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Rhapsody

Pacco

Lewitzer -- im Besitz seit 05/2015 -- von Paramour -- aa EE Toto

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Pacco
Rhapsody, 4 Nov. 2016
Zion, Snoopy, Occulta und 2 anderen gefällt das.
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      Nachwuchs
      | 10. Mai 2015
      Schon vor Wochen (oder mehr noch: vor Monaten) hatte Elisa mich eingeladen. Eigentlich wollten wir ursprünglich Paccos ersten Geburtstag feiern, aber irgendwie hatte es sich immer verschoben. Und heute stand Elisa dann um zehn Uhr vor meiner Tür, mit den Händen in die Hüften gestemmt, und gab mir den keine-Widerrede-Blick.

      Ich wusste natürlich sofort, was sie meinte (ich war ein wahrer Ninja), und sah sie flehend an. „Heute ist schlecht, wirklich!“

      Elisa zog eine Augenbraue nach oben. „Was ist deine Ausrede heute?“

      „Heute Nachmittag kommt die neue Stute, okay, da hab ich –“

      Ohne mich ausreden zu lassen zog Elisa mich schließlich aus dem Haus, schlug die Tür hinter mir zu und steuerte auf die Straße zu. „Gwen und Elena warten schon, die sind deine Ausreden genauso leid.“

      ***

      Ja, Elena und Gwen warteten bereits auf Elisas „Terrasse“ (oder eher der Fläche, auf der ein paar Gartenstühle standen und man eben draußen war), aber sie sahen nicht einmal annähernd genervt aus. Elena hatte es sich in ihrem Stuhl bequem gemacht und hob zum Gruß nur kurz zwei Finger, während Gwen sich an einer etwas älter aussehenden Trense zu schaffen machte.

      Elisa grummelte vor sich hin, dass ich ja eine der schlimmsten Fohlenmamas der Welt war und es wohl besser war, dass Pacco bei ihr stand. „Von dir hat er aber den Namen Pacco,“ konterte ich, während ich mir die Teekanne, die auf dem kleinen Beistelltisch stand, nahm.

      „Pacco klingt besser als Pax.“

      „Lügen,“ kam von Elena, die nicht mal den Kopf hob. Faules Stück.

      ***

      Nach einer Tasse Tee und Klatsch und Tratsch – wahrscheinlich würden wir in ein paar Jahren mit Tupperpartys anfangen und dann uns in Mitdreißiger verwandeln – besuchten Gwen und ich Pax (nicht Pacco. Pax.)

      Er würde noch eine Weile bei Elisa stehen bleiben – dort war er wenigstens in der Nähe und konnte trotzdem mit Artgenossen aufwachsen – bevor er mit etwa zwei Jahren zu mir übersiedeln sollte.

      „Ich bin ja gespannt, wie Para drauf reagiert,“ sagte ich, ohne wirklich zu bedenken, dass ich wahrscheinlich laut dachte.

      Gwen hmm-te nur und versuchte, Rozene anzulocken. Pax stand ein paar Meter weiter weg und beknabberte sich ausgiebig mit Chesmu, Cìolas Halbbruder. Für die zwei komischen Gestalten am Zaun interessierte er sich kaum, und dabei lief er mir sonst hinterher wie ein kleiner Hund.

      Und während wir so dastanden und den Kleinsten zuguckten, wie sie so unbeschwert und ohne Termine über die Weide jagten, klingelte mein Handy.

      „Das war’s dann wohl mit dem Geburtstag feiern,“ bemerkte Gwen grinsend.
      ***

      Medeia hieß die neue Stute, und sie kam direkt aus Irland. Total furchtlos stapfte sie die Rampe des Hängers hinunter, beschnupperte meine (und Elisas und Elenas und Gwens, weil man die drei nie loskriegte, wenn sie einen erstmal gesehen hatten, fast schon wie Zecken) Hand und ging, als ich sie in die Box brachte, schnurstracks auf den Paddock hinaus.

      „Na wenigstens weiß sie, was sie will,“ murmelte ich und sah dramatisch seufzend das liebevoll gestopfte Heunetz in der Ecke baumeln.
    • Rhapsody
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      Die Neuen
      | 18. Mai 2015
      Der einzige Grund, warum der Mai nervte, war, dass ich nun offiziell viel zu früh von der Sonne geweckt wurde. Es war gerade einmal 10 vor 6, da kitzelten mich die ersten Sonnenstrahlen und ließen mich einfach partout nicht mehr einschlafen. Mit einem lauten Seufzer schlug ich die Bettdecke zurück und warf der Sonne, die durch mein Fenster lachte, einen bösen Blick zu. Ich war vor ein paar Tagen erst heimgekommen, was bedeutete, dass das Jetlag immer noch ein bisschen nervte. Deswegen war ich gestern Nacht erst um halb vier eingeschlafen.
      Und gerade einmal zweieinhalb Stunden wieder wach. Wie ein Zombie tappte ich in die Küche und machte mir erst einmal eine Tasse Tee – schwarz, mit ein bisschen Milch und reichlich Zucker, damit ich wenigstens ein bisschen wach wurde. Nebenbei nahm ich mir den Block aus dem Regal, der als Kalender diente. Und für heute standen allerlei Sachen darin.

      Zum einen war heute endlich der Tag, an dem Zoe und Adèle kommen würden. Die Zimmer waren gestern fertig geworden (irgendetwas muss man ja machen, wenn man um 2 Uhr nachts wach ist) und da das Flugzeug ziemlich früh kommen würde, hatten wir genug Zeit, einen Rundgang zu machen. Natürlich mit Besuchen auf Crown Hills, Sanssouci und der Nahanni Rivers Ranch. Das würde super werden. Dann mussten natürlich die Zäune geprüft werden, ehe die Pferde auf die Weide durften – das würde ich wohl gleich morgens machen, während sie ihr Frühstück futterten (man, ich sollte öfters weniger schlafen, da war ich ja glatt ein produktives Genie!).
      Weiter auf der Liste standen ein Spaziergang mit Symbolic Splash und Cìola, Training mit Newt (mal wieder) und ein entspannter Ausritt mit Medeia.

      Doch bevor ich das alles anging, fütterte ich die Pferde und brachte sie zusammen auf die Weiden. Zusammen mit Outside Girl, Bacia und Chepa kam Flea auf ihr Grasquadrat, während Medeia, Lashy, Cíola, Favorita und Star auf die andere Stutenweide durften.

      Bei den Hengsten gestaltete sich das dann schon schwieriger; Val war immer noch der Neue und sollte so auf eine Einzelkoppel. Muraco und Paramour waren beste Freunde, aber Newt sah Paramour als seinen großen Bruder an.
      Am Ende standen Muraco und Paramour, Newt und Attonito und schließlich Vaffanculo auf ihren Koppeln.

      Und dann bemerkte ich, dass ich fast schon zu spät war. Es war keine Zeit mehr, ein Schild mit Zoe & Adèle drauf zu basteln, aber ich hoffte einfach, sie würden mich erkennen. Auf der Fahrt zum Flughafen bemerkte ich dann, dass das Bett in einem Zimmer noch nicht überzogen war – super.
      Trotzdem sollten die beiden Mädels mich erkennen können, wir hatten in den letzten Wochen oft geskypet (teilweise um 3 Uhr nachts – verdammtes Australien).

      Natürlich hatte an einem Tag wie diesem der Flug Verspätung. Das bedeutete, dass es dann nochmal eine extra Stunde dauerte, bis der erste Flug angekündigt wurde. Ich stand keine fünf Minuten in der Halle bis mir auf einmal ein feuerroter Lockenkopf entgegensprang und mich sofort umarmte, als würden wir uns schon ewig kennen.
      Trotz des langen Flugs war Zoe immer noch voller Energie und plapperte ununterbrochen. Dabei strahlten ihre grünen Augen –wieso hatten Rothaarige immer grüne Augen? Das war so fies! – fast so sehr, wie ein ganzer Sternenhimmel. Ja, wir würden wohl gut auskommen.

      Als Adèle dann ankam – Zoe hatte sich gerade einen Kaffee in der kleinen Starbucksfiliale geholt und vibrierte nun scheinbar – wirkte sie abgeschlafft und müde. Sie war hochgewachsen, bestimmt 10+ Zentimeter größer als ich, hatte dunkelblondes, langes Haar, große Augen mit vollen Lippen.

      „Man, du erfüllst das ganze wunderschöne-Französin-Klischee,“ bemerkte Zoe mit einem Grinsen, was Adèles Wangen nur so aufflammen ließ. Trotzdem sah sie aus, als würde sie gleich im Stehen einschlafen, also schlug ich vor, langsam aufzubrechen. Trotzdem dauerte es noch eine geraume Zeit, bis das ganze Gepäck verstaut war und wir endlich auf dem Highway waren. Selbst Zoe wurde langsam ruhiger, kommentierte nur alle paar Minuten die Landschaft. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass Adèle eingeschlafen war.

      Zurück auf dem Hof wollten die beiden Mädels am liebsten einen Einführungsausritt (okay, Zoe wollte einen Einführungsausritt), aber mit den Worten „Die Pferde sind auch noch da, wenn ihr euren Jetlag ausgeschlafen habt“ zeigte ich den beiden ihre Zimmer und half Zoe noch, ihr Bett zu überziehen.

      Dann waren die beiden verstaut und ich brauchte selbst erstmal eine Pause.

      ***

      Als ich mit Lashy und Cíola zurück kam, sah ich, dass die beiden Mädels immer noch tief schliefen – die Rolläden waren nach wie vor fest verschlossen. Auch nach einem Besuch bei Elisa und einer Spielstunde mit Pax, einer Bodenarbeitsübung mit Bacia (langsam klappte es immer mehr – hoffentlich waren wir bald soweit, dass wir uns an das erste Training unterm Sattel wagen konnten) und einer dreiviertel Stunde Training mit Newt regte sich noch nichts hinter den Fenstern der Gästezimmer.

      Erst, als ich nach einem weiteren Ausritt mit Medeia zurück kam, waren die Rolläden des linken Zimmers oben und ich traf Adèle dann bei den Weiden. Sie wirkte nicht wirklich wacher, sondern eher noch müder – wenn das überhaupt möglich war. Mit einem Leckerli auf der Handfläche versuchte sie, eine der Stuten anzulocken, doch keine der Pferde interessierte sich für viel mehr als das Gras direkt vor ihren Nasen.

      Als sie mich bemerkte, lächelte sie. „Ich hoffe das ist okay, dass ich mich ein bisschen umgeguckt hatte,“ sagte sie. Ihre Stimme war leise, weich, akzentfrei. Ich war ein wenig überrascht, dass sie keine Karriere als Synchronsprecherin verfolgte, sondern mir helfen wollte, Pferdehufe instand zu halten.

      Lächelnd zuckte ich mit den Schultern. „Natürlich, immerhin lebst du hier ja jetzt.“

      Sie sah auf den Boden, fast ein wenig beschämt. Als sie mich wieder ansah, sah sie fast ein wenig … geschockt? aus. „Sollten wir irgendwie nerven, darfst du uns das ruhig sagen, ja? Das ist wohl das letzte, was ich erreichen will.“

      Jetzt musste ich mit den Augen rollen. „Bist du immer so neurotisch?“ Und das brachte ein Lächeln auf Adèles Lippen. Dann bemerkte sie die Connemarastute neben mir und bot Medi das vergessene Leckerli an. Während die Stute es genüsslich zerkaute, wurde ich ins Kreuzverhör genommen; wie lang ich schon hier lebte, wie viele der Pferde vom alten Hof kamen, wo meine ganzen Freunde hier wohnten, etc. Viele Fragen drehten sich aber vor allem über Medeia und, als Adèle langsam wieder ruhiger wurde, drückte ich ihr kurzerhand den Strick in Hand. Erst wusste sie nicht, was sie damit anstellen sollte, doch als ich ihr das Tor öffnete, führte sie die Stute mit einem Grinsen hinein. Danach entschuldigte sie sich da sie sich wieder hinlegen wollte – das war wohl das Beste. Unausgeschlafen konnte man nicht gut misten, und je öfter sie schlief, desto schneller war sie ihren Jetlag los.

      Also machte ich mich mit Schubkarre und Mistgabel bepackt auf den Weg in den Stall.

      ***

      Das nächste Mal sah ich die zwei Mädels, als ich vom Stall hereinkam, weil ich einen Bärenhunger hatte. Draußen war es immer noch wunderschön und warm – danke, Mai! – also wollte ich mir nur noch schnell eine Pizza in den Ofen schieben, duschen und essen.

      Als ich jedoch die Tür aufschloss, saßen Adèle und Zoe in der Küche, schnatterten über Gott und die Welt während auf dem Herd ein Topf vor sich hin köchelte.

      Ein wenig verdutzt blieb ich in der Tür stehen, blieb jedoch nicht lang unentdeckt. Ella, die neben Zoes Stuhl auf dem Boden gelegen war, sprang nämlich lauthals bellend auf und rannte mir entgegen.

      Zoe grinste mich ein wenig beschämt an. „Wir hatten ein schlechtes Gewissen weil wir dir nicht geholfen haben. Und Adèle kennt so ein tolles Rezept für Spargelcremesuppe –“

      „Sorry für’s Verwüsten?“ sagte Adèle und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah ich mich in der Küche um; das Waffelessen zur Feier meines neuen Hengstes hatte meine Küche verwüstet, aber von den „Kocheskapaden“ meiner neuen Mitbewohner war rein gar nichts zu sehen.

      „Also,“ sagte ich und löste mich vom Türrahmen, um an den Herd zu gehen. Die Suppe roch genial – ganz anders, als ich sie von daheim gewohnt war, irgendwie … nach anderen, fremderen Gewürzen (was jetzt aber nicht gerade schlecht war, im Gegenteil). „Wenn eure Definition von Verwüstung so aussieht, dürft ihr gern öfters meine Küche verwüsten.“ Mit einem breiten Grinsen drehte ich mich zu den beiden Mädels um und holte dann drei Suppenteller aus dem Schrank.

      „Und zur Feier des Tages essen wir draußen. Hopp hopp!“
      ***

      Nach dem Abendessen hätten Zoe und Adèle mir zwar gern beim Reinholen und Füttern geholfen, doch ich scheuchte sie nur wieder in ihr Zimmer. Diesen Elan durften sie sich für morgen aufheben, da wurden sie dann ordentlich herumgeführt.

      Fürs erste führte ich aber alle Pferde erstmal selbst in ihre Boxen zurück und füllte die Futtertraufen auf.
    • Rhapsody
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      Sharknado und seine Auswirkungen
      | 24. Juni 2015
      Es gab einen Grund, warum ich mich nicht jedes Wochenende volllaufen ließ, und dieser Grund war, dass ich einfach nicht mit Kopfschmerzen und Übelkeit umgehen konnte. Mit Kopfschmerzen noch eher, dafür gab es ja Ibuprofen und Paracetamol. Aber ab einem gewissen Grad Übelkeit hilft einfach nichts mehr, da konnte man nur noch in seinem Elend liegen und beten, dass es schnell vorbei geht. Und mit einer solchen Übelkeit wachte ich meistens auf, nachdem Elisa uns allen ein neues Trinkspiel gezeigt hatte.

      Verdammt nochmal, das nächste Mal sollte ich wohl einfach bei der Cola bleiben.

      Als ich also diesen „Morgen“ (mein Handy sagte mir, dass es 10:56 Uhr war) nur mit einem brummenden Kopf aufwachte, wusste ich sofort, dass etwas falsch war. Mein Magen war eh schon empfindlich wie sonst was, da hatte er den ganzen Alkohol (Elena hatte zwar sicher gestellt, dass wir nur den besten Vodka bekamen, aber das machte Vodka nicht wirklich verträglicher) nicht auch noch nötig.
      Das hieß aber auch nicht, dass ich ihm ganz abschwor. Und deswegen musste ich eigentlich mit einem Morgen-danach-Pitstop im Badezimmer rechnen. Doch – eben bis auf die Mörderkopfschmerzen – fühlte ich mich ganz gut, als ich mich aus Elisas Gästebett rollte und froh war, dass ich Zoe und Adèle gestern Abend schon vorgewarnt hatte und die Pferde bestimmt schon auf den Weiden waren.

      Mein allgemeines Gefühl verschlechterte sich auch nicht wirklich, als ich vertikal war – mein Kopf pochte, mir war etwas schwindelig und meine Beine fühlten sich wie mit Blei gefüllt an, aber das war’s. Keine unerwartete Rebellion meines Magens, nichts. Irgendwas war hier definitiv fishy. (Und fishy war das richtige Wort, denn das Trinkspiel von gestern Abend basierte auf Sharknado und Sharknado 2 – wenn ich so drüber nachdenke, frage ich mich, wie wir alle ohne Alkoholvergiftung überlebt hatten.)

      Als ich aus dem Zimmer getreten war und mich auf den Weg zur Küche machen wollte, schien es mir, als würde der Marsch Stunden, wenn nicht Tage dauern. Dort würde ich zwar die errettenden Kopfschmerztabletten finden, aber ob es der Gang in gleißendem Sonnenlicht, das natürlich nicht wirklich super gegen Kopfschmerzen half, wert war. Wie ein Zombie schlurfte ich den Gang entlang, vorbei an was weiß ich wie vielen Zimmern, quer durchs Wohnzimmer und da konnte ich sie schon sehen, eine Schachtel Ibuprofen, meine Rettung –

      „FÜSSE HEBEN, MEINE FRESSE!“

      Ob die Stimme wirklich so laut gewesen war wie ich sie gehört hatte weiß ich bis jetzt nicht. Doch zu dem Zeitpunkt war es, als wäre jemand mit einem Megafon neben mir gestanden und hätte mir direkt ins Ohr gebrüllt.
      Und bei so einem Effekt darf man schon mal über die eigenen Füße stolpern, okay?

      Mein Kopf fand das natürlich weniger toll und pochte wie verrückt während mein Gehirn versuchte, die Stimme zu identifizieren. Sie klang ziemlich tief, Elisa und der Rest fielen also schon einmal raus. Und Matthew hörte sich auch anders an, da war ich mir sicher. In der Zeit, in der ich grübelnd mitten in Elisas Wohnzimmer auf dem Boden lag, hatte ich nicht bemerkt, dass mein Attacker wohl durchs halbe Wohnzimmer gestapft war und jetzt über die Rückenlehne des Sofas hing, hinter dem ich tragisch kollabiert war.

      Und wow, was für ein Attacker. Dunkelblonde (oder war das schon hellbraun? Haselnuss? Macadamia? Muskat?) Haare, irgendwie ein bisschen zu lang aber nicht störend lang, sondern gerade so lang, dass sie sein Gesicht irgendwie umrahmten. Ein Gesicht mit braunen Augen, die mich aus irgendeinem Grund an Vollmilchschokolade erinnerten – okay, ich war wohl noch ein wenig betrunken.

      Während ich weiter starrte, stammelte der Angreifer irgendetwas vor sich hin – als ob ich zuhören würde – und kam dann ums Sofa rum, um mir aufzuhelfen. Ich könnte jetzt Lobreden über seine Stärke und Muskeln und Männlichkeit schreiben aber so betrunken war ich dann doch nicht (und außerdem wäre das total gelogen – Mr. Angreifer musste sich nämlich auf die Lehne stützen UND ich musste selbst irgendwie noch hochkommen). Als ich dann wieder aufrecht war, war es nicht so wie in den ganzen Filmen. Nein, wir standen nicht Nase an Nase und guckten uns tief in die Augen und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Mir war nur herzlichst schwindlig und mein Kopf pochte noch stärker und mein Angreifer war ungefähr 2,5m von mir entfernt und wir waren nicht kurz davor, uns unendliche Liebe zu beschwören.

      Was kompletter Bockmist war, ich wusste nicht mal seinen Namen.

      Ein paar Minuten lang sagte keiner von uns etwas, ich massierte nur meine Schläfen und er tat … irgendwas, ich hatte meine Augen geschlossen. Dann, als es sich anfühlte, als wäre das kleine wütende Männchen, das gegen meine Schädeldecke hämmerte, gegangen, räusperte ich mich und öffnete den Mund.

      Was auch immer ich sagen wollte, es kam nicht wirklich raus. Und weil mein Angreifer nach wie vor (verdient!) aussah, als hätte er aus Versehen einen Hund getreten, konnte ich auch gar nichts sagen weil er mir sofort ins Wort fiel. Männer.

      „Also … sorry, ja? Das wollte ich echt nicht.“

      „Nein, nein, kein Problem,“ murmelte ich und ging einen Schritt in die Küche. „Aber ich hab Mörderkopfschmerzen, also.“ Mit ein paar wilden Handbewegungen gestikulierte ich hinter mich und versuchte mich dann an einem Lächeln.

      Was hieß dass er es erwiderte und wow. Ich war jetzt kein Typ Mensch der bei jedem noch so langweiligen Lächeln dahinschmolz aber … wow. Breit, aufrichtig und er bekam plötzlich ein komischen Glänzen in den Augen und wow, wieso fiel mir das auf?

      Vielleicht weil ich starrte. Meine Güte, da traf ich einmal jemand Neuen und verhielt mich wie ein pubertierendes, zwölfjähriges Mädchen. Glücklicherweise schien das der Typ nicht zu merken. Er sah nämlich immer noch ziemlich besorgt aus, als hätte ich mir bei meinem grazil geplanten Fall ein Aneurysma geholt.

      Aneurysma brachte mich auf Nirvana und Nirvana auf meine immer noch dringlich benötigten Kopfschmerztabletten. Also entschuldigte ich mich mit ein paar wilden Handbewegungen und irgendwelchen Worten – Kopfschmerzen, da funktionierte das Gedächtnis nicht so gut! – und huschte schließlich endlich, endlich, endlich in die Küche.

      Die Tabletten waren schnell gefunden und so konnte ich dann gleich weiterhuschen und mich auf der Suche nach Elisa machen und sie zur Rede stellen. So im Sinne von „Das nächste Mal wenn fremde Leute in deinem Wohnzimmer sitzen, die eventuell ganz okay aussehen und gerne Leute erschrecken, sag mir bitte Bescheid sodass ich nicht halbbetrunken in irgendwelche Konversationen mit besagten okay-aussehenden Menschen gezwungen werde“.

      Aber Elisa fand ich nicht so schnell und ich würde diese Unterhaltung gerne fühlen, wenn die Pillen wirkten, also machte ich mich auf den Weg zu Pax. Er stand immer noch zusammen mit Elisas Reitponyfohlen auf einer großen Weide und kam erst abends in seine Box (an der immer noch groß Pacco stand. Elisas Mitarbeiter waren miese Verräter!). Langsam erkannte er mich auch bei jedem Besuch wieder; heute trabte er vergnügt auf mich zu und schnupperte mich sofort nach Leckerlis ab. Da ich ja immer noch meine Klamotten von gestern Abend anhatte, war seine Ausbeute mies und er widmete sich wieder dem Gras vor seinen Hufen. Aponi forderte ihn kurz darauf zu einem Duell/Spiel heraus und ich war ganz vergessen.

      Fast zeitgleich hörte man ein Scheppern aus dem Stutentrakt. Seufzend stand ich auf und machte mich auf den Weg.

      Elisa war viel zu gut gelaunt für jemanden, der gestern ein Sharknado-Trinkspiel überlebt hatte – sie pfiff sogar vor sich hin! Außerdem saß sie mitten in der Stallgasse, spielte mit ihren zwei neuen Katzen und sah somit kaum aus wie die verrückte Katzenladys bei den Simpsons. Als sie aufsah und mich sah, grinste sie mich mit einem solch fiesen Grinsen an dass ich am liebsten gleich wieder gegangen wäre. Bevor ich sie also zur Rede stellen konnte, brachte ich nur ein kleines, mickriges „Was?“ heraus.

      Ich hatte keine Ahnung ob sowas überhaupt möglich war, aber Elisas Grinsen wurde noch fieser. „Nichts. Hab mich nur gewundert, wie’s deinem Magen geht.“

      Gut, Elisa war definitiv übergeschnappt. „Dem geht’s sehr gut, danke der Nachfrage.“ Daraufhin versuchte Elisa sich an einer hochgezogenen Augenbraue, die aber kläglich scheiterte. Damit verschwand auch ihr Grinsen und ich war endlich soweit, dass ich sie fragen konnte.

      „Sag mal – wieso sitzen fremde Männer in deinem Wohnzimmer?!“

      Und Elisas Grinsen war zurück. „Fremd?“

      Jetzt war es an mir, die Augenbraue hochzuziehen. Langsam hatte ich die Lust verloren, von Elisa verarscht zu werden. „Ja, fremd. Definition: unbekannt, nicht vertraut.“

      War es überhaupt möglich, so verdammt selbstgefällig auszusehen? „‘Nicht vertraut‘ würde ich jetzt nicht sagen.“ Ein paar Momente konzentrierte sie sich wieder auf die Katzen und ich konzentrierte mich darauf, dass ich ihr nicht den Kopf abriss. „Warte mal – hast du einen Filmriss?“

      „Ich? Natürlich nicht! Wieso sollte ich einen Filmriss haben?!“

      „Naja,“ Elisa begann sich langsam von den Katzen zu lösen, was bedeutete, dass ich ihre ganze Aufmerksamkeit hatte. „Wenn nicht wüsstest du nämlich, dass dieser ‚Fremde‘ gestern auch dabei war. Oh, und, dass du ihm in seine Lederjacke gekotzt hast.“ Und dann zuckte sie nur mit den Schultern und grinste mich wieder an.

      „Ich habe was?!“ Wenn Elena jetzt dagewesen wäre, hätte sie mich angemault, dass man im Stall nicht kreischt – aber das war ein Notfall (und es waren auch gar keine Pferde drinnen. Keine Ahnung also, wieso Elisa in der Stallgasse saß, wenn sie bestimmt überall anders Arbeit hatte!). Das letzte Mal, dass ich irgendwem in irgendein Kleidungsstück gekotzt hatte, war, als ich 7 Jahre alt war und wirklich krank war und nicht nur zu viel Scheibenwischervodka getrunken hatte.

      „Ich glaub es war zwischen Sharknado 2 und Two-Headed Shark Attack,“ sagte Elisa träumerisch, als würde sie sich gerade an ihre Hochzeit erinnern. „Du wolltest unbedingt raus, da ist dir anscheinend schlecht geworden … und eins führte zum anderen.“

      Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. Das erklärte wenigstens, wieso mir nicht schlecht gewesen war. Verdammt nochmal, dass sowas aber natürlich mir passieren musste! „Und die Jacke …?“ fragte ich zaghaft und spitzte zwischen zwei Fingern hindurch auf Elisa.

      Diese winkte mich ab. „Lederjacke, schon vergessen? Ich glaub, Declan hat’s dir auch nicht übel genommen, er fand’s eigentlich ziemlich lustig.“ Dann lachte sie kurz auf, als wäre ihr gerade ein super lustiger Gedanke gekommen. „Ihm haben wahrscheinlich noch nicht so viele Menschen in die Jacke gekotzt. Du bist einzigartig!“

      Mir gefiel die Richtung, in die dieses Gespräch wanderte nicht, also versuchte ich das Thema zu wechseln. Und zwar genauso locker flockig wie alles, was ich tat.

      „Wie heißt der Kerl?“

      „Declan,“ Elisa sah mich skeptisch an. „Nicht gerade ein Name, dem ich meinem Sohn geben würde aber was soll’s – es gibt Menschen, die finden sogar Elisa schrecklich.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als könne sie es nicht fassen. Dann sah sie mich wieder neugierig an. „Wieso?“

      „Ach, ich bin ihm nur im Haus begegnet,“ murmelte ich. Den ganzen Zwischenfall mit der total hinterhältigen Attacke behielt ich lieber für mich; wer wusste schon, was Elisa damit anfangen würde. Stattdessen sah ich ‚zufällig‘ auf meine Armbanduhr, zog eine oscarreife Oh-Gott-schon-so-spät?-Show ab, die von meiner Freundin nur mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert wurde, und jogg-rannte dann zurück über die Straße auf meinem Hof.

      Während ich die Tür aufsperrte und mich nach Zoe und Adèle umsah, musste ich doch nochmal an Elisas gruseligen, fremden Wohnzimmergremlin (wirklich? Gremlin? Da hattest du schon bessere Vergleiche, Jojo!) denken.

      Declan. Was für ein dämlicher Name.

      ***

      Zoe fand ich schließlich zusammen mit Ella im Stall. Zoe hatte anscheinend angefangen, die Boxen zu misten, war von irgendetwas abgelenkt worden und hatte alles stehen und liegen gelassen.

      Was bedeutete dass ich in meinem immer noch etwas angetrunkenem Zustand erst einmal voll in den Rechen lief, der auf der Stallgasse lag.

      Mein Leben war also eine einzige Simpsons-Episode. Meine Nachbarin war die verrückte Katzenlady während ich wohl wieder aus dem Gefängnis ausgebrochen war, um einen zehnjährigen Jungen mit einer schrecklichen Frisur zu ermorden. Zoe schien mir zuzustimmen, denn als sie mir entgegen lief, murmelte sie etwas von Sideshow Bob und swear to god this never happened in Australia.

      Als ich wieder aufrecht stand und der böse Rechen zur Seite geräumt war, grinste Zoe mich breit an. „Na, wie war der Shark-Marathon?“

      Ich verdrehte die Augen. „Frag nicht. Anscheinend hab ich einem völlig Fremden die Jacke ruiniert.“

      Zoes Augen blitzten und auch wenn sie noch nicht so lang hier war, das konnte ich schon als schlechtes Zeichen deuten. Sie öffnete den Mund, wahrscheinlich um irgendwelche Details nachzufragen, aber ich schüttelte sofort den Kopf. „Keine Details. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

      ***

      Nachdem sie also eingeweiht war, verabschiedete Zoe sich mit einem Grinsen (das noch selbstgefälliger als Elisas war, war das überhaupt möglich? Die Realität verwirrte mich heute sehr.) und sagte, sie würde sich Outside Girl schnappen und mit ihr eine Runde um den Hof machen. Was mich natürlich nur daran erinnerte, dass ich immer noch keinen richtigen Ausritt um die ganzen Höfe mit ihnen gemacht hatte.

      „Am Wochenende!“ rief ich Zoe hinterher und widmete mich dann wieder dem Besen, der die Stallgasse rein theoretisch von Stroh befreien sollte. Es schien mir aber eher, als würde ich das Stroh und Heu vor mir hin schieben und so noch mehr verteilen. Ein neuer Besen musste auf meine Einkaufsliste.

      Adèle fand ich mit Cìola in der Reithalle. Zwar war das nicht gerade mein Lieblingsort an einem warmen Frühsommertag wie heute, doch Adèle schien die Luft nichts auszumachen, als sie versuchte, Cìola das Rückwärtsrichten vom Boden aus beizubringen.

      „Du kannst gern mit Symbolic Splash weitermachen,“ rief ich ihr vom Tor aus zu, worauf sie nur die Augen verdrehte. Zwar kannte ich Adèle noch nicht lange, doch ich wusste, dass sie die Aufgabe nur zu gerne übernehmen würde; sie mochte es, mit Jungpferden zu trainieren, und da sie in Bodenarbeitszeugs viel weiter war als ich hatte ich sie in den letzten Tagen auch mit Bacia trainieren lassen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Lewitzerstute heute zum ersten Mal zu reiten – aber ob das mit einem Kater so gut war?

      Egal. Jetzt war erst mal eine Weidenkontrolle angesagt – die konnte ich wenigstens noch allein durchführen. Bei der Kontrolle der Hengstkoppeln, die alle nah beieinander waren aber abgetrennt, lief mir Paramour hinterher wie ein Hund. Ab einem gewissen Punkt wurde es nervig und ich schnappte mir Vaffanculo, um den Braunschecken von mir abzuhalten. Dafür war Val zu haben – er war der Poser auf dem Hof und imponierte gerne Konkurrenten weg. Und da er schonmal draußen war, brachte ich ihn an den Putzplatz und begann, ihn ausgiebig zu putzen. Aus dem Putzen wurde ein Satteln und daraus eine kleine Runde die mich auf Elenas Hof brachte. Elena hatte wohl gerade Mary Poppins angeguckt, denn als ich abstieg, hörte man aus dem Haus ein Lied plärren und jemanden ein bisschen schief mitsingen. Eigentlich hätte ich gedacht, sie wäre ein wenig überraschter gewesen; immerhin war sie diejenige, die auf andern Hofen rumhing. Doch anstatt mit einem verwunderten Blick wurde ich mit einem Grinsen begrüßt (jeez, da hatte jemand doch was ins Wasser gekippt!)

      Bevor sie irgendwas sagen konnte ließ ich mich aus dem Sattel gleiten und verdrehte die Augen. „Spar dir deine Energie, ich habs schon gehört.“

      „Du weißt, dass ich das nicht tun kann,“ erwiderte Elena in einer für sie viel zu tiefen Stimme. Dazu hatte sie natürlich ihr Pokerface aufgesetzt. Meine Güte, meine Freunde waren definitiv zu komisch (Aber gleich und gleich gesellt sich eben gern).

      Elena konnte es dann doch nicht lassen und nannte mich von da an nur noch Spucky oder Captain Kotzerica („Das macht nicht mal Sinn!“ – „Nur weil du es nicht verstehst!“ – „Dann erklär’s mir doch bitte!“ – „Kunst kann man nicht erklären.“). Dafür plättete ich ihren Hintern in der nächsten Stunde mehrere Male bei einer (oder mehreren) Partien Tony Hawk Underground 2. Nachdem Gwen sich geweigert hatte, ihr New Forest Pony Tawny Hawk zu nennen, hatte Elena sich aus Protest eine Playstation 2 aus dem Internet gekauft, komplett mit etwa 6 Spielen der Tony Hawks Reihe. Was nicht bedeutete, dass sie sonderlich gut darin war.

      Nach einer Stunde fiel mir dann aber wieder ein, dass ich ja Aufgaben und ähnliches hatte (und Elenas Sticheleien wollten partout nicht aufhören) und machte mich gemütlich mit Val/Waffel auf den Rückweg. Als ich auf dem Hof angekommen war, mutierte ich dann zur Arbeitsmaschine – zuerst äppelte ich Weiden ab, wobei ich von Paramour und Muraco neugierig gemustert, von Quixoticelixer verfolgt und von Newt und Attonito von der Arbeit abgelenkt wurde, trainierte dann wirklich noch mit Bacia (was besser als erwartet klappte – am Putzplatz übten wir das Sattelauflegen und Trensen, dann ging es in einer einfach gebrochenen Wassertrense und einem Bareback Pad, das mir Elena einmal aus irgendeinem Grund gegeben hatte, ein paar Runden im Schritt auf dem Platz. Man merkte richtig, wie Bacia nach all den Monaten, die sie jetzt schon hier lebte, Vertrauen fasste. Bevor sie mir so hinterherrennen würde wie Chepa würde es zwar nochmal länger dauern, aber das musste ja auch nicht immer sein – solange mir die Braunscheckstute vertraute und nicht mehr vor mir wegrannte, sollten wir gut miteinander auskommen), longierte Capulet (auch er wurde langsam ein wenig ruhiger – seinen Spitznamen Katapult würde er aber so schnell nicht verlieren, Joline landete doch noch ziemlich oft im Sand) und sattelte anschließend Medeia, um mit ihr und Tautou als Handpferd einen gemütlichen Ausritt zu machen, weit weg von Elisas oder Elenas Hof – Gwen war bei solchen peinlichen Angelegenheiten nicht ganz so schadenfroh wie der Rest unserer Gruppe, deswegen wird sie an dieser Stelle nicht erwähnt.

      Beim Zurückkommen – ich war ein bisschen überfordert, Handpferdausritte waren nicht wirklich etwas, was ich oft tat und deswegen ging es auch nur im Schritt, vor allem mit Tautou – sah ich, wie Adèle und Zoe zusammen Outside Girl, Flea, Favorita und Star am Putzplatz angebunden hatten. Flea und Star hatten schon nasses Fell, während Favorita und Siddy gerade abgespritzt wurden. Normalerweise war Favorita ein ganz schöner Feigling was Wasser anging – Tränke okay, Wasserschlauch? Niemals! – doch sie stand wie angewurzelt während Adèle ihr die Fesseln abkühlte. Ein paar Minuten später waren dann auch Medeia und Tautou mit einer kurzen Dusche dran, ehe sie zurück auf die Weide kamen und sich dort natürlich sofort wieder im Staub wälzten. In Tautous Fall fiel das wenig auf, aber Medeia verwandelte sich vor meinen Augen in einen Braunfalben. Ein wenig mitfühlend klopfte mir Zoe auf die Schulter, verkniff sich aber ihr Grinsen nicht. Wirklich, wieso grinsten um mich herum alle so verdammt fies?!

      ***

      Die Sonne stand schon recht tief als ich mich nochmal auf Elisas Hof aufmachte, fest damit rechnend, dass die Spötteleien wohl nicht aufhören würden. Trotzdem – ich musste mich noch um Pacco kümmern. (Und verdammt nochmal, jetzt hatte sich der Name wirklich in meinem Gehirn festgewurzelt. Pax. Pax, Pax, Pax!!)

      Er stand mit den anderen Fohlen noch auf der Weide, kam jedoch sofort angetrabt, als ich nach ihm pfiff. In erster Linie, weil er wusste, dass ich ihm irgendetwas mitgebracht habe. Den Führstrick, dem ich ihn ans Halfter anbrachte, störte ihn schon gar nicht mehr, und er zögerte auch nur für einen Augenblick, ehe er mir frohen Mutes von der Koppel folgte.

      Am Putzplax angelangt übten wir dann das ganze Stillstehen-Trara. Pax fand nämlich, dass das extrem blöd war und versuchte des Öfteren, ein paar Schritte in eine Richtung zu laufen, ehe er bemerkte, dass er angebunden war. Wir arbeiteten jedoch in kleinen Schritten, deswegen brachte ich ihn nach etwa 15 Minuten zurück zu seinen Freunden.

      Dabei fiel mir dann auf einer angrenzenden Weide ein leuchtend roter Fuchs mit einer Laterne auf. Elisa war nirgendwo zu sehen, und Vendetta sah aus, als könne sie eine Dusche (oder zumindest ein paar Streicheleinheiten) gebrauchen, also nahm ich mir kurzerhand ihren Führstrick.

      Vendetta genoss es sichtlich, die Schicht aus Dreck und Matsch abzubekommen, die sie sich im Laufe des Tages angeeignet hatte. Sie genoss auch die Leckerlis, die Zoe letztens gebacken hatte. Und sie genoss es noch mehr, sich sofort wieder in eine Matschpfütze zu schmeißen, sobald sie die Chance dazu hatte.

      Aber gut, das sollte nicht mein Problem sein.


      Was dann aber zu meinem Problem wurde kam mehr oder weniger direkt auf mich zu als ich gerade wieder in Richtung Pine Grove aufbrach. Erst sah es aus, als würde mich Declan gar nicht bemerken als er aus dem Ausbildungsstall kam – was vielleicht das Beste gewesen war. Doch nein, natürlich musste er mich bemerken und natürlich musste er anfangen auf mich zu zu joggen.

      Was ihn nicht wirklich weniger verzweifelt aussehen ließ.

      Ein wenig widerwillig blieb ich stehen. Immerhin hatte ich mich ja noch nicht entschuldigt und meine Mama hatte mich so erzogen; macht man ein Ding von jemand anderem kaputt, dann hat man sich gefälligst zu entschuldigen.

      Als ich mich jedoch zu ihm umdrehte, lächelte er mich breit an. „So früh schon wieder zurück?“

      Ich mochte Smalltalk noch nie, vor allem nicht in solchen Situationen. Mein „Ja.“ kam also ziemlich schnippisch, aber das war mir egal. „Hör mal – wegen gestern …“

      Die Worte zu finden war auch nicht wirklich meine Stärke und ich brauchte erst einmal eine kurze Pause, um alles zu sortieren. Declan machte es nicht unbedingt leichter – er sah mich neugierig an, fuhr sich durch die Haare. „Jaa?“

      „Äh – sorry? Also wegen deiner Jacke.“ Und er sah mich weiterhin so blöd neugierig an, dass ich mich am liebsten verstecken würde. „Ich … bin mir sicher, dass das keine Absicht war.“

      Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen (und langsam machte mich das echt verrückt – war heute internationaler Grins-Tag?!) und okay, er war doch ein wenig süß. (Ein wenig. Nur ein bisschen. So süß, wie ein Mann eben sein konnte.)

      „Nichts, was ein paar Stunden in der Waschmaschine nicht zurechtrücken können,“ sagte er und dann verschwand sein Lächeln nach und nach.

      Verdammt, ich hätte eigentlich sofort gehen sollen.

      „Aber – was ich eigentlich fragen wollte … nun ja, ich bin hier noch ein paar Wochen—“

      Ach du heilige Scheiße. Wollte der Kerl mich jetzt wirklich nach einem Date fragen?

      Meine Fresse. „Ähm – sorry aber … ich hab immer ziemlich … viel zu tun? Und äh. Da. Ist das vielleicht –“ Gut, das war jetzt auch nicht mal im mindesten peinlich. Super, Jojo!

      Declan verstand mich aber irgendwie doch – vielleicht war er zu oft gekorbt worden (und bei dem Gedanken tat er mir fast schon leid). Auf jeden Fall hob er ein wenig abwehrend die Hände und ging einen Schritt zurück. „Okay, kein Problem.“

      Weil ich mich doch ein wenig schlecht fühlte versuchte ich es mit einem entschuldigenden Lächeln. Obwohl Declan es erwiderte war ich mir nicht ganz so sicher, obs wirklich so rüberkam.

      Also: schnell raus hier. Mit ein paar wilden Handbewegungen und ein paar Wörtern die ich nie im Leben wieder identifizieren könnte machte ich ein paar Schritte in Richtung von meinem Hof. Ein letztes Lächeln von Declan, ein fast schon scheues Winken, dann drehte er sich um und ich konnte zurück auf meinen Hof rennen.

      Meine Güte. Da war dann wohl sogar Elisa talentierter im Umgang mit okay-aussehenden Menschen. Und die hatte es nach – Monaten? Waren es schon Jahre? – immer noch nicht wirklich mit Matthew geschafft und wurde wieder zwölf, wenn man sie darauf ansprach.

      ***

      Adèle und Zoe lachten mich natürlich sofort aus, als sie von dem Vorfall erfuhren. Und Gwen, Elisa und Elena (und Lena natürlich) würden das gleiche tun, wenn es ihnen irgendjemand steckte. Doch den dreien konnte ich nicht die Abenddienst im Stall aufschieben; Zoe und Adèle schon.

      Das bedeutete für mich: ein entspannter Abend mit Ella auf dem Sofa, ganz ohne Vodka und ohne irgendwelche Kotzzwischenfälle.

      So, wie es immer sein sollte.
    • Rhapsody
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      Meerjungfrau(mann und Blaubarschbube vereint!)
      | 03. Juli 2015
      #1 Überlebenstipp: Google niemals Traumdeutungsschrott. Vor allem nicht, nachdem du geträumt hast, dass du eine Wirtschaftklausur schreiben musst (ich hatte seit Jahren kein Wirtschaft mehr!), deine Aufsicht deine alte Englischlehrerin ist, die sich irgendwie in einen alten Drachen verwandelt hatte und sie dir letzten Endes das Blatt wegnimmt, angeblich weil du gespickt hattest.

      Das alles wäre nicht mal so verstörend gewesen, wäre da nicht diese Meerjungfrau in der Ecke gesessen, die mich ununterbrochen anstarrte. Das erste außergewöhnliche an der Meerjungfrau war, dass sie gar keinen Fischschwanz hatte. Das zweite, dass es keine Meerjungfrau war, sondern eher ein Meerjung…mann? Es hatte zumindest sehr männliche Züge, komplett mit einem schönen Kiefer (Elena hatte mir die Vorzüge von solchen schönen Kiefern erklärt, aber leider kann ich sie hier aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht aufführen. Fragt Elena selbst) und schönen Beinen (vor allem für eine Meerjungfrau/mann/WAS AUCH IMMER). Und dass er/sie/es mich anfunkelte, als wäre ich persönlich für den zweiten Weltkrieg verantwortlich, das machte mir recht wenig aus. Er sah trotzdem noch gut aus. Anscheinend so gut, dass ich natürlich durch die Prüfung rasselte.

      Das einzige, woran man erkannte, dass es sich um eine Meerjungfrau handelte, war, dass er sich alle paar Minuten einen Eimer Wasser über den Kopf schüttete. Und eigentlich machte es nicht mal das verständlich, aber im Traum wusste ich einfach, dass es eine Meerjungfrau war. Eine ziemlich heiße, um ganz ehrlich zu sein. Aber nach wie vor ein Hirngespinst.

      Und Google spuckte mir dann am nächsten Morgen sagen wie „Bedürfnis nach einer starken vollkommenen erotischen Liebesbeziehung“, „Beziehung zwischen dunklen Kräften und dem bewussten Selbst“, „Gefahr vom anderen Geschlecht“ und „hüte dich vor verführerischen Frauen“ (wobei – kann man das überhaupt anwenden, wenn die Meerjungfrau ein Mann war?) aus. Es war zwar nicht so, dass ich solchem Zeug immer glaubte, aber die potentielle Bedeutung zog mich runter. Dunkle Kräfte? Von einer Meerjungfrau ausgehend?!

      ***

      In solchen schweren Zeiten (heißer unerreichbarer Traumkerl, böse Meerjungfrauen, allgemeine SOMMERHITZE) blieb ich gern so lang wie möglich im Haus, legte mich zusammen mit Ella ins Bett (natürlich nachdem die Pferde gefüttert und versorgt waren), aufs Sofa oder, wie heute, einfach nur auf den Boden. Zoe machte ein paar Anstalten, um mich herum zu gehen, bis sie schließlich einfach nur noch über mich drüber stieg.

      Gegen 3 Uhr nachmittags – außen waren es wohl um die 34°C – gesellte sie sich dann zu mir und spielte mit dem Henkel einer Tasse. Die war wahrscheinlich mit Tee gefüllt. Australier waren komisch; laut Zoe war es nämlich noch gar nicht heiß, sondern nur schön sonnig. Verdammte Australier.

      „Verrätst du mir wieso du am Boden liegst und an die Decke starrst?“ fragte sie so ganz nebenbei, trank einen Schluck und kraulte Ella den runden Bauch.

      „Ich möchte nicht mehr träumen,“ sagte ich und klang dabei eher wie ein kleines Kind als wie ein Erwachsener. „Träume nerven.“

      „Ich glaub, wenn du aufhörst, solche Sachen nachzuschlagen, wird dein Leben leichter.“

      Ja, und wenn Amerika aufhören würde, ein Arschloch zu sein, dann würde es vielen Amerikanern leichter gehen. Super Logik, Zoe!

      „Um was ging es diesmal?“ hakte sie dann nach und legte sich neben mich. Ella drehte sich wieder auf den Bauch, stand auf und rollte sich direkt neben Zoe nebeneinander. Pff, treuloses Pack.

      „Meerjungfrauen, die böse auf mich sind und Wirtschaftsklausuren aus der Hölle,“ murmelte ich und rieb mir die Augen. Das Wetter machte mich müde. Vielleicht sollte ich noch ein Nickerchen machen. „Ich leg mich hin.“

      Zoe rollte mit den Augen, blieb selbst aber auf der kühlen Fliese im Flur liegen.

      ***

      Gegen 7 wurde es dann endlich kühler, und nachdem ich die Ponys auf die Weide gebracht hatte machte ich mich auf den Weg zu Pacco. Pax. Meine Güte. (Und ganz nebenbei ging ich dabei auch das volle Risiko ein, dass Declan mich aufhalten würde und wieder irgendetwas probieren würde. Ich war ja so aufopfernd!)

      Keine drei Schritte auf Elisas Gelände traf ich dann zuerst auf Elena, die ein wenig … verstört war wohl nicht der richtige Ausdruck, dann doch eher nur verwirrt aussah. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte sie auch meinen „Wieso bist du eigentlich noch nicht eingezogen?“-Kommentar überhört, sie nickte nur abwesend und starrte weiterhin angestrengt auf den Boden, als hätte sie etwas verloren.

      Jetzt war ich diejenige, die verwirrt war. „Suchst du was?“ fragte ich, woraufhin Elena nur nickte aber mich mit ihrer Hand in Richtung Pampa schickte. Alles klar. Irgendwie war wohl der ganze Tag heut ein wenig komisch.

      ***

      Es tat mir schon fast leid, Pacco bei diesem Wetter von seiner wohlverdienten Weide zu holen, aber immerhin wollte ich später nicht diese komische Gestalt sein, die er kaum kannte, also musste er mir wohl oder übel von der Koppel folgen.

      Als Entschädigung nahm ich auch noch gleich Chesmu mit. Dem würde ein kleiner Spaziergang auch nicht schaden und außerdem war er Cíolas kleiner Halbbruder, das war ja wohl Grund genug.

      Ich traute mich schon fast nicht, beim Putzen Geräusche zu machen. Im Grunde war ja nichts gegen Declan auszusetzen (außer natürlich, dass ich ihm die Jacke vollgekotzt hatte, super Zug Jojo!), aber … keine Ahnung. Ich kannte ihn kaum (und dass ich ihm total aus dem Weg ging machte das natürlich besser). Ich war nicht gut im Kommunizieren mit Fremden.

      Und wenn ich das Elisa sagen würde, würde sie mich entweder auslachen oder wäre total genervt, deswegen behielt ich das lieber für mich. Und ging jedem und allem aus dem Weg, was nicht weiblich war oder vier Beine hatte.

      (Oder eine männliche Meerjungfrau. Der würd ich nämlich ohne Umschweife sofort hinterherlaufen.)

      Pax wohl eher nicht; als wir endlich losgingen, blieb er alle paar Schritte stehen. Erst dachte ich, er würde einfach nur die Landschaft bewundern oder sonst was, doch mir wurde schnell klar, dass er stehen blieb weil er stehen bleiben wollte. Das war ich zwar so nicht ganz von ihm gewohnt, aber mit einem etwas kürzer genommenen Führstrick und dem besten Kumpel, der brav neben mir herlief, konnten wir dann unbeirrt weiterlaufen.

      ***

      Abends dann war ich wieder auf Elisas Gestüt, weil Elisa einen weiteren Trashfilm aufgegabelt hatte. Diesmal waren es aber Vampire und keine Haie, und es gab auch keine Tornados. Also eigentlich … ein wenig harmloser.

      Könnte man denken.

      Elena hatte natürlich wieder ihren tollen Freund aus Russland mitgebracht (von dem ich mich diesmal fern hielt) und war jetzt voller Überzeugung, sie könnte perfekt russisch sprechen. Als ich sie gefragt hatte, ob sie was auf dem Boden gefunden hätte, antwortete sie nur mit „Да. Я потерял сережку“ und nahm dann die Flasche vom Tisch. „на здоровье.“

      „Ich verstehe kein Kyrillisch,“ beklagte Elisa gewohnt trocken von ihrem Platz ein paar Meter vor dem Fernseher, den sie zusammen mit Gwen keine 2 Minuten nach Beginn des Films beschlagnahmt hatte. Auch die beiden hatten eine Flasche von Elenas Freund gekriegt und so hörte man von ihnen ungefähr nichts außer Kichern und ab und zu ein „VAMPIRE!! AUF EINEM SEGWAY!!!!“

      Pebbles und Fae störte es wohl weniger, dass die Menschen um sie herum ein bisschen komisch wurden; Pebbels lag zusammengerollt neben mir, Fae schnurrte um Elena herum (die sie ununterbrochen Кошка nannte) und störte sich nicht daran, dass alles ein wenig … komisch roch.

      Auf jeden Fall hatte ich mehr oder weniger allen kollektiv von der tollen und wunderschönen und heißen und traumhaften Meerjungfrau erzählt. Weil man so etwas seinen Freunden nicht verheimlicht!

      Doch das hatte jetzt dazu geführt, dass die allgemeine Unterhaltung von zweisprachig zu einsprachig und von filmrelevant zu … spongebobrelevat wechselte.

      „Du hast also von Meerjungfraumann geträumt?“ kicherte Elena, was aus ihrem Mund ungefähr genauso fremd klang wie russisch.

      Ich rollte nur mit den Augen.

      „Meerjungfraumann braucht dann aber auch einen Buddy,“ warf Gwen ein. Auch sie war nicht mehr wirklich nüchtern, sie saß ein wenig schief auf ihrem Kissen, weswegen ich sie in Schiefer Turm von Manitoba umbenannte. Mental natürlich.

      Für ein paar Minuten war Stille – Denken braucht Ruhe – bis Elisa plötzlich aufsprang und etwas von Matthew und betrunken und letztens redete (dazwischen waren noch mehrere Wörter, die noch unverständlicher als Elenas Russisch waren).

      Elena war dann natürlich sofort vorbei, während der Schiefe Turm von Manitoba und ich uns nur verständnislos ansahen.

      „Was ist mit Matthew?“ fragte ich als Elena und Elisa (es gab wohl einen Grund, wieso Evil mit E beginnt) sich endlich wieder beruhigt hatten. Fae und Pebbles waren verschwunden; das war ihnen dann wohl zu bunt geworden.

      „Matthew,“ begann Elisa und machte es sich auf ihrem … Kissen? War das ein Kissen? Es sah nicht aus wie ein Kissen! bequem, „Matthew ist Blaubarschbube.“

      Alles klar. Dass das nicht so ganz Sinn machte, musste Elisa wohl verstehen.

      „Als wir den Canada-Day nachgefeiert haben?“ versuchte Elisa, uns auf die Sprünge zu helfen. „Als Matthew so hackedicht heimgekommen ist?“

      „Nein,“ sagte ich trocken, „daran kann ich mich nicht erinnern.“ Ich erinnerte mich an einen Canada-Day und daran, dass Matthew gefehlt hatte.

      „Auf jeden Fall war er total betrunken und deswegen ist er jetzt Blaubarschbube,“ fuhr Elisa fort und sah dabei noch total zufrieden aus. Blöde Kuh.

      Elena haute mir ihren Ellbogen zwischen die Rippen. „Verstehst du? Weil er blau war,“ woraufhin Elisa vor Lachen von ihrem Kissen rutschte und auch Gwen losprusten musste. Betrunkene waren verständlicher, wenn man selbst betrunken war.

      „Das nächste Mal trinke ich auch wieder,“ grummelte ich und ließ mich auf die Couch zurücksinken. Und als Elena dann vorschlug, als Abschluss noch den Spongebob Film von 2004 zu gucken, nahm ich ihr den Wodka aus der Hand und behielt ihn für den Rest der Nacht.
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      Die Schwimmflügel-Affäre - © Gwen
      | 09. Juli 2015
      „Elena! Das musst du dir anhören!“, rief Jojo aufgeregt, während sie sich stürmischen Schrittes auf den Reitplatz zubewegte. Beziehungsweise auf dessen Zaun oder eher auf die Person, die am Zaun stand. Für mich war das pure Erleichterung, denn ich nutzte den Moment, in dem Elena abgelenkt war, zum tief durchatmen. Ich durfte ausnahmsweise mal wieder meine Stute Fagy selber reiten, aber nur unter den Adleraugen von Elena und das war definitiv kein Vergnügen. Da kam mir Jojos Spontanbesuch gerade recht.
      „Libra: Is only mean if you’re mean to them.
      Leo: Is only mean to people they dislike.
      Aries: is mean without a reason 24/7“, klärte Jojo auf und Elenas Kopf nahm schon wieder eine unschöne Farbe an. Ich runzelte die Stirn und verzog mich unsicher auf den hintersten Zirkel des Platzes, weit weg von Elena. Brachte leider nichts.
      Elena drehte sich um und rief mir nun, noch lauter als sonst, etwas zu. Fagys Ohren zuckten unruhig vor und zurück und das gerade so schön erarbeitete Vorwärts-Abwärts war gleich wieder weg. Und schon konnte sich Elena noch mehr aufregen. Och manno.
      „Uh! Und hier steht, was wir für Dinosaurier sind! Aries: Spinosaurus. Leo: Tyrannosaurus. Libra: Compsognathus.“, las Jojo von ihrem Handydisplay ab. „Hey Elena! Spinosaurier sind die coolen Großen!“, meinte ich stolz und grinste. Auch Elena nickte und meinte: „Die können sogar schwimmen!“ – Puh, Situation gerettet und auch Fagy entspannte sich allmählich wieder.
      Meine Stunde war auch geschafft und ich konnte Fagy endlich abreiten. Gott sei Dank! „Sag mal Jojo, wer ist das überhaupt?“, fragte ich neugierig und deutete auf das Scheckfohlen an ihrer Seite. „Oh, das ist Pax. Also Pacco. Dachte ich bringe ihn mal mit. Elena soll sehen, wie toll er sich entwickelt hat!“, sagte Jojo stolz und wuschelte Pax durch die Mähne.
      Ich schwang mich aus dem Sattel und ließ auch Fagy ein wenig grasen, das hatte sie sich nach diesem Stress redlich verdient. Elena war inzwischen wieder einigermaßen entspannt, lehnte am Zaun und schaute zufrieden in den Himmel. Das sollte nur leider nicht lange währen.
      Eigentlich waren wir schon wieder in alle Winde verweht. Ich wollte nur noch einmal bei Elisa vorbei, weil sie mir etwas von ihrer neuen Stute Adona vorschwärmte und mich inständig gebeten hatte, ich solle doch einmal vorbeikommen.
      Nur doof, dass weder Elisa noch Adona da waren. Was ich stattdessen in der Box der braunen Stute fand, ließ mich Böses ahnen.
      „Hallo Cresse“, murmelte ich nur zweifelnd und schüttelte genervt den Kopf.

      „ELISA?!“, tönte es über das gesamte Gestüt. „WO BIST DU UND WO IST MEIN PFERD?“, diese bezaubernde Stimme konnte nur einer bezaubernden Blondine namens Elena gehören. Für mich wurde es Zeit nun dringend vom Tatort zu verschwinden, sonst wäre ich noch das Hühnchen, dessen Federn gerupft wurden und Elena konnte gut rupfen.
      Leise schlich ich mich aus dem Hinterausgang des Stalles hinaus und blieb dann stirnrunzelnd stehen. In dem Busch vor mir schillerten rote und pinke Farben hindurch. Vorsichtig rückte ich näher und schon wurde ich mit in den Busch gezerrt und mir wurde der Mund zugehalten. Bis ich armfuchtelnd um Luft bat.
      „Elisa?!“
      „Pssst! Sie darf uns nicht finden!“
      „Bist du eigentlich total bescheuert? Und warum um Himmels Willen trägst du Schwimmflügel?“
      „Pssst! Sie kommt!“
      „ELISA! ICH BRING DICH UM!“
      Konnte es eigentlich noch schlimmer werden? Elena würde sofort denken, dass ich mit Elisa unter einer Decke steckte. Jetzt konnte uns nur noch einer helfen: Jojo.
      Leider war die nicht erreichbar, auf keinste Weise. Tja, dann war mein Leben wohl genau hier vorbei. Es sei denn…
      Schwupps und schon hatte ich Elisa aus dem Busch geschubst und ihr noch ein „Tschuldigung“ hinterhergeworfen. Elena entdeckte sie sofort und so rannte Elisa wahrscheinlich um ihr Leben. Die roten Schwimmflügel waren nicht sonderlich zuträglich, so sah man sie immerhin aus einer Entfernung von Kilometern, aber zumindest ich war aus dem Schneider – noch.
    • Rhapsody
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      Vielversprechende Enttäuschungen - © Samarti
      | 12. Juli 2015
      „OH MEIN GOTT! ELISA! LAUERST DU MIR AUF?!“ Gwens Geschreie war kaum viel mehr als ein kehliges Quieken, weshalb sie sich gleich einen Schlag in den Nacken von Elena einfing.
      „Nein, aber ich sehe das doch, wenn du auf meinen Ho-“
      Elena unterbrach mich: „Sie lauert dir auf.“
      Mit den Augen rollend brachte ich nur ein gemurmeltes „Jaja“ heraus und drückte dann beiden Frauen jeweils ein Halfter in die Hand. Das eine schwarz, das andere dunkelbraun.
      „Wessen sind das?“, fragte Elena argwöhnisch und betrachtete das schwarze Halfter in ihrer Hand genauestens. „Sacramentos“, ich deutete auf das in Elenas Hand, „und Azraels.“ Diesmal zeigte meine Hand auf das Halfter, welches Gwen sich über die Schulter geworfen hatte. „Und das hier, weil ihr fragt, ist Avantis.“ Demonstrant hielt ich das gelbe Halfter in die Höhe.
      „Haha, ihr werdet genötigt!“, unterbrach Jojo meine Showeinlage, die in dem Moment mit Pacco (oder wie sie ihn noch immer hartnäckig nannte: Pax) daherlief und mich provokant ansah. „Elisa, du solltest doch was mit dem armen Pac-, äh, Pax machen! Der ist so einsam, jetzt musste ich was mit dem machen!“
      „Jojo, es ist dein Fohlen“, entgegnete ich, verdrehte die Augen und stemmte die Hände in die Hüften.
      „Ja, ja. Bla, bla, blaaaaaa“, machte Jojo nur und streckte mir die Zunge raus. „Wir gehen jetzt spazieren. Tschüss! Leb mit deinem schlechten Gewissen!“ Schon war sie wieder von der Bildfläche verschwunden.
      „Und wir hier“, nun deutete ich erst auf Elena, dann auf Gwen und schließlich auf mich, „gehen jetzt ausreiten!“

      Meine drei Hengste hatten wir bald von der Weide geholt, auf der sie zuvor gestanden hatten. Sacramento war direkt auf uns zugekommen und hatte seinen Kopf sogar schon in das Halfter in meiner Hand stecken wollen, also hatte Eli ihn erst davon überzeugen müssen, seine Nase in das in ihrer Hand zu stecken.
      Azrael war zwar nicht davon begeistert, jetzt dieses Ding über den Kopf gestreift zu kriegen, dennoch blieb er auf der Stelle stehen und ließ es ohne zu murren über sich ergehen.
      Avanti hingegen machte sich einen Spaß daraus, vor mir wegzulaufen, dann stehen zu bleiben, auf mich zu warten, und schließlich wieder auf dem Absatz kehrt zu machen. Immer wieder drehte er sich vor mir, galoppierte mit hoch erhobenem Schweif wieder einige Meter weit weg und spielte dieses Spiel eine gefühlte Ewigkeit mit mir. Elena und Gwen, die ihre Hengste inzwischen schon aufgehalftert und neben sich stehen hatten, lachten mich lauthals aus, feuerten Avanti noch mit einem ironischen „Vorwärts, Avanti, vorwärts!“ an und schienen das Schauspiel köstlich zu genießen.

      „Ich hab heute Morgen mal in meiner Steam Bibliothek geguckt und irgendwie … habe ich da ein Survival Game mit Haien drin? Ich weiß nicht, wieso, aber … es ist mit Haien! Und es heißt Depth. Kennt ihr das?“, plapperte ich munter drauf los, während wir auf den Rücken der drei Reitponyhengste saßen und durch die kanadischen Wälder streiften. Wir waren bereits eine knappe halbe Stunde unterwegs und hatten dennoch noch nicht viel zu sehen gekriegt. Irgendwie verkrochen sich die Waldbewohner momentan und versteckten sich vor uns. Aber gut, bei 18 Beinen würde ich das wahrscheinlich auch tun. Und in dem Moment überkam mich die Vorstellung eines Tausendfüßers – angeekelt schüttelte ich mich, erntete deshalb verwunderte Blicke und zuckte nur mit den Schultern. „Was?“, fuhr ich die beiden anderen Reiterinnen an und wandte dann meinen Blick ab, was sie mir gleich taten.
      „Elisa“, setzte Elena an, „wenn du deine Klappe mal halten würdest, würde man sogar das Hufgetrappel der Pferde hören, aber so … nope, is' nich'.“
      Gwen hingegen ließ sich von mir mitreißen: „Das klingt ja cool! Vielleicht können wir das ja später mal zusammen spielen!“ Ihre Augen glänzten begeistert auf und ich wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „JA!“ Dann drehte ich mich zu Elena: „Und du?“
      „Nee. Die Anforderungen erfüllt mein PC bestimmt nicht.“
      „Langweiler“, seufzte ich und wir alle blieben für einen Moment still. „Ich kann dir aber mal den Trailer zeigen, ich hab den auf dem Handy!“, schlug ich ihr dann begeistert vor und Elena sah mich zwar erst skeptisch und mit einer gewissen Portion Misstrauen an, nickte dann aber. „Okay.“
      Nachdem sie den Trailer gesehen hatte, kam nur ein „Oh Gott, kämpfen. Kämpfen kann ich nur bei Lego“ zurück, weshalb ich erwiderte: „Aber du kannst sogar einen Hai spielen.“
      „WAAAAS? Oha, wie cool! OHA!“, empörte sich Elena, änderte aber ihre Meinung nicht, dass sie nicht mitspielen würde. Aufgrund ihrer beleidigten Aussage bekam sie es als letzte mit, dass wir anderen bereits angaloppiert waren und den breiten Sandweg nutzten, um den Hengsten die Möglichkeit zu geben, sich mal wieder richtig auszutoben.

      Nach unserem Ausritt kamen wir alle ziemlich fertig auf dem Hof wieder an, ließen die Hengste wieder auf die Weide und begaben uns dann nochmal in Richtung der anderen Weide – der Weide, auf der Nessaja, der Eistee, Pina und Beverly momentan standen. Icetea und Nessi waren jetzt weitere zwei Stuten, die in die Ausbildung einsteigen würden. Icetea war zwar schon etwas weiter fortgeschritten, aber auch Nessi war inzwischen dreijährig und würde in einiger Zeit dann zumindest an Sattel und Trense gewöhnt werden können. Als ich gehört hatte, dass Nessi sowohl eingeritten als auch eingefahren sein sollte, war mir nichts weiter als ein Kopfschütteln eingefallen. Eddi hatte es mir so erzählt, anscheinend von den Vorbesitzern erfahren, dennoch glaubte und hoffte ich das noch nicht so ganz. Obwohl die Stute schon ziemlich reif und vor allem erfahren für ihr Alter war, war es definitiv noch nicht an der Zeit, sie bereits vollständig eingeritten zu haben.
      Mit Bee könnte es momentan eigentlich kaum besser laufen. Langsam wurde sie inzwischen angeritten, nachdem sie sich endlich an das Sattelzeug gewöhnt hatte und sogar damit an der Longe gelaufen war. Auch die Stimmkommandos saßen inzwischen einwandfrei und stellten kaum noch Probleme dar, sodass wir bald mit dem Reitergewicht einsteigen würden.
      Pina war … Pina. Noch immer ziemlich misstrauisch, wenn es darum ging, mit jemand Anderem als Gwen oder mir zu arbeiten, weshalb wir beide es waren, die sich mit der Ausbildung der Stute auseinandersetzten. Dennoch hatten wir noch einen ziemlich weiten Weg vor mir, weshalb wir uns besonders bei ihr größtenteils auf die Bodenarbeit und die wesentlichen Aspekte des Vertrauensaufbaus beschränkten. Zwar war die kleine Stute nun seit fast einem Jahr bei uns, trotzdem wollten wir nichts überstürzen; gerade wegen ihrer schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit.
      Auch Icetea würde bald wieder ins Training einsteigen können. Obwohl sie zuvor bereits angeritten worden war, so hatten wir noch jede Menge Arbeit vor uns, bis sie wirklich so weit war.
      „Wann wollen wir mit ihr einsteigen?“, fragte Matthew, der neben mir stand, in dem Moment und deutete dann mit dem Kopf in Richtung der dunklen Ponydame.
      Ich zuckte nur mit den Schultern. Eigentlich war Icetea mehr als bereit, aber ich wollte ihr die Zeit lassen, die sie brauchte, besonders wenn es die Umgewöhnung von der Hitze Wyomings zur Kühle Kanadas betraf. Laut Eddi war es die letzte Zeit in Wyoming brechend heiß gewesen und der Umschwung zum vergleichsweise doch ziemlich erfrischenden Kanada war dann vielleicht nicht so das Wahre, um direkt zu beginnen. Das würde wahrscheinlich weder Icetea noch uns zugute kommen.
      „Ich weiß nicht“, erwiderte ich deshalb nur. „Wir werden dann anfangen, wenn sie sich an ihr neues Zuhause gewöhnt hat. Auch, wenn ich noch nicht einmal weiß, wie lange wir noch etwas von ihr haben werden.“ Gleichgültig winkte ich ab, drehte mich dann um und ging zurück ins Haus, um mir nun endlich das langersehnte Haispiel zu downloaden, von welchem wir nur noch knapp drei Stunden haben würden, es war schließlich nur ein Testwochenende! Und Wochenenden endeten nun mal sonntagabends!

      Depth war eine richtige Enttäuschung. Also, so wirklich. Wir hatten uns ausnahmsweise mal bei Gwen verabredet, also hatte ich bald mit meinem Laptop in der Hand in ihrem Wohnzimmer gestanden, alle Anwesenden begrüßt und war dann schon wieder in Gwens Zimmer verschwunden, wo ich sie glücklicherweise angetroffen hatte. Wir beide hatten uns das Spiel schon installiert, aber so wirklich verstehen taten wir es nicht.
      Deshalb hatten wir von den 19 Spielminuten, die uns bei Steam angezeigt wurden, nicht eine einzige gespielt, sondern nur in irgendwelchen öffentlichen Lobbys gegammelt, weil die dämlichen Leiter nie anwesend waren.
      „Deinstallation?“, fragte ich Gwen nach endlos vielen missglückten Versuchen und sah sie abwartend an.
      „Deinstallation“, besiegelte sie es und ich seufzte nur erleichtert auf. Zum Glück.
    • Rhapsody
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      Wer austeilt, muss auch einstecken können - © Samarti
      | 14. Juli 2015
      „Schaut mal her, was ich kann!“
      Elena saß auf Rapsouls Rücken und während der Hengst gelangweilt über den Hof trabte, vollführte seine merkbar blonde Reiterin irgendwelche Kunststücke, die sie sich allem Anschein nach gerade ausgedacht hatte. Wahrscheinlich hatten die Namen wie „Elena, die ihre Hände in die Luft und die Zunge raus streckt“, bei welchem genau das geschah, oder „Die (f)liegende Elena“ – in diesem Fall wollte Eli wohl so tun, als würde sie fliegen, aber es endete dann damit, dass sie nur flach auf Rapsoul lag und sich nicht mehr aufrichten konnte, weil der Hengst einfach weiter trabte, wie er lustig war.
      „Was ist denn mit dir los? Du bist doch sonst immer die, die auf dem Pferd totaaaal vernünftig und für keinen Spaß zu haben ist“, kommentierte ich das Spektakel und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust. Gwen, die neben mir stand, bekräftige meine Aussage mit einem Nicken und warf unserer Terrorblondine dann ebenfalls einen fragenden Blick zu.
      „Pah!“ Ein weiteres Mal streckte Elena uns hochmütig die Zunge entgegen und wollte wohl mit Rapsoul elegant davon galoppieren; der Schecke hielt davon aber so ungefähr gar nichts. Der zog nämlich in dem Moment einfach den Kopf nach unten, nahm ihn zwischen die Beine und warf gefühlte dreißigtausend Mal seinen Hintern in die Höhe, was Elena mächtig Feuer unter ihrem bereitete. Krampfhaft versuchte die Reiterin, sich im Sattel zu halten und nicht herunterzufallen, was ihr aber dann misslang – mit voller Wucht und jeder Menge Schwung landete sie im frisch gefüllten Misthaufen und versank mit dem gesamten Kopf darin. Während Rapsoul sie nun mit einer Mischung aus „Haha, das sieht lustig aus!“ und „Was macht die Alte da schon wieder?“ beobachtete und sogar den Kopf schief legte, mussten Gwen und ich uns echt bemühen, nicht laut loszulachen. Stattdessen standen wir dort beide und versuchten verzweifelt, unser Grinsen unser Kontrolle zu behalten.
      In dem Moment stieg ein Kopf aus dem Misthaufen empor, allerdings nicht ohne das typische, aus Pferdemist bestehende Vogelnest auf dem Kopf. „Iiih! Mein schöner Reithelm, den habe ich gerade erst neu!“, sang Blondchen traurig ihr Klagelied und starrte dann angeekelt gen Himmel. Ihr Mund stand weit offen und in ihrem Gesicht spiegelte sich das blanke Entsetzen wider.
      Im selben Augenblick konnten Gwen und ich unser Lachen nicht mehr zurückhalten, stattdessen gackerten wir wie die Hühner drauf los und hatten wir uns erst einmal wieder beruhigt, keuchte Gwen: „Da ist der schiefe Turm von Egoisa wohl eingestürzt!“
      „… und die Egitanic gesunken!“, fügte ich nicht weniger belustigt hinzu. Meine Freundin und ich strahlten einander breit grinsend an und gaben uns dann ein feierliches High Five.
      Einen kurzen Moment schien Gwen zu überlegen, dann öffnete sie ihren Mund wieder: „Da hat Gräfin Elena von Ego wohl ihren Titel nicht behaupten können!“
      „… und 'ne Lawine den Mount Egorest verschluckt!“ Ein weiteres Mal hielten wir beide die Hände zum High Five in die Luft.
      „Wenigstens war der Misthaufen keine Jungfrau mehr!“ Völlig am Ende hielt Gwen sich mit der einen Hand den Bauch und streckte mir schon die andere wieder zum High Five entgegen, doch diesmal schüttelte ich nur enttäuscht den Kopf. „Nein, Gwen …“ Nachdem diese Worte meine Lippen verlassen hatten, war es für einen kurzen Augenblick totenstill; wären hier Grillen gewesen, hätte man sie sogar zirpen hören können. Etwas in ihrer guten Laune getrübt, ließ Gwen die zum High Five erhobene Hand wieder langsam sinken.
      „Das war unter der Gürtellinie!“, schmunzelte ich dann noch, ehe ich wieder in lautes Gelächter ausbrach und bei Gwen ein letztes Mal festlich einklatschte.
      Elena für ihren Teil hatte inzwischen genug von dem Spektakel; sie hatte uns die ganze Zeit über mit offenstehendem Mund beobachtet und ihr stand der Zorn ins Gesicht geschrieben. (Okay, eigentlich konnte man den ihrem Gesicht nur entnehmen, weil sie ungefähr so rot wie eine Tomate war. Eine, zugegebenermaßen, ziemlich reife Tomate.)
      Mühsam richtete Vogelnest sich auf, kroch aus dem Misthaufen und schüttelte sich grob das Stroh vom Leib.
      „Oh oh, das Miststück sieht ganz schön böse aus!“ Gespielt ernst und mitfühlend betrachtete Gwen Elena erst mit großen Augen, dann formte sie ein O mit ihrem Mund. Theatralisch hielten wir dann beide die Hände vor den Mund und rissen unsere Augen auf, um unser Entsetzen darüber, wie Elena aussah, auszudrücken.
      „Sag mal, Elena, so kannst du dich doch nirgends blicken lassen!“
      „So traust du dich noch aus deinem Haufen, äh, Haus?“
      „Boah, ich kann dich ja bis hierhin riechen, schlag mal im Duden nach, was 'Duschen' bedeutet.“
      Als Elena uns jedoch einen bitterbösen Blick zuwarf, dann missmutig auf uns zu stapfte und dabei eine Spur von Strohhalmen hinter sich hinterließ, waren Gwen und ich uns einig, dass wir von hier verschwinden müssten.
      „Nichts wie weg hier!“
      „Alle Achtung, aus dem Kuschelkätzchen ist eine Raubkatze geworden!“
      Mit einem angsteinflößenden (oder vielleicht auch eher weniger angsteinflößenden) Kampfschrei stürzten wir beide uns davon und stolperten schon bald in einem Busch, in dem wir uns dann einige Zeit lang versteckten.

      Während wir noch immer in dem Busch saßen und argwöhnisch Elena beobachteten, die nun mit Rapsoul auf dem Hof stand und allem Anschein nach darauf wartete, dass wir wieder auftauchen würden (ha, wir waren wie vom Erdboden verschluckt! Träum weiter, Elena!), lief ihr jemand anders über den Weg: Jojo. Diese führte nämlich gerade Unbridled Dreams neben sich her und hatte mit Dajun anscheinend mal wieder einen Spaziergang unternommen. So, wie es aussah, hielt sie das inzwischen für selbstverständlich, da sie sich schon mehrmals um den Hengst gekümmert hatte, aber mich sollte es nicht stören.
      Nachdem sie praktisch direkt in der Mitte der Bühne (von uns aus gesehen) stand, blieb Jojo irgendwann stehen, sah sich hilflos um und rief dann: „Hey, ich wollte zu Pax, will jemand mitkommen?“
      „Pacco! Es heißt Pacco!“
      „Elisa, wieso verrätst du uns, du Dummkopf?!“ Verdammt!
      So schnell wie es uns möglich war, sprinteten Gwen und ich dann weg. Als ich einen Blick über die Schulter warf, sah ich nur noch, wie Jojo uns gleichgültig hinterher schaute, dann mit den Schultern zuckte und mit Dajun unbeirrt ihren Weg zu Pacco fortsetzte.
      Hinter uns ertönte gleichmäßiges, aber flottes Hufgetrappel. Es war – natürlich – Elena, die doch relativ gemütlich hinter uns her ritt. Wie zur Hölle war sie so schnell aufgestiegen?!

      Die wilde Verfolgungsjagd hinterließ auch bei uns Spuren: Gwendolyn und ich hatten nicht gemerkt, dass wir geradewegs auf einen Zaun zugelaufen waren. Während wir unsere Schritte also verlangsamten, vorm Zaun schlussendlich stehenblieben und uns dann mit erhobenen Händen langsam zu Elena umdrehten (ihr wisst schon, wie in einem dramatischen Cowboyfilm), nickten wir uns zu und sagten dann zeitgleich: „Wir ergeben uns, du hast gewonnen!“
      Elena ballte ihre Hände zu Fäusten und boxte dann glücklich und total fröhlich in die Luft, dann räusperte sie sich und hob das Kinn an. „Ich wusste doch, ich wäre am Ende der glorreiche Sieger!“ Woher sie solche Worte wie „glorreich“ kannte, fragte ich lieber erst gar nicht. Sie hatte mich immerhin schon als Kleptomanin bezeichnet.
      Gwen war schließlich diejenige, die nach einer Weile wieder sprach: „Eli, weißt du, was dein Problem ist?“
      Kopfschüttelnd zog Blondchen die Augenbrauen hoch und wartete auf die Antwort.
      „Du bist zu schnell von deinem sicheren Sieg überzeugt!“, vollendete ich breit grinsend Gwens Satz und nachdem meine Freundin und ich uns kurz angesehen und non-verbal abgesprochen hatten, sprangen wir auch schon gekonnt und mit reichlich Schwung über den Zaun. (Zugegeben, es hatte vielleicht eher wie ein mühsames Drüberklettern ausgesehen, aber es hatte sich wie müheloses Hüpfen angefühlt!)
      Das letzte, was wir hörten, war Elenas hilfloser Aufschrei – dann waren wir auch schon um die nächste Ecke und im Stall verschwunden.
      „Ha, gewonnen!“ Zum wiederholten Male klatschten Gwen und ich ein, wurden allerdings jäh von einer tiefen Stimme unterbrochen.
      „Da seid euch mal nicht so sicher.“ Es war Matthew, der uns beide dann am Kragen packte und mit sich mitzog. „Ich habe nämlich auch noch ein Hühnchen mit euch zu rupfen!“
    • Rhapsody
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      Wunderkind
      | 13- August 2015
      Vor ein paar Wochen hatte Elisa verkündet, sie würde eine Kindergartengruppe eröffnen. Wir alle hatten sie ein wenig schief angesehen, da wir gerade von einem unserer legendären Ausritte kamen, bei dem ausnahmsweise Gwen und ihre blühende Romanze mit irgendeinem von Elenas Kerlen – ich war so schlecht mit Namen! So so so schlecht! – der Mittelpunkt war und nicht die Oberblondine, die wohl ein bisschen beleidigt war, dass wir diesmal Gwen ärgerten und nicht sie.

      Auf jeden Fall waren wir ein wenig fertig – wer hätte gedacht, dass der Sommer im Kanada genauso warm war wie in Deutschland? – und entspannten uns an Elisas Pool weil Elisa verrückt war und sich nach Zoes Kommentar wirklich einen Pool hatte bauen lassen. Ich mein wer konnte schon sagen „Oh, ich glaub, ich hab Lust auf einen Pool!“ und konnte ihn einfach bauen lassen?! Verrückt! Elena war (aus Trotz?) so weit gegangen, dass sie ihre Reithose irgendwo in Elisas Wohnzimmer gelassen, sich eine kurze Hose aus Elisas (oder wohl eher Jolines) „geliehen“ hatte und dann einfach eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken in den Pool gesprungen war. Gwen und ich blieben eher im seichten Bereich, während Elisa immer noch auf der Liege lag.

      Und da verkündete sie dann das mit der Kindergartengruppe. Gwen verdrehte neben mir die Augen, fragte dann aber trotzdem ganz geduldig nach.

      „Na, Pacco ist jetzt zwei, Chesmu ist zwei, Pinero ist zwei … die kommen jetzt aus der Krippe und müssen in den Kindergarten!“

      „So ‘n Käse,“ kommentierte Elena, die sich auf dem Rücken treiben ließ. Das war dann aber ihr einziger Input – immerhin hatte sie nur zwei Jährlingsstuten, die ihr Sozialverhalten problemlos ohne Hilfe von fremden Pferden lernen konnten.

      „Andvari hast du vergessen,“ grummelte Gwen und ließ mich allein im Wasser stehen, um sich vor Elisa aufzubauen. „Und du denkst, du bist eine qualifizierte Erzieherin und kannst so einen Haufen Junghengste managen?“

      Elisas Antwort darauf war ein kurzes Grinsen, gefolgt von einem „Nein. Aber dafür hab ich ja euch!“

      Daraus entsprang dann eine Diskussion über die richtige Erziehung – eine Gruppe von Jünglingen oder lieber in eine bestehende Gruppe integrieren? Schlussendlich blieben wir dann jedoch bei der kleinen Herde von vier; Pax (nicht Pacco! Niemals Pacco!), sein Halbbruder Chesmu, der gepunktete Pinero aus Elenas Zucht und noch Gwens Haflinger Andvari.

      „Hoffentlich werden die dann nicht totale Machos wenn sie alt genug sind,“ sagte Gwen, die sich mittlerweile neben Elisa gesetzt hatte und genüsslich in einen Apfel biss. Kurz darauf sah man, wie ihr Gesicht mit einer Idee aufleuchtete. „Ich hab die perfekte After-Ausritt-Beschäftigung! Wir backen einen Apfelkuchen!“

      Von Elena, die immer noch nicht aus dem Pool gekommen war, gab es Applaus. Elisa sah nicht wirklich begeistert aus, was aber daran lag, dass wir auf ihrem Hof waren und somit ihre Küche verunstaltet werden würde. Und für meinen Part – ich war dagegen. „Ich bin für einen Kirschkuchen. Mit Kirschen aus Gwens Garten.“

      Gwen funkelte mich an und drohte, den Apfel an meinen Kopf zu schmeißen. Von Elena gab es auch wieder Applaus – Essen war Essen. Und Elisa sah genauso unbegeistert aus wie bei Gwens Vorschlag. „Können wir solche Aktionen nicht mal bei Elena machen? Wir sind nie bei Elena! Ich will Elenas Küche ins Chaos stürzen!“

      Und das war dann wohl beschlossene Sache und wurde aufgeschoben auf das nächste Mal.

      ****

      Als ich dann ein paar Wochen später Pax besuchen wollte, stand er nicht mehr auf seiner alten Weide. Ich musste auch nicht lange suchen, denn ich hörte Elisa schon meinen Namen rufen (oder eher kreischen). Ein wenig widerwillig folgte ich ihrer Stimme im unlustigsten Marco-Polo-Spiel der Welt („Marco!“ – „Marco? Hast du schon wieder ‘nen neuen Kerl?“ – „MEINE GÜTE DU MUSST POLO SAGEN!“ – „Aber ich hab doch gar keinen Polo?“).

      Schlussendlich fand ich sie vor einer kleinen Koppel mit Unterstand, auf der jetzt wirklich Pax, Chesmu, Pinero und Andvari standen. Am Koppelzaun hing ein Schild, auf dem (in Comic Sans!!) Elisas Spielgruppe stand. „Dein Humor ist manchmal nicht ganz verständlich,“ bemerkte ich, doch dann erkannte Pax wohl den Klang meiner Stimme oder sowas ähnliches (obwohl sowas natürlich nur in der Wendy passierte). Auf jeden Fall kam er an den Zaun, im Schlepptau natürlich Chesmu. Letztere hielt sich aber im Hintergrund und rupfte nur ein paar Grashalme ab, ignorierte sogar Elisa. Natürlich nahm sie das ein Stück mit – ihr Baby wurde erwachsen und anscheinend war das eine komplette neue Erfahrung für Elisa (nicht, sie übertrieb nur gerne und oft) –aber ich ignorierte das einfach. Stattdessen lockte ich Pax mit Leckerlis und schönen Worten ans Gatter und führte ihn erst einmal auf den Putzplatz. Wenn er schon bei Elisa stand, dann konnte ich auch ihren Hof dreckig machen.

      Weil ich mit Pax schon so viel geübt hatte, blieb er natürlich total ruhig stehen, während ich ihm die Mähne kämmte und die Beine bürstete und die Hufe auskratzte. Danach ging es auf den Platz – jetzt war es auch schon egal, was ich alles auf Elisas Hof beanspruchte.

      Für ein paar Momente stand Pax etwas verloren auf dem Platz, neben ihm ein blauer Gymnastikball. Es schien, als würde er erst einmal die Erlaubnis von mir einholen wollen, eher er den Ball vorsichtig mit der Schnauze berührte. Doch schon bald fegte er über den Platz, stoppte haarscharf und raste dann in die andere Richtung. Das durfte er dann für etwa zehn Minuten machen, bis ich zusammen mit ein paar Trabstangen den Reitplatz betrat. Pax hörte auf, dem Ball hinterher zu rennen und sah mir neugierig zu, wie ich die Stangen auf dem Boden anordnete, später eine Plastikplane auf dem Boden ausrollte und schließlich auch ein paar blaue Tonnen in einem Slalom aufstellte. Auf mein Pfeifen kam mir der Junghengst entgegen und ließ mich den Führstrick auch problemlos wieder anhaken.

      Bevor wir zu irgendeiner Übung kamen, sahen wir uns die ganzen Stationen erst einmal an. Zwar waren die Stangen nicht neu für ihn und auch die Plastikplane kam ihm bekannt vor, doch mit den Tonnen hatten wir zuvor nie gearbeitet. Vor ihnen blieb der junge Lewitzer mit geblähten Nüstern stehen, traute sich jedoch trotzdem, eine von ihnen anzustupsen. Sie wackelte ein wenig, woraufhin Pax natürlich erst einmal zusammen schreckte, dann aber das Ganze wiederholte.

      Nach ein paar Runden Schritt joggte ich schließlich los, der Zweijährige etwas widerwillig hinterher. Das Traben an der Hand hatten wir auch schon fleißig geübt in den letzten Monaten; sobald er mich überholte, wurde ich langsamer und schickte ihn zurück, um es dann noch einmal zu versuchen. Das Resultat: wir beide trabten in ein und demselben Tempo, keiner drängelte. Gut, dann wäre das wohl auch abgehakt.

      Als erstes ging es an die Stangen, erst einmal nur im Schritt darüber. Wir blieben über jeder Stange stehen, sodass Pax sie kurz beschnuppern konnte und dann ging es auch schon weiter. Im Trab war das Ganze auch kein Problem und ich konnte nicht anders als hoffen, dass Pax später wohl mal seinen Platz auf Springturnieren finden würde. Dadurch wäre er zwar ein ziemliches Gegenteil von seinem Papa, aber wer sah schon springende Kühe? (Die Antwort: In Kanada niemand. In Bayern … gibt es durchaus Leute, die springende Kühe gesehen haben wollen. Verrückt, diese Bayern.)

      Bei der Plane brauchte Pax dann einige gut gemeinte Worte ehe er einen Huf auf das blaue Plastik setzte. Nach dem ersten Schock, bei dem er sich scheinbar zu Stein geworden war, seufzte er schwer (das Leben eines zweijährigen Lewitzerhengstes war sooo anstrengend!) und setzte schließlich auch die anderen Hufe auf die Plane. Ganz überzeugt sah er nicht aus, aber wir hatten ja genug Zeit, daran zu arbeiten. Anschließend folgte ein Mix aus den Stangen und der Plane, gefolgt von Führungsübungen. Auf die ersten Kommandos hörte er schon prima, Sachen wie ‚Halt‘ und ‚Scheritt‘ saßen gut, was natürlich nur gut sein konnte für seine weiteren Lebensweg. Immerhin sollte er, sobald er alt genug war, fleißig an der Longe gehen. Das hatte aber noch Zeit – genug Zeit.

      Die letzte Station war der Tonnenslalom. Immer noch nicht ganz überzeugt von ihnen blieb er wie angewurzelt stehen, also ließ ich ihn erst einmal die Situation abschätzen. Dann, langsam und behutsam, führte ich ihn dann an der ersten Tonne vorbei. Dort blieben wir stehen, damit er Zeit hatte, das erst einmal zu verarbeiten. In kleinen Stücken kämpften wir uns durch, bis wir es schließlich geschafft hatten und am anderen Ende herauskamen. Pax‘ Nüstern waren gebläht, doch er wirkte nicht mehr so eingeschüchtert. Also probierten wir es noch einmal, machten eine kleine Verschnaufpause und gingen dann alle drei Stationen noch ein paar Mal an. Danach merkte ich, wie Paccos Konzentration langsam schwand und beschloss, es für heute gut sein zu lassen. Ich führte ihn guter Laune auf den Putzplatz – von Elisa war keine Spur mehr – und machte mich daran, die ganze Putzprozedur zu wiederholen, damit es für den Junghengst zu einer normalen Alltagsbeschäftigung wurde, wenn Menschen ihn an den Beinen, dem Rücken und sonstigen Körperteilen anfassten. Zur Belohnung gab es dann noch einen Eimer voller guter Dinge; Äpfel, Karotten und sogar eine Banane, die sich nur selten in das Futter meiner Pferde verirrte.

      Mit bananenveschmierter Nase durfte der kleine Rappschecke dann letzten Endes zurück in seine Spielgruppe. Und sobald ich ihm den Führstrick abgemacht hatte, war ich für ihn Luft, denn es zählten nur noch seine neuen Kumpels. Das störte mich nicht sonderlich, sondern zeigte mir nur, dass mein erstes Zuchtfohlen einen gut ausgeprägten Sozialsinn hatte. Das bedeutete nicht, dass er mir nicht mehr gehorchen würde, nur, dass Artgenossen gerade interessanter waren also so eine komische Tante am Zaun.

      Apropos Sozialsinn. Es war eindeutig zu lange her, dass wir alle – Gwen, Elisa, Elena und ich – einen Filmeabend gemacht hatten. Es waren bestimmt schon mindestens zwei Wochen und dafür konnte ich nicht stehen.
    • Rhapsody
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      Ein Schild für den Sarkasmus - © Gwen
      | 11. September 2015
      „BOAH! Ihr glaubt nicht, was mir heute passiert ist!“ – Das war Elisa, wie sie Haare raufend in ihr eigenes Wohnzimmer gestürmt kam. Dort waren ausnahmsweise mal wieder Elena, Jojo und ich versammelt. Uns war nämlich aufgefallen, dass wir heute noch gar nicht bei Elisa gewesen waren und zum Glück hatten wir uns dann doch noch dafür entschieden! Ich meine, wem hätte sie sonst ihre berauschende Story erzählen können?
      Bisher zog aber nur Jojo ihre eine Augenbraue hoch. Eli hatte sich von uns abgewandt und ich vermutete, dass sie wieder heimlich selbst übte, nur eine Augenbraue hochzuziehen. „Elena! Dafür ist jetzt keine Zeit!“, mahnte ich sie und schob sie wieder richtig. Elisa hatte inzwischen ein paar Mal Luft geschnappt und erzählte uns nun die tragische Geschichte ihrer schwierigen Kindheit in einer Familie, die weder Ironie, noch Sarkasmus oder Witz verstanden.
      „Oha“, meinte Elena nur und schielte schon wieder Richtung Küche, sie wartete wahrscheinlich auf den Moment, in dem Elisa so aufgelöst sein würde, dass sie Elena aus den Augen ließ. „JA! Ein Wunder ist es, dass ich so geworden bin wie ich bin und das in so einer Familie! Das fällt bestimmt auch unter Missbrauch! Oder unter Vernachlässigung!“, echauffierte sich Elisa weiterhin.
      „Weißt du was! Wir bauen jetzt Schilder! Für den Sarkasmus!“, erklärte ich und reckte die Faust in die Luft. Elisa klatschte wild in die Hände und Jojo kippte vor Begeisterung von der Sessellehne. „Nein! Das geht nicht. Ich muss mit Baila für die FS üben!“, warf Elena ein und duckte sich dann ganz schnell hinter die Küchentheke, als Elisa ihre Wasserpistole aus dem Geheimversteck holte. „RAUS AUS MEINER KÜCHE!“

      Eine halbe Stunde später – Elena hatte sich erst einmal trockene Klamotten holen müssen – hatten wir uns auf den Reitplatz versammelt. Also Elena mit Baila auf dem Platz und der Rest davor. Während nun Elena fleißig für die Fohlenschau übte, begannen wir mit den Schildern. Elisa hatte Matthew dazu angeheuert uns Bretter, Pinsel und Farbe zu besorgen und nach der Drohung mit der Wasserpistole hatte er das auch sofort getan. „So hast du hier also alles unter Kontrolle“, hatte ich nur gemurmelt und dann mit malen angefangen.
      „Boah die sehen voll scheiße aus!“, kommentierte Elena irgendwann unsere Arbeit. Ich warf ihr vor Wut den Pinsel entgegen, denn meins sah echt scheiße aus. Als Linkshänder hatte ich mein Geschriebenes wieder schön verwischt, als ich noch eine kleine Floskel hatte drunter setzen wollen. Inzwischen war das Schild vor Wut komplett weiß angemalt.
      Elena schnappte sich schwarze Farbe und schrieb „Gwendoktopus ist sauer!“ darauf, woraufhin ich sie samt Fohlen über den halben Hof jagte. Elisas und Jojos sahen ganz passabel aus. Allerdings hatte Jojo wie immer Pacco im Schlepptau gehabt und der war irgendwann der Meinung, über ihr Schild drüberlatschen zu müssen und so war auch dieses dahin.
      Nun hatte nur noch der Sarkasmus ein Schild. „Na ja. Reicht doch“, meinte Elisa und streckte stolz ihr Schild in die Höhe. Es war zwar von Anfang an das schönste gewesen, aber jetzt hatte es auf jeden Fall keine Konkurrenz mehr.
      „Ich hab keinen Bock mehr“, murmelte ich und schnappte mir dann mein Pferd, was witzigerweise wieder bei Elisa im Stall stand. „ICH KOMME MIT!“, tönte es dann plötzlich schon zerrte Elisa hinter mir Vendetta aus dem Stall. Die arme Stute musste den gesamten Ritt über ein Sarkasmus-Schild tragen und Elisa bestand auch darauf, dass wir durch die Stadt ritten, damit es alle sehen konnten.
      Elena war übrigens aus dem Grunde nicht mitgekommen, weil ihre gesamten Sachen mit schwarzer und weißer Farbe bekleckert waren und Jojo hatte schon wieder über Bauchschmerzen geklagt. Deshalb war ich mit dieser Verrückten hier alleine unterwegs. Aber das war schon gut so.
      „Ich mag dich“, meinte ich dann ehrlich lächelnd zu Elisa, die drehte sich zu mir um und haute mir das Sarkasmusschild auf den Kopf. „Ich dich auch!“
    • Rhapsody
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      Aftermath
      | 22. Oktober 2015
      Mehr oder weniger gesund und munter (Elisa: gesund und munter; der Rest: nicht so), unendlich froh, dass Jolympia vorbei war, lümmelten wir alle bei Elisa (wem sonst) auf dem Sofa herum. Gwen und ich hatten gerade einen Spaziergang mit Pacco und Andvari unternommen und waren zusammen mit den zweien und Chesmu zu Elena rübergelaufen. Die hatte gar nicht viel zu sagen sondern wurde einfach mitgeschleppt.

      Es war arschkalt gewesen, und weil die Ponys eh wieder auf Elisas Weide („Kindergarten“) mussten, quartierten wir uns einfach bei ihr ein. Dass Elisa gar nicht da war, störte uns wenig – immerhin hatten wir Matthew zur Belustigung (und als denjenigen, der für uns Elisas megateure Kaffeemaschine bediente).

      Als Elisa dann endlich heim- beziehungsweise reinkam, diskutierte ich gerade mit Gwen und Elena über Integrale und ihre absolute und relative Unnötigkeit.

      „Ich hab zwei Fragen,“ fing Elisa an. „Erstens, warum seid ihr in meinem Wohnzimmer. Zweitens, warum zur Hölle regt sich ein Hufschmied über Integrale auf?“

      „Weil sie unnötig sind,“ brummelte ich in meine heiße Schokolade hinein. Wenn man schon unbedingt aussehen wollte wie ein S aber kein S war, war man unnötig.

      Eine Antwort auf die erste Frage bekam sie nicht; ich war mir auch ziemlich sicher, dass sie keine erwartete. Stattdessen holte sie sich auch eine heiße Schokolade (weil Kaffee einfach eklig war) und setzte sich vor uns auf den Boden.

      „Nächste Frage –“

      „Wird das jetzt ein Q&A?“ unterbrach Elena sie. „Wenn ja, dann möchte ich bitte erst mit meinem Agenten telefonieren, ich mach so was Öffentliches nicht ohne Rücksprache.“

      Und Elisa ignorierte sie einfach, während Gwen ihr ein Kissen ins Gesicht schlug. Leider war die Tasse im Weg und somit saute Elena das schöne Sofa mit Kaffee voll.

      Ignorance is bliss oder so, zumindest sagte Elisa sich das wohl gerade, denn sie starrte Elena kurz an und wandte sich dann wieder an alle. „Habt ihr nichts Besseres zu tun als auf der Couch zu sitzen – meiner Couch – und zu trinken? Vor allem du, mit deinen Integralen?“

      „Мы не можем пить. Водка пуст,“ schaltete sich das mittlerweile nasse Sprachgenie ein. Aber wieder wurde sie ignoriert – die Arme.

      „Alles schon erledigt,“ sagte ich grinsend. „Deswegen hab ich Angestellte.“ Daraufhin zog Elisa nur eine Augenbrauen (das würde sie zwar nur schaffen, wenn sie eine Monobraue hätte, aber ich gönnte ihr den „Erfolg“).

      „Schieß los.“

      Ich verdrehte die Augen, aber mein Gehirn setzte sich in Gang und ich erinnerte mich an die Teambesprechung (Frühstück) heute Morgen.

      „Wir waren mit Pax, Andvari und Chesmu spazieren. Danke übrigens, haben wir gern gemacht. Dann war ich noch mit Chepa auf den Platz, ein bisschen Springen, und später muss ich noch mit Vaffanculo und Quixoticelixer was machen. Zoe hat Newt und Outside Girl übernommen weil Zoe klasse ist und auf Dressur steht, was man ihr vielleicht gar nicht ansieht. Oh, und Adèle hat sich um Cíola, Symbolic Splash und Sikari gewundert weil Adèle ein Schatz ist.“

      Ein paar Augenblicke sah Elisa mich nur an, dann grinste sie. „Du hast dein liebes Katapult vergessen.“

      „Dann eben Sternchen nach ‚vielleicht gar nicht ansieht‘: Joline ist supertoll und die einzige, die freiwillig mit Capulet ins Gelände geht, also hat sie das heute übernommen.“ Jetzt durfte ich sie angrinsen. „Ich hab das alles im Griff, vertrau mir.“

      ***

      Das Training mit Quixo und Val war zwar mehr als anstrengend gewesen – sogar Quixo hatte sich heute gegen alles gesträubt – aber dafür hatte ich mir die Lasagne, die Adèle bereits im Ofen hatte, als ich hereinkam, mehr als verdient.

      Das Abendessen, das offiziell auch Abendbesprechung hieß, verlief ziemlich ruhig. Abgesehen von Quixo war wohl jedes andere Pferd normal gewesen, mit Cíola und Lashy gab es sogar große Fortschritte – beide trabten jetzt auf Sprachkommando an, was bedeutete, dass wir einen Schritt näher am Anlongieren waren.

      „Ich will ihnen natürlich genug Zeit geben,“ meinte ich. „Aber andererseits kann ich’s kaum erwarten, die beiden zu richtigen Turnierpferden zu erziehen.“

      „Später natürlich,“ sagte Adèle grinsend. In dem Moment klingelte prompt mein Handy und ein kurzer Blick aufs Display verriet mir, dass es meine Mutter war.

      Es war zwei Uhr nachts in Deutschland.

      „Sorry, Leute, ich glaub, ich muss da rangehen.“

      ***

      Etwa eine Stunde später beendete ich das Gespräch und saß für ein paar Augenblicke einfach nur still auf meinem Bett. Es gab wohl keinen anderen Ausweg; ich musste zurück nach Deutschland. Zumindest für ein paar Monate.

      Nur wie verklickerte ich jetzt Zoe und Adèle, dass sie die nächsten Monate auf sich allein gestellt waren? Bestimmt würde Declan ihnen auch helfen, wenn Not am Mann war, und Gwen, Elena und Elisa waren ja auch noch da. Und sie würden es natürlich verstehen. Trotzdem begann ich mich sofort schlecht zu fühlen. Noch schlechter.

      Auf leisen Sohlen ging ich zurück ins Esszimmer/Wohnzimmer/Küche, wo meine beiden Kolleginnen immer noch freundlich miteinander quasselten. Adèle sah mich als erstes und bemerkte wohl sofort meinen Gesichtsausdruck. „Ist was passiert?“

      Ich hatte eigentlich gedacht, dass es schwer sein würde, so etwas zu sagen. Aber meine Stimme wackelte nicht einmal, als ich von meiner Schwester erzählte, die auf dem Heimweg von einem Freund einen Autounfall hatte und jetzt im künstlichen Koma lag.

      Machte mich das jetzt zu einem schlechten Menschen?

      Es dauerte dann doch noch mal ein bisschen, bis ich den beiden – die mich übrigens sofort umarmt hatten und versucht hatten, mich zu trösten – gestehen musste, dass ich in den nächsten Tagen wohl nach Deutschland abreisen würde, eben so schnell wie möglich. Doch anstatt zu meckern oder zu verzweifeln, versicherte Zoe mir, dass sie das schon irgendwie hinkriegen würden. „Immerhin haben wir ja noch Declan. Und Elisa. Und Elena und Gwen. Das kriegen wir schon hin.“

      Keine zwei Tage dauerte es, bis ich schließlich mit Koffern bewaffnet auf dem Weg zum Flughafen war. Ich hasste Abschiede wie die Pest, deswegen durfte keiner mit und mir vom Gate aus zuwinken oder so einen sentimentalen Bullshit veranstalten. Elisa, Elena und Gwen hatte ich es am gleichen Abend noch gebeichtet und auch sie hatten natürlich gleich ihre Hilfe angeboten. Wie gute Freunde das eben machten.

      Um ehrlich zu sein vermisste ich den Hof schon, als der Flieger in die Luft abhob.
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    9 | Gnadenweide
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    4 Nov. 2016
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    Name: Pacco
    Zuchtname: -
    Rufname: Pax


    PEDIGREE
    __________________________________

    von: Paramour

    von: Lindenhain's Picasso
    von: unbk.
    aus der: unbk.

    aus der: Farfalla vom Heidenhof
    von: unbk.
    aus der: unbk.



    aus der: Romantica

    von: Puzzle
    von: Thraw
    aus der: Frosting

    aus der: Radetta
    von: unbk.
    aus der: unbk.


    EXTERIEUR & INTERIEUR
    __________________________________

    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Lewitzer
    Geburtsdatum | Alter: 20. März | 5 Jahre
    Stockmaß: 147 cm
    Farbe: Rappschecke
    Abzeichen: scheckungsbedingte Abzeichen | scheckungsbedingte Abzeichen


    Charakter:

    Zwar lassen sich in Pacco nach wie vor seine beiden Eltern finden – nach wie vor ist er ein kleines Sensibelchen, dass zu gerne schmust – doch durch die kleine Koppel mit Gleichaltrigen kristallisiert sich auch sein Flegelbenehmen heraus. Vor allem lässt sich das bei den ersten Trainingseinheiten sehen; der etwas über zwei Jahre alte Junghengst muckt sich auf und testet. Trotzdem will er gefordert werden und Neues lernen, denn die alte blaue Knisterplane ist schon längst langweilig geworden. Doch trotz dieser Flegelmanieren bleibt er ein durchaus lieber Hengst, der dann doch eher in Richtung seines Vaters geht. Zusammen mit Gleichaltrigen verbringt Pacco noch ein paar Monate fernab jeglicher Zivilisation, ehe man mit der Arbeit zum Reitpferd hin beginnen wird.


    STALLINTERN
    __________________________________

    Untergebracht in: Stall C
    Weidepartner: Paramour, Ironic
    Fütterungsplan: Heu



    Besitzer: Rhapsody
    Reiter: -
    Ersteller/VKR: Elii


    QUALIFIKATIONEN & ERFOLGE
    __________________________________

    Eignung: -
    Einsatz als: Privatpferd | Jungpferd


    Ausbildung
    Fohlen ABC



    Dressur E A L M* M** S* S** S***

    Springen E A L M* M** S* S** S** S***

    Military E A L M* M** S* S** S***


    Erfolge


    Offizielle Turniere

    -

    Andere

    -

    ZUCHTINFORMATIONEN
    __________________________________



    Decktaxe: -
    Genotyp: aa EE Toto
    Aus der Zucht: Pine Grove Stud, Manitoba, CA
    Eingetragene Zucht: Sandringham Manor, Norfolk, UK
    Nachkommen:


    -

    GESUNDHEITSZUSTAND
    __________________________________

    Chipnummer: 124 4 20 277627587
    Chronische Krankheiten: -
    Letzter Tierarztbesuch: -

    von: -

    Fehlstellungen: -
    Beschlagen: -
    Letzter Hufschmiedbesuch: 15. Dezember 2016

    von: Hufschmiede Pine Grove Stud
    __________________________________

    Spind | Offizieller Hintergrund