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Mohikanerin

Millennial LDS [20/20]

a.d. Middle Ages v. Alfred's Nobelpreis _zw106

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Millennial LDS [20/20]
Mohikanerin, 21 Juli 2022
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    • Mohikanerin
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      påslag | 9. Dezember 2021

      WHC’ Griechischer Wein // Fahrenheit LDS // Blávör // Bree // Nachtschatten // Lotti Boulevard // Nachtzug nach Stokkholm LDS // Moonshine LDS // Liv efter Detta LDS // Willa // Krít // Þögn // Saints Row // CHH' Death Sentence // Yumyulakk LDS // Anthrax Survivor LDS // Heldentum LDS // Snotra // Ruvik // Moonwalker LDS // Planetenfrost LDS // Spök von Atomic // Skrúður // Krít // Millennial LDS // Hawking von Atomic // Voodoozirkus // Glanni frá glæsileika eyjarinnar // Kempa // Snúra

      Tyrell
      Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrat ich das Büro, in dem Harlen innerhalb kürzester Zeit nicht nur alles digitalisierte, sondern auch sortierte und an den richtigen Platz stellte. Froh darüber, nun mich auch wieder mehr den Pferden widmen zu können, standen zuvor noch andere Dinge auf dem Plan. Dafür schaltete ich den Mac an und setzte mich vor den hell leuchtenden Bildschirm, der mir vor Augen führte, mal wieder die Brille putzen zu müssen. Aber auch die glänzende Oberfläche des Monitors verlangte nach einem Tuch. Seufzend erhob ich mich aus dem Stuhl, dabei knarrte das Holz unter den Rollen. In der obersten Schublade des Apothekerschranks befand sich neben den Brillenputztüchern auch ein Mikrofasertuch, mit dem ich kürzester Zeit die Fettflecken entfernen konnte.
      Nach dem Durchgehen des diesjährigen Zuchtplans, den Anmeldungen für Fohlenprüfung und Kontrolle der nächtlichen Videoaufnahmen, öffnete ich mein Mailfach. Direkt als erste Nachricht funkelte mich der Betreff ‘Winnie ist soweit’ an. Freudig klickte ich einmal zu oft auf die Überschrift, wodurch sie umgehend das nächste Fenster anbahnte, um eine Antwort zu verfassen. “Nein, Computer”, flüsterte ich meinen Rollkragen herein, schob die Maus von links nach rechts, um den Text zu lesen.
      Fast zwei Jahre stand mein Hengst im Beritt auf einem renommierten Sporthof in Deutschland, wurde dort deutlich besser behandelt als Fahri, um erfolgreich in der Dressur vorgestellt zu werden. Leider blieben die Starts aus, denn die ständigen Probleme mit seinen kanadischen Papieren, hing uns allen aus dem Hals heraus. Die Abreise aus Deutschland war eingerichtet worden, somit blieb mir nur noch die Anmeldung am Flughafen in Stockholm. Unkonzentriert schweifte mein Blick in unregelmäßigen Abständen nach links, hinaus aus dem Fenster. Vriska ritt am langen Zügel auf dem ersten Hufschlag auf Blávör. Das Pony trat aufmerksam durch den Sand, bemühte sich den Kräften der Natur entgegenzustemmen. Links den Schenkel mehr ran, dachte ich im Stillen, wusste aber, dass mich die Mail mehr brauchten als sie mich. Ich seufzte und klickte weiter.
      Auch von Fahri gab es ein Update. Noch immer war mein Freund daran, das Pferd von den Niederlanden nach Schweden zu bekommen, aber im Bereich des rechtlichen gab es noch Schwierigkeiten, die vorher gelöst werden mussten. So verhalte Fahrenheit weiterhin auf seinem kleinen Hof nahe der Hauptstadt. An Gewicht hatte er zugenommen, sah schon zufriedener aus, in der Mähne jedoch hing noch immer ein großer Klumpen aus Kletten und Dreck. Das konnte ich nicht. Schnell klickte ich die Bilder weg und formulierte eine rasche Antwort.
      Knarrend öffnete sich die Tür.
      “Hast du es schon gesehen?”, fragte Harlen freundlich und lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. Ich musterte sein Gesicht, überlegte, was er meinte, ehe ich mit dem Kopf schüttelte.
      “Was meinst du genau?”, drückte ich verwundert die Augenbrauen zusammen, ließ mich gemütlich in die Rückenlehne des Stuhles sinken und verschränkte die Arme. Harlen lachte. Dann setzte er sich in Bewegung, stützte sich auf der Tischplatte ab.
      “Dann schau doch mal in den Ordner Wichtig”, wedelte er mit dem Finger vor dem Monitor herum. Ich richtete mich wieder auf und klickte auf das blaue Symbol auf der linken Seite. Da stand es. In großen Buchstaben im Betreff bekamen wir den Zuschlag für die Weltreiterspiele, anbei sogar die Baugenehmigung und erste Entwürfe für den Ausbau. Eine vollkommen neue Welt eröffnete sich in meinen Gedanken, noch bevor ich mir überhaupt die PDF ansah. Ich konnte sehen, wie Menschenmassen über das Gelände liefen, hocherfreut die Pferde betrachteten und überall kleine Foodtrucks standen, an denen sie sich reihten. Währenddessen duellierte sich die Reiterelite auf dem Platz, zeigten, wofür sie so lange geübt hatten. In den Stallungen würde gelacht und geweint. Abenteuerlust lag in der Luft und in meinen Augen strahlten die Kronen, die wir mit den ganzen neuen Einstellern verdienen würden.
      “Klick doch endlich an”, sagte Harlen aufgeregt. Mit der Maus führte ich den Zeiger auf den Anhang. Noch prachtvoller strahlten die Entwürfe auf dem Bildschirm. Das Lindö Dalen bekam eine ganz neue Wirkung, auch, weil Vieles umgebaut werden müsste. Die Wohnungen wurden dem Erdboden gleichgemacht, um Platz zu schaffen, für das Hauptstation mit einem riesigen Reitplatz, auf dem alle Disziplinen ausgetragen werden könnten. Darum entstanden ein Café und Restaurant, ein großer Vorplatz mit verschiedenen Ständen und alles wirkte so festlich. Ich erkannte unseren Hof gar nicht mehr wieder. Der kleine Reitplatz an der Reithalle wurde vergrößert und mit einem Weg ausgestattet, der direkt ins Innere der Arena führte. Die Tribünen lagen höher, sodass der Hauptplatz wie ein Gladiatorschauplatz anmutete. Mir gefiel die Idee, auch, dass der Zaun um das Gestüt durch eine Mauer ersetzt werden würde, mit einem automatischen Tor. Zur rechten gab es ein Camping Areal, dass auch außerhalb von Turnieren seinen Sinn haben würde. Anlegt an einem Schwimmteich, würden kleine Hütten gebaut werden, die vom Design noch in einer Ausschreibungsphase waren. Jeder bekam die Chance seine Ideen miteinfließen zu lassen, um eine möglichst kreative Vielfalt zu haben. Ich konnte nicht weitersehen, zu sehr zitterte meine Hand vor Freude.
      “Kaum zu glauben, dass das die Wirklichkeit werden würde”, freute ich mich und sah mit glasigen Augen zu Harlen.
      “Ich habe doch gesagt, wir schaffen das”, grinste dieser und sah selbst durch. Vom Stuhl erhob ich mich, um frische Luft zu schnappen.
      “Willst du nicht mit kommen zu den Pferden? Wird Zeit, dass du dich auch mal in den Sattel schwingst”, versuchte ich ihn zu überzeugen.
      “Nein, wie die letzten Tage auch schon”, lachte er mit einer abwinkenden Bewegung.
      “Dann nicht”, gluckste ich, “im Drucker liegt noch eine zweifache Ausführung eines Arbeitsvertrags. Muss nur noch unterschrieben werden, um 15 Uhr kommt die Dame.”
      Harlen nickte und ich schloss hinter mir die Tür.
      Folke traf sich mit seiner Freundin, somit war für mich die tägliche Weidekontrolle auf dem Tagesplan. Aus dem Flur zog ich mir die olivgrüne Fleecejacke und eine schwarze Weste, mit dem Logo des Stalls drauf, an. Schon in der Halle wehte ein kühler Wind hindurch, der mich erahnen ließ, wie kalt es wohl draußen sein würde. Die letzten Zentimeter am Kragen schloss ich ebenfalls noch und startete den kleinen Wagen, der einzig allein dafür gekauft wurde, um die Strecke zu weit draußen liegenden Weiden nicht laufen zu müssen.
      Die Stuten mit ihren Fohlen grasten friedlich. Brees Tochter hatte als Erstes einen Liebhaber gefunden aus Kanada und Breia würde in ungefähr einem Monat ihre Reise antreten, doch davon wussten beide Pferde noch nichts. Das Fohlen der Schwarzen, Stokki, fand man immer häufiger im Kontakt mit den anderen Jungpferden. Am liebsten stand sie bei Moonshine, die bis heute jeden Tag versuchte eine Schwachstelle im Zaun zu entdecken, und Liv. Lotti sowie die drei Isländerstuten und Saint von meinem Bruder erstrahlten in bester Gesundheit mit ihren Nachkommen.
      Unter meinen Gummistiefeln knirschte der feuchte Boden als ich zurück zum Tor lief. Ich senkte meinen Blick zur Seite, um den Wasserstand des Trogs zu prüfen. Für den Tag würde die Menge ausreichen, besonders bei den niedrigen Temperaturen reichte die Fechte des Grass. Mit wenigen Schritten saß ich wieder auf den Fahrersitz und fuhr den Weg an der Stutenweide entlang, um an das andere Ende zu gelangen, an dem die Hengste standen. Schon aus der Ferne sah ich Death mit Yu spielen. Je näher ich kam, umso mehr spürte ich die Vibration des Bodens, der unter den Hufen der Pferde bebte. Als sie mich auch entdeckten, stellten sich die Ohren neugierig auf und in einem taktklaren Tölt kamen die Junghengste zum Zaun. Nacheinander streckten sie mir ihren Kopf entgegen, nur Heldentum stand fernab der Gruppe, sah dennoch interessiert zu mir. In einer fließenden Bewegung drückte ich mich durch den Zaun und lief langsam auf ihm zu. Die anderen Hengste folgten mir vertraut, sorgten jedoch dafür, dass er wieder zur Flucht ansetzte mit leicht nach hinten gedrehten Ohren. Mit wedelnden Armen scheuchte ich die Herde hinter meinem Rücken, die sich sofort auf der Grünfläche verteilten und mir meinen Freiraum ließen.
      Schnalzend knallte meine Zunge am Zahnfleisch, wodurch wippte Held mit den Ohren und in seinen Augen funkelte die Neugier. Ein Schritt kam er näher, doch trat zwei weitere wieder zurück. Alle Versuche ihn zu mir zu locken, scheitern. So legte ich den Rückweg ein, kam dabei an Vriska vorbei, die mit Snotra eine Runde durch den Wald und in dem Augenblick auf ihrer Lieblingsstrecke töltete. Kurz dachte ich darüber nach, dass dort in spätestens einem Jahr ein großes Vereinshaus wäre, dass mit zur neuen Rennbahn gehören würde. Ehe ich mich in dem Gedanken verlor, sah ich Ruvik wie gewohnt an seinem Zaun stehen, die Ohren angelegt und mit seinem Vorderhuf scharrte er verärgert den Boden auf. Ein Pfiff und der Hengste streckte den Hals nach oben, sein Mähnenkamm wackelte, vermittelte mir umgehend, dass er dringend eine Beschäftigung benötigte, die ihm jedoch niemand geben konnte. Bis auf mir, griff das Tier jeden an, der versuchte einen Strick an sein Halfter zu hängen. Deswegen stand er nur auf der Weide, die mittlerweile wie ein Paddock daherkam.
      Nach einem Blick auf die Uhr wusste ich, dass noch genug Zeit sein würde, um mit Walkers Ausbildung fortzufahren. Den kleinen Wagen stellte ich auf seinem Platz in der Halle ab und lief die donnernd die Holzstufen hinauf zur Tribüne, um von dort in die Hütte mit der Sattelkammer zu gelangen. Vom Haken nahm ich ein Halfter ab, dass um den großen Kopf passen sollte. Schon auf dem Paddock strahlten die verbleibenden, hellen Stellen hervor, zwischen all den dunklen Pferden. Durch das Gitter stieg ich hinein. Der Sand war fest, noch von dem nächtlichen Frost. An der Sohle drückte sich die ungleichmäßige Struktur des Bodens an meinen Fuß, sogar für Stücke schmerzhaft. Während sich Plano umgehend an meine Fersen heftete, beäugte mich Walker eher kritisch. Er erhob seinen Hals und drückte den Kopf ein Stück zurück, aber ich schweifte das Halfter über die gespitzten Ohren. Entspannt prustete er die Luft durch seine Nüstern, folgte mir widerstandslos vom Paddock in die Halle. Dort ritt Bruce auf dem Platz mit Skrú, seinen Rappschecken.
      “Läuft gut mit ihm?”, fragte ich beim Putzen, als er ihn zurück in den Schritt holte.
      “Ja, sehr gut, aber ich werde ihn verkaufen”, seufzte mein Bruder, klang jedoch entschlossen.
      “Warum?”, hackte ich nach.
      “Mittlerweile habe ich so viele Hengste und für ihn bleiben die Anfragen aus zum Decken, deswegen hat sich eine Interessentin aus Polen bei mir gemeldet, die ihn übernehmen würde”, erzählte er ununterbrochen. Verständlich, dass Bruce nicht wieder in die Sammelleidenschaft unserer Familie eintreten wollte.
      “Außerdem habe ich Spök, die nur darauf wartet angeritten zu werden. Ich habe gestern das erste Mal mit ihr gearbeitet. Ein tolles Pferd, so freundlich und wie ihre Mutter, einfach ein Goldstück”, schwärmte er über eins der Skrú Nachkommen.
      “Verstehe, die hast du aus Krít gezogen, oder irre ich mich?”
      “Genau, der Schimmelstute. Deswegen sind meine Hoffnung groß, dass ich nächstes Jahr schon eine Futurity reiten könnte”, grinste er breit. Dann klingelte das Handy, womit unser Gespräch endete. Sofort nahm mein Bruder ab, während ich Walker mehr oder weniger geputzt hatte. Aus der Sattelkammer nahm ich den hellbraunen Bliss Sattel, ein Lammfellpad und die grüne Schabracke, als Zaum würde er heute das erste Mal in den Genuss kommen mit vier Zügel geführt zu werden. Dafür suchte ich das am besten passenden Kappzaum heraus mit einem Baucher Gebiss, ehe ich ihm alles umlegte mit einer Trainingsdecke über dem Po. So führte ich den Hengst zu Führanlage, damit er die ersten zehn Minuten sich aufwärmen könnte. Interessiert betrachtete ich ihn, überlegte jedoch, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte, bis er warm war. Dafür lief ich zum Stutenpaddock und prüfte den Zustand der Mutterstute, die viel zu früh ihr erstes Fohlen bekam. Mill floh in einer stürmischen Nacht von der Weide und am nächsten Tag fand ich sie eng umschlungen mit Vintage auf der Zuchtweide. Damit war das Schicksal besiegelt. Der Tierarzt riet davon ab, das Fohlen durch Hormone zu entfernen, denn damit war das Risiko sehr hoch, dass sie die nächsten Jahre nicht aufnehmen würde. “In der Natur kommt das auch vor”, sagte er damals. Jetzt tobt das feuerrote Fuchsfohlen glücklich über den Paddock und beide Tiere sind wohlauf.
      Aus dem Hintergrund ertönte das leise Piepen der Führanlage. Mit einem streichen über die Nüstern der gescheckten Rappstute lief zurück und führte Walker aus der Anlage heraus. Seine Nüstern waren weit aufgebläht. Schon als sein Huf den hellen Sand vor der Halle, bäumte sich der Hengst auf, in ihm weckte sich neue Energie, die sich über das Fell noch verstärkte. Nach dem Festziehen des Gurtes, schwang ich mich in den Sattel, um weitere Runden im Schritt zu drehen. Für den Anfang übernahm ich die Zügelführung am Kappzaum, damit er sich an diese neue Art des Reitens gewöhnen konnte. Er kannte natürlich den Zaum schon von der Bodenarbeit der letzten Wochen, senkte seinen Kopf bei Kontakt am Nasenrücken und kaute ab. Auch in seinem Genick löste sich etwas.
      Doch nach einigen Runden filterte sich heraus, dass Walker übermäßig sein Gewicht auf die äußere Schulter legte und damit versuchte, seine Gleichgewichtsprobleme auszurangieren. Mit einem sanften Bügeltritt auf der Innenseite verlängerte die Stützphase minimal, je öfter ich es wiederholte, umso sicherer kam der junge Hengst aus der Überbelastung heraus und richtete sich mehr zur Körpermitte. Lobend strich ich ihm über den Hals und setzt auch auf der anderen Hand an das Problem an, so gelang es uns auch im Trab besser, die Balance zu finden. Walker spitze die Ohren, hörte bei jeder kleinen Hilfe genau zu und gab sein Bestes, diese auch umzusetzen. Ich hingegen achtete darauf, die Linienführung sauber zu reiten, damit ich mögliche Schwachpunkte an ihm und mit entdeckte. Im Schritt zeigten sich die einfachsten Bahnfiguren als eine Leichtigkeit, doch sobald ich in den Leichttrab wechselte, kam in Biegungen der Pass durch. Den Moment nutzte ich mit einem Bügeltritt das Gewicht zu verlagern und ihm den richtigen Weg zu weisen. Nachdem er zum wiederholten Male beim Abwenden keinen Pass zeigte, holte ich ihn zurück in den Schritt und ritt ihn ab. Zumindest einige Runden, denn dann kam Walker wieder in die Führanlage für zwanzig Minuten und ich holte mir aus der Hütte einen frisch gebrühten Kaffee.

      Jonina
      Mit einem festen Stoß in die Seite, kam ich ins Wanken, zog den Strick erschrocken hoch und Hawking richtete sich erhobenen Hauptes rückwärts. Dem jungen Hengst fehlte es an vielen – vorrangig Respekt. Immer wieder versuchte er in meinen Raum einzudringen oder sich ungeniert an mir vorbeizutrampeln. Hawking lernte schnell, wollte aber nicht sein Wissen einsetzen, lieber mit dem Kopf durch die Wand, dabei befanden wir uns nur auf dem Weg von der Weide zum Stall. Menschen, die nicht einmal grüßten, kamen mir entgegen auf ihren Pferden und auch Fußgänger mit Hund. Im Wechsel durfte ich für einige Meter verschnaufen, ehe der Hengst sich wieder gegen den Strick lehnte und versuchte der Unterordnungsübung zu entringen. Auf mich hatten diese Spielchen keine Wirkung, nein, stattdessen setzte ich mich durch und bot ihm das nötige Durchhaltevermögen. Kurz vor der Ankunft auf dem Paddock strich dem jungen Hengst über den Hals. An meinem Handschuh klebten sofort viele helle Haare, die ich nur an meiner Hose abwischte. Hawking schnaubte zufrieden ab und durfte seine neuen Genossen kennenlernen.
      Voodoo stürzte sich direkt auf das junge Pferde, in dem er seinen Po gegen seinen drückte und mit einem lauten Quietschen, die Rangordnung klarstellte. Doch der Junge wusste sich zu wehren und trat ebenfalls kräftig zu. Für eine Weile beobachtete ich die ausgefallene Streiterei, die sich schnell legte. In wenigen Minuten würde die Festanstellung auf mich warten, damit verbunden, dass Glanni endlich umziehen konnte. Ich würde ihn besser in den Arbeitsalltag einbauen können, wenn er direkt auf dem Lindö Dalen Stuteri stand, aber auch müsste ich die ganzen eingeschnappten Zicken nicht mehr sehen. Wie die kleine Milena, die mit ihrer Stute Kempa und Snúra nichts besseres Zutun hatte, als sehr dicht an meinem Hengst vorbeizureiten und sich dann zu beschweren, dass er leise brummte. Vor Augen sah ich schon, die ich den Wald eroberte mit dem Fuchs, neue Wege entdeckte und auf der Trainingsbahn Gas geben könnte. Außerdem erwog Bruce zwei seiner Stuten im nächsten Jahr von ihm deckenzulassen, was mir zusätzlich ein kleines Taschengeld einhandeln würde. Ja, der Hof war geradezu perfekt für uns beide und die gemeinsame Entwicklung, fehlte nur noch der Vertrag.
      Ich hatte mich so sehr in meinem Konstrukt aus Gedanken verloren, dass ich fast den Termin im Büro vergessen hatte. Aus Erzählungen wusste ich schon, dass Tyrell sehr streng sein kann, wenn man zu spät. Also joggte ich so schnell es mir möglich war durch den Kies. Kleine Steine flogen zur linken und rechten Seite, kamen einem Knirschen wieder auf dem Boden auf. Dann stand ich vor den hölzernen Treppen, wohl möglich eins der ersten Male wirklich nervös. Schweiß lief mir am Rücken herunter und auch an der Stirn. Mit dem Ärmel meines Fleece Pullover wischte ich mir durchs Gesicht und lief den stillen und wirklich grauen erweckenden Flur entlang, stoppte vor der milchigen Glastür. Mein Herz schlug so stark, dass ich das Gefühl bekam, es würde jedem Moment aufhören zu schlagen. Die Haut zog kräftig an meiner Brust, versuchte mit allen Mitteln den Muskel an seiner Stelle zu behalten. Langsam hob ich die Hand und atmete noch einmal tief durch.
      “Herein”, sprach eine mir sehr wohlbekannte Stimme. Erschrocken drückte ich so sehr die Klinke herunter, dass ich nur so hineinstolperte und die Tür gegen die Wand schepperte. Das Glas blieb glücklicherweise intakt.
      “Mit dir habe ich nicht gerechnet”, versuchte ich meine Nervosität zu überspielen, in dem ich meine Hände in der Hosentasche versteckte.
      “Ich ehrlich gesagt auch nicht”, zuckte Harlen mit den Schultern und holte aus dem Drucker zwei mehrseitige Bögen heraus, legte sie auf die Ecke des Tisches zusammen mit einem Kugelschreiber. Leicht berührten sich unsere Hände. Ich schrak zurück und schnappte nach Luft. Er zog seine Braue nach oben. Durch das Fenster sah ich eine blonde Dame, die ziemlich große Ähnlichkeiten mit dem Herrn neben mir hatte.
      “Das ist dann wohl deine Schwester?”, fragte ich zynisch und überlegte noch, ob ich wirklich meine Unterschrift auf den Zettel setzten würde. Meine Hoffnung, auf den nahezu perfekten Arbeitsplatz verflog im Winde, als ich seine Stimme erhörte und sofort wusste, was Sache war.
      “Ja, hast du ein Problem damit?”, blieb er höflich und zeigte erneut mit seinem Finger auf die Linie, auf der ich mein Autogramm setzen sollte. Doch warf den Stift auf den Tisch. Meine Arme verschränkten sich und mit meinem Po lehnte ich mich an der Kante an.
      “Allerdings. Was ich von der weiß, reicht mir, um zu wissen, dass es keine gute Idee ist. Zudem”, ich stoppte, ringe verzweifelt nach Luft. Seine Finger kamen mir bedrohlich nah, steckten eine lose Strähne hinter mein Ohr. Auf seinen Lippen lag das Lächeln so weich, dass ich am liebsten die Zeit zurückdrehen wollte.
      “Harlen”, stammelte ich, “das kann so nicht weitergehen. Es belastet mich schon, vor meinem Bruder Stillschweigen zu bewahren, aber jetzt auch noch bei der Arbeit? Wie stellst du dir das bitte vor?”
      “Jo, ich zwinge dich zu gar nichts, du kannst es frei entscheiden. Mir ist es nicht unangenehm, meiner Schwester gegenüber, außerdem”, ehe er den Satz beenden konnte, unterbrach ich ihn.
      “Die hängt echt viel mit meinem Bruder herum, also nein, auf gar keinen Fall”, wehrte ich mich weiter. Ja, ich wollte keine Gefühle für ihn haben, schon allein, weil Eskil äußerst interessiert an Harlen war. Er selbst hatte auf den Kneipentouren ebenfalls entdeckt, dass Männer ziemlich anziehende Wirkungen hatten, dennoch fanden wir einander in einer schicksalsvollen Nacht in meinem Bett wieder. Seitdem verspürte ich mehr. Es war für mich eher ein Hobby geworden, jemanden kennenzulernen und nur wenige Wochen später jemand anderen zu haben. Dabei bezog es sich lediglich auf das kennenlernen, doch mit ihm kam es schon in der ersten Nacht einen Schritt weiter. Der Alkohol wird seine Wirkung entfacht haben und die tollen Gespräche bei uns im Garten wohl auch.
      “Mir ist es egal, aber nimm’ den Job an, mehr kann dir nicht empfehle”, sagte Harlen gutmütig, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich zurück an den Schreibtisch. Wie hypnotisiert blickte ich hinab auf das Blatt, er hatte recht. Eine bessere Chance gab es nicht.

      © Mohikanerin // 21.027 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
      Fohlenbericht eins von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel tio | 29. Dezember 2021

      Lubumbashi // Millennial LDS // HMJ Holy // Sign of the Zodiac LDS // Enigma LDS // Götterdämmerung LDS // Waschprogramm // tc Herkir // Glymur // Forbidden Fruit LDS // Girlie

      Vriska
      Ehrlich gesagt hatte ich mir genauso mein Leben vorgestellt. Mittlerweile fuhr ich zweimal die Woche nach Kalmar zusammen mit Lubi zum Training. Freitagnachmittag stand das Gruppentraining mit Herrn Holm an, dass Herr Norsberg gerne begleitete und mit stolzer Brust erzählte, dass eine der besten sei aus der Akademi und mir diesen Platz redlich verdient hatte. Da die Turniersaison so gut wie beendet war, gab es nicht viel, worauf ich hinarbeiten konnte. Umso wichtiger wurde es, dass die Lektionen sicherer ritt und Lubi erledigte den Rest für mich. Dienstags verabredete ich mich mit Niklas, der großen Gefallen daran hatte, mir weiterhin Befehle zu geben, die ich treu meiner Persönlichkeit befolgte. Das sorgte natürlich dafür, dass wir stets das Gespräch am Hof waren und die Gerüchteküche brodelte. Aber was soll ich sagen? Ich hatte es wirklich geschafft mich emotional von ihm zu lösen und seine Ablenkung verrichtete großartige Arbeit. Er war ein toller Mann mit genauen Vorstellungen vom Leben, und von mir. Schon der bloße Gedanke an ihn sorgte für ein leichtes Kribbeln in meinen Fingern. Mit Erik hingegen wurde es still. Wir hatten uns einige Male getroffen, aber diese magische Verbindung zwischen uns schien wie durchtrennt. Ich vermisste, was wir hatten, aber klammerte mich nicht mehr panisch daran, zumindest versuchte ich mir das einzureden. Wenn ich morgens wach wurde und feststellte, dass es keine Guten Morgen Nachricht gab, wusste ich schon, dass der Kontakt eher spärlich verlaufen würde. Ich vermisste seine Nähe.
      Mein Bruder hatte die Geschäftsführung des Hofes übernommen und blühte tagtäglich darin auf. Die Klage aus England wurde mit einer unnötig hohen Summe an Geld beglichen und es lief, mehr oder weniger. Er repräsentierte weiterhin das Unternehmen, aber entschied, dass jemand anderes das Geschäftliche regeln sollte.
      Es regnete wie aus Eimern, als ich einen Blick aus der Reithalle nach draußen warf, in der ich gerade Millennial abritt. Die junge Stute hatte vor einigen Tagen ihr erstes Rennen und schlug sich wacker zwischen den ganzen Cracks. Einen Sieg gab es für sie nicht, aber die Erfahrung war so viel wichtiger als eine weitere Scherbe in der Sattelkammer. Zum Ausgleich ritt ich sie seit Anfang September ein. Mill hatte Temperament und davon nicht wenig, dennoch bemühte sie sich einen Gang runterzuschalten. Verschwitzt drehten wir unsere Runden auf der ganzen Bahn, denn das Lenken ließ noch zum Wünschen übrig.
      “Denkst du daran, dass wir nachher noch aufs Folkes Geburtstag anstoßen?”, erinnerte ich Lina daran, die gerade mit Zoi den Stall betrat. Ihr Regencape war vollkommen durchnässt und auch die braune Stute wirkte sehr unzufrieden mit der Gesamtsituation.
      “Ja, ich denke daran, also zumindest jetzt”, erwiderte sie und schob sich die nasse Kapuze vom Kopf. Seitdem ihre Schwester nicht mehr da war, fanden wir immer mehr zueinander und mittlerweile würde ich sagen, dass wir Freunde waren. Sie wusste nichts von den ganzen Gerüchten, worüber ich froh war. Schließlich waren es auch nichts mehr Gerüchte, die sie nur wieder verunsichern würden.
      “Wenn du mit Zoi fertig bist, müssen wir uns mal Holy zusammen anschauen. Die wird immer dicker, obwohl sie schon auf Diät ist”, rief ich noch über die Bande. Mill hielt laute Geräusche für weniger lustig und legte die Ohren an. Sanft strich ich ihr über den nassen schwarzen Hals.
      “Okay. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, ziemlich seltsam”, nickte Lina stirnrunzelnd. Ich ritt mit der Stute noch weitere Runden, bevor ich aus dem Sattel rutschte und mit beiden Beinen fest im Sand landete. Millennial schüttelte sich, versuchte ihren Kopf an mir zu reiben und konnte gar nicht schnell genug wieder zurück auf den Paddock. Immer wieder bremste ich sie beim Verlassen der Halle und legte ihr das Halfter um, dass direkt neben dem Tor hing. Zur Kostensenkung hatte mein Bruder eine grandiose Idee, die mich nur zum Kopfschütteln brachte. Am Eingang hing neben dem Halfter auch ein Hufkratzer, mit dem wir den Sand aus den Hufen entfernen sollten und danach alles mit dem Besen zurück fegen. Ein Schicksal des Sandes war es, dass Tyrell alle drei Monate eine Fuhre nachorderte, um die Höhe zu halten. Durch das Auskratzen und Zurückfegen sollte das nun verhindert werden, schauen wir mal. Ich denke nicht, dass das etwas bringen würde.
      Mills Augen fielen immer wieder zu, als sie unter dem Solarium stand und die Wärme genoss. Lina stand daneben mit Zoi und versuchte mit aller Kraft der jungen Stute die Hufe auszukratzen, doch sie stellte sich stur und belastete immer wieder das gewünschte Bein. Amüsiert betrachtete ich die Szenerie, bis mich entschloss, doch zu helfen. Energisch patschte ich mit meinem Handrücken gegen das Bein der Stute, die umgehend das Bein hob.
      “Bei ihr brauchst du nicht höflich sein, sonst verarscht sie dich weiter”, erklärte ich und half noch bei den restlichen Beinen. Lina nickte und versuchte es beim letzten Huf allein. Zoi gab nach. Zusammen liefen wir zur Sattelkammer. Sie griff auch aus der großen ein Kappzaum und durchwühlte den riesigen Deckenhalter nach einer Weidedecke für Mill. Ihre richtige Decke hing noch zum Trocknen im Heizungsraum, also musste eine andere her.
      “Die sollte passen”, sagte ich im Selbstgespräch zu mir, als ich eine dunkelgrüne Decke in der Hand hielt, die genauso groß war wie ich. Zum Tragen knüllte ich sie irgendwie zusammen und lief über die Stufen hinaus. Millennial schlief beinah unter dem roten Licht und funkelte mich mürrisch mit ihren großen blauen Augen an, als ich es ausschaltete. So gut ich konnte, schmiss ich das Ding auf die trockene Stute und bahnte mir dann weg hinaus in den Regen. Obwohl die Wege befestigt waren, rutschten wir einige Male aus, bevor wir am Paddock ankamen. Mit angelegten Ohren sah sich mich an, als wollte sie sagen ‘Muss ich jetzt wirklich hierbleiben’ und gesellte sich zu den anderen Stuten unters Dach. Enigma stupste sie freundlich an, während Götterdämmerung versuchte, ihre Position neben der braunen Stute zu verteidigen, doch Mill wusste sich zu wehren und schnappte nach ihr. Die Diskussion war damit beendet und ich rannte zurück unters Dach, um nicht noch mehr durchweicht zu werden. In der Gasse machte ich etwas Ordnung und schielte immer wieder zu Lina hinüber, die Zoi versuchte für die Arbeit zu motivieren. Doch die Stute dachte gar nicht daran, sie für voll zunehmen und lief Runde um Runde im Kreis, schlief die Füße durch den Sand und schüttelte immer wieder den Kopf. Ich fand nicht die richtigen Worte, um den beiden zu helfen.
      “Hast du nachher Lust noch einen Film zu schauen?”, ertönte es hinter mir, gefolgt von Hufschlag. Tyrell betrat zusammen mit Bruce die Stallgasse. Perplex klammerte ich mich am Besen fest und musterte sie von oben bis unten. Die Beine der Hengste waren bis zu den Knien mit Matsch belegt und vom Schweif tropfte der Regen hinunter.
      “Du kannst es auch nicht lassen, oder?”, lachte Bruce und gab seinem Bruder einen leichten Schlag in den Oberarm mit der Faust. Tyrell funkelte ihn verärgert an, aber sagte nichts.
      “Können wir gern machen”, lächelte ich und stellte den Besen zurück an seinen Platz. Dabei stupste mich Herkir an meiner Hose an, in der sich wie immer Leckerlis versteckte. Ich kramte ihm umgehend nach einem und gab auch Waschi eins. Sanft fummelte er die Belohnung von meiner Handfläche. Ich strich beiden Pferden über den nassen Hals und schaltete das Solarium an, um die Hengste zu trocknen.
      “Kannst du ein Auge auf ihn haben?”, bat Bruce mich und bewegte seinen Kopf in Richtung des Hengstes, “ich muss mal nach Jonina gucken, die mit Cissa in der Reithalle sein sollte.”
      “Natürlich”, antwortete ich und stellte mich demonstrativ zu dem Fuchs. Bruce bedankte sich und zog die Kapuze über seinen Kopf, bevor er zurück in den Regen lief, um die zur anderen Halle zu gelangen. Lina schielte zwischen durch zu uns, aber hatte die junge Stute mittlerweile dafür motivieren können, aktiver vorwärtszulaufen.
      “Wir haben noch Red Sparrow auf der Liste”, kam Tyrell überraschend wieder, nach dem er Waschi auf den Paddock gebracht hatte. Mir entging, dass wir im April eine Liste erstellten mit Filmen und Serien, die wir ansehen wollten. In der Prüfungszeit und Vorbereitung zur Reise nach Kanada wurde meine Zeit immer knapper. Außerdem fühlte ich mich nicht wohl dabei, ihm immer näherzukommen.
      “Klingt gut”, schmunzelte ich, “aber vorher ist erst mal noch Folke an der Reihe.”
      “Wo ist der eigentlich?”, erkundigte er sich.
      “Er ist mit Hedda in Linköping, sollte jedoch demnächst wieder da sein”, erzählte ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Dann verlangte Herkir wieder meine Aufmerksamkeit. Sinnloses herumstehen gefiel ihm nur mittelmäßig. Er tänzelte auf der Stelle, versuchte in die seitliche Befestigung zu beißen und wurde nervöser, je länger nicht von der Stelle kam. Sanft strich ihm über den Nasenrücken und hielt ihm am Halfter unten. Allmählich fand er sich mit seiner Situation, konnte sogar noch etwas dösen, bevor ich ihn in seine Box brachte. Er stand zusammen Glymur in unserem Stall und freute sich endlich wieder seinen Mitstreiter zu sehen.
      „Na mein Hübscher“, begrüßte ich den Hengst, für den ich seitdem intensiven Training mit Lubi, Fruity und der Göttin kaum noch Zeit schenken konnte. Auch er entschied meine Hosentasche, als äußerst interessant zu empfinden und fummelte mit seiner Oberlippe daran herum. Herkir spitze ebenfalls die Ohren. Für beide kramte ich eins heraus und übergab sie ihnen. Intensiv strich ihn durch die mittlerweile wieder volle Mähne und das plüschige Fell. Ich hatte extra meine Handschuhe ausgezogen, um seine Wärme spüren zu können. Es tat mir in der Seele weh, ihn so zu vernachlässigen, aber ich wusste, dass ich eine Entscheidung treffen musste und die nun mal, gegen das Gangreiten sprach. Ich träumte davon mit ihm selbige Prüfungen zu reiten wie ich mit Lubi vorbereitete, konnte mir aber schon denken, dass es für reinstes Gelächter sorgen würde. Glymur war trotz seiner fünf Gänge sicher im Trab und Galopp zu reiten und sogar so weit ausgebildet, dass eine L-Klasse locker mit einer Schleife belegen könnte, doch Bruce hatte schon lachend nur mit dem Kopf geschüttelt, als ich von dem Ritt in Kanada erzählte.
      „Würdest du bitte Platz machen? Ich möchte Glymur herausholen“, sagte die neue Trainerin, die Bruce ans Wasser zog für die Reitschule.
      „Ich denke nicht“, brummte ich genervt und wurde unfreundlich zur Seite gedrückt. Sie warf mir einen scharfen Blick zu und legte dem Hengst ein deutlich zu großes Halfter an. Dann verließ sie den Stall mit hocherhobenem Kopf. Tyrell zog mich zur Seite.
      „Vriska, so geht das nicht“, ermahnte er mich.
      Ich rollte übertrieben mit den Augen.
      „Das auch nicht!“, wurde seine Stimme lauter.
      „Aber der gehört mir“, protestierte ich und wusste, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Das bekam ich direkt bitter zu spüren.
      „Dir gehört hier rein gar nichts“, tadelte mich Tyrell weiter, „ich teile mir mit meinem Bruder die Eigentumsrechte an dem Pferd. Wir haben dir freundlicherweise Glymur zur Verfügung gestellt und nun hast du dir das teure Dressurpferd angelacht.“ Dabei nickte er mit seinem Kopf zur vorletzten Box, in der Lubi ihren Kopf heraussteckte und albern wippte. Sie streckte die Zunge heraus, nach einem teuren Dressurpferd sah sie dabei nicht aus, eher nach einem Trottel, den man auf dem Jahrmarkt geschenkt bekommen hat.
      “Schon gut”, beendete ich wehleidig die Diskussion und wand mich von ihm ab. Ich spürte, dass er mir sehr auffällig nachsah, doch ich wollte ihn gerade wirklich nicht mehr vor den Augen haben. Stattdessen suchte ich Lina auf, die vermutlich alles davon mitbekam. Sie sammelte die braune Stute gerade ein, als ich am Tor auf sie wartete.
      “Gefällt dir wohl nicht so, dass jemand anders jetzt mit Glymi arbeitete, mh?”, erfasste sie die Situation, als sie mit Zoi im Schlepptau auf mich zukam.
      “Nicht so eingebildete, blöde Kuh”, sprach ich leise, damit Tyrell uns nicht hörte, “wenn ich das Geld hätte, wäre es schon mein Pferd.” Als erhörte jemand meinen Wunsch, vibrierte mein Handy. Ich warf einen kurzen Blick darauf: 1 Message from Niklas. “Also heute Abend ist die kleine Feier?”, schrieb er. Ich antwortete mit einem kurzen ‘Ja’ und steckte es zurück in die Brusttasche meiner Jacke.
      “Kann ich vollkommen nachvollziehen, ich wäre auch so drauf, ginge es um Ivy”, nickte Lina verständnisvoll.
      “Und dann kam der nicht adlige Prinz”, lachte ich aufgesetzt, “während meiner aus dem Frust heraus, sich direkt ‘nh andere sucht.” In dem Moment fiel mir ein, dass ich ihr noch gar nicht davon erzählt hatte und schämte mich für beides. Ich trat einige Schritte zur Seite, um ihr Platz machen am Anbinder. Neugierig zupfte Zoi an meinem Ärmel und bekam einen kleinen Klaps von mir, mehr als unkontrollierte Bewegung, als zur Erziehung. Ich seufzte.
      Lina hielt für einen Moment inne die Riemen des Kappzaums zu lösen und sah mich fragend an: “Soll ich fragen, was Erik angestellt hat oder willst du lieber nicht drüber reden?”
      „Ich weiß es nicht genau“, atmete ich erneut zu laut aus und ballte meine im Ärmel zur Faust, „er hat mir nichts Genaues erzählt, weil ich es nicht wollte. Alles, was ich weiß ist, dass er noch am Tag, als ich zutiefst im emotionalen Chaos versank, mit einer anderen schlief. Und als wir dann vor ein paar Tagen essen waren, meinte er, dass sich da etwas Ernstes entwickelte. Ich freue mich für ihn, aber es tut weh.“
      Zwischendrin schluckte ich immer wieder, fühlte mich schlecht dabei und noch schlechter, dass Trymr auch nicht mehr da war. Stattdessen klammerte ich mich an einem Typen, dessen Namen ich nicht kannte und womöglich die beste Chance im Leben verspielte. Ich war mir meiner Sache zu sicher, er war sich seiner Sache zu sicher und damit verloren wir beide das vermutlich wichtigste in dem Moment.
      “Das tut mir wirklich leid für dich, ich kann mir vorstellen, dass das schmerzt”, erwiderte sie mitfühlend. Lina meinte es gut, aber es war nicht wirklich das, was ich hören wollte. Dennoch lächelte ich und schniefte. Dann sah ich mich im Stall um, damit sonst keiner uns zuhörte.
      “Vielleicht”, murmelte ich, “sollte ich nachher wirklich noch zu Tyrell.”
      “Wenn du denkst, dass es dir guttut, mache es”, lächelte Lina freundlich.
      “Man”, protestierte ich laut stark und trampelte auf der Stelle herum. Zoi schreckte mit dem Kopf hoch, aber begriff im nächsten Wimpernschlag, dass ein Zwerg, wie ich es war, keine Bedrohung darstellte. Schockiert sah auch Lina mich an und setzte fort: “Du bist doch auch keine Hilfe. Weiß ich doch nicht, was mit guttut. Ich könnte vermutlich auch zu Vidar fahren und der würde sich zumindest mehr freuen.” Lachte ich zu sehr, um das es wie ein Scherz klang. Kurz dachte ich darüber nach, aber das war es wirklich nicht wert, knappe vierzig Minuten in die Höhle des Drachens zu fahren.
      “Entschuldigung”, beschwichtigen nahm Lina die Hände nach oben,” aber letzteres halte ich für eine sonderbare Idee. Noch ist nicht gesagt, dass das mit Erik und dir endgültig aus ist.”
      “Aber dann wäre wohl beides nicht ganz klug”, antwortete ich und überlegte kurz, “oder hast du Angst, dass ich deine Schwiegermutter werde?” Ich wusste, dass es nicht nur vollkommen absurd war, sondern auch geschmacklos. Doch irgendwie hatte Spaß daran, das Gespräch mit ihr zu führen, obwohl Lina ziemlich schockiert mich anblickte und nicht wusste damit umzugehen. Wir waren noch immer allein im Stall. Gegen die großen Fenster pladderte noch immer der Regen und der Wind toste an den offenen Toren vorbei. Die Pferde störte der Sturm nicht ansatzweise, doch mich beunruhigte es etwas.
      “Ähm, nein …”, sagte sie und blickte mich noch immer ein wenig verstört an, “und ob das andere unklug wäre, kann ich nicht beurteilen, weil ich keine Ahnung habe, was in deinem Kopf vor sich geht.”
      “Um dir das zu erzählen, bräuchten wir Alkohol, sonst könnte es dich ziemlich überfordern”, grinste ich. Meine Schulter lehnte an einen der Holzpfähle, rutschte ab, aber ich konnte mich noch rechtzeitig fangen. Wieder schlug das junge Pferd seinen Kopf nach oben.
      “Wenn es dich ernsthaft interessiert, kannst du zu mir kommen”, bot ich ihr beim Verlassen der Stallgasse an, “aber jetzt versuche ich erst mal Erik ein schlechtes Gewissen machen.” Dann lief ich weiter, noch rechtzeitig fiel mir noch ein, dass Niklas in wenigen Minuten da sein wollte.
      “Ach ja”, rief ich vom Tor, “dein Kerl ich gleich da.”
      Eine Antwort bekam ich nicht mehr, stattdessen blickte sie mich nur mit ihren großen Augen an. Nicht nur sie dachte gerade, dass ich verrückt sei, auch ich wusste das bereits. Aber normal kann jeder. Ich legte mir die Kapuze auf dem Kopf und rannte über den Kiesweg zu meiner Hütte. Eine Welle aus heißer, stickiger Luft kam mir entgegen, als ich die Schiebetür meiner Terrasse öffnete. Den Regenmantel warf ich in die Dusche und wechselte zunächst meine Kleidung. Da die Pferde bei dem Sturm nicht auf die Weiden sollten, gab es auch nichts weiter zu tun. Frisch umgezogen, ließ ich mich auf die weiche Couch fallen und konnte es eigentlich nicht abwarten, schlafen zu gehen und am nächsten Tag von vorne zu beginnen. Ein Tag sah bei mir seit Wochen sehr ähnlich aus: Ich stand auf, zog mich an, trank einen Kaffee und arbeitete mit drei Pferden, bevor ich mich an die Boxen machte und dann mit zwei Jungpferden fortsetzte. Danach variierte es, welche Pferde meine Aufmerksamkeit verlangten oder ob ich in die Stadt fuhr und Besorgungen machte.
      „Annäherungsversuche beim Chef machen, ja oder nein?“, schrieb meiner unbekannten Gesellschaft, die immer einen guten Rat zu schreiben hatten. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er meine Nachricht las und am Tippen war.
      „Eigentlich ist das immer eine idiotische Idee und du bist kein Idiot, junge Dame“, antwortete er.
      „Auch nicht, wenn ihm Gefühle vollkommen egal sind?“, formulierte ich frei heraus, denn ich wusste, dass Tyrell diese Sorte Mann war.
      „Erst recht nicht dann“, kam eine weitere Antwort, bevor die nächste bereits folgte, „schließlich hast du mich dafür. Also, was hast du auf dem Herzen?“
      „Der wichtigste Unterschied zwischen ihm und dir ist aber, dass er zur Verfügung steht und du dich hinter verführerischen Nachrichten versteckst, die mit aller Wahrscheinlichkeit immer Fantasie bleiben würden“, fühlte ich mich selbstsicher und kuschelte mich zwischen den Kissen ein. Mein Handy hielt in die Luft über meinen Kopf und grinste schelmisch. Mittlerweile konnte ich gut einschätzen, was ihm auf die Palme brachte und womit sich sein Ego nicht gut fühlte. Dazu zählte ganz klar die Tatsache, dass er ungern hinter anderen Männern gestellt wurde. Ewig pulsierten die drei Punkte, bis eine Antwort auf dem Bildschirm erschien: „Ach, so ist das also? Denkst du ernsthaft, dass ich nicht in der Lage bin, dich genauso glücklich zu machen, wie ich es sage? Das würde mich stark enttäuschen und glaube mir, du möchtest nicht, dass ich enttäuscht bin.”
      Mein Lächeln wurde immer breiter, ihn anzustacheln bereitete mir große Freude. Prüfend sah ich zur Tür. Der Regen wurde immer stärker und Lina noch kommen würde, bezweifelte ich immer mehr. Für mich selbst zuckte ich mit den Schultern und schrieb dann eine Antwort: “Was wäre denn, wenn du enttäuscht bist? Schließlich ist es für mich schwer einzuschätzen, ob du dazu in der Lage bist oder nicht, schließlich wagst du es dich nicht, mich physisch zu berühren.” Als hätte er schon beim Schreiben mitgelesen, leuchteten wieder die Punkte auf.
      “Das werden wir noch sehen”, provozierte er mich.
      “Ich will dich sehen”, nervös biss ich mir auf der Unterlippe herum, hoffte innerlich darauf, dass es ihn so sehr aus der Bahn warf, dass er noch heute herkommen wusste. Doch ich wusste, dass er keinesfalls an einen Ort kommen würde, an dem sich einer von uns beiden auskannte. Wir hatten bereits darübergeschrieben, wie das erste Treffen aussehen könnte und das würde auf jeden Fall in einem Hotel sein, dass für uns beide mehrere Stunden entfernt lag.
      “Sehen würdest du mich nicht, aber spüren würde doch schon reichen”, kam es als Antwort. Mein Herz pochte immer schneller, die Adern kochten und an meinem ganzen Körper breitete sich ein Zittern aus. Vielleicht sollte ich das alles nicht zu ernst nehmen, aber der Gedanke, dass er sich mehr Mühe gab, als der Kerl, von dem ich dachte, er sei der Eine, brachte mich zum Nachdenken. Ich war zu schwach, um ihm mehr zu schreiben, doch das war gar nicht nötig, denn er setzte direkt fort: “Aktuell hätte es niemand anderes mehr verdient als du. Wenn ich ehrlich bin, pulsiert alles auch nur für dich. Mein Herz ist bei dir.”
      Ich schluckte und schloss den Chat. Dann legte ich das Handy neben mich in die Couchritze und beobachtete, wie der Regen weiterhin gegen die großen Scheiben peitschte. Es wirkte hypnotisierend. Durch meinen Kopf liefen verschiedene Szenarien, wie es laufen würde, je nachdem welche Entscheidung ich treffen würde. Vor den Fenstern verdunkelte es sich und meine Augen fielen auch immer schneller zu, bis ich panisch wach wurde und nach meinem Handy in der Ritze wühlte. Neben vier Nachrichten hatte von meinem Unbekannten, hatte auch Erik mir geschrieben.
      “Ich glaube, du musst wieder Trymr zu dir nehmen”, las ich.
      “Warum?”, tippte ich auf den Bildschirm ein. Natürlich würde ich mich sehr darüber freuen, doch am Ende des Tages schien nur dieser Hund uns noch zu verbinden, als gäbe es sonst nichts mehr.
      “Er jault nur noch und frisst kaum”, vibrierte mein Handy umgehend. Ich atmete tief durch, wäre es der richtige Moment ihm zu sagen, dass es auch mir so ging? Immer wieder flogen die Finger über die matte Anzeige, löschten alles, um dann erneut dasselbe zu tippen. Ich hatte dafür gesorgt, dass er sich distanziert und ich die Kontrolle verlor. Es lag alles an mir, nur das sollte ich mir vor Augen führen. Eine Träne tropfte auf den Bildschirm und rief ihn unbemerkt an, was ich erst Minuten später bemerkte. Ich rieb mit meinen Händen durchs Gesicht, schluchzte immer wieder ‘Warum’ und weinte weiter. Dann hörte ich ihn: “Vriska?” Vor Schreck hielt ich den Atem an, verschluckte mich dabei und schnappte panisch nach Luft. Mit meinem Handballen wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und sah in mein Handy. Erik strahlte mich mit seinem übertrieben breiten Lächeln und winkte. Das war auf allen Linien einfach nur peinlich.
      “War ich das?”, fragte ich nasal und schniefte.
      “Ja, eindeutig”, lächelte er weiter, “aber jetzt sag mir, was los ist, sonst fahre ich zu dir.”
      Es gab Gründe, warum ich es in meinem Leben mied FaceTime abzuhalten. Dazu zählte, dass man seinem Gegenüber direkt sah und vor allem das, was im Hintergrund ablief. Trymr hatte mich offensichtlich an der Stimme erkannt und sprang über die äußerst hässliche Couch direkt auf seinen Schoß. Von Eriks Gesicht war nicht mehr viel zu sehen, dafür beobachtete der Hund genau, was auf dem leuchteten Bildschirm passierte und kam mit seiner großen Nase dem Touchscreen bedrohlich nah. Ich hörte auch Fredna quengeln, die vermutlich nicht in Bett wollte, sondern lieber mit den Pferdchen spielte. Obwohl noch immer Tränen über meine Wange liefen, lachte ich.
      „Ich spreche mit dir, was ist los?“, wiederholte Erik versucht seinen Hund vom Schoß loszuwerden, doch dieser rührte sich kein Stück.
      „Ich vermisse dich“, schluchzte ich.
      „Also fahre ich jetzt los“, beschloss er energischer und Trymr sprang überzeugt auf.
      „Nein, ist schon gut. Ich komm klar“, log ich und wischte mir erneut durchs Gesicht mit meinem Handrücken.
      “Jetzt lüge mich nicht an. So wie du aussiehst, kommst du nicht klar”, sagte Erik bedenklich und fuhr sich durch das offene Haar. Ihn nicht im Anzug zu sehen, war ein ungewöhnlicher Anblick, aber keiner, der mich an ihm zweifeln ließ.
      “Na gut”, murmelte ich und setzte mich ordentlicher auf das Sofakissen, “aber du musst nicht herkommen, möchte dich nicht belasten.”
      Erik begann zu Lachen und schüttelte den Kopf.
      “Dafür ist es reichlich spät. Also wie lange willst du noch diskutieren? So oder so mache ich mich gleich auf dem Weg”, erklärte er. Leider handelte es sich nicht mehr um einen Weg von vier Stunden, die er vor sich haben würde, um herzukommen, stattdessen waren es knappe dreißig Minuten, denn er zog vor zwei Wochen in ein Haus mit seiner Schwester am Rand von Kalmar.
      “Wenn es dich glücklich macht”, raunte ich.
      “Ja”, sagte Erik beschlossen, “aber ich ziehe mich erst mal ordentlich an.”
      “Nein”, rief ich sofort. Verwundert blickte er mich an.
      “Ich möchte nicht die Einzige in Jogginghose sein”, fügte ich noch hinzu.
      “Bis du mich in Jogginghose siehst, muss die Welt untergehen”, lachte er und bewegte das Handy nach unten. Erleichtert atmete ich aus, denn er trug eine Hose, eine Anzughose – wer hätte das nur denken können.
      “Dann bleib, wo du bist, ich packe deinen Freund ein und komme vorbei. Aber holst du mich dann mit einem Schirm vom Parkplatz ab?”, fragte er und stand auf. Aus dem Hintergrund ertönte:
      > Vart är du på väg nu? Har du tittat på din klocka?
      ”Wo willst du denn jetzt noch hin? Hast du mal auf die Uhr geschaut?)” Seine Schwester war von Anfang an ziemlich schlecht auf mich zu sprechen. Erik antwortete entschlossen:
      > Jag ska träffa min ängel och kommer inte tillbaka förrän i morgon.
      ”Ich fahre zu meinem Engel und komme erst morgen wieder.” Wieder stoppte mein Atem kurz. Hatte ich das gerade richtig gehört, oder verzog sein Dialekt wieder einmal die Worte.
      > Vriska, jag går nu.
      „Vriska, ich fahre jetzt los”, lächelte er und legte auf. Verkrampft hielt ich noch mein Handy in der Hand, starrte in dieselbe Richtung. Es half wirklich mit Menschen einfach darüber zu sprechen, was man wollte, anstatt es in sich hineinzufressen.
      Nervös tigerte die Wohnung auf und ab, es herrschte hier nicht nur das reinste Chaos, sondern es standen auch überall benutzte Teller und Kaffeetassen herum, die eigentlich in der vergangenen Woche bereits abgewaschen werden hätte sollen. Stattdessen stand alles hier herum.
      Zittrig nahm ich wieder mein Handy und sagte Lina Bescheid, dass ich entweder alles richtig gemacht habe, oder mich in das nächste Chaos katapultierte: “Ähm, Erik kommt gleich. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.” Dann atmete ich tief ein und wieder aus, steckte mein Handy weg und versuchte in der verbleibenden Zeit zumindest minimale Ordnung hineinzubringen. Nicht zu vergessen, dass wir in circa einer Stunde noch Folkes Geburtstag feiern wollten und ich nicht so genau wusste, wie erwünscht weiterer Besuch war. Es dauerte nicht lange bis eine Antwort von Lina kam: “Wenn er jetzt noch extra herkommt, scheint es als würdest du es brauchen, das wird schon.”
      Meine Finger zitterten, als ich fest umschlossen mich am Handy klammerte und immer wieder die Nachricht mit meinen Augen überflog. ‚Als würdest du es brauchen‘, verbiss sich wie ein wütender Terrier in mir. Vielleicht konnte ich mir einfach nicht eingestehen glücklich zu sein und zu schätzen, was ich hatte. Es war ein Auf und Ab, dass ich stets versuchte zu bändigen.
      „Ich glaube, dass ihn liebe und es mir nicht eingestehen will“, schrieb ich Lina nach reichlicher Überlegung. Eigentlich hatte sie immer einen Rat, oder zumindest unterstützende Worte. So hoffte ich auch diesmal das Richtige von ihr zu hören. Nervös starrte ich auf den Bildschirm, aber sie kam einfach nicht mehr online. Einmal mehr wünschte ich mir, dass Niklas nicht existieren würde oder Jenni noch meiner Seite, denn auch sie wüsste mich nun zu bändigen. Verzweifelt tippte ich eine Nachricht an meinen Unbekannten, auch wenn das vermutlich die Stimmung für immer über den Haufen warf.
      „Du bist ein Mann, ein guter sogar. So ein wenig kennst du die Vorgeschichte und glaube, dass da mehr zwischen ihm und mir ist, zumindest fühle ich etwas, das vorher noch nie so mein Leben steuerte, mich in Bedrängnis brachte und mich nicht mehr klar denken ließ. Würdest du das erfahren wollen oder sollte ich lieber nicht mit ihm sprechen?“, tippte ich und drückte auf den blauen Pfeil zum Absenden der Nachricht. Im selben Moment trudelte auch endlich eine Antwort von Lina ein: “Schon allein, dass du mir diese Nachricht schreibst, sagt mir, dass da definitiv etwas ist. Ich weiß selbst, Gefühle zu akzeptieren ist nicht immer einfach, aber gehe nicht so verkopft an die Sache heranzugehen. Versuche einfach auf körperlicher Ebene zu fühlen, ohne zu bewerten. Lass dich von deinem Herzen leiten und akzeptiere, was du fühlst. Um mir Gefühle einzugestehen, hilft es mir persönlich häufig, wenn ich das Gefühl visualisiere, oder aufzuschreiben wie ich mich fühle, zu ergründen, wo es herkommt und warum ich mich so fühle. Habe keine Angst davor und denke stets daran, jemanden zu lieben ist schön und geliebt zu werden noch viel schöner. Ich weiß, dass du es zulassen kannst, du musst nur noch selbst daran glauben.” Kein Wunder, dass sie bei so einem Roman einen Augenblick länger benötigte zum Antworten. Zwischen den Tränen funkelte auf meinen Lippen ein Lächeln auf, „danke“, hauchte ich nur ins Leere meines Zimmers und stellte die benutzten Tassen in die Spülmaschine. Den Wäschehaufen verstaute ich in dem dazugehörigen Korb. Zumindest sah die Hütte nun weniger chaotisch aus. Da Eriks Auto im Vergleich zu Niklas‘ ziemlich laute Geräusche machte, entging es meinen Ohren nicht, dass er langsam über den Kiesweg zum Parkplatz einfuhr. Ein letzter Blick auf mein Handy verriet mir, dass auch mein Unbekannter eine Antwort parat hatte.
      „Dann solltest du es ihm sagen, es bringt nichts, wenn du dich wochenlang oder Monate damit quälst. Also erzähle mir später davon“, las ich, schnappte mir den Regenschirm und steckte das Handy weg. Bis zum Parkplatz waren es nur einige Meter, die jedoch reichten, um meine Reitschuhe vollkommen zu durchnässen. Mit Wasser in den Sohlen platschte ich weiter und hielt vor seinem Auto an. Lachend schielt Erik zu mir hoch und Trymr steckte seinen Kopf in die vordere Sitzreihe. Dann öffnete er langsam die Tür und nahm den Schirm schützend über sich. Unbeholfen stand ich daneben, wusste nicht genau, wie ich ihn begrüßen sollte. Sonst umarmten wir uns immer, doch heute fühlte es sich seltsam ab. Dann lies Erik zunächst den Hund ins Freie, der direkt zu mir rannte, quietschte und jaulte. An den Pfoten trug er etwas, dass ich als Schuhe bezeichnen würde und über dem ganzen Körper einen gelben, regenabweisende Pyjama. Willkürlich begann ich zu lachen.
      „Er soll doch auch nicht nass werden“, zuckte Erik mit den Schultern und zog mich am Kopf zu sich heran. Der sonst so stechende und ätzende Geruch seines Aftershaves wurde durch etwas Freundliches ausgetauscht, dass deutlich besser zu ihm passte. Auch ich legte dann meine Arme um seinen Oberkörper und drückte mich einfach nur fest.
      „Danke, dass du da bist“, raunte ich. Sanft strich er mir durch mein wüstes Haar.
      „Für dich immer, Engelchen“, lächelte er. Mir wurden die Knie weich, klammerte mich weiter an ihm unter dem Mantel an seinen Oberkörper und spürte, dass seine Muskeln zuckte bei jeder meiner Bewegung.
      “Lass uns drin weitermachen”, zog Erik mein Kinn nach oben, dass ihn ansehen musste, „hier ist eklig.“
      Ich nickte langsam. Aus dem Kofferraum nahm er eine große Ledertasche und zusammen liefen wir zur Hütte, eher rannten wir, denn der Regen wurde immer stärker und der dazugehörige Wind sprühte das Wasser unter den Schirm. An der Tür reichte ich Erik ein Handtuch für sich und den Hund, während ich die Schuhe zur eigentlichen Haustür brachte. Meistens ging es über die Schiebetür der Terrasse ins Innere meines Hauses, anstelle der eigentlichen Haustür neben der Küche.
      “Aber ich muss gleich noch mal weg, weil wir auf Folkes Geburtstag anstoßen, außer du kommst mit”, lächelte ich und schaltete die Lichterketten im Wohnzimmer ein über den Hub an der Wand.
      “Da Niklas offensichtlich da ist, nein”, schüttelte Erik entschlossen den Kopf und kramte neben einer Laptoptasche auch eine große Schüssel aus seiner Tasche, die ich direkt im Kühlschrank verstaute. Trymr hüpfte mir um die Füße und wollte so gernhaben, was ich trug.
      “Senare (später)”, hauchte ich dem Ungetüm zu. Mit großen Augen sah er an mir hoch, wollte nicht so recht akzeptieren auf sein Futter warten zu müssen. Je länger ich zu ihm heruntersah, umso größer schien das Funkeln in seinen Augen zu werden und sein Schwanz wischte energischer den Boden.
      “Erik, dein Hund stirbt gleich vor Hunger”, sagte ich mitfühlend und strich dem armen Tier über dem Kopf. Er drückte sich fest an mich heran, ehe er auf dem Rücken lag und den Bauch gekrault haben wollte.
      “So schnell stirbt es sich nicht”, lachte Erik und sah über die Lehne der Couch hinweg zu uns, “und wenn hier einer stirbt, dann bist du es, wenn du nicht herkommst.” Oh, was? Schnellen Schrittes stürzte ich mich über die Rückenlehne und wurde umgehend getadelt. Verlegen wich ich seinem stechenden Blick aus, starrte im Wechsel zur Decke und meinen Füßen, die ich überkreuzt auf dem Sitzkissen hatte. Wieder legte Erik seine Hand an mein Kinn. Es fühlte sich wieder so vertraut an, ihn bei mir zu haben, als hätte es die ganzen Vorfälle nicht gegeben, die zwischen uns lagen. Dabei wusste ich nicht einmal, wie es ihm damit ging. Immer heulte ich herum, nahm überhaupt keine Rücksicht auf seine Gefühle und hoffte darauf, dass er mit mir darüber sprechen würde, wenn ihm etwas missfiel. Aus dem Augenwinkel heraus musterte ich ihn heimlich und mir gefiel, was ich sah. Erik trug ein einfarbiges weißes Shirt und eine braun karierte Anzughose, die unnötigerweise mit einem Gürtel an seinem Becken saß. Die dunklen Härchen an seinen Armen stellten sich auf, als ich ihn grundlos in die Wange pikste und sagte: “Boop.” Langsam bewegten sich seine Augen meine Richtung und er warf mir ein strahlendes Lächeln zu.
      “Möchte da etwa jemand Aufmerksamkeit?”, grinste Erik und lehnte sich tiefer in die Rückenkissen.
      “Wir werden wohl kaum bis morgen früh auf der Couch sitzen und den Regen beobachten, wie er gegen die Scheiben plätschert”, erkundigte ich mich forsch.
      “Ach nicht? Ich finde es eigentlich ganz schön”, sagte er munter und legte seine Hand auf meinem Oberschenkel ab. Nervös schluckte ich. Mein Herz klopfte wie wild, bei Linas Nachricht im Hinterkopf, dass ich mich darauf einlassen sollte. Ich schielte zur Uhr an der Wand, langsam wurde es Zeit, dass ich zur Halle ging, um mit den anderen auf Folke anzustoßen.
      “Du verwirrst mich”, sprang ich aufgeregt auf, “doch jetzt muss ich kurz rüber.” Im Schlafzimmer warf ich mir ein anderes Oberteil über und suchte nach dem kleinen Paket, das ich für ihn vorbereitet hatte. Als ich vor einigen Wochen mit Niklas noch kurz in der Stadt war, fand ich die richtige Tasse für ihn. Ständig nahm sich jemand aus dem Aufenthaltsraum seine, worüber Folke sich lautstark Unmut machte.
      „Wieso verwirre ich dich?“, tauchte Erik unverhofft neben mir auf, grinste frech und zog sein Oberteil aus. Kopfschüttelnd stand ich wie angewurzelt an der Tür meines deckenhohen Kleiderschranks und musterte ihn wieder einmal von oben bis unten.
      „Weil“, stammelte ich, “deswegen.” Gestikulierte ich wild in der Luft herum und formte dabei imaginär seinen Körper. Er lachte nur, schien das ganze weiterhin für einen ziemlich guten Witz zu halten. Doch in mir zog sich alles zusammen, Hitze stieg mir in den Wangen herauf und langsam konnte ich mich wirklich nicht mehr davor verstecken, was ich noch immer fühlte. Tief atmete ich ein und auch wieder aus. Mit kleinen Schritten nährte ich mich ihm und wusste nicht genau wohin mit meinen Händen, was macht man sonst mit denen? Die hingen so sinnlos an meinem Körper herum, schwitzten wie wild und ballten sich immer wieder zu Faust. Auch meine Knie wurden immer weicher und mein Magen schlug weiterhin Purzelbäume. Mir wurde heiß, kalt und schlecht gleichzeitig. War es schon immer so warm in meiner Hütte, oder musste ich ihm die Schuld dafür zuschieben? Ich schloss die Augen und hoffte darauf, plötzlich im Konferenzraum aufzutauchen und Folke zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag zu gratulieren, dabei neben Lina zu stehen und irgendwelche blöden Scherze zu machen. Stattdessen erblickten meine Augen nur Eriks Gesicht, bedrohlich nah an meinem. Offenbar hatte mich, mein Weg wirklich zu ihm geführt und ich spürte seine ebenfalls schwitzige und warme Haut an meinen Händen. Langsam strich ich an seinem seitlichen Bauch entlang, wodurch in mir alles noch stärker kribbelte und gar nicht mehr aufhörte, mir den Verstand zu vernebeln. Ich schluckte wieder.
      “Solltest du nicht endlich Klartext sprechen?”, hob Erik seine Brauen nach oben und lächelte noch immer viel zu selbstsicher, um ihn weiterhin etwas vorzumachen.
      “Ich muss wirklich rüber”, stotterte ich. Es blieben noch mehr als zwanzig Minuten, bis auch der große Zeiger die Zwölf erreichte mit dem kleinen zusammen, aber ich fühlte mich gerade viel mehr als nicht wohl.
      “Man hat mir mein Pony weggenommen”, senkte ich den Kopf. Erik legte seine Hände an meine Schulter und drückte mich minimal von sich weg.
      “Warte”, schüttelte er verwirrt den Kopf, “damit habe ich nicht gerechnet.”
      “Du wolltest wissen, was los ist. Glymur wird jetzt von der Neuen umsorgt, die mich immer mehr von ihm losreißt”, seufzte ich.
      “Ach so, Stimmt. Das hatte ich gefragt”, murmelte er und kratzte sich am Kopf. Kurz sah er auf sein Handy und sagte dann: “Das klingt nach einer schwierigen Situation, wie kann ich dir helfen? Möchtest du, dass ich ihn kaufe oder was stellst du dir vor?”
      “Nein, auf keinen Fall, dann bist du arm und kannst dir nicht mal den Treibstoff deines Autos leisten”, lachte ich und wurde umgehend finster von ihm angeblickt. Noch bevor ich weitersprechen konnte, zischte er: “Wenn ich was will, dann bekomme ich es, schließlich muss man es sich auszahlen lassen vom Vater vernachlässigt zu werden.”
      “Wenn das so einfach wäre, dann könnte ich auch so verschwenderisch mit Geld umgehen”, rollte ich mit den Augen und hatte wirklich die Tatsachen in meinem Kopf verdrängt, dass er auch ziemlich verwöhnt wurde und unnötigerweise mit Geld um sich würft, als gäbe es kein Morgen.
      “Ich denke nicht, dass wir jetzt darüber diskutieren sollten”, verzog er verächtlich seine Mundwinkel, aber löste seinen stechenden Blick nicht von mir.
      “Es tut mir leid”, entschied ich zu antworten, was umgehend seinen Gesichtsausdruck wieder veränderte, “Ich wollte nur mit jemanden über Glymur sprechen, damit ich besser mit der Situation umgehen kann. Mehr erwarte ich nicht von dir, außer dass du für mich da bist.” Wieder schielten meine Augen zur Uhr, noch zwölf Minuten, bis wir auf den Geburtstag anstoßen wollten.
      “Hast du mir auch noch etwas zu sagen?”, erkundigte ich mich, eher erwartungsvoll, dass ich mich nicht öffnen musste.
      “Gerade nicht, nein. Finde es nur nicht in Ordnung, dass ich wegen des Pferdes hergekommen bin”, überlegte er, “das hättest du wirklich am Telefon sagen können, oder mir schreiben.” Das schmerzte tief im Herzen.
      “Aber ich wollte, dass du herkommst”, schämte ich mich, dass er Glymur als ein einfaches Pferd abstempelte und ihn für ersetzbar hielt. Ich musste jedoch einsehen, dass die Verbindung zu einem solch kraftvollen und majestätischen Tier für Außenstehende oft unbegründet wirkte.
      “Damit kommen wir der Sache doch langsam näher”, schmunzelte er schmutzig.
      “Egal was du noch hören willst, ich gehe nun zum Geburtstag, wir sehen uns gleich wieder”, strich ihm über die Brust und gab ihm einen flüchten Kuss auf die Wange.
      “Vivi, warte”, sagte er noch überraschend, als ich an der Tür stand, mit dem Geschenk unter dem Arm und mir die Regenjacke übergeworfen hatte. Abrupt blieb ich stehen und drückte die Tür wieder ins Schloss.
      “Ich komme doch mit, wenn es für dich in Ordnung ist”, schnappte er sich ein Hemd aus seiner Tasche und knöpfte des bis zum Hals zu, richtete den Kragen und folgte mir.
      “Na gut, gern”, lächelte ich glücklich und gab ihm den Schirm. Zusammen kämpften wir uns durch den Sturm und kamen mehr oder weniger trocken im Stall an. Durch die Fenster des Hauses leuchteten bunte Lichter und der Bass vibrierte auf dem Boden. Zusammen liefen wir die Treppen hinauf. Je näher wir der Tür kamen, umso sicherer fühlte ich mich. Meine Jacke streifte ich ab und hängte sie an den Haken im Flur. Der Regen tropfte vom glatten Material auf den Teppich, der komischerweise überall in den Räumen des Versammlungsgebäudes verlegt war. Ich zögerte, als ich meine Hand auf der Klinke hatte.
      “Willst du nicht hereingehen?”, fragte Erik überrascht und legte den Kopf leicht schräg, ohne seinen Blick von mir zu wenden.
      “Ich”, stammelte ich wieder unbeholfen, “ich muss vorher noch etwas klären.” Ehrfürchtig sah ich hoch zu ihm und atmete tief durch.
      “Und was?”, kratzte er sich am Kinn.
      “Du hast gesagt, dass das mit der was Ernstes ist”, vergewisserte ich mich nervös.
      “Ja, aber nein”, gab er zu und atmete selbst tief durch, “Ich wollte dich damit nur provozieren, um endlich ehrlich zu sein.”
      “Du bist ein Arsch”, antwortete ich entsetzt und wollte ihn weiter fertig machen, doch er holte mich durch eine einfache Berührung an meiner Hand zurück. Seine Augen funkelten auf einmal so sehr, dass ich mich fragte, ob er schon immer mich so ansah.
      “Ich habe meine Gefühle für dich die ganze Zeit verdrängt, weil ich Angst habe, dich immer wieder zu verletzten. Aber ich bin vermutlich in dich verliebt und will nichts mehr als dich zurückhaben”, ratterte ich herunter ohne Luft zu holen. Auch jetzt wagte ich nicht einen weiteren Atemzug zu nehmen.
      “Wir reden nachher weiter”, hauchte er in mein Ohr und öffnete die Tür. Na toll, jetzt sprach ich darüber, was ich fühlte und er verschob das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt? Das war unfair, aber im Raum freuten sich die Leute, für meinen Geschmack, viel zu sehr mich zu sehen.
      “Da bist du endlich”, umarmte mich Hedda überschwänglich und musterte meine Begleitung.
      “Wie schleppst du denn schon wieder mit dir herum, ich dachte, dass das zu Ende ist”, flüsterte sie mir zu.
      “Es ist kompliziert, habe ich dir doch schon erklärt”, zischte ich verärgert.
      “Ja, ja. Und gleich erklärst du mir, dass ich zu jung bin, um das zu verstehen”, rollte Hedda mit den Augen und lachte dreckig.
      “Ne, so was sage ich nicht, aber du verstehst es trotzdem nicht, weil ich selbst nicht tue”, antwortete ich kläglich. Endlich verschwand sie wieder zu ihrem Bruder. Erleichterte atmete ich aus und griff entschlossen nach Eriks Hand, um von dem kleinen Buffet an der Wand ein Getränk zu holen. Er blickte auf meinen Annäherungsversuch und sagte: “Ach ja? So ist das also?”
      “Pff”, rollte ich übertrieben mit den Augen und versuchte mich wieder zu lösen, aber er klammerte sich an mir fest, “offensichtlich, ja.” Für Zuschauer könnte das ziemlich übertrieben kitschig wirken, doch ich hatte meinen Spaß daran. Bewaffnet mit einem Getränk starrten wir zur Uhr, die sich in Sekunden schneller der Zwölf nährte und alle plötzlich begannen zu zählen. Nur ich schielte zu Lina und Niklas hinüber, die uns auch schon entdeckt hatten, aber auf ihrer Stelle wie angewurzelt stehen blieben.
      Auf die Sekunde genau stimmten wir das Geburtstagslied an und gratulierten ihm herzlich. Folke stand mit seiner Freundin an der Seite, lief rot an und konnte nicht wirklich mit unserer Freundlichkeit umgehen. Ich ließ Erik an Ort und Stelle stehen, lief zu meinem Arbeitskollegen und übergab ihm das Päckchen. Überrascht riss er das Papier ab und bestaunte die Tasse.
      “Endlich”, lachte er. Das Besondere an dem Geschenk war, dass sie einen Fingerabdrucksensor hatte und nur dadurch verwendbar war. Effektiv nutzen konnte man das Teil bestimmt nicht, aber die Idee war dennoch lustig. Dennoch konnte so niemand das Gefäß benutzen, denn sie war verschlossen, bis der Finger erkannt wurde. Der Verkäufer erklärte mir noch, dass dadurch die Flüssigkeit auch länger warm blieb.
      “Vriska, danke dir”, umarmte er mich glücklich und auch Eorann lachte. Lina gesellte sich nun auch dazu, um herzlich zu gratulieren, bevor sie sich neben mich stellte.
      “Du warst ja ziemlich knapp erst hier. Bist du der Lösung deines Problems nähergekommen?”, raunte sie mir neugierig zu und schielte zu besagtem Mann, der noch immer dort stand, wo ich ihn stehen ließ.
      „Ich weiß es nicht genau“, stammelte ich besorgt, „also ich denke ja, aber seine Antwort war, dass wir später darüber sprechen. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass es mich erst knapp vor fünf Minuten dazu entschloss, es zu sagen. Nachdem er Glymur als ein Pferd wie jedes andere abstempelte.“ Das Glas in meiner Hand zitterte vor Aufregung, erst recht als Niklas dann auch dazu kam und nicht mehr sagte, als mich streng anzublicken. Ja, ich hatte ihm versprochen nichts mehr Alkoholisches zu mir zu nehmen, da meine letzte Ekstase bei einer kleinen Runde am Hof ziemlich ausuferte, wovon aber Lina noch nichts wusste und sonst eigentlich auch niemand.
      “Ein Pferd wie jedes andere? Hat er nicht gesagt”, hinterfragte sie verständnislos, “aber mach dich jetzt nicht verrückt, vermutlich möchte er dir in alle Ruhe antworten und nicht zwischen Tür und Angel.” Aufmunternd legte sie mir eine Hand auf die Schulter.
      “Nein, so genau hat er das natürlich nicht gesagt. Es war viel mehr, dass er hinterfragte, warum er wegen eines Pferdes zu mir kommen sollte”, gab ich zu.
      “Das klingt nach ihm”, runzelte Niklas die Stirn.
      “Sei ruhig”, zischte ich verärgert, “aber ich versuche ruhig zu bleiben, wird schon.”
      Zynisch lächelte ich und konnte kaum glauben, dass die Worte meinen Mund verließen. Auch Lina stimmte mit ein, während ihr Freund einige Schritte zur Seite wich und sie fest an sich zog. Ich wollte mir das nicht weiter ansehen, denn in meinem Magen rumpelte es energisch. Also schluckte ich, drehte mich um und lief zu Erik, der mich schon zu erwarten schien.
      “War es das schon?”, erkundigte er sich. Ich schüttelte den Kopf.
      “Ich muss noch kurz zu meinem Chef, dass ich doch keine Zeit habe”, erklärte ich.
      Er stand zusammen mit seinem Bruder am Buffet und hielt ein Gespräch ab mit der neuen und meinem Bruder. Die vier so vertraut miteinander zu sehen, verursachte weitere Zuckungen meiner Hand und die Stoppeln an meinem Körper stellten sich unangenehm auf. Sie kratzten an dem weichen Stoff meiner Hose.
      “Vivi, lässt du dich auch blicken”, lachte Harlen und musterte mich von oben bis unten. Natürlich, schließlich trug ich als einzige eine Jogginghose und in Kombination mit dem schwarzen Pullover, der eine Aufschrift auf der Brust hatte, wirkte ich nicht sehr festlich.
      “Entschuldige, ich habe auch den ganzen Tag gearbeitet und sogar mein Training abgesagt. Da brauche ich am Abend auch mal eine Ablenkung”, tadelte ich ihn. Erwartungsvoll blickte Tyrell zu mir hinüber.
      “Damit meinst du aber vermutlich nicht unseren Filmabend?”, erkundigte er sich scherzhaft, worauf ich mit einem Kopfschütteln antwortete.
      “Deswegen bin ich hier, wollte mich entschuldigen. Verschieben wir auf einen anderen Tag, okay?”, sagte ich einen Augenblick später.
      “Ach alles gut, mache dir nicht so einen Stress. Die Filme rennen nicht weg, aber wehe, du guckst sie ohne mich”, scherzte Tyrell. Erleichtert atmete ich aus.
      “Hast du dich erholt davon, dass du mit Glymur nicht arbeiten kannst?”, griff mich Jonina aus heiterem Himmel an und bekam direkt eine Ermahnung von Bruce.
      “Ja”, antwortete ich schockiert, aber versuchte mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Darauf kam zum Glück nichts mehr und ich verabschiedete mich, schließlich musste ich morgen um neun auf dem Pferd sitzen, damit ich Fruitys Trainingsplan aufrecht halten konnte.
      “Netflix and Chill?”, funkelte ich Erik an und hielt seine Hand. Wieder schnellte mein Puls nach oben und ich konnte nicht genau einschätzen, ob ein kleines Glas Wein diese Selbstsicherheit auslöste, oder die Überwindung zumindest ansatzweise ihm von meinen Gefühlen berichtet zu haben.
      “Werden wir sehen”, lachte er, “aber Netflix klingt gut.”
      Zusammen liefen wir zur Tür.
      “Vriska, warte kurz”, kam Lina angelaufen, ”was ist jetzt eigentlich mit Holy? Das haben wir vorhin ganz vergessen.”
      „Oh gut, dass du das noch sagst“, antwortete ich ein wenig überrascht und ließ Eriks Hand.
      „Zur Sicherheit holen wir noch einen Schwangerschaftstest aus dem Büro, nur um sicherzugehen“, sagte ich noch und zog mir die Jacke drüber. Irritiert sah er zwischen uns Hin und Her, bevor er überrumpelt fragte: „Soll ich mir Gedanken machen?“
      „Ach alles gut, du kannst nicht noch mal Vater werden“, lachte ich frech.
      „Mich brauchst du auch nicht so ansehen oder sehe ich aus wie ein Pferd“, fügte sie amüsiert hinzu, bevor sie mir lachend folgte durch den Flur. Erik sah uns irritiert nach. Ich konnte ihm nicht immer alles recht machen, schließlich sollte er auch mal etwas über sein Verhalten Gedanken machen. Zusammen standen wir vor der verschlossenen Tür, die nicht nur einfach gesichert war, sondern dreifach. Also gab ich die unterschiedlichen Codes auf dem Panel ein und hoffte, die richtige Reihenfolge getippt zu haben. Im nächsten Augenblick piepte es und die Tür öffnete sich.
      “Manchmal ist das alles sehr paranoid hier”, kommentierte ich und verschwand in dem großen Raum, einen Schreibtisch in Richtung des Reitplatzes ausgerichtet hatte und auf so was wie einem Podest stand. Dahinter türmten sich verschiedene Ordner in meterlangen Regalen, die Tyrell noch immer zur Sicherheit hatte. Vor dem Fenster neben dem Tisch war ein Apothekerschrank. Nach einander durchwühlte ich die Schubfächer, bis ich fand, wonach ich suchte. Triumphierend hielt ich das Päckchen in die Luft und steckte es in die Jackentasche.
      “Brauchst du sonst noch was? Ketamin?”, lachte ich.
      „Na, lass mal. Ich hatte nicht vor heute irgendwen zu entführen“, lehnte sie lachend ab.
      “Aber ich vielleicht”, überlegte ich kurz und sah in den verschlossenen Schrank in der Mitte. Aber stand dann auf, drehte mich um und verschloss das Büro wieder hinter mir. Mit Lina im Schlepptau machten wir uns auf dem Weg zum Paddock. Überraschenderweise stand Erik noch immer vor dem Konferenzraum.
      “Du hättest doch schon mal vorgehen können”, sagte ich im Vorbeigehen, aber er stoppte mich, in dem er an meinem Arm zog.
      “Wie redest du schon wieder mit mir?”, zischte er leise, damit Lina es nicht hörte. Langsam bewegten sich meine Augen nach oben. In mir bebte es, was nicht an dem Bass im Nebenraum lag.
      “Es tut mir leid”, tat ich auf unschuldig und klimperte mit meinen Augen. Ich konnte ihm nun doch noch ein verstohlenes Lächeln entlocken.
      “Entschuldigung akzeptiert”, grinste Erik und drückte seine Lippen auf meine Stirn, “aber beeile dich, ich warte im Zimmer auf dich.” Ich nickte und lief schnellen Schrittes mit Lina, die letzten Stufen herunter. Vor dem Rolltor tobte der Sturm, wirbelte die großen Tropfen durch die Luft und auch Äste flogen an uns vorbei. Dass es so ein Unwetter werden sollte, konnten nicht einmal die Wetterdienste erwarten. Schemenhaft erkannt ich im Kampf gegen das Wetter, die Stuten auf dem Paddock stehen oder viel mehr unter dem großen Unterstand. Keines der Tiere wagte es so verrückt zu sein wie wir, sich bei Orkanböen, die über das flache Eiland wehten, nur einen Zentimeter unter dem wolkenverhangenen Himmel zu bewegen.
      Holy stand schützend neben ihrer bekannten Girlie und kaute genüsslich das verbleibende Heu im Gang. Lina drückte den Lichtschalter am neben den Gittern und klirrend schaltete sich die spärliche Deckenbeleuchtung an.
      “Wenn sie wirklich trächtig sein sollte, denkst du, wie können das bei den Veranstaltern melden?”, sagte ich heiser zu Lina, die ihre Jacke vom Regen freischüttelte.
      “Mhm, das können wir sicher, aber ich weiß nicht, ob das viel bringen wird”, antwortete Lina stirnrunzelnd.
      “Aber irgendwer muss doch das Sorgerecht übernehmen”, musterte ich den runden Bauch der gescheckten Stute, “oder zumindest die Verantwortung.” Das Fohlen würde sicher noch verrückter sein als seine Mutter, die komplette Herde aufmischen und bestimmt uns alle in den emotionalen Ruin bringen.
      “Ja, da hast du schon recht, vor allem, weil dieses Fohlen sicher nicht von der ruhigen braven Sorte sein wird”, stimmte sie nachdenklich zu, “aber vielleicht sollten wir jetzt erst einmal feststellen, was Sache ist, bevor wir überlegen, wie es weitergeht.”
      “Stell dir mal vor, dass Ivy der Papa ist”, lachte ich und überlegte, wie man über so einen Test macht. Also klar, ich wusste, dass man dafür Urin benötigt, aber ich konnte schlecht das Pferd darum bitten, einfach mal in den Becher zu pinkeln. Doch glückliche Fügung kam schneller als ich dachte, denn die Tinker Stute begab sich zur Tränke und schlürfte genüsslich aus dem Wasserspender. Aus meiner Ausbildung erinnerte ich mich, dass sich durch Wasser recht schnell der Magen füllte und sich ein Fohlen dabei umlagerte. Also zog ich meine Handschuhe aus und legte meine Hände in ihr plüschiges Fell, wartete einige Zeit, bis ich plötzlich was spürte. Aufgeregt rief zu Lina: “Komm schnell.” Dabei kreischte ich viel zu sehr, als dass man mir glauben würde, dass ich riesige Abneigung gegen Schwangerschaften hatte. Natürlich war diese nur auf den Menschen bezogen, den tierische Babys konnte man gar nicht blöd finden. Interessierte kletterte Lina durch die Gitter. Ich griff eifrig nach ihren Händen und drückte sie auf die Stelle, an der sich das Fohlen bewegte.
      “Ohhh, dass das Fohlen, oder?”, fragte Lina aufgeregt und ihre Augen begannen begeistert zu leuchten. Natürlich musste es kommen, dass einer der Männer uns nicht einige Minuten allein lassen kann. Von der Seite kam Niklas dazu und ich wand meinen Blick umgehend von ihm ab, sondern strich der Stute zufrieden über den Hals.
      “Seid froh, dass ich mein Handy nicht dabeihabe. Das sieht nicht nur amüsant aus, sondern hört sich genauso an”, scherzte er und stellte sich provokant zu uns.
      “Ach schade, es wäre eigentlich schön gewesen diesen Moment festzuhalten”, grinste ich Lina an, die noch immer fasziniert den Bauch von Holy abtastete.
      “Liebling, weißt du eigentlich schon, wann die Tierärztin kommt, um Smoothie zu untersuchen?”, schien er nicht mal ansatzweise die Aufmerksamkeit auf jemand anderes zu lassen, als sich und dem was sich in seinem Kosmos befand. Ich rollte mit den Augen und blieb treu bei der Kugel stehen.
      “Ja, warte kurz”, entgegnete Lina ihrem Freund und kramte ihr Handy aus der Jacke. Das Gerät leuchtete auf, woraufhin sie zweimal darauf herumtippe.
      “Nächste Woche Dienstag um elf”, vervollständigte sie die Antwort und ließ das Gerät wieder in ihrer Tasche verschwinden.
      “Oh”, überlegte Niklas und auch meine Ohren spitzen sich, “da bin ich eigentlich mit Vriska verabredet zum Training. Aber das können wir doch verschieben auf einen anderen Tag, oder?” Ich sah kurz zu ihm, wusste genau, dass es darauf nur eine Antwort gab.
      “Ja, klar. Kein Problem”, zuckte ich mit den Schultern. Kein Problem, welch Irrsinn. Ich brauchte das Training so viel mehr, als dass er sich fünf Minuten lang Bilder auf einem Bildschirm ansah, die eventuell ein Fötus zeigten oder eben nicht. Mit zusammen gekniffen Augen sah er mich genau an, als suche er, dass ich log, aber fand es offensichtlich nicht.
      “Ich schätze, dass wir uns das hier jetzt sparen können”, sagte ich noch minimal gekränkt zu Lina und drückte ihr den Schwangerschaftstest in die Hand, stieg durch die Gitter und wünschte beiden eine gute Nacht, bevor ich mich zurück in den Sturm stürzte.
      “Ja, das war ziemlich eindeutig”, stimmte Lina zu, ”Lass dich nicht wegwehen auf dem Weg nach drinnen, Gute Nacht.”
      Zustimmend nickte ich noch, was sie wohl kaum noch sehen konnte und zog die Kapuze eng an meinen Kopf. Wild wirbelten Blätter um mich herum und flatternd blies der es in meine zu weiter Jacke. Ich fühlte mich für einen kurzen Moment so frei in der Dunkelheit, bis das Licht der Wegbeleuchtung sich in den Tropfen spiegelte und alles in Meer auf hellen Punkten verwandelte. Regen gehörte vermutlich in Alltag eines guten Briten, ohne sich davor zu ekeln oder undefinierte schlechte Gefühle auszulösen. Stattdessen erinnerte es mich an viele gute Momente, wie den Ritt mit Fruity, bei dem ich es vermutlich das erste Mal schaffte allen Mut aufzuraffen und nicht in der Scham versank. Natürlich gehörte auch Erik in diese Erinnerung, wenn es auch nur kurz die Glückseligkeit widerspiegelte. In einem Sturm wie diesen traf ich mich nach vielen Jahren mit meinem Bruder, den ich in meiner Kindheit nur selten zu Gesicht bekam. Zusammen liefen wir vollkommen geblendet an der Themse entlang und kamen irgendwann so nass in ein Geschäft, dass wir im selben Atemzug wieder den Laden verlassen mussten. Darüber amüsierten wir uns so stark, dass ich einen Laternenmast übersah und mit der Nase vorneweg dagegen lief. Mehr als eine Platzwunde an der Stirn zog ich mir bei dem kleinen Zwischenfall nicht zu, aber bis heute gehörte diese Geschichte zu einer, die mein Bruder zu gerne erzählte. Tatsächlich gab es sogar Bilder davon. Ich konnte mich glücklich schätzen ihn nun bei mir zu haben, auch wenn es zum Leid der anderen, durchaus ungemütlich werden konnte, denn Harlen war nicht gerade der freundlichste Geschäftsführer, wenn es um Kostenminimierung ging.
      “Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr”, lächelte mich Erik von der Couch aus an mit den Beinen auf dem Tisch. Auf seinem Schoß thronte sein Laptop und Trymr rannte vergnügt zur Tür, jaulte mich glücklich an.
      “Es tut mir leid, wir mussten Babybauch bewundern”, zog ich die klebrige Regenjacke vorsichtig aus, um nicht die Holzdielen in der Hütte zu beschädigen. Er klappte sein Gerät zu und legte ihn auf dem Tisch ab. Dann kam er einige Meter auf mich zu.
      “Freut mich zu hören, dein Pferd?”, erkundigte Erik sich und beobachtete, wie ich ein Kleidungsstück nach dem anderen auf der Fußmatte ablegte. Tatsächlich schaffte es der Regen mich bis auf die Unterwäsche zu durchnässen, obwohl es sich bei dem Weg vom Paddock bis zum Haus, um gerade mal fünfzig Meter handelte, wenn man zwischen den Weiden hindurchlief.
      “Ich habe kein Pferd”, erinnerte ich ihn. Er nickte missmutig und ich hob alles auf, um es im Badezimmer in der Dusche aufzuhängen. Mir wurde kalt trotz der paradiesischen Temperaturen hier im Inneren. Auf Schritt und Tritt folgten mir die beiden Kerle, als hätte ich Zucker in den mehr vorhandenen Taschen.
      “Habe ich etwas verpasst, oder darf ich mich nicht einmal mehr umziehen?”, versuchte ich ihn daran zu erinnern, dass ich alt genug war, das allein zu schaffen.
      “Was ist, wenn ich dir sagen, dass du so bleiben sollst?”, zog Erik seine Brauen nach oben und hielt seine Hände verdächtig nah an meinem Körper, um das ich mir keine Hoffnungen machte auf mehr.
      “Dann muss ich dich enttäuschen, denn mir ist super kalt”, folgten meinen Augen sehr genau, was er vorhatte. Zwei weitere Schritte setzte er auf mich zu und drückte mich an der Hüfte fest an sich heran. Gejagt von einer Gefühlsexplosion zur nächsten stieg Hitze in mir hinauf. Seine warmen Hände fühlten sich wie Feuer an, das mich immer weiter verbrennen ließ und mich quälte. Tief atmete ich ein und mindestens doppelt so lange wieder aus, bevor ich den Augenblick fassen konnte.
      “Wir wollten noch weiterreden”, kamen die Worte nur noch in Fetzen aus meinem Mund, obwohl ich mir beachtliche Mühe dabei gab, mich ordentlich zu artikulieren. Spitz grinste Erik mich an und lehnte sich ziemlich weiter nach unten, so weit, dass ich seinem Atmen auf meiner Haut spürte und sich den Haarwurzeln am ganzen Körper zum x-ten Mal aufstellten. Verlegten schluckte ich.
      “Na dann rede”, grinste er bedeutsam und folgte jeder Bewegung meiner Augen, die sich nicht scheuten, das zu begaffen, was vor mir strahlte.
      “Gleich”, verzog ich lüstern mein Gesicht und knöpfte langsam sein Hemd von oben nach unten auf, um sanft über seine Brust zu streichen und seinen Oberkörper an meinem zu spüren. Seine Hände bewegten sich von meiner Hüfte hinauf zu meinen Schultern, bevor er flink den Verschluss meines BHs öffnete und die Träger von mir streift. Ich vernahm die eigentliche Fremdheit ihm gegenüber, die mein Interesse von Anfang an weckte und neben Entdeckungslust auch Angst auslöste, doch im selben Atemzug schwang diese Vertrautheit mit, als würden wir einander auf eine besondere tiefe Art kennen, ohne es in Worte fassen zu könnten.
      “Erik?”, hauchte ich in sein Ohr und versuchte weiterhin mein Stöhnen zu unterdrücken.
      “Ich höre? Aber wie war das mit der Höflichkeit?”, zog er noch immer seine Mundwinkel nach oben und biss sich ungezwungen auf der Unterlippe herum, was sonst mein Ding war. Eigentlich wäre es so viel klüger es auf mich zukommen zu lassen, was nun noch passieren würde, aber ich konnte es nicht unkommentiert lassen.
      “Was wird das hier, wenn es fertig ist”, fragte ich unsicher und legte meine Lippen auf seinem Hals ab. Ein lustvolles rachenlastiges Ausatmen verließ seinen Mund, bevor er wieder am Kinn nach oben drückte und mich tief in seine Seele blicken ließ.
      „Ich habe einen Wunsch“, sagte er ziemlich ernst und starrte mich weiter an.
      „Und der wäre?“, raunte ich, hoffte auf das, was mir durch die Gedanken flog, jeden vereinzelten Tagen.
      “Können wir jetzt endlich einen Film gucken und nicht im Badezimmer herumstehen?”, lachte er und schob mich zur Seite. Das Blut hämmerte durch meine Adern und ich sah ihm nur mit weit geöffneten Mund nach, als er sich auf die Couch setzte und den Fernseher anschaltete. Ungläubig riss ich meine Augen auf, starrte ihn böse an und schloss die Tür hinter mir im Bad.
      “Ist das ein Nein?”, rief Erik.
      “Ganz klar”, schüttelte ich den Kopf und musste erst mal warm duschen gehen, um diese Frechheit zu verarbeiten. Viel musste ich nicht mehr ausziehen, bis mir das warme Wasser an den Haaren herunterlief, aber es nicht schaffte, mich auch der Euphorie zu entreißen, die ich noch verspürte auf meinem ganzen Körper. Es war nicht das erste Mal, dass er sich als Stimmungskiller entpuppte, doch mittlerweile konnte ich mir nicht einmal sicher sein, ob es seine Masche war, mich so an ihn zu binden. Immer wieder fluchte ich, schüttelte den Kopf und versuchte das alles von mir zu waschen. Ich rieb tatsächlich so lange, dass alte Wunden an meinen Beinen wieder aufrissen und das Wasser rot färbten. Noch lauter fluchte ich, als ich es bemerkte und das Wasser abschaltete. Zu meinem Glück waren nur noch weiße Handtücher in fassbarer Nähe, die ich dann in den Müll hauen konnte. Meine nassen Haare wickelte ich in einen dieser ein, und für den restlichen Körper stand ich so lange herum, bis ich trocken war. Da mein Handy noch in meiner Hosentasche steckte, schrieb ich in meiner Verzweiflung Lina in einer kurzen, eher undetaillierten Nachricht, was passiert war und hoffte, dass sie es besser fassen konnte als ich. Genervt blickte ich auf den leuchteten Bildschirm meines Handys, aber konnte die Spannung nicht lange aushalten und wechselte auf Instagram. Als wäre es mein Schicksal, tauchte natürlich Niklas ganz oben auf, eins von seinen tausenden Strandbildern unterstrich meine Lust auf mehr. Willkürlich starrte ich zu lange darauf, likte und wischte dann weiter nach unten. Wichtig dabei war zu sagen, dass ich nie seine Bilder likte, sondern nur kurz drauf sah und dann in der Timeline niedliche Pferdebilder bewunderte.
      “Oha, gemein dein Kerl, aber denke daran, dass er dir noch eine Antwort schuldig ist”, kam nur eine knappe, aber bestimmte Nachricht von Lina zurück.
      „Ich will immer noch mit ihm alt werden, obwohl er das bestimmt bis zu meinem Lebensende tun wird“, hämmerte ich auf dem Glas herum, sodass meine Fingernägel immer wieder laute Geräusche verursachten. Dann sperrte ich das Gerät und lief ins Schlafzimmer, um mir was drüber zu ziehen. Dass Erik mir intensiv nachsah, entging mir nicht, aber ich ignorierte sein rüpelhaftes Verhalten und versuchte mir möglichst provokante Kleidung herauszusuchen. Dabei war ich mir nicht ganz so sicher, ob knapp mit der größten Menge an Haut eine gute Wahl sein würde oder lieber mein geliebter Schlabberlook, den er nur allzu gut kannte. Von einem der Kleiderbügel strahlte mich dann wohl eins der provokantesten Stücke an, die hatte — mein Cheerleading Outfit, aber die Wahl fiel nur auf das Oberteil. Als Hose wählte ich eine schwarze Jogginghose mit einem ‚Fuck Off‘ Schriftzug. Ein letztes Mal rieb ich mit dem nassen Handtuch durch meine Haare, bis ich es wieder ins Badezimmer hängte und zur Couch schlenderte. Auf dem Weg dahin meldete sich mein Handy noch mal mit einer Nachricht von Lina: “Dann genieße mal die Zeit beim alt werden mit ihm :D
      Lachend steckte ich es zurück, ohne ihr noch eine Antwort zu geben, denn wir könnten morgen sicher bei einem Ausritt lange genug sprechen, denn über Niklas gab es sicher auch genau zu erzählen.
      „Na, was ist so lustig?“, musterte mich Erik und legte seine Hand an meinem Arm, als ich um die Couch lief, um Trymr nicht zu wecken, der vorne lag.
      „Dass ich offensichtlich mehr Gefühle für dich habe, als du mich aufbringst“, fauchte ich provokant und blieb hinter ihm stehen. Er legte seinen Kopf auf der Rückenlehne ab, blickte mich mit seinen grauen Augen an, die genauso funkelten im seichten Schein der Lichterketten und Kerzen, die Erik am Tisch angezündet hatte.
      „Und das behauptet wer genau?“, seine Stimme klang besorgt.
      „Ich, sonst würdest du mich nicht jedes Mal aufs Neue so hängen lassen“, blieb ich meinem Standpunkt, aber umfasste sanft sein Gesicht, das so einladend wirkte. Durch das fehlende Gel waren seine Haare so unglaublich weich, dass ich mich dazu zwang, nicht immer wieder darin meine Hände verschwinden zu lassen.
      „Du hast doch nicht mal gefragt, ob ich mit duschen kommen möchte“, schmollte er weiter.
      „Warum sollte ich mit dir duschen wollen?“, überlegte ich starrte hinauf zur Decke, dann fiel mir doch ein Grund ein, „na gut, du hast recht. Schließlich bist du ziemlich schmutzig heute.“
      „Ich glaube, jeder der uns gerade zuhört, wird schlecht bei so viel kitsch“, lachte er schließlich und versuchte mir mit seinen Lippen näher zu kommen, doch diesmal was ich klar im Vorteil und verteidigte meine höhere Stellung, wie ein Soldat im Krieg.
      „Wer sollte uns zuhören“, kniff ich skeptisch die Augen zusammen und ließ den Blick durch den Raum schweifen, als Erik leider nutzte, um mich an den Armen auf die Couch zu ziehen und mich im nächsten Moment dominierte, in dem er sich über mich Stützte. Mein Puls begann wieder zu rasen und seine Lippen kamen mir bedrohlich nah, dich anstatt sie auf meine zu drücken, küsste er sanft meinen Hals. Mit Wollust genoss er die Folter, der er mich aussetzte, mich ebenfalls mit Sinneslust erfüllte, bis zärtliches Stöhnen aus meinem Mund klang.
      „Ich finde das nicht fair“, ächzte ich kläglich und ich versuchte ihn möglichst behutsam von mir zu stoßen.
      „Zum Glück sind wir hier nicht bei Wünsch dir was, sondern im wahren Leben“, löste er sich von meinem Hals und sah mich wieder aus ganzer Seele an, langsam könnte er sich das blöde Grinsen sparen, denn ich wusste schon, dass sein Durchhaltevermögen größer war, als meins.
      „Dann warte ich halt, bis du fertig bist“, schloss ich entschlossen die Augen.
      „Sie“, kam es trocken über seine Lippen.
      „Na gut, dann bis Sie fertig sind“, schüttelte ich kurz den Kopf. Noch fester drückte ich meine Lider aufeinander, damit ich ihn nicht sehen könnte. Tatsächlich hatte es einen positiven Nebeneffekt, denn er ließ von mir ab und sagte: „So macht das keinen Spaß, wenn du nicht leidest.“ Ich lachte und durfte mich endlich richtig hinsetzen.
      „Aber jetzt mal im Ernst“, richtete er seine Frisur und blickte mich freundlich an, „alles, was du bisher sagtest, entsprach der Wahrheit?“ Ich musste kurz überlegen, denn ich hatte heute wirklich viel gesagt, also zumindest seitdem ich wach war, denn die Uhrzeiten schon lange nach null Uhr an und verriet im selben Zuge, dass ich bereits lange schlafen sollte. Vielleicht schlief bereits und das alles hier, war nur ein Traum? Ich kniff ihn in den Oberarm, wodurch er schmerzerfüllt aufschrie.
      „Was sollte das!“, schüttelte er den Kopf.
      „Wollte nur prüfen, ob ich wach bin“, sagte ich entschlossen.
      „Deswegen kneifst du mich?“
      „Ja.“
      Dann überdachte ich weiter meine Worte, zumindest soweit ich mich erinnern konnte.
      „Bei einer Sache entsprach es wohl nicht ganz der Wahrheit“, gab ich zu.
      „Und die wäre?“, fragte Erik neugierig nach und strich mir sanft den Arm.
      „Als Niklas vorhin fragte, ob es in Ordnung wäre, wenn wir den Termin verschieben“, überlegte ich weiter. Auffällig verdrehte er seine Augen und sagte nur: „Und warum genau, sollte mich das jetzt interessieren?“
      „Na, du hast doch gefragt, ob alles der Wahrheit entsprach“, wunderte ich mich, „oder bist du eifersüchtig?“
      „Ich meinte damit, was wir besprochen haben und ja. Mittlerweile stört es mich, wenn ich ehrlich bin, dass du immer noch so viel Zeit mit dem verbringst. Ich will dich bei mir haben und nicht so ein Möchte-gern wie er, soll mir wegnehmen, was mir gehört“, zischte er genervt. Ohne weiter nachzudenken, drückte ich meine Lippen auf seine und es fühlte sich so verdammt gut an, endlich wieder ihn vollständig bei mir zu haben. In einer unmöglich zu definierender Geschwindigkeit raste mein Puls nach oben, vernebelte mir den Verstand. Entschlossen fuhr meine Hand über seine Brust, öffnete das Hemd erneut, aber streifte es diesmal über seine Schultern ab. Er half mir dabei so gut er konnte, ohne dass sich unsere Lippen voneinander lösten. Erst als auch mein Oberteil daran glauben musste, kamen für einen Augenblick voneinander ab, das nutze ich auch dazu, auf seinen Schoß zu klettern und möglichst nah zu spüren, dass es der Wahrheit entsprach, was er sagte. Wieder trafen sich unsere Lippen noch leidenschaftlicher. Als ich in versehentlich anrief, kam noch gar nicht in den Kopf, dass wir Stunden später nur noch spärlich bekleidet auf der Couch sitzen würden und ich eine Gefühlsexplosion nach der anderen erleben würde.
      Langsam schob sich meine Hüfte immer stärker auf seinen Schoß auf ab, bis sich ein Quietschen neben mir in den Vordergrund schob. Im Begriff aufzuhören, spürte ich Eriks verschwitzen Hände in meine lockere Hose und umfassten meinen hinteren Teil und leise stöhnte ich in seinen geöffneten Mund. Doch das starrende Gefühl ließ mich nicht los, ich fühlte mich beobachtet, als stände eine Kamera neben der Pflanze in der Ecke und zeichnete das alles für die Nachwelt auf. Ich öffnete meine Augen und sah neben uns. Trymr wedelte aufgeregt mit dem Schwanz
      „Herr Löfström?“, funkelte ich ihn innig mit meinen Augen an, „mir fällt es schwer, mit dem Gedanken bei ihm zu bleiben, wenn wir beobachtet werden.“
      Er rappelte sich auf der Couch auf, aber hielt mich weiterhin fest. Dann sah er hinunter zu seinem Hund.
      „Ich schätze, dass er nun noch Essen haben wollen würde. Tut mir leid“, gab er mir einen flüchtigen Kuss und ich kletterte von ihm herunter. Erik richtete seine Hose beim Aufstehen, die nicht ganz unbefleckt erschien, als er etwas genervt in die Küche trottete und aus dem Kühlschrank die Schüssel holte. Sein Napf stand bereit auf der Theke und aufgeregt, trampelte der Hund links nach rechts, als er mit seiner Nase eindeutig Futter identifizierte. Verliebt lehnte ich über die Rückwand der Couch und beobachtete, wie liebevoll er mit dem Tier umging, obwohl seine Körpersprache nur Ärger zeigte. Ich lächelte.
      „Engelchen, ich meinte das Ernst“, wiederholte er.
      „Was genau meinst du?“, fragte ich überrascht.
      „Du sollst nur mir gehören und mit einem Großteil deiner Freunde werde ich vermutlich dich teilen können, aber nicht Niklas“, seufzte er und kniete sich zu seinem Hund.
      „Aber er ist mein Trainer und ohne ihn, kann ich nächstes Jahr keine internationalen Turniere reiten“, versuchte ich die Situation zu entschärfen, doch Erik schüttelte nur den Kopf.
      „Ihr habt doch noch mehr gute Leute am Stall. Was ist Eskil?“, hoffte er mich umzustimmen.
      „Der würde das sicher machen, aber wenn nicht“, stammelte ich und wurde unliebsam unterbrochen.
      „Frage ihn bitte, sonst suche ich dir jemanden und gebe meine letzte Öre dafür, um dir die beste Trainerin zu beschaffen, das schwöre ich“, bettelte Erik förmlich. Zustimmend nickte ich. Es hatte etwas, wieder jemanden im Leben zu haben, dem es wichtig war, was ich tat, auch wenn noch nicht ganz einschätzen konnte, wie weit das gehen würde. Vom Tisch griff ich das goldene Gerät und öffnete den Nachrichtendienst, um Niklas umgehend eine Nachricht zu schicken. Ich zögerte und schielte zwischen Bildschirm und Erik hin und her. Entschied, seinem Wunsch nachzukommen und tippte: „Hej! Es tut mir leid mitteilen zu müssen, dass wir ab sofort nicht mehr zusammen trainieren werden. Mir fällt diese Entscheidung nicht leicht, aber danke dir, wirklich! Du hast mich sehr weitergebrachte.“
      „Habe es ihm gesagt“, steckte ich mein Handy wieder weg und sah zu Erik, der erleichtert ausatmete. Die wenigen Meter zwischen uns überwand er im Handumdrehen und legte seine Hände an meinem Kopf.
      „Ich bin dir sehr dankbar, dass du keine Diskussion beginnst“, lächelte er und gab mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
      „Wenn es sonst nichts ist“, funkelte ich ihn weiter an, „dann tue ich das sehr gern. Aber leider sollten wir ins Bett, denn ich muss morgen spätestens um acht Uhr aufstehen.“
      „Okay, aber ich muss noch einige Dokumente durchsehen im Bett“, nickte Erik und holte sein Laptop vom Tisch, während schon zum Bett lief und ein Shirt aus dem Schrank wühlte, um es mir überzuwerfen. Dann strich die Hose von mir ab, legte sie ordentlich über den Stuhl und warf mich in das frisch bezogene Bett. Da meine Haare noch immer feucht waren, band ich sie in einem locker geflochtenen Zopf zusammen. Selten wirkte die frisch aufgeschüttelte Decke so verlockend wie heute, um sein Gesicht darin zu verstecken und vor Freude zu schreien, während der Regen weiterhin gegen die Scheiben prasselte.
      “Sollte ich mir Sorgen machen?”, grinste Erik und zog sich ebenfalls aus, doch so langsam, dass meine Augen jede seiner Bewegungen verfolgt, wie locker seine Muskeln zuckten.
      “Ja. Nein, brauchst du nicht”, murmelte ich abwesend, abgelenkt, nicht mehr klar, ob ich so schnell einschlafen könnte, wie ich es mir wünschte. Behutsam legte ich mich auf seiner Brust ab und strich ihm verliebt über den Arm.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 74.356 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende September 2020}
      Fohlenbericht zwei von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats


      Vriska
      “Ich habe ein Anliegen”, sagte Tyrell zu mir, als ich mich aus dem Sattel schwang von der langbeinigen Schimmelstute. Schneesturm liebte das kühle und nasse Wetter, was womöglich ihr auch diesen Namen eingehandelt hatte, ich hingehen fühlte mich ungemein unwohl, die nasse Hose an meinen Oberschenkel zu spüren. Der frostige Wind verstärkte das Gefühl nur noch mehr.
      „Na dann schieß mal los“, antwortete ich freundlich, dabei strich ich der Stute über den verschwitzten Hals und kramte mit der anderen Hand ein Leckerli aus der Hosentasche. Vorsichtig sammelte sie es von meinem Handschuh ab.
      “Die neue Rennstute, die du angeschleppt hast, soll erst mal geritten werden. Auf dem letzten Rennen war sie ziemlich hektisch und unkontrolliert, das gefällt mir nicht. Wenn du nicht möchtest, weil ich sehe, wie viel du plötzlich zu tun hast, frage ich Jonina”, erklärte er. Zusammen liefen wir in den Stall hinein und mein Chef erzählte ausführlicher, wie Humbi sich in letzter Zeit am Sulky benahm. Folke verlor immer häufiger die Kontrolle. Selbst der Scheck und Augenklappen stellten keine Lösung dar, weswegen ein ruhiges Abtraining und vielseitige Arbeit den nötigen Ausgleich bringen könnten. Kurz überlegte ich, aber in meinen Fingern kribbelte es sofort. Die große Stute und ich hatten sofort eine Verbindung und hiermit bekam ich Möglichkeit daran weiterzuarbeiten.
      “Ja klar, gern. Lässt sich einrichten”, schmunzelte ich selbstsicher und mit einem Nicken verabschiedete er sich. Nur in Auszügen konnte ich erahnen, was Humbria derart verunsichern könnte, doch ich war mir sicher, dass ich der Aufgabe gewachsen war.
      Prüfend sah ich zur Uhr beim Wegbringen des Sattelszeugs in der Sattelkammer, der Tierarzt kam erst in einer Stunde, somit könnte ich vorher noch mit meiner neuen Aufgabe anfangen. Entschlossen nahm ich das Lederhalfter mit ihrem Namen vom Haken. Schnee hatte bereits aufgefressen und konnte mit ihrer weinroten Weidedecke zurück auf den Paddock.
      “Hallo”, begrüßte ich mit ruhiger Stimme Humbi, die sofort neugierig die Ohren spitzte und mich mit ihrem Kopf anstupste. Aus der Erfahrung heraus bekam sie umgehend ein Leckerli, dass uns dieses Problem heute nicht im Weg stehen würde. Entschlossen, und auf Zehenspitzen, streifte ich das Halfter über ihre riesigen Ohren, die noch immer nach oben ragte. Irgendwas fokussierte sie gespannt an, den Grund dafür, konnte ich allerdings nicht entdecken. Zur Sicherheit zog ich den Strick wie eine Hengstkette über ihre Nase und durch den seitlichen Ring wieder nach unten.
      “Na komm”, sagte ich und setzte mich in Bewegung. Wie angewurzelt stand sie da, bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle, sondern starte weiter zum Horizont. Da entdeckte ich einen kleinen hellen Punkt, der sich dabei langsam veränderte. Nur mit guten Zusprüchen folgte sie schlussendlich. Geduldig nahm ich es hin und im Stall begann ich den Vierbeiner ausreichend Zuwendung zu schenken. Aus der Box an der Seite hörte ich leises Brummen – Lubi versuchte, mit dem Rennpferd Kontakt aufzunehmen. Humbria hingegen ignorierte sie vollkommen, untersuchte lieber den Boden des Stalles, der makellos geputzt war.
      Hufschlag ertönte, während ich den Vorderhuf auf meinem Oberschenkel zu liegen hatte. Mit einem Satz bewegte sie sich nach vorne und trat mir unausweichlich gegen mein Bein. Schmerzerfüllt schrie ich auf, rieb mir die pochende Stelle am Knie.
      Durch das Haupttor führte Erik zusammen mit Trymr die Pony Stute hinein. Sie mussten Ewigkeiten im Wald gewesen sein, denn schon als ich aufstand, war er nicht mehr da.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich ihn heiter und humpelte zu ihm. Er grinste breit. Auch Maxou erhob den Kopf, als sie meine Stimme hörte und verlängerte die Schritte. Von ihrem Schweif tropfte das Wasser und auch Erik war nicht verschont worden von dem plötzlichen Regenschauer, der mich beim Ausritt ereilte. Jedoch bereitete er sich darauf vor, trug ein Cap auf dem Kopf, mit einer Kapuze darüber. Ein neckisches Lächeln umspielte seine Lippen, während es sich anfühlte, als würde er mich mit seinen Augen entkleiden. Aber auch in mir regte es sich, jagte ein lustvolles Ziehen durch meinen Unterleib, der mir den Schmerz im Knie vergessen ließ. Wie schaffte er es nur mit der bloßen Anwesenheit und einigen Änderungen seines Standardoutfits mich derartig zu verzaubern? Ich atmete tief durch, versuchte mich darauf zu konzentrieren, dass die dunkle Stute meine vollständige Aufmerksamkeit verlangte.
      Erik kam näher und presste mich fest an seine Hüfte. Wieder stockte mein Atem. Es gab nichts, das uns hinderte. Leidenschaftlich drückte ich meine Lippen auf seine, schloss die Augen und verschwand für viele Sekunden in meinen Gedanken. Es prickelte. An meinem Bauch spürte ich den warmen Druck seiner Lenden, die sich immer näher an mich drückten. Dann stupste mich Maxou über seine Schulter hinweg an. Unsere Lippen löste sich, aber die Sehnsucht blieb, mehr von seiner Haut auf meiner zu spüren. Er lachte und abermals fühlte ich, wie mich eine Hitzewelle durchfuhr.
      “Sie möchte zurück in ihr Bettchen”, nickte ich zum Pony, das hinter seinem Rücken stand und zum wiederholten Male gähnte.
      “Und du musst sicher den Riesen bewegen, der mich verwirrt anblickt”, scherzte Erik. Dabei ließ er mit seinen Händen von mir ab. Das Gefühl, wo sie gerade noch lagen, beglückte weiter meinen Geist.
      “Aber ich wäre lieber mit dir”, sprach ich leise.
      “Verstehe ich, doch auch ich habe noch Aufgaben vor mir”, grinste er und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Meine Motivation versagte, wünschte sich ihn zur Hütte zu begleiten, aber sogleich ertönte das Kratzen über den Beton hinter mir. In einer einzigen Bewegung setzte ich mich zu der Stute und drückte meine Hand an ihre Brust. Schockiert riss sie die Augen auf, aber hörte auf mit dem Huf zu scharren.
      Es fehlte nur noch das Sattelzeug, dann waren wir Abflug bereit. Neugierig mustere Humbria Sattel von Lubi, den ich frecherweise auf fast jedem Pferd nutze, dass ich am Hof ritt, allem voran aus Bequemlichkeit. Des Weiteren fühlte es sich wie schweben auf den Wolken mit den Sorgen fernab. Darunter legte ich eine Filzdecke, die ich irgendwann online entdeckt hatte und für Glymur nehmen wollte, aber die Möglichkeit wurde mir genommen. Umso mehr freute ich mich, sie nun zu verwenden. Mithilfe des Tritts legte ich alles auf den Rücken der Stute, setzte meinen Helm wieder auf und trenste. Hektisch kaute sie auf dem Gebiss.
      “Alles gut”, beruhigte ich Humbria mit sanften und lang gezogenen Worten. Sie gehorchte. Im Stall stieg ich bereits auf, entschied erst beim Herausreiten, dass ich Lust auf den Reitplatz davor hatte. Die Stute musterte derweil die Umgebung und mir wehte der Wind unsanft einzelne Strähnen ins Gesicht, die ich mühevoll wieder wegstreichen musste.
      Wie es Tyrell mir beschrieb, schritt Humbria hektisch voran, hörte nicht zu und sah nervös die Gegend an. Schon beim Warmreiten versuchte ich die Stute ruhiger zu bekommen, so bremste ich unverhofft in den Stand, lobte bei schneller Reaktion und versuchte, dass sie aus der Hinterhand nach vorn schob. Je öfter ich es wiederholte, umso durchlässiger wurde sie. Immer mehr Kontakt baute die junge Stute zum Zügel auf. Ihre Ohren richteten sich nach und nach immer mehr zu mir, hörten, was ich von ihr wollte und dann begann Humbria sich zu lösen. Sie streckte den Hals weit nach vorn. Der Kopf wippte und knackte schließlich. Zufrieden lobte ich.
      Vertieft in meinen Gedanken und der Überlegung, wie ich die Stute bestmöglich fördern könnte, bemerkte ich den ungebetenen Gast am niedrigen Zaun des Reitplatzes erst spät. Auch Humbria durchfuhr der Schock durch das Auftauchen eines Menschen, dass sie aus dem Trab einen gewaltigen Sprung zu Seite machte. Nur durch den Wolkensattel gelang es mir, nicht im Dreck zu landen und dabei noch das Pferd zurückzuholen. Das Fluchen verkniff ich mir, beruhigte zunächst die Stute, ehe ich prüfend zur Seite warf, wer nur dem Tier einen solchen Schrecken einjagte. Mir stockte der Atem. Niklas stand mit seinem Fuß auf dem Stein gestellt dar, musterte mich von oben bis unten und schüttelte dabei langsam mit dem Kopf.
      „Du kannst doch nicht einfach wortlos dich dahinstellen“, beschwerte ich mich umgehend und mit einem Schnauben stimmte mir Humbria zu. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, warfen ihm kleine Blitze zu, die ihn zum Teufel schicken sollten.
      „Ich habe was gesagt“, verteidigte er sich und verschränkte die Arme verärgert, „außerdem sollten wir dringend reden.“
      „Nein, sollten wir nicht. Alles, was wir tun sollten, beruht auf einem Arbeitsverhältnis und Distanz“, versuchte ich ihn loszuwerden. Doch es missglückte. Stattdessen breitete sich ein heiteres Lächeln auf seine Lippen, dem ich zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Humbria hielt abrupt vor ihm an und ich wippte unsanft auf ihren Hals.
      „Scheint wohl nicht so gut zu funktionieren mit der Distanz“, sprach ich für meinen Geschmack zu überzeugt. Die Arme stützten nun wieder auf seinem Bein.
      „Geh endlich weg“, fauchte ich, „deine Freundin wartet sicher schon, ansonsten könnte dein Pferd auch Aufmerksamkeit gebrauchen.“
      Auch damit verschwand er nicht. Wie angewurzelt stand Niklas an der Stelle, wodurch Humbria ebenfalls keinen weiteren Schritt durch den Sand setzte.
      „Dann können wir doch jetzt reden“, zog er eine Braue nach oben, strich dem Pferd über das Maul. Amüsiert wippte ihre Unterlippe und die Zügel am Gebiss klapperten dabei.
      Ich seufzte.
      „Niklas, ehrlich gesagt, will ich nicht mit dir reden. Wir sind beide nicht dafür gemacht, normal miteinander umzugehen und ich habe so viel zu verlieren“, versuchte ich ihn mit Ehrlichkeit zu überzeugen, denn er schätzte diese Eigenschaft an mir. Endlich sah ich, dass in seinem Kopf etwas passierte. In Bewegung setzte er sich nicht, wieder seufzte ich. Etwas, das ich in den letzten Tagen eindeutig zu häufig tat.
      „Vriska, du bist nicht in der Position, das beurteilen zu können“, protestierte Niklas. Bitte was? Hatte ich mich gerade verhört? Ich riss meine Augen auf, öffnete den Mund, aber meine Worte verflogen im Wind.
      „Du fehlst mir“, seufzte nun er, „also als eine Freundin. Deswegen möchte ich dich bitten, nicht das Training zu beenden mit mir. Es war immer so ein Licht am Ende des Tunnels, dass mir den Tag erhellte und Hoffnung schenkt.“
      Wow, es schmerzte mich ungemein, das zu hören, aber in meinem Kopf versetzte ich mich in Lina. Sie war nicht in Sicht, aber hätte sie das gehört, wäre wieder eine Welt zusammengestürzt, meinetwegen.
      “Auch mir geht es so, aber nein. Es funktioniert nicht, so reif solltest du sein. Ich möchte nicht mit dir trainieren”, suchend bewegte sich der Blick weg von den Pferdeohren nach rechts, als würde dort meine Rettung warten – Fehlanzeige.
      “Dann sag es mir in die Augen, wenn du es wirklich nicht möchtest.”
      Nur zögerlich bewegte sich mein Kopf in seine Richtung, verunsichert, ob es mein Herzenswunsch war oder nicht. Undefiniert drückte es in meiner Brust, als wolle mir der Körper unter allen Umständen mitteilen, dass es sich um keine gewinnbringende Idee handelte und ich so schnell wie möglich das Weite suchen sollte. Der Vierbeiner stand noch immer wie angewurzelt da und ignorierte jedwede Versuche meinerseits wieder einen Huf vor den anderen zu setzen. Ich sah ihm in die Augen und biss mir stark auf die Zunge, um das aufkommende Gefühl zu unterdrücken. Gleichzeitig wiederholte ich Eriks Namen wie ein Mantra in meinem Kopf. Ihn wollte ich, nur ihn.
      “Ich weiß es nicht und kannst du jetzt bitte gehen? Wir reden, wann anders, nicht so zwischen Tür und Angel”, bat ich Niklas eindringlich. Endlich gab er nach und nickte.
      “Okay, dann reden wir Dienstag”, sagte er noch, setzte sich in Bewegung zum Stall und sogleich ertönte das Geklapper von Eisen an der Holzfront einer Box. Erleichtert atmete ich aus.
      Tatsächlich wurde es mir zum Teil auch wieder Humbria im Schritt anzureiten. Sie schnaubte gelassen haben. Meine Konzentration hingegen hatte sich vollständig verabschiedet, obwohl die Pläne mit ihr einfach waren. Einige Meter konnte ich Humbria zurück in ein ruhiges Tempo holen, gleichmäßig durchparieren und in einer Gebrauchshaltung wieder anreiten. Sie hörte aufmerksam und fragte höflich nach, bevor sie Blödsinn versuchte.
      Nach weiteren Runden ritt ich zurück in den Stall, stieg ab und entfernte das Sattelzeug. Wir kamen an Niklas vorbei, der seine Stute putzte. Mir gelang es tatsächlich keinen weiteren Blick zu ihm zu werfen, sondern brachte das Sattelzeug in die Sattelkammer, holte eine neue Weidedecke und stellte das nasse Pferd unter das Rotlicht. Mit hängender Unterlippe genoss sie die Wärme und ich setzte mich ihr gegenüber auf die Bank, Handyzeit.
      Einen Überblick über die ganzen Nachrichten zu bekommen, stellte sich als eine größere Herausforderung dar, als ich mir vorgestellt hatte. Immer mehr Bots, die mich mit hübschen Bildern beglücken wollten, fanden ebenfalls ihren Weg in mein Nachrichtentab. Die Anzahl meiner Follower hatte sich glücklicherweise bei dreitausend eingependelt und ich wusste nicht einmal etwas damit anzufangen. Aber was soll’s, interessiert tippte ich auf Linas Account, um zu gucken, was Leute normalerweise posten und bemerkte, dass sie einige Beiträge gelöscht hatte und gar nicht mehr abwarten konnte, ihren Schimmel wiederzusehen. Auch in mir wuchs die Vorfreude, das Einhorn hier zu haben, doch mir blieb noch ein Moment darüber nachzudenken, als die Bannerbenachrichtigung mich ablenkte. Ein Wirrwarr aus Buchstaben eröffnete sich vor mir und eine Formel. Ich runzelte die Stirn, aber kopierte beides sofort in meine Notizen, um die Nachricht nicht zu verlieren. Vermutlich musste ich den Schlüssel berechnen, um die Verschiebung des Alphabets herauszufinden. Rätsel waren nicht mein Ding, doch der Unbekannte hatte mich darauf vorbereitet, dass es nicht leicht werden würde.
      „Danke“, schrieb ich und dann schielten meine Augen zu Niklas, der mittlerweile sein Pferd aus der Box führte. Auf seinen wohlgeformten runden Lippen lag ein schelmisches Lächeln.
      „Ich habe ein Problem“, tippte ich dann noch an meine Ablenkung. Sofort antwortete er: „Man erzähle mir von dem schändlichen Anliegen.“
      „Den Typen, den mein Freund nicht mag (hatte vorher was mit dem) lässt mich nicht in Ruhe. Er hatte mich darum gebeten, das Training mit jemand anderes zu machen, dem habe ich widerstandslos zugestimmt. Doch jetzt auf einmal will der Typ das mit mir klären und akzeptiert es nicht. In mir kochen die alten Gefühle hoch, weiß nicht damit umzugehen, weil ich mir so sicher mit meinem Freund bin“, fegten meine Finger in Windeseile über den Bildschirm.
      „Und dennoch möchtest du dich mit mir treffen?“, leuchtete es im Chat, aber noch immer pulsierten die drei Punkte. Eine weitere Nachricht tauchte auf: „Spaß beiseite. Wenn du das mit dem nicht willst, dann tue es nicht. Ansonsten kläre es mit deinem Freund erneut, bitte ihn um Unterstützung. Wichtig ist nur, dass du eine Entscheidung treffen musst, insbesondere in einer emotionalen, instabilen Zeit, wie du sie gerade erlebst.“
      “Das schreibt sich so leicht“, antwortete ich. Im Stall wurde es zunehmend voller und ich entschied zwischen den neugierigen Blicken mein Handy wieder wegzustecken; Schluss mit den Spielchen.
      Das rote Licht verglühte und Humbrias müden Augen öffneten sich langsam. Von beiden Seiten am Halfter öffnete ich die Haken und führte sie zurück auf den Paddock, auf dem eine beträchtliche Ruhe herrschte. Die Pferde dösten, bemerkten kaum, dass die Stute wieder zurückkam. Sie hingegen trottete langsam zum Unterstand, steckte den Hals durch die Gitter und begann mit den Lippen Halme zu inhalieren. Das Halfter hängte ich in den Zwischengang und starrte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde der Tierarzt eintreffen. Beeindruckend schnell kam ich an der Hütte an, in der Erik sich bereits anzog.
      “Ich muss dich noch etwas fragen”, sagte er sanft auf dem Weg zum Stall. Vorsichtig sah ich an ihm hoch, ohne die Hand loszulassen, die ich fest umschlossen in meiner hatte. Ich nickte.
      “Was hat es mit Kiel auf sich?”
      Natürlich musste diese Frage kommen, aber von Lina konnte er es nicht wissen. Wir hatten beim Essen das Thema totgeschwiegen und auch, dass Niklas zur gleichen Zeit mit einigen Auserwählten nach Stockholm fahren würde. Mir stockte für einen Augenblick der Atem, ehe ich stark ausatmete und darauf gefasst war, ihm mehr zu erzählen.
      “Woher weißt du das?”, drängte sich jedoch als erste Frage aus meinem Mund.
      “Dein Handy hat in der Nacht aufgeleuchtet und den Termin angezeigt. Im Zuge meiner unstillbaren Neugier habe ich die Benachrichtigung geöffnet und versucht mehr zu finden”, gab er wehmütig zu. Wieder blieb mir der Atem weg, doch jetzt stich es unsanft in meiner Lunge. Als wäre es ein Zeichen, hielt er mir eine Schalter Zigaretten hin, aus der ich sogleich eine herauszog und aus der Innentasche der Jacke ein Feuerzeug nahm. Das Stechen ließ nach, aber dafür drückte es nun. Deutlich angenehmer, wie ich es fand. Mir wurde klar, dass er vermutlich noch mehr gesehen haben könnte, wenn er versuchte, mehr Informationen zu finden.
      “Dann weißt du von?”, deutete ich mit stotternden Worten meinen unbekannten Verehrer an. Es musste so weit kommen, wenn auch etwas früh.
      Erik nickte, aber sein Gesicht blieb wenig berührt davon.
      “Aber”, sprach er und zog an dem Glimmstummel, “du hättest darauf kein Geheimnis machen müssen. Ich kann deinen Reiz nachvollziehen und wenn du dich ernsthaft einmal mit ihm treffen möchtest, will ich dieser Erfahrung nicht im Wege stehen.” Auf seinen Lippen bildete sich ein kurzes Lächeln, dass bei dem nächsten Zug wieder weichte.
      “Danke dir, aber ich weiß es noch nicht. Ich bin froh dich zu haben und möchte mit dir Erfahrungen machen”, versuchte ich zuversichtlich zu bleiben. Seine Hand drückte fest meine. Ich wusste aus unerklärlichen Gründen sofort, dass es die richtige Entscheidung mit ihm war. Noch bevor wir im Stall ankamen, erzählte ich ihm von der Auktion in Kiel und dass wir dort eine Art Lehrgang haben würden, um unsere reiterlichen Fähigkeiten zu verschärfen. Interessiert hörte er zu, aber gab kein Kommentar dazu ab.
      Vor dem Gebäude stand bereits der Transporter unseres Tierarztes. Aus der Seitentür kramte er seine Tasche und begrüßte uns freundlich, als er uns bemerkte. Zusammen liefen wir zur Paddock Box, in der Maxou beinah leblos stand. Die Späne lagen fein vor der Kante ins Freie. Nicht mal einen prüfenden Blick schien sie nach draußen gesetzt zu haben. Umso mehr setzten die Zweifel ein. Ich hatte daran setzt ein Pferd haben zu wollen, dass ich mir nicht die Zeit ließ, mir darüber Gedanken zu machen, was ich mit meinem Pferd überhaupt anstellen wollte. Nein, stattdessen ging es nur darum eins zu haben und nun stand dieses arme Tier verängstigt da, wie eine versteinerte Statur. Erst, als Erik sie ansprach, regte sich eins der Ohren. Ihr Kopf erhob sich langsam und ich wusste wieder, zumindest kurz, wieso ich ihr die Chance gab, sich zu beweisen. Ich drückte meinen Freund, dachte ich das gerade wirklich?, ein Halfter in die Hand, dass ich ursprünglich für Glymur gekauft hatte. Es war violett und reflektierte im Licht in schönen Fuchsia Tönen. Getragen hatte er es bisher nur einmal, doch Maxou stand er vorzüglich. Er führte die Stute hinaus und folgte mir in den hinteren Teil des Stalles. Dort waren die Putzbuchten und deutlich besseres Licht. Außerdem konnte man das Pferd problemlos an beiden Seiten befestigen. Das Abnehmen der Decke übernahm ich. Sie sah mich kurz an und beschnupperte meine Hand, aber Erik erschien ihr so viel interessanter, was ich ihr nicht verübeln konnte.
      Doktor Linqvist begann mit seiner Arbeit, hörte die Stute als erstes Ab, betrachtete die Augen mit einer Lampe und sah sich die Zähne an. Dabei bestätigte sich Linas Annahme. Dabei stellte die ungleiche Abnutzung der Zähne, das geringste Problem dar. An einigen Stellen hatte sie Karies, dass er aber noch heute beseitigen würde. Was ihn ebenfalls Zahnschmerzen bereitete, war eine Fraktur an den vorderen Zahnreihe und zwei hinten. Wohl möglich durch Tritt eines anderen Pferdes oder schlimmeres, dass er nicht mehr aufführen wollte. Suchend blickte ich mich im Stall um, hoffte, Lina zu sehen oder zumindest ihren überheblichen Liebhaber. Vergeblich.
      „Möchtest du gehen?“, vergewisserte sich Erik, als der Tierarzt der Stute die erste Sedierung verpasste.
      „Nein, ich hoffe nur darauf, dass Lina mir helfen kann, ob das alles normal ist“, wimmerte ich und blickte mit glasigen Augen zu dem Zwerg. Ihr Kopf wurde schwer, hielt sich dennoch gut in den beiden Stricken.
      „Wir schaffen das zusammen, ich übersetze und du“, er stockte und kratzte sich an dem mit Stoppeln übersäten Kinn, „kennst dich mit Pferden aus.“
      „Ich verstehe genug, aber danke“, rollte ich beleidigt mit den Augen und erhob mich von der Bank. Erik hingegen lehnte sich zurück, beobachtete inständig jeden meiner Schritte.
      Der Kopf der Stute wurde immer schwerer und zur Unterstützung hielt ich ihn fest. Laut schnaubte sie aus, dabei knatterte das Geräusch. Meine Hand fuhr langsam über ihren Hals.
      > Rör henne inte så ofta. Hon har en svampsjukdom i huden.
      „Fass sie nicht so oft an. Sie hat einen Hautpilzkrankheit“, mahnte der Tierarzt und sofort schreckte ich zurück. Mit einem kläglichen Versuch drückte Maxou ihren Kopf ein Zentimeter nach oben, aber genoss wieder, dass ihr Halt gab.
      > Är det smittsamt?
      „Ist der ansteckend?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf, sagte aber, dass genaueres erst vom Labor geklärt werden kann. Dann spannte Doktor Linqvist das Maul des Tieres in ein Gestell, das vermutlich auch als Folterinstrument herhalten konnte. Erik wurde damit beauftragt einen Eimer mit warmem Wasser zu holen, während ich weiter assistierte. Zugegeben, bisher gehörte so was nicht in mein Aufgabenfeld. Unser Tierarzt sah dem nach und erklärte mir alles äußerst genau. Zeigte mir sogar die einzelnen Schritte.
      Interessierte hörte ich zu, hielt den Kopf, bis Maxou endlich fertig war nach fast einer Stunde. Ein Zahn wurde gezogen und weitere behandelt. Ihr Gebiss erstrahlt nun gleichmäßig wieder im Glanze, solle aber in den nächsten Stunden nur in der Box stehen unter Beobachtung. Dafür waren wir ausgerüstet. Also schaltete ich direkt die Kamera ein, die sonst nur nachts aktiv war und konnte nun jederzeit nachsehen, was sie trieb. Sobald Maxou aktiver sei, war führen angesagt, dem Erik sich glücklich opferte.
      Gegen den Hautpilz bekamen wir eine Salbe, die täglich zweimal aufgetragen werden sollte und das Fell musste umgehend verschwinden. Eine Winterdecke mit Halsteil stand dann somit als Nächstes auf der Einkaufsliste.
      So sehr vertieft das schlafende, und aus dem Maul blutende, Pony zu beobachten, bemerkte ich nicht wie sich eine Hand auf meine Schulter ableckte. Mit einem großen Satz sprang ich zur Seite. Erneut wippte der Kopf der Stute kurz nach oben. Lina stand neben mir und grinste.
      „Das kannst du nicht machen“, stammelte ich außer Atem und sorgte damit für reichlich Gelächter bei den anderen. Vermutlich lag ihre Hand schon einige Sekunden auf meiner Schulter, bis mein Körper es für voll nahm.
      “Folke hat gesagt, dass Holy auch untersucht werden soll”, erklärte sie und vermittelte mir indirekt, dass ich den Terrortinker bitte holen solle. Seufzend trennte ich den Blick von meinem Pony, sagte Erik Bescheid und lief über den Vorplatz zum Paddock. Friedlich zupfte sie an den restlichen Heuhaufen in dem Unterstand. Girlie stand neben ihr und auf der anderen Seite Mill, die interessiert zum Tor getrottet kam. Die Stute war stets bereit zu arbeiten, doch befand sich derzeit noch im Mutterschutz. Zwischendurch durfte sie Dampf ablassen, aber wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Ihre Tochter inszenierte derzeit die Standfestigkeit des Zauns. Unbeachtet legte ich das Halfter um den plüschigen Kopf der gescheckten Stute und führte sie hinüber. Sie ließ sich Zeit, wollte nicht so recht in das große Gebäude hinein, als wusste sie, dass dort der Tierarzt wartete.
      Niklas' Gesicht sprach Bände und dass er nervös die Stallgasse auf und ab lief, ebenfalls. Lina versuchte ihn aufzumuntern, doch vollständig in den Gedanken verloren, reagierte er nicht auf ihre Annäherungsversuche. Seine Stute schien demnach das Fohlen verloren zu haben.
      “Muss ich fragen?”, flüsterte ich Lina zu.
      Sie schüttelte den Kopf.
      Damit war alles gesagt. In großen Schritten brachte Lina den Schimmel zurück in die Box und ich band stattdessen Holy an. Ihr Baby war wirklich groß, als wäre sie bereits im siebten Monat trächtig und somit bei der Übergabe an den Tierschutz bestiegen worden. Innerlich entbrannte ein Muttergefühl, die Freude ein außergewöhnliches Fohlen hier zu haben. Um, hoffentlich, Papiere zu bekommen, mussten Linas und meine Fähigkeiten herhalten, den Vater des Fohlens zu ermitteln. Sie bekam von den freudigen Nachrichten nicht viel mit, sondern beruhigte ihren Freund mit allen Kräften.

      So schnell wie Niklas erschien, verschwand er auch wieder und Lina blieb wie ein begossener Pudel am Rolltor stehen, sah dem Auto am Horizont hinterher. Ich konnte seinen Schmerz nachvollziehen und auch, dass sie zu gleichen Teilen an sich band. Der kurze Moment der Wehmut wurde durch ein lautes Scheppern unterbrochen, das von der anderen Seite des Stalls kam. Zusammen joggten wir durch die Stallgasse und vor uns eröffnete sich ein riesiger Lkw, beladen mit Absperrungen und dahinter folgte ein Bagger.
      “Was zur Hölle ist hier los?”, fragte ich rhetorisch und auch Lina konnte nur mit Erstaunen die Arbeiter betrachten. Von der Seite kam Tyrell dazu, die Arme breit in der Hüfte gestützt und einem Lächeln auf den Lippen. Zufrieden atmete er aus.
      “Es geht los”, lachte er. Lina und ich sahen uns weiter verwundert an.
      “Was genau?”, versuchte ich mehr Informationen, ans Tageslicht zu bekommen.
      “Oh, dann habe ich es euch vergessen zu sagen”, seufzte er, “somit wisst ihr auch noch nicht, dass bis heute Abend eure Sachen gepackt sein sollen.”
      Schockiert riss ich Augen auf, hielt mich an Lina fest.
      “Was? Nein, wissen wir nicht!”, sprach Lina gleichermaßen verwirrt wie erschüttert, “Wieso sollen wir unsere Sachen packen?”
      “Wir bauen den Hof um und eure Hütten werden abgerissen”, fasste er sich kurz. Ein erschütternder Schmerz fuhr durch den Körper. Die kleine Hütte wurde zu so viel mehr als einem einfachen Haus. Sie war mein Rückzugsort, ein Zuhause mehr als Erik es mir war.
      “Das ist nicht dein Ernst”, schimpfte ich verzweifelt.
      “Und ihr habt jetzt sechs Stunden euren Kram in den Konferenzraum vier zu bringen”, zeigte er in die Halle, “Am Abend erzähle ich euch dann in Ruhe alles.”
      “Aber wir haben doch die Ferienhütten?”, versuchte ich meinen Gedanken zu verdrängen und dem Unausweichlichen zu entgehen.
      “Die sind an die Vorarbeiter vermietet”, zuckte Tyrell mit den Schultern und verließ uns. Sein Abgang wirkte von so viel Missgunst, dass es eine gute Erklärung sein musste, damit ich meine Sachen auch wieder auspacken würde.
      “Das ist nicht sein Ernst, oder?”, fragte mich Lina, die es wohl nicht ganz glauben konnte, was unser Chef uns gerade eröffnete.
      “Offenbar schon”, seufzte ich, “dann sollten wir wohl mal unser Zimmer beziehen.”

      Lina
      “Ja, dann sehen wir uns wohl gleich”, nahm ich diese Tatsache resigniert hin und verschwand bevor Vriska noch etwas hätte sagen können. Schwer lag mir das Herz in der Brust. Falls es so etwas wie einen Gott geben sollte, war dieser heute nicht sonderlich gnädig gestimmt. Unangenehm drang das Geräusch des Kieses an meine Ohren, der bei jedem Schritt unter meinen Sohlen, leise knirschte, bis es abgelöst wurde durch das dumpfe Klopfen, welches meine Füße auf den Stufen erzeugten. Melancholie überkam mich als ich in den Raum eintrat. Willkürlich begann ich Dinge in eine Kiste zu werfen, die sich mir in den Weg gestellt hatte. Es sollte mich nicht so hart treffen, einen Ort, an dem ich gerade einmal knappe eineinhalb Monate wohnte, wieder zu verlassen, aber genau das tat es. Was es so beschwerlich machte, war nicht die Sache an sich. Klar, ich begann gerade erst, mich an mein kleines Reich zu gewöhnen, hatte gestern erst überlegt, wie man es behaglicher gestalten konnte, aber letztlich war es auch nur ein Raum, den ich noch nicht mein Zuhause nannte. Es hätte auch schlimmer kommen könne. Immerhin war Tyrell so gnädig gewesen, uns nicht nur ein Zelt oder Ähnliches hinzustellen oder gar uns ganz auf die Straße zu setzen. Darüber hinaus könnte ich mir schlimmeres vorstellen, als mit Vriska zusammenzuwohnen, wenn es auch bedeute deutliche Einschränkungen in der Privatsphäre zu haben. In vergangenen Zeiten hatte ich mir schon mit Leuten ein Zimmer geteilt, die mir deutlich unsympathischer waren. Nein, es war schlichtweg einfach der falsche Zeitpunkt für eine solche Nachricht. Gedanklich hing ich noch immer bei der schlechten Neuigkeit, die der Tierarzt mit sich brachte. Die Information an sich erweckte bereits großen Kummer in mir, lag doch so viel Hoffnung darin, dass die Trächtigkeit gut verlief, aber diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Es würde kein Fohlen für Smoothie und Niklas geben.
      Meinen Freund schließlich so bestürzt zu sehen weckte noch mehr Trauer in mir und spürte seinen Schmerz beinahe so deutlich, als sei es mein eigener. Ich hatte für Niklas da sein wollen, ihm Trost spenden, doch er hörte mir nicht zu, distanzierte sich. Selbst meine größten Bemühungen hatten nicht ausgereicht, um vollständig zu ihm durchzudringen. Es erschloss sich mit bisher nicht, was es war, dass er sich dermaßen vor mir verschloss, aber ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, konnte nur abwarten, ob ich seine Beweggründe eines Tages besser verstehen würde. Wirklich wohl war mir nicht bei dem Gedanken, dass er in einem solchen emotionalen Zustand fuhr, aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er in seinem Wahn nichts Dummes anstellte.
      Seufzend stellte ich die Kiste, in der sich mittlerweile ein buntes Sammelsurium an Dingen befand, beiseite und ließ mich auf die nächste Sitzgelegenheit sinken, die leise unter der Belastung knarzte. Langsam ließ ich meinen Blick über den Inhalt des Kartons gleiten. Die Auswahl an Gegenstände war chaotisch und in keinster Weise nachvollziehbar. Neben einem Buch glitzerte mir ein Kugelschreiber entgegen. Daneben hatten drei Paar Socken, eine Tafel Schokolade, Kopfhörer und ein Paar Reithandschuhe ihren Weg in die Kiste gefunden. Das Laptopkabel schlängelte sich wie eine Schlange um alles herum und verband es auf eine befremdliche Weise miteinander. Ganz oben darauf thronte der kleine helle Plüsch-Ivy wie ein Drache, der seinen Schatz hütet. Würde man das innere meines Kopfes visualisieren sähe es sicher ähnlich widersinnig aus. Bilder, Gedanken, Gefühle, … Träume, Erinnerungen und Gegenwärtiges … Wichtiges und Belangloses, alles auf einem großen Haufen.
      Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. So würde, dass hier nichts werden, ich musste erst ein wenig Klarheit in meine Gedanken bringen, um das hier mit ein wenig System anzugehen. Ruhelos griffen meine Finger zu dem Handy, welches ich beim Hineinkommen auf den kleinen Tisch niedergelegt hatte. Kühl und schwer lag das Metall in meinen Fingern, einzig das Bild meines Hengstes, welches den Sperrbildschirm zierte, strahlte mir entgegen. Was hatte ich denn auch erwartet? Dass mir das Gerät auf magische Weise zeigte, dass meine Sorgen unbegründet seien? Das war wohl kaum möglich. Selbst für eine Nachricht von Niklas wäre es noch zu früh gewesen, unmöglich könnte er bereits Zuhause sein, hinzu kam noch, dass er selbstverständlich keine Gedanken lesen konnte. Ich seufzte, schüttelte den Kopf erneut. Sicherlich machte ich mir mal wieder zu viele Gedanken. Einen Moment lang betrachtete ich den Bildschirm. Hals und Ohren aufmerksam aufgerichtet blickte Divine mir aus dem Glas entgegen. Seine dunklen Augen leuchten sanftmütig und hoben sich deutlich von dem hellen Fell ab und selbst auf dem Bild ging seine magische Ausstrahlung nicht verloren. Er wirkte so einladend, als wollte er sagen: „Alles wird gut, mach dir nicht so viele Sorgen.“
      Doch so einfach war das nicht. Gedanken lösten sich nicht einfach in Luft auf. So wischte mein Daumen über die glatte Oberfläche, woraufhin sich die Darstellung veränderte, kurz mein Homescreen zeigte, bevor mein Finger wie von selbst auf dem Messenger-Dienst tippte. Erst als sie den Chat geöffnet hatten, der „Niki“, als Überschrift trug, hielten sie inne. Neben dem Wort prangte zwei rosafarbene Herzen, ein großes und ein kleines. Ein eher kläglicher Versuch diesen Kontakt von den anderen abzuheben, denn Herzen in den unterschiedlichsten Variationen kam auch anderen Menschen zu, die mir wichtig waren. Nachdenklich starrte ich auf den Cursor, der in regelmäßigem Rhythmus in dem hellen Schreibfeld aufblinkte. Auf einmal fühlte es sich an, als bewege sich rein gar nichts mehr in meinem Kopf, als wäre dort irgendetwas eingefroren, was mich daran hinderte auch nur ein Wort zu schreiben. Dennoch waren die Sorgen nicht fort, nur die Fähigkeit diesen Ausdruck zu verleihen schien verschwunden. Nach gefühlten Minuten erlosch der Bildschirm, aufgrund von Inaktivität und ich blickte in meine eigenen mit Sorge gefüllten Augen.
      Ich atmete tief durch, lehnte mich zurück und versuchte meine Gedankenströme in eine Richtung zu lenken, die sich mehr auf das hier und jetzt konzentrierten und nicht auf Ereignisse, die nur eingeschränkt in meinem Einwirkungsbereich lagen. Mit jedem Atemzug rückte die Sorge um meinen Freund ein wenig in den Hintergrund und machte Platz für andere Gedanken.
      Meine Augen wanderten durch den Raum, bis sie schließlich wieder an der Kiste hängen blieben, auf der das Plüschtier thronte. Gerade jetzt, wo ich Ivys moralischen Beistand gebrauchen könnte, fehlte er mir umso mehr. Zu wissen, dass mein er allein in einer völlig unbekannten Umgebung bereite mir mindestens genau so viel Kummer.
      Von dem einen auf den anderen Tag musste er sich an eine neue Bezugsperson gewöhnen, weil ich einfach weg war und dann nach Monaten wurde er erneut mit einem dieser riesigen, unheimlichen, lauten Dinger durch die Gegend geflogen. Vermutlich verstand das arme Pferd die Welt nicht mehr, war er mit seinen fünf Jahren doch praktisch noch ein Baby.
      Bald, ziemlich bald würde ich ihn wieder bei mir haben, sein weiches Fell unter meinen Finger spüren und auch sein freundliches gebrummelt würde wieder ertönen, wenn ich morgen den Stall betrat. Dieser Gedanke motivierte mich tatsächlich ein wenig jetzt endlich an die Arbeit zu gehen, denn vom Trübsal blasen, würde die Zeit wohl auch nicht schneller vergehen.
      „Okay Mini-Ivy“, sprach ich entscheiden zu dem plüschigen Einhorn ”der Kerl kann sicher auf sich aufzupassen, schließlich ist er alt genug dafür.” Hoffentlich. Die Worte klangen deutlich optimistischer als ich mit tatsächlich fühlte, aber die Wohnung würde sich wohl nicht von selbst zusammenzupacken. Obgleich der einleuchtenden Erkenntnis fühlte ich mich noch immer ein wenig bedrückt und leicht irre kam ich mir allmählich auch vor. Mit echten Tieren reden war sicher schon nicht ganz normal, aber dies mit Plüschtieren zu tun, grenzte, nein war eindeutig ein Zeichen für den Verlust meiner geistigen Fähigkeiten.
      Mein Blick schweifte durch das Zimmer. Auf den Regalen stapelten sich gleichermaßen Romane und Erzählungen wie Skizzenbücher, überall dazwischen hingen, standen und lagen Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten. Wie konnte man eigentlich so viel Zeug sammeln?
      Über mich selbst den Kopf schüttelnd, begann ich nun endlich damit den Inhalt dieses Raumes zusammenzupacken. Diesmal allerdings mit ein wenig mehr System. Als Erstes landetet sämtlicher Kleinkram in den Kisten. Zwischen Fotos, Lichterketten und dem ein oder anderen Plüschtier, landeten auch Souvenirs und andere Erinnerungsstücke darin. Mitunter einige Dinge, die diesen Raum hier eindeutig als Zimmer eines Pferdemenschen kennzeichneten. Einzig glitzern Pokale und seidig schillernde Schleifen würde man in keinem der Kartons finden könne, denn diese gab es nicht. Noch nie betrat ich einen Turnierplatz mit der Absicht mich selbst zu präsentieren. Ich war immer nur stummer Bewunderer derer, die den Mut aufbrachten, sich den kritischen Blicken von Richtern und Zuschauern zu stellen, denn mir selbst war es bereits unbehaglich, wenn mir Leute beim Training zusahen. Besonders dann, wenn ich sie nicht kannte.
      Als ich indessen auch die Bücher einpackte, fiel mir ein Exemplar in die Hand, welches bereits die Spuren jahrelanger Nutzung mit sich trug. Pikku prinssi stand in geschwungenen Buchstaben auf dem weißen Einband. Darunter eine Illustration der Titelfigur auf ihrem kleinen grauen Planeten. Eine Geschichte, die nicht nur weltweite Bekanntheit errang, sondern deren Aussage bis heute gültig ist.
      > Vain sydämellään näkee hyvin. Tärkeimpiä asioita ei näe silmillä.
      „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, kam mir sofort der vermutlich am häufigsten zitiere Satz aus dem Buch in den Sinn. Eine Aussage von der sich die heutige von Schein und Konsum geprägte Welt durchaus etwas abschneiden könnte. Dass, was hinter der Fassade eines Menschen steckt, bleib vielen verborgen, weil sie sich vom äußeren Schein blenden lassen und ihnen lieber einen Stempel aufdrückten, anstatt sich die Zeit zu nehmen, diesen näher kennenzulernen. Behutsam legte ich das alte Buch zu den anderen und setzte mit meiner Tätigkeit fort.
      Das Zimmer war nahezu leer, einzig einige Skizzenbücher und Zeichenmappen lagen noch auf dem Tisch, die noch einen Platz in einem der Kartons suchten. Im Arm die Bücher, in der freien Hand die Mappe, stiefelte ich hinüber zu den Kisten. Die Mappe allerdings war nicht korrekt verschlossen, sodass sich ihr gesamter Inhalt auf den Boden ergoss. Gut gemacht, Lina, dachte ich und legte erst einmal die Bücher aus der Hand. Auf den Blättern zeichnet sich überwiegend Motive ab, die schon vor einigen Jahren entstanden waren, meiner Meinung nach keine wirklichen Meisterwerke, auch wenn Samu steht etwas anderes behauptete. Zwischen all den Bleistiftskizzen stach ein Blatt besonders hervor, weil es das einzige war, welches Farbe trug, ziemlich viel Farbe. Darauf zu sehen war ein leicht deformiertes Pony auf einer ziemlich bunten Blumenwiese. Links oben in der Ecke standen in der krakeligen Schrift eines Kindes „Für Lina“ geschrieben. In mir lebte eine Erinnerung auf, bunt und lebendig trat sie vor mein inneres Auge.
      Es war ein warmer Frühlingsmorgen, angenehm strich mir der Wind über die Haut und trug den Duft von Bratfett und Ketchup hinüber. Leise dudelte ein mir entfernt bekannter Song, sicher aus den Charts stammend, aus den Lautsprechern am Rande des Platzes. Auf dem Sand vor mir tummelten sich überwiegend junge Kinder mit Ponys oder auch kleineren zierlichen Pferden. Einzig ein bereits jugendlich aussehendes Mädchen ritt einen großen, eleganten Dunkelfuchs, der lustlos durch den Sand schlurfte.
      “Liiiiina, Minnie möchte nicht richtig anhalten”, quengelte das kleine blonde Mädchen und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Rappstute mit der schiefen Blesse reckte den weiß bemützten Kopf nach vorn und zog der Kleinen damit die Zügel aus der Hand.
      “Mach dich mal richtig schwer, Ally und versuche es dann noch mal”, rief ich ihr zu. Folgsam führte Alison die Anweisungen aus und das Pony ließ sich widerwillig nach einigen Schritten anhalten, zog dem Kind aber erneut die Zügel aus der Hand, bevor sie die Ohren anlegte und das Pony neben ihr angiftete. Schon seit das dunkle Pony aus dem Hänger gestiegen war, war es ziemlich unleidlich. Minnie Maus hatte nicht stillstehen wollen und unwillig nach mir geschnappt beim Putzen. Sicherheitshalber beschloss ich sie zuerst selbst abzureiten.
      Dieses Vorgehen erwies sich als kluge Entscheidung. Kaum hatten Minnies Hufe den Sand berührt, schoss sie auch schon quietschend los und obwohl ich damit gerechnet hatte, rette mich nur ein beherzter Griff in den Aufsteigriemen, um nicht in dem hellen Sand zu landen. Immer wieder testete die Stute meine Sattelfestigkeit, bis sie schließlich den Großteil der überschüssigen Energie abgebaut hatte.
      Bis auf Klauen der Zügel klappte das Aufwärmen des Ponys und Ally relativ gut. Minnie wählte fast immer direkt die richtige Gangart und unterließ jegliche Versuche ihren Reiter auf den Boden zu befördern, sodass ich darüber nachdachte, die Stute nicht doch auszubinden, um es dem Kind einfacher zu machen. Schließlich war dies hier keine klassische Dressurprüfung, sondern ein Reiterwettbewerb. Nachdenklich warf ich einen Blick auf das Pony-Reiter-Paar, die sich damit abkämpften, jeweils ihren Willen durchzusetzen. Von Mitgefühl erfüllt sammelte ich die Dreieckszügel aus dem Haufen mit der Abschwitzdecke und rief Ally zu mir heran. Dank Minnies Kooperationsbereitschaft waren diese schnell verschnallt und die beiden konnten, ihre Wege fortsetzen. Ally sah bereits nach wenigen Tritten deutlich glücklicher aus, als das Pony ihr nicht mehr im Minutentakt die Zügel aus den Fingern zog und auch die Geschwindigkeit somit kontrollierter wurde.
      Alison, die normalerweise plapperte wie ein Wasserfall, war ziemlich still geworden als ihre Gruppe aufgerufen wurde und wir vor dem Tor auf den Einlass wartetet. Nervös spielte sie mit den Zügelenden in ihren kleinen Fingerchen.
      “Ich kann das nicht”, sprach Ally entmutigt, als sie einen Blick über das Hallentor fallen ließ, wo gerade eine E-Dressur stattfand. Natürlich sahen die beiden Jugendlich deutlich besser auf ihren Pferden aus als die Reiter ihrer Altersklasse. Sanft legte ich dem Mädchen die Hand auf das Bein, woraufhin sie mich mit ihren ängstlichen blauen Augen anblickte.
      “Ally, schau mal da rüber”, ich deutete mit der freien Hand in Richtung der Zuschauertribüne, “dort sitzen schon deine Eltern und warten auf deinen Auftritt. Außerdem denk daran, wir haben das alles schon ganz oft geübt. Es ist genau dasselbe wie Zuhause.” Schüchtern nickte das Kind bei meinen Worten und warf erneut einen Blick in die Halle.
      “Um Minnie brauchst du dir keine Sorge machen, die macht das mit links. Konzentriere dich allein darauf, wie du reitest. Ich warte hier die ganze Zeit auf dich und hab alles im Auge, ja. Und Vergleich dich nicht mit denen da drinnen, die machen diese Sache schon deutlich länger als du.” Kaum hatte ich den Satz beendet, erklang verhaltender Applaus in der Halle, bevor sich das Tor öffnete und die beiden Reiter die Halle verließen. Das war der Moment für Ally und die vier weiteren Reiter unter der Ansage des Kommentators den Sand zu betreten. Gesittet folgte Minnie dem kleinen Palomino in die Halle, nun ganz das brave Pony, welches man von Zuhause kannte.
      An die eigentliche Kür erinnerte ich mich nur noch sehr schwammig, sie war nicht sonderlich spektakulär gewesen, einzig Schritt, Trab, Galopp mit sehr simplen Bahnfiguren.
      Dem entgegengesetzt erinnerte ich mich umso besser an das strahlende Gesicht der Kleinen, als die Richter die silbern glänzende Schleife an Trense von Minnie Maus befestigten. Vordergründig ging es hierbei um den Spaß, dennoch zersprang mein Herz beinahe von Stolz erfüllt. Ally hatte ihre Sache ziemlich gut gemacht und ich hatte es tatsächlich geschafft einen meiner Schützlinge zum Erfolg zu führen, wenn auch nur bei einem Reiterwettbewerb.
      Die Erinnerung verglühte, wie ein Funke, der tanzend in den Nachthimmel emporsteigt, bis er endgültig erlosch, doch das Gefühl von Stolz und Glückseligkeit hingegen hallte noch einen Augenblick in mir nach. Achtsam legte ich die Zeichnungen zurück in die Mappe. Ganz oben auf, legte ich mit einem lächelnd auf den Lippen die Zeichnung von Ally.
      Jetzt hieß es nur noch die Kisten rüberzubringen. Glücklicherweise war es nicht allzu viele, sodass dies wohl möglich schneller vonstattenging als das Packen gedauert hatte.

      Vriska
      Für einen Augenblick sah ich Lina nach, wie sie wirr ums Haar zwischen den Paddocks hindurch eierte und schließlich hinter den Gebäuden verschwand in Richtung der Wohnhäuser. Anstelle ihr nachzulaufen, und ebenfalls meine Habseligkeiten zu verstauen, drehte ich mich auf der Ferse um und lief zurück zu meinem Pony. Erik saß ihr gegenüber auf der Bank, starrte abwesend auf sein Handy und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Langsam hob er seinen Kopf. Auf den Lippen lag ein müdes Lächeln, was vermutlich der langen Nacht geschuldet war, in der Fredna kaum Schlaf fand, wie hypnotisiert durch die Hütte lief und immer wieder zwischen uns ins Bett kletterte. Auch Trymr fühlte sich dadurch motiviert, ihr zu folgen und jeden ihrer Schritte genau zu untersuchen. Irgendwann hörte ich auf, die Uhrzeit zu prüfen, wenn ich, durch einen kleinen Arm oder felligen Kopf in meinem Gesicht, wach wurde. Umso stärker dröhnte der Wecker in meinen Ohren um kurz vor acht.
      „Was beschäftigt dich?“, fragte ich zuversichtlich und strich ihm über die Schulter. Sofort änderte sich sein Blick. In seinen hellen Augen lag ein glühendes Funkeln, das mir wie vom Blitz getroffen durch den Körper fuhr und eine Welle aus prickelnden Gefühlen flutete jede noch so kleine leblose Zelle. Unbewusst begann ich zu grinsen.
      „Ich habe euer Gespräch gehört“, seufzte Erik und griff nach meiner Hand. Umgehend löste sich die nächste Flut, die diesmal in meinem Unterbauch drückte. Das Ziehen durchzog sogar meine Oberschenkel, alles kribbelte.
      „Und was sind deine Bedenken?“, versuchte ich meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, schließlich fühlte ich mich ebenfalls nicht ganz wohl bei dem Gedanken für sechs Monate mit Lina das Zimmer zu teilen. Dafür standen zu viele unbeantwortete Fragen im Raum und unausgesprochene Worte, die wir im Alltag bedenkenlos ignorieren konnten.
      „Dass wir einander kaum noch zu Gesicht bekommen“, erneut trafen sich unsere Blicke, „und das wäre furchtbar schade. Schließlich konnten wir …“
      Erik stoppte sofort. Wollte er, dass ich formulierte, warum sich unsere Situation derartig entwickelte? Ich ließ ihm Zeit, aber er schwieg. Immer häufiger wanderten seine Augen über meine Schulter hinweg zum Pony, das langsam, aber sicher wieder aufwachte.
      „Du meinst, ich konnte mich endlich dem öffnen, was uns von Anfang an auf der Seele lag?“, rutschte es mir beinah versehentlich über die Lippen.
      „Uns?“, grinste Erik verlegen und erhob sich von der hölzernen Bank, dabei knackte sie verdächtig laut.
      „Es tut mir leid. Dann halt, was mir auf der Seele lag“, seufzte ich.
      „Engelchen“, lachte er und kam einen Schritt näher an mich heran, „dir muss es doch nicht leidtun. Natürlich, uns. Sonst hätte ich mir wohl kaum den ganzen Kram mit den Pferden angetan. Meine Zeit hätte ich deutlich … sauberer verbringen können.“
      Kurz schnellte meine Puls nach oben, dass Erik die Abende als Zeitverschwendung ansehen würde, doch genauso schnell normalisierte er sich. Zumindest so normal, wie er in seiner Anwesenheit sein konnte. Mittlerweile hoffte ich darauf, dass der ständige Schwall an Hitze in den Hintergrund geraten würde, stattdessen gehörten diese Anfälle mittlerweile zum Alltag, wie das Gefühl noch immer in der Pubertät festzustecken. Verlegen senkte ich meinen Kopf. Mit seiner Hand strich er mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er mein Kinn wieder sanft nach oben drückte, damit ich abermals in seine Augen blickte.
      “Du brauchst dich nicht dafür schämen. Es ist alles in Ordnung”, fügte Erik noch hinzu und drehte sich von mir weg. Als er an mir vorbeilief, berührten sich für einen kurzen Augenblick unsere Hände. Hoffnungsvoll schnappte ich nach Luft und folgte ihm zur Box. Erik lehnte die Unterarme auf dem kalten, schwarzen Metall ab, beobachtete, wie Maxou vorsichtig die Heulage knabberte, die ich vor ihrer Behandlung in der Ecke platzierte.
      “Vielleicht sollten wir sie nun einige Runden führen”, schlug ich vor und griff nach dem Strick, der um einige Gitterstäbe herumhing. Die Stute hob den Kopf. Ihre Ohren bewegten sich verunsichert in alle Richtungen, als gäbe es ein Problem, wenn ich sie führe. Auch in ihren Augen funkelte es misstrauisch. Ich drückte Erik wortlos den Strick in die Hand und drehte mich weg. Wie ein Messer stach mir sein Blick in den Rücken, als ich stumm verschwand zur Sattelkammer. Maxou hatte geschwitzt, sollte sich keinesfalls auch noch erkälten. Es würde noch genügend Kosten entstehen mit der Gurke.
      Leer richteten sich meine Augen zu dem Deckenhalter, der leblos an der Wand hing mit so vielen Decken, dass ich sie nicht zu zählen vermag. Wahllos blätterte ich die einzelnen Stangen durch wie die Seiten eines Buchs, dass man zwar lesen möchte, aber sich nicht bewusst war, dass man dafür die Worte verstehen sollte. Von vorn bis hinten sah ich Decken in allen Farben, Größen und Formen, wusste allerdings nicht genau, was ich suchte oder mir überhaupt dabei dachte. Unentschlossen ließ ich mich auf das Sitzpolster in der Mitte des Raumes fallen, überlegte, wie ich das alles heute verarbeiten sollte. Obwohl es kurz nach Mittag war, prasselte so viel Neues auf mich ein und wurde das Gefühl nicht los, dass ich wieder einmal alles allein auf den Schultern trug. Zugegeben, ich machte mir schon immer das Leben schwerer, als es notwendig war.
      Wie lange ich die Decken anstarrte und mich tief in meiner Gedankenwelt verlor, einem Teufelskreis aus falschen und überstürzten Entscheidungen, konnte ich nicht beurteilen. Jedoch musste die Zeit geflogen sein, wie Gänse auf ihrer Reise in wärmere Gefilde. Schritte nährten sich und auch ein dumpfes Kratzen auf dem Dielenfußboden. Meine Hände zitterten und Kälte durchzog mich wie ein kühles Lüftchen, dass sich unter meine Kleidung verlief. Ich atmete tief ein, drückte mich nach oben aus dem Sessel. Die Geräusche wurden erst lauter, bis sie plötzlich verstummten. Wer auch immer da war, musste angehalten sein und mich vermutlich beobachten, wie ich den Stoff anstarrte.
      “Entscheidungen treffen, lag dir noch nie”, lachte mein Bruder, der den Hund von Bruce im Schlepptau hatte. Elsa wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und schnupperte interessiert den Boden ab, sowie die Kisten am Rand. Meine Augen folgten dem Schäferhund.
      “Danke”, rollte ich mit den Augen und drehte mich zurück zu den Decken, die unverändert über die Stangen hingen.
      “Aber bei Pferden scheinst du ziemlich schnell zu sein?”, kam Harlen näher, stützte den Arm auf meiner Schulter ab. Skeptisch zog ich meine Braue nach oben, während meine Augen zu ihm hoch schielten.
      “Sie konnte nicht in dem Drecksloch bleiben”, zuckte ich mit den Schultern, “also haben wir sie mitgenommen und ich schaue, wo es hinführt. Wenn es nicht passt, wird Maxou ein schönes Zuhause finden.”
      “Ich denke nicht, dass du dieses Pferd wieder abgibst”, sprach er ernst zu mir.
      “Wie kommst du auf solche Ideen?”, hackte ich nach. Wirklich die Zeit darüber nachzudenken, hatte ich bisher nicht, aber mein Bruder wusste mehr über mich, als ich es je könnte.
      Ich seufzte.
      „Das Pferd steht auf dein Typen und das sagt doch alles, oder denkst du nicht?“, kicherte Harlen.
      „Eins nach dem anderen“, hob ich demonstrativ meinen Zeigefinger in die Luft, „Maxou braucht eine Decke.“
      „Und dabei brauchst du meine Hilfe?“, wunderte er sich.
      „Nein, aber ja. Irgendwie schon. Hier ist sonst niemand, der mir helfen kann und Erik wartet sicher schon“, stammelte ich. Meine Hände hatten sich wieder zu den Stangen begeben und blätterten abermals durch die riesige Auswahl, als wären wir in einem Reitfachhandel unterwegs. Bis ich entschlossen ein dickeres Stück Stoff herunterzog, beinah erschlagen von den Verschlüssen, duckte ich mich weg und knüllte es in meinen Armen zusammen.
      „Na dann los“, schmunzelte mein Bruder, der noch immer bei den Sitzmöglichkeiten stand und dem Hund hinter den Ohren kraulte. Elsa saß entspannt vor seinen Beinen.
      „Was wolltest du eigentlich in der Sattelkammer?“, musterte ich Harlen, als wir entlang des Flurs liefen, nacheinander erhellte das Licht unseren Weg. Noch bevor eine Antwort kam, stoppte er plötzlich und wie versteinert sah mein Bruder mich an. Deutlich intensiver blickte ich in seine Augen, die sich im nächsten Moment zu Boden senkten, ehe er wieder hochsah.
      „Der Hund ist aus dem Büro gelaufen und dann bin ich ihr nach“, antwortete er klar und deutlich. Langsam nickte ich einmal.
      „Und warum hast du sie nicht gerufen?“, wunderte ich mich.
      „Weil“, kurz überlegte Harlen, „ich ihren Namen vergessen hatte.“
      Erneut erhob ich das Kinn.
      In seinem Gesicht breitete sich eine sanfte Röte aus, die Wangen bis zu den Ohren reichte. Dann kratzte er sich am Kinn, ehe sich die Beine wieder in Bewegung setzten. Entschlossen griff ich nach seinem Arm und lehnte mich zu ihm.
      „Das mit dem Lügen üben wir aber noch mal“, flüsterte ich, bevor Harlen sich aus meinen Fängen befreite und wortlos hinunter die Treppen lief. Elsa folgte ihm treu, als würden die Tiere genau spüren, dass wir nie einen Hund haben durften. Unsere Eltern waren stets davon überzeugt, dass keiner von uns in der Lage war, diese Verantwortung übernehmen zu können. Heute stellt sich mir dabei die Frage, ob das Versagen für diese fehlende Eigenschaft nicht vielmehr an ihnen liegen würde.
      „Was machst du jetzt noch?“, hielt ich meinen Bruder erneut auf, als wir bei Erik ankamen. Er hielt das Pony am Strick. Ihre Augen waren geschlossen und uns beide schien sie nicht einmal bemerkt zu haben.
      „Sachen packen, ich muss schließlich auch raus“, motzte Harlen und verließ uns. Er war anders als gewohnt, umso mehr breitete sich Sorge über seinen Gemütszustand in mir aus. Ideen, was die Ursachen dafür sein könnten, hatte ich viele, aber ohne mehr zu erfahren, würde ich mir unnötigerweise Flausen in den Kopf setzen. Deswegen konzentrierte ich mich auf das vor mir liegende, oder viel mehr stehende.
      Ich legte die Decke auf Maxou und befestigte die Gurte am Bauch sowie an der Brust. Eine Nummer kleiner wäre passender gewesen, denn so hing der Stoff ziemlich weit über ihren Po. Aber der Wind vor dem Stall wirbelte kleine Steine auf, fegte von der einen Seite zur anderen und ich wurde etwas neidisch auf ihren Schutz. Durch den Reißverschluss schlich bei jedem Windzug kalte Luft hinein, was mich schaudern ließ.
      „Ich werde auch die Sachen packen gehen“, sagte ich zu Erik, nachdem wir wieder am Tor der Halle angekommen waren. Die eine Runde drumherum hatte gereicht, dass alles an mir zitterte, denn so schnell trocknete die Kleidung nicht in der Sattelkammer an meinem Körper. Er hatte sich zumindest nach dem Spaziergang umgezogen.
      „Fahre ich dann heute wieder nach Hause?“, fragte Erik, leicht stotternd in der Stimme.
      „Gute Frage“, seufzte ich, „das habe auch schon überlegt. Eigentlich hätte ich euch gern weiter bei mir, aber ich denke, dass Lina damit Schwierigkeiten hat.“
      Zustimmend nickte er und setzte sich wieder mit Maxou in Bewegung, die langsam wach wurde und gezielter die Hufe nacheinander abfußte. Für einen Flügelschlag beobachtete ich die Beiden, wie sie vertraut den Schotterweg entlangliefen, als wären sie seit Jahren ein Team. Innerlich erwärmte es mich, aber die schlottrigen Beine erinnerten zeigten mir, dass es nur eine Vorstellung war. Großen Schrittes hüpfte ich zur kleinen Hütte, die beinah malerisch zwischen den anderen im Kreis stand. Mein Garten war verblüht, kein einziges grüne Blatt hing noch an den Streichern, nur mein winterharter Lavendel schien durch das Braun hervorzustechen. Doch die Pflanzen konnte ich nicht mitnehmen, also würden sie wie die Wohnhäuser den Erdboden gleichgemacht werden.
      Ernüchternden blickte ich noch einmal aus der Tür heraus, bevor ich sie schloss. Sogleich sprang mit Trymr entgegen, der aus dem Schlafzimmer angerannt kam. Laut jaulte er auf und umkreiste meine Beine. Dieser Hund bellte nicht, oder eher ziemlich selten, stattdessen stieß er wimmerndes Heulen aus seiner Kehle heraus, als würde der Rüde minütliches Leid ertragen müssen. Mitleidig sah der Rüde hoch. Ich strich ihm über den Kopf und kniete mich herunter, als er sich auf den Boden warf, um am Bauch gestreichelt zu werden. Der Schwanz wischte über die Holzdielen.
      “Ich muss mich umziehen”, erklärte ich ihm einige Minuten später und lief hinüber zum Badezimmer. Die nasse Kleidung hing ich an der Handtuchheizung auf. Aus dem Kleiderschrank griff ich nach einem komplett sauberen und vor allem trockenen Outfit, dass auch Balsam für meine Seele war. Ich sah mich im Zimmer um, entschied mir erst einmal einen Kaffee zu kochen, bevor ich mir eine Strategie überlegte, wie ich am klügsten vorgehen sollte.
      Dampfend stand das Heißgetränk auf dem Tisch und kühlte ab, also holte ich vom Schrank die leeren Umzugskisten herunter. Seit Jahren lagerten sie dort oben und warteten auf ihren Moment. Eigentlich hoffte ich, dass sie irgendwann an einen neuen Besitzer übergeben werden würde, doch falsch gedacht. Nur mit einem Stuhl war es mir möglich ansatzweise die Pappe greifen zu können und dass Trymr neugierig neben mir stand, breitete noch mehr Sorge aus, dass ich auf ihn fallen könnte. Es blieb bei der Vorstellung daran, auch wenn mir die verbeulten Kartons herunterfielen. Einen nach dem anderen faltete ich auf und begann die Gegenstände einzupacken, die ich in nächste Zeit eher weniger benötigen würde. Dazu zählte vordergründig meine Dekoration, die es zwar wohnlicher machte, aber keinen hohen Stellenwert mitbrachte. Auch vieles vom Geschirr legte ich in Zeitungspapier ein und legte es in den Kartons ab. Handtücher fanden ebenfalls ihren Platz darin. Bindend von Minuten waren die ersten Kisten voll und langsam lichtete sich alles. Natürlich blieb mir auch der Gedanke nicht fern, wohin mit den normalen Möbeln, aber da diese zur festen Einrichtung gehörte, sollte es nicht meine Sorge sein.
      “Ich bin gleich wieder da”, sagte ich zum Hund und griff mir eine Jacke, um mir aus dem Büro den Schlüssel vom Radlader zu holen. Einen Teufel würde ich tun und alles einzeln hinüberzuschleppen! Eine Kiste nach der landete in dem geräumigen Konferenzzimmer, das Tyrell in den vergangenen Tagen unbemerkt zu einem Schlaf- und Wohnraum umgebaut haben muss. Die anderen Zimmer dem Flur entlang waren auch umgestaltet worden, sodass alle Angestellten ihren Platz fanden und auch Lagerraum zur Verfügung stand.
      Als ich aus der Schaufel des Laders die letzte Kiste nahm, saß plötzlich Lina verloren auf dem linken Bett, zuvor hatte dort ein Einhorn-Plüschtier gesessen. Möglichst auffällig versuchte neben ihr den schweren Karton mit den Küchenutensilien an meinem Bett abzustellen. Laut klimperten die Konserven an den Töpfen, aber nicht mal ein Auge zuckte. Aber ich versuchte ihr noch etwas Ruhe zu geben und den Radlader an seinen Platz zurückzubringen. Entlang des Flurs folgte ich der Notausgangbeschilderung, stampfte die Holzstufen herunter und startete das Fahrzeug. Knatternd lief der Motor an. Ungewöhnlich leer traf ich die Wege des Hofes vor, nicht einmal ein Einsteller hatte sein Auto auf Parkplatz. Einsam stand dort nur das Coupé meines Freundes, und er daneben. Warte? Wieso stand Erik bei seinem Auto? Mitleidig saß Trymr bei ihm und sah in meine Richtung, als ich aus dem Sitz des Radladers sprang. Laut knirschte der steinige Weg unter meinen Füßen und verstummte erst, als bei Erik stehen blieb.
      “Wo willst du hin?”, wunderte ich mich. Seine Hand griff nach meiner und führte sie hoch zu seinem Mund, umgehend gab er ihr einen Kuss. Die Verwunderung klang nicht ab, viel mehr wurde sie stärker. Auf meiner Stirn bildeten sich tiefe Furchen, denen es nur an Wasser mangelte und dann könnten sie dem Suezkanal eine ernsthafte Konkurrenz darstellen.
      “Eigentlich wollte ich dich überraschen”, sprach er selbstsicher und löste sich von meiner warmen Hand, die zuvor noch in den dicken Handschuhen steckten, “Chris hatte angerufen und mir gesagt, dass Fredna abgeholt werden will. Also wollte ich das rasch machen und dann mit euch beiden etwas Essen gehen.”
      “Dann muss ich mich entschuldigen, ich möchte nicht”, seufzte ich und zog mir die schwarzen Fäustlinge wieder über. Der Wind tobte eisig über den Parkplatz. Es gab keine Bäume oder andere Widerstände, die ihm Einhalt bieten konnten. Stattdessen zische er ein Windhund an mir vorbei, auch das Trymr unregelmäßig in die Leere schnappte, untermalte diese Metapher. Lächelnd zuckten meine Lippen.
      “Soll ich was von Unterwegs mitbringen?”, schlug Erik als Nächstes vor, was ich ebenfalls verneinte und schließlich beließen wir es dabei, dass er seine Tochter abholte und dann erst einmal unterwegs sei. Ich nahm den Höllenhund zu mir, drehte um und er folgte. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter, liefen wir durch das Tor wieder in die Halle, zurück zu Lina. Vor mir fand ich sie noch immer erstarrt auf dem Bett. Entgegen allen menschlichen Sitten rannte Trymr schwanzwedelnd zu ihr und machte vor ihr Yoga. War er damit der nach vorn schauendem Hund? Belustigt von dem Gedanken verließ Luft meine Nase und ich schüttelte mich. Er konnte sie nicht aufhören zum Spielen aufzufordern, schien zu überlegen nach ihrem Kuscheltier zu schnappen, aber entschied sich doch aus einem meiner Kartons einen Pullover. Wie mit einer Trophäe im Maul bot er ihr mein Kleidungsstück an, wobei der Schwanz unaufhörlich wedelte.
      “Oh, wo kommt ihr den auf einmal her?”, fragte Lina irritiert, “Ich habe euch ja gar nicht kommen gehört.” Sie wirkte ein wenig benommen, wie, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht und blinzelte einige Male, bevor sie wieder ganz in der Gegenwart angekommen zu sein schien.
      “Aus der Tür”, sagte ich und zeigte dabei auf die mit Milchglas besetzte Holztür, die halb offenstand, “ansonsten war ich vor ungefähr zehn Minuten schon mal da, wollte dich nur nicht stören b-bei … dem, was auch immer du gerade tust.” Erneut drang ein Laut der Verwunderung aus ihrem Mund, bevor sie mit etwas Verzögerung eine Antwort murmelte: “Ähm, du störst nicht … ich war gerade nur in Gedanken.” Beiläufig zupften ihre Finger an den winzigen Flügeln ihres Plüschtiers herum, womit sie auch die Aufmerksamkeit des grauen Monsters bekam, welches ihre Finger genaustens beobachtete. Nicht, dass sie nun doch mit ihm spielen wollte.
      “Hier ist es auch wirklich trist”, sah ich mich weit in dem Zimmer um und sprach viel mehr zu mir als zu ihr. Die Betten waren bestimmt Queensize, aber auf jeden Fall für zwei Personen gedacht. Zumindest würde Trymr ausreichend Platz haben. Gegenüber der Tür hing ein großer Fernseher und darunter eine große Kommode. Hier und da standen kleine Regale sowie ein Tisch mit vier Stühlen, kein Vergleich zu den Zimmern an der Privatschule in London. Lina schwieg. Zustimmend nickte ich noch ziemlich unbewusst und zog meine Schuhe aus. Dann begann ich interessiert, die Schubladen der Kommode zu durchsuchen, als suche ich etwas Bestimmtes. Alle waren leer, nicht anders als erwartet.
      “Vielleicht sollten wir noch einige Pferde bewegen und nicht noch mehr Zeit verschwenden”, sah ich nachdenklich zu ihr hinüber. Ich hatte mich mittlerweile ins Bett gelegt und zuvor einige Kleidungsteile in das Regal einsortiert. Trymr lag neben mir, den Kopf auf meinem Brustkorb abgelegt. Leise schnaubte er.
      “Ja, das ist sicherlich eine gute Idee. Die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein”, stimmte Lina mir zu, die, nachdem sie durch das Zimmer gewuselt war, ein wenig lebendiger wirkte. Das Plüschtier, welches beim Betreten noch in ihren Händen gelegen hatte, thronte mittlerweile zwischen ihren Kissen und auch sonst hatte sie einige wenige persönliche Dinge im Raum platziert. Aus der Hosentasche zog ich mein Handy hervor, öffnete die Verwaltungsapp des Hofes und scrollte durch die Liste unserer Pferde. Schnell fand ich den richtigen Kandidaten.
      “Wollen wir zusammen in den Wald?”, fragte ich vorher, bevor ich die endgültige Entscheidung traf.
      “Ja, klingt gut”, entgegnete Lina und unterstütze die Aussage mit einem Nicken.
      “Ich werde mit Dustin fahren. Der ist entspannt. Du bist sicher nicht dafür zu begeistern, oder?”, bestätigte ich in meinem Menü und stand auf. Aus dem obersten Karton leuchtete die dicke graue Reithose mir entgegen. Entschlossen nahm ich sie und wechselte meine Jogginghose ein. Trymr spitze gespannt die Ohren, sprang aus dem Bett heraus und wartete geduldig an der Tür.
      “Da denkst du ganz richtig. Auf die Gefährte kann ich gerne verzichten”, antwortete sie, ohne dass eine Regung auf ihrem Gesicht zu erkennen war.
      “Na gut”, zuckten meine Schultern. Wie ich bereits vermutete, lag Spannung in der Luft. Die nicht ausgesprochen Worte schwebten um uns, wie die Mückenplage im Sommer es nach unserem Blut durstete. War es falsch, dass ich in dem Augenblick Angst bekam vor den kommenden sechs Monaten? Etwas sagte mir, dass es nur der Anfang des Wahnsinns sein würde, der nicht so schnellenden würde. Am Haken neben der Tür wartete der dicke Wintermantel von Erik, als würde nach mir schreien, lief ich zu ihm, klemmte ihn mir unter dem Arm und sah zu Lina, die hektisch in den Kartons wühlte. Bis sie schließlich einen scheußlich rosafarbenen Pullover in die Luft hielt und darüber hinweg zur mir schielte. Peinlich berührt schluckte ich. Warum es mir peinlich war? Jahre, beinah Jahrhunderte konnte man Wetten abschließen, dass ich immer ein solches Oberteil trug in der Kombination zu einer engen schwarzen Leggings und links einem Thermobecher in der Hand. An schlechten Tagen trug ich noch eine Sonnenbrille – also jeden Tag.
      “Komm Prinzesschen, die Sonne steht nicht ewig am Himmel”, fauchte ich ungeduldig.
      “Ist ja gut, ich komm ja schon”, entgegnete sie beschwichtigend, während sie sich den Pulli überwarf, bevor sie sich noch eine blaue Winterjacke von ihrem Bett schnappte.
      Einen klaren Vorteil musste man dem Konferenzzimmer zusprechen. Der Weg war so kurz wie nie zuvor zu den Pferden, denn im riesigen Gebäude war nicht nur die Reithalle zu finden, sondern auch die beiden Häuser mit den Sattelkammern und Zimmern. Aufgeregt ragten einige Pferdeköpfe durch die Öffnungen der Boxen, nur Maxou und Redo schienen nicht sonderlich viel von dem Durchgangsverkehr zu halten. Als hätte es Dusty bereits geahnt, wieherte er fröhlich uns an. Seine Laute schallten bis nach draußen, wo er prompt mehrere Antworten erhielt. Lina hingegen sah sich unsicher um, drehte und wendete sich, als gäbe es kein einziges Pferd auf dem astronomischen Gestüt.
      “Nimm Walker”, drückte ich ihr willkürlich ein Halfter in die Hand, das zufällig auf einer Bank neben uns lag. Sie nickte und lief zu dem schneeweißen Hengst, der in der Box neben Dusty stand. Interessiert beäugte den Zwerg, aber folgte willig aus der Unterbringung. Ich hatte natürlich kein Halfter, was im Bedacht der Umstände jedoch relativ gut sein würde. Entgegen meinen Sinnen legte ich nur meinen Arm um seinen Kopf und er folgte. Dusty war der Tophengst auf unserem Gestüt, und nein, es war kein Wunder, dass ich ihn mir einfach nehmen durfte, wie es mir gefiel. Nicht der nur der Tatsache geschuldet, dass ich hier arbeitete, gab es, bis auf wenige Ausnahmen, kein Pferd, dass nicht jeder bewegen durfte. Natürlich hatte jeder seine Lieblinge, worauf wir Acht nahmen.
      Der Hengst war blütig, voll blütig, zumindest halb. Seine Mutter zählte bereits in jungen Jahren zu den Geheimtipps in den Wettbüros, wie Tyrell gerne erzählte an langen Abenden, und sein Vater war ein geschätzter Traberhengst, der internationale Erfolge erzielte. So führte Dusty die Bilanz seines Papiers fort. Vermutlich vermutete man nun, dass der braune Hengst mit dem hellen Bauch nervös in der Putzgasse trat und dabei ständig den Kopf hochriss, doch dem war nicht so. Bereits in Deutschland hatte sich Tyrell das Pferd zugelegt, damals noch als Jährling und für teures Geld aus Kanada importiert. So lernte er von Anfang an die Ruhe kennen, wie es ein großer Teil unserer Pferde war. Ja, ich gebe zu, die Pferde im Reitverein kennenzulernen war ein Kulturschock. Überall hampelten sie herum, konnten nicht einmal für zwei Minuten ruhig in einer Stallgasse stehen. Genauso hektisch wurden sie auf dem Reitplatz und egal was, hysterisch sprangen sie weg.
      “Kannst du mir kurz helfen?”, fragte ich Lina, die Walker bereits gesattelt hatte und nur noch auf mich wartete. Dusty hatte schon das Geschirr um mit einer einseitigen Scheuklappe und an den Beinen trug er Bandagen, die ich viel mehr zu Übungszwecken gewickelt hatte. Freundlicherweise griff sie da bereits ein, als ich ein reines Chaos mit den Fleece-Bändern verursachte. Natürlich sorgte ich damit für Unterhaltungsstoff und ich würde mich nicht wundern, wenn Lina meine Idiotie auf Bildern festhielt. In dem Augenblick benötigte sie allerdings dafür den Sulky gleichzeitig durch Schlaufen zu ziehen. Dusty konnte dabei unruhig werden, deshalb wollte ich es lieber nicht machen. Von der Seite hatte ich bereits meinen eigenen hervorgeholt, ja, ich hatte einen eigenen Sulky, aus dem sogar mein Name stand, mein ganzer Name. Fragt lieber nicht.
      “Natürlich”, antworte sie hilfsbereit, wenn sie auch den Bruchteil einer Sekunde zögerte, “Was genau soll ich tun?”
      “Du musst das hier”, zeigte ich auf die Schnalle am Gurt, “hier durchziehen, dann klickt es und zum Schluss noch hier befestigen”, demontierte ich weiter. Ein zweites Mal erklärte ich es langsamer, dann begriff sie es. Der Sulky war leicht, sogar noch leichter als die Standardmodelle, denn wie man mittlerweile schon von mir wusste – Mit Standard gab ich mich nie zufrieden. Tyrell rollte damals mit den Augen, als ich ihm den Bestellschein gab und eine horrende Summe am Ende stand. Nacheinander klackten die Verschlüsse ein, dabei zuckte Dusty kurz, aber schenkte mir das nötige Vertrauen, um nicht einen Sprung nach vorn zu machen. Freundlich bedankte ich mich bei Lina, die Walker vorsorglich aus der Gasse führte und vor dem Gebäude wartete. Von dem Stuhl nahm ich mir noch die Decke, die ich mir aus der Sattelkammer mitgenommen hatte und prüfte die Gurte wohlweislich. Lina hatte alles richtig gemacht und auch die restlichen Schnallen warn fest. Also schwang ich einmal die Leinen und Dusty lief fröhlich voraus. Das hole Geräusch der Hufeisen auf dem Beton wandelte sich zu einem kurzen und knirschenden, dabei setzte ich mich auf den Sitz und sortierte erst einmal meine Führung. Erst danach umwickelte ich mich mit der gefütterten Decke. Nur noch ein Kaffee fehlte, dachte ich und ließ den Hengst selbstbestimmt vorlaufen. Eins meiner Beine hatte ich mit auf dem Sitz, während das andere mich stützte. Im selben Tempo ritt Lina neben uns her.
      “Wie kommt es eigentlich dazu, dass ich dich das erste Mal auf dem Ding da sehe, obwohl das offensichtlich dein schickes Gefährt ist?”, fragte sie neugierig nach einer ausgiebigen Betrachtung des Gespanns.
      “Das?”, fragte ich scheinheilig und strich mit einer Hand über das Gestellt. Dann bremste ich Dusty urplötzlich ab. Lina konnte nicht so schnell auf meinen Halt reagierten und drehte den hellen Hengst wieder um.
      “Wir haben Trymr vergessen”, sprach ich entsetzt und pfiff zweimal sehr laut, so wie Erik es mir gezeigt hatte. Da der Hof nur einige Minuten hinter uns lag, sollte das Tier ohne Weiteres meiner Aufforderung nachkommen. Tatsächlich bog er an den Bäumen entlang ab und kam in Windhundmanier angezischt. Seine Zunge schlackerte dabei, amüsiert lachte ich.
      > Bra gjort
      “Gut gemacht”, lobte ich ihn und gab ihm eins der Pferdeleckerlis. Grundsätzlich verschlang das Ungetüm alles, auch die Bananebricks. Dann setzte ich Dusty wieder in Bewegung und setzte das Gespräch mit Lina fort: “Also wo waren wir? Ach ja”, unentschlossen atmete ich aus, “offensichtlich ist das meins, wie du schon festgestellt hast und ich besitze ihn, weil ich noch bis ungefähr Mai, oder es könnte auch Juni gewesen sein, Rennen gefahren bin.”
      Mit einem Kopfnicken nahm Lina dies zur Kenntnis und setzte zu einer weiteren Frage an: “Warum fährst du mittlerweile keine Rennen mehr?” Der helle Hengst unter ihrem Sattel kaute entspannt auf seinem Gebiss und pustete kräftig die Luft aus seinen Nüstern.
      “Ist das nicht offensichtlich?”, schielte ich zu Trymr hinüber, der aufgestellte Schwanz nebenher trabte. Lina zuckte mit den Schultern.
      “Ich kann schlecht auf tausenden Hochzeiten tanzen und als die Einladung nach der Musterung kam, stand für klar fest, dass Reiten mehr Zukunft hat als Rennen fahren”, setzte ich mit melancholischem Unterton fort.
      “Verstehe. Also die Art von Lebensentscheidung, die wohl für jeden früher oder später ansteht”, entgegnete Lina, “Vermisst du es manchmal oder macht es dir nicht aus, nur noch im Sattel zu sitzen?”
      “Du stellst schwierige Fragen”, murmelte ich und schwieg. In meinem Kopf entbrannte ein Feuer. Gefolgt in der Bahn der Nervenstränge schnappte die imaginäre Hand verschiedene Zettel, die aus den Wochen stammten, als ich Tyrell mitteilte, dem Reitverein beizutreten. Ein anderer stellte eine wirre Zeichnung dar, die nicht genauer beschreiben konnte als viele Kreise und Striche, die im ersten Moment keinen Sinn ergaben. Lange schwieg ich noch, bis Dusty es nicht abwarten konnte, die nächsthöhere Gangart einzuschlagen. Locker trabte der Hengst an und auch Lina folgte uns mit Trymr. Einige Schritte bot er im Tölt an, aber streckte den Kopf etwas weiter nach unten und trabte aus. Vor mir lag nur der Sand, während auf beiden Seiten die Bäume vorbeizogen. An meinen Ohren vibrierte kalt der Wind. Gezielt atmete ich ein und wieder aus, zählte im Kopf die Sekunden und versuchte mich nur auf das Pferd zu konzentrieren. Zwischendurch sah ich nach links, um zu schauen, ob Trymr hinterherkam, aber klar. Dem Windhund lag das Laufen im Blut, so wie unseren beiden Pferden. Zur vor der Küste parierten wir wieder durch in den Schritt. Das Meer war rau und wild schlugen die Wellen gegen den Granit tief unten. Dusty drehte die Ohren und wippte mit dem Kopf.
      “Ich denke, es war eine Frage der Aufmerksamkeit”, seufzte ich leise, aber noch hörbar für Lina, “die Rennen waren die reinste Hölle und provozierten förmlich, dass etwas Dramatisches passiert. Aber jetzt, ein entspanntes Training oder generell, das Training machten Spaß. Wenn ich mit der Dressur fertig bin, spricht aber auch nichts dagegen eine Runde zu drehen.”
      Schmunzelnd sah ich zu ihr hinüber. In ihren glasigen Augen funkelte es friedlich, gerichtet auf die wogende See. Es wirkte beinah so, als würde das Wasser in allen Zügen ihren Gemütszustand widerspiegeln. Ich versuchte aber für den einen Tag nicht nachzufragen, sofern sie das Gespräch nicht selbst anbot. Dafür hatte ich selbst genug zu verarbeiten, um mir noch die Last anderer aufzunehmen. Lina antwortete nicht sofort, sodass nichts weiter zu hören war als das Rauschen unter uns und der Wind, der an unserer Kleidung zerrte.
      “Das glaub ich dir, dass das wahnsinnig anstrengend und risikoreich ist”, sprach sie schließlich, die Augen noch immer auf die hellen Schaumkronen geheftet, “das ist die Dressur schon ein wenig berechenbarer.”
      “Und, wie denkst du, wird es für dich weitergehen? Möchtest du dich weiterhin im Hintergrund aufhalten?”, überlegte ich laut, um einige der irrealen Mücken um uns zu verscheuchen.
      “Ich denke, der ganze Turnierkram ist nichts für mich. Aber so wirklich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll”, antwortete sie nachdenklich, “Ich habe doch nie etwas anderes gemacht als das hier.” Sanft strich sie Walker bei den letzten Worten über den Hals, der kurz die Ohren zu ihr richte, bevor sie sich wieder in alle möglichen Richtungen drehten.
      “Es zwingt dich auch keiner eine Entscheidung zu treffen, aber wenn das Gestüt nun umgebaut wird, eröffnen sich vielleicht mehr Möglichkeiten für dich”, nickte ich zustimmend, vertraute darauf, sie ihrem Bauchgefühl folgen wird. Für sie und Ivy gab es noch viele Jahre, aber wenn ich ehrlich war, für mich nicht. Irgendetwas in meiner Magenregion drückte unsanft auf die Atmung, ja, die Zeit rannte.
      “Ja, mal sehen, was sich so ergibt”, entgegnet sie und ein sanftmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, “und du bleibst jetzt bei der Dressur oder testest du wohl möglich noch, ob Springen nicht auch was wäre, denn du scheinst ja schon ziemliche viele Sparten des Pferdesports getestet zu haben?”
      “Ziemlich viele”, wiederholte ich lachend. Dann verstummte ich schulterzuckend. Mein Blick schweifte von der See wieder zu Dusty, der weiterhin ruhig im Schritt vorwärtslief. Auch bei dem Hund hatte sich nichts geändert, noch immer trabte er nebenher, zwischendurch senkte sich der Kopf in den Sand. Seine Nase und einige der Haare an der Schnauze hatten den Dreck an sich genommen. Dann antwortete ich Lina weiter: “Viele waren das nicht, außerdem ist Abwechselung wichtig. Meine Tante besitzt einen Isländer, auf dem ich reiten gelernt habe, mit dem ich alles getan habe. Aber ich muss zugeben, der Reiz für Turniere bestand schon lange. Die Gangturniere sind jedoch nicht durch ihre Preisgelder oder Herausforderung bekannt, deswegen taste ich mich langsam an die höheren Dressurlektionen an und ja, das tue ich jetzt wohl. Ich lasse es mir nicht nehmen, weiter so viel wie möglich auszuprobieren.”
      “Ich finde es ziemlich cool, dass du so konkrete Ziele hast, so überzeugt wäre ich selbst auch mal gerne”, sprach Lina anerkennend,” Hast du mit Maxou eigentlich vor in Zukunft Turniere zu gehen?
      Über die Tatsache, dass meinem Leben ein konkretes Ziel sprach, konnte ich nur bestürzt lachen. Seufzend sortierte ich die Leinen in der Hand, die locker über Dusty hingen und dabei schon schaumige Schweißflecke verursachen, vielleicht hätte ich ihm eine Ausreitdecke darunterlegen sollen, überlegte ich mitfühlend.
      Die Küste ließen wir zunehmend hinter uns und kehrten wieder, nach einem Stück auf der Trainingsbahn, auf den Hauptweg in den Wald. Willkürlich knirschte und knarrte es aus dem Unterholz um uns. Aufmerksam untersuchte der Hund den Wald, rannte vor und wartete auf uns. Unruhig begann auch Dusty die Schritte zu verkürzen und schwingenden Kopf sich auf das Gebiss zu legen. Der Genosse neben uns blieb ruhig, obwohl Walker für gewöhnlich ein wildes Durcheinander verursachten. Wieder knackte es laut, doch dieses Mal sehr laut neben uns. Trymr bellte laut auf und ein Knurren erwiderte sich. Entschlossen hielt ich. Die Leinen behielt ich in der Hand, aber stieg vom Sulky, um das Dickicht überblicken zu können. Zwischen dem Moos und einem umgefallenen Baum lag ein verletzter Hund, eingeklemmt unter einem Stein. Vielleicht vier Monate alt, oder jünger, viel hatte er, oder sie, zumindest nicht auf den Rippen. Sein Fell nass und die Pfoten ebenso dreckig. Hilfesuchend starken mich zwei trübe braun-orange Augen, Trymr verstummte und ich hörte das Wimmern des Tieres.
      “L-Lina”, stammelte ich und versuchte mit meinem Blicken zu deuten, dass sie herkommen sollte. Fragend blickte sie mich an, glitt dennoch aus dem Sattel, nachdem sie keine weitere Erklärung bekam. Mit Walker im Schlepptau trat sie neben mich und folgte meinem Blick. Entsetzt weiteten sich ihre Augen, als sie das mitleidig aussehende Tier erblickt und das herzzerreißende Fiepen wurde lauter.
      “Oh, das arme Tierchen. Wir müssen ihm irgendwie helfen”, sprach sie und blickte mich an. Ach, man, das hätte ich gar nicht vermutet, sprach die böse Stimme in meinem Kopf. Kurz zischte ich mich selbst an und versuchte eine Lösung zu finden, was ich mit Dusty machen würde.
      “Ja, hier”, sagte ich und gab ihr die Decke von meinem Sitz im Tauschen gegen Walkers Zügel. Vorsichtig kämpfte sich Lina durch das Dickicht hindurch, bis sie schließlich bei dem Welpen angelangt war, dessen Laute immer lauter wurden.
      “Hallo kleiner Freund”, hörte ich sie ruhig und sanft zu dem Tier reden, während die sich langsam hinhockte und die Hand nach ihm ausstreckte. Eingeschüchtert schnupperte er daran, machte aber keinerlei Anstalten nach Lina zu schnappen.
      “Dann wollen wir mal sehen, wie wir dich hier herausbekommen”, drang ihre Stimme halblaut durch das Dickicht. Von meiner Position aus sah ich nicht genau, was sie tat, aber wenig später stand sie dort, das kleine, nasse Fellbündel, welches in die Decke eingewickelt war, auf dem Arm. Das Wimmer war verstummt, dafür sah ich selbst auf die kurze Distanz wie sehr der kleine Hund zitterte. Ob vor Kälte oder vor Angst, war nicht eindeutig, aber vermutlich war beides der Fall.
      “Am besten nehmen wir jetzt den kürzesten Weg zurück, der Kleine hier sollte ins Warme und hungrig ist er sicher auch”, sagte Lina, als sie wieder neben mir auf dem Weg stand. Trymr stand schwanzwedelnd vor ihr und beschnupperte neugierig das Bündel auf ihrem Arm, aus dem sich ihm eine im Vergleich recht kleine Schnauze entgegenstreckte. Verwirrt trat der Rüde zurück und versteckte sich zwischen meinen Beinen.
      > Dat här är ett barn.
      “Das ist ein Baby”, flüsterte ich ihm zu und strich ihm über den Kopf. Dusty hinter mir scharrte bereits mit dem Huf, aber ich konnte ihn nicht daran hindern.
      “Ich nehme ihn mit auf den Sitz, wird am einfachsten sein”, gab ich Lina ihre Zügel zurück. Dann setzte ich mich richtig hin, weich polsterte der Wagen mein Fliegengewicht ab. Das Knäuel legte sie mir auf den Schoß und durch den Schutz zwischen meinen Beinen, konnte er auch nicht verrutschen. Hell leuchteten mich wieder seine Augen an, die eindeutig ängstlich wirkten. An einem seiner dunklen Ohren fehlte ein Stück, das sich entzündet haben wird. Die Haut wirkte gerötet und leicht verkrustet, aber an sich sah es so aus, als wäre die Wunde schon älter. Zwischen all dem Dreck auf der Nase sah ich kleine schwarzen Flecken, die zur Musterung des Fells gehörten, denn bis hoch zu den Ohren war er weiß. Mittlerweile hatte ich nachgeschaut, welchem Geschlecht er angehörte. Fred, ich denke, dass könnte der richtige Name für ihn sein.
      Nach einem weiteren Stück im Trab kamen wir flott am Hof an. Langsam, aber sicher verabschiedete sich die Sonne am Horizont hinter den Bäumen und auf dem Parkplatz vermehrten sich wieder die Fahrzeuge, nur von Eriks war nichts zu sehen. Teils erleichtert, teils bestürzt, seufzte ich und stieg vor dem Stall aus dem Sitz. Während Fred den Luxus meiner Decke genoss, fror ich trotz des dicken Wintermantels.
      “Da seid ihr ja”, nickte und Tyrell zu, der Fried an ihrem Blumen Halfter führte.
      “Schau mal”, hielt ich ihm glücklich die Decke hin. Sofort sprang auch unser Chef auf das niedliche Tier an, ließ ihn direkt die Hand beschnuppern. Trymr neben mir, empfand die Situation weiterhin als unseriös und trabte an uns vorbei in den Stall, suchte sich vermutlich seine Decke, die immer wieder woanders im Gang lag. Nun kam auch Friedi interessiert mit dem Maul näher. Laut prustete die helle Stute aus, worauf sich Fred tiefer im Stoff verhüllte. Umgehend verlor das Pferd sein Interesse und Tyrell brachte sie weg. Die Hengste wurden erst aufmerksam, als sie einige Meter entfernt lief.
      Im Stall legte ich das Knäuel neben Trymr ab, der sofort die Flucht ergriff und offenbar nichts mit dem kleinen Wesen zu tun haben wollte. Dieses lag zittrig an Ort und Stelle, was mich zumindest beruhigt das Pferd abspannen ließ. Dabei half Lina mir wieder die Stangen zu entfernen.
      “Ich würde Dusty gern als Erstes ins Rotlicht stellen”, sagte ich beim Betrachten seines triefend nassen Fells. Sie nickte nur beiläufig und lief los, um eine Abschwitzdecke zu holen. Ich konnte mich gar nicht auf eine Sache konzentrieren. Dusty leckte immer wieder an dem Holz herum, während Walker versuchte seinen Kollegen zum Spielen aufzufordern. Trymr lief unruhig die Gasse auf und ab, während der Kleine nun doch versuchte aus seiner gebauten Höhle zu fliehen. Und dann war doch Maxou einige Meter entfernt, die unaufhörlich am Gitter herum biss und damit furchtbaren Lärm verursachte. Ach, nicht zu vernachlässigen war Jonina, die zusammen mit vier Reitschülern unseren Platz besetzte. All diese Geräusche lösten einen dröhnenden Kopfschmerz aus und als noch mein Handy in der Hose begann zu vibrieren, wollte ich hier weg. Weg von der Belastung, zurück in meine Hütte, die inzwischen nicht mehr mein war. Genervt hob ich ab.
      “Hallo?”, ächzte ich genervt in den Hörer, aber wurde umgehend freundlicher, als ich Eriks Stimme hörte. In der Brust wurde es wieder leichter und ich konnte tief durchatmen.
      “Freut mich, dass du dich bester Laune erfreust”, scherzte er.
      “Ist gerade viel los”, überblickte ich erneut die Situation und begleitete Dusty zum Solarium.
      “Hast du schon mit Lina gesprochen?”, fragte er direkt.
      “Nein, ergab sich bisher nicht. Wieso?”, stammelte ich unsicher. Ehrlich gesagt, hatte ich daran auch gar nicht mehr gedacht und versuchte den einfachsten Weg, außerdem erschien es mir noch immer unangemessen zu sein, sie danach zu fragen.
      “Okay, ich bin so in”, stoppte er, während mehrfach ein notdürftiges Piepen ertönte, “dreißig Minuten da. Also bis gleich.” Dann verstummte mein Telefon. Welch ein unnötiges Telefonat, stellte die böse Stimme in meinem Kopf fest, die wieder von mir angezischt wurde. Trymr setzte sich zu dem Hengst unter die roten Lampen und genoss ebenfalls die kleine Wellnesseinheit.
      “Was genau ist eigentlich dein Plan mit dem Kleinen? Ich meine, man kann ihn ja schlecht einfach behalten. Vielleicht wird er ja vermisst oder so etwas. Ein Welpe kommt sicher nicht von allein in den Wald”, wand sich Lina an mich, die den schneeweißen Hengst gerade in eine Decke hüllte. So weit wie sie wieder dachte, hatte ich die Situation noch gar nicht überdacht. Außerdem waren auch für mich die Grundlagen des Landes unbekannt.
      “Gute Frage, erst mal bleibt er, denke ich”, dann überlegte ich noch, wie ich es Erik erklären sollte, aber dass wir einem hilflosen Tier halfen, sollte ihn wohl kaum stören, “aber vielleicht kann mein Kerl das besser beurteilen. Schließlich habe ich erst gestern den anderen Pflegefall organisiert”, schielte ich zu Maxou hinüber, die die unbeteiligten Stangen wieder in Ruhe ließ.
      “Wenn das so weitergeht, kannst du bald ein Tierheim eröffnen”, witzelte Lina und schob Walker ein Leckerli zwischen die Lippen, der es sogleich genüsslich verschlang.
      “Du bist gemein”, rollte ich beiläufig mit den Augen, suchte nach einer passenden Ausrede, um dem Gerücht entgegenzuwirken, aber nein. Es gab keine.
      “Entschuldigung, sollte doch nur ein Scherz sein”, nuschelt sie bevor sie sich auf den Weg zu Futterkammer machte, um dem Hengst sein Abendbrot zu holen. Er starrte ihr aufmerksam nach und auch Dusty spitzte die Ohren, als hintergründig der Ton von dem Müsli auf Gummischüssel traf. Ich bremste ihn ab, bevor er einen Schritt nach vorn setzte. Als mir plötzlich ein wichtiger Gedanke durch den Kopf schoss, setzte ich an zum Sprechen, verstummte allerdings wieder, unter dem Vorbehalt, dass Lina noch immer beschäftigt war. Nachträglich setzte ich einen Fuß nach dem anderen, die mich zu Maxou an die Box trugen. Die Stute drehte sich langsam um, legte die Ohren leicht nach hinten und musterte das Wesen, das die Frechheit besaß, sie beim Fressen zu stören. Dennoch blieb sie stehen und starrte mich an. Ihre großen Augen glänzten im indirekten Licht der Boxen, die um diese Uhrzeit noch eingeschaltet waren. Der Schweif pendelte langsam unter der Stalldecke, die ich ihr noch umgelegt hatte vor dem Ausritt. Je länger ich das Pony betrachtete, umso mehr bekam ich das Gefühl, dass mein Bruder recht behalten würde, auch, wenn sich das grundlegende Interesse an ihr in Grenzen hielt. Im Hinterkopf blieb der Gedanke, dass ich wohl möglich nicht mit ihr klarkam bei der Arbeit oder auch keine vollwertige Verbindung aufgebaut werden würde.
      “Da bist du ja”, stürmte ich erleichtert zu Lina, die überrascht vor mir stand, schließlich war sie nur für einen Augenblick verschwunden. Für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an.
      Mit etwas zwischen Irritation und Belustigung in ihrem Ausdruck blickte sie mich an: “Wieso so ungestüm, ich war nicht mal zwei Minuten weg?”
      “Nein, das waren viel mehr”, hielt ich mich fest an ihren Schultern fest, als würde einer von uns sonst umfallen. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverändert ihre Verwirrtheit. “Denkst du”, zog ich die Vokale unnötig lang, “dass Erik bleiben kann?” Ehrlich gesagt, wollte ich das gar nicht von ihr, denn viel wichtiger war es mir, wie sehr es an Absurdität grenzte, dass an dem Tag so viel passiert war. Außerdem fühlte es sich seltsam an mit meinem Pony, ich hätte gedacht, dass man deutlich mehr Glücksgefühle verspürt. Stattdessen war da nichts.
      “Ähhm … mir fällt jetzt nicht an, was dagegenspricht, also ja”, überlegte sie laut, ”Und das war jetzt so wichtig, dass du mich überfallen musstest?” Das Geräusch von Eisen, welches über den Boden kratze, erklang aus der Richtung der beiden Hengste. Lina ging auf den hellen Hengst zu, der ungeduldig scharrte und wies ihn zur recht, bevor sie ihm die Gummischüssel vor die Füße stellte.
      “Sicher?”, hakte ich ordnungshalber nach und stand, wie bestellt und nicht abgeholt in der Gasse herum. Förmlich sichtbar setzte ein Denkprozess bei ihr ein, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Verunsichert, setzte sie schließlich zu einer Antwort an: “Ja? Das war doch schließlich keine Anfrage für die nächsten 6 Monate, oder doch?”
      “Sechs Monate am Stück? Nein”, lachte ich und überlegte, wie viele Tage dazwischen als Pause galten, um den Timer zurückzusetzen.
      “Na, dann kann er erst einmal bleiben”, lächelte sie großmütig.
      “Danke”, lächelte ich fröhlich und warf einen Blick auf unseren Jungspund, der mit seinen langen Beinen auf der Decke stand. Langsam begann sein Schwanz zu wedeln, als Trymr sind von der Rotlichtlampe zu ihm bewegte. Kurz schnupperte er an dem Zwerg. Freundlich quietschte er, suchte an der Bauchleiste des Rüden nach Zitzen. Daraufhin tippte ich Lina an, die sich gerade nach der Schale gebückt hatte, um sie dem Hengst wieder hinzuschieben. Sie wand sie zu mir um und als ich mit einer Geste zu den beiden Hunden zeigte, folgte ihr Blick meinem Finger.
      “Sieht danach aus, als hätte unser Findelkind Hunger”, äußerte sie eine Vermutung, die recht logisch erschien.
      “Was braucht es?”, sah ich mich Hilfe suchend im Stall um, “Stutenmilch, oder eher Fleisch?”
      “Ich bin jetzt kein Experte auf dem Gebiet, aber er sieht bereits alt genug aus, als dass er Fleisch fressen könnte”, beantworte sie meine Frage nachdenklich.
      Wieder nickte ich, nahm das getrocknete Rennpferd aus dem Licht und brachte ihn schnellstmöglich in seine Box zurück. Darin legte ich ihm wieder die Stalldecke um und schnappte mir von der Decke den kleinen Racker. Auf meinem Arm legte er sich auf den Rücken und wedelte mit seinem Schwänzchen, als ich den Bauch kraulte. Trymr folgte uns mit Abstand, wollte aber nicht ohne mich im Stall bleiben. Dumpf knarrten die Holzstufen hinauf zur Tribüne, über die man zu den Räumen kam.
      In der Küche standen schon alle wichtigen Gegenstände, darunter auch einige Notfallhundedosen, die ich vor geraumer Zeit gekauft hatte. Aus dem Oberschrank nahm ich einen kleinen Teller und betrachtete die beiden Hunde, die mir verliebt um die Beine strichen. Der Augenblick wirkte so unrealistisch. Ich stand mit einem Welpen und einem Höllenhund in der Küche. Hunden, denen ich für gewöhnlich aus dem Weg ging, berührten mich sehr nah und hatten sich sogar verdoppelt seit August. Dasselbe Phänomen, das mir mit Pferden passierte. Kopfschüttelnd grinste ich und machte dem Tier eine kleine Portion. Aus dem Krankenhaus wusste ich, dass man nach einem langen Hungern am besten klein anfangen sollte, da wir keinerlei über Fred hatten, musste ich davon erst einmal ausgehen. Für Trymr machte ich auch eine Portion, damit er ihn nicht anfallen würde, wer weiß schon, was in dem Kopf des Ungetüms ablief. Er bekam zuerst und wartete friedlich, bis ich ihm erlaubte an den Napf zu gehen. Fred hingegen stürzte sich direkt auf seinen Teller und bindend weniger Sekunden, waren sie fertig. Vertieft in den Zwerg, bemerkte ich die Schritte hinter mir nicht. Dass etwas vor sich ging, verspürte ich erst, als Trymr nicht mehr in Reichweite war. Noch bevor ich mich verzweifelt umdrehen konnte, verspürte ich zwei sehr kalte Hände an meinem Hals. Ich überlegte, ob mein Herz noch schlug, denn meine Atmung stockte. Sanft drückten sich zwei Daumen gegen meine Kehle und unbewusst wurde mir klar, dass von der Person nichts Böses ausging, auch, wenn vermutlich sonst keiner wie ich dachte. Langsam bewegte ich mich aus meiner Hocke nach oben, vernahm die kleinen Pfoten des Tieres an meinem Schienbein durch den dicken Stoff der Reithose. Erst dann drehte ich mich zu meinem Verehrer um, offensichtlich ohne Kind zurückkam. Vertieft in seine leuchtenden Augen schlug mein Herz in hochfrequentierten Intervallen, die aus zweierlei herkamen.
      „Wo hast du dein Mini gelassen?“, fragte ich mit kratzigem Tönen.
      „Die ist bei Lina und dem hellen Pferd, das im Gang stand. Vermisst da etwa jemand Fredna?“, schmunzelte Erik über beide Ohren.
      „Nein, aber dann haben wir einen Augenblick für uns?“, tastete ich mich langsam meinen Händen an seinem Oberkörper entlang und verspürte wieder eine wohlige Wärme im Unterleib, die sich durch einen leichten Druck noch mehr verstärkte. Seine Kleidung hingegen war angenehm kühl, auch wenn er für meinen Geschmack noch zu viel davontrug.
      „Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden“, flüsterte er in mein Ohr. Der Atem kitzelte an meinen Ohren, wodurch sich das Gefühl im Unterleib verstärkte.
      „Allerdings“, setzte er fort und unterbrach seinen Satz mit einem Kuss auf meine Wange, „du musst mir noch erklären, was du da angeschleppt hast Niedliches.“ Urplötzlich ließen seine Hände von mir ab und kniete sich zu dem Zwerg hinunter, der tapsig angerannt kam und dabei so stark mit dem Schwanz wedelte, dass der ganze Hintern wackelte. Erleichtert, dass er mir über das kleine Kerlchen keinen Vortrag hielt, atmete ich aus, verlor allerdings auch die Lust auf alles Weitere.
      „Wir haben ihn eingeklemmt im Wald gefunden“, erklärte ich, setzte mich dazu auf den gefliesten Fußboden, der mich mit der integrierten Fußbodenheizung wärmte.
      „Deswegen bist du so dreckig“, tuschelte er quietschend dem Tier zu, das vor Freude wohl gleich platzen würde.
      „Ja und Lina gesagt, dass du bleiben darfst“, versuchte ich wieder die Aufmerksamkeit zu bekommen, doch Erik sah mich nicht einmal an, handelte meine Aussage mit einem kurzen Nicken ab und sagte: „Weiß ich schon.“
      „Zwingt dich keiner, hierzubleiben“, zischte ich eingeschnappt und erhob mich, um den Raum zu verlassen. Er stand ebenfalls auf mit dem Hund auf dem Arm.
      „Du meinst das nicht ernst, dass du eifersüchtig auf einen Welpen bist“, sah er mich eindringlich an. Dabei lächelte ich aufgesetzt kurz auf und setzte meinen Weg fort. Hinter mir hörte ich noch seine Schritte, drehte mich jedoch nicht um. Nacheinander leuchteten die Lampen des Flures auf, bis ich mein Zimmer erreichte und deutlich zu laut die Tür hinter mir schloss. Seinen Mantel warf ich in die Ecke und ließ mich auf das Bett fallen, ohne die Schuhe ausgezogen zu haben. Im Raum war es bis auf das indirekte Licht in den Fußleisten dunkel und von dem riesigen Fernseher strahlte eine kleine rote Lampe an die Decke. In meinem Kopf zirkulierte es, als hätte ich ein Glas Wein zu viel getrunken. In meiner Brust schlug das Herz noch immer wie wild und als sich die Tür öffnete, ich eine männliche Silhouette erkannt, warf ich meine Handschuhe ich seine Richtung.
      „Geh weg, ich will allein sein“, jammerte ich weinerlich und hörte nur ein tieferes Lachen, als ich erwartet. Die Deckenbeleuchtung glimmte und sah, dass Tyrell den Raum betrat.
      „T-Tut mir leid“, stammelte ich beschämt und richtete ich aus dem Bett auf.
      „Schon wieder Stress im Paradies?“, scherzte er.
      Ich schüttelte den Kopf.
      „Na gut, wo ist denn Lina?“, fragte Tyrell ernster und schob sich einen der Stühle vom Tisch weg, um Platz zu nehmen.
      „Die kommt bestimmt gleich, Walker muss nur noch in die Box zurück“, erklärte ich wahrheitsgemäß, sofern meine Informationen noch aktuell waren.
      Während wir auf die warteten, fragte er mich über die Runde im Wald aus. Dass es auch schön war, wieder auf dem Sulky zu sitzen, vergaß ich nicht zu sagen. Als das Schweigen einsetzte, kam auch Lina dazu, mit Fredna an der Hand. Irritiert musste unser Chef das Kind, aber flott erklärte ich, dass es zu Erik gehörte. Er wirkte erleichtert, aber gleichermaßen noch irritiert.
      „Lina, setzt dich bitte“, sagte er zu ihr und zog den Stuhl neben sich zur Seite. Zögerlich trat sie zum Tisch. Stillschweigend und möglichst leise, legte sie ihre Jacke ab. Tyrell begann damit den Fernseher anzuschalten, um uns darauf die Entwürfe von dem neuen Gestüt zu zeigen. Überall musste gebaut werden und sogar ein Teil des Waldes für eine Ferienlandschaft gepfählt werden. Mit den Arbeiten sollte es beginnen. Bei den Isländern an der kleinen Reithalle wird ein riesiges Reitstadion erbaut mit einem noch größeren Reitplatz, als wir ohnehin schon haben. In Zukunft werden dort auch Fahrturniere stattfinden. Außerdem verblieb unser Stall für uns, während rundherum weitere Paddockanlagen und Boxen errichtet werden, sodass noch mehr Platz für Einsteller sei. Es besteht auch die Überlegung, dass die Trainingsbahn umgebaut wird zu einer vollwertigen Rennbahn, da es um das Gelände in Kalmar schlecht steht. Nervös kratzte ich an meinem Bein herum, solange bis es blutete. Ich spürte, wie meine Kehle trockener wurde und nur heiser fragte: “Wenn es um Kalmar schlecht steht, bedeutet das dann, dass der Verein umzieht?”
      Lina drehte sich zu mir um, dabei begannen ihre Augen so hell zu strahlen, dass ich kurz anzweifelte, dass ich recht behalten würde.
      “Richtig”, nickte Tyrell und vor Freude sprang sie vom Stuhl.
      “Das klingt wie Musik in meinen Ohren”, trällerte sie und ein Lächeln, so glückselig wie ich es den ganzen Tag noch nicht zu sehen bekam, erstrahlte auf ihrem Gesicht. Für sie war es vermutlich genau das, was sie hören wollte, um möglichst häufig Niklas zu treffen. Doch für mich stellte es das Gegenteil dar, besonders, wenn ich das morgendliche Gespräch im Kopf behielt.
      Tyrell erzählte weiter, davon, dass ein Bildungszentrum errichtet werden würde, dazu gehörte neben der Planung von verschiedenen Lehrgängen uns Seminaren, so etwas wie eine Privatschule, die allerdings nur am Wochenende und Ferien stattfinden soll, als eine Art intensiv Beschulung. Schon an den Plänen konnte man genau erkennen, welches Klientel damit angesprochen werden würde. Je mehr er uns präsentierte, umso weniger schien ich von der Sache überzeugt, nur die Tatsache, dass das nicht uns betreffe, erleichterte mich zutiefst. Hauptsächlich würden wir seine Pferde machen und die anderen Teile des neuen Gestüts wurden von anderen verwaltet. Außerdem stand die Planung ebenfalls nicht in seiner Hand, nur die Übergabe der Informationen an uns.
      Noch eine geschlagene Stunde verging, in der auch Erik mit dem Welpen wiederkehrte, bis alles uns genau gezeigt wurde. Meine Lider lagen schwer über meinen Augen und ich war vermutlich sogar mehrfach eingeschlafen, aber der kleine Zeiger rückte der Zehn auch immer näher. Lina grinste noch immer.
      “Ich finde, du könntest ein klein wenig mehr Begeisterung zeigen”, sprach sie munter, “Für dich hat es doch auch seine Vorteile, wenn du mit Lubi nicht mehr so viel durch die Gegend gurken musst.”
      “Ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, Nachteile”, seufzte ich entmutigt.

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      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
      Fohlenbericht drei von sieben.
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      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Niklas
      Zittrig schwebte mein Finger über den Kontakt, während ich in meinem Auto saß mit Chris, der bereits allerhand Arbeit darin investierte, dass ich auf keinen Fall auf den Hörer klicken würde. Aber mein Schmerz, die Enttäuschung und alles Schlechte kochte in mir, viel mehr fühlte es sich an, als würde mein Gehirn tausende Stromschläge bekommen und es gab nur diese eine Bewegung, um den Schmerz zu entfliehen. Es half nichts, ich musste dieses Gefühl loswerden. Chris griff nach meiner Hand.
      > Är du säker?
      „Bist du dir sicher?“, sprach er sanft, wie auf Wolken spürten sich seine Worte in meinen Ohren an, als läge ihm alles daran.
      Ich nickte, womit ich die Freiheit bekam.
      Für eine gefühlte Ewigkeit tutete es, bis eine unfreundliche Abhob und umgehend fragte:
      > Har du pengar?
      „Haben Sie das Geld?“
      Natürlich bejahte ich die absurde Frage und konnte auch direkt losfahren. Chris und ich stiegen in den Transporter um, doch ehe ich mich auf den Fahrersitz setzen konnte, nahm er mir die Schlüssel ab und stieg selbst auf der Seite ein. Also öffnete ich die Beifahrertür und nahm neben ihm Platz. Teilnahmslos blickt Chris zur Straße, schweigend. Seine Meinung zu dem Thema kannte ich bereits, äußerst ausführlich sogar.
      Bino war Smoothies erstes Fohlen, eins, das Opa noch gezogen hatte und geboren wurde, als ich mich auf einem anderen Kontinent befand. Von Bildern kannte ich den kleinen Hitzkopf, doch real sah ich ihn nie. Umso aufgeregter war ich, als ihn auf der Starterliste im März fand, allerdings nicht vor Gesicht bekam. Weitere Auftritte wurden mir verwehrt und er geriet meinerseits in Vergessenheit. Wie vom Blitz getroffen, erhellte er einen Traum in der Nacht. Natürlich kannte ich meine Stute gut genug, um bereits das Gefühl verspürt zu haben, dass sie nicht trächtig sei, die Bestätigung durch den Tierarzt brachte die schlechte Nachricht. Bis zum letzten Augenblick schwebte ein kleiner Funken Hoffnung vor dem inneren Auge, versuchte mich im Glauben zu belassen, dass alles gut sei. Dem war nicht so. Smoothie bekam kein weiteres Fohlen, zumindest nicht im nächsten Jahr.
      > Varför måste du ta hästen ifrån henne så brådskande?
      „Warum musst du ihr das Pferd unbedingt wegnehmen?“, fragte Chris. Seiner Tonlage zu Folge stellte er die Frage zum wiederholten Male. Ich überlegte. Es gab viele Antworten dafür, nur keine, die Sinn ergeben würde. Plötzlich wurden meine Hände schwitzig und in dem Fleece Pullover setzte Hitze ein.
      > Jag kan göra det, så jag köper Bino.
      „Ich kann es, also kaufe ich Bino“, antworte ich mit trockener Kehle und zog den Pulli aus.
      Viele hundert Kilometer lagen vor uns, die im Schweigen gehüllt waren. Natürlich erlangten die Zweifel ihre Vormacht in meiner Gedankenwelt. Bisher war es nicht an die Öffentlichkeit geraten, dass meine Erfolgsstute durch Arthrose den Ring verließ, ebenso versuchte ich es so lang wie möglich hinauszuzögern, dass es mit uns beiden vorbei war. Ein Funken bestand noch immer, dass alle Ärzte sich geirrt hatten und Smoothie dasselbe Pferd war, das mich vom ersten Tag an, in seinen Bann gezogen hatte. Natürlich, Form war weder ein hässliches Pferd noch untalentiert. Die Rappstute zeigte sich bemüht und motiviert, an manchen Tagen als zu perfekt. Sie wollte gefallen, strampelte sich einen ab, ohne dabei Widerstand zu leisten. Ich mochte sie, so viel war gesagt, aber Form konnte meinen Ansprüchen von einem Partner nur schwer entsprechen. Man könnte sagen, dass sie mir zu nett war. Mir wurde es zum Teil, die Herausforderung zu suchen und daran jeden Tag zu knuspern, eine Lösung für das Problem zu finden. So sorgte Form dafür, dass es keins gab oder ich viel mehr eins erschaffen musste. Seit einigen Tagen war ich nicht auf dem Hof, hoffte darauf, dass mehr Rennpferd aus ihr herauskommen würde, wenn ich in zwei Tagen wieder zum Training erschien.
      Leider hatte ich auch Gedanken daran verschwendet, Form wieder zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben, jemand, der Freude an dem eifrigen Tier hatte und es genoss, Lektionen ohne Widerstand abzurufen. Andererseits mochte sie mich, wieherte mir im Stall zu, wenn meine Stimme ertönte und konnte genauso aufgeregt tänzeln wie Smoothie. Ebenso gut zeigte die Stute ihr Talent auf Sand. Die Versammlungen saßen punktgenau, aber in der Verstärkung konnte sie hektisch werden anstelle der gewünschten Rahmenerweiterung. Doch, war es das, was ich mir wünschte? Nein. Der Rappe entpuppte sich schon nach einigen Tagen als sehr untalentiert mit Hindernissen, kam im Gelände schnell ins Rutschen, verweigerte und fühlte sich nicht wohl mit Stangen. Mehrfach versuchte ich ihr die Natursprünge und auch normalen auf dem Platz näherzubringen, aber anders als für die Rasse typisch, scheute sie, zuckte zurück. Die sonst so nervenstarke und mutige Stute verwandelte sich von einer auf die nächste Sekunde in ein schwarzes Biest, das nicht einmal ich kontrollieren konnte. Somit stand die Entscheidung, dass sich Form nicht als Eventingpferd eignen würde.
      Noch lange wägte ich ab, ob ich überhaupt die Zeit hätte für drei Pferde, wovon eins bestens auf dem Lindö Dalen versorgt war. Ich entschied, dass ich es versuchen sollte. So gern ich meinen Beruf als Polizist ausübte, umso wichtiger waren mir meine Tiere und im schlimmsten Szenario würde ich kündigen. Meine Angst wandelte sich zur Vorfreude den jungen Hengst endlich persönlich kennenzulernen, als auf dem kleinen Monitor nur noch ein einstellige Kilometerzahl angezeigt wurde. Chris hatte sich auch mit der Situation abgefunden, wusste, dass er mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen könnte. Kurz warf ich einen Blick auf mein Handy, überlegte, Lina Bescheid zu sagen. Aber ich zögerte. Wortlos verschwand ich, hatte ihr keinerlei Chance gegeben mich zu unterstützen. Ich schämte mich und steckte es wieder zurück in die Hosentasche.
      Im gemäßigten Tempo fuhren wir eine Allee aus jungen Bäumen entlang und die Lichter, die zuvor so fern am Horizont glühten, wurden immer einladender und begrüßten uns förmlich. Es war stockdüster geworden, aber der Hof leuchtete im warmen Licht. Wenige Autos standen auf dem Parkplatz, doch menschenleer war es nicht. Chris hielt.
      > Kommer du?
      „Kommst du mit?“, fragte ich sehnsüchtig, doch stur schüttelte er den Kopf. Mit einem tiefen durchatmen sprang ich vom Beifahrersitz auf den befestigten Gehweg, folgte der Beleuchtung und kam bei einem gepflegten Stallgebäude an. Freundlich blickten mich einige Pferdeköpfe an. Ungefähr in der Mitte stand eine Dame, mit der wohl telefoniert hatte. Ein braunes Pferd mit großen Abzeichen stand hinter ihr, wippte müde mit dem Kopf und die Augen fielen immer wieder langsam zu.
      > Vi ska göra det här kort och gott, eller vill ni sitta på den igen?
      „Wir machen das kurz und schmerzlos, oder wollen Sie sich noch einmal draufsetzen?“, sagte sie. Ihre Tonart verriet mir bereits, dass sie mich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte, sogar der Hengst schien nur wenig motiviert für irgendwas zu sein. Er hatte seinen Hinterhuf aufgestellt und der Kopf hing fest in den beidseitig befestigten Stricken.
      > Nej, jag tar honom direkt.
      „Nein, ich nehme ihn direkt mit“, stammelte ich, eher untypisch. Doch auf eine gewisse Weise kam ich mir nicht nur fehl am Platz vor, sondern auch ziemlich kindisch. Sie nickte und löste die Haken dabei. Unsanft kippte Bino nach vorn, fing sich jedoch rechtzeitig auf. Die Ohren drehte er nach hinten. Am unteren Ring befestigte die Dame einen Strick und drückte ihn mir umgehend in die Hand. Sie wollte mich wirklich loswerden.
      Zusammen liefen wir zum Auto. Aus der Sattelkammer hatte sie seinen Sattel und Trense geholt, packte es im Transporter auf die Befestigung, ehe ich aus meiner Hosentasche die dreihundertsechzigtausend Kronen herauszog. Die bunten Scheine waren zerknüllt und teilweise angerissen, wie Geld nun einmal aussah, wenn es Tagein, Tagaus mit der Hose getragen wurde. Schockiert sah sie an mir hoch, aber packte das Bündel in ihre Jacke.
      Bino stand im Transporter und zupfte vergnügt an dem Heunetz, während wir im Inneren den Vertrag fertig machten und ich die Papiere überreicht bekomme. Der Impfstatus erscheint auf den ersten Blick vollständig. Kurz angebunden verabschiedete die Dame sich und verschwand im Dunkeln. Verwirrt blickte ihr nach, konnte nur schwer verstehen, welches Problem sie mit mir hatte.
      Endlich hatte ich Zeit mein, wohlgemerkt drittes, Pferd genauer anzusehen. Obwohl sein Blick nur zum Netz gerichtet war, bemerkte er mich. Die Ohren bewegten sich in meine Richtung und lang spielten sie im Sound des Streu unter den Schuhen. Leise knisterte es. Dazu ertönten in der Stille die kauenden Geräusche des Pferdes und seine Atmung. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich zurück in den Moment versetzt, in dem mit seiner Mutter zu dem Turnier fuhr, das zwar in der reinsten Katastrophe endete, aber solch positive Gefühlsausbrüche auslöste, die ich kaum in Worte zu verfassen wusste. Wir hatten nicht einmal den M-Parcours beendet, da endete für uns die Reise bereits mit der zweiten Verweigerung bei dem vorletzten Hindernis. Für mich war es keine große Sache. Smoothie kannte vorher Turniere nicht und hatte einen ihrer typischen Anfälle vom Vollblutanteil im Blut. Der Schweif stand dauerhaft in der Luft und sie kam aus dem Gucken nicht heraus, wobei die Menschenmassen auch für mich noch eine ziemliche Belastungsprobe darstellten.
      > Kan vi åka? Jag skulle vilja vara hemma före morgondagen.
      „Können wir los? Ich würde gern vor morgen Zuhause sein“, hetzte Chris. Sanft strich ich dem Hengst über den Hals und schloss die große Klappe, damit wir abfahren konnten. Wie bereits auf der Hinfahrt tauchte sich die Fahrerkabine in einen Schleier aus Schweigen. Mir war jedoch auch nicht danach ein Gespräch zu beginnen. Wir hatten beide einen langen Tag und noch eine kürzere Nacht zum Schlafen vor uns.
      Leise schloss ich die Eingangpforte auf, versuchte möglichst unauffällig in den Keller zu kommen. Es leuchtete kein Licht mehr von der großen Treppe im Eingang, aber stürmte Tova heulend zu mir. Bösartig rief mein Vater den Hund zurück, doch die Hündin interessierte sich kein Stück dafür. Stattdessen wurde das Getobe lauter. Mama stand auf, zog sie am Halsband zurück aber kam noch hinunter. Sie folgte mir bis ins Badzimmer. Müde lehnte sie neben dem Waschbecken, konnte sich nur müßig halten.
      „Warum bist du jetzt erst da?“, fragte sie liebevoll und rieb mit einer Hand sich den Schlaf aus den Augen.
      Erst zuckte ich mit den Schultern, aber sie blieb hartnäckig. Stellte die Frage erneut und immer wieder, bis ich begann zu erzählen von dem Ausflug mit Chris.
      „Ich habe ein Pferd gekauft“, erzählte ich beiläufig bei dem Umziehen. Meine Hose landete im Wäschehaufen, sowie die restliche Kleidung, die ich am Körper hatte. Nur noch bekleidet im Handtuch schaltete ich das Wasser der Dusche an, um der Wärme einen Vorlauf zu geben.
      „Könntest du bitte gehen, ich möchte nicht darüber reden“, wiederholte ich, nach der Mama mehrfach versuchte mehr über Bino zu erfahren. Tatsächlich wollte ich nicht über das Pferd reden, zu beschämt war ich darüber, dass Lina noch nichts wusste. Unter den Strahlen des Duschkopfes flossen einige Zweifel von mir, hinunter des Abflusses.
      Befreit fühlte ich mich nicht nach der langen Dusche, aber auf jeden Fall besser. Im Haus war es still geworden, umso deutlicher drangen die immer lauter werdenden Gedanken in den Vordergrund, vor mein inneres Auge. Unaufhörlich sah ich Linas Gesicht vor mir, die schmerzerfüllt zur mir hochblickte, den Tränen nah, aber nicht darüber sprach. Sie schien es für selbstverständlich zu halten, nicht über das negative Gefühl zu sprechen, das sie tief im Inneren versteckte und versuchte, bloß nicht mir zu zeigen. Oder gar ehrlich zu sein. Es gab keine Grenze, sosehr ich auch danach strebte, eine zu finden. Auf dem Nachttisch leuchtete der Bildschirm meines Handys auf, verglimm, ehe es sich mit einer Vibration erneut meldete. Genervt griff ich es.
      Zwei verschiedene Benachrichtigungen dominierten auf dem Sperrbildschirm: Lina hatte mir bereits vor einer Stunde eine Nachricht gesendet und vor wenigen Sekunden postete Vriska etwas in ihrer Instagram Story. In Millisekunden glühten die Nerven in meinem Gehirn auf, überdachten, welche es mehr Wert war, als Erstes angeschaut zu werden. Gewissenhaft antwortete ich meiner Freundin, entschuldigte mich sogar für mein Schweigen und erklärte, dass ich Zeit brauchte zum Nachdenken über meinen Schimmel. Beim Betrachten der Uhrzeit wusste ich auch, dass eine Antwort wohl erst in mehreren Stunden, beim Aufstehen, zu erwarten war. Doch, der Benachrichtigung zur Folge, war Vriska noch unter den Wachenden. Ich tippte auf die Meldung und das Handy wechselte zu Instagram. Ein kurzer Bumerang erschien. Vom Boden bewegte sich das Video nach rechts, zu ihrem neuen Pferd, dass sie über den Kies führte. In der Wegbeleuchtung tanzten kleine Schneeflocken und je öfter ich mir die sechs Sekunden ansah, umso besser sah ich, dass auch schon eine schmale Schicht den Boden bedeckte. Unerwartet kam noch ein Bild, ein ziemlich schräges Selfie, verwackelt und unscharf. Ihre langen, weißen Haare lagen durch den Wind in ihrem Gesicht und die dunkle Mütze hielt sie nicht an Ort und Stelle. Willkürlich entwickelte sich der Gedanken sie anzurufen, ihr mitzuteilen, dass ich sie vermisste und da sie es nicht verneinte … Sie mich auch? Ich sollte den Gedanken verschieben, direkt so weit weg, dass ich keinen Zugriff mehr darauf haben würde. Vorbeugend legte ich das Handy wieder weg, rollte mich über die riesige Matratze, aber es stand fest: Ich war nicht müde.
      Konnte es eine blöde Idee sein, eine enge Freundin mitten in der Nacht anzurufen, weil man nicht mehr klarkam? Jeder würde diese Frage verneinen, außer es ginge dabei um Vriska, dem Kampfdackel des Lindö Dalen Stuteri. Ich fackelte nicht lang, da drehte ich mich hinüber, machte einen langen Arm und hatte wieder mein mobiles Gerät in der Hand. Mit wenigen Klicks piepte es aus den Lautsprechern. In der Innenkamera betrachte ich die großen Augenringe, die tagtäglich größer wurden und versuchte mit einer Handbewegung meine Frisur zu richten. Dann überraschte mich Vriska im leichten Schneesturm ums Gesicht.
      “Warum zur Hölle rufst du mich”, stoppte sie und fummelte mit einem Finger vor der Kamera herum, “um drei Uhr fünfzehn an?” Ihre Stimme klang dafür ziemlich wach und aufmerksam, um selbst noch auf den Beinen zu sein. Leise klammerten die Steine unter den Hufen ihrer Stute, untermalt von dem tiefen Schaben ihrer Schuhe über den Kiesweg. Der Wind rauschte unruhig über den Lautsprecher, verschleierte dabei einige Töne aus dem Hintergrund, dennoch hörte ich andere Pferde über den gefrorenen Sandboden laufen.
      “Du postest doch fröhlich in deiner Story um die Zeit, also wieso nicht?”, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
      “Wenn du alles gesehen hättest, wüsstest du es”, rollte ihre Augen auffällig in die Kamera. Ich zuckte nur mit den Schultern. Dachte sie ernsthaft, dass sie so interessant sei? Unweigerlich erinnerte mich mein Körper daran, dass sie es war.
      “Gut, dann auch noch mal für die ganz Dummen”, sagte sie und wechselte zur Außenkamera. Ihre Ponystute lief matt neben ihr her. Die Ohren hingen beinah leblos zur Seite und der Hals war vollkommen verschwitzt. In dem kleinen Fenster sah ich mein Ebenbild, das unvorteilhaft nah an der Kamera hing und das Tier betrachtete.
      “Also, wie du siehst, es ist fast tot. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, habe die Aufnahmen geprüft und da stand Maxou in ihrer Box, trat sich unruhig gegen die Box und legte sich hin. Deswegen führe ich sie jetzt und warte auf den Tierarzt”, erklärte Vriska gewählt. In ihren glasigen Augen erkannt ich den Schreck, den sie erlebt haben musste.
      “Wann wird er da sein?”, versuchte ich neutral zu bleiben. Ich konnte mir kaum vorstellen, was ich tun würde, wenn Bino plötzlich an einer Kolik litt und die Nachtschicht dies nicht mitbekommt. Schwer lag mir ein undefiniertes Gefühl im Magen, drehte sich dabei wie ein Seil um meine Eingeweide, an dem jemand zog.
      “Zehn bis dreißig Minuten, ich weiß es nicht”, wurde der Ton zerrender und ihre Kamera setzt für einen Augenblick aus.
      “Soll ich vorbeikommen?”, sagte ich und stand gleichzeitig aus dem Bett auf, saß nun oberkörperfrei vor ihr. Sie begann automatisch zu grinsen, was ansteckend wirkte. Biss mir dabei auf die Unterlippe, um mir die schelmischen Worte in den Gedanken zu verklemmen.
      “Nein, ich schaffe das allein”, obwohl Vriska wirklich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, kullerte eine einzige über ihre Wange.
      “Wirklich? Ich würde direkt los und”, tief holte ich Luft, “und bei Missachtung der Geschwindigkeiten wäre ich in einer Viertelstunde da.”
      “Auf gar keinen Fall, für deinen Tod möchte ich nicht verantwortlich sein. Also deck dich wieder zu, leg das Handy beiseite und schlafe.”
      “Na gut, aber wenn er in zwanzig Minuten nicht da ist, rufst du an, okay?”, vergewisserte ich mich. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie sich dafür bedankt und auflegt. Stattdessen hielt die ihr Handy weiter in der Hand, mit der eingeschalteten Innenkamera und ihre Augen schielten im Wechsel vom Pferd und wieder zurück zu mir.
      “Danke dir, aber warum hast du angerufen?”, setzte Vriska lächelnd fort.
      “Was möchtest du denn hören?”, hoffte ich eigentlich nach der Bombe mit der Stute, das Gespräch sein zu lassen.
      “Die Wahrheit, das wäre der richtige Schritt in die richtige Richtung”, sprach sie. Sanft schnaubte das Pferd neben ihr ab, hustete und schnaubte erneut. Neugierig versuchte ich auf dem Bildschirm mehr zu sehen, ausnahmsweise war Vriska klug genug, meine Bewegung zu deuten und zeigte mir das Maxou. Die Ohren standen wieder am Genick und der Schweif pendelte. Sie hatte noch rechtzeitig reagiert, vermutlich würde der Tierarzt Entwarnung geben. Mindestens genauso interessant war der gefallene Schnee, der im kalten Licht ihres Handys blau leuchtete, fünf Zentimeter müssten mittlerweile liegen.
      “Ich wollte deine Stimme hören”, seufzte ich bestürzt. Direkt wechselte sie wieder die Ansicht, schaute mich verdutzt an und drückte sich fast das Handy gegen die Wange. Ernst blickten ihre Augen in die Kamera. Dann lachte sie.
      “Mach’ dich bitte nicht lächerlich”, sagte Vriska, aber grinste. Ob die Kälte oder Scham ihre Wangen rot färbte, fiel außerhalb meines Geltungsbereichs.
      “Das ist mein Ernst und”, dann holte ich erneut tief Luft, “außerdem, habe ich vermutlich einen riesigen Fehler gemacht.”
      “Einen Fehler? Man erzähle mir mehr”, kam sie aus dem Scherzen nicht mehr heraus.
      “Ich habe ein Pferd gekauft, aber nicht irgendeines, sondern Bino, das erste Fohlen von Smoothie”, dann dachte ich nach, wie ich es am elegantesten formulierte, dass ich ganz offensichtlich mich wie ein herzloser Idiot verhielt und einem jungen Mädchen ihr Turnierpferd abgekauft hatte, das nicht zur Abgabe stand.
      “Aber?”, hakte sie in der Stille nach.
      “Aber, das Pferd stand nicht zum Verkauf, deshalb -”
      “Deshalb hast du mit den Scheinchen gewedelt und urplötzlich stand das Pferd auf dem Hänger”, schüttelte Vriska den Kopf, nach dem sie mir glücklicherweise die Worte aus dem Mund stahl.
      “Im Transporter, aber ja”, korrigierte ich.
      “Ich vergaß, ihr reichen fahrt nur mit Transporter. Bestimmt wurdest du sogar gefahren, anstelle selbst die Arbeit in die Hand zu nehmen”, setzte Vriska ihre Hetze scherzhaft fort. Aber ich wusste wie sie es meinte und ich nichts zu befürchten hatte.
      “Allerdings traue ich mich nicht, es Lina zu sagen”, formulierte ich mit zittriger Stimme.
      “Dann sammele dich erst mal, oder spring über deinen Schatten, schließlich erschien sie mir heute wie der glücklichste Mensch auf dem Planeten.”
      “Ach ja, wie konnte das passieren?”, wunderte ich mich. Also wirklich, wovon sprach der Dackel? Kam Ivy heute, hatte ich es vergessen? Eigentlich nicht, zumindest müsste ich auch zugeben, dass ich den Gesprächen, das eine oder andere Mal aufmerksamer zuhören sollte. Ja, auch wenn ich optisch dem Ideal eines Traumprinzen erschien, kam ich allen anderen Posten dieser Behauptung nicht nach. Die Hintergründe dazu näher zu erläutern, waren nicht nötig, oder?
      “Du weißt es nicht?”, stoppte sie und erschien eine Antwort zu erwarten, die nicht von mir kam, also setzte sie fort, “Der Verein wird zu uns kommen, zumindest, wenn dann das Gebäude ausgebaut ist.”
      Mir steckte ein Kloß im Hals. Jeden Tag auf diesem Hof zu sein, erschien zumindest eine Erlösung zu sein, nicht mehr zwischen so vielen zu pendeln, bedeutete jedoch auch, stets unter Beobachtung zu stehen. Ich brauchte meinen Freiraum, der nicht nur dazu da war, um mir Appetit zu holen, viel mehr bedeutete es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Lang und breit erzählte mir Vriska von den kommenden Veränderungen und eine Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Würde ich bei den Weltreiterspielen mitreiten können?

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 20.949 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
      Fohlenbericht vier von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel sjutton | 22. Mai 2022

      Enigma LDS / Millennial LDS / Northumbria / Lubumbashi / Maxou / Götterdämmerung LDS
      Ours de Peluche LDS / Spök von Atomic / Nachtzug nach Stokkholm LDS / Kría von Atomic / Yumyulakk LDS / Halldór von Atomic / Vandal LDS / Arktikkfrost LDS / Anthrax Survivor LDS / Liv efter Detta LDS / CHH' Death Sentence / Kempa / tc Herkir / Skrúður / Nachtschatten / Lotti Boulevard / Krít / Magnus von Störtal / Avenue Shopper LDS


      Es könnte acht Uhr gewesen sein, als ich spürte, nicht mehr zu zweit im Bett zu liegen, oder auch nicht. Nur Trymr lag auf dem letzten Stück der Decke am Fußende. Kurz blickte ich das Tier an. Sein Schwanz wippte auf dem Stoff, verstummte jedoch, als ich mich zur anderen Seite drehte.
      Auf jeden Fall fiel irgendwann die Tür ins Schloss und später öffnete sie sich wieder. Hundepfoten auf dem Holzfußboden ertönten, abermals schlief ich ein. Erst, als Erik das Zimmer betrat, um mich zu wecken, entschied ich, dem auch nachzukommen. Obwohl ich so oft wach wurde, fühlte ich mich ungewöhnlich gut ausgeschlafen.
      “Dornröschen ist erwacht und das ganz ohne meine Hilfe”, drückte er sanft seine Lippen auf meine Stirn und strich die kleinen Haarsträhnen aus meiner Sicht.
      „Du bist also mein Prinz?“, zog ich ihm am Hemd näher an mich heran. Intensiv kitzelte der Geruch seines Aftershaves meine Nase, so stark, dass ich nieste und damit, die Hände vom halbdurchsichtigen Stoff löste. Er richtete sich an der Bettkante wieder auf.
      „Komm, Lina wartet schon“, lächelte Erik und zog mir die Decke weg. Kalte Luft huschte über meine Stoppeln an den Beinen, die sich aufstellten und jeden noch so kleine Stelle an meinem Körper übernahmen. Netterweise reicht er mir eine herumliegende Jogginghose. Dann lief er vor und folgte.
      Auf dem Küchentisch standen drei Teller, mit unterschiedlichen Tassen. Sofort vernahm ich den Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, das musste wohl meiner sein.
      „Godmorgon“, trällerte ich.
      Lina hatte offenbar auch zu tief ins Glas geschaut. Sie klammerte sich an ihrer Teetasse und sah mit zusammengekniffenen Augen zu mir hoch.
      “Morgen”, murmelte sie und gähnte herzhaft. Ungewöhnlich, in der Regel war sie diejenige, die am Morgen vor Energie und Tatendrang sprühte. Lag es daran, dass Samu heute ebenfalls nicht da sein würde? Ich schmunzelte bei dem Gedanken und setzte mich dann neben sie. Erik stand an der Arbeitsfläche der Küche und rührte einen Teig zusammen. Den Zutaten nach könnten es Waffeln werden, oder Pfannkuchen. Anstelle von Kuhmilch stand eine beige Packung von Oatly neben der Schüssel. Im Hals spürte ich, wie mein Herz pochte und kleine Luftsprünge machte - er hatte wirklich an mich gedacht.
      „Du weißt, welches Thema nun an der Reihe ist?“, kam ich ohne große Umschweife zum Punkt.
      “Echt, weiß ich das?”, stellte sie sich doof und nahm in aller Seelenruhe einen Schluck aus ihrer dampfenden Tasse.
      “Jahaa, natürlich weißt du das!”, blieb ich beharrlich und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. Allerdings blieb die Brünette davon vollkommen unbeeindruckt, pflückte stattdessen den Welpen vom Fußboden, der hungrig um ihre Füße strich.
      “Hast du gehört kleiner Mann, Vriska sag, ich konnte Gedankenlesen”, grinste sie das Tier an, welches ihr daraufhin nur freudig durchs Gesicht leckte.
      “Liniiii, jetzt sag schon, was hast du mit Niklas im Keller gemacht?”, drängte ich weiter und rückte ihr noch mehr auf die Pelle. Das Fellbündel auf ihrem Schoß schien das Gruppenkuscheln super zu finden, den sein Schwanz begann, in einem hektischen Rhythmus zu schwingen.
      “Hast du gerade Lini gesagt?”, blickte sie mich stirnrunzelnd von dem Welpen auf. Nicht die gewünschte Reaktion, aber immerhin hatte ich wieder ihre Aufmerksamkeit. Ich nickte bestätigend.
      “Tu das bitte nie wieder, das klingt ja schrecklich”, entgegnete sie mit deutlicher Abscheu.
      “Jetzt lenke nicht vom Thema ab”, hängte ich mich quengelnd auf ihre Schulter.
      “Naaa gut, du willst also den Verlauf meines geistigen Abends wissen?”, fragte sie noch einmal mit einem verschmitzten Grinsen. Ich nickte eifrig.
      “Und wie viel willst du wissen?”, spannte sie mich weiter auf die Folter.
      “Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund.
      “Sorry, mit allen Details kann ich nicht dienen, die Erinnerung ist etwas … Lückenhaft”, entgegnete sie, als wolle, sie mir glich den Wind aus den Segeln nehmen.
      “Egal, erst mal das wichtigste hab ihr?”, grinste ich verschmitzt. Eine intensive Röte trat auf Linas Wangen doch, sie nickte mit einem leuchten in den Augen.
      “Und war's gut?”, versuchte ich weitere Informationen aus ihr herauszuquetschen. Dass sie aber auch immer so wortkarg sein musste, als wäre sie ein Teenager, dem so etwas noch peinlich war. Sie schielte kurz zu Erik, der am Herd in die Zubereitung des Frühstücks vertieft war, bevor sie eine Antwort hervorbrachte: “Ja.”
      “Linaaaa, geht auch mehr als ein Wort? Oder hast du verlernt, wie man spricht?”, probierte ich an, mehr Details zu bekommen. Erneut schielte sie zum Herd und ihr Gesicht nahm eine immer intensivere Färbung an.
      “Okay, ich gebe dir noch zwei weitere Worte”, gab sie nach, “unglaublich intensiv.” Die letzten beiden Worte flüsterte sie mir ziemlich leise ins Ohr. Dafür lehnte sie näher zu mir und diese kleine Berührung am Arm löste ein schmerzhaftes Stechen und Brennen aus, das ich sofort untersuchte. Wie ich bereits am Abend festgestellt hatte, würde es einen blauen Fleck geben, doch dass beinah, der ganze Oberarm aus gelben, roten und blauen Färbungen bestehen würde, übertraf meinen Horizont. Damit Lina davon nicht mitbekam, zog ich den Ärmel des Bademantels wieder höher und schloss den Kragen fest aneinander. Zudem konnte ich mir vorstellen, wovon sie sprach, aber verlangte, es ausgesprochen zu hören. Wenn Lina ihn schon so selten traf, und, bis auf die Pferde, keine Gemeinsamkeiten zu haben schien mit ihm, dann war es etwas anderes, das sie verband.
      „Oh schön, dann hast du dich auch mit neuen Leuten unterhalten? Wahnsinnig toll, wie du dich in die Familie einfindest“, rollte ich ironisch mit den Augen. Das Spielchen konnte ich auch, obwohl ich deutlich lieber mit Menschen sprach, die ebenfalls ihre Gesichter gewillter waren zu teilen wie ich.
      “Ähhm, nicht so wirklich … ”, entgegnete sie kleinlaut als würde ihr erst jetzt die Erkenntnis kommen, auf was für eine Art von Veranstaltung wir gestern gewesen waren.
      “Aber mit wem hast du denn so geredet?”, versuchte sie von sich selbst abzulenken.
      „Von den meisten habe die Namen vergessen, aber auf jeden Fall mit dem Geburtstagskind, Niklas‘ Tante und noch paar Leuten aus deren Firma“, versuchte ich mit den Händen aufzuzählen, wer die Auserwählten waren.
      Erik kam mit warmen Waffeln an und stellte sie auf einem Brett in der Mitte des Tisches ab. Apfelmus und verschiedene Marmeladen standen bereits gedeckt da.
      „Vergiss Joanna nicht“, sagte dieser im Vorbeigehen und biss von einer ziemlich verbrannten Waffel ab, die er offenbar auf der Arbeitsfläche bereits inhalierte. Als der Name fiel, wurden Linas Augen plötzlich groß und sie spuckte ihren Tee beinahe wieder aus.
      “Die Joanna? Niklas' Ex?”, fragte die Brünette, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
      „Ja“, lachte Erik.
      Ich schüttelte mich, deswegen kam mir der Name bekannt vor. Damit hätte ich wohl rechnen müssen, aber nahm diese Tatsache mit deutlich mehr Fassung auf als Lina, die abermals nach der Tasse griff.
      „Offenbar, sie hat sich derartig nicht mir vorgestellt“, zuckte ich mit den Schultern.
      “Und worüber habt ihr so geredet?”, fragte Lina interessiert und lud sich etwas von den Waffeln auf ihren Teller.
      “Das hättest du vielleicht gewusst, wenn du auch da gewesen wärst”, drehte ich den Spieß um, nahm mir allerdings nur eine kleine Ecke vom Gebäck. Nebenbei untersuchte ich die Gläser mit ihren Nährwerten, entschloss mich zum Ende dazu, sie ohne etwas zu Essen.
      “Engelchen”, hauchte es von der Seite in mein Ohr, als die nächste Portion Waffeln bereits auf dem Tisch landete, “Niemand wird dich dafür verurteilen, wenn du mal ein paar Gramm mehr auf den Rippen hast.”
      Ich ignorierte Eriks Aussage, biss zumindest einmal von der Waffel ab. Sie schmeckte fabelhaft, aber durfte ich nicht viel mehr als diese Portion essen.
      “Du bist fies”, schmollte Lina und stopfte sich dafür mit Freude einen großen Bissen Waffel in den Mund.
      “Viel mehr hast du mir ebenfalls nicht berichtet”, spiegelte ich sie mit einem Schmollmund.
      “Aber das ist ja auch was anderes”, protestierte sie.
      “Das ist etwas anderes, ja?”, blieb ich hartnäckig. Nichts wollte ich so sehr, wie wissen, was die beiden getrieben haben. Oder wo? Egal, mich interessierte es. Je länger sie schwieg und ich über das Gespräch nachdachte, überlegte ich, was ich lieber wollte und da fiel es mir tatsächlich ein: wieder einmal ein richtiges Gespräch mit meiner Ablenkung. Er hatte sich dazu entschlossen, mich mehr oder weniger zu ignorieren, solang ich mit dem Treffen noch haderte, obwohl es besprochen war, dass es keine geben würde. Ehrlich gesagt wunderte es mich, denn er hatte es mir angeboten.
      “Ja, was mein Freund und ich miteinander tun, braucht auch nur ihn und mich interessieren”, erklärte sie wenig überzeugend und wand sich unglaublich ungeschickt um den Gebrauch gewisser Worte herum, “Ich frage euch ja auch nicht, was ihr im Schlafzimmer tut.” Kaum hatte sie angefangen zu sprechen, nahmen auch ihre Ohren wieder eine hübsche Rosa Farbe an.
      „Mehr weniger das übliche, hauptsächlich schlafen und mal kriecht ein Hund nach oben und möchte gestreichelt werden“, gab Erik verwundert zu bedenken und schnitt sich ein Stück seiner Waffel ab. Ich hingegen fühlte mich hin- und hergerissen, einerseits verstand ihren Einwand, andererseits ärgerte ich mich aufs Tiefste, dass sie so eigen war. Dass dann mein Freund auch noch den wunden Punkt traf, brachte das Fass zum Überlaufen.
      “Ok”, sagte ich mit derart abfälligem Ton, dass selbst er mich entgeistert anblickte. Nicht einmal die Hälfte hatte ich aufgegessen, da stand ich auf, schob sehr laut den Stuhl übers Holz und verschwand im Zimmer. So schnell ich konnte, zog ich mich um, schnappte mir noch meinen Lieblingspullover und lief zurück. Die Beiden aßen noch. Der Welpe tigerte im Kreis um den Tisch herum, während Trymr gespannt einen Vogel vor dem Fenster beobachtete, der von links nach rechts hüpfte.
      “War schön, dass du da warst”, versuchte ich freundlich zu bleiben, gab Erik einen flüchtigen Kuss auf die Wange und stürmte aus der Hütte heraus.

      Im Stall war es ebenso leer, wie an jedem Vormittag auch. Ich traf zwei Einsteller, die gerade ihre Pferde für einen Ausritt sattelten und Folke legte Enigma das Geschirr für den Sulky um. Mit gehobener Hand grüßte ich sie. Mein Weg führte mich weiter zur Sattelkammer. Vor tausenden Halftern stand ich beinah verloren, wusste nicht, welches der Tiere sich wohl für einen schnellen Ausritt am besten eignen würde. Selbst meine Liste war, schließlich hatten Lina und ich heute frei, also keine Aufgaben zu erledigen. Kurzfristig entschied ich mich für Humbria. Dafür nahm ich das lilafarbene Halfter vom Haken und stampfte eilig wieder die Treppe der Tribüne hinunter, direkt zum Stuten Paddock. Mit freundlich aufgestellten Ohren begrüßte mich das Pferd, folgte mir in den Stall, in dem ich sie sattelte und trenste. Am Tor wurde ich aufgehalten.
      “Vriska, warte, ich wollte dich nicht verärgern”, kam Lina angelaufen, dick eingepackt in gefühlte hundert Kleidungsschichten, sodass sie fast aussah wie ein Michelin Männchen.
      “Dafür ist jetzt auch zu spät, also genieß deinen freien Tag”, grinste ich ironisch und zog den Sattelgurt fest.
      “Was auch immer ich getan habe, es tut mir leid”, ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und platzierte sich vor der Stute.
      “Du solltest dir bewusst sein, dass man sich nur entschuldigen sollte, wenn man weiß, was man getan hat”, zuckte ich mit den Schultern. Ich versuchte Humbria an ihr vorbeizureiten, doch sie stand wie angewachsen am Boden.
      “Ich glaube zu wissen, was das Problem ist.”, entgegnete sie und warf einen umschweifenden Blick durch die Gasse, bevor sie ihre Ansprach mit gesenkter Stimme fortsetzte,” Na ja, wegen dem, was du wissen wolltest. Ich rede da nicht gerne drüber, weil …” Ihre Augen huschten, nervös durch die Gegend, bevor sie sich beschämt zu Boden senkten.
      “Weil ich habe das noch nicht so oft gemacht und dafür schäme ich mich”, druckste sie herum und ihr Fuß versuchte ein Loch in den Beton zu graben. Sie setzte noch zu einem weiteren Satz an, den ich geschickt unterbracht: “Lina, es geht nicht darum, dass du nicht darüber sprechen möchtest, sondern, wie du mir das mitgeteilt hast. Denkst du, ich möchte die bloßstellen vor Erik oder sonst jemanden? Mich nervt nur behandelt zu werden, als wäre ich eine Last für jemanden.”
      “Oh, das war nicht meine Absicht, dass du dich so fühlst. Tut mir leid”, antwortete sie betroffen und schien sich nun aus ganz anderen Gründen in Luft auflösen wollen.
      “Schon okay, ich frag dich auch nicht mehr”, grinste ich nur. Endlich wurde mir der Weg freigegeben und ich ritt im Schritt an ihr vorbei. Aufmerksam kaute die auf dem Gebiss. Entspannt konnte ich endlich abschalten. Es erleichterte mich auf eine gewisse Weise, dass das Thema so schnell geklärt werden konnte, aber umso mehr tat mir Erik leid, mit dem ich gerne noch weitere Stunden verbracht hätte.
      Die Wege waren in der Spur bereits sehr durchmischt vom Sand darunter, nur am Rande lag die Decke beinah unberührt. Es fiel mir schwer, so wie immer, mich der Situation zu übergeben. Aber zumindest kam ich gedanklich so weit, dass ich mich auf die Stute einstellte, an ihren Feinarbeiten übte und irgendwann an den Weiden ankam. Neugierig kamen die Hengste, auf der einen, und die Stuten, auf der anderen Seite, angerannt. Leise brummten die Tiere. Humbria musterte die durchwachsenen Herden. Bei den Stuten standen nicht nur die Anwärter, sondern auch Pferde, die eine Pause verdient hatten, oder die nächste Generation austrugen. Zur anderen Seite präsentierten sich die Hengste. Einige von Bruce Zuchthengsten hatten eine Winterpause, um vor der Saison noch einmal abzuschalten. Dementsprechend bunt wirken die Herden.
      Wann ich am Hof ankam, wusste ich nicht. Offenbar lag mein Handy noch in Eriks Auto, das bei meiner Rückkehr erstaunlicherweise noch immer vor der Hütte ruhte. Ich versuchte durch die Fenster etwas zu erkennen, aber mehr als die Spiegelung, war nicht zu sehen. Im Stall rannte mir Trymr entgegen.
      “Oh, du bist noch da”, freute ich mich und strich ihm über den Kopf, nach dem ich über den Po hinuntergerutscht bin. Er verstand mich nicht, aber der Herr in meiner Jogginghose umso besser.
      “Muss ich mir Sorgen machen? Geht die Welt erneut unter?”, scherzte ich mehr beiläufig. Humbria folgte mir bis zur Putzbucht, die bereits besetzt war. Ein mir bestens bekanntes Pony stand mit angewinkeltem Bein vor mir. Die dunkele Stute, am Zügel, streckte das Maul in die Richtung der anderen, wurde allerdings durch ein böswilliges Schnappen verscheucht.
      “Die ist nun mal so”, erklärte ich nun auch Humbria, nach dem Lubi es schon mehrfach zu spüren bekam.
      “Ich helfe dir”, huschte Lina aus dem Nirgendwo zu mir und hatte so schnell die Zügel in ihrer Hand, dass ich gar nicht eine Antwort finden konnte. Plötzlich stand ich allein mit Erik und Maxou da, immer noch verwirrt. Mein Herz schlug verrückt bis hinauf in den Hals, als würde es dort feststecken. Es kratzte und schnürte mir die Luft ab.
      „Du weißt, dass du mir nicht entkommst“, kam Erik endlich näher an mich heran und grinste mich so überzeugt an, dass ich nicht anders konnte, als es zu erwidert.
      „Scheint so zu sein“, antwortete ich.
      Da Maxou ebenso gekleidet war, wie am vorherigen Tag, wenn auch mit einer rosafarbenen, glitzernden Schabracke, die ich mir nicht genau erklären konnte, verstand ich die Aussage dahinter. Also nahm ich das Halfter ab, das über dem Zaum die Stute an Ort und Stelle verharren ließ, und führte sie zur Reithalle. Der Hund folgte mir.
      „Wo ist eigentlich der Kleine?“, fragte ich, als ich sein Fehlen bemerkte.
      „Der ist hochgelaufen, zu Harlen schätze ich“, gab Erik zu verstehen.
      Um das Pony die Einheit so erträglich wie möglich zu gestalten, begann ich die Arbeit wie immer. Wir liefen mehrere Runden auf der ganz großen Bahn, dann nahm ich die Zügel in Höhe des Widerristes auf, um sie mehr zu versammeln und gleichzeitig jenen zu mobilisieren. Je elastischer sie dort wurde, umso intensiver konnte ich auch an die Schulter heran. Ungewöhnlich schnell fand ich mich in diese Situation ein und erfreute mich an jeden richtigen Schritt, während ich die Fehler ignorierte. Nach guten zehn Minuten liefen wir in die Mitte. Dort zog ich den Gurt drei Löcher fester und stieg auf. Sie warf einmal den Kopf nach oben, aber ein sanftes Klopfen am Hals beruhigte das Tier wieder. Plötzlich erschien es mir, dass der gestrige Ritt ein guter Anfang gewesen war, um die Stute besser kennenzulernen und die Angst zu verlieren, sie zu verletzen.
      Wir kamen besser klar als ich dachte. Im Laufe der Zeit fühlte sich die Reithalle und selbst da blieben Maxou's Ohren stets bei mir. Wenn ihr ein Pferd zu nah kam, schlug sie mehrmals mit dem Schweif, aber reagierte weiterhin auf meine Hilfen im Sattel. Es war, anders als auf Lubi, nicht nur dem Größenverhältnis geschuldet. Mit kleineren Schritten setzte die helle Stute ihre Hufe in den Sand, ebenso zart wie der Riese, aber wirkte dennoch hektischer, auf eine gewisse Weise gestresst. Ich redete ruhig auf sie ein, allerdings so leise, dass es sonst keiner hören würde. So waren mir Gespräche mit dem Tier immer unangenehme Angelegenheit, obwohl selbst Tyrell seiner lebhaften Fuchsstute das ganze Hofgeschehen mitteilte.
      „Alles guuuut“, murmelte ich, als er abermals an uns vorbeitrabte. Maxou fiel aus der Versammlung heraus und streckte dabei ihren Kopf in Richtung Brust, obwohl ich die Zügel nur mit sehr wenig Kontakt in den Händen hielt. Selbst überstreichen änderte nichts daran. Ich wiederholte noch öfter das Vorbeireiten, bis Maxou sich nicht mehr in ihrem Schneckenhaus versteckte und sprang aus dem Sattel. Sie kaute und bekam von mir eine kräftige Streicheleinheit. Aus meiner Jackentasche kramte ich noch ein Leckerli, dass mit ihrer Oberlippe von der Handfläche fummelte.
      “Das sieht gar nicht so schlecht aus, was du da mit dem Pony veranstaltest”, erklang Linas sanfte Stimme, die nach einer Weile am Rand aufgetaucht war, um uns zuzusehen. Kaum hatte ich mich von der Stute weggedreht, legte sie wieder ihren Kopf auf mir ab und stupste mich grob am Ohr an. Erst als ich die Hand langsam zwischen Nüstern massierte, hörte sie auf und verlagerte noch mehr Gewicht auf mir.
      “Danke?”, fragte ich vielmehr, als es dankend anzunehmen. Hatte sie etwas anderes erwartet, oder wieder eine ungeschickte Wortwahl?
      “Ja, das sollte ein Kompliment sein, Vriska. Das sieht wirklich gut aus”, führte sie weiter aus und versuchte damit die schlecht gewählten Worte zu revidieren.
      “Okay, dann danke”, lächelte ich friedfertig. Maxou hing weiter auf meiner Schulter, wollte unter keinen Umständen diesen Platz verlassen. Auch, als ich langsam mit meiner Hand wedelte, um sie vorwärtszutreiben, bewegte sich nichts an ihr.
      “Offensichtlich findet Maxou dich ziemlich bequem”, lächelte Lina, “aber irgendwie ist das niedlich.”
      “Aber ich kann nicht den ganzen Tag hier herumstehen”, merkte ich an und versuchte mich, abermals von dem Pony zu lösen. Doch sie war eingedöst. Eins ihrer Hinterbeine stand angewinkelt im Sand und die Augen waren geschlossen. Es schien unausweislich, hier die nächste Zeit zu stehen. Selbst Tyrell schüttelte nur amüsiert den Kopf, als er neben uns abstieg, wovon es nichts mitbekam. Andere hatten auch die Halle verlassen, wodurch wir allein in diesem riesigen Raum standen. Und kalt wurde es auch.
      “Dann musst du dein Pony wohl wecken”, stellte sie das offensichtliche fest, “Brauchst du Hilfe?”
      Ich nickte. Folgeleisten kam sie die Stufen der Tribüne hinunter und trat durch das Tor auf die Sandfläche.
      “Maxou, aufwachen”, sprach sie das goldglänzende Pony an. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keinerlei Reaktion von dem schlummernden Tier. Als sie ganz an uns herangetreten war, stupste sie das Pferd vorsichtig an.
      “Oh, es wird wach”, verkündete Lina erfreut und ich konnte spüren, wie die Last auf meiner Schulter allmählich weniger wurde. Sie erhob sich langsam, kaute und schleckte dabei am Maul entlang. Nach einem Schnaufen stand Maxou schließlich wach neben uns, aber in ihren Augen sah man noch immer die Müdigkeit.
      “Ich bringe sie weg, danke”, sagte ich zur Lina und führte das Pony weg.
      In der Gasse kam dann auch Erik dazu. Zusammen sattelten wir die Stute ab, legten die Decken auf sie und schon durfte sie zurück in die Boxen. Offensichtlich hatte Lina ihr bereits frische Heulage hingelegt und sogar ihre Futtermischung in den Trog gefüllt. Sehr zuvorkommend.

      Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was man einem freien Tag so anstellte. Wir saßen wieder in der Hütte. Erik hatte den Fernseher angestellt und ich lag in seinen Armen, während Lina auf dem Sessel neben uns saß und ein Buch las. Tweet Cute stand auf dem Hardcover in zwei Sprechblasen auf türkisen Grund und roten Verzierungen. Es wirkte interessant, ihrem Gesicht zufolge, denn sie schien sich vollkommen darin verloren zu haben. Eine Hand klammerte am Buch, während die andere Strähnen drehte und den Arm abgestützt auf der Lehne, sitzend auf den Füßen. Auf dem Bildschirm dudelte irgendein Film, En runda till auf dänischer Originalverfilmung, was Erik ziemlich wichtig war und schwedischen Untertiteln. Somit verstand ich noch weniger, aber hatte damit immerhin die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Trymr lag auf dem Boden und wedelte immer wieder mit dem Schwanz, wenn ich zu ihm hinuntersah, nur Welpi fehlte, denn er wollte lieber bei meinem Bruder im Büro liegen. Dort gab ich ihn immer bei der Arbeit ab.
      Mein Handy vibrierte, das Erik mir von der Rückbank geholt hatte. Eifrig griff ich in meine Hosentasche.
      Niklas.
      Unsicher schielte ich zu meinem Freund, der allerdings nur nach vorn blickte und diesen nicht abwandte, als mich aufrichtete.
      “Ist Lina bei dir?”, erfassten meine Augen.
      “Ja”, tippte ich. Die Punkte schwebten auf. Eine Antwort.
      “Nah?”
      “Nein”, schon, dass dieses Gespräch derartig begann, verhieß nichts Gutes. Trotzdem warte ich weiter vor dem geöffneten Chat. In meinem Herz spürte ich den aufgeregten Herzschlag, drückte mir einen Moment die Luft weg, bis eine weitere Nachricht auftauchte.
      “Ich wollte dich eigentlich gestern fragen, aber, ich musste anderen Aufgaben nachkommen. Davon weißt du bestimmt schon”, ich drehte für einen Moment die Augen nach oben und seufzte, “was war mit Eskil los? Er wirkte vollkommen aufgelöst am Hof und wollte nicht mit mir sprechen.”
      “Dazu kann ich dir auch nicht viel sagen. Er war plötzlich verschwunden”, schrieb ich wahrheitsgemäß und legte dann das Handy weg. Doch im selben Augenblick verlangte es wieder nach mir. Aber es war mir auf eine gewisse Weise egal. Ich hatte anderes erwartet, kein Lächerlichkeit, die er mit jemand anderes klären könnte. Aber es stoppte nicht.
      “Alles in Ordnung?”, wurde Erik nun auch aufmerksam und rutscht etwas höher, um wieder eine bequeme Position zu haben.
      “Ja”, antwortete ich nur.
      “Wer ist denn das?”, fragte er neugierig.
      Ohne kurz zu überlegen, sagte ich: „Der komische Typ, der sich mit mir treffen will.“
      Da sah auch Lina auf. Sie legte das zur Seite auf die Lehne und richtete ebenfalls die Position.
      “Ich denke nicht”, gab Erik zu bedenken.
      “Okay, dann Eskil”, versuchte ich die nächste Person zu finden, die mir einfiel.
      “Du weißt schon, dass sich das nicht einfach spontan ändert?”, versuchte er mir offenbar die Wahrheit zu entlocken. Ihm fiel zu schnell auf, welche Aussagen echt waren. Zumindest machte er seine Arbeit gut.
      “Sind mehrere und einer davon Eskil, deshalb”, verstrickte ich mich immer tiefer, sodass auch Lina skeptisch wurde. Ohne zu fragen, griff er das Handy von der Couch und sah natürlich den Chatverlauf mit Niklas. Zum Glück hatte ich die ganz alten Nachrichten gelöscht und nur die von dem Moment, sollten da sein. Die neusten Benachrichtigungen waren von Instagram. Wieder waren Leute, die auf mein Profil gestoßen waren, der Meinung, alles durchliken zu müssen. Dass ich überhaupt eine Benachrichtigung bekam, wunderte mich deutlich mehr.
      “Sende ihm schöne Grüße von mir”, grinste Erik und gab es mir zurück. Meine Augen huschten über die neusten Nachrichten: “Ich vermisse ihn. Ich weiß nicht, wieso. Irgendwie war es seltsam mit Lina. Hilf mir bitte, wie auch immer. Ach egal.”
      Der Kerl tat mir unglaublich leid. Er wirkte auf einmal so zerbrechlich, als hätte man ihm das Wertvollste im Leben geraubt. Aber ich hatte mich nie als Vermittlerin zur Verfügung gestellt.
      Lina warf mir einen fragwürdigen Blick zu, aber nahm sich wieder ihr Buch, um weiterzulesen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 24.527 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
      Fohlenbericht fünf von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel nitton | 04. Juni 2022

      Snotra / Lubumbashi / Maxou / Glymur / Moonwalker LDS / Planetenfrost LDS / Wunderkind / Harlem Shake LDS / Waschprogramm / Form Follows Function LDS / Satz des Pythagoras/ Lu’lu’a / HMJ Holy / Sturmglokke LDS / Enigma LDS / Millennial LDS
      Einheitssprache / Caja / HMJ Divine / Legolas / Ready for Life / Benjamin


      Vriska
      “Du wolltest doch nur schnell deine Haare neu machen”, jammerte Lina hinter der geschlossenen Badtür.
      “Jaha, ich bin doch gleich so weit”, rief ich langgezogen, mit dem Blick auf mein Handy gerichtet. Beinah sekündlich aktualisierte ich die Instagram Startseite und beobachtete, die Zahl neben dem kleinen Herz, das aufleuchtete, stieg. Wir hatten Tyrell von dem kleinen nächtlichen Ritt in der Halle erzählt und er wollte sich am gestrigen Tag selbst davon überzeugen, nur hatte ich dieses Mal den Sattel auf die Stute gelegt. Seiner Begeisterung über meine Leistung folgte der Einsatz der Kamera. Die Ergebnisse waren großartig, landeten deshalb nicht nur auf der Seite vom Gestüt, sondern auch auf meiner. Und was soll ich sagen? Niklas war hoch im Rennen, sich positiv darüber auszusprechen. Selbst Lina, die es sonst kritisch sah, dass ihr Freund Sympathie für mich hegte, freute sich daran.
      Deshalb saß ich auf dem geschlossenen Deckel der Toilette und wollte nicht zur Teambesprechung. Wollen, war eventuell der falsche Ausdruck, denn ich fand keine Motivation durch den angetauten Schnee wieder zurückzulaufen. Wir hatten schon einiges geschafft. Lina machte große Fortschritte im Umgang mit Rambi und ich war mit Snotra ausreiten, die einen anderen Sattelgurt benötigte. Dieser wurde zunehmend zu kurz. Lina scherzte bereits, dass Glymur mehr Erfolg hatte, als vermutet, doch ich bezweifelte es. Dafür war die Zeit zu kurz auf der Weide gewesen. Aber was wusste ich schon.
      “Ich schneide sie dir ab, wenn du jetzt nicht kommst”, ermahnte sie mich noch einmal und nun öffnete ich doch die Tür. Sie stürmte sofort hinein.
      Einen Moment später patschten wir durch den Matsch auf den Wegen zur Halle. Am Himmel zogen kleine Wolken vorbei, der ansonsten verdächtig blau leuchtete. Ein vereinzelter Vogel kreiste über den Bäumen. Der Hof lag still, getaucht in einer wässrigen Decke und umschlossen von Ästen. Alles wie immer, es war ein typischer Montag.
      Im warmen Raum der Mitarbeiter saßen wir als Erstes an unseren Plätzen. Folke trafen wir noch mit Dustin in der Stallgasse und mein Bruder verbrachte womöglich mit Jonina, die sich beide außergewöhnlich nahe standen seit dem Geburtstag. Ich beäugte die Beziehung kritisch, aber äußerste mich nicht dazu.
      „Oh, ihr seid da“, sagte Tyrell und klatschte erfreut die Hände zusammen. Dann begann er mit einer ganz simplen Sache: Neue Berittpferde.
      „Lina, bist du bereit, dich einer Herausforderung zu stellen? Caja ist nicht ganz einfach, schrieb man mir im Voraus und schickte anbei einige Videos“, erzählte er eher, als dass es eine Frage darstellte.
      “Wie darf man ‘nicht ganz einfach’ verstehen?”, hinterfrage Lina mit zusammengezogenen Augenbrauen. Ihr schien bereits klar zu sein, dass es bei solch einer Ankündigung nicht nur um eine einfache Lappalie handeln konnte.
      „Fuchs mit großer Blesse?“, fragte ich verwirrt. Das Pferd war nur bedingt unbekannt in der Region, primär in meinem Umfeld.
      „Ja?“, schloss er sich unserer Stimmung an.
      „Ich habe Gerüchte gehört“, grinste ich teuflisch, als hätte ich mir insgeheim bereit gewünscht, dass etwas daran wahr war. „In Spanien soll Mika schwer mit ihr gestürzt sein beim Vortraining und seitdem kommt keiner mehr an sie heran.“
      „Fast. Der Hauptgrund sind wohl Männer, denen sie nicht mehr vertraut und ihr Besitzer möchte ihr nun ein besseres Zuhause schenken“, erläuterte Tyrell weiter. Linas Augen wurden größer.
      „Aber du schaffst das. Wir haben so viel Zeit wie nötig ist, bekommen, also Stress dich nicht“, blieb er zuversichtlich. Cash reihte sich damit in eine lange Liste von schwierigen Pferden ein, die wir am häufigsten am Gestüt hatten. Vermutlich sprach sich herum, dass wir es eine gute Adresse dafür waren.
      “Wenn du das sagst”, entgegnet meine Kollegin, die noch nicht so ganz überzeugt schien, dieser Aufgabe wirklich gewachsen zu sein, aber auch nicht zu widersprechen wagte.
      „Wenn nicht, kann das bestimmt auch Mateo machen“, sprach er weiter, „ach ja, ihr wisst das noch gar nicht. Diesen sammeln wir in Kiel auf. Mit euch wird er dort die Woche verbringen und macht dann im Anschluss bei uns seinen Bereiter und Trainerschein. Vielleicht möchte er auch bleiben, das hat er sich noch nicht überlegt.“
      Oh, jemand Neues im Team? Das klang interessant. Tyrell hatte ein gutes Gespür dafür, wer zu uns passte und wer nicht. Deshalb bereitete die mir Tatsache keine Bedenken.
      „Und eine Praktikantin bekommen wir auch, aber die wird bei Bruce im Stall sein. Mal schauen, es gibt noch weitere Anfragen für alles Mögliche, jedoch sind so gut unsere Zahlen auch nicht, dass wir jeden und alles einstellen können, vor allem, wenn jeder seine Pferde mitbringt“, dabei blickte er uns beide an, aber begann dann zu lachen.
      “Ach, die zwei Ponys fallen doch gar nicht auf, die futtern auch nur ganz wenig”, scherzte Lina, wohl wissend, dass allein Ivy schon das Doppelte an dem verspeiste, was Maxou zu sich nahm.
      „Natürlich, es sind Shetlandponys“, beschwichtigte Tyrell, „aber noch etwas anderes. Ich bitte euch nicht jedes Pferd in Kiel zu kaufen.“ Seine Augen schielten mehr zu mir als zu Lina.
      „Aber eigentlich staune ich ohnehin, dass du jetzt erst eins hast“, fügte er hinzu.
      „Wirklich?“, hakte ich nach.
      „Wenn du könntest, wäre der Stall voll. Zu gleichen Teilen muss das Pferd aber auch für dein Verständnis perfekt sein.“ Ein belustigtes Lächeln umspielte seine Lippen.
      „So groß sind meine Ansprüche nicht, nur wusste ich bisher nicht, in welche Richtung es gehen sollte. Kein Fuchs, kein Kerl und eigentlich Isländer, doch das ist jetzt durch“, zählte ich die kleinen Feinheiten auf.
      „Aber sowohl Glymur als auch Capi zählen doch zur Gattung Kerl?“, traf Tyrell ins Schwarze.
      „Ja, aber die gehören nicht mir. Es geht vielmehr um das drumherum“, versuchte ich nicht vorhandene Gründe der Geschlechterwahl zu finden.
      „Welches Drumherum? Hier ist Hengsthaltung doch gar kein Problem und Wallach werden meistens bevorzugt.“
      „Schon, aber woher soll ich wissen, wie lange ihr mich ertragt und halbe Kerle sind so langweilig. Außerdem will ich die nicht so intim waschen“, lachte ich.
      “Also, dass man Wallache langweilig findet, kann ich noch verstehen, aber Intimpflege, ernsthaft? Eine wirklich seltsame Begründung”, schmunzelte Lina.
      „Das interessiert mich jetzt, aber auch sonst bist du doch recht offen, was männliche Intimzonen betrifft“, musste Tyrell natürlich noch eine Schippe drauflegen. Ich schloss verzweifelt die Augen und versteckte die ansteigende Röte meiner Wangen hinter meinen Händen. Natürlich hatte er mehr von Harlen erfahren, ansonsten – denken wir besser nicht darüber nach.
      „Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Obendrein finde ich es einfach eklig, okay? Ich möchte nicht mit meinen Händen in dem Bereich an einem Pferd fummeln“, gab ich ihnen meinen Grund dafür mit kratziger Stimme.
      “Ist ja okay”, grinste Lina, “dann hoffe ich mal für dich, dass dir nicht doch mal eines Tages ein Hengst zuläuft.”
      „Das wird nicht passieren“, blieb ich überzeugt, dass nichts im Leben etwas daran ändern könnte. Es gab so viele Pferde, da würde ich eine andere Möglichkeit finden.
      „Spannend“, blieb Tyrell ebenfalls behaglich, „die Größe scheint doch sonst eher in deinem Blick zu sein.“
      Die Röte intensivierte sich.
      „Tyrell! Das sind Pferde“, versuchte ich an seinen verlorenen Verstand zu appellieren.
      “Gibt es, außer diese Sache sonst noch etwas zu besprechen?”, startete Lina, ein feistes Grinsen auf den Lippen, einen Versuch wieder die essenziellen Dinge zu thematisiert und mich damit aus der seltsamen Situation zu befreien. Zum Glück hakte sie nicht weiter nach, vorher seine wirren Behauptungen stammten. Erleichtert atmete ich aus.
      „Tatsächlich, ja“, sagte Tyrell. „Ihr könntet Divine und Legolas heute mal in die Herde packen und dann schauen, wie die beiden sich machen. Irgendwer von den beiden hat die Selbsttränken beschädigt, deswegen steht dort der Eimer.“
      “Okay, cool. Ich hoffe nur, dass mein Spielkind noch nichts überflutet hat”, kommentierte sie.
      “Leider muss ich dich enttäuschen, noch bevor ihr im Stall wart, haben Folke und ich alles getrocknet. Aber alles gut. Kommt vor”, zuckte unser Chef, wenn er das überhaupt noch war, mit Harlen als Geschäftsführer, mit seinen Schultern.
      Sonst stand nichts mehr an und wir bewegten uns nacheinander aus dem Raum heraus. Im Flur kam uns aufgeregt, der junge Hund entgegen, als er unsere Stimmen hörte. Freudestrahlend bewegte sich sein Schwanz, ehe er sich vor unseren Füßen auf den Boden warf. Wir knieten uns hin, um dem Tier einen Augenblick der Aufmerksamkeit zu schenken, doch mussten dann schon weiter. Die Halfter hingen ohnehin an der Box, wodurch wir geradewegs weiterkonnten.
      “Hallo”, begrüßte Lina ihren hellen Hengst spielerisch und war direkt verloren. Noch einige Male versuchte ich eine Antwort auf meine Frage zu bekommen – vergeblich. Damit wir hier keine Ewigkeit verbrachten, legte ich dem Rappen sein blaues Halfter um, das schon bessere Zeiten gesehen hatte.
      “Also, wann kommt Samu endlich wieder?”, nahm ich einen letzten Anlauf, als ich kurz den Paddock standen und die darin befindenden Pferde interessiert ans Gatter kamen. Leise brummten sich die Tiere an, quietschten und verteilten sich wieder vereinzelnd.
      “Mittwoch kommt er definitiv und wenn es zeitlich passt, wollte er vielleicht heute noch kurz hereinschauen”, antworte sie fröhlich.
      “Oh toll, ist da etwas Besonderes?”, fragte ich.
      Lego rieb seinen Kopf an meiner Schulter, bekam einen Klaps, aber ignorierte diesen konsequent. Immer wieder schob ich ihn zur Seite, bis Lina ihm kurz in die Schranken weißte. Der Hengst spitzte die Ohren und gehorchte ihr.
      “Nicht, dass ich wüsste, aber es wäre nicht ausgeschlossen, dass der schon wieder mit irgendwelchen Überraschungen ankommt”, entgegnet sie frohen Mutes, während sie beiläufig die Haarpracht des Freibergers ein wenig ordnete, obwohl dies vermutlich ohnehin gleich wieder durchgewirbelt werden würde.
      “Als hättest du eine Vermutung”, nickte ich verstehend, zumindest versuchte ich es. Die Beiden waren mir ein Rätsel, aber ich finde sie so niedlich zusammen.
      Aber zunächst mussten die Pferde auf dem Paddock. Deswegen öffnete ich am Griff die Litze. Nacheinander führten wir die Hengste hinein, lösten die Stricke und schon bewegten sie sich zu den anderen. Dominant trabte Rambi aus der Gruppe heraus, um ihnen gegenüber dem Mann zu stehen. Er scheuchte die Beiden herum, aber als Benjamin dazu kam, wurde die Gruppe ruhiger.
      “Ja, Intuition”, lächelte sie, “aber ist mir eigentlich auch egal, Hauptsache, er lässt sich gelegentlich hier blicken.”
      “Er ist auch ein Sahnestückchen. Das schaut man gern an”, sprach ich meinen Gedanken aus, ohne die Augen von den Hengsten zu lösen. Lego hatte sich zwischen zwei anderen Warmblütern begeben und zupfte an dem Heu.
      “Na, lass das mal nicht deinen Freund hören”, feixte sie, “aber Unrecht hast du nicht.”
      “Mein Freund will, dass ich mich mit einem Typen treffe, den ich nicht kenne, nur damit ich mit dem Schlafe, anstelle dass er es tut, also bitte”, wurde ich zum Ende leiser. Ein Hauch von Enttäuschung schwang mit, denn eigentlich wollte ich den Satz eher als Scherz klingen lassen, doch alles daran entsprach der Wahrheit. Den Moment nutzte ich, um mein Telefon zu prüfen, stille. Nicht einmal Instagram unterbreitete mir eine erfreuliche Nachricht, einzig die Uhrzeit und das heutige Datum leuchtete mich an. Dennoch lächelte ich. Obwohl ich beschlossen hatte, meinem Sperrbildschirm wieder eine normale Optik zu verpassen, zeichnete sich dort noch immer besagtes erstes Bild, das mir gesendet wurde. Ich mochte es, nicht nur aus emotionaler Sicht, sondern auch aus ästhetischer.
      “Wie oft hast du schon an Samu gedacht, also aus anderen Gründen?”, fragte ich noch nach, als das Handy wieder in der Jackentasche verschwand.
      “Ich fürchte, eine genaue Anzahl ist schwer zu ermitteln”, scherzte sie, “aber oft, gerade in der hochpupertären Phase, wie du dir vielleicht vorstellen kannst.”
      Versichert huschten meine Augen von links nach rechts, während meine Zähne die Unterlippe hindurchzogen. Kein Thema war so schwierig in meinem Leben wie diese, doch sie konnte das nicht wissen.
      “Von meinen Freunden weiß ich das, ja. Ansonsten habe ich davon einiges Übersprungen und verpasst”, gab ich zu. Aus Serien und Büchern wurde mir das Thema Jugendliebe auch schon nähergebracht, grundlegend nichts, worauf ich neidisch war.
      “Oh, entschuldige, ich wusste nicht, dass das so ein sensibles Thema für dich ist. Aber ich kann dir sagen, es ist keine Lebensphase, die ich gerne wiederholen würde”, setzte sie beschwichtigend nach.
      “Kann ich mir vorstellen”, nickte ich, “aber du und Samu? Grandiose Vorstellung.” Ein freches Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Vermutlich wäre sie auch deutlich glücklicher mit ihm als mit Niklas, aber das hatte ich nicht zu beurteilen.
      “Findest du? Ich weiß ja nicht so recht”, antwortete sie argwöhnend, schien aber dennoch über meine Worte nachzudenken. Ihr Blick blieb bei ihrem Hengst, der noch immer von ihrem anderen Schützling über den Paddock gescheucht wurde. Keine Bisse, keine Tritte, also hielten sich die Rangdiskussionen noch im Rahmen. So färbte sich aber das saubere helle Fell, immer mehr zu einem Leoparden.
      “Willst du jetzt hören, wie schön eure Kinder aussehen könnten?”, begann ich zu lachen.
      “Ach, jetzt sind wir schon bei Kindern”, amüsiert funkelte es in ihren Augen, “Offenbar hast du genauere Vorstellung über mein Leben als ich selbst.”
      “Natürlich. Grund eins: Hast du dich mal richtig angeschaut? Du bist niedlich. Grund zwei: Dein Leben ist so viel interessanter als meins, deswegen mache ich mir Gedanken, um äußerst seltsame Dinge”, baute ich die Diskussion aus. Sie konnte nicht direkt einordnen, was ich meinte, aber nickte einmal sehr lang, als es im Kopf ankam.
      “Ich habe ja bereits vieles gehört, was ich sein soll, aber niedlich war selten dabei, aber danke”, lächelte sie geschmeichelt, “Aber was ist an meinem Leben dann so viel spannender? Es kommt mir nicht so vor als würde bei dir so wenig passieren.” Sie klang wirklich interessiert an meinem Gedankengang, auch wenn sie stets die Tiere im Auge behielt. Immerhin arbeiteten wir, während die nette Unterhaltung geführt wurde. Viel stand heute ohnehin nicht auf dem Plan.
      “Meine Wortwahl war interessanter und nicht weniger. Dennoch ist es ziemlich einfach, weil es bei dir so geregelter wirkte, bisher und die Erzählungen von deinem Umfeld immer so mitreißend ist”, erläuterte ich.
      “Wenn das so interessant ist, sollte ich vielleicht schon einmal an meiner Biografie arbeiten”, scherzte sie, “Aber Danke für das Kompliment?” Irritiert schielte sie kurz zu mir hinüber, bevor die felligen Vierbeiner wieder die Aufmerksamkeit bekamen.
      „Ich war ein Jahr im Literaturkurs, das könnte helfen“, offerierte ich.
      “Nette Angebot, aber ich glaube, das ist ziemlich viel Aufwand dafür, dass es vermutlich nur dich interessiert”, lächelte sie sanft.
      „Ach, Niklas sollte dafür auch sehr zu haben sein und der kann vermutlich die komplette erste Auflage kaufen“, bemerkte ich beiläufig und verfiel wieder darin, dass ihr bester Freund offenbar auch ihre Jugendliebe darstellte. Romantische Vorstellung, wie ich feststellte und meine womöglich erste und einzige Liebe als kribbelndes Gefühl unter der Haut spürte. Natürlich, Erik war großartig und ich wollte auf eine gewisse Art und Weise für immer bei ihm sein, aber er war nicht … Ich gab mir einen kleinen Klaps auf die Wange, um den Blick wieder für die Tiere zu haben und davon abzukommen. Der Schmerz war stets präsent, aber versteckt, wie chronische Kopfschmerzen.
      “Ich glaube, so funktioniert das nicht, wenn man halbwegs erfolgreich sein wollen würde”, sprach sie grüblerisch und gerade die letzten Worte klangen eher als sei es eher ein hypothetisches Gedankenspiel als eine ernsthafte Überlegung.

      Nach einer weiteren verstrichenen halben Stunde setzten wir uns wieder in Bewegung. Lina nahm sich ihrem Schützling Rambi an, während ich in der Sattelkammer saß und klägliche Aufgaben wie Sattelzeugpflege verrichtete. Eine Trense nach dem anderen nahm ich auseinander, fettete sie ein und baute alle Einzelteile wieder zusammen. Bereits nach der Vierten verlor ich die Lust daran, obwohl noch mehr als zwanzig Stück vor mir lagen.
      „Du bist aber fleißig“, sagte Tyrell und legte den Sattel zurück auf seinen Platz. Seine Schritte hatte ich bereits vernommen, aber man hörte andauernd welche. Selbst über mir knarrte es unregelmäßig.
      „Offensichtlich“, murmelte ich nur. Dabei schloss ich das Reithalfter wieder am Genickstück an.
      „Das war vorhin Spaß“, kam er sofort auf das Thema zu sprechen, was immer wieder in meinem Kopf aufblickte, als wäre es der nervige Wecker am Morgen, der alle neun Minuten ans Aufstehen erinnerte.
      „Freut mich, dass es dir Spaß bereitete“, drehte ich mich zu ihm, mit einem aufgesetzten Lächeln. Widmete mich im Anschluss wieder der Trense, die an ihren Platz zurückkam.
      „Eigentlich wollte ich noch etwas anderes ansprechen“, setzte sich Tyrell mit ernstem Blick neben mich. Wachsam spitzte ich meine Ohren. Die Finger fummelten eine weitere Trense auseinander, aber meine Augen sagen gespannt in seine Richtung.
      „Folke und Hedda werden zurückgehen nach Kalmar, auch Holy lassen sie hier und ich überlege, die Traber nach und nach zu verkaufen“, sagte er mit einem Seufzer. An den Tieren lag ihm viel, umso schwerer wirkte die Entscheidung.
      „Und, was soll ich nun tun?“, versuchte ich mehr in Erfahrung zu bringen.
      „Wäre es möglich, dass du wieder fährst?“, kam er zum Punkt.
      Nein, sagte ich in Gedanken, aber meine Lippen blieben geschlossen. Neben dem harten Training mit Lubi und der anderen Pferde nun auch noch, die Traber in Form zu halten, überstieg deutlich meine Leistungen. Außerdem kam ich selbst kaum auf das nötige Gewicht, wodurch die Rennen für mich nichts sein würden.
      „Es ist in Ordnung, wenn du nicht möchtest. Aber ich würde deine Hilfe benötigen bei der Suche nach jemand Neues“, wartete Tyrell nicht einmal auf meine Antwort.
      „Keine Ahnung, wie ich dir dabei eine Hilfe sein soll, aber ja“, stimmte ich nickend zu, „ich kann auch erst mal, zumindest hier, die Pferde fahren, aber rennen werde ich nicht nennen.“
      Er nickte.
      „Was passiert mit Holy und dem Fohlen?“, kam mir umgehend die Plüschkugel in den Kopf.
      „Die werden wir übernehmen, aber später dann schauen, ob wir sie behalten. Für die Reitschule könnte sie schwierig werden“, erklärte Tyrell. Sprach er von der Reitschule, die bisher nur Ausrede für Pferde war, die er kaufte und keine Notwendigkeit hatten? Gerade mal zwei Reitschüler kamen in der Woche, nichts Nennenswertes für einen weiteren Ausbau.
      „Okay“, nickte ich. Tyrell verließ den Raum und ich widmete mich wieder den Trensen. Aktuell schien sich alles zu ändern. Es kamen immer mehr neue Menschen und im selben Zuge verließen uns andere. Dass es innerhalb weniger Monate derartig viele Veränderungen geben würde, hätte ich nicht denken können. Immer mehr verfiel ich wieder in meinen Trott aus schlechten Gedanken, aber versuchte mich mit den Trensen abzulenken.
      „Die Leute lieben dich“, hörte ich hallend im Flur vor der Sattelkammer. Harlen unterstrich seine Freunde mit seinem Handy hoch in Luft gereckt. Er hatte wohl auch von den Bildern mitbekommen und gesellte sich zu mir.
      „Scheint so“, antwortete ich abwesend, ohne das Zaum aus der Hand zu legen. Den Blick behielt ich ebenfalls daran, um wirklich jede noch so kleine Verschmutzung zu entfernen. Nur noch fünf Stück lagen vor mir.
      „Was ist los?“, fragte er ernst.
      „Nichts.“
      „Für ‚nichts‘ bist du ziemlich seltsam und in dich gekehrt“, merkte Harlen an. Womöglich wieder eine seiner brüderlichen Instinkte, die ihn dazu anstifteten, hartnäckig zu bleiben.
      „Alles wie immer“, konnte ich mich nicht auf ein tiefgründiges Gespräch über meine Gefühle einlassen. In seinem Kopf ratterte es. Seine Hand fuhr durch das nach oben gegeltem Haar und richtete er sich auf.
      „Wir haben mitgeteilt bekommen, welche Pferde ihr in Kiel betreut“, wechselte Harlen gekonnt, das Thema.
      „Cool“, blieb ich desinteressiert. Kiel lag emotional noch so weit entfernt, dass ich darüber noch gar nicht nachdenken konnte. Letztlich war es nur arbeiten an einem anderen Ort, mit weniger Freiheiten.
      „Vivi, könntest du bitte mehr Interesse zeigen?“, appellierte er, aber kam damit nicht wirklich bei mir durch. Die nächste Trense baute ich nach dem Einfetten wieder zusammen. Ich stand auf und hängte sie zurück an ihren Platz. Es müsste jene sein, die wir an Götterdämmerungen verwendeten, zumindest nahm ich sie.
      „Okay, Harlen. Wenn du mich dann in Ruhe lässt, rede ich mit dir darüber“, gab ich schließlich nach. Er verhinderte, dass ich mit der nächsten Trense fortsetzen konnte.
      Zustimmend nickte er.
      „Tyrell musste mal wieder alte Wunden aufreißen, du verheimlichst mir Dinge und ich weiß nicht, wofür mein Herz schlägt“, ratterte ich im Akkord herunter.
      „Du hast recht“, seufzte mein Bruder, „ich war nicht ehrlich zu dir und das tut mir leid.“
      „Und welchen Grund sollte es dafür geben?“, seufzte ich.
      „Es ist kompliziert, deshalb wollte ich nicht darüber reden.“ Seine kurze Aussage klang nach weiterem Schweigen darüber, aber er überlegte auch. Ich hatte mir wieder eine Trense geschnappt, als er weitersprach: „Eigentlich wollte ich nicht hierbleiben, nachdem es mit der Firma geklärt war, aber einige Sachen verhinderten dieses Unterfangen. Papa sieht es nicht gern, dass ich von hier ausarbeite und nun auch noch als zweifacher Geschäftsführer agiere. Ich habe entschieden, dass mein Verwalter das Familienunternehmen vertritt und ich hierbleibe.“
      Harlen sprach um den heißen Brei. Nichts davon wirkte kompliziert oder verriet, wieso er die Entscheidung traf.
      „Du wirst wohl kaum geblieben sein, weil Schweden so schön ist. Dafür sitzt zu viel im Büro“, merkte ich an.
      „Aber das Wetter ist etwas besser.“ Er grinste. Gut, Punkt an ihn.
      „Willst du wirklich wie ich hier auf dem Hof verschimmeln?“, fragte ich.
      „Wieso sollten wir hier verschimmeln? Du planst gerade deine Karriere und ich führe ein erfolgreiches Gestüt, das eine große Zukunft vor sich hat, vor allem, wenn die Weltreiterspiele hier stattfinden sollen. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?“ In Harlens Augen funkelten förmlich die Geldscheine, aber er sah auch nur das große Ganze, nicht die Arbeit mit den Tieren.
      „Ich denke nicht, dass ich es so weit schaffe und die ganze Arbeit!“, jammerte ich.
      „Es geht nun mal nicht von heute auf morgen. Für dich ist es immer so einfach.“

      Tatsächlich hatte ich alle Trensen geschafft, noch vor sechs Uhr am Nachmittag. Damit blieb noch genug Zeit, um mich im Stall umzusehen, wer beschäftigt werden wollte. Von Folke verabschieden, stand ebenfalls noch auf dem Plan. Heute war sein letzter Tag, hatte mir noch Harlen mitgeteilt. Dass es so schnell gehen würde, dachte ich nicht. Veränderungen. Allein diese Tatsache lag mir schwer im Magen, aber ich konnte dagegen nichts tun.
      „Rambi war gut?“, fragte ich Lina in der Stallgasse, die gerade Walker gesattelte hatte und den Kappzaum verschnürte.
      „Ja, super“, antwortete sie kurz. Am Sattel passte sie die Bügellänge ein und verschwand im Schritt durch das große Tor. Ihr Zeitplan schien auch voll zu sein. Indessen stand ich am selben Punkt: Welches Pferd sollte noch geritten werden? Lubi hatte Pause, schließlich stand morgen ein intensives Training mit Eskil an und Maxous Beule wurde wieder größer, wodurch ich zunächst auf den Befund der Biopsie wartete. Unser Tierarzt hatte Zweifel geäußert zwischen den Zeilen, aber ich versuchte optimistisch zu bleiben.
      Also schlich ich durch Aufgang der Hengste, sah wie Plano an der Mähne von Wunderkind knabberte, Shaker an der Selbsttränke spielte und jedes Mal zusammenzuckte, wenn knarrend das Wasser zischte. Von der Seite kam Waschprogramm dazu, das seltsame Barockpferd, dass Tyrell einfach so gekauft hatte. Übersät von Matsch, erkannte man kaum die Punkte in dem Fell.
      „Na komm, dann machen wir mal was“, sagte ich entschlossen und stieg durch die Gitter auf den Paddock. Im Handumdrehen lag das Halfter an seinem Kopf. Treudoof folgte mir das Tier in den Stall.
      Nach einer halben Stunde putzen, verlor ich die Lust noch mehr der riesigen Sandflecken zu entfernen und führte ihn einige Meter weiter zur Indoordusche. Langsam schaltete ich den Wasserhahn an, bis es für mich eine angenehme Temperatur hatte. Waschprogramm jedoch machte seinem Namen keine Ehre. Wie ein kleines Kind hampelte er von links nach rechts, um dem lauwarmen Strahl zu entkommen. Vorsorglich entledigte ich mich der Jacke und Pullover. Im nächsten Augenblick stellte es sich als eine gute Entscheidung heraus. Der Hengst schnappte in den Schlauch und mich überkam ein Schwall aus Wasser.
      “Toll gemacht”, sagte ich zynisch und betrachtete mein tropfendes T-Shirt. Unter mir bildete sich eine kleine Pfütze. Gerade, als ich das Shirt auch noch zur Seite gelegt hatte und das Seitentor geschlossen, ergriff Waschi erneut den Schlauch. Ein bitterlicher Kampf um die Hoheit über die gelb-rote Schlange begann. Kurze Zeit dominierte ich den Besitz, konnte große Teile seines Körpers zumindest anfeuchten, bis er mit gestrecktem Kopf das Gummi in die Luft ragte. Zum Glück war die Dusche großzügig angelegt, dass im Hauptgang alles trocken blieb.
      Eingeseift und wie ein begossener Pudel stand der Hengst vor mir, den Hals gesenkt und die Augen mitleidig nach oben gedreht. Als ob es so ein Problem war, dachte ich insgeheim. Aber kaum floss das Wasser wieder, setzte der Kampf fort. Schritte nährten sich, die ich im Eifer des Gefechts kaum für voll nahm. Besagte Person stoppte. Waschprogramm hatte zu dem Zeitpunkt wieder den Schlauch im Maul und musste umgehend dafür sorgen, dass auch wirklich jeder in seinem Umfeld von seinem Leid etwas zu spüren bekam.
      “Gib zu, das macht er in deinem Auftrag”, ertönte Niklas tiefe Stimme hinter mir. Verlockt, der Tatsache zuzustimmen, drehte ich mich zunächst um. Ich schluckte.
      “Ohne meinen Anwalt sage ich nichts. Ich kenne meine Rechte!”, scherzte ich und griff zu dem Handtuch, das allerdings genauso nass war wie das Umfeld. Ich schmiss es zurück über die Stange. Ungewöhnlich schnell hatte er die durchnässte Jacke in der Hand. Das Shirt darunter wies nur kleine Flecken auf, was Waschi schleunigst zu ändern wusste. Einmal wippte er mit seinem Kopf und schon bekam Niklas die nächste Dusche ab.
      “Es tut mir leid, aber du hättest damit rechnen müssen”, sprach ich schulterzuckend und versuchte den Schlauch zu erobern. Dafür schaltete ich diesen aus, schon hatte ich ihn zurück. Zumindest das Shampoo sollte aus dem Fell heraus, dann wäre er von seinem Leid erlöst.
      “Dann muss ich mich wohl von noch mehr trennen”, lachte Niklas und warf mir sein Shirt entgegen. Ein intensiver Schweißgeruch gemischt mit Deo lag mir in der Nase. So schnell ich konnte, legte ich es wieder weg.
      “Nur das Nötigste”, ermahnte ich ihn, aber konnte auch mein Lachen nicht verdrängen.
      “Oh nein, bringe ich dich etwa in Schwierigkeiten?”
      “Eher du dich selbst. Lina könnte jeden Augenblick wieder kommen”, setzte ich die Grenzen. “Aber, was machst du hier?”
      “Eigentlich wollte ich mein Pferd bewegen, aber jetzt muss ich erst mal neue Sachen aus dem Auto holen”, sprach Niklas.
      Ich drehte mich von ihm weg, um nicht noch bei den auffälligen Blicken auf seine Tattoos eine Anmerkung zu kassieren. Verlegen biss auf meiner Unterlippe, schaltete das Wasser ein und entfernte den restlichen Schaum aus dem Fell des Pferdes. Der Abstand zu ihm verhinderte, dass er in den Schlauch schnappte.

      Lina
      Beinahe wie ein Geist hob, sich die helle Gestalt des Hengstes von dem strahlend blauen Himmel ab, der sich in der Pfütze spiegelte.
      “Großer, da ist nichts zu sehen, außer dir selbst”, sprach ich ruhig zu dem Tier. Seit einigen Minuten stand Walker vor der großen Pfütze, die das leichte Tauwetter auf dem Weg hinterlassen hatte und bewegte sich keinen Zentimeter vorwärts. Immer wieder senkte der Schimmel den Kopf, um mit weit geblähten Nüstern in das Wasser zu starren, ganz so als würde gleich ein Hai daraus emporspringen, um ihm in die Nase zu beißen.
      Mit sanftem Druck in die Flanken, forderte ich Walker erneut auf, sich zu bewegen und tatsächlich setzte der Hengst vorsichtig einen Huf in das Wasser.
      “So ist es brav.” Mit lobenden Worten strich ich über das dichte Fell, welches den Hengst umhüllte wie eine weiche Decke. Der Hengst setzte weiter Hufe in das Nass, auch wenn er die reflektierende Oberfläche nicht aus den Augen ließ. Nach der Durchquerung bekam der Hengst ein Leckerli für den Heldenmut sich dem gefährlichen Miniozean zu stellen.
      Weitere Gefahren begegneten uns auf dem Weg in den Stall nicht, allerdings eröffnete sich ein ziemlich seltsames Bild beim Betreten der Stallgasse. Aus der Waschbucht blickte Waschprogramm, mit hängenden Ohren und ließ sich Schicksalsergeben von Vriska abduschen, die dies aus nicht ersichtlichen Gründen ohne Shirt tat. Sollte ein warmer Wintertag doch nicht gleich ein Grund sein, alle Hüllen von sich zu schmeißen. Als sei das nicht bereits fragwürdig genug, stand mein Freund ebenso unbekleidet da, auch wenn er gerade auf dem Weg nach draußen zu sein schien.
      “Habe ich den Sommeranfang verpasst?”, kam mir, schneller als dass ich es überdenken konnte, ein spitzer Kommentar über die Lippen, bevor ich Walker energisch an den beiden vorbei, zum Putzplatz trieb.
      „Schön wäre es!“, schnaubte Vriska, „Der wollte unbedingt, dass wir auch sauber sind.“ Dabei zeigte sie auf Waschi, der die Augen langsam die Augen nach oben schon und schlussendlich in den Schlauch biss. So schnell konnte man Vriska gar nicht folgen, da ließ der Wasserdruck nach und das Pferd vom Gummi.
      “Ah ja”, argwöhnte ich, denn so wirklich sinnig erschein mir diese Erklärung dennoch nicht, “und weil Waschi meint alle wässern, zieht man sich gleich aus?” Auf die Antwort wartend, ließ ich mich aus dem Sattel des hellen Hengstes gleiten. Seine blauen Augen beharrlich auf mich gerichtet, die Ohren spielend, beobachte er, wie ich um ihn herumtrat, um das Halfter zu ergreifen, welches dort an einem Haken hing.
      „Also ich habe mich vorsorglich ausgezogen“, erklärte sie schließlich. Der Hengst hatte sich geschüttelt und sie nebenbei mit dem Schweißmesser das überschüssige Wasser entfernt. „Dein Freund hat es ungeschickter getroffen, deswegen ist er zum Auto.“
      Unverändert nickte ich. Dann nahm ich den Sattel vom Rücken. Im Flur kam Welpi wie ein Pfeil angeschossen, fußelte um meine Beine herum, noch bevor ich überhaupt in der Sattelkammer ankam. Ungewöhnlich frisch roch es, aber nicht so wie Wäsche duftet, wenn man sie aus der Waschmaschine nahm, sondern eher nach Seife und … Lederfett? In der Kammer bestätigte sich meine Vermutung, die Trensen hingen alle ordentlich geputzt und an der Wand und erstrahlten in fettigen Glanz. Hier musste jemand ziemlich fleißig gewesen sein oder hatte viel Langeweile, wobei mir in letzterem Fall ungefähr hundert andere Dinge einfallen, die mehr Spaß machen würden. Schwungvoll hievte ich den Sattel auf seinen Platz und fiel beinahe über den Hund, der mir noch immer zwischen den Füßen herumlief.
      „Vorsicht Kleiner“, lächelte ich und ging mit ihm auf Augenhöhe. Sofort grub der kleine Rüde seinen Kopf in meinem Schoß, während seine Rute wie ein Propeller durch die Luft flog. Freudige Laute drangen aus dem kleinen Brustkorb, während ich ihn ausgiebig kraulte. Nach einem Moment schob ich ihn von mir, schließlich wartete Walker noch auf sein Futter, bevor er zurück zu den anderen in das Matschwetter durfte. Der Welpe schien nicht der Meinung, dass ihm bereits genug Aufmerksamkeit zukam, denn er setzte sich unmittelbar auf meine Füße. Seinen großen Runden Welpenaugen beobachtet jede Bewegung, während ich das Gebiss auswusch.
      “Fred, so geht das nicht, du bist nicht der Einzige, der heute noch meine Aufmerksamkeit möchte”, versuchte ich den Welpen zu erklären. Natürlich verstand er kein einziges meiner Worte und fühlte sie dadurch, genauso wenig inspiriert sich zu erheben. So schob ich den Hund von meinen Füßen herunter auch, bemüht seinen Kugelaugen zu widerstehen.
      “Ach, wer möchte die denn noch?”, drang eine dunkle Stimme schäkernd an meine Ohren. Ich hatte gar nicht wahrgenommen, dass jemand den Raum betreten hatte. Erschrocken fuhr ich herum: “Gott, schleiche dich doch nicht so an.” Im Türrahmen stand Niklas, ein charmantes Grinsen auf den Lippen und vollständig bekleidet. Zugegebenermaßen müsste ich eigentlich leider sagen, denn ohne den verhüllenden Stoff …
      “Habe ich doch gar nicht. Vielleicht solltest du mehr auf deine Umgebung achten, bei deinen tierischen Gesprächen”, unterbrach mein Freund diesen Gedanken, bevor er weitere Form annehmen konnte. Von dem Neuankömmling begeistert, tapste der Welpe ihm entgegen und hüpfte wie ein Flummi an ihm hoch. Mich beschlich das unbestimmte Gefühl, dass Niklas sich auf meine Kosten amüsierte.
      “Das war kein Gespräch”, verteidigte ich mich, “dafür hätte nämlich eine Antwort erfolgen müssen.” Leicht pikiert wand ich mich von ihm ab, um Walkers Trense ordentlich zwischen den anderen zu platzieren.
      “Nicht immer alles so ernst nehmen, Engelchen. Ich scherze doch nur”, beschwichtigte Niklas direkt und hatte mit wenigen Schritten den Raum durchquert. Unmittelbar hinter mir konnte ich seine Präsenz spüren, die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, die starken Hände, die sich auf meiner Taille ablegten.
      “Eigentlich ist das sogar ganz niedlich”, flüsterte er mir sanft ins Ohr. Die glühenden Funken, welche in seiner Nähe stets durch meine Adern tanzten, wurden immer mehr, bis eine Flamme zu lodern begann. Es waren weniger die Worte selbst, die all diese Empfindungen anfachten, als mehr die Offenherzigkeit, die in diesem Moment zu liegen schien. Langsam wand ich mich zu ihm um, blickte in seine strahlenden Augen, in denen die Begierde aufblitze. Worte waren nicht vonnöten, denn wie von selbst fanden unsere Lippen zueinander und die Welt um mich herum verschwamm. Sein Geruch, die kurzen Bartstoppeln, die über meine Haut kratzten, jeder einzelne Muskel, von dem mich nur dünner Stoff trennte – all das wirkte so berauschend. Rau und zart zugleich, war die Haut seiner Finger, die zärtlich den Konturen meiner Lippe folgte, als ich den Kuss für eine Atempause unterbrach. Wohlige Schauer rieselten meine Wirbelsäule hinab. Unglaublich, wie viel so eine winzige Berührung auslösen konnte. Erneut senkte er seine weichen Lippen auf meine, diesmal wenige sanft, irgendwie fordernder. Bereitwillig öffnete ich sie, sodass unsere Zungen sich wie in einem Tanz umspielten. Meine Hände glitten aus seinen Nacken hinab, wanderten an seinem muskulösen Oberkörper hinab, bis er meine Finger stoppte. Ganz langsam lösten sich unsere Münder voneinander, doch unsere Blicke hielten einander fest. Das Herz in meiner Brust schlug wild, drohte beinahe aus meiner Brust zu springen und gleichzeitig regten sich noch ganz andere Dinge in meinem Inneren.
      “Weißt du eigentlich, wie wunderschön du gerade bist?”, flüsterte Nik sacht und strich mir eine der dunklen Haarsträhnen aus der Stirn. Dick eingepackt in mehrere Schichten Kleidung, um dem schwedischen Winter zu trotzen, bedeckt mit Matsch und Pferdehaaren. Nicht einmal meine Haare, die ich jeden Morgen zu bändigen versuchte, verweilten lange in gewünschter Ordnung. Alles in allem eher ein Zustand, den ich mit einer anderen Wortwahl, als wunderschön beschreiben würde. Dennoch versuchte ich den Drang ihm zu widersprechen zu unterdrücken und nicke zustimmend. Noch immer loderten die Flammen in meinem Inneren, erweckten eine Sehnsucht. Sehnsucht nach mehr von dem, was er in mir bewegen konnte, mehr Niklas.
      “Ich finde es so schön, wenn du hier bist”, sprach ich schließlich aus, was immer mal wieder in meinem Kopf herumgeisterte, ”kannst du nicht vielleicht öfter vorbeikommen?” Eigentlich kannte ich die Antwort bereits. Neben seiner Arbeit war das Training ziemlich zeitintensiv und irgendwo dazwischen wollte man selbstverständlich auch noch Zeit für Freunde und Familie haben, oder was auch immer mein Freund in seiner Freizeit anstellten. Da sich an diesen Umständen nichts verändert haben würde, war es ziemlich naiv zu glauben, dass seine Zeit mehr geworden sein sollte.
      “Da wirst du spätestens im Frühling glücklich sein. Dann wechseln wir aus Kalmar her”, grinste Niklas.
      “Na gut, dann hoffe ich, dass der Winter schnell vergeht”, lächelte ich zurückhaltend. Wir hatten gerade einmal Anfang November, was bedeute, dass es noch einige Monate bis zum Frühling hin sein würde. Noch viel länger konnten die nordischen Winter werden, wenn man in einen alltäglichen Trott verfiel. Wenigstens gelegentlich vermochten Niklas Besuche ein wenig Licht in die dunkeln Wintertage zu bringen.
      “Apropos Zeit”, er räusperte sich, “kommst du dann mit nach Stockholm?” Natürlich musste diese Frage über kurz oder lang kommen. Ewigkeiten hatte ich mir den Kopf über diese Entscheidung zerbrochen, denn sowohl für Kiel als auch für Stockholm hatte es gute Argumente gegeben. Letztlich war die Entscheidung jedoch auf Kiel gefallen. Denn auch wenn Stockholm mit einer sagenumwobenen Show lockte, bot die Auktion die einmalige Chance einiges zu lernen und Einblicke in eine Welt zu bekommen, die bisher weit jenseits meiner Vorstellungen lag.
      “Ich wäre so gerne mitgekommen, aber leider sind Vriska und ich da bereits auf einer Art Fortbildung”, entgegnete ich bedauernd. Es war auch einfach nicht fair, dass die Ereignisse in denselben Zeitraum fielen.
      Niklas nickte verständnisvoll. “Immerhin sitzt du nicht traurig hier in der Einöde. Aber ich kann dir sicher einen Code besorgen für die Onlineausstrahlung.” Sofort erhellte ein Lächeln mein Gesicht, denn auch wenn es gestreamt nicht ganz dasselbe Erlebnis sein würde, war es immerhin eine Möglichkeit, die beiden Veranstaltungen zu vereinen. Am allerwichtigsten natürlich war es, dass ich Niklas Auftritt mit seiner neuen Stute nicht verpassen wollte.
      „Traumhaft, ich bin schon gespannt, wie Form sich machen wird. Aber sicherlich wirst du wie immer alle umhauen”, schmunzelte ich. Leider bekam ich nur ziemlich wenig von Nikis Training mit seiner schwarzen Schönheit mit, schließlich wollte ich Vriska nicht ständig auf die Nerven gehen, wenn sie mit Lubi zum Training fuhr. Dabei faszinierte es mich immer wieder, wie leichtfüßig und elegant solch ein gigantisches Warmblut wirken konnte, wenn nur der Richtige im Sattel saß.
      “Anders feilt aktuell noch an der Kür für den Freestyle, aber im Großen und Ganzen bin ich zuversichtlich”, blieb er zuversichtlich, obwohl seine Finger ungeduldig am Shirt fummelten.
      “Alles okay? Wenn ich dich aufhalten sollte, kannst du ruhig zu deinem Pferd gehen”, bot ich entgegenkommend an, denn einen anderen Grund für seine Unruhe konnte ich nicht erkennen.
      “Du hältst mich nicht auf”, das Grinsen auf seinen Lippen wurde größer, “nur wollten meine Kollegen nachher noch in eine Bar.”
      “Und deshalb hibbelst du hier so rum?”, hinterfragte ich kritisch, denn mich beschlich das Gefühl, dass der Kerl noch irgendetwas anders im Sinn hatte.
      “Was willst du denn hören?”, er zuckte mit den Schultern und nahm den innigen Blickkontakt von mir. “Ich habe noch anderes zu tun, als hier herumzustehen, auch wenn es nicht nett klingt.”
      Dass seine Stimmung urplötzlich kippte, konnte nichts Gutes bedeuten. Aus dem Regal nahm er den Putzkasten heraus, sowie die Trense der Schimmelstute.
      “Du bist seltsam heute”, sprach ich offen aus, was mir durch den Kopf ging. Dennoch beschloss ich nicht weiter nachzuhaken, wollte ich nicht noch durch meinen Argwohn das Gefühl in ihm erwecken, dass ich ihm nicht vertrauten würde. Wenn es etwas zu bereden gab, würde er das schon ansprechen.
      “Aber dann werde ich Walker mal sein Futter bringen, viel Spaß mit deinem Pony”, setzte ich nach, verharrte noch kurz, ob es noch eine Antwort geben würde oder das Gespräch nun tatsächlich beendet war.
      “Danke dir auch”, drehte Niklas sich noch einmal um und verschwand.
      Auf der Stallgasse wurde ich bereits von dem Schimmelhengst erwartet, der auch sogleich die Schnauze in der Plastikschüssel versenkte. Im Zuge der Überlegung, welchen Vierbeiner ich mich als Nächstes widmen wollte, zog ich mein Handy aus der Tasche. Unmittelbar unter der Verknüpfung zum Hofsystem leuchtete aufdringlich ein roter Punkt in der Ecke der stilisierten Polaroidkamera, den ich geflissentlich ignorierte. Nach einem kurzen Blick vor einigen Stunden hatte ich bereits wahrgenommen, dass meine DMs unter den zahlreichen Reaktionen auf die Story von heute Morgen beinahe explodierten. So viel Aktivität hatte dort zuletzt geherrscht, als das HMJ noch aktiv am Laufen war und ich konnte mir nicht so recht erklären, was die Leute dazu bewegt hatte. Schließlich waren ein paar Pferde, die im Matsch spielten, nicht gerade außergewöhnlich, auch wenn eines davon ein weißer Freiberger war.
      Aber zurück zum eigentlichen Thema. Mit wenigen Klicks hatte ich auch bereits das Tier im Blick, mit welchem ich mich als Nächstes beschäftigen wollte.
      Binnen weniger Minuten hatte Walker sein Futter eingesaugt und sowohl Schlüssel als auch Boden vollkommen Krümel frei zurückgelassenen. So entließ ich den Schimmel zurück auf seinen Paddock, wo er zielstrebig zum Heu und sich zwischen Lu und Plano drängelte. Von den Hengsten aus lief ich unmittelbar weiter zu Holy. Mit jedem Tag schien die Stute runder zu werden, was nicht allein an dem guten Heu lag, welches sie haufenweise futterte. Nein, auch die Überraschung in ihrem Bauch ließ sich nun nicht mehr verstecken. Geschickt schlüpfte ich durch den Zaun zu den Stuten hinein.
      Die geschenkte Plüschkugel stand gemütlich unter dem Dach und knabberte an ihrem Heunetz.
      "Na, Mausi", begrüßte ich den Tinker, "Lust dich ein wenig zu bewegen?" Neugierig drehte sich der dunkle Kopf in meine Richtung. Zart kitzelte der kleine Schnurrbart, der der Stute an der Oberlippe gewachsen war, über meiner Hand, als Holy zart meine Finger beknabberte. Seltsamerweise hatte die Stute sich dieses Verhalten angewöhnt, seitdem es weniger Leckerlis gab. Routiniert zog ich das Halfter über den breiten Ponyschädel, während selbiges geduldig wartete, was Vriskas Aussagen nach, einiges an Zeit und Nerven gekostet hatte. Ich dachte beinahe, dass sie mir artig in den Stall folgen würde, doch Holy schien es eilig zu haben und drängelte an mir vorbei. Dreimal musste ich sie korrigieren, bevor sie sich fürs Erste fügte.
      Freundlich, wie immer, legte Smoothie die Ohren an, als ich Holy an ihr vorbei auf den freien Putzplatz führte. Bis heute war es mir unerklärlich, warum Niklas Stute mit jedem Tag, den ich mit ihr arbeitete, zickiger wurde, interessanterweise nur mir gegenüber. Alle anderen Menschen wurden ignoriert oder, was sie hauptsächlich bei Ju häufig tat, auf Leckerbissen hin untersucht. Meine Hypothese, lautete, dass Smooth eifersüchtig war, weil ich ihr wertvolle Zeit mit Niki stahl, denn sowohl in Kanada als auch noch so lang wie sie in Kalmar stand, war sie noch nicht so launisch gewesen. Wie auch immer. Bei Smoothie konnte ich tun, was ich wollte, sie blieb immer abweisend, was ich mittlerweile so hinnahm.
      Seufzend betrachte ich Holy. Bis zum Bauch war sie bedeckt mit grauen Matschspritzern, die langen Haare an ihren Beinen klebten aneinander und ließen die eigentliche Farbe darunter nur noch stellenweise erahnen. So schön die Puschel an den Füßen auch waren, für so ein Matschwetter schienen sie nur wenig geeignet. Dennoch entschied ich mich dagegen, der Stute die Füße zu waschen, sie würden ohnehin wieder nass und eklig werden.
      Mit einem mehr oder minder sauberen Pony, ausgestattet mit Kappzaum und Longiergurt, ging es schließlich in die Halle.
      “Tür frei”, rief ich, bevor ich das Hallentor langsam aufschob. Bis auf meinen Freund, der mit seiner Schimmelstute gerade an der gigantischen Fensterfront entlang schritt, war die Halle leer. So führte ich Holy in die Zirkelmitte, um dort erst einmal die Doppellonge einzufädeln. Diese notwendige Vorbereitung dauerte heute allerdings besonders lang. Und zwar nicht, weil Holy sich wieder ungeduldig zeigte, nein, viel mehr, weil Niklas Gegenwart ein wenig ablenkend war. Immer wieder zog es meinen Blick auf den definierten Oberkörper, dessen Muskeln sich deutlich unter dem dünnen Shirt abzeichneten. Verführerisch lockten die tintenschwarzen Linien, die sich kunstvoll über seiner Arme wanden, damit ihren Weg bis unter den dünnen Stoff zu verfolgen und die Gebiete zu erforschen, die darunter verborgen lagen. Willkürlich biss ich mir auf die Unterlippe, um die kleinen Flammen zu zügeln, die sich in meinem Innerem entfachen wollten. Stattdessen versuchte ich, mich auf die Leinen in meinen Händen zu konzentrieren.
      “Ich glaube, dafür muss man sich bewegen”, unterbrach seine Stimme die Stille der Halle. Süffisant grinsend hatte er seine Stute unmittelbar vor mir angehalten. Als wolle er seiner Worte noch unterstreichen, ließ er seine Muskeln spielen. Augenblicklich breitete sich Hitze in mir aus und brachte meine Wangen zum Glühen. Beschwerlich wand ich die Augen von Niklas ab und richtete sie auf meine Finger, in denen ein kleiner Leinensalat gebildet hatte.
      "Das tun wir schon fast", entgegnete ich und versuchte die Longen zu sortieren, die sich bei den hastigen Bewegungen allerdings nur weiter ineinander verheddern. Was war nur los, dass meine Hormone heute dermaßen unbeherrschbar schienen. Sonst brachte mich die Anwesenheit meines Freundes nicht so verheerend schnell aus dem Konzept und das, obwohl er zu jederzeit äußerst anziehend wirkte.
      “Soll das eine neue kreative Art werden, eine Longe zu halten?”, stichelte Niklas, bequem auf seiner Stute thronend, die neugierig die Nase zu dem Tinker hinstreckte.
      “Nein”, fluchte ich leise, “ich versuche diesen verdammten Knoten zu lösen.” Frustriert löste ich die innere Leine wieder vom Kappzaum in der Hoffnung so besser zum Knotenpunkt vorzudringen. Weiter erhitzte sich mein Gesicht, diesmal allerdings vor Schmach.
      Sicher war niemand so unfähig, eine Longe bereits beim Einhängen zu verknoten.
      “Na gib schon her, ich helfe dir.” Schneller als dass ich es hätte ablehnen können, war mein Freund bereits aus dem Sattel geglitten und nahm mir den Wirrwarr aus den Händen. Mit zwei Handgriffen hatte er den Knoten bereits gelöst und fädelte die Longe wieder dort ein, wo sie hingehört.
      “Jetzt kommt das hier, in das kleine Händchen”, sprach Niklas ganz nah an meinem Ohr und griff von hinten um mich herum,” und das in das andere.” Der Protest lag mir schon auf der Zunge, als jeden meiner Finger einzeln um die Stränge legte, als würde er mit einem Anfänger arbeiten, doch mein klopfendes Herz ließ mich verstummen.
      “Und jetzt nicht wieder verknoten, Engelchen”, raunte er an meinem Ohr, ein unverhohlenes Grinsen in der Stimme. Kein Zweifel bestand darin, er sich seiner Wirkung bewusst war. Vermutlich hätte er sein Spiel noch weitergetrieben, wäre da nicht die Pferdeschnauze, die sich ungestüm, zwischen uns drückte. Smoothie hatte entschieden, dass es genug war. So entschwand mein Freund aus meiner unmittelbaren Nähe, ließ nur eine Wolke betörenden Duftes zurück. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich meinen Herzschlag, wieder herunterzubringen und das Gefühl zu durchdringen, welches wie dichter Nebel durch meinen Kopf waberte. Erst als Niklas die Arbeit mit seiner Stute wieder aufnahm, hatte ich so viel Klarheit erlangt, dass ich mich auf den gescheckten Kaltblüter konzentrieren konnte. Unaufmerksam stolperte Holy los und ließ die Hufe unmotiviert durch den Sand schleifen, sie hatte eindeutig keine Lust darauf. Erst nach einiger Schrittarbeit wurde, der Tinker aufmerksamer und begann eine vernünftige Haltung einzunehmen. Aufgrund dessen wie lang es dauerte, bis die junge Stute mir zuhörte, fragte ich im Trab nur kurz eineiige leichte Lektionen ab, bevor ich die Einheit beende. Sichtlich angestrengt gähnte sie, während ich die Longe wieder abbaute und die Anstrengung damit nachließ.
      Ein Blick zu Niklas verriet mir, dass er lange noch nicht fertig war. Smoothie schien jetzt erst richtige wach zu werden und begann mit ihrem typischen rebellischen Verhalten, welches er deutlich besser zu händeln wusste, als ich es tat. Mir tanzte die große Schimmelstute regelmäßig auf der Nase herum und brachte mich damit an manchen Tagen nahe an den Rand der Verzweiflung. Doch auch wenn es sicherlich die bequemere Lösung wäre, die Verantwortung für Smoothie abzugeben, wollte ich nicht schon aufgegeben. Meinen Fähigkeiten vertraute ich dabei zwar nur bedingt, aber dafür vertraute ich auf Niklas Urteil, der mir sein Pferd sicher nicht anvertraut hätte, würde er denke ich würde nicht mit ihr fertig werden. Einen letzten Blick warf ich auf Pferd und Reiter, die, einiger Uneinigkeiten zum Trotz nicht besser zusammenpassen könnten, bevor ich mich widerwillig von dem Anblick löste. Wenn es nach mir ging, könnte ich meinem Freund den ganzen Tag lang zuschauen.
      Mit der müden Plüschkugel im Schlepptau verließ die Halle. Unter dem dicken Winterfell hatte Holy ordentlich zu schwitzen gefangen, sodass ich sie direkt unter dem Solarium parkte. Erschöpft hängte das Tier den Kopf in das Halfter, sobald die beiden Stricken diesen bequem hielten und schloss die Augen. Von der Seite schlich sich Vriska an, die offenbar den Welpen aus dem Büro geholt hatte. Freudig sprang er in unsere Richtung, während sie alles andere als ein Kind der Fröhlichkeit war. Der Uhrzeit zur Folge fehlte das Nachmittagskaffee, deshalb sparte ich mir eine Nachfrage, die ohnehin von nur wenig Erfolg gekrönt sein würde.
      Schweigend stand Vriska neben der Tinkerstute, zupfe aus der Mähne einige lockere Strähnen heraus und ließ sie zu Boden fallen. Ich war zeitgleich mit dem Welpen beschäftigt. Mit dem Schwanz schob er den Dreck von einer Seite zur anderen und sorgte damit, für unschöne dunkle Flecken im weißen Fell.
      „Ich weiß nicht, wie viel du heute aus den Stallgesprächen aufgeschnappt hast, aber“, Vriska nahm einen kräftigen Atemzug, als gäbe es Anlass zur Sorge. „Holy bleibt erst mal, bis das Fohlen da ist, dafür gehen Folke und Hedda zurück nach Kalmar.“
      Sie wich dauerhaft meinem Blickkontakt aus, ohne dabei die Hände von der ohnehin dünnen Mähne zu lassen. Immer mehr Haare landeten auf dem Boden, selbst den Schopf verschonte die Blonde nicht.
      „Oh, das ist schade. Warum gehen die beiden?“, fragte ich nach. Auch wenn zu meinen anderen Kollegen deutlich weniger Austausch bestand als zu Vriska, war das Team dennoch so etwas wie eine kleine Familie, in der jeder seinen festen Platz hatte. Selbst der rebellische Rotschopf, dessen anfänglich Passion für Holy deutlich nachgelassen hatte, hatte seine Platz darin gefunden.
      „Den genauen Grund habe ich schon verdrängt, aber ich schätze, dass er sehr an Kalmar hängt. Schließlich war Folke sein Leben lang bei ihnen auf dem Hof und Hedda hat es weniger weit zur Schule“, sprach sie gezielt, als würde jedes Wort zunächst aus den Untiefen ihr Gedächtnis gezogen werden. Immerhin hatte Vriska vom Langhaar die Finger genommen und massierte die Stirn der Stute. Holy stand mit aufgestelltem Bein, unter dem wärmenden Licht, unter das sich auch der Welpe gelegt hatte.
      „Nachvollziehbar“, nickte ich und begann allmählich zu realisieren, dass diese Nachricht nicht nur einen Verlust, sondern viel mehr einen Wechsel im Team bedeuten würde. Folke war schließlich der Einzige, der sich um das Training der Rennpferde kümmerte und auch wenn Vriska wohl in der Lage dazu wäre, glaubte ich nicht, dass sie den Sattel gegen den Sulky tauschen wollte oder sollte sie doch? Lag darin der Grund für ihr gedämpfte Verhalten?
      „Wie stellt Tyrell sich das mit den Rennpferden kommen? Wird dafür jemand Neues kommen?“, beschloss ich dieser Frage auf den Grund zu gehen.
      “Für dieses Jahr stehen ohnehin nur noch zwei Rennen auf dem Plan, dafür ist Folke genannt und er wird sie fahren, allerdings nur als Jockey. So lang werde ich mich den Tieren widmen müssen, bis jemand gefunden ist. Mein Bruder hatte schon Andeutungen gemacht, dass es über den Verband Kandidaten gibt, allerdings hat Tyrell gesagt, dass es nicht leicht ist, wen zu finden. So, I do not know”, sprach sie weiterhin niedergeschlagen. Ihre Erzählung durchkreuzte tiefe Atemzüge, die geräuschvoll durch ihre Nase kam, die etwas verstopft war. “Immerhin sind es aktuell nur zwei aktive Hengste, denn einige wird Tyrell mit nach Kiel nehmen. Lu und Sturmi laufen zwar noch, aber ist wohl nur von wenig Erfolg gekrönt. Die Stuten Mill und Enigma sind für März oder April geplant auf Rennen, aber mit Jungpferden am Sulky kann ich nicht so gut”, fügte sie noch hinzu. Also doch. Zumindest für eine Weile würde Vriska mit dem Reiten etwas kürzertreten müssen. Dabei schien sie, seit Lubi nicht nur Spaß an der Dressur zu finden, sondern entwickelte regelrecht Ehrgeiz, mit dem sie sicher einige erreichen könnte.
      “Oh, das klingt nicht so gut”, bekundete ich meine Anteilnahme, “Ist sonst alles in Ordnung mit dir?” Es berührte mich, sie so niedergedrückt zu sehen, vor allem weil dieser Zustand schier endlos wiederzukehren schien und ich wirklich ratlos war, wie sie wohl möglich aufzuheitern vermochte.
      “Wenn in Ordnung ‘Es ist immer dasselbe Chaos’ bedeutet, dann ja”, zuckte Vriska mit den Schultern. Aus ihrem Gesichtsausdruck konnte ich unmittelbar ablesen, dass es sie sehr belastete und ich ihre Unsicherheit über die kommende Zeit nachvollziehen konnte. Auch für mich war es noch immer schwer begreiflich, wo ich mich befand, umso komplizierter, musste es für sie sein. Wir hatten jeder für sich diese Entscheidung getroffen, nur aus anderen Beweggründen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 53.776 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang November 2020}
      Fohlenbericht sechs von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel tjugo | 12. Juni 2022

      Sturmglokke LDS / Legolas / Ready for Life / Enigma LDS / Millennial LDS / Outer Space / Maxou / Lubumbashi / Harlem Shake LDS / Götterdämmerung LDS

      Lina
      Dampf stieg von dem hellen Fell des Falben in die kalte Luft empor. Im Vergleich zu den letzten beiden Tagen, war es heute wieder kälter geworden und der kräftige Wind jagte dunkle Wolkenfetzen über Himmel. Dennoch hatte ich mich gegen die Halle entschieden, als die Einsteller erblickte, die sich darin tummelten. Es waren zwar nur drei von ihnen und die Halle eigentlich groß genug, aber eines der Pferde war eine ziemlich zicke Stute. Deren Besitzerin ungefähr ebenso umgänglich war und die Schuld für das ungezogene Verhalte ihres Tieres grundsätzlich auf die anderen schob. So hatte ich mich mit Sturmglokke also nach draußen verkrümelt, wo ich den Platz wegen des eisigen Windes immerhin für mich allein hatte. Sturmi störte sich keineswegs an dem Wetter, blieb selbst in dem Moment ruhig als eine Plastikfolie, die wohl von der Baustelle kam, knisternd und raschelt an uns vorbeigeweht wurde. Mit etwas mehr Training könnte er sicherlich ein gutes Einsteigerpferd für den Turniersport werden.
      Die Dampfwolken wurden weniger und auch die Überprüfung mit meinen Fingern im Fell des Hengstes, bestätigten, dass er nahezu trocken war. Den Rest würde eine Abschwitzdecke erledigen können.
      Was ich erblickte, kaum hatte ich das riesige Tor, erfreute mein Herz. Ein dunkler Kopf mit einer Marken großen Blesse blickte mir vom Putzplatz entgegen. Zu den Füßen des Hengstes stand die silberne Kiste, die sein Putzzeug beinhaltete. Das konnte nur bedeuten, dass …
      “Samu”, rief ich erfreut aus, als der Finne mit dem Sattelt des Hannoveraners aus der verglasten Kammer auftauchte, “Lässt du dich auch endlich mal wieder blicken.” Auch auf seinem Gesicht erstrahlte ein Lächeln, offenbar lag die Freude nicht nur auf meiner Seite.
      “Ja und ich komme mit guten Neuigkeiten”, grinste er und platzierte den Sattel auf Legos Rücken.
      “Neuigkeiten? In der Mehrzahl?”, hinterfragte ich neugierig seinen Wortlaut, während ich begann den Falbhengst abzusatteln.
      “Ja, das hast du schon richtig gehört”, nickte er, machte allerdings keinerlei Anstalten, mit besagten Nachrichten herauszurücken. Stattdessen widmete er sich in aller Seelenruhe dem, die dunkle blaue Schabracke noch einmal zurechtzulegen, dann das dünne Gelpad und schließlich zog er auch den Sattel noch mal ein Stück nach vorn.
      “Und die Neuigkeiten wären?” Noch bevor er um Lego herumtreten konnte, um den Gurt zu befestigen, stelle ich mich in seinen Weg und blickte ihm forschend an. Offenbar hatte Samu heute den Schalk im Nacken, der schenke mit nur ein verschmitztes Lächeln.
      “Man, du bist gemein”, beschwerte ich mich und lief erst einmal in die Futterkammer, um Sturmis Futter zu holen. Gierig steckte der Falbe die Nase in die Schüssel und begann augenblicklich damit, die Krümel zu verschlingen.
      “Hat es was mit Lego zu tun?”, fragte ich eindringlich. Wenn er nicht von selbst redete, musste ich halt ihn halt dazu bringen
      “Ja, auch”, entgegnete Samu und wollte gerade das Halfter vom Kopf des Rappen löse.
      “Halt, stopp! Du läufst jetzt nicht weg”, protestierte ich, denn zu warten bis Samu fertig mit seinem Training war, dauerte mir eindeutig zu lang. Schnell warf ich einen Blick in die grüne Futterschüssel. Leer, sehr gut.
      “Warte kurz, ich mache schnell Redo fertig”, wies ich den Finnen an. In Windes eile, hatte ich den Hengst auf den Paddock gebracht und stand mit dem Halfter vor der Box meiner Rappstute, die mich nur ihren wohlgeformten schwarzen Hintern erblicken ließ. Redo war zwar von Grund auf ein freundliches Tier, aber gehörte zu denen, die auch gut ohne Menschen klarkommen würde, sofern für genug Futter gesorgt war. Unbeirrt schlüpfte ich an der kräftigen Stute vorbei, steckte ihr ein Motivationsleckerli in die Schnauze und schon folgte sie mir bereitwillig zurück zu Samu.
      “Halt mal kurz”, drückte ich Samu die Stute in die Hand, die sogleich neugierig von Legolas inspiziert wurde. Schnell öffnete ich die Schnallen an der Decke, die Redo trug, da sie mir nach dem Ende ihrer Dienstzeit mit sportlichem Kurzhaarschnitt geliefert wurde. Auf direktem Wege ging es weiter in die Sattelkammer. Von der Wand leuchtete mit das pinke Hackamore entgegen, welches sie vermutlich für Lubi angeschafft hatte. Kurzerhand entschied ich mich dafür, denn sicherlich hatte sie nichts dagegen, wenn ich es mir jetzt mal auslieh. Im gleichen Zug beschloss ich, dass Sättel überbewertet wurden und griff einzig nach einer Abschwitzdecke. Außerdem konnte ich mir so das Putzen sparen, um Samu nicht noch länger aufzuhalten.
      “So, wo waren wir?”, fragte ich zurück bei ihm und den beiden Pferden und nahm ihm die Stute wieder ab. Mit Schwung flog der Fleece Stoff auf den Rücken und das Halfter auf die nahe gelegene Bank.
      “Lego”, half mir Samu auf die Sprünge und begann nun tatsächlich selbigen zu trensen.
      “Ach ja … Du willst mit Lego wieder Turniere reiten”, riet ich willkürlich, was mir als Erstes in den Kopf kam. Langsam nickte mein bester Freund: “Das auch, aber das ist nicht, was ich dir erzählen wollte, denn Legos Comeback in der Turnierwelt steht erst für den Frühling auf dem Plan.” Mit dem Ende des Satzes war auch der Nasenriemen des Hengstes verschlossen.
      “Was ist denn mit dir kaputt? Das ist gar nicht blau oder anderweitig in dein übliches Farbkonzept passend?”, mit einem kritischen Blick musterte er plötzlich das Kopfstück mit den pinken Metallbügeln, welches an Redos Kopf saß.
      “Ist auch eigentlich Vriskas, ich habe es mit nur mal kurz ausgeliehen”, klärte ich ihn auf, ” außerdem hast du ein Problem damit, wenn ich mein Farbkonzept verändern würde?” Ich lachte herzlich. Samu noch nie wirklich viel Verständnis dafür gehabt, dass ich eine gewisse farbliche Harmonie an meinen Pferden bevorzugte, anstatt einfach irgendetwas unter den Sattel zu legen.
      “Ich habe gar nichts dagegen, wenn du dein Pferd kleiden willst, wie es eine 10-Jährige tun will, mach’ halt. Ich wollte nur wissen, ob ich mir Sorgen machen muss”, lachte er und führte seinen Hengst in Richtung Halle.
      “Ich bin keine zehn”, jammerte es plötzlich hinter uns am Rolltor, “aber ja, bediene dich einfach wie auf einem Basar.”
      “Nächstes Mal frage ich vorher, versprochen”, war alles, was ich zu meiner Verteidigung hervor zur bringen hatte, “Aber es musste schnell gehen. Der da unterschlägt Neuigkeiten und es besteht Fluchtgefahr.” Redo zupfte derweil an meiner Jackentasche, um sich ein Leckerli zu ergaunern.
      “Vor ein paar Wochen habe ich dir schon mal gesagt, dass du dir nehmen kannst, was du brauchst”, grinste Vriska, offenbar Fehlalarm meiner Einschätzung.
      “Aber Samu, es kann nicht sein. Da wirst du einen langen Abend, wenn du nicht direkt darüber sprechen willst.”
      Erst als sie näher an uns herantrat, bemerkte ich, wie sie von oben bis unten von Matsch übersät, ihr Gesicht leer von jeder Emotion, nach dem das Grinsen binnen Sekunden sich in Luft auflöste. Enigma führte sie direkt am Halfter, was das junge Pferd etwas irritierte von der groben Handhabung war. Ihre blauen Augen weit aufgerissen und den Schweif leicht aufgestellt.
      “Ich habe Zeit”, winkte Samu grinsend ab, “außerdem musst du nur besser raten, Lina. So einfach ist das.” Gelangweilt stützte Lego seinen Kopf auf Samus Schulter. Etwas, was der Hengst meistens tat, wenn man ihn hinter den Ohren oder an der Stirn kratzen sollte.
      “Einfach. Ja, wenn ich Gedanken lesen könnte”, verdrehte ich Augen.
      “Neuigkeiten also, Mhm. Ich hoffe schwer darauf, dass du mit deiner Freundin Schluss gemacht hast, um Lina deine Liebe zu gestehen und ihr endlich die wunderschönen Kinder bekommt, die mir jede Nacht den Schlaf rauben”, feixte sie im Vorbeigehen und wartete nicht einmal auf eine Antwort, die sie ohnehin hören würde bei dem schallenden Gebäude. Irritiert legte Samu die Stirn in Falten, als schien er zu überlegen, wie viele der Worte vielleicht doch ernst gemeint sein mochten.
      “Sie ist bekennender Fan”, lachte ich herzlich, “und ganz ehrlich, mich würde es auch nicht wundern, wenn irgendwo eine kleine süße Geschichte diesbezüglich existiert.” Ich durchschritt mit Redo das Hallentor und stellte fest, dass diese mittlerweile glücklicherweise leer war. Ideale Bedingungen, um an weitere Informationen zu gelangen. Der Blonde stellte seinen Rappen neben mir auf und half mir bereits auf mein Pferd, bevor ich überhaupt danach gefragt hatte. Angenehm, wenn der Gegenüber bereits wusste, was man wollte.
      “Also es hat mit Lego zu tun, aber nicht mit Turnier”, fasste ich die kläglichen Erkenntnisse zusammen, die ich bisher erlagen, konnte. Angenehm drang die Körperwärme meiner Stute durch das dünne Fleece und ich spürte unmittelbar die Rückenmuskulatur, wie sich anspannte unter meinem Körpergewicht.
      “Korrekt”, nickte er, während er den Sattelgurt enger zog und seinen Hengst zu der kleinen ausklappbaren Aufstiegshilfe in der Wand führte. Sanft drückte ich Redo die Beine in die Flanken, damit sie den beiden folgte.
      “Aber du willst ihn doch nicht etwa verkaufen.” Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an. Aus Erzählungen wusste ich, dass der Hannoveraner ziemlich häufig den Besitzer gewechselt haben musste, bevor er auf dem WHC geladen war. Sein Misstrauen gegenüber Schaufeln und die wulstige Narbe an seinem linken Röhrbein zeugten davon, dass ihm dabei nicht nur Gutes widerfuhr. In meinen Augen war es unvorstellbar, wie man ein Lebewesen so schlecht behandeln konnte.
      “Natürlich nicht”, entgegnete Samu kopfschüttelnd, “Wenn Enya so weiter jammert, muss ich viel mehr ein zweites Pferd anschaffen.”
      “Komm dein eines Pferd erst einmal öfter besuchen, bevor du dich erweiterst. Der arme Lego gerät noch ganz außer Form, wenn der immer nur rumsteht und du bestimmt auch.”
      “Du willst mir erzählen, dass ich außer Form gerate?”, hakte er mit einem amüsierten funkeln in den Augen nach, “Wie lange hast du dein Vorsatz, mit dem Joggen, noch mal durchgehalten? Zwei Wochen?”
      “Das waren zwei Monate”, protestierte ich und verzog das Gesicht. Aber ganz Unrecht hatte mein bester Freund damit nicht. Jedes Jahr fasste ich erneut diesen Vorsatz, aber sonderlich von Erfolg gekrönt, war das bisher nicht.
      “Siehst du, aber bevor du mir noch einmal sagst, ich würde fett werden, verrate ich dir lieber, ein Teil von dem, was du wissen willst.” Erwartungsvolle blickte ich ihn an, während Redo gemütlich neben dem größeren Rappen hertrottete.
      “Der hübsche Kerl hier, soll auf eine Zuchtschau gehen”, verkündete Samu knapp und strich dabei über den kräftigen Hals, der vor ihm aufragte. Verwirrt blickte ich durch die Ohren meines Pferdes hindurch nach vorn: “Warum, er ist doch bereits zur Zucht zugelassen?”
      “Es geht nicht um eine Körung, sondern um eine Hengstschau”, erläuterte er weiter, “und du wirst mitkommen.” Das ergab schon mehr Sinn, auch wenn mir nicht klar war, was ein Hannoveraner auf einer Hengstschau in Schweden zu suchen hatte. Oder züchtete man die deutschen Warmblüter etwa auch hier?
      “Oh, das ist schön und wann soll das Ganze stattfinden?”, erkundigte ich mich interessiert. Auf einer Hengstschau war ich bisher noch nie gewesen. Ob das wohl anders ablief als eine Körung? Wo lag da eigentlich der Unterschied?
      “Ende Februar und falls du dich fragst: Wozu das Ganze? Wenn alles läuft wie geplant, wird Lego dann damit für die schwedischen Warmblüter zugelassen”, erklärte Samu auch die letzten notwendigen Details.
      “Geld! Daher weht also der Wind”, scherzte ich, wohl wissend, dass Samu der letzte war, der sich viel daraus machte.
      “Na ja, Lego ist zwar kein schlechtes Pferd, aber ich denke reich wird man damit nicht. Da bleibe ich mal lieber bei meinem Job”, lachte er und trabt seinen Hengst aus dem Nichts heraus an.
      “Entschuldigung? Glaubst du etwa, dass wir schon fertig sind?”, entrüstete ich mich und drückte meiner Stute die Waden gegen den Bauch. Ein wenig holprig, waren die ersten Tritte, bevor Redo wieder einzufallen schien, dass sie kein Trampeltier war. Geschickt kürzte ich durch die Mitte der Halle ab, um den Vorsprung auszugleichen, den Samu mit seinem Hengst hatte. Samu war mir nur leider einen Schritt voraus und wich mir geschickt mittels einer halben Volte aus. Einige Minuten ging die kleine Verfolgungsjagd, bis Redo beschloss, immer langsamer zu werden. Korrekt wäre es natürlich gewesen, sie zu korrigieren, doch mit ernsthaftem Training hatte das hier ohnehin wenig zu tun.
      “Okay, du hast gewonnen”, rief ich ihn zu und ließ die Stute vollständig in den Schritt fallen, “Aber das wird noch eine Revanche geben!” Lautes Prusten erklang, als auch Samu seinen Hengst, mit einem siegreichen Grinsen durch parierte: “In dem Fall ist es wohl gut, dass du mich in Zukunft öfter ertragen musst.”

      Vriska

      „Vivi, warte mal“, rief mir Harlen noch im richtigen Moment zu. In einer Hand hielt ich einen Kopfhörer, während die andere Enigmas Leinen faste. Die junge Stute stand ruhig im Sulky und musterte meinen Bruder, der in seinem Jackett, kombiniert mit einer viel zu großen grauen Jogginghose, die Treppen herunterrutschte und im nächsten Augenblick bei uns stand.
      „Was ist denn?“, sprach ich jämmerlich genervt, noch drei weitere Pferde musste ich heute fahren und ich überzog bereits jetzt meine Arbeitszeit.
      „Du müsstest noch ein weiteres Pferd holen“, stammelte er außer Atem und wich jedem Versuch der Stute aus, an ihm zu knabbern.
      „Aha. Wieso?“ Ich zog meine Augenbrauen zusammen, die unter der Skimaske kaum zusehen sein sollten.
      „Wir haben gerade jemanden da, der bereits nächste Woche anfangen könnte, aber du musst beurteilen, wie der mit Pferden umgeht“, erklärte Harlen.
      „Na gut, ja. Aber sollte er dann nicht das Pferd holen und fertig machen?“, hakte ich scharf nach.
      Harlen schwieg, als würde er meinen Vorschlag genauer überdenken. Schließlich nickte er.
      „Okay, dann schicke ich ihn zu dir, weil so kommst du gewiss nicht ins Büro“, unterstrich er damit meinen komplett matschigen Anzug. Obwohl ich am Sulky einen Spritzschutz befestigt hatte, kam es bei so hohen Geschwindigkeiten doch mal dazu, dass ein Gemisch aus Schnee und Sand gegen mich flog und das Schwarz in grässliche Grau-Brauntöne tupfte.
      Harlen verschwand wieder und ich hängte den Sulky mit wenigen Handgriffen wieder ab. Enigma blickte sich mehrmals verwundert um. Sie dachte vermutlich auch, was der Schwachsinn soll, aber ich konnte es nicht ändern. Zusätzlich nahm ich den Helm ab und meine Maske. Ich konnte nicht einschätzen, was mich erwarten würde, also setzte ich mich an den Rand und versuchte mit der Bürste immerhin das Gröbste an Dreck von der rauen Oberfläche zu entfernen. Als Fahrer müsste besagter Herr jedoch wissen, was es für eine Sauerei werden konnte im Winter. Die Zeit zog ins Land und es dauerte gefühlte Jahrhunderte, bis dumpfe Schritte auf der Treppe zu hören waren. Bevor ich meinen Kopf aufrichtete, tippte ich die Nachricht an Eskil zu Ende und verstaute das Gerät in meiner Innentasche. Unerwartet überkam eine Wucht aus Glücksgefühlen, die mir einen kalten Schauer aus Schweiß über den Rücken jagte. Sofort zitterte meine Finger, wodurch es mir nicht gelang, den Reißverschluss der Jacke zu schließen. Der erste Eindruck ist der wichtigste, hatte meine Mutter damals immer gesagt, wenn ich anstelle einer Jeans zur Jogginghose griff. Ich schämte mich für den dreckigen Anzug, hätte alle Zeit gehabt, um ihn in der Sattelkammer zu wechseln, aber dagegen entscheiden. Mit einem breiten Grinsen trat der junge Mann zu mir.
      „Tut mir leid. Draußen die Bahn ist“, stammelte ich wirres Zeug, was er mit einem kräftigen Händedruck stoppte. Er hatte noch nicht einmal etwas gesagt, da überkam mich ein weiteres Gefühl, dieses Mal im Bauch. Undefiniert zog es und ich versuchte seinen eindringenden Blicken zu entweichen, doch hingen meine Augen an seinen. Es fühlte sich genauso vertraut an, wie das erste Treffen mit Erik, nur deutlich intensiver.
      „Ich bin Lars“, stellte er sich kurz vor, ohne seine Hand von meiner zu lösen. Oder war ich es, die sich an ihm klammerte?
      „Nett dich kennenzulernen. Ich bin Vriska, aber du darfst mich Vivi nennen“, kam endlich meine Stimme wieder und er befreite sich förmlich aus meinen Fängen.
      „Okay, Vivi.“
      Schon allein, wie er meinen Namen aussprach, trieb weiteren Schweiß auf meinen Rücken, der ganz langsam in meine Hände wanderte und dabei auf den Armen eine Gänsehaut auslöste. Unfassbar, wie sehr mich der Herr, kaum älter als ich, derartig aus dem Konzept brauchte. Ich tat alles dafür, um nicht nur professionell zu wirken, sondern auch ihm die Entscheidung zu erleichtern, uns als seinen neuen Arbeitgeber zu wählen. Lars erzählte von seiner Familie, die in Visby lebte, einer Stadt auf der Ostseeinsel Gotland. Auch seine Schwester und Vater trainierten Trabrennpferde, weshalb sie schnell entschlossen hatten, sich bei uns zu melden. Alle drei interessierten sich daran, bei uns anzufangen und auch ihren eigenen kleinen Bestand an Kaltbluttrabern herzubringen, worunter ich mir nichts vorstellen konnte. Bisher waren mir nur unsere langbeinigen Warmblüter bekannt, die durch den Sport schnell einen Verschleiß aufwiesen, egal, wie sehr wir an ihrer Stabilität arbeiteten. Somit liefen unsere nicht jedes Rennen mit.
      Wir waren einander sofort sympathisch, sodass ich jedes seiner Worte genau folgte und zwischendurch nachhakte. Lars hatte nicht nur Ahnung von Rennpferden. Sein eigener Hengst lief schon seit Jahren keine Rennen mehr, stattdessen ritt er ihn auf dem Platz, sprang auch mal und diente die sonstige Zeit als Deckhengst.
      „Eine seiner Töchter hat den großen Preis bei Stockholm gewonnen“, erzählt er fröhlich und zeigte mir sogar Bilder von der Stute. Sie war ein Rappe mit lustigen hellen Plüschohren. Ihre blauen Augen hoben sich magisch vom dunklen Untergrund ab, als würde das Pferd jeden Moment aus dem Bild springen und mit seiner majestätischen Ausstrahlung den Hof in sommerliche Farben hauchen.
      „Und dein Hengst?“, wollte ich unbedingt mehr Bilder sehen. Er sperrte sein Handy und zeigte diesen auf seinem Sperrbildschirm. Ein helles Pferd streckte seine Nase mir entgegen, mit einem blauen Auge und das andere tiefschwarz, einzig einige schwarze Tupfer verzierten die sonst hautfarbenen Lider. Daneben stand er, allerdings nur angeschnitten, aber es reichte, um mir vorstellen, was sich unter dem Rollkragenpullover und dicken Jacke verbarg. Wieder musste ich schlucken, denn in mir lief es langsam aus dem Ruder. Die schlechten Gedanken der letzten Tage, beinah Wochen, lösten sich wie in Luft auf, stattdessen blieb nur das Gefühl von Erlösung und Sehnsucht, das er mit sich brachte, mit jedem Wort, das über seine geschwungenen Lippen huschte.
      „Wunderschön“, sprach ich fasziniert, „also dein Pferd, meine ich.“
      „Ich höre das oft genug, danke.“ Er drückte die Lippen zusammen und mir fiel wieder ein, wieso wir überhaupt am Stutenpaddock standen. Ich zeigte ihm Mill, die mit einer Decke in der Hütte stand und die anderen Stute vom Heu fernhielt. Zielstrebig ging er auf sie zu. Mill, die eigentlich Millennial hieß und eine unserer Nachzuchten war, stellte interessiert die Ohren auf und musterte den hübschen Kerl, der ihr das Halfter umlegte. Vorsichtig tastete sie mit den Lippen seine Hand ab, die im Gegensatz zu seinem mächtigen Körper klein wirkte. Zusammen liefen wir in die Stallgasse.
      „Zugegeben, bisher scheint euer Hof so gigantisch, dass ich Zweifel hege, ob wir hierher passen“, gab Lars zu verstehen. Jeder dachte das am Anfang auf dem Gestüt.
      „Wir sind staatliche gefördert“, erklärte ich, „und ich weiß nicht, wie viel mein Bruder dir erzählt hat –“
      Er unterbrach mich.
      „Warte, Harlen ist dein Bruder?“, fragte Lars beinah schockiert nach.
      „Ja, seitdem ich Lebe“, schmunzelte ich.
      „Tatsächlich hatte ich vermutet, dass er dein Freund ist, so wie er gestrahlt hatte, als er zurückkam.“
      „Nein, und Tyrell auch nicht”, klärte ich auf, versuchte bestmöglich zu verschleiern, dass es Erik gab. Lars fragte allerdings nicht weiter nach, deswegen setzte ich fort.
      „Auf jeden Fall, durch die Förderung wurden nun mal ganz neue Standards gesetzt, auch was Nachhaltigkeit betrifft und du wirst die Baustelle gesehen haben: Wir bauen um, weil die Weltreiterspiele hier stattfinden werden.“
      Nebenbei putzte er Mill über, die durch ihre Decke kaum Schmutz aufwies. Einzig an ihren Beinen und Hals haftete Matsch, teils getrocknet, teils noch feucht. Enigma entspannte in der Box. Zusammen liefen wir zur Sattelkammer der Traber, die sich in der anderen Hütte neben dem Platz befand. Folke hatte ein riesiges Chaos hinterlassen. Überall hingen lose Geschirrteile, Trensen und Leinen, die sonst einen festen Platz hatten. Ich wühlte mich durch die Menge an Leder, bis wir alles für die Stute hatten.
      „Sicher, dass ihr der Herausforderung einer so großen Veranstaltung gewachsen seid?“, scherzte Lars nebenbei. Umgehend übergab ich ihm einen Haufen aus losen Teilen, die mal ein Geschirr werden wollten.
      „Ja“, antwortete ich stumpf, „dein Vorgänger hat das hinterlassen, aber ich traue dir zu, dass du das hier in den Griff bekommst.“
      Ein verschmitztes Lächeln huschte über seine Lippen.
      „Noch ist nicht aller Tage Abend. Aber es freut mich zu hören, dass ich offenbar so herzlich empfangen werde“, lachte Lars und wuschelte mir durch das ohnehin wirre Haar. Aus dem Schrank suchte ich noch einen Anzug heraus, dass seine Kleidung vor den Widrigkeiten geschützt war. Zusammen verließen wir den Raum, nicht ganz unbeobachtet. Harlen stand an der Tür vom Büro, die zur Galerie führte, auf der man einen wunderbaren Überblick zur Halle und Anbinder hatte. Auch er konnte nicht anders als zu Strahlen. Offenbar überzeugte Lars nicht nur mit seinem Äußerlichen, sondern auch seinem Lebenslauf. Provokant riss ich meine Augen auf und gab meinem Bruder ein Handzeichen, dass er uns nicht beobachten sollte. Dieser schüttelte nur amüsiert den Kopf.
      Ich half unserem Kandidaten dabei, die gescheckte Stute einzuspannen und wenig später befanden wir uns auf dem Weg in den Wald. Obwohl ich Mill nur zickig am Sulky kannte, lief sie, mit ihm als Fahrer, wie ausgewechselt. Die Leinen hingen beinah durch und in einem ruhigen, gleichmäßigen Tempo trat sie durch den matschigen Sandboden. Doch auch Enigma ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, nicht mal das Kaninchen, dass aus dem Unterholz unseren Weg kreuzte, beeindruckte. Stattdessen schnaubte sie immer wieder ab und streckte mit gewölbten Hals ihren Kopf. Gleichzeitig erzählte Lars fröhlich weiter über seine bisherige Arbeit, was für Erfolge aus seiner Hand stammten. Sein vielfältiges und tiefgreifende Wissen über Pferde sowie Trainingsmethoden aller Art imponierte mir zutiefst.
      „Das reicht dann aber auch“, beendete Lars plötzlich seine Erzählung als wir eine Runde im lockeren Trab hinter uns hatten. Ich hatte uns beiden ein Funkgerät befestigt, das er noch nicht die Daten auf Grund der fehlenden Applikationen überprüfen konnte. Es war auch wunderbar für Unterhaltungen. Schon jetzt, als er schwieg, vermisste ich seine Stimmte und wollte so viel mehr über Rennpferde wissen. Meine eigene Einführung in das Thema war ziemlich holprig und oberflächlich, Folke erzählte auch nicht viel. Deshalb überraschte es mich, wie viel Erfahrung wertvolles Training bedarf.
      „Erzähl du jetzt von dir. Es wäre unfair, wenn nur ich die ganze Zeit rede.“
      Ich seufzte und gab Enigma die Hilfe dafür, etwas am Tempo zuzulegen, denn Lars entfernte sich mit Mill immer mehr. Aufgeregte prustete sie, aber legte los. Binnen von Sekunden hatten wir das Gespann nicht nur eingeholt, sondern auch überholt. Das spornte ihn an, auch mit Mill etwas schneller zu werden. Aus dem lockeren Tempo kamen wir immer weiter in Bereiche von Renngeschwindigkeit, wie es mir mein Handy auf dem Bildschirm verriet. Es hing in der dafür vorgesehenen Halterung, aber durch den Matsch konnte ich nicht mehr alles erkennen.
      Nach einer weiteren Runde holten wir die Stuten zurück in den Schritt und damit hatte ich Zeit zu erzählen. Wie von selbst kamen die Worte aus meinem Mund und ich erzählte ihm beinah alles, also von Capi, dem Isländer meiner Tante, dann meiner Ausbildung und wie ich schließlich auf der Ersatzbank vom Nationalteam gelandet bin. Bewusst ließ ich einige Details weg, unter anderem, dass Erik mir die Pony Stute gekauft hatte und welche Rolle Niklas dabei spielte, dass ich nun Dressur ritt.
      „Dann habe ich wohl einen Profi neben mir“, sprach er und ich war mir sicher, dass ich unter seiner Maske ein Grinsen ermitteln konnte.
      „Einen hübschen Profi, der sogar fahren kann“, fügte Lars im nächsten Atemzug hinzu. Am liebsten hätte ich es auf das Training und der Maske geschoben, aber das war nicht Grund, wieso mir das Blut in den Kopf pumpte. Stattdessen fummelte ich immer wieder die Leine zurecht, um sie im nächsten Augenblick zu lockern und neu zu sortieren. Alles nur, um seinen stechenden Blick auszuweichen. Unbemerkt blieb es allerdings nicht.
      „Keine Sorge, ich versuche dich nicht ins Bett zu bekommen“, lachte Lars.
      „Schade eigentlich“, tauchte ich belustigt aus meiner Starre auf, „aber wer nicht will, der hat schon.“ Provokant zuckte ich mit den Schultern und soeben war ich die, die unentwegt zu ihm sah. Unter seiner Schutzbrille erkannt ich, dass sein Kopf hochrot wurde. Das würde ich als Gleichstand werten.
      „Dir kann es nicht schnell genug gehen, oder?“, blieb sein Interesse offenbar bestehen.
      „Das fragst gerade du? Als Trainer von Rennpferden?“
      Wir beide begannen herzlich zu lachen.
      Vor der Halle sprang wir beinah synchron aus dem Sitz und führten die verschwitzten, verdreckten Pferde in den Stall herein, in dem wir offenbar schon sehnsüchtig erwartet wurden. Harlen grinste nur und verschwand zum Büro, während Lina hektisch Samu an der Schulter antippte. Mein strahlendes Lächeln kam erst zum Vorschein, als ich den Helm abnahm und die Skimaske abzog. In mir brodelte alles, seitdem er mir die Hand gegeben hatte, ich konnte aber nicht genau einschätzen, was das sollte. Auch, wenn ich darüber nachdachte, was ich hier tat, tropfte es kurz aus dem Fass, aber die schlechten Gedanken flossen durch den Abfluss heraus, als würde mein Körper von selbst heilen in seiner Gegenwart.
      “War das Training gut?”, erkundigte sich Lina und das breite Grinsen zeugte von unverhohlener Neugierde, die sich allerdings nur bedingt auf das Training zu richten schien.
      “Perfekt”, schwärmte ich, auch Lars nickte zustimmend neben uns. Die beiden Stuten schnaubten gelassen ab und schüttelten sich dabei, dabei klapperten die Lederschnallen aneinander.
      “Enigma möchte mal erfolgreich werden”, fügte ich noch hinzu und tätschelte liebevoll ihren Hals.
      “Das klingt doch super”, lächelte sie, “Ach und ich bin übrigens Lina.” Freundlich reichte sie dem jungen Mann neben mir die Hand. Nur ein paar Floskeln tauschten die beiden aus und setzte die braune Stute wieder in Bewegung. Mit aller Ruhe löste ich einen Gurt nach dem anderen und kippte den Sulky zurück an die Wand des Stalles. Wenig später kam auch Lars nach, der mir gleich tat. Freundlich nahm ich ihm das Geschirr ab und trug beide Ausrüstungen zurück in Sattelkammer. Am Chaos hatte sich nichts geändert, vielmehr lag es noch schlimmer da, seitdem ich nach Einzelteilen gesucht hatte. Zumindest die verwendeten Geschirre hänge ich sortiert an die dafür vorgesehene Vorrichtung, als plötzlich Schritte auf den Holzdielen ertönten. Strahlend drehte ich mich um, bemerkte allerdings, das es nur Lina war, die wie ein Heinzelmännchen angeschlichen kam und sich neugierig auf die Unterlippe biss.
      „Ach, du bist es“, seufzte ich und drehte mich wieder zu den Halterungen um, zur Suche nach einer Abschwitzdecke.
      “Hast du etwa auf, wen anders gehofft?”, giggelte sie und wuselte wieder in mein Blickfeld. Über dramatisch rollte ich in einer Kopfbewegung meine Augen.
      “Selbstverständlich Schätzchen”, lachte ich.
      “Gehe ich richtig in der Annahme, dass deine nette Trainingsbegleitung der Grund für deine gute Laune ist?” Wissbegierig funkelte es in ihren Augen, als sie mich forschend anblickte.
      “Hast du ihn dir mal angesehen?”, stammelte ich beinah hysterisch, als hätte ich meine Lieblingsband auf der Straße getroffen, “Omg. Ich halte es nicht aus. Er ist so perfekt und vermutlich unser Arbeitskollege.”
      “Sicher, dass du über 12 bist? Du klingst gerade nicht danach”, lachte sie, “Aber ja, er ist schon ziemlich hübsch.”
      “Pff, ich bin mir sehr sicher, dass ich schon über zwanzig sogar bin. Aber jetzt mal im Ernst, der hat richtig Ahnung von Pferden, schreckt vor nichts zurück und sein Hengst sieht einfach aus wie Ivy! Er zeigt ihn dir sicher, wenn du ihn fragst”, sprudelte es weiter aus mir heraus wie ein Wasserfall. Innerhalb des einen Heats, hatte ich so viel an Wissen erfahren können, dass ich nicht wusste, mit dieser Macht umzugehen. Kurzzeitig traf mich so gar Gedanke, wieder Rennen zu fahren, auch wenn es bedeutete, dass ich mehr Essen muss. Vom Ständer nahm ich zwei riesige Decken herunter, die Vintage und Alfi als Sieger bekamen und farblich mit den beiden Stuten harmonisieren sollten – Hellblau.
      “Uhh, wie Ivy sagst du? Dann ist Lars, also nicht nur hübsch anzusehen, sondern hat auch noch Geschmack. Sehr sympathisch.”, entgegnete sie enthusiastisch.
      “Bagsy”, rief ich umgehend, um die Situation klarzustellen. Verwirrt blickte sie mich an: “Was hast du jetzt für Schmerzen?”
      „Ich habe ihn mir damit reserviert. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, wer zuerst Bagsy sagt, hat Anspruch auf etwas, je nachdem welcher Kontext. Und Lars gehört jetzt mir“, triumphierte ich und rollte die Decken ein, um sie heraustragen zu können. Allerdings kam ich nicht weit, den natürlich stand besagter in der Tür und unbedacht lief ich in ihn.
      „Dachte schon, dass es etwas passiert sei, so lang wie du gebracht hast. Aber ihr habt wohl einiges zu sprechen“, grinste er verlegen und nahm mir den Haufen Stoff aus den Armen. Stocksteif verharrte ich in der Position und versank innerlich in den Boden. Wie viel hatte er mitbekommen? Sollte ich mir jede Chance verbaut haben?
      Lars verschwand aus der Tür heraus und nur meine Augen folgten seiner Bewegung. Obwohl er einiges an Kleidung über sich trug, erkannt ich ein leichte Erhebung, die für sich sprachen. Auf seinem Handy durfte ich bereits erahnen, wie gut aussehend er war und dass ich davon noch in Genuss kommen würde, ahnte ich in dem Moment noch nichts. Stattdessen versuchte ich das drängende Gefühl in mir loszuwerden, das mich in einen Strudel aus Lust und Begierde lenkte und alle anderen Umstände ausschaltete. Ich wollte nur noch am Stall sein, nicht allein in der Hütte sitzen und darüber nachdenken, wie ich meiner quälenden Leere entkommen konnte. Nach Ewigkeiten kam dieses Ventil, auch wenn das Training mit Lubi einiges an meiner Stimmung ins Positive gerückt hatte.
      “Komm mal zurück in die Gegenwart oder willst du da noch weiter herumstehen?”, holte mich Linas Stimme zurück in die Gegenwart, die mich dabei kichernd anstupste.
      “Ich bin doch schon da”, schüttelte ich mich, “hast du Shaker heute bereits bewegt?” Bindend Sekunden überlegte ich mir, den Hübschen auch auf ein Pferd zu setzen, schließlich würde er auch im Alltag nicht nur im Sulky setzen. Damit hatte ich auch schon eine Begründung, wieso er unseren Nachwuchshengst unter den Sattel bekommen würde. Nur ich wusste noch nicht so recht, mit welchem Pferd ich glänzen sollte. Lubi hatte heute nur die Führanlage gesehen, aber dafür gestern ein anstrengendes Training hinter sich, auch mir schmerzten noch die Oberschenkel von den Serienwechseln. Nur ein Pferd kam mir in den Sinn, dass ich unter normalen Umständen wohl nie bewegt hätte – Götterdämmerung, der Fuchs aus der Hölle. Nicht grundlos betitelte ich sie allen gegenüber nur als Mörderpony, aber heute war der richtige Tag für Blut vergießen, zumindest um wieder meinen Kopf geradezurücken.
      “Nein, habe ich nicht”, entgegnete sie.
      “Gut, dann gehe ich das Mörderpony holen”, sprach ich es laut aus und zischte aus der Tür heraus zur anderen Kammer, in der des Stutes Halfter hing. Vorher entledigte ich mich dem furchtbaren matschigen Anzug und hängte ihn im Waschraum zwei Türen daneben auf. Nun froh ich, aber sobald ich im Sattel sitzen würde, wäre das Gefühl wie weggeblasen. Ich hatte nur eine Sommerhose darunter und einen Hoodie, weder Jacke noch richtige Stiefel zog ich mir an.
      Natürlich bereute ich es bereits einige Meter vor dem Rolltor, so wenig anzuhaben, aber da musste ich durch. Die Fuchsstute mit ihrem großen Abzeichen funkelte diabolisch in meine Richtung und drehte sich umgehend weg, als ich merkte, dass ich zu ihr wollte. Fredna hätte ich gebrauchen können, die beruhigt sie. Allerdings schaffte ich es ohne Hilfe an sie heranzutreten. Göttin versuchte, mit schlagendem Schweif mich loszuwerden, drohte auch mit dem Vorderhuf, aber ich schenkte dem keine Beachtung. Stattdessen ärgerte ich mich, dass meine graue Hosen Matschflecken aufwies.
      “Nur heute, dann lasse ich dich in Ruhe”, gab ich dem Pferd zu verstehen und wie ein Wunder, folgte sie mir entspannt. Sogar als wir im Stall ankamen, schaute Tyrell nicht schlecht, der sich gerade mit Lars unterhielt.
      “Offenbar brauchen wir niemanden Neues”, scherzte dieser, was ich mit hochgezogenen Augenbrauen direkt versuchte, zu unterbinden.
      “Natürlich, ich kann nicht jeden Tag so viel machen”, rief ich ihm zu.
      Lina hatte die beiden Stuten in eine freie Box gepackt, damit sie noch länger trocknen können und putzte zur gleichen Zeit den großen Fuchsfalben, ihr Sohn. Er wusste es nicht besser. Shaker trampelte aufgeregt von einer Seite zur anderen und meine Kollegin verdünnisierte sich rechtzeitig, denn sonst hätte sie einen Huf abbekommen. Der Hengst machte seinem Geschlechte alle Ehre, obwohl Göttin nicht einmal in seine Richtung sah. In einem konstanten Tempo liefen wir weiter und ich hakte auf beiden Seiten die hängenden Stricke ein.
      “Benimm dich, bitte”, bettelte ich das Pferd so leise wie möglich an. Aus dem Augenwinkel sah ich Tyrell Lina zur Hilfe kommen, denn dieser wollte sich nicht mehr beruhigen, zu interessiert schien er an seiner Mutter. Das lasse ich an der Stelle einmal unkommentiert.
      So schnell ich konnte, putze ich den feinen Staub aus dem Fell, kratzte die Hufe aus und verschwand im selben Tempo in der Sattelkammer. Überall hingen Sättel und Trensen, die ich in dem Ausmaß noch nie bemerkt hatte. Es war viel, Ja, aber so viel? Unglaublich, mindestens die Hälfte davon sollte man Spenden können an Menschen, mit weniger Mitteln. Mit meinem Finger lief ich Namensschilder durch, als wüsste ich nicht, wonach suchte. Mindestens dreimal übersah ich „Götterdämmerung“, bis ich schließlich wieder vor dem Schwarzen Sattel stand und ihrer Trense. Eigentlich wollte ich meinen Halsring greifen, aber hing nun doch etwas stärker an meinem Leben. Immerhin meine gelbe Otterschabracke nahm ich noch im Vorgehen mit, ehe ich vollgepackt mit Beinschutz, Helm und Sattelzeug die Treppen herunterlief. Die Füße konnte ich nicht sehen, vertraute aber auf meine Fähigkeit, laufen zu können. Wider Erwarten kam ich unbeschadet am Pferd an, warf ihr in Windeseile alles über und stand fertig bei Lina, die gerade einmal mit Lars Hilfe den Sattel fest zurrte.
      “Mit welchen Zauberworten hast du die Göttin denn so kooperativ bekommen”, staunte sie nicht schlecht. Doch den Junghengst für den kurzen Moment aus den Augen zulassen erwies nicht als klug, denn bei seinem aufgeregten herumgehampel rempelte er sie beinahe um als er nach vorne trat.
      “Du weißt doch, ich darf nicht darüber sprechen, wenn Unbeteiligte im Raum sind”, sprach ich bewusst leiser, damit es geheim klang ihm gegenüber.
      “Ach ja, ich habe deinen Hexencodex vergessen”, lachte sie.
      “Sollte ich Fragen stellen?”, mischte sich auch Lars ein, mit einem schiefen Lächeln auf seinen Lippen. Brennend trat ein Kribbeln unter meiner Haut auf, dass sich sehr langsam von den Fingerspitzen im ganzen Körper verteilte. Auch die Fuchsstute zog einmal den Kopf nach oben, als hätte ich ihr einen Stromschlag verpasst. Es zehrte mich mit jedem Atemzug. Ich wollte seine Hände an mir spüren, die Wärme auf meiner kalten Haut wahrnehmen und es schrie. Meine Gedanken waren so laut, dass ich Angst hätte, jemand könnte sie hören. Genauso sah mein Gesichtsausdruck aus. Ununterbrochen grinste ich, so sehr, dass bereits meine Muskeln bitterlich stachen und in den Hinterkopf einen Schmerz sendeten. Cool bleiben, Vriska, es ist alles gut.
      “Nein, besser nicht, aber Lina hat die Theorie entwickelt, dass ich zaubern kann und heimlich meinen Besen verstecke, um nachts durch die Luft zu fliegen. Zugegeben, dass ich nachts häufig nicht im Zimmer bin, entstärkt ihre Argumente nicht”, klärte ich ihn auf, ohne von seinen grünen Augen abzulassen, die in dem warmen Licht der Deckenbeleuchtung funkelten.
      “Das ist nicht nur eine Theorie. Ich bin überzeugt davon, dass du genau so viel Magie besitzt wie Ivy. Das sieht nur keiner”, scherzte Lina weiter.
      “Wer auch immer Ivy ist, aber ich sehe es. Ich finde Vivi zauberhaft”, zuckte er mit den Schultern. Da war es wieder – weiche Knie, zitternde Finger und Hitze im Gesicht. Im Boden versinken wäre perfekt oder einfach verschwinden, aber ich konnte nicht. Es fühlte sich an, als würde ich im Leben zum ersten Mal in einer unangenehmen Situation bleiben.
      “Jetzt übertreiben wir mal nicht. Ich achte nur auf den Tierschutz”, spielte ich mein Empfinden runter. Lina hingegen wirkte erleichtert, dass jemand anderes mir Komplimente machte, obwohl auch sie öfter hören könnte, wie großartig sie ist.
      “Vielleicht hören wir einfach auf zu quatschen und Lars kann sich sein eigenes Bild davon machen”, brachte sich Erwähnte ein und griff nach der Trense, damit auch Shaker endlich reitfertig sein würde. Noch immer unruhig, riss der Falbe den Kopf nach oben und zeigte nur wenig Kooperationsbereitschaft. Nur mit viel gutem Zureden und Lars Hilfe, gelang es schließlich, dass Shaker den Zaum letztlich am Kopf trug.
      Mit der Göttin lief ich bereits vor, zog den Gurt ein Loch fester und schwang mich in den Sattel. Sie legte die Ohren an, aber gewöhnte sich binnen weniger Runden an mich. Gespannt drang sich ein kleines Publikum auf die Tribüne, bestehend aus dem Team und einigen Einstellern, die von unserem attraktiven Kandidaten Wind bekamen. Damit setzte ich mich selbst auch unter Druck. Die Stute tanzte ungeduldig durch den Sand und reagierte kaum auf meine Gewichtshilfe. Lars hingegen, der Minuten nach mir in die Halle einkehrte, steuerte den zuvor ungeduldigen Hengst, wie ein Profi. Mein Plan ging nicht auf. Je mehr ich versuchte, Göttin für schwierigere Lektionen vorzubereiten, umso schwammiger wurden ihre Schritte. Bereits im Trab schlichen sich Galoppsprünge ein, die ich nicht wollte. Selbst meine Linienführung wirkte wie von einem Anfänger. Der Zirkel war nicht einmal rund, also hielt ich entschlossen an, sprang vom Sattel und lief aus der Halle heraus.
      Ein verwundertes Tuscheln ging durch die Masse. Als ich mich noch einmal umsah, bemerkte ich, dass Lars den Hengst sehr locker vorwärts ritt, die Taktfehler ausglich und genau wusste, was er tut. Enttäuscht seufzte ich und verschwand. Ich hatte vieles in meinem Kopf, aber nicht, dass ich kläglich versagte. Göttin rieb sich die Trense ab, während ich langsam das Sattelzeug abnahm und alles wegbrachte, immer unter den strengen Blicken unserer Einsteller, die praktisch neben mir saßen. Ich schwieg mit gesenktem Kopf, wollte nur so schnell wie möglich weg. Was bildete ich mir ein? Kindisch.
      Tränen drängten sich aus meinen Augen, als ich die Stute zurückbrachte, auf ihren Paddock. Immer wieder stupste sie mich aufmunternd an der Schulter an, aber ich ignorierte sie komplett. Es tat mir leid, dass sie mich ertragen musste, obwohl Göttin ihr Bestes gegeben hatte, um zu verstehen, was ich von ihr wollte. Aber ich konnte es nicht, ich war unfähig. Auch Eskil schrieb ich, dass ich morgen keine Zeit für unser Training hatte und nächste Woche vermutlich auch ausfiel. Er stellte keine Fragen, akzeptierte es nur.
      “Es tut mir leid”, murmelte ich Göttin zu und zog das Halfter über die Ohren. Sie schüttelte sich und lief zum Futter.
      Gefühlte Stunden saß ich, mit meinen Armen eng um die Beine geschlungen, im Unterstand der Stuten auf dem Heuballen und lauschte den Geräuschen der Pferde. Zwischendurch hörte man Reifen durch den Kies fahren, Autotüren und das Gelächter aus der Reithalle. Ich überlegte lange, was genau mich geritten hatte und warum ich nicht normal sein konnte, mehr Lina, weniger Vriska, aber eine Antwort darauf gab es nicht. Lösungsansätze hatte ich im Kopf, doch Veränderungen schmerzten, so auch der Kloß in meinem Hals. Er drückte mir die Luft weg und wurde damit immer größer. Ich schluchzte und Tränen tropften auf mein Handy, dass ich anstarrte. Auf dem dunklen Display konnte ich mein Gesicht erkennen, wenn auch nur schemenhaft, doch was ich sag, enttäuschte mich zutiefst. Allerdings erinnerte ich mich an etwas und öffnete mit wenigen Klicks unseren Chat.
      „Ich brauche dich, jetzt“, tippte ich geschwind ein und wartete. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, war er für mich da, so wie ich ihn kannte. Na ja, so gut man jemanden kennt, der unbekannt ist.
      „Was ist los?“, fragte er und ich erklärte ihm in Ausschnitten, was passiert war. Die nächste Antwort kam nicht so schnell. Der Sendestatus änderte sich bereits beim Abschicken, aber offenbar fehlten ihm die Worte.
      „Tut mir leid. Aber ich kann dir nicht helfen, habe Besuch“, schrieb er knapp. Verblüfft las ich die Antwort, immer und immer wieder. Was hatte ich falsch gemacht? Ich fragte ihn, aber er kam nicht mehr online. Grob überschlagen, hinterließ ich zwanzig Nachrichten, die zum Ende hin, ein Monolog wurden.
      „Du nervst, ernsthaft. Aber gut, dann bekommst du einen Rat von mir: Hör auf, dich so wichtig zu nehmen, niemand interessiert sich für dich, nur weil er nett ist. Ich weiß, meine einzige mit dir war es, dich abzulenken, aber langsam stoße ich an meine Grenzen. Außerhalb mein Handys habe ich ein Leben, wie jeder andere Mensch auch und wenn du dich immer wieder von deinen Impulsen steuern lässt, dann solltest du eine Therapie in Erwägung ziehen. Schreib mir nicht mehr.“ Es fühlte sich an, als würde mein Leben an mir vorbeiziehen. Der Schmerz war wie erloschen, nur noch leere verspürte ich in meiner Brust und wusste nicht mehr, was ich denken soll. Monate hatte ich mir so was wie eine besondere Freundschaft aufgebaut, die in Sekundenbruchteilen zerfiel. Er war weg, denn entgegen seiner Nachricht, schrieb ich weiter, jammerte und heulte. Sie wurden nicht zugestellt.

      Lina
      Nur weniger der Einsteller verblieben am Rand der Halle, um Lars Fähigkeiten zu bestaunen, seien die meisten nur zusammen geschwärmt, um sich das Drama anzusehen. Ekelhaft, wie Menschen sich doch verhielten. Dass Vriska keine Weltklassenperformance hinlegen wurde, hatte ich mir bereits gedacht, doch hätte ich geahnt, wie schlecht Vriska mit der Göttin harmonierte hätte, ich sie aufgehalten. Wie verwirrt das Tier über den Sand torkelte, war alles andere als schön anzusehen, und einiges von dem Getuschel, was ich aufschnappte noch viel weniger. Eigentlich hatte ich ihr nach einem kurzen Moment folgen wollen, aber das, was der junge Mann mit Shaker auf dem Sand veranstaltete, löste eine solche Faszination in mir aus, dass ich die Zeit vergaß. Was war das nur, dass jeder hübsche Mann in meinem Umfeld auch noch Pferdeverstand besaß? Erst als Lars bereits dabei war den Hengst abzusatteln, fiel mir auf, dass längst eine Stunde vergangen war. Besorgniserregend, dass Vriska so lang fortblieb, wenn man bedachte, dass sie vorhin nicht genug von Lars bekommen konnte.
      „Ich gehe mal Vriska suchen, sie kann sicher eine Aufmunterung gebrauchen", raunte ich Samu zu und verließ die fröhliche Runde, die noch immer auf der Stallgasse herumlungerte.
      Als Erstes schlug ich den Weg zu unserer Hütte ein. Es erschien mir am naheliegendsten, dass sie sich wie sonst auch in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Licht brannte keines, alle Fenster starrten mir leer und dunkel entgegen als ich dort ankam, doch das musste nichts heißen.
      „Vriska?“, rief ich in die Stille des Hauses, die eisige Klinke noch in der Hand. Nichts, keine Antwort. Nur um sicherzugehen, dass sie tatsächlich nicht hier war, öffnete ich nach einem zaghaften Klopfen auch noch ihre Zimmertür. Aber auch dieser Raum lag still und leer vor, damit hieß es wohl weitersuchen. Hier war sie nicht, im Stall auch nicht, demnach bleiben nur noch zwei Möglichkeiten, wo sie stecken konnte – bei den Pferden oder die hatte sich vom Hof bewegt. Inständig hoffte ich, dass letzteres nicht der Fall sein würde, denn dann könnte sich die Suche als ziemlich schwierig erweisen.
      Dem matschigen Weg folgte ich zu den Paddock und sah bereits aus der Ferne die Dunkelfuchsstute zwischen den anderen stehen. Ein gutes Zeichen, dann würde Vriska vielleicht auch in der Nähe sein.
      Im Unterstand der Stuten fand ich sie tatsächlich. Wie ein Häufchen Elend kauerte sie auf dem Heuballen, die Augen verquollen, die Haut bereits fahl aufgrund der durchdringenden Kälte, was den dramatischen Effekt des verlaufenen Make-ups noch zu verstärken schien.
      “Hey, ich habe dich schon gesucht”, sprach ich sanft, um auf mich aufmerksam zu machen, bevor ich zu ihr auf den Ballen kletterte. Als ich wahrnahm, wie sie zitterte, legte ich ihr sofort meine Jacke um die Schulter, sie benötigte die wärmende Schicht gerade deutlich dringender, bei den wenigen Kleidungsstücke, die sie trug.
      Unverständlich murmelte Vriska, aber dann verstand ich etwas: “Was los?”
      “Du bist seit einer Stunde verschollen, ich wollte sehen, ob es dir gut geht”, brachte ich meine Besorgnis hervor.
      “Okay, danke”, schluchzte sie, wirklich gesprächig schien sie nicht, aber auch meine Jacke brachte keinen Effekt. Es tat mir wirklich in der Seele weh, sie so am Boden zu sehen. Umständlich rutschte ich noch ein Stück näher an sie heran und schloss meine Arme, um ihren zierlichen Körper in der Hoffnung ihr damit wenigstens ein wenig Trost spenden zu können. Hatte der Vorfall vorhin sie wirklich so tief getroffen oder war etwa noch etwas vorgefallen?
      “Möchtest du reden oder soll ich vielleicht irgendwen für dich holen?”, versuchte ich mich behutsam heranzutasten, wie ihr zu helfen sei, denn ehrlich gesagt war ich ein wenig ratlos. Endlich bewegte Vriska sich. Sie ließ die Hände von den Beinen ab und wechselte ihre Position, legte den Kopf auf meinem Schoß ab und nahm die Jacke als Decke.
      “Wen willst du holen? Meinen Bruder, der mir sagt, ich soll zur Therapie gehen oder Mama anrufen?”, lachte sie beinah munter im Vergleich. Mit ihren Stimmungswechseln waren Vriskas Reaktionen für mich so unvorhersehbar wie die der Tiere um uns herum, wenn man ihre Zeichen nicht zu deuten wusste, doch ich bemühte mich davon nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
      “Mangels Kenntnis von Kontaktmöglichkeiten, würde nur erstens infrage kommen”, antworte ich auf ihre Frage, “aber offensichtlich ist das nicht erwünscht.”
      Tatsächlich drückte sie mir stumm ihr Handy in die Hand und vor mir leuchtete ein dunkler Chat auf, mit sehr vielen und vor allem kurzen Nachrichten. Irritiert wischte ich mit dem Finger über dem matten Bildschirm, im Hinterkopf, dass jederzeit ein seltsames Bild kommen könnte. Auf einmal kam Vriskas Finger dazu, der mit dem Anfang zeigte. In meinem Magen lag ein flaues Gefühl, ich konnte ihre Situation nachvollziehen, wie schlecht sie sich in der Halle gefühlt haben muss, andererseits war mir ein Fakt mehr bekannt. Sie waren einander die womöglich wichtigste Person und dann zu lesen, dass der Partner Interesse an jemand anderes hegte, verletzte zutiefst. Was er mit seinem Besuch andeuten wollte, konnte ich überhaupt nicht deuten und wüsste Vriska, dass ihr unbekannter Verehrer ihr Freund war, hätte sie vermutlich die Hälfte davon nicht geschrieben. Am Ende angekommen, bemerkte ich natürlich, dass nichts mehr von ihm kam. Sie bekam das Gerät zurück, das sofort wieder aufleuchtete, unglaublich, dass sie noch immer diese Bild als Sperrbildschirm hatte.
      „Das sind ganz schön harte Worte. Tut mir leid, dass er dich so wegstößt“, wählte ich meine Worte mit bedacht. Unsicherheit und ein schlechtes Gewissen überkamen mich darüber, ob es eine gute Idee gewesen war, sie so lange im Ungewissen zu lassen, wer ihr Unbekannter wirklich war. Vom Flirten hatte sie das vielleicht nicht abgehalten, aber sicherlich hätte es beide davor bewahren können, verletzt zu werden. Doch jetzt war es zu spät, es würde sie nur noch tiefer treffen, wenn sie erfuhr, dass Erik dahintersteckte.
      Stillsaßen wir zusammen auf dem Ballen, nicht ein Wort verließ mehr ihren Mund, nur leichtes Schluchzen drängte zwischen Kaugeräuschen der Pferde hindurch. Noch immer war es kühl und ohne meiner Jacke kam auch ich an meine Grenzen. Vriska zitterte wie Espenlaub.
      „Was denkst du, möchtest wenigstens noch Tschüss an Lars sagen? Er wollte gleich los“, versuchte ich sie zum Aufstehen zu bewegen, nach dem Blick auf die Uhr. Außerdem kam mir zunehmend der Hunger, nach einem arbeitsreichen Tag.
      „Eher nicht“, sagte sie ziemlich in sich gekehrt.
      “Dann lass uns wenigstens nach drinnen gehen, sonst erfrierst du mir hier draußen noch”, redete ich sanft weiter auf sie ein. Wenn ich daran dachte, wie taub meine Finger bereits vor Kälte waren, wollte ich mich gar nicht erst vorstellen, wie kalt ihr sein mochte, wenn sie dies überhaupt wahrnahm.
      “Aber nur weil du es bist”, seufzte Vriska und bewegte sich in Zeitlupe von meinen Beinen herunter, die vermutlich am wärmsten waren. Schmerzlich stieß sie ein Laut aus beim Herunterklettern des Ballens, klammerte sich dabei fest an dem dünnen Netz, um nicht zu fallen. Ungeschickt tat ich es ihr gleich und war froh als ich den festen Boden wieder unter den Füßen hatte.
      Wie zwei alte Omas, die bereits von Arthritis gezeichnet waren, bewegten wir uns zu unserer kleinen Hütte. Kaum in unserem kleinen warmen Reich angekommen, ließ Vriska sich auf das Sofa plumpsen, streifte sich die Schuhe von den Füßen und wickelte sich wie ein Wrap in die flauschigen grauen Decke. Mein Weg hingegen führte geradewegs in die Küche. Mit schmerzenden Finger befüllte ich den Wasserkocher, denn bevor ich irgendetwas Weiteres tun konnte, musste etwas Warmes her.
      “Möchtest du auch einen Tee?”, rief ich Vriska zu, während ich bereits für mich eine Tasse aus dem Schrank ergriff.
      „Ich bin zwar britisch, aber bevorzuge Kaffee, egal wann“, schien sie mich erinnerten zu wollen, so gut wie nie Tee zu trinken. Stattdessen war ich so frei, die Kaffeemaschine einzuschalten, denn einen Knopf drücken, lag noch in meinen Fähigkeiten. Die Kälte schien sich regelrecht in den Fasern meiner Kleidung festgesetzt zu haben, denn die Wärme erreichte mich kaum. So nutze ich den Augenblick, indem die Geräte ihre Arbeit taten, um dem entgegenzuwirken. So warf ich, bis auf die Unterwäsche sämtliche Kleidungsschichten von mir und ersetzte diese mit einer gemütlichen Jogginghose und einem viel zu großen Pulli mit dem verwaschen Logo der Eishockey-Mannschaft in der Samu lange Zeit aktiv gewesen war. Ich liebte dieses Kleidungsstück, denn er war einfach perfekt vom Gemütlichkeitsfaktor, weshalb er einst heimlich von seinem in meinen Besitz wechselte. Na ja, genaugenommen war er nicht geklaut, sondern eher so etwas wie eine … Dauerleihgabe auf unbestimmte Zeit. Was zuallerletzt nicht fehlen durfte, waren die wunderbar flauschigen Kuschelsocken mit den niedlichen Ottern drauf.
      Gerade wieder in der Küche angekommen, verkündete der Wasserkocher mit einem leisen Pling, dass er fertig war und auch Vriska Getränkt dampfte bereits in seinem Behältnis und verströmte sein kräftiges Aroma. Laut gluckerte es in meinem Bauch und erinnere an die Leere darin.
      Mit wenigen Handgriffen war auch mein Getränk bereitet und ich balanciert die heißen Tassen hin zu Vriska, wo ich diese auf dem Tisch abstellen, bevor ich mich neben sie quetsche.
      „So, wo ich nicht mehr Gefahr laufe zu erfrieren, wie sieht es mit Essen aus?“, kam ich direkt auf das zweite Bedürfnis zu sprechen, welches gestillt werden wollte. Auf ihre Antwort wartend, nahm ich einen Schluck von der dampfenden Flüssigkeit und verbrannte mir prompt daran die Zunge. Das hatte man davon, wenn man zu gierig war.
      „Hier, such dir was aus“, sprach Vriska müde und drückte mir das Handy in die Hand, geöffnet eine herkömmliche Bestell-App. Es dauerte ein Moment, bis ich mich wieder fähig genug fühlte, die Landessprache zu verstehen. Die Auswahl war groß, beinahe zu groß, so fiel die Wahl mangels Entscheidungsfähigkeit auf eine Pizza. Im selben Moment, wie ich Vriska das Gerät bereits wieder reichen wollte, fiel mir Samu ein, der vermutlich noch da sein musste. Zumindest hatte ich keine anderweitige Information erhalten.
      „Ähm, warte kurz. Ich muss kurz Samu schreiben“, wies ich sie an und suchte hektisch mein Handy. In der Hosentasche war es nicht, auch nicht im Pulli – musste es wohl noch im Zimmer liegen. In Windeseile wuselte ich also zurück. Tatsächlich lag besagtes Gerät, begraben unter dem Klamottenhaufen, auf dem Bett.
      Auf dem Bildschirm leuchteten mir direkt eine Instagram Notifikation entgegen, die ich allerdings ignorierte. Die Prioritäten lagen jetzt eindeutig woanders.
      Mein Finger flogen nur so über die Tastatur und versendeten eine kurze, prägnante Nachricht. Kaum war diese angekommen, leuchtet bereits die blauen Haken auf und ich bekam ein okay zurück.
      Wenige Minuten später klopfte es auch schließlich an der Tür. Motiviert möglichst bald an Nahrung zu gelangen, sprang ich auf, um diese zu öffnen.
      „Oh, du bist auch noch da. Ich dachte, du wolltest schon gegangen sein?“, stellte ich fest, als ich erblickte, dass der Finne nicht allein gekommen war, „aber kommt rein.“
      Kaum hatte Lars angesetzt zu erklären, dass er seine Fähre zur Insel nicht mehr rechtzeitig bekommen hätte, erklang lautes Gerumpel hinter mir. Panisch rollte sich Vriska über die Lehne und hinterließ dabei die Decke als Spur ihrer Flucht. Unmittelbar danach fiel die Zimmertür zu und man vernahm die Zylinder einmal ins Schloss fallen. Ich zuckte nur mit den Schultern vor den irritierten Blicken der Jungs, die langsam in die Hütte eintraten. Umgehend zog Lars seine Schuhe aus, um sie zwischen der riesigen Sammlung meiner Mitbewohnerin zu verstauen. Von mir stammten nur zwei Paar, vollkommen ausreichend bei dem schmuddeligen Wetter und kaum Ausgehmöglichkeiten, nicht, dass ich darauf Lust hatte, aber so generell. Vriska schien hingegen für jede Eventualität vorbereitet.
      Ihr Handy lag noch immer entsperrt auf dem niedrigen Couchtisch, womit sich auch unsere Gäste ihre Nahrung wählten. Samu wusste noch nicht so genau, was er wollte, während es bei Lars ziemlich schnell ging. Neugierig blickte ich in die Bestellliste – Gemüsepizza. Interessant.
      Eine andere Vriska kam aus dem Zimmer heraus. Die Hose gewechselt zu einer sehr engen dunklen Jogginghose und darüber ein bauchfreies Shirt, das eher aussah, als stammte es aus der Kinderabteilung von H&M. Es war der Schnitt und nicht das Motiv, was mich irritierte. Die Schminke war komplett entfernt, wodurch ihre Augenringe deutlich hervorstachen und Augen noch rot verfärbt vom Weinen.
      Nicht nur ich sah mir ihre Verwandlung genau an, sondern auch der junge Mann neben mir, der auf dem Sofa Platz genommen hatte, konnte den Blick gar nicht mehr von ihr lassen. Zur gleichen Zeit kamen bedauerliche Stiche in meiner Magenregion, durchzogen von Grummeln.
      Mit gewissem Abstand setzte sie sich auch zurück auf ihren Platz, prüfte mit kurzen, aber hektischen Blicken, wie groß die Spalte zwischen ihr und Lars war. Doch er wusste geschickt, sie näher bei sich zu haben. Vriska beugte sich vor, um selbst etwas zu wählen, was mich schon ziemlich überraschte. Dabei wechselte er seine Position und saß plötzlich direkt neben ihr, den Arm locker auf der Lehne. Hätte ich die beiden im Schulalltag getroffen, wäre ich ihnen aus dem Weg gegangen. Sein Selbstbewusstsein und ihr gespieltes Mitleid waren das perfekte Beispiel für Schulmobber, die mir den Alltag erschwerten.
      Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, sie an ihren Freund zu erinnern, der grundsätzlich noch existierte, auch, wenn er bestimmt ziemlich genervt war, entschied aber gegen schlechte Stimmung. Vriska konnte so impulsiv und aufbrausend sein, dass jeden den Abend versaute.
      Unentschlossen durchforsteten wir Netflix, klickten eine Serie an, um im nächsten Augenblick ein genervtes Stöhnen von Vriska zu hören, weil ihr etwas nicht passte. Das Problem löste sich allerdings nach kurzer Zeit von selbst auf. Immer schläfriger hing sie neben Lars, der sie zwar versuchte wachzuhalten, aber damit keine Erfolge erzielte. Stattdessen lag sie an seiner breiten Brust und schlief ein. Süß waren sie schon, mit einem bitteren Beigeschmack.
      Mit Bedauern stellte ich leere in meiner Tasse fest, dabei waren wir doch erst vor gefühlten zehn Minuten hereingekommen. Das Zeug musste sich in Luft aufgelöst haben. Wenigstens hatte es seinen Zweck erledigt, denn neben dem Gefühl in meinen Fingern, war auch die Wärme zurückgekehrt. Langsam erhob ich mich von der weichen Sitzgelegenheit und bewegte mich erneut in die Küche. Wie ich feststellte, gefolgt von Samu, der an der Theke lehnend meine Handgriffe beobachtete.
      “Du weißt schon, dass Gedankenübertragung nicht funktioniert?”, wie ich freundlich daraufhin, dass er reden sollte, wenn er etwas wollte.
      > Onko Viska kunnossa?
      “Ist mit Vriska alles in Ordnung?”, sprach er mir gesenkter Stimme. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er zum Sofa, wo sich nur schemenhaft die Umrisse der beiden im gedimmten Licht abzeichneten.
      > Ei oikeastaan, se, että Erik ei ole ollut mukana pitkään aikaan, häiritsee häntä suuresti.
      “Nicht so wirklich, dass Erik schon länger nicht mehr da war, macht ihr ganz schön zu schaffen”, entgegnete ich seufzend. Schon allein die Erwähnung ihres Freundes ließ das ungute Gefühl wachsen, welches beim Anblick der beiden aufkam.
      > Mutta ovatko he edelleen yhdessä?
      “Aber die beiden sind schon noch zusammen?”, runzelte er die Stirn. Verständlich, dass er das in Anbetracht von ihrem Verhalten infrage stellte.
      > En ole niin varma.
      “Ich bin mir nicht so sicher”, antworte ich zögerlich. Auch wenn sie offiziell mit dem Unbekannten geschrieben hatte, war es immer noch Erik, dem sie offenbarte, dass er nicht der einzige Mann war, an dem sie Interesse zeigte. Die Verletzung, die damit einherging, war aus den Worten deutlich herauszulesen gewesen und vor allem die darauffolgende Funkstille schien eindeutig zu sein.
      > Hän kertoi tuntemattomalle flirttailustaan ja tämä oli... hieman vähemmän innostunut
      “Sie hat dem Unbekannten von ihrem Flirt berichtet und der war … eher weniger begeistert”, deute ich die Geschehnisse an, was Samu auszureichen schien, zumindest stellte er keine weiteren Fragen. Auch er kannte Vriska mittlerweile gut genug, um sich erklären zu können, weshalb sie trotz oder vermutlich gerade wegen der Vorkommnisse nicht von Lars abließ.
      Mit einem tiefen seufzend entwich sämtliche Luft aus meinem Lugen. Ein Zusammenleben mit ihr würde wohl niemals einfach werden.
      > Tiedän, että haluat auttaa häntä, mutta älä unohda itseäsi
      “Ich weiß, du willst ihr helfen, aber vergiss dich dabei bitte nicht”, appellierte Samu, ganz der besorgte Freund, der er schon immer gewesen war. Er las mich wie ein Buch und manchmal glaubte ich er würde mich besser kennen, als ich es selber tat.
      Nickend nahm ich seine Sorge zur Kenntnis, doch ich hatte genug von diesem Thema. Aktuell konnte ich die Situation ohnehin nicht ändern.
      Mit einem frischen Tee ließ ich mich wieder vor dem TV nieder. Angelehnt an die Schulter meines besten Freundes, ließ ich mich von den bewegten Bildern berieseln.
      Je spannender die Ermittlung um einen Amoklauf wurde, umso mehr vergaß ich die Anwesenheit von Vriska und Lars, womit auch das mulmige Gefühl diesbezüglich in den Hintergrund rückte. Das Gluckern und Gurgel in meinem Bauch hingegen tat das Gegenteil. Ungeduldig angelte ich nach Vriskas Handy, das konnte doch nicht so lange dauern. Oder lieferten die, die Pizza direkt aus Italien? Eigentlich wollte ich nur in die Lieferapp, doch unmittelbar auf dem Sperrbildschirm leuchten zahlreiche Push-Benachrichtigungen auf. Eigentlich wollte ich nicht neugierig sein, doch als ich Eriks Namen lass konnte ich nicht anders als darauf zu tippen. Sechs ungelesen Nachrichten erschienen, allesamt eingetroffen ab dem Zeitpunkt, ab dem Lars auf dem Hof war. Bereits nach den ersten beiden Nachrichten konnte ich deutlich herauslesen, dass Erik sich Sorgen machte, da Vriska sich nicht meldete. Da war es wieder, das beklemmende Gefühl in der Brust. Es war nicht richtig, ihre Nachrichten zu lesen, auch wenn sie den Schutz ihrer Privatsphäre nicht allzu wichtig nehmen zu schien. Schnell wischte ich die Nachrichten hinfort und wurde auf dem Homescreen von Maxou begrüßt. Ein niedliches Bild hatte sie ausgewählt, doch mein Begehren lag gerade wo anderes. Intuitiv strich ich von unten nach oben und glücklicherweise tauchte wie gewohnt der Task-Manager auf, in dem ich auch sogleich die Lieferapp entdeckte. Zehn Minuten, lautete die Auskunft. Viel zu lange, bis dahin war ich sicherlich längst verhungert.
      “Lina, du weißt aber schon, dass das nicht schneller geht nur, weil du alles fünf Sekunden nachsiehst?”, amüsierte sich der Kerl zu meiner Rechten, nachdem, ich das Gerät bestimmt zum zwanzigsten Mal entsperrte.
      “Aber ich habe doch so Hunger”, jammerte ich kläglich und stellte fest, dass sich die Anzeige in den letzten acht Minuten kein Stück verändert hatte, “Ich glaube, die blöde App ist kaputt.”
      “Gib mal her”, nahm Lars mir das Gerät aus den Händen. Kurz tippte er darauf herum, dann schüttelte er den Kopf: “Alles normal”
      “Manno”, grummelte ich, doch mir fehlte so langsam auch die Geduld, um stillzusitzen. Wie ein hungriges Raubtier tigerte ich zwischen Couch und Küche hin und her, umrundete den Küchentisch und wieder zurück.
      “Weißt du, dass du ziemlich nervig bist, wenn du hungrig wirst?”, merkte Samu an. Ganz klar eine Aufforderung, mich wieder zusetzten.
      “Aber Samuuuu”, quengelte ich, ließ mich dennoch widerstrebend wieder auf der Sofa kante nieder, breit in Sekundenschnelle an der Tür zu sein. Meine Augen klebten förmlich an der Türklinke, als sei ich ein einsamer Hund, der auf seinen Besitzer wartete.
      Mich von dem Tor der Begierde zu lösen, fiel bereits leichter, als die Ermittlungen in der Serie neue Facetten ans Tageslicht brachten. Samu kommentierte das Ganze mit Nachfragen, einzig allein, damit ich nicht zur Tür sah. Es würde jeden Augenblick klingeln, sagte eine Stimme in meinem Hinterkopf, wodurch sich das rechte Bein kurz anspannte, als würde ich in Rekordzeit losspringen. Dafür hörte ich Vriska neben uns wachwerden, leise murmelte sie vor sich hin. Lars, der sichtlich unzufrieden von ihrer Liegeposition war, atmete erleichtert aus als sie sich geraderichtete. Dann geschah, was passieren musste. Unüberlegt saß sie auf seinem Schoß und drückte einfach ihre Lippen auf seine. Mir stach es in der Magenregion, das passierte nicht wirklich, oder? Noch mehr überraschte mich, dass Lars seine Hände fest ihren Unterrücken hielt und auf sich bewegte. Im selben Moment klingelte es und ich sprang wie ein Terrier vom Korb, um die Klinke aufzureißen. Was ich dann sah, brachte mich in Atemnot.
      Niklas stand mit einer großen Tüte in der Hand vor mir, hielt diese wie eine Trophäe nach oben. Die Hitzewelle, die plötzlich über mich hereinbrach, sorgte für zusätzliche Verwirrung in meinem ohnehin schon überforderten Gehirn, sodass ich meinen Freund für einige Sekunden einfach nur anstarrte. Verdammt, sah er heiß aus, in dieser Uniform.
      „Bin ich hier richtig bei Frau Valo?”, ergriff er vollkommen ernst das Wort, als sein wir uns noch nie im Leben begegnet. Ich konnte nur stumm nicken, denn die Verbindung zum Sprachmodul, hatte meinem Hirn offenbar noch nicht wieder hergestellt. Stattdessen piepte es und eine kleine rote Lampe blickte hektisch.
      „Dann habe ich wohl eine Lieferung für sie", setzte er fort, ein frivoles Grinsen auf den Lippen. Niklas war so nah an mich herangetreten, dass kaum mehr eine Handbreit Luft zwischen uns war. Wunderbar leckerer Duft stieg aus der Tüte empor, vermischte sich mit Niklas eigenem zu einer betörenden Mischung. Zu dem unfassbar heftigen klopfen hinter meinem Brustbein, gesellte sich ein unsägliches ziehen in meinem Bauch, was das Denken nicht minder erschwerte.
      “Niklas … du … hier?”, stolperten Worte über meine Lippen, die eigentlich ein ganzer Satz werden wollten. Die Verbindungen meines Sprachzentrums schienen einen gewaltigen Hitzeschaden erlitten zu haben, durch sein erscheinen.
      “Eure Lieferung landete im Streifenwagen”, grinste er für einen Augenblick, bevor sich seine Miene verfinsterte. “Es ist etwas mit Erik passiert.”

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 64.836 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang November 2020}
      Fohlenbericht sieben von sieben.
    • Mohikanerin
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      kapitel tjugosechs | 29. August 2022

      Moonwalker LDS / Northumbria / Glimsy / Pay My Netflix / Millennial LDS / Enigma LDS / Schneesturm / Maxou / Henade

      Vriska
      Bereits Ende Januar wurde der Schnee von einem Dauerregen abgelöst, der die Fahrt auf dem Sulky undenkbar ekelig machte. Trotzdem überwand ich mich. Durch den Frost hatten sich tiefe Furchen in den Sand legt und verursachten damit eine reine Schlammschlacht. Walker, der sonst hell den Stall erleuchtete, konnte erst nach einer verdienten körperwarmen Dusche seine gewohnte Fellfarbe hervorbringen.
      Ich lehnte in der Stallgasse an einem Holzbalken und beobachtete, wie Walker genüsslich sein Futter verspeiste unter den roten Lampen. Neben mir stand Nour, vollkommen begeistert von dem Hengst. Sie erzählte womöglich zum vierten Mal an dem Tag, wie sehr sie das Training mit ihm vermisste, aber froh war, dass ich es so lang übernahm. Ihr Arm verursachte noch immer Probleme und die Naht wollte sich nicht schließen. Da Walker seine unberechenbaren Phasen hatte, fuhr sie nur mit einfachen Pferden.
      „Wir sind ein wirklich gutes Team“, sagte sie und boxte mir leicht an den Oberarm.
      „Schon, ja“, murmelte ich.
      „Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Das mit Lina renkt sich sicher wieder ein, auch wenn ihr Kerl ziemlich seltsam ist“, mahnte sie. Ich wusste das, aber es änderte nichts, egal, wie oft es mir sagte oder jemand anderes. Auch, was Niklas Problem seit Wochen war, konnte ich nicht genauer herausfinden. Einzig meine Anwesenheit brachte ihn zu unbeschreiblich unfreundlichen Taten. Selbst nach dem Urlaub wechselten wir kaum Worte, aber ich konnte spüren, dass es wieder besser werden würde.
      “Willst du heute selbst Humbria nehmen?”, wechselte Nour sogleich das Thema und stellte sich demonstrativ vor mir. Erst jetzt richtete den Kopf auf, um ihr ins Gesicht zu blicken. Sie war nur etwas größer als ich, wodurch es kein Problem war. “So ein Turnierpferd kauft sich schließlich nicht von selbst und ich will mein Walkerlein auch demnächst wieder haben.”
      “Versteh’ schon, du und dein Schatz”, grinste ich.
      Voller Tatendrang verschwand Nour und kehrte mit meinem rosafarbenen Halfter aus dem Schrank zurück, um es mir in die Hand zu drücken. Etwas verwirrt schaute ich die Dame an, aber zuckte mit den Schultern und lief zum Stutenpaddock, um besagte Stute zu holen. Lina hatte ihr eines Tages den Spitznamen „Pilzi“ gegeben, nach dem Tyrell bei einer Farbuntersuchung feststellte, dass sie das Mushroom Farbgen trug, das bisher nur bei Shetlandponys nachgewiesen werden konnte. Umso mehr freute ich mich, dieses Pferd zu meinem Zählen zu dürfen, wenn auch nur im Rahmen der Betreuung. Glücklicherweise war Niklas klug genug, uns die Stute zu überlassen, denn es hatte sich immer mehr herauskristallisiert, dass sie sensibel war und Ruhe bedarf. Sensibel mag er gehändelt bekommen, aber Ruhe bewies er bisher nie. Ich schätze, sie war froh, mich zu haben. Ihre Ohren stellten sich bereits auf, als ich ihren Namen rief. Beim zweiten Mal kam sie zum Zaun gelaufen und wieherte in hohen Oktaven.
      „Toots, wir haben Großes vor“, strich ihr über die schmale, schräge Blesse und öffnete das Halfter, um es hinter den Ohren zu schließen. Sie mochte es nicht, wenn man es über ihren Kopf zog, aber wir arbeiteten daran. Ihr erstes Leckerli verdrückte sie in Windeseile und folgte wie ein glücklicher Hund.
      „Mit dir habe ewig nichts mehr gemacht. Das tut mir leid“, sprach ich weiter mit dem Tier, das mir ohnehin nicht antworten würde. Aber sie stupste mich an, was ich als Kommunikation verstand.
      Angekommen in der Stallgasse bemerkte ich Walker in seiner Box stehen, interessiert den Kopf nach der Stute recken. Humbria legte die Ohren an.
      „Ich verstehe dich, Männer sind doof“, lachte ich.
      „Ach ja? Alle?“, kam auf einmal Lars hervor. Mir stockte der Atem und die dunkle Stute sprang zur Seite weg, dabei klapperte der Beschlag laut an dem Holz einer Boxenfront.
      „Du willst uns noch umbringen“, schüttelte ich den Kopf. Humbria beruhigte ich mit Klopfen am Hals und sogleich schmiegte sie sich an mich heran. „Aber ja, besonders du.“
      Dann lachte auch Nour, die neben ihm auf der Bank saß und aufstand, um die dunkle Stute zu begrüßen.
      „Leider muss ich ihr zustimmen, du bist der Schlimmste von allen“, fügte seine Schwester amüsiert zu und legte demonstrativ ihren Arm auf meine Schulter.
      „Jetzt verbünden sich meine Lieblingsmädchen auch noch. Das kann eine Saison werden. Gott, steh mir bei“, schüttelte er den Kopf. Lars begleitete uns zum Anbinder und diverse Nachfragen bezüglich der Stute neben mir. Besten Gewissens erzählte ich von meinen Erfahrungen von ihr, aber hatte keine Vorstellung davon, wie sie am Wagen fuhr.
      „Ich kann mitkommen. Glimsy braucht ohnehin noch etwas Auslauf“, beschloss er und lief davon. Als ich ihm so nachsah, wurde mir doch etwas wärmer ums Herz. Sein eleganter Gang übertraf um Längen, was Niklas ausstrahlte. Nur Tattoos würden ihn noch attraktiver machen, um genau mein Typ zu sein.
      „Erde an Vivi“, trat Nour vor meinen Blick, aus dem Lars bereits verschwunden war.
      „Ähm, ja?“, schüttelte ich erwischt den Kopf.
      „Stehst du auf ihn?“, kam sie noch etwas näher, damit es sonst keiner im Stall mitbekam.
      „Nein!“, empörte ich mich und flüsterte zu mir selbst: „Nicht auf ihn.“
      „Jetzt wird es interessant. Aber ihr habt doch miteinander geschlafen, oder stimmen die Gerüchte nicht?“, legte sie wieder mal ihren Arm um meinen Hals. Nour war ziemlich körpernah unterwegs, aber sie strahlte eine hohe Sympathie aus, weshalb es mich nicht störte.
      „Ich werde mich dazu nicht äußern“, schmunzelte ich.
      „Doch, ich werde es schon noch erfahren.“
      Bis auch Lars die Rappstute am Wagen hatte, dauerte es eine Weile. Nour hielt die Beine still und fragte mich nicht weiter über ihren Bruder aus. Stattdessen wollte sie mal wieder mehr über ihren Liebling, Walker, wissen. Also beantwortete ich erneut alle Fragen. Langsam sollte es doch genug sein, dachte ich, insgeheim und ging mit Bedacht vor, also ich Humbria den Gurt umlegte. Sie hampelte unsicher herum, aber sanftes Vorgehen beruhigte sie mehr oder weniger. Das Blutblatt löste in ihr einen weiteren Schock aus, dass ich zunächst durch den Stall führte. Aus ihren aufgeblähten Nüstern prustete Humbria laut Luft, erregte dabei von jedem, der durch den Stall lief, Aufmerksamkeit. In meinem Kopf ging unsere Rennkarriere den Bach herunter.
      “Vielleicht hilft das hier”, schlug Nour vor und drückte mit Watte in die Hand. Verwundert drückte ich die Brauen zusammen.
      “Das wird ihr wohl kaum helfen”, winkte ich ab. Doch sie ignorierte förmlich meine Aussage und stopfte das weiße Zeug in die Plüschohren der Stute, diese schnaubte einmal und wurde ruhiger.
      “Doch”, grinste Nour überzeugt.
      „Ach Mensch, tu einfach, was man dir sagt, dann ist einfacher“, scherzte Lars und trat damit leider in eine schmerzhafte Stelle. Ich hatte es versucht, allen recht zu machen, aber selbst das reichte nicht aus. Kommentarlos zog ich Humbria die Watte wieder aus den Ohren. Ihre Hektik kehrte zurück aber kaum steckte ein Leckerli im Maul, konzentrierte sie sich auf mich.
      „Ich gehe allein“, schnaubte ich. Dann führte ich die Stute wieder in den Anbinder, in dem bereits mein Sulky lehnte. Erst legte ich Trense um, streifte das Halfter wieder über und den Wagen ins System. Die Stute hampelte unter den wachsamen Augen der Beiden, die misstrauisch Blicke austauschten. Letztlich schaffte ich es und Humbria schnaubte sogar ab. Zu meinem Bedauern folgte uns Lars.
      “Du bist noch nicht so weit”, rief er mir nach, was mir nichts ausmachte. Natürlich bekam ich sogleich Herzklopfen, als würde ich auf der Göttin sitzen und mich lächerlich machen, aber es war anders. Humbria und ich kannten einander und hatten eine Bindung. Zumindest glaube ich das. Die ersten Meter auf dem Hof lief die Stute im ruhigen Tempo voran, bis sie den Kopf hochstellte und die Schritte verkürzte. Mit guten Hintergedanken durchwühlte ich alle Informationen in meinem Kopf, nach Trainingsmethoden, wie ich sie einmal in der Berufsschule hatte. Wieder sprach ich auf die nervöse Stute ein und ließ dabei immer wieder Kontakt an der Leine nach, um sie zum Strecken zu animieren. Humbria wirkte verwirrt, was ich von ihr wollte, aber als die gewünschte Aktion folgte, lobte ich die Stute. Dafür lehnte ich mich auch nach vorn, um ihr sanft über den Po zu streichen. Tatsächlich klappte es, auch entgegen meiner Erwartungen.
      „Ziemlich beeindruckend“, merkte Lars an und schloss neben uns auf.
      „Tja, bin halt nicht so ein Anfänger, wie du denkst“, grinste ich mit deutlicher Selbstsicherheit.
      „Du hast den zweiten Platz belegt, nachdem du ewig keine Rennen gefahren bist. So schlecht denke ich nicht über dich“, beschwichtigte er.
      Bis zur Trainingsbahn fuhren wir nebeneinander her, tauschen Erfahrungen über meine Stute aus und besprachen den heutigen Ablauf. Vorbereitend für kommende Rennen hatte Lars die Stute in sein Trainingsprogramm aufgenommen, das Bruno sich zuvor für den Wiedereinstieg überlegt hatte. In diese, beinah geheimen, Informationen wurde ich nicht eingeführt, musste also mit Nacherzählungen vorliebnehmen. Gespannt hing ich an seinen Lippen.
      Auf der Bahn legten wir an Tempo zu, um die Pferde im lockeren mittleren Trab durch den gefrorenen Sand zu joggen. Immer wieder holten wir sie zurück, um eine Schrittphase einzulegen. Die Geschwindigkeit passten wir individuell an. Humbria brauchte mehr Ruhe, die sie durch Glimsys Anwesenheit bekam. Ich sah ein, dass seine Begleitung eine kluge Wahl war. Deswegen legte ich bereits in der dritten von vier Trabphasen an Tempo zu.
      Zufrieden kehrten wir auf den Hof zurück, aber wir alle sichtlich erschöpft.
      “Und, möchtest du dann nächste Woche mitkommen nach Visby mit Humbria?“, fragte Lars aus heiterem Himmel, als ich das Geschirr von der verschmutzten Stute abnahm.
      „Ich weiß nicht. Das ist so weit weg von hier“, merkte ich wenig begeistert an, obwohl mir bekannt war, dass es Lars und seine Familie von dort kam.
      „Nicht viel weiter als Stockholm und der Großteil der Strecke ist auf der Fähre“, zuckte er mit den Schultern. „Außerdem …“ Willkürlich stoppte er, mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen.
      „Außerdem, was?“, hakte ich nach. Nervös wippte mein Bein auf Stelle.
      „Es gibt noch mehr Gerüchte, aber schweige wie ein Grab“, hielt Lars inne und verschwand, um das Equipment seiner Stute zu verräumen. Noch eine Weile stand ich neben Humbria und versuchte aus meinem Gedächtnis zu fischen, worauf er hinauswollte. In der vergangenen Zeit benahm ich mich, wie man es unter Normal verstand, nahm mir lediglich Ruhephasen in den Rennen, an den ich neugierig im Zelt stand und die vorbeifahrenden Pferde musterte. Das eine oder andere Gespräch entstand dabei, aus dem ich Informationen erhaschte. Niklas mied ich, wenn er da war und von Erik hatte auch ewig nichts mehr gehört. Selbst seinen Instagram-Account begutachtete ich nicht mehr jeden Tag vor dem Schlafen gehen, also alles in allem, sehr normal. Was für Gerüchte sollten da aufkommen?

      Lina
      Der europäische Winter lockte nicht gerade mit molligen Temperaturen. Vor wenigen Tagen hatte ich noch bei schätzungsweise achtundzwanzig Grad den australischen Sommer ausgekostet, doch vorbei war es mit dem Urlaub. Niklas begab sich bereits in den frühen Morgenstunden zu Arbeit, so verschlief ich meinen Wecker und erwachte erst, als der Regen gegen das Fenster prasselte. Der Trubel auf dem Hof war schon lange erwacht, als ich mich, eingepackt in mehrere Schichten, wärmender und wasserabweisender Schichten, hinauswagte. Durch den Matsch patschte ich direkt zum Paddock, um Mill zu holen. Die junge Stute konnte ein wenig Beschäftigungen gebrauchen und dazu konnte diese unter einem Dach stattfinden. Der Rappe schien von dem Wetter ebenso wenig zu halten, wie ich, denn alles, was ich von ihr erblicken konnte, war ein wohlgeformtes Hinterteil in der hinteren Ecke des Unterstanden. Geschickt kletterte ich durch den Zaun und lief auf die Stute zu. Neugierig blickte sie mir aus ihren hellen Augen entgegen, doch auch zog ich die Aufmerksamkeit der anderen Stuten auf mich. So auch die der Göttin, die sogleich schlecht gelaunt, wie immer angetrottet kam und mich zu vertreiben suchte. Allerdings erfolglos, denn seitdem ich Caja im Training hatte, konnte mich eine schlecht gelaunte Stute nicht wirklich abschrecken. Unbeirrt halfterte ich das junge Pferd und steckte ihr als Belohnung ein Leckerli zwischen die rosafarbenen Lippen. Damit ich mit dem rangniedrigen Tier passieren konnte, scheuchte ich die dunkle Fuchsstute aus dem Weg, woraufhin Mill mir artig folgte. Als wir in den Regen hinaustraten, begann sie allerdings ein wenig das Rennpferd heraushängen zu lassen. Ungeduldig drängelte sie voran, warf den Kopf in die Höhe und ließ ihr schrilles Wiehern ertönen, als sie sich nicht so recht durchsetzen konnte. Wir schafften es trotz des Theaters auf der Stallgasse anzukommen, wo sie sich schließlich beruhigte.
      “Gut, dass du kommst, Lina”, grinste Mateo mich an, der gerade dabei war, Schnees helles Fell ansatzweise sauber zu bekommen. Die Beine der Traberstute waren mehr schlammig braun und ihr Bauch war nun gesprenkelt. Dieses Wetter war eindeutig nicht für helle Pferde geeignet.
      “Weswegen, habe ich etwas Wichtiges verpasst?”, fragte ich erstaunt über diese Begrüßung. Aufgeschlossen schnuppert Mill an der anderen Stute, während ich die langen Stricke in ihr Halfter hängte.
      “Zuerst sei gesagt, dass dir dein Urlaub wirklich gut zu Gesicht steht, du solltest mehr Zeit in der Sonne verbringen”, sprach der Schweizer zuvorkommend.
      “Wenn das nur so einfach wäre”, lachte ich verlegen und strich der Schimmelstute, die mich interessiert beschnupperte, über die helle Stirn,” Aber das ist sicher nicht, was du mir mitteilen wolltest, also erzähl schon.” Was war es nur, was alle sahen? Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich nicht viel mehr als ein Mädchen, an dem nicht wirklich besonders zu finden war, daran würde auch ein sonnengebräunter Teint nichts ändern.
      “Samantha hat da eine talentierte Stute, die derzeit etwas Langeweile hat und sie überlegt sie hier her in den Betritt zu geben”, erzählte mein Kollege beiläufig und beschäftigte sich weiterhin mit der Reinigung seiner Stute. Deshalb bemerkte er vermutlich nicht, wie ich eilig nach einer Bürste griff, um die Verlegenheit zu überspielen.
      “Das ist schön, aber warum erzählst du mir das und nicht unserem Chef?”, hinterfragte ich irritiert. Mir erschoss es sich nicht ganz, weswegen diese Information für mich relevant sein sollte, schließlich, war nicht ich es die entschied
      “Weil es davon abhängt, was du dazu sagst. Sam hätte gerne, dass du diese besondere Stute reitest und es hat ihr gut gefallen, wie du mit deinen Pferden umgehst. Du musst wissen, Hanni liegt, ihr ziemlich am Herzen, weswegen es ihr wichtig ist, dass sie in guten Händen ist. ”, ergänzte er auf meine Nachfrage hin. Bei dem Wort besonders horchte ich auf: “Ich hoffe, du meist nicht so besonders wie Caja. Ein Pferd, was es darauf anlegt, mich in den Wahnsinn zu treiben, ist für das Erste ausreichend.”
      “Nein, keine Sorge, Hannis Besonderheit bezieht sich auf ihre Optik. Sie trägt das gleiche Gen wie dein Hengst, ist aber nicht ganz so weiß. Charakterlich ist sie eher eine kleine Prinzessin und hat zwar auch ihre Macken, aber alles ziemlich harmlos. Ich glaube, sie könnte dir ziemlich gut gefallen”, umriss Mateo die Stute seiner Schwester, “ach und natürlich ist sie ein Freiberger, aber das dachtest du dir sicher bereits.” Die Umschreibung von Hanni gefiel mir, doch mit den letzten Worten hatte er mich vollends überzeugt. Einem weiteren Tier in dieser seltenen Färbung zu begegnen, hatte ich nicht geglaubt. In ihrem Heimatland galten die bunten Tiere als unerwünscht und werden, sofern es sich um einen Hengst handeln sollte, von der Zucht ausgeschlossen und auch Stutfohlen landeten dadurch häufig beim Schlachter. Eine Schande, denn es war es bereits ohne diese Verschwendung wertvoller Blutlinien kein leichtes, den alten Schlag der Rasse zu erhalten.
      “Das klingt hervorragend, du kannst Sam sagen, ich mache es”, grinste ich zufrieden. Es erfüllte mich ein wenig mit Stolz, von einem Außenstehenden mit einem Pferd betraut zu werden, auch wenn dieser nicht ganz unparteiisch war.
      “Perfekt, dann werde ich sogleich alles in die Wege leiten”, nickte Mateo und zückte augenblicklich sein Handy, vermutlich um seiner Schwester davon zu berichten. Ich hingegen entschwand in die Sattelkammer, um Kappzaum und Longiergurt für Millennial zu holen. Ungeduldig hibbelte die Stute umher, als ich mit den Lederstücken zurückkehrte und diese auf ihr befestigen wollte. Etwas Hilfe wäre jetzt zuträglich. Schnee döste neben uns, doch mein Kollege hatte sich innerhalb der wenigen Minuten in Luft aufgelöst, da musste wohl eine Alternative her. Suchend blickte ich die Stallgasse entlang und entdeckte schließlich Lars Schwester, die nicht sonderlich schwer beschäftigt wirkte, denn sie war ausgiebig damit beschäftigt einem der Hengste den Hals zu kraueln.
      “Nour, könntest du mir hier vielleicht mal kurz helfen?”, bat ich freundlich.
      „Klar“, sagte sie und kam sofort angelaufen. Sie griff in ihre Jackentasche, wühlte ein wenig herum, bis zwei weiße, weiche Bällchen zum Vorschein kamen. Diese steckte Nour beherzt in die Ohren der Stute, ohne wirklich acht auf das ungeduldige hin und her wanken zu geben. Kaum steckte die Watte in den Ohren, wirkte Mill ruhiger. Sie half beim Gurt und den Kappzaum legte ich selbst an.
      “Danke”, lächelte ich und hakte das eine Ende der Longe in den Zaum, um die Scheckstute in die Halle zu führen.
      „Bruno ist sie die letzten Tage schon etwas gefahren, also könnte Mill ziemlich aufbrausend sein“, sagte sie und lief mir stürmisch nach, als gäbe es noch weiteres zu sagen. Mateo, der mittlerweile wieder erschienen war, putzte noch immer, wollte dann nachkommen. „Was ist eigentlich mit deinem neuen Schnuckelchen?“ Im ersten Moment irritierte mich ihre Wortwahl und ich verstand nicht so recht, worauf sie hinauswollte, doch sie konnte eigentlich nur eins meinen.
      “Mateo? Was sollte mit ihm sein?”, fragte ich, um den Grund ihrer Frage zu ergründen.
      “Ach, na ja”, grinste Nour, blickte sich noch mal zu ihm um und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich, “er hat ziemlich oft nach dir gefragt, als du weg warst und schwärmte auch ziemlich.”
      “Wirklich?”, sprach ich und blickte sie voller Unglauben an. Ihre Worte kamen mir unwirklich vor, doch gleichermaßen fühlte ich mich geschmeichelt.
      “Nein, weißt du, ich möchte dir einen Bären aufbinden”, scherzte sie kopfschüttelnd. “Aber ja, hat er. Sonst würde mich die Neugierde nicht so befeuern!”
      “Was hat er so gesagt?”, lag die Neugierde nun auch auf meiner Seite, auch wenn ich diese zu verbergen suchte, indem ich geschäftig die Leinen an der Stute befestigte.
      „Willst du das ernsthaft wissen, schließlich hast du doch den wohl eifersüchtigsten Freund auf diesem Planeten“, hütete sie die Informationen weiterhin hinter einem Vorhang aus Nebel. Unrecht hatte Nour damit nicht. Niklas war ein ziemlicher Platzhirsch und gab sich auch nur selten die Mühe, dies zu verbergen. Dennoch brannte die Wissbegier in meiner Seele, was der Schweizer über mich zu sagen hatte.
      “Ja … Niklas muss das ja nicht erfahren“, nickte ich unumwunden und senkte dabei unbewusst die Stimme als könne und jemand Unerwünschtes hören.
      „Na gut, aber du weißt das nicht von mir“, Nour zwinkerte und kam an mein Ohr heran. Sie erzählte davon, dass das Angebot der Stute im Beritt weniger dem Geiste Sams entstammte, viel mehr eine Gunst der seine war. Des Weiteren hinterfragte er vieles bei Erzählungen, um mehr Informationen über mich zu bekommen und wie ernst das mit Niklas sei. Einstellern, die zu gern über mich herzogen, stand Mateo mit straffer Brust entgegen und verteidigte mich. Nicht viele Menschen standen unaufgefordert derart für jemanden ein, was mich beeindruckte. Doch auch bei ihren restlichen Worten wurde mir warm ums Herz.
      “Oh wow, das alles ist ziemlich … charmant”, lächelte ich zurückhaltend, vermochte kaum zu glauben, was hinter der Fassade des schweigsamen jungen Mannes steckte.
      “Aber ich möchte mich nicht in dein Liebesleben einmischen, du überstehst das schon”, zuckte noch ein Grinsen über Nour Lippen, bevor eine Einstellerin mit einem braunen Wallach vorbeikam und sie neugierig zu ihr lief. Überstehen? Ich wusste nicht, was sie damit meinte, aber anstatt mir den Kopf darüber zu zerbrechen, widmete ich mich der Rappstute, bevor sie noch anfangen würde, Löcher in den Sand zu graben.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 20.465 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte Februar 2021}
    • Mohikanerin
      Rennen E zu A | 31. August 2022

      Eichkatze / Mockup / Sisko / Nobelium / Millennial LDS / Enigma LDS / Meltdown / Fire to the Rain LDS

      Von Monat für Monat kamen Trainingspferde, nach dem Tyrell erkannt, dass ich dem Fahren wieder offener gegenüberstand. So legte Lars ein gutes Wort bei den Besitzern von Eichi ein und übernahm die lockeren Fahrten. Die Fuchsstute war entspannt, dennoch aufgeregt, wenn ich mit dem klappernden Gurt ankam nach dem Putzen. Sie spitzte aufmerksam die Ohren und begann mit der Unterlippe zu spielen. Typisches Zeichen ihrer Aufregung. Meistens begleitete uns Bruno mit Enigma, Nour mit Ini und Lars mit Mill. Es war entspannte Einheiten, in denen jeder einzelne von uns die Ruhe des Waldes genoss. Die vier Stuten kannten einander, standen auf demselben Paddock.
      Noby, der im Gegensatz zu allen anderen Pferden am Hof, Trabreiten lief, wurde von mir geritten oder von Nour schneller geritten. Ich übernahm größtenteils die lockeren Teile der Rennpferde, nur meine eigenen Trainingspferde fuhr ich schnell. Zwischendrin schrieb ich mit Basti, der nur wenig über seinen Trainingsinhalt erzählte, obwohl es mich wahnsinnig interessierte. Wenn ich ihm doch eine oder die anderen Information entlockte, drehte es sich um einen Fuchs, der enormes Potenzial hatte aber nicht zeigte. Niemand konnte wirklich identifizieren, wieso der Hengst unwillig war. Physische Ursachen gab es nicht, die Gesundheitswerte waren gut und selbst, wenn man die Unterbringen änderte, gab es keine Besserung. Ich schwieg über meine Idee, ihn hier herzubringen, schließlich konnte ich kaum Erfahrungsberichte teilen. Dennoch war das Klima auf der Halbinsel, insbesondere zwischen unseren Pferden, ein ganz anderes.
      Gleichzeitig kümmerte sich Basti auch noch um den Hengst seines Bruders, der im Gegensatz zu Mocki, auf Höchstleistungen lief. Der Schimmel trabte wie ein Champion.
      Zu guter Letzt hatten wir noch Sisko hier, den Tyrell aus Reflex gekaufte und nun langsam antrainiert wurde. Häufig longierte ich ihn und nahm ihn als Handpferd mit. Der Buckskin war geduldig – Obwohl er die Umgebung nicht kannte und jeder Berührung skeptisch gegenüberstand. Nour beschäftigte sich viel mit ihm. Es gelang ihr sogar binnen weniger Wochen ein erstes Schnellfahren zu vollziehen.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 2146 Zeichen
      zeitliche Einordnung {April 2021}
    • Mohikanerin
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      Hufschmied / Korrektur | 23. September 2022

      Millennial LDS / HMJ Holy / I’m a Playboy / Jokarie / Mockup

      Nachdem der Fuchs äußerst zufrieden mit dem Gummibeschlag lief, und Vriska mir als Dankbar war, besprach ich mich mit Papa. Mill hatte am Renntag nur mäßige Ergebnisse gezeigt. Er nahm an, dass der Boden zu hart war und sie Schmerzen hatte. Wir entschieden auch, bei ihr Gummi auszuprobieren. Geduldig ließ sie sich das Aluminium entfernen. Die Kanten der Hufwand rundete ich mit der Pfeile ab, bevor ich das Gummi befestigte. Im Vergleich zum normalen Beschlag, was es deutlich weniger Aufwand. Ihre passte eine der vorgefertigten Größen, sodass ich nur das überstehende Gummi raspelte. Nach zwanzig Minuten konnte sie zurück zu den anderen. Es kam noch die Bitte, dass Holy und Playboy gekürzt werden sollten, was ich zwischen dem Training der Rennpferde übernahm. Gerade, als ich alles weggeräumt hatte und Feierabend machen wollte, kam Mateo in den Stall.
      „Wärst du lieb?“, in der Hand hielt er ein loses Eisen, das er beim Ausritt mit Karie offensichtlich verloren hatte.
      „Natürlich“, seufzte ich, holte mein Werkzeug hervor. Mein Kollege sattelte die Stute ab und putzte die Hufe. In der Zeit zog ich die lockeren Nägel aus dem Eisen, bevor ich es mit neuen wieder am Huf befestige. Sie stand ruhig, sehr angenehm im Vergleich zu den Kandidaten zu vor. Besonders Holy hatte Schwierigkeiten im Gleichgewicht halten.
      „Danke dir“, sagte Mateo noch, dann stand Feierabend an.

      © Mohikanerin // 1381 Zeichen
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  • Album:
    stall.
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    Mohikanerin
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    21 Juli 2022
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  • Mill ist 4 Jahre alt.

    Aktueller Standort: Lindö Dalen Stuteri, Lindö [SWE]
    Unterbringung: Stutenpaddock


    –––––––––––––– s t a m t a v l a

    Aus: Middle Ages (FR) [franz. Traber]
    MMM: Unbekannt ––––– MM: Unbekannt ––––– MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt ––––– MV: Unbekannt ––––– MVV: Unbekannt


    Von: Alfred's Nobelpreis (SE) [Standardbred]
    VMM: Unbekannt ––––– VM: Unbekannt ––––– VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt ––––– VV: Unbekannt ––––– VVV: Unbekannt



    –––––––––––––– h ä s t u p p g i f t e r

    Zuchtname: Millennial LDS
    Rufname: Mill
    Farbe: Rappschecke (Overo)
    [Ee aa nO]
    Geschlecht: Stute
    Geburtsdatum: Juni 2017
    Rasse: Standardbred [STB]
    Stockmaß: 165 cm

    Charakter:
    temperamentvoll, ausdauernd, neugierig, ungeduldig

    * Mill läuft Trabrennen
    * 5-Gänger


    –––––––––––––– t ä v l i n g s r e s u l t a t

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    Dressur E [M] – Fahren E [E] – Rennen A ['S] – Western E [E] – Distanz E [A] – Gangreiten E [L]

    Ebene: International

    Juli 2022
    3. Platz, 339. Gangturnier
    1. Platz, 340. Gangturnier

    August 2022
    1. Platz, 342. Gangturnier
    3. Platz, 343. Gangturnier
    3. Platz, 345. Gangturnier
    2. Platz, 346. Gangturnier
    Training, Rennen E zu A

    September 2022
    1. Platz, 349. Gangturnier
    1. Platz, 351. Gangturnier

    Oktober 2022
    2. Platz, 355. Gangturnier
    PLATZHALTER, Disziplin x zu x

    November 2022
    1. Platz, 601. Rennen
    2. Platz, 602. Rennen
    PLATZHALTER, Disziplin x zu x


    –––––––––––––– a v e l

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    Gekört durch x im x 20x.

    Zugelassen für: Traber aller Art; Speed Racking Horse; Barock-Reitpferd
    Bedingung: Keine Inzucht
    DMRT3: AA
    Lebensrekord: o. Rek.
    Decktaxe: Nicht gekört / Preis [Verleih auf Anfrage]

    Fohlenschau: 7,74
    Materialprüfung: 7,52

    Körung
    Exterieur: 0,00
    Gesamt: 0,00

    Gangpferd: 0,00


    –––––––––––––– a v k o m m e r

    Millennial LDS hat 0 Nachkommen.
    • 20xx Name (von: Name)


    –––––––––––––– h ä l s a

    Gesamteindruck: gesund, im Training
    Krankheiten: keine
    Beschlag: Barhuf


    –––––––––––––– s o n s t i g e s

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    Eigentümer: Lindö Dalen Stuteri [100%]
    Pfleger: Nour Alfvén
    Trainer: Bruno Alfvén
    Fahrer: Bruno A.
    Züchter: Lindö Dalen Stuteri, Vadstenalund [SWE], Tyrell Earle
    VKR / Ersteller: Mohikanerin

    Punkte: 1

    Abstammung [2] – Trainingsberichte [1] – Schleifen [10] – RS-Schleifen [0] – TA [2] – HS [2] – Zubehör [2]

    Spind – FohlenHintergrundVorschau
    Millennial LDS existiert seit dem 2. August 2021.
    Sie wurde Großgemalt am 21. Juli 2022.