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Mohikanerin

// Northumbria

Standardbred

// Northumbria
Mohikanerin, 15 März 2021
Stelli, Cascar, MeisterYoda und 7 anderen gefällt das.
    • Mohikanerin
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      kapitel sju | 2. Dezember 2021

      Einheitssprache // Sign of the Zodiac LDS // Avenue Shopper LDS // Northumbria // Lubumbashi // Form Follows Function LDS

      Lina
      Entspannt stand ich neben der jungen Stute und beobachtete wie sie das Gras ausrupfte. Zoi hatte heute hervorragend mitgearbeitet. Somit beendete ich das Training schneller als ich erwartet hatte und sie durfte noch ein wenig auf dem Grasstreifen neben Round Pen grasen. Heute war eigentlich ein ziemlich ruhiger Tag auf dem Hof. Erik und sein Mini-Me waren irgendwo in der Stadt unterwegs und Vriska lag seit gestern mit einer fetten Erkältung im Bett. Demnach, was ich Niklas Nachrichten hatte entnehmen können, war ihr Abend am Dienstag wohl noch ziemlich lang gewesen. Und zum Leidwesen meines Freundes, war das was Erik, Vriska und sein Vater veranstalten auch nicht gerade leise gewesen.
      “Oh Mist”, fluchte ich, als ich auf die Uhr blickte, “Zoi, wir müssen los!” Eigentlich sollte ich in zwei Minuten vor der Reithalle sein, um mich mit der Besitzerin, des Freibergerhengstes zu treffen. Schnellen Schrittes machte ich mit Zoi im Schlepptau auf den Weg zu ihrer Koppel und wollte sie zügig wegstellen, doch wie das so war, wenn man eilig hatte stellte sich etwas in den Weg. In diesem Fall war es ein Pferd. Avenue hatte sich genauso hinter dem Tor platziert, dass ich es zwar aufbekam, aber kein Pferd an ihr vorbeipasste.
      “Komm schon, Ave, jetzt bewegt dich.” Zentimeterweise ließ sich die Scheckstute tatsächlich wegschieben, sodass ich Zoi auf die Koppel stellen konnte.
      In Eile kam ich schließlich 5 Minuten zu später vor der Reithalle an, vor der bereits eine blonde Frau wartete. Sie sah ziemlich freundlich aus und schätzte sie ungefähr auf Ende dreißig, vielleicht auch ein wenig älter.
      > Du är säker fru Sjögren, ursäkta mitt dröjsmål.
      “Sie sind sicher Frau Sjögren, entschuldigen Sie bitte meine Verspätung”, begrüßte ich die Dame und schüttelte ihr höflich die Hand.
      > Det behöver du inte ursäkta, det är bara några minuter.
      “Sie brauchen sich nicht entschuldigen, es sind ja nur ein paar Minuten”, lächelte sie freundlich und bot mir sogleich das du an. Nach ein wenig Small Talk fragte sie auf einmal:
      > Du är faktiskt inte härifrån, eller hur? Jag har aldrig hört din accent här.
      “Du bist nicht von hier, oder? Ich habe deinen Akzent hier noch nie gehört.” Diese Frage irritierte mich ein klein wenig, war mir bisher nicht bewusst gewesen, dass sich mein Schwedisch so sehr abhob. Freundlich antwortete ich:
      > Nej, jag är ursprungligen från Finland.
      “Nein, ich komme ursprünglich aus Finnland.” Freundlich nahm Ilse dies zur Kenntnis und unterhielt sich ein wenig über meine Heimat. Auf dem Weg zu dem Paddock, wo der Hengst wohnte, erzählte sie bereits ein paar Dinge zu Einheitssprache und seinem Charakter. Dass der Hengst Bodenarbeit sehr zugetan sein sollte, gefiel mir dabei schon ziemlich gut. Die Konversation fiel mir nicht ganz leicht, noch immer war ich nicht ganz fit in der Landessprache. Je mehr schwedisch ich sprach umso häufige fiel mir auf, dass es Wörter zu geben schien, die sich stark von denen die ich in meiner Heimat gelernt hatte unterscheiden.
      > Hur kommer de till en Freiberger? Detta är inte exakt en ras som förekommer här ofta.
      “Wie kommen sie zu einem Freiberger? Dies ist nicht gerade eine Rasse, die hier oft vorkommt”, fragte ich freundlich nach. Diese Rasse war im Allgemeinen nicht sonderlich bekannt und ihr Herkunftsland lag jetzt auch nicht gerade um die Ecke.
      > Det här är en tillfällighet. På den tiden letade jag helt enkelt efter en bra vagnshäst och blev medveten om honom genom ett Online-erbjudande.
      “Das ist Zufall. Damals war ich einfach auf der Suche nach einem guten Fahrpferd und wurde durch ein Onlineangebot auf ihn aufmerksam”, erzählte die Frau, bevor sie eine Frage an mich stellte:
      > Har du erfarenhet av att köra vagn?
      “Hast du Erfahrung mit dem fahren?”
      > Lite.
      “Ein wenig”, lächelte ich aufgesetzt,
      > men det var länge sen.
      ”Aber es ist schon lange her.” Schon allein der Gedanken mich eine Kutsche zu näher jagte mir Schauer über den Rücken, seit dem Tag vor 10 Jahren hatte ich dies nicht mehr getan. Ich konnte nur inständig hoffen, dass nicht erwartet wurde, dass ich den Hengst tatsächlich vor eine Kutsche spannte.
      Mittlerweile waren wir an dem Paddock angekommen. Etwa in der Mitte des Auslaufes, stand der kräftige Freiberger. Außer einer hübschen, großen Blesse und weißen Hinterfüßen war er komplett schwarz, nur an Bauch, Maul und an den Hinterbeinen war es ein wenig heller und ließ erkennen, dass er eigentlich ein Brauner war. Sein langes dickes Langhaar war Rabenschwarz mit einem hübschen Verlauf ins Schokoladenbraune, darin niedliche kleine Zöpfchen. Ich war schier überwältigt. In echt sah der Hengst noch so viel beeindruckender aus, als auf den kleinen Bildchen die auf dem Zettel aufgedruckt waren. Ein Wunder, dass mir der Hengst bisher nicht aufgefallen war, wo er doch quasi vor meiner Nase stand.
      > Wow, verkligen en underbar kille. Han är en Urfreiberger, eller hur?
      “Wow, wirklich ein wunderbarer Kerl. Er ist ein Urfreiberger, nicht wahr?”, staunte ich noch immer. Ilse nickte anerkennend und fragte sogleich, woran ich das erkannt hatte. Freudig erklärte ich ihr die typischen Merkmale im Körperbau eines Urfreibergers, die bei ihrem Hengst sogar besonders deutlich ausgeprägt waren. Aus meiner Sicht war dies ein Pferd mit hervorragender Qualität, worauf sicher jeder Züchter stolz sein würde.
      Interessiert kam das Pferd an getrottet und streckte mir seine Nase entgegen. Erst jetzt fielen mir seine Augen auf, die hell aus dem dunklen Fell hervorstachen.
      > Hur vet du så mycket om Freiberger?
      “Woher wissen Sie so viel über Freiberger?”, fragte sie Besitzerin des Hengstes interessiert und reichte mir ein einfaches schwarzes Halfter, mit ein wenig Plüsch an Genick- und Nasenriemen.
      > Jag har själv en Freiberger, så jag är väldigt intresserad av denna ras.
      “Ich selbst habe einen Freiberger, daher interessiere ich mich sehr für diese Rasse”, erklärte ich. Ungeduldig schlug Einheitssprache mit dem Kopf. Unbeeindruckt von seinem Rumgehampel legte ich ihm das Halfter an und folgte Ilse zum Putzplatz. Während ich den Hengst putze, beobachte die Frau mich genau, wie ich mit der ungestümen Art zurechtkam. Im Anschluss schlug Ilse vor noch eine kleine Runde spazieren zu gehen, um sich noch einen besseren Eindruck machen zu können. Einheitssprache zeigte sich dabei nicht gerade als das wohlerzogenste Pferd. Er schubste mich frech an, versuchte mir den Strick aus der Hand zu klauen und begann zu drängeln, wenn es ihm zu langsam ging. Aber ganz so doof stellte ich mich offenbar nicht an, denn als wir dem Freiberger wieder wegbrachten, hatte ich den Job. Ich freute mich ein so wunderschönes Tier zu meinen Schützlingen zählen zu dürfen, auch wenn es mich davor graute, dass der Hengst bis Klasse S gefahren war. Wie für Freiberger üblich war er 3-Jährig zwar angeritten worden, hatte aber danach wohl nie wieder einen Sattel aus der Nähe gesehen, weshalb reiten wohl keine Option sein würde. Zum Glück besaß ich die Freiheit, den Hengst so zu unterhalten wie ich es für richtig hielt, denn Ilse ging es nur darum, dass er nicht den ganzen Tag nur auf dem Paddock rumstand. Irgendetwas würde mir sicher einfallen wie ich Einheitssprache beschäftigen konnte ohne in näheren Kontakt mit dem Fahrsport treten zu müssen.

      Vriska
      Nie wieder! Ich hatte mir geschworen nie wieder einen derartigen Absturz zu erleiden, aber aus unerfindlichen Gründen passierte es doch und es hatte einiges mit meinem körperlichen Zustand gemacht. Langsam bekam der Kaffee seine Wirkung und ich schaffte es einen klaren Gedanken zu fassen, zumindest so klar, dass realisierte, dass Trymr neben mir am Tisch saß und mit seinem Schwanz den Boden wischte. Mit weit geöffneten Augen sah er an mir hoch und brummte wehleidig.
      „Willst du raus?“, fragte ich vorsichtig. Verwundert drehte er schräg den Kopf von links nach rechts. Ach ja, der Hund versteht kein Deutsch, also versuchte ich es noch einmal auf Schwedisch. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang er auf und rannte zur Tür. In tiefsten Tönen jaulte Trymr und brummte noch einige Male. Ich sah mich gezwungen zumindest die Schlafsachen gegen ein anderes Outfit zu wechseln. Als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass das Shirt gar nicht mir gehörte und auch viel mehr ein Hemd war, genau genommen eins von den ziemlich teuren aus Eriks Sammlung. Überall war es zerknittert und alles andere, als in einem guten Zustand. Dennoch legte ich es fein säuberlich über die Lehne des Stuhles und griff nach dem ersten Pullover, den ich im Schrank fand. Wie hätte es anders sein sollen, war es mein Cheerleader Oberteil für kalte Trainingstage aus vergangener Zeit. Als Hose sollte eine der diversen Jogginghosen ihren Dienst leisten. Vom Kleiderhaken nahm ich die Hofjacke ab und setzte die Kapuze auf. Trymr trug bereits sein breites Lederhalsband, also nahm ich nur die Leine und verließ mein Bungalow. Schlüssel brauchte ich nicht, denn noch nie hatte ich dieses verschlossen.
      Langsamen Schrittes liefen wir Richtung Wald, wo uns Folke mit Humbria entgegenkam. Die windfarbene Stute war vollkommen verschwitzt und sah äußerst müde aus. Glauben, dass Niklas ein erstklassiges Eventingpferd aus dem Pferd zu machen, empfand ich von Anfang an als ziemlich hochgestochen. Dennoch bewunderte ich seinen Mut, es zumindest einige Male versucht zu haben, auch, wenn es für wenig Stärke zeugte, so schnell aufzugeben. Ich akzeptierte seine Entscheidung und würde mir nie wagen, diese infrage zu stellen.
      > Jag trodde att du aldrig skulle komma ut.
      „Ich dachte schon, dass du nie wieder herauskommst“, lachte Folke und fuhr an uns vorbei. Mehr als ein müdes Lächeln konnte ich nicht von mir geben und lief weiter.
      Teilweise glitzerte die Sonne durch die Kronen der Bäume und warf kleine Lichtblicke auf den verwurzelten Waldboden. Alles lag so still, dass ich mir nicht vorstellen konnte in London das Getose der Menschenmassen zu hören oder von einem der Taxis beinah zu Tode gefahren zu werden. Trymr blieb nah bei mir. Mittlerweile war ich fest davon überzeugt, dass dieser Hund auf keinen Fall bei Erik bleiben wollen würde, wenn sich unsere Wege trennen würden. Ja, ich sprach im Konjunktiv, denn nach dem Abend wollte ich nichts lieber, als für bei ihm zu bleiben. Es war keine Erinnerung, die mir diesen Gedanken gab, viel mehr ein Gefühl tief in meinem versteinerten Herzen. Alles kribbelte in mir, als ich innerlichen an ‚Vriska Harley Löfström‘ dachte. Vom Klang gefiel es mir nicht, aber die Bedeutung dahinter, schien viel wichtiger zu sein. Ein verträumtes Lächeln tuschte mir über die Lippen. War es das, wovon alle immer sprachen, wenn sie über ‚Schmetterlinge im Bauch‘ redeten?
      Obwohl das Atmen noch immer in der Lunge schmerzte, ging es mir schon deutlich besser nach der Runde im Wald. Trymr legte sich zufrieden auf den weichen Teppich vor der Couch, aber beobachtete jeden Schritt, den ich machte. Dazu gehörte auch, endlich mal auf mein blödes Handy zu schauen. Es hing noch immer am Ladekabel und als ich es entsperrte leuchteten mehr als Hundertzwanzig neue Mitteilung in der Mitteilungszentrale. Kurz überflog ich alles und löschte zunächst alles Unnötige, damit ich einen Überblick bekam, worauf ich auf jeden Fall klicken müsste. Neben einigen von Erik, leuchtete auch neben Niklas eine blaufarbende Neun. Warum hat der mir so viele Nachrichten geschrieben? Rein interessehalber drückte ich dort als Erstes rauf. Ich sah, dass es nicht nur Nachrichten von ihm gab, sondern offensichtlich auch welche von mir. Beim durchscrollen bemerkte ich, dass ich offenbar das alles erst in Gang gesetzt hatte.
      Wow. Perplex fiel mir mein Handy aus der Hand und starrte in die Leere. An Niklas erinnerte ich mich gar nicht mehr. Lief da etwas? Gehörte das zu den Gründen, wieso ich so viel getrunken hatte?
      „Es tut mir unglaublich leid, dir solche Sorgen bereitet zu haben. Das wollte ich nicht.
      Ich habe voll den Filmriss und weiß nicht mehr was seit Dienstag 23 Uhr passiert ist, und ja. Ich weiß, dass heute Donnerstag ist …“, tippte ich in Windeseile auf dem Bildschirm ein, nach dem ich es von Boden wieder aufhob. Gespannt starrte ich weiter auf das Display, bis sich gesendet zu gelesen änderte und das drei animierte Punkten auf seiner Seite auftauchen. Er schrieb, schrieb und schrieb, aber eine Nachricht kam bei mir nicht an.
      „Wir müssen uns nachher treffen, dann sprechen wir. Bin gegen neun Uhr am Abend am Stall, erwarte dich“, kam es urplötzlich, als ich es gerade zur Seite legen wollte. Es stellte sich somit nicht einmal die Frage, ob ich es wollte. Ich musste dort hinfahren, wenn ich beabsichtigte, die Puzzleteile zusammenzulegen.
      > Vill du ha ditt kött?
      “Möchtest du dein Fleisch?”, lachte ich voller Tatendrang und stemmte mich aus dem Bett hoch. Glücklich sprang der Riese mir um die Beine, ich glaube, dass ich ihn mittlerweile mehr mochte, als ich mir eingestehen konnte. Aus dem Kühlschrank griff ich nach der durchsichtigen Plastikdose, aus der mit einem schwarzen Stift ‘Trymr’ geschrieben stand. Wenn das Eriks Handschrift war, dann hatte sie Charakter. Ich mochte die Form, wie er das Y schrieb, wusste auch nicht wieso. Eigentlich sah es aus wie eine Vier, dass in der Zeile verrutschte, aber sich homogen in das Wort hineinschmiegte. Ich wurde anbellt. Anstatt mir stundenlang die Handschrift anzusehen, sollte ich dem Ungetüm seine Nahrung geben, nicht das ich zum gefundenen Fressen werden würde. Ein Nachteil hatte es, dass es mir zunehmend besser ging — ich konnte wieder Gerüche wahrnehmen. Mir stieg hab geronnenes Blut in Nase und wie auch immer ich die Innereien eines Wildschweins beschreiben sollte. Angewidert zog sich mein Magen zusammen, aber ich überstand es, dem Hund alles in seinen hölzernen Napf zu machen und auf den Boden zu stellen. Höflich wartete er, bis ich den Befehl gab zum Starten. Laut schmatzte Trymr und schob den Napf quer durch die Wohnung. Es dauerte nicht lange, bis dieser leer war und der Hund sich satt wieder vor die Couch legte.
      Durchs Fenster hindurch, sah ich Erik kommen, der mich sogleich bemerkte. Im Schlepptau hatte er Fredna, die eine niedliche geflochtene Frisur hatte und eine dicke Orange braune Jacke trug über ihren kleinen grauen Röcken mit Strumpfhose. Nur die dunkelgrünen Gummistiefel passten nicht ganz ins Gesamtbild.
      „Mein Fräulein ist wieder unter den Lebenden“, freute er sich und gab mir liebevoll einen Kuss auf die Stirn. Fredna hingegen ignorierte mich komplett. Sie saß auf der Fußmatte vor der Tür und kämpfte damit aus den Schuhen herauszukommen. Als auch Erik ihr Problem bemerkte, half er ihr und hängte auch ihre Jacke an den Haken.
      > Får jag spela?
      „Darf ich spielen“, fragte sie aufgeregt und Erik zuckte mit den Schultern. Stattdessen sah sie mit ihren riesigen blauen Augen zu mir, fummelte dabei an einen der beiden dunkelblonden Zöpfen herum.
      > Det finns gott om plats för dig bredvid sängen
      „Neben dem Bett ist ganz viel Platz für dich“, lächelte ich und zeigte Richtung Schlafzimmer. Entschlossen griff sie nach ihrem kleinen Koffer und zog ihn hinter sich her. Still saß sie neben dem Bett. Ich beobachtete, wie Fredna ihre kleinen Pferde auspackte und geordnet der Farbe nach aufstellte. Erik stellte sich zu mir an die Ecke, legte seine Arme um mich und atmete tief ein. Es fühlte sich wirklich an wie eine kleine Familie, die sich gerade den Wunsch vom Eigenheim erfühlte und nun glücklich in die Zukunft sah.
      „Ich bin froh, dass ihr da seid“, flüsterte ich und lehnte mich an seinem Oberkörper an.
      „Lass uns auf Couch gehen“, schmunzelte er, „sie mag es nicht beim Spielen beobachtet zu werden.“
      Ich drehte mich um und sah ihm direkt in die Augen. Er strahlte. Etwas an ihm schien verändert. Natürlich trug sie jeher einen seiner Anzüge, heute einen dunkelblauen, aber seine Haare. Seinen Haaren fehlte es am Gel. Der Großteil von ihnen befand sich in der gewünschten nach hinten geschobener Form, aber einige standen wie wild nach oben. Es lockerte seine strenge Ausstrahlung um Längen auf. Erik bemerkte, wie ich verliebt zu ihm aufsah, noch immer fest im Griff seiner Umarmung. Dann zog er mich noch näher an sich heran und sagte: „Ich bin auch froh, bei dir sein zu dürfen“, und gab mir einen Kuss auf die Haare. Ich schloss die Augen und wünschte, dass wir für immer nur hier stehen könnten. Bevor der Gedanke vollständig in mein Hirn einging, zog er mich hinüber zur Couch und schaltete einen Sender ein, bei dem Nachrichten liefen.
      „Wie geht es dir?“, erkundigte er sich, ohne den Blick von mir abzuwenden. Dem flimmernden Bildschirm schenkte er nur kurz seine Aufmerksamkeit.
      „Relativ gut, denke ich. Aber“, ich strauchelte.
      „Aber?“, wiederholte Erik aufrichtig und überdramatisiert betont.
      „Aber ich weiß nichts seit Dienstagnacht“, gab ich zu und senkte den Kopf. Wusste er was passiert war? Wollte ich es überhaupt herausfinden?
      „Dann hast du einiges verpasst“, lachte er, „auf jeden Fall hattest du dein Spaß. Papa mag dich.“
      „Klingt besorgniserregend“, murmelte ich.
      „Vivi, jetzt lächle doch wieder. Es ist alles gut, du hast es gerockt“, versuchte Erik mich aufzumuntern. Ich fühlte
      „Was habe ich gerockt?“
      „Du scheinst dich wirklich an nichts mehr zu erinnern“, Eriks Lachen wurde herzlicher und offener, „es entbrannte eine feurige Diskussion über Pferdeopferungen.“
      „Pferdeopferungen?“, wiederholte ich ungläubig und zu gleichen Teilen schockiert. Wieso gab es die Notwendigkeit darüber zu diskutieren? Jeder sollte das als unethisch empfinden.
      „Das ist nicht der Punkt. Du bist standhaft bei deiner Meinung geblieben, hast sie mit wirklich schlagfertigen Argumenten untermauert. Im Laufe der Diskussionen fehlten ihm die Worte und das, obwohl er immer etwas zu sagen hat. Dann beschloss Papa weiterhin fester Partner zu sein und würde euch gern helfen aus der Blamage herauszukommen“, schmunzelte er.
      „Awesome“, schrie ich aufgeregt, „ma‘ gosh!“
      „Ach, lernst du jetzt Englisch?“, witzelte Erik weiter. Ich winkte nur ab und sprang von der Couch, um zu versuchen, dass mein Bruder an sein verdammtes Handy ging. Ungeduldig lief ich den kleinen Flur zwischen Wohnküche und Schlafzimmer entlang und murmelte vor mich hin, bis mich plötzlich etwas am Oberschenkel berührte. Überrascht hielt ich an und sah an mir herunter. Fredna stand vor mir, sah mit feuchten Augen an mir hoch.
      > Jag måste gå på toaletten
      “Ich muss auf die Toilette”, flüsterte sie. Ja und? Was sollte ich da tun? Erik hatte es zum Glück ebenfalls gehört und lief mit ihr die Tür, die direkt an den Flur grenzte.

      Harlen erreichte ich nicht mehr, auch auf das Großaufgebot meiner Nachrichten reagierte er gab es keine Reaktion. Wo steckte der nur? Ununterbrochen biss ich mir auf der Unterlippe herum, solange, bis sie blutete. Auf dem Bildschirm des Fernsehers verfolgte ich die Horrorbilder aus der ganzen Welt, so viel Gewalt. Dahingegen erschienen meine Probleme auf der Couch, mit dem Typen, den ich mochte, in einer warmen Wohnung auf einmal so überschaubar und lächerlich.
      Erik schlief irgendwann ein und ich hatte es mir auf seinem Schoß bequem gemacht, immer mit einem Auge auf der Uhr. Wenn ich noch Lubi einladen würde, bräuchte ich sicher eine Stunde, um pünktlich in Kalmar anzukommen. Viel Zeit blieb mir nicht mehr, aber wenn ich aufstehen würde, wäre er sicher aufgewacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ihm ginge und darüber sprechen, wollte er auch nicht. Die meiste Zeit schwieg er über seine Gefühle – außer, es ging um mich. So auch, wie sein heutiger Tag verlief. Alles, was er herausbrachte, war ein ‘Gut, danke’ und sah wieder zum Gerät. Ich konnte nicht einschätzen, wie das auf lange Sicht werden würde, vor allem im Hinblick auf Fredna, die zwar ungewöhnlicherweise besser auf mich zu sprechen war, aber im Generellen meine Anwesenheit eher weniger schätzte.
      Verdächtig nah kam der große Zeiger der elf. Vorsichtig versuchte ich mich aus seinen Armen zu befreien, die auf meinem Oberkörper lagen. Aber Erik wachte auf.
      “Wo willst du hin?”, murmelte er verschlafen und wischte sich mit der Hand durch die Augen.
      “Zum Training”, sagte ich kurz und verschwieg Niklas.
      “So spät noch? Dann warte, ich zieh mich um”, stöhnte er. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, was ich zu meinem Vorteil nutzte.
      “Alles gut, bleib hier. Ich schaffe das allein”, versicherte ich. Erleichtert seufzte er und richtete sich dennoch auf. Ich sammelte leise aus dem Schlafzimmer meine Reitsachen vom Stuhl auf, um Fredna nicht zu stören. Aber sie bemerkte mich und fragte mich aus, wo ich hinwollte. Schließlich sei es dunkel und im Dunkeln sind böse Tiere unterwegs, die Menschen fressen. Aller klar Fredna, man sollte dir weniger Märchen vorlesen. So freundlich ich konnte, erklärte ich der neugierigen jungen Dame, dass ich Aufgaben hatte und mir nichts passieren würde. Eigentlich sollte doch ein Kind in ihrem Alter schon im Bett sein, oder nicht? Skeptisch sah sie zur mir hoch, nickte und widmete sich wieder ihren Pferden. Vaterschaft war damit bestätigt, lachte ich in mich hinein und zog mich im Badezimmer um. Meine neue graue Reitleggings fand ihren Einsatz, aber den dunkelblauen Kapuzenpullover aus der Schule behielt ich an. Bei dem nächsten Blick erschrak ich. Plötzlich stand Erik hinter mir, ich hörte seine Schritte nicht.
      “Darf ich dir die Haare machen?”, fragte er höflich. Verblüfft öffnete ich den Mund, für einen Augenblick innehielt und antworte: “Klar, warum nicht.” Aus dem Schubfach holte ich wieder die Bürste heraus und drückte ihm sie in die Hand. Es dauerte nur kurz, bis er begann auf der rechten Seite die ersten Strähnen zu flechten.
      “Aber ich habe nicht ewig Zeit, ich muss um spätestens fünfzehn zum Stall”, sagte ich, “pünktlich zehn vor neun erwartet man mich.” Er nickte nur lächelnd und fummelte an meinem Kopf weiter herum. Gespannt beobachtete ich durch den Spiegel sein Handwerk. Mit seinem kleinen Finger trennte er die Strähnen vom Kopf, verband sie miteinander, bis eine Art französischer Zopf entstand, aber seitlich und deutlich lockerer. Auf der anderen Seite wiederholte Erik sein Kunstwerk und war wenig später fertig.
      „So, jetzt kann Daenerys ihre Drachen reiten gehen“, lachte er und legte seine Arme auf meinen Schultern ab.
      „Clown gefrühstückt? Sehr lustig“, verdrehte ich die Augen und huschte aus seinen Zwängen heraus.
      „Jetzt habe dich nicht so“, folgte er mir aus dem engen Bad heraus, „das war lustig.“
      Es wurde weniger lustiger seit den unangebrachten Witzen von Chris am Wochenende, die ich mir bis heute anhören durfte. Zum Glück hatte mein Bruder kurzes Haar, wer weiß, wo sonst das alles enden würde.
      Freundlich wieherte mich Lubi in hohen Tönen an, als ich zehn Minuten später im Stall stand und anfing das Equipment in Pferdehänger zu räumen. Sie stand als Einzige noch drin, was ich mir auch nicht so recht erklären konnte. Eigentlich hätte Lina oder Folke sie auf eine der einzelnen Weiden stellen sollen.
      “Ja, es geht gleich los”, beruhigte ich die Stute. Unruhig trampelte sie in der Box und lief von der einen Seite zur anderen. Die Eisen klimperten auf dem Beton Boden. Etwas mulmig wurde mir dann doch, was wäre, wenn mir etwas auf Strecke und noch viel wichtiger: Was war, wenn Lubi etwas passierte? Müsste Harlen dann dafür aufkommen müssen? Wie sollte er ein solch teures Pferd finanzieren? Als spürte er meine Zweifel vibrierte mein Handy. Hektisch nahm ich es aus meiner Tasche am Bein.
      “Schwesterherz, du bist großartig! Ich wusste, dass du das bessere Durchsetzungsvermögen hast. Morgen komme ich für einige Stunden, dann sprechen wir. Hab dich lieb”, lass ich vom dunklen Bildschirm und steckte es zurück, ohne eine Antwort zu verfassen. Dann konzentrierte ich mich wieder auf die braune Stute und legte ihr das bordeauxfarbende Lammfell um den Kopf, führte sie hinaus und ließ wie Niklas den Strick los. Tatsächlich lief sie auch bei mir die Rampe hinauf und ich schloss die Stange, bevor es nach Kalmar losging. Am Straßenrand zogen die warmen Lichter der Innenraumbeleuchtung nur schemenhaft vorbei und sanft glitzerten die feuchten Laubblätter auf der Fahrbahn. In einem ruhigen Moment warf ich einen Blick auf Lubi, die ich durch die Hängerkamera auf dem Monitor des Fahrzeugs sah. Sie spielte mit dem Heunetz und zupfte daran. Aus dem Radio ertönten sanfte Töne eines mir unbekannten Liedes.
      “Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst”, begrüßte mich Niklas verwundert, als ich Lubi in den hell erleuchteten Stall führte, “und erst recht nicht so aufgetakelt.”
      Er hatte Form den Gurt fester gezogen und musterte mich. Kurz grinste er, trat einen Schritt zurück.
      “Es interessiert mich, was du zu sagen hast”, flüsterte ich. Am anderen Ende stand Chris, aber hatte mich offensichtlich noch nicht bemerkt.
      “Dann treffen wir uns gleich in der Reithalle, oder was willst du machen?”, erkundigte sich Niklas. Ich nickte nur und ignorierte, dass es eine Ergänzungsfrage war. Eine Beschwerde gab es nicht.
      In der Halle war ich noch nicht oft und jedes Mal bewunderte ich dieses Bauwerk. Es gab einen breiten Flur, von dem einige Türen abging, den man erst führen musste, um zum eigentlichen Platz zu kommen. Auf dem Boden lag ein roter Teppich, der mit Sand aus den Hufen der Pferde bedeckt war, die Bande schwungvoll gebogen, vermutlich durch Wasserdampf in seine Form gebracht, Panel für Panel. Darauf befestigt die Dachbalken, die zur Decke hin spitz zuliefen und zuvor einen tropfenförmigen Bogen machten. Die großen Fenster brachten im Normal ausreichenden Licht ins Innere, aber spendeten drei riesige Kronleuchter dieses. Sie stammten vermutlich aus der Barockzeit oder Neo-Renaissance, was weiß ich. Im Kunstunterricht schlief ich die meiste Zeit, um solche Dinge erkennen zu können. Zur Ergänzung hingen noch Strahler an der Decke. Niklas führte fünf Minuten später seine Stute ebenfalls durch den Eingang.
      “Helm, brauchst du nicht?”, wunderte er sich monoton. Dass erinnerte mich daran, was ich vor dem Verladen noch einpacken wollte, aber Harlen hatte mich abgelenkt.
      “Doch, aber vergessen”, sagte ich, “aber auch egal. Ist sowieso nicht viel drin.”
      Er lachte, zuckte dann mit den Schultern und stieg auf.
      “Was wolltest du besprechen?”, fragte ich endlich, um die quälende Stille zu durchbrechen.
      “Was passiert ist”, kam es kurz.
      “Lustig. Hast du meine Nachricht gelesen? Ich erinnere mich an nichts. Mittlerweile weiß ich, dass ich eine Diskussion mit deinem Vater hatte”, schüttelte ich den Kopf, seine Augenbraue zog sich nach oben, “über Pferdeopferungen. Aber offenbar brachte ihn das zum Nachdenken.”
      “Ah, das Thema. Schwierig”, stimmte er mir zu. Die Verwunderung wich aus seinem Gesichtsausdruck. Statt mir endlich die Wahrheit zu offenbarten, schwieg er die meiste Zeit, starrte gedankenverloren in die Leere oder ignorierte mich. Schien ziemlich wichtig gewesen zu sein, was er besprechen wollte, wenn er nun diese Tour an den Tag legte. Reiten hätte ich auch in der heimischen Reithalle, aber nun gut.
      Bei X ritt ich auf die Mittellinie auf und gurtete noch einmal nach, erst dann nahm ich die Zügel mehr auf. Lubi kaute genüsslich auf dem rosé goldenen Gebiss, bei dem ich mich noch immer fragte, wieso kein silbernes reichte. Immerhin war der Zaum schwarz und der Sattel auch. Die meiste Zeit ritt ich Schritt, denn schon nach einigen Runden im Trab begann ein unerträglicher Hustenanfall. Verzweifelt schnappte ich nach Luft, bis es besser wurde.
      “Weniger Rauchen soll helfen”, kommentierte Niklas meine schwerfällige Atmung, als er an uns vorbeitrabte.
      “Klugscheißer”, rollte ich erneut mit den Augen.
      Keine Reaktion.
      Lubi nahm Acht darauf, dass ich nicht ganz fit war. Sie schritt ruhig unter mir und warf keinen flüchtigen Blick um sich herum, im Gegensatz zu dem kleinen Ritt gestern. Tatsächlich konnte ich das aus meinem Gedächtnis wieder hervor fischen, dass ich mich auf die riesige Stute schwang. Ich konnte mir nicht genau erklären, wieso ich in der Ekstase, meiner Krankheit und sonstigen Umständen in der Lage ein Pferd fertig zu machen und sogar zu trainieren. Vielleicht sollte ich mir bei meiner Rückkehr noch die Videoaufnahmen ansehen, dann wusste ich mehr.
      “Willst du jetzt noch reden, oder bin ich unnötigerweise rausgefahren?”, fragte ich genervt, als Niklas sich die Zügel aus der Hand kauen ließ und im Begriff war, seine glänzende Stute abzureiten. Er zuckte mit den Schultern.
      “Frechheit”, murmelte ich und wich ihm aus. Doch nun schien er doch auf mich zu reagieren und wendete Form ebenfalls, trabte ein Stück, um aufzuholen.
      “Wieso bist du so …”, er geriet in Wortlosigkeit, als ich zu ihm sah mit feuchten Augen.
      “Ernst?”, fragte ich.
      “Zurückweisend”, vervollständigte er seinen Satz.
      “Ich? Zurückweisend? Du wolltest mit mir sprechen und drückst dich auf einmal davor. Deinetwegen musste ich mir einen Schwachsinn überlegen, um hierherzufahren und das, obwohl es mir nicht gut geht. Jetzt komm mal klar”, schimpfte ich mit zittriger Stimme. Gänsehaut verteilte sich aus heiterem Himmel über meine ganze Haut und mir wurde kalt, sehr kalt.
      “Du wolltest das”, fauchte er zurück.
      “Bist du taub oder dumm?”, schüttelte ich meinen Kopf vor Verzweiflung, “Ich erinnere mich nicht, also entweder sagst du mir jetzt, was du willst oder schweige für immer.”
      Kräftig atmete er ein und wieder aus, sah hoch zur Decke und verkrampfte den Kiefer.
      “Weder bin ich taub noch dumm, du vielleicht. Aber ich wollte nicht glauben, dass du das Vergessen hast”, begann Niklas mit der Wahrheit herauszurücken, stoppte jedoch, als überlege er, wie die Worte am besten wählen sollte. Auf einer Stirn bildeten sich zwei wellenförmige Falten, die er nur bekam, wenn ihm etwas zuwider war. An seinem Hals schlug aufgeregt die Hauptschlagader und unsere beiden Stuten interessierten sich überhaupt für die Auseinandersetzung.
      “Du willst es unbedingt wissen, dann höre nun genau zu. Ich möchte dich nicht verletzen, beleidigen oder sonst irgendetwas damit. Es ist eine reine Tatsachendarstellung”, stellte er klar. Verwunderte drehte ich meinen Kopf, aber stimmte letztlich zu. Seinerseits folgten weitere kräftige Atemzüge.
      “Nach einem Rundgang wolltest du gehen, aber”, stoppte Niklas und atmete noch einmal hörbar, “dann standen wir ziemlich nah aneinander, sahen uns tief in die Augen. Du griffst mir ziemlich nah ans Becken. Ich legte meine Hände an deine Taille und drückte dich gegen die Wand. Hätte Erik dich nicht gerufen, wer weiß.”
      Und darum machte er jetzt so einen Rummel? Unwillkürlich schmunzelte ich, lachte auch etwas und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Es unterhielt mich viel mehr, als ich, dass mir Sorgen machte etwas aufs Spiel gesetzt zu haben.
      “Warum lachst du?”, fragte er und rang nach Luft. Erst als er auf meine Antwort nicht reagierte, berührte ich ihn vorsichtig am Arm. Wie versteinert zuckte er auf einmal zusammen, schüttelte sich.
      “Ich zähle nun bis vier und atmest du durch die Nase, dann bis sieben aus, dann wieder ein”, sagte ich bestimmt in begann zu zählen. Niklas schloss die Augen und konzentrierte sich auf meine Zahlenfolge. Schon nach dem zweiten Mal wurde es besser. Seine Hände zitterten nicht mehr, sein Gesicht bekam wieder Farbe und auch Form stellte die zuvor unruhig angelegten Ohren wieder auf.
      “Danke”, murmelte er und versuchte ein Lächeln aufzusetzen.
      “Es ist okay, verstehst du? Offenbar war es meine Schuld und ich hätte dich nicht in so ein Dilemma bringen dürfen. Es tut mir aufrichtig leid”, versicherte ich nach weiteren Runden Schritt.
      “Das Problem ist nicht, dass es beinah passierte, sondern ich es gerne getan hätte. Deswegen lag ich noch Stunden wach, wie es dann wohl weitergegangen wäre, ob diese Entscheidung, zumindest für uns beide, die richtige hätte sein können”, erzählte er weiter, denn das schien der eigentliche Grund der Unterhaltung zu sein. Ich konnte nicht einordnen, was ich fühlte. Das, was ich sonst in seiner Nähe spürte, war spätestens nach Eriks Rückkehr zu großen Teilen verschwunden, vor allem, wenn ich an das Turnier zurückdachte. Ich hatte schon einmal eine Beziehung aufs Spiel gesetzt und offenbar würde es noch häufiger dazu kommen.
      “Niklas”, begann ich, “es ist alles gut, wie es ist. Etwas Festes einzugehen, scheint dir schwerzufallen und dir deswegen einen Anker zu suchen, mit dem du dich in der Vergangenheit besser fühltest, wird wohl normal sein. Dass dein Anker ziemlich unkontrollierte Schübe hat, sorgt jedoch für weitere Entgleisungen.”
      Besten Gewissens versuchte ich aufzumuntern, schon allein aus der Tatsache heraus, dass ich wusste, dass es Erik mehr oder minder egal schien. Wäre es nicht so, würde ich auch verzweifelt im Sattel meines Pferdes thronen und die Welt vernichten wollen – aber das tat ich nicht, denn es erleichterte mich sogar. Niklas schwieg, sah im Wechsel auf den Mähnenkamm seiner Stute und hoch zu den Deckenbalken. Irgendwann stiegen wir ab. Es wurde immer später und zunehmend nährte sich der kleine Zeiger der Zwölf.
      “Darf ich dich umarmen?”, fragte er plötzlich, als ich den Gurt von Lubi gelockert hatte und tastete, ob die Haut an den wichtigen Stellen getrocknet war.
      “Natürlich”, sagte ich freundlich und wurde beinah überfallen von seiner Freude darüber. Kurz schüttelte ich mich, um festzustellen, ob ich wach war. Unbeholfen klopfte ich auf seinen kräftigen, triefend vor Schweiß nassen Rücken und wusste nicht so recht, wie ich diesen Schwall an Gefühlen bändigen sollte. Durch meinen Schoß das Blut vor Freude, aber nicht das, was ich einmal bei ihm verspürt hatte. Ja, es war schon anziehend ihn so nah zu haben und zu wissen, was mich erwarten könnte, aber ich verlangte nicht danach.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 33.595 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel elva | 29. Dezember 2021

      Forbidden Fruit LDS // Anthrax Survivor LDS // CHH' Death Sentence // Hawking von Atomic // Liv efter Detta LDS // Vandal LDS // Heldentum LDS // Lu‘lu‘a // Northumbria // Einheitssprache // HMJ Divine // Outer Space // Wunderkind // Raleigh // Satz des Pythagoras // Ready for Life // Maxou // Arktikkfrost LDS // Yumyulakk LDS

      Vriska
      Überpünktlich stand ich im Stall und putzte den Sand vom Kopf der Stute, die immer wieder interessiert an meiner Jackentasche zupfte, in der Hoffnung eins der wertvollen Leckerlis ergattern zu gönnen. Trotzig schlug sie mit dem Schweif, wenn ich sie keins bekam, doch ich schenkte dem nur wenig Beachtung und reinigte auch noch den Rest ihres Körpers. Der Regen und Sturm wurde in früher Stunde vom Nebel abgelöst, der eine Frostwelle auslöste. Von einer zur anderen Stunde glitzerten die letzten Grashalme im matten Licht der aufsteigenden Sonne auf den Weiden und neben den Wegen. Durch die großen Fenster im Stall konnte man winzige Eisblumen entdecken, die das Licht trübten und ein malerisches Farbspiel auf dem Reitplatz in der Halle bewirkten. Eigentlich wollte ich eine Runde durch den Wald drehen, um die Schäden zu begutachten, an Flur und Forst.
      “Morgen”, spuckte mir Jonina verärgert entgegen, ohne stehenzubleiben, sondern rauschte wie ein geölter Blitz an Fruity und mir vorbei. Verwundert sah ich ihr noch nach, wobei ich nicht einmal die Möglichkeit hatte, die Begrüßung zu erwidern. Wir lernten uns schon am ersten Tag auf dem falschen Fuß kennen und klärten das nicht einmal, um ein entspanntes Arbeitsklima zu erreichen. Stattdessen spuckte sie wie ein Geist durch unseren Stall, sah abfällig an mir vorbei und ignorierte mich ansonsten.
      Die kaum größere Stute zupfte wieder an meiner Jacke, als ich den Gurt fester zog zum Aufsteigen. Ich entschied mich gegen die mystische Stimmung auf dem Sand und wollte die Zäune der Weiden im Wald prüfen. Mit einem leichten Druck am Schenkel setzte ich Fruity in Bewegung an der Ovalbahn entlang zur Lichtung, die sonst unsere Galoppstrecke darstellte. Doch ich hielt das Tempo, gab der Stute die gesamte Länge des Zügels und schweifte mit meinem Blick durch die Landschaft. Zwischen den Birken funkelten einige alte Eichen hindurch und in hellen Orangetönen getauchte Ahornbäume, die das triste Braun aufgelockerten. Ich konnte kaum weitersehen als fünf Meter, aber erkannt, dass zwei junge Füchse auf dem Feldweg spielten und bei ertönen des Hufschlags panisch in das Buschwerk stürzten und von rechts rannte die Mutter ihnen nach. Neugierig spitzte Fruity die Ohren. Neben uns raschelte das Geäst und zwei große Augenpaare fokussierten uns, musterten jeden Schritt, den Fruity über den gefrorenen Sand machte, bis wir schließlich aus der Sichtweite waren. Die kommenden Meter zur Weide trabten wir, was ich nutze, um meine Fähigkeiten im Aussitzen auf die Probe zu stellen. In der Prüfung hatte ich mich zwar ziemlich gut angestellt, doch in den vergangenen Trainingseinheiten entwickelte die Falbstute immer mehr Schwung und das zeigte sich umgehend im Trab. Wie ein Kartoffelsack wackelte ich im Sattel, versuchte die Stöße durch meine Füße abzufangen, doch fand den Takt nicht. Frustriert parierte ich wieder durch, aber kam im selben Augenblick an der ersten Weide an, auf der die Junghengste ihr Unwesen trieben. Sogleich kamen Death und Anti zum Zaun getrabt, um den Besuch freundlich zu begrüßen. Von weiter kam auch Hawking mit seiner halbstarken Gruppe aus Arktikk und Vandal. Immer mehr blauäugige Augen funkelten Fruity an, die sich zwischen den ganzen Hengsten gar nicht zurechtfand und fortan Schritte zurückwich. An meinem Bein bog ich die Stute am Zaun entlang und entdeckte noch Heldentum, eins der Wunderpferde, dass sich mit seiner unbekannten Fellfarbe fernab der anderen Pferde versteckte, häufig in Begleitung mit Yumyulakk, einem ziemlich freundlichen Architekkt Sohn, der sich ebenso gern aus der Herde zurückzog.
      “Jungs, wir müssen weiter”, trieb ich die Stute weiter und untersuchte noch die Damen auf der anderen Seite. Natürlich hielt ich mich dabei mehr die Zäune zu beachten. Auf dem offenen Feld hing der Nebel noch stärker, was mir die Arbeit nicht erleichterte. Treu trampelten aber zwei Jungstuten entlang, die mir zumindest Hoffnung gaben, dass alles noch an Ort und Stelle war. Die Criollo Stute Liv wackelte bei jedem ihrer Schritte lustig mit den Ohren, während Mitternacht, die vermutliche einzige helle Stute mit diesem Namen, nur unmotiviert nachlief.
      Die Sonne rückte ihre Position immer erhabener am Himmel, wodurch der Nebel wie zu verschwinden schien und uns die Möglichkeit eröffnete, zu traben. Fruity schnaubte ab und genoss die Abwechslung auf dem Feld an Tempo zulegen zu dürfen, ohne panisch von mir gebremst zu werden. Meter für Meter beäugte ich kritisch und war ziemlich froh darüber, keinerlei Schäden entdeckt zu haben. Aus der Ferne hörte ich den Trubel am Hof, der hauptsächlich aus Traktorengeräuschen bestand und dem Hufschlag der Pferde auf dem Beton. In einem der Gebäude klopfte unser Schmied neue Eisen an die Hufe, gut das ich nicht zum Dienst eingeteilt war, denn sinnloses herumstehen konnte ich nur wenig ausstehen.
      „Und, wie war sie heute?“, fragte Tyrell interessiert und klopfte stolz den verschwitzen Hals der Stute.
      „Großartig, wie immer“, schwärmte ich, während ich mich aus dem Sattel schwang und die Zügel über den Hals zog.
      „Das höre ich gern“, grinste er, „aber ich habe eine wohl schlechte Nachricht für euch beide.“ Schlagartig verzog nicht nur ich meine Miene, sondern auch Tyrell wirkte nervös.
      „So schlecht wird das schon nicht sein“, versuchte ich die Stimmung aufzulockern. Zusammen betraten wir den Stall, in dem der besagte Schmied neue Schuhe an den Hufen von Lu befestigte.
      „Morgen kommen Interessenten für die Stute“, seufzte er und lockerte den Gurt am Bauch.
      „Interessenten?“, schrie hysterisch durch den Stall, was einige Leute zu mir sehen ließ, bevor sie sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten widmeten. Dann atmete ich noch tief durch und sagte: „Ich dachte, dass du die Stute behalten möchtest, für deine geplante Kuhherde.“
      Tyrell nickte unsicher.
      „Stimmt, aber für den richtigen Betrag ist jedes Pferd verkäuflich“, zuckte er mit den Schultern und trug den Sattel weg. Wie verwachsen mit dem betonierten Untergrund blieb ich an der Stelle stehen, kam aus dem Schock nicht heraus, bis Fruity im am Rücken anstupste und höflich nach einem Leckerli fragte. Aus meiner Jackentasche fischte ich eilig eins heraus und strich ihr liebevoll über die Blesse.
      „Unwahrscheinlich, dass ich so einen Betrag für dich übrighabe“, murmelte ich. Dann kam mein Chef auch wieder zurück mit ihrer Weidedecke.
      „Jetzt sei nicht traurig, sie würde am Hof bleiben“, lächelte er. Schön, dann könnte ich mir sogar ansehen, wie ein so tolles versaut wird, klingt nach grandiosen Aussichten.
      „Ich komme klar“, griff ich energisch nach der Decke in seinen Armen und zog sie der Stute über. Keinen müden Blick warf ich ihm noch zu, spürte aber, wie er mich weiterhin stumm anstarrte. Unverständlich stammelte er vor sich hin, doch ich hörte nicht zu, sondern löste den Strick von der Box und führte Fruity zurück auf den Paddock. Sie verspürte meine Anspannung bestimmt, aber trottete wie an jedem anderen Tag neben mir und fummelte an meiner Jacke. Mit großen Augen blickte mich Humbria an beim Öffnen des Tors. Auch sie bekam ein Leckerli.
      “Kommst du zum Frühstück?”, erkundigte sich mein Chef, der mir offensichtlich zum Paddock folgte.
      “Nein, ich habe noch Besuch und möchte gerade nicht auf heile Welt machen, wenn du eins deiner besten Pferde verkaufst”, rollte ich mit den Augen, strich Humbria über dem Hals. Wir kamen gut miteinander klar, doch das Wetter spielte seit Wochen nicht mehr mit, um mit ihr eine Runde am Sulky durch den Wald zu drehen.
      Tyrell nickte anerkennend, drehte auf der Ferse um zur Halle. Ich hängte das Halfter an den Haken unter dem Dach und strich durch die Weiden zur Hütte. Vor der Scheibe sah ich Trymr aufgeregt auf und ab laufen, stieß dabei immer wieder mit der Nase gegen das Glas und verursachte unschöne Flecken. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich auch Lina, die wohl zum Frühstück wollte. Bevor ich zu ihr stürmte, schob ich die Terrassentür nur einen Spalt auf, durch den das Ungetüm stürmte und täppisch an meinen Beinen hinaufsprang, um an meinen Händen knabbern zu können.
      “Guten Morgen”, strahlte ich sie an, denn die erholsame Nacht hing mir noch so stark im Körper, dass der Fruity-Schock mich nicht so sehr aus dem Konzept brachte.
      “Guten Morgen, Vriska”, trällerte sie fröhlich. Wie so häufig sprühte sie auch heute nur so vor Energie. Offenbar hatte sich Niklas nur an mir in der Nachricht darüber beschwert, was ich mir einbilde, ihn derartig vorzuführen. Mir war es ziemlich egal, vermutlich mehr, als es sollte.
      “Und, hat es heute Nacht mal gefunkt zwischen euch?”, grinste ich schelmisch.
      “Du bist auch überhaupt nicht neugierig”, erfasste sie haarscharf, ”ja … Nein …, noch nicht so wirklich” Sie nuschelte, ein wenig unverständlich und augenblicklich legte sich eine leichte Röte auf ihre Wangen.
      “Entschuldigung”, rollte über dramatisch mit den Augen und klopfte ihr auf die Schulter, “ich frage nicht mehr. Aber willst du bei uns mit Essen? Ich mag Tyrell nicht mehr unter die Augen treten, denn er will Fruity morgen verkaufen. Kannst du dir das vorstellen?”
      Schneller als es mir lieb war, ratterte ich die neuesten Nachrichten herunter und versuchte sie auf die dunkle und deutliche bessere Seite des Hofes zu ziehen, auch wenn es dafür eher keinen Grund gab und auch der Gedanke ziemlich idiotisch war. Verwirrt kratzte ich mir ab Kopf, aber grinste dann auffällig lange, bis Trymr mich erneut ansprang und mit seinen matschigen Pfoten meine Hose dekorierte. Wo hatte er eine Pfütze gefunden, wenn alles gefroren war? Ich wischte mit meinen kalten Händen auf meinen Oberschenkeln herum und schickte ihn zurück, was er viel mehr als eine Spielaufforderung ansah und mich wieder anbellte. Lina blickte zu dem Ungetüm und betrachte ihn: “Ich glaube, du solltest ihm ein Spielzeug besorgen.”
      Dann kam sie auf das eigentliche Thema zurück: “Das ist traurig, dass Fruity verkauft werden soll, sie ist doch so ein tolles Pferd und ihr wart doch so erfolgreich auf dem Turnier.”
      „Ich werde nicht das Gefühl los, dass das dazu beitrug“, murmelte ich und überlegte, womit ein Hund wohl spielt. Aus Sendungen wusste ich, dass Menschen Stöcke warfen, aber für ihn müsste ein Baum herhalten, um genug zu sein. Noch immer biss er in meine Hand, nicht aggressiv und es fühlte sich auch eher so an, als würde ich als Nuckel verwendet werden.
      „Na gut, mir wird jetzt kalt. Kommst du mir oder nicht?“, hakte ich erneut nach und drehte mich mit meinem Körper Richtung Hütte, aus der ein warmes Licht durch die Fenster schien und die Bäume gegenüber reflektierten auf dem Glas.
      “Ja, komme ich”, nickte sie und setzte an mir zu folgen. Erfreut sprang ich in die Luft, drehte mich dabei, wie ein Kind, dass einem langen Winter wieder über eine Frühlingswiese tollte und die ersten Sonnenstrahlen des Jahres nutzte. Meine Euphorie war genauso wenig erklärlich wie vermutlich neunzig Prozent meines Verhaltens, aber das wusste sie bereits und so bekam ich, bis auf ein irritiertes Kopfschütteln keinen Kommentar reingedrückt. Langsam schob die Terrassentür auf und zog davor die Schuhe aus.
      „Was? Geht die Welt heute unter?“, fragte ich Erik schockiert, der in einer meiner Jogginghosen in der Küche stand und irgendwas in der Pfanne zubereitete. Mein sonst so guter Partner Nase machte mir einen Strich durch Rechnung und war von der kalten Luft vor der Tür, verstopft.
      „Ich wundere mich viel mehr, dass sie selbst mir zu groß ist“, lachte er und sah an sich herunter. Erst dann bemerkte er Lina, schien sich umzusehen und etwas zu suchen. Zugegeben, ich hätte den Besuch vorher ankündigen können und dass er bis auf einer Hose nichts trug, wirkte eventuell auf Außenstehende verstörend. Aber was erwartete man schon in meiner Hütte? An meinen Wänden hingen neben seltsame Zeichnung und einige erotischste Bilder von wildfremden Männern und auch Frauen, die ich auf Flohmärkten fand. Oder auch Holzmasken, die vermutlich mal ein Teil einer skurrilen Ausstellung waren und mit Graffiti besprüht wurden. Vor knapp einer Woche hatte noch Kartons von mir im Lager gefunden und rigoros umgestaltet.
      „Schatz?“, zog ich unnötig lang das Wort und Erik sah mich verwirrt über die Schulter an. Entschlossen machte ich ein Foto mit meinem Handy, schließlich musste man so eine Premiere festhalten. Dann hüpfte ich genauso erfreut zu ihm und gab ihn einen flüchtigen Kuss auf den Mund.
      „Das mit dem Begrüßen üben wir aber noch“, hauchte er mir ins Ohr und zog mich an der Hüfte fest an sich heran. Dann gab er mir deutlich leidenschaftlicher einen weiteren Kuss. Es muss für Lina mehr als unangenehm sein, deswegen drehte ich mich entschlossen um. Mit weit aufgerissenen Augen strahlte sie in meine Richtung, hatte aber genau die Ausstrahlung, dich ich bereits vermutete.
      „Sorry“, lächelte ich breit und zog meine Brauen nach oben. Dann ließ Erik von mir ab und gab ihm ein Shirt aus dem Schlafzimmer.
      “Alles gut. Vielleicht lass ich dir das nächste Mal besser einen Vorsprung”, scherzte sie und lächelte schief. Ich bat sie heran.
      “Und mein Hund muss draußen bleiben?”, schloss sich auch Erik dem kurzen Gespräch an. Trymr drückte seine Nase durch den schmalen Spalt zwischen Schiebetür und Rahmen ins Innere. Entschlossen öffnete ich die Pforte wieder, die er sogleich durchlief und sich auf dem Teppich vor die Couch legte. Seine Ohren stellten sich bei dem Geklapper in der Küche auf, ohne das etwas für ihn auf dem Fußboden landete.
      Linas Jacke hatte ich noch immer in der Hand und hängte sie an den Kleiderhaken in den Flur, wo sie stand. Inständig betrachtete sie verschwiegen die seltsamen Masken über der Kommode im Flur und ließ den Blick schweifen über die Bilder aus den vergangenen Jahrzehnten, die teilweise nicht einmal meine Eltern miterlebten. Zwischendrin entdeckte sie auch die Partybilder von meinen Freunden und mir, auf denen auch Jenni zu sehen war. Lange hatte auch ich nicht mehr genauer hingesehen. Eins der besagten Fotos stammte noch aus der Anfangszeit mit meinem Ex-Freund, der ziemlich stolz mich auf seinem Rücken trug und auf dem nächsten Schnappschuss seine Lippen auf meine drückte. Entschlossen nahm ich Rahmen von der Wand und verstaute ihn in einer der Schubladen der Kommode, bevor ich die wenigen Schritte zur Küche machte und den Tisch für uns deckte.
      In meinem Nacken spürte ich einen warmen Atemzug, der meine Haare aufstellte und sogleich das Blut in Wallungen brachte. Langsam schloss ich meine Augen und öffnete sie bei einem tiefen Atemzug wieder. Lüstern berührten seine Lippe meinen Hals und begleitet mit einem sachten Saugen, breitete sich das Kribbeln am ganzen Körper aus. Eriks Händen strichen mir über den Arm.
      “Ich finde auch schön, dass du hier bist, aber wir haben Besuch”, raunte ich. Mehrmals schluckte ich, krampfte mich an der Tischplatte fest und versuchte mir von seiner Nähe nicht den Geist zu nebeln.
      „Ach, sie ist doch gerade noch beschäftigt und zwischen uns ist die Wand“, flüsterte Erik und drückte sich ein weiteres Mal an mich heran.
      „Sie ist doch nicht blöd, also setz dich“, versuchte ich ihn zur Vernunft zu bekommen. Glücklicherweise gab er schneller nach als ich vermutete, zog nun endlich das Shirt über seinen wohl gezeichneten Oberkörper, den ich stundenlang betrachten könnte.
      „Linchen, was möchtest du trinken?“, fragte ich noch, als der Kaffee durch die Maschine lief und sie sich mit an den Tisch setzte.
      "Hast du vielleicht Tee da? Ansonsten begnüge ich mich auch mit Wasser", bekam ich zur Antwort.
      „Natürlich“, lachte ich und öffnete eine der oberen Schranktüren. Dahinter verborgen sich Unmengen an Teesorten, die wild durcheinander standen und keine genaue Reihenfolge aufwiesen. Mit meiner Hand zeigte ich die Menge an und ließ ihr die freie Wahl.
      "Klasse, gleich so eine Auswahl", lächelt Lina begeistert, "Den da bitte." Sie deutete auf eine Packung mit Früchtetee, der hauptsächlich aus Brombeere und Granatapfel bestand.
      Zum Glück konnte die Maschine im Handumdrehen Wasser zum Kochen bringen und erfolgreich stellte ich Lina ihre Tasse hin. Ein lieblicher, beeriger Geruch breitete sich in Windeseile im ganzen Raum aus und entfaltete bei jedem Atemzug weitere Nuancen in Mund und Nase. Die Verlockung war für einen Wimpernschlag so groß, ebenfalls einen zu trinken, doch die dunkle Flüssigkeit vor mir holte mich zurück. Nur Kaffee konnte mein Leben vervollständigen. Da Erik sich zu fein war, das Essen zu servieren, übernahm ich das wohl auch noch.
      „Oh, du hast Pancakes gemacht“, freute ich mich überschwänglich und beinah tanzend lief ich zum Tisch. Jeder bekam für den Anfang drei Stück.
      „Nur für dich mein Engel“, grinste Erik verlegen und verschränkte die Arme.
      In einer gemütlichen Runde aßen wir, beobachteten, wie die bunten Blätter vor der Scheibe ihre Runden drehten und in geschwungenen Linien tanzten, so ungezwungen und frei. Trymr versuchte sie zu fangen, wenn auch nur ein Zentimeter Blatt und Scheibe zwischen ihnen lag. Dafür, dass der Rüde solch höllische Töne von sich geben konnte und auch äußerlich eher einem Monster glich, bewegte er sich wie ein junges Kalb und wirkte so liebenswert in seinem Spieltrieb. Ich fühlte mich gut, wirklich gut. Erik, der immer wieder zu mir hinüberschielte und über meinen Oberschenkel strich, Lina, die vergnügt lachte. Beides löste eine wollige Wärme aus, dass aus dem Grinsen nicht mehr herauskam und dachte, dass sie so Familie anfühlen musste, Heimat, ein Ort an dem man Willkommen ist. Es fehlte mir an nichts, doch dann kam ich im Gedanken wieder auf Lina zurück.
      „Sag‘ mal, wann kommt Ivy eigentlich?“, sagte ich mit kratziger Stimme.
      “Der genaue Termin steht noch nicht, aber bald hoffe ich. Es hängt derzeit nur noch an den Behörden”, erzählte sie hoffnungsvoll. Dass sie es kaum erwarten konnte, ihr Pferd wiederzuhaben, war kaum zu übersehen, denn sie strahlte über das ganze Gesicht.
      „Aber er braucht doch nur Gesundheitspapiere, die offiziell unterschrieben wurden“, murmelte Erik schulterzuckend, ziemlich abwesend.
      „Hör auf dich so zu benehmen“, schlug ihn behutsam mit meinem Handrücken gegen die Brust. Böse sah er zu mir runter und griff kräftiger in mein Bein. Schmerzerfüllt verzog ich mein Gesicht. Während bei Lina es eher so wirkte, als hätte sie Angst davor, dass in wenigen Sekunden ein Ehestreit ausbrach und sie mittendrin feststeckte. Aber ich wandte mich ihr zu und sagte: „Dann dauert es bestimmt nicht mehr lange. Ob er sich gut mit Rambi versteht?“
      Rambi war der Hengst einer Einstellerin, mit dem sie viel Zeit verbrachte. Da Einheitssprache sich nur ziemlich bescheuert rufen lässt, wurde aus Rampensau irgendwann Rambi. Er präsentierte sich gern und konnte somit ziemlich gut ihn ihr Beuteschema passen, wenn man ihren Prinzen dazu zog.
      “Ich denke, Ivy wird das kleinste Problem dabei sein, der hat sich bisher mit jedem Pferd verstanden, aber ob Rambi das genauso sieht? Man wird sehen”, erwiderte sie optimistisch.
      „Bevor wir uns hier verquatschen und Erik die Ohren abfallen, sollten wir weiterarbeiten“, beschloss ich ihn von den Pferden zu erlösen. Zumindest hatte ich die kleine Portion aufgegessen und die anderen teilten sich die restlichen gerecht auf.
      „Du bleibst noch kurz und darfst dann gehen“, hielt mich Erik an Ort und Stelle fest. Seine Stimme klang ernst und nickte ich Lina zu, dir bereits ihre Jacke holte.
      „Ich weiß nicht, wie lange es dauert, aber würdest du Alfi schon fertig machen?“, sagte ich selbstsicher und versuchte meine Unsicherheit durch ein freundliches Lächeln zu überspielen.
      “Ja klar, mache ich”, antworte sie bevor sie uns schließlich allein ließ. Er sah ihr noch nach, bis Lina endgültig aus der Sichtweite verschwand und auch Trymr zurück auf den Teppich tippelte. Seine Ohren standen stets gespitzt nach oben, um dem Gespräch zu folgen.
      Erik stand auf und stellte sich entschlossen hinter mir. Seine Arme eng umschlungen an meinen Schultern. Ich schloss meine Augen und versuchte ruhig zu bleiben, um dem Verlangen nicht nachzukommen, dass er bei jeder Berührung auslöste.
      „Willst du dich nicht entschuldigen?“, hauchte er kaum hörbar in mein Ohr und setzte dort fort, wo er vorhin aufhörte. Langsam berührten seine Lippen meinen Hals. Sie waren feucht und an einigen Stellen ziemlich rau. Meine Haare stellten sich wieder auf.
      „Wofür sollte ich mich entschuldigen?“, zitterte meine Stimme, denn er ließ nicht von mir ab, sondern konnte es, gefühlt, nicht abwarten, auch mich an sich zu spüren. Sein plötzliches Verlangen nach mir und forsches Auftreten löste nicht nur Spannungen zwischen uns aus, sondern machte es dynamisch. In meinem Kopf blitzten tausende Bilder auf.
      „Mich vor anderen aufzuführen, sollte in Zukunft nicht mehr vorkommen“, drückte Erik fest an meinem Hals, ohne dabei seine Lippen von mir zu lösen. Ein zärtliches Stöhnen huschte aus meinem Mund und brachte ihn zum Lachen. Langsam öffneten sich meine Augen, schielten durch meine Lider zu ihm hoch. Unverkennbar strahlte er, durch die Lippen funkelte die obere Zahnreihe hindurch.
      „Natürlich. Entschuldigen Sie mein törichtes Verhalten“, hauchte ich. An meinem Rücken spürte ich seine feste und pulsierende Bewegung, die sich so positioniert äußerst skurril anfühlte. Dann trat er zurück, ließ auch seine Hände von meinem Hals. Stattdessen blicken Eriks satten Augen in meine.
      „Du hast es verstanden“, sprach er in meinen leicht geöffneten Mund, zog begehrend mit seinen Zähnen an meiner Unterlippe. Alles explodierte in mir, neue Energiequellen entstanden und schickten durch meinen ganzen Körper kleine Blitze, die Kettenreaktionen mit sich brachten.
      „Bitte“, stammelte ich benebelt vor Glück, „verlass mich nicht mehr.“
      „Auf keinen Fall, aber jetzt wartet deine Freundin“, drückte er mich nach oben aus dem Stuhl und ich bekam einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Am ganzen Körper zitterte ich, konnte mich nur schwer damit abfinden, dass der innige Moment so schnell wieder endete. Ich fühlte mich nie derartig geliebt, wie von ihm. Dann verzog ich mich ins Schlafzimmer, denn neben neuer Unterwäsche, musste ich auch einen anderen Pullover anziehen. Fruity hatte überall Flecken hinterlassen, die nur durch einen Waschgang zu beseitigen waren. Somit landete auch dieses Stück Stoff bei den anderen im Wäschekorb, bevor ich zur Tür lief und meine Schuhe anzog.
      „Erik?“, steckte ich noch meinen Kopf ins Innere. Belustigt drehte er sich um, als suche er zusammen mit mir nach der angesprochenen Person. Dann lehnte er sich entschieden zurück, verschränkt die Arme wieder und blickte tief durch meine Augen zur Seele.
      „Danke, dass du da bist“, schmunzelte ich glücklich.
      “Das kann ich nur zurückgeben”, spiegelte er mich, bevor sein Laptop dann doch interessanter wurde. Sehnsüchtig sah mit Trymr nach. Ich entschied schon nach einigen Metern umzudrehen.
      “Schon wieder da?”, lachte Erik und klappte den Bildschirm ein Stück zur Tastatur, um darüber hinweg zu mir zu sehen.
      “Dein Hund würde sicher gern mitkommen”, sagte ich beim Holen der Leine vom Kleiderhaken, auf dem nur noch mein Overall hing sowie Eriks Mantel und Jacke. Panisch suchte ich den Ständer ab, aber fand nichts weiter als einen Schal. Neben mir ertönten Schritte und beim Umdrehen stand er dann wieder neben mir.
      “Das hier suchst du?”, wedelte Erik mit der Leine in der Hand vor meiner Nase herum, mit einem schmutzigen Lächeln auf den Lippen. Jedes Mal, wenn ich danach griff, zog er sie nach oben, sodass mir nichts andere übrigblieb, an ihm hochzuspringen. Den Grund dahinter hatte ich schnell raus. Meine Hand lag auf seiner Schulter, als auch seine mich packten und fester an seinen Oberkörper drückten. In meine Nase stieg wieder sein unverkennbarer Geruch, der mich wie zuvor zuhause fühlen ließ. Ich wollte zu Lina, doch drängte mich das Verlangen bei ihm zu bleiben, mich nicht von der Stelle zu bewegen und für immer in seinen Armen zu liegen. Mit weit geöffneten Augen sah ich hoch in seine glänzenden, hoffte ihn ein letztes Mal spüren zu können, bevor es Abschied bedeutete für einige Stunden und nach Hause wollte er auch noch.
      „Bist du noch da, wenn ich zurückkomme?“, fragte ich flehend.
      „Je nachdem wie lang du unterwegs bist, dennoch würde ich sagen, vermutlich nicht“, äußerte sich Erik zurückhaltender, aber hielt mich weiterhin fest, auch wenn seine Hände in der Zwischenzeit weiter nach unten wanderten und meinen Po umfassten. Innerlich stritten Vernunft und Leidenschaft um ihre Stellung im emotionalen Minenfeld, dass sich in wahnsinniger Geschwindigkeit mit Nebel zuzog. Aus der wirtlichen Wärme wurde übergangslos eine klirrende Kälte, die erst meine Adern erstarren ließ und nach einem Wimpernschlag den Rest meines Körpers. In meinen Ohren ertönte der schnelle Herzschlag aus meiner Brust und vor mir wurde es schummerig. Elendig rang ich nach Luft, gab alles, um das schwere Gefühl loszuwerden. Ungewiss, was geschah, lichtete sich im nächsten Moment der Nebel vor meinen Augen und in meinem Geist. Ich spürte das Kribbeln wieder, das unter meiner Haut wie tausende kleine Nadelstiche mich durchsetzen, aber keinesfalls etwas Schlechtes bedeutete. Viel mehr fühlte ich lebendig.
      “Geht es dir besser, Vivi?”, raunte Erik in mein Ohr. Seine Lippen hatten sich in ein weiches Rot getaucht, das sich langsam wieder legte. Auf meinen spürte ich es auch. Unsere Annäherung konnte nur von kurzer Dauer gewesen sein, denn ich erinnerte mich nur wage, aber sein Geschmack lag mir noch im Mund, festgesetzt wie ein intensives Getränk. An meinen Schultern lagen seine Arme, fest genug, um die Berührung zu spüren, locker genug, um mich frei zu bewegen. Ich atmete bewusst ein und wieder aus.
      “Ja”, nickte ich und spürte ein heftiges Kratzen in meinem Rachen, das vor wenigen Sekunden noch nicht da war.
      “Was war das?”, erkundigte er sich langsam, weniger forsch als noch am Tisch.
      “Ich weiß es nicht”, niedergeschlagen murmelte ich in den Kragen meiner Jacke, wich seinen Blicken aus und musterte intensiv meine dreckigen Reitstiefel, die ich mir vor einigen Wochen erst gekauft hatte. Dann fragte ich resigniert: “Wann kommst du wieder?”
      “Das liegt an dir”, holte er meinen Kopf wieder nach oben, “du hast Abstand verlangt, Freiheit, die ich dir gab und nun kommst du gar nicht mehr weg von mir.” Auf seinen Lippen zeichnete sich wieder der liebliche Rotton und ein verzauberndes Lächeln.
      “Es macht mir Angst”, versuchte ich mich zu erklären, doch legte er seinen Zeigefinger auf meinen Mund und ich verstummte umgehend. Eriks hellen Augen funkelten.
      “Ich hole dich heute Abend ab. Wir veranstalten eine kleine Runde unter Freunden und ich möchte, dass du sie kennenlernst”, bot er an. Aus meiner Schwermut wurde umgehend Vorfreude, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht einschätzen konnte, was das zu bedeuten hatte und ich es im Nachhinein bereuen würde.
      “Okay, machen wir so”, druckste ich und drückte flüchtig meine Lippen auf seine, nahm ihm die Leine ab und ging schlussendlich aus der Hütte, zusammen mit Trymr, der die ganze Zeit am Glas wartete.

      Lina
      “Na, ich zwei, meint ihr, sie kommt heute noch?”, fragte ich die beiden Hengste neben mir, allerdings erhielt ich keine Reaktion. Wunderkind hatte schon vor einer viertel Stunde entspannt den Kopf gesenkt und döste mit halb geschlossenen Augen, die rosa Unterlippe locker herunterhängend. Alfi hingegen scharrte fordernd mit den Hufen über den Boden und wippte ungeduldig mit dem Kopf auf und ab. Tadelnd klopfte ich dem Hengst auf die Schulter, was zumindest für einen Moment Wirkung zeigte.
      Bevor der Schimmelhengst zu einer erneuten Randale ansetzen konnte, ertönten endlich Vriskas Schritte auf der Stallgasse, begleitet vom Klackern der Hundepfoten. Trymr trabte freundlich auf mich zu und forderte auch augenblicklich eine angemessene Begrüßung ein.
      “Ahh, da bist du ja endlich und ich dachte schon, du gehts ohne uns spazieren”, scherzte ich. Was auch immer sie noch gemacht hatte, es schien sehr einnehmend gewesen zu sein.
      “Tut mir leid, ich war mir nicht bewusst, dass es so lange dauern wird”, verschloss sie den Reißverschluss ihrer dunkelblauen Jacke und fummelte dann weiter an der hellbraunen Lederleine des Hundes.
      “Alles gut. Wollen wir dann los?”, entgegnete ich freundlich und stupste Wunderkind, an dem sein Kopf mittlerweile gemütlich im Halfter hing, als sei es zu anstrengend, ihn selbst oben zu halten. Langsam kamen seine blauen Augen wieder unter seinen Lidern zum Vorschein und blickten mich an, synchron dazu hob sich auch der Kopf des Pferdes wieder an.
      “Auf jeden Fall”, grinste sie und holte noch den Helm aus der Sattelkammer. Es dauerte nicht lange bis wir dann schließlich auf den Pferden saßen. Während Alfi frisch und spritzig voranschritt, musste ich Wunder ein wenig motivieren. Er schien noch nicht wieder ganz aus seinem Delirium erwacht zu sein. Zugegeben bei den frostigen Temperaturen, war es dem Hengst nicht zu verdenken, dass er lieber weiterschlafen wollte, ein kuscheliges Bett wäre jetzt schon ziemlich verlockend. Alternativ wäre eine Sauna sicher auch okay, aber die würde ich hier auf dem Hof vergeblich suchen. Schließlich waren wir hier nicht in meiner Heimat, wo es sogar mitten im Wald Schwitzhütten gab. Auch wenn die Sonne den morgendlichen Nebel bereits vertrieben hatte, glitzerte immer noch Frost auf den beschatteten Stellen des Bodens und ein Habicht zog auf der Suche nach Beute seine Runden über den beinahe wolkenlosen Himmel. Kurzum es war ein wunderschöner, idyllischer Herbstmorgen. Genüsslich ließ ich die kühle Luft in meine Lungen strömen, nahm die Gerüche von feuchter Erde, nassem Laub und natürlich auch von den Pferden wahr.
      “Ist das nicht schön, all die bunten Farben, die die Natur jetzt zeigt”, sprach ich einfach meine Gedanken aus, die mir gerade durch den Kopf geisterten, “Weißt du, früher hatte ich mal eine Freundin, die sagte, es mache sie traurig, wenn die Natur im Herbst beginnt zu sterben, aber ich sehe das anders. Ich meine, der Herbst ist doch eher ein Neubeginn. Eichhörnchen verstecken Nüsse und aus denen, die sie vergessen, waschen im nächsten Jahr neue Bäume, auch die Elchbrunft legt neue Lebensgrundlagen und mit den Fruchtkörpern der Pilze kommt eines der größten Lebewesen weltweit ans Tageslicht. Was denkst du dazu?”
      “Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht”, antwortete Vriska abwesend und war im Wechsel damit beschäftigt den Hengst zu bremsen und Trymr zurückzurufen, der immer wieder eine neue Spur ins Dickicht nahm. Mittlerweile hatte sein Fell von Grau zu Braun, matschig gewechselt. Ich wartete auf ihre Antwort, beobachtete die Natur währenddessen weiter und bemerkte zwischen den jungen Kiefern und älteren Birken eine sehr alte Eiche, die fest verwurzelt an Ort und Stelle stand. Ringsum kaum Bäume, nur ihr eigenes Refugium.
      “Ich denke, dass die Natur einen Grund dafür hat und wir Menschen viel zu klein auf dem wahnsinnig großen Planeten sind, um uns dem in den Weg zu stellen”, murmelte sie.
      “Ja, da magst, du recht haben” stimmte ich zu, betrachte den knorrigen Baum, der Ehrfurcht gebietend vor uns aufragte. Die Eiche war sicher schon einige Jahrzehnte alt, wenn nicht sogar Jahrhunderte und schien so viel beständiger als der Wald ringsherum.
      “Wir sind nur eine winzige, kurzweilige Existenz in dieser Welt”, fügte ich gedankenvoll hinzu.
      “Wenn wir so weiter machen, sagen wir noch Sachen, die wir nicht so meinen”, kam es verschlossen aus Vriska, die dann noch Lächeln anknüpfte und den Hengst energisch vorwärtstrieb, um im langsamen Pass voranzukommen. Ihre Aussage irritierte mich ein wenig. Hatte ich etwas Falsches gesagt oder war das mal wieder einer ihrer rätselhaften Launen?
      Um nicht den Anschluss zu verlieren, trieb auch ich meinen Hengst an. Wunder erhöhte zwar seine Geschwindigkeit, aber aufgrund der ziemlich unrunden Bewegungsabläufe, war ich mir sicher, dass ich zuverlässig Gangsalat produziert hatte. Man hatte mir zwar mittlerweile oft genug erklärt, wie das funktionierte mit den Trabern, und den mehr Gängen, dennoch schaffte ich es immer mal wieder Gänge zu aktivieren, die ich nicht wollte oder gänzlich Chaos zu verursachen. Ein Wunder das noch keines der Pferde einen Knoten in den Beinen bekam. Mein Glück, dass das Pferd unter mit klüger war als ich, denn nach weniger Metern entschied der Hengst selbst die Wahl der Gangart zu übernehmen und sich dem Schimmelhengst anzupassen und den Abstand zu ihm zu verringern.
      “Vriska, warte doch”, versuchte ich Vriska wieder zum langsamen Reiten zu bewegen, “ist etwas los?” Eine Reaktion folgte jedoch nicht, stattdessen schnaubte Alfi ab und hielt sein Tempo, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt. Aber der Weg wurde zunehmend unsicherer, viele Wurzeln durchzogen den Sandboden, die sich unter den Hufeisen und leichten Frost darstellten. So entschied Vriska endlich das Pferd zu parieren, erneuert stellte ich meine Frage und diesmal sah sie sogar zu mir, während der Hengst sich erholt streckte.
      „Es ist ein erneutes Mal alles etwas viel“, schnaufte sie laut. Ihre Hände fummelten unkontrolliert an der Mähne des Pferdes herum, strichen ihm über den Hals, bis sie schließlich den Reißverschluss wieder in den Fingern hatte.
      “Verstehe ich, es ist mal wieder ziemlich viel los hier”, antworte ich einfühlsam. Zu gut konnte ich Vriska verstehen. Fruitys Verkauf, Glymur, den sie abgeben musste, Erik, der auf einmal wieder da war, es war fast so, als kenne Vriskas Leben nur Action und gab keine Zeit für Erholungspausen.
      „Und dann noch die ganzen Einsteller, die zur kalten Jahreszeit Beritt wollen. Ich kann mir auch nur schlecht vorstellen, wie ich sonst mein Leben regelte“, grinste sie.
      “Ja, das ist schon erstaunlich”, lächelte ich, „das kenn ich so gar nicht. In Kanada wurde es zum Winter her eher weniger Arbeit. Aber okay, wir hatten auch gerade einmal zwei Einsteller auf dem Hof.” Gleichmäßig zu Wunders Atemzüge, stiegen kleine, weiße Atemwölkchen aus seinen Nüstern empor und die wenigen Stellen, an der er begonnen hatte zu schwitzen, dampften ein wenig.
      „Klarer Fall von keine-Lust-bei-dem-Wetter-das-Pferd-selbstzubewegen“, zuckte Vriska mit den Schultern und holte Alfi im Tempo wieder zurück.
      „Nicht nachvollziehbar. Ich glaube nach spätestens zwei Tagen, wüsste ich nichts mehr mit mir anzufangen so ohne Pferde. Solang am Ende des Tages eine warme Dusche auf mich wartet, ist das sogar beim ekeligen Wetter okay“, entgegnet ich verständnislos. Sie zuckte auch nur mit den Schultern und musterte den Himmel, an dem immer mehr Wolken aufzogen und die letzten wärmenden Strahlen der Sonne verdeckten. Die Kronen der Bäume bewegten sich sanft im Wind, knarrten mysteriös und bunte Blätter fielen in unsere Richtung. Diese Idylle wurde lediglich kurz unterbrochen durch einen leisen Signalton meines Handys. Ich brauchte nicht nachzusehen an was das Gerät mich erinnern wollte, denn ich dachte schon ungefähr seit drei Tagen ununterbrochen daran.
      “Vriska, habe ich dir eigentlich erzählt, dass heute mein neues Pony kommt?”, grinste ich voller freudiger Erwartung. Tatsächlich war ich mir nicht ganz sicher, ob ich tat, denn ich hatte bereits mit so vielen Leuten darüber gesprochen, dass ich vergaß, wen genau ich schon davon in Kenntnis setzte.
      “Warte”, bremste sie eruptiv den Hengst ab, “du hast dir noch ein Pferd gekauft?” Ihre Stimme klang kratzig und äußerst stark auf ‘noch ein’ betont. Kurz räusperte sie sich, wand sich dem Hund zu, der erneut seinen Weg in das Dickicht des Waldes suchte. Mit einem einzigen Pfiff folgte Trymr uns wieder.
      “Dann ist die Box neben Smoothie also für deinen neuen Begleiter? Ich will alles wissen”, jubelte Vriska erfreut und sah mit ihren Augen starr in meine Richtung.
      “Ja, eigentlich war ich ja nicht auf der Suche, weil ich ja Ivy habe, aber ich konnte nicht nein sagen, als Niklas sie mir gezeigt hat. Sie ist nämlich, wer hätte das nur erwartet, ein Freiberger.” Ich begann wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen und spürte, wie nun langsam die Aufregung in mir stieg, wie bei einem Kind an Weihnachten, wenn die Geschenke bereits in Sichtweite unter dem Baum lagen.
      “Redo ist ein Polizeipferd und hat mit ihren elf Jahren nun genug Dienst geleistet, weshalb sie jetzt bei mir ihre Rente genießen darf. Optisch ist sie wohl eher das Gegenteil von Divine, denn sie ist schwarz wie die Nacht und hat eine unglaublich niedliche Blesse, aber das wirst du ja später selbst sehen”, schwärmte ich voller Elan von meinem neuen Pferd.
      “Ach so, toll”, murmelte sie überzogen, aber folgte der Erzählung. Schon als ich den Namen meines Freundes erwähnte, rollten ihre Augen und der Blick verschwand zur Seite.
      “Warum bist du heute so seltsam, Vriska? Da steck doch sicher mehr dahinter, als dass aktuell viel los ist”, hakte ich nach und musterte sie prüfend. Erneut räusperte sie sich: “Erik ist eifersüchtig, weil ich mit Niklas trainiere, obwohl wir schon so weit gekommen sind. Darüber schien er nicht sehr begeistert zu sein. Erst jetzt, wo ich etwas mehr darüber nachdenke, kommt es mir blöd vor.”
      “Ja, ein wenig blöd klingt das schon, aber ganz ehrlich, ich kann es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, ich meine bei eurer Vergangenheit …”, murmelte ich und schielte verhalten zu ihr hinüber, “aber das ist sicher nicht das, was du hören wolltest.” So gut wie ich Eriks Seite nachvollziehen konnte, so konnte ich auch Vriska verstehen.
      “Jedenfalls, denke ich, er hat einfach nur Angst davor dich zu verlieren. Wenn dich etwas an seinem Verhalten stört, solltest du mit Erik darüber reden und versuchen einen Kompromiss zu finden, mit dem ihr beide leben könnt”, riet ich ihr. Ohne recht zu wissen warum, strich ich Wunderkind über den gescheckten Hals, woraufhin er schnaubte.
      “Vergangenheit. Ah ja”, schnaubte sie und unterstrich ihre Aussage mit einem sehr deutlichen Augenrollen, dass wohl auch die Hengste zu deuten wussten. Ihr gefiel meine Aussage ganz und gar nicht, doch statt wie gewohnt dann die Flucht anzutreten, atmete Vriska tief durch und sah mich starr an. “Aber nein, ich werde nicht darüber mit ihm sprechen, denn es das einzige Anliegen, was er je geäußert hat und dem werde ich nichts entgegentreten”, fügte sie deutlich gelassener hinzu, aber setzt dann doch noch einmal zu einem scharfen Zusatz an: “Dein Kerl hatte damit ein so viel größeres Problem und musste mir daraufhin urig lange Texte verfassen, die davon geplagt waren, wofür ich ihm so dankbar sein sollte oder so.”
      “Jap, das glaube ich dir gern. So ist er, der Herr”, kommentierte ich das Ganze trocken. So ganz nachvollziehen, warum sie sich bei mir darüber beschwerte, konnte ich nicht, schließlich war Niklas mein Freund und nicht mein ungezogenes Kind, aber wenn es ihr damit besser ging, solle sie mal machen. Immerhin wusste ich wie anstrengend er mit seinen Eigenheiten manchmal sein konnte. Verdutzt entglitten ihre Gesichtszüge, um nun doch ein schnelleres Tempo mit dem Hengst anzustreben. Im Pass bretterte Alfi los, gefolgt von Trymr, der mit lockerem Zug hinterherrannte. Sein Schwanz bog sich zwischen die Beine, als wäre er auf der Jagd nach einem Hasen, der ihm zufälligerweise über den Weg lief. Auf der Bahn erlangte Wunderkind viele Siege, aber sobald ein Sattel auf seinem Rücken lag, musste man kontinuierlich mit den treibenden Hilfen am Ball bleiben, dass er nicht zurückfiel. Sosehr ich mich auch bemühte dem Wunderkind zu etwas mehr Geschwindigkeit zu verhelfen, der langbeinige Schimmel hatte mehr davon, womit Vriska jeden Kommunikationsversuch abblockte. Der Wind blies mir kräftig entgegen, zerzauste das, was mal ordentliche Zöpfe gewesen waren und der Matsch spritze Wunder mindestens bis an die Brust und bedeckte sein Fell mit graubraunen Punkten.
      Erst als Vriska am Hof gezwungen war Alfi zu bremsen, hatte ich die Chance sie einzuholen. Ein wenig angestrengt lenkte ich den gescheckten Fuchs neben den Hengst, der mit geblähten Nüstern die Luft in seine Lungen zog und kleine Wolken in der Luft bildete.
      “Möchtest du mir verraten, was ich gesagt habe, dass du vor mit flüchtest oder hüllst du sich lieber weiter in Schweigen?”, versuchte ich wieder, die Kommunikation mit ihr aufzunehmen. Noch bevor sie ein Wort sagte, musterte auch den Parkplatz, den sie offensichtlich mit ihren Augen absuchte. Wie vermutet, standen dort nur noch unsere Fahrzeuge vom Hof und drei Autos der Einsteller, die aktuell ihre Pferde besuchten. Eine von ihnen, Eve, kam uns freudig entgegen und saß auf ihrem Kaltblüter Hengst Raleigh, der neugierig die Ohren aufstellte, als Trymr ihm entgegentrat. Die schulterlangen schwarzen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der am Helm hinten wie ein kleines Hörnchen herausstand.
      “Immer noch keinen Sattel gefunden?”, fragte Vriska höflich. Offenbar lag es doch an mir, denn mit Eve begann sie umgehend ein Gespräch, obwohl ich wusste, dass sie nicht leiden konnte. Vermutlich wäre auch einfacher aufzuzählen, wen sie mochte und dafür würde eine Hand reichen.
      “Leider nicht”, antwortete Eve kurz und ritt weiter. Der Hengst schnaubte ab, schenkte den beiden Rennpferden überhaupt keine Beachtung. Sein dreckiger Beinbehang schob sich durch den Kiesweg und hinterließ größere Löcher, als die anderen Pferde. Mehrmals drehte ich mich noch um und bewunderte etwas, dass sie ohne Sattel so selbstsicher auf dem Riesen saß. Vriska hingegen schwieg, aber ich spürte, dass es in ihrem Kopf brodelte. Sie warf mir einen fragenden Blick zu und ihre Augen glitzerten gläsern im Licht der kalten Lampen an der Außenwand des Stallgebäudes. Eine Träne kullerte über ihre Wange, die sie sofort wegwischte.
      “Ich will nicht, dass du mich hasst”, zitterte ihre Stimme, “aber dieses Auf und Ab die letzten Wochen mit Erik, tat mir noch weniger gut, als sein nicht da sein zuvor. Ich verlor mich in Gedanken, wusste nicht, was ich wollte oder verstand, was ich tat. Das endete darin, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte, was ich sonst immer relativ gut schaffte und auch emotional davon abschottete. Dennoch fand ich mich betrunken auf Niklas Schoß wieder und zwei Shots später, fühlte er sich ebenfalls bereit dafür. Wäre Chris nicht dagewesen, weiß ich nicht, worin es geendet hätte.” Die Worte waren durchtrieben von Schluchzten und lauten Atmen. Dass es wieder mal so einen Auslöser geben würde, dachte ich mich bereits, versuchte meinen Geist aber zu beruhigen. Vermutlich gehörten solche Ekstasen zu seinem Dasein und ich musste akzeptieren, ihn immer mit seinen schlechten Eigenschaften teilen zu müssen. Eine Antwort kam mir nicht in den Sinn, doch Vriska keuchte mit roten Augen, die weiter mit Tränen besetzt waren, weiter: “Sonst gehe ich ihm schon immer aus dem Weg und reduzierte den Kontakt aufs nötigste, um mich auf das wesentliche zu konzentrieren. Aber beim Training fühlte ich mich so frei, geborgen und es unwichtig wer ich bin oder was ich darstellen sollte. Das verletzt mich und noch so viel mehr, dass ich immer wieder zwischen euch funke, obwohl das überhaupt nicht mein Plan ist. Deswegen überlege ich wieder nach Hause zu fahren.” Das Gesagte war bitter, doch die Qual darin war so deutlich, dass ich es beinahe selbst zu spüren glaubte. Es betrübte mich, dass Vriska so sehr litt, dass sie in der Flucht den einzigen Ausweg sah. Verübeln, könnte ich es ihr allerdings auch nicht, schien es doch der leichteste Weg zu sein, einfach aus diesem Leben hier zu verschwinden und weit wegzukommen, an einem anderen Ort neu anzufangen.
      “Ich hasse dich nicht”, sprach ich sanft, bevor ich auf der Suche nach den richtigen Worten innehielt, “viel mehr danke ich dir für deine Aufrichtigkeit. Ich spüre wie es dich zerreißt und es tut mir leid, dass das Training als Wohlfühlort nun wegfällt. Aber ich würde mir wünschen, dass du hierbleibst, nicht das aufgibst, was du dir aufgebaut hast. Ich meine, wie du selbst schon, sagtest du bist bisher so weit gekommen und auch wenn du es vermutlich nicht glauben kannst, ich brauche dich. Wer unterstützt mich denn sonst dabei, der Männlichkeit hier nicht völlig die Macht zu überlassen?” Aufmunternd lächelte ich ihr zu, bevor ich die Rede fortsetzte: ”Außerdem, hast du mit Erik einen wundervollen Menschen an deiner Seite, der dich sicher unterstützen wird. Wenn du wirklich zurück in deine Heimat willst, bin ich die Letzte, die dich aufhalten wird, aber lass uns vorhersehen, ob es nicht auch eine andere Lösung geben könnte.”
      Das Schluchzen endete und verlief sich im Säuseln der Blätter, der jungen Birken am Wegesrand. Von außen betrachtet standen wir sinnlos herum, weder links noch rechts hatte jemand die Möglichkeit an uns vorbeizukommen und die Hengste schnappten verspielt nach einander. Erst nach geraumer Zeit griff Vriska in das Geschehen ein und tadelte den Schimmel. Er wippte mit dem Kopf und trat zwei Schritte zurück. Dann lobte sie ihn, Ruhe kehrte wieder ein, obwohl ihr Atem noch sehr präsent war. Obwohl sie ihr Piercing schon länger aus der Unterlippe nahm, biss sie mit der oberen Zahnreihe darauf herum und versuchte nicht vorhandene Objekt mit der Zunge zu drehen. Es sah schon aus wie Ivy, wenn er eine Banane auf dem ganzen Boden verteilte.
      “Wir kennen ihn beide kaum, um das beurteilen zu können”, seufzte Vriska und wischte eine Haarsträhne aus dem Gesicht, “aber ich soll heute seine Freunde kennenlernen.”
      “Ausgezeichnet, dann nutzt deine Chance ihn besser kennenzulernen”, versuchte ich sie weiter aufzumuntern.
      “Hörst du dir eigentlich manchmal selbst zu?”, lachte Vriska mit verstopfter Nase, “erst mal sehen, ich habe Angst und weiß nicht, ob das nicht einfach so ein aktuell verstehen wir uns echt gut, mit ihm sein wird.”
      “Nein, da setzt mein Hirn regelmäßig aus”, schmunzelte ich, freute mich aber Vriska aufmuntern zu können, “Dann lass dir Zeit mit deiner Entscheidung, tu das womit du dich am wohlsten fühlst.”
      “Merke ich. Aber ich weiß nicht, womit ich mich wohlfühle. Er ist toll, aber nur solang er bei mir ist für einige Stunden. Außerdem”, sie schluckte, bevor die Worte zittrig ihre Lippen verließen, “ist da auch noch Fredna, mit der ich mich nicht so recht anfreunden kann.”
      “Ersteres wirst du wohl leider allein rausfinden müssen. Erforsche einfach langsam, was du willst und was Fredna betrifft … ich denke, das benötigt Zeit, Geduld und Verständnis. Das ist sowohl für dich als auch für die Kleine eine komplett neue Situation. Erwarte nicht sofort, dass sie dich vergöttert, mach dir aber auch selbst keinen Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen oder dass es sofort funktionieren muss”, riet ich Vriska und lächelte sie aufmunternd an.
      “Das sagst du so leicht, dich mag sie”, wieder seufzte sie, aber schwang sich aus dem Sattel. Der Wind wurde rauer und auch mir wurde zunehmend unangenehm kalt auf dem offenen Feld. Prüfend sah Vriska sich im Stall um, ehe sie ihre Verteidigung wieder aufbaute, als sollte ich von meiner Stellung ablassen und ihr dazu raten, Erik erneut fallenzulassen: “Ich weiß nicht, was ich erwarte, schließlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet, mir Gedanken machen zu müssen, was passiert, wenn man jemanden an seiner Seite haben könnte. Spaß wollte ich haben, ansonsten wird mir hier doch alles geboten. Na gut, ein eigenes Pferd wäre noch toll.”
      “Dann wird es jetzt mal Zeit, dass du dir darüber Gedanken machts oder du wartest einfach ab, wohin das Leben dich führt”, blieb ich bei meiner Haltung, dass sie Erik zumindest eine weitere Chance geben sollte, auch wenn ihr das Modell feste Beziehung und dann auch noch mit einem Kind im Spiel, ziemlich zu schaffen machen schien.
      “Und ich glaube da mit dem Pferd, könntest du sicher erfüllen, wenn du dein Geld nicht so viel für überteuerte Schabracken ausgeben würdest, wobei ich dir zustimme, dass dieser Barbielook von Lubi auf Dauer nur schwer erträglich ist”, ging ich auch noch auf ihren letzten Satz ein, bevor ich den Sattel von Wunders Rücken zog und mich mit diesem auf den Weg in die Sattelkammer machte.
      “Die hat nur 1199 Kronen (ca. 120 Euro) gekostet”, murmelte Vriska verstohlen in ihren Kragen und folgte mir mit dem Sattelzeug des Schimmels, den sie entschlossen in das Solarium stellte. Trymr hatte sich derweil auf einer der Decken platziert und streckte alle Viere von sich, erschöpft aber glücklich wedeltet die Rute langsam.
      “Und was Erik betrifft”, setzte sie nach einem Augenblick der Stille wieder an, “der gibt sich doch auch kaum Mühe, hofft nur, dass etwas Nähe reicht. Ich weiß nicht einmal, was er aktuell macht nach dem er gekündigt wurde. Es ist blöd so, aber was weiß ich schon, was man ändern sollte. In meinem Kopf hüpfen nur bunte Ponys.”
      “Weißt du, es gibt da so etwas, das nennt sich Kommunikation. Ich habe gehört, das soll helfen, wenn man sich wünscht, dass Menschen sich verändern sollen. Sag ihm, dass du das, wie es aktuell läuft, doof findest, dass dir da etwas fehlt. Vielleicht findet ihr zusammen den Punkt, an dem es hakt”, versuchte ich ihr besten Gewissens zu helfen, was angesichts der Tatsache, wie unsicher Vriska in Bezug auf Erik war, nicht gerade einfach war.
      “Kannst du das nicht machen? Schließlich scheint es ihm an nichts zu fehlen”, zuckte sie mit den Schultern, dann griff sie in ihr Fach, in dem normalerweise das Handy lag. Jedoch befand sich dort nichts.
      “Ja, das kann ich für dich tun, aber ich kann dir nicht versprechen, dass das den gewünschten Effekt hat”, erwiderte ich ehrlich. Ich konnte nachfühlen, dass sie das Thema nicht selbst ansprechen wollte, schließlich ging ich selbst der Konfrontation mit unangenehmen Themen, wenn möglich, aus dem Weg.
      “Ach schon gut, ich werde erst mal sehen, was sich heute ergibt. Mir würde schon reichen, wenn ich überhaupt etwas über ihn im Internet finden würde, aber nein. Er ist ein Phantom”, legte sie laut und griff immer wieder in das leere Fach, als konnte sie nicht glauben, dass sich das Gerät dort nicht befand. Vriska seufzte und drehte sich schließlich zu mir, klemmte die Schuhe zwischen ihre Knie und band sich das lange weiße Haar zu einem neuen Zopf.
      “Apropos Phantom. Ich habe deinen ehemaligen Kerl gefunden”, dreckig lachte sie und ein falsches Lächeln durchzog ihr Gesicht. Für ein paar Sekunden fühlte es sich an, als sei mein Herz stehen geblieben, bevor es umso heftiger pulsierend wieder einsetzte und dabei das gesamte Blut aus meinen Extremitäten in die Körpermitte zu saugen schien.
      “Du hast was?”, presste ich hervor und starrte sie mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Auf Social Media hatte meine Schwester damals dafür gesorgt, dass er blockiert wurde und alles andere wo Bilder oder Beiträge von ihm auftauchen konnte, mied ich wie die Pest. Er war einer der Gründe, weshalb Dinge wie das Jahrbuch aus meinem Abschlussjahr zusammen mit einem Sammelsurium an Fotos und anderer Dinge in einer Kiste einstaubten.
      “Ich habe doch gesagt, wenn ich ihn finde, mache ihm das Leben zur Hölle”, zuckte sie mit den Schultern und zog den Gummi fester. Ich bewegte mich nicht von der Stelle, spürte aber, dass sie ihre Hand auf mir ablegte, bevor sie weitersprach.
      “Offensichtlich puscht er sein Ego nun damit, von anderen Mädchen angehimmelt zu werden und ich nutze bewusst diesen Begriff. Im ersten Überblick waren die zwischen zwölf und siebzehn”, ungläubig schüttelte sie mit dem Kopf, “beliebt wurde er durch einen Unfall, der ihn ziemlich viel Aufmerksamkeit brachte und seine internationale Ice Hockey Karriere trug wohl den Rest dazu bei. Ach, und der ist mit so einem Model aus Estland zusammen, was aber ziemlich gestellt wirkt. Viel Zeit verbringen sie nicht miteinander, denn die gefühlten stündlichen Story-Updates zeigen nur selten beide zusammen am selben Ort. Bilder hingegen waren nur gemeinsam. Seine Agentur hat auch gute Arbeit verrichtet, zu verschleiern, was vor seiner großen Onlinekarriere kam. Ich fand einige Dokumente über einen mehrjährigen Gefängnisaufenthalt wegen Körperverletzung, durch das verstoßen gegen Bewährungsauflagen. Also hat er seine Strafe bekommen, wenn auch zu kurz.”
      Ein wenig gruselig, wie viele Informationen Vriska einzig aufgrund eines Vornamens herausgefunden hatte. Doch die Anspannung löste sich langsam von mir, auch wenn mein Kopf einen Moment benötigte, um die Informationen zu verarbeiten.
      “Warum wundert mich das nicht, dass seine Freundin offenbar nur Fake ist …”, murmelte ich vor mich hin. Schon nach der Trennung hatte ich die bittere Erkenntnis, dass weder ich noch irgendein anderes Mädchen für ihn jemals mehr gewesen waren als ein dekoratives Schoßhündchen.
      “Gefängnis, sagst du?”, wiederholte ich und Vriska nickte bestätigend, „dazu kann ich nur sagen, Karma ist eine Bitch. Nur traurig, dass sie ihn wieder herausgelassen haben.” Erstaunlicherweise fühlte es sich überraschend gut an, zuhören, dass das Leben dieses Arschlochs, nicht nur aus Glanz und Gloria bestand. Es macht die Ereignisse zwar nicht ungeschehen, deren unsichtbare Narben ich auf dem Herzen trug, aber es der Gedanke, dass das Leben ihn strafte, machte es geringfügig erträglicher damit zu existieren.
      “Tyri hat bis heute nicht bekommen, was er verdient”, gab Vriska nur trocken von sich und trat aus der Sattelkammer heraus. Von außen drang das Piepen des Solariums hinein, was womöglich ihre Flucht beantwortete.
      “Das tut mir leid”, bekundete ich meine Anteilnahmen und folgte aus dem Raum. Auf dem Putzplatz fand ein schlafendes Wunderkind vor. Bisher war mir noch kein Pferd begegnet, welches so viel döste, äußerst energieeffizient für ein Rennpferd. Mit einem sanften Stupser weckte ich den Hengst und versuchte ihn in Bewegung zusetzten. Langsam stellte er sich normal hin, streckte sich und folgte mir dann doch langsam in seine Box. Vriska befreite derweil den Schimmel aus dem Solarium und stellte ihn ebenfalls weg.

      “Lina, jetzt hör doch mal auf hier herumzulaufen wie ein aufgeschrecktes Huhn”, sagte Vriska augenrollend, als ich sicherlich bereits zum dritten Mal prüfte, dass die Box für Redo auch wirklich ausreichend vorbereitet war, aber natürlich war sie das, weil außer das eine Box frisch eingestreut war, gab es nichts vorzubereiten.
      “Aber wo soll ich denn dann hin mit meiner ganzen Energie?”, entgegnet ich und wippte auf meinen Zehen auf und ab. Es konnte nicht mehr lange dauern bis die Transporter mit meinem neuen Pferd auf den Hof rollte.
      “Keine Ahnung, aber so machst du nicht nur mich kirre, sondern auch die Pferde”, antwortete, sie schulterzuckend und deute auf Smoothie, die in der Box hinter mir stand, eines der riesigen Ohren nach vorn, eines nach hinten gedreht und mich irritiert anstarrte, um kurz darauf nervös mit dem Kopf zu schlagen. Dem Pferd zuliebe mühte ich mich, das Wippen einzustellen, was sich dafür darin niederschlug, dass ich ersatzweise an meinem Armband herumnestelte. Wenn das so weiterginge, würde es noch in einem Übermaß an nervöser Energie kaputtgehen.
      Glücklicherweise wurde es davor bewahrt, da nun das Dröhnen eines Motors draußen zu vernehmen war, was dem ganzen Warten endlich ein Ende setzte.
      “Sie sind da”, quietsche ich begeistert und lief schnellen Schrittes zum Tor. Im Schein der untergehenden Sonne rollte der überdimensionierte Transporter auf den Hof. Wenn man ihn so sah, könnte man denke ich habe eine ganze Herde gekauft und nicht nur ein einziges Tier. Das Gefährt kam zum Stillstand und ein Mann kletterte aus der Fahrerkabine, der nach einer kurzen Begrüßung, noch ein wenig Papierkram hervorkramte. Schnell waren die Formalien erledigt, sodass es ans Ausladen gehen konnte.
      Aufgeregt beobachte ich wie der Mann, die Klappe und das leere Abteil, welches vor meiner Stute war, öffnet. Als er einen kleinen Teil öffnete, kam sogleich der Kopf der Stute zum Vorschein. Mit neugierig aufgestellten Ohren streckte sie dem Mann die Schnauze entgegen, der einen Strick an ihrem Halfter befestigte, bevor er die Seitenwand komplett öffnete. Routiniert, als würde sie das jeden Tag machen, ließ sich die Stute die Rampe herunterführen.
      Neugierig, aber ganz ruhig stand Redo am Fuß der Rampe und nahm die neue Umgebung in Augenschein, während ich den Strick von dem Mann entgegennahm. Eine Welle von Endorphinen jagt durch meinen Körper und ließ meinen Puls unwillkürlich in die Höhe schnellen. Das mag jetzt bescheuert klingen, aber es fühlte sich irgendwie ziemlich erwachsen an zu wissen, dass ich dieses Pferd von meinem eigenen Geld gekauft hatte.
      > Tervetuloa kotiin kauniisti.
      „Willkommen Zuhause, Hübsche”, raunte ich der Stute zu und strich ihr von Glück erfüllt über den kräftigen Hals. Kurz beschnupperte Redo mich, bevor sie die Nase zum Boden hinuntersenkte, um diese zu inspizieren.
      “Darf ich vorstellen, das ist Ready for Life. Sie darf ab heute ein Leben als Freizeitpferd genießen”, wand ich mich nun stolz an Vriska, die die ganze Szene mit etwas Abstand beobachtet hatte.
      “Das ist doch toll”, lachte sie aufrichtig und hielt der Stute ihre Hand hin, die konsequent ignoriert wurde. Gerade als sie den Mund öffnete, um weiteres zu sagen, stoppte sie und sah hektisch zur Seite. Niklas hatte die Tür seines Autos zugeworfen und lief großen Schrittes zu uns.
      “Mein Einsatz, viel Spaß euch”, duckte sie sich ein Stück nach unten und verschwand zur anderen Richtung. Offenbar setzte sich das seltsame Fluchtverhalten von heute Morgen noch fort. Doch anstatt mir darüber Gedanken zu machen, strahlte ich meinen Freund an, dessen Anblick nur noch mehr Glückshormone durch meinen Körper jagtet. So viele, dass ich ihm am liebsten in die Arme gesprungen wäre, was ich aber in Anbetracht des Pferdes in meiner Hand besser ließ. Stattdessen kam nur ein kurzes, “Hey Schatz”, über meine Lippen, bevor ich diese stürmisch auf seine drückte. Die wohlige Wärme, die von ihm ausging, schien meine Haut geradezu zu absorbieren, damit sie auf direktem Weg mein Herz erwärmte. Langsam löste ich mich meine Lippen wieder von ihm, aber mein Blick konnte sich nicht von seiner perfekten Erscheinung lösen. Erst ein leichter Zug auf dem Strick, dessen Ursprung Redo war, die ein paar Schritte getan hatte, um an drei einsame Grashalme heranzukommen, holte mich von meiner Liebeswolke hinunter.
      “Du kommst genau richtig, ich wollte mein Pony gerade in ihr neues Zuhause bringen”, lächelte ich und holte mir mit einem sachten zupfen am Strick den Kopf der Stute wieder zu mir. Daraufhin suchte sie nun in meinen Jackentaschen nach etwas Essbarem. Tatsächlich hatte ich noch Leckerlis in der Tasche, von denen ich ihr eines in die Schnauze stecke.
      “Ach und ich glaube, dein Pferdchen würde sich über deine Anwesenheit freuen, die war heute Morgen ziemlich launisch”, fügte ich noch hinzu, bevor ich meine Rappstute in Bewegung setzte. Smoothie hatte heute Morgen nicht nur das Vollblut raushängen lassen, sondern zusätzlich auch noch die Stute, was wirklich keine sonderlich umgängliche Mischung war.
      “Jeder freut über meine Anwesenheit”, grinste er verschmitzt und folgte mir.
      “Natürlich Liebster, nur manche freuen sich ein wenig mehr als andere”, stimmte ich ihm schmunzelnd zu. Als wir die Stallgasse betraten, schien seine Stute diese Aussage unterstützen zu wollen, denn kaum erblickte sie Niklas, quietschte sie auf und sprang in ihrer Box herum wie ein junges Fohlen. Redo schien von dem Gehampel weitestgehend unbeeindruckt und versuchte neugierig Kontakt zu den Pferden aufzunehmen, die ihre Köpfe über die Boxentüren reckten. Während mein Freund sein hüpfendes Schimmeltier beruhigte, ließ ich meine Stute gewähren, schließlich bestand heute kein Zeitdruck. Schon nach einem kurzen Schnuppern verloren die meisten allerdings bereits das Interesse und zogen sich in ihr Boxen zurück.
      In ihrer Box nahm ich Redo das Halfter ab bevor ich mich zurückzog, damit sie sich in Ruhe alles ansehen konnte. Lächelnd beobachtete ich wie der Freiberger den Kopf senkte, ein Stück durch die Box stiefelte und sich niedersinken ließ. Brummelnd kugelte sie in den Holzspänen umher. Allem Anschein nach entsprach zumindest schon einmal der Bodenbelag den Vorstellungen der Stute. Nach einigen Minuten rappelte sie sich auf, schüttelte sich und steuerte zielstrebig das Heu an.
      “Kleiner Nimmersatt”, murmelte ich in mich hineinlächelnd und sah der Stute beim Fressen zu. Es erfreute mich, dass sie sich direkt so wohl hier zu fühlen schien. Unbewusst wanderte mein Blick zu Niklas hinüber, der in der Nachbarbox mit seiner Stute herumblödelte. Schon allein bei seinem Anblick regte sich etwas in mir, was sich einfach wundervoll anfühlte und mich immer wieder darin bestätigte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hier wollte ich bleiben, denn dieser Ort war ein Zuhause geworden und Niklas war ein nicht unwesentlicher Teil davon. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so akzeptiert und geborgen bei jemandem gefühlt, der nicht Samu oder meine Schwester war.
      Das Einzige, was noch fehlte, um das ganze vollkommen zu machen, war mein Zauberpony, denn dann würde die Sehnsucht in meinem Herzen endlich ein Ende nehmen.
      Mein Handy, welches plötzlich Aufmerksamkeit verlangte, holte mich aus meinen Gedankengängen. Samus Name leuchtete auf dem Bildschirm, besser hätte es gerade ja nicht passen können. Hoffnungsvoll, dass er anrief, weil er gute Neuigkeiten hatte, drückte ich auf den grünen Hörer: “Hei, Samu.”
      > Lina, mitä kuuluu? Onko päiväsi ollut mukava tähän asti?
      „Hey Lina, wie geht's? War dein Tag schön bisher?”, kam es durch den Hörer. Leider konnte ich seine Stimmung nicht richtig deuten, sodass ich wohl abwarten musste, ob er vielleicht Neuigkeiten hatte.
      > Minulla menee loistavasti. Ready for Life on juuri saapunut ja näyttää tuntuvan melko mukavalta täällä, ainakin ruoka on heidän prioriteettinsa.
      ”Mir geht es wundervoll. Ready for Life ist gerade angekommen und scheint sich hier schon ganz wohlzufühlen, zumindest ist Futter ihre Priorität”, erzählte ich und warf lächelnd einen Blick auf die Stute, die immer noch an ihrem Heu mümmelte. Als sie merkte, dass sie angesehen wurde, hob sie ihren Kopf und kam zu mir getrottet. Sanft strich ich Redo durch die kurze Mähne.
      > Kuulostaa siltä, että hän on selvästi oikea Freiberger
      ”Klingt als sei sie ganz eindeutig ein echter Freiberger”, lachte Samu.
      > Onko poikaystäväsi kanssa kaikki hyvin?
      „Und mit deinem Freund ist auch alles gut?”, fragte er seltsam bemüht darum, dass es beiläufig klang.
      > Odotatko jo hääkutsua vai miksi kysyt niin oudosti?
      „Wartest du schon auf die Hochzeitseinladung oder warum fragst du so seltsam?”, amüsierte ich mich,
      > Mutta kyllä, kaikki hyvin. Ilman sitä olisit kuunnellut tätä kauan.
      ”Aber ja, alles gut. Wäre es nicht so hättest du das schon lange zuhören bekommen.”
      > Jos asia on niin, odotan innolla, että päivästäsi tulee vielä kauniimpi.
      ”Na, wenn das so ist, freue ich mich deinen Tag gleich noch schöner zu machen”, kündigte Samu groß an, rückte aber nicht mit der Sprache raus. Er wollte mich wohl echt auf die Folter spannen.
      > Samu, sano kyllä.
      „Samu, jetzt sag schon”, forderte ich nachdrücklich,
      > Ole hyvä.
      „Bitte.”
      > Eläinlääkäri oli juuri siellä ja Ivy saa nyt lähteä.
      ”Der Veterinär war gerade da und Ivy darf jetzt ausreisen”, gab er mir endlich die Neuigkeiten durch, auf die ich schon seit Tagen hoffte. Redo, die begonnen hatte, sanft mit ihren Lippen an meinen Zöpfen herumzuspielen, zuckte zurück, als ich freudvoll auf quietschte und einen kleinen Hüpfer machte. Von Niklas erntete ich daraufhin einen schrägen Blick. Entschuldigens strich ich Redo über den flauschigen Hals, bevor ich wieder an Samu wandte:
      > Kiitos Samu, olet paras. Milloin hän tulee?
      „Danke Samu, du bist der Beste. Und wann wird er dann hier sein?”
      > perjantaina lastaamme hänet tänne lentokoneeseen, mikä tarkoittaa, että lauantaina taikaponisi on kanssasi.
      ”Am Freitag laden wir ihn hier in das Flugzeug, das heißt am Samstag ist er bei dir”, erklärte Samu offenbar amüsiert über meine überschwängliche Reaktion.
      > Linchen, minun on palattava töihin. Lähetän tarkat päivämäärät uudestaan ja tänä iltana tai sinulle huomenaamulla saat päivittäisen Ivy-raporttisi. Hyvää illanjatkoa.
      „Okay Linchen, ich muss jetzt zurück an die Arbeit. Die genauen Daten schicke ich dir dann noch mal und heute Abend bzw. für dich morgen früh bekommst du dann noch deinen täglichen Ivy Report. Dir noch einen schönen Abend“, beendete Samu schließlich das Gespräch.
      > Myös mukava päivä ja jälleen valtava kiitos siitä, että huolehdit siitä. Heippa.
      „Dir auch noch einen schönen Tag und noch mal ein Riesen-Dankeschön, dass du dich darum gekümmert hast. Tschüs”, bedanke ich mich noch mal überschwänglich bei ihm bevor das Gespräch endgültig ein Ende fand. Der Abend war heute ohnehin schon von jeder Menge Glück erfüllt, aber die Nachricht, dass ich am Samstag wieder mit meinem geliebten Vierbeiner vereint war, toppte einfach alles. Das breite Grinsen, was sich seit der Verkündung dieser Nachricht auf meinem Gesicht ausgebreitet hatte, wollte gar nicht mehr verschwinden. Um weiteren Gefühlsausbrüchen zu entgehen, hatte mein anderes Pferd sich in seine Box zurückgezogen und mümmelte wieder entspannt an ihrem Heu. Anders als Divine war sie wohl eher weniger an menschlichen Emotionen interessiert.
      “Niki”, fröhlich lief ich zu der Nachbarbox, um die Informationen gleich mit meinem Freund zu teilen, “Samu hat gerade angerufen, in wenigen Tagen kommt Ivy endlich her.” Um Smoothie, die im Gegensatz zu heute Morgen nun wieder äußerst freundlich aussah, nicht zu verschrecken, bemühte ich mich meine Körpersprache zu mäßigen.
      “Dann bist du endlich wieder vollständig”, grinste auch Niklas mich an.
      “Ja, du sagst es”, trällerte ich heiter, “ich glaube der Tag kann jetzt nicht mehr viel besser werden.” Meine Hände ließ ich präventiv in den Jackentaschen versinken, bevor sie wieder abenteuerliche Figuren in der Luft beschreiben würden. Neugierig streckte sich mir eine rosa Pferdenase entgegen, die auch sogleich erkannte, dass sich neben meinen Händen noch etwas Essbares in den Taschen befand. Jetzt wollte Smoothie offenbar doch das Leckerli, welches sie heute Morgen verschmäht hatte. Niklas sorgte allem Anschein nach nicht nur bei mir jedes Mal für eine erhebliche Verbesserung der Launen, sondern bei seiner Stute schien er diese Wirkung ebenso zu haben. Schon allein wie sie immer herumsprang, wenn sie ihn nur hörte, irgendwie niedlich.
      Gierig schnappte die Stute nach der Leckerei, fast so als sei sie ein ausgehungertes Krokodil. Meine Finger hatten sie auch bereits zwischen ihren Lippen und diese entkamen ihren Zähnen nur knapp. Kaum hatte Smoothie das Leckerli verschlungen war ich aber auch schon wieder komplett uninteressant für sie. Gegen Niklas unwiderstehliche Aura kam ich nicht an, was mich auch wenig wunderte, da Smooth geradezu vernarrt in ihn war. Eines der wenigen Dinge, die die Stute und ich wohl gemeinsam hatten.

      „Du hast ein perfektes Timing“, rief ich Niklas beschwingt zu, der gerade die Wohnung betrat, bevor ich mich wieder summend dem Herd widmete. Während in dem einen Topf das Rentier vor sich hin köchelnde und einen wunderbaren Duft aussendete, warte ich nur noch darauf bis die Kartoffeln endlich weich waren.
      „Perfektes Timing wofür?“ Niklas zu mir gestiefelt und warf einen Blick über meine Schulter. Liebevoll gab er mir einen Kuss auf den Scheitel und legte seine Hände an meine Taille. Augenblicklich begann meine Haut unter seinen Berührungen zu kribbeln.
      „Was kochst du denn da schönes?“ Sanft kitzelten die Worte über meine Haut und sorgten dafür, dass sich die winzigen Härchen in meinen Nacken aufstellten und sich das wohlige Kribbeln in mir weiter ausbreitete.
      „Poronkäristys“, entgegnete ich fröhlich, nicht bedacht darauf, dass es damit vermutlich nichts anfangen konnte. „Also Rentier-Geschnetzeltes mit Kartoffelpüree und Preiselbeermarmelade“, fügte ich dann noch erklären hinzu, „nach einem Familienrezept.”
      Bereits seit einigen Tagen gelüstete es mich nach diesem Gericht, allerdings hatte ich nicht die Zeit gefunden es zu kochen. Mit knapp einer Stunde Kochzeit war es kein Gericht für schnell zwischendurch. Außerdem war es auch viel zu schade dafür, denn dieses Essen musste man genießen. Das Rezept dafür stammte noch von meiner Oma mütterlicherseits. Leider hatte ich sie niemals kennengelernt, denn sie verstarb bereits vor meiner Geburt. Aber mein Bruder, sagten immer, dass sie stets das beste Poronkäristys gemacht hatte, nicht mal das Rezept seiner Verlobten komme daran.
      “Es schmeckt sicher so wundervoll wie es duftet”, raunte Niklas mir sanft ins Ohr und umschloss mich nun vollständig mit seinen kräftigen Armen.
      “Das will ich doch hoffen”, lächelte ich geschmeichelt und ließ sanft meine Hände auf seinen nieder, worauf sich unsere Finger wie von selbst miteinander verwoben. Mit jeder Faser meines Körpers nahm ich ihn wahr und gab mich der Welle an Gefühlen hin, die durch meine Adern pulsierten. Alles, was sich in meinem Verstand regte, schien auf einmal zum Stillstand zu kommen, denn es war nur noch Platz für eine Sache: Niklas. Wie der Mond die dunkle Nacht erhellt, schaffte er es, das Dunkel in meinem Inneren zu bändigen.
      Von Zeit zu Zeit vergaß ich noch immer, dass das hier die Realität war, denn was er in mir auslösen, fühlte sich viel zu schön an, als dass es wahr sein könne. Für einen Augenblick verlor ich mich in dem Strudel aus Sinneswahrnehmungen und Gedanken und erst der Timer für die Kartoffeln lenken meinen Fokus wieder auf das Abendessen. Nur widerwillig ließ ich die alltäglichen Gedanken wieder die Kontrolle übernehmen und löste meine Finger aus seinen.
      Mit dem Messer pikste ich, welches noch in dem kleinen Chaos auf Arbeitsfläche lag, in die Kartoffeln, um zu testen, ob sie schon fertig seien, was mittlerweile auch der Fall war. Also stellte ich die Herdplatte aus, bevor ich den Topf nehmen wollte, um die Kartoffeln abzugießen, wobei die eingeschränkte Bewegungsfreiheit durch Niklas ein wenig hinderlich war. Zu gern hätte seine Nähe noch ein wenig weiter genossen, doch dann würden wir wohl hungrig bleiben. Durch den köstlichen Duft, der durch die Küche zog, hatte ich mittlerweile immensen Hunger und ich war mir sicher, meinem Freund ging es ähnlich.
      „Schatz, magst du schon mal den Tisch decken?“, bat ich ihn sanft.
      „Natürlich“, entgegnete er gutmütig und hauchte mir noch einen zarten Kuss in den Nacken, bevor er mich freigab.
      Dampfend kamen die Kartoffeln aus dem Topf, welche ich schließlich zurück auf die Herdplatte stellte, bevor ich die Knollen in eine Schüssel gab und zu Brei verwandelte. Ich spürte wie Niklas Blick auf mir ruhte, während ich noch immer summend die Mahlzeit zubereitete. Seine Aufmerksamkeit genoss ich in vollen Zügen, auch, wenn es sich trotz der mehr als zwei vergangenen Monate noch ein wenig befremdlich anfühlte. Flinn hatte mich früher nie so angesehen wie Niklas es jetzt tat, es fühlte sich so viel besser an. Bei Niklas fühlte ich mich geschätzt als das, was ich war und nicht als etwas, was irgendjemand in mir sehen wollte. Bei meinem Ex-Freund hatte ich den verheerenden Fehler begangen, mich von ihm verbiegen zu lassen, sodass ich für ihn nicht mehr war als ein beliebig austauschbares Spielzeug. Im Nachhinein betrachtet war Flinn auch nur in sehr wenigen Aspekten, dass was ich mir unter einem idealen Partner vorstellte. Aber Schluss damit, Flinn gehörte der Vergangenheit an und so sollte es auch bleiben.
      Als ich, die köstlich duftenden Teller auf den Tisch stellte, sah ich, dass Niklas offensichtlich die Weinflasche entdeckt hatte, die ich gestern zum Kochen genutzt hatte, denn es standen zwei Gläser mit der dunkelroten Flüssigkeit darin auf dem Tisch.

      Vriska
      Mit lautem Getöse fuhr Erik mit seinem Oberklassen-Coupé die steinige Auffahrt entlang und hielt genau vor meinen Augen an. Mein Handy, auf dem ich zuvor noch eine letzte Nachricht an meinen heimlichen Verehrer tippte, steckte ich in meine kleine Handtasche. Zeitgleich stieg er höflich aus, ohne den Motor abzustellen. Trymr, der neben mir saß, jaulte vergnügt und schob mit seinem Schwanz die Kieselsteine von links nach rechts. Fest klammerte ich mich an der Leine, obwohl der Hund keinerlei Anstalten machten loszuspringen.
      „Sollte ich mir Sorgen machen?“, musterte ich sein Outfit von oben bis unten. Es war fast undenkbar geworden, dass er keinen seiner Anzüge trug, die in meinen Augen so etwas wie sein Lebensstil war und eigentlich wie angewachsen seinen Körper umspannten. Auf seinen Schultern hing ein lockerer elfenbeinfarbener Wollpullover mit Rollkragen, die Ärmer nach oben geschoben, kombiniert mit einer hochgekrempelten Jeans, an den Füßen Boots.
      „Ich wollte dir bei nichts nachstehen“, lächelte er verlegen und lud als Erstes den Hund ein, bevor Erik auch für mich die Autotür öffnete. Im Wind des abendlichen Lüftchens wehte das weite Kleid an meinen Beinen zur Seite und durch seinen Mantel, den ich tragen sollte, ließ mich der Zug ein wenig frösteln. Doch einsteigen wollte ich noch nicht. Stattdessen sah ich zu ihm nach oben.
      „Du hast dir deine Augenbrauen gemacht?“, wunderte ich mich und legte meine Hand auf seiner Wange ab. Ich spürte kleine Stoppeln, die er womöglich beim Rasieren übersehen hatte, seine Augen lachten wie seine Lippen und den Blick abzuwenden, wagte ich nicht. Stattdessen schloss ich meine Augen, spürte sofort eine Explosion aus Gefühlen im Inneren meines Körpers, als er mich an sich herandrückte und sich unsere Lippen berührten. Nur durch ihn verlor ich nicht den Halt, klammerte mich an seinem Hals fest mit meinen Armen. An meiner Haut spürte ich, wie seine Halsschlagader pulsierte, unsere Körper zu einem Kreislauf wurden und alles in einem Takt schlug. So musste sich fliegen anfühlen.
      Seine Lippen ließen von meinem ab, doch alles sehnte sich nach mehr, auch wenn meine Knie schlotterten in der klirrenden Kälte. Sanft strich er mir durchs Haar und sagte leise: „Das fällt vermutlich nur dir auf“, dann bekam ich einen letzten Kuss auf die Stirn, bevor ich in das warme Fahrzeug stieg. Die Tür fiel neben mir zu. Auch er stieg noch ein und setzte das Fahrzeug in Bewegung. Leichter wurde es nicht. Nervös zupfte ich an den Enden des Kleides herum und blieb mit meinen Augen an Linas Fenster hängen, bei dem ich erkannt, dass sie endlich näher zueinanderkamen. Und dann gab es mich, undankbar darüber, was ich hatte und verängstigt, einzugestehen, dass nicht alles ein Abenteuer sein konnte. Ich verlor mich wie so oft in Gedanken, was auf dem Planeten zu suchen hatte, ob sogar besser wäre, wenn ich aus dem Leben aller verschwinde. Vielleicht eine Hütte mitten im Wald, allein, ohne Zivilisation, wenn das Geld reichte, sogar auf einem Berg und wenn morgens meinen Kaffee genoss, sah ich hinunter. Ein kleiner Fjord erhellte meine Augen und spiegelte die säuselnden Bäume oder eine Reihe von Bergen. Auf der kleinen Veranda lag ein Block mit Feder und Tinte, ich schrieb Bücher, obwohl selbst nie viel las und meistens Jenni alles in der Schule zusammenfasste, während ich ihre Mathematik Aufgaben löste. Ich vermisste sie, vermutlich lebte sie deshalb in meinen Gedanken und war stets mein Begleiter.
      „Vivi, wir sind da“, lächelte mich Erik an und rieb mit seiner warmen Hand über meinen linken Oberschenkel. Sofort griff ich nach ihr, als prüfe ich, ob es der Realität entsprach. Erleichtert atmete ich aus, ehe ich begriff, wo er das Auto geparkt hatte. Wir standen vor dem hell erleuchteten Haus der Olofsson und urplötzlich musste ich nach Luft schnappen, klammerte mich noch fester an seiner Hand.
      „Nicht dein Ernst, oder?“, stotterte ich aufgelöst.
      „Wenn ich das gesagt hätte, wärst du sicher nicht mitbekommen“, gab er sich selbstsicher und versuchte mir einen Kuss zu geben. Doch ich drehte mich weg. Strafend drückte Erik seine Finger fest um meinen Oberschenkel und ich biss mir zu Kompensation auf der Unterlippe herum. Ein Gefühl von Sicherheit schlich sich durch meinen Verstand, obwohl der eisenhaltige Geschmack im Mund andere Zeichen sendete.
      „Erik?“, fragte ich mit zittriger Stimme und drehte mich wieder mit meinem Blick zur linken Seite. Ungewöhnlich weit öffneten sich seine Augen, als hätte er nicht auf eine Eingebung meinerseits gerechnet. Seinen Oberkörper ließ er in das Polster fallen und drehte sich mit verschränkten in meine Richtung. Ohne seine Hand schützend auf dem Bein fühlte ich mich nackt, allein gelassen, als würde eine kleine Welt in mir zusammenbrechen. Auch das Gefühl von Nutzlosigkeit kam auf.
      „Denkst du, dass eine so vielversprechende Idee ist, wenn ich deinem Vater wieder unter die Augen trete?“, noch immer konnte ich es nicht in Worte fassen und mit ihm ein Gespräch darüberzuführen, stellte ich mir seltsam vor. Ein klemmendes Gefühl drückte mir wieder auf den Magen.
      „Sonst hätte ich wohl kaum dich eingeladen, denkst du nicht?“, das Lächeln auf seinen Lippen wandelte sich vertraut.
      „Mir ist das unangenehm“, gab ich zu und stammelte weiter, „und dir sollte es das doch auch.“
      „Ich bitte dich, hör auf. Was soll ich denn noch alles tun, um dir zu beweisen, dass du mir wichtig bist und meinerseits nichts zwischen uns steht?“, fragte Erik ernst und schüttelte nur den Kopf. Die Distanz wurde unspezifisch größer. Alles in mir trieb mich zurück in meine warme Hütte, sitzend auf dem Bett mit dem Blick aus dem Fenster.
      „Du bekommst nun die letzte Chance von mir. Die Chance mir zu zeigen, was du wirklich willst. Zeig mir, dass du noch da bist und das, was dich in Kanada zu mir trieb. Jetzt stell dich nicht so an und steh dazu. Es nervt mich, schließlich habe deine Worte befolgt. Ich nahm Abstand, gab dir deinen Freiraum, aber das kann nicht ewig so weitergehen, dass ich auf Knopfdruck für dich da sein soll. Du bist mir verdammt wichtig“, tadelte er mich weiter und aus heiterem Himmel fühlte es sich endgültig an, als könnte es der letzte Abend mit ihm sein. Dann öffnete er wortlos die Tür, schien keine Antwort darauf zu erwarten und holte im Anschluss auch seinen Hund raus. Ich atmete tief durch, schloss die Augen und stieg aus dem Auto. Erik stand nur wenige Meter neben mir und begann wieder zu strahlen.
      „Tack“, murmelte er und griff direkt nach meiner Hand, als ich zu ihm lief. Das Auto leuchtete zweimal den Lichtern auf und Klicken der Zentralverriegelung ertönte dumpf im Hintergrund. Zunehmend übernahm die Musik im Haus die Oberhand und stellte das leise Rauschen des Meeres zurück. Ein paar Seemöwen krächzten und für einen kurzen Moment vergaß ich, wie viel Leid ich mir selbst mit negativen Gedanken zufügte. Mit einem Lächeln sah ich zu Erik, der wieder gut gelaunt war und mich spiegelte.
      „Du bist mir auch wichtig“, gab ich seine letzten Worte zurück. Entschlossen zog er mich an sich heran. Mit seinen Händen fuhr er langsam an der Seite meines Körpers herunter, bis er schließlich an meinem Po ankam und fest zudrückte. Dann trafen sich unsere Lippen und ich spürte, wie sich seine Hüfte an mich schmiegte. Ein leichter Druck entstand, bis wir uns wieder voneinander lösten. Verliebt strahlte ich hoch zu ihm.
      „Siehst du“, grinste Erik und gab mir noch einen flüchtigen Kuss, bevor er flüsterte: „So wünsch ich mir das.“
      Die Zeit schien für mich wie stehen geblieben und dass sein Hund wieder einmal selbstständig den Weg auf dem weitläufigen Gelände suchte, bemerkte ich erst, als er ihn lautstark zurückrief. Wie angewurzelt blieb ich auf der Stelle stehen, sah ihm nicht einmal nach, sondern war in Gedanken dabei, wie er dominant mich bei sich hielt.
      „Kommst du bitte auch?“, wurde nun auch ermahnt. Kurz schüttelte ich meinen Kopf, um aus der Starre wieder in die Realität einzutreten. Vor der Haustür nahm ich einen kräftigen Atemzug, noch einen und noch einen, bis uns freundlich sein Vater begrüßte. Erik strich sich achtungsvoll über die Hose und, dass seine Knie leicht zitterten, entging mich nicht. Etwas zurückhaltend legte ich meine Arme um ihn, den er hielt seine weit offen, um zu einer Umarmung anzusetzen.
      > Jag är glad att du också kom. Känn dig som hemma.
      „Freut mich, dass du auch gekommen bist. Fühl dich wie zu Hause“, reichte Vidar mir eine Flasche Wasser und wendete sich seinen Sohn zu, der gar nicht mehr von der fröhlichen Stimmung abzubringen war. Sie standen rechts von mir und mein Blick fiel in das Wohnzimmer, dass menschenleer wirkte und ich Zweifel hatte, ob Eriks Freunde hier sein sollten, vor allem: warum bei seinem Vater? Doch mir wurde der Gedanke umgehend untersagt. Aus der geöffneten Terrassentür strömten drei weitere Gestalten hinein, die sich direkt auf Trymr stürzten. Schützend platzierte ich mich an der Wand, um den spielenden Ungetümen nicht in den Weg zu kommen. Sie rollten als Knäuel um die Treppe herum und ich flüchtete zu meinem Freund, der sich noch im Gespräch befand und lachte. Ich griff nach seinem Arm und schob ihn ein Stück nach vorn, um mich an seinem Rücken vor der Meute zu schützen.
      > Är du rädd?
      „Hast du Angst?“, fragte Vidar und pfiff die Hunde zurück aus dem Haus heraus.
      > Nej, jag har respekt för dem.
      ”Nein, Respekt“, schielte ich zu den Tieren hinüber mit zittriger Stimme.
      > Hälsosam inställning.
      „Gesunde Einstellung“, grinste er breit und klopfte mir auf die Schulter. Erik schob mich wieder nach vorn, aber ich behielt meine Hände an seinem Arm. Noch immer pulsierte das Herz in meiner Brust wie in einem Marathon, auch meine Atmung wollte nicht langsamer und leiser werden, wie ein Fisch auf dem Trocknen schnappte ich nach Luft.
      „Kann ich dir behilflich sein?“, fragte er schließlich, aber ich schüttelte nur den Kopf und löste mich von seinem Arm. Gemeinsam liefen wir in die Richtung, in der die Hunde verschwanden. Vor mir eröffnete sich eine große Gruppe von Menschen, die gespannt uns anblickte und nacheinander standen Personen auf, wovon mir nur zwei Gesichter äußerst bekannt vorkamen. Doch bevor ich schalten konnte, drang die Traube an Menschen zu vor. Jeder von ihnen begrüßte mich äußerst freundlich, umarmten mich und nannten ihre Namen. Aber in meinem Kopf drängte sich nur eine Frage in den Vordergrund: Wie sollte ich mir so viele Namen merken? Mein Körper handelte nur, legte immer wieder die Arme um fremde Personen und meine Augen starrten gefühlt in die kalte Leere. Auf meinen Lippen dominierte ein Grinsen, doch viel mehr aus der Überforderung heraus anstelle der Freude, dass ich so herzlich empfangen wurde. Die Menge war bunt durchmischt, was ich erst als eine reine Männerrunde empfand, wandelte sich zu einigen Pärchen und auch offensichtlich alleinstehenden Frauen. Insgesamt müssten um die fünfundzwanzig Leute auf der großen gepflasterten und überdachten Terrasse sein, die schon alkoholisch besudelt waren. Das Getümmel löste sich auf und Erik saß mittlerweile zwischen zwei Typen, mit denen er bereits ein ziemlich intensives Gespräch führte und ich stand wie angewurzelt da. Überfordert bewegte ich nur meine Augen, suchte nach einem anderen Ort zum Verweilen, bis eine sanfte Stimme neben ertönte: „Du kannst dich mit zu mir setzen.“ Die junge Dame, nur etwas größer als ich, zeigte auf eine Bank, an der noch zwei weitere Leute saßen und freundlich winkten. Ich folgte ihr und setzte mich dazu. Von allein drei hatte ich Namen bereits vergessen und überhaupt, erinnerte ich mich an keinen einzigen.
      „Zugegeben“, zögerte ich kurz und beobachtete, wie der einzige Mann am Tisch nervös mit seinem Finger über den Rand eines Weinglases fuhr, „ich habe eure Namen schon wieder vergessen.“
      „Ich bin Majvi und das sind Zwen und Rika“, stellte sie alle vor. Umgehend reichte man mir einen warmen Met, denn das Wasser hielten sie nicht für aussagekräftig, um den heutigen Anlass zu feiern. Ich nickte bloß. Mich zu outen, dass ich überhaupt keinen Schimmer davon hatte, was der Plan des Abends war, ließ meine Knie zittern unter dem Tisch. Zu den Gesprächen über den letzten Urlaub konnte ich nur wenig beitragen. Höflich hörte ich den einzelnen Worten zu und gab eine Antwort, wenn man mich nach etwas fragte, sonst schwieg ich. Im Laufe des Abends legte sich Trymr zwischen meine Beine auf den kalten Fußboden. Wenn jemand an der Bank vorbeilief, wedelte sein Schwanz langsam. Der Wind zog an meinen Beinen vorbei und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ziemlich fehl am Platz war. Es hatte nichts mit den Leuten zu tun, schließlich waren sie sympathisch und versuchten mich zu integrieren, sondern daran, dass sich Erik nicht zu mir setzte. Ich schielte zwischendrin zu ihm hinüber, doch sein Blick war seinen Freunden gewidmet, die ihm äußerst interessante Dinge erzählen mussten.
      „Du kannst auch rübergehen“, Majvi hatte meine ständigen Kopfbewegungen gemerkt und klang zuversichtlich.
      „Nein, schon gut. Er hat zu tun“, murmelte ich unsicher.
      „Ach, jetzt stell dich nicht so an. Du tust fast so, als würdet ihr einander nicht kennen“, lachte Rika. Willkürlich zuckte ich mit den Schultern und mein Kopf senkte sich leicht nach unten.
      „Er redet nur über dich, also komm“, beschloss Majvi und stand auf. Dabei zog sie mich mit nach oben, um den Weg zur Sitzgelegenheit auf der anderen Seite anzusteuern. Besorgt folgte ich, belastete mich unnötigen Gedanken. Ihre schulterlangen, rötlichen Haare bewegten sich im ruhigen Wind, der auf der Terrasse wehte. Kaum aufzuhalten tippte sie ihm auf der Schulter an. Er zuckte kurz, aber freute sich umgehend.
      „Na ihr beiden, was ist los?“, fragte Erik überrascht und sah zu uns hoch von seiner niedrigeren Position auf der Couch. Auch seine beiden Freunde sahen uns an, während ich vor Scham im Boden versickern wollte. Was würde ich dafür geben, dass sich unter meinen Füßen ein Riss bildete und direkt ins Innere der Erde brachte, zu den Dinosauriern. Natürlich wusste ich, dass wohl kaum die Steinplatten sich spalten und das Auswirkungen auf ernstlichen Erdschichten hätte. Aber Dinos wären schon cool.
      „Deine Freundin hat dich vermisst, also hier“, schob mich Majvi plötzlich am Arm zur Seite, wodurch ich ins Straucheln geriet und auf seinem Schoß landete. Umgehend breitete sich neben der Wärme in meinen Wangen auch ein Kribbeln im Magen aus, dass nur durch seine Berührung ausgelöst wurde. Fest drückte er mich an sich und gab mir einen flüchtigen Kuss auf meine Haare. Die neue Bekanntschaft meinerseits, setzte sich gegenüber auf das Sitzpolster und wurde direkt in ein Gespräch eingewickelt.
      „Warum bist du dann nicht allein hergekommen?“, flüsterte Erik mir ins Ohr und strich die Strähnen zur anderen Seite. Ihm zu erklären, dass ich eine undefinierte Angst dabei verspürte und es mir auf eine gewisse Weise peinlich war, blieb mir erspart. Seine kalten Lippen trafen auf meinen Hals und den Mund, den zuvor öffnete, um ihn zu antworten, drückte ich fest zusammen und schloss die Augen. Fest biss ich mir auf die Zunge, um die schlagartige Wollust zu zügeln. Glücklicherweise beließ er es bei einem langen Kuss und ich lehnte mich an seiner Schulter an.
      „Es freut mich, dass du wieder jemanden hast“, sagte sein Kumpel, neben den sich Majvi gesetzt hatte. Ich ersparte mir meinen Kommentar, dass wir nicht darüber sprachen, ob mein plötzlicher Stimmungsabfall wirklich eine Trennung bedeutet, oder ob es sich dabei um eine gesetzliche Reklamation handelte, die jeder innerhalb der ersten vierzehn Tage machen konnte. Viele Fragen standen im Raum, aber sie anzusprechen, fiel mir bedeutend schwerer, als so zu tun, ob nie etwas vorgefallen war. Also grinste ich nur und griff nach seiner Hand, die er auf meinem Oberschenkel abgelegt hatte. Er drehte sie auf den Handrücken, sodass meine Finger in seine Zwischenräume rutschten und wir einander fest umklammerten. Das Kribbeln intensivierte sich.
      „Ich auch“, sagte Erik überzeugt. Mit seiner anderen Hand schob er meinen Kopf zu sich, um mir nun einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund zu geben. Umgehend wechselte ich meine Position und saß breitbeinig auf seinem Schoß, mit den Rücken den anderen zugewendet. Vor mir sah ich nur noch ihn, wie er mich angrinste, bevor ich meine Lippen auf seine drückte. An den Beinen fuhren seine Hände langsam entlang und griffen energisch an meinen Po. Ich genoss es mit ihm zu sein, bereute nicht, dass Majvi mich hier hergezerrt hatte. Hinter mir vernahm ich zunehmend Getuschel.
      > Du borde få ett rum.
      ”Sie sollten sich ein Zimmer nehmen“, drang eine tiefe männliche Stimme in den Vordergrund, worauf Erik direkt seine Lippen löste. Ein kurzer Blick erhaschte ich auf seine geröteten Wangen, bevor ich mich neben ihn platzierte. Viele Augen starrten in unsere Richtung, als wären wir die einzigen. Dann drehten sie sich wieder weg und setzten die Gespräche vor. Auch ich wurde zunehmend offener an seiner Seite, obwohl es nicht leicht war von seinen Augen loszukommen. Nicht nur heute benahm er sich ungewöhnlich, bereits gestern verspürte ich Dinge von ihm, die zuvor keine Intensität hatten oder bei ihm etwas auslöste. So versuchte ich aus seinem Verhalten schlau zu werden und weiterhin Teil des Gesprächs über Tattoos zu bleiben. Torulf, ein kräftiger bärtiger Typ, der neben Majvi saß, präsentierte mir stolz die Kunst unter seiner Haut. Neben typischen Wikinger Tattoos, darunter verstand ich diverse Darstellungen von Göttern und Runen in Kombinationen mit Mustern, zeigte er mir das Abbild seiner Katze. Dieses Tier hatte nur ein Ohr und sah danach aus, als hätte es schon seine beste Zeit hinter sich gelassen. Fröhlich erzählte er geschickten über seinen Kater, Carl, wie er eine Taube fing oder eines Tages eine trächtige Katze im Schlepptau hatte, somit aus einem Kater vier wurden. Die anderen erzählten ebenfalls Geschichten von ihren Haustieren, für mich ein klarer Grund zu schweigen. Es lag nicht daran, dass Trymr in der reinen Theorie mein Erstes war, sondern vielmehr, dass das meiste sehr verantwortungslose Erzählungen darstellte. Und meine Vokabelkenntnisse könnten an dem Tag etwas besser sein. Also lehnte ich mich wieder zurück, tiefer ins Polster, und widmete mich meiner Instagram Startseite, die, neben ziemlich eintönigen gestellten Fotografien meiner ehemaligen Freunde, den neusten Beitrag von Lina präsentierte. Erst scrollte ich weiter, bis mein Finger dann doch interessiert wieder nach unten wischte, um ihren Post zu zeigen. In dem Karussell befanden sich drei, nicht sonderlich schöne, Bilder ihres Hengstes, der in Kanada bereits wie ein Teddybär aussah, wie ein dreckiger Teddybär. Dazu schrieb sie, dass sie ihn in wenigen Tagen endlich in die Arme schließen würde. Natürlich freute ich mich darüber, wenn auch nicht so sehr, dass ich ihr eine lebensbejahende Nachricht schreiben würde. Vordergründig eröffnete sich das Gefühl, dass sie hatte, was ich nicht haben konnte — das Seelenpferd. Nein, stattdessen dümpelte ich auf irgendwelchen Tieren herum, die zwar ihren Reiz mit sich brachten, aber nicht dasselbe vermittelten, was ich bei Glymur verspürte. Ich seufzte und verließ die App, ohne eine Gefällt mir Angabe zu hinterlassen. Eher wechselte ich umgehend zur schwedischen Variante einer Kleinanzeigen-Anwendung und machte mich auf die Suche nach einem Pferd. Einige interessante Tiere fielen mir vor die Augen, aber von der Masse fühlte ich mich erschlagen, denn ich wusste nicht so recht, was ich überhaupt wollte.
      „Und, was machst du da?“, lehnte sich Erik zu mir herüber, worauf ich umgehend das Gerät mit dem Display gegen meinen Oberkörper drückte, um ihn den Blick darauf zu verwehren. Skeptisch erhob er seine Brauen und nahm es mir sanft, aber eindringlich, aus der Hand, um schließlich selbst zu sehen.
      „Pferde also, wer hätte das nur gedacht“, lachte er und gab es mir zurück. Erleichtert atmete ich aus.
      „Ja, schon“, murmelte ich und begann wieder zu scrollen.
      „Bei euch stehen doch genug. Ist da nichts bei?“, erkundigte er sich.
      „Nicht wirklich“, überlegte ich laut, „überwiegend sind das Rennpferde, teure Rennpferde.“
      „So viel weiß ich von Pferden, das, was du auf Turnier geritten bist, war keins“, strich er mir aufmunternd durchs Haar. Ich drückte laut Atem durch meine Nase, offenbar so laut, dass auch die anderen auf unser leises Gespräch aufmerksam wurden und sich Eriks Freund, dessen Namen ich immer noch nicht aufschnappen konnte, zu uns drehte.
      „Nein, aber die kommt morgen jemand anschauen“, sagte ich unmotiviert und wischte weiter auf meinem Bildschirm herum, bis Erik seinen Finger auf den Touchscreen legte und ein Pony auswählte, das ich bewusst nicht anklickte. Es war betitelt mit „besondere Stute sucht ihren Menschen“, das konnte nur bedeuten, dass etwas in ihrem Kopf falsch lief und von solchen Tieren kannte ich genug. Doch Erik war gar nicht zu bremsen und wischte interessiert durch die Bilder. Darauf zu sehen eine helle Pony-Stute, vermutlich nicht größer als hundertvierzig Zentimeter und besonders oft dargestellt mit schrecklichen Zöpfen, die wohl die Kinder gemacht hatten, die ebenfalls zu sehen waren. Viele von denen standen um sie herum, während ihre Ohren gelangweilt zur Seite hingen und die Augen leer wirkten. Doch auch professionelle Bilder von einem Turnier waren dabei, sowohl in der Dressur als auch beim Springen. Bis auf ihre Fellfarbe wirkte nichts besonders an dem Pony. Dann durfte ich endlich weiter scrollen zum Text, der für mich die nächsten Hürden aufwarf. Ich konnte zwar Erfahrungen in Frankreich nachweisen, aber deren Sprache ließ nur Fragezeichen in meinem Kopf aufblicken.
      „Kannst du das lesen?“, fragte ich und drückte ihm meinem Handy in die Hand.
      „Klar“, zuckte er mit den Schultern. Was fragte ich eigentlich? In einer wahnsinnigen Geschwindigkeit huschten seine Augen über den leuchtenden Bildschirm und sein Daumen schob den Text nach oben, bis zum nächsten Atemzug ich mein Handy zurückbekam.
      „Also sie ist dreizehn Jahre alt, im höchsten Dressur Niveau ausgebildet und springt bis ein Meter zwanzig. Sie beschreiben das Pferd mit einer besonderen Geschichte, denn sie wurde mit der Flasche aufgezogen und ist sehr anhänglich. Manchmal fordert Maxou ihren Reiter heraus, aber das schafft jeder zu bändigen. Ansonsten Schmied kein Problem, Tierarzt auch nicht, kennt die Turnieratmosphäre. Aktuell hat sie zwei Reitbeteiligungen, da es für ihre Tochter gekauft wurde, die jetzt kein Interesse mehr hat“, erklärte Erik. Es machte mich direkt stutzig, dass das Pony so günstig angeboten wurde, noch zum Verkauf stand, wenn es so hoch ausgebildet wurde. Mehrmals wischte ich durch die Bilder, um Anzeichen zu finden, was der Haken war, wieso die hübsche Stute so strafte, keinen Besitzer zu finden.
      “Wonach suchst du?”, musterte er mich und seine Stimme klang deutlich euphorischer, als es mir lieb war. Natürlich weckte das Pony mein Interesse, aber zu gleichen Teilen auch die Skepsis, dass es viel zu gut passen würde, als es möglich war. Schließlich saß ich mitten in der Woche, in der Nacht, auf einer Terrasse, umgeben von wildfremden, betrunkenen Menschen, wovon die neben mir gerade über den Geschmack von Ölfarbe diskutierten. Warum machte man sich darüber Gedanken? Tatsächlich erwischte ich mich für einen Augenblick dabei, ob es wohl einen Unterschied zu Ölpastellkreide machen würde. Schnell kam ich wieder zu dem Fakt, dass Erik Maxou unbedingt kennenlernen wollte und ich den Schritt zumindest wagen würde. Einen unverbindlichen Termin machen, tat keinesfalls weh, noch setzte ich mich einer Art von Verpflichtung aus.
      “Kannst du das machen?”, suchte ich den Blickkontakt. Meine Augen trafen umgehend auf seine, denn strahlend saß er neben mir, sah im Wechsel zu mir und zum Handy. Je länger ich das funkelnde Hell betrachte, umso stärker wurde das Gefühl, alles richtigzumachen. Für einen Wimpernschlag schwieg es in mir, als würde auch mein Herz für das My einer Sekunde aussetzen, ehe mich das Glück wie eine Flutwelle traf und eine Kettenreaktion auslöste. Nacheinander kribbelte es überall, ich schluckte, versuchte standhaft zu bleiben, mich nicht der Sehnsucht seiner Nähe und Zärtlichkeit hinzugeben. Seinerseits wirkte es so leicht, als wollte Erik genau diesen plötzlichen Anstieg an Lust jedes Mal aufs Neue auslösen, um mich zu verunsichern, an sich zu binden und zu fesseln. Ob das sein Plan war, oder nur sein Zeichen für Zuneigung, erfuhr ich nicht, wusste jedoch, dass es funktionierte. Meine zittrigen Finger suchten am Rand des Geräts nach dem Sperrknopf, während sich mein Blick nicht löste. Mit jedem Atemzug krampfte mein Unterbauch, stärkte, gab mir keine Verschnaufpause, aber ich konnte ihm diesen Erfolg nicht lassen.
      „Können ja“, antwortete er endlich, „aber möchte ich das?“ Auf seinen Lippen weichte das sanfte Lächeln einem zugespitzten Gesichtsausdruck. Erik hatte sich unter Kontrolle, nutzte seine Position aus, aber gab mir damit die nötige Sicherheit.
      „Wenn du nicht möchtest, dann akzeptiere ich das. Aber bitte. Ich flehe dich an, dass du mir unter die Arme greifst und das regelst“, sprach ich leise und weinerlich, wodurch auch seine Ungeduld anstieg. Eins der Beine wippte und seine Hand klopfte auf dem Oberschenkel, im Wechsel mit einem Wischen der Handflächen über den Stoff seiner Hose.
      „Ach, du flehst mich also an?“, bedrohlich nah kam er mir mit seinem Gesicht und die Worte wurden leiser, aber noch immer verständlich genug. Wie eine Schlange, die ihre Beute an fokussiert, bewegte sich sein Kopf in der Schräglage langsam von links nach rechts, bis nur noch wenige Zentimeter zwischen uns lagen. Ich spürte seinen warmen Atem, der wie ein Waldbrand über meine kalte Hand fegte und mit einem Gefühl von gleißender Hitze auslöste.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 97.196 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      Dressur E zu A | 31. Dezember 2021

      Moonwalker LDS // HMJ Holy // Einheitssprache // Klinkker LDS // Northumbria // Ready for Life // Schleudergang LDS // Milska // Hallveig från Atomic // Narcissa // Vrindr // Spök von Atomic // Legolas

      Mit einem lauten Klirren fiel nur wenige Meter von uns entfernt das Rolltor aus der Verankerung. Heinz, der nur noch einige Zeit bei uns war zum Beritt, sprang zur Seite und streckte den Kopf zur Linken, um zu prüfen, woher dieses schreckliche Geräusch stammte. Immerhin sorgte es dafür, dass die klirrende Kälte vor dem Stall blieb. Der Hengst hatte sich wieder dem gelben Futternapf gewidmet und dampfte weiter unter dem wärmenden Licht der roten Birnen.
      Zuvor beschritten wir eine erfolgreiche, wenn auch kurze, Reiteinheit mit Tyrell, der gleichzeitig Walker an der Hand schulte, zum Lösen von Verspannungen. Zunehmend kam der helle Hengst ins Gleichgewicht und lernte auch entspannt zu sein, wenn andere Pferde sich in der Halle befanden. Von vornherein war es klar, dass er sich schwer, nicht die Ranghöhe bei der Arbeit zu genießen, die er sich hart mit Frost erkämpfte. Deswegen überlegten wir noch, die Paddocks zu teilen, um allen Pferden die nötige Ruhe gewährleisten zu können. Den Herren neben mir interessierte das alles jedoch überhaupt nicht. Heinz hatte zwar eine gewisse Blütigkeit mütterlicherseits geerbt, aber ihm kam auch die Ruhe seines Vaters zugute, was ihn zu einem treuen und ausgeglichenen Partner machte. Deswegen, und natürlich auch seiner Optik, war es nicht verwunderlich, dass er schnell Anhänger fand und ein schönes Zuhause in Deutschland. Brooke, eine, die mir bisher als Springreiterin bekannt war und an der einen und anderen Stelle als aufsteigender Stern angesehen wird. Zumindest hatte ich das einmal in einem der Onlineartikel gelesen aus meiner ehemaligen Heimat, neben Tratsch und Klatsch aus der Reiterszene.
      „Vriska, machst du dich dann bitte Humbria bereit?“, sagte Tyrell, der Walker zurück auf den Paddock brachte.
      Ich nickte.
      Neugierig blickte mich die dunkle Stute an, als ich mit dem Halfter in der Hand am Tor stand und ihren Namen rief. Tag täglich war Humbria motiviert mit mir zu arbeiten und auch fand meinen Reiz darin, der Stute den Weg zu zeigen in das Leben eines gesunden Reitpferdes.
      Die kleinen Steine knirschten beinah friedlich unter unseren Schritten, während die Idylle von dem Lärm der Maschinen auf der anderen Seite des Gestüts gestört wurde. Sosehr ich auch versuchte mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sich der Hof auf kurz oder lang zu einem der renommiertesten entwickeln würde, sah ich kritisch in die Zukunft. Ich liebte das alles hier, wie es war und es gab keine Notwendigkeit etwas zu verändern, aber meine Stimme hatte kein Gewicht.
      Schwermütig seufzte ich, als ein Fuß, nach dem anderen den Betonboden betrat und ich schließlich die Stute fertig machte. Auch Lina war bereits damit beschäftigt ihre neuste Errungenschaft zu putzen. Das Pferd war ebenfalls komplett rasiert und benötigte dementsprechend nur mäßige Fellpflege. Humbria legte immer wieder die Ohren an, als Redo freundlich sie inspizierte. Einmal quietschte sie sogar auf. Konsequent ignorierte ich ihr Verhalten, das mussten die beiden unter sich klären.
      In der Sattelkammer betrachtete ich nachdenklich die Auswahl an Schabracken und Sätteln. Für gewöhnlich würde ich den Wolken-Sattel von Lubi nehmen, doch aus unerklärlichen Gründen nahm ich das Schulungspad und dazu meine Filzunterlage aus der Schweiz, die bisher wie ein gehüteter Schatz in meinem Schrank hing. Behutsam nahm ich den Schutz von ihr ab und betrachtete das kleine Vermögen. *‘Ich sollte weniger Geld ausgeben für so was’*, überlege ich augenblicklich, aber zuckte mit den Schultern und lief hinaus, nach dem ich noch die Trense vom Haken nahm.
      „Ich gehe schon in die Halle“, nickte Lina mir zu und führte die Rappstute aus der Bucht heraus. Nur kläglich folgte sie, streckte den Hals so lang sie konnte, ehe der erste Schritt nach vorne sich setzte. Dann folgte einer nach dem anderen und nur noch der Hufschlag war von den Beiden zu hören. Urplötzlich verschwand wieder meine Motivation, was vermutlich damit zusammenhing, dass Jonina mit Halli die Gasse betrat, gefolgt von Bruce, der jedoch ohne Pferd unterwegs war. Schnell drehte ich mich wieder zur dunklen Stute, um den Baumwohlgurt zu befestigen.
      „Heute wird es eine große Runde“, lachte Bruce und klopfte mir auf die Schulter.
      Ich nickte, aber schwieg.
      Noch immer konnte ich mir nicht erklären, wie ich so schnell meine Angst gegenüber großen Pferden ablegen konnte. Die Fahrt nach Kanada hatte alles verändert. Fortan setzte ich neue Ziele, versuchte mich wieder zu einer besseren Form meiner Selbst zu entwickeln. Aber was dachte ich andauernd über das nach? Der Tod meiner besten Freundin zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben, nagte an mir und ließ mich nicht los. *Wird es jemals erträglich?*
      Von der Seite stupste mich die dunkle Stute an und versuchte mich wieder in die Realität zu holen. Ihre Augen funkelten fröhlich im warmen Licht der Deckenstrahler. Im sicheren Abstand zu den anderen beiden Damen führte ich Humbria im Schritt durch den tiefen Sand, viel mehr, um mich selbst auf diese Einheit vorzubereiten, als die Stute. Sie war ruhig und sogar deutlich geschmeidiger im Genick als die Tage zu vor.
      „Vriska, jetzt steige endlich auf. Das sinnlose Herumführen bringt dem Pferd nichts“, schnaubte Tyrell aus den Kopfhörern, aber widerwillig zog ich an den Zügel zu der Aufstiegshilfe. Das Schulungspad verfügte nicht über Steigbügel und stellte damit die erste Herausforderung dar, doch mein Trainer kam freundlicherweise dazu und drückte sanft mein Bein nach oben. Einmal schüttelte Humbria mit dem Kopf, aber wartete geduldig, bis ich vernünftig im Leder saß. Vorbereitend prüfte ich meinen Sitz, spürte direkt, dass ich rechts höher saß als links und der Kopf des Pferdes wieder nickte. Langsam setzte ich das Tier in Bewegung, wirklich langsam. Ein Tritt nach dem anderen setzte sie nach vorn, jedoch genau an meiner Hilfe. Mithilfe der Zügel holte ich den Kopf nach oben, um die Geschmeidigkeit im Genick zu behalten und setzte mich tief in den Sattel. Doch als Lina, bereits im Mitteltrab, fiel mir die Stute aus dem Rahmen. Trotzig schnaubte Humbria ab.
      „Sei geduldig mit ihr. Noch vor drei Wochen lief sie auf der Bahn, da kann sie dir auch heute keine Hochleistung im Sand bringen“, korrigierte mich Tyrell. Seine Sprüche waren mir bekannt und die Intention noch viel mehr, aber ein kleiner innerlicher Teufel versuchte mir immer ins Gewissen zu sprechen, dass es bei anderen so viel einfacherer war und ich allein diesen täglichen Kampf hatte.
      „Okay, aber was soll ich tun?“, murmelte ich in das kleine Mikrofon an meiner Brust.
      Seufzten ertönte in meinen Ohren.
      „Hör ihr zu, was sagt sie? Und im Unterschied dazu, was sagst du ihr? Gib ihr die Zeit. Am besten fernab der anderen, viel weiter im Inneren. Erst, wenn ihr auf einer Ebene kommuniziert, könnt ihr die Schiefe ausgleichen. Außerdem muss der Schub weg, aber daran bist du auch gewillt zu Arbeit, wie ich sehe“, holte er weit aus. Wie ein Anfänger fühlte ich mich, als säße ich zum ersten Mal auf dem Rücken eines Pferdes, aber weit davon war ich auch nicht entfernt. Drei Jahre Erfahrung machen mich nicht zu Profi, wenn auch der unter 25 Jahren Kader eine glückliche Fügung darstellte.
      Im Inneren arbeitete ich im Stillen mit Humbria, konnte von jedem Abwenden sie besser ausgleichen, bis sie schließlich geschlossen stehen bleiben konnte und mich in den Kurven nicht mehr nach Außen hob. Die anderen Beiden Reiter erschienen im Kontrast so viel weiter. Lina trabte entspannte mit Redo, galoppierte gezielt aus dem Schritt an und konnte die Rappstute durch wenige Hilfen zurücknehmen. Auch Jonina auf Hallveig konnte sich sehen lassen, wenn auch unvergleichbar. Die braune Isländerstute brachte enormen Schwung an den Tag, was Auswirkung auf die Tragkraft hatte. Im Tölt strampelte sie wie ein Weltmeister und was so wirklich das Ziel der Beiden in der Reithalle war, konnte ich nur erahnen. Als hätte Tyrell meine Gedanken erhört, kommentierte er ihre Reitweise. Bruce saß still daneben. Eine kleine Diskussion entbrannte darüber, was richtig und was falsch sein. Ich schnappte vor Verwunderung nach Luft und konzentrierte mich wieder auf den Chaoten unter mir.
      Behutsam drückte ich beide Haken in die Seite der Stute und die Gerte wedelte gezielt. Aus dem versammelten Schritt heraus, baute sich Humbria auf, bekam einen bombastischen Schwung an Energie und sprang direkt in den Galopp, den man beinah als Schulgalopp bereits ansehen konnte. Es war das erste Mal, dass sie aus sich herauskam und den Brustkorb hob, dass ich dieses Angebot nur annehmen konnte für einige Tritte und dann die Zügelverbindung beendete und lobte. Wie ein hungriges Krokodil drehte sie sich zu mir und öffnete das Maul, um auf das Leckerli zu warten. Natürlich bekam sie aus, angesichts der Tatsache, dass sie unausstehlich wurde, wenn es keins gab. Ja, es war eine schlechte Angewohnheit, woher auch immer diese Stammen sollte, aber wir arbeiteten daran. So gab es keins mehr beim Holen vom Paddock, was mittlerweile verkraftbar war.
      Ein letztes Mal auf der anderen Hand wollte ich die Energie aus ihr herausholen. Bekam sogar den gewünschten Trab, den ich mit einer weiteren treibenden Hilfe ins Arbeitstempo verstärkte und mir auf dem vierten Hufschlag die Zügel aus der Hand kauen ließ. Zur gleiche Zeit waren die anderen Beiden in einer Abteilung unterwegs, trabten auf einer Schlangenlinie mit vier Bögen und galoppierten sogar zusammen auf einem sehr großen Zirkel. Aus dem Augenwinkel betrachtete auch Humbria dies. Voller Freude sprang ich beim nächsten Halt aus dem Pad und lobte die Stute ausgiebig.
      „Gut ihr Beiden, dann kannst du mir auch die Ente fertig machen“, sagte Tyrell zu mir, bevor ich Kopfhörer rausnahm und das Mikrofon stummte. Die Ente war kein anderes Pferd als Schleudergang, eins seiner Nachzuchten. Ich verstand nicht genau, wie er auf die Idee kam, das Barock-Reitpferd neu zu erfinden, aber mein Chef tat es und das beinah radikal. Unsere Ente hatte dichtes Langhaar mit einem mittellangen Hals, die Schulter schräg und reichte markant in den Rücken hinein – rundum, dem Zuchtprogramm entsprechend. Aber was man erst bei einem zweiten, und vor allem genaueren, Blick sah, war, dass dieses Pferd sehr ungeschickt lief. Ente hatte sich nicht unter Kontrolle, wirkte wie ein junges Tier, das vor wenigen Stunden lernte sich zu bewegen. Das machte die Arbeit mit ihr zu einem großen Problem, oder wie mein Chef zu sagen pflegte: Es ist kein Problem, sondern eine Herausforderung. Deswegen war ich froh, den nötigen Abstand zur Stute zu haben.
      Northumbria fraß genüsslich ihre Kraftfuttermahlzeit im Solarium und ich hatte mich mit einem Halfter bewaffnet, um die Ente vom Paddock zu holen. Wie alle anderen stand sie mit dem Po Richtung wird vor dem Unterstand, der Kopf gesenkt und von Motivation eher weniger geprägt. Genauso verlief auch das Holen und fertig machen für’s Training. Mit mir zusammen erreichte auch Bruce die Reithalle, hatte dabei seine große Hoffnung: Spök. Die junge, und ziemlich hübsche, Stute aus Krít lief mit wippenden Ohren neben ihm her, auf dem Rücken einen Longiergurt und in seiner Hand die Doppellonge.
      „Und, wann wirst du dich draufsetzen?“, erkundigte ich mich.
      „Jonina saß gestern das zweite Mal im Sattel und nächste Woche möchte ich mit ihr eine kurze Runde in den Wald in Begleitung“, erzählte Bruce und ging weiter zum Tor.
      Die Ente hatte ich geputzt und gesattelt, bevor Tyrell kam, um sie abzuholen. Dann nahm auch ich Humbria wieder aus dem Solarium heraus. Obwohl das Pferd nahezu trocken war, legte ich ihr wieder die grüne Weidedecke auf den Rücken und stellte sie weg. Direkt lief sie in den Unterstand und begann das Heu zu knabbern. Von der Seite kam Jonina dazu, hatte offenbar Halli weggestellt und nun Milska sowie Cissa in der Hand.
      „Bruce wollte, dass du sie Korrektur reitest“, gab sie mir die gescheckte Stute. Durch den dichten Schopf funkelten ihre Augen, wovon eins blau war und das andere tiefschwarz. An der linken Ohrspitze befand sich ein kleiner Fleck, ansonsten war ihr Kopf hell. Bruce hatte mir schon von der Stute berichtet. Angeschafft für die Reitschule, stellte sie sich als eine Herausforderung dar für junge Leute, da sie zwar geduldig war und sehr zuverlässig den Hilfen folgte, hatte sie Tage, an den nichts lief.
      Aufgeregt pochte mein kleines Herz in der Brust, drohte sich den Weg ins Freie zu suchen. Cissa erfüllte beinah alle meine Anforderung, rein optisch, zu einem Traumpferd. Die Augen waren treu und groß, die Ohren Aufmerksamkeit und die Gelenke kräftig. An den Fesseln hing viel Behang und das Langhaar war dicht. Neugierig stupste sie mich an, beobachtete jeden meiner Schritte im Stall und konnte es scheinbar gar nicht abwarten, sich zu präsentieren. Glücklicherweise hatte ich meinen eigenen Sattel, musste demnach Bruce nicht stören, der mit Spök die Anforderungen einer A-Dressur vom Boden aus erarbeitete. Mit einer Lammfellunterlagen konnte ich kleinere Unebenheiten zwischen Rücken und Sattel ausgleichen und legte darunter die grüne Otter-Schabracke, die natürlich um einiges zu groß war, aber das störte mich nicht. Da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, legte ich ihr noch einfachere schwarze Gummiglocken an die Vorderbeine, ehe wir auch wieder in die Halle gingen.
      Die Brüder konzentrierten sich vollständig auf die Handarbeit mit den beiden Stuten, bemerkten mich nur peripher, auch Lina nickte nur, als ich „Tor frei“, rief. Auf der Mittellinie stellte ich mich auf und gurtete nach. Dabei immer im Augenwinkel die elfjährige Stute, die noch immer sehr genau meine Schritte beobachtete. Zum Kennenlernen nahm ich die Zügel in die rechte Hand auf Höhe des Widerristes und trieb sie mit der Gerte, in der linken Hand, schrittweise los. Unbalanciert taumelte sie nach vorn, wenig davon begeistert, dass ich sie einrahmte. Aber Meter für Meter, die wir hinter uns ließen, kam Cissa in ihren Schwerpunkt. Der Unterschied von einem Gangpferd ihrer Art war unverkennbar. Sie war in der Lage, die Schulter und Vorderhand zu heben, ohne dabei den Rumpf mitzunehmen und sich dabei mehr zu tragen. Jeden Schritt, den sie bei alldem in die richtige Richtung machte, belohnte ich mit einem Leckerli. Zufrieden mit der bisherigen Handarbeit schwang ich mich auf ihren Rücken und trabte auf dem Zirkel an. Mir fehlte der Vergleich, aber bequem trabte ich leicht, fühlte mich ungewöhnlich auf ihr. Für mein eigenes Vergnügen töltete ich auch einige Male die Bahnfiguren einer Anfänger Dressur in Verbindung mit vorbereitenden Seitengängen. Im Tölt fiel es ihr leichter sich in der Schulter zu wegen und mobil zu sein, während die Kruppe sehr steif an seiner Stelle blieb. Wenige Schritte kamen, wenn ich gezielt das Gewicht nach innen verlagerte, dabei die Stellung des Genicks am Zügel hielt und außen schob. Ja, seitwärts Bewegungen waren in einer so frühen Phase des Tanzes im Sand außergewöhnlich, aber durch Tyrell hatte ich es zu schätzen gelernt Pferden von Anfang an das Tragen zu vermitteln. Besonders für ein Gangpferd war es wichtig Tragkraft zu bekommen, denn Schwung und Schubkraft waren von Natur aus zu genüge da. Wie auch schon mit Humbria hörte ich auf, als es am besten lief. Ohne sie wirklich abzureiten, sprang ich ab und führte sie heraus.
      „Hufe noch“, erinnerte mich mein Bruder, der diese Sparmaßnahme auf Biegen und Brechen durchbringen wollte.
      „Das ist so unnötig“, rollte ich mit den Augen und griff nach dem Hufkratzer neben dem Tor. Zugegeben, Cissa hatte wirklich viel Sand zwischen dem Grip und zufrieden setzte er seinen Weg fort.
      „Wo willst du eigentlich, schon wieder hin?“, rief ich noch nach, aber bekam bis auf ein freches Grinsen, keine Antwort.
      Cissa hatte sich eine Portion Kraftfutter verdient und ich mir eine Pause. In der Futterkammer mischte ich die alle Zutaten laut ihres Speiseplans zusammen und mir reichte ein Apfel. Da auch sie vollkommen verschwitzt nicht auf das Paddock zurückkonnte, durfte sie eine Einheit im Rotlicht genießen. Da Lina und Tyrell noch eine Einzelstunde hatten, setzte ich mich an den Rand.
      Der Hengst hatte einen wunderschönen Zopf entlang des Mähnenkamms bekommen und sie selbst trug ihr Haar auch wie eh und je geflochten. Im Gleichklang wippten die Zöpfe im Takt des Schrittes. Rambi, oder Einheitssprache, wie er auf dem Papier hieß, machte sich seines Geschlechtes alle Ehre. Den Rumpf groß aufgebäumt trug er sich auf der Hinterhand, dabei den Schweif leicht aufgestellt und immer wieder drückte er sich von der Gebrauchshaltung weg. Dabei brummte er schrittweise, oder wieherte. Von draußen kamen mehrere Antworten der anderen Männer und auch die eine oder andere Stute beteiligte sich an dem innigen Gespräch.
      „Ihr solltet miteinander arbeiten, nicht gegeneinander“, hörte ich Tyrell sagen, bevor Lina den Hengst mit großem Kraftaufwand anhielt. Er schüttelte den Kopf und mit der Kruppe stieß er gegen die Bande, untermalt von einem leisen Brummen.
      „Und wie?“, fragte Lina. Dann begann eine ausführliche Erklärung über die Hengsterziehung und was alles dazu gehörte mit einem neuen Pferd ein Team zu werden. Gespannt hörte meine Kollegin, und auch Freundin, zu, aber mich nervte das Geschwafel. Das Glück war auf meiner Seite, so piepte das Rotlicht zweimal und Cissa hatte aufgefressen. Mit dem Handtuch neben der Bucht, wischte ich zur Kontrolle durch Fell, trocken.
      „Kann ich in den nächsten Tagen noch einmal mit ihr arbeiten?“, hoffte ich mit einem Ja beantwortet zu bekommen von Bruce, dem ich am anderen Stall begegnete, um Cissa zurück auf ihren Paddock zu stellen. Er blieb stehend und musterte uns beide. Aufgeregt fummelte meine Hand an dem kleinen Gummi, der als Etikett am Bund meiner Jacke hing. Natürlich konnte trotz aller Anspannung, das Grinsen auf meinen Lippen nicht verbergen. Die Mundwinkel zuckten vergnügt.
      „Natürlich“, lachte er mit seiner Hand auf meiner Schulter. Ein altes, aber wohlbekanntes Gefühl breitete sich durch meinen Blutkreislauf aus – Familie. *Seid ihr das?*

      Aus Schulungszwecken hatten Lina und ich zusammen mit Holy am Kappzaum gearbeitet. Die junge und trächtige Stute kannte die Grundlagen der Légèreté, umso angenehmer war es, dass sie etwas in Bewegung kam. Mit ihrem Kugelbauch konnte man kaum denken, dass erst in vier Monaten das Fohlen kommen sollte. Jeder ihrer Schritte wirkte wie eine Herausforderung, aber die Arbeit half der Stute an der Tragkraft zu arbeiten. Schließlich wollte auch das Baby getragen werden.
      „Du musst die Hilfen korrekt am Bauch setzen, da wo auch dein Schenkel liegen würde“, zeigte ich Lina noch einmal mit so viel Geduld und Freundlichkeit, wie ich aufbringen konnte. Ja, nicht jeder konnte sofort Profi sein, denn ich war es auch nicht, aber Hilflosigkeit irritiert mich.
      „Okay“, lächelte sie. Erneut legte Lina ihre Hand an das Gebiss, um das Genick der Stute in eine leichte Stellung zu nehmen und mit der Gerte am Bauch bewegte sich Holy schrittweise nach innen.
      „Kann ich euch allein lassen, oder brauchst du noch meine Hilfe?“, erkundigte ich mich einige Minuten später, als Lina mit Holy an der Haltung arbeitete.
      „Nein, alles gut“, winkte sie, aber rief mir noch nach, „Was hast du jetzt noch vor? Mit Humbi Ausreiten?“
      Lachend hielt ich an.
      „Eigentlich wollte ich mit Bruce raus, da er mit Spök nicht allein den Wald beschreiten möchte“, grinste ich fröhlich und hüpfte hinaus.
      Aus der klirrenden Kälte, deren Wind unsanft durchs Land zog, wurde zwar kein Hochsommer, aber es war trockener. Die Luft stand, erzeugte eine angenehme Frische, sodass ich in meinem Outdoor Pullover wieder in den Wald konnte. An dem dunklen Stoff der Ärmel klebten überall Pferdehaare. Ich hatte aufgegeben jeden Tag sie zu entfernen, aber warum auch? Ungewöhnlicherweise gefiel mir, die kleinen Fellmonsterreste an mir zu tragen.
      Wie ein alter Hase lief Spök neben Vrindr durch den Wald, den manch ein Pferd als den gruseligsten Teil des Gestüts empfand. Von allen Richtungen ertönte lautes knacken des Unterholz und meine sogar einen Hirsch gehört zu haben, als wir auf die Trainingsbahn abbogen. Die gescheckte Stute sah sich mit angewinkelten Ohren in der Gegend um, schien nach bekannten Orten zu suchen oder einem Gespenst, das es natürlich nicht gab. Bruce scherzte derweil.
      „Kannst dir vorstellen Cissa in deine Obhut zu nehmen bis zum nächsten Jahr?“, fragte er nach einem Stück, das wir getrabt waren.
      „Vorstellen ja, aber ich denke, meine Zeit gibt das nur schlecht her“, antwortete ich entrüstet. Tyrell schob mir im Arbeitsplan immer mehr Pferde zu und auf meinem eigenen Pony hatte ich bis heute nicht gesessen, obwohl es bei ihr mehr die Angst war, etwas falsch zu machen, als meine Zeit. Gleichzeitig benötigte Lubi sehr viel Bewegung. Morgens begann es mit einer halben Stunde Führanlage und abends stand sie häufig noch im Aquatrainer, dazwischen arbeiteten wir an der Hand oder hatten eine lange Einheit auf dem Platz. Die Stute war wissbegierig und nur schwer müde zu bekommen, kein Wunder, wenn sie in Kalmar täglich drei Stunden Training hatte vor meiner Zeit. Die Besitzer legten viel Wert darauf, dass sich der Trainingsstand ihrer Stute verbessert und dabei sollte auch die Ausdauer auf dem gewünschten Stand befinden. Außerdem hatte ich auch meinen Freund, der sich nach gemeinsamer Zeit sehnte, die ich aktuell in den Hintergrund schob und dabei selbst auch den Boden unter den Füßen verlor. Wenn es so weitergehen würde, könnte ich wieder im Teufelskreis landen oder bei Niklas.
      „Es würde schon reichen, wenn du mit ihr zwei bis drei Mal auf dem Platz arbeitest. Sie ist sehr motiviert in ihren Gängen in der Dressur und bei euch hatte ich das Gefühl, dass es passt. Also würden wir uns beide darüber freuen“, baute Bruce mich auf. Den restlichen Weg durch den Weg dachte ich darüber nach, konnte aber keine Entscheidung treffen, bevor ich mit einer außenstehenden Person die Situation besprochen hatte. Damit sei es nicht getan, auch meinen Zeitplan sollte ich dafür noch einmal genau studieren, doch zuvor sollte die Vrindr versorgt werden.
      Bei der Rückkehr in den großen Stall, durchquerte ich den Weg an den Stutenpaddocks, auf dem Holy wieder am Heu zupfte mit Girlie zusammen. Auf dem Sand daneben folgte mir der Blick von Humbria, die bereits am Morgen eine kurze, aber intensive Einheit auf dem Reitplatz genoss. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen bei dem Gedanken, dass die Stute so große Lernerfolge zeigt. Ja, es gab Rückfälle, die sich als impulsive Ausfälle zeigten. Sie sprang hektisch durch den Sand, ignorierte ihren Reiter komplett und Tyrells Meinung zur Folge half dabei nur Absteigen und das ruhige Vermitteln der Lektion vom Boden. Dem kam ich nach und tatsächlich beruhigte sich das Rennpferd dabei.
      „Nachbesprechung ist essenziell“, erinnerte Tyrell, als wir uns im Büro versammelten. Lina und ich hingen zusammen auf einem Sessel, während Jonina allein auf dem daneben saß und mich mit ihren durchdringenden Blicken löcherte. Unauffällig versuchte ich die junge Dame zu analysieren, verstand aber nicht, welches Problem sie mit mir hatte. *Egal?*
      „Nun gut, da keiner von euch Einwände hat, fahre ich fort. Northumbria entwickelt sich großartig, so gut, dass sie sich eine Woche Pause verdient hat. Lockere Ausritte würden ihr guttun, aber keine intensiven Versammlung, lieber durchparieren in den Halt, um anschließend einige gezielte Tritte rückwärtszusetzen. Demzufolge wirst du in den Einheiten Walker bekommen. Lina, deine Stute ist großartig, aber wir sollten an einem anderen Punkt mit ihr weiterarbeiten. Die Anfänger Einheiten sind zu leicht, wodurch sie auf blöde Ideen kommt, umso wichtiger ist die Zeit mit deinem Hengst. Außerdem solltest du ihm Glocken anlegen, am besten sogar auf dem Paddock. Auch du Jonina kannst mit den Isländern gut an das Niveau der Anderen ansetzen, aber ich schätze, du schaffst das auch mit meinem Bruder. Zum Abschluss möchte ich euch noch sagen, dass wir morgen der theoretische Kurs beginnt und dabei gern dich und Rambi zum Vorzeigen hätte. Und, dein Freund kommt noch?“, erkundigte sich Tyrell, worauf Lina nickte, „sehr gut, dann sehen wir uns alle morgen um zehn Uhr in Raum 102.“
      Den freie Nachmittag nutze ich tatsächlich für ein Training mit Cissa auf dem kleinen Reitplatz, denn auf dem großen herrschte reger Wechsel der Einsteller und sogar Zickerei, wovon ich bestmöglichen Abstanden nahm. Neugierig beobachtete sie abermals jeden meiner Schritte, ein Zupfen an der Jacke hier und warmer Atem in meinem Gesicht da. Dennoch trat sie unruhig von einem Huf auf den anderen, dabei klimperten die Eisen einige Male, was mich an Tyrells Worte an Lina erinnerte. Auch Cissa sollte wohl besser Glocken zum Schutz tragen. Demnach holte ich alles Nötige aus der Sattelkammer, vergaß wie sooft den Helm, und befestigte das Zubehör korrekt.
      Für die heutige Einheit entschied ich besonders viel Wert auf Ruhe zu legen, die sie von vornherein an dem Tag nicht hatte. Es fiel ihr schwer den Schwerpunkt in der Mitte zu finden, setzte mich immer wieder nach außen, obwohl ich in den Kurven deutlich innen sitzen müsste. Im Stand nahm ich den Bügeltritt zur Hilfe, um das Gewicht gezielt zu verlagern und setzte die Einheit fort. Ihre Balance nahm zu, so legte ich mit sanften Impulsen an Geschwindigkeit zu und wiederholte die wichtigen Figuren der Anfänger Dressur. Kaum zu glauben, aber in meinem Kopf eröffnete sich, wieso auch das so wichtig war zu üben. Durch eine klare Linienführung spürte ich bei jedem Schritt, ob die Hufe ordnungsgemäß fußten, welche Defizite das Pferd unter dem Sattel vorwies und ihr leichter fiel. Cissa war rechts hohl. Besondere Auswirkungen hatte diese schiefe auf ihre Schulter. In den wenigen Metern Tölt, die sie in den Ecken im Trab zwischendurch machte, blieb das eine Bein deutlich länger am Boden und hielt sich tiefer in der Luft. Häufige Handwechsel und auch Kehrwendungen auf der Vorderhand ermöglichten es mir, die Körperteile akkurat zu mobilisieren. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, deswegen schwang ich mich nach weiteren Runden im Trab aus dem Sattel und lobte die Stute ausgiebig.
      Am Horizont verabschiedete sich die Sonne langsam, ein Zeichen, dass ich die letzte Reiteinheit des Tages in die Halle verlagern sollte. Erneut war ich mit Lina verabredet, die mit Redo noch an der Longe arbeitete und mit mir zusammen die Hengste plante zu bewegen. Klinkker hatte vor der Abreise noch ein Training und bei meiner Kollegin entwickelte sich so etwas wie Ehrgeiz, um morgen mit Rambi morgen zu glänzen. Sie sprach nicht offen darüber, aber ich sah dieses Leuchten in ihren Augen, das sich ausbreitete, wenn ich Fragen zu dem hübschen Hengst stellte.
      In der Sattelkammer durchsuchte Lina hektisch ihren Schrank, der sich mittlerweile zu einem kleinen Paradies aus Schabracken verwandelt hatte. Gut, bei mir wurden es, gefühlt, ebenfalls immer mehr. Einige der Stücke hatten sogar noch das Etikett daran. Noch bevor ich meine abschließende Wahl traf, griff ich nach meinem Handy. Der Sperrbildschirm war überseht von Benachrichtigungen, wovon die meisten uninteressant waren, doch eine Nachricht, weckte direkt mein Interesse – *Avledning*. Prüfend schwebten meine Augen von links nach rechts. Alle wussten davon, aber ich wollte besonders das Treffen in weniger als einem Monat weiterhin geheim halten.
      „Wenn es sich glücklich macht, nutze die Chance. Ich sehe keine Nachteile darin“, las ich in seiner Nachricht. Zuvor berichtete ich von Cissa, natürlich nur indirekt. Das Thema Pferd und Reiten waren für viele zu kompliziert, besonders emotional gesehen, dass ich ihm dies ersparte.
      „Okay, dann werde ich es versuchen“, schwebten meine Finger über die dunkle Tastatur.
      „Nein, du versuchst es nicht. Du machst das“, antwortete er umgehend und verlor mich selbst in der Konversation.
      Offenbar hatte ich es mir unbewusst auf den Polstern inmitten des Raumes bequem gemacht, denn Lina stand vor und tippte mich auf den Beinen an. Eingeschüchtert fuhr ich hoch, was dem Schrecken geschuldet war.
      „Eigentlich will ich dich ungern stören, aber die Pferde warten auf uns“, lächelte sie.
      Ich rollte mit den Augen. *War es ihre übertriebene Freundlichkeit oder die reine Tatsache, dass ich mein Handy weglegen sollte, die mich nervte?*
      Rambi sah einmalig aus. Lina hatte wirklich Talent dafür, das Outfit ihres Pferdes, auch wenn nicht wirklich ihr gehörte, abzustimmen. In der geflochtenen Mähne trug der Hengst ein violettes Band, die Schabracke ebenfalls in dieser Farbe und aus der Wühlkiste mit Glocken hatte sie tatsächlich auch welche gefunden, die dazu passten. Außer acht sollte man auch die Trense nicht lassen, die nach ihren Farbwünschen gemacht hatte. Das Kletterseil in dem beerigen Violett fand ich noch in meiner Sammlung aus alten Schnüren und bis auf den letzten Zentimeter hatte ausgereicht, um ihr ein schönes Zaum zu gestalten. Ich hingegen hatte eine beliebige Schabracke gewählt in Grün und sehr unpassend dazu trug Klinkker dunkelblaue Bandagen mit Wolle als Unterlage, worauf ich im Internet stieß.
      „Wenn du mich brauchst, musst du mich über das Headset kontaktieren“, sagte ich zu Lina und stellte bei den Geräten die korrekte Frequenz ein. Zustimmend nickte sie und schwang sich in den Sattel. Einige Meter entfernt reihte ich mich auf der Mittellinie auf, gurtete nach und setzte mich ebenfalls auf den Rücken des Tieres. Interessiert drehte er den Kopf zu mir, musterte genau meine Bewegungen. Gezielt setzte ich mich ins Leder. Das letzte Pferd eines Tages war immer eine Herausforderung für meine Konzentration, umso mehr hatte ich das große Ganze im Kopf.
      Klinkker brachte sich gut in die Arbeit ein. Bereits nach einigen Runden im verkleinerten Viereck balancierte sich der Hengst und brachte eine hohe Konzentration an Tragkraft auf. Daraus entschied ich mehr am Schwung anzusetzen, die Schubkraft herauszuarbeiten. Ein Ansatz dafür stellten Schritt-Galopp-Übergänge und Rückwärtsrichten.

      Erst im Nachgang erfuhr ich, wie Lina mit ihrem Hengst zu kämpfen hatte. Abermals präsentierte Rambi sich mit den schlimmsten Hengstmanieren, die ein Pferd an den Tag bringen konnte. Sie schaffte es jedoch einige Bahnfiguren mit ihm zu erarbeiten und näher an die Ansprüche der Anfänger Dressur zu rücken.
      „Was denn das für ein Kaffeeklatsch?“, lachte Niklas, der mit Smoothie an der Tribüne vorbeikam. Böse schielte ich zu ihm.
      „Weiterbildung, eine Aktivität zum Vertiefen, Erweitern oder Aktualisieren von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen“, gluckste ich. Lina stieß mir im selben Moment mit zwei Fingern in die Seite. Aua, formte ich auf meinen Lippen. Sie grinste.
      „Endlich, du kannst schließlich nicht immer das dumme Blondchen bleiben“, gab er noch hochnäsig zu verstehen und setzte sich wieder mit der Schimmelstute in Bewegung. Im Herzen brannte die Sehnsucht, wenn auch hintergründig, aber sie war da. Seufzend drehte ich mich weg, als sie aus dem Sichtfeld verschwanden.
      Tyrell hatte Samu gebeten sich auf Lego zu setzen und seine normale Dressurarbeit zu zeigen. Neben der kleinen Gruppe vom Hof saßen auch noch andere Außenstehende. Von verschiedenen Höfen kamen sie her, versuchten besser zu verstehen, was es mit der Ecolé de Légèreté auf sich hat. Einige bekannte Gesichter gab es natürlich, die regelmäßig bei Tyrell Unterricht nahmen. Anhand des Rappen zeigte er auf, welche Probleme das Pferd hatte, inwieweit eine Lektion bereits zu früh angefangen wurde und es nicht am Reiter liegt. Dann begann ein tiefsinniger Monolog über den Druck der Gesellschaft und der heutigen Turnierkultur. Wichtig war ihm der Punkt, dass er kein grundlegendes Problem mit der Turnierlandschaft hatte, sondern wie gerichtet wurde und die Rücksichtslos die Tiere ausgebildet wurden. Mit einigen Tipps konnte Legolas sich mehr Fallen lassen und Samu die Hilfen gezielter einsetzen, um dem Hengst klar und deutlich zu vermitteln, was er von ihm wollte.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 31.853 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte Oktober 2020}
    • Mohikanerin
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      Hufschmiedleistungen für Lu’lu’a, Voodoozirkus, Glanni frá glæsileika eyjarinnar, Snúra, Northumbria


      Lu’lu’a, Voodoozirkus, Glanni frá glæsileika eyjarinnar, Snúra, Northumbria

      “Immer auf den letzten Drücker. Ich war doch vor vier Tagen erst da”, lachte ich am Telefon und blätterte durch Terminkalender. Auf dem Lindö Dalen warteten vier Pferde auf mich, eine Stute sei nicht so wichtig, aber der Aluminium Beschlag soll runter. Die drei Hengste hingegen sollte schon letzte Woche dran sein, woran keiner mehr dachten.
      “Also”, erklärte ich und hielt meinen Finger auf den nächsten Tag, “morgen kann ich kommen, da bin vorher in Kalmar und sollte euch dazwischenschieben können. Es wäre super, wenn die Pferde schon im Stall warten und die Eisen bereits ab sind, weil mein Gehilfe ist krank.”
      Gesagt, getan.
      Der nächste Tag kam schnell, so schnell, dass ich verschlief und eilig in meine Arbeitskleidung schlüpfte, um noch rechtzeitig auf dem Gestüt neben der Trabrennbahn anzukommen. Neben der dunklen gescheckte Stute stand ihre Besitzerin, die fröhlich mit ihren Fingen durch die dichte Mähne fuhr und freundlich winkte. Außer Atem sprang ich vom Fahrersitz hinunter und suchte auf der Ladefläche nach meinem Werkzeugkasten. Da grauste es mir. Dieser stand noch in meiner Werkstatt. Gestern hatte ich Kunden vor Ort, die häufig mit ihren Pferden zu mir aufs Gelände kamen. Aber, ganz unvorbereitet war ich natürlich nicht. Hier und da lagen Instrumente im Regal, die seit Jahren nicht mehr verwendet wurden.
      “Und, die Saison war erfolgreich?”, fragte ich freundlich, entfernte ein Eisen nach dem anderen. Snúra stand wie immer geduldig am Anbinder, genoss die Streicheleinheit ihrer Besitzerin und ließ mich alten Mann die Arbeit verrichten.
      “Es ging so”, seufzte sie, “wir waren auf nicht so vielen Turnieren wie geplant, aber nächstes Jahr gehts weiter.”
      Wie schon im letzten Winter kam die Stute auf eine große Weide mit Artgenossen, um sich für zwei Monate entspannen zu können. Dafür mussten jedoch die Hufeisen ab. Nachdenklich beobachtete ich den kleinen Spalt in der Hufwand.
      “Seit wann hat sie den?”, fragte ich nach. Die letzten Termine hatte ein Kollege aus dem Unternehmen gemacht. Ich war mit meiner Frau für einige Monate in Afrika, Rundreise. Sie hatte es sich seit Jahren gewünscht.
      “Ähm”, Milena betrachtete den Schaden, aber zuckte dann mit den Schultern. Der Spalt war nicht groß, sollte sich aber bestenfalls nicht verschlimmern, deswegen entschied ich, die kleine Stelle auszufräsen und mit Silikon aufzufüllen. Die Fräse hatte ich glücklicherweise direkt im Auto. Milena legte mir freundlicherweise das Verlängerungskabel vom Stall zum Anbinder und nach dem Raspeln der Hufe begann ich die kleine Stelle zu entfernen. Es dauerte nur wenige Minuten, dann was auch das Silikon ausgehärtet.
      “Dann ist sie jetzt bereits für die Weide. Achte darauf, dass sie die nächsten Tage etwas trockener steht und dann passt das”, erklärte ich beim Einpacken und fuhr weiter zur Halbinsel.
      Wie am Telefon besprochen, hatten sie die Hufeisen schon entfernt und ich begann mit Glanni, der, wie auch Snúra, im Winter ohne Beschlag unterwegs war. Mit ihm war es ein leichtes Unterfangen. Die Isländer bearbeitete ich am liebsten. Es waren immer ruhige Geschöpfe, die zwar gern an meiner Schulter knabberten, aber nur selten ein Bein verzogen oder andere Bösartigkeiten zeigten. Nach zwanzig Minuten hatte er schöne Hufe und konnte zurück auf den Paddock. Jonina brachte den Hengst weg und ich setzte mit Lu fort, der wie Humbi den Beschlag gegen normalen Beschlag gewechselt bekommen sollte an den Vorderhuf. Hinten blieben die Pferde barfuß. Nach dem Raspeln und schneiden, schleifte ich den Stahl am Auto und suchte nach den Stiften und Grip, die zusätzlich an den Huf sollten. In einem der letzten Schubfächern wurde ich fündig.
      “Wir haben Voodoo vergessen”, lachte Jonina, die mit dem Mix Hengst am Halfter zurückkam. Ich nickte nur und nagelte mit gezielten Schlägen die kalten Hufeisen mit den Grip dazwischen an die Hufe des Hengstes. Lu lief mit den Stiften einige Meter wie auf hohen Schuhen, hatte sich dann aber daran gewöhnt.
      Genauso fix kümmerte ich mich um Humbi, die im Vergleich zu allen anderen Pferden, wenig begeistert von meiner Arbeit am Bein war. Nervös zuckten die Beine und einige Male schlug sie mit dem Schweif in meine Richtung. Aber ich ließ mich nicht ablenken, versuchte mich allerdings vor ihren Schlägen zu schützen. Vriska gab ihr Bestes, die Stute abzulenken. Zum Schluss bekam noch Voodoo den Winterbeschlag.
      “WIr fahren nächste Woche zur Körung”, erzählte Jonina beiläufig. Dabei erfuhr ich, dass es die Veranstaltung war, bei der ich als Hufschmied da sein würde. Viele Minuten tauschten wir uns darüber aus und freuten uns darauf, dass auch Voodoo die Möglichkeit bekam, obwohl er in keinem schwedischen Zuchtverband anerkannt wurde.
      “Also, Northumbria, Lu’lu’a, Voodoozirkus und Glanni frá glæsileika eyjarinnar waren dann?”, gingen wir zusammen durch die App, um eine Rechnung zu bestellen. Sie nickte und ich bestätigte alles. Mit weiteren Klicks war die Dienstleistung bezahlt und ich fuhr zurück auf meinen Hof, um die Vor-Ort-Kunden zu bearbeiten.

      © Mohikanerin // 15. Januar 2022 // 5033 Zeichen
    • Wolfszeit
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      Tierarztbericht | 15. Januar 2022



      Heute verschlug es mich mal wieder auf das Lindö Dalen Stuterie, welches fern ab des Festlandes auf einer Halbinsel lag. Vor dem Stallgebäude wurde ich bereits von der kleinen blonden erwartet, die mich auch sogleich zu dem Patienten führte. Mit meiner Tasche in der Hand folgte ich ihr bis zum Putzplatzplatz, wo ich dann mit meiner Arbeit beginnen konnte. Ich begann direkt mit der Untersuchung an dem Standardbred, das mir als Northhumbria vorgestellt wurde. Vriska hielt die dunkle Stute mit dem hellen Langhaar fest, während ich sie abhörte. Erst Herz und Lunge, dann noch die Darmgegend. Anschließend warf ich einen Blick in Ohren, Augen und Maul, wo alles zufriedenstellend aussah und auch Lymphknoten und Beine überprüfte ich auf Auffälligkeiten.Vriska führte daraufhin die Stute einmal im Schritt und danach im Trab die Stallgasse entlang. Die Bewegungen waren rhythmisch und taktrein, somit alles im grünen Bereich, dennoch wünschte sich der Beisitzer noch ein Röntgen der Beine und ein Schallen der Beugesehne, um Langzeitschäden, durch die frühe Rennkarriere auszuschließen. Während ich das mobile Röntgengerät und das Ultraschallgerät aus dem Auto holte und aufbaute, ließ Vriska die Stute ein wenig an einem Heuhaufen zupfen.
      Anschließend stattete ich Vriksa wie auch mich mit einer Bleischürze aus.
      Die hektische Art der Stute, machte das Röntgen nicht ganz so einfach, da sie dafür stillhalten musste, damit ich ein vernünftiges Bild bekam. Mit ein wenig Geduld jedoch bekamen wir von allen vier Beinen anständige Bilder. Nach ausgiebiger Betrachtung konnte ich sagen, dass die knöchernen Strukturen vollkommen in Ordnung waren. Beim Ultraschall konnte ich nur vorne links einen bereits abgeheilten Sehnenschaden, der ihr allerdings keinerlei Probleme bereiten solle, sofern nicht eine erneute Überbelastung auftreten sollte.
      Damit war die Untersuchung abgeschlossen und ich konnte mich auf den Weg zum nächsten Kunden machen.


      © Wolfszeit // Dr.Linqvist //1940 Zeichen
    • Mohikanerin
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Vriska
      “Ich habe ein Anliegen”, sagte Tyrell zu mir, als ich mich aus dem Sattel schwang von der langbeinigen Schimmelstute. Schneesturm liebte das kühle und nasse Wetter, was womöglich ihr auch diesen Namen eingehandelt hatte, ich hingehen fühlte mich ungemein unwohl, die nasse Hose an meinen Oberschenkel zu spüren. Der frostige Wind verstärkte das Gefühl nur noch mehr.
      „Na dann schieß mal los“, antwortete ich freundlich, dabei strich ich der Stute über den verschwitzten Hals und kramte mit der anderen Hand ein Leckerli aus der Hosentasche. Vorsichtig sammelte sie es von meinem Handschuh ab.
      “Die neue Rennstute, die du angeschleppt hast, soll erst mal geritten werden. Auf dem letzten Rennen war sie ziemlich hektisch und unkontrolliert, das gefällt mir nicht. Wenn du nicht möchtest, weil ich sehe, wie viel du plötzlich zu tun hast, frage ich Jonina”, erklärte er. Zusammen liefen wir in den Stall hinein und mein Chef erzählte ausführlicher, wie Humbi sich in letzter Zeit am Sulky benahm. Folke verlor immer häufiger die Kontrolle. Selbst der Scheck und Augenklappen stellten keine Lösung dar, weswegen ein ruhiges Abtraining und vielseitige Arbeit den nötigen Ausgleich bringen könnten. Kurz überlegte ich, aber in meinen Fingern kribbelte es sofort. Die große Stute und ich hatten sofort eine Verbindung und hiermit bekam ich Möglichkeit daran weiterzuarbeiten.
      “Ja klar, gern. Lässt sich einrichten”, schmunzelte ich selbstsicher und mit einem Nicken verabschiedete er sich. Nur in Auszügen konnte ich erahnen, was Humbria derart verunsichern könnte, doch ich war mir sicher, dass ich der Aufgabe gewachsen war.
      Prüfend sah ich zur Uhr beim Wegbringen des Sattelszeugs in der Sattelkammer, der Tierarzt kam erst in einer Stunde, somit könnte ich vorher noch mit meiner neuen Aufgabe anfangen. Entschlossen nahm ich das Lederhalfter mit ihrem Namen vom Haken. Schnee hatte bereits aufgefressen und konnte mit ihrer weinroten Weidedecke zurück auf den Paddock.
      “Hallo”, begrüßte ich mit ruhiger Stimme Humbi, die sofort neugierig die Ohren spitzte und mich mit ihrem Kopf anstupste. Aus der Erfahrung heraus bekam sie umgehend ein Leckerli, dass uns dieses Problem heute nicht im Weg stehen würde. Entschlossen, und auf Zehenspitzen, streifte ich das Halfter über ihre riesigen Ohren, die noch immer nach oben ragte. Irgendwas fokussierte sie gespannt an, den Grund dafür, konnte ich allerdings nicht entdecken. Zur Sicherheit zog ich den Strick wie eine Hengstkette über ihre Nase und durch den seitlichen Ring wieder nach unten.
      “Na komm”, sagte ich und setzte mich in Bewegung. Wie angewurzelt stand sie da, bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle, sondern starte weiter zum Horizont. Da entdeckte ich einen kleinen hellen Punkt, der sich dabei langsam veränderte. Nur mit guten Zusprüchen folgte sie schlussendlich. Geduldig nahm ich es hin und im Stall begann ich den Vierbeiner ausreichend Zuwendung zu schenken. Aus der Box an der Seite hörte ich leises Brummen – Lubi versuchte, mit dem Rennpferd Kontakt aufzunehmen. Humbria hingegen ignorierte sie vollkommen, untersuchte lieber den Boden des Stalles, der makellos geputzt war.
      Hufschlag ertönte, während ich den Vorderhuf auf meinem Oberschenkel zu liegen hatte. Mit einem Satz bewegte sie sich nach vorne und trat mir unausweichlich gegen mein Bein. Schmerzerfüllt schrie ich auf, rieb mir die pochende Stelle am Knie.
      Durch das Haupttor führte Erik zusammen mit Trymr die Pony Stute hinein. Sie mussten Ewigkeiten im Wald gewesen sein, denn schon als ich aufstand, war er nicht mehr da.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich ihn heiter und humpelte zu ihm. Er grinste breit. Auch Maxou erhob den Kopf, als sie meine Stimme hörte und verlängerte die Schritte. Von ihrem Schweif tropfte das Wasser und auch Erik war nicht verschont worden von dem plötzlichen Regenschauer, der mich beim Ausritt ereilte. Jedoch bereitete er sich darauf vor, trug ein Cap auf dem Kopf, mit einer Kapuze darüber. Ein neckisches Lächeln umspielte seine Lippen, während es sich anfühlte, als würde er mich mit seinen Augen entkleiden. Aber auch in mir regte es sich, jagte ein lustvolles Ziehen durch meinen Unterleib, der mir den Schmerz im Knie vergessen ließ. Wie schaffte er es nur mit der bloßen Anwesenheit und einigen Änderungen seines Standardoutfits mich derartig zu verzaubern? Ich atmete tief durch, versuchte mich darauf zu konzentrieren, dass die dunkle Stute meine vollständige Aufmerksamkeit verlangte.
      Erik kam näher und presste mich fest an seine Hüfte. Wieder stockte mein Atem. Es gab nichts, das uns hinderte. Leidenschaftlich drückte ich meine Lippen auf seine, schloss die Augen und verschwand für viele Sekunden in meinen Gedanken. Es prickelte. An meinem Bauch spürte ich den warmen Druck seiner Lenden, die sich immer näher an mich drückten. Dann stupste mich Maxou über seine Schulter hinweg an. Unsere Lippen löste sich, aber die Sehnsucht blieb, mehr von seiner Haut auf meiner zu spüren. Er lachte und abermals fühlte ich, wie mich eine Hitzewelle durchfuhr.
      “Sie möchte zurück in ihr Bettchen”, nickte ich zum Pony, das hinter seinem Rücken stand und zum wiederholten Male gähnte.
      “Und du musst sicher den Riesen bewegen, der mich verwirrt anblickt”, scherzte Erik. Dabei ließ er mit seinen Händen von mir ab. Das Gefühl, wo sie gerade noch lagen, beglückte weiter meinen Geist.
      “Aber ich wäre lieber mit dir”, sprach ich leise.
      “Verstehe ich, doch auch ich habe noch Aufgaben vor mir”, grinste er und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Meine Motivation versagte, wünschte sich ihn zur Hütte zu begleiten, aber sogleich ertönte das Kratzen über den Beton hinter mir. In einer einzigen Bewegung setzte ich mich zu der Stute und drückte meine Hand an ihre Brust. Schockiert riss sie die Augen auf, aber hörte auf mit dem Huf zu scharren.
      Es fehlte nur noch das Sattelzeug, dann waren wir Abflug bereit. Neugierig mustere Humbria Sattel von Lubi, den ich frecherweise auf fast jedem Pferd nutze, dass ich am Hof ritt, allem voran aus Bequemlichkeit. Des Weiteren fühlte es sich wie schweben auf den Wolken mit den Sorgen fernab. Darunter legte ich eine Filzdecke, die ich irgendwann online entdeckt hatte und für Glymur nehmen wollte, aber die Möglichkeit wurde mir genommen. Umso mehr freute ich mich, sie nun zu verwenden. Mithilfe des Tritts legte ich alles auf den Rücken der Stute, setzte meinen Helm wieder auf und trenste. Hektisch kaute sie auf dem Gebiss.
      “Alles gut”, beruhigte ich Humbria mit sanften und lang gezogenen Worten. Sie gehorchte. Im Stall stieg ich bereits auf, entschied erst beim Herausreiten, dass ich Lust auf den Reitplatz davor hatte. Die Stute musterte derweil die Umgebung und mir wehte der Wind unsanft einzelne Strähnen ins Gesicht, die ich mühevoll wieder wegstreichen musste.
      Wie es Tyrell mir beschrieb, schritt Humbria hektisch voran, hörte nicht zu und sah nervös die Gegend an. Schon beim Warmreiten versuchte ich die Stute ruhiger zu bekommen, so bremste ich unverhofft in den Stand, lobte bei schneller Reaktion und versuchte, dass sie aus der Hinterhand nach vorn schob. Je öfter ich es wiederholte, umso durchlässiger wurde sie. Immer mehr Kontakt baute die junge Stute zum Zügel auf. Ihre Ohren richteten sich nach und nach immer mehr zu mir, hörten, was ich von ihr wollte und dann begann Humbria sich zu lösen. Sie streckte den Hals weit nach vorn. Der Kopf wippte und knackte schließlich. Zufrieden lobte ich.
      Vertieft in meinen Gedanken und der Überlegung, wie ich die Stute bestmöglich fördern könnte, bemerkte ich den ungebetenen Gast am niedrigen Zaun des Reitplatzes erst spät. Auch Humbria durchfuhr der Schock durch das Auftauchen eines Menschen, dass sie aus dem Trab einen gewaltigen Sprung zu Seite machte. Nur durch den Wolkensattel gelang es mir, nicht im Dreck zu landen und dabei noch das Pferd zurückzuholen. Das Fluchen verkniff ich mir, beruhigte zunächst die Stute, ehe ich prüfend zur Seite warf, wer nur dem Tier einen solchen Schrecken einjagte. Mir stockte der Atem. Niklas stand mit seinem Fuß auf dem Stein gestellt dar, musterte mich von oben bis unten und schüttelte dabei langsam mit dem Kopf.
      „Du kannst doch nicht einfach wortlos dich dahinstellen“, beschwerte ich mich umgehend und mit einem Schnauben stimmte mir Humbria zu. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, warfen ihm kleine Blitze zu, die ihn zum Teufel schicken sollten.
      „Ich habe was gesagt“, verteidigte er sich und verschränkte die Arme verärgert, „außerdem sollten wir dringend reden.“
      „Nein, sollten wir nicht. Alles, was wir tun sollten, beruht auf einem Arbeitsverhältnis und Distanz“, versuchte ich ihn loszuwerden. Doch es missglückte. Stattdessen breitete sich ein heiteres Lächeln auf seine Lippen, dem ich zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Humbria hielt abrupt vor ihm an und ich wippte unsanft auf ihren Hals.
      „Scheint wohl nicht so gut zu funktionieren mit der Distanz“, sprach ich für meinen Geschmack zu überzeugt. Die Arme stützten nun wieder auf seinem Bein.
      „Geh endlich weg“, fauchte ich, „deine Freundin wartet sicher schon, ansonsten könnte dein Pferd auch Aufmerksamkeit gebrauchen.“
      Auch damit verschwand er nicht. Wie angewurzelt stand Niklas an der Stelle, wodurch Humbria ebenfalls keinen weiteren Schritt durch den Sand setzte.
      „Dann können wir doch jetzt reden“, zog er eine Braue nach oben, strich dem Pferd über das Maul. Amüsiert wippte ihre Unterlippe und die Zügel am Gebiss klapperten dabei.
      Ich seufzte.
      „Niklas, ehrlich gesagt, will ich nicht mit dir reden. Wir sind beide nicht dafür gemacht, normal miteinander umzugehen und ich habe so viel zu verlieren“, versuchte ich ihn mit Ehrlichkeit zu überzeugen, denn er schätzte diese Eigenschaft an mir. Endlich sah ich, dass in seinem Kopf etwas passierte. In Bewegung setzte er sich nicht, wieder seufzte ich. Etwas, das ich in den letzten Tagen eindeutig zu häufig tat.
      „Vriska, du bist nicht in der Position, das beurteilen zu können“, protestierte Niklas. Bitte was? Hatte ich mich gerade verhört? Ich riss meine Augen auf, öffnete den Mund, aber meine Worte verflogen im Wind.
      „Du fehlst mir“, seufzte nun er, „also als eine Freundin. Deswegen möchte ich dich bitten, nicht das Training zu beenden mit mir. Es war immer so ein Licht am Ende des Tunnels, dass mir den Tag erhellte und Hoffnung schenkt.“
      Wow, es schmerzte mich ungemein, das zu hören, aber in meinem Kopf versetzte ich mich in Lina. Sie war nicht in Sicht, aber hätte sie das gehört, wäre wieder eine Welt zusammengestürzt, meinetwegen.
      “Auch mir geht es so, aber nein. Es funktioniert nicht, so reif solltest du sein. Ich möchte nicht mit dir trainieren”, suchend bewegte sich der Blick weg von den Pferdeohren nach rechts, als würde dort meine Rettung warten – Fehlanzeige.
      “Dann sag es mir in die Augen, wenn du es wirklich nicht möchtest.”
      Nur zögerlich bewegte sich mein Kopf in seine Richtung, verunsichert, ob es mein Herzenswunsch war oder nicht. Undefiniert drückte es in meiner Brust, als wolle mir der Körper unter allen Umständen mitteilen, dass es sich um keine gewinnbringende Idee handelte und ich so schnell wie möglich das Weite suchen sollte. Der Vierbeiner stand noch immer wie angewurzelt da und ignorierte jedwede Versuche meinerseits wieder einen Huf vor den anderen zu setzen. Ich sah ihm in die Augen und biss mir stark auf die Zunge, um das aufkommende Gefühl zu unterdrücken. Gleichzeitig wiederholte ich Eriks Namen wie ein Mantra in meinem Kopf. Ihn wollte ich, nur ihn.
      “Ich weiß es nicht und kannst du jetzt bitte gehen? Wir reden, wann anders, nicht so zwischen Tür und Angel”, bat ich Niklas eindringlich. Endlich gab er nach und nickte.
      “Okay, dann reden wir Dienstag”, sagte er noch, setzte sich in Bewegung zum Stall und sogleich ertönte das Geklapper von Eisen an der Holzfront einer Box. Erleichtert atmete ich aus.
      Tatsächlich wurde es mir zum Teil auch wieder Humbria im Schritt anzureiten. Sie schnaubte gelassen haben. Meine Konzentration hingegen hatte sich vollständig verabschiedet, obwohl die Pläne mit ihr einfach waren. Einige Meter konnte ich Humbria zurück in ein ruhiges Tempo holen, gleichmäßig durchparieren und in einer Gebrauchshaltung wieder anreiten. Sie hörte aufmerksam und fragte höflich nach, bevor sie Blödsinn versuchte.
      Nach weiteren Runden ritt ich zurück in den Stall, stieg ab und entfernte das Sattelzeug. Wir kamen an Niklas vorbei, der seine Stute putzte. Mir gelang es tatsächlich keinen weiteren Blick zu ihm zu werfen, sondern brachte das Sattelzeug in die Sattelkammer, holte eine neue Weidedecke und stellte das nasse Pferd unter das Rotlicht. Mit hängender Unterlippe genoss sie die Wärme und ich setzte mich ihr gegenüber auf die Bank, Handyzeit.
      Einen Überblick über die ganzen Nachrichten zu bekommen, stellte sich als eine größere Herausforderung dar, als ich mir vorgestellt hatte. Immer mehr Bots, die mich mit hübschen Bildern beglücken wollten, fanden ebenfalls ihren Weg in mein Nachrichtentab. Die Anzahl meiner Follower hatte sich glücklicherweise bei dreitausend eingependelt und ich wusste nicht einmal etwas damit anzufangen. Aber was soll’s, interessiert tippte ich auf Linas Account, um zu gucken, was Leute normalerweise posten und bemerkte, dass sie einige Beiträge gelöscht hatte und gar nicht mehr abwarten konnte, ihren Schimmel wiederzusehen. Auch in mir wuchs die Vorfreude, das Einhorn hier zu haben, doch mir blieb noch ein Moment darüber nachzudenken, als die Bannerbenachrichtigung mich ablenkte. Ein Wirrwarr aus Buchstaben eröffnete sich vor mir und eine Formel. Ich runzelte die Stirn, aber kopierte beides sofort in meine Notizen, um die Nachricht nicht zu verlieren. Vermutlich musste ich den Schlüssel berechnen, um die Verschiebung des Alphabets herauszufinden. Rätsel waren nicht mein Ding, doch der Unbekannte hatte mich darauf vorbereitet, dass es nicht leicht werden würde.
      „Danke“, schrieb ich und dann schielten meine Augen zu Niklas, der mittlerweile sein Pferd aus der Box führte. Auf seinen wohlgeformten runden Lippen lag ein schelmisches Lächeln.
      „Ich habe ein Problem“, tippte ich dann noch an meine Ablenkung. Sofort antwortete er: „Man erzähle mir von dem schändlichen Anliegen.“
      „Den Typen, den mein Freund nicht mag (hatte vorher was mit dem) lässt mich nicht in Ruhe. Er hatte mich darum gebeten, das Training mit jemand anderes zu machen, dem habe ich widerstandslos zugestimmt. Doch jetzt auf einmal will der Typ das mit mir klären und akzeptiert es nicht. In mir kochen die alten Gefühle hoch, weiß nicht damit umzugehen, weil ich mir so sicher mit meinem Freund bin“, fegten meine Finger in Windeseile über den Bildschirm.
      „Und dennoch möchtest du dich mit mir treffen?“, leuchtete es im Chat, aber noch immer pulsierten die drei Punkte. Eine weitere Nachricht tauchte auf: „Spaß beiseite. Wenn du das mit dem nicht willst, dann tue es nicht. Ansonsten kläre es mit deinem Freund erneut, bitte ihn um Unterstützung. Wichtig ist nur, dass du eine Entscheidung treffen musst, insbesondere in einer emotionalen, instabilen Zeit, wie du sie gerade erlebst.“
      “Das schreibt sich so leicht“, antwortete ich. Im Stall wurde es zunehmend voller und ich entschied zwischen den neugierigen Blicken mein Handy wieder wegzustecken; Schluss mit den Spielchen.
      Das rote Licht verglühte und Humbrias müden Augen öffneten sich langsam. Von beiden Seiten am Halfter öffnete ich die Haken und führte sie zurück auf den Paddock, auf dem eine beträchtliche Ruhe herrschte. Die Pferde dösten, bemerkten kaum, dass die Stute wieder zurückkam. Sie hingegen trottete langsam zum Unterstand, steckte den Hals durch die Gitter und begann mit den Lippen Halme zu inhalieren. Das Halfter hängte ich in den Zwischengang und starrte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde der Tierarzt eintreffen. Beeindruckend schnell kam ich an der Hütte an, in der Erik sich bereits anzog.
      “Ich muss dich noch etwas fragen”, sagte er sanft auf dem Weg zum Stall. Vorsichtig sah ich an ihm hoch, ohne die Hand loszulassen, die ich fest umschlossen in meiner hatte. Ich nickte.
      “Was hat es mit Kiel auf sich?”
      Natürlich musste diese Frage kommen, aber von Lina konnte er es nicht wissen. Wir hatten beim Essen das Thema totgeschwiegen und auch, dass Niklas zur gleichen Zeit mit einigen Auserwählten nach Stockholm fahren würde. Mir stockte für einen Augenblick der Atem, ehe ich stark ausatmete und darauf gefasst war, ihm mehr zu erzählen.
      “Woher weißt du das?”, drängte sich jedoch als erste Frage aus meinem Mund.
      “Dein Handy hat in der Nacht aufgeleuchtet und den Termin angezeigt. Im Zuge meiner unstillbaren Neugier habe ich die Benachrichtigung geöffnet und versucht mehr zu finden”, gab er wehmütig zu. Wieder blieb mir der Atem weg, doch jetzt stich es unsanft in meiner Lunge. Als wäre es ein Zeichen, hielt er mir eine Schalter Zigaretten hin, aus der ich sogleich eine herauszog und aus der Innentasche der Jacke ein Feuerzeug nahm. Das Stechen ließ nach, aber dafür drückte es nun. Deutlich angenehmer, wie ich es fand. Mir wurde klar, dass er vermutlich noch mehr gesehen haben könnte, wenn er versuchte, mehr Informationen zu finden.
      “Dann weißt du von?”, deutete ich mit stotternden Worten meinen unbekannten Verehrer an. Es musste so weit kommen, wenn auch etwas früh.
      Erik nickte, aber sein Gesicht blieb wenig berührt davon.
      “Aber”, sprach er und zog an dem Glimmstummel, “du hättest darauf kein Geheimnis machen müssen. Ich kann deinen Reiz nachvollziehen und wenn du dich ernsthaft einmal mit ihm treffen möchtest, will ich dieser Erfahrung nicht im Wege stehen.” Auf seinen Lippen bildete sich ein kurzes Lächeln, dass bei dem nächsten Zug wieder weichte.
      “Danke dir, aber ich weiß es noch nicht. Ich bin froh dich zu haben und möchte mit dir Erfahrungen machen”, versuchte ich zuversichtlich zu bleiben. Seine Hand drückte fest meine. Ich wusste aus unerklärlichen Gründen sofort, dass es die richtige Entscheidung mit ihm war. Noch bevor wir im Stall ankamen, erzählte ich ihm von der Auktion in Kiel und dass wir dort eine Art Lehrgang haben würden, um unsere reiterlichen Fähigkeiten zu verschärfen. Interessiert hörte er zu, aber gab kein Kommentar dazu ab.
      Vor dem Gebäude stand bereits der Transporter unseres Tierarztes. Aus der Seitentür kramte er seine Tasche und begrüßte uns freundlich, als er uns bemerkte. Zusammen liefen wir zur Paddock Box, in der Maxou beinah leblos stand. Die Späne lagen fein vor der Kante ins Freie. Nicht mal einen prüfenden Blick schien sie nach draußen gesetzt zu haben. Umso mehr setzten die Zweifel ein. Ich hatte daran setzt ein Pferd haben zu wollen, dass ich mir nicht die Zeit ließ, mir darüber Gedanken zu machen, was ich mit meinem Pferd überhaupt anstellen wollte. Nein, stattdessen ging es nur darum eins zu haben und nun stand dieses arme Tier verängstigt da, wie eine versteinerte Statur. Erst, als Erik sie ansprach, regte sich eins der Ohren. Ihr Kopf erhob sich langsam und ich wusste wieder, zumindest kurz, wieso ich ihr die Chance gab, sich zu beweisen. Ich drückte meinen Freund, dachte ich das gerade wirklich?, ein Halfter in die Hand, dass ich ursprünglich für Glymur gekauft hatte. Es war violett und reflektierte im Licht in schönen Fuchsia Tönen. Getragen hatte er es bisher nur einmal, doch Maxou stand er vorzüglich. Er führte die Stute hinaus und folgte mir in den hinteren Teil des Stalles. Dort waren die Putzbuchten und deutlich besseres Licht. Außerdem konnte man das Pferd problemlos an beiden Seiten befestigen. Das Abnehmen der Decke übernahm ich. Sie sah mich kurz an und beschnupperte meine Hand, aber Erik erschien ihr so viel interessanter, was ich ihr nicht verübeln konnte.
      Doktor Linqvist begann mit seiner Arbeit, hörte die Stute als erstes Ab, betrachtete die Augen mit einer Lampe und sah sich die Zähne an. Dabei bestätigte sich Linas Annahme. Dabei stellte die ungleiche Abnutzung der Zähne, das geringste Problem dar. An einigen Stellen hatte sie Karies, dass er aber noch heute beseitigen würde. Was ihn ebenfalls Zahnschmerzen bereitete, war eine Fraktur an den vorderen Zahnreihe und zwei hinten. Wohl möglich durch Tritt eines anderen Pferdes oder schlimmeres, dass er nicht mehr aufführen wollte. Suchend blickte ich mich im Stall um, hoffte, Lina zu sehen oder zumindest ihren überheblichen Liebhaber. Vergeblich.
      „Möchtest du gehen?“, vergewisserte sich Erik, als der Tierarzt der Stute die erste Sedierung verpasste.
      „Nein, ich hoffe nur darauf, dass Lina mir helfen kann, ob das alles normal ist“, wimmerte ich und blickte mit glasigen Augen zu dem Zwerg. Ihr Kopf wurde schwer, hielt sich dennoch gut in den beiden Stricken.
      „Wir schaffen das zusammen, ich übersetze und du“, er stockte und kratzte sich an dem mit Stoppeln übersäten Kinn, „kennst dich mit Pferden aus.“
      „Ich verstehe genug, aber danke“, rollte ich beleidigt mit den Augen und erhob mich von der Bank. Erik hingegen lehnte sich zurück, beobachtete inständig jeden meiner Schritte.
      Der Kopf der Stute wurde immer schwerer und zur Unterstützung hielt ich ihn fest. Laut schnaubte sie aus, dabei knatterte das Geräusch. Meine Hand fuhr langsam über ihren Hals.
      > Rör henne inte så ofta. Hon har en svampsjukdom i huden.
      „Fass sie nicht so oft an. Sie hat einen Hautpilzkrankheit“, mahnte der Tierarzt und sofort schreckte ich zurück. Mit einem kläglichen Versuch drückte Maxou ihren Kopf ein Zentimeter nach oben, aber genoss wieder, dass ihr Halt gab.
      > Är det smittsamt?
      „Ist der ansteckend?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf, sagte aber, dass genaueres erst vom Labor geklärt werden kann. Dann spannte Doktor Linqvist das Maul des Tieres in ein Gestell, das vermutlich auch als Folterinstrument herhalten konnte. Erik wurde damit beauftragt einen Eimer mit warmem Wasser zu holen, während ich weiter assistierte. Zugegeben, bisher gehörte so was nicht in mein Aufgabenfeld. Unser Tierarzt sah dem nach und erklärte mir alles äußerst genau. Zeigte mir sogar die einzelnen Schritte.
      Interessierte hörte ich zu, hielt den Kopf, bis Maxou endlich fertig war nach fast einer Stunde. Ein Zahn wurde gezogen und weitere behandelt. Ihr Gebiss erstrahlt nun gleichmäßig wieder im Glanze, solle aber in den nächsten Stunden nur in der Box stehen unter Beobachtung. Dafür waren wir ausgerüstet. Also schaltete ich direkt die Kamera ein, die sonst nur nachts aktiv war und konnte nun jederzeit nachsehen, was sie trieb. Sobald Maxou aktiver sei, war führen angesagt, dem Erik sich glücklich opferte.
      Gegen den Hautpilz bekamen wir eine Salbe, die täglich zweimal aufgetragen werden sollte und das Fell musste umgehend verschwinden. Eine Winterdecke mit Halsteil stand dann somit als Nächstes auf der Einkaufsliste.
      So sehr vertieft das schlafende, und aus dem Maul blutende, Pony zu beobachten, bemerkte ich nicht wie sich eine Hand auf meine Schulter ableckte. Mit einem großen Satz sprang ich zur Seite. Erneut wippte der Kopf der Stute kurz nach oben. Lina stand neben mir und grinste.
      „Das kannst du nicht machen“, stammelte ich außer Atem und sorgte damit für reichlich Gelächter bei den anderen. Vermutlich lag ihre Hand schon einige Sekunden auf meiner Schulter, bis mein Körper es für voll nahm.
      “Folke hat gesagt, dass Holy auch untersucht werden soll”, erklärte sie und vermittelte mir indirekt, dass ich den Terrortinker bitte holen solle. Seufzend trennte ich den Blick von meinem Pony, sagte Erik Bescheid und lief über den Vorplatz zum Paddock. Friedlich zupfte sie an den restlichen Heuhaufen in dem Unterstand. Girlie stand neben ihr und auf der anderen Seite Mill, die interessiert zum Tor getrottet kam. Die Stute war stets bereit zu arbeiten, doch befand sich derzeit noch im Mutterschutz. Zwischendurch durfte sie Dampf ablassen, aber wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Ihre Tochter inszenierte derzeit die Standfestigkeit des Zauns. Unbeachtet legte ich das Halfter um den plüschigen Kopf der gescheckten Stute und führte sie hinüber. Sie ließ sich Zeit, wollte nicht so recht in das große Gebäude hinein, als wusste sie, dass dort der Tierarzt wartete.
      Niklas' Gesicht sprach Bände und dass er nervös die Stallgasse auf und ab lief, ebenfalls. Lina versuchte ihn aufzumuntern, doch vollständig in den Gedanken verloren, reagierte er nicht auf ihre Annäherungsversuche. Seine Stute schien demnach das Fohlen verloren zu haben.
      “Muss ich fragen?”, flüsterte ich Lina zu.
      Sie schüttelte den Kopf.
      Damit war alles gesagt. In großen Schritten brachte Lina den Schimmel zurück in die Box und ich band stattdessen Holy an. Ihr Baby war wirklich groß, als wäre sie bereits im siebten Monat trächtig und somit bei der Übergabe an den Tierschutz bestiegen worden. Innerlich entbrannte ein Muttergefühl, die Freude ein außergewöhnliches Fohlen hier zu haben. Um, hoffentlich, Papiere zu bekommen, mussten Linas und meine Fähigkeiten herhalten, den Vater des Fohlens zu ermitteln. Sie bekam von den freudigen Nachrichten nicht viel mit, sondern beruhigte ihren Freund mit allen Kräften.

      So schnell wie Niklas erschien, verschwand er auch wieder und Lina blieb wie ein begossener Pudel am Rolltor stehen, sah dem Auto am Horizont hinterher. Ich konnte seinen Schmerz nachvollziehen und auch, dass sie zu gleichen Teilen an sich band. Der kurze Moment der Wehmut wurde durch ein lautes Scheppern unterbrochen, das von der anderen Seite des Stalls kam. Zusammen joggten wir durch die Stallgasse und vor uns eröffnete sich ein riesiger Lkw, beladen mit Absperrungen und dahinter folgte ein Bagger.
      “Was zur Hölle ist hier los?”, fragte ich rhetorisch und auch Lina konnte nur mit Erstaunen die Arbeiter betrachten. Von der Seite kam Tyrell dazu, die Arme breit in der Hüfte gestützt und einem Lächeln auf den Lippen. Zufrieden atmete er aus.
      “Es geht los”, lachte er. Lina und ich sahen uns weiter verwundert an.
      “Was genau?”, versuchte ich mehr Informationen, ans Tageslicht zu bekommen.
      “Oh, dann habe ich es euch vergessen zu sagen”, seufzte er, “somit wisst ihr auch noch nicht, dass bis heute Abend eure Sachen gepackt sein sollen.”
      Schockiert riss ich Augen auf, hielt mich an Lina fest.
      “Was? Nein, wissen wir nicht!”, sprach Lina gleichermaßen verwirrt wie erschüttert, “Wieso sollen wir unsere Sachen packen?”
      “Wir bauen den Hof um und eure Hütten werden abgerissen”, fasste er sich kurz. Ein erschütternder Schmerz fuhr durch den Körper. Die kleine Hütte wurde zu so viel mehr als einem einfachen Haus. Sie war mein Rückzugsort, ein Zuhause mehr als Erik es mir war.
      “Das ist nicht dein Ernst”, schimpfte ich verzweifelt.
      “Und ihr habt jetzt sechs Stunden euren Kram in den Konferenzraum vier zu bringen”, zeigte er in die Halle, “Am Abend erzähle ich euch dann in Ruhe alles.”
      “Aber wir haben doch die Ferienhütten?”, versuchte ich meinen Gedanken zu verdrängen und dem Unausweichlichen zu entgehen.
      “Die sind an die Vorarbeiter vermietet”, zuckte Tyrell mit den Schultern und verließ uns. Sein Abgang wirkte von so viel Missgunst, dass es eine gute Erklärung sein musste, damit ich meine Sachen auch wieder auspacken würde.
      “Das ist nicht sein Ernst, oder?”, fragte mich Lina, die es wohl nicht ganz glauben konnte, was unser Chef uns gerade eröffnete.
      “Offenbar schon”, seufzte ich, “dann sollten wir wohl mal unser Zimmer beziehen.”

      Lina
      “Ja, dann sehen wir uns wohl gleich”, nahm ich diese Tatsache resigniert hin und verschwand bevor Vriska noch etwas hätte sagen können. Schwer lag mir das Herz in der Brust. Falls es so etwas wie einen Gott geben sollte, war dieser heute nicht sonderlich gnädig gestimmt. Unangenehm drang das Geräusch des Kieses an meine Ohren, der bei jedem Schritt unter meinen Sohlen, leise knirschte, bis es abgelöst wurde durch das dumpfe Klopfen, welches meine Füße auf den Stufen erzeugten. Melancholie überkam mich als ich in den Raum eintrat. Willkürlich begann ich Dinge in eine Kiste zu werfen, die sich mir in den Weg gestellt hatte. Es sollte mich nicht so hart treffen, einen Ort, an dem ich gerade einmal knappe eineinhalb Monate wohnte, wieder zu verlassen, aber genau das tat es. Was es so beschwerlich machte, war nicht die Sache an sich. Klar, ich begann gerade erst, mich an mein kleines Reich zu gewöhnen, hatte gestern erst überlegt, wie man es behaglicher gestalten konnte, aber letztlich war es auch nur ein Raum, den ich noch nicht mein Zuhause nannte. Es hätte auch schlimmer kommen könne. Immerhin war Tyrell so gnädig gewesen, uns nicht nur ein Zelt oder Ähnliches hinzustellen oder gar uns ganz auf die Straße zu setzen. Darüber hinaus könnte ich mir schlimmeres vorstellen, als mit Vriska zusammenzuwohnen, wenn es auch bedeute deutliche Einschränkungen in der Privatsphäre zu haben. In vergangenen Zeiten hatte ich mir schon mit Leuten ein Zimmer geteilt, die mir deutlich unsympathischer waren. Nein, es war schlichtweg einfach der falsche Zeitpunkt für eine solche Nachricht. Gedanklich hing ich noch immer bei der schlechten Neuigkeit, die der Tierarzt mit sich brachte. Die Information an sich erweckte bereits großen Kummer in mir, lag doch so viel Hoffnung darin, dass die Trächtigkeit gut verlief, aber diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Es würde kein Fohlen für Smoothie und Niklas geben.
      Meinen Freund schließlich so bestürzt zu sehen weckte noch mehr Trauer in mir und spürte seinen Schmerz beinahe so deutlich, als sei es mein eigener. Ich hatte für Niklas da sein wollen, ihm Trost spenden, doch er hörte mir nicht zu, distanzierte sich. Selbst meine größten Bemühungen hatten nicht ausgereicht, um vollständig zu ihm durchzudringen. Es erschloss sich mit bisher nicht, was es war, dass er sich dermaßen vor mir verschloss, aber ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, konnte nur abwarten, ob ich seine Beweggründe eines Tages besser verstehen würde. Wirklich wohl war mir nicht bei dem Gedanken, dass er in einem solchen emotionalen Zustand fuhr, aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er in seinem Wahn nichts Dummes anstellte.
      Seufzend stellte ich die Kiste, in der sich mittlerweile ein buntes Sammelsurium an Dingen befand, beiseite und ließ mich auf die nächste Sitzgelegenheit sinken, die leise unter der Belastung knarzte. Langsam ließ ich meinen Blick über den Inhalt des Kartons gleiten. Die Auswahl an Gegenstände war chaotisch und in keinster Weise nachvollziehbar. Neben einem Buch glitzerte mir ein Kugelschreiber entgegen. Daneben hatten drei Paar Socken, eine Tafel Schokolade, Kopfhörer und ein Paar Reithandschuhe ihren Weg in die Kiste gefunden. Das Laptopkabel schlängelte sich wie eine Schlange um alles herum und verband es auf eine befremdliche Weise miteinander. Ganz oben darauf thronte der kleine helle Plüsch-Ivy wie ein Drache, der seinen Schatz hütet. Würde man das innere meines Kopfes visualisieren sähe es sicher ähnlich widersinnig aus. Bilder, Gedanken, Gefühle, … Träume, Erinnerungen und Gegenwärtiges … Wichtiges und Belangloses, alles auf einem großen Haufen.
      Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. So würde, dass hier nichts werden, ich musste erst ein wenig Klarheit in meine Gedanken bringen, um das hier mit ein wenig System anzugehen. Ruhelos griffen meine Finger zu dem Handy, welches ich beim Hineinkommen auf den kleinen Tisch niedergelegt hatte. Kühl und schwer lag das Metall in meinen Fingern, einzig das Bild meines Hengstes, welches den Sperrbildschirm zierte, strahlte mir entgegen. Was hatte ich denn auch erwartet? Dass mir das Gerät auf magische Weise zeigte, dass meine Sorgen unbegründet seien? Das war wohl kaum möglich. Selbst für eine Nachricht von Niklas wäre es noch zu früh gewesen, unmöglich könnte er bereits Zuhause sein, hinzu kam noch, dass er selbstverständlich keine Gedanken lesen konnte. Ich seufzte, schüttelte den Kopf erneut. Sicherlich machte ich mir mal wieder zu viele Gedanken. Einen Moment lang betrachtete ich den Bildschirm. Hals und Ohren aufmerksam aufgerichtet blickte Divine mir aus dem Glas entgegen. Seine dunklen Augen leuchten sanftmütig und hoben sich deutlich von dem hellen Fell ab und selbst auf dem Bild ging seine magische Ausstrahlung nicht verloren. Er wirkte so einladend, als wollte er sagen: „Alles wird gut, mach dir nicht so viele Sorgen.“
      Doch so einfach war das nicht. Gedanken lösten sich nicht einfach in Luft auf. So wischte mein Daumen über die glatte Oberfläche, woraufhin sich die Darstellung veränderte, kurz mein Homescreen zeigte, bevor mein Finger wie von selbst auf dem Messenger-Dienst tippte. Erst als sie den Chat geöffnet hatten, der „Niki“, als Überschrift trug, hielten sie inne. Neben dem Wort prangte zwei rosafarbene Herzen, ein großes und ein kleines. Ein eher kläglicher Versuch diesen Kontakt von den anderen abzuheben, denn Herzen in den unterschiedlichsten Variationen kam auch anderen Menschen zu, die mir wichtig waren. Nachdenklich starrte ich auf den Cursor, der in regelmäßigem Rhythmus in dem hellen Schreibfeld aufblinkte. Auf einmal fühlte es sich an, als bewege sich rein gar nichts mehr in meinem Kopf, als wäre dort irgendetwas eingefroren, was mich daran hinderte auch nur ein Wort zu schreiben. Dennoch waren die Sorgen nicht fort, nur die Fähigkeit diesen Ausdruck zu verleihen schien verschwunden. Nach gefühlten Minuten erlosch der Bildschirm, aufgrund von Inaktivität und ich blickte in meine eigenen mit Sorge gefüllten Augen.
      Ich atmete tief durch, lehnte mich zurück und versuchte meine Gedankenströme in eine Richtung zu lenken, die sich mehr auf das hier und jetzt konzentrierten und nicht auf Ereignisse, die nur eingeschränkt in meinem Einwirkungsbereich lagen. Mit jedem Atemzug rückte die Sorge um meinen Freund ein wenig in den Hintergrund und machte Platz für andere Gedanken.
      Meine Augen wanderten durch den Raum, bis sie schließlich wieder an der Kiste hängen blieben, auf der das Plüschtier thronte. Gerade jetzt, wo ich Ivys moralischen Beistand gebrauchen könnte, fehlte er mir umso mehr. Zu wissen, dass mein er allein in einer völlig unbekannten Umgebung bereite mir mindestens genau so viel Kummer.
      Von dem einen auf den anderen Tag musste er sich an eine neue Bezugsperson gewöhnen, weil ich einfach weg war und dann nach Monaten wurde er erneut mit einem dieser riesigen, unheimlichen, lauten Dinger durch die Gegend geflogen. Vermutlich verstand das arme Pferd die Welt nicht mehr, war er mit seinen fünf Jahren doch praktisch noch ein Baby.
      Bald, ziemlich bald würde ich ihn wieder bei mir haben, sein weiches Fell unter meinen Finger spüren und auch sein freundliches gebrummelt würde wieder ertönen, wenn ich morgen den Stall betrat. Dieser Gedanke motivierte mich tatsächlich ein wenig jetzt endlich an die Arbeit zu gehen, denn vom Trübsal blasen, würde die Zeit wohl auch nicht schneller vergehen.
      „Okay Mini-Ivy“, sprach ich entscheiden zu dem plüschigen Einhorn ”der Kerl kann sicher auf sich aufzupassen, schließlich ist er alt genug dafür.” Hoffentlich. Die Worte klangen deutlich optimistischer als ich mit tatsächlich fühlte, aber die Wohnung würde sich wohl nicht von selbst zusammenzupacken. Obgleich der einleuchtenden Erkenntnis fühlte ich mich noch immer ein wenig bedrückt und leicht irre kam ich mir allmählich auch vor. Mit echten Tieren reden war sicher schon nicht ganz normal, aber dies mit Plüschtieren zu tun, grenzte, nein war eindeutig ein Zeichen für den Verlust meiner geistigen Fähigkeiten.
      Mein Blick schweifte durch das Zimmer. Auf den Regalen stapelten sich gleichermaßen Romane und Erzählungen wie Skizzenbücher, überall dazwischen hingen, standen und lagen Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten. Wie konnte man eigentlich so viel Zeug sammeln?
      Über mich selbst den Kopf schüttelnd, begann ich nun endlich damit den Inhalt dieses Raumes zusammenzupacken. Diesmal allerdings mit ein wenig mehr System. Als Erstes landetet sämtlicher Kleinkram in den Kisten. Zwischen Fotos, Lichterketten und dem ein oder anderen Plüschtier, landeten auch Souvenirs und andere Erinnerungsstücke darin. Mitunter einige Dinge, die diesen Raum hier eindeutig als Zimmer eines Pferdemenschen kennzeichneten. Einzig glitzern Pokale und seidig schillernde Schleifen würde man in keinem der Kartons finden könne, denn diese gab es nicht. Noch nie betrat ich einen Turnierplatz mit der Absicht mich selbst zu präsentieren. Ich war immer nur stummer Bewunderer derer, die den Mut aufbrachten, sich den kritischen Blicken von Richtern und Zuschauern zu stellen, denn mir selbst war es bereits unbehaglich, wenn mir Leute beim Training zusahen. Besonders dann, wenn ich sie nicht kannte.
      Als ich indessen auch die Bücher einpackte, fiel mir ein Exemplar in die Hand, welches bereits die Spuren jahrelanger Nutzung mit sich trug. Pikku prinssi stand in geschwungenen Buchstaben auf dem weißen Einband. Darunter eine Illustration der Titelfigur auf ihrem kleinen grauen Planeten. Eine Geschichte, die nicht nur weltweite Bekanntheit errang, sondern deren Aussage bis heute gültig ist.
      > Vain sydämellään näkee hyvin. Tärkeimpiä asioita ei näe silmillä.
      „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, kam mir sofort der vermutlich am häufigsten zitiere Satz aus dem Buch in den Sinn. Eine Aussage von der sich die heutige von Schein und Konsum geprägte Welt durchaus etwas abschneiden könnte. Dass, was hinter der Fassade eines Menschen steckt, bleib vielen verborgen, weil sie sich vom äußeren Schein blenden lassen und ihnen lieber einen Stempel aufdrückten, anstatt sich die Zeit zu nehmen, diesen näher kennenzulernen. Behutsam legte ich das alte Buch zu den anderen und setzte mit meiner Tätigkeit fort.
      Das Zimmer war nahezu leer, einzig einige Skizzenbücher und Zeichenmappen lagen noch auf dem Tisch, die noch einen Platz in einem der Kartons suchten. Im Arm die Bücher, in der freien Hand die Mappe, stiefelte ich hinüber zu den Kisten. Die Mappe allerdings war nicht korrekt verschlossen, sodass sich ihr gesamter Inhalt auf den Boden ergoss. Gut gemacht, Lina, dachte ich und legte erst einmal die Bücher aus der Hand. Auf den Blättern zeichnet sich überwiegend Motive ab, die schon vor einigen Jahren entstanden waren, meiner Meinung nach keine wirklichen Meisterwerke, auch wenn Samu steht etwas anderes behauptete. Zwischen all den Bleistiftskizzen stach ein Blatt besonders hervor, weil es das einzige war, welches Farbe trug, ziemlich viel Farbe. Darauf zu sehen war ein leicht deformiertes Pony auf einer ziemlich bunten Blumenwiese. Links oben in der Ecke standen in der krakeligen Schrift eines Kindes „Für Lina“ geschrieben. In mir lebte eine Erinnerung auf, bunt und lebendig trat sie vor mein inneres Auge.
      Es war ein warmer Frühlingsmorgen, angenehm strich mir der Wind über die Haut und trug den Duft von Bratfett und Ketchup hinüber. Leise dudelte ein mir entfernt bekannter Song, sicher aus den Charts stammend, aus den Lautsprechern am Rande des Platzes. Auf dem Sand vor mir tummelten sich überwiegend junge Kinder mit Ponys oder auch kleineren zierlichen Pferden. Einzig ein bereits jugendlich aussehendes Mädchen ritt einen großen, eleganten Dunkelfuchs, der lustlos durch den Sand schlurfte.
      “Liiiiina, Minnie möchte nicht richtig anhalten”, quengelte das kleine blonde Mädchen und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Rappstute mit der schiefen Blesse reckte den weiß bemützten Kopf nach vorn und zog der Kleinen damit die Zügel aus der Hand.
      “Mach dich mal richtig schwer, Ally und versuche es dann noch mal”, rief ich ihr zu. Folgsam führte Alison die Anweisungen aus und das Pony ließ sich widerwillig nach einigen Schritten anhalten, zog dem Kind aber erneut die Zügel aus der Hand, bevor sie die Ohren anlegte und das Pony neben ihr angiftete. Schon seit das dunkle Pony aus dem Hänger gestiegen war, war es ziemlich unleidlich. Minnie Maus hatte nicht stillstehen wollen und unwillig nach mir geschnappt beim Putzen. Sicherheitshalber beschloss ich sie zuerst selbst abzureiten.
      Dieses Vorgehen erwies sich als kluge Entscheidung. Kaum hatten Minnies Hufe den Sand berührt, schoss sie auch schon quietschend los und obwohl ich damit gerechnet hatte, rette mich nur ein beherzter Griff in den Aufsteigriemen, um nicht in dem hellen Sand zu landen. Immer wieder testete die Stute meine Sattelfestigkeit, bis sie schließlich den Großteil der überschüssigen Energie abgebaut hatte.
      Bis auf Klauen der Zügel klappte das Aufwärmen des Ponys und Ally relativ gut. Minnie wählte fast immer direkt die richtige Gangart und unterließ jegliche Versuche ihren Reiter auf den Boden zu befördern, sodass ich darüber nachdachte, die Stute nicht doch auszubinden, um es dem Kind einfacher zu machen. Schließlich war dies hier keine klassische Dressurprüfung, sondern ein Reiterwettbewerb. Nachdenklich warf ich einen Blick auf das Pony-Reiter-Paar, die sich damit abkämpften, jeweils ihren Willen durchzusetzen. Von Mitgefühl erfüllt sammelte ich die Dreieckszügel aus dem Haufen mit der Abschwitzdecke und rief Ally zu mir heran. Dank Minnies Kooperationsbereitschaft waren diese schnell verschnallt und die beiden konnten, ihre Wege fortsetzen. Ally sah bereits nach wenigen Tritten deutlich glücklicher aus, als das Pony ihr nicht mehr im Minutentakt die Zügel aus den Fingern zog und auch die Geschwindigkeit somit kontrollierter wurde.
      Alison, die normalerweise plapperte wie ein Wasserfall, war ziemlich still geworden als ihre Gruppe aufgerufen wurde und wir vor dem Tor auf den Einlass wartetet. Nervös spielte sie mit den Zügelenden in ihren kleinen Fingerchen.
      “Ich kann das nicht”, sprach Ally entmutigt, als sie einen Blick über das Hallentor fallen ließ, wo gerade eine E-Dressur stattfand. Natürlich sahen die beiden Jugendlich deutlich besser auf ihren Pferden aus als die Reiter ihrer Altersklasse. Sanft legte ich dem Mädchen die Hand auf das Bein, woraufhin sie mich mit ihren ängstlichen blauen Augen anblickte.
      “Ally, schau mal da rüber”, ich deutete mit der freien Hand in Richtung der Zuschauertribüne, “dort sitzen schon deine Eltern und warten auf deinen Auftritt. Außerdem denk daran, wir haben das alles schon ganz oft geübt. Es ist genau dasselbe wie Zuhause.” Schüchtern nickte das Kind bei meinen Worten und warf erneut einen Blick in die Halle.
      “Um Minnie brauchst du dir keine Sorge machen, die macht das mit links. Konzentriere dich allein darauf, wie du reitest. Ich warte hier die ganze Zeit auf dich und hab alles im Auge, ja. Und Vergleich dich nicht mit denen da drinnen, die machen diese Sache schon deutlich länger als du.” Kaum hatte ich den Satz beendet, erklang verhaltender Applaus in der Halle, bevor sich das Tor öffnete und die beiden Reiter die Halle verließen. Das war der Moment für Ally und die vier weiteren Reiter unter der Ansage des Kommentators den Sand zu betreten. Gesittet folgte Minnie dem kleinen Palomino in die Halle, nun ganz das brave Pony, welches man von Zuhause kannte.
      An die eigentliche Kür erinnerte ich mich nur noch sehr schwammig, sie war nicht sonderlich spektakulär gewesen, einzig Schritt, Trab, Galopp mit sehr simplen Bahnfiguren.
      Dem entgegengesetzt erinnerte ich mich umso besser an das strahlende Gesicht der Kleinen, als die Richter die silbern glänzende Schleife an Trense von Minnie Maus befestigten. Vordergründig ging es hierbei um den Spaß, dennoch zersprang mein Herz beinahe von Stolz erfüllt. Ally hatte ihre Sache ziemlich gut gemacht und ich hatte es tatsächlich geschafft einen meiner Schützlinge zum Erfolg zu führen, wenn auch nur bei einem Reiterwettbewerb.
      Die Erinnerung verglühte, wie ein Funke, der tanzend in den Nachthimmel emporsteigt, bis er endgültig erlosch, doch das Gefühl von Stolz und Glückseligkeit hingegen hallte noch einen Augenblick in mir nach. Achtsam legte ich die Zeichnungen zurück in die Mappe. Ganz oben auf, legte ich mit einem lächelnd auf den Lippen die Zeichnung von Ally.
      Jetzt hieß es nur noch die Kisten rüberzubringen. Glücklicherweise war es nicht allzu viele, sodass dies wohl möglich schneller vonstattenging als das Packen gedauert hatte.

      Vriska
      Für einen Augenblick sah ich Lina nach, wie sie wirr ums Haar zwischen den Paddocks hindurch eierte und schließlich hinter den Gebäuden verschwand in Richtung der Wohnhäuser. Anstelle ihr nachzulaufen, und ebenfalls meine Habseligkeiten zu verstauen, drehte ich mich auf der Ferse um und lief zurück zu meinem Pony. Erik saß ihr gegenüber auf der Bank, starrte abwesend auf sein Handy und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Langsam hob er seinen Kopf. Auf den Lippen lag ein müdes Lächeln, was vermutlich der langen Nacht geschuldet war, in der Fredna kaum Schlaf fand, wie hypnotisiert durch die Hütte lief und immer wieder zwischen uns ins Bett kletterte. Auch Trymr fühlte sich dadurch motiviert, ihr zu folgen und jeden ihrer Schritte genau zu untersuchen. Irgendwann hörte ich auf, die Uhrzeit zu prüfen, wenn ich, durch einen kleinen Arm oder felligen Kopf in meinem Gesicht, wach wurde. Umso stärker dröhnte der Wecker in meinen Ohren um kurz vor acht.
      „Was beschäftigt dich?“, fragte ich zuversichtlich und strich ihm über die Schulter. Sofort änderte sich sein Blick. In seinen hellen Augen lag ein glühendes Funkeln, das mir wie vom Blitz getroffen durch den Körper fuhr und eine Welle aus prickelnden Gefühlen flutete jede noch so kleine leblose Zelle. Unbewusst begann ich zu grinsen.
      „Ich habe euer Gespräch gehört“, seufzte Erik und griff nach meiner Hand. Umgehend löste sich die nächste Flut, die diesmal in meinem Unterbauch drückte. Das Ziehen durchzog sogar meine Oberschenkel, alles kribbelte.
      „Und was sind deine Bedenken?“, versuchte ich meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, schließlich fühlte ich mich ebenfalls nicht ganz wohl bei dem Gedanken für sechs Monate mit Lina das Zimmer zu teilen. Dafür standen zu viele unbeantwortete Fragen im Raum und unausgesprochene Worte, die wir im Alltag bedenkenlos ignorieren konnten.
      „Dass wir einander kaum noch zu Gesicht bekommen“, erneut trafen sich unsere Blicke, „und das wäre furchtbar schade. Schließlich konnten wir …“
      Erik stoppte sofort. Wollte er, dass ich formulierte, warum sich unsere Situation derartig entwickelte? Ich ließ ihm Zeit, aber er schwieg. Immer häufiger wanderten seine Augen über meine Schulter hinweg zum Pony, das langsam, aber sicher wieder aufwachte.
      „Du meinst, ich konnte mich endlich dem öffnen, was uns von Anfang an auf der Seele lag?“, rutschte es mir beinah versehentlich über die Lippen.
      „Uns?“, grinste Erik verlegen und erhob sich von der hölzernen Bank, dabei knackte sie verdächtig laut.
      „Es tut mir leid. Dann halt, was mir auf der Seele lag“, seufzte ich.
      „Engelchen“, lachte er und kam einen Schritt näher an mich heran, „dir muss es doch nicht leidtun. Natürlich, uns. Sonst hätte ich mir wohl kaum den ganzen Kram mit den Pferden angetan. Meine Zeit hätte ich deutlich … sauberer verbringen können.“
      Kurz schnellte meine Puls nach oben, dass Erik die Abende als Zeitverschwendung ansehen würde, doch genauso schnell normalisierte er sich. Zumindest so normal, wie er in seiner Anwesenheit sein konnte. Mittlerweile hoffte ich darauf, dass der ständige Schwall an Hitze in den Hintergrund geraten würde, stattdessen gehörten diese Anfälle mittlerweile zum Alltag, wie das Gefühl noch immer in der Pubertät festzustecken. Verlegen senkte ich meinen Kopf. Mit seiner Hand strich er mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er mein Kinn wieder sanft nach oben drückte, damit ich abermals in seine Augen blickte.
      “Du brauchst dich nicht dafür schämen. Es ist alles in Ordnung”, fügte Erik noch hinzu und drehte sich von mir weg. Als er an mir vorbeilief, berührten sich für einen kurzen Augenblick unsere Hände. Hoffnungsvoll schnappte ich nach Luft und folgte ihm zur Box. Erik lehnte die Unterarme auf dem kalten, schwarzen Metall ab, beobachtete, wie Maxou vorsichtig die Heulage knabberte, die ich vor ihrer Behandlung in der Ecke platzierte.
      “Vielleicht sollten wir sie nun einige Runden führen”, schlug ich vor und griff nach dem Strick, der um einige Gitterstäbe herumhing. Die Stute hob den Kopf. Ihre Ohren bewegten sich verunsichert in alle Richtungen, als gäbe es ein Problem, wenn ich sie führe. Auch in ihren Augen funkelte es misstrauisch. Ich drückte Erik wortlos den Strick in die Hand und drehte mich weg. Wie ein Messer stach mir sein Blick in den Rücken, als ich stumm verschwand zur Sattelkammer. Maxou hatte geschwitzt, sollte sich keinesfalls auch noch erkälten. Es würde noch genügend Kosten entstehen mit der Gurke.
      Leer richteten sich meine Augen zu dem Deckenhalter, der leblos an der Wand hing mit so vielen Decken, dass ich sie nicht zu zählen vermag. Wahllos blätterte ich die einzelnen Stangen durch wie die Seiten eines Buchs, dass man zwar lesen möchte, aber sich nicht bewusst war, dass man dafür die Worte verstehen sollte. Von vorn bis hinten sah ich Decken in allen Farben, Größen und Formen, wusste allerdings nicht genau, was ich suchte oder mir überhaupt dabei dachte. Unentschlossen ließ ich mich auf das Sitzpolster in der Mitte des Raumes fallen, überlegte, wie ich das alles heute verarbeiten sollte. Obwohl es kurz nach Mittag war, prasselte so viel Neues auf mich ein und wurde das Gefühl nicht los, dass ich wieder einmal alles allein auf den Schultern trug. Zugegeben, ich machte mir schon immer das Leben schwerer, als es notwendig war.
      Wie lange ich die Decken anstarrte und mich tief in meiner Gedankenwelt verlor, einem Teufelskreis aus falschen und überstürzten Entscheidungen, konnte ich nicht beurteilen. Jedoch musste die Zeit geflogen sein, wie Gänse auf ihrer Reise in wärmere Gefilde. Schritte nährten sich und auch ein dumpfes Kratzen auf dem Dielenfußboden. Meine Hände zitterten und Kälte durchzog mich wie ein kühles Lüftchen, dass sich unter meine Kleidung verlief. Ich atmete tief ein, drückte mich nach oben aus dem Sessel. Die Geräusche wurden erst lauter, bis sie plötzlich verstummten. Wer auch immer da war, musste angehalten sein und mich vermutlich beobachten, wie ich den Stoff anstarrte.
      “Entscheidungen treffen, lag dir noch nie”, lachte mein Bruder, der den Hund von Bruce im Schlepptau hatte. Elsa wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und schnupperte interessiert den Boden ab, sowie die Kisten am Rand. Meine Augen folgten dem Schäferhund.
      “Danke”, rollte ich mit den Augen und drehte mich zurück zu den Decken, die unverändert über die Stangen hingen.
      “Aber bei Pferden scheinst du ziemlich schnell zu sein?”, kam Harlen näher, stützte den Arm auf meiner Schulter ab. Skeptisch zog ich meine Braue nach oben, während meine Augen zu ihm hoch schielten.
      “Sie konnte nicht in dem Drecksloch bleiben”, zuckte ich mit den Schultern, “also haben wir sie mitgenommen und ich schaue, wo es hinführt. Wenn es nicht passt, wird Maxou ein schönes Zuhause finden.”
      “Ich denke nicht, dass du dieses Pferd wieder abgibst”, sprach er ernst zu mir.
      “Wie kommst du auf solche Ideen?”, hackte ich nach. Wirklich die Zeit darüber nachzudenken, hatte ich bisher nicht, aber mein Bruder wusste mehr über mich, als ich es je könnte.
      Ich seufzte.
      „Das Pferd steht auf dein Typen und das sagt doch alles, oder denkst du nicht?“, kicherte Harlen.
      „Eins nach dem anderen“, hob ich demonstrativ meinen Zeigefinger in die Luft, „Maxou braucht eine Decke.“
      „Und dabei brauchst du meine Hilfe?“, wunderte er sich.
      „Nein, aber ja. Irgendwie schon. Hier ist sonst niemand, der mir helfen kann und Erik wartet sicher schon“, stammelte ich. Meine Hände hatten sich wieder zu den Stangen begeben und blätterten abermals durch die riesige Auswahl, als wären wir in einem Reitfachhandel unterwegs. Bis ich entschlossen ein dickeres Stück Stoff herunterzog, beinah erschlagen von den Verschlüssen, duckte ich mich weg und knüllte es in meinen Armen zusammen.
      „Na dann los“, schmunzelte mein Bruder, der noch immer bei den Sitzmöglichkeiten stand und dem Hund hinter den Ohren kraulte. Elsa saß entspannt vor seinen Beinen.
      „Was wolltest du eigentlich in der Sattelkammer?“, musterte ich Harlen, als wir entlang des Flurs liefen, nacheinander erhellte das Licht unseren Weg. Noch bevor eine Antwort kam, stoppte er plötzlich und wie versteinert sah mein Bruder mich an. Deutlich intensiver blickte ich in seine Augen, die sich im nächsten Moment zu Boden senkten, ehe er wieder hochsah.
      „Der Hund ist aus dem Büro gelaufen und dann bin ich ihr nach“, antwortete er klar und deutlich. Langsam nickte ich einmal.
      „Und warum hast du sie nicht gerufen?“, wunderte ich mich.
      „Weil“, kurz überlegte Harlen, „ich ihren Namen vergessen hatte.“
      Erneut erhob ich das Kinn.
      In seinem Gesicht breitete sich eine sanfte Röte aus, die Wangen bis zu den Ohren reichte. Dann kratzte er sich am Kinn, ehe sich die Beine wieder in Bewegung setzten. Entschlossen griff ich nach seinem Arm und lehnte mich zu ihm.
      „Das mit dem Lügen üben wir aber noch mal“, flüsterte ich, bevor Harlen sich aus meinen Fängen befreite und wortlos hinunter die Treppen lief. Elsa folgte ihm treu, als würden die Tiere genau spüren, dass wir nie einen Hund haben durften. Unsere Eltern waren stets davon überzeugt, dass keiner von uns in der Lage war, diese Verantwortung übernehmen zu können. Heute stellt sich mir dabei die Frage, ob das Versagen für diese fehlende Eigenschaft nicht vielmehr an ihnen liegen würde.
      „Was machst du jetzt noch?“, hielt ich meinen Bruder erneut auf, als wir bei Erik ankamen. Er hielt das Pony am Strick. Ihre Augen waren geschlossen und uns beide schien sie nicht einmal bemerkt zu haben.
      „Sachen packen, ich muss schließlich auch raus“, motzte Harlen und verließ uns. Er war anders als gewohnt, umso mehr breitete sich Sorge über seinen Gemütszustand in mir aus. Ideen, was die Ursachen dafür sein könnten, hatte ich viele, aber ohne mehr zu erfahren, würde ich mir unnötigerweise Flausen in den Kopf setzen. Deswegen konzentrierte ich mich auf das vor mir liegende, oder viel mehr stehende.
      Ich legte die Decke auf Maxou und befestigte die Gurte am Bauch sowie an der Brust. Eine Nummer kleiner wäre passender gewesen, denn so hing der Stoff ziemlich weit über ihren Po. Aber der Wind vor dem Stall wirbelte kleine Steine auf, fegte von der einen Seite zur anderen und ich wurde etwas neidisch auf ihren Schutz. Durch den Reißverschluss schlich bei jedem Windzug kalte Luft hinein, was mich schaudern ließ.
      „Ich werde auch die Sachen packen gehen“, sagte ich zu Erik, nachdem wir wieder am Tor der Halle angekommen waren. Die eine Runde drumherum hatte gereicht, dass alles an mir zitterte, denn so schnell trocknete die Kleidung nicht in der Sattelkammer an meinem Körper. Er hatte sich zumindest nach dem Spaziergang umgezogen.
      „Fahre ich dann heute wieder nach Hause?“, fragte Erik, leicht stotternd in der Stimme.
      „Gute Frage“, seufzte ich, „das habe auch schon überlegt. Eigentlich hätte ich euch gern weiter bei mir, aber ich denke, dass Lina damit Schwierigkeiten hat.“
      Zustimmend nickte er und setzte sich wieder mit Maxou in Bewegung, die langsam wach wurde und gezielter die Hufe nacheinander abfußte. Für einen Flügelschlag beobachtete ich die Beiden, wie sie vertraut den Schotterweg entlangliefen, als wären sie seit Jahren ein Team. Innerlich erwärmte es mich, aber die schlottrigen Beine erinnerten zeigten mir, dass es nur eine Vorstellung war. Großen Schrittes hüpfte ich zur kleinen Hütte, die beinah malerisch zwischen den anderen im Kreis stand. Mein Garten war verblüht, kein einziges grüne Blatt hing noch an den Streichern, nur mein winterharter Lavendel schien durch das Braun hervorzustechen. Doch die Pflanzen konnte ich nicht mitnehmen, also würden sie wie die Wohnhäuser den Erdboden gleichgemacht werden.
      Ernüchternden blickte ich noch einmal aus der Tür heraus, bevor ich sie schloss. Sogleich sprang mit Trymr entgegen, der aus dem Schlafzimmer angerannt kam. Laut jaulte er auf und umkreiste meine Beine. Dieser Hund bellte nicht, oder eher ziemlich selten, stattdessen stieß er wimmerndes Heulen aus seiner Kehle heraus, als würde der Rüde minütliches Leid ertragen müssen. Mitleidig sah der Rüde hoch. Ich strich ihm über den Kopf und kniete mich herunter, als er sich auf den Boden warf, um am Bauch gestreichelt zu werden. Der Schwanz wischte über die Holzdielen.
      “Ich muss mich umziehen”, erklärte ich ihm einige Minuten später und lief hinüber zum Badezimmer. Die nasse Kleidung hing ich an der Handtuchheizung auf. Aus dem Kleiderschrank griff ich nach einem komplett sauberen und vor allem trockenen Outfit, dass auch Balsam für meine Seele war. Ich sah mich im Zimmer um, entschied mir erst einmal einen Kaffee zu kochen, bevor ich mir eine Strategie überlegte, wie ich am klügsten vorgehen sollte.
      Dampfend stand das Heißgetränk auf dem Tisch und kühlte ab, also holte ich vom Schrank die leeren Umzugskisten herunter. Seit Jahren lagerten sie dort oben und warteten auf ihren Moment. Eigentlich hoffte ich, dass sie irgendwann an einen neuen Besitzer übergeben werden würde, doch falsch gedacht. Nur mit einem Stuhl war es mir möglich ansatzweise die Pappe greifen zu können und dass Trymr neugierig neben mir stand, breitete noch mehr Sorge aus, dass ich auf ihn fallen könnte. Es blieb bei der Vorstellung daran, auch wenn mir die verbeulten Kartons herunterfielen. Einen nach dem anderen faltete ich auf und begann die Gegenstände einzupacken, die ich in nächste Zeit eher weniger benötigen würde. Dazu zählte vordergründig meine Dekoration, die es zwar wohnlicher machte, aber keinen hohen Stellenwert mitbrachte. Auch vieles vom Geschirr legte ich in Zeitungspapier ein und legte es in den Kartons ab. Handtücher fanden ebenfalls ihren Platz darin. Bindend von Minuten waren die ersten Kisten voll und langsam lichtete sich alles. Natürlich blieb mir auch der Gedanke nicht fern, wohin mit den normalen Möbeln, aber da diese zur festen Einrichtung gehörte, sollte es nicht meine Sorge sein.
      “Ich bin gleich wieder da”, sagte ich zum Hund und griff mir eine Jacke, um mir aus dem Büro den Schlüssel vom Radlader zu holen. Einen Teufel würde ich tun und alles einzeln hinüberzuschleppen! Eine Kiste nach der landete in dem geräumigen Konferenzzimmer, das Tyrell in den vergangenen Tagen unbemerkt zu einem Schlaf- und Wohnraum umgebaut haben muss. Die anderen Zimmer dem Flur entlang waren auch umgestaltet worden, sodass alle Angestellten ihren Platz fanden und auch Lagerraum zur Verfügung stand.
      Als ich aus der Schaufel des Laders die letzte Kiste nahm, saß plötzlich Lina verloren auf dem linken Bett, zuvor hatte dort ein Einhorn-Plüschtier gesessen. Möglichst auffällig versuchte neben ihr den schweren Karton mit den Küchenutensilien an meinem Bett abzustellen. Laut klimperten die Konserven an den Töpfen, aber nicht mal ein Auge zuckte. Aber ich versuchte ihr noch etwas Ruhe zu geben und den Radlader an seinen Platz zurückzubringen. Entlang des Flurs folgte ich der Notausgangbeschilderung, stampfte die Holzstufen herunter und startete das Fahrzeug. Knatternd lief der Motor an. Ungewöhnlich leer traf ich die Wege des Hofes vor, nicht einmal ein Einsteller hatte sein Auto auf Parkplatz. Einsam stand dort nur das Coupé meines Freundes, und er daneben. Warte? Wieso stand Erik bei seinem Auto? Mitleidig saß Trymr bei ihm und sah in meine Richtung, als ich aus dem Sitz des Radladers sprang. Laut knirschte der steinige Weg unter meinen Füßen und verstummte erst, als bei Erik stehen blieb.
      “Wo willst du hin?”, wunderte ich mich. Seine Hand griff nach meiner und führte sie hoch zu seinem Mund, umgehend gab er ihr einen Kuss. Die Verwunderung klang nicht ab, viel mehr wurde sie stärker. Auf meiner Stirn bildeten sich tiefe Furchen, denen es nur an Wasser mangelte und dann könnten sie dem Suezkanal eine ernsthafte Konkurrenz darstellen.
      “Eigentlich wollte ich dich überraschen”, sprach er selbstsicher und löste sich von meiner warmen Hand, die zuvor noch in den dicken Handschuhen steckten, “Chris hatte angerufen und mir gesagt, dass Fredna abgeholt werden will. Also wollte ich das rasch machen und dann mit euch beiden etwas Essen gehen.”
      “Dann muss ich mich entschuldigen, ich möchte nicht”, seufzte ich und zog mir die schwarzen Fäustlinge wieder über. Der Wind tobte eisig über den Parkplatz. Es gab keine Bäume oder andere Widerstände, die ihm Einhalt bieten konnten. Stattdessen zische er ein Windhund an mir vorbei, auch das Trymr unregelmäßig in die Leere schnappte, untermalte diese Metapher. Lächelnd zuckten meine Lippen.
      “Soll ich was von Unterwegs mitbringen?”, schlug Erik als Nächstes vor, was ich ebenfalls verneinte und schließlich beließen wir es dabei, dass er seine Tochter abholte und dann erst einmal unterwegs sei. Ich nahm den Höllenhund zu mir, drehte um und er folgte. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter, liefen wir durch das Tor wieder in die Halle, zurück zu Lina. Vor mir fand ich sie noch immer erstarrt auf dem Bett. Entgegen allen menschlichen Sitten rannte Trymr schwanzwedelnd zu ihr und machte vor ihr Yoga. War er damit der nach vorn schauendem Hund? Belustigt von dem Gedanken verließ Luft meine Nase und ich schüttelte mich. Er konnte sie nicht aufhören zum Spielen aufzufordern, schien zu überlegen nach ihrem Kuscheltier zu schnappen, aber entschied sich doch aus einem meiner Kartons einen Pullover. Wie mit einer Trophäe im Maul bot er ihr mein Kleidungsstück an, wobei der Schwanz unaufhörlich wedelte.
      “Oh, wo kommt ihr den auf einmal her?”, fragte Lina irritiert, “Ich habe euch ja gar nicht kommen gehört.” Sie wirkte ein wenig benommen, wie, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht und blinzelte einige Male, bevor sie wieder ganz in der Gegenwart angekommen zu sein schien.
      “Aus der Tür”, sagte ich und zeigte dabei auf die mit Milchglas besetzte Holztür, die halb offenstand, “ansonsten war ich vor ungefähr zehn Minuten schon mal da, wollte dich nur nicht stören b-bei … dem, was auch immer du gerade tust.” Erneut drang ein Laut der Verwunderung aus ihrem Mund, bevor sie mit etwas Verzögerung eine Antwort murmelte: “Ähm, du störst nicht … ich war gerade nur in Gedanken.” Beiläufig zupften ihre Finger an den winzigen Flügeln ihres Plüschtiers herum, womit sie auch die Aufmerksamkeit des grauen Monsters bekam, welches ihre Finger genaustens beobachtete. Nicht, dass sie nun doch mit ihm spielen wollte.
      “Hier ist es auch wirklich trist”, sah ich mich weit in dem Zimmer um und sprach viel mehr zu mir als zu ihr. Die Betten waren bestimmt Queensize, aber auf jeden Fall für zwei Personen gedacht. Zumindest würde Trymr ausreichend Platz haben. Gegenüber der Tür hing ein großer Fernseher und darunter eine große Kommode. Hier und da standen kleine Regale sowie ein Tisch mit vier Stühlen, kein Vergleich zu den Zimmern an der Privatschule in London. Lina schwieg. Zustimmend nickte ich noch ziemlich unbewusst und zog meine Schuhe aus. Dann begann ich interessiert, die Schubladen der Kommode zu durchsuchen, als suche ich etwas Bestimmtes. Alle waren leer, nicht anders als erwartet.
      “Vielleicht sollten wir noch einige Pferde bewegen und nicht noch mehr Zeit verschwenden”, sah ich nachdenklich zu ihr hinüber. Ich hatte mich mittlerweile ins Bett gelegt und zuvor einige Kleidungsteile in das Regal einsortiert. Trymr lag neben mir, den Kopf auf meinem Brustkorb abgelegt. Leise schnaubte er.
      “Ja, das ist sicherlich eine gute Idee. Die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein”, stimmte Lina mir zu, die, nachdem sie durch das Zimmer gewuselt war, ein wenig lebendiger wirkte. Das Plüschtier, welches beim Betreten noch in ihren Händen gelegen hatte, thronte mittlerweile zwischen ihren Kissen und auch sonst hatte sie einige wenige persönliche Dinge im Raum platziert. Aus der Hosentasche zog ich mein Handy hervor, öffnete die Verwaltungsapp des Hofes und scrollte durch die Liste unserer Pferde. Schnell fand ich den richtigen Kandidaten.
      “Wollen wir zusammen in den Wald?”, fragte ich vorher, bevor ich die endgültige Entscheidung traf.
      “Ja, klingt gut”, entgegnete Lina und unterstütze die Aussage mit einem Nicken.
      “Ich werde mit Dustin fahren. Der ist entspannt. Du bist sicher nicht dafür zu begeistern, oder?”, bestätigte ich in meinem Menü und stand auf. Aus dem obersten Karton leuchtete die dicke graue Reithose mir entgegen. Entschlossen nahm ich sie und wechselte meine Jogginghose ein. Trymr spitze gespannt die Ohren, sprang aus dem Bett heraus und wartete geduldig an der Tür.
      “Da denkst du ganz richtig. Auf die Gefährte kann ich gerne verzichten”, antwortete sie, ohne dass eine Regung auf ihrem Gesicht zu erkennen war.
      “Na gut”, zuckten meine Schultern. Wie ich bereits vermutete, lag Spannung in der Luft. Die nicht ausgesprochen Worte schwebten um uns, wie die Mückenplage im Sommer es nach unserem Blut durstete. War es falsch, dass ich in dem Augenblick Angst bekam vor den kommenden sechs Monaten? Etwas sagte mir, dass es nur der Anfang des Wahnsinns sein würde, der nicht so schnellenden würde. Am Haken neben der Tür wartete der dicke Wintermantel von Erik, als würde nach mir schreien, lief ich zu ihm, klemmte ihn mir unter dem Arm und sah zu Lina, die hektisch in den Kartons wühlte. Bis sie schließlich einen scheußlich rosafarbenen Pullover in die Luft hielt und darüber hinweg zur mir schielte. Peinlich berührt schluckte ich. Warum es mir peinlich war? Jahre, beinah Jahrhunderte konnte man Wetten abschließen, dass ich immer ein solches Oberteil trug in der Kombination zu einer engen schwarzen Leggings und links einem Thermobecher in der Hand. An schlechten Tagen trug ich noch eine Sonnenbrille – also jeden Tag.
      “Komm Prinzesschen, die Sonne steht nicht ewig am Himmel”, fauchte ich ungeduldig.
      “Ist ja gut, ich komm ja schon”, entgegnete sie beschwichtigend, während sie sich den Pulli überwarf, bevor sie sich noch eine blaue Winterjacke von ihrem Bett schnappte.
      Einen klaren Vorteil musste man dem Konferenzzimmer zusprechen. Der Weg war so kurz wie nie zuvor zu den Pferden, denn im riesigen Gebäude war nicht nur die Reithalle zu finden, sondern auch die beiden Häuser mit den Sattelkammern und Zimmern. Aufgeregt ragten einige Pferdeköpfe durch die Öffnungen der Boxen, nur Maxou und Redo schienen nicht sonderlich viel von dem Durchgangsverkehr zu halten. Als hätte es Dusty bereits geahnt, wieherte er fröhlich uns an. Seine Laute schallten bis nach draußen, wo er prompt mehrere Antworten erhielt. Lina hingegen sah sich unsicher um, drehte und wendete sich, als gäbe es kein einziges Pferd auf dem astronomischen Gestüt.
      “Nimm Walker”, drückte ich ihr willkürlich ein Halfter in die Hand, das zufällig auf einer Bank neben uns lag. Sie nickte und lief zu dem schneeweißen Hengst, der in der Box neben Dusty stand. Interessiert beäugte den Zwerg, aber folgte willig aus der Unterbringung. Ich hatte natürlich kein Halfter, was im Bedacht der Umstände jedoch relativ gut sein würde. Entgegen meinen Sinnen legte ich nur meinen Arm um seinen Kopf und er folgte. Dusty war der Tophengst auf unserem Gestüt, und nein, es war kein Wunder, dass ich ihn mir einfach nehmen durfte, wie es mir gefiel. Nicht der nur der Tatsache geschuldet, dass ich hier arbeitete, gab es, bis auf wenige Ausnahmen, kein Pferd, dass nicht jeder bewegen durfte. Natürlich hatte jeder seine Lieblinge, worauf wir Acht nahmen.
      Der Hengst war blütig, voll blütig, zumindest halb. Seine Mutter zählte bereits in jungen Jahren zu den Geheimtipps in den Wettbüros, wie Tyrell gerne erzählte an langen Abenden, und sein Vater war ein geschätzter Traberhengst, der internationale Erfolge erzielte. So führte Dusty die Bilanz seines Papiers fort. Vermutlich vermutete man nun, dass der braune Hengst mit dem hellen Bauch nervös in der Putzgasse trat und dabei ständig den Kopf hochriss, doch dem war nicht so. Bereits in Deutschland hatte sich Tyrell das Pferd zugelegt, damals noch als Jährling und für teures Geld aus Kanada importiert. So lernte er von Anfang an die Ruhe kennen, wie es ein großer Teil unserer Pferde war. Ja, ich gebe zu, die Pferde im Reitverein kennenzulernen war ein Kulturschock. Überall hampelten sie herum, konnten nicht einmal für zwei Minuten ruhig in einer Stallgasse stehen. Genauso hektisch wurden sie auf dem Reitplatz und egal was, hysterisch sprangen sie weg.
      “Kannst du mir kurz helfen?”, fragte ich Lina, die Walker bereits gesattelt hatte und nur noch auf mich wartete. Dusty hatte schon das Geschirr um mit einer einseitigen Scheuklappe und an den Beinen trug er Bandagen, die ich viel mehr zu Übungszwecken gewickelt hatte. Freundlicherweise griff sie da bereits ein, als ich ein reines Chaos mit den Fleece-Bändern verursachte. Natürlich sorgte ich damit für Unterhaltungsstoff und ich würde mich nicht wundern, wenn Lina meine Idiotie auf Bildern festhielt. In dem Augenblick benötigte sie allerdings dafür den Sulky gleichzeitig durch Schlaufen zu ziehen. Dusty konnte dabei unruhig werden, deshalb wollte ich es lieber nicht machen. Von der Seite hatte ich bereits meinen eigenen hervorgeholt, ja, ich hatte einen eigenen Sulky, aus dem sogar mein Name stand, mein ganzer Name. Fragt lieber nicht.
      “Natürlich”, antworte sie hilfsbereit, wenn sie auch den Bruchteil einer Sekunde zögerte, “Was genau soll ich tun?”
      “Du musst das hier”, zeigte ich auf die Schnalle am Gurt, “hier durchziehen, dann klickt es und zum Schluss noch hier befestigen”, demontierte ich weiter. Ein zweites Mal erklärte ich es langsamer, dann begriff sie es. Der Sulky war leicht, sogar noch leichter als die Standardmodelle, denn wie man mittlerweile schon von mir wusste – Mit Standard gab ich mich nie zufrieden. Tyrell rollte damals mit den Augen, als ich ihm den Bestellschein gab und eine horrende Summe am Ende stand. Nacheinander klackten die Verschlüsse ein, dabei zuckte Dusty kurz, aber schenkte mir das nötige Vertrauen, um nicht einen Sprung nach vorn zu machen. Freundlich bedankte ich mich bei Lina, die Walker vorsorglich aus der Gasse führte und vor dem Gebäude wartete. Von dem Stuhl nahm ich mir noch die Decke, die ich mir aus der Sattelkammer mitgenommen hatte und prüfte die Gurte wohlweislich. Lina hatte alles richtig gemacht und auch die restlichen Schnallen warn fest. Also schwang ich einmal die Leinen und Dusty lief fröhlich voraus. Das hole Geräusch der Hufeisen auf dem Beton wandelte sich zu einem kurzen und knirschenden, dabei setzte ich mich auf den Sitz und sortierte erst einmal meine Führung. Erst danach umwickelte ich mich mit der gefütterten Decke. Nur noch ein Kaffee fehlte, dachte ich und ließ den Hengst selbstbestimmt vorlaufen. Eins meiner Beine hatte ich mit auf dem Sitz, während das andere mich stützte. Im selben Tempo ritt Lina neben uns her.
      “Wie kommt es eigentlich dazu, dass ich dich das erste Mal auf dem Ding da sehe, obwohl das offensichtlich dein schickes Gefährt ist?”, fragte sie neugierig nach einer ausgiebigen Betrachtung des Gespanns.
      “Das?”, fragte ich scheinheilig und strich mit einer Hand über das Gestellt. Dann bremste ich Dusty urplötzlich ab. Lina konnte nicht so schnell auf meinen Halt reagierten und drehte den hellen Hengst wieder um.
      “Wir haben Trymr vergessen”, sprach ich entsetzt und pfiff zweimal sehr laut, so wie Erik es mir gezeigt hatte. Da der Hof nur einige Minuten hinter uns lag, sollte das Tier ohne Weiteres meiner Aufforderung nachkommen. Tatsächlich bog er an den Bäumen entlang ab und kam in Windhundmanier angezischt. Seine Zunge schlackerte dabei, amüsiert lachte ich.
      > Bra gjort
      “Gut gemacht”, lobte ich ihn und gab ihm eins der Pferdeleckerlis. Grundsätzlich verschlang das Ungetüm alles, auch die Bananebricks. Dann setzte ich Dusty wieder in Bewegung und setzte das Gespräch mit Lina fort: “Also wo waren wir? Ach ja”, unentschlossen atmete ich aus, “offensichtlich ist das meins, wie du schon festgestellt hast und ich besitze ihn, weil ich noch bis ungefähr Mai, oder es könnte auch Juni gewesen sein, Rennen gefahren bin.”
      Mit einem Kopfnicken nahm Lina dies zur Kenntnis und setzte zu einer weiteren Frage an: “Warum fährst du mittlerweile keine Rennen mehr?” Der helle Hengst unter ihrem Sattel kaute entspannt auf seinem Gebiss und pustete kräftig die Luft aus seinen Nüstern.
      “Ist das nicht offensichtlich?”, schielte ich zu Trymr hinüber, der aufgestellte Schwanz nebenher trabte. Lina zuckte mit den Schultern.
      “Ich kann schlecht auf tausenden Hochzeiten tanzen und als die Einladung nach der Musterung kam, stand für klar fest, dass Reiten mehr Zukunft hat als Rennen fahren”, setzte ich mit melancholischem Unterton fort.
      “Verstehe. Also die Art von Lebensentscheidung, die wohl für jeden früher oder später ansteht”, entgegnete Lina, “Vermisst du es manchmal oder macht es dir nicht aus, nur noch im Sattel zu sitzen?”
      “Du stellst schwierige Fragen”, murmelte ich und schwieg. In meinem Kopf entbrannte ein Feuer. Gefolgt in der Bahn der Nervenstränge schnappte die imaginäre Hand verschiedene Zettel, die aus den Wochen stammten, als ich Tyrell mitteilte, dem Reitverein beizutreten. Ein anderer stellte eine wirre Zeichnung dar, die nicht genauer beschreiben konnte als viele Kreise und Striche, die im ersten Moment keinen Sinn ergaben. Lange schwieg ich noch, bis Dusty es nicht abwarten konnte, die nächsthöhere Gangart einzuschlagen. Locker trabte der Hengst an und auch Lina folgte uns mit Trymr. Einige Schritte bot er im Tölt an, aber streckte den Kopf etwas weiter nach unten und trabte aus. Vor mir lag nur der Sand, während auf beiden Seiten die Bäume vorbeizogen. An meinen Ohren vibrierte kalt der Wind. Gezielt atmete ich ein und wieder aus, zählte im Kopf die Sekunden und versuchte mich nur auf das Pferd zu konzentrieren. Zwischendurch sah ich nach links, um zu schauen, ob Trymr hinterherkam, aber klar. Dem Windhund lag das Laufen im Blut, so wie unseren beiden Pferden. Zur vor der Küste parierten wir wieder durch in den Schritt. Das Meer war rau und wild schlugen die Wellen gegen den Granit tief unten. Dusty drehte die Ohren und wippte mit dem Kopf.
      “Ich denke, es war eine Frage der Aufmerksamkeit”, seufzte ich leise, aber noch hörbar für Lina, “die Rennen waren die reinste Hölle und provozierten förmlich, dass etwas Dramatisches passiert. Aber jetzt, ein entspanntes Training oder generell, das Training machten Spaß. Wenn ich mit der Dressur fertig bin, spricht aber auch nichts dagegen eine Runde zu drehen.”
      Schmunzelnd sah ich zu ihr hinüber. In ihren glasigen Augen funkelte es friedlich, gerichtet auf die wogende See. Es wirkte beinah so, als würde das Wasser in allen Zügen ihren Gemütszustand widerspiegeln. Ich versuchte aber für den einen Tag nicht nachzufragen, sofern sie das Gespräch nicht selbst anbot. Dafür hatte ich selbst genug zu verarbeiten, um mir noch die Last anderer aufzunehmen. Lina antwortete nicht sofort, sodass nichts weiter zu hören war als das Rauschen unter uns und der Wind, der an unserer Kleidung zerrte.
      “Das glaub ich dir, dass das wahnsinnig anstrengend und risikoreich ist”, sprach sie schließlich, die Augen noch immer auf die hellen Schaumkronen geheftet, “das ist die Dressur schon ein wenig berechenbarer.”
      “Und, wie denkst du, wird es für dich weitergehen? Möchtest du dich weiterhin im Hintergrund aufhalten?”, überlegte ich laut, um einige der irrealen Mücken um uns zu verscheuchen.
      “Ich denke, der ganze Turnierkram ist nichts für mich. Aber so wirklich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll”, antwortete sie nachdenklich, “Ich habe doch nie etwas anderes gemacht als das hier.” Sanft strich sie Walker bei den letzten Worten über den Hals, der kurz die Ohren zu ihr richte, bevor sie sich wieder in alle möglichen Richtungen drehten.
      “Es zwingt dich auch keiner eine Entscheidung zu treffen, aber wenn das Gestüt nun umgebaut wird, eröffnen sich vielleicht mehr Möglichkeiten für dich”, nickte ich zustimmend, vertraute darauf, sie ihrem Bauchgefühl folgen wird. Für sie und Ivy gab es noch viele Jahre, aber wenn ich ehrlich war, für mich nicht. Irgendetwas in meiner Magenregion drückte unsanft auf die Atmung, ja, die Zeit rannte.
      “Ja, mal sehen, was sich so ergibt”, entgegnet sie und ein sanftmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, “und du bleibst jetzt bei der Dressur oder testest du wohl möglich noch, ob Springen nicht auch was wäre, denn du scheinst ja schon ziemliche viele Sparten des Pferdesports getestet zu haben?”
      “Ziemlich viele”, wiederholte ich lachend. Dann verstummte ich schulterzuckend. Mein Blick schweifte von der See wieder zu Dusty, der weiterhin ruhig im Schritt vorwärtslief. Auch bei dem Hund hatte sich nichts geändert, noch immer trabte er nebenher, zwischendurch senkte sich der Kopf in den Sand. Seine Nase und einige der Haare an der Schnauze hatten den Dreck an sich genommen. Dann antwortete ich Lina weiter: “Viele waren das nicht, außerdem ist Abwechselung wichtig. Meine Tante besitzt einen Isländer, auf dem ich reiten gelernt habe, mit dem ich alles getan habe. Aber ich muss zugeben, der Reiz für Turniere bestand schon lange. Die Gangturniere sind jedoch nicht durch ihre Preisgelder oder Herausforderung bekannt, deswegen taste ich mich langsam an die höheren Dressurlektionen an und ja, das tue ich jetzt wohl. Ich lasse es mir nicht nehmen, weiter so viel wie möglich auszuprobieren.”
      “Ich finde es ziemlich cool, dass du so konkrete Ziele hast, so überzeugt wäre ich selbst auch mal gerne”, sprach Lina anerkennend,” Hast du mit Maxou eigentlich vor in Zukunft Turniere zu gehen?
      Über die Tatsache, dass meinem Leben ein konkretes Ziel sprach, konnte ich nur bestürzt lachen. Seufzend sortierte ich die Leinen in der Hand, die locker über Dusty hingen und dabei schon schaumige Schweißflecke verursachen, vielleicht hätte ich ihm eine Ausreitdecke darunterlegen sollen, überlegte ich mitfühlend.
      Die Küste ließen wir zunehmend hinter uns und kehrten wieder, nach einem Stück auf der Trainingsbahn, auf den Hauptweg in den Wald. Willkürlich knirschte und knarrte es aus dem Unterholz um uns. Aufmerksam untersuchte der Hund den Wald, rannte vor und wartete auf uns. Unruhig begann auch Dusty die Schritte zu verkürzen und schwingenden Kopf sich auf das Gebiss zu legen. Der Genosse neben uns blieb ruhig, obwohl Walker für gewöhnlich ein wildes Durcheinander verursachten. Wieder knackte es laut, doch dieses Mal sehr laut neben uns. Trymr bellte laut auf und ein Knurren erwiderte sich. Entschlossen hielt ich. Die Leinen behielt ich in der Hand, aber stieg vom Sulky, um das Dickicht überblicken zu können. Zwischen dem Moos und einem umgefallenen Baum lag ein verletzter Hund, eingeklemmt unter einem Stein. Vielleicht vier Monate alt, oder jünger, viel hatte er, oder sie, zumindest nicht auf den Rippen. Sein Fell nass und die Pfoten ebenso dreckig. Hilfesuchend starken mich zwei trübe braun-orange Augen, Trymr verstummte und ich hörte das Wimmern des Tieres.
      “L-Lina”, stammelte ich und versuchte mit meinem Blicken zu deuten, dass sie herkommen sollte. Fragend blickte sie mich an, glitt dennoch aus dem Sattel, nachdem sie keine weitere Erklärung bekam. Mit Walker im Schlepptau trat sie neben mich und folgte meinem Blick. Entsetzt weiteten sich ihre Augen, als sie das mitleidig aussehende Tier erblickt und das herzzerreißende Fiepen wurde lauter.
      “Oh, das arme Tierchen. Wir müssen ihm irgendwie helfen”, sprach sie und blickte mich an. Ach, man, das hätte ich gar nicht vermutet, sprach die böse Stimme in meinem Kopf. Kurz zischte ich mich selbst an und versuchte eine Lösung zu finden, was ich mit Dusty machen würde.
      “Ja, hier”, sagte ich und gab ihr die Decke von meinem Sitz im Tauschen gegen Walkers Zügel. Vorsichtig kämpfte sich Lina durch das Dickicht hindurch, bis sie schließlich bei dem Welpen angelangt war, dessen Laute immer lauter wurden.
      “Hallo kleiner Freund”, hörte ich sie ruhig und sanft zu dem Tier reden, während die sich langsam hinhockte und die Hand nach ihm ausstreckte. Eingeschüchtert schnupperte er daran, machte aber keinerlei Anstalten nach Lina zu schnappen.
      “Dann wollen wir mal sehen, wie wir dich hier herausbekommen”, drang ihre Stimme halblaut durch das Dickicht. Von meiner Position aus sah ich nicht genau, was sie tat, aber wenig später stand sie dort, das kleine, nasse Fellbündel, welches in die Decke eingewickelt war, auf dem Arm. Das Wimmer war verstummt, dafür sah ich selbst auf die kurze Distanz wie sehr der kleine Hund zitterte. Ob vor Kälte oder vor Angst, war nicht eindeutig, aber vermutlich war beides der Fall.
      “Am besten nehmen wir jetzt den kürzesten Weg zurück, der Kleine hier sollte ins Warme und hungrig ist er sicher auch”, sagte Lina, als sie wieder neben mir auf dem Weg stand. Trymr stand schwanzwedelnd vor ihr und beschnupperte neugierig das Bündel auf ihrem Arm, aus dem sich ihm eine im Vergleich recht kleine Schnauze entgegenstreckte. Verwirrt trat der Rüde zurück und versteckte sich zwischen meinen Beinen.
      > Dat här är ett barn.
      “Das ist ein Baby”, flüsterte ich ihm zu und strich ihm über den Kopf. Dusty hinter mir scharrte bereits mit dem Huf, aber ich konnte ihn nicht daran hindern.
      “Ich nehme ihn mit auf den Sitz, wird am einfachsten sein”, gab ich Lina ihre Zügel zurück. Dann setzte ich mich richtig hin, weich polsterte der Wagen mein Fliegengewicht ab. Das Knäuel legte sie mir auf den Schoß und durch den Schutz zwischen meinen Beinen, konnte er auch nicht verrutschen. Hell leuchteten mich wieder seine Augen an, die eindeutig ängstlich wirkten. An einem seiner dunklen Ohren fehlte ein Stück, das sich entzündet haben wird. Die Haut wirkte gerötet und leicht verkrustet, aber an sich sah es so aus, als wäre die Wunde schon älter. Zwischen all dem Dreck auf der Nase sah ich kleine schwarzen Flecken, die zur Musterung des Fells gehörten, denn bis hoch zu den Ohren war er weiß. Mittlerweile hatte ich nachgeschaut, welchem Geschlecht er angehörte. Fred, ich denke, dass könnte der richtige Name für ihn sein.
      Nach einem weiteren Stück im Trab kamen wir flott am Hof an. Langsam, aber sicher verabschiedete sich die Sonne am Horizont hinter den Bäumen und auf dem Parkplatz vermehrten sich wieder die Fahrzeuge, nur von Eriks war nichts zu sehen. Teils erleichtert, teils bestürzt, seufzte ich und stieg vor dem Stall aus dem Sitz. Während Fred den Luxus meiner Decke genoss, fror ich trotz des dicken Wintermantels.
      “Da seid ihr ja”, nickte und Tyrell zu, der Fried an ihrem Blumen Halfter führte.
      “Schau mal”, hielt ich ihm glücklich die Decke hin. Sofort sprang auch unser Chef auf das niedliche Tier an, ließ ihn direkt die Hand beschnuppern. Trymr neben mir, empfand die Situation weiterhin als unseriös und trabte an uns vorbei in den Stall, suchte sich vermutlich seine Decke, die immer wieder woanders im Gang lag. Nun kam auch Friedi interessiert mit dem Maul näher. Laut prustete die helle Stute aus, worauf sich Fred tiefer im Stoff verhüllte. Umgehend verlor das Pferd sein Interesse und Tyrell brachte sie weg. Die Hengste wurden erst aufmerksam, als sie einige Meter entfernt lief.
      Im Stall legte ich das Knäuel neben Trymr ab, der sofort die Flucht ergriff und offenbar nichts mit dem kleinen Wesen zu tun haben wollte. Dieses lag zittrig an Ort und Stelle, was mich zumindest beruhigt das Pferd abspannen ließ. Dabei half Lina mir wieder die Stangen zu entfernen.
      “Ich würde Dusty gern als Erstes ins Rotlicht stellen”, sagte ich beim Betrachten seines triefend nassen Fells. Sie nickte nur beiläufig und lief los, um eine Abschwitzdecke zu holen. Ich konnte mich gar nicht auf eine Sache konzentrieren. Dusty leckte immer wieder an dem Holz herum, während Walker versuchte seinen Kollegen zum Spielen aufzufordern. Trymr lief unruhig die Gasse auf und ab, während der Kleine nun doch versuchte aus seiner gebauten Höhle zu fliehen. Und dann war doch Maxou einige Meter entfernt, die unaufhörlich am Gitter herum biss und damit furchtbaren Lärm verursachte. Ach, nicht zu vernachlässigen war Jonina, die zusammen mit vier Reitschülern unseren Platz besetzte. All diese Geräusche lösten einen dröhnenden Kopfschmerz aus und als noch mein Handy in der Hose begann zu vibrieren, wollte ich hier weg. Weg von der Belastung, zurück in meine Hütte, die inzwischen nicht mehr mein war. Genervt hob ich ab.
      “Hallo?”, ächzte ich genervt in den Hörer, aber wurde umgehend freundlicher, als ich Eriks Stimme hörte. In der Brust wurde es wieder leichter und ich konnte tief durchatmen.
      “Freut mich, dass du dich bester Laune erfreust”, scherzte er.
      “Ist gerade viel los”, überblickte ich erneut die Situation und begleitete Dusty zum Solarium.
      “Hast du schon mit Lina gesprochen?”, fragte er direkt.
      “Nein, ergab sich bisher nicht. Wieso?”, stammelte ich unsicher. Ehrlich gesagt, hatte ich daran auch gar nicht mehr gedacht und versuchte den einfachsten Weg, außerdem erschien es mir noch immer unangemessen zu sein, sie danach zu fragen.
      “Okay, ich bin so in”, stoppte er, während mehrfach ein notdürftiges Piepen ertönte, “dreißig Minuten da. Also bis gleich.” Dann verstummte mein Telefon. Welch ein unnötiges Telefonat, stellte die böse Stimme in meinem Kopf fest, die wieder von mir angezischt wurde. Trymr setzte sich zu dem Hengst unter die roten Lampen und genoss ebenfalls die kleine Wellnesseinheit.
      “Was genau ist eigentlich dein Plan mit dem Kleinen? Ich meine, man kann ihn ja schlecht einfach behalten. Vielleicht wird er ja vermisst oder so etwas. Ein Welpe kommt sicher nicht von allein in den Wald”, wand sich Lina an mich, die den schneeweißen Hengst gerade in eine Decke hüllte. So weit wie sie wieder dachte, hatte ich die Situation noch gar nicht überdacht. Außerdem waren auch für mich die Grundlagen des Landes unbekannt.
      “Gute Frage, erst mal bleibt er, denke ich”, dann überlegte ich noch, wie ich es Erik erklären sollte, aber dass wir einem hilflosen Tier halfen, sollte ihn wohl kaum stören, “aber vielleicht kann mein Kerl das besser beurteilen. Schließlich habe ich erst gestern den anderen Pflegefall organisiert”, schielte ich zu Maxou hinüber, die die unbeteiligten Stangen wieder in Ruhe ließ.
      “Wenn das so weitergeht, kannst du bald ein Tierheim eröffnen”, witzelte Lina und schob Walker ein Leckerli zwischen die Lippen, der es sogleich genüsslich verschlang.
      “Du bist gemein”, rollte ich beiläufig mit den Augen, suchte nach einer passenden Ausrede, um dem Gerücht entgegenzuwirken, aber nein. Es gab keine.
      “Entschuldigung, sollte doch nur ein Scherz sein”, nuschelt sie bevor sie sich auf den Weg zu Futterkammer machte, um dem Hengst sein Abendbrot zu holen. Er starrte ihr aufmerksam nach und auch Dusty spitzte die Ohren, als hintergründig der Ton von dem Müsli auf Gummischüssel traf. Ich bremste ihn ab, bevor er einen Schritt nach vorn setzte. Als mir plötzlich ein wichtiger Gedanke durch den Kopf schoss, setzte ich an zum Sprechen, verstummte allerdings wieder, unter dem Vorbehalt, dass Lina noch immer beschäftigt war. Nachträglich setzte ich einen Fuß nach dem anderen, die mich zu Maxou an die Box trugen. Die Stute drehte sich langsam um, legte die Ohren leicht nach hinten und musterte das Wesen, das die Frechheit besaß, sie beim Fressen zu stören. Dennoch blieb sie stehen und starrte mich an. Ihre großen Augen glänzten im indirekten Licht der Boxen, die um diese Uhrzeit noch eingeschaltet waren. Der Schweif pendelte langsam unter der Stalldecke, die ich ihr noch umgelegt hatte vor dem Ausritt. Je länger ich das Pony betrachtete, umso mehr bekam ich das Gefühl, dass mein Bruder recht behalten würde, auch, wenn sich das grundlegende Interesse an ihr in Grenzen hielt. Im Hinterkopf blieb der Gedanke, dass ich wohl möglich nicht mit ihr klarkam bei der Arbeit oder auch keine vollwertige Verbindung aufgebaut werden würde.
      “Da bist du ja”, stürmte ich erleichtert zu Lina, die überrascht vor mir stand, schließlich war sie nur für einen Augenblick verschwunden. Für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an.
      Mit etwas zwischen Irritation und Belustigung in ihrem Ausdruck blickte sie mich an: “Wieso so ungestüm, ich war nicht mal zwei Minuten weg?”
      “Nein, das waren viel mehr”, hielt ich mich fest an ihren Schultern fest, als würde einer von uns sonst umfallen. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverändert ihre Verwirrtheit. “Denkst du”, zog ich die Vokale unnötig lang, “dass Erik bleiben kann?” Ehrlich gesagt, wollte ich das gar nicht von ihr, denn viel wichtiger war es mir, wie sehr es an Absurdität grenzte, dass an dem Tag so viel passiert war. Außerdem fühlte es sich seltsam an mit meinem Pony, ich hätte gedacht, dass man deutlich mehr Glücksgefühle verspürt. Stattdessen war da nichts.
      “Ähhm … mir fällt jetzt nicht an, was dagegenspricht, also ja”, überlegte sie laut, ”Und das war jetzt so wichtig, dass du mich überfallen musstest?” Das Geräusch von Eisen, welches über den Boden kratze, erklang aus der Richtung der beiden Hengste. Lina ging auf den hellen Hengst zu, der ungeduldig scharrte und wies ihn zur recht, bevor sie ihm die Gummischüssel vor die Füße stellte.
      “Sicher?”, hakte ich ordnungshalber nach und stand, wie bestellt und nicht abgeholt in der Gasse herum. Förmlich sichtbar setzte ein Denkprozess bei ihr ein, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Verunsichert, setzte sie schließlich zu einer Antwort an: “Ja? Das war doch schließlich keine Anfrage für die nächsten 6 Monate, oder doch?”
      “Sechs Monate am Stück? Nein”, lachte ich und überlegte, wie viele Tage dazwischen als Pause galten, um den Timer zurückzusetzen.
      “Na, dann kann er erst einmal bleiben”, lächelte sie großmütig.
      “Danke”, lächelte ich fröhlich und warf einen Blick auf unseren Jungspund, der mit seinen langen Beinen auf der Decke stand. Langsam begann sein Schwanz zu wedeln, als Trymr sind von der Rotlichtlampe zu ihm bewegte. Kurz schnupperte er an dem Zwerg. Freundlich quietschte er, suchte an der Bauchleiste des Rüden nach Zitzen. Daraufhin tippte ich Lina an, die sich gerade nach der Schale gebückt hatte, um sie dem Hengst wieder hinzuschieben. Sie wand sie zu mir um und als ich mit einer Geste zu den beiden Hunden zeigte, folgte ihr Blick meinem Finger.
      “Sieht danach aus, als hätte unser Findelkind Hunger”, äußerte sie eine Vermutung, die recht logisch erschien.
      “Was braucht es?”, sah ich mich Hilfe suchend im Stall um, “Stutenmilch, oder eher Fleisch?”
      “Ich bin jetzt kein Experte auf dem Gebiet, aber er sieht bereits alt genug aus, als dass er Fleisch fressen könnte”, beantworte sie meine Frage nachdenklich.
      Wieder nickte ich, nahm das getrocknete Rennpferd aus dem Licht und brachte ihn schnellstmöglich in seine Box zurück. Darin legte ich ihm wieder die Stalldecke um und schnappte mir von der Decke den kleinen Racker. Auf meinem Arm legte er sich auf den Rücken und wedelte mit seinem Schwänzchen, als ich den Bauch kraulte. Trymr folgte uns mit Abstand, wollte aber nicht ohne mich im Stall bleiben. Dumpf knarrten die Holzstufen hinauf zur Tribüne, über die man zu den Räumen kam.
      In der Küche standen schon alle wichtigen Gegenstände, darunter auch einige Notfallhundedosen, die ich vor geraumer Zeit gekauft hatte. Aus dem Oberschrank nahm ich einen kleinen Teller und betrachtete die beiden Hunde, die mir verliebt um die Beine strichen. Der Augenblick wirkte so unrealistisch. Ich stand mit einem Welpen und einem Höllenhund in der Küche. Hunden, denen ich für gewöhnlich aus dem Weg ging, berührten mich sehr nah und hatten sich sogar verdoppelt seit August. Dasselbe Phänomen, das mir mit Pferden passierte. Kopfschüttelnd grinste ich und machte dem Tier eine kleine Portion. Aus dem Krankenhaus wusste ich, dass man nach einem langen Hungern am besten klein anfangen sollte, da wir keinerlei über Fred hatten, musste ich davon erst einmal ausgehen. Für Trymr machte ich auch eine Portion, damit er ihn nicht anfallen würde, wer weiß schon, was in dem Kopf des Ungetüms ablief. Er bekam zuerst und wartete friedlich, bis ich ihm erlaubte an den Napf zu gehen. Fred hingegen stürzte sich direkt auf seinen Teller und bindend weniger Sekunden, waren sie fertig. Vertieft in den Zwerg, bemerkte ich die Schritte hinter mir nicht. Dass etwas vor sich ging, verspürte ich erst, als Trymr nicht mehr in Reichweite war. Noch bevor ich mich verzweifelt umdrehen konnte, verspürte ich zwei sehr kalte Hände an meinem Hals. Ich überlegte, ob mein Herz noch schlug, denn meine Atmung stockte. Sanft drückten sich zwei Daumen gegen meine Kehle und unbewusst wurde mir klar, dass von der Person nichts Böses ausging, auch, wenn vermutlich sonst keiner wie ich dachte. Langsam bewegte ich mich aus meiner Hocke nach oben, vernahm die kleinen Pfoten des Tieres an meinem Schienbein durch den dicken Stoff der Reithose. Erst dann drehte ich mich zu meinem Verehrer um, offensichtlich ohne Kind zurückkam. Vertieft in seine leuchtenden Augen schlug mein Herz in hochfrequentierten Intervallen, die aus zweierlei herkamen.
      „Wo hast du dein Mini gelassen?“, fragte ich mit kratzigem Tönen.
      „Die ist bei Lina und dem hellen Pferd, das im Gang stand. Vermisst da etwa jemand Fredna?“, schmunzelte Erik über beide Ohren.
      „Nein, aber dann haben wir einen Augenblick für uns?“, tastete ich mich langsam meinen Händen an seinem Oberkörper entlang und verspürte wieder eine wohlige Wärme im Unterleib, die sich durch einen leichten Druck noch mehr verstärkte. Seine Kleidung hingegen war angenehm kühl, auch wenn er für meinen Geschmack noch zu viel davontrug.
      „Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden“, flüsterte er in mein Ohr. Der Atem kitzelte an meinen Ohren, wodurch sich das Gefühl im Unterleib verstärkte.
      „Allerdings“, setzte er fort und unterbrach seinen Satz mit einem Kuss auf meine Wange, „du musst mir noch erklären, was du da angeschleppt hast Niedliches.“ Urplötzlich ließen seine Hände von mir ab und kniete sich zu dem Zwerg hinunter, der tapsig angerannt kam und dabei so stark mit dem Schwanz wedelte, dass der ganze Hintern wackelte. Erleichtert, dass er mir über das kleine Kerlchen keinen Vortrag hielt, atmete ich aus, verlor allerdings auch die Lust auf alles Weitere.
      „Wir haben ihn eingeklemmt im Wald gefunden“, erklärte ich, setzte mich dazu auf den gefliesten Fußboden, der mich mit der integrierten Fußbodenheizung wärmte.
      „Deswegen bist du so dreckig“, tuschelte er quietschend dem Tier zu, das vor Freude wohl gleich platzen würde.
      „Ja und Lina gesagt, dass du bleiben darfst“, versuchte ich wieder die Aufmerksamkeit zu bekommen, doch Erik sah mich nicht einmal an, handelte meine Aussage mit einem kurzen Nicken ab und sagte: „Weiß ich schon.“
      „Zwingt dich keiner, hierzubleiben“, zischte ich eingeschnappt und erhob mich, um den Raum zu verlassen. Er stand ebenfalls auf mit dem Hund auf dem Arm.
      „Du meinst das nicht ernst, dass du eifersüchtig auf einen Welpen bist“, sah er mich eindringlich an. Dabei lächelte ich aufgesetzt kurz auf und setzte meinen Weg fort. Hinter mir hörte ich noch seine Schritte, drehte mich jedoch nicht um. Nacheinander leuchteten die Lampen des Flures auf, bis ich mein Zimmer erreichte und deutlich zu laut die Tür hinter mir schloss. Seinen Mantel warf ich in die Ecke und ließ mich auf das Bett fallen, ohne die Schuhe ausgezogen zu haben. Im Raum war es bis auf das indirekte Licht in den Fußleisten dunkel und von dem riesigen Fernseher strahlte eine kleine rote Lampe an die Decke. In meinem Kopf zirkulierte es, als hätte ich ein Glas Wein zu viel getrunken. In meiner Brust schlug das Herz noch immer wie wild und als sich die Tür öffnete, ich eine männliche Silhouette erkannt, warf ich meine Handschuhe ich seine Richtung.
      „Geh weg, ich will allein sein“, jammerte ich weinerlich und hörte nur ein tieferes Lachen, als ich erwartet. Die Deckenbeleuchtung glimmte und sah, dass Tyrell den Raum betrat.
      „T-Tut mir leid“, stammelte ich beschämt und richtete ich aus dem Bett auf.
      „Schon wieder Stress im Paradies?“, scherzte er.
      Ich schüttelte den Kopf.
      „Na gut, wo ist denn Lina?“, fragte Tyrell ernster und schob sich einen der Stühle vom Tisch weg, um Platz zu nehmen.
      „Die kommt bestimmt gleich, Walker muss nur noch in die Box zurück“, erklärte ich wahrheitsgemäß, sofern meine Informationen noch aktuell waren.
      Während wir auf die warteten, fragte er mich über die Runde im Wald aus. Dass es auch schön war, wieder auf dem Sulky zu sitzen, vergaß ich nicht zu sagen. Als das Schweigen einsetzte, kam auch Lina dazu, mit Fredna an der Hand. Irritiert musste unser Chef das Kind, aber flott erklärte ich, dass es zu Erik gehörte. Er wirkte erleichtert, aber gleichermaßen noch irritiert.
      „Lina, setzt dich bitte“, sagte er zu ihr und zog den Stuhl neben sich zur Seite. Zögerlich trat sie zum Tisch. Stillschweigend und möglichst leise, legte sie ihre Jacke ab. Tyrell begann damit den Fernseher anzuschalten, um uns darauf die Entwürfe von dem neuen Gestüt zu zeigen. Überall musste gebaut werden und sogar ein Teil des Waldes für eine Ferienlandschaft gepfählt werden. Mit den Arbeiten sollte es beginnen. Bei den Isländern an der kleinen Reithalle wird ein riesiges Reitstadion erbaut mit einem noch größeren Reitplatz, als wir ohnehin schon haben. In Zukunft werden dort auch Fahrturniere stattfinden. Außerdem verblieb unser Stall für uns, während rundherum weitere Paddockanlagen und Boxen errichtet werden, sodass noch mehr Platz für Einsteller sei. Es besteht auch die Überlegung, dass die Trainingsbahn umgebaut wird zu einer vollwertigen Rennbahn, da es um das Gelände in Kalmar schlecht steht. Nervös kratzte ich an meinem Bein herum, solange bis es blutete. Ich spürte, wie meine Kehle trockener wurde und nur heiser fragte: “Wenn es um Kalmar schlecht steht, bedeutet das dann, dass der Verein umzieht?”
      Lina drehte sich zu mir um, dabei begannen ihre Augen so hell zu strahlen, dass ich kurz anzweifelte, dass ich recht behalten würde.
      “Richtig”, nickte Tyrell und vor Freude sprang sie vom Stuhl.
      “Das klingt wie Musik in meinen Ohren”, trällerte sie und ein Lächeln, so glückselig wie ich es den ganzen Tag noch nicht zu sehen bekam, erstrahlte auf ihrem Gesicht. Für sie war es vermutlich genau das, was sie hören wollte, um möglichst häufig Niklas zu treffen. Doch für mich stellte es das Gegenteil dar, besonders, wenn ich das morgendliche Gespräch im Kopf behielt.
      Tyrell erzählte weiter, davon, dass ein Bildungszentrum errichtet werden würde, dazu gehörte neben der Planung von verschiedenen Lehrgängen uns Seminaren, so etwas wie eine Privatschule, die allerdings nur am Wochenende und Ferien stattfinden soll, als eine Art intensiv Beschulung. Schon an den Plänen konnte man genau erkennen, welches Klientel damit angesprochen werden würde. Je mehr er uns präsentierte, umso weniger schien ich von der Sache überzeugt, nur die Tatsache, dass das nicht uns betreffe, erleichterte mich zutiefst. Hauptsächlich würden wir seine Pferde machen und die anderen Teile des neuen Gestüts wurden von anderen verwaltet. Außerdem stand die Planung ebenfalls nicht in seiner Hand, nur die Übergabe der Informationen an uns.
      Noch eine geschlagene Stunde verging, in der auch Erik mit dem Welpen wiederkehrte, bis alles uns genau gezeigt wurde. Meine Lider lagen schwer über meinen Augen und ich war vermutlich sogar mehrfach eingeschlafen, aber der kleine Zeiger rückte der Zehn auch immer näher. Lina grinste noch immer.
      “Ich finde, du könntest ein klein wenig mehr Begeisterung zeigen”, sprach sie munter, “Für dich hat es doch auch seine Vorteile, wenn du mit Lubi nicht mehr so viel durch die Gegend gurken musst.”
      “Ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, Nachteile”, seufzte ich entmutigt.

      © Mohikanerin // 99.351 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Niklas
      Zittrig schwebte mein Finger über den Kontakt, während ich in meinem Auto saß mit Chris, der bereits allerhand Arbeit darin investierte, dass ich auf keinen Fall auf den Hörer klicken würde. Aber mein Schmerz, die Enttäuschung und alles Schlechte kochte in mir, viel mehr fühlte es sich an, als würde mein Gehirn tausende Stromschläge bekommen und es gab nur diese eine Bewegung, um den Schmerz zu entfliehen. Es half nichts, ich musste dieses Gefühl loswerden. Chris griff nach meiner Hand.
      > Är du säker?
      „Bist du dir sicher?“, sprach er sanft, wie auf Wolken spürten sich seine Worte in meinen Ohren an, als läge ihm alles daran.
      Ich nickte, womit ich die Freiheit bekam.
      Für eine gefühlte Ewigkeit tutete es, bis eine unfreundliche Abhob und umgehend fragte:
      > Har du pengar?
      „Haben Sie das Geld?“
      Natürlich bejahte ich die absurde Frage und konnte auch direkt losfahren. Chris und ich stiegen in den Transporter um, doch ehe ich mich auf den Fahrersitz setzen konnte, nahm er mir die Schlüssel ab und stieg selbst auf der Seite ein. Also öffnete ich die Beifahrertür und nahm neben ihm Platz. Teilnahmslos blickt Chris zur Straße, schweigend. Seine Meinung zu dem Thema kannte ich bereits, äußerst ausführlich sogar.
      Bino war Smoothies erstes Fohlen, eins, das Opa noch gezogen hatte und geboren wurde, als ich mich auf einem anderen Kontinent befand. Von Bildern kannte ich den kleinen Hitzkopf, doch real sah ich ihn nie. Umso aufgeregter war ich, als ihn auf der Starterliste im März fand, allerdings nicht vor Gesicht bekam. Weitere Auftritte wurden mir verwehrt und er geriet meinerseits in Vergessenheit. Wie vom Blitz getroffen, erhellte er einen Traum in der Nacht. Natürlich kannte ich meine Stute gut genug, um bereits das Gefühl verspürt zu haben, dass sie nicht trächtig sei, die Bestätigung durch den Tierarzt brachte die schlechte Nachricht. Bis zum letzten Augenblick schwebte ein kleiner Funken Hoffnung vor dem inneren Auge, versuchte mich im Glauben zu belassen, dass alles gut sei. Dem war nicht so. Smoothie bekam kein weiteres Fohlen, zumindest nicht im nächsten Jahr.
      > Varför måste du ta hästen ifrån henne så brådskande?
      „Warum musst du ihr das Pferd unbedingt wegnehmen?“, fragte Chris. Seiner Tonlage zu Folge stellte er die Frage zum wiederholten Male. Ich überlegte. Es gab viele Antworten dafür, nur keine, die Sinn ergeben würde. Plötzlich wurden meine Hände schwitzig und in dem Fleece Pullover setzte Hitze ein.
      > Jag kan göra det, så jag köper Bino.
      „Ich kann es, also kaufe ich Bino“, antworte ich mit trockener Kehle und zog den Pulli aus.
      Viele hundert Kilometer lagen vor uns, die im Schweigen gehüllt waren. Natürlich erlangten die Zweifel ihre Vormacht in meiner Gedankenwelt. Bisher war es nicht an die Öffentlichkeit geraten, dass meine Erfolgsstute durch Arthrose den Ring verließ, ebenso versuchte ich es so lang wie möglich hinauszuzögern, dass es mit uns beiden vorbei war. Ein Funken bestand noch immer, dass alle Ärzte sich geirrt hatten und Smoothie dasselbe Pferd war, das mich vom ersten Tag an, in seinen Bann gezogen hatte. Natürlich, Form war weder ein hässliches Pferd noch untalentiert. Die Rappstute zeigte sich bemüht und motiviert, an manchen Tagen als zu perfekt. Sie wollte gefallen, strampelte sich einen ab, ohne dabei Widerstand zu leisten. Ich mochte sie, so viel war gesagt, aber Form konnte meinen Ansprüchen von einem Partner nur schwer entsprechen. Man könnte sagen, dass sie mir zu nett war. Mir wurde es zum Teil, die Herausforderung zu suchen und daran jeden Tag zu knuspern, eine Lösung für das Problem zu finden. So sorgte Form dafür, dass es keins gab oder ich viel mehr eins erschaffen musste. Seit einigen Tagen war ich nicht auf dem Hof, hoffte darauf, dass mehr Rennpferd aus ihr herauskommen würde, wenn ich in zwei Tagen wieder zum Training erschien.
      Leider hatte ich auch Gedanken daran verschwendet, Form wieder zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben, jemand, der Freude an dem eifrigen Tier hatte und es genoss, Lektionen ohne Widerstand abzurufen. Andererseits mochte sie mich, wieherte mir im Stall zu, wenn meine Stimme ertönte und konnte genauso aufgeregt tänzeln wie Smoothie. Ebenso gut zeigte die Stute ihr Talent auf Sand. Die Versammlungen saßen punktgenau, aber in der Verstärkung konnte sie hektisch werden anstelle der gewünschten Rahmenerweiterung. Doch, war es das, was ich mir wünschte? Nein. Der Rappe entpuppte sich schon nach einigen Tagen als sehr untalentiert mit Hindernissen, kam im Gelände schnell ins Rutschen, verweigerte und fühlte sich nicht wohl mit Stangen. Mehrfach versuchte ich ihr die Natursprünge und auch normalen auf dem Platz näherzubringen, aber anders als für die Rasse typisch, scheute sie, zuckte zurück. Die sonst so nervenstarke und mutige Stute verwandelte sich von einer auf die nächste Sekunde in ein schwarzes Biest, das nicht einmal ich kontrollieren konnte. Somit stand die Entscheidung, dass sich Form nicht als Eventingpferd eignen würde.
      Noch lange wägte ich ab, ob ich überhaupt die Zeit hätte für drei Pferde, wovon eins bestens auf dem Lindö Dalen versorgt war. Ich entschied, dass ich es versuchen sollte. So gern ich meinen Beruf als Polizist ausübte, umso wichtiger waren mir meine Tiere und im schlimmsten Szenario würde ich kündigen. Meine Angst wandelte sich zur Vorfreude den jungen Hengst endlich persönlich kennenzulernen, als auf dem kleinen Monitor nur noch ein einstellige Kilometerzahl angezeigt wurde. Chris hatte sich auch mit der Situation abgefunden, wusste, dass er mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen könnte. Kurz warf ich einen Blick auf mein Handy, überlegte, Lina Bescheid zu sagen. Aber ich zögerte. Wortlos verschwand ich, hatte ihr keinerlei Chance gegeben mich zu unterstützen. Ich schämte mich und steckte es wieder zurück in die Hosentasche.
      Im gemäßigten Tempo fuhren wir eine Allee aus jungen Bäumen entlang und die Lichter, die zuvor so fern am Horizont glühten, wurden immer einladender und begrüßten uns förmlich. Es war stockdüster geworden, aber der Hof leuchtete im warmen Licht. Wenige Autos standen auf dem Parkplatz, doch menschenleer war es nicht. Chris hielt.
      > Kommer du?
      „Kommst du mit?“, fragte ich sehnsüchtig, doch stur schüttelte er den Kopf. Mit einem tiefen durchatmen sprang ich vom Beifahrersitz auf den befestigten Gehweg, folgte der Beleuchtung und kam bei einem gepflegten Stallgebäude an. Freundlich blickten mich einige Pferdeköpfe an. Ungefähr in der Mitte stand eine Dame, mit der wohl telefoniert hatte. Ein braunes Pferd mit großen Abzeichen stand hinter ihr, wippte müde mit dem Kopf und die Augen fielen immer wieder langsam zu.
      > Vi ska göra det här kort och gott, eller vill ni sitta på den igen?
      „Wir machen das kurz und schmerzlos, oder wollen Sie sich noch einmal draufsetzen?“, sagte sie. Ihre Tonart verriet mir bereits, dass sie mich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte, sogar der Hengst schien nur wenig motiviert für irgendwas zu sein. Er hatte seinen Hinterhuf aufgestellt und der Kopf hing fest in den beidseitig befestigten Stricken.
      > Nej, jag tar honom direkt.
      „Nein, ich nehme ihn direkt mit“, stammelte ich, eher untypisch. Doch auf eine gewisse Weise kam ich mir nicht nur fehl am Platz vor, sondern auch ziemlich kindisch. Sie nickte und löste die Haken dabei. Unsanft kippte Bino nach vorn, fing sich jedoch rechtzeitig auf. Die Ohren drehte er nach hinten. Am unteren Ring befestigte die Dame einen Strick und drückte ihn mir umgehend in die Hand. Sie wollte mich wirklich loswerden.
      Zusammen liefen wir zum Auto. Aus der Sattelkammer hatte sie seinen Sattel und Trense geholt, packte es im Transporter auf die Befestigung, ehe ich aus meiner Hosentasche die dreihundertsechzigtausend Kronen herauszog. Die bunten Scheine waren zerknüllt und teilweise angerissen, wie Geld nun einmal aussah, wenn es Tagein, Tagaus mit der Hose getragen wurde. Schockiert sah sie an mir hoch, aber packte das Bündel in ihre Jacke.
      Bino stand im Transporter und zupfte vergnügt an dem Heunetz, während wir im Inneren den Vertrag fertig machten und ich die Papiere überreicht bekomme. Der Impfstatus erscheint auf den ersten Blick vollständig. Kurz angebunden verabschiedete die Dame sich und verschwand im Dunkeln. Verwirrt blickte ihr nach, konnte nur schwer verstehen, welches Problem sie mit mir hatte.
      Endlich hatte ich Zeit mein, wohlgemerkt drittes, Pferd genauer anzusehen. Obwohl sein Blick nur zum Netz gerichtet war, bemerkte er mich. Die Ohren bewegten sich in meine Richtung und lang spielten sie im Sound des Streu unter den Schuhen. Leise knisterte es. Dazu ertönten in der Stille die kauenden Geräusche des Pferdes und seine Atmung. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich zurück in den Moment versetzt, in dem mit seiner Mutter zu dem Turnier fuhr, das zwar in der reinsten Katastrophe endete, aber solch positive Gefühlsausbrüche auslöste, die ich kaum in Worte zu verfassen wusste. Wir hatten nicht einmal den M-Parcours beendet, da endete für uns die Reise bereits mit der zweiten Verweigerung bei dem vorletzten Hindernis. Für mich war es keine große Sache. Smoothie kannte vorher Turniere nicht und hatte einen ihrer typischen Anfälle vom Vollblutanteil im Blut. Der Schweif stand dauerhaft in der Luft und sie kam aus dem Gucken nicht heraus, wobei die Menschenmassen auch für mich noch eine ziemliche Belastungsprobe darstellten.
      > Kan vi åka? Jag skulle vilja vara hemma före morgondagen.
      „Können wir los? Ich würde gern vor morgen Zuhause sein“, hetzte Chris. Sanft strich ich dem Hengst über den Hals und schloss die große Klappe, damit wir abfahren konnten. Wie bereits auf der Hinfahrt tauchte sich die Fahrerkabine in einen Schleier aus Schweigen. Mir war jedoch auch nicht danach ein Gespräch zu beginnen. Wir hatten beide einen langen Tag und noch eine kürzere Nacht zum Schlafen vor uns.
      Leise schloss ich die Eingangpforte auf, versuchte möglichst unauffällig in den Keller zu kommen. Es leuchtete kein Licht mehr von der großen Treppe im Eingang, aber stürmte Tova heulend zu mir. Bösartig rief mein Vater den Hund zurück, doch die Hündin interessierte sich kein Stück dafür. Stattdessen wurde das Getobe lauter. Mama stand auf, zog sie am Halsband zurück aber kam noch hinunter. Sie folgte mir bis ins Badzimmer. Müde lehnte sie neben dem Waschbecken, konnte sich nur müßig halten.
      „Warum bist du jetzt erst da?“, fragte sie liebevoll und rieb mit einer Hand sich den Schlaf aus den Augen.
      Erst zuckte ich mit den Schultern, aber sie blieb hartnäckig. Stellte die Frage erneut und immer wieder, bis ich begann zu erzählen von dem Ausflug mit Chris.
      „Ich habe ein Pferd gekauft“, erzählte ich beiläufig bei dem Umziehen. Meine Hose landete im Wäschehaufen, sowie die restliche Kleidung, die ich am Körper hatte. Nur noch bekleidet im Handtuch schaltete ich das Wasser der Dusche an, um der Wärme einen Vorlauf zu geben.
      „Könntest du bitte gehen, ich möchte nicht darüber reden“, wiederholte ich, nach der Mama mehrfach versuchte mehr über Bino zu erfahren. Tatsächlich wollte ich nicht über das Pferd reden, zu beschämt war ich darüber, dass Lina noch nichts wusste. Unter den Strahlen des Duschkopfes flossen einige Zweifel von mir, hinunter des Abflusses.
      Befreit fühlte ich mich nicht nach der langen Dusche, aber auf jeden Fall besser. Im Haus war es still geworden, umso deutlicher drangen die immer lauter werdenden Gedanken in den Vordergrund, vor mein inneres Auge. Unaufhörlich sah ich Linas Gesicht vor mir, die schmerzerfüllt zur mir hochblickte, den Tränen nah, aber nicht darüber sprach. Sie schien es für selbstverständlich zu halten, nicht über das negative Gefühl zu sprechen, das sie tief im Inneren versteckte und versuchte, bloß nicht mir zu zeigen. Oder gar ehrlich zu sein. Es gab keine Grenze, sosehr ich auch danach strebte, eine zu finden. Auf dem Nachttisch leuchtete der Bildschirm meines Handys auf, verglimm, ehe es sich mit einer Vibration erneut meldete. Genervt griff ich es.
      Zwei verschiedene Benachrichtigungen dominierten auf dem Sperrbildschirm: Lina hatte mir bereits vor einer Stunde eine Nachricht gesendet und vor wenigen Sekunden postete Vriska etwas in ihrer Instagram Story. In Millisekunden glühten die Nerven in meinem Gehirn auf, überdachten, welche es mehr Wert war, als Erstes angeschaut zu werden. Gewissenhaft antwortete ich meiner Freundin, entschuldigte mich sogar für mein Schweigen und erklärte, dass ich Zeit brauchte zum Nachdenken über meinen Schimmel. Beim Betrachten der Uhrzeit wusste ich auch, dass eine Antwort wohl erst in mehreren Stunden, beim Aufstehen, zu erwarten war. Doch, der Benachrichtigung zur Folge, war Vriska noch unter den Wachenden. Ich tippte auf die Meldung und das Handy wechselte zu Instagram. Ein kurzer Bumerang erschien. Vom Boden bewegte sich das Video nach rechts, zu ihrem neuen Pferd, dass sie über den Kies führte. In der Wegbeleuchtung tanzten kleine Schneeflocken und je öfter ich mir die sechs Sekunden ansah, umso besser sah ich, dass auch schon eine schmale Schicht den Boden bedeckte. Unerwartet kam noch ein Bild, ein ziemlich schräges Selfie, verwackelt und unscharf. Ihre langen, weißen Haare lagen durch den Wind in ihrem Gesicht und die dunkle Mütze hielt sie nicht an Ort und Stelle. Willkürlich entwickelte sich der Gedanken sie anzurufen, ihr mitzuteilen, dass ich sie vermisste und da sie es nicht verneinte … Sie mich auch? Ich sollte den Gedanken verschieben, direkt so weit weg, dass ich keinen Zugriff mehr darauf haben würde. Vorbeugend legte ich das Handy wieder weg, rollte mich über die riesige Matratze, aber es stand fest: Ich war nicht müde.
      Konnte es eine blöde Idee sein, eine enge Freundin mitten in der Nacht anzurufen, weil man nicht mehr klarkam? Jeder würde diese Frage verneinen, außer es ginge dabei um Vriska, dem Kampfdackel des Lindö Dalen Stuteri. Ich fackelte nicht lang, da drehte ich mich hinüber, machte einen langen Arm und hatte wieder mein mobiles Gerät in der Hand. Mit wenigen Klicks piepte es aus den Lautsprechern. In der Innenkamera betrachte ich die großen Augenringe, die tagtäglich größer wurden und versuchte mit einer Handbewegung meine Frisur zu richten. Dann überraschte mich Vriska im leichten Schneesturm ums Gesicht.
      “Warum zur Hölle rufst du mich”, stoppte sie und fummelte mit einem Finger vor der Kamera herum, “um drei Uhr fünfzehn an?” Ihre Stimme klang dafür ziemlich wach und aufmerksam, um selbst noch auf den Beinen zu sein. Leise klammerten die Steine unter den Hufen ihrer Stute, untermalt von dem tiefen Schaben ihrer Schuhe über den Kiesweg. Der Wind rauschte unruhig über den Lautsprecher, verschleierte dabei einige Töne aus dem Hintergrund, dennoch hörte ich andere Pferde über den gefrorenen Sandboden laufen.
      “Du postest doch fröhlich in deiner Story um die Zeit, also wieso nicht?”, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
      “Wenn du alles gesehen hättest, wüsstest du es”, rollte ihre Augen auffällig in die Kamera. Ich zuckte nur mit den Schultern. Dachte sie ernsthaft, dass sie so interessant sei? Unweigerlich erinnerte mich mein Körper daran, dass sie es war.
      “Gut, dann auch noch mal für die ganz Dummen”, sagte sie und wechselte zur Außenkamera. Ihre Ponystute lief matt neben ihr her. Die Ohren hingen beinah leblos zur Seite und der Hals war vollkommen verschwitzt. In dem kleinen Fenster sah ich mein Ebenbild, das unvorteilhaft nah an der Kamera hing und das Tier betrachtete.
      “Also, wie du siehst, es ist fast tot. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, habe die Aufnahmen geprüft und da stand Maxou in ihrer Box, trat sich unruhig gegen die Box und legte sich hin. Deswegen führe ich sie jetzt und warte auf den Tierarzt”, erklärte Vriska gewählt. In ihren glasigen Augen erkannt ich den Schreck, den sie erlebt haben musste.
      “Wann wird er da sein?”, versuchte ich neutral zu bleiben. Ich konnte mir kaum vorstellen, was ich tun würde, wenn Bino plötzlich an einer Kolik litt und die Nachtschicht dies nicht mitbekommt. Schwer lag mir ein undefiniertes Gefühl im Magen, drehte sich dabei wie ein Seil um meine Eingeweide, an dem jemand zog.
      “Zehn bis dreißig Minuten, ich weiß es nicht”, wurde der Ton zerrender und ihre Kamera setzt für einen Augenblick aus.
      “Soll ich vorbeikommen?”, sagte ich und stand gleichzeitig aus dem Bett auf, saß nun oberkörperfrei vor ihr. Sie begann automatisch zu grinsen, was ansteckend wirkte. Biss mir dabei auf die Unterlippe, um mir die schelmischen Worte in den Gedanken zu verklemmen.
      “Nein, ich schaffe das allein”, obwohl Vriska wirklich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, kullerte eine einzige über ihre Wange.
      “Wirklich? Ich würde direkt los und”, tief holte ich Luft, “und bei Missachtung der Geschwindigkeiten wäre ich in einer Viertelstunde da.”
      “Auf gar keinen Fall, für deinen Tod möchte ich nicht verantwortlich sein. Also deck dich wieder zu, leg das Handy beiseite und schlafe.”
      “Na gut, aber wenn er in zwanzig Minuten nicht da ist, rufst du an, okay?”, vergewisserte ich mich. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie sich dafür bedankt und auflegt. Stattdessen hielt die ihr Handy weiter in der Hand, mit der eingeschalteten Innenkamera und ihre Augen schielten im Wechsel vom Pferd und wieder zurück zu mir.
      “Danke dir, aber warum hast du angerufen?”, setzte Vriska lächelnd fort.
      “Was möchtest du denn hören?”, hoffte ich eigentlich nach der Bombe mit der Stute, das Gespräch sein zu lassen.
      “Die Wahrheit, das wäre der richtige Schritt in die richtige Richtung”, sprach sie. Sanft schnaubte das Pferd neben ihr ab, hustete und schnaubte erneut. Neugierig versuchte ich auf dem Bildschirm mehr zu sehen, ausnahmsweise war Vriska klug genug, meine Bewegung zu deuten und zeigte mir das Maxou. Die Ohren standen wieder am Genick und der Schweif pendelte. Sie hatte noch rechtzeitig reagiert, vermutlich würde der Tierarzt Entwarnung geben. Mindestens genauso interessant war der gefallene Schnee, der im kalten Licht ihres Handys blau leuchtete, fünf Zentimeter müssten mittlerweile liegen.
      “Ich wollte deine Stimme hören”, seufzte ich bestürzt. Direkt wechselte sie wieder die Ansicht, schaute mich verdutzt an und drückte sich fast das Handy gegen die Wange. Ernst blickten ihre Augen in die Kamera. Dann lachte sie.
      “Mach’ dich bitte nicht lächerlich”, sagte Vriska, aber grinste. Ob die Kälte oder Scham ihre Wangen rot färbte, fiel außerhalb meines Geltungsbereichs.
      “Das ist mein Ernst und”, dann holte ich erneut tief Luft, “außerdem, habe ich vermutlich einen riesigen Fehler gemacht.”
      “Einen Fehler? Man erzähle mir mehr”, kam sie aus dem Scherzen nicht mehr heraus.
      “Ich habe ein Pferd gekauft, aber nicht irgendeines, sondern Bino, das erste Fohlen von Smoothie”, dann dachte ich nach, wie ich es am elegantesten formulierte, dass ich ganz offensichtlich mich wie ein herzloser Idiot verhielt und einem jungen Mädchen ihr Turnierpferd abgekauft hatte, das nicht zur Abgabe stand.
      “Aber?”, hakte sie in der Stille nach.
      “Aber, das Pferd stand nicht zum Verkauf, deshalb -”
      “Deshalb hast du mit den Scheinchen gewedelt und urplötzlich stand das Pferd auf dem Hänger”, schüttelte Vriska den Kopf, nach dem sie mir glücklicherweise die Worte aus dem Mund stahl.
      “Im Transporter, aber ja”, korrigierte ich.
      “Ich vergaß, ihr reichen fahrt nur mit Transporter. Bestimmt wurdest du sogar gefahren, anstelle selbst die Arbeit in die Hand zu nehmen”, setzte Vriska ihre Hetze scherzhaft fort. Aber ich wusste wie sie es meinte und ich nichts zu befürchten hatte.
      “Allerdings traue ich mich nicht, es Lina zu sagen”, formulierte ich mit zittriger Stimme.
      “Dann sammele dich erst mal, oder spring über deinen Schatten, schließlich erschien sie mir heute wie der glücklichste Mensch auf dem Planeten.”
      “Ach ja, wie konnte das passieren?”, wunderte ich mich. Also wirklich, wovon sprach der Dackel? Kam Ivy heute, hatte ich es vergessen? Eigentlich nicht, zumindest müsste ich auch zugeben, dass ich den Gesprächen, das eine oder andere Mal aufmerksamer zuhören sollte. Ja, auch wenn ich optisch dem Ideal eines Traumprinzen erschien, kam ich allen anderen Posten dieser Behauptung nicht nach. Die Hintergründe dazu näher zu erläutern, waren nicht nötig, oder?
      “Du weißt es nicht?”, stoppte sie und erschien eine Antwort zu erwarten, die nicht von mir kam, also setzte sie fort, “Der Verein wird zu uns kommen, zumindest, wenn dann das Gebäude ausgebaut ist.”
      Mir steckte ein Kloß im Hals. Jeden Tag auf diesem Hof zu sein, erschien zumindest eine Erlösung zu sein, nicht mehr zwischen so vielen zu pendeln, bedeutete jedoch auch, stets unter Beobachtung zu stehen. Ich brauchte meinen Freiraum, der nicht nur dazu da war, um mir Appetit zu holen, viel mehr bedeutete es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Lang und breit erzählte mir Vriska von den kommenden Veränderungen und eine Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Würde ich bei den Weltreiterspielen mitreiten können?

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 20.949 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel sjutton | 22. Mai 2022

      Enigma LDS / Millennial LDS / Northumbria / Lubumbashi / Maxou / Götterdämmerung LDS
      Ours de Peluche LDS / Spök von Atomic / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Kría von Atomic / Yumyulakk LDS / Halldór von Atomic / Vandal LDS / Arktikkfrost LDS / Anthrax Survivor LDS / Liv efter Detta LDS / CHH' Death Sentence / Kempa / tc Herkir / Skrúður / Nachtschatten / Lotti Boulevard / Krít / Magnus von Störtal / Avenue Shopper LDS


      Es könnte acht Uhr gewesen sein, als ich spürte, nicht mehr zu zweit im Bett zu liegen, oder auch nicht. Nur Trymr lag auf dem letzten Stück der Decke am Fußende. Kurz blickte ich das Tier an. Sein Schwanz wippte auf dem Stoff, verstummte jedoch, als ich mich zur anderen Seite drehte.
      Auf jeden Fall fiel irgendwann die Tür ins Schloss und später öffnete sie sich wieder. Hundepfoten auf dem Holzfußboden ertönten, abermals schlief ich ein. Erst, als Erik das Zimmer betrat, um mich zu wecken, entschied ich, dem auch nachzukommen. Obwohl ich so oft wach wurde, fühlte ich mich ungewöhnlich gut ausgeschlafen.
      “Dornröschen ist erwacht und das ganz ohne meine Hilfe”, drückte er sanft seine Lippen auf meine Stirn und strich die kleinen Haarsträhnen aus meiner Sicht.
      „Du bist also mein Prinz?“, zog ich ihm am Hemd näher an mich heran. Intensiv kitzelte der Geruch seines Aftershaves meine Nase, so stark, dass ich nieste und damit, die Hände vom halbdurchsichtigen Stoff löste. Er richtete sich an der Bettkante wieder auf.
      „Komm, Lina wartet schon“, lächelte Erik und zog mir die Decke weg. Kalte Luft huschte über meine Stoppeln an den Beinen, die sich aufstellten und jeden noch so kleine Stelle an meinem Körper übernahmen. Netterweise reicht er mir eine herumliegende Jogginghose. Dann lief er vor und folgte.
      Auf dem Küchentisch standen drei Teller, mit unterschiedlichen Tassen. Sofort vernahm ich den Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, das musste wohl meiner sein.
      „Godmorgon“, trällerte ich.
      Lina hatte offenbar auch zu tief ins Glas geschaut. Sie klammerte sich an ihrer Teetasse und sah mit zusammengekniffenen Augen zu mir hoch.
      “Morgen”, murmelte sie und gähnte herzhaft. Ungewöhnlich, in der Regel war sie diejenige, die am Morgen vor Energie und Tatendrang sprühte. Lag es daran, dass Samu heute ebenfalls nicht da sein würde? Ich schmunzelte bei dem Gedanken und setzte mich dann neben sie. Erik stand an der Arbeitsfläche der Küche und rührte einen Teig zusammen. Den Zutaten nach könnten es Waffeln werden, oder Pfannkuchen. Anstelle von Kuhmilch stand eine beige Packung von Oatly neben der Schüssel. Im Hals spürte ich, wie mein Herz pochte und kleine Luftsprünge machte - er hatte wirklich an mich gedacht.
      „Du weißt, welches Thema nun an der Reihe ist?“, kam ich ohne große Umschweife zum Punkt.
      “Echt, weiß ich das?”, stellte sie sich doof und nahm in aller Seelenruhe einen Schluck aus ihrer dampfenden Tasse.
      “Jahaa, natürlich weißt du das!”, blieb ich beharrlich und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. Allerdings blieb die Brünette davon vollkommen unbeeindruckt, pflückte stattdessen den Welpen vom Fußboden, der hungrig um ihre Füße strich.
      “Hast du gehört kleiner Mann, Vriska sag, ich konnte Gedankenlesen”, grinste sie das Tier an, welches ihr daraufhin nur freudig durchs Gesicht leckte.
      “Liniiii, jetzt sag schon, was hast du mit Niklas im Keller gemacht?”, drängte ich weiter und rückte ihr noch mehr auf die Pelle. Das Fellbündel auf ihrem Schoß schien das Gruppenkuscheln super zu finden, den sein Schwanz begann, in einem hektischen Rhythmus zu schwingen.
      “Hast du gerade Lini gesagt?”, blickte sie mich stirnrunzelnd von dem Welpen auf. Nicht die gewünschte Reaktion, aber immerhin hatte ich wieder ihre Aufmerksamkeit. Ich nickte bestätigend.
      “Tu das bitte nie wieder, das klingt ja schrecklich”, entgegnete sie mit deutlicher Abscheu.
      “Jetzt lenke nicht vom Thema ab”, hängte ich mich quengelnd auf ihre Schulter.
      “Naaa gut, du willst also den Verlauf meines geistigen Abends wissen?”, fragte sie noch einmal mit einem verschmitzten Grinsen. Ich nickte eifrig.
      “Und wie viel willst du wissen?”, spannte sie mich weiter auf die Folter.
      “Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund.
      “Sorry, mit allen Details kann ich nicht dienen, die Erinnerung ist etwas … Lückenhaft”, entgegnete sie, als wolle, sie mir glich den Wind aus den Segeln nehmen.
      “Egal, erst mal das wichtigste hab ihr?”, grinste ich verschmitzt. Eine intensive Röte trat auf Linas Wangen doch, sie nickte mit einem leuchten in den Augen.
      “Und war's gut?”, versuchte ich weitere Informationen aus ihr herauszuquetschen. Dass sie aber auch immer so wortkarg sein musste, als wäre sie ein Teenager, dem so etwas noch peinlich war. Sie schielte kurz zu Erik, der am Herd in die Zubereitung des Frühstücks vertieft war, bevor sie eine Antwort hervorbrachte: “Ja.”
      “Linaaaa, geht auch mehr als ein Wort? Oder hast du verlernt, wie man spricht?”, probierte ich an, mehr Details zu bekommen. Erneut schielte sie zum Herd und ihr Gesicht nahm eine immer intensivere Färbung an.
      “Okay, ich gebe dir noch zwei weitere Worte”, gab sie nach, “unglaublich intensiv.” Die letzten beiden Worte flüsterte sie mir ziemlich leise ins Ohr. Dafür lehnte sie näher zu mir und diese kleine Berührung am Arm löste ein schmerzhaftes Stechen und Brennen aus, das ich sofort untersuchte. Wie ich bereits am Abend festgestellt hatte, würde es einen blauen Fleck geben, doch dass beinah, der ganze Oberarm aus gelben, roten und blauen Färbungen bestehen würde, übertraf meinen Horizont. Damit Lina davon nicht mitbekam, zog ich den Ärmel des Bademantels wieder höher und schloss den Kragen fest aneinander. Zudem konnte ich mir vorstellen, wovon sie sprach, aber verlangte, es ausgesprochen zu hören. Wenn Lina ihn schon so selten traf, und, bis auf die Pferde, keine Gemeinsamkeiten zu haben schien mit ihm, dann war es etwas anderes, das sie verband.
      „Oh schön, dann hast du dich auch mit neuen Leuten unterhalten? Wahnsinnig toll, wie du dich in die Familie einfindest“, rollte ich ironisch mit den Augen. Das Spielchen konnte ich auch, obwohl ich deutlich lieber mit Menschen sprach, die ebenfalls ihre Gesichter gewillter waren zu teilen wie ich.
      “Ähhm, nicht so wirklich … ”, entgegnete sie kleinlaut als würde ihr erst jetzt die Erkenntnis kommen, auf was für eine Art von Veranstaltung wir gestern gewesen waren.
      “Aber mit wem hast du denn so geredet?”, versuchte sie von sich selbst abzulenken.
      „Von den meisten habe die Namen vergessen, aber auf jeden Fall mit dem Geburtstagskind, Niklas‘ Tante und noch paar Leuten aus deren Firma“, versuchte ich mit den Händen aufzuzählen, wer die Auserwählten waren.
      Erik kam mit warmen Waffeln an und stellte sie auf einem Brett in der Mitte des Tisches ab. Apfelmus und verschiedene Marmeladen standen bereits gedeckt da.
      „Vergiss Joanna nicht“, sagte dieser im Vorbeigehen und biss von einer ziemlich verbrannten Waffel ab, die er offenbar auf der Arbeitsfläche bereits inhalierte. Als der Name fiel, wurden Linas Augen plötzlich groß und sie spuckte ihren Tee beinahe wieder aus.
      “Die Joanna? Niklas' Ex?”, fragte die Brünette, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
      „Ja“, lachte Erik.
      Ich schüttelte mich, deswegen kam mir der Name bekannt vor. Damit hätte ich wohl rechnen müssen, aber nahm diese Tatsache mit deutlich mehr Fassung auf als Lina, die abermals nach der Tasse griff.
      „Offenbar, sie hat sich derartig nicht mir vorgestellt“, zuckte ich mit den Schultern.
      “Und worüber habt ihr so geredet?”, fragte Lina interessiert und lud sich etwas von den Waffeln auf ihren Teller.
      “Das hättest du vielleicht gewusst, wenn du auch da gewesen wärst”, drehte ich den Spieß um, nahm mir allerdings nur eine kleine Ecke vom Gebäck. Nebenbei untersuchte ich die Gläser mit ihren Nährwerten, entschloss mich zum Ende dazu, sie ohne etwas zu Essen.
      “Engelchen”, hauchte es von der Seite in mein Ohr, als die nächste Portion Waffeln bereits auf dem Tisch landete, “Niemand wird dich dafür verurteilen, wenn du mal ein paar Gramm mehr auf den Rippen hast.”
      Ich ignorierte Eriks Aussage, biss zumindest einmal von der Waffel ab. Sie schmeckte fabelhaft, aber durfte ich nicht viel mehr als diese Portion essen.
      “Du bist fies”, schmollte Lina und stopfte sich dafür mit Freude einen großen Bissen Waffel in den Mund.
      “Viel mehr hast du mir ebenfalls nicht berichtet”, spiegelte ich sie mit einem Schmollmund.
      “Aber das ist ja auch was anderes”, protestierte sie.
      “Das ist etwas anderes, ja?”, blieb ich hartnäckig. Nichts wollte ich so sehr, wie wissen, was die beiden getrieben haben. Oder wo? Egal, mich interessierte es. Je länger sie schwieg und ich über das Gespräch nachdachte, überlegte ich, was ich lieber wollte und da fiel es mir tatsächlich ein: wieder einmal ein richtiges Gespräch mit meiner Ablenkung. Er hatte sich dazu entschlossen, mich mehr oder weniger zu ignorieren, solang ich mit dem Treffen noch haderte, obwohl es besprochen war, dass es keine geben würde. Ehrlich gesagt wunderte es mich, denn er hatte es mir angeboten.
      “Ja, was mein Freund und ich miteinander tun, braucht auch nur ihn und mich interessieren”, erklärte sie wenig überzeugend und wand sich unglaublich ungeschickt um den Gebrauch gewisser Worte herum, “Ich frage euch ja auch nicht, was ihr im Schlafzimmer tut.” Kaum hatte sie angefangen zu sprechen, nahmen auch ihre Ohren wieder eine hübsche Rosa Farbe an.
      „Mehr weniger das übliche, hauptsächlich schlafen und mal kriecht ein Hund nach oben und möchte gestreichelt werden“, gab Erik verwundert zu bedenken und schnitt sich ein Stück seiner Waffel ab. Ich hingegen fühlte mich hin- und hergerissen, einerseits verstand ihren Einwand, andererseits ärgerte ich mich aufs Tiefste, dass sie so eigen war. Dass dann mein Freund auch noch den wunden Punkt traf, brachte das Fass zum Überlaufen.
      “Ok”, sagte ich mit derart abfälligem Ton, dass selbst er mich entgeistert anblickte. Nicht einmal die Hälfte hatte ich aufgegessen, da stand ich auf, schob sehr laut den Stuhl übers Holz und verschwand im Zimmer. So schnell ich konnte, zog ich mich um, schnappte mir noch meinen Lieblingspullover und lief zurück. Die Beiden aßen noch. Der Welpe tigerte im Kreis um den Tisch herum, während Trymr gespannt einen Vogel vor dem Fenster beobachtete, der von links nach rechts hüpfte.
      “War schön, dass du da warst”, versuchte ich freundlich zu bleiben, gab Erik einen flüchtigen Kuss auf die Wange und stürmte aus der Hütte heraus.

      Im Stall war es ebenso leer, wie an jedem Vormittag auch. Ich traf zwei Einsteller, die gerade ihre Pferde für einen Ausritt sattelten und Folke legte Enigma das Geschirr für den Sulky um. Mit gehobener Hand grüßte ich sie. Mein Weg führte mich weiter zur Sattelkammer. Vor tausenden Halftern stand ich beinah verloren, wusste nicht, welches der Tiere sich wohl für einen schnellen Ausritt am besten eignen würde. Selbst meine Liste war, schließlich hatten Lina und ich heute frei, also keine Aufgaben zu erledigen. Kurzfristig entschied ich mich für Humbria. Dafür nahm ich das lilafarbene Halfter vom Haken und stampfte eilig wieder die Treppe der Tribüne hinunter, direkt zum Stuten Paddock. Mit freundlich aufgestellten Ohren begrüßte mich das Pferd, folgte mir in den Stall, in dem ich sie sattelte und trenste. Am Tor wurde ich aufgehalten.
      “Vriska, warte, ich wollte dich nicht verärgern”, kam Lina angelaufen, dick eingepackt in gefühlte hundert Kleidungsschichten, sodass sie fast aussah wie ein Michelin Männchen.
      “Dafür ist jetzt auch zu spät, also genieß deinen freien Tag”, grinste ich ironisch und zog den Sattelgurt fest.
      “Was auch immer ich getan habe, es tut mir leid”, ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und platzierte sich vor der Stute.
      “Du solltest dir bewusst sein, dass man sich nur entschuldigen sollte, wenn man weiß, was man getan hat”, zuckte ich mit den Schultern. Ich versuchte Humbria an ihr vorbeizureiten, doch sie stand wie angewachsen am Boden.
      “Ich glaube zu wissen, was das Problem ist.”, entgegnete sie und warf einen umschweifenden Blick durch die Gasse, bevor sie ihre Ansprach mit gesenkter Stimme fortsetzte,” Na ja, wegen dem, was du wissen wolltest. Ich rede da nicht gerne drüber, weil …” Ihre Augen huschten, nervös durch die Gegend, bevor sie sich beschämt zu Boden senkten.
      “Weil ich habe das noch nicht so oft gemacht und dafür schäme ich mich”, druckste sie herum und ihr Fuß versuchte ein Loch in den Beton zu graben. Sie setzte noch zu einem weiteren Satz an, den ich geschickt unterbracht: “Lina, es geht nicht darum, dass du nicht darüber sprechen möchtest, sondern, wie du mir das mitgeteilt hast. Denkst du, ich möchte die bloßstellen vor Erik oder sonst jemanden? Mich nervt nur behandelt zu werden, als wäre ich eine Last für jemanden.”
      “Oh, das war nicht meine Absicht, dass du dich so fühlst. Tut mir leid”, antwortete sie betroffen und schien sich nun aus ganz anderen Gründen in Luft auflösen wollen.
      “Schon okay, ich frag dich auch nicht mehr”, grinste ich nur. Endlich wurde mir der Weg freigegeben und ich ritt im Schritt an ihr vorbei. Aufmerksam kaute die auf dem Gebiss. Entspannt konnte ich endlich abschalten. Es erleichterte mich auf eine gewisse Weise, dass das Thema so schnell geklärt werden konnte, aber umso mehr tat mir Erik leid, mit dem ich gerne noch weitere Stunden verbracht hätte.
      Die Wege waren in der Spur bereits sehr durchmischt vom Sand darunter, nur am Rande lag die Decke beinah unberührt. Es fiel mir schwer, so wie immer, mich der Situation zu übergeben. Aber zumindest kam ich gedanklich so weit, dass ich mich auf die Stute einstellte, an ihren Feinarbeiten übte und irgendwann an den Weiden ankam. Neugierig kamen die Hengste, auf der einen, und die Stuten, auf der anderen Seite, angerannt. Leise brummten die Tiere. Humbria musterte die durchwachsenen Herden. Bei den Stuten standen nicht nur die Anwärter, sondern auch Pferde, die eine Pause verdient hatten, oder die nächste Generation austrugen. Zur anderen Seite präsentierten sich die Hengste. Einige von Bruce Zuchthengsten hatten eine Winterpause, um vor der Saison noch einmal abzuschalten. Dementsprechend bunt wirken die Herden.
      Wann ich am Hof ankam, wusste ich nicht. Offenbar lag mein Handy noch in Eriks Auto, das bei meiner Rückkehr erstaunlicherweise noch immer vor der Hütte ruhte. Ich versuchte durch die Fenster etwas zu erkennen, aber mehr als die Spiegelung, war nicht zu sehen. Im Stall rannte mir Trymr entgegen.
      “Oh, du bist noch da”, freute ich mich und strich ihm über den Kopf, nach dem ich über den Po hinuntergerutscht bin. Er verstand mich nicht, aber der Herr in meiner Jogginghose umso besser.
      “Muss ich mir Sorgen machen? Geht die Welt erneut unter?”, scherzte ich mehr beiläufig. Humbria folgte mir bis zur Putzbucht, die bereits besetzt war. Ein mir bestens bekanntes Pony stand mit angewinkeltem Bein vor mir. Die dunkele Stute, am Zügel, streckte das Maul in die Richtung der anderen, wurde allerdings durch ein böswilliges Schnappen verscheucht.
      “Die ist nun mal so”, erklärte ich nun auch Humbria, nach dem Lubi es schon mehrfach zu spüren bekam.
      “Ich helfe dir”, huschte Lina aus dem Nirgendwo zu mir und hatte so schnell die Zügel in ihrer Hand, dass ich gar nicht eine Antwort finden konnte. Plötzlich stand ich allein mit Erik und Maxou da, immer noch verwirrt. Mein Herz schlug verrückt bis hinauf in den Hals, als würde es dort feststecken. Es kratzte und schnürte mir die Luft ab.
      „Du weißt, dass du mir nicht entkommst“, kam Erik endlich näher an mich heran und grinste mich so überzeugt an, dass ich nicht anders konnte, als es zu erwidert.
      „Scheint so zu sein“, antwortete ich.
      Da Maxou ebenso gekleidet war, wie am vorherigen Tag, wenn auch mit einer rosafarbenen, glitzernden Schabracke, die ich mir nicht genau erklären konnte, verstand ich die Aussage dahinter. Also nahm ich das Halfter ab, das über dem Zaum die Stute an Ort und Stelle verharren ließ, und führte sie zur Reithalle. Der Hund folgte mir.
      „Wo ist eigentlich der Kleine?“, fragte ich, als ich sein Fehlen bemerkte.
      „Der ist hochgelaufen, zu Harlen schätze ich“, gab Erik zu verstehen.
      Um das Pony die Einheit so erträglich wie möglich zu gestalten, begann ich die Arbeit wie immer. Wir liefen mehrere Runden auf der ganz großen Bahn, dann nahm ich die Zügel in Höhe des Widerristes auf, um sie mehr zu versammeln und gleichzeitig jenen zu mobilisieren. Je elastischer sie dort wurde, umso intensiver konnte ich auch an die Schulter heran. Ungewöhnlich schnell fand ich mich in diese Situation ein und erfreute mich an jeden richtigen Schritt, während ich die Fehler ignorierte. Nach guten zehn Minuten liefen wir in die Mitte. Dort zog ich den Gurt drei Löcher fester und stieg auf. Sie warf einmal den Kopf nach oben, aber ein sanftes Klopfen am Hals beruhigte das Tier wieder. Plötzlich erschien es mir, dass der gestrige Ritt ein guter Anfang gewesen war, um die Stute besser kennenzulernen und die Angst zu verlieren, sie zu verletzen.
      Wir kamen besser klar als ich dachte. Im Laufe der Zeit fühlte sich die Reithalle und selbst da blieben Maxou's Ohren stets bei mir. Wenn ihr ein Pferd zu nah kam, schlug sie mehrmals mit dem Schweif, aber reagierte weiterhin auf meine Hilfen im Sattel. Es war, anders als auf Lubi, nicht nur dem Größenverhältnis geschuldet. Mit kleineren Schritten setzte die helle Stute ihre Hufe in den Sand, ebenso zart wie der Riese, aber wirkte dennoch hektischer, auf eine gewisse Weise gestresst. Ich redete ruhig auf sie ein, allerdings so leise, dass es sonst keiner hören würde. So waren mir Gespräche mit dem Tier immer unangenehme Angelegenheit, obwohl selbst Tyrell seiner lebhaften Fuchsstute das ganze Hofgeschehen mitteilte.
      „Alles guuuut“, murmelte ich, als er abermals an uns vorbeitrabte. Maxou fiel aus der Versammlung heraus und streckte dabei ihren Kopf in Richtung Brust, obwohl ich die Zügel nur mit sehr wenig Kontakt in den Händen hielt. Selbst überstreichen änderte nichts daran. Ich wiederholte noch öfter das Vorbeireiten, bis Maxou sich nicht mehr in ihrem Schneckenhaus versteckte und sprang aus dem Sattel. Sie kaute und bekam von mir eine kräftige Streicheleinheit. Aus meiner Jackentasche kramte ich noch ein Leckerli, dass mit ihrer Oberlippe von der Handfläche fummelte.
      “Das sieht gar nicht so schlecht aus, was du da mit dem Pony veranstaltest”, erklang Linas sanfte Stimme, die nach einer Weile am Rand aufgetaucht war, um uns zuzusehen. Kaum hatte ich mich von der Stute weggedreht, legte sie wieder ihren Kopf auf mir ab und stupste mich grob am Ohr an. Erst als ich die Hand langsam zwischen Nüstern massierte, hörte sie auf und verlagerte noch mehr Gewicht auf mir.
      “Danke?”, fragte ich vielmehr, als es dankend anzunehmen. Hatte sie etwas anderes erwartet, oder wieder eine ungeschickte Wortwahl?
      “Ja, das sollte ein Kompliment sein, Vriska. Das sieht wirklich gut aus”, führte sie weiter aus und versuchte damit die schlecht gewählten Worte zu revidieren.
      “Okay, dann danke”, lächelte ich friedfertig. Maxou hing weiter auf meiner Schulter, wollte unter keinen Umständen diesen Platz verlassen. Auch, als ich langsam mit meiner Hand wedelte, um sie vorwärtszutreiben, bewegte sich nichts an ihr.
      “Offensichtlich findet Maxou dich ziemlich bequem”, lächelte Lina, “aber irgendwie ist das niedlich.”
      “Aber ich kann nicht den ganzen Tag hier herumstehen”, merkte ich an und versuchte mich, abermals von dem Pony zu lösen. Doch sie war eingedöst. Eins ihrer Hinterbeine stand angewinkelt im Sand und die Augen waren geschlossen. Es schien unausweislich, hier die nächste Zeit zu stehen. Selbst Tyrell schüttelte nur amüsiert den Kopf, als er neben uns abstieg, wovon es nichts mitbekam. Andere hatten auch die Halle verlassen, wodurch wir allein in diesem riesigen Raum standen. Und kalt wurde es auch.
      “Dann musst du dein Pony wohl wecken”, stellte sie das offensichtliche fest, “Brauchst du Hilfe?”
      Ich nickte. Folgeleisten kam sie die Stufen der Tribüne hinunter und trat durch das Tor auf die Sandfläche.
      “Maxou, aufwachen”, sprach sie das goldglänzende Pony an. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keinerlei Reaktion von dem schlummernden Tier. Als sie ganz an uns herangetreten war, stupste sie das Pferd vorsichtig an.
      “Oh, es wird wach”, verkündete Lina erfreut und ich konnte spüren, wie die Last auf meiner Schulter allmählich weniger wurde. Sie erhob sich langsam, kaute und schleckte dabei am Maul entlang. Nach einem Schnaufen stand Maxou schließlich wach neben uns, aber in ihren Augen sah man noch immer die Müdigkeit.
      “Ich bringe sie weg, danke”, sagte ich zur Lina und führte das Pony weg.
      In der Gasse kam dann auch Erik dazu. Zusammen sattelten wir die Stute ab, legten die Decken auf sie und schon durfte sie zurück in die Boxen. Offensichtlich hatte Lina ihr bereits frische Heulage hingelegt und sogar ihre Futtermischung in den Trog gefüllt. Sehr zuvorkommend.

      Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was man einem freien Tag so anstellte. Wir saßen wieder in der Hütte. Erik hatte den Fernseher angestellt und ich lag in seinen Armen, während Lina auf dem Sessel neben uns saß und ein Buch las. Tweet Cute stand auf dem Hardcover in zwei Sprechblasen auf türkisen Grund und roten Verzierungen. Es wirkte interessant, ihrem Gesicht zufolge, denn sie schien sich vollkommen darin verloren zu haben. Eine Hand klammerte am Buch, während die andere Strähnen drehte und den Arm abgestützt auf der Lehne, sitzend auf den Füßen. Auf dem Bildschirm dudelte irgendein Film, En runda till auf dänischer Originalverfilmung, was Erik ziemlich wichtig war und schwedischen Untertiteln. Somit verstand ich noch weniger, aber hatte damit immerhin die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Trymr lag auf dem Boden und wedelte immer wieder mit dem Schwanz, wenn ich zu ihm hinuntersah, nur Welpi fehlte, denn er wollte lieber bei meinem Bruder im Büro liegen. Dort gab ich ihn immer bei der Arbeit ab.
      Mein Handy vibrierte, das Erik mir von der Rückbank geholt hatte. Eifrig griff ich in meine Hosentasche.
      Niklas.
      Unsicher schielte ich zu meinem Freund, der allerdings nur nach vorn blickte und diesen nicht abwandte, als mich aufrichtete.
      “Ist Lina bei dir?”, erfassten meine Augen.
      “Ja”, tippte ich. Die Punkte schwebten auf. Eine Antwort.
      “Nah?”
      “Nein”, schon, dass dieses Gespräch derartig begann, verhieß nichts Gutes. Trotzdem warte ich weiter vor dem geöffneten Chat. In meinem Herz spürte ich den aufgeregten Herzschlag, drückte mir einen Moment die Luft weg, bis eine weitere Nachricht auftauchte.
      “Ich wollte dich eigentlich gestern fragen, aber, ich musste anderen Aufgaben nachkommen. Davon weißt du bestimmt schon”, ich drehte für einen Moment die Augen nach oben und seufzte, “was war mit Eskil los? Er wirkte vollkommen aufgelöst am Hof und wollte nicht mit mir sprechen.”
      “Dazu kann ich dir auch nicht viel sagen. Er war plötzlich verschwunden”, schrieb ich wahrheitsgemäß und legte dann das Handy weg. Doch im selben Augenblick verlangte es wieder nach mir. Aber es war mir auf eine gewisse Weise egal. Ich hatte anderes erwartet, kein Lächerlichkeit, die er mit jemand anderes klären könnte. Aber es stoppte nicht.
      “Alles in Ordnung?”, wurde Erik nun auch aufmerksam und rutscht etwas höher, um wieder eine bequeme Position zu haben.
      “Ja”, antwortete ich nur.
      “Wer ist denn das?”, fragte er neugierig.
      Ohne kurz zu überlegen, sagte ich: „Der komische Typ, der sich mit mir treffen will.“
      Da sah auch Lina auf. Sie legte das zur Seite auf die Lehne und richtete ebenfalls die Position.
      “Ich denke nicht”, gab Erik zu bedenken.
      “Okay, dann Eskil”, versuchte ich die nächste Person zu finden, die mir einfiel.
      “Du weißt schon, dass sich das nicht einfach spontan ändert?”, versuchte er mir offenbar die Wahrheit zu entlocken. Ihm fiel zu schnell auf, welche Aussagen echt waren. Zumindest machte er seine Arbeit gut.
      “Sind mehrere und einer davon Eskil, deshalb”, verstrickte ich mich immer tiefer, sodass auch Lina skeptisch wurde. Ohne zu fragen, griff er das Handy von der Couch und sah natürlich den Chatverlauf mit Niklas. Zum Glück hatte ich die ganz alten Nachrichten gelöscht und nur die von dem Moment, sollten da sein. Die neusten Benachrichtigungen waren von Instagram. Wieder waren Leute, die auf mein Profil gestoßen waren, der Meinung, alles durchliken zu müssen. Dass ich überhaupt eine Benachrichtigung bekam, wunderte mich deutlich mehr.
      “Sende ihm schöne Grüße von mir”, grinste Erik und gab es mir zurück. Meine Augen huschten über die neusten Nachrichten: “Ich vermisse ihn. Ich weiß nicht, wieso. Irgendwie war es seltsam mit Lina. Hilf mir bitte, wie auch immer. Ach egal.”
      Der Kerl tat mir unglaublich leid. Er wirkte auf einmal so zerbrechlich, als hätte man ihm das Wertvollste im Leben geraubt. Aber ich hatte mich nie als Vermittlerin zur Verfügung gestellt.
      Lina warf mir einen fragwürdigen Blick zu, aber nahm sich wieder ihr Buch, um weiterzulesen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // Vriska Isaac // 24.527 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
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    stall.
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    Mohikanerin
    Datum:
    15 März 2021
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  • Zuchtname: Northumbria
    Rufname: Humbi (Ham-bi')

    Aus der: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    ____________________________________

    Geschlecht: Stute
    Rasse: Standardbred
    Geburtsdatum: April 2014
    Farbe: Braunwindfarben Sooty Pangare Mushroom
    Abzeichen: Blesse, Fesselkrone
    Stockmaß: 171 cm

    Charakter:
    Ungeduldig, sensibel, wird zickig bei nicht erhalten eines Leckerli

    *großrahmig
    *linkshohl
    ____________________________________

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    Gencode: Ee Aa nZ PaPa StySty MuMu
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 7,25
    Nachkommen: -
    *19, Ours de Peluche LDS (v. Lu'lu'a)

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    SK 477
    ____________________________________

    Dressur: A / M
    Springen: E / L
    Military: E / A
    Fahren: E / A
    Rennen: L / L
    Gangreiten: E / S
    Western: -
    Distanz: E / L

    Gänge: 5

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    484. Militaryturnier (24.05.2021)

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    630. Springturnier (07.06.2021)

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    292. Gangturnier (10.08.2021)
    306. Gangturnier (24.11.2021)

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    295. Gangturnier (27.08.2021)
    301. Gangturnier (08.10.2021)
    303. Gangturnier (29.10.2021)
    307. Gangturnier (08.12.2021)
    308. Gangturnier (19.12.2021)

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    503. Distanzturnier (19.12.2021)
    505. Distanzturnier (13.01.2022)
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    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: The Track, Kanada
    VKR: Mohikanerin
    Ersteller: Mohikanerin
    Punkte: Gekört
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