1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Mohikanerin

// Kempa

Isländer | Stute | Gekört | (c) Maleen

// Kempa
Mohikanerin, 26 Nov. 2019
Snoopy gefällt das.
    • Mohikanerin
      Nationalteam IX | 1. April 2021
      HMJ Divine // Voilá // Carry On my Wayward Son // Injaki // Vakany
      Northumbria // Glymur // Kempa // Blávör


      Lina
      Nachdem Niklas verschwunden war, hatte ich beschlossen zu meinem Pferd zu gehen. Den gab es schließlich auch noch. Zum Glück hatte irgendwer ihn mit auf die Koppel gebracht, denn ich hatte es heute Morgen einfach vergessen. Zum Glück schien der weiße Hengst nicht nachtragend zu sein. Wie immer kam er freundlich ans Tor getrabt.
      “Na Süßer, du hast bestimmt schon gewartet”, begrüßte ich den Hengst und hielt ihm eine Möhre hin, die er auch sogleich wegknusperte.
      “Weißt du Ivy, heute ist einfach ein seltsamer Tag”, begann ich und kletterte auf den Zaun. Der Freiberger trat ein Stück zurück und begann mein Knie voll zu sabbern. Da ich eh noch mit Schlammspritzern bedeckt war, ließ ich ihn einfach machen.
      “Auf pferdiger Ebene läuft heute einiges falsch” erzählte ich dem Hengst. “Doch dafür scheint es ansonsten heute ganz ok zu laufen, auch wenn ich absolut nicht weiß, warum das so ist”. Mein Knie schien inzwischen uninteressant zu sein, denn der weiße Hengst begann nun lieber mein Handy in der Hosentasche zu inspizieren. Da das Pferd mir eh nicht zuhört, beendete ich das Selbstgespräch und ging dazu über ihn einfach nur zu beobachten. Neugierig, wie er war, begann Divine an der Hose zu knabbern.
      “Das kannst du nicht essen mein kleiner Prinz”, sagte ich, während ich das Handy aus der Tasche zog, um zu vermeiden, dass er noch ein Loch in meine Hose knabberte. Gerade als ich es in die Hand nahm, kündigte es durch ein kurzes Signal, den Eingang einer neuen Nachricht an. Die Nachricht war von Niklas, er wollte wissen, ob es sich jetzt die Führanlage anschauen sollte.
      “Jap, mache mich sofort auf den Weg. Ich bin in 2 min vorm Stall ”, antworte ich ihm.
      “Die Arbeit ruft, mein hübscher”, verabschiedete ich mich von meinem Pferd, welches inzwischen gelangweilt am Gras knabberte und kletterte wieder vom Zaun runter.
      Keine drei Minuten später stand ich auch schon im Hof und sah mich nach Niklas um.

      Niklas
      Im Zimmer wollte ich nur meine Hose wechseln, um dann Lina zu helfen, doch Ju hatte anderes im Kopf. Jetzt wurde mit klar, dass die Monstermücken noch immer offensichtlich waren.
      “Bevor du gehst, musst du mir ein paar Fragen beantworten”, sagte er und stellte sich vor die Tür.
      “Dafür habe ich jetzt keine Zeit, ich will bei der Reparatur der Führanlage helfen”, versuche ich mich herauszureden und gab mein Bestes durch die Tür zu kommen. Doch er blockierte sie gut.
      “Ja, dann schieß los.”, gab ich nach.
      “Diese Kratzspuren waren gestern noch nicht da und von Lina werden sie wohl nicht sein, also was hast du getan? Und sagt mir jetzt nicht, dass meine Gedanken stimmen”, meckerte er. Vermutlich wusste Ju schon was passiert war.
      “Können wir das wann anders besprechen? Ich möchte nicht drüber sprechen”, murmelte ich verlegen.
      “Nein. Du verschwindest immer, wenn es brenzlig wird. Also sprich es aus, sonst erzähle ich es allen. Ob ich recht habe oder nicht.”, drohte Ju nun.
      “Ist doch gut, ja. Ich habe mit Vriska geschlafen. Zufrieden? Sie wollte es”, gab ich zu.
      “Ich hätte es von Anfang an wissen sollen. Deswegen wolltest du nicht, dass ich was mit ihr etwas anfange, weil du Arsch sie flachlegen wolltest. Und fair gegenüber Lina ist das auch nicht. Warum bist du so? Immer wenn ich jemanden kennenlernen möchte, kommst du dazwischen. Noch einmal und du kannst Lebewohl zu mir sagen. Werd’ erwachsen.”, die Enttäuschung in der Stimme war deutlich zu hören. Ohne mich weiter zu äußern, lief ich raus, nach dem Ju mir den Weg frei machte. Von Lina hatte ich bereits eine Nachricht bekommen, wo ich denn bliebe. Im Eiltempo machte ich mich zum Stall, vor dem Lina bereits wartete.
      “Tut mir leid für die Verspätung. Ich hatte einen Streit mit Ju wegen Nichtigkeiten”, entschuldigte ich mich bei ihr.

      Lina
      “Alles gut, hier gibt es immerhin Schatten”, antwortete ich Niklas. Während ich auf ihn gewartet hatte, hatte ich mich im Schatten einer der Eichen niedergelassen und hatte ein paar Schmetterlinge beobachtet, die fröhlich durch die Luft taumelten. “Und es ist wirklich nichts Wichtiges zwischen euch? Ich kann sonst, auch wenn anders fragen”, fragte ich dann noch vorsichtig nach, denn er wirkte ein wenig gestresst auf mich.
      “Ach er bildet sich nur mal wieder Sachen ein”, lenkte Niklas überzeugt ein. Dass er mir etwas nicht sagte, spürte ich dennoch.
      “Falls du doch irgendwann das Bedürfnis zum Reden haben solltest, weißt du wo du mich findest”, bot ich an und rappelte mich auf.
      “Willst du dir dann jetzt die Führanlage ansehen?”, fragte ich freundlich.
      “Natürlich, dafür bin ich schließlich gekommen und nicht eine Selbsthilfegruppe zu gründen”, scherzt Niklas.
      “Na dann los”, forderte ich ihn auf und lief in Richtung Führanlage, vor der wir einen Moment später standen.
      “So und das Problem ist, folgendes...”, demonstrierte ich und drückte den Startknopf. “Es bewegt sich nicht mehr”, fügte ich dann hinzu, auch wenn es recht offensichtlich war.
      “Und ja, bevor du fragst, ich habe die Anlage bereit schon mal komplett ein- und ausgeschaltet”.
      “Wann ist denn das Problem aufgetreten? Und vor allem gab es Anzeichen?”, stellte er mir komische Fragen.
      “Du stellst vielleicht Fragen. Soweit ich weiß, funktioniert das Ding seit zwei Tagen nicht mehr”, antwortete ich ihm. “Und von Anzeichen weiß ich nichts, aber ich bin hier ja auch nicht die Einzige, die das benutzt.”
      “Sorry, aber das hätte den Prozess etwas optimieren können”, protestierte er und begann mit der Arbeit. Ich beobachte Niklas dabei, wie er die Schaltfläche auseinandernahm und mit dem Messgerät überprüfte er, ob durch die Leitungen Strom floss.
      “An der Elektronik liegt es schon mal nicht. Die Messwerte sind okay”, berichtete er mir und schraubte wieder alles zusammen.
      “Na das klingt schon mal gut”, kommentierte ich das Ganze und beobachtete ihn. Er kletterte hoch zum Motor der Anlage. Schneller als ich gucken konnte, hatte er die Verschalung entfernt. Mit wenigen Handgriffen sprach er triumphierend: “Problem gefunden!” und hielt einen Stein in die Luft. Niklas baute wieder alles zusammen und kam zurück.
      “Der hübsche Kerl steckte im Antrieb.”, erklärte er und schaltete die Anlage an, die erst ruckelte und dann flüssig loslief.
      “Wie genau kommt denn ein Stein da oben rein?”, fragte ich ein wenig verwirrt. Auch wenn ich absolut keine Ahnung von Technik hatte, wusste ich dennoch, dass Steine nicht von allein nach oben fliegen. “Aber danke, dann kann ich die zwei Wildfänge jetzt da reinstellen”, bedankte ich mich bei Niklas.
      “Vermutlich wird er im Sand gewesen sein und wenn die Pferde sich hier bewegen, kann das schon mal passieren. Immer wieder gern. Noch was?”, erläuterte Niklas.
      “Mhm, nein ich denke zwei Pferde reinstellen, sollte ich grade so schaffen”, scherzte ich. “Und die Jungs sollen sich besser mal nicht an so einen Service gewöhnen”, fügte ich noch hinzu.
      “Ach in paar Tagen müssen sie wieder alles allein machen, dann lasse ich noch die Rechnung hier und gut ist. Oder bist du meine Bezahlung?”, scherzte er und legte seine Hände an meine Hüften.
      “Das kommt ganz darauf an”, antworte ich ihm und blickte ihn verführerisch an.
      “Und auf was?”, kam er näher und lehnte sich ein wenig herunter zu mir.
      Ich zögerte absichtlich einen Moment, bis ich ihm antworte. “Na, ob du weiterhin so charmant bleibst”, raunte ich ihm zu.
      “Na werden wir sehen, was du dann von meinem Keller hältst”, sagte Niklas und küsste mich leidenschaftlich.
      Eine wohlige Wärme durchfloss mich und für den Augenblick schien die Zeit stillzustehen, bis wir uns wieder voneinander lösten. Scheinbar hatte ich für einen Moment vergessen zu atmen, denn ich spürte auf einmal, wie mein Körper nach Luft verlangte. Mit der Luft, die nun wieder meine Lungen füllte, breitete sich auch ein Kribbeln auf meiner Haut aus, welches mir die Haare zu bergen stehen ließ.
      “Alles gut bei dir?”, erkundigte er sich etwas besorgt.
      “Ja, sehr gut sogar”, antworte ich mit einem lächeln.
      “Es tut mir leid, was ich gestern zu dir sagte. Ich möchte nicht, dass deine Freunde und Familie sich gemeinsam gegen uns stellen, weißt du”, versuchte Niklas das gestrige Gespräch zu entschuldigen.
      “Ach, ist schon gut. Mit Jace hätte ich früher oder später eh reden müssen. Und was Samu angeht, kann ich dir sagen, so blöd findet er dich gar nicht, er kann es nur nicht so zeigen”, erklärte ich und musste fast lachen, bei dem Gedanken an Samu.
      „Vielleicht mag er dich ja mehr, als er sich eingestehen möchte“, murmelte er. Es wirkte, als würde Niklas sich darüber mehr Gedanken machen als nötig.
      “Mach dir deswegen keine unnötigen Gedanken. Für mich ist er eher wie ein Bruder und das weiß er auch”, versuchte ich Niklas zu beruhigen, denn selbst wenn er mit seinen Gedanken recht haben sollte, würde das für mich keinen Unterschied machen.
      „Gut sieht er aber aus, dass kannst du nicht abstreiten. Da könnte sogar ich schwach werden“, scherzte er nun.
      “Sowas in der Art hat Alec auch neulich über dich gesagt”, sagte ich schmunzelnd. “Und ich würde ihm da eindeutig zustimmen.”
      „Wenn er was braucht, kann er sich gern melden. Ich bin offen für Neues“, offenbar spielte er wirklich mit dem Gedanken homosexuelle Erfahrungen zu machen.
      “Ich fürchte da muss ich dich leider enttäuschen, er ist glücklich vergeben, aber ich werde es ihm ausrichten”, antworte ich.
      „Wo ein Wille ist, ist auch Weg. Aber du solltest jetzt lieber weiterarbeiten. Schließlich wirst du nicht fürs Herumstehen und gut aussehen bezahlt“, lenkte Niklas ein, gab mir einen Kuss auf die Stirn und war im Begriff zu gehen.
      “Also bei letzterem, wäre ich mir nicht so ganz sicher. Außerdem wartet da auch noch ein anderer Herr auf mich”, scherzte ich, schließlich musste ich nicht nur die beiden Westernpferde noch bewegen, denn auch Divine wartete noch auf seine Bewegung.
      „Ach, du guckst dich nun schon nach Alternativen zu mir aus? Frauen“, scherzhaft schüttelte er den Kopf, als er sich noch mal zu mir drehte auf dem Weg zurück zum Zimmer.
      “Keine Sorge er ist zwar hübsch, aber zuhören ist nicht so seine Stärke. Vor allem antwortet er nie”, rief ich ihn noch hinterher, bevor auch ich mich auf den Weg zu den Koppeln machte.
      Nur um mir noch einmal zu antworten joggte Niklas zurück: „Neben seinem Herz wird vermutlich aber noch was anderes deutlich größer sein.“ Mit einem breiten Grinsen geht er wieder, ohne mich etwas sagen zu lassen. Das war mal wieder typisch Mann, immer darauf bedacht, wer den größten hat. Erheitert machte ich mich auf den Weg zu den Koppeln, um Carry und Injaki in die Führanlage zu stellen, bevor ich mich dann meinem eigenen Pferd widme.

      Niklas
      Ein wenig schlecht fühlte ich mich für mein Verhalten schon. Für Lina war alles wie immer, doch in mir schwebten die Bilder von letzter Nacht sowie deren Folgen und Emotionen, die sie mit sich brachte. Besser machte es auch nicht, dass Ju nun davon wusste, wo mir klar sein musste, dass er deutlich mehr in ihr sah als ich. Ich hatte versucht die Nacht zu stoppen, mehr oder weniger. Sie ging mir nicht aus dem Kopf und auch nicht, dass Vriska offenbar einen Plan hatte. Wie konnte das nur so weiter gehen?
      Gedankenverloren kam ich im Zimmer an und erwartete einen frustrierten und niedergeschlagenen besten Freund, doch das Gegenteil saß am Tisch. „Was denn mit dir los? Vorhin wolltest du mich noch am besten um die Ecke bringen?“, fragte ich ihn überrascht.
      „Du hast mir die Augen geöffnet und mir die Irre abgenommen. Dafür bin ich dir Dankbar. Stattdessen kann ich nun ohne schlechten Gewissen Linh besser kennenlernen. Schon vor der Fahrt hatten wir bereits einige vielversprechende Gespräche und seit dem Kuss am Feuer am ersten Tag, na ja. Ist deutlich mehr an Gefühlen da...“, erklärte Ju mir. Verwirrt setzte ich mich. „Und was war das dann mit Vriska?“, versuchte ich der Sache nun auf der Spur zu gehen. „Sie ist sympathisch und ich hoffte mit ihr Neues erleben zu können. Stattdessen merkte ich, dass zwar vieles und vor allem versautes in ihrem Kopf abgeht aber genauso viel Kindergarten. Deswegen würdet ihr beiden Psychos echt was hermachen, natürlich unter der Prämisse, dass die Welt bereits in Flammen steht“, sprach er fröhlich weiter. Natürlich kannte ich ihn genauso. Nicht lange hielt Ju sich mit Personen auf, die ihm nicht guttaten, doch dass er Empfehlungen aussprach, war auch für mich etwas Neues. „Und was sollte dann der Aufstand vorhin?“, wollte ich noch Wissen. „Du musst auch mal in deine Schranken gewiesen werden. Außerdem war ich bis zu dem Zeitpunkt noch davon überzeugt einen besseren Menschen aus ihr machen zu können. Das wird dann aber in deinen Aufgabenbereich fallen“, wies er mich ein, als wäre Vriska ein Forschungsprojekt. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Tatsächlich war ich noch nie so sprachlos wie jetzt. Am liebsten hätte ich sie nun vor ihm verteidigt, aber aus welchem Grund? Schließlich war da nicht, also zumindest nicht viel.
      „Jetzt denk weiter daran, wie gut sie es dir besorgt hat, sondern mach‘ deine Kür weiter“, forderte Ju mich auf und reichte mir das Pad. Geöffnet war bereits die Datei mit den Mindestanforderungen.
      „Und gut war es nicht, für befriedigend hat es gereicht. Schließlich ist das Neuland für sie gewesen und ich musste sie erst mal einreiten“, nutze ich alle Wortspiele, die mir einfielen. Zusammen lachten wir. Das fehlte mir wirklich.

      Lina
      Ich hatte die beiden Hengste gerade in die Führanlage gestellt und sie angeschaltet.
      "Gut dann habe ich jetzt ca. eine halbe Stunde, bis die zwei da wieder rausmüssen", murmelte vor mich hin und warf einen kurzen Blick auf die Uhr.
      "Wow, die geht ja wieder", hörte ich plötzlich von Hazel, die gerade mit Voilà um die Ecke kam.
      "Jap, Niklas hat sie repariert, war nur ein Stein im Getriebe", erklärte ich ihr, während ich dem Shetty freundlich über die Schnauze strich.
      "Na da hast du dich ja nochmal ums Reiten herum geschummelt. Kann der noch mehr so Zeug?"
      "Ja, er kann auch andere Dinge reparieren", bestätigte ich Hazel.
      "Ohhhh, toll noch ein Grund ihn zu behalten", quietschte sie plötzlich, dass das kleine Pony neben ihr zusammenzuckte.
      "Was heißt hier denn noch ein Grund?“, fragte ich und sah sie ein wenig verwirrt an.
      “Na ja, bisher dachte ich, wir können ihn einfach als Deko behalten, aber wenn er auch noch etwas kann...", führte Hazel aus.
      "Du Hazel wirst ihn weder als Deko noch als Handwerker behalten, denn im Gegensatz zu dir hat es auch noch einen richtigen Job", unterbrach ich sie. "Außerdem wenn ihn hier jemand behält, dann bin das ausschließlich ich", protestierte ich. Oh Gott, hätte ich das gerade wirklich gesagt? Offensichtlich ja, denn Hazels Augen wundern ungefähr so groß wie Untertassen.
      "So ist das also", sagte sie mit einem sehr interessierten Unterton und zog eine Augenbraue hoch.
      "Was ist eigentlich mit euch allen los, dass ihr immer alles wissen wollt, habt ihr kein eigenes Leben? Hofft ihr etwas, wenn ihr mir lang genug auf die Nerven geht, bleibe ich doch hier, oder was? Was habt ihr denn alle für ein Problem?", fragte ich Hazel nun etwas genervt.
      "Na wir mögen dich halt und wenn du’s unbedingt wissen willst… Ich brauche dich. Ich kann die Reitschule noch nicht allein Schmeißen", gab sie nun zähneknirschend zu.
      "Doch Hazel, das kannst du. Außerdem tust du ja gerade so, als würde ich den Planeten verlassen. Ich geh nach Schweden, nicht auf den Mond. Falls du mal Hilfe brauchst, bin ich doch immer noch erreichbar", erklärte ich ihr.
      "Na gut, aber du musst mir vor deiner Abreise nochmal alles genau erklären, sonst lass ich dich nicht gehen", fügte Hazel trotzig hinzu.
      "Du, lässt mich nicht gehen? Das klingt jetzt aber bedrohlich”, scherzte ich. “Natürlich erklär ich dir alles und du bekommst auch alle wichtigen Notizen. Außerdem bist du auch nicht allein, Samu wird dir sicherlich genauso helfen, wie er mir immer geholfen hat." bestätigte ich sie.
      “Ok, aber wenn ich die Reitschule übernehmen kann, dann kannst du dich auch morgen
      auf eins von den Westernpferden setzten, vielleicht stell ich dann sogar Blue hin”, murmelte sie und verschwand mit dem Pony im Auslauf. Naja, wenn sie mir dafür nicht mehr auf die Nerven geht, werde ich das Wohltun. Ihre nervige Art war sicherlich eines der Dinge, was ich nicht vermissen werde.
      Da mir Hazel ein wenig Zeit gestohlen hatte, musste ich mich nun ein wenig beeilen, um Divine zu holen, wenn ich noch mit Putzen fertig sein wollte, bevor ich die beiden Hengste wieder auf die Koppel brachte. Glücklicherweise war der Freiberger heute nicht besonders dreckig, sodass ich ihn schon gesattelt hatte als die Führanlage fertig war.
      “So hübscher, nicht weglaufen ich bringe nur gerade die beiden anderen noch schnell weg”, sagte ich zu meinem Pferd und zog ihm das Halfter wieder über die Trense. Divine störte sich nicht wirklich dran, dass ich noch mal wegging und döste einfach weiter.
      Injaki und Carry folgten mir brav auf der Koppel und so war ich auch recht schnell zurück bei meinem Pferd.
      “Genug geschlafen Ivy. Heute musst du mal ein wenig arbeiten”, kommentierte ich das Abziehen des Halfters und führte ihn zu Halle.
      Schon als ich das Tor öffnete, konnte ich sehen, dass ich allein war. Ideale Voraussetzung für ein erfolgreiches Training mit dem Freiberger.
      Ich entschloss ihn noch einen Moment zu führen, bevor ich aufstieg und so ließ ich ihn erst einige Runden neben mir hertrotten. Damit mit dem Hengst dabei nicht einschlief, baute ich immer mal wieder einen Halt und Richtungswechsel ein, auch den Rückwärtsgang fragte ich ab.
      Nachdem aufwärmen vom Boden aus, gurtete ich nach und stieg auf. Schon gleich beim Losreiten fiel mir auf, dass er heute ein wenig maulig im Maul ist. Da der Hengst bereits ausreichend aufgewärmt war, ging ich somit direkt dazu über ihn locker am langen Zügel zu traben. Nach ein paar Runden begann er sich allmählich zu locken und abzukauen. Dennoch war dem Hengst anzumerken, dass er nun schon seit einigen Tagen nicht ordentlich geritten worden war.
      Um den Hengst ein wenig aufzuwecken, begann ich nun neben den Handwechsel nun auch noch Tempounterschiede und Übergänge hinzuzunehmen. Allmählich kam Divine nun in ein vernünftiges Arbeitstempo, sodass ich nun auch ein paar schwierigere Bahnfiguren dazu nehmen konnte.

      Niklas
      Die Worte die Ju über Vriska sagte, brachten mich zum Nachdenken. War sie wirklich so? So irre, wie er sagt? Oder war es nur eine Ausrede seinerseits, sich keine Gedanken mehr zu machen? Es ließ mir keine Ruhe, doch weiter darüber zu sprechen, würde es nicht besser machen. Mir fiel es schwer an der Kür weiterzuarbeiten, auch weil das Training mit Humbi vorhin nicht verlief, wie ich dachte. Zusammen mit Vriska wollte ich die Grenzen meines Pferdes testen und neues Ausprobieren. Durch das Gespräch mit Lina lenkte mich so stark ab, dass ich beide vergaß. Eigentlich wollte ich mit Vriska noch mal darüber sprechen, doch nach dem vorhin, wäre es wahrlich nicht die beste Entscheidung. Stattdessen entschied ich mich nach getaner Arbeit zu duschen.
      Als ich zurück aus dem Badezimmer kam, mit nur einem Handtuch um die Hüfte gebunden, war Ju wieder weg. War das mit Linh so Ernst? Ich hoffte darauf in den nächsten Tagen mehr Antworten zu bekommen. Mein Handy leuchtete auf, als ich mich auf die Suche nach sauberer Kleidung machte, was wirklich schwierig war.
      “Hej killar. Vi hade ett hälsoproblem i dag, men vi har det mycket bättre. Så vi bestämde oss för att göra en träning på kvällen. Vi finns till hands för att ge råd. Kristine kommer att vara på ridplatsen och jag kommer att vara på planen. Var uppmärksam på din säkerhet. Från klockan sex på kvällen hittar du oss där. Kom i små grupper.”
      Las ich in der normalen Vereinsgruppe. Ich spürte eine Erleichterung, denn so konnte Anders sich Humbria nochmal genauer anschauen. Ohne mir noch etwas drüber zu ziehen, nahm ich den Wäschekorb und lief rüber zur Waschküche. Die Maschinen waren alle frei, so wählte ich eine aus und warf die dreckige Wäsche in die Trommel. Aber welches Programm? Eigentlich mache ich sowas nicht, so versuchte ich anhand der kleinen Bildchen mehr Informationen zu bekommen.
      “Noch nie eine Waschmaschine gesehen?”, ertönte auf einmal eine amüsierte Stimme hinter mir. Jayden stand grinsend mit einem Wäschekorb in der Tür. “Aus deinem Outfit, schließe ich mal ja”, zog er dann seine Schlüsse.
      “Gesehen schon, aber nie bewusst benutzt. Zu Hause haben wir einen Aufkleber darauf, falls Fjona nicht da sein sollte.”, erklärte ich Jayden.
      “Also wenn du wirklich sauber Wäsche willst, würde ich es mal mit Waschmittel probieren”, sagte er und schob ein kleines Fach oben an der Waschmaschine auf, um etwas dort hineinzufüllen.
      “Danach stellst du es einfach hier rauf und drückst da”, erklärte er und drehte er einen Schalter, bevor er auf einen Knopf drückte. “So in ca. einer dreiviertel Stunde hast du dann saubere Wäsche”, fügte er noch an und begann nun seine eigene Wäsche in einer der Waschmaschinen zu werfen.
      “Faszinierend”, antwortete ich begeistert und machte ein Foto von der Einstellung der Maschine.
      “Ja, echt faszinierend”, sagte er mit deutlichem ironischem Unterton und machte sich wieder auf den Weg, den Raum zu verlassen. Offenbar war das etwas Normales, aber ich fand es wirklich spannend. Nun hatte ich 45 Minuten Zeit, die ich nackt herumlief. Entspannt legte ich mich vor dem Zimmer auf den Bauch und Gras und genoss die Sonne.

      Vriska
      Was wie spät ist es? Fragte ich mich, als ich in Wanne im kalten Wasser aufschreckte. Mehr als eine Stunde lag nun hier. Dein schlechter Traum weckte mich aus einem erholsamen Schlaf, den brauchte. Die Nacht war kurz. So stieg ich aus dem Wasser, trocknete mich ab und zog mir wieder was Langes drüber. In der Wohnküche schien die Sonne auf den Boden und saß unterkühlt auf dem Bett. Auf dem Handy las ich die Nachricht von unserem Trainer und brauchte einige Minuten, bis ich diese verstand. Mein Schwedisch reichte bisher nur dafür, dass ein relativ sicheres Gespräch führen konnte und einfache Sätze zu formulieren, doch längere Sätze brachten noch Schwierigkeiten mit sich. Die Rede war von gesundheitlichen Problemen, Training ab 18 Uhr und Sicherheit. Also gut. Vermutlich würde heute wieder gesprungen werden. Angst breitete sich in mir aus, denn einen erneuten Sturz mit meinem Hengst musste ich auf jeden Fall verhindern. So fragte ich lieber noch einmal nach: “Behöver vi verkligen hoppa?” Meine Hände zitterten beim Eintippen der Worte und ich musste mehrfach die Autokorrektur seine Arbeit machen lassen. Sogleich kam eine Antwort von Ju: “Niklas kommer säkert att fånga dig om du faller.” Wusste er davon? Ein Unbehagen kam nun zur Angst hinzu. Von den anderen kamen rofl Emoji und ich schien nun wieder das Gespött zu sein. Ich hätte es wissen müssen. Manchmal verhalten sich die alle wie Kleinkinder, aber ich trug sicher meinen Teil dazu bei. Gerade als ich das Handy wieder wegpacken wollte, kam noch eine Nachricht von Frau Wallin: “Om du inte är säker, kommer ingen att tvinga dig att göra det. Men om du vill. Jag är här.” Diese Frau fand immer die richtigen Worte und ich fühlte mich direkt wieder besser. Danach schrieb niemand mehr etwas.

      Lina
      Divine hatte heute gut mitgearbeitet und so beendete ich die Einheit recht zufrieden. Das Einzige war auch am Ende noch da war, war das er immer noch ein wenig unzufrieden mit dem Gebiss schien.
      “Morgen probieren wir es mal mit einem anderen Gebiss”, sagte ich zu dem Hengst und ließ mich aus dem Sattel gleiten. Obwohl es in der Halle eine recht angenehme Temperatur herrsche, hatte Ivy geschwitzt, was die dunklen Flecken in seinem sonst weißen Fell zum Vorschein brachte. Zufrieden strich ich ihm über den Hals.
      “Na, komm für heute hast du genug geschafft”, sprach ich ihn an und verließ die Halle. Nicht nur meinem Pferd war ordentlich warm, sondern auch mir. Vom Helm platt gedrückt gelebten mir die Haare feucht auf der Haut, bestimmt ein wunderschöner Anblick.
      Zügig sattelte ich Divine ab und brachte ihn, ohne noch extra zu duschen auf die Koppel, ein Sandbad ist ihm vermutlich eh viel Lieber. Kaum hatte ich ihn die Trense abgezogen, warf er sich auch schon auf den Boden und rollte fröhlich grunzend über die Erde.
      Ich sah dem nun nicht mehr ganz so weißen Hengst noch einen Moment zu, wie er sich nach dem Wälzen dem Gras zu wand, bevor ich zurück zum Stall ging.
      Die durchgeschwitzte Schabracke hängte ich zum Trocknen in die Sonne. Am liebsten hätte ich sie direkt gewaschen, aber bei den Temperaturen, die hier aktuell herrschen, wurde eine frische Schabracke eh nur wenig Sinn ergeben.
      Nachdem ich im Stall alles aufgeräumt hatte, führte mich mein Weg für heute ein zweites Mal unter die Dusche, denn neben der Tatsache das ich verschwitzt war, klebte auch immer noch der Schlamm von Geländetraining auf mir und so wollte ich schließlich nicht den ganzen Tag herumlaufen.

      Einige Stunden später bauten Luchy und die anderen eine Kleinigkeit auf der Wiese auf. Da niemand wusste, wie der Abend gestalten werden würde, gab es zur Stärkung eine Kleinigkeit zum Essen bestehend aus Brot und Rohkost. Alle hatten sich versammelt und unterhielten sich.

      Niklas
      “Hej Alec, ich habe mit Anders gesprochen. DU bist heute herzlich eingeladen zum Training auf dem Geländeplatz”, erzählte ich ihm, als ich am Tisch ankam.
      “Cool, da werde ich mit Freude teilnehmen”, antworte er gut gelaunt. “Ihr zwei habt findet doch bestimmt noch ein Pferd für mich, oder?”, fragte er dann an Lina und Samu gewandt.
      “Klar, für dich haben wir immer ein Pferd und wenn ich dir meins gebe”, scherze Samu.
      “Ach und der Rest vom Hof kann heute leider nur zu gucken. Den Beiden geht es nicht so gut u-und sie wollten nur das nötigste heute schaffen.”, versuchte ich so freundlich wie möglich die Nachricht zu überbringen.
      “Ich für meinen Teil hatte heute eh genug Pferde. Am Ende fall ich sonst heute wirklich noch samt Pferd um”, kommentierte Lina schon fast erleichtert. Samu sagte nichts dazu. Er schien es zu akzeptieren. Ich setzte mich dazu, denn mein Verständnis für Jus Gefühle waren zwar groß, doch dass er mit Linh einige Meter rummachte, interessierte mich nun wirklich nicht. So ließ ich auch meinen Blick durch die Runde schweifen. In der letzten Ecke saß Vriska, allein. Unschuldig fragte ich den anderen Tisch: “Wisst ihr was Vriska nicht stimmt? Die sitzt da hinten so allein.”
      “Keine Ahnung, ich habe sie heute quasi nicht zu Gesicht bekommen”, antworte Lina schulterzuckend. Es kam mir komisch vor, dass sie so gleichgültig ihr gegenüber war. Wusste Lina etwas? Ich sagte nichts dazu, sondern aß auf.
      “Ich mach’ dann mal Humbi fertig. Wir sehen uns später”, verabschiedete ich mich und ging los zur Weide. Am Horizont färbte sich der Himmel in einem Verlauf von Rosa, Orange und Blau. Alte Erinnerungen kamen in mir hoch aus den Monaten in Neuseeland. Stunden verbrachte ich damit Pferde zu trainieren, das Land zu Entdecken und Freiheit zu spüren. Ich vermisste auch die Unabhängigkeit, die ich in der Zeit in mir trug und täglich auf den Social Media Plattformen teilte. Doch was soll ich von hier teilen? Das mein Pferd kaputt ist und ich direkt ein neues kaufte? Dass ich versuchte jemanden glücklich zu machen und im selben Atemzug weiterhin alternativen ausprobierte? Meinen besten Freund hinterging? Die Medikation weckte wieder Gefühle, die ich vorher immer nur schluckte. Aber jetzt konzentriere dich, Niklas. “Wenn du zu den Reiterspielen willst, musst du in Höchstleistung sein”, flüsterte ich mir selbst zu. Bevor ich mich meinem Pferd zu wandte, machte ich die Atemübung, die mich entspannen lässt. Heute brauchte es Länger, bis die schlechten Gefühle von mit fielen und ich gedanklich ganz bei Humbi war. Obwohl wir heute schon mehr oder weniger gearbeitet hatten, begrüßte sie mich freundlich am Tor. Ihren Ohren standen gespitzt nach vorn, der Schweif wehrte sich gegen einige Insekten, die um sie flogen und der ganze Körper war entspannt. Ich strich ihr über die Stirn, eh ich den Strick am Halfter befestigte und mich zum Stall begab. Nach der Bodenarbeit hatte sie sich offensichtlich noch mehrfach gewälzt, denn das Fell war staubig und feucht. Nicht nur, dass es heute das erste richtige Geländespringtraining mit ihr werden würde, so würde es auch das erste gemeinsame Reiten sein. Bisher saß nur Lina auf ihr und machte dabei eine gute Figur. Am Ende der Gasse stand auch Alec mit einer hübschen Scheckstute.
      “Na, dass du aber ein dir ebenbürtiges Pferd gegeben. Einer hübscher als der Andere”, sagte ich ziemlich Ernst zu ihm, als ich mein Pferd putzte.
      “Du und dein Pferd können sich aber auch sehen lassen”, bekam ich als Antwort.
      “Dann werden wir wohl zusammen den Platz erhellen”, fügte ich noch hinzu, doch er antwortete nicht. So schweiften meine volle Aufmerksamkeit wieder zu Humbria, die etwas nervös hin und her tänzelte. Mit wenigen Worten und Ruhe gelang es mir, die Stute zu beruhigen. Aus dem Putzkoffer holte ich die Glocken, Gamaschen und Streichkappen. Neugierig beschnupperte sie das Zubehör, bevor ich es ihr umlegte. Als ich den Sattel holte, stieg ihre Aufregung wieder. Humbi schlug gereizt mit dem Schweif und drehte sich bei jedem Versuch den Sattel aufzulegen mit der Hinterhand weg. Ich legte das Ding zur Seite, entfernte die Schabracke, um klein anzufangen. Wieder beschnupperte sie das Zubehör und ich berührte sie erst einmal am Bauch mit der Unterlage. Also Humbria merkte, dass ich ihr nichts Böses wollte, konnte ich die Schabracke auf ihren Rücken legen. Einige Minuten später gelang es mir auch den Sattel auf sie zu legen und den Gurt zu schließend. Lobend bekam die Stute ein Leckerli. Da ihre Zähne noch nicht gemacht wurden, würde das Springen ebenfalls am Kappzaum stattfinden. In die Zügel fädelte ich das kombinierte Martingal ein.
      “Alec, bist du auch so weit?”, fragte ich ihn als ich die Zügel in der Hand hielt am Stallausgang.
      “Eine Sekunde noch, dann bin ich so weit”, antwortete er und verschloss gerade den Nasenriemen seiner Stute.
      Als Alec auch fertig war mit dem Satteln seines Pferdes, liefen wir stillschweigend zum Geländereitplatz, auf dem Chris bereits seinem Wallach warm ritt. Herr Holm saß neben einem Sprung auf einem Plastikgartenstuhl und sah nicht gut aus. Er lehnte mit seinen Unterarmen auf den Beinen nach Vorn und die Haare wirkten ungewöhnlich ungepflegt. Mit angelegten Ohren blieb Humbi abrupt stehen und lief nicht weiter. Die Hindernisse machten ihr Angst und ich blieb ruhig. Sie betrachtete den Platz und nach mehrmaligen umdrehen und neu anlaufen, folgte sie mir vertraut. Ich lobte sie und zeigte ihr vor dem Aufsteigen alles. Interessiert stupste sie die Hindernisse an und knabberte an einigen. Alec saß bereits auf der Stute, als ich noch Übungen mit meiner machte. Herr Holm gab ihm Tipps für den Sitz und auch das Tempo gleichmäßiger zu halten.
      Humbi schien nun gar kein Problem mehr mit den Hindernissen zu haben und war auch aufgewärmt. Ich stellte die Steigbügel neu ein, gurtete nach und schwang mich mit der Aufstiegshilfe auf den Rücken meiner Stute. Zufrieden schnaubte sie beim Anreiten ab und streckte sich.

      Samu
      Alec und die meisten anderen waren irgendwann verschwunden, um ihre Pferde für das Training fertig zu machen. Einen Moment lang war alles sehr ruhig, doch ich konnte spüren, dass Lina mir irgendetwas sagen wollte.
      “Was liegt dir auf dem Herzen, kleines?”, fragte ich sie.
      “Mmm, du erinnerst dich sicherlich an unser Telefongespräch von gestern, oder?”, begann sie zögerlich.
      “Ja, daran erinnre ich mich durchaus”. Natürlich erinnerte ich mich denn das, was sie mir gesagt hatte, war ganz schön hart gewesen. Eigentlich wollte ich immer nur das Beste für Lina, schon seit ich sie das erste Mal getroffen hatte. Sie war damals so zerbrochen. Ich wollte sie doch immer nur davor beschützen noch einmal zu zerbrechen.
      “Ich hoffe, es ist trotzdem noch alle gut zwischen uns?”
      Ich musste ein wenig darüber lächeln, dass sie glaubte wegen so einer Kleinigkeit würde unsere Freundschaft auf einmal beendet sein.
      “Ach Lina, wegen sowas geht doch die Welt nicht gleich unter. Ich hätte mir nur gewünscht, du hättest es mir eher gesagt. Und vor allem persönlich”, erklärte ich ihr Ernst.
      “Ich hätte es dir auch gerne früher gesagt, aber … ich habe mich einfach nicht getraut. Ich hatte einfach Angst vor deiner Reaktion”, murmelte sie und sah dabei auf den Tisch.
      “Was hast du denn erwartet, dass ich dir böse bin, weil ich dich einenge? Das ist doch überhaupt nicht logisch”, versuchte ich ihr zu erklären. “Es ist alles gut. Und das nächste Mal, wenn du dich unwohl fühlst, sagst du mir das direkt”.
      “Okay, mache ich”, sagte sie und sah schon gleich wieder ein wenig glücklicher aus.
      “Na, komme her”, sagte ich und umarmte sie freundschaftlich. “Und ich will nie wieder, dass du denkst, dass du mir irgendetwas nicht sagen kannst”, fügte ich noch hinzu.
      Nachdem dieses ‘’Problem’’ besprochen war, schien Lina auch schon gleich besser drauf zu sein.
      “Was hältst du davon, wenn jetzt mal schauen gehen, ob Alec mit hübschen Damen genauso gut klarkommt wie mit den Kerlen”, schlug ich vor.
      “Klingt nach einem hervorragenden Plan”, stimmte sie mir zu und zusammen gingen wir also zum Geländeplatz hinüber.
      Während Vakany eine ganz wunderbare Figur machte, war die von Alec noch ein wenig verbesserungswürdig. Alec ist kein schlechter Reiter, aber in der Vielseitigkeit ist er eindeutig nicht zu Hause.
      “Sieht ganz so aus, als müsse er da noch ein wenig üben”, sagte ich ein wenig belustigt zu Lina.
      “Das war aber auch ein wenig gemein, du hättest ihm ruhig ein netteres Pferd geben können”, verteidigte sie ihn.
      “Ey, Kany ist sehr freundlich. Man muss ihr nur die richtigen Anweisungen geben”, protestierte ich. Die Trakehner Stute ist ein wahres Vielseitigkeitstalent und war durchaus schon sehr erfolgreich. Mit ein paar Tipps des Trainers wurde es auch allmählich besser und Vakanys Körpersprache wirkte deutlich entspannter.
      “Hat Niklas vorher schon mal auf dem Pferd draufgesessen?”, fragte ich Lina nun neugierig.
      “Nein, nicht das wüsste”, antwortete Lina. “Ich glaub seit dem Probereiten saß keiner darauf”.
      “Warte, seit dem Probereiten. Aber wer hat sie denn Probe geritten, wenn er es nicht war?”, fragte ich ein wenig verwundert.
      “Na, ich. Habe ich dir das etwa nicht erzählt? Sie ist echt toll, wenn man nervöse Gemüter mag”, erzählte Lina nun.
      “Ah, deshalb warst du also auf einmal spurlos verschwunden. Und ich dachte schon, dass du dich beim Einkaufen verlaufen hast”, scherzte ich dann fröhlich.

      Vriska
      Auf der Wiese wurde es nach und nach ruhiger, mehr als ich mir eingestehen wollte genoss ich die Einsamkeit. So fasste ich neue Kraft und lief runter zur Weide, um meinen Hengst zu holen, dessen Ausritt heute früh nicht ansatzweise seiner Leistung entsprach. Seine Begeisterung mich zu sehen, hielt sich jedoch in Grenzen. Ich rief ihn und er schaute zu mir, eh er sich wieder umdrehte und weiter weg von mir lief. Mit Schmerzen machte ich mich auf den Weg zu ihm. Je näher ich dem Hengst kam, umso weiter lief er vor mir weg. Am Ende der Weide schaffte ich es endlich mein Pferd einzufangen.
      “Mach’, dass nicht noch mal”, drohte ich ihm und lief los zum Stall. Auf dem Weg dorthin folgte er mir, ohne zu diskutieren, erst als ich mit ihm durchs Tor der Gasse wollte zum Putzen, stieg er. Glymur machte einen riesigen Aufstand und mir fehlte die Kraft mich dem entgegenzustellen.
      Auf einmal tauchte Jace von irgendwo auf und nahm mir einfach den Strick aus der Hand.
      “Reg dich mal nicht so auf kleiner”, sagte er zu dem Hengst und begann beruhigen auf ihn einzureden. Tatsächlich zeigte das ganze insofern Wirkung, das Glymur auf dem Boden blieb. Mit ein wenig Hartnäckigkeit und Geduld führte Jace ihn durch das Tor und stellte ihn auf den Putzplatz.
      “Du solltest deinem Pferd nicht so viel Druck machen. Er scheint sehr sensibel zu sein”, kommentierte er das Anbinden.
      “Du hast ja recht”, murmelte ich mit gesenktem Kopf und bückte mich nach einer Bürste. “Wo kommst du eigentlich her?”, fragte ich dann vorsichtig, während ich Glymur putze.
      “Ich arbeite hier? Das Heu verteilt sich nicht von allein in den Boxen”, brummte er unfreundlich.
      “Was denn mit dir? Wenn dir dein Job nicht gefällt, dann such’ dir einen anderen. Ich kann am wenigsten für deine Probleme”, fauchte ich zurück.
      Sorry”, murmelte er etwas freundlicher. “Wenn es nur der Job wäre, gab es wenigstens eine Lösung dafür”, fügte er erklärend dazu.
      „Kann ich dir bei irgendwas behilflich sein? Schließlich bin ich dir jetzt was schuldig“, antwortete ich freundlich deutete auf mein kleines Monster, das sich gerade den Kopf am Anbinder scheuerte.
      “Nein, mir ist momentan nicht wirklich zu helfen”, antworte er nun schon wieder deutlich verschlossener.
      “Na gut. Dann lass ich dich mal in Ruhe. Wir haben heute offenbar alle großen Probleme”, schloss ich mich seiner Aussage an und wandte mich Glymur zu, der mittlerweile sauber war. Aus der Kammer holte ich seinen Sattel und den Beinschutz.
      Wenig später tauchte ich auf dem Platz auf. Im Vergleich zum letzten Mal trug ich eine Schutzweste, die nicht wirklich angenehm an mir lag. Wieder schwitzte ich und beschloss meinen Hoodie für heute auszuziehen. Ich legte ihn über den Zaun am Eingang und führte Glymur zu Frau Wallin, die offenbar schon auf mich wartete.
      “Freut mich dich zu sehen. Wie geht es dir?”, fragte sie freundlich. Ich senkte wieder meinen Kopf, eh ich antwortete: “Könnte besser sein, meiner Schulter schmerzt noch und Atmen fällt mir manchmal auch schwer. Und …” da stoppte ich. Die richtigen Worte für das finden, was passiert war, überforderte mich.
      “Und?”, wollte sie nun noch wissen.
      “Und ich habe was getan, worauf ich nicht stolz bin”, erklärte ich. Frau Wallin zog eine Augenbraue hoch, aber sagte nichts. Ich gurtete noch einmal nach, machte die Bügel kürzer und stieg auf. Ein Blick über den Platz offenbarte mir, dass schlimmste. Obwohl ich mich darüber freute, dass Ju glücklich war, schockierte es mich genauso sehr, dass er direkt die nächste am Start hatte. Linh klebte förmlich an ihm und warf mir böse Blicke zu. Auf der anderen Seite unterhielten sich Milena und Max intensiv. Die Einsamkeit, die ich vorhin noch genoss, erschlug mich nun. Glymur unter mir legte die Ohren an und stolperte immer häufiger. Dann kamen mir die Worte vom letzten Training wieder ins Ohr. Ich setzte mich tiefer in den Sattel und versammelte ihn etwas mehr. Neben einem Sprung parierte ich in den Halt durch und richtete ihn rückwärts. Aus der Bewegung heraus trabte ich ein Stück, eh ich wieder in den Schritt zurück bremste. Zufrieden lobte ich ihn und gab ihm mehr Zügel. Neben mir hörte ich ein Pferd landen. Milena sprang mit Kempa eine zweifache Kombination und dahinter kam Max mit Blávör. Beide beherrschten ihre Pferde deutlich besser als ich, was mich wieder dazu bewegte, mich in Gedanken zu verlieren.
      “So Vriska, wenn du so weit bist, kannst du es auch versuchen”, motivierte mich meine Trainerin. Ich nickte und trabte Glymur an. Bevor ich mich an die Kombination wagte, wählte ich ein niedriges Kreuz, dass mein Hengst problemlos sprang. Zufrieden lobte ich ihn, ritt einen Zirkel und galoppierte an. Als Nächstes steuerte ich ihn auf einen Oxer zu, der deutlich höher als das Kreuz war. Überzeugt trieb ich ihn weiter und lehnte mich nach Vorn. Erfolgreich landete er mit seinen Hufen im Sand und freute mich sehr darüber. Intensiv lobte ich ihn und strich über den Hals meines Hengstes, der kurz davor war, dass nächste Hindernis anzusteuern.

      Jace
      Nachdenklich begann ich das Heu in den Boxen zu verteilen. Eigentlich hatte ich mich geweigert zu Arbeiten, doch Alec war mir so lange auf die Nerven gegangen, bis ich genervt das Zimmer verlassen hatte. Ich mochte es nicht besonders, wenn andere sich um meine Probleme kümmern, schon gar nicht Fremde, weshalb ich Vriskas Angebot vorhin ausschlug.
      Nachdem ich die ganze Nacht die Wand angestarrt hatte, weil ich einfach viel zu viel fühlte, wobei ich nicht genau sagen kann, was ich fühlte, hatte ich mir im Laufe des Tages die Gefühle verboten. Trotzdem versuchte ich allen aus dem Weg zugehen, es reichte schon, dass Alec mich den ganzen Tag verfolgte. Immerhin hatte er das leise getan, zum Großteil zumindest.
      So wo ich darüber nachdachte, fielen mir seine Worte aus dem Wald wieder ein. Ich solle stark sein und sie ziehen lassen, er hatte gut reden. Er war der Mann mit der Bilderbuchbeziehung. Irgendwann wird auch deinen großen Tag kommen hatte er noch gesagt. Doch was genau meinte er damit? Wen meinte er mit auch? Wie ich so darüber nachdachte, konnte ich spüren, wie die Gefühle wiederkamen.
      Mein Körper ging sofort in Abwehrhaltung und ich spürte die Anspannung. Nein, keine Gefühle, nicht hier.
      Schnell verteilte ich das restliche Heu und steuerte zielstrebig meine kleine Wohnung an. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, brachen die Gefühle endgültig über mich herein.
      “Fuck”, rief ich in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung und boxte gegen die Wand, um gleich darauf an dieser entlang zum Boden zu gleiten. In mir wirbelten viel zu viele Empfindungen durcheinander, wie soll man bei dem Chaos bitte einen klaren Gedanken fassen.
      Wie fremdgesteuert stand ich auf einmal auf und ging hinüber zu dem Klavier. Von allein flogen meine Finger über die Tasten und formten eine Melodie, mit der sich ein Gefühl besonders herauskristallisierte. Schmerz, bitterer Schmerz.

      Alec
      Ich hatte eine ganze Weile gebraucht, um mich mit der Stute und vor allem mit der Disziplin anzufreunden. Schon nach dem Aufsteigen hätte ich die Bügel am liebsten wieder länger geschnallt. Immerhin bemühte sich Vakany meine vermutlich eher unverständlichen Hilfen umzusetzen. Mit den Tipps des Trainers wurde die Kommunikation zwischen mir und der Stute auch ein wenig besser. Zu meinem Glück hat die Stute einen recht guten Autopiloten, wenn es an die Sprünge geht und so meisterten wir diese zwar nicht ganz so schön, aber immerhin kamen wir auf der anderen Seite an.
      “Du musst den Sprung gerade anreiten, dann springt sie auch schöner und achte darauf sie in der Bewegung nicht zu behindern”, korrigierte der Trainer.
      Mit etwas mehr Konzentration versuchte ich also den Sprung erneut anzureiten. Ungefähr auf halber Strecke kam einer der anderen Pferde recht nah. Vakany legte unfreundlich die Ohren an und wollte nach dem Pferd schnappen. Ich korrigierte die Stute, indem ich ein wenig mehr, Tempo verlangte. Keine gute Idee, denn die Stute machte dadurch größere Galoppsprünge und somit wurde der Abstand zum Hindernis zu knapp. So legte die Stute kurz vor den Stangen eine 1A Vollbremsung hin. Das war wohl nichts.
      Bei einem neuen Versuch konzentrierte ich mich noch mehr auf das Pferd unter mir und diesmal funktionierte der Sprung recht sauber. Ich lobte die Stute dafür und versuchte mich direkt am nächsten Sprung. Auch dieser funktionierte mit der nötigen Konzentration hervorragend und so langsam fand ich Spaß an der Sache.

      Niklas
      Mit großen Schritten schritt Humbria vorwärts und zog immer wieder Aufmerksamkeit der anderen auf sich. Dieses Gefühl von zu Hause hatte ich zuletzt beim Einreiten von Smoothie vor einigen Jahren und nun schien diese Stute ihr eine ebenbürtige Nachfolgerin werden zu können. An der Seite lagen einige Stangen, die ich für den Anfang im Schritt und Trab überritt. Erstaunt von ihrem enormen Schwung im Trab, hatte sogar ich Probleme in diesem Auszusitzen. Auf dem Zirkel trabte ich leicht und steuerte nach einigen Galoppsprüngen einen kleinen Oxer an, eh sie aus dem Takt fiel und unter mir einen Gangsalat veranstaltete. Verwundert blickten Anders und ich uns an. Bis er die einzige wichtige Frage stellte: “Was sollte dann denn werden?”
      “Wenn ich das wüsste”, wunderte ich mich noch immer. Um nicht wie Vriska vor einigen Tagen zu Enden entschied ich etwas fernab der Gruppe die Stute mehr zu versammeln und zu stellen. Humbi reagierte zuverlässig auf meinen Schenkel und schien gefallen daran zu haben, geritten zu werden. Ihr Genick war locker und auch die Hinterhand tritt zuverlässig unter. Doch als ich sie wieder angaloppieren wollte, verschwand der Takt, der Kopf erhob sich und es wurde umgehend bequemer. Ein ungutes Gefühl schlich sich bei mir ein, aber da konnte nur einer vom Ponyclub helfen. “Vielleicht sollte ich mal rüber zu Kristine”, sagte ich zu Herrn Holm und ritt im Schritt am langen Zügel hinüber auf den Reitplatz, dem bereits gesprungen wurde. Ju war auch da, jedoch unter den Zuschauern und wirkte sehr konzentriert auf seine kleine Bekanntschaft.
      “Niklas, kann man dir helfen?”, fragte die Trainerin freundlich. Ich nickte und sie kam näher.
      “Ich habe ein Gangproblem und ich schätze … Humbria töltet lieber, statt zu galoppieren, oder irgendwas anderes. Ich weiß es nicht”, erklärte ich ihr. Sie öffnete die Tür, ließ alle anderen den Hufschlag verlassen und ich sollte es zeigen. Also bereitete ich meine Stute vor auf dem Zirkel, trabte einige Runden locker und gab ihr die Galopphilfe, doch der Gangsalat kam wieder. Etwas genervt versuchte ich es immer wieder auch auf dem Stand und auf Linien, doch der Galopp kam einfach nicht.
      “Herzlichen Glückwunsch Niklas. Dein Pferd läuft 1A Tölt. Anfangs mit einer Passverschiebung doch nun, erstklassig. Vielleicht solltest du die Abteilung wechseln”, scherzte sie und schien sich bereits zu freuen. Doch in mir machte sich alles andere als Begeisterung breit.
      “Schön und wie bekomme ich das weg? Ich brauche Galopp, sonst kann ich nicht Springen”, beschwerte ich mich.
      “Darüber werden wir morgen sprechen. Am besten beendest du das für heute mit ihr”, schlug sie vor. Im Schritt verließ ich wieder den Reitplatz und ritt auf dem Hof meine Stute ab. Ich spürte, dass Vriska mich beobachte, doch ich ignorierte sie. Stattdessen lenkte ich meine ganze Energie auf Humbi, die fröhlich unter mir vorwärtsschritt.
      “Also meine Hübsche, da müssen wir wohl den Teufel aus dir austreiben. Aber keine Sorge, ich werde behutsam mit dir umgehen”, scherzte ich und stieg ab. Ich nahm die Zügel vom Kappzaum ab und fummelte das Martingal ab. In der Zeit schubberte sie ihren Kopf am Anbinder. Ohne das Halfter ihr umzuhängen, nahm ich den Sattel ab und brachte sie zurück auf die Weide. Für heute ließ ich den Schutz an ihren Beinen, da ich vorhin bereits festgestellt hatte, dass sie sich dort immer wieder in die eigenen Beine trat. Frei folgte sie mir und freute sich auf den vollen Heusack, der dort hin. Doch nach einigen Happen warf sie sich auf den Boden und genoss das Sandbad.
      “Na gut, ich werde dann wohl mal aufräumen gehen. Wir sehen uns morgen”, verabschiedete ich mich und trat den Rückweg zum Stall an, um meine Sachen wegzuräumen. Die feuchte Schabracke legte ich in der Kammer über den Sattel mit dem Äußern auf die Sattelfläche. Vorher entfernte ich noch den groben Schmutz, ebenfalls entschied ich die Bürsten sauberzumachen. Wirklich verärgerte mich ihr fehlender Galopp, besonders, weil mir die Erfahrung fehlte, so ein Pferd zu trainieren. Ich wünschte mir, meinen Opa genau jetzt kontaktieren zu können, er wüsste eine Lösung. Mit gesenktem Kopf setzte ich mich in die Stallgasse auf den Boden und betrachtete die Wand. Der Gedanke, Humbi wieder zurückzubringen rückte in den Vordergrund, doch in den wenigen Tagen hatte sie mein Herz gestohlen und ich wollte es wenigstens noch versuchen. Selbst wenn die Lösung dafür wäre, noch einmal mit Vriska zu sprechen. Sie ritt schon etwas länger auf den Tollpatschen und könnte mir sicher einige Tipps geben, außerdem hatte ich einige Probleme mit dem Training von Kristine. Ständig bremste mich die Dame aus und versuchte mich zu jemand anderes zu machen. Meine Familienverhältnisse stellte sie immer infrage und konnte es nicht wahrhaben, dass ich reiten kann. So empfand ich Unterricht mit ihr immer wie eine Qual, statt etwas Neues zu lernen. Gedankenverloren hörte ich Schritte von weiten und drehte mich um, als ich Alec und seinen Fanclub erblickte. Schnell rappelte ich mich auf und brachte schnell die Kiste weg.

      Lina
      “Also dafür, dass das nicht deine Welt ist, hast du das gut gemacht”, lobte Samu Alec, während wir zusammen mit ihm zurück zum Stall liefen. Es war bereits dunkel geworden, sodass der Hof nur noch von den Lampen am Stall beleuchtet wurde. Dennoch schien Alec nicht der Meinung zu sein Vakany auf der Stallgasse abzusatteln und steuerte lieber den Putzplatz draußen an.
      “Meinst du, nicht dass du dein Pferd sehen möchtest?”, gab ich ihn zu bedenken.
      “Ach was, wozu denn? Absattelt schaffe ich auch gerade noch so, außerdem ist es hier draußen doch viel schöner”, antwortete er nur und begann bereits die Trense der Stute zu öffnen.
      “Sag mal ist das nicht deine?”, fragte Samu mich nun und deutete auf eine Schabracke, die über dem Abbinde Balken lag.
      “Ja, die sollte da trocknen”, erklärte ich ihm.
      “Na, das ist ja schön, aber bei welcher Sonne soll die denn jetzt noch trocknen?”, merkte Samu an.
      “Ja…, da hast du recht. Ich sollte die wohl wegräumen”, antwortete ich und nahm die Schabracke vom Balken. “Soll ich die Trense schon mitnehmen?”, wandte ich mich an Alec und noch bevor ich eine Antwort bekam, hatte ich ihn die Trense bereits aus der Hand genommen.
      “Das hätte ich zwar auch selbst geschafft, aber danke”, bedankte sich Alec.
      “Weiß ich doch, aber ich muss doch jetzt eh dahin”, reif ich ihm im Gehen noch zu und betrat die Stallgasse.
      Anhand der Tatsache wie viel Heureste auf dem Boden lagen, merkte ich das Jace seinen Stalldienst heute wohl gemacht hatte. Ich werte das mal als gutes Zeichen, dass er aus seiner Wohnung gekommen war, auch wenn er das zu einer Zeit tat, wo ihm niemand begegnen würde. Nichts desto trotzt, ärgerte ich mich ein wenig darüber, dass er die Stallgasse nicht gekehrt hatte, das hätte er dann auch noch geschafft. Dann würde ich wohl gleich noch fegen, aber zuerst muss ich die Sachen wegbringen. Ich öffnete die Tür zu Sattelkammer und wollte direkt die Schabracke weghängen, doch Niklas stand im Weg und kramte nach irgendwas.
      “Huch, willst du etwa durch?”, scherzte er und stellte sich noch mehr in den Weg.
      “Ja, wäre schon ganz praktisch. Ich kann das Ding auch schmeißen, aber Schabracken haben leider nicht die besten Flugvoraussetzungen”, antworte ich ihm und versuchte mich an ihm vorbeizuquetschen.
      „Na gut, ausnahmsweise“, sagte Niklas und ging einige Schritte beiseite.
      “Ist eigentlich alles ok mit Humbi, ihr wart so schnell verschwunden?”, fragte ich während ich versuchte die Schabracke auf das Regal zu befördern. Leider fiel sie wieder runter. Noch bevor er antwortete, bückte er sich nach der Schabracke und legte sie für mich auf das Regal. Dann drehte Niklas sich zu mir und guckte mir in die Augen: “Grundsätzlich ja, aber du wirst sicher den Gangsalat gesehen haben. Frau Wallin meinte, dass sie wirklich guten Tölt hatte und auch Passveranlagung. Es wäre somit normal, dass der Galopp weniger ausgeprägt ist und in ihrem Fall noch nicht einmal da. Doch sie ist der Meinung, dass sich machen lässt. Ungern würde ich sie wieder zurückgeben.”
      “Das ist doch gut, wenn sich daran arbeiten lässt”, sagte ich zuversichtlich. “Und zurückbringen solltest du sie auf keinen Fall. Ich mag sie, sie ist irgendwie so anders ”, fügte ich noch hinzu.
      “Sprichst du gerade über mich oder Humbria?”, scherzte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
      “Lass mich überlegen… eindeutig von euch beiden”, antworte ich mit einem lächeln. “Ihr seid beide sehr besonders”, fügte ich noch an.
      “Na dann”, sagte er und wendete sich wieder von mir ab. Ich wandte mich dem Waschbecken zu und Vakanys Gebiss abzuwaschen. Wie schafft Niklas es denn immer alles, was ich sage auf sich zu beziehen. Dieser Mann ist doch einfach zum Wahnsinnig werden, in einem positiven Sinne, wohlgemerkt.
      Nachdem das Gebiss von Sabber befreit war, wollte ich die Trense weghängen und musste leider feststellen, dass sie ganz oben hingehörte. Natürlich wie sollte es denn auch anders sein, bei einem von Samus Pferden, er war ja auch kein Zwerg.
      “Warum ist das denn hier alles nur für Riesen gebaut”, schimpfte ich leise vor mich hin und blickte mich nach dem Hocker, um den ich extra mal hier platziert hatte. Natürlich stand er nicht, da wo er sein sollte. Auch wenn es mich normalerweise nicht sonderlich störte, klein zu sein, manchmal verfluchte ich die Welt dafür.
      “Könntest du mir noch mal kurz helfen? Hier ist einfach alles zu hoch für mich”, fragte ich Niklas, der eigentlich gerade den Raum verlassen wollte und blickte ein wenig genervt zu dem leeren Trensenhalter.
      “Aber selbstverständlich”, scherzte er, kam zurück und hing die Trense an seinen Halter.
      “Vielen Dank. Ich würde dich als Held bezeichnen, aber besser als ich an irgendetwas dranzukommen ist noch keine außergewöhnliche Fähigkeit”, bedankte ich mich.
      “Nun, ich habe schon mehr in wenigen Tagen repariert als du offenbar in deinem ganzen Leben. Ist das ein Argument?”, stichelte Niklas.
      “Ey, nur weil ich eine Frau bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie man etwas repariert”, protestierte ich empört. “Nur halt nicht wie man Führmaschinen repariert.”
      “Ich habe nicht gesagt, dass das an deinem Geschlecht liegt. Eher an deiner Körpergröße”, versuchte er sich zu verteidigen und grinste schelmisch.
      “Pff, klein sein hat auch seine Vorteile”, erwiderte ich und wollte gehen. Wie kann man den bitte so frech sein und dabei so verdammt gut aussehen, das ist einfach unfair.
      “Ich weiß doch und jetzt komm, eh die draußen noch auf komische Ideen kommen”, sagte er, gab mir einen Kuss auf die Haare und legte den Arm um meine Schulter als wir die Kammer verließen.
      “Ah, da bist du also abgeblieben. Wir dachten schon du hättest dich verlaufen”, reif Alec mit einem breiten Grinsen über die Stallgasse als er uns mit Vakanys Sattel in der Hand entgegenlief.
      “So groß ist die Sattelkammer jetzt auch nicht, dass man sich darin verlaufen könnte, auch wenn sie eindeutig für Riesen gebaut wurde”, entgegnet ich ihm. “Und hör gefälligst auf so blöd zu grinsen.”
      “Ich freue mich doch nur, dass du dich nicht verlaufen hast. Darf ich das etwa nicht?”, sagte er unschuldig als er an uns vorbeiging.
      “Mach’ dir nichts draus, Lina ist nur eifersüchtig, dass sie gerade nicht die hübscheste ist”, fing nun auch Niklas an mich zu föppeln.
      “Ihr beide seit doch echt bescheuert”, murmelte ich und boxte Niklas leicht in die Seite, da Alec leider zu weit weg stand dafür.
      “Na, ich nehme das mal als Kompliment”, entgegnete Alec immer noch grinsend. “Ich lass euch zwei hübschen, dann mal wieder allein”, hängte er noch an und verschwand in der Sattelkammer.
      “Das tat weh”, beschwerte sich nun der Riese neben mir.
      “Ach wirklich? Ich dachte, du seist ein großer starker Mann”, antwortete ich zynisch.
      „Deine kleinen Händchen sind wie Pfeile, die sich in die Haut bohren. Außerdem habe ich Muskelkater“, murmelte er am Ende etwas unverständlich.
      “Dann solltest du nicht immer so fies sein, dann muss ich auch nicht meine kleinen Händchen benutzen”, sagte ich ein ganz klein wenig schadenfroh.
      “Ich kann ja mal fies werden”, antwortete Niklas schlagartig, schnappte meine Hände und drückte mich gegen die Wand einer Box. Dabei guckte er mir tief in die Augen und hielt meine Arme nach oben.
      “Kannst du?”, fragte ich provokant. Sanft küsste er meinen Hals bis runter zur Schulter und guckte mich mit seinen großen Augen wieder an. Dabei trat er einen Schritt weiter heran an mich, ich spürte seinen Körper an mir. Mir wurde warm. Ich spürte wie meine Haut zu kribbeln begann und mit einem leichten Ziehen in der Körpermitte meldete sich ein Verlangen in mir. Ich wollte mich bewegen, doch Niklas hatte mich fest im Griff uns sah mich weiter mit großen Augen an.
      “Ok..., jetzt bist du wirklich fies”, flüsterte ich kaum hörbar.
      “Gut” antwortete er verschmitzt und ließ mich los. Von weiten hörte man jemanden kommen. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich Vriska, die mit ihrem Schecken in den Stall kam.
      “Nehmt euch nen Zimmer”, murrte sie uns an und legte Glymur das Halfter um, dass in der Gasse hing. Einen kurzen Moment war ich ein wenig verlegen gewesen, aber Vriskas Kommentar nervte mich einfach nur. Heute Morgen beim Frühstück war sie doch noch normal gewesen und danach hatte ich sie nur noch mit schlechter Laune gesehen. Wenn ihr Pferd nicht in der Lage war seine Füße zu heben, musste sie das doch nicht an mir auslassen.
      “Was ist mit dir denn eigentlich heute los mit dir? Immer, wenn ich dich sehe, werde ich nur an gemault. Habe ich dir was getan?”, fragte ich sie leicht genervt.
      “Geht dich gar nichts an”, zischte sie mich aggressiv an. Niklas verabschiedete und ließ uns beide allein.
      ”Wenn du ein Problem mit mir haben solltest, sag es halt, ansonsten lass deine schlechte Laune an irgendwem anders aus”, motze ich sie an. Glymur schien wenig begeistert und begann nervös auf der Stelle herumzutänzeln.
      “Habe ich schon”, murmelte Vriska und wirkte plötzlich zerbrechlich, als würde sie den Rest von ihr schützen. Auf einmal tat es mir ein klein wenig leid sie so angemeckert zu haben, wer konnte dann schon Ahnen das sie tatsächlich irgendetwas Ernsthaftes beschäftigte.
      “Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag Bescheid”, versuchte ich es nun ein wenig versöhnlicher und wollte mich zum Gehen wenden.
      “Geh mal zurück zu deinen Freunden, ich komm’ klar”, murmelte sie noch immer und verschloss sich noch mehr.
      Ich zögerte einen Moment und überlegene, ob es tatsächlich jetzt richtig war zu gehen. Immerhin hatte Vriska mir auch bei meinen Problemen zugehört, doch irgendwie ahnte ich, dass sie nicht mit mir reden würde, egal was ich tun werde.
      “Falls du es dir doch anders überlegst, weißt du wo du mich findest”, murmelte ich noch bevor Vriska mit ihrem Hengst allein ließ.

      Vriska
      Hätte ich doch mit ihr sprechen sollen, obwohl wir es anderes verhandelt hatten? Sie und Niklas zusammen zu sehen weckte etwas in mir, dass ich vorher noch nie verspürte. Es war wie eine Angst, jemanden zu verlieren, obwohl es nichts zu verlieren gab. Oder doch? Glymur nahm alles an von mir wahr und hampelte noch immer nervös in der Gasse, ich ließ meinen Blick nach draußen schweifen. Als Lina um die Ecke verschwand vibrierte mein Handy. Auf meinem Sperrbildschirm sah ich, dass Niklas mir geschrieben hatte. Es war klar gewesen, dass mir schrieb. Bestimmt um abzuchecken, ob ich ihr irgendetwas verraten hatte. Hingegen meiner Erwartungen schrieb er jedoch: “Var inte ledsen. Vi ses efteråt och lär oss lite, jag hade trots allt varit ofokuserad med Humbria tidigare. Pigga upp.” Bevor ich die Nachricht vollständig verstand, musste ich einige Worte nachschlagen. Langsam wurde mir bewusst, dass Lina an ihm fand. Es war genau das, was er mir schrieb. In mir glühte etwas Hoffnung auf und deutlich fröhlicher nahm ich den Rest von Glymur runter, zog die Weste aus und brachte ihn in seine Box. Erst jetzt kamen mir die anderen drei oder besser gesagt vier entgegen. Böse Blicke warf ich Linh zu, die sich gerade mit Ju unterhielt. Schnellen Schrittes versuchte ich wegzukommen, doch jemand hielt mich am Arm fest. Ich drehte mich panisch und guckte ihn an. Erst dann ließ er los. Erwartungsvoll blickte ich hoch in sein Gesicht.
      “Ich weiß, was ihr getan habt”, sprach er leise zu mir.
      “Und was genau meinst du? Dass ich heute mit Glymur gesprungen bin?”, lenkte ich ab und grinste.
      “Du und Niklas. Ihr beide”, begann er, bis ich seinen Mund zu hielt.
      “Das geht niemanden etwas an”, flüsterte ich eindringlich. Ju schlug meine Hand von ihm weg und ich spürte den Schmerz in meiner Schulter kommen. Betrübt legte ich die andere Hand auf die pochende Stelle und sein Gesicht verzog sich.
      “E-Es tut mir leid. Ich wollte das nicht”, entschuldigte er sich. Es war der richtige Moment einen Abgang zu machen, doch irgendwas verankerte mich fest im Boden. Ich nickte nur und hörte zu.
      “Was dachtest du dir dabei? Hat es dir mit uns gar nichts bedeutet?”, fragte Ju leidet. Offenbar hatte ich die Gefühle seinerseits vollkommen außer Acht gelassen, doch nun konnte ich es eh nicht mehr rückgängig machen.
      “Ich … Gar nichts. Ich dachte an gar nichts und doch … E-Es hat mich schon etwas bedeutet”, ich pausierte, denn ich hatte keine Antwort darauf. Er hatte etwas an sich, dass mir gefiel, doch für mehr reichte es nicht. Zumindest jetzt nicht mehr, nach der Nacht und so wie er am Wasser über ihn sprach, erkannte ich Ju nicht mehr wieder.
      “Aber? Okay, ich möchte es gar nicht wissen. Ich sollte Linh helfen. Danke fürs Gespräch”, fauchte er mich nun an und lief zum Stall. Ich spürte die Blicke der anderen und fühlte mich nicht gut. Mein Magen knurrte und es wäre sicher gut noch etwas zu essen. Vorher sollte ich jedoch etwas anderes anziehen und meine Haare neu machen. Alles klebte an mir, was sicher auch dem Wetter zu verschulden war. Obwohl ich vor mehr als 10 Minuten noch die Welt brennen sehen wollte, ging es mir nach der Nachricht und dem kleinen Gespräch schon viel besser. Im Zimmer war der Griff zur kürzeren Hose sehr nah, doch als ich an mir herunterblickte und neben den Narben auch die frischen sah, entschied ich mich dagegen. Ich wollte keine unangenehmen Fragen gestellt bekommen oder möchte-gern-Hilfe. Das musste ich die letzten Jahre in England schon immer ertragen. Ich guckte auf die Uhr, kurz nach 8 Uhr abends. Wenn ich heute vor 23 Uhr schlafen wollen, würde, müsste ich mich beeilen. Erst recht, wenn Niklas später noch herkommen wollte. Ich bemerkte, dass ich meinen Hoodie auf dem Platz vergessen hatte, doch war froh darüber. Denn dann musste ich mich dazu zwingen mal etwas Kurzes anzuziehen. In meiner Tasche entdeckte ich mein Lieblingsshirt, das ich viel zu selten anzog. Es war ein graues oversized Shirt, dass überall Farbflecken hatte und bauchfrei. Bei dem Wetter wäre es durchaus angebracht etwas mehr Haut zu zeigen, denn alle anderen liefen auch beinah nackt herum. Die Truppe saß gemeinsam am Tisch und unterhielten sich. Ju und Linh waren auch bereits dabei.

      Niklas
      “Und Alec, wie fandest du den Unterricht?”, fragte ich neugierig, während wir alle noch etwas aßen. Jemand von Hof hatte das Feuer wieder mal angemacht und im Hintergrund liefen über Musikboxen entspannte Musik.
      “Sehr lehrreich, aber dieses gehüpfe ist definitiv nicht meine Welt. Ich bleibe glaube ich lieber bei der Dressur”, antwortete Alec gutgelaunt.
      “Das unterschreibe ich so”, stimmte ich ihm zu und riss ein Stück vom Brot ab. Wenn ich ehrlich war, reichte mir das Essen vom Buffet langsam, aber sicher. Stückweise wünschte ich mir Fjona her, die sonst frisch kochte, wenn ich keine Lust hatte.
      “Und bist du froh, wenn wieder Ruhe am Hof einkehrt?”, fragte ich Samu, denn Lina würde mit nach Schweden kommen und dachte vermutlich nicht weiter daran.
      “Oh ja und wie froh ich sein werde, wenn sich nicht mehr alle benehmen wie im Kindergarten. Auch, wenn es zugegebenen Maßen dann wieder ein wenig langweilig hier werden wird”, antworte Samu ehrlich.
      “Was denn für einen Kindergarten?”, fragte Ju etwas verärgert.
      “Keine Sorge, dich meine ich nicht”, versuchte Samu ihn zu besänftigen.
      “Er spricht bestimmt von unserem Bipolaren Monster”, warf Milena ein, die gerade mit Max vorbeilief.
      “Wer nichts Nettes zu sagen hat, sollte lieber die Klappe”, verteidigte ich Vriska, die ich von weiten sehen konnte. Überrascht guckte ich noch mal genauer hin und sah, dass sie mal einen Pullover trag, sondern sogar Haut zeigte.
      “Also wenn hier jemand ein Monster ist, dann du”, stellte Alec an Milena Gewand fest.
      “Pff, ich werdet es noch kapieren. Spätestens, wenn sie wieder manisch wird, habt ihr meine Worte im Kopf”, zischte sie und ging. Tatsächlich ergab es Sinn, was sie da erzählte. Vriska konnte innerhalb kürzester Zeit ihre Stimmung wechseln, ohne selbst viel davon mitzubekommen. Andererseits hatte ich das auch schon bei Lina erlebt und Ju erst recht. Sind jetzt alle Krank? Vriska setzte sich neben mich und alle blickten zu ihr, als gehörte sie nicht mehr dazu. Jus Augen blitzten mich an und ich wusste, was er wollte. Unbeeindruckt drehte ich mich zu ihr und hörte zu, was sie uns zusagen hatte.
      “Hej”, begann sie vorsichtig. Niemand sagte etwas. Vriska fuhr fort: “E-Es tut mir leid, also euch allen gegenüber. Ich weiß nicht mehr, was ich heute zu wem sagte, ob es nett, oder weniger nett war. Aber nach dem Ju vorhin mit mir kurz gesprochen hatte, wurde mir klar, dass mein Verhalten nicht gut war. Also. Es tut mir leid, wirklich. Wenn ihr wollt, dass ich gehe, dann ist das confirm für mich.”
      “Bleib ruhig hier. Jeder von uns hat mal einen schlechten Tag, wo er dann auch schon mal nicht so nette Dinge sagt. Sogar bei mir soll das schon vorgekommen sein”, sagte Alec diplomatisch.
      “Oh, danke”, antwortete sie verlegen und stellte den Teller auf den Tisch. Unauffällig musterte ich ihr Outfit und bemerkte die Narben, die sie am Arm versteck von einem großen Sleeve versteckte. Da fiel mir ein, dass auch mein Termin morgen sei, bei dem Lina dabei sein wollte.
      “Ach Nik, ich muss noch was besprechen”, begann Ju und ich blickte zu ihm aufmerksam. Er sprach weiter: “Linh schläft nachher mit bei uns und ich schätze, du solltest dir diesmal ein anderes Zimmer suchen.”
      “Ja, geht klar. Lina? Kann ich nachher zu dir kommen? Wann gehst du schlafen, weil ich wollte mit Vriska noch über Betriebsleitung und andere wirtschaftliche Dinge sprechen zum Lernen”, wandte ich mich ihr zu.
      An Samu Gesichtsausdruck war deutlich zu sehen, was er von der Idee hielt.
      “Klar, kein Problem. Was die Uhrzeit angeht, habe ich keine genaueren Pläne. Ich hatte nur vor heute mal vor 3 Uhr nachts im Bett zu sein” antwortete sie, ohne Samu wirklich zu beachten.
      „Freut mich“, sagte ich grinsend.
      Ich spürte wie eine Hand durch meine Hose über den rechten Oberschenkel langsam in meinen Schritt wanderte. Mein Herz begann schneller zu schlagen und auffällig wechselte ich meine Sitzposition, um es mir bequemer zu machen. Gleichzeitig unterhielt Vriska sich mit Lina und ließ sich nicht anmerken, was sie gerade tat. Dieses Mädchen machte mich verrückt. Ihre Art etwas zu wollen und alles dafür zu tun, faszinierte mich und zog mich in den Bann. Nebenbei versuchte ich weiter zu essen und jeder Happen fiel mir von einer Sekunde zur nächsten schwerer. In meinem Kopf malte ich mir aus, was noch passieren würde und wie ich, ohne mir etwas anmerken zu lassen, bei meiner Auserwählten schlafen sollte. Ich nahm Vriskas Hand aus meiner Hose und richtete alles unauffällig, um die Teller wegzuräumen.
      “Möchte noch jemand was, wenn ich schon mal da bin?”, fragte ich in die Runde und unterbrach dabei einige Gespräche.
      “Ja gern, ich würde noch etwas Kartoffelsalat nehmen”, sagte Linh und reichte mir ihren Teller, auf dem noch ein halbes Steak lag. Sonst meldete sich niemand und ich machte mich auf den Weg. Als ich wieder kam, herrschte eine leichte Aufbruchstimmung. Alec verabschiedete sich, um nach Hause zu fahren. Etwas traurig wünschte ich ihm eine gute Fahrt.
      “Wollen wir dann nicht langsam anfangen? Je früher wir fertig sind, so länger kannst du mit Lina ungestört sein”, schlug Vriska vor. In ihren Augen funkelte etwas Boshaftes, aber ich stimmte zu.

      Lina
      Natürlich war mir Samu vielsagender Blick nicht entgangen, als Niklas gefragt hatte, ob er bei mir schlafen konnte, doch eigentlich hatte ich nicht die Motivation es mit ihm auszudiskutieren. Leider schien er das anders zu sehen, denn kaum waren Niklas und Vriska verschwunden bedeutete er mir ziemlich eindeutig, dass er reden wollte. Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihn einfach ignorieren konnte, doch dann würde vermutlich noch mehr nerven.
      Seufzend stand ich also auf und folgte ihm zu der großen Eiche, die etwas abseits der Tische wuchs.
      “Was willst du denn?”, fragte ich Samu genervt.
      “Was ich will? Ich will gar nichts, ich finde nur du solltest noch mal Nachdenken. Ihr kennt euch gerade mal etwas länger als eine Woche”, regte er sich ein wenig auf.
      “Erinnerst du dich an unser Gespräch heute? Was habe ich da gesagt? Richtig, du sollt mich nicht immer so krass beschützen ich bin keine 12 mehr”, sagte ich ein wenig genervt.
      “Und mal ganz abgesehen davon, was ich mit wem in meinem Bett mache, geht dich absolut nichts an. Auch für dich gibt es Grenzen”, fügte ich unmissverständlich hinzu.
      “Aber…”, er wollte gerade ansetzen noch etwas zu sagen, aber ich schnitt ihm einfach das Wort ab.
      “Nichts, aber. Mein Bett, meine Entscheidung! Das steht auch nicht zu Diskussion. Ich schreib dir auch nicht vor wen du in dein Schlafzimmer lässt”, meckerte ich ihn an. Daraufhin war er erst mal still. Ein wenig verwundert war ich trotzdem, denn ich hatte ihn noch nie so nervig erlebt wie heute. Ok, zugegebenermaßen habe ich auch noch nie so wenig auf seinen Rat gehört, dass könnte die Lage vielleicht erklären.
      “Lina, hör doch wenigstens zu, danach hör ich auch auf die zu nerven versprochen”, bettelte er nun fast, dass ich ihm zuhörte.
      “Wenn denn sein muss”, gab ich genervt nach.
      “Kann sein das du nachdem, was ich sage, nie wieder mit mir spricht, aber ich möchte, dass du das in deine Entscheidungen einbeziehst. Ich glaube immer noch, dass Niklas nur mit dir spielt. Ich meine, warum sollte er von heute auf morgen ein anderer Mensch sein, das ergibt keinen Sinn”, Samu schien diese Sache wirklich wichtig zu sein. “Und ich kann auch verstehen, dass du ihn äußerlich anziehend findest, aber bitte schalte nur für eine Sekunde dein Gehirn ein, bevor du etwas tust, was du später bereust.” Eine unangenehme stille herrschte zwischen uns. Normalerweise hätte ich auf ihn gehört, denn Samu besaß eine unglaubliche gute Menschenkenntnis, doch in diesem Fall wollte ich ihm nicht glauben. Mir gegenüber hatte sich Niklas so verständnisvoll Verhalten und es fühlte sich einfach so gut an. Dennoch kam da diese fiese kleine Stimme in meinen Kopf, diese fiese Stimme, die immer alles zerstörte. Glaub ihn Lina, du hast Niklas Rücken schon wieder vergessen. Außerdem einer, wie er will dich sowieso nicht haben. Das glaubst du wohl selbst nicht, verspotte die Stimme mich. Nein, diese Stimme ist böse, ich darf ihr nicht glauben. Mit all meiner Willenskraft hielt ich gegen die Zweifel und schob sie beiseite.
      “Ich werde deinen Tipp berücksichtigen, aber eigentlich steht meine Entscheidung bereits fest, egal was du davon hältst”, antworte ich und ließ ihn einfach unter dem Baum stehen.

      Juha
      Während Linh noch aß, belauschte ich das Gespräch von Lina und Samu. Auch, wenn ich nicht alles verstehen konnte, hörte ich immer wieder Niklas und mir war klar, worum es ging. Offenbar hatte Kerl wieder nicht besseres in seinem Schädel, als alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sichtlich genervt, ließ Lina Samu allein sitzen und ich nutzte die Gunst der Stunde ihn etwas aufzumuntern. Leicht geduckt lief ich zu ihm und setzte mich.
      “Ich sage dir, dass nun nur ein einziges Mal, also höre mir gut zu”, begann ich. Samu nickte und ich fuhr fort: “Deine Sorgen sind berechtigt und Lina wird vermutlich schneller wieder hier sein, als du gucken kannst. Ich möchte ihn damit nicht zu einem schlechteren Menschen machen, als er ist, denn er ist durchaus eine freundliche und zuvorkommende Persönlichkeit sein. Doch er kann unberechenbar und sprunghaft in seinen Entscheidungen verhalten. Dabei ist er so in seinem Film festgefahren, dass er den Rest seiner Umwelt außer Acht lässt. Wenn Lina damit nicht umgehen kann und nicht standhaft ihm gegenüber ist, kann das nur im Krieg enden. So, hast du noch eine Frage?” Ich versuchte so leise zu sprechen wie möglich, denn nach dem letzten richtigen Zerwürfnis mit meinem besten Freund, endete es seinerseits mit einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt sowie vieler Gespräche. Das konnte ich nicht riskieren, denn ich wünschte ihm vieles, nur nicht das nochmal.
      “Warum genau erzählst du mir das jetzt eigentlich. Wie du siehst, hört Lina ohnehin nicht mehr auf mich”, fragte er mit einer Mischung aus Verwirrung und Besorgnis in der Stimme.
      “Ich möchte sie vor dem schlimmsten bewahren. Und ganz ehrlich? So wie ich dich einschätze, warst du bei den Mädels sicher beliebt und wie oft hast du mit jemanden einfach nur gelernt?”, deute ich an und zog meine Brauen hoch.
      “Öfter, als du zu glauben scheinst”, antwortete Samu.
      “Nun gut. Wir haben nie drüber gesprochen”, flüsterte ich und lief zurück zu Linh, die bereits auf mich wartete.
      “Alles gut bei dir, du wirkst so … aufgeregt”, fragte sie besorgt.
      “Natürlich, ich musste nur was Wichtiges klären. Wollen wir rüber, Fernsehen?”, entgegnete ich freundlich und lief mit ihr zum Zimmer. Niklas hatte ein riesiges Chaos hinterlassen. Ich entschuldigte mich bei ihr und warf schnell alles zusammen. Aus meiner Rage stoppte sie mich und gab mir einen Kuss.
      “Es ist nicht das erste Mal, dass er das Zimmer verwüstete und ich das sah”, antwortete Linh liebevoll und zog mich auf die Couch. Mit meinem Arm um ihre Schulter guckten wir eine Dokumentation auf Netflix.

      Niklas
      Gerade als ich die Tür hinter mir schloss, fiel Vriska mir um den Hals. Meine Hände legte ich an ihrem Hinterteil und zog sie fest an mich heran. „Wärst du so freundlich, heute keine Spuren zu hinterlassen?“, flüsterte ich bestimmend in ihr Ohr und schmiss sie aufs Bett. Mit ihrem Kopf auf der Decke zog ich unsere Hosen runter und liebäugelte mit ihrer Unterwäsche, die sie trug. In Gedanken an Lina suchte ich in meiner Hosentasche meiner Reithose nach einem Gummi.
      „Wenn du nicht willst, dann müssen wir das nicht tun“, sagte sie besorgt und schien zu merken, dass ich nicht ganz bei der Sache war. Dann drehte sie sich auf den Rücken und guckte mich an. Noch eh ich antworten konnte, sagte sie überrascht: „Ach, warst du schon vorbereitet, was heute passiert?“
      „Nein, ich bin immer vorbereitet. Du bist nicht die Erste, die plötzlich über mich herfällt“, antworte ich ernsthaft und distanziert. „Und um auf deinen ersten Satz zurückzukommen, wenn ich wollen würde, hätte ich meine Hosen noch an“, grinste ich, drehte sie unsanft um und zog sie an mich heran. Leise winselte sie nach mehr und ich genoss das Gefühl von ihr gebraucht zu werden. So schön es auch war, musste ich dafür sorgen, dass sie leise ist. Ich legte meine Hand auf ihren Mund und drückte sie nieder. Doch nur mit Mühe gelang es mir, ihre Leidenschaft zu unterdrücken. Gestern hatte sie noch andere Möglichkeiten sich dem zu entziehen, nur Monstermücken würde mir keiner mehr abnehmen, erst recht nicht Lina, wenn die Kratzer frisch waren.
      „Zieh dir was drüber und setzt dich an den Tisch“, befahl ich ihr, als ich ins Bad lief, um mich sauberzumachen.
      „Komm‘ doch lieber ins Bett“, quengelte Vriska erschöpft.
      „Ich bin nicht zum Spaß hier. Betriebswirtschaftslehre lernt sich nicht von allein“, antwortete ich standhaft, als ich meine Hände wusch. Als ich zurückkam, lag sie immer noch im Bett, wie ich sie hinterließ.
      “Steh’ jetzt auf oder war heute das letzte Mal da”, drohte ich und war selbst überrascht. Offenbar konnte ich mir vorstellen, dass nun öfter zu tun. Der Gedanke fühlte sich besser an, als wollte, dennoch setzte ich mich und nahm das Pad zur Hand. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich, dass Vriska sich etwas drüberzog und dazu kam. Ihre Haare waren durcheinander und ihre Hose kurz. Ein Bild, dass sie ruhig öfter zeigen konnte und vor allem nicht nur mir.
      “Du siehst wunderschön aus”, schmeichelte ich ihr. Verlegen zog sie ihr Shirt über die Shorts und setzte sich an den Tisch. Zusammen gingen wir die Seiten durch und ich erklärte ihr, welche Faktoren die wichtigsten waren und was die Prüfer wissen wollten. Im Gegensatz zu ihr hatte ich alles schon durch und wusste, worauf es ankam. Obwohl Vriska sehr erschöpft wirkte, gab sie sich Mühe mir genau zuhören und die Aufgaben sorgfältig zu erledigen.
      “Ich denke, dass das für heute reicht”, erklärte ich ihr nach einer Stunde. Ich stand vom Stuhl auf und sie sprang auf, um mich festzuhalten.
      “Willst du nicht hierbleiben?”, begann sie wieder zu quengeln.
      “Du weißt, dass das nicht geht”, redete ich mich raus und nahm ihre Arme von mir.
      “Also ist dir das nicht wichtig mit uns?”, in ihrem Gesicht war die Enttäuschung zu erkennen, die in ihr herrschte.
      “Nein … doch. Irgendwie schon. Wir schlafen nur miteinander und lernen. Mehr ist das nicht”, versuchte ich Vriska zu erklären, die offensichtlich mehr wollte als ich.
      “Okay, ich verstehe. Aber wenn das nicht mehr …“, sie stoppte. Eine Träne lief auf ihrer Wange herunter und sie drehte sich weg.
      “Vriska, dir muss klar sein, dass das nicht mehr sein wird. Wenn du das nicht willst, dann sag’ es jetzt und ich verhindere alles Weitere, was du versuchen willst. Ich möchte nicht, dass du sich schlecht dabei fühlst. So macht das keinen Spaß”, muntere ich sie auf und strich einige Strähnen aus ihrem Gesicht.
      “Mir geht’s gut. Ich wollte nur wissen, woran ich bin. Das weiß ich nun”, lachte sie und umarmte mich. Das ging für mich klar und ich drückte sie.
      “Dann schlaf gut. Morgen gleiche Zeit, gleicher Ort?”, scherzte ich. Fröhlich nickte sie und schloss die Tür, als ich ging.
      “Lina, ich bin gleich da, setz’ mich noch für einen Moment ans Feuer”, schrieb ich meiner Herzensdame und setzte mich auf einen Stuhl am Feuer. In meiner Hosentasche befand sich ebenfalls die Schachtel von der Tankstelle und ich zündete mir eine an. In meinem Kopf schwebten tausend Gedanken und einer davon war Lina. Ich wollte sie nicht verletzen und auch nicht hintergehen, doch sie gab mir nicht das, was ich bei Vriska fühlte. So fasste ich den einzigen richtigen Entschluss. Ich musste mit Lina darüber sprechen, zumindest teilweise.
      Als ich aufgeraucht hatte, lief ich zu ihr und rechnete damit, dass ich die Nacht bei Vriska verbringen würde. Ich selbst würde mich nicht ertragen wollen. Vorsichtig klopfte ich an Linas Tür.


      Lina
      Nachdem Streit mit Samu war ich innerlich so aufgewühlt gewesen, dass ich mir erst einmal einen Tee machen musste. Auch wenn ich es Samu gegenüber nicht zugeben wollte, machte ich mir doch mehr Gedanken darüber, was er gesagt hatte. Mit meinem Tee hatte ich mich auf mein Sofa begeben und die Zeichnungen angestarrt, die kreuz und quer über den Tisch verteilt lagen. Ganz obendrauf, mein Block auf dem noch die Zeichnung von Niklas Tattoo aufgeschlagen war.
      Auch wenn sich die negativen Gedanken immer wieder in den Vordergrund drängten, fasste ich einen Entschluss. Mir ist egal was Samu sagt, immer hin bin ich hier diejenige die mit den Konsequenzen der Entscheidung leben muss, nicht er. Ich komme was wolle, ich werde mit nach Schweden gehen. Auch wenn Niklas noch ein Fremder für mich ist, bin ich überzeugt davon, dass es das Richtige ist. Es fühlt sich einfach zu gut an, um es mir von irgendwem kaputt machen zu lassen.
      Ich war so fokussiert auf meine Gedanken gewesen, dass ich vor Schreck fast vom Sofa fiel, als es an der Tür klopfte und natürlich, wie hätte es auch anders sein sollen, hatte ich dabei den restlichen Inhalt meiner Tasse auf mir und dem Fußboden verteilt.
      “Komm rein, die Tür ist offen”, rief ich durch die Wohnung, während ich zur Spüle ging, um einen Lappen zu holen. Langsam öffnete sich die Tür und Niklas trat ein, während ich den Tee vom Boden entfernte.
      „Was denn hier passiert?“, fragte er freundlich und betrachtete die Flecken auf dem Boden.
      “Wie es aussieht schaffe ich es heute nicht mal auf einem Sofa zu sitzen, ohne dass dabei etwas passiert”, klärte ich ihn auf.
      „Nun gut. Ich habe ein Anliegen“, murmelte Niklas und setzte sich auf die Couch.
      “Und was wäre das für ein Anliegen?”, fragte ich etwas beunruhigt, denn ich konnte seine Körpersprache absolut nicht einordnen und konnte mir auch nicht so richtig vorstellen, was er jetzt von mir wollte.
      „Ich mag dich sehr und ich würde sogar sagen, dass ich sowas wie Schmetterlinge im Bauch habe, wenn ich an dich denke. Und ich denke sehr oft an dich aber …“, er stoppte und ich merkte das es ihm schwerfiel zu sagen, was er gerade fühlte.
      „Du kennst meine ganze Geschichte nicht und ich bin auch noch nicht bereit sie mit dir zu teilen. Denn ich weiß es selbst erst seit weniger als 2 Jahren und habe selbst noch mitzukämpfen, dass ernsthaft zu verarbeiten. Meine Psychologin sagte etwas von verdrängt oder so. Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall steht mir das noch im Weg. Dass vorhin im Stall … das war ein Test, meinerseits. Normalerweise hatte ich immer sowas wie ein Kick und hätte dir die Kleider vom Leib gerissen, doch bei dir hatte ich das nicht. Grundsätzlich ist das nichts Schlechtes, doch ich denke ich bin noch nicht so weit, wieder was wirklich Festes einzugehen. Und für jemanden zwischendurch bist du mir eindeutig zu wichtig. Ich würde gern dich weiter kennenlernen, im Leben begleiten und gucken, wo wir am Ende rauskommen, doch erstmal nur als Freunde. Besondere Freunde, die in Aussicht auf was Großes sind. Was in den letzten Jahren alles bei mir passierte, ist einfach zu viel um jemanden wie dich damit zu belasten. Ich möchte dich schützen, verstehst du das? Ich will dich, aber aktuell geht es nicht. Auf keinen Fall”, erzählte er zu Ende, ohne mich anzugucken. Stattdessen fummelte er nervös an seinen Fingern. Seine Augen waren glasig und den Tränen nah.
      Was Niklas mir da erzählte, waren so viele Informationen auf einmal, dass mein Gehirn erst mal ein paar Sekunden brauchte, um die Massage zu verstehen. Seltsamerweise war ich nicht krass enttäuscht oder so, sondern fühlte in diesem Moment eher sowas wie eine Mischung aus Erleichterung und Verständnis. Ich kann nur zu gut nachvollziehen, dass er mich nicht mit seinen Problemen belasten möchte. Und so sehr, wie ich mir wünschte, es gäbe einen andern, einen leichteren Weg, so gut verstand ich es auch, dass es der richtige sein würde.
      Bei seinem Anblick würde ich am liebsten auch anfangen zu weinen. Doch hier geht es gerade nicht um mich, also versuchte ich die Tränen so gut wie möglich herunterzuschlucken. Aus einer Intuition heraus legte ich meine Hände auf seine. “Ja, ich versteh das”, war alles, was ich über die Lippen brachte, denn dann suchten sich die Tränen doch wieder einen Weg nach draußen.
      “Kleines, wein doch nicht. Ich bin noch immer da für dich aber lass mir meine Zeit, um zu dir zu finden”, versuchte Niklas mich aufzumuntern und wischte mit seiner Hand die Tränen von meiner Wange. Ich reagierte nicht. Dann sprach er weiter: “Ich freue mich, auf das was auf uns zu kommt, die gemeinsame Zeit in der meiner Heimat. Es gibt so viel, dass ich dir zeigen möchte und Vriska freut sich sicher auch, nicht allein zwischen den Kerlen auf dem LDS zu sein. Da bin ich mir sicher. Sie kommt hier schon kaum klar.” Er lachte herzlich und strich mir übers Haar. Der Gedanke an all das, was mich in Schweden erwarten würde, konnte mich tatsächlich ein wenig aufheitern, immerhin würde mich dort viele neue Dinge erwarten. Außerdem freute ich mich wieder näher an der Küste zu sein. Schon damals als ich für das HMJ in Schweden war, hatte ich gemerkt wie sehr mir die Küste fehlte. Nicht das Kanada keine schöne Natur bot, doch steinige Bergwälder sind nun mal nicht dasselbe.
      Nun musste auch ich anfange zu lächeln, dieser Mann war einfach ansteckend.
      “Das ist ja auch wirklich nicht so einfach mit euch Kerlen. Aber ich freu mich schon deine Heimat kennenzulernen”, fügte ich nun etwas heiterer hinzu.
      “Ich schätze, dass du es mit Frauen auch nicht leichter hättest”, scherzte er, aber konnte noch immer nicht in meine Augen schauen. Mit irgendetwas schien er sich immer noch unwohl zu fühlen. Gerne würde ich ihn danach fragen, was ihn beschäftigt, doch natürlich hatte ich noch seine Worte im Kopf, die ich natürlich respektierte. Somit sagte ich nichts und eine seltsame Stille herrschte im Raum, die dadurch unterbrochen wurde, dass mein Handy lautstark den Eingang einer Nachricht ankündigte. Etwas zu eilig griff ich nach dem Gerät. Die Nachricht war von meiner Schwester, die wissen wollte, wie genau ich mich jetzt eigentlich wegen Schweden entschieden hatte. Da hat sie mal wieder ein perfektes Timing. Ich hatte zwar gestern mit ihr telefoniert, aber dieses Thema bewusst außen vorgelassen. Da ich das gerade absolut den falschen Zeitpunkt davon Juliet den Sachverhalt zu erklären, legte ich das Handy wieder beiseite, ohne ihr zu antworten, sie würde noch früh genug eine Erklärung bekommen.

      Niklas
      “Möchtest du noch was besprechen oder wie sieht es aus? Ich halte es für die beste Entscheidung rüber zu Chris zu gehen”, murmelte ich zu Lina, die erst hektisch aufsprang, um ihr Handy zu prüfen und im nächsten Moment es wieder beiseite packte.
      “Nein, passt schon”, antwortete sie fast unverständlich, weil sie so schnell sprach.
      “Ich verstehe dich nicht. Ist er dir egal, dass ich jetzt gehe?”, fragte ich schockiert. In dem Moment kamen mir direkt wieder Vriskas Worte, die es wenigstens versuchte, dass ich bliebe. Aich erwischte ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob sie das bessere Gegenstück sei.
      “Nein, natürlich ist es mir nicht egal”, antwortete sie und ich konnte eine Spur Verunsicherung mitschwingen hören. “Es ist nur. Ich weiß nicht. ich weiß nicht genau was ich tun soll… Auf der einen Seite möchte ich, dass du hierbleibst und andererseits … möchte ich deine Worte respektieren und dich nicht bedrängen”, den letzten Teil des Satzes sprach sie so leise aus, dass er kaum hörbar war. “Ich möchte doch nur das richtige tun”, fügte sie hinzu und sah dabei auf den Boden. Ich legte meine Hände an ihren Kopf, damit sie den Blick zu mir richtete. Dann sprach ich zu ihr: “Du musst dir überhaupt keine Gedanken darüber machen, was richtig oder falsch ist. Alles, was du bisher getan hast, war richtig. Es liegt nicht an dir, ich bin das Problem. Also bitte sei du selbst, denn nur diese Lina brauche ich.”
      “Ok” sagte sie und machte ein paar Sekunden pause, um Luft zu holen. “Dann sagt dir diese Lina jetzt, dass du ihretwegen nicht zu gehen brauchst, denn für einen Freund hat sie immer einen Platz, egal was das Problem ist.”
      “Danke, aber ich werde trotzdem zu ihm rübergehen. Er wollte auch noch Männerkram besprechen”, erklärte ich ihr mit einem Augenzwinkern und stand auf.
      “Ok, dann also gute Nacht”, sagte sie und schien sogar ein wenig enttäuscht zu sein.
      “Es tut mir leid”, antwortete ich nur und schloss die Tür. Einen Moment wartete ich, um zu hören, ob sie wieder anfing zu weinen, doch ich hörte nichts und lief los. Chris hatte ein Zimmer etwas weiter weg und teilte es sich mit Björn, der gerade mit Erika für die Prüfungen lernte. Denn auch die Beiden wollen dieses Jahr den C Schein ablegen. Also war ich froh, dass ich herzlich von ihm empfangen wurde.
      “Na was hast du schon wieder vergeigt?”, fragte es spöttisch und saß auf seinem Bett, als ich den Raum betrat.
      „Alles oder auch gar nichts“, antwortete ich und gesellte mich mit in den Raum.
      „Na dann bin ich mal gespannt“, haute er heraus und setzte sich aufrecht hin.
      „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es ist so viel“, murmelte ich und machte es mir bequem in dem Holzstuhl, der alles andere als bequem war.
      “Wie wäre es am Anfang? Oder warum du jetzt überhaupt hier sitzt?”, munterte Chris mich ein wenig auf. Gestärkt begann ich zu erzählen: “Nun, dass mit Anna ist nun vorbei und ehrlich gesagt, bin ich auch froh darüber. Die Zeit mit ihr war schön, aber sie war mir dann doch eine Nummer zu verrückt. Ihr Hass übernahm immer mehr die Oberhand und du weißt ja, den letzten Monat lief es eh nicht so gut. Dann kamen die Neuen und Milena wollte mich einfach, also hat sie bekommen, was sie wollte. Aber ich fühlte es einfach nicht, denn ihre Freundin hatte es mir von Anfang an angetan. Irgendwie hat es direkt gefunkt, obwohl sie immer gegen mich war.”
      “Die kleine Blonde meinst du? Wie war ihr Name noch mal … Vriska?” fragte er.
      “Ja, genau. Und jetzt rate mal, wen ich am Haken habe?”, lachte ich herzlich.
      “Ach, da schlägt mal wieder der typische Niklas zu. Wie bist du denn an die Ehre gekommen?”
      “Nun, man muss nur wissen wie. Wir sind auf einer Wellenlänge. Ich wusste direkt was sie braucht, jemanden, der sie hält und vor allem fest”, triumphierte ich und imitierte ihren Hintern vor meiner Hüfte. Chris wusste, wo von ich spreche, schließlich waren wir damals zusammen auf Reisen. Auch wenn Joanna noch an meiner Seite war, hatten wir durchaus Spaß zusammen in den Clubs uns nach hübschen Mädels umzuschauen.
      “Da wird man glatt neidisch, aber was ist mit der anderen Kleinen? Die hier vom Hof. Der hast du auch ganz schön die Augen verdreht”, schwärmte er.
      “Ja, genau das ist das Problem. Sie kommt jetzt mit nach Schweden. Ich mag sie sehr, aber es fehlt einfach etwas. Das was Vriska mir gibt”, lenkte ich ein und hatte direkt das Gesicht von Lina vor den Augen, als sie eben vor mir saß und anfing zu weinen. Es macht mich immer nachdenklicher.
      “Dann pack’ sie in den Ringkampf und guck, wer übrigbleibt. Ich würde 5000 SEK auf die Blonde setzen. Sie hat Temperament und so viel Verzweiflung”, scherzte Chris und holte seine Brieftasche aus der Hose.
      “Ne, ne. Lieber nicht. Außerdem bedenke, dass sie aktuell ein Handicap hat durch den Sturz mit ihrem Hengst. Ich habe mit Lina mehr oder weniger darüber gesprochen, dass ich noch nicht bereits für etwas Festes bin, also kann ich Vriska weiterhin besuchen”, erklärte ich ihn und schaute auf die Uhr. Die Zeit rannte förmlich an mir vorbei. Es war bereits kurz vor Elf und langsam wollte ich schlafen.
      “Sicher, dass du nicht rüber willst zu deiner Leibeigenen?” schlug er vor. Nach kurzen Überlegungen lehnte ich ab und wir richteten einen Platz auf dem Fußboden ein. Jeder für sich nahm eine bequeme Position im Bett ein. Chris schlief innerhalb kürzester Zeit ein, doch in mir wanderten noch die Gedanken. Auf meinem Handy lass ich eine Nachricht von Vriska, die wirklich kurz war, doch im Rückblick zu vorhin viel aussagte: “Tack.” Ich wusste nicht genau, ob sie nun sauer auf mich war oder wirklich dankbar. Für heute ließ ich es gut sein und würde sie morgen darauf ansprechen.

      Lina
      Nachdem Niklas die Tür hinter sich geschlossen hatte, saß ich einen Moment lang einfach nur still da. Hatte Samu etwa doch recht gehabt und Niklas spielte nur mit mir? Aber warum würde er dann trotzdem noch wollen, dass ich mit nach Schweden gehe? Nein, dass ergäbe keinen Sinn, zumindest keinen der sich mir ergeben würde. Ich glaube immer noch das Stecken so was wie Gefühle dahinter, nur welche genau, darüber bin ich nicht ganz sicher. Aber was genau fühle ich eigentlich gerade? Enttäuschung darüber, dass das, was gerade er begonnen hatte, so schnell endete? Hoffnung? Verunsicherung? Verzweiflung? Vielleicht alles auf einmal? Was auch immer ich gerade fühlte, ich war nicht in der Lage das einzuordnen und das verwirrte mich. Wie soll man mit etwas umgehen, was man noch nie gefühlt hat? Soll man einfach normal weitermachen oder sollte man sich Sorgen machen?
      Die zunehmende Dunkelheit draußen erinnerte mich daran, dass es bereits spät war und somit entschloss ich mich fürs Erste, für das normal weitermachen und meine verwirrten Gefühle erst einmal zu ignorieren. Also stand ich vom Sofa auf und stellte die Tasse, deren Inhalt ich ja bereits über meinem Boden verteilt hatte, in die Spüle.
      In meinem Schlafzimmer tauschte ich die staubigen und nun auch mit Tee getränkten Klamotten gegen das viel zu große Shirt, was ich immer zum Schlafen trug und bewegte mich ins Bad, um mich Bettfertig zu machen.
      Als ich wieder aus dem Bad kam, fiel mein Blick auf mein Handy, auf dem eine Nachricht aufleuchtete. Sie stammte diesmal von Samu. “Ich hätte vorhin dein Urteilsvermögen nicht Anzweifeln sollen, tut mir leid. Aber du musst, verstehen ich mache mir doch nur Sorgen um dich”, las ich.
      “Ja, verstehe ich doch. Mir tut es auch leid, ich hätte dich trotzdem nicht so anmotzen dürfen. Und jetzt hör auf dir Sorgen zu machen, ich schlafe heute allein”, tippe ich eine Antwort, doch zögerte kurz bevor ich sie absendete. Sollte ich ihm das jetzt schon mitteilen? Naja, spätestens morgen würde er es vermutlich eh rausfinden, also konnte ich es ihm auch jetzt sagen.
      Nachdem ich die Nachricht gesendet hatte, schaltete ich das Licht aus und ließ mich ins Bett fallen, vielleicht würde meinem Gehirn ja bis morgen einfallen, wie ich mich Verhalten soll.

      Am nächsten Morgen wachte ich von meinem nervtötenden Wecker auf. Müde öffnete ich die Augen und blinzelte in das schwache Licht, welches durch die Rollläden fiel. Ich hatte gestern ungewöhnlich lange zum Einschlafen gebraucht, denn die Ereignisse des gestrigen Tages waren mir immer wieder durch den Kopf geschwirrt. Zwar hatte ich den Rest der Nacht dann geschlafen wie ein Stein, aber wirklich erholt fühlte ich mich nicht und schlauer war ich leider auch nicht geworden. Das heißt du es wohl heute normal sein, was auch immer normal sein bedeuten mag. Also rollte ich mich aus dem Bett und wie jeden morgen führte mich mein Weg als Erstes ins Bad, wo ich mich fertig machte. Da es heute genauso unerträglich warm bleiben sollte wie die letzten Tage, entscheid ich mich lieber gleich für ein luftiges Top zu Reithose. Als ich Treppe runterging, stellte ich fest, dass ich scheinbar die Erste war, die bereits wach war, denn im Haus war es noch erstaunlich still. An der Tür überlegte ich kurz, ob ich direkt meine Stiefel anziehen sollte, doch entschied mich doch lieber für meine inzwischen nicht mehr ganz so weißen Sneaker. Auch als ich nach draußen trat, war es noch recht still auf dem Hof.
      Da es nicht so aussah, dass es schon Frühstück gab, machte ich mich also als Erstes auf den Weg zum Stall. Die meisten Pferde waren bereits wach und knabberten gemütlich an ihrem Heu, nur Divine lag noch gemütlich im Stroh. Freundlich brummte er mich an, als ich seine Box betrat.
      “Guten Morgen mein hübscher”, begrüßte ich den Hengst und hielt ihm eine Möhre hin. Kurz schnupperte das Pferd daran, bevor er kräftig abbiss.
      “Ich hoffe, wenigstens du hast besser geschlafen als ich”, sagte ich zu Divine und strich im dabei durch die weiche Mähne. Natürlich antworte der Freiberger nicht, sondern klaute sich nur den Rest der Möhre aus meiner Hand. Damit es heute nicht wieder vergaß ihn rauszubringen, beschloss ich ihn einfach jetzt schon rauszubringen. Während Ivy noch in aller Ruhe seine Möhre fraß, ging ich in die Sattelkammer und seine Sonnencreme und seine Fliegenmaske zu holen. Ohne diese Schutzmaßnahmen bekam er bei einem solchen Wetter leider sehr schnell Sonnenbrand. Als ich zurück zu seiner Box kam, hatte sich der Freiberger bereits aufgerappelt und schüttelte sich das Stroh aus dem Fell.
      “Na, heut mit Strohextension”, scherzte ich und zog ihm einen Strohhalm aus der Mähne. Anschließend cremte ich ihn ein und zog ihn an. Fertig für die Koppel verließ ich mit Divine den Stall.

      Vriska
      Erholt wachte ich auf und warf einen Blick auf die Uhr. Der Trubel am Hof war sonst, wenn ich aufwachte, bereits zu hören, doch heute herrschte eine angenehme stille. Erstaunlicherweise hatte ich heute keine Schmerzen und konnte mich wie üblich fertig machen. Die Hitze machte mich zu schaffen und mittlerweile sammelte sie sich auch im sonst so kühlen Zimmer. Aus meiner Tasche rief mich die einzige Shorts, die ich eingepackte hatte. Zum Notfall. Einem Notfall den ich nun hatte. Etwas unwohl bei dem Gedanken meine Beine zu zeigen, zog ich sie drüber und betrachtete mein Outfit im Spiegel. Die hellgraue lockere Sweat Shorts mit dem schwarzen Swoosh stand mit wirklich gut, auch wenn nun meine Narben offensichtlich zu sehen waren und auch der riesige Spalt zwischen meinen Oberschenkeln. Passend dazu zog ich mir das lockere graue bauchfreie Shirt drüber. Von den letzten Tagen wusste ich, dass die Leute am Hof wirklich Probleme hatten meinen Hengst die Decke umzulegen, weswegen ich schon am Abend beschlossen hatte, das heute selbst zu machen. Ein erneuter Blick zur Uhr zeigt mir, dass ich wirklich trödelte, wenn ich mich nicht unter die Leute mischen wollte. An der Tür schlüpfte ich die meine Stallschuhe, setzte noch die Sonnenbrille auf und verließ das Zimmer. Die Sonne brannte auf meiner Haut und in der Luft lag eine angenehme Feuchte. Es war ein ausgesprochen schöner Sommermorgen, denn ich gern nicht allein genießen wollte. Auf dem Weg traf ich niemanden und fröhlich lief ich zum Stall, in dem Glymur bereits in seiner Box warten würde. Doch, bevor ich einen Fuß in die Gasse setzte, hörte ich Lina. Frustration kam in mir hoch. Würde sie sich verfolgt fühlen? Kann ich mich noch normal verhalten? Doch das bisschen Selbstbewusstsein, was irgendwo in mir steckte, musste jetzt herauskommen und sich präsentieren. Nach einem tiefen Ein- und Ausatmen betrat ich den Stall und grüßte Lina freundlich mit den Worten: “Ach auch schon wach. Good morning.” Für meinen Geschmack fühlte sich das Grinsen zu groß und auch falsch an, um dass ich das war. Selbstbewusstsein, dass auf Bestellung da war, war schon etwas Feines.
      “Morgen Vriska”, grüßte Lina freundlich zurück und wandte sich dann wieder ihrem Pferd zu. War irgendetwas? Ich entschied nicht nachzufragen, da es sicher mit Niklas zu tun hätte und ich versuchte so gut gelaunt wie möglich heute zu sein. Die Decke von meinem Hengst lag wie ein Wäschehaufen vor seiner Box und ich benötigte einige Minuten, bis ich alles sortiert hatte. “So kleiner Mann, jetzt wird sich hübsch angezogen”, bereitete ich ihn auf die Decke vor und betrat die Box. Neugierig stupste er diese an und knabberte an meinen Dutt, der auch so schon völlig durcheinander war. Schnell hatte er seine graue Decke um, die viel Grasflecken aufwies. Ich zog ihm das Halfter drüber, führte ihn raus aus der Stallgasse. Lina ignorierte mich noch immer und ich beließ es dabei.
      Der Weg zur Koppel war ruhig. Vogelzwitschern kam aus den Bäumen, die ringsherum standen.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 97.733 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam X | 12. April 2021
      HMJ Divine // All Hope Is Gone // Crystal Sky //Legolas // Elf Dancer // Saturn // Mas’uda // Sunny Empire // LMR Ice Rain// Nathalie
      Satz des Pythagoras // Northumbria // St. Pauli’s Amnesia // Kempa // Glymur
      Checkpoint


      Hannes
      Ist es eigentlich so schwer einfach mal keine Probleme oder Drama zu haben? Alles, was ich die letzten Tage mitbekommen habe, war mir einfach zu viel. Immer war irgendwo Stress und wenn nicht, lag eine unangenehme Stille in der Luft, aber niemand wollte so wirklich mit der Sprache rausrücken - eigentlich ist es mir doch egal, oder? Jaja da kommt es wieder der kleine unbeachtete Bruder, der zwar von den Eltern, sofern man sie so nennen kann, geheiligt wurde, aber dem Rest ziemlich am Arsch vorbeiging. Niklas kleiner Anhänger, nett waren sie immer zu mir, doch wirklich mit mir zu tun haben oder geschweige mir etwas anvertrauen wollten sie nie. Die einzigen Ablenkungen von dem ganzen Trubel waren die Pferde, weshalb ich mich morgens meistens gleich zu den Pferden begab, doch heute war es bereits hier schon voll. “Morgen”, grummelte ich, um zumindest höflich zu sein und verschwand in Checkpoints Box. “Na Dicker, haste auch so gute Laune wie ich heute?”, fragte ich ihn ironisch. Vriska und Lina habe ich bereits gesichtet, da kann Niklas ja nicht weit weg sein, dachte ich im Stillen und wollte mich schon fast selbst für diesen bösen Gedanken ohrfeigen.

      Niklas
      „Godmorgon. Vakna, älskling”, hörte ich Chris im Halbschlaf zu mir sagen, eh ich sein verschwitztes Shirt ins Gesicht geworfen bekam.
      „Det är bra“, murmelte ich genervt und warf ihm zielsicher sein Oberteil ins Gesicht. Er lachte und ging ins Bad. Mein erster Blick widmete sich meinem Handy. Es war kurz vor 8 Uhr und müde ließ ich mich wieder auf das Kissen fallen, dann zog ich die Decke hoch und wünschte mich in den Schlaf zurück. Unverständlich erzählte er etwas aus dem Nebenzimmer und hinderte mich intensiv daran, wieder im Land der Träume zu landen. Genervt warf ich die Decke von mir und betrachtete die morgendliche Überraschung.
      “Vielleicht solltest du rüber zu deiner Angebeteten”, scherzte Chris, während er seine Zähne putzte.
      “Nej, jag tror inte det”, antwortete ich ihm und zog mir die Sachen vom Vortag über. Ich verabschiedete mich von Chris und lief zu Ju. Im Zimmer waren die Beiden ziemlich beschäftigt einander Komplimente zu machen und wach zu küssen. Ungeachtet dessen, nahm ich mir Kleidung von der, die ich gestern wusch. Die Wahl fiel auf das graue Polo und meiner dunkelgrauen Reggings, darüber zog ich helle Strümpfe. Bis zum Frühstück blieben noch fast zwei Stunden, so könnte ich eine Runde durch den Wald mit Smoothie. Ich wollte gerade die Tür schließen als Ju noch etwas sagte. Drehte mich um und blickte zu den Turteltauben in dem deutlich zu schmalem Bett.
      „Holmi hat geschrieben, dass die Pferde heute jeder selbst auf die Weide bringt. Könntest du dann Amy mit rausstellen?“, fragte er freundlich. Ich stimmte zu, drehte mich um und wollte wieder die Tür schließen als Linh mich dieses fragte für Móra. Auch das bejahte ich und ging endgültig. Somit hatte ich jetzt vier Pferde zu verpflegen. Humbi steht eh dauerhaft draußen, brauchte, aber sicher neues Heu. Also würde ich erst die anderen beiden rausbringen, bevor ich die geplante Runde mit meiner Schimmelstute drehen würde. Am Anfang der Stallgasse stand der Heuballen, an dem ich mich großzügig bediente. Ich hörte meine Stute bereits aufgeregt wiehern, nach dem ich das Heunetz an mich nahm zum Befüllen. Wenn’s um Futter ging, konnte Humbria wirklich aufdringlich sein, obwohl sie Leckerlis bis heute eher skeptisch betrachtet. Doch dieses Heu schien etwas Magisches zu haben. Innerlich hoffte ich, dass der sie den Flug in einigen Tagen gut überstehen würde, denn bisher kannte sie nur Kanada. Schweden war klimatisch ähnlich, aber qualitativ anders. Besonders spannend zeigte sich Smoothie. Die Weide in der Heimat wachsen großartig mit saftigem Gras, doch hier explodierte sie förmlich, was mit erklärte, warum einige Pferde hier am Hof ziemlich wohlgenährt aussahen. Im Stall vernahm ich Stimmen, die mir bekannt waren. Doch vor mir standen einige Aufgaben, die ich zu erledigen hatte. Als Erstes bekam mein Zappelphilipp sein Heu und dann holte ich Amy und Móra aus den Boxen. Zickig schnappten sie zueinander.
      „Benehmt euch. Eure Besitzer finden einander großartig“, tadelte ich die Pferde führte sie energisch raus aus dem Stall. Mit der einen zur linken und der anderen zur rechten lief ich den sandigen Weg herunter, der zur Koppel führte. Der feine Sand fand sein Weg in die Schuhe und vor allem in meine Strümpfe, was alles andere als angenehm war. Nach meiner Ansage entspannten sich komischerweise die Pferde und ich konnte sie getrost auf die Weide lassen. Mit den Stricken in der Hand lief ich zurück zum Stall. Beide fanden ihren Platz an der Box und vor dem Stallgebäude entleerte ich meine Schuhe und Socken. So konnte ich wohl kaum eine Runde mit meinem Pferd drehen. Außergewöhnlich fröhlich kam Vriska zum Stall ebenfalls mit einem Strick in der Hand. Ihr breites Lächeln und auch das durchaus auffällige Outfit lenkten meine Aufmerksamkeit auf die. Von oben bis unten musterte ich sie, eh Vriska mich ebenfalls sah.
      „Godmorgon. Ziemlich früh bist du heute schon am Stall“, scherzte sie und blieb vor mir stehen. Dabei nahm die Kleine ihre Sonnenbrille von den Augen und steckte sie in ihr Haar.
      „Gibt auch einiges zu tun. Und wo willst du hin? Auf den Schönheitsball?“, stieg ich mit ein und wedelte noch immer mit meinem Strumpf, um den Sand zu entfernen.
      „Ich denke eher nicht. Mir ist einfach nur warm“, entgegnete Vriska.
      „Meine Stimme hättest du“, lobte ich sie und zog mir den Strumpf über Fuß und Wade.
      „Lieb von dir aber denkst du nicht, dass du noch zu viel anhast, um solche Aussagen treffen zu dürfen?“, begann sie zu provozieren.
      „Nog, du möchtest also das sehen?“, nutzte ich dieselben Mittel und hielt mein Shirt mit einer Hand hoch, sodass man meinen Bauch sehen konnte, den ich präsentierend anspannte. Ein Funkeln erleuchtete ihre Augen und sie antwortete: „Hebe die das für später auf.“ Dann setzte sie die Sonnenbrille wieder auf und verschwand im Stall. Wo war ich gerade noch mal? Überlegte ich, bis ich festgestellte, dass noch Sand im anderen Schuh war. Schnell entfernte ich auch diesen und ging ebenfalls zurück in den Stall. Hannes stand bei seinem Hengst, mit einer Handbewegung begrüßte ich ihn und bekam nur stechende Blicke zurück. Ich dachte mir nicht weiter dabei und holte meine Stute aus der Box. Aufmerksam spitzte Smoothie ihre Ohren beschnupperte meine Schulter, offenbar nahm sie den Geruch der anderen Pferde wahr. Provisorisch putzte ich sie über und legte Gamaschen um, damit die sich bei der Runde nicht verletzen konnte. Das Fitnessarmband, dass ich zusätzlich zu meiner Uhr trug, stellte ich auf Sport um und lief mit meinem Pferd heraus. Locker wärmten wir uns beim Verlassen des Hofes auf. Smooth schnaubte entspannt ab. Zur Erleichterung band ich den Strick um ihren Hals

      Lina
      Als ich von der Koppel zurückkehrte, musste ich leider feststellen, dass die Ruhe auf dem Hof nicht lang angehalten hatte, denn als ich die Stallgasse wieder betrat, um nun auch noch Legolas zu holen war doch schon einiges los auf der Stallgasse. Neben ein paar anderen, die dabei waren ihre Pferde auf die Koppel zu bringen, war auch Samu inzwischen da, der anfing das Heu zu verteilen und er sah für meinen Geschmack viel zu gut gelaunt aus.
      “Guten Morgen Lina. Ist heute nicht einfach hervorragendes Wetter?”, begrüßte er mich fröhlich.
      “Was genau macht das Wetter heute Morgen besser als die letzten Tage? Und willst du mir verraten, warum du so gut gelaunt bist?”, fragte ich ihn und sah ihn skeptisch an. Dafür das wir und gestern gestritten hatten, war er eindeutig zu fröhlich.
      “Die Frage ist eher, warum du nicht gut gelaunt bist”, antworte er, während er dem Tinker Hengst in der Box vor uns eine Ladung Heu gab.
      “Was ich nicht gut darauf? Ich bin doch wie immer, immerhin steht meine Pferde schon fast alle auf der Koppel im Gegensatz zu deinen”, protestierte ich.
      “Also ehrlich, ich weiß ja nicht wem du erzählen willst, dass du bist wie immer, aber ich kaufe dir das nicht ab. Du hast mir nicht mal einen guten Morgen gewünscht”, sagte Samu und drehte sich zu mir um.
      “Ja, ok du hast ja recht. Aber es ist alles ok, ich nur nicht gut geschlafen”, gab ich klein bei. Samu machte ich nichts vor, dafür kannte er mich zu gut. Dennoch hoffte ich, dass ihm diese Antwort fürs Erste ausreichte und er nicht weiter nachhacken würde.
      “Na gut, wenn das so ist, kannst du zum wach werden ja auch noch meine Pferde auf die Koppel bringen, ich habe hier nämlich noch zu tun”, antwortete er und begann weiter das Heu zu verteilen.
      “Ok, also wären das dann Elf, Sky und Saturn, oder?”, fragte ich noch einmal nach.
      “Ja, fast Masu und Empire müssten eigentlich auch noch raus. Die beiden hatte ich gestern reingeholt, weil Empire ihr Eisen verloren hat, da müsste auch noch irgendwer suchen, dann nagle ich es wieder auf”, erklärte er noch bevor er, um die Ecke verschwand, um neues Heu zu holen.
      “Natürlich kann ich auch noch dein Eisen suchen, hab ja sonst nichts zu tun”, murmelte ich und wandte mich Legolas zu. Der große Rappe wartete bereits und streckte mir freundlich seinen Kopf entgegen. Ich halfterte den Hengst und parkte in auf der Stallgasse, damit ich auch noch Crystal Sky aus der Box holen konnte. Zum Glück zeigte sich der Schimmel recht kooperativ, sonst hätte ich vermutlich ein Problem gehabt ihn zu halftern. Mit den beiden Hengsten wollte ich mich gerade auf den Weg zur Koppel machen, als ich Jace in den Stall kommen sah. Ohne mich zu beachten, spazierte er an mir vorbei, als wäre nie etwas gewesen. Dieses Bild erstaunte mich sehr, nachdem er sich die letzten zwei Tage nicht mal hatte Blicken lassen.
      “Guten Morgen Jace”, grüßte ich ihn, doch ich bekam keine Reaktion, stattdessen begrüßte er den Buckskin Hengst in der Box gegenüber. Na ja, wenn er meint, soll er mich ignorieren, hätte ich an seiner Stelle vermutlich auch getan. Somit machte ich mich mit den beiden Hengsten auf den Weg zur Koppel, wo sich beide gleich mit viel Freude auf den Boden warfen und sich durchs Gras rollten. Noch bevor Crystal Sky wieder aufgestanden war, konnte ich deutlich die grünen Flecken in seinem Fell entdecken. Wie gut, dass das nicht mein grünes Pferd ist.

      Vriska
      Teilnahmslos blickte ich durch den Stall und wollte den anderen helfen, doch die meisten liefen kommentarlos an mir vorbei und gaben mir nicht einmal die Möglichkeit eine Frage zu stellen. Schnell verunsicherte ich mich selbst und hatte Probleme damit, jemanden zu unterbrechen. Schließlich arbeitete ich auf diesem Hof nicht und war am Ende des Tages nichts mehr Besuch mit Pferd. Glücklicherweise rettete mich mein Handy aus dieser Situation und half mir dabei wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Es vibrierte noch immer auf dem Bildschirm erschien “Jenni”. Schnell entfernte ich mich aus dem Stall und fand eine ruhige Ecke, wo kein Echo entstand.
      “I’m glad you’re going straight to your phone. I was amazed that you did not get in touch anymore. That is why I would call you. I was worried, because you had told me, you know. But now, how are you?”, sprach Jenni besorgt.
      „Hej! I am great and you? “, antwortete ich fröhlich und setzte mich ins Gras. Der Boden war noch feucht vom Morgentau und meine Hose saugte direkt die Flüssigkeit auf.
      „Vriska. You do not have to lie to me. “
      “No, no. Really. It is great. We … we talked about it and…”, setzte ich an und guckte durch die Gegend. Niemand war in der Nähe, doch da halte Jenni direkt nach: „And what? I told you that you should not tell her. “
      „Oh, Jenni. I talked to him about it, not her. And we repeated it last night. That is what I wanted to say “, freute ich mich und merkte ein leichtes Kribbeln im Bauch als ich daran dachte, vor allem an Niklas. Auch nach dem, was vor einigen Minuten passiert war, machte mich glücklich.
      “Stop. Before you think about it, he does not want you. He only wants what you offer him. So please do not start to imagine something. After all, you said he wants your friend. Think About what you're doing”, ermahnt Jenni, als könnte sie meine Gedanken lesen. Doch es war die Wahrheit. Ich machte mir wieder Gedanken über etwas, wo es nicht viel gab. Das schlechte Gefühl vom Vortag kam wieder in mir hoch.
      “Maybe, but I just feel so good with him. I don't want to stop this because he even proposed to come again tonight.”
      “Then I am glad you feel good, but please keep that in mind. When that is over, you are going to feel bad. Very bad. But I am here, promised.”
      “Thank you. I appreciate that.”
      “But now I want a picture of him and tell something about him”.
      “I don’t know what to tell because I honestly don’t know that much. I try. He’s big, heavily muscled, tattooed, well-groomed and on a wavelength from the beginning, not like Tyri “, begann zu schwärmen.
      „All right. In the first moment I thought you were describing the idiot, but apparently you have a type of guy “, scherzte sie. Ich lachte kurz und bemerkte wirklich die Ähnlichkeiten der Beiden.
      “But he pays attention to me, asks if it is okay and does not pull through, va? “, erklärte ich Jenni, die gefesselt zu hörte.
      „Unfortunately, I have to say goodbye now, so please send me a picture, I absolutely want to get an impression of him. But Marc is coming, if there is anything else, write me “, verabschiedete sie sich plötzlich und legte auf. Offenbar war sie noch immer mit dem zusammen. Das müssten mittlerweile 4 Jahre schon sein. Ich verstand bis heute nicht, was sie an Marc fand, weil er extrem einbildet, war und so überzeugt von sich, dass jede Zelle seines Körpers es herausbrüllte.
      Nachdenklich legte ich mein Handy zur Seite und überlegte, was nach der Reise passieren würde. Nur noch zwei Wochen werde ich an der Akademie sein, nach einer Pause beginnen die Prüfungen. Wirklich vorbereitet fühlte ich mich bis jetzt nicht. Auch, wenn ich durch Niklas schon deutlich schneller das ganze Lernen konnte, hatte es ziemlich viel von meiner Essstörung vor einigen Jahren.

      Jace
      Na großartig, das fehlte mir heute, dass ich als Erstes heute Lina begegnete, denn ich war noch sehr weit davon entfernt zu vergessen, dass sie mich abserviert hatte. Ich machte mir gestern Abend noch sehr viele Gedanken über den Grund dafür. Um ehrlich zu sein, wollte ich einfach nicht so ganz glauben, dass sie keine Gefühle für mich hatte, das hatte sich damals doch sehr anders angehört. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass sie glücklicher sein würde, wenn sie einfach hierbleibt, aber vielleicht hatte ich das einfach verdient so bescheuert wie ich mich verhalten hatte.
      Angespannt ging ich einfach wortlos an ihr vorbei und flüchte in die Box zu Herkules. Der Hengst schien meine Anspannung zu spüren, denn statt sich brav halftern zu lassen, lief er im Kreis um mich rum.
      “Jetzt bleib doch mal stehen großer, so wird das nichts”, beschwerte ich mich bei dem Hengst. Zum Glück hörte ich trotzdem wie sich das Hufgetrappel von zwei Pferden entfernte, Lina hatte die Stallgasse verlassen. Erleichtert amtete ich aus und schon entspannte sich mein Hengst auch und blieb stehen. Kaum hatte ich den Hengst gehalftert hörte ich eine Stimme hinter mir: “Bist du auch wieder unter den Lebenden Jace”. Es war Samu der gut gelaunt in der Boxentür stand.
      “Ja, siechste doch”, murmelte ich genervt und schloss das Halfter des Buckskins vor mir.
      “Wie kann man den an so einem schönen Morgen schon so schlechte Laune haben. Hat dir etwa jemand dein Spielzeug gestohlen?”, scherzte er ausgelassen.
      “Würdest du eh nicht verstehen”, brummte ich ihn an. “Wenn du dann jetzt aus der Tür gehen würdest ich würde da gerne durch”
      “Ok du Brummbär, lass ich dich mal lieber allein, bevor du mich noch anfällst”, scherzte Samu immer noch beschwingt und machte sich wieder an seine Arbeit. Warum hatte ich mich noch mal von Alec überreden lassen aus meinem Zimmer zu kommen? Die Tatsache, dass er heute Morgen angerufen hatte und angedroht hatte, noch mal vorbeizukommen konnte es jedenfalls nicht gewesen sein, sollte er doch kommen.
      Ach ja, da kam der Grund gerade in den Stall gewirbelt, Hazel. Nicht das sie nicht nett ist, aber mit ihrer quirligen Art konnte sie einem ziemlich auf die Nerven gehen. Alec hatte, nachdem ich doch sehr unbeeindruckt von seiner Drohung gewesen war, nämlich noch angefügt, dass er dafür sorgen würde, dass Hazel mir den ganzen Tag auf die Nerven ginge, wenn ich nicht aufstehen würde. Bevor ich das zuließ, lasse ich mich doch lieber freiwillig ein paar Stunden blicken.
      “Oh, du bist ja schon da! Schade”, begrüßte sie mich ein wenig enttäuscht, als sie mich erblickte.
      “Dir auch einen guten Morgen Hazel”, kommentierte ich trocken und führte Herkules an ihr vorbei. Offenbar hatte Alec das ernst gemeint und auch Hazel von seinem Plan in Kenntnis gesetzt.
      “Kann man dir bei irgendwas heute helfen?”, fragte sie und lief auf einmal neben mir her.
      “Nein, kann man nicht und du schon gar nicht. Ich komm ganz wunderbar allein zurecht”. Sollte sie ruhig wissen, dass ich schlechte Laune hatte, dann ließ sie mich vielleicht in Ruhe. Die Tatsache, dass ich fast über Samu Schubkarre fiel, unterstrich meine Aussage wohl eher nicht.
      “Das sieht aber nicht so aus, als kämst du allein zurecht”, lachte Hazel nun die stehen geblieben war.
      “Du hättest aber auch mal was sagen können”, maulte ich und rieb mir das Schienbein, welches die Bekanntschaft mit der Schubkarre gemacht hatte.
      “Ach, ich dachte du kämst allein klar”, kicherte Hazel immer noch.
      “Komm ich auch und jetzt verschwinde endlich”, murrte ich noch und führte den Hengst nun aus der Stallgasse, diesmal mit mehr Aufmerksamkeit auf den Weg.
      Ohne nervige Begleitung und ohne weitere Hindernisse erreichte ich dann tatsächlich die Koppel. Scheinbar war Herkules der Erste aus seiner Weidegruppe, denn die Koppel war noch leer. Das einzige Tier, welche zu sehen war, war einer der Füchse, die man ab und zu mal am Waldrand entdecken konnte.
      Ich entließ Herkules auf die Koppel und sofort begann er aufgeregt über die Wiese zu traben. Ich machte mir allerdings relativ wenig Gedanken darüber, denn der Hengst präsentiert sich gerne, vielleicht witterte er auch die Stute auf der entfernteren Koppel, das kann schon mal vorkommen, wenn der Wind entsprechend steht. So genoss ich also einen Moment die Ruhe hier draußen, bevor ich zurück zum Stall ging, schließlich wollte All Hope Is Gone auch noch auf die Koppel.

      Niklas
      Abrupt bremste Smoothie ab und ich brauchte einige Meter bis realisierte, dass sie mit weit aufgerissenen Augen und Nüstern in den Wald blickte. Als ich wieder zu ihr lief, sah ich nichts.
      „Kom nu, Smooth“, sagte ich zu ihr, nahm den Strick zur Hand. Mein Handy sagte mir, dass nur noch 5 km fehlten, also noch eine knappe halbe Stunde, dann hätten wir die Strecke geschafft. Mit weiteren gut zu reden, konnte ich meine Stute davon überzeugen mit mir zu kommen. Locker trabte sie wieder an und lief frei neben mir her. Es war für sie nicht üblich Gespenster im Wald zu sehen, weswegen ich mir einige Gedanken machte, was da wohl wo. So schafften wir die Strecke in sogar 20 Minuten.
      Als ich die ersten Zäune sehen konnte, bremsten wir langsam ab, um den Rest des Weges zum Ablaufen zu nutzen. 2 Stunden für 25 km waren keine neue Bestzeit für uns aber durchaus eine Zeit, die sich sehen lassen konnte. Natürlich auch im Hinblick auf ihre Verletzung am Bein war ich sehr stolz auf sie. Das Frühstück würde in einigen Minuten beginnen, deshalb brachte ich Smoothie direkt zur Weide, auf der sie sich in das nächste Sandloch legte und wälzte. Der Dreck blieb am ganzen Körper der Stute hängen und es war schwer zu sagen, ob sie wirklich beinah ausgeschimmelt war oder noch mal anfangen würde. Die Wahl zur Reithose heute früh war sicherlich nicht die Beste.
      Im Zimmer hüpfte ich schnell unter die Dusche, um den Schweiß abzuwaschen. Erst als ich erfrischt wieder herauskam, stellte ich fest, dass Ju nicht nur aufgeräumt hatte, sondern sogar die Betten. “Var fan är du”, las ich auf meinem Handy. Chris hatte mir eine Nachricht geschickt. Ich antwortete ihm nicht, sondern ging direkt zum Frühstück, dass wieder draußen stattfand. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vor die Sonne, was die Temperaturen erträglicher machten. Nach Regen sah es nicht aus, aber nach dem Unwetter vor einigen Tagen, war es nicht auszuschließen.
      “Fan … wo warst du so lange?”, fragte Chris, als ich mich zu ihm setzte. Direkt am Nebentisch saß Lina. Sie wirkte heute anderes als die Tage zu vor. Ihre Stimmung schwankte zwar wie das Wetter, jedoch schien sie so losgelöst, leer.
      “Ich habe deine Nachricht gelesen. Also erst habe ich Pferde auf die Weiden gebracht und dann habe ich mal wieder eine große Runde mit Smoothie gedreht. Ohne offensichtliche Schmerzen hat sie die 25 km durchgehalten”, erzählte ich ihm.
      “Ach das klingt doch super. Wenn du morgen wieder gehst, dann würde ich mitkommen”, antwortete er. Ich nickte und trank einen kräftigen Schlug vom Apfelsaft.
      Am Nachbartisch hielt Lina, Samu der sich gerade dazu setzte ein Hufeisen vor die Nase. "Hier ich habe dein blödes Eisen übrigens gefunden. Es ist ja nicht so als sei so ein Eisen nicht schon schwer genug auf einer riesigen Koppel zu finden, Nein, dein Pferdchen hat es natürlich im Bach verloren, wie auch immer sie das Geschafft hat, das nächste Mal kannst du dir selbst nasse Füße holen", beschwerte sie sich bei ihm.
      "Na, bei mir brauchst du dich da nicht beschweren, meinst du, dass ich freue mich, wenn ich die Dinger suchen darf", kam es nur von Samu den die Beschwerde nicht wirklich zu stören schien.
      “Vielleicht solltet ihr den Schmied wechseln, bei uns musste in den letzten Jahren niemand Eisen suchen”, schlug ich vor und war mir bereits einen Moment sicher, dass es mich weder etwas anging noch wirklich freundlich klang. Suchend warf ich einen Blick über die Tische, aber Vriska fehlte mal wieder. Doch es ging mich natürlich nichts an, obwohl gleich wieder die Besprechung für den heutigen Tag beginnt.
      "Vielen Dank für diesen hilfreichen Tipp. Nur ist es hier schon schwer genug überhaupt einen Schmied zu finden. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, sind wir hier nämlich so ziemlich im nirgendwo", erklärte Lina.
      „Jag är ledsen … war nicht meine klügste Idee heute“, murmelte ich verschämte und drehte mich wieder zu Chris, der mich belustigt anblickte. Es schien so, als wüsste er genau was gerade passierte. Natürlich wusste er es, mehr oder weniger. Mit einer Kopfbewegung deutete Chris zu Vriska, die sich unseren Tischen näherte. Hektisch begann er zu winken, was die Situationen in keiner Weise verbesserte. Ihr breites Grinsen verblich im Vergleich zu vorhin, wo sie vor Freude noch hätte explodieren können. Irgendwas war heute anderes, aber was?
      „Heute schon an Gott gedacht?“, scherzte Chris, als sie sich neben ihn setzte.
      „Ihr seid doch heute alle nicht mehr ganz dicht. Das Springen gestern schien euch allen nicht so gut zu bekommen? Eiersalat in der Hose?“, entgegnete sie schlagfest.
      "Am Springen kann es nicht liegen. Die Beiden da sind nicht die einzigen, die hier heute komisch drauf sind", fügte Lina hinzu und deute mit einer Kopfbewegung auf Jace der gerade stillschweigend vorbeilief.
      „Aber der ist doch schon seit einigen Tagen nicht mehr er selbst“, murmelte Vriska und blickte auch mich dabei ein. Sie hatte natürlich recht. Die letzten Tage waren für alle nicht leicht, obwohl das eher an uns allen lag, als an etwas bestimmten. Wir benahmen uns wie 15-jährige, die das erste Mal länger als 8 Uhr abends raus dürfen. Ich hätte die vergangene Woche öfter Runden mit Smoothie drehen sollen. Die Gedanken in meinem Kopf waren deutlich sortierter und vor allem klarer.
      „Guten Morgen! Bald ist der Intensivkurs vorbei und einige von euch haben sich deutlich verbessert mit ihren Pferden. Doch heute geht es nur um euch. Wir machen heute Sitzschulungen mit jeweils zwei Leuten in der Halle. Ihr, unsere großzügigen Gastgeber, seid dazu herzlich eingeladen. Also findet euch zusammen, um 11 Uhr geht’s los”, riss mich Herr Holm mit seiner Ansprache aus den Gedanken. Chris blickte mich von unten nach oben, sein Grinsen wurde immer breiter. Zustimmend nickte ich und war innerlich ziemlich froh, dass die Mädchen nun keinen Zickenkrieg auslösen konnten. Bis mir einfiel, dass ich heute überhaupt nicht teilnehmen konnte.
      “Chris, geht leider nicht. Ich habe gleich einen Termin”, sagte ich kurz, stand auf und ging zu unserem Trainer, um ihm Bescheid zu sagen.
      “Niklas, du brauchst dir darüber auch am wenigstens Gedanken machen”, antwortete Herr Holm noch, als ich mich zurück zum Tisch aufmachte.
      “Lina, kommst du dann nachher trotzdem mit? Dir würde das Training sicher heute viel bringen”, versuchte ich ihr freundlich zu vermitteln, lieber am Training teilzunehmen.
      "Mmm, ich weiß nicht so recht, ich wäre ja schon irgendwie neugierig. Aber sicherlich hast du recht, dass mir ein wenig Training nicht schaden könnte", schien sie laut zu überlegen.
      “Okay, dann fahre ich gleich allein los. Holen wir zusammen noch die Skizze?”, fragte ich.
      "Da du oben alleine nicht hereinkommen wirst, werden wir das wohl zusammen holen", antwortete sie.
      Zusammen liefen wir los und ich musste einfach nachfragen, denn ihre Antwort erschien mir seltsam. “Hast du was auf dem Herzen? Du bist so … abwesend”, fragte ich vorsichtig und guckte zu Lina herunter.
      "Also… Wenn ich ehrlich bin, bin ich irgendwie ein wenig verwirrt von der Situation… Beziehungsweise eher von mir selbst. Ich kann nicht so ganz einordnen, was ich fühle… Es ist irgendwie alles so… Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll", versuchte sie mir zu erklären.
      “Soll ich dich dann erst einmal in Ruhe lassen, oder was möchtest du?”, zitterte es in meiner Stimmte.
      "Nein, ich verbringe gerne Zeit mit dir", antwortete sie und zögerte kurz bevor sie weitersprach. "Aber… plötzlich sind da alle möglichen Leute, die wollen das ich hierbleibe… Und dann will jeder irgendetwas Wichtiges von mir… Seit der Entscheidung, dass ich gehe, scheinen alle hier besser zu wissen, was gut für mich ist und die, die das nicht tun, machen sich darüber lustig und sagen, dass ich da eh nicht durchziehen werde. Außer Alec scheint mich keiner zu verstehen und so möchte ich meine Freunde nicht in Erinnerung behalten…
      Ich möchte eigentlich nur die letzten Tage hier genießen und Spaß haben mit allen… Auch mit dir", endete Lina und ihr war anzusehen, wie sehr sie innerlich aufgewühlt war.
      „Man merkt erst was einem wichtig ist, wenn es nicht mehr da ist. Ich schätze, sie haben Angst, dass sie es nicht ohne dich schaffen. Als wärst du das Glied in der Kette, dass euch alle am Hof zusammenhält“, versuchte ich ihr zu erklären. Was Klügeres fiel mir in dem Moment nicht ein, denn mir fehlte als eigene Empfinden für so eine Situation. Meine Familie unterstützte uns immer bei aller Entscheidung, so blöd sie auch scheinen mögen. Den nur aus Fehlern konnte man lernen. Besonders ich kam in meiner Jugend mit den verrücktesten Ideen zu Papa, seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch ich bekam immer was ich wollte. Dann dachte ich wieder an Neuseeland und den warmen Sand zwischen meinen Zehen am Strand am Abend. Es fehlte mir wirklich.

      Lina
      “Vermutlich hast du recht, aber das macht es für mich nicht einfacher.” Inzwischen standen wir vor der Wohnungstür, die ich nun seufzend aufschloss. Drinnen hatte sich seit gestern Abend nicht viel verändert, die Teetasse stand noch in der Spüle und auch meine Zeichnungen lagen noch wild verteilt auf dem Esstisch.
      Niklas schien mit den Gedanken schon wieder woanders zu sein, denn ein sehnsüchtiger Ausdruck war auf sein Gesicht getreten und er bleib abwesend vor der Tür stehen.
      “Woran denkst du gerade?”, fragte ich vorsichtig, um nicht zu neugierig zu wirken.
      „An die Sommerabende in Neuseeland als ich 20 war. Es war eine schöne Zeit, jetzt komme ich der 30 immer näher und habe das Gefühl, dass nicht mehr viel Schönes kommen, wird“, antwortete er bedenklich.
      “Warum denkst du, dass nichts Schönes mehr kommen wird? Sowas ist doch nicht altersabhängig”, fragte ich einfühlsam.
      “Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen erlebe ich mit wie meine Kollegen ihr Leben gestalten. Einer von ihnen bekommt jetzt schon seine zweite Tochter und ich kann mich nicht mal einig werden, was ich überhaupt möchte. Zum anderen könnte jeder Arbeitstag der letzte sein und wüsste nicht, was ich großartig für die Existenz der Menschen erreicht habe. Aber lass und an anderes denken, schließlich hast du noch schöne Jahre vor dir”, versuchte er positiver sein, was ihm aber nicht wirklich gelang. Seine Worte stimmten mich ein wenig nachdenklich. Ich musste daran denken, wie ich mir früher immer gewünscht hatte einfach nur normal zu sein, ein normales Mädchen mit einer normalen Familie. Doch wo stände ich dann jetzt? Sicher nicht hier.
      “Weißt du, ich finde du solltest dich nicht mit anderen Vergleichen, nicht jeder von uns kann ein Superheld sein. Außerdem finde ich, sein Leben für die Sicherheit von anderen zu riskieren kommt schon nah ran an einen Superhelden”, versuchte ich ihn ein wenig aufzumuntern.
      “Lieb von dir und ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem wird es irgendwann an den Punkt kommen, dass jemand das Unternehmen von Papa übernehmen muss. Ich denke nicht, dass Hannes das tun wird, aber ich möchte die Familie nicht enttäuschen … Also abwarten”, murmelte Niklas und nahm die Zeichnung entgegen. “Vielleicht sollte ich jetzt wieder, du hast offensichtlich noch einiges zu tun”, fügte er hinzu und warf einen Blick durchs Zimmer und lächelte sanft.
      “Ähh, ja sieht so aus”, antworte ich ein wenig überrascht von den plötzlichen Themen wechseln. So bei Tageslicht betrachtet sah das Zimmer sogar noch chaotischer aus als in meiner Erinnerung, normalerweise sah es hier nicht so aus, doch die letzten Tage hatten meinem Ordnungssinn wohl ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht.
      “Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Tätowierer, falls man da überhaupt Spaß haben kann”, verabschiedete ich mich von Niklas, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür war.
      “Natürlich macht es Spaß, irgendwann wirst du es nachvollziehen kann”, grinste er breit und winkte noch einmal, bevor er aus meinen Augen verschwand.
      Ob ich das jemals nachvollziehen werde, bezweifle ich, dachte ich mir und schloss die Tür. Ein wenig überfordert blicke ich durch den Raum und überlegte, wo ich eigentlich anfangen sollte. Genau in den Moment, fiel mir nämlich auch noch ein, dass es nur noch knapp 3 Tage waren, bis ich die Reise nach Schweden antreten würde. Das bedeutete, dass ich nicht nur aufräumen musste, sondern auch überlegen sollte was ich mit nach Schweden nehmen werde und auf was ich erst einmal verzichten konnte. Hektisch begann ich im Zimmer rumzurennen und sagen von A nach B zu tragen.
      “Halt, Stopp, so funktioniert das nicht”, stoppte ich mich selbst als ich den Haufen vor mir betrachtete ich brauche definitiv einen Plan.

      Vriska
      “Da unser Schätzchen keine Zeit für mich hat, würdest du dich erbarmen?”, fragte Chris mich als Niklas mit Lina verschwand. Mit großen Augen blickte ich ihn an und viele Fragen schossen mir durch den Kopf, doch Samu saß auch mit am Tisch und ich musste mir genau überlegen, was ich nun sagen würde.
      “Unser Schätzchen? Du meinst wohl deinen Verstand”, feigste ich. Er zog seine Brauen hoch und war im Begriff zu gehen, um seinen Wallach fertig zu machen.
      “Warte, ich komme mit. Ich möchte nur aufessen und mich umziehen”, holte ich ihn zurück an den Tisch. Mit einem breiten Grinsen setzte er sich wieder. Na großartig. Jetzt wussten es schon zwei Leute, wie vielen wollte er es noch erzählen? Das nahm Dimensionen an, die ich nicht bedacht hatte. Ich hatte es nur Jenni erzählt, die mehr als 6000 km entfernt wohnte und niemanden davon erzählen könnte. Während ich mich darüber ärgerte, dass Chris es offenbar lustig fand, dass es mir unangenehm war, aß ich den Gurkensalat auf meinem Teller. Samu schien es nicht mit bekommen zu haben, zumindest bekam ich keine musternden Blicke, die sonst von ihm kamen. Am Tisch wurde es zunehmender still. So still, dass es einem Friedhof glich. Triumphierend nahm ich den Teller, stellte ihn weg und lief zum Zimmer. Chris folgte mir, ohne etwas zu sagen. Als wir am Zimmer kamen, schloss ich die Tür vor seiner Nase.
      “Ich will nicht erpressen, aber ich würde es sonst jeden erzählen”, sagte er. Genervt öffnete ich die Tür.
      “Aha, und was wird das sonst gerade?”, fragte ich skeptisch.
      “Auch wenn er dir das nie sagen wird, aber er mag dich mehr als sich eingesteht”, begann er. Noch immer war ich skeptisch und empfand das alles als eine große Verschwörung. Nebenbei suchte ich nach meiner Reithose, die ich unter dem Shirt von gestern fand.
      “Wenn du es nicht unterbindest, könnte es in nächster Zeit so weiter gehen wie bisher”, setzte Chris fort.
      “Na dann ist das wohl so. Oder was genau willst du mir gerade damit vermitteln?”, fragte ich desinteressiert. Im Badezimmer zog ich mich um, während er auf dem Bett Platz genommen hatte. Somit konnte er mich nicht sehen aber zumindest hören und anderes herum genauso.
      “Du sollst dir dem nur im Klaren sein, damit eventuelle Konsequenzen nicht zu hart werden”, erklärte er. Ich fand wirklich nicht, was er mir sagen wollte. Wäre es idiotisch, wenn ich fragen würde?
      “Jetzt hör auf in Rätseln zu mir zu sprechen. Was ist bitte deine Intention und wieso sollte das alles jetzt gerade wichtig sein?”, traute ich mich zu fragen. In meinem Ton kam die Ernsthaftigkeit durch. Es machte mich verrückt, dass wirklich jeder seine Meinung zu Niklas hatte und offenbar auch kundtun musste.
      “Du sollst dich nicht wundern, wenn er plötzlich immer mehr von dir abverlangt und auch unmögliches möglich haben möchte. Er hat Freude über dich zu erzählen, aber wusste genau wie du, dass es beliebigen Gründen nicht geht. Die anderen Kleine ist aber keiner davon”, sagte er und wir verließen das Zimmer. Noch einige Minuten weiter faselte er irgendwas von Glück, Versagen und weiß Gott was. Ich hörte nicht mehr wirklich zu, sondern empfand es als reines bevormunden. Das Gleiche machte Lina auch gerade durch. Was geht es die alle an? Immerhin machte mir niemand Vorwürfe, dass ich es getan habe. Da unsere Pferde auf der gleichen Weide standen, holten wir sie zusammen. Chris hatte mittlerweile das Thema gewechselt und sprach mit mir, als würden wir uns seit Jahren kenne. Doch genau genommen, ist das unser erstes Gespräch überhaupt. Spricht der immer so viel, oder nur heute? Zwischendurch antwortete ich mit ja oder Nej. Auf meiner Stirn stand nicht hoffentlich nicht “Kummerkasten”, denn so fühlte ich mich gerade. Als ich Glymur aus der letzten Ecke der Koppel holte, hatte ich endlich meine Ruhe für einen Moment.


      Samu
      Nach dem Frühstück machte ich mich, als allererster auf den Weg Sunny Empire ihr verlorenes Eisen wieder darauf zu nageln. Die blinde Stute stand noch mit ihrem Begleitpferd Mas’uda in der großen Doppelbox.
      “Hyvää huomenta, te kaksi makeaa”, begrüßte ich die beiden Stuten freundlich, um vor allem Sunny nicht zu erschrecken, wenn ich die Box betrat. Freundlich stellte die helle Stute ihre Ohren auf und kam vorsichtig auf mich zugelaufen.
      “Gutes Mädchen”, lobte ich die Stute und strich ihr langsam über den Hals, bevor ich ihr das Halfter über steifte. Ich führte sie aus der Box und band sie auf der Stallgasse. Mas’uda, schnaubte leise und streckte den Kopf über die Boxentür. Während Sunny ruhig auf der Stallgasse stehen blieb, holte ich mein Werkzeug. Mit viel Ruhe war das Eisen dann auch relativ schnell wieder am Huf der Stute. Da ich gerne vermeiden möchte, dass Sunny ihre Eisen erneut verliert, beschloss ich ihr dieses Mal Hufglocken anzuziehen. So verschwand ich also erneut in der Sattelkammer. Als Sunny fertig war, holte ich auch noch die Araberstute aus der Box und brachte die beiden Stuten auf ihre Koppel. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es nicht mehr sonderlich lange dauern würde, bis zum Training. Wenn ich also bereits an der Koppel war, konnte ich auch gleich schon mein Pferd mitnehmen, da Lina bestimmt noch mit irgendetwas beschäftigt war, schrieb ich ihr eine kurze Nachricht: “Millä hevosella ratsastat? Tuon sen heti.” Es dauerte nicht mal eine Minute, bis sie mir antwortete: “Nathalie, kiitos.”
      Praktisch, Nathalie steht nämlich auf der gleichen Koppel wie Ice Rain. So machte ich mich also auf den Weg zu den Sommerkoppeln. An der Koppel angekommen, war weit und breit kein Pferd zu sehen, vermutlich stand die Herde bei dem Wetter hinten am Waldrand zwischen den Bäumen. Also schnappte ich mir die Halfter der beiden Stuten vom Zaun und machte mich auf die Suche nach den beiden Pferden.
      Tatsächlich fand ich die kleine Herde zwischen den Schatten spendenden Bäumen. Ice Rain hob gleich den Kopf als sie mich sah. Ich halfterte erst meine Stute, bevor ich mit ihr im Schlepptau zu Nathalie rüberging, die etwas abseits graste.
      Am Stall stellte ich die beiden Stuten in ihre Boxen und beschloss Lina zu suchen, da sie auf dem Hof und im Stall nicht zu entdecken war.
      Zielstrebig steuerte ich ihr Zimmer an und klopfte.
      “Tür ist auf, komm rein”, kam die Antwort von drinnen und ich öffnete die Tür. Im Zimmer empfing mich ein riesiges Chaos und Lina stand mittendrin.
      “Minkälainen varten sumu oli tässä?”, fragte ich verwundert. Lina war zwar nicht der aller ordentlichste Mensch, aber so ein Chaos war nicht typisch für sie.
      “Keiner, ich versuche aufzuräumen… Und zu überlegen, was ich in Schweden wirklich brauche!”, verkündete Lina.
      “Na, so wird das, glaube ich, nichts”, sagte ich und versuchte das System hinter dem Chaos zu erblicken, langsam schien ihr diese ganze Situation ganz schön viel Stress zu bereiten.
      “Ach was, da habe ich auch bereits gemerkt. Magst du mir vielleicht lieber helfen, anstatt so schlaue Feststellungen zu machen?”
      “Nach dem Training kann ich dir gerne bei deinem Chaos hier helfen, aber jetzt sollten wir erst einmal unsere Pferde putzen”, wies ich sie auf unser anstehendes Training hin.
      Sie schien mir nicht so recht zugehört zu haben, denn sie war schon wieder damit beschäftigt einen Stapel Klamotten quer durch den Raum zu tragen.
      “Hei, Lina hast du mir überhaupt zugehört?”, fragte ich und hielt sie auf, indem ich ihr den Stapel aus der Hand nahm.
      “Ey, das wollte ich gerade aufräumen”, protestierte sie.
      “Nein, du räumst jetzt gar nichts weg, du kommst jetzt mit dein Pferd putzen”, sagte ich entschieden und legte den Stapel auf ihr Bett.
      “Okei, ich komm ja schon mit, aber wo ist denn jetzt mein Schlüssel?”, gab sie klein Bei und sah sich nun suchend im Zimmer um.
      “Meinst du den hier?”, fragte ich und zog ihren Schlüsselbund unter einem Block hervor.
      “Ja genau, danke.” Gemeinsam verließen wir das Zimmer und sie war gerade auf dem Weg nach draußen, als ich sie schon wieder stoppen musste.
      “Hast du da nicht etwas vergessen?”, fragte ich sie und war einen bedeutungsvollen blick auf ihre Füße, die immer noch in Sneakers steckten.
      “Nein, zieh ich später an. Es ist viel zu warm dafür”, erklärte Lina.
      “Aber solltest du sie dann nicht wenigstens mitnehmen?”, fragte ich und drückte ihr ihre Reitstiefel in die Hand.
      Fünf Minuten später standen wir dann auch endlich auf dem Putzplatz und ich begann meiner Stute den Staub aus dem Fell zu bürsten.

      Vriska
      „Bist du dann bereit?“, fragte ich Chris, der seinen Helm aufsetzte.
      „Jovisst“, antwortete er und folgte mir mit seinem Wallach. Freundlich beschnupperten sich beide Kerle. Glymur war deutlich ruhiger als gestern und zeigte sich wieder von seiner besten Seite. Mit hoch aufgerichtetem Kopf und hochweiten Bewegungen in der Vorderhand lief er prustend neben mir her. In der Nähe musste eine rossige Stute sein, denn sonst führt er sich nie so auf. Das breite Grinsen auf Chris Gesicht wird wohl sein normaler Ausdruck sein. Dennoch musste ich fragen: „Hast du irgendwas genommen oder warum grinst du noch immer so blöd?“
      „Ich freue mich einfach“, antwortete er und rollte mit den Augen. Nun gut, dachte ich. In der Halle gurteten wir nach und stiegen auf.
      „Direkt die Steigbügel überschlagen“, wies Herr Holm an und tat dem gleich. Etwas wackelig und instabil in der Hüfte ritt ich im Schritt an und bekam direkt einige Anweisungen von ihm. Während ich auf dem Pferd saß, verspürte ich immer noch schmerzen zwischen meinen Beinen und nur mit Mühe konnte ich mich besser hinsetzen. Glymur schritt entspannt vorwärts und seinen Hals streckte er weit nach vorn, achtete auf meine Zügellänge. Ein prüfender Blick durch die Halle offenbarte mir, dass Milena am Rand Platz genommen hatte und mich genau beobachtete. Bevor ich die kurze Seite vor ihr passierte, wendete ich meinen Hengst auf der Ecke kehrt.
      „Vriska, zum Wenden nutze doch bitte dein Gewicht und vor allem Hilfen mit den Beinen. Ziehe nicht das Pferd mit Zügel in die Richtung“, tadelte mich Herr Holm, der zu mir lief.
      “Geht nicht. Mir tut immer noch alles weh”, haspelte ich herum und versuchte mich herauszureden. Er hob misstrauisch die Augenbrauen und musterte mich.
      “Mädchen, du bist nicht die erste Person, die von einem Pferd gefallen ist, besonders nicht die Erste, die so auf einem auf dem Sattel klemmt. Deine Körperhaltung sagt mehr aus über deine Schmerzen als du denkst”, kritisiert er mich. Ich pariere mit einem Druck in der Hüfte Glymur durch und gucke zu ihm.
      “Ach ja? Vielleicht sollte ich mich lieber ausruhen, als auf dem Pferd zu sitzen”, antwortete ich schlagfertig. Im Inbegriff wieder abzusteigen, hielt der Trainer mein Bein fest am Sattel und hinderte mich dabei, den Rücken meines Pferdes zu verlassen.
      “Ich denke nicht. Du solltest dein Augenmerk darauflegen, lieber auf dem Pferd zu reiten. Wer fummelt, kann auch reiten”, merkt er an und ich trieb augenrollend Glymur wieder an. Im ruhigen Tempo versuche ich mich in der Bewegung meines Pferdes Mittreiben zu lassen im Sattel. Meine Schultern drückte ich locker nach hinten, um Aufrecht zu sitzen. Mit einem Kopfnicken bestätigte Herr Holm, dass ich besser saß und mit einer tiefen gleichmäßigen Atmung verbesserte sich meine Konzentration auf das Pferd.
      “Na siehst du, geht doch. Und jetzt traben”, lobte er mich.
      Mit großen Augen blicke ich den Trainer an. Das sagte er nicht wirklich? Ich konnte mich dazu durchringen im Schritt ordentlich im Sattel zu sitzen, aber im Trab? Meine Schulter machte mir immer zu schaffen und Intensivtrainingscamp war das auf vielen Ebenen nicht mehr. Es versetzte mich auf beliebige Klassenfahrten zurück, in denen man zu Aktivitäten gezwungen wurde, die nicht einmal interessant waren. Natürlich machte mir das Reiten Spaß aber mit dem Hintergedanken, den Verein nicht mehr wiederzusehen und somit auch Niklas, bestürzte mich. Vermutlich würde ich ihn öfter sehen, aber nur im Verbund mit Lina. Schon der Gedanke versetzte mir einen Stoß in mein Herz. Konnte ich so dumm sein? So dumm zu glauben, dass das eine Zukunft hätte oder zumindest spurlos an mir vorbeigehen würde.
      “Schaffst du es selbst ihn anzutraben, oder muss ich dich an die Longe nehmen?”, riss mich Herr Holm mal wieder aus den Gedanken. Ich dachte zu viel nach.
      “Nej, jag klarar det”, antwortete ich, gab meinem Hengst mehr Zügel und treibe ihn. Mit einem kleinen Hüpfen trabte Glymur los. Seinen Kopf senkte er und achtete selbstständig auf die Zügellänge. Dieses Pferd war perfekt, aber auch zu gut für mich. Er wäre besser aufgehoben bei Linh, die mit Móra bereits den Extrempunkt erreicht hatte. Mit Spannung in den Beinen schaffte ich es gleichmäßig der Bewegung meines Pferdes zu folgen und den Halt im Sattel zu behalten. Gleichzeitig bemühte ich mich, dass Glymur ruhiger vorwärts trabte, die Schritte verlängerte und mehr Schwung aus der Hinterhand mitbrachte.
      “Vriska, lehne dich weiter nach hinten, dass deine Sitzbeine tief im Sattel liegen. Mit mehr Stimmeneinsatz würde Glymur sicher auch besser reagieren”, half der Trainer mir weiter. Dankbar über diese Hilfestellung lehnte ich mich noch weiter nach hinten und spürte den Schmerz in besagten Bereich meines Beckens. Ich biss mir auf die Unterlippe, um das stechende Gefühl in meiner Hüfte auszugleichen. Es zog sich hoch bis zu meiner Schulter, die ebenfalls pulsierte. Meine Atmung wurde schwerer und krampfhafte schnappte ich nach Luft. Glymur bremste schlagartig ab, als merkte er, dass seine Reiterin Probleme hatte. Herr Holm kam näher und führte bis dahin kommentarlos meinen Hengst weiter. Noch immer panisch durchtrieben von der Angst zu sterben rang ich nach Luft. Immer wieder krampfte mein Rücken und mit einer Atemübung, die mein Trainer mit mir machte, wurde es erträglicher.
      “Wieder besser? Ich hätte nicht so hart zu dir sein sollen.” Herr Holm fand nicht die richtigen Worte, doch ich wusste, was er meinte.
      “Schon in Ordnung, es war meine eigene Entscheidung”, erklärte ich ihm, um weitere Schuldgefühle seinerseits zu verhindern. Er lächelte wieder und gab mir die Zügel des Hengstes zurück. Stolz lobte ich Glymur, der genüsslich auf dem Gebiss kaute und den lockeren Zügel vollständig ausnutzte. Entspannt streckte er den Kopf nach unten und im Schritt ritt ich ihn ab. Lina und Samu warteten mit ihren Pferden bereits darauf, als nächste an der Reihe zu sein. Chris holte im Schritt uns ein und ritt nebenher.
      “Je mehr du versucht zu verstecken was passierte, umso auffälliger bist du. Herr Holm konnte mit einigen Blicken wissen, was los ist”, merkte Chris an.
      “Der hat auch genug Menschenkenntnisse”, zischte ich zurück. Ich hatte mein sehr wohl allein unter Kontrolle, dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt. Denn Milena saß noch immer am Rand und ich hatte sie wieder vergessen. Herr Holm sprach vorhin nicht leise, somit hatte sie seinen blöden Spruch auch gehört. Chris steig als erstes von seinem Wallach ab und half mir dabei von Glymur abzusteigen. Er legte seine Hände an meine Hüfte und hob mich in der Bewegung des Pferds.
      “Tack”, sagte ich und klemmte mir einen blöden Kommentar. Chris hatte eine ähnliche Art wie Niklas, nur weniger überzeugt von sich mit einem Hauch Menschlichkeit und Empfindsamkeit sich in dem Gegenüber hineinzuversetzen. Er war jedoch nicht mein Typ, sondern eher ein guter Freund. Wieder einmal dachte ich über Dinge nach, die meinem allgemeinen Gefühl nicht halfen.
      “Ihr beide also? Das hätte ich nicht vermutet”, schlich Milena von der Seite sich zu uns. Chris und ich guckten verwirrt zu ihr. Auch wenn er sich wieder sein Grinsen nicht verkneifen konnte, fand ich es angenehmer, als es direkt auf Niklas zu lenken. Vermutlich wäre er sogar der Letzte, den sie in Betracht ziehen würde.
      “Nein Mäuschen, schön wäre es aber nein”, antwortete Chris ihr freundlich. Die richtigen Worte fand er. Ich schwieg und wollte sie keinesfalls den Ball zu spielen. Sie folgte uns, aber sagte nicht mehr. Es schien, als wollte sie nicht glauben, dass es nicht wir beide waren, sondern ich mit jemand anderes geschlafen hatte.

      Hannes
      Am Mittagstisch hatte ich mich zu Dasha, Mika und Ambrose gesellt, da mir dieser Trupp noch fast am sympathischsten von allen war, da sie von Drama fernblieben. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, entdeckte ich Linh und Ju die an einem der anderen Tische herummachten, was bei mir ein reflexartiges Augenrollen auslöste und ich lieber wieder in meinem Essen herumstocherte. “Dude bist du eigentlich immer so unentspannt?”, fragte Ambrose, der offenbar meine Stimmung gedeutet hatte; daraufhin wurde er von Dasha in die Schulter geboxt, die versuchte mich zu beschützen, tonlos formte ich ein “Lass gut sein, aber danke” mit meinem Mund. “So war es nicht gemeint, sorry Hannes, vielleicht geht es dir ja nach einer Tüte besser?”, setzte Ambrose erneut an und ich bedankte ihn mit einem schmalen Lächeln und stand auf vom Mittagstisch. Als ich mich entfernte, hörte ich noch Mika und Dasha, die beide versuchten Ambrose zu belehren im Umgang mit Menschen - was ein Spast. Da noch etwas Zeit bis zu meiner Team-Sitzschulung blieb, schlenderte ich über den Hof und zurück ins Wohnhaus, von dem ich mir erhoffte, etwas Ruhe zu finden.
      “Gut, dass ich finde”, begann Niklas zu sprechen, der aus einer Ecke hervorkam und geradewegs zu mir lief. “Wieso, was los Bruderherz?”, entgegnete ich im offensichtlich ironisch desinteressierten Ton. Es war fast beängstigend, wie dicht er an mir dran war, irgendetwas musste vorgefallen sein.
      „Du warst die letzten Tage so … ich weiß auch nicht, abweisend mir gegenüber und heute früh im Stall beinah aggressiv. Was ist los?“, fragte er und schien sich wirklich um mein Wohlbefinden zu sorgen. “Das geht mir hier alles irgendwie ordentlich auf den Sack, das ganze Drama und das Rumgehure. Ich meine, wo sind wir? Bei einer billigen Reality TV-Show ‘Wer wird als erstes flachgelegt’? Was ist eigentlich mit dir los Niklas, ich dachte du wärst wieder halbwegs stabil.”, antwortete ich ihm nun freundlicher.
      “Aber es geht dich doch nichts an, was alle anderen machen? Es geht hier um Leistungen und jeder hat sein eigenes Umgehen damit. Was mit mir los ist? Ich habe Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Wenn sich es die Situation fordert, dann stehe ich meinen Mann. Solltest du vielleicht auch mal versuchen. Und stabil, nun. Vor ein paar Tagen hatte ich wieder einen Anfall in der Dusche, weil ich offenbar meine Tabletten nicht mehr nahm”, schnaubte er wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wurde.
      “Niklas ich bin’s, du stehst ja völlig neben dir. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen! Abgesehen davon geht es mich nichts an, ja, aber ich werde irgendwie immer mit hineingezogen und soll ständig für eine Seite Partei ergreifen und das ist anstrengend. Ich bin wegen der Pferde hier, um etwas zu lernen und Spaß zu haben, aber den habe ich absolut nicht. Aber gerade geht es ja nicht um mich, warum zur Hölle hast du denn die Tabletten abgesetzt?”, versuchte ich ihn zu beruhigen und Antworten zu bekommen.
      “Ich habe sie nicht abgesetzt, nur vergessen vor lauter Stress”, gab Niklas kleinlaut nach. In geduckter Haltung mit gesenktem Kopf stand er vor mir und war in dem Moment der kleinste Riese, den man sich vorstellen konnte. Plötzlich empfand ich das Bedürfnis ihn zu umarmen, was ich letztlich auch tat. Es war seltsam, wir waren nicht solche touchy best friend Brüder, aber die Situation hatte es eben angeboten. “Junge, warum redest du denn nicht? Du setzt immer ein Pokerface auf, woher soll denn jemand ahnen, dass es dir nicht so gut geht, wie es scheint?”, hakte ich während der Umarmung nach.
      “Weil … ach ich weiß auch nicht. Mein Hirn ist gerade mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, dass ich vermutlich den nächsten Krieg anzetteln werde. Aber davon wird kaum einer noch etwas mitbekommen”, murmelte er. Seine Stimme zitterte leicht und ein Hauch von Unsicherheit drang aus ihm hervor. Niklas war sonst immer der Gefühllose, die niemanden an sich heranließ, doch nun lag er zerbrechlich in meinen Armen. In diesem Moment wusste ich nicht, ob ich etwas sagen sollte oder vielleicht doch nicht - irgendwie fehlten mir die Worte, denn nichts was ich sagen würde, würde ihn aus dieser Situation retten. “Lass uns etwas zusammen unternehmen, einfach mal raus hier und weg von allem. Was hattest du denn eigentlich vor, bevor du auf mich gestoßen bist?”, brachte ich schließlich doch hervor.
      “Ach bin ich jetzt auf einmal nicht mehr der peinliche große Bruder? Mein Taxi kommt gleich für das weitere Tattoo”, antwortete er und ließ mich endlich los. “Eher die große peinliche männliche Hure, aber heute kann mein Stolz auch diesen harten Schlag vertragen.”, feixte ich und boxte gegen seine Schulter, um die Situation aufzulockern. “Was soll’s denn diesmal werden?”, fragte ich neugierig und überlegte gleichzeitig wo an seinem Körper überhaupt noch Platz für weitere Tattoos war.
      “Ach du bist doch nur neidisch, dass ich beliebter bin bei den Mädels als du. Ähm, hier”, sagte Niklas und zog ein Blatt aus seiner Hosentasche. Es war ein geometrisch gezeichnetes Pferd mit einigen Partikeln herum. Von ihm konnte das nicht sein, denn zeichnen gehörte zu den wenigen Dingen, die er nicht beherrschte. “Hat Lina für mich gemacht. Kommt auf die Schulter, schließlich sind meine Arme beinah voll”, setzte mein Bruder fort. “Tatsächlich sieht das echt gut aus.”, gab ich zu und lief mit ihm gemeinsam nach draußen. “Außerdem lieben mich die Mädels bedingungslos, sie reden mit mir über ihre Probleme und man muss ja nicht mit jedem Vögeln, den man mag.”, antwortete ich mit einem Zwinkern. “Bist du schwul oder was, Bruderherz?”, entgegnete Niklas lachend und ich schaute ihn böse von der Seite an, was uns beide unangenehm verstummen ließ.
      “Es wäre nicht schlimm, also wirklich. Wenn du reden willst, gern später, aber ich muss los”, fügte er hinzu und lief zu dem Taxi, dass den Hof hochfuhr. Also würden wir beide heute wohl nichts gemeinsam unternehmen, realisierte ich etwas enttäuscht, aber winkte ihm zum Abschied.

      Ambrose
      Nachdem ich beim Essen ordentlich von den Turteltauben gemaßregelt worden war, hatte ich mich verpisst, um etwas Abstand zu gewinnen. Was war eigentlich mit mir los? Warum bin ich zu allen ein Arschloch und warum spiele ich immer diesen beschissenen stoned Typen? Ich bin kein Stück besser als meine Junkie-Eltern! Plötzlich empfand ich das Bedürfnis mir selbst weh zu tun, um die Stimmen in meinem Kopf verstummen zu lassen. Kurz bevor ich mir mit einem scharfkantigen Stein einen Schnitt verpassen wollte, vibrierte mein Handy - “Nana” stand auf dem Display. “Hey.”, antworte ich kurz, um meine Wut und den Frosch im Hals zu verstecken. “Honey, is everything okay? You sound strange”, gab sie besorgt zurück, natürlich wusste sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich strömten die Tränen heraus und ich begann zu schluchzen, “I’m… I… I don’t know Granny. I feel damn worthless like I should have died with them in that car. Why am I alive? I’m such a ridiculous bastard who couldn’t overcome his parent’s toxic habits…”, brachte ich stotternd hervor. Nana versuchte mich zu beruhigen, doch ich hörte ihr gar nicht richtig zu, doch ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlte, weshalb ich mich zusammenriss und schließlich einlenkte.”Thanks, Nana. I suppose it is just all that stress around here. I will pay you a visit as soon as I am back home - I promise. Love you, bye.”, würgte ich das Gespräch ab. Als ich meinen Kopf wieder nach oben bewegte, entdeckte ich Hannes, der genauso erschrocken war wie ich. Eigentlich wollte ich ihn ankacken, warum er mich belauscht hat, doch auch ihn schien etwas zu beschäftigen, weshalb ich mit der Hand auf den Platz neben mir deutete. Hannes setzte sich vorsichtig neben mich und traute sich wohl auch nichts zu sagen. “Sorry für vorhin und generell”, lenkte ich bedrückt ein. “Schon okay, es hat wohl jeder seine eigenen Päckchen zu tragen”, gab er freundlich zurück und streckte die Hand aus, um die Entschuldigung zu besiegeln. In diesem Moment trafen sich unsere Augen und auf eine komische Art und Weise verharrten wir in dieser Position. “Du hast wunderschöne Augen”, rutschte es mir mit kehliger Stimme heraus und wie durch eine magische Hand gesteuert lehnte ich mich leicht vor. Hannes fixierte mich nach wie vor mit seinen grau-grünen Augen, die zu leuchten schienen. Mittlerweile konnte ich meinen Herzschlag deutlich hören, das durch meine Brust pulsierte, weshalb ich nicht anders konnte, als meine Hand an seinen Hals zu legen und ihn zu mir heranzuziehen. Nun konnte ich auch sein Herz spüren, er wehrte sich keineswegs gegen meine Berührung, im Gegenteil, er lehnte sich nur weiter vor, weshalb ich ihn erst langsam und sanft küsste. Meine Lust ließ sich nicht zügeln und ich küsste ihn leidenschaftlich, meine Zunge berührte seine und er begann mich zu necken und an meiner Lippe zu knabbern. Auf einmal schien all der Kummer verflogen zu sein und meine Gedanken kreisten nur noch um Hannes. Von Lust erfüllt packte ich ihn an der Taille und zog ihn hoch, während ich aufstand und drückte ihn an Wand des Gebäudes neben und stemmte meine eine Hand in die Wand, während die andere sein Gesicht liebkoste. Für einen kurzen Moment war ich sehr froh, dass wir uns an einer abgelegenen Stelle des Hofes befanden und ich deshalb mein Shirt bedenkenlos ausziehen konnte. Sofort strichen Hannes’ Hände über meine Brust und mein Sixpack und fanden schließlich ihr Ziel. “Langsam, Großer, genieß die Spannung”, raunte ich in sein Ohr und presste meine Schwellung an seine Lende, was ihm ein Stöhnen entlockte. Er schien noch unerfahren im Umgang mit Männern, weshalb ich die Führung übernahm und langsam seinen Hals hinunter küsste und sein Shirt auszog. Nun langsam auf die Knie ging, um seine Hose zu öffnen und ihn befreite. Hannes reckte seine Hüften mir entgegen und gab mir so das Okay weiterzumachen, weshalb ich seinen Phallus sanft anfasste und quälend langsam anfing daran zu saugen. Erstaunlicherweise packte er meinen Kopf und zog leicht an meinen Haaren, was mich nur noch mehr antrieb.

      Chris
      Im Stall beobachtete uns Milena und kontrollierte jeden Schritt, den wir machten. Vriska guckte immer wieder zu ihr und verkrampfte wiederholend den Kiefer. In der Sattelkammer hatten wir einen Moment Ruhe vor unserer Staatsbeamtin. “Ist etwas zwischen euch vorgefallen?”, fragte ich vorsichtig und bemühte mich nicht neugierig zu klingen.
      “Das kann man so nicht sagen, aber das mit dem Dreier weißt du?”, hinterfragte Vriska und nahm den Sattelgurt vom Sattel, als er an der Wand hing. Dabei blickte sie nicht zu mir.
      “Natürlich, jeder weiß es. Jetzt im Nachhinein stört es dich?”
      “Ich ärgere mich mehr über mich selbst und will ihr gegenüber nicht eingestehen, dass ich es nachvollziehen kann. Doch es spielt auch mit rein, dass sie mir versprach mit mir die Zeit zu verbringen. Stattdessen hat sie die ersten Abende alles dafür getan, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es hatte nichts mit Ernst zu tun.”
      “Ihr seid doch seltsam. Also dein Problem ist, dass sie dich vernachlässigt hat und das mit Nik nicht das Gleiche ist wie mit dir?”
      “So ungefähr, außerdem spricht sie schlecht über mich vor anderen.”
      “Das mit euch beiden ist auch nichts Ernstes, das hast du vorhin selbst gesagt. Den anderen Grund kann ich besser nachvollziehen. Vriska, bitte sei dir im Klaren, was du möchtest”, meine Stimme wurde ernster. Er hatte sie wirklich in seinen Bann gezogen und ihren Verstand verdreht. So fing es mit Anna auch an, nur das Niklas sich mehr bemühte. Irgendwas stimmte mit ihm nicht.
      “Ich weiß es nicht. Ich brauche ihn”, sagte sie wehmütig und senkte den Kopf. Den vorherigen Augenkontakt verloren wir und spielte sich in den Haaren herum.
      “Dann nimm ihn dir”, ermutigte ich Vriska. Es fiel mehr schwer das zu sagen, denn es bedeutete, dass einige Probleme den Beiden auf dem Weg gelegt werden würde.
      “Denkst du das wirklich?”, ihre Augen funkelten und sie schaute hoch zu mir. Mit einem sanften Lächeln nahm ich sie in den Arm und hoffte, dass sie die richtige Entscheidung treffen würde.
      “Wenn soll Vriska sich nehmen? Sie weiß doch nicht mal wie eine richtige Beziehung funktioniert”, provozierte Milena, die dazu kam. Verärgert schubste Vriska sie zur Seite, als sie die Kammer verließ. Dann drehte sie sich um und fügte hinzu: “Das geht dich nichts an, mein Leben, meine Regeln.” Ein freches Grinsen legte sich auf ihrem Gesicht. Aufrecht im Gang führte sie Glymur aus dem Stall und hatte bereits die Decke wieder um ihn gelegt. Etwas stolz schaute ich der kleinen Blonden nach und band meinen Wallach ab. Milena verschwand wortlos aus dem Stall mit dem Halfter ihrer Palomino Stute.
      “Jetzt sind wir wieder allein”, merkte ich meinem Pferd gegenüber an und lief Vriska nach, die bereits kleiner wurde am Horizont. Dass sie nicht einmal wartete, um zusammen die Pferde wegzubringen, bestätigte meine Vermutung, dass ihr die Situation zu viel war. Als ich die Weide erreichte, kam sie mir bereits entgegen und sagte nichts. Stattdessen blickte Vriska gespannt auf ihr Handy. Aus dem Augenwinkel sah ich Bilder von Niklas, es hätte mir klar sein müssen, dass in ihrem Kopf niemand anderes einen Platz hatte.
      Eine Dusche würde mir guttun, dachte ich nach dem ich meinen Arm hob und an mir roch. An meinem Shirt dominierten großen Schweißflecken und mein Pferd hatte auch seine Spuren hinterlassen. Ein ungewöhnliches Bild ereignete mich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Klein Olof und unser Kiffer standen gemeinsam an der Wand und blendeten vollständig den Rest ihrer Umwelt aus.
      “Ich würde fragen, was das hier wird, wenn es nicht so offensichtlich wäre. Macht, was ihr wollt, aber könntet ihr das in eurem Zimmer vorsetzen? Kinder leben hier am Hof und ich schätze, sie sollten das nicht sehen. Also egal in welcher Konsultation. Vriska und dein Bruder können sich auch zusammenreißen … Fan”, rutschte es mir heraus. Wenn Niklas das erfährt, bringt er mich um. Meine Augen richtete ich in den Himmel, denn das, was die Beiden taten, überschritt deutlich dem, was ich mir sonst anschaute. Erschrocken gingen die beiden auseinander und Hannes hielt die Hände vor seinen Schwanz wie bei einem Freistoß. “Ich Ähh… wir… also”, stammelte er vor sich hin. “Diggi mach keine Szene, halt bloß deine Klappe und wir sind fine. Nächstes mal treiben wir es auf deinem Bett, wenn’s dir lieber ist.”, antwortete Ambrose keck mit einem Zwinkern.
      “Szene? Vermutlich hätten andere ganz anderes reagiert, also entspann dich. Und klar, ich stelle euch mein Bett gerne zur Verfügung”, rümpfte ich die Stirn. Einige falten bildeten sich. Hannes stand angespannt da und brachte kein weiteres Wort heraus. Er erinnerte mich in dem Moment stark an seinen Bruder, als wir in Neuseeland waren und ich ihn mit unserer Chefin erwischte unter der Dusche. Die Dame war mehr als 20 Jahre älter als wir, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. “Du hast ja recht. Danke.”, gab Ambrose kleinlaut zu und beide Herren der Schöpfung gingen wortlos mit einem riesigen Abstand zueinander weg.
      Verspürte auf dem Hof jemand Pheromone oder wieso konnte niemand seinen Trieben widerstehen? Kopfschüttelnd lief ich zu meinem Zimmer. Björn war nicht da, also konnte er nur wieder mit Erika beschäftigt sein. So zog ich mein Shirt über den Kopf, warf es in die Ecke und nahm mir neue Kleidung. Mit ihnen im Arm marschierte ich in die Dusche, schloss die Badezimmertür zu und genoss, dass Wasser, dass über meinen Körper floss.

      Hannes
      Wow. Was war das gerade? Ein Ausrutscher, der nicht wieder vorkommen würde, ich bin ja nicht schwul, das wäre ja völlig absurd. Ich musste bei dem Gedanken fast lachen, ich und schwul, ja bestimmt, meine Eltern würden mich achtkantig aus dem Haus werfen und mich als ekelhaften Unzüchtigen abstempeln. Dennoch drängten sich Gedanken von Ambrose in den Vordergrund, dieser trainierte Körper mit glänzender weicher Haut, die Milchschokolade ähnelte und danach bettelte berührt und geschmeckt zu werden. Was zur Hölle ist mit meinen Gedanken? Ich stehe ganz normal auf Frauen, Brüste, ja schöne Brüste und ein knackiger Arsch, Männer lieben und den Akt wie ein Tier vollziehen, sowas ist unnatürlich. Ganz in meinen Gedanken versunken stolperte ich so vor mir hin und rempelte Mika und Dasha, die mich augenblicklich verwirrt ansahen und fragten, ob alles okay sei, ich nickte, lächelte und ging weiter, aber wohin. Checkpoint. Kurzerhand entschied ich mich dafür meinem Hengst einen Besuch abzustatten und schlug den Weg zu seiner Weide ein. “Checkers! Na, komm dicker!”, rief ich, als ich nahe der Weide war, aber meinen lackschwarzen Rollmops nicht finden konnte. Anscheinend war es ihm auch zu heiß, da er nur langsam im Schritt auf mich zu dackelte ohne große Begeisterung. Glücklicherweise hatte ich noch ein Leckerli bei mir, welches ich ihm zur Begrüßung vor die Nase hielt. Checkers grummelte und freute sich über die kleine Belohnung und forderte dann seine Streicheleinheiten ein.

      Lina
      “Setz dich jetzt mal vernünftig auf dein Pferd, wenn du so weiter machst, fällt sie noch über ihre eigenen Füße”, holte mich der Trainer aus meinen Gedanken. Die waren nämlich immer noch mit dem Chaos in meiner Wohnung beschäftigt. Kaum hatte Herr Holm zu Ende gesprochen stolperte meine Stute, wie als wolle sie seine Worte unterstreichen. Während ich mich auf mein Pferd und mich fokussierte hörte ich wie Samu natürlich wieder Lob einheimste. Ice Rain lief entspannt unter ihm und er sah mal wieder aus als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen.
      “Ah, scheinbar hast du ja doch schon mal auf einem Pferd gesessen, das sieht doch gleich viel besser aus”, bekam ich nun zu hören. Ich hatte meine Zügel ein Stück weit aufgenommen und mich tiefer in den Sattel gesetzt, was sich auch sogleich im Schritt meiner Stute widerspiegelte. Sie schritt nun zwar immer noch entspannt, aber stolperfrei durch die Halle.
      “Trab deine Stute mal auf dem Zirkel an”, bekam ich nun eine Anweisung von Herrn Holm.
      Ich lenkte meine Stute auf den Zirkel, setzte mich tiefer in den Sattel und nahm die Zügel ein Stück nach zum Antraben. Brav trabe die Stute an, doch schon nach ein paar Trab Tritten, verspannte ich mich und sie fiel mir wieder aus.
      “Bleib locker in der Hüfte und klemm nicht so mit dem Knie, so blockierst du dich nur selbst”, korrigierte mich der Trainer. Ich trabte Nathalie erneut an und versuchte locker zu bleiben, das klappte allerdings eher so Semi-Gut, denn kaum war Nathalie eine halbe Runde getrabt, ging mein Knie wieder zu.
      “Deine Beine sollen locker am Pferd hängen”, erinnerte mich Herr Holm. Das Aussitzen im Trab war noch nie meine Spezialität gewesen und das zeigte sich jetzt deutlich. Während Nathalie sich alle Mühe gab, es mir leicht zu machen konzentrierte ich mich noch mehr darauf locker zu bleiben uns nun funktionierte es tatsächlich so wie es sollte nur das mein Pferd eher ein Osterei lief anstatt eines Kreises.
      “Auch wenn du locker sitzen sollst, vergiss nicht die Schenkelhilfe. Lass dein inneres Bein dran”.
      Nach weiteren 5 Minuten, verschonte mich Herr Holm erst mal und ich durfte eine kurze Schrittpause einlegen, während er sich Samu Galopp ansah.
      “Glaub nicht ich sehe, dich nicht”, ermahnte mich Herr Holm als meine Gedanken für einen kurzen Moment wieder abschweiften, was sich natürlich sofort im Gangbild meiner Stute spiegelte. Sofort setzte ich mich wieder gerade hin und war schon ein wenig beeindruckt davon, dass Herr Holm scheinbar sogar Augen im Hinterkopf hatte.
      Nach ein paar Minuten wendete er sich dann wieder mir zu. Der Galopp funktionierte um Längen besser, was sicherlich auch daran lag, dass es die Paradedisziplin meiner Stute war. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, hatte Herr Holm kaum etwas auszusetzen und so verließen Samu und ich die Halle.
      “Weißt du Lina, wir zwei werden jetzt noch eine kleine Runde um den Hof drehen, bevor ich die wieder in dein Chaos lasse. Du solltest dir jetzt erst mal einen Moment der Entspannung gönnen. Wenn dann die Pferde versorgt sind, helfe ich dir lieber beim Packen. Nicht das du noch Teil des Chaos wirst”, scherzte Samu gut gelaunt.
      “Ich bin schon lange ein Teil davon”, antwortete ich ihm erschöpft. Obwohl die Sitzstunde nur 20 Minuten lang war, hatte sie mir doch einiges abverlangt. Für gewöhnlich schummelte ich mich um das Aussitzen im Trab herum, was auch im normalen Alltag recht funktionierte.
      “Also für mich siehst du noch sehr eigenständig und real aus. Und...”, sagte er und begann mich anzustupsen “du fühlst dich auch eindeutig noch so an”, bestätigte Samu.
      “Schön, dass ich noch keine Einbildung bin. Dachte schon, ich wäre nur in deinem Kopf und du würdest nun langsam verrückt werden”, kommentierte ich das ganze. “Wundern würde es mich nicht”.
      “Was wills du denn jetzt damit sagen?”, fragte mein bester Freund ein wenig beleidigt.
      “Gar nicht. Wobei…, wenn du nicht bald anfängst, dir weitere Freunde zu suchen brauchst du vielleicht wirklich noch eingebildete Freunde, denn ich werde bald nicht mehr da sein”, antworte ich ihm unschuldig.
      “Also bitte, ich habe Freunde”, protestierte er entrüstet.
      “Und warum sieht man die hier so selten?”, fragte ich nach. Daraufhin sagte er nichts mehr.
      “Aber jetzt mal ehrlich Samu, du solltest mal herausgehen und Leute kennenlernen und damit meine ich näher kennenlernen. Wie kann es sein, dass ein so netter Kerl wie du gerade mal eine einzige Beziehung in 25 Jahren hatte”
      “Vielleicht weil ich genug damit zu tun hatte, dich vor Dummheiten zu bewahren?”, gab er nun schlagfertig zurück. Damit hatte er zwar irgendwo recht, aber wenn man es genau nehmen wollte, hatte ich ihn nie darum gebeten.
      “Dann ist es ja gut, dass du das jetzt nicht mehr tun musst. Aber jetzt lass uns noch ein wenig Spaß haben, wer als Erstes Oben ist”, beendete ich das Thema und ließ meine Stute antraben. Wir hatten unsere Lieblingsgaloppstrecke erreicht, den Wiesenweg den Hügel hinauf. Nathalie wusste schon was nun kommen würde, denn mit gespitzten Ohren fiel sie erst in den Trab, bis sie dann schließlich in einen fetzigen Galopp überging.
      “Ey, das ist unfair”, hörte ich Samu rufen, der seine Stute nun auch an treib. Obwohl Ice Rain sich echt Mühe gab Nathalie einzuholen, erreichte ich als erste den Hügel. Oben hielt ich meine Stute an und blicke die Anhöhe hinunter. Unter uns erstreckte sich der Hof und es war einfach ein wunderschöner Ausblick.

      Juha
      Linh und ich holten zusammen ihre Stute wieder hoch zum Stall, da sie mit Milena gleich zum Training wollte. “Bist du dir sicher, dass ich gehen soll?”, fragte ich sie erneut, als Linh ihre Stute in der Stallung anband. “Denke ja, schließlich schien ich die vergangene Woche nicht mehr aktuell zu sein und lebe immer noch”, antwortete sie, ohne mich anzuschauen. Stattdessen putzte sie ihre Stute und sagte nicht mehr. Ich verabschiedete mich und verschwand wieder ins Zimmer. Es fehlte mir die Beschäftigung, denn irgendwem hinterherzulaufen gehörte normalerweise nicht zu meinen Hobbys. Meinen Computer konnte ich schlecht mit hernehmen, außerdem hatten wir es alle fast wieder geschafft in das alte Leben zurückzukehren. Obwohl Kanada wirklich schön war, vermisste ich Schweden und besonders die Leute. Alle handelten komisch, als würde die Welt untergehen, wenn man sich alltäglich verhielte. Natürlich nahm ich mich dem auch an, um nicht zu dem anderen Teil des Vereins zu gehören, die sich nach hinten zogen und keinesfalls das Rampenlicht des Erfolgs genossen.
      Eh ich mir weiter Gedanken machte über das Leben und wieder im Strudel des Selbstmitleids landete, musste ich mich ablenken. Kaum schlief Niklas wo anderes, sah das Zimmer aus wie ein Hotelzimmer. Seine Sachen schmiss ich vergangenen Abend einfach zusammen in den Koffer und stellte ihn in den Schrank. Sogar sein Bett machte ich, um Linh nicht wieder in der Unordnung zu begrüßen. Auf dem Tisch lagen die ersten Entwürfe meiner Kür mit Amy. Da die junge Stute noch nicht allzu lange im Training ist, musste ich mir etwas einfaches Ausdenken. Im Vergleich zur A-Dressur, die wir bisher immer ritten, wollte Herr Holm, dass ich langsam mal zur L wechselte. Versammlungen im Trab und Galopp beherrschte sie bereits, auch der einfache Galoppwechsel war keine Neuheit. Allerdings lag mein Augenmerk mit ihr im Springen, was ihre Abstammung auch deutlich mehr hergab. Umso schwieriger erschien es mir, eine Kür auszudenken, die auf den Punkt passend zur gewählten Musik passte. Zum Glück bestand die Wertung darin, die Balance, Harmonie und Durchlässigkeit des Pferdes, was Amy bisher sehr zuverlässig zeigte. Ihre Konzentration lag darin, sich auf meine Hilfen zu verlassen. Selbst denken wäre eine Schwierigkeit für Scheckstute, denn schon beim Einreiten achtete ich stets darauf, dass sie meinen Hilfen genau folgte. So wurden wir zu einem guten Team, in dem jeder sich auf den anderen verlassen konnte. Früher hätte ich das noch über Niklas sagen können, doch mittlerweile zweifelte ich daran. Wir saßen gemeinsam bereits einige Stunden an der Kür für mich und Amy, dennoch fehlte er gerade. Im Springen hätte ich einen wunderbaren Parkour aufbauen können inklusive Galoppsprüngen, die zwischen den einzelnen Hindernissen sein sollten, sowie Dekoration oder einem Motto. Doch danach fragte natürlich niemand. Obwohl wir das Eventing Team waren, empfand ich das Gleichgewicht des Trainings als fragwürdig. Erst zweimal besuchten wir bisher den Springplatz, doch täglich mussten wir uns in der Dressur abrackern. Als wir uns entscheiden sollten, ob wir mitkommen oder nicht, sprachen die Veranstalter noch ganz anderes über das Training. Von einer individuellen Ganztagsbetreuung von Pferd und Reiter war die Rede, sowie kontinuierlicher Weiterentwicklung in der Beziehung zueinander. Wer auch immer diesen Flyer erstellt hatte, sollte sich schämen. Das Einzige, was sich weiterentwickelte waren, wohl die Beziehungen untereinander, die teilweise uns in Gruppen drängten und andere sogar fallenließ. Jetzt konnte ich das auch nicht mehr ändern. Bevor ich mich wieder an die blöde Dressur setzte, entschied ich erstmal wieder herunterzukommen. Ich wechselte meine Hose wieder, warf auch mein Shirt zur Seite und verließ samt meinem Buch das Zimmer, um mich in die Sonne zu legen. Eine Decke legte ich auf den Rasen, stütze mich mit meinen Unterarmen ab und begann das Kapitel erneut zu lesen. Die Sonne brannte auf meinem Rücken, was meinen aktuellen seelischen Zustand ziemlich gut widerspiegelte.

      Lina
      “Na, woran denkst du gerade?”, fragte mich Samu der nun auch auf dem Hügel angekommen war.
      “Irgendwie vermisse ich unsere Heimat, auch wenn es hier durchaus sehr schön ist. Hier fehlt aber so viel. Das Meer, die salzige Luft und sogar die nervigen Möwen”, erklärte ich nachdenklich.
      “Ja, das kann ich verstehen. Aber nervige Möwen und Meer sollten in Schweden zu finden sein”, versuchte mich ein Freund von mir aufzumuntern.
      “Niin on”. Einen Moment lang standen wir noch schweigend auf dem Hügel und ich genoss den Ausblick. Die Sonne brannte vom Himmel und nicht eine einzige Wolke war zusehen.
      “Ich möchte dich ja nicht in deiner Ruhe stören, aber so langsam sollten wir zurückreiten, sonst schmelzen wir hier oben noch”. Samu deutete auf das dunkle Fell meine Stute, wo sich langsam kleine Rinnsale bildeten.
      “Na gut, genug geschaut.” Ich wendete meine Stute und ließ die den Hügel hinabgehen, Samu folgte mir mit Ice Rain.
      Zurück auf dem Hof stieg ich von meiner Stute ab und zog ihr den Sattel vom Rücken, dunkel zeichnete sich die Stelle ab, auf der er gelegen hatte.
      “Ich bringe sich direkt auf die Koppel, kommst du mit?”, fragte ich Samu, der noch auf Ices Rücken saß.
      “Jap. und wenn die zwei hübschen hier auf der Koppel sind, werde ich dir mal bei deinem Chaos helfen, sonst sieht man dich heute wohl nie wieder”, scherzte er und ließ sich aus dem Sattel gleiten.
      “Erinnere mich bloß nicht daran”, seufzte ich.
      Gemeinsam brachten wir die beiden Stuten auf die Koppel und räumten ihr Sattelzeug weg, bevor wir 10 Minuten später wieder in meiner Wohnung standen.
      Leider hatte es sich nicht von selbst aufgeräumt.
      “Was genau sollte das eigentlich werden?”, fragte Samu als er hinter mir durch die Tür trat.
      “Naja, erst wollte ich nur aufräumen … und dann ist mir eingefallen, dass ich in 3 Tagen das Land verlasse. Also habe ich versucht zu überlegen, was ich einpacke, … Aber du siehst ja das hat eher so semi-gut funktioniert”, erklärte ich.
      “Und dieser Stapel da soll darstellen, was du mitnehmen möchtest?”, fragte er und betrachtete den Haufen auf dem Bett mit einem kritischen Blick.
      “Ja?”, bestätigte ich und sah ihn unsicher an.
      “Also, die hier”, sagte Samu nun und nahm einen Stapel Bücher vom Stapel runter, “wirst du schon mal hierlassen, es gibt E-Books.”
      ”Aber echte Bücher sind viel schöner zum Lesen”, protestierte ich.
      “Aber erstens, ist dein Koffer voll, wenn du die alle Einpackst und zweitens sind sie ja nicht für immer verloren”, ließ sich Samu nicht davon abbringen die Bücher wegzulegen. “Du solltest packen als würdest du in den Urlaub fahren, solltest du dich dann tatsächlich dazu entschließen in Schweden zu bleiben, werden wir schon einen weg finden dir deinen Kram hinterherzuschicken, also packe als würdest du für einen Urlaub packen.” Mein bester Freund machte nicht den Eindruck als würde nachgeben und irgendwo hatte er ja recht.
      “Ok, darf ich dann wenigstens mein Lieblingsbuch mitnehmen? “, sagte ich und griff nach dem obersten Buche auf dem Stapel. Samu protestierte nicht, also nahm ich das als Ja.
      “Du solltest beim Koffer packen immer mit dem wichtigen Anfangen und ich denke, sofern du nicht nackt herumlaufen möchtest, sollte das wohl die Kleidung sein.” Samu stellte sich vor meinen Kleiderschrank und sah mich erwartungsvoll an.
      “Na los, oder willst du, dass ich das mache?”, forderte er mich auf als ich mich nicht bewegte. Nein, besser sollte ich das selbst machen. Ich wollte ja nicht sagen, dass Samu nicht stilvoll war, aber sein modisches verständiges wich doch ein wenig von dem Meinen ab. “Nein, das mache ich lieber selbst”, antworte ich ihm und begann in meinen Kleiderschrank zu wühlen und die Kleidung, die ich mitnehmen wollte auf dem Boden zu stapeln.
      “Na, da will, ich mal sehen, wie du das alles in deinen Koffer bekommen willst”, murmelte Samu ließ mich aber erst einmal machen. Neben Reitklamotten wanderten auch noch Shirt, Tops, Hosen und weitere wichtige Klamotten auf den Stapel. Als ich gerade dabei war einen weiteren Pullover dazuzutun, hatte Samu allerdings wieder etwas einzuwenden: “Pysähdy! Du glaubst auch, in Schweden gibt es keine Waschmaschinen, oder? Außerdem ist es Sommer, du brauchst keine 5 Pullover Lina.”
      Ich wollte schon protestieren, doch er sah mich mit einem Blick an, der keinen Widerstand duldete, somit legte ich den Pullover also wieder weg.
      “Ich glaube, das reicht so”, verkündete ich einen Moment später. Auf dem Stapel befanden sich nun alle Klamotten, die ich für wichtig hielt, natürlich mit Ausnahme der, die ich noch brauchten, würde.
      “Ok, dann ist der nächste Punkt, die Sachen die noch so brauchst. Deinen Laptop solltest du auf jeden Fall mitnehmen und denke auch an so was wie Kopfhörer, Ladekabel all so ein Zeug”, wies er mich an.
      Also ging ich als Erstes ins Wohnzimmer, wo mein Laptop und mein Tablet waren. Neben den beiden Geräten sammelte ich auch noch das nötige Zubehör ein. Es wanderten noch solche Dinge wie ein Handtuch, meine kleine Reiseapotheke, die nötigsten Schuhe, auch hier verbot mir Samu unnötig viel einzupacken, und natürlich folgte auch mein Zeichenzeug.
      “Ich glaube das müsste dann alles sein, von dem was ich nicht mehr brauche”, verkündete ich, als ich alles zusammengetragen hatte.
      “Ja fast. Etwas Wichtiges hast du noch vergessen.”
      “Was den bitte?”, fragte ich verwundet und sah mir den Haufen noch einmal ganz genau an, aber ich kam nicht darauf.
      “Na deine Papiere, sonst werden sie dich werde hier aus dem Land lassen noch dort ins Land”, sagte Samu erheitert.
      “Lachst du etwa über mich?”, fragte ich vorwurfsvoll.
      “Nein, ich lache mit dir, nicht über dich”, sagte er unschuldig und das Grinsen auf seinem Gesicht wurde nur noch breiter.
      “Ich finde das nicht nett, dass du mich an meinen Problemen erfreust”, sagte ich ein ganz klein wenig beleidigt, während ich meine Papiere aus der Schublade zog.
      “Wie soll das alles eigentlich in diesen Koffer da passen?”, fragte ich dann kurz darauf, denn mir leuchtete noch nicht ein, wie diese ganzen Dinge dort hineinpassen sollten.
      “Ganz einfach, mit der richtigen Technik”, antworte Samu und setzte sich neben meinem Koffer auf den Boden, wo er begann die ersten Dinge hineinzupacken.
      “Gerade so was hier”, er hielt einen Pullover in der Hand ”kannst du wunderbar klein machen, wenn du es zusammenrollst”, erklärte er und demonstrierte das ganze auch so gleich. Mit Erstaunen musste ich eine halbe Stunde später feststellen, dass dieser und andere Tipps, die er mir noch gab, tatsächlich dazu führte, dass alles in den Koffer passte. Ein paar Sachen waren zwar auch ins Handgepäck gewandert, doch das meiste hatte seinen Platz im Koffer gefunden.
      “So, wenn du jetzt noch unbedingt ein weiters Buch einpacken möchtest, kannst du das gerne noch tun”, verkündete er und verstaue noch ein Socken paar.
      Doch statt zu einem weiteren Buch griff ich nach der Shadowbox die auf dem Regal stand. Darin einige Bilder und Erinnerungstücke an das Pferd was mir damals so viel bedeutete.
      “Damit ich mich wenigstens ein wenig heimisch fühlte”, ergänzte ich erklärend als ich den Gegenstand in den Koffer legte.
      “Eindeutig eine bessere Entscheidung als ein weiters Buch”, lobte Samu mich. “Und jetzt räumen wird noch den Rest auf und dann solltest du dich um deine restlichen Pferde kümmern”, fügte er hinzu.
      Nach einer halben Stunde hatte ich es mit Samus Hilfe dann auch noch geschafft das Zimmer wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Ich wollte mich gerade auf den Weg nach unten machen, als ich Hazel ins Haus kommen hörte: “Äh Jayden, hast du Lina irgendwo gesehen?” Am liebsten wäre ich geradewegs wieder in mein Zimmer gegangen, aber Samu hatte bereits den Weg die Treppe runtergenommen.
      “Sie wollte gerade herunterkommen”, hörte ich seine Antwort. Jetzt hatte ich wohl kaum eine andre Wahl als ihm zu folgen.
      “Ahh, da bist du ja”, kam es direkt von Hazel, als sie mich erblickte. “Du wolltest mir noch mal das Reitschulzeug erklären”, ergänzte sie fordernd.
      “Natürlich” murmelte ich ergeben und ging voran in das kleine Büro. Dort erklärte ich ihn noch mal das gesamte Konzept der Reitschule, das Abrechnungssystem und alles, was sie wissen musste. Nach einer Stunde, in der sie unendlich viele Fragen gestellt hatte, hatte sie endlich genug.
      “Ok, ich glaube, ich habe alles verstanden. Aber jetzt musst du noch dein zweites Versprechen einlösen”, verkündete sie und stand auf. “Ich geh schon mal vor, ich erwarte dich in 20 Minuten im Stall.” Schon war sie aus dem Büro verschwunden. Uff, dann würde ich heute wohl wirklich auf ein Westernpferd steigen.

      Auf der Stallgasse erwarte mich bereits Hazel, die Blue Heart auch bereits gesattelt hatte. “Na, Trensen schaffst du wohl selbst, denke ich mal”, sagte sie und drückte mir Blues Trense in die Hand. Ich begrüßte die Stute, bevor ich sie auftrenste und dann ging es auch schon auf den Reitplatz.
      “Und wie muss ich sie jetzt reiten?”, frage ich Hazel ein wenig verwirrt, als ich auf der Stute saß.
      “Wir fangen erst mal mit deiner Zügelhaltung an. Blue hat jetzt ein Snaffel Bit drin, das wird eigentlich immer zweihändig geritten, das machst du schon ganz richtig. Aber du musst deine Hände viel weiter auseinandernehmen”, erklärte sie und schob meine Hände ein ganzes Stück weiter auseinander. “Und nimm den Finger da Weg, im Western machen wir eine Faust um den Zügel.” Aufmerksam befolgte ich ihre Anweisungen.
      “Wenn du jetzt losreiten möchtest, gibt du einen kurzen Impuls mit dem Bein und schnalzte dabei, dann läuft sie los, anhalten tust du dann wieder, wenn du Woha sagst.”
      Nachdem Hazel mir die Bedienungsanleitung für die Stute geliefert hatte, probierte ich sie loszureiten, was auch fast funktionierte.
      “Lass deinen Schwerpunkt ein bisschen weiter vorne, sonst läuft sie Rückwärts”, korrigierte Hazel mich und diesmal lief das Quarter Horse wirklich los.
      “Genau gut so, aber treib nicht jeden Schritt das Pferd soll selbstständig, so lange weiterlaufen, bis du etwas anderes sagst.”
      Es war ziemlich ungewohnt nicht jeden Schritt zu treiben und auch das Tempo der Stute, kam mir recht langsam vor.
      “Ist das richtig, dass mein Pferd gefühlt einschläft”, fragte ich deshalb nach.
      “Ja, das Tempo ist vollkommen korrekt so. Das ist Trail Pferd kein Rennwagen”, antwortete Hazel lachend. Da ich nun bestimmt schon drei Runden am Zaun entlang geritten war, wollte ich nun versuchen die Stute auf einen Zirkel zu lenken. Ich versuchte es mit den normalen Hilfen, doch an Blues Ohren konnte ich sehen, dass das nur zur Verwirrung der Stute beitrug.

      Milena
      „Ihr wart wieder super zusammen“, sagte ich zu Linh mit der von der Reitstunde zurücklief. Kempa konnte sich auch sehen lassen. Sie brauchte immer ihre Zeit, um sich in neue Umgebungen einzufinden, deswegen war es schade, dass wir bereits in wenigen Tagen wieder nach Hause flogen. Im Gegensatz zu Vriska hatte ich mich auch schnell in die Gruppe integriert und neue Kontakte geknüpft, auch wenn es den Effekt hatte, dass ein Messer sich zwischen uns trieb.
      „Wie geht’s es Anna?“, tippte mich Linh an. Sie fragte eindringlich, als hätte ich es beim ersten Mal nicht gehört.
      „Ganz gut, schätze ich. Zumindest so gut, wie es einem in der Situation gehen kann. Ich versuchte sie davon abzuhalten, aber du kennst Anna ja. Das ist gar nicht so leicht. Sie vermisst ihr Pferd“, antwortete ich ihr. Anna und ich telefonierten jeden Abend, obwohl mir davon abgeraten wurde. Sie fehlt mir, besonders nach dem sie mir das ein Gefühl von zu Hause gab, endlich etwas gefunden zu haben das man bedingungslos liebte. Doch war es bereits Liebe? Wenn ich Nacht zurückdachte, stellten sich meine Haare hoch und eine wohltuende Wärme breitete sich im ganzen Körper aus. Ein Kribbeln durchzog meinen Bauch und es fühlte sich an, als würde kleine Schmetterlinge um meinem Kopf herumfliegen. Es war so echt, echter als alles was ich je fühlte.
      “Du vermisst sie auch, oder?”, fragte Linh vorsichtig. Ich nickte und blickte leer in den Himmel. Die Sonne brannte in meinen Augen und ließ mich den Blick wieder zu meinem Pferd richten. Kempa schubberte ihren Kopf am Holz, nach dem ich die Trense entfernte. Sie schwitzte und die Haare verfärbten sich Dunkel um ihre Augen herum. Wenn ich sie mit Móra verglich, hatte meine Stute viel mehr Fell und bereitete sich schon auf niedrige Temperaturen vor. Zum Rasieren war es zu spät, denn dann würde sie im Herbst kaum noch nach treiben.
      “Komm wir bringen die Pferde weg und dann setzen wir uns an den Reitplatz, ich habe da jemand auf einem Westernsattel entdeckt. Das konnte ich bisher nie sehen so nah”, freute sich Linh und lief mit ihrer Stute los. Kempa brauchte einige Sekunden, eh sie mir folgte.
      “Und ihr beide? Was läuft da”, grinste ich die Schwarzhaarige an, auf dem Weg zur Weide.
      “Ju und mich meinst du? Das fing bereits vor dem Camp an, aber wir wollten dann erst mal gucken. Irgendwas war dann und er kam wieder an”, erzählte sie mir mit einem Lächeln.
      “Weißt du nicht was passiert ist?”, hinterfragte ich und wollte unbedingt wissen, ob es mit Vriska zu tun hatte. Denn vor einigen Tagen lief es zwischen den Beiden noch ziemlich gut und jetzt sprachen sie nicht einmal mehr miteinander. Ich würde sogar behaupten, dass sie sich auf dem Weg gingen. Allerdings nahm sich Vriska überall heraus und hielt nur den nötigsten Kontakt zu allen.
      “Nein, ich habe auch nicht gefragt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es mir auch egal ist. Dass er mit Vriska kurz was hatte, nehme ich ihm auch nicht übel. Schließlich sehen wir die ja eh nicht mehr”, gab sie zynisch zu. Linh verdrehte dabei die Augen und öffnete das Tor des Zauns. Ich zog das Halfter meine Stute ab und sie trabte weg. Móra lief einige Schritte und warf sich in den Dreck.
      “Ich werde sie wohl schon noch sehen, aber sagt mal. Denkst du die beiden haben miteinander geschlafen? Weil naja. Nicht nur ich sah, dass etwas nicht stimmt und Herr Holm hat in der Halle auch gescherzt. Im Stall verschwand sie mit Chris und ich konnte nicht wirklich was verstehen”, fragte ich hartnäckiger nach. Mir kam das alles komisch vor.
      “Milena, sei doch nicht immer so neugierig. Aber tut mir leid, ich weiß es nicht aber kann es mir auch nicht vorstellen. Er ist nicht der Typ dafür. Mit Chris hatte sie sicher auch nichts, vielleicht fragst du sie einfach mal, anstatt dich bei allen nach ihr zu erkundigen. Das wäre menschlich auch freundlicher”, tadelte Linh.
      “Du hast recht, aber ich habe keine Lust mit ihr zu sprechen.”
      “Trotzdem interessiert dich noch, was sich in ihrem Leben abspielt. Also spring über dein Schatten oder ignoriere sie vollkommen.”
      Linh nahm mir das Halfter ab und brachte beide in den Stall. Ich wartete auf sie. Zusammen setzten wir uns an den Reitplatz, auf dem Linh mit einem Quarter beschäftigt war. Wirklich elegant wirkten beide nicht, das Pferd wollte sich entfalten aber hatte Schwierigkeiten dabei, da seine Reiterin es daran hinderte. Ich selbst würde vermutlich nicht besser im Sattel sitzen, deswegen klemmte ich mir weitere Kommentare. Linh blickte interessiert und fieberte förmlich mit.
      “Wenn du fragst, darfst du sicher auch mal rauf”, sprach ich zu ihr leise, damit wir dem Unterricht nicht störten.
      “Denkst du wirklich?”, fragte Linh. Ich nickte und zog gleichzeitig nicht wissend meine Schultern hoch. Dann band ich mein Shirt mit einem Knoten durch meinen BH nach oben. Der Schweiß lief meinem Rücken herunter, was bei solchen Temperaturen auch nicht unüblich war.

      Lina
      Inzwischen hatte ich die grundlegende Lenkung der Stute halbwegs verstanden, aber trotzdem war ich noch weit entfernt davon entfernt eine einwandfreie Kommunikation mit der Stute zu haben. Beim Vorbeireiten sah ich, dass Milena und Linh am Zaun standen.
      Das machte mich ein wenig nervös, denn ich sah ziemlich sicher nicht gerade elegant aus, wie ich so mit der Stute über den Platz ritt.
      “So da das mit dem Traben doch schon ganz gut aussieht, probieren wir doch mal den Galopp aus. Reite mal hier auf den Zirkel und galoppiere sie an, die Hilfe ist im Prinzip dieselbe wie beim englischen Reiten. Wichtig ist nur, du musst den Zügel komplett vorgeben und zusätzlich zur Schenkel- und Gewichtshilfe musst du das noch mit einem Küsschen unterstützen. Denk dran, wenn sie galoppiert, nicht weitertreiben, aber das Bein bleibt dran”, erklärte Hazel, während ich im Trab um sie herumritt. Entsprechend ihrer Anleitung Konzentrierte ich mich auf die Hilfe. Tatsächlich reagierte die Stute auf den Impuls und galoppierte brav an. Auch in dieser Gangart wurde mir vor allem das langsame Tempo bewusst. Der Galopp war ebenfalls ungewohnt flach und hatte recht wenig Schwung, was allerdings den Vorteil hatte, dass es erstaunlich leicht zu sitzen war.
      “Gut machts du das. Du kannst sie jetzt auch ruhig ganze Bahn galoppieren”, lobte Hazel. Mithilfe des Zügels und des Gewichtes stellte ich die Stute wieder gerade und galoppierte sie ganze Bahn. Wir hatten zwar nur den dritten Hufschlag getroffen, aber dennoch war ich schon froh darüber die Stute wieder aus dem Zirkel bekommen zu haben.
      “So ich denke, das reicht für den Anfang du darfst wieder durch Parieren”, rief Hazel mir nach 3 Runden um den Platz zu.
      “Woha”, sagte ich zu Blue, um sie anzuhalten, wie Hazel es mir erklärt hatte, doch scheinbar hatte ich irgendetwas nicht ganz richtig gemacht, denn statt in den Trab zu fallen ging die Hinterhand der Stute runter und sie legte eine Vollbremsung hin.
      “Oh, das hätte ich dir vielleicht noch sagen sollen, dass Woha stehen bleiben heißt, nicht durch Parieren”, sagte Hazel und lachte. “Aber du hast gerade einen einwandfreien Sliding Stopp gemacht, nicht schlecht für ‘n Anfänger. Reite sie noch ein paar Runden Schritt und dann darfst du absteigen.”
      Nachdem ich mich wieder sortiert hatte, nach dies sehr plötzlichen Anhalten, trieb ich die Stute in den Schritt.
      “Das ist ja gar nicht so leicht wie es immer aussieht”, sagte ich anerkennend zu Hazel. „Ist ja doch ganz schön anstrengend”.
      “Da siehst du mal, es ist nämlich nicht einfach nur draufsitzen”, antworte Hazel fröhlich.
      “Ich denke ich werde trotzdem beim Englischen reiten bleiben, das hier kommt, mir vor wie eine Fremdsprache”. Tatsächlich war ich mir, während dieser Reiteinheit wie ein Anfänger vorgekommen, der das erst mal ohne Longe reiten darf. Offensichtlich war diese halbe Stunde für mich anstrengender gewesen, als für die Stute, denn mir der Schweiß den rücken hinunterlief, war das Fell der Quarterstute noch nahezu trocken. Entspannt schritt Blue Heart noch ein paar Runden mit mir über den Platz, bevor ich sie neben Hazel anhielt und aus dem Sattel glitt.
      “Soll ich sie wegbringen?”, fragte ich sie und zog der Stute die Zügel vom Hals. Milena schubste Linh nach vorn, die offenbar etwas zu sagen hatte: “Ich würde gern mal, wenn ich darf.”
      “Klar, gerne die Maus kann noch ein wenig Bewegung gebrauchen”, antwortete Hazel ihr freundlich und nahm mir die Zügel aus der Hand. Ich verließ den Platz, denn ich konnte Samu entdecken, der gerade mit Elf Dancer von einem Ausritt zurückkam. Er hatte mich scheinbar auch entdeckt, denn er hielt den Hengst an und wartete, bis ich zu ihm gestoßen war.
      “Na, hast du auf einmal die Sparte gewechselt?”, fragte er scherzend.
      “Nein, das war eine der Bedingungen, dass Hazel aufhört mir auf die Nerven zu gehen. Irgendwie hat es Spaß gemacht, aber es war echt anstrengend”, antwortete ich ihm.
      “Dann wollen wir mal hoffen, dass es nicht zu anstrengen war, denn soweit ich weiß, warten da noch ein paar Pferde auf deine Aufmerksamkeit”, erinnerte er mich und trieb seinen braunen Hengst wieder in den Schritt.
      “Ja, ich weiß doch”, erwiderte ich und begleitete ihn zum Stall.

      Milena
      Linh stieg auf die Stute und machte direkt eine gute Figur. Locker hingen die Beine in den Bügeln und ich konnte mich darauf verlassen, dass Hazel und Linh das ohne mich schafften. Ich hoffte darauf, dass Lina zu mir kam, doch stattdessen kam Samu mit einem braunen Hengst wieder. Dem Zustand des Pferdes zufolge, waren sie ausreiten, denn in der Halle war noch betrieb und auf dem Platz waren wir. Springen auf dem anderen Platz würde bei dem Wetter sicher niemand. Mit großen Schritten und leichter gebeugten Haltung schlich ich mich zum Stall, um keinen der Beiden zu erschrecken. Bevor ich fragte, atmete ich tief durch und machte mit einem Räuspern auf mich Aufmerksam.
      “Samuuuuuu? Sag mal. Hast du mit Vriska geschlafen?”, fragte ich fest überzeugt auf der richtigen Spur zu sein.
      “Nein! Wie kommst du denn da drauf”, antworte er ein wenig erschüttert und ließ beinahe das Halfter fallen, welches er seinem Pferd gerade überstreifen wollte. Lina, die immer noch danebenstand, warf ihm einen fragenden Blick zu.
      “Ach man, ich spürte da so etwas zwischen euch. Sie saß heute echt komisch auf dem Pferd, genau wie ich vor ein paar Jahren als ich das erste Mal mit meinem Freund schlief. Ich will unbedingt wissen, wem sie die Ehre erwiesen hat. Sagen würde sie es mir sicher nicht. Aus dem Verein konnte ich bisher eine Vielzahl ausschließen, deswegen dachte ich an dich. Na gut, danke für deine Ehrlichkeit. Lina, weißt du was?”, wendete ich mich dann der noch immer schockiert blickenden Lina zu, die weit die Augen aufgerissen hatte.
      “Nein ich höre das heute zum ersten Mal”, antworte sie. Der Wortwitz brachte mich zum Lachen.
      „Na gut, dann werde ich weiter fragen“, verabschiedete ich mich.
      “Warum möchtest du das überhaupt wissen? Meinst du nicht Vriska ist alt genug selbst zu entscheiden, was sie tut?”, frage Samu tadelnd. Ich drehte mich wieder um, um ihm eine Antwort zu geben: „Sagen wir es mal so, ich bin wie Wikipedia. Ich muss alles wissen. Sie kann machen was sie will, aber ich will’s einfach wissen. Damit ich weiß, wer tabu ist. Ich will nicht mit ihr irgendwann im Leben den gleichen Kerl teilen. Chris scheint es zu wissen, dementsprechend muss es doch jemand aus dem Verein sein. Da er sich mit eigentlich jedem gut versteht, ist es schwer daraus Schlüsse ziehen zu können“, erklärte ich.
      “Ah ja, du scheinst ja viel von Vriska zu halten. Na, dann geh mal deine Forschungen weitermachen, aber an deiner Stelle würde ich mich nicht wundern, wenn niemand mit dir reden will. Die meisten schätzen es nicht besonders, wenn man in der Privatsphäre von anderen herumschnüffelt”, kommentierte Lina zynisch.
      “Ich recherchiere. Wenn ich der Messengergruppe der Jungs wäre, wüsste ich sicher schon wen. Schließlich teilen die alles miteinander”, erklärte ich den Beiden. Lina sollte auch Wissen, worauf das mit Niklas hinlaufen würde. Dass sie einander damit angeben, wer wen hatte, wird sich nicht innerhalb kürzester Zeit ändern.
      “Ja und mit dir wollen sie es offensichtlich nicht teilen” antworte nun Sam. Lina war anzusehen, dass sie noch über den letzten Satz nachzudenken schien.
      “Offensichtlich hat das mehr mit meinem Geschlecht zu tun als mit mir”, verteidigte ich mich gegenüber Samu. Ob er auch in der Gruppe war? Vorstellen konnte ich es mir beim besten Willen nicht.
      “Da wäre ich mir nicht so sicher”, hörte ich Lina murmeln, die gerade dabei war die Gamaschen von den Beinen des Pferdes zu entfernen.
      “Ach jetzt sei doch nicht so unverschämt, nur weil Niklas dich noch nicht rangelassen hat”, fauchte ich und verschwand aus dem Stall. Weiteres wollte ich mir nicht anhören, denn ich hatte eine Aufgabe. In der Vereinsgruppe guckte ich alle Kontakte durch, um evaluieren zu können, wenn ich als nächstes ansteuern würde. Klein Olof, Finley und Björn schloss ich kategorisch aus, auch Ambrose war nicht ihr Typ. Somit bliebe noch Max, der allerdings nicht viel mit Chris zu tun hatte. Es konnte nur Chris sein und ich machte mich auf den Weg zu seinem Zimmer.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 96.607 Zeichen

    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    Nationalteam
    Hochgeladen von:
    Mohikanerin
    Datum:
    26 Nov. 2019
    Klicks:
    538
    Kommentare:
    32

    EXIF Data

    File Size:
    268,3 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Zuchtname: Kempa
    Rufname: -

    Aus der: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    ____________________________________

    Geschlecht: Stute
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 27. Juni 2010
    Farbe: Palominofalbe Splash
    Abzeichen: -
    Stockmaß: 135 cm

    Charakter:
    Kempa ist eine vorzeige Stute. Sie verhält sich brav und zeigt selten Angst. Ob auf Turnier oder Zuhause für Kempa macht es keinen Unterschied.
    ____________________________________

    Gencode: ee AA nCr DD nSpl
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 8,91
    Nachkommen:
    Kría von Atomic (2018) - V: Hnakki van Ghosts

    [​IMG]
    SK 460 (24.09.2018)
    ____________________________________

    Dressur: M / M
    Springen: E / E
    Military: -
    Fahren: -
    Rennen: E / E
    Gangreiten: E / M
    Western: -
    Distanz: E / E

    Gänge: 5

    [​IMG]
    267. Dressurturnier (12.04.2014)

    [​IMG]
    167. Gangturnier (04.02.2018)
    171. Gangturnier (25.02.2018)
    192. Gangturnier (26.08.2018)

    [​IMG]
    181. Gangturnier (27.05.2018)
    189. Gangturnier (06.08.2018)

    [​IMG]
    120. Gangturnier (14.05.2017)
    161. Gangturnier (05.01.2018)
    162. Gangturnier (09.01.2018)
    177. Gangturnier (22.04.2018)
    182. Gangturnier (02.06.2018)
    184. Gangturnier (06.07.2018)
    185. Gangturnier (06.07.2018)
    ____________________________________

    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: Unbekannt
    VKR: Mohikanerin
    Ersteller: Mohikanerin
    Punkte: 21
    ____________________________________

    PNG | PSD | Details
    Trab | Galopp | Tölt | Portrait | Alte Version