konnte an ihren Augen erkennen, dass sie mitgelesen hatte. Frech!
      “Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?”, versuchte ich ernst zu bleiben, aber kicherte beim letzten Wort doch noch.
      “Nein. Schuldig im Sinne der Anklage”, grinste sie keck, ”Tut mir leid, es war zu verlockend.”
      „Alles gut“, klopfte ich ihr auf die Schulter. Noch bevor ich weitersprechen konnte, vibrierte mein Handy und lenkte kurz meinen Blick in den Schoß, aber beschloss, die menschliche Unterhaltung zunächst fortzusetzen: „Jetzt hast du eine Vorstellung davon, was täglich zu lesen war.“ Ich drückte mich mit Bedacht sehr gediegen aus, um Eriks Aufmerksamkeit nicht noch weiter zu entfachen. Irgendwann würde er es erfahren, sofern es notwendig war, aber so blieb es bei einer netten Bekanntschaft. Doch mein Handy kam nun nicht mehr zur Ruhe. Immer mehr häufte sich das kurze Brummen, hörte gar nicht mehr auf, sodass ich nur rasch den Bildschirm musterte. Instagram nervte, aber wieso? Meine Brauen zogen sich irritiert zusammen und die erste Tätigkeit war es, aus rechten Bildschirmecken die Leiste herunterzuziehen und den ‚Bitte nicht stören‘ Modus zu aktivieren.
      “Wow, das Geräte möchte aber dringend deine Aufmerksamkeit. Was will es denn?”, fragte Lina diesmal interessiert, bevor sie auf den Bildschirm schielte.
      „Gute Frage, lass uns mal sehen“, schlug amüsiert vor. Ich entsperrte den Bildschirm und zog dieses Mal aus der rechten Ecke die Leiste herunter. Mittlerweile stapelten sich die Benachrichtigungen, davon waren über hundertzwanzig von Instagram, was mich schon ziemlich überforderte und zwanzig weitere aus der engen Vereinsgruppe. Wie konnte denn so viel auf einem Mal geschrieben werden? Überrascht drückte ich den Instagram Stapel an, scrollte nach unten, um den Ursprung des Sturms zu erforschen. Mir stockte der Atem als ich las. Auch Lina zog eilig die Luft nach oben. ‚(vriskahisc): niklas.olofsson mentioned you in their story‘ leuchtete groß an letzter Position. Wie ein Fisch am Trocknen schnappte ich noch einmal nach Luft.
      „Sorry“, murmelte ich leise zu ihr und öffnete die Benachrichtigung. Er hatte die Story von Maxou ebenfalls bei sich geteilt und dazu geschrieben:
      > Grattis! Äntligen hästägare!
      „Herzlichen Glückwunsch! Endlich Pferdebesitzer!“
      Ihr Gesicht sah noch immer betrübt aus, aber ehrlich gesagt wünschte man niemanden diesen Sturm an Nachrichten. Neben der übermäßigen Reaktion in Form von Glückwunsch auf meine Story, bekam ich auch Nachrichten, die größtenteils freundlich gesinnt waren, aber auch, was ich denn mit ihm zu tun hätte. Diese löschte ich umgehend, aber eine zog meinen Finger besonders magisch an. Die Nachricht beschäftigte mich gar nicht weiter, vielmehr war es ihr Profil. Natürlich war der Feed gefüllt von professionellen Bildern, die mein Kopf aber eher als mittelmäßig abstempelte, denn meine Würden deutlich besser aussehen. Ich klickte mich durch und entdeckte, worauf mein scharfsinniges Auge von Anfang an schielte. Ihr Rappe trug eine pinke Schabracke und darauf gedruckt kleine Otter. Umgehend wischte ich Instagram weg, öffnete Safari und fand mehr darüber heraus. Es gab eine umfassende Kollektion, sogar in vier Farben.
      „Liiiiiiina“, quietschte ich laut und zeigte ihr die Bilder auf der Website, „das sind einfach Otter.“ Meine Augen funkelten fasziniert. Linas Gesicht leuchte volle Begeisterung auf, als sie ganzen Artikel erblickte.
      “Oh, wie niedlich die aussehen”, rief sie entzückt aus, “Ich glaube, das benötige ich ganz dringend für meine Ponys. Sie nur wie herzig das aussieht.” Sie tippte auf ein Bild, auf dem ein zierlicher kleiner Rappe ein pinkes Exemplar unter dem Sattel trug. Ergänzt wurde das Outfit durch farblich passende Fesselkopfgamaschen. Auf einem weiteren Bild trug ein stattlicher Fuchs Halfter, Abschwitzdecken und Bandagen in Gelb, selbstverständlich alles mit Ottern bedruckt, sogar die Bandagierunterlagen, die unter dem Fleece hervorlugten.
      „Na dann“, sagte ich und überlegte bereits welche Größe wohl Maxou benötigte. Aktuell hatte sie hundertfünfundzwanzig auf dem Rücken, dass sie zwar abdeckte aber eine Nummer größer würde ihr guttun. Also entschied ich mich für hundertfünfunddreißig. Für Lubi würde es ebenfalls nur eine Größe zu klein sein, also ein guter Deal.
      „Blau?“, fragte ich Lina trocken, die kurz überlegte, „also für deine Ponys meine ich.“
      “Ja, das sollte auf beiden schick aussehen, wobei die Farben ja alle so schön sind”, schwärmte sie euphorisch.
      „Du kannst dir dann meine Ausleihen“, murmelte ich abwesend und musste bei jedem einzelnen Artikel viermal auf ‚Lägg i varukorgen‘ klicken, um alle Farben von allen zu haben. Linas Augen wurden immer größer, als ich zu guter Letzt noch das Handy hinhielt, dass sie die Rückenlänge ihres Hengstes auswählen konnte. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde es auch Redo passen. Damit lagen alle Sachen fünfmal im Einkaufswagen und schnell tippte ich alle wichtigen Daten ein wie Adresse und Name, bei der Kasse war ich nicht sonderlich beeindruckt von dem mittleren fünfstelligen Bereich, sondern wählte nur die Kreditkarte aus, die ich im Apple Pay registriert hatte. Kauf bestätigt. Deutlich ärmer, aber noch glücklicher wechselte ich zurück auf Instagram, wo die Abonnenten Anzahl stieg, aber auch alles andere. Genervt änderte ich die Benachrichtigungen auf enge Freunde und Leuten, denen ich folge.
      „Sollte Montag oder Dienstag da sein“, wendete ich mich Lina zu, nachdem die Bestätigungsmail ankam.
      “Super, ich freu mich schon”, grinste sie zufrieden, “Was bekommst du?” Irritiert drehte ich meinen Kopf, wusste nicht genau, was sie mit der Frage bezwecken wollte.
      „Nichts?“, strahlten die Fragezeichen in meinen Augen noch heller. Aber auch ihre regten sich wieder nervös, dann zuckte ich mit den Schultern, „genau genommen ist das nicht meins, sondern so Scheine, die ich regelmäßig bekomme, um zu schweigen. Also egal.“
      „Worüber sollst du schweigen?“, mischte sich plötzlich Erik ein.
      „Du weißt, dass das so nicht funktioniert. Ich darf darüber nicht reden“, blieb ich vollkommen unbegeistert.
      „Liebes, wir sind doch unter uns“, versuchte er weiter eine Antwort herauszukitzeln.
      „Was für unter uns? Jeder von hier hat ein Telefon, du bist irgendwas zwischen kriminell und Gesetzeshüter und Lina sogar mit einem zusammen. Ich sage hier gar nichts ohne einen Anwalt“, monoton, oder eher wie einstudiert, sprach ich weiter. Viel zu interessant war es zu beobachten wie aus den ursprünglich tausend, erst zweitausend wurden und in Hunderten Schritten weiterliefen. Wie konnte der Kerl so viel Aufmerksamkeit erregen und was erhofften die sich bei mir? Mein Feed bestand aus einem Pferdebild, das ich mit Glymur am Strand hatte, aus der ersten Woche in Schweden, sonst aus City Touren oder Partybilder. Interessant für Pferdeleute keinesfalls.
      „Du sagst das jetzt“, wurde Erik ernster, wollte es einfach nicht auf sich beruhen lassen, sogar das Fahrzeug wurde langsamer.
      „Man, muss das jetzt sein? Ich darf nicht darüber sprechen, sonst würde ich das Blutgeld nicht haben“, rollte ich mit den Augen. Der Transporter hielt auf dem Seitenstreifen der Fernstraße. Ich nutzte den Moment, um mich kurz vom Gurt zu lösen und einen prüfenden Blick zu Maxou zu werfen, die noch immer wie die Ruhe selbst dastand. Die Augen fielen immer wieder zu, ihr Hinterhuf aufgestellt. Dann setzte ich mich zurück.
      „Vivi, wärst du so freundlich uns mehr zu erzählen“, forderte er bestimmt. Ich seufzte.
      „Papa hat genauso viele Leichen im Keller wie deiner, wovon ich einige kenne und auch verursacht habe, um bessere Verträge auszuhandeln. Damit aber keiner erfährt, was ich getan habe oder musste, schweige ich und bekomme die“, ich überlegte, „ich glaube, dass es um die fünfzigtausend Kronen sein müssten, also das, was ich gerade bezahlt habe.“ Dann schwieg ich und überdachte, was ich da gerade herunter gerattert hatte. Zählte das schon in die Schweigepflicht? Eigentlich nicht, reflektierte ich.
      „Geht doch“, schmunzelte Erik und setzte das Fahrzeug in Bewegung. Ich fühlte mich urplötzlich wieder seltsam bedrängt, unwohl in meiner eigenen Haut. Verspürte, dass etwas nicht so lief wie geplant und auch Lina vernahm diese schlechten Gefühle. Unsicher strich sie mir über das Bein mit einem Lächeln auf den Lippen.
      „Aber“, setzte er wieder an. Ich seufzte und schüttelte abwertend mit dem Kopf, was er natürlich nicht sehen konnte.
      „Was musstest du denn tun?“, hakte er nach.
      „Ich denke nicht, dass das ein Thema für so viele Ohren ist“, sprach ich pikant und formte ein Sorry in ihre Richtung auf meinen Lippen, „außerdem, was ist dein Ziel? Willst du ein Druckmittel?“
      „Liebling, das nennt man Unterhaltung und sowas tut man, wenn man sozial ist. Aber doch, Lina wird schon niemanden davon erzählen, ansonsten“, Erik verschluckte die Worte, aber in meinem Kopf endete der Satz umgehend mit Erpressung. Schwierig. Wie konnten wir hier eigentlich landen?
      „Der erste Abend bei Vidar beschreibt es ganz gut, nur, dass du nicht da warst“, murmelte ich und sprach es aus dem Dunst heraus. Plötzlich stoppte das Fahrzeug wieder. Langsam wurde der Faden aus Geduld kürzer und vor allem dünner.
      „Ernsthaft? Das hat er von dir verlangt?“, schockiert sah Erik zu uns nach hinten über die Lehne der vorderen Sitzreihe.
      „Du doch auch“, zuckte ich mit den Schultern, vollkommen kalt und distanziert von allem. Sein Gesichtsausdruck änderte sich, deutlich be- und getroffener als zuvor. Sinnlos stammelte er, versuchte die richtigen Worte zu finden. Stumm stand ich auf, löste wieder den Gurt und legte meine warmen Hände an seinen Kopf.
      „Es ist okay“, flüsterte ich vertraut und drückte leidenschaftlich meine Lippen auf seine, wollte nicht, dass er sich weiter in den Worten verrennt und schlimmstenfalls am Ende für immer verschwand. Alle meine Sinne verschwanden im nächsten Moment, zumindest die, die noch da waren und nicht von der inneren Kälte eine heillose Gleichgültigkeit ausgelöst hatten, als er langsam mit seiner Zunge in meinem Mund eindrang. Es fühlte sich an, als entzünde sich die vollständige Lust in ihm und Lina wäre gar nicht mehr anwesend. So beendete ich frühzeitig die Liebelei und hoffte auf das Verständnis aller. Peinlich berührt erröteten meine Wangen und ich setzte mich zurück zu ihr, den Trymr schlief noch immer auf seinem königlichen Platz. Wann waren wir endlich bei Fredna?
      “Ja, also danke für deine Großzügigkeit”, kam Lina wieder auf das ursprüngliche Thema zurück, als hätte es die Konversation eben gar nicht gegeben. Ihr war anzumerken, dass sie nicht so Recht wusste, wie das Ganze einzuordnen war, also überging sie es einfach.
      „Oh, selbstverständlich!“, grinste ich nun wieder, vollkommen verändert in der Stimmung, „gern. Wenn noch was ist, dann jetzt.“ Freute ich mich und sah erneut auf meine Abonnentenzahl, die sich langsam bei knapp dreitausend einpendelte. Seltsames Gefühl, aber irgendwie auch ein gutes.

      Lina
      “Wirklich beeindrucken, wie du mit einem einzigen Post so viel Aufmerksamkeit auf dich ziehst”, sagte ich anerkennend zu Vriska, als ich einen Blick auf die Zahl erhaschte, die auf ihrem Bildschirm prangte, bevor meine Gedanken abwanderten. Zu viel ratterten mir durch den Kopf. Seltsamerweise war das prägnanteste davon nicht das, was Vriska gerade offenbart hatte oder der Fakt, dass sie gegen jeglichen gesunden Menschenverstand ein Pony für eine vermutlich immer noch zu hohen Preis erworben hatte. Was sie mit ihrem Geld, oder viel mehr Eriks Geld tat, ging mich nichts an und ganz ehrlich, ich hätte die kleine Stute vermutlich auch mitgenommen und wenn es nur dem Zweck gedient hätte ihr ein liebevolles Zuhause zu suchen.
      Nein, viel dominanter war etwas anderes. Das Hochgefühl, welches eigentlich den ganzen Tag vorgeherrscht hatte, hatte urplötzlich einen mächtigen Dämpfer bekommen, allein durch eine winzige Interaktion auf einer Social Media Plattform, so wie sie tausendfach am Tag passierten. Es ist nur ein Repost, da ist doch nichts dabei, versuchte ich mir einzureden, doch es half nichts.
      Wie eine schwere stählerne Manschette legte sich dieses quälende Gefühl um mein Herz und zwängte es ein, sodass es schmerzhaft dagegen pochte.
      Es ging mir nicht um die mediale Aufmerksamkeit, die Vriska damit zuteilwurde, die sollte sie ruhig haben. Der Grund lag viel mehr darin, dass mein Freund noch immer sofort zur Stelle zu sein schien, wenn Vriska irgendetwas tat. Hatte er sich vielleicht nur deshalb für mich entscheiden, weil Vriska sich von ihm abwandte? Was war es nur, was sie an sich musste, eine solche anziehende Wirkung zu haben? Oder lag das Problem viel mehr bei mir? Machte ich irgendetwas falsch? Fehlte etwas an mir? Verdiente ich seine Liebe und Wertschätzung überhaupt? War es das, wie sich Liebe anfühlen sollte? Oder waren meine Vorstellungen einfach von Hollywoodromantik geblendet und verzerrt?
      Allzu deutlich bekam ich immer wieder zu spüren, dass Niklas genervt war, sobald nur ansatzweise meine Bedenken einflossen, also schloss ich sie, fern von jeglichem Tageslicht, tief in mir ein, wollte ihn nicht aufgrund dessen verlieren. Ich war es selbst leid, dass dieser Gedanke sich in mir manifestieren und wie Gift mein Herz zerfraßen, vor allem, weil sie meist vollkommen ohne Indikation auftauchten. Das sollte aufhören, ich wollte so was nicht mehr fühlen, wollte mich einzig fokussieren können auf all die herrlichen Gefühle, die er in mir auslöste. Aber wie nur all dem Negativen entkommen?
      Tief in meine verworrenen Gedanken versunken, hatte ich nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verflog. Sanft leuchte der Schein von Straßenlaternen durch die Fenster, tauchte alles in ein fahles, gelbliches Licht. Wir befanden uns in einem kleinen Wohngebiet, fernab der großen Straße, die noch vor meinem inneren Auge zu sehen war. Es fehlte an Vorstellungskraft, wie wir aus diesem einspurigen Schotterweg wieder herauskommen sollten, aber glücklicherweise musste ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Zwischen einem Spielplatz und einem gelben Haus hielten wir. Niedlich sah das Häuschen aus mit seiner Sonnengelben Fassaden und den weiß gestrichen Fensterrahmen und Dachüberstand. Erik sprang aus dem Auto, um seiner, vermutlich Schwester, das Kind abzunehmen. Die Kleine war müde, aber freute sich sehr ihren Vater wiederzusehen und auch, dass ein Pferd auf dem Transporter klebte. Seine Schwester wies nur wenige Ähnlichkeiten mit ihm auf. Sie war klein, vermutlich noch kleiner als ich, aber stämmig und wirkte bestimmt. Ihre langen braunen Haare vielen offen über die Schultern und bewegten sich sacht im Wind. Kurz entfachte eine Diskussion, ehe Erik wieder einstieg und Fredna auf den Beifahrersitz verfrachtete. Trymr hob den Kopf, den er so eben noch auf seine Pfoten gebettet hatte, gab einige freudige Laute von sich und klopfte mit dem Schwanz, blieb aber auf seiner Bank sitzen. Vriska bekam von all dem nur wenig mit, denn sie war wieder eingeschlafen und ich sah auch keinen Grund sie zu wecken. Während Erik den Motor wieder anließ und das Fahrzeug in Bewegung setzte, sah sich seine Tochter mit großen Augen von ihrem Sitz aus um und brabbelte ein paar unverständliche Worte, als sie Vriska und mich entdeckte. Ein sanftes Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich den Stoffotter entdeckt, der von ihrem Arm hing. Das Plüschtier ließ mich unwillkürlich an die Pferdesachen denken, die wir vorhin bestellt hatten, Fredna würde sicherlich auch ihre Freude daran finden, ganz besonders, wenn diese auch noch an einem Pony waren.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 87.916 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel tolv | 31. Januar 2022

      Forbidden Fruit LDS // Lubumbashi // Ready for Life // Sturmglokke LDS // Klinkker LDS // Girlie // Maxou
      HMJ Divine // Keks // Legolas


      Vom monotonen Brummen des Motors eingeschläfert fielen dem kleinen Menschlein als bald die Augen zu, sodass eine eigentlich gelöste Stimmung herrschte. Sogar Maxou stand tiefenentspannt in ihrem Abteil und mümmelte an ihrem Heu. Das Einzige, was sich nicht so recht entspannen wollte, war mein Kopf. Während die nächtliche Landschaft an uns vorbeizog, hing ich noch immer meinen Gedanken nach und versucht zu evaluieren welche Lösungsmöglichkeiten sich mir boten.
      Als der Hof am Horizont in Sicht kam, hatte ich noch kein wirkliches Ergebnis, sah aber, dass kein Weg, um eine Konfrontation herumführen würde. Langsam rollte das Fahrzeug in den sanften erleuchteten Weg, der direkt vor den Stall führte. Ich amtete noch einmal tief durch und bemühte mich, die Sorgenfalten aus meiner Stirn heraus zu bügeln, wollte ich doch nicht die Freude über das neue Pony mindern. Sanft weckte ich Vriska, die mich im ersten Moment verschlafen anblinzelte.
      “Sind wir schon da?”, murmelte sie hörbar kratzig, räusperte sich, “und ich bin wieder eingeschlafen. Auto fahren ist anstrengend”, sie gähnte. Und auch auf der vorderen Reihe streckten sich kleine Arme in die Luft.
      “Dabei hast du doch fahren lassen”, scherzte ich. Die erhöhte Aktivität ließ auch den Hund erwachen, der natürlich auch am Geschehen teilhaben wollte.
      “Ausgesucht habe ich mir das nicht”, wischte sie sich durch Gesicht und wurde umgehend von Trymr befallen, der nichts anderes wollte, als sich eine langersehnte Streicheleinheit abzuholen.
      “Na ja, es gibt Schlimmeres als Fahrservice”, entgegnet ich nur schulterzuckend und warf einen Blick nach hinten zu dem Pony, welches den kleinen Kopf in die Höhe recke, um aus ihrem Fenster zu spähen. Dann wieherte sie, bekam sogar dumpf aus dem Stall ertönend eine Antwort.
      “Dann wollen wir mal”, stöhnte Vriska, drückte sich aus dem weichen Polster und verschwand durch den schmalen Durchgang nach hinten. Vorsichtig schob sie die Wand zur Seite. Das Pony musterte uns skeptisch, legte sogar für einen Moment die Ohren zurück, aber Vriska fand ein Händchen dafür mit dem Tier umzugehen. Interessanterweise gab es im inneren einen Knopf, womit sich die Seitenrampe langsam öffnete. Ein kalter Windzug huschte durch den Transporter und hinter uns schlug die Tür zu. Maxou stieg.
      “Ruhig”, sprach sie und konnte das helle Pony noch im letzten Augenblick zurückhalten. Sie schnaubte, begann zu kauen.
      “Kann man dir behilflich sein?”, erkundigte ich mich bei ihr, ehe ich im Begriff war aus dem Transporter zu klettern.
      “Ähm”, überlegte Vriska und führte das Pferd heraus, “wenn du willst, kannst du schon anfangen den Transporter sauberzumachen. Ich bringe sie jetzt erst mal weg und muss nach einer anderen Decke schauen.” Selbstbewusst lief sie an uns vorbei, wirkte dennoch nicht ganz überzeugt, insbesondere, als unser Chef dazu kam und umgehend einen blöden Spruch auf Lager hatte. Erik, der bereits mit Fredna auf dem Arm ausgestiegen war, warf ihm einen abfälligen Blick zu, schwieg jedoch. Vermutlich auch besser, dachte ich im Stillen. Umgehend lief ich in den Stall, um mich mit den nötigen Werkzeugen auszustatten, die für die Reinigung benötigt wurden. Neugierig kamen einige Köpfe aus den Boxen als ich mit der Schubkarre zurück nach draußen lief.
      Schneller als vermutet wurde ich fertig und Vriska kam mir mit leeren Armen entgegen. Durch das geöffnete Tor erblickte ich Vater mit Tochter, die wie in der Trance die Stute betüdelten. Vorsichtig streckte sich Maxou dem Kind entgegen, jedoch überzeugt war sie nicht.
      “Lina, brauchst du noch etwas? Du siehst so, fehl am Platz aus”, bemerkte Vriska reichlich spät. Damit geriet ich ein wenig in Erklärungsnot, denn eigentlich gab es nicht mehr zu tun, aber es trieb mich auch nicht gerade zurück in mein Zimmer, wo ich wieder allein mit meinen Gedanken sein würde.
      “Nein”, sprach ich gedehnt und sah mich suchend nach einer Möglichkeit elegant aus der Situation herauszugehen, “ich ähm … geh dann mal mein eigenes Pony belästigen.” Ein Segen, dass Redo genau im richtigen Augenblick ihren Kopf aus der Boxe herausstreckte. Tatsächlich hatte ich für den Bruchteil einer Sekunde nicht auf dem Schirm, dass ich seit gestern doch schon ein Pferd hier hatte.
      „Also, es ist Freitagabend und dein Göttergatte scheint wohl nicht mehr zu kommen, sehe ich das richtig?“, lüpfte Vriska skeptisch eine Braue. Ich nickte bestätigen.
      „Dann halte ich es für nicht ganz angebracht, wenn du den restlichen Tag in deiner kargen Wohnung verbringst. Möchtest du mit zu uns kommen? Oder ich zu dir?“, bot sie lächelnd an. Dieses Angebot kam mir nur mehr als Recht, manchmal schien es als könne Vriska Gedanken lesen.
      “Ja, das wäre schön”, nahm ich ihr Angebot dankbar an und sogar ein kleines Lächeln stahl sich auf meine Lippen.
      „Wir können nachher nochmal gucken gehen“, schmunzelte sie, griff eilig nach meiner Hand, zog mich in einem wahnsinnigen Tempo über den Hof bis zu den Häusern. Mit einem Druck des Knies an der Tür, öffnete sie sich so gleich und wir kamen in deutlich angenehmere Temperaturen. Trymr rannte uns ebenfalls nach, stützte sich auf sein Spielzeug Drachen und legte sich auf den hellen weichen Teppich vor der Couch.
      „Wie kann ihnen behilflich sein“, machte Vriska einen leichten Knicks und lachte erneut auf.
      “Es dürstet mich”, griff ich Vriskas vornehme Sprache auf, “vielleicht hätte sie etwas, dies zu ändern.” Ich konnte mich selbst so wenig erst nehmen, dass ich in Gelächter ausbrach.
      „Gewiss, My Lady“, nickte sie und zeigte mir eine exquisite Auswahl an Heiß- und Kaltgetränken, „wonach gelüstet es ihnen?“
      “Dieser Tee dort würde mir munden, Miss Isaac”, entgegnete ich und deute auf den gewünschten Tee in dem reichlich befüllten Schrank. Kurz überlegte sie, öffnete den Mund, doch schloss ihn wieder, verlor sich augenblicklich in Gedanken. Lachte dann nur auf, ehe sie das Wasser aussetzte für den Tee.
      „Wünschen sie ein anderes und vor allem bequemeres Beinkleid?“, wendete sich Vriska wieder zu mir. Für einen Augenblick dachte ich darüber nach und kam schließlich zu dem Schluss, dass es vermutlich eine kluge Entscheidung sei. Abende bei Vriska neigten dazu nicht die kürzesten zu sein, weshalb ich ihr kurz entschlossen antwortete: “Ja, ich wäre ihnen äußerst zugetan, wenn sie mir ein solches zur Verfügung stellen würden.”
      „Gewiss“ , stimmte sie mir zu und verschwand im Raum nebenan. Krachend stürzte ein Haufen Wäsche zu Boden, der Stuhl knarrte, bis mir schließlich eine Hose gereicht wurde. Verwirrt musste ich sie, nur in Unterwäsche stand sie plötzlich vor mir und lief ins Wohnzimmer, wenn auch mit Kleidung unterm Arm. Wie sollte es anderes sein, betrat ihre bessere Hälfte die kleine Hütte, mit der wieder schlafenden Fredna im Arm und einer großen Tragetasche in der anderen Hand.
      „Was habe ich schönes verpasst?“, lachte er dumpf, um die Kleine nicht zu wecken.
      „Diese Information muss ihnen verwehrt bleiben, was Damen, ohne Herren treiben, sollte von jeher gewahrt werden“, blieb Vriska dem Tonfall treu und bot dem Gatten sogleich ein Wein an, den sie auf einem kleinen Fach unter der Spüle ergriff und eingoss. Alles in allem bot es eine lustige Szene, schien Erik noch nicht ganz begriffen was hier vor sich ging. Grinsen zog ich mich ins Badezimmer zurück, denn auch wenn Vriska halb nackt durch ihr Reich lief, würde solch eine Aktion meinerseits vermutlich eher auf weniger Anklang treffen, widersprach es doch der Etikette. Zudem war die Betrachtung meiner Unterwäsche bereits einem anderen Kerl vorbehalten.
      „Vielleicht bleibst du für einen Moment darin“, amüsierte er sich. Dann verstummte alles wieder, wenn auch ungewisse Geräusche ertönten.
      „Darf man sich hinauswagen oder besser nicht?“, erfragt ich vorsichtig die Lage, bevor ich es wagte durch den Türspalt linsen, denn was auch immer sie taten oder auch nicht, ich konnte darauf verzichten es näher herauszufinden. Eine Antwort bekam ich nicht, aber es war auch verdächtig still. Als ich langsam die Tür aufschob, grinste mir eine vollständig bekleidete Vriska breit entgegen.
      „Der macht nur Scherze“, lachte sie, „schließlich ist auch Fredna da. Und ich habe auch noch ein Wort mitzureden.“ Erik stand hinter ihr. Mit einer Hand schwenkte er das Glas Rotwein und mit der anderen strich er über ihren Hals, nervös zuckte sie, aber bewahrte die Haltung.
      “Euch zwei ist alles zuzutrauen”, gab ich argwöhnisch zurück, ließ mich aber dennoch auf einem der Stühle nieder.
      „Ich bin unschuldig wie ein Lamm“, zuckte Erik mit den Schultern und einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen. Doch seine andere Hälfte zog, verwundert die Brauen zusammen. Eine große Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Aber ehe sie seine Aussage kommentieren durfte, zückte er sein Handy und legte es mit einer geöffneten App auf den Tisch.
      „Was möchte unser Gast speisen? Ihr seht hungrig aus“, sprach Erik freundlich zu mir. Eine simple Frage, die mich für den Moment überforderte. Der Mangel an Hunger war es nicht, auch nicht eine mangelnde Kenntnis der landestypischen Küche, es war eher die Spontanität, die meinen Entscheidungsprozess hinderte.
      “Was wäre denn die Empfehlung des Hauses?”, gab ich die Frage ein wenig ratlos wieder zurück in der Hoffnung ein wenig Input zubekommen.
      “Aber ich wollte doch Grünkohl machen”, murmelte Vriska eingeschnappt an ihrem Freund hoch, obwohl ich mir sicher war, dass diese Bezeichnung lieber nicht laut gesagt werden sollte.
      Als höre er sie überhaupt nicht, wischte Erik auf dem Display herum und reichte mir wieder das Handy. Geöffnet blickte ich auf die Speisekarte eines Restaurants, das von allem etwas zu bieten hatte und mit Popular schienen, die beliebtesten Gerichte markiert sein. Interessiert scrollte ich durch die Karte und entschied mich letztlich für einen Chicken Wrap und einen Salat, was ich auch sogleich mitteilte. Auch er hatte flott ein Gericht gewählt, nur Vriska kam zu keinem wirklichen Entschluss.
      “Ich möchte nichts”, sah sie erneut durch die Möglichkeiten. Einige Male stoppte sie und ganz offensichtliche ratterte es im Inneren, aber wirklich eine Entscheidung traf Vriska nicht.
      “Doch”, sagte Erik mit Nachdruck, aber sie blieb stur. Ich war mich nicht ganz sicher, ob es ihr gerade ums Prinzip ging oder welche Motivation sie trieb. Mir widerstrebte es sie zu etwas drängen, doch ich ahnte, dass Erik ähnlich stur war, wie Vriska und es sich noch um Stunden handeln könnte.
      “Bitte Vriska tu mir den Gefallen, nimm irgendetwas und wenn es drei Salatblätter sind. Ich würde nur ungern verhungern, bis du das mit deinem Kerl ausdiskutiert hast”, bat ich sie sanft. Aber sie fasste es, wie so oft, falsch aus und blanker Hass sprühte aus ihren Augen. Dann seufzte Vriska über dramatisch laut.
      “Er ist nicht mein Kerl”, fauchte sie und wählte zumindest eine Portion Pommes aus, die mit der Bestellung landete. Sichtlich unbeeindruckt von ihrem Verhalten schloss er den Vorgang ab und fragte: “Sondern?” Sein Blick wanderte überrascht nach unten und auch ich spitzte neugierig meine Ohren, was sie wohl zu sagen hatte. Kleinlaut schwieg sie. Ihre Wangen färbten sich täuschend ähnlich einer Tomate rot. Hektisch wanderten die Augen von links nach rechts, aber bevor sie aufspringen konnte, drückte er ihre Schultern nach unten, was eine Flucht unmöglich machte.
      “Wir haben jetzt, bis das Essen kommt, Zeit und so lang, warten wir auf eine Antwort”, neckisch sah Erik zu mir. In Bedrängnis hatte ich sie nicht bringen wollen durch meine unbedachten Worte. Zugegebenermaßen musste man mir aber auch lassen, dass ihr Beziehungsstatus nicht gerade sonderlich einfach einzuordnen war. Jetzt lag nur die Frage darin, ob ich Vriska beistand oder die äußerst verlockende Gelegenheit nutze, wo das Thema bereits auf dem Tisch lag, um etwas Klarheit darüber zu gewinnen. Die Neugierde war es, die schließlich siegte.
      “Okay Vivi, darf ich denn fragen, was der dann noch hier macht, wenn es nicht dein … was auch immer ist?”, fragte ich interessiert, “Und na ja, ein Pferd kauft man ja jetzt auch nicht gerade mit jedem.”
      „Ihr wollt mich auch quälen, oder?“ Vergeblich huschte ein zwanghaftes Lächeln über ihre Lippen, was Erik nur dazu ermutigte, etwas fester die Hände an ihren Schultern zu schließen.
      „Ist doch schon gut“, kam es umgehend als Reaktion, „eigentlich.“
      Vriska strauchelte und fummelte mit ihren Fingern an dem Ärmel ihres schwarzen Pullovers herum, auf dem ihr Name auf der Brust stand. Erst jetzt fiel mir auf, dass der sehr klein ebenfalls am Ärmel eingestickt war.
      „Eigentlich ging es nur um das Wort Kerl“, murmelte sie und senkte den Kopf. Eriks Finger entspannten etwas. Dann beugte er sich leicht nach vorn, um ihr möglichst nahe zu sein. Vriska schluckte hörbar.
      „Was bin ich denn dann?“, provozierte er weiter.
      „Ich kann das nicht sagen“, schluchzte sie nun. Ihre Augen wurden schlagartig glasig und der Ärmel hatte immer mehr zu leiden unter der hektischen Bewegung ihrer Finger. In dem Augenblick tat sie einem plötzlich leid, dass sie sich nicht dafür bereit fühlte, offen über die vorherrschenden Gefühle zu sprechen, dass ich meine Hand auf ihre legte. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als würde Vriska es amüsant finden, es nicht sagen zu können. So schlimm konnte es aber nicht sein, dachte ich im Stillen.
      „Wir zwingen dich zu nichts, aber ehrlich gesagt, würde es mir auch besser gehen, wenn ich unterscheiden könnte, ob du nur eine Affäre bist oder mit mir gemeinsam den Weg bestreiten möchtest“, flüsterte Erik, aber noch laut genug, dass ich es hören konnte. In dem Moment stand Fredna im Raum, wischte sich mit ihren kleinen Händen durch die Augen.
      > Gjorde du henne illa?
      „Hast du ihr weh getan?“, sprach sie müde und trat in vorsichtigen Schritten näher zu uns an den Tisch heran. Erik löste sich direkt von Vriska, um seine Tochter auf den Arm zu nehmen.
      > Nej, jag gråter för att jag är glad.
      „Nein, ich weine, weil ich mich freue“, lachte Vriska und wischte sich erneut Tränen aus dem Gesicht.
      > Men man gråter inte över det. Vad är du glad över?
      „Deswegen weint man doch nicht. Worüber freust du dich?“, hinterfragte Fredna nun auch die Sachlage, sah dabei immer wieder zu mir. Vriska fehlten die Worte. Doch die Kleine wirkte nicht so, als würde es ernsthaft in ihrem Interesse sein, mehr darüber zu erfahren. Sie begann zu zappeln und Erik setzte sie wieder ab. Zielgerichtet tapste sie zu ihrem Rucksack und wühlte darin nach einigen Spielsachen, die sie in mehreren Gängen ins Schlafzimmer brachte. Dann verschwand sie wieder, nur Klappern ertönte aus dem Nebenraum. Doch Vriska nutzte die Gunst der Stunde, um vom Tisch aufzustehen. Wieder sah sie sich um, suchte nach einem anderen Ausweg, aber Erik ergriff sie sogleich. Nächster Fluchtversuch kläglich gescheitert.
      „Schon gut“, seufzte sie und nahm wieder Platz auf dem Stuhl, zu dem sie geleitet wurde.
      „Ich wollte damit nur sagen, dass du“, dabei sah sie auffällig zu ihm hoch, „kein gewöhnlicher Typ bist, sondern jemand besonders.“ Je mehr sie sprach, umso mehr verschluckte sie die Worte, noch immer unsicher darüber, was sie überhaupt sagen wollte. Aber Erik machte es ihr auch wirklich nicht leicht, da konnte ich die zögerliche Art nachvollziehen, denn er sagte: „Ach, was Besonderes also? Ich bin gespannt.“ Dabei grinste er wieder selbstsicher. Auch meine ungestillte Neugier zuckte in den Fingern.
      „Man, Erik“, jammerte sie und verschränkte eingeschnappt die Arme, da war sie wieder: Vriska, die noch immer in der Pubertät feststeckte, aber auch nur ungern die Komfortzone verließ.
      „Wenn mich einer von euch auslacht, dann mache ich nichts mehr für euch“, drohte sie mit erhobenem Finger. Wir nickten, wenn auch Eriks Gesicht gegenteiliges aussagte. Entschlossen atmete sie ein und doppelt so lange wieder aus.
      „Ich wollte sagen, dass du nicht nur mein Kerl bist, sondern zu meinem Zuhause geworden bist. Bei dir fühle ich mich wohl, gut aufgehoben und vor allem erwünscht. Du gibst mir, all das, was ich mir immer gewünscht habe und noch nie zuvor fühlte. Das Schicksal wollte es, du bist mein Traum“, sagte sie mit zittriger Stimme. Wir schwiegen, dann schloss Erik sie fest in die Arme und drückte ihr einen kräftigen Kuss auf die Wange.
      „Also darf ich jetzt wieder sagen, dass du meine Freundin bist?“, fragte er hoffnungsvoll.
      „Wenn dir das so unglaublich wichtig ist, ja“, sprach sie zuversichtlich und strich ihm mit dem Handrücken über die Wange. Plötzlich strahlte sie etwas aus, dass ich zuvor nur kannte, wenn sie mit dem Unbekannten schrieb. Das Lächeln auf ihren Lippen wog so leicht und herzlich, dass ein angenehmes Gefühl durch den Raum zog und sogar mich zuversichtlich stimmte.
      “Aber”, schluckte Vriska einige Minuten später und stand vom Tisch auf, “ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen, gehe noch mal nach Maxou sehen.”
      Als der Name des Ponys fiel, kam direkt Fredna angelaufen und sah mit den großen blauen Augen hoch zu ihr.
      > Vill du följa med?
      “Möchtest du mitkommen?”, fragte Vriska freundlich. Fredna nickte hektisch. Dann reichte Vriska ihr die Hand und Erik nickte nur zustimmend. Er half den beiden sich anzuziehen, im nächsten Augenblick fiel die Schiebetür zu. Trymr blickte nachdenklich nach draußen. Auch mir stellte sich die Frage, ob es tatsächlich Besorgnis um das Pony war, was sie trieb oder wohl doch eher ihr natürlicher Fluchtinstinkt. Aber würde sie dann das Kind mitnehmen? Wohl eher nicht. Es war ohnehin schon überraschend, dass sie Fredna ohne Wenn und Aber mitnahm.
      “So langsam scheinen sie sich ja anzufreunden”, beendet ich meinen Gedankengang laut.
      “Offenbar”, drückte Erik die Augenbrauen skeptisch zusammen, “mich verwundert es genauso sehr wie dich.” Nervös tigerte er im Raum auf und ab, was auch Trymr aufschreckte.
      “Was bereitet dir daran Sorgen? Vriska wird es schon schaffen auf die Kleine aufzupassen”, erfragte ich den Grund für das herum Gerenne.
      “Dass sie eine Schwester hat, weißt du?”, sah er zu mir und blieb endlich stehen. Verwundet schüttelte ich den Kopf, diese Information war mir neu.
      “Okay, also sie hat noch eine jüngere Schwester, die zehn Jahre jünger ist und Vivi hat sie mit vier im Park ausgesetzt, weil sie keine Lust hatte auf sie aufzupassen”, seufzte Erik und blickte durch die Terrassentür hinaus ins Dunkle, “ja, das ist schon länger her, aber zeugt nur bedingt dafür, dass sie mit Kindern klarkommt.” Das Vriska mit Kindern nicht sonderlich gut konnte war mir nicht neu aber, dass sie eines im Park aussetzte und noch dazu ihre eigene Schwester? So etwas hatte bisher fernab meiner Vorstellungskraft gelegen.
      “Und du bist jetzt besorgt darüber, dass sie mit Fredna dasselbe tun könnte?”, versuchte ich die Lage zu erfassen.
      “Eher unwahrscheinlich, aber meine Tochter ist speziell”, murmelte er. Ich spürte, wie sich eine Falte zwischen meinen Augenbrauen bildeten, als ich das Wort ‘Speziell’ zu ergründen suchte. Die kleine war ein wenig verwöhnt und mochte ihren Vater gut im Griff haben, aber so etwas hatte ich schon öfter bei Kindern beobachtet und stellte eigentlich nur wenig Grund zu Beunruhigung dar, damit sollte sogar Vriska umgehen können.
      “Inwiefern speziell und warum sollte das ein Problem darstellen?”, fragte ich weiter. Wieder überlegte er, schwieg sogar, ohne den Blick von der Scheibe abzuwenden, aber setzte sich schließlich mit an den Tisch, zum Glück. Vom Kragen aus öffnete Erik zwei Knöpfe des blauen Hemdes und zog dabei ein Stück aus seiner Hose heraus, es klang, als atmete er erleichtert aus.
      “Fredna war recht schnell selbstständig, will nichts gezeigt bekommen und auch nur wenig erklärt. Sie geht allein an Probleme ran, kann es nicht leiden gestört zu werden oder wenn andere Kinder ihre Spielsachen benutzen. Wenn dann doch mal etwas nicht funktioniert, wie sie es gernhätte, ist sie extrem frustriert und lässt es dann an allen anderen aus. Und ja, es klingt wie Mini Vriska, ich weiß”, lachte Erik für einen Moment, aber stütze dann verzweifelt seinen Kopf mit den Händen.
      “Ich habe tatsächlich Angst, dass sie sich zerstreiten, obwohl beide jetzt nur bedingt einen guten Wortschatz haben.”
      Erneut seufzte er. Das war tatsächlich eine Lage, wo ungewiss war, wie gut das Funktionieren wurde.
      “Mach dir nicht so viele Gedanken. Vriska mag zwar ein genauso schwieriger Charakter sein wie deine Tochter, aber sie hat auch erstaunlich viel Feingefühl, wenn es drauf ankommt, sie wird das schon schaffen”, aufmunternd lächelte ich ihn an.
      “Ich schätze sie zwar eher als Elefant in einem Porzellanladen ein, aber du magst recht haben”, dann wurde unser Gespräch von einem Klopfen gestört. Sofort sprang Erik von seinem Stuhl auf, steckte dich das Hemd wieder in der Hose und richtete alles gerade. Dann öffnete er freundlich die Tür und nahm das Essen entgegen. Höflich drückte er dem jungen Mann einen Patzen Geld bestehend aus blauen Scheinen in die Hand, dieser verschwand sofort und hinter sich schloss Erik wieder die Tür.
      “Ich geh dann mal, nach den beiden schauen”, bewegte ich mich vom Tisch zur Jacke, schmiss sie mir über und verstand wenige Minuten später hinaus in die Kälte. Immer mehr reckte der Winter die eisigen Finger ins Land, obwohl wir gerade erst Anfang Oktober hatten und noch nicht einmal alle Bäume ihr farbenfrohes Kleid verloren hatten. Die offene Fläche mitten im Wald bot dem Wind jedoch genug Möglichkeiten, um sich eine Schneise aus Frost zu schlagen. Recht schnell wurde ich fündig auf dem Hof, denn die Reithalle erstrahlte im vollen Licht und die großzügige Scheibenfront war beschlagen. In der Gasse vor den Boxen standen die Beiden. Vriska war dabei einen der Heulageballen aufzuschneiden und Fredna saß in den Spänen. Maxou knabberte neugierig an der Pudelmütze der kleinen. Weder distanziert noch verschlossen wirkte sie, im Vergleich zu unserem Kennenlernen.
      “Kann ich dir behilflich sein?”, fragte ich höflich, was Vriska verneinte und die Folie zur Seite schmiss. Sogleich kroch mir der süßliche Geruch in die Nase durch den Gärungsprozess und dem hohen Feuchtigkeitsgehalt. Mit einer Mistgabel schleuderte Vriska elegant alles über die Boxenfront und nur Weniges landete vor der Box oder obendrauf.
      “So, das war’s schon”, sagte sie zufrieden und startete den Lader wieder, um den Ballen zur anderen Seite zu fahren. Dann fuhr sie nur noch das Gerät weg. Ich beobachtete so lange Fredna, die wie hypnotisiert neben dem Pony saß, das gierig in dem Haufen aus Heulage herumwühlte und nur zögerlich fraß.
      “Noch schlimmer als wir vermutet haben?”, erkundigte ich mich bei Vriska, die nickte.
      “Sie hatte das Heu nur herumgeschoben, aber ich wusste nicht, ob die Silage verträgt, also habe aus dem Lager einen der Allergiker Ballen geholt. Und die Tierärztin kommt morgen. Sie wird sich dann auch Smoothie untersuchen”, erklärte sie und reichte ihre Hand zu Fredna, die nur zögerlich folgte. Die Box schloss ich. Maxou drehte nur das Ohr in meine Richtung und war viel zu sehr damit beschäftigt den Kopf in den riesigen Haufen zu stecken. Vriska hatte es wirklich gut gemeint mit der Portion, auch Lubi hatte noch mal etwas bekommen, aber Smoothie ging leer aus. Irritiert legte die helle Stute ihre Ohren an, aber als ich noch einen prüfenden Blick zu dem Heunetz an der Seite warf, merkte ich das volle Netz. Dann brauchte sie natürlich nicht noch mehr.
      “Mein Unbekannter hat mir noch mal geschrieben”, platze es aus Vriska heraus, bevor wir im Bungalow ankamen.
      “Ach ja?”, hinterfragte ich skeptisch.
      “Ja”, freute sie sich, “er möchte sich mit mir treffen, demnächst. Aber ich muss vorher noch einiges planen, denn ich soll selbst darauf kommen, wann und wo.” Ihr Gesicht strahlte so herzlich, dass man hätte, vergessen, worauf sie sich eingelassen hatte vor nicht einmal einer Stunde. Gern hätte ich mich für sie gefreut, dass sie dem Rätsel dieses geheimnisvollen Menschen näher auf den Grund zu kommen schien, aber es kam mir nicht so ganz richtig vor, was sie vorhatte. Ich glaubte nämlich nicht, dass sie vorhatte, ihren Freund darüber aufzuklären. Ich meine, dass sie mit ihm schrieb, war eine Sache, aber ein Treffen …
      “Und du hast dabei keine Bedenken? So moralischer Art?”, brachte ich zögerlich meine Bedenken hervor. Ich zögerte deshalb, weil es mir widerstrebte, mich ungefragt in ihre Angelegenheiten einzumischen.
      “Ungewöhnlicherweise nein”, zitterte ihre Stimme, als gäbe es doch mehr Einwände, als sie zugeben wollte, “aber erst mal abwarten. Es wird sicher noch einiges an Zeit ins Land fliegen und demnächst müssen wir ja auch nach Kiel.”
      Sie zuckte mit den Schultern. Ich überlegte gerade, was ich ihr entgegnen konnte, als mich ihre letzten Worte aufhorchen ließen.
      “Warte was, wir müssen nach Kiel? Habe ich etwas verpasst?” Verdattert blickte ich sie an. Soweit meine geografische Orientierung reichte, lag Kiel in Deutschland und mir fiel absolut kein Grund ein, was Vriska, ich oder wer auch immer mit wir noch eingeschlossen wurde dort zu suchen hätten.
      “Vermutlich hast du verpasst den Terminkalender vom Hof zu prüfen”, lachte sie, “Aber Spaß bei Seite, wir haben dieses Jahr die Möglichkeit bekommen bei einer großen Auktion zu reiten und im Voraus eine Woche die Pferde mitzutrainieren. Du musst nicht, aber es wäre eine hervorragende Möglichkeit.” Das klang zweifellos nach einer besonderen Gelegenheit, die sich vermutlich nicht so schnell wieder bieten würde. Gleichzeitig bedeute so ein Event aber auch eine Menge Menschen und ich war mir nicht im Klaren darüber, ob ich einer solchen Aufgabe gewachsen sei. Unsicher verknotetet sich meine Finger ineinander, um gleich darauf sich wieder zu entwirren und in anderer Form ineinanderzugreifen.
      “Ich weiß nicht, ob ich das kann. Da werden doch sicher viele Menschen sein”, entgegnet ich zurückhaltend.
      “Jetzt stell dich nicht so an, du musst mit denen nicht reden und ob wir überhaupt Pferde an der Auktion vorreiten, weiß ich nicht. Warmreiten auf jeden Fall, aber mehr … keine Ahnung”, zuckte sie erneut mit der Schulter, sah jedoch nicht zu mir, sondern lauschte Fredna, die leise brabbelte.
      “Aber dich zwingt niemand, du kannst auch mit Niklas nach Stockholm”, fügte Vriska hinzu. Diesmal war ich diejenige, die seufzte. Die Horse Show in Stockholm, war so etwas wie der Jahresabschluss der Turniersaison, der noch einmal in einem großen Event gefeiert wurde. Neben meinem Freund und ein paar weiteren aus dem Nationalteam würde es dort auch noch viele andere Showacts zu bewundern geben und es bedeute natürlich ebenso Zeit an Niklas Seite zu verbringen. Dass auch noch beide Veranstaltungen auf einen Termin fallen musste, stellte mich nun vor eine nicht einfach zu treffende Entscheidung. Im selben Moment wie ich an den Mann an meiner Seite dachte, fiel mir ebenso ein, dass ich ihn noch über die Planänderung in Bezug auf Smoothies Trächtigkeitsuntersuchung in Kenntnis setzten sollte, denn er wollte mit Sicherheit dabei sein.
      “Ich werde darüber noch ein wenig nachdenken müssen”, murmelte ich stirnrunzelnd, während ich mein Handy mittels der Gesichtserkennung entsperrte, um eine entsprechende Nachricht zu verfassen.
      “Verständlich”, schmunzelte Vriska. Vor uns lang mittlerweile die Terrassentür, die sie galant aufschob und umgehend die Schuhe auszog.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 27.165 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      Feel it still | 12. Februar 2022
      Fiama di Royal Peragee | WHC’ Venice | Vakany| Mijou | Briair | WHC’ Delicious Donut | Minnie Maus | WHC’ Minya | WHC’ Mimithe | WHC’ Candela | WHC’ Mitena | Nurja | Lady Moon | HMJ Divine | Ready for Life | Vikar | WHC’ Poseidon | Herkules | Colour Spalsh | WHC’ Oceandis | Curly Lure | Songbird | LMR Fashin Girl | Black Lady | WHC’ Unsung Hero | Walking on Sunshine | WHC’ Shakoy | Miss Griselda Braun | British Gold | WHC’ Quatchi | Miss Leika| All Hope Is Gone| Flanell d’Egalité| Chessqueen| Sunny Empire| Baroness of the Gurad | LMR Ice Rain | Elvish Beauty | Saturn | Ursel - die Bärengöttin | Cremella | Amigo | PFS’ Artic Tiger | Acerado | Lifesaver | Elf Dancer | Little Buddy

      Wohlig wurde Jace von der Wärme des Hauses empfangen, als er eintrat. Eilig streifte er die nassen Schuhe von den Füßen und die Jacke warf er achtlos über einen Kleiderhaken. Er hatte etwas Herzerfrischendes auf der Fohlenkoppel entdeckt, was er Lina nun zeigen wollte. Wobei, wenn man ehrlich war, nur ein vorgeschobener Grund, denn es zog Jace ohnehin immer wieder zu der jungen Frau. Diese lag bisher noch dick eingekuschelt zwischen Kissen und Plüschtieren, noch tief im Reich der Träume. Ein gelöster Ausdruck zeichnete ihr zartes Gesicht. Wovon sie wohl träumen mochte? Dies hier könnte ein Märchen sein, wäre ihr schlaf doch tiefer. Statt von einem leidenschaftlichen Kuss wurde Lina durch ein sachtes Klopfen an ihrer Türe erweckt. Müde blinzelte die Brünette in das dämmrige Licht, welches durch die kleinen Schlitze zwischen den Lamellen der Rollläden hindurch fiel.
      “Geh weg! Du störst beim Schlafen”, rief Lina dem Störenfried entgegen und kuschelte sich tiefer in ihre Kissen. Sie versuchte nach den verblassenden Schlieren des Traumes zu greifen, doch es war, als würde eine immer dichter werdende Nebelwand das Unterbewusste verdrängen.
      Gut, dann ist sie immerhin wach, dachte sich Jace auf der anderen Seite der Tür und verschwendet nicht einen Gedanken daran Lina weiterschlafen zu lassen.
      “Nein, ich gehe nicht weg. Ich muss dir nämlich etwas zeigen”, verkündete er energetisch.
      Langsam bewegte sich die Klinke unter seinen kräftigen Fingern. Die Schneeflocken auf seinem Haar, die in der Wärme des Hauses langsam schmolzen und die leichte Röte auf Wangen und Nase, zeugten davon, dass er bereits draußen gewesen war.
      “Was genau kann denn so wichtig sein, dass du es mir sofort zeigen musst?”, murrte die junge Frau und zog sich die Decke über den Kopf. Sie sollte dringend anfangen, die Tür nachts abzuschließen, war es nicht das erste Mal, dass irgendwer ungebeten hereinkam. Tief sog sie die Luft in die Lungen. Es war ihr egal, was Jace wollte, denn sie wollte nur die Wärme ihres Bettes genießen und einen Moment länger an den Erinnerungen diesen zwei Wochen festhalten, die der Traum erneut weckte. Vor diesem Sommer hätte sie niemals geglaubt, dass sie jemandem wie ihm überhaupt auffiel. War er doch etwas wie der Traumprinz der Moderne. Wohlhabend, gut aussehend, beliebt. Und was war sie? Ein Niemand, das unscheinbare Mädchen vom Lande.
      Ihr ganzes Leben lang war sie von solchen Leuten ausgeschlossen, wie ein Objekt behandelt worden. Dem Verhalten nach, was Niklas zu Beginn an den Tag legte, war sie sich sicher gewesen, dass sie ihn niemals ausstehen können wird, doch noch bevor sie es begriff, war es bereits um ihr Herz geschehen. Bereits bevor es richtig begann, schien es aussichtslos, dennoch ließ sie es geschehen. Somit verschwand, mit dem Ende des Sommers, auch er, und mit ihm, ein Teil ihres Herzens. Sie blieb hier allein zurück, mit nicht viel mehr als verblassenden Erinnerungen und einem Pferd. Ein Pferd, welches jeden Morgen treuherzig auf das Mädchen warte. Divine, der Hengst, den sie mehr liebte als sich selbst, der sie jedoch jeden Tag an den Abschied erinnerte. Während die zierliche Gestalt noch mit ihren Gedanken kämpfte, trat der blonde Mann ein, sah nicht, was sie zu verbergen suchte. Viel mehr durchfloss ihn prickelnde Wärme, die sich in seinem Herzen zu einer sprudelnden Quelle konzentrierte.
      “Ich muss dir etwas Niedliches zeigen”, antwortete der blonde Mann und ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder. Den Teil, dass es fast so niedlich war wie Lina, sprach er nicht aus, aber ein versonnenes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sanft zogen die kräftigen Hände die Decke vom Kopf des Mädchens, worauf hin ein widerwilliges Brummen ertönte.
      “Jace, es ist noch viel zu früh, lass mich schlafen!”, murmelte sie und boxte ihn halbherzig. Der junge Mann musste sich zusammenreißen, nicht loszulachen. Hielt er sie doch für überaus putzig, so ganz verschlafen. Das übergroße Shirt fiel locker um ihren zarten, kleinen Körper und einige der dunklen Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst und fielen ihr in die Stirn.
      “Linchen, es ist schon halb zehn, da kann man auch mal aufstehen”, konterte Jace und hielt ihr sein Handy als Beweis vor die Nase. Jace kassierte sogleich einen Tritt, von seinem zeternden Gegenüber: „Du weißt, ich hasse das, wenn du mich so nennst und außerdem habe ich heute frei.” Die junge Frau wollte sich das Kissen über den Kopf ziehen, doch Jace schnappte es sich und warf es außerhalb ihrer Reichweite, auf die andere Betthälfte.
      “Langweilerin, wenn du immer so lange schläfst verpasst du alles.” Unbeirrt der geringen Begeisterung, die ihm entgegengebracht wurde, plapperte Jace weiter: “Ich habe Fia heute zum erst mal bei der Fellpflege gesehen. Ist das nicht toll?” Der Blonde zeigte ihr ein Video, wie die kleine Lustitanostute freundlich von Vakany’s Fohlen beknabbern wurde. Fiama, hatte als einziges Fohlen, welches bereits ohne Mutter in der Herde lief, einige Anschlussprobleme gehabt. Doch seit die Fohlen nach und nach entwöhnt wurden, fand auch die kleine Fuchsstute endlich den Anschluss.
      “Okay, das ist wirklich süß, aber wenn du mich nächste Mal für so eine Kleinigkeit weckst, an einem freien Tag, bring wenigstens Frühstück mit”, gähnte Lina und begann sich zu strecken. Jace würde wohl nicht aufgeben, bis sie endlich aufstand. Als sie ihre Arme und Schultern zu strecken begann, verrutschte ihr Shirt ein Stück und gab den Blick auf ihr Schlüsselbein frei, auf dem sich eine verblasste Narbe abzeichnete. Nur schwer konnte Jace seinen Blick von ihr lösen. Er verstand nicht, warum sie so einen geringen Selbstwert an den Tag legte, waren es doch gerade diese kleinen Makel, die sie in seinen Augen noch schöner wirken ließ.
      “So, und wo du jetzt wach bist”, sprach er schließlich und ging zurück zur Tür, ließ sich aber nicht nehmen, ihr die Decke im Gehen vollständig von den Knien zu ziehen, “möchtest du bestimmt mit mir die Fohlen umweiden. In 10 Minuten unten.” Lina protestierte lautstark gegen den Diebstahl ihres Federbettes und damit auch der letzten Wärme, doch ihr Kollege war bereits aus dem Raum verschwunden.
      Schicksalsergeben rollte sie sich aus dem Bett. Eigentlich war ihr bei den Temperaturen draußen, ihre kuschelige Decke lieber, aber es schien nicht so als hätten sie eine Wahl. Spätestens in zehn Minuten würde Jace den nächsten Angriff starten und sie glaubte nicht, dass es dann bei einer geklauten Decke bleiben würde. Zudem hatte Jace die Tür offen gelassen, wodurch ein kühler Luftzug in das Zimmer drang und sie zum Frösteln brachte.
      Zwölf Minuten später stand die junge Frau dick eingepackt in eine Daunenjacke und mit einem halben Müsliriegel in der Hand auf der Terrasse. Da weit und breit kein Jace zu sehen war, rief sie nach ihm: “Wo bist du denn, Jace?” Genervt verdreht sie die Augen, erst weckte er sie und dann ließ er sie ohne nennenswertes Frühstück in der Kälte warten.
      “Ich bin doch schon da”, drang eine Männerstimme hinter ihr aus dem Flur. Der Gesuchte stand in der Terrassentür und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. Kurz darauf kam er aus dem Haus und schnappte sich den Rest des Müsliriegels aus Linas Hand.
      „Das war mein Frühstück”, empörte sich die Kleine, doch es war schon zu spät, von dem Riegel war bereits nicht mehr übrig als das Papier.
      „Wir tauschen lieber”, antwortete Jace kauend und stülpe ihr fürsorglich seine Handschuhe über die Finger. “Sonst frieren dein hübschen Fingerchen noch ab”, ergänzter er erklärend. Obwohl es erst Oktober war, war es schon klirrend kalt, -10 Grad um genau zu sein.
      „Das ist kein guter Tausch, ein Frühstück wär mir lieber“, beschwerte sich Lina erneut.
      „Ich verspreche dir, Frühstück bekommst du, wenn wir fertig sind. Ich werde es dir höchstpersönlich zubereiten“, beschwichtigte der große Blonde seiner Begleitung.
      Lustig tanzten die Schneeflocken durch die Luft und unter den Sohlen der Stiefel, knirschten die Eiskristalle als die beiden in Richtung Stall liefen.
      “Am besten nehmen wir erst die Zwillinge, Mijou plus Fohlen und Brair mit. Möchtest du lieber die beiden wilden oder die anderen drei?”, fragte er. Statt eine Antwort abzuwarten, drückte er Lina bereits die Halfter von Mina und Bri in die Hand. Irritiert blickte sie ihn an und frage: “Warum fragst du mich eigentlich, wenn du es dann doch selbst entscheidest?”
      „Na ja,” Jace blickte kritisch an ihr herunter und antwortete etwas spöttisch, “weil du aussiehst als würdest du gleich ein hübscher kleiner Eisklotz werden und du weißt, ja, gerade für Mimi benötigt man schon ein wenig Flexibilität.“ Ganz Unrecht hatte er nicht. Trotz der gefütterten Jacke, die sie trug, fror sie ein wenig und zog sich den voluminösen Schal ein etwasmehr ins Gesicht.
      „Du bist doch bescheuert”, zeterte die kleine Frau und stieß ihm gezielt zwischen die Rippen. Jace murmelte unverständlich, von wegen er würde noch wie verprügelt aussehen, wenn sie so weitermache, aber macht keinerlei Anstalten sich gegen ihre Attacken zu wehren.
      Hinter einem Busch zischte plötzlich ein Schneeball hervor, verfehlte nur knapp das Gesicht der kleinen Brünette und zerschellte an einem Baumstamm hinter ihr.
      “Ohh da bekommst du zurück, Jayden”, rief Jace, der den Ursprung des eisigen Geschosses bereits ausgemacht hatte und zielte auf seinen Kollegen, der hinter der Hausecke hervorlugte. Trotz der Kälte waren alle fröhlich und ausgelassen, doch als Lina sich beschwerte, dass sie den Schnee sogar schon unter dem Shirt hatte, fand der Spaß ein Ende. Sie war nun auch noch nass, nicht nur wie das Weiß um sie herum.. Aufopferungsvoll zog Jace seine Jacke aus und legte ihr diese mit den Worten: „Hier, kleine Eisprinzessin“, um die Schultern. Dankbar schlüpfte sie in die riesige Jacke, ignorierte seinen Kommentar allerdings vollkommen. Das, was für Jace eine normale Jacke war, wirkte an Lina wie ein seltsam geschnittener Mantel.
      Bereits von Weitem war zusehen wie Mimi und Donut sich gegenseitig um Mijou herum scheuchten. Dabei blieb die braune Stute ziemlich gelassen und suchte ein paar Grashalme unter dem Schnee. Es war erstaunlich, wie ruhig die traumatisierte Stute geworden war, seit sie das Fohlen hatte. Bevor der kleine Donut auf der Welt war, hatte Mina kaum ein anderes Pferd in die Nähe gelassen, geschweige denn, dass jemand oder etwa unter ihr durchlaufen durfte, wie Mimi es gerade tat. Auch der kleine Hengst, dem man die Verwandtschaft zu Flanell eindeutig nicht abschlagen konnte, versucht unter seiner Mama durchzulaufen, aber da er inzwischen gute fünfzehn Zentimeter größer war, als das Ponyfohlen, passte es nicht.
      “Schau nur, ich glaube, Candy versucht einen Schnee-Engel zu machen”, lenkte Lina amüsiert die Aufmerksamkeit auf die Scheckstute, die sich prustend im Schnee wälzte. Mitena, die nun angetrottet kam, hatte weiße Flocken in ihrem dunklen Fell kleben, der vermutlich von einer ähnlichen Aktion stammen musste.
      “Das kann ich auch“, schwang Jace große Worte und warf sich in den Schnee. Er begann Arme und Beine auf und ab zu bewegen, sodass unter ihm ein Schnee-Engel entstand. Lachend schüttelte Lina den Kopf über ihren Kollegen. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob er älter als zwölf war, so wie er sich aufführte.
      “Na, hör schon auf mit dem Quatsch, so kommen die Pferde niemals auf eine neue Koppel.“ Lächelnd reichte die braunhaarige ihm eine Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen. Doch statt aufzustehen, nutze er die Gelegenheit und zog sie zu sich runter. Lina landete geradewegs aus seinem muskulösen Oberkörper.
      Für Augenblick hielten beide inne. Jace sah unmittelbar ihre hübschen blauen Augen, umrahmt von lagen dunkeln Wimpern. Darin hatte sich eine Schneeflocke verfangen und funkelte mit ihren Augen um die Wette. Immer mehr von der prickelnden Wärme, pulsierte durch seine Adern, sodass er trotz fehlender Jacke nicht fror. Kurzzeitig erwiderte das Mädchen seinen Blick, bevor sie sich verlegen abwendete. Ganz tief in ihrem Inneren geriet etwas in Bewegung, doch es war noch zu früh, ihr Herz hing stattdessen an Niklas. Ein trübseliger Ausdruck trat in ihre Augen und sie rappelte sich wortlos auf. Jace schien das unausgesprochen zu erahnen, denn er schwieg ebenso. Die einzigen Geräusche um sie herum waren das Heulen des Windes und der knirschende Schnee. Lina gab sich alle Mühe, die Gedanken an Niklas beiseitezuschieben und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
      “Hei, Mina”, sprach sie zu der braunen Stute, als ich sie diese erreicht hatte, “Bereit für einen Umzug?” Natürlich antwortete die Stute nicht, sondern sah sie freundlich aus ihren braunen Augen an. Die Finnin hielt ihr das grüne Halfter hin. Misstrauisch schnupperte die daran, bevor sie wohlerzogen den Kopf senkte, damit die kleine Dame sie halftern konnte. Dies stellte sich, mit Jace viel zu großem Handschuhen an ihren Fingern, allerdings als ziemlich schwierig heraus. Unglaublich, wie umgänglich die Stute mittlerweile war.
      „Hier, die musst du auch mitnehmen.” Jace drückte seine Kollegin den Strick der Schimmelstute in die Hand. Auch die beiden Fohlen hatte der große Blonde bereits eingefangen, obwohl das bei dem kleinen Wirbelwind Mimithe gar nicht so einfach gewesen war. Die kleine Stute fand es nämlich viel lustiger vor ihm davonzulaufen.
      Lina ging mit den beiden Stuten voraus, immer mit dem kleinen Donut an Mijous Seite. Auf der neue Koppel angekommen machten sich alle fünf Pferde erst einmal daran, jeden Zentimeter zu erkunden. Während die Vierbeiner ihre neue Umgebung inspizierten, holten Jace und Lina auch noch die anderen Pferde.
      Nurja und Lady Moon, die zu Gesellschaft bei den Fohlen standen sowie die beiden Jungstuten, waren die letzten Pferde, die umzogen. Wie ein Schneepflug stiefelte Moony über die Koppel und rollte sogar einen kleinen Schneeball.
      “Ich glaube Jamie hat ein künstlerisch begabtes Pferd”, meinte Lina lachend zu Jace und zückte ihr Handy um ein Video zu machen.
      “Ja, schon …”

      Jace | Ein lautes Scheppern, welches den Tod der Tasse verkündete, riss mich aus meinem Dämmerzustand. Fluchend sprang ich auf und sammelte die Scherben von dem dunklen Parkett. Scheiße, das war meine Lieblingstasse gewesen. Nicht, dass die Tasse besonders hübsch gewesen wäre, nein eher das Gegenteil, sie war potthässlich, aber es passte viel hinein. Genau das, was ich benötigte, um morgens wach zu werden.
      Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt und glomm nur noch schwach. Müde ließ ich mich zurück auf das Sofa sinken, starrte durch das Glas des Wintergartens auf die Terrasse. In letzter Zeit schlief ich des Öfteren auf dem Sofa ein, wenn ich mich in meinen Gedanken verlor, aus denen sich unruhige Träume formten.
      Vor ein paar Stunden hatte ein leichter Schneefall eingesetzt, der zunehmend stärker wurde. Kräftiger Wind verwirbelte die dicken Schneeflocken und für einen kurzen Augenblick, glaubte ich die unverwechselbare Silhouette eines Pferdes darin zu erkennen. Das Tier, welches im Stall stand und jeden Tag sehnsüchtig auf Lina warten, doch lange würde er nicht mehr warten müssen. Denn der Tag seiner Abreise war bereits in zwei. Als Samu mitteilte, wann er und damit auch der Freiberger, den Hof verlassen würde, erlosch auch der letzte Funke Hoffnung, dass Lina zurückkehren würde. Auch, wenn ich ihr nur das Beste wünschte, hatte ich damit gerechnet oder viel mehr darauf gehofft, dass sie früher oder später doch noch herausfand, dass Niklas nur ein guter Schauspieler war. Doch alles, was ich von ihr nur, dass sie glücklich sei.. Es war nicht einfach sie loszulassen, aber allmählich merkte ich, wie es zu einer ernsthaften mentalen Belastung wurde, die immer schwerer zu bewältigen war. Nicht mal nachts schaffte ich es, abzuschalten, mein Hirn erschuf allerlei Szenarien, wie es nach dem Tag der Abreise dem schwedischen Team hätte verlaufen können, wenn sie hier geblieben wäre. Aber alle endeten damit, dass irgendwann der Punkt kam, an dem sie dem Mann nachtrauerte, der ihr mit Divine einen Kindheitstraum erfüllte und dass Lina unglücklich sei und sich quälte, war das Letzte, was ich wollte. Die Zeit war wohl gekommen, die Ereignisse anzunehmen, zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die man zwar im Herzen tragen konnte, die aber nicht in meinem Leben sein konnten.
      Unerwartet leuchtet der Bildschirm meines Handys auf dem kleinen Couchtisch auf, tauchte seine Umgebung in einen schwachen, weißlichen Schein. Ich griff nach dem Gerät und erblickte eine Benachrichtigung von Instagram. Ich staunte ein wenig, als ich sah, dass Lina etwas gepostet hatte, denn seit ihrem Umzug war es auf ihrem oder eher Ivys Account relativ still geworden. Es gab nur noch gelegentlich sporadische Updates über den weißen Hengst, logisch, wenn sie sich tausende Kilometer weit von ihm entfernt befand.
      Neugierig, was Lina wohl gepostet haben mochte, öffnete ich die App. Eine Story öffnete sich, darin zu sehen ein Rappe mit einer schmalen Blesse, der erst an einem Heuhaufen knabberte und schließlich neugierig mit der Nase immer näher an die Kamera kam, bis nur noch Nüster zu sehen waren. „Willkommen Zuhause, Ready for Life", stand in der Ecke geschrieben. Es folgte noch eine Boomerang in der die Stute, offenbar auf Kommando flehmte. Was mochte es wohl mit der Stute auf sich haben? Gehörte sie zu Lina? War es ein weiteres Geschenk ihres Freundes? Immerhin hatte sie die Pferde aus Schweden bisher nur sporadisch in Storys gezeigt, wenn sie ausreiten war oder ähnlich, aber nie eines explizit erwähnt. Ich sollte morgen bei Samu nachfragen, ob er mehr wusste über dieses Pferd. Da war sie wieder, die mich ständig beschäftigende Frage, was Lina machte dort drüben auf dem anderen Kontinent. Ich benötigte dringend eine Ablenkung.
      Aus einer Intuition hinaus fischte ich den Zettel aus meiner Handyhülle, der mir vor ein paar Wochen auf der Zuchtschau, wo ich den gescheckt Tinkerhengst Vikar, vorstelle zugesteckt wurde. In einer ordentlichen Handschrift war eine Zahlenfolge und ein Name darauf notiert worden. Die Art des Interesses des Urhebers wurde durch ein schwungvolles Herz neben dem Namen unterstrichen. Bisher hatte es mir widerstrebt, die Nummer zu verwenden. Es war nur ein schöner Abend gewesen, bedeutungslos, einzig dem Zwecke dienend, mich abzulenken. Jetzt wieder in näheren Kontakt mit den Mädchen zu treten, widersprächen den unausgesprochen Gesetzen eines One-Night-Stands, der Flüchtigkeit des Momentes. Doch, was war schon dabei, diese Regel zu missachten?
      Entschlossen tippte ich die Nummer in mein Handy, speichert diese ab und sofort erschien die Verknüpfung zu dem bekannten Messengerdienst mit dem grünen Symbol. Ein paar Sekunden zögerte ich noch, bevor ich darauf tippte und begann eine Nachricht zu tippen:
      “Hey, ich bin es Jace.” Ich kam mir ein wenig blöd vor nicht mehr zu schreiben, doch schon bei unserer ersten Begegnung hatte ich das Gefühl, dass sie genaustens wusste, wer ich bin, was auch wenig erstaunte. Die Turnierszene in der Region war klein, man kannte die aufstrebenden Sterne. Kaum war die Nachricht gesendet, erschienen die beiden Haken und wurden nach knapp 30 Sekunden bereits blau. Unerwartet. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass sie so spät in der Nacht noch wach sei, aber was wusste ich schon. Immerhin ging mein Wissen über sie nicht weit über ihren Vornamen hinaus.
      „Hey“, ploppte die Nachricht auf, „schön von dir zu hören. Warum bist du so spät noch wach?“ Die Frage kam mir ein wenig Paradox vor, schließlich war sie selbst noch wach, aber dies war nicht relevant.
      „Nein, man könnte eher sagen schon wieder", tippe ich in das Nachrichtenfeld und sendete es ab. Kurz darauf fragte Aria nach dem Grund.
      „Es ist kompliziert", antwortete ich ihr, noch darüber nachdenkend, wie klug es sei, mich Aria anzuvertrauen. Immerhin war sie eine Fremde, zugegeben eine, die mir auf körperlicher Ebene bereist ziemlich nah gekommen war.
      „Geht es etwa um ein Mädchen?", unterbrach eine Nachricht von ihr meine Gedankengänge. War es so offensichtlich oder konnte sie etwa Gedanken lesen? Ich beantworte ihre Frage mit einer Bestätigung, bevor ich mich schließlich aufraffte, um mich doch mal in mein Bett zu begeben. Schlaf fand ich dort dennoch lange nicht, sondern schrieb noch einer ganze Weile mit Aria.

      Am nächsten Morgen erwachte ich, weil vermutlich Hazel lautstark durchs Haus trampelte. Unglaublich, wie ein so kleiner Mensch so viel Lärm verursachen konnte. Ächzend rollte ich zur Seite und fischte mein Smartphone vom Nachttisch. Acht Uhr zwanzig leuchte auf dem Sperrbildschirm auf. Fuck, in zehn Minuten war Teambesprechung. In aller Eile sprang ich aus dem Bett, griff wahllos nach einer Hose und einem Shirt und warf noch schnell die Kaffeemaschine an.
      Wenig später polterte ich mit dem Kaffeebecher in der Hand die Treppe hinunter und spurtet mich in den großen Seminarraum zu kommen. Wie nicht anders zu erwarten, waren alle anderen bereits da. Hazel grinste nur fröhlich, während Quinn sich nur schwer von ihrem Handy lösen konnte. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge, schreib sie mit Raphael, einem meiner Teamkollegen, den sie neulich auf einem Turnier traf und der seitdem öfter hier auftauchte. Man musste ihm schon lassen, dass sein Hengst und er ziemlich gut waren, erst letzten Monat hatte er den Sieg bei der ersten Qualifikation für den Jumping Word Cup zu holen. Allerdings war es beinahe vorprogrammiert, mit Poseidon erfolgreich zu sein, schließlich hatte ich den Vater des Rappen selbst unter dem Sattel und wusste um sein Vermögen, mit Hindernissen umzugehen. In Kombination mit Colour Splash, die ebenso geschickt mit den Stangen war, konnte nur ein wahres Känguru dabei herauskommen. Poseidon zeigte schließlich bereits als Junghengst so viel Potenzial, dass Luchy diese Anpaarung wiederholte. Die kleine Oceandis, die dabei herauskam, war nach Schweden gezogen und konnte dort bereits ihre ersten kleinen Erfolge vorweisen.
      “Sehr gut, dann sind wir ja jetzt vollzählig”, begann meine Chefin die Besprechung einzuleiten, nachdem ich mich auf den freien Platz niedergelassen hatte. Sie eröffnete mit dem wöchentlichen Bericht der Reitschule. Hazel hatte die anfänglichen Schwierigkeiten in Linas System hereinzukommen mittlerweile überwunden. So weit lief alles gut, nur die kleine Haflingerstute Curly Lure hatte sich eine Unart angeeignet, weshalb Silvia sie die nächsten Wochen ein wenig in Beritt nehmen sollte. Auch die Shettyschule lief mittlerweile besser als jemals zuvor und mit der zunehmenden Routine war auch Songbird mittlerweile ein fester Teil der Ponytruppe.
      “Als Nächste wollen wir zu den Zuchtstuten kommen. Fashion Girl ist inklusive des kommenden Fohlens verkauft, die beiden werden mit Ladys Fohlen nach Deutschland gehen. Lady soll nach dem Absetzen antrainiert, schließlich antrainiert werden und dann in der Reitschule laufen.” Luchy erläuterte noch die weitere Zuchtplanung und welche Tiere deshalb, an- und abtrainiert werden mussten, darunter auch Chessqueen, Nessi und Empire. Sowie welche weiterhin die Freiheit auf den weitläufigen Weiden genießen durften und welche Jungpferde zu Training weggehen würden, wie Shakoy, der zum Beritt nach Deutschland gehen würde, auf den Hof, wo auch Fashion und die beiden Fohlen hinziehen würde.
      “Als Nächstes kommen wir zu dir Jace”, wand sie sich schließlich an mich, nachdem sie bereits den anderen einen Ausblick auf die kommende Saison gab, “Ich freue mich sehr, dass du mittlerweile erfolgreich unser Land vertrittst, gerade mit Herkules erzielst du gute Ergebnisse. Nun ist es so, dass eines der Jungpferde, Unsung Hero, um genau zu sein, demnächst aus dem Beritt aus Amerika wiederkommen wird. Eigentlich sollte er verkauft werden, hatte aufgrund seines Potenzials auch bereits Interessenten, allerdings würde ich ihn, Anbetracht deiner Ergebnisse gerne dir anvertrauen. Hero zeigt schon jetzt viel Potenzial, welches das von Sunny vermutlich noch übersteigen wird.” Einen Moment dachte ich darüber nach, welches der Jungpferde sie meinte, bis es mir einfiel. Hero, war ein Enkel der Stute, die ich aktuell im Team ritt. Als Fohlen allerdings, schien er weniger vielversprechend, denn er war tollpatschig und wusste seinen langen Beinen nicht so recht zu sortieren. Weil er deshalb öfter mal hinfiel oder auch im Zaun landete, handelte er sich den Spitznamen Unusing Hero ein.
      “Also stellst du mir Hero anstelle von Sunny zur Verfügung?”, versicherte mich, dass ich Luchys Angebot richtig verstanden hatte. Meine Chefin nickte bestätigend.
      “Okay, und wer übernimmt dann Sunny? Ich kann schließlich nicht alle Pferde trainieren”, brachte ich das einzig für mich sichtbare Problem hervor.
      “Sie ist ja nicht mehr sie aller jüngste, deshalb wird sie in Zukunft nicht mehr im großen Sport laufen, sondern als Lehrmeister in der Reitschule dienen”, führte meine Chefin ihre Pläne für die Stute aus.
      “Okay”, lächelte ich, “da bin ich gespannt, wie sich der kleine Tollpatsch im Beritt gemacht hat.” Von den Berittpferden, die außerhalb des Hofes untergebracht waren, bekamen wir immer nur wenig mit, sodass es wahrlich eine Überraschung sein würde, ob der kleine Tollpatsch sich tatsächlich so Positiv entwickelt hatte.
      “Du wirst erstaunst sein”, erwiderte Luchy, “Er kommt Ende November an.” Ich nickte und sie fuhr fort mit der Besprechung.
      Am Ende des Meetings zerstreuten sich alle und gingen wieder an ihre Arbeit. Ich für meinen Teil holte mir noch einen Kaffee, bevor ich in den Stall ging, um das erste Pferd zum Training fertig zu machen. Zahlreiche Fußstapfen führten von der Haustür zu den Ställen und Ausläufen, nur abseits der Wege war die weiße Decke noch unberührt. Ich folgte den Spuren zum Hauptstall, auf dessen gläsernen Dachfirst sich die Sonne spiegelte. Bereits vor dem Betreten der Stallgasse hörte ich Grisi, die mit den Hufen gegen ihre Boxenwand trat. Die freiheitsliebende Stute mochte es nicht sonderlich in der Box zustehen, doch aufgrund einer Verletzung durfte sie nicht auf die gefrorenen Weiden und Paddocks, weshalb sie sich aktuell mit der Box und tagsüber der Longierhalle abgeben musste. Ice Rain reckte ihren Kopf hinüber zu ihrer Boxennachbarin, um sie zu ärgern, worauf hin sie von der Schimmelstute an gequiescht wurde. Bei der Box von British angelangt streckte sich mir sogleich eine helle Nase entgegen, die interessiert an meinem Kaffeebecher herumnabbelte. In mich hinein grinsend schob ich ihren Kopf beiseite, denn die aufgeweckte Stute benötige im Gegensatz zu mir definitiv nicht noch einen Energiebooster. Ich nahm noch einen großen Schluck aus dem Becher, bevor ich ihn abstellte und nach dem petrolfarben Halfter griff.
      Brav folgte mir die Hannoveranerstute zum Putzplatz, auf dem Jayden gerade Miss Leika sattelte. Freundlich beschnupperte die Pearlstute ihre Artgenossin, bevor sie gehorsam einparkte. Unter der Decke kam ein annähernd sauberes Pferd zum Vorschein. Passend zum fertig gesattelten Pferd war dann auch mein Kaffee leer.
      “Na komm Gold, dann wollen wir mal ein wenig Dressurarbeit machen”, sprach ich zu der Stute und zupfte am Zügel, damit sie anlief. Leise knirschte der Schnee unter unseren Füßen. Vereinzelte Flocken tanzten vom Himmel, um sich lautlos auf der Mähne der Stute abzusetzen. In einiger Entfernung tollte der Dalmatiner durch den hohen Schnee und hätte er keine dunklen Flecken im Fell, wäre er vermutlich mit der Umgebung verschmolzen und nur noch als Schneewirbel auszumachen gewesen. Knarzend glitt das große Hallentor zu Seite und ließ uns in das verhältnismäßig warme innere des Gebäudes eintreten. Der helle, lockere Sand lag noch unberührt vor mir, als ich die helle Scheckstute darauf führte. Gerade als ich aufgessen war, vibrierte es in meiner Hosentasche. Während die Stute loslief, sah ich nach, wer etwas von mir forderte. Es war Aria, die mir einen freundlichen guten Morgen wünschte. Ich wünschte ihr ebenfalls einen und fragte sie schließlich, ob es einen Grund für ihr schreiben gäbe.
      “Ja und nein”, kam eine geheimnisvolle Antwort zurück. Einen Augenblick wartete ich, ob sie die Antwort noch erweiterte, bevor ich nachfragte. Das Pferd unter meinem Sattel lief genügsam seine Runden durch den Sand, schien sich nur wenig daran zu stören, dass ich abgelenkt war.
      “Erst wollte ich dir nur einen guten Morgen wünschen”, ploppte eine Nachricht aus, doch noch zeigte das Gerät an, dass sie tippte, “und dann dachte ich mir, ob du nicht Lust hättest etwas mit mir zu unternehmen, aber dann fiel mir ein, dass Papa gleich kommt. Irgendwas wegen eines Polo-Spiels im Club, glaub ich.” Polo, das passte in das Bild, welches ich von Aria hatte. Schon bei erstem Anblick war nicht zu übersehen, dass es ihr oder vermutlich eher ihren Eltern nicht an Geld mangelte.
      “Heute hätte ich ohnehin nicht gekonnt, aber wir können uns vielleicht am Wochenende treffen. Lass uns später noch mal schreiben. Ich muss jetzt erst einmal Gold bewegen”, antworte ich ihr, bevor ich das Gerät in den lautlosen Modus schaltete und es zurück in die Hosentasche verfrachtete. Sobald ich den Zügel sanft aufnahm, lief die Stute sogleich fleißiger und trat aktiv an die Hand heran. Dass sie mittlerweile nahezu mühelos in die korrekte Haltung zu bringen war, war das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Als British hier ankam, war sie kaum zu halten und rannte wie eine Giraffe mit weggedrückten Rücken durch die Gegend und kannte nichts außer dem Springparcours. Natürlich war sie auch noch immer kein Lampenaustreter, dafür fehlte ihr das Potenzial, aber für gesund erhaltende Gymnastizierung war es ausreichend. Mittlerweile war die Hannoveranerstute ausreichend aufgewärmt, sodass ich die nächsthöhere Gangart wählte. Angenehm federten die Schritte der Stute und mit jeder Runde wurde sie gelöster. Aus die Stute fokussiert bemerkte ich Quinn erst, als sie mit dem Fuchs bereit eingetreten war. Leichtfüßig setzte die junge Stute ihre Füße in den Sand und drehte aufmerksam die Ohren. Von dem schlaksigen Jungpferd, welches sie einmal gewesen war, war nicht mehr viel zu sehen, stattdessen kam die Hannovernerabstammung nun deutlich durch.

      Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und brachte die Eiskristalle zum glitzern, als ich mit dem Hengst ins Freie trat. Dampfwolken stiegen von seinem dunklen Fell in den klaren Himmel empor, an den Stellen, wo es nicht mit einer Decke bedeckt war. Hope hatte mal wieder sein Bestes gegeben, den Hengst raushängen zu lassen, weil Jamie mit Ursel ebenfalls in der Halle gewesen war. Als dann auch noch Matt mit Saturn hereinkamen, drehten dem Kaltblut vollends die Sicherungen durch. Schon aus der Ferne sah ich, dass Hazel gerade mit der Ponytruppe auf einen Ausritt aufbrach, also hielt ich den Hengst aus sicherer Entfernung an und ließ sie mit Cremella, Amigo und den anderen Ponys passieren. Den kleinen Tiger hatte sie als Handpferd dabei und dem kleinen silbernen Hengst ging der Schnee, beinahe bis zu den Knien, weshalb er wie ein Storch hindurch starkste.
      Im Stall angekommen, sattelte ich meinen Tinkerhengst ab und ließ ihm unter dem roten Schein des Solarium trocknen. Währenddessen blickte ich auf mein Handy. Zwischen den Einheiten mit den Pferden hatte ich das Gespräch mit Aria fortgesetzt und hatten uns auf Samstag festgelegt, nur über den Ort mussten wir uns noch einigen.
      “Wie wäre es damit, wenn wir uns 87te Ecke 109te in dem kleinen Café treffen?”, schlug sie vor. Ich bestätigte ihr, dass es nach einer guten Idee klang. Hufgegeklapper erfüllte die Stallgasse und Jayden tauchte mit Acerado im Schlepptau auf.
      “Lohnt es sich Ace noch in die FüMa zu stellen oder bist du gleich fertig?”, fragte mein Kollege und deute mit einem Kopfnicken auf den Tinker der sich sogleich wieder aufbaute, in der Hoffnung den braunen Hannoveraner damit zu beeindrucken, besagtes Warmblut störte sich allerdings nur wenig an dem Rappen.
      “Ne, ein paar Minuten und dann ist Hope trocken”, entgegnet ich, “Wie läuft es mit Lifesaver, ist er immer noch so rebellisch?”
      “Rebellisch klingt noch viel zu niedlich”, lachte mein Kollege, “Ich glaub ehe der Kleine möchte sich fürs Rode bewerben. Ich habe selten ein Pferd so viel bocken sehen wie Life.” Acerado schubberte genüsslich den Kopf an dem metallenen Pfosten, nachdem Jayden ihn von der Trense entledigt hatte.
      “So gut wie du dich hältst, kannst du ja dann wie Hazel unter die Cowboys gehen”, feixte ich.
      “Danke, aber ich bleibe bei den Buschreitern”, sagte er noch, bevor er mit dem Sattelzeug in der Kammer verschwand. Just in dem Moment, als er zurückkehrte, erloschen die Glühbirnen der künstlichen Sonne. Kontrollierend fuhr ich mit den Fingern durch das dichte Fell und konnte so wie es zu erwarten war keine Feuchtigkeit mehr auf der Haut feststellen.
      “Du kannst dann Ace jetzt trocken”, wand ich mich an mein Gegenüber und hängte den Tinker ab. Noch während ich die Stallgasse verließ, vernahm ich das Surren der Anlage, das durch das Hochfahren entstand. Kaum hatte ich Hope auf die Koppel entlassen, warf er sich in den Schnee, um sich zu wälzen. Von der Nachbarkoppel hörte man schrillen Quietschen. Die Quelle des Lärms waren Dance und Buddy, die ausgelassen miteinander spielten. Während die Hengste ihre Pause nutzen, um sich auszutoben, warte auf mich nun ein warmes Mittagessen und einen Moment in der Wärme, um wieder aufzutauen.

      © Wolfszeit | Jace Sherwood | 33.134 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
      Dressur A zu L | 28. Februar 2022
      Hallveig från Atomic // Vrindr von Atomic // Milska // Schleudergang LDS // British Gold // Mystic Fantasy Dahlia // Ready for Life // Einheitssprache

      Leise rieselt der Schnee, oder so. In ungebändigten Schwalle fegte der Wind die Flocken über den Hof, die bereits weit verteilt am Fell der braunen Stute hingen. Hall trottete mit straften Strick mir nach in den Stall und schüttelte sich zunächst, weniger weiß, dass ich entfernen musste. Grob putzte ich ihren Kopf sowie Sattel- und Gurtlage. Das Wetter forderte förmlich die Gymnastizierung der Nachwuchsstute, die aktuell die Grundlagen der Ausbildung begriffen hatte.
      In der Reithalle traf ich auf Bruce, der selbst Vrindr arbeitete und die junge Dame, die aktuell ein Praktikum auf dem Hof absolvierte, saß auf Milska. Unruhig pendelte die Schimmelstute mit ihrem Schweif und auch fühlte mich so eingeengt wie das Pony, als ich die Haltung der Zügel da. Aber ich hielt mich für das Erste aus der Situation heraus, schließlich war unser Chef da, der Situation im Griff haben sollte. Sie wirkte erfahren im Umgang mit Pferden, aber spezifisch für Isländer, konnte ich nicht beurteilen. Vielleicht würde sich das in den nächsten Wochen ändern. Es gab Hoffnung, soviel spürte ich.
      In der Mitte der Halle ließ ich die Stute einige Runden um mich herum Übertreten, bevor ich Gurt fester zog und mich in den Sattel schwang. Wie gewohnt trottete das Pferd mit kurzen Schritten voran. Ich griff die Zügel etwas nach und gab im Wechsel halbe Paraden, trieb dabei aktiv, um den Viertakt gleichmäßig zu spüren. Die Übergänge erleichterten mir die Arbeit daran. Auch durch den Tölt kam Hall langsam zur Ruhe. Je mehr ich mich nur auf das Pferd und mich konzentrierter, umso besser gelang mir Kontakt zu finden. Durch Schlangenlinien und weitere Wendungen setzte sich das Pferd mehr, kam zur Geraden und schließlich im Galopp bot sie sogar gezielt den Außengalopp an.
      Am Höhepunkt des Trainings gab ich ihr die Zügel und ritt im Schritt noch einige Runden, bevor ich abstieg und Hall ihr Futter mischte. Noch immer verwirrt von dem System, stand ich vor dem Monitor in der Sattelkammer und starrte die leeren Worte an. Es standen die genauen Messwerte da, doch fand ich die Eimer nicht. Die klackenden Schritte hinter mir, verrieten, dass Hilfe kam.
      “Endlich”, zeterte ich, aber rechnete nicht damit, dass urplötzlich Harlen hinter mir auftauchte. Der Eisbrocken in meiner Brust knackte und sprang wie ein junges Kaninchen durch den Schnee. Ich konnte es mir nicht verkneifen, einen kräftigen Atemzug zu nehmen und mir nichts anmerken zu lassen. Auf dem Gestüt gelang es mir, ihm aus dem Weg zu gehen. Sein Jammern “wollen wir mal wieder etwas machen?” nervte mich. Wollte ich es nicht akzeptieren, dass wir einander näher kamen und es genossen? Oder war es den Gefühlen meines Bruders geschuldet, der sich allerdings eine neue Liebschaft anlachte? Es sollte so keinesfalls laufen, aber noch immer stand ich vor dem Problem, das System nicht nutzen zu können.
      „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich überhaupt noch traust, mit mir sprechen“, lachte Harlen und schenkte mir ein kurzes Lächeln.
      „Viel zu tun, tut mir leid“, tat ich es ab. Er nickte einmal, aber ließ es im Raum stehen.
      Also ergriff ich wieder das Wort: „Aber wenn du schon mal da bist, kannst du mir eventuell helfen?“, zeigte ich zusätzlich auf den Monitor.
      „Selbstverständlich.“
      Zusammen suchten wir die Eimer, um der Stute ihre Futterportion zuzubereiten. Das Rascheln blieb auch bei Hallveig nicht unbemerkt. Aufgeregt kratzte das Pferd mit den Hufen auf dem Betonboden und hörte trotz meiner Ermahnungen nicht auf. Noch heller leuchteten ihre Augen, als ich schließlich mit der grünen Schüssel aus dem Raum kam. Harlen folgte mir und stand so dicht neben mir, dass seinen Atem an meiner Wange spürte. Das Häschen erwachte wieder, lebhafter als zuvor.
      “Könntest du einen Schritt zur Seite gehen?”, versuchte ich ihn weiter aus meinem Leben auszuschließen.
      “Was passiert, wenn ich es nicht tue?”, grinste er wieder.
      “Dann melde ich dich für Belästigung am Arbeitsplatz”, zuckte ich mit den Schultern. Erst jetzt entschloss er meine Bitte nachzukommen, auch wenn ich den Schmerz in seinen Augen förmlich spürte, als würde das Kaninchen urplötzlich kraftlos im Schnee versinken. Schweigend drehte er sich weg und verschwand im schlechten Wetter vor der Tür. Schon nach wenigen Metern verschwamm seine Silhouette zwischen den Flocken.
      Während Hallveig mit vollem Genuss ihr Müsli kaute, hatte ich mich auf eine der Aufstiegshilfen platziert und mir eine Abschwitzdecke über die Beine gelegt, um keine weitere Blasenentzündung zu bekommen. Auch Neele, die Praktikantin, war mittlerweile mit der Schimmelstute in den Stall gekommen. Sie schien besser mit dem System klarzukommen, denn schon nach weniger als einer Minute kehrte sie mit der gefüllten Schüssel zurück, in die Milska ihren Kopf steckte.
      “Woran habt ihr gearbeitet?”, fragte ich freundlich und erwachte aus der Starre.
      “Versammlungen und Anlehnung. Sie war heute deutlich motivierter als gestern”, erfreute sich Neele. Natürlich, ich hatte bereits gute Ansätze erarbeitet, damit fehlte nicht mehr viel zum nächsten Schritt der Ausbildungsskala. Auch Bruce kehrte einige Zeit später mit Vrindr wieder. Die Stute machte ebenfalls Fortschritte, die man keinesfalls verschweigen sollte. Losgelassen unterhielten wir uns über die Pferde und verabredeten uns für ein Mittagessen im Gemeinschaftsraum.
      Auf dem Weg durch die große Reithalle bemerkte ich den besten Freund von Blondies Mitläufer. Ich hatte mich schon gewundert, keinen der beiden im Stall zu erblicken, auch wenn es anfangs mich nicht wunderte. Blondie, oder Vriska wie sie alle benannten, sah man nur selten im Stall und da hatte sie stets schlechte Laune. Mit Lina hingegen gab es keine Probleme, aber mehr als die herkömmlichen Floskeln tauschten wir einander nicht aus. Samu, wenn ich mich nicht irrte, sah auf ihrer Rappstute, die mit gleichmäßigen Tritten durch den Sand schwebte und einen hohen Grad der Versammlung zeigte. Genauso zuverlässig lief Redo an den Zügel heran. Zur gleichen Zeit war auch eine Frau auf Linas anderen Pferd in der Halle – die eigentliche Besitzerin, wie man mir später mitteilte. Rambi war genauso weit in der Skala, auch wenn ihm der Galopp noch sehr schwerfiel. Bei einem Kampfgewicht, wie er es aufwies, würde ich mich ebenfalls ungern bewegen. Als drittes Pferd in der Runde arbeitete Folkes Freundin mit Schleudergang.
      Ein kräftiger Geruch von Erdnuss und Koriander kam mir bereits beim Öffnen des Gebäudes entgegen, intensivierte sich, je näher wir der Gemeinschaftsküche. Das Grummeln in meinem Magen erinnerte mich daran, dass das Essen zum richtigen Moment angesetzt war. Ausnahmsweise hatte Harlen gekocht, was mir kurz den Hunger verschlug, aber beim nächsten Atemzug setzte das Gefühl wieder ein. Ich hängte meine Jacke an den Haken, zog die Schuhe aus und setzte mich auf die Bank. Elsa, die zuvor noch bei Harlen hochsah und auf Essen hoffte, kam zur mir anlaufen. Die Hündin blickte auch mich mit großen Augen an.
      “Ich habe leider nicht für dich”, präsentierte ich ihr meine leeren Hosentaschen und strich über ihren Kopf.
      “Und, wie gefällt es dir bisher?”, erkundigte sich Bruce und stellte für jeden auf den Tisch, während Neele auf ihr Handy starrte. Schnell huschten ihre Finger über den Display und auf den Lippen lag ein strahlendes Lächeln.
      “Es ist toll, danke für die Möglichkeit”, sah sie von dem Gerät hoch. Endlich legte sie es weg und widmete sich unseren Vorgesetzten.
      “Gern, wir freuen uns jemanden, wie dich im Team willkommen heißen zu dürfen”, sagte er, als wäre eine junge Dressurtussi genau das, was wir für die Isländer benötigten. Wenn es nach mir ginge, könnte man jemanden mit mehr Gangpferdeerfahrung dazu holen, aber was weiß ich. Vielleicht doch. Sie erst seit zwei Tagen auf dem Hof und Harlen hatte diesen einen Blick, den er auch mir zuwarf. Auch am Tisch fiel es mir auf.
      “Jonina, hast du dir schon überlegt, ob Glanni noch zur Fizo soll?”, schien Bruce den Unmut meinerseits zu spüren.
      “Ich bin mir nicht sicher, weil es ziemlicher Stress für ihn ist”, schluckte ich zunächst die Portion herunter, bevor ich ihm antwortete. Natürlich wäre es nur klug einen Hengst zu haben, wenn er auch zur Zucht geeignet war. Glanni entsprach den Zuchtidealen eines Isländers, aber lag es in meinem Interesse seine Gene auf der Welt zu verteilen?
      “Mit Willa oder sogar Thögn könnten tolle Fohlen zur Welt kommen und ich kenne auch jemanden, der eins der Tiere kaufen würde”, erklärte er mit leichtem Nachdruck.
      “Ich werde darüber nachdenken, aber was steht denn noch auf dem Plan?”, versuchte ich wieder zur Arbeit zurückzukommen, doch Neele erzählte freudig über Pferde, von denen am Tisch noch jemand hörte. Entgegen meiner Erwartung versuchte Harlen sogar dem Geschwafel über die beiden Dressurpferde zu folgen. Aber ganz ehrlich? Wer sollte etwas über British Gold und Mystic Fantasy Dahlia, die mit den gleichen Prozenten eine L Dressur in der regional Liga in Kanada gewannen.
      © Mohikanerin // Jonina // 8949 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte November 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Vriska
      “Ich habe ein Anliegen”, sagte Tyrell zu mir, als ich mich aus dem Sattel schwang von der langbeinigen Schimmelstute. Schneesturm liebte das kühle und nasse Wetter, was womöglich ihr auch diesen Namen eingehandelt hatte, ich hingehen fühlte mich ungemein unwohl, die nasse Hose an meinen Oberschenkel zu spüren. Der frostige Wind verstärkte das Gefühl nur noch mehr.
      „Na dann schieß mal los“, antwortete ich freundlich, dabei strich ich der Stute über den verschwitzten Hals und kramte mit der anderen Hand ein Leckerli aus der Hosentasche. Vorsichtig sammelte sie es von meinem Handschuh ab.
      “Die neue Rennstute, die du angeschleppt hast, soll erst mal geritten werden. Auf dem letzten Rennen war sie ziemlich hektisch und unkontrolliert, das gefällt mir nicht. Wenn du nicht möchtest, weil ich sehe, wie viel du plötzlich zu tun hast, frage ich Jonina”, erklärte er. Zusammen liefen wir in den Stall hinein und mein Chef erzählte ausführlicher, wie Humbi sich in letzter Zeit am Sulky benahm. Folke verlor immer häufiger die Kontrolle. Selbst der Scheck und Augenklappen stellten keine Lösung dar, weswegen ein ruhiges Abtraining und vielseitige Arbeit den nötigen Ausgleich bringen könnten. Kurz überlegte ich, aber in meinen Fingern kribbelte es sofort. Die große Stute und ich hatten sofort eine Verbindung und hiermit bekam ich Möglichkeit daran weiterzuarbeiten.
      “Ja klar, gern. Lässt sich einrichten”, schmunzelte ich selbstsicher und mit einem Nicken verabschiedete er sich. Nur in Auszügen konnte ich erahnen, was Humbria derart verunsichern könnte, doch ich war mir sicher, dass ich der Aufgabe gewachsen war.
      Prüfend sah ich zur Uhr beim Wegbringen des Sattelszeugs in der Sattelkammer, der Tierarzt kam erst in einer Stunde, somit könnte ich vorher noch mit meiner neuen Aufgabe anfangen. Entschlossen nahm ich das Lederhalfter mit ihrem Namen vom Haken. Schnee hatte bereits aufgefressen und konnte mit ihrer weinroten Weidedecke zurück auf den Paddock.
      “Hallo”, begrüßte ich mit ruhiger Stimme Humbi, die sofort neugierig die Ohren spitzte und mich mit ihrem Kopf anstupste. Aus der Erfahrung heraus bekam sie umgehend ein Leckerli, dass uns dieses Problem heute nicht im Weg stehen würde. Entschlossen, und auf Zehenspitzen, streifte ich das Halfter über ihre riesigen Ohren, die noch immer nach oben ragte. Irgendwas fokussierte sie gespannt an, den Grund dafür, konnte ich allerdings nicht entdecken. Zur Sicherheit zog ich den Strick wie eine Hengstkette über ihre Nase und durch den seitlichen Ring wieder nach unten.
      “Na komm”, sagte ich und setzte mich in Bewegung. Wie angewurzelt stand sie da, bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle, sondern starte weiter zum Horizont. Da entdeckte ich einen kleinen hellen Punkt, der sich dabei langsam veränderte. Nur mit guten Zusprüchen folgte sie schlussendlich. Geduldig nahm ich es hin und im Stall begann ich den Vierbeiner ausreichend Zuwendung zu schenken. Aus der Box an der Seite hörte ich leises Brummen – Lubi versuchte, mit dem Rennpferd Kontakt aufzunehmen. Humbria hingegen ignorierte sie vollkommen, untersuchte lieber den Boden des Stalles, der makellos geputzt war.
      Hufschlag ertönte, während ich den Vorderhuf auf meinem Oberschenkel zu liegen hatte. Mit einem Satz bewegte sie sich nach vorne und trat mir unausweichlich gegen mein Bein. Schmerzerfüllt schrie ich auf, rieb mir die pochende Stelle am Knie.
      Durch das Haupttor führte Erik zusammen mit Trymr die Pony Stute hinein. Sie mussten Ewigkeiten im Wald gewesen sein, denn schon als ich aufstand, war er nicht mehr da.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich ihn heiter und humpelte zu ihm. Er grinste breit. Auch Maxou erhob den Kopf, als sie meine Stimme hörte und verlängerte die Schritte. Von ihrem Schweif tropfte das Wasser und auch Erik war nicht verschont worden von dem plötzlichen Regenschauer, der mich beim Ausritt ereilte. Jedoch bereitete er sich darauf vor, trug ein Cap auf dem Kopf, mit einer Kapuze darüber. Ein neckisches Lächeln umspielte seine Lippen, während es sich anfühlte, als würde er mich mit seinen Augen entkleiden. Aber auch in mir regte es sich, jagte ein lustvolles Ziehen durch meinen Unterleib, der mir den Schmerz im Knie vergessen ließ. Wie schaffte er es nur mit der bloßen Anwesenheit und einigen Änderungen seines Standardoutfits mich derartig zu verzaubern? Ich atmete tief durch, versuchte mich darauf zu konzentrieren, dass die dunkle Stute meine vollständige Aufmerksamkeit verlangte.
      Erik kam näher und presste mich fest an seine Hüfte. Wieder stockte mein Atem. Es gab nichts, das uns hinderte. Leidenschaftlich drückte ich meine Lippen auf seine, schloss die Augen und verschwand für viele Sekunden in meinen Gedanken. Es prickelte. An meinem Bauch spürte ich den warmen Druck seiner Lenden, die sich immer näher an mich drückten. Dann stupste mich Maxou über seine Schulter hinweg an. Unsere Lippen löste sich, aber die Sehnsucht blieb, mehr von seiner Haut auf meiner zu spüren. Er lachte und abermals fühlte ich, wie mich eine Hitzewelle durchfuhr.
      “Sie möchte zurück in ihr Bettchen”, nickte ich zum Pony, das hinter seinem Rücken stand und zum wiederholten Male gähnte.
      “Und du musst sicher den Riesen bewegen, der mich verwirrt anblickt”, scherzte Erik. Dabei ließ er mit seinen Händen von mir ab. Das Gefühl, wo sie gerade noch lagen, beglückte weiter meinen Geist.
      “Aber ich wäre lieber mit dir”, sprach ich leise.
      “Verstehe ich, doch auch ich habe noch Aufgaben vor mir”, grinste er und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Meine Motivation versagte, wünschte sich ihn zur Hütte zu begleiten, aber sogleich ertönte das Kratzen über den Beton hinter mir. In einer einzigen Bewegung setzte ich mich zu der Stute und drückte meine Hand an ihre Brust. Schockiert riss sie die Augen auf, aber hörte auf mit dem Huf zu scharren.
      Es fehlte nur noch das Sattelzeug, dann waren wir Abflug bereit. Neugierig mustere Humbria Sattel von Lubi, den ich frecherweise auf fast jedem Pferd nutze, dass ich am Hof ritt, allem voran aus Bequemlichkeit. Des Weiteren fühlte es sich wie schweben auf den Wolken mit den Sorgen fernab. Darunter legte ich eine Filzdecke, die ich irgendwann online entdeckt hatte und für Glymur nehmen wollte, aber die Möglichkeit wurde mir genommen. Umso mehr freute ich mich, sie nun zu verwenden. Mithilfe des Tritts legte ich alles auf den Rücken der Stute, setzte meinen Helm wieder auf und trenste. Hektisch kaute sie auf dem Gebiss.
      “Alles gut”, beruhigte ich Humbria mit sanften und lang gezogenen Worten. Sie gehorchte. Im Stall stieg ich bereits auf, entschied erst beim Herausreiten, dass ich Lust auf den Reitplatz davor hatte. Die Stute musterte derweil die Umgebung und mir wehte der Wind unsanft einzelne Strähnen ins Gesicht, die ich mühevoll wieder wegstreichen musste.
      Wie es Tyrell mir beschrieb, schritt Humbria hektisch voran, hörte nicht zu und sah nervös die Gegend an. Schon beim Warmreiten versuchte ich die Stute ruhiger zu bekommen, so bremste ich unverhofft in den Stand, lobte bei schneller Reaktion und versuchte, dass sie aus der Hinterhand nach vorn schob. Je öfter ich es wiederholte, umso durchlässiger wurde sie. Immer mehr Kontakt baute die junge Stute zum Zügel auf. Ihre Ohren richteten sich nach und nach immer mehr zu mir, hörten, was ich von ihr wollte und dann begann Humbria sich zu lösen. Sie streckte den Hals weit nach vorn. Der Kopf wippte und knackte schließlich. Zufrieden lobte ich.
      Vertieft in meinen Gedanken und der Überlegung, wie ich die Stute bestmöglich fördern könnte, bemerkte ich den ungebetenen Gast am niedrigen Zaun des Reitplatzes erst spät. Auch Humbria durchfuhr der Schock durch das Auftauchen eines Menschen, dass sie aus dem Trab einen gewaltigen Sprung zu Seite machte. Nur durch den Wolkensattel gelang es mir, nicht im Dreck zu landen und dabei noch das Pferd zurückzuholen. Das Fluchen verkniff ich mir, beruhigte zunächst die Stute, ehe ich prüfend zur Seite warf, wer nur dem Tier einen solchen Schrecken einjagte. Mir stockte der Atem. Niklas stand mit seinem Fuß auf dem Stein gestellt dar, musterte mich von oben bis unten und schüttelte dabei langsam mit dem Kopf.
      „Du kannst doch nicht einfach wortlos dich dahinstellen“, beschwerte ich mich umgehend und mit einem Schnauben stimmte mir Humbria zu. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, warfen ihm kleine Blitze zu, die ihn zum Teufel schicken sollten.
      „Ich habe was gesagt“, verteidigte er sich und verschränkte die Arme verärgert, „außerdem sollten wir dringend reden.“
      „Nein, sollten wir nicht. Alles, was wir tun sollten, beruht auf einem Arbeitsverhältnis und Distanz“, versuchte ich ihn loszuwerden. Doch es missglückte. Stattdessen breitete sich ein heiteres Lächeln auf seine Lippen, dem ich zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Humbria hielt abrupt vor ihm an und ich wippte unsanft auf ihren Hals.
      „Scheint wohl nicht so gut zu funktionieren mit der Distanz“, sprach ich für meinen Geschmack zu überzeugt. Die Arme stützten nun wieder auf seinem Bein.
      „Geh endlich weg“, fauchte ich, „deine Freundin wartet sicher schon, ansonsten könnte dein Pferd auch Aufmerksamkeit gebrauchen.“
      Auch damit verschwand er nicht. Wie angewurzelt stand Niklas an der Stelle, wodurch Humbria ebenfalls keinen weiteren Schritt durch den Sand setzte.
      „Dann können wir doch jetzt reden“, zog er eine Braue nach oben, strich dem Pferd über das Maul. Amüsiert wippte ihre Unterlippe und die Zügel am Gebiss klapperten dabei.
      Ich seufzte.
      „Niklas, ehrlich gesagt, will ich nicht mit dir reden. Wir sind beide nicht dafür gemacht, normal miteinander umzugehen und ich habe so viel zu verlieren“, versuchte ich ihn mit Ehrlichkeit zu überzeugen, denn er schätzte diese Eigenschaft an mir. Endlich sah ich, dass in seinem Kopf etwas passierte. In Bewegung setzte er sich nicht, wieder seufzte ich. Etwas, das ich in den letzten Tagen eindeutig zu häufig tat.
      „Vriska, du bist nicht in der Position, das beurteilen zu können“, protestierte Niklas. Bitte was? Hatte ich mich gerade verhört? Ich riss meine Augen auf, öffnete den Mund, aber meine Worte verflogen im Wind.
      „Du fehlst mir“, seufzte nun er, „also als eine Freundin. Deswegen möchte ich dich bitten, nicht das Training zu beenden mit mir. Es war immer so ein Licht am Ende des Tunnels, dass mir den Tag erhellte und Hoffnung schenkt.“
      Wow, es schmerzte mich ungemein, das zu hören, aber in meinem Kopf versetzte ich mich in Lina. Sie war nicht in Sicht, aber hätte sie das gehört, wäre wieder eine Welt zusammengestürzt, meinetwegen.
      “Auch mir geht es so, aber nein. Es funktioniert nicht, so reif solltest du sein. Ich möchte nicht mit dir trainieren”, suchend bewegte sich der Blick weg von den Pferdeohren nach rechts, als würde dort meine Rettung warten – Fehlanzeige.
      “Dann sag es mir in die Augen, wenn du es wirklich nicht möchtest.”
      Nur zögerlich bewegte sich mein Kopf in seine Richtung, verunsichert, ob es mein Herzenswunsch war oder nicht. Undefiniert drückte es in meiner Brust, als wolle mir der Körper unter allen Umständen mitteilen, dass es sich um keine gewinnbringende Idee handelte und ich so schnell wie möglich das Weite suchen sollte. Der Vierbeiner stand noch immer wie angewurzelt da und ignorierte jedwede Versuche meinerseits wieder einen Huf vor den anderen zu setzen. Ich sah ihm in die Augen und biss mir stark auf die Zunge, um das aufkommende Gefühl zu unterdrücken. Gleichzeitig wiederholte ich Eriks Namen wie ein Mantra in meinem Kopf. Ihn wollte ich, nur ihn.
      “Ich weiß es nicht und kannst du jetzt bitte gehen? Wir reden, wann anders, nicht so zwischen Tür und Angel”, bat ich Niklas eindringlich. Endlich gab er nach und nickte.
      “Okay, dann reden wir Dienstag”, sagte er noch, setzte sich in Bewegung zum Stall und sogleich ertönte das Geklapper von Eisen an der Holzfront einer Box. Erleichtert atmete ich aus.
      Tatsächlich wurde es mir zum Teil auch wieder Humbria im Schritt anzureiten. Sie schnaubte gelassen haben. Meine Konzentration hingegen hatte sich vollständig verabschiedet, obwohl die Pläne mit ihr einfach waren. Einige Meter konnte ich Humbria zurück in ein ruhiges Tempo holen, gleichmäßig durchparieren und in einer Gebrauchshaltung wieder anreiten. Sie hörte aufmerksam und fragte höflich nach, bevor sie Blödsinn versuchte.
      Nach weiteren Runden ritt ich zurück in den Stall, stieg ab und entfernte das Sattelzeug. Wir kamen an Niklas vorbei, der seine Stute putzte. Mir gelang es tatsächlich keinen weiteren Blick zu ihm zu werfen, sondern brachte das Sattelzeug in die Sattelkammer, holte eine neue Weidedecke und stellte das nasse Pferd unter das Rotlicht. Mit hängender Unterlippe genoss sie die Wärme und ich setzte mich ihr gegenüber auf die Bank, Handyzeit.
      Einen Überblick über die ganzen Nachrichten zu bekommen, stellte sich als eine größere Herausforderung dar, als ich mir vorgestellt hatte. Immer mehr Bots, die mich mit hübschen Bildern beglücken wollten, fanden ebenfalls ihren Weg in mein Nachrichtentab. Die Anzahl meiner Follower hatte sich glücklicherweise bei dreitausend eingependelt und ich wusste nicht einmal etwas damit anzufangen. Aber was soll’s, interessiert tippte ich auf Linas Account, um zu gucken, was Leute normalerweise posten und bemerkte, dass sie einige Beiträge gelöscht hatte und gar nicht mehr abwarten konnte, ihren Schimmel wiederzusehen. Auch in mir wuchs die Vorfreude, das Einhorn hier zu haben, doch mir blieb noch ein Moment darüber nachzudenken, als die Bannerbenachrichtigung mich ablenkte. Ein Wirrwarr aus Buchstaben eröffnete sich vor mir und eine Formel. Ich runzelte die Stirn, aber kopierte beides sofort in meine Notizen, um die Nachricht nicht zu verlieren. Vermutlich musste ich den Schlüssel berechnen, um die Verschiebung des Alphabets herauszufinden. Rätsel waren nicht mein Ding, doch der Unbekannte hatte mich darauf vorbereitet, dass es nicht leicht werden würde.
      „Danke“, schrieb ich und dann schielten meine Augen zu Niklas, der mittlerweile sein Pferd aus der Box führte. Auf seinen wohlgeformten runden Lippen lag ein schelmisches Lächeln.
      „Ich habe ein Problem“, tippte ich dann noch an meine Ablenkung. Sofort antwortete er: „Man erzähle mir von dem schändlichen Anliegen.“
      „Den Typen, den mein Freund nicht mag (hatte vorher was mit dem) lässt mich nicht in Ruhe. Er hatte mich darum gebeten, das Training mit jemand anderes zu machen, dem habe ich widerstandslos zugestimmt. Doch jetzt auf einmal will der Typ das mit mir klären und akzeptiert es nicht. In mir kochen die alten Gefühle hoch, weiß nicht damit umzugehen, weil ich mir so sicher mit meinem Freund bin“, fegten meine Finger in Windeseile über den Bildschirm.
      „Und dennoch möchtest du dich mit mir treffen?“, leuchtete es im Chat, aber noch immer pulsierten die drei Punkte. Eine weitere Nachricht tauchte auf: „Spaß beiseite. Wenn du das mit dem nicht willst, dann tue es nicht. Ansonsten kläre es mit deinem Freund erneut, bitte ihn um Unterstützung. Wichtig ist nur, dass du eine Entscheidung treffen musst, insbesondere in einer emotionalen, instabilen Zeit, wie du sie gerade erlebst.“
      “Das schreibt sich so leicht“, antwortete ich. Im Stall wurde es zunehmend voller und ich entschied zwischen den neugierigen Blicken mein Handy wieder wegzustecken; Schluss mit den Spielchen.
      Das rote Licht verglühte und Humbrias müden Augen öffneten sich langsam. Von beiden Seiten am Halfter öffnete ich die Haken und führte sie zurück auf den Paddock, auf dem eine beträchtliche Ruhe herrschte. Die Pferde dösten, bemerkten kaum, dass die Stute wieder zurückkam. Sie hingegen trottete langsam zum Unterstand, steckte den Hals durch die Gitter und begann mit den Lippen Halme zu inhalieren. Das Halfter hängte ich in den Zwischengang und starrte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde der Tierarzt eintreffen. Beeindruckend schnell kam ich an der Hütte an, in der Erik sich bereits anzog.
      “Ich muss dich noch etwas fragen”, sagte er sanft auf dem Weg zum Stall. Vorsichtig sah ich an ihm hoch, ohne die Hand loszulassen, die ich fest umschlossen in meiner hatte. Ich nickte.
      “Was hat es mit Kiel auf sich?”
      Natürlich musste diese Frage kommen, aber von Lina konnte er es nicht wissen. Wir hatten beim Essen das Thema totgeschwiegen und auch, dass Niklas zur gleichen Zeit mit einigen Auserwählten nach Stockholm fahren würde. Mir stockte für einen Augenblick der Atem, ehe ich stark ausatmete und darauf gefasst war, ihm mehr zu erzählen.
      “Woher weißt du das?”, drängte sich jedoch als erste Frage aus meinem Mund.
      “Dein Handy hat in der Nacht aufgeleuchtet und den Termin angezeigt. Im Zuge meiner unstillbaren Neugier habe ich die Benachrichtigung geöffnet und versucht mehr zu finden”, gab er wehmütig zu. Wieder blieb mir der Atem weg, doch jetzt stich es unsanft in meiner Lunge. Als wäre es ein Zeichen, hielt er mir eine Schalter Zigaretten hin, aus der ich sogleich eine herauszog und aus der Innentasche der Jacke ein Feuerzeug nahm. Das Stechen ließ nach, aber dafür drückte es nun. Deutlich angenehmer, wie ich es fand. Mir wurde klar, dass er vermutlich noch mehr gesehen haben könnte, wenn er versuchte, mehr Informationen zu finden.
      “Dann weißt du von?”, deutete ich mit stotternden Worten meinen unbekannten Verehrer an. Es musste so weit kommen, wenn auch etwas früh.
      Erik nickte, aber sein Gesicht blieb wenig berührt davon.
      “Aber”, sprach er und zog an dem Glimmstummel, “du hättest darauf kein Geheimnis machen müssen. Ich kann deinen Reiz nachvollziehen und wenn du dich ernsthaft einmal mit ihm treffen möchtest, will ich dieser Erfahrung nicht im Wege stehen.” Auf seinen Lippen bildete sich ein kurzes Lächeln, dass bei dem nächsten Zug wieder weichte.
      “Danke dir, aber ich weiß es noch nicht. Ich bin froh dich zu haben und möchte mit dir Erfahrungen machen”, versuchte ich zuversichtlich zu bleiben. Seine Hand drückte fest meine. Ich wusste aus unerklärlichen Gründen sofort, dass es die richtige Entscheidung mit ihm war. Noch bevor wir im Stall ankamen, erzählte ich ihm von der Auktion in Kiel und dass wir dort eine Art Lehrgang haben würden, um unsere reiterlichen Fähigkeiten zu verschärfen. Interessiert hörte er zu, aber gab kein Kommentar dazu ab.
      Vor dem Gebäude stand bereits der Transporter unseres Tierarztes. Aus der Seitentür kramte er seine Tasche und begrüßte uns freundlich, als er uns bemerkte. Zusammen liefen wir zur Paddock Box, in der Maxou beinah leblos stand. Die Späne lagen fein vor der Kante ins Freie. Nicht mal einen prüfenden Blick schien sie nach draußen gesetzt zu haben. Umso mehr setzten die Zweifel ein. Ich hatte daran setzt ein Pferd haben zu wollen, dass ich mir nicht die Zeit ließ, mir darüber Gedanken zu machen, was ich mit meinem Pferd überhaupt anstellen wollte. Nein, stattdessen ging es nur darum eins zu haben und nun stand dieses arme Tier verängstigt da, wie eine versteinerte Statur. Erst, als Erik sie ansprach, regte sich eins der Ohren. Ihr Kopf erhob sich langsam und ich wusste wieder, zumindest kurz, wieso ich ihr die Chance gab, sich zu beweisen. Ich drückte meinen Freund, dachte ich das gerade wirklich?, ein Halfter in die Hand, dass ich ursprünglich für Glymur gekauft hatte. Es war violett und reflektierte im Licht in schönen Fuchsia Tönen. Getragen hatte er es bisher nur einmal, doch Maxou stand er vorzüglich. Er führte die Stute hinaus und folgte mir in den hinteren Teil des Stalles. Dort waren die Putzbuchten und deutlich besseres Licht. Außerdem konnte man das Pferd problemlos an beiden Seiten befestigen. Das Abnehmen der Decke übernahm ich. Sie sah mich kurz an und beschnupperte meine Hand, aber Erik erschien ihr so viel interessanter, was ich ihr nicht verübeln konnte.
      Doktor Linqvist begann mit seiner Arbeit, hörte die Stute als erstes Ab, betrachtete die Augen mit einer Lampe und sah sich die Zähne an. Dabei bestätigte sich Linas Annahme. Dabei stellte die ungleiche Abnutzung der Zähne, das geringste Problem dar. An einigen Stellen hatte sie Karies, dass er aber noch heute beseitigen würde. Was ihn ebenfalls Zahnschmerzen bereitete, war eine Fraktur an den vorderen Zahnreihe und zwei hinten. Wohl möglich durch Tritt eines anderen Pferdes oder schlimmeres, dass er nicht mehr aufführen wollte. Suchend blickte ich mich im Stall um, hoffte, Lina zu sehen oder zumindest ihren überheblichen Liebhaber. Vergeblich.
      „Möchtest du gehen?“, vergewisserte sich Erik, als der Tierarzt der Stute die erste Sedierung verpasste.
      „Nein, ich hoffe nur darauf, dass Lina mir helfen kann, ob das alles normal ist“, wimmerte ich und blickte mit glasigen Augen zu dem Zwerg. Ihr Kopf wurde schwer, hielt sich dennoch gut in den beiden Stricken.
      „Wir schaffen das zusammen, ich übersetze und du“, er stockte und kratzte sich an dem mit Stoppeln übersäten Kinn, „kennst dich mit Pferden aus.“
      „Ich verstehe genug, aber danke“, rollte ich beleidigt mit den Augen und erhob mich von der Bank. Erik hingegen lehnte sich zurück, beobachtete inständig jeden meiner Schritte.
      Der Kopf der Stute wurde immer schwerer und zur Unterstützung hielt ich ihn fest. Laut schnaubte sie aus, dabei knatterte das Geräusch. Meine Hand fuhr langsam über ihren Hals.
      > Rör henne inte så ofta. Hon har en svampsjukdom i huden.
      „Fass sie nicht so oft an. Sie hat einen Hautpilzkrankheit“, mahnte der Tierarzt und sofort schreckte ich zurück. Mit einem kläglichen Versuch drückte Maxou ihren Kopf ein Zentimeter nach oben, aber genoss wieder, dass ihr Halt gab.
      > Är det smittsamt?
      „Ist der ansteckend?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf, sagte aber, dass genaueres erst vom Labor geklärt werden kann. Dann spannte Doktor Linqvist das Maul des Tieres in ein Gestell, das vermutlich auch als Folterinstrument herhalten konnte. Erik wurde damit beauftragt einen Eimer mit warmem Wasser zu holen, während ich weiter assistierte. Zugegeben, bisher gehörte so was nicht in mein Aufgabenfeld. Unser Tierarzt sah dem nach und erklärte mir alles äußerst genau. Zeigte mir sogar die einzelnen Schritte.
      Interessierte hörte ich zu, hielt den Kopf, bis Maxou endlich fertig war nach fast einer Stunde. Ein Zahn wurde gezogen und weitere behandelt. Ihr Gebiss erstrahlt nun gleichmäßig wieder im Glanze, solle aber in den nächsten Stunden nur in der Box stehen unter Beobachtung. Dafür waren wir ausgerüstet. Also schaltete ich direkt die Kamera ein, die sonst nur nachts aktiv war und konnte nun jederzeit nachsehen, was sie trieb. Sobald Maxou aktiver sei, war führen angesagt, dem Erik sich glücklich opferte.
      Gegen den Hautpilz bekamen wir eine Salbe, die täglich zweimal aufgetragen werden sollte und das Fell musste umgehend verschwinden. Eine Winterdecke mit Halsteil stand dann somit als Nächstes auf der Einkaufsliste.
      So sehr vertieft das schlafende, und aus dem Maul blutende, Pony zu beobachten, bemerkte ich nicht wie sich eine Hand auf meine Schulter ableckte. Mit einem großen Satz sprang ich zur Seite. Erneut wippte der Kopf der Stute kurz nach oben. Lina stand neben mir und grinste.
      „Das kannst du nicht machen“, stammelte ich außer Atem und sorgte damit für reichlich Gelächter bei den anderen. Vermutlich lag ihre Hand schon einige Sekunden auf meiner Schulter, bis mein Körper es für voll nahm.
      “Folke hat gesagt, dass Holy auch untersucht werden soll”, erklärte sie und vermittelte mir indirekt, dass ich den Terrortinker bitte holen solle. Seufzend trennte ich den Blick von meinem Pony, sagte Erik Bescheid und lief über den Vorplatz zum Paddock. Friedlich zupfte sie an den restlichen Heuhaufen in dem Unterstand. Girlie stand neben ihr und auf der anderen Seite Mill, die interessiert zum Tor getrottet kam. Die Stute war stets bereit zu arbeiten, doch befand sich derzeit noch im Mutterschutz. Zwischendurch durfte sie Dampf ablassen, aber wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Ihre Tochter inszenierte derzeit die Standfestigkeit des Zauns. Unbeachtet legte ich das Halfter um den plüschigen Kopf der gescheckten Stute und führte sie hinüber. Sie ließ sich Zeit, wollte nicht so recht in das große Gebäude hinein, als wusste sie, dass dort der Tierarzt wartete.
      Niklas' Gesicht sprach Bände und dass er nervös die Stallgasse auf und ab lief, ebenfalls. Lina versuchte ihn aufzumuntern, doch vollständig in den Gedanken verloren, reagierte er nicht auf ihre Annäherungsversuche. Seine Stute schien demnach das Fohlen verloren zu haben.
      “Muss ich fragen?”, flüsterte ich Lina zu.
      Sie schüttelte den Kopf.
      Damit war alles gesagt. In großen Schritten brachte Lina den Schimmel zurück in die Box und ich band stattdessen Holy an. Ihr Baby war wirklich groß, als wäre sie bereits im siebten Monat trächtig und somit bei der Übergabe an den Tierschutz bestiegen worden. Innerlich entbrannte ein Muttergefühl, die Freude ein außergewöhnliches Fohlen hier zu haben. Um, hoffentlich, Papiere zu bekommen, mussten Linas und meine Fähigkeiten herhalten, den Vater des Fohlens zu ermitteln. Sie bekam von den freudigen Nachrichten nicht viel mit, sondern beruhigte ihren Freund mit allen Kräften.

      So schnell wie Niklas erschien, verschwand er auch wieder und Lina blieb wie ein begossener Pudel am Rolltor stehen, sah dem Auto am Horizont hinterher. Ich konnte seinen Schmerz nachvollziehen und auch, dass sie zu gleichen Teilen an sich band. Der kurze Moment der Wehmut wurde durch ein lautes Scheppern unterbrochen, das von der anderen Seite des Stalls kam. Zusammen joggten wir durch die Stallgasse und vor uns eröffnete sich ein riesiger Lkw, beladen mit Absperrungen und dahinter folgte ein Bagger.
      “Was zur Hölle ist hier los?”, fragte ich rhetorisch und auch Lina konnte nur mit Erstaunen die Arbeiter betrachten. Von der Seite kam Tyrell dazu, die Arme breit in der Hüfte gestützt und einem Lächeln auf den Lippen. Zufrieden atmete er aus.
      “Es geht los”, lachte er. Lina und ich sahen uns weiter verwundert an.
      “Was genau?”, versuchte ich mehr Informationen, ans Tageslicht zu bekommen.
      “Oh, dann habe ich es euch vergessen zu sagen”, seufzte er, “somit wisst ihr auch noch nicht, dass bis heute Abend eure Sachen gepackt sein sollen.”
      Schockiert riss ich Augen auf, hielt mich an Lina fest.
      “Was? Nein, wissen wir nicht!”, sprach Lina gleichermaßen verwirrt wie erschüttert, “Wieso sollen wir unsere Sachen packen?”
      “Wir bauen den Hof um und eure Hütten werden abgerissen”, fasste er sich kurz. Ein erschütternder Schmerz fuhr durch den Körper. Die kleine Hütte wurde zu so viel mehr als einem einfachen Haus. Sie war mein Rückzugsort, ein Zuhause mehr als Erik es mir war.
      “Das ist nicht dein Ernst”, schimpfte ich verzweifelt.
      “Und ihr habt jetzt sechs Stunden euren Kram in den Konferenzraum vier zu bringen”, zeigte er in die Halle, “Am Abend erzähle ich euch dann in Ruhe alles.”
      “Aber wir haben doch die Ferienhütten?”, versuchte ich meinen Gedanken zu verdrängen und dem Unausweichlichen zu entgehen.
      “Die sind an die Vorarbeiter vermietet”, zuckte Tyrell mit den Schultern und verließ uns. Sein Abgang wirkte von so viel Missgunst, dass es eine gute Erklärung sein musste, damit ich meine Sachen auch wieder auspacken würde.
      “Das ist nicht sein Ernst, oder?”, fragte mich Lina, die es wohl nicht ganz glauben konnte, was unser Chef uns gerade eröffnete.
      “Offenbar schon”, seufzte ich, “dann sollten wir wohl mal unser Zimmer beziehen.”

      Lina
      “Ja, dann sehen wir uns wohl gleich”, nahm ich diese Tatsache resigniert hin und verschwand bevor Vriska noch etwas hätte sagen können. Schwer lag mir das Herz in der Brust. Falls es so etwas wie einen Gott geben sollte, war dieser heute nicht sonderlich gnädig gestimmt. Unangenehm drang das Geräusch des Kieses an meine Ohren, der bei jedem Schritt unter meinen Sohlen, leise knirschte, bis es abgelöst wurde durch das dumpfe Klopfen, welches meine Füße auf den Stufen erzeugten. Melancholie überkam mich als ich in den Raum eintrat. Willkürlich begann ich Dinge in eine Kiste zu werfen, die sich mir in den Weg gestellt hatte. Es sollte mich nicht so hart treffen, einen Ort, an dem ich gerade einmal knappe eineinhalb Monate wohnte, wieder zu verlassen, aber genau das tat es. Was es so beschwerlich machte, war nicht die Sache an sich. Klar, ich begann gerade erst, mich an mein kleines Reich zu gewöhnen, hatte gestern erst überlegt, wie man es behaglicher gestalten konnte, aber letztlich war es auch nur ein Raum, den ich noch nicht mein Zuhause nannte. Es hätte auch schlimmer kommen könne. Immerhin war Tyrell so gnädig gewesen, uns nicht nur ein Zelt oder Ähnliches hinzustellen oder gar uns ganz auf die Straße zu setzen. Darüber hinaus könnte ich mir schlimmeres vorstellen, als mit Vriska zusammenzuwohnen, wenn es auch bedeute deutliche Einschränkungen in der Privatsphäre zu haben. In vergangenen Zeiten hatte ich mir schon mit Leuten ein Zimmer geteilt, die mir deutlich unsympathischer waren. Nein, es war schlichtweg einfach der falsche Zeitpunkt für eine solche Nachricht. Gedanklich hing ich noch immer bei der schlechten Neuigkeit, die der Tierarzt mit sich brachte. Die Information an sich erweckte bereits großen Kummer in mir, lag doch so viel Hoffnung darin, dass die Trächtigkeit gut verlief, aber diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Es würde kein Fohlen für Smoothie und Niklas geben.
      Meinen Freund schließlich so bestürzt zu sehen weckte noch mehr Trauer in mir und spürte seinen Schmerz beinahe so deutlich, als sei es mein eigener. Ich hatte für Niklas da sein wollen, ihm Trost spenden, doch er hörte mir nicht zu, distanzierte sich. Selbst meine größten Bemühungen hatten nicht ausgereicht, um vollständig zu ihm durchzudringen. Es erschloss sich mit bisher nicht, was es war, dass er sich dermaßen vor mir verschloss, aber ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, konnte nur abwarten, ob ich seine Beweggründe eines Tages besser verstehen würde. Wirklich wohl war mir nicht bei dem Gedanken, dass er in einem solchen emotionalen Zustand fuhr, aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er in seinem Wahn nichts Dummes anstellte.
      Seufzend stellte ich die Kiste, in der sich mittlerweile ein buntes Sammelsurium an Dingen befand, beiseite und ließ mich auf die nächste Sitzgelegenheit sinken, die leise unter der Belastung knarzte. Langsam ließ ich meinen Blick über den Inhalt des Kartons gleiten. Die Auswahl an Gegenstände war chaotisch und in keinster Weise nachvollziehbar. Neben einem Buch glitzerte mir ein Kugelschreiber entgegen. Daneben hatten drei Paar Socken, eine Tafel Schokolade, Kopfhörer und ein Paar Reithandschuhe ihren Weg in die Kiste gefunden. Das Laptopkabel schlängelte sich wie eine Schlange um alles herum und verband es auf eine befremdliche Weise miteinander. Ganz oben darauf thronte der kleine helle Plüsch-Ivy wie ein Drache, der seinen Schatz hütet. Würde man das innere meines Kopfes visualisieren sähe es sicher ähnlich widersinnig aus. Bilder, Gedanken, Gefühle, … Träume, Erinnerungen und Gegenwärtiges … Wichtiges und Belangloses, alles auf einem großen Haufen.
      Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. So würde, dass hier nichts werden, ich musste erst ein wenig Klarheit in meine Gedanken bringen, um das hier mit ein wenig System anzugehen. Ruhelos griffen meine Finger zu dem Handy, welches ich beim Hineinkommen auf den kleinen Tisch niedergelegt hatte. Kühl und schwer lag das Metall in meinen Fingern, einzig das Bild meines Hengstes, welches den Sperrbildschirm zierte, strahlte mir entgegen. Was hatte ich denn auch erwartet? Dass mir das Gerät auf magische Weise zeigte, dass meine Sorgen unbegründet seien? Das war wohl kaum möglich. Selbst für eine Nachricht von Niklas wäre es noch zu früh gewesen, unmöglich könnte er bereits Zuhause sein, hinzu kam noch, dass er selbstverständlich keine Gedanken lesen konnte. Ich seufzte, schüttelte den Kopf erneut. Sicherlich machte ich mir mal wieder zu viele Gedanken. Einen Moment lang betrachtete ich den Bildschirm. Hals und Ohren aufmerksam aufgerichtet blickte Divine mir aus dem Glas entgegen. Seine dunklen Augen leuchten sanftmütig und hoben sich deutlich von dem hellen Fell ab und selbst auf dem Bild ging seine magische Ausstrahlung nicht verloren. Er wirkte so einladend, als wollte er sagen: „Alles wird gut, mach dir nicht so viele Sorgen.“
      Doch so einfach war das nicht. Gedanken lösten sich nicht einfach in Luft auf. So wischte mein Daumen über die glatte Oberfläche, woraufhin sich die Darstellung veränderte, kurz mein Homescreen zeigte, bevor mein Finger wie von selbst auf dem Messenger-Dienst tippte. Erst als sie den Chat geöffnet hatten, der „Niki“, als Überschrift trug, hielten sie inne. Neben dem Wort prangte zwei rosafarbene Herzen, ein großes und ein kleines. Ein eher kläglicher Versuch diesen Kontakt von den anderen abzuheben, denn Herzen in den unterschiedlichsten Variationen kam auch anderen Menschen zu, die mir wichtig waren. Nachdenklich starrte ich auf den Cursor, der in regelmäßigem Rhythmus in dem hellen Schreibfeld aufblinkte. Auf einmal fühlte es sich an, als bewege sich rein gar nichts mehr in meinem Kopf, als wäre dort irgendetwas eingefroren, was mich daran hinderte auch nur ein Wort zu schreiben. Dennoch waren die Sorgen nicht fort, nur die Fähigkeit diesen Ausdruck zu verleihen schien verschwunden. Nach gefühlten Minuten erlosch der Bildschirm, aufgrund von Inaktivität und ich blickte in meine eigenen mit Sorge gefüllten Augen.
      Ich atmete tief durch, lehnte mich zurück und versuchte meine Gedankenströme in eine Richtung zu lenken, die sich mehr auf das hier und jetzt konzentrierten und nicht auf Ereignisse, die nur eingeschränkt in meinem Einwirkungsbereich lagen. Mit jedem Atemzug rückte die Sorge um meinen Freund ein wenig in den Hintergrund und machte Platz für andere Gedanken.
      Meine Augen wanderten durch den Raum, bis sie schließlich wieder an der Kiste hängen blieben, auf der das Plüschtier thronte. Gerade jetzt, wo ich Ivys moralischen Beistand gebrauchen könnte, fehlte er mir umso mehr. Zu wissen, dass mein er allein in einer völlig unbekannten Umgebung bereite mir mindestens genau so viel Kummer.
      Von dem einen auf den anderen Tag musste er sich an eine neue Bezugsperson gewöhnen, weil ich einfach weg war und dann nach Monaten wurde er erneut mit einem dieser riesigen, unheimlichen, lauten Dinger durch die Gegend geflogen. Vermutlich verstand das arme Pferd die Welt nicht mehr, war er mit seinen fünf Jahren doch praktisch noch ein Baby.
      Bald, ziemlich bald würde ich ihn wieder bei mir haben, sein weiches Fell unter meinen Finger spüren und auch sein freundliches gebrummelt würde wieder ertönen, wenn ich morgen den Stall betrat. Dieser Gedanke motivierte mich tatsächlich ein wenig jetzt endlich an die Arbeit zu gehen, denn vom Trübsal blasen, würde die Zeit wohl auch nicht schneller vergehen.
      „Okay Mini-Ivy“, sprach ich entscheiden zu dem plüschigen Einhorn ”der Kerl kann sicher auf sich aufzupassen, schließlich ist er alt genug dafür.” Hoffentlich. Die Worte klangen deutlich optimistischer als ich mit tatsächlich fühlte, aber die Wohnung würde sich wohl nicht von selbst zusammenzupacken. Obgleich der einleuchtenden Erkenntnis fühlte ich mich noch immer ein wenig bedrückt und leicht irre kam ich mir allmählich auch vor. Mit echten Tieren reden war sicher schon nicht ganz normal, aber dies mit Plüschtieren zu tun, grenzte, nein war eindeutig ein Zeichen für den Verlust meiner geistigen Fähigkeiten.
      Mein Blick schweifte durch das Zimmer. Auf den Regalen stapelten sich gleichermaßen Romane und Erzählungen wie Skizzenbücher, überall dazwischen hingen, standen und lagen Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten. Wie konnte man eigentlich so viel Zeug sammeln?
      Über mich selbst den Kopf schüttelnd, begann ich nun endlich damit den Inhalt dieses Raumes zusammenzupacken. Diesmal allerdings mit ein wenig mehr System. Als Erstes landetet sämtlicher Kleinkram in den Kisten. Zwischen Fotos, Lichterketten und dem ein oder anderen Plüschtier, landeten auch Souvenirs und andere Erinnerungsstücke darin. Mitunter einige Dinge, die diesen Raum hier eindeutig als Zimmer eines Pferdemenschen kennzeichneten. Einzig glitzern Pokale und seidig schillernde Schleifen würde man in keinem der Kartons finden könne, denn diese gab es nicht. Noch nie betrat ich einen Turnierplatz mit der Absicht mich selbst zu präsentieren. Ich war immer nur stummer Bewunderer derer, die den Mut aufbrachten, sich den kritischen Blicken von Richtern und Zuschauern zu stellen, denn mir selbst war es bereits unbehaglich, wenn mir Leute beim Training zusahen. Besonders dann, wenn ich sie nicht kannte.
      Als ich indessen auch die Bücher einpackte, fiel mir ein Exemplar in die Hand, welches bereits die Spuren jahrelanger Nutzung mit sich trug. Pikku prinssi stand in geschwungenen Buchstaben auf dem weißen Einband. Darunter eine Illustration der Titelfigur auf ihrem kleinen grauen Planeten. Eine Geschichte, die nicht nur weltweite Bekanntheit errang, sondern deren Aussage bis heute gültig ist.
      > Vain sydämellään näkee hyvin. Tärkeimpiä asioita ei näe silmillä.
      „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, kam mir sofort der vermutlich am häufigsten zitiere Satz aus dem Buch in den Sinn. Eine Aussage von der sich die heutige von Schein und Konsum geprägte Welt durchaus etwas abschneiden könnte. Dass, was hinter der Fassade eines Menschen steckt, bleib vielen verborgen, weil sie sich vom äußeren Schein blenden lassen und ihnen lieber einen Stempel aufdrückten, anstatt sich die Zeit zu nehmen, diesen näher kennenzulernen. Behutsam legte ich das alte Buch zu den anderen und setzte mit meiner Tätigkeit fort.
      Das Zimmer war nahezu leer, einzig einige Skizzenbücher und Zeichenmappen lagen noch auf dem Tisch, die noch einen Platz in einem der Kartons suchten. Im Arm die Bücher, in der freien Hand die Mappe, stiefelte ich hinüber zu den Kisten. Die Mappe allerdings war nicht korrekt verschlossen, sodass sich ihr gesamter Inhalt auf den Boden ergoss. Gut gemacht, Lina, dachte ich und legte erst einmal die Bücher aus der Hand. Auf den Blättern zeichnet sich überwiegend Motive ab, die schon vor einigen Jahren entstanden waren, meiner Meinung nach keine wirklichen Meisterwerke, auch wenn Samu steht etwas anderes behauptete. Zwischen all den Bleistiftskizzen stach ein Blatt besonders hervor, weil es das einzige war, welches Farbe trug, ziemlich viel Farbe. Darauf zu sehen war ein leicht deformiertes Pony auf einer ziemlich bunten Blumenwiese. Links oben in der Ecke standen in der krakeligen Schrift eines Kindes „Für Lina“ geschrieben. In mir lebte eine Erinnerung auf, bunt und lebendig trat sie vor mein inneres Auge.
      Es war ein warmer Frühlingsmorgen, angenehm strich mir der Wind über die Haut und trug den Duft von Bratfett und Ketchup hinüber. Leise dudelte ein mir entfernt bekannter Song, sicher aus den Charts stammend, aus den Lautsprechern am Rande des Platzes. Auf dem Sand vor mir tummelten sich überwiegend junge Kinder mit Ponys oder auch kleineren zierlichen Pferden. Einzig ein bereits jugendlich aussehendes Mädchen ritt einen großen, eleganten Dunkelfuchs, der lustlos durch den Sand schlurfte.
      “Liiiiina, Minnie möchte nicht richtig anhalten”, quengelte das kleine blonde Mädchen und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Rappstute mit der schiefen Blesse reckte den weiß bemützten Kopf nach vorn und zog der Kleinen damit die Zügel aus der Hand.
      “Mach dich mal richtig schwer, Ally und versuche es dann noch mal”, rief ich ihr zu. Folgsam führte Alison die Anweisungen aus und das Pony ließ sich widerwillig nach einigen Schritten anhalten, zog dem Kind aber erneut die Zügel aus der Hand, bevor sie die Ohren anlegte und das Pony neben ihr angiftete. Schon seit das dunkle Pony aus dem Hänger gestiegen war, war es ziemlich unleidlich. Minnie Maus hatte nicht stillstehen wollen und unwillig nach mir geschnappt beim Putzen. Sicherheitshalber beschloss ich sie zuerst selbst abzureiten.
      Dieses Vorgehen erwies sich als kluge Entscheidung. Kaum hatten Minnies Hufe den Sand berührt, schoss sie auch schon quietschend los und obwohl ich damit gerechnet hatte, rette mich nur ein beherzter Griff in den Aufsteigriemen, um nicht in dem hellen Sand zu landen. Immer wieder testete die Stute meine Sattelfestigkeit, bis sie schließlich den Großteil der überschüssigen Energie abgebaut hatte.
      Bis auf Klauen der Zügel klappte das Aufwärmen des Ponys und Ally relativ gut. Minnie wählte fast immer direkt die richtige Gangart und unterließ jegliche Versuche ihren Reiter auf den Boden zu befördern, sodass ich darüber nachdachte, die Stute nicht doch auszubinden, um es dem Kind einfacher zu machen. Schließlich war dies hier keine klassische Dressurprüfung, sondern ein Reiterwettbewerb. Nachdenklich warf ich einen Blick auf das Pony-Reiter-Paar, die sich damit abkämpften, jeweils ihren Willen durchzusetzen. Von Mitgefühl erfüllt sammelte ich die Dreieckszügel aus dem Haufen mit der Abschwitzdecke und rief Ally zu mir heran. Dank Minnies Kooperationsbereitschaft waren diese schnell verschnallt und die beiden konnten, ihre Wege fortsetzen. Ally sah bereits nach wenigen Tritten deutlich glücklicher aus, als das Pony ihr nicht mehr im Minutentakt die Zügel aus den Fingern zog und auch die Geschwindigkeit somit kontrollierter wurde.
      Alison, die normalerweise plapperte wie ein Wasserfall, war ziemlich still geworden als ihre Gruppe aufgerufen wurde und wir vor dem Tor auf den Einlass wartetet. Nervös spielte sie mit den Zügelenden in ihren kleinen Fingerchen.
      “Ich kann das nicht”, sprach Ally entmutigt, als sie einen Blick über das Hallentor fallen ließ, wo gerade eine E-Dressur stattfand. Natürlich sahen die beiden Jugendlich deutlich besser auf ihren Pferden aus als die Reiter ihrer Altersklasse. Sanft legte ich dem Mädchen die Hand auf das Bein, woraufhin sie mich mit ihren ängstlichen blauen Augen anblickte.
      “Ally, schau mal da rüber”, ich deutete mit der freien Hand in Richtung der Zuschauertribüne, “dort sitzen schon deine Eltern und warten auf deinen Auftritt. Außerdem denk daran, wir haben das alles schon ganz oft geübt. Es ist genau dasselbe wie Zuhause.” Schüchtern nickte das Kind bei meinen Worten und warf erneut einen Blick in die Halle.
      “Um Minnie brauchst du dir keine Sorge machen, die macht das mit links. Konzentriere dich allein darauf, wie du reitest. Ich warte hier die ganze Zeit auf dich und hab alles im Auge, ja. Und Vergleich dich nicht mit denen da drinnen, die machen diese Sache schon deutlich länger als du.” Kaum hatte ich den Satz beendet, erklang verhaltender Applaus in der Halle, bevor sich das Tor öffnete und die beiden Reiter die Halle verließen. Das war der Moment für Ally und die vier weiteren Reiter unter der Ansage des Kommentators den Sand zu betreten. Gesittet folgte Minnie dem kleinen Palomino in die Halle, nun ganz das brave Pony, welches man von Zuhause kannte.
      An die eigentliche Kür erinnerte ich mich nur noch sehr schwammig, sie war nicht sonderlich spektakulär gewesen, einzig Schritt, Trab, Galopp mit sehr simplen Bahnfiguren.
      Dem entgegengesetzt erinnerte ich mich umso besser an das strahlende Gesicht der Kleinen, als die Richter die silbern glänzende Schleife an Trense von Minnie Maus befestigten. Vordergründig ging es hierbei um den Spaß, dennoch zersprang mein Herz beinahe von Stolz erfüllt. Ally hatte ihre Sache ziemlich gut gemacht und ich hatte es tatsächlich geschafft einen meiner Schützlinge zum Erfolg zu führen, wenn auch nur bei einem Reiterwettbewerb.
      Die Erinnerung verglühte, wie ein Funke, der tanzend in den Nachthimmel emporsteigt, bis er endgültig erlosch, doch das Gefühl von Stolz und Glückseligkeit hingegen hallte noch einen Augenblick in mir nach. Achtsam legte ich die Zeichnungen zurück in die Mappe. Ganz oben auf, legte ich mit einem lächelnd auf den Lippen die Zeichnung von Ally.
      Jetzt hieß es nur noch die Kisten rüberzubringen. Glücklicherweise war es nicht allzu viele, sodass dies wohl möglich schneller vonstattenging als das Packen gedauert hatte.

      Vriska
      Für einen Augenblick sah ich Lina nach, wie sie wirr ums Haar zwischen den Paddocks hindurch eierte und schließlich hinter den Gebäuden verschwand in Richtung der Wohnhäuser. Anstelle ihr nachzulaufen, und ebenfalls meine Habseligkeiten zu verstauen, drehte ich mich auf der Ferse um und lief zurück zu meinem Pony. Erik saß ihr gegenüber auf der Bank, starrte abwesend auf sein Handy und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Langsam hob er seinen Kopf. Auf den Lippen lag ein müdes Lächeln, was vermutlich der langen Nacht geschuldet war, in der Fredna kaum Schlaf fand, wie hypnotisiert durch die Hütte lief und immer wieder zwischen uns ins Bett kletterte. Auch Trymr fühlte sich dadurch motiviert, ihr zu folgen und jeden ihrer Schritte genau zu untersuchen. Irgendwann hörte ich auf, die Uhrzeit zu prüfen, wenn ich, durch einen kleinen Arm oder felligen Kopf in meinem Gesicht, wach wurde. Umso stärker dröhnte der Wecker in meinen Ohren um kurz vor acht.
      „Was beschäftigt dich?“, fragte ich zuversichtlich und strich ihm über die Schulter. Sofort änderte sich sein Blick. In seinen hellen Augen lag ein glühendes Funkeln, das mir wie vom Blitz getroffen durch den Körper fuhr und eine Welle aus prickelnden Gefühlen flutete jede noch so kleine leblose Zelle. Unbewusst begann ich zu grinsen.
      „Ich habe euer Gespräch gehört“, seufzte Erik und griff nach meiner Hand. Umgehend löste sich die nächste Flut, die diesmal in meinem Unterbauch drückte. Das Ziehen durchzog sogar meine Oberschenkel, alles kribbelte.
      „Und was sind deine Bedenken?“, versuchte ich meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, schließlich fühlte ich mich ebenfalls nicht ganz wohl bei dem Gedanken für sechs Monate mit Lina das Zimmer zu teilen. Dafür standen zu viele unbeantwortete Fragen im Raum und unausgesprochene Worte, die wir im Alltag bedenkenlos ignorieren konnten.
      „Dass wir einander kaum noch zu Gesicht bekommen“, erneut trafen sich unsere Blicke, „und das wäre furchtbar schade. Schließlich konnten wir …“
      Erik stoppte sofort. Wollte er, dass ich formulierte, warum sich unsere Situation derartig entwickelte? Ich ließ ihm Zeit, aber er schwieg. Immer häufiger wanderten seine Augen über meine Schulter hinweg zum Pony, das langsam, aber sicher wieder aufwachte.
      „Du meinst, ich konnte mich endlich dem öffnen, was uns von Anfang an auf der Seele lag?“, rutschte es mir beinah versehentlich über die Lippen.
      „Uns?“, grinste Erik verlegen und erhob sich von der hölzernen Bank, dabei knackte sie verdächtig laut.
      „Es tut mir leid. Dann halt, was mir auf der Seele lag“, seufzte ich.
      „Engelchen“, lachte er und kam einen Schritt näher an mich heran, „dir muss es doch nicht leidtun. Natürlich, uns. Sonst hätte ich mir wohl kaum den ganzen Kram mit den Pferden angetan. Meine Zeit hätte ich deutlich … sauberer verbringen können.“
      Kurz schnellte meine Puls nach oben, dass Erik die Abende als Zeitverschwendung ansehen würde, doch genauso schnell normalisierte er sich. Zumindest so normal, wie er in seiner Anwesenheit sein konnte. Mittlerweile hoffte ich darauf, dass der ständige Schwall an Hitze in den Hintergrund geraten würde, stattdessen gehörten diese Anfälle mittlerweile zum Alltag, wie das Gefühl noch immer in der Pubertät festzustecken. Verlegen senkte ich meinen Kopf. Mit seiner Hand strich er mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er mein Kinn wieder sanft nach oben drückte, damit ich abermals in seine Augen blickte.
      “Du brauchst dich nicht dafür schämen. Es ist alles in Ordnung”, fügte Erik noch hinzu und drehte sich von mir weg. Als er an mir vorbeilief, berührten sich für einen kurzen Augenblick unsere Hände. Hoffnungsvoll schnappte ich nach Luft und folgte ihm zur Box. Erik lehnte die Unterarme auf dem kalten, schwarzen Metall ab, beobachtete, wie Maxou vorsichtig die Heulage knabberte, die ich vor ihrer Behandlung in der Ecke platzierte.
      “Vielleicht sollten wir sie nun einige Runden führen”, schlug ich vor und griff nach dem Strick, der um einige Gitterstäbe herumhing. Die Stute hob den Kopf. Ihre Ohren bewegten sich verunsichert in alle Richtungen, als gäbe es ein Problem, wenn ich sie führe. Auch in ihren Augen funkelte es misstrauisch. Ich drückte Erik wortlos den Strick in die Hand und drehte mich weg. Wie ein Messer stach mir sein Blick in den Rücken, als ich stumm verschwand zur Sattelkammer. Maxou hatte geschwitzt, sollte sich keinesfalls auch noch erkälten. Es würde noch genügend Kosten entstehen mit der Gurke.
      Leer richteten sich meine Augen zu dem Deckenhalter, der leblos an der Wand hing mit so vielen Decken, dass ich sie nicht zu zählen vermag. Wahllos blätterte ich die einzelnen Stangen durch wie die Seiten eines Buchs, dass man zwar lesen möchte, aber sich nicht bewusst war, dass man dafür die Worte verstehen sollte. Von vorn bis hinten sah ich Decken in allen Farben, Größen und Formen, wusste allerdings nicht genau, was ich suchte oder mir überhaupt dabei dachte. Unentschlossen ließ ich mich auf das Sitzpolster in der Mitte des Raumes fallen, überlegte, wie ich das alles heute verarbeiten sollte. Obwohl es kurz nach Mittag war, prasselte so viel Neues auf mich ein und wurde das Gefühl nicht los, dass ich wieder einmal alles allein auf den Schultern trug. Zugegeben, ich machte mir schon immer das Leben schwerer, als es notwendig war.
      Wie lange ich die Decken anstarrte und mich tief in meiner Gedankenwelt verlor, einem Teufelskreis aus falschen und überstürzten Entscheidungen, konnte ich nicht beurteilen. Jedoch musste die Zeit geflogen sein, wie Gänse auf ihrer Reise in wärmere Gefilde. Schritte nährten sich und auch ein dumpfes Kratzen auf dem Dielenfußboden. Meine Hände zitterten und Kälte durchzog mich wie ein kühles Lüftchen, dass sich unter meine Kleidung verlief. Ich atmete tief ein, drückte mich nach oben aus dem Sessel. Die Geräusche wurden erst lauter, bis sie plötzlich verstummten. Wer auch immer da war, musste angehalten sein und mich vermutlich beobachten, wie ich den Stoff anstarrte.
      “Entscheidungen treffen, lag dir noch nie”, lachte mein Bruder, der den Hund von Bruce im Schlepptau hatte. Elsa wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und schnupperte interessiert den Boden ab, sowie die Kisten am Rand. Meine Augen folgten dem Schäferhund.
      “Danke”, rollte ich mit den Augen und drehte mich zurück zu den Decken, die unverändert über die Stangen hingen.
      “Aber bei Pferden scheinst du ziemlich schnell zu sein?”, kam Harlen näher, stützte den Arm auf meiner Schulter ab. Skeptisch zog ich meine Braue nach oben, während meine Augen zu ihm hoch schielten.
      “Sie konnte nicht in dem Drecksloch bleiben”, zuckte ich mit den Schultern, “also haben wir sie mitgenommen und ich schaue, wo es hinführt. Wenn es nicht passt, wird Maxou ein schönes Zuhause finden.”
      “Ich denke nicht, dass du dieses Pferd wieder abgibst”, sprach er ernst zu mir.
      “Wie kommst du auf solche Ideen?”, hackte ich nach. Wirklich die Zeit darüber nachzudenken, hatte ich bisher nicht, aber mein Bruder wusste mehr über mich, als ich es je könnte.
      Ich seufzte.
      „Das Pferd steht auf dein Typen und das sagt doch alles, oder denkst du nicht?“, kicherte Harlen.
      „Eins nach dem anderen“, hob ich demonstrativ meinen Zeigefinger in die Luft, „Maxou braucht eine Decke.“
      „Und dabei brauchst du meine Hilfe?“, wunderte er sich.
      „Nein, aber ja. Irgendwie schon. Hier ist sonst niemand, der mir helfen kann und Erik wartet sicher schon“, stammelte ich. Meine Hände hatten sich wieder zu den Stangen begeben und blätterten abermals durch die riesige Auswahl, als wären wir in einem Reitfachhandel unterwegs. Bis ich entschlossen ein dickeres Stück Stoff herunterzog, beinah erschlagen von den Verschlüssen, duckte ich mich weg und knüllte es in meinen Armen zusammen.
      „Na dann los“, schmunzelte mein Bruder, der noch immer bei den Sitzmöglichkeiten stand und dem Hund hinter den Ohren kraulte. Elsa saß entspannt vor seinen Beinen.
      „Was wolltest du eigentlich in der Sattelkammer?“, musterte ich Harlen, als wir entlang des Flurs liefen, nacheinander erhellte das Licht unseren Weg. Noch bevor eine Antwort kam, stoppte er plötzlich und wie versteinert sah mein Bruder mich an. Deutlich intensiver blickte ich in seine Augen, die sich im nächsten Moment zu Boden senkten, ehe er wieder hochsah.
      „Der Hund ist aus dem Büro gelaufen und dann bin ich ihr nach“, antwortete er klar und deutlich. Langsam nickte ich einmal.
      „Und warum hast du sie nicht gerufen?“, wunderte ich mich.
      „Weil“, kurz überlegte Harlen, „ich ihren Namen vergessen hatte.“
      Erneut erhob ich das Kinn.
      In seinem Gesicht breitete sich eine sanfte Röte aus, die Wangen bis zu den Ohren reichte. Dann kratzte er sich am Kinn, ehe sich die Beine wieder in Bewegung setzten. Entschlossen griff ich nach seinem Arm und lehnte mich zu ihm.
      „Das mit dem Lügen üben wir aber noch mal“, flüsterte ich, bevor Harlen sich aus meinen Fängen befreite und wortlos hinunter die Treppen lief. Elsa folgte ihm treu, als würden die Tiere genau spüren, dass wir nie einen Hund haben durften. Unsere Eltern waren stets davon überzeugt, dass keiner von uns in der Lage war, diese Verantwortung übernehmen zu können. Heute stellt sich mir dabei die Frage, ob das Versagen für diese fehlende Eigenschaft nicht vielmehr an ihnen liegen würde.
      „Was machst du jetzt noch?“, hielt ich meinen Bruder erneut auf, als wir bei Erik ankamen. Er hielt das Pony am Strick. Ihre Augen waren geschlossen und uns beide schien sie nicht einmal bemerkt zu haben.
      „Sachen packen, ich muss schließlich auch raus“, motzte Harlen und verließ uns. Er war anders als gewohnt, umso mehr breitete sich Sorge über seinen Gemütszustand in mir aus. Ideen, was die Ursachen dafür sein könnten, hatte ich viele, aber ohne mehr zu erfahren, würde ich mir unnötigerweise Flausen in den Kopf setzen. Deswegen konzentrierte ich mich auf das vor mir liegende, oder viel mehr stehende.
      Ich legte die Decke auf Maxou und befestigte die Gurte am Bauch sowie an der Brust. Eine Nummer kleiner wäre passender gewesen, denn so hing der Stoff ziemlich weit über ihren Po. Aber der Wind vor dem Stall wirbelte kleine Steine auf, fegte von der einen Seite zur anderen und ich wurde etwas neidisch auf ihren Schutz. Durch den Reißverschluss schlich bei jedem Windzug kalte Luft hinein, was mich schaudern ließ.
      „Ich werde auch die Sachen packen gehen“, sagte ich zu Erik, nachdem wir wieder am Tor der Halle angekommen waren. Die eine Runde drumherum hatte gereicht, dass alles an mir zitterte, denn so schnell trocknete die Kleidung nicht in der Sattelkammer an meinem Körper. Er hatte sich zumindest nach dem Spaziergang umgezogen.
      „Fahre ich dann heute wieder nach Hause?“, fragte Erik, leicht stotternd in der Stimme.
      „Gute Frage“, seufzte ich, „das habe auch schon überlegt. Eigentlich hätte ich euch gern weiter bei mir, aber ich denke, dass Lina damit Schwierigkeiten hat.“
      Zustimmend nickte er und setzte sich wieder mit Maxou in Bewegung, die langsam wach wurde und gezielter die Hufe nacheinander abfußte. Für einen Flügelschlag beobachtete ich die Beiden, wie sie vertraut den Schotterweg entlangliefen, als wären sie seit Jahren ein Team. Innerlich erwärmte es mich, aber die schlottrigen Beine erinnerten zeigten mir, dass es nur eine Vorstellung war. Großen Schrittes hüpfte ich zur kleinen Hütte, die beinah malerisch zwischen den anderen im Kreis stand. Mein Garten war verblüht, kein einziges grüne Blatt hing noch an den Streichern, nur mein winterharter Lavendel schien durch das Braun hervorzustechen. Doch die Pflanzen konnte ich nicht mitnehmen, also würden sie wie die Wohnhäuser den Erdboden gleichgemacht werden.
      Ernüchternden blickte ich noch einmal aus der Tür heraus, bevor ich sie schloss. Sogleich sprang mit Trymr entgegen, der aus dem Schlafzimmer angerannt kam. Laut jaulte er auf und umkreiste meine Beine. Dieser Hund bellte nicht, oder eher ziemlich selten, stattdessen stieß er wimmerndes Heulen aus seiner Kehle heraus, als würde der Rüde minütliches Leid ertragen müssen. Mitleidig sah der Rüde hoch. Ich strich ihm über den Kopf und kniete mich herunter, als er sich auf den Boden warf, um am Bauch gestreichelt zu werden. Der Schwanz wischte über die Holzdielen.
      “Ich muss mich umziehen”, erklärte ich ihm einige Minuten später und lief hinüber zum Badezimmer. Die nasse Kleidung hing ich an der Handtuchheizung auf. Aus dem Kleiderschrank griff ich nach einem komplett sauberen und vor allem trockenen Outfit, dass auch Balsam für meine Seele war. Ich sah mich im Zimmer um, entschied mir erst einmal einen Kaffee zu kochen, bevor ich mir eine Strategie überlegte, wie ich am klügsten vorgehen sollte.
      Dampfend stand das Heißgetränk auf dem Tisch und kühlte ab, also holte ich vom Schrank die leeren Umzugskisten herunter. Seit Jahren lagerten sie dort oben und warteten auf ihren Moment. Eigentlich hoffte ich, dass sie irgendwann an einen neuen Besitzer übergeben werden würde, doch falsch gedacht. Nur mit einem Stuhl war es mir möglich ansatzweise die Pappe greifen zu können und dass Trymr neugierig neben mir stand, breitete noch mehr Sorge aus, dass ich auf ihn fallen könnte. Es blieb bei der Vorstellung daran, auch wenn mir die verbeulten Kartons herunterfielen. Einen nach dem anderen faltete ich auf und begann die Gegenstände einzupacken, die ich in nächste Zeit eher weniger benötigen würde. Dazu zählte vordergründig meine Dekoration, die es zwar wohnlicher machte, aber keinen hohen Stellenwert mitbrachte. Auch vieles vom Geschirr legte ich in Zeitungspapier ein und legte es in den Kartons ab. Handtücher fanden ebenfalls ihren Platz darin. Bindend von Minuten waren die ersten Kisten voll und langsam lichtete sich alles. Natürlich blieb mir auch der Gedanke nicht fern, wohin mit den normalen Möbeln, aber da diese zur festen Einrichtung gehörte, sollte es nicht meine Sorge sein.
      “Ich bin gleich wieder da”, sagte ich zum Hund und griff mir eine Jacke, um mir aus dem Büro den Schlüssel vom Radlader zu holen. Einen Teufel würde ich tun und alles einzeln hinüberzuschleppen! Eine Kiste nach der landete in dem geräumigen Konferenzzimmer, das Tyrell in den vergangenen Tagen unbemerkt zu einem Schlaf- und Wohnraum umgebaut haben muss. Die anderen Zimmer dem Flur entlang waren auch umgestaltet worden, sodass alle Angestellten ihren Platz fanden und auch Lagerraum zur Verfügung stand.
      Als ich aus der Schaufel des Laders die letzte Kiste nahm, saß plötzlich Lina verloren auf dem linken Bett, zuvor hatte dort ein Einhorn-Plüschtier gesessen. Möglichst auffällig versuchte neben ihr den schweren Karton mit den Küchenutensilien an meinem Bett abzustellen. Laut klimperten die Konserven an den Töpfen, aber nicht mal ein Auge zuckte. Aber ich versuchte ihr noch etwas Ruhe zu geben und den Radlader an seinen Platz zurückzubringen. Entlang des Flurs folgte ich der Notausgangbeschilderung, stampfte die Holzstufen herunter und startete das Fahrzeug. Knatternd lief der Motor an. Ungewöhnlich leer traf ich die Wege des Hofes vor, nicht einmal ein Einsteller hatte sein Auto auf Parkplatz. Einsam stand dort nur das Coupé meines Freundes, und er daneben. Warte? Wieso stand Erik bei seinem Auto? Mitleidig saß Trymr bei ihm und sah in meine Richtung, als ich aus dem Sitz des Radladers sprang. Laut knirschte der steinige Weg unter meinen Füßen und verstummte erst, als bei Erik stehen blieb.
      “Wo willst du hin?”, wunderte ich mich. Seine Hand griff nach meiner und führte sie hoch zu seinem Mund, umgehend gab er ihr einen Kuss. Die Verwunderung klang nicht ab, viel mehr wurde sie stärker. Auf meiner Stirn bildeten sich tiefe Furchen, denen es nur an Wasser mangelte und dann könnten sie dem Suezkanal eine ernsthafte Konkurrenz darstellen.
      “Eigentlich wollte ich dich überraschen”, sprach er selbstsicher und löste sich von meiner warmen Hand, die zuvor noch in den dicken Handschuhen steckten, “Chris hatte angerufen und mir gesagt, dass Fredna abgeholt werden will. Also wollte ich das rasch machen und dann mit euch beiden etwas Essen gehen.”
      “Dann muss ich mich entschuldigen, ich möchte nicht”, seufzte ich und zog mir die schwarzen Fäustlinge wieder über. Der Wind tobte eisig über den Parkplatz. Es gab keine Bäume oder andere Widerstände, die ihm Einhalt bieten konnten. Stattdessen zische er ein Windhund an mir vorbei, auch das Trymr unregelmäßig in die Leere schnappte, untermalte diese Metapher. Lächelnd zuckten meine Lippen.
      “Soll ich was von Unterwegs mitbringen?”, schlug Erik als Nächstes vor, was ich ebenfalls verneinte und schließlich beließen wir es dabei, dass er seine Tochter abholte und dann erst einmal unterwegs sei. Ich nahm den Höllenhund zu mir, drehte um und er folgte. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter, liefen wir durch das Tor wieder in die Halle, zurück zu Lina. Vor mir fand ich sie noch immer erstarrt auf dem Bett. Entgegen allen menschlichen Sitten rannte Trymr schwanzwedelnd zu ihr und machte vor ihr Yoga. War er damit der nach vorn schauendem Hund? Belustigt von dem Gedanken verließ Luft meine Nase und ich schüttelte mich. Er konnte sie nicht aufhören zum Spielen aufzufordern, schien zu überlegen nach ihrem Kuscheltier zu schnappen, aber entschied sich doch aus einem meiner Kartons einen Pullover. Wie mit einer Trophäe im Maul bot er ihr mein Kleidungsstück an, wobei der Schwanz unaufhörlich wedelte.
      “Oh, wo kommt ihr den auf einmal her?”, fragte Lina irritiert, “Ich habe euch ja gar nicht kommen gehört.” Sie wirkte ein wenig benommen, wie, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht und blinzelte einige Male, bevor sie wieder ganz in der Gegenwart angekommen zu sein schien.
      “Aus der Tür”, sagte ich und zeigte dabei auf die mit Milchglas besetzte Holztür, die halb offenstand, “ansonsten war ich vor ungefähr zehn Minuten schon mal da, wollte dich nur nicht stören b-bei … dem, was auch immer du gerade tust.” Erneut drang ein Laut der Verwunderung aus ihrem Mund, bevor sie mit etwas Verzögerung eine Antwort murmelte: “Ähm, du störst nicht … ich war gerade nur in Gedanken.” Beiläufig zupften ihre Finger an den winzigen Flügeln ihres Plüschtiers herum, womit sie auch die Aufmerksamkeit des grauen Monsters bekam, welches ihre Finger genaustens beobachtete. Nicht, dass sie nun doch mit ihm spielen wollte.
      “Hier ist es auch wirklich trist”, sah ich mich weit in dem Zimmer um und sprach viel mehr zu mir als zu ihr. Die Betten waren bestimmt Queensize, aber auf jeden Fall für zwei Personen gedacht. Zumindest würde Trymr ausreichend Platz haben. Gegenüber der Tür hing ein großer Fernseher und darunter eine große Kommode. Hier und da standen kleine Regale sowie ein Tisch mit vier Stühlen, kein Vergleich zu den Zimmern an der Privatschule in London. Lina schwieg. Zustimmend nickte ich noch ziemlich unbewusst und zog meine Schuhe aus. Dann begann ich interessiert, die Schubladen der Kommode zu durchsuchen, als suche ich etwas Bestimmtes. Alle waren leer, nicht anders als erwartet.
      “Vielleicht sollten wir noch einige Pferde bewegen und nicht noch mehr Zeit verschwenden”, sah ich nachdenklich zu ihr hinüber. Ich hatte mich mittlerweile ins Bett gelegt und zuvor einige Kleidungsteile in das Regal einsortiert. Trymr lag neben mir, den Kopf auf meinem Brustkorb abgelegt. Leise schnaubte er.
      “Ja, das ist sicherlich eine gute Idee. Die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein”, stimmte Lina mir zu, die, nachdem sie durch das Zimmer gewuselt war, ein wenig lebendiger wirkte. Das Plüschtier, welches beim Betreten noch in ihren Händen gelegen hatte, thronte mittlerweile zwischen ihren Kissen und auch sonst hatte sie einige wenige persönliche Dinge im Raum platziert. Aus der Hosentasche zog ich mein Handy hervor, öffnete die Verwaltungsapp des Hofes und scrollte durch die Liste unserer Pferde. Schnell fand ich den richtigen Kandidaten.
      “Wollen wir zusammen in den Wald?”, fragte ich vorher, bevor ich die endgültige Entscheidung traf.
      “Ja, klingt gut”, entgegnete Lina und unterstütze die Aussage mit einem Nicken.
      “Ich werde mit Dustin fahren. Der ist entspannt. Du bist sicher nicht dafür zu begeistern, oder?”, bestätigte ich in meinem Menü und stand auf. Aus dem obersten Karton leuchtete die dicke graue Reithose mir entgegen. Entschlossen nahm ich sie und wechselte meine Jogginghose ein. Trymr spitze gespannt die Ohren, sprang aus dem Bett heraus und wartete geduldig an der Tür.
      “Da denkst du ganz richtig. Auf die Gefährte kann ich gerne verzichten”, antwortete sie, ohne dass eine Regung auf ihrem Gesicht zu erkennen war.
      “Na gut”, zuckten meine Schultern. Wie ich bereits vermutete, lag Spannung in der Luft. Die nicht ausgesprochen Worte schwebten um uns, wie die Mückenplage im Sommer es nach unserem Blut durstete. War es falsch, dass ich in dem Augenblick Angst bekam vor den kommenden sechs Monaten? Etwas sagte mir, dass es nur der Anfang des Wahnsinns sein würde, der nicht so schnellenden würde. Am Haken neben der Tür wartete der dicke Wintermantel von Erik, als würde nach mir schreien, lief ich zu ihm, klemmte ihn mir unter dem Arm und sah zu Lina, die hektisch in den Kartons wühlte. Bis sie schließlich einen scheußlich rosafarbenen Pullover in die Luft hielt und darüber hinweg zur mir schielte. Peinlich berührt schluckte ich. Warum es mir peinlich war? Jahre, beinah Jahrhunderte konnte man Wetten abschließen, dass ich immer ein solches Oberteil trug in der Kombination zu einer engen schwarzen Leggings und links einem Thermobecher in der Hand. An schlechten Tagen trug ich noch eine Sonnenbrille – also jeden Tag.
      “Komm Prinzesschen, die Sonne steht nicht ewig am Himmel”, fauchte ich ungeduldig.
      “Ist ja gut, ich komm ja schon”, entgegnete sie beschwichtigend, während sie sich den Pulli überwarf, bevor sie sich noch eine blaue Winterjacke von ihrem Bett schnappte.
      Einen klaren Vorteil musste man dem Konferenzzimmer zusprechen. Der Weg war so kurz wie nie zuvor zu den Pferden, denn im riesigen Gebäude war nicht nur die Reithalle zu finden, sondern auch die beiden Häuser mit den Sattelkammern und Zimmern. Aufgeregt ragten einige Pferdeköpfe durch die Öffnungen der Boxen, nur Maxou und Redo schienen nicht sonderlich viel von dem Durchgangsverkehr zu halten. Als hätte es Dusty bereits geahnt, wieherte er fröhlich uns an. Seine Laute schallten bis nach draußen, wo er prompt mehrere Antworten erhielt. Lina hingegen sah sich unsicher um, drehte und wendete sich, als gäbe es kein einziges Pferd auf dem astronomischen Gestüt.
      “Nimm Walker”, drückte ich ihr willkürlich ein Halfter in die Hand, das zufällig auf einer Bank neben uns lag. Sie nickte und lief zu dem schneeweißen Hengst, der in der Box neben Dusty stand. Interessiert beäugte den Zwerg, aber folgte willig aus der Unterbringung. Ich hatte natürlich kein Halfter, was im Bedacht der Umstände jedoch relativ gut sein würde. Entgegen meinen Sinnen legte ich nur meinen Arm um seinen Kopf und er folgte. Dusty war der Tophengst auf unserem Gestüt, und nein, es war kein Wunder, dass ich ihn mir einfach nehmen durfte, wie es mir gefiel. Nicht der nur der Tatsache geschuldet, dass ich hier arbeitete, gab es, bis auf wenige Ausnahmen, kein Pferd, dass nicht jeder bewegen durfte. Natürlich hatte jeder seine Lieblinge, worauf wir Acht nahmen.
      Der Hengst war blütig, voll blütig, zumindest halb. Seine Mutter zählte bereits in jungen Jahren zu den Geheimtipps in den Wettbüros, wie Tyrell gerne erzählte an langen Abenden, und sein Vater war ein geschätzter Traberhengst, der internationale Erfolge erzielte. So führte Dusty die Bilanz seines Papiers fort. Vermutlich vermutete man nun, dass der braune Hengst mit dem hellen Bauch nervös in der Putzgasse trat und dabei ständig den Kopf hochriss, doch dem war nicht so. Bereits in Deutschland hatte sich Tyrell das Pferd zugelegt, damals noch als Jährling und für teures Geld aus Kanada importiert. So lernte er von Anfang an die Ruhe kennen, wie es ein großer Teil unserer Pferde war. Ja, ich gebe zu, die Pferde im Reitverein kennenzulernen war ein Kulturschock. Überall hampelten sie herum, konnten nicht einmal für zwei Minuten ruhig in einer Stallgasse stehen. Genauso hektisch wurden sie auf dem Reitplatz und egal was, hysterisch sprangen sie weg.
      “Kannst du mir kurz helfen?”, fragte ich Lina, die Walker bereits gesattelt hatte und nur noch auf mich wartete. Dusty hatte schon das Geschirr um mit einer einseitigen Scheuklappe und an den Beinen trug er Bandagen, die ich viel mehr zu Übungszwecken gewickelt hatte. Freundlicherweise griff sie da bereits ein, als ich ein reines Chaos mit den Fleece-Bändern verursachte. Natürlich sorgte ich damit für Unterhaltungsstoff und ich würde mich nicht wundern, wenn Lina meine Idiotie auf Bildern festhielt. In dem Augenblick benötigte sie allerdings dafür den Sulky gleichzeitig durch Schlaufen zu ziehen. Dusty konnte dabei unruhig werden, deshalb wollte ich es lieber nicht machen. Von der Seite hatte ich bereits meinen eigenen hervorgeholt, ja, ich hatte einen eigenen Sulky, aus dem sogar mein Name stand, mein ganzer Name. Fragt lieber nicht.
      “Natürlich”, antworte sie hilfsbereit, wenn sie auch den Bruchteil einer Sekunde zögerte, “Was genau soll ich tun?”
      “Du musst das hier”, zeigte ich auf die Schnalle am Gurt, “hier durchziehen, dann klickt es und zum Schluss noch hier befestigen”, demontierte ich weiter. Ein zweites Mal erklärte ich es langsamer, dann begriff sie es. Der Sulky war leicht, sogar noch leichter als die Standardmodelle, denn wie man mittlerweile schon von mir wusste – Mit Standard gab ich mich nie zufrieden. Tyrell rollte damals mit den Augen, als ich ihm den Bestellschein gab und eine horrende Summe am Ende stand. Nacheinander klackten die Verschlüsse ein, dabei zuckte Dusty kurz, aber schenkte mir das nötige Vertrauen, um nicht einen Sprung nach vorn zu machen. Freundlich bedankte ich mich bei Lina, die Walker vorsorglich aus der Gasse führte und vor dem Gebäude wartete. Von dem Stuhl nahm ich mir noch die Decke, die ich mir aus der Sattelkammer mitgenommen hatte und prüfte die Gurte wohlweislich. Lina hatte alles richtig gemacht und auch die restlichen Schnallen warn fest. Also schwang ich einmal die Leinen und Dusty lief fröhlich voraus. Das hole Geräusch der Hufeisen auf dem Beton wandelte sich zu einem kurzen und knirschenden, dabei setzte ich mich auf den Sitz und sortierte erst einmal meine Führung. Erst danach umwickelte ich mich mit der gefütterten Decke. Nur noch ein Kaffee fehlte, dachte ich und ließ den Hengst selbstbestimmt vorlaufen. Eins meiner Beine hatte ich mit auf dem Sitz, während das andere mich stützte. Im selben Tempo ritt Lina neben uns her.
      “Wie kommt es eigentlich dazu, dass ich dich das erste Mal auf dem Ding da sehe, obwohl das offensichtlich dein schickes Gefährt ist?”, fragte sie neugierig nach einer ausgiebigen Betrachtung des Gespanns.
      “Das?”, fragte ich scheinheilig und strich mit einer Hand über das Gestellt. Dann bremste ich Dusty urplötzlich ab. Lina konnte nicht so schnell auf meinen Halt reagierten und drehte den hellen Hengst wieder um.
      “Wir haben Trymr vergessen”, sprach ich entsetzt und pfiff zweimal sehr laut, so wie Erik es mir gezeigt hatte. Da der Hof nur einige Minuten hinter uns lag, sollte das Tier ohne Weiteres meiner Aufforderung nachkommen. Tatsächlich bog er an den Bäumen entlang ab und kam in Windhundmanier angezischt. Seine Zunge schlackerte dabei, amüsiert lachte ich.
      > Bra gjort
      “Gut gemacht”, lobte ich ihn und gab ihm eins der Pferdeleckerlis. Grundsätzlich verschlang das Ungetüm alles, auch die Bananebricks. Dann setzte ich Dusty wieder in Bewegung und setzte das Gespräch mit Lina fort: “Also wo waren wir? Ach ja”, unentschlossen atmete ich aus, “offensichtlich ist das meins, wie du schon festgestellt hast und ich besitze ihn, weil ich noch bis ungefähr Mai, oder es könnte auch Juni gewesen sein, Rennen gefahren bin.”
      Mit einem Kopfnicken nahm Lina dies zur Kenntnis und setzte zu einer weiteren Frage an: “Warum fährst du mittlerweile keine Rennen mehr?” Der helle Hengst unter ihrem Sattel kaute entspannt auf seinem Gebiss und pustete kräftig die Luft aus seinen Nüstern.
      “Ist das nicht offensichtlich?”, schielte ich zu Trymr hinüber, der aufgestellte Schwanz nebenher trabte. Lina zuckte mit den Schultern.
      “Ich kann schlecht auf tausenden Hochzeiten tanzen und als die Einladung nach der Musterung kam, stand für klar fest, dass Reiten mehr Zukunft hat als Rennen fahren”, setzte ich mit melancholischem Unterton fort.
      “Verstehe. Also die Art von Lebensentscheidung, die wohl für jeden früher oder später ansteht”, entgegnete Lina, “Vermisst du es manchmal oder macht es dir nicht aus, nur noch im Sattel zu sitzen?”
      “Du stellst schwierige Fragen”, murmelte ich und schwieg. In meinem Kopf entbrannte ein Feuer. Gefolgt in der Bahn der Nervenstränge schnappte die imaginäre Hand verschiedene Zettel, die aus den Wochen stammten, als ich Tyrell mitteilte, dem Reitverein beizutreten. Ein anderer stellte eine wirre Zeichnung dar, die nicht genauer beschreiben konnte als viele Kreise und Striche, die im ersten Moment keinen Sinn ergaben. Lange schwieg ich noch, bis Dusty es nicht abwarten konnte, die nächsthöhere Gangart einzuschlagen. Locker trabte der Hengst an und auch Lina folgte uns mit Trymr. Einige Schritte bot er im Tölt an, aber streckte den Kopf etwas weiter nach unten und trabte aus. Vor mir lag nur der Sand, während auf beiden Seiten die Bäume vorbeizogen. An meinen Ohren vibrierte kalt der Wind. Gezielt atmete ich ein und wieder aus, zählte im Kopf die Sekunden und versuchte mich nur auf das Pferd zu konzentrieren. Zwischendurch sah ich nach links, um zu schauen, ob Trymr hinterherkam, aber klar. Dem Windhund lag das Laufen im Blut, so wie unseren beiden Pferden. Zur vor der Küste parierten wir wieder durch in den Schritt. Das Meer war rau und wild schlugen die Wellen gegen den Granit tief unten. Dusty drehte die Ohren und wippte mit dem Kopf.
      “Ich denke, es war eine Frage der Aufmerksamkeit”, seufzte ich leise, aber noch hörbar für Lina, “die Rennen waren die reinste Hölle und provozierten förmlich, dass etwas Dramatisches passiert. Aber jetzt, ein entspanntes Training oder generell, das Training machten Spaß. Wenn ich mit der Dressur fertig bin, spricht aber auch nichts dagegen eine Runde zu drehen.”
      Schmunzelnd sah ich zu ihr hinüber. In ihren glasigen Augen funkelte es friedlich, gerichtet auf die wogende See. Es wirkte beinah so, als würde das Wasser in allen Zügen ihren Gemütszustand widerspiegeln. Ich versuchte aber für den einen Tag nicht nachzufragen, sofern sie das Gespräch nicht selbst anbot. Dafür hatte ich selbst genug zu verarbeiten, um mir noch die Last anderer aufzunehmen. Lina antwortete nicht sofort, sodass nichts weiter zu hören war als das Rauschen unter uns und der Wind, der an unserer Kleidung zerrte.
      “Das glaub ich dir, dass das wahnsinnig anstrengend und risikoreich ist”, sprach sie schließlich, die Augen noch immer auf die hellen Schaumkronen geheftet, “das ist die Dressur schon ein wenig berechenbarer.”
      “Und, wie denkst du, wird es für dich weitergehen? Möchtest du dich weiterhin im Hintergrund aufhalten?”, überlegte ich laut, um einige der irrealen Mücken um uns zu verscheuchen.
      “Ich denke, der ganze Turnierkram ist nichts für mich. Aber so wirklich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll”, antwortete sie nachdenklich, “Ich habe doch nie etwas anderes gemacht als das hier.” Sanft strich sie Walker bei den letzten Worten über den Hals, der kurz die Ohren zu ihr richte, bevor sie sich wieder in alle möglichen Richtungen drehten.
      “Es zwingt dich auch keiner eine Entscheidung zu treffen, aber wenn das Gestüt nun umgebaut wird, eröffnen sich vielleicht mehr Möglichkeiten für dich”, nickte ich zustimmend, vertraute darauf, sie ihrem Bauchgefühl folgen wird. Für sie und Ivy gab es noch viele Jahre, aber wenn ich ehrlich war, für mich nicht. Irgendetwas in meiner Magenregion drückte unsanft auf die Atmung, ja, die Zeit rannte.
      “Ja, mal sehen, was sich so ergibt”, entgegnet sie und ein sanftmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, “und du bleibst jetzt bei der Dressur oder testest du wohl möglich noch, ob Springen nicht auch was wäre, denn du scheinst ja schon ziemliche viele Sparten des Pferdesports getestet zu haben?”
      “Ziemlich viele”, wiederholte ich lachend. Dann verstummte ich schulterzuckend. Mein Blick schweifte von der See wieder zu Dusty, der weiterhin ruhig im Schritt vorwärtslief. Auch bei dem Hund hatte sich nichts geändert, noch immer trabte er nebenher, zwischendurch senkte sich der Kopf in den Sand. Seine Nase und einige der Haare an der Schnauze hatten den Dreck an sich genommen. Dann antwortete ich Lina weiter: “Viele waren das nicht, außerdem ist Abwechselung wichtig. Meine Tante besitzt einen Isländer, auf dem ich reiten gelernt habe, mit dem ich alles getan habe. Aber ich muss zugeben, der Reiz für Turniere bestand schon lange. Die Gangturniere sind jedoch nicht durch ihre Preisgelder oder Herausforderung bekannt, deswegen taste ich mich langsam an die höheren Dressurlektionen an und ja, das tue ich jetzt wohl. Ich lasse es mir nicht nehmen, weiter so viel wie möglich auszuprobieren.”
      “Ich finde es ziemlich cool, dass du so konkrete Ziele hast, so überzeugt wäre ich selbst auch mal gerne”, sprach Lina anerkennend,” Hast du mit Maxou eigentlich vor in Zukunft Turniere zu gehen?
      Über die Tatsache, dass meinem Leben ein konkretes Ziel sprach, konnte ich nur bestürzt lachen. Seufzend sortierte ich die Leinen in der Hand, die locker über Dusty hingen und dabei schon schaumige Schweißflecke verursachen, vielleicht hätte ich ihm eine Ausreitdecke darunterlegen sollen, überlegte ich mitfühlend.
      Die Küste ließen wir zunehmend hinter uns und kehrten wieder, nach einem Stück auf der Trainingsbahn, auf den Hauptweg in den Wald. Willkürlich knirschte und knarrte es aus dem Unterholz um uns. Aufmerksam untersuchte der Hund den Wald, rannte vor und wartete auf uns. Unruhig begann auch Dusty die Schritte zu verkürzen und schwingenden Kopf sich auf das Gebiss zu legen. Der Genosse neben uns blieb ruhig, obwohl Walker für gewöhnlich ein wildes Durcheinander verursachten. Wieder knackte es laut, doch dieses Mal sehr laut neben uns. Trymr bellte laut auf und ein Knurren erwiderte sich. Entschlossen hielt ich. Die Leinen behielt ich in der Hand, aber stieg vom Sulky, um das Dickicht überblicken zu können. Zwischen dem Moos und einem umgefallenen Baum lag ein verletzter Hund, eingeklemmt unter einem Stein. Vielleicht vier Monate alt, oder jünger, viel hatte er, oder sie, zumindest nicht auf den Rippen. Sein Fell nass und die Pfoten ebenso dreckig. Hilfesuchend starken mich zwei trübe braun-orange Augen, Trymr verstummte und ich hörte das Wimmern des Tieres.
      “L-Lina”, stammelte ich und versuchte mit meinem Blicken zu deuten, dass sie herkommen sollte. Fragend blickte sie mich an, glitt dennoch aus dem Sattel, nachdem sie keine weitere Erklärung bekam. Mit Walker im Schlepptau trat sie neben mich und folgte meinem Blick. Entsetzt weiteten sich ihre Augen, als sie das mitleidig aussehende Tier erblickt und das herzzerreißende Fiepen wurde lauter.
      “Oh, das arme Tierchen. Wir müssen ihm irgendwie helfen”, sprach sie und blickte mich an. Ach, man, das hätte ich gar nicht vermutet, sprach die böse Stimme in meinem Kopf. Kurz zischte ich mich selbst an und versuchte eine Lösung zu finden, was ich mit Dusty machen würde.
      “Ja, hier”, sagte ich und gab ihr die Decke von meinem Sitz im Tauschen gegen Walkers Zügel. Vorsichtig kämpfte sich Lina durch das Dickicht hindurch, bis sie schließlich bei dem Welpen angelangt war, dessen Laute immer lauter wurden.
      “Hallo kleiner Freund”, hörte ich sie ruhig und sanft zu dem Tier reden, während die sich langsam hinhockte und die Hand nach ihm ausstreckte. Eingeschüchtert schnupperte er daran, machte aber keinerlei Anstalten nach Lina zu schnappen.
      “Dann wollen wir mal sehen, wie wir dich hier herausbekommen”, drang ihre Stimme halblaut durch das Dickicht. Von meiner Position aus sah ich nicht genau, was sie tat, aber wenig später stand sie dort, das kleine, nasse Fellbündel, welches in die Decke eingewickelt war, auf dem Arm. Das Wimmer war verstummt, dafür sah ich selbst auf die kurze Distanz wie sehr der kleine Hund zitterte. Ob vor Kälte oder vor Angst, war nicht eindeutig, aber vermutlich war beides der Fall.
      “Am besten nehmen wir jetzt den kürzesten Weg zurück, der Kleine hier sollte ins Warme und hungrig ist er sicher auch”, sagte Lina, als sie wieder neben mir auf dem Weg stand. Trymr stand schwanzwedelnd vor ihr und beschnupperte neugierig das Bündel auf ihrem Arm, aus dem sich ihm eine im Vergleich recht kleine Schnauze entgegenstreckte. Verwirrt trat der Rüde zurück und versteckte sich zwischen meinen Beinen.
      > Dat här är ett barn.
      “Das ist ein Baby”, flüsterte ich ihm zu und strich ihm über den Kopf. Dusty hinter mir scharrte bereits mit dem Huf, aber ich konnte ihn nicht daran hindern.
      “Ich nehme ihn mit auf den Sitz, wird am einfachsten sein”, gab ich Lina ihre Zügel zurück. Dann setzte ich mich richtig hin, weich polsterte der Wagen mein Fliegengewicht ab. Das Knäuel legte sie mir auf den Schoß und durch den Schutz zwischen meinen Beinen, konnte er auch nicht verrutschen. Hell leuchteten mich wieder seine Augen an, die eindeutig ängstlich wirkten. An einem seiner dunklen Ohren fehlte ein Stück, das sich entzündet haben wird. Die Haut wirkte gerötet und leicht verkrustet, aber an sich sah es so aus, als wäre die Wunde schon älter. Zwischen all dem Dreck auf der Nase sah ich kleine schwarzen Flecken, die zur Musterung des Fells gehörten, denn bis hoch zu den Ohren war er weiß. Mittlerweile hatte ich nachgeschaut, welchem Geschlecht er angehörte. Fred, ich denke, dass könnte der richtige Name für ihn sein.
      Nach einem weiteren Stück im Trab kamen wir flott am Hof an. Langsam, aber sicher verabschiedete sich die Sonne am Horizont hinter den Bäumen und auf dem Parkplatz vermehrten sich wieder die Fahrzeuge, nur von Eriks war nichts zu sehen. Teils erleichtert, teils bestürzt, seufzte ich und stieg vor dem Stall aus dem Sitz. Während Fred den Luxus meiner Decke genoss, fror ich trotz des dicken Wintermantels.
      “Da seid ihr ja”, nickte und Tyrell zu, der Fried an ihrem Blumen Halfter führte.
      “Schau mal”, hielt ich ihm glücklich die Decke hin. Sofort sprang auch unser Chef auf das niedliche Tier an, ließ ihn direkt die Hand beschnuppern. Trymr neben mir, empfand die Situation weiterhin als unseriös und trabte an uns vorbei in den Stall, suchte sich vermutlich seine Decke, die immer wieder woanders im Gang lag. Nun kam auch Friedi interessiert mit dem Maul näher. Laut prustete die helle Stute aus, worauf sich Fred tiefer im Stoff verhüllte. Umgehend verlor das Pferd sein Interesse und Tyrell brachte sie weg. Die Hengste wurden erst aufmerksam, als sie einige Meter entfernt lief.
      Im Stall legte ich das Knäuel neben Trymr ab, der sofort die Flucht ergriff und offenbar nichts mit dem kleinen Wesen zu tun haben wollte. Dieses lag zittrig an Ort und Stelle, was mich zumindest beruhigt das Pferd abspannen ließ. Dabei half Lina mir wieder die Stangen zu entfernen.
      “Ich würde Dusty gern als Erstes ins Rotlicht stellen”, sagte ich beim Betrachten seines triefend nassen Fells. Sie nickte nur beiläufig und lief los, um eine Abschwitzdecke zu holen. Ich konnte mich gar nicht auf eine Sache konzentrieren. Dusty leckte immer wieder an dem Holz herum, während Walker versuchte seinen Kollegen zum Spielen aufzufordern. Trymr lief unruhig die Gasse auf und ab, während der Kleine nun doch versuchte aus seiner gebauten Höhle zu fliehen. Und dann war doch Maxou einige Meter entfernt, die unaufhörlich am Gitter herum biss und damit furchtbaren Lärm verursachte. Ach, nicht zu vernachlässigen war Jonina, die zusammen mit vier Reitschülern unseren Platz besetzte. All diese Geräusche lösten einen dröhnenden Kopfschmerz aus und als noch mein Handy in der Hose begann zu vibrieren, wollte ich hier weg. Weg von der Belastung, zurück in meine Hütte, die inzwischen nicht mehr mein war. Genervt hob ich ab.
      “Hallo?”, ächzte ich genervt in den Hörer, aber wurde umgehend freundlicher, als ich Eriks Stimme hörte. In der Brust wurde es wieder leichter und ich konnte tief durchatmen.
      “Freut mich, dass du dich bester Laune erfreust”, scherzte er.
      “Ist gerade viel los”, überblickte ich erneut die Situation und begleitete Dusty zum Solarium.
      “Hast du schon mit Lina gesprochen?”, fragte er direkt.
      “Nein, ergab sich bisher nicht. Wieso?”, stammelte ich unsicher. Ehrlich gesagt, hatte ich daran auch gar nicht mehr gedacht und versuchte den einfachsten Weg, außerdem erschien es mir noch immer unangemessen zu sein, sie danach zu fragen.
      “Okay, ich bin so in”, stoppte er, während mehrfach ein notdürftiges Piepen ertönte, “dreißig Minuten da. Also bis gleich.” Dann verstummte mein Telefon. Welch ein unnötiges Telefonat, stellte die böse Stimme in meinem Kopf fest, die wieder von mir angezischt wurde. Trymr setzte sich zu dem Hengst unter die roten Lampen und genoss ebenfalls die kleine Wellnesseinheit.
      “Was genau ist eigentlich dein Plan mit dem Kleinen? Ich meine, man kann ihn ja schlecht einfach behalten. Vielleicht wird er ja vermisst oder so etwas. Ein Welpe kommt sicher nicht von allein in den Wald”, wand sich Lina an mich, die den schneeweißen Hengst gerade in eine Decke hüllte. So weit wie sie wieder dachte, hatte ich die Situation noch gar nicht überdacht. Außerdem waren auch für mich die Grundlagen des Landes unbekannt.
      “Gute Frage, erst mal bleibt er, denke ich”, dann überlegte ich noch, wie ich es Erik erklären sollte, aber dass wir einem hilflosen Tier halfen, sollte ihn wohl kaum stören, “aber vielleicht kann mein Kerl das besser beurteilen. Schließlich habe ich erst gestern den anderen Pflegefall organisiert”, schielte ich zu Maxou hinüber, die die unbeteiligten Stangen wieder in Ruhe ließ.
      “Wenn das so weitergeht, kannst du bald ein Tierheim eröffnen”, witzelte Lina und schob Walker ein Leckerli zwischen die Lippen, der es sogleich genüsslich verschlang.
      “Du bist gemein”, rollte ich beiläufig mit den Augen, suchte nach einer passenden Ausrede, um dem Gerücht entgegenzuwirken, aber nein. Es gab keine.
      “Entschuldigung, sollte doch nur ein Scherz sein”, nuschelt sie bevor sie sich auf den Weg zu Futterkammer machte, um dem Hengst sein Abendbrot zu holen. Er starrte ihr aufmerksam nach und auch Dusty spitzte die Ohren, als hintergründig der Ton von dem Müsli auf Gummischüssel traf. Ich bremste ihn ab, bevor er einen Schritt nach vorn setzte. Als mir plötzlich ein wichtiger Gedanke durch den Kopf schoss, setzte ich an zum Sprechen, verstummte allerdings wieder, unter dem Vorbehalt, dass Lina noch immer beschäftigt war. Nachträglich setzte ich einen Fuß nach dem anderen, die mich zu Maxou an die Box trugen. Die Stute drehte sich langsam um, legte die Ohren leicht nach hinten und musterte das Wesen, das die Frechheit besaß, sie beim Fressen zu stören. Dennoch blieb sie stehen und starrte mich an. Ihre großen Augen glänzten im indirekten Licht der Boxen, die um diese Uhrzeit noch eingeschaltet waren. Der Schweif pendelte langsam unter der Stalldecke, die ich ihr noch umgelegt hatte vor dem Ausritt. Je länger ich das Pony betrachtete, umso mehr bekam ich das Gefühl, dass mein Bruder recht behalten würde, auch, wenn sich das grundlegende Interesse an ihr in Grenzen hielt. Im Hinterkopf blieb der Gedanke, dass ich wohl möglich nicht mit ihr klarkam bei der Arbeit oder auch keine vollwertige Verbindung aufgebaut werden würde.
      “Da bist du ja”, stürmte ich erleichtert zu Lina, die überrascht vor mir stand, schließlich war sie nur für einen Augenblick verschwunden. Für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an.
      Mit etwas zwischen Irritation und Belustigung in ihrem Ausdruck blickte sie mich an: “Wieso so ungestüm, ich war nicht mal zwei Minuten weg?”
      “Nein, das waren viel mehr”, hielt ich mich fest an ihren Schultern fest, als würde einer von uns sonst umfallen. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverändert ihre Verwirrtheit. “Denkst du”, zog ich die Vokale unnötig lang, “dass Erik bleiben kann?” Ehrlich gesagt, wollte ich das gar nicht von ihr, denn viel wichtiger war es mir, wie sehr es an Absurdität grenzte, dass an dem Tag so viel passiert war. Außerdem fühlte es sich seltsam an mit meinem Pony, ich hätte gedacht, dass man deutlich mehr Glücksgefühle verspürt. Stattdessen war da nichts.
      “Ähhm … mir fällt jetzt nicht an, was dagegenspricht, also ja”, überlegte sie laut, ”Und das war jetzt so wichtig, dass du mich überfallen musstest?” Das Geräusch von Eisen, welches über den Boden kratze, erklang aus der Richtung der beiden Hengste. Lina ging auf den hellen Hengst zu, der ungeduldig scharrte und wies ihn zur recht, bevor sie ihm die Gummischüssel vor die Füße stellte.
      “Sicher?”, hakte ich ordnungshalber nach und stand, wie bestellt und nicht abgeholt in der Gasse herum. Förmlich sichtbar setzte ein Denkprozess bei ihr ein, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Verunsichert, setzte sie schließlich zu einer Antwort an: “Ja? Das war doch schließlich keine Anfrage für die nächsten 6 Monate, oder doch?”
      “Sechs Monate am Stück? Nein”, lachte ich und überlegte, wie viele Tage dazwischen als Pause galten, um den Timer zurückzusetzen.
      “Na, dann kann er erst einmal bleiben”, lächelte sie großmütig.
      “Danke”, lächelte ich fröhlich und warf einen Blick auf unseren Jungspund, der mit seinen langen Beinen auf der Decke stand. Langsam begann sein Schwanz zu wedeln, als Trymr sind von der Rotlichtlampe zu ihm bewegte. Kurz schnupperte er an dem Zwerg. Freundlich quietschte er, suchte an der Bauchleiste des Rüden nach Zitzen. Daraufhin tippte ich Lina an, die sich gerade nach der Schale gebückt hatte, um sie dem Hengst wieder hinzuschieben. Sie wand sie zu mir um und als ich mit einer Geste zu den beiden Hunden zeigte, folgte ihr Blick meinem Finger.
      “Sieht danach aus, als hätte unser Findelkind Hunger”, äußerte sie eine Vermutung, die recht logisch erschien.
      “Was braucht es?”, sah ich mich Hilfe suchend im Stall um, “Stutenmilch, oder eher Fleisch?”
      “Ich bin jetzt kein Experte auf dem Gebiet, aber er sieht bereits alt genug aus, als dass er Fleisch fressen könnte”, beantworte sie meine Frage nachdenklich.
      Wieder nickte ich, nahm das getrocknete Rennpferd aus dem Licht und brachte ihn schnellstmöglich in seine Box zurück. Darin legte ich ihm wieder die Stalldecke um und schnappte mir von der Decke den kleinen Racker. Auf meinem Arm legte er sich auf den Rücken und wedelte mit seinem Schwänzchen, als ich den Bauch kraulte. Trymr folgte uns mit Abstand, wollte aber nicht ohne mich im Stall bleiben. Dumpf knarrten die Holzstufen hinauf zur Tribüne, über die man zu den Räumen kam.
      In der Küche standen schon alle wichtigen Gegenstände, darunter auch einige Notfallhundedosen, die ich vor geraumer Zeit gekauft hatte. Aus dem Oberschrank nahm ich einen kleinen Teller und betrachtete die beiden Hunde, die mir verliebt um die Beine strichen. Der Augenblick wirkte so unrealistisch. Ich stand mit einem Welpen und einem Höllenhund in der Küche. Hunden, denen ich für gewöhnlich aus dem Weg ging, berührten mich sehr nah und hatten sich sogar verdoppelt seit August. Dasselbe Phänomen, das mir mit Pferden passierte. Kopfschüttelnd grinste ich und machte dem Tier eine kleine Portion. Aus dem Krankenhaus wusste ich, dass man nach einem langen Hungern am besten klein anfangen sollte, da wir keinerlei über Fred hatten, musste ich davon erst einmal ausgehen. Für Trymr machte ich auch eine Portion, damit er ihn nicht anfallen würde, wer weiß schon, was in dem Kopf des Ungetüms ablief. Er bekam zuerst und wartete friedlich, bis ich ihm erlaubte an den Napf zu gehen. Fred hingegen stürzte sich direkt auf seinen Teller und bindend weniger Sekunden, waren sie fertig. Vertieft in den Zwerg, bemerkte ich die Schritte hinter mir nicht. Dass etwas vor sich ging, verspürte ich erst, als Trymr nicht mehr in Reichweite war. Noch bevor ich mich verzweifelt umdrehen konnte, verspürte ich zwei sehr kalte Hände an meinem Hals. Ich überlegte, ob mein Herz noch schlug, denn meine Atmung stockte. Sanft drückten sich zwei Daumen gegen meine Kehle und unbewusst wurde mir klar, dass von der Person nichts Böses ausging, auch, wenn vermutlich sonst keiner wie ich dachte. Langsam bewegte ich mich aus meiner Hocke nach oben, vernahm die kleinen Pfoten des Tieres an meinem Schienbein durch den dicken Stoff der Reithose. Erst dann drehte ich mich zu meinem Verehrer um, offensichtlich ohne Kind zurückkam. Vertieft in seine leuchtenden Augen schlug mein Herz in hochfrequentierten Intervallen, die aus zweierlei herkamen.
      „Wo hast du dein Mini gelassen?“, fragte ich mit kratzigem Tönen.
      „Die ist bei Lina und dem hellen Pferd, das im Gang stand. Vermisst da etwa jemand Fredna?“, schmunzelte Erik über beide Ohren.
      „Nein, aber dann haben wir einen Augenblick für uns?“, tastete ich mich langsam meinen Händen an seinem Oberkörper entlang und verspürte wieder eine wohlige Wärme im Unterleib, die sich durch einen leichten Druck noch mehr verstärkte. Seine Kleidung hingegen war angenehm kühl, auch wenn er für meinen Geschmack noch zu viel davontrug.
      „Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden“, flüsterte er in mein Ohr. Der Atem kitzelte an meinen Ohren, wodurch sich das Gefühl im Unterleib verstärkte.
      „Allerdings“, setzte er fort und unterbrach seinen Satz mit einem Kuss auf meine Wange, „du musst mir noch erklären, was du da angeschleppt hast Niedliches.“ Urplötzlich ließen seine Hände von mir ab und kniete sich zu dem Zwerg hinunter, der tapsig angerannt kam und dabei so stark mit dem Schwanz wedelte, dass der ganze Hintern wackelte. Erleichtert, dass er mir über das kleine Kerlchen keinen Vortrag hielt, atmete ich aus, verlor allerdings auch die Lust auf alles Weitere.
      „Wir haben ihn eingeklemmt im Wald gefunden“, erklärte ich, setzte mich dazu auf den gefliesten Fußboden, der mich mit der integrierten Fußbodenheizung wärmte.
      „Deswegen bist du so dreckig“, tuschelte er quietschend dem Tier zu, das vor Freude wohl gleich platzen würde.
      „Ja und Lina gesagt, dass du bleiben darfst“, versuchte ich wieder die Aufmerksamkeit zu bekommen, doch Erik sah mich nicht einmal an, handelte meine Aussage mit einem kurzen Nicken ab und sagte: „Weiß ich schon.“
      „Zwingt dich keiner, hierzubleiben“, zischte ich eingeschnappt und erhob mich, um den Raum zu verlassen. Er stand ebenfalls auf mit dem Hund auf dem Arm.
      „Du meinst das nicht ernst, dass du eifersüchtig auf einen Welpen bist“, sah er mich eindringlich an. Dabei lächelte ich aufgesetzt kurz auf und setzte meinen Weg fort. Hinter mir hörte ich noch seine Schritte, drehte mich jedoch nicht um. Nacheinander leuchteten die Lampen des Flures auf, bis ich mein Zimmer erreichte und deutlich zu laut die Tür hinter mir schloss. Seinen Mantel warf ich in die Ecke und ließ mich auf das Bett fallen, ohne die Schuhe ausgezogen zu haben. Im Raum war es bis auf das indirekte Licht in den Fußleisten dunkel und von dem riesigen Fernseher strahlte eine kleine rote Lampe an die Decke. In meinem Kopf zirkulierte es, als hätte ich ein Glas Wein zu viel getrunken. In meiner Brust schlug das Herz noch immer wie wild und als sich die Tür öffnete, ich eine männliche Silhouette erkannt, warf ich meine Handschuhe ich seine Richtung.
      „Geh weg, ich will allein sein“, jammerte ich weinerlich und hörte nur ein tieferes Lachen, als ich erwartet. Die Deckenbeleuchtung glimmte und sah, dass Tyrell den Raum betrat.
      „T-Tut mir leid“, stammelte ich beschämt und richtete ich aus dem Bett auf.
      „Schon wieder Stress im Paradies?“, scherzte er.
      Ich schüttelte den Kopf.
      „Na gut, wo ist denn Lina?“, fragte Tyrell ernster und schob sich einen der Stühle vom Tisch weg, um Platz zu nehmen.
      „Die kommt bestimmt gleich, Walker muss nur noch in die Box zurück“, erklärte ich wahrheitsgemäß, sofern meine Informationen noch aktuell waren.
      Während wir auf die warteten, fragte er mich über die Runde im Wald aus. Dass es auch schön war, wieder auf dem Sulky zu sitzen, vergaß ich nicht zu sagen. Als das Schweigen einsetzte, kam auch Lina dazu, mit Fredna an der Hand. Irritiert musste unser Chef das Kind, aber flott erklärte ich, dass es zu Erik gehörte. Er wirkte erleichtert, aber gleichermaßen noch irritiert.
      „Lina, setzt dich bitte“, sagte er zu ihr und zog den Stuhl neben sich zur Seite. Zögerlich trat sie zum Tisch. Stillschweigend und möglichst leise, legte sie ihre Jacke ab. Tyrell begann damit den Fernseher anzuschalten, um uns darauf die Entwürfe von dem neuen Gestüt zu zeigen. Überall musste gebaut werden und sogar ein Teil des Waldes für eine Ferienlandschaft gepfählt werden. Mit den Arbeiten sollte es beginnen. Bei den Isländern an der kleinen Reithalle wird ein riesiges Reitstadion erbaut mit einem noch größeren Reitplatz, als wir ohnehin schon haben. In Zukunft werden dort auch Fahrturniere stattfinden. Außerdem verblieb unser Stall für uns, während rundherum weitere Paddockanlagen und Boxen errichtet werden, sodass noch mehr Platz für Einsteller sei. Es besteht auch die Überlegung, dass die Trainingsbahn umgebaut wird zu einer vollwertigen Rennbahn, da es um das Gelände in Kalmar schlecht steht. Nervös kratzte ich an meinem Bein herum, solange bis es blutete. Ich spürte, wie meine Kehle trockener wurde und nur heiser fragte: “Wenn es um Kalmar schlecht steht, bedeutet das dann, dass der Verein umzieht?”
      Lina drehte sich zu mir um, dabei begannen ihre Augen so hell zu strahlen, dass ich kurz anzweifelte, dass ich recht behalten würde.
      “Richtig”, nickte Tyrell und vor Freude sprang sie vom Stuhl.
      “Das klingt wie Musik in meinen Ohren”, trällerte sie und ein Lächeln, so glückselig wie ich es den ganzen Tag noch nicht zu sehen bekam, erstrahlte auf ihrem Gesicht. Für sie war es vermutlich genau das, was sie hören wollte, um möglichst häufig Niklas zu treffen. Doch für mich stellte es das Gegenteil dar, besonders, wenn ich das morgendliche Gespräch im Kopf behielt.
      Tyrell erzählte weiter, davon, dass ein Bildungszentrum errichtet werden würde, dazu gehörte neben der Planung von verschiedenen Lehrgängen uns Seminaren, so etwas wie eine Privatschule, die allerdings nur am Wochenende und Ferien stattfinden soll, als eine Art intensiv Beschulung. Schon an den Plänen konnte man genau erkennen, welches Klientel damit angesprochen werden würde. Je mehr er uns präsentierte, umso weniger schien ich von der Sache überzeugt, nur die Tatsache, dass das nicht uns betreffe, erleichterte mich zutiefst. Hauptsächlich würden wir seine Pferde machen und die anderen Teile des neuen Gestüts wurden von anderen verwaltet. Außerdem stand die Planung ebenfalls nicht in seiner Hand, nur die Übergabe der Informationen an uns.
      Noch eine geschlagene Stunde verging, in der auch Erik mit dem Welpen wiederkehrte, bis alles uns genau gezeigt wurde. Meine Lider lagen schwer über meinen Augen und ich war vermutlich sogar mehrfach eingeschlafen, aber der kleine Zeiger rückte der Zehn auch immer näher. Lina grinste noch immer.
      “Ich finde, du könntest ein klein wenig mehr Begeisterung zeigen”, sprach sie munter, “Für dich hat es doch auch seine Vorteile, wenn du mit Lubi nicht mehr so viel durch die Gegend gurken musst.”
      “Ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, Nachteile”, seufzte ich entmutigt.


      © Mohikanerin // 99.351 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Niklas
      Zittrig schwebte mein Finger über den Kontakt, während ich in meinem Auto saß mit Chris, der bereits allerhand Arbeit darin investierte, dass ich auf keinen Fall auf den Hörer klicken würde. Aber mein Schmerz, die Enttäuschung und alles Schlechte kochte in mir, viel mehr fühlte es sich an, als würde mein Gehirn tausende Stromschläge bekommen und es gab nur diese eine Bewegung, um den Schmerz zu entfliehen. Es half nichts, ich musste dieses Gefühl loswerden. Chris griff nach meiner Hand.
      > Är du säker?
      „Bist du dir sicher?“, sprach er sanft, wie auf Wolken spürten sich seine Worte in meinen Ohren an, als läge ihm alles daran.
      Ich nickte, womit ich die Freiheit bekam.
      Für eine gefühlte Ewigkeit tutete es, bis eine unfreundliche Abhob und umgehend fragte:
      > Har du pengar?
      „Haben Sie das Geld?“
      Natürlich bejahte ich die absurde Frage und konnte auch direkt losfahren. Chris und ich stiegen in den Transporter um, doch ehe ich mich auf den Fahrersitz setzen konnte, nahm er mir die Schlüssel ab und stieg selbst auf der Seite ein. Also öffnete ich die Beifahrertür und nahm neben ihm Platz. Teilnahmslos blickt Chris zur Straße, schweigend. Seine Meinung zu dem Thema kannte ich bereits, äußerst ausführlich sogar.
      Bino war Smoothies erstes Fohlen, eins, das Opa noch gezogen hatte und geboren wurde, als ich mich auf einem anderen Kontinent befand. Von Bildern kannte ich den kleinen Hitzkopf, doch real sah ich ihn nie. Umso aufgeregter war ich, als ihn auf der Starterliste im März fand, allerdings nicht vor Gesicht bekam. Weitere Auftritte wurden mir verwehrt und er geriet meinerseits in Vergessenheit. Wie vom Blitz getroffen, erhellte er einen Traum in der Nacht. Natürlich kannte ich meine Stute gut genug, um bereits das Gefühl verspürt zu haben, dass sie nicht trächtig sei, die Bestätigung durch den Tierarzt brachte die schlechte Nachricht. Bis zum letzten Augenblick schwebte ein kleiner Funken Hoffnung vor dem inneren Auge, versuchte mich im Glauben zu belassen, dass alles gut sei. Dem war nicht so. Smoothie bekam kein weiteres Fohlen, zumindest nicht im nächsten Jahr.
      > Varför måste du ta hästen ifrån henne så brådskande?
      „Warum musst du ihr das Pferd unbedingt wegnehmen?“, fragte Chris. Seiner Tonlage zu Folge stellte er die Frage zum wiederholten Male. Ich überlegte. Es gab viele Antworten dafür, nur keine, die Sinn ergeben würde. Plötzlich wurden meine Hände schwitzig und in dem Fleece Pullover setzte Hitze ein.
      > Jag kan göra det, så jag köper Bino.
      „Ich kann es, also kaufe ich Bino“, antworte ich mit trockener Kehle und zog den Pulli aus.
      Viele hundert Kilometer lagen vor uns, die im Schweigen gehüllt waren. Natürlich erlangten die Zweifel ihre Vormacht in meiner Gedankenwelt. Bisher war es nicht an die Öffentlichkeit geraten, dass meine Erfolgsstute durch Arthrose den Ring verließ, ebenso versuchte ich es so lang wie möglich hinauszuzögern, dass es mit uns beiden vorbei war. Ein Funken bestand noch immer, dass alle Ärzte sich geirrt hatten und Smoothie dasselbe Pferd war, das mich vom ersten Tag an, in seinen Bann gezogen hatte. Natürlich, Form war weder ein hässliches Pferd noch untalentiert. Die Rappstute zeigte sich bemüht und motiviert, an manchen Tagen als zu perfekt. Sie wollte gefallen, strampelte sich einen ab, ohne dabei Widerstand zu leisten. Ich mochte sie, so viel war gesagt, aber Form konnte meinen Ansprüchen von einem Partner nur schwer entsprechen. Man könnte sagen, dass sie mir zu nett war. Mir wurde es zum Teil, die Herausforderung zu suchen und daran jeden Tag zu knuspern, eine Lösung für das Problem zu finden. So sorgte Form dafür, dass es keins gab oder ich viel mehr eins erschaffen musste. Seit einigen Tagen war ich nicht auf dem Hof, hoffte darauf, dass mehr Rennpferd aus ihr herauskommen würde, wenn ich in zwei Tagen wieder zum Training erschien.
      Leider hatte ich auch Gedanken daran verschwendet, Form wieder zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben, jemand, der Freude an dem eifrigen Tier hatte und es genoss, Lektionen ohne Widerstand abzurufen. Andererseits mochte sie mich, wieherte mir im Stall zu, wenn meine Stimme ertönte und konnte genauso aufgeregt tänzeln wie Smoothie. Ebenso gut zeigte die Stute ihr Talent auf Sand. Die Versammlungen saßen punktgenau, aber in der Verstärkung konnte sie hektisch werden anstelle der gewünschten Rahmenerweiterung. Doch, war es das, was ich mir wünschte? Nein. Der Rappe entpuppte sich schon nach einigen Tagen als sehr untalentiert mit Hindernissen, kam im Gelände schnell ins Rutschen, verweigerte und fühlte sich nicht wohl mit Stangen. Mehrfach versuchte ich ihr die Natursprünge und auch normalen auf dem Platz näherzubringen, aber anders als für die Rasse typisch, scheute sie, zuckte zurück. Die sonst so nervenstarke und mutige Stute verwandelte sich von einer auf die nächste Sekunde in ein schwarzes Biest, das nicht einmal ich kontrollieren konnte. Somit stand die Entscheidung, dass sich Form nicht als Eventingpferd eignen würde.
      Noch lange wägte ich ab, ob ich überhaupt die Zeit hätte für drei Pferde, wovon eins bestens auf dem Lindö Dalen versorgt war. Ich entschied, dass ich es versuchen sollte. So gern ich meinen Beruf als Polizist ausübte, umso wichtiger waren mir meine Tiere und im schlimmsten Szenario würde ich kündigen. Meine Angst wandelte sich zur Vorfreude den jungen Hengst endlich persönlich kennenzulernen, als auf dem kleinen Monitor nur noch ein einstellige Kilometerzahl angezeigt wurde. Chris hatte sich auch mit der Situation abgefunden, wusste, dass er mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen könnte. Kurz warf ich einen Blick auf mein Handy, überlegte, Lina Bescheid zu sagen. Aber ich zögerte. Wortlos verschwand ich, hatte ihr keinerlei Chance gegeben mich zu unterstützen. Ich schämte mich und steckte es wieder zurück in die Hosentasche.
      Im gemäßigten Tempo fuhren wir eine Allee aus jungen Bäumen entlang und die Lichter, die zuvor so fern am Horizont glühten, wurden immer einladender und begrüßten uns förmlich. Es war stockdüster geworden, aber der Hof leuchtete im warmen Licht. Wenige Autos standen auf dem Parkplatz, doch menschenleer war es nicht. Chris hielt.
      > Kommer du?
      „Kommst du mit?“, fragte ich sehnsüchtig, doch stur schüttelte er den Kopf. Mit einem tiefen durchatmen sprang ich vom Beifahrersitz auf den befestigten Gehweg, folgte der Beleuchtung und kam bei einem gepflegten Stallgebäude an. Freundlich blickten mich einige Pferdeköpfe an. Ungefähr in der Mitte stand eine Dame, mit der wohl telefoniert hatte. Ein braunes Pferd mit großen Abzeichen stand hinter ihr, wippte müde mit dem Kopf und die Augen fielen immer wieder langsam zu.
      > Vi ska göra det här kort och gott, eller vill ni sitta på den igen?
      „Wir machen das kurz und schmerzlos, oder wollen Sie sich noch einmal draufsetzen?“, sagte sie. Ihre Tonart verriet mir bereits, dass sie mich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte, sogar der Hengst schien nur wenig motiviert für irgendwas zu sein. Er hatte seinen Hinterhuf aufgestellt und der Kopf hing fest in den beidseitig befestigten Stricken.
      > Nej, jag tar honom direkt.
      „Nein, ich nehme ihn direkt mit“, stammelte ich, eher untypisch. Doch auf eine gewisse Weise kam ich mir nicht nur fehl am Platz vor, sondern auch ziemlich kindisch. Sie nickte und löste die Haken dabei. Unsanft kippte Bino nach vorn, fing sich jedoch rechtzeitig auf. Die Ohren drehte er nach hinten. Am unteren Ring befestigte die Dame einen Strick und drückte ihn mir umgehend in die Hand. Sie wollte mich wirklich loswerden.
      Zusammen liefen wir zum Auto. Aus der Sattelkammer hatte sie seinen Sattel und Trense geholt, packte es im Transporter auf die Befestigung, ehe ich aus meiner Hosentasche die dreihundertsechzigtausend Kronen herauszog. Die bunten Scheine waren zerknüllt und teilweise angerissen, wie Geld nun einmal aussah, wenn es Tagein, Tagaus mit der Hose getragen wurde. Schockiert sah sie an mir hoch, aber packte das Bündel in ihre Jacke.
      Bino stand im Transporter und zupfte vergnügt an dem Heunetz, während wir im Inneren den Vertrag fertig machten und ich die Papiere überreicht bekomme. Der Impfstatus erscheint auf den ersten Blick vollständig. Kurz angebunden verabschiedete die Dame sich und verschwand im Dunkeln. Verwirrt blickte ihr nach, konnte nur schwer verstehen, welches Problem sie mit mir hatte.
      Endlich hatte ich Zeit mein, wohlgemerkt drittes, Pferd genauer anzusehen. Obwohl sein Blick nur zum Netz gerichtet war, bemerkte er mich. Die Ohren bewegten sich in meine Richtung und lang spielten sie im Sound des Streu unter den Schuhen. Leise knisterte es. Dazu ertönten in der Stille die kauenden Geräusche des Pferdes und seine Atmung. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich zurück in den Moment versetzt, in dem mit seiner Mutter zu dem Turnier fuhr, das zwar in der reinsten Katastrophe endete, aber solch positive Gefühlsausbrüche auslöste, die ich kaum in Worte zu verfassen wusste. Wir hatten nicht einmal den M-Parcours beendet, da endete für uns die Reise bereits mit der zweiten Verweigerung bei dem vorletzten Hindernis. Für mich war es keine große Sache. Smoothie kannte vorher Turniere nicht und hatte einen ihrer typischen Anfälle vom Vollblutanteil im Blut. Der Schweif stand dauerhaft in der Luft und sie kam aus dem Gucken nicht heraus, wobei die Menschenmassen auch für mich noch eine ziemliche Belastungsprobe darstellten.
      > Kan vi åka? Jag skulle vilja vara hemma före morgondagen.
      „Können wir los? Ich würde gern vor morgen Zuhause sein“, hetzte Chris. Sanft strich ich dem Hengst über den Hals und schloss die große Klappe, damit wir abfahren konnten. Wie bereits auf der Hinfahrt tauchte sich die Fahrerkabine in einen Schleier aus Schweigen. Mir war jedoch auch nicht danach ein Gespräch zu beginnen. Wir hatten beide einen langen Tag und noch eine kürzere Nacht zum Schlafen vor uns.
      Leise schloss ich die Eingangpforte auf, versuchte möglichst unauffällig in den Keller zu kommen. Es leuchtete kein Licht mehr von der großen Treppe im Eingang, aber stürmte Tova heulend zu mir. Bösartig rief mein Vater den Hund zurück, doch die Hündin interessierte sich kein Stück dafür. Stattdessen wurde das Getobe lauter. Mama stand auf, zog sie am Halsband zurück aber kam noch hinunter. Sie folgte mir bis ins Badzimmer. Müde lehnte sie neben dem Waschbecken, konnte sich nur müßig halten.
      „Warum bist du jetzt erst da?“, fragte sie liebevoll und rieb mit einer Hand sich den Schlaf aus den Augen.
      Erst zuckte ich mit den Schultern, aber sie blieb hartnäckig. Stellte die Frage erneut und immer wieder, bis ich begann zu erzählen von dem Ausflug mit Chris.
      „Ich habe ein Pferd gekauft“, erzählte ich beiläufig bei dem Umziehen. Meine Hose landete im Wäschehaufen, sowie die restliche Kleidung, die ich am Körper hatte. Nur noch bekleidet im Handtuch schaltete ich das Wasser der Dusche an, um der Wärme einen Vorlauf zu geben.
      „Könntest du bitte gehen, ich möchte nicht darüber reden“, wiederholte ich, nach der Mama mehrfach versuchte mehr über Bino zu erfahren. Tatsächlich wollte ich nicht über das Pferd reden, zu beschämt war ich darüber, dass Lina noch nichts wusste. Unter den Strahlen des Duschkopfes flossen einige Zweifel von mir, hinunter des Abflusses.
      Befreit fühlte ich mich nicht nach der langen Dusche, aber auf jeden Fall besser. Im Haus war es still geworden, umso deutlicher drangen die immer lauter werdenden Gedanken in den Vordergrund, vor mein inneres Auge. Unaufhörlich sah ich Linas Gesicht vor mir, die schmerzerfüllt zur mir hochblickte, den Tränen nah, aber nicht darüber sprach. Sie schien es für selbstverständlich zu halten, nicht über das negative Gefühl zu sprechen, das sie tief im Inneren versteckte und versuchte, bloß nicht mir zu zeigen. Oder gar ehrlich zu sein. Es gab keine Grenze, sosehr ich auch danach strebte, eine zu finden. Auf dem Nachttisch leuchtete der Bildschirm meines Handys auf, verglimm, ehe es sich mit einer Vibration erneut meldete. Genervt griff ich es.
      Zwei verschiedene Benachrichtigungen dominierten auf dem Sperrbildschirm: Lina hatte mir bereits vor einer Stunde eine Nachricht gesendet und vor wenigen Sekunden postete Vriska etwas in ihrer Instagram Story. In Millisekunden glühten die Nerven in meinem Gehirn auf, überdachten, welche es mehr Wert war, als Erstes angeschaut zu werden. Gewissenhaft antwortete ich meiner Freundin, entschuldigte mich sogar für mein Schweigen und erklärte, dass ich Zeit brauchte zum Nachdenken über meinen Schimmel. Beim Betrachten der Uhrzeit wusste ich auch, dass eine Antwort wohl erst in mehreren Stunden, beim Aufstehen, zu erwarten war. Doch, der Benachrichtigung zur Folge, war Vriska noch unter den Wachenden. Ich tippte auf die Meldung und das Handy wechselte zu Instagram. Ein kurzer Bumerang erschien. Vom Boden bewegte sich das Video nach rechts, zu ihrem neuen Pferd, dass sie über den Kies führte. In der Wegbeleuchtung tanzten kleine Schneeflocken und je öfter ich mir die sechs Sekunden ansah, umso besser sah ich, dass auch schon eine schmale Schicht den Boden bedeckte. Unerwartet kam noch ein Bild, ein ziemlich schräges Selfie, verwackelt und unscharf. Ihre langen, weißen Haare lagen durch den Wind in ihrem Gesicht und die dunkle Mütze hielt sie nicht an Ort und Stelle. Willkürlich entwickelte sich der Gedanken sie anzurufen, ihr mitzuteilen, dass ich sie vermisste und da sie es nicht verneinte … Sie mich auch? Ich sollte den Gedanken verschieben, direkt so weit weg, dass ich keinen Zugriff mehr darauf haben würde. Vorbeugend legte ich das Handy wieder weg, rollte mich über die riesige Matratze, aber es stand fest: Ich war nicht müde.
      Konnte es eine blöde Idee sein, eine enge Freundin mitten in der Nacht anzurufen, weil man nicht mehr klarkam? Jeder würde diese Frage verneinen, außer es ginge dabei um Vriska, dem Kampfdackel des Lindö Dalen Stuteri. Ich fackelte nicht lang, da drehte ich mich hinüber, machte einen langen Arm und hatte wieder mein mobiles Gerät in der Hand. Mit wenigen Klicks piepte es aus den Lautsprechern. In der Innenkamera betrachte ich die großen Augenringe, die tagtäglich größer wurden und versuchte mit einer Handbewegung meine Frisur zu richten. Dann überraschte mich Vriska im leichten Schneesturm ums Gesicht.
      “Warum zur Hölle rufst du mich”, stoppte sie und fummelte mit einem Finger vor der Kamera herum, “um drei Uhr fünfzehn an?” Ihre Stimme klang dafür ziemlich wach und aufmerksam, um selbst noch auf den Beinen zu sein. Leise klammerten die Steine unter den Hufen ihrer Stute, untermalt von dem tiefen Schaben ihrer Schuhe über den Kiesweg. Der Wind rauschte unruhig über den Lautsprecher, verschleierte dabei einige Töne aus dem Hintergrund, dennoch hörte ich andere Pferde über den gefrorenen Sandboden laufen.
      “Du postest doch fröhlich in deiner Story um die Zeit, also wieso nicht?”, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
      “Wenn du alles gesehen hättest, wüsstest du es”, rollte ihre Augen auffällig in die Kamera. Ich zuckte nur mit den Schultern. Dachte sie ernsthaft, dass sie so interessant sei? Unweigerlich erinnerte mich mein Körper daran, dass sie es war.
      “Gut, dann auch noch mal für die ganz Dummen”, sagte sie und wechselte zur Außenkamera. Ihre Ponystute lief matt neben ihr her. Die Ohren hingen beinah leblos zur Seite und der Hals war vollkommen verschwitzt. In dem kleinen Fenster sah ich mein Ebenbild, das unvorteilhaft nah an der Kamera hing und das Tier betrachtete.
      “Also, wie du siehst, es ist fast tot. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, habe die Aufnahmen geprüft und da stand Maxou in ihrer Box, trat sich unruhig gegen die Box und legte sich hin. Deswegen führe ich sie jetzt und warte auf den Tierarzt”, erklärte Vriska gewählt. In ihren glasigen Augen erkannt ich den Schreck, den sie erlebt haben musste.
      “Wann wird er da sein?”, versuchte ich neutral zu bleiben. Ich konnte mir kaum vorstellen, was ich tun würde, wenn Bino plötzlich an einer Kolik litt und die Nachtschicht dies nicht mitbekommt. Schwer lag mir ein undefiniertes Gefühl im Magen, drehte sich dabei wie ein Seil um meine Eingeweide, an dem jemand zog.
      “Zehn bis dreißig Minuten, ich weiß es nicht”, wurde der Ton zerrender und ihre Kamera setzt für einen Augenblick aus.
      “Soll ich vorbeikommen?”, sagte ich und stand gleichzeitig aus dem Bett auf, saß nun oberkörperfrei vor ihr. Sie begann automatisch zu grinsen, was ansteckend wirkte. Biss mir dabei auf die Unterlippe, um mir die schelmischen Worte in den Gedanken zu verklemmen.
      “Nein, ich schaffe das allein”, obwohl Vriska wirklich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, kullerte eine einzige über ihre Wange.
      “Wirklich? Ich würde direkt los und”, tief holte ich Luft, “und bei Missachtung der Geschwindigkeiten wäre ich in einer Viertelstunde da.”
      “Auf gar keinen Fall, für deinen Tod möchte ich nicht verantwortlich sein. Also deck dich wieder zu, leg das Handy beiseite und schlafe.”
      “Na gut, aber wenn er in zwanzig Minuten nicht da ist, rufst du an, okay?”, vergewisserte ich mich. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie sich dafür bedankt und auflegt. Stattdessen hielt die ihr Handy weiter in der Hand, mit der eingeschalteten Innenkamera und ihre Augen schielten im Wechsel vom Pferd und wieder zurück zu mir.
      “Danke dir, aber warum hast du angerufen?”, setzte Vriska lächelnd fort.
      “Was möchtest du denn hören?”, hoffte ich eigentlich nach der Bombe mit der Stute, das Gespräch sein zu lassen.
      “Die Wahrheit, das wäre der richtige Schritt in die richtige Richtung”, sprach sie. Sanft schnaubte das Pferd neben ihr ab, hustete und schnaubte erneut. Neugierig versuchte ich auf dem Bildschirm mehr zu sehen, ausnahmsweise war Vriska klug genug, meine Bewegung zu deuten und zeigte mir das Maxou. Die Ohren standen wieder am Genick und der Schweif pendelte. Sie hatte noch rechtzeitig reagiert, vermutlich würde der Tierarzt Entwarnung geben. Mindestens genauso interessant war der gefallene Schnee, der im kalten Licht ihres Handys blau leuchtete, fünf Zentimeter müssten mittlerweile liegen.
      “Ich wollte deine Stimme hören”, seufzte ich bestürzt. Direkt wechselte sie wieder die Ansicht, schaute mich verdutzt an und drückte sich fast das Handy gegen die Wange. Ernst blickten ihre Augen in die Kamera. Dann lachte sie.
      “Mach’ dich bitte nicht lächerlich”, sagte Vriska, aber grinste. Ob die Kälte oder Scham ihre Wangen rot färbte, fiel außerhalb meines Geltungsbereichs.
      “Das ist mein Ernst und”, dann holte ich erneut tief Luft, “außerdem, habe ich vermutlich einen riesigen Fehler gemacht.”
      “Einen Fehler? Man erzähle mir mehr”, kam sie aus dem Scherzen nicht mehr heraus.
      “Ich habe ein Pferd gekauft, aber nicht irgendeines, sondern Bino, das erste Fohlen von Smoothie”, dann dachte ich nach, wie ich es am elegantesten formulierte, dass ich ganz offensichtlich mich wie ein herzloser Idiot verhielt und einem jungen Mädchen ihr Turnierpferd abgekauft hatte, das nicht zur Abgabe stand.
      “Aber?”, hakte sie in der Stille nach.
      “Aber, das Pferd stand nicht zum Verkauf, deshalb -”
      “Deshalb hast du mit den Scheinchen gewedelt und urplötzlich stand das Pferd auf dem Hänger”, schüttelte Vriska den Kopf, nach dem sie mir glücklicherweise die Worte aus dem Mund stahl.
      “Im Transporter, aber ja”, korrigierte ich.
      “Ich vergaß, ihr reichen fahrt nur mit Transporter. Bestimmt wurdest du sogar gefahren, anstelle selbst die Arbeit in die Hand zu nehmen”, setzte Vriska ihre Hetze scherzhaft fort. Aber ich wusste wie sie es meinte und ich nichts zu befürchten hatte.
      “Allerdings traue ich mich nicht, es Lina zu sagen”, formulierte ich mit zittriger Stimme.
      “Dann sammele dich erst mal, oder spring über deinen Schatten, schließlich erschien sie mir heute wie der glücklichste Mensch auf dem Planeten.”
      “Ach ja, wie konnte das passieren?”, wunderte ich mich. Also wirklich, wovon sprach der Dackel? Kam Ivy heute, hatte ich es vergessen? Eigentlich nicht, zumindest müsste ich auch zugeben, dass ich den Gesprächen, das eine oder andere Mal aufmerksamer zuhören sollte. Ja, auch wenn ich optisch dem Ideal eines Traumprinzen erschien, kam ich allen anderen Posten dieser Behauptung nicht nach. Die Hintergründe dazu näher zu erläutern, waren nicht nötig, oder?
      “Du weißt es nicht?”, stoppte sie und erschien eine Antwort zu erwarten, die nicht von mir kam, also setzte sie fort, “Der Verein wird zu uns kommen, zumindest, wenn dann das Gebäude ausgebaut ist.”
      Mir steckte ein Kloß im Hals. Jeden Tag auf diesem Hof zu sein, erschien zumindest eine Erlösung zu sein, nicht mehr zwischen so vielen zu pendeln, bedeutete jedoch auch, stets unter Beobachtung zu stehen. Ich brauchte meinen Freiraum, der nicht nur dazu da war, um mir Appetit zu holen, viel mehr bedeutete es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Lang und breit erzählte mir Vriska von den kommenden Veränderungen und eine Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Würde ich bei den Weltreiterspielen mitreiten können?


      © Mohikanerin // 20.949 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Wolfszeit
      Dressur L zu M|06. Mai 2022
      Einheitssprache / Ready for Life / Hallveig från Atomic / Schleudergang LDS

      Neugierig drückte Rambi, einer der Einsteller Hengste, seinen Kopf durch die Gitter als ich mit dem Halfter kam, um ihn für den Beritt zu holen. Der Hengst verhielt sich dominant gegenüber der Besitzerin und Reitbeteiligung, was das Training sehr kläglich gestaltete. Deshalb arbeitete ich schon einige Tage mit ihm, stellte dabei erste Veränderungen fest.
      Er folgte aufmerksam und stand sogar ruhig am Anbinder, als ich alles fertig machte für die Einheit vom Boden. Ich legte ihm das Kappzaum an sowie die Doppellonge. Dann gingen in die Halle, in der zeitgleich Jonina mit Halli arbeitete. Die braune Isländer-Stute zeigte erste Seitengänge im Schritt und kam damit immer besser ins Gleichgewicht und an den Schwerpunkt heran. Ihre Reiterin achtete sehr ganz auf die Tritte und Linienführung, was für alle zum Vorteil war.
      Rambi arbeitete ich auch viel im Schritt und an der Doppellonge. Er streckte sich, trat damit hinten aktiver unter den Schwerpunkt. Sein Rücken drückte nach oben. Nach dem Aufwärmen änderte ich die Verschnallung der Doppellonge, um näher an ihm zu arbeiten. Neugierig drehte Rambi sich zu mir um, musterte die seltsamen Schüre sehr genau, die an seinem Kappzaum befestigt waren und über den Rücken lagen.
      Auf dem hinteren Teil des Platzes setzten wir die Arbeit fort. Ich fragte Versammlungen ab und nutzte diese als Grundlage für einfachere Seitengänge wie Schulterherein und Kruppe herein zu beiden Seiten. Schwerfällig setzten die Hufe in den Sand und an seinen Ohren erkannt man die Anspannung des Pferdes. Er hatte zu kämpfen, die Aufgabe, umzusetzen. Zwischen den Abfragen bekam er eine Pause im Schritt zum Strecken und Lösen. Dennoch beendeten wir nach dreißig Minuten die Einheit und er konnte nach dem Fressen zurück auf seinen Paddock.
      Für mich stand noch ein weiteres Pferd auf dem Plan, Schleudergang, unsere Barockstute aus Waschprogramm. Das Tier stand entspannt im Unterstand und zupfte am Heu. Mit dem Halfter am Kopf führte ich sie heraus. Ungeschickt folgte sie und genoss das Putzen. Wenig später lag der Sattel auf dem Rücken und ich setzte das Training vom Vortag fort. Jonina hatte mittlerweile die Reithalle verlassen und nun war Lina drin mit ihrer Rappstute.
      „Rambi macht sich gut“, erklärte ich. Sie nickte nur halb aufmerksam, den Redo war heute typisch Stute.
      „Er ist ruhiger, wenn du ihn vorher ablongierst“, fügte ich noch hinzu, bevor ich mich der Ente unter mit zuwandte. Wie üblich stolzierte sie durch den Sand, versuchte dabei nicht über die eigenen Beine zu fallen. Zumindest fühlte es sich so an. Die Stute hatte einen ziemlichen passigen Schritt, der erst nach der Versammlung besser wurde. Zwischendurch richtete ich die Rückwärts und trabte daraus an. Auch Biegungen halfen dabei, dass sie zunehmend mehr ins Gleichgewicht kam und die Tragkraft einsetzte. Erst dann begann ich mit längeren Trabphasen und Seitengängen. Schleudergang lief aufmerksam am Schenkel und ließ sich durch die andere Reiterin nicht ablenken. Am Ende der Einheit fragte ich noch eine Schrittpirouette ab, zur Festigung der Hinterhand. Dann widmete ich mich Pferden, die noch nicht so weit in den Leistungsklassen waren und machte Feierabend.
      © Mohikanerin // Tyrell Earle // 3189 Zeichen
      zeitliche Einordnung {November 2020}

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  • Album:
    LDS - Schweden
    Hochgeladen von:
    Wolfszeit
    Datum:
    2 Juli 2022
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  • Ready for Life
    Bereit für das Leben

    Rufname: Redo
    geboren am 14. April 2010


    Aktueller Standort: Lindö Dalen Stuteri, Vadstenalund [SWE]
    Unterbringung: Paddock


    –––––––––––––– a b s t a m m u n g

    Aus: Ravel [Freiberger]
    MMM: Rubine ––––– MM: Rilana ––––– MMV: Nicolo
    MVM: Zora ––––– MV: Ninjo ––––– MVV: Nejack


    Von: Quebec II [Freiberger]
    VMM: Fauvette ––––– VM: Venise ––––– VMV: Vagabond
    VVM: Salomé ––––– VV: Qui-Saint ––––– VVV: Quai d'Orsay


    –––––––––––––– b e s c h r e i b u n g

    Farbe: Rappe [Brikauge, rechts]
    [Ee Aa]


    Rasse: Freiberger [FM]
    Freiberger | FB 34,38 %
    Geschlecht: Stute
    Stockmaß: 158 cm


    Charakter:
    Nervenstark, Menschenfreundlich, Gelassen, Intelligent

    Ready for Life ist ein äußerst nervenstarkes Pferd, neben ihr könnte im wahrsten Sinne des Wortes eine Bombe explodieren, ohne dass sie nur mit den Ohren zucken würde. Mit Menschen kommt sie gut klar, solang es keine Kinder sind. Kinder mag sie nicht sonderlich, akzeptiert diese aber. Redo ist intelligent und hat Spaß daran, Neues zu lernen.

    Ready for Life wurde in der Schweiz als Polizeipferd ausgebildet. Nach einigen Jahren Dienstzeit in Deutschland und Dänemark kam sie nach Schweden, wo sie nun für kleinere Veranstaltungen eingesetzt wurde und vor allem für Anfänger im Reittraining diente. Redo hatte ihre besten Jahre im Dienste des Staates erreicht und sollte nun eine Karriere als furchtloses Freizeitpferd beginnen.

    *mag Wassermelone
    * ist nahezu taub, wegen eines Unfalls im Einsatz


    –––––––––––––– l e i s t u n g
    [​IMG][​IMG]
    Dressur M [M] – Springen E [L] – Militay E [M] – Fahren E [A]

    Niveau: National
    Anzahl der Gänge: 3


    Dezember 2021
    Dressur E zu A

    Februar 2022
    Dressur A zu L

    Mai 2022
    Dressur L zu M

    September 2022
    3. Platz, 569. Fahrturnier
    3. Platz, 592. Rennen

    Oktober 2022
    3. Platz, 696. Springturnier
    2. Platz, 595. Rennen
    1. Platz, 672. Dressurturnier
    2. Platz, 673. Dressurturnier
    3. Platz, 575. Fahrturnier

    November 2022
    2. Platz, 541. Militaryturnier
    3. Platz, 698. Springturnier
    2. Platz, 676. Dressurturnier
    2. Platz, 541. Militaryturnier
    3. Platz, 577. Fahrturnier


    –––––––––––––– z u c h t

    Stand: 01.02.2022
    [​IMG]
    Camille ist nicht zur Zucht zugelassen.

    Zugelassen für: -
    Bedingungen: Zuchtwert mind. X ODER Gesamtnote mind. X
    Decktaxe: x Joellen

    Materialprüfung: 8,19 [1.ZR M3]


    Exterieurnote: -
    Gesamtnote: -


    –––––––––––––– n a c h k o m m e n


    XXX hat 0 Nachkommen.

    NAME a.d. NAME *20xx

    –––––––––––––– g e s u n d h e i t


    Gesamteindruck: Gesund, gut in Training
    Krankheiten: -
    Beschlag: Barhuf

    –––––––––––––– s o n s t i g e s


    Ersteller / VKR : Mohikanerin
    Reiter / Pfleger: Lina Valo
    Eigentümer: Lina Valo [100%]
    Züchter: Elevage Froidevaux, Le Bémont [CHE], N. Froidevaux


    Redo steht aktuell nicht zu Verkauf.
    Wert: 650 Jollen


    Punkte: 13
    Abstammung [0] – Trainingsberichte [3] – Schleifen [8] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [2]


    –––––


    WebsiteSpind – Exterieur – virtuelle Anpaarung
    In meinem Besitz seit: 28.09.2021