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Sammy

Neretva

Neretva
Sammy, 4 März 2010
    • Sammy
      Der Anfang vom Ende

      Heute habe ich mir einmal die Zeit genommen, richtig auszuspannen. Eddi, Flair und Blackfire haben mich dazu überredet alle zusammen bei Eddi zu übernachten und eine richtige Mädchen-Pyjamaparty abzuhalten.
      Ich war erst unschlüssig gewesen, da ich es einfach nicht über mich brachte, meinen Hof und damit auch die 90 gekörten und ungekörten Hengste, Stuten und Fohlen alleine zu lassen.
      Tja…meine drei Freundinnen hatten mich also erst überzeugen können, zu kommen, als sie mir eine Pflegerin vorgestellt hatten. Sie hieß Claudine, kam aus Frankreich und war wirklich nett. Trotzdem hatte ich irgendwie ein ungutes Gefühl.
      Wie auch immer. Ich kam gerade aus der Dusche und musste mich jetzt ziemlich beeilen, damit ich nicht auch noch zu spät zu der Party kam….
      In Windeseile stopfte ich meinen neuen Snoopyschlafanzug, meine Zahnbürste, Zahncreme und eine Haarbürste in meinen Rucksack, packte ein Kissen darüber und war einen Sekundenbruchteil darauf schon wieder im Bad. Dort wickelte ich meine langen, blonden Haare aus dem Turban und föhnte sie notdürftig. Das musste jetzt einfach reichen.
      Innerhalb von Sekunden stand ich vor meinem Schrank und überlegte, was ich anziehen sollte. Schließlich entschied ich mich für eine schwarze hautenge Jeans mit Löchern, ein schwarzes Franzenshirt und darüber eine schwarze Lederjacke. Dazu noch ein Nietenhalsband und fertig….
      Tzz.. war nur ein Scherz! Außer das mit der schwarzen Hose. Allerdings ist die nicht hauteng und hat auch keine Löcher. Darauf kam ein rot-schwarz gestreifter Pulli, der mir über eine Schulter herunterfiel und weite, ausgestellte Ärmel hatte - das ist mein absoluter Lieblingspulli- und meine weichen, braunen Wildlederstiefel. Ich fuhr mir noch mal schnell mit meiner Bürste durch die Haar, schminkte mich in Rekordzeit, schnappte mir meinen Rucksack, mein Handy und den Hausschlüssel und polterte dann die Treppe meiner schönen Villa hinunter.
      Claudine erwartete mich schon vor der Tür. Natürlich hatte ich ihr bereits alles heute Mittag gezeigt und drückte ihr nun nur noch einen Zettel mit meiner Handynummer in die Hand. Sie würde im Stallbüro schlafen, ich meine nett hin oder her, ich kann schließlich nicht jeden in mein Haus lassen. Außerdem war sie so näher bei meinen Pferden.
      „Also Claudine, nicht vergessen: du hast meine Handynummer und im Stall hängt auch die Nummer von Molly, der Tierärztin, falls etwas sein sollte.“ In diesem Moment sah ich, dass ein Auto auf meine Parkplatz fuhr und wie Eddi und Flair sofort heraussprangen, mich bei den Armen packten und davonzerrten.
      „Mann Sammy, reg dich ab. Was sollte schon passieren, nur weil du mal eine Nacht nicht da bist?“, fragte Flair mich fröhlich.
      Ich versuchte zu lächeln, aber irgendwie ließ mich dieses seltsame Gefühl nicht los, dass heute Nacht etwas Schreckliches passieren würde. Etwas, dass mein ganzes Leben verändern sollte.

      *****

      Bei Eddi angekommen – nebenbei gesagt: Hayes end, Eddi’s neues Gestüt war wirklich riesig – breiteten wir unsere Schlafsäcke im Wohnzimmer aus und diskutierten, welche DVD wir als erstes schauen wollten.
      Dann riefen wir den Pizzaservice an. Oder was heißt wir – ich. Die anderen schnitten dabei so doofe Grimassen, dass ich so heftig lachen musste, dass der Typ am anderen Ende der Leitung schon dachte, ich wollte ihn nur veräppeln. Als unsere Pizzen dann da waren, liefen mir immer noch Tränen über die Wangen. Vielleicht hatten die anderen ja recht. Was sollte schon passieren, nur weil ich eine Nacht mal nicht genau neben dem Stall schlief?
      Nach dem Film – Die nackte Wahrheit – redeten wir einfach nur über Gott und die Welt und als wir dann beschlossen, einen weiteren Film anzuschauen, war es bereits kurz vor eins.
      Wir entschieden uns für einen Horrorfilm, indem der Mörder seine Opfer immer in einem brennenden Haus einsperrte.
      Ich hatte bereits in den ersten Minuten höllische Angst und klammerte mich an Eddi und Flair, die das Pech hatten, neben mir zu sitzen.
      Auf einmal spürte ich, wie mir die Augen zufielen….

      *****

      „Nein! Hilfe! Wir brauchen Hilfe!“, schrie ich aus Leibeskräften, doch niemand kam. Ich stand zu Hause vor meinem Stall und dieser brannte lichterloh. Von drinnen hörte ich das verzweifelte Wiehern meiner Pferde. Verdammt. Wenn mir niemand helfen wollte, musste ich da eben alleine rein. Ich raste auf die Stalltür zu, als ich merkte, dass ich von hinten gepackt wurde.
      „Lassen Sie mich los! Ich muss da rein, sie brauchen mich!!“

      *****

      „Sammy!Sam! Eye, wach auf, du hast geträumt!“. Flairs bestimmte Stimme holte mich in die Realität zurück.
      „Alles okay?“, fragte Eddi besorgt, doch statt einer Antwort, brach ich in Tränen aus. Es schüttelte mich am ganzen Körper. Nur ein Traum. Es war nur ein Traum, versuchte ich mir immer wieder einzureden, doch die schrecklichen Bilder wollten einfach nicht weichen.
      Meine drei Freundinnen nahmen mich tröstend in den Arm, doch ich konnte mich einfach nicht beruhigen. Schließlich brachte ich hervor:
      „Ich muss nach Hause. Es tut mir Leid, aber ich muss einfach wissen, dass alles okay ist!“
      „Klar, kein Problem. Wir fahren zu dir, du siehst, dass alles in bester Ordnung ist und dann können wir ja bei dir übernachten!“, schlug Blaggie lachend vor, doch ich bemerkte, dass sie mich besorgt musterte.
      Schweigend packten wir unsere Sachen zusammen und stiegen ins Auto.
      Eddi rief schnell bei einer ihrer Pflegerinnen an, ob sie heute Nacht auf ihrem Hof bleiben könnte. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich ihr so viele Umstände machte, doch ich konnte einfach nicht anders, ich musste nach Hause.
      Auch auf der Fahrt waren wir alle ziemlich ruhig, doch je näher wir meinem Hof kamen, desto nervöser wurde ich. Flair griff meine Hand und murmelte: „Du wirst sehen, es wird alles wie…“ sie brach abrupt ab. Ich sah alarmiert hoch und starrte fassungslos auf die grellleuchtenden, roten Funken, die den schwarzen Nachthimmel erhellten. Nein. Das konnte nicht sein. Es war nur ein Traum, nur ein Traum, nur ein TRAUM!
      Doch als wir die letzte Biegung hinter uns gelassen hatten, wurden all meine letzten, verzweifelten Hoffnungen mit einem Schlag zerstört. Der Alarm in den Ställen dröhnte, Feuerwehrautos standen auf dem Hof und überall waren Menschen. Menschen und die Schreie meiner im Feuer gefangenen Pferde. Ich wartete nicht erst bis das Auto stand, musste die geschockten Gesichter meiner Freundinnen nicht erst sehen, sondern öffnete die Tür und sprang. Dann raste ich, so schnell mich meine Beine trugen über den Parkplatz auf meinen Hof. Die Feuerwehrmänner standen um die Ställe und das Wohnhaus herum und versuchten sie zu löschen, aber keiner von ihnen ging hinein. Ich hörte meinen kleinen Legacy schreien und fühlte die heißen Tränen auf meinen Wangen.
      Warum taten sie denn nichts? Meine beiden Ställe, mein Haus, ja sogar die Reithalle brannten lichterloh und niemand kümmerte sich darum, meine Pferde in Sicherheit zu bringen!
      „Oh Gott. Bitte. Wir müssen meine Pferde da raus holen!“, schrie ich. Ein Feuerwehrmann drehte sich zu mir um. „Sie sind die Besitzerin?“
      „Ja. Verdammt das ist doch jetzt egal. In diesen Ställen sind 90 Pferde und eine Frau. Wollen sie sie etwa verbrennen lassen?!“, fuhr ich ihn an. Im selben Moment spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Eddi, Flair und Blackfire waren hinter mich getreten.
      „Tut mir sehr Leid Miss. Aber das Feuer ist einfach zu hoch. Bereits als wir ankamen, stand alles in Flammen.“
      Sie würden mir nicht helfen. Ich hatte es ja geahnt.
      In diesem Moment hatte ich nur noch einen Gedanken: Ich musste meine Pferde da rausholen, koste es, was es wolle! Ich riss mich los und rannte auf den Zuchtstall zu, da er mir am nächsten war.
      „Sammy nein!“, schrieen meine Freundinnen mir hinterher, aber ich hörte sie nur verschwommen. Den Männern, die sich mir in den Weg stellten, wich ich einfach aus und stürzte mich durch die Tür.
      „Claudine? Claudine wo bist du?!“, rief ich unter Hustanfällen. Der Rauch hier drin nahm mir alle Sicht. Zum Glück kannte ich meinen Stall in und auswendig und brauchte meine Augen gar nicht. Ich rannte ins Stallbüro und stieß dabei alle Boxen auf, an denen ich vorbeikam. Ich wusste nicht, ob meine Pferde in der Panik in der sie waren, den Weg nach draußen finden würden, doch es war besser, als sie einfach in ihren Boxen verbrennen zu lassen. Endlich erreichte ich das Büro. „Claudine? Claudine antworte mir. Wir müssen hier raus!“, doch ich bekam keine Antwort.
      Verdammt. Vielleicht war sie ja auch aufgewacht und aus dem Stall geflohen? Ich konnte es nur hoffen, denn hier drinnen war sie nicht.
      Ich rannte wieder auf die Stallgasse, wo ich mit einem Feuerwehrmann zusammenstieß. Er wollte mich packen, doch ich werte mich und riss mich wieder los. „Ich werde meine Pferde nicht im Stich lassen!“, brüllte ich und rannte die Stallgasse hinunter.
      Das was nun passierte, hat sich deutlicher in mein Gedächtnis eingebrannt, als alles andere, was an diesem Abend geschah:
      Meine geliebte Araberstute Semawi bäumte sich auf, gerade als ich ihre Box erreichte. Ich riss die Tür auf, doch der Balken, der diese hielt brannte bereits. Mit einem lauten Knacken brach er durch. Semawi, die schon auf den rettenden Ausgang zugestürmt war, hatte keine Chance. Der schwere Balken krachte herab, begrub sie unter sich und streifte mich, da ich schon drauf und dran gewesen war, die Box zu betreten. Ich schrie auf. Verdammt tat das weh. Doch meine eigenen Schmerzen interessierten mich jetzt nicht. Ihre sonst so sanften Augen blickten mich hilfesuchend, panisch und vor allem schmerzerfüllt an. Oh Gott. Was sollte ich tun? In diesem Moment wurde ich erneut gepackt, diesmal von zwei Männern. Ich schrie, weinte und bettelte, dass sie mich wieder loslassen sollten, doch sie zerrten mich aus dem Stall.
      Dann wurde alles schwarz….

      *****

      Piep.piep.piep. Mann was war denn das für ein nervtötendes Geräusch? Hatte jemand meinen Wecker umgestellt? Ich versuchte meinen rechten Arm auszustrecken um das Geräusch abzustellen, doch ein stechender Schmerz durchfuhr mich und ich schrie auf. Sofort spürte ich Bewegung um mich herum.
      „Mein Gott. Glaubt ihr sie kommt zu sich?“ Moment mal. Ich kannte diese Stimme. Blackfire? Aber was machte sie hier, morgens früh in meinem Zimmer?
      Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch das grelle Licht blendete mich. Okay. Ich versuchte es noch mal. Diesmal klappte es.
      „Sammy! Du bist wieder wach! Wie geht es dir? Los schnell ruf eine Schwester!“
      „Eddi?“, nuschelte ich. Wieso klang meine Stimme so komisch? Ich verstand mich ja selbst kaum.
      „Ja, Sammy. Ich bin’s. Und Flair und Blackfire sind auch da. Kissii und Stelli waren heute Morgen zu Besuch.“
      „Zu Besuch?“ erst jetzt fielen mir die weißen Wände und die weiße, steife Bettwäsche auf.
      „Eddi? Wo bin ich?“, fragte ich verwirrt. Wieso war ich nicht Zu Hause bei meinen Pferden. Ividi regte sich doch immer so auf, wenn ich nicht pünktlich kam.
      Beim Gedanken an meine schöne Stute zuckte ich unwillkürlich zusammen. Wieso wusste ich nicht.
      „Sammy…weißt du das denn nicht? Wir sind im Krankenhaus...und du…du lagst drei Tage lang im Koma.“
      „Im Krankenhaus? Drei Tage lang? Was soll ich denn hier? Wer kümmert sich um meine Pferde?“
      „Oh Sammy…wir ..wir haben sie auf unsere Höfe verteilt.“, antwortete Eddi bekümmert.
      „Auf eure Höfe verteilt? Was soll denn das heißen? Wieso stehen sie nicht auf meinem Hof? Da fühlen sie sich doch wohl??“
      Eddi sah aus, als würde sie sich überhaupt nicht wohl in ihrer Haut fühlen.
      In diesem Moment kamen Flair und Blaggie mit einer Schwester herein. Ich vermutete zumindest aufgrund der Kleidung, dass es eine war.
      „Schwester?“, begann Eddi „ist es möglich, dass sie alles vergessen hat? Diese Nacht meine ich.“ Flair und Blackfire sahen sich fassungslos an.
      „Hmm..ja das kann schon mal vorkommen. Aber sie wird sich wieder daran erinnern, sobald sie etwas von dem Vorfall sieht oder hört.“, entgegnete die Schwester.
      Langsam wurde ich wütend. „Leute, was ist hier eigentlich los`? Ich…was soll ich vergessen haben? Was war denn in welcher Nacht?“
      „Hehe Schätzchen. Regen sie sich nicht so auf. Jetzt werde ich sie erstmal untersuchen und dann…“
      „Nein.“, ich versuchte soviel Überzeugungskraft wie möglich in meine Stimme zu legen - was angesichts meiner Nuschelei gar nicht mal so einfach war - „ich will jetzt sofort wissen, was hier los ist. Was ist mit mir passiert?“
      Meine Freundinnen sahen sich gequält an. Schließlich atmete Flair tief durch.
      „Sammy. Du hast eine schwere Rauchvergiftung. Und dein Arm und deine Schulter sind gebrochen, weil ein herabstürzender Balken dich irgendwie gestreift hat. Wenn die Feuerwehr dich nicht gerettet hätte, wärst du jetzt tot.“
      „Ein herabstürzender Balk….“, begann ich, doch urplötzlich war alles wieder da. Der Schöne Abend mit meinen Freundinnen, der Traum, die Fahrt zu meinem Hof und dann…das Feuer. Überall Feuer. Die schreie meiner Pferde. Ich im Stall. Der Balken der herabfiel und Semawi unter sich begrub. Oh Semawi….Ich begann hemmungslos zu schluchzen.
      Auch in den Augen der andere schimmerten Tränen.
      Schließlich stellte ich die für mich bedeutendste Frage: „Wie viele haben es überlebt?“
      Eddi schluckte: „7 sind tot, Sammy. Die meisten schwer verletzt oder haben eine Rauchvergiftung. Es tut mir so Leid.“
      6…das konnte nicht sein. 6 meiner geliebten Pferde waren tot und ich war schuld. In diesem Moment kam mir überhaupt nicht in den Sinn, was für ein Wunder es war, dass von so vielen Pferden ‚nur’ 6 hatten sterben müssen. Ich war nicht da gewesen. Ich hatte sie nicht beschützen können.
      „Wer?“, fragte ich erstickt.
      Diesmal war es Flair die antwortete: „Semawi, aber das weißt du ja schon…Moonwalker, Crossing Clementine…“, Flair schluckte. Sie hatte mir die wunderschöne, graue Stute und den anhänglichen Barockpintohengst nämlich geschenkt. Ich versuchte die Tränen zurückzuhalten, die mir jetzt schon wie Bäche übers Gesicht flossen. Flair fuhr fort: „Stormy Fire, ...”, Flairs Stimme brach und sie weinte lautlos mit mir mit. Blackfire sprang leise, mit brüchiger Stimme ein: “Fleurina und It’s my Life.”
      Ich holte zitternd Luft. Im Grunde machte es keinen Unterschied welche Pferde tot waren, und doch dachte ich nur: Warum ausgerechnet sie? `. Ich weinte nun so heftig, dass das ganze Krankenhausbett anfing zu zittern. Blaggie, Eddi und Flair stürzten auf mich zu und umarmten mich. Dann weinten wir alle.
      Ich merkte erst gar nicht, dass die Schwester nicht mehr da war, bis wir uns ein wenig beruhigt hatten. Dann fiel mir etwas ein. Gott wie hatte ich sie nur vergessen können?
      „Was ist mit Claudine? Ich habe nach ihr gesucht, aber….“
      Die Gesichter der drei anderen verfinsterten sich.
      „Claudine war nicht da.“, antwortete Eddi schließlich. „Die Polizei sucht im Moment nach ihr.“
      Ich spürte unbändigen Zorn in mir aufkeimen. Natürlich war ich froh, dass ihr nichts passiert war, aber ich hatte durch die Suche nach ihr wertvolle Zeit verschwendet, die meiner Ividi und vielleicht auch den anderen sechs Pferden, das Leben gekostet hatte. Grimmige Entschlossenheit machte sich in mir breit.
      „Okay. Gehen wir. Ich muss zu meinen Pferden.“
      Die anderen sahen mich fassungslos an. „Sag mal Sammy, spinnst du? Du bist grade erst wieder aufgewacht, glaubst du im Ernst, die lassen dich jetzt schon gehen?“, fragte Flair.
      „Das ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Meine Pferde brauchen mich, ich habe sie schon viel zu lange allein gelassen!“
      Mit meinem gesunden Arm schlug ich die Bettdecke zurück und stand vorsichtig auf. Das ganze Zimmer begann sich zu drehen und ich hielt mich unwillkürlich am Nachtischchen fest.
      In diesem Augenblick kam die Schwester herein: „Ach du meine Güte, was tun Sie denn da? Sie müssen im Bett bleiben!“, rief sie.
      Ich schüttelte nur den Kopf. „Auf keinen Fall. Mir geht’s gut und ich gehe jetzt nach Hause.“
      Die Schwester wollte protestieren, ließ es dann aber bleiben, als sie sah, dass ich schon dabei war, mich anzuziehen. Ich hörte noch wie sie murmelte: „Passt bloß auf sie auf, verstanden?“, dann fiel die Tür ins Schloss.
      Als ich endlich angezogen war – es waren die Sachen, die ich an jenem Abend getragen hatte, nur dass sie nun gewaschen waren – lief ich aus dem Zimmer heraus. Ich war noch ein wenig wackelig auf den Beinen, deshalb gingen Eddi und Blackfire rechts und links neben mir, um mich notfalls zu stützen.
      Im Auto angekommen fragte Blaggie: „Okay. Wo sollen wir als erstes hinfahren? Bei Eddi stehen die meisten Pferde, weil sie das größte Grundstück besitzt, aber einige…einige denen es nicht ganz so gut geht stehen bei mir und Flair.“
      „Ich möchte zuerst nach Hause“, bat ich. Ich wusste, dass meine Pferde bei meinen Freundinnen gut aufgehoben waren und wollte mir unbedingt das Ausmaß der Zerstörung ansehen. „Wie schlimm ist es?“, fragte ich nach einer Weile leise.
      Die anderen schwiegen zunächst, dann sagte Eddi: „Wir wissen es nicht. Wir haben einfach so schnell wie möglich die Pferde eingefangen und vom Hof gebracht, die Feuerwehr war die ganze Zeit über noch am löschen.
      Endlich bogen wir auf die Zufahrt zum Blue Moon Stables Zuchtgestüt – meinem geliebten Hof – ab. Dieser letzte Kilometer war eine einzige Qual für mich. Zum einen hatte ich schreckliche Angst, dass zu sehen, was mich gleich erwartete und zum anderen hoffte jede Faser in mir, dass es nicht so schlimm war. Das man ja alles renovieren konnte.
      Doch als mein Hof in Sicht kam, schwand diese Hoffnung sofort wieder. Blaggie stellte das Auto nicht auf dem Parkplatz ab, sondern fuhr die Zufahrt hoch, auf mein einst so schönes Haus zu.
      Es war eine einzige Ruine. Genau wie die beiden Ställe, die Fohlenkoppel und sogar die Reithalle. Überall war schwarze Asche verstreut und der Geruch von verbranntem Fleisch lag in der Luft.
      Ich war reglos stehen geblieben, zu geschockt um noch einen weiteren Schritt zu machen. Hier sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Auch die anderen drei waren sprachlos. Eines war uns allen klar: hier würde man für sehr lange Zeit keine Tiere mehr unterbringen können. Die ganzen Weiden, die Wege, alles war voll mit Ruß und Staub.
      Ich hatte nichts mehr. Nichts mehr außer 83 Pferden. In diesem Moment fällte ich die schwerste Entscheidung meines Lebens. Ich würde nie mehr hierher zurückkehren, das würde ich einfach nicht ertragen.
      Schweigend und jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend gingen wir zurück zum Auto.
      Blackfire sah mich fragend an. „Fahren wir zuerst zu dir und danach zu Flair, okay?“, sagte ich müde. Sie hatten gesagt, dort standen die Pferde, die es nicht so gut überstanden hatten. Ich wusste nicht, ob ich noch mehr solcher Schocks ertragen konnte, doch das spielte jetzt alles keine Rolle. Meine Pferde brauchten mich.
      Auf Blackfire’s Hof angekommen, gingen wir in ihren schönen, geräumigen Stall.
      So schnell ich konnte lief ich die Boxen entlang. Blaggie hatte hier zehn meiner Pferde untergebracht, wie sie mir erzählt hatte.
      „Bei denen hier geht es noch…Sie sind nur ein wenig mehr verstört, als die Pferde, die bei Eddi stehen“, erklärte sie mir.
      Ich öffnete vorsichtig jede Box und umarmte meine Pferde. Sie wirkten zwar alle total verwirrt und nervös, aber sonst fehlte ihnen nichts. Demonia – Yeremia – White Barrow – Alice von Landwein - Khamar al Sanaa – Yakima – Dark Misery – Fair Prince – Secret’s Dancing Casanova – Baccara.
      Ich war so froh, dass es ihnen gut ging, dass ich trotz allem hätte tanzen können. Ich drückte Casanova einen Kuss auf die samtweiche Stelle zwischen seinen Nüstern und wandte mich dann langsam zum gehen. Es fiel mir nicht leicht die Pferde wieder alleine zu lassen, doch die anderen brauchten mich auch.
      Wir stiegen wieder ins Auto und fuhren zu Flair. „Also…dem Großteil der Pferde die hier stehen geht es soweit auch ganz gut…“, begann Flair „aber…“ sie brach ab. Das Auto kam zum stehen und ich sprang raus. Okay was heißt ‚sprang`… ich hievte mich heraus würde es wohl treffender beschreiben.
      Fragend sah ich Flair an. Sie deutete auf den Stall in dem normalerweise die Abfohlboxen waren.
      Hier standen Fatimah, Intolerable Life, Ojos Azules, Levistino’s Legacy, Royal Serafina und meine Cuchara. Alle hatten ziemlich böse Brandwunden, ließen sich aber widerstandslos von mir umarmen und streicheln, nur Cuchara stieg, als ich die Box betreten wollte.
      „Hey mein Mädchen. Ganz ruhig, erkennst du mich denn nicht?“, fragte ich leise. Cookie sah mich mit schiefgelegtem Kopf an, dann kam sie auf mich zu und ich strich ihr erleichtert über den Hals.
      „Okay. Gehen wir dann jetzt zu dir Eddi?“ ich war so froh, dass es den Pferden eigentlich den umständen entsprechend gut ging, dass ich die bedrückten Mienen meiner Freundinnen nicht bemerkte.
      „Sammy…Hier steht noch eins deiner Pferde…“, sagte Flair leise. Ich sah sie verwundert an. „Wie meinst du das? Der Stall ist doch voll? Oder hast du auch in deinem ‚normalen’ Stall eins untergebracht?“
      Flair schüttelte nur den Kopf und bedeutete mir, ihr zu folgen.
      Auch dies war einer jener Momente, die mich mein Leben lang verfolgen werden….

      *****

      Wir gingen nicht zu Flairs anderen Ställen, sondern um den Abfohlstall herum auf einen kleinen Schuppen zu. Ich war ihnen ja wirklich dankbar für die Hilfe, aber sie hatten doch wohl nicht ernsthaft da drin eines meiner Pferde, oder?
      Kurz bevor wir den Schuppen erreichten, hielt Eddi mich zurück.
      „Sammy. Das…das wird jetzt ein ziemlicher Schock für dich sein…da drin steht Sahira…aber...“
      Als Eddi mein Lieblingspferd erwähnte war ich schon die letzten Meter zum Schuppen gegangen und öffnete die Tür. In der nächsten Sekunde sprang ich erschrocken zurück und Flair und Blackfire mussten mich auffangen, sonst wäre ich der Lange nach auf dem Boden aufgeschlagen.
      Sahira war mit blitzenden Augen und gebleckten Zähnen nach vorne gestürmt und hatte nach mir geschnappt. Ihre Ohren waren flach an den Kopf gelegt und sie machte einen beinahe irren Eindruck.
      „Nein…nein..nicht du…das kann nicht sein“, wimmerte ich. Die Tränen, die ich die ganze Zeit über so mühsam zurückgehalten hatte, flossen jetzt ungehindert meine Wangen herunter. Sahira war immer schon temperamentvoll und stürmisch gewesen, aber nie, wirklich niemals bösartig. Von ihrem Kopf hing ein blutiger Fleischfetzen und auch an ihrem Hals waren schlimme Brandwunden zu erkennen. Ich dachte an die ganzen Erfolge, die wir miteinander erlebt hatten und ging dabei wie in Trance auf den Schuppen zu. Blaggie wollte mich festhalten, doch Eddi hielt sie zurück und sagte etwas, dass wie „Lass sie. Sie weiß was sie tut“ anhörte.
      Im Grunde genommen, wusste ich überhaupt nicht, was ich tat. Ich wollte einfach nur zu der Stute, mit der ich immer nur Erfolgsmomente erlebt hatte, zu dem Pferd, was mir beigebracht hatte, was es hieß sich frei und unabhängig zu fühlen….meine Sahira. Ich öffnete das Tor zum Schuppen und ging einfach hinein, ohne auf Sahira’s dicht neben meinem Ohr zuschnappende Zähne zu achten. Ich ging einfach nur auf sie zu und fiel ihr dann um den Hals, wobei ich höllisch aufpasste, die Brandwunden nicht zu berühren. Dort begann ich laut zu schluchzen.
      Sahira hatte verwundert inne gehalten. Nun drehte sie den Kopf, legte ihn auf meine Schulter und blieb einfach so stehen. Als ich den Kopf hob und ihr in die Augen sah, konnte ich den gleichen Schmerz erkennen, den auch ich empfand. Liebevoll fuhr ich mit den Fingern durch ihre verfilzte Mähne und blieb danach einfach nur stehen.
      Nach einer Weile traten die anderen ein wenig näher heran, doch als Sahira begann, sofort wieder verrücktzuspielen, blieben sie stehen.
      Ich schimpfte nicht mit meiner Stute. Ich war einfach zu glücklich, dass sie mich nicht länger auf Abstand hielt und wusste ja auch, was sie schlimmes durchgemacht hatte. Wie Flair mir später erzählte, war Sahira eins der letzten Pferde gewesen, die aus dem Stall kamen. Sie hatte ganz hinten, gegenüber von Ividi gestanden und konnte nur entkommen, da die Stallwand eingestürzt war.
      Wenn ich daran dachte, wie meine armen Pferde jämmerlich im Feuer verbrannt waren, stiegen mir wieder Tränen in die Augen.
      Wie sollte ich es jemals schaffen, mit dieser Schuld fertig zu werden? Vor allem war noch überhaupt nicht sicher, ob die anderen Pferde wirklich gesund waren.
      Die, die auf Eddi’s Hof standen schon. Aber die bei Flair und Blackfire waren jeden Tag untersucht worden und noch war sich niemand sicher, ob dieser Vorfall bleibende Schäden hinterlassen würde.
      Nachdem ich mich versichert hatte, dass auch bei Eddi keinem Pferd etwas fehlte, zeigte Eddi mir das Zimmer, indem ich vorerst wohnen würde.
      Ich zog mich sofort um, putzte mir die Zähne, stieg unter die Dusche und ging danach ins Bett, doch ich konnte noch ewig nicht einschlafen. Es ging mir einfach zu viel im Kopf herum.
      Ich versuchte mir einzureden, dass dies alles auch jedem anderen hätte passieren können und das es nicht meine Schuld war, dass es zu diesem schrecklichen Brand gekommen war, doch mir ging immer wieder ein Satz im Kopf herum, so sehr ich mich auch dagegen sträubte: Wie hatte ich das nur zulassen können`?
      Ich musste mir dringend überlegen, wie es jetzt weiter gehen sollte.
      Fakt eins: ich würde niemals mehr auf meinen alten Hof zurückkehren. Diese Entscheidung hatte ich ja bereits heute Mittag getroffen und sie hatte sich bis jetzt auch nicht geändert.
      Fakt zwei: ich hatte nichts mehr. Rein gar nichts mehr. Keine Klamotten, keine Möbel, einfach nichts. Ich musste versuchen mir das nötigste billig zusammenzukaufen, eine andere Möglichkeit blieb mir nicht.
      Fakt drei: Ich musste mir einen neuen Hof suchen, hatte aber kein bisschen Geld übrig um diesen finanzieren zu können. Ich steckte noch mitten in der Abzahlung für das Blue Moon Stables Zuchtgestüt und hatte keinen Penny zu viel in der Tasche, was im Klartext bedeutete: Ich musste viele meiner Pferde verkaufen, damit ich genug Geld für einen neuen Hof zusammenbekam.
      Ich machte mir keinerlei Hoffnungen, den alten Hof an irgendjemanden verkaufen zu können. Die Renovierungsarbeiten waren einfach zu groß.
      Aber welche Pferde sollte ich verkaufen? Tja..für mich war die eigentliche Entscheidung schon gefallen: Die Pferde, die es am schlimmsten erwischt hatte, die mich am dringendsten brauchten, diese Pferde würde ich niemals im Stich lassen. Nie im Leben…

      *****

      Als ich am nächsten Morgen aufwachte und auf die Uhr sah, war es bereits halb elf. So schnell es ging stand ich auf, schlüpfte in ein paar Klamotten, die Eddi mir geliehen hatte, fuhr mir mit den Fingern durch die Haare und ging nach unten in die Küche. Eddi war nicht mehr da – klar sie hatte ja auch alle Hände voll zu tun.
      An einem Haken neben der Tür hing meine Jacke. Ich schlüpfte schnell hinein, zog mir meine Stiefel an und trat aus dem Haus in die kalte Winterluft.
      Ich fand Eddi im Stall bei ihrem Holsteinerpintomixhengst Pajero. Als ich den schönen Schecken sah, begann ich wieder zu weinen. Wütend biss ich mir auf die Lippe. Verdammt. Semawi war tot und sie würde niemals mehr zurückkommen, genau wie die anderen Pferde, die im Feuer umgekommen waren.
      Pajero war der erste und letzte Sohn meiner süßen Pintostute und ich war sehr stolz auf den bisher einzigen Nachfahren von ihr. Ividi würde ich weggeben, dazu hatte ich mich bereits entschieden, denn meiner geliebten Stute ging es ziemlich gut.
      „Eddi! Wieso hast du mich denn nicht geweckt? Ich hätte dir doch beim füttern und misten helfen können!“, versuchte ich scherzhaft zu sagen.
      Eddi fuhr herum: „Mensch Sammy. Mann du hast mich erschreckt! Naja..ich dachte halt ich lass dich schlafen. Du hattest bestimmt nicht grade ne angenehme Nacht und mit dem Arm kannst du sowieso erstmal nichts machen! Ich hab der Schwester versprochen auf dich aufzupassen und genau das werde ich auch tun!“
      Ich gab nach. Ich wusste ja, dass sie recht hatte. Was konnte ich mit meinem Arm schon groß helfen? Eben. Gar nichts. Gut. Dann würde ich eben mit der Verwirklichung meiner Pläne beginnen….

      *****

      „Okay…du hast ja Recht…dürfte ich dann vielleicht mal deinen PC benutzen?“
      Eddi schien erleichtert zu sein, dass ich so schnell aufgegeben hatte: „Klar! Aber nimm lieber meinen Lap Top. Im Haus ist es wärmer!“
      Lächelnd schüttelte ich den Kopf. Manchmal war sie wirklich zu fürsorglich. Aber ich gehorchte widerstandslos, ging ins Wohnhaus zurück und holte mir Eddi’s Laptop aus ihrem Büro. Dann machte ich es mir auf der riesigen Couch bequem und fuhr den Lappi hoch.
      Während ich auf die Internetverbindung wartete, holte ich mir ein Glas Wasser, einen Notizblock und einen Kugelschreiber.
      Dann öffnete ich Google und gab ein: „Hof zu verkaufen“
      Ich wollte mich nicht auf Reiterhöfe festlegen, da ich durchaus auch mit einem Bauernhof auf dem es genügend Ställe und Weiden gab, zufrieden war.
      Gut. Ich klickte die erste Anzeige an und fand ein riesiges Gestüt, das mich sehr an die Blue Moon Stables erinnerte. Doch es war definitiv viel zu teuer. Selbst wenn ich all meine Pferde verkaufte, würde das Geld nicht reichen.
      Bis ich den ersten Hof fand, der mir zusagte, verging fast eine ganze Stunde. Er hatte eine sehr schöne Lage mit Strand – Moment mal, STRAND`? Verwundert klickte ich auf den Lageplatz des Hofs. Na klasse: Dominikanische Republik. Das war dann doch ein wenig zu weit weg.
      Deprimiert klickte ich die nächste Anzeige an. Der Hof war wirklich sehr schön. Eine lange Zufahrt führte direkt auf ein großes, aber keineswegs prunkvolles Wohnhaus zu. In der Mitte lag ein Brunnen und rechts und links vom Wohnhaus gab es zwei Ställe.
      Des Weiteren gehörten eine Reithalle mit Außenplatz, ein Springplatz, eine Rennbahn und eine riesige Fläche fast unberührter Natur dazu. Das Highlight stellte eine Geländestrecke dar, die sich über das gesamte Grundstück hinzog.
      Wow. Aber wahrscheinlich nichts für meinen Geldbeutel. Ich suchte überall konnte jedoch keinen Preis entdecken, nur eine Telefonnummer, die man bei Interesse anrufen sollte.
      Gut. Ich schrieb mir die Nummer auf einen Zettel und lief dann zum Telefon.
      Bereits nach dem zweiten Klingeln wurde abgehoben: „Ja?!“ Oh ja sehr freundlich, dachte ich mir erstaunt. Wer ging denn so ans Telefon, wenn er erwartete, dass Interessenten anriefen?
      „Guten Tag. Mein Name ist Sammy und ich interessiere mich für ihren Hof!“
      „Für meinen…ach das ehemalige Gestüt meinen sie?“, na also. Jetzt war er schon viel freundlicher.
      „Ja genau das. Ihre Beschreibung hat mir sehr zugesagt, nur leider konnte ich weder einen Preis, noch die Anzahl der verfügbaren Boxen finden…“
      „Tja…wissen Sie, dass liegt daran, dass der Hof nun seit fünf Jahren leersteht.“
      Ich war für einen Augenblick sprachlos. „Wie bitte? Aber in ihrer Anzeige steht, dass sie die letzten Tiere erst vor einer Woche verkauft haben!“
      „Ja Schätzchen. Und das ist jetzt genau fünf Jahre her!“
      „Hmmm okay…verkaufen sie den Hof denn dann überhaupt noch?“
      „Natürlich. War mir die ganze Zeit über ein Klotz am Bein!“
      „Okay..könnte ich vielleicht einmal vorbeikommen und ihn mir anschauen?“
      „Aber sicher doch. Wie wär’s heute Mittag um zwei?“
      Ich sah auf die Uhr. Das war bereits in eineinhalb Stunden und eine halbe Stunde würden wir ca. zum Hof brauchen. „Zwei Uhr? Geht klar. Treffen wir uns dann…?“
      „Vor dem Tor des Gestüts. Ich werde ihnen dann alles zeigen!“, beendete er meinen Satz.
      Ich verabschiedete mich und legte auf.
      Dann sprang ich auf und rannte zu Eddi in den Stall. „Kommst du mit?“, fragte ich schließlich erwartungsvoll, nachdem ich ihr das ganze erzählt hatte.
      „Klar! Rufst du Flair und Blackfire auch an?“ „Logisch…ihr müsst mir ja bei der Entscheidung helfen!“ Diese neue Aufgabe mich um ein schönes Heim für meine verbliebenen Pferde zu kümmern, gab mir wieder ein wenig neue Kraft und verdrängte den Gedanken an meine geliebten verstorbenen ein wenig.

      *****

      Auf der Fahrt zu dem Hof waren wir alle recht still. Jede Faser meines Körpers schrie danach umzukehren und meinen alten Hof zu renovieren, doch das konnte ich mir einfach nicht leisten und irgendwie wollte ich es auch nicht. Zu viele schreckliche Erinnerungen waren damit verbunden.
      „Blaggie? Hier müsste dann gleich die Abzweigung kommen.“, sagte ich als wir schon eine ganze Weile gefahren waren. Der Hof lag mitten im Wald und hatte eine ca. eineinhalb Kilometer lange Zufahrt, die direkt von der Bundesstraße abging.
      „Jep, da vorne ist es! ‚Schwarzwälder Ponyzucht’!“, antwortete Blaggie sofort.
      Wir bogen auf die Zufahrt ab und fuhren den holprigen Weg entlang. Hoppla. Davon hatte in der Beschreibung nichts gestanden…
      Der Hof kam in Sicht.
      Der Parkplatz vor dem Hoftor war recht klein, doch das störte mich nicht weiter.
      Der Besitzer des Hofes erwartete uns bereits. Wir begrüßten uns und ich stellte alle vor.
      Dann betraten wir den Hof. Ich verliebte mich sofort in den rustikalen Charme, der von diesem Ort ausging, obwohl überall Müll herumlag, auf den Dächern Ziegel fehlten und das Haus keine Türe besaß.
      Wir setzten uns in einen Cheep und fuhren zuerst an der Reithalle mit dem Außenplatz vorbei. Die Halle war nicht so groß, wie meine andere, doch groß genug, als das auch ein Pferd, das Balanceschwierigkeiten hatte, ohne Probleme auf dem Zirkel gehen konnte.
      Der Zaun des Außenplatzes war eingerissen und der Sand steinhart.
      Auch die Rennbahn war in keinem besonders guten Zustand. Die Grasbahn außen war eher eine Schlammbahn und der Sand innen war viel zu fest. Auch hier waren zum Teil große Stücke des Zauns herausgerissen.
      Genauso bei den Koppeln. Es gab eine kleinere genau neben dem Haus und zwei größere hinter dem zweiten Stall, gegenüber der Reithalle. Dahinter erstreckte sich unendliches Gelände.
      Wir fuhren auch einige Punkte der Geländestrecke ab. Die Hindernisse waren zum größten teil recht zerfallen und der Weg völlig zugewuchert. Trotzdem gefiel mir der Hof bis jetzt irgendwie.
      Mr. Bolt – so hieß der Besitzer des Hofes – parkte den Cheep nun vor den Ställen.
      „Also. In jedem dieser Ställe befinden sich je eine Futter- und eine Sattelkammer. Außerdem können in jedem Stall 20 Pferde untergebracht werden.
      O-kaay…das hieß 40 Pferde…ich besaß allein um die vierzig Zuchtpferde plus noch vierzig andere…ich ließ mir meinen Kummer nicht anmerken, sondern betrat einen der Ställe. Dort drinnen verschlug es mir fast die Sprache. Die Boxen waren VIEL zu klein. Es waren mehr Ständer als richtige Boxen, denn nicht eine davon besaß eine Tür.
      Sattel- und Futterkammer waren dafür recht großzügig. Aber wenn man diese Boxen so vergrößerte, dass sie dem normalen Standart entsprachen, würden hier höchstens 10 Pferde reinpassen, wenn nicht noch weniger.
      Obwohl ich mir nun recht sicher war, dass ich diesen Hof auf keinen Fall nehmen würde, ließ ich mir noch das Wohnhaus zeigen. Es war alles in allem eigentlich in ganz akzeptablem Zustand, wenn man darüber hinwegsah, dass überall die Farbe abblätterte und es kein einziges Möbelstück hier drinnen gab.
      Wieder draußen sah mich Mr. Bolt erwartungsvoll an.
      „Und? Gefällt er ihnen?“
      „Auf jeden Fall, aber ich fürchte, der Kaufpreis und die Renovierungsarbeiten sind mir zu hoch Mr. Bolt….Das kann ich unmöglich zahlen….“
      Mr. Bolts Lächeln fiel in sich zusammen: „Aber sie wissen doch gar nicht, was der Grundpreis für dieses Grundstück beträgt...“
      „Ja, das stimmt schon, aber selbst wenn sie ihn mir billig verkaufen würden, hier müsste so viel in Stand gesetzt werden…die Boxen, die Ställe an sich, die ganzen Zäune, der Sand auf den Außenplätzen, der Rennbahn und in der Halle… und..“
      „Und wenn ich ihnen den Hof schenke?“, fragte Mr. Bolt nun.
      Ich starrte ihn an, als käme er vom Mars und ein Seitenblick auf meine Freundinnen sah ich, dass es ihnen genauso erging.
      „Wie bitte? Ich glaube ich habe Sie gerade nicht richtig verstanden…“
      „Oh doch haben Sie…Wissen Sie, es gibt nicht viele Menschen, die mich überraschen können, doch Ihnen ist das gelungen…Als sie hier ankamen, hielt ich sie und ihre Freundinnen für absolut eingebildete Zicken, von der Sorte eben, wie ich sie bisher hier hatte. Alle sagten nur, es wäre zu schmutzig und zu hässlich, aber keine, wirklich keine hat sich nur sorgen wegen der Renovierungsarbeiten gemacht! Außerdem..glauben Sie etwa, ich hätte nicht von dem Brand gehört? Ich kann verstehen was sie durchgemacht haben und ich möchte meinen Teil dazu beitragen Ihnen zu helfen.“
      Ich konnte es kaum fassen. „Vielen dank Mr. Bolt, das ist ein wahnsinnig großzügiges Angebot von ihnen, aber dürfte ich mich noch kurz mit meinen Freundinnen beraten?“ Mr. Bolt nickte nur und wandte sich dann ab, damit wir uns ungestört beraten konnten.
      „Also, was meint ihr?“, fragte ich meine Freundinnen. Sie fanden den Hof alle toll und das Angebot war wirklich großzügig, so billig würde ich garantiert an kein so großes Grundstück mehr kommen, doch alle gaben eines zu bedenken. Die Sache die mir am meisten Sorgen machte. Doch tief in meinem innern hatte ich die Entscheidung schon gefällt. Dieser Hof würde bald mir gehören und ich würde den Großteil meiner Pferde verkaufen, um einen Neuanfang zu starten.
      Als ich den anderen diese Sache mitteilte waren sie sprachlos. „Wie jetzt..Du willst nur zwischen zehn und zwanzig Pferden behalten und en Rest verkaufen? Sammy…das sind über fünfzig Pferde!“, rief Flair irgendwann erschrocken.
      „Ja ich wei߅“, ich lächelte traurig „aber sie haben es verdient in gute Hände zu kommen und ich kann es mir einfach nicht leisten, so viele Pferde zu halten.“
      „Was..was ist mit unserer Zucht?“, fragte Blaggie leise. Ich sah sie an: „Tut mir Leid, Blackfire. Ich bringe es nicht über mich, nachdem was passiert ist, noch weiter unter dem Namen ‚Blue Moon’ zu züchten…vor allem weil doch It’s my Life und Fleurina unsere ersten Zuchtpferde waren und jetzt….“
      „Gut dann ist es entschieden. Du bekommst diesen Hof und ab morgen kommen wir alle hierher und renovieren ihn gemeinsam!“, sagte Flair tapfer, doch auch ihre Stimme zitterte.

      *****

      Wieder bei Eddi zu Hause, stellten wir zusammen eine Einkaufsliste auf. Wir brauchten Farbe, Holz, alles mögliche an Werkzeug und natürlich fleißige Helfer, vor allem da ich außer Streichen so gut wie nichts tun konnte.
      Nachdem unsere Liste fertig war, hängte ich mich ans Telefon und die anderen drei gingen einkaufen.
      Als sie wieder zurückkamen, legte ich gerade den Hörer auf.
      „Und?“, fragte Eddi erwartungsvoll.
      „Aaaalso: Tigerkatzi, Kissii, Stelli, Nano und Saphira kommen. Und jetzt ratet mal, wer noch?“
      Die anderen sahen mich gespannt an. „Isa!“, rief ich. Ich fand es zwar furchtbar, dass wir unsere Freundin unter diesen Umständen wieder sahen, doch ich freute mich trotzdem auf sie.
      Also waren wir morgen insgesamt zehn Personen, plus ein paar Handwerkern, die die Ställe herrichten würden, damit wir später ‚nur noch’ streichen mussten.

      *****

      Am nächsten Morgen trafen wir uns bereits um halb sieben draußen vor Eddi’s Haus. Alle waren da und Isa wurde begrüßt, als hätten wir sie schon jahrelang nicht mehr gesehen.
      Als auch die Handwerker eingetroffen waren, konnte es losgehen.
      Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir meinen neuen Hof.
      Nachdem ich alle herumgeführt hatte, meinte Kissii betont fröhlich: „Ookay…also mit ein bisschen Renovierung hast du ein bisschen arg untertrieben oder?“
      „Ach was, das kriegen wir hin!“, meinte Flair zuversichtlich. Sie alle bemühten sich nach Kräften eine fröhliche Stimmung zustande zu bringen und ich lächelte und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
      Ich hatte mich die ganze Nacht damit beschäftigt, welche Pferde ich mitnehmen würde und welche ich verkaufen musste.
      Außerdem war noch ein zweiter Entschluss in mir gereift, den ich den anderen allerdings noch nicht mitgeteilt hatte: Ich wollte mir hier eine reine New Forest Ponyzucht eröffnen. Nur ich, mit meinen drei gekörten New Forests als Anfang.
      Bis jetzt war es nur so eine Idee, aber ich würde heute Abend mal mit Eddi darüber sprechen, was sie davon hielt, nun aber erst mal an die Arbeit!
      Die Handwerker verzogen sich in und auf die Ställe – ja, richtig gehört, AUF. Immerhin mussten die Dächer ja auch dicht sein! – und schon kurze Zeit später war lautes Sägen, Hämmern und Bohren zu hören.
      Ich würde mir Unmengen Geld von meinen Freundinnen leihen müssen, um die ganzen Arbeiten und Materialien zu bezahlen, doch das würden sie natürlich alle zurückbekommen, sobald meine Pferde in guten Händen waren.
      Ich teilte meinen Freundinnen unterschiedliche Aufgaben zu, bzw. schrieb Zettelchen, die sie dann zogen, um die Aufgaben zu verteilen. Tiger, Stelli, Isa, Kissii, Saph und Blaggie würden sich um die Koppelzäune kümmern, das heißt sie ausbessern und dann weiß streichen. Flair und Eddi übernahmen die Zäune des Außen- und Springplatzes und danach würden alle zusammen an dem der Rennbahn arbeiten.
      Ich verzog mich derweil ins Haus und schrieb alles auf, was hier so gemacht werden musste. Die Zimmer im Erdgeschoss waren ziemlich klein und dunkel, weshalb ich beschloss eine Wand herausreißen zu lassen, damit ich einen riesigen Raum hatte, der mit als Wohnzimmer dienen konnte. Küche und Bäder mussten beide völlig neu gemacht werden, und in dem Turm –ja mein neues Heim besitzt einen richtigen Turm! – fehlten die Fensterscheiben.
      Das waren die Dinge, die wir unmöglich selbst erledigen konnten, doch es gab auch einiges für uns zu tun. Beispielsweise brauchte das gesamte Haus einen komplett neuen Anstrich, Möbel, Sanitäreinrichtungen, die Küche, Vorhänge und andere Kleinigkeiten mussten ausgesucht und gekauft werden und schließlich musste ich mich ja auch entscheiden, was welches Zimmer einmal werden sollte.
      Als ich das alles auf einem Zettel stehen hatte, ging ich wieder hinaus und sah mich mal in den Ställen um. In beiden Ställen waren die kompletten alten Ständer bereits entfernt worden und die Männer waren nun gerade dabei, alles auf den Hof hinauszutragen. Die Dächer waren schon fertig.
      Ich ging weiter zur Reithalle. Auch hier musste das Dach repariert werden und die Bande mit neuem Holz verkleidet werden, bevor sie gestrichen werden konnte. Der Sand würde komplett entfernt werden und dann kamen Späne in die Halle. Ich war ein absoluter Fan von dieser Bodenvariante, da sie einfach nicht so sehr staubte wie Sand.
      Flair und Eddi hatten bereits den Zaun des Außenplatzes repariert und ich schnappte mir nun einen Eimer Farbe und begann mit dem Streichen. Währenddessen machten meine beiden Freundinnen mit dem Springplatz weiter und als sie fertig waren, kamen sie mit Harken und Schaufeln, um den Sand der beiden Plätze aufzulockern, damit dieser später besser abtransportiert werden konnte.
      Als ich beide Plätze gestrichen hatte, war es bereits ein Uhr mittags. Wir setzten uns alle zusammen um den kaputten Brunnen herum und machten Pause.
      Diese ganze Arbeit tat mir wahnsinnig gut, denn sie lenkte mich ab. Nun da wir alle beisammensaßen und nichts taten außer reden und essen, kamen die ganzen Erinnerungen jedoch wieder mit voller Wucht zurück. Ich schlang mein Brot hinunter, sprang auf und machte mich wieder ans streichen. Als die anderen ihre Pause beendeten, hatte ich bereits die schon reparierte Hauskoppel gestrichen und ging nun gerade zu den Koppeln, um auch diesen einen neuen Anstrich zu verpassen.
      Als ich das matschige, dreckige Gras dort sah, griff ich nach meinem Handy und rief einen Gärtner an. Er war ein Freund der Familie und sagte zu, sofort vorbeizukommen, um auf den Koppeln neues Gras anzupflanzen.
      Als endlich alle Zäune repariert und gestrichen waren, schaute ich wieder in den Ställen vorbei. Sie waren inzwischen kaum noch wieder zu erkennen. In jedem befanden sich nun zehn riesige Boxen mit Halbtüren. So gefiel mir das ganze schon wesentlich besser, als zuvor.
      Auch wenn das bedeutete, dass ich nur zwanzig Pferde behalten konnte, immerhin hatten die dann ein wirklich schönes Zu Hause.
      Ich lief rüber in die Reithalle. Dort waren meine Freundinnen gerade dabei, den gelockerten Sand auf einen Hänger zu schaufeln. Mit nur einem Arm konnte ich ihnen da kein bisschen behilflich sein und kam mir total nutzlos vor. Eddi bemerkte mich und kam zu mir.
      „Wie sieht’s in den Ställen aus?“, erkundigte sie sich. Ich brachte ein recht gezwungenes Lächeln zu Stande: „Sehr gut. Die Dächer sind repariert und die neuen Boxen sind auch schon drin.“
      „Super! Sollen wir schon mal mit Streichen anfangen?“ Ich sah sie dankbar an, und diesmal war mein lächeln sogar echt.
      Also gingen wir gemeinsam in den Stall und fegten erstmal den ganzen Dreck nach draußen. Jede einzelne Box, sowie Sattel- und Futterkammern mussten ausgekehrt werden, sonst waren unsere schön gestrichenen Wände nachher gleich wieder schmutzig. Nun begannen wir , jeder auf einer Seite damit, die Wände zu streichen. Nach und nach kamen auch die anderen, da sie nun mit der Halle fertig waren. Die Handwerker waren inzwischen zum Wohnhaus übergegangen und drei saßen auf dem Dach der Reithalle.
      „Wisst ihr…wir haben jetzt soviel Holz übrig, ich glaub ich frag die Jungs, ob sie nicht Lust hätten, einen kleinen Round Pen hinter den Stall hier zu bauen….“
      „Ja, das ist ne super Idee Sammy!“, stimmten sofort alle begeistert ein.
      Als es schließlich dämmerte, waren wir alle fix und fertig. Dafür waren nun beide Ställe, das Wohnhaus und die Reithalle repariert und frisch gestrichen, ich hatte einen nagelneuen Round Pen, alle Zäune des Hofs waren instand gesetzt und Flair und ich hatten alle Zimmer meines neuen Hauses ausgemessen, damit wir morgen mit shoppen anfangen konnten. Ich bedankte mich bei allen für die tolle Hilfe und versprach ihnen ein Einweihungsfest zu geben, bei dem sie alle eingeladen waren.
      Dann setzte ich mich zu Eddi, Flair und Blackfire ins Auto und wir fuhren heimwärts.

      *****

      Ich regte mich unruhig in meinem Schlafsack. Wir hatten heute alle bei Eddi übernachtet, damit wir morgen früh gleich losfahren konnten, um meine neuen Möbel einzukaufen. Aber irgendwie konnte ich einfach nicht schlafen. Irgendjemand schnarchte leise vor sich hin, als ich mich aus meinem Schlafsack schälte und Barfuss in die Küche tappte, um mir ein Glas Wasser einzuschenken.
      Draußen brach gerade die Morgendämmerung an. Na toll. Da konnte ich genauso gut wach bleiben, und dann die anderen wecken. Ich zog mir schnell meine Jacke über, schlüpfte in meine Winterstiefel und trat aus dem Haus. Dann lief ich zu der großen Koppel, auf der meine Pferde momentan untergebracht waren.
      Es war verdammt kalt und ich zitterte. Ich musste so schnell wie möglich einen guten Platz für meine geliebten Vierbeiner finden, denn sie konnten unmöglich den ganzen Winter hier draußen stehen. Klar, den Isländern und New Forests machte das nichts aus, doch ich machte mir sorgen, um meine Araber Money for Nothing, Sharley und Little Miss Sunshine, sowie um meine Englische Vollblutstute Far Cry. Die waren es einfach nicht gewöhnt bei dieser Kälte draußen zu stehen.
      Plötzlich klingelte mein Handy. Na hoppla. Wer rief mich denn da schon so früh morgens an?
      „Ja?“ Keine Antwort. „Hallo?!“ Es knackte in der Leitung.
      „Nur nicht so ungeduldig Schätzchen.“, antwortete dann eine verzerrte Stimme. Mich überlief sofort eine Gänsehaut.
      „Wer ist da?!“
      „Das werde ich DIR garantiert nicht sagen. Aber ich denke das kleine Feuer war schon mal ein schöner Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird, Liebes“
      Oh Gott. Das war irgendein Irrer, der sich einen Spaß daraus machte, mir mit diesem Vorfall Angst einzujagen.
      „Na klar. Glauben sie denn bitte, nur weil sie aus irgendeinem Boulevardblatt von dem Brand gehört haben, können sie mich jetzt irgendwie erpressen, oder was auch immer sie mit diesem Anruf bezwecken wollen?“
      Ich hörte wie mein ‚Gesprächspartner’ leise lachte: „Ja, ja so kenne ich dich. Frech, vorlaut und immer schön die Nase in Angelegenheiten halten, die dich überhaupt nichts angehen. Aber wenn du mir nicht glaubst, vielleicht kann ich dir ja dann beweisen, dass ich nicht nur IRGENDEIN Irrer bin. Wenn du wüsstest, wie sehr ich es genossen habe diesen schwarzen Bastard verbrennen zu lassen, würdest du mir sofort glauben.“
      Schwarzer Bastard`? Wen meinte er damit? Ich hatte nur vier schwarze Pferde im Stall stehen: Ojos Azules, aber den hatte ich direkt von Ivi.Kiwi bekommen, genau wie Dark Misery, Black Soul und….oh nein. Plötzlich wusste ich mit ganzer Sicherheit, wen ich hier am Telefon hatte. Denn mein letztes schwarzes Pferd war…Black Awareness! Ich hatte den schönen Oldenburgerhengst vor knapp einem Jahr vor einem absolut ekelhaften Tierquäler gerettet, der daraufhin dann ins Gefängnis gewandert war. Er hatte mir damals ewige Rache geschworen.
      Aber das konnte doch nicht sein? Die konnten ihn doch nach nur einem Jahr nicht schon wieder auf freien Fuß gelassen haben, oder doch???
      Ich atmete dreimal ganz tief durch und versuchte mich zu beruhigen.
      „Na also. Jetzt weißt du endlich, dass du dich einfach mit dem falschen angelegt hast, meine Liebe.“
      „Sie….sie Bastard!!! Wie konnten sie nur! Aber wissen sie was? Ihr Plan ist fehlgeschlagen! Black Awareness lebt und das wird die nächsten Jahre auch noch so bleiben!“
      Das Schweigen, dass nun folgte war einfach nur bedrohlich. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, bereute ich sie auch schon. Verdammt. Was, wenn er Black Awareness nun aufspürte und tötete? Und meine anderen verbliebenen Pferde vielleicht auch?
      Nein…das würde er nicht schaffen. Er konnte ja unmöglich wissen, dass alle Pferde auf die drei Höfe meiner Freundinnen verteilt waren…
      „Ich rate dir nur eins: Pass gut auf dich auf….“, damit wurde die Verbindung unterbrochen.
      Ich rannte so schnell ich konnte zurück ins Haus.
      Die anderen waren gerade aufgestanden und sahen mich völlig geschockt an, als ich kreidebleich und am ganzen Körper zitternd ins Haus stürzte.
      „Sammy! Alles okay bei dir? Was ist denn los? Ist was mit den Pferden?“, fragte Eddi sofort.
      Ich schüttelte nur den Kopf. Die ganze Eingangshalle begann sich zu drehen und ich sah Sternchen über mir aufblitzen. Nein. Ich durfte jetzt auf keinen Fall ohnmächtig werden. Wütend hielt ich mich am Treppengeländer fest. Die andern sahen mich immer noch fassungslos an. Ich konnte es ihnen nicht verdenken…
      Vorsichtig ließ ich das Treppengeländer los und wollte gerade ins Wohnzimmer laufen, um mich aufs Sofa zu setzten, als ich zusammenbrach.

      *****

      „Mein Gott, was war denn das?“ „Meint ihr wir müssen sie ins Krankenhaus bringen?“ „Nein, warte, ich glaube sie kommt wieder zu sich!“
      Benommen öffnete ich die Augen. Eddi, Flair und Blackfire sahen mich besorgt an. Ich setzte mich auf und sah Eddi’s ganzes Wohnzimmer verschwommen. Okay, das war zu schnell. Ich blinzelte ein paar Mal, bis alles wieder war, wie es sein sollte und blickte die anderen dann gehetzt an.
      „Eddi? Ich brauch dein Telefon schnell. Ich muss die Polizei anrufen!“
      Die drei sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Eddi, bitte!“, rief ich.
      Wortlos drehte sie sich um und holte mir ihr kabelloses Telefon. Hastig tippte ich die Nummer ein und wartete.
      „Guten Tag, Bundespolizei, wie kann ich ihnen helfen?“, meldete sich eine freundliche Stimme.
      „Hallo. Mein Name ist Sammy. Ihre Leute waren vor sechs Tagen auf meinem Gestüt. Dort gab es einen Brand. Kann ich bitte Kommissar Mayer sprechen?“
      „Ist es denn sehr dringend? Der Kommissar ist gerade in einer Besprechung.“, antwortete die Frau.
      „Ja. Es ist sogar viel mehr als nur dringend. Ich muss ihn unbedingt sofort sprechen“, drängte ich.
      „Gut, warten sie bitte kurz!“
      Es klickte in der Leitung und kurz darauf wurde ich verbunden.
      „Ja? Miss Sammy? Stimmt irgendetwas nicht?“
      „Guten Morgen, Herr Kommissar…ich habe heute Morgen einen Anruf erhalten, von…“, meine Freundinnen starrten mich erstaunt an, ich ignorierte sie. Ich würde ihnen alles erklären, sobald der Kommissar alles wusste. „Sie erinnern sich doch noch an den Fall mit dem Tierquäler, oder?“ „Der der ihnen ewige Rache schwor? Ja an den erinnere ich mich noch zu genau. Furchtbarer Kerl. Aber was hat das mit ihrem Anruf zu tun?“
      „Viel…Er hat mich heute Morgen angerufen und gesagt, ich zitiere: Das kleine Feuer war schon mal ein netter Vorgeschmack, auf das was noch kommen wird, Liebes. Ich habe ihn erst gar nicht erkannt, da er irgendso ein Gerät, dass Stimmen verzerrt benutzt hat, doch dann hat er gesagt, dass er so froh war, meinen schwarzen Bastard – damit meinte er 100% meinen Black Awareness- endlich getötet hat und dass…ich….mich in Acht nehmen soll…“
      Der Kommissar schwieg. „Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Mistkerl schon wieder entlassen wurde, doch so wie sie den Anruf schildern, ist eine Verwechslung ja so gut wie ausgeschlossen….ich werde sofort mal mit der Zentrale reden und sie bleiben so lange gefälligst unter Leuten, ja? Wenn wir ihn nicht bald finden, werden wir sie wohl verstecken müssen.“ „Verstecken? Und was ist mit meinen Pferden? Ich…Ich habe ihm gesagt, dass Breaking Dawn noch lebt..ich weiß das war saudumm, aber ich habe es nun mal getan…wer weiß was dieser Irre meinen überlebenden Pferden antun wird? Ich kann sie doch nicht schon wieder im Stich lassen!“ „Okay Sammy. Jetzt hören sie mir mal ganz genau zu: Sie nützen ihren Pferden kein bisschen, wenn sie tot sind! Also bleiben sie da wo sie sind, rufen sie ein paar Freunde an, gehen sie in die Stadt oder sonst wo hin, aber nicht alleine!“
      Na toll. Nach diesem Gespräch fühlte ich mich noch mieser. Was erwartete der von mir? Das ich meine Pferde einem irren Killer überließ und mich irgendwo ins Exil flüchtete? Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein.!!!
      Als ich die fragenden Blicke meiner drei Freundinnen auf mir spürte, fing ich leise an zu erzählen.
      Die ganze Geschichte, wie ich damals Black Awareness gefunden und gerettet hatte, wie sein damaliger Besitzer ins Gefängnis kam und mir Rache geschworen hatte und wie ich danach so schnell und so weit wie möglich von diesem Ort floh.
      Als ich geendet hatte, sagte keiner auch nur ein Wort. Schließlich begann Eddi leise: „Aber warum hast du uns das nie erzählt?“ Ich blickte zu Boden. Selbst mir kam mein Grund jetzt furchtbar dumm vor. „Ich wollte euch da nicht mit reinziehen….ich wusste, dass ihr euch dann Sorgen machen würdet und das wollte ich einfach nicht…aber jetzt hab ich alles nur noch schlimmer gemacht…“

      *****

      Die nächsten Tage lang passierte überhaupt nichts. Ich blieb bei Eddi zu Hause, immer Leute um mich herum.
      Der Kommissar hatte nochmals angerufen und gemeint, dass dieser Mistkerl von Tierquäler bereits seit einem halben Jahr wieder auf freiem Fuß war, Diagnose: geheilt.
      Ich schlief nun überhaupt nicht mehr und hatte den ganzen Tag lang Kopfschmerzen und Schwindelanfälle.
      Die anderen meinten, dass es vielleicht besser wäre, wieder ins Krankenhaus zu gehen, doch als ich daraufhin erwiderte, dass ich dem Killer da ja schutzlos ausgeliefert wäre, kamen sie nicht noch mal auf das Thema zu sprechen.
      Eines Tages geschah dann das, womit ich die ganze Zeit über gerechnet hatte. Ich lief mit Flair über die Koppeln, um nach meinen Pferden zu sehen. Black Awareness war nicht da.
      Fassungslos sah ich mich überall um, rief nach meinem geliebten Hengst.
      Wir hatten alle zusammen entschieden, Awareness nicht in einen Stall zu sperren, da er sich hier draußen viel besser wehren konnte. Ich konnte nicht mehr. Es war einfach alles zu viel.
      Noch bevor Flair reagieren konnte, hatte ich schon meinen geliebten Quarter Horsehengst Fantasy’s Fangano zu mir gepfiffen. Ich griff mich meinem gesunden Arm in seine Mähne und zog mich auf seinen bloßen Rücken.
      „Sammy!! Warte! Das kannst du nicht machen!“, rief Flair erschrocken.
      Ich sah sie nur an. An ihrem Blick erkannte ich, dass sie genau verstehen konnte, warum ich das tat, aber sie hatte Angst um mich. Schließlich wurde die Angst von Entschlossenheit abgelöst.
      „Okay. Aber dann lass mich wenigstens mitkommen. Zu zweit können wir mehr ausrichten, als alleine.“
      Ich nickte und sagte ihr, dass sie Perfect Heart meine Quarterstute reiten konnte. Nachdem Flair aufgesessen war ritten wir los, ich voraus, meinen Gefühlen folgend in den Wald hinein.
      Plötzlich hörten wir ein beinahe irres Lachen: „So du schwarzes Biest. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, er wird unglaublich stolz auf mich sein!“
      Alarmiert sah ich Flair an. Das war doch….Claudine!
      Ich parierte Fangano zum Schritt durch und leise näherten wir uns einer kleinen Lichtung. Black Awareness lag am Boden, die Augen aufgerissen, aber leblos.
      Ich war nicht mehr zu halten und galoppierte los – direkt auf Claudine zu. Diese schrie erschrocken auf und wollte an uns vorbei flüchten, doch Fangano war perfekt ausgebildet und hielt die Verräterin mühelos in Schach, während Flair die Polizei anrief.
      Höchstens fünf Minuten später stieg der Kommissar aus seinem Wagen und eine seiner Kolleginnen unterdrückte einen Aufschrei, als sie den toten Hengst am Boden liegen sah.
      Claudine wurde verhaftet.
      Fangano lief den ganzen Weg alleine zurück, ich hing einfach nur schluchzend auf seinem Rücken. Nun war auch noch mein Nachtschwarzer Oldenburgerhengst tot. Ich wollte nicht mehr. Ich hatte dieses trostlose Leben einfach satt.
      Wieder auf Hayes End angekommen, lief uns Eddi sofort besorgt entgegen.
      „Wisst ihr eigentlich, wie viel Angst ich um euch hatte?!“
      Ich rutschte von Fangano’s Rücken herunter und überließ es Flair, Eddi die ganze Sache zu erzählen.
      Wir lobten die Pferde und gingen dann ins Haus, wo Eddi uns allen Tee kochte.
      Ich stand total neben mir. Redete nichts. Aß nichts. Ich saß einfach nur da und starrte ins leere. Als ich die besorgten Blicke der anderen irgendwann nicht mehr aushielt, verzog ich mich in mein Zimmer, warf mich aufs Bett und wartete auf die Tränen. Doch sie kamen nicht. Stattdessen spürte ich unbändige Wut in mir aufsteigen. Auf Claudine, auf diesen Mann und vor allem auf mich selbst. Hatte ich mir nicht geschworen meine Pferde zu beschützen? Nun hatte ich schon zweimal versagt und anstatt meinen verbliebenen Pferden zu einem schönen leben zu verhelfen, saß ich rum und bemitleidete mich!
      Ich schüttelte den Kopf und stand auf. Unten klingelte das Telefon. Als ich gerade die Treppe runterkam, kam Eddi mir lächelnd entgegen. „Das war der Kommissar. Claudine hat ausgesagt und sie haben den Killer schon wieder eingefangen. Wies aussieht sitzt er diesmal Lebenslänglich wegen vorsätzlicher Brandstiftung.“
      Endlich. Endlich war dieser Mistkerl wieder da wo er hingehörte.
      Und ich hatte meinen Lebenswillen wieder gefunden. Sofort setzte ich mich an meinen PC und stellte eine Liste auf, welche Pferde ich behalten und für welche ich ein schönes Zu Hause finden würde….
      Sammy war wieder da!​
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  • Album:
    12) Friedhof
    Hochgeladen von:
    Sammy
    Datum:
    4 März 2010
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