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Mohikanerin

Nachtschatten [5]

Zeit: 12.01.2020 - 16.06.2022 // Grund: Verkauf als Freizeitpferd; Zuchtstutenrente

Nachtschatten [5]
Mohikanerin, 16 Juni 2022
    • Mohikanerin
      Trabertag | 02. April 2020

      Wunderkind | Vintage | Outer Space | Alfred’s Nobelpreis | Lu’lu’a
      Schneesturm | Friedensstifter | Bree | Nachtschatten | Lotti Boulevard


      Seit einigen Tagen bin ich nun auf dem Atomics Valley und habe mich langsam schon eingelebt. Heute bin ich allein für die Versorgung der Traber eingeteilt und stehe deswegen schon ziemlich früh auf. Hedda schläft noch und das ist auch gut so. Leise versuche ich mir einen Kaffee zu machen und ein leichtes Frühstück zu mir zu nehmen. Es gibt Jogurt mit Müsli und einigen Früchten aus dem Tiefkühler.
      Gestärkt beginne ich den Arbeitstag. Anfangen werde ich bei den Hengsten. Wunder, Vini, Alfi, Nobel und Lu’lu’a bekommen als erstes die Decken ab, die sie Nachts noch tragen, weil es ziemlich windig und kalt ist. Die Männer sind aber nicht wirklich so begeistert dann in die Box zu gehen, deswegen haben Tyrell und Vriska entschieden, dass sie eine Decke tragen. Danach sperre ich die Jungs erst mal aus, damit ich in Ruhe ihre 5 Boxen sauber machen kann. Besonders Wunder ist immer sehr interessiert daran, was man mit seinen Fäkalien macht und guckt die ganze Zeit gespannt über die Tür. Die Außentüren der Boxen sind zweigeteilt, damit die Pferde, sollten sie mal in der Box eingesperrt werden müssen, den Kopf nach draußen stecken können. In dem Fall dann natürlich auch rein zu mir, wie ich Arbeite. Für jede Box brauche ich ungefähr 20 Minuten und eine Tour zum Mistwagen. Die Hengste stehen auf Sägespänen vom örtlichen Sägewerk. Somit kann alles wiederverwendet werden. Unser Mist wird von der Industrie abgeholt und zu LPG Gas umgewandelt. Damit bekommen wir unseren Strom und Warmwasser. Also ein kleines Autarkes System wurde hier örtlich aufgebaut. Doch zurück zu den Pferden. Nun lasse ich die Boxen erstmal etwas lüften und fahre mit der Schubkarre die ziemlich matschigen Ausläufe der Hengste ab und die dort gelandeten Häufchen zu entfernen. Dann kann ich auf dem Stutenpaddock weiter machen. Dort fahre ich allerdings zusammen mit Vriska den kleinen Trecker. Ich fahre und sie sammelt die Haufen auf. In kürzester Zeit sind wir fertig. Die großen Paddocks verfügen über einen Gang, in dem wir laufen können, ohne den Paddock zu betreten. Dort sind Stangen, durch die die Pferde ihre Köpfe strecken und an das Heu kommen. Aus hygienischen Gründen ziehen wir zuvor unsere Schuhe aus und steigen in Latschen, die wir uns vorher aus dem Aufenthaltsraum geholt haben. Wir möchten ja auch, dass unser Essen sauber zubereitet wird. Zumal es ziemlich gefährlich ist, wenn Sand im Magen der Pferde landen. Am Ende des Ganges stehen Heuballen, die für den Anfang noch gekauft wurden, später wird selbst angebaut und geerntet. Wir versuchen auf dem Hof so viel selbst zu machen wie möglich, um unsere Vorschriften mit dem Zertifikat zu bekommen. Dafür muss der Hof mindestens ein Jahr auf Bio Richtlinien geführt werden, was auch jetzt am Anfang schon regelmäßig geprüft werden. Natürlich ziehen wir dann andere feste Schuhe an und keine Schlappen, weil das nicht der Arbeitsschutzrichtlinie entspricht. Auch die Stuten haben nun Futter bekommen und die Boxen der Hengste habe ich wieder mit Späne aufgefüllt. Die Portion Heu haben sie zum Frühstück auch bekommen, sowie die Schaufel Kraftfutter, die sie im Moment noch genießen können.
      Um 10:30 Uhr treffen wir uns zum täglichen Frühstück und auch Hedda ist nun aufgestanden und gemütlich essen wir die frischgebackenen Brötchen, die uns der Bäcker aus dem nächsten Ort täglich liefert. Ein angenehmes Leben ist es auf dem Hof, auch wenn noch alles neu für mich ist und alles sehr familiär wirkt. Viel spreche ich mit den Leuten nicht, da es mir noch sehr unangenehm ist, aber das legt sich hoffentlich in nächster Zeit.
      Gut gestärkt beginnt nun die nächste Runde. Einige von den Trabern laufen noch aktiv Rennen und müssen dementsprechend trainiert werden, besonders die Hengste laufen noch gut. Was besonders neu für mich ist, dass diese Traber keine Trabrennen laufen, sondern hauptsächlich Passrennen. Wirklich verbreitet ist das in Amerika, Kanada und Neuseeland. Hier in Schweden gewinnen diese allerdings auch immer mehr an Beliebtheit. Tyrell hat mir erzählt, dass aber einige von den Pferden auch ziemlich hohe Geschwindigkeiten im Trab erreichen, weswegen ich besonders aufmerksam sein muss.
      Als erstes nehme ich Wunderkind an den Sulky. Entspannt hole ich ihn aus seiner Box und putze ihn. Um es mir einfacher zu machen binde ich in beidseitig an um dann auch den Sulky anhängen zu können. Im Vergleich zu den Sportpferden sind die Pferde auf diesem Hof so viel entspannter und auch freundlicher. Hier haben die Pferde viel mehr Auslauf und bringen ihre Leistung nicht durch Zwang, sondern durch gezieltes Training. Was ich bisher weiß ist, dass bis auf Wunderkind auch alle Hengste geritten sind. Nur Lulu ist noch völlig roh, der wurde vor kurzem von der Fohlenweide geholt. Die Arbeit mit ihm wird erst mal Vriska starten, da sie mit dem Hengst erst mal vom Sattel aus trainieren möchte und er erst später an den Sulky soll. Ich finde beachtlich, wie sehr dieser Hof auf das Wohlbefinden der Pferde achtet. Mit Wunderkind fahre ich erst mal zur Trainingsbahn und mache dort ein leichtes Intervalltraining für den Anfang, danach kommt er noch für einige Minuten in den Aquatrainer.
      Als ich mit dem ersten Hengst fertig bin, hole ich Vintage und Alfi. Die beiden kommen in die Führanlage. Dann nehme ich mit Nobel zur Hand, auch mit ihm werde ich ein leichtes Intervalltraining für den Anfang machen. Dafür binde ich ihn wie Wunder doppelseitig an und putze ihn ausgiebig. Dann lege ich ihn den Gurt um und alles andere. Er bekommt kein Overhead um, weil er wohl genug Balance von selbst mitbringt. Das werde ich heute überprüfen. Mit etwas stress fahren wir vom Hof, da Nobel offenbar den Trecker nicht so gut findet mit dem Tyrell gerade die Heuballen rangiert. Nach einigen Metern habe ich den Fuchs wieder unter Kontrolle und fahre im Schritt ebenfalls zur Trainingsbahn. An den kleinen Büschen auf dem Weg sind schon Knospen und überall hört man Vögel. Die Ruhe auf dem Hof genieße ich sehr und freue mich jetzt schon auf die weitere Zusammenarbeit.
      Auf dem Trainingsbahn macht sich Nobel gut und zeigt auch schon im Intervalltraining viel Power. Die nächste Saison kann für ihn kommen. Vriska hat derweil schon Vintage und Alfi aus der Führanlage geholt und zurück gestellt auf die Paddock Box.
      “Und lief er gut?”, erkundigt sich Vriska freundlich. Ich nicke nur und steige vom Sulky.
      “Anfangs hat er ziemlich angezogen und wollte immer schneller als er sollte.”, erzähle ich ihr dann und mache nebenbei den Hengst wieder fertig für die Box.
      Der Tag vergeht schneller als ich dachte und nur noch mit Schnee und der Schwarzen schaffe ich ein Intervalltraining auf der Rennbahn. Vriska hat derweil Lotti und Bree in der Führanlage gehabt. Lu wurde von ihr das erste mal longiert und so geht der Tag zu ende. Gemeinsam setzen wir uns um 20 Uhr noch in den Aufenthaltsraum und reden darüber was heute gemacht wurde und was wir geschafft haben.

      © Mohikanerin // Folke Wallström // 6923 Zeichen
      zeitliche Einordnung {April 2020}
    • Mohikanerin
      Vom Sulky in den Sattel / Gangreiten E zu A | 04. April 2020

      Nachtschatten | Lotti Boulevard

      Nicht nur, dass Traber noch komplettes Neuland für mich sind, kommt nun auch noch dazu, dass ich die Pferde quasi umschulen soll, damit sie geritten werden können ohne Probleme. Nun gut. Besonders die Stuten sollen so gut wie es geht alles Reitpferde werden. Da unsere Standardbreds aber sogar Pacer sind, kommt es dem sehr Nah, dass ich sie zu typischen Gangpferden umschule. Also gesagt getan. Die erste heute ist Lotti. Nach dem gescheiterten Versuch zusammen noch Bruce die Stute zu fahren, hoffe ich, dass es mit dem Sattel besser klappt. Seit dem die Stute am Hof ist, habe ich viel Bodenarbeit mit ihr gemacht und Bruce mit der Dressur mit ihr begonnen hat. Da nun auch endlich der Sattel für Lotti Boulevard und Nachtschatten fertig ist, kann ich jetzt anfangen mit der Töltarbeit. Wir gehen zusammen auf die Ovalbahn, nach dem ich sie geputzt habe und auch das Mash vorbereitet habe. Lotti ist nämlich noch immer ziemlich dünn und kommt auch in der kleinen Stutengruppe nicht so gut ans Heu. Zunächst einige Runden Schritt, dann stelle ich sie das erste mal und merke schon die ersten Hürden. Die Stute nimmt den Schenkel für nicht ganz so ernst und hat auch Schwierigkeiten dabei, sich im Genick etwas zu lockern. Also versuche ich es mit ganz einfachen Stand-Schritt Übergängen und schon nach einigen Wiederholungen wird sie leichter und lockerer. Auch die Seitengänge mit einem etwas energischen Bein, funktionieren mehr oder weniger gut. Einige Gedanken mache ich mir beim Tölt, dadurch dass Lotti wie alle anderen Standardbreds am Hof als Pacer gelaufen ist, könnte auch der der vierte Gang ziemlich passig verschoben sein. Nach dem ersten Test, stelle ich das auch Fest. Lottis Tölt ist sehr passig und weit weg von einem flüssigen Viertakt. Also pariere ich wieder in den Schritt durch und mache noch einige weitere Versammlungsübungen. Besonders an Achten reiten, scheint Lotti großen spaß zu haben. Doch das alles nur im Schritt. Vo Außen mag das ganze etwas langweilig und eintönig, doch diese Übungen sind wichtig dafür, dass das Pferd sich versammelt und genügend Kraft für den Tölt halt. Lotti hat mittlerweile einiges an Muskulatur aufgebaut seitdem sie hier ist und ich bin sehr stolz auf die Stute. ich möchte heute nur noch ein paar Schritte richtigen Tölt reiten, dann hören wir für heute auf. Also versuche ich es zunächst aus der Volte und dem Schulterherein, doch mit beiden Versuchen wehrt sich Lotti sehr gegen die Hand und das Bein vom Reiter, weswegen ich es mit dem Rückwärtsrichten versuche und dann antölten. Der braunen Stute hilft das ungemein und ich reite sie ab. Natürlich lobe ich sie ausgiebig. Nach dem Abreiten geht es zurück an den Putzplatz, an dem sie nun erst mal ihr Mash bekommt. In der Zeit hole ich mir schon die Schwarze und putze sie. Da die Stute genau den gleichen Rücken hat wie Lotti, kann ich einfach den einfach wieder auf Nachtschatten legen. Doch sie bekommt ein anderes Pad, weil sie leichte Bissstellen am Rücken hat von Bree. Die ist nämlich gerade rossig und sehr dominant, deswegen besteigt sie andere Stuten. Als Lotti fertig gefressen hat, bringe ich sie zurück auf den Paddock und sie wälzt sich genüsslich. Dann stellt sie sich zum Heu und genießt einige Halme bevor Bree sie wieder verscheucht. Doch darum kann ich mich nicht kümmern, sondern ich gehe mit Nachtschatten auf die Ovalbahn.
      Mit der Stute war ich in den vergangenen Tagen schon einige male Ausreiten, da sie schneller Vertrauen gefasst hat und wir sie in einem guten Trainingszustand übernommen haben. Die Schwarze läuft zuverlässig unter dem Sattel und auch am Sulky. Sie ist sogar so intelligent, dass sie unterscheiden kann, welche Hilfe für was steht. Das ist ziemlich spannend. Die Ovalbahn hat sie vorher nur immer aus der Ferne gesehen, da sie nun aber endlich beschlagen ist, gehe ich auch mit ihr auf die Bahn. Wir haben einen Kiesbelag drauf und ihre Hufe sind ziemlich brüchig, auch ist ihr Schritt vor dem Beschlag ziemlich verschoben gewesen, was nun mit etwas Gewicht viel besser geworden ist. Mit Nachtschatten beginne ich auch erst einmal mit einigen lockeren Runden im Schritt, bevor ich den Tölt vorbereite. Im Wald habe ich auch schon einige Töltansätze getestet und für die Schwarze erschien es am leichtesten aus dem Schulterherein anzutölten. Bevor wir aber mit dem Tölten beginnen, bereite ich sie noch weiter vor mit einigen Volten, Zirkeln, Achten und auch Rückwärtsrichten. Mit Nachtschatten ist das Versammeln deutlich leichter, weil sie mir vertraut und auch nicht gegen mich arbeitet, sondern wir auch schon ein gutes Team geworden sind, in der kurzen Zeit. Heute arbeite ich sie noch mit einem Schenkelgebiss, doch die Tage sollte das Kappzaum für die Traber kommen, dann fangen wir an mit der Arbeit am Semikappzaum. Besonders mit den Isländern von Bruce habe ich gute Erfahrungen damit gemacht.
      Nach der Versammlung ist Nachtschatten bestens auf den Tölt vorbereitet und aus der Schulter heraus tölten wir an. Mit etwas Spannung im Po und am Rücken, legt die Gute los. Es fühlt sich noch sehr holprig an und wirkt auch, als würde Nachtschatten in Zeitlupe tölten. Doch sie gibt sich mühe. Noch fehlt ihr die Kraft und wir parieren durch. Nach noch einigen Biegungen und Stellungen mache ich immer wieder mit ihr Töltansätze. Als auch sie langsam den Rhythmus bekommt, hören wir auf und reite sie ab. Auch sie bekommt noch eine kleine Portion Futter, allerdings nur Struktur Müsli. Die Schwarze ist gut im Futter und sollte lieber einige Kilos abnehmen, als zunehmen.

      Die Tage und Wochen vergehen, Lotti und Nachtschatten werden immer besser auf der Ovalbahn. Auch war ich mit beiden Stuten schon ein paar mal im Wald und der Trainingsbahn zum Tölttraining. Die Schwarze ist schon so weit, dass sie fast drei Runden auf der Ovalbahn mit viel Selbsthaltung, durch den Rücken und Taktklar tölten kann. Lotti hingegen rollt noch ziemlich, dafür ist sie nicht mehr so stark passig. Besonders bergauf und bergab tölten gibt ihr die nötige Kraft im Tölt. Deswegen fange ich heute schon ziemlich früh mit ihr an. Es ist Samstag, 8 Uhr morgens. Die Stuten haben bereits vor zwei Stunden ihr Frühstück gehabt und ich kann nun mit dem Training beginnen. Der Morgen ist für April noch sehr frisch und etwas Tau bedeckt das Gras. Ich habe noch mal meine Neoprenjacke heraus geholt und mache Lotti für den heutigen Ausritt fertig. Natürlich bereite ich vorher schon das Mash vor. Die Stute nimmt mehr auf den Knochen auf und die Muskulatur von ihr bildet sich. Besonders begeistert ist Tyrell davon, wie gut ihre Rückenmuskeln kommen. Ich war etwas stolz und bin nun umso motivierter mit Lotti zu arbeiten. Im Wald lasse ich alles locker angehen und reite mit eher zu wenig Zügel und auch meine Beinhilfen sind sind eher schwach. Lotti mag es nicht mit zu viel Druck geritten zu werden und ist sehr sensibel. Darauf kann ich mich im Wald besser konzentrieren, als auf der Ovalbahn. Erst als wir auf der Trainingsbahn sind, bereite ich sie langsam mit der Versammlung auf dem Tölt vor. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe ist, dass Rehe auf der Bahn sind, die panisch weg laufen. Doch auch Lotti empfinden die grazilen Tiere als angsteinflößend und galoppiert los. Bisher habe ich nie getestet, ob und wie sie galoppiert, doch auch in dem viel zu hohen Tempo sitzt es sich sehr bequem. Ich versuche sie zu beruhigen, doch alle versuche Scheitern. Also lasse ich sie aus laufen, aber weiterhin zu lenken, dass funktioniert ziemlich gut und nach einer Runde auf der Bahn ist sie völlig fertig. Das war es dann wohl heute mit dem Tölttraining und im Schritt reiten wir zurück. Auf dem Weg treffe ich Folke, der gerade mit Nobel zur Bahn fährt. Er ist kurz schockiert, wie stark Lotti geschwitzt ist und ich erzähle ihm die Story. Er lacht und fährt dann weiter. Was daran lustig ist, erschließt mich noch nicht ganz, aber vielleicht ist das der schwedische Humor. Wer weiß. Zum Mash mache ich noch etwas Eiweißpulver und Müsli, damit sie hoffentlich kein Muskelkater bekommt. Zum Fressen trägt sie ihre Abschwitzdecke und steht erstmal im Stall in der Box. In der Zeit hole ich Nachtschatten vom Paddock und mache sie auch fertig für einen Ausritt, in der Hoffnung, dass es mit ihr heute mehr Training wird.
      Auch mit ihr reite ich locker im Schritt zu Trainingsbahn, auf der Folke noch mit Nobel trainiert. Nachtschatten wirkt etwas unkonzentriert, doch mit etwas Überzeugung ist sie dann immer mal wieder bei mir. Bei den Übungen zur Versammlung arbeitet die Schwarze ausgezeichnet mit und gedanklich versucht sie schon immer anzutölten, weil sie weiß was kommt. Doch ich mache ihr klar, dass es darum jetzt nicht geht.
      In dem Training mit Nachtschatten kreuzen keine Rehe unseren Weg und die Einheit würde ich als sehr gut einteilen, auch mit den Startschwierigkeiten durch Folke und Nobelpreis. Mit der Stute muss jetzt nur noch regelmäßig gearbeitet werden und weiterhin ihre Balance zu halten und den Rhythmus. Mit Lotti hingegen muss ich noch deutlich mehr intensiver am Tölt arbeiten.
      Wieder vergehen einige Wochen und Lotti ist mittlerweile ziemlich gut geworden im Tölt. Nachdem ich sie noch mehr vom Bodenaus unterstützt habe und auch am Semikappzaum arbeite, ist die Stute so weit in Balance zu laufen mit mehr Kraft und Rhythmus. Nachtschatten hatte nun auch eine Woche Pause und mit ihr habe ich nebenbei etwas weiter gearbeitet. Auch Folke ist sie seit dem intensiven Training wieder gefahren, was ich vorher untersagt hatte, um die Stute nicht zu verwirren. Doch ich möchte nun sagen, dass beide Stute optimal für weitere Trainingseinheiten vorbereitet sind und ich dann weiter Gymnastizieren kann in der Dressur.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 9728 Zeichen
      zeitliche Einordnung {April 2020}
    • Mohikanerin
      Hufschmiede zum goldenen Hufeisen | 29. April 2020

      Nachtschatten

      Nun war ich wieder in Schweden zurückgekehrt und suchte Mr. Earle, um zu erfahren, ob ich Nachtschatten nun schnell ihre Hufen machen konnte. Tyrell freute sich und bejahte also holte die Rapp-Sabino Stute aus ihrer Box. Ich band sie am Putzplatz an und nahm ihr rechter Vorderhuf. Beim Betrachten des Hufes stellte ich eine Hornkluft. Zwar war sie nicht stark ausgeprägt, aber ich sollte dies jedoch behandeln. Ich kürzte die Hufen und schloss die Stelle mit einem Huflederkitt in der Farbe des Hufes so, dass es nicht so auffiel. Da dann das Eisen drauf geklebt wurde, wäre auch noch einen besseren halt. Dazu später. Nun ging ich zur Hinterhand. Nachtschatten stand brav da und wartete, bis ich fertig war. Dann war ich auf der linken Hand und hob den Huf auf als ich da gerade beschäftigt war, spürte ich, wie Nachtschatten an meiner Jacke rumwuselte. „Hey, ich habe keine Leckerlis für dich du verfressenes süßes Ding.“ lachte ich und wanderte nun zur letzten Hinterhand. Als der letzte Huf auch gekürzt hatte, klebte ich noch die Eisen an ihre Vorderhufen. Dann fettete ich alle vier Hufen ein und brachte die Stute zurück in ihre Box. Dann berichtete ich Mr Earle vom Hornkluft und dass die Stute trotzdem zur Körung gehen konnte, da es problemlos herauswächst und ich es mit einer Huflederkitt geschlossen hatte. Earle bedankte sich und ich ging dann in unser Gästehaus. Luna war bestimmt bei Courtesy.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 8254 Zeichen
      zeitliche Einordnung {April 2020}
    • Mohikanerin
      Hoffnungsvoll | 22. Juni 2020

      HMJ Holy / Wunderkind / Vintage / Smorre / Lotti Boulevard / Nachtschatten / Almost Illegal / Outer Space / Alfred‘s Nobelpreis / Graf Heinrich / Rainbeth / Songbird / Milska / Glymur / Schneesturm

      Folke
      Nun konnte es endlich los gehen. Holy war nun vom gesundheitlichen Standpunkt aus vollkommen in Ordnung, die Hufe hatten die erste Korrektur bekommen und die Hufeisen sitzen fest. Die Hufschmiedin, die auch ein Pferd bei sich aufgenommen hatte, gab uns nach der Hufbehandlung auch einige weiterführende Tipps, die ich dankend entgegennahm doch eher nicht umsetzen werden. Holy bekam von uns eh kein Huffett, da ich das von den Trabern meines ehemaligen Chefs schon kannte - der größte Teil ist Mist und macht die Hufe nur noch schlimmer, als sie schon waren. Ein tägliches Wasserbad hielt ich jedoch für angebracht. Worüber ich froh bin ist, dass Heddas Aufregung und Stress im Bezug auf das Horse Makeover verloschen ist und ich nun wie mit einem fast normalen Menschen mit ihr und dem Pferd arbeiten kann. Die Pause nach dem Impfen haben wir mit leichten Spaziergängen genutzt, bei denen sie nicht wie beim ersten Mal einfach abgehauen ist. 10 Minuten durfte Hedda sich auch schon drauf setzen, da Holy offensichtlich kein Problem damit hatte. Tyrell hielt dies als nicht so gut, aber zum Glück kann ich mich bei unserem Pferd mit meiner Meinung durchsetzen.
      „Morgen können wir mit dem Training anfangen“, sage ich am Morgen zu Hedda, die schon am Frühstückstisch sitzt und alles vorbereitet hat. „Vriska kommt dann gleich rüber und wir machen einen gemeinsamen Trainingsplan“, erkläre ich ihr. Sie nickt und schiebt sich den Löffel mit Cornflakes in den Mund.
      Nach Dem Essen habe ich Vriska eine kurze Nachricht geschickt, dass wir nun so weit sind und schon einige Minuten später klopft es. Ich lasse sie in die Wohnung und wir setzen uns an den Tisch.
      „Wie du wahrscheinlich mittlerweile weißt, haben wir hier am Hof eine App in der wir alle Pferde anlegen. Jeder kann dort den Pferden aktuelle Informationen eintragen und das wichtigste sind natürlich die Trainingseinheiten. Der Trainingsplan kann eingesehen werden, verändert und angepasst. Also Tyrell hat dort richtig Arbeit hinein investiert.“, erklärt Vriska. Um alles besser sehen zu können, hat sie das Tablett aus dem Aufenthaltsraum mitgebracht. Sie zeigt mir wo ich drücken muss und als erstes legen wir Holy als Datensatz an. Ich tippe bei dem Namen HMJ Holy ein, trage die Farbe, Alter und wann wir sie bekommen habe. Dann zeigt Vriska noch wo das Bild vom Pferd hin kann und Hedda wählt eins vom Shooting des ersten Tages aus. So weit, so gut. Als nächstes gehen wir erstmal in die Gesundheitsabteilung, trage alles ein, was in den letzten Tagen gemacht wurde. Dafür hatte Hedda den Pass schon geholt damit wir alles genau machen können.
      „So, dann überlegen wir jetzt wie es mit dem Training ist. Frecherweise habe ich mir Holy heute früh schon mal auf dem Paddock angeschaut und geguckt woran wir arbeiten können und was erst mal nicht so wichtig ist. Wir hatten uns ja dafür entschieden mit Holy über Freiarbeit, also besonders Intrizen Training, Muskeln aufzubauen. Doch die Zeit würde gar nicht ausreichen, um sie in drei Monaten zu einem wunderbaren Reitpferd zu machen. Ich denke, dass sollten wir uns alle hier als Ziel setzen und das ist zu schaffen. Dafür habe ich euch ein Pulver besorgt, dass ihre Muskeln fördert und auch für ganze körperliche Empfinden gut ist.“, erzählt Vriska. „Aber das ist doch sicher teuer?“, merke ich vorsichtig an. Sie schüttelt mit dem Kopf. „Nein, mach‘ dir da mal keine Gedanken. Um es Optimal zu gestalten machen wir an einigen Tagen zwei Einheiten mit ihr. Hedda und ich fangen heute schon an, da das Clickern nicht wirklich körperlich anstrengend ist. Morgen dann die ersten Freiarbeitsübungen. Dann kommt sie auch für 20 Minuten in den Aquatrainer. Später kannst du, Folke, dann auch mit ihr an der Doppellonge anfangen. Am besten kommt ihr nach her mal vor zum Laden, dann gucken wir nach einen Kappzaum für Holy.“, antwortet Vriska und wir diskutieren noch etwas über das alles. Als dann die Entscheidung getroffen ist, tragen wir alles im Plan ein.
      25.04. - Clickern
      26.04. - Freiarbeit, Aquatrainer
      27.04. - Freiarbeit
      28.04. - Freiarbeit, Aquatrainer
      29.04. - Pause
      30.04. - Doppellonge, Freiarbeit
      01.05. - Doppellonge, Aquatrainer
      Vriska verlässt den Raum und wir machen uns auch fertig. Für mich steht nun Stallarbeit an und Hedda ist auch dran bei den Stuten.

      Vriska
      Nach der Besprechung heute geht es erst mal an die Arbeit, da demnächst die Jungpferde von Bruce wieder an den Hof kommen. Bei ihm reicht der Platz für die Pferde nicht, aber wir haben zum Glück genug. Deswegen kontrolliere ich die Weiden und bringe auch schon Heuballen. Ich freue mich schon, da Krít auch Zwillinge geboren hat, die beide zwar sehr klein noch sind aber alle sind wohlauf und kerngesund. Dennoch möchte er beide Pferde abgeben. Mit dem vibrieren meines Telefon werde ich aus dem Gedanken geholt. In 20 Minuten beginnt die Clickereinheit mit Holy. Rasch stelle ich den Traktor wieder in die Halle und gehe dann weiter zum Putzplatz auf dem das Team schon auf mich wartet. Anders als erwartet ist Folke doch heute mit dabei. Ich bin froh darüber, weil ich noch nicht so ganz gut mit Hedda klar komme aber das wird sicher noch besser. Genüsslich kaut Holy am Strick von Folke und Hedda putzt in der Zeit. „Die Hufen sehen so viel besser aus“ sage ich zu den Beiden und Hedda stimmt mir zu. Folke scheint als hätte er nicht nicht gehört, aber ich möchte mich auch nicht noch mal wiederholen. Das wäre etwas bescheuert.
      „Ich würde vorschlagen, dass wir uns erstmal um das Kappzaum kümmern. Im Shop habe ich gestern zusammen mit Valeria Kappzäume gemacht und langsam wird die Auswahl größer. Da finden wir sicher etwas passendes für Holy“, sage ich und Beide sind begeistert. Zusammen laufen wir an der Halle und den Weiden entlang zum kleinen Shop am Hof. Folke muss draußen warten und sich um das Pony kümmern, während Hedda und ich rein gehen. Das Mädchen bestaunt das Sortiment und würde am liebsten alles mitnehmen. Aus dem hinteren Lager hilft sie mir beim Tragen. Momentan sind die Kappzäume noch in Einzelteilen, aber das lässt sich rasch ändern. Zum besseren Einstellen und verändern des Zaums produzieren wir sie einzeln.
      Nach ewigen hin und her probieren haben wir eine Kombination die Holy passt - aber Folke nicht gefällt. Das Kappzaum ist nun grün und rosa. “Und was anderes passt ihr nicht?”, hinterfragt Folke. Ich schüttel den Kopf. “Leider habe ich auch nicht die Zeit jetzt neue Teile zu produzieren, Du weißt, wir müssen die Traber trainieren und bald zu den Rennen fahren.”, erläutere ich ihn. Er nickt.

      Folke
      Mein Handy vibriert. Ich gucke drauf und stelle fest, dass ich nun mit Wunderkind und Vintage arbeiten sollte. “Hier beiden, ich muss mich verabschieden. Die Pflicht ruft. Wenn was ist, ich hab das Headset auf. Dann ruft mich an.”, sage ich zu beiden Damen und drücke Vriska die Stute in die Hand, die beinah sehnsüchtig mir nach guckt, oder eher meinem T-Shirt das auch völlig vollgesabbert ist.
      Auf dem letzten Renntag hat Wunderkind sich ganz böse verletzt, weswegen er nur langsam sich bewegen soll, aber auf keinen Fall herum stehen kann. Deswegen haben wir entschieden, ihm vorn die Eisen zu entfernen und durch Duplos zu ersetzen. Auch darf er in den Aquatrainer hat uns der Tierarzt bestätigt. Dafür hatte ich eine sehr kreative Idee. Über den Verband ziehe ich eine feste Plastiktüte, die ich mit ausgemusterten Terrabändern am Bein sehr fest um mache und darüber noch einen Hufschuh, damit die Tüte nicht reisst. Vom Hersteller haben wir auch bestätigt bekommen, dass sie Schuhe Wasserfest sind. Also kann es losgehen. Ich hole das Wunderkind aus seine Paddock und taste noch mal das Bein ab. Erst nach dem Training wechsle ich dann Verband und er kann dann für einige Minuten ohne stehen. Leider ist die Wunde zu tief und es ist zu gefährlich das Dreck dran kommt, deswegen trägt er den ganzen Tag den Verband. Wie gewohnt steht er ruhig und lässt sich problemlos untersuchen. Auch das putzen genießt er, dennoch merkt man dem Hengst seinen Energieüberschuss an. Als ich ihm das Halfter für den Aquatrainer umlege, das Vriska entworfen hat, fängt er an den Kopf hochreißen und sehr laut zu schnauben. Wenn ich es nicht besser wüsste und nur die Geräuschkulisse wahrnehmen würde, wäre es eindeutig ein Heutrockner oder Staubsauger. “Ganz ruhig, Dicker”, sage ich zu ihm und streiche ihm über den Hals. Als ich ihn los führe fängt er an hektisch herum zu tänzeln und völlig unkonzentriert zu sein. Mehrere male lasse ich ihn einen Kreis laufen, bis er etwas ruhiger geworden ist. Bevor wir zum Trainer laufen, gehen wir eine kleine Runde über den Hof damit er noch etwas mehr Auslauf bekommen und mehr von der Welt sehen kann. Auf Grund seiner Verletzung darf er derzeit nur mit unter Aufsicht auf die Weide. Die Runde über den Hof und dem Hengst sehr gut getan und ich wir können wieder in die Reithalle. Dort habe ich den Aquatrainer schon vorbereitet. Ich führe ihn in das Gerät und stelle einen leichten Wellengang ein. Wunderkind liebt wasser, was ihn natürlich dazu animiert zu spielen. Einige Minuten lasse ich ihn und dann stelle ich das Band an. Zufrieden schnaubt er ab und für 20 Minuten kann er nun Schritt laufen unter erschwerten Bedingungen.
      Nach dem Training merkt man ihn direkt an, wie geschafft er ist und auch zufrieden. Deswegen lege ich als erstes das gebastelte Schutzding von seinem Bein ab und auch den Verband. Die Wunde sieht schon viel besser aus und ich mache noch mal Manuka Honig drauf. Wir sind alle sehr überzeugt von dem Honig, der antiseptisch wirkt. Medikamente bekommt der Hengst nicht, auch die Schmerzmittel bekommt er nicht mehr. Wunderkind ist nun soweit fertig und widme mich Vintage. Dem Hengst geht er zum Glück gut. Ich hole ihn aus seiner Box und putze ihn.

      Vriska
      Folke hat sich nun von unserer kleinen Gruppe verabschiedet, da er noch arbeiten muss. Ich habe meine Trainingspferde schon fertig und Tyrell macht heute Abend den Stalldienst mit Max. Also kann ich mich mit Hedda voll und ganz auf Holy konzentrieren. Wir gehen auf den Reitplatz an der kleinen Reithalle, da kann sie schon die anderen Stuten sehen und ist gleichzeitig weit weg von den Hengsten. Als erstes wollen wir ihr das Klicken des Clickers beibringen. Holy ist ein sehr mutiges Pferd und wie viele andere natürlich futtermotiviert. Deswegen wird es leicht sie konditionieren auf das Klick. Danach soll es weitergehen mit dem Intrizen Training, aber das wird erstmal ein langer Weg. Auch weil ich bald nicht mehr so viel Zeit haben werde, so wie Folke und Hedda dann viel Alleine machen muss, aber ich werde mal mit Collin reden, vielleicht kann er zwischendurch mal mit den Mädels arbeiten.
      Wir stehen auf dem Reitplatz und ich erkläre Hedda erst mal ein paar Sachen über das Clickern, bevor es los geht. Dann zeige ich ihr auch erst die Übung. Neugierig steckt Holy ihren Kopf zu mir und hat nach wenigen Wiederholungen schon verstanden, wie die Übung funktioniert, doch Hedda soll es noch ein paar mal machen. Da die Stute heute noch ihren Ruhetag hat, können wir sie nicht noch ein paar Runden longieren. Schon jetzt zeigt Holy Interesse an dem Training und macht gute Ansätze für das Intrizentraining. Sie bietet schon einiges an und hebt das Bein wenn Hedda die Hand hebt. Ich beobachte die beiden Mädels und würde nur eingreifen, wenn etwas falsch läuft. Damit wir gegen alle Erwartungen das Pony einfangen sollten, hat Hedda noch eine Longe am Kappzaum mit dran. Nach ungefähr 20 Minuten beenden wir die Einheit und bringen die Stute zurück zu ihrem Paddock, doch die weigert sich und möchte nicht weiter. Auf Grund des Intrizen Training, müssen wir das jedoch akzeptieren und eine andere Lösung finden. „Was machen wir jetzt?“, fragt Hedda verzweifelt. „Ich habe eine Idee, warte“, sage ich zu ihr. Ich gehe einige Meter weg und hole mein Telefon aus der Tasche. „Collin, denkst du es ist okay, wenn ich mir Smorre hole? Holy möchte nicht mehr in ihre Box und ich verstehe sie da auch … ok … ja .. dann machen wir das so“, unterhalte ich mich mit Collin am Telefon und lege auf.
      „Kommst du kurz alleine klar?“, frage ich Hedda bevor ich abhaue. Sie nickt und ich laufe rüber zum Hengstpaddock, den dazwischen steht ein Wallach - ein Tinkerwallach. Dieser ist nicht nur vom Charakter sehr ruhig, sondern fühlt sich in der Truppe nicht wohl. Da wir noch einige Paddocks frei haben, werden die beiden auf einen der hinteren Paddocks an der Stuten Sommerweide kommen. Dort haben sie auch ihre Ruhe. „Na du“, begrüße ich den Fuchs und lege ihm ein Halfter um, das offensichtlich auch nicht passt. Das ist jedoch gerade nicht wichtig, er soll ja nicht mitkommen, was ich er auch ohne Halfter machen würde. Ich kehre mit ihm zurück zu Holy und Hedda. Neugierig beschnüffeln sich die beiden Tinker. Holy quietscht ein paar Mal und das wars. Beide sind tiefenentspannt. Sogar Holy die sonst immer an irgendetwas herum kaut steht ruhig da. „Aber das ist doch ein Hengst“, wirft Hedda vorwurfsvoll ein. Ich schüttle den Kopf und stelle ihr den Wallach vor. Sie freut sich und wir gehen zusammen zum Paddock. Als erstes tauschen wir kurz die Pferde, weil ich nicht weiß wie das Chaoten Pony auf den Paddock reagiert. Smorre ist eh ruhig, deswegen kann Hedda ihn im Anschluss dort ab machen. Holy behält erst einmal noch ihr Halfter um, das Hedda ihr angelegt hat, als ich den Fuchs geholt habe.
      „Die mögen sich“, sagt die kleine Schwester von Folke als wir die beiden Tinker noch beobachten. Sie stehen schon beieinander und putzen sich. Glücklich wirken sie auf den ersten Blick aber das kann natürlich jeden Augenblick umspringen. Folke kommt in der Zeit von dem Training mit Vintage wieder. Er guckt nicht schlecht als er die beiden Pferde sieht, muss sich aber erst mal um den Hengst kümmern. Später kommt er dann dazu.
      „Was denn hier passiert? Da ist man für eine halbe Stunde weg und schon hat Holy neue Freunde“, sagt er scherzhaft zu mir.
      „Holy wollte nicht mehr in ihre Box und da hatte Vriska die Idee sie ist Smorre hier her zu stellen.“, antwortet Hedda.
      „Hoffentlich rennen die beiden nicht die halbe Nacht hier herum. Sie hat schließlich noch Ruhetag“, macht sich der Herr etwas Sorgen, ich winkte nur ab und verabschiede mich. Der Tag war lang und beginnt morgen wieder sehr früh.

      26. April

      Folke
      Es ist noch sehr früh am Morgen doch auf dem Hof ertönen bereits Traktoren Geräusche. Valeria und Vriska haben heute Stalldienst. Hedda und ich sitzen am Tisch und Frühstücken, natürlich fällt es nicht aus, dass über Holy gesprochen wird. „Wir können ja gleich mal gucken gehen“, schlage ich vor und Hedda springt natürlich direkt auf, wie es in ihrer Natur liegt. Ich decke den Tisch ab und ziehe mich dann ebenfalls um. Hedda ist direkt fertig aber soll auf mich warten, weil ich nicht weiß was uns erwartet.
      Der Himmel ist strahlend blau und die Morgensonne ist für die Jahreszeit sehr warm. Bald ist auch schon der meteorologische Sommeranfang. Die Vögel sind auch schon aktiv und zwitschern.
      Oh Gott ist mein erster Gedanke als wir bei Holy ankommen. Das Pony ist sehr dreckig und auch am weiß der Mähne sieht man wunderbar, dass sie sich die halbe Nacht gescheuert haben muss. Wir haben vergessen ihr ihre Decke umzulegen, sodass nun wir einen dreifarbigen Schecken haben. Hedda ist auch der Schock ins Geschicht geschrieben. Trotzdem sind beide Pferde sehr ruhig und spielen mit einander. „Leider müssen wir euch jetzt trennen“, sage ich zu Holy und nehme den Strick, den wir am Tor liegen lassen haben. Holy Blick sieht nach Enttäuschung aus, aber ich versichere ihr, dass sie wieder zurück darf zu ihrem Smorre. Gemeinsam gehen wir zur großen Reithalle. Für Holy steht nun erst einmal Aquatraining auf dem Plan. Hedda putzt sie gründlich und ich bereite das Gerät vor. „Ich wäre soweit“, rufe ich meiner Schwester zu und sie bringt die Tinker Stute her. Ihren Schweif hat sie eingeflochten. Das Pony sieht nun wieder viel Besser aus. Da sie den Aquatrainer noch nicht kennt, nehme ich meiner Schwester das Pferd ab und zeige es ihr zunächst. Mit einigen Leckerlis guckt sie dann auch neugierig und geht mir ohne Probleme nach. Hedda hat in der Zeit noch einen zweiten Strick geholt und befestigen die die Haken an der Seite des Halfters. Dann schalte ich das Laufband ein und lasse das Wasser einlaufen. Fröhlich läuft die Stute vor sich her und bleibt immer mal wieder etwas stehen und versucht mit dem Wasser zu spielen. „Ich glaube, sie mag Wasser“, sage ich zu Hedda die fröhlich ein Video macht. In kurzen Instanzen erhöhe ich den Wasserstand bis auf 40 cm. Nach insgesamt 20 Minuten lasse ich das Wasser ab und wir holen die Stute aus dem Gerät. Man sieht ihr an, dass sie völlig geschafft ist, weswegen Hedda sie abtrocknet und ich das Solarium in Gang setze. „Das sollte ihre Muskulatur entspannen“, sage ich zu Hedda, die mich mit Fragezeichen im Gesicht anguckt. „Schaffst du das alleine?“, frage ich sie dann, als Holy entspannt im Solarium steht. Meine Schwester nickt und so kann ich mich nun an die Arbeit machen.
      Auf dem Plan stehen nun erst einmal Lotti und die Schwarze. Die beiden Stuten sind langsam soweit um zur Körung zu können, da Tyrell aber möchte, dass sie eine richtige Körung machen und kein Zuchtrennen machen haben Vriska und ich uns besprochen und wir gehen nun mit den beiden Stuten auf die Trainingsbahn zum Gangtraining. Dort haben wir mehr Platz und die meisten Pferde haben dort auch mehr Platz.

      Vriska
      „Geschafft“, sage ich zu Valeria, als ich den Trecker weggebracht habe und die den Stuten das Heu in die Gasse gelegt hat. „Ich muss dann auch schon weiter, Folke und ich gehen mit den beiden normalen Trabern auf die Trainingsbahn“, erzähle ich ihr. Sie macht nun auch etwas mit einer ihren Stuten. Folke kommt dazu und berichtet mir vom Aquatraining. „Na da wird sie sich aber angestrengt haben.“, antworte ich. Wir lachen und holen Lotti sowie die Schwarze vom Paddock. Es ist natürlich fies, dass wir die beiden vom Heu wegziehen müssen, aber sie bekommen dann gegebenenfalls noch eine eigene Portion nach dem Reiten. Ich habe mir Lotti genommen, da die Stute noch einer besseren Hand bedarf. Folke ist noch nicht ganz so fit im Gangpferdetraining, deswegen wird die Schwarze für ihn einfacher sein. Zusammen putzen wir die Stuten und fangen an zu satteln, als Hedda kommt. „Holy steht jetzt wieder bei Smorre, ich hab ihr die Stelle eingeschmiert und die Decke umgelegt. Was kann ich jetzt machen?“, fragt sie motiviert. „Geh doch mal zu Tyrell ins Büro, der kann dir das besser sagen“, antwortet Folke nur. Sie nickt und verschwindet wieder. „Krass, dass sie schon alleine Holy verarzten kann“, sage ich überrascht. „Wir sind halt nicht komplett unfähig“, antwortet er und lacht. Er lacht viel ist mir aufgefallen.
      Wir reiten im Schritt los, erst mal sehr locker mit durchhängenden Zügeln. Allerdings weiß ich noch gar nicht, worüber ich mich mit ihm unterhalten soll, also schweigen wir uns bis zur Trainingsbahn an. Die Situation ist mir ziemlich unangenehm, weswegen ich ihm dann einfach was über Nachtschatten erzähle. „Die Stute hatte ich damals gefunden noch Bruce, da er eigentlich die Traber wollte. Das hat nun aber sein Bruder Tyrell übernommen. Kennst du Bruce?“, frage ich ihn um ihn zum Gespräch zu animieren. Er schüttelt den Kopf. „Bruce hat das hier eigentlich alles in die Wege geleitet. In Deutschland ist der Hof halb abgebrannt, durch einen verheerenden Waldbrand. Das ist leider sehr typisch in Brandenburg, weil durch den Krieg und die Russen sehr viel Munition und Bomben noch herum liegen. Dann hat er im Internet ein Ausschreiben gesehen für dieses Gelände und sich beworben. Als wir dann genommen wurden, hat man und das Gelände ausgebaut und erweitert. So sind wir hier in Schweden gelandet. In Deutschland haben wir dann angefangen schwedisch zu Lernen, aber hier vor Ort ist es deutlich einfacher wenn man im Kontakt mit Einheimischen ist.“, fange ich an zu erzählen. Folke sagt dann etwas auf schwedisch, was in dem Moment leider nicht verstehe. Wir reden kurz drüber und dann erzähle ich weiter: „Auf jeden Fall kamen dann nach und nach die Pferde, bevor wir überhaupt hier waren. Mit einem großen Transporter sind wir dann gekommen. Wir sind mit Auto und Fähre hier her. Das erste was mir auffiel waren die hohen Spritpreise, aber zum Glück fährt unser Hoftruck mit LPG Gas, so das wir sozusagen überhaupt nichts mehr zahlen. Meiner ist ein Diesel.“
      An der Trainingsbahn angekommen zeige ich Folke einige Übungen zum Tölt vorbereiten und worauf er achten soll. Dann fängt jeder für sich an die Pferde zu trainieren. Lotti hat heute einen guten Tag. Motiviert hört die Stute mir zu und reagiert sehr fein auf meine Hilfen. Auch der Tölt ist heute ziemlich Taktklar. Immer mal wieder beobachte ich Folke, der offenbar auch sehr viel Spaß mit der Schwarzen hat. „Hast du Lust auf ein Passrennen?“, frage ich ihn kurz bevor die Einheit zu Ende ist. Schockiert guckt er mich an. „Also bei den Isländern ist das Normal. Man stellt sich nebeneinander und dann hat man 200m für den Pass. Aber wir können mit den Mädels natürlich viel länger den Pass halten. Dafür sind sie schließlich gezüchtet worden“, erzähle ich ihm. Für Lotti war das erste mal Pass unterm Sattel beinah eine Überwindung, vorher ist sie nur am Sulki Pass gegangen und mit den Rennen hat sie keine guten Erfahrungen gemacht, deshalb wollte ich ihr unbedingt den Spaß am Pass laufen wieder bringen, was mit Passrennen sehr gut funktioniert hat. Ich erkläre ihm kurz und knapp welche Hilfen er geben muss und wie die Schwerpunktverteilung ist. „Bereit?“, frage ich ihn. Er nickt. „Los“, sage ich dann. Schon nach wenigen Metern habe ich Lotti im Pass und gebe Gas. Meine Haltung lässt natürlich zu wünschen übrig, aber darum geht es zum Glück nicht. Auch Folke ist sehr schnell mit Nachtschatten unterwegs und hat und bereits überholt. Sonst hat Lotti immer die Nase vorn, deswegen gebe ich ihr noch etwas mehr Zügel und treibe sie mit der Stimme. Die erste Kurve kommt und langsam holen wir wieder auf. Folke hat mit der schwarzen Probleme das Tempo zu halten und sie fällt immer wieder in den Tölt. Das ist unsere Chance. Ich gebe noch mal etwas mehr Gas mit ihr und wir haben die Beiden überholt. Doch er hat sie bereits wieder in den Pass gelegt und gibt deutlich mehr Gas, sodass die Beiden uns wieder überholen. Nach einer Runde hat Folke ganz klar gewonnen. Wir freuen uns sehr und reiten noch eine Runde Schritt. Die beiden Stuten sind fix und fertig aber wirken auch glücklich, sonst hätten wir das nicht gemacht. „Das war ziemlich cool“, sagt er und streicht der schwarzen Stute über die Mähne. Nachtschatten schnaubt ab und streckt sich. „Vielleicht reiten wir mal ein richtiges Passrennen“, schlägt er dann vor. Ich gucke ihn verwirrt an. „Bei uns am alten Gestüt gab es einen Jockey, der die Pferde nie am Sulky hatte. Für ihn gab es nur Rennen, die geritten gemacht wurden. Ausschreibungen dafür zu finden ist immer sehr Rar, aber ich kann ihn mal fragen, ob er uns welche schicken kann“, erklärt er mir. „Oh das wäre ziemlich cool, aber dann müssten wir noch mehr Üben. Lotti und Nachtschatten fallen dann allerdings weg, weil sie sollen nach der Körung zum Hengst“, erzähle ich ihm. „Ach, ich suche da schon wen heraus. Vintage hätte sicher daran deutlich mehr Spaß. Der Sulky ist überhaupt nicht sein Ding, aber er macht es mit. Nobel und Alfi wären sicher auch davon begeistert“, sagt er.
      Am Hof steht Hedda schon und begrüßt uns. „Was habt ihr den gemacht. Die Pferdchen sind doch völlig platt“, sagt sie. „Ein Passrennen“, sagt Folke trocken und Hedda fragt nicht weiter Tyrell scheint ihr den Auftrag gegeben zu haben, die Sättel und Trensen zu putzen, zum Glück, dann müssen wir das nicht mehr machen. Das ist immer eine sehr lästige Aufgabe. Für Hedda ist das aber das richtige. Einige Meter später ist dann auch Tyrell, der mit uns sprechen möchte. „Bruce hat gerade angerufen. Krít hat Zwillinge bekommen und er würde sie gern herbringen, sowie seine ganzen Jungpferde. Man hat ihm Grundlos die Weide im Nachbardorf gekündigt. Er war mal wieder sehr verzweifelt“, erzählt er uns. Ich steige vom Pferd und frage noch ein paar mal nach. Dann einigen wir uns auf eine Uhrzeit. Schließlich müssen wir noch die Weiden überprüfen. „Gut, dann werden wir das tun“, antworte ich meinen Chef und er geht wieder. Zusammen mit Hedda macht er gerade das Zubehör sauber. „Warte mal! Können wir uns dann Hedda kurz leihen?“, frage ich noch. Er nickt.
      „Hedda!“, rufe ich fast einmal über den ganzen Hof. Motiviert kommt sie angerannt. „Ja?“, fragt sie.
      „Hol‘ dir mal Ali von dem Paddock, wir gehen die Weiden kontrollieren“, sage ich zu ihr. Sie nickt erfreut und rennt direkt ein Halfter holen.
      „Dann kommt sie mal raus, wenns für dich in Ordnung ist“, sage ich zu Folke.
      „Ja klar, wen nehmen wir dan?“, fragt er gespannt.
      „Ich dachte, dass ich Alfi nehme und du holst die Nobel.“, antworte ich, als wir die beiden Stuten nach dem füttern wieder zum Paddock bringen.
      „Das klingt nach einem Plan“, sagt er und wir gehen die Hengste holen. In der Zeit ist Hedda auch schon dabei sich den kleinen Hengst fertig zu machen.
      „Alle fertig?“, frage ich in die Runde. Ein zustimmendes Ja ertönt und wir reiten im Schritt los. Dieser Ausritt wird etwas entspannter. Wir reiten durch die Allee zu den großen Weiden im Wald. Dort sollen die beiden Jungpferdegruppen vom Bruce hin. Unsere Jungspunde kommen dann da auch dazu. Im Moment grasen sie auf zwei Weiden am Hof, aber so hätten die Pferde dann noch mehr Freunde. „Der Plan ist es jetzt, dass wir die Zäune und kontrollieren und gucken ob alles in Ordnung ist. Der Strom ist derzeit aus, aber den hat Tyrell schon geprüft, als er gestern hier war. Da wir überlegt hatten unsere Kleinen erst mal hierher zu bringen. Das Schicksal hat uns erhört“, erzähle ich. Die Gruppe trennt sich. Ich öffne das Tor mit Alfi. Der Hengst ist so ein Traum. Mit ihm kann man echt alles machen. Outer Space reagiert sehr empfindlich auf dem Schenkel und sucht immer nach Bestätigung, weswegen man mit Leckerlis in der Tasche alles schafft. Durch seine Sensibilität kann ich ohne es überhaupt schon mal mit ihm gemacht zu haben, das Tor öffnen und korrekt eiinzureiten. Ich lobe ihn und stecke ein Leckerli in den Automaten. Genüßlich frisst er seinen Snack. Im langsamen Tölt reiten wir an der Zaun innen Seite entlang. Auf dieser Weide ist alles okay. Hier sollen dann die Stuten rauf, Auch als ich mir noch die Weide Ansicht angucke, stelle ich keine Probleme fest. Auch Folke und Hedda entdecken nichts, als wir uns wieder treffen am Startpunkt. „Wie hast du das mit Alfi und dem Tor gemacht?“, fragt Folke überrascht. Offenbar hat er uns dabei beobachtet. „Nun, Alfi reagiert ja sehr sensibel und wurde ja vorher schon ziemlich viel in der Dressur gefördert, weswegen diese Übunge nur eine Zusammensetzungen von verschiedenen Hilfen war. Zu dem war ich auch zu faul abzusteigen, und wollte das erst einmal probieren.“, erzähle ich ihm.
      „Sehr cool, können wir sowas mal am Hof machen?“, fragt Hedda dann. Ich nicke. Dann reiten wir weiter. Hedda und Ali sind ein gutes Team. Der kleine Welsh Hengst ist leider all die Jahre zu kurz gekommen, obwohl er so ein Schatz ist. In Deutschland durfte er noch regelmäßig in der Reitschule oder in den Kinderferien mit laufen, aber sowas haben wir bisher nicht hier in Schweden angestrebt. Deswegen stand er hier die meiste Zeit nur herum. Zwischendurch habe ich ihn in die Führanlage gesteckt und ihn als Handpferd mitgenommen. Das nun Hedda, und Folke, da sind, kommt ihm zu gute. Sie hat sehr viel Spaß mit ihm und auch Ali ist echt froh wieder eine Beschäftigung zu haben. Die Beiden können noch viel voneinander lernen und ich werde das auch weiter fördern. Folke und Nobel haben sich von Anfang an gut verstanden. Aktuell trainieren die Beiden eigentlich für das große Derby im Juli, aber auch Entspannung ist mal wichtig. Unter dem Sattel ist er ein genauso tolles Pferd wie am Sulky. Sonst hätte Folke sich dort auch nicht drauf gesetzt. Er ist zwar ein sattelfester Reiter aber auf Angstpferde und Problempferde möchte er sich nicht setzen. Eben wegen seiner Schwester, die sehr viel Aufmerksamkeit bedarf, möchte er das Glück nicht heraufbeschwören. So reiten wir durch den Wald und genießen die Natur. Mittlerweile ich fast Mittag und wir müssen uns beeilen rechtzeitig zum Essen dazu sein. Also legen wir am Ende noch einen kleinen Galoppteil ein. Für Folke mit Nobel heißt das aber sehr schnell Tölten, da der Hengst bisher keinen Galopp angeboten hat und nun nicht der richtige Zeitpunkt ist das heraus zu kitzeln. Er wirkt auch nicht so motiviert um zu galoppieren.
      Am Hof angekommen machen wir die Pferde fertig und bringen sie weg. Auch wir gehen alle noch mal in unsere Häuser und zu waschen und etwas anzuziehen. Mit Reitsachen im Essensraum zu sitzen ist nicht so gut. Valeria hat heute gekocht. Es gibt Pasta mit einer Käse Gemüse Pfanne. Sehr lecker! Den Broccolie hat sie von unseren Nachbarn, die Möhren sind von unserem eigenen Beet. Der Käse ist von unserem Kuhbauern, der einen kleinen Hofladen hat, den seine Frau betreibt. Auch sie sitzt hier heute mit ihrem Mann beim Essen. Wir alle unterhalten uns über das was bereits passiert ist. Die ganze Runde ist sehr familiär und herzlich. Ich freue mich über diese Situation. Nun ist erstmal Pause. Hedda geht noch mal bei Holy gucken und geht dann gemeinsam mit Folke zurück ins Haus. Sie hat noch Schulaufgaben zu machen. Ich muss jetzt auch noch Wäsche waschen von mir und Max, weil er dafür unser Haus putzt. Doch heute ist der letzte Tag, da er nun endlich zurück in seine Hütte kann.

      Folke
      Mittlerweile es Abend und für Holy steht nun noch eine Einheit auf dem Plan. Vriska und Hedda wollen heute das erste mal die Stute richtig longieren und das Clickertraining mit einbauen. Da mich das ganze sehr interessiert, gehe ich mit und gucke mir die Situation an. Hedda kennt sich schon gut mit Pferden aus deswegen vertraue ich ihr da. Während Vriska noch nicht da ist, machen wir zusammen schon die Stute fertig, die mit Smorre noch immer ein gutes Team darstellt.
      Dann kommt Vriska um die Ecke und wirkt auch leicht genickt. “Was ist los?”, frage ich darauf total schockiert. Sie seufzt kurz und sagt: “Die Akademie hat mich ins Förderprogramm aufgenommen und ich freue mich auch eigentlich total, dass ich dafür ausgewählt wurde. Doch ich habe kein Pferd für die Nationalmannschaft, deswegen muss ich absagen.” Irgendwie fehlten mir die Worte. Doch ich wollte ihr bei der Situation unterstützen. “Hast du schon mal mit Tyrell gesprochen? Vielleicht finden wir eine gemeinsame Lösung. Auf jeden Fall werden wir eine finden.”, versuche ich sie auf zu muntern. “Bisher nicht, aber das ist mir auch unangenehm”, antwortet sie. Hedda ist noch mit Holy beschäftigt und bekommt von dem Gespräch nicht viel mit. “Du musst anders denken. Es für uns alle eine Möglichkeit den Hof zu präsentieren.”, antworte ich. Ich kenne schließlich die Situation, da ich ja immer für Höfe auf den Rennen gestartet bin. “Ich werde nach dem Training mal zu ihm gehen”, antwortet Vriska. Noch einen Moment reden wir darüber und dann kommt Hedda mit Holy dazu.
      Am Platz setze ich mich daneben und beobachte die drei. Vriska erzählt Hedda wie es heute ablaufen wird bei der Einheit und welches Ziel sie haben. Holy sieht noch sehr fertig aus vom heutigen Aquatraining, deswegen ist sie ziemlich entspannt aber auch unaufmerksam.

      28. April

      Vriska
      Es hätte eigentlich nicht schlimmer kommen. Heute muss ich die Entscheidung abgeben, ob ich dem Nationalteam beitrete oder nicht. Das Gespräch mit Tyrell war noch nicht, mir fehlte bisher einfach der Mut. Ich atme tief durch und dann kommt er natürlich um die Ecke. Irgendwie ist er wie ein Vater für mich, obwohl er gar nicht so viel älter ist als ich. “Wir müssen reden”, sagt er darauf hin. Mein Herz rutscht mir in die Hose und schon kullern die ersten Tränen. Ich mache es mir immer schwerer als es sein sollte, doch für mich ist es immer schwierig mit stressigen und unangenehmen Situationen umzugehen. “Ach Vriska. Ganz ruhig. Komm wir gehen zu dir, da haben wir Ruhe.”, sagt er darauf hin und legt seinen Arm auf meine Schulter. Zusammen gehen wir in meine Hütte. Dann trinke ich ein Schluck Wasser und setze mich zu ihm an den Tisch. Tyrell möchte nichts zum trinken. “Dein Leiter hat mich gestern angerufen und nachgefragt ob du schon eine Entscheidung getroffen hast wegen deiner Teilnahme im Nationalteam. Deswegen möchte ich dir ein Angebot machen, weil es schwierig wird eins der Fohlen im Team zu reiten.“, beginnt er. Ich würde mich schon echt drüber freuen und versuche mir auch auszumalen, wie es sein würde, aber für mich ist das Thema im Kopf schon durch. „Weißt du schon, dass Max auch eingeladen wurde?“, erzählt er weiter. Schock. Wie konnte er denn eingeladen werden, wenn er nicht mal in der Lage ist mir richtig Unterricht zu geben? Das erschließt sich mir einfach nicht. Allerdings hat er auch viel mehr Erfahrung und reitet seit dem er klein ist. Wirklich kennen tue ich ihn aber auch nicht obwohl wir seit quasi zwei Monaten zusammen wohnen. Als Freunde kann man uns allerdings nicht bezeichnen. Ich schüttle den Kopf. „Er hat schon seine Teilnahme bestätigt. Aber auch ich würde ich gern im Team sehen, deswegen haben Bruce und ich telefoniert. Er hat ein Angebot bekommen, dass er Glymur kaufen kann. Den müsstest du kennen.“, lacht Tyrell. „Waaaaaas“, antworte ich wieder völlig schockiert. „Wir würden dir Glymur für das Nationalteam zur Verfügung stellen, aber du musst im Gegenzug weiterhin die Pferde trainieren. Schließlich wird es etwas schwierig mit Stalldienst, aber wir brauchen dich auch hier am Hof.“, Tyrell wird still. Ich schweige auch. Noch eine Weile reden wir über die Situation und sind uns einig. Ich kann im Nationalteam starten - mit Glymur. Tyrell und Bruce werden nun in die Wege leiten, dass der Hengst zu uns auf dem Hof kommt.
      Als Tyrell gegangen ist habe ich noch einige Minuten still am Tisch gesessen, bis ich den Mut gefasst habe meinen Kursleiter anzurufen. „Hej, Herr Norberg, ich habe mit meinem Chef gesprochen. Sehr gern würde ich Ihre Einladung zum Nationalteam annehmen.“, sage ich mit zittriger Stimme. „Vriska, da freuen wir uns sehr. Tyrell sagte schon, dass du sicher zustimmen wirst. In den nächsten Tagen wirst du alles wichtige per Mail zugeschickt bekommen.“, antwortet er und legt kurzer Zeit später auf.
      Geschafft. Das war ein großer Schritt für mich und auch eine Menge Überwindung gekostet diese Entscheidung zu treffen. Ich fühlt sich etwas an, als würde ich die Leute und den Hof im Stich zu lassen. Doch nun habe ich erst mal noch Training mit Hedda und Holy. Auf dem Plan steht noch einmal Freiarbeit für sie. Ich ziehe mir meine Schuhe an und checke bei dem Gang zum Anbinder nochmal meine Mails. Noch habe ich keine Mail bekommen, was ich aber auch nicht wirklich erwartet habe. Hedda und Holy sind schon fertig mit der Vorbereitung und zusammen gehen wir zum Platz. Heute werde ich teilweise nur zu gucken, weil Hedda das bald eh alleine schaffen muss. Auch Folke ist wieder dabei und soll auch mal mit der Stute arbeiten. Zum aufwärmen gehe beide Mädchen erst mal einige Runden im Schritt am lockeren Strick am Kappzaum. Instinktiv senkt die Stute ihren Kopf und Hals und Hedda lobt sie zufrieden. Die Beiden sind jetzt schon so ein großartiges Team und ich freue mich, dass sie zueinander gefunden haben. Zum Anfang beginnt Hedda mit Holy das beim Kopf senken und Klick, ein Leckerchen gibt. Aber Holy ist ja nicht doof, für Leckerchen würde sie alles tun. „Ich hab mir gestern Videos auf Instagram angeguckt und würde gern mit Holy Spanischen Schritt machen. Können wir damit schon anfangen?“, fragt Hedda mich neugierig. „Können schon, aber wir müssen darauf achten, dass Holy nicht anfängt zu betteln um ein Leckerchen zu bekommen. Sondern sie soll sich anbieten und mit dir arbeiten. Also wäre es gut, wenn sie aus dem Betteln heraus das anbietet und du es rechtzeitig unterbinden“, versuche ich ihr zu erklären. Irgendwie klingt das blöd und nochmal mit der richtigen Wortwahl erzähle ich es ihr. Sie nickt und nimmt die Gerte zur Hand. Wahrscheinlich hat sie das im Internet so gesehen. Vorsichtig touchiert sie das Bei der Stute und bei einer Reaktion zieht sie die nach Oben wie auch den Strick und klickt im selben Moment. Erstaunt bin ich über ihre Fähigkeit so schnell mit dem Clickern zu reagieren. Holy sieht im Gesicht ziemlich glücklich aus. Nach einigen Wiederholungen beginnt sie mit der Arbeit an der Longe. Auch hier arbeitet die Stute aktiv und schlurft nicht mit der Hinterhand. Hedda bleibt auch immer gut dran mit der Stimme, dass Holy vorwärts läuft und sich auch streckt.
      „Habt ihr super gemacht heute“, lobe ich die Beiden als wir zurück zum Anbinder gehen. „Dankeschön“, bedankt sie sich. „Dann muss sie heute Abend noch in den Aquatrainer und dann hat sie erst mal einen Tag Pause.“, füg sie noch hinzu. Ich nicke. Für mich geht es nun weiter zum nächsten Pferd. Tyrell hat mir erzählt, dass heute zwei neue Pferde kommen und in den kommenden Tagen noch eine Standardbred Stute. Bei dem Training mit Hedda hatte ich schon eine Nachricht von meinem Chef bekommen, dass die Pferde nun da sind und ich bitte mir beide mal angucken kommen soll. Deswegen mache ich nun einen Schritt schneller, da er die Pferde erste mal vorn in die Gastpaddocks gestellt hat. „Das sind die Beiden also?“, frage ich gespannt, als ich bei Tyrell ankomme. „Ja, und beide haben ganz grausame Namen“, ärgert er sich.
      „Ach Namen sagen doch nichts aus. Wie heißen sie denn?“, frage ich neugierig.
      „Der Hengst ist Graf Heinrich und die Stute Rainbeth.“, sagt er trocken.
      „Ach Heini und Betti sind doch tolle Spitznamen.“, antworte ich lachend. Mit ernster Miene guckt er mich an und höre auf.
      „Wo hast du die denn aufgetrieben?“, frage ich einige Minuten später.
      „Du kennst noch Ida aus dem Haus vorne an der Straße. Die hatte mich vor ungefähr einer Woche gefragt, ob ich die beiden Pferde übernehmen könnte, da sie sonst zum Schlachter kommen. Sie selbst hat die Pferde geerbt von ihrem Bruder, der wohl alles in seinem Haus und Garten hatte. Er hatte auch noch eine weitere Stute und einen Wallach, doch ein Mädchen aus dem Dorf ist die beiden Pferde immer geritten ist, hat sie übernommen. Nur die beiden Eumel wollte niemand offenbar.“, erzählt er.
      „Und was ist sonst mit denen?“, frage ich weiter.
      Tyrell zickt mit den Schultern. „Die waren wohl mal auf der Rennbahn aber eher schlecht als recht. Heini kann wohl schon ein bisschen was Dressur angeht, aber Betti ist wohl nicht ganz so einfach.“, erklärt er.
      „Und mit der soll ich nun arbeiten?“ - „Ja, aber mit Beiden“, antwortet Tyrell trocken. Mit großen Augen gucke ich ihn an.
      „Dann soll es so sein“, antworte ich.

      29. April

      „Maaaaaan“, rufe ich genervt in den Raum als der Wecker klingelt. Es ist 5 Uhr am morgen und ich habe Stalldienst mit Valeria. Also stehe ich auf, mache mir einen Kaffee und ziehe mich um. Duschen muss ich gar nicht, weil ich danach eh wieder Stinke wie ein Tigerkäfig.
      „Guten Morgen“, begrüßt Valeria mich fröhlich. Wie schafft sie es nur so happy zu sein am Frühen Morgen. Das erschließt sich mir nicht. Dennoch versuche ich freundlich zu sein und wir beginnen bei den Stuten mit dem Sauber machen. Dann legen wir das Heu hin und holen sie von der Weide. Als nächstes stehen die Hengste auf dem Plan. Heute dauert es etwas länger und erst nach vier Stunden sind wir fertig. Dann gehe ich erst mal zurück in die Hütte um zu duschen, weil wir dann zum Frühstück gehen. Zusammen sitzen wir alle am Tisch und unterhalten uns über den heutigen Plan. Auch unsere Teilnahme im Nationalteam ist ein Thema. Doch Max und ich wechseln kein einziges Wort. Ich denke er ist nicht so erfreut, dass wir es Beide soweit geschafft haben. Aber das ist sein Ding und nicht meins. Ich freue mich natürlich darüber aber möchte ihn auch nicht noch weiter unnötig damit belasten.
      Als erstes beginnt die Arbeit mit Betti. Tyrell wusste gestern nicht, wie weit die Stute ist, also werde ich heute sie erst mal nur longieren und auch einen Gurt umlegen. Den sollte sie kennen, da sie wohl einige Rennen mitgelaufen ist, wenn auch nicht erfolgreich. Doch das ist für uns nicht allzu wichtig, da wir vielseitige Standardbreds züchten, die zwar das Talent für Passrennen haben, aber genauso motiviert für die Arbeit unter dem Sattel sind, besonders in der Dressur. Mit angelegten Ohren begrüßt die Stute mich und ich gehe langsam auf sie zu. Nervös dreht Rainbeth mir ihren Po zu und gehe wieder einige Schritt zurück. Von so einem großen Pferd die Hufen abzubekommen ist nicht unbedingt meine Intention. Doch ich bleibe hartnäckig, bis die Stute merkt, dass ich keine Bedrohung darstelle. Dann kommt sie sogar zu mir und ich darf ihr das Halfter anlegen. Zusammen gehen wir zum Anbinder und ich putze sie langsam. Als ich den Bauch berühre wird sie direkt unruhig und schlägt nervös mit dem Schweif. Den Gurt lasse ich also heute lieber doch weg. Gegen das anlegen vom Kappzaum hat sie nichts und läuft mir zum Platz beinah motiviert nach. Als erstes darf Betti sich den Platz selbst angucken und ich lasse ihr den Strick locker und sie kann selbst entscheiden wohin sie möchte. Mit lauten atemgeräuschen geht sie den Platz ab und wirkt eher nach einem Hengst, als eine Betti zu sein. Freundlich lobe ich die Stute und teste immer wieder ihre Aufmerksamkeit durch kurze Züge am Stricke. Erst nach einigen Wiederholungen wendet sie sich mir zu und scheint nun bereit zu sein. Zum Aufwärmen möchte ich Rainbeth nun noch dehnen und stellen. Doch schon mit der einfachsten Übungen durchs Genick hat sie große Schwierigkeiten, weswegen es ratsam wäre, wenn sich ein Osteopath dieses Problem anguckt. Um ihr nicht noch mehr Schmerzen zuzumuten, lasse ich sie nur noch ein wenig traben und höre dann auf. Auf dem direkten Weg kommt die Stute zurück auf ihren Paddock. Im Anschluss mache ich mich auf den Weg zu Tyrell, der wieder in seinem Büro sitzt.
      Vorsichtig klopfe ich an der Tür. “Herein”, ertönt es. “Ach hey, was los?”, sagt er im Anschluss als ich durch die Tür trete. “Rainbeth sollte mal einem Osteo vorgestellt werden. Beim Putzen hat sie sehr nervös reagiert im Bauch- und Rückenbereich und beim Longieren war das biegen und stellen zeigte sie sich ebenfalls sehr unmotiviert.”, erkläre ich ihm. Er nickt. “Gut, dann werde ich einen Termin vereinbaren. Bitte vergiss nicht, dass noch in ihr Profil einzutragen”, antwortet Tyrell mir. “Dankeschön”, antworte ich und möchte das Büro wieder verlassen. Doch dann sagt er noch etwas: “Denk dran, morgen kommt Glymur und ein Trainer aus Deutschland. Du hast dann direkt zwei Trainingseinheiten. Bruce bringt dafür noch Skrú vorbei.”, sagt mein Chef mir. “Was, morgen schon?”, frage ich schockiert. “Ach hatte ich das vergessen zu sagen? Tut mir leid. Eins weißt du auch noch nicht, aber du wurdest zwar für das Team ausgewählt, aber du musst noch angenommen werden. Das heißt, du musst noch die Prüfung bestehen. Deswegen haben wir für dich und Max den Trainer organisiert.”, fügt er hinzu. Mir entgleisen die Gesichtszüge. Puh, das hatte ich nicht erwartet. Ich nicke und verlasse das Büro. Jetzt muss ich auch noch eine Prüfung machen. Das schaffe ich nicht.
      “Ach gut das ich dich treffe”, sagt Folke als ich vom Büro komme. “Huch! Was los?”, frage ich ihn erschrocken.
      “Wollen wir mit Alfi und Nobel etwas trainieren für die gerittenen Passrennen? Ich habe schon mit Tyrell gesprochen, der findet die Idee gar nicht so schlecht.”, antwortet der junge Schwede. Ich nicke und wir gehen in den Stall um die Hengste fertig zu machen. Alfi war heute deutlich hibeliger als sonst und auch Nobel scheint Hummeln im Po zu haben, nur mit viel Geduld gelang es uns die Pferde in Ruhe zu putzen. Auch der Weg vom Hof war alles andere als ein Zucherschlecken. Dennoch wollten wir uns nicht entmutigen lassen und stiegen schon auf. Plötzlich hatten wir ganz andere Pferde unter uns. Beide Hengste schnaubten zufrieden ab und waren problemlos händelbar. Zum Glück.
      “Und freust du dich schon auf Glymur morgen?”, fragte Folke neugierig. Offenbar wussten es alle am Hof nur ich nicht.
      “Ich weiß nicht. Eigentlich wollte ich dir und Hedda doch helfen mit Holy, aber wenn ich zur Akademie gehe, dann werde ich nur am Wochenende am Hof sein. Und auch in der Zeit muss ich dann hier arbeiten und Tyrells Pferde bereiten.”, antworte ich nachdenklich während ich Alfi ein wenig im Genick stelle und etwas am Schenkel weichen lasse.
      “Ach mach’ dir da mal keine Gedanken. Das schaffen wir auch ohne dich”, sagt er uns fängt an zu lachen. Zum Glück nimmt er mir das nicht übel. Mich überrascht es auch extrem, dass ich überhaupt in der Auswahl stehe für das Nationalteam. Wirklich viel reiterliche Erfahrung kann ich schließlich nicht nachweisen. Vor knapp 3 Jahren kam ich erst nach Deutschland und wurde dann zu meinem Glück gezwungen. Heute denke ich, dass es die beste Entscheidung überhaupt war, denoch hat Max deutlich mehr Erfahrung. Dann reißt mich Folke wieder aus meinem Gedankengang. “Wir sind jetzt an der Bahn. Ich würde sagen, wir reiten die Pferde erstmal noch etwas mehr warm und machen dann ein schönes Intervalltraining. Anfangs etwas Tölt und dann im Pass.”, schlägt er vor. Ich nicke nur und gehe auf die Grasfläche der Bahn um einige Biegungen zureiten. Heute ich Alfi ziemlich steif und scheint auch nicht so motiviert zu sein für Dressurarbeit. Doch leider muss das sein, sonst könnte er sich verletzen, wenn wir aufs Tempo setzen. Folke hingegen hat mit Nobelpreis ein leichtes Spiel. Der Hengst ist sogar fast übermotiviert und versucht ihm jeden Schritt voraus zu sein. Dabei biegt er sich super schön und lässt einwandfrei sein Genick stellen. Auch die Seitengänge funktionieren problemlos. Etwas neidisch schiele ich immer wieder zu dem Paar rüber. Aber Alfi wird dann doch etwas kooperativer und versucht sein bestes. Dann sind wir uns einig - das richtige Training kann nun beginnen. Im Schritt reiten wir zunächst ca. 500m nebeneinander her und Tölten dann an. Erst ein Stück im Arbeitstempo und legen dann im Tempo zu. Bevor die Pferde in den Pass fallen bremsen wieder in den Schritt ab und reiten wieder 500m. So machen wir das einige Bahnen lang bis wir statt Tölt den Pass bevorzugen. Alfi ist nun voll dabei. Nur mit leichter Hilfe lege ich den Hengst in den Pass und versuche das Tempo zu steigern. Folke hingegen hat es nun etwas schwieriger, da Nobelpreis ziemlich mit ihm herum diskutiert. Nervös zieht der Hengst seinen Kopf nach oben und erweitert die Nüstern. Folke versucht ihn zu beruhigen doch ohne erfolg. Im starken Trab rennt der junge Mann los und ist nicht aufzuhalten. “Aber wir haben doch eigentlich Pacer und keine Traber”; rufe ich leicht belustigt dem Team nach. Nicht mal einen müden Gedanke scheint Folke an mich zu verschwenden und braust im Trab an uns vorbei. Erst auf der nächsten langen Seite bekommt er den Hengst wieder in den Schritt und brüllt genervt ihn an. “Boah, du Mistsau Pferd”, höre ich nur und muss wieder lachen. Alfi läuft stattdessen in einer schönen Haltung im Schritt vorwärts. Auch das Tempo ist sehr angenehm. “Ja, Lach du nur”, antwortet er mit genervt.
      “Wollen wir mal tauschen?”, biete ich Folke motiviert an. Er nickt und wir steigen ab um die Pferde zu tauschen. Nun sitze ich auf Nobelpreis, der direkt wieder anfängt sich zu sperren und sich zu weigern. “Mach’ du mal weiter mit Outer Space im Intervall. Ich versuche Nobel zu vernunft zu bringen”, rufe ich Folke zu. Er geht wieder auf die Bahn und setzt das Training fort. Ich fange mit Nobelpreis wieder von vorn an. Erst mal im Schritt einige Biegungen und dann Tölt-Schritt Übergänge um die Durchlässigkeit zu verbessern. “Prima”, lobe ich den Hengst, der zufrieden abschnaubt. Das Intervalltraining werde ich mit ihm nicht fortsetzen, aber Pass muss er heute noch mal laufen, um die Erziehungsaspekt beizubehalten. Nach dem er wieder deutlich lockerer im Genick ist, gehen wir wieder auf die Bahn und treibe ihn in den Galopp. Wenn auch nicht erwünscht, lege ich den Hengst aus den Galopp in den Pass. Oh Wunder - Nobel zeigt sich gelassen und ohne große Diskussion geht er über in den Rennpass. Kurz vor der kurzen Seite bremse ich langsam und gemütlich ab. Als wir wieder im Schritt sind, wende ich ihn und reite im Schritt zurück zu Folke. Angekommen bei den Beiden klatscht er erst mal. “Na das war doch mal richtig gut. Wir können ja erst mal weiter hin mit ihm aus dem Galopp heraus den Pass fördern. Hoffentlich zeigt er das dann im Rennen nicht. Aber es war ja auch heute das erste mal unter dem Sattel dieses Training”, sagt Folke und entspannt reiten wir zurück an den Hof. Dort sattle ich die Hengste ab während mein Kollege das Futter für sie zubereitet. “FOOOOOOOOOOLKEEEEEE”, ertönt es dann. Hedda ist da. “Jaaaaaa”, antwortet er genauso. “Können wir was mit Holy machen”, fragt sie dann aufgeregt. “Ne, heute nicht. Die wird sicher richtig Muskelkater haben von den letzten Tage. Heute hat sie mal Pause.”, sagt er darauf hin. Hedda verzieht ihr Gesicht und macht einen Schmollmund. “Aber du kannst ihr die Salbe rauf machen und ein paar Leckerein geben, wenn du willst”, fügt Folke dann hinzu. Sie nickt aufgeregt und verlässt wieder den Stall. Dann kommt er auch aus der Futterkammer heraus und stellt den beiden Jungs ihr Futter in die Box. “So, guten Appettit.”, sagt er zu ihnen und streicht beiden Pferden über die Nase. Als hätten sie seit Tagen nichts gefressen, stürzen sie sich auf das Kraftfutter.
      “Was jetzt steht noch auf dem Plan?”, frage ich Folke als wir auch den Stall verlassen. Er guckt auf die Uhr. “Es ist jetzt 16 Uhr. Ich sollte mal lieber zu Hedda und Holy gucken gehen. Du könntest mit Songbird noch arbeiten. Ich schicke dir dann Hedda dazu.”, schlägt er vor. “Gute Idee”, sage ich und laufe zum Stutenpaddock.
      Songbird ist mittlerweile schon 7 Jahre alt und wir haben bisher so gut wie gar nicht mit ihr gearbeitet, hauptsächlich, weil andere Pferde die Priorität hatten. Doch jetzt ist auch sie an der Reihe. Während ich die Stute vom Paddock hole und putze, überlege ich mir, was ich mit ihr machen kann. Das einfache Longieren beherrscht sie schon ganz gut, weswegen ich heute den Grundstein legen werde fürs Reiten - mehr oder weniger. Ich hole aus der Sattelkammer die Doppelzügel sowie ein Kappzaum mit Gebiss. Natürlich muss ich erst einmal herum probieren was ihr passt, bis ich was passendes gefunden habe - Mademoiselle und sie haben die gleiche Größe. Dann kann es los gehen. Hedda stößt auch dazu und gemeinsam gehen wir zum Reitplatz an der kleinen Reithalle. Dort beginne erst mal das Shetty zu longieren. Übermotivert springt die Kleine in die Luft und freut sich offenbar sehr darüber, dass sie sich bewegen darf. Nach einigen Runden hat sie die überschüßige Energie abgebaut und kann mit der richtigen Arbeit anfangen. Ich ändere die Zügel und hänge beide Stücke in die Gebissringe ein. Als erstes versuche ich der Stute zu zeigen, was wir nun tun werden mit Hilfe der Gerte. Sie kennt schon einfaches Stellen und Biegen mit der Gerte was ich nun auch wunderbar auf die Doppelzügel umsetzen kann. Hedda schaut gespannt am Zaun zu.
      Songbird war mit der heutigen Arbeit fertig und ich entschied auch Feierabend zu machen. Morgen wird schließlich noch ein anstrengender Tag, auch steht am Abend noch eine Einheit mit Holy an. Bevor ich gehe muss ich den Dreien noch einige Tipps und Tricks auf den Weg gehen, sonst könnte das Projekt noch scheitern. Das möchte keiner von uns.
      Nach einer erholsamen Dusche und setze ich mich noch an den Computer. Der Trainer der morgen kommt, soll wohl sehr bekannt sein und auch schon andere Nationalteams trainiert haben. Nur sagt mir sein Name überhaupt nichts. Bei der Recherche stelle ich fest, dass der Herr ganz andere Trainingsmethoden hat als ich, weswegen ich mir unsicher bin, ob eine Einheit mit ihm so angebracht wäre.

      30. April

      Gleich kommt mein Pferdchen an, freue ich mich dann doch ziemlich. Natürlich ist es eine große Ehre für mich und ich natürlich bin ich auch sehr glücklich darüber, dass mich der ganze Hof dabei unterstützt. Doch ich möchte ungern meine Umgebung verlassen, auch wenn es für eine gute Sache ist. Nach einer wohltuenden Dusche bin ich gerade dabei mir mein kleines Frühstück zuzubereiten, als das Telefon klingelt. “Isaac?”, gehe ich an meine Handy, da ich die Nummer nicht kenne. “Falkbeck, wir sind in ungefähr einer halben Stunde da. Bitte bereiten sich sie darauf vor”, sagt ein schlecht gelaunter Mann, der nur der Trainer sein kann. Durch sein Nuscheln konnte ich nur Schwer den Namen hören, doch ausgeschlossen, es ist der Typ. Langsam kippt dann auch meine Laune, aber ich versuche weiterhin erfreut zu sein, so ein großartiges Pferd von Tyrell gestellt zu bekommen. Deswegen mache ich mir noch ein Toast, dass ich auf dem Weg zum Stall zu mir nehme. Mein Chef wartet dort auch schon, offenbar hat er einen genauso tollen Anruf bekommen. “Guten Morgen”, begrüße ich ihn freundlich. “Na, biste soweit?”, fragt er neugierig.
      Ich nicke nur.
      Tyrell schon draußen und der Hänger fährt den Hof hoch. “Dein Ponsky ist da!”, ruft er in den Stall. Ich mache die Box noch fertig und beeile mich raus zu kommen, da sind die beiden Herren schon dabei das Pferd auszuladen. “Wo waren Sie denn?”, fragt Herr Falkbeck ziemlich genervt. “Entschuldigung, ich habe noch die Box fertig gemacht.”, antworte ich leicht genervt. “Ach ist doch alles gut”, mischt sich Tyrell direkt ein. Dann sagt der Alte auch nichts mehr. Man, das nervt mich jetzt schon extrem, aber ich versuche mir nichts weiter anzumerken. Dann drückt er mir Glymur in die Hand. “Also heute um 18 Uhr ist dann Training”, fügt er noch hinzu. Langsam laufe ich mit dem Hengst zur Box und stelle ihn dort erstmal hinein, da ich noch einige Pferde vorher arbeiten muss. Rain Beth, Holy, Schneesturm und Milska kommen in die Führanlage. Dann hole ich mir noch Nachtschatten und Lotti zu Ausreiten. Die Braune Stute nehme ich als Handpferd und übe noch mal die Pferde in jeder Situation ruhig zu haben.

      Folke
      Während Vriska mit zwei Trabern ausreiten geht, nehme ich mich nochmal Holy an, die derzeit noch in der Führanlage ist. Ich halte die Maschine an und hole die Stute raus, um sie in den Aquatrainer zu bringen. Holy baut immer besser in der Muskulatur auf und auch ihr Verhalten hat sich bereits gebessert. Wir sind alle Stolz auf die Stute.
      Nach dem Vriska wieder kommt, habe ich bereits die Stuten zurück gebracht und Vintage, Wunderkind, Outer Space und Nobel in die Anlage gestellt. Im Gelände waren sie Stute wohl auch sehr gut, weswegen wir uns dann erst mal zum Essen setzen und den letzten Gemeinsam Tag genießen.

      Vriska
      “Halte deine Arme ruhiger, tiefer in den Sitz und versuche mehr mit deiner Hüfte mitzuschieben, um den Hengst nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen”, mault mich der Falkbeck voll. Man geht der mir auf den Geist. Was soll das nur werden ...

      © Mohikanerin // 55.149 Zeichen
      zeitliche Einordnung {April 2020}
    • Mohikanerin
      Midsommerfest | 17. Februar 2021

      Alfred’s Nobelpreis | Outer Space | Friedensstifter | Vintage | Wunderkind | Rainbeth | Schneesturm | Fly me to the Moon | Lotti Boulevard | Nachtschatten | Lu’lu’a
      Willa | Krít | Middle Ages | Bree | Þögn


      Während Vriska sich ihre Zeit in Kanada vertreibt, geht das Leben am Hof in Schweden natürlich weiter. Da mein Chef aktuell keine genauen Anweisung bezüglich der Pferde gegeben hat, sondern wir anhand des Wetters agieren sollen. Wie jeder Morgen beginnt der Tag um 5:30 Uhr, Hedda schläft noch. Als erstes werden alle Pferde mit Heu versorgt. Bei den Stutenpaddocks schiebe ich einen neuen Ballen in den Gang und verteile es an den Stangen. Neugierige Blicke gucken mich an und beginnen am Futter zu knuspern. Im Hengststall hingegen kommt mir nervöses Gewiehre entgegen. Nobel macht Terror und scheint seinen Kumpel Alfi in die Schranken weist. Als ich dazu gehe, hört er auf.
      “Nochmal glück gehabt”, sage ich zu ihm und streiche über seine Stirn. Dann schiebe ich das Heu die Box und mache mit der Fütterung der anderen Pferde weiter.
      Als die Pferde sind, begebe ich mich zum Mitarbeiterraum und unterhalte mich mit den Anderen, wer was heute machen möchte.
      Ein Name auf der Pferdeliste fällt mir besonders auf - Friedensstifter. Die Gute steht seit fast einem Jahr bei uns und hatte nun genug Zeit sich einzugewöhnen. Sie kennt bereits das Gebiss und war schon etliche Male in der Führanlage, ab und an auch mal mit dem Sattel. Doch damit ist nun schluss. Noch sind 18 Grad Celsius, sodass wir auf den Reitplatz gehen können. Vorher muss ich sie allerdings erst einmal holen. Dafür suche ich in der Sattelkammer nach ihrem Halfter, was jedoch nicht die leichteste Aufgabe ist bei der Unordnung. Ich sollte mal aufräumen, murmle ich vor mich her und werde fündig. Tyrell hatte für den Scherz der Stute ein pinkes Halfter bestellt, dass noch immer aussieht wie neu, natürlich. Gelassen folgt mir die Stute an den Anbinder, der sich nicht weit vom Paddock befindet, dort putze ich sie entspannt und lege ihr den Longiergurt um, zur Hilfe hole ich das Kappzaum sowie die Doppellonge. Das wird heute etwas neues für sie. Als erstes befestige ich einen Teil der Doppellonge am mittleren Ring des Kappzaums und den anderen behalte ich in der Hand, um sie erst mal etwas warm laufen zu lassen. Fried haben wir über meinen alten Arbeitgeber übernommen, der in ihr nicht das Potential als Rennpferd gesehen. Doch wir sehen in der aufmerksamen Stute einen guten Freund, der vermutlich in der Dresser gute Chancen hat. Eigentlich wollte Vriska mit ihr arbeiten, jedoch erscheint das mir schwierig, wenn sie nicht da ist. Bei dem ersten Trab des heutigen Tages, merke ich, dass sie auf der linken Hand deutliche Probleme hat, unter zu treten.
      Nachdem ich durch einige Übungen sie elastischer machen konnte, scheint aber noch immer nicht alles gut zu sein. Das Training mit beiden Teilen der Doppellonge empfand sie am Anfang als komisch, hatte sich jedoch nach einigen Runden an die beiden Schnüre gewöhnt. Am Anbinder untersuche ich vorsichtig ihren Rücken und auch die Rippen, sowie die Muskulatur der Hinterhand. Ich bemerke, dass sie rechts an den Flanken eine Beule hat, die aber nicht neu sein zu scheint. Wenn ich Fried an der Stelle berühre, dreht sie sich hektisch beiseite. Es scheint ihr sogar weh zu tun, da könnte ich mich auch nicht richtig Biegen. Ich entscheide sie morgen nochmal genauer zu untersuchen. Sie bekommt noch etwas Schwarzhafer mit Vitamin E Zusatz.
      Ich gucke auf die Uhr, es ist mittlerweile schon 9 Uhr und langsam wird es wärmer, deswegen entscheide ich mich dazu, mir Hedda zu schnappen und einmal raus zu fahren, um die Zuchtstuten zu kontrollieren, bei der Bree, Willa, Krít und Middle Ages trächtig sind für 2021. Þögn hat leider nicht aufgenommen, dennoch wollte Bruce, dass sie hier bleibt und eventuell von Glymur nochmal gedeckt wird. Neugierig kommen die Stuten zum Zaun getrabt. “Na Mädls”, begrüße ich die Stuten und werfe einige Stückchen Möhren auf die Weide. Gespannt laufen alle zu einem und genießen die kleine Leckerei. Hedda klettern bereits auf die Weide und läuft zu den Ponys. Sie beginnt schon mit der Untersuchung an Willa, während ich mich erstmal mit Bree beschäftige, die Vorn etwas lahm erscheint. An der Sehne ist eine Schwellung, die durch einen Tritt gekommen sein wird. Vorsichtig taste ich ihre Fessel ab, bis auf die kleine Schwellung kann ich nicht sehen. Ich werde das beobachten. Bei den anderen Pferden erscheint alles gut zu sein, auch unsere neue Stute Middle Ages macht sich gut in der Gruppe.
      Den Tag über kann ich nicht viel machen, widme mich also der chaotischen Sattelkammer der Stute. Meine Schwester hilft mir dabei. Als erstes räumen wir alles geordnet vor die Kammer und Hedda putzt das Sattelzeug, während ich die Kammer ausfege und die Schrauben erneuere, die etwas locker in der Wand hängen. Tyrell und kommt zu uns, um etwas Wasser zu bringen.
      Am Abend entscheide ich mich dafür, Vintage in den Aquatrainer zu stellen. Alfi, Nobel und Wunder können sich etwas in der Führanlage auspowern. Die drei Hengste sind im Moment besonders energiegeladen, sodass wir nicht mit ihnen unter dem Sattel arbeiten können. Besonders Alfi, der sonst immer sehr lieb ist, verhält sich garstig, sobald er den Sattel sieht. Während die Hengste beschäftigt sind, Hedda auf Vintage im Aquqtrainer aufpasst, beginne ich die Stuten auf die Weide zu bringen. Ich hole Betti, Schnee und Fried als erstes, um sie auf die Weide zu bringen. Aktuell stehen die Stuten auf der Weide neben der Bugalows, so kann ich aus meinem Küchenfenster gucken und die Pferde beobachten. Nächste Wochen kommen sie auf die Weide daneben, weil an den ersten Stellen schon die Grasnarbe angegriffen ist. Im Trab rennen die Stuten los und scheinen sich ersichtlich zu freuen, dass sie auf der Weide sind. Der letzte Schwung ist Lotti, Nacht und Flyma, die bereits nervös auf und ab laufen am Zaun. Ich legen auch den Dreien ein Halfter um und laufe zur Weide. Immer wieder möchte Nachtschatten antraben und macht es mir nicht unbedingt leicht, alle entspannt raus zu bringen. Immer wieder bleibe ich mit ihr stehen, damit sie gebremst wird. Auf den letzten Metern ist sie gelassen und wie auch die anderen Pferde, traben sie erleichtert auf der Weide. Kurz gucke ich noch, ob es Spannungen gibt, was nicht der Fall ist.
      Also nehme ich die Hengste, die nun noch auf ihre Weiden können. Vintage steht schon auf seiner Weide, weil Hedda ihn dort bereits dort hingebracht hat. So nehme ich mir als nächstes Wunderkind, Nobel und Alfi, die seperat gestellt werden. Nun stehen auch die vier Hengste draußen.

      Fortsetzung folgt ...

      © Mohikanerin // Folke Wallström // 6440 Zeichen
      zeitliche Einordnung {August 2020}
    • Mohikanerin
      a u g u s t 2 0 2 0 | 06. Juli 2021

      Kölski von Atomic // Lundi LDS // CHH‘ Death Sentence // Ruvik // Girlie // Liv efter Detta LDS // Middle Ages // HMJ Holy // Outer Space // Krít // Architekkt // Fly me to the Moon // Nachtschatten // Raleigh // Rainbeth // Lu‘lu‘a // Friedensstifter // Alfred’s Nobelpreis

      Folke
      „Das kann nicht weitergehen, er sein viel zu dünn“, versuchte ich mit meinem gebrochenen Deutsch Tyrell am Telefon zu erklären. Kölski, der kleinste der beiden Zwillinge machte sich nicht gut in der Herde und im Gegensatz zu seiner Schwester entwickelte er sich langsam. Ungeschickt torkelte der langbeinige Hengst herum, begleitet von einem Zittern am ganzen Körper. Das konnte ich mir nicht weiter mit ansehen. Krít kümmerte sich nicht um ihn, deswegen nahm ich ihn in meine Arme und legte Kölski behutsam in den Kofferraum. Einige Decken schützten ihn. Mit seinen 4 Monaten wäre er noch auf seiner Mutter angewiesen, aber der Kleine stand die meiste Zeit abseits der Herde und zupfte nur selten am Gras herum. Auch die anderen Fohlen und nahmen Abstand von ihm. Am Hof lud ich Kölski aus und stellte ihn erst mal in eine Box, bevor ich überlegte, wie es weitergehen würde. Tyrell kam auch dazu.
      „Wir sollten Middy und Lundi ebenfalls hochholen. Ich habe schon einige Male beobachtet, dass sie ihn gesäugt hat“, erzählte er mir, während wir den Kleinen in der Box beobachteten. Regungslos stand er da, seine Ohren legte Kölski leicht an. Sein Kopf senkte sich.
      „Hänger oder führen?“, fragte ich kurz.
      „Führe sie ruhig. Middle könnte dann mit zur Zuchtschau in der nächsten Woche“, erklärte mein Chef und ich lief zur Sattelkammer. Middle Ages Kopf war schmal und zugleich sehr lang. Ein passendes Halfter für sie zu finden, stellte sich als nicht so leicht heraus. Ihr Fohlen Lundi würde ihr folgen, somit benötigte er keins.
      „Vart ska du?“, fragte Hedda, als ich mich auf den Weg machte.
      „Jag får in Middy i stallet”, fasste ich mich kurz. Meine Schwester folgte mir und erzählte davon, was sie bereits mit Holy und Eorann heute tat. Die Drei machten zusammen gute Fortschritte und Hedda hatte sich im Laden schon einen Sattel ausgesucht. Unsere Sattlerin war bereits da zum Maße nehmen und wir warteten auf ihr Kunstwerk. Natürlich konnte Hedda sich auch nicht mit der Standardausführung beglücken, sondern die nähte sollten pink sein. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte meine Schwester auch noch eine Verzierung im Leder gewollt und ihre Initialen. Mein Geldbeutel bot das nicht an. Die farbigen Nähte machte meine Schwester jedoch glücklich genug.
      “Middy. Kom nu!”, rief ich laut über die Weide. Einige Köpfe erhoben sich und im Schritt lief die Rappscheckstute zu uns. Ihr Fohlen folgte.
      “Varför täckte ingen av travare dem?”, fragte Hedda neugierig, als ich der Stute das Halfter umlegte.
      “Så … Alfi har täckt Middy för 2021”, klärte ich sie auf. Der Hengst stand die vergangenen zwei Monate bei einigen Stuten und die bisherigen Untersuchungen zeigten, dass alle aufgenommen hatte. Somit trug nun auch Middy einen kleinen Alfi in sich. Meine Schwester interessierte sich sehr für die Pferdezucht, stellte viele Fragen und ließ sich mit kurzen Antworten nicht beeindrucken, sondern wollte es haargenau erklärt haben. Bei einigen ihrer Fragen strauchelte ich und brauchte Bedenkzeit, denn allwissend war ich auf keinen Fall. Nur froh, dass ich die Prüfung zum Pferdewirt bestand. Damals.
      Hedda öffnete die Boxentür und der kleine Kölski spitze aufmerksam die Ohren als Lundi voran diese betrat. Middy wendete ich, bevor ich das Halfter entfernte. Direkt lief der Hengst an das Euter der Stute. Sie legte kurz die Ohren zurück, denn Kölski drückte kräftig mit seinem Kopf in ihr Gesäuge. Das Problem hatte sich wie durch ein Wunder in Luft aufgelöst. Zusammen mit meiner Schwester lief ich zum Büro von Tyrell, dass sich ebenfalls in unseren Hallenkomplex befand. Der Haufen aus Blättern wurde täglich größer oder chaotischer. Schwer zu sagen, denn überall lagen Papiere herum. Vielleicht von beidem etwas. Zwischen losen weißen Blättern entdeckte ich Pässe der Pferde und den ein oder anderen Ordner, der eigentlich in das Regal hinter ihm hinein gehörte.
      „Vielleicht wir brauchen Hilfe im Büro“, schlug ich vor. Tyrell hob seinen Kopf. Augenränder untermalten seine geröteten Augen. Er kniff sie ein Stück zusammen, bevor eine Antwort seinen Mund verließ: “Damit hast du vollkommen recht. Kennst du jemanden?” Ich kannte viele Leute aber eine Bürokraft? Darüber müsste ich zunächst nachdenken.
      “Muss ich fragen”, stellte ich klar.
      “Aber wieso seid ihr denn hier?” Tyrell lehnte sich in seinem großen Chefsessel zurück.
      „Middy lässt Kölski trinken. Auch Lundi hat kein Problem damit“, erzählte Hedda, die besser Deutsch sprach als ich.
      „Das ist schön zu hören. Sonst noch was?“ Seine Stimme klang genervt. Müde. Die Nacht war wohl ziemlich kurz. Als wir das Büro verließen, rief er uns noch etwas nach.
      „Ach Folke. Warte mal.“ Ich drehte mich um und schaute vom Türrahmen aus zu ihm. „Könntet ihr noch das Zimmer für Lina fertig machen? Außerdem müsstest du noch mit der Dame telefonieren von der Rennbahn. Ihr Englisch ist nicht wirklich gut“, erklärte Tyrell. Ich nickte und Hedda blickte mich erwartungsvoll an.
      “Vilken kvinna från tävlingsbanan menade han?”, erkundigte sie sich.
      “Du behöver inte alltid veta allt, men i morgon kommer din otålighet att vara nöjd.” Ein herzliches Lachen meinerseits ertönte. Hedda konnte sehr ungeduldig sein, vor allem wenn es etwas wie Geheimnisse vor ihr gab.
      “Säg det nu!” Sie protestierte lautstark und verschränkte die Arme. Ich ging auf ihr kindisches Verhalten nicht weiter ein, stattdessen blickte ich zur Uhr. Demnächst wird es dunkel und in ein paar Tagen kommt Vriska zurück mit unserer Neuen. Als das Horse Makeover startete, hatte sie schon mal gesehen, dort wechselten wir nur wenige Worte miteinander. Doch freute mich auf mehr Unterstützung, obwohl die Menge an Pferden am Hof stark abgenommen hat, seitdem die meisten Stuten auf den Zuchtweiden standen.
      „Det är tråkigt. Jag går till fåren”, sagte Hedda und verließ das Zimmer. Noch nicht lange standen die Schafe am Hof, die zur staatlichen Förderung notwendig waren und sich ebenfalls hervorragend machten zur Fellproduktion. Bisher hatte Vriska Wolle bestellt, um Filzpads herstellen zu lassen. Der Blick aus der großen Fensterfront weckte alte Erinnerungen, in den Hedda deutlich jünger war und doch so wissbegierig wie heute. Sie spielte auf einer der Wiesen an der Rennbahn, während ich einen der wirklich bekloppten Traber fuhr. Der Sohn meines Chefs hatte Spaß daran mich leiden zu sehen. So gab er die wirklich schwierigen Fälle an mich weiter, um auf den Rennen glänzen zu können. Seltsamerweise mochte ich Henne dennoch sehr gern, eine Zeit lang vermute ich, ihn zu sehr zu mögen. Der Gedanke verschwand wieder. Einiges kam hoch seit seinem Besuch im letzten Monat.
      „Folke? Är du här?“ Eorann stampfte die Holzstufen hoch und die Dielen der Terrasse knarrten.
      „Jaaaaa“, rief ich aus der Wohnung und schüttelte das Kissen aus. Das Bett war somit bezogen, der Staub gewischt und nur noch Handtücher fehlten, die Lina sich bei der Ankunft selbst aussuchen durfte.
      „Tyrell har en dålig tag till idag, va?”, stupste mich die rothaarige an.
      „Om du säger så.” Mein Eindruck war ein anderer. Natürlich überkam es ihn nicht mit größter Freunde aber lauter wurde er mir gegenüber heute nicht. Generell hatte Tyrell sich in den vergangenen Tagen deutlich besser unter Kontrolle. Seine täglichen Wutausbrüche wurden immer mehr zu einer Seltenheit und er setzte vieles daran, die Teamfähigkeit zu verbessern.
      „Henne ringde och frågade om du kunde gå till stuteri den här veckan”, erklärte sie und drückte mir mein Handy in die Hand. Henne schickte mir vorher einige Nachrichten, dass er dringend mit mir sprechen müsste und es eine Art Problem gäbe. Es schien wirklich wichtig zu sein, denn normalerweise wartete er meine Antworten ab, bevor er mich anrief. Telefonieren war keine seiner Stärken.
      „Tack“, fasste ich mich kurz und formulierte sogleich eine Antwort an ihm. Eorann stand wie angewurzelt vor mir, machte keine Anstalten zu verschwinden.
      „Får jag stanna hos dig idag?”, rückte sie endlich heraus nach einigen Minuten.
      „Javisst”, antwortete ich und lief an ihr vorbei, die Treppe herunter, um die verbleibenden Pferde am Stall auf die Weiden zu bringen. Frost, der sonst das einfachste Pferd im Umgang war, zappelte besonders herum. Noch nicht lange stand er oben Hof, denn der Hengst entwickelte sich langsam. Rassenuntypisch war er rechteckig und wurde immer länger im Rumpf, statt seiner Beine. Nach einer tiefen Durchleuchtung seiner Knochen und vor allem Gelenke zeigte sich, dass Frost ein gesunder junger Hengst war. Frost stand zusammen mit Mask und Walki auf der Weide. Im Stall teilten sich die beiden jüngeren eine Box. Tyrell plante noch, ob Walki dieses Jahr erneut decken durfte die übrigen Stuten. 2019 wurden bereits zwei wunderschöne Nachkommen geboren, die auf den Fohlenschauen gut platziert wurden. Uns alle machte diese Entwicklung der Zucht stolz. Keiner rechnete damit, dass die Fohlen neben den Gebäudenoten auch im Gang noch besser abschnitten. Von den Stuten zeigte sich Mill vielversprechend. Sie sprudelte vor Energie und verbracht enorme Zeit damit, im Pass entlang des Zaunes zu rennen. Die anderen Stuten schauten nur zu ihr und machten keine Anstalten sie einzuholen. Wenn es nach mir gegangen wäre, würde sie bereits am Sulky laufen und im Herbst auf der Rennbahn die Abschlussrennen mitlaufen. Doch Tyrell weigerte sich vehement dagegen, denn junge Pferde in dem frühen Alter schon zu fahren, wäre nicht förderlich. Außerdem überlegte er, sie dieses Jahr erneut zu einem der Hengste zu stellen, da Hell Vetica eine wirklich tolle Stute war. Nur deswegen standen sie beide oben am Hof statt mit den anderen draußen im Wald.
      „Vart ska du?”, nervte Hedda wieder, als ich zum Auto lief. Sie kam von den Schafen wieder und sah keine Notwendigkeit darin, mir einen gewissen Freiraum zu lassen.
      „Du bryr dig inte. Eorann väntar på dig.“ Ihre Widerworte ignorierte ich und stieg in das Fahrzeug. Mit dem Schlüssel in der Getränkehalterung startete ich den schwarzen Geländewagen und fuhr langsam vom Parkplatz auf den Hauptweg, um zur Ausfahrt des Hofes zu gelangen. Am Wegesrand warfen die Bäume unregelmäßige Schatten auf die Straße, irritierten mein Blick. Ich war der einzige auf diesem abgelegenen Weg Richtung Kalmar.
      „Tack för att du kom så fort“, begrüßte mich Henne als ich aus dem Wagen stieg. Nach so vielen Jahren wieder auf dem Schotter zu stehen mit dem Blick zur Trainingsbahn und Weiden in ihr, machte mich nachdenklich. Den größten Teil meines Lebens verbrachte ich hier, entschied mich jedoch dafür Neues kennenzulernen und das Angebot von Tyrell war unschlagbar. Durch eine klassische Anzeige in der Wochenzeitung wurde ich aufmerksam auf das Lindö Dalen Stuteri und deren Konzept zeigte mir bessere Möglichkeiten. Natürlich arbeitete ich dort mehr, aber sie war weniger strapazierend. Ich tat es gern. Auch Hedda bekam die Möglichkeit näher an den Pferden zu sein, ohne ständige Kritik hören zu müssen. Zum Testen verbrachten wir beide meinen Urlaub auf dem Hof. Mit Tyrell hatten wir Schwierigkeiten warm zu wärmen, da seine Ansprüche ziemlich hoch waren, doch die Arbeitet mit seinen Pferden hielten meine Zweifel gering. Besonders die Hengste waren viel umgänglicher und auch die Stuten waren interessiert an dem Umgang mit mir.
      „Varför är jag här?“, fragte ich reserviert und folgte Henne sogleich in den Stall. Wir landeten vor Architekkts Box. Mit dem Hengst bin ich mein erstes Amateurrennen gefahren, als gerade mit meinem Schein begann und einige Jahre später die Pferdewirtausbildung. Der alte Hengst begleitete mich die ganze Karriere über. Als ich Archi, so nannten wir ihn immer, betrachtete, wirkte er sehr untrainiert und außer Form. Der Rücken und die Kruppe waren einfallen. Am ganzen Körper zeichneten sich seine Jahre ab, die er mit sich trug. Dabei lag das Augenmerk auf den Dellen, die die Sulkygeschirre bei ihm hinterließen. Es machte mich traurig ihn so zu sehen. Wir hatten bereits einige Nachkommen von ihm bei uns am Hof. Tyrell ließ Archi mehrfach an der Hand Stuten decken. Maskkenball, der noch immer kein Zuhause fand, entwickelte sich prächtig. Doch auch Yumyulakk, ein Zuchtfohlen aus dem vergangenen Jahr, machte seinem Vater allen Ehren. Dieses Jahr wurde Stokkholm geboren, die eine Vollschwester zu Maskki war. Alle drei zeichneten sich durch ihr besonders gleichmäßige Gebäude aus. Einen klaren Pass liegen sie ebenfalls schon.
      „Far vill att Archi slaktas, men vi ville prata med dig om det först“, begann Henne zu erzählen und strich dem Hengst sanft über den Hals. Schockiert über das Wort Schlachten, wich ich einige Schritte zurück. Ich benötigte einige Sekunden, bis ich begriff worum es sich handelte. Sie boten mir an den Hengst zu übernehmen, doch mir fehlten die Möglichkeiten dafür. Um Holy zu finanzieren, arbeitete ich bereits mehr Stunden und wenn nun noch ein Pferd dazu käme, würde ich vermutlich gar keinen Schlaf mehr finden.
      „Jag måste diskutera det här med min chef först. Hur dags måste jag fatta beslutet?“, überkam es mich diplomatisch. Meinen Stolz über diese Antwort feierte ich innerlich. Ich verzog keine Miene, um die Schwierigkeiten der Finanzierung zu überspielen.
      „Tre dagar, sen blir han upphämtad“, antwortete er locker und holte aus seiner Hosentasche ein Leckerli, das Archi sogleich verschlang.
      „Okej, då ringer jag dig“, gab ich ihm zur Kenntnis und verließ schlagartig wieder den Stall. Der Anblick des Hengstes schmerzte.

      Tyrell
      Jeder, der mich noch vor einigen Jahren mit einem Wort beschreiben hätte müssen, würde Ordnung sagen. Doch wie ich das Büro überblickte, war dieser Raum alles andere als ordentlich. Das wurde mittlerweile zum Standard, was das Zimmer betrifft. Suchen, nach einem Dokument, wurde jedes Mal zu einem noch größeren Chaos. Ich griff das erste Blatt vom Stapel. Dabei handelte es sich um die Rechnung der Tierärztin, die zur Kontrolle von Wunderkinds Beinverletzung ausgestellt wurde. In der Stallsoftware prüfte ich den Scan sowie den Zahlungsausgang. Erledigt. Somit konnte dieses Blatt im Schredder vernichtet werden. Als nächstes Griff einen Notizzettel von der letzten Woche: „Lina anmelden.“ Mist! Ich hätte in meinem Handy eintragen sollen, denn jetzt, am Samstag, war es zu Spät dafür. Am Dienstag würden die beiden landen. Ich verfasste eine Nachricht an Vriska, dass sich die Einreise etwas schwieriger Gestalten würde, doch ich das vor Ort mit den Beamten kläre. Auch erledigt, ab in den Müll mit dem Zettel.
      So verging die Zeit, bis es dunkler wurde. In Skandinavien gab es nicht die typischen Sommernächte, wie in Deutschland. Es war nicht tief schwarz, eher gedimmt. Tatsächlich hatte ich es geschafft, dass die Oberfläche des Tisches an einigen Stellen heraus blitzte. Zufriedenstellte ich das Licht ab und verließ das Zimmer. Es blieb nun noch Zeit mit einem Pferd in die Reithalle zu gehen. Ich versuchte es, in den letzten Tagen einmal am Tag zu reiten, das tat nicht nur meinem Körper ganz gut, sondern auch meinem Geiste. Auf der Liste stand noch Flyma. Ich griff nach ihrem Halfter, dass ordentlich bei ihrem weiteren Zubehör hing und lief zum Stutenpaddock, der sich auf der anderen Seite des Hofes befand. Vriska konnte bereits einige Erfolge mit ihr erzielen, so musste man sich keine Sorgen mehr machen, dass wie angewachsen auf dem Paddock stehen blieb. Flyma folgte seit dem stets dem Menschen und schnupperte neugierig an der Kleidung. Irgendwo könnte sich schließlich ein Leckerchen verstecken, wobei sie heute richtig lag. Nachdem ich das Halter über ihren gezogen hatte und an der Seite verschlossen war, holte ich aus der Hosentasche ein Bananen Leckerli heraus. Gierig kaute sie und schluckte es herunter. Freundlich lobte ich Flyma. Zusammen liefen wir zum Stall.
      Ich stellte sie in der Putzbox ab und begann sie zum Reiten fertig zu machen. Eher schemenhaft vernahm ich, dass ein Auto dem Schotterweg zum Parkplatz fuhr und der Motor abgestellt wurde. Als ich meinen Helm aufsetzte und das Reithalfter schloss, kam ein vollkommen aufgelöster Folke zu mir.
      „Ich habe Problem“, sagte er und fasste sich durchs Haar. Ich drehte mich zu ihm um und führte Flyma ein Stück heraus. Sie begann auf dem Gebiss zu kauen.
      „Was ist denn los?“, fragte ich freundlich.
      „Henne will Archi Schlachten, aber … aber das geht nicht“, noch immer aufgelöst stotterte Folke vor sich hin, schien die richtigen Worte zu suchen. Kurz dachte ich nach, welches Pferd meinte er? Dann kam mir der alte Hengst ins Gedächtnis, der im vorigen Jahr die Schwarze erneut gedeckt hatte und dieses Jahr ein tolles Fohlen zur Welt brachte.
      „Welche Notwendigkeit sollte es dafür geben? Er war doch soweit kerngesund. Da verstehe ich, dass das nicht geht“, stimmte ich ihm zu. Folke überlegte und tippte auf seinem Handy herum, dann las er vor: „Mir fehlt das Geld, aber er hätte bei uns ein besseres Leben.“
      „Wenn du ihn übernimmst, ist das okay. Archi könnte dann mit dem Decken die Standgebühren übernehmen“, schmunzelte ich und tief erfreut warf er sich um meinen Hals. Ich klopfte ihm mit meiner freien Hand auf den Rücken.
      Über das Tor zwischen den Räumen betrat ich die Halle und legte mein Handy in der dafür angelegten Ablage ab. Sogleich erklang die Reitplaylist und ich gurtete in der Bahnmitte erneut nach. Die Steigbügel waren noch in der richtigen Linie. Vom Unterricht am Vormittag standen noch die Pylonen, die ich zu einem späteren Zeitpunkt beim Warmreiten mit Einbinden konnte. Nach ein paar Runden im Schritt am langen Zügel durch die ganze Bahn auf der linken und rechten Hand, nahm ich allmählich mehr Kontakt zum Pferdemaul auf. Mit sinnvollen Übungen im Schritt begannen wir. Jeden Moment bereitete ich mich darauf vor, dass Flyma ihre 5 Minuten bekommen könnte und bockend durch die Halle rannte. Sie schleifte mit ihren Hufen durch den Sand. Er war tief. Mehrfach stolperte Flyma und wirkte unkonzentriert. Ihr Ohrenspiel war auf das nötigste reduziert und immer wieder verlagerte sich das Gewicht auf die Vorderhand. Mit einigen Hilfen animierte ich sie dazu, aktiver vorwärtszulaufen. Flyma hatte Schwierigkeiten dabei, einmalige Hilfen als eine dauerhafte zu verstehen. Vorher würde sie mit Dauerbeschallung geritten und war geübt darin, sich auf ihren Reiter zu verlassen. Wir begrüßten es jedoch ein selbstständiges denkendes Pferd unter dem Sattel zu haben, dass dennoch in der Lage war, auf weitere Anweisungen zu warten. Auf großen gebogenen Linien forderte ich bereits im Schritt erste Biegungen im Genick und stellte sie mit der Schulter. Flyma kannte Seitengänge bisher nur aus dem fortlaufenden Training, deswegen ich diese nach dem Trab erst forderte. Mithilfe der Pylonen verkürzte ich sie allmählich, denn es war noch immer ziemlich warm draußen und sie stand bis dato auf dem Paddock. Ihre Gelenke erwärmten sich schneller und begann im Trab die gebogenen Linien zu verkleinern.
      Das Training in der Halle mit der Buckskin Stute verlief sorgenfrei. Sie wurde aufmerksamer und konnte bereits einige Schritte im Schulterherein traben. Die Anfänge einer Travers zeigten sich ebenfalls. Zufrieden bereitete ich ihr Futter vor und brachte sie im Anschluss auf die Weide. Folke hatte alle anderen schon herausgestellt und somit ging ein erfolgreicher Tag zu Ende.
      In der Wohnung ließ ich mich erschöpft auf die Couch fallen. Aus meinem Fernseher schallte die Nachrichtensendung, es geht um die hohe Anzahl von Alkoholikern in Finnland sowie Bränden in Kalifornien. Als ich so darüber nachdachte, wozu ich überhaupt ein Fernsehgerät besaß, griff ich zu meiner Hosentasche, um festzustellen, dass mein Handy noch in der Halle lag und ich zusätzlich die Reithose trug. Genervt stemmte ich mich von der Couch und zog mir meine Schlappen an. Zum Glück fuhr das Rolltor des Stalles auf Knopfdruck auf und innerhalb weniger Minuten hatte ich mein Handy wieder. Die Musik lief noch, woran ich hätte erkennen müssen, dass ich etwas vergaß. Vriska hatte mir bisher nicht geantwortet, doch ich hatte eine andere Nachricht empfangen: „Tut mir leid, dass ich mich nicht verabschiedete. Eins meiner Pferde zu Hause hatte einen Unfall und ich musste zurück. Ach ja, hier ist Linda, falls du dich nicht erinnerst. Würde mich freuen, dich wieder zusehen!“
      Aufmerksam las ich die Nachricht, bevor das Handy wieder in der Hosentasche verschwand. Eine Antwort verfasste ich nicht. Stattdessen taumelte ich müde in das Badezimmer und ließ mich vom lauwarmen Wasser der Dusche berieseln. Ich dachte darüber nach, wie wir die Auflagen der Freizeitgestaltung noch besser umsetzen konnten. Neben dem geplanten Showreiten mit den Kühen könnte man das Ferienangebot für Gäste noch erweitern mit Kutschfahrten oder Sulkytouren durch den Wald. Doch dafür fehlte es nicht nur an den Ressourcen, sondern vor allem an den Pferden. Wir hatten mittlerweile eine solide Anzahl an Pferden vor Ort, jedoch bildeten die meisten von ihnen einen Teil der Zucht und andere waren noch zu jung, um Gästen zur Verfügung gestellt zu werden. Schweden sollte die Möglichkeit werden meinen Traum eines Rennstalls mit Trabern in Verbindung mit der Reitkunst und Elementen der portugiesischen Reitweise in die Tat umzusetzen. Doch jetzt, mehrere Jahre später, stellte es sich als ein großes Desaster dar. Ich hatte eine große Zucht von potenziellen Rennpferden ins Leben gerufen. Die Fohlen und Jungpferde waren großartige Tiere, die mit viel Liebe aufwuchsen. Umso mehr schmerzte es, sie dem Druck eines Rennens auszusetzen. So kannte Frost gerade einmal das Gebiss mit sechs Jahren und stand bereits in der Führanlage. Hingegen Form, die aus demselben Jahrgang stammte, bereits auf einem hohen Niveau in der Dressur trainiert wurde. Ein Turnier durfte sie aber auch noch nicht betrachten. Vriska, die gerade einmal zwei Wochen nicht da war, wurde am Hof gebraucht. Letzte Woche war ein Turnier und dort hätte sie die Stute vorstellen sollen. Meine Zeit für Veranstaltungen in dem Ausmaß endete bereits in Deutschland. Bruce Ritt im Normal die Pferde auf dem Turnier und verfügte auch für die notwendige Geduld.

      Am nächsten Tag …

      Langsam tropfte der Kaffee aus der Maschine in eine Tasse, als es an der Tür klopfte. Noch vom Duschen nur mit einem Handtuch umwickelt, öffnete ich die Tür meines Hauses.
      „Guten Morgen“, begrüßte ich Folke, der mich verloren und etwas irritiert anblickte.
      „Ich soll Archi jetzt abholen“, stammelte er.
      „Ja gut, dann los. Nimmst du dann auch Waschprogramm mit?“
      „Okay“, antwortete er kurz, drehte sich um und ging. Kritische Blicke warf ich ihm nach. Die Kaffeemaschine verlangte wieder meine Aufmerksamkeit. Penetrant begann sie zu piepen. Genervt drückte ich mehrfach auf dem Knopf und nahm einen kräftigen Schluck aus der Tasse. Umgehend spuckte ich die Flüssigkeit in das Waschbecken. Ich hatte nicht bedacht, wie warm der Kaffee war und verbrannte mir die Zunge. Das hätte ich kommen sehen müssen. Stattdessen stellte ich das Gefäß zornig auf die Arbeitsfläche und verschwand im Schlafzimmer, um mir etwas Anständiges anzukleiden. Wie am jeden Morgen holte ich ein frisches Hemd heraus und griff zur Reithose, die über dem Herrendiener hing. Die Socken waren nur halbhohe. Ich blickte auf meine Uhr, die an meinem linken Handgelenk hing – 8:30 Uhr. In einer halben Stunde begann die Bürozeit und es blieb noch Zeit zum Frühstücken. Aus dem Hängeschrank nahm ich die Haferflocken heraus und im Kühlschrank war noch ein Schluck in der Milchflasche des Bauern einen Hof weiter. Langsam sollte ich neue holen. Ich setzte mir direkt eine Erinnerung am Handy, dann steckte ich es zurück in meine Hosentasche.
      Kurz vor 9 Uhr öffnete ich die Tür des Büros und überblickte den Rest des Chaos. Die Ordner waren bereits einsortiert im Regal und die Pässe ebenfalls. Nun blieben nur noch viele lose Blätter, die vor allem aus Rechnungen und Anträge bestanden. Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann umgehend zu sortieren. Erste Seiten verschwanden im Schredder oder im passenden Ordner. Etliche Rechnungen beglich direkt am Computer.
      In der rechten oberen Ecke des Bildschirmes tauchte ein Pop-up auf ‚eingehender FaceTime Audio-Anruf‘ mit einer deutschen Vorwahl. Interessiert nahm ich ab.
      „Lindö Dalen Stuteri. Sprechen mit Tyrell, was kann ich für Sie tun?“, fragte ich.
      „Hallo Herr Earle, gut das Sie erreiche. Hier ist Martina“, sagte eine nette Stimme. Kurz dachte ich darüber nach, wer sie sein könnte.
      “Martina? Die Freundin von Mama?”, hakte ich nach. Sie bestätigte meine Annahme und bevor sie zum Grund des Anrufes kam, sprachen wir über die Familie und wieso ich mit Bruce nun in Schweden bin. Ich freute mich darüber, dass jemand aus dem engen familiären Kreise anrief.
      “Es geht darum, dass Eve für vier Monate nach Schweden geht wegen ihres Studiums und deine Mutti hat beim Kaffee trinken erzählt, dass ihr drüben seid. Du kennst sie ja, Raleigh lässt sie nicht hier. Deswegen wollten wir fragen, ob sie in der Zeit ihn zu euch stellen kann und bei euch wohnt”, erklärte Martina. Ich dachte darüber nach, ob wir überhaupt den Platz für einen Kaltblüter Hengst hatten, aber natürlich. Platz gab es genug.
      “Lässt sich einrichten, aber arbeiten kann sie bei uns leider nicht. Dafür haben wir zu wenig Arbeit und ab nächster Woche sogar noch eine neue Mitarbeiterin”, informierte ich sie weiter. Dann sprachen wir über den weiteren Verlauf. Dabei merkte ich wieder, wie kurzfristig Leute wichtige Dinge klärten. Bereits in der nächsten Woche sollte der Hengst herkommen, da Eve längst in Kalmar ist und ihr Praktika macht. Somit war für die nächste Zeit eins Ferienhäuser vermietet. Heute wollte Eve sogar noch kommen. Martina gab die Nummer weiter, sodass ich den Termin vereinbaren konnte.
      Ich musste Grinsen. Bruce, der nur drei Jahre älter als sie war, fand Eve schon immer toll. In der Grundschulzeit versteckten sie sich immer im Heulager oder Ritten mit den Ponys in den Wald. Ich belächelte die beiden, denn zur gleichen Zeit bestritt ich die ersten Turniere und trat in die Fußabdrücke der Familie. Die folgenden Jahre sahen sie einander nur in den großen Ferien, da Bruce auf das Internat wechselte und ebenfalls die reiterliche Karriere ausbaute. Mit Raven erzielte er viele Siege, bis zu dem Unfall von Mutter und seinem Wallach. Mein Bruder änderte sich. Er verkroch sich in seinem Zimmer bis die Isländer bei einer Reise sein Herz eroberten. Ich vermisste den Kleinen.
      Der Transporter fuhr auf dem Schotterweg zum Eingang des Stalls und hielt. Ich verließ das Büro und half Folke dabei, die Hengste auszuladen. Langsam öffnete ich die Seitentür des Transporters und zwei Pferde blickten freundlich zu mir. Neugierig stupste Waschprogramm mich an, während ich meine Handschuhe anzog. In der Zeit ließ Folke die Rampe ausfahren. Dann holte jeder einen der Hengste aus dem Transporter und wir führten sie in den Stall. Die beiden letzten Boxen hatte Folke vor seiner Abfahrt bereit mit Spänen und Heu. Die Selbsttränken waren ebenfalls gesäubert. Ich entfernte noch die Gamaschen und Glocken, bevor Waschi seinen neuen Schlafplatz begutachten konnte. Gleichzeitig öffnete Folke die Türen zum Paddock, damit sie sich die Beine vertreten konnten. Alfi, der mit Lu einige Boxen weiter stand, blickte interessiert über den hohen Zaun der Boxenpaddocks. Er wieherte einige Male, was Archi erwiderte. Der Hengst sah nicht gut aus und hatte in letzten Monaten offensichtlich sehr abgebaut. Zuletzt sah ich ihn im vorherigen Jahr, als er Nachtschatten und Betti deckte.
      “Am besten füttern wir ihm die Zusatzmischung aus dem roten Eimer”, schlug ich Folke vor, der sogleich zur Futterkammer lief und mit einer Schüssel wieder kam. Er hatte bereits die Mashmischung vorbereitet und Schwefel mit zugemischt. Interessiert trat Architekkt an die Boxenfront und brummte. Gierig verschlug der alte Hengst sein Futter.
      „Ich möchte dich ungern von deinem neuen Pferd trennen, aber da sind einige andere Tiere, die deine Aufmerksamkeit verlangen“, klopfte ich auf seine Schulter und verschwand wieder im Büro zum Sortieren.
      Ich beobachte beim Blick in die Stallgasse, dass Folke Lu fertig machte. Er hatte bereits den Sattel auflegt und locker gegurtet. Sie verschwanden aus dem Tor und ich wendete mich wieder den Blättern zu. Langsam aber sicher hatte ich den Papierkrieg gewonnen. Noch wenige lagen auf dem Tisch herum.

      Folke
      Es wurde Nachmittag und wir alle überstanden die wärmende Mittagssonne. Lu arbeitete Aufmerksam mit, empfand den Sattel jedoch als eine unbekannte Last und streckte immer wieder den Kopf hektisch nach oben. Die Steigbügel entfernte ich. Es war erst das zweite Mal, dass etwas auf seinem Rücken und machte dafür eine gute Figur. Das gewünschte Vorwärts Abwärts, dass er eigentlich bereits beherrschte, schien heute ein Fremdwort gewesen zu sein. Doch die Hoffnung war groß, in der nächsten Woche das erste Mal Vriska auf ihn zu setzen. Seine Mitstreiterin Fried verstand bereits, dass der Sattel keine Bedrohung darstellte und sah neugierig nach, wenn ich ihr etwas auf den Rücken legte und es herunterfiel. Sie sollte lernen zu schauen, statt die Flucht zu ergreifen. Die beiden Sonderfälle waren somit abgearbeitet und holte Nobel aus seiner Box, um eine entspannte Runde am Sulky mit ihm durch den Wald zu fahren. Es standen noch die Weidekontrollen des heutigen Tages auf dem Plan, die ich somit gleich mit abhaken konnte. Gelassen legte sich der Fuchshengst in die Anbinder und genoss die tägliche Massage beim Putzen. Nobel verspannte schnell im Rücken und es half ihm dabei, locker zu bleiben. Während ich das Geschirr anlegte und den Sulky vorbereitete, kam Hedda in den Stall.
      „Jag är tillbaka“, sagte sie Bescheid und ich nickte nur.
      „Du kan se fram emot lite mer“, protestierte meine Schwester direkt und nahm mir willkürlich die Trense aus der Hand.
      „Du är irriterande. Det var tystare än du inte var där!“, beschwerte ich mich und riss die Trense wieder an mich. Nobel erhob seinen Kopf und legte die Ohren. Beruhigend strich ich dem Hengst über den die Stirn.
      „Då har du väl inga problem om jag åker tillbaka till Cersty?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf und Hedda verschwand.
      “Skriv till mig när du anländer!”, rief ich ihr noch nach. Leise vernahm ich eine Zustimmung und widmete mich wieder dem Pferd. Cersty war ihre beste Freundin, die Kalmar lebte. Mit Pferden hatte diese nicht viel zu tun. Sie liebte es sich auf den Tieren fotografieren zu lassen, doch sobald es sich auch nur einen Millimeter bewegte, schrie sie hysterisch auf. Deswegen bevorzugte es Hedda zu ihr zu fahren. Da aktuell noch die großen Ferien waren, gab es auch kein Problem, wenn sie in der Woche zu ihr fuhr. Meistens wurde sie am Hof abgeholt, da Cersty einen älteren Freund hatte, der bereits ein Auto besaß. Das Lindö Dalen Stuteri war mit dem öffentlichen Verkehrsmitteln eher schwer zu erreichen. Ein Bus fuhr nur zwei Mal ab Tag und umkreiste dabei die ganze Halbinsel. Es dauerte somit eine Ewigkeit, bis man in der Stadt ankam. Sowohl Auto und auch Fahrrad waren unverzichtbare Verkehrsmittel. Oder wie ich es häufig machte – ich nahm mir eins der Pferde und fuhr mit dem Rick oder dem Sulky zum nächsten Geschäft. Man kannte sich in Schweden und die Einwohner freuten sich, unsere Pferde zu sehen.
      Im Schritt fuhr ich aus dem Stall. Wenn wir nicht trainierten, versuchte ich Nobel ohne Scheck zu fahren. An einigen Tagen stellte es sich als eine schlechte Entscheidung heraus, doch heute hatte ich ein gutes Gefühl. Die Vögel sangen im Wald und leise säuselten die Blätter im Wind. Es war ein typischer Frühabend im Schweden und der Himmel tauchte auch in ein wunderschönen rosa Ton. Die wenigen Wolken am Himmel leuchteten förmlich durch die Reflexion der untergehenden Sonne. Sommer war schon immer meine Lieblingsjahreszeit. Die Menschen verhielten sich noch freundlich als sonst und auch das Midsommerfest war wie jedes Jahr ein Vergnügen. Aus der Entscheidung heraus fassten wir den Entschluss im nächsten Jahr ebenfalls eins zu veranstalten. Neben einer kleinen Showeinlage für die Zuschauer sollte es ein Hofturnier geben, zu dem jeder herzlich eingeladen ist. Zumindest besprachen wir das so letzte Woche.
      Im Schritt bogen wir rechts auf den Weg ab, der entlang der Koppel führte. Neugierig kamen die Pferde von beiden Seiten zum Zaun. In Höhe der Wassertröge hielt ich Nobel an. Bei den Stuten waren sie noch ziemlich gefüllt, doch die Junghengste hatten kaum noch etwas. Also stieg ich bin Sulky, nahm den Schlauch in den Trog und öffnete das Ventil des Wasserbehälters. Das Wasser schoss heraus und mehrere Minuten später, war alles gefüllt. Ruvik, mit dem Tyrell eigentlich wieder regelmäßiger Arbeiten wollte, stand seit einigen Monaten bei den Heranwachsenden. Es war nicht leicht ihn in die Gruppe zu integrieren, doch die Weide verfügte über genügend Platz, dass sich die Pferde aus dem Weg gehen konnten. Meistens stand er jedoch mit Death zusammen, einem Vollblut Hengst, den Tyrell irgendwann als Reitpferd ausbilden wollte und zum Veredeln der Standardbreds nutzen würde. Doch es stand noch in den Sternen, was mal auf ihm werden würde. Schließlich war der kleine gerade mal ein Jahr alt. Auf der anderen Seite knüpfte Nobel Kontakte mit den Stuten. Neugierig beschnupperten Liv und Zoi den Hengst. Immer wieder quatschte es und weitere Stuten kamen dazu.
      „Kom nu“, sagte ich Nobel und trieb energischer vorwärts. Widerwillig setzte ich sich in Gang und schritt vorwärts. Bei der nächsten Möglichkeit bogen wir links in den Wald ab und er setzte im langsamen Pass an. Im Genick blieb er locker und ich konnte ihn in einem ruhigen Tempo halten.
      Wir fuhren auf den Hof ein, als ich sah das zwei junge Leute an dem Paddock von Holy und Girlie standen. Eine der Beiden kam auf mich zu, als ich Nobel zum Halten brachte.
      „Ich bin mit Tyrell verabredet“, erklärte sie mir. Ich nickte und ließ die beiden mir zum Stall folgen. Dort zeigte ich auf die Hütte, in der sich das Büro befand. Sie bedankte sich und lief die Treppe nach oben. Dann drehte ich mich wieder zu Nobel, der von der Fahrt vollkommen verschwitzt war. Den Sulky hing ich zuerst ab und entfernte das Geschirr. Er stand frei im Gang aber rührte sich nicht von der Stelle. Erst als ich zur Futterkammer ging, folgte der Fuchs mir wie ein Hund. Neugierig beobachtete er, wie ich die Schüssel fertig machte mit verschiedenen Futtermitteln. Wir mischten zu großen Teilen unser Müsli selbst, um individuell auf die Bedürfnisse der Pferde eingehen zu können. Im Profil konnte jeder Einsehen wie viel das Pferd bekam und musste nur noch abgewogen werden. Mit der Schlüssel in der Hand liefen wir gemeinsam zu seiner Box. Dort stelle ich sie ab und schloss die Tür.
      Genüsslich hörte ich ein Schmatzen, während ich zur Box unseres Sorgenkindes lief. Kölski spielte mit seinem neuen Freund Lundi. Zuvor konnte man nie beobachten, dass der kleine Hengst sich überhaupt bewegte. Zur Kontrolle störte ich sie und tastete vorsichtig seinen Bauch ab. Er war noch aufgebläht aber deutlich weicher. Middy hatte ein noch größeres Euter gebildet, um beide Fohlen versorgen zu können. Glücklich lobte ich auch sie und verließ den Paddock.

      © Mohikanerin // 35.098 Zeichen
      zeitliche Einordnung {August 2020}
    • Mohikanerin
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      påslag | 9. Dezember 2021

      WHC’ Griechischer Wein // Fahrenheit LDS // Blávör // Bree // Nachtschatten // Lotti Boulevard // Nachtzug nach Stokkholm LDS // Moonshine LDS // Liv efter Detta LDS // Willa // Krít // Þögn // Saints Row // CHH' Death Sentence // Yumyulakk LDS // Anthrax Survivor LDS // Heldentum LDS // Snotra // Ruvik // Moonwalker LDS // Planetenfrost LDS // Spök von Atomic // Skrúður // Krít // Millennial LDS // Hawking von Atomic // Voodoozirkus // Glanni frá glæsileika eyjarinnar // Kempa // Snúra

      Tyrell
      Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrat ich das Büro, in dem Harlen innerhalb kürzester Zeit nicht nur alles digitalisierte, sondern auch sortierte und an den richtigen Platz stellte. Froh darüber, nun mich auch wieder mehr den Pferden widmen zu können, standen zuvor noch andere Dinge auf dem Plan. Dafür schaltete ich den Mac an und setzte mich vor den hell leuchtenden Bildschirm, der mir vor Augen führte, mal wieder die Brille putzen zu müssen. Aber auch die glänzende Oberfläche des Monitors verlangte nach einem Tuch. Seufzend erhob ich mich aus dem Stuhl, dabei knarrte das Holz unter den Rollen. In der obersten Schublade des Apothekerschranks befand sich neben den Brillenputztüchern auch ein Mikrofasertuch, mit dem ich kürzester Zeit die Fettflecken entfernen konnte.
      Nach dem Durchgehen des diesjährigen Zuchtplans, den Anmeldungen für Fohlenprüfung und Kontrolle der nächtlichen Videoaufnahmen, öffnete ich mein Mailfach. Direkt als erste Nachricht funkelte mich der Betreff ‘Winnie ist soweit’ an. Freudig klickte ich einmal zu oft auf die Überschrift, wodurch sie umgehend das nächste Fenster anbahnte, um eine Antwort zu verfassen. “Nein, Computer”, flüsterte ich meinen Rollkragen herein, schob die Maus von links nach rechts, um den Text zu lesen.
      Fast zwei Jahre stand mein Hengst im Beritt auf einem renommierten Sporthof in Deutschland, wurde dort deutlich besser behandelt als Fahri, um erfolgreich in der Dressur vorgestellt zu werden. Leider blieben die Starts aus, denn die ständigen Probleme mit seinen kanadischen Papieren, hing uns allen aus dem Hals heraus. Die Abreise aus Deutschland war eingerichtet worden, somit blieb mir nur noch die Anmeldung am Flughafen in Stockholm. Unkonzentriert schweifte mein Blick in unregelmäßigen Abständen nach links, hinaus aus dem Fenster. Vriska ritt am langen Zügel auf dem ersten Hufschlag auf Blávör. Das Pony trat aufmerksam durch den Sand, bemühte sich den Kräften der Natur entgegenzustemmen. Links den Schenkel mehr ran, dachte ich im Stillen, wusste aber, dass mich die Mail mehr brauchten als sie mich. Ich seufzte und klickte weiter.
      Auch von Fahri gab es ein Update. Noch immer war mein Freund daran, das Pferd von den Niederlanden nach Schweden zu bekommen, aber im Bereich des rechtlichen gab es noch Schwierigkeiten, die vorher gelöst werden mussten. So verhalte Fahrenheit weiterhin auf seinem kleinen Hof nahe der Hauptstadt. An Gewicht hatte er zugenommen, sah schon zufriedener aus, in der Mähne jedoch hing noch immer ein großer Klumpen aus Kletten und Dreck. Das konnte ich nicht. Schnell klickte ich die Bilder weg und formulierte eine rasche Antwort.
      Knarrend öffnete sich die Tür.
      “Hast du es schon gesehen?”, fragte Harlen freundlich und lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. Ich musterte sein Gesicht, überlegte, was er meinte, ehe ich mit dem Kopf schüttelte.
      “Was meinst du genau?”, drückte ich verwundert die Augenbrauen zusammen, ließ mich gemütlich in die Rückenlehne des Stuhles sinken und verschränkte die Arme. Harlen lachte. Dann setzte er sich in Bewegung, stützte sich auf der Tischplatte ab.
      “Dann schau doch mal in den Ordner Wichtig”, wedelte er mit dem Finger vor dem Monitor herum. Ich richtete mich wieder auf und klickte auf das blaue Symbol auf der linken Seite. Da stand es. In großen Buchstaben im Betreff bekamen wir den Zuschlag für die Weltreiterspiele, anbei sogar die Baugenehmigung und erste Entwürfe für den Ausbau. Eine vollkommen neue Welt eröffnete sich in meinen Gedanken, noch bevor ich mir überhaupt die PDF ansah. Ich konnte sehen, wie Menschenmassen über das Gelände liefen, hocherfreut die Pferde betrachteten und überall kleine Foodtrucks standen, an denen sie sich reihten. Währenddessen duellierte sich die Reiterelite auf dem Platz, zeigten, wofür sie so lange geübt hatten. In den Stallungen würde gelacht und geweint. Abenteuerlust lag in der Luft und in meinen Augen strahlten die Kronen, die wir mit den ganzen neuen Einstellern verdienen würden.
      “Klick doch endlich an”, sagte Harlen aufgeregt. Mit der Maus führte ich den Zeiger auf den Anhang. Noch prachtvoller strahlten die Entwürfe auf dem Bildschirm. Das Lindö Dalen bekam eine ganz neue Wirkung, auch, weil Vieles umgebaut werden müsste. Die Wohnungen wurden dem Erdboden gleichgemacht, um Platz zu schaffen, für das Hauptstation mit einem riesigen Reitplatz, auf dem alle Disziplinen ausgetragen werden könnten. Darum entstanden ein Café und Restaurant, ein großer Vorplatz mit verschiedenen Ständen und alles wirkte so festlich. Ich erkannte unseren Hof gar nicht mehr wieder. Der kleine Reitplatz an der Reithalle wurde vergrößert und mit einem Weg ausgestattet, der direkt ins Innere der Arena führte. Die Tribünen lagen höher, sodass der Hauptplatz wie ein Gladiatorschauplatz anmutete. Mir gefiel die Idee, auch, dass der Zaun um das Gestüt durch eine Mauer ersetzt werden würde, mit einem automatischen Tor. Zur rechten gab es ein Camping Areal, dass auch außerhalb von Turnieren seinen Sinn haben würde. Anlegt an einem Schwimmteich, würden kleine Hütten gebaut werden, die vom Design noch in einer Ausschreibungsphase waren. Jeder bekam die Chance seine Ideen miteinfließen zu lassen, um eine möglichst kreative Vielfalt zu haben. Ich konnte nicht weitersehen, zu sehr zitterte meine Hand vor Freude.
      “Kaum zu glauben, dass das die Wirklichkeit werden würde”, freute ich mich und sah mit glasigen Augen zu Harlen.
      “Ich habe doch gesagt, wir schaffen das”, grinste dieser und sah selbst durch. Vom Stuhl erhob ich mich, um frische Luft zu schnappen.
      “Willst du nicht mit kommen zu den Pferden? Wird Zeit, dass du dich auch mal in den Sattel schwingst”, versuchte ich ihn zu überzeugen.
      “Nein, wie die letzten Tage auch schon”, lachte er mit einer abwinkenden Bewegung.
      “Dann nicht”, gluckste ich, “im Drucker liegt noch eine zweifache Ausführung eines Arbeitsvertrags. Muss nur noch unterschrieben werden, um 15 Uhr kommt die Dame.”
      Harlen nickte und ich schloss hinter mir die Tür.
      Folke traf sich mit seiner Freundin, somit war für mich die tägliche Weidekontrolle auf dem Tagesplan. Aus dem Flur zog ich mir die olivgrüne Fleecejacke und eine schwarze Weste, mit dem Logo des Stalls drauf, an. Schon in der Halle wehte ein kühler Wind hindurch, der mich erahnen ließ, wie kalt es wohl draußen sein würde. Die letzten Zentimeter am Kragen schloss ich ebenfalls noch und startete den kleinen Wagen, der einzig allein dafür gekauft wurde, um die Strecke zu weit draußen liegenden Weiden nicht laufen zu müssen.
      Die Stuten mit ihren Fohlen grasten friedlich. Brees Tochter hatte als Erstes einen Liebhaber gefunden aus Kanada und Breia würde in ungefähr einem Monat ihre Reise antreten, doch davon wussten beide Pferde noch nichts. Das Fohlen der Schwarzen, Stokki, fand man immer häufiger im Kontakt mit den anderen Jungpferden. Am liebsten stand sie bei Moonshine, die bis heute jeden Tag versuchte eine Schwachstelle im Zaun zu entdecken, und Liv. Lotti sowie die drei Isländerstuten und Saint von meinem Bruder erstrahlten in bester Gesundheit mit ihren Nachkommen.
      Unter meinen Gummistiefeln knirschte der feuchte Boden als ich zurück zum Tor lief. Ich senkte meinen Blick zur Seite, um den Wasserstand des Trogs zu prüfen. Für den Tag würde die Menge ausreichen, besonders bei den niedrigen Temperaturen reichte die Fechte des Grass. Mit wenigen Schritten saß ich wieder auf den Fahrersitz und fuhr den Weg an der Stutenweide entlang, um an das andere Ende zu gelangen, an dem die Hengste standen. Schon aus der Ferne sah ich Death mit Yu spielen. Je näher ich kam, umso mehr spürte ich die Vibration des Bodens, der unter den Hufen der Pferde bebte. Als sie mich auch entdeckten, stellten sich die Ohren neugierig auf und in einem taktklaren Tölt kamen die Junghengste zum Zaun. Nacheinander streckten sie mir ihren Kopf entgegen, nur Heldentum stand fernab der Gruppe, sah dennoch interessiert zu mir. In einer fließenden Bewegung drückte ich mich durch den Zaun und lief langsam auf ihm zu. Die anderen Hengste folgten mir vertraut, sorgten jedoch dafür, dass er wieder zur Flucht ansetzte mit leicht nach hinten gedrehten Ohren. Mit wedelnden Armen scheuchte ich die Herde hinter meinem Rücken, die sich sofort auf der Grünfläche verteilten und mir meinen Freiraum ließen.
      Schnalzend knallte meine Zunge am Zahnfleisch, wodurch wippte Held mit den Ohren und in seinen Augen funkelte die Neugier. Ein Schritt kam er näher, doch trat zwei weitere wieder zurück. Alle Versuche ihn zu mir zu locken, scheitern. So legte ich den Rückweg ein, kam dabei an Vriska vorbei, die mit Snotra eine Runde durch den Wald und in dem Augenblick auf ihrer Lieblingsstrecke töltete. Kurz dachte ich darüber nach, dass dort in spätestens einem Jahr ein großes Vereinshaus wäre, dass mit zur neuen Rennbahn gehören würde. Ehe ich mich in dem Gedanken verlor, sah ich Ruvik wie gewohnt an seinem Zaun stehen, die Ohren angelegt und mit seinem Vorderhuf scharrte er verärgert den Boden auf. Ein Pfiff und der Hengste streckte den Hals nach oben, sein Mähnenkamm wackelte, vermittelte mir umgehend, dass er dringend eine Beschäftigung benötigte, die ihm jedoch niemand geben konnte. Bis auf mir, griff das Tier jeden an, der versuchte einen Strick an sein Halfter zu hängen. Deswegen stand er nur auf der Weide, die mittlerweile wie ein Paddock daherkam.
      Nach einem Blick auf die Uhr wusste ich, dass noch genug Zeit sein würde, um mit Walkers Ausbildung fortzufahren. Den kleinen Wagen stellte ich auf seinem Platz in der Halle ab und lief die donnernd die Holzstufen hinauf zur Tribüne, um von dort in die Hütte mit der Sattelkammer zu gelangen. Vom Haken nahm ich ein Halfter ab, dass um den großen Kopf passen sollte. Schon auf dem Paddock strahlten die verbleibenden, hellen Stellen hervor, zwischen all den dunklen Pferden. Durch das Gitter stieg ich hinein. Der Sand war fest, noch von dem nächtlichen Frost. An der Sohle drückte sich die ungleichmäßige Struktur des Bodens an meinen Fuß, sogar für Stücke schmerzhaft. Während sich Plano umgehend an meine Fersen heftete, beäugte mich Walker eher kritisch. Er erhob seinen Hals und drückte den Kopf ein Stück zurück, aber ich schweifte das Halfter über die gespitzten Ohren. Entspannt prustete er die Luft durch seine Nüstern, folgte mir widerstandslos vom Paddock in die Halle. Dort ritt Bruce auf dem Platz mit Skrú, seinen Rappschecken.
      “Läuft gut mit ihm?”, fragte ich beim Putzen, als er ihn zurück in den Schritt holte.
      “Ja, sehr gut, aber ich werde ihn verkaufen”, seufzte mein Bruder, klang jedoch entschlossen.
      “Warum?”, hackte ich nach.
      “Mittlerweile habe ich so viele Hengste und für ihn bleiben die Anfragen aus zum Decken, deswegen hat sich eine Interessentin aus Polen bei mir gemeldet, die ihn übernehmen würde”, erzählte er ununterbrochen. Verständlich, dass Bruce nicht wieder in die Sammelleidenschaft unserer Familie eintreten wollte.
      “Außerdem habe ich Spök, die nur darauf wartet angeritten zu werden. Ich habe gestern das erste Mal mit ihr gearbeitet. Ein tolles Pferd, so freundlich und wie ihre Mutter, einfach ein Goldstück”, schwärmte er über eins der Skrú Nachkommen.
      “Verstehe, die hast du aus Krít gezogen, oder irre ich mich?”
      “Genau, der Schimmelstute. Deswegen sind meine Hoffnung groß, dass ich nächstes Jahr schon eine Futurity reiten könnte”, grinste er breit. Dann klingelte das Handy, womit unser Gespräch endete. Sofort nahm mein Bruder ab, während ich Walker mehr oder weniger geputzt hatte. Aus der Sattelkammer nahm ich den hellbraunen Bliss Sattel, ein Lammfellpad und die grüne Schabracke, als Zaum würde er heute das erste Mal in den Genuss kommen mit vier Zügel geführt zu werden. Dafür suchte ich das am besten passenden Kappzaum heraus mit einem Baucher Gebiss, ehe ich ihm alles umlegte mit einer Trainingsdecke über dem Po. So führte ich den Hengst zu Führanlage, damit er die ersten zehn Minuten sich aufwärmen könnte. Interessiert betrachtete ich ihn, überlegte jedoch, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte, bis er warm war. Dafür lief ich zum Stutenpaddock und prüfte den Zustand der Mutterstute, die viel zu früh ihr erstes Fohlen bekam. Mill floh in einer stürmischen Nacht von der Weide und am nächsten Tag fand ich sie eng umschlungen mit Vintage auf der Zuchtweide. Damit war das Schicksal besiegelt. Der Tierarzt riet davon ab, das Fohlen durch Hormone zu entfernen, denn damit war das Risiko sehr hoch, dass sie die nächsten Jahre nicht aufnehmen würde. “In der Natur kommt das auch vor”, sagte er damals. Jetzt tobt das feuerrote Fuchsfohlen glücklich über den Paddock und beide Tiere sind wohlauf.
      Aus dem Hintergrund ertönte das leise Piepen der Führanlage. Mit einem streichen über die Nüstern der gescheckten Rappstute lief zurück und führte Walker aus der Anlage heraus. Seine Nüstern waren weit aufgebläht. Schon als sein Huf den hellen Sand vor der Halle, bäumte sich der Hengst auf, in ihm weckte sich neue Energie, die sich über das Fell noch verstärkte. Nach dem Festziehen des Gurtes, schwang ich mich in den Sattel, um weitere Runden im Schritt zu drehen. Für den Anfang übernahm ich die Zügelführung am Kappzaum, damit er sich an diese neue Art des Reitens gewöhnen konnte. Er kannte natürlich den Zaum schon von der Bodenarbeit der letzten Wochen, senkte seinen Kopf bei Kontakt am Nasenrücken und kaute ab. Auch in seinem Genick löste sich etwas.
      Doch nach einigen Runden filterte sich heraus, dass Walker übermäßig sein Gewicht auf die äußere Schulter legte und damit versuchte, seine Gleichgewichtsprobleme auszurangieren. Mit einem sanften Bügeltritt auf der Innenseite verlängerte die Stützphase minimal, je öfter ich es wiederholte, umso sicherer kam der junge Hengst aus der Überbelastung heraus und richtete sich mehr zur Körpermitte. Lobend strich ich ihm über den Hals und setzt auch auf der anderen Hand an das Problem an, so gelang es uns auch im Trab besser, die Balance zu finden. Walker spitze die Ohren, hörte bei jeder kleinen Hilfe genau zu und gab sein Bestes, diese auch umzusetzen. Ich hingegen achtete darauf, die Linienführung sauber zu reiten, damit ich mögliche Schwachpunkte an ihm und mit entdeckte. Im Schritt zeigten sich die einfachsten Bahnfiguren als eine Leichtigkeit, doch sobald ich in den Leichttrab wechselte, kam in Biegungen der Pass durch. Den Moment nutzte ich mit einem Bügeltritt das Gewicht zu verlagern und ihm den richtigen Weg zu weisen. Nachdem er zum wiederholten Male beim Abwenden keinen Pass zeigte, holte ich ihn zurück in den Schritt und ritt ihn ab. Zumindest einige Runden, denn dann kam Walker wieder in die Führanlage für zwanzig Minuten und ich holte mir aus der Hütte einen frisch gebrühten Kaffee.

      Jonina
      Mit einem festen Stoß in die Seite, kam ich ins Wanken, zog den Strick erschrocken hoch und Hawking richtete sich erhobenen Hauptes rückwärts. Dem jungen Hengst fehlte es an vielen – vorrangig Respekt. Immer wieder versuchte er in meinen Raum einzudringen oder sich ungeniert an mir vorbeizutrampeln. Hawking lernte schnell, wollte aber nicht sein Wissen einsetzen, lieber mit dem Kopf durch die Wand, dabei befanden wir uns nur auf dem Weg von der Weide zum Stall. Menschen, die nicht einmal grüßten, kamen mir entgegen auf ihren Pferden und auch Fußgänger mit Hund. Im Wechsel durfte ich für einige Meter verschnaufen, ehe der Hengst sich wieder gegen den Strick lehnte und versuchte der Unterordnungsübung zu entringen. Auf mich hatten diese Spielchen keine Wirkung, nein, stattdessen setzte ich mich durch und bot ihm das nötige Durchhaltevermögen. Kurz vor der Ankunft auf dem Paddock strich dem jungen Hengst über den Hals. An meinem Handschuh klebten sofort viele helle Haare, die ich nur an meiner Hose abwischte. Hawking schnaubte zufrieden ab und durfte seine neuen Genossen kennenlernen.
      Voodoo stürzte sich direkt auf das junge Pferde, in dem er seinen Po gegen seinen drückte und mit einem lauten Quietschen, die Rangordnung klarstellte. Doch der Junge wusste sich zu wehren und trat ebenfalls kräftig zu. Für eine Weile beobachtete ich die ausgefallene Streiterei, die sich schnell legte. In wenigen Minuten würde die Festanstellung auf mich warten, damit verbunden, dass Glanni endlich umziehen konnte. Ich würde ihn besser in den Arbeitsalltag einbauen können, wenn er direkt auf dem Lindö Dalen Stuteri stand, aber auch müsste ich die ganzen eingeschnappten Zicken nicht mehr sehen. Wie die kleine Milena, die mit ihrer Stute Kempa und Snúra nichts besseres Zutun hatte, als sehr dicht an meinem Hengst vorbeizureiten und sich dann zu beschweren, dass er leise brummte. Vor Augen sah ich schon, die ich den Wald eroberte mit dem Fuchs, neue Wege entdeckte und auf der Trainingsbahn Gas geben könnte. Außerdem erwog Bruce zwei seiner Stuten im nächsten Jahr von ihm deckenzulassen, was mir zusätzlich ein kleines Taschengeld einhandeln würde. Ja, der Hof war geradezu perfekt für uns beide und die gemeinsame Entwicklung, fehlte nur noch der Vertrag.
      Ich hatte mich so sehr in meinem Konstrukt aus Gedanken verloren, dass ich fast den Termin im Büro vergessen hatte. Aus Erzählungen wusste ich schon, dass Tyrell sehr streng sein kann, wenn man zu spät. Also joggte ich so schnell es mir möglich war durch den Kies. Kleine Steine flogen zur linken und rechten Seite, kamen einem Knirschen wieder auf dem Boden auf. Dann stand ich vor den hölzernen Treppen, wohl möglich eins der ersten Male wirklich nervös. Schweiß lief mir am Rücken herunter und auch an der Stirn. Mit dem Ärmel meines Fleece Pullover wischte ich mir durchs Gesicht und lief den stillen und wirklich grauen erweckenden Flur entlang, stoppte vor der milchigen Glastür. Mein Herz schlug so stark, dass ich das Gefühl bekam, es würde jedem Moment aufhören zu schlagen. Die Haut zog kräftig an meiner Brust, versuchte mit allen Mitteln den Muskel an seiner Stelle zu behalten. Langsam hob ich die Hand und atmete noch einmal tief durch.
      “Herein”, sprach eine mir sehr wohlbekannte Stimme. Erschrocken drückte ich so sehr die Klinke herunter, dass ich nur so hineinstolperte und die Tür gegen die Wand schepperte. Das Glas blieb glücklicherweise intakt.
      “Mit dir habe ich nicht gerechnet”, versuchte ich meine Nervosität zu überspielen, in dem ich meine Hände in der Hosentasche versteckte.
      “Ich ehrlich gesagt auch nicht”, zuckte Harlen mit den Schultern und holte aus dem Drucker zwei mehrseitige Bögen heraus, legte sie auf die Ecke des Tisches zusammen mit einem Kugelschreiber. Leicht berührten sich unsere Hände. Ich schrak zurück und schnappte nach Luft. Er zog seine Braue nach oben. Durch das Fenster sah ich eine blonde Dame, die ziemlich große Ähnlichkeiten mit dem Herrn neben mir hatte.
      “Das ist dann wohl deine Schwester?”, fragte ich zynisch und überlegte noch, ob ich wirklich meine Unterschrift auf den Zettel setzten würde. Meine Hoffnung, auf den nahezu perfekten Arbeitsplatz verflog im Winde, als ich seine Stimme erhörte und sofort wusste, was Sache war.
      “Ja, hast du ein Problem damit?”, blieb er höflich und zeigte erneut mit seinem Finger auf die Linie, auf der ich mein Autogramm setzen sollte. Doch warf den Stift auf den Tisch. Meine Arme verschränkten sich und mit meinem Po lehnte ich mich an der Kante an.
      “Allerdings. Was ich von der weiß, reicht mir, um zu wissen, dass es keine gute Idee ist. Zudem”, ich stoppte, ringe verzweifelt nach Luft. Seine Finger kamen mir bedrohlich nah, steckten eine lose Strähne hinter mein Ohr. Auf seinen Lippen lag das Lächeln so weich, dass ich am liebsten die Zeit zurückdrehen wollte.
      “Harlen”, stammelte ich, “das kann so nicht weitergehen. Es belastet mich schon, vor meinem Bruder Stillschweigen zu bewahren, aber jetzt auch noch bei der Arbeit? Wie stellst du dir das bitte vor?”
      “Jo, ich zwinge dich zu gar nichts, du kannst es frei entscheiden. Mir ist es nicht unangenehm, meiner Schwester gegenüber, außerdem”, ehe er den Satz beenden konnte, unterbrach ich ihn.
      “Die hängt echt viel mit meinem Bruder herum, also nein, auf gar keinen Fall”, wehrte ich mich weiter. Ja, ich wollte keine Gefühle für ihn haben, schon allein, weil Eskil äußerst interessiert an Harlen war. Er selbst hatte auf den Kneipentouren ebenfalls entdeckt, dass Männer ziemlich anziehende Wirkungen hatten, dennoch fanden wir einander in einer schicksalsvollen Nacht in meinem Bett wieder. Seitdem verspürte ich mehr. Es war für mich eher ein Hobby geworden, jemanden kennenzulernen und nur wenige Wochen später jemand anderen zu haben. Dabei bezog es sich lediglich auf das kennenlernen, doch mit ihm kam es schon in der ersten Nacht einen Schritt weiter. Der Alkohol wird seine Wirkung entfacht haben und die tollen Gespräche bei uns im Garten wohl auch.
      “Mir ist es egal, aber nimm’ den Job an, mehr kann dir nicht empfehle”, sagte Harlen gutmütig, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich zurück an den Schreibtisch. Wie hypnotisiert blickte ich hinab auf das Blatt, er hatte recht. Eine bessere Chance gab es nicht.

      © Mohikanerin // 21.027 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel sjutton | 22. Mai 2022

      Enigma LDS / Millennial LDS / Northumbria / Lubumbashi / Maxou / Götterdämmerung LDS
      Ours de Peluche LDS / Spök von Atomic / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Kría von Atomic / Yumyulakk LDS / Halldór von Atomic / Vandal LDS / Arktikkfrost LDS / Anthrax Survivor LDS / Liv efter Detta LDS / CHH' Death Sentence / Kempa / tc Herkir / Skrúður / Nachtschatten / Lotti Boulevard / Krít / Magnus von Störtal / Avenue Shopper LDS


      Es könnte acht Uhr gewesen sein, als ich spürte, nicht mehr zu zweit im Bett zu liegen, oder auch nicht. Nur Trymr lag auf dem letzten Stück der Decke am Fußende. Kurz blickte ich das Tier an. Sein Schwanz wippte auf dem Stoff, verstummte jedoch, als ich mich zur anderen Seite drehte.
      Auf jeden Fall fiel irgendwann die Tür ins Schloss und später öffnete sie sich wieder. Hundepfoten auf dem Holzfußboden ertönten, abermals schlief ich ein. Erst, als Erik das Zimmer betrat, um mich zu wecken, entschied ich, dem auch nachzukommen. Obwohl ich so oft wach wurde, fühlte ich mich ungewöhnlich gut ausgeschlafen.
      “Dornröschen ist erwacht und das ganz ohne meine Hilfe”, drückte er sanft seine Lippen auf meine Stirn und strich die kleinen Haarsträhnen aus meiner Sicht.
      „Du bist also mein Prinz?“, zog ich ihm am Hemd näher an mich heran. Intensiv kitzelte der Geruch seines Aftershaves meine Nase, so stark, dass ich nieste und damit, die Hände vom halbdurchsichtigen Stoff löste. Er richtete sich an der Bettkante wieder auf.
      „Komm, Lina wartet schon“, lächelte Erik und zog mir die Decke weg. Kalte Luft huschte über meine Stoppeln an den Beinen, die sich aufstellten und jeden noch so kleine Stelle an meinem Körper übernahmen. Netterweise reicht er mir eine herumliegende Jogginghose. Dann lief er vor und folgte.
      Auf dem Küchentisch standen drei Teller, mit unterschiedlichen Tassen. Sofort vernahm ich den Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, das musste wohl meiner sein.
      „Godmorgon“, trällerte ich.
      Lina hatte offenbar auch zu tief ins Glas geschaut. Sie klammerte sich an ihrer Teetasse und sah mit zusammengekniffenen Augen zu mir hoch.
      “Morgen”, murmelte sie und gähnte herzhaft. Ungewöhnlich, in der Regel war sie diejenige, die am Morgen vor Energie und Tatendrang sprühte. Lag es daran, dass Samu heute ebenfalls nicht da sein würde? Ich schmunzelte bei dem Gedanken und setzte mich dann neben sie. Erik stand an der Arbeitsfläche der Küche und rührte einen Teig zusammen. Den Zutaten nach könnten es Waffeln werden, oder Pfannkuchen. Anstelle von Kuhmilch stand eine beige Packung von Oatly neben der Schüssel. Im Hals spürte ich, wie mein Herz pochte und kleine Luftsprünge machte - er hatte wirklich an mich gedacht.
      „Du weißt, welches Thema nun an der Reihe ist?“, kam ich ohne große Umschweife zum Punkt.
      “Echt, weiß ich das?”, stellte sie sich doof und nahm in aller Seelenruhe einen Schluck aus ihrer dampfenden Tasse.
      “Jahaa, natürlich weißt du das!”, blieb ich beharrlich und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. Allerdings blieb die Brünette davon vollkommen unbeeindruckt, pflückte stattdessen den Welpen vom Fußboden, der hungrig um ihre Füße strich.
      “Hast du gehört kleiner Mann, Vriska sag, ich konnte Gedankenlesen”, grinste sie das Tier an, welches ihr daraufhin nur freudig durchs Gesicht leckte.
      “Liniiii, jetzt sag schon, was hast du mit Niklas im Keller gemacht?”, drängte ich weiter und rückte ihr noch mehr auf die Pelle. Das Fellbündel auf ihrem Schoß schien das Gruppenkuscheln super zu finden, den sein Schwanz begann, in einem hektischen Rhythmus zu schwingen.
      “Hast du gerade Lini gesagt?”, blickte sie mich stirnrunzelnd von dem Welpen auf. Nicht die gewünschte Reaktion, aber immerhin hatte ich wieder ihre Aufmerksamkeit. Ich nickte bestätigend.
      “Tu das bitte nie wieder, das klingt ja schrecklich”, entgegnete sie mit deutlicher Abscheu.
      “Jetzt lenke nicht vom Thema ab”, hängte ich mich quengelnd auf ihre Schulter.
      “Naaa gut, du willst also den Verlauf meines geistigen Abends wissen?”, fragte sie noch einmal mit einem verschmitzten Grinsen. Ich nickte eifrig.
      “Und wie viel willst du wissen?”, spannte sie mich weiter auf die Folter.
      “Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund.
      “Sorry, mit allen Details kann ich nicht dienen, die Erinnerung ist etwas … Lückenhaft”, entgegnete sie, als wolle, sie mir glich den Wind aus den Segeln nehmen.
      “Egal, erst mal das wichtigste hab ihr?”, grinste ich verschmitzt. Eine intensive Röte trat auf Linas Wangen doch, sie nickte mit einem leuchten in den Augen.
      “Und war's gut?”, versuchte ich weitere Informationen aus ihr herauszuquetschen. Dass sie aber auch immer so wortkarg sein musste, als wäre sie ein Teenager, dem so etwas noch peinlich war. Sie schielte kurz zu Erik, der am Herd in die Zubereitung des Frühstücks vertieft war, bevor sie eine Antwort hervorbrachte: “Ja.”
      “Linaaaa, geht auch mehr als ein Wort? Oder hast du verlernt, wie man spricht?”, probierte ich an, mehr Details zu bekommen. Erneut schielte sie zum Herd und ihr Gesicht nahm eine immer intensivere Färbung an.
      “Okay, ich gebe dir noch zwei weitere Worte”, gab sie nach, “unglaublich intensiv.” Die letzten beiden Worte flüsterte sie mir ziemlich leise ins Ohr. Dafür lehnte sie näher zu mir und diese kleine Berührung am Arm löste ein schmerzhaftes Stechen und Brennen aus, das ich sofort untersuchte. Wie ich bereits am Abend festgestellt hatte, würde es einen blauen Fleck geben, doch dass beinah, der ganze Oberarm aus gelben, roten und blauen Färbungen bestehen würde, übertraf meinen Horizont. Damit Lina davon nicht mitbekam, zog ich den Ärmel des Bademantels wieder höher und schloss den Kragen fest aneinander. Zudem konnte ich mir vorstellen, wovon sie sprach, aber verlangte, es ausgesprochen zu hören. Wenn Lina ihn schon so selten traf, und, bis auf die Pferde, keine Gemeinsamkeiten zu haben schien mit ihm, dann war es etwas anderes, das sie verband.
      „Oh schön, dann hast du dich auch mit neuen Leuten unterhalten? Wahnsinnig toll, wie du dich in die Familie einfindest“, rollte ich ironisch mit den Augen. Das Spielchen konnte ich auch, obwohl ich deutlich lieber mit Menschen sprach, die ebenfalls ihre Gesichter gewillter waren zu teilen wie ich.
      “Ähhm, nicht so wirklich … ”, entgegnete sie kleinlaut als würde ihr erst jetzt die Erkenntnis kommen, auf was für eine Art von Veranstaltung wir gestern gewesen waren.
      “Aber mit wem hast du denn so geredet?”, versuchte sie von sich selbst abzulenken.
      „Von den meisten habe die Namen vergessen, aber auf jeden Fall mit dem Geburtstagskind, Niklas‘ Tante und noch paar Leuten aus deren Firma“, versuchte ich mit den Händen aufzuzählen, wer die Auserwählten waren.
      Erik kam mit warmen Waffeln an und stellte sie auf einem Brett in der Mitte des Tisches ab. Apfelmus und verschiedene Marmeladen standen bereits gedeckt da.
      „Vergiss Joanna nicht“, sagte dieser im Vorbeigehen und biss von einer ziemlich verbrannten Waffel ab, die er offenbar auf der Arbeitsfläche bereits inhalierte. Als der Name fiel, wurden Linas Augen plötzlich groß und sie spuckte ihren Tee beinahe wieder aus.
      “Die Joanna? Niklas' Ex?”, fragte die Brünette, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
      „Ja“, lachte Erik.
      Ich schüttelte mich, deswegen kam mir der Name bekannt vor. Damit hätte ich wohl rechnen müssen, aber nahm diese Tatsache mit deutlich mehr Fassung auf als Lina, die abermals nach der Tasse griff.
      „Offenbar, sie hat sich derartig nicht mir vorgestellt“, zuckte ich mit den Schultern.
      “Und worüber habt ihr so geredet?”, fragte Lina interessiert und lud sich etwas von den Waffeln auf ihren Teller.
      “Das hättest du vielleicht gewusst, wenn du auch da gewesen wärst”, drehte ich den Spieß um, nahm mir allerdings nur eine kleine Ecke vom Gebäck. Nebenbei untersuchte ich die Gläser mit ihren Nährwerten, entschloss mich zum Ende dazu, sie ohne etwas zu Essen.
      “Engelchen”, hauchte es von der Seite in mein Ohr, als die nächste Portion Waffeln bereits auf dem Tisch landete, “Niemand wird dich dafür verurteilen, wenn du mal ein paar Gramm mehr auf den Rippen hast.”
      Ich ignorierte Eriks Aussage, biss zumindest einmal von der Waffel ab. Sie schmeckte fabelhaft, aber durfte ich nicht viel mehr als diese Portion essen.
      “Du bist fies”, schmollte Lina und stopfte sich dafür mit Freude einen großen Bissen Waffel in den Mund.
      “Viel mehr hast du mir ebenfalls nicht berichtet”, spiegelte ich sie mit einem Schmollmund.
      “Aber das ist ja auch was anderes”, protestierte sie.
      “Das ist etwas anderes, ja?”, blieb ich hartnäckig. Nichts wollte ich so sehr, wie wissen, was die beiden getrieben haben. Oder wo? Egal, mich interessierte es. Je länger sie schwieg und ich über das Gespräch nachdachte, überlegte ich, was ich lieber wollte und da fiel es mir tatsächlich ein: wieder einmal ein richtiges Gespräch mit meiner Ablenkung. Er hatte sich dazu entschlossen, mich mehr oder weniger zu ignorieren, solang ich mit dem Treffen noch haderte, obwohl es besprochen war, dass es keine geben würde. Ehrlich gesagt wunderte es mich, denn er hatte es mir angeboten.
      “Ja, was mein Freund und ich miteinander tun, braucht auch nur ihn und mich interessieren”, erklärte sie wenig überzeugend und wand sich unglaublich ungeschickt um den Gebrauch gewisser Worte herum, “Ich frage euch ja auch nicht, was ihr im Schlafzimmer tut.” Kaum hatte sie angefangen zu sprechen, nahmen auch ihre Ohren wieder eine hübsche Rosa Farbe an.
      „Mehr weniger das übliche, hauptsächlich schlafen und mal kriecht ein Hund nach oben und möchte gestreichelt werden“, gab Erik verwundert zu bedenken und schnitt sich ein Stück seiner Waffel ab. Ich hingegen fühlte mich hin- und hergerissen, einerseits verstand ihren Einwand, andererseits ärgerte ich mich aufs Tiefste, dass sie so eigen war. Dass dann mein Freund auch noch den wunden Punkt traf, brachte das Fass zum Überlaufen.
      “Ok”, sagte ich mit derart abfälligem Ton, dass selbst er mich entgeistert anblickte. Nicht einmal die Hälfte hatte ich aufgegessen, da stand ich auf, schob sehr laut den Stuhl übers Holz und verschwand im Zimmer. So schnell ich konnte, zog ich mich um, schnappte mir noch meinen Lieblingspullover und lief zurück. Die Beiden aßen noch. Der Welpe tigerte im Kreis um den Tisch herum, während Trymr gespannt einen Vogel vor dem Fenster beobachtete, der von links nach rechts hüpfte.
      “War schön, dass du da warst”, versuchte ich freundlich zu bleiben, gab Erik einen flüchtigen Kuss auf die Wange und stürmte aus der Hütte heraus.

      Im Stall war es ebenso leer, wie an jedem Vormittag auch. Ich traf zwei Einsteller, die gerade ihre Pferde für einen Ausritt sattelten und Folke legte Enigma das Geschirr für den Sulky um. Mit gehobener Hand grüßte ich sie. Mein Weg führte mich weiter zur Sattelkammer. Vor tausenden Halftern stand ich beinah verloren, wusste nicht, welches der Tiere sich wohl für einen schnellen Ausritt am besten eignen würde. Selbst meine Liste war, schließlich hatten Lina und ich heute frei, also keine Aufgaben zu erledigen. Kurzfristig entschied ich mich für Humbria. Dafür nahm ich das lilafarbene Halfter vom Haken und stampfte eilig wieder die Treppe der Tribüne hinunter, direkt zum Stuten Paddock. Mit freundlich aufgestellten Ohren begrüßte mich das Pferd, folgte mir in den Stall, in dem ich sie sattelte und trenste. Am Tor wurde ich aufgehalten.
      “Vriska, warte, ich wollte dich nicht verärgern”, kam Lina angelaufen, dick eingepackt in gefühlte hundert Kleidungsschichten, sodass sie fast aussah wie ein Michelin Männchen.
      “Dafür ist jetzt auch zu spät, also genieß deinen freien Tag”, grinste ich ironisch und zog den Sattelgurt fest.
      “Was auch immer ich getan habe, es tut mir leid”, ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und platzierte sich vor der Stute.
      “Du solltest dir bewusst sein, dass man sich nur entschuldigen sollte, wenn man weiß, was man getan hat”, zuckte ich mit den Schultern. Ich versuchte Humbria an ihr vorbeizureiten, doch sie stand wie angewachsen am Boden.
      “Ich glaube zu wissen, was das Problem ist.”, entgegnete sie und warf einen umschweifenden Blick durch die Gasse, bevor sie ihre Ansprach mit gesenkter Stimme fortsetzte,” Na ja, wegen dem, was du wissen wolltest. Ich rede da nicht gerne drüber, weil …” Ihre Augen huschten, nervös durch die Gegend, bevor sie sich beschämt zu Boden senkten.
      “Weil ich habe das noch nicht so oft gemacht und dafür schäme ich mich”, druckste sie herum und ihr Fuß versuchte ein Loch in den Beton zu graben. Sie setzte noch zu einem weiteren Satz an, den ich geschickt unterbracht: “Lina, es geht nicht darum, dass du nicht darüber sprechen möchtest, sondern, wie du mir das mitgeteilt hast. Denkst du, ich möchte die bloßstellen vor Erik oder sonst jemanden? Mich nervt nur behandelt zu werden, als wäre ich eine Last für jemanden.”
      “Oh, das war nicht meine Absicht, dass du dich so fühlst. Tut mir leid”, antwortete sie betroffen und schien sich nun aus ganz anderen Gründen in Luft auflösen wollen.
      “Schon okay, ich frag dich auch nicht mehr”, grinste ich nur. Endlich wurde mir der Weg freigegeben und ich ritt im Schritt an ihr vorbei. Aufmerksam kaute die auf dem Gebiss. Entspannt konnte ich endlich abschalten. Es erleichterte mich auf eine gewisse Weise, dass das Thema so schnell geklärt werden konnte, aber umso mehr tat mir Erik leid, mit dem ich gerne noch weitere Stunden verbracht hätte.
      Die Wege waren in der Spur bereits sehr durchmischt vom Sand darunter, nur am Rande lag die Decke beinah unberührt. Es fiel mir schwer, so wie immer, mich der Situation zu übergeben. Aber zumindest kam ich gedanklich so weit, dass ich mich auf die Stute einstellte, an ihren Feinarbeiten übte und irgendwann an den Weiden ankam. Neugierig kamen die Hengste, auf der einen, und die Stuten, auf der anderen Seite, angerannt. Leise brummten die Tiere. Humbria musterte die durchwachsenen Herden. Bei den Stuten standen nicht nur die Anwärter, sondern auch Pferde, die eine Pause verdient hatten, oder die nächste Generation austrugen. Zur anderen Seite präsentierten sich die Hengste. Einige von Bruce Zuchthengsten hatten eine Winterpause, um vor der Saison noch einmal abzuschalten. Dementsprechend bunt wirken die Herden.
      Wann ich am Hof ankam, wusste ich nicht. Offenbar lag mein Handy noch in Eriks Auto, das bei meiner Rückkehr erstaunlicherweise noch immer vor der Hütte ruhte. Ich versuchte durch die Fenster etwas zu erkennen, aber mehr als die Spiegelung, war nicht zu sehen. Im Stall rannte mir Trymr entgegen.
      “Oh, du bist noch da”, freute ich mich und strich ihm über den Kopf, nach dem ich über den Po hinuntergerutscht bin. Er verstand mich nicht, aber der Herr in meiner Jogginghose umso besser.
      “Muss ich mir Sorgen machen? Geht die Welt erneut unter?”, scherzte ich mehr beiläufig. Humbria folgte mir bis zur Putzbucht, die bereits besetzt war. Ein mir bestens bekanntes Pony stand mit angewinkeltem Bein vor mir. Die dunkele Stute, am Zügel, streckte das Maul in die Richtung der anderen, wurde allerdings durch ein böswilliges Schnappen verscheucht.
      “Die ist nun mal so”, erklärte ich nun auch Humbria, nach dem Lubi es schon mehrfach zu spüren bekam.
      “Ich helfe dir”, huschte Lina aus dem Nirgendwo zu mir und hatte so schnell die Zügel in ihrer Hand, dass ich gar nicht eine Antwort finden konnte. Plötzlich stand ich allein mit Erik und Maxou da, immer noch verwirrt. Mein Herz schlug verrückt bis hinauf in den Hals, als würde es dort feststecken. Es kratzte und schnürte mir die Luft ab.
      „Du weißt, dass du mir nicht entkommst“, kam Erik endlich näher an mich heran und grinste mich so überzeugt an, dass ich nicht anders konnte, als es zu erwidert.
      „Scheint so zu sein“, antwortete ich.
      Da Maxou ebenso gekleidet war, wie am vorherigen Tag, wenn auch mit einer rosafarbenen, glitzernden Schabracke, die ich mir nicht genau erklären konnte, verstand ich die Aussage dahinter. Also nahm ich das Halfter ab, das über dem Zaum die Stute an Ort und Stelle verharren ließ, und führte sie zur Reithalle. Der Hund folgte mir.
      „Wo ist eigentlich der Kleine?“, fragte ich, als ich sein Fehlen bemerkte.
      „Der ist hochgelaufen, zu Harlen schätze ich“, gab Erik zu verstehen.
      Um das Pony die Einheit so erträglich wie möglich zu gestalten, begann ich die Arbeit wie immer. Wir liefen mehrere Runden auf der ganz großen Bahn, dann nahm ich die Zügel in Höhe des Widerristes auf, um sie mehr zu versammeln und gleichzeitig jenen zu mobilisieren. Je elastischer sie dort wurde, umso intensiver konnte ich auch an die Schulter heran. Ungewöhnlich schnell fand ich mich in diese Situation ein und erfreute mich an jeden richtigen Schritt, während ich die Fehler ignorierte. Nach guten zehn Minuten liefen wir in die Mitte. Dort zog ich den Gurt drei Löcher fester und stieg auf. Sie warf einmal den Kopf nach oben, aber ein sanftes Klopfen am Hals beruhigte das Tier wieder. Plötzlich erschien es mir, dass der gestrige Ritt ein guter Anfang gewesen war, um die Stute besser kennenzulernen und die Angst zu verlieren, sie zu verletzen.
      Wir kamen besser klar als ich dachte. Im Laufe der Zeit fühlte sich die Reithalle und selbst da blieben Maxou's Ohren stets bei mir. Wenn ihr ein Pferd zu nah kam, schlug sie mehrmals mit dem Schweif, aber reagierte weiterhin auf meine Hilfen im Sattel. Es war, anders als auf Lubi, nicht nur dem Größenverhältnis geschuldet. Mit kleineren Schritten setzte die helle Stute ihre Hufe in den Sand, ebenso zart wie der Riese, aber wirkte dennoch hektischer, auf eine gewisse Weise gestresst. Ich redete ruhig auf sie ein, allerdings so leise, dass es sonst keiner hören würde. So waren mir Gespräche mit dem Tier immer unangenehme Angelegenheit, obwohl selbst Tyrell seiner lebhaften Fuchsstute das ganze Hofgeschehen mitteilte.
      „Alles guuuut“, murmelte ich, als er abermals an uns vorbeitrabte. Maxou fiel aus der Versammlung heraus und streckte dabei ihren Kopf in Richtung Brust, obwohl ich die Zügel nur mit sehr wenig Kontakt in den Händen hielt. Selbst überstreichen änderte nichts daran. Ich wiederholte noch öfter das Vorbeireiten, bis Maxou sich nicht mehr in ihrem Schneckenhaus versteckte und sprang aus dem Sattel. Sie kaute und bekam von mir eine kräftige Streicheleinheit. Aus meiner Jackentasche kramte ich noch ein Leckerli, dass mit ihrer Oberlippe von der Handfläche fummelte.
      “Das sieht gar nicht so schlecht aus, was du da mit dem Pony veranstaltest”, erklang Linas sanfte Stimme, die nach einer Weile am Rand aufgetaucht war, um uns zuzusehen. Kaum hatte ich mich von der Stute weggedreht, legte sie wieder ihren Kopf auf mir ab und stupste mich grob am Ohr an. Erst als ich die Hand langsam zwischen Nüstern massierte, hörte sie auf und verlagerte noch mehr Gewicht auf mir.
      “Danke?”, fragte ich vielmehr, als es dankend anzunehmen. Hatte sie etwas anderes erwartet, oder wieder eine ungeschickte Wortwahl?
      “Ja, das sollte ein Kompliment sein, Vriska. Das sieht wirklich gut aus”, führte sie weiter aus und versuchte damit die schlecht gewählten Worte zu revidieren.
      “Okay, dann danke”, lächelte ich friedfertig. Maxou hing weiter auf meiner Schulter, wollte unter keinen Umständen diesen Platz verlassen. Auch, als ich langsam mit meiner Hand wedelte, um sie vorwärtszutreiben, bewegte sich nichts an ihr.
      “Offensichtlich findet Maxou dich ziemlich bequem”, lächelte Lina, “aber irgendwie ist das niedlich.”
      “Aber ich kann nicht den ganzen Tag hier herumstehen”, merkte ich an und versuchte mich, abermals von dem Pony zu lösen. Doch sie war eingedöst. Eins ihrer Hinterbeine stand angewinkelt im Sand und die Augen waren geschlossen. Es schien unausweislich, hier die nächste Zeit zu stehen. Selbst Tyrell schüttelte nur amüsiert den Kopf, als er neben uns abstieg, wovon es nichts mitbekam. Andere hatten auch die Halle verlassen, wodurch wir allein in diesem riesigen Raum standen. Und kalt wurde es auch.
      “Dann musst du dein Pony wohl wecken”, stellte sie das offensichtliche fest, “Brauchst du Hilfe?”
      Ich nickte. Folgeleisten kam sie die Stufen der Tribüne hinunter und trat durch das Tor auf die Sandfläche.
      “Maxou, aufwachen”, sprach sie das goldglänzende Pony an. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keinerlei Reaktion von dem schlummernden Tier. Als sie ganz an uns herangetreten war, stupste sie das Pferd vorsichtig an.
      “Oh, es wird wach”, verkündete Lina erfreut und ich konnte spüren, wie die Last auf meiner Schulter allmählich weniger wurde. Sie erhob sich langsam, kaute und schleckte dabei am Maul entlang. Nach einem Schnaufen stand Maxou schließlich wach neben uns, aber in ihren Augen sah man noch immer die Müdigkeit.
      “Ich bringe sie weg, danke”, sagte ich zur Lina und führte das Pony weg.
      In der Gasse kam dann auch Erik dazu. Zusammen sattelten wir die Stute ab, legten die Decken auf sie und schon durfte sie zurück in die Boxen. Offensichtlich hatte Lina ihr bereits frische Heulage hingelegt und sogar ihre Futtermischung in den Trog gefüllt. Sehr zuvorkommend.

      Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was man einem freien Tag so anstellte. Wir saßen wieder in der Hütte. Erik hatte den Fernseher angestellt und ich lag in seinen Armen, während Lina auf dem Sessel neben uns saß und ein Buch las. Tweet Cute stand auf dem Hardcover in zwei Sprechblasen auf türkisen Grund und roten Verzierungen. Es wirkte interessant, ihrem Gesicht zufolge, denn sie schien sich vollkommen darin verloren zu haben. Eine Hand klammerte am Buch, während die andere Strähnen drehte und den Arm abgestützt auf der Lehne, sitzend auf den Füßen. Auf dem Bildschirm dudelte irgendein Film, En runda till auf dänischer Originalverfilmung, was Erik ziemlich wichtig war und schwedischen Untertiteln. Somit verstand ich noch weniger, aber hatte damit immerhin die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Trymr lag auf dem Boden und wedelte immer wieder mit dem Schwanz, wenn ich zu ihm hinuntersah, nur Welpi fehlte, denn er wollte lieber bei meinem Bruder im Büro liegen. Dort gab ich ihn immer bei der Arbeit ab.
      Mein Handy vibrierte, das Erik mir von der Rückbank geholt hatte. Eifrig griff ich in meine Hosentasche.
      Niklas.
      Unsicher schielte ich zu meinem Freund, der allerdings nur nach vorn blickte und diesen nicht abwandte, als mich aufrichtete.
      “Ist Lina bei dir?”, erfassten meine Augen.
      “Ja”, tippte ich. Die Punkte schwebten auf. Eine Antwort.
      “Nah?”
      “Nein”, schon, dass dieses Gespräch derartig begann, verhieß nichts Gutes. Trotzdem warte ich weiter vor dem geöffneten Chat. In meinem Herz spürte ich den aufgeregten Herzschlag, drückte mir einen Moment die Luft weg, bis eine weitere Nachricht auftauchte.
      “Ich wollte dich eigentlich gestern fragen, aber, ich musste anderen Aufgaben nachkommen. Davon weißt du bestimmt schon”, ich drehte für einen Moment die Augen nach oben und seufzte, “was war mit Eskil los? Er wirkte vollkommen aufgelöst am Hof und wollte nicht mit mir sprechen.”
      “Dazu kann ich dir auch nicht viel sagen. Er war plötzlich verschwunden”, schrieb ich wahrheitsgemäß und legte dann das Handy weg. Doch im selben Augenblick verlangte es wieder nach mir. Aber es war mir auf eine gewisse Weise egal. Ich hatte anderes erwartet, kein Lächerlichkeit, die er mit jemand anderes klären könnte. Aber es stoppte nicht.
      “Alles in Ordnung?”, wurde Erik nun auch aufmerksam und rutscht etwas höher, um wieder eine bequeme Position zu haben.
      “Ja”, antwortete ich nur.
      “Wer ist denn das?”, fragte er neugierig.
      Ohne kurz zu überlegen, sagte ich: „Der komische Typ, der sich mit mir treffen will.“
      Da sah auch Lina auf. Sie legte das zur Seite auf die Lehne und richtete ebenfalls die Position.
      “Ich denke nicht”, gab Erik zu bedenken.
      “Okay, dann Eskil”, versuchte ich die nächste Person zu finden, die mir einfiel.
      “Du weißt schon, dass sich das nicht einfach spontan ändert?”, versuchte er mir offenbar die Wahrheit zu entlocken. Ihm fiel zu schnell auf, welche Aussagen echt waren. Zumindest machte er seine Arbeit gut.
      “Sind mehrere und einer davon Eskil, deshalb”, verstrickte ich mich immer tiefer, sodass auch Lina skeptisch wurde. Ohne zu fragen, griff er das Handy von der Couch und sah natürlich den Chatverlauf mit Niklas. Zum Glück hatte ich die ganz alten Nachrichten gelöscht und nur die von dem Moment, sollten da sein. Die neusten Benachrichtigungen waren von Instagram. Wieder waren Leute, die auf mein Profil gestoßen waren, der Meinung, alles durchliken zu müssen. Dass ich überhaupt eine Benachrichtigung bekam, wunderte mich deutlich mehr.
      “Sende ihm schöne Grüße von mir”, grinste Erik und gab es mir zurück. Meine Augen huschten über die neusten Nachrichten: “Ich vermisse ihn. Ich weiß nicht, wieso. Irgendwie war es seltsam mit Lina. Hilf mir bitte, wie auch immer. Ach egal.”
      Der Kerl tat mir unglaublich leid. Er wirkte auf einmal so zerbrechlich, als hätte man ihm das Wertvollste im Leben geraubt. Aber ich hatte mich nie als Vermittlerin zur Verfügung gestellt.
      Lina warf mir einen fragwürdigen Blick zu, aber nahm sich wieder ihr Buch, um weiterzulesen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 24.527 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel tjugotvå | 9. Juli 2022

      Maxou / Caja / HMJ Divine / Legolas / Planetenfrost LDS / Lotti Boulevard/ Nachtschatten/ Lu‘lu‘a / Wunderkind / WHC‘ Golden Duskk / (Eifellust) / Lubumbashi / Fahrenheit LDS / Úlrik / Spök / Narcissa

      Lina
      Sehr unsanft durchdrang der Weckerton meine Träume. Verworrene Träume, die düster durch mein Unterbewusstsein waberten. Nicht gerade der Start, den man sich für den Weihnachtsmorgen wünschte, aber nicht ungewöhnlich. Jegliche Ereignisse, die man für gewöhnlich mit seiner Familie verbrachte, neigen dazu, mir das vor Augen zu führen, wogegen ich verzweifelt ankämpfte.
      Anlässlich des bevorstehenden Festest hatte ich mit nur meine Schwester eingeladen, nein, auch Jyrki erhielt eine Einladung. Sogar an meinen Vater dachte ich einen wahnwitzigen Moment lang, verwarf diese Idee aber schnell wieder. Wer über Jahre hinweg nicht einmal versucht Kontakt zu seinem Kind aufzunehmen, würde wohl kaum zu Weihnachten plötzlich seine Meinung ändern. Zumal nicht mal mein Bruder es für notwendig hielt, mir wenigstens eine Absagte zu schicken. Kaputt war sie, meine Familie. Langsam zerbrochen an der Last des Lebens. Langsam drang die Luft aus meinen Lungen. Eine normale Familie würde wohl für immer ein Traum bleiben.
      Langsam schob ich einen Arm unter der warmen Decke hervor. Die kühle Luft im Zimmer jagte mir augenblicklich ein Schauer über die Haut, unter dem sich die kleinen Härchen darauf aufstellten. Unglaublich, wie kalt so ein Raum werden konnte. Ein wisch über den Bildschirm und das Gerät schwieg endlich. Müde ließ ich den Kopf zurück auf das Kissen sinken. Der gestrige Abend war dann doch noch länger geworden als geplant, angesichts der Tatsache, dass die Vierbeiner natürlich auch heute versorgt werden wollten. Zumindest mit dem nötigsten. Die Stille war nur von kurzer Dauer, denn mit einem leisen Ping, wurde der Erhalt einer Nachricht angekündigt. Erneut griff ich nah dem Handy. Urheber der Störung war Enya, sie wollte in einer Stunde da sein damit wir noch einmal dem keinen Auftritt, üben konnte. Meine Güte, warum war sie denn schon so früh wach? Immerhin hatte sie keine hungrigen Vierbeiner vor der Tür sitzen. Aber ihr Tatendrang sprach zwangsläufig dafür, dass ich jetzt tatsächlich aufstehen musste. Doch vorher musste noch etwas anderes erledigt werden. Zielsicher tippe ich auf den obersten Chat, eine Morgenroutine, die innerhalb der vergangen zwei Monate beinahe in Vergessenheit geriet. Schließlich muss man niemandem schreiben, der unmittelbar neben einem lag. Mit flinken Fingern verfasste ich einen morgendlichen Gruß an meinen Liebsten, natürlich nicht mit dem Erwarten direkt eine Antwort zu erhalten. Niklas war sicherlich nicht an einem freien Tag bereits am frühen Morgen durch die Gegend springen. Dennoch gab es mir den nötigen Motivationsschub, um aus dem Bett zu kommen. Die Kleidungswahl fiel heute schlicht aus, schließlich würde ich schon den ganzen Abend ordentlich herumlaufen. So griff ich zu einer grauen Thermoreithose und stahl mir einen der Sweater, die mein Freund hiergelassen hatte. Wenn er schon nicht da war, mussten halt seine Klamotten herhalten.
      Ein schwaches Klopfen erklang vom Sofa als ich die Tür öffnet. Vollkommen fertig lag der gefleckte Welpe auf dem Sofa, denn er zusammen mit Nivi noch ziemlich lange die Hütte unsicher gemacht. Vriska hingegen saß bereits mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch und tippte munter etwas in ihren Laptop.
      “Guten Morgen”, sprach ich freundlich, wollte eigentlich noch etwas hinzufügen, doch hielt inne. Etwas an ihr sah anders aus, und zwar nicht nur die Brille, die mir bereits gestern aufgefallen war. Eindringlich betrachte ich sie. Ihre Haare waren am Ansatz deutlich dunkler und einige der langen Strähnen waren zu Dreadlocks zusammengeklebt.
      “Oh, du bist wach”, bemerkte sie mich offenbar erst jetzt und nahm die Kopfhörer aus den Ohren, “das Wasser müsste noch warm genug sein. Eine Tasse steht auch schon da.”
      “Danke”, entgegnete ich und lief zur Küchenzeile, um besagtes Angebot entgegenzunehmen.
      “Was machst du da, so früh am Morgen?”, fragte ich neugierig, als ich im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf ihren Bildschirm erhaschen konnte. Für gewöhnlich war sie nicht der Typ Mensch gewesen, der so früh bereits voller Tatendrang war, wenn man sie denn überhaupt so früh zu Gesicht bekam.
      “Ähm. Nichts”, stammelte sie mit zittriger Stimme und klappte das Gerät sofort zu. Eine leichte Röte überkam ihr Gesicht, dabei grinste Vriska schief und unkontrolliert.
      “Okay”, schmunzelte ich. Das Nichts war offenbar geheim, doch für das Erste beschäftigte mich etwas anderes.
      “Sonst alles in Ordnung bei dir? Lars war ja gestern noch ganz schön lange bei dir”, kam ich auf das zu sprechen, was mir seit gestern auf der Seele brannte. Nachdem wie nah, sich die beiden bereits vor ihrem Verschwinden gekommen waren, würde es mich wirklich interessieren, was die beiden dort drinnen gemacht haben.
      „Mehr oder weniger, ja. Er hatte ein paar Fragen und wollte mich dann unbedingt von der Stute überzeugen, aber na ja“, sie seufzte resignierte, „ich weiß noch nicht ganz. Und danach haben wir uns unterhalten über dies und das.“ Ein zartes Lächeln zuckte über ihre Lippen, dass sie sofort hinter ihrer Tasse versteckte. Sie fühlte sich offenbar immer noch ziemlich von ihm angesprochen. Kein Wunder, er war auch wirklich ein Hübscher.
      “Das mit dir und den Pferden bekommen wir schon wieder hin, nur nicht verzagen”, blieb ich positiv. Es war zwar nicht gänzlich vergleichbar, aber ich konnte es nachfühlen, denn auch meine Beziehung zu den Tieren war schon schwer erschüttert worden und ich hatte viel Zeit und Hilfe gebraucht, um zu ihnen zurückzufinden. Umso mehr Anerkennung hatte ich für Vriska, dass sie überhaupt hier war.
      “Wir werden sehen, aber ich muss gleich los”, sagte sie nach einem Blick zur Uhr hinter ihr an der Wand.
      “Wohin los?”, fragte ich ein wenig schwer von Begriff, “Aber solltest du dir dann vor allem nicht noch etwas anziehen.” Bisher saß Vriska nämlich in nicht viel mehr als einer Boxershorts und einem viel zu großen, viel zu teuer erscheinenden Hemd am Tisch.
      “Ach, so kalt ist es gar nicht”, Vriska lachte, “natürlich ziehe ich zum Arbeiten was anderes an. Die Pferde füttern und bewegen sich nicht von allein.” Dafür, dass sie immer wieder die Uhrzeit überprüfte, saß sie ruhig auf dem Stuhl ohne die Tasse aus der Hand zu stellen.
      “Du willst arbeiten? Bist du dir sicher?”, erstaunt blickte ich sie an. Dass sie sich so schnell ihrer Angst stellen wollte, hätte ich nicht mal bei ihr erwartet.
      “Von Wollen kann nicht die Rede sein, aber Lars möchte, dass ich was tue. Außerdem bin ich krankgeschrieben, also”, erklärte sie.
      “Daher weht also der Wind”, grinste ich leicht, “Na, dann hoffe ich, dass er weiß, was er tut.”
      Intensiv musterten mich ihre Augen, als würden tausende Dinge durch ihren Verstand schweben und nicht den Ausgang finden. Vriska wirkte sehr in sich gekehrt, verändert im Vergleich zu ihrer Abfahrt. Das hatte nicht nur mit ihrem äußeren Auftreten zu tun, eher das gesamte Konstrukt ihrer Selbstdarstellung.
      “Gibst es da etwas, was du mir mitteilen willst?”, kam sie zurück aufs Thema. Kurz musste ich überlegen, die richtigen Ausdrücke finden. Ich freute mich für sie, dass sie trotz der ganzen Geschichte Interesse an jemanden zeigte, aber gleichermaßen sorgte ich mich darum, dass sie sich zu schnell in etwas hineinstürzen könnte, was außerhalb ihrer Kontrolle lag. Und das sagte gerade ich, was eine Ironie.
      “Hab deinen Spaß, aber pass auf dich auf, das will ich dir sagen. Wenn du spurlos verschwindest, bekomme ich sicher einen Herzinfarkt”, sprach ich schließlich offen aus, was mir durch den Kopf ging. Verwirrt kippte sie den Kopf zur Seite.
      “Unwahrscheinlich und das liegt nicht nur daran, dass Mama keine Lust mehr auf mich hat”, scherzte sie. Okay, irgendwas hatte sich wirklich dramatisch verändert, schließlich wäre sie sonst verärgert abgehauen.
      Prüfend blickte ich sie an: “Was ist mit dir passiert da drüben? Du bist so … anders.”
      “Wie viel willst du hören?”, allein die Andeutung zeigte mir, dass es nicht offenbar nicht ihre Familie war, die sie in eine andere Richtung lenkten. Doch bevor ich ihr auf die Frage antworten konnte, öffnete sich die Terrassentür. Mit lautem Bellen stürmten die Hunde zu Lars, der sofort in die Knie ging und die Tiere herzlich begrüßte. Dog, wie Harlen Fred neuerdings benannte, sprang auf seinem Schoß und wollte am liebsten in ihn hereinkriechen für eine optimale Begrüßung. Vriska pfiff den Rüden zurück, der erstaunlicherweise auf sie reagierte.
      “Vivi, ziehst du dich dann an?”, hakte Lars noch nach, als er sich einen Augenblick später mit an den Tisch gesetzt hatte und von Vriska einen kleinen Kaffee bekam.
      “Alles?! Ich würde gerne verstehen, wer oder was so viel Einfluss hat, dass du innerhalb von zwei Monaten so eine Entwicklung machst”, kam ich auf ihre Frage zurück. Vielleicht war sie heimlich von Aliens gegen einen Doppelgänger ausgetauscht worden oder es gab eine deutlich realistischere Erklärung für ihren positiven Sinneswandel.
      „Du bist aber heute auch neugierig“, schüttelte sie amüsiert den Kopf und verließ dabei den Raum. Erst nach dem mehrmals sie die Türen ihres Schrankes geöffnet hatte, kam ihre Erklärung.
      „Im Großen und Ganzen habe ich mich alter Gewohnheiten gewidmet, war eigentlich die meiste Zeit feiern, habe mich mit einigen Typen getroffen“, dann verstummte sie. Lars hob eine Augenbraue und lehnte sich dabei tiefer in den Stuhl. Seine Arme lagen verschränkt auf der breiten Brust, die immer wieder zuckte bei ihrer Erzählung. Obwohl, von seinem Sitzplatz aus hatte man die volle Sicht in ihr Zimmer.
      „Und? Das kann doch nicht alles gewesen sein?“, hakte ich weiter nach. Nur ein wenig feiern zu gehen und dabei vielleicht auch einigen anderen Trieben nachzugehen, schien mir keine ausreichende Erklärung.
      „Schon klar, dass du direkt möchtest, dass Lars abhaut“, scherzte sie, wenn auch mit Verwunderung meinerseits. Er neigte leicht seinen Kopf zu mir, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken. „Mama hat mich wieder zur Therapie geschliffen und da mussten einige Sachen geradegerückt werden. Deshalb habe ich mich auch wieder alten Hobbys gewidmet.“ Vriska kam mit einem äußerst freizügigen Outfit wieder aus den Zimmern heraus, was angesichts der Temperaturen keine gute Wahl war. Sie zupfte am Shirt herum und kehrte auf der Stelle um. Mit einem dicken, rosafarbenen Pullover stand sie nun vor uns. Lars nippte an seiner Tasse, die kaum an Flüssigkeit verloren hatte. Eilig hatten die beiden es offenbar nicht.
      „Ohhh, jetzt ergibt alles Sinn“, dachte ich laut. Tatsächlich war es ziemlich einleuchtend, denn das erklärte sowohl die Stimmungsschwankungen als auch die impulsive Handlungsweise, die vor ihrer Abreise an den Tag legte. War das dann also auch der Grund für das, was in Kanada geschehen war und für alles, was danach folgte? Oder hatte irgendwas davon auch die echte Vriska zu verantworten? Ihre Antwort warfen in etwa genauso viele Fragen auf, wie sie beantworteten. Es würde sicher Tage dauern, dem allem auf den Grund zu gehen. Unter der Masse der Gedanken begann sich alles in meinem Kopf zu drehen.
      „Tut mir auch leid, dass ich dir nicht geschrieben hatte, aber Mama hat mein Telefon und mein Laptop eine Internetsperre. Ich fühle mich wie zwölf Jahre, ganz ehrlich“, fügte Vriska nach kurzem Schweigen hinzu. „Meine Schwester überreichte mir ihr Handy nur kurz, deshalb musste ich die Zeit nutzen für“, sie seufzte wieder, „um einige Dinge zu klären, die aber auch jetzt nicht mehr relevant sind. Er soll zur Hölle fahren mit seinen Lügen.“ Also hatte sie es rausgefunden, all das, was zwischen Schein und Sein gelegen hatte und vielleicht noch mehr. Wer wusste das schon?
      “Es tut mir wirklich leid, wie das zwischen euch beiden gelaufen ist”, murmelte ich und klammerte mich an meine Tasse. Vriskas Worte hatten den kleinen Teufel erweckt, der sich nicht davon lossagen wollte, dass es hätte anders laufen können, hätte ich mich nicht dermaßen in dieses Trugspiel verwickeln lassen.
      “Ach, was im Nachhinein passiert ist, weißt du noch gar nicht”, zuckte Vriska vollkommen losgelöst von dem Thema, als wäre es schon mehr als ein Jahr später.
      “Im Nachhinein? Was ist denn noch geschehen?”, fragte ich verwirrt, sowohl von ihren Worten als auch ihrer Reaktion.
      “Lars, hör mal kurz weg”, lachte sie und hielt ihm die Ohren zu. Sein Kopf hob sich langsam in ihren Fängen. Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. War sie sich sicher, dass er ihr gut ging? Sie hätte ich auch einfach herausschicken können. Wunderlicher hatte sie sich wohl noch nie verhalten.
      “Die paar Minuten an Madlys Handy nutzte ich, um mit ihm zu telefonieren. Es war schön, keine Frage, aber immer wieder erklärte er, dass er mich noch lieben würde und das alles nur für Fredna tue. Ich glaube ihm das, keine Frage, aber was erhofft er sich bitte? Das ich jetzt warte, bis er wieder Zeit für mich hat? Deswegen denke ich einfach, dass der ganz schlimme Komplexe hat. Ach, und er hatte auch noch ein paar andere Weiber, also nein danke”, überkam es mich in einem Wasserfall an Worten, dann ließ sie wieder von seinen Ohren los. Ein breites Grinsen lag auf seinen Lippe und seine Hand hielt sich an ihrem Bein. Hatte ich was verpasst?
      Auf einen Schlag löste sich das ungute Gefühl in Luft auf, denn gegen diese Fakten schienen nicht mal meine inneren Dämonen anzukommen. Viel mehr bekam ich das Gefühl, dass es sogar besser war, dass es endete, denn offensichtlich war es so nerven schonender für uns alle. Nur eins passte nicht in dieses Bild, die beiden vor mir.
      “Irgendwas verheimlicht ihr zwei doch”, stelle ich nach hinreichender Betrachtung fest. Er grinste schief und zog sie noch näher an sich heran, dass sie ins Stolpern kam und auf seinem Schoß landete. Ihr Gesicht färbte sich abermals rot. Nun hielt er ihr die Ohren zu.
      “Zugegeben, ich finde sie gut und bin froh, dass sie den Kerl auch losgeworden ist. Ich hatte schon so ein Gefühl”, erzählte Lars mit ruhigen Worten und senkte die Hände wieder.
      “Dir ist schon klar, dass ich das gehört habe? Ich bin zwar blond, aber nicht blöd”, fauchte Vriska spielerisch und gab ihm erneut einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Dass sie gestern nur geredet hätten, schloss ich mittlerweile kategorisch aus. Er erwiderte ihre Liebkose, aber am Hals und hörbar atmete sie aus.
      “Ich glaube, ich gehe dann mal”, lachte ich und erhob mich vom Tisch, “Viel Spaß euch noch.” Ich freute mich für die sie, doch hatte ich noch Besseres zu tun, als den beiden bei ihren Liebelein zuzusehen.
      “Wir kommen auch direkt mit”, kam es von Lars, der Vriska einen kleinen Stoß gab. Sie rannte zur Anrichte, griff ihre Reithandschuhe, die da schon vorbereitet lagen, nahm sich eine dicke Winterjacke. Im Laufen zog sie ihre Schuhe an und stürmte zusammen mit den jungen Hunden heraus, die ihre schnellen Bewegungen, direkt als Spiel ansahen. Wir beide hingegen standen noch immer im Wohnzimmer, erst dann nahm auch ich mir meine Sachen.
      “Was auch immer du ihr versprochen hast, es scheint ziemlich motivierend zu sein”, stellte ich lachend fest und zog den Reißverschluss der Jacke zu. Über Nacht hatte erneut ein kräftiger Schneefall eingesetzt, weswegen ich lieber auch noch nach einem Stirnband griff. Sicherlich war es kalt draußen.
      “Scheint so, dabei war es nur ein Kuss”, grinste er mich an. Er trug ohnehin noch seine Sachen, zog also auch nur den Reißverschluss zu. Wow, dann musste er das wohl ziemlich gut können, wenn ein Versprechen solche Auswirkungen entfalte.
      In einem gemäßigteren Tempo folgten wir, Vriska durch den Schnee. Sie war so zielstrebig unterwegs, dass sie sogar vor den Hunden dort ankam.
      “Kommt ihr endlich? Das Wetter ist so schön und ihr trödelt nur, anstatt euch ein Pferd zu schnappen”, jubelte sie euphorisch. Hatte sie wirklich Angst vor den Tieren? Ihr Verhalten erweckte nicht gerade den Eindruck dafür.
      “Wir kommen doch schon”, rief ich ihr zu, doch neben Vriska fühlten sich auch die beiden Fellknäuel angesprochen, die augenblicklich kehrt, machten und in vollen Tempo auf uns zu rannten. Während Nivi in letzter Sekunde einen Haken schlug und so nur leicht an Lars vorbeischrammte, schoss der Rüde voll in mich hinein. Ich geriet ins Straucheln, fand auf dem rutschigen Schnee nicht den Halt und fiel. Dann entsprach vermutlich nicht Vriskas Vorstellung von schneller. Lars reichte mir seine Hand und klopfte mich ab. Sie hatte das natürlich mitbekommen, lachte herzlich. An neue Vriska musste ich mich noch gewöhnen, denn mir schwebte Böses im Kopf, dass ihr attraktiver Schwarm nett zu mir war.
      „Du bist in die falsche Richtung gerutscht, mehr wie ein Pinguin“, schlug sie vor und machte dabei eine Bewegung, die eher einer bleiernen Ente glich.
      “Und du bist ein Exemplar der selten Gattung Spaßvogel?”, scherzte ich und setzte meinen Weg zu ihr fort.
      “Wer weiß, vielleicht sollte das näher untersucht werden”, hielt sie ihre gute Laune. Wir hatten Vriska schon eingeholt, da sprang sie auf Lars Rücken und ließ sich die letzten Meter tragen.
      “Du wiegst einfach nichts”, merkte er an und drehte sich beinah erwartungsvoll zu ihr um. Sofort gab sie ihm einen zarten Kuss und trieb ihn wie ein Pferd voraus.
      “Du hast dein Pferdchen ja offenbar schon gefunden”, lachte ich und folgte den beiden in den Stall. Ein leises Wiehern erklang und ein heller Ponykopf reckte sich über die Boxentür, zur Abwechslung sogar mal gut gelaunt. Den kompletten Kontrast dazu bildete Caja, meine Berittstute, ein paar Boxen weiter. Kaum hatte sie Lars erblickt, legten sich ihre Ohren komplett flach an ihren Hals, ihre Augen verdrehten sich und sie brachte schnell größtmöglichen Abstand zu Stallgasse auf. Vriska rutschte wieder herunter. Keinen Schritt weiter setzte sie, obwohl sie offenbar einen Deal hatte, den er umgehend ansprach.
      „I-Ich habe es mir anders überlegt“, stammelte sie aus heiterem Himmel im kompletten Verlust ihrer Selbstsicherheit. Vorsorglich setzte sie einige Schritte zurück, während Maxou versuchte durch die große Öffnung zu klettern. Das Pony regte sich immer mehr auf und stieg, bis sich das erste Bein dazwischen verfing und sie in Panik verfiel. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, da sprang Lars bereits zur Stute, drückte ihre Huf zurück und öffnete kurzerhand die Box. Aufgeregt trabte das Tier heraus, aber stoppte bei Vriska, die in Schockstarre verfallen war. Mit lauten Prusten stand Maxou vor ihr, wölbte elegant den Hals und schnupperte an ihrem unordentlichen Dutt. Immer wieder drückte sie ihr Maul in Vriskas Gesicht, bis sie erwachte und sehr vorsichtig ihr Pferd über die Nase strich, als hätte sie noch nie eins berührt. Langsam, um das Pony nicht doch noch in die Flucht zu treiben, näherte ich, mit einem Strick in der Hand, begab mich neben Vriska, die zaghaft über das helle Fell strich.
      “Sehr gut, damit hast du den ersten Schritt schon gemacht”, lächelte ich ermunternd und beobachtete einen Moment, wie ruhig das Pony unter ihren Berührungen wurde. Offenbar hatte nicht nur ich meine Mitbewohnerin vermisst. “Möchtest du dein Pony selbst zurückbringen oder lieber nicht?”
      Freundlich bot ich ihr das Ende des Strickes an, den ich mittlerweile an dem Pony befestigt hatte. Über ihre Wange liefen mehrere Tränen, bis sie sich um den Hals ihrer Stute warf und kaum noch zu trennen war. Sie warf den Kopf nach oben bei der schlagartigen Bewegung, aber beruhigte sich sofort, als sie die Nähe ihrer Besitzerin spürte. Behutsam fummelte die Stute an Vriskas Kapuze als würde sie beginnen mit der Fellpflege.
      “Mein Plan war ein anderer, aber ähnlich”, sagte Lars plötzlich neben mir und grinste zuversichtlich.
      “Maxous eigener Plan hat offenbar auch funktioniert”, lächelte ich erleichtert. Ich hatte erwartet, dass es deutlich schwieriger und vor allem langwieriger werden würde, Vriska überhaupt nur in die Nähe ihres Ponys zu bekommen. Doch wenn ich sah, wie glücklich Besitzerin und Pony auf einmal wirkten, war die Hoffnung groß, dass mit dieser Wiedervereinigung nicht nur Maxous Laune besser wurde, sondern ebenso ihre Lebensgeister zurückkehrten. An der Schulter tippte mich jemand an, Enya war da. Lars verabschiedete sich auch in Vriskas Namen bei uns, dann liefen sie zusammen zur Box, um die Stute zurückzustellen. Sie folgten dem langen Gang zum Hauptausgang und tasteten sich dabei aneinander heran, wollten wohl gern Händchen halten, aber etwas hielt sie davon ab.
      “Passieren hier jeden Tag so niedliche Dinge?”, wollte die Schwedin sogleich neugierig wissen, “Wenn ja, muss ich eindeutig öfter vorbeikommen.”
      “Nein, leider nicht, das ist eher die Ausnahme”, entgegnete ich, “Aber du bist dennoch jederzeit willkommen.” Erst jetzt bemerkte ich, dass neben Lars und Vriska noch etwas fehlte, der Hund. Treudoof wie so ein Welpe war, musste Nivi mit den beiden und Dog verschwunden sein. Darum hätte ich mir im Normalfall auch recht wenig Gedanken gemacht, doch ich schätzte, meine Schwester wäre mit dankbar, wenn ich nicht gleich ihren Hund verlor. Ich pfiff einmal und tatsächlich kam wenig später ein zimtbraunes Hundebaby mit wehenden Ohren angerannt.
      “Oh, wer ist denn die kleine Maus, ist es deine? ”, sprach Enya erfreut und hockte sich zu dem Hund, der aufgeregt mit dem Hinterteil wackelte.
      “Nein, Nivi gehört meiner Schwester”, erklärte ich lächelnd, “zwei Pferde sind fürs Erste genug Haustiere.” Der Welpe war mittlerweile unter ihren Händen umgefallen und bot genüsslich den kleinen rosa Bauch dar.
      „Ja, gut, da magst du wohl recht haben, zumal hier auch ausreichend Hunde umherspringen", nickte sie verständnisvoll. Einen Augenblick lang kraulte sie noch den Hund, bevor wir uns schließlich aufmachten, die beiden Hengste vom Paddock zu holen.
      „Deine Schwester ist also schon da, nehme ich an?", regte die große Blonde interessiert ein Gespräch an, während wir durch den hohen Schnee stiefelten.
      „Genau, gestern angekommen. Hat dein Freund das etwa nicht erzählt?“, fragte ich leicht verwundert nach. Für gewöhnlich kommuniziert Samu recht viel und scheute nur selten davor Informationen nicht für sich zu behalten, sofern man ihn nicht anderweitig instruiert.
      Enya lachte herzlich: „Nein, den müsst ihr ganz schön gefordert haben. Samu kam nach Hause und ist gewissermaßen sofort ins Bett gefallen. Richtig niedlich, wie ein Teenie, der das erste Mal lange aus war.“ Niedlich, es war gestern zwar noch ziemlich spät geworden, aber etwas wirklich Anstrengendes hatten wir nicht gemacht. Dafür war mit bereits gestern früh aufgefallen, dass mein bester Freund ziemlich müder wirkte, aber mit der Sprache rausrücken, wollte, was er des Nächsten getrieben hatte.
      „Ich glaube, nicht, dass der gestrige Abend daran schuld ist", feixte ich und griff nach dem Halfter, die an einem Haken neben dem Tor hingen. Enya schmunzelte nur verschwiegen, ein Zeichen, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Suchend glitten meine Augen über die Pferdeleiber, die gegen die Kälte zusammen gedrängt zusammenstanden. Legolas entdeckte ich schnell. Entspannt dösen stand er zwischen zwei braunen, doch mein Hengst schien unsichtbar. Nein, Stopp …
      „Na, der sieht wieder großartig aus", seufzte ich, als ich ihn schließlich doch entdeckte. Natürlich war der eigentliche weiße Hengst, mal wieder der dreckigste von allen. Einzig die Stirnseite seines Kopfes war nicht mit Schlamm bedeckt und ließ die eigentliche Farbe erahnen.
      “Wie gut, dass ich Zeit mitgebracht habe”, grinste meine Begleitung, “zusammen bekommen wir den schon wieder sauber.” Ihn sauber zu bekommen stand weniger infrage, immerhin funktionierte der Wasserschlauch auch im Winter, aber Ivy würde bis morgen doch niemals sauber bleiben.
      “Danke, dafür wird Lego sicher schnell gehen mit seiner Decke”, bedankte ich mich für das Hilfsangebot und schlüpfte durch den Zaun in das Gatter. Treudoof kam das Schlammmonster bereits an getrottet und drückte mir freundlich die Schnauze ins Gesicht. Während ich warte, bis auch Enya den Hengst ihres Freundes geholt hatte, versuchte Ivy sich einige Leckerlis zu erschleichen, indem er sämtliche Tricks, die er könnte, unaufgefordert vorführte. Natürlich erreichte er damit nicht sein Ziel. Denn auch wenn er niedlich war, hatte er in den letzten Wochen doch ein wenig Speck angesetzt, weshalb ich ein wenig genauer darauf achtete, wie viel er zu fressen bekam.
      „Du kannst Lego erst einmal in die freie Box stellen, dann muss er nicht die ganze Zeit auf dem Putzplatz warten, bis Ivy sauber ist", sprach ich zu Enya, als wir im Stall ankamen. Sie nickte und entließ den Hengst, der sich unmittelbar seinem Boxennachbarn widmete. Brummeln erklang, ein kurzes Quietschen und dann kehrte wieder Ruhe ein. Meinen Freiberger hingegen stellte ich direkt in die Waschbucht. Mit einer Bürste brauchte ich in seinem Zustand gar nicht erst anzufangen. Jacke und Pulli legte ich in weiser Voraussicht zur Seite und wies auch Enya an, sicherheitshalber etwas Abstand zu bewahren. Divine besaß das meistens eher unerwünschte Talent alles binnen Sekunden zu überfluten und dabei war es egal, ob das Wasser aus einem Eimer oder einem Schlauch stammte.
      Wie immer genehmigte der Hengst sich zuallererst einen ausgiebigen Schluck Wasser aus dem Schlauch, dabei biss er in den Strahl und schüttelte mit dem Kopf, wodurch die Wassertropfen in alle Richtungen flogen. Erst danach durfte ich das Wasser auf sein Fell richten. Schlammige Wassermassen, ähnlich denen in Afrikas Regenzeit, rannen durch das dichte Fell und legten allmählich die darunterliegende Farbe frei.
      “Enya, könntest du mir bitte etwas aus der Sattelkammer holen? Irgendwo im Schrank müsste eine Flasche Schimmelshampoo stehen”, bat ich Enya, die an die Wand gelehnt auf ihrem Handy herumtippte. Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, würde ich sagen, ihr Freund war mittlerweile erwacht.
      “Na klar, bin gleich zurück”, entgegnete sie und tippte im Gehen weiterhin fleißig in ihr Handy. Es wirkte beinahe so intensiv, wie Vriska, als sie noch mit dem Unbekannten alias Erik schrieb. Was Samu wohl für offenbar hochinteressante Nachrichten senden mochte? Niedliche Morgengrüße oder doch eher Nachrichten der anderen Art?
      Noch bevor ich mir die Inhalte genauer ausmalen konnte, kehrt die große Blondine mit dem Wundermittel zurück.
      “Du hast ja ganz schön teures Zeug für dein Pferd”, stellte sie fest und reichte mir die Flasche. Neugierig schnupperte Ivy an dem Plastik, schnappte in den Deckel, ließ aber relativ schnell, davon ab, als er feststellte, dass es nicht essbar war.
      “Wie auch immer er das anstellte, findet er immer den hartnäckigsten Dreck, da ist das leider notwendig”, erklärte ich und verteilte die lila Flüssigkeit auf Ivys Rücken, “Aber wenn man es genau nimmt ist das auch eigentlich Smoothies.”
      “Ah, verstehe, das ist dann natürlich ziemlich Geldbeutel schonend”, lachte sie und begann hilfsbereit die andere Seite einzureiben. Bereits nach wenigen Minuten schloss der Freiberger genüsslich die Augen und begann zu dösen, das Wellenessprogramm war offenbar zufriedenstellend. Mit ihrer Hilfe war Divine recht schnell komplett eingeseift und auch wieder ausgewaschen.
      „Dann muss er jetzt nur noch trocken, dann können wir loslegen", sagte ich erfreut. Mähne und Schweif fielen seidig und das Fell erstrahlte wieder in schneeweißen Pracht. Während Enya sich nun daran machte Legolas zu putzen, fette ich meine Hengst auch gleich noch die Hufe. Wenn Beauty-Tag: dann richtig!
      Eine halbe Stunde später stand Divine schließlich trocken und frisiert auf dem Hallensand. Damit ich ihn morgen nicht gleich wieder waschen musste, hatte ich Mähne und Schweif eingeflochten und letzteren ausnahmsweise sogar mal bandagiert. So ordentlich hatte der Hengst, glaube ich, noch nie ausgesehen. Legolas gab ein ähnlich elegantes Bild ab, nur dass er in seiner natürlichen Pracht glänzte. Um den Welpen, der während der ganzen Waschprozedur auf Dogs Decke Platz genommen hatte, im Augen behalten zu können, platzierte ich Nivi samt Decke in der vordere Ecke, wo sie hoffentlich auch sitzen bleiben würde. In aller Ruhe wärmten wir die Pferde auf und bekamen sogar ein paar neugierige Zuschauer. Allerdings schickte ich meine Schwester mit sämtlichen anderen Zuschauen hinfort, bevor wir begannen, den eigentlich Auftritt durchzugehen. Es würde schon unerträglich genug werden, wenn sie am morgigen Tage den Vergleich herstellen konnten, wie plump und ungelenk der junge Freiberger neben dem deutlich erfahrenen Warmblut wirkte. Eventuell hätte ich mich doch für Redo entscheiden sollen, aber für einen Pferdewechsel war es nun auch zu spät. Aktiv und aufmerksam folgte Ivy meinen Anweisungen und, bis auf ein paar Verhaspler, die entstanden, weil ich die Reihenfolge durcheinanderbrachte, lief dieses letzte Training gut. Blieb nur zu hoffen, dass mir morgen nicht dasselbe passierte.

      Drei Stunden später

      Vriska
      „Deine Familie ist da, oder?“, fragte Lars, nach dem ich mit dem Traktor einen neuen Heuballen für die Hengste geholt hatte. Obwohl ich nicht viel mehr tat, als obendrauf zu sitzen, schwitzte ich wie ein Leistungssportler und bereute es kurzzeitig, mit dem Rauchen vor Jahren angefangen zu haben.
      „Ja, wieso?“, versuchte den Zweck seiner Frage zu hinterfragen, aber bekam nicht mehr, als ein verschmitztes Lächeln. Meine Vermutung, dass Madly ihn ausgefragt hatte, verstärkte sich. Ich erzählte ihr indirekt von ihm, nannte nur keinen Namen. Allerdings gab es nicht so viele hübsche Herren auf dem Hof, sodass meine Schwester womöglich schnell herausfand, wen ich meinte. Er verschwand, um das Werkzeug zurückzubringen und ich schwang mich aus dem gepolsterten Sitz des Fahrzeugs.
      Wir hatten alle grundlegenden Aufgaben erledigt und für meine Begleitung standen noch drei Pferde auf dem Trainingsplan. Also lief ich ihm nach, weiterhin zerrissen von kleinen Gewissensbissen. Maxou hatte mich vermisst, so sehr, dass sie sich beinah das Bein brach. Dennoch lag schwer mein Versagen im Magen.
      Nur zwei Einsteller traf ich bei der Arbeit, die mich mit ihren eindringenden Blicken komplett aus dem Konzept brachten. Reiten wurde immer mehr meine Leidenschaft. Dass ich aus so hoher Selbstüberschätzung mich wörtlich aufs falsche Pferde setzte und einfaches Training vergeigte, nagte an mir.
      „Vivi, wird wohl Zeit für den nächsten Schritt“, sagte Lars und drückte mir ein Halfter in die Hand. Instinktiv nahm ich es entgegen, bevor ich überhaupt begriff, was er wollte.
      „Was für ein nächster Schritt? Tut mir leid, aber ich möchte dich nicht Heiraten“, schmunzelte ich. „Zudem ist ein Halfter wahrlich kein guter Ring.“
      „Wie es mir scheint, hatte Lina recht. Du bist ein Scherzvogel“, spiegelte er meine Stimmung, aber entschied sich für einen weiteren Schritt. Langsam kam er näher, so nah, dass der markante Geruch seines Parfüms in meiner Nase kitzelte. Es fühlte sich an, als könnte ich den warmen Atem durch meine Kleidung spüren, aber es war viel mehr mein Blut. Kräftig donnerte das Herz in meiner Brust, wie der Bombenschlag im Kriegsgebiet, das sich Emotionen nannte.
      „Und du bist mir ziemlich aufdringlich heute, oder planst du etwas anderes zu reiten?“, stieg in sein kleines Spiel ein, das ihn nur noch mehr befeuert. Ohne mich zu berühren, schob mich Lars immer dichter an die Wand, um schließlich seine Hand nahe an meinem Kopf abzustürzen. Nur schwer konnte ich den Blick von seinen grünen Augen lösen, die mich lüstern anblitzten.
      „Eigentlich wollte ich mit dir fahren, aber Reiten klingt nach einem Plan.“ Von einem auf den anderen Moment unterbrach sich die Spannung zwischen uns beiden, nur sein freches Grinsen lag noch auf den Lippen. Er hatte seine Hand von der Wand genommen und griff nach meiner, die noch immer das Halfter umklammerte.
      „Was denn jetzt los?“, hakte verunsichert nach.
      „Habe ich doch gesagt, wir gehen Fahren“, wiederholte er, aber ich verstand gar nichts mehr. Widerrede war zwecklos. Dennoch folgte ich ihm flink zu den Boxen. Interessiert lugte Maxou heraus. Laut wieherte sie und als ich weiterlief, begann der Aufstand erneut.
      „Kümmere dich um dein Pony, ich musste vor ein paar Tagen bereits ihre Box reparieren“, merkte Lars scharf an, offenbar hatte sie dafür gesorgt, dass keiner mehr ein Auge schließen konnte. Nickend drehte ich mich um und lief zu ihr. Die Ohren wippten aufmerksam nach vorn, als ich die Hand ganz langsam in ihre Richtung hielt. Wie ein Fisch nippten die Lippen an den Fingerspitzen, als gäbe es etwas Interessantes zu entdecken. Aber ich zögerte, traute mich noch immer nicht, aus eigener Motivation zu ihr vorzudringen. Beinah regungslos stand ich vor der Box, versuchte ich mich für eine der inneren Stimmen zu entscheiden, die einen intensiven Diskurs führten, was passieren sollte.
      Dass jemand von der Seite kam, mit einem Pferd, bemerkte ich zunächst an den angelegten Ohren meiner Stute, dann hörte ich Hufschlag. Augenblick, das klang unrein. Verwirrt drehte ich mich zur Seite, von der Lars mit Plano ankam und einem Eisen in der Hand.
      „Hast du wohl noch einmal Glück gehabt“, scherzte er, offenbar sollte ich den Jungen Hengst nehmen, der alles andere als einfach am Sulky war.
      „Und jetzt?“, hakte ich nach.
      „Ich sage Papa Bescheid, der macht das später wieder an den Huf“, erkläre Lars zuversichtlich und ließ mich den Beschlag an eine geeignete Stelle legen. Entschieden wählte ich die Bank vor seiner Box, offensichtlicher konnte es nicht sein.
      „Dann kann zurück ins Zimmer?“ In Zeitlupe setzte ich einen Fuß nach dem anderen Turm Ausgang, aber er schüttelte entschlossen den Kopf.
      „Fräulein, wir haben noch was zu tun.“ Seine Beharrlichkeit schmeichelte mir zu tief. Ich stoppte in meiner Bewegung, um ihm den Sieg zu überlassen.
      „Nun gut“, ich seufzte, „was hat der werte Herr geplant?“
      Fest entschlossen lief er los, offenbar überzeugt, dass ich ihm blind vertrauen würde. Um ihn diesen Zahn zu ziehen, blieb ich unbewegt an meiner Stelle stehen und betrachtete, wie äußerst elegant er sich den Weg zu den Hengsten bahnte. Aufgeregt wieherte Astronaut in seiner Box, die er aktuell für sich allein hatte. Augenscheinlich war von der großen Pracht an Rennpferden nur noch ein Drittel am Stall verblieben, während der Nachwuchs noch auf der Weide verweilte. Selbst Lotti, in der noch so viel Hoffnung lag, wurde von einem zum anderen Tag Zuchtstute. Bei Nachtschatten gab es ohnehin keine Möglichkeiten mehr für die Rennbahn, dafür war ihr letztes Rennen nicht nur zu lange her, sondern auch problematisch verlaufen. Ein junger Fahrer hatte vor der Ziellinie seinen Hengst nicht im Griff und raste in ihren Wagen. Dieser Schock saß tief bei der sechsjährigen.
      „So macht das kein Spaß. Wenn ich andauernd betteln muss, dann geh bitte“, drehte sich Lars zu mir um.
      „Du sagst mir nicht einmal, welches Pferd, also was soll ich dann tun?“, zertrete ich. Er zuckte mit den Schultern und zeigte zu Lu, der schon die ganze Zeit aus der Box blickte.
      „Der steht unter Linas Pflege“, erklärte ich.
      „Ach so, dann“, wieder überlegte er und sah sich suchend im Stall um. So groß war die Auswahl nicht, da konnte ich nachvollziehen, dass nichts für mich dabei war. „Wunderkind. Der passt zu dir.“
      „Jetzt warte doch mal“, zog ich ihn am Arm zurück, er stoppte. „Ich habe Angst.“
      „Wo vor? Wunderkind schläft doch schon beim Putzen ein“, wunderte Lars sich und drückte die Augenbrauen zusammen.
      „Versagen“, murmelte ich bei gesenktem Kopf.
      „Schau doch mal: Ich bin die ganze Zeit bei dir. Wunderkind ist eine Schlafnase und du schon ein großes Kind. Zu Weihnachten wünsche ich mir so sehr, dass wir durch den Wald fahren.“ Lars stand dicht bei mir, strich mir mit seiner warmen für die Wange. Der Anflug eines Lächelns umspielte meine Lippen. Für einen langen Augenblick sah er mich an und flehende Hitze in seinem Blick, ließ mir den Atem stocken. Obwohl er zuvor nicht einen Hauch von Ablehnung vermittelte, zweifelte ich an seinem Interesse, der Grund lag nah. In meinem Kopf geisterte selbstverständlich noch Erik, den ich mit allerlei Bekanntschaften verdrängte aber am Stall, kam natürlich erlebtes wieder hoch.
      Ich schüttelte mich. Vergangenes war Vergangenheit und der kleine Flirt fühlte sich nach einem Neuanfang an. Zart drückte ich meine Lippen auf seine Wange, ehe ich ihm das Halfter aus der Hand klaute, um den Schecken von dem Paddock zu holen.
      Wunderkind stand in der letzten Ecke im Sand und ich hüpfte zwischen den Pfützen hinweg zu ihm, dicht gefolgt von Shaker, der meine Bewegungen äußerst interessant fand. Er schnupperte wieder an meinem wippenden Dutt, aus dem einige der Dreadlocks herausgerutscht waren. Einmal schnappte er sogar nach einer, bekam einen Schubser von mir. Der Schecke kam mir die fehlenden Meter entgegen und ich zog ihm das Halfter über die Ohren. Den Schopf sortierte ich darüber.
      Im Stall putzte Lars bereits Dustin, der hysterisch begann zu wiehern, als Hufschlag auf dem Beton durch die Halle schallte. Zufrieden grinste die Dunkelhaarige, aber verkniff sich weitere Kommentare. Wieder zögerte ich. Er streckte mir einen Striegel entgegen, mit dem ich im nächsten Augenblick die großen Sandflächen aus dem hellen Fell entfernte. Auf dem Boden zeichnete sich die genaue Position von uns ab. Zum Abschluss kratzte ich die Hufe aus. Lars brachte mir sein Geschirr mit, nach dem Dustin bereits fertig gemacht war. Ungeschickt hob ich einen Lederstriemen nach dem anderen in die Luft, um den Anfang zu finden.
      „Jetzt hilf mir bitte“, stöhnte ich, nach dem er sich vor Lachen bereits krümmte. Den Brustgurt hatte ich kurz als Bauchgurt um den Hengst gelegt, der jeden Handgriff mit sich machen ließ.
      „So schwer ist das doch nicht“, scherzte er und griff mir über die Schulter. Unter seinem Arm wollte ich abtauchen, damit er mehr Platz am Pferd hat, aber er hielt mich davon ab.
      „Sieh richtig hin“, wies Lars mich an. Langsam zeigte er mir noch einmal die richtige Reihenfolge zum Gurten, obwohl ich wusste, wo, was hingehört. Kurzzeitig stoppten meine Gehirnzellen.
      „Ich möchte euch ja ungern stören“, räusperte sich jemand hinter uns, „aber hat einer von euch vielleicht meinen Hund gesehen oder alternativ meine Schwester?“ Als ich mich umblickte, entdeckte ich Juli. Ihr Freund, den sie im Schlepptau hatte, blickte ein wenig skeptisch die Tier in den Boxen an und hielt einen sicheren Abstand zu ihnen.
      „Wart ihr schon im Büro nachschauen?“, fragte Lars und zeigte dabei mit gestrecktem Arm zur ersten Hütte an der Hallenbande. Ich schmiegte ich zur gleichen Zeit näher an ihn heran, es forderte mich undefiniert vor anderen ihm näherzukommen. Er hatte offensichtlich kein Problem damit, sondern drückte mich noch näher an seine breite Brust.
      „Nein, aber dann schaue ich da mal. Danke“, bedankte sie sich freundlich und verschwand schmunzelnd in genannte Richtung.
      „Wollte da etwa jemand die Besitzansprüche verdeutlichen?“, grinste er vertieft in meinen Augen. Auch hing an ihm fest. Was war das nur? Ich konnte mich doch umgehend in den nächsten Typen verlieben, aber das Potenzial dafür strahlte bereits. Es schrie in mir, ihn zu küssen, doch hielt mich zurück.
      „Eventuell, aber komm jetzt, bevor ich es mir anders überlege“, sagte ich entschlossen und lief mit ihm zusammen zur Sattelkammer, um Helm und Brille zu holen.
      „Spritzschutz ist am Wagen?“, überlegte ich laut, als mich das Plastik aus dem Regal entgegenlächelte.
      „An deinem nicht, also nimm lieber mit.“ Er schloss seinen Helm und wechselte noch die Hose. Ich für meinen Teil bevorzugte den Ganzkörperanzug und stieg mit meinen Reitsachen hinein.
      Schritte näherten sich und Linas Schwester tauchte erneut auf
      „Im Büro war sie nicht hab ihr sonst noch eine Idee, wo ich suchen kann?“, fragte sie.
      „Dann kann sie nur bei uns in der Hütte sein“, kam es mir als letzte Idee.
      „Danke, dann euch zwei noch viel Spaß“, sagte sie und verschwand. Komisch, Lina konnte doch nicht vom Schnee verschluckt worden sein? Ich zuckte mit den Schultern und verließ ebenfalls mit Lars die Sattelkammer. Es war erstaunlich, wie schnell er das Chaos beseitigte hatte und man in kurzer Zeit alles fand.
      Zusammen hingen wir die Sulky an. Immerhin musste ich nicht gurten, sondern hatte einen Schraubverschluss, der nur zur Sicherheit festgezurrt wurde. Aber der Herr der Schöpfung konnte natürlich alles. Meine Augen folgten seinen Händen, wie sie galant das Leder durch die Riemen zogen und den Verschluss schlossen. Dustin wippte dabei mit dem Kopf, konnte es kaum abwarten, durchzustarten. Wunderkind hingegen schlief beinah ein, wie Lars es prophezeite. Ich hatte mit dem Schecken kaum zu tun, aber unter Tyrell im Sattel kannte ich ihn als unberechenbares Pferd. Manchmal sprang er verschreckt zur Seite oder hängte sich an den Hintern eines anderen Pferdes im Sand, ließ sich fortan nirgendwo anderes lenken.
      Nacheinander führten wir die Traber aus dem Stall, sprangen im Schritt auf den Sitz und positionierten uns parallel. Spielerisch schnappten sie sich. Zwischendurch sprühte der Schnee nach oben, aber der Schutz an meinem Sulky war zu groß, damit bekam ich zur Abwechslung nichts ab.
      Lars konzentrierte sich auf Dustin, setzte sich streckenweise mehrere Pferdelängen voraus, um dann ihm in der Geduld zu schulden. Nur einmal trabte ich mit, aber entschied im Schritt zu bleiben. Bei fehlendem Beschlag rutschte Wunder mehrmals auf dem nass feuchten Untergrund. Um sich zu halten, gab ich ihm die Leinen und der Hengst balancierte sich von selbst. Im Wald selbst war es beinah still. Nur das Meeresrauschen drang gedämpft zu uns vor und vermischte sich mit dem Rascheln der Hufe im halbhohen Schnee und Matsch.
      „Und? Auf einer Skala von null bis Zehn, wie glücklich bist du?“, bremste Lars Dustin ab und positionierte sich neben uns.
      „Jetzt gerade?“, kurz sah ich zu ihm, „ich denke, dass es eine gute sieben ist.“
      „Sieben? Klingt vielversprechend“, schmunzelte er und zupfte dabei an den Leinen, um Dustin in seinem Grundtempo zu stoppen. Gar nicht zufrieden mit der Situation, tippelte der Braune voran und wippte mit dem Kopf.
      „Ich verstehe nicht, was er heute hat. Wir hatten diese Woche so viele Heats, da müsste er ein Lämmchen sein“, schüttelte Lars mit dem Kopf.
      Ich hob nur die Schultern. Wunderkind war glücklicherweise eins. In gleichmäßigen Schritten setzte er durch den Wald, sah sich bei nahen Geräuschen um und streckte den Kopf. Zwischendrin schnaubte er ab, dann lobte ich ihn. Ehrlich gesagt konnte ich mir nur schwer vorstellen, warum Lars so sehr mich am Pferd sehen wollte, aber er hatte gute Arbeit geleistet.
      Im Stall begegneten wir tatsächlich mehreren Einstellern, unter anderem einer Mädchen, die kichernd neben meiner Schwester saß. Obwohl es offenbar Kommunikationsschwierigkeiten gab, waren sie sich einer Sache sicher: Lars ist verdammt heiß. Dem konnte ich nichts entgegensetzen, aber sie, mich komplett ausblendeten, lag mir schwer im Magen. Zumindest Madly sollte dahinter gestiegen sein, aber hing mit jedem Blick an dem jungen Herren neben mir. Es wurde erst ruhiger, als ich mit ihm das Equipment in die Kammer brachte.
      „Das geht seit Wochen so. Egal, wo ich bin, alles tuschelt um mich herum, anstelle mich ansprechen“, sprach er umgehend das Thema an.
      „Mh“, brummte ich nur.
      „Was denn los?“, fragte er verärgert.
      „Du siehst nun mal umwerfend aus und das fällt als Erstes auf. Dass du zudem auch noch ein Lexikon über Pferdewissen hast, können sie nicht wissen, weil du bereits auf dein Aussehen reduziert wurdest“, zuckte ich unbeeindruckt mit den Schultern. Natürlich schloss ich mich dieser Meinung an, kam jedoch schon in den Genuss von mehr. Auch in Anbetracht an den heutigen Arbeitstag.
      „Aha?“, niedlich zuckte ein Lächeln auf seinen Lippen. Möglichst neutral versuchte er meine Aussage anzunehmen, aber das bewusst einen Schritt auf ihn zu machte, brachte ihn aus dem Konzept. Lars setzte zurück, stolperte über einen Eimer und landete auf dem Boden. Zuvor griff er nach meiner Hand, um mich mit sich in den Abgrund zu ziehen. Ungünstig landete ich auf ihm, doch er richtete mich direkt richtig, dass ich auf seinem Unterleib saß. Neben uns polterten mehrere Gurte auf den Boden, die einen höllischen Lärm verursachten. Aber ich wurde umgehend abgelenkt. Seine Händen strichen verführerisch über meine Oberschenkel. Überall in mir zuckte es, zerrend verbreitete sich Wärme vom Bauch aus. Ich schenkte ihm ein verträumtes Lächeln. Hundegebell erklang und just im selben Augenblick tapste ein Hundekind herein. Aufgeregt rotierte die Rute des Tieres durch die Luft und sie schnupperte an uns. Lange dauerte es nicht, bis dem Hund auch noch menschliche Schritte folgten.
      “Alles in Ord …”, setzte Lina bei Betreten der Hütte eine Frage an, brach allerdings ab, als sie uns auf dem Boden entdeckte. Stattdessen begann sie breit zu grinsen: “Ich sehe schon, ich brauche nicht weiter zu fragen.”
      Lars' Hände waren mittlerweile an meine Hüfte gewandert und wir starrten einander nur an. Peinlich berührt durch ihre plötzliche Erscheinung legte sich ein intensives Rot auf meine Haut.
      „Ähm“, stammelte ich unsicher, „das ist aus Versehen passiert.“
      Synchron begannen beide zu lachen.
      „Jetzt tu doch nicht so“, richtete sich Lars etwas auf. Ich spürte seine eindringenden Blicke auf mich, als würde er etwas erwarten. Noch mehr fehlten mir die Worte.
      “Ach, alles gut”, schmunzelte sie noch immer, “macht doch, was ihr wollt. Aber wenn ihr dabei allein bleiben wollt, solltet ihr das nächste Mal vielleicht weniger Lärm machen.”
      „Ich wollte gar nichts!“, versuchte ich mich zu verteidigen, nicht einfach. Endlich ließ er seine Hände von mir und konnte aufstehen. Neben Lina standen bereits die großen Eimer, voll mit drei Maß Hafer und verschiedener Kräuter. Zusätzlich bekam Dustin noch etwas für seine Gelenke.
      “Okay, du bist ein willenloses Wesen, ganz ohne Hintergedanken”, nickte sie, bemüht, das Schmunzeln zurückzudrängen. Der Welpe erkundete mittlerweile die heruntergefallenen Gegenstände, schlüpfte unter den unterschiedlichsten Strängen hindurch, kletterte darüber und begann dabei alles noch ein wenig mehr durcheinanderzubringen.
      “Heißt der Zweite da, dass du auch am Pferd warst oder kann Lars mittlerweile zwei Pferde zugleich trainieren?”, kam Lina nun auf ein anderes Thema zu sprechen.
      „Tatsächlich ist sie gefahren“, ergriff er beherzt das Wort und befreite die Geschirrunterlage vom Welpen, der versuchte an einem der Gurte zu ziehen. Auch ich bückte mich zu den Trensen herunter, die zuvor auf dem Bock lagen.
      “Oh, schön. Das ist ja schon ein großer Schritt in die richtige Richtung”, lächelte sie.
      „Da kommt noch mehr“, munkelte der Herr und reichte mir die andere Trense. Weiterhin versuchte ich mich aus dem Gespräch fernzuhalten. Andere trafen bessere Entscheidungen für mich, langsam sah ich diese Tatsache ein. Nacheinander hängte ich das Leder weg und damit waren wir fertig.
      “Du willst sie doch nicht etwa heute auch direkt auf Pferd setzen?”, hakte sie von Neugierde erfüllt nach. Frech huschte ein Lächeln über seine Lippen.
      „Das vielleicht auch“, feixte er.
      “Ich frage mal lieber nicht weiter”, lächelte sie irritiert, mehr, als sei es eine Übersprunghandlung und holte mit einer Geste Nivi zu sich, die gerade den nächsten Gegenstand als Spielzeug erwählen wollte.
      „Das“, betonte ich seine Anspielung ebenso zweideutig wie er, „bedarf mehr als deine Entscheidung. Ich muss schließlich meine Familie ertragen.“ Zusammen lachten wir und liefen mit den Eimern heraus. Vorsorglich schloss Lars die Tür, um den übermütigen Hund rauszuhalten.
      „Kommst du mit?“, fragte ich im Anschluss Lina, die nicht sonderlich beschäftigt wirkte. Vermutlich die Ruhe vor dem Sturm.
      “Jap, schließlich muss noch ein wenig Zeit Tod geschlagen werden”, nickte sie und folgte uns, während das kleine Fellknäuel mit Vollgas an uns vorbeischoss.
      „Wann fängt es denn bei euch an?“, informierte Lars sich. Aus meiner Hand nahm dem grünen Eimer für Dustin. Gierig drückte er den Kopf voran, um so schnell wie möglich sein Futter zu haben, aber er ließ sich Zeit.
      “Also Samu wollte mit seiner Familie so zwischen sechs und sieben hier auftauchen, aber seine Freundin samt Familie kommen ein wenig später, weil sie noch in die Messe gehen”, gab Lina Auskunft über die Pläne. Dann setzte er direkt fort, nur ich verschwand aus der Situation. Wunderkind hatte seinen vollen Eimer einige Meter entfernt vollständig aufgefressen, durfte damit zurück zu den anderen Jungs. Bei meiner Rückkehr standen die beiden noch immer da, vertieft über Erzählungen über die Feiertag. Kaum hatte ich mich verabschiedet, nahte Bedrohung von vorn. Meine Schwester und Mutter gefolgt mit Harlen kam auf uns zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht bemerkten, versteckte ich mich hinter Lars.
      „Was wird das?“, flüsterte er mir zu.
      „Ich hasse Weihnachten und verstehe nicht, wieso die das so ernst nehmen.“ Doch es war zu spät. Mein Bruder erspähte mich mit seinen Adleraugen, während Madly ihm immer wieder etwas Trällerndes auf dem Handy zeigte.
      „Hier steckst du“, lächelte Mama, „aber wie siehst du denn aus.“
      Auf der Hose waren vom Matsch einige Spritzer, so auch auf den Stiefeln. Meine Hofjacke hatte freilich bessere Zeiten erlebt, aber Arbeitskleidung durfte dreckig werden. Dafür gab es Waschmaschinen.
      „Es tut mir leid. Ich werde mich umziehen gehen“, duckte ich mich weg.
      „Schon gut, aber beim nächsten Mal“, es wird kein nächstes Mal geben, dachte ich insgeheim, „achtest du bitte darauf. Was sollen die Leute denken?“, appellierte sie. Ja, genau. Was sollten die Leute nur denken von der Gestörten am Hof. Ganz kritisch.
      Harlen nahm ihren Arm in den Haken und lief weiter. Auf meinen Lippen formte ich ein Danke, damit blieb nur Madly, die auch sofort zu Lina tigerte.
      „Hey, ich bin Vivis Schwester, aber in cool. Hast du einen Führerschein?“, charmant wie immer. Tatsächlich packte sie das Handy für einen Augenblick zur Seite.
      “Oh cool, Vorstellungsrunde, jeder sagt eine Sache, für die er qualifizierter ist”, sprach sie. Offenbar schien sie Madly nicht wirklich ernst zu nehmen.
      “Ich bin Lina und ja, ich habe einen Führerschein”, wandelte sie die Unhöflichkeit der kleinen Nervensäge in eine pädagogische Übung.
      „Ich bin Lars, und“, er überlegte ziemlich lange, mir fielen direkt mehrere Sachen ein, für die er qualifiziert war, aber er schwieg.
      „Und du bist heiß, ja wissen wir“, rollte Madly mit den Augen. Vorhin schien ihr das noch essenziell, das Leben der jungen Generation war wirklich kurz.
      „Aber gut, Lina. Kannst du mich hier wegbringen? Alle weigern sich, aber ich ertrage das nicht. Es riecht eklig und Internet gibt es auch nicht“, jammerte sie.
      “Könnte ich wohl, aber ehrlich gesagt steht das heute nicht auf meiner Agenda. Was das Internet angeht, das ist Mitarbeiter und Einsteller vorbehalten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass deine Geschwister in dem Fall wohl möglich eine Ausnahme machen könnten”, sagte Lina äußerst diplomatisch und unbeeindruckt von ihrem Gezeter. Madly gegenüber schien die Brünette auf einmal eine Selbstsicherheit an den Tag zu legen, die sie sonst nicht aufzubringen vermochte.
      „Findest du nicht auch, dass ich etwas aufgemuntert werden sollte, nach so einer Frechheit?“, flüsterte mir Lars gleichzeitig zu.
      „Vielleicht, aber da kann ich dir vermutlich nicht helfen“, sprach ich genauso leise und schmiegte mich wieder eng an ihm. Obwohl mir jegliche Feiertage ein Dorn im Auge waren, lag etwas Magisches in der Luft, das mich immer wieder zu ihm zog. Er war daran auch nicht ganz unbeteiligt und schien meine Nähe geradezu zu genießen. Seinen Arm legte er an meinen Rücken, um mich noch enger zu halten.
      „Das wäre schon unfair“, merkte ich schließlich an, „ich habe nicht einmal mein Handy wiederbekommen.“
      „Du bist alt. Was willst du auch damit?“, konnte meine Schwester sich offenbar nicht zügeln. „Außerdem solltest du das nachher wieder bekommen, aber ich sage jetzt Mama, dass du frech warst.“ Madly schnaubte noch mal und rannte aus dem Stall. Ihre kleinen Absätze klackerten auffällig auf dem Beton, dann ertönte Stöhnen und Beschwerde über das matschige Wetter – Als wäre London so viel trockener!

      Am Abend …

      Lina
      “Lina, du solltest mal langsam fertig werden, Samu hat schon vor zehn Minuten geschrieben, dass sie gleich da sind”, kam meine Schwester mit meinem Handy in der Hand ins Bad marschiert, “Ach, und dein Freund hat etwas geschrieben.”
      “Jaaaa, ich bin ja gleich fertig”, entgegnete ich und zupfte die letzten Haarsträhnen zurecht, “und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du deine neugierigen Augen aus meinen Nachrichten lässt.” Ich kannte meine Schwester, vor ihr war wirklich nichts sicher, so hatte sie mit Sicherheit auch bereits mein Zimmer und die komplette Hütte auf den Kopf gestellt.
      “Schätzchen, ich habe doch schon alles gesehen. Ich glaube kaum, dass man da etwas finden könnte, was mich noch schockiert”, feixte Juli. Noch bevor meine Schwester das Thema vertiefen konnte, hörte ich es an der Tür klopfen. Eilig lief ich zu der Glastür und öffnete diese.
      “Schön, dass ihr da seid, kommt doch rein”, lächelte ich freudig. Nacheinander begrüßte ich erst Samus Eltern, dann seine Brüder und mit Samu bildete seine Schwester das Schlusslicht. Natürlich kam auch ihm eine gebührende Begrüßung zu, die von Eevi allerdings ziemlich schnell unterbrochen wurde.
      “Lina, ich habe dich so lange schon nicht mehr gesehen”, sprach sie höchst erfreut, schob ihren Bruder bei Seite und zog mich in eine Umarmung, die mir beinahe die gesamte Luft aus der Luge, drückte.
      “Schwesterchen, du solltest Lina schon am Leben lassen”, lachte dieser.
      “Sei du mal ruhig, du siehst sie auch ständig. Das verstehst du nicht”, beschwerte sie sich sogleich bei ihrem Bruder, lockerte aber tatsächlich ihren Griff.
      “Klar, ich bin auch nur ein Kerl. Ich kann das gar nicht verstehen”, scherzte er selbstironisch, verschwand aber schließlich, um Juli zu begrüßen.
      “Lina, Schätzchen, lass dich mal ansehen”, richtete Eevi das Wort wieder an mich und drehte mich einmal um dreihundertsechzig Grad, “Du bist ja eine richtig hübsche junge Frau geworden. Ich bin begeistert!” Sicher würde man sich an dieser Stelle fragen, wieso sie sprach wie eine Oma, die ihr Enkelkind mehrere Jahre nicht gesehen hatte. Na ja, weil es nicht ganz so weit von der Wahrheit entfernt war. Meine Oma war sie natürlich nicht, aber letzteres traf zu. Die letzte Begegnung dürfte zu Schulzeit gewesen sein.
      “Danke, aber komm doch erst einmal richtig rein”, lächelte ich und versuchte sie zum Weitergehen zu bewegen, damit ich endlich die Tür wieder schließen konnte.
      “Na, wer ist denn das niedliche Ding?” Eevi hatte Dog entdeckt, der geweckt durch den Trubel von seinem Kissen aufgestanden war und nun durch die Gegend taumelte. Nivi hingegen sprang wie ein Flummi durch die Gegend, dabei war sie den ganzen Tag lang mitgelaufen. Dieser Hund hatte echt einen enormen Energievorrat.
      “Das ist Dog, der Hund meiner Mitbewohnerin”, erklärte ich, bevor ich zu Samu weiterlief, der an der Küchenzeile, schon einmal das Nahrungsangebot begutachtete.
      “So hungrig, füttert deine Freundin dich nicht gut zu Hause”, feixte ich und stieß ihm die Finger spielerisch in die Seite.
      “Doch, das heißt, wenn sie denn zu Hause ist”, lacht Samu, “aber das sieht wirklich vorzüglich aus, was du da vorbereitet hast.” Gierig wollte er schon seine Finger in eine der Schüssel stecken, was ich mit einem Stoß gegen seinen Arm quittierte.
      “Finger weg, aber den Dank musst du an Taavi und Juli richten. Die zwei haben den halben Tag lang gezaubert”, sprach ich und versuchte den Blonden in Richtung des Tisches zu schieben. Natürlich konnte ich nichts gegen seine gut trainierte Körpermasse aussetzen.
      “Du darfst dich darauf stürzen, sobald alle da sind”, probierte ich meiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen.
      “Nicht nett, dass du mich verhungern lässt”, schmollte dieser und verschränkte die Arme vor der Brust. Dennoch entging mir das Zucken in seinen Mundwinkeln nicht.
      “Du verhungerst in einer halben Stunde, aber bevor das passiert, hier”, sprach ich und drückte ihm eine Schale mit Plätzchen in die Hand. Samu schaute nicht schlecht, als er liebevoll verzierten Rentiere, Pferdchen und was mir sonst noch so an Ausstechern in die Hände gefallen war, in der Schüssel sah.
      “Lina, du hast dir viel zu viel Mühe gegeben Essen zu verzieren”, stellte er fest, begab sich aber dennoch endlich zum Tisch. Auch ich begab mich zu einem freien Stuhl zwischen seiner Schwester und Anni, seiner Mutter. Kaum hatte ich mich gesetzt, überfiel sie mich mit einer Frage: “Ich hörte gerade, du hast einen Freund, wie ist der so?” Dass diese Frage jetzt erst kam, verwunderte ich schon ein wenig. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie mit ihren Fragen so lange an sich halten konnte.
      “Niklas ist charmant, unheimlich klug, sieht gut aus …”, lächelte ich zurückhaltend. Nicht dass es mir peinlich war über meinen Freund zu sprechen, doch ich hatte das Gefühl gegenüber Samus Eltern die Worte ein wenig bedacht auswählen zu müssen.
      “Mensch Lina, jetzt untertreib mal nicht, dein Freund ist absolut heiß”, grätschte meine Schwester nun dazwischen. Taavi schien dieser Kommentar weniger zu gefallen, denn er legte ihr unmittelbar die Hand aufs Bein, als stiller Appell, dass sie bereits vergeben war.
      “Juliette”, empörte ich mich, während mir die Röte in die Wagen stieg.
      “Und wo hast du den heißen Niklas versteckt? Wird man den heute noch kennenlernen?”, schmunzelte die Blonde mit funkelnden Augen.
      “Nicht hier, er hat familiäre Verpflichtungen, aber morgen kommt er”, versuchte ich ihre Neugierde zu stillen. Bereits jetzt war sie mir ein wenig zu aufdringlich, zumal seit Julis Einwurf auch Samus Eltern hellhörig geworden waren. Einzig Niila und Joona schien das ganze wenig zu interessieren, denn diese hatten sich mit ihrem Bruder in eine hitzige Diskussion über das letzte Spiel des HIFK vertieft.
      “Wirklich bedauernswert, ich würde zu gerne sehen, wer dich in dieses Land entführt, hat”, entgegnete Eevi schon beinahe vorwurfsvoll, ”Aber dann möchte ich wenigstens Bilder sehen.” Während ich für Eevi ein paar Bilder heraussuchte, stand Juli auf und lief zu der Küchenzeile.
      “Damit du mal ein wenig redseliger wirst”, kicherte sie mir ins Ohr und schenkte mir ein Glas aus der grünen Flasche ein, bevor sie auch den Rest daraus anbot.
      In den folgenden zwanzig Minuten musste ich Eevi zahlreiche Fragen beantworten, wobei sie durch die schalkhaften Kommentierung meiner Schwester auch noch angefeuert wurde. Vorübergehend erlöst wurde erst als Samus Freundin endlich eintraf.
      Bereitwillig lief Samu zur Tür, um den Nachzüglern Einlass zu gewähren. Enya, die ich sonst nur im Alltagslook kannte, hatte eine wahrhafte Verwandlung durchgemacht. Engelsgleich erschein sie in einem schlichten weißen Kleid, welches ihrer außerordentlich schönen Figur schmeichelte und ihr goldblondes Haar fiel in leichten Wellen über ihre Schultern.
      “Warum hast du denn nicht erzählt, dass mein Bruder so eine hübsche Freundin hat”, tuschelte Eevi mir leise zu, während mein bester Freund, ganz der Gentleman, den neuen Gästen die Jacken abnahm.
      “Du hast mich ja kaum zu Wort kommen lassen”, entgegnete ich wahrheitsgemäß. Bevor sie noch etwas entgegnen konnte, kam allerdings ein strahlender Samu mit seiner Schönheit am Arm an den Tisch. Wohlerzogen stellte er Enya zuerst seinen Eltern vor, bevor sich die gesamte Familie Bäcklund auf die verbliebenen Plätze begab.
      “Wo jetzt alle da sind, möchte ich euch noch einmal herzlich willkommen heiße. Danke, dass ihr alle, den weiten Weg nach hier draußen auf euch genommen habt, um heute hier zu sein. Viel länger möchte ich euch auch nicht mehr vollquatschen. Somit God Jul und guten Appetit”, richtete ich meine Worte an die versammelte Menge und gab damit das Buffet frei. Frohsinn lag in der Luft und durchströmte auch mich. Über die Gespräche beim Essen konnte ich eine Menge neuer Informationen über die Geschehnisse in der Heimat erlangen, während Eevi damit beschäftigt war, der Freundin ihres Bruders auf den Zahn zu fühlen. Exponentiell zu den sich leerenden Weinflaschen stieg die Stimmung in dem Raum und die Gespräche wurden ausgelassener. Ich folgte gerade einer interessanten Erzählung von Enya über einen komplizierten, aber unheimlich interessanten Fall von Lahmheit in der Klinik, als das Smartphone in meiner Hosentasche keine Ruhe mehr geben wollte. Zahlreiche Benachrichtigungen ploppten auf dem Bildschirm auf, die ich grob überflog. Ein paar Weihnachtsgrüße von Alec, Quinn, auch Mateo hatte mir geschrieben. Der junge Mann, der seit Kiel zum Team gehörte, verbrachte die Feiertage bei seiner Schwester, die nicht unweit von Högsby einen kleinen Hof hatte.
      „Schöni Weihnacht wünsch ich dir”, schrieb er in dem komischen Dialekt, den er deutsch nannte. Wirklich seltsam waren diese Schweizer. Anbei sendete er noch einige Bilder von den Pferden seiner Schwestern, die einige wunderschöne Freiberger besaß. Ein prächtiger Schimmel trat besonders auffällig zwischen den restlichen Tieren hervor, der von der Statur her sicher ein Hengst sein mochte. Niedlich von Mateo, dass er an meine Passion für diese seltene Rasse dachte.
      Ich scrollte weiter durch meine Nachrichten, stockte, als ich einen Namen las, der schon lange nicht mehr dort aufgetaucht war, genauer gesagt seit über vier Monaten nicht mehr. Mit dem Verlassen des Whitehorse Creek Stud, brachte ich nicht nur eine räumliche Distanz zwischen uns. Zu verwirrend waren meine Gefühle noch gewesen und zu frisch die Erinnerungen an ganz neue Seiten, die dieser Sommer ans Tageslicht gefördert hatte. Doch mir war auch nicht entgangen, dass Jace das nicht so einfach akzeptierte. Jeden einzelnen meiner Social Media Post hatte er gelikte, sogar eines der Bilder mit Niklas. Das kam mir äußerst seltsam vor, immerhin sprachen wir noch immer von dem Kerl, der meinem Freund die Nase brach. Und dass, obwohl Niklas in dem Moment nicht mehr getan hatte als nett zu sein. Wie auch schon Jace Kommentierungen auf Instagram ignorierte ich ebenfalls seine Nachricht. Ich fühlte mich nicht bereit, mich mit ihm auseinanderzusetzen, erst recht nicht an diesem Festtag. Stattdessen sendete ich meinen anderen ehemaligen Kollegen Weihnachtsgrüße zurück.
      „Na wer beschäftigt dich so intensiv?“, fragte Eevi bei der meine Aktivität an dem Gerät nicht unbemerkt geblieben war, “Dein heißer Polizist?” Vom Alkohol aufgeputscht kicherte sie wie eine zwölfjährige. Im Allgemeinen schien die Stimmung erheblich vom Alkohol beeinflusst. Niila und Joona führten mit Enyas Vater einen angetretenen Fachdiskurs über Motoren oder Ähnliches, wohingegen Juliett ihre Finger nicht bei sich behalten konnte und fortwährend ihren Freund betatschte. Samus Mutter hingegen brachte zahlreiche Anekdoten ihrer Kinder zu besten, von denen sich Enya offenbar gut unterhalten fühlte, zumindest, solang ihre Mutter keine Geschichte ihrerseits dazu beisteuerte.
      “Wenn es so wäre?”, stellte ich mit einem verwegenen Grinsen eine Gegenfrage.
      “Dann könntest du ihn ja fragen, ob er nicht vielleicht doch herkommt”, schlug die Blonde schmunzelnd vor.
      “Ach, das schaffst du doch sicher nicht, dass er jetzt noch kommt”, warf meine Schwester plötzlich ein. Klar, dass sie bei diesem Thema augenblicklich hellhörig wurde, auch wenn sie für gewöhnlich weniger angriffslustig war. Vermutlich war es der Alkohol, der mir zu Kopf gestiegen war, der dafür sorgte, dass ich ihr augenblicklich widersprach.
      “Natürlich bekomme ich Niki her. Ist doch ein Kinderspiel mit den richtigen Worten”, entgegnete ich selbstsicher. Es war eindeutig der Wein, der aus mir sprach. In der Regel war es eher das Gegenteil von einfach den viel beschäftigten Mann herzubekommen, wenn er nicht ohnehin schon kommen wollte.
      Jedenfalls ergriffen meine von Überzeugung getriebenen Finger erneut das Mobilgerät und tippten in Lichtgeschwindigkeit auf dem leuchtenden Bildschirm herum. Kaum hatte ich die Buchstaben in das weltweite Netz entsendet, änderte sich der Onlinestatus. Auch fing er sogleich zu schreiben an, sodass wenig später ein einziger Satz erschien: “Ich fahre in zehn Minuten los.”

      Vriska
      „Wo willst du hin?“, fragte Mama irritiert, mit dem Weinglas in der Hand, das drohte rote Flecken auf dem hellen Teppich zu hinterlassen.
      „Das habe ich dir vor Stunden schon gesagt“, vorsichtshalber rutschten meine Augen zur Uhr, „ich möchte noch zu Tyrell und Bruce.“
      „Wir sehen uns doch kaum“, jammerte sie auf einem Mal, obwohl sie dazu beitrug, dass ich den Großteil aller Familienfeste seit Jahren mied. Immer wieder hakte sie auf mir herum mit denselben Sprüchen über mein Aussehen, das gipfelte in dem, dass selbst mein so schweigsamer Bruder für mich Partei ergriff.
      Ich schwieg und zog mir meine Jacke über an der Tür.
      „Was willst du überhaupt bei denen? Wir sind deine Familie“, warf Mama mir plötzlich vor, als hätte ich es jemals laut ausgesprochen, dass sie mir egal war.
      „Familie Earle ist auch meine. Sie haben mir durch so schwere Zeiten geholfen und lebe mit ihren, daran ist nichts verwunderlich“, erklärte ich ruhig, obwohl ich innerlich brodelte.
      „Aha.“
      Hinter mir fiel die Tür zu. Kopfschüttelnd lief ich über den gefrorenen Boden und sah schon aus der Ferne das kleiner Feuer, das entfacht wurde. Obwohl meine Schwester bis zum Schluss versucht hatte, Mama davon zu überzeugen, dass ich keinesfalls mein Handy zurückbekommen sollte, hielt ich es in der Hand. Es grauste mir, es tatsächlich anzuschalten. Vermutlich würde Bildschirm vor Überlastung explodieren. Schweren Herzens steckte ich es in die Jackentasche und versuchte Land zu gewinnen.
      Kaum erreichte ich die kleine Runde am Feuer, wurde ich herzlich begrüßt. Mir gegenübersaß ein älterer Herr, der sich sogleich als Lars Vater Bruno vorstellte. Bei Bruce hatte Nour Platz genommen, die ebenfalls zur Familie Alfvén gehörte.
      „Und du bist dann Vriska?“, lächelte Nour und schielte dabei immer wieder zu ihrem Bruder hinüber, der im Schein der Flamme einen hochroten Kopf hatte. In der Hand hielt er ein Bier, wie alle anderen. Auch mir bot man umgehend eins an, offenbar sah ich so aus, als würde, könne ich es gebrauchen.
      „Ja“, sagte ich freundlich. Noch während ich mich nach einem Platz umsah, zog Lars mich zu sich.
      „Wir haben schon viel gehört“, fügte Nour hinzu.
      „Nur Gutes, hoffe ich“, drückte ich einen Standardspruch heraus, aber bekam diverse Dinge in den Kopf, was genau sie meinten könnte. Das bestehende Gespräch setzte sich fort. Tyrell erzählte, dass noch vor dem neuen Jahr eine Stute aus Deutschland kommen würde zum Training. Ihre Chancen seien gut. In der Heimat fuhr sie bereits in Amateurrennen einige Siege ein, aber es fehlte noch viel zum Derby.
      „Hast du dir schon überlegt, wer sie fahren wird?“, funkelten Nours Augen in Tyrells Richtung, der sich hauptsächlich um die Zucht kümmerte. Das Training übergab er Bruno.
      „Wenn du so fragst, kannst du sie gerne übernehmen“, schlug er vor. Nicht, dass es ihm etwas bedeuten würde, wer welches Pferd trainiert, viel mehr war es die Tatsache, dass er die Damen am Hof glücklich sehen wollte.
      „Vriska, wie sieht das bei dir eigentlich im nächsten Jahr aus?“, fragte Tyrell, nach dem ein Schweigen ausbrach. Natürlich hatte ich darüber viel nachgedacht, aber ich wusste es nicht. Nachdem Lina meine größte Sorge bestätigt hatte, verlief sich der Strom in meinem Kopf in den Sand.
      „Ich lasse es auf mich zukommen“, sprach ich zittrig. Lars legte seinen Arm um mich und mein Kopf senkte sich an seine Brust. Sanft drückte er mir einen Kuss an die Haare.
      „Dressur ist damit wieder Geschichte? Erzähl doch mal“, versuchte Tyrell weitere Informationen zu bekommen. Ehrlich gesagt, wusste er kaum etwas. Seitdem ich Erik hatte und den größten Teil damit verbrachte, ihn zu vermissen, allein in der Hütte, mied ich den Kontakt zu allen Beteiligten. Aber ich vermisste die kleinen Runden, jeden Tag.
      „Lubi soll so gut wie verkauft sein, also fällt die Saison für mich weg. Aber ich drücke mich auch davor, mein Handy anzumachen“, gab ich offen zu.
      „Fahri hat leider einen Sehnenschaden, sonst hättest du den nehmen können. Demnächst kommt noch ein Hengst in den Beritt, der auch auf Turnieren gehen soll“, schlug er vor. Ich zuckte mit den Schultern. Es war mir zu viel, nicht einmal richtig angekommen, fühlte ich mich.
      „Ich hatte ihr Osvo angeboten“, richtete Lars an seinen Vater. Dieser war sich unsicher. Einerseits hielt er die Stute als zu unerfahren und gleichzeitig für zu alt. Glücklicherweise erklärte Tyrell ihm einiges und ein reges Gespräch entstand. Osvo stammt aus einer Linie von erfolgreichen gerittenen Trabern. Seit der Führung von Zuchtbüchern in Amerika, beobachtet man immer häufiger Pferde, die in der Dressur oder Springen erfolgreich Turniere laufen, die auf bestimmte Hengste zurückgehen.
      „Also wenn das so ist“, Bruno nahm zur Stärkung einen weiteren Schluck aus seiner Flasche, „dann solltest du auf jeden Fall Osvo nehmen.“ Mich schockierte es, dass keiner von meinem schlechten Ritt Notiz nahm, oder zumindest Zweifel hegte, dass ich überhaupt reiten konnte. Die Vermutung lag nah, dass sie eben so wenig Ahnung vom Dressursport hatten wie ich.
      „Danke, aber ich saß ewig auf keinem Pferd mehr“, murmelte ich und verkroch mich noch tiefer an Lars Schulter, der immer wieder schief zu mir herunter grinste. Währenddessen war seine Hand immer tiefer gewandert, sodass er zufrieden meinen Po hielt.
      „Das lässt sich doch im Handumdrehen ändern“, grinste Tyrell, „ich halte es auch für wichtig, dass du etwas Abstand von Kalmar nimmst. Die Leute dort scheinen Gift zu sein für deine Motivation.“
      Seine Bedenken waren berechtigt. Ähnliches schwebte mir bereits durch die Gedanken, als ich im Flieger hierher saß. Vor allem wollte Abstand von Niklas nehmen, was angesichts der Umstände, allerdings schwierig werden würde.
      „Mal schauen“, antwortete ich trocken. Mit den Worten öffnete ich die nächste Bierflasche, die neben mir im Kasten stand, an der Tischkante und nahm einen kräftigen Schluck. Für alle anderen war auch die nächste Runde angesagt. Die Stimmung wurde zunehmend gelassener. Bruce erzählte von seinem neuen Hengst aus Island, der ausgezeichnetes Potenzial hatte und eine seltene Zuchtlinie im Papier. Außerdem entwickelte sich Kríts Nachwuchs, Spök, ausgezeichnet. Jahrelang hatte er auf den Tag hin gefiebert, dass seine Ausnahmestute einen vielversprechenden Nachkommen bekommt und offenbar hatte er mit der hübschen dunklen Stute mit heller Mähne und großen Abzeichen, einen gefunden. Ich freute mich für ihn, erst recht, endlich mal wieder was von den Fellmonstern zu hören. Gefangen in meinem Kopf, hatte ich meine eigentliche Leidenschaft vollkommen verdrängt.
      „Du weißt doch, Narcissa kannst du dir jederzeit nehmen“, erinnerte er mich daran, dass er mir die Stute angeboten hatte.
      Die Gespräche setzten fort, auch als Tyrell mit seinem Bruder verschwand, um nach einer der Einstellerstuten in der Box zu schauen, die demnächst abfohlen sollte. So saß ich allein mit Familie Alfvén am Feuer, zumindest für einen Wimpernschlag.
      „Wir werden schon mal in die Hütte gehen“, sagte Nour.
      „Ja, mir ist auch kalt“, fügte ihr Vater hinzu.
      Dann standen beide mit einem breiten Grinsen auf. Lars hatte nicht vor, ihnen zu folgen. Er wollte bei mir bleiben. Noch immer lag sein Arm fest um mich und als seine Familie aus der Sichtweite verschwand, hob er mich auf seinen Schoß. Seine Lust verspürte ich schon eine Weile. Immer wieder funkelten seine grünen Augen, ganz glasig durch den Feuerschein, in meine Richtung. Auch in mir war der Funke übergesprungen. In mehreren Wellen überkam mich ein undefinierbares Zucken, das sich wie tausend Ameisen unter der Haut ausbreitete und sich in der Magenregion sammelte.
      „Du weißt, was dir auch jederzeit nehmen kannst?“, spielte er auf Bruce Angebot an, aber meinte natürlich nicht Narcissa damit. Das hätte Lars wohl gern! Ich gab mich blöd und mich am Kinn. Verführerisch zuckten seine Lippen, ohne etwas zu sagen.
      “Nicht wirklich. Bruce Reitschuli oder was möchtest du mir sagen?”, sprach ich nach reiflicher Abwägung, wie viel Kontrolle ich bereit war, abzugeben. Einen kurzen Halm überließ ich ihn, seine Wunsch zu äußern. Aber er setzte diesen in die Tat um. Ungezügelt fasten seine kalten Hände in meine Hose, um das Shirt heraus zu Friemeln. Gleichzeitig setzten seine Lippen auf meine und die Gehirnzellen schalteten auf Autopilot. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. Vielmehr überkam es mich mit Glück und Erfüllung und hoffte, dass der stürmische Moment mit ihm gar nicht mehr endete. Aber der frische Wind kletterte wie ein eifriges Äffchen an meinem Unterrücken hinauf, kühlte mich damit in kurzer Zeit herunter.
      “Komm, Drinnen ist wärmer”, flüsterte ich in sein Ohr, stopfte das Shirt zurück und griff seine Hand. Mit großen Schritten zog ich ihn mir nach. Der Weg zur Hütte war kurz und ohne groß darüber nachzudenken, öffnete ich die Haustür. Erschrockene Gesichter blickten uns an. Von einem auf den anderen Augenblick verstummten die Gespräche und eine gähnende Stille legte sich über die Menge. Viele der Anwesenden kannte ich nicht. Langsam schloss ich die Tür hinter mir und begann zu lachen. Sofort setzte auch Linas Schwester ein, die offenbar auch gut dabei war.
      “Tut mir leid für die Störung. Ich bin Vriska, das ist Lars”, erklärte ich kurz.
      “Da lang”, flüsterte ich im nächsten Augenblick dem Kerl neben mir zu, der sich suchend nach dem richtigen Raum umsah. Mit dem Finger deutete ich nach rechts zur geschlossenen Tür, vor der Dog lag und leise mit dem Schwanz aufs Holz klopfte. Lars begrüßte den Hund, aber ich hatte nur die Klinke im Blick. Kaum war sie offen, trabte das gefleckte Wesen hinein und machte sich auf dem Bett breit.
      Geschickt fischten seine Finger nach dem Reißverschluss meiner Jacke, als ich die Tür hinter uns schloss. Er drückte mich an sie und entfernte im Wechsel zu ihm und mir ein Kleidungsstück. Wieder lagen seine wohltuenden Liebkosen auf mir. Das Zittern und Zerren am Körper löste sich wie in Luft auf. Von jemandem begehrt zu werden, fühlte sich befreiend an. Ich spürte das Pochen seines Herzens sehr nah an einem und mit jedem Kleidungsstück, das irgendwo im Zimmer landete, kribbelte es mehr unter der Haut. Schockiert stockte mein Atem, als ich ihn zum ersten Mal in voller Blöße betrachtete. Seine Brust zuckte vergnügt und sein stählerner Bauch, drückte sich immer wieder in den Vordergrund, obwohl als einzige Lichtquelle der kleine Spalt zwischen Tür und Fußboden diente. Ein wohliger und zugleich ängstlicher Schauer durchfuhr mich, aber noch bevor ich mich meiner Angst hingab, legte er seine Hände unter meinen Po und stemmte uns gegen das Holz.
      Der Akt selbst dauerte nur wenige Sekunden, aber war wohl das Beste der letzten Monate, was erleben durfte. Wir verharrten für einen Augenblick, eng umschlugen an der Tür und mir wurde klar, dass wohl auch jeder andere in hörbarer Nähe, davon Notiz genommen hatte.
      “Du warst großartig”, murmelte ich außer Atem, mit meinem Kopf auf seiner kräftigen Schulter abgelegt. Kleine Schweißperlen tropften von seiner Stirn auf meine Brust und als er seinen Mund abermals auf meine presste, schmeckte ich das Salz an einer Zungenspitze.
      “Das höre ich gern.” Lars trug mich vorsichtig auf Bett und beugte sich über mich.
      “Zweite Runde?”, schmunzelte er selbstüberzeugt.
      “Warte, ich habe Durst”, erklärte ich mit trockener Kehle und kletterte zwischen seinen Armen hindurch. Im schlechten Licht suchte ich nach einem Shirt, fand dennoch nur seins, aber dafür eine saubere lange Unterhose. Barfuß huschte ich durch die Tür, versuchte mich möglichst unauffällig an der Maße an Menschen vorbei zu schleichen, was, angesichts der Umstände, unmöglich war. Erst recht aus dem Grund, da Linas Schwester gerade eine neue Weinflasche aus dem Schrank holte.
      “Doch so schlecht, dass du schon wieder da bist?”, gluckste die Brünette, während sie sich an dem Korken zu schaffen machte.
      “Das ist aber lieb”, zog ich spitz die Augenbrauen zusammen und nahm ihr beherzt die Flasche aus der Hand, bevor sie reagieren konnte, setzte ich zu einem beherzten Schluck an. “Aber nein, natürlich nicht.”
      “Hätte mich auch gewundert”, mischte sich plötzlich eine tiefe männliche Stimme ein, die mir, gewiss, bekannt vorkam, “aber was soll man sagen, dumm fickt gut, nicht wahr?”
      Ein tiefes Raunen ging durch die Menge. Glücklicherweise hielt ich die Flasche bereits und setzte sie ein weiteres Mal an.
      „Da kannst du aus Erfahrung sprechen, nicht wahr?“, provozierte ich weiter, obwohl mir im selben Atemzug klar wurde, dass Lina auch noch da war. Flaschi und ich waren jetzt ohnehin schon Freunde, also durfte sie ein weiteres Mal ran. Erst dann drehte ich mich um und Lina lehnte mit hochroten Kopf in ihren Armen auf dem Tisch. Alle anderen Beteiligten lachten, was ich als eher als Übersprungshandlung einschätzte. Ich wäre mir auch unsicher, wie es gemeint war.
      “Wir leiden alle einmal an Geschmacksverirrung und du warst die Größte.” Niklas verschränkte die Arme und lehnte sich weiter in den Stuhl. Das war ein Tiefschlag. Mir blieb der Atem weg und jegliche Begeisterung glitt aus meinen Gesichtszügen. Niemand sagte mehr etwas, sodass die Schritte hinter mir klar ertönten. Eng legte Lars seine Arme über meine Schultern und drückte mich an sich heran.
      “Komm, Kleines. Der hat doch keine Ahnung.” Er gab mir einen seichten Kuss auf die Haare. Der Motor des Lebens kam wieder in Bewegung und ich war froh, dass er mir half. Natürlich nahm er mir meine neue Freundin aus der Hand, um selbst einen Schluck zu nehmen.
      “Der gehört mir”, funkelte ich meine Bekanntschaft an, der ein freches Lächeln auf die Lippen legte. Da ohnehin keiner mehr etwas sagte, liefen wir zurück ins Zimmer, um fortzusetzen, wo wir aufgehört hatten.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 77.570 Zeichen
      zeitliche Einordnung {24. Dezember 2020}
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    16 Juni 2022
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    geboren: 7. Mai 2014

    –––––––––––––– a b s t a m m u n g

    Aus: Unbekannt

    MMM: Unbekannt ––––– MM: Unbekannt ––––– MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt ––––– MV: Unbekannt ––––– MVV: Unbekannt


    Von: Unbekannt
    VMM: Unbekannt ––––– VM: Unbekannt ––––– VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt ––––– VV: Unbekannt ––––– VVV: Unbekannt


    –––––––––––––– b e s c h r e i b u n g

    Geschlecht: Stute
    Rasse: Standardbred [STB]
    Farbe: Rappe Sabino
    [EE aa nSb]
    Stockmaß: 156 cm

    Charakter:
    Nachtschatten hat in ihrem Leben noch nie eine Rennbahn gesehen. Sie zeigt sich sehr sanftmütig und war
    deswegen eher ein Pferd zum Training von jungen Jokeys. Mit 5 Jahren hat sie ihre Qualifikation
    bekommen, was ziemlich spät ist. Doch ihre Zeit konnte mit anderen Stuten nicht mithalten. Mittlerweile ist
    sie unter dem Sattel ein Verlasspferd.

    –––––––––––––– z u c h t

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    Gekört durch SK 473 im April 2021.

    DMRT3: CA
    Gänge: 5

    Herkunft: Unbekannt [GER]

    Lebensrekord: 1:15,7

    Fohlenschau: 0,00
    Materialprüfung: 0,00

    Körung
    Exterieur: 6,70
    Gesamt: 6,91

    Gangpferd: 6,85

    Nachtschatten hat 5 Nachkommen.
    • 2017 Sign of the Zodiac LDS (von: ZM's Zanaro)
    • 2018 Shadow of the Day LDS (von: Alfred's Nobelpreis)
    • 2019 Mitternacht LDS (von: Moonwalker LDS)
    • 2020 Nachtzug nach Stokkholm LDS (von: Architekkt)
    • 2021 Nattfrost LDS (von: Planetenfrost LDS)


    –––––––––––––– l e i s t u n g

    Dressur E [L] – Springen E [A] – Fahren E [M] – Rennen E ['S] – Gangreiten A [L]


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    232. Gangturnier (19.02.2020)

    [​IMG]
    239. Gangturnier (14.04.2020)

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    228. Gangturnier (20.01.2020)
    230. Gangturnier (03.02.2010)
    238. Gangturnier (01.04.2020)

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    572. Springtunier (24.01.2020)

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    583. Dressurturnier (14.04.2020)

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    576. Dressurturnier (20.02.2020)

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    572. Springtunier (24.01.2020)
    580. Springturnier (28.03.2020)
    581. Springturnier (02.04.2020)
    583. Springturnier (14.04.2020)

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    574. Springturnier (10.02.2020)
    584. Springturnier (21.04.2020)

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    573. Springturnier (30.01.2020)

    –––––––––––––– s o n s t i g e s

    Ersteller: Mohikanerin
    VKR: Mohikanerin

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    Spind – PNG