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Mohikanerin

Nachtzug nach Stokkholm LDS [4/20]

a.d. Nachtschatten, v. Architekkt _zw105

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Nachtzug nach Stokkholm LDS [4/20]
Mohikanerin, 30 Okt. 2022
Wolfszeit und sadasha gefällt das.
    • Mohikanerin
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      påslag | 9. Dezember 2021

      WHC’ Griechischer Wein // Fahrenheit LDS // Blávör // Bree // Nachtschatten // Lotti Boulevard // Nachtzug nach Stokkholm LDS // Moonshine LDS // Liv efter Detta LDS // Willa // Krít // Þögn // Saints Row // CHH' Death Sentence // Yumyulakk LDS // Anthrax Survivor LDS // Heldentum LDS // Snotra // Ruvik // Moonwalker LDS // Planetenfrost LDS // Spök von Atomic // Skrúður // Krít // Hawking von Atomic // Voodoozirkus // Glanni frá glæsileika eyjarinnar // Kempa // Snúra

      Tyrell
      Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrat ich das Büro, in dem Harlen innerhalb kürzester Zeit nicht nur alles digitalisierte, sondern auch sortierte und an den richtigen Platz stellte. Froh darüber, nun mich auch wieder mehr den Pferden widmen zu können, standen zuvor noch andere Dinge auf dem Plan. Dafür schaltete ich den Mac an und setzte mich vor den hell leuchtenden Bildschirm, der mir vor Augen führte, mal wieder die Brille putzen zu müssen. Aber auch die glänzende Oberfläche des Monitors verlangte nach einem Tuch. Seufzend erhob ich mich aus dem Stuhl, dabei knarrte das Holz unter den Rollen. In der obersten Schublade des Apothekerschranks befand sich neben den Brillenputztüchern auch ein Mikrofasertuch, mit dem ich kürzester Zeit die Fettflecken entfernen konnte.
      Nach dem Durchgehen des diesjährigen Zuchtplans, den Anmeldungen für Fohlenprüfung und Kontrolle der nächtlichen Videoaufnahmen, öffnete ich mein Mailfach. Direkt als erste Nachricht funkelte mich der Betreff ‘Winnie ist soweit’ an. Freudig klickte ich einmal zu oft auf die Überschrift, wodurch sie umgehend das nächste Fenster anbahnte, um eine Antwort zu verfassen. “Nein, Computer”, flüsterte ich meinen Rollkragen herein, schob die Maus von links nach rechts, um den Text zu lesen.
      Fast zwei Jahre stand mein Hengst im Beritt auf einem renommierten Sporthof in Deutschland, wurde dort deutlich besser behandelt als Fahri, um erfolgreich in der Dressur vorgestellt zu werden. Leider blieben die Starts aus, denn die ständigen Probleme mit seinen kanadischen Papieren, hing uns allen aus dem Hals heraus. Die Abreise aus Deutschland war eingerichtet worden, somit blieb mir nur noch die Anmeldung am Flughafen in Stockholm. Unkonzentriert schweifte mein Blick in unregelmäßigen Abständen nach links, hinaus aus dem Fenster. Vriska ritt am langen Zügel auf dem ersten Hufschlag auf Blávör. Das Pony trat aufmerksam durch den Sand, bemühte sich den Kräften der Natur entgegenzustemmen. Links den Schenkel mehr ran, dachte ich im Stillen, wusste aber, dass mich die Mail mehr brauchten als sie mich. Ich seufzte und klickte weiter.
      Auch von Fahri gab es ein Update. Noch immer war mein Freund daran, das Pferd von den Niederlanden nach Schweden zu bekommen, aber im Bereich des rechtlichen gab es noch Schwierigkeiten, die vorher gelöst werden mussten. So verhalte Fahrenheit weiterhin auf seinem kleinen Hof nahe der Hauptstadt. An Gewicht hatte er zugenommen, sah schon zufriedener aus, in der Mähne jedoch hing noch immer ein großer Klumpen aus Kletten und Dreck. Das konnte ich nicht. Schnell klickte ich die Bilder weg und formulierte eine rasche Antwort.
      Knarrend öffnete sich die Tür.
      “Hast du es schon gesehen?”, fragte Harlen freundlich und lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. Ich musterte sein Gesicht, überlegte, was er meinte, ehe ich mit dem Kopf schüttelte.
      “Was meinst du genau?”, drückte ich verwundert die Augenbrauen zusammen, ließ mich gemütlich in die Rückenlehne des Stuhles sinken und verschränkte die Arme. Harlen lachte. Dann setzte er sich in Bewegung, stützte sich auf der Tischplatte ab.
      “Dann schau doch mal in den Ordner Wichtig”, wedelte er mit dem Finger vor dem Monitor herum. Ich richtete mich wieder auf und klickte auf das blaue Symbol auf der linken Seite. Da stand es. In großen Buchstaben im Betreff bekamen wir den Zuschlag für die Weltreiterspiele, anbei sogar die Baugenehmigung und erste Entwürfe für den Ausbau. Eine vollkommen neue Welt eröffnete sich in meinen Gedanken, noch bevor ich mir überhaupt die PDF ansah. Ich konnte sehen, wie Menschenmassen über das Gelände liefen, hocherfreut die Pferde betrachteten und überall kleine Foodtrucks standen, an denen sie sich reihten. Währenddessen duellierte sich die Reiterelite auf dem Platz, zeigten, wofür sie so lange geübt hatten. In den Stallungen würde gelacht und geweint. Abenteuerlust lag in der Luft und in meinen Augen strahlten die Kronen, die wir mit den ganzen neuen Einstellern verdienen würden.
      “Klick doch endlich an”, sagte Harlen aufgeregt. Mit der Maus führte ich den Zeiger auf den Anhang. Noch prachtvoller strahlten die Entwürfe auf dem Bildschirm. Das Lindö Dalen bekam eine ganz neue Wirkung, auch, weil Vieles umgebaut werden müsste. Die Wohnungen wurden dem Erdboden gleichgemacht, um Platz zu schaffen, für das Hauptstation mit einem riesigen Reitplatz, auf dem alle Disziplinen ausgetragen werden könnten. Darum entstanden ein Café und Restaurant, ein großer Vorplatz mit verschiedenen Ständen und alles wirkte so festlich. Ich erkannte unseren Hof gar nicht mehr wieder. Der kleine Reitplatz an der Reithalle wurde vergrößert und mit einem Weg ausgestattet, der direkt ins Innere der Arena führte. Die Tribünen lagen höher, sodass der Hauptplatz wie ein Gladiatorschauplatz anmutete. Mir gefiel die Idee, auch, dass der Zaun um das Gestüt durch eine Mauer ersetzt werden würde, mit einem automatischen Tor. Zur rechten gab es ein Camping Areal, dass auch außerhalb von Turnieren seinen Sinn haben würde. Anlegt an einem Schwimmteich, würden kleine Hütten gebaut werden, die vom Design noch in einer Ausschreibungsphase waren. Jeder bekam die Chance seine Ideen miteinfließen zu lassen, um eine möglichst kreative Vielfalt zu haben. Ich konnte nicht weitersehen, zu sehr zitterte meine Hand vor Freude.
      “Kaum zu glauben, dass das die Wirklichkeit werden würde”, freute ich mich und sah mit glasigen Augen zu Harlen.
      “Ich habe doch gesagt, wir schaffen das”, grinste dieser und sah selbst durch. Vom Stuhl erhob ich mich, um frische Luft zu schnappen.
      “Willst du nicht mit kommen zu den Pferden? Wird Zeit, dass du dich auch mal in den Sattel schwingst”, versuchte ich ihn zu überzeugen.
      “Nein, wie die letzten Tage auch schon”, lachte er mit einer abwinkenden Bewegung.
      “Dann nicht”, gluckste ich, “im Drucker liegt noch eine zweifache Ausführung eines Arbeitsvertrags. Muss nur noch unterschrieben werden, um 15 Uhr kommt die Dame.”
      Harlen nickte und ich schloss hinter mir die Tür.
      Folke traf sich mit seiner Freundin, somit war für mich die tägliche Weidekontrolle auf dem Tagesplan. Aus dem Flur zog ich mir die olivgrüne Fleecejacke und eine schwarze Weste, mit dem Logo des Stalls drauf, an. Schon in der Halle wehte ein kühler Wind hindurch, der mich erahnen ließ, wie kalt es wohl draußen sein würde. Die letzten Zentimeter am Kragen schloss ich ebenfalls noch und startete den kleinen Wagen, der einzig allein dafür gekauft wurde, um die Strecke zu weit draußen liegenden Weiden nicht laufen zu müssen.
      Die Stuten mit ihren Fohlen grasten friedlich. Brees Tochter hatte als Erstes einen Liebhaber gefunden aus Kanada und Breia würde in ungefähr einem Monat ihre Reise antreten, doch davon wussten beide Pferde noch nichts. Das Fohlen der Schwarzen, Stokki, fand man immer häufiger im Kontakt mit den anderen Jungpferden. Am liebsten stand sie bei Moonshine, die bis heute jeden Tag versuchte eine Schwachstelle im Zaun zu entdecken, und Liv. Lotti sowie die drei Isländerstuten und Saint von meinem Bruder erstrahlten in bester Gesundheit mit ihren Nachkommen.
      Unter meinen Gummistiefeln knirschte der feuchte Boden als ich zurück zum Tor lief. Ich senkte meinen Blick zur Seite, um den Wasserstand des Trogs zu prüfen. Für den Tag würde die Menge ausreichen, besonders bei den niedrigen Temperaturen reichte die Fechte des Grass. Mit wenigen Schritten saß ich wieder auf den Fahrersitz und fuhr den Weg an der Stutenweide entlang, um an das andere Ende zu gelangen, an dem die Hengste standen. Schon aus der Ferne sah ich Death mit Yu spielen. Je näher ich kam, umso mehr spürte ich die Vibration des Bodens, der unter den Hufen der Pferde bebte. Als sie mich auch entdeckten, stellten sich die Ohren neugierig auf und in einem taktklaren Tölt kamen die Junghengste zum Zaun. Nacheinander streckten sie mir ihren Kopf entgegen, nur Heldentum stand fernab der Gruppe, sah dennoch interessiert zu mir. In einer fließenden Bewegung drückte ich mich durch den Zaun und lief langsam auf ihm zu. Die anderen Hengste folgten mir vertraut, sorgten jedoch dafür, dass er wieder zur Flucht ansetzte mit leicht nach hinten gedrehten Ohren. Mit wedelnden Armen scheuchte ich die Herde hinter meinem Rücken, die sich sofort auf der Grünfläche verteilten und mir meinen Freiraum ließen.
      Schnalzend knallte meine Zunge am Zahnfleisch, wodurch wippte Held mit den Ohren und in seinen Augen funkelte die Neugier. Ein Schritt kam er näher, doch trat zwei weitere wieder zurück. Alle Versuche ihn zu mir zu locken, scheitern. So legte ich den Rückweg ein, kam dabei an Vriska vorbei, die mit Snotra eine Runde durch den Wald und in dem Augenblick auf ihrer Lieblingsstrecke töltete. Kurz dachte ich darüber nach, dass dort in spätestens einem Jahr ein großes Vereinshaus wäre, dass mit zur neuen Rennbahn gehören würde. Ehe ich mich in dem Gedanken verlor, sah ich Ruvik wie gewohnt an seinem Zaun stehen, die Ohren angelegt und mit seinem Vorderhuf scharrte er verärgert den Boden auf. Ein Pfiff und der Hengste streckte den Hals nach oben, sein Mähnenkamm wackelte, vermittelte mir umgehend, dass er dringend eine Beschäftigung benötigte, die ihm jedoch niemand geben konnte. Bis auf mir, griff das Tier jeden an, der versuchte einen Strick an sein Halfter zu hängen. Deswegen stand er nur auf der Weide, die mittlerweile wie ein Paddock daherkam.
      Nach einem Blick auf die Uhr wusste ich, dass noch genug Zeit sein würde, um mit Walkers Ausbildung fortzufahren. Den kleinen Wagen stellte ich auf seinem Platz in der Halle ab und lief die donnernd die Holzstufen hinauf zur Tribüne, um von dort in die Hütte mit der Sattelkammer zu gelangen. Vom Haken nahm ich ein Halfter ab, dass um den großen Kopf passen sollte. Schon auf dem Paddock strahlten die verbleibenden, hellen Stellen hervor, zwischen all den dunklen Pferden. Durch das Gitter stieg ich hinein. Der Sand war fest, noch von dem nächtlichen Frost. An der Sohle drückte sich die ungleichmäßige Struktur des Bodens an meinen Fuß, sogar für Stücke schmerzhaft. Während sich Plano umgehend an meine Fersen heftete, beäugte mich Walker eher kritisch. Er erhob seinen Hals und drückte den Kopf ein Stück zurück, aber ich schweifte das Halfter über die gespitzten Ohren. Entspannt prustete er die Luft durch seine Nüstern, folgte mir widerstandslos vom Paddock in die Halle. Dort ritt Bruce auf dem Platz mit Skrú, seinen Rappschecken.
      “Läuft gut mit ihm?”, fragte ich beim Putzen, als er ihn zurück in den Schritt holte.
      “Ja, sehr gut, aber ich werde ihn verkaufen”, seufzte mein Bruder, klang jedoch entschlossen.
      “Warum?”, hackte ich nach.
      “Mittlerweile habe ich so viele Hengste und für ihn bleiben die Anfragen aus zum Decken, deswegen hat sich eine Interessentin aus Polen bei mir gemeldet, die ihn übernehmen würde”, erzählte er ununterbrochen. Verständlich, dass Bruce nicht wieder in die Sammelleidenschaft unserer Familie eintreten wollte.
      “Außerdem habe ich Spök, die nur darauf wartet angeritten zu werden. Ich habe gestern das erste Mal mit ihr gearbeitet. Ein tolles Pferd, so freundlich und wie ihre Mutter, einfach ein Goldstück”, schwärmte er über eins der Skrú Nachkommen.
      “Verstehe, die hast du aus Krít gezogen, oder irre ich mich?”
      “Genau, der Schimmelstute. Deswegen sind meine Hoffnung groß, dass ich nächstes Jahr schon eine Futurity reiten könnte”, grinste er breit. Dann klingelte das Handy, womit unser Gespräch endete. Sofort nahm mein Bruder ab, während ich Walker mehr oder weniger geputzt hatte. Aus der Sattelkammer nahm ich den hellbraunen Bliss Sattel, ein Lammfellpad und die grüne Schabracke, als Zaum würde er heute das erste Mal in den Genuss kommen mit vier Zügel geführt zu werden. Dafür suchte ich das am besten passenden Kappzaum heraus mit einem Baucher Gebiss, ehe ich ihm alles umlegte mit einer Trainingsdecke über dem Po. So führte ich den Hengst zu Führanlage, damit er die ersten zehn Minuten sich aufwärmen könnte. Interessiert betrachtete ich ihn, überlegte jedoch, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte, bis er warm war. Dafür lief ich zum Stutenpaddock und prüfte den Zustand der Mutterstute, die viel zu früh ihr erstes Fohlen bekam. Mill floh in einer stürmischen Nacht von der Weide und am nächsten Tag fand ich sie eng umschlungen mit Vintage auf der Zuchtweide. Damit war das Schicksal besiegelt. Der Tierarzt riet davon ab, das Fohlen durch Hormone zu entfernen, denn damit war das Risiko sehr hoch, dass sie die nächsten Jahre nicht aufnehmen würde. “In der Natur kommt das auch vor”, sagte er damals. Jetzt tobt das feuerrote Fuchsfohlen glücklich über den Paddock und beide Tiere sind wohlauf.
      Aus dem Hintergrund ertönte das leise Piepen der Führanlage. Mit einem streichen über die Nüstern der gescheckten Rappstute lief zurück und führte Walker aus der Anlage heraus. Seine Nüstern waren weit aufgebläht. Schon als sein Huf den hellen Sand vor der Halle, bäumte sich der Hengst auf, in ihm weckte sich neue Energie, die sich über das Fell noch verstärkte. Nach dem Festziehen des Gurtes, schwang ich mich in den Sattel, um weitere Runden im Schritt zu drehen. Für den Anfang übernahm ich die Zügelführung am Kappzaum, damit er sich an diese neue Art des Reitens gewöhnen konnte. Er kannte natürlich den Zaum schon von der Bodenarbeit der letzten Wochen, senkte seinen Kopf bei Kontakt am Nasenrücken und kaute ab. Auch in seinem Genick löste sich etwas.
      Doch nach einigen Runden filterte sich heraus, dass Walker übermäßig sein Gewicht auf die äußere Schulter legte und damit versuchte, seine Gleichgewichtsprobleme auszurangieren. Mit einem sanften Bügeltritt auf der Innenseite verlängerte die Stützphase minimal, je öfter ich es wiederholte, umso sicherer kam der junge Hengst aus der Überbelastung heraus und richtete sich mehr zur Körpermitte. Lobend strich ich ihm über den Hals und setzt auch auf der anderen Hand an das Problem an, so gelang es uns auch im Trab besser, die Balance zu finden. Walker spitze die Ohren, hörte bei jeder kleinen Hilfe genau zu und gab sein Bestes, diese auch umzusetzen. Ich hingegen achtete darauf, die Linienführung sauber zu reiten, damit ich mögliche Schwachpunkte an ihm und mit entdeckte. Im Schritt zeigten sich die einfachsten Bahnfiguren als eine Leichtigkeit, doch sobald ich in den Leichttrab wechselte, kam in Biegungen der Pass durch. Den Moment nutzte ich mit einem Bügeltritt das Gewicht zu verlagern und ihm den richtigen Weg zu weisen. Nachdem er zum wiederholten Male beim Abwenden keinen Pass zeigte, holte ich ihn zurück in den Schritt und ritt ihn ab. Zumindest einige Runden, denn dann kam Walker wieder in die Führanlage für zwanzig Minuten und ich holte mir aus der Hütte einen frisch gebrühten Kaffee.

      Jonina
      Mit einem festen Stoß in die Seite, kam ich ins Wanken, zog den Strick erschrocken hoch und Hawking richtete sich erhobenen Hauptes rückwärts. Dem jungen Hengst fehlte es an vielen – vorrangig Respekt. Immer wieder versuchte er in meinen Raum einzudringen oder sich ungeniert an mir vorbeizutrampeln. Hawking lernte schnell, wollte aber nicht sein Wissen einsetzen, lieber mit dem Kopf durch die Wand, dabei befanden wir uns nur auf dem Weg von der Weide zum Stall. Menschen, die nicht einmal grüßten, kamen mir entgegen auf ihren Pferden und auch Fußgänger mit Hund. Im Wechsel durfte ich für einige Meter verschnaufen, ehe der Hengst sich wieder gegen den Strick lehnte und versuchte der Unterordnungsübung zu entringen. Auf mich hatten diese Spielchen keine Wirkung, nein, stattdessen setzte ich mich durch und bot ihm das nötige Durchhaltevermögen. Kurz vor der Ankunft auf dem Paddock strich dem jungen Hengst über den Hals. An meinem Handschuh klebten sofort viele helle Haare, die ich nur an meiner Hose abwischte. Hawking schnaubte zufrieden ab und durfte seine neuen Genossen kennenlernen.
      Voodoo stürzte sich direkt auf das junge Pferde, in dem er seinen Po gegen seinen drückte und mit einem lauten Quietschen, die Rangordnung klarstellte. Doch der Junge wusste sich zu wehren und trat ebenfalls kräftig zu. Für eine Weile beobachtete ich die ausgefallene Streiterei, die sich schnell legte. In wenigen Minuten würde die Festanstellung auf mich warten, damit verbunden, dass Glanni endlich umziehen konnte. Ich würde ihn besser in den Arbeitsalltag einbauen können, wenn er direkt auf dem Lindö Dalen Stuteri stand, aber auch müsste ich die ganzen eingeschnappten Zicken nicht mehr sehen. Wie die kleine Milena, die mit ihrer Stute Kempa und Snúra nichts besseres Zutun hatte, als sehr dicht an meinem Hengst vorbeizureiten und sich dann zu beschweren, dass er leise brummte. Vor Augen sah ich schon, die ich den Wald eroberte mit dem Fuchs, neue Wege entdeckte und auf der Trainingsbahn Gas geben könnte. Außerdem erwog Bruce zwei seiner Stuten im nächsten Jahr von ihm deckenzulassen, was mir zusätzlich ein kleines Taschengeld einhandeln würde. Ja, der Hof war geradezu perfekt für uns beide und die gemeinsame Entwicklung, fehlte nur noch der Vertrag.
      Ich hatte mich so sehr in meinem Konstrukt aus Gedanken verloren, dass ich fast den Termin im Büro vergessen hatte. Aus Erzählungen wusste ich schon, dass Tyrell sehr streng sein kann, wenn man zu spät. Also joggte ich so schnell es mir möglich war durch den Kies. Kleine Steine flogen zur linken und rechten Seite, kamen einem Knirschen wieder auf dem Boden auf. Dann stand ich vor den hölzernen Treppen, wohl möglich eins der ersten Male wirklich nervös. Schweiß lief mir am Rücken herunter und auch an der Stirn. Mit dem Ärmel meines Fleece Pullover wischte ich mir durchs Gesicht und lief den stillen und wirklich grauen erweckenden Flur entlang, stoppte vor der milchigen Glastür. Mein Herz schlug so stark, dass ich das Gefühl bekam, es würde jedem Moment aufhören zu schlagen. Die Haut zog kräftig an meiner Brust, versuchte mit allen Mitteln den Muskel an seiner Stelle zu behalten. Langsam hob ich die Hand und atmete noch einmal tief durch.
      “Herein”, sprach eine mir sehr wohlbekannte Stimme. Erschrocken drückte ich so sehr die Klinke herunter, dass ich nur so hineinstolperte und die Tür gegen die Wand schepperte. Das Glas blieb glücklicherweise intakt.
      “Mit dir habe ich nicht gerechnet”, versuchte ich meine Nervosität zu überspielen, in dem ich meine Hände in der Hosentasche versteckte.
      “Ich ehrlich gesagt auch nicht”, zuckte Harlen mit den Schultern und holte aus dem Drucker zwei mehrseitige Bögen heraus, legte sie auf die Ecke des Tisches zusammen mit einem Kugelschreiber. Leicht berührten sich unsere Hände. Ich schrak zurück und schnappte nach Luft. Er zog seine Braue nach oben. Durch das Fenster sah ich eine blonde Dame, die ziemlich große Ähnlichkeiten mit dem Herrn neben mir hatte.
      “Das ist dann wohl deine Schwester?”, fragte ich zynisch und überlegte noch, ob ich wirklich meine Unterschrift auf den Zettel setzten würde. Meine Hoffnung, auf den nahezu perfekten Arbeitsplatz verflog im Winde, als ich seine Stimme erhörte und sofort wusste, was Sache war.
      “Ja, hast du ein Problem damit?”, blieb er höflich und zeigte erneut mit seinem Finger auf die Linie, auf der ich mein Autogramm setzen sollte. Doch warf den Stift auf den Tisch. Meine Arme verschränkten sich und mit meinem Po lehnte ich mich an der Kante an.
      “Allerdings. Was ich von der weiß, reicht mir, um zu wissen, dass es keine gute Idee ist. Zudem”, ich stoppte, ringe verzweifelt nach Luft. Seine Finger kamen mir bedrohlich nah, steckten eine lose Strähne hinter mein Ohr. Auf seinen Lippen lag das Lächeln so weich, dass ich am liebsten die Zeit zurückdrehen wollte.
      “Harlen”, stammelte ich, “das kann so nicht weitergehen. Es belastet mich schon, vor meinem Bruder Stillschweigen zu bewahren, aber jetzt auch noch bei der Arbeit? Wie stellst du dir das bitte vor?”
      “Jo, ich zwinge dich zu gar nichts, du kannst es frei entscheiden. Mir ist es nicht unangenehm, meiner Schwester gegenüber, außerdem”, ehe er den Satz beenden konnte, unterbrach ich ihn.
      “Die hängt echt viel mit meinem Bruder herum, also nein, auf gar keinen Fall”, wehrte ich mich weiter. Ja, ich wollte keine Gefühle für ihn haben, schon allein, weil Eskil äußerst interessiert an Harlen war. Er selbst hatte auf den Kneipentouren ebenfalls entdeckt, dass Männer ziemlich anziehende Wirkungen hatten, dennoch fanden wir einander in einer schicksalsvollen Nacht in meinem Bett wieder. Seitdem verspürte ich mehr. Es war für mich eher ein Hobby geworden, jemanden kennenzulernen und nur wenige Wochen später jemand anderen zu haben. Dabei bezog es sich lediglich auf das kennenlernen, doch mit ihm kam es schon in der ersten Nacht einen Schritt weiter. Der Alkohol wird seine Wirkung entfacht haben und die tollen Gespräche bei uns im Garten wohl auch.
      “Mir ist es egal, aber nimm’ den Job an, mehr kann dir nicht empfehle”, sagte Harlen gutmütig, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich zurück an den Schreibtisch. Wie hypnotisiert blickte ich hinab auf das Blatt, er hatte recht. Eine bessere Chance gab es nicht.

      © Mohikanerin // 21.027 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
      Fohlenbericht eins von sieben.
    • Mohikanerin
      Kein Anschluss unter dieser Nummer | 07. März 2022

      Iridium / Spooky Gun For Mister Einstein / Friedensstifter / Fly me to the Moon / Middle Ages / Kölski von Atomic / Blávör / Hawking von Atomic / Skrúður / Milska / Litfari / Kría von Atomic / Halldór von Atomic / Mondlandung LDS / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Rainbeth / Schleudergang LDS


      Ein schlechtes und fast erdrückendes Gefühl thronte in meinem Bauch, als hätte es die Macht übernommen von meinem Körper. Es lähmte mich. Obwohl das Gestüt von meinem Bruder so viel mehr Möglichkeiten bot als das kleine Grundstück bei Stockholm, kam ich nicht voran. Schon vor Wochen wollte sich Ilja zurückmelden, wann er endlich mit seinen beiden Pferden in Schweden ankommen würde, doch er wirkte wie verschollen. Ein Grund mehr, wieso ich stundenlang nachdachte, was mit ihm sein könnte. Gab es Probleme mit der Einreise von Einstein oder Iridium?
      Wie jeden Tag kurz nach Zehn Uhr saß ich in dem Nebenraum zur Sattelkammer, trank meinen Tee und starrte durch das Fenster zum Hof. Von hieraus konnte man die Paddocks der Pferde sehen. Fried und Flyma knabberten gegenseitig an ihren Decken herum, während Middy in aller Seelenruhe danebenstand. Ihr Fohlen war abgesetzt worden. Nur noch Kölski schwirrte ihr um die Beine, der immer größer wurde.
      “Bruce, kommst du mit?”, betrat Jonina den Raum, in der Hand, ein Hufeisen. Sie legte es auf der Kommode ab und verblieb dort.
      “Klar, wieso nicht”, lächelte ich und erhob mich aus dem weichen Stuhl, “wer ist schon wieder Schuhlos?”
      “Blávör. Zumindest fehlte ihr eins”, erklärte sie. Zusammen verschwanden wir in der Sattelkammer.
      “Ich nehme Hawking heute mit. Wer muss denn heute noch?”
      “Du kannst Skrú nehmen, der hat sehr traurig aus der Box herausgeschaut, als ich mit Milska in die Halle gegangen bin”, scherzte Jonina.
      Wie gesagt, holten wir unsere Pferde, sie entschied sich für Litfari. Im Stall entfernten wir den getrockneten Matsch aus dem Fell, insbesondere den Beinen. Für die Tiere war das Wetter perfekt – Etwas feucht, kühl aber nicht kalt. Für meinen Geschmack könnten es fünfzehn Grad mehr sein. Wir sattelten die Pferde und ritten zum Wald. Jonina wollte gern die Jungpferde sehen. Also legte ich die Runde so fest, dass wir zwischen den Weiden hindurchkamen. Von allen Seiten strömten die Heranwachsenden zum Zaun. Kría und Halldór waren noch immer da. Mola, Tyrells Sonderlackierung klammerte sich an der Isländerstute, dicht gefolgt von Stokki. Alle wirkten fit, sie schnaubten, wieherten und spielten. Auch Hawking begrüßte interessiert seine Freunde, bei denen er noch vor zwei Wochen sein Leben verbracht hatte. Doch der Hengst wurde langsam groß und wollte unter den Sattel. Deshalb nahm ich ihn immer wieder als Handpferd mit, während Jonina mit der Bodenarbeit begann. Unsere Aufgabenteilung war klar und immer besser fasten die Zacken der Zahnräder ineinander, um die Abläufe fließender zu haben.
      Zurück am Hof kam mir Lina mit Betty entgegen, wohl auch auf dem Weg zum Wald. Auf dem Platz ritt Tyrell auf Schlendrine, die noch immer ihre Beine nicht sortiert bekam.
      “Was will der eigentlich mit der?”, flüsterte Jonina mir zu und zeigte dabei auf besagt Stute mit den Punkten auf dem Po.
      Ich wusste es nicht.
      “Wer weiß das schon. Ist nicht das einzige Pferd hier, bei dem die Notwendigkeit fraglich ist.”

      © Mohikanerin // Bruce Earle // 2990 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Oktober 2020}
      Fohlenbericht zwei von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel sjutton | 22. Mai 2022

      Enigma LDS / Millennial LDS / Northumbria / Lubumbashi / Maxou / Götterdämmerung LDS
      Ours de Peluche LDS / Spök von Atomic / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Kría von Atomic / Yumyulakk LDS / Halldór von Atomic / Vandal LDS / Arktikkfrost LDS / Anthrax Survivor LDS / Liv efter Detta LDS / CHH' Death Sentence / Kempa / tc Herkir / Skrúður / Nachtschatten / Lotti Boulevard / Krít / Magnus von Störtal / Avenue Shopper LDS

      Es könnte acht Uhr gewesen sein, als ich spürte, nicht mehr zu zweit im Bett zu liegen, oder auch nicht. Nur Trymr lag auf dem letzten Stück der Decke am Fußende. Kurz blickte ich das Tier an. Sein Schwanz wippte auf dem Stoff, verstummte jedoch, als ich mich zur anderen Seite drehte.
      Auf jeden Fall fiel irgendwann die Tür ins Schloss und später öffnete sie sich wieder. Hundepfoten auf dem Holzfußboden ertönten, abermals schlief ich ein. Erst, als Erik das Zimmer betrat, um mich zu wecken, entschied ich, dem auch nachzukommen. Obwohl ich so oft wach wurde, fühlte ich mich ungewöhnlich gut ausgeschlafen.
      “Dornröschen ist erwacht und das ganz ohne meine Hilfe”, drückte er sanft seine Lippen auf meine Stirn und strich die kleinen Haarsträhnen aus meiner Sicht.
      „Du bist also mein Prinz?“, zog ich ihm am Hemd näher an mich heran. Intensiv kitzelte der Geruch seines Aftershaves meine Nase, so stark, dass ich nieste und damit, die Hände vom halbdurchsichtigen Stoff löste. Er richtete sich an der Bettkante wieder auf.
      „Komm, Lina wartet schon“, lächelte Erik und zog mir die Decke weg. Kalte Luft huschte über meine Stoppeln an den Beinen, die sich aufstellten und jeden noch so kleine Stelle an meinem Körper übernahmen. Netterweise reicht er mir eine herumliegende Jogginghose. Dann lief er vor und folgte.
      Auf dem Küchentisch standen drei Teller, mit unterschiedlichen Tassen. Sofort vernahm ich den Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, das musste wohl meiner sein.
      „Godmorgon“, trällerte ich.
      Lina hatte offenbar auch zu tief ins Glas geschaut. Sie klammerte sich an ihrer Teetasse und sah mit zusammengekniffenen Augen zu mir hoch.
      “Morgen”, murmelte sie und gähnte herzhaft. Ungewöhnlich, in der Regel war sie diejenige, die am Morgen vor Energie und Tatendrang sprühte. Lag es daran, dass Samu heute ebenfalls nicht da sein würde? Ich schmunzelte bei dem Gedanken und setzte mich dann neben sie. Erik stand an der Arbeitsfläche der Küche und rührte einen Teig zusammen. Den Zutaten nach könnten es Waffeln werden, oder Pfannkuchen. Anstelle von Kuhmilch stand eine beige Packung von Oatly neben der Schüssel. Im Hals spürte ich, wie mein Herz pochte und kleine Luftsprünge machte - er hatte wirklich an mich gedacht.
      „Du weißt, welches Thema nun an der Reihe ist?“, kam ich ohne große Umschweife zum Punkt.
      “Echt, weiß ich das?”, stellte sie sich doof und nahm in aller Seelenruhe einen Schluck aus ihrer dampfenden Tasse.
      “Jahaa, natürlich weißt du das!”, blieb ich beharrlich und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. Allerdings blieb die Brünette davon vollkommen unbeeindruckt, pflückte stattdessen den Welpen vom Fußboden, der hungrig um ihre Füße strich.
      “Hast du gehört kleiner Mann, Vriska sag, ich konnte Gedankenlesen”, grinste sie das Tier an, welches ihr daraufhin nur freudig durchs Gesicht leckte.
      “Liniiii, jetzt sag schon, was hast du mit Niklas im Keller gemacht?”, drängte ich weiter und rückte ihr noch mehr auf die Pelle. Das Fellbündel auf ihrem Schoß schien das Gruppenkuscheln super zu finden, den sein Schwanz begann, in einem hektischen Rhythmus zu schwingen.
      “Hast du gerade Lini gesagt?”, blickte sie mich stirnrunzelnd von dem Welpen auf. Nicht die gewünschte Reaktion, aber immerhin hatte ich wieder ihre Aufmerksamkeit. Ich nickte bestätigend.
      “Tu das bitte nie wieder, das klingt ja schrecklich”, entgegnete sie mit deutlicher Abscheu.
      “Jetzt lenke nicht vom Thema ab”, hängte ich mich quengelnd auf ihre Schulter.
      “Naaa gut, du willst also den Verlauf meines geistigen Abends wissen?”, fragte sie noch einmal mit einem verschmitzten Grinsen. Ich nickte eifrig.
      “Und wie viel willst du wissen?”, spannte sie mich weiter auf die Folter.
      “Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund.
      “Sorry, mit allen Details kann ich nicht dienen, die Erinnerung ist etwas … Lückenhaft”, entgegnete sie, als wolle, sie mir glich den Wind aus den Segeln nehmen.
      “Egal, erst mal das wichtigste hab ihr?”, grinste ich verschmitzt. Eine intensive Röte trat auf Linas Wangen doch, sie nickte mit einem leuchten in den Augen.
      “Und war's gut?”, versuchte ich weitere Informationen aus ihr herauszuquetschen. Dass sie aber auch immer so wortkarg sein musste, als wäre sie ein Teenager, dem so etwas noch peinlich war. Sie schielte kurz zu Erik, der am Herd in die Zubereitung des Frühstücks vertieft war, bevor sie eine Antwort hervorbrachte: “Ja.”
      “Linaaaa, geht auch mehr als ein Wort? Oder hast du verlernt, wie man spricht?”, probierte ich an, mehr Details zu bekommen. Erneut schielte sie zum Herd und ihr Gesicht nahm eine immer intensivere Färbung an.
      “Okay, ich gebe dir noch zwei weitere Worte”, gab sie nach, “unglaublich intensiv.” Die letzten beiden Worte flüsterte sie mir ziemlich leise ins Ohr. Dafür lehnte sie näher zu mir und diese kleine Berührung am Arm löste ein schmerzhaftes Stechen und Brennen aus, das ich sofort untersuchte. Wie ich bereits am Abend festgestellt hatte, würde es einen blauen Fleck geben, doch dass beinah, der ganze Oberarm aus gelben, roten und blauen Färbungen bestehen würde, übertraf meinen Horizont. Damit Lina davon nicht mitbekam, zog ich den Ärmel des Bademantels wieder höher und schloss den Kragen fest aneinander. Zudem konnte ich mir vorstellen, wovon sie sprach, aber verlangte, es ausgesprochen zu hören. Wenn Lina ihn schon so selten traf, und, bis auf die Pferde, keine Gemeinsamkeiten zu haben schien mit ihm, dann war es etwas anderes, das sie verband.
      „Oh schön, dann hast du dich auch mit neuen Leuten unterhalten? Wahnsinnig toll, wie du dich in die Familie einfindest“, rollte ich ironisch mit den Augen. Das Spielchen konnte ich auch, obwohl ich deutlich lieber mit Menschen sprach, die ebenfalls ihre Gesichter gewillter waren zu teilen wie ich.
      “Ähhm, nicht so wirklich … ”, entgegnete sie kleinlaut als würde ihr erst jetzt die Erkenntnis kommen, auf was für eine Art von Veranstaltung wir gestern gewesen waren.
      “Aber mit wem hast du denn so geredet?”, versuchte sie von sich selbst abzulenken.
      „Von den meisten habe die Namen vergessen, aber auf jeden Fall mit dem Geburtstagskind, Niklas‘ Tante und noch paar Leuten aus deren Firma“, versuchte ich mit den Händen aufzuzählen, wer die Auserwählten waren.
      Erik kam mit warmen Waffeln an und stellte sie auf einem Brett in der Mitte des Tisches ab. Apfelmus und verschiedene Marmeladen standen bereits gedeckt da.
      „Vergiss Joanna nicht“, sagte dieser im Vorbeigehen und biss von einer ziemlich verbrannten Waffel ab, die er offenbar auf der Arbeitsfläche bereits inhalierte. Als der Name fiel, wurden Linas Augen plötzlich groß und sie spuckte ihren Tee beinahe wieder aus.
      “Die Joanna? Niklas' Ex?”, fragte die Brünette, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
      „Ja“, lachte Erik.
      Ich schüttelte mich, deswegen kam mir der Name bekannt vor. Damit hätte ich wohl rechnen müssen, aber nahm diese Tatsache mit deutlich mehr Fassung auf als Lina, die abermals nach der Tasse griff.
      „Offenbar, sie hat sich derartig nicht mir vorgestellt“, zuckte ich mit den Schultern.
      “Und worüber habt ihr so geredet?”, fragte Lina interessiert und lud sich etwas von den Waffeln auf ihren Teller.
      “Das hättest du vielleicht gewusst, wenn du auch da gewesen wärst”, drehte ich den Spieß um, nahm mir allerdings nur eine kleine Ecke vom Gebäck. Nebenbei untersuchte ich die Gläser mit ihren Nährwerten, entschloss mich zum Ende dazu, sie ohne etwas zu Essen.
      “Engelchen”, hauchte es von der Seite in mein Ohr, als die nächste Portion Waffeln bereits auf dem Tisch landete, “Niemand wird dich dafür verurteilen, wenn du mal ein paar Gramm mehr auf den Rippen hast.”
      Ich ignorierte Eriks Aussage, biss zumindest einmal von der Waffel ab. Sie schmeckte fabelhaft, aber durfte ich nicht viel mehr als diese Portion essen.
      “Du bist fies”, schmollte Lina und stopfte sich dafür mit Freude einen großen Bissen Waffel in den Mund.
      “Viel mehr hast du mir ebenfalls nicht berichtet”, spiegelte ich sie mit einem Schmollmund.
      “Aber das ist ja auch was anderes”, protestierte sie.
      “Das ist etwas anderes, ja?”, blieb ich hartnäckig. Nichts wollte ich so sehr, wie wissen, was die beiden getrieben haben. Oder wo? Egal, mich interessierte es. Je länger sie schwieg und ich über das Gespräch nachdachte, überlegte ich, was ich lieber wollte und da fiel es mir tatsächlich ein: wieder einmal ein richtiges Gespräch mit meiner Ablenkung. Er hatte sich dazu entschlossen, mich mehr oder weniger zu ignorieren, solang ich mit dem Treffen noch haderte, obwohl es besprochen war, dass es keine geben würde. Ehrlich gesagt wunderte es mich, denn er hatte es mir angeboten.
      “Ja, was mein Freund und ich miteinander tun, braucht auch nur ihn und mich interessieren”, erklärte sie wenig überzeugend und wand sich unglaublich ungeschickt um den Gebrauch gewisser Worte herum, “Ich frage euch ja auch nicht, was ihr im Schlafzimmer tut.” Kaum hatte sie angefangen zu sprechen, nahmen auch ihre Ohren wieder eine hübsche Rosa Farbe an.
      „Mehr weniger das übliche, hauptsächlich schlafen und mal kriecht ein Hund nach oben und möchte gestreichelt werden“, gab Erik verwundert zu bedenken und schnitt sich ein Stück seiner Waffel ab. Ich hingegen fühlte mich hin- und hergerissen, einerseits verstand ihren Einwand, andererseits ärgerte ich mich aufs Tiefste, dass sie so eigen war. Dass dann mein Freund auch noch den wunden Punkt traf, brachte das Fass zum Überlaufen.
      “Ok”, sagte ich mit derart abfälligem Ton, dass selbst er mich entgeistert anblickte. Nicht einmal die Hälfte hatte ich aufgegessen, da stand ich auf, schob sehr laut den Stuhl übers Holz und verschwand im Zimmer. So schnell ich konnte, zog ich mich um, schnappte mir noch meinen Lieblingspullover und lief zurück. Die Beiden aßen noch. Der Welpe tigerte im Kreis um den Tisch herum, während Trymr gespannt einen Vogel vor dem Fenster beobachtete, der von links nach rechts hüpfte.
      “War schön, dass du da warst”, versuchte ich freundlich zu bleiben, gab Erik einen flüchtigen Kuss auf die Wange und stürmte aus der Hütte heraus.

      Im Stall war es ebenso leer, wie an jedem Vormittag auch. Ich traf zwei Einsteller, die gerade ihre Pferde für einen Ausritt sattelten und Folke legte Enigma das Geschirr für den Sulky um. Mit gehobener Hand grüßte ich sie. Mein Weg führte mich weiter zur Sattelkammer. Vor tausenden Halftern stand ich beinah verloren, wusste nicht, welches der Tiere sich wohl für einen schnellen Ausritt am besten eignen würde. Selbst meine Liste war, schließlich hatten Lina und ich heute frei, also keine Aufgaben zu erledigen. Kurzfristig entschied ich mich für Humbria. Dafür nahm ich das lilafarbene Halfter vom Haken und stampfte eilig wieder die Treppe der Tribüne hinunter, direkt zum Stuten Paddock. Mit freundlich aufgestellten Ohren begrüßte mich das Pferd, folgte mir in den Stall, in dem ich sie sattelte und trenste. Am Tor wurde ich aufgehalten.
      “Vriska, warte, ich wollte dich nicht verärgern”, kam Lina angelaufen, dick eingepackt in gefühlte hundert Kleidungsschichten, sodass sie fast aussah wie ein Michelin Männchen.
      “Dafür ist jetzt auch zu spät, also genieß deinen freien Tag”, grinste ich ironisch und zog den Sattelgurt fest.
      “Was auch immer ich getan habe, es tut mir leid”, ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und platzierte sich vor der Stute.
      “Du solltest dir bewusst sein, dass man sich nur entschuldigen sollte, wenn man weiß, was man getan hat”, zuckte ich mit den Schultern. Ich versuchte Humbria an ihr vorbeizureiten, doch sie stand wie angewachsen am Boden.
      “Ich glaube zu wissen, was das Problem ist.”, entgegnete sie und warf einen umschweifenden Blick durch die Gasse, bevor sie ihre Ansprach mit gesenkter Stimme fortsetzte,” Na ja, wegen dem, was du wissen wolltest. Ich rede da nicht gerne drüber, weil …” Ihre Augen huschten, nervös durch die Gegend, bevor sie sich beschämt zu Boden senkten.
      “Weil ich habe das noch nicht so oft gemacht und dafür schäme ich mich”, druckste sie herum und ihr Fuß versuchte ein Loch in den Beton zu graben. Sie setzte noch zu einem weiteren Satz an, den ich geschickt unterbracht: “Lina, es geht nicht darum, dass du nicht darüber sprechen möchtest, sondern, wie du mir das mitgeteilt hast. Denkst du, ich möchte die bloßstellen vor Erik oder sonst jemanden? Mich nervt nur behandelt zu werden, als wäre ich eine Last für jemanden.”
      “Oh, das war nicht meine Absicht, dass du dich so fühlst. Tut mir leid”, antwortete sie betroffen und schien sich nun aus ganz anderen Gründen in Luft auflösen wollen.
      “Schon okay, ich frag dich auch nicht mehr”, grinste ich nur. Endlich wurde mir der Weg freigegeben und ich ritt im Schritt an ihr vorbei. Aufmerksam kaute die auf dem Gebiss. Entspannt konnte ich endlich abschalten. Es erleichterte mich auf eine gewisse Weise, dass das Thema so schnell geklärt werden konnte, aber umso mehr tat mir Erik leid, mit dem ich gerne noch weitere Stunden verbracht hätte.
      Die Wege waren in der Spur bereits sehr durchmischt vom Sand darunter, nur am Rande lag die Decke beinah unberührt. Es fiel mir schwer, so wie immer, mich der Situation zu übergeben. Aber zumindest kam ich gedanklich so weit, dass ich mich auf die Stute einstellte, an ihren Feinarbeiten übte und irgendwann an den Weiden ankam. Neugierig kamen die Hengste, auf der einen, und die Stuten, auf der anderen Seite, angerannt. Leise brummten die Tiere. Humbria musterte die durchwachsenen Herden. Bei den Stuten standen nicht nur die Anwärter, sondern auch Pferde, die eine Pause verdient hatten, oder die nächste Generation austrugen. Zur anderen Seite präsentierten sich die Hengste. Einige von Bruce Zuchthengsten hatten eine Winterpause, um vor der Saison noch einmal abzuschalten. Dementsprechend bunt wirken die Herden.
      Wann ich am Hof ankam, wusste ich nicht. Offenbar lag mein Handy noch in Eriks Auto, das bei meiner Rückkehr erstaunlicherweise noch immer vor der Hütte ruhte. Ich versuchte durch die Fenster etwas zu erkennen, aber mehr als die Spiegelung, war nicht zu sehen. Im Stall rannte mir Trymr entgegen.
      “Oh, du bist noch da”, freute ich mich und strich ihm über den Kopf, nach dem ich über den Po hinuntergerutscht bin. Er verstand mich nicht, aber der Herr in meiner Jogginghose umso besser.
      “Muss ich mir Sorgen machen? Geht die Welt erneut unter?”, scherzte ich mehr beiläufig. Humbria folgte mir bis zur Putzbucht, die bereits besetzt war. Ein mir bestens bekanntes Pony stand mit angewinkeltem Bein vor mir. Die dunkele Stute, am Zügel, streckte das Maul in die Richtung der anderen, wurde allerdings durch ein böswilliges Schnappen verscheucht.
      “Die ist nun mal so”, erklärte ich nun auch Humbria, nach dem Lubi es schon mehrfach zu spüren bekam.
      “Ich helfe dir”, huschte Lina aus dem Nirgendwo zu mir und hatte so schnell die Zügel in ihrer Hand, dass ich gar nicht eine Antwort finden konnte. Plötzlich stand ich allein mit Erik und Maxou da, immer noch verwirrt. Mein Herz schlug verrückt bis hinauf in den Hals, als würde es dort feststecken. Es kratzte und schnürte mir die Luft ab.
      „Du weißt, dass du mir nicht entkommst“, kam Erik endlich näher an mich heran und grinste mich so überzeugt an, dass ich nicht anders konnte, als es zu erwidert.
      „Scheint so zu sein“, antwortete ich.
      Da Maxou ebenso gekleidet war, wie am vorherigen Tag, wenn auch mit einer rosafarbenen, glitzernden Schabracke, die ich mir nicht genau erklären konnte, verstand ich die Aussage dahinter. Also nahm ich das Halfter ab, das über dem Zaum die Stute an Ort und Stelle verharren ließ, und führte sie zur Reithalle. Der Hund folgte mir.
      „Wo ist eigentlich der Kleine?“, fragte ich, als ich sein Fehlen bemerkte.
      „Der ist hochgelaufen, zu Harlen schätze ich“, gab Erik zu verstehen.
      Um das Pony die Einheit so erträglich wie möglich zu gestalten, begann ich die Arbeit wie immer. Wir liefen mehrere Runden auf der ganz großen Bahn, dann nahm ich die Zügel in Höhe des Widerristes auf, um sie mehr zu versammeln und gleichzeitig jenen zu mobilisieren. Je elastischer sie dort wurde, umso intensiver konnte ich auch an die Schulter heran. Ungewöhnlich schnell fand ich mich in diese Situation ein und erfreute mich an jeden richtigen Schritt, während ich die Fehler ignorierte. Nach guten zehn Minuten liefen wir in die Mitte. Dort zog ich den Gurt drei Löcher fester und stieg auf. Sie warf einmal den Kopf nach oben, aber ein sanftes Klopfen am Hals beruhigte das Tier wieder. Plötzlich erschien es mir, dass der gestrige Ritt ein guter Anfang gewesen war, um die Stute besser kennenzulernen und die Angst zu verlieren, sie zu verletzen.
      Wir kamen besser klar als ich dachte. Im Laufe der Zeit fühlte sich die Reithalle und selbst da blieben Maxou's Ohren stets bei mir. Wenn ihr ein Pferd zu nah kam, schlug sie mehrmals mit dem Schweif, aber reagierte weiterhin auf meine Hilfen im Sattel. Es war, anders als auf Lubi, nicht nur dem Größenverhältnis geschuldet. Mit kleineren Schritten setzte die helle Stute ihre Hufe in den Sand, ebenso zart wie der Riese, aber wirkte dennoch hektischer, auf eine gewisse Weise gestresst. Ich redete ruhig auf sie ein, allerdings so leise, dass es sonst keiner hören würde. So waren mir Gespräche mit dem Tier immer unangenehme Angelegenheit, obwohl selbst Tyrell seiner lebhaften Fuchsstute das ganze Hofgeschehen mitteilte.
      „Alles guuuut“, murmelte ich, als er abermals an uns vorbeitrabte. Maxou fiel aus der Versammlung heraus und streckte dabei ihren Kopf in Richtung Brust, obwohl ich die Zügel nur mit sehr wenig Kontakt in den Händen hielt. Selbst überstreichen änderte nichts daran. Ich wiederholte noch öfter das Vorbeireiten, bis Maxou sich nicht mehr in ihrem Schneckenhaus versteckte und sprang aus dem Sattel. Sie kaute und bekam von mir eine kräftige Streicheleinheit. Aus meiner Jackentasche kramte ich noch ein Leckerli, dass mit ihrer Oberlippe von der Handfläche fummelte.
      “Das sieht gar nicht so schlecht aus, was du da mit dem Pony veranstaltest”, erklang Linas sanfte Stimme, die nach einer Weile am Rand aufgetaucht war, um uns zuzusehen. Kaum hatte ich mich von der Stute weggedreht, legte sie wieder ihren Kopf auf mir ab und stupste mich grob am Ohr an. Erst als ich die Hand langsam zwischen Nüstern massierte, hörte sie auf und verlagerte noch mehr Gewicht auf mir.
      “Danke?”, fragte ich vielmehr, als es dankend anzunehmen. Hatte sie etwas anderes erwartet, oder wieder eine ungeschickte Wortwahl?
      “Ja, das sollte ein Kompliment sein, Vriska. Das sieht wirklich gut aus”, führte sie weiter aus und versuchte damit die schlecht gewählten Worte zu revidieren.
      “Okay, dann danke”, lächelte ich friedfertig. Maxou hing weiter auf meiner Schulter, wollte unter keinen Umständen diesen Platz verlassen. Auch, als ich langsam mit meiner Hand wedelte, um sie vorwärtszutreiben, bewegte sich nichts an ihr.
      “Offensichtlich findet Maxou dich ziemlich bequem”, lächelte Lina, “aber irgendwie ist das niedlich.”
      “Aber ich kann nicht den ganzen Tag hier herumstehen”, merkte ich an und versuchte mich, abermals von dem Pony zu lösen. Doch sie war eingedöst. Eins ihrer Hinterbeine stand angewinkelt im Sand und die Augen waren geschlossen. Es schien unausweislich, hier die nächste Zeit zu stehen. Selbst Tyrell schüttelte nur amüsiert den Kopf, als er neben uns abstieg, wovon es nichts mitbekam. Andere hatten auch die Halle verlassen, wodurch wir allein in diesem riesigen Raum standen. Und kalt wurde es auch.
      “Dann musst du dein Pony wohl wecken”, stellte sie das offensichtliche fest, “Brauchst du Hilfe?”
      Ich nickte. Folgeleisten kam sie die Stufen der Tribüne hinunter und trat durch das Tor auf die Sandfläche.
      “Maxou, aufwachen”, sprach sie das goldglänzende Pony an. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keinerlei Reaktion von dem schlummernden Tier. Als sie ganz an uns herangetreten war, stupste sie das Pferd vorsichtig an.
      “Oh, es wird wach”, verkündete Lina erfreut und ich konnte spüren, wie die Last auf meiner Schulter allmählich weniger wurde. Sie erhob sich langsam, kaute und schleckte dabei am Maul entlang. Nach einem Schnaufen stand Maxou schließlich wach neben uns, aber in ihren Augen sah man noch immer die Müdigkeit.
      “Ich bringe sie weg, danke”, sagte ich zur Lina und führte das Pony weg.
      In der Gasse kam dann auch Erik dazu. Zusammen sattelten wir die Stute ab, legten die Decken auf sie und schon durfte sie zurück in die Boxen. Offensichtlich hatte Lina ihr bereits frische Heulage hingelegt und sogar ihre Futtermischung in den Trog gefüllt. Sehr zuvorkommend.

      Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was man einem freien Tag so anstellte. Wir saßen wieder in der Hütte. Erik hatte den Fernseher angestellt und ich lag in seinen Armen, während Lina auf dem Sessel neben uns saß und ein Buch las. Tweet Cute stand auf dem Hardcover in zwei Sprechblasen auf türkisen Grund und roten Verzierungen. Es wirkte interessant, ihrem Gesicht zufolge, denn sie schien sich vollkommen darin verloren zu haben. Eine Hand klammerte am Buch, während die andere Strähnen drehte und den Arm abgestützt auf der Lehne, sitzend auf den Füßen. Auf dem Bildschirm dudelte irgendein Film, En runda till auf dänischer Originalverfilmung, was Erik ziemlich wichtig war und schwedischen Untertiteln. Somit verstand ich noch weniger, aber hatte damit immerhin die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Trymr lag auf dem Boden und wedelte immer wieder mit dem Schwanz, wenn ich zu ihm hinuntersah, nur Welpi fehlte, denn er wollte lieber bei meinem Bruder im Büro liegen. Dort gab ich ihn immer bei der Arbeit ab.
      Mein Handy vibrierte, das Erik mir von der Rückbank geholt hatte. Eifrig griff ich in meine Hosentasche.
      Niklas.
      Unsicher schielte ich zu meinem Freund, der allerdings nur nach vorn blickte und diesen nicht abwandte, als mich aufrichtete.
      “Ist Lina bei dir?”, erfassten meine Augen.
      “Ja”, tippte ich. Die Punkte schwebten auf. Eine Antwort.
      “Nah?”
      “Nein”, schon, dass dieses Gespräch derartig begann, verhieß nichts Gutes. Trotzdem warte ich weiter vor dem geöffneten Chat. In meinem Herz spürte ich den aufgeregten Herzschlag, drückte mir einen Moment die Luft weg, bis eine weitere Nachricht auftauchte.
      “Ich wollte dich eigentlich gestern fragen, aber, ich musste anderen Aufgaben nachkommen. Davon weißt du bestimmt schon”, ich drehte für einen Moment die Augen nach oben und seufzte, “was war mit Eskil los? Er wirkte vollkommen aufgelöst am Hof und wollte nicht mit mir sprechen.”
      “Dazu kann ich dir auch nicht viel sagen. Er war plötzlich verschwunden”, schrieb ich wahrheitsgemäß und legte dann das Handy weg. Doch im selben Augenblick verlangte es wieder nach mir. Aber es war mir auf eine gewisse Weise egal. Ich hatte anderes erwartet, kein Lächerlichkeit, die er mit jemand anderes klären könnte. Aber es stoppte nicht.
      “Alles in Ordnung?”, wurde Erik nun auch aufmerksam und rutscht etwas höher, um wieder eine bequeme Position zu haben.
      “Ja”, antwortete ich nur.
      “Wer ist denn das?”, fragte er neugierig.
      Ohne kurz zu überlegen, sagte ich: „Der komische Typ, der sich mit mir treffen will.“
      Da sah auch Lina auf. Sie legte das zur Seite auf die Lehne und richtete ebenfalls die Position.
      “Ich denke nicht”, gab Erik zu bedenken.
      “Okay, dann Eskil”, versuchte ich die nächste Person zu finden, die mir einfiel.
      “Du weißt schon, dass sich das nicht einfach spontan ändert?”, versuchte er mir offenbar die Wahrheit zu entlocken. Ihm fiel zu schnell auf, welche Aussagen echt waren. Zumindest machte er seine Arbeit gut.
      “Sind mehrere und einer davon Eskil, deshalb”, verstrickte ich mich immer tiefer, sodass auch Lina skeptisch wurde. Ohne zu fragen, griff er das Handy von der Couch und sah natürlich den Chatverlauf mit Niklas. Zum Glück hatte ich die ganz alten Nachrichten gelöscht und nur die von dem Moment, sollten da sein. Die neusten Benachrichtigungen waren von Instagram. Wieder waren Leute, die auf mein Profil gestoßen waren, der Meinung, alles durchliken zu müssen. Dass ich überhaupt eine Benachrichtigung bekam, wunderte mich deutlich mehr.
      “Sende ihm schöne Grüße von mir”, grinste Erik und gab es mir zurück. Meine Augen huschten über die neusten Nachrichten: “Ich vermisse ihn. Ich weiß nicht, wieso. Irgendwie war es seltsam mit Lina. Hilf mir bitte, wie auch immer. Ach egal.”
      Der Kerl tat mir unglaublich leid. Er wirkte auf einmal so zerbrechlich, als hätte man ihm das Wertvollste im Leben geraubt. Aber ich hatte mich nie als Vermittlerin zur Verfügung gestellt.
      Lina warf mir einen fragwürdigen Blick zu, aber nahm sich wieder ihr Buch, um weiterzulesen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // Vriska Isaac // 24.527 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
      Fohlenbericht drei von sieben.
    • Mohikanerin
      Ankunft im Chaos | 20. Juli 2022

      Erlkönig / Raleigh / Glanni frá glæsileika eyjarinnar / Monet
      Otra / Narcissa / Blávör / Hallveig från Atomic / Saints Row / Kölski von Atomic / Voodoozirkus / Vrindr von Atomic / Willa / Þögn / Snotra

      Tasmania / Sign of the Zodiac LDS / Nachtschwärmer / Forbidden Fruit LDS / Ruvik / Lotti Boulevard / HMJ Holy

      Nachtzug nach Stokkholm LDS / L‘Épirigenys LDS / Ours de Peluche LDS / WHC' Email / Mitternacht LDS / Yumyulakk LDS / CHH' Death Sentence / Halldór von Atomic / Liv efter Detta LDS / Sighvatur från Atomic / Kría von Atomic / Mondlandung LDS / Kempa

      Polka Dot / WHC' Griechischer Wein / Sakura Blomst / Sisko / WHC' Oceandis / Snúra

      WHC' Ritter Der Rose / WHC' Guardien / Gneisti från Atomic / Connerys Brownie


      Natürlich kommt es immer anderes, als man denkt, aber, dass ich von einem Chaos im nächsten lande, lag außerhalb meiner Denkleistung. Der erste Tag vom Praktikum war ziemlich cool. Man zeigte mir den riesigen Hof. In einem Teil standen die Sport- und Rennpferde, in dem kleinen die Islandpferde und Ponys, bei denen ich sein würde. Allerdings war die Stimmung gedruckt und später erfuhr ich auch warum. Eine Kollegin floh von einem zum anderen Tag in den Urlaub, zumindest wurde das gesagt. Sie sei wie ein Teil der Familie, weshalb man es ihr nicht übel nehmen konnte. Die genaue Geschichte musste ich mir zusammenlegen, immer mal wieder schnappte ich einzelne Stücke davon auf. Nicht, dass es nicht wirklich interessierte aber mittlerweile war sie wieder da. Gesprochen haben wir bisher nicht, nur provisorisch. Vriska war ein seltsamer Mensch: Übertrieben freundlich, wankelmütig und unberechenbar. Die andere Kleine, Lina, kam verschlossen daher, sehr in sich gekehrt, doch als ich eines Tages entdeckte, wen sie an ihrer Seite, nahm ich Abstand, obwohl wir uns das eine oder andere Mal nett in der Reithalle unterhielten. Dass ich jemals auf Knasti treffen würde, außerhalb eines Turniers, hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können.
      „Neele, kommst du mit?“ Jonina kam aus dem Stall, in der Hand hielt sie zwei Stricke.
      „Gern, wenn nimmst du?“, hakte ich nach. Einige der Pferde müssten noch bewegt werden aber vor allem mit Monet wollte ich gern in den Wald. Oft war bisher nicht ausreiten. Es lag eher an meiner begrenzten Zeit, als an meinem Pferd.
      „Ich dachte, wir nehmen unsere“, schlug sie lächelnd vor. Zum Glück!
      Wir liefen zu den Hengsten, die etwas weiter weg standen, genauer gesagt, neben dem Reitplatz. Dort standen auch Erlkönig, der Fuchs ihres Bruders und Raleigh, ein anderer Einsteller Hengst, der aktuell am Huf verletzt war.
      Freundlich brummte mich Monet an, als wir an der Ecke in sein Blickfeld liegen. Die Ohren standen kerzengerade nach oben, der Kopf ebenso aufgestellt und seine Hufe tänzelten aufgeregt auf der Stelle. Glanni, Ninas Hengst, interessierte sich nur wenig für uns. Er zupfte an seinem Heunetz im Unterstand, selbst das diese Kaltblut wirkte neugieriger als der Fuchs. Mit einem Blick zu meiner Kollegin wurde mir allerdings klar, dass die beiden wunderbar zusammenpassten. Auch ihre augenscheinliche Begeisterung breitete sich nur mäßig im Gesicht aus, vermutlich einer der Tage, an dem man sein Pferd dem Tier zur Liebe bewegt.
      Im Stall unterhielten wir uns über dieses und jenes, nichts sonderlich relevantes. Zwei neue Reitschüler waren für den nächste Tag angemeldet, weshalb Jonina meine Einschätzung über die Wahl der Pferde wissen wollte. Otra und Narcissa waren auf jeden Fall eine Idee, aber auch Kempa, die Einstellerin war und zwischendurch im Betrieb mitlief, könnte für Ältere etwas sein. Blávör, ebenfalls ein wenig beschäftigtes Einstellerpferd, hingegen wäre zu anspruchsvoll.
      „Du kannst morgen mit ihr auf die Bahn“, schlug die Kollegin vor.
      „Ja, warum nicht“, grinste ich und klopfte die Bürste am Holz ab. Einige der kleinen weißen Haare schwebten wie kleine Feen in der Luft, glitzernd durch den Staub im Strahl der Sonne, die durch das Fenster und ihr Licht schenkte. Der zauberhafte Moment hielt nur kurz an, denn Monet schlug mit Schweif und wirbelte die Partikel auf. Mit einem dumpfen Klacken flog die Bürste in meine Putzkiste. Ich lief hinüber in die Sattelkammer, schnappte mir all das nötige Sattelzeug und legte dem Pferd alles an, als auch die Huf sauber waren. Jonina war zu dem Zeitpunkt schon lange fertig, aber wartete geduldig, dass auch ich so weit war. Es faszinierte mich, wie sonderbar wenig Zeit die Leute hier am Hof in die Fellpflege investierten. Allerdings sah Glanni auch aus wie ein Plüschtier, das gerade aus der Waschmaschine kam.
      Wir ritten den schmalen Weg an der Baustelle entlang, um von dort den Wald zu erobern. Dabei begegneten wir Bruce, der mit einer kleinen Gruppe von zwei Reitschülern ausreiten war. Anhand der Pferde erkannt ich, dass es Fortgeschrittene waren. Hallveig und Saints Row konnten Stimmungsschwankungen haben, während die eine Stute ziemlich guckig an uns vorbeiritt, interessierte sich die andere nur wenig für die Hengste. Monet brummte ein paar Mal. Beruhigend tätschelte ich seinen Hals. Es faszinierte mich immer wieder, wie entspannt die Ponys aus dem Norden waren. In meiner Heimat wäre das Treffen deutlich hektischer verlaufen. Meine Augen hingen noch einen Moment an der Gruppe, bevor Jonina sich an mich wandte: „Lass uns hier abbiegen, dann können wir noch nach Pferden auf der Weide schauen.“
      Ich nickte, damit sparte ich tatsächlich den Kontrollgang, der am heutigen Tag auf meiner Liste stand. Zunächst ritten wir an den Hengsten vorbei, die verteilten auf dem kargen Grün ein paar Halme zupften. Die bunte Gruppe bestand aus allen erdenklichen Pferden, einige alte Renter-Wallache standen in der einen Ecke, in der anderen Jährlinge und dazwischen der Rest. Bei den Stuten sah es ähnlich aus. Allerdings waren die tragenden Stuten getrennt von den Jungpferden, um in den kommenden Wochen Leben auf die Welt zu bringen.
      „Wer ist das?“, zeigte ich ein kleines Pony in der letzten Ecke.
      „Du, das weiß ich gar nicht. Manchmal tauchen hier Pferd auf und manchmal fehlt eins. Es ist nicht so, dass ich die kenne. Wir schauen nur, ob sie leben und atmen“, lachte meine Kollegin und trieb ihren Fuchs etwas schneller am Zaun entlang. Tatsächlich wunderte mich auf diesem Hof nichts mehr. In meiner Vorstellungen waren Gestüte wie diese besser organisiert und hoffte auch darauf, dass dieser eine Ausnahme war. Geschichten, die an mich herangetragen wurden, klangen wie erfunden, besonders in Anbetracht, wie der Betrieb am Laufen blieb. Ein paar Mal überlegte ich, das zu fragen, aber behielt es für mich.
      Endlich im Wald angekommen, trabten wir die Pferde an und ritten eine gemütliche, wenn auch kalte, Runde auf der Bahn.

      © Mohikanerin // Neele Aucoin // 5980 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Februar 2021}
      Fohlenbericht vier von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel tjugofem | 11. August 2022

      Satz des Pythagoras / Jokarie / Pay My Netflix / Maxou / Ready for Life / Northumbria
      Ours de Peluche LDS / Spök von Atomic / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Mondlandung LDS / Kría von Atomic / Yumyulakk LDS / Heldentum LDS / Halldór von Atomic / Anthrax Survivor LDS / Liv efter Detta LDS / CHH’ Death Sentence / Kempa

      Lina
      So gut wie heute hatte sich die Schimmelstute vermutlich noch nie unter mir bewegt. Sie lief locker, kaute zufrieden auf dem Metall in ihrem Maul und selbst die Gespenster, die häufig für unvorhersehbare Hopser sorgten, schien heute vollkommen unsichtbar. Warum diese Einheit dennoch so ziemlich alles von mir forderte, war ausnahmsweise nicht Smoothies Kreativität, sondern viel mehr der kritische Blick meines Freundes. Konzentriert auf die Lektion galoppierte ich den Schimmel auf einer großen Kreislinie. Drei, zwei, ein Sprung und … Smoothie sprang bereits um. Natürlich blieb dabei nicht unbemerkt, dass die erfahrene Stute, den Wechsel vorwegnahm, bevor ich überhaupt die Hilfe gab.
      “Noch einmal und diesmal bestimmst du den Wechsel, nicht das Pferd”, schallte Niklas Anweisung durch die Halle, die ich nur nickend zur Kenntnis nahm. Den Wechselpunkt fest im Blick versuchte ich die Bewegung der Stute bewusst wahrzunehmen, um den vorherigen Fehler zu vermeiden. Diesmal sprang Smoothie den Wechsel tatsächlich erst auf meine Hilfen hin, wenn auch nicht so schön wie den vorherigen. Zwei weitere Wiederholungen wurden verlangt, dann war der Herr für heute endlich zufriedengestellt. Wo die Stute gerade so wirkte, als würde sie noch eine ganze Weile so fortfahren könne, war meine Energie erschöpft. Langsam ließ ich Smoothie die Zügel aus der Hand kauen, während sie locker vorwärts trabte. Runde um Runde streckte die Stute den Kopf tiefer zum Sand hin, schnaubte ab, bis ich schließlich zum Schritt parierte.
      “Lina, schau mal, was hältst du davon”, kam Niklas aus der Ecke herangelaufen, wo er es sich bisweilen gemütlich gemacht hatte und hielt mir sein Handy vor die Nase.
      “Du hast es aber eilig mit dem neu einrichten”, schmunzelte ich und betrachte den Inhalt des Bildschirmes genauer, auf denen sich mir offenbar Einrichtungsideen eröffneten.
      “Klar, ich möchte, dass wir es hübsch haben, wenn wir jetzt endlich allein sind”, sprach Niklas, beinahe, als sei Vriska ein lästiges Insekt gewesen, was es loszuwerden galt. So wirklich verstand ich noch immer nicht, weswegen seine Aversion derartig ausgeprägt war. Doch imstande, etwas daran zu verändern, war ich nicht. Als Lars darum bat, ob ich sie beide auf die Bahn begleitete, weil Vriska Unterstützung gebrauchen könnte, hatte ich ziemlich mit mir gerungen. Noch immer verspürte ich ein unangenehmes Drücken in der Brust, weil mein Kopf unwillkürlich negative Bilder mit ihrem Erscheinen verknüpfte, die nur sehr langsam verblassen wollten. Hinzukam, dass Orte mit angeschirrten Pferden nur bedingt zu meinen Lieblingsorten zählten. Die Traber mit ihrer bunten Ausrüstung lagen noch recht weit von meinem persönlichen Albtraum entfernt, erinnerten mich aber dennoch an die Dinge, die ich einst unwiederbringlich verlor. Zudem mochte ich mir nicht ausmalen, welche Gefahren die unheimlich hohe Geschwindigkeit in Kombination mit nervösen Pferden wohl mit sich bringen mochten. Warum ich dennoch mitging? In der Art und Weise, wie Lars um den Gefallen bat, wurde mir klar, dass es nicht einfach um Hilfe mit den Pferden ging, sondern dass er um meine Unterstützung als Freundin fragte. Das könnte nur heißen, dass es Vriska nicht wirklich gut ging. Ich konnte nachvollziehen, dass es für sie belastend sein musste, gerade erst wieder angekommen zu sein und dann solch eine Abweisung zu erfahren. Auch mir fehlten die täglichen Interaktionen mit ihr, so wollte ich zumindest versuchen über die Bilder, die mir klebrig und zäh wie Baumharz im Gedächtnis klebten hinwegzusehen.
      “Und, was sagst du jetzt dazu?”, erinnerte mich Niklas daran, dass er immer noch auf eine Antwort wartete.
      “Es ist ziemlich schlicht”, äußerte ich diplomatisch. Was ich sah, war ästhetischen ansprechend, aber ziemlich unpersönlich und minimalistisch.
      “Also dir gefällt es nicht?”, schlussfolgerte mein Freund aus der eher Verhalten Reaktion und nahm sein Mobilgerät wieder an sich.
      “Na ja, schon, aber es könnte alles ein wenig wohnlicher sein. Aber können wir uns damit nicht später befassen?”, bat ich ihn erst einmal in Ruhe seine Stute abzureiten und wegzubringen.
      “Natürlich, mein Engel”, gab er nach und steckte das Handy weg. Stattdessen holte er ein Leckerli auf der Tasche und steckte es Smoothie zwischen die Lippen. Genüsslich kauend trotte die Stute neben ihrem Herrchen her, stupste ihn immer mal wieder spielerisch an mit dem Ziel eine Reaktion zu erhalten. Bereits seit einigen Wochen beobachtete ich, dass die Schimmelstute deutlich ausgeglichener war. Selbst mir gegenüber war sie weniger unwirsch, was ziemlich sicher mit Niklas vermehrter Anwesenheit zusammenhing. Was ein Glück, dass dies nun ein dauerhafter Zustand sein würde.
      “Ich wette morgen wird mir alles wehtun, aber allein das Reitgefühl heute war es wert”, grinste ich zufrieden, als ich zwanzig Minuten später aus dem Sattel glitt. Bereits jetzt spürte ich die leichte Verhärtung in meinen Muskeln, die den Muskelkater nahezu ankündigten.
      “Schön, dass es dir offensichtlich Spaß gemacht hat”, sprach mein Freund und nahm mir die Zügel seiner Stute aus der Hand, “Das kannst du öfter haben, wenn du nicht gleich alles vergiss und schön weiterübst.”
      “Ob ich mir das alles bis nächstes Jahr behalten kann?”, scherzte ich munter, “Ich weiß ja nicht.” Während Niki, bereits damit begann die Stute vom Sattelzeug zu befreien, lief ich fröhlich vor mich hingrinsend, direkt in die Futterkammer. Mit wenigen schwungvollen Bewegungen war die Schüssel mit gut duftendem Hafer befüllt und zurück zu dem Pferd getragen. Kaum hatte die Schüssel den Boden berührt und das Standardbred verdient seine Schnauze darin versenkt, vibrierte es an meinem Oberschenkel. Kaum hervorgezogen, leuchtete der Bildschirm auch schon mit einigen Benachrichtigungen auf. Zu Oberst leuchtet Instagram, welches mir mitteilen wollte, dass nach wie vor meinen Notifikationen explodierten. Aus mir nicht ganz erklärlichen Gründen löste das bisher erste und einzige Reitvideo von dem kleinen Weihnachtsauftritt eine wahre Lawine an Likes und Kommentaren aus, deren Inhalt ich allerdings nicht näher betrachtet hatte. Zu groß war, meine Sorge, weniger erfreuliche Worte darin zu entdecken. Das soziale Netzwerk weiterhin ignorierend, öffnete ich stattdessen die Nachricht von Mateo, die ebenso dort aufleuchtete.
      “Hast du Karie schon bewegt?”, war alles, was dort zu lesen war. Verwundert zog ich die Augenbrauen. Für gewöhnlich war es nicht die Art des Schweizer mit der Tür direkt ins Haus zufallen. Zudem hatte er gestern erst angekündigt, dass er heute wiederkommen wollte, also warum fragte er dann nicht einfach, wenn er da war?
      “Nein, habe heute Morgen nur nach dem Rechten gesehen. Sah happy aus, dein Pony”, tippte eine schnelle Antwort. Kaum war die Nachricht versendet, sprangen die Haken hervor und änderten ihre Farbe.
      “Perfekt <3”, war alles, was darauffolgte und prompt, war er wieder Offline. Normal war dieses Verhalten nicht. Untypisch war nicht nur die Wortwahl, sondern auch die Nutzung des leuchtenden roten Herzens. Hatte er sich plötzlich eine neue Persönlichkeit zugelegt oder was stimmte nicht mit ihm nicht? Wenn er später kam, sollte ich diesem Mysterium auf den Grund gehen.

      Zur gleichen Zeit, einige Meter weiter

      Vriska
      Über tausend Ecken hatte ich erfahren, dass ich selbst von meiner Familie zurückgelassen wurde. Sie fuhren nach Stockholm, um den Jahreswechsel zu erleben. Der Schmerz saß tief, zwischen all den anderen Päckchen, die ich mit mir trug und verdrängte. Ich war immer außen vor, egal, was mich betraf. Vermutlich hatte keiner überhaupt einen Gedanken verschwendet, ob ich mitkommen wollte. Das Gespräch konnte ich mir förmlich schon vorstellen, wenn ich Mama sagen würde, dass ich es nicht nett fand. „Du kommst doch nie mit“, wäre ich ihre Standardantwort und dann verlässt sie den Raum. Somit konnte ich es mir sparen, überhaupt was zu sagen.
      Seit Stunden saß ich allein in der Küche, goss mir ein Glas Wein nach dem anderen ein und versuchte im Internet einen Ausgleich zu finden. Aber ich kam in ein Rabbit Hole, das mich minütlich in tiefere Ebenen zog. Zufällig wurde mir Moa auf Instagram empfohlen und ich sah hunderte Bilder mit Erik, auch aus Zeiten, als wir miteinander gingen. Anhand des Datums identifizierte ich auch, dass es Tage waren, an denen er ‚wegen des Studiums‘ nicht herkommen konnte. Schön wäre gewesen, wenn ich nicht noch mehr entdeckte hätte, wie, dass er einen Account hatte, diesen mir aber bis heute verschwieg. Nein, er hatte mich sogar blockiert. Mit zittrigen Fingern tippte ich durch seine Beiträge über einen anderen Account von mir, den ich mal mit Jenni erstellt hatte. Es schien, als hätte ich nie existiert, aber den Eindruck vermittelte mir jeder im Umfeld. Anstatt es hinzunehmen, trank ich einen kräftigen Schluck und holte mein Handy von der Couch. Keine einzige Nachricht leuchtete mich an, aber ich wusste es zu ändern. Im Chat prangerte noch immer seine Bitte auf Abstand. Aber ich machte mir nichts daraus, stattdessen fotografierte ich kommentarlos sein Profil ab und sendete es ihm. Kaum wurde aus einem Haken, ein Zweiter änderte sich ‘online’ auf ‘schreibt’.
      „Du hast nie danach gefragt“, kam es als Antwort. Damit hatte er recht. Ich wusste nicht, was nicht erwarten würde, andererseits schätzte ich ihn nicht als so eine Person ein, die auf Instagram Bilder veröffentlichte. Aber dem war nicht so, stattdessen waren es sehr viele, teils freizügig. Seltsam, wenn ich bedachte, dass er beim Schwimmen nicht einmal, sein Hemd ausziehen wollte.
      „Du hast mich blockiert“, antwortete ich.
      „Ja“, leuchtete sofort auf. Mir fehlten die Worte hierfür. Also schloss ich den Chat nur und schaltete das Handy auf Bitte nicht stören. Es verstummte, obwohl es zuvor kaum mehr von sich gab. Zumindest gab es mir auf diese Weise die Möglichkeit, ein Gefühl von Kontrolle zu erfahren. Erik schien die Angelegenheit wichtig, denn auf meinem Laptop leuchtete eine Nachricht von ihm auf, aber unter seinem Pseudonym, dass ich aus nicht erkenntlichen Gründen, noch in meinen Kontakten aufführte.
      „Deine Berührungen fehlen mir“, schrieb er. Misstrauisch beäugte ich seine Nachricht und war mir nicht sicher, worauf er hinauswollte. Mit Abstand hatte das wenig zu tun, deshalb ignorierte ich es und schloss das Rabbit Hole, genauer gesagt alle vierzehn Tabs, die ich mittlerweile angesammelte hatte. Unter seinen Zweitnamen, wie ich im Laufe der Recherche herausfand, eröffnete sich eine ganz andere Person vor mir. Erik hatte mir Dinge nicht nur einfach verschwiegen, sondern gelogen. Mehrfach. Ich stieß auf Bilder aus jüngeren Jahren, Geschichten aus der Zeitung und es mutete eher so an, als wäre er in einem glücklichen Familienbild aufgewachsen. Kein Übergewicht, nur ein Autounfall mit achtzehn Jahren. Er hatte ein Fahrzeug auf einem Parkplatz geklaut und sich damit um eine Laterne gewickelt. Selbst dazu fand ich Bilder, die mir ein elendiges Drücken im Magen auslösten. Aber damit sollte Schluss sein. Nur noch ein Tab lag offen vor mir und das war Niklas’ Instagram Profil, auf dem er sich mittlerweile mit eiserner Brust und Lina an der Seite präsentierte. Die Beiden sahen glücklich aus, mit den zwei hellen Pferden neben sich. Davon bekam ich jedoch nur noch wenig mit. Seine Aktion, immer weiter einen Keil zwischen uns zu treiben, gipfelte nun in seiner bereits angesprochen Drohung, dass ich ausziehen müsse. Gestern aus heiterem Himmel kam Lina her, erzählte von seinen Plänen und sagte dazu: “Es wäre doch für uns alle nicht ganz angenehm.” Nickend und mit einem aufgesetzten Lächeln nahm ich es hin. Eine Diskussion würde nichts nutzen, zu dem wirkte sie so glücklich über seinen Einzug, dass ich ihr die Freude nicht nehmen wollte. Damit verzichtete ich auf meine Bedürfnisse, aber die verloren ohnehin an Wert.
      Noch einen prüfenden Blick erhaschte ich auf Niklas‘ straffen Oberkörper, bevor auch dieses Tab in der Versenkung landete. Seufzend lehnte ich mich zurück in den knarrenden Stuhl und klammerte mich fest an dem Weinglas, das beinah leer war. Unter dem Tisch erwachte der Rüde zu leben. Langsam hob er den Kopf und schaute mich mit müden Augen an, schlappte dabei mit der Zunge seine Nase. Vermutlich wollte Dog seine Abendrunde. Mir fehlte leider die Motivation, weshalb er noch eine Stunde warten musste, bevor er seine Nase in den Schnee stecken konnte. In der Zwischenzeit packte ich das Worddokument aus, das als meine aktuell einzige Ablenkung herhielt. Nach meiner Recherche fühlte es sich an, als wäre alles für den Mülleimer. Nichts daran stimmte mehr, noch schlimmer, brachte mir den sehnsüchtigen Wunsch nach Erik zurück. Trotz all des Schmerzes vermisste ich ihn fürchterlich und selbst Lars, der je her weitere Annäherungsversuche in Kauf nahm, änderte nichts daran. Nur ein Gedanke verdrängte diese Gefühle – Der Herr von Rennbahn, der eigentliche Grund, weshalb ich das Laptop gestartet hatte. Ich hatte einen Namen, sowie den seines Hengstes, damit würde ich weit kommen, dachte für einen Augenblick, bis die Suchmaschine mir gegenteiliges bewies. Augenscheinlich war er ein unbeschriebenes Blatt und Netflix ebenfalls. Mit den Erfahrungen, die bei Erik gesammelt hatte, wurde ich suspekt. Was verheimlichte er?
      Bevor ich der Sache auf den Grund gehen konnte, meldete sich Dog zu Wort und legte seine Vorderpfoten auf meinen Beinen ab. Die kastanienbraunen Augen leuchteten im warmen Licht der Deckenlampen und drückten das Weiß nach oben.
      „Lass uns herausgehen“, schlug ihm vor und stand auf. Der Rüde rannte schwanzwedelnd zur Tür und sprang dabei immer wieder um meine Beine herum. Da ich erneut umgeben von Kisten war, hatte ich keinen Überblick in welcher mein Anzug lag, also schnappte ich mir Lars Thermohose und meine dicke Hofjacke, darunter mehrere Schichten aus Shirt und Pullover. Über den unordentlichen Zopf setzte ich eine Mütze und verließ letztlich die Hütte. Sofort drückte sich ein kalter Windzug in mein Gesicht. Doch den Hund schien das kalte Wetter nicht zu interessieren. Fröhlich sprang er von einem kleinen Schneehaufen zum nächsten.
      An den Weiden gab es so gut wie mein Licht, aber im Schein des Mondes erkannte ich die Facetten der Jungpferde. Neugierig treten die Hengste heran und musterten das seltsame kleine Wesen, dass seine Nase zu ihnen streckte. Besonders Halldór, ein vierjähriger Isländer Hengst, konnte es kaum abwarten, das Tier zu sehen. Mit einem lauten Quietschen setzte er nach vorn und verdrängte die anderen neben sich. Aber Dog wollte lieber weiter. Zusammen liefen wir den Weg zum Hof entlang, unter uns knarrte der Schnee und vereinzelte Flocken rieselten herunter. In den Ohren lagen das Schnauben der Pferde, aneinanderreibende Baumkronen und zwischendurch meine ich einen Uhu gehört zu haben. Wenn es nur nicht so kalt wäre, könnte es idyllisch sein.
      In der Reithalle leuchtete noch die komplette Deckenbeleuchtung. Durch die großen Glasfenster rauschten undeutliche Facetten vorbei, die aber auf Lina hinwiesen und vermutlich ihren Göttergattern.
      „Komm Dog, wir gehen hier lang“, wies ich den Rüden auf einen schmalen Weg entlang, der entlegen vom Hof zu den Wohnhäusern führte.
      „Hast du gar keinen Besuch?“, merkte Tyrell an, als wir bei ihm vorbeikamen. Er stand mit einer halb abgebrannten Zigarette auf der Terrasse und überblickte sein Schaffen.
      „Nein“, antwortete ich knapp, ohne Blickkontakt zu suchen.
      „Dann komm doch zu uns. Bruce ist da, Eve -“, bevor die Aufzählung beendete, unterbrach ihn.
      „Passt schon, ich habe zu tun“, grinste ich aufgesetzt.
      „Kartons mal wieder ausräumen?“
      „Jein, mein Buch“, erklärte ich kurz und damit endete das Gespräch. Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und verschwand ins Innere der Hütte, aus der tiefe Basstöne dröhnten. Allein der Musik wegen wollte ich nicht dabei sein, obwohl ich die letzten Jahre immer bei ihnen saß, konnte ich die Fassade nur schwer aufrechterhalten.
      Dog trocknete ich im Flur ab, bevor er wie von einer Tarantel gebissen ins Wohnzimmer hetzte und sich über die Couch drückte. Ich hatte mir in der Zeit das Handy genommen. Unter Avledning begrüßte mich noch eine weitere Nachricht: „Ein Wort und ich stehe vor deiner Tür.“
      Er bekam keins von mir, stattdessen verdrehte ich die Augen und wischte auf dem Homescreen herum, als eine weiße Eins in einem roten Kreis ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Eigentlich gar keine schlechte Idee, vielleicht wäre in der Nähe jemand, der heute noch Zeit hatte. Deswegen aktualisierte ich meinen Standardort auf Kalmar, den in Vadstenalund und Umgebung würde sicher niemand sein.
      Eine Weile wischte nach links, bis mich ein attraktives Bild gegrüßte und gerade dazu einlud, die Automatik zu stoppen. Niklas, 26 Jahre. Mit offenem Mund starrte ich auf den Bildschirm, versuchte mich zu irren, aber ihn konnte ich zwischen Tausenden erkennen. Der blaue Haken neben seinem Namen sprach ebenfalls Bände. Aus reiner Neugier drückte ich mich durch sein Profil und alles daran klang nach ihm, selbst Wagner als „Lieblingsmusiker“ abzugeben, würde nur ihm einfallen. Geplagt von Trauer und Verlust, drückte ich den Sperr- und Lauterbutton, um den Screenshot ohne weitere Nachrichten an Lina weiterzuleiten. Allein das gab mir Genugtuung für den Abend und ich lehnte mich in die Couch. In zwanzig Minuten war es so weit. Ein weiteres schreckliches Jahr würde sich in mein Leben schleichen, ohne etwas ändern. Ich würde älter werden, vielleicht eine neue Frisur haben und eine weitere hoffnungslose Bekanntschaft. Nichts Nennenswertes, wenn es mit dem Leben anderer verglich. Aber es sollte endlich was werden, also wischte Niklas nach rechts und schaute weiter. Immer mehr Nichtigkeiten eröffneten sich vor mir, bis wieder mein Finger stoppte. Dieses Mal musste ich mich zusammenreißen, nicht sofort nach rechts zu wischen und zu hoffen, dass er antworten würde. Ein Gefühl von drängender Lust schoss von einem zum anderen Augenblick durch meine Finger. Seine Hilfsbereitschaft hatte mir Geld beschert, dass ich für ein richtiges Turnierpferd gebrauchen konnte. Aber bevor ich zusammen hätte, wäre Maxou sicherlich so weit. Wie es mit der Stute weitergehen würde, wusste ich nicht. Schließlich teilte ich sie mir noch mit Erik, der vermutlich nicht mehr lange so gnädig mit mir sein würde. Zweifel kamen, doch als ich den Blick wieder zum Handy hinabsenkte, verflüchtigten sie sich, wie eine Mücke im Tornado. Interessiert öffnete ich sein Profil und verschlag all die mir gezeigten Inhalte. Er war genauso, wie ich ihn mir unter der Bedeckung vorgestellte hatte. Sein Gesicht zeichnete ein fröhliches und ehrliches Lächeln, mit kleinen Grübchen am Kinn. Der Bart stoppelig rasiert. Auf dem Bild trug er sogar Reit-Stiefeletten und neben dem Bier auf dem Tisch, lag ein Führstrick. Egal, wie schwer es werden würde, ich wollte ihn, auch wenn es verrückt klang.

      In der Reithalle

      Lina
      “Und ihr glaubt wirklich, dass das klappt?”, blickte ich zweifelhaft die Hindernisständer an, auf denen Mateo, gerade eine der bunten Stangen platzierte, “Ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr gesprungen.” Die Stange lag nicht viel höher als dreißig Zentimeter und konnte somit locker mit einem normalen Galoppsprung überwunden werden, doch es bereitete mir dennoch ein mulmiges Gefühl. Zuletzt gesprungen war ich vor fünf Monaten mit Nathalie, auf die hundertprozentiger Verlass war. Die große Scheckstute sprang ausnahmslos jedes Hindernis, egal, wie schlecht man es anritt. Außer ein paar Minisprünge in meiner Jugend besaß ich auch kaum mehr Springerfahrung, als die mit Nathy.
      “Na, klar, klappt das. Es ist nur ein kleiner Hüpfer”, grinste Sam, die seit einigen Stunden auf das nächtliche Ereignis hinfieberte. Unerwartet war die junge Frau in meinem Wohnzimmer aufgetaucht und hatte mir noch, bevor sie erklärte, wer sie war, eröffnet, dass ich für dieses Jahr noch ein letztes Mal aufs Pferd musste. Niklas hatte sie auch überzeugen wollen, doch auch oder ganz besonders in der Silvesternacht wurde nach Sicherheit verlangt, weshalb er leider arbeiten musste. Auch wenn ich meinen Freund lieber dabeigehabt hätte, verhießen Mateo und seine aufgeweckte Schwester eine nette Gesellschaft für den Jahreswechsel zu werden.
      “Lina, komm mal her zu mir”, sagte Mateo freundlich und winkte mich zu sich heran. Sanft drückte ich meiner Stute die Waden in den Bauch, worauf hin sie freudig zu ihm hertippelte.
      “Ich weiß, du bist mit deiner Stute noch nie gesprungen, aber ich habe euch schon bei der Dressur gesehen, ihr passt gut zusammen. Außerdem sagtes du doch, Redo ist nicht nur ein Lehrpferd, sondern eines, welches auch noch bei der Polizei war”, sprach er mir Mut zu, “Ich bin mir sicher deine Stute macht das mit links und wenn du gleich auch so gut im Sattel sitz wie sonst, schaffst du das hier auch.” Ein bestärkendes Lächeln lag auf seinen Lippen, bevor er noch etwas hinzufügte: “Aber ich werde dich nicht mit diesen Steigbügeln springen lassen.” Sanft löste er meinen Fuß aus dem Bügel und machte sich wie bei einem Anfänger an den Reimen zu schaffen, um diese gute fünf Löcher kürzer zu schnallen.
      “Ja, so ist besser”, stellte er zufrieden fest und stellte mein Fuß zurück, bevor er sich auch an der anderen Sache zu schaffen machte.
      “Um das Pferd sorge ich mich auch weniger, aber was ist, wenn ich alles vergessen habe? Wie man sitzt, wie man den Sprung anreitet, wie man richtig mitgeht …”, äußerte ich weitere Bedenken.
      “Erzähl nicht so einen Quatsch, Lina, so schnell vergisst man, dass alles nicht und falls doch, bin ich ja auch noch da. Du fällst mir nicht vom Pferd, dafür sorge ich schon”, schlug Mateo meine Argumente voller Überzeugung nieder und zurrte so gleich auch noch den Gurt der Stute enger. “Und jetzt zeigt Ihr erst einmal das Hindernis und dann kannst du mal in Schritt und Trab darüber.” Kurz drückte er in einer Geste der Ermutigung mein Bein, dann trat er zu Seite. Erstaunlicherweise fühlten sich seine Gegenwart unheimlich vertraut an, obwohl er gerade erst seit Mitte November zum Team gehörte.
      “Na gut”, nickte ich und trieb die Rappstute einige Schritte vor. Hoch interessiert schnupperte sie an dem glänzenden Plastik und befand es ziemlich schnell als ungefährlich. Verfressen wie sie war, stupste sie nun Mateo an und verlangte nach einem Leckerbissen. Dieser schüttelte nur lachend den Kopf, griff in den Zügel und führte die Stute über die Stange. Artig folgte Redo dem jungen Mann, hob dabei die Füße allerdings nicht viel höher als notwendig, wodurch bei jedem Schritt ein dumpfer Laut erklang.
      “Siehst du Lina, dein Pferdchen langweilt sich dabei sogar”, grinste Sam und trabte mit der Stute ihres Bruders locker vorbei. Die dunkle Fuchsstute bewies auch heute Nacht wieder einmal ihr Temperament und stellte die Sattelfestigkeit ihrer Reiterin mit dem ein oder anderen Bocksprung infrage.
      “Du hast jetzt noch ungefähr acht Minuten, dich und dein Pferd mit dem Hindernis vertraut zu machen”, stelle Mateo nach einem Blick auf sein Handy fest.
      “Na gut, dann wollen wir mal”, sprach ich mehr zu mir selbst und brachte die Stute in den Trab. Während Samantha geradewegs den Spring ansteuerte, drehte ich zwei Runden außen herum, um mich an die neue Bügellänge zu gewöhnen.
      “Lina, lass dein Knie dran, wir reiten jetzt keine Dressur mehr”, wurde ich sogleich korrigiert, “und gib Redo ein wenig mehr Zügel.” Seine Kritik umsetzend, ritt ich gerade auf die bunten Stangen zu. Aufmerksam gingen die Ohren meiner Stute nach vorn und sie überwand einwandfrei die niedrige Stange. Begeistert klopfte ich den Hals der Stute, dass sie es nicht nur brav, sondern auch noch motiviert machte, hatte ich es nicht erwartet, denn in der Dressur war sie häufig ein wenig maulig.
      “Sehr gut, er wäre nur noch besser, wenn der Rhythmus gleichmäßig bleibt”, kam so gleich ein Lob von Mateo. Die vergehenden Minuten überwand ich im Wechsel mit Sam noch ein paar weitere Male die Stangen, bis ihr Bruder die letzte Minute ankündigte. In der Zwischenzeit hatte er eine Flasche Sekt herbeigezaubert und reichte jedem von uns ein Glas mit der perlenden, goldgelben Flüssigkeit. Gebannt starrten wir zu dritt auf sein Handy, auf dem sich der Zeiger der Uhr der Null immer weiter annäherte. Fünf, vier, drei, zwei, eins …
      “Ein frohes neues Jahr”, kam es beinahe gleichzeitig aus unseren Mündern, worauf wir anstießen. Leicht säuerlich rann das Nass meine Kehle hinab und sammelte sich blinzelnd in meinem Bauch.
      “Lina, der Neujahrssprung gebührt dir, wenn du möchtest”, bot Samantha mir freundlich an und ritt mit Karie ein wenig zu Seite. Ein wenig nervös war ich schon, so nahm ich noch einen kräftigen Schluck aus dem Glas, bevor ich es Mateo reichte. Direkt aus dem Stand brachte ich meine Stute in den Galopp. Motiviert sprang sie an, fand bereits nach wenig Sprüngen ihren Rhythmus. Auf einem weiten Bogen steuerte ich die Stute auf das Hindernis zu. Wie schon zuvor im Trab richtet Redo die Ohren steil nach oben, hob auch den Kopf ein wenig an und setzte leichtfüßig über die Stange. Überschwänglich lobte ich die Stute und lenkte sie auf einen großen Zirkel um das Hindernis herum. Es schien fast so, als, sei die Stute für das Hüpfen gemacht.
      “Prima, das klappt doch ganz wunderbar”, grinste Mateo, “Willst du den nächsten Sprung ein wenig höher haben?”
      “Ja, bitte”, rief ich ihm begeistert zu. Wer hätte nur gedacht, dass das Rückbesinnen auf etwas Altes so einen guten Start in das neue Jahr darstellen würde. Mit wenigen Handgriffen hatte der Schweizer dem Hindernis eine weitere Stange hinzugefügt. Erneut steuerte ich den Sprung an. Mit großen Sprüngen näherten wir uns dem Ziel, was die Stute auch dieses Mal einwandfrei überwand.
      “Platz da, jetzt komme ich”, rief Sam durch die Halle, die Karie bereits auf dem Zirkel am anderen Ende der Halle galoppierte. Bereitwillig räumte ich den Weg und parierte Redo durch.
      Die Fuchsstute quietschte freudig und machte einen mächtigen Bocksprung, bevor sie sich von Samantha bändigen ließ. Wagemutig stürmten die beiden auf den Sprung zu, den Mateo nicht einmal zurückgebaut hatte. Natürlich überwand Karie, die sonst deutlich höhere Hindernisse überwand, den Sprung mit knapp sechzig Zentimeter mit Leichtigkeit.
      “Springt deine Schwester öfter?”, fragte ich neugierig. Sam machte nämlich eine hervorragende Figur auf der kräftigen Fuchsstute.
      “Mittlerweile nicht mehr”, verneinte Mateo und tätschelte nebenbei Redo den Hals.
      “Mittlerweile, warum springt sie nicht mehr?”, versuchte ich mehr Informationen zu gelangen. Für gewöhnlich war mein Kollege nicht besonders redselig, wenn es um ihn ging. So war etwa offensichtlich, dass Karie ihrem Anschein zu trotz, ein ausgezeichnetes Springpferd war, aber dass er sogar international mit ihr unterwegs war, fand ich eher zufällig heraus.
      “Ja, bevor sie hier nach Schweden zog”, erklärte er und legte seine Schwester die Stange ein wenig höher, “Ihre Stute hat es inzwischen allerdings in den Gelenken.”
      “Hat sie auch ein Freiberger, so wie du?”, interessierte ich mich weiterhin.
      Mateo lachte: “Sie hat, wie du weißt, sogar mehr als einen Freiberger, aber nein, NAME WIRD NOCH GESUCHT, ist ein Schweizer Warmblut, aus der Zucht meiner Eltern.”
      “Quatschen könnt, ihr später noch, ich will dich lieber hüpfen, sehen”, unterbrach Sam, das Gespräch und parkte die Fuchsstute neben uns.
      “Mateo, würdest du dann vielleicht”, noch bevor ich den Satz beendete, hatte er bereits verstanden und baute das Hindernis wieder niedriger. Auch wenn das Springen Spaß machte, wollte ich das Jahr doch nicht gleich mit einer Portion Selbstüberschätzung beginnen. Bis halb eins trieben wir das Spektakel, bevor wir die Pferde auf ihre Paddocks brachten. Müde, aber zufrieden verschwanden die beiden Stuten in der Dunkelheit und mischten sich unter ihre Herdenmitglieder.
      “Kommst du noch mit rein?”, fragte Sam, als wir schließlich bei den Hütten ankamen. Dafür dass es Silvester war, war es relativ ruhig auf dem Hof, was vermutlich an der Abwesenheit von Vriskas Familie liegen mochte. Aus der Tatsache, dass in ihrer Hütte noch Licht brannte, schloss ich, dass sie selbst offenbar zurückgelassen wurde. Sie tat mir leid, ihre Familie war weg, auch Lars, an den sie sich seit Weihnacht anschloss, war ausgeflogen. Hoffentlich hatte sie den Jahreswechsel, trotzdem nicht allein verbringen müssen.
      “Ja, ich würde nur schnell rüber etwas anders anziehen”, stimmte ich zu.
      “Perfekt, ich sorge schon einmal für Nachschub”, wedelte sie mit der leeren Sektflasche umher und verschwanden in ihrer Hütte.
      In Hochstimmung lief ich zu meiner eigenen Hütte. Im Vorbeigehen ergriff ich das Handy vom Couchtisch, welch ich dort zurückgelassen hatte. Auf dem Pferd hätte es mir ohnehin nichts genützt. Direkt begrüßt wurde ich von den Neujahrsgrüßen meiner Schwester, die dem verwischten Selfie nach zu urteilen, mit ihrem Freund in einem Club feierte. Samu hatte ebenfalls eine Nachricht hinterlassen, allerdings ohne Bild. Zielsicher griff ich eine Leggings aus dem Regal, doch der Pulli, den ich suchte, war nicht aufzufinden. Während ich wie ein blindes Huhn durch die gesamte Wohnung rannte, scrollte ich weiter durch meine Nachrichten und stieß dabei auf einen Chat, der in der vergangenen Woche wie eingefroren schien. Vriska hatte ein Bild gesendet, offensichtlich ein Screenshot, von einem Trabrennen. Im Zentrum des Bildes stehen, war ein Rappe zusehen, der in vollem Renntempo neben einem großen Braunen hertrabte. Sonst gab es keinerlei weitere Information dazu. Verwirrt starrte ich das Bild an, hatte ich etwas übersehen? Was wollte sie mir damit mitteilen? Vielleicht war es der Einfluss des Alkohols oder auch der, der körpereigenen Drogen, die noch immer durch meine Blutbahnen wallten, doch ich hielt es für eine grandiose Idee unmittelbar zu Vriska hinüberzugehen und nachzufragen. Die Suche nach dem Pullover gab ich auf, griff stattdessen, nach einem beliebigen und marschierte voller Tatendrang hinüber zu Vriska. Von meiner Mission überzeugt, klopfte ich an und wartete ungeduldig in der Kälte auf Einlass. Kaum löste sich meine Hand vom Holz, ertönte Gebell. Mit schlotterten die Knie, bis schließlich Dog verstummte und sich die Tür einen Spalt öffnete.
      „Was denn?“, murmelte Vriska, mit stark geröteten Augen und eher wankend auf den Beinen, denn sie klammerte sich am Holz. Der Hund drückte sich hindurch und sprang aufgeregt an mir herum.
      “Falls ich dich geweckt haben sollte, tut es mir leid, aber ich habe eine wichtige Frage”, verkündete ich direkt mein Anliegen, “Was willst du mir damit sagen?” Während ich sprach, hatte ich das Handy bereits eingeschaltet und drehte ihr den geöffneten Chat mit dem rätselhaften Bild hin. Sie wischte sich durchs rechte Auge.
      „Ich habe keine Brille auf“, sagte sie nur und ließ von der Tür ab. Sie lief in die Hütte hinein, was ich sogleich als Chance nutzte, der Kälte zu entfliehen. Dog folgte mir nicht. Auf den ersten Blick herrschte ein unkontrolliertes Chaos im Inneren. Überall standen halb geöffnete Kisten, während andere sich türmten. Auf dem Küchentisch stand einsam eine geleerte Weinflasche und neben dem geöffneten Laptop auf dem Wohnzimmertisch eine weitere. Sie suchte ihre Brille und ich erhaschte einen neugierigen Blick auf den Bildschirm. Es war ein Video geöffnet, betitelt mit einem Datum aus dem September, mittlerweile, letzten Jahres, einem Rennen in Kalmar. Ein weiteres Puzzleteil bot mir, das weiterhin rätselhaft blieb. Vriska kehrte zurück mit ihrer Brille und abermals streckte ich das Handy in ihre Richtung. Kaum zuckten ihre Augen über den Chat, färbten sich ihre Wagen rötlich.
      „Ähm, das war aus Versehen. Ich wollte dir was Anderes schicken, aber ist auch egal“, seufzte sie und wich dauerhaft meinem Blickkontakt aus. Erst jetzt registriere ich ihre Niedergeschlagenheit richtig. Sollte ich nachfragen oder war es vielleicht besser zu gehen und ihr ihren Frieden zu lassen? Nein, ganz sicher konnte ich nicht einfach zu Mateo und seiner Schwester hinübergehen und fröhlich sein, ohne wenigstens versucht zu haben, ob ihr zu helfen war.
      „Okay“, nickte ich zögerlich, „willst du mich aufklären, was dich betrübt … oder soll ich einfach wieder gehen?“
      „Wonach sieht das hier denn für dich aus? Dass ich einen spaßigen Abend hatte mit Menschen, die mich mögen? Dann ja, diesen hatte ich.“ Vriska rollte mit den Augen und stieg zurück auf die Couch, aber weggeschickt hatte sie mich nicht, überließ ausschließlich mir weitere Schritte. Ein unglaublich schlechtes Gewissen überkam mich, dass ich ihr in meiner Bewegtheit nicht einmal erklärt, weswegen ich mich so plötzlich distanzierte. Fair war das nicht.
      “Tut mir leid”, murmelte ich schuldbewusst und nestelte mit meinen Fingern unsicher an dem filigranen Metall an meinem Handgelenk herum.
      “Passt schon”, winkte sie ab, ohne sich zu mir zu wenden, “Außerdem wartet sicher dein Göttergatter.”
      “Nein, der ist arbeiten”, erklärte ich, obwohl es sie vermutlich gar nicht interessierte, doch etwas anders wusste ich nicht zu sagen. Vriska wirkte nicht wirklich so als sei meine Gegenwart weiterhin erwünscht, sodass ich mich schon zum Gehen wenden wollte.
      “Ist dann deine Frage beantwortet?”, kam sie auf mein ursprüngliches Anliegen zurück. Ganz desinteressiert war sie doch nicht, obwohl ihr Laptop einen Großteil der Aufmerksamkeit forderte.
      “Na ja, so halb”, überlegte ich, denn was hinter dem rätselhaften Bild steckte, wusste ich noch immer nicht, “Warum machst du Screenshots von Trabern, die ganz eindeutig nicht hier zum Hof gehören? Ist das Rennen nun deine neue Passion?”
      “Erkennst du das Pferd nicht?”, seufzte Vriska und stellte das Laptop zurück. Eindringlich betrachte ich das Bild auf dem Handy erneut, bis es mir langsam dämmerte: “Das Pferd von dem Rennen neulich? Wie hieß es noch mal … etwas mit Netflix?”
      „Pay My Netflix, genau“, ein Lächeln zuckte über ihre Lippen und schlagartig kam auch wieder Farbe in die helle Haut.
      “Und du stalkst das Pferd, weil … es so umwerfend ist?”, hakte ich weiter nach, denn mir fiel allmählich ein, dass Vriska auch an dem Renntag bereits, wie eine Motte vom Licht, von diesem Pferd und dem zugehörigen Jemand angezogen wurde.
      “Ja, genau. Das Pferd.” Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen, um das ungebändigte Grinsen zu verstecken. Doch längst hatte ich es bemerkt, dass auch mich ansteckte.
      “Erzähl mir mehr”, forderte ich angefixt, von ihrer plötzlichen Euphorie. Vriska nickte und stand auf, um aus dem Regal eine weitere Weinflasche zu holen. Auch meine Jacke nahm sie mir ab, bevor ein Glas für uns beide eingeschenkt wurde. Zur Überraschung begann es vor den Scheiben an zu schneien und als würde uns das Schicksal etwas sagen wollen, vibrierte ihr Handy und sie grinste noch spitzer.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 34.694 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Jahreswechsel 2020}
      Fohlenbericht fünf von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel trettio | 08. September 2022

      May Bee Happy / Aares / Maxou / Fjärilsviol / Schneesturm / Nachtschwärmer / Rainbeth / Lotti Boulevard / Anthrax Survivor LDS / Caja / Yumyulakk LDS / Mondlandung LDS / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Just A Bear / Jokarie / Sign of the Zodiac LDS

      Freitagabend, vier Tage später
      Lindö Dalen Stuteri

      Vriska
      Die größte Sorge lag darin, dass Happy keinesfalls den Hänger betrat, nach dem der Einstieg in Malmö eine Herausforderung war, doch vergeblich. Wie ein alter Hase lief er die Rampe hinauf und stand binnen Sekunden darin, wodurch wir am Vormittag rasch in Kalmar ankamen. Gespannt wartete Eskil auf mich, auch, um mir seinen eigenen neuen Fuchs zu zeigen. Aares hieß der Riese und harmonierte optisch sehr mit meiner Leihgabe. Eine Weile unterhielten wir uns, bis die Halle frei war und ich meinen Unterricht bekam. Hier und da kamen Schwierigkeiten auf, doch im Gesamtbild machte Happy eine gute Figur.
      “Herr Holm hat vorhin gesagt, dass Happy viel Potenzial für das Team hat”, erzählte ich am Tisch, an dem die Stammbelegschaft saß, ohne die Ponymenschen von nebenan. Dann tunkte ich das Brot in die Linsensuppe, um es mir im Anschluss in den Mund zu stopfen.
      “Dann willst du es dieses Jahr noch zur schweren Prüfung schaffen?”, fragte Tyrell, der wieder nach Hengsten Ausschau hielt und davon aufsah.
      “Ich weiß nicht genau. Die Motivation fehlt dafür, aber der Hengst macht sich wirklich toll”, schwärmte ich weiter.
      “Dennoch, die aktuellen Besitzer würden ihn dort gern sehen”, fühlte er mir weiter auf dem Zahn, aber es kümmerte mich nur wenig.
      “Freut mich, dann sollen sie sich doch an ihn trauen und nicht kleine Mädchen vorschicken”, antwortete ich unbeeindruckt. Lars neben mir musste sich das Lachen verkneifen, aber verschluckte sich dabei an der Suppe. Fürchterlich begann er zu Husten, dass ich ihn den Rücken klopfte.
      “Ja, ja, kleines Mädchen. Äußerlich vielleicht”, feigste Lina.
      „Psst, das weiß doch keiner“, grinste ich, doch als Lars begann zu lachen, setzten auch die anderen mit ein. Es dauerte nicht lange, da kamen die erste Wahlmöglichkeit ans Licht, was ich stattdessen war. Vom bissigen Terrier, über mörderischer Prinz und alten Mann in der Rente stellte sich alles heraus. Nur mein Bruder hielt sich bewusst aus dem Gespräch heraus und verließ auch wenig später den Raum. Seit Wochen ignorierte er mich, aber das sollte nicht mein Problem sein. Ich hatte besten Gewissens die Spannung zwischen uns zu lösen, aber er konnte ein ziemlicher Sturkopf sein und wollte es augenscheinlich dabei belassen, dass ich das schwarze Schaf der Familie war. Nun gut.
      „Also keine Dressur mehr?“, kam Tyrell auf das ursprüngliche Thema zurück und zuckte dabei mit der Augenbraue, „schließlich beginnen demnächst die Turniere.“
      „Ehrlich gesagt, bin ich mir sehr unsicher“, gab ich offen zu. Mein Blick fiel zu Lars, der auch keine Antwort dazu hatte. Nur Nour grinste mich verschmitzt an.
      „Ich glaube, dass sie lieber den Berufsfahrerschein anstrebt“, legte sie eine steile These vor, die ich nicht wusste zu verteidigen.
      “Wirklich starke These, aber ich glaube, das wird nicht passieren. Dafür glitzern die Schleifen und Schabracken viel zu schön”, stellte Lina eine Gegenbehauptung auf.
      “Mhm”, summte Nour unschlüssig, “die sind aber auch in der Prüfung nicht zulässig.”
      “Ihr seid beide nicht ganz hell”, lachte ich kopfschüttelnd.
      “Entschuldigung, was soll das den jetzt heißen?”, beschwerte sich die Kleine sofort.
      “Warum kann ich nicht einfach machen? Außerdem kann Humbria auch schön glitzern”, stellte ich fest, “Vielleicht springe ich auch morgen.”
      “Du springst morgen? Oha, das komme ich mir anschauen”, grinste Mateo, “Mit welchem Pferd gedenkst du das zu tun?” Dass meine blöde Idee im nächsten Augenblick bereits Wurzeln setzte, hatte ich nicht bedacht. Selbst unser Chef schaute überrascht zu mir hinüber. Kurz dachte ich darüber nach, wieder zurückzurudern, aber vielleicht war es Zeit, mich meiner Angst zu stellen.
      „Ich kann mal schauen, was Happy bei dem bunten Holz empfindet“, schlug ich entschlossen vor und sah es bereits kommen, dass ich schneller wieder am Boden lag, als es mir lieb war.
      “Mhm … ja, so rein körperlich könnte das was werden mit deinem Fuchs”, überlegte der Schweizer.
      “Vriska, hältst du das wirklich für eine gute Idee?”, äußerte Lina zweifelnd, “Erinnerst du dich nicht, wie es das letzte Mal endete? Und da hattest du keinen launischen Fuchs unter deinem Sattel.”
      „Aber klein Vivi möchte doch mal wieder allen beweisen, dass sie alles kann“, scherzte Lars und gab mir einen zarten Kuss auf die Wange, als wären wir mehr als Freunde. Zugegeben, seit unserem Kuss im Stall gab es jeden Abend Momente, die meiner Einschätzung Zweifel boten. Seine Schwester schien es zu unterhalten, dass ihr Bruder mir unauffällig schmeichelte und holte jedes Mal ihr Handy heraus, um in Windeseile etwas zu tippen. Brennend interessierte mich, was genau auf dem Bildschirm passierte, aber sie gab es an niemanden preis.
      “Du übertreibst vollkommen”, schnaubte ich teils belustigt, teils verärgert, “Maxou traue ich es weniger zu als ihm und dass eins der Rennpferde hinüber stolpert, fehlt mir gerade noch.”
      “Viola kann springen”, mischte sich Tyrell mit ein, “und Schneesturm ist auch noch da. Ach, Fly, der Haflinger macht seinem Spitznamen auch allen Ehren.”
      Keines der genannten Pferde interessierte mich sonderlich, nicht, dass die Pferde schlecht waren, viel mehr, waren sie langweilig. Die Warmblutstute lief brav und den Haflinger kannte ich nur vom Sehen. Einzig Schneesturm war ein Spaß, doch Mateo ritt sie bereits vier- bis fünfmal die Woche und hatte somit angemessenen Auslauf. Zudem hatte ich in meiner Recherche herausfinden können, dass Happy für die Körung Freispringen musste, also wusste das Pferd Bescheid, wie man die Beine hebt.
      Während wir philosophierten, welches Pferd ich springen könnte, holte ich zunächst für jeden ein kaltes Bier und Lars entschied, dass nach dem Essen ein Kurzer angebracht war. Nur Lina weigerte sich vehement. Kaum floss es mir die Kehle herunter, brannte es unangenehm im nächsten Augenblick. Dennoch hatte es etwas Befreiendes.
      “Mir egal, ich werde Happy nehmen”, entschied ich entschlossen und glaubte an den Fuchs, der bisher sehr fein unter mir lief.
      “Mach’ halt, aber bei mir brauchst du dich dann nicht beschweren”, blieb die kleine Brünette bei ihrem Standpunkt, dass sie es für keine gute Idee hielt.
      “Pff, so viel zu guter Freundin”, rollte ich mit den Augen und füllte mir das Glas nach. Auch Lars hielt mir seins nach. Dann war es auch schon wieder leer. “Du hast bestimmt auch morgen anderes zu tun, also machen wir das allein.” Meine Stimmte zitterte, aber nach einem kräftigen Atemzug konnte ich mich zusammenreißen.
      “Ja, ist okay”, entgegnet sie kiebig. Welche Laus ihr wohl über die Leber gelaufen sein mochte, dass sie gleich so empfindlich war. Vermutlich hatte es mit Niklas zu tun, aber ich entschied, es erst einmal dabei zu belassen, solang noch so viele am Tisch saßen. Vorrangig sollte Tyrell davon nichts mitbekommen, das würde nur Bedenken auslösen. Dieser hing noch immer über dem Papier. Mit Lars brach abermals eine Diskussion über Hengste aus, die sich in den Sand verlief. Sie wurden sich nicht einig, ob Betty noch gedeckt werden sollte oder in den Verkauf ging. Auf Rennen bot die siebenjährige Stute ohnehin keine ausreichenden Leistungen und ging für gewöhnlich als vorletzte durchs Ziel, deshalb lag das letzte auch mehr als ein halbes Jahr zurück, noch unter Folke. Seit dem Stand sie herum. Ähnliches Bild war auch bei Lotti zu sehen und Nachtschatten, doch die Rappstute hatte bereits einen Käufer gefunden, der sie abholen würde, sobald ihr Fohlen abgesetzt sei, das in einem Monat kommen sollte.
      “Wie läuft es eigentlich mit Anti?”, fragte Tyrell, als auch wir weniger wurden und Bruno sich in die Hütte aufmachte, nur unsere Schnüfflerin saß noch da, sowie meine persönlichen Turteltauben.
      “Gut, wenn er so weiter macht, kann er in zwei Monaten in einen Probelauf”, erzählte der groß gebaute junge Mann neben mir. Ich enthielt mich dem Gespräch, holte stattdessen mein Handy heraus und bekam prompt eine Nachricht von Nour.
      “Schau mal”, schrieb sie und schickte ein Bild mit. Mir blieb für einen Moment die Luft weg. Über den Bildschirm hinweg schielte ich böse zu ihr hinüber, musste auch das Telefon auf den Tisch legen, um nicht an einer Atemnot einzugehen. Allerdings konnte ich es nur für einen Wimpernschlag da belassen und hob es wieder hoch. So gut ich konnte, versuchte ich ihr eine Nachricht zu tippen, aber meine Augen konnte sich nur schwer von dem attraktiven Bild lösen, was unbewusst ein Lächeln auf meine Lippen zauberte.
      “Lass das! DU bist gemein”, formulierte ich schlussendlich und sie lachte. Dem folgte ein weiteres Bild, selbes Motiv, aber deutlich bekleideter.
      “Du nimmst du das alles her?”, tippte ich noch, bevor wieder die Atmung sich verabschiedete, denn sie konnte es nicht lassen, mich weiter zu zuspammen. Durch die ständige Vibration wurde auch Lars aufmerksam, aber in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit wechselte ich den Chat zu Eskil. Damit erlosch sein Blick auf mein Gerät. Von nun an tippte ich mit Nour, die mir erklärte, dass es Storys aus dem Messenger waren, die sie für mich abgespeichert hatte und nur auf den richtigen Moment wartete, um sie mit mir zu teilen. Etwas neidisch war ich schon, denn seine Nummer hätte gern, aber in wenigen Worten vermittelte Nour mir, dass ich schon mehr Mühe geben sollte. Vordergründig ermutigte sie mich, mit ihm zu sprechen, denn das würde Erfolg mit sich bringen, außerdem wäre es ungewiss, ob sonst überhaupt eine Antwort bekäme. Leider hatte sie recht.

      Eine Stunde später verabschiedete sich dann auch Tyrell und wir saßen in gewohnter Runde beisammen. Lina schwieg noch immer, die Arme verschlungen und das Gesicht sah nach zehn Jahre Regenwetter aus. Während ich mich an den Bildern nicht satt sehen konnte, versuchte ich auch irgendwie die Kleine aus der Reserve zu locken. Es war nicht einfach ein Wort ihr herauszubekommen, doch als sie aufstand zur Toilette, folgte ich wenige Sekunden später und wartete an der Tür. Überrascht trat sie heraus, zuckte dabei erschrocken zusammen.
      „Du erklärst mir jetzt, weshalb du so schlecht gelaunt bist. Das Wetter war doch heute toll mit fast elf Grad Celsius!“, sprach ich offensive und direkt auf sie ein.
      „Ja, das war auch das einzig Schöne an dem Tag heute“, brummte sie unwirsch.
      „Was denn los?“, erinnerte ich sie an meine Frage, minimal zittrig, denn für gewöhnlich strotzte sie vor Energie auch noch zu später Stunde.
      „Der ganze Tag war heute einfach blöd, angefangen bei heute Morgen“, rückte sie nun endlich mit der Sprache raus, „Ich war absichtlich früh bei Caja, dass wir die Halle allein haben. Einerseits, weil sie ja immer noch nicht so umgänglich ist und andererseits, weil sie super rossig ist.” Nachdem was ich so von Caja mitbekommen hatte, war ‘nicht so umgänglich’ noch milde ausgedrückt. Vier Monate stand die Fuchsstute mittlerweile hier auf dem Gestüt und duldete trotzdem kaum jemanden in ihrer Nähe. “Heißt also, sie war heute ohnehin schon schlecht gelaunt und dann kam da so ‘ne Trulla rein und die hatte ihren blöden Hengst nicht unter Kontrolle. Infolgedessen konnte ich nur das Training vergessen, nein, gebissen hat sie mich dann auch, obwohl ich das so langsam im Griff hatte”, sprach sie frustriert und ließ das Sweatshirt von der Schulter gleiten. Darunter zum Vorschein kam ein blau-violett schimmernder Fleck in der Größe eine 2-Euro-Stücks.
      „Blöder Vorschlag, aber hast du mal über eine Fressbremse nachgedacht?“, schlug ich vor aus dem Dunst heraus, dass bissige Hunde auch einen Maulkorb trugen.
      “Mmmm, nein”, sprach sie langsam, als würde sie noch darüber nachdenken, ob es eine Option sein könnte, “Aber vielleicht sollte ich das mal probieren.”
      “Sonst kommt zum Hengst und sollte mal eine Pause von dem ganzen Kram bekommen”, gab ich als weitere Möglichkeit, so hatte Bruce seine chaotische Isländerstute wieder auf den richtigen Weg gelenkt.
      “Mmm, wenn das nur in meiner Entscheidung läge”, seufzte sie. So wirklich glücklich wirkte sie noch immer nicht, wenn auch weniger angespannt als vor wenigen Minuten.
      “Dann sprich mit Tyrell morgen, der reißt dir nicht Kopf ab” zuckte ich schließlich mit den Schultern, “keiner ist dir hier für Versagen sauer, zu dem kann es auch mal mehr werden als ein blauer Fleck am Arm.”
      “Weiß ich doch …”, murmelte sie und zog an ihrem Ärmel herum, “Ihr habt eure Turniere und Rennen … Ach, ich will doch auch nur mal etwas erreichen.”
      „Verstehe ich“, gestand ich offen. Für sie musste es noch schwieriger sein als für mich. Während ich von einer Disziplin zur anderen sprang, um das Richtige zu finden, fehlte ihr der Reiz für mehr. Ebenso fehlte auch die wirkliche Gemeinschaft auf dem Hof, denn jeder von uns hatte Pferde vorzustellen.
      „Was wäre, wenn wir mal raus zur Weide gehen und dir ein Jungpferd holen? Da stehen teilweise vierjährige und fünfjährige, die aktuell nicht in den Trainingsplan von uns allen passen“, kam es als letzte Idee, ihr eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Denn die Arbeit mit Ivy hatte sie bisher erfüllt und mir Leben ausgestattet, doch nun machte der Hengst nur noch Kinderschritte, die natürlich ebenso wichtig waren wie den Anfang zu finden. Zaghaft nickte sie: “Mhm, Ja?” In ihrer Antwort schwang noch ein letzter Rest von Unsicherheit mit.
      “Ja”, sagte ich überzeugend und zog die Augenbrauen hoch, “sonst kaufen wir irgendwas für dich.” Darüber musste ich erst einmal lachen, als würde ein Pferd kaufen, ein Problem lösen anstelle welche zu schaffen.
      “Okay”, entgegnete sie und ein winziges Schmunzeln zuckte in ihren Mundwinkeln, “Aber wen auch immer du bei ‘wir’ implizierst, mich kannst du nicht meinen.”
      “Dann hauen wir den Schweizer an. Du kannst mir nicht verschweigen, dass da Funken fliegen”, zwinkerte ich ihr zu und sprach bewusst etwas lauter.
      “Vriskaaaa, sei doch still”, beschwerte sie sich sogleich und eine zartrosa Färbung trat auf ihre Wangen. “Aber ja, er ist ganz niedlich”, gestand sie mit deutlich gesenkter Stimme.
      “Das ist meine Rache”, flüsterte ich scherzhaft und klopfte ihr leicht auf die Schulter, wer wusste schon, wo sich weitere blaue Flecken verstecken. “Aber komm, wir gehen zurück. Dann kannst du ihn länger genießen.”

      Samstag, nächster Tag
      An der Jungpferdeweide

      Selbstverständlich musste es anfangen zu regnen, als wir aus dem Auto ausstiegen. Die Pferde hatten uns schon aus der Ferne gehört und standen neugierig am Zaun. Auch die Zuchtstuten mit ihren kugeligen Bäuchen konnten unseren Besuch kaum fassen, obwohl jeden Tag mindestens zweimal jemand in den Wald fuhr zur Kontrolle. Es war eine bunte Herde, bestehend aus allen Altersgruppen und Rassen. Auch die Isländer standen dabei, die wohl eher weniger für Lina sein würden. Zwei Weiden weiter rechts, tummelten sich die jungen Hengste, die bereits mit schrillem Wiehern auf sich aufmerksam machten, besonders Yu wollte unbedingt gestreichelt werden. Lina drückte ich ein Halfter in die Hand.
      „So, dann suche dir mal etwas aus“, sagte ich. Wir hatten bereits mit Tyrell gesprochen, der meine Idee mit einem ‘macht, was ihr wollt‘ lachend hinnahm. Ich lehnte derweil am Auto und prüfte das vierte Mal an dem Tag, die Starterlisten für den morgigen Renntag. Noch nicht ganz entschlossen stiefelte die Kleine in die Herde hinein und wurde augenblicklich von einigen der Tiere umringt und neugierig inspiziert. Lina ließ sich Zeit, nahm einige der Jungstuten in Augenschein, streichelte sie und schien sich keineswegs an dem Nass stören, welches rhythmisch auf das Blech schlug. Eines der Tiere drängte sich immer wieder in den Vordergrund, steckte die Schnauze in Linas Jackentaschen und verfolgte sie regelrecht, sobald sie einige Schritte tat.
      “Die ist niedlich, ich glaube, sie soll es werden”, grinste Lina und kraulte der hellen Stute die Stirn. Mein Handy steckte ich zurück in die Innentasche, nach dem ich keine neuen Informationen über meinen Angebeteten fand. Dabei seufzte ich leise und trottete mit riesigen Gummistiefeln durch das hohe Gras. Mit genauem Blick sah ich das blauäugige Pferd an.
      “Das ist Mola”, stellte ich fest, “die wird vier dieses Jahr, also, passt dir das?”
      “Ja, das ist gut”, nickte sie, “Jung, aber schon alt genug, dass man auch damit ein wenig was anfangen kann.”
      “Sollten ihre langen Beine es noch nicht verraten haben: Sie ist ein Traber”, erklärte ich zuversichtlich und öffnete den Beiden das Tor. Die anderen Pferde schubste ich zur Seite, damit kein weiteres versuchte zu fliehen. Stokki drückte den Kopf gekonnt an Lina vorbei, doch ich scheute die Rappstute im richtigen Moment zurück und mit einem großen Sprung floh sie vor dem Stromzaun.
      “So, dann steig mal ein, dann gebe ich dir den Strick. Sie wird schon nachlaufen”, sagte ich zu der Brünetten, die unsicher den Strick in der Hand hielt, während Mola lange Grashalme zupfte.
      “Okay, du wirst schon wissen, was du tust”, entgegnete sie ein wenig zweifelnd, reichte mir aber dennoch das Pferd und tat wie geheißen. Unwillig folgte mir die junge Stute, aber als Lina das Fenster heruntergefahren hatte, gab ich den Strick zurück. Zunächst musterte das Pferd den Seitenspiegel und steckte schließlich auch den Kopf hinein.
      Den Motor ließ ich langsam und möglichst leise angehen, dennoch zuckte das Jungpferd, aber gewöhnte sich direkt an das seltsam trommelnde Geräusch aus der Motorhaube. Im Schritttempo fuhren wir an. Mola folgte im selbigen und schnaubte sogar einige Male ab, was sie jedoch nicht daran hinderte, an einigen Grashalmen zu zupfen.
      “Das funktioniert ja wirklich”, staunte Lina, “und sie ist so brav.” Dem Grinsen auf ihrem Gesicht zu urteilen, war sie bisher zufrieden mit ihrer Auswahl.
      “In Island wird es nicht anders gemacht. Deswegen hat Bruce schnell entschieden, dass das der bequemste Weg ist”, informierte ich sie freundlich, als auch schon die Gebäude des Gestüts am Ende des Weges auftauchten. Heute wurde der erste Kran aufgebaut, nachdem alles nicht mehr Brauchbare dem Erdboden gleich gemacht wurde. Ein Schwall von Melancholie lag in der Luft, aber ich versuchte durch ein kräftiges Ausatmen, aus meinem Kreislauf zu bekommen.
      “Ja, bequem ist das wohl”, nickte sie zustimmend.
      Vor der Halle kamen wir zum Stehen, aus der gerade Lars seinen schneeweißen Hengst führte, deren Brust und Hals geschoren war. Ihm dicht folgte Mateo, allerdings ohne Vierbeiner.
      „Na Mensch, ihr wart schnell“, stellte der Dunkelhaarige fest und blieb auf Abstand mit dem Hengst, der den Damenbesuch bewunderte.
      „Sie hat sich recht schnell entschieden, oder viel mehr Mola“, grinste ich ihm zu. Zeitgleich half ich Lina beim Aussteigen.
      „Schau mal, dein bald Freund ist auch gekommen“, flüsterte ich leise.
      “Glaubst auch nur du”, wisperte sie und verdrehte die Augen. Dann huschte sie auch schon an uns allen vorbei, um die Stute auf den Paddock zu verfrachten. Ich brachte noch das Auto zurück auf dem Parkplatz.
      Im Stall lief ich zunächst zu dem Fuchs, der mit dem Kopf in der Ecke stand und mich erst bemerkte, als ich seinen Namen sagte. Die Ohren drehten sich in alle Richtungen und schließlich bewegte er sich mit kargen Schritten auf mich zu. Vorsichtig strich ihm über die große Blesse. Aus der Jackentasche kramte ich ein Leckerli hervor, dass er dankbar von der flachen Hand griff. Ihn aus der Box zu holen, war heute wieder eine Herausforderung. Immerhin akzeptierte er direkt sein rosafarbenes Halfter, für das jeder am Hof eine Meinung hatte. Die meisten mochten es nicht, aber ich wollte seine Männlichkeit unterstreichen und damit gelang es mir ziemlich gut.
      “Happy, komm schon”, zog ich kräftig am Strick, ihn interessierte das aber nicht im Geringsten. Auch als ihn noch einmal drehte, setzte er keinen Huf aus der Einstreu. Stattdessen machte er seinem Traberanteil allen Ehren, wurde immer länger und länger. Hoffentlich würde er nicht vor den Sprüngen parken, dass könnte gefährlich werden.
      “Sieht so aus, als wäre dein Pferd nicht so überzeugt von deinem Vorhaben”, stellte Mateo fest, der plötzlich neben mir stand.
      “Kein Wunder, der mag Männer nicht”, gab ich sogleich zurück und als würde Happy zustimmen, schnaubte er ab.
      “Na, dann kommst du wohl gut allein klar”, zuckte der Schweizer mit den Schultern, ”Ihr könnt ja dann kommen, falls ihr es jemals da rausschafft.”
      Offenbar hatte er meinen Scherz in den falschen Hals bekommen, aber er mochte Männer wirklich nicht. Ich lockte den Strick etwas. Dann setzte der Hengst voran, als würde er Mateo folgen wollen. Selbst ohne Hending kamen wir voran.
      In der Putzbucht kam der Hengst zur Ruhe und genoss das ausgiebige Putzen. Da er über eins siebzig war, nur etwas kleiner als Lubi, brauchte ich den Hocker, um an alle Stellen zu gelangen. Das ständige Auf- und Absteigen nervte, aber leider würde ich mit Anfang zwanzig nicht mehr wachsen. Als er schließlich sauber war, setzte ich mich in Gang, um einen Sattel zu finden. Aus der großen Sattelkammer nahm ich mir ein Martingal, das in einer der Metalkisten herumschwirrte, sowie Fesselkopfgamaschen und Glocken aus meinem Schrank. Bei der Schabracke begannen die ersten Zweifel. Obwohl ich mittlerweile eine schöne Sammlung aufgebaut hatte - ja, meine Kaufsucht schlug wieder zu – gab es keine einzige zum Springen. Wozu auch? Dennoch fand ich eine, die zumindest etwas runder geschnitten war und nahm sie mit.
      „Tyrell?“, fragte ich und streckte den Kopf ins Büro.
      „Ja, was ist denn?“, kam es sogleich wenig begeistert. Ich kam für gewöhnlich nur, wenn ich etwas wollte.
      „Wir haben doch sicher einen Springsattel, oder?“, hakte ich nach.
      „Einige, aber der von Schneesturm wird seinen Fuchs nicht passen“, begriff er sofort den Tatbestand, „aber unten in der Kammer müssten einige hängen.“
      Dankend nickte ich und verschwand nach unten. Tatsächlich hingen dort gefühlt tausende. Was ich an Schabracken besaß, sammelte mein Chef an Sättel, der Großteil davon wurde nie genutzt, dementsprechend staubig hingen sie auf den Sattelhaltern.
      „Hmm“, überlegte ich laut und streifte durch den Raum, der im Gegensatz zu dem Rest des Gebäudes, schlecht beleuchtet war. Kurzerhand holte ich eine Schubkarre und legte alle vielversprechenden Modelle mit zum Fuchs. Das Klappern des Metalls weckte ihn auf. Mateo, der sich mit Lars unterhielt, schaute nicht schlecht, als ich ankam.
      „Was hast du denn vor?“, hinterfragte Lars verwundert.
      „Einen passenden Sattel finden, was denkst du denn? Ich laufe doch nicht tausendmal“, erklärte ich.
      „Das sieht aus wie eine Flohmarkt Versteigerung“, merkte er an.
      “Soll man dir bei deinem Ausverkauf da helfen?”, bot Mateo an und fasste bereits die Lederstücke kritisch ins Auge.
      “Gern”, lächelte ich. Dabei hob ich das erste Modell heraus. Das Leder wirkte schon sehr mitgenommen und vor allem ungepflegt, aber die Polster unter dem Baum waren noch weich und ohne Knoten. Der Blonde nahm erst den Sattel und dann Happys Rücken näher unter die Lupe, welches der Fuchs Zähneknirschen und mit angelegten Ohren erduldet.
      “Der hat einen ziemlich schmalen Wirbelkanal, dass wir zu knapp schätze ich”, urteilte er.
      “Dann schaust du am besten durch”, schlug ich vor, beruhigte, währenddessen den Hengst, der zu dem Schweizer schielte. Fachkundig beschaute Mateo das Sammelsurium, legte nacheinander zwei Sättel auf den Hengst. Seine Wahl fiel letzten Endes auf ein zweifarbiges Modell, welches aussah, als wäre es noch nie im Einsatz gewesen.
      “Nicht ganz ideal für dich, aber zumindest für dein Pferd sollte der funktionieren”, ergänzte er erklärend. Die Sitzfläche war groß, aber für einen Tag kein Problem.
      “Danke für eine Hilfe”, sagte ich und nahm zunächst das Leder wieder vom Rücken, um alle anderen in der Schubkarre zurückzubringen.

      Wenig später saß ich im viel zu großen Sattel, den ich mit einem Lammfellüberzieher etwas bequemer gemacht hatte und ritt den Fuchs warm. Mateos Parcours stand bereits, als von einem zur anderen Sekunde Happy begann zu tänzeln. Im richtigen Augenblick fasste ich die Zügel nach. Seine Ohren drehten sich hektisch, während er versuchte, sich meinen Hilfen am Bein zu entziehen. Laut schepperten seine Eisen an der hölzernen Wand, bis ich den Grund seiner Aufregung bemerkte. Lina kam mit einem breiten Grinsen auf den Lippen durch den Sand stolziert, am Zügel hielt sie Mateos Stute Karie. Dass sie einen Helm auf dem Kopf hatte, konnte nur bedeuten, dass er sein Pferd nicht reiten würde. Happy spielte sich währenddessen weiter auf, als hätte er nur eine Aufgabe im Leben. Ich erinnerte mich daran, wieso ich keinen Hengst wollte.
      “Hör auf”, knurrte ich ihm ins Ohr und wie aus dem Nichts blieb er stehen. Allerdings bewegte sich nun gar nichts mehr, weder vor noch zurück. Sicherer, als plötzlich die Kleine umzureiten.
      “Welch verzückte Überraschung”, rief ich ihr lachend zu und tätschelte den Hals meines Riesen.
      “Ja, finde ich auch”, strahlte sie, “diese Gelegenheit konnte ich mir auch einfach nicht entgehen lassen.” Die kräftige Stute störte sich nur wenig an der Gegenwart des Hengstes, folgte Lina artig in die Zirkelmitte, wo sie den Gurt enger zog. In meinem Kopf leuchtete eine kleine Lampe auf, aus einem Bereich, den ich versuchte, geschlossen zu halten. Doch plötzlich stand die Tür offen und unterbreitete mir ein teuflisches Gefühl von Neid, Angst und Zweifel an mir. Dabei konnte die Kleine nicht einmal etwas dafür, einzig meinem Hengst fehlte es an benehmen. Dabei merkte ich, dass mein Geist noch immer nicht gefasst war, Veränderungen hinzunehmen. Seufzend legte ich die Beine an den Bauch des Pferdes. Er bewegte sich schließlich aus der Starre, aber spielte sich sogleich auf Höhe der Stute auf. Den Kopf streckte Happy in die Luft und entzog sich komplett dem Zügel. Gleichzeitig spürte die wegtretende Hinterhand. Damit verlor ich die Kontrolle über ihn und im Trab legte er zu, bis der Fuchs seine Runden drehte. Ich hätte ihn vermutlich ablongieren sollen, obwohl er gestern eine intensive Einheit hatte. Müde sollte er sein und nicht wie ein abgestochenes Schwein durch den Sand rasen. Der positive Nebeneffekt kam, dass Happy sich abreagierte und schließlich abschnaubte. An dem Punkt parierte ich durch und gurtete nach.
      Lina ritt zur gleichen Zeit die Dunkelfuchsstute warm, weiterhin mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Vermutlich hatte meine eigene Unsicherheit dafür gesorgt, dass sich das sensible Pferd derart extrem verhielt. Im Schritt lobte ich ihn ausgiebig. Die Stute beachtete er gar nicht mehr, nur Mateo war ihm weiterhin ein Dorn im Auge.
      “Dein Pferd mag mich ja wirklich nicht. Kommst du damit zurecht oder müssen wir nach einer Lösung schauen?”, erkundigte sich dieser rücksichtsvoll.
      “Wir holen eine Schere und berauben ihm seiner Männlichkeit, so einfach”, lächelte ich bewusst. Auf rätselhafter Weise konnte er jedes meiner Worte genau verstehen, denn seine Schritte verlängerten sich und er senkte den Kopf. Dabei schwang der Rücken mit. Tatsächlich verspürte ich endlich seine Ausbildung, das, was Happy auch gestern zeigte.
      „Der hat dich genau verstanden“, lachte der Schweizer. Lina, die derweil im Hintergrund herumzirkelte, wurde nun ebenso aufmerksam und kam locker herangetrabt. Happy zuckte nicht einmal, kaute stattdessen auf seiner Stange aktiv.
      „Worüber amüsiert ihr euch?“, fragte sie interessiert.
      „Offenbar ist Happy seine volle Männlichkeit überaus wichtig“, grinste ich und strich ihm durch die lange Mähne.
      „Dann ist ja gut, dass er seine Halfterfarbe nicht erkennt“, lachte sie.
      „Ja, ja. Schon klar“, rollte ich mit den Augen und trabte ebenfalls an. In gleichmäßigen Tritten federte er durch den Sand und wölbte dabei bilderbuchmäßig seinen eher kurzen Hals. Die Schwebephase auszusitzen war mit den kurzen Bügeln ein noch schwierigeres Unterfangen, sodass ich lieber leicht trabte. Nach einigen Schlangenlinien und Seitengängen legte ich das äußere Bein heran, stellte das Genick leicht nach innen und der Hengst sprang in den Galopp um. Geschwungen setzte er voran und ich entschied in der letzten Sekunde, doch noch über das niedrige Kreuz zu setzen. Den Höhenunterschied spürte ich kaum, so sehr versuchte das Pferd vor weiblicher Anwesenheit sich zu präsentieren. Auch beim zweiten Mal konnte ich nicht genau abschätzen, ob wir das Hindernis absolviert hatten und lenkte letztlich auf das höhere Rick zu. Nun musste ich genau aufpassen und wie ich es die wenigen Male in der Ausbildung hatte, gab ich eine halbe Parade, um schließlich mit mäßig gutem Abstand abzuspringen. Deutlich weiter flog er über die Stange, als würden wir einen Wassergraben springen, zumindest sagte mein Hirn mir, dass er sich verschätzt, hatte in der Weite. Freundlich tätschelte ich den Hals und holte ihn in den Trab zurück, nur der Schritt schien in weiter Ferne. Der potente Hengst strotzte vor Energie und legte mächtig an Tempo zu, ohne aus dem Rahmen zu fallen. Wirklich Hilfen waren dabei nicht nötig, denn Happy entschied selbst, sein Können zu präsentieren. Ich fühlte mich etwas unbeholfen im Sattel, aber konnte ihn schließ doch noch für Schritt begeistern.
      „Der springt ja wirklich“, staunte Lina, „Das sah gar nicht so schlecht aus.“
      „Ich frage besser nicht, wie du meinst“, scherzte ich. Sie meinte es nicht böse, dennoch vernahm einige Zweifel in ihrer Stimme, die ich versuchte zu überhören. Nach einigen Runden über die Stangen am Boden übernahm auch Lina das Ruder und flog über die aufgebauten Hindernisse. Die Stute war ebenso motiviert für das bunte Holz wie mein Hengst. Sie galoppierte deutlich hektischer, aber sprang deutlich gleichmäßiger ab und zog dabei kräftig an. Mir war es bis heute ein Rätsel, wie die etwas dicklich anmutende Stute, so flink unterwegs war. Unauffällig schielte ich zu Mateo, der mit seinen Augen fest an Lina gehaftet war und jeden Absprung anpeilte, als säße er selbst im Sattel.
      Nach einer ausgiebigen Pause galoppierte ich wieder an. In der Zwischenzeit hatte sich die Höhe etwas verändert und lag nun auf achtzig Zentimeter. Vom Rücken des Riesens wirkte es noch immer niedrig, aber meine Vernunft sagte mir, dass ich mich nicht überschätzen sollte. So sprang ich nur einmal hinüber und Ritt schließlich ab. Das Schicksal wollte ich nicht herausfordern, außerdem schwitzte Happy, als hätte ich ihn geduscht. Auch Lina nahm Karie in den Schritt zurück. Tatsächlich benahm sich der Kerl unter dem Sattel und reihte mich neben ihr ein.
      „Und, immer noch der Meinung, dass es nicht sein Bald-Freund ist?“, zwinkerte ich überzeugt zu ihr hinüber, „schließlich überlässt er dir sein Lieblingspony.“
      „Ja, dafür müsste ich nämlich erst einmal auf der Suche sein“, blieb sie standhaft, „und jemanden seinem Pony reiten zu lassen, ist noch lange kein Liebesbeweis.“
      „Ach, ich denke schon, dass er sich abends im Bett vorstellt, wie sich sein Pony wohlfühlen muss“, konnte ich mich nicht zurückhalten, unpassende Sprüche zubringen. Schließlich musste auch ich Lars ertragen, der bei jeder Fahrt im Wald, an nichts anderes dachte.
      „Was ist denn los, dass hier alle nur das eine im Kopf haben“, schüttelte sie den Kopf.
      „Der Frühling kommt, mein Schatz“, grinste ich.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 30.952 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang März 2021}
      Fohlenbericht sechs von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel trettioåtta | 30. Oktober 2022

      May Bee Happy / Maxou / HMJ Divine / Einheitssprache / Monet / Dix Mille LDS
      Mitternacht LDS / L‘Épirigenys LDS / Fire to the Rain LDS / Nachtzug nach Stokkholm LDS / WHC‘ Email / Ready for Life

      DONNERSTAG, 10:16 UHR
      Kalmar

      Vriska
      Vier Rennen später, die mehr oder weniger erfolgreich verliefen, standen wir in Kalmar. Es war nicht mehr dasselbe. Noch immer sah ich mich um, einzig, um ihm aus dem Weg zu gehen. Zu sehr ängstigte mich die Vorstellung ihm in Begleitung seiner Freundin anzutreffen, deshalb war ich froh, dass ich nicht als einzige von uns am Hofturnier teilnahm. Nichtsdestotrotz sah ich jedes seiner Rennen, auch wenn er es im Moment bevorzugte in den Norden Schwedens zu fahren und dort Platzierungen abzusahnen.
      Happy stand friedlich neben dem Transporter und zupfte am Heu, wohingegen Lina wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend rannte. Es gab keinen Grund dafür, nur die Aufregung an sich. Der Zeitplan lag zurück, schon in den Kinderprüfungen dauerte es länger und ich rechnete mit einem Zeitverzug von etwa einer Stunde.
      “Vriska, ich glaube, ich kann das nicht”, jammerte sie unbegründet und zupfte an der Haarpracht ihres Hengstes herum. Das junge Pferd war aufmerksam, behielt alles mit seinen dunklen Augen im Blick, aber war insgesamt noch ziemlich entspannt.
      “Dann packen wir jetzt dein Pferd ein und ich fahre es nach Hause”, antwortete ich unbeeindruckt. Den Blick richtete ich nicht auf, sondern scrollte weiter auf meiner Instagram-Timeline hinunter.
      “Ja”, nickte sie hektisch, “fällt sicher niemandem auf, wenn ich fehle.”
      “Bestimmt hat Samu binnen Minuten vergessen, dass du je existiert hast, Sam und Mateo wissen auch schon nicht mehr, wer du überhaupt bist. Da hast du vollkommen recht”, seufzte ich und steckte das Handy weg. Die Ohren meines Fuchses stellten sich auf, als ich näherkam und den Strick löste vom Metall.
      “Ja, Na ja … vielleicht nicht sofort, aber”, plapperte sie wirres Zeug, brachte nicht einmal einen vollständigen Satz hervor, da schien sie sich bereits in ihrem wirren Gedankenkonstrukt verloren zu haben. Seit Tagen, nein, Wochen ging es so. Lina konnte nicht wirklich erwarten, dass ich noch Verständnis für ihre Aufregung hatte. Den Strick befestigte ich wieder.
      “Willst du etwas zum Essen, Alkohol? Irgendwas? Egal, was, ich besorge es dir oder tue es, solang du dann ruhig bist”, versuchte ich eine Lösung für ihr Verhalten zu finden.
      “Den Knopf zum Vorspulen”, schossen die Worte aus ihrem Mund. In einer willkürlichen Bewegung klammerte sie sich an ihr Pferd, welches daraufhin die irritiert die Ohren anlegte.
      „Dann muss kurz nach Zeitsprungknoten schauen“, sprach ich kalt und setzte mich in einer seltsamen Position auf den Boden, blickte in den Himmel und tat so, als würde ich Zeichen empfangen – von wem auch immer.
      „Also, ich habe zwei Punkte empfangen. Entweder den Tag, an dem du wieder zu deinem Vater ziehst oder an dem Ivy von mir gegessen wird“, erklärte ich und verschränkte die Arme, als würde ich auf eine Auswahl warten.
      “Was?” Voller Entsetzten starrte sie mich an und krallte ihre Finger noch fester in den Mähnenkamm ihres Hengstes.
      “Entschuldigung, ich war nicht lang genug in der Schule, um Zugriff auf mehr Knoten zu haben und wenn du so weiter machst, wird Ivy das heute nicht überstehen”, versuchte ich weiter ihre Vernunft zu finden.
      “Iiiich bin schon still”, entgegnete sie eingeschüchtert und schien wirklich bemüht darum, ihre nervöse Energie im Zaum zu halten.
      „Du sollst nur nicht dein Pferd misshandeln“, lächelte ich aufmunternd, „also was willst du tun? Dir die anderen anschauen, wo anderes herumlaufen“, dann seufzte ich, denn ich kannte alternativ eine Stelle, wo niemand sein würde. Vermutlich wäre es ihr da am liebsten, aber ob ich das ertragen konnte, wusste ich nicht.
      “Nein, möglichst ohne Menschen würde ich bevorzugen”, sprach sie, löste die Finger von Divines Hals und strich ihm entschuldigend über sein Fell. Sofort gingen die Ohren wieder nach vorn und er stupste sie freundlich an, als wolle er ihr vermitteln, dass es keinen Grund für solch eine Aufregung gab.
      Ich seufzte, aber akzeptierte die Entscheidung. Also schloss ich das Tor des provisorisch aufgebauten Zauns, in dem die Pferde standen. Zusammen liefen los, an der Hecke vorbei, bis wir an der Trainingsbahn ankamen. Keiner der Dressurtrottel würde sich jemals hierher verirren und die Traber mieden ebenfalls jede Veranstaltung hier oben, dementsprechend waren wir allein. Einige Meter stand eine Bank, ein Balken lose, aber sonst noch in der Struktur vorhanden. Es war still, nur die Geräusche der Autobahn und Natur drangen an uns heran.
      „Ja, das ist gut“, beurteilte Lina die Umgebung. Argwöhnisch testete sie die Stabilität der Sitzgelegenheit, bevor sie sich darauf niederließ, die Stille auf sich wirken lassend.
      „Freut mich“, murmelte ich nur, denn nun war ich wie von einer Tarantel gestochen. Meine Finger fummelten am Saum der Jacke, während mein Blick über die Weite schweifte. Wenn ein Geräusch ertönte, drehte ich mich sofort in die Richtung, aber fand für keines dieser eine Erklärung.
      „Bin ich so ansteckend?“, horchte die Kleine nach, die zumindest für den Moment eine ganze Stufe entspannter wirkte. Zumindest zeugten die Finger, die endlich zum Stillstand gekommen waren, dafür.
      Hektisch schüttelte ich den Kopf.
      „Es ist nur so“, ich nahm einen kräftigen Atemzug, „ich war hier lange nicht mehr.“
      Bewusst wich ich ihren Augen aus. Seit Wochen hatte ich dieses Schweregefühl, wie in diesem Moment, nicht mehr auf den Schultern gehabt, sondern schürzte mich in allerhand Arbeit. Diese fehlte inzwischen wieder. Zugleich kam mir auch die Situation an sich nicht entgegen, sodass Zweifel erneut in den Vordergrund rutschten. Sorge, um die lausige Anfänger Dressur hatte ich nicht, wie auch? Happy lief zuverlässig auf dem schweren Niveau und ich war mittlerweile auch in der Lage, die Abfolgen zu reiten. Dennoch war meine Lizenz nicht weit genug datiert, um höhere Prüfungen zu reiten. Lina warf einen prüfenden Blick auf ihre Umgebung.
      „Geht's dir gut?“, fragte sie vorsichtig, als sie den Zusammenhang zwischen dem Ort und meinen Verhalten erfasste.
      „Was heißt schon gut?“, lachte ich kurz auf, schüttelte den Kopf und hob die Hände. Wie eine gefangene Raubkatze streifte ich über den feuchten Sand der Bahn. „Man lebt in den Tag hinein, nimmt die Dinge, wie sie kommen und macht weiter. Ein guter Tag ist, wenn ich erst im Bett an ihn denke und Happy Fortschritte macht oder Maxou.“
      Mit ihren großen Rehaugen sah Lina zu mir hoch. Es gab nicht viel, was sie über die generellen Umstände mit Basti wusste, nur, dass wir einander nicht mehr sahen, trafen oder schrieben. Ich schätzte, dass Nour und Lars es aus anderen Quellen erfuhren, mich jedoch im Frieden ließen, dass sie nichts wussten. Der Stalltratsch auf den Rennen würde sicher genügend Informationen an die Oberfläche spülen, sodass jeder wusste, dass Basti wieder mit seiner Ex zusammen war. Geschichte wiederholt sich, sagt man so schön und ich traf offenbar jedes Mal aufs Neue dieselbe Sorte Mann – fehlte nur noch ein Kind, dann wäre das Muster vervollständigt.
      “Mmm, klingt nicht so als habest du gegenwärtig besonders viel Freude”, stellte sie nüchtern fest.
      “Korrekt”, brachte ich gereizt heraus.
      “Ist ja gut”, sagte, sie beschwichtigend, ”du wirst dir keine Sorge machen müssen, ihm zu begegnen, schließlich ist die Trabercrew nach Malmö aufgebrochen, wenn ich mich recht erinnere.”
      “Da wirst du nicht ganz falsch liegen”, bemerkte ich. Das Pochen in meiner Brust wurde merklich ruhiger, auch wenn der nächste Schwall an Anspannung aufkam, dass ich nicht selbst wusste. Obwohl ich Bastis Teilnahmen verfolgte, hatte ich im Stress meines ersten Turniers mit Happy, wohl etwas übersehen. Allein der Umstand brachte mich zum Grübeln. Kam ich langsam über ihn hinweg oder war es die Ruhe vor dem Sturm?

      13 UHR

      Endlich tauchte Samu auf. Mir gingen die Ideen aus, wie ich Lina hätte weiter beruhigen sollen. Nachdem es Zeit wurde unseren Ruheort zu verlassen, kam auch ihre Anspannung wieder. Es übertrug sich auf Ivy. Ihr Hengst lief auf dem Paddock Kreise, wippte mit dem Kopf und seine lange Mähne schwang in der Luft mit. Happy zog es magisch an. Der Fuchs sprang gegen den Zaun, immer und immer wieder, bis ich schließlich sein Halfter zu fassen bekam.
      “Alles gut”, sprach ich beruhigend auf das Tier ein. Die Ohren zuckten in alle Richtung. Aber ich hatte ihn in der Hand, für einen Moment versuchte er noch sich zu befreien, bis er spürte, dass ich bei ihm war.
      “Wir schaffen das”, flüsterte ich ihm und legte vertrauensvoll meine Lippen auf seinen weißen Nasenrücken.
      Der Himmel lockerte auf. Kleine Sonnenstrahlen kämpften sich durch die dicken Wolken. Wärme kam auf, dass ich meine Jacke auf die Beifahrerseite des Autos legte.
      “Tut mir leid”, entschuldigte sich Lina, die auf den Zehenspitzen auf und ab wippte, was ihr Pferd nicht gerade ruhiger werden ließ.
      “Linchen, runterfahren”, sprach ihr bester Freund sanft zu ihr und hielt sie an den Schultern am Boden. Divine ließ ein leises Wiehern erklingen, was mehr klang, wie das Blubbern eines Motorrades. Als in der Entfernung allerdings jemanden mit einem fremden Pferd vorbei Schritt schraubte sich der Ton mehrere Oktaven in die Höhe.
      “Außerdem solltest du langsam mal dich fertig machen, in einer halben Stunde beginnt die Prüfung”, erinnerte ich sie auf direkten an unseren Grund, wieso wir hier seit den frühen Morgenstunden herumstanden. Geschickter wollte und konnte ich mich nicht ausdrücken. Dafür regte sie den Fuchs zu sehr auf, der ohnehin unter Strom stand wegen der ganzen anderen Pferde. Für ihn war es nicht leicht, auch wenn ich bisher nicht herausfinden konnte, deshalb er so war.
      “Was in einer halben Stunde schon!” Wie ein aufgescheuchtes Huhn, bewegte sie sich fort und holte ihren Putzkasten hervor. Kaum hatte sie diesen abgestellt, bewegte sie sich zu ihrem Pferd und wollte es einfangen. Ivy kam zwar zu ihr gelaufen, doch zuckte nervös, wie er war immer wieder mit dem Kopf weg.
      “Samu, Hilfe”, sah sie verzweifelt zu dem großen Blonden hinüber.
      “Ich sag’s dir erneut, du musst dich ein wenig beruhigen”, sagte er kopfschüttelnd zu ihr, kam ihr aber dennoch zu Hilfe. Ruhig sprach er mit dem hellen Pferd und strich ihm langsam über den Hals. Im Gegensatz zu seiner Besitzerin wurde er ruhiger und ließ sich schließlich von Samu aus dem kleinen Paddock führen.
      “Soll ich direkt mit Happy mitkommen?”, bot ich an.
      “Ja”, nickte Lina heftig mit dem Kopf, sah dabei aus, wie eine dieser Wackeldackel, die Senioren auf ihrer Kofferraumabdeckung stehen hatten, neben der Popapierrolle.
      “Gut, dann entspann dich. Ich bin da”, wiederholte ich noch mal, bevor ich Happy an ihr vorbeiführte und auf der anderen Seite des Transporters befestigte. Er schnaubte gelassen ab, dann putzte ich ihn. Dreckig war er nicht, nur etwas Staub löste sich aus dem Fell und nach zehn Minuten holte ich den alten und ziemlich zerkratzten Dressursattel aus der kleinen Sattelkammer. Nach der schwarzen Pflegecreme sah er zumindest weniger zerkratzt aus. Das Modell stammte aus unserer Ansammlung von Pferdezubehör, schließlich kam mein Reitpad nicht dem Regelwerk nach. Die Form störte der Nennstelle, obwohl ich für die vier Minuten Prüfung sogar bereit war, Bügel zu befestigen.
      Das dicke Korrekturpad glich den Großteil aus. Aber wie gesagt, lange trug er das Ding ohnehin nicht. Die Länge war perfekt und die Kammer passte ich selbst an. Samu brachte Lina derweil ihren nagelneuen Dressursattel, der natürlich wie angegossen auf dem Hengst lag. Etwas Neid lag schon in meinem Blick, als ich das gepflegte Leder betrachtete, das poliert im Licht glänzte. Der Prozess des Bürstens hatte offenbar den Adrenalinspiegel ein Stück weit heruntergebracht. Die Kleine wuselte nur noch mit halber Geschwindigkeit um ihr Pferd herum und bis auf das übliche Anlegen der Ohren, ließ der Hengst sich artig satteln.
      „Lass mich das mal machen“, nahm Samu ihr die Trense aus der Hand.
      „Meinst du, ich kann das nicht selbst?“, blickte sie ihn irritiert an.
      „Doch, aber willst du etwa so auf Pferd steigen“, wies er seine beste Freundin auf den Umstand hin, dass sie noch in der Jogginghose umherlief, welches sie aufgrund der niedrigen Temperaturen am Morgen zusätzlich anzog. Ebenso die Stiefel und der Helm befanden sich noch nicht an ihrem Körper.
      Vielleicht wäre es auch für mich ratsam gewesen, das Pferd mit einem Überzieher zu reinigen. Stattdessen zierte der Stoff an meinem Oberschenkel unterschiedliche Streifen und Formen aus Staub. Selbst das Jackett vom Nationalteam trug ich schon, womit ich redlich blöd bei vorkam. Mein Name stand auf der Brust und am Ärmel, auf Schulterhöhe, das Logo des Landes. Eskil hatte mir dazu geraten, aber bei einer lokalen Veranstaltung mich derartig herauszuputzen, wirkte lächerlich. Zum Schluss löste ich noch die Startnummer vom Halfter und befestigte diese an der Trense. Happy zuckte, als das Plastik nah in seine Sicht kam, aber mit ruhigen Worten, entspannte sich dieser.
      „Bereit?“, lächelte Samu aufmunternd, als Lina vollständig bekleidet neben ihn trat. Divine war bereits getrenst und ebenso den Gurt hatte der Finne nachgezogen.
      „Optisch ja. Mental … ich weiß nicht“, entgegnete sie zurückhaltend und strich ihrem Hengst über die helle Stirn, bevor sie Zügel entgegennahm. Ich hingegen warf meine über den Hals und schwang mich, mithilfe eines Tritts, in den Sattel. Schnell reichte ihrem Turniertrottel mein Handy für ein Bild. Es landete mit einer Markierung zu Lina in meiner Instagram-Story, bevor Samu es in den Schrank packte. Es galt Handyverbot beim Reiten, was ich natürlich sonst nicht einhalten könnte.
      „Das ist nur die Nervosität, das wird gleich besser, wenn du auf dem Pferd sitzt“, ermutigte er die Kleiner weiterhin. Verhalten nickte sie, als würde sie ihn nicht hundertprozentig trauen, doch sie folgte ihm widerstandslos, als er den Weg zum Abreiteplatz einschlug. In kleinen, tänzelnden Schritten tippte der sonst so ruhige Freiberger seiner Reiterin hinterher, wieherte sogar einer Stute hinterher, die uns entgegenkam und drehte die Ohren, wie zwei Antennen auf der Suche nach Empfang.
      Skeptisch beäugte ich die beiden, wie sie durch den Sand rollten. Sie zupfte willkürlich am Zügel herum, als hätte sie alles vergessen, was jemals im Reitunterricht besprochen wurde. Obwohl ich die Aufgabe bei mir sah, Lina durch ihr erstes Turnier zu begleiten, hatte ich ganz andere Probleme. Wie unter Storm zuckte der Fuchs bei jedem Geräusch zusammen und konnte keinen Schritt auf den Sand setzen, ohne diesen genauestens zu prüfen. Durch
      leichten Kontakt am Bein trieb ich ihn vorwärts. Langsam, aber sicher wurde er warm mit der Situation, auch, weil die rossige Stute vom Platz verschwand.
      „Ach super, du sitzt schon auf dem Pferd. Ich wollte dich gerade holen gehen“, grinste Eskil, der am Zaun auftauchte.
      „Er war sehr nervös auf dem Paddock, deshalb wollte ich ihn genügend vorbereiten“, erklärte ich und strich dem bereits geschwitzten Hengst über den Hals.
      „Vorbildlich. Wie ist er heute?“, hakte er nach.
      „Hart am Maul, abgesehen von seiner Nervosität, fleißig und temperamentvoll, wie man ihn kennt“, schätzte ich ein.
      Eskil nickte.
      Es folgten Anweisungen zur Vorbereitung, die im Schritt und Trab umsetzte. Langsam, aber sicher löste sich Happy. Er streckte den Hals und seine Schritte wurden weicher auf dem eher harten Untergrund, sodass ich entspannt im Kopf den Ablauf durchging.
      Lina hatte es schwieriger mit ihrem weißen Pferd. Ihre Aufregung übertrug sich auf das junge Tier und es war ein einziges Auf und Ab der Gefühle. Wenn er auf Idee kam, sich zu lösen, ergriff sie panisch den Zügel, als würde Ivy wegspringen. Natürlich tat es vor Schreck, dass die Kleine hektisch am Gebiss zog. Eskil und Samu versuchten die beiden zu bändigen, aber kamen mit ruhigen Worten nicht voran. Ich hoffte noch immer darauf, dass Niklas von selbst zum Abreiteplatz kam, aber das wäre genauso unwahrscheinlich, wie Basti anzutreffen. Mit leichter Gewichtsverlagerung bewegte ich Happy vom Platz hinunter und folgte der Menschenmasse, die sich zum großen Reitplatz bewegte, auf der die Prüfungen geritten wurden. Da stand er, unterhielt sich mit einer betuchten jungen Dame, kaum älter als ich. Angetan von ihm fuhr sie sich durch die langen schwarzen Haare und kicherte. Aus den Wortfetzen entnahm ich nichts, was lustig war.
      „Romeo, deine Freundin braucht dich“, rief ich ihm leicht verärgert zu. Tatsächlich reagierte Niklas und löste sich sofort von der Dame. Böse Blicke prasselten auf mich ein, aber die Verurteilung aller, kannte ich schon und lebte damit. Happy faltete die Ohren immer näher in den Nacken, als er sich auf uns zubewegte.
      „Was stimmt mit dir nicht?“, zischte Niklas mich an.
      „Das solltest du dich selbst fragen, aber komm bitte. Lina flippt gleich aus“, sagte ich stumpf.
      „Und was soll ich dann tun?“, fragte er schwer von Begriff.
      Ich rollte mit den Augen.
      „Einfach für sie da sein. Samu und Eskil sind keine große Hilfe“, erklärte ich.
      Niklas entglitten die Gesichtszüge.
      „Kili ist da?“, verunsichert huschten seine Augen von links nach rechts und wie angewurzelt hielt er an. „Dann kann ich dort nicht hin.“
      „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Kannst du dich bitte nur für den Moment normal benehmen“, versuchte ich ihn zur Vernunft zu bringen, sehr ironisch, denn sonst musste mein Umfeld, das mit mir tun.
      Er holte kräftig Luft und folgte mir schließlich. Wie vom Teufel gejagt, legte er einen Jog hin, als man aus der Ferne schon Ivy über den Platz fetzen sah. Der Hengst wirkte unkontrolliert und vollkommen verängstigt, Lina im Sattel ebenfalls. Happy, den das wieder aus der Ruhe brachte, hielt ich zurück. Wir blieben auf Abstand.
      Im Schritt führte Niklas seine Freundin zum Reitplatz. Sie strahlte, auch wenn ich mir kaum vorstellen konnte, dass es einzig an der Anwesenheit ihres Partners lag. Einige Meter dahinter lief Samu, ebenfalls gut gelaunt und zu gleichen Maßen erleichtert. Freundlich nickte er mir zu.
      Samu
      Verwunderung trat ein, als ich feststellte, dass Vriska nicht mit zum Reitplatz kam. Eigentlich hatte ich gedacht, sie würde Interesse daran hegen, wie Lina sich machen würde. Na ja, vielleicht hatte sie auch einfach mit ihrem Fuchs zu tun, der nicht gerade einen zufriedenen Eindruck machte.
      “Na, wie geht es unserer Kleinen?”, kam Samantha gut gelaunt auf mich zu. Dicht darauf folgte auch ihr Bruder, der, soweit ich mitbekam, von seiner Schwester als ihre Begleitung verpflichtet wurde.
      “Könnte deutlich besser sein. Lina steht vollkommen unter Strom”, gab ich ihr den Lagebericht. Lina und ihr Freund befanden sich etwas abseits, bewegten sich in kleinen Kreisen. Die Tatsache, dass sich ihr Start sich um wenige Minuten verzögerte, hatte ihr Stresslevel sofort wieder ansteigen lassen, was sich auch auf ihren Hengst auswirkte. Nervös, mit kurzen, kleinen Schritten lief das helle Tier voran, die Augen weit aufgerissen, ständig in der Erwartung eine ruckartige Anweisung zu erhalten. Das letzte Mal, dass ich meine beste Freundin dermaßen außer Rand und Band erlebt hatte, war schon etliche Jahre her und hatte einen deutlich bedeutenderen Hintergrund.
      “Wer kam eigentlich auf die bescheuerte Idee, sie mit ihrem Hengst starten zu lassen?”, fragte sie mit einem kritischen Blick auf die Situation.
      “Sie selbst”, kam Mateo mir mit einer Antwort zuvor, “Nach dem ersten Training war sie hellauf begeistert von dieser Idee.”
      “Und keiner von euch zwei hat ihr gesagt, dass das vielleicht nicht die klügste Idee ist? Sie hätte doch auch Hanni nehmen können”, hakte die Blonde voller Unverständnis weiter nach.
      “Oh doch, jedes Mal, wenn es zur Sprache kam”, seufzte ich. Hätte ich geahnt, dass sie sich bereits bei so einem kleinen Turnier dermaßen aufregen würde, hätte ich ihr Divine aktiver ausgeredet.
      “Und was ist mit dir, Mateo”, scharf blickte die junge Frau ihren Bruder an, “du siehst so schuldbewusst aus.” Das Trio stand mittlerweile wieder still, sofern der Hengst diesen Zustand zuließ. Ihren Blick hatte sie auf den Platz gerichtet, auf denen ihr junger Vorreiter gerade die letzten Figuren der Aufgabe präsentierte, dabei nickte sie immer wieder unsicher. Daraus schloss ich, dass Niklas versuchte ihren Fokus auf die zu bewältigende Aufgabe zu lenken.
      “Sie sieht immer so glücklich aus, wenn Ivy Fortschritte macht”, verteidigte Mateo sich, versuchte es nicht einmal abzustreiten.
      “Dummkopf, gerade du solltest es besser wissen”, rügte die junge Frau ihn und stieß ihm fest in die Seite. Doch der Ärger würde auch nichts mehr nutzen, das Kind war schon in den Brunnen gefallen. Wie auf das Stichwort erklang verhaltener Applaus und der Junge verließ mit seinem Pferd die Bahn.
      “Du schaffst das”, lächelten die beiden Geschwister Lina aufmunternd zu, als diese in Begleitung ihres Freundes zum Eingang des Reitplatzes ritt. Auch ich wünschte ihr viel Erfolg, doch das nahm sie schon kaum noch wahr. Es knackt in den Lautsprechern, dann erklang eine Männerstimme, die Linas Auftritt anmoderierte.
      “Denk daran, für die nächsten Minuten gib es nur noch dich und dein Pferd, dann schaffst du das, mein Engel”, trug der Wind die Worte hinüber, die Niklas ihr mit auf den Weg gab. Lina nickte, atmete ein letztes Mal tief durch und trieb ihren Hengst an. Aufgeschreckt machte der Freiberger einen Satz nach vorn, wobei seiner Reiterin kurzzeitig das Lächeln entglitt, doch als sie bei X hielt, währte sie wieder einen perfekten Anschein. Etwas ruckartig trat Ivy wieder an, fand aber schnell einen gleichmäßigen, wenn auch etwas hastigen Rhythmus.
      “Schau nur Sammy, so schlecht sehen die beiden doch gar nicht aus”, sprach Mateo zu seiner Schwester. Genau im selben Moment parierte Lina zum Schritt. Artig folgte der Freiberger den Hilfen, hab sich in der niedrigeren Gangart angekommen, allerdings hinaus, weil seine Reiterin ihm nicht schnell genug den Zügel freigab.
      “Fordere das Glück nicht hinaus, das wird sie dir nicht verzeihen”, schmunzelte sie.
      “Wird sie auch nicht müssen”, gab er überzeugt wieder, “Lina wird mit einem Schleifchen nach Hause gehen.” Lina war mittlerweile beim Galopp angekommen, eine der Sachen, an denen sie in den letzten Wochen am intensivsten gearbeitet hatte. Das wurde auch sichtbar. Gesetzt setzte das helle Pferd in großen Sprüngen über den Sand und wirkte für sein Körperformat erstaunlich leicht. Den Rest der Aufgabe ritt Lina ohne größere Fehler, womit sie meiner Einschätzung nach bei einer 6er oder 7er-Wertnote liegen sollte. Mit einem Gruß an die Richter beendete sie die Prüfung. Mit den Zügeln fiel auch die Anspannung und ein echtes Lächeln breite sich auf ihrem Gesicht aus. Auch mich durchfloss das Glück und ich war stolz auf sie, dass sie sich ihren Ängsten entgegenstellte. Sprunghaft wie ein Welpe, löste Samantha sich vom Zaun und lief hinüber zum Ausgang, wo Niklas bereits auf seine Freundin wartete. Mateo und ich folgten ihr etwas gemächlicher. Überglücklich fiel Lina ihrem Hengst um den kräftigen Hals, kaum hatten seine Hufe das Pflaster berührt.
      “Gut gemacht”, lobte Niklas sie und tätschelte beiläufig die Schulter des Tieres. Lina wollte etwas entgegnen, doch Samantha fiel ihr freudig ins Wort: “Ich wusste, du kannst das.”
      “Das klang vorhin aber noch anders”, beschwerte sich ihr Bruder.
      “Mateo, dränge dich nicht immer in den Vordergrund”, winkte Samantha ab und stopfte Divine ein Leckerli in die Schnauze, “Wenn das kein Schleifchen für euch gibt, müssen die Richter schon blind sein.” Der Schweizer verdreht die Augen um, murmelte etwas wie: “Weiber.” Der Umgang der beiden Geschwister brachte mich zum Schmunzeln. Sie erinnerten mich an meine Geschwister und mich.
      “Danke”, nahm Lina das Lob ziemlich bescheiden entgegen, ”Ihr tut ja gerade so, als hätte ich Olympia gewonnen, aber so gut war es sicher nicht.”
      “Engelchen, sieh mich an”, sprach Niklas und legte seine Hand auf ihren Oberschenkel, um ihre Aufmerksamkeit sicherzustellen, “Du hast etwas erreicht, wofür es zwar kein Schleifchen gibt, aber das viel mehr Wert. Du bist über dich hinausgewachsen und darauf darfst du ruhig stolz sein.” Damit sprach er genau das aus, was ich ihr ebenfalls sagen wollte. Egal, was die Richter sagen würden, Lina hatte heute mit Abstand den größten Erfolg erzielt.
      “Oh”, stieß Samantha nach einem Blick auf ihre Uhr aus, ”Ich würde unheimlich gerne sehen, wie du dein Schleifchen bekommst, aber wir müssen allmählich Einheitssprache vorbereiten.” Mit diesen Worten stürzte sich die Blondine in die Vielzahl an Menschen, die beschäftigt um den Platz herumwuselten.
      “Sieht man dich später?“, richtete Mateo eine Frage an Lina.
      „Selbstverständlich komme ich mir mein Pferd anschauen“, grinste sie. Während der blonde Haarschopf des Schweizers in der Menschenmasse verschwand, hingen meine Gedanken noch an Lina Wortlaut fest. Ging es dabei um tatsächliche Besitzverhältnisse oder entstammt das aus der Gewohnheit heraus.
      „Samu, du kannst aufgehört so anstrengend nachzudenken, Rambi ist tatsächlich meiner. Na ja, zur Hälfte“, sprach sie, als habe sie meine Gedanken wahrgenommen. Ihr Freund schien nur wenig verwundert über diese Information. Wie konnte es nur sein, dass alle es bereits wussten, nur ich nicht? Bereits seit einigen Wochen hatte ich das Gefühl, dass Lina mir nicht mehr so viel erzählte, wie früher und immer öfter Dinge unter den Tisch fallen ließ.
      „Ich hätte mir ja denken können, dass du jeder Gelegenheit nutzt, schon wieder ein Pferd zu kaufen“, schmunzelte ich.
      „Was heißt den hier schon wieder?“, beschwerte sie sich sogleich, „Rambi ist das erste Pferd dieses Jahr! Außerdem möchte ich betonen, dass ich weder Ivy noch Redo so wirklich gekauft habe.“ Das Pronomen bekam dabei besonders viel Betonung. Dieser Fakt stimmte zwar, aber änderte nicht wirklich etwas daran, dass der dunkle Freibergerhengst bereits das dritte Tier in ihrem Besitz war. Wenn sie in dem Tempo weitersammelte, würde sie alsbald, sämtliche Freiberger in ganz Schweden besitzen, da konnte ich wohl sagen, was ich wollte. Sofern sie irgendwo die Zeit und das Geld finden würde, würde sie sich wohl noch unzählige weitere Tiere zulegen.
      “Schon gut, sammle du mal deine Pferde”, lächelte ich milde. Pferde sammelt, gefiel sie mir deutlich besser als in den Zeiten, in denen sie sich von der Welt isoliert. Allmählich fanden sich weitere Reiter ein. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Siegerehrung gleich beginnen würde. Lina bemerkte diesen Umstand ebenso und begann nervös die Zügel zu kneten. Natürlich spiegelte Ivy das Verhalten seiner Reiterin sogleich, begann wild mit den Ohren zu zucken und verkündete mit lauter Stimme seine Anwesenheit.
      “Ganz ruhig, den schweren Teil hast du doch bereits geschafft”, sprach Niklas leise mit ihr, eine Hand bewusst an ihrem Oberschenkel platziert. Ob es seine Worte oder der Körperkontakt waren, die ihre Wirkung entfalteten, war mir schleierhaft, doch ihre Energie veränderte sich deutlich. Es war nicht allein, dass sie ruhiger zu werden schien, nein, es schwang eine Nuance von etwas anderes mit. Die ersten Reiter betraten mit ihren Pferden den Sand, womit sie nun langsam folgen sollte, auch Ivy schien dieser Meinung, denn unruhig wechselte er von einem Fuß auf den anderen.
      „Na, los, hol dir dein Schleifchen“, forderte ich sie freundlich auf. Die Kleine nickte, löste ihren Blick von dem ihres Freundes und lenkte den Freiberger auf den Platz. Neugierig und überfordert zugleich setzte das junge Tier die Hufe in den Sand und reihte sich wie fremdgesteuert hinter einem großen Rappen ein, bevor sich alle Teilnehmer ordnungsgemäß auf der Mittellinie aufstellen. Der erste Platz ging an ein junges Mädchen mit einem langbeinigen, zierlichen Fuchs, der rein der Optik her sicherlich einer langen Linie von Lampenaustretern entstammte. Die Reiterin trieb ihr Pferd bereits wie üblich einige Schritte nach vorn, da erblickte ich einen Mann hektisch von den Richterhäusern herüberrennen. Eine kurze Pause entstand, bis die Dame, die die Siegerehrung leitete, verkündete, dass ein Fehler vorlag. Der große Fuchs hatte bei der Ausrüstungskontrolle Lahmheit angezeigt und wurde damit disqualifiziert.
      „Ich freue mich, ihnen nach dieser Korrektur den Sieger verkünden zu dürfen. Der erste Platz geht somit mit einer Note von 7,8 an Lina Valo mit HMJ Divine“, sprach die Dame und Applaus erklang. Vor Staunen fiel Lina das Lächeln aus dem Gesicht und die Augen wurden groß. Offenbar hatte sie nicht mal mit dem zweiten Platz gerechnet, geschweige denn dem Ersten. Eilig trieb sie den Freiberger nach vorn, der jedoch scheuen zurückwich, als er das bunte Ding erspähte, was man ihm an den Kopf stecken wollte. Mit ein wenig Geduld seitens der Dame und gutem Zureden von Lina, prangte die blau, gelbe Schleife schließlich doch am Pferdekopf. Voller Stolz führte sie die Ehrenrunde an, als alle Plätze verteilt waren und drehte in vollem Tempo die zwei Runden um das Viereck. Erschöpft, aber glücklich kehrte sie schließlich zurück zu uns.
      „Ein Bild für die Presse?“, fragte ich sie, worauf hin sie nickte. Freudestrahlend schmiegte sie an den Hals des hellen Pferdes und auch Ivy zeigte sich von der besten Seite.
      „Zeig mal“, verlangte sie schließlich nach dem Handy, um die Bilder zu begutachten.
      „Oh Gott, ich kann es noch gar nicht glauben, dass das wirklich passiert ist“, strahlte sie und swipte durch die Bilder, die ich während der Siegerehrung aufgenommen hatte, „Wie ist das möglich? Das kann nicht die Realität sein.“
      „Ja, das ist die Realität, wie sie realer nicht sein könnte“, bestätigte ich ihr, „und möglich, Lina, ist, weil du diese Fähigkeiten schon lange besitzt. Du musst dich nur trauen, der Welt das zu zeigen. Nächstes Mal probierst du vielleicht noch dein Pferd nicht so in Unruhe zu versetzen.“
      „Wer hat denn behauptet, dass es ein nächstes Mal gibt?“, hakte sie nach. Ich rechnete bereits damit, dass sie trotz des Erfolges noch eine ablehnende Haltung gegenüber weiteren Turnieren haben würde.
      „Das Schleifen an deinem Pferd und ich“, entgegnete ich schmunzelnd. Gerade als Lina eine zögerliche Antwort entgegen wollte, gab das Gerät, welches sie noch immer in der Hand, eine melodische Tonfolge von sich.
      „Samu, deine Freundin“, stellte Lina fest und drückte mir das Handy zurück in die Hand. Eilig nahm ich den Anruf an und entfernte mich ein paar wenige Schritte.
      „Hey, Schatz. Seid ihr noch auf dem Turnier?“, erklang die helle Stimme meine Freundin.
      „Ja, Lina ist gerade erst fertig geworden“, berichtete ich auf ihrer Frage hin. Während ich das Gespräch mit meiner Freundin fortsetze, bedeute Lina mir in einer skurrilen Zeichensprache, dass Niklas und sie schon gehen würden, um Ivy trocken zu reiten und aufzuräumen. Glücklich strahlte die Kleine, als sie ihr erschöpftes Pferd vom Platz weg ritt.
      Vriska
      Happy hatte sich angestrengt. Beinah wie ein alter Hase schwebte, er durch den Sand, obwohl er mit seinen sieben Jahren alles andere als alt war. Er schlug sich wacker unter den neuen Einflüssen, wodurch wir auch ein Schleifchen mit nach Hause nahmen. Doch für den Moment durfte er seine verdiente Portion Hafer genehmigen, während alle anderen auf sich warten ließen. Neugierig steckte Ivy seine Nase zum Paddock nebenan, aber der Fuchs maßregelte das junge Pferd sofort. Ich mischte mich nicht in die Angelegenheit ein, schließlich war auch mir aufgefallen, dass das Pferd von Lina nur mäßig gut mit persönlichem Raum umging. Aber es war ihre Erziehung, nicht meine. Anstelle mir weiter die Gemeinheiten anzusehen, öffnete ich die Sattelkammer des Transporters, um endlich mein Handy herauszuholen. Diverse Benachrichtigungen leuchteten auf dem Sperrbildschirm, viele Antworten auf meine Story und allerlei Likes.
      „Wer ist die andere? Der Fuchs ist so toll. Welchen Platz habt ihr? Wie lief es? Soooo viel Glück!!“, waren einige der Nachrichten, die erschienen. Nur eine passte nicht ganz in das Muster: „Wunderschön.“
      Skeptisch verzog ich das Gesicht und klickte auf das Profil. Bereits bei dem Namen ‚b_goeri1912‘ regte sich etwas in mir. Wie eine Walze überrollten mich verdrängte Gefühle. Das kleine Herz in meiner Brust schlug hochfrequentiert, als wäre ich einen Marathon gerannt. Auf der privaten Profilübersicht zitterte mein Daumen, unsicher, wie ich all das aufnehmen sollte. Warum schrieb er mir und vor allem, warum wusste ich nichts von seinem Profil? Lars folgte ihm, Nour ebenfalls. Sie hielten es beide nicht für nötig, mir diese Tatsache mitzuteilen, stattdessen ließ man mich im Ungewissen.
      Aber es trieb mich eine unbekannte Kraft, Licht in die Dunkelheit zu bringen. Eilig nahm ich die Nachrichtenanfrage an und verfasste eine Nachricht, nicht genug, um mich zu erleuchten. „Danke“, war alles, was ich von mir gab, keine Emoji, kein Zeichen sonstiger Zuneigung. Ich wollte mich dafür ohrfeigen, dass ich in alte Muster verfiel, aber er bedeutete mir so unglaublich viel. Kein Fehler in Form von ‚zu offensichtlich schreiben‘ durfte mir unterlaufen. Unbeschreiblich fühlte sich der bloße Gedanke an ihn an, wenn auch zu mindesten gleich großen Teilen schmerzhaft.
      Sofort steckte ich das Mobiltelefon in meine Tasche, stellte zuvor noch ‚Nicht stören‘ ein, um eine Reaktion seinerseits nicht direkt mitzubekommen. Mit weichen Knien lief ich zurück zum Pferd, das seine Schüssel geleert hatte und nun auf seine Abfahrt wartete. Auch ich konnte es nicht abwarten, endlich wieder zu Hause zu sein und am besten für immer zu schlafen. Es warteten allerdings zwei Pferde auf mich – mein Pony und ein Berittpferd.
      „Was grinst du eigentlich so?“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme von der Seite, die sich nicht einmal mit Schritten angekündigt hatte. Panisch drehte ich mich zur Seite. Niklas stand da in seiner engen Jacke, die mir vorhin nicht einmal aufgefallen war. Sie war so eng an den Schultern, dass nur eine falsche Bewegung dafür sorgen könnte, dass die Nähte rissen. Allgemein sah er heute, nach langer Zeit, besonders ansehnlich aus. Vermutlich, weil er wieder sein Basecap trug.
      „Das geht dich nichts an“, zischte ich und drehte mich weg, um keine weiteren Fantasien zu verfallen.
      „Ach Vriska, möchtest du mir nicht verraten, wer nun schon wieder dein Herz erobert hat?“, ließ er mir keine Ruhe.
      „Nochmal, falls du nicht meiner Sprache mächtig bist: Es geht dich nichts an“, wiederholte ich mich, hörbar genervt. Ihn kümmerte dies nur wenig und kam sogar noch einen weiteren Schritt auf mich zu. Der Wind trug eine Wolke seines Aftershaves an mich heran und unwillkürlich flackerten in Vergessenheit geratene Bilder vor meinem inneren Auge auf. Bilder, aus anderen Zeiten; Bilder, die mir Schauer über den Rücken jagten; Bilder, die ich in dem kurzen Moment als erstrebenswert erachtete.
      „Lars also, verstehe“, nickte Niklas plötzlich, als hätte er mich durchschaut.
      „Nein, bist du verrückt? Wir sind nur Freunde“, klärte ich die Umstände auf. Seinem Blick zur Folge glaubte er mir nicht, aber stellte es auch nicht in Frage. Bestimmt hatte Lina ihm mehr verraten. Doch, wusste er auch von Mateo? Der schwirrte vorhin ebenfalls auf dem Gelände, aber wenn ich Niklas genauer beäugte, stellte ich fest, dass er gute Laune hatte und kein Anflug von Eifersucht spürbar war.
      „Warum interessiert dich das überhaupt?“, änderte sich meine Stimmung, denn ich würde ihn, so schnell wohl nicht loswerden.
      „Einfach so“, sprach Niklas nüchtern und beobachtete Happy, der wahllos Grashalme zupfe. Das Metall des Verschlusses klapperte bei jeder Bewegung. „Was ist das eigentlich für einer?“
      „Niklas, ich möchte mich nicht mit dir unterhalten“, sagte ich schließlich, was mir durch den Kopf ging. Irritiert blickte er zu mir.
      „Warum nicht?“, fragte er vorsichtig.
      „Nicht dein Ernst, oder? Erst bist du fies zu mir und erwartest jetzt, dass ich die Fakten aus meinem Leben darlege. Frage doch Lina, wenn es dir so am Herzen liegt.“ Mir gefiel die Unterhaltung nicht. Es löste Zweifel in mir aus, die alle Lebensbereiche betrafen.
      Endlich verschwand er und ich riskierte einen kurzen Blick auf mein Handy. Wider Erwarten war dort eine Benachrichtigung von ihm, nein, sogar zwei. Ich blickte hoch, prüfte meinen Fuchs und versank wieder in meiner Welt, in der Basti mein Drachentöter war.
      „Wie lief das Turnier?“, fragte er, nachdem ihm meine Danksagung gefallen hatte. Ohne groß über eine Antwort nachzudenken, stürzte ich zur Sattelkammer, um die Schleife zu holen, die Happy und ich ergatterten. Wenn er sich nicht erschrocken hätte, vor dem umfallenden Blumentopf, hätten wir blau-gelb gehabt. Voller Elan nahm ich die Schleife und lief zu Happy. Von der Siegerehrung selbst gab es keine Bilder, aber ein furchtbares Selfie konnte ich mit dem Fuchs nachholen. Er richtete den Kopf auf, als ich näherkam und schon war das Bild im Kasten. Ich grinste über beide Ohren, der Zopf auseinandergefallen. Mir fielen tausenden Gründe ein, was heute zu einem guten Tag machte, auch wenn ich noch nicht wusste, dass es noch besser werden würde.
      Kaum war das Bild abgeschickt, sah Basti es.
      „Toll! Ich wusste, dass du das schaffst“, schrieb er. Quietschend, hielt mir das Telefon an die Brust. Für einen Wimpernschlag fühlte es sich so an, als wäre er bei mir. Dann vibrierte es wieder.
      „In zwei Stunden sind wir zurück.“
      Ich runzelte die Stirn und las die Nachricht wiederholt durch. Aber ich hatte nichts zu verlieren, also hakte ich nach: „Okay. Und was möchtest du mir damit sagen?“
      „Ich weiß nicht“, antwortete er zögerlich. Die Punkte kamen und gingen, bis schließlich diese drei Worte auftauchten.
      „Willst du mich sehen?“, entschloss ich, ihn zu fragen.
      Es dauerte eine Weile, bis ich mehr Informationen hatte. Währenddessen brachte ich meine Gegenstände zurück in den Transporter. Mir kam Samu entgegen, wie immer mit einem Lächeln geschmückt. Aber er schwieg, als wäre es ihm peinlich.
      Teile meines Teams, und deren Anhänger, waren verschwunden. Nur ich saß bei den Pferden. Rambi hatte gerade seinen Auftritt, auf den alle beinah sehnlichst hin fieberten. Bei mir stand keiner am Zaun, nur Menschen, die ich nicht kannte. Aus unerfindlichen Gründen kümmerte es mich nur wenig, dennoch verspürte ich leichte Zweifel, wieso ich Lina überhaupt mit zum Turnier nahm. Ich schlug die Beine übereinander und setzte mich bequemer auf die Bank. Aus der Tasche zog ich zittrig das Handy hervor. Hoffte, dass er mich sehen wollte und gleichzeitig auch nicht.
      „Ja.“ Leuchtete auf dem Bildschirm. Wieder quietschte ich laut wie ein Kind bei Disneyland.
      „Ich werde vermutlich im großen Stall sein“, fasste ich meine Pläne für den Tag oberflächlich zusammen. Es gab genügend Pferde, die ich bewegen könnte, nur um bis spät in der Nacht, da zu sein.

      EINE STUNDE SPÄTER
      Lindö Dalen Stuteri

      „Du kannst Happy schon auf die Koppel stellen“, rief mir Bruno zu, als ich den Hengst vom Transporter hinunterführte. Er war der letzte darin, denn aus mir unerfindlichen Gründen konnte Lina nicht schnell genug ihr Pferd wegbringen. Selbst Rambi verschwand in ähnlich rasanter Geschwindigkeit aus meinem Sichtfeld, als läge heute etwas in Luft.
      Brunos Outfits zur Folge waren sie vor kurzer Zeit ebenfalls erst angekommen, denn er trug noch die Hose seines Dresses, darüber die Stalljacke, die deutlich besser gefüttert war als die Übergangskleidung von Mira.
      „Okay, mache ich“, antworte ich. Vollkommen verschwitzt drückte der Fuchs seinen Kopf an meine Schulter, um sich zu kratzen. Aber ich schob ihn weg, schließlich wollte ich meinen Freiraum haben und trocken bleiben. Auch auf die kleinen braunen Haare konnte ich verzichten.
      „Gut, du bist noch da“, stellte Tyrell wenig Minuten später fest und kam aus dem Stallgebäude heraus. „Ich habe mit seinen Besitzern telefoniert.“
      Ein großer Klumpen formte sich in meinem Hals und ich schluckte einige Male, um diesen loszuwerden. Dennoch klammerte er sich fest, wollte nicht verschwinden. Nicht einmal ankommen konnte man, bevor Schreckensnachrichten überbracht wurden. Vermutlich hatten sie unsere Teilnahme via Livestream verfolgt. Obwohl es nur eine lokale Veranstaltung war, wollte der Reitverein unbedingt, dass es im Internet übertragen wurde. Für mich machte es keinen Unterschied.
      „Sie haben sich gegen das Verpachten entschieden“, seufzte er, „aber behalten wollen sie ihn auch nicht. Deswegen stand die Frage im Raum, ob du Interesse hättest.“
      Hatte ich das gerade richtig gehört? Happy könnte mein sein, auch wenn es bisher, wie ein Luftschloss durch meinen Kopf geisterte, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Ich fand kaum Zeit, um mich ausreichend um Maxou zu kümmern. Wie sollte ich da noch ein zweites Pferd nehmen, das Betreuungsbedarf hat? Zudem hatte auch sie ausreichend Potenzial für Turniere und unsere Praktikantin ritt ebenfalls mit ihrem Pony schwere Prüfungen.
      Der Fuchs war mir sympathisch, aber nach einem erfolgreichen Turnier, ihn direkt zu kaufen, kam mir wie eine Schnapsidee vor. Auch, wenn ich ein Pferd benötigte, um Team zu bleiben. Im Zwiespalt gefangen, tänzelte ich auf der Stelle, während Happy den Kopf zum Boden gesenkt hatte und am Wegesrand am Gras zupfte.
      „Wie viel wollen sie denn?“, hakte ich nach.
      „Für dich wären es vierhundertfünfzig Tausend, Verhandlungen möglich“, sagte mein Chef unberührt. Kein kleiner Betrag, aber für den hohen Ausbildungsstand nicht unüblich. Parallel überschlug ich den Betrag in Pfund im Kopf
      „Wann muss ich mich entscheiden?“, fragte ich noch.
      „So schnell wie möglich, aber am besten in den nächsten drei Tagen“, dann verstand Tyrell mit den Worten, überfordert und wirr im Kopf stand ich neben dem Fuchs, der mich an der Schulter anstupste. Es klang beinah so, als hätten sie schon einen Käufer, was mir angesichts der Situation höchst unwahrscheinlich vorkam.
      „Ich weiß doch auch nicht“, wisperte ich ihm zu. Treu blickte er mich mit seinen dunklen Augen an und sah beinah so aus, als würde er mir zuzwinkern. Er wollte bei mir bleiben. Für mich standen zu viele Fragezeichen im Raum und musste es dringend mit erfahrenen Leuten besprechen.
      In vollkommener Entspannung stolperte er mir nach. Die Sonne nährte sich dem Horizont und blendete mich, bis ich Sonnenbrille aus meinen Haaren geschoben hatte. Auf den kleineren Weiden, nur für die Herren der Schöpfung errichtet, grasten bereits Walker und Plano. Auch Happy nahm die anderen beiden wahr, denn er hob den Kopf und stellte sogleich den Schweif auf. Mit meiner Hand am Halfter versuchte ich den tänzelnden Jungen zu beruhigen, doch das satte Grün interessierte ihn nicht mehr. Von hinten kam Schritte und bevor ich genauer inspiziert hatte, wer mir zu Hilfe kam, stand der Hengst auf der Weide. Am Zaun lief er auf und ab, allerdings schenkte ihm niemand die Aufmerksamkeit, die er sich erhoffte.
      „Da habe ich dich wohl im richtigen Moment entdeckt“, grinste mich Basti selbstgefällig an.
      „Ohja, ohne dich hätte ich den wilden Zossen nicht in den Griff bekommen“, scherzte ich.
      „Na ein Glück“, gab er halb ernst zu verstehen, „hast du dann noch was auf dem Plan? Schließlich bin ich viel zu früh.“
      „Eigentlich nicht, nur meine Stute wartet auf mich“, erklärte ich. „Und ein Berittpferd, aber die kann ich auch morgen arbeiten, wenn du was geplant hast.“
      Zusammen liefen wir in den Stall, meine indirekte Frage blieb unbeantwortet. Mit ausschweifendem Blick sah er an den meterhohen Decken hinauf, stoppte immer wieder, um das Bauwerk genauer zu betrachten. Für einen Moment hielt auch ich an, aber lief weiter, als er lediglich vor sich brabbelte und kein Wort zu mir sprach. Maxou stand bereits an der Front und blickte mich mit gutmütigem Blick an. Sanft strich über ihre Nase, holte sie schließlich heraus und lief zum Anbinder. Weit war Basti nicht gekommen, stand noch immer an derselben Stelle und musterte unsere mittlerweile gewachsene Sulky Sammlung.
      „Was denn das?“, kam er wieder zu sich und sah abfällig die helle Stute an.
      „Maxou, mein Pony“, erklärte ich.
      „Okay und die hast du, seitdem du klein bist, oder was?“, hakte er kritisch nach, als gäbe es irgendein Problem.
      „Fast, in bin seit einem halben Jahr nicht gewachsen, also ja, seitdem ich klein bin“, scherzte ich. Nun beäugte das Pony ihn skeptisch, streckte den Kopf seitlich zu ihm und fummelte am Oberteil herum. Selbst als er einen Schritt zur Seite setzte, um dem Krokodil zu entkommen, streckte sie sich noch weiter.
      „Ich verstehe, aber was hast du vor mit ihr? Irgendwelche Ziele?“, hielt Basti die Konversation aufrecht.
      „Da ich sie mit meinem Ex teile, wird sich das noch zeigen müssen. Aktuell sind wir noch im Aufbau und entweder ich reite sie auf Turnieren, oder wir finden eine nette Familie“, erklärte ich wahrheitsgemäß. Allerdings überhörte er den größten Teil und ihm lag nur eine Frage auf dem Herzen: „Und was ist das mit deinem Ex?“ Seine Augen waren weit aufgespannt, als wäre ich hier die Seltsame in der Situation, obwohl er vor seiner Freundin geflohen war.
      „Kompliziert“, seufzte ich. Eine Braue zog er nach oben.
      „Kurz um, Freundin, Kind und spontan kennengelernt“, erklärte ich.
      „Aber ihr wart zusammen?“, hakte er ungläubig nach.
      „Ja, eine gewisse Zeit. Er hielt es dann für wichtig, zwei Beziehungen gleichzeitig zu führen, ohne mich darüber in Kenntnis zu setzen. Dann bin ich erst mal nach Hause, um mir klar darüber zu werden“, sprach zu Ende und legte das Putzzeug zu Seite. Maxou fand den Herren noch immer interessant. Er hatte es aufgegeben, sie davon abzuhalten.
      „Und dann denkst du wirklich, dass ich hier sein sollte?“, rümpfte Basti die Nase und wanderte mit dem Blick zu mir. Das Funkeln in seinen Augen erlosch, als wäre etwas in ihm verstorben. Ich spürte eine gewisse Distanz zwischen uns, die vorher nie präsent war.
      „Wieso nicht?“, fragte ich verwundert nach.
      „Nun. Was denkst du denn?“, stellte er eine Gegenfrage, anstatt meine zu beantworten.
      „Ich weiß es nicht?“
      „Mäuschen“, Basti holte tief Luft und trat etwas näher an mich heran, „mit mir wird es genau dasselbe. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber weil Nelly schwanger ist, sind wir wieder ein Paar.“
      Vor Schock fiel mir die Bürste aus der Hand. Maxou sprang in Panik zur Seite, aber bemerkte dann, dass es nur Plastik war, das den Beton zierte. Offenbar hatte ich ein Gespür dafür entwickelt, nicht nur das verrückteste Pferd haben zu wollen, sondern auch Männer mit Kind und Freundin. Absurd, wenn man so darüber nachdachte. Der Zufall meinte es nicht gut mit mir, aber man konnte nie etwas für die eigenen Gefühle.
      „Cool“, nickte ich teils enttäuscht, teils verärgert.
      „Soll ich gehen?“, fragte Basti nach einer Weile der Stille.
      „Ist mir egal“, zickte ich ihn an.
      „Wow, diese Begeisterung. Immerhin spiele ich mit offenen Karten“, ließ er sich nicht auf eine Diskussion ein.
      „Ich finde dich toll, aber unter diesen Umständen will ich dich nicht weiter kennenlernen“, säuselte ich enttäuscht und drehte mich von ihm weg. Etwas in der Richtung schwebte mir schon seit Tagen durch Kopf, dennoch gab keinen Grund, diesen Gedanken auszusprechen.
      Um den Schmerz an mir vorbeiziehen zu lassen, ging ich ein Stück zur Seite. Aber er schien ganz anderer Meinung zu sein. Ich vernahm seine Schritte, roch seines Parfüms, bis er meine Haare zur Seite schob und langsam seinen Mund am Hals ansetzte. Ein dichter Nebel legte sich vor meine Gedanken und ich war binnen Sekunden nicht mehr Herr meiner Sinne. Kräftige, aber nur durch leise Töne untermalte Atemzüge verließen den minimal geöffneten Mund, als wäre ich ein Fisch an Land. Den Grund seiner plötzlichen Nähe konnte ich nur erahnen, doch es war besser, als ich es mir je vorstellen konnte. Wie in Trance schloss ich die Augen und gab mich seiner zärtlichen Berührung hin, fernab jeglicher Umstände. Es war, als würde ein Traum in Erfüllung gehen, denn obwohl all die Fakten durch meinen Kopf schwebten, wollte ich ihn. Und noch viel wichtiger: er mich.
      „Du bist gemein“, stöhnte ich leise und hielt mich fester an ihm. Ich spürte, wie ein Lächeln über seine Lippen zog, ohne dabei von mir abzulassen. Langsam erforschten meine Hände seine Arme, die er mittlerweile um mich geschlungen hatte. Obwohl Basti nicht ansatzweise so kräftig war wie Lars, spürte ich das Zucken seiner Muskulatur, als hätte er seit Wochen auf diesen Moment gewartet.
      Bevor ich geistig vollkommen ausstieg, nährten sich glücklicherweise rasant kurze Schritte und stoppten bei uns. Überrascht und zu Teilen peinlich berührt, wendete sich Basti von mir ab. Lina stand grinsend bei uns, zusammen mit Niklas, dem die Gesichtszüge entglitten. Die Männer starrten einander vollkommen schockiert an, dass mir klar wurde, dass auch die beiden eine Vorgeschichte haben mussten. Wie ich Niklas kannte, konnte es keine gute sein. Noch bevor eine gehässige Anmerkung die Lippen verließ, stupste Lina ihren Freund an, der den Mund wieder schloss und schwieg.
      “Guten Abend”, grüßte sie freundlich meinen Besuch, ganz ungeachtet der Situation. Maxou, derer Anwesenheit ich für eine Sekunde vergaß, reckte ihren Kopf vor, um die weiteren Menschen vor ihrer Nase zu inspizieren. Leise klimperte der Reißverschluss, als das Pony mit der Lippe an Linas Jackentaschen herumspielte.
      „Oh, hallo“, verhaspelte sich Basti mehrfach, bis die eigentlich simple Begrüßung klar zu hören war. Ich schmunzelte mit schielenden Augen zu ihm nach oben, während er bewusst allen Blicken auswich und sich am Kopf kratzte. Die Backenzähne drückte er aufeinander, sodass sich der Kiefer deutlich auf den Wangen zeichnete. Vorsichtig und eher zart tastete ich nach seiner Hand, die nervös an seiner Hose fummelte. Kaum berührten wir einander, zuckte er kurz, bevor er fest entschlossen nach dieser griff und seine Finger in meine glitten.
      “Schön dich hier zu sehen”, lächelte sie freundlich, “und Vriskas Pony hast du offenbar auch bereits kennengelernt.” Besagtem Tier hielt sie, nachdem es unablässig an ihrer Tasche gefummelt hatte, ein Leckerli vor die Schnauze. Zögerlich beschnupperte das Pony das getrocknete Gemüse auf ihrer Handfläche, klaubte es auf und kaute darauf herum wie auf einem Kaugummi.
      „Ich bin auf der Flucht und hier sucht mich keiner“, festigte sich Bastis Stimme und Persönlichkeit wieder. Auffällig rollte ich mit den Augen.
      “Ja, ein solcher Stall kann schon ein gutes Versteck sein”, scherzte Lina. Die Neugierde konnte ich deutlich in ihren Augen glitzern sehen, doch sie hielt sich zurück und unterließ die weitere Nachfrage. Kaum verflüchtigten sich die Worte in der Luft, lösten sich das Pärchen ebenfalls auf. Erleichtert atmete Basti durch.
      „Nun, wo waren wir mit dem Pony stehen geblieben?“, holte er mich umgehend zurück in die Situation.
      „Eigentlich wollte ich in die Halle, oder wollen wir in den Wald und wir spannen dir was an?“, bot ich an.
      „Nein, besser nicht, aber eure Jungpferde würde ich mir anschauen wollen, wenn ich schon mal da bin“, lächelte er aufrichtig. Ich nickte und löste die Stricke. Maxou wirkte heute unkonzentriert, wie ich, sodass Reiten vermutlich eine schlechte Idee war. Gemeinsam liefen wir zum Tor hinaus, den Kiesweg entlang zum Waldrand. Noch immer fegte ein rauer Wind übers Land, auch wenn die Sonne ihr Bestes gab, uns aufzutauen. Das Pony folgte mir mehr oder weniger motiviert und nahm sich dem Schicksal an. Zwischendurch schielte ich zu meinem Besuch über den Hals der Stute hinweg, der auch nur schwer den Blick von mir nehmen konnte. Für den Hauch einer Sekunde dachte ich darüber nach, was sein plötzliches Erscheinen und Interesse weckte, aber entschied mich daran zu erfreuen. Nicht alles musste ausgesprochen werden, um es wahrzuhaben.
      Angekommen an der Weide kündigte Maxou durch schrilles Wiehern und bereits an. Im Eiltempo kamen die jungen Pferde zum Zaun und bestaunten das seltsam anmutende Tier neben mir. Sogleich setzte auch Basti sich in Bewegung, um die bunte Menge zu begutachten.
      „Die ist aber toll“, sagte er zu Mitternacht, einer hellen Schimmelstute von vor knappen drei Jahren. Ihren Kopf stellte sie anmutig auf, die Augen und Ohren wachsam. Von der Seite kam auch Piri mit Ini dazu. Nur Stokki fehlte, die sonst auch bei ihnen war. Vermutlich hatte die Rappstute sich zurückgezogen, nichts Ungewöhnliches für das eher scheue Tier.
      „Wenn du jemanden kennst, wir wollen sie verkaufen“, erklärte ich so gleich.
      „Warum? Sie sieht doch ganz ordentlich für den Rennsport aus“, beurteilte er ihr Gebäude nach kritischem Blick.
      „Wir haben ausreichend Pferde und nicht jedes kann bei uns bleiben. Außerdem fehlt uns die Zeit, so viele Jungtiere vorzubereiten“, stellte ich gleichgültig fest. Keine der Stuten lag mir offen gesagt am Herzen. Einzig die Arbeit sah ich, die bei jedem dieselbe war und manchmal sogar viel Geduld forderte.
      „Dann steckt sie woanders ins Training“, zuckte Basti mit den Schultern.
      „Natürlich, wenn man sich das leisten kann.“
      „Willst du mir erklären, ihr nagt am Hungertod bei so einem Gelände?“
      Genervt rollte ich mit den Augen und blickte zu Maxou, die sich den Halmen am Wegesrand widmete.
      „Ganz so schlimm ist es nicht, aber wir verkaufen nun mal lieber, als alles zu behalten und zu fahren. Es war schon ein ziemlicher Schock, als Folke mit Hedda zurück zu euch wollte. Die Alfvén sind tolle Menschen, aber die Zeit reicht vorn und hinten nicht. Besonders mit den zusätzlichen Beritt- und Dressurpferden. Die Kleine von vorhin fährt nicht und fühlt sich vielen der Pferde in Ausbildung nicht gewachsen. Warum, denkst du, springe ich von einem zum nächsten?“, teils niedergeschlagen, teils erschöpft legte ich die Arme auf dem Rücken meiner Stute ab. Unter mir bebte die hektische Bewegung des Pferdes, das nicht ruhig stehen konnte beim Grasen.
      „Das wusste ich nicht“, kam Basti kleinlaut zu verstehen, „also halte ich dich gerade auf?“
      „Nein!“, widersprach ich ihm sofort und fiel ins Wort. Skeptisch wandelte sich sein Gesichtsausdruck.
      „Aber du hast doch gerade gesagt, dass“, setzte er an, bevor ich zum wiederholten Mal dazwischen grätschte: „Ich weiß, was ich gesagt habe, aber du hast damit gar nichts zu tun.“
      Noch eine Weile legte ich ihm meine Lebensumstände dar, denen er interessiert folgte. Auf dem Rückweg schauten wir auch bei den Hengsten vorbei, bei dem ihm besonders eins der Warmblüter ins Auge fiel. May war ein harmonisch gebauter Brauner, den Tyrell auf einer Auktion erstand, mit dänisch-deutscher Abstammung. Er hatte sowohl eine Dressur- als auch eine springbetonte Abstammung und könnte in der Vielseitigkeit seine Wurzeln finden, nicht unüblich für ein schwedisches Warmblut. Zudem hoffte unser Chef auch, dass einer der jungen Leute ihn für Turniere interessant finden könnte, denn ich hatte von Anfang an ausgeschlossen, das zu übernehmen. Die Dreijährigen blieben noch ein bis zwei Jahre, bevor überhaupt angefangen werden würde. Die Leistungsprüfung konnten wir getrost ungeritten durchführen oder eben verschieben.
      „Wie sieht es aus? Hast du Hunger?“, fragte Basti, als ich Maxou die Decke umgelegt hatte und zurück in die Box brachte. Eine hervorragende Frage. Mein Magen knurrte verächtlich und zog dabei unangenehm an der Haut. Aber das wirkliche Gefühl, das sonst in den Gedanken herumkreiste, lag irgendwo tief verschollen in den imaginären Papierbergen. Beinah panisch schon ich alles zur Seite, um eine Antwort zu finden, verstrickte mich jedoch immer mehr, dass Minuten vergingen.
      „Alles okay?“, berührte mich Basti an der Schulter. An seinem Ausdruck erkannt ich, wie verzweifelt ich ausgesehen haben muss, bei einer eigentlich simplen Frage.
      „Ja, ich weiß es nur nicht“, seufzte ich in Trauer verfallen und wich seinem liebevollen und fürsorglichen Blick aus.
      „Schon gut, wir können auch zu dir“, bot er stattdessen an.
      „Ähm“, kam ich in Verlegenheit, „Lars ist aber vermutlich da.“
      Langsam nickte Basti, als wüsste er nicht so genau, was er stattdessen mit mir tun sollte. Ich konnte es ihm nicht übelnehmen, schließlich traf man nicht alle Tage auf einen Scherbenhaufen wie mich. Während er nach Lösung suchte, räumte ich meine Dinge zusammen und stellte sie zur Seite. Auch die Putzbuchten fegte ich noch aus, bevor das Licht im Stall zunehmend auf Nachtmodus schaltete.
      „Ich schätze, wir sind beide müde und sollten Weiteres auf einen anderen Tag verlegen“, sagte er schließlich. Leicht enttäuscht, aber der Situation angemessen, nickte ich.
      „Darf ich dich umarmen?“, fragte ich unsicher.
      „Natürlich“, strahlte er und legte seine Arme um mich. Ich schloss die Augen, versuchte den Moment für immer festzuhalten, als gäbe es Grund zur Annahme, dass wir einander nie wieder sehen würden. Von ganz fern kam das Gefühl natürlich nicht, aber im Chaos schob ich dieses zur Seite und konzentrierte mich tief auf seinen Herzschlag, der wie wild an meinen Ohren dämmerte. Er war ebenso erregt wie ich, aber überspielte es gekonnt mit einem leichten Klopfen auf meinem Rücken.
      Als er sich von mir löste, kam der verdrängte Gedanke wieder, aber ich schwieg. Zusammen liefen wir zu seinem Auto und ich sah ihm nach, als der Motor ansprang und er zum Tor hinaus verschwand.

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      zeitliche Einordnung {Mitte April 2021}
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    Datum:
    30 Okt. 2022
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  • Stokki ist 1 Jahr(e) alt.

    Aktueller Standort: Lindö Dalen Stuteri, Lindö [SWE]
    Unterbringung: Paddockbox


    –––––––––––––– s t a m t a v l a

    Aus: Nachtschatten (DE) [Standardbred]
    MMM: Unbekannt ––––– MM: Unbekannt ––––– MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt ––––– MV: Unbekannt ––––– MVV: Unbekannt


    Von: Architekkt (SE) [Standardbred]
    VMM: Unbekannt ––––– VM: Unbekannt ––––– VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt ––––– VV: Unbekannt ––––– VVV: Unbekannt



    –––––––––––––– h ä s t u p p g i f t e r

    Zuchtname: Nachtzug nach Stokkholm LDS
    Rufname: Stokki
    Farbe: Rappe
    [Ee aa+]
    Geschlecht: Stute
    Geburtsdatum: April 2020
    Rasse: Standardbred [STB]
    Stockmaß: 156 cm

    Charakter:
    sanft; gelassen

    * folgt allen Anweisungen ohne Widerstand

    * Stokki läuft Trabrennen
    Wird aktuell eingefahren


    –––––––––––––– t ä v l i n g s r e s u l t a t

    [​IMG] [​IMG]

    Dressur E [M] – Springen E [E] – Fahren E [M] – Rennen E [S'] – Distanz E [L] – Gangreiten E [L]

    Ebene: International

    x 2022
    x. Platz, x
    Art der Einheit, x x zu x


    –––––––––––––– a v e l

    [​IMG]

    Gekört durch x im x 20x.

    Zugelassen für: Traber aller Art
    Bedingung: keine Inzucht
    DMRT3: AA [fünfgänger]
    Lebensrekord: -
    Leihgebür: Nicht gekört / Preis [Verleih auf Anfrage]

    Fohlenschau: 0,00
    Materialprüfung: 7,66

    Körung
    Exterieur: 0,00
    Gesamt: 0,00

    Gangpferd: 0,00


    –––––––––––––– a v k o m m e r

    Nachtzug nach Stokkholm LDS hat 0 Nachkommen.
    • 20xx Name (von: Name)


    –––––––––––––– h ä l s a

    Gesamteindruck: gesund, im Wachstum
    Krankheiten: keine
    Beschlag: Barhufer


    –––––––––––––– s o n s t i g e s

    Eigentümer: Lindö Dalen Stuteri [50 %]; Tyrell Earle [50 %]
    Pfleger: Nour Alfvén
    Trainer: Lars Alfvén
    Fahrer: Lars
    Züchter: Lindö Dalen Stuteri, Lindö [SWE], Tyrell Earle
    VKR / Ersteller: Mohikanerin

    Punkte: 4

    Abstammung [2] – Trainingsberichte [0] – Schleifen [0] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [2]

    Spind – HintergrundFohlen

    Nachtzug nach Stokkholm LDS existiert seit dem 20. November 2021.
    Sie wurde Großgemalt am 30. Oktober 2022.