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Occulta

PFS' Simply Priceless, EVB ♂

† 27.03.2020, Bakterielle Lungenentzündung

PFS' Simply Priceless, EVB ♂
Occulta, 9 Apr. 2017
Dir, Bracelet, Ofagwa und 2 anderen gefällt das.
    • Occulta
      Stets auf der Suche

      Ein Bellen weckte mich. „Morgen Occu. Hast du überhaupt ein Auge zugetan?“ Jonas vertraute Stimme drang durch das Tor des Offenstalls. Ich blinzelte verschlafen, richtete mich auf und zupfte etwas Heu aus meinem Schlafsack. Ich hatte die Nacht auf dem Heuboden des Stutenstalls verbracht, weil ich die Geburt von Moon Kiddys Fohlen unbedingt mitverfolgen wollte. „Ein hübscher kleiner Kerl ist das geworden, glaubst du er hat das Splash Gen von Dod?“ Sofort war ich hellwach. „Wie? Was?! Ist er etwa schon da??!“ „Ach du hast es also doch verpasst? Komm schau“, lachte Jonas. Meine Labrador Hündin Sheela stand an seiner Seite und wedelte auch schon fleissig mit dem Schwanz, um mich runterzulocken. „Das gibt es doch nicht! Ich war bis um drei Uhr wach, und sie hat überhaupt keine Anstalten gemacht!“ „Sie hat sicher extra gewartet bis du schläfst“, schmunzelte er. Ich befreite mich aus dem Schlafsack und schielte vorsichtig nach unten, bis zum letzten Moment gespannt, was mich erwartete. Ich war ganz entzückt, als ich das braune Fohlen erblickte. Es hatte auf den ersten Blick grosse Ähnlichkeit mit seiner Mutter, nur das auffällige Kopfabzeichen und zwei weisse Fesseln hinten wich von diesem Eindruck ab. „Täuscht mich meine Sicht oder ist das linke Auge blau?“ „Jup, ist es. Und schau dir die hübsch geschwungenen Ohren an.“ Ich kletterte die Leiter runter und ging zu Moon hin. Ich streichelte sie liebevoll und checkte rasch, ob mit ihr alles in Ordnung war. Dann wandte ich mich dem Hengstfohlen zu und untersuchte es mit prüfendem Blick. Es musterte mich skeptisch, aber da seine Mutter keine Versuche unternahm, sich zwischen uns zu stellen, kam es nach kurzer Zeit neugierig einen Schritt näher gewackelt. Es war noch sehr unsicher auf den langen Stelzen, die sich Beine nannten, aber es machte einen wachen, fitten Eindruck. „Es hat jetzt schon mehr Langhaar als alle bisherigen Fohlen“, bemerkte ich augenrollend, mit einem Seitenblick auf Moons lange Locken. „Was hast du erwartet?“ Spielerisch frustriert steckte ich meine Hände in die Hosentaschen. „Dass ich dabei sein darf, das hab ich erwartet!“ Jonas gluckste amüsiert. Mein Handy fiel mir fast aus der Tasche, also gab ich es Jonas, bevor es noch im Stroh landete. Ich warf einen Blick zu Feline und deren Fohlen, das schon seit zehn Tagen durch die Welt stakste. Es handelte sich ebenfalls um ein Hengstchen, einen wunderschönen, angehenden Schimmel, der das Splash Gen von Papa Drømmer om Død höchstwahrscheinlich bekommen hatte – jedenfalls hatte er viermal hochweiss und eine breite Blesse, was schonmal dafür sprach. Ich hatte bei seiner Geburt beschlossen, dass er einer der Kandidaten sein würde, die ich behalten wollte. Einen passenden Namen hatte der kleine Kerl auch schon: Disparo de Fiasco. Daran hatte ich ganz schön lange herumüberlegt. Feline liess mich wie immer freundlich an ihr Fohlen heran und wartete in respektvollem Abstand, beobachtete uns aber genau. Ich war froh, dass sich die Stute schon bei ihrem ersten Fohlen als zuverlässige, unkomplizierte Mutter herausgestellt hatte. Ich streichelte sie nochmal zum Zeichen, dass ich sie jetzt in Ruhe liess und verliess den Offenstall, Jonas folgend. „Das war wohl vorläufig das letzte, was? Die nächsten Fohlen kommen erst später.“ „Noch mehr von den Dingern?“, scherzte Jonas mit vorgetäuschter Überraschung. „Also auf das von Moonrise Shadows bist du ja wohl auch noch gespannt, oder etwa nicht?“ „Klar. Ich hoffe es wird ein Rappe.“ „Nähh, das wär ja langweilig! Ich hoffe es wird ein Fuchs, schliesslich haben wir noch keinen Paint Horse Fuchs.“ „Bestimmt nicht. Ist das bei den Eltern überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Und wenn dann ist die Wahrscheinlichkeit seeehr gering. Ich sage das wird nix mit deinem Fuchs - black for the win.“ „Pfft.“ Er zwinkerte mir zu und ich streckte ihm die Zunge raus, dann bog ich in den Hauptstall ab. Sechs Vollblutfohlen hatte es dieses Jahr für Pineforest gegeben – jedoch war keines davon im Hauptstall zu finden. Die ‚Mütter‘ Campina, Iskierka, Shades of Gray, Sympathy for the Devil, Captured in Time und Cassiopeia mümmelten unbekümmert an ihrer morgendlichen Heuration. Wie das möglich war? Embryotransfer. Ich hatte letztes Jahr passend zur Zuchtsaison ein vergünstigtes Angebot von einem meiner Tierärzte bekommen, und nach Rücksprache mit Oliver hatten wir beschlossen, gleich den kompletten Jahrgang so heranzuziehen. Das hatte den grossen Vorteil, dass wir bereits Fohlen von den Stuten bekommen konnten, die noch aktiv Rennen liefen; ohne deren Karriere zu opfern. Die Fohlen wuchsen auf dem Gestüt auf, auf dem auch die Leihmütter zuhause waren. Im Absetzalter wollten wir die Truppe dann nach Pineforest auf die eigene Fohlenweide holen. In der Vergangenheit hatten wir dasselbe Prozedere auch schon mit Painting Shadows gemacht, und bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Ich prüfte, ob das morgendliche Vollbluttraining voranging, dann setzte ich meinen Rundgang in Richtung Weiden fort. Unterwegs fiel mir auf, dass sich mein Handy nicht mehr in der Hosentasche befand, wo ich es platziert hatte. Also lief ich nochmal zurück zum Offenstall, fest davon überzeugt, es im Heu zu finden. Doch auch nach zehn Minuten Suche blieb es verschollen. „Es muss doch irgendwo sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin. Von unten beobachtete mich Lovely Summertime erwartungsvoll mit ihren freundlichen, dunklen Augen. Hinter ihr versteckten sich zwei paar züsätzliche Beine, die jedoch schon ziemlich kräftig aussahen. Immerhin war das dazugehörige Hengstfohlen namens Unclouded Summer Skies auch schon über zwei Wochen alt, doch am ältesten war das Fohlen von Ice Coffee. Die kleine Icy Rebel Soul war am zweiten April zur Welt gekommen, als erstes Fohlen dieses Jahrgangs. Entsprechend mutig und verspielt war sie bereits. Beide Fohlen waren übrigens von Unbroken Soul of a Rebel und hatten von ihm wie erhofft viel Farbe mitbekommen. Ich hoffte, dass er auch ebensoviel von seinem Talent mitgegeben hatte.

      Ich gab die Suche vorläufig auf und überlegte, ob ich das Handy auch irgendwo anders hätte verlieren können. Doch auch auf dem Weg zum Hauptstall war es nirgens zu finden. Ich beschloss, später nochmal mit Jonas zusammen zu suchen, und machte mich nun definitiv auf, um nach den Miniature Horses zu sehen. Auch dort hatte es gleich dreifach Nachwuchs gegegben. Und wie durch ein Wunder waren auch noch alle drei Fohlen am selben Tag geboren worden! Dakotas Fohlen Beck’s Daisy Orchid hatte schon um zwei Uhr morgens auf wackeligen Beinchen gestanden. Wie unschwer zu erraten, war es eine hübsche, erdfarbene Tochter von Beck’s Experience. Auch das zweite Fohlen war vom selben Vater. Es hörte (noch nicht) auf den Namen Beck’s Little Diva und war das erste Fohlen von meiner leuchtend fuchsfarbenen Stute Lady Diva from the Sky. Das Fuchsfell hatte sie von beiden Elternteilen übernommen, wie es anders auch gar nicht möglich gewesen wäre. In einem grauen Kleid präsentierte sich der letzte Fellkäuel, der neben Tigrotto im Stroh lag und erst spät in der Nacht vom 23. zur Welt gekommen war. Offenbar hatte Tigrotto beschlossen, dass sie den kleinen Arctic Tiger nun ebenfalls genug lange mit sich herumgetragen hatte und war deshalb kurzerhand dem Beispiel der anderen beiden Stuten gefolgt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass alles so gut vonstatten gegangen war. Auch Chocolate Chip erwartete noch ein Fohlen, allerdings erst später im Jahr. Allegra, die mittlerweile ja zu einem stattlichen Jährling geworden war, freute sich über die neuen Spielkameraden. Auch wenn diese im Moment noch nicht so wild waren wie sie selbst und erstmal vor allem an zwei Dinge dachten: Trinken und Schlafen. Miss Mini Daki hielt Allegra seit Daisys Geburt etwas auf Abstand, aber ich war sicher, dass sich die kleine Familie bald organisiert haben würde. Übrigens war von klein Daisy gerade keine Spur zu entdecken. Ich traute meinen Augen nicht und sah mich gründlich um, doch das Fohlen war weder bei seiner Mutter, noch sonst wo zu entdecken. Alarmiert ging ich zum Stalltor zurück und sah mich draussen um. Das kann doch nicht sein – ist sie unter dem Zaun durch? Fieberhaft suchte ich nach der kleinen. Ich rief Lewis, der bei den Fohlenweiden ausmistete rüber. „Are you sure? She was still there wehen I came to feed them half an hour ago“, meinte er stirnrunzelnd. Wir betraten den Offenstall und ich zeigte ihm, was ich meinte. Doch der Pfleger schüttelte nur amüsiert den Kopf und meinte: „Theres she is. You sure that you’re awake, Occu?“ Tatsächlich, Daisy lag neben Daki im Stroh. Offenbar hatte ich sie zwischen den Halmen glatt übersehen. Beschämt liess ich ihn wieder seiner Arbeit nachgehen und kniete mich neben Daki, um Daisy anzulocken. Stattdessen wurde ich natürlich sofort von Allegra beknabbert, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Ich ignorierte sie und streckte die Hand aus, damit Daisy daran schnuppern konnte. Die Miniatur-Fohlenschnauze berührte unsicher zuckend meine Finger, die anschliessend natürlich erstmal zwischen den weichen Lippen verschwanden. Zähne hatte das Tierchen zum Glück noch keine. Ich konnte mich kaum loslösen von dieser Niedlichkeit, besonders, als Tiger sich doch noch aufraffte und an ein paar Bocksprüngen versuchte, stattdessen aber ungelenk durch das Stroh stolperte. Als ich mich doch zum Gehen überwinden konnte, sah ich noch rasch bei den Hengsten vorbei. Arctic Blue und Glenns Caress dösten, der eine jeweils mit dem Kopf zum Popo des anderen. Das war eine Art natürlicher Instinkt, der es ihnen ermöglichte, potentielle Gefahren von allen Seiten her frühzeitig zu entdecken. So blieb auch ich nicht lange unentdeckt; Arco hob aufmerksam den Kopf und brummelte mir zu. Die Motivation zum Zaun zu kommen hatte er dann aber doch nicht. Nachtfalke hingegen kam rüber und prüfte, ob ich nicht vielleicht etwas hartes Brot oder eine Karotte dabei hatte. ‚Red‘, wie ich Becks gerne nannte, bediente sich weiter entfernt noch immer an dem Heuhaufen, den Lewis gebracht hatte.

      Mir fiel auf, dass ich Jacky und Zira diesen Morgen noch nicht gesehen hatte. Wo sie wohl stecken? Ich hielt die Augen offen und Pfiff, machte mir aber nicht die Mühe, nach den beiden zu suchen. Sheela hatte meinen Pfiff gehört und kam im galopp angerannt. Ich lobte sie und machte mich auf zum Nebenstall. Zwei Fohlen warteten noch auf mich: Cranberry und Cloony. Die beiden waren von Halluzination und Satine, Väter waren mein Liebling Co Pilot und dessen Halbbruder Costa de la Bryére. Ich hatte förmlich Freudensprünge gemacht, als ich die Deckanzeige von Costa gesehen hatte – schliesslich hatte ich den Hengst für kurze Zeit auch bei mir im Stall gehabt und er führte dieselben wertvollen Blutlinien weiter wie Pilot. Deshalb wollte ich beide Fohlen auch auf alle Fälle behalten. Registriert waren sie beide als British Warmblood, das hatte ich schon im Voraus so geplant. Als ich so mit verliebtem Blick über die Tür von Hallus Box lehnte, kam gerade eine Gruppe Vollblüter vom Training zurück. Normalerweise ritt ich ja selbst auch sehr gerne mit, aber in den letzten Tagen war ich durch das ständige Wachbleiben und Aufpassen so gerädert gewesen, dass ich freiwillig verzichtet hatte. Meistens hatte ich das Training sowieso verschlafen. Ich lächelte stolz, als ich Coulee beobachtete, die von April geritten den anderen folgte. Die Stute sah grossartig aus. Sie hatte ihre alte Form zurück und war auch psychisch wieder beinahe normal – das hatte sie letztens beim Handicap mit dem 3. Platz und einer hervorragenden Zeit bewiesen. Jetzt konnte ihr Comeback also so richtig losgehen. Auch wenn es immernoch Problemzonen mit der Stute gab; wenn man ihr genug Sicherheit vermitteln konnte, gab sie sich wirklich Mühe. Ebenfalls zu erwähnen war, dass Miss Moneypenny am selben Tag in einem anderen Rennen überlegen gewonnen hatte.

      Doch nicht alles lief so toll: mein Sorgenkind hiess Areion. Ich traf ihn und Lily wie immer am Nachmittag im Nordstall an. Eigentlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, doch in letzter Zeit verhielt sich der Tinker zunehmend rüpelig und hengstig – offenbar spürte er den Frühling. Meine zehnjährige Nichte hatte einfach nicht genug Kraft, um gegen das grosse Plüschtier anzukommen, weshalb ihn im Moment meist Lisa ritt. Bei ihr lief er natürlich toll, aber letztendlich war er Lilys Pony. Ich zerbrach mir deswegen aber schon seit Wochen den Kopf, denn so konnte es einfach nicht weitergehen. Beide, er und Lily, waren frustriert und unglücklich mit der Situation. Als einzige rasche und zugleich nachhaltige Lösung sah ich eine Kastration. Doch wir alle taten uns etwas schwer mit dieser radikalen Massnahme. Leise seufzend machte ich mich daran, Lily beim Putzen zu helfen. Sie war auch heute etwas missmutig und bestrafte Areion schon für kleinste Fehltritte. Ich redete ihr ins Gewissen, dass Areion ja nichts dafür könne und nicht absichtlich so unartig war. „Er weiss es einfach nicht besser, und da du eben noch etwas zu wenig Kraft hast, um ihm den richtigen Weg zu zeigen…“ „Er soll aber auch auf mich hören, wenn ich nicht so viel Kraft einsetze! Du sagst schliesslich auch immer, dass ich ihm feine Kommandos geben soll!“ „Ja, aber manchmal reicht das eben doch nicht ganz – manchmal muss man zuerst etwas deutlich sein und kann erst danach wieder sanft werden, dafür dann umso besser.“ „Und du meinst, es wäre wirklich besser, wenn er kein Hengst mehr wäre?“, fragte sie halb murmelnd. „Ja. Dann könnte er sich nämlich wieder auf dich konzentrieren, und müsste nicht all den hübschen Frauen nachsehen.“ Sie schwieg nachdenklich, denn sie war eigentlich bis anhin absolut dagegen gewesen, ihn kastrieren zu lassen. Ich vermutete, dass sie einfach nicht wollte, dass der Tierarzt an ihrem Pony herumschnipselte, wenn es nicht lebenswichtig war. Doch der richtige Beweggrund für ihr Zögern offenbarte sich in ihrer nächsten Frage: „Glaubst du, dass Teddy nach dem Ka…strieren? irgendwie anders sein wird als vorher? Ich habe Angst, dass er dann ganz faul und verfressen wird…“ Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. „Wer hat dir das erzählt? Janine?“ Sie nickte. „Janine hat gesagt, dass ihr altes Pony nach dem… du weisst schon, ganz anders war als vorher und sie es deshalb nicht mehr haben wollte. Ich behalte Teddy auf jeden Fall! Aber ich will auch nicht, dass er sich verändert…“ „Keine Angst, er wird höchstens etwas ruhiger und braver werden. Ich mein, sieh dir mal Phantom an – ist der etwa faul und verfressen?“ Wir lachten beide bei der Erinnerung an den letzten Ausritt, auf dem er mir beinahe durchgebrannt war. Sein Training ging stets voran, wenn auch nicht mehr in ganz so grossen Schritten wie zu Beginn, aber trotzdem gab es immer wieder Rückschläge und Momente, in denen er wieder auf seine Instinkte zurückgriff und mich ausblendete. Es war eben nicht leicht, vier Jahre Wildnis und Überlebenskampf zu überspielen.

      Lily und ich einigten uns darauf, das ganze beim Abendessen zusammen mit Jonas nochmal durchzudenken und jetzt erstmal auf einen Spaziergang mit Areion zu gehen. Ich begleitete die beiden mit Ljóski, der nach dem gestrigen Tölt-Training auswärts eine wohlverdiente Pause bekam. Der kleine Ausflug verlief relativ entspannt, jedenfalls sobald wir vom Hof weg waren und Areion sich auf Lily konzentrieren konnte. Loki hatte bereits beinahe vollständig sein Fell gewechselt und sah prächtig aus. Mit dem kurzen Fell sah man seine Muskeln viel besser, und auch die Scheckung kam besser zur Geltung. Areion war noch etwas plüschiger, aber auch er hatte schon ganz schön viel Fell verloren. Doof nur, dass es in den letzten paar Tagen wieder ganz schön kalt geworden war. Die meisten Pferde froren trotzdem nicht, und den Geschorenen legten wir eben die Decken vorsichtshalber nochmal an. Als wir fast wieder Zuhause waren, fing es tatsächlich ein wenig zu schneien an, auch wenn es eher Schneeregen war. Wir retteten uns in den Nordstall und rubbelten die Rücken der beiden Jungs rasch mit Tüchern trocken, dann brachten wir sie in ihre Boxen und gaben ihnen je eine Karotte, wobei Herkir natürlich auch eifersüchtig an meinem Ärmel nippte. „Du kommst später dran, ich hab gehört Jonas plant einen anstrengenden Ausritt im Schneeregen“, sagte ich übertrieben laut, damit Jonas, der gerade hinter mir zu Circus Dancers Box schlenderte, hörte. Empört rümpfte er die Nase und antwortete: „Wer hat denn sowas behauptet? Als ob ich bei dem Hundewetter rausgehen würde…“ „Schön-Wetter-Reiter.“ „Und wie!“ Lily lachte beim Verlassen des Nordstalls über unseren Dialog und verschwand dann in Richtung Nebenstall – ich wusste auch genau, was sie dort vorhatte. White Dream war nämlich heute noch nicht bewegt worden, und Lisa hatte mir am Morgen verraten, dass sie wiedermal mit meiner Nichte abgetauscht hatte. Ich schmunzelte bei dem Gedanken und fand es schön, dass Lily die Ponystute so liebhatte.

      Ich selbst musste nun erstmal weiter zu Empire State of Mind. Auf den Schimmel wartete eine Dressurstunde, in der ich an den Seitengängen feilen wollte, um ihn zu lockern. Ich betrat seine Box und er streckte mir bereits freundlich seine graue Schnauze entgegen. Sein Halfter hing leider nicht wie üblich an seiner Boxentür, und ich hatte keinen Schimmer, wer es entfürt haben könnte. Aber ich wollte es eigentlich schon an seinem rechtmässigen Platz sehen, denn ich mochte es überhaupt nicht, wenn durch Unachtsamkeit Zubehör verloren ging. Also machte ich mich auf die Suche danach. Schliesslich wurde ich in der Führmaschine fündig, wo Cantastor es fälschlicherweise trug. Ich tauschte die Halfter aus und ging zurück zu Empire, um ihn aufzuhalftern und zu einer der Anbindestellen zu führen, wo ich mit dem Putzen begann – oder beginnen wollte, denn die Putzbox war auch weg. „Ajith! Where ist hat damn…“ Ich unterbrach mich selbst, als ich Anne entdeckte, die in der Sattelkammer drüben stöberte. „What are you looking for?“, fragte ich sie verwundert. „Darren told me to help him with the retired thoroughbreds today. I was so excited! I sat on Catastor for the first time!”, berichtete sie stolz.” “Now I’m just looking for some leg wraps.” “Why does he need leg wraps? You didn’t sprint a marathon, did you?“ „No…“ „So he doesn’t need any. Thoroughbreds are not that sensible, don’t worry.“ Daraufhin verschwand sie, um den dunkelbraunen Hengst aus der Führmaschine zu holen und in seine Box zu bringen. Als sie vor mir um die Ecke bog, bemerkte sie stirnrunzelnd „Just now I thought he had a yellow halter on… How strange.“ Ich schmunzelte kopfschüttelnd und erkannte, was los war. „I swaped them ‘cause you took Empire’s halter.” „Oh, I’m sorry, I didn’t know…“ „No problem.“ Mir war es zwar ein Rätsel, wie sie sie hatte vertauschen können, wo doch die Halfter aller Pferde an den jeweiligen Boxentüren hingen, doch ich sagte nichts weiter und kümmerte mich um Empires Putzbox. Nach einigem Suchen fand ich sie neben Sunday’s Spind. Leicht verärgert schnappte ich sie mir und putzte mit ihrem Inhalt meinen mittlerweile etwas ungeduldigen Schimmel. Da seine Beine etwas schlammig waren, stellte ich ihn vor dem Aufsteigen noch beim Waschplatz hin, um sie rasch abzuspritzen. Mir fiel auf, dass seine Vorderhufe schon wieder ein wenig ausbrachen, also beschloss ich, sie nach dem Reiten noch rasch zu feilen, denn natürlich fand ich heute auch die Feile nicht an ihrem angestammten Platz vor. Der Hengst war barhuf, denn er lief ja keine Rennen mehr und war momentan auch nicht im sonstigen Spitzensport tätig. Wir hatten uns mit ihm bisher auf Grundlagen beschränkt, damit er diese nach seinem Karriereende in aller Ruhe hatte erlernen können. Ausserdem waren wir mit ihm immer viel im Gelände gewesen, sodass er mittlerweile äusserst verlässlich geworden war. Also eigentlich hatte er bisher einfach sein Leben nach der Rennbahn geniessen dürfen und war langsam und schonend umgeschult worden. Wie gut er die Grundlagen in der Dressur mittlerweile beherrschte, zeigte sich auch heute. Fleissig und bemüht, alles richtig zu machen, kreuzte er die Beine. Nur das Tempo war noch ein wenig zu hoch. Ich versuchte schon seit einem Weilchen ihn immer mehr zu versammeln und die Lektionen ruhiger zu reiten, aber es dauerte bei ihm halt etwas länger, da er doch eine ordentliche Portion Temperament hatte. Ich war aber ganz schön zufrieden mit unseren heutigen Anstrengungen und lobte ihn entsprechend ausgiebig beim Trockenreiten. Als ich zum Fenster raus sah, entdeckte ich zufällig die beiden seit dem Morgen vermissten Hunde, die auf der Ovalbahn mit einem Ball von Lily spielten.

      Um vier Uhr hatte ich Empire versorgt und putzte bereits den nächsten Kandidaten, nämlich Ronja Räubertochter. Auch für sie stand gewöhnliche, langweilige Grundlagen Dressur auf dem Plan, was einzig dazu diente, sie zu beschäftigen und an Feinheiten zu feilen. Sie war heute etwas stur und aufmüpfig, vermutlich wegen des frischen Wetters. Trotzdem schafften wir eine halbwegs produktive Dreiviertelstunde. Beim Versorgen tastete ich noch ihren Rücken ab, um zu sehen, ob sie irgendwo verspannt war. Im Rücken fand ich nichts, aber bei der Schulter zeigte sie mir mit Scharren ein wenig Unwohlsein. Ich massierte die betroffene Stelle und dehnte die Vorderbeine durch ausstrecken. Sie gähnte vor Entspannung und schüttelte sich, als wäre sie gerade im Staub gelegen. Ich lachte über den treudoofen Blick, den sie danach aufsetzte und dessen Bedeutung ich längst kannte: „Darf ich jetzt bitte meine Karotten haben?“ Ich streckte sie ihr selbstverständlich hin, sobald ich ihr in der Box das Halfter ausgezogen hatte. Linda kam auf mich zu und fragte mich, ob ich ihr helfen könne Darren zu finden. Ich antwortete etwas gereizt, dass ich heute am liebsten nichts und niemanden mehr suchen wollte, gab ihr aber den Tipp, im Strohlager nachzusehen.

      Es war nun fast halb sechs und ich nutzte die Zeit vor dem Abendessen noch, um ein wenig Schrecktraining mit Phantom zu machen. Mir gingen langsam die Ideen aus, weil ich schon so viel mit dem ehemaligen Mustang gemacht hatte und er extrem schnell lernte. Das hing wohl damit zusammen, dass in der Wildnis rasches Anpassungsvermögen überlebenswichtig war. Mit ihm und seinen ausgeprägten Instinkten war es ganz anders zu arbeiten als mit einem Jungpferd das in Menschlicher Obhut aufgewachsen war. Weder einfacher noch schwieriger – einfach anders. Einerseits fiel uns die Kommunikation leicht, weil er ausgezeichnet auf meine Körpersprache reagierte; andererseits wurde alles erschwert durch sein Misstrauen gegenüber neuen Dingen. Aber mit Menschen an sich hatte er mittlerweile keine Probleme mehr. Mittlerweile stand Phantom ja im Offenstall mit den Criollo und Paint Horse Stuten (mit denen er sich übrigens bestens verstand). Als ich auf den Zaun zukam, spitzte er die Ohren und kam einige Schritte auf mich zu. Auch machte er keine Anstalten mehr auszuweichen, wenn ich ihn unerwartet anfassen wollte. Im Moment hatten die Fohlen eine Art Beschützerinstinkt in ihm geweckt, sodass er besonders aggressiv den Hunden gegenüber war. Er mochte sie auch sonst nicht, aber jetzt war es besonders schlimm. Sheela traute sich schon gar nicht mehr auf die Weide, und die anderen beiden blieben einfach in gesundem Abstand zu dem Rappen. Er war zwar nun schon seit Monaten Kastriert, aber sein Hengstverhalten hatte er dennoch nicht ganz verloren. Zum Beispiel erwischte ich ihn manchmal dabei, wie er die Stuten mit der typisch tiefen Kopfhaltung umhertrieb oder sich gegen einen Wallach auf der Nachbarsweide aufspielte. Den Damen schien das zu gefallen, jedenfalls wurde er von ‚seiner Herde‘ immer gleich begrüsst, wenn er vom Arbeiten zurückkam. Wenn ich ihn so beobachtete, hatte ich den Eindruck, dass er sich hier ganz wohl fühlte und sich immer mehr mit seinem neuen Leben anfreunden konnte. Trotzdem sah ich mir manchmal nachdenklich die Fotos an, die ich im Internet von ihm gefunden hatte. Ich fragte mich, was mit all den anderen Pferden darauf geschehen war, oder wie Phantoms Leben ausgesehen hätte, wenn er nicht eingefangen worden wäre. Herausfinden würde ich es nie.

      Jonas hatte bereits angefangen, das Gemüse für unser Abendessen zu rüsten, als ich ins Haus zurückkam. Wir assen meist am Mittag ein Sandwich oder sonst etwas Schnelles, dafür gab es am Abend eine anständige, warme Malzeit. Beim Essen erzählten wir uns von den heutigen Erlebnissen. „Ach ja, ich habe am Morgen mein Handy irgendwo verloren und finde es nicht mehr… Ich muss nachher nochmal suchen gehen, bevor es dunkel wird“, fiel mir wieder ein. Jonas setzte plötzlich ein breites Grinsen auf. „Meinst du das hier?“ Er fasste sich in die Hosentasche und zog auf wundersame Weise besagtes Gerät daraus hervor. „Warum…?“ „Du hast es mir heute Morgen in die Finger gedrückt, weisst du nicht mehr?“ Ich schlug mir symbolisch mit der Hand an die Stirn und lachte ungläubig. „Manchmal ist mein Gehirn einfach ein Löcherbecken…“ Wir schmunzelten und plauderten weiter. Irgendwann kamen wir wieder auf das leidige Thema Areion zurück. „Irgendwas müssen wir machen. Lily, wäre es wirklich so schlimm ihn zu Kastrieren?“ „Ja wäre es!“, rief Jonas empört. „Schon mal den Dicken selbst gefragt, was er davon hält?“ „Still, sonst lasse ich den Tierarzt nächstes Mal wegen dir kommen.“ „Das willst du nicht wirklich…“, murmelte er verheissungsvoll. Ich streckte ihm die Zunge raus und meinte: „Unterschätz mich nicht.“ Lily mischte sich mit einem Räuspern ein. „Wenn du versprichst, dass Teddy danach immernoch derselbe ist…“ „Das kann ich leider nicht versprechen, aber meiner Erfahrung gemäss verändert sich nicht wahnsinnig viel. Denk auch an ihn; er darf danach endlich mit seinen geliebten Mädels auf die Weide und wird nicht mehr von den anderen Hengsten gemobbt.“ Sie zögerte, dann nickte sie. „Na gut. Wenn ihn das wirklich glücklicher macht.“ Jonas verschränkte gespielt trotzig die Arme. Lily und ich mussten bei dem Anblick loslachen, und beim Wegräumen stichelten wir ihn immer wieder zum Spass.

      „Was machst du jetzt noch?“, fragte Jonas, während er sich schon wieder die Jacke anzog. „Ich fahr schnell rüber nach Shatterford und sehe nach unseren Vollblutfohlen.“ „Wann bist du zurück? Wir wollten doch Rosie noch einen Besuch abstatten, weil wir die nächsten Tage keine Zeit dazu haben werden.“ „Ich weiss, ich schaue, dass ich spätestens um neun Uhr zurück bin. Die Fahrt dauert ja zum Glück nur 20 Minuten, und ich nehme an, dass Ella mich nicht lange aufhalten wird, weil sie selbst noch genug zu tun hat.“ Ella Yorke war die Besitzerin des Hofs, auf dem unsere diesjährigen Nachwuchsrenner geboren worden waren. Ich wollte meine Autoschlüssel von der Kommode schnappen, doch sie waren weg. Verärgert rief ich aus: „Das gibt’s doch nicht, vorhin hatte ich sie doch noch in den Fingern!“ Jonas meinte im Gehen gerade noch: „Hast du in deiner Jacke nachgesehen?“ „In meiner Jacke? Das hätte ich gespürt.“ Doch tatsächlich, da waren sie, brav in meiner rechten Tasche. Augenrollend lief ich zum Parkplatz. Wie abgemacht beeilte ich mich und trödelte nicht lange herum, als ich auf dem kleinen Gestüt ankam. Ich klingelte an der Haustüre und wurde von Ellas Mann Steve in Empfang genommen. Er erklärte, dass Ella bereits im Stall hinten sei und führte mich zu ihr, damit ich sie nicht auch noch suchen musste. Wir sahen uns zusammen die sechs Vollblutfohlen an. Ich nahm jedes einzelne genau unter die Lupe und stellte zufrieden fest, dass sie alle vom Exterieur her den Erwartungen entsprachen. Allerdings fiel mir auf, dass eines der dominant weissen Fohlen ein wenig schlapp wirkte und selbst als wir den Offenstall betraten mit aufgestütztem Kopf im Stroh liegen blieb. Ella klärte mich sogleich auf: „Die kleine hatte eine schwierige Geburt, das ist die, von der ich dir auch schon am Telefon erzählt hatte. Sie ist auch etwas kleiner als die anderen und trinkt leider nicht ganz so viel, weshalb wir ihr zusätzlich zweimal am Tag etwas mit der Flasche anbieten.“ „Das das genetische Fohlen von Ciela… Denkst du, es liegt vielleicht daran, dass Ciela selbst noch so jung ist?“ „Gut möglich; es wäre jedenfalls schön wenn es nur das ist.“ Ich nickte zustimmend und sah das beinahe ganz weisse Fohlen nachdenklich an. Sie sah hübsch aus, mit den braunen Ohren und ihren dunklen Augen. Aber eben diese wirkten ungewöhnlich müde und lustlos, was mich wirklich besorgte. „Der Tierarzt war schon da?“ „Nein, kommt demnächst. Ich habe aber schon mit ihm telefoniert und er meinte, wir sollen so fortfahren wie bisher und die kleine gut beobachten.“

      Den ganzen Heimweg über zerbrach ich mir den Kopf, was das weisse Fohlen wohl plagte. Schliesslich wurde ich von meinen Sorgen abgelenkt, als wir auf der Wilkinson Farm von Rosie begrüsst wurden. Jonas und Lily liefen bereits voller Erwartung zum Stall, denn sie waren genau wie ich wahnsinnig gespannt auf Islahs und Farashas Fohlen. „Awww! Es ist ja ganz schwarz!“, kam wenig später der Ausruf von Lily. „Nicht ganz“, ergänzte Rosie, „Sieh dir die hell umrandeten Augen an – es wird ein Schimmel wie sein Vater.“ Entzückt betrachtete ich das Tierchen mit dem edlen Hechtkopf. Die krause Fohlenmähne war etwas dürftig im Vergleich zu der meiner Criollo Fohlen, aber das verlieh ihr schon jetzt ein elegantes Gesamtbild. Die grossen, hübsch geschwungenen Ohren waren neugierig nach vorne gerichtet, als es sich näher zu Lily hin traute und an ihrer Hand schnupperte. Kurz darauf erschreckte sich das Fohlen aber, weil Lily sich zu schnell zu uns umdrehte. Es machte einen übermütigen Seitensprung und verschwand im staksenden Trab hinter Farasha. Wir lachten über die kleine Show und gingen weiter zu Islah. Die kleine Isis, wie ich sie genannt hatte, sah aufgeweckt und munter aus. Sie war eine Schecke, wie ihre Mutter – allerdings hatte sie eine seltsame, grau gestichelte Stelle an der Flanke. Daher fragte ich mich, ob sie nicht doch noch ausschimmeln würde. Eine Schimmelbrille wie Farashas Fohlen hat sie zwar nicht, aber vielleicht ist das ja irgendein Sonderfall, überlegte ich. Jonas fragte Rosie: „Wie hast du nun eigentlich das schwarze Fohlen genannt?“ „First Chant, weil sie das erste Fohlen ist, das auf meiner eigenen Farm auf die Welt kam.“ „Ein toller Name“, bemerkte ich schwärmerisch. „Sie wird zum Verkauf stehen Occu, also wenn du Interesse hast…“, lachte die rothaarige, junge Frau. „Ich überleg’s mir, okay? Ich muss sowieso noch planen, welche unserer eigenen Fohlen ich behalten will. Das wird echt nicht leicht…“ „Doch eigentlich schon“, bemerkte Jonas verheissungsvoll. „Es wird damit enden, dass du alle behälst weil du keines loslassen kannst – und falls doch wirst du wieder jeden Tag hoffen, dass sie aus irgendeinem Grund zurückgegeben werden.“ „Du weisst genau, dass das nicht geht, auch wenn es toll wäre. Dafür haben wir einfach zu wenig Platz.“ Lily sah ich förmlich an, dass sie etwas dazu sagen wollte, aber sie hielt sich zurück und beobachtete nur nachdenklich Isis. Ich ahnte, was in ihr vorgehen musste. Sie konnte sich genau wie ich nicht entscheiden, welches der Fohlen sie am liebsten hatte.

      Wir verabschiedeten uns von Rosie, nachdem wir auch bei Anubis, Numair und Bintu Al-Bahri reingesehen hatten. Es war schon spät und wir mussten morgen wieder früh aufstehen, deshalb hatte es auch nicht für einen Tee bei Rosie gereicht. Den gönnten Jonas und ich uns dafür zuhause noch rasch, während Lily bereits ins Bett kriechen musste. Ich sass auf dem Sofa, streichelte Jacky und starrte nachdenklich an die Wand. Plötzlich überlegte ich laut: „Also bei den Criollos wäre es ja naheliegend, wenn wir Fiasco behalten würden. Er wird später sicher interessant für die Farbzucht.“ „Aber ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du trotzdem lieber Moon’s Fohlen hättest. Oder liege ich da falsch?“, meinte Jonas zwinkernd. Ich seufzte und nickte langsam. „Dann behälst du eben den. Wir haben eh schon Dod für die Farbe, also spielt es keine Rolle.“ „Meinst du wirklich? Also gut, dann bleibt Moon’s Fohlen. Wir brauchen aber noch einen guten Namen für ihn.“ „Dod’s Daydream?“ „Nähh, ich finde etwas Spanisches wie bei Fiasco würde einfach besser passen…“ „Uff… Sueño del Muerte oder sowas? Ich kann kein Spanisch…” “Ich auch nicht wirklich, aber zum Glück gibt es das Internet.” Ich gab in diversen Wörterbüchern Vorschläge ein, die etwas mit der Bedeutung von Dods Namen zu tun hatten. Irgendwann stiess ich zufällig auf das Wort ‚solas‘, so viel wie „alleine“ bedeutend. Ich fand den Klang davon toll, und überlegte, womit man es kombinieren konnte, damit es passte. „Etwas mit träumen wär schon nicht schlecht“, meinte Jonas, „denn sonst hätte es ja doch keinen Zusammenhang mit Dod.“ So wurde es „Soñando Solas“ – ‚alleine träumend‘. Ich war zufrieden mit dem Klang, auch wenn die Bedeutung etwas fragwürdig war. Wir verräumten unsere Tassen und gingen die Treppe hoch ins Schlafzimmer, denn mittlerweile veranstalteten wir fast schon ein Wettgähnen. Als ich mich unter die Decke gekuschelt hatte, konnte ich es doch nicht lassen, weiter über die Fohlen nachzudenken. Ich stellte fest: „Ich glaube ich kann nicht schlafen, bis ich mich entschieden habe…“ „Welches von den Minis gefällt dir am besten?“, fragte Jonas leise. „Ich glaube Orchid. Wir haben ja noch kein buckskin Mini, und ich kann doch keine Tochter von Daki weggeben…“ „Siehst du? Und schon bist du wieder etwas weiter. Was ist mit den Warmblutfohlen?“ „Die behalten wir!“, meinte ich sofort, wie ein trotziges Kind. „Dieser Meinung bin ich auch!“, kam eine Mädchenstimme aus dem Zimmer nebenan. „Horchst du etwa? Ab ins Bett jetzt! Du musst morgen in die Schule.“ „Aber du behälst die beiden definitiv, ja?“ „Ja.“ „Gute Nacht.“ Daraufhin blieb es definitiv still aus dieser Richtung. „…Vollblüter?“, murmelte Jonas. „Cupid. Cupid bleibt, der hat Potential. Er hat sogar schon Oliver auf seiner Seite. Und Simply Priceless gefällt mir einfach wahnsinnig gut, ich möchte sehen, was aus ihm wird.“ „Ich finde Call it Karma süss. Die hat was besonderes, mit ihrem gutmütigen Blick und dem hübschen Bauchfleck.“ „Die beiden Schimmelfohlen von Iskierka und Shades of Gray sind auch vielversprechend… Wir können aber einfach nicht alle behalten…“ „Was ist mit dem zweiten dominant weissen?“ „Ich weiss nicht… Es wirkt so schwächlich und lustlos. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass es nicht durchkommt…“ „…Aber wenn doch würdest du es auch behalten wollen?“ „Es hat eine tolle Farbe, aber ich weiss nicht, ob es überhaupt zum Rennen geeignet sein wird, wenn es so schwach ist…“ „Naja, verkaufen kannst du es sowieso nicht, wenn es nicht fit ist. Also bleibt dir fast nichts anderes übrig als es zu behalten.“ „Aber zwei müssen definitiv weg. Vier behalten wäre okay, aber alle sechs sind zu viele.“ „Wenn du meine Meinung hören willst: Ich finde, du solltest die beiden Schimmel Snap Cat und Storm Cat abtreten. Ich weiss, du wolltest besonders das Fohlen von Iskierka aufwachsen sehen und trainieren, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir die anderen vier behalten sollten, und nicht diese beiden.“ „Ich hoffe dein Gefühl ist verlässlicher als meines damals beim Kauf von Cool Cat. Er war ja ursprünglich nur meine zweite Wahl gewesen, aber er hat sich zu einem echten Glückstreffer gemausert. Glaub mir, die Pferde aus dieser Blutlinie sind vielleicht am Anfang unscheinbar, aber entwickeln sich später zu unerwarteten Talenten.“ „Tja, du musst dich entscheiden. Du hast dir das vier-Vollblüter-Limit selbst gesetzt, nun musst du damit umgehen.“ „Ich weiss… Na gut. Die Schimmel gehen. Aber wehe das war die falsche Entscheidung!“ „So so, das ist natürlich bequem, im Falle eines Falles mir die Schuld zuzuschieben. Aber okay, ich übernehme die Verantwortung.“ Ich gab ihm glücklich einen Kuss und legte meinen Kopf an seine Schulter. Ich murmelte: „Hunter Crowley hat auch schon Interesse an den beiden gezeigt. Wenn er tatsächlich eines davon nimmt, wären sie wenigstens noch in der Nähe von uns.“ „Ich bin sicher, dass er bei den süssen Ohren nicht wiederstehen kann“, gluckste Jonas. „Bleiben noch die Paint Fohlen. Behalten oder weggeben?“ „Unclouded ist schon ein richtiger Pachtskerl…“, meinte Jonas zögernd. „Wirklich. Aber irgendwie… Hach ich weiss nicht, wenn wir Shadows Fohlen dann auch noch behalten wollen… Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade noch so von den beiden trennen könnte.“ „Da stimme ich dir zu.“ Ich horchte noch eine Weile seinem ruhigen Atem, dann fielen mit die Augen zu. Endlich fand ich auch den Schlaf, jetzt wo alles beschlossen war.
    • Occulta
      Calypso
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      Endlich war es soweit, ich war wieder auf dem Weg zu Occulta und ihren Englischen Vollblütern. Beim letzten Besuch kümmerte ich mich um die Großen Patienten, heute waren es die kleinen Neugeborenen. Ich war schon ganz gespannt was mich für hübsche und aufgeweckte Fohlen erwarten würden. Von Occulta´s Vollblutpferden war ich im allgemeinen sehr begeistert! Am frühen Nachmittag fuhr ich auf den Hof, das Wetter war bewölkt und es schien als ob es gleich anfangen würde zu regnen. Ich nahm meinen Koffer und schlug die Autotür zu. Schnellen Schrittes ging ich zum Stallgebäude, inzwischen kannte ich mich gut aus, und machte Occulta ausfindig. „Hallo, schön dich wieder zu sehen!“ lächelnd empfing sie mich und begrüßte mich mit einer Umarmung. „Bereit für den Fohlenmarathon heute?“ „Ich bin bereit! Und ich hoffe das ich nicht vor lauter knuddeln meine eigentliche Arbeit vergesse.“ scherzte ich und wir gingen los zu meinem ersten Patienten. In der Box standen eine Schimmelstute und ihr ebenfalls weißes Stutfohlen mit braunen Öhrchen und, wie ich später bemerkte, einem blauen Auge. Ich beschloss die Untersuchungen ganz ohne Stress in der Box bei der Mama zu absolvieren. Schließlich sollten die Fohlen ihren ersten offiziellen Tierarztbesuch mit nichts negativem verbinden. Ich fragte die Gestütsbesitzerin wie der Name der kleinen Stute war. Challenging Time, wie mir gesagt wurde, reckte das Köpfchen und kam neugierig auf mich zu stolziert. Ich ließ sie lange schnuppern und beobachten ehe ich sie berührte und so schon ein wenig abtasten konnte. Ihr schien das nicht viel auszumachen und auch das Stethoskop fand sie gar nicht so gruselig. Natürlich machte ich alles sehr spielerisch und ließ mir dabei Zeit. Vom Gesamtbild her machte Challenging Time einen guten Eindruck bei mir und ich sah zu Occulta auf „So kann es gerne weiter gehen.“. Geimpft wurden die Fohlen erstmal noch nicht, dazu waren sie noch zu jung. Ab ca. dem 6. Lebensmonat könnten wir damit beginnen.
      Als nächstes ging es zu Call it Karma, auch ein Stutfohlen aber in brauner Optik. Auch bei ihr startete ich so wie bei Challenging Time. Erst bekannt machen und viel Streicheleinheiten für Mutter und Fohlen. Karma war auch sehr neugierig und stupste mich immer mal wieder neugierig an und verschwand dann wieder hinter ihrer Mutter. „Na komm Süße, lass mich dich mal genauer anschauen“ sprach ich so vor mich hin und wartete auf den Moment, in dem das kleine Fohlen sich wieder zu mir traute. Mit ruhiger und lobender Stimme tastete ich sie ab und hörte auch Herz-, und Lungenfunktion ab. Ich war bis jetzt wirklich sehr zufrieden mit meinen kleinen Patienten und der Rest würde auch noch schnell über die Bühne gehen. „Ich muss wirklich sagen, die sind ja echt schon gut an den Menschen gewöhnt, dafür das sie noch so jung sind.“ meinte ich zu Occulta und wir sprachen ein wenig über das ganze Fohlenaufzucht Thema.
      An der nächsten Box angelangt, fand ich einen kleinen Hengst, in sehr ausgefallener Jacke, vor. Er war eher wie ein Roan, allerdings gescheckt, mit aber mehrheitlich weiß Anteil. „Das ist Simply Priceless, oder nur Simply“ erklärte mir Occulta und blieb an der Boxentür stehen. Ich betrat die Box und machte mich zuerst mit der Mutter bekannt aber das Hengstfohlen wollte nicht warten. Jetzt war er an der Reihe, der Meinung war er zumindest, und streckte mir seinen Kopf etwas grob entgegen. Sofort fing er an an meiner Jacke herum zu knabbern und ich musste ihn schon etwas sachte abwehren. „Du bist ja hier einer von der ganz neugierigen Sorte, was?“ lachte ich und tätschelte das Fohlen am Hals. Simply empfand die ganze Untersuchung als reines Spiel und tänzelte um mich herum wie ein junger Hund. Ich musste ihn mit einer Hand vorne an der Brust etwas festhalten um ihn mal kurz genauer abtasten und abhören zu können. Er leistete keinen Widerstand und kurz darauf merkte ich schon wieder die samtweichen Nüstern meinen Arm entlang wandern.
      Nach Simply war wieder ein Hengstfohlen an der Reihe, der vorletzte Patient von heute. Sein Name war Snap Cat und auch er war ein echter Hingucker. Hier kam Occulta jedoch mit in die Box, um die Mutterstute in Zaum zu halten. Anscheinend soll die Stute manchmal ganz schön zickig sein und natürlich würde sie auf ihr Fohlen ganz besonders gut aufpassen. Sie nahm sie ans Halfter und hielt sie etwas fest damit sie auch nicht in Reichweite zu mir war. Ich hatte mich in der Zwischenzeit mit Snap Cat angefreundet und durfte ihn bereits über den ganzen Körper streichen. Immer wieder lobte ich das Fohlen und gönnte ihm eine Pause. Die Stute beobachtete mich ganz genau und ohne Occulta´s Hilfe wäre ich vermutlich gar nicht erst an den kleinen Hengst heran gekommen. Zum Schluss hörte ich auch ihn ab und konnte absolut keine Auffälligkeiten erkennen.
      „Dann kommen wir zum Letzten von heute.“ sagte Occulta und führte mich zu einer Box mit einem fast schwarzen Fohlen. Cupid lag im Stroh und döste gerade vor sich hin. Ein zuckersüßer Anblick, wie ich fand. Seine Mama fraß genüsslich vom daneben liegenden Heu und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen als ich die Box betrat. „Hallo du Süßer“ hauchte ich schon fast mit einer Engelsgleichen Stimme und ging in die Hocke. Ich streckte Cupid meine Hand entgegen und ließ ihn daran schnuppern. Dann ging doch plötzlich ein Ruck durch das Fohlen und es stemmte die Vorderbeinchen ins Stroh um aufzustehen. Er schüttelte sich und leckte sich die Lippen. Ich streichelte ihn noch ein wenig ehe ich mit dem Kontrollcheck begann. Wieder ganz spielerisch und mit viel Geduld. Cupid blieb an Ort und Stelle stehen und ließ mich meinen Job machen. Mein Stethoskop, das ich um den Hals trug, fand er ganz besonders toll und hatte es einmal schon fast im Maul. Nach einem erfolgreichen Nachmittag und fünf quietsch fidelen Fohlen, machte ich mich wieder auf den Heimweg und freute mich schon wieder auf meinen nächsten Besuch bei Occulta.
    • Occulta
      Sommergewitter
      Ankunft von PFS' Dancin' to Jazz und PFS' Whirlwind

      Es war heute sehr schwülwarm und mir lief der Schweiss sogar noch herunter, als ich eigentlich rasch Pause machte und mich in den Schatten eines grossen Apfelbaumes auf der Stutenweide setzte. Auch die meisten Pferde hatten sich unter den schützenden Blätterdächern verteilt und verscheuchten gelegentlich ein paar Fliegen mit ihren Schweifen. Besonders die Stechviecher waren heute aggressiv – eine Bremse versuchte gerade dauernd auf meinem Bein zu landen. Die Pferde hingegen blieben von den Blutsaugern mehrheitlich verschohnt, denn sie wurden jeden morgen gründlich eingesprayt. Dafür muss das Mistvieh sich jetzt mich als Ersatz aussuchen, stellte ich verärgert fest und erwischte das nervige, surrende Tierchen endlich mit der flachen Hand. Dancing Moonrise Shadows, die vorhin noch etwas weiter entfernt gestanden war, schlich sich von hinten an mich heran und schnupperte sanft an meiner Schulter. Ich gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Nase und liess sie an meinem T-Shirt zupfen – ich wusste, dass sie aufpasste und nicht grob war. Nachdenklich betrachtete ich dabei die strahlend blauen Augen der Stute. Ich hatte letztens eine dreijährige Tochter von ihr entdeckt, deren Existenz mir bis anhin gar nicht bekannt gewesen war. Es handelte sich um eine dreijährige Appaloosastute von Dream of Wyoming, einem bekannten, aber noch nicht oft eingesetzten Leopardschecken. Normalerweise hätte ich diese Neuigkeit zur Kenntnis genommen und mich nicht weiter darum gekümmert, denn ich war nicht wirklich ein Appaloosa Fan. Doch das kleine, amateurhafte Foto der regennassen, damals zweijährigen Stute mit den grossen, ausdrucksstarken Augen und den hübsch geschwungenen Ohren hatte mich auf Anhieb verzaubert. Auf dem Foto trug sie bereits einen Westernsattel und eine Trense, obwohl sie damit noch schmaler und babyhafter wirkte, als sie es mit ihren jungen Jahren ohnehin schon tat. Auch die bereits erwähnten, wunderschönen Augen sprachen Bände; sie wirkten sorgenvoll und unsicher. Nach einigem Recherchieren hatte ich herausgefunden, dass die Stute wohl recht früh eingeritten worden war und kurz darauf bereits an einigen Shows ihr Können hatte zeigen müssen. Lange hatte ich darüber nachgedacht, aber das Bild von Shadows Tochter war mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Also hatte ich mich vor etwas mehr als zwei Wochen dazu aufgerafft, den mittlerweile ehemaligen Besitzer zu kontaktieren und nach dem Preis zu fragen. Jawoll, mittlerweile ehemalig – denn der Betrag war passend gewesen und Jonas hatte mir die letzten Zweifel genommen. Und so würde Dancin‘ to Jazz heute auf Pineforest ankommen – allerdings erst abends.

      Ich stand auf und streckte mich halbherzig, ehe ich mich auf den Weg zum Parkplatz machte. Ich wollte mal wieder bei Ella und meinen Vollblutfohlen vorbeischauen. Dort wartete nämlich noch jemand ganz besonderes auf mich: vor ein paar Tagen frisch auf die Welt gekommen, aber schon ganz schön geschickt auf den Beinen. Die Rede war von einem interessant gescheckten Stutfohlen, von Mikke und A Winter’s Day abstammend. Einen passenden Namen hatte das Fohlen auch schon, nämlich PFS‘ Whirlwind. Das Fohlen nippte mit seinen kaum vorhandenen Zähnchen an meinen Fingern. Schüchtern wirkte es jedenfalls schonmal nicht. Das war wohl auch der sehr freundlichen, verschmusten Leihmutter zu verdanken, die ihrem Jungspund schon früh gezeigt hatte, dass man Menschen trauen konnte. Jedenfalls den hier anwesenden, dachte ich etwas bitter und erinnerte mich dabei an die zahlreichen Schlagzeilen über vernachlässigte, misshandelte Vierbeiner.

      Ich verbrachte den restlichen Nachmittag auf Ellas Hof und beobachtete die schlaksigen Jungspunde. PFS‘ Call it Karma war von allen die grobknochigste. Allein ihren knubbeligen Gelenken nach zu urteilen würde sie ein beachtliches Stockmass erreichen. „Oder sie wird einfach nur ein Tank mit Beinen wie Baumstämmen“, hatte Jonas einmal bei einem Besuch gescherzt. Da hoffte ich angesichts der zukünftigen Rennkarriere des Stutfohlens eher auf ersteres Szenario. Etwas von ihrer Standfestigkeit hätte Karma auch ruhig PFS‘ Challenging Time abgeben können, die ganz gegenteilig immernoch sehr klein und fein gebaut war. Sie hatte kaum etwas auf den Rippen, obwohl Ella und deren Mann sie zusätzlich mit der Flasche unterstützten. Auch der Tierarzt war mehrheitlich ratlos, aber wahrscheinlich handelte es sich um ein Problem mit der Nährstoffaufnahme im Darm, das mit den vielen kombinierten Farbgenen zusammenhängen konnte. „Is that something like the lethal white syndrome?“, war meine erste, sorgenvolle Frage gewesen. Denn das LWO-Syndrom führte jeweils früher oder später zum Tod des betroffenen Fohlens. „No, she would be dead by now if that was the case. It must be something less critical, like reduced functions of the intestines, but not complete disfunction.” Auch wenn diese Antwort Grund zum Aufatmen gegeben hatte, so blieb ich skeptisch und informierte mich bei Ella laufend über den Zustand von Chime. Wenigstens spielte sie mittlerweile fast genau so ruppig wie die anderen Fohlen, auch wenn sie natürlich nicht gerade die dominanteste der lebhaften Gruppe war. PFS‘ Cupid dagegen bewies sich jetzt schon als kleiner Kravallmacher und rangelte am liebsten mit PFS‘ Simply Priceless. Die beiden Hengstfohlen stiegen spielerisch und kniffen einander in die Vorderbeine, bevor sie plötzlich wieder im Renngalopp und mit aufgestellten Schweifchen dem Zaun entlang einander hinterherjagten. Die Mütter kümmerte das wenig; sie grasten einfach weiter und wussten genau, dass die Jungs nirgends hinkonnten. „Well, Simply has been on the other side of the fence before tough, so it wouldn’t be the first time…”, bemerkte Ella aber auf meine laut ausgesprochenen Gedanken hin. “Seriously? How did he manage to do that?” “I have no idea. We just heard him call really loud because he couldn’t get back to his momma of course. We then somehow captured him and led him back to the gate. I guess by now it would be more trouble, because he has grown quite a bit already.” Wir lachten herzhaft und sahen den Fohlen noch ein wenig zu, bevor ich schliesslich wieder losfahren musste.

      Als ich eine halbe Stunde später auf den Parkplatz von Pineforest fuhr, hatte sich das Licht der Umgebung irgendwie verändert. Es wurde düsterer und am Himmel türmten sich dunkle Wolken auf. Ohjeh, ich dachte das Gewitter kommt erst um Mitternacht… Der Wetterbericht hatte Gewitter gemeldet, weil es in den letzten Tagen so wahnsinnig schwülwarm gewesen war. Ich freute mich zwar auf die Abkühlung, aber der aufziehende Wind und das ferne Grollen bereiteten mir auch ein wenig Unbehagen. Ich mochte Gewitter sehr – das war nicht das Problem, sondern eher, dass noch längst nicht alles auf dem Hof weggeräumt und sturmsicher war. Ich machte daher den Pflegern Beine und liess sie alles in Sicherheit bringen. Mit einem nervösen Blick auf mein Handy stellte ich fest, dass Jazz bald ankommen sollte. Ich kreuzte nur die Finger, dass sie vor dem grossen Regen gebracht wurde. Es kam jedoch wie es kommen musste: Wir konnten gerade noch das letzte Werkzeug in Sicherheit bringen, da begann es bereits zu tropfen. Die Luft würde erfüllt von dem Duft von nassem Asphalt und Gras. Kurze Zeit später begann es sogar zu hageln. Jonas, Lewis, Quinn und ich hatten auf der Veranda des Haupthauses Schutz gesucht. Von dort aus sah man gut auf den Parkplatz rüber. Endlich erkannte zwei vielsagende Lichter und der Transporter passierte die Tannen des Galoppweges. Ich seufzte, den strömenden Regen-Hagel Mix betrachtend und Jonas zog mir mit einem schelmischen Grinsen die Kapuze über den Kopf. „Viel Spass.“ „Wie überaus nett und mitfühlend von dir…“ Doch als ich symbolisch nochmal Luft holte und mich dann in den Regen stürzte, folgte er mir. Ich sah über die Schulter und er lächelte gezwungenermassen, während er mich mit einem Handzeichen weiterschickte. Wir rannten zum Parkplatz und bedeuteten dem Fahrer, er solle doch gleich bis vor den Nebenstall fahren. Dort hatten wir für Jazz eine provisorische Box eingerichtet, später würde sie allerdings mit ihrer Mutter und den anderen Westernpferden auf die Stutenweide kommen. Der Transporter fuhr so nahe wie möglich heran und wir luden die junge Appaloosastute speditiv aus, um sie schnell ins Trockene zu bringen. Etwas feucht wurde sie trotzdem, aber ich war sicher, dass das sofort wieder trocknen würde. Erst jetzt begutachtete ich die Stute genauer und checkte sie kurz durch. Soweit schien sie gesund und munter, immerhin eine gute Nachricht. Wir bedankten uns und der Fahrer verliess den Hof im noch immer strömenden Regen. Wenigstens hagelte es nicht mehr. Jonas und ich rannten zurück zum Haus und zogen die durchnässten Regenjacken aus. Lily brachte pflichtbewusst Badetücher. Wir boten Quinn und Lewis einen Tee an und sassen im Wohnzimmer, bis sich das Gwitter etwas legte und die beiden unbeschadet ins Pflegerheim überwechseln konnten. Wenigstens war es jetzt angenehm frisch und ich konnte nach der Aufregung hervorragend schlafen.
    • Occulta
      Herbstbeginn, oder: es gibt Ärger auf Pineforest Stable, Teil II
      Beck’s Experience, Rapunzel, Glenns Caress, Lady Diva from the Sky, Arctic Blue, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, Tigrotto, Snottles Peppermint, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Shadows of the Past, PFS’ Sarabi, PFS’ Skydive, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Daedra, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Cloony, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Mikke, Khiara El Assuad, Vai Alida, Rosenprinz, Valentine’s Cantastor, Empire State of Mind, Areion, Satine, Moon Kiddy, PFS’ Ljúfa, Feline, Numair, Anubis, Bintu Al-Bahri, Farasha, PFS‘ First Chant

      Das Telefon klingelte, und ich hechtete förmlich darauf zu, nur um gleich darauf enttäuscht die Stimme meiner Mutter zu hören. „Ja Mum, ich hab es nicht vergessen... Selbstverständlich könnt ihr an Halloween zu uns rüberkommen… Ja klar, ihr schlaft wie immer im Gästezimmer… Bye.“ Der Anruf, den ich eigentlich erwartete, war von der Polizei; mit Neuigkeiten über meine und Rosies gestohlene Pferde. Doch der blieb auch an diesem Morgen aus. Ich wurde zunehmend besorgter über den Verbleib von Numair, Anubis, Bintu, Farasha und besonders klein First Chant. Ich hoffte einfach, dass sie bald gefunden wurden und unversehrt zurückkehren konnten. Derweilen konnte ich immernoch nicht glauben, wie dreist der Dieb gewesen war. Unser Vertrauen auszunutzen, um sich zuerst ein Bild von der Anlage und den Pferden zu machen – das wahr ja wohl das Letzte. Und das allerschlimmste ist, dass ich davon nichts gemerkt habe! Auch nicht, als er so grosses Interesse an den Arabischen Vollblütern gezeigt hat. Dabei hätte mir seine gezielte Frage, ob ich denn auch Araber besitze, bereits fischig vorkommen müssen. Er wusste schon vorher von den Pferden, das ist sicher, und hat sich auf diesem Weg nur einen ersten Zugang zum Stall verschafft, um sich umzusehen. Doch sich darüber ärgern half jetzt auch nicht mehr. Alles, was ich tun konnte, war abwarten und Tee trinken – Schwarztee, um genau zu sein. Es war einmal mehr halb sechs Uhr, Frühstückszeit. Jonas, mir gegenüber, sah so aus, als würde er gleich mit dem Gesicht in der Müslischüssel einschlafen. Ich gab ein unterdrückt-amüsiertes Glucksen von mir, woraufhin er ausgiebig gähnte. Die Hunde mampften ihr Futter und Lily lag noch bis halb Acht unter ihrer warmen Bettdecke. Kurz darauf zog ich mir meine schwarze Fleecejacke an und verliess das Haus. Es war ein nebliger Morgen in England (wer hätte es gedacht) und noch versteckte sich die Sonne unter dem Horizont. Brrr, kalt und unheimlich. Ich lief etwas zügiger und machte meine morgentliche Stallrunde. Ich liess das Licht im Hauptstall an, woraufhin die meisten Pferde aufmerksam ihre Köpfe hoben und durch die Boxenfenster in die Stallgasse schauten. Ein paar grunzten hungrig, ein paar waren noch ein wenig verschlafen und liessen die Unterlippe hängen. Ich streichelte im vorbeigehen Rosenprinz‘ Nase. Auch Canto und Empire streckten mir erwartungsvoll ihre Köpfe entgegen. „Be patient, boys - your hay is coming.“ Ich hörte nämlich in diesem Moment Stimmen vom Eingang des Stallgebäudes herkommend, die verdächtig nach Ajith und Quinn klangen. „…you know nothing! You have no idea what kind of person he is, and yet you judge him?” “Quinn, I’m just worried about you…” “Oh please, save your breath. It’s none of your business, so stay out of it.” Das Gespräch brach ab und ich vermutete, dass Quinn davongelaufen war. Stirnrunzelnd begab ich mich in Richtung Eingang, um nach Ajith zu sehen. Der Pfleger stand an die Boxenwand gelehnt und sah ziemlich müde aus. „What was that?“, fragte ich vorsichtig. „You heard? Ahhh… Luck isn’t on my side today, huh…“ „Come on, you know I’ll always listen when you have something on your mind.“ Der Pfleger seufzte leise. “It’s about Quinn’s father. Apparently he has a drinking problem… He depends on her beause he has no work and he is apparently violent when he’s drunk; she had some bruises when she returned from visiting him in Ireland. She pretended to have bumped into something, but I don’t believe her. And now she’s angry with me for trying to help.” “I did know that her father is a difficult person, but I had no idea that it was so bad… Maybe I should try talk to her?” Er zuckte mit den Schultern und sah weg. Offenbar glaubte er, dass es ohnehin nichts bringen würde. Ich legte ihm meine Hand beruhigend auf die Schulter und setzte dann meine Runde durch den Hauptstall fort. Bei den Stuten sah ich, dass Khiaras Box etwas wenig Stroh hatte und rief daher in Richtung Ajith, dass sie heute Nachschub brauchte. Die Stute hatte ein seidiges Winterfell entwickelt, dass zwar nicht besonders lang war, sie aber dennoch schön warm zu halten schien. Sie sah mir freundlich entgegen und beschnupperte interessiert meine Hand. Ich streichelte sie rasch, mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht. Zira entdeckte weiter vorne eine Maus und verschwand um die Ecke, während ich einen Blick in die restlichen Boxen warf. Alidas sonst so blutrotes Fell war im Moment eher gräulich, weil sie frisch geschoren war. Es hatte mir fast wehgetan, die schöne rote Wolle wegzurasieren, wo sie doch so zum Herbst passte. Aber die Stute hatte auch im Winter anstrengendes Training vor sich, bei dem sie sonst zu viel schwitzen würde. Dafür hatte Caprice ihren Pelz noch, der in leuchtendem Orange schimmerte. Ich sah sie gerade nur von hinten, denn sie sah zum Fenster raus. Mir fiel auf, wie dicht ihr Schweif geworden war, seit sie auf Pineforest Stable angekommen war. Mit dem dunkleren Streifen Haare in der Mitte und den feinen Löckchen an den kurzen, äusseren Haaren sah es richtig edel aus. Caprice bemerkte mich und drehte ihren Kopf nach hinten; aber ging weiter um sie nicht zu stören, denn ich hatte gerade sowieso nichts in der Tasche und sie wurde erst am Nachmittag von Charly bewegt.
      Dafür kümmerte ich mich um ein anderes orangenfarbiges Tier. Naja, sie war schon eher blutorangenfarbig, denn ihr Fuchsfell war jetzt im Winter besonders dunkel. Ich begrüsste Satine mit einer Karotte, die ich zuvor aus der Futterkammer stibitzt hatte. An ihrem grün gestreiften Halfter führte ich sie aus der Box und band sie beim Holzgitter unter dem Nebenstalldach an. Sie beobachtete mit ihren wachen, eisblauen Augen die vorbeilaufenden Pfleger und Pferde. Langsam wurde es nämlich lebendig auf dem Hof und die erste Gruppe von Rennpferden wurde auf die Bahn geritten. Ab nächster Woche wollten wir das Training wieder auf eine spätere Morgenstunde verschieben, da es jetzt ja nicht mehr so warm war und wir so wieder Tageslicht hatten. Ich bürstete Satine ausgiebig durch, bis nur noch ein bisschen Staub vom letzten Weidegang in ihrem Fell übrig war. Auch die Hufe kratzte ich sauber aus. Jonas führte Feline auf dem Kiesweg vor uns an uns vorbei zum Sandplatz. Ich beeilte mich mit Satteln und wir stiessen zu ihnen. Wir ritten die beiden Stuten nebeneinander warm, arbeiteten danach aber einzeln mit ihnen. Jonas machte mit der Criollostute Dressurarbeit, während ich mit Satine ebenfalls an Takt und konstanter Anlehnung arbeitete. Die beiden waren ähnlich weit in der Dressur – solide ausgebildet, aber nicht hauptsächlich darin gefördert worden. Satine war vor allem im Springen top, während Feline ein vielseitiges Freizeitpferd darstellte. Die Arbeit mit Satine machte heute richtig Spass, da die Stute konzentriert mitarbeitete und sich auch nicht von dem bunten Treiben um uns herum ablenken liess. Nur einmal zuckte sie zusammen, als Jacky sich geräuschvoll durch das Gebüsch, das den Sandplatz zierte, hindurchzwängte. Ich schickte die Jack-Russel Hündin zu Zira, die brav im Gras lag und wartete. Jacky setzte sich eher träge neben ihre jüngere Gefährtin und kam umso freudiger angehüpft, als ich sie nach dem Reiten wieder zu mir rief. Ich zerwuschelte das Fell der beiden Hunde zur Belohnung und führte dann Satine zurück zum Absatteln. Jonas war mit Feline schon vorausgegangen und brachte mir kurze Zeit später Moon Kiddy mit, die ich als nächstes Reiten wollte. Er hatte auch Ljúfa im Schlepptau, denn wir wollten gemeinsam mit Robin Lancaster ausreiten gehen. Die Isländerstute war noch ziemlich jung und früh eingeritten für eine Vertreterin ihrer Rasse. Wir hatten aber bisher nur leichte Arbeit mit ihr gemacht, vorallem Ausreiten im Gelände und ein paar leichte Qualifikationsshows. Galoppiert war sie noch nicht unter dem Sattel, nur Schritt, Trab und Tölt geradeaus. Ausserdem ritten sie nur die leichtesten der Pfleger, damit sie nicht übermässig belastet wurde. Deshalb übergab Jonas Ljúfa auch Robin, die gerade angelaufen kam. Jonas selbst holte hingegen Shira mit dem Knotenhalfter aus ihrer Box und band sie neben mir und Moon an. Die dreijährige Stute wurde gerade eingeritten und war erst einmal richtig unter dem Sattel gelaufen. Wir wollten heute nur eine kleine Runde mit den drei Stuten drehen, wobei Moon als erfahrenes Lehrpferd diente. Die Hunde warteten geduldig, bis wir gesattelt hatten. Sheela war nun auch dabei, denn sie war wiedermal bei Jonas geblieben. Beim Satteln war ‚Prinzesschen‘ noch ein bisschen unruhig, obwohl wir schon einige male geübt hatten. Ich liess die bereits mit dem Bosal gezäumte Moon rasch stehen und vertraute darauf, dass sie nirgens hinging, denn ich wollte Jonas noch bei Shira helfen. Wir zäumten die Ponystute über dem Knotenhalfter und ich nahm sie später beim Aufsteigen zunächst zusätzlich als Handpferd an den Strick. Als alle oben waren, ritten wir eine Runde zur Galoppwiese und dem Waldrand entlang. Zum Glück konnte ich mich so gut auf Moon verlassen, denn die Stute liess sich ausgezeichnet von mir dirigieren und zickte auch nicht, wenn wir Jonas mit Shira helfen mussten. Einmal wollte die unerfahrene Ponystute zum Beispiel nicht an einem Holzhaufen vorbei, sodass ich Moon kurzerhand nutzte, um sie vorwärts zu treiben. Auch mit den frischen Vollblütern war Moon jeweils Gold wert als Trackpony. Ich kraulte sie dankbar durch die dichte Mähne am Hals, als wir das Hindernis geschafft hatten.

      Den ganzen Morgen über ritt oder longierte ich verschiedene Pferde, kurz vor dem Mittag musste ich aber auch noch etwas Buchhaltung für Pineforest erledigen und mich daher in mein Schreibzimmer begeben. Danach hiess es Mittagessen kochen. Lily erzählte uns von nervigen Lehrern und Mitschülern, das Übliche. Sie schien froh, dass sie am Nachmittag keine Schule hatte und zu den Pferden konnte. Sie erklärte stolz, dass sie mit Areion heute Geländesprünge üben wollte. Ich hielt das allerdings für keine gute Idee angesichts des nassen Bodens und weil ich heute keine Zeit hatte sie dabei zu coachen. Es war mir einfach doch noch etwas zu riskant die beiden alleine an den teils massiven Hindernissen üben zu lassen, auch wenn sie nicht hoch eingestellt waren. Lily war natürlich enttäuscht, aber ich munterte sie auf indem ich ihr anbot, dass wir später zusammen mit den Fohlen spielen konnten und überzeugte sie, stattdessen mit Areion heute Abend zu Elliot in die öffentliche Dressurstunde zu gehen. Nach dem Essen nahm ich die Hunde mit zu den Miniature Horses. Die kleinen Pferdchen wollten schliesslich auch gepflegt werden und hatten sich schonmal schön schlammig gemacht, damit sie auch nicht zu kurz kamen. Während die Hunde durch das halbhohe Gras streunerten, begann ich Arco zu putzen. Der silbergraue Hengst hatte jetzt mit dem Winterfell deutlichere Dapples als im Sommer – früher war es manchmal noch fast umgekehrt gewesen. Seine fast ganz weisse Mähne war mit ein paar Dreck-Rastas versehen, welche sich aber gut entfernen liessen. Das wollige Winterfell striegelte und bürstete ich ausgiebig, aber die beine waren nicht gerade einfach sauber zu bekommen, so feucht wie sie waren. Ich putzte sie so gut es ging, verschwendete aber auch nicht zu viel Energie daran, denn er würde ohnehin bald wieder für Shows geschoren werden. Dasselbe war es auch mit Lenny und Becks. Wobei ‚Red’ schon vor dem Putzen von allen noch am besten ausgesehen hatte. Bei den Stuten war Lewis mittlerweile mit dem Misten fertig und bürstete nun ebenfalls fleissig die dichte Wolle der Vierbeiner. Er war mit Rose schon fertig und kümmerte sich gerade um Tigrotto. Ich schlüpfte unter dem Zaun durch und fing Lady ein. Die Fuchsstute folgte mir willig zum Zaun und liess sich genüsslich von mir massieren. Sie sah so edel aus, trotz des Winterfells, wenn sie ihren Hals vor Wohlsein rund machte. Mit den beiden Youngsters, Kiwi und Tiki, wollte ich einen kleinen Spaziergang machen. Lewis nahm bei der Gelegenheit auch gleich Queenie und Papillon mit. Die beiden hatten heute frei (sie waren gestern auf einer längeren Trainingsfahrt gewesen) und so ein Spaziergang war bestimmt lockernd für die beanspruchten Muskeln. Wir gingen mit den vier Ponys zum Fluss und über die Feldwege um Pineforest herum. Auf dem Heimweg begegneten wir Lily, die mit Peppy ohne Sattel und mit dem Stallhalfter unterwegs war. Ich rief ihr nach, dass sie bei der Strasse vorsichtig sein solle und erntete nur ein klangvoll ausgerufenes „Ich we-iss“. Lewis grinste nur belustigt und wir plauderten weiter über die kommenden Fahrturniere.
      Während Lily noch im Gelände herumdümpelte, ging ich schonmal zu Thairu, dem Zebra. Sie und Zazou, den wir ab und zu aus Gewohnheit immernoch Dante nannten, standen Popo-an-Kopf nebeneinander unter dem geschützten Unterstand, den wir für sie gebaut hatten. Beide hatten kaum Winterfell aufgrund ihrer Art, vertrugen die Kälte im Winter aber trotzdem ziemlich gut, solange sie einen Rückzugsort hatten. Ich trainierte im Moment nicht mehr so oft mit Thairu, weil mir die Zeit dazu schlichtweg fehlte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ihr das schadete. Im Gegenteil; sie vergass kaum etwas zwischen den Trainingseinheiten und war jeweils entspannt, wenn wir wiedermal mit ihr arbeiteten. Ich putzte sie heute nur gründlich durch, ebenso wie den Wildesel neben ihr. Thairu mochte es besonders an ihrem Unterhals gestreigelt zu werden. Aber auch Zazou hatte eine Lieblingsstelle, nämlich hinter seinenen langen Löffeln. Ich klopfte dem Zebra beim Gehen auf den Po und begab mich in Richtung Fohlenweiden. Lily hatte Peppy versorgt und kam angerannt, als sie mich sah. „Was wollen wir mit ihnen üben?“, fragte ich meine Nichte, sobald sie in Hörweite war. „Blachen! Und den Gymnastikball, und vielleicht Flattervorhang?“ „Ich glaube Ball und Blachen reichen für heute, aber wir können noch ein paar Kegel aufstellen und Führtraining machen.“ „Ja!“ Sie lief voraus zur Halle, denn im Bereich vor der Reiterstube hatten wir einen Lagerraum für das ganze Bodenarbeitsmaterial. Ich folgte und gemeinsam trugen wir die Übungsgegenstände zu den Weiden. Die Hunde waren wie immer mit dabei, und bei der Halle waren wir dem Kater Kafka begegnet, der uns von der Treppe zur Tribüne aus scharfäugig beobachtete hatte. Als erstes wurden wir bei den Weiden von Skyrim begrüsst, der Lily sofort seine rosa Schnauze ins Gesicht streckte. Das erstaunte mich nicht sonderlich, so viel, wie sich meine kleine Nichte mit dem Reitpony beschäftigte. Auch die anderen Hengstfohlen kamen neugierig näher, während wir den ‚Parcours‘ aufstellten. Cupid begann sogar frech an der Blache herumzuzupfen und sie mit dem Huf zu bearbeiten. Simply blieb erstmal auf Abstand, traute sich dann aber doch neben Cupid an der blauen Blache zu schnuppern. Übrigens waren die Vollblutfohlen mittlerweile abgesetzt worden und nach Pineforest umgezogen. Das Verladen der halbjährigen war natürlich ein riesen Ereignis gewesen, mit viel Gequietsche und grossen Augen. Aber am Ende hatte alles ohne Zwischenfälle geklappt und die Fohlen waren gut angekommen. Als wir alles bereitgestellt hatten, holte ich zwei Halfter und Stricke damit wir das Führtraining machen konnten. Selbstverständlich behielt ich Lily die ganze Zeit im Auge, während sie zuerst Skyrim und danach Clooney durch die Pylonen führte. Sie hatte die Anweisung den Strick einfach loszulassen, falls sich einer der Halbstarken erschrecken sollte. Ich selbst führte Mambo an den Gymnastikball heran, bis er ihn mit den Vorderbeinen wegschubste. Er erschreckte sich leicht, liess sich aber erneut auf mich ein und war bei den weiteren Versuchen schon viel mutiger. Solas kam natürlich auch dran und zeigte bei den Blachen bereits jetzt Nervenstärke. Ich war sicher, dass er einmal ein hervorragendes Trailpferd werden würde.
      Bei den Stuten lief es ähnlich ab; die meisten waren ziemlich neugierig und untersuchten die Mitbringsel. Besonders die älteren wie Sarabi, Daedra, Snowflake, Fire und Dolly hatten schon einige solcher Spieleinheiten hinter sich und kannten die Gegenstände. Aber auch Cranberry traute sich sofort heran und bearbeitete den Ball mit ihren Fohlenzähnen. Ich war froh, dass Chime jetzt auch auf Pineforest war und ich sie jeden Tag im Blick hatte. Ella hatte zwar gute Arbeit geleistet und sich ausreichend um das schwächliche Stutfohlen gekümmert, aber mir war trotzdem wohler, wenn ich mich selber um sie kümmern konnte. Sie war und blieb ziemlich schmal, man sah auch ihre Rippen recht gut. Aber laut dem Tierarzt war sie soweit über dem Berg und mit genügend Futterzusätzen würde sie auch gross werden. Es war natürlich eine aufwändige Zukunft, die da vor uns lag, doch für das hübsche Stutfohlen wollte ich keine Mühen scheuen. Sie war mir schon so ans Herz gewachsen, dass ich sie keinesfalls loslassen könnte, auch wenn Oliver skeptisch war, ob die kleine jemals eine Zukunft als Rennpferd haben oder überhaupt gesund bleiben würde. Ich wollte es wenigstens versuchen und ihr diese Chance geben. Weniger dramatisch stand es um die dratige, grobknochige Karma. Sie war ein richtiger Brocken, und ich schätzte, dass sie wohl ein ordentliches Stockmass erreichen würde. Wegen ihrer langen Beine sah es lustig aus, wenn sie grasen wollte. Sie stand dann jeweils vorne ganz breit auseinander. Nun fehlte nur noch Indy, die immernoch bei Ella stand, weil sie ungefähr zwei Monate jünger als die anderen Fohlen war. Ich freute mich schon darauf, endlich alle Fohlen auf dem Hof zu haben. Lily und ich versorgten alles wieder in der Halle, sobald wir fertig waren. Danach gingen wir erstmal ins Haus um uns mit einer Tasse Tee aufzuwärmen, denn es war bereits am Vormittag eine kühle Bise aufgezogen, die sich hartnäckig gehalten hatte. Immerhin war der Himmer klar und blau. Lily ging später wie beschlossen in die Dressurstunde und ich kümmerte mich um zwei neue Pensionäre – denn ich hatte beschlossen, die leeren Boxen auf Pineforest zu vermieten. Im Moment standen schon zwei auswärtige Pferde im Stall, und eines davon war unser alter Freund Fajir. Der Besitzer war sofort mit ihm zurück hierhergezogen, als er von den freien Boxen erfahren hatte. Er war ohnehin seit er den Cremello besass zu uns in die Reitstunden gekommen, und nun konnte der begeisterte junge Herr auch von der restlichen Infrastruktur von Pineforest profitieren. Heute waren nun noch ein weiteres mir unbekanntes Pferd, und Majandro angekommen, den ich ebenfalls vor einer ganzen Weile verkauft hatte. Ich war sicher, dass auch noch weitere der Pferde folgen würden, die ich in unsere Nachbarschaft abgegeben hatte.

      Gegen halb Zehn Uhr klingelte das Telefon bei uns erneut. Ich liess Jonas rangehen, da ich gerade Wäsche bügelte, weil unsere Putzfrau (jawoll, so faul war ich seit Jahren) mit Grippe im Bett lag. Ich lauschte mit einem Ohr dem Gespräch und mein Puls schlug schneller, als ich mir zusammenreimte, worum es ging. „Sie haben sie gefunden?“, hauchte ich zu Jonas, der mir grinsend einen Daumen hoch als Antwort gab, während er dem Beamten zuhörte. Ich machte förmlich einen Freudensprung und konnte es kaum erwarten, die Details zu hören. „… Okay, we’ll pick them up right tomorrow, if that is possible. Yeah sure. Thank you so very much.“ Er legte auf und ich umarmte ihn erstmal vor Erleichterung. “Sie wurden in der Nähe von Southampton in einem Schuppen gefunden. Offenbar wollten die Diebe sie demnächst bei einer Nacht und Nebel Aktion per Schiff nach Frankreich und von dort aus mit gefälschten Papieren weiter transportieren. Die Polizei hat die Dokumente beschlagnahmt, es war offenbar alles schon vorbereitet. Wir hatten Glück, denn es wäre schwierig geworden, sie im Ausland aufzuspüren. Wir können sie morgen holen gehen – ach ja, und sie seien in einem recht guten Zustand, also ist ihnen nichts weiter passiert.“ Mir kamen beinahe Freudentränen, was mich erstaunte, weil ich normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut war. Vielleicht werde ich doch langsam zu einem normalen Menschen wie alle anderen, überlegte ich im Stillen. Falls ja, liegt das definitiv an dem guten Einfluss meiner grossen Familie hier.
    • Occulta
      Schnee, soweit das Auge Reicht
      Drømmer om Død, Baccardi, Donut, Burggraf, White Dream, Phantom, Matinée, Daedra, PFS’ Whirlwind, PFS‘ Challenging Time, PFS‘ Call it Karma, PFS‘ First Chant, Halluzination, Empire State of Mind, Caspian of the Moonlightvalley, Fake xx, Rapunzel, Dakota S, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Cupid, PFS‘ Cranberry, PFS‘ Clooney, PFS‘ Skydive, PFS’ Soñando Solas

      Erstaunt klappte mir der Mund auf, als ich an diesem Morgen die Vorhänge des Schlafzimmerfensters öffnete. Pineforest Stable war wieder mit einer etwa zehn Zentimeter hohen Schicht Weiss glasiert. Gestern war doch noch alles grün und bloss verregnet! Es hatte zwar schon ein paarmal geschneit, aber nie richtig angesetzt, und die letzte Schicht war total verregnet worden. Irgendwie gab mir der Anblick der pulvrigen Flocken einen Energieschub, also zog ich mich rasch um und lief fröhlich die Treppe runter, während Jonas noch verschlafen murrte. Ich machte mir eine Schüssel Müsli, dann zog ich mich winterfest an und stapfte raus in den Schnee. Es schneite immer noch leicht und man sah nicht besonders weit. Ich erspähte durch das Küchenfenster Jonas, der mittlerweile auch aufgestanden war. Ich lauerte ihm neben der Haustür mit einem grossen Schneeball auf. Als er rauskam und den Ball angeworfen bekam, sah er mich zuerst mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann stürzte er sich auf mich und legte mich in den Schnee. Der Lärm den wir veranstalteten mit Lachen und schreien zog die Aufmerksamkeit der Pfleger auf uns, die gerade vom Pflegerheim rüberkamen. "Don't kill eachother", sagte Lewis im Vorbeigehen. Ich richtete mich auf und klopfte mir den Schnee von den Kleidern, gleich wie Jonas. Wir liefen den Pflegern fröhlich plaudernd hinterher zum Hauptstall, starteten die Morgenrunde und führten sie über den ganzen Hof fort. Soweit war alles im Lot und die Pferde warteten hungrig auf ihr Frühstück. Das Galopptraining der Vollblüter fand heute nicht statt, denn sonntags stand alternatives Training auf dem Plan. Also machte ich mich direkt auf den Weg in den Nordstall, wo ich Burggrafs Putzsachen aus dem Schrank nahm. Ich halfterte den Achal Tekkiner Schecken und band ihn in der Stallgasse an. Die Lampen im Nordstall erleuchteten die sonst noch düstere Morgenstimmung und tauchten das schön gemusterte Holz in honigfarbenes Licht. Zusammen mit dem Schnee draussen vor den Fenstern entstand eine richtig gemütliche Stimmung. Ich striegelte Burggraf gründlich durch, wobei er bei der Brust vorne die Ohren leicht anlegte - offenbar war er verspannt vom gestrigen Distanztraining. Ich massierte und lockerte ihn mit den Methoden die ich kannte und stellte auch eine Besserung fest. Nach dem Hufeauskratzen zog ich seine Beine nach vorne, um sie zu dehnen. Danach wirkte er wirklich zufriedener. Sein sonderbar geschecktes Fell glänzte im Schein der Lampen und war schön glatt, also konnte ich nun satteln. Ich legte einen passenden Springsattel auf den Rücken des Hengstes und gurtete ins erste Loch. Dann zäumte ich ihn mit einem gewöhnlichen englischen Zaum und führte ihn in die Halle. Er lief zügiger neben mir her, als er die anderen Pferde sah, die bereits warmgeritten wurden. Ronja, seine Halbschwester, war auch dabei und wurde von Lisa bewegt. Der Hengst brummelte ihr zu, als wir sie kreuzten, benahm sich aber sonst. Ich führte ihn zur Aufstieghilfe, weil ich zu faul zum Hochklettern war. Danach ritt ich ihn im Schritt warm. Wir machten ein paar Dressurübungen, arbeiteten an der Anlehnung und am gleichmässigen Takt. Weil schon ein paar Hindernisse bereitstanden, nutzte ich die Gelegenheit und machte zu Ende des dank dem Radio musikalisch begleiteten Trainings noch ein paar Übungssprünge. Danach liess ich Burggraf austraben und ritt ihn einige Runden Schritt. Lisa und Ronja wagten sich neben uns, damit wir plaudern konnten. "Ich brauche einen neuen Stallnamen für Burggraf. 'Muffin' passt einfach überhaupt nicht zu ihm, und Namen wie 'Burg' oder 'Grafi' klingen schrecklich...", sagte ich stirnrunzelnd. Lisa meinte lachend: "Du kannst ihn ja 'Burger' nennen, oder 'Grafitti'." Ich stiess ein trockenes "Ha Ha" aus. "Schon gut, ich weiss. Hmm, er ist ja von der Namensbedeutung her sowas wie ein Adeliger. Wie wäre daher 'Royal'?" "Aber wir hatten schonmal einen Royal... Andererseits würde das wieder zu Ronja passen..." "Es wäre perfekt für ihn, so stolz wie er immer ist." "Stolz, hmm. Wie wäre Pride? ...Nee, das klingt doof. Na gut, dann wird es wohl Royal, es sei denn mir fällt noch was Besseres ein." Plötzlich schien Lisa eine Blitzidee zu haben. "Aristo? Kurz für aristocrate?" "Klingt gut! Und passt zu Artemis. Ist gekauft." Zufrieden klopfte ich dem Schecken auf den Hals. "So, Aristo. Oh mann, daran werd ich mich erst gewöhnen müssen... Dann wollen wir dich mal versorgen."

      Ein Auto fuhr auf den Parkplatz, als ich aus dem Nordstall kam. Ich erkannte, dass es sich um Interessenten für Donut handeln musste. Ich hatte den Ponyhengst schweren Herzens zum Verkauf ausgeschrieben, um Platz für andere Pferde zu schaffen. Das klang vielleicht etwas herzlos, aber zum Leben als Gestütsbesitzerin gehörte auch das gelegentliche Verkaufen von Pferden, die einfach nicht mehr so recht dazu passten. Pineforest Stable ohne Donut war für mich noch schwer vorstellbar, aber es gab mittlerweile so viele gute Nachwuchspferde auf dem Markt, die für die Reitponyzucht wertvoll wären, dass ich mich entscheiden musste. Ich hatte Skydive als zukünftigen Zuchthengst, und ich hatte letztens auf einer Schau einen unglaublich schicken Nachkommen von Baccardi entdeckt, aus einer Stute mit wertvollen Blutlinien. Aber ich konnte nun mal nicht immer nur Pferde anschaffen. Jedenfalls begrüsste ich die Familie (es waren ein Mann, dessen Frau und eine 15 jährige Tochter) und führte sie zu Donuts Box. Das Mädchen hatte Ambitionen für den Springsport und brauchte ein talentierteres Pony als ihr bisheriges, um weiter aufsteigen zu können. Da war sie bei dem gut ausgebildeten Donut an der richtigen Adresse. Sie schien auf Anhieb begeistert von dem Pony und wollte ihn probereiten. Also holten wir ihn aus seiner Box, putzten ihn und führten ihn in die Halle. Schon beim Warmreiten bemerkte sie, dass er schön ruhig war, obwohl es draussen wieder zu schneien begonnen hatte und er sie nicht kannte. Auch im Verlaufe des Probereitens schienen die beiden zu harmonieren. Ich sprach den Vater bezüglich des Preises an, wir einigten uns schliesslich bei einer Tasse Tee im Haus. Sie wollten noch eine Ankaufsuntersuchung machen, und wenn diese gut ausfiel, waren sie mit dem Kauf einverstanden. Ich informierte die drei noch wegen Donuts gelegentlichem Headshaking Problem, welches zwar kaum mehr auftrat, aber bei grosser Aufregung manchmal doch noch zum Vorschein kam. Als ich die Leute verabschiedete, war zu meiner grossen Freude herausgekommen, dass Donut vermutlich als Pensionär auf Pineforest Stable bleiben würde. Denn die Familie war mit dem alten Reitstall unzufrieden und fand die Infrastruktur auf Pineforest toll.
      Zurück im Nordstall versorgte ich noch Donuts Putzsachen im Regal neben dem Eingang und checkte, ob der Hengst unter seiner Fleecedecke noch feucht war. "Du wirst tolle neue Leute bekommen, und kannst sogar hier bleiben. Ist das nicht super?" Er nuschelte zufrieden in seinem Heu herum und ich liess ihn in Ruhe.

      Bei den Offenställen traf ich Linda Ashton, eine der neueren Pflegerinnen, mit denen ich noch nicht ganz so viel zu tun gehabt hatte. Sie war eine gute Freundin von Jason und kümmerte sich mit Lewis zusammen unter anderem um die Miniature Horses und Fohlen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mal ein wenig mit ihr zu plaudern und schnappte mir eine zweite Mistgabel. Wir tauschten das alte Stroh aus dem Mini-Stuten-Offenstall ganz aus, denn es war langsam nicht mehr so frisch, und füllten neues ein. "Which one of the miniature horses do you like the most?", begann ich unseren Small Talk. "Probably Queenie, because she has beautiful eyes and such a friendly character." "That's true. Mine is Daki, but I really love all of them. It always hurts whenever a Horse has to go, just like this morning..." "Who had to go?" "Donut, I sold him - well, not yet, but it's almost decided." "That's sad to hear... I like those riding ponies, they have a good size. Since I'm not the tallest, it's easier to get on them." "I will sell Baccardi as well, but I'll buy a son of him - at least if everything works out the way I planned." "You'll sell Bacci, too? Hmm..." " Hmm?" "Well, I was looking into buying a pony for myself not so long ago... I mean, it's nice to ride all the horses here, but it's just different to really own one." "Hey sure, think about it. I would gladly sell him to you if you'd like to have him. That way he too could stay here." Sie nickte fröhlich und hievte die letzte Ladung Stroh in den Offenstall, dann versorgten wir Schubkarre und Gabeln. Ich sah auf meine Armbanduhr und beschloss, White Dream schon jetzt zu bewegen, damit ich später mehr Zeit für Phantom hatte. Ich holte die Putzsachen der New Forest Stute, begab mich in den Nebenstall, halfterte sie und band sie auf der Terrasse des Stallgebäudes an. Sie hatte etwas schlammige Beine und ein paar Dreck-Rastas, war aber dank der Regendecke sonst sauber geblieben. Ich striegelte und bürstete sie gründlich durch, kämmte das Langhaar, kratzte die Hufe aus und führte sie anschliessend noch rasch zum Waschplatz, um die Beine sauber zu bekommen. Sie zog den Bauch ein, als das Wasser hochspritzte; das mochte sie nicht so. Ich lobte sie für's trotzdem Stillhalten und brachte sie zum Satteln zurück. Ich wählte zuerst ihren schwarzen Springsattel aus, entschied mich dann aber doch um und beschloss, heute nicht ernsthaft zu trainieren. Das Resultat war, dass ich sie ganz ohne Sattel und nur im Knotenhalfter zur Halle führte. Ich parkierte sie vor ein Cavaletti und stupste sie, damit sie ihre Hinterhand noch ein wenig näher rückte. Dann legte ich vom Cavaletti aus ein Bein über ihren Rücken und zog mich mit Hilfe der Mähne rüber. Weil ich ohne Unterlage auf ihrem Rücken sass, hatte ich sofort einen schön warmen Po. Ich ritt sie im Schritt warm, wobei ich kleine und grosse Volten machte. Nach einer Weile testete ich auch ihre Seitengänge und verlangte Schenkelweichen. Ich achtete auf die Biegung der Ponystute. Traben war nicht so bequem, aber im Galopp konnte ich Ihre Gänge gut aussitzen - also drehte ich einige Runden. Auch über Cavaletti sprangen wir, ohne dass ich das Gleichgewicht verlor. Am Ende übte ich zum ersten Mal spanischen Schritt mit Reiter mit ihr. Dream kannte die Zirkuslektion vom Boden aus, also konnte ich mit einer Gerte touchieren und dazu das entsprechende Bein als Optische Hilfe selbst ausstrecken. Am Boden zeigte ich nämlich die Bewegung auch jeweils mit meinen Beinen vor. Am Anfang verstand sie nicht ganz, was ich von ihr wollte. Sie machte versuchsweise ein paar Schritte rückwärts, denn als Hilfe dafür nahm ich ohne Sattel manchmal auch beide Beine nach vorne zu ihrer Schulter. Als ich sie weiter unten antippte, begriff sie scheinbar und stampfte, vielleicht war es auch eine Frustrations-Reaktion gewesen. Ich lobte die Bewegung jedenfalls sofort und versuchte es erneut. Zufrieden stellte ich fest, dass Dream immer mehr ausprobierte, bis wir drei Schritte am Stück schafften. Das war mir für den Anfang genug, also rutschte ich von ihrem Rücken und kraulte die stolz am Hals.
      Als nächstes war Phantom dran. Der Mustang hatte ein dichtes Winterfell entwickelt und war wie so oft ziemlich schlammig-nass als ich die Weide betrat. Er sah mir zuerst misstrauisch entgegen, beschloss dann aber doch in die Nähe zu kommen und sich einfangen zu lassen. Es gab auch Tage, an denen er lieber auf der Weide bei 'seiner Herde' bleiben wollte - dann lag jeweils ein viertelstündiges Fangspiel vor mir, das ich mit geschicktem draw und release lösen musste. In jedem Fall musste ich mir im Umgang mit dem ehemaligen Wildpferd sicher sein was ich wollte, denn wenn ich zögerte, nahm er mir gerne die Entscheidung ab, auch beim Reiten. Ich zog ihm sein blaues Halfter über und band ihn im Offenstall an. Dann putzte ich Phantom gründlich durch. Im Gegensatz zum Anfang mochte er das Striegeln und Bürsten jetzt richtig gerne und spitzte auch öfter mal genüsslich die Oberlippe. Manchmal versuchte er auch, die Geste zu erwidern, was für mich nicht immer ganz so angenehm ausfiel. Aber er meinte das ja nicht böse, sondern wollte einfach seine Beziehung zu mir pflegen. Er akzeptierte mich (wenn ich nicht zu abgelenkt war) auch willig als Leader und traute sich dadurch auch an für ihn sehr unheimlichen Dingen vorbei, wie zum Beispiel Traktoren. Ich war immer ein wenig auf der Suche nach Herausforderungen für Phantom, damit er davon lernen und daran wachsen konnte. Solch eine Herausforderung bot sich heute in Form eines Schneepflugs, der uns wenig später beim Ausreiten kreuzte. Ich bat den Fahrer, den ich aus der Nachbarschaft kannte, per Handzeichen zum Anhalten und fragte ihn rufend, ob ich mit dem Rappen rasch das Gefährt inspizieren durfte. Er war einverstanden und ich konnte Phantom das 'Monster' mit der Schnauze untersuchen lassen. Es dauerte zwar einen Moment, bis er sich nahe genug heran traute, aber dann beschloss er, dass das Gefährt zwar unheimlich, aber nicht lebensbedrohlich war. Ich bedankte mich und wir ritten in einem zügigen Schritt weiter. Phantom war sehr aufmerksam im Gelände. Seinen dunklen, scharfen Augen entging keine Bewegung, wodurch er auch ab und zu zusammenzuckte. Das machte mir nichts aus, solange er bei mir blieb und sich wieder beruhigte. Ich ritt ihn immer im Knotenhalfter oder Bosal. Das Gebiss kannte er zwar, aber er lief einfach viel entspannter ohne. Wir galoppierten über die Galoppwiese zurück Richtung Pineforest. Das dumpfe Geräusch seiner Barhufe auf dem Boden wurde durch den Schnee gedämpft. Plötzlich rutschte er hinten etwas - als Reaktion darauf grunzte er und machte einen Buckler. Ich musste lachen und richtete mich wieder auf. Sowas machte mir nichts aus, denn es war ja nicht böse gemeint gewesen und ich hatte es locker aussitzen können. Vor der Rennbahn bremste ich Phantom zurück in den Trab und ritt ihr entlang bis zum nächsten Übergang ins Innere des Hofes. Die Minis durften mal wieder frei auf dem Hof herumlaufen; ich entdeckte sie in der Nähe des Roundpens. Daki und Chip zickten einander gerade an, wobei ich bei genauerem Hinsehen erkannte, dass sie nur spielten. Ich steuerte Phantom zur Stutenweide, um ihn wieder in seine Herde zu entlassen. Er schüttelte sich, als ich den Sattel von seinem Rücken zog. Ich war stolz, dass er nicht gleich davon lief, als ich ihm das Halfter nach dem Durchbürsten abzog, sondern mich noch einen Moment lang fragend ansah. Sobald ich zum Abschied seine Kruppe tätschelte, machte er sich aber mit gesenktem Kopf auf den Weg zu seinen Stuten und begann, die Schneedecke nach gefrorenem Gras zu durchstöbern.

      Um viertel nach eins assen wir, danach wollte ich, wie ich es beim Frühstück versprochen hatte, mit Lily ausreiten gehen. Ich holte Hallu aus ihrer Box und bürstete das hellrote Fell ausnahmsweise nur rasch durch. Sie war sowieso sauber, weil sie auf der Weide eine Decke trug und geschoren war. Lily nahm für den Ausritt Fake - sie hatte ja noch immer einen Pakt mit Jonas, dass sie das Pony gegen etwas zusätzliches Taschengeld für ihn bewegte. Fakes Fell glänzte, als würde sie gleich zu einer Show gehen. Ich strich mit der Hand über ihre Kruppe und lächelte kopfschüttelnd. "Jonas hat dich wohl wiedermal mit Weichspüler bearbeitet." Wir sattelten die beiden Stuten. Als wir losreiten wollten, kam Lisa herbeigeeilt. "Haaalt, könnt ihr noch fünf Minuten warten? Ich muss Dod nur noch satteln..." Ich warf einen Blick zu Lily und nickte, als ich die Zustimmung des Mädchens hatte. Wenig später zockelten wir also zu dritt ins Gelände, begleitet von Sheela und Zira, die ich während dem Warten herbeigerufen hatte. Jacky lag drinnen vor der Heizung und schlief, daher liess ich sie in Ruhe. Sie war ja auch den ganzen Morgen im Schnee herumgehopst. Wir trabten unter Schneebedeckten Pinien und galoppierten über zwei Felder - es machte wahnsinnig Spass, wie der Schnee dabei aufflog und dem Hinterherreitenden ins Gesicht spickte. Auf dem Rückweg begann es auch noch wieder zu schneien, sodass wir wie in einem Märchen durch das Schneegestöber stapften. Dod wurde etwas übermütig und Machte einen Bocksprung, als wir zum letzten Mal angaloppierten. Wir brachen in Lachen aus, weil Lisa darauf nicht gefasst gewesen war und beinahe auf dem Hals des Criollos zu sitzen kam. Danach trabten wir noch ein Stück, ehe wir in gemütlichem Schritt zurück auf den Hof steuerten.
      Die Pferde mampften zufrieden ihre Karotten, während wir die Ausrüstung wegräumten. Lily verschwand mit den Hunden irgendwohin zum Schlittenfahren (ich hatte vernommen, dass sie sich mit Suri traf), ich hingegen bewegte im Verlaufe des Nachmittags noch Empire und Caspian. Um fünf Uhr, als es bereits immer dunkler wurde, machte ich ausserdem noch etwas Führtraining mit den Stutfohlen. Daedra war dabei ganz schön frech und drängelte dauernd. Sie war ja jetzt die Älteste in der kleinen Herde und hatte daher ganz schön viel Selbstvertrauen entwickelt, wo sie doch die anderen immer herumscheuchen konnte. Whirlwind sah lieber abgelenkt in der Gegend herum, anstatt sich auf mich zu konzentrieren. Karma war brav wie ein Lamm, aber ein elender Angsthase, und Chime hatte heute irgendwie den Schneckengang drin. Besorgt untersuchte ich, ob sie Fieber hatte oder sonst irgendwie gesundheitlich angeschlagen war, aber ich konnte nichts Aussergewöhnliches feststellen. Sie sieht einfach im Vergleich zu den anderen Fohlen so schmal und knochig aus... Ich hatte mal gehört, dass magere Pferde "fauler" waren, weil sie weniger Energie verpuffen wollten. Machte ja auch irgendwie Sinn. Aber wir schafften es nun mal einfach nicht, Chime anständig aufzufüttern, aufgrund ihrer Darmprobleme. Sie schien Lebensfreude und alles zu haben, aber manchmal fragte ich mich, ob sie nicht doch irgendwelche Schmerzen hatte und gequält war. Ich hatte mich mittlerweile auch von dem Gedanken verabschiedet, sie jemals als Rennpferd einsetzen zu können, denn wenn sie zu wenig Energie hatte und zu schwach war, machte es überhaupt keinen Sinn, ihren Körper der grossen Belastung dieses Sports auszusetzen. Die Tierärztin hatte mich auch schon gewarnt, dass die Kleine im Falle einer Krankheit vermutlich schlechte Chancen hätte, aufgrund ihres allgemeinen Zustands. Deshalb musste sie auch konsequent eine Decke tragen und die Pfleger brachten sie nach einem überraschenden Regenschauer manchmal extra unters Solarium im Hauptstall zum Trocknen. Trotz dem Aufwand ohne zu erwartendem Ertrag, kam es für mich nicht in Frage, die Kleine in andere Hände zu geben - sie war mir zu sehr ans Herz gewachsen, und ich hatte Angst, dass sie anderswo die nötige Pflege nicht bekommen könnte. Ich kraulte das schneeweisse Stutfohlen traurig am Widerrist und zog ihr das Halfter aus - sie war ja brav gewesen während den Führversuchen.
      First Chant war das krasse Gegenteil. Das dunkelgraue Araberfohlen stolzierte über die Weide, bog elegant den Hals und preschte von Zeit zu Zeit nach künstlichem Erschrecken mit eingestecktem Schweif durch den Schnee. Einfangen lassen kam nicht in Frage, sie wollte lieber mit mir spielen und sich hinter den anderen verstecken, sobald ich zu nahe kam. Augenrollen hielt ich an und machte eine Verschnaufpause, denn im Schnee war das ziemlich anstrengend. Dann tat ich so, als wollte ich zu Daedra gehen. Als Chant den Trick durchschaute und sich wieder aus dem Staub machen wollte, konnte ich sie in einer Ecke ausbremsen, weil ich nahe genug dran war. In dem ich in dem Moment, als sie mir den Kopf zuwandte, einen draw machte, konnte ich sie schliesslich zu mir locken. Das Führen danach klappte ganz anständig, zu meiner Überraschung. Cranberry war ganz angenehm; sie schien interessiert bei der Sache, als wäre das Training eine willkommene Abwechslung. Im Anschluss sah ich auch bei den Hengstfohlen nebenan vorbei. Cupid wollte wiedermal lieber seinen Kopf unter meinen Arm stecken, als ernsthaft mitzumachen. Simply war ein Musterschüler, wie fast immer. Der bunt gesprenkelte Jungspund reagierte bereits fein und folgte auch ohne doppelte Aufforderung brav am Strick. Ich machte einen Slalom um die Bäume auf der Weide und entliess ihn dann wieder. Clooney war zögerlich aber anständig. Zuletzt spielte ich das Ganze mit Solas durch, der einfach jetzt schon so Muskelbepackt wie ein Quarterhorse schien. Vielleicht war er auch einfach nur fett, aber dagegen sprach der im Verhältnis zu dünn geratene Hals.

      So langsam ging ich ins Haus, um das Abendessen vorzubereiten und noch ein bisschen Papierkram für die kommende Woche zu erledigen. Dabei handelte es sich vor allem um Nennungen für Turniere und Finanzen. Ich konnte es aber nicht lassen, auch noch ein wenig am PC zu surfen. Irgendwann besuchte ich auch die Website einer amerikanischen Wildpferderettungsorganisation, an die ich, seit Phantoms Kauf, immer mal wieder ein wenig spendete. Es waren viele neue hübsche Mustangs ausgeschrieben, die meisten davon frisch gefangen. Klickte durch die Fotos - die Pferdchen taten mir schon ziemlich Leid. Wenn ich daran dachte, was Phantom durchgemacht haben musste, und nun diese vielen verängstigten Pferdeaugen sah... Ich hoffte, dass sie alle ein gutes Zuhause finden würden, aber natürlich war das Wunschdenken. Bei den etwas älteren Einträgen entdeckte ich eine grullo farbene Stute. Sie hatte tiefe Kuhlen über den Augen und machte ein besorgtes Gesicht, ausserdem sah ihr Fell etwas zerzaust aus. Aber irgendwie kam mir die Stute bekannt vor. Irgendwo hab ich dich schon mal gesehen, überlegte ich nachdenklich. Ich klickte weiter und sah den Fang Ort, sowie das Fang Datum der Stute. Sie war bereits kurz vor Phantom eingefangen worden, im selben Gebiet. Ich stellte aber fest, dass sie zu dem Zeitpunkt, als ich dort angekommen war, schon weggebracht worden sein musste, denn sie war bereits adoptiert gewesen. Also war es nicht möglich, dass ich sie dort bei den anderen Pferden gesehen hatte. Aber wo sonst? Ich las weiter. Es stand, dass die Stute ein '3-Strike-Pferd' war, also ein Mustang, der 3 mal wieder zum BLM zurückgebracht worden war. Die Rettungsorganisation suchte nun seit ein paar Wochen verzweifelt ein endgültiges Zuhause für die Stute, denn solche Pferde, die offensichtlich auf irgendeine Weise schwierig im Umgang waren, oder sonstige Leiden hatten – die also, grob gesagt, niemand haben wollte – wurden am Ende billig an einen Schlachter verkauft. Stirnrunzelnd suchte ich weiter nach einem Anhaltspunkt der mir verriet, woher sie mir so bekannt vorkam. Ich googelte nach der Website der Fotografin, bei der ich so viele Fotos von Phantom entdeckt hatte, und der mein Rappe seinen Namen verdankte. Da entdeckte ich es plötzlich: klein und unscheinbar zwischen den anderen Vorschaubildern, stach mir eines ins Auge, auf dem neben Baby-Phantom noch ein weiterer, grauer Fleck zu erkennen war. Ich vergrösserte es und schlug triumphierend auf mein Pult. „Wusste ich es doch!“ Das war eindeutig dieselbe Stute als Fohlen, die zusammen mit meinem Phantom über die Bergwiese tollte. Der grosse, weisse Bauchfleck und das Kopfabzeichen liessen keine Zweifel zu. Ich überflog die Berichte der Fotografin, nach einem Namen suchend, denn bei den Infos der Rettungsstation stand nur eine Tag-Nummer. Matinée. Mir kamen fast Tränen, als ich ein weiteres Mal die Geschichten aus Phantoms Vergangenheit las. Genau, da war es doch. Sie war seine erste richtige Gefärtin – und seine einzige, wenn man von der Stutenherde auf Pineforest absieht… Jonas kam die Treppe hoch. „Occu, hast du einen Moment? Wir brauchen Hilfe mit dem Traktor.“ Ich löste mich vom Bildschirm, schickte rasch Lily ins Bett und folgte ihm dann nach draussen.

      Als wir wieder ins Haus kamen, war es bereits halb elf Uhr. Am Ende hatte ich noch im Hauptstall etwas Zeit mit Winter und Spot verbracht, ohne dabei auf meine Armbanduhr zu sehen. Ich räumte die Küche fertig auf, machte mich Bettfertig, knuddelte die Hunde nochmal durch und schaltete den PC gezwungenermassen aus – es war einfach schon zu spät, ich musste morgen schliesslich wie immer früh aus den Federn. Die Nacht hindurch plagten mich aber mein Gewissen und die Bilder der Stute, die mich bis in meine Träume verfolgten. Ich wusste, worauf das hinauslief: Irgendwas würde ich tun müssen. Ich beschloss, eine Woche abzuwarten und danach, wenn die Stute noch immer ausgeschrieben war, zu entscheiden. Entscheiden - vermutlich über Leben und Tod.
    • Occulta
      Haflinger auf Pineforest Stable?
      Nimué, Brendtwood, Antarktik, Arctic Rainstorm, PFS‘ Skydive, PFS‘ Cupid, PFS' Simply Priceless, PFS' Cloony, PFS’ Soñando Solas

      Besorgt runzelte ich die Stirn, angesichts der Neuigkeiten, die mich soeben erreicht hatten. Anscheinend war irgendetwas auf der Heartland Ranch vorgefallen – noch wusste niemand so genau was, denn es ging niemand auf der Ranch ans Telefon. Eines war aber sicher: es handelte sich um eine Notsituation, und viele der Pferde mussten rasch an neue Plätze verteilt werden. Es war selbstverständlich, dass ich mein Zuchtfohlen, ein mittlerweile zwei Jahre junger Haflingerhengst, den ich noch bis zum dritten Lebensjahr auf der Ranch hatte aufziehen lassen wollen, nun verfrüht nach Pineforest Stable holte. Sein Name war Brendtwood und er kam ganz nach seinem Vater Burberry, nur in etwas hellerer Robe, dank dem genetischen Einfluss seiner hell-cremefarbenen Mutter. Ich hatte bis vor kurzem regelmässig Bilder per Mail zugeschickt bekommen, doch in den letzten Wochen war Funkstille gewesen. Ich hatte mir dabei nicht viel gedacht, denn der Frühling hatte begonnen und damit einer der arbeitsreichsten Abschnitte des Jahres. Beginn des neuen Geschäftsjahres, Fohlengeburten, frisch eröffnete Turniersaisons, Unterhaltsarbeiten an den Weiden und der Infrastruktur damit alles bereit war für die kommenden warmen Monate – ich kannte das nur zu gut. Aber jetzt stand alles in einem anderen Licht da, und ich machte mir ernsthafte Sorgen. Ich stieg noch am selben Nachmittag in meinen Audi, den Anhänger angedockt. Ich wusste nicht, was mich auf der Heartland-Ranch erwartete, aber ich hatte auch nicht vor, meine Nase in die sonst schon schwierigen Angelegenheiten der Ranch zu stecken. So war es dann auch: ich wurde von Angestellten zu Brendtwood geführt, durfte ihn auch gleich selbst aufhalftern und brachte den blonden Kerl zurück zum Anhänger, alles in weniger als einer halben Stunde. Das Einsteigen dauerte aber doch etwas länger, denn der Jungspund hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte und war alles andere als begeistert darüber. Ich konnte es mir aus Zeitgründen nicht erlauben, hier und jetzt ein Anhängertraining mit einem Zweijährigen aufzugleisen, also holten die Angestellten eine Longe zu Hilfe. Diese Strategie fruchtete, und ein paar Minuten und Überzeugungsversuche später stand er gänzlich in dem Gefährt. Ich liess es mir, nun da mein Vierbeiner sicher verladen war, doch nicht nehmen, ein wenig über die Situation in Erfahrung zu bringen. Es waren noch einige Pferde auf der Ranch, die keine gesicherte Zukunft hatten. Ich betrachtete einen Moment lang nachdenklich den leeren Platz im Anhänger neben Brendtwood und beschloss, dass ich irgendwie sicher noch eine weitere Box auf Pineforest freimachen konnte. Ich liess mir die betroffenen Pferde zeigen und sah ihnen (im wahrsten Sinne des Wortes) rasch ins Maul. Die Entscheidung war schwierig, aber am Ende fiel meine Wahl auf eine ebenfalls ziemlich helle Stute namens Nimué. Sie war in Western Pleasure ausgebildet und hatte eine gute Abstammung; noch dazu eine, die nicht zu sehr mit Brendtwoods übereinstimmte. So konnte ich in Erwägung ziehen, irgendwann in Zukunft mal ein Fohlen der beiden zu planen, um die Blutlinien der Heartlandzucht am Leben zu erhalten. Ich liess mir alles nochmal durch den Kopf gehen und strich Nimué mit der flachen Hand über den Rücken. Dann war ich mir sicher und folgte den Angestellten abermals, um die Papiere der Stute entgegenzunehmen. Ich verlud sie neben den sichtlich erleichterten Brendtwood (er war nun nicht länger alleine und fühlte sich gleich viel wohler). Die Heimfahrt war kein Problem. Auf dem Parkplatz wurde ich von Jonas empfangen, der mir beim Ausladen helfen wollte. Als wir die Klappe öffneten, hob er erstaunt die Augenbrauen. „Ich dachte, du kommst mit einer Blondine zurück?“ „Ich habe kurzerhand eine Planänderung gemacht. Die süsse Maus brauchte dringend ein Zuhause, und unser Angsthase hier wollte eh nicht alleine fahren.“ „Das ist so typisch für dich“, lachte Jonas und gab mir einen Kuss. Schuldbewusst legte ich den Kopf schief und zuckte mit den Schultern. „Zum Glück ist im Nebenstall seit vorgestern wieder ein Platz frei. Wurde sowieso Zeit, dass diese Pensionärin verschwindet – ich habe noch nie mit solch einer pingeligen Person zu tun gehabt. Und das obwohl Pineforest nun wirklich so gut wie alles bietet, was man sich als Reiter wünschen kann.“ Ich stimmte zu und löste nebenbei Nimués Strick, während Jonas dasselbe bei Brendtwood tat. Der junge Hengst dürfte seinen Platz auf der Fohlenweide beziehen, während ich Nimué vor dem Nebenstall anband, bis ihre Box von den überraschten Pflegern eingestreut war. Sie wirkte ruhig und gefasst, im Gegensatz zu Brendtwood, der immer wieder laut nach seinen Kumpels wieherte und aufgeregt tänzelnd den Schweif hob. Er verstummte, als er die anderen Hengstfohlen erblickte, die sofort neugierig an den Zaun kamen. Skydive war zuvorderst und streckte sofort selbstbewusst seine Schnauze über den Zaun. Ich liess die beiden einander beschnuppern, um die Reaktion abzuschätzen. Brendtwood stampfte, frustriert weil ein Zaun zwischen ihm und der neuen Gruppe den Weg versperrte. Auch Cupid drängte sich nun neben Skydive, um den Neuling zu mustern. Ich beschloss, den Versuch zu wagen und öffnete das Weidetor. Brendtwood trabte sofort mitten in die Gruppe, sobald ich ihn laufen liess. Er wurde von allen Seiten beschnuppert und es gab ein wenig Gequietsche, aber nichts ernsteres als weiteres Bluff-Gestampfe. Simply Priceless blieb im Hintergrund und beobachtete den Neuen bloss, während Cloony und Solas aufringlich wie die anderen Junglinge waren. Zufrieden sah ich noch eine Weile zu, dann wechselte ich zur Mini-Stutenweide. Hier war vor kurzem ebenfalls nochmal ein Neuling hinzugekommen, ein weiterer Arco-Nachkomme. Die Stute hiess Arctic Rainstorm und hatte geschecktes, schattiert-silbergraues Fell, kombiniert mit eisblauen Augen. Sie hatte mir schon als Fohlen gefallen, aber damals hatte ich sie verkauft, weil das nunmal auch zur Zucht gehörte. Nun, da ich meine Zucht weiter ausbauen wollte, kam sie gerade recht. Ich war übrigens nicht die einzige, die neue Pferde angeschafft hatte, um die Zucht zu fördern. Auch Rosie hatte eine neue Araberstute eingekauft, die vielversprechende Papiere besass. Sie hörte mehr oder weniger auf den Namen Antarktik und war ein Rappschecke. Ich hatte sie selber noch nicht gesehen, aber das würde ich in den nächsten Tagen sicher nachholen. Ein von Seufzen begleiteter Blick auf die Uhr liess mich die Blickrichtung wechseln und zurück in Richtung Hauptstall wandern. Es gab noch mehr zu tun, als Pferde beim Zupfen des frischen Frühlingsgrases zu beobachten.
    • Occulta
      Badewetter
      Empire State of Mind, Mikke, Indiana, PFS’ Sarabi, PFS’ Stop Making Sense, Unbroken Soul of a Rebel, Areion, Diarado, Co Pilot de la Bryére, Vychahr, Flintstone, Nosferatu, White Dream, Yoomee, Ronja Räubertochter, River’s Lychee, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Nera, Dancing Moonrise Shadows, Feline, Lovely Summertime, Farasha, Après la Pluie, Antarktik, Dakota S, Tigrotto, Blue Dawn’s Nachtfalke, PFS’ Arctic Silver Lining, PFS’ British Oreo Rascal, PFS’ Skydive, PFS’ Cupid, PFS’ Simply Priceless

      Es war herrliches Wetter draussen - behaupteten die einen, für die anderen (mich eingeschlossen) war die Hitze ein Graus. Ich wollte mich am Morgen kaum aus dem Haus bewegen, weil ich genau wusste, dass mir der Schweiss auch heute wieder nur so runterlaufen würde. Nichts desto trotz stand wie immer zuerst das Vollbluttraining an, und noch war die Luft angenehm kühl. Ich ritt auf Indiana mit, aber nicht zum Rennen, sondern um Trackpony zu spielen. Naja, ein bisschen rennen sollte die Stute schon, denn sie wurde ja mittlerweile im Military trainiert und da war so ein Renntraining zwischendurch ganz gut. Wir holten heute die Trackponys schon so früh raus, weil wir die jüngsten Vollblüter zuerst trainierten. Die der normalerweise ersten, erfahrendsten Gruppe waren vor kurzem fast alle ein Rennen gelaufen, also hatten sie heute noch frei, um sich vollständig zu erholen, und nahmen das Training erst morgen wieder auf. Für die Arbeit mit den Jungpferden war das "Ponying" ideal, weil die ruhigen Begleitpferde (wenn sie sich denn tatsächlich ruhig benahmen) ihnen Sicherheit vermittelten. Weil sie aber später an den Rennen kein Begleitpferd hatten (ponying war ja in England und allgemein Europa nicht üblich) trainierten wir so oder so beides. Nach einer Viertelstunde Vorbereitung, gingen die Jockeys und Pferde raus zum Aufsteigen. Ich kletterte selbstständig auf Indianas Rücken, während die Jockeys von Ajith und Oliver hinaufbefördert wurden. Iniana trug eben einen normalen Springsattel - da war das Aufsteigen kein Problem im Vergleich zu den kleinen Rennsätteln. Indiana und ich führten die Sechsergruppe auf dem Marsch zur Bahn an. Die weiteren Track Ponys waren heute Feline, Summertime, Caprice, Shadow und Flint, wobei letzterer Mambo begleitete. Wir trabten zuerst ausgiebig und ritten danach im leichten Sitz einen lockeren Galopp. Wie zuvor mit Oliver abgesprochen arbeiteten heute alle einzeln (nachdem die Track Ponys sie losliessen) und dem entsprechenden Pferd angepasst. Mit Indiana machte ich einen erfrischenden, etwas zügigeren Galopp bis zum 500-Meter-Pfosten und legte von dort an über 400 Meter etwas zu. April machte es mit Mambo ähnlich. Indiana und ich überholten die beiden unterwegs, denn er lief noch längst kein Finish-Tempo, aber der Hengst war gefordert und seine Nüstern weit geöffnet. Erst mit zunehmender Kraft würde er schneller werden und länger durchhalten. Nach dem Sprint nahm ich Indiana zurück und liess sie wieder im selben Tempo wie zuvor galoppieren, was ich mit meiner Armbanduhr überprüfte. Sie wehrte sich etwas gegen die Einschränkung und kaute missmutig auf ihrer Wassertrense herum. Ihre Nase war jetzt wieder auf der Senkrechten und ihre Galoppsprünge versammelt. Ich liess sie noch ein zweites Mal strecken, was sie freudig annahm. Oliver prüfte unterdessen die Geschwindigkeit der Jungpferde. Er sagte nichts, nickte aber zufrieden, als er die Zeit stoppte. Quinn klopfte Sarabi im leichten Sitz in den Bügeln stehend auf den Hals und liess sie langsam ausgaloppieren. Die anderen taten es ihr gleich. Ich arbeitete mit Indiana noch etwas weiter, bis ich das Gefühl hatte, dass sie genug ausgepowert war. Auch Caprice lief noch mit uns mit, die anderen waren schon mit den Jungpferden zurück zum Stall gelaufen. Als Darren und ich schliesslich auch zurückritten, sahen wir in der Ferne, dass Lisa, Jason und David mit den drei Westernpferden auf einen kurzen Ausritt zum Entspannen gegangen waren. Feline wurde gebadet, weil sie morgen mit Robin für ein 80er Springturnier gemeldet war. Die junge Frau machte den Schimmel-Criollo schick und wollte ihr sogar den Schweif einflechten. Auch Lily nahm an dem Turnier morgen teil, allerdings in der 60er Höhe und mit White Dream. Ich musste ihr höchstwarscheinlich später auch noch beim Einshamponieren helfen. Ich versorgte Indiana und half beim Vorbereiten der zweiten Rennpferdegruppe mit, dann brachte ich mit Ajith zusammen die Jungspunde aus dem Freilauftrainer, wo sie zum Abkühlen gewesen waren, zurück in ihre Boxen. Ich sah bei den Fohlen vorbei, quatschte mit Lewis, während Skydive mit meinem T-Shirt Ärmel spielte und beobachtete eine eher halbherzige Rauferei zwischen Simply Priceless und Cupid, ehe ich weiter zu Thairu ging.

      Das Zebratiergraste zufrieden mitten an der Sonne und zuckte weitaus weniger wegen der Fliegen als Zazou. Für die beiden war die Sommerhitze ideal, denn sie waren dafür ausgelegt, bei hohen Temperaturen in den Savannen Afrikas zu weiden. Die grossen, runden Ohren richteten sich interessiert nach vorne, als ich die Weide betrat. Thairu wusste mittlerweile, dass ich Abwechslung brachte, und natürlich auch immer etwas Essbares dabei hatte. Ich ging zu ihr und streichelte über ihre schwarze Schnauze, was sie sich stillhaltend gefallen liess. Dann fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, das Halfter mitzubringen. Also probierte ich aus, ob die Zebrastute mir auch ohne Ausrüstung folgte. Ich lud sie mit eingedrehter Schulter ein und versuchte sie zu rufen. Doch Thairu sah mich nur einen Moment lang blöd an und graste dann friedlich weiter. Ich seufzte und holte das Lederhalfter des Zebras. Am Führstrick folgte sie mir brav und ohne Zögern sodass ich mich leicht veralbert vorkam. In solchen Momenten war ich froh, dass mir niemand zusah. Nichts desto trotz bürstete ich das gestreifte Fell durch und kämmte, was an der Stehmähne und dem dünnen Fliegenwedel zu kämmen war. Zazou belagerte uns hartnäckig. Er schien ebenfalls auf eine Massage zu hoffen, denn er stand immer wieder direkt neben mich und schleckte an meinem Arm. Die warme Zunge war etwas unanenehm bei dem Wetter. Thairu spitzte die Lippe, wenn ich sie vorne an der Brust kraulte. Vermutlich schwitzte sie dort besonders viel, und der getrocknete Schweiss juckte. Es war mittlerweile viertelvorzehn und die Sonne heizte die Atmosphäre immer weiter auf. Ich musste mit dem Zebra in den Schatten der Reithalle wechseln. Dort kratzte ich noch rasch die Hufe aus. Danach 'sattelte' ich das gestreifte Tier mit einem Bareback-Pad - der einzige Sattel, der auf den beinahe widerristlosen Rücken wirklich passte. Ich zog ihr ein Kopfstück mit Trense an, das nur einen Kinnriemen hatte. Sie mochte es, den Kopf möglichst frei zu haben und lief damit williger als mit einem komplett verschnallten englischen Zaum. Am liebsten mochte sie immer noch das Knotenhalfter, aber ich wollte heute etwas Dressur mit ihr machen und testen, wie gut sie sich an den Zügel anlehnen konnte. Es war auch mit Trense schwer genug, denn das Tier hatte mehr Unterhals als sonst was. Das war einfach Köperbau bedingt, denn Zebras waren nunmal nicht fürs Reiten gezüchtet. Ich führte Thairu auf den Sandplatz und stieg auf, indem ich an ihrer Seite hochsprang. Ich konnte das Aufsteigen ohne Sattel mittlerweile schon viel besser, aber manchmal brauchte ich trotzdem mehrere Versuche. Ich ritt Thairu im Schritt warm (wobei mir 'Warmreiten' heute etwas ironisch vorkam) und übte dabei schonmal an der Biegung der kurzen Reittiers. Gar nicht so leicht, wenn sich der Hals beliebig in einen starren Balken verwandeln konnte. Ich gab jedes Mal sofort nach, wenn sie sich darauf einliess und nachgiebig wurde, aber wir würden das sicherlich noch oft üben müssen. Wann immer ich zu viel verlangte, begann der Schwanz unwillig zu schlagen und die Ohren klappten nach hinten. Darauf musste ich hören, weil ich sonst Gefahr lief, in die Ungunst des Zebras zu fallen - was gewiss grenzenlose Sturheit nach sich ziehen würde. Ziel war es nicht, das Zebra zu dominieren, sondern es mit Abwechslung bei Laune zu halten und zur Mitarbeit zu ermuntern. Lily und ich waren ja schon ziemlich weit mit Thairu gekommen. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut und sie liess inzwischen sehr viel mit sich machen. Aber wir mussten das gute Verhältnis bewahren und uns dem Tempo des Zebras anpassen. So kamen wir am Ende am besten voran. Heute bot mir Thairu zum Beispiel auf meine Hilfen hin einen schönen, fleissigen Trab an, den ich dankend annahm. Ich übte nun auch im Trab kleine Volten und Schlangenlinien um die vom Vortag noch aufgebauten Hindernisse herum. Später galoppierte ich sogar an und schaffte es, ein paar grosse Volten zu drehen, ehe Thairu wieder in den Trab fiel. Sie hatte einfach noch nicht genug Gleichgewicht unter dem Reiter, was es für sie umso anstrengender machte. Das verstand ich auch; ich war schon froh um die paar Runden, in denen sie sich echt bemüht hatte. Diese Leistungsbereitschaft, die bei ihr alles andere als selbstverständlich war, galt es zu fördern. Am Ende war sie zwar nie so am Zügel gelaufen, wie man es von Pferden kannte. Aber Elliot, der uns kurz zugesehen hatte, meinte, dass sie zumindest schön aktiv hinten gefusst hatte und einigermassen über den Rücken gelaufen war - sofern er das beurteilen konnte. Ich führte das Zebra zum Nebenstall und nahm ihr die Ausrüstung ab. Dann führte ich sie am Knotenhalfter in den Innenhof des Hauptstalls und parkierte sie bei den aus der Wand ragenden Anbinderingen. Ich schnappte mir den Schlauch und drehte den Wasserhahn auf, bis es in einer angenehmen Stärke aus dem Duschkopf floss. Thairu genoss das Bad mehr als ich dachte. Sie stand entspannt da und ihre Maulspalte wirkte zufrieden. Auch der Schwanz bewegte sich ruhig, was immer ein gutes Zeichen war. Ich entfernte das meiste Wasser mit dem Schweissmesser und nutzte danach die Gelegenheit, um die Hufe des Zebras ein wenig zu kürzen. Wenn das Horn feucht war, ging das deutlich leichter. Um halb Elf durfte das Tier zurück auf die Weide zu Zazou, der schon sehnsüchtig gewartet hatte.

      Vor dem Mittag wollte ich nun noch mit Empire ein paar Naturhindernisse springen. Es ging mir nicht darum, ihn total ins Schwitzen zu bringen, sondern eher ein wenig Gymnastik zu machen und seine Geschicklichkeit in Sachen Distanzen zu schulen. Oft verschätzte er sich nämlich und sprang noch etwas unpassend, wenn ich nicht ganz genau aufpasste. Das endete jeweils in lustigen Hasensprüngen oder eben mit fallenden Stangen. Auch heute hatten wir wieder ein paar Startschwierigkeiten, besonders, weil er den einen Kastensprung (obwohl schon gefühlte 1000 mal gesprungen) unheimlich fand. Vielleicht war das Licht heute anders, oder er sah eine Heuschrecke darauf sitzen - ich konnte wiedermal nur raten, was im Kopf des Schimmelhengstes vorging. Aber nach ein paar zögernden, grotesken Sprüngen glaubte er mir schliesslich, dass der Kasten keinen Appetit auf Pferdefleisch hatte. Und wenn Empire sich mal entschloss zu gehen, dann war er ein Traum. Wir hüpften mit Leichtigkeit über die Hindernisse, und selbst beim Wasser bremste er nicht, sodass es nur so um uns hochspritzte, als wir hindurchrasten. Deshalb lachte Jonas auch laut, als ich an der Halle vorbei zurück zum Hauptstall ritt. "Bist du runtergefallen?" "Nö", sagte ich, "Empire wollte einfach testen, ob man im Wasser genauso gut rennen kann." Er half mir schmunzelnd und übernahm den Hengst, als ich abstieg. Wir liefen gemeinsam zu Empires Box und versorgten den Schimmel, der zufrieden auf seinen Karotten herumkaute.

      Lily kam am Mittag pünktlich nachhause. Am Nachmittag hatte sie frei, also wollten wir zusammen zum Fluss reiten. Sie war schon eifrig am Badesachen bereitlegen. "Willst du wirklich ganz rein?", fragte ich, denn eigentlich hatte ich nur ein rasches Beine-Annässen im Sinn gehabt. "Klar! Es ist mehr als heiss genug!" Ich sah Jonas fragend an und er meinte schulterzuckend: "Lewis und ich waren gestern kurz mit Summer und Shadow am Ufer - das Wasser war jedenfalls gar nicht so kalt wie ich dachte." "Okay..." Ich überlegte kurz, dann holte ich mein eigenes Bikinioberteil und die Badeshorts. Nach dem Essen zog ich die Badesachen an und darüber ein Trägertop, nachdem Lily und ich uns gegenseitig eingecremt hatten. Wir mussten uns noch entscheiden, welche Pferde wir nehmen wollten. "Teddy will ich heute Abend in der Dressurstunde reiten, er hat das nötig", überlegte Lily laut. "Aber Nossi wäre bestimmt froh um ne Abkühlung - mit ihrem schwarzen Fell..." Ich nickte und beschloss: "Dann nehme ich Yoomee, die geht gut und gerne ins Wasser." Wir liessen Jonas mit den abzuwaschenden Pfannen in der Küche zurück und schlenderten zum Nebenstall. "Die Pfleger kommen nicht mit, oder?", fragte Lily. "Nö, die haben genug zu tun." "Gut." Sie grinste zufrieden, weil sie gerne ab und zu etwas mit mir alleine unternahm - das hatte sie mir jedenfalls mal so erklärt. Mir war es auch recht, keine grosse Sache daraus zu machen, sondern das Baden einfach unkompliziert zu zweit mit den Pferden zu geniessen. Wir putzten die beiden Ponystuten nur rasch, schliesslich gingen wir ja ganz ohne Sattel oder Pad. Als Zaumzeug reichten uns Knotenhalfter; so konnten wir auch nicht ausversehen im Maul herumziehen, falls wir das Gleichgewicht verloren. Sheela schlich gelangweilt um den Nebenstall herum, also beschloss ich, die Labradorhündin auch mitzunehmen. Sie mochte Wasser ohnehin sehr gerne. Auf mein Rufen hin kam sie sofort freudig angerannt und wollte gestreichelt werden. Zira wurde prompt eifersüchtig und drängte sich ziwschen mich und Sheela, sich auf meine Füsse setzend. Ich kraulte beide, lachend, weil das so typisch war. Kurz darauf führte ich Yoomee auf den Kiesweg und schwang mich auf ihren angenehm breiten Rücken. Lily kletterte ebenfalls bei Nossi hoch und rückte sich zurecht, dann warf sie einen bestätigenden Blick zu mir und wir konnten losreiten. Nosferatus Fell glänzte in der Nachmittagssonne und die rotbraunen Stellen wirkten besonders kontrastreich. Sie war einfach schick anzusehen, mit ihrem typischen, edlen Welsh-Kopf und der sportlich geschnittenen Mähne. Wenn ich nach hinten sah, konnte ich Yoomees Popo gemütlich auf und ab wippen sehen, ihr Schweif war leicht angehoben und wischte manchmal ein paar Fliegen von ihrer Flanke. Die beiden Vierbeiner spürten wohl ganz genau, dass sie heute nicht arbeiten mussten, sondern nur Spielereien auf dem Plan standen. Beim Wasser angekommen, forderten wir Nossi und Yoomee auf, ein paar erste Schritte hineinzugehen. Sheela machte es vor und sprang auf mein Handzeichen hin übermütig hinein. Zira trank erstmal ein paar Schlücke, ehe sie weitaus vornehmer hineinwatete. Die Pferde sahen sich zuerst den Flussboden an, bevor sie sich entschieden, hineinzusteigen. Yoomee fand, einmal drinnen, sofort Gefallen an der Abkühlung und scharrte kraftvoll. Nossi und Lily gingen nach kurzem eingwöhnen ‚all-in‘ und schwammen tatsächlich einen kleinen Bogen. Es war herrlich hier, wo das Flussbett über Jahrzehnte eine Art Mulde gebildet hatte, in der das Wasser langsamer floss und tief genug zum schwimmen war. Auch Yoomee und ich spielten eine Runde Flusspferd, wobei sie typischerweise die Oberlippe hochzog und ihre Zähne zeigte. Das war immer so lustig anzusehen. Lily fragte auch lachend, ob Nossi saubere Zähne habe, als die beiden auf uns zuschwammen. Später liessen wir die Pferde am Flussufer grasen und badeten alleine noch weiter, damit es ihnen nicht verleidete. Ums Abhauen machte ich mir keine Sorgen. Pineforest war in Sichtweite, also würden die beiden ohnehin als erstes dorthin zurückkehren. Und das tolle am Pineforest Park war, dass es hier kaum Strassen gab, und die paar wenigen waren kaum befahren. Aber Yoomee und Nossi entschieden sich am Ende sowieso wie erwartet dazu, das saftige Gras im Schatten der Bäume zu geniessen, anstatt stiften zu gehen. Die Zügel hatten wir natürlich abgenommen, damit sie sich nirgens verheddern konnten.

      Der Badespass hielt knapp eine Stunde an. Weil der Fluss heute etwas mehr Strömung hatte als die letzten Tage, und kurz darauf auch noch ein angenehmer, aber rauer Wind aufzog, wurde ich misstrauisch. Tatsächlich entdeckte ich daraufhin ein paar mächtig aufgebauschte Wolken am Horizont. Ich rief Lily zurück und wir machten uns, nass aber glücklich, auf dem Heimweg. Nachdem wir die Ponys versorgt hatten, begann es bereits zu tropfen. Ein typisches Sommergewitter, das in einer halben Stunde oder so bestimmt schon weitergezogen sein würde, vermutete ich. Lily fand es lustig, in den Badesachen unter dem bald darauf herunterprasselnden Platzregen herumzurennen. Ich joggte, erwachsen wie ich war, einfach zurück ins Haus und zog mich um. Obwohl ich meine Nichte insgeheim um ihre Sorglosigkeit und Freiheit beneidete. Waren wir nicht irgendwann alle so gewesen? Ich streichelte Moya, die mir schon wieder um die Beine schlich. Die schlaue Langhaarkatze hatte im Haus Schutz vor dem Regen gesucht - ein bisschen feucht war sie trotzdem. Ein lautes, eher krächzendes Miauen ertönte plötzlich, als Reaktion auf das Streicheln; aber es konnte nicht Moya gewesen sein, denn sie hatte eine hohe, niedliche Stimme. Die Quelle stand hinter mir, und schaute mich mit senkrecht aufgestelltem Schwanz, blinzelnd an. "Kafka, ich mach dich zu einem Sitzpolster, ich schwör's!" Der Kater erkannte, dass ich nicht so erfreut war ihn zu sehen, wie es umgekehrt der Fall sein musste. Er nahm reissaus, sobald ich aufstand. Vielleicht hatte er mich auch absichtlich provoziert, das traute ich ihm sehr wohl zu. Ich hatte ihn schon so oft aus dem Haus rausgeschmissen, dass er doch mittlerweile wissen musste, dass er hier nicht reingehörte. Moya durfte auch nur drinnen wohnen, weil sie noch nie tote Tiere reingebracht hatte und mittlerweile stubenrein war - ganz im Gegenzug zu dem Schildpattkater. Kafka flitzte durch die Katzenklappe, bevor ich ihn zu fassen bekam. Und ich fragte mich einmal mehr, ob sich die Investition in eine Chip-Erkennungs-Klappe nicht lohnen würde. Die restlichen beiden Katzen, Gismo und Shiva, probierten es gar nie. Sie waren im Hauptstall zuhause, wo die Pfleger sie fütterten und sie auf den alten Fleece-Decken schliefen. Kafka schien höhere Ansprüche zu haben, aber dann musste er zuerst lernen, sich zu benehmen. Ich hatte das Gefühl, dass Moya es einfach mehr in ihren Genen hatte, Hauskatze zu sein. So wie sie auch das Langhaar im Gegenzug zu den anderen geerbt hatte. Aber ich konnte wiedermal nur spekulieren.

      Draussen schüttete es wie aus Kübeln. Ein wunder, dass ich keine Hagelkörner sehe, dachte ich bei dem Krach den die schweren Tropfen machten. Aber bereits nach zehn Minuten liess die Intensität nach. Lily kam rein, den ganzen Boden volltropfend. "Ab ins Bad! Du machst mir den ganzen Parkett feucht", tadelte ich. Ich rubbelte ihre Haare mit dem Handtuch trocken. Danach zogen wir uns wieder richtige Reitsachen an und verliessen das Haus. Es roch nach nassem Asphalt und Gras - ein Geruch den ich liebte. Die Luft war durch den Schauer leider kaum abgekühlt, sondern bloss etwas feuchter geworden. Trotzdem gab es noch ein paar Vierbeiner zu beschäftigen. Während ich Vilou putzte, bekam ich eine SMS von Rosie. Sie fragte, ob ich einen Sonnenuntergangsritt mit ihr machen wolle. Ich willigte sofort ein, denn ich konnte es kaum erwarten, wiedermal mit ihr zu plaudern. Vilou scharrte ungeduldig, weil ich dem Smartphone anstelle von ihm meine Aufmerksamkeit widmete. Ich beeilte mich und striegelte den Fuchshengst dann eifrig weiter. Er genoss die kreisenden Bewegungen und wippte je nach dem mit dem Kopf mit. Es schien ihm aber auch widermal zu viele Fliegen zu haben, weshalb er nicht immer schön still stand, sondern mit dem Schweif wischte und sich zu kratzen versuchte. Er zeigte mir manchmal mit einer Kopfbewegung, wo es ihn juckte, damit ich ihn dort besonders intensiv striegeln konnte. "Faulpelz", murmelte ich, als er wieder so eine Stelle anzeigte, bei der er sich hätte verbiegen müssen, um sie zu erreichen. Ich entfernte den Staub aus seinem Fell mit der Bürste und säuberte mit dem Schwamm seinen eigentlich weissen Nasenrücken und die Nasenlöcher. Manchmal, wenn die Sonne besonders stark schien, cremten wir ihn sogar mit Sonnenschutz ein. Bei Winter, Ciela und den anderen Pferden mit viel rosa Haut musste das sogar noch gründlicher gemacht werden. Sie alle waren im Hochsommer gefärdet für Sonnenbrand und wir bemühten uns, sie jeweils erst gegen Abend oder die Nacht hindurch auf die Weide zu lassen. Nur, wenn sie früh morgens Renntraining hatten, dann mussten sie erholt sein und konnten nicht die ganze Nacht lang spielen.

      Vilou war wegen der Hitze verständlicherweise etwas träge. Ich motivierte ihn trotzdem zu einem anständigen Schritt, beschränkte die Lektionen aber auf leichte Trabarbeit und ein paar Seitengänge, ohne viel Galopp. Er war trotzdem ziemlich verschwitzt am Ende unserer Übungseinheit, genauso wie ich. Man könnte nicht meinen, dass ich vorher im Wasser war, stellte ich seufzend fest. Ich klebe schon wieder. Ich duschte Vilou gründlich ab und wusch mein Gesicht bei der Gelegenheit auch gleich nochmal. Eine fette Pferdebremse kam angebraust und wollte sich auf das Hinterteil des Fuchshengstes setzen. Ich zielte vorsichtig und erwischte sie mit der flachen Hand. Vilou, der beim Surren des dicken Brummers bereits angespannt die Ohren zurückgeklappt hatte, schien erleichtert und verscheuchte stattdessen mit seinem Maul ein paar Fliegen an der Brust. Jetzt gerade schwirrten besonders viele Viecher um ihn herum, weil er nass war. Also zog ich ihn rasch mit dem Schweissmesser ab und brachte ihn dann im Nordstall in Sicherheit. Es war schon halb fünf, aber ich war zu faul, um mich zu hetzen. Ich beschloss, Co Pilot bloss an die Longe zu hängen. Geputzt war der Rappschecke schnell, denn er war überhaupt nicht schmutzig. Auch in den Hufen war fast nichts drin – der Boden auf der Weide war zu trocken, um sich in den Strahlfurchen zu verfangen. Pilot folgte mir brav wie ein Lamm zum Roundpen und war trotz der unbarmherzigen Sonne motiviert. Ich achtete darauf, dass er schön untertrat und vorwärts-abwärts lief, um den Rücken zu heben. Ich fand jedoch, dass er hinten links nicht ganz taktklar ging und tastete besorgt sein Bein ab. Erfühlen konnte ich nichts, und warm war es auch nicht. Trotzdem liess ich ihn sicherheitshalber Schritt gehen und versorgte ihn nach zwanzig Minuten. Ich beschloss, am Abend nochmal mit ihm Spazieren zu gehen, damit er trotzdem genug Bewegung bekam. Vorläufig rief ich den Tierarzt nicht, denn es war gut möglich, dass er einfach verspannt war, oder eine unvorteilhafte Bewegung auf der Weide gemacht hatte. Ich erkannte auch, dass er nach der leichten Longenarbeit schon etwas besser lief, also sah ich meine Vermutung bestätigt.

      Ich hörte ein Auto auf den Parkplatz fahren, während ich Pilot zurück in seine Box brachte. Als ich aus dem Nordstall in die heissen Sonnenstrahlen trat, sah ich Angelina Moore aussteigen. „Good afternoon Angie“, grüsste ich die Pensionärin freundlich. Sie erwiederte es und öffnete die Autotür für ihre Kinder, Alec und Susan. Die beiden waren heute zum ersten Mal dabei. „Hey you two. Are you going to ride today, too?“, fragte ich lässig. Alec sah seine Mutter kurz an, dann meinte er: „We only watch and help grooming Nera, until she’s a bit older and not so wild.“ “Ahh, I see. But you did ride before, didn’t you?” “Yes. With Barney. A lot”, antwortete die kleine Susan. Angie fügte rasch hinzu: “…Our old horse. He was very gentle and sweet tempered, and, at his age, no longer feeling the need for speed. It was too cute how he paid attention tho the kids.” “Hmm, if your Mum is okay with it, we have some very gentle ponies here aswell, so you don’t have to wait and watch only.” Ich schmunzelte, als Alecs Augen zu leuchten begannen, und er sich abermals begeistert umsah. Angie nickte, und Susan quetschte erfreut. Gerade, als ich mich fragte, wo sie sich schon wieder herumtrieb, hörte ich Lilys Stimme hinter mir. „Occu, do you want me to look after them? I’d like to show them around.“ Meine zwölfjährige Nichte versuchte erwachsen zu klingen, ich wusste aber genau, dass sie sich darauf freute, Unsinn mit den beiden auszuhecken. „Alright, you can take over for me later, since I still have to take care of some four-legged friends after that.” Auch Angie kam mit, als wir zum Nebenstall liefen. Wir hatten hier kürzlich etwas umstrukturiert und Ronja auf die Stutenweide umgesiedelt. Die Ponys standen nun alle zuvorderst, die Warmblut Stuten näher bei den Weiden. Susan kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. „So many pretty ponies!“, rief sie aus, während sie bei einem nach dem anderen auf Zehenspitzen über die Boxentür spähte. Von Lychee bekam sie sogar einen etwas groben ‚Kuss‘, sodass sie fast rückwärts umfiel. Alec und Lily lachten laut, und Susan selbst fand es nach einem kurzen Schrecken auch lustig. Lily verkündete entschlossen: „Alec can take Nimué. I would have gone on a hack with her later, but that doesn’t matter. She’s a very nice pony, don’t worry.“ Alec reagierte auf den letzten Teil mit Empörung. „I wouldn’t mind even if she was bucky. I ride pretty well.“ “That so?”, entgegnete Lily schulterzuckend. Ich schlug vor, dass wir für Susan entweder Peppy oder eines der Miniature Horses satteln konnten. „Ich bleibe mit Alec hier, wir putzen Nim schonmal“, beschloss Lily. Der rothaarige Junge sah sie verwundert an, als hätte sie gerade Chinesisch gesprochen. „You speak german?“ Lily grinste nur stolz. Wir liessen die beiden zurück und begaben uns zu den Weiden. Angie nannte Susan schon von weitem die Namen der Ponys, die man sah – jedenfalls so weit sie sie selbst schon wusste. „That beautiful silver gray one over there is Silver Lining. The black one is Nachtfalke, I think”, mit einem fragenden Blick zu mir. Ich nickte. „The black and white one is easy to remember – he’s called Oreo, just like the cookies you like so much.“ “And the white one?“, wollte Susan wissen, mit dem Finger deutend. „She’s not white, she has creamy fur. Her name’s Daki, and she’s the big boss out here”, antwortete dismal ich. Wir betraten die Weide und ich musste auch alle restlichen Ponys noch nennen, ehe die Sechsjährige zufriedengestellt war. Dann führte ich sie zu Tigrotto, die ich am geeignetsten hielt. Gemeinsam putzten wir das braune Stütchen, und Susan durfte sogar selbst den kleinen, baumlosen Sattel auf ihren Rücken legen. Beim Führen verlangte das Mädchen meine Hilfe, weil sie sich noch nicht ganz selbst getraute und ihr ihre Mutter dabei sonst auch immer geholfen hatte, wie sie mir erklärte. Ich versprach ihr aber unterwegs schonmal, dass Tio ganz lieb war. „Sometimes, the ponies at the other barn tried to bite me…“, erzählte sie schüchtern. Angie bestätigte: “Yeah, they got a bit naughty when the kids brought carrots.” Alec und Lily waren schon auf dem Sandplatz. Alec stieg gerade mit Hilfe von Lilys Räuberleiter in Nims Sattel. „Willst du selbst nicht auch reiten?“, fragte ich meine Nichte. „Nö, ich hab ja später noch Reitstunde.“ Angie sah noch zu, wie ihre beiden Kinder die ersten paar Runden drehten, dann wandte sie sich ab, um Nera putzen zu gehen. Weil ich kein Risiko eingehen wollte, pfiff ich Lisa zu uns rüber, die gerade zum Pflegerheim unterwegs war, und fragte sie, ob sie ein Auge auf die Kinder haben könne. Bei der Gelegenheit begann sie auch gleich wieder zu plaudern, sodass ich am Ende doch noch fast eine Viertelstunde vertrödelte. „… And then Diarado saw that deer, just a few meters away, and the deer stared back at him – you should have seen his face, it was hilarious!“ “Yea, I’m sure it was… I really need to get going now”, drängte ich, mit einem symbolischen Blick auf die Uhr. Ich entkam ihren Fängen und schaffte es, mich bis halb neun Uhr mit Shira, und nochmals mit Pilot zu beschäftigen. Letzteren führte ich wie versprochen ein wenig auf den Feldwegen in der Nähe des Hofs herum und liess ihn immer mal wieder ein paar Grashalme knabbern, während Zira und Jacky nebenher liefen und durch das hohe Maisfeld streiften. Langsam wurde es ein wenig kühler, worüber ich sehr dankbar war.

      Um neun Uhr brachte ich schliesslich Rebel zum Aufsteigen auf den Kiesweg und ritt dann Richtung Wilkinson Farm. Die Familie Moore war längst wieder nachhause gefahren, und Lily ritt wie angekündigt mit Teddy in Elliots Abenddressurstunde mit. Ich musste noch rasch auf Rosie warten, als ich bei der Farm angelangte. Sie ritt auf Farasha, hatte aber Antarktik zusätzlich als Handpferd dabei. Rebel brummelte beim Anblick der beiden Araberstuten zur Begrüssung. Bei den hübschen Damen verstand ich das nur zu gut. Bei dem liebevollen Grunzen blieb es aber, und er benahm sich während des ganzen Ausritts tadellos. Sobald die Sonne untergegangen war, schwirrten und sirrten die Mücken um uns herum, was ziemlich nervig war. Ich versuchte, sie so gut es ging zu ignorieren, aber selbst Rosie schlug immer mal wieder genervt um sich. Wir lachten herzhaft darüber und unterhielten uns über die letzten paar Tage. „Pluie gives me a bit of concern these days. She is very thin, but the vet is unsure why…” “Ahh, it did not yet get better? Maybe she still hasn’t adapted to her new home?” “I can’t tell if she’s unhappy, she doesn’t really look like it. Tough she is full of beans and very jumpy at the moment. I feel like she just uses up way too much energy and that might be the reason.” “Did you try giving her magnesium? I heard that if they’ve got a lack of it, they act all nervous and stressed.” “I think I’ll try that. If it doesn’t help, it won’t hurt either, I guess.” Wir kehrten erst gegen halb elf Uhr zurück und verabschiedeten uns. Ich ritt alleine im Dunkeln mit Rebel zurück nach Pineforest Stable. Die Hengste aus dem Nordstall waren auf der Weide – sie durften im Sommer über Nacht raus. Ich sattelte Rebel ab, bürstete ihn durch und brachte ihn dann ebenfalls dorthin, wo seine Kumpels bereits friedlich grasten.
    • Occulta
      Birds of a feather flock together
      Phantom, Matinée, Black Powder War, Daedra, Iskierka, Empire State of Mind, Beck’s Experience, Glenn’s Caress, Blue Dawn’s Nachtfalke, PFS’ British Oreo Rascal, PFS’ Silver Lining, Xinu Xanu, Dakota S, Lady Diva from the Sky, Tigrotto, Snottles Peppermint, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, PFS’ Dressy Miss Allegra, PFS’ Beck’s Daisy Orchid, PFS’ Dare to Shine, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Arctic Rainstorm, Chocolate Chip, Feline, Shadow, PFS’ Fist Chant, PFS’ Whirlwind, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Challenging Time, PFS’ Cupid, PFS’ Skydive, PFS’ Call it Karma, PFS’ Soñando Solas, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Reverie, Brendtwood

      «Hast du bei Daedra schon gegeben?» «Nö.»
      Wir waren gerade dabei das Kraftfutter zu verteilen. Überall scharrten und brummelten Pferde, um auf sich aufmerksam zu machen und bloss nicht vergessen zu werden. Iskierka keifte mal wieder mit ihren beiden Boxennachbaren, denn schliesslich war sie ja der Chef, und die anderen brauchten sich gar nicht einzubilden, sie bekämen das begehrte Müsli vor ihr. Am Ende musste sie sich natürlich trotzdem genau gleich gedulden, wie alle anderen. Ich wusste, dass man viele Zickereien verhindern könnte, wenn man die Pferde in der Reihenfolge ihrer Rangordnung fütterte, aber das war im Alltag eines Rennstalles nicht ganz so einfach umzusetzen, zumal immer mal wieder neue Tiere dazukamen oder Boxen gewechselt wurden. Zum Glück waren die meisten unserer Pferde anständig und nahmen nicht die halbe Box auseinander, wenn sie die Schubkarre erblickten. Ich schöpfte ein Mass voll für Daedra und kippte es der Stute in die Futterraufe. Sie fiel gierig darüber her, wie die anderen auch. Schliesslich brauchte so ein hochathletisches Rennpferd gehörig Energie, um die Leistung zu erbringen, die verlangt wurde. Ich ging weiter und fütterte die nächsten paar Vierbeiner, dann gelangten wir zum Hengsttrakt. Auch hier gab es viele hungrige Mäuler. Ich holte ein weiteres Mass voll und brachte es einem braun-schwarzen Vollblut namens Black Powder War. Es handelte sich um einen am Vortag eingetroffenen Jährling, den ich in den kommenden Tagen in die Fohlenherde integrieren musste. Er gehörte einem jungen Geschäftsmann und sollte nächstes Jahr als Rennpferd auf Pineforest eingestallt und trainiert werden, allerdings von einem auswärtigen Trainer und privaten Jockeys. Er war für uns also einfach ein weiteres Pensionspferd, um das wir uns kümmerten. Ein hübscher Kerl aber, mit einer grossen Blesse und dunklem, seidigem Fell. Sogar einen Bauchfleck hatte er - ich hätte ihn wohl auch ohne zu zögern gekauft. Er sah so aus, als würde er eher zu einem grösseren Modell heranwachsen, denn er war langbeinig und schlaksig, mit grossen Ohren. Jedenfalls war ich gespannt darauf, ihn in Zukunft auf der Bahn laufen zu sehen, auch wenn es (leider) nicht unter einem meiner Jockeys war.

      Wenig später brachte ich zusammen mit Lewis, Lisa und Lily ein paar Ladungen Heu zu den Weiden. Die Minis und Fohlen bekamen ja grundsätzlich kein Kraftfutter, höchstens abends zum Einfangen ein paar Krümelchen, trotzdem wollten auch sie noch etwas anderes als frisches Gras zwischen die Zähne bekommen. Manchmal brachten wir auch altes Brot oder Äpfel mit dem Heu mit, und versteckten diese besonderen Leckereien darin und rundherum auf der Weide, sodass sie zusätzlich beschäftigt waren. Aber meistens spürten sie die Verstecke viel schneller auf, als uns lieb war. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Minis eine ebenso feine Nase haben mussten wie Jagdhunde. Daki jedenfalls merkte es auch heute sofort, dass ich Karottenstücke in den Hosentaschen mittrug. Sie belagerte mich förmlich und ich musste sie zurechtweisen, weil sie ein paarmal zu frech wurde und an meinen Hosen zu ziehen begann. Sie wusste eigentlich ganz genau, dass das zu weit ging. Entsprechend schnell gab sie auf und wartete mit etwas mehr Abstand, mich stets im Auge behaltend. Sie war nicht die einzige; auch Chip, Tigrotto, Lady, Rose und Papillon warteten gebannt darauf, dass ich die Karotten herausrückte. Kiwi war mehr beschäftigt damit, Lewis zu verfolgen. Wir verteilten das Heu, während Darling und Acira bereits frech ein paar Halme aus der Schubkarre rupften. Allegra und Orchid frassen Kopf an Kopf, was ich total süss fand, zumal sie ja Halbgeschwister waren. Die beiden vertrugen sich hervorragend, trotz oder gerade wegen des Altersunterschieds. Peppy war heute ein bisschen für sich unterwegs, sonst stand sie gerne bei Rose und Tigrotto. Sie mampfte einfach zufrieden an ihrem kleinen Privathaufen. Bei den Hengstchen war es ein ähnliches Bild: Lenny und Becks machten es sich zum Ziel, möglichst viel Heu zu stehlen, bevor wir es ausladen konnten. Lining, Falke und Oreo dagegen warteten geduldig, bis sie ihren Haufen vorgesetzt bekamen. Xinu war der einsame der Gruppe. Er hatte am Anfang etwas Mühe damit gehabt, sich in seinem neuen Zuhause zurechtzufinden. Er war sogar eine Weile etwas dünner geworden und hatte einen gestressten Eindruck gemacht. Vermutlich hatten ihn die anderen am Anfang etwas ‘gemobbt’, sodass er nicht zur Ruhe gekommen war. Aber mittlerweile war alles okay und er hatte wieder mehr auf den Rippen. Er ging den anderen trotzdem noch etwas aus dem Weg, besonders Lenny, dem Anführer der kleinen Herde. Ich kraulte im Vorbeigehen seine graue Mähne und warf einen Blick auf die kleine Bisswunde an seiner Schulter, die er von einem neulichen Gerangel mit eben Lenny davongetragen hatte. Xinu sah mich nur etwas verträumt-kauend an, mit seinen ungewöhnlich hellbraun-gründlichen Augen. Je nach Licht war es schwierig zu sagen, welche Farbe sie tatsächlich hatten.

      Wir holten Nachschub und wechselten dann zu den Fohlenweiden. First Chant kam sogleich anstolziert und verlangte ihre Portion im Voraus, was natürlich nicht funktionierte. Sie musste wie alle anderen warten. «Irgendwie scheint das so ein Schimmel-Ding zu sein», bemerkte ich an Lewis gewandt, «Empire ist auch so futterneidisch, und wie’s mit Iskierka läuft, brauche ich dir ja wohl nicht zu erzählen» Er kicherte gewissermassen und meinte nur «Feline ist ein Engelchen, also geht deine Theorie nicht ganz auf.» «Die Ausnahmen bestätigen die Regel», konterte ich knapp und griff eine ordentliche Portion Heu für Whirlwind und Karma, die mich bittend ansahen. Ich staunte immer wieder, dass Karma mit ihren grossknochigen, langen Beinen so geschickt umgehen konnte; aber zum Beispiel gerade in diesem Moment pfefferte sie der armen Cranberry eine, die von hinten versucht hatte, sich zum Haufen durchzudrücken. Weil die beiden abgelenkt waren, schaffte es stattdessen Reverie sich vorzudrängeln. Ich verstreute eine Extraportion für Chime, damit sie auch wirklich genug bekam. Die feingliedrige, verletzliche Stute hatte ja ohnehin Probleme mit der Nährstoffaufnahme, und mit den zusätzlichen Rangeleien aus Futterneid hatte ich Angst, dass sie sonst fast gar nichts abbekommen könnte. Ich war froh zu sehen, wie sie einige grosse Maulvoll zu sich nahm und zufrieden darauf herumkaute. Bei den Junghengsten gab es zum Glück keine Sorgenkinder; Simply Priceless, Cupid, Clooney, Solas und Woody waren sogar so wohlauf, dass sie im gestreckten Galopp über die Weide auf uns zu bretterten, und erst kurz vor den Schubkarren halt machten. Ich fragte mich einmal mehr, was wieder in sie gefahren war. Vermutlich hatte sie wieder irgendwas Unheimliches dort drüben aufgewühlt. Oder das Heu war plötzlich unglaublich viel leckerer geworden. Nur Skydive war schon längst bei uns und fiel als erster über die Ladung her, ohne zuerst noch seine Geschwindigkeit und Kraft demonstrieren zu müssen. «Jungs eben», stellte ich fest, und Lisa kicherte zustimmend.

      Später am selben Tag, am frühen Nachmittag, wollte ich einen Ausritt mit Matinée machen. Die Stute war zwar noch immer nicht wirklich ein Verlasspferd geworden, aber wir hatten in letzter Zeit kaum noch Ärger zusammen gehabt, auch wenn Phantom mal nicht dabei war. Sie mochte es trotzdem, hin und wieder, ihr kleines Fangspiel mit mir zu spielen, wenn ich sie von der Weide holen wollte. Ich fand das natürlich wahnsinnig lustig, und seufzte jeweils nur enttäuscht, wenn sie Anstalten machte, sich wegzudrehen. Heute liess sie mich zunächst herankommen und nahm vorsichtig die Karotte aus meiner Hand, die ich ihr anbot. Danach nutzte sie jedoch meine Gutgläubigkeit aus und ich konnte ihr schon wieder nur noch hinterhersehen. «Nah, girl. we don’t do that. You know it.» Ich lief hinterher und hielt sie in Bewegung, bis sie sich mir zuwandte; und wenn es auch nur ein Ohr war. Dann nahm ich den Druck weg und lud sie ein. Wenigstens stieg sie schon nach zwei Versuchen darauf ein und liess sich aufhalftern. Ich lobte sie mit einem kurzen Halsklopfen – es brachte nichts, nachtragend zu sein – und führte sie zum Satteln in den Nebenstall. Ich ritt sie heute mit Bareback-Pad, weil sie den Westernsattel noch nicht oft getragen hatte und ich mich erstmal an das halten wollte, was sie kannte, wenn ich allein mit ihr ins Gelände ging. Ich streifte ihr nach dem Putzen das Kopfstück des Bosals über die schlanken, grauen Ohren und führte sie anschliessend auf den Grasstreifen vor dem Nebenstall. Ich nutzte den Rand der geteerten Terrasse des Nebenstalls als Aufstieghilfe. Sie hielt still, aber ihre Ohren verrieten, dass sie sich anspannte. Deshalb stieg ich gleich nochmal ab, legte mich über ihren Rücken, liess sie etwas Seitwärtstreten und wiederholte das Aufsteigen, bis sie lockerer blieb und sich die Lippen leckte. Erst dann ritt ich los in Richtung Galoppwiese. Während wir liefen, wurde sie immer ruhiger und ihre Schritte gleichmässiger. Sie sah sich hin und wieder um und die Ohren spielten aufmerksam, aber sie fühlte sich deutlich sicherer an, als die letzten paar Male. Nur einmal machte sie eine Ausweichbewegung, als wir an einem Schild vorbeikamen. Ich machte mir etwas Sorgen um allfällige Dirtbike Fahrer, die uns begegnen könnten. Aber ich konnte Matinée schliesslich nicht den ganzen Herbst lang auf Pineforest einsperren, ohne mich auch mal ein paar Schritte vor zu wagen. Mein Ziel war es, dass sie nicht noch mehr zu kleben begann, als sie es ohnehin schon tat, denn wann immer Phantom dabei war, schien sie kooperativ und mutig; aber sobald er sich ausser Sicht befand, fiel sie manchmal in eine Art halb-rohen Zustand zurück. Deshalb war ich auch heute allein unterwegs, um so viel wie möglich an unserer Pferd-Mensch Beziehung zu arbeiten. So schlichen wir zusammen durch den Pinienwald und lauschten der Natur um uns herum. Unsere noch so verletzliche Beziehung wurde kurz darauf auf die Probe gestellt, und es kam völlig unerwartet für mich, denn der Auslöser war kein Dirtbike, welches man schon von Weitem gehört hätte. Eine Gruppe junger Hirsche stakste ein Stückchen vor uns beinahe geräuschlos über die Piniennadeln. Ich sah sie mit ihrem gut getarnten, braunen Fell erst, als es schon zu spät war, aber sie sahen mich und meine graue Mustangstute natürlich viel früher. Sie setzten sich alle gleichzeitig in Bewegung, als sie fanden, dass der Sicherheitsabstand unterschritten war. Matinée erschrak genauso wie ich und drehte sich abrupt ab. Ich war eine Sekunde zu langsam und die Fliehkraft riss mich seitlich runter. Ich klammerte mich noch in der Mähne der Stute fest, aber es half nichts mehr; ich landete unsanft (und sicherlich auch unelegant) auf dem Waldweg. Sofort rappelte ich mich wieder hoch, gab aber im selben Moment mein Vorhaben schon wieder auf, denn mit Matinées Galopp konnte ich unmöglich mithalten. Sie bretterte den Waldweg entlang davon, und ich stützte mich einen Moment auf meine Knie, um meinen Atem wiederzufinden. Meine Hüfte schmerzte etwas, aber mehr als ein paar blaue Flecken würde das nicht geben, denn der Waldboden hatte meinen Sturz zum Glück einigermassen abgefedert. Ich wollte mein Handy aus der hinteren Hosentasche ziehen, doch dann fiel mir ein, dass ich es Zuhause auf dem Küchentisch liegengelassen hatte. Wundervoll, sagte ich zu mir selbst, und hätte meinen Kopf am liebsten gegen einen Baum geknallt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Nachhause zu laufen, und zu hoffen, dass Matinée ebenfalls von selbst dorthin zurückkehrte. Wenn sie vor mir dort ankommt, dann werden sie nach mir suchen, stellte ich fest. Ich lief also so rasch wie möglich aus dem Wald aufs offene Feld, sodass ich gut sichtbar war. Aber erst, als ich die Tannen der Galoppbahn erreichte, kam Lewis von den Weiden her auf mich zu. «Why are you walking around by yourself?», fragte er stirnrunzelnd. “Matinée thought she had enough of me”, antwortete ich, halb scherzend. “No way! She threw you? Where is she?” “Well, obviously not here.” “Shit, ‘you okay?” Ich versicherte ihm, dass ich nichts weiter als blaue Flecken hatte. Wir liefen zusammen zum Hauptstall und versammelten ein paar Pfleger; es war wiedermal Zeit für eine Suchaktion. Jonas war milde gesagt «not amused», als er erfuhr, dass ich gestürzt war. Ich ignorierte seine «ich hab dir doch gesagt du sollst mit ihr nichts wagen und schon gar nicht alleine gehen»-Predigt und hastete zur Stutenweide, um Phantom zu holen. Ihn als Lockvogel zu benutzen würde vielleicht die einfachste Möglichkeit sein, sie wieder einzufangen. Ich sattelte den Rappen, während Jonas dasselbe mit Shadow tat. Die Hunde liessen wir zuhause, denn sie hätten Matinée gewiss eher vertrieben als angelockt. Gemeinsam trabten wir zurück an die Stelle, an der Matinée mich zurückgelassen hatte, um wenn möglich ihre Spuren zu verfolgen. Man sah zum Teil ein paar frisch aufgewühlte Stellen mit dunkler Erde in den Piniennadeln, in der Grösse von Hufabdrücken, also klappte dieser Plan eine Weile lang ganz gut. Dann kamen wir jedoch an den Waldrand und auf dem Feld vor uns erkannte man nichts mehr. Ich sah mich gründlich um, aber ich konnte das graue Fell der Stute nirgendwo entdecken. «Wohin würde ein Wildpferd im Pineforest Park flüchten?”, überlegte Jonas laut. «In den Wald? Keine Ahnung…» Ich war ratlos, also ritten wir einfach geradeaus weiter und hofften, Matinée zufällig anzutreffen. Wir waren den ganzen restlichen Nachmittag unterwegs, aber von der Mustangstute fehlte jede Spur. So langsam machte ich mir wirklich wirkliche Sorgen, denn je länger sie verschollen war, desto weiter weg konnte sie sich entfernt haben. Irgendwann beschlossen wir, dass es keinen Sinn mehr machte, mit den Pferden weiterzusuchen und dass Phantom und Shadow eine Pause verdient hatten. Es gefiel mir zwar überhaupt nicht, noch mehr Zeit zu verschwenden, aber ich musst einen anderen Weg finden, um sie aufzuspüren. Phantom schien gar nichts von Matinées Verschwinden bemerkt zu haben. Er lief wie immer zügig nach Hause, schien dabei aber ganz entspannt. Gerade, als wir die Tannen der Galoppbahn passierten und wir freie Sicht auf den Hof vor uns hatten, entdeckte ich völlig überrascht einen bekannten, grauen Kopf mit gespitzten Ohren hinter dem Offenstallgebäude hervorlugen. Kurz darauf erklang ein schrilles Wiehern und die Stute kam auf dem Kiesweg zu uns getrabt. Völlig perplex sah ich Jonas an, dann lachten wir laut los. Ich konnte es kaum glauben, dass die Stute uns so an der Nase herumgeführt hatte. Ich hatte schlichtweg nicht erwartet, dass sie wirklich freiwillig zurückkehren würde. Andererseits machte es am meisten Sinn, denn sie kannte ja nur Pineforest und hier befand sich auch ihre Herde. Sie zeigte deutlich, dass sie Phantom gesucht hatte, denn sie folgte uns, oder zumindest ihm, auf Schritt und Tritt zur Weide zurück. Trotzdem atmete ich erst definitiv auf, als beide wieder sicher hinter dem Zaun auf der Weide standen. Kopfschüttelnd meinte ich an Jonas gewandt: «Das war jetzt was. Ich hab überreagiert, nicht wahr? Ich meine, es sind schon viele Pferde ausgebüxt, und dabei war ich nie so gestresst. Es ist nur so weil ich im Kopf hab, dass die beiden Mustangs sind. Dabei ist Phantom mittlerweile ein Verlässlicher Partner und Matinée hat auch schon viel dazugelernt – das hat sie gerade eben wieder bewiesen.» «Ja, und davor hat sie bewiesen, dass sie eben doch noch nicht so weit ist!», meinte Jonas leicht aufgebracht. «Jedes Pferd kann sich mal erschrecken. Das passiert bei gezüchteten Warmblütern genau gleich wie bei Wildpferden. Ich war einfach nicht aufmerksam genug.» «Ich finde, man merkt schon einen deutlichen Unterschied in Sachen Reaktionsfreude. Die Schuld nur auf dich zu nehmen finde ich auch nicht ganz okay, denn eigentlich sollte Matinée langsam wissen, dass du auf sie aufpasst – sofern du auf ihrem Rücken bleibst.» «Sie scheint es ja zu wissen, sonst wäre sie nicht freiwillig zurückgekommen…» «Sie ist wegen Phantom hier, hundert Pro!» «Können wir das lassen?» Ich umarmte ihn beschwichtigend. «Es ist nichts passiert, und alle sind in einem Stück nach Hause gekommen. Lassen wir es einfach dabei, dass du Recht hattest und sie noch nicht bereit war, um alleine mit mir rauszugehen.» Er drückte mich an sich und meinte: «Diesmal ist nichts passiert. Sei einfach vorsichtiger in Zukunft, okay?» «Mach dir keine Illusionen – ich werde immer mal wieder runterfallen, das gehört einfach dazu zum Reiten» «Jetzt fängt das schon wieder an!» Wir sahen uns in die Augen und ich begann zu lachen; er stieg darauf ein. Er tadelte mich trotzdem noch auf dem ganzen Rückweg zum Hauptstall.
    • Occulta
      Vorweihnachtliche Stimmung
      Empire State of Mind, Painting Shadows, Iskierka, Caspian of the Moonlightvalley, PFS‘ Ravissante, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Vivo Capoeira, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Black Powder War, PFS’ Karat, Snottles Peppermint

      So langsam hatte ich mich wieder so sehr an den Nebel gewöhnt, dass er mir gar nicht mehr auffiel. Aber heute sah man wirklich so wenig, dass ich mir Sorgen machte, ob die Pfleger den Weg zu den Ställen finden würden. Das Vollbluttraining war dann auch ganz lustig, weil Oliver keine Chance hatte zu erkennen, welches Pferd an welcher Stelle lief. Er rief mehrfach falsche Namen durch den Nebel und die Jockeys kicherten jeweils amüsiert. Einmal, als ich mit Painting Shadows über die Bahn bretterte, kam ich mir ganz alleine vor. Vor und hinter uns hörte die Bahn einfach in einer grauen Wand auf, als wäre sie verschluckt worden. Die Sonne musste zu diesem Zeitpunkt schon aufgegangen sein, weil wir ja im Winter etwas später mit dem Training begannen, aber wirklich hell war es irgendwie doch nicht. Paint war der Nebel egal, sie lief einfach ihr Renntempo und bremste erst, als ich die Zügel straffte und in den Bügeln aufstand. In der vorherigen Runde mit Caspian hatte ich den Markierpfosten, bei dem wir bremsen mussten beinahe verpasst. Wir beendeten das Training mit dem Austraben und brachten die Pferde dann zurück zum Stall. Ihre Felle waren durch die feuchte Luft angenässt, aber natürlich auch durch die Anstrengung. Als ich hinter Iskierka lief, fiel mir auf, dass ihr Eisen hinten links etwas locker schien. Die Beschlagsperiode neigte sich bei ihr ohnehin dem Ende zu, also notierte ich mir innerlich, später noch einen Termin mit dem Schmied zu vereinbaren. Die Pferde kamen zum Trocknen mit Fleecedecken eingepackt in den Freilauftrainer. Ich überliess den Rest den Pflegern und begab mich zu den Fohlenweiden. Ich rief Lewis und Linda, damit wir uns gemeinsam ein paar der Rabauken in Sachen Halfterführigkeit vornehmen konnten. Solas war meine erste Wahl, denn ich brannte sehr darauf, dem braunen Moon-Sohn Manieren beizubringen. Als halbstarker Junghengst hatte er viel Unsinn im Kopf – artig sein und sich konzentrieren gehörten bisher eindeutig nicht dazu. Lewis fing sich Simply heraus, Linda widmete sich Clooney. Die Vollblüter wurden ja schon mit zwei Jahren vorsichtig angeritten und trainiert, um ihren Knochenstrukturen die Chance zu geben, sich an die Belastung des Rennsports anzupassen. Umso wichtiger war es, dass die Jünglinge die Grundlagen des Umgangs beherrschten. Aber auch Clooney und Solas, die noch ein Jahr Fohlenweide vor sich hatten, schadete das Training nicht. Ich war schon dafür, die Fohlen so viel wie möglich ungestört ihre Jugend geniessen zu lassen, aber gewisse Basics mussten einfach sein, so wie bei Kindern, die in den Kindergarten gingen. Die Schule war dann gewissermassen das Einreiten. Wir führten die drei in die Halle und zeigten ihnen erstmal alle unheimlichen Ecken und Winkel. Zusammen fühlten sie sich nicht so verloren, aber einmal wieherte Simply trotzdem, um sich nach dem Verbleib seiner auf der Weide übriggebliebenen Kumpels zu erkunden. Gerade als Linda mit Clooney an der Hallenecke bei der Reiterstube vorbeikam, huschte eine Maus durch, sodass Clooney misstrauisch einen Bogen machte. Wir legten ein paar Stangen aus und liefen mit den Fohlen darüber oder im Slalom um Hindernisständer herum. Dabei übten wir auch immer mal wieder anzuhalten, oder sogar ein Stückchen rückwärts zu treten. Ich liess Solas auch mit der Hinterhand oder der Vorhand weichen, und zwar so, dass er die Idee bekam, seine Beine zu kreuzen. Er stellte sich ziemlich ungeschickt an, aber ein paarmal brachte ich ihn zum Kreuzen. Nach einer Weile (die Konzentrationsspanne war bei den ‘Babys’ noch nicht so lang) brachten wie die drei zurück und holten die Nächsten. Ich wählte diesmal Skydive aus, Lewis nahm Cupid und Linda Woody. Capy liessen wir heute noch unangetastet – er war vor ein paar Tagen schon von Lewis etwas herumgeführt worden. Das Training von Black Powder War, der soweit ich wusste ebenfalls im Frühling angeritten werden würde, unterlag nicht meiner Verantwortung. Deshalb nahmen wir ihn auch nicht mit, obwohl ich das gerne getan hätte. Er folgte uns nämlich beide Male bis zum Tor bzw. dem Zaun entlang und sah uns sehnsüchtig hinterher. Aber da liess sich nun mal nichts machen; ich durfte nicht einfach die Pensionärspferde ‘entführen’ und wie meine eigenen behandeln. Aber wenigstens schien der Besitzer des jungen Hengstes ein anständiger, wenn auch etwas wortkarger Typ zu sein, der seinen Schützling regelmässig besuchen kam. Da war ich im Vergleich ja sogar schon auf gewisse Weise vernachlässigend: Ich hatte den Neuankömmling, der später, gegen Abend desselben Tages eintraf, während der Zeit auf der auswärtigen Fohlenweide kaum besucht – das nur weil ich wusste, dass er in guten Händen gewesen war. Karat, ein leuchtend fuchsfarbenes Hengstfohlen von Satine, war bisher bei einem Züchterkollegen untergebracht gewesen. Dieser löste seine Fohlenweide jetzt jedoch vor dem tiefen Winter auf, weil seine Weiden den Sommer über unter der ganzen Hitze ohnehin schon zu sehr gelitten hatten, er sie nun über den Winter schonen wollte, damit im Frühling überhaupt wieder etwas wuchs, und er ausserdem auch zu wenig Heuvorrat hatte, um die Fohlen anständig durchzufüttern. Auch bei uns würde es wohl diesbezüglich etwas knapp werden, denn wir bezogen unser Heu von den umliegenden Bauernhöfen, und die hatten dieses Jahr ebenfalls deutlich weniger mähen können als sonst.
      Wir übten den Morgen hindurch selbstverständlich nicht nur mit den Hengstfohlen, sondern auch mit den Stütchen. Saphi, die mittlerweile abgeholt und gut in die Herde integriert worden war, benahm sich dabei nicht ganz so anständig wie die anderen. Zu abgelenkt und stürmisch war sie aufgelegt, sodass Lewis sie nur mühsam führen konnte und sie mehrfach zurechtweisen musste. Sie brauchte übrigens noch einen richtigen Namen, der auch für Rennen taugte. Der Vorbesitzer hatte damit bis zu ihrem Trainingsbeginn warten wollen, um den Namen dann passend zu ihrem Charakter auf der Bahn zu wählen. Da mir spontan bisher nichts eingefallen war, und ich zu wenig Zeit hatte, dem wirklich nachzugehen, verlegte auch ich die Namenssuche voraussichtlich auf den Frühling, ausser jemand hatte vorher eine blendende Idee. «How ‘bout ‘Annoying Brat’?», bemerkte Lewis genervt, als hätte er meine Gedanken gelesen, während er die Stute, die ihm schon wieder zu nahe aufgerückt war, leicht genervt rückwärtsschickte. «It has to start with S though», antwortete ich lächelnd. Darauf hatte ich mich beim Kauf mit allen Beteiligten geeinigt, in Anlehnung an ihre Mutter Sumerian. Der ging es mittlerweile wieder viel besser. Parker führte sie viel im Schritt spazieren, und dabei lahmte sie zumindest schon nicht mehr. Traben durfte Sumerian aber erst in ein paar Wochen wieder vorsichtig, und am besten nur geradeaus. Reiten würde man sie dann zumindest im Schritt auch wieder können. Verkauft an Parker hatte ich sie noch nicht, aber das wollten wir bald pünktlich zum neuen Jahr erledigen. Abgesehen von Saphi benahmen sich die Stuten akzeptabel. Cranberry und Whirlwind gar hervorragend. Mit Karma hatte ich das ein- oder andere Hühnchen zu rupfen, aber im Großen und Ganzen machte sie motiviert mit. Chime war todlieb, aber etwas ungeschickt mit ihren vier langen Beinen. Ausserdem versuchte sie die ganze Zeit, Lindas Schal ins Maul zu nehmen, wie ein nerviges Kleinkind. Die Pflegerin nahm’s mit Humor, aber es fiel ihr dadurch schwer, ernsthaft zu bleiben und sich auf das Training zu konzentrieren. Chia markierte ausnahmsweise mal nicht den heissblütigen Araber, sondern schien diesmal sogar etwas schwer zu begeistern für die Stangen auf dem Boden. Viel lieber schnüffelte sie im Hallensand herum und versuchte, die Spuren der anderen Pferde zu lesen. Reverie war als einsame letzte dran. Das machte aber nichts, denn sie war sowieso eine der älteren Jungstuten und es war im Hinblick auf das Einreiten wichtig für sie, auch mal das allein Sein zu üben. Sie rief zwar ein paarmal nach den anderen, aber sie hörte trotz allem auf meine Körpersprache. Linda und Lewis machten unterdessen schonmal eine Heuration für die Offenställe bereit.

      Über den Mittag recherchierte ich nebst dem Kochen ein wenig über das kommende Finale des Shetty Grand Nationals an der International Horse Show in London. Das Ganze fand über Weihnachten statt, aber das machte weder Lily noch Jonas und mir etwas aus. Wir freuten uns alle darauf und waren gespannt auf die Rennleistung von Peppy und Lily. Die Shettystute war topfit und Lily hatte den ganzen Herbst hindurch fleissig mit ihr trainiert. Die nötigen Qualifikationsrennen hatten wir alle absolviert, und meine ehrgeizige Nichte hatte sich riesig gefreut, als sie zur Belohnung die Einladung zum Final bekommen hatte. Mit etwas Glück würden wir dort vielleicht ja sogar die Queen sehen, denn die war anscheinend in der Vergangenheit auch schon mehr als einmal vor Ort gewesen, um ihre geliebten Pferde zu bestaunen. Moya schlich sich durch den Türspalt in mein Büro und sprang auf meinen Schoss. Ich erschrak dabei leicht, weil ich sie gar nicht bemerkt hatte. Sie schnurrte und rollte sich zu einem rauchig schwarzen Fellball zusammen, ehe sie genüsslich damit begann, ihre Brust zu lecken. Manchmal verstand ich das Katzentier einfach nicht. Sie konnte wie ein wildes Raubtier fauchen und sich in der dunkelsten Ecke des Hauses verkriechen, wenn man auch nur Anstalten machte, die Hand nach ihr auszustrecken; dann wiederum zu einem verschmusten Stubentiger mutieren, wie gerade jetzt. Es schien so, als sei sie einfach sehr eigenwillig und wollte nur gestreichelt werden, wenn sie das selbst so entschieden hatte.

      Am Nachmittag holte ich ein neues Sportpferdchen ab. Die Stute hiess Ravissante und war eine Tochter von Sunday. Allerdings war sie kein Rennpferd, sondern sollte später im Springsport laufen, wenn alles gut ging. Die Stute war ein gewöhnlicher Brauner, wie ihr Vater. Sie hatte einen hübschen Kopf und grosse Augen, das kam vielleicht von dem arabischen Blut der Mutterseite. Sie bezog Quartier im Nebenstall, in der Box von Satine, die kürzlich leer geworden war. Leergeworden, weil Satine umgezogen war, an denselben Ort wie Fly und Chiccory. Es gab diverse Gründe dafür, aber einer der wichtigsten war schlichtweg Platz- und Zeitmangel, so blöd das klang. Am neuen Ort hatte sie eine ambitionierte junge Reiterin, die ihr die volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Auch Parànyi hatte eine neue Reiterin gefunden – etwas überraschend. Angelina hatte nämlich ihre Stute Nera verkauft, weil sie, in ihren eigenen Worten ausgedrückt, einfach nicht die Beziehung mit ihr hatte aufbauen können, die sie sich gewünscht hatte. Auch wenn sie es nicht direkt zugeben wollte, sah ich einen weiteren Grund darin, dass die Stute am Ende doch nicht das Dressurpotential besass, dass Angy sich versprochen hatte. Umso gelegener kam ihr unser Deal, dass sie Parànyi zukünftig für Pineforest Stable vorstellen durfte. Ausserdem hatte ich die erfahrene Dressurreiterin überzeugen können, dass sie auch weitere meiner Pferde trainieren und an Turnieren reiten würde. Ich bespasste am Nachmittag Empire, wobei es leicht zu schneien begann, und ich mir auf unserem Ausritt vorkam, wie im Film «Drei Nüsse für Aschenbrödel», den meine Mutter immer so gerne an Weihnachten schaute. Bis zum Abend hatte der Schnee dann leider doch wieder aufgehört, sodass es wohl dieses Jahr keine weisse Weihnacht geben würde.
    • Occulta
      Abkühlung
      Stars of Magic, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Karat, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, Black Powder War, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Vivo Capoeira, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind

      In letzter Zeit war es mir oft zu heiss für das Training mit den Fohlen gewesen, aber kam mir ein Einfall, den ich längst hätte haben müssen. Die Temperaturen waren nämlich so schweisstreibend, dass ich die Fohlen abkühlen wollte. Also beschloss ich kurzerhand, ein Abspritz-Training aufzugleisen. Hilfe bekam ich von Lewis und Lisa. Mehr Leute brauchte es nicht, weil wir ohnehin nur zwei Waschstellen im Innenhof des Hauptstalls hatten. Die ersten beiden, die herhalten mussten, waren Skydive und Brendtwood – Lisa bestand darauf, es mit ihrem Haflingerhengst zuerst zu versuchen. Wir holten die beiden von der Weide und brachten sie zum Hauptstall. Allein das war schon ein ganz schönes Theater, denn Woody hatte seine Bedenken, als es darum ging, sich von seiner Gruppe zu entfernen. Lisa, die ihn eigentlich längst einreiten wollte, es aber ständig aufschob, hatte dem stämmigen dreijährigen kräftemässig leider nicht viel entgegenzusetzen. Deshalb schaffte er es auch, sich beim Nebenstall loszureissen und im Galopp zurück zur Weide zu brettern. Lisa holte ihn schliesslich mit Lewis‘ Hilfe zurück. Das Anbinden kannten die Jungspunde schon. Besonders Skydive stand wie ein Musterschüler, denn Lily hatte ihn ja ständig angebunden und geputzt. Ich zeigte dem Ponyhengst zuerst den Schlauch, dann drehte ich das Wasser auf und richtete es neben ihm auf den Boden. Er sah interessiert zu und zuckte auch kaum zusammen, als ich es auf seine Beine schwenkte. Offenbar gefiel ihm die Abkühlung, denn er hielt brav still und spielte am Ende sogar mit dem Wasser, indem er sein Maul mitten in den Strahl streckte. Leider war Lily in der Schule und konnte das nicht miterleben, aber ich knipste ein paar Fotos mit meinem Handy. Brendtwood machte sich nach den Startschwierigkeiten besser als erwartet. Er war zwar nicht so entspannt wie Sky, aber er liess sich die Prozedur gefallen. Die nächsten Kandidaten waren Karat und Solas. Auch die zwei freuten sich einigermassen über die Abkühlung. Anders als Clooney, der den Schlauch unglaublich angsteinflössend fand. Cupid und Capoeira blieben brav und fanden beide rasch heraus, dass sich das Stillhalten lohnte – es winkte eine Karotte am Ende des Bads. Simply hielt zwar nicht still, schien aber auch nicht besonders viel Angst zu haben; er war einfach nur ungeduldig. Black Powder War stand inzwischen übrigens im Hauptstall. Er wurde seit ein paar Monaten trainiert und hatte auch schon erste Rennen bestritten, mit abwechslungsreichen Resultaten. Ich hielt mich aus seinem Training gänzlich raus, da er nur bei uns eingestallt war.

      Bei den Stuten hatten wir ein paar Kandidaten, die etwas heikler auf das Wasser reagierten, namentlich Karma, Indy und Cranberry. Besonders letztere mochte zwischen den Hinterbeinen überhaupt nicht und zog protestierend den Po ein. Reverie und Chime waren zum Glück wiederum unkompliziert und auch eher auf der verspielten Seite. Wie erwartet machte auch First Chant einen Zappel-Tanz, aber sie kriegte sich angesichts meiner gezielten Pausen rasch wieder ein. Ich nahm den Strahl nämlich jedes mal rasch weg, wenn sie sich stillhielt und liess ihn jeweils auf sie gerichtet, wenn sie es nicht tat. Das funktionierte auch bei Saphi gut. Sie mochte dafür den Fliegenspray nicht, mit dem wir alle Fohlen nach dem Duschen noch besprühten. Am Ende hatten wir einen Haufen nasser Fohlen auf der Weide, die in der Sonne grasten, um zu trocknen.
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  • Kategorie:
    Gedenksteine
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    Occulta
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    9 Apr. 2017
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