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Rhapsody

Muraco -- Lewitzer *

im Besitz seit 02/2015 - gekört - aa Ee Toto

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Muraco -- Lewitzer *
Rhapsody, 22 Juli 2015
    • Rhapsody
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      Ankunftsbericht Bacia und Muraco
      21. Februar 2015
      „Bei uns geht’s im Moment ja schlimmer zu als auf dem Flughafen!“ hatte sich Tante Molly gestern morgen erst beschwert, und ich musste ihr zustimmen: im Moment verging kein Tag, an dem kein neues Pferd ankam. Und diese Strähne sollte in naher Zukunft noch nicht ganz abreißen. Von meinem Vorhaben, mit einer Freundin wirklich aktiv Lewitzer und Reitponys in Kanada zu züchten, hatte ich Tante Molly bis jetzt noch nichts gesagt – da war ich dann doch ein kleiner Schisser.Aber heute sollten auf jeden Fall ein neuer Hengst und eine neue Stute kommen. Beide ziemlich zur gleichen Zeit.
      Verdammt.
      Das Frühstück heute musste ausfallen, denn sonst würde ich meinen ganzen Tagesablaufplan nicht mehr schaffen. Um kurz nach 8 würden die Transporter ankommen, bis dahin sollten die Boxen gemistet und gerichtet sein.
      Also musste ich den Turbo einlegen. Den Schalter dafür musste ich nur noch finden.
      Es war haarscharf, aber als der erste Transporter auf den Hof rollte, war auch die Box neben Chepa eingestreut. Hastig begrüßte ich den Fahrer, denn direkt danach kam der zweite. Zum Glück kam in dem Moment Tante Molly aus dem Haus geeilt und half mir beim Ausladen.
      Der erste Transporter hatte die Stute, Bacia, geladen. Als ich ihr meine Hand zum Schnuppern hinhielt, schreckte sie zurück – da würde wohl ein kleines bisschen Arbeit auf mich zu kommen. Ohne mir etwas anmerken zu lassen band ich sie ab, führte sie langsam die Rampe hinunter – was übrigens ein echtes Schauspiel war – und drückte den Strick dann Tante Molly in die Hand, damit sie Bacia den Hof zeigen konnte. Ich würde mich um den Hengst kümmern.
      Von Muraco hatte ich schon viel gehört und ihn auch schon auf dem ein oder anderen Turnier in Deutschland gesehen. Er zeigte schon dort immer, wie stark seine Nerven waren, obwohl er ziemlich im Hengsttyp stand – und jetzt gehörte er mir.
      Mit seinem stahlblauen Auge sah er mich freudig an, als ich in den Hänger kletterte. Das Begrüßungsleckerli nahm er ohne zu Zögern an, was bei Bacia nicht ganz geklappt hatte. Als dann die Rampe hinuntergelassen wurde und ich ihn Stück für Stück runterführte, wurde er jedoch ein wenig kratzig und wäre am liebsten in einem Satz aus dem Hänger gesprungen. Anschließend führte ich ihn ein paar Minuten, doch ich spürte, wie angespannt er war. Kein Wunder, immerhin hatte er einen anstrengenden Flug und eine Fahrt im Transporter hinter sich.
      Also führte ich ihn kurzerhand zum Reitplatz und ließ ihn dort freilaufen. Und das ließ Muraco sich nicht zweimal sagen: innerhalb von drei Sekunden rannte er wie gestochen über den Platz, buckelte und bockte, stoppte haarscharf vor dem Zaun um dann wieder umzudrehen und das gleiche Spiel in der anderen Richtung abzuziehen.
      Nach etwa zehn Minuten wurde er langsam ruhiger und lief gemütlich im Schritt auf das Gatter zu, an dem ich stand. Jetzt wartete eine gemütliche Box mit einem prall gefüllten Heunetz auf ihn.
    • Rhapsody
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      Pencey Prep - Don Quixote
      28. Februar 2015
      Als ich diesen Morgen aufwachte, war das erste, was ich hörte, Vogelgezwitscher. Und wie hatte ich das vermisst! Als nächstes spürte ich Sonnenstrahlen, die meine Nase kitzelten – was nur bedeuten konnte, dass ich verschlafen hatte.
      Die ersten Vorboten des Frühlings hin oder her, ich war richtig spät. Wahrscheinlich hatten die Pferde ihre Boxen bereits gefressen und rannten jetzt kopflos über den Hof. Wundervoll.
      Mit einem Brötchen im Mund radelte ich los und versuchte gleichzeitig noch, meine Arm in den Jackenärmel zu stopfen. Dass das fast in einem Unfall mit einem Baum endete, muss ich ja wohl nicht erwähnen.
      Das schöne Wetter konnte ich nicht mal auf der Fahrt genießen. Natürlich lag noch ab und an Schnee, doch es war spürbar wärmer geworden und die Sonne schien – was wollte ich mehr?
      Vielleicht Pferde, die mich immer noch liebten, auch, wenn sie ein leicht verspätetes Frühstück bekamen.

      Als ich am Hof ankam, stand noch kein Gebäude in Flammen und kein Pferd rannte auf dem Hof. Das musste gar nichts heißen. Im Stall wurde ich dann mit protestierenden Schnauben und Grummeln begrüßt.
      Ohne weitere Verzögerungen bekamen dann alle ihre morgendliche Portion Hafer. Und auch ohne Verzögerungen brachte ich zuerst Ciaran, Attonito, Newt, Paramour und Muraco auf die Weide, nachdem sie ihr Frühstück verputzt hatten. Muraco hatte sich bereits sehr gut eingelebt und verstand sich vor allem mit Paramour sehr gut – das war meine größte Sorge gewesen, da Muraco doch sehr hengstig war.
      Nach den Hengsten kamen Spotlight, Favorita, Star, Cíola, Lashy, Chepa und Bacia auf die Stutenweide. Auch Chepa und Bacia hatten ihren Platz gefunden, auch, wenn Bacia immer noch ein wenig die Rolle der Neuen spielte und von Spotlight öfters von der Heuraufe verscheucht würde. Das würde sich jedoch mit der Zeit geben.
      Ich sah den Pferden eine Weile beim Spielen zu, ehe ich mich daran erinnerte, dass heute ein paar Reitbeteiligungen kommen würden. Tante Molly war mir wochenlang in den Ohren gelegen, doch da ich mit den Turniervorbereitungen der Lewitzer erst mal wenig Zeit für anderes hatte, hatte ich nachgegeben. Also sollten Favorita, Star und Attonito von drei lieben Mädels aus dem Ort ein paar Mal in der Woche bewegt werden. Heute war das erste Probereiten und ich war vielleicht nervöser als die potentiellen Reitbeteiligungen.
      Aber bevor die drei kamen, sollte ich wohl nochmal die Boxen ausmisten und die Stallgasse kehren. Einen schlechten Eindruck wollte ich ja nicht machen.
      Bis zum geplanten Termin hatte ich dann letzten Endes doch noch genug Zeit und sattelte Newt spontan auf. Er war noch recht neu unterm Sattel, und bevor ich ihn mit irgendwelchen Sachen überforderte, wollte ich das, was er bereits konnte, erst einmal festigen. So übten wir vorwiegend Übergange und Anhalten, bis ich nach einer dreiviertel Stunde wieder abstieg.
      Danach blieben mir immer noch ein paar Minuten, also führte ich kurzerhand Lashy und Cíola auf den Putzplatz, nur, um das ganze Stillstehen ein bisschen zu üben. Sie waren nämlich beide ziemlich ungeduldig.
      Zehn Minuten später trudelten die drei Mädels dann ein. Freundlich begrüßte ich sie und auf dem Weg zur Weide, wo ich Lashy und Cíola wieder hinführte, ließ ich sie sich selbst vorstellen. Ihre Namen waren Cerys, Enfys und Gwendolyn, sie hatten alle schon mehrere Reitbeteiligungen in ihrem Leben und konnten für ihre zarten 14 Jahren anscheinend schon ziemliche Verantwortung übernehmen, so schien es mir. So fies wie ich war ließ ich sie die Ponys gleich selbst holen; nur Cerys half ich mit Attonito, da ich von den Vorbesitzern erfahren hatte, dass Muraco wohl noch nicht wirklich an Kinder gewöhnt war. Doch glücklicherweise beäugte er uns nur kurz und widmete sich dann wieder seinem Heu.

      Als dann jedes der Mädchen im Sattel saß – Enfys sah auf Favorita zwar ein bisschen verloren aus, aber wenigstens lief sie und stolperte nicht vor sich her – machte ich es mir auf einen ziemlich unbequemen Hocker bequem. Es war Jahre her, dass ich Reitunterricht gegeben hatte, aber das war wahrscheinlich wie Fahrrad fahren - das verlernte man nicht.
      Die Mädels kamen allesamt gut mit den Ponys zurecht und so machte mir es fast schon Freude, ihnen zu sagen, dass sie so oft sie wollten und konnten kommen durften.

      Nach einer kleinen Streicheleinheit für Spotlight, die sich von einem schlimmen Husten erholte, packte ich mir schließlich Chepa und ließ sie erst in der Halle ein wenig freilaufen, ehe ich sie aufsattelte und mich zum ersten Mal auf ihren Rücken setzte. Wie immer fühlte es sich ziemlich ungewohnt an, doch schon nach wenigen Minuten hatten wir uns aufeinander eingespielt und der erste Schritt in Richtung Team war getan.
      Chepa schien fast ein wenig beleidigt, dass wir nur Grundlagen machten und sie über kein einziges Hindernis springen durfte, doch ich musste immerhin noch Paramour bewegen und eigentlich wollte ich auch noch mit Bacia ein bisschen Bodenarbeit machen, ehe ich daheim noch ein paar Sachen für die Praxis und den eventuellen Umzug machen musste. Der Tag hatte einfach nicht genug Stunden.

      Mit Paramour ging ich eine kurze Runde ins Gelände, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages voll auszunutzen. Der Hengst trabte fröhlich schnaubend den Weg entlang und auch er schien diesen wunderschönen Tag genossen zu haben.

      Als ich Bacia holen wollte, sah sie mir misstrauisch entgegen. Vielleicht sollte ich ihr Vertrauen erst einmal ein wenig mit Leckerlis aufbauen? Denn, um ehrlich zu sein, hatte ich wenig Lust, mich noch einmal intensiv mit ihr zu beschäftigen, und sie schien mir nicht böse zu sein, dass ich ihr lieber Leckerli um Leckerli anbot, als sie in der Halle noch einmal geistig zu fordern.

      Da die Nächte immer noch ziemlich eisig waren, brachte ich alle Ponys in den langsam mehr als vollen Stall. Es wurde Zeit, dass der alte Zuchtstall auf Vordermann gebracht wurde – sollten noch mehr Lewitzer kommen, würden wir nämlich ein richtiges Platzproblem kriegen.
    • Rhapsody
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      Umzug | Creed - Higher
      14. März 2015
      Nur zwei Worte sollten endgültig mein Leben verändern. Nur eine kurze SMS und ich würde mein Leben in Wales hinter mir lassen.

      We’re done.
      ~*~
      Es hatte noch eine weitere Woche gedauert – die Firma, die Großtiere per Flugzeug transportierte, hatte sich erst quergestellt – aber dann, endlich, saß ich im Auto neben Tante Molly, im Anhänger die beiden Lewitzerhengste.
      Wir sprachen nicht viel. Tante Molly war natürlich traurig, dass ich sie verließ und die Pferde mitnahm. Ich hätte ihr ohne Probleme eines in Wales gelassen, doch das hatte sie abgelehnt; sollte sie doch noch einmal auf den Geschmack kommen, würde sie sich schon eins besorgen. „Außerdem hab ich ja noch Ciaran,“ hatte sie gesagt. „Wenn der wieder fit ist, dann kommt er wieder zurück.“
      Bis jetzt sah es zwar nicht wirklich aus, als ob Ciaran irgendwann noch einmal belastet werden konnte, aber das wollte ich ihr nicht sagen.
      Die Verabschiedung fiel eher kühl aus; wir brachten die Ponys zusammen zu der Box, in der sie die nächsten Stunden verbringen mussten, diskutierten eine ganze Weile mit Muraco, bis er endlich in die Box stapfte, und dann war ich fast schon zu spät.
      Ich umarmte Tante Molly lang, versprach ihr, sie bald zu besuchen, dann rannte ich zu meinem Gate. Das Abenteuer Kanada konnte beginnen.
      ~*~
      Elisa hatte mich lange bearbeitet, bis ich das Gestüt direkt gegenüber ihrer Crown Hill Stables kaufte. „Wir sollen wir sonst züchten?!“ war ihr wohl ausschlaggebendstes Argument – denn über einen ganzen Ozean hinweg würde eine Zucht wohl wirklich schwer werden.
      Über die letzten Wochen hinweg hatte ich fast täglich zwei Pferde zum Flughafen gebracht, die zwischenzeitlich auf Elisas Gestüt zwischengeparkt wurden. Sie hatte mich jeden Tag auf dem Laufenden gehalten, hatte sogar zwei neue Lewitzerstuten für mich untergebracht. Als ich die SMS des Bauarbeiterunternehmens, welches mein neues Gestüt fertig renoviert hatte, bekommen hatte, war Elisa die erste, der ich schrieb.
      Und jetzt war ich also wirklich unterwegs nach Dauphin, Manitoba. Hoffentlich war es nicht eisig kalt, Kälte konnte ich einfach nicht ab. Eine kleine Stimme in meinem Kopf – die, die einen immer nervt mit ihrer pessimistischen Einstellung – meldete sich. ‚War das wirklich eine gute Idee?‘ fragte sie. Wäre ich allein gewesen, hätte ich laut geseufzt oder sogar Selbstgespräche geführt.
      Doch leider war ich in einem Passagierflugzeug, eingequetscht zwischen einem übergewichtigen Geschäftsmann und einer Omi, und das noch für mindestens 14 weitere Stunden.
      Ein kleiner Seufzer entfuhr mir dann doch noch. Die Omi warf mir einen bösen Blick zu. Das konnte ja heiter werden.
      ~*~

      Am Airport in Winnipeg musste ich dann umsteigen, was mit zwei Pferden im Gepäck wirklich nicht leicht wahr. Eine weitere dreiviertel Stunde, und ich war endlich in Dauphin.
      Komplett übermüdet übersah ich natürlich Elisas Anhänger prompt und so dauerte es weitere fünfzehn Minuten, bis wir endlich auf den Weg in den Riding Mountain National Park waren. Elisa versuchte so viel wie möglich aus mir herauszukitzeln – über den Flug, über das Wetter in Wales, über sonstige Dinge – doch meine Antworten fielen ziemlich einsilbig aus.
      Ich wollte eigentlich einfach nur schlafen, auch, wenn es gerade erst einmal 14:10 Uhr war. Verdammter Jet Lag.
      Zum Glück durfte ich die Nacht – okay, nicht wirklich Nacht – noch auf Elisas Gestüt verbringen, ehe ich am nächsten Morgen den ersten Fuß in mein neues Zuhause setzen würde. Pine Grove Stud – der Name des Gestüts hatte mich schon auf den ersten Blick gefesselt. Das Haupthaus mit einem Studio unterm Dach, die Stallungen mit den dunkelbraunen Ziegeln und die Reithalle taten dann den Rest.
      Und ab morgen würde es mir alles allein gehören. Nur die Pferde und ich – und bei Fragen jeglicher Art hatte ich jetzt Elisa, Elena und Gwen um mich.
      Wales vermisste ich natürlich jetzt schon, aber ich war mir sicher, dass Kanada wirklich nicht der schlimmste Teil der Welt war.
      Bis auf diese eklige Milch in Tüten. Schon beim Gedanken daran musste ich die Nase rümpfen. Hoffentlich gab es hier auch noch good old Milch in Tetrapaks.
      ~*~
      Der Morgen kam früher als erwartet. Elisa klopfte lautstark um acht Uhr an meiner Tür und fing an The Start Of Something New zu singen.
      Sie hörte erst auf, als ich die Tür öffnete und ihr ein Kissen an den Kopf warf.
      Bevor wir die Pferde ins neue Heim führten, checkte ich erstmal meine Wohnung aus. Sie lag direkt im Erdgeschoss, fast durchgehend mit Laminat ausgelegt. Im hinteren Teil reichten die Fenster von der Decke zum Boden und durchfluteten den Raum mit Licht. Die Küche war klein, aber ich war nicht der beste Koch, sie würde wohl reichen.
      Das Beste jedoch war die kleine Praxis im linken Flügel des Hauses. Ich würde also – neben der Zucht – Geld verdienen können und nicht nur meine Pferde und die meiner Freunde verarzten. Den Dachboden mit dem Studio würde ich wohl fürs Erste in Ruhe lassen müssen, immerhin musste ich meine Wohnung erst einmal einrichten.
      Aber wenn man Freunde hat, die man zum helfen zwingen kann, dann geht auspacken mindestens dreimal schneller.
      ~*~
      Erst gegen Nachmittag – und natürlich nach einer ausführlichen Inspizierung der Stalltrakte – konnten wir meine Pferde von Elisas Gestüt auf meines bringen. Spotlight, Star und Favorita stürzten sich sofort auf die frischen Heunetze, während Symbolic Splash und Cíola ein wenig vorsichtig die neuen Boxen beschnupperten. Attonito, Newt, Paramour und Muraco ignorierten die neue Umgebung und stellten sich einfach auf den angrenzenden Paddock.
      Als auch Chepa und Bacia in ihren Boxen standen, drehte ich mich mit einem Grinsen zu Elisa herum. Die verdrehte nur die Augen.
      Outside Girl und Flea waren beide wunderschöne Stuten, die mich beide sofort freundlich beschnupperten und die Karotten, die ich ihnen brachte, dankbar annahmen.
      „Weißt du,“ sagte Elisa neben mir, „rein theoretisch könnten wir uns die beiden schnappen und mit ihnen ausreiten.“ Sie grinste. „Dann könnte ich dir die Landschaft zeigen und alles Mögliche.“
      Als ob ich das Angebot ausschlagen konnte.
      ~*~
      Die erste Nacht in einer neuen Umgebung schlief ich immer besonders schlecht (gestern war eine Ausnahme gewesen; ich war einfach erledigt gewesen), und so lag ich um zwei Uhr morgens immer noch wach in meinem neuen Bett im neuen Schlafzimmer im neuen Haus des neuen Hofes.
      Wenn ich mich auf die Seite drehte, konnte ich durchs Fenster perfekt auf den Stutentrakt sehen. Obwohl es kalt war – 4 Grad Minus, also verdammt kalt – standen Chepa, Star und Flea auf dem Paddock. Star und Flea beknabberten sich sogar, soweit ich sehen konnte.
      Alle sahen sie komplett ruhig aus, als hätte ihnen der Umzug kein bisschen zugesetzt. Seufzend schlug ich die Bettdecke zurück und schlich mich in die Küche. Dann müsste wohl eine warme Milch mit Honig herhalten.
      Als ich den Kühlschrank öffnete, war das erste, was ich sah, eine Plastiktüte voll mit Milch.
      Was zur Hölle?!
      Bei näherer Betrachtung dann sah ich den Zettel, der daran klebte. Welcome to Canada stand in Elisas Handschrift darauf.
      Wer brauchte schon Feinde, wenn man solche Freunde hatte?
    • Rhapsody
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      Nächtlicher Besuch | Red Hot Chili Peppers - Quixoticelixer

      12. April 2015

      Elisa runzelte die Stirn. „Ein Klopfen? Sicher, dass es kein Waschbär war?“
      Chepa neben mir schnupperte meine Hand nach Leckerlis ab, ehe sie mir vom Paddock folgte. „Ziemlich. Waschbären klopfen nicht an Haustüren, bevor sie die Mülltonnen verwüsten.“
      Jetzt war es an Elisa, die mit Vendetta schon auf dem Hof stand, mit den Augen zu rollen. „Ich mein ja nur. Muss ja nicht immer ein Einbrecher sein,“ Vendetta scharrte ungeduldig mit den Hufen und ich schloss die Paddocktür hinter mir, „Ich finde nur, du solltest dich da nicht verrückt machen.“
      Grummelnd führte ich Chepa an Elisa und Vendetta vorbei an den Holzbalken, der als Putzplatz diente. Ich hatte jetzt keine Lust mehr, über meine nächtlichen Abenteuer zu reden.
      Obwohl es doch wirklich gruselig war, wenn es nachts um viertel nach 2 auf einmal an der Haustür klopfte. Vor allem, wenn man alleine im Haus war und eigentlich keinen Besuch erwartete.

      ***
      Wir waren unterwegs zur Geländestrecke, um mit Chepa für das nächste Turnier zu trainieren. Elisa wollte ursprünglich eines ihrer Ponys reiten, doch sie hatte sich angeblich in Vendetta verliebt („Wahre Liebe! Das ist wahre Liebe und der stellt mich sich nicht in den Weg!“) und klaute sie mir nun regelmäßig für Ausritte. Die beiden passten aber auch gut zusammen; sollte Vendetta nämlich mal ihre fünf Minuten haben, in denen sie den Reiter ordentlich auf die Probe stellte, setzte Elisa sich einfach tief in den Sattel und brachte die junge Stute wieder zum mitarbeiten.
      Das Geländespringen war noch nichts für die Ponystute – in der Halle oder auf dem Platz war sie hundertprozentig bei der Sache, doch in einem freien Gelände waren die Gedanken ganz woanders – also durfte Elisa das Stillstehen mit ihr üben, während ich Chepa in einem großen Kreis angaloppierte, sie ein paar Runden locker galoppieren ließ, ehe ich dann meine Position am Start einnahm. Chepa spielte unruhig mit den Ohren, doch sobald ich sie antrieb, galoppierte sie locker an und man spürte, dass sie voll bei der Sache war.
      Die ersten Hindernisse überwanden wir ohne Probleme, die Lewitzerstute unter mir schien fast zu fliegen. Hindernis 3 lag dann schon am Waldrand und ich machte mich bereit, dass urplötzlich ein Vogel (oder ein Wendigo) aus dem Gebüsch fliegen würde und uns vollkommen aus dem Konzept bringen würde. Nichts dergleichen geschah, und Chepa nahm auch dieses Hindernis flüssig und ohne Probleme.
      Jetzt ging es die meiste Zeit durch den Wald. Die Hufschläge klangen dumpfer, die Welt schien stillzustehen, als die Stute den Weg entlang bretterte. Ohne mit der Wimper zu zucken, so schien es, watete sie durch den kleinen Fluss, übersprang den Oxer aus Zweigen und einem Busch, so schien es, direkt dahinter und schon tauchten wir wieder in den Wald ab.
      Als wir nach gefühlten fünf Sekunden das Ziel passierten, atmeten Chepa und ich schwer und waren nassgeschwitzt. Elisa zeigte mir den Daumen nach oben während ich Chepa in einem lockeren Trab ein paar große Kreise drehen ließ, bevor ich sie in den Schritt durchparierte.
      „Und jetzt?“ fragte Elisa mit einem breiten Grinsen und ließ Vendetta aufholen.
      Ich erwiderte ihr Grinsen und ließ die Zügel lang. „Ausritt?“

      ***
      Wieder auf meinem Hof angelangt – Elisa hatte mir Vendetta als Handpferd mitgegeben, weil sie eine faule Sau war – stieg ich ab und brachte die beiden wieder auf den Paddock. Dort wurde ich sofort von Favorita attackiert, die sich eine weitere Bindehautentzündung zugezogen hatte. Sie war langsam aber wieder auf dem Weg der Besserung, zumindest nicht in Quarantäne.
      Kurz darauf schnupperte Star an meiner Hand und ich sah auch schon, wie Symbolic Splash und Cíola auf mich zukamen. Bevor ich von Pferden gefressen werden konnte, huschte ich schnell unter dem Zaun durch auf den nächsten Paddock. Mit großen Augen sah Chepa mich an. Neben ihr war Bacia ein paar Schritte zurückgeweicht und starrte mich an, als wäre ich ein Alien.
      Ich zuckte mit den Schultern. Es war eh an der Zeit, mich intensiver mit ihr zu beschäftigen. Sie hatte sich mittlerweile eingelebt und ließ sich nun auch zeitweise für ein paar Sekunden streicheln. Mit einem Leckerli bestach ich sie um ihr den Führstrick einzuhaken, dann führte ich sie vom Paddock.
      Okay, so schlimm wie eben beschrieben war sie gar nicht. Bacia fehlte lediglich das Vertrauen zu fremden Menschen. Sie war auch immer die, die auf der Weide im letzten Winkel stand – teils allein, teils in Begleitung von Chepa. Sie ließ sich aufhalftern, sie ließ sich putzen aber ich hatte immer noch das Gefühl, dass sie mir nicht vertraute. Also musste Bodenarbeit her.
      Nach dem Putzen führte ich sie auf meinen Reitplatz und ließ sie dort erst ein wenig freilaufen. Ich scheuchte sie nicht – Monty Roberts konnte mir mal den Poppers küssen – und provozierte sie nicht, sie sollte einfach ein wenig laufen um locker zu werden. Danach ging ich in langsamen Schritten auf sie zu, um sie wieder einzufangen. Bacia sah mir mit gespitzten Ohren entgegen, doch sie blieb stehen und folgte mir aus der Ecke, in der sie stehengeblieben war. Die nächsten zehn Minuten machten wir ein paar Führübungen, danach übten wir das Rückwärtsrichten. Und als ich sie zurück auf den Paddock brachte, kam es mir fast vor, als würde sie ein bisschen entspannter wirken.
      Nach einer kleinen Runde mit Newt auf dem Platz – auch er wurde langsam aber sicher sicherer (hahaha.) – packte ich mir schließlich Paramour und Muraco und unternahm mit beiden einen kleinen Spaziergang. Ich hatte mir eine Decke mitgenommen und ließ die beiden um mich grasen, während ich mich sonnte. Und dann, aus dem Nichts, kam mir der Gedanke: Ich war glücklich. Ohne große Fanfaren, einfach so.
      Anschließend ließ ich Attonito noch zusammen mit Flea und Outside Girl auf dem Platz tollen. Die beiden „Großen“ jagten Reggie herum, doch er wusste sich zu wehren.

      ***
      Nach dem letzten Rundgang im Stall machte ich es mir im Bett mit einem Buch bequem. In der Stereo spielte leise ein MGMT-Album. Eigentlich perfekt zum Einschlafen.
      Wäre da nicht dieses Klopfen. Doch jetzt hörte es sich weniger wie ein Klopfen als ein Kratzen an. Und es hörte sich an, als wäre dieses Etwas direkt vor meiner Haustür.
      Entschlossen schlug ich die Bettdecke zurück und nahm mir ein Messer aus der Küche –man sollte nie unvorbereitet sein. Als ich näher an die Haustür kam, wurde das Kratzen immer lauter und es schien fast, als ob das Etwas … jaulen würde?!
      Das Messer hielt ich trotzdem fest in der Hand und versteckte es hinter meinem Rücken. Man hörte ja immer wieder Horrorstorys in denen ein Mörder sich als unschuldiges Tier ausgegeben, seine Opfer aus dem Haus gelockt und schließlich brutal ermordet hatte.
      Als ich nach der Klinke griff, fing das Kratzen wieder an. Ein letzter tiefer Atemzug, dann drückte ich sie langsam hinunter und zog die Tür auf.
      Mir sprang kein Serienmörder an die Gurgel, also wagte ich es, einen Schritt nach außen zu machen.
      Dann sprang etwas aus dem Gebüsch direkt neben mir, direkt auf mich zu.
      Um ein Haar hatte ich das Messer fallen lassen und wäre wieder nach drinnen gerannt. Doch vor mir stand kein Bär oder Hannibal Lecter oder sonst etwas, was wirklich gruselig und gefährlich war.
      Vor mir stand ein Hund. Klein, wuschelig, dreckig, aber irgendetwas in seinem Blick ließ mich auf die Knie fallen und ihm meine Hand zum beschnuppern anbieten.
      Ohne zu Zögern lief der Hund auf mich zu, und als er meine Hand abschnüffelte, sah ich, dass er ein Halsband mit Marke trug. Auf dem Metallplättchen war ein Name eingraviert – Ella.
      „Na du?“ flüsterte ich und strich der Hündin über den Kopf. „Was machen wir denn jetzt mit dir?“
      Ein paar Minuten blieb ich noch sitzen, nicht ganz sicher, was ich denn jetzt wirklich mit ihr anstellen sollte – anscheinend gehörte sie ja jemanden – ehe ich aufstand und Ella kurzerhand mit ins Haus ließ. Gleich morgen würde ich Flyer machen und die dann in Dolphin aufhängen.
    • Rhapsody
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      Tierarztbesuch | Basispaket I
      14. Mai 2015 | © Eddi

      Heute konnte ich größtenteils den herrlich sommerlichen Tag frei genießen, nur einmal musste ich los. Da Juli Mayers heute geschäftlich etwas länger unterwegs war (und das am Männertag!) hatten wir uns entschieden, den Termin auf abends zu verlegen, inzwischen blieb es ja sowieso lange hell. So würde ich also gegen 19 Uhr auf ihrem Gestüt aufkreuzen und dementsprechend musste ich auch langsam los, denn sonst verpasste ich noch das Treffen!

      Ein wenig später kam ich dann doch an, um ehrlich zu sein, eine gute Viertelstunde. Daran schuld war aber ausnahmsweise mal nicht ich, sondern der Kremser, der vor uns auf der schmalen Landstraße gefahren war und gefühlt alle fünf Minuten einen besoffenen Mann verloren hatte, dann anhielt und ihn wieder einsammelte. Juli erzählte mir von ähnlichen Erlebnissen und wir waren beide innerlich froh, wenn der Männertag oder ja eigentlich Himmelfahrt, so schnell wie möglich wieder vorbei war.

      Stattdessen beschäftigten wir uns nun mit meinem heutigen Patienten: Muraco. Er war ein wunderschöner Lewitzer. Ein Rappschecke.
      Neugierig betrachtete er uns, als wir den Stall betraten, war mir gegenüber aber direkt misstrauisch, er ahnte nichts Gutes. Dennoch ließ er sich vorbildlich aus der Box holen und im Schritt und Trab die Stallgasse vorführen.

      Für Muraco stand heute nur die normale Untersuchung an, Juli brauchte nicht immer Röntgenaufnahmen und ein Blutbild und dafür war ich ihr unglaublich dankbar! Denn das bedeutete auch für mich weniger Arbeit. Stattdessen konnte ich mich jetzt Muraco widmen, der am Putzplatz stand und ungeduldig wartete.
      Zuerst warf ich einen Blick in Ohren, Augen und Nüstern, um eventuelle Parasiten oder Ausflüsse festzustellen. Auch ein Blick ins Maul gehörte dazu, den fand Muraco zwar nicht toll, aber zumindest konnte ich bestätigen, dass er kerngesund war.

      Danach hörte ich erst Herz und Lunge ab, ehe ich ihn gründlich vom Genick über den Rücken bis hinunter zu den Beinen abtastete und auch dabei keine Besonderheiten feststellen konnte. Nun kontrollierte ich nur noch die Körpertemperatur und dann konnte wir ihn auch schon impfen. Es gab insgesamt 4 Spritzen und allesamt hielt Muraco tapfer durch. Dann gab es nur noch die Wurmkur zu schlucken und schon waren wir fertig. Ich unterschrieb noch in seinem Impfpass, während der Hengst bereits zurück in die Box durfte. Dann verabschiedete ich mich von Juli und wünschte ihr viel Erfolg für die kommende Körung.
    • Rhapsody
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      Dressur A-L
      15. Mai 2015 | © Samarti

      „Nein. Nein, nein und nochmal Nein. NEIN!“ Ich verschränkte genervt (das klingt böser, als es gemeint ist! Ehrlich!) die Arme vor der Brust und zog die Augenbrauen zusammen. „Nein! Frag Gwen oder irgendjemanden, aber nein – ich will Muraco nicht … Nein!“

      Nach einer Weile des Stillschweigens, in der Jojo mich mit einem undurchdringlichen Blick durchgehend angestarrt und schmollend die Unterlippe nach vorn geschoben hatte, seufzte ich schließlich auf. „Okay, aber hör auf, mich so anzugucken! Du hast gewonnen, back dir ein Eis!“
      „Eis kann man nicht ba-“ – „Ich kann es mir auch ganz schnell anders überlegen, Juli Mayers!“, ermahnte ich meine Nachbarin und wedelte drohend mit dem Zeigefinger vor ihrem Gesicht herum. Jojo verschloss rasch ihren Mund und nickte, dann rief sie mir noch ein „Danke, komm mit!“ zu und verschwand durch die Tür.
      Es folgte mein Weg nach draußen, und – oh, welch Wunder! – direkt erblickte ich den Rappschecken, der bereits auf meinem Hof stand. Und zwar bereit für das Training.
      Ich stöhnte völlig überfordert auf. „Oh mein Gott, ich hasse übereifrige Menschen!“

      „Wo zur Hölle ist der Dreckskerl schon wieder?!“ Und nein; diesmal sprach ich nicht von Matthew, sondern von Jojos ach so tollem Hengst. Denn der schaffte es irgendwie ständig, sich eigenständig zu machen und sich vom Erdboden verschlucken zu lassen! Langsam fühlte ich mich wirklich, als würde ich irgendwie Erziehungswissenschaften oder so etwas in der Art studiert haben und im Kindergarten hocken. Obwohl selbst da wahrscheinlich sogar seltener Kinder verschwanden als dieses gescheckte Etwas.
      Als ich ihn dann endlich gefunden hatte – unter dem Sattel, wohlgemerkt –, stemmte ich beleidigt die Hände in die Hüften und beobachtete, wie Matthew, der anscheinend etwas zu motiviert war, mit Muraco im Dressurviereck bereits fleißig am Trainieren war.
      Der Rappschecke stand inzwischen schon ganze anderthalb Wochen bei uns und wir hatten es bereits geschafft, dass er die versammelten Gangarten beinahe perfekt beherrschte. Sowohl der versammelte Trab als auch der Galopp im versammelten Tempo lieferten ein schönes Bild ab; fließende, kraftvolle Bewegungen rückten Muraco in ein Licht, welches ihn noch viel imponierender aussehen ließ als er es eh schon war.
      „Alter, du sollst mir nicht immer meine Arbeit abnehmen!“, rief ich Matthew zu, nachdem ich die beiden eine Weile beim Training beobachtet und für gut befunden hatte. Der Mann, der auf dem Lewitzer saß, hob seinen Blick und ließ Muraco dann auf meiner Höhe halten.
      „Sorry, aber ich wusste nicht, wie lange du noch schlafen wolltest. Kannst hier weitermachen, wenn du Bock hast. Ich hätte nichts gegen eine kurze … Pause“, grinste mich der Schwarzhaarige von oben an und ich nickte. „Runter mit dir, jetzt bin ich dran. Muraco ist schließlich mein Auftrag, nicht deiner!“
      Nickend stieg Matthew ab, übergab mir die Zügel und ließ mich (die da ohne Reithelm war) dann stehen; ging in Richtung Haus und sorgte somit dafür, dass sich auf meinem Gesicht ein verwirrter Blick breitmachte.
      Dennoch entschied ich mich dagegen, mir den Reithelm jetzt noch zu besorgen (oh, was war ich für ein schlechtes Vorbild! Und so naiv!) und stellte den Fuß in den Steigbügel. Bei Muraco machte ich mir, ganz ehrlich gesagt, nicht wirklich Sorgen, dass er mich aus dem Sattel katapultieren würde – dank Capulet, der inzwischen auch unter Jojos Fittichen stand, aber oft genug von Joline besucht wurde, war ich noch viel sattelfester geworden – und so drehten wir schon kurz darauf unsere Runden auf dem Dressurviereck.
      Da ich mir noch kein Bild davon gemacht hatte, wie viel Matthew mit Muraco an diesem Tag wirklich gearbeitet hatte, stieg ich kurzerhand mit dem Außengalopp ein, den wir zwar bereits zuvor angeschnitten, aber noch nicht weiter geübt hatten. Hierzu galoppierten wir erst einmal eine ganze Bahn im Handgalopp, ehe wir durch die halbe Bahn wechselten. Dabei wechselte Muraco automatisch in den Außengalopp. Ich ritt nicht in die Ecken, ritt aber danach sofort wieder durch die halbe Bahn und der Hengst galoppierte somit wieder im Handgalopp weiter. Dies wiederholten wir immer mal wieder; und Muraco genoss es, durch das Lob immer wieder zu erfahren, dass er die Hilfen richtig umsetzte.

      „Das darf einfach nicht wahr sein! Heute war ich dran, Elisa!“ – „Es ist immer noch mein Auftrag, wie oft soll ich dir das noch sagen …“, seufzte ich und schmunzelte dann. Es war schon auf irgendeine Art und Weise amüsant, was für einen Narren Matthew an Muraco gefressen hatte, wenn es nach ihm ginge, würde er das Pony wohl ganz alleine trainieren.
      Dennoch ließ ich Matthew eiskalt stehen, wie er es bei mir erst letztens gemacht hatte, und konzentrierte mich dann wieder auf das Training.
      Da wir die Kurzkehrt bereits beherrschten und oft genug geübt hatten, war es inzwischen an der Zeit, die Hinterhandwendung zu erlernen. Die war bisher leider etwas zu kurz gekommen – umso wichtiger war es, dass wir uns auch mit dieser nun ausreichend beschäftigen würden.
      Zu Beginn legten wir davor zwei Stangen in einem rechten Winkel zueinander, die als Begrenzung diesen sollten, auf den Boden. Dann gingen wir vor, indem wir zuallererst auf die Mittellinie ritten und aus dem Schritt heraus wendeten. Wir ritten daraufhin in die Ecke hinein; Muraco musste sich nun um sein inneres Hinterbein drehen. Dies übten wir solange, bis es auch ohne die provisorische Begrenzung klappte, dann fuhren wir mit der weiteren Ausführung der Hinterhandwendung fort und dank dem Superhirn, in dessen Sattel ich saß, benötigten wir dafür vergleichsweise sogar nur relativ wenig Zeit.

      Matthew hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, noch einmal mit Muraco zu trainieren, nachdem das eigentliche Training bereits abgeschlossen war. Ich für meinen Teil hatte Jojo zu uns auf das Gestüt bestellt, knappe fünfzehn Minuten später war sie auch schon eingetroffen und hatte sich an mich gewandt und sich erkundigt, wie das Training denn gelaufen war.
      Auf mein knappes „Gut“ runzelte sie nur die Stirn und folgte dann mit dem Blick meinem Finger, mit dem ich in die Richtung des Dressurvierecks deutete – auf dem Matthew natürlich, ganz ganz fleißig, wie es sich für ihn gehörte, mit dem Rappschecken noch einmal die Gangarten, Hufschlagfiguren und Lektionen einer L-Dressur durchzuprobieren und zu checken, ob auch alles so aussah, wie es aussehen sollte. Wahrscheinlich nicht ohne den Hintergedanken, wie toll es wäre, wenn der Kerl noch eine Weile bei uns stehen würde.
      „Ich glaube, das dauert noch eine Weile“, murmelte ich und Jojo nickte, zog dabei abwechselnd die beiden Augenbrauen hoch und brachte mich so dazu, lachend mit dem Kopf zu schütteln. „Wollen wir noch reingehen?“
      „Ich würde lieber Vendetta mal wieder einen Besuch abstatten, um ehrlich zu sein“, grinste Juli als Antwort und ich nickte; schlug mir innerlich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Dachte ich zumindest – Jojos Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte ich das nämlich gerade nicht nur in Gedanken getan.
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      Hufschmiedbericht | Queen - Breakthru
      16. Mai 2015

      Ich glaub, als Muraco sah, dass ich mit Raspel und Feile anstatt mit Striegel und Sattel ankam, war er erstmal erleichtert (wirklich – er schnaubte total theatralisch und widmete sich wieder seinem Heu, dieser Ödel). Wir waren in den letzten Turnieren erfolgreich gewesen, und bevor es weiterging, mussten neue Hufeisen her. Diesmal hatte sich Elena bereiterklärt, mir zu helfen – was wohl bedeutete, dass sie Muraco hielt und so tat, als hätte sie keinen Plan vom Beschlagen.

      Elena wurde, im Gegensatz zu mir, mit einem tiefen Brummeln begrüßt. Ich rollte die Augen.

      „Manieren hat er,“ bemerkte Elena mit einem Grinsen, dann schnappte sie sich das Halfter und führte den Rappschecken vor die Box.

      Schon als ich ihn gekauft hatte, hatte Muraco recht weiche Hufe gehabt. Zur Stabilisierung sollte er also erst einmal eine Weile mit Hufeisen laufen (natürlich auch wegen der Turniere), bis er sie dann im Sommer abgenommen kriegte und sie sich, hoffentlich, von selbst verhärteten.

      Beim Abnehmen der Hufeisen und dem Ausschneiden brauchte ich noch keine große Hilfe, da Muraco brav stehen blieb und sich wahrscheinlich von Elena verwöhnen ließ – ich wollte die Details gar nicht wissen. Wichtig war nur, dass er bei allen vier Beinen ruhig stehen blieb, während ich raspelte und ausschnitt.

      Das Hufeisen anzupassen gestaltete sich dann ein wenig als Problem; der Hengst schmollte wohl, weil Elena nun wirklich etwas tun musste und er die Aufmerksamkeit jetzt mit mir teilen musste, und fing an, unruhig zu tänzeln. So dauerte es einige Minuten, bis auch nur ein Hufeisen angepasst war – dann musste ich es noch bearbeiten und schließlich aufnageln. Auch das fand Muraco immer noch nicht toll – immerhin war Elena ja noch beschäftigt – aber es ließ es über sich ergehen.

      Nachdem dann auch der letzte Huf vernietet war, ging es noch an den Feinschliff und dann war Muraco auch schon fertig. Er hatte normale Eisen bekommen, in denen ich dann, bei Bedarf, Stollen reindrehen konnte, wenn wir sie beim Training brauchten. Elena folgte er wie ein Hund auf die Weide, während ich die Stallgasse fegte und mein Zeug wegpackte.

      Ein paar Minuten später steckte Elena den Kopf durch die Tür. „Ich hab gerade beschlossen, dass wir ausreiten. Jetzt. Sofort.“
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      Die Neuen | The Killers - Mr. Brightside
      18. Mai 2015

      Der einzige Grund, warum der Mai nervte, war, dass ich nun offiziell viel zu früh von der Sonne geweckt wurde. Es war gerade einmal 10 vor 6, da kitzelten mich die ersten Sonnenstrahlen und ließen mich einfach partout nicht mehr einschlafen. Mit einem lauten Seufzer schlug ich die Bettdecke zurück und warf der Sonne, die durch mein Fenster lachte, einen bösen Blick zu. Ich war vor ein paar Tagen erst heimgekommen, was bedeutete, dass das Jetlag immer noch ein bisschen nervte. Deswegen war ich gestern Nacht erst um halb vier eingeschlafen.

      Und gerade einmal zweieinhalb Stunden wieder wach. Wie ein Zombie tappte ich in die Küche und machte mir erst einmal eine Tasse Tee – schwarz, mit ein bisschen Milch und reichlich Zucker, damit ich wenigstens ein bisschen wach wurde. Nebenbei nahm ich mir den Block aus dem Regal, der als Kalender diente. Und für heute standen allerlei Sachen darin.

      Zum einen war heute endlich der Tag, an dem Zoe und Adèle kommen würden. Die Zimmer waren gestern fertig geworden (irgendetwas muss man ja machen, wenn man um 2 Uhr nachts wach ist) und da das Flugzeug ziemlich früh kommen würde, hatten wir genug Zeit, einen Rundgang zu machen. Natürlich mit Besuchen auf Crown Hills, Sanssouci und der Nahanni Rivers Ranch. Das würde super werden. Dann mussten natürlich die Zäune geprüft werden, ehe die Pferde auf die Weide durften – das würde ich wohl gleich morgens machen, während sie ihr Frühstück futterten (man, ich sollte öfters weniger schlafen, da war ich ja glatt ein produktives Genie!).
      Weiter auf der Liste standen ein Spaziergang mit Symbolic Splash und Cìola, Training mit Newt (mal wieder) und ein entspannter Ausritt mit Medeia.

      Doch bevor ich das alles anging, fütterte ich die Pferde und brachte sie zusammen auf die Weiden. Zusammen mit Outside Girl, Bacia und Chepa kam Flea auf ihr Grasquadrat, während Medeia, Lashy, Cíola, Favorita und Star auf die andere Stutenweide durften.

      Bei den Hengsten gestaltete sich das dann schon schwieriger; Val war immer noch der Neue und sollte so auf eine Einzelkoppel. Muraco und Paramour waren beste Freunde, aber Newt sah Paramour als seinen großen Bruder an.
      Am Ende standen Muraco und Paramour, Newt und Attonito und schließlich Vaffanculo auf ihren Koppeln.

      Und dann bemerkte ich, dass ich fast schon zu spät war. Es war keine Zeit mehr, ein Schild mit Zoe & Adèle drauf zu basteln, aber ich hoffte einfach, sie würden mich erkennen. Auf der Fahrt zum Flughafen bemerkte ich dann, dass das Bett in einem Zimmer noch nicht überzogen war – super.
      Trotzdem sollten die beiden Mädels mich erkennen können, wir hatten in den letzten Wochen oft geskypet (teilweise um 3 Uhr nachts – verdammtes Australien).

      Natürlich hatte an einem Tag wie diesem der Flug Verspätung. Das bedeutete, dass es dann nochmal eine extra Stunde dauerte, bis der erste Flug angekündigt wurde. Ich stand keine fünf Minuten in der Halle bis mir auf einmal ein feuerroter Lockenkopf entgegensprang und mich sofort umarmte, als würden wir uns schon ewig kennen.
      Trotz des langen Flugs war Zoe immer noch voller Energie und plapperte ununterbrochen. Dabei strahlten ihre grünen Augen – wieso hatten Rothaarige immer grüne Augen? Das war so fies! – fast so sehr, wie ein ganzer Sternenhimmel. Ja, wir würden wohl gut auskommen.

      Als Adèle dann ankam – Zoe hatte sich gerade einen Kaffee in der kleinen Starbucksfiliale geholt und vibrierte nun scheinbar – wirkte sie abgeschlafft und müde. Sie war hochgewachsen, bestimmt 10+ Zentimeter größer als ich, hatte dunkelblondes, langes Haar, große Augen mit vollen Lippen.

      „Man, du erfüllst das ganze wunderschöne-Französin-Klischee,“ bemerkte Zoe mit einem Grinsen, was Adèles Wangen nur so aufflammen ließ. Trotzdem sah sie aus, als würde sie gleich im Stehen einschlafen, also schlug ich vor, langsam aufzubrechen. Trotzdem dauerte es noch eine geraume Zeit, bis das ganze Gepäck verstaut war und wir endlich auf dem Highway waren. Selbst Zoe wurde langsam ruhiger, kommentierte nur alle paar Minuten die Landschaft. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass Adèle eingeschlafen war.

      Zurück auf dem Hof wollten die beiden Mädels am liebsten einen Einführungsausritt (okay, Zoe wollte einen Einführungsausritt), aber mit den Worten „Die Pferde sind auch noch da, wenn ihr euren Jetlag ausgeschlafen habt“ zeigte ich den beiden ihre Zimmer und half Zoe noch, ihr Bett zu überziehen.

      Dann waren die beiden verstaut und ich brauchte selbst erstmal eine Pause.
      ***

      Als ich mit Lashy und Cíola zurück kam, sah ich, dass die beiden Mädels immer noch tief schliefen – die Rolläden waren nach wie vor fest verschlossen. Auch nach einem Besuch bei Elisa und einer Spielstunde mit Pax, einer Bodenarbeitsübung mit Bacia (langsam klappte es immer mehr – hoffentlich waren wir bald soweit, dass wir uns an das erste Training unterm Sattel wagen konnten) und einer dreiviertel Stunde Training mit Newt regte sich noch nichts hinter den Fenstern der Gästezimmer.

      Erst, als ich nach einem weiteren Ausritt mit Medeia zurück kam, waren die Rolläden des linken Zimmers oben und ich traf Adèle dann bei den Weiden. Sie wirkte nicht wirklich wacher, sondern eher noch müder – wenn das überhaupt möglich war. Mit einem Leckerli auf der Handfläche versuchte sie, eine der Stuten anzulocken, doch keine der Pferde interessierte sich für viel mehr als das Gras direkt vor ihren Nasen.

      Als sie mich bemerkte, lächelte sie. „Ich hoffe das ist okay, dass ich mich ein bisschen umgeguckt hatte,“ sagte sie. Ihre Stimme war leise, weich, akzentfrei. Ich war ein wenig überrascht, dass sie keine Karriere als Synchronsprecherin verfolgte, sondern mir helfen wollte, Pferdehufe instand zu halten.

      Lächelnd zuckte ich mit den Schultern. „Natürlich, immerhin lebst du hier ja jetzt.“

      Sie sah auf den Boden, fast ein wenig beschämt. Als sie mich wieder ansah, sah sie fast ein wenig … geschockt? aus. „Sollten wir irgendwie nerven, darfst du uns das ruhig sagen, ja? Das ist wohl das letzte, was ich erreichen will.“

      Jetzt musste ich mit den Augen rollen. „Bist du immer so neurotisch?“ Und das brachte ein Lächeln auf Adèles Lippen. Dann bemerkte sie die Connemarastute neben mir und bot Medi das vergessene Leckerli an. Während die Stute es genüsslich zerkaute, wurde ich ins Kreuzverhör genommen; wie lang ich schon hier lebte, wie viele der Pferde vom alten Hof kamen, wo meine ganzen Freunde hier wohnten, etc. Viele Fragen drehten sich aber vor allem über Medeia und, als Adèle langsam wieder ruhiger wurde, drückte ich ihr kurzerhand den Strick in Hand. Erst wusste sie nicht, was sie damit anstellen sollte, doch als ich ihr das Tor öffnete, führte sie die Stute mit einem Grinsen hinein. Danach entschuldigte sie sich da sie sich wieder hinlegen wollte – das war wohl das Beste. Unausgeschlafen konnte man nicht gut misten, und je öfter sie schlief, desto schneller war sie ihren Jetlag los.

      Also machte ich mich mit Schubkarre und Mistgabel bepackt auf den Weg in den Stall.
      ***

      Das nächste Mal sah ich die zwei Mädels, als ich vom Stall hereinkam, weil ich einen Bärenhunger hatte. Draußen war es immer noch wunderschön und warm – danke, Mai! – also wollte ich mir nur noch schnell eine Pizza in den Ofen schieben, duschen und essen.

      Als ich jedoch die Tür aufschloss, saßen Adèle und Zoe in der Küche, schnatterten über Gott und die Welt während auf dem Herd ein Topf vor sich hin köchelte.

      Ein wenig verdutzt blieb ich in der Tür stehen, blieb jedoch nicht lang unentdeckt. Ella, die neben Zoes Stuhl auf dem Boden gelegen war, sprang nämlich lauthals bellend auf und rannte mir entgegen.

      Zoe grinste mich ein wenig beschämt an. „Wir hatten ein schlechtes Gewissen weil wir dir nicht geholfen haben. Und Adèle kennt so ein tolles Rezept für Spargelcremesuppe –“

      „Sorry für’s Verwüsten?“ sagte Adèle und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah ich mich in der Küche um; das Waffelessen zur Feier meines neuen Hengstes hatte meine Küche verwüstet, aber von den „Kocheskapaden“ meiner neuen Mitbewohner war rein gar nichts zu sehen.

      „Also,“ sagte ich und löste mich vom Türrahmen, um an den Herd zu gehen. Die Suppe roch genial – ganz anders, als ich sie von daheim gewohnt war, irgendwie … nach anderen, fremderen Gewürzen (was jetzt aber nicht gerade schlecht war, im Gegenteil). „Wenn eure Definition von Verwüstung so aussieht, dürft ihr gern öfters meine Küche verwüsten.“ Mit einem breiten Grinsen drehte ich mich zu den beiden Mädels um und holte dann drei Suppenteller aus dem Schrank.

      „Und zur Feier des Tages essen wir draußen. Hopp hopp!“
      ***

      Nach dem Abendessen hätten Zoe und Adèle mir zwar gern beim Reinholen und Füttern geholfen, doch ich scheuchte sie nur wieder in ihr Zimmer. Diesen Elan durften sie sich für morgen aufheben, da wurden sie dann ordentlich herumgeführt.

      Fürs erste führte ich aber alle Pferde erstmal selbst in ihre Boxen zurück und füllte die Futtertraufen auf.
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      Sharknado und seine Auswirkungen
      24. Juni 2015

      Es gab einen Grund, warum ich mich nicht jedes Wochenende volllaufen ließ, und dieser Grund war, dass ich einfach nicht mit Kopfschmerzen und Übelkeit umgehen konnte. Mit Kopfschmerzen noch eher, dafür gab es ja Ibuprofen und Paracetamol. Aber ab einem gewissen Grad Übelkeit hilft einfach nichts mehr, da konnte man nur noch in seinem Elend liegen und beten, dass es schnell vorbei geht. Und mit einer solchen Übelkeit wachte ich meistens auf, nachdem Elisa uns allen ein neues Trinkspiel gezeigt hatte.

      Verdammt nochmal, das nächste Mal sollte ich wohl einfach bei der Cola bleiben.

      Als ich also diesen „Morgen“ (mein Handy sagte mir, dass es 10:56 Uhr war) nur mit einem brummenden Kopf aufwachte, wusste ich sofort, dass etwas falsch war. Mein Magen war eh schon empfindlich wie sonst was, da hatte er den ganzen Alkohol (Elena hatte zwar sicher gestellt, dass wir nur den besten Vodka bekamen, aber das machte Vodka nicht wirklich verträglicher) nicht auch noch nötig.
      Das hieß aber auch nicht, dass ich ihm ganz abschwor. Und deswegen musste ich eigentlich mit einem Morgen-danach-Pitstop im Badezimmer rechnen. Doch – eben bis auf die Mörderkopfschmerzen – fühlte ich mich ganz gut, als ich mich aus Elisas Gästebett rollte und froh war, dass ich Zoe und Adèle gestern Abend schon vorgewarnt hatte und die Pferde bestimmt schon auf den Weiden waren.

      Mein allgemeines Gefühl verschlechterte sich auch nicht wirklich, als ich vertikal war – mein Kopf pochte, mir war etwas schwindelig und meine Beine fühlten sich wie mit Blei gefüllt an, aber das war’s. Keine unerwartete Rebellion meines Magens, nichts. Irgendwas war hier definitiv fishy. (Und fishy war das richtige Wort, denn das Trinkspiel von gestern Abend basierte auf Sharknado und Sharknado 2 – wenn ich so drüber nachdenke, frage ich mich, wie wir alle ohne Alkoholvergiftung überlebt hatten.)

      Als ich aus dem Zimmer getreten war und mich auf den Weg zur Küche machen wollte, schien es mir, als würde der Marsch Stunden, wenn nicht Tage dauern. Dort würde ich zwar die errettenden Kopfschmerztabletten finden, aber ob es der Gang in gleißendem Sonnenlicht, das natürlich nicht wirklich super gegen Kopfschmerzen half, wert war. Wie ein Zombie schlurfte ich den Gang entlang, vorbei an was weiß ich wie vielen Zimmern, quer durchs Wohnzimmer und da konnte ich sie schon sehen, eine Schachtel Ibuprofen, meine Rettung –

      „FÜSSE HEBEN, MEINE FRESSE!“

      Ob die Stimme wirklich so laut gewesen war wie ich sie gehört hatte weiß ich bis jetzt nicht. Doch zu dem Zeitpunkt war es, als wäre jemand mit einem Megafon neben mir gestanden und hätte mir direkt ins Ohr gebrüllt.
      Und bei so einem Effekt darf man schon mal über die eigenen Füße stolpern, okay?

      Mein Kopf fand das natürlich weniger toll und pochte wie verrückt während mein Gehirn versuchte, die Stimme zu identifizieren. Sie klang ziemlich tief, Elisa und der Rest fielen also schon einmal raus. Und Matthew hörte sich auch anders an, da war ich mir sicher. In der Zeit, in der ich grübelnd mitten in Elisas Wohnzimmer auf dem Boden lag, hatte ich nicht bemerkt, dass mein Attacker wohl durchs halbe Wohnzimmer gestapft war und jetzt über die Rückenlehne des Sofas hing, hinter dem ich tragisch kollabiert war.

      Und wow, was für ein Attacker. Dunkelblonde (oder war das schon hellbraun? Haselnuss? Macadamia? Muskat?) Haare, irgendwie ein bisschen zu lang aber nicht störend lang, sondern gerade so lang, dass sie sein Gesicht irgendwie umrahmten. Ein Gesicht mit braunen Augen, die mich aus irgendeinem Grund an Vollmilchschokolade erinnerten – okay, ich war wohl noch ein wenig betrunken.

      Während ich weiter starrte, stammelte der Angreifer irgendetwas vor sich hin – als ob ich zuhören würde – und kam dann ums Sofa rum, um mir aufzuhelfen. Ich könnte jetzt Lobreden über seine Stärke und Muskeln und Männlichkeit schreiben aber so betrunken war ich dann doch nicht (und außerdem wäre das total gelogen – Mr. Angreifer musste sich nämlich auf die Lehne stützen UND ich musste selbst irgendwie noch hochkommen). Als ich dann wieder aufrecht war, war es nicht so wie in den ganzen Filmen. Nein, wir standen nicht Nase an Nase und guckten uns tief in die Augen und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Mir war nur herzlichst schwindlig und mein Kopf pochte noch stärker und mein Angreifer war ungefähr 2,5m von mir entfernt und wir waren nicht kurz davor, uns unendliche Liebe zu beschwören.

      Was kompletter Bockmist war, ich wusste nicht mal seinen Namen.

      Ein paar Minuten lang sagte keiner von uns etwas, ich massierte nur meine Schläfen und er tat … irgendwas, ich hatte meine Augen geschlossen. Dann, als es sich anfühlte, als wäre das kleine wütende Männchen, das gegen meine Schädeldecke hämmerte, gegangen, räusperte ich mich und öffnete den Mund.

      Was auch immer ich sagen wollte, es kam nicht wirklich raus. Und weil mein Angreifer nach wie vor (verdient!) aussah, als hätte er aus Versehen einen Hund getreten, konnte ich auch gar nichts sagen weil er mir sofort ins Wort fiel. Männer.

      „Also … sorry, ja? Das wollte ich echt nicht.“

      „Nein, nein, kein Problem,“ murmelte ich und ging einen Schritt in die Küche. „Aber ich hab Mörderkopfschmerzen, also.“ Mit ein paar wilden Handbewegungen gestikulierte ich hinter mich und versuchte mich dann an einem Lächeln.

      Was hieß dass er es erwiderte und wow. Ich war jetzt kein Typ Mensch der bei jedem noch so langweiligen Lächeln dahinschmolz aber … wow. Breit, aufrichtig und er bekam plötzlich ein komischen Glänzen in den Augen und wow, wieso fiel mir das auf?

      Vielleicht weil ich starrte. Meine Güte, da traf ich einmal jemand Neuen und verhielt mich wie ein pubertierendes, zwölfjähriges Mädchen. Glücklicherweise schien das der Typ nicht zu merken. Er sah nämlich immer noch ziemlich besorgt aus, als hätte ich mir bei meinem grazil geplanten Fall ein Aneurysma geholt.

      Aneurysma brachte mich auf Nirvana und Nirvana auf meine immer noch dringlich benötigten Kopfschmerztabletten. Also entschuldigte ich mich mit ein paar wilden Handbewegungen und irgendwelchen Worten – Kopfschmerzen, da funktionierte das Gedächtnis nicht so gut! – und huschte schließlich endlich, endlich, endlich in die Küche.

      Die Tabletten waren schnell gefunden und so konnte ich dann gleich weiterhuschen und mich auf der Suche nach Elisa machen und sie zur Rede stellen. So im Sinne von „Das nächste Mal wenn fremde Leute in deinem Wohnzimmer sitzen, die eventuell ganz okay aussehen und gerne Leute erschrecken, sag mir bitte Bescheid sodass ich nicht halbbetrunken in irgendwelche Konversationen mit besagten okay-aussehenden Menschen gezwungen werde“.

      Aber Elisa fand ich nicht so schnell und ich würde diese Unterhaltung gerne fühlen, wenn die Pillen wirkten, also machte ich mich auf den Weg zu Pax. Er stand immer noch zusammen mit Elisas Reitponyfohlen auf einer großen Weide und kam erst abends in seine Box (an der immer noch groß Pacco stand. Elisas Mitarbeiter waren miese Verräter!). Langsam erkannte er mich auch bei jedem Besuch wieder; heute trabte er vergnügt auf mich zu und schnupperte mich sofort nach Leckerlis ab. Da ich ja immer noch meine Klamotten von gestern Abend anhatte, war seine Ausbeute mies und er widmete sich wieder dem Gras vor seinen Hufen. Aponi forderte ihn kurz darauf zu einem Duell/Spiel heraus und ich war ganz vergessen.

      Fast zeitgleich hörte man ein Scheppern aus dem Stutentrakt. Seufzend stand ich auf und machte mich auf den Weg.

      Elisa war viel zu gut gelaunt für jemanden, der gestern ein Sharknado-Trinkspiel überlebt hatte – sie pfiff sogar vor sich hin! Außerdem saß sie mitten in der Stallgasse, spielte mit ihren zwei neuen Katzen und sah somit kaum aus wie die verrückte Katzenladys bei den Simpsons. Als sie aufsah und mich sah, grinste sie mich mit einem solch fiesen Grinsen an dass ich am liebsten gleich wieder gegangen wäre. Bevor ich sie also zur Rede stellen konnte, brachte ich nur ein kleines, mickriges „Was?“ heraus.

      Ich hatte keine Ahnung ob sowas überhaupt möglich war, aber Elisas Grinsen wurde noch fieser. „Nichts. Hab mich nur gewundert, wie’s deinem Magen geht.“

      Gut, Elisa war definitiv übergeschnappt. „Dem geht’s sehr gut, danke der Nachfrage.“ Daraufhin versuchte Elisa sich an einer hochgezogenen Augenbraue, die aber kläglich scheiterte. Damit verschwand auch ihr Grinsen und ich war endlich soweit, dass ich sie fragen konnte.

      „Sag mal – wieso sitzen fremde Männer in deinem Wohnzimmer?!“

      Und Elisas Grinsen war zurück. „Fremd?“

      Jetzt war es an mir, die Augenbraue hochzuziehen. Langsam hatte ich die Lust verloren, von Elisa verarscht zu werden. „Ja, fremd. Definition: unbekannt, nicht vertraut.“

      War es überhaupt möglich, so verdammt selbstgefällig auszusehen? „‘Nicht vertraut‘ würde ich jetzt nicht sagen.“ Ein paar Momente konzentrierte sie sich wieder auf die Katzen und ich konzentrierte mich darauf, dass ich ihr nicht den Kopf abriss. „Warte mal – hast du einen Filmriss?“

      „Ich? Natürlich nicht! Wieso sollte ich einen Filmriss haben?!“

      „Naja,“ Elisa begann sich langsam von den Katzen zu lösen, was bedeutete, dass ich ihre ganze Aufmerksamkeit hatte. „Wenn nicht wüsstest du nämlich, dass dieser ‚Fremde‘ gestern auch dabei war. Oh, und, dass du ihm in seine Lederjacke gekotzt hast.“ Und dann zuckte sie nur mit den Schultern und grinste mich wieder an.

      „Ich habe was?!“ Wenn Elena jetzt dagewesen wäre, hätte sie mich angemault, dass man im Stall nicht kreischt – aber das war ein Notfall (und es waren auch gar keine Pferde drinnen. Keine Ahnung also, wieso Elisa in der Stallgasse saß, wenn sie bestimmt überall anders Arbeit hatte!). Das letzte Mal, dass ich irgendwem in irgendein Kleidungsstück gekotzt hatte, war, als ich 7 Jahre alt war und wirklich krank war und nicht nur zu viel Scheibenwischervodka getrunken hatte.

      „Ich glaub es war zwischen Sharknado 2 und Two-Headed Shark Attack,“ sagte Elisa träumerisch, als würde sie sich gerade an ihre Hochzeit erinnern. „Du wolltest unbedingt raus, da ist dir anscheinend schlecht geworden … und eins führte zum anderen.“

      Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. Das erklärte wenigstens, wieso mir nicht schlecht gewesen war. Verdammt nochmal, dass sowas aber natürlich mir passieren musste! „Und die Jacke …?“ fragte ich zaghaft und spitzte zwischen zwei Fingern hindurch auf Elisa.

      Diese winkte mich ab. „Lederjacke, schon vergessen? Ich glaub, Declan hat’s dir auch nicht übel genommen, er fand’s eigentlich ziemlich lustig.“ Dann lachte sie kurz auf, als wäre ihr gerade ein super lustiger Gedanke gekommen. „Ihm haben wahrscheinlich noch nicht so viele Menschen in die Jacke gekotzt. Du bist einzigartig!“

      Mir gefiel die Richtung, in die dieses Gespräch wanderte nicht, also versuchte ich das Thema zu wechseln. Und zwar genauso locker flockig wie alles, was ich tat.

      „Wie heißt der Kerl?“

      „Declan,“ Elisa sah mich skeptisch an. „Nicht gerade ein Name, dem ich meinem Sohn geben würde aber was soll’s – es gibt Menschen, die finden sogar Elisa schrecklich.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als könne sie es nicht fassen. Dann sah sie mich wieder neugierig an. „Wieso?“

      „Ach, ich bin ihm nur im Haus begegnet,“ murmelte ich. Den ganzen Zwischenfall mit der total hinterhältigen Attacke behielt ich lieber für mich; wer wusste schon, was Elisa damit anfangen würde. Stattdessen sah ich ‚zufällig‘ auf meine Armbanduhr, zog eine oscarreife Oh-Gott-schon-so-spät?-Show ab, die von meiner Freundin nur mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert wurde, und jogg-rannte dann zurück über die Straße auf meinem Hof.

      Während ich die Tür aufsperrte und mich nach Zoe und Adèle umsah, musste ich doch nochmal an Elisas gruseligen, fremden Wohnzimmergremlin (wirklich? Gremlin? Da hattest du schon bessere Vergleiche, Jojo!) denken.

      Declan. Was für ein dämlicher Name.

      ***

      Zoe fand ich schließlich zusammen mit Ella im Stall. Zoe hatte anscheinend angefangen, die Boxen zu misten, war von irgendetwas abgelenkt worden und hatte alles stehen und liegen gelassen.

      Was bedeutete dass ich in meinem immer noch etwas angetrunkenem Zustand erst einmal voll in den Rechen lief, der auf der Stallgasse lag.

      Mein Leben war also eine einzige Simpsons-Episode. Meine Nachbarin war die verrückte Katzenlady während ich wohl wieder aus dem Gefängnis ausgebrochen war, um einen zehnjährigen Jungen mit einer schrecklichen Frisur zu ermorden. Zoe schien mir zuzustimmen, denn als sie mir entgegen lief, murmelte sie etwas von Sideshow Bob und swear to god this never happened in Australia.

      Als ich wieder aufrecht stand und der böse Rechen zur Seite geräumt war, grinste Zoe mich breit an. „Na, wie war der Shark-Marathon?“

      Ich verdrehte die Augen. „Frag nicht. Anscheinend hab ich einem völlig Fremden die Jacke ruiniert.“

      Zoes Augen blitzten und auch wenn sie noch nicht so lang hier war, das konnte ich schon als schlechtes Zeichen deuten. Sie öffnete den Mund, wahrscheinlich um irgendwelche Details nachzufragen, aber ich schüttelte sofort den Kopf. „Keine Details. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

      ***

      Nachdem sie also eingeweiht war, verabschiedete Zoe sich mit einem Grinsen (das noch selbstgefälliger als Elisas war, war das überhaupt möglich? Die Realität verwirrte mich heute sehr.) und sagte, sie würde sich Outside Girl schnappen und mit ihr eine Runde um den Hof machen. Was mich natürlich nur daran erinnerte, dass ich immer noch keinen richtigen Ausritt um die ganzen Höfe mit ihnen gemacht hatte.

      „Am Wochenende!“ rief ich Zoe hinterher und widmete mich dann wieder dem Besen, der die Stallgasse rein theoretisch von Stroh befreien sollte. Es schien mir aber eher, als würde ich das Stroh und Heu vor mir hin schieben und so noch mehr verteilen. Ein neuer Besen musste auf meine Einkaufsliste.

      Adèle fand ich mit Cìola in der Reithalle. Zwar war das nicht gerade mein Lieblingsort an einem warmen Frühsommertag wie heute, doch Adèle schien die Luft nichts auszumachen, als sie versuchte, Cìola das Rückwärtsrichten vom Boden aus beizubringen.

      „Du kannst gern mit Symbolic Splash weitermachen,“ rief ich ihr vom Tor aus zu, worauf sie nur die Augen verdrehte. Zwar kannte ich Adèle noch nicht lange, doch ich wusste, dass sie die Aufgabe nur zu gerne übernehmen würde; sie mochte es, mit Jungpferden zu trainieren, und da sie in Bodenarbeitszeugs viel weiter war als ich hatte ich sie in den letzten Tagen auch mit Bacia trainieren lassen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Lewitzerstute heute zum ersten Mal zu reiten – aber ob das mit einem Kater so gut war?

      Egal. Jetzt war erst mal eine Weidenkontrolle angesagt – die konnte ich wenigstens noch allein durchführen. Bei der Kontrolle der Hengstkoppeln, die alle nah beieinander waren aber abgetrennt, lief mir Paramour hinterher wie ein Hund. Ab einem gewissen Punkt wurde es nervig und ich schnappte mir Vaffanculo, um den Braunschecken von mir abzuhalten. Dafür war Val zu haben – er war der Poser auf dem Hof und imponierte gerne Konkurrenten weg. Und da er schonmal draußen war, brachte ich ihn an den Putzplatz und begann, ihn ausgiebig zu putzen. Aus dem Putzen wurde ein Satteln und daraus eine kleine Runde die mich auf Elenas Hof brachte. Elena hatte wohl gerade Mary Poppins angeguckt, denn als ich abstieg, hörte man aus dem Haus ein Lied plärren und jemanden ein bisschen schief mitsingen. Eigentlich hätte ich gedacht, sie wäre ein wenig überraschter gewesen; immerhin war sie diejenige, die auf andern Hofen rumhing. Doch anstatt mit einem verwunderten Blick wurde ich mit einem Grinsen begrüßt (jeez, da hatte jemand doch was ins Wasser gekippt!)

      Bevor sie irgendwas sagen konnte ließ ich mich aus dem Sattel gleiten und verdrehte die Augen. „Spar dir deine Energie, ich habs schon gehört.“

      „Du weißt, dass ich das nicht tun kann,“ erwiderte Elena in einer für sie viel zu tiefen Stimme. Dazu hatte sie natürlich ihr Pokerface aufgesetzt. Meine Güte, meine Freunde waren definitiv zu komisch (Aber gleich und gleich gesellt sich eben gern).

      Elena konnte es dann doch nicht lassen und nannte mich von da an nur noch Spucky oder Captain Kotzerica („Das macht nicht mal Sinn!“ – „Nur weil du es nicht verstehst!“ – „Dann erklär’s mir doch bitte!“ – „Kunst kann man nicht erklären.“). Dafür plättete ich ihren Hintern in der nächsten Stunde mehrere Male bei einer (oder mehreren) Partien Tony Hawk Underground 2. Nachdem Gwen sich geweigert hatte, ihr New Forest Pony Tawny Hawk zu nennen, hatte Elena sich aus Protest eine Playstation 2 aus dem Internet gekauft, komplett mit etwa 6 Spielen der Tony Hawks Reihe. Was nicht bedeutete, dass sie sonderlich gut darin war.

      Nach einer Stunde fiel mir dann aber wieder ein, dass ich ja Aufgaben und ähnliches hatte (und Elenas Sticheleien wollten partout nicht aufhören) und machte mich gemütlich mit Val/Waffel auf den Rückweg. Als ich auf dem Hof angekommen war, mutierte ich dann zur Arbeitsmaschine – zuerst äppelte ich Weiden ab, wobei ich von Paramour und Muraco neugierig gemustert, von Quixoticelixer verfolgt und von Newt und Attonito von der Arbeit abgelenkt wurde, trainierte dann wirklich noch mit Bacia (was besser als erwartet klappte – am Putzplatz übten wir das Sattelauflegen und Trensen, dann ging es in einer einfach gebrochenen Wassertrense und einem Bareback Pad, das mir Elena einmal aus irgendeinem Grund gegeben hatte, ein paar Runden im Schritt auf dem Platz. Man merkte richtig, wie Bacia nach all den Monaten, die sie jetzt schon hier lebte, Vertrauen fasste. Bevor sie mir so hinterherrennen würde wie Chepa würde es zwar nochmal länger dauern, aber das musste ja auch nicht immer sein – solange mir die Braunscheckstute vertraute und nicht mehr vor mir wegrannte, sollten wir gut miteinander auskommen), longierte Capulet (auch er wurde langsam ein wenig ruhiger – seinen Spitznamen Katapult würde er aber so schnell nicht verlieren, Joline landete doch noch ziemlich oft im Sand) und sattelte anschließend Medeia, um mit ihr und Tautou als Handpferd einen gemütlichen Ausritt zu machen, weit weg von Elisas oder Elenas Hof – Gwen war bei solchen peinlichen Angelegenheiten nicht ganz so schadenfroh wie der Rest unserer Gruppe, deswegen wird sie an dieser Stelle nicht erwähnt.

      Beim Zurückkommen – ich war ein bisschen überfordert, Handpferdausritte waren nicht wirklich etwas, was ich oft tat und deswegen ging es auch nur im Schritt, vor allem mit Tautou – sah ich, wie Adèle und Zoe zusammen Outside Girl, Flea, Favorita und Star am Putzplatz angebunden hatten. Flea und Star hatten schon nasses Fell, während Favorita und Siddy gerade abgespritzt wurden. Normalerweise war Favorita ein ganz schöner Feigling was Wasser anging – Tränke okay, Wasserschlauch? Niemals! – doch sie stand wie angewurzelt während Adèle ihr die Fesseln abkühlte. Ein paar Minuten später waren dann auch Medeia und Tautou mit einer kurzen Dusche dran, ehe sie zurück auf die Weide kamen und sich dort natürlich sofort wieder im Staub wälzten. In Tautous Fall fiel das wenig auf, aber Medeia verwandelte sich vor meinen Augen in einen Braunfalben. Ein wenig mitfühlend klopfte mir Zoe auf die Schulter, verkniff sich aber ihr Grinsen nicht. Wirklich, wieso grinsten um mich herum alle so verdammt fies?!

      ***

      Die Sonne stand schon recht tief als ich mich nochmal auf Elisas Hof aufmachte, fest damit rechnend, dass die Spötteleien wohl nicht aufhören würden. Trotzdem – ich musste mich noch um Pacco kümmern. (Und verdammt nochmal, jetzt hatte sich der Name wirklich in meinem Gehirn festgewurzelt. Pax. Pax, Pax, Pax!!)

      Er stand mit den anderen Fohlen noch auf der Weide, kam jedoch sofort angetrabt, als ich nach ihm pfiff. In erster Linie, weil er wusste, dass ich ihm irgendetwas mitgebracht habe. Den Führstrick, dem ich ihn ans Halfter anbrachte, störte ihn schon gar nicht mehr, und er zögerte auch nur für einen Augenblick, ehe er mir frohen Mutes von der Koppel folgte.

      Am Putzplax angelangt übten wir dann das ganze Stillstehen-Trara. Pax fand nämlich, dass das extrem blöd war und versuchte des Öfteren, ein paar Schritte in eine Richtung zu laufen, ehe er bemerkte, dass er angebunden war. Wir arbeiteten jedoch in kleinen Schritten, deswegen brachte ich ihn nach etwa 15 Minuten zurück zu seinen Freunden.

      Dabei fiel mir dann auf einer angrenzenden Weide ein leuchtend roter Fuchs mit einer Laterne auf. Elisa war nirgendwo zu sehen, und Vendetta sah aus, als könne sie eine Dusche (oder zumindest ein paar Streicheleinheiten) gebrauchen, also nahm ich mir kurzerhand ihren Führstrick.

      Vendetta genoss es sichtlich, die Schicht aus Dreck und Matsch abzubekommen, die sie sich im Laufe des Tages angeeignet hatte. Sie genoss auch die Leckerlis, die Zoe letztens gebacken hatte. Und sie genoss es noch mehr, sich sofort wieder in eine Matschpfütze zu schmeißen, sobald sie die Chance dazu hatte.

      Aber gut, das sollte nicht mein Problem sein.


      Was dann aber zu meinem Problem wurde kam mehr oder weniger direkt auf mich zu als ich gerade wieder in Richtung Pine Grove aufbrach. Erst sah es aus, als würde mich Declan gar nicht bemerken als er aus dem Ausbildungsstall kam – was vielleicht das Beste gewesen war. Doch nein, natürlich musste er mich bemerken und natürlich musste er anfangen auf mich zu zu joggen.

      Was ihn nicht wirklich weniger verzweifelt aussehen ließ.

      Ein wenig widerwillig blieb ich stehen. Immerhin hatte ich mich ja noch nicht entschuldigt und meine Mama hatte mich so erzogen; macht man ein Ding von jemand anderem kaputt, dann hat man sich gefälligst zu entschuldigen.

      Als ich mich jedoch zu ihm umdrehte, lächelte er mich breit an. „So früh schon wieder zurück?“

      Ich mochte Smalltalk noch nie, vor allem nicht in solchen Situationen. Mein „Ja.“ kam also ziemlich schnippisch, aber das war mir egal. „Hör mal – wegen gestern …“

      Die Worte zu finden war auch nicht wirklich meine Stärke und ich brauchte erst einmal eine kurze Pause, um alles zu sortieren. Declan machte es nicht unbedingt leichter – er sah mich neugierig an, fuhr sich durch die Haare. „Jaa?“

      „Äh – sorry? Also wegen deiner Jacke.“ Und er sah mich weiterhin so blöd neugierig an, dass ich mich am liebsten verstecken würde. „Ich … bin mir sicher, dass das keine Absicht war.“

      Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen (und langsam machte mich das echt verrückt – war heute internationaler Grins-Tag?!) und okay, er war doch ein wenig süß. (Ein wenig. Nur ein bisschen. So süß, wie ein Mann eben sein konnte.)

      „Nichts, was ein paar Stunden in der Waschmaschine nicht zurechtrücken können,“ sagte er und dann verschwand sein Lächeln nach und nach.

      Verdammt, ich hätte eigentlich sofort gehen sollen.

      „Aber – was ich eigentlich fragen wollte … nun ja, ich bin hier noch ein paar Wochen—“

      Ach du heilige Scheiße. Wollte der Kerl mich jetzt wirklich nach einem Date fragen?

      Meine Fresse. „Ähm – sorry aber … ich hab immer ziemlich … viel zu tun? Und äh. Da. Ist das vielleicht –“ Gut, das war jetzt auch nicht mal im mindesten peinlich. Super, Jojo!

      Declan verstand mich aber irgendwie doch – vielleicht war er zu oft gekorbt worden (und bei dem Gedanken tat er mir fast schon leid). Auf jeden Fall hob er ein wenig abwehrend die Hände und ging einen Schritt zurück. „Okay, kein Problem.“

      Weil ich mich doch ein wenig schlecht fühlte versuchte ich es mit einem entschuldigenden Lächeln. Obwohl Declan es erwiderte war ich mir nicht ganz so sicher, obs wirklich so rüberkam.

      Also: schnell raus hier. Mit ein paar wilden Handbewegungen und ein paar Wörtern die ich nie im Leben wieder identifizieren könnte machte ich ein paar Schritte in Richtung von meinem Hof. Ein letztes Lächeln von Declan, ein fast schon scheues Winken, dann drehte er sich um und ich konnte zurück auf meinen Hof rennen.

      Meine Güte. Da war dann wohl sogar Elisa talentierter im Umgang mit okay-aussehenden Menschen. Und die hatte es nach – Monaten? Waren es schon Jahre? – immer noch nicht wirklich mit Matthew geschafft und wurde wieder zwölf, wenn man sie darauf ansprach.

      ***

      Adèle und Zoe lachten mich natürlich sofort aus, als sie von dem Vorfall erfuhren. Und Gwen, Elisa und Elena (und Lena natürlich) würden das gleiche tun, wenn es ihnen irgendjemand steckte. Doch den dreien konnte ich nicht die Abenddienst im Stall aufschieben; Zoe und Adèle schon.

      Das bedeutete für mich: ein entspannter Abend mit Ella auf dem Sofa, ganz ohne Vodka und ohne irgendwelche Kotzzwischenfälle.

      So, wie es immer sein sollte.
    • Rhapsody
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      101 peinliche Dinge
      17. Juli 2015 | © Gwen, Samarti, Elii, Rhapsody

      Man konnte Elisa alles aufzählen, was sie jemals falsch gemacht hatte, und die Kuh würde trotzdem noch eine Party des Jahrhunderts feiern. Und genau deswegen war sie gut.

      Sie hatte es nämlich geschafft, mehr als nur die Handvoll Leute einzuladen, die sie wollte. So fiel es nicht auf, dass ich mir für ein paar Minuten ein ruhiges Plätzchen suchte. Ich war nicht nüchtern, aber als Elena auf mich zuwankte kam ich mir so vor.
      Soviel zum Thema ruhiges Plätzchen.
      Ein wenig unbeholfen plumpste sie auf die Mauer neben mir und starrte eine Weile in die Sterne hoch. Ich tat es ihr gleich; Sternkonstellationen hatten mich schon immer irgendwie fasziniert, auch wenn ich nichts weiteres sah als helle Punkte auf dunklem Untergrund.
      „Ich seh da nichts,“ sagte Elena und sie schaffte es sogar, nicht zu lallen. Vielleicht hatte sie doch nicht so viel gehabt.
      Doch dann drehte sie sich zu mir um und hatte ein wenig Probleme, mich richtig zu fokussieren. Okay, sie war betrunken. Aber das hatten wir alles schon gehabt.
      Nach ein paar Sekunden Starren sagte sie dann, in einem viel zu nüchternen Ton, „Ich mag eigentlich gar kein Spongebob.“
      „Ich respektiere das,“ sagte ich mit ernster Miene (oder, so ernst wie ich in diesem Augenblick eben gucken konnte). Doch Elena interessierte das gar nicht weiter.
      „Ich will nicht den Spongebob-Film gucken.“
      „Das lässt sich bestimmt umgehen,“ versicherte ich Elena und klopfte ihr auf die Schulter weil ich eine so tolle Freundin war. Soweit ich wusste, hatte Elisa eh schon eine ganze Liste. Die Filme-die-wir-gucken-müssen-während-wir-trinken-und-irgendwie-nicht-so-mitkriegen-weil-wir-eher-trinken-und-uns-über-den-Betrunkensten-lustig-machen-Liste.
      Elena weinte mich noch eine Weile voll mit den Dingen, die sie nicht mochte – war sie schon immer so weinerlich gewesen, wenn sie betrunken war? Das war ja nicht mehr normal – was für mich bedeutete, dass ich Leute stalken konnte und nur ab und zu mhm-en musste, um sie glücklich zu machen.
      Ich kannte … niemanden. Nichts und niemanden. Klar, ab und zu erhaschte ich einen Blick auf Matthew und für ein paar Minuten hatte ich mich vorhin auch mit ihm unterhalten (über Muraco natürlich) und Joline lief mir die ganze Zeit über den Weg, aber das wars dann auch. Wahrscheinlich kannte nicht einmal Elisa die ganzen Leute. Obwohl es eigentlich nicht so aussah – sie unterhielt sich ausgesprochen ernst mit einem Mann im Anzug und sie hatte, wie es aussah, auch nur ein Glas Cola in der Hand.

      „Elisa ist verrückt,“ sprach Elena meinen Gedanken aus. Dann sah sie mich für ein paar Sekunden an (das sah ich aus dem Augenwinkel). „Wo ist eigentlich Declan?“
      Ich machte ein Keine-Ahnung-wieso-fragst-du-mich-Gesicht, was Eli mit einem Laber-keinen-Mist-du-bist-eine-schlechte-Lügnerin-Blick strafte. (Unsere Augenbrauen sind sehr expressiv.)
      Aber ich war schließlich nicht die Ansprechperson in allen Dingen, die irgendwie mit Declan zu tun hatten. Auch wenn er mir gestern gesagt hatte, dass er wohl für die nächsten Wochen heim fahren würde (Ja, wir waren ausgeritten. Nein es war kein Date. Wir hatten eine nette Unterhaltung, während Paramour und Vaffanculo – Para war der einzige Hengst, mit dem Val momentan lief, ohne auszuticken – und waren dann wieder heimgegangen) und erst wieder kommen würde, wenn die Stute seiner Mutter Training brauchte.
      Und das war jetzt total unromantisch und 100% freundschaftlich gemeint: Irgendwie hoffte ich, dass das nicht allzu lange dauern würde. Wir hatten Handynummern ausgetauscht (was ich den anderen nicht erzählt hatte) und das war cool. Alles cool. Total cool.
      Elena erzählte ich eine abgespeckte Version, nur irgendwie, dass er eben nicht mehr da war und vielleicht irgendwann mal wieder kommen würde. Ihren total blöden, betrunkenen Blick („ALLITERATION!!“ hörte ich in Elisas Stimme in meinem Kopf) ignorierte ich einfach und beobachtete die Menge weiter. (Und das klingt irgendwie krimineller als es eigentlich war, okay.)
      Und gut, das würde jetzt wie ein totaler Antiklimax klingen. Aber man kennt ja diese Geschichte aus der Bibel, mit Moses und dem roten Meer, wie sich das teilt und so und dann läuft er einfach durch auf die andere Seite. So … ungefähr liefen die nächsten Sekunden (oder Minuten?) ab.
      Irgendjemand bewegte sich drei Zentimeter nach rechts, ein anderer verließ die Terrasse ganz und dann hatte ich vollen Blick auf etwas, was ich nicht gedacht hätte, jemals zu sehen.
      Vor allem, weil ich kaum noch daran gedacht hatte.
      Anscheinend hatte ich meinen Mhm-Einsatz bei Elis Geschichte verpasst, denn sie hörte auf, herumzumurmeln, und sah mich mit blanker Miene an. „Was ist?“
      Ich sah wahrscheinlich aus wie ein Schaf aber meine Fresse. „Weißt du noch, als wir Beilight geguckt haben und du russisch gesprochen hast?“
      „…Ja. Und wir haben über Spongebob geredet. Aber ich mag kein Spongebob, also gucken wir Spongebob ni—“
      Bevor Elena sich noch ganz verrannte, ließ ich sie mit einer wilden Handbewegung verstummen. „Jaja, du magst Spongebob nicht, ist okay. Aber – weißt du noch als ich euch von dem komischen Traum erzählt habe? Von dem wir dann erst auf Spongebob gekommen sind?“
      „Mit der bösen Meerjungfrau über deren Traumdeutung wir nicht sprechen dürfen?“ Eli schwankte kontinuierlich zwischen überraschend nüchtern und unüberraschend … nicht nüchtern. Gleich würde sie anfangen, russisch zu sprechen.
      „Okay. Also – also. Frag mich nicht wie das geht, okay. Aber … ich glaub da vorne steht die Meerjungfrau?“
      „Es gibt keine Meerjungfrauen,“ sagte Eli, „Нет русалки.“
      Super, jetzt fing das wieder an. Genervt rollte ich mit den Augen – ich war viel zu nüchtern dafür. „Dem bin ich mir bewusst, Schlaumeier,“ zischte ich. „Was ich damit meine –“
      „Ich bin betrunken, nicht blöd,“ protestierte Elena und sah dann in die etwaige Richtung in die ich vorhin gestarrt hatte. „Ich seh keine Meerjungfrau. Oder Meerjungfraumann. Und Blaubarschbube ist auch ziemlich … unblau.“
      Ich rollte nochmal mit den Augen. Gerade wollte ich dazu noch meinen Mund aufmachen, um Elena einen kleinen Anstupser zu geben, da nahm sie mir die Arbeit schon ab. „Der in diesem … rot … roten? komischen T-Shirt?“
      „Das heißt Henley,“ korrigierte ich sie ein wenig grummelig und starrte nochmal (total unauffällig) zu meinem (haha. Haha.) Traumtypen. Meerjungfraumann … typ.
      Mittlerweile war ich mir nicht mal mehr sicher, immerhin hatte ich nur ungefähr zehn Sekunden lang sein Gesicht gesehen und aus der Entfernung und bei der Dunkelheit konnte ich die Augenfarbe nicht erkennen. Aber, um ganz ehrlich zu sein – und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich für diesen Gedankengang hasse – es war mal wieder der Kiefer der mich überhaupt an etwas erinnerte.
      Sollte Elena das jemals erfahren, würde ich wohl den Rest meines Lebens mit irgendwelchen Kommentaren rechnen. Das war zwar jetzt schon so, aber es waren nur Kommentare über harmlose Dinge, nicht über … Kiefer.
      Je länger ich darüber nachdachte, desto komischer wurde es. Ich war wirklich glücklich, dass Elena keine Gedanken lesen konnte (so viel ich wusste zumindest).
      Elena machte ein undefinierbares Geräusch und ein not-bad-Gesicht. „Ich kann zwar nicht viel sehen, aber ich glaub – oh hey!“ Und dann hob sie die halbleere Vodkaflasche, wie in einem Gruß. Warte, was?! Als ich meinen Blick wieder in Richtung Meerjungfraumann – MJFM ab jetzt – schwenkte, musste ich, zu meinem Entsetzen feststellen, dass er auf uns zu kam.
      „Ich bin weg,“ flüsterte ich, wurde aber mit einem harten Ruck an meinem Plan gehindert.
      „Nicht so schnell Freundchen. Du brauchst dringend einen Kerl, das ist die Chance!”, gackerte Elena lautstark und nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche Vodka, die sie noch immer in ihrer Hand hielt. Dass die Flasche schon beinahe leer war, schien auch der (ganz leicht) angetrunkenen Elena aufgefallen zu sein. Sie gab mir einen sanften Klaps auf den Rücken und wollte gerade von der Mauer hüpfen, als sie das Gleichgewicht verlor und kopfüber (?) nach hinten kippte. Mit einem hilflosen Aufschrei und wildem Herumwedeln mit ihren Armen versuchte sie, sich noch irgendwie zu retten, aber so ganz klappen wollte das dann doch nicht wirklich.

      „Jojo?“ - „Hm?“ - „Weißt du, was ich mich gerade frage?“ Ein wenig irritiert blickte ich die Mauer herab zur Blondine, die wie ein verlorener Käfer im Gras lag. Irgendwie musste ich (warum auch immer) in dem Moment an Kafkas Die Verwandlung denken, da war schließlich auch irgendein Typ, der sich in einen Käfer verwandelte - oder zumindest irgendwie so in der Art.
      „Wo sind eigentlich Nate und Colin abgeblieben? Ich vermisse siiiii-hiiiiie“, lallte der Käfer und versuchte mit verzweifeltem Rumgefuchtel wieder auf die Beine zu kommen. „я хочу обнять!“
      Meine ausdrucksstarken Augenbrauen zogen sich zusammen und ich schenkte Elena nur einen halbherzigen Blick. Wer wusste schon, was das jetzt wieder heißen sollte.
      „Daaaa!“, quietschte Elena begeistert und deutete auf etwas oder jemanden hinter uns. Das Ganze geschah in einer Tonlage, die mir bisher vollkommen unbekannt war. Ein bisschen erinnerte es mich daran, wenn man sich weigerte, den Gurt im Auto anzulegen, das Auto aber wiederum fest der Meinung war, dass dies von enormer Bedeutung wäre. Auch bei Elena schien es gerade höchste Priorität zu haben, auf die zwei Menschen, die sie gerade entdeckt hatte, aufmerksam zu machen.
      Mit einem Mal rollte sich Elena auf den Bauch, rammte sich bei ihrem Aufspringversuch fast das Knie ins Gesicht und lief dann (mal auf vier, mal auf zwei Beinen) auf Nate und Colin zu. „я хочу обнять!“, kreischte sie in einer Tonlage, die dem Störsignal des Fernsehers glich.
      Völlig verstört starrten Nathan und Colin in die Richtung, aus der Elena wie ein Fangirl quiekend angesprintet kam, bemerkten vermutlich viel zu spät, dass sie ihre letzte Chance vertan hatten und wurden dann in eine gefährlich feste, fast luftabschnürende Umarmung gezogen. Während Nathan das Ganze noch nicht so wirklich verstanden hatte, drückte Colins Blick so etwas wie „Friss mich bitte nicht!“ aus. Dazu passte dann auch seine inzwischen etwas ungesund aussehende Gesichtsfarbe ganz gut. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Elena ihre Umarmung als „liebevoll“ und „atemberaubend“ beschrieben hätte, aber irgendwie konnte (und wollte) ich ihr diesmal nur im zweiten Punkt komplett zustimmen.

      Kopfschüttelnd wendete ich meinen Blick von dem Geschehen hinter mir ab und wollte gerade wieder damit beginnen, die Partygäste zu stalken, als ich im wundervoll tiefen Meeresblau seiner glasklaren Augen versank. Eigentlich hatte ich nur das Muttermal genauer untersucht, das sich direkt unter seinem rechten Auge befand. Und während ich dessen Bedeutung versuchte zu identifizieren, bekam ich gar nicht mit, dass er mich ansprach. Das war wohl der unsanfte Ruck, von dem man in Büchern so oft las und der einen rücksichtslos zurück in die Gegenwart katapultierte.
      Eigentlich stellte er sich sogar vor. Ich hatte beinahe das Gefühl, er hätte schon seit fünf Minuten mit mir gesprochen und erwartete nun eine Antwort.
      „Und, was verschlägt dich hierher?“ Wenn man mich fragte, war das wohl die erste und einzige Pause, die er zwischen seinem schier unendlichen Gelaber eingebaut hatte, und die wollte er wohl dazu nutzen, mich auch mal zu Worte kommen zu lassen - oder um sich einfach einen Schluck aus dem Plastikbecher in seiner Hand zu nehmen.
      „Guck mal, siehst du das Sternbild da oben? Das ist mein Sternzeichen, ich bin nämlich Löwe, weißt du?“, setzte ich an und blickte eine Weile stur gen Himmel, weil ich mich noch nicht so ganz wagte, ihm ins Gesicht zu sehen. Nicht, dass ich wieder in seinen schönen Augen versin-, äh, wieder so fasziniert vom Muttermal sein würde.
      Dann allerdings merkte ich, was ich gerade gesagt hatte. Und es war mir schon fast ein bisschen peinlich, wenn ich nicht so angetrunken gewesen wäre.
      Insgeheim schwor ich mir, davon nicht den anderen zu erzählen, besonders Elisa nicht. Die würden sich nur wieder darüber aufregen, dass ich nicht in der Lage war, mit (halbwegs) attraktiven Typen in ein Gespräch zu kommen.
      „Löwen sind sehr schnelle Trinker, wusstest du das schon?“, versuchte ich die Situation einigermaßen zu retten. „Auf jeden Fall siehst du bestimmt, dass mein Glas schon leer ist. Ich meine, du bist ja nicht blind oder so, oder? Deswegen sollte ich das am besten gleich mal auffüllen.“
      „JOJO!“ Oh nein, diese Stimme kannte ich nur zu gut - und sie bescherte oftmals nichts weiter als Ärger. Auch dieses Mal sollte Gwen mich nicht enttäuschen. „Ich hole dir ein Glas! Dann musst du dein Gespräch mit dem verdammt heißen Kerl nicht unterbrechen!“, grinste sie und zwinkerte meinem Gegenüber zu - das verstärkte mein unbändiges Bedürfnis, ihr umgehend eine Ohrfeige zu verpassen (Elena hätte das ohne Zögern getan). Leider konnte ich dem Drang bisher noch ganz gut widerstehen.

      In dem Moment, in welchem Gwen mir das Glas aus der Hand reißen wollte, schien sie aus den Augenwinkeln Colin entdeckt zu haben, denn nur Millisekunden später ertönte es (viel zu laut!) direkt neben meinem Ohr: „COLIN! Du verdammtes Arschloch!“
      Mit diesen Worten sprang sie mit einem Satz über die Mauer (dass sie dabei hinflog und sich erst wieder aufrappeln musste, ignorierten wir alle mal gekonnt) und stürmte dann wie eine wilde Furie - es sah eher aus wie ein hüpfender Dodo - auf die beiden Kerle zu, welche sich immer noch in der innigen Umarmung von Elena befanden.
      Colins Blick ging von verstört zu „Oh Gott, ruft die Polizei!“ über, was ihn dazu brachte, sich mit voller Kraft aus Elenas Todesgriff zu befreien. Das führte dazu, dass Gwens Kopf mit voller Wucht gegen Elenas prallte und beide vor Schmerz laut aufschrien.
      Womit in diesem Moment aber niemand gerechnet hatte, war, dass Gwen anfangen würde, jämmerlich zu weinen. Dann hob sie ihren Zeigefinger in die Höhe und wedelte damit anklagend vor Colins Gesicht - oder zumindest dort, wo sie es vermutete - herum. „Co-ho-liiiin, was tust du mir da immer an?!“ Theatralisch sank sie auf die Knie und vergrub ihr Gesicht weinerlich in ihren Händen, was mich dazu brachte, beschämt meinen Blick abzuwenden und MJFM anzusehen (oder eher die Pflanze, die hinter ihm ganz einsam und allein stand - sie erweckte schon fast mein Mitleid).
      Mit der ganzen Situation restlos überfordert, winkte ich dem Typen noch ein letztes Mal unheimlich lächelnd zu, dann ahmte ich Elena nach (danke für den Tipp!) und ließ mich einfach rückwärts von der Mauer fallen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!

      Zwei Worte: Nie. Wieder. Ich fiel beschissener als Elena und landete mit einem Bauchklatscher im Gras, das leider nicht annähernd so weich war, wie es aussah. Aus den Augenwinkeln sah ich MJFM bereits die Mauer umgehen, jetzt hieß es also schnell handeln! Gekonnt begann ich auf dem Bauch davon zu robben. So hatte ich das auch in der Tiersendung letzte Woche gesehen. Das machten Robben wohl immer so - außerdem war es bei ARD? CNN? NTV? (ne, NTV war Hitler) oder so ausgestrahlt worden. Und wir wissen ja alle: Das ist Bildungsfernsehen.
      Leider schien MJFM das nicht so zu sehen; der sah mir nämlich mit einer Mischung aus Verwirrung und Erstaunen in den (tiefblauen!) Augen hinterher.
      Aber so wichtig war mir das letztendlich auch nicht. Viel wichtiger war es mir jetzt, dass mir irgendjemand half, aus dieser bescheuerten Situation wieder zu entkommen. Und das sollten bitte nicht Gwen oder Elena sein.
      Wo wir beim Thema wären: Wo war eigentlich Elisa abgeblieben? Die Frage beantwortete sich aber schon bald selbst - und zwar genau an dem Zeitpunkt, an dem ich das Haus betrat und mich umsah.

      Nachdem ich die Situation abgecheckt hatte, konnte ich Elisa in der hintersten Ecke des Wohnzimmers ausfindig machen. Sie saß, zusammen mit Matthew, auf einem Sessel - dass es verdammt unbequem sein musste, machte den zwei liebestollen Verrückten anscheinend nichts aus.
      Was dann geschah war allerdings mehr als nur verstörend, was taten die beiden da überhaupt? Matthews Grinsen verriet nichts Gutes und dass Elisa ihn an die Hand nahm und die Treppe nach oben zog, machte es nicht besser. Sie würden doch nicht ... oh Gott, nein.
      OH. MEIN. GOTT!
      Urplötzlich stand Gwen neben mir und schmunzelte: „Davon hat Elisa schon den ganzen Abend geredet...“ Was ging auf diesem Hof eigentlich alles ab, wenn ich nicht da war?
      Und dann überkam es mich: Ich war der Blitz! Wie bei How I Met Your Mother - die Person, die immer zu früh geht und dann passiert etwas völlig Verrücktes. Alles deutete darauf, dass ich der Blitz war!
      Ich wurde allerdings jäh aus meinen Gedanken gerissen, weil Elena und Colin viel zu laut zu irgendwas motiviert und übertönend angefeuert wurden. Eigentlich wollte ich da gar nicht hingehen, aber meine Beine taten mal wieder, was sie wollten.
      Es wäre aber auch zu schade gewesen, hätte ich das hier verpasst. Die Masse hatte sich in einem Kreis um die beiden Blondinen (war Colin nicht eigentlich brünett?) versammelt, die sich anscheinend ein Battle lieferten und wissen wollten, wer wohl mehr Shots vertrug. Eli sah aber schon so aus, als würde ihr Untergebener sie schon bald unter den Tisch trinken - was dann auch der Fall war. Zum Ende hin hing Elena also schon nur noch halb auf dem Stuhl, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen halb geschlossen und den Mund weit aufgerissen. Fehlte nur noch die Sabberspur, die sich in ihrem Mundwinkel bilden würde.
      Aber Elena war hart im Nehmen und nach ein paar Sekunden raffte sie sich erneut auf, mit diesem siegessicheren Blick, um Colin den letzten Rest zu geben (oder eher sich, aber pscht).

      Das famose Ende des Abends war, dass Elisa und Matthew sich gar nicht mehr blicken ließen, Gwen (in eine Decke eingemümmelt) auf dem Sofa einschlief, Elena den nächsten Wettkampf bestritt und ich tapfer vor MJFM flüchte.
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  • Album:
    9 | Gnadenweide
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    Rhapsody
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    22 Juli 2015
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  • [​IMG]
    name: Muraco
    nickname: -

    age/place of birth:
    15 years; Karlsruhe, Germany

    sire/dam: Monaco / Rosendahls Fanny

    gender: stallion

    ___________________________

    breed: Lewitzer

    coat: black tobiano
    genotype: aa Ee Toto

    height:
    147cm

    ___________________________

    character traits/biography: dominant; smart; fast learner

    Muraco war der Überflieger seines Jahrgangs auf dem Gestüt Rosendahl in der Nähe von Karlsruhe. Zu aller erst bestach er natürlich mit seinem Fischauge, dann war er auch noch der einzige Rappschecke des Jahrgangs. Nachdem er eineinhalb Jahre auf der Jährlingsweide verbracht hatte, zeigte sich dann auch, dass er überdurchschnittlich schlau war – doch diese Intelligenz nutzte er auch gerne für allerlei Schabernack. So gelingt es ihm heute noch, aus Boxen und von Weiden zu verschwinden.Natürlich half ihm diese Eigenschaft auch schon beim Einreiten, denn er lernte immer fleißig mit und war somit der erste Hengst des Jahrgangs, der unterm Sattel war.Auf der Weide zeigte sich Muraco schon immer ausgeprägt hengstig; da er aber für die Zucht vorgesehen war und sonst gut zu händeln war, entschied man sich gegen eine Kastration. Mit anderen Hengsten kommt er jedoch ziemlich gut aus, wobei er auch dort sehr dominant ist. Mit Kindern hat er leider noch so gut wie keine Erfahrungen gemacht; dies sollte aber mit ihm trainiert werden, um sicherzugehen, dass nicht doch mal etwas passiert.Im Gelände hingegen ist der Hengst eine wahre Lebensversicherung; er erschrickt sich vor (fast) nichts, geht durch Bäche und Pfützen ohne mit der Wimper zu zucken und lässt sich, im Gegensatz zu manch anderem Pferd, auch im Galopp noch gut kontrollieren. Diese Eigenschaft verbindet sich gut mit der Begeisterung fürs Springen, und so könnte Muraco eine wahre Military-Sensation werden.

    ___________________________

    training: dressage L; jumping L; military M; driving: A

    specialty: eventing

    breeding confirmation: []

    competitions:
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    229. Fahrturnier | 205. Militaryturnier | 207. Militaryturnier | 309. Dressurturnier | 81. Synchronspringen | 305. Springturnier | 209. Militaryturnier
    HK472

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    offspring:
    Tautou (a.d. Tameera)
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    last vet check up: 05/14/15 - Klinik Caen
    last farrier check up:
    05/16/15 - Pine Grove Stud Hufschmiede

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    owner: Juli Mayers (Rhapsody)
    artist (+vkr):
    Elisa Cranfield (Samarti)

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