Rhapsody

Painted Blur *

Holsteiner -- im Besitz seit 08/2015 -- gekört -- von Place Royal -- aa Ee

Painted Blur *
Rhapsody, 2 Aug. 2016
    • Rhapsody
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      Klinik Caen - © Eddi
      | 11. August 2015
      „Elisa, nun reiße dich mal zusammen und helfe mir lieber“, meinte ich zu dem kichernden Menschen neben mir. Sie war immer noch total begeistert von ihrem Einfall für Juli, dass sie einfach nicht aufhören konnte, sich zu freuen. Dabei hatten wir hier eigentlich genug zu tun, immerhin sollte Painted Blur untersucht werden und im Topzustand sein, wenn er zu seiner neuen Besitzerin kommen sollte. Elisa war momentan sowieso ständig bei mir, unter anderem auch, um ihre Überraschung zu planen.

      Blurry, wie sie den großen Junghengst liebevoll nannte, schaute uns nur ein wenig genervt an, als wir ihn aus der Box und so von seinem Heunetz wegholten. Ich bat Elisa, dass sie ihn mir einmal im Schritt und einmal im Trab vorführte. Durch ihr Gekichere bekam sie auch ziemlich schnell Seitenstechen und jaulte mir dann damit die nächste halbe Stunde die Ohren voll. Aber das war es mir wert, immerhin hatte mich Blurry von seinen Gängen überzeugt und gezeigt, dass er taktklar und gesund lief.

      Also ging es mit der allgemeinen Untersuchung weiter: Dafür nahm ich ihm erst einmal etwas Blut ab und kleidete dann Elisa und mich in Bleischürzen. Ich weiß nicht, was sie dachte, was ich vorhatte, aber ihr angewiderter Blick spiegelte gut ihr Kopfkino wieder. „Das Blut ist für das Blutbild, du Nuss“, erklärte ich ihr und hörte ein leises „Oh“ zu mir vordringen. Ich verkniff es mir, die Augen zu verdrehen und machte lieber die Röntgenaufnahmen.

      Nachdem das nun geschafft war, konnten wir mit der eigentlichen Untersuchung anfangen. Die kannte Blurry schon und auch mich kannte er auch und dementsprechend fix und problemlos ging der Blick in Ohren, Augen, Nüstern und Maul. Alles saß dort, wo es hingehörte und Blurry war kerngesund. Also hörte ich Herz und Lunge ab und danach noch die Darmgegend.

      Als auch das geschafft war, musste ich ihn eigentlich nur noch Abtasten und die Körpertemperatur kontrollieren. Brav lief sich Blurry an der Wirbelsäule und an den Beinen abtasten und wurde dafür auch von Elisa groß gelobt. Wieder verkniff ich mir jeglichen Kommentar, dass das jedes Pferd können sollte und zog nur schweigend die Spritzen auf.

      Bei deren Anblick versteckte sich Elisa direkt und kam erst wieder heraus, als Blurry seine vier Impfungen erhalten hatte. Zu guter Letzt gab es nun nur noch die Wurmkur, welche ich ihm fix ins Maul spritzte und dann hatte er es schon geschafft. „Äh und was ist mit diesem Ding da? Dem Chip?“, hakte Elisa vorsichtig nach und ich erklärte ihr, dass alle meine Pferde bereits gechippt waren, Blurry also ebenso.

      Fachmännisch nickte Elisa nur und reichte mir dann den Impfpass zum Erneuern. Nun schaute ich mir nur noch fix die Röntgenbilder und das Blutbild an und danach konnte ich ihr sicher sagen, dass der Hengst, welchen sie als Geschenk vorsah, topfit und gesund war. „Und deshalb kann Juli dann auch gerne ihrem geschenkten Gaul ins Maul schauen“, meinte ich grinsend und während ich Blurry losband und zurück in die Box brachte, schien Elisa noch darüber nachzudenken, was ich nur mit dem Sprichwort angestellt hatte.
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      WHT Ausbildungsbetrieb, Einreiten - © Samarti
      | 11. August 2015
      Ein bisschen verwundert starrte ich Eddi ja schon an, als ich aus ihrem Mund die Worte „Aber der ist doch noch gar nicht eingeritten!“ zu hören bekam.

      „Wie jetzt? Der ist sechs Jahre alt und du willst mir sagen, der wäre noch nicht eingeritten? Das schmeißt meine ganzen Pläne durcheinander!“, seufzte ich theatralisch auf und schenkte Eddi dann einen bitterbösen Blick. „Du weißt, dass er mit pinkem Zubehör auftauchen und von Jojo geritten werden sollte, nachdem sie ihn erst mal gesehen hat? Mann, Eddi! Du kannst doch nicht … Eddi, verdammt!“

      Im nächsten Moment musste ich trotzdem lachen.

      Es hatte mich zugegebenermaßen ziemlich verwundert, dass der sechsjährige Holsteiner noch nicht eingeritten worden war, aber so ruhig an der Longe lief. Er war als Geschenk für Jojos Geburtstag angedacht, und ich wusste auch jetzt schon, dass wahrscheinlich Gwen oder ich hätten ran gemusst, wenn sie ein nicht eingerittenes Pferd bekommen würde.

      Glücklicherweise hatten wir das Geschenk allerdings schon seit Monaten in Planung – so viele Monate, dass wir noch seelenruhig damit anfangen konnten, Painted Blur einzureiten und teilweise sogar schon aufzustufen.

      Das hatten wir dann tatsächlich auch geschafft. Es war natürlich keinem aufgefallen, dass ich ständig zu Eddi gereist war, „um ihre Pferde zu trainieren“. Gwen und Elena wussten beide Bescheid, zogen ebenfalls mit und auch Eddi war (natürlich …) eingeweiht, die Blurry vorbereitete. Wir vier hatten uns dazu entschieden, Jojo den Hengst zu ihrem Geburtstag nach Kanada zu verfrachten, dafür müsste er dann aber auch bereit sein, sodass wir jede Menge Arbeit hinein steckten.

      Eddi hatte dann allerdings auch einiges allein auf die Beine stellen können, nachdem ich sie über alles aufgeklärt hatte. Immer, wenn es Pferde von ihr zu trainieren gegeben hatte, hatte ich meine Chance genutzt und war einfach zu Eddi gereist, mit der Ausrede, dass es sich für Eddi nicht lohnen würde, wenn sie fünf Pferde zu uns schicken würde.


      Bei meinem ersten Zusammentreffen mit Blurry war ich mehr als überrascht. Bereits rein äußerlich wies er keine Ähnlichkeiten zu seiner Mutter, Calina (übrigens ein weiterer Grund, warum wir Jojo Blurry schenken wollten), auf. Vom Charakter her ähnelte er seine Mutter dann schon mehr: Calina hatte ich damals als liebe, aufgeschlossene Stute kennengelernt, mit der es allerdings niemals langweilig wurde. Painted Blur zeigte mir dann schon bald, dass er diese Charakterzüge mit seiner Mutter teilte. Wenn ich zu viele Wiederholungen einer Übung mit ihm machte, fand er schnell etwas Anderes interessanter und so musste man ihm auch während der Ausbildung immer eine Menge Abwechslung bieten, damit er nicht einfach Halt machte und anfing zu dösen.

      Seine Gänge, sein Benehmen und generell sein Auftreten erinnerte dann doch stark an Calina – und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ja fast nur vermuten, dass er das perfekte Geschenk für Jojo wäre. Pferde verschenkten wir eh ständig, also was sollte schon schiefgehen?


      Einreiten taten wir ihn dann nämlich auch noch. Natürlich sollte Jojo keinen „unreitbaren“ Sechsjährigen im Stall stehen haben, denn wir alle wussten, dass Jojo mit nicht eingerittenen Pferden immer weniger anfangen konnte. Sie fragte auch bei ihren jüngeren Kandidaten schon ständig: „Wann darf ich meine Kleinen jetzt eigentlich endlich vernünftig arbeiten? Also ab welchem Alter?“

      Um genau solchen Fragen auszuweichen, hatten Elena, Gwen und ich uns darauf geeinigt, dass ich mich dann eben immer mal wieder auf den Weg nach Amerika und zu Eddi machen würde, um Blurry auf sein neues Leben vorzubereiten.

      Die Longe hatte er dann doch schon gekannt, auch auf Stimmkommandos reagierte der Hengst wunderbar, sodass wir schon bald mit dem ersten, leichten Gewicht auf seinem Rücken begonnen hatten. Blurry stellte sich als lernwillig und konzentriert heraus, arbeitete stets gut mit, solange ihm genug Abwechslung geboten wurde (was wir unter anderem durch viel Bodenarbeit (Gwen hatte mich schon ausgiebig dafür gelobt!), lange Spaziergängen und viele, kleinere Denkaufgaben erreichten).

      Selbst, als Blurry schon länger unter dem Sattel lief, zweifelten wir alle nicht an unserer Entscheidung, Jojo den Hengst einfach in den Stall zu stellen. Im Gegenteil: Wir wurden uns alle immer sicherer, auch wenn die blöde Kuh uns ab und zu fast zum Weinen gebracht hatte, weil sie dann meinte, sie würde sich doch das und das wünschen – plötzlich wollte sie wieder etwas völlig Anderes.

      Mit Blurry würde sie nun aber wohl oder übel leben müssen.
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      Übertriebene Überraschungen
      | 12. August 2015
      Geburtstage waren nicht mein Fall. Ich mochte das Ganze Getümmel um mich herum nicht (dabei war ich doch Löwe, die liebten doch Aufmerksamkeit!) und da ich irgendwie Probleme hatte, richtig auf Geschenke zu reagieren, fiel das auch weg (ich fand, das wirkte immer so gekünstelt, auch wenn ich mich ehrlich über das Geschenk freute).

      Diesen Morgen verbrachte ich also grummelig im Haus und ignorierte Zoe, die lautstark Happy Birthday sang, während im Hintergrund Californication lief – Adèle hatte sich das eingebildet, weil „ein Geburtstag ohne Geschenke ist kein Geburtstag!“ und irgendwie hatte sie herausgefunden, dass das eines meiner Lieblingsalben war aber egal. Geburtstage waren doof und die ganzen Whatsapp-Nachrichten hoben meine Laune nicht. Das komischste war, dass, noch bevor meine eigenen Eltern angerufen hatten, meine alte Fahrschule mir als aller erstes geschrieben hatte.

      Dass die immer noch wussten, wann mein Geburtstag war, war ein wenig verstörend.

      Auf jeden Fall gingen Elisas Nachrichten ein wenig unter, wohl einfach aus dem Grund, dass sie mir nur fünfhundert Emojis auf einmal schickte. Das gleiche kam dann auch von Elena und Gwen, also legte ich lieber mein Handy weg und sackte ein wenig schmollend auf dem Sofa zusammen.

      ***

      Ich hätte Elisas Nachrichten nicht ignorieren sollen. Keine halbe Stunde später sprang Adèle neben mir auf und rannte aus dem Haus. Zoe folgte sofort.

      „Ihr seid alle komisch,“ rief ich ihnen hinterher und holte mir noch ein Stück Kuchen. Das durfte ich. Ich hatte nämlich Geburtstag und war nicht in Geburtstagsstimmung.

      Es dauerte weitere zehn Minuten – das Stück Kuchen war weg und ich spielte mit dem Gedanken, mir noch eins zu holen – als ich von draußen Tröten und Lachen hörte. Meine erste Reaktion war ein Augenrollen und schwerfälliger als es eigentlich sein sollte erhob ich mich von meinem Sofa und schlurfte zur Tür.

      Was ich erwartete: die Apokalypse (Somit würde ich angenehm überrascht oder zufrieden mit meiner ausgezeichneten Warnehmung sein)

      Was wirklich draußen war: die abgeschwächte Apokalypse. In Form von Elisa, Gwen, Elena und Eddi, die alle mehr oder weniger blöd grinsten. Von Adèle und Zoe keine Spur.

      „Happy Birthday!“ tönte es auch schon, vielleicht eine Sekunde, nachdem ich das Haus verlassen hatte. Hinter mir drückte sich Ella durch einen kleinen Spalt zwischen Tür und meinem Bein und rannte dann sofort auf die stets vergnügten Menschen zu, um an ihnen hochzuspringen.

      Als nächstes musste ich mir Umarmungen und „ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG!“ (ins Ohr gekreischt, made by Elisa) antun, bevor sich dann alle in Richtung Haus verzogen. Wahrscheinlich, um meinen Kuchen zu essen. Verräter.

      Ein paar Sekunden starrte ich ihnen nach, dann pfiff ich nach Ella. Statt dem Hund kamen aber Zoe und Adèle, die beide Stroh in den Haaren hatten und breit grinsten. „Will ich wissen was ihr gerade gemacht hab?“ fragte ich sie vorsichtig und Adèle schüttelte den Kopf. „Das ist eine Überraschung!“

      Gott, ich hasste Überraschungen.

      ***

      Es kam dann wirklich so, dass meine Freunde mir den ganzen Kuchen wegaßen. Für mich blieben noch ein paar Krümel übrig, die ich missmutig zusammenkratzte. Anschließend versuchte ich, Eddi ein Stück abzuluchsen, was jedoch nicht unbedingt mit Erfolg gekrönt war.

      „Ich muss mit der emotionalen Last, älter zu sein, leben und ihr esst mir das einzig schöne an diesem Tag weg!“ meinte ich während Elena ihr viertes? War es schon ihr viertes? Stück Kuchen verdrückte. Eddi klopfte mir währenddessen mitfühlend auf die Schulter, ließ mir aber trotzdem nichts von ihrem Stück.

      „Das einzig schöne?“ hakte Elisa mit einem total bescheuerten Grinsen nach. Dafür bekam sie von Gwen einen Ellenbogen zwischen die Rippen und Gwen bekam einen Doppel-thumb-up von mir. Ein wenig beleidigt murmelte Elisa dann schließlich vor sich hin, ehe sie sich wieder voll und ganz auf ihren Tee konzentrierte. (Eine Anmerkung am Rande, Gwens Tee, den sie unbedingt ums Verrecken gewollt hatte, stand unberührt vor ihr und wurde wohl immer kälter. Aber ich wollte live dabei sein, wenn sie das herausfindet, deswegen sagte ich nichts.)

      Nach einer weiteren halben Stunde legte mir dann Eddi ein Tuch um die Augen und band es am Hinterkopf kräftig zusammen, denn „es ist doch eine Überraschung!“

      „Ich hab gedacht ihr seid meine Freunde!“ motzte ich während ich blind gedreht wurde und dann schließlich um das Haus geführt wurde, ehe ich die warme Luft draußen spürte. Dachten die etwa, ich kannte meinen eigenen Hof nicht, wenn man mich ein paar mal drehte und Blinde Kuh mit mir spielte?

      „Jaja, blabla, du magst keine Überraschungen, wen interessiert’s,“ kommentierte Elisa, die wohl ein paar Schritte vor uns lief. Geführt wurde ich von Gwen und Eddi, auf speziellen Wunsch – von den beiden konnte ich erwarten, dass sie mich nicht in den Misthaufen schubsten.

      Weil ich auf dem Hof jetzt mittlerweile schon so einige Monate lebte wusste ich auch, dass wir, sobald wir wieder aus der prallen Sonne waren und es ein wenig kühler wurde, im Stall waren. Das machte die Sache jetzt interessant. Ich legte den Kopf in den Nacken, um unter der Augenbinde hervorgucken zu können, doch Gwen bemerkte das und drückte mir den Kopf wieder gerade. „Bescheißen gilt nicht!“ quiekte Elisa, die wohl am Ende der Stallgasse stand. Wo Elena war wusste ich nicht, die war heute erstaunlich still.

      Wir blieben stehen und es folgte ein Countdown. Bei 3 fühlte ich, wie jemand den Knoten an meinem Hinterkopf begann zu lösen und bei 2 rutschte die Augenbinde dann schon ein Stück nach unten. Trotzdem war ich erstmal geblendet und total verwirrt, als sie mir plötzlich abgenommen wurde und mir aus allen Richtungen „Überraaaaaschuuuuuuung!!“ ins Ohr gebrüllt wurde. So dauerte es ein wenig, bis ich das Pferd in der Box neben Elisa erkannte, das neugierig über die Box guckte.

      „Ist da –,“ – „Blurry!“ rief Elisa erfreut, worauf der Rapphengst mit dem großen Kopfabzeichen ein wenig zurückscheute und diesmal Elena ihr einen Stoß in die Rippen versetzte. Mir war das ziemlich egal; vor mir stand also wirklich Painted Blur.

      Er war einer der letzten Fohlen meiner früheren Stute Calina gewesen, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand durfte. Sein Vater war Place Royal, der mir zu der Zeit ebenso gehört hatte. Das letzte, was ich von Blurry gehört hatte, war, dass er bei Eddi lebte. Jetzt war es mir fast ein wenig peinlich, dass ich nicht einfach mal zu Eddi gefahren war und ihn besucht hatte – sie hätte bestimmt nichts dagegen gehabt.

      „Elisa hat ihn noch eingeritten,“ erklärte meine Freundin aus Wyoming gerade, „von mir bekam er noch einen Grundcheck und jetzt ist er fertig und deins!“ Dazu kamen Jazzhands von Elisa, Gwen und Elena; das war also einstudiert gewesen.

      Ein wenig vorsichtig näherte ich mich der Box und ließ Blurry meine Hand beschnüffeln, ehe ich ihn hinter den Ohren kratzte. Er hatte wirklich nichts mehr mit dem Fohlen zu tun, dass ich damals aufziehen wollte; er war groß geworden – wirklich groß. Er überragte mich und die anderen locker um fünf bis 15 Zentimeter. Er sah außerdem auch so erwachsen aus; zwar glaubte ich nicht, dass er sich komplett verändert hatte in den Jahren die ich ihn nicht gesehen hatte, aber er war einfach groß geworden.

      „Sein Zubehör ist schon alles verstaut,“ teilte mir Gwen mit, woraufhin ich sie erst einmal dick drücken musste. Und weil bei mir alle gleichberechtigt waren, mussten die anderen auch durch die Prozedur.

      Danach eröffnete Eddi mir, dass sie alle gemeinsam noch einen Kuchen gebacken hatten, weil sie gewusst hatten, dass ein einziger nicht reichen würde. Während Elisa ihn schnell holte, gingen wir wieder in Richtung Haus zurück und ließen Blurry sich erst einmal eingewöhnen.

      Ein paar Tage später

      „Du traust dich nicht auf dein eigenes Pferd?!“ fragte Elisa ungläubig. Neben mir schnaubte Blurry und schüttelte den Kopf, um ein paar Fliegen zu vertreiben.

      „Ich war schon lange nicht mehr auf einem Großpferd, okay? Ich bin nicht die, die bei jeder Gelegenheit auf Nino steigt!“

      „Das bin dann wohl eher ich,“ sagte Elena, nur, um auch mal etwas gesagt zu haben. Gwen machte es richtig, sie hielt sich da komplett aus und war gar nicht mit rausgegangen, sondern hatte sich auf meine Terrasse gelegt und war innerhalb von ein paar Sekunden eingenickt. Wie gern würde ich jetzt mit ihr tauschen! Stattdessen hatten Elisa und Elena mich überredet/gezwungen, Blurry zu testen. („Als wäre er ein Auto,“ hatte ich gegrummelt, dann aber doch nachgegeben.)

      Dafür, dass er noch nicht so lange an das ganze Zubehörzeug gewohnt war, blieb er total ruhig stehen und guckte sich nur mal nach mir um, als ich ihm den Sattelgurt verschnallte. Auch beim Trensen gab es keine Mätzchen – und jetzt standen wir auf dem Reitplatz und ich überlegte, wie ich wohl am besten auf ein Pferd steigen sollte, dass gute zehn Zentimeter (wohl eher 15) größer war als ich. Ich war nur noch Ponys gewohnt, von denen konnte man auch nicht so tief fallen – aber das musste ich jetzt durch. Gelenkig wie ich war steckte ich meinen linken Fuß aus dem Stand in den Steigbügel, stieß mich anschließend vom Boden ab und zog mich hinauf. Während diesem Akrobatikakt blieb Blurry natürlich gewohnt cool stehen und lief auch wirklich erst los, als ich ihm das Kommando gab. Vom Zaun des Reitplatzes gab es Beifall und ich hätte meinen Freunden am liebsten meinen Lieblingsfinger gezeigt. Doch anstatt ein böser Mensch zu sein, konzentrierte ich mich eher auf Blurry.

      Klar war das nicht das erste Mal, dass ich ein Großpferd ritt. Doch es war das erste Mal seit langem und doch ein ziemlich anderes Gefühl als bei Ponys. Die Schritte waren länger, ein wenig langsamer und gemütlicher. Sobald ich die Zügel aufnahm und die Schenkel ein wenig anlegte, wurde Blurry jedoch sofort fleißiger und seine Tritte somit aufgeweckter.

      Das heute war nicht einmal wirklich Training, dafür wollte ich ihm noch genug Zeit geben. Stattdessen wollten wir uns heute nur noch einmal unterm Sattel kennenlernen – in allen drei Gangarten. Also trabte ich, nach einer ausgeprägten Schrittphase, an und hielt mich erst einmal im Entlastungssitz, bis Blurry ordentlich trabte. Erst dann traute ich mich, leichtzutraben, doch er hatte damit kein Problem. Auch kleine Verstärkungen und Versammlungen funktionierten schon ganz gut, trotzdem musste hier noch gearbeitet werden. Er würde wohl erst ins Training kommen, sobald er in allen drei Gangarten fest und sicher war – ich verstand die Leute einfach nicht, die ihre total unsicheren Jungpferde schon auf S-Level laufen lassen müssten.

      Als ich den Rappen unter mir dann angaloppierte, merkte ich, dass er dafür im Galopp erstaunlicherweise sehr sicher war. An die gebogenen Linien würden wir uns noch wagen, doch es gab kaum Taktfehler und er ließ sich genauso leicht angaloppieren wie wieder durchparieren.

      Beim Absteigen kamen mir dann Elena und Elisa zur Hilfe. „Und? Er ist toll, nicht wahr?“ sagte Elisa grinsend, die ihn ja immerhin eingeritten hatte.

      „Super,“ erwiderte ich und klopfte Blurry noch einmal den Hals. „Wenn er soweit ist, glaub ich, tritt er mal in die Fußstapfen seiner Mama.“ Das konnte ich zwar nicht genau sagen, da Blurry bis jetzt noch nicht gesprungen war, doch ich hatte ein Gefühl, dass – allein schon erblich bedingt! – die Dressur seine Spezialität war.

      Gefolgt von meinen beiden Freundinnen brachte ich Blurry zurück zum Putzplatz und spritzte ihm, nachdem das ganze Zubehör abgenommen war, mit Wasser die Füße ab. Dann durfte er auf die Weide; das hatten wir in den letzten Tagen angefangen und darauf gehofft, dass er sich mit den anderen Hengsten auf Anhieb verstand. Zwar überragte er seine Weidekumpel um einiges, doch trotzdem hatten Paramour und Muraco ihn gebührend aufgenommen.

      Auch jetzt kam Para sofort an den Zaun, als wir uns mit dem Koloss von Holsteiner der Koppel näherten. Kaum war Blurry vom Führstrick befreit, trabte er ein paar Runden und legte sich dann hin, um sich zu wälzen.

      „Na wenigstens das,“ kommentierte Elena und verschloss das Gatter.
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      Dramaqueen
      | 20. September 2015
      Kurz nach zwölf Uhr mittags erreichte mich eine äußerst ernste Nachricht von Elisa in unserem Gruppenchat.

      Ich muss mit euch reden. Es ist dringend.

      „Sie will mit uns Schluss machen,“ sagte Elena, als wir eine knappe halbe Stunde auf dem Hof aufkreuzten. Sie thronte bereits auf Flavour of the Month, der immerhin noch zehn Zentimeter größer war als ich – ich bekam also einen steifen Hals, wenn ich noch weiter zu Eli hinaufsehen würde.

      Wobei … das würde ich sogar gefallen. Trotzdem stieg ich Painted Blurs Steigbügel und schwang mich in den Sattel des Holsteiners. Somit war ich jetzt die Größere – einmal in meinem Leben.

      Aber, weil Elena und ich die pünktlichsten waren, mussten wir trotzdem noch zehn Minuten auf Gwen warten, die gleich ohne Pferd kam. „Ich wurde angewiesen, eins von Elisa zu reiten,“ grummelte sie, als Eli sie darauf ansprach.

      Weitere zehn Minuten später – Gwen hatte begonnen, Hampelmänner zu machen und Flavio und Blurry ließen wir in großen Kreisen um sie herumgehen – kreuzte dann endlich Elisa auf, hinter sich Levi und Capriciasso herführend. Ihr Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. Elena begann natürlich sofort zu sticheln und zu bohren, aber von unserer Freundin kam kein Wort. Stattdessen gingen wir schweigend vom Hof, Gwen auf Capri, Elisa als Schlusslicht auf Levi.

      Es dauerte trotzdem nicht lange, da schnatterten Gwen, Elena und ich schon munter über dieses und jenes. Über Jolympia, über … Nate oder den anderen, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Gwen wurde tiefrot, was für Elena nur ein weiterer Grund zum Sticheln war. Trotzdem entging es keinem von uns, dass Elisa mucksmäuschenstill war.

      Also nahm sich Gwen für einen Moment zusammen und fragte, was denn jetzt wirklich los war. Und weil Elisa eine Dramaqueen vom Feinsten war, seufzte sie einmal tief und sah uns allen mit einem miserablen Gesichtsausdruck in die Augen. „Ich hab es wieder getan.“

      „Wenn du wieder ‘nen Tripper von irgendeinem Kerl hast, dann fahr ich dich diesmal nicht zum Arzt,“ kam es von Elena. Davon bekam sie von Gwen einen Schlag auf den Hinterkopf, aber Elisa schien das nicht zu stören – sie starrte weiterhin auf ihre Hände oder Levis Mähne oder in irgendeinen Abgrund, den nur sie sah (manchmal fragte ich mich, ob Elisa irgendwelche Tabletten nahm. Nur so aus Kuriosität).

      Gwen sah Elena noch einmal böse an, dann, weil sie die mitfühlendste von uns allen war, ließ sie sich ein wenig zurückfallen und fragte Elisa noch einmal, was denn los sei. Elena und ich saßen schon fast falsch herum auf dem Pferd – wir mussten natürlich jedes Wort mitbekommen.

      Wobei das fast schon unmöglich war, denn wenn Elisa nicht verstanden werden wollte, dann schaffte sie das auch. Gwen hatte sie jedoch verstanden und ihr Gesichtsausdruck war … zu neutral.

      „Elisa, sag es laut.“

      „Ich hab’s schon wieder getan.“

      „Das andere.“

      „Ähm … ich krieg zwei neue Ponys.“

      Ich konnte nicht anders, ich musste einfach mit den Augen rollen. Elena ging es wohl nicht anders, auch wenn sie dabei ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. „Wirklich!?“

      Und dann war auch schon Elisas Augenfunkeln zurück. In den nächsten 45 Minuten erzählte sie uns haarklein jedes Detail über die neuen Ponys – Namen, Geschlecht, sogar Farbe und Charakter wurden sorgfältig durchgekaut, bis Eli eine Abkürzung mitten durch den Wald nahm und wir auch schon wieder auf Townsend Acres standen.

      Elisa störte das nicht – sie schwärmte weiter von einem Jack of Hearts, ließ sich nicht davon beirren, dass Elena einfach über sie drüber redete und sich lauthals verabschiedete. Als sie dann einmal Luft holen musste, nahm ich die Chance wahr.

      „Also … eigentlich kommt bei mir in ein paar Tagen auch ein neues Pferd an.“

      „Weiß ich alles schon,“ sagte Elisa und machte eine abschweifende Handbewegung. „Hat mir Eddi alles schon erzählt.“

      „Mir aber nicht,“ protestierte Gwen und stieg ab. „Jojo, das erzählst du mir jetzt. Sofort. Woanders.“ Und damit nahm sie Blurrys Zügel in die Hand und führte ihn mit mir oben drauf vom Hof.
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      Geburtstagsfreuden - © Gwen, Elii, Samarti, Rhapsody
      | 05. Oktober 2015
      Eigentlich war es nichts Neues, dass Elisa mich zu irgendwelchen Schandtaten verpflichtete, aber heute war wohl die Krönung der gesamten Jahre, die ich schon auf Townsend Acres arbeitete.
      Es war mein Geburtstag und gerade heute konnte sie es sich einfach nicht nehmen lassen, mir den Tag wohl vollends zu versauen. Stattdessen hockte ich jetzt auf dem ziemlich unbequemen Fahrersitz des Treckers und durfte den Pferdemist irgendwie entsorgen. Wohin, das wusste sie aber selber nicht und so fuhr ich hier schon knapp zwei Stunden durch den kanadischen Wald. Deshalb hatte ich sie auch schon mindestens zweimal angerufen, aber wie Elisa nun einmal war, wurde ich eiskalt weggedrückt. Die einfachste Methode wäre wahrscheinlich den Trecker stehen zu lassen und zu flüchten. Doch Elisa hatte rundherum ihre Bande als Wachen postiert, irgendwie fühlte ich mich permanent unter Beobachtung. Die kanadische NSA war nicht zu unterschätzen, schon gar nicht wenn Elisa der Präsident war.
      Mal wieder war ich am überlegen, warum um Himmels Willen ich damals diesen Job angenommen hatte. War ich wirklich so naiv und dumm gewesen? Oder einfach blind? Das Kleingedruckte, das mich zu 25 Jahren Sklaverei verpflichtete, hatte ich schließlich auch übersehen. Dabei könnte ich jetzt auch in einem Stall ohne verrückte Nachbarn und mit einer normalen Chefin sein. Die würde sich dann vielleicht auch mal entscheiden können, ob sie mich nun wollte oder nicht. Da ich nicht kündigen konnte und auch nicht in der Lage war zu flüchten, würde ich wenigstens den Mist wieder mit nach Hause bringen. Elisa würde schon sehen, was sie davon hatte, mich an meinem Geburtstag ackern zu lassen.

      Ich hasste Kanada. Oder zumindest hasste ich an Kanada, dass überall nur Wald war und alles absolut gleich aussah. Das führte nämlich dazu, dass ich auf meinem bockigen Rückweg noch einige Schlenker und Umwege einbaute, was wiederum dafür sorgte, dass ich viel später daheim ankam als eigentlich nötig gewesen war.
      Viel, viel später.
      Es war leider viel zu einfach, sich hier zu verfahren oder zu verirren.

      Als ich auf dem Gestüt ankam, entdeckte ich mitten auf dem Hof eine liegende Person. Eigentlich wollte ich in dem Moment schon wieder umdrehen, aber mein „Erste-Hilfe-Reflex“ regte sich und so sprang ich vom Trecker und eilte zu dem sich nicht bewegenden Etwas. „BUH!“, machte es plötzlich, als ich etwas näher kam und Jojo sprang kichernd auf, um dann in Richtung Stall zu verschwinden. Hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht nur von einer dominanten Chefin, sondern auch von verrückten Nachbarn umgeben war? Der einzige Lichtblick waren zwei, ebenfalls Versklavte, vom Nachbarstall. Jedoch durften die beiden ihren Stall nur unter Aufsicht verlassen, wenigstens mussten sie keine Halsbänder tragen. Eigentlich hatte ich Colin und Nate zu meinem Geburtstag einladen wollen. So ein Abend unter Kerlen wäre sicherlich einmal angenehm gewesen, allerdings konnten die beiden heute nicht: Ausgehverbot.
      Da ich ungern die Höhle des Drachen betreten wollte, entschied ich mich stattdessen für den Stall. Dort wurde ich aber auch nicht in Ruhe gelassen, denn an der Stalltür hing ein Zettel mit dicken roten Buchstaben: „Kümmere dich um die, auf die ich keine Lust habe!“, stand darauf, natürlich ohne bitte, da wusste ich wenigstens sofort, von wem er stammte. Klar war auch, um welche ihrer wertvollen Anschaffungen ich mich kümmern durfte: Don Johnson, Refren und Kronjuwel. Da ich Angst um mein Abendessen hatte, folgte ich brav ihren Anweisungen, auch wenn ich besseres zu tun hatte, als an meinem Geburtstag zu schuften. Vielleicht würde ich wenigstens danach dann meine Ruhe haben, also lieber jetzt die Arbeit hinter sich gebracht, als eine Furie zum Abendessen. Wobei diese so oder so anwesend sein würde. Aus dem Grunde machte ich mir gar nicht großartig die Mühe, etwas mit den Pferden zu tun, die freuten sich schließlich auch mal über eine Karotte und einen freien Tag - was ja aber eigentlich nichts Neues für die war. Elisa wollte es zwar nicht einsehen, aber wenn es nach mir ging, dann platzten unsere Ställe (mal/schon wieder) aus allen Nähten und trotzdem konnte sie es nicht lassen, sich immer wieder neue Ponys hierhin zu bestellen. Koste es, was es wolle. Davon abbringen konnte man sie nicht. Ob diese Krankheit erblich war? Man konnte nur hoffen, dass Elisa sich niemals liieren würde. Wobei das sowieso nicht von Nöten war, man brauchte Elisa nur den ein oder anderen Drink auszugeben und man hatte sie dort, wo man sie haben wollte. Sturzbesoffen im Bett. Unter der Bettdecke. W-/billig.
      Aber das würde ich natürlich niemals ausnutzen, deswegen war es mir auch eigentlich egal. Relativ. (Aber „relativ“ ist ja zum Glück objektiv.)

      Da weit und breit nichts von meinem Hausdrachen zu sehen war, schlich ich mich in das Haus und geradewegs die Treppe nach oben ins Badezimmer. Eilig riss ich mir die Klamotten vom Körper, schmiss diese auf den Boden und schob dann den Duschvorhang zur Seite. Heute war definitiv mein Glückstag, denn in der Dusche standen sowohl die vier bescheuerten Weiber, als auch Nate und werkelten an der Duschbrause herum. Nun ja, Nate werkelte, der Rest stand wie eine Horde Cheerleader dahinter und erwartete Großes.
      „Hi Matthew… OH GOTT, ZIEH DIR WAS AN!“, schrie mir Elena entsetzt entgegen und zog den Duschvorhang wieder zu.
      Im nächsten Moment ging der aber wieder auf und Elisas Gesicht starrte durch den kleinen Spalt zwischen Vorhang und Wand. „Ach, wieso denn, das ist doch völlig in Ordnung so?“, erklärte sie dann, sah mich an und zwinkerte mir süffisant zu. Ich verstand die Welt nicht mehr.
      Als ich dann auch mal schaltete und bemerkte, was ich gerade abging, riss ich den Duschvorhang an mich, zog ihn so schnell es eben möglich war zu und griff nach dem nächstbesten Handtuch. Dass das pink und mit rosa Einhörnern auf Regenbögen verziert war, realisierte ich im ersten Moment gar nicht. Mein nächster Gedanke widmete sich wohl Elena und ich fragte mich innerlich, wieso die Barbie schon wieder bei uns geduscht und ihr Zeug hier liegengelassen hatte. Das Handtuch konnte nämlich nur von ihr kommen.
      „Hat er das Regenbogen-Einhorn Handtuch?“, flüsterte irgendjemand hinter dem Vorhang und drückte den Finger dagegen. Eine schreckliche, ohrenbetäubende Stimme hallte durch das gesamte Bad und die verantwortliche Person sorgte dafür, dass der Vorhang von der Stange riss. „BAH! REIB DICH NICHT NOCH DARAN, DU PERVERSLING!“
      Während mir das Handtuch von der Hüfte gerissen wurde, flogen neben Elena, die das Ganze verursachte, auch Gwen, Jojo und schließlich Elisa aus der Dusche. Der Haufen lag nun äußert anmutig vor mir, und Elisa stand meiner unteren Region Auge in Auge gegenüber. „Na Mensch! Bei Tageslicht sieht der ja gar nicht so schlecht aus!“, staunte sie und öffnete (vor Schock natürlich) den Mund.
      „Irgendwie komme ich mir gerade vor wie in einem schlechten Erwachsenenfilmchen“, umschrieb Elena das böse Wort gekonnt und hielt sich dann die Augen zu. “Elena! Der korrekte Begriff ist Soft-Po…”
      „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“, war das Einzige, das Jojo dazu zu sagen hatte und Nate machte selbstverständlich direkt mit: „Warum hast du ‘ne Maske auf?“
      „Ihr macht das falschrum…“, stellte Matthew trocken fest und deutete dann mit dem Arm in Richtung Tür. „WÜRDET IHR JETZT BITTE ENDLICH AUS MEINEM BADEZIMMER VERSCHWINDEN?“
      „Die anderen gehen wohl, aber mich kannst du nicht aus einem Zimmer in meinem Haus schmeißen.“
      „Dann schieb ich dich halt raus, wenn es unbedingt sein muss und nicht anders geht.“
      Nate hingegen warf mir einen mitleidigen Blick zu und zeigte dann Erbarmen. Wenigstens auf ihn konnte ich mich gerade insofern verlassen, als dass er Elisa kommentarlos aus dem Badezimmer zog und sie schließlich vor der Tür absetzte. Wie Entenkinder watschelten die anderen drei Damen dann noch hinterher (Elena hielt ihr Regenbogen-Einhorn-Handtuch fest umschlungen) und schon war die Tür endlich zu, weshalb ich sie erleichtert abschließen konnte und laut seufzte.
      Was. War. Das?!
      Und vor allem: Wieso?!
      Nicht einmal an meinem Geburtstag wurde ich von dem Quartett in Ruhe gelassen und dass sie jetzt auch noch Nate mit hinein zogen, war die Höhe. Er durfte nicht mit ein paar Bierchen trinken, aber für ihre Schandtaten war er gut genug. Colin war bestimmt auch zu solchen Übelkeiten gezwungen worden, wahrscheinlich musste er für neuen Tequila sorgen, damit die vier Freundinnen ihren Spaß haben konnten. An meinem Geburtstag.
      Aber gut, wenigstens hatte ich jetzt vorläufig meine Ruhe. Obwohl das auch nicht wirklich wahr war, man hörte die vier Hühner immer noch gackern. Und es gehörte nicht gerade auf meine Sachen-die-für-eine-ruhige-Dusche-benötigt-werden-Liste, dass im Becken überall Konfetti lag. Oder, dass beim Versuch, die bunten Papierfetzen wegzuspülen, noch mehr Konfetti auf mich herab regnete. Nasses Konfetti, das sofort überall kleben blieb - auch in meinen Haaren.
      Na, das war ja ein super Tag. Fast so schön wie die dreihundertvierundsechzig anderen Tage im Jahr. Schaltjahre waren da nochmal einen Tag schlimmer.

      Vorsichtig sah ich mich um, als ich aus dem Badezimmer trat und sprintete in mein gegenüberliegendes Zimmer. Dass mich dort die nächste Überraschung erwartete, wusste ich erst, als ich die Schranktür öffnete. Gwen und Elisa sprangen mir entgegen. Gwen hatte eine Fliegenklatsche in der Hand, von welcher sie direkt Gebrauch machte und Elisa stülpte mir kurzerhand einen Sack über den Kopf.
      Durfte ich die eigentlich wegen Entführung anzeigen? Vermutlich stand dazu auch etwas im Kleingedruckten. Aber wer wäre Elisa schon, wenn sie nicht an alles gedacht hätte?

      Die Frage war, wo mich das monströse Gespann hinbringen würde, in der Hölle war ich ja schon. Und das nur in Boxershorts.
      Hatten die eigentlich einen neuen Fetisch entwickelt? Fehlte ja nur noch, dass sie mir einen Knebel in den Mund stecken würden, damit ich auch ja nichts mehr sagen könnte.
      Irgendwann fand ich mich in einem dunklen Raum wieder, soweit ich erkennen konnte, war es das Wohnzimmer. So ganz sicher war ich mir jedoch nicht, denn das Licht war ausgeschaltet und so konnte ich nur schwach einige Silhouetten erkennen. Vorsorglich hatten die Weiber wohl die Rolladen runtergelassen, damit auch kein Sonnenlicht mehr in das Zimmer kam und ich sowieso so ungefähr gar nichts mehr sehen konnte.
      Natürlich dachten sie wie immer an jedes noch so kleine Detail, verdammt.
      Und dann wich die unberuhigende Stille einem noch unberuhigenderen Kreischen, welches sich nach einigen Sekunden als ein „Happy Birthday!“ herausstellte. Jetzt besangen diese Weibsen auch noch meinen Tod, na danke auch! Zur gleichen Zeit ging auch die Beleuchtung an und ich war nicht nur taub sondern auch blind.
      „Du musst die Piñata treffen!“, quietschte Gwen aufgeregt und schob mich so nah zu diesem Teil, dass ich es erst einmal gegen den Kopf bekam. Den dazugehörigen Schläger erhielt ich von Elisa, welche ihn gefährlich nahe an eine gewisse Region brachte, so dass ich ihr schnell die „Waffe“ aus der Hand nahm, was sie nur mit einem Zwinkern zur Kenntnis nahm.
      Noch dazu kam eine Konfettikanone, die Nate mit einem beschämenden Blick auslöste, während Elena aufgeregt in eine Tröte pustete. Elisa hätte sicherlich besser blasen können - da war ich mir ganz sicher. Um den Damen ihre Freude nicht zu verderben, schlug ich auf die Piñata ein. Heraus kamen… Kondome. Und Penis-Lollis. Klasse. „Ich hoffe die reichen für die Nacht!“, quietschte Elena, klatschte ihre Hand mit voller Wucht auf meinen Arsch und zwinkerte anschließend Elisa zu.
      „Ich schwöre, davon wusste selbst ich nichts …“, murmelte Elisa nur, grinste dann aber. „Aber du kannst ja Nate und Elena auch welche abgeben!“
      Nate sah daraufhin Elena an, die wieder einmal versuchte eine Augenbraue hochzuziehen - und es ausnahmsweise sogar schaffte. Antworten konnte ich nichts darauf, da bereits Colin in Begleitung von Jojo vor mir stand und mir etwas zu Trinken in die Hand drückte. Das einzige, was half, diesen Albtraum zu stoppen, war sich so schnell zu betrinken wie möglich. Also exte ich das Glas mit Long Island Icetea. Jetzt waren die Pferde also auch schon im Wohnzimmer angekommen, farblich passte der Cocktail perfekt zu der Reitponystute.
      Als wäre es nicht sowieso schon schlimm genug, dass der einzige Ausweg aus dieser mehr als peinlichen Situation für mich Alkohol war, stattdessen wurden mir nun von allen Seiten überraschte Blicke geschenkt. Nur Gwen und Colin machten noch mit, die hatten sich allerdings mit Tequila an den Wohnzimmertisch gesetzt. Colin versuchte gerade, Gwen beizubringen, wie man Tequila richtig trank, denn die hatte es die letzte Zeit tatsächlich ohne Salz und Zitrone gemacht. Es war also für sie praktisch das erste Mal (dass sie das Getränk so wirklich richtig trank).
      Während ich den beiden zusah, bemerkte ich zuerst gar nicht, dass Elisa sich vor mich kniete und an der Boxershorts herumzupfte. „Die saß schief“, kommentierte sie eiskalt und stand dann so auf, dass sie nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt war. Es war sehr einschüchternd. Und irgendwie auch ziemlich beängstigend, aber davon würde ich mir nun nichts anmerken lassen dürfen.
      Dass Jojo nun mit einem was-tut-ihr-da-Blick hinter mir stand, machte es nicht besser; eher im Gegenteil. „Keinen Dreier im Wohnzimmer!“, kam es dann von Elena, die dicht neben Nate auf dem Sofa saß. Wie gewohnt hatte sie etwas zu essen in der Hand und auch der Alkohol war dicht bei ihr.
      Sehr dicht.
      Zu dicht.
      Ich war mir jedoch nicht ganz sicher, ob ich in diesem Moment den Alkohol meinte, weil der zu dicht an Elena war, oder ob es mir gerade um Elenas Zustand ging. Nach dem, was die vier Weiber sich heute schon erlaubt hatten, war ich nämlich der festen Überzeugung, dass sie definitiv schon vorgeglüht hatten. Die Beweislage dafür stand gut.
      Nate hatte aus Verzweiflung mitgetrunken, wer konnte es ihm verübeln. Ein Nachmittag mit allen Vieren konnte einen Mann zerstören. Und an manchen Tagen sogar die Menschheit.
      Elisas geschickte 180 Grad Drehung und das anschließende herunterbücken, sorgte dafür, dass Jojo ein angeekeltes „Nehmt euch ein Zimmer!” heraus brachte und sich schließlich von uns abwandte, um Declan ins Haus zu lassen.
      Elisa stöhnte, als sie nicht aufpasste; zum Glück hatte es niemand gemerkt. Nur Elena sah mich abschätzig an und schüttelte ihren Kopf. Als Nate langsam ihrem Blick folgte, ging ich schnell einige Schritte rückwärts und lief in mein Zimmer. Ich konnte schließlich nicht ewig in Boxershorts auf dieser tollen Überraschungsparty rumlaufen.
      In Shirt und Jeans kam ich wieder die Treppe herunter und anscheinend musste in diesen fünf Minuten irgendetwas passiert sein. Die gesamte Gruppe saß auf dem Boden um ein Spielbrett herum und beobachtete wie Elisa würfelte.
      „Hab ‘ne 2 gewürfelt“, stellte sie fest, sah dann auf das Spielbrett und klatschte begeistert in die Hände. „Ha! Gehe auf das Feld 32! Ich bin super!“, freute sie sich.
      „Trinke 3 und küsse eine Person des anderen Geschlechts“, las Colin laut vor und blickte dann zu Elisa hoch, deren Gesicht wie versteinert war.
      „Du musst Matthew küssen!“, rief dann plötzlich Gwen und fuchtelte wild mit den Armen in der Luft herum. Elisa hingegen kippte drei Shots hinunter, überlegte, schüttelte dann aber den Kopf.
      „Sorry, dazu bin ich noch nicht voll genug“, protestierte sie lautstark und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Nach einer schier endlosen Diskussion zwischen den beiden Parteien, ob Elisa die Aufgabe nun machen musste oder nicht (Elisa und Colin, der wohl Mitleid hatte, waren dagegen, der Rest schrie laut und begeistert, dass sie die Aufgabe nun machen müsste), zog ich meine Augenbrauen hoch und sagte nur: „Lasst sie halt drei weitere als Joker trinken, dann hat sich das.“
      Und wer wäre Elisa nur, wenn sie nicht tatsächlich direkt zum Glas gegriffen und die drei Shots runterspült hätte?
      Und wer wäre Elisa nur, wenn sie mich nicht in diese verrückte Spiel hinein ziehen würde? Sie schubste mich auf den Boden und drückte mir die Würfel in die Hand, auch wenn bestimmt jemand Anderes dran gewesen wäre. Es störte aber niemanden, stattdessen wurde ich angefeuert und es wurde darauf gewettet, auf welches Feld ich wohl gelangen würde.
      Ich würfelte dann eine Drei - Feld 35. „Gehe auf das Feld 6.“
      Und Feld 6 besagte dann, dass ich „endlich“ wieder trinken dürfte. Dafür bekam ich ein empörtes „Du Penner, ich hab uns gerade auf 32 gebracht und du springst so weit zurück!“ von Elisa und einen Schlag in den Nacken von Gwen, die das Spiel mit Tequila trank …
      Wir anderen hatten uns auf Berentzen geeinigt, womit ich auch relativ gut leben konnte. Solange es kein Roter war, mit dem wir Trinkspiele tranken, müsste ich auch keine Angst davor haben, dass Elisa hier im Strahl kotzen würde.
      Es passierte eine Zeit lang nichts, außer, dass einige oder alle hin und wieder trinken mussten, bis ich mal kurz wegsah und durch ein Jubeln wieder zurückgeholt wurde. „Trinke 1 und ziehe ein Kleidungsstück aus!“, grinste Elena Elisa an und ich wandte meinen Blick noch zu ihr. Während sie mir immer wieder, mehr schlecht als recht, zuzwinkerte, zog sie ihr Oberteil über ihren Kopf und präsentierte stolz ihren BH. Gwens Frage, ob sie auch untenrum passend angezogen war, war kaum zu überhören und Elisa beantwortete sie mit einem fröhlichen „JA!“.
      Elisa hatte also schon ordentlich intus, das war allerdings auch kaum zu übersehen. Sie kicherte die ganze Zeit, musste über alles lachen und lehnte sich schon die ganze Zeit entweder an meiner oder an Colins Schulter an, weil sie weder eine Lehne im Rücken noch an der Seite hatte und sich wohl so schon selbst nicht mehr alleine halten konnte. Gwen quittierte das zwar mit einem nicht so begeisterten Blick, schien dann aber immer wieder zu bemerken, dass sie sich auch an mir anlehnte und in diesem Moment wechselte ihr Gesichtsausdruck zu einem wissenden.
      „Warum darf nur Elisa ihre Unterwäsche präsentieren”, nörgelte Elena und schüttelte Nates Arm unentwegt, „das ist unfaaaaaair.” Versteh einer die Frauen - Sonst passten alle immer aufs Peinlichste auf, damit man ihnen nicht zu nahe kam, wenn sie auch nur im Bikini waren. Wenn es so weiterging, würden sie noch nackt auf den Tischen tanzen.
      „Ich hab auch extra passende angezogen!“, meckerte sie weiter, drehte dann ihren Kopf in Richtung Nate und schenkte ihm einen verführerischen Blick. Gott, die war ja jetzt schon hackedicht. Als sie würfelte, verfehlte sie um ein Feld das Ausziehen, landete zu ihrem bedauern auf dem „Deine beiden Nebensitzer trinken“ und durfte nicht zum Glas greifen. Sie tat es trotzdem und auch Elisa war mit Freude dabei, mittlerweile waren die Regeln nicht mehr wichtig, solange es Alkohol in Massen gab.
      Was dazwischen passierte, war eigentlich nicht viel. Nur Jojo und Declan rutschten mit der Zeit immer näher aneinander und steckten ständig ihre Köpfe zusammen, daraufhin folgte stets leises Kichern und/oder Grinsen. Irgendwann hatte Juli ihren Kopf auf Declans Schulter ruhen und die Augen halb geschossen. Elena und Nate hatten das Trinkspiel ebenfalls aufgegeben, die spielten ständig Schere-Stein-Papier oder drehten Däumchen, warum auch immer.
      Nur Gwen und Colin tranken noch immer ihre Tequila-Shots und waren noch „munter“ dabei. Die wollten wohl erst aufhören, wenn sie festgestellt hatten, wer von den beiden mehr vertrug, obwohl Gwen inzwischen schon mehr als fertig aussah und Colin hingegen noch ziemlich gesund.
      Elisa hing mit ihrem Kopf derweil auf meinem Schoß und war nach einer Weile einfach eingeschlafen.

      Als ich am Morgen danach auf dem Sofa aufwachte, lag mein Arm um Elisas Hüfte, die ruhig und gleichmäßig atmete, also noch am Schlafen war. Dennoch stand ich auf, nachdem ich einen Blick auf die Uhr geworfen hatte, und quälte mich mühsam vom Sofa; bedacht darauf, Elisa nicht aufzuwecken, denn sonst würde sie wahrscheinlich zur Furie mutieren.
      „Ey, Matthew?“ … „Pssst, Matthew!“ Es war Juli, die da meinen Namen so leise wie möglich wisperte und anscheinend versuchte, sonst niemanden aufzuwecken.
      „Hm?“, wollte ich wissen und durchsuchte den Raum nach ihr.
      „Kannst du den … irgendwie … mitnehmen?“
      Nachdem ich einen kurzen Blick auf Jojo und Declan geworfen hatte, schmunzelte ich und nickte nur. Kurzerhand stupste ich Declan mit dem Fuß an bis er aufwachte und zog ihn dann am Arm nach oben. Dank meinem grandiosen Überredungstalent konnte ich ihn davon überzeugen, dass es besser wäre, wenn er aufstehen würde.
      Da die Mädels, bis auf Jojo, noch immer tief und fest schliefen, schnappte ich mir die anderen Kerle und zwang sie zu einem Ausritt. Die Tradition musste gewahrt werden, auch wenn es sonst der Job der Frauen war.
      Während Nate nun also auf Wolke sieben schwebte (ob das daran lag, dass er auf Cloud Nine saß oder vielleicht auch wegen Elena, konnte ich nicht so recht beurteilen), hatten wir Colin auf Kedves und Declan auf Jojos Holsteinerhengst Painted Blur verfrachtet. Ich hatte mit Audio Delite at Low Fidelity die einzige Stute unter mir, doch glücklicherweise verlief alles relativ gut - irgendwelche Hengste, die sich einfach zu sehr aufspielten, wären wohl das Letzte gewesen, was wir hätten gebrauchen können. So war wenigstens der Ausritt keine völlige Katastrophe geworden und wir kamen alle wieder heil auf dem Townsend Acres an.
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      Jolympia
      | 10. Oktober 2015
      „Dir ist aber klar, dass Tautou schon auf einem Turnier war …?“

      Ich rollte mit den Augen. „Danke, Adèle, das hatte ich ja ganz vergessen. Aber sie war noch nie auf einem solchen Turnier. Und Parvati und Blurry auch nicht –“

      Ich wurde unterbrochen von Zoe, die, wie jedes Mal, wenn jemand den Namen des Holsteinerhengstes erwähnte, anfing, zu singen (sing-murmeln). „My name is Blurryface and I care what you think.”

      Am liebsten hätte ich ihr das aufgeschlagene Stalltagebuch ins Gesicht geschleudert, aber Adèle übernahm die Strafe, indem sie der Rothaarigen auf die Füße stieg.

      „Auf jeden Fall,“ fuhr ich fort, „finde ich, die drei könnten es durch aus vertragen, sich das Getümmel einfach mal anzugucken. Schaden wird es ihnen bestimmt nicht. Und, bevor sich noch jemand äußert, ich übernehme Blurry.“

      Sofort protestierten beide – Blurry hatte sich innerhalb der zwei Monate, die er jetzt hier lebte, schon zum allgemeinen Liebling gemausert. Jeden Tag wurde Schere-Stein-Papier gespielt und der Gewinner hatte dann das Privileg, den Hengst zu beschäftigen (aber ich hatte trotzdem des Öfteren die Chef-Karte ausgespielt. So wie heute).

      ***

      Jolympia – nein, ich würde mich jetzt nicht über den blöden Namen aufregen – war mittlerweile mitten in den Prüfungen, also war heute einer der besten Tage für das Youngster-Experiment.

      Ausgiebig wurden alle drei Ponys (ja, Painted Blur war durchaus ein Pony.) geputzt und geschniegelt – man sollte sie ja durchaus für Teilnehmer halten. Adèle ging sogar so weit, dass sie Tautous Löwenmähne mit einer Schere viel zu nahe kam – zum Glück konnte ich mich noch dazwischen werfen. Widerwillig flocht sie ihr dann doch nur Zöpfe.

      Ich hätte gerne einen absolut dramatischen Auftritt gemacht, komplett mit Sonnenbrillen und Slow-Mo, aber laut den anderen beiden wäre das „too much“ gewesen. Also legten wir den Ponys nur ordentliche Halfter an, die entweder frisch gewaschen oder noch nicht benutzt gewesen waren, und schleusten uns ganz unauffällig auf das Turniergelände (das natürlich nur Elisas Hof war aber wen interessierte das schon?).

      Wir trennten uns schon bald und machten auf eigene Faust das Areal unsicher. Okay, nicht wirklich unsicher – das wildeste, das Blurry machte, war einmal zusammenzuzucken, als es einen Knall aus dem Stall gab. Mir wurde von irgendwelchen Teilnehmern aber sofort versichert, dass ein Pferd wohl nur ausgeschlagen hatte und dabei eine Boxentür getroffen hatte, als ich nachfragte.

      Und der Rest des Experiments war … eher langweilig. Eine Zeit lang sah ich bei den Springprüfungen zu, dann machte ich noch einen Rundgang mit Blurry, ehe ich mir die nächste Prüfung anguckte. Irgendwelche bekannten Gesichter sah ich auch nicht; einmal dachte ich, ich hätte Declans Gesicht gesehen, aber das stellte sich dann auch nur als optische Täuschung heraus.

      „Du bist langweilig,“ meinte ich schließlich zu Blurry, als ich den anderen kurz per SMS Bescheid sagte, dass wir zurückgehen würden. „So langweilig. Wieso bist du so langweilig?“

      Der Hengst guckte mich nur mit großen Augen an.

      ***

      Der Lagebericht an dem Abend war auch äußerst unspektakulär. Tautou – die ja schon auf mehreren Turnieren gewesen war und deshalb heute vielleicht eher was Richtiges hätte machen sollen, sagte eine Stimme, die verdammt nach Adèle klang, in meinem Kopf – war, ähnlich wie Blurry, durchgehend entspannt gewesen. Mit Parvati hatte es anscheinend ein paar mehr Situationen gegeben, bei denen sie beruhigt werden musste, aber letzten Endes war auch sie ganz souverän übers Gelände gegangen.

      „Wir haben einen schlimmen Fall von Streberismus,“ murmelte ich, während ich das Experiment ins Stalltagebuch schrieb. „Wieso haben wir immer Streber?“

      „Wie der Herr, so’s Gscherr,“ antwortete Zoe in einem astreinen Deutsch. Bayerisch. Fränkisch? Was auch immer. Auf jeden Fall sahen Adèle und ich sie beide entgeistert an.

      Während bei mir aber erst einmal die Realisation einsackte, was die Gute wirklich gesagt hatte, liefen Adèle und Zoe beide aus dem Zimmer – und Adèle flehte Zoe an, ihr das auch beizubringen.

      „Ich bin umzingelt von Idioten,“ stellte ich schließlich fest. „Umzingelt.“
    • Rhapsody
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      WHT Ausbildungsbetrieb, Dressur E-A - © Gwen
      | 31. Oktober 2015
      „Die letzten für diesen Monat, versprochen“, meinte Jojo lächelnd und drückte mir den Strick von Medeia in die Hand. „Die letzten?!“, fragte ich etwas verwirrt, denn zu meiner Freude, sah ich hier eigentlich nur ein Pferd. „Jaja, Blurry steht schon bei Elisa im Stall.“
      Eigentlich hatte ich mich auf das Ende von Oktober gefreut und auf Halloween, aber so war ich immer noch voll in der Arbeit drin und das würde sich auch nicht ändern, denn kommenden Monat würde alles wieder von vorne anfangen. So ein Pech aber auch, dass Jojo direkt neben uns wohnte und so die Vierbeiner mit Leichtigkeit zu uns bringen konnte.
      Medeia sollte im Springen von L zu M trainiert werden und das hatte ich eigentlich gerne Elisa überlassen wollen, aber die riss sich direkt den Warmbluthengst unter den Nagel. Blurry war charakterlich auch ein Sonnenschein, ganz im Gegensatz zu Medeia, die ein typischer Ponydickkopf war, da hatte ich ja wieder den Hauptpreis gezogen.
      Seufzend machte ich mich mit Medeia auf den Weg in den Stall, putzte und sattelte sie. Ich hoffte inständig, dass sie im Training stand und ich nicht großartig Kondition oder dergleichen aufbauen musste, ehe wir mit dem richtigen Training anfangen konnten. Heute wollte ich mir deshalb vor allem anschauen, wie es denn überhaupt aussah.
      Wir wärmten uns in aller Ruhe dressurmäßig auf, gingen dann über Trabstangen, Cavaletti und kleine Kreuze. Dann wechselten wir auf die E-Höhe und danach auf A-Höhe. Beim Wassergraben wollte mir Medeia nach links ausbrechen, genauso wie bei dem breiteren Oxer. Mit einigen Paraden und einer sehr überzeugenden Art brachte ich sie aber trotzdem dazu, auf ihrem Kurs zu bleiben.
      Medeia war kein sonderlicher Fan vom normalen Springen. Medeia wollte normalerweise am liebsten raus in den Wald und ins Gelände und dort über Natursprünge fegen, aber dafür musste nun einmal auch die Technik stimmen und die trainierte man auf dem Platz, Punkt.
      Heute widmete ich mich auch nur dem Anreiten der Hindernisse, um die Reaktionsfähigkeit von Medeia zu verbessern und ihr ein Gefühl für den Abstand zu geben, denn je höher die Hindernisse wurden, desto eher würde sie abspringen müssen. Deshalb war es besser, wenn sie bei den niedrigen Hindernissen schon vermehrt Luft dazwischen hatte, das würde das weitere Training dann wesentlich leichter machen. Für heute beendete ich jedoch das Training und ritt die Stute trocken.
      Nachdem ich Medeia auf ihre Weide gebracht hatte, schaute ich in der Halle vorbei. Dort ritt Elisa gerade Blurry. Der Hengst war erst sechs Jahre alt, weshalb es Elisa ruhiger angehen ließ. Gerade ging sie mit Blurry auf den Zirkel und verkleinerte diesen zuerst, ehe sie ihn wieder vergrößerte. Diese kleine Übung bewirkte bei dem Hengst große Wunder, denn man sah förmlich, wie er im Genick nachgab und an den Zügel herantrat.
      Elisa wechselte aus dem Zirkel und ritt darauf noch einige Bahnfiguren, besonderen Fokus legte sie auf die in der A-Dressur geforderten Volten und Schlangenlinien. Mit dem gelösten Blurry sah das sehr leicht und locker aus, während die beiden durchs Viereck ritten. Blurry hatte allgemein auch einen schönen Vorwärtsdrang und ohne großartig ständig mit dem Bein hinterher sein zu müssen, behielt er von selbst ein angenehmes Grundtempo.
      Ich beobachtete die beiden noch bei den Anfängen des Schritt-Galopp-Übergangs, ehe ich mich auch schon von Elisa verabschiedete. Zu Hause warteten auf mich schließlich auch noch meine eigenen Pferde, die ich schlichtweg nicht vernachlässigen konnte, immerhin standen diese auch im Training.
      Jeden Tag kreuzte ich bei Elisa auf und bewegte Medeia. Wir hatten die Grundlagen im Springen noch ein wenig ausgebessert, vor allem ihre Springmanier war manchmal mehr in Richtung Buschspringen angehaucht und das mussten wir rausbekommen. Von Tag zu Tag wurde es besser und nachdem Medeia jedes Hindernis gerade anritt und sauber sprang, begann ich mit dem Erhöhen der Hindernisse, um auf M-Niveau zu kommen, das war ein ziemlich großer Schritt, besonders für ein Connemara, aber Medeia hatte eindeutig das Talent dazu.
      Zur Abwechslung longierte ich sie auch oder ritt mit ihr auch. Das trug zu ihrer Konzentration und Ausdauer bei, was uns im Training wirklich sehr gut half. Am Abend besprach ich mich immer mit Elisa und wir tauschten die Fortschritte aus. Blurry schien sich klasse zu machen. Elisa schwärmte von seinen Gängen und seiner Leistungsbereitschaft, anscheinend hatten sie die angeforderten Lektionen auch ziemlich schnell auf die Reihe bekommen.
      Am letzten Tag schaute ich mir noch einmal das Training des Hengstes an. Am besten gefielen mir ja seine Seitengänge, denn während des Vierecks verkleinern/vergrößern trat er vor allem auch hinten wirklich sauber über, man konnte sich eindeutig nicht beklagen. So konnten wir Jojo am Ende des Monats auch die letzten beiden Pferde trainiert zurückgeben.
    • Rhapsody
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      WHT Ausbildungsbetrieb, Dressur A-L - © Gwen
      | 30. November 2015
      Der Herbst war in Kanada nun inzwischen so gut wie vorbei und die ersten Schneeflocken fielen bereits vom Himmel. Momentan freute ich mich noch riesig auf den Schnee und auf den Winter. Weihnachten stand immerhin auch bald vor der Tür! Und dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass mir das weiße Wunderland schon in einem Monat tierisch auf den Geist gehen würde. Ablenkung diesbezüglich hatte ich aber genügend: Quixoticelixer und Painted Blur mussten für November noch trainiert werden.
      Per Skype klärte ich alles mit Jojo ab, welche zufrieden in Deutschland hockte und dort unglaubliche 15°C mit Sonnenschein genoss. In dem Land spielten die Jahreszeiten inzwischen auch mehr als nur verrückt. Motiviert machte ich mich dann heute ans Werk. Die beiden Hengste würde ich zusammen durchnehmen, so dass wir schneller fertig waren. Für Quixo wollte ich die letzten Herbsttage noch für das Geländetraining nutzen, während Blurry in der Dressur weiter gefördert wurde.
      Aus diesem Grund fing ich heute auch mit Quixo an. Den Sonnenschein musste man immerhin nutzen! Auf dem Pine Grove Stud machte ich mir den Lewitzerhengst fertig, sattelte ihn und ritt ihn dann warm. Ich gehörte zu den wenigen professionellen Trainern, die das alles noch selbst machten. An sich war das immer toll zum Kennenlernen des Berittpferdes, bei Quixo hatte ich hingegen das Gefühl, ich würde ihn schon in- und auswendig kennen.
      Im Gelände war Hengst genauso talentiert wie in der Dressur und im Springen. Ebenso war er in den beiden anderen Disziplinen schon sehr weit trainiert, weshalb er die besten Grundlagen für das Geländetraining mitbrachte. Momentan würden wir erst einmal die offizielle Erlaubnis für das A-Niveau erarbeiten, aber das würde für Quixo ein Kinderspiel werden.
      Heute wollte ich ihn erst einmal locker an die Hindernisse gewöhnen, was schnell kein Problem mehr war und der Hengst schon schnell den ersten vollständigen Parcours durchsprang. Deshalb beließ ich es dann auch für heute und versorgte den Lewitzer gründlich, ehe ich mir den Warmblüter Blurry von der Weide holte und für unser Training fertig machte.
      Er sollte in der Dressur auf L-Niveau trainiert werden, weshalb wir uns heute erst einmal seiner Aufrichtung und der aktiven Hinterhand widmen würden. Die Grundlagen mussten sitzen, ehe wir mit den Lektionen beginnen würden. Blurry hatte eine gute Grundausbildung genossen und war bei Jojo in besten Händen, weshalb er mehr als gut lief und schnell dazu lernte.
      Generell widmete ich mich die ersten Tage bei beiden Hengsten nur den Grundlagen, so dass diese schon bald wirklich fest saßen. Erst dann sprang ich mit Quixo die ernsthaften Hindernisse und begann mit Blurry wiederum die Lektionen zu erarbeiten. Wir kamen schnell voran und beide Hengste waren von Anfang an motiviert dabei. Es machte immer Spaß, mit Jojos Pferden zu arbeiten.
      Nach zwei Wochen waren sie beide meiner Meinung nach auch so weit. Unter den Adleraugen von Elisa und Matthew ritt ich beide Berittpferde auf Townsend Acres vor, ehe sie offiziell ihre Lizenzen ausgestellt bekamen und schon waren Blurry und Quixo bereit für die nächsten Turniere.
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      Honey, I'm Home!
      | 23. Januar 2016
      Gut, es war vielleicht ein wenig fies, niemanden Bescheid zu sagen, dass ich wieder kommen würde. Aber Zoe, Adèle und Declan waren auf dem neusten Stand der neuen Stände, sie hätten also damit rechnen müssen.
      Womit sie nicht rechnen würden, war mein Begleiter.
      Die letzten Monate waren vielleicht nicht so super gewesen, aber ich hatte in Deutschland schnell wieder Freunde gefunden – unter anderem eben Lesja, der sich schon schnell zu einem meiner engsten Vertrauten gemausert hatte und sogar mit nach Kanada gekommen war. Er hatte zwar schon zuvor vorgehabt, ein paar Wochen (jetzt wohl Monate) mit Rucksack durch die kanadische Walachei zu ziehen – jetzt durfte er Mistgabel schwingen und beim Trainieren der Pferde helfen (dank einer kleinen, hartnäckigen Schwester war er wohl ein ganz guter Reiter gewesen).
      Eines führte zum anderen und er hatte sich bereit erklärt, als Aushilfe mit nach Kanada zu kommen. Zwar hatten wir ein bisschen abgespeckt was die Pferdeanzahl anging – alles natürlich unter meiner Supervision, wenn auch aus Deutschland – aber das bedeutete nicht, dass es deswegen weniger Arbeit gab.
      Womit ich natürlich nicht rechnete, war, dass mehr Boxen belegt waren als ich angenommen hatte. Mit Lesja war ich durch den Stall gegangen, um ihm in Ruhe alle Ponys vorzustellen, ehe Zoe, Adèle und Declan uns wieder voll beanspruchten. Wir hatten gerade mit dem Stutenstall begonnen, ich hatte gerade angefangen, Sikari, Cíola, Medeia, Parvati und Tautou vorzustellen, als sich ein sehr dunkelbrauner, zarter Kopf über die Boxentür neben Fleas Box schob.
      „Und sie?“ fragte Lesja sofort und hielt dem Pony, welches ich nur zu gut kannte, die Hand zum beschnuppern hin.
      „Das ist Long Island Icetea und eigentlich gehört sie in den Stall gegenüber,“ antwortete ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Sowohl meine Crew als auch Elisa würden so schnell wie möglich meine Meinung davon erfahren.
      Lesja sah mich nur fragend an. Und da er ungefähr genauso stur war wie ich, kam ich wohl nicht aus der Sache raus. „Eigentlich gehört sie Elisa, die, die direkt gegenüber wohnt. Eigentlich. Aber anscheinend vorerst nicht mehr.“ Daraufhin zogen sich Lesjas dunkle Augenbrauen noch mehr zusammen aber damit musste er jetzt leben – mehr wusste ich auch nicht.
      „Hey, du hast Chepa noch gar nicht kennengelernt! Und Bucky!“ meinte ich daraufhin und versuchte mich an einem nahtlosen Übergang, der jedoch nicht unentdeckt blieb. Lesja rollte die Augen, doch drehte sich dann trotzdem zu der Lewitzerstute um, die ihm gerade den Jackenzipfel zerkaute.
      ***
      Nachdem wir auch Painted Blur, Quixoticelixer, Vaffanculo, Capulet (den Lesja sofort ins Herz schloss, das sah man ihm einfach an), Muraco und Paramour kennengelernt hatten und ich ihm versprach, morgen mit ihm Pacco zu besuchen, lief Lesja entschlossenen Schrittes in Richtung Wohnhaus.
      „Sicher, dass du bereit bist?“ fragte ich ihn zweifelnd. Es würde wohl kaum zu vermeiden sein, dass Zoe und Adèle ein bisschen die Fassung verlieren würden. Doch mit gewohnter Lässigkeit zuckte Lesja mit den Schultern und drückte schließlich auf die Klingel. Sofort fingen Ella und Khaleesi im Haus an zu bellen.
      Dann öffnete sich die Tür.
      ***
      Manchmal fällt einem erst auf, wie sehr man jemanden vermisst, wenn man diese Person wieder trifft. Aber gut, dass wir jetzt wieder im Land waren – auch, wenn es kalt war und der kanadische Winter eine absolute Sau war. Lesja hatte sogar geschafft, sich selbst vorzustellen und wurde natürlich von Zoe ausgequetscht. Declan saß daneben, hielt die Klappe aber hörte aufmerksam zu, während Adèle unsere Wiederkehr mit Kochen feierte. Meine Mutter hatte zwar sichergestellt, dass ich ja nicht verhungerte und deswegen hätte ich wohl auf die Pasta verzichten sollen, die gerade auf dem Herd köchelte.
      Aber ich war schon immer schlecht gewesen im Nein sagen.
    • Rhapsody
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      WHT Ausbildungsbetrieb, Dressur L-M - © Gwen
      | 31. Januar 2016
      „Fünf Pferde. Dabei hat der Monat nur vier Wochen!“, meinte ich vorwurfsvoll lachend zu Jojo, welche mir die diesmonatige Liste zum Trainieren zugemailt hatte. Bisher hatte ich die Pferde immer getrennt voneinander trainiert, das hatte jedoch dazu geführt, dass ich jedes Mal im Verzug war und kaum Zeit für etwas anderes blieb, also überdachte ich mein Konzept, und entschied, alle gleichzeitig zu trainieren.
      Die Vorteile lagen auf der Hand: Weniger Zeitaufwand, gleiche Qualität, einiges an Abwechslung. Für Jojo würde es eine Überraschung sein, doch ich bezweifelte, dass sie es großartig stören würde, so lange jedes Pferd noch genügend Aufmerksamkeit und die gute Ausbildung erhalten würde. Das Repertoire für Januar war bunt, denn es ging von der Dressur über Springen bis hin zu Military.
      Letzteres würde durchaus ein wenig komplizierter werden, denn immer noch lag Schnee. Doch darüber würde ich mir Gedanken machen, wenn es dazu kam. Heute erstellte ich erst einmal die fünf Trainingspläne und stimmte sie für mich persönlich aufeinander ab. Da ich bereits alle Pferde kannte, konnte ich mich direkt ohne Probleme auf das Training einstellen, ideal, wenn man immer die gleichen Pferde trainierte und ab Morgen würde es auch direkt losgehen.

      Jojo war ja etwas geschockt, als ich tatsächlich schon kurz nach acht Uhr morgens bei ihr aufkreuzte. Das war für mich eine eher seltene Zeit, um wirklich schon das eigene Haus zu verlassen, aber was tat man nicht alles für die liebsten Freunde! Dazu gehörte eben auch das frühe Aufstehen. Beginnen würde ich heute mit dem einzigen Hengst, der noch meinem Training unterstand: Painted Blur.
      Er war letztes Jahr Jojos Geburtstagsgeschenk gewesen und hatte sich seither auch wirklich gemacht. Momentan strebten wir sogar langsam die M-Dressuren an und Potenzial hatte Blurry allemal. Heute wollte ich aber erst einmal die Grundlagen weiter festigen und vorher musste ich das Pferd putzen und satteln.
      Das Warmreiten gehörte natürlich auch dazu, dementsprechend kam ich erst eine Dreiviertelstunde später wirklich zum Trainieren. Wir arbeiteten heute an seiner Hinterhand. Einerseits sollte er sich mehr auf diese setzen, aber auch die Kraft aus ihr beziehen. An sich konnte das Blurry, aber die Vorderhand als Schub zu nehmen war immer einfach viel einfacher.
      Trotzdem machte der Hengst wirklich gut mit und abschließend fügte ich noch etwas lockere Dehnarbeit für die Bauch- und Rückenmuskeln hinzu. Morgen würden wir dann mit den ersten Lektionen beginnen: dem Schulterherein (das konnte Blurry schon fast) und der Traversale. Es würde morgen auf jeden Fall anstrengender werden.
      Nun ritt ich Blurry aber erst einmal in aller Ruhe ab. Im Stall begegnete ich Zoe, welche mir die Zügel aus der Hand nahm und mich schon zum nächsten Pferd schickte. Ich protestierte zwar, aber Zoe war mit dem Hengst schon entschwunden. Seufzend schaute ich auf meine Liste, als nächstes war Bucky an der Reihe. Hui, das würde ein Spaß werden!
      Diese Stute gehörte definitiv nicht zu meinen Lieblingen und ich trainierte sie nur, weil sie Jojo gehörte. Das waren die beiden einzigen Gründe, denn sonst hätte ich einen riesigen Bogen um diese Zimtzicke von Pferd gemacht. Nein wirklich! Bucky war schrecklich. Kein Wunder, dass laut Jojo auch Stürme nach ihr benannt wurden, zurecht!
      Schon beim Putzen und Satteln war es mir wieder eine Freude, die Stute wiederzusehen. Aber Bucky war an sich ein Verlasspferd, sie ärgerte zwar gerne, besonders wenn sie schlechte Laune hatte (und das war immer!), aber wenn man etwas von ihr forderte, dann erbrachte sie die Leistung zu 99% und das dann auch fehlerfrei.
      Dementsprechend freute ich mich doch schon ein wenig auf das Springtraining. Wir begannen jedoch gefühlt bei Null, weshalb wir heute mit Trabstangen und Cavalettis arbeiteten. Die Grundlage musste erst einmal sitzen, bevor ich mit Bucky einen Parcours bestritt. Die Stute musste sowohl Abstände als auch Höhen einschätzen können, aber Bucky war ehrgeizig und dementsprechend nahm sie selbst die Cavalettis schnell zu ernst.
      Da es heute so gut lief, baute ich dann doch schon ein Kreuz auf, was die Stute auch mit Leichtigkeit nahm. Ich sah uns ja jetzt schon einen A-Parcours durchspringen, wohlgemerkt ohne jegliches Training. Aber da ich zu den vorbildlichen Trainern gehörte, würde ich das natürlich nicht machen. Stattdessen reichte es für heute und Bucky durfte zurück auf die Weide.
      Klug wie ich war, hatte ich mir die fünf Pferde über den Tag verteilt, so dass ich nun in meine wohl verdiente Mittagspause ging und Jojo erst wieder ab 15 Uhr belagern würde und dann auch die letzten drei Stuten für heute nerven würde.

      Das geschah dann auch recht schnell und schon saß ich auf Medeia, dem Springass in Jojos Stall. Ich mochte die kleine weiße Stute, auch wenn ich ihre Mistflecken einfach mal so gar nicht aus dem Fell bekommen hatte. Heute würden wir uns mit den Geländesprüngen in der Halle beschäftigen. Medeia war da noch ein totaler Anfänger und musste die Hindernisse erst einmal kennenlernen und dafür nahmen wir uns heute Zeit.
      Medeia war im Springen schon sehr weit ausgebildet, dementsprechend gab es dort an Grundlagen nicht mehr viel zu machen, im Gelände lief sie an sich auch schon ohne Probleme, aber die neuen Hindernisse musste auch das Naturtalent erst einmal kennenlernen, aber das lief besser als gedacht und so ging die dritte Trainingsstunde für heute auch schon dem Ende zu.
      Als nächstes war dann Sikari an der Reihe, ausnahmsweise eine Stute, die ich noch nicht so kannte, bei welcher ich mich aber freute, sie kennenlernen zu dürfen, denn Sikari war ein Sonnenschein, wirklich wahr. Natürlich war sie auch ein bunter Lewitzer, man fand schließlich kaum etwas anderes in Jojos Stall.
      Auch Sikari sollte im Springen trainiert werden, war aber schon weiter als Bucky, weshalb ich den Parcours direkt umbaute und erhöhte. Unser Ziel war diesen Monat die L-Höhe und deshalb begannen wir mit einer leicht erhöhten A-Höhe. Sikari stellte sich auch sehr geschickt an, sprang leicht und schnell, Gott war sie mir sympathisch!
      Motiviert durchritten wir den Parcours zweimal, ehe ich direkt erhöhte und wieder lief es einwandfrei. Bei Sikari war ich mir sicher, dass sie nur die Routine benötigte, alles andere hatte sie bereits von ihrem Stammbaum geerbt. Deshalb endete das Training dann heute auch recht fix und ich machte mich auf dem Weg zum letzten Berittpferd: Parvati.
      Ausnahmsweise ging es jetzt mal wieder im Dressursattel weiter und obwohl ich Parvati schon einige Male trainiert hatte, waren wir erst auf A-Niveau. Nächster Halt war also L und das würden wir diesen Monat auch schaffen. Laut Jojo war die Stute auch mitten im Training, weshalb ich heute direkt mit den ersten Lektionen begann.
      Den Außengalopp und die Kehrtwendungen hatte Parvati laut Jojo schon gelernt, deshalb fragte ich diese heute nur fix ab und konnte einen Daumen nach oben geben. Also widmeten wir uns den versammelten Gangarten und den Galoppwechsel. Ersteres verlief mit Parvati erstaunlich gut, sie ließ sich wunderbar zurücknehmen ohne direkt durchzuparieren und auch der Galoppwechsel war als Reflex bei Parvati schon vorhanden.
      Nach ein wenig Vorbereitungsarbeit klappte der direkt auf Anhieb. Jojo konnte stolz auf ihre hübsche Stute sein! Zufrieden lobte ich Parvati und wiederholte alles noch einmal, ehe wir für heute aufhörten. Meiner Meinung nach war der Tag schon mehr als erfolgreich gewesen. Ich versorgte in aller Ruhe die Lewitzerstute und dann durfte sie auch schon in ihre Box. Kurz schaute ich bei meinen anderen Schützlingen vorbei und erstattete dann noch Jojo Bericht, ehe ich schon meine heiße Dusche und das Bett nach mir rufen hörte. "Du fängst an wie Elena!", meinte Jojo nur vorwurfsvoll, entließ mich aber grinsend.

      Die kommenden Wochen baute ich das Training logischerweise aus. Wir hatten mit dem Wetter auch allerhand Glück, so dass ich mit Medeia öfters mal raus auf die Geländestrecke konnte, nichts ging über waschechte Geländehindernisse! Und Medeia liebte es, fast ein bisschen zu sehr und ich warnte Jojo, dass die Stute es nicht übertreiben sollte, man musste echt hinterher sein und sie zurücknehmen.
      Selbst mit Bucky hatte ich Spaß und die große Stute flog mit Ehrgeiz und Leichtigkeit über die Hindernisse. Genauso wie Sikari hatte sie von Beginn an eine schöne Technik, an welcher ich kaum noch feilen musste. Ab und an ließ ich die beiden Stuten freispringen, so dass sie selber austesten und üben konnten. Als Reiterin verfeinerte ich das Ganze dann meist nur noch mit meinen Hilfen. Das war das Besondere an Springpferden: Das Talent und der Wille mussten vom Pferd ausgehen und das war bei beiden gegeben. Bei Bucky zwar mehr, aber die war ja auch eine ehrgeizige Zimtzicke.
      Aber auch die Dressurler ließ ich nicht hinten runter fallen. Im Gegenteil, mit Blurry und Parvati arbeitete ich fast am liebsten. Blurry hatte so schöne Gänge und ließ sich so toll reiten, ich war mehr als verliebt in dieses Pferd, nur war er mir einfach zu groß. Elena hätte er bestimmt gefallen, deshalb warnte ich Jojo direkt vor, dass sie aufpassen sollte, wo sie Blurrys Talent zeigte, sonst war der Hengst schneller weg als sie schauen konnte.
      Auch Parvati konnte sich am Ende unseres Trainings sehen lassen. Jojo sah sie ja schon auf einer Krönung laufen, aber dafür musste sie doch noch ein paar Punkte sammeln, ansonsten wären die ganzen Mühen umsonst, aber ich war ziemlich zuversichtlich, dass sie auch das packen würden.
      Bei den noch sehr kalten Temperaturen war das Training teilweise echt nervenaufreibend, aber sowohl Jojo als auch ihre beiden Mitarbeiterinnen standen mir mit Tat und Rat zur Seite und nahmen mir auch ab und an das ein oder andere Pferd fürs Warm- oder Abreiten ab. Das machte vor allem Zoe gerne, warum auch immer. Am Ende des Monats konnte ich zumindest fünf einwandfreie Zertifikate ausstellen und Jojo für ihre Akten reichen. Nun würde ich ein wenig Verschnaufpause haben, ehe es demnächst wieder so weiter gehen würde. Es war eben Arbeit über Arbeit.
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  • Album:
    3 | Steenhof
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    Rhapsody
    Datum:
    2 Aug. 2016
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  • [​IMG]
    Painted Blur
    ”Blurry”
    benannt nach einer Maltechnik


    PEDIGREE
    [​IMG]
    von: Place Royal

    von: Prince

    von: Pretty Handsome
    aus der: Fayou xx

    aus der: Wild Lady Roxanne

    von: Carnaby
    aus der: Sedan

    aus der: Calina

    von: Cadoc

    von: Callboy
    aus der: Liana

    aus der: Spring Break

    von: Summer Time
    aus der: Saphyllis


    EXTERIEUR & INTERIEUR

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    Hengst
    Holsteiner
    13 Jahre

    175 cm
    Rappe
    Laterne | v.l. weiße Fessel, h.l. weißer Stiefel

    Hochgewachsen, lackschwarz mit einer breit auslaufenden Blesse – schon allein deswegen müsste Painted Blur, genannt Blurry, ein Star in der Dressurszene sein. Glücklicherweise kommt der Hengst nicht ganz nach seinen Eltern, denn Blurrys Talent liegt durchaus in der Dressur. Bei ihm passt einfach das gesamte Paket: er lässt sich schwer aus der Ruhe bringen, bleibt auch in der Gegenwart von Stuten voll bei der Sache und ist ehrgeizig wie man selten gesehen hat. All das macht ihn zu einer perfekten Ergänzung in einem Dressurkader. Doch auch, wenn er nicht mehr als Jungpferd gilt, braucht Painted Blur seine Pausen. So gern wie er mitarbeitet, ab einem gewissen Punkt ist seine Konzentration aufgebraucht und die muss er erst einmal auftanken. Durch sein Talent in der Dressur ist der Hengst natürlich auch für die Zucht interessant, doch darauf sollte er nicht beschränkt werden. Blurry ist ein Pferd, welches gefordert werden will, dann aber auch seinen freien Ruhetag in der Woche braucht.


    TRAINING

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    Fohlen ABC | Eingeritten | Eingefahren
    Englisch geritten


    Dressur
    E A L M* M** S* S**

    Springen

    E A L M* M** S*

    Military
    E
    A L M S

    Fahren

    E A L M


    ERFOLGE

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    Dressur: 1x S**-platziert, Springen: 3x L-Platziert


    Turniere
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    354. Dressurturnier – 379. Dressurturnier – 402. Dressurturnier – 403. Dressurturnier

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    349, Springturnier – 133. Synchronspringen – 134. Synchronspringen – 135. Synchronspringen – 136. Synchronspringen

    Andere
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    438. Schönheitswettbewerb – 519. Schönheitswettbewerb

    ZUCHTINFORMATIONEN

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    HK 484 – Alle Hengste


    Decktaxe: 195,-
    Genotyp: aa Ee
    Aus der Zucht: Gestüt Liberté (Nürnberg, DE)
    Nachkommen:

    Paint It Black (a.d. Golden Lights) – *2012, gekört

    Painted Taloubet (a.d. EBS Mon Amie) – *2015
    Painted Basquiat (a.d. Bucky) – *2017
    Painted Minimalistic Art (a.d. EBS Mon Amie) – *2017
    Painted Crown Jewel (a.d. Golden Lights) – *2017
    Painted Gold
    (a.d. Golden Lights) – *2020


    GESUNDHEITSZUSTAND

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    Chronische Krankheiten:
    Letzter Tierarztbesuch:
    21.08.16 – Pferdepraxis Sapala – Grundkontrolle

    Fehlstellungen:
    Beschlagen: Eisen mit Stollenlöcher
    Letzter Hufschmiedbesuch:
    02.09.16 – Hufschmiede Pine Grove Stud – Neuer Beschlag


    STALLINTERN

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    Besitzer: Rhapsody
    Ersteller: Elii
    VKR: Elii

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    Offizieller Hintergrund