1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Rhapsody

Painted Basquiat

Holsteiner -- im Besitz seit 03/2017 -- von Painted Blur -- aa EE

Painted Basquiat
Rhapsody, 12 Feb. 2020
Eddi, Elii, Zaii und 4 anderen gefällt das.
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      1/7

      Welpentreff
      31. März 2017 -- Rhapsody

      Fünf Minuten. Ich möchte, dass du, wenn du das Gatter geschlossen hast, deinen Timer auf fünf Minuten stellst und wenn diese fünf Minuten vorbei sind kommen die Pferde wieder auf ihre Paddocks.“
      Für fünfzehn Sekunden hörte Lesja auf, sein Müsli zu kauen, und sah mich nur an. „Und das muss so akribisch eingehalten werden?“
      Memo an mich selbst: Lesja niemals konfrontieren oder auch nur irgendwie mit ihm kommunizieren, wenn er beim Essen war. Wirklich, das sollte ich mir merken. Bäh. Als er sich den nächsten Löffel in den Mund geschoben hatte, war die Gefahr vorüber und ich konnte endlich wieder antworten. „Muss ich dir jetzt nochmal einen Vortrag über die Gefahr von zu eiweißreicher Fütterung halten? Nach fast eineinhalb Jahren? Wirklich Lesja?“
      Er senkte seinen Löffel und wollte gerade mit dem Reden ansetzen, also machte ich lieber auf dem Absatz kehrt und rannte aus der Küche. „Ach, ich leih mir später Mishka aus, solltest du ihn suchen!“ Seine Antwort bekam ich leider Gottes nicht mehr mit, da fiel die Tür einfach zu laut ins Schloss und Butters und Mishka wedelten so laut mit den Schwänzen, dass ich die Proteste gar nicht hören konnte. So was aber auch.
      Weil uns aufgefallen war, dass wir mittlerweile wirklich alle mindestens einen Hund im Haushalt hatten (oder zwei oder auch drei), hatten Zai, Elena, Gwen und ich uns heute für eine Hundespielstunde entschieden. Nach dem Zwischenfall mit Butters hatte ich mich dagegen entschieden, den Corgi mitzunehmen, und ob Khaleesi wirklich mitwollte, würde sich erst zwei Minuten vor Aufbruch entscheiden. Aber Mishka, der sich als verspielt und als kleiner Trottel herausgestellt hatte, freute sich bestimmt mal, unter Gleichaltrigen zu sein. Naja, zumindest halbwegs gleichaltrig.
      Mit dem Barsoi an der Schleppleine und Butters ein paar Meter vor oder hinter uns, je nachdem, was er gerade schnuppern musste, ging es in Richtung Paddock. Seit ein paar Wochen hatten nun sowohl Bucky und Medeia ihre Fohlen gekriegt – am helllichten Tag, nur, um mir, die wochenlang nachts kaum geschlafen hatte weil sie den Stalllivestream schauen musste, den hocherhobenen Mittelfinger zu zeigen. Medeia hatte ein rotes, jedoch ziemlich großes Fohlen am Rockzipfel hängen. Damit hatten wir schon gerechnet und mit Tierarzt und Tierarzt-in-Spe – ja, auch Peggy hatte mal mitarbeiten müssen, sowas aber auch – war dann Mànas doch recht schnell auf die Welt gekommen. Nicht viele Tage später war dann auch Painted Basquiat, Buckys Fohlen, einfach irgendwann im Stroh gelegen. Lackschwarz und extrem schüchtern hatte sie wohl mehr von ihrem Vater, Painted Blur, geerbt. Aber da Basquiat für die ganzen Amis und Aussies angeblich unaussprechlich war, hatte die kleine Stute schon schnell einen Spitznamen bekommen – Bowie. Ausgestattet mit frischem Wasser und genug Heu behausten die vier jetzt den bislang eh nicht genutzten Reitplatz, damit wir vor allem auch die Mütter schonend anweiden konnten. Früher oder später würden dann auch alle zusammen auf der Stutenweide stehen; bis dahin durften sich die zwei Fohlen erst einmal in der Welt zurechtfinden. Normalerweise wurde mit allen vieren spazieren gegangen, man übte das Aufhaltern mit ihnen, sie kamen täglich irgendwie in Berührung mit Menschen. Heute war das aber auf ein paar Streicheleinheiten beschränkt.
      Bevor ich mich mit den anderen treffen wollte, musste nämlich noch ein bisschen was getan werden. Während ich Boxen ausmistete, Quixoticelixer, Vaffanculo, Paramour, Tautou und Parvati ein bisschen die Mist- und Sandflecken aus dem Fell bürstete, verdrückte sich Butters unter meinem wachsamen Auge ins Haus und Mishka in das Stroh der nächsten Box – ich war also alleine. Bis auf das regelmäßige Schnauben der Pferde was es mucksmäuschenstill; Zoe und Declan gönnten den „Großen“ eine kleine Auszeit und nahmen sich dabei den Kleinen an. Auf dem Weg zum Hengststall sah ich Zoe eine Weile dabei zu, wie sie Cìola longierte. Es sah noch nicht ganz perfekt aus, aber die junge Reitponystute hatte noch genug Zeit, um das richtig zu lernen. Als ich dann Waffel, Q und Paramour einigermaßen sauber hatte – für seine Winterdecken war es mittlerweile einfach zu warm, deswegen war Q putzen eine Challenge, die ich tagtäglich verlor – und zu den Stuten zurück schlenderte, war der Rotschopf verschwunden und stattdessen wurde Ironic longiert. Eigentlich teilte Lesja solche Aufgaben überhaupt nicht gern, blöderweise steckte er sich aber vor vier Tagen mit der Rotzhuststerbseuche an und bekam von mir (und bestimmt auch von den anderen, die aber leider den Mund nicht aufmachen konnten) Arbeitsverbot. Schlimm genug, dass wir alle der Bazillenschleuder ausgeliefert waren, da musste er die Pferde nicht auch noch nerven. Deswegen hatten wir Ironic für die Woche unter uns dreien aufgeteilt. Unterm Sattel war er jetzt zumindest im Schritt und Trab relativ sicher; um das Training aber auch abwechselnd zu gestalten, wurde er heute ein bisschen locker trainiert. Vielleicht würde er dieses Jahr schon seine ersten Turniere gehen – zum Ende der Saison zwar, aber so abwegig war das gar nicht.
      Nachdem dann auch der Stutenstall schön sauber war, Mishkas Fell zu 93% aus Stroh bestand und ich weißes Winterfell in den Augen stecken hatte, gönnte ich mir eine kurze Auszeit. In etwa einer halben Stunde machte ich mich auf gen … Süden. Keine Ahnung, ob Elenas, Zais und Gwens Höfe überhaupt südlich von meinem lagen, aber es ging zumindest runter. Glaubte ich. Um dem guten Herrn ein paar Manieren beizubringen, holte ich PFS‘ Gamble Away von seinem Paddock und befreite ihn schnell von Sand und dem bisschen Winterfell, welches das Vollblut überhaupt besaß. Ob es eine gute Idee war, mit Rennpferd und Rennhund spazieren zu gehen? Bestimmt nicht. Aber irgendwie würde ich das schon gebacken kriegen. Mit Kappzaum, Longe und Schleppleine lief ich dann kurz darauf los.
      Fast schon wie ein Taxi kam ich mir vor, wie ich alle nacheinander abholte. Zuerst Gwen mit ihrer mittlerweile groß gewordenen Nuriya. Eigentlich wollten wir ja vorwiegend unsere Welpen aneinander gewöhnen und vorzeigen, aber weil wir Gwen ja nicht ausschließen wollten, hatten wir – also der Große Rat bestehend aus Zai, Elena und mir – netterweise zugestimmt, dass sie Shiva mitnehmen durfte. Auch, wenn es eigentlich gar nicht ihr Hund war, aber darüber wollte ich jetzt nicht diskutieren. Außerdem war ich auch damit beschäftigt, Mishka davon abzuhalten, sich ganz und gar in seiner Leine zu verheddern. Wie ein … naja, Welpe eben warf er sich an die Füße der schwarzen Hündin, rollte sich auf den Boden, sprang kurz darauf wieder auf und sprang sowohl um Shiva als auch um Gwen selbst, als gäbe es kein Morgen. Erst nach einem scharfen Pfiff beruhigte er sich langsam, und zu sechst machten wir uns auf den Weg zu Elena. Die hatte sich aus heiterem Himmel zwei Shiba Inus geholt – das hatte mich ein wenig verwundert, da Eli zu 110% Katzenmensch war und Hunden eher reserviert – und ehrlich gesagt sahen sie aus, als würden sie gerade aus einem alten Nintendogs-Speicherstand gekrabbelt sein. Neben den beiden Wollknäueln, die sie Yuki und Ayumi nannte (aber nicht erklären wollte oder konnte, was das bedeutete – so ein Amateur) führte sie auch noch Baila Conmigo.
      „Colour GH’s Baila Conmigo,“ verbesserte sie mich stolz. „Je mehr davor steht, desto edler das Pferd.“
      „Aha,“ machte ich und zuppelte am Führstrick meines Vollbluthengstes, der Elis Ponystute schon jetzt um ein paar Zentimeter überragte. „Das spricht aber nicht für deine Zucht.“
      Weil Eli so ein toller Mensch war fing sie keinen Streit auf einem fremden Hof an, sondern hob nur drohend den Zeigefinger und begrüßte dann Zai mit SST’s Lakim. Somit war ich mit meinem Junghengst deutlich in der Minderheit. Gott sei Dank führte der sich heute einigermaßen ruhig auf, schnorchelte nur ab und an einen der Hunde an. Mishka fand die Neuankömmlinge äußert interessant, aber er hatte doch ein paar Manieren und setzte sich lieber vor den braunen Dalmatinerwelpen, als ihn einfach umzurennen. Langsam aber sicher wurde das was mit dem braven Hund.
      In unserer kleinen Truppe ging es dann auf eine Wiese hinter Elis Gestüt, auf der die anderen ihre Hunde freilassen konnten und ich zumindest die Schleppleine ein bisschen länger lassen. Eigentlich rannte nur wirklich Friedrich, Zais-eigentlich-nicht-Zais Dalmatiner, umher; Shiva war damit beschäftigt, Friedrich zu beschäftigen (oder wohl eher, Friedrich um sich herum hüpfen zu lassen bis seine Energie ausgeschöpft war), Friedrich belästigte Shiva, Yuki und Ayumi kauten sich gegenseitig an – und ehrlich, das konnten nur Elenas Hunde sein – und Mishka versuchte, Friedrich von der großen Labradorhündin wegzulocken und stattdessen mit ihm zu spielen. Die Pferde machten sich stattdessen mit dem Gras bekannt.
      Als Friedrich sich geschlagen gebte, beide Shiba Inus schliefen (sowas von Elenas Hunde) und Mishka schon mehr als zehn Minuten neben mir saß und mich dabei beobachtete, wie ich den anderen zuhörte – eine einzige Starrerei, wirklich – beschlossen wir alle, uns langsam auf den Heimweg zu machen. Immerhin hatten wir alle einen Hof mit anderen Pferden als die vier, die wir dabei hatten, und ordentlich Arbeit vor uns. Deswegen war ich auch keine zehn Minuten nach meiner Ankunft auf Ares‘ Rücken. Wirklich einfach gestaltete sich das tägliche Training nicht mit ihm; hatte er einen guten Tag, war alles super, aber wehe wenn nicht. Ehrlich gesagt war ich ein bisschen überrascht, wie wir überhaupt die letzten paar Turniere überlebt hatten. Außerdem arbeiteten wir hart daran, dass er auch auf Dressurturnieren absahnen konnte; zwar war er gemacht für die Vielseitigkeit und hatte wohl auch eine solide Dressurausbildung, andererseits war es auch eine Gratwanderung, irgendwelche Lektionen von ihm abzuverlangen. Das Training verlief mittelmäßig; ein paar Male lief er wirklich schön an der Hand und drehte nicht zu sehr auf. Nach einer dreiviertel Stunde war er klitschnass, mein Kopf war rot wie eine Tomate, also war es Zeit, aufzuhören.
      Bevor auch ich dann zum Abendessen durfte, war erst noch Fütterungszeit. Pacco und Rising of Storm randalierten in ihren Boxen, während ich das Futter in der Futterkammer zusammen mischte, und stürzten sich sofort hungrig auf die Tröge, als hätten sie den ganzen Tag nichts zu futtern bekommen. Männer. Die Stuten dagegen waren pflegeleicht – Cìola sah mir vom Paddock aus zu, wie ich ihr Futter auffüllte, und erst, als ich Buckys und Medeias Portion fertig hatte und den Stutenstall verlassen wollte, stand sie an ihrem Trog und mampfte in sich hinein.
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      2/7

      Boys Day
      28. April 2017 -- Rhapsody

      Manchmal hatte man einfach göttliche Eingebungen. Ich hatte die, um ehrlich zu sein, ziemlich häufig. Einfach aus dem nichts traf mich dann ein Gedanke, und diese Gedanken musste ich dann so schnell wie möglich mit anderen mitteilen. War gerade kein Lebewesen in der Nähe, durften auch Gwen, Eli und Zai daran teilhaben.

      An einem Samstagnachmittag Ende April aber war ich nicht allein. Mit Zoe und Declan ritt ich durch die kanadische Landschaft; die anderen beiden auf Quixoticelixer und Painted Blur, ich selbst auf Ares. Eigentlich sollten wir vor allem mit dem letzteren gerade auf dem Platz arbeiten, damit aus dem Jung‘ ma was wird nech, aber man musste ja auch mal an den Spaß denken. Wir waren schon wieder auf dem Heimweg, Zoe und Declan diskutierten über …irgendetwas – um ehrlich zu sein, ich war schon vor zehn Minuten mental aus der Unterhaltung ausgestiegen und tat nur mein bestes, Ares im gleichen Tempo zu halten wie einen ruhigen Holsteiner und ein noch ruhigeres Pony. Und dann traf es mich, mitten aus dem Nichts.

      „Dani California ist das Girl aus By the Way!“

      Das Gespräch verstummte kurz, Declan und Zoe sahen erst mich fragend an, dann sich gegenseitig.

      „Redest du von den Chili Peppers?“ fragte Zoe vorsichtig.

      „Kennst du jemand anderes der über Dani California singt?“

      Declan würde sich am liebsten die Hand ins Gesicht schlagen, das sah ich an seinem Handzucken. „Das hast du jetzt erst gemerkt? By The Way ist 15 Jahre alt.“

      „Tut mir Leid, ich bin langsam und das weißt du,“ verteidigte ich mich. „Aber by the way – woher weißt du so genau, wann ein spezifisches Album von einer Band mit vielen Alben rausgekommen ist?“ Ich warf ihm einen scharfen Blick von der Seite zu.

      „Ich möchte mit dir nicht über meine Vergangenheit reden,“ murmelte Declan und rieb sich eine Stelle direkt unter dem Ellenbogen.

      „Lügner.“ Er war zwar nicht ganz so ein Blabberle wie Lesja oder zeigte seine Gefühle so offen wie Zoe, aber in den letzten Jahren stellte sich Declan nicht gerade als verschlossenes Buch heraus.

      „Warte nur darauf, bis du herausfindest, was mit Dani passiert,“ meinte Zoe und zuckte mit den Augenbrauen. Bevor ich aber den Mund öffnen könnte und es aus ihr herauskitzeln konnte, erstickte Declan das Gespräch mit einem lauten Seufzen im Keim. „Zoe, bevor wir von jemanden sehr unhöflich unterbrochen wurden –“

      Ich schaltete wieder ab.

      ***

      Nach dem Ausritt, der mir einen fantastischen Ohrwurm verpasst hatte, erklärte ich mich freiwillig bereit, mich um die restlichen Hengste zu kümmern. Während Ares und Blurry seelenruhig nebeneinander grasten, schien Quixo seine fünf Minuten zu haben. Runde um Runde galoppierte er, buckelte, schlug nach seinem Weidefreund Vaffanculo aus. Normalerweise war der Dunkelfuchs ja derjenige, der … naja, wild war. Und wenn man irgendetwas aus seiner versteinerten Position in der Mitte der Koppel ableiten konnte, dann, dass er mindestens genauso überrascht war wie ich.
      Aber Back to Business. Aus Faulheit legte ich Paramour den Kappzaum an und führte ihn anschließend in den Longierzirkel. Eigentlich wäre schon noch ein kleiner Ritt drin gewesen, aber … nein, ich hatte keine Ausrede.

      Wirklich anstrengend war die Longeneinheit weder für mich noch für den Lewitzer. Verstärkungen waren für ein Pferd, das M*-Dressuren gewonnen hatte, wirklich das kleinste Problem. Trotzdem schnaubte der Hengst mit Genuss ab und schien durchaus zufrieden, als ich ihn nach zwanzig Minuten mit einer Handbewegung zum Stehen brachte. Ich hatte ein bisschen Angst gehabt, dass sich Paramour, sobald er aus dem aktiven Sport genommen wurde, verändern würde. Immerhin war er immer zu 100 Prozent ausgelastet gewesen und hatte auch immer ein recht freundliches Wesen gehabt. Glücklicherweise zeigte er jetzt seit fast einem Jahr, dass er die doofen Turniere gar nicht brauchte, sondern von Haus auf ein freundliches Pferd war. Mensch, war mir da ein Stein vom Herzen gefallen.

      Meine Aufgaben waren erledigt; Declan und Zoe hatten sich die Stuten und Youngsters untereinander aufgeteilt. War es eine gerechte Aufteilung? Nein, überhaupt nicht. Aber ich war diejenige, die am besten davon gekommen war, also sagte ich natürlich nichts und machte mich stattdessen auf zur Stutenweide. Seit ein paar Wochen standen Medeia und Bucky samt Mánas und Painted Basquiat mit den anderen Pferden auf der großen Weide. Mittlerweile für ein paar Stunden, im Sommer dann 24/7. Als ich an den weißen Holzzaun trat und mich auf die oberste Latte setzte, kam auch schon das Connemarafohlen auf mich zu. Er war definitiv der zutraulichere der beiden. Das hatte bestimmt zu einem gewissen Prozentsatz auch damit zu tun, dass er einen Monat älter war, aber eigentlich hatte sich das schon in den ersten Tagen nach der Geburt gezeigt. Mánas verließ Medis Seite zwar genauso ungern wie jedes frischgeborene Fohlen, aber zumindest rannte er nicht vor mir weg. Jetzt, wo Mama zwar immer noch wichtig aber nicht mehr ganz so wichtig war – zumindest für ihn – traute er sich auch mal alleine zu mir her, beschnupperte meine Finger und ließ sich das weiche Fohlenfell streicheln. Entspannt blubberte er mich an, rieb seinen Kopf an meinen Beinen, als hätte ich ihm nicht vor ein paar Tagen die erste Wurmkur gegeben, bei der er am liebsten ausgebüxt wäre.

      Aber innerhalb von zehn Minuten war ich für Mánas komplett uninteressant geworden und er trottete wieder in Richtung Mama. Das nahm ich als Zeichen, jetzt auch mal nach Bowie zu gucken. Bis jetzt hatte sich der Spitzname nur bei mir durchgesetzt; die anderen benutzten lieber Basquiat (aber was war das denn bitte für ein Rufname? Genau, ein doofer). Insgeheim hegte ich die Hoffnung, dass die kleine Rappstute aber später nur auf Bowie und deswegen auch nur auf mich hören würde. Momentan waren Menschen noch ein bisschen gruselig für sie. Als ich Bucky und Bowie – ha ha ha – entdeckte, sprang das Fohlen schnell hinter seine Mama. Nur blöd, dass Bucky sich ins Gras gelegt hatte. Wie versteinert stand Bowie da und guckte mich an wie ein Schaf. Also tat ich das einzige, was mir gerade einfiel. Anstatt mich auf das Fohlen zu konzentrieren, setzte ich mich neben Buckys Kopf und massierte ihr ein bisschen die Ohren. Im Gegensatz zu anderen Pferde liebte sie das nämlich. Und nebenbei zeigte es ihrem Fohlen auch noch, dass ich gar nicht so böse war.

      Trotzdem bereitete mir Bowies Scheu immer noch ein bisschen Bauchweh. Eigentlich war sie schon sein Tag 1 mit Menschen in Berührung gekommen, und eigentlich waren wir auch stets darauf bedacht gewesen, ruhig in ihrer Nähe zu sein. Keine lauten Geräusche, die sie mit Menschen verbinden konnte. Mit Ach und Krach bekam sie jeden Tag das Halfter drauf, in der vagen Hoffnung, dass plötzlich ein Wunder passieren würde und sie sich von jedem ohne mit der Wimper zu zucken anfassen ließ. Irgendwann würde der Tag bestimmt kommen. Und andererseits war sie ja auch erst vier Wochen alt. Eigentlich sollte sie jetzt schon zutraulicher sein, aber immerhin war sie nicht mehr ganz so angespannt in unserer Nähe. Nach ein paar Minuten Beobachtung senkte sie nämlich den Kopf und rupfte ein paar Halme ab, während ich Buckys Schopf flocht. So schlimm konnte ich also gar nicht sein.

      Als die Sonne sich dann langsam in Richtung Westen aufmachte, stand ich unter Ächzen und Stöhnen auf, klopfte mir die Hose ab und klettert wieder über den Zaun. Ich konnte ja wenigstens schon mal mit dem Kochen anfangen, wenn alle bis auf den ach-so-kranken Lesja hart arbeiteten.
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      3/7

      chapter three
      11. Juni 2017 -- Rhapsody

      PFS' Scion d'Or | Dark Innuendo | Bucky | Painted Basquiat | Medeia | Mánas | Cíola

      „Ah, der allseits beliebte sterbende Schwan.“

      Snafu öffnete die Augen, blinzelte gegen das helle Licht im Zimmer an und drehte seinen Kopf in Richtung Tür. Leslie lehnte gegen den Türrahmen mit einem selbstgefälligen Grinsen auf den Lippen.
      Eine böse Bemerkung unterdrückend seufzte er nur und schloss wieder die Augen. „Nicht jeder kann in Kalifornien aufwachsen.“

      „Snafu, es hat 22 Grad. Celsius.“

      „Es fühlt sich an, als wäre ich in der Hölle gelandet.“

      „In einer Hölle, in der Ezra extra nach dir rufen lässt, damit du auch ja nichts verpasst. In so eine Hölle möchte ich auch mal kommen.“

      Innerhalb von Sekunden war Snafu vom Rücken auf den Bauch gerollt, um Leslie besser ansehen zu können. Ihr Grinsen war ein wenig gedämpfter, dafür blitzten jetzt ihre Augen gefährlich. Das registrierte er aber erst einmal nicht, genauso wenig wie die eigentlichen Worte, die sie gesagt hatte. Einzig und allein, was sie damit eigentlich sagen wollte, kam in seinem hitzegeschädigten Gehirn an. „Er tut’s? Jetzt?“

      Ohne auf eine Antwort zu warten, versuchte er, seine Beine so schnell wie möglich unter sich zu bringen und rannte an Leslie vorbei in den Flur. In den paar Wochen, in denen Scion d’Or auf dem Gestüt stand, hatte sich Snafu Hals über Kopf in die junge Stute verliebt. Und wenn das passierte, konnte er das einfach nicht verbergen – schon gar nicht erst vor seinem Trainer. Ezra hatte das sonst eigentlich immer ohne Kommentar so stehen gelassen, deswegen hatte sich Snafu auch nicht wirklich Chancen ausgerechnet.

      Da sollte nochmal jemand behaupten, Ezra Thompson steckte nicht voller Überraschungen.

      Schwer atmend kam er schließlich an dem kleinen Hof vor den Außenboxen an, in denen Goldie bis jetzt noch untergebracht war. Mit einigen Sekunden Verzögerung kam auch Leslie an – gerade, als Ezra den Cremello mit Trense und Sattel aus der Box führte. Als der Trainer ihn entdeckte, winkte er Snafu her und drückte ihm ohne großen Kommentar die Zügel in die Hand. Mit wachem Blick sah sich Goldie um, blieb aber ruhig stehen, als Ezra am Sattel rumwerkelte.

      Die Steigbügel wurden runtergelassen, nachgegurtet, dann stemmte der Trainer sich in den Bügel. Snafu sah, wie Goldie kurz mit den Ohren zuckte, aber sonst ruhig weiter atmete und ihn ruhig anblinzelte – als würde sie durch ihn hindurch gucken und – ja, das klang verdammt kitschig, aber so war Snafu nun mal und so war er schon immer gewesen – direkt in seine Seele. Das hatte er bis jetzt schon ein paar Mal bei Pferden gehabt; irgendwie sah er es auch als Sign of Approval, da noch kein Pferd schreiend weggerannt war.

      Am liebsten hätte Snafu erzählt, dass er unentwegt Augenkontakt mit dem besten Pferd der Welt hatte, aber wenn er ehrlich war, starrte er nur irgendwo in die Halbferne, als Ezra plötzlich seinen Namen ruf. Wie ein Hund sah Snafu auf – weil sein Trainer mittlerweile im Sattel saß. Goldie sah ein bisschen angespannter aus und trippelte ein paar Schritte zur Seite. Nach ein paar Sekunden schnaufte sie einmal tief durch, dann blieb sie stehen.

      Bis auf das Strohrascheln in den anderen Boxen war es still – nicht einmal Leslie machte eine blöde Bemerkung. Aus dem Augenwinkel sah Snafu, wie sie an die Box von Dark Innuendo, einem Warmblut mit dem sie wahrscheinlich nie etwas zu tun haben würde, trat und versuchte, mit ein paar wilden Handbewegungen die junge Stute herzulocken. Kurz darauf stieg Ezra wieder ab – immerhin musste man es ja nicht gleich übertreiben – und Snafu kramte ein paar Leckerli als Belohnung aus seiner Jeans.

      Ezra klatschte in die Hände; Goldie drehte sich kurz verwirrt zu ihm um, dann widmete sie sich lieber dem Leckerbissen auf Snafus Handfläche. „In ein paar Wochen geht das Training los, schätze ich mal.“
      Snafu zog eine Augenbraue nach oben, wagte es jedoch nicht, dem Trainer zu widersprechen. Viel mehr machte er sich daran, Goldie vor der freien Box anzubinden und die Ausrüstung wieder abzunehmen.

      „Früher oder später steht sie im B-Stall, das ist dir bewusst?“ fragte Ezra, nachdem er dem Treiben für einige Minuten zugeguckt hatte. „Ich mein, das ist ein ganz schönes Stück zu laufen. Das traust du dir zu?“

      Mitten in der Bewegung fror Snafu ein, dann drehte er sich zu seinem Trainer um. Nonchalant lehnte er sich an die Wand zwischen zwei Boxen, die Hände in die Hosentaschen gestopft, aber sein Gesicht schmunzelte verschmitzt.

      Kaum hatte Goldie das Gebiss aus dem Maul gehabt und war von Snafu in die Box geführt worden, hatte sie sich auf das Heu in der Raufe gestürzt. Kurz sah Snafu ihr zu, klopfte ihr noch einmal den Hals und schnappte sich dann den Trainingssattel samt Decke.

      „‘Nen Versuch wärs wert,“ murmelte er und verlagerte den Sattel auf den linken Vorderarm. Dann räusperte er sich. „Wenn sie Rennen laufen soll, dann würde ich mich wirklich freuen, wenn ich ihr Jockey sein darf.“

      Ezra nickte, mehr für sich. Es dauerte kurz, dann kam aus dem Hintergrund ein Prusten. Snafu stellte sich auf die Zehenspitzen, damit er Leslie über die Schulter des Trainers ein schmallippiges Grinsen zeigen konnte – seine Hand hatte kurz gezuckt, aber wer weiß, wie Ezra das auffassen würde. Leslie streckte ihm die Zunge raus.

      Bevor Snafu aber noch etwas tun könnte, was ihm die Chance seines Lebens komplett vermiesen könnte, fuhr Ezra wieder fort, komplett unbeirrt von den Kindeleien, die hinter ihm abgingen. Er sah nur auf die Uhr und fuhr sich dabei durch die dunklen Haare. „Dann sehen wir uns in 24 Stunden.“ Er drehte sich halb um, jetzt an Leslie gewandt. „Das Gleiche gilt für dich.“

      Leslie konnte gerade noch ihren ausgestreckten Mittelfinger in einer mehr oder weniger (und vor allem sehr gewollten, das gab Abzüge in der B-Note) coolen Bewegung hinter ihrem Rücken verschwinden. So viel zum Thema „Ich weiß gar nicht, wieso du solche Angst vor Ezra hast, der ist doch wie ein großer Bruder, vor dem würde ich nichts verstecken!“, liebe Leslie.

      Die andere Hand hob sie als Mock-Salut an die Stirn. „Aye aye, sir.“

      Ezra drehte sich wieder um und rollte die Augen. Gott, dass musste Snafu Leslie so schnell wie möglich unter die Nase reiben. Mit einem Das-bleibt-unter-uns-Blick stieß der Trainer sich schließlich von der Zwischenwand der Außenboxen ab. Als er um die Ecke Richtung A-Stall war, schulterte Snafu die Trense und machte sich in Richtung Sattelkammer los. Leslie, die natürlich nichts trug, schlenderte neben ihm her.

      Wie ein Seitenblick verriet, mit einem selbstgefälligen Grinsen. Typischer Fall von Narzissmus.

      Als sie von ihm nur ein böses Funkeln erntete, lachte sie schallend los und legte freundschaftlich den Arm um seinen Nacken. „Ich glaube, jemand ist verlieeeebt,“ trällerte sie und hörte nicht einmal auf, als Snafu die Sattelkammer wieder hinter sich schloss. Mittlerweile war vor den Außenboxen reger Betrieb; Esthers Enkel führten zusammen mit Sophia Graham, der Tochter der Dressurtrainerin, die Pferde auf die Weide. Bucky, eine kräftige Holsteinerstute, hatte Sophia genommen; die Ponys Cíola und Medeia wurden von den zwei jungen Fitzalan-Mädels geführt. Als sie Leslie singen hörten, drehten sie sich um – Snafu konnte aus der Entfernung zwar den genauen Gesichtsausdruck nicht sehen, aber er würde sein gesamtes Geld darauf verwetten, dass sie blöd guckten. Mit einem Stoß in die Rippen machte er Leslie darauf aufmerksam. Sie winkte den dreien wild zu und jagte den beiden Fohlen, die Bucky und Medeia begleiteten, einen ordentlichen Schrecken ein; das Rappfohlen verkroch sich hinter Bucky, während der Rotfalbe wie erstarrt stehen blieb. Um die Babys nicht noch mehr zu verunsichern, packte Snafu Leslie am Ellenbogen und zog ihren Arm wieder runter.

      Als sie ihn verwirrt ansah, erklärte er: „Du verschreckst die Kinder.“

      „Aber du mit deiner Visage nicht?“
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      4/7

      chapter seven
      26. September 2017 -- Rhapsody

      Ares | Ironic | Painted Blur | Paramour
      Siana | Benihana | Bucky | Medeia | Cíola
      Dark Royale | Painted Basquiat | Mánas | PFS' Scion d'Or | Dark Innuendo | Painted Taloubet | Rising Of Storm | PFS' Gamble Away | Pacco

      Hi Grams,

      ich hoffe, für dich ist das in Ordnung, dass ich einen Brief schreibe und dich nicht anrufe. Außerdem kann ich mich so ein bisschen sammeln und wirklich alles erzählen, was in den letzten Wochen so passiert ist – so leg ich auf und plötzlich fallen mir 1000 Dinge ein, die ich dir nicht gesagt hab.

      Langsam aber sicher lebe ich mich wirklich ein, und langsam fange ich auch an, mich mit meiner Mitbewohnerin anzufreunden.

      An diesem schicksalhaften Tag, ab dem sich Bernie und Leslie nicht mehr wenn möglich mieden, war eine ganz besonders fiese Aufgabe dran gewesen. Nach zwei Monaten auf dem Sandringham Manor schien es Bernie, als würden die Trainer sie testen wollen. Unter dem Vorwand, Blurrys Kondition aufzubauen, schickten sie das Reiter-Pferd-Duo auf die Geländestrecke, auf den Springplatz, in die Reithalle oder den kleinen Platz beim Stall. Die einzige, die nach den Trainingseinheiten außer Puste war, war jedoch Bernie. An eben diesem Tag war sie mit Frank am Springplatz verabredet.

      England zeigte, dass es nicht umsonst den Ruf für das schlechteste Wetter weghatte. Die Sonne war die letzten Tage kaum rausgekommen und es regnete unentwegt – mal stärker, mal schwächer. Als Bernie Blurry auf dem Reitplatz abritt, begann es gerade, zu nieseln. Eigentlich sollte das ja kein Hindernis sein, dachte sie. Blurry war zwar nicht wirklich begeistert von dem Regen, aber wenigstens war sie konzentriert und ließ sich von dem bisschen Regen nicht ablenken.

      Dachte sie. Innerhalb von zwanzig Minuten klebte ihr das dünne Sweatshirt auf der Haut, sie blinzelte immer wieder Tropfen aus den Augen, und vom Schirm ihres Helmes hing der Nieselregen in ihr Gesichtsfeld. Sie tat ihr Bestes, sich trotzdem auf den Hengst unter ihr zu konzentrieren – ohne Erfolg. Blurry merkte, dass sie nicht komplett anwesend war, und nutzte das aus. Er überlegte sich zweimal, ob er die Schenkelhilfe annahm oder nicht, und so hatte Bernie alle Hände voll zu tun, den Rappen überhaupt in einem annehmbaren Tempo zu reiten.

      Normal kam sie mit Painted Blur super aus. Er kam ihr auf der Weide entgegen und brummelte sie an, wenn sie die Boxentür öffnete. Und normalerweise waren sie auch im Training ein ganz gutes Team. Aber heute rannte er bei jeder Gelegenheit an den Hindernissen vorbei, und ein paar Mal sah sich Bernie schon in die bunten Stangen krachen weil sie den Sprung gerade so geschafft hatten. Von der Mitte der Bahn kam kein einziger Kommentar, keine Hilfe. So viel zum Thema Blurry trainieren – würde es hier wirklich um den Hengst gehen, würde Frank darauf achten, dass er ordentlich lief.

      Stattdessen wurde sie nach einer halben Stunde Qual endlich erlöst. Bis dahin war ihr Sweatshirt komplett durchnässt, auf den Schenkeln ihrer Reithose waren zwei dunkle, nasse Flecken, die Beine fühlten sich schwer und steif an. Während Blurry im Solarium stand, lehnte Bernie sich an die Stallwand daneben. Im Stall war Abendbetrieb; die Stallburschen (deren Namen Bernie sich ums Verrecken nicht merken konnte) liefen mit ihren Schubkarren voll Futtereimer hin und her. Wirklich viel hatte Bernie noch nicht mit ihnen geredet – und wenn, dann war es auch eigentlich nur Cat, die mit ihnen redete, und Bernie, die blöd danebenstand. Das bedeutete, dass Bernie die Sekunden, die Blurry noch brauchte, einzeln herunterzählte.

      Irgendwann war es dann doch soweit. Blurry stand in seiner Box, kaute auf seinem Heu mit seiner Abschwitzdecke auf dem Rücken und wenigstens diese Aufgabe hatte Bernie erfolgreich abgeschlossen. Im Mitarbeiterhaus stand schon eine große Schüssel Spaghetti in der Küche, aber trotzdem schleppte sich Bernie erst einmal in ihr Zimmer. Sie schälte sich aus den nassen Klamotten und schlüpfte in eine bequeme Jogginghose, bis sie sich mit einem Handtuchturban auf dem Kopf auf ihr Bett fallen ließ.

      Sekunden später quietschte die Zimmertür und fiel kurz darauf wieder ins Schloss. Bernie unterdrückte ein Seufzen. In den letzten Monaten hatte sie sich mit ihrer Zimmerpartnerin mehr schlecht als recht angefreundet. Seit Tag 1 hatte sie das Gefühl gehabt, Leslie hätte sie am liebsten auf dem Misthaufen entsorgt. Auch jetzt sagte Leslie kein Wort – Bernie hörte nur ihre Füße über den Boden tapsen, dann das leichte Stöhnen des Drehstuhls als sie sich draufsetzte.

      Gerade wollte sich Bernie aufraffen, die Augen aufmachen und etwas essen, damit sie so früh wie möglich ins Bett und den Tag hinter sich bringen konnte, da klingelte ihr Handy. Für zwei Sekunden starrte sie die Decke über sich an, dann setzte sie sich auf, griff nach dem Handy – und sah, dass Leslie sie wie versteinert anstarrte.

      Ein paar Augenblicke verstrichen. Das Handy verstummte wieder, Leslie räusperte sich und sah auf die Unterlagen vor ihr auf dem Schreibtisch hinab. Bernie öffnete den Mund, wollte sich schon flüchtig entschuldigen, da fing Leslie an.

      „Weißt du, zufällig wollen Snafu und ich später mit der vierten Staffel anfangen. Also –“

      Bernies Mund blieb offen. Sie hatte keine Ahnung, wer oder was Snafu war aber … naja, sie hatte nichts zu tun und sie hatte die vierte Staffel wirklich noch nicht angefangen. Um ehrlich zu sein, hatte sie ihren Netflix-Account noch nicht mal angefasst, seit sie in England war. Und es klang ein bisschen ach einem Friedensangebot, also –

      „Klar, wieso nicht?“ sagte sie und versuchte sich an einem flüchtigen Lächeln. „Aber ich glaub ich muss erstmal duschen. Und essen. Also, wenn das –“

      „Klar! Klar klar, kein Problem.“ Der Stuhl rollte über den Boden, als Leslie aufstand und Richtung Tür lief. „Ich lass dir noch ein paar Spaghetti übrig, ja?“

      Dann fiel die Tür ins Schloss.

      Du brauchst dir also keine Sorgen mehr über mein nicht vorhandenes Sozialleben machen. Ich hab Cat zum Ausreiten und dank Leslie lern ich auch langsam den Rest der Leute hier kennen. Du brauchst mir also keine Links zu fremden Facebookprofilen schicken.

      Was auch neu ist: ich hab jetzt ein echtes eigenes Pferd zugeteilt bekommen. Sein Name ist Ares und er ist so ziemlich das komplette Gegenteil von Blurry. Also – komplett. Das hat meine Trainer aber nicht davon abgehalten, uns gleich mal auf eine Kür zu schicken.

      Nicht nach unten gucken. Nicht zu verkrampft lachen. Bernies Hände klebten an dem Kunstleder der weißen Handschuhe. Sommer war schön, und Turniere waren toll – auf beides zusammen konnte sie aber getrost verzichten. Sie hatte das schwarze Jackett erst angezogen, als sie sich gemeinsam mit Cat auf den Weg vom Abreiteplatz zur Dressurbahn machte, aber trotzdem würde sie es am liebsten wieder ausziehen. In eine Ecke schmeißen und die nächsten paar Wochen nicht ansehen, bis es endlich Herbst wurde.

      Ares war erst vor wenigen Tagen angekommen. Für Bernies Geschmack war es viel zu früh, ihn schon auf einer Schau vorzustellen – sie hatte ihn nur drei Mal reiten können, und wirkliches Training war auch nur die letzte Einheit. Aber wenn Mrs Fitzalan sich etwas einbildete, dann konnte man sie davon nicht abbringen; so viel hatte Bernie bis jetzt gelernt. Deswegen nahm sie entschieden die Zügel auf, lächelte Cat kurz zu und ließ Ares dann in die Bahn traben.

      Seine Gänge waren noch komplett neu für sie. Mit viel Konzentration saß sie sich in den Sattel ein, streckte die Beine nach unten und hoffte, dass sie nicht wie ein Gummiball auf dem Rücken herumhüpfte. Nicht nach unten gucken. Ein bisschen hektisch grüßte sie die Richter hinter dem Buchstaben A, dann ging es erst richtig los.

      Hauptsächlich im Trab bewegte sich das Duo durch die Bahn, anfangs auf der linken Hand. Ares‘ Ohren waren stets gespitzt und für Bernie schien es, als würde er überlegen, ob er lieber brav die Kür weitermachen würde oder ob er eine Show für das Publikum hinlegen sollte. Wirklich sicher war sie sich noch nicht, aber Bernie hatte das Gefühl, dass Turniere mit dem Hengst wirklich Spaß machen würden.
      Im Galopp lenkte sie den Hannoveraner auf einen Mittelzirkel und parierte ihn dann in den Schritt durch. Sie öffnete die Hände ein bisschen, ließ ihm die Zügel länger. Gleichzeitig versuchte sie, nicht zu arg mit der Hüfte mitzugehen; Ares hatte einen weitaus raumgreifenderen Schritt als Blurry, da war die Gefahr groß, wie ein nasser Sack auszusehen. Nach einer Kehrvolte ließ sie ihn auf der rechten Hand wieder antraben. Halbwegs durch.

      Bis der zweite Galopp kam, funktionierte alles noch super. Dann hatte Bernie das Gefühl, Ares‘ Konzentration schien langsam aber sicher zu schwinden. Mit Ach und Krach sahen die Schlangenlinien mit drei Bögen noch halbwegs passabel aus, der Übergang zwischen Schritt und Trab ginge auch schöner, aber letzten Endes steuerte Bernie Ares wieder vor den Richtertisch, verabschiedete sich und trabte schlussendlich aus der Bahn.

      Ares‘ Ohren drehten sich in alle Richtungen als er aus der Arena schritt. Der Moderator kündigte das nächste Paar an, überall auf dem Platz standen andere Pferde und noch viel mehr Menschen. Trotzdem ließ er sich mit einem leichten Zügelzupfen durchparieren. Cat tauchte an seiner Seite aus und half Bernie aus ihrem Jackett.

      Außerdem kann ich jetzt endlich auch mal mit den Youngsters arbeiten – nicht viel, aber definitiv mehr als daheim.

      Von heute auf morgen hatte das Wetter in England von ganz-okay-ich-mein-für-England-ist-das-ganz-gut-auch-wenns-in-Kalifornien-wärmer-und-sonniger-ist-wir-wissens-langsam-Leslie-Sommer in Herbst umgeschlagen. Aber komplett Herbst: Den einen Tag wachte Bernie noch auf, weil ihr die Sonne ins Gesicht schien, den anderen sah sie draußen nur noch grau.

      „Gewöhn dich dran,“ riet ihr Leslie am Frühstückstisch. „Ich hoffe, du hast genug Socken dabei. Und Pullis. Und Regenjacken.“

      Snafu, dessen Gesicht halb in der Cornflakes-Schüssel hin, stöhnte in seine Milch hinein. „Oh mein Gott, Regenjacken.“ Leslie grinste ihn daraufhin breit an, also musste das wohl irgendein Insider sein.

      „Solange ich nicht wieder im Regen Zäune kontrollieren muss,“ grummelte Bernie.

      „Viel besser.“ Leslies Grinsen wurde noch breiter.

      Viel besser stellte sich schnell heraus als halb-freier Tag. Der Hufschmied kam und die Jocks waren dafür zuständig, dass die richtigen Pferde zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Und nachdem die Großen soweit fertig waren, schickte Heath Walsh eine Delegation der Stallburschen und eine Delegation der Jocks auf die Weide der Junghengste.

      Mit Jungpferden hatte Bernie wirklich lange nichts mehr unternommen – zuhause in Boston stand ein Dreijähriger in der Box neben Bernies Pflegepferd, also hatte sie eben auch mal die Box gemistet oder ihn auf die Koppel geführt. Recht viel mehr war das ja jetzt auch nicht, sagte sie sich als sie einem Holsteiner namens Painted Taloubet das Halfter aufzog. Das ließ er zwar ganz gut mit sich machen, aber irgendetwas an ihm sagte Bernie, dass sie später lieber aufpassen sollte.

      Mit vier jungen Hengsten ging es in Richtung A-Stall. Vor Bernie und Taloubet dackelte ein fast schon ausgewachsener Hannoveraner namens Dark Royale, dahinter kamen Leslie mit ihrem Gambit und ein Connemarahengst, der von allen nur Donnie genannt wurde.

      Im Stall angekommen wurden die Stallburschen dazu verdonnert, beim Halten zu helfen. Gerade wollte sich Bernie hinsetzen, da tauchte auf einmal Cat vor ihr auf. Und deswegen war es heute nur ein halb-freier Tag: das Training fiel zwar aus, aber trotzdem rannten alle wie verrückt hin und her. Cat und Bernie halfen im B-Stall aus, trennten die beiden Fohlen in den Außenboxen für ihre Mama, damit vor allem das Hengstfohlen in nächster Zeit in eine Herde mit Gleichaltrigen kam. Der Rotfalbe machte das schon ziemlich routiniert mit, nur das Stutfohlen wieherte immer wieder nach der Mama – die natürlich ebenso herzzerreißend antwortete. Genauso lautstark war dann die Begrüßung, als beide Fohlen zurückkamen.

      Wirklich viel mehr ist in den letzten Wochen nicht passiert. Ich weiß, du kannst es nicht glauben, aber ich möchte dir jetzt nicht jeden Tag einzeln aufdröseln.

      Sag allen daheim liebe Grüße von mir.

      Bernie xx
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      5/7

      chapter nine
      11. November 2017 -- Rhapsody

      Ares | Ironic | Painted Blur | Paramour
      Minou | Siana | Benihana | Bucky | Medeia | Cíola
      Dark Royale | Painted Basquiat | Mánas | PFS' Scion d'Or | Dark Innuendo | Painted Taloubet | Doineann | PFS' Gamble Away | Pacco

      -- Leslie --

      Oktober war Leslies Lieblingsmonat. September war immer noch ein bisschen Sommer, und November schon fast Winter; der Oktober war noch nicht ganz bitterkalt, die Blätter waren schön bunt – und es war Jagdzeit.

      Am liebsten hätte sie dieses Jahr ja selbst mitgemacht. Nicht unbedingt mit Gambit, natürlich, aber irgendein Pferd hätte sich schon gefunden. Blöderweise fand dieses Jahr die Jagd auf Sandringham Manor statt – und alle Jocks hatten Teilnahmeverbot gekriegt. Irgendwo verständlich, aber wirklich begeistert war Leslie nicht gewesen.

      Also hatte sie das Nächstbeste getan und sich Hals über Kopf in die Organisation geschickt. Zusammen mit Logan war sie die Strecke mehrmals abgeritten, hatte Pferde vom Flughafen abgeholt, auf die umliegenden Höfe verteilt und fuhr diese täglich ab. Das füllte so ziemlich den ganzen Tag, sodass sie jeden Abend todmüde ins Bett fiel – zum Leidwesen von Bernie und Snafu. Bernie, weil sie selbst dann gezwungen war, sich ab acht Uhr abends so leise wie möglich zu verhalten, und Snafu, weil der jetzt mit Goldie alleine trainieren musste.

      Dementsprechend war Leslie am Tag der Jagd auch schon um halb fünf wach. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Bad, wusch sich schnell und tapste dann barfuß über den Gang zu Beau und Snafus Zimmer und klopfte sachte an.

      Fast gleichzeitig drückte sich dann auch schon Beau durch einen Minispalt in der Tür (durch den er gar nicht hätte passen sollen – immerhin war er bestimmt dreimal so breit wie Leslie. Mindestens) und schob sie in Richtung Treppe nach unten.

      Frühstück gab es für die beiden nicht. „Cooper ist eh schon angepisst, dass ich andauernd woanders bin,“ flüsterte Beau und steuerte Leslie an der Küche vorbei direkt an die Haustür. Draußen war es noch dunkel; nur ein leichtes, dunkelgraues Band war schon am Horizont zu erkennen. Der Hof rund um das Mitarbeiterhaus war umhüllt von Nebel und es roch nach Regen. Solange der sich für den restlichen Tag verzogen hatte, war Leslie das ganz recht.

      Wie ein kleines Kind schlappte sie Beau hinterher, der zuerst die Tür in die Sattelkammer des A-Stalles aufsperrte. Als er das Licht anmachte, war Leslie für einen kleinen Moment geblendet, dann ging sie die Spinde der Gastpferde durch. Im A-Stall waren nicht wirklich viele Boxen freigewesen; die Junghengste standen seit ein paar Tagen wieder über Nacht in den Boxen und nahmen dementsprechend Platz weg. Ein Paint Horse aus New Mexico, ein Holsteiner und ein Trakehner aus Deutschland bewohnten seit Anfang der Woche die drei freien Boxen und schienen sich ganz gut mit den Boxennachbarn zu verstehen. Dementsprechend kam Beau auch schnell wieder, nachdem er Leslie in der Sattelkammer zurückgelassen hatte.

      Die Spinde waren immer noch verschlossen, beim kurzen Inventarcheck schien auch nichts zu fehlen. „Gehen wir weiter,“ flüsterte Leslie. Wenn man den Geräuschen der Pferde in der Box trauen konnte, waren die zwar eh schon wach und verlangten auch schon langsam ihr Futter, aber irgendwie wollte sie trotzdem so leise wie möglich reden.

      Im C-Stall war dann der Großteil der fremden Hengste untergebracht. Der stand im Winter meistens eh leer – Esther verfolgte die Philosophie, dass auch Hochleistungssportler mal ein bisschen Pause brauchten und nahm deswegen am Anfang Oktober keine Trainingspferde mehr an – und war somit für die restlichen 9 Gasthengste frei. Auch hier checkte Leslie kurz, ob die Spinde nach wie vor verschlossen waren und ob auch wirklich nichts fehlte. Beau knipste das Licht in der Stallgasse an, guckte kurz in jede Box und zog Leslie dann auch schon wieder quer über den Hof.

      Langsam aber sicher meldete sich dann doch ihr Magen. Um kurz nach 5 schalteten sich immer mehr Lampen in den Ställen und Häusern an, und ihre innere Uhr sagte ihr, dass es jetzt wirklich Zeit fürs Frühstück war. Trotzdem trottete sie hinter Beau her und versuchte, das Magengrummeln einfach zu ignorieren.

      Funktionierte semi-gut. Als die beiden im Stutenstall angekommen waren und Leslie gerade Spind Nummer 3 von 7 aufsperrte, knurrte ihr Magen so laut, dass Moses kurz darauf den Kopf in die Sattelkammer steckte.

      „Ich dachte, hier drin ist ein Bär,“ sagte er grinsend, als er Leslie entdeckte. Die verdrehte nur kurz die Augen; Moses war wirklich einer der einzigen Menschen, die sie kannte, der frühmorgens (um 5 Uhr. 5 Uhr morgens frühmorgens) schon zu Witzen aufgelegt war. Einer der Gründe, warum sie den B-Stall mied, bis sie wirklich wach war.

      Gerettet wurde sie von Beau, der sich an Moses vorbeischlängelte und wortlos die restlichen vier Spinde inspizierte. Dann fiel sein Blick auf die Uhr und unter wildem Fluchen stürmte er aus der Sattelkammer. Leslie konnte ihn gerade noch auf dem Weg zum Parkplatz einholen.

      „Keine Frühstückspause?“ keuchte sie ihm hinterher.

      Er öffnete die Fahrertür eines dunkelblauen Yaris‘. „Keine Frühstückspause.“

      -- Idony --

      Wenn man monatelang jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstand, dann war das irgendwann so in einem drin, dass man an jedem Nicht-Arbeitstag um fünf hellwach war. So ging es Idony heute – Training fiel für die nächsten paar Tage aus und Cam war so nett gewesen und hatte ihr freigegeben, damit sie später bei der Jagd konzentriert mitreiten konnte.

      Trotzdem – sie war um Punkt fünf Uhr wach gewesen und nach ein paar Minuten hatte sich herausgestellt, dass sie das mit dem Weiterschlafen vergessen konnte. Also war Idony zwei Stunden später schon mit den meisten Arbeiten fertig. Benihana versorgen, Benihanas neue Boxennachbarin Minou und die Reitponystute Cíola zusammen auf die Weide stellen, Stallgasse fegen und nett zu den Gästen sein.

      Gegenüber von Billies Box stand eine Scheckstute, die jeden Schritt und jedes Atmen im Stall genaustens im Blick hatte. Jedes Mal, wenn Idony kurz zu ihr hinübersah, stand die Stute woanders – mal im Paddock, mal in der Box, mal genau auf der Schwelle. Idony ließ sie kurz mit sich selbst allein und huschte an die Box des Scheckens. Die Stute hatte in etwa die gleiche Größe wie Benihana, wirkte aber zugleich imposanter als auch gebrechlicher als der Holsteiner gegenüber.

      „Schon mal die Konkurrenz begutachten?“ kam plötzlich von hinten. Idony zwang sich, nicht wie ertappt zu gucken, als sie sich umdrehte und eine junge Frau vor ihr stand – mit einem breiten Grinsen.

      Die Frau streckte auch sogleich ihre Hand aus. „Alexandra Cordes. Und das hinter dir ist Possy Pleasure Mainstream.“

      Als hätte sie ihren Namen verstanden, schnaubte die Stute und schlich sich dann sogleich wieder nach draußen auf den Paddock. Idony räusperte sich und nahm die Hand der Frau. „Idony Berqvist – aber ich bin keine Konkurrenz, ich arbeite hier.“

      „Oooh,“ machte Alexandra. „Und da dürft ihr gar nicht mitmachen? Das ist ja auch schade. Da gibt’s sowas mal und ihr werdet ausgeschlossen.“

      Ein bisschen überrumpelt von den vielen Worten in der kurzen Zeit blinzelte Idony Alexandra erst mal an. Dann registrierte sie die Worte erst. „Ach nein, das ist wirklich nicht schlimm – jetzt im Herbst sind hier so viele Jagden, also wer will—“

      „Oooh,“ machte Alexandra wieder. Possy Pleasure Mainstream kam wieder in die Box und reckte den Hals nach ihr. „Ich werde jetzt auch mal gucken, wo die zweite im Team bleibt – allmählich sollten wir ja mal beginnen, die Pferde fertig zu machen.“

      Mit einem Winken verabschiedete sich Alexandra wieder und ging aus dem Stall. Neben den Stallburschen, die die Futtereimer wieder von vor den Boxen einsammelten, war Idony die einzige im Stall. Also nutzte sie die Gunst der Stunde und richtete Benihana schon einmal so weit her, dass sie dieser später nur noch den Sattel auf- und die Trense anlegen musste.

      -- Leslie --

      Treffpunkt der Reiter war um halb elf auf dem Dressurviereck. Bis dahin hatte Leslie Zeit, den Matsch aus Painted Blurs Fell zu bürsten. Pünktlich hatte sich der natürlich in die nächstbeste Matschpfütze geschmissen – und von denen gab es auf den Weiden gerade genug. Soweit wäre es gar nicht gekommen, wären Leslie und Beau zur Stelle gewesen. So wie es war hatte nämlich Cooper Blurry auf die Weide gebracht, der hatte die Chance ergriffen – und jetzt stand Leslie in der Stallgasse des A-Stalls und versuchte, den noch feuchten Matsch so gut wie möglich aus dem Fell zu bekommen.

      Eigentlich wäre das eine Fall für die Waschanlage, dachte sie und schrubbte an einem Fleck an der Flanke des Hengstes. Eigentlich – nur leider war es kurz nach zehn, und wenn man Bernie und Cat glauben konnte, dann waren die ersten Gäste auch schon am Platz versammelt.

      (Beau hatte sich übrigens verkrümelt und frühstückte. Während Leslie nasse Matschflecken ausbürsten durfte, die vermeidbar gewesen wären. Schöner Tag war das heute.)

      10:15 Uhr ließ sie dann die Bürste fallen und schnappte sich Blurrys Sattel. Weg waren die Flecken zwar nicht, aber sollte sich jemand der Gäste drüber beschweren – naja, dann ließ sie Cooper die Sache handeln. Sie hatte gleich erst mal ein Date mit ihrer Müslischale.

      Gerade hatte Leslie Blurry das Gebiss ins Maul geschoben, als auch schon Esther in den Stall kam. Die drei Gäste, deren Pferde im A-Stall untergebracht waren, hatten sich schon längst auf den Weg zum Viereck gemacht – schön rausgeputzt mit Turnierjackett, hellen Hosen und weißen Schabracken. Leslie wusste also, dass sie spät dran war (und das würde Cooper auch noch den ganzen lieben langen Tag hören, ob er es wollte oder nicht). Dass jetzt aber schon die Chefin nach ihr sah, das hätte sie aber nicht gedacht.

      „Schon fertig,“ rief sie Esther entgegen und steckte den Zipfel des Nasenriemens noch schnell unter die dafür vorgesehene Lasche. „So gut wie’s eben ging,“ murmelte sie dann noch vor sich hin, nahm Blurry die Zügel vom Hals und führte ihn die Stallgasse hinab.

      Esther sah sich den Hengst kurz von beiden Seiten an, seufzte und zuckte dann mit den Schultern. „Sauberer wird er jetzt eh nicht mehr,“ sagte sie und klopfte Leslie kurz auf die Schulter. „Wenn du mir noch kurz helfen könntest?“

      Per Räuberleiter schwang sich Esther in den Sattel und nahm die Zügel auf. „Ich kehr‘ noch schnell, dann bin ich sofort da,“ versprach Leslie, aber Esther winkte ab.

      „Der Dreck liegt später auch noch da, wenn wir weg sind. Du solltest dir das jetzt lieber mit ansehen.“

      Gut, das ließ sich wahrscheinlich niemand zweimal sagen. Hinter dem großen Rappen und ihrer Chefin schloss Leslie das Stalltor und folgte den beiden dann in Richtung Viereck.

      -- Idony --

      „Guten Morgen und natürlich herzlich Willkommen auf Sandringham Manor.“

      Das Stimmenwirrwarr auf dem Dressurviereck verstummte augenblicklich. Neben Idony hörten sogar die zwei Geschwister auf, die schon seit sie aufgetaucht waren die Köpfe zusammengesteckt hatten, zu tuscheln. Fast alle Köpfe drehten sich nach vorne in Richtung Eingang. Vor der Kulisse des Herrenhauses saß Esther im Sattel von Blurry, hinter ihr Logan und Frank.

      „Ich freue mich, euch alle hier begrüßen zu dürfen. Das ist die erste Jagd seit fast 13 Jahren, die auf unserem Gestüt stattfindet, und ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht.

      Ich möchte auch gar nicht groß um den heißen Brei herumreden, schließlich wollen wir alle so bald wie möglich los. Wir haben eine Strecke von etwa 15 Kilometern vor uns. Nach etwa sieben gibt es für alle eine kleine Pause auf einem benachbarten Hof. Die Pferde dürfen grasen und für uns Menschen gibt es auch ein paar Snacks. Abschließend treffen wir uns auf der Wiese ein, auf der unser Geländetraining startet. Wer besonders aufmerksam ist, wird auf dem Weg dorthin auch etwas ganz Besonderes im Wald entdecken.

      Die Regeln lauten wie bei jeder Jagd. Um einen sicheren Ablauf zu gewähren, bete ich euch alle, euch gleich euren Platz im Feld zu finden und diesen, wenn möglich, nicht zu verlassen. Und, das ist ganz wichtig: reitet nie quer zu den anderen Reitern. Außerdem dürfen die Master, die euer Feld anführen, niemals überholt werden – die kennen die Strecke und sind dafür zuständig, dass alles gut abläuft. Für die Springer sind meine Kollegen Logan Reid und Frank Montgomery zuständig,“ Esther gestikulierte auf die zwei Trainer hinter ihr, „die Nicht-Springer hören auf mein Kommando.“

      Idony sah sich ein bisschen in den Reihen rum. Einige Reiter hatten ein schmales Lächeln auf den Lippen, andere sahen Esther stockernst ins Gesicht.

      „Zu eurer Sicherheit bilden die Schlusslichter die sogenannten Schlusspiköre. Jeder noch so gute Reiter fällt mal vom Pferd – für den Fall sind die Schlusspiköre da. Sie sind auch ein bisschen die Schiedsrichter, die alles sehen.

      Auf der Strecke gibt es 15 Hindernisse, inklusive Bachläufen und feste Naturhindernisse. Sollte euer Pferd vor dem Hindernis verweigern, dann dreht am besten sofort ab und reitet um das Hindernis herum. So kann es keine Staus geben und ihr und eure Pferde werden nicht verletzt.

      Außerdem bitte ich euch grundsätzlich, aufzupassen. Wir haben einige Pferde dabei, die noch recht jung und stürmisch sind. Wenn ihr die Jagd ohne dickes Knie abschließen möchtet, dann reitet nicht zu arg auf – vor allem nicht, wenn das Pferd eine rote Schleife im Schweif trägt.

      Recht viel mehr gibt es auch nicht zu sagen, also fange ich gleich mit den Feldeinteilungen an.“

      Die ersten Reiter zogen die Gurte nach und ließen die Steigbügel herunter. Esther kramte einen Zettel aus ihrer Jacketttasche hervor und räusperte sich.

      „Feld Eins ist das erste springende Feld mit Philipp Gerdes und Daitona, Nicolaus du Martin und Ghostly Phenomenon, Elena Redling und Couleur du Deuil, Leticia Weidner und Ingénue, Octavia Blake und Raspberry, Mio Wild und Raised from Hell, Malte Tordenvaerson und Belmonts Brock und Gwendolyn Campbell und Neelix. Euer Master ist Logan Reid und euer Schlusspikör ist Idony Bergqvist.“

      Während alle, die gerade aufgerufen wurden, sich auf eine Seite des Vierecks verteilten, blätterte Esther um. „Feld zwei als zweites springende Feld mit Occulta Smith mit Co Pilot de la Bryére, Ciaran Duclair und Shenandoah, Eddi Canary und Pajero, Jonas Moser und Diarado, Lisa Zimmermann mit Halluzination, Isa Neyer mit Jonquil, Ikarus Dragomir mit Pitú, Tassilo Greving und Cover the Sun und Charlotte von Eylenstein mit Grenzfee. Euer Master ist Frank Montgomery, der Schlusspikör ist Katharina Karenin.

      Das letzte Feld mit mir als Master besteht aus Addison Moore mit My Canyon, Janina Lohmann mit Nemax, Elliot Hadley mit Vychar, Bellamy Blake mit Gun and Slide, Franziska Ziegler mit Cadeau, Nate Prescott und Dark Chocolate, Alexandria Cordes und Possy Pleasure Mainstream, Tamara Meyrohe mit Walking in the Air, Marie Wortkötter mit Macaruja, Vuyo Ndour mit Aspantau und Artemis Fortounis mit Bahar. Euer Schlusspikör ist Bree Price.“

      Ein paar Sekunden gab Esther den Leuten, um sich aufzuteilen, dann steckte sie den Zettel wieder in ihre Tasche. „Ihr könnt jetzt aufsitzen. Feld 1 macht sich in wenigen Minuten auf den Weg, ein paar Minuten später Feld 2 und dann Feld 3. Ich wünsche euch eine schöne und angenehme Jagd und natürlich viel Glück.“

      -- Leslie --

      Gemeinsam mit Bernie und Snafu hatte Leslie Esthers kleiner Ansprache vom Rande des Dressurvierecks gelauscht. Als das letzte Feld mit Blurry an der Spitze und Siana als Schlusslicht vom Platz ritt, seufzte Leslie erst einmal laut. Passend dazu grummelte ihr Magen.

      Wie auf Knopfdruck drehten sich Bernie und Snafu zu ihr um. „Schon wieder Hunger?“ scherzte Bernie.

      „Immer noch,“ grummelte Leslie. „Aber ich werd mich jetzt umdrehen und auf schnellstem Weg ins Haus gehen und schön und lange frühstücken.“

      Snafu grinste sie kurz an, dann schweifte sein Blick über ihre Schulter ab. Seine Augen wurden für einen Moment weich – und Leslie wusste genau, was sie erwartete. Mit einem lauten Stöhnen schlug sie sich die Hände vor die Augen.

      „Leslie, fertig soweit?“ kam es von hinter ihr in einer allzu familiären, tiefen Stimme. „Die Millers haben gerade angerufen, wir sollen gleichkommen – hab ich was verpasst?“

      Als sie die Hände von den Augen nahm, sah sie, dass Snafu schon antworten wollte, also ergriff sie lieber selber die Initiative.

      „Nein, gar nichts. Gehen wir.“ Schwungvoll drehte sich Leslie um, packte Beau beim Oberarm und zog ihn hinter sich her in Richtung Parkplatz.

      Schon wieder.

      -- Idony --

      Billie gefiel das Hinterhergetrotte ganz und gar nicht. Während der ersten Trabstrecke hätte die langbeinige Stute gleich mal versucht, einen wuchtigen Draught-Hengst und eine zierliche Buckskinstute zu überholen – also hatte Idony sie auf eine Volte abgewendet und sich tief in den Sattel eingesessen. Sowohl der Mann auf dem Draught als auch die junge Frau auf der Stute schienen ihr das aber nicht übel zu nehmen. Immer wieder versuchte die Holsteinerstute, irgendwie an der Gruppe vorbeizuziehen – bis sie sich dann nach dem ersten Galopp anscheinend damit abgefunden hatte. Ungeduldig kauend, aber wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung.

      Idony selbst kam auch dann erst richtig in den Genuss – bis dahin hatte so gut wie jeder seinen Platz in der Gruppe gefunden. Im Schritt unterhielten sich die meisten, lachten miteinander. Wenn Logan das Handzeichen für den Trab oder Galopp gab, verstummten jedoch alle und vor den Hindernissen wurde eine schöne Reihe gebildet. Pferd nach Pferd hüpfte über die Zäune, kletterte einen Wall hinunter und watete durch einen Bachlauf.

      Die Reiter schätzte Idony als ziemlich erfahren ein; keiner kam über den Hindernissen ins Straucheln. Eine Rappstute weiter vorne im Feld schlug den ein oder anderen Haken zur Seite, aber die Reiterin schien sich dadurch nicht aus dem Konzept zu bringen zu lassen. Trotzdem stoppte bei jedem Seitensprung kurz Idonys Herz und sie nahm Billie vorsichtshalber gleich ein bisschen zurück – sollte die Reiterin den Halt verlieren und stürzen, war es immerhin ihre Aufgabe, alle wieder einzusammeln.

      Trotz hakenschlagender Stute erreichten alle Reiter als erstes die Zwischenstation auf dem Bauernhof der Familie Wright ohne Zwischenfälle. Von einem kleinen Wäldchen ging es direkt an den Schaf- und Kuhweiden vorbei, direkt auf den kleinen Platz vor dem Guthaus. Ein paar Stallburschen von Sandringham Manor wuselten schon umher; auf ein paar Aufstelltischen standen Gläser und Wasserflaschen, auf anderen eingewickelte Sandwiches.

      Nachdem den Pferden die Zaumzeuge abgenommen und die Sattelgurte gelockert wurden, gab es für die Reiter dann das verdiente Lunch. Die alte Mrs Wright füllte Wassereimer für die Pferde auf und die Stallburschen verteilten sie schließlich. Nach und nach kamen auch Frank und Esthers Felder an, als allerletzte Cat auf Ironic. Im Gegensatz zu ihrer Gruppe sah sie ein bisschen abgekämpft aus, also machte sich Idony kurzerhand auf den Weg zu ihr.

      Ironic blubberte freundlich, als er Billie entdeckte. Als die ihm aber keinerlei Beachtung schenkte, sondern lieber ein paar vertrocknete Grashalme abrupfte, bekam er sich auch schnell wieder ein und spielte lieber mit dem Wassereimer, dem ihn ein Stallbursche hinhielt.

      Cat lächelte Idony müde an. „Du siehst ja richtig frisch aus.“

      „Kann ich von dir nicht wirklich behaupten,“ sagte Idony. „Schwere Gruppe?“

      „Die Gruppe nicht unbedingt,“ Cat nahm ihren Reithelm ab und fuhr sich durch die Haare. „Eine Stute, ich glaub ein Vollblut. Rote Schleife im Schweif, also sollte ich nicht so überrascht sein, aber im Schritt schien sie noch besser drauf zu sein.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich musste noch keinen retten, aber wir haben ja noch ein paar Kilometer vor uns.“

      „Dann solltest du ganz schnell irgendwo Holz finden und drauf klopfen.“

      „Bietest du mir deinen Kopf an?“

      Idony rollte mit den Augen, dann streckte sie die Hand nach Ironics Zügeln aus. „Los, hol dir noch was zum Essen bevor nichts mehr da ist.“

      -- Leslie --

      Ja gut, vielleicht hatte Leslie den Aufwand einer solchen Jagdorganisation ein bisschen unterschätzt. Mittlerweile war es nach 12 Uhr mittags und bis auf ein paar Gurken bei der Essensvorbereitung hatte sie immer noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Wenn sie nicht Essen ausgab, dann schleppte sie Getränkekisten, Wassereimer oder was auch immer die alte Wright sie auch machen ließ.

      „Wenn das hier rum ist,“ sagte sie leise und bedrohlich, als Beau ihr noch eine Wasserkiste in die Brust stieß, „dann schuldest du mir ein drei Gänge Menü. Selbst gekocht. Alles andere akzeptiere ich nicht als Entschuldigung.“

      Beau, der sonst eigentlich sehr gefestigt wirkte, bekam seine kleine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Jackpot. „Irgendwie sowas sollte ich hinkriegen.“

      „Das hoffe ich für dich.“

      -- Idony --

      Der zweite und letzte Abschnitt begann ein bisschen ruhiger als der erste – zumindest für Idony. Im Schritt ging es wieder zurück in das kleine Wäldchen, an einer Abzweigung jedoch geradeaus statt rechts.

      Wie als hätten die Pferde nie etwas anderes gemacht, kletterten sie einen Wall hinab, galoppierten dann geschlossen und ruhig an und nahmen die ersten paar Hindernisse des letzten Streckenabschnitts mit Leichtigkeit. Erst kurz vor der letzten Galoppstrecke verweigerte eine große Rappstute weiter vorne im Feld. Ihr Reiter fing sich gerade noch über dem Hals hängend. Die Stute ging zwei Schritte mit hochgerissenem Kopf rückwärts. Idony nahm schon Billies Zügel an, kurz davor, einzugreifen – immerhin kamen schon die nächsten Pferde, die auch über das Hindernis springen wollten, und so ein Stau konnte ziemlich blöd hinausgehen – doch dann trieb der Reiter die Stute schon seitlich und machte einen großen Bogen um den Zaun und kurz darauf nahmen beide wieder ihren Platz im Feld ein.

      Als von Logan an der Spitze das Kommando zum Suchen kam, saßen plötzlich alle aufrechter im Sattel. Alle nahmen ihre Pferde zurück, ließen die Galoppsprünge verkürzen, und sahen sich links und rechts im Gebüsch des Waldes um. Wo genau der Fuchsschwanz versteckt war, wusste Idony auch nicht; sie selbst verließ sich also darauf, dass Billie sich mit dem hintersten Platz im Feld abgefunden hatte, stellte sich in die Bügel und reckte selbst den Hals, um besser sehen zu können. Bis auf ein paar orangefarbene Blätter fand sie aber nichts, und auch die Teilnehmer gingen leer aus. Ein wenig enttäuscht setzte sich Idony wieder in den Sattel ein. Billie spielte kurz mit den Ohren, erwartete eine Parade, galoppierte aber dann letzten Endes ruhig weiter.

      Wenige Meter voraus endete der Wald schon; dann waren sie eigentlich schon wieder mitten auf dem Gestüt. An den leeren Paddocks vorbei, um das Haupthaus herum, dann tauchte auch schon das Dressurviereck vor dem Feld auf, mit dem aufgebauten Sprung. Einer nach dem anderen, wie in den letzten Stunden, sprangen die Pferde darüber. Als Idony und Billie auf dem anderen Ende des Hindernisses ankamen, waren die ersten Reiter schon abgestiegen.

      Wenige Minuten, nachdem ein paar Jocks die ersten Eichenbrüche verteilten, kam auch das zweite Feld an – ebenfalls erfolglos, wie sich schnell herausstellte. Trotzdem schien die Stimmung heiter zu sein; die Reiterin mit der nervösen Stute aus Idonys Feld erzählte im größten Detail und mit ausladenden Armbewegungen jedem im Umkreis von fünf Metern, wie sie sich dreimal schon fast am Boden liegen sah.

      Erst, als dann zwanzig Minuten nach dem ersten Feld Esther und ihre Gruppe auf dem Platz eintrafen, schwenkte jemand ein orangefarbenes Stück Pelz hin und her. Als die Gruppe sich dann auch langsam lichtete, bekam Idony einen ersten Blick auf den Gewinner: die Reiterin war noch jung und saß auf einer hellen, schweren Buckskinstute. Sie grinste, umklammerte den Fuchsschwanz eisern und unterhielt sich angeregt mit der Frau, die Idony heute Morgen im Stall getroffen hatte. Auch das Pferd kam Idony bekannt vor – da musste sie später gleich mal gucken, ob die Stute nicht sogar neben Minou einquartiert wurde.

      Esther platzierte sich wieder in die Mitte des Vierecks. Als jeder Teilnehmer seinen Eichenbruch in der Hand hielt, verkündete sie die Siegerin – Tamara Meyrohe aus Deutschland, deren Stute tatsächlich nur ein paar Boxen neben Benihana stand – und bedankte sich bei allen, die irgendwie geholfen hatten. „Und zur Feier des Tages lade ich Euch alle herzlich zum Jagdgericht ein – nachdem die Pferde versorgt wurden, versteht sich.“

      Ein wirkliches Jagdgericht im klassischen Sinn war es nicht – Idony hatte sich noch nicht mit Bree und Cat unterhalten können, ob es in deren Feldern irgendwelche Vergehen gab, aber das konnte sie sich kaum vorstellen – sondern eher ein Dinner im Herrenhaus. Die Piköre waren ebenfalls eingeladen – trotzdem ließ sich Idony viel Zeit im Stall, stopfte Billie Stroh unter die Abschwitzdecke und weichte die Kühlgamaschen in aller Ruhe ein.

      Ein bisschen verspätet und mit eiskalten Fingern kam Idony dann im Speisesaal an. Cat hatte ihr einen Platz freigehalten, direkt vor dem Teller mit Hühnchen. Um sie herum hatten die anderen schon mit dem Essen begonnen, also lud sie sich sofort ein bisschen Fleisch, Gemüse und Brot auf, ohne noch groß nachzudenken. Der Hunger war erst gekommen, als sie vor dem Speisesaal gestanden war und das Essen gerochen hatte. Komisch, wie man einfach vergessen konnte, hungrig zu sein.

      -- Leslie --

      Leslie, auf Cats anderer Seite, lud sich ihren Teller dreimal mit allem Möglichen auf, probierte jedes der drei verschiedenen Desserts und schnappte sich anschließend noch das übrige Mousse au Chocolat von Beaus Teller. Das schuldete er ihr ja schließlich.
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      6/7

      chapter ten
      26. Dezember 2017 -- Rhapsody

      Benihana | Minou | Painted Basquiat | Simplicity of Sophistication

      Kurz vor Weihnachten war Sandringham Manor fast wie leergefegt. Auch Idonys Koffer standen fertig gepackt vor ihrem Bett. Über Weihnachten und Neujahr flog sie nach Hause nach Schweden, schlug sich dort bei Oma und Tanten den Bauch voll und half im Stall ihres Vaters mit.

      Das Abschiedstraining fand in der überfüllten Reithalle statt; es schien, als wolle nochmal jeder so viel wie möglich schaffen, ehe es in den Weihnachtsurlaub ging. Idony beschloss also, dass sie sich kurzhalten würde – nur lockere Arbeit, um Billie auch eine kleine Pause zu gönnen.

      Idony und Cat waren vor ein paar Wochen auf dem ein oder anderen Hallenturnier gestartet. Für Cat und Ironic waren diese Turniere sogar ganz erfolgreich, für Idony und Billie nicht unbedingt. Nach der Pause schien es, als wäre die ganze Atmosphäre komplett neu für die Stute. Frank, der die vier begleitet hatte, hatte das ganze nur mit zusammengepressten Lippen kommentiert – was so ziemlich alles heißen konnte, aber vor allem, dass es im neuen Jahr anstrengend werden würde.

      Billie hatte sich also eine kleine Pause verdient. Nach etwa einer halben Stunde mit vielen Übergängen und Volten zur Lockerung stellte Idony die Holsteinerstute in der Mitte der Halle auf, ließ sich aus dem Sattel gleiten und schlug die Steigbügel hoch.

      ***

      Der Hof lag schon komplett im Dunkeln, als die beiden sich Richtung B-Stall aufmachten. Am Wegrand standen vereinzelt ein paar kleine Lampen, die aber auch nur halfen, den Weg zu zeigen. Der Wind peitschte Idony ins Gesicht und wieder einmal verfluchte sie ihre Bequemlichkeit, als ihr die Haare in Mund und Augen flogen. Zumindest kein Regen, dachte sie sich, und: hoffentlich bleibt mir Regen in Schweden erspart.

      Im B-Stall herrschte reges Treiben; wirklich viele Pferde standen den Winter über nicht darin. Die Ponystute neben Benihana mümmelte schon auf ihrem Heu, und auch die zwei Stutfohlen gegenüber ihrer Box hatten schon das Abendessen bekommen. Lynn kam gerade aus Billies Box, ein leerer Eimer in der Hand und ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen.

      In der Box stürzte sich Billie sofort auf ihr Futter. Während die Stute also zufrieden ihren Hafer fraß, nahm Idony ihr mit geübten Griffen die Ausrüstung ab. Als sie aus der Sattelkammer zurückkam, fiel ihr Blick auf die zwei Stutfohlen. Anfang Dezember kam das wahrscheinlich letzte neue Pferd des Jahres an – eine Freundin für den Rappen, den Idony bis dahin nur zweimal gesehen hatte und dessen Namen sie sich nie gemerkt hatte. Die Neue hieß Simplicity of Sophistication oder das komplette Gegenteil ihres Namens: Simple. Und auch das komplette Gegenteil der Rappstute – die sah Idony sogar nach Wochen noch mit Skepsis entgegen und lief lieber hinaus in den Paddock. Simple hingegen schob ihren Kopf über die Boxenwand, ihr Heu komplett vergessen, und mümmelte stattdessen an Idonys Jacke. Mit einem leichten Grinsen zog sie den Ärmel aus den Zähnen des Jährlings und kraulte ihr kurz die Stirnlocke. Lange machte Simple das nicht mit; sobald sie merkte, dass sie nicht mehr von Idony bekommen würde, war das Heu dann doch interessanter. Und als Idony dann wieder das Tor zu Billies Box öffnete, hörte sie auch wieder Hufschritte und Strohgeraschel.

      Billie war voll und ganz in ihr Abendessen vertieft, also müsste Idony sich wohl morgen früh von ihr verabschieden. Trotzdem kraulte sie die Braune nochmal hinter den Ohren und klopfte ihr den Hals. Kein einziges Mal hob die Stute den Kopf; erst, als Idony die Stalltür schließen wollte, guckte sie ihr kurz entgegen. Keine Sekunde später war die Nase aber wieder im Trog. Grinsend zog Idony die Tür hinter sich zu. Das letzte Abendessen in England wartete auf sie.
    • Rhapsody
      Alte Pflegeberichte
      7/7

      chapter fifteen
      21. April 2018 -- Rhapsody

      Minou | PFS' Scion d'Or | Benihana | Cíola
      Siana | Bucky | Medeia | Calina
      Paramour
      A Touch Of Peace | Seavitia | Simplicity of Sophistication | Painted Basquiat | Dark Innuendo | Pacco

      Vorsichtig schob Sophia das Tor des B-Stalls auf. Hinter ihr drängelte schon ungeduldig Siana. Gemeinsam mit ihrer Mum und Frank hatte Sophia das wunderschöne Frühlingswetter genutzt und war mit ihnen im Gelände gewesen. Entspannt war es nicht gewesen – das war es nie wenn man mit zwei professionellen Trainern unterwegs war – aber trotzdem fühlte sich Sophia gut. In letzter Zeit durfte sie vor allem Medeia und Siana reiten; beides Zuchtstuten, die den Großteil ihrer Zeit auf der Weide verbrachten oder, in Sianas Fall, Kindergärtner spielten. Ein bisschen vermisste Sophia den guten alten Paramour; dieser bekam seine täglichen Streicheleinheiten von Henry und, wenn sich dieser mal auf dem Hof blicken ließ, auch von Henrys jüngerem Bruder Luke. Theoretisch wurde Paramour da gut versorgt. Und trotzdem warteten in ihrer Tasche zwei Karotten für den Lewitzer.

      Mit flinken Händen nahm Sophia Siana den Sattel und das Zaumzeug ab und band sie an der großen Box an, um die Hufe auszukratzen und noch einmal über das Fell zu bürsten. Sie waren alleine im Stall; die zwei Fohlen, Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication, standen schon auf einer Koppel, Benihana, Saevitia, Dark Innuendo und Scion d’Or zusammen mit dem Neuzugang A Touch of Peace auf einem Paddock und Minou und Cíola waren wohl gerade mit Eve und Trixie beim Training. Frank und Mum hatten sich natürlich sofort bequatschen lassen, sobald das Trio wieder am Hof angekommen war; aber so konnte Sophia Siana in Ruhe fertig machen und schließlich noch eine Runde grasen gehen. Sie stellte sich einen Wecker auf fünfzehn Minuten, suchte sich einen Platz im Gras neben dem Stall, der nicht nass war, und streckte das Gesicht zur Sonne hin. Siana machte sich gleich über das frische Gras her und rupfte gierig die Halme ab.

      Nur wenige Minuten, bevor die viertel Stunde um war, hörte Sophia Huftritte auf dem Schotterweg. Sie öffnete ein Auge – Frank kam, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, um die Kurve, hinter ihm seine Stute Calina. Er schien richtig zufrieden mit seinem Kauf; so zufrieden, dass auch Sophias Mutter mit dem Gedanken spielte, sich wieder ein Pferd zu kaufen.

      Sobald das Thema aufkam, schüttelte Mum jedoch mit dem Kopf und lachte darüber, dass sie viel mehr zu tun hatte als Frank – immerhin brauchten die Jocks extreme Unterstützung in der Dressur. Da war keine Zeit für ein Pferd.

      Sophia erkannte den Bluff, hielt aber die Klappe. Ihrer Mutter hing es immer noch nach, dass sie ihr letztes Pferd durch einen Weideunfall verloren hatte; das war weit vor Sophias Geburt gewesen, aber auch ihr waren die Fotos von einem langbeinigen Braunen natürlich nicht entgangen, die im gesamten Haus auftauchten – neben dem Hochzeitsbild ihrer Eltern und einem Bild von Sophias Einschulung unter anderem auch auf dem Nachttisch ihrer Mutter.

      Insgeheim war sich Sophia sicher, dass es ihrer Mum gut tun würde, wenn sie wieder etwas eigenes hätte. Und Sophia selbst würde natürlich auch davon profitieren. Doch genau wie sie war ihre Mutter dickköpfig und stur und ließ sich nicht von ihren Überzeugungen abbringen. Also blieb es bei den sporadischen Ausritten für ihre Mutter und bei der Ausbildung der Ponys für Sophia.

      Apropos Ponys. Zwei Sekunden, bevor der Wecker losging, setzte sich Sophia auf und schnalzte mit der Zunge. Siana zuckte nicht einmal mit den Ohren. Also kämpfte sich Sophia zurück auf ihre zwei Füße und zog Siana vom Gras. Auf dem Weg zum Paddock begegnete sie Lynn, die jeweils ein Fohlen an beiden Händen von der Weide führte. Siana, Bowie und Simple kamen zusammen auf den Paddock – auch wenn die zwei Jährlinge die Ponystute in ein paar Monaten überragen würden, wusste die Ponystute sich zu beweisen. Sie musste nur die Ohren anlegen und wurde von den wild spielenden Fohlen schon in Ruhe gelassen.

      Mit einem liebevollem Halsklopfen verabschiedete sich Sophia von Siana, stapfte zurück zum B-Stall und von dort aus zu Paramours Paddock. Diesen teilte er sich mit Ironic und Pacco – allerdings bekam nur der Braunschecke die Karotten, und bevor die beiden anderen Hengste überhaupt am Zaun angekommen waren, waren die Karotten auch schon verputzt.

      Mit ihrer Tasche auf dem Rücken schlenderte Sophia schließlich Richtung Außenboxen; ihre Mum war heute mit Bucky unterwegs gewesen, also vermutete Sophia sie noch dort. Und tatsächlich stand die große braune Holsteinerstute vor ihrer Box angebunden, mit ihrer Mutter und der Pflegerin Chelsea Duncan um sie herumwuselnd. Als ihre Mutter Sophia entdeckte, legte sie Chelsea kurz die Hand auf die Schulter, dann strich sie Bucky über den Rücken. „Bist du schon soweit?“

      „Schon ewig,“ meinte Sophia, grinste dabei aber. Währenddessen führte Chelsea Bucky in Richtung Weide. „Gab’s ein Problem?“

      Ihre Mutter schüttelte nur müde den Kopf. „Ich hol nur noch schnell meine Tasche, dann können wir heim.“
      Mit schnellen Schritten ging ihre Mutter in die Sattelkammer und kam mit ihrer Tasche wieder heraus. In der Hand hielt sie schon den Schlüssel für ihren Mercedes – aber sie hielt ihn schließlich Sophia unter die Nase.
      Die war erstmal ein wenig verwirrt. Der Mercedes war das Baby ihrer Mutter, und auch wenn Sophia schon mehrere Monate fahren durfte – nicht im Mercedes ihrer Mutter. „Sicher?“ fragte sie daher vorsichtshalber.
      „Mich hat der Ausritt so geschlaucht,“ sagte ihre Mutter dramatisch. „Ich weiß nicht, ob ich da noch fahren kann.“

      Das ließ sich Sophia natürlich nicht zweimal sagen und schnappte sich den Schlüssel, den ihre Mutter verführerisch vor ihrer Nase baumeln ließ. „Na wenn das so ist, darfst du natürlich nicht mehr fahren. Ich will die Fahrt ja überleben.“
    • Rhapsody
      Steenhof, 12. September
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
      [​IMG]
      Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als ich mich in einem dicken Hoodie und Stirnband aufs Fahrrad setzte. Am Himmel waren nur einige Wolken zu sehen, aber der Wind pfiff mir um kurz vor halb 7 schon ordentlich um die Nase.

      Dementsprechend eingefroren waren meine Hände, als ich am Laufstall der Stuten vom Sattel rutschte. Ich lehnte es an die Backsteinfassade des Stalls und streckte meine Finger. Es wurde schleunigst Zeit, sie unter eine warme Mähne zu stecken und zu warten, bis sie wieder aufgetaut waren.

      Zum Glück (für meine Finger) war es nachts momentan so kalt, dass ich aus Vorsicht die Fohlen und ihre Mütter in den Laufstall trieb und die großen Schiebetore verschloss. Calista und Andromeda verbrachten die Nacht dann auf der Wiese und Calina, Benihana und Bucky versuchten sich nicht zu zerfleischen – bis es wieder ein bisschen wärmer wurde.

      Durch die Fenster schien schon warmes Licht auf das Pflaster vor dem Laufstall; als ich das Tor aufzog und den Kopf hineinsteckte, war aber kein Pfleger zu sehen. Innen war es fast schon wohlig warm (aber vielleicht machte das auch einfach der Hoodie), also machte ich hinter mir schnell wieder das Tor zu und huschte zur großen Laufbox auf der anderen Seite der Stallgasse und lugte über die weiße Boxenwand.

      Langsam schienen sich die drei Grazien doch zu arrangieren; während sie die letzten Tage jeden Morgen in einer jeweils anderen Ecke standen, den Hintern den anderen beiden Stuten zugewandt, lag Bucky jetzt entspannt auf der Seite im Stroh, nur wenige Meter daneben Benihana und Calina rundete den kleinen Kreis ab, indem sie am Gatter stand und ein Hinterbein entlastete. Die drei Fohlen hatten da weniger Probleme; Balboa und Charon zogen sich bereits gegenseitig an den Mähnen und Bohème, die noch ein bisschen an ihrer Mama hing, lag zwischen den zwei braunen Stuten. Als sie mich erkannte, sprang sie jedoch sofort auf und spitzte die Ohren.

      „Hallo meine Hübschen,“ flüsterte ich – dann merkte ich, dass mich kein Hauke und kein Fiete hören konnte und räusperte mich. „Na, gut geschlafen?“

      Calina, die mir am nähesten war, blinzelte mich nur mit ihren großen braunen Augen an. Gut, heute nicht gesprächig. Dann machte ich mich halt an die Arbeit.

      Zuerst schob ich die Schiebetore der Laufbox auf, sodass die Pferde hinaus konnten. Benihana und Bohème waren die ersten, die sich in die kühle Morgenluft hinaus trauten und auch, wenn sie die Nacht über genug Heu zur Verfügung hatten, steuerte die beiden eine der Heuraufen an. Mit einer runzelnden Stirn beobachtete ich das und nahm mir vor, das später mit Hauke zu besprechen.

      Calina und Bucky machten beide keine Anstalten, sich auch nur irgendwie zu bewegen, also machte ich mich auf den Weg, die anderen beiden Stuten zu suchen. Andromeda und Calista benutzten den Laufstall so, wie ich es mir gewünscht hatte und wie auch die anderen Stuten ihn bis vor einer Woche benutzen durften. Neben der Liegefläche in der Box, in der die Stuten mit Fohlen die Nacht verbrachten, gab es direkt vor den Schiebetoren der Box ein befestigtes Paddock mit verschiedenen Heuraufen und Tränken. Rechts und links vom Paddock gingen die verschiedenen Weiden ab; erst gestern hatte ich die mittlere geöffnet, und da die zwei anderen Stuten nirgendwo zu sehen waren, vermutete ich sie dort.

      Calista war vor einer Woche erst bei uns angekommen, nachdem ich mich sofort in sie verliebt hatte und Jette, die zum Probereiten mitgekommen war, auch noch ihr Okay gegeben hatte. Sie war noch ein bisschen schüchtern und traute mir noch nicht ganz, aber zum Glück hatte ich Geduld. (Zumindest meistens.)

      Glücklicherweise akzeptierte Calista Andromeda vollkommen, sodass ich die beiden zusammengehuddelt in der hintersten Ecke der Koppel entdeckte. Andromeda hob schon den Kopf und brummelte mir entgegen, bewegte sich aber keinen Schritt. Mit einem freundschaftlichen Tätscheln begrüßte ich sie und inspizierte sie dabei gleich. Die Schramme auf der Brust, die Andromeda bei einem der Rangkämpfen die letzten Tage gekriegt hatte, war schon kaum noch zu sehen. Genauso bei Calista; die hatte sich aber recht schnell gegenüber den drei Müttern durchgesetzt und wurde mittlerweile wieder ziemlich in Ruhe gelassen.

      Auf dem Rückweg schloss sich Andromeda mir an, und Calista kam widerwillig ebenfalls mit. Zu meiner großen Überraschung standen die drei Mütter an ein und derselben Heuraufe und mümmelten genüsslich ihr Frühstück; so konnten sich die beiden anderen ohne Probleme an die nächste Raufe stellen und jeder hatte seine Ruhe.

      Hoffentlich. Mit einem Seufzer strich ich noch Balboa und Charon über die kurzen Mähnen (Bohème waren Menschen noch ganz und gar nicht geheuer und brachte mich daher ganz schön in die Bredouille, was das Fohlenbrennen in ein paar Wochen anging) und machte mich auf den Weg zu den nächsten Pferden.

      Die Jungstuten verbrachten von Ende Mai bis Mitte Oktober ihr Leben auf den Weiden in kleinen Herden. Schon seit frühesten Tagen des Steenhofs waren die äußersten Weiden dafür verplant, aber nachdem die sich die Zucht immer wieder verkleinerte, standen nicht nur die Youngsters des Steenhofs darauf. Mittlerweile war es eine bunte Mischung der umliegenden Züchter – Warmblüter, Kaltblüter, das ein oder andere Pony. Vom Steenhof waren momentan vier Jungstuten dabei; Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication mit den jüngeren, HGT’s Saevitia und A Touch of Peace mit den etwas älteren, die ihren letzten Sommer auf der Wiese verbrachten.

      Mein Magen grummelte schon ganz schön, als ich die Kleinen erreichte und vom Rad stieg. Das Frühstück gab es traditionell erst, wenn die Pferde versorgt waren und man sich sicher sein konnte, dass es über Nacht keine Zwischenfälle gegeben hatte. Also waren erst die Youngster dran.

      [​IMG]
      Wie fast jeden Tag war ich wieder eine der letzten, die zum gemeinsamen Frühstück in meine eigene Küche stolperte. „Moin,“ rief ich in die Runde, sogar relativ gut gelaunt, und ließ mir durch die gegrummelte Antwort auch nicht den Morgen verderben. Ich quetschte mich auf die Bank zwischen Hauke und Fiete und krallte mir das letzte Croissant aus dem Brotkorb, bevor es jemand anderes tat.

      Wenn der erste Hunger erstmal bekämpft war, ging es an die Tagesbesprechung. Auch bei den Hengsten, um die sich Malte und Fiete heute morgen gekümmert hatten, war alles gut gewesen in der Nacht – keine Zwischenfälle, so wie man das eben wollte.

      An meinen Füßen quetschte sich eine der Corgis und drückte ihre feuchte Schnauze an das kleine bisschen Haut zwischen Hosensaum und Socken. Ohne dass es Hauke sah nahm ich mir ein bisschen Schinken und ließ diesen stückchenweise nach unten verschwinden, während Hauke und Jette über den heutigen Trainingsplan diskutierten.

      Arbeit delegieren, das überließ ich gerne Hauke. Der hatte einfach eine Art an sich, der man nicht widersprechen konnte. Ich hingegen ließ mich gerne überreden und halste mir am Ende alles auf, was getan werden musste. Also riskierte ich einen unauffälligen Blick nach unten – Jelly sah mich mit großen Augen an und schon verschwand das nächste Stückchen Schinken nach unten – und ignorierte Fietes Stoß zwischen die Rippen, als er mich dabei ertappte.

      Delegieren war ein gutes Stichwort: Malte lag mit Sommergrippe daheim im Bett, und somit fehlte einfach ein Paar Hände. Hauke legte die Stirn in Falten und starrte auf den Planer, der vor ihm auf dem Tisch lag. „Also – Fiete macht die Hengste alleine –“ Jetzt stieß ich dem Pfleger neben mir den Ellenbogen in die Seite. Fiete war noch nicht lang hier, hatte erst vor wenigen Jahren entdeckt, dass er was mit Pferden anfangen konnte und Hauke behandelte ihn gerne ein bisschen wie ein rohes Ei. Dass er ihm nun die Ehre erwieß, die zweitheiligsten Pferde auf dem Hof alleine auf die Koppel zu stellen und für die Hygiene im Hengststall verantwortlich machte, war ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit für Fiete. Der bekam nur ein bisschen rote Bäckchen und grinste mich schelmisch an. „– Ich mach den Laufstall, Fritzi spielt Babysitter und Jette guckt, dass alle Pferde, die bewegt werden sollen, bewegt werden.“ Mit einem selbstzufriedenen Grinsen steckte Hauke die Kappe auf seinen Fineliner und trommelte auf dem Tisch. „Na dann.“

      [​IMG]
      Während Hauke und Fiete also schon mal misteten, zog ich mich für den Vormittag in mein Büro zurück. Wirklich viel Personal hatten wir auf dem Hof nicht, und wenn, dann arbeiteten sie im Stall mit – dementsprechend blieb der Papierkram an mir hängen.

      War ich dafür qualifiziert? Haha, absolut gar nicht. Aber einer musste es ja tun.

      Also nannte ich die nächsten Turniere, telefonierte mit dem Zuchtverband noch einmal wegen dem Fohlenbrennen. Mitten im Telefonat klopfte es plötzlich am Türrahmen, und als ich mich mit meinem Schreibtischstuhl umdrehte, stand Jette mit einem leichten Lächeln im Büro.

      Jette, Hauke und ich hatten eigentlich irgendwie unser ganzes Leben miteinander verbracht und da wir alle drei die Leidenschaft für Pferde teilten, war es für mich auch selbstverständlich gewesen, das Projekt eigener Pferdehof mit den beiden aufzuziehen. Jette als Pferdewirtin mit dem Schwerpunkt Klassische Reitweise hatte deswegen den Reitpart übernommen und mittlerweile eine kleine Schar an Turnierreitern angesammelt, die den Steenhof repräsentierten.

      Immer noch am Telefon hängend schob ich Jette den Zettel mit den genannten Turnieren über den Tisch. Vorwiegend waren es Springen, das ein oder andere Dressurturnier oder ein Geländespringen für Ballroom Blitz war aber auch dabei. Sie studierte den Zettel kurz, nickte und ging dann wieder aus dem Büro, wahrscheinlich, um sich einen eigenen Plan zu machen.

      Das war der Vorteil von dieser Arbeitsteilung – ich konnte mich jetzt ganz allein auf etwas Wichtigeres konzentrieren, mich aber drauf verlassen, dass das trotzdem funktionierte. Zufrieden trug ich den Termin zum Fohlenbrennen in den Kalender ein, legte auf und wählte dann auch schon die nächste Telefonnummer.

      [​IMG]
      Nach einem kleinen Mittagessen packte ich mir die beiden Corgis und schwang mich wieder aufs Fahrrad. Mittlerweile waren die Temperaturen wieder auf um die 17 Grad gestiegen und ich vermisste meine Sonnenbrille, als ich den Weg zum Laufstall einschlug. Jelly ließ sich im Körbchen am Lenker die Sonne auf das rotweiße Fell scheinen; Peanut hingegen lief hinter dem Fahrrad her.

      Die Pferde fanden die beiden Corgis größtenteils langweilig und ließen sich von ihnen nicht stören, wenn die beiden Hündinnen sich über die Weide jagten. Andersherum sah das anders aus; Jelly, die ich schon oft bei meinem alten Job dabeigehabt hatte, ignorierte die Pferde, ließ sich von ihnen auch mal beschnuppern, aber Peanut hatte größten Respekt vor den anderen Vierbeinern. Kam ihr einer zu nahe, nahm die Cardiganhündin Reißaus. Als Training für beide legte ich häufig eine alte Pferdedecke auf den Boden des Putzplatzes, auf dem Peanut dann Leckerlis bekam, während ich die Pferde putzte.

      Jetzt, mit den Fohlen, war das wieder nicht ganz so einfach, da vor allem Balboa äußerst neugierig war und sich anguckte, was da auf dem Boden lag. Trotzdem legte ich die Decke neben die Putzkiste und als ich mit Calina und Charon zurückkam, lagen beide Corgis auf dem karierten Stück Stoff.

      Der Fokus lag ganz auf den Fohlen – von Anfang an hatte ich sie an jegliche Berührungen gewöhnt. Dementsprechend ließ sich Charon auch ohne Probleme putzen und nach ein paar Versuchen gab er mir auch die Hufe. Um ihn machte ich mir die wenigsten Probleme; bis jetzt war er Menschen gegenüber immer sehr aufgeschlossen gegenüber gewesen. Bauchschmerzen bereitete mir dagegen Bohème.

      Ich persönlich hatte erwartet, dass Benihanas Fohlen ein bisschen wurde wie sie – so, wie es häufig ist: Mama lebt vor, Baby macht nach. Bei Benihana und Bohème war es eher so, als wäre die Unabhängigkeit der Mutter zu 300% aufs Fohlen übergegangen. Dementsprechend zog sich das Putzen auch; obwohl Bohème genau die gleiche Behandlung wie Balboa und Charon bekommen hatte, ließ sie das Putzen nicht ohne Zwischenfälle beenden. Als ich die beiden zu Calina und Charon auf den kleinen Reitplatz brachte, schickte ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass beim Fohlenbrennen nur alles gut gehen sollte.

      Nachdem auch Balboa und Bucky ihre Putzstunde abgeschlossen hatte, klingelte ich kurz Fiete und Hauke an. Fiete, weil er mit aufs Brennen sollte und das Vorstellen üben sollte, und Hauke, um zweites Paar Auge dabei zu haben.

      Mir fiel ein Stein vom Herzen, als Bohème dann doch zeigte, was in ihr steckte. „Schön schwungvoll,“ kommentierte ich, während Fiete mit Benihana um uns herumtrabte und das kleine Stutfohlen hinterher. Hauke antwortete nicht, aber seine Stille nahm ich als Zustimmung. Bohème blieb brav an Mamas Flanke, machte aber große, raumgreifende Schritte.

      „Da brauchen wir hoffentlich nicht mehr viel üben,“ murmelte Hauke und schickte Fiete dann zum nächsten Mama-Baby-Paar.

      Bei den anderen beiden Fohlen war ich mir ihrer Fähigkeiten ziemlich sicher; Charon war meine Hoffnung auf ein Prämienfohlen, bei Balboa sollte man lieber gar nicht erst daran denken. Sie wusste zwar auch, sich zu präsentieren, aber der Elan und Schwung fehlte – auch, als Fiete schon mit hochrotem Kopf noch einen Schritt schneller über die Bahn trabte und Bucky dadurch auch größere Schritte machte, war nicht mehr viel herauszuholen. Trotzdem war ich mir sicher, dass Balboa trotzdem für den Sport gemacht war. Wenn sie nur ein Fünkchen ihrer Eltern hatte, die ja schließlich beide bis in die hohen Klassen gesprungen waren, würde sie uns beim ersten Freispringen komplett vom Hocker hauen.

      „Das reicht, Fiete,“ rief Hauke und drehte sich dann zu mir. Ich zuckte mit den Schultern.

      „Wird schon.“

      Hechelnd kam Fiete in die Mitte zu uns. „Ich hab mir das anders überlegt.“ Er musste eine Pause machen, um nach Luft zu schnappen. „Ich will nicht mit aufs Fohlenbrennen.“

      Sowohl Hauke als auch ich mussten ein Grinsen unterdrücken. Wir waren selbst einmal in Fietes Schuhen gesteckt, und in meinem Fall war das noch gar nicht so lang her.

      „Ach Fiete,“ meinte ich und legte ihm den Arm um die Schultern. „Da wirst du wohl durchmüssen.“

      [​IMG]
      Am späten Nachmittag hatte ich dann endlich die Möglichkeit, mich selbst in den Sattel zu schwingen.

      Nach den Babysitter-Pflichten war ich zum Hauptreitplatz auf der anderen Seite geradelt. Jette selbst saß auf Andromeda, schien jedoch schon beim Abreiten zu sein. Nebenbei sah sie Greta zu, einem jungen Mädchen, das fast jeden Tag nach der Schule auf den Steenhof kam. Sie saß im Sattel von Callisto, einem Schimmelhengst, der erst wenige Wochen hier war. Bis jetzt kam das Mädchen mit den Hengsten recht gut zurecht, und glücklicherweise war sie schier geboren für den Springsport. Trotzdem war Dressurarbeit genauso wichtig, weswegen keinerlei Hindernisse aufgebaut waren.

      „Pass auf, dass du dein Bein nicht hochziehst,“ rief Jette, während Andromeda am langen Zügel vor sich hinstiefelte. „Bein lang, Kopf hoch.“

      Dann sah sie mich und hielt die Holsteinerstute auf der anderen Seite des Zauns an. „Sag bloß, du hast nichts mehr zu tun.“

      „Doch doch,“ meinte ich. Zu tun hatte ich immer; das nächste Jahr wollte schließlich durchgeplant werden. „Aber nur langweiligen Papierkram. Außer natürlich –“

      Jette rollte mit den Augen. „Bevor du dich natürlich noch zu Tode langweilst,“ betonte sie, aber mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „dann kannst du natürlich gucken was Barney so macht.“

      Ich lächelte zurück, mit geschlossenem Lippen, den Kopf nach oben zu ihr geneigt. „Danke, dass du dich so sehr um mich sorgst.“

      Jette ließ Andromeda wieder antreten. „Du hast Glück, dass Levi mir eh abgesagt hat.“

      Fröhlich vor mich hinsummend setzte ich mich wieder in den Sattel meines Fahrrads und machte mich auf den Weg zu den Weiden um den Paddockstall der Hengste herum. Bis jetzt hatten wir Glück mit den Hengsten gehabt; keiner musste in Einzelhaft gehalten werden, jeder hatte mindestens einen Weidepartner. So standen Painted Blur und Ares als Deckhengste gemeinsam auf einer großzügigen Weide; Ironic, Callisto und Ballroom Blitz auf der anderen. Die Dreiergruppe funktionierte zwar, trotzdem würde ich jedem möglichen Konflikt aus dem Weg gehen. Bis jetzt fehlte mir aber noch der passende Hengst dazu.

      Ironic und Barney grasten beide in der Ferne; auf meinen Pfiff hoben sie zwar die Köpfe, ließen sich aber nicht zum Herankommen überreden. „Gut, dann eben nicht,“ murmelte ich, legte das Halfter auf die Schulter und kämpfte mich über die Wiese.

      Gemeinsam mit Jelly ging es keine halbe Stunde später den Deich entlang. Rechts die Elbe, links eine Gruppe Bäume, ein paar Weiden mit schwarz-weiß gefleckten Kühen. Barney war schon etliche Male an den Weiden vorbeigelaufen, und trotzdem spitzte er auch heute wieder die Ohren und nahm den Kopf hoch. Trotzdem stapfte er mutig am Zaun entlang. Einige Meter vor uns schnupperte Jelly an einem Grashalm. Eigentlich beließ ich es bei Ausritten, bei denen die Hunde mit dabei waren, beim Schritt; Trab würde theoretisch gehen, doch im Galopp kamen die kleinen Stummelbeine einfach nicht schnell genug hinterher, und vor allem mit Peanut musste man noch daran arbeiten, dass sie nicht ins Hüten kam und womöglich unter die Hufe geriet. Mit Jelly übte ich das Ausreiten jedoch schon seit ich sie hatte; mit einem Pfiff kam sie an die linke Seite von Barney und mir, mit „Bleib“ legte sie sich auf den Bauch und sah uns dann zu, wie wir den Deich entlang davon trabten. Allzu weit ging ich jedoch nicht, immerhin sollte die Hündin mein Rufen noch hören. Im Schritt und am langen Zügel schlug ich dann den Rückweg ein.

      [​IMG]
      Sehr viel früher als gewohnt verschwand die Sonne mittlerweile. Als ich Barney zurück auf die Koppel gebracht hatte, war sie schon hinter die Baumkronen des nahen Waldes gekrochen. Gemeinsam mit den zwei Corgis radelte ich zurück zum Haus – jetzt war die ruhige Zeit des Tages angekommen. Ich schmierte mir ein paar Brote, setzte mich damit auf die Couch und ließ mich vom Fernsehen berieseln. Erst gegen acht machte ich mich daran, die Pferde einzusperren.

      Genauso wie es morgen mein kleines Ritual war, zu sehen, ob bei den Pferden alles gut ist, so war es auch am Abend mein Ritual, das Heu und Kraftfutter zu verteilen und die Mütter samt Fohlen in die Laufbox zu bringen. Ein bisschen Überredungskunst brauchte es, aber schließlich waren alle drinnen.

      Die Hengste waren ein wenig mühsam – teilweise einzeln musste ich sie von den Koppeln holen und in die Box bringen. Irgendwie musste man ja auf seine 10.000 Schritte pro Tag kommen, dachte ich während ich Ares, den letzten im Bunde, zu mir rief. Er war der Meister des Tänzelns und hatte mir schon einmal fast die Box zerlegt, als er für wenige Minuten alleine im Stall war – deswegen kam er seitdem als letztes in den Stall. Nachdem dann alle Hengste in ihren warmen Boxen waren und ihr Futter mümmelten, war auch für mich Feierabend. Und ich hörte schon mein Bett rufen – ja, bis in den Hengststall. Musste dringend sein. Ich sollte mich also schnell auf den Weg dahin machen. Konnte ja alles passiert sein.

      Geposted am: 20.10.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 10. November
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
      [​IMG]
      Es klopfte an meiner Bürotür. Das bekam ich nur sehr peripher mit; meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Video auf meinem Laptop – bis er mir ohne Vorwarnung einfach zugeklappt wurde. Mit verärgertem Gesicht sah ich auf. „Hey, ich hab hier gearbeitet!“

      Jette stand vor mir, gekleidet in einem beigefarbenen Hoodie und karierten Reithosen. Die blonden Haare hatte sie zu einem ordentlichen Zopf geflochten – und somit sah sie wieder aus, als wäre sie gerade nach einer Stunde wieder aus dem Bad gekommen. Ich wusste besser, dass sie gerade vom Training mit Calista kam und dementsprechend gar nicht so makellos aussehen durfte. Verräterin.

      Jette schmunzelte ein bisschen. „Du arbeitest seit Stunden. Es ist Zeit, dass du dich den schönen Dingen des Lebens widmest.“

      „Das war schöne Arbeit,“ murmelte ich und klappte den Laptop wieder auf. „Guck dir mal die Stute an. Hab ich gerade durch Zufall entdeckt.“

      Neugierig ging Jette um den Schreibtisch herum und beugte sich über mich. Mit einem Mausklick spielte ich das Video wieder ab. Darauf trabte eine junge Stute mit hellem Fell über eine Bahn; laut dem Verkaufstext war sie zweieinhalb Jahre alt und musste noch ein bisschen in ihre langen Beine und den hohen Rücken hineinwachsen.

      Jette war komplett auf das Video fixiert. „Was ist das denn für eine Farbe?“

      „Ein Dunskin,“ sagte ich stolz, als hätte ich das nicht selbst nachgucken müssen. „Ein Buckskin mit Falbgen also. Und: ein Holsteiner.“

      Jette sah mich verblüfft an. „Ein deutsches Warmblut in der Farbe?“ fragte sie ungläubig und nahm die Mouse in die Hand. Sie scrollte über die Seite, auf der Suche nach weiteren Informationen.

      „Ich glaub, sie wurde in den Staaten gezüchtet. Da steht sie momentan auch.“ Jette war beim Pedigree angelangt, und bevor sie es selbst lesen konnte, verkündigte ich: „Sie ist Blurrys Nichte.“

      Meine Freundin pfiff leise durch die Zähne. „Das erklärt so einiges.“ Sie klickte sich durch ein paar Bilder, dann richtete sie sich wieder auf. „Und jetzt? Willst du über den Teich fliegen und sie anschauen?“

      Ich sah mir eins der Bilder in der Anzeige an. Ein Portrait – die Stute hatte einen tollen Ausdruck, und irgendetwas sagte mir, dass sie eine Bereicherung sein würde. Trotzdem zuckte ich mit den Schultern. „Ich werde den Besitzern auf jeden Fall schreiben und sagen, dass ich Interesse hab. Aber ich hab eigentlich keine Zeit, um sie mir anzugucken.“

      „Und Hauke killt dich, wenn du die Katze im Sack kaufst.“ Jette seufzte. „Zwickmühle. Umso mehr ein Grund, warum du jetzt wirklich ein bisschen Spaß haben solltest.“

      „Spaß“, grummelte ich. „Den spaßigen Teil hast du doch schon übernommen.“ Den ganzen Tag war Jette im Sattel gesessen – unter anderem, weil ich Papierkram zu erledigen hatte. Für mich stand nur die Arbeit mit den Fohlen auf dem Tagesplan.

      „Und die Fohlen freuen sich, dich zu sehen,“ antwortete Jette, als ich ihr das mitteilte. Da hatte sie ja irgendwo Recht, und viel Zeit blieb mir mit ihnen nicht mehr. Das Wetter war noch nicht in den üblichen Novembermatsch übergegangen, dementsprechend standen die Jungpferde noch auf den Koppeln. Die Kleinsten wurden jeden Tag größer und größer, und vor allem für Charon lief die Zeit ab; erst heute morgen hatte ich die Bestätigung von der Aufzuchtstation bekommen. In etwa vier Wochen sollte es losgehen, deswegen waren wir schon fleißig am Üben. Mama war mittlerweile nicht mehr ganz so wichtig, jeden Tag ein bisschen weniger. Das Putzen klappte verhältnismäßig gut, das Führen altersentsprechend. Alles in allem war ich wirklich zufrieden mit den drei Kleinen.

      Ein letzter Blick auf die Verkaufsanzeige, dann folgte ich Jette aus dem Haus. Im Laufstall wurde ich von den Fohlen schon begrüßt – ganz vorne dabei Balboa. Sie war mit Abstand die selbstständigste und schön extrovertiert. Als ich ihr das Halfter überzog, sträubte sie sich nur kurz, folgte mir aber brav nach einem kurzen Zupfen am Führstrick. Auch Bohème und Charon ließen sich aufhalftern und zu viert marschierten wir über den Hof zur Reithalle, wie eine Kindergartengruppe. Was anderes war das auch nicht – für etwa dreißig Minuten durften die drei in der Reithalle spielen, dann ging es wieder zurück zu den Mamas. Abwechselnd wurden einmal die Mütter, einmal die Fohlen herausgenommen. So sahen Bucky, Benihana und Calina einmal etwas anderes und die Fohlen wurden nicht vom Workload überladen. Heute stand deswegen auch nur reines Spielen auf den Plan – und Balboa hatte das sofort verstanden. Wie von der Tarantel gestochen flitzte sie durch die Bahn, hetzte dem Ball hinterher und dabei zufälligerweise auch auf die Plastikplane, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die anderen zwei Fohlen sahen ihrer Freundin erst ein bisschen zaghaft hinterher, dann stieg aber auch Charon ein. Bohème interessierte sich zum Großteil für die Plane, erschrak aber nur kurz und buckelte dann den anderen hinterher. Als ich den dreien so zusah, freute ich mich schon auf die nächsten Jahre mit ihnen – auch, wenn ich vor allem Charon erst mal wirklich vermissen würde. Die Aufzuchtstation gehörte zu dem Gestüt, auf dem auch Callisto herkam, aber die eineinhalb stündige Fahrt war für den Alltag doch ein bisschen viel. Charon würde es da super gehen, so ganz unter Gleichgesinnten – aber mir brach es ein bisschen das Herz, den jungen Hengst abgeben zu müssen. Balboa und Bohème durften noch ein paar Monate länger bleiben – zum Frühjahr kamen sie in eine Herde mit sieben anderen Stuten, zuerst in einen Laufstall, später dann auf eine unserer Weiden. Wenn ich so darüber nachdachte, wurde ich wieder ein bisschen traurig. Erst mit drei Jahren kamen sie dann wirklich zurück, und das war noch so lange hin!

      Mein Handywecker kündigte das Ende der Spielstunde an. Die drei Fohlen hatten sich beruhigt; Balboa hatte sich genüsslich gewälzt während Charon und Bohème sich gegenseitig beknabberten. Ohne Zwischenfälle zog ich ihnen die Halfter auf und brachte sie zurück in den Laufstall.


      In einem normalen Jahr wäre die Weidesaison schon seit Wochen beendet, weil das Matschwetter angefangen hätte. Der Sommer wollte aber selbst im Oktober noch nicht gehen, weswegen die Weiden erst in den nächsten Tagen geschlossen werden. Für Peace und Saevitia war der Spaß des Lebens mit dem heutigen Nachmittag aber zuende. Während die Zweijähirgen, also Simplicity of Sophistication und Painted Basquiat mit ihrer Herde, demnächst die Reise in ihre Aufzuchtstation machen würde, würde für die drei Großen das schöne Lotterleben vorbei sein.

      Sie hatten die letzten Jahre in ihrer Herde verbracht, mit minimalem Kontakt zu Menschen. Mich kannten sie von den regelmäßigen Check Ups, und natürlich kannten sie auch noch das Fohlen ABC – in Peaces Fall sogar schon die regelmäßige Arbeit mit den Menschen. Trotzdem war es ganz schön Arbeit, beide Stuten einzufangen und von der Herde zu trennen. Herzzerreißendes Wiehern von beiden Seiten begleitete unseren Weg zum Hof, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich taub werden würde, wenn Saevitia mir noch einmal ins Ohr schreien würde. Die schöne Buckskinstute schien es am schlimmsten zu treffen – Peace antwortete ihren Kumpels nur einmal, dann war der Schecke still und lief mit gespitzten Ohren neben mir her.

      Der Stutenstall bestand zum einen aus dem Laufstall und zum anderen aus drei großen Boxen. Eigentlich gedacht zum Abfohlen oder für ein krankes Pferd – jetzt aber erst mal als Unterbringung für die zwei jungen Stuten. Dafür hatte ich extra die Boxenwand zwischen den Boxen herausgemacht (oder herausmachen lassen – danke, Hauke!), sodass sie sich gemeinsam an die neue Situation gewöhnen konnten. Nachdem ich die Tür zum Stutenstall hinter mir zugezogen hatte, ließ ich auch beide Führstricke erst einmal los – zum einen, damit sie sich ein bisschen frei im Stall bewegen konnten, zum anderen, weil ich nicht mal versuchen wollte, mit zwei Pferden an den Händen eine Boxentür zu öffnen und besagte Pferde dann hineinzuführen. Das konnte nur schief gehen. Also ließ ich mir alle Zeit der Welt, während Saevitia und Bucky schon einmal erste Bekanntschaft über die Wand der Laufbox machten. Inklusive Gequietsche und Gegen-die-Wand-treten. Diese Zusammenführung würde bestimmt lustig werden.

      Peace lief von allein in die Box, während ich Saevitia von ihrer wirklich wichtigen Diskussion mit der braunen Holsteinerstute wegbringen musste. „Ihr habt noch genug Zeit dafür,“ grummelte ich, als ich endlich den Führstrick zu fassen bekam. Für die zwei jungen Stuten warteten zwei Eimer Mash – Peace hatte sich schon gleich auf einen Eimer gestürzt, und auch für Saevitia gab es kein Halten, als sie den Plastikeimer entdeckte. Jetzt mussten wir nur mal gucken, wie sich die zwei mit ihrer neuen Situation anfreunden würden. Ich wollte sie nicht gleich überfordern – das Training sollte erst beginnen, wenn sie einigermaßen in die große Stutengruppe integriert waren. Bis dahin kamen sie noch gemeinsam auf ein Paddock oder für eine Stunde in die Halle zum Füße vertreten.

      Das klang nach einem guten Plan.

      [​IMG]
      Nach meiner Abendrunde schlüpfte ich ungraziös aus meinen Stiefeletten und schubste sie in die Ecke meines Flurs. Morgen früh würde ich sie wieder suchen, aber das war ein Problem für Zukunfts-Fritzi. Auf den Weg ins Wohnzimmer kam ich am Büro vorbei, indem noch eine kleine Tischlampe brannte. Gerade, als ich sie ausknipsen wollte, fiel mein Blick auf den Bildschirmschoner meines Laptops, der fröhlich hin und her sprang. Plötzlich erinnerte ich mich an die schöne Jungstute von heute morgen. Den Tag über hatte ich leider keine Gelegenheit gehabt, um Hauke nach seiner Meinung zu fragen – aber trotzdem setzte ich mich an den Schreibtisch, gab mein Passwort ein. Die Verkaufswebsite war noch geöffnet, also klickte ich schnell auf den Kontakt-Button und schrieb dem Besitzer.

      Geposted am: 28.11.2018
      Von: Rhapsody
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    3 | Steenhof
    Hochgeladen von:
    Rhapsody
    Datum:
    12 Feb. 2020
    Klicks:
    701
    Kommentare:
    20

    EXIF Data

    File Size:
    252,6 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • [​IMG]
    Painted Basquiat
    ”Bowie”
    benannt nach Jean-Michel Basquiat


    PEDIGREE
    [​IMG]
    von: Painted Blur

    von: Place Royal

    von: Prince
    aus der: Wild Lady Roxanne

    aus der: Calina

    von: Cadoc
    aus der: Spring Break

    aus der: Bucky

    von: Bad Benzendrine

    von: unbekannt
    aus der: unbekannt

    aus der: Waldsteins Honeybee

    von: unbekannt
    aus der: unbekannt


    EXTERIEUR & INTERIEUR

    [​IMG]
    Stute
    Holsteiner
    5 Jahre

    169 cm
    Rappe
    Blesse

    Aus dem schüchternen Fohlen ist eine eigenständige Stute geworden. Menschen gegenüber reagiert sie noch mit anfänglichem Misstrauen, kommt aber immer öfter auch mal zum kuscheln vorbei.Wie sie sich bei der täglichen Arbeit einbringen wird, kann bis jetzt nur spekuliert werden; sie hat keinen großen Will-to-Please. Es ist also zu vermuten, dass Bowie in die gleiche Richtung wie ihre Mutter schlägt.


    TRAINING

    [​IMG]
    Fohlen ABC


    Dressur
    E A L M* M**

    Springen

    E A L M* M** S*

    Military

    E A L


    ERFOLGE

    [​IMG]
    Dressur: -, Springen: -, Military: -


    Turniere


    Andere


    ZUCHTINFORMATIONEN

    [​IMG]
    HK/SK Schleife
    HK-/SK-Gewinnerthema


    Decktaxe/Leihmutterschaft:
    Genotyp: aa EE
    Aus der Zucht: Pine Grove Stud (Winnipeg, KAN)
    Nachkommen:


    GESUNDHEITSZUSTAND

    [​IMG]
    124 4 20 792627978
    Chronische Krankheiten:
    Letzter Tierarztbesuch:

    Fehlstellungen:
    Beschlagen:
    Letzter Hufschmiedbesuch:


    STALLINTERN

    [​IMG]
    Besitzer: Rhapsody
    Ersteller: Rhapsody + Elii
    VKR: Rhapsody

    [​IMG]

    Offizieller Hintergrund