Ravenna

Inyan

Mustang x Paint ○ Black Tobiano ○ Wallach ○ 11 Jahre ○ 155cm

Inyan
Ravenna, 19 Mai 2019
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      Vertrauen und Pferderennen | Ravenna | 42149 Zeichen
      “Caleb!” zischte ich zu ihm hinunter. Sah ihn fast ein wenig erschrocken an. Ich hatte soeben Lady Gweny aus der Stallgasse geführt, mich auf ihren Rücken schwingen wollen als mir Caleb auf die Stute geholfen hatte. Seine Hand dabei so unmissverständlich auf meinem Gesäß, es hätte mir die röte ins Gesicht treiben können. Ich sah den Glanz in seinen Augen, die Hand fuhr meinen Oberschenkel hinab, den Unterschenkel entlang und half meinem Fuß in den Steigbügel.

      Mein Körper betrog mich, denn er reagierte auf die Berührung beinahe sofort. So ging es seit Wochen. Seit jenem Tag als er mir geholfen hatte Max wohl auf ewig aus meiner Gegenwart zu entfernen. Berührungen, Witze. Meistens jedoch in der scheinbar sicheren Umgebung des Hauses das wir miteinander teilten. Das hier...das war neu. “Angst die anderen könnten uns sehen?” fragte er in einem ernsten Ton, während seine Augen eine andere Geschichte erzählten. Ich zuckte mit den Schultern “Du etwa?” ich wartete seine Antwort nicht ab, gab die Zügel vor und Gweny setzte sich Augenblicklich in Bewegung. Mein Plan war gewesen mit Gweny für ein Springen zu üben, jetzt war ich jedoch abgelenkt worden. Ich musste ihn aus meinen Gedanken verbannen. Was musste er sich auch immer hinein schleichen? Das er ein äußerst guter Liebhaber gewesen war musste ich an dieser Stelle doch zugeben. Ich ließ Gweny einfach laufen, kurz hinter den Toren des Hofes begann das Gelände, Meilen um Meilen ohne festgesetzte Wege. In Deutschland hatte ich solche Weiten niemals gekannt, jetzt hätte ich sie nur unschwer wieder her gegeben. Blakes Crow Meadow war zumindest für den Moment meine neue Chance. Gweny zog ihr Tempo deutlich an. Unser letzter Ausritt war eine ganze Weile her, die vergangene Woche hatte sie viel Zeit für sich gehabt. Jetzt drang sie auf Bewegung, also gab ich ihr die Zügel noch weiter nach vorn, spürte deutlich wie eine Rolle durch das Pony lief und im nächsten Moment preschten wir im Galopp davon. Ich griff mit meiner linken Hand in ihre Mähne, hörte den Trommelschlag ihrer Hufe und genoss die Geschwindigkeit. Dabei hatten wir noch längst nicht ihr vollkommenes Potential erreicht. Die Stute war schließlich ein Vollblüter, zwar nicht geeignet für die Rennbahn, aber das Laufen lag in ihrem Blut. Und manchmal genoss auch sie es wie der Wind über die Ebene zu fliegen. Ich ließ sie gewähren, wusste ich doch das sie niemals durchgehen würde. Ich wusste nicht wie lange wir schon im Galopp unterwegs waren, aber Gweny verlangsamte ihr Tempo deutlich. Ich sah mich um, erkannte wir befanden uns südlich vom Hof, beschloss unser Springen in Bergtraining zu wandeln und ließ die Stute hinauf in die Hügel gehen. Zwar kannte ich noch nicht alle Wege, aber bisher hatte ich noch immer wieder zurück gefunden.

      Wir passierten den Fluß einige Meile von hier hatte ich ihn bereits mit Caleb durchquert, denn in dieser Richtung lag die Koppel der Stuten. Ich folgte dem Fluß jedoch hinauf in die Hügel. Ob sich dort oben wohl seine Quelle befand? Bevor wir den kleinen Dornenbuschwald betraten drehte ich noch einmal den Blick zur Ranch. Zuckte dann mit den Schultern und verschwand im Dickicht. Der Weg war nicht steil, ging in leichten Wendungen immer weiter hinauf. Manches Mal verlor ich den Fluß, der nun eher einem Bach glich aus den Augen. Gweny lief freudig voran, raum ausgreifende Schritte. Schon bald hatte ich die Orientierung verloren, denn irgendwann war ich keinem Pfad mehr gefolgt sondern einem Wildwechsel. Da ich mich noch nicht verloren fühlte, horchte ich auf den Bach den ich noch immer rechts von mir vernahm. Schließlich müsste ich später nur ihm folgen. Als an einer Stelle der Weg nun immer steiler wurde, schwang ich mich aus dem Sattel und lief weiter. Und plötzlich endete der “Wald” und ein Plateau war vor mir zu sehen. Ein kleines Tal, zu meiner rechten stieg eine hohe Klippe auf, dessen Ende ich nicht erkennen konnte, denn die Sonne versperrte mir die Sicht darauf. Direkt daneben erstreckte sich eine ebenso Hohe Felswand. Zwischen ihnen jedoch, kam der Bach hervor. Ich strich Gweny über die Nase, die mir bisher äußerst neugierig gefolgt war. “Wollen wir mal schauen wohin es dort geht?” Mit vorsichtigen Schritten ging ich in das Bachbett des nun klaren Wassers, Gweny folgte mir ohne Angst vor dem Wasser. Fylgia wäre von diesem Unterfangen absolut nicht begeistert gewesen. Zum wiederholten Male ärgerte ich mich mein Handy nicht dabei zu haben, schon einige Male hatte ich alles auf einem Foto festhalten wollen. Aber seis drum, so speicherte ich den Anblick in meiner Erinnerung. Nochmal würde ich den Weg sicherlich auch finden. Nächstes Mal dann mit Kamera.


      Nach nur wenigen Metern, öffnete sich ein weiteres kleines Tal, oder vielmehr eine Art Höhle. Das ganze Areal war nicht mehr als 30 Meter breit an der größten Stelle. Doch es wuchs Gras, einige kleine Büsche und zu meiner großen Überraschung quoll rechts von mir ein Rinnsal aus dem Fels. Nicht stark genug um einem Wasserfall zu ähneln, allerdings bildete das Wasser einen kleinen Weiher. Da ich vollkommen verschwitzt war zögerte ich nicht lange. Ich lockerte den Gurt von Gweny, zog ihr die Trense vom Kopf und auch der Sattel landete in meinem Arm. Gweny schlich davon, den Kopf gesenkt und einen Moment später ließ sie sich auf den feinen Sand nieder und wälzte sich ausgiebig. Ich verstaute das Equipment im Gras. Später musste ich das Gras nutzen um ihr Fell vom Sand etwas zu befreien. Jetzt jedoch entledigte ich mich auch meiner Klamotten und wattete in das kühle Nass. Es war nicht tief, ging mir gerade einmal bis knapp über das Knie aber ich setzte mich hinein und genoss die Wellen die mir um den Hals schlugen. Gweny genehmigte sich einen Schluck aus dem Weiher, nicht ohne mit misstrauisch zu beäugen. So sehr mochte sie Wasser dann doch nicht das sie mir hinterher kam. Anschließend tat sie sich an dem Gras gütlich, das hier oben deutlich grüner war als auf unseren Wiesen.

      Ich tauschte rückwärts in das Wasser, entließ Luft aus meinen Lungen und öffnete die Augen, sah die Welt gefiltert durch das klare Wasser. Ich war froh das mir die Götter diesen Ort gewiesen hatten, genau die Zerstreuung die ich gesucht hatte. Meine Glieder taten weh vom Ritt, ich vermisste den bequemeren Westernsattel, aber Gweny so zufrieden grasend zu beobachten war klasse. Nach Luft schnappend tauchte ich wieder auf. Strich mir mein langes,schwarzes Haar aus dem Gesicht. Ich kam etwas steif wieder auf die Beine, trank einige Schlucke aus der Quelle und setzte mich in den einzigen Spot aus Sonne die an diesen verborgenen Ort kam.

      Innerhalb weniger Augenblicke überkam mich die Müdigkeit, ich rollte mich in der Sonne zusammen, mein Kopf auf der Satteldecke gebettet. Ich nur in der Sonne trocknen und mich dann auf den Weg machen...schließlich hatte nur Caleb gesehen (oder vielleicht auch nicht) das ich den Hof verlassen hatte.


      Es war eine Berührung ich Gesicht die mich zusammen schrecken ließ, als ich meine Augen öffnete starrte ich auf Hufe. Mein zweiter Gedanke galt meiner Nacktheit...und dem Schauer der mich überkam. Die Sonne war weg, nun war es beinahe kühl. Vor allem aber merkte ich das der Sonnenuntergang fast einsetzen musste. Innerhalb weniger Sekunden kleidete ich mich an, riss Gras vom Rand wischte damit über Gwenys Sattellage. Eine gute Viertelstunde nach meinem schnellen Erwachen befand ich mich auf dem Weg zurück den Pfad hinab. Verdammt, ich hatte mehrere Stunden dort oben geschlafen! Da die Dämmerung bereits einsetzte, verzichtete ich darauf auf das Pferd zu steigen - es ging hier doch deutlicher Bergab als ich es am Vormittag bergauf wahrgenommen hatte. Wir joggten also den Hügel hinunter, immer dann wenn die Strecke es anbot stieg ich auf um im leichten Galopp der Ranch näher zu kommen. Wir mochten etwa 15 Kilometer entfernt sein, aber ein richtiges Gefühl für Weiten hatte ich noch nie gehabt.


      Als ich abgekämpft die Ranch wieder erreichte, kam mir zumindest niemand besorgt entgegen. Ich gab Gweny eine extra Portion Futter, kühlte ihr die Beine und verfrachtete sie anschließend in meinen kleinen Offenstall, wo sich Valravn über ihre Ankunft zu freuen schien. Seitdem die größere Stute in der Herde war, besserte sich auch sein Kleben an Fylgia deutlich. Meine Angst hatte ja darin bestanden, das er dann auch beginnen würde an Gweny zu hängen wie ein Sack Flöhe, aber bisher zeigte er darin keine Anzeichen. Allerdings konnte es auch daran liegen das er hier deutlich mehr Bewegung erhielt. Als ich ihm über die Mähne und den Rücken strich, merkte ich sein verschwitztes Fell. Jemand war den Wallach geritten. Siedend fiel mir meine Reitstunde bei Caleb ein - die hatte ich vollkommen vergessen! Aber es schien als habe sich der Cowboy zumindest um dessen Bewegung gekümmert. Ich zog einen Flinch. Super jetzt war ich ihm etwas schuldig!

      Vermutlich befanden sich alle im Haupthaus beim Essen, mir war das ganz Recht. Ich hatte zwar den Magen Buchstäblich in den Knien hängen, aber ich wollte eigentlich nur ein heißes Bad!

      Das Gästehaus verfügte über zwei Bäder, das auf der Etage die Caleb und ich uns teilten verfügte allerdings nicht über eine Wanne. Dafür aber das Bad im Erdgeschoss, ich ließ mir also Wasser ein, huschte nochmal in die Küche genehmigte mir einen Apfel(ich sorgte nun immer für einen gefüllten Kühlschrank) und ein Bier. Letzteres nahm ich nur mit ins Bad, öffnete es und ließ mich in das angenehm warme Wasser sinken. Ich hatte die letzten Tage beim Zaun ziehen geholfen, dann heute der ungewollte Ritt - meine Muskeln schrien. Ich ließ mich soweit unter die Wasserlinie sinken das meine Ohren gänzlich im Wasser waren und ich nur knapp durch die Nase atmen konnte, meine Augen hatte ich dabei geschlossen. Ich hörte Geräusche, ordnete sie jedoch Caleb zu der gerade zur Tür herein kam. Als mir dann allerdings plötzlich Wasser in die Nase kam - ich hatte eingeatmet und mich hatte ein Schwall getroffen - riss ich erschrocken die Augen auf.

      In dem Moment da ich mich aufrichtet, setzte sich Caleb gerade mit in die Wanne. Im Adamskostüm, das Bier in der Hand und lachend. Ich war so baff das ich nur da saß, den Mund dümmlich geöffnet ihn an starrend. “Dachte das sei eine wunderbare Idee.” ich schloss den Mund, blinzelte, wollte etwas sagen und beließ es dabei. “Du könntest mich ja zumindest vorwarnen beim nächsten Mal.” sagte ich sarkastisch vorwurfsvoll. Ich hätte ihn vielleicht eher einen Arsch nennen sollen, aber eigentlich fand ich seine Aktion ziemlich amüsant. Ich streckte ihm die Zunge raus, wollte gerade aus der Wanne steigen als sich seine Hand um mein Handgelenk schloss und mich zurück zog. Das Wasser schwappte dabei über den Rand. Mein Rücken berührte seine Brust und seine Stimme war direkt neben meinem Ohr. “Du hast unsere Stunde verpasst, du schuldest mir was.”



      Ich entzog mich ihm nicht. Weder als seine Hand besitzergreifend auf Wanderschaft ging, noch als ich seine Lippen und Zähne in meinem Nacken spürte. Hätte ich das Bad vielleicht besser abschließen sollen? Ich spürte sein Verlangen, nicht allein an seinen drängenden Küssen. Noch bewegte ich mich nicht, hielt still, wartete ab.

      Seine Hand griff nach dem Haar in meinem Nacken, zog daran. Unweigerlich musste ich meinen Kopf überstrecken, drückte dabei den Rücken durch. Das hier mochte für einige Seltsam anmuten, doch mir entlockte es aufgestellte Haare auf den Armen. Diese Reaktion konnte ich nicht allein dem langsam kalten Wasser zuschreiben. Ich drehte mich um meine eigene Achse, stützte mich meinerseits in der Ecke der Wanne ab, sah ihm in die Augen, der Zug an meinen Haaren noch immer aktiv. Ich lehnte mich vor, unterbrach den Blickkontakt nicht. Wie in allem anderen gab es nicht viele Worte von Caleb in dieser Sache, meine Frage die ich ihm ins Ohr wisperte blieb unbeantwortet. Zumindest in Worten, denn er nahm meine Lippen in Anspruch. Ich lehnte mich in den Kuss, wenn ich auch wusste das ich mich auf dünnem Eis bewegte. Auf wahnsinnig dünnem Eis. Schon beim ersten Mal mit Caleb hatte ich diese, meine eigene Regel gebrochen. Ich hatte mich dafür bereits verflucht, mehrere Male. Vielleicht war ich ihm daher ein wenig aus dem Weg gegangen. Das hier war etwas komplett anderes als zuvor. Caleb hatte etwas in mir in Flammen gesetzt. Seither vermochte ich das Feuer nicht zu bändigen, eine stetige Welle aus Optimismus und guter Laune überkam mich immer öfter. Ich spürte meine innerliche Heilung, der Druck auf meinen Lungen wich. Ich spürte das Gewicht nicht länger auf meinen Schultern brennen. Also ließ ich ihn gewähren, erlaubte mir selbst die Regeln zu brechen. Dann hörte ich ein Klirren als sein Fuß die Bierflasche vom Rand auf den Fußboden beförderte. Ich konnte das Lachen nicht unterdrücken. “Wir sollten nach oben verschwinden.” flüsterte ich an seinen Lippen. Zugegeben, ich klang nicht ganz überzeugt. Aber die Position im Wasser war alles andere als bequem, meine Haut begann sich langsam zu riffeln und das Wasser war mittlerweile kalt. Ich erhob mich langsam auf meine wackeligen Beine. Mit mehr Schwung als ich ihm zugetraut hätte kam er auf die Beine. Jetzt überragte er mich um mindestens zwei Kopflängen. Knurrte er etwa? “So haben wir nicht gewettet.” flüsterte er mir ins Gesicht, zwinkerte und stieg aus der Wanne, hielt mir dann eine Hand hin um mir zu helfen. Das Wasserchaos auf dem Boden ließen wir jedoch ungeachtet. Caleb hüllte mich in ein großes Handtuch, er selbst hatte bereits eines um die Hüften.

      Schneller als ich reagieren konnte hob er mich auf die Arme, trug mich hinauf in unser Stockwerk. Dieses Mal führte sein Weg in mein Zimmer. War er wohl neugierig?

      Als er mich auf dem Bett absetzte, schaute er schon ein wenig sparsam auf das dunkle Schaffell darauf. Ich nutze es schon eine ganze Weile fast ausschließlich als Kopfkissen. Wenn er erst sah was ich sonst noch in meinem Bett zu liegen hatte. Ohne Umschweife setzte er mich auf meinem Bett ab, setzte sich auf mich. Sein Spitzbübisches grinsen trieb mich halb in den Wahnsinn. Vielleicht hätten wir doch unten bleiben sollen. Er wollte spielen? Gut...das konnte ich auch.

      Augenblicklich begann ich meinen Widerstand einzustellen, bewegte mich nicht und reagierte nicht auf ihn. Belustigung entwich seinen Lippen, das Lachen kitzelte auf meiner wieder erhitzten Haut. Wir starrten uns also einfach in die Augen. “Einen Penny für deine Gedanken.” flüsterte er, ließ meine Handgelenke los und verschränkte seine Arme vor der Brust. Das erste das ich zu greifen bekam war das Schaffell, ich warf es nach ihm, holte aus und warf noch einmal damit. Gab jedoch keine Antwort auf seine Frage. Schon beim letzten Mal hatte er mich Wildkatze genannt. Ich hatte Kratzer und Bissstellen auf seiner Schulter hinterlassen. Jetzt war seine Aufmerksamkeit jedoch abgelenkt. Mein fort ziehen des Felles hatte offenbart was sich darunter befand. “Hast du immer eine Axt im Bett?” fragte er skeptisch, griff danach und besah sie sich, schien fast ein wenig verwundert als ihm klar wurde das sie scharf war. Ich zuckte mit den Schultern. “Fragt mich der Typ der mit einem Revolver auf dem Nachttisch schläft und mich am ersten Abend beinahe erschossen hätte.” Kälte an meinem Hals als die Schneide der Axt meine Kehle berührte. “Vielleicht sollte ich den Fehler nachholen?” Ungeachtet der Klinge an meiner Kehle richtete ich mich auf “Du hättest das verpasst.” säuselte ich. “Du scheinst Todeswünsche zu haben.” keuchte er. Was in Anbetracht der Axt an meiner Kehle vielleicht sogar stimmen mochte. Oh wenn er doch nur wüsste. Die Narben an meinem Arm waren gut verheilt...aber ich trug stets ein Messer bei mir. Vielleicht als Erinnerung daran das ich stets die Möglichkeit hätte mich erneut zu verletzten. Oder diente die Klinge dazu mich daran zu erinnern was ich in mir selbst besiegt hatte? Noch vor vier Jahren hatte ich meinem Leben nur zu gern ein Ende bereitet. Dann gab es keine weiteren Worte, als ich endgültig erneut alles über Bord warf und mich seinen Liebkosungen hingab.

      Anschließend stütze er sich auf einen Ellenbogen, ich drehte mich halb um ihn anzusehen, in wie weit das eben im Dämmerlicht ging. “Das war neu für dich,oder?” fragte er, strich mir die Haare aus dem Gesicht. Jetzt war ich äußerst Dankbar für die Dunkelheit, denn mir stieg sicherlich die röte ins Gesicht. Zum ersten Mal war mir meine unerfahrenheit peinlich. “Hätte ich es nicht gewollt, dann wäre ein Wort des Missfallens gefallen.” versicherte ich ihm. Was ihm ein hörbares, kleines Lachen entkommen ließ. “Schön das ich dich offenbar belustige.” murmelte ich an seine Brust gelehnt.

      Dann herrschte Stille in der ich seinen Blick einfach nur auf mir spürte, seine Hand strich sanft über die Narbe unter meiner rechten Brust. ich spürte wie empfindlich diese Stelle war. Trotz der Anstrengung des Tages, wollte sich keine Müdigkeit einstellen. Ich tastete über seine Brust, den Hals hinauf bis zu seinen Narben auf der rechten Gesichtshälfte. Manche mochten sie abschrecken, manch einer würde ihn für entstellt halten. Für mich jedoch zählte seine Aura, sein Charakter und er besaß etwas das mich in Flammen setzte und auch zur Ruhe kommen ließ. Das Schweigen mit ihm fühlte sich niemals beklemmend an. “Einen Penny für deine Gedanken.” wiederholte er die Phrase von vorhin. Ich schüttelte den Kopf. “Gut dann erzähl mir wieso du unsere Stunde verpasst hast.” “Ich hab bemerkt das du Ravn geritten bist. Dankeschön.” “Das beantwortet nicht meine Frage.” “Ich war auf einem Ausritt mit Gweny. Ich habe in den Hügeln einen kleinen Weiher gefunden. Nach einem Bad bin ich dort eingeschlafen. Falls du den Ort nicht schon kennst muss ich ihn dir unbedingt zeigen. Ich kann nicht in Worte fassen was in meinen Erinnerungen ist, zeigen kann ich sie dir auch nicht.” “In den Hügeln an einem Weiher eingeschlafen. Du bist eine ungewöhnliche Frau Ylvi Seidel.” bei seinen Worten blitzte ein Bild meiner Axt in meinen Gedanken auf. Caleb lachte nur leise. Er mochte Recht haben...ganz normal war ich noch nie gewesen. “Du bist ein ungewöhnlicher Mann Caleb O’Dell” flüsterte ich, zog seinen Kopf zu mir heran und küsste ihn auf den Mund. Lächelnd nahm ich wahr, wie ein bestimmter Teil seines Körpers auf den meinen reagierte. Das ging schnell. “Ylvi, warte...bevor wir wieder in der Situation gefangen sind.” war das ein leichtes hüsteln? “Du hast sicher Vorkehrungen für solche Fälle getroffen? Wir haben schon beim letzten Mal…” ich ahnte worauf er hinaus wollte, ließ ihn aber noch ein wenig zappeln. Verzog fragend mein Gesicht. “Haben was?” “Wir haben unzulänglicher weise auf den Gebrauch von Kondomen verzichtet.” meinte er nun in einem ernsten Ton. “Solltest du Gesund sein, dann gibt es nichts worüber wir uns Gedanken machen müssten.” ich spürte seinen Widerspruch förmlich, merkte wie er Luft holte. “Caleb..da ist nichts in meinem Körper in dem ein Kind existieren könnte. Die Ärzte mussten mir die Gebärmutter entfernen…” “Das tut mir Leid” “Muss es nicht.” “Für einen Moment hatte ich die Vorstellung einer kleineren Version von mir auf dem Hof zu begegnen.” “Hast du einen Kinderwunsch?” fragte ich fast ein wenig erschüttert. “Bis gerade eben hatte ich noch nicht in der Bredouille gestanden daran zu denken. Auf eine geeignete Frau dafür bin ich bisher nicht gestoßen.” er schien selbst von seinen Worten überrascht. Mein Herz klopfte bei seinen ehrlichen Worten, dass war schließlich nicht selbstverständlich. “Irgendwann. irgendwann.” murmelte er vor sich her. Von ihm vielleicht unbemerkt hatte er mir damit eine Art Brett vor den Kopf geschlagen. Denn mit dieser Aussage fiel auch ich selbst in das Muster “nicht die richtige Frau”. Ich horchte tief in mich hinein, aber ich spürte dabei nichts. Keinen Schmerz. Für den Moment sollte ich einfach genießen was auch immer wir begonnen hatten. Ich hatte ohnehin darin keine Zukunft gesehen. Nicht einmal damit gerechnet überhaupt nochmal mit ihm im Bett zu landen. “Danke” sagte Caleb mit einem Mal. “Wofür?” “Deine Ehrlichkeit, du hättest auch Lügen können.” “Lügen sollten nicht zwischen einer Freundschaft stehen” so verqueer sie auch war,hängte ich in meinen Gedanken noch an. Plötzlich spürte ich wieder Calebs suchende Lippen auf den meinen. Die Schärfe und das fordernde das vorhin noch darin gelegen hatte war verschwunden. Wir ließen uns Zeit, denn wer hetzte uns schon?

      Es gab keine ernsten Worte mehr zwischen uns. Bevor wir einschliefen, legte er das Fell unter den Kopf, schob die Axt darunter und zog die Decke über uns. Mich verwirrte zwar das er nicht in sein eigenes Bett verschwand. Im Grunde jedoch hatte ich dies beim letzten Mal auch nicht. Sein Arm schlang sich um meine Hüfte, zog mich eng an sich. “Komm her” murmelte er, bevor der Schlaf uns beide fand. Wer wusste es...in all seiner Einsamkeit musste auch er von Zeit zu Zeit die Nähe eines anderen Menschen vermissen.


      Ich erwachte spät für meine Verhältnisse, Calebs Atem in meinem Nacken nahm ich deutlich wahr, seine Hand lag jedoch nicht mehr auf meiner Hüfte. Daher konnte ich mich leise aus dem Bett rollen, sah nochmal auf ihn hinab. Sah ihm gar nicht ähnlich so lang zu schlafen. Aber vielleicht war die Nacht auch für ihn anstrengend gewesen. Auf Zehenspitzen verließ ich das Zimmer um uns ein Frühstück zu bereiten. Dazu gehörten ein paar Toasts, mit Salat und Tomaten. Zwei starke Kaffee, denn auch Caleb pflegte ihn so zu trinken. Es war bereits 9 Uhr als ich das Zimmer wieder betrat. Caleb hatte es geschafft die Decke halb aus dem Bett zu befördern, lag quer im Bett, seine Kehrseite in meiner Richtung und der Kopf schien beinahe aus dem Bett zu kippen. Ich stellte das Tablett auf den Fußboden, nahm mir eine der Tassen mit Kaffee und hielt sie ihm unter die Nase. Seine Augen flogen nicht direkt auf, aber die Nasenflügel begannen zu beben, dann öffnete sich eines seiner Augen und ein heiseres “Kaffee” kam ihm über die Lippen. Ich setzte mich auf den Rand, wartete bis er sich an die Wand am Kopfende gesetzt hatte. “Achtung, ist noch heiß. Sag mal...müsstest du nicht längst in den Ställen sein?” hakte ich nach, mein Blick ging dabei auf den Wecker des Nachttisches. Caleb folgte dem Wink, lehnte sich noch weiter an die Wand, trank genüsslich einen Schluck Kaffee. “Bellamy ist ein Arsch...ich würde sagen die nächsten Tage kann er die Ranch selber ein wenig managen. Ich mach eh ständig Überstunden.”

      Tage? Hatte ich mich da etwa verhört?



      Zwei Stunden später befanden wir uns auf der Straße, auf der Rückbank von Calebs Wagen lagen unsere zusammen gesammelten Utensilien. “Sag mal, verrätst du mir jetzt mal wieso wir mitten drin den Plan änderten und Gweny jetzt auf dem Hänger steht?” ich sah Caleb skeptisch an. Nach unserem Packen hatte sein Telefon geklingelt, plötzlich hatte er mich gefragt ob ich mir vorstellen könnte Gweny mitzunehmen. Zusammen mit dem Versprechen das ihr nichts passieren würde. Ich hatte kurz gezögert, dann die Schultern gezuckt und zugesagt.

      Wir hatten die Stute also auf den Hänger befördert, ein wenig des Futters eingepackt und anschließend hatten wir uns auf den Weg gemacht. “Wir werden einem guten Freund aushelfen. Er hat eine wichtige Veranstaltung, Leute sind ausgefallen die wir beide ersetzen werden.” “Das klingt allerdings nicht nach den freien Tagen die du haben wolltest.” das halbe Lachen dabei konnte ich nicht unterdrücken. Ich half natürlich gern aus. Wieso Lady Gweny allerdings hinten auf dem Hänger stand ging bei der Erklärung noch immer nicht ganz auf. Da er allerdings auch nicht drauf aus war mir die Frage zu beantworten beließ ich es vorerst dabei.

      Wir fuhren vorbei an endlosen kargen Wüstenfeldern, schließlich sah man links vom Highway eine Art Siedlung. Etwas weiter davon entfernt eine ganze Armada von geparkten Autos, deutlich auch Pferdehänger zu erkennen. “Aber wir besuchen jetzt kein Rodeo, ja?” ich sah Gweny schon als Bronko im Ring. Aus einem unerfindlichen Grund warf Caleb den Kopf schallend lachend in den Kopf, sein Hut rutschte ihm ins Gesicht. Wir fuhren hinab vom befestigten Highway auf eine Strecke die ich Gweny gern erspart hätte, es reihte sich Loch an Loch. Da ich Caleb jedoch vertraute blieb ich sogar fast Ruhig. Fast. Meine Fingernägel und die Halbmondförmigen Abdrücke auf meiner Handfläche sprachen eine andere Sprache. Als wir uns der Ansammlung von Menschen, Pferden und Autos jedoch immer weiter näherten, war ich vollauf damit beschäftigt dem ganzen zu zu schauen. Durch die geöffneten Fenster drang Musik an meine Ohren. Wobei Musik nicht das richtige Wort dafür war.

      Ich hörte das gleichmäßige Schlagen einer Trommel, kehlige Männerstimmen die etwas sungen. Es war ein urtümlicher Klang, aber er ließ mir die Haare auf meinen Armen stehen. Ich wusste um den Ursprung der Musik. Natives. Ich sah Caleb von der Seite begeistert an. Ich hatte in einem unserer Gespräche von meiner Faszination für die Kultur der Natives gesprochen. Sie ließen sich schwerlich in ein Volk zusammenschließen, gab es doch unter den verschiedenen Stämmen noch Unterteilungen. “Zu viel versprochen?” brummte Caleb belustigt. Ich schüttelte den Kopf, ahnte welchen Freund er meinte. “Lass mich raten, ich werde dem Typen aus der Cowboykneipe wieder treffen?” Caleb zwinkerte mir von der Seite zu.


      Innerhalb der nächsten Viertelstunde bekamen wir einen Platz zugewiesen, bauten eine kleine Umzäunung und luden Gweny aus dem Hänger. Ich war nebenbei immer mal wieder abgelenkt von den Ansagen aus Lautsprechern, der Musik und den vielen Menschen in traditioneller Kleidung. Sogar kleinste Kinder trugen aufwendige Kleider mit Fransen aus Tierfellen, geschmückt mit Federn. “Komm suchen wir Louis, den hier zu finden wird eine Weile dauern.”

      Ich würde ja nicht behaupten das die Männer in ihren Kleidern alle gleich aussahen, definitiv nicht, aber ihre Gesichter unter all den Federn und der Bemalung zu erkennen - war schon eine Herausforderung. Caleb zog mich schließlich am Ellenbogen an einen Platz, in der Mitte standen, oder vielmehr tanzten Frauen mit wehenden Röcken, an denen kleine Metallrollen klimperten. Ihre Füße schienen den Boden kaum zu berühren. Ihre Bewegungen hatten etwas beruhigendes..und auch der Schlag der Trommel der sie begleitete war ruhiger als bei unserer Ankunft. Ich folgte Calebs wink, etwa 50 Schritt von uns entfernt saßen Männer um eine riesige Trommel, ihre Gesichter verzogen vom hohen Singen. Frauen die um sie herum saßen trällerten in ebenso hohen Tönen. Mir lief dabei ein Schauer über den Rücken. Caleb kam mir nahe damit ich über dem Lärm seine Stimme hören könnte. “Siehst du den Typen im roten Shirt? Das ist Louis. Er ist Oglala, besser bekannt als…” “Lakota” antwortete ich ihm. Caleb schien ein wenig überrrascht. “Sind wir hier also auf einer Powwow?” fragte ich gerade heraus. “Nicht ganz..oder viel mehr, nicht nur. Das eigentliche Event ist das Indian Relay an diesem Wochenende.” An den Schultern schob mich Caleb durch die Menge hindurch, vorbei an den Trommlern. Offensichtlich würde Louis noch eine Weile beschäftigt werden. Nach dem Tanzplatz sah ich mich plötzlich einer riesigen Herde von Pferden entgegen...anders als Gweny nicht etwa eingezäunt. Sie standen einfach zwischen den Autos, den Trailern. Auf einigen von ihnen saßen abgerissene Gestalten, Kinder, kaum eines sehr viel älter als 10 Jahre. Wie viele Pferde ich hier sah vermochte ich nicht zu sagen, bei 40 hörte ich auf zu zählen. Viele hatten etwa die Größe der mir mittlerweile bekannten Quarter, waren allerdings größtenteils vollkommen bunt, daher mussten es eher Paints sein. Oder aber Mixe aus was auch immer. Andere allerdings, das sagte mir ihr Körperbau deutlich - Vollblüter wie auch Gweny. “Ich sehe du hast eine vage Ahnung was hier außerdem passiert?” “Pferderennen?” stellte ich halb fragend fest. Mich wunderte allerdings das die Pferde so vollkommen frei hier in der Gegend rum standen. Einerseits war es auch schön, sie alle bildeten eine einzige große Herde. Für einen kurzen Augenblick blitzte in meinem Hinterkopf das Bild von hohen Zelten und alten Zeiten auf. Unwillkürlich entwich sich mir ein trauriges Seufzen. Ich hatte nie zu diesem Volk gehört, doch seit je her hatte ich eine Verbundenheit verspürt...und Trauer über all das was in ihrer Vergangenheit geschehen war. Seuchen, Massaker, die vollkommene Auslöschung von ganzen Familien. Von einst großen Nationen blieben nur Fetzen übrig, getrieben in Prostitution, Alkohol und Drogen...Jugendliche ohne Perspektive. Dennoch gab es auch unter ihnen Menschen die sich nicht in den Boden stampfen ließen. Diese waren hier versammelt, sie ließen für die folgenden Generationen aufleben was einst verloren ging. Verräterisch begann meine Nase zu kribbeln, wie immer wenn ich daran dachte. Sie fanden ihren eigenen Stolz wieder. Plötzlich spürte ich eine Hand an meiner Wange. “Ylvi, komm zurück zu mir.” flüsterte Caleb. Ich hatte in meinen Gedanken gar nicht mitbekommen wie er vor mich getreten war. “Tut mir Leid. Was hast du gesagt?” “Gar nichts...du schienst weit fort.” “Passiert mir von Zeit zu Zeit.” “Er überging diese Bemerkung. “Aber du hattest Recht. Das Indian Relay ist ein Pferderennen. Louis nimmt seit einigen Jahren daran teil, im letzten Jahr hab ich ihm zum ersten Mal geholfen. Eines seiner Pferde brach sich vor einiger Zeit das Bein. Jedes Pferd wird eine Runde geritten, dann wechselt der Reiter auf das nächste insgesamt zweimal. Gweny soll also das dritte Pferd aus seinem Team ersetzen. Und wir gehen ihm während des Rennens zur Hand.” “Und warum hast du dann nicht Octavia nach einem ihrer Pferde gefragt?” “Glaubst du wirklich sie hätte mir eins ihrer renommierten Pferden überlassen?” “Bitte? Das klingt als sei Gweny weniger wert!” Ich war schon ein wenig angekratzt. Da schleppte er mit mir Gweny in den Hänger, erzählte mir nicht wofür und nun sollte sie in einem Rennen starten. “Das hab ich so nicht gemeint. Octavia sorgt sich zu sehr um ihre edlen Renner.” “Ach und mir ist Gweny egal?” ich verschränkte die Arme vor der Brust, rückte ein wenig ab. Hatte er auch keinerlei Einwände gehofft, weil wir im Bett gewesen waren? Ich spürte eine Wut in mir. Wieso hatte ich mich auf die freien Tage eingelassen? Caleb sog scharf die Luft ein, seine Finger ballten sich zur Faust. “Warte, halt. Hör mir zu.” er sah mich direkt an, also nickte ich. “Octavia hätte mir für sowas hier ihre Pferde erstens nicht anvertraut. Ich hätte betteln müssen, wäre ihr etwas schuldig gewesen. Und ich denke wir kennen uns mittlerweile gut genug um zu wissen das ich so etwas nicht mag. Louis Pferd brach sich nicht beim Rennen das Bein. Die Pferde hier werden mit Ehren behandelt. Hast du jemals gesehen das die Rennpferde irgendwo frei rum liefen?” damit deutete er nach rechts, wo sich die Leiber der Pferde über die Prärie bewegten während sie fraßen. “Du hättest mir trotzdem sagen können was du vor hast.” meinte ich trotzig. “Ich habe gesagt du sollst mir vertrauen in dieser Sache. Ohne Vertrauen hättest du Gweny niemals auf den Hänger geladen. Zweifelst du jetzt an meinem Urteil?” Spielte er jetzt etwa auf meine Kontrollsucht an? Das war!...das. Ich resignierte. Ertappt. Er schien an meiner Mimik alles zu lesen, denn plötzlich lachte er. “Du bist ein Arsch.” ich boxte ihm so hart ich konnte gegen die Schulter. “Ich weiß.” feixte Caleb.


      Eine Stunde später schienen sich die Tänze ihrem Ende zu nähern, nun erklang Musik aus diversen Lautsprechern nur wenige sangen. Und Louis kam auf uns zu, denn Caleb hatte sich ihm schon bemerkbar gemacht. Louis schien mich zunächst gar nicht für voll zu nehmen als Caleb und er sich begrüßten. Ich fragte mich ob die beiden sich wohl aus Rodeo Zeiten kannten?

      Erst als Caleb mich vorstellte gab auch Louis mir die Hand. Er trug wie schon beim letzten Mal die Haare geflochten in einem Zopf, auf dem Kopf war ein Basecap das ihn vor der Sonne schützte. Seine Stimme war rauh, allerdings sprach ich das dem hohen Gesang zu. Seine Gesichtszüge wirkten hart, seine Augen jedoch strahlten. “Dann bist du also diejenige die mir ermöglicht am Rennen doch zu starten.” stellte er fest. “Sieht so aus.” “Ich möchte das Pferd sehen das mich durch das Rennen führt. Wo ist es?” ich war ein wenig erschrocken, es klang nicht nach einer Frage, sehr viel mehr nach einem Befehl. Da ich allerdings nichts einzuwenden hatte, deutete ich in die Entgegengesetzte Richtung in die Louis schaute. “Sie steht bei uns am Trailer.”

      Auf dem Weg zu Gweny schwiegen wir hauptsächlich, als er sie schließlich sah blieb er stehen. Sein Kopf legte sich schief, Pferd und zukünftiger Reiter musterten sich. Leise Worte murmelnd ging er auf meine Stute zu, strich ihr über die Nüster. Unbeirrt öffnete er das “Gatter”. Als ich dazwischen gehen wollte hielt mich Caleb zurück. Gweny war neugierig, etwas schüchtern, ließ sich von Louis anfassen. Unvermittelt griff er nach ihrem Mähnenkamm und mit Leichtigkeit sprang er auf das Pferd. Sie erschrak ein wenig, aber er beließ seine Hand auf ihren Hals, lobte sie als sie sich beruhigte. Es war nichts magisches an dem Moment, er nutzte nur all sein Einfühlungsvermögen und seine Erfahrung mit Pferden. Die eigene Ruhe strahlte auf meine Scheckstute ab. Er hielt locker ihren Mähnenansatz, legte die Beine an ihren Körper und im Schritt lief sie los. Ich hatte einige Sorge, sie trug immerhin überhaupt gar kein Zaumzeug. Louis saß sicher auf ihrem Rücken, auch als er sie zwischen den Menschen antraben ließ. “Sei nicht so unruhig. Wo soll sie denn hier hin rennen? Im Zweifelsfall rast sie zur Herde. “ Als habe er es geahnt. Kurz hinter der Grenze aus Autos ließ Louis Gweny angaloppieren. Sie preschte nicht über die Ebene, bekam aber doch ein wahnsinniges Tempo. Der Lakota saß wie angeklebt, während ich doch ziemlich mit Schnappatmung zu kämpfen hatte. Denn er hieß sie noch schneller zu laufen. Auf die Entfernung konnte ich sie kurz zwischen den Autos hindurch sehen, Gweny streckte sich...schließlich hatte sie zumindest einige Rennen auf der Rennbahn bestritten in jüngeren Jahren. Ich huschte durch die Autos um sie besser sehen zu können, Caleb auf meinen Fersen. “Das war eine blöde Idee.” murmelte ich zu mir selbst. In meinem Kopf ging es derweil eher: Shit! Shit! Shit! Shit! Shit! Shit! Denn sie waren gar nicht mehr zu sehen.

      Ich starrte auf die Kurve in dessen Richtung mein Pferd plus Reiter verschwunden war. Keine Ahnung wie lang. Dann sah ich eine Bewegung. Da waren sie...im Trab kamen sie wieder auf uns zu. War ich baff? Vielleicht, ein bisschen. Und der Lakota lachte! “Du bist fast so weiß wie dein Pony.” stellte er fest, ließ sich von ihrem Rücken rutschen, wurde ernster. “Sie ist ein gutes Pferd, es ist mir eine Ehre sie im Rennen zu reiten. Sie ist schnell! Vielleicht behalte ich sie.” feixte er, zwinkerte. “Lass sie laufen, sie wird sich an die Herde wenden, die Pferde bleiben immer in der Gegend.” Ich hob die Arme, wollte einwenden..und beließ es dann dabei. Den anderen Pferden schien das ganze ja auch nicht zu stören. Also führten wir sie gemeinsam durch die Menge, einen Strick locker um ihren Hals. Sie hob neugierig die Ohren als sie die vielen Pferde sah, wieherte laut, tänzelte ein wenig. Sobald ich den Strick öffnete galoppierte zu den anderen, die jedoch kaum eine Notiz von ihr zu nehmen schienen. Einige wenige hoben den Kopf, beschnupperten Gweny, dann fraßen sie unbekümmert weiter. Louis stieß einen leisen Pfiff aus. Aus der Menge an Pferden schälte sich ein hübscher Rappe, auch ein Vollblut. Auf den Fersen des Rappen folgte ein Fuchsfarbenes Pferd..und deutlich kleiner ein geschecktes. Freundlich begrüßte er alle von ihnen, deutete auf den Rappen. “Das ist Sunka. Das bedeutet Hund...ich habe ihn seitdem er ein Fohlen ist, er folgte mir wie ein Hund, daher gab ich ihm diesen Namen. Seine bessere Hälfte ist Zinkala-win - Vogelmädchen. Sie rennt mit den Vögeln um die Wette.” Dann klopfte er dem Schecken auf die Schulter, strich seine Mähne entlang. “Und das hier ist Inyan..als ich noch Rancharbeiter war, hat er mir gute Dienste geleistet. Seit dem letzten Jahr ist er allerdings eher nur eine Begleitung für meine Rennpferde.” Meine Aufmerksamkeit lag auf dem Rappschecken, der mit klaren Augen neugierig in die Gegend blickte. Seine Nase hatte hatte eine breite Blesse auf der lauter Punkte verteilt waren. “Inyan? Sag mal...bedeutet das nicht Fels...oder Stein?” fragte ich, tippte auf die Nase des Wallachs. Louis sah Caleb erstaunt an. “Sie kennt unsere Sprache?” Caleb zuckte die Schultern. “Einige der Legenden der Lakota, einzelne Worte..ich habe mich den First Nations schon immer verbunden gefühlt.” beichtete ich Louis. “Wer weiß...vielleicht bist du eine wiedergeborene Schwester unseres Volkes.” sagte er ernst, aber freundlich. Die Lakota glaubten an das Konzept der Wiedergeburt, sie waren natürlich nicht der einzige Stamm der diesem Konzept folgte, aber der mir bekannteste. Den Gedanken fand ich toll. Wer wusste es schon? Vielleicht war ich tatsächlich einmal eine Lakota gewesen. Das würde zumindest meine seelische Verbundenheit mit ihnen erklären.


      In den nächsten Stunden lernte ich Louis Familie kennen, Schwestern, Cousinen. Mir schwirrte der Kopf voller Namen die ich mir unmöglich merken konnte. Wir wurden ohne Umschweife zum Essen eingeladen. Da ich sinnloses Herumsitzen nicht mag, half ich dabei die Suppe vorzubereiten. Mit einer von Louis Cousinen holte ich Wasser, schnippelte Kartoffeln. Die Männer beteiligten sich dabei nicht, die Frauen sprachen nicht wirklich mit mir. Fast schien es als würden sie mich schneiden. Mehr als Anweisungen bekam ich nicht zu hören. Daher verhielt ich mich einfach ruhig, lauschte den Gesprächen der Frauen, genoss die Gesellschaft. Es war nicht so chaotisch wie es manchmal zu Tisch auf der Ranch zuging. Manchmal spähte ich hinüber zu Caleb und Louis, Gesprächsfetzen kamen manchmal an meine Ohren. Zum Ende nahm ich drei Schüsseln trug sie hinüber, reichte erst Louis anschließend Caleb eine und setzte mich im Schneidersitz auf den Boden. Caleb rückte auf dem Baumstamm ein wenig beiseite “Willst du hier mit her?” ich schüttelte den Kopf, nahm einen vorsichtigen Löffel und ließ das Stück Fleisch wieder zurück fallen. Verdammt war das heiß! Ich presste meine Hand auf die Lippen. “Ich sitz gern auf dem Boden.” meinte ich danach knapp. Während des Essens schwiegen wir größtenteils, mein Blick war gerichtet auf die Flammen des großen Feuers. Überall um uns herum brannten Feuer. Von außen, geschaut quer über die Ebene musste das ein schönes Bild abgeben. Neben mich setzte sich ein junges Mädchen, sicherlich nur ein oder zwei Jahre jünger. “Danke für deine Hilfe vorhin. Wir Lakota mögen Frauen die mit anpacken. Sei nicht abgeschreckt von meinen Verwandten...Fremde werden eine Weile einfach komisch beäugt. Man überfällt Gäste außerdem nicht mit Fragen. Manche der Alten sind noch sehr traditionell. Mein Name ist Lilly.” schwatzte sie fröhlich los.

      Wir unterhielten uns eine ganze Weile, vornehmlich war ich diejenige die Fragen beantwortete, die mir Lilly stellte. Aha, man überfiel Gäste also nicht mit Fragen? Woher ich kam. Was mich her führte. Als sie erfuhr, dass mir das Pferd gehörte welches ihr Bruder ritt wurde sie ernster. “Du hilfst ihm damit wirklich, er hatte nicht das Geld um sich ein Pferd für die Rennen zu kaufen. Dabei ist das sein Leben. Es ist gut das er darin seine Passion gefunden hat. Es hält ihn fern von den Drogen...und dem Alkohol. Er hat wieder eine Perspektive.” die Probleme die die First Nations innerhalb des Landes hatten waren mir nicht unbekannt. Ich sprach es aber nicht weiter an. Wozu auch?


      Es wurde spät an dieser Nacht, nach und nach verabschiedeten sich die Leute voneinander, wünschten sich gute Nacht und Stille legte sich über das gesamte Camp. Da Caleb noch mit Louis sprach, schlich ich mich davon um zu den Pferden zu gehen. Ich war neugierig.

      Ich ging einfach hinein in die Masse aus Leibern, spürte ihren Atem auf mir wenn sie nach mir schnupperten. Das stetige Mahlen ihrer Zähne. Über uns erstreckte sich ein Sternenreicher Himmel. Ich kam an einem Pferd vorbei, auf ihm, saß...oder vielmehr lag ein Jugendlicher, die offensichtlich auf die Pferde aufpassten. Als er mich sah,oder hörte richtete sich die Gestalt auf, grüßte mich. Offensichtlich stellte ich keine Gefahr dar. Ich staunte wie viel ich in der Dunkelheit dann doch erkennen konnte. Ich suchte in der Menge an Leibern nach dem gescheckten Körper von Gweny. Vielleicht sollte ich meinen Ponys auch beibringen auf Kommando zu kommen. Bei Fylgia hätte das jetzt vielleicht funktioniert. Allerdings gehörte mir Gweny noch nicht allzu lange. Allerdings stand mir plötzlich ein ganz bestimmtes Pony vor der Nase, Inyan, ich erkannte ihn an dem Nasenabzeichen. “Na du?” ich strich ihm über die gepunktete Blesse. Freundlich kam er näher, ließ sich begeistert hinter den Ohren kraulen. Ich war nicht wirklich weit gekommen, blieb aber eine ganze Weile einfach hier stehen und nahm die Ruhe der Pferde in mich auf. Der Tag war aufregend gewesen, mein Geist unfassbar aufgewühlt. So würde ich keinen Schlaf finden. Erst eine ganze Weile später kam ich wieder aus der Menge heraus. Nur noch Louis saß am Feuer, blickte auf als ich kam. “Caleb dachte du seist schlafen gegangen. Er ist erst vor ein paar Minuten los.” meinte er als ich mich suchend umsah. “Danke...und gute Nacht.” meinte ich offenherzig. Dann suchte ich mir meinen Weg zum Wagen von Caleb auf dessen Ladefläche wir eine Art Zeltkonstruktion errichtet hatten, darin konnten wir gut schlafen. Natürlich hätte ich irgendwie einen eigenen Schlafplatz bevorzugt. Ich gewöhnte mich sonst noch an Caleb. Das wäre fatal. Caleb kam mir entgegen “Ylvi!” es klang harsch. Huch? “Ich dachte schon du bist mit jemand anderem verschwunden.” schwang da etwa Sorge in den Worten mit. Ich zog mir ein zu langes Shirt über, eine Hotpen und schlüpfte auf dem Bett in den Schlafsack den Caleb mir gegeben hatte. Die Nächte konnten durchaus kalt hier werden. Caleb ließ sich ebenso erschöpft in der anderen Ecke nieder. Nicht weit nachdem mein Kopf das Kissen berührt hatte fand ich in den Schlaf, in Erwartung der nächsten Tage.
    • Ravenna
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      Rabbit Dance und Indian Relay | Ravenna | 32361 Zeichen
      Der nächste Morgen begann früh, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit trank ich den Kaffee ohne Milch, auch wenn man in das Gesöff von Caleb wirklich den Löffel hätte stecken lassen können. Mit der heißen Alutasse bewegten wir uns in Richting des Lagers der Familie Kills-Bears zu der Lilly und Louis gehörten. “Gosh, ist das Zucker?” wandte ich meine Frage an Lilly, die ein Säckchen in der Hand hielt. Sie nickte und reichte mir das begehrte Gut und ich pimpte den Kaffee ein wenig. “Calebs Kaffee ist schrecklich” wisperte ich, Lilly kicherte und hielt sich die Hand vor den Mund. Um uns herum begann nun allmählich geschäftiges treiben. Louis hatte sich bereits Teile seiner Regalia angezogen - die ich am Abend unzulänglicherweise als Kostüm bezeichnet hatte. Neugierig streckte ich meine Hand nach den Federn am Roach aus, die er auf der Bank abgelegt hatte. Schneller als ich es registrieren konnte, schlug er meine Hand beiseite, der Ausdruck seiner Augen hatte etwas wütendes. Ein ernstes “Don´t touch.” war zu hören. Der plötzliche Ausbruch irritierte mich sehends, seine Züge wurden sanfter. “Niemand berührt die Regalia eines anderen...nicht aus Neugier. Sie hat eine Seele, sie repräsentiert wer ich bin. Ich bete und reinige mich bevor ich die Regalia anlege. Verstehst du das?” ich nickte. Wenn ich mich auch ein wenig fühlte wie ein gebranntes Kind, allerdings würde ich es auch nicht mögen, wenn jemand die Utensilien auf meinem Altar berühren würde.

      Zunächst würden einige Tänze stattfinden, offensichtlich würden sowohl Louis als auch seine Schwester Lilly daran teilnehmen. Lilly trug ein Kleid das sie mir als Jinglekleid vorstellte. Bewegte sie sich in leichten kleinen Sprüngen über den Boden, so schlugen die Jiingle aneinander und ergaben einen schönen Klang. Caleb und ich standen etwas neben diesem Event, also ließ ich mir von ihm erklären was unsere Aufgabe beim Rennen später sein würde.

      Gestartet wurde mit dem ersten Pferd, während Helfer - wir in dem Falle - bereits die nächsten zwei Pferde bereit halten würden. Der Reiter käme nach der ersten Runde, sprang förmlich vom noch rennenden Pferd, sprang auf das nächste und setzte das Rennen fort. Caleb wollte also das Pferd einfangen, während ich das Pferd hielt auf welches er als nächstes springen würde. Am Abend hatten die beiden bereits besprochen das Gweny als letztes Pferd starten würde. Zinkala-win würde den Anfang machen, gefolgt von Sunka. Ich hätte im Stress zwar eher Gweny an den Anfang getan, aber Caleb hatte schon Recht. Die Anspannung würde Gweny vielleicht zu höchstleistungen verführen. Sie war natürlich nichts im Vergleich zu O’s Rennpferden, aber sie war gut in Form. Besser als Sunka oder Zinkala-win. Einige der Renner hier sahen sogar noch etwas weniger gut aus...ihre Rippen stachen heraus. Diese Leute liebten ihre Pferde, steckten oft genug ihr letztes Geld in die Pferde, obwohl sie selbst Schwierigkeiten hatten ihre Familie zu versorgen. Allerdings waren die Winter hart, die Sommer hier karg...für einen Vollblüter körperlich anstrengend. Das machte sie zäh, allerdings auf kurzen Distanzen nicht schnell genug. Nicht so schnell wie Gweny werden konnte. Rein logisch zumindest. Caleb bestätigte mir diese Vermutung auf meine Nachfrage. “Oft gehören einer ganzen Familie die Pferde. Louis hat mit dem Restaurant das er betreibt eine gute lokale Einnahmequelle. Die Leute von der Rez haben oft noch sehr viel weniger. Aber das Indian Relay ist Teil ihres Lebens...auf eine Art versetzen sie sich zurück in die Zeit der alten Krieger. Es ist nicht ungefährlich von einem noch rennenden Pferd zu springen.” Ich hatte dazu nichts zu sagen.

      Wenig später beobachteten wir den Einlauf in den Kreis der frei gemacht worden war für die Tänzer, Lilly hatte mir am Vorabend ergänzend zu dem was ich bereits über eine Powwow wusste erklärt das es verschiedene Klassen gab in denen die Tänzer gegeneinander antraten. Lilly selbst würde mit ihren Cousinen an einem Teamjiingle teilnehmen. Louis war ein grass dancer, jemand der im Tanz die Geschichte seiner Ahnen erzählte. Nach dem Great Entry stand ich mit glitzernden Augen am Rand, neben mir stand Louis während wir auf den Jiingle von Lilly schauten. “Faszinierend...ergreifend...so ganz kann ich gar nicht in Worte fassen was ich fühle.” hörte ich meine Worte. Louis legte wieder diesen Ernst an den Tag. “Wenn diese Trommel schlägt ist es als würde mein Herz schlagen. Ich fühle mich stark, im Tanz spüre ich all meine Ahnen hinter mir. Die Vergangenheit ist bei mir wenn ich tanze.” Mir standen die Haare auf den Armen. Fast sehnte ich mich nach so einer Geschichte...ich selbst konnte meine Familie nur bis zu meiner Oma zurück verfolgen. Es hatte sich nie jemand darum gekümmert das Wissen zu bewahren und mit mir würde die Linie wohl auch enden. Traurig, wenn man es bedachte.


      Ergriffen sah ich dem Tanz der grass dancers zu...obwohl jeder für sich schienen sie trotzdem ein ganzes zu sein, bewegten sich zum immer gleichen Klang der Trommel. Und wie Louis gesagt hatte, schien sich mein Herz dem Schlag der Trommel angepasst zu haben. Es gab eine Ansage, durch meine Nähe zu dem Sängern kam das ganze Wortgeflecht allerdings nicht an meine Ohren. Dann zog mich Caleb mit auf die Füße, die Tänzer holten andere mit auf die Tanzfläche. Aha...eines der Intertribals also. Einer der Tänze an dem alle tanzten. Wir bemühten uns den Takt der anderen zu treffen, doch so ganz gelang es uns nicht, daher suchten wir schnell das weite. “Sieht immer einfacher aus.” lachte Caleb. Als ich mich jedoch wieder hinsetzen wollte, griff eine hand nach mir. Ich sah Louis, der mich zurück zog. Es bildete sich ein Kreis aus Paaren, die sich an den Händen fassten, die Männer draußen. Ich wusste nicht was zu tun, sah mich um und überhörte fast Louis Weisungen. “Es ist ganz einfach, zwei Schritte vor, einen zurück.” Es brauchte eine halbe Runde bis ich in den Rhythmus fand, dann jedoch bewegte sich der gesamte Kreis als eine Einheit. Louis lächelte mich an. Noch als wir wieder zurück gingen, hielt er meine Hand. Unbewusst löste ich mich von ihm.

      Ich sah Blicke von Frauen...das schiefe Grinsen der Freunde von Louis. Jetzt war ich verwirrt. Louis verschwand und ließ mich allein. Lilly war nicht hier und irgendwie schien auch Caleb in der Masse verschwunden.

      Als ich Louis wieder sah trug er normale Kleidung, während ich dem Teamdance beigewohnt hatte, noch ein oder zwei Intertribals tanzte und gegen frühen Nachmittag war der ganze Trubel vorbei. Die Wettkämpfe wurden ausgewertet, erst am Abend würde die Ehrung der Sieger stattfinden. Ich war gerade dabei mir einen für meinen Geschmack viel zu aufdringlichen Native vom Leib zu halten. “Komm mit mir hinter den Trailer, ich bin ein Nachfahre von Crazy Horse.” lallte er, griff nach meinem Haar. “Meines Wissens nach hatte der doch gar keine Nachfahren?” BAM! Allerdings ließ er sich davon nicht wirklich aus der Reihe werfen. Stattdessen kam er mir noch näher. “Ist es nicht das womit man euch Weiße ködert?” dabei sprach er Weiße aus als sei es eine Krankheit. Ich hatte allerdings keine Zeit zu reagieren, der Typ verschwand aus meinem Blickfeld. Ich hörte einen stumpfen Schlag..und sowohl ich als auch Louis der gerade auf mich zu kam riefen Calebs Namen. Der dem Native gerade einen Kinnhaken verpasst hatte. Ich ging dazwischen, meine Hand auf Calebs Brust...Louis brachte den angetrunkenen aus dem Weg. “Caleb!” zischte ich eindringlich. “Dieser Sack.” knurrte der nur..sollte er wieder auf ihn zugehen, dann hätte ich schlechte Karten. Seine Hände waren noch zu Fäusten geballt. “Alles in Ordnung? Der ist betrunken...dabei ist Alkohol auf solchen Veranstaltungen verboten.” kam es von Louis, der sah das Caleb noch ziemlich on edge war. “Hey Mann, ist doch alles gut gegangen.” Caleb funkelte Louis an. “Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Das war doch fast wie eine Einladung!” zischte er. Und ich stand neben den beiden, nicht wissend was das eigentlich zu bedeuten hatte. Louis Blick huschte zur Seite, zu mir, ein diebisches funkeln auf den Augen. “Du hast keine Ansprüche auf sie.” Huh? “Hallo. Ich steh hier noch neben euch, ja ?” “Ach..” schnappte Caleb, drehte bei und verschwand in der Masse. Louis lachte. “Hast du vielleicht den Anstand mir zu erklären was los ist?”

      “Rabbit Dance.” noch immer Lachend...ich übersetzte mir das ganze, aber selbst im Deutschen machte das keinen Sinn. “Ein Tanz für Paare...oder solche die es werden wollen.” “Aha, bekundet man so bei euch also Interesse am anderen?” ich fühlte mich ein wenig hintergangen. “Und was hat Caleb jetzt?” “Ich denke er hat ein Problem damit das ich dich jetzt interessant für einige der Junggesellen hier gemacht habe. Bisher dachten sie sicher du gehörst zu Caleb.” Männer. “Für mich war das nur ein Tanz...wie die anderen auch.” Doch Louis Selbstbewusstsein schien das nicht zu trüben. “Wir werden sehen. Kommst du mit die Pferde füttern?” “Na ich denke ich hab erstmal nichts zu tun.” Caleb sollte sich ruhig erstmal abkühlen. Womit auch immer. Der Umgang mit Louis war allerdings nun ein wenig steif. Was sollte ich jetzt mit ihm anfangen? Da er jedoch keine Annäherungsversuche unternahm während wir die Pferde versorgten, verdrängte ich das ganze schnell wieder. Gweny schien sich hier großartig zu fühlen, ihr Müsli fraß sie brav auf. Ich streichelte sie derweil. “Es tut mir Leid.” kam es schließlich unerwartet von Louis. “Ich wusste was der Rabbit C´Dance bedeuten würde. Ich habe nicht gewusst das du..” “das ich?” “Du und Caleb?” ich schüttelte den Kopf. “Das ist kompliziert...wir sind zusammen und doch nur befreundet.” “Das ist verwirrend.” “So fühlen wir uns beide wohl.” Louis zuckte mit den Schultern “Nenn es wie du willst. Ich hoffe nur du kommst gut aus der Sache heraus. Sieh den Tanz als Teil meines Dankes. Es liegt mir viel daran deine Stute reiten zu dürfen.” “Krieg ich sie denn wieder?” scherzte ich. Louis schwarze Augen huschten zu mir, dann schwang er sich auf Sunka, den Strick von Gwenys Halfter in der Hand. “Vielleicht raube ich sie dir?” “Dann fürchte ich müsste ich versuchen sie dir zurück zu stehlen.” “Ha! Eine Waschitschu wie du?” “Ich denke ich hätte da so meine Methoden.” Ich stand zwischen ihm und Gweny, er hatte Sunka an mich gedrängt. Also ließ ich meine Hand ganz ungeniert seinen Oberschenkel hinauf wandern. Seine Augen funkelten von dieser Belustigung, die sie nie ganz zu verlieren schienen. “Honch! Das wäre ein Coup, die Frau meines Freundes in die Felle zu locken.” immer dieser Erwiderung auf meine Worte, aber er hatte es geschafft mich zum Lachen zu bringen. Daher befreite ich Gweny kurzerhand einfach von ihrem Halfter, griff in ihre Mähne und führte sie fort von Louis. Dieser folgte mir mit Sunka ohne weiteres. “Ich kann warten.” damit setzte er seine Stute in Bewegung und galoppierte schnell, aber gesittet zur großen Herde. Gweny preschte ihr hinterher...gefolgt von Zinkala-Win. Auch Inyan folgte denen, wenn auch nicht ganz so euphorisch wie die anderen. Im gemächlichen Trab, folgte er seinen Damen. Da ich nicht vor hatte zurück zu bleiben stellte ich mich dem Pferd in den Weg, griff im Joggen nach seiner Mähne und war Dankbar für 4 Jahre Volti. Ohne mich auf die Nase zu packen , landete ich sicher auf dem Rücken des Schecken, trieb ihm leicht meine Schenkel in den Bauch und auch Inyan galoppierte. Louis sah zurück, sah mich auf dem Pferd und stieß einen Kriegsschrei aus (zumindest interpretierte ich ihn als diesen). Mit einer Hand, ließ er Sunka einen kleinen Kreis galoppieren, ehe er sie wieder davon preschen ließ. Angeber. Aber ich beugte mich dicht über den Hals von Inyan, der immer schneller seinem Herren folgte. Normalerweise benötigte ich einige Zeit um mich an ein Pferd zu gewöhnen, allerdings fühlte ich mich auf dem Schecken sofort gut aufgehoben. In Sicht der Herde parierte der Wallach von selbst durch, sein Trab war angenehm zu sitzen. Im Schritt gesellte sich der Native wieder an meine Seite. “Du bist mutig. Inyan ist eigen was seine Reiter angeht...ich habe schon den ein oder anderen von ihm fliegen sehen.” “Er eifert wohl seinem Herren hinterher.” die Bemerkung konnte ich mir nicht verkneifen, zwinkerte dem Native zu, der wieder lachte. “Morgen ist das Rennen. Ich bin gespannt wie wir uns schlagen.” wechselte Louis ohne Umschweife das Thema. “Wir werden sehen.”


      Am zweiten Abend lief es beinahe so ab wie am ersten, mit dem Unterschied das sich Caleb nirgends blicken ließ. Daher hielt ich mich an Lilly, die mir die Sache mit dem Rabbit Dance erklärte. Ich bat sie außerdem mich ein wenig vorzuwarnen. “Ich kann ja nicht alles Wissen, sonst springe ich noch mit Anlauf in andere Fettnäpfchen.” Lilly nahm die Hand vor den Mund und kicherte, bevor sie sich wieder sittsam der Arbeit am Feuer widmete. “Hast du Caleb gesehen?” fragte ich Louis am fortgeschrittenen Abend. Dieser wechselte einen Blick mit seinem Cousin, der etwas in Lakota sagte, dann schüttelte Louis den Kopf. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl er sagte mir die Wahrheit.

      Wenig später hielten nur noch Streichhölzer meine Lider oben, also verabschiedete ich mich von den anderen. Schließlich folgte mir Louis. “Ich bring dich besser zum Wagen.” sprach er eindringlich. Ohne Worte lief er neben mir her. Am Wagen war es still, Caleb schien nicht dort. War mir auch eigentlich auch egal. “Schlaf gut” dann spürte ich Louis Lippen auf meiner Wange, als er mir einen Kuss dorthin hauchte. Ich murmelte ein Dankeschön, dann verzog ich mich in die Zeltkonstruktion. Was für ein Tag.

      Es war bereits spät in der Nacht als ich im Halbschlaf wahrnahm wie Caleb vorsichtig hinein kam, er schob meine Füße aus dem Weg, denn ich lag quer im Bett. Er trug kein Hemd. Ein süßlicher Duft ging von ihm aus..Parfüm. Er war an diesem Abend also nicht allein gewesen. Als er sich allerdings ins Bett legte, spürte ich seinen Blick auf mir, dann seinen Atem in meinem Gesicht als auch er mir einen Kuss auf die Wange hauchte. Sollte ich mich zu erkennen geben? Ich gab weiterhin vor den Schlaf der Seligen zu haben...dann breitete er eine Decke über uns, legte mir eine Hand um die Hüfte zog mich näher zu sich. Ich hoffe nur du kommst gut aus der Sache heraus. Louis Worte verfolgten mich in meine Träume.


      Ich fühlte mich am nächsten Morgen erschlagen, unruhige Träume hatten mich immer wieder aus dem Schlaf geweckt. “Alles in Ordnung? Du siehst fertig aus.” kam es von Caleb. “Interessiert dich das plötzlich, ja? Ich bin schließlich nicht gestern einfach abgehauen, nachdem ich wem auf die Fresse geschlagen hab.” es klang vorwurfsvoller als ich es beabsichtigt hätte. “Ich musste mich beruhigen. Der Arsch hat mich aufgeregt.” knurrte er, ich sah die Anspannung in seinem Gesicht. “Ich bin dir ja dankbar für deine Hilfe, aber musstest du ihm direkt ins Gesicht schlagen? Du bist den ganzen Abend nicht wieder aufgetaucht.” “Ich sagte doch ich hab mich abreagiert.” “Klar, in den Armen einer Frau funktioniert das ja auch wunderbar.” versuchte ich ihn aufzuziehen. “So denkst du von mir?” er wirkte fast ein wenig enttäuscht. “Sag du es mir.” “Ich war bei Freunden..ich kenne hier schließlich nicht nur Louis. Ich hab denen dabei geholfen den Typen vom Gelände zu befördern...Alkohol ist auf solchen Veranstaltungen verboten, er verstieß dagegen. Ich hab dich mit Louis gesehen...ich wollte ihm nicht im Weg sein. Er scheint etwas übrig zu haben für dich.” Ich knirschte mit den Zähnen, senkte den Blick. “Ich fürchte ich hab ihm gestern ein wenig den Wind aus den Segeln genommen.” “Du hast ihn abserviert?” Ich zuckte mit den Schultern. “Er ist ein ehrlicher Mensch...ich glaube nicht das er jemanden wie mich verdient hat. Das wäre unfair.” ich sah ihn an, er hatte sich während meiner Ausführung das Shirt ausgezogen, gegen ein neues ausgetauscht. “Was?” fragte ich verwirrt. “Ich hab vergessen wie ähnlich wir uns doch irgendwie sind. Das war einer der Gedanken die ich im Bezug zu Verena oft hatte.” es schien eine Wahrheit zu sein, die er selbst erst begriff. “Bereust du es?” jetzt zuckte Caleb die Schultern. “Das ist vergangen, meine Chance vertan. Ich seh selten zurück, ich kann es ja doch nicht ändern. Und zu deiner Frage. Hätte ich etwas intimes mit jemand anderem, dann sag ich dir das. Keine Lügen. Ich halte mich daran.” er beugte sich zu mir herüber, was in anbetracht der Enge nicht viel bedeutete. “Du auch?” ich nickte ihm zu. “Natürlich.” “Gut. Dann lass uns jetzt gehen. Du brauchst nen Kaffee und nach gestern hab ich bewiesen das ich keinen kochen kann.”


      Es war Lilly die mir den begehrten Kaffee in die Hand drückte, seltsamerweise hatte ich vor meinem Umzug nach New Mexico nie wirklich viel Kaffeee getrunken, gar keinen um ehrlich zu sein. Hier war es zur Gewohnheit geworden. “Danke” murmelte ich, lächelte Lilly an. Diese war emsig dabei auch Caleb und Louis mit Kaffee zu bereichern. “Heute ist also das große Rennen?” versuchte ich Louis in ein Gespräch zu verwickeln, aber der schien an diesem Morgen noch in seiner eigenen Welt zu stecken. “Was hat er denn?” fragte ich Lilly, die ihren Bruder kurz ansah, dann den Blick senkte. “Er spricht mit den Ahnen...er hofft auf einen Sieg. Mit dem Preisgeld könnte er sich ein drittes Pferd für die kommenden Rennen reiten. Schließlich hat er nicht immer Gweny zur Verfügung.” schloss sie grinsend. “Er hätte sie gern.” “In alten Zeiten hätte er sich ein solches Pferd einfach von euch Weißen geholt” meinte sie keck. Manchmal fragte ich mich ob einige der Natives vielleicht zu sehr der Vergangenheit anhingen. Oder lag das einfach daran, dass so vieles ihrer Tradition verloren gegangen war? “Die Geister werden die Beine seiner Tiere leiten.” flüsterte ich, zwinkerte ihr zu und hoffte tatsächlich darauf. Louis war ein guter Mann.


      Wie am Tag zuvor begleitete die Vorbereitung zum Rennen, viel Gesang, Tänze und Frauen in ihrer Regalia. Caleb, Louis und ich machten jeweils eines der Pferde fertig. Ehe es an Lilly war den Pferden ihre Zeichnungen zu geben. Sie hatte dafür um Träume gebeten, die sie schließlich erhalten hatte. Dabei sang sie leise Gebete, verbrannte Salbei um böse Geister zu vertreiben...und auch Louis saß an einer anderen Ecke und tat ähnliches. Überall sah man ähnliche Szenen. Caleb und ich hielten uns zurück, bleiben still um nicht zu stören.

      Selbst als wir die Pferde am Zügel zur Ziellinie führten, durchdrang mich dieses Gefühl Teil davon zu sein und doch außen vor. Es legte sich auf mein Herz und hinterließ ein taubes Gefühl. Caleb schien ähnlich ergriffen.

      So waren wir dabei als das Rennen, die Reiter und die Pferde gesegnet waren. Louis stand beinahe neben mir, sein Oberkörper war frei. Die Hälfte seines Gesichtes unter der Nase war gefärbt mit einer grünen Farbe. Über den Augenbrauen befanden sich jeweils drei Punkte. Mein Blick jedoch hing an seinem Oberkörper...die Narben auf seiner Brust. Bei ihrem Anblick stellten sich mir die Nackenhaare auf. Mein Blick huschte hinauf, zu seinen geschlossenen Augen als er der Segnung lauschte. Sonnentanznarben….nicht nur eine auf jeder Seite der Brust...sie schien regelrecht vernarbt. Ich schnappte nach Luft, merkte erst in diesem Moment, dass ich sie überhaupt angehalten hatte. Mein Respekt für diesen Mann stieg. An einer Schnur wurde ein Stück Holz oder Adlerkralle befestigt, durch die dünne Haut der Brust gestochen und schließlich getanzt bis die Haut riss. Ein Jeder tanzte den Sonnentanz aus unterschiedlichen Gründen. Noch heute brachte es den Männern große Ehre der Zeremonie beizuwohnen.


      Anschließend begaben sich die Reiter an die Startlinie, ich hielt Gweny und Zinkala-Win an den Zügeln. Jetzt waren beide Pferde deutlich aufgeregt. Einige der anderen Pferde wieherten aufgeregt. Einige der Männer und Frauen gaben Kriegsschreie von sich, dann ertönte ein Knall. Der Startschuss war damit gegeben. Sunka kam schnell von der Stelle, löste sich zusammen mit zwei anderen Pferden aus der Masse und flog förmlich in die erste Kurve. Es gelang einem anderen Reiter samt Pferd gelungen die beiden zu überholen. Noch während Sunka im gestreckten Galopp dahin lief, sprang Louis ab. Caleb rannte der Stutre entgegen. Während ich Mühe hatte Zinkala-Win ruhig zu halten. Ich musste mich weg ducken als die Stute hoch in die Luft stieg. Louis schien auf ihrem Rücken festgetackert, eine Hand locker an Zügeln und Mähne. Aus dem Steigen raste die Stute davon. Gweny drehte derweil schon ein wenig auf, wieherte heiser, tänzelte. Dieses plötzliche aufspringen. Ich machte mir schon ein wenig Gedanken ob sie das auch mitmachen würde. Mir blieb jedoch nicht wirklich viel Zeit mir darüber mehr Gedanken zu machen. Denn Caleb drückte mir schon Sunka in die Hand, raste los um Zinkala-Win in Empfang zu nehmen. Und dann sah ich kurz über Gweny Rücken auch schon Louis anlaufen. Mit leichtigkeit sprang er auf ihren Rücken und dann sah ich meinen gescheckten Blitz davon preschen. Wieder hörte ich seinen Kriegsschrei..und rein aus Reflex begann auch ich wie Lilly und ihre Cousinen zu trällern. Ein Ton der noch das Geräusch der Pferdehufe übertönte. Ich konnte nun sehen wie Gweny an zwei Pferden vorbei zog, auf der Außenlinie der Kurve. In der geraden machte sie guten Boden weg. Louis saß tief über ihren Hals gebeugt auf ihr, beide Hände in die Mähne gekrallt. In der Kurve hielt ich die Luft an, es sah fast so aus als könne sie den Fuchs des Gegners überholen. Aber der Reiter schlug seinem Pferd die Peitsche über den Rücken womit das Pferd nur noch weiter vorwärts rannte. Ich hatte Louis deren Einsatz untersagt, aber auch er selbst wählte selten die Gerte.

      Die Pferde auf der Zielgerade, Gweny streckte sich. Doch vor der Zielgeraden schaffte sie es nicht sich durchzusetzen. Louis ging als zweiter ins Ziel, eine halbe Pferdelänge hinter dem Fuchs. Ich sah wie er Gweny auslaufen ließ..im Trab kam er an unsere Seite, er strahlte. “Ein gutes Rennen?” er machte eine wegwerfende Handbewegung mit der Hand. “Waschté. Und wie! Jetzt möchte ich dein Pferd noch mehr behalten.” dann drehte er Gweny um, ritt zum Gewinner und seinem Team und schien ihn zu beglückwünschen. “Ich fürchte fast wir Reisen mit leerem Hänger zurück?” feixte Caleb, ich schubste ihn an der Schulter. “Niemals!”

      Die Siegerehrung verlief ohne Caleb und mich, denn in der Zeit kümmerten wir uns um die drei Pferde. Gaben ihnen Wasser, ihr Futter in Säcken um den Kopf und kontrollierten ihre Hufe. Lilly war mit dabei, allerdings hatte sie von wo auch immer einen Säugling dabei. Nicht in den mir bekannten Kinderwagen sondern in einer Art Brett das aufwendig verziert war. Von Lilly erfuhr ich deren Namen Wiegenbrett. Das Kind wurde darauf festgebunden, lag sicher und die Mutter konnte das Kind irgendwo anhängen oder gegen lehnen. Wahlweise auch auf dem Rücken tragen und hatte die Hände frei. An sich keine schlechte Idee.

      “Wer ist das denn?” “Chaske, mein Cousin.” Natürlich war er mit ihr Verwandt, wie hatte ich daran nicht denken können? “Sein Vater versorgt eines der Pferde. Daher hat er mich gegebeten auf den kleinen acht zu geben.” “Und seine Mutter?” fragte ich neugierig, sah mich um. Lilly senkte den Kopf. “Sie starb bei Chaskes Geburt.” “Oh” “Das macht nichts, er wächst auf als wäre er mein Bruder. Wir haben seit jeher für unsere Nachkommen gesorgt. Aber eigentlich wollte ich fragen ob du ihn kurz beaufsichtigen kannst.” Eine Antwort wartete sie nicht ab, sie drückte mir das Wiegenbrett in die Hand, drehte auf dem Absatz und huschte davon. Ich drehte das Brett um, Chaske schlief, seine Bäckchen waren rosig, er hatte langes, dunkles Haar das ihm ins Gesicht fiel. Ich lehnte das Brett an den Heuhaufen, setze mich auf den Boden. Na klasse, gerade mir drückte sie das Kind aufs Auge. Mit einem Stück Kuchen vermochte ich mehr anzufangen als mit einem Kind. Ich war froh das es schlief. Caleb gab - den Göttern sei Dank - keinen Kommentar. Ich entfernte derweil den Fresskorb von Gwenys Kopf. Neugierig schlich sich Inyan aus der großen Masse an Pferden an. Da mir das langsam zu viele der Pferde um die Wiege wurde, hob ich sie hoch, schnallte sie auf den Rücken und kuschelte abwechselnd mit Inyan und Gweny. “Der scheint dich echt zu mögen.” brumte Caleb. “Der konnte wirklich mal ein richtiges Biest werden bei fremden Reitern. Er ist ein guter Büffelläufer, vollkommen furchtlos am Rind.” Ich hochte Neugierig auf. “Ein echtes Ranchpferd also?” Caleb lachte, nickte “Das ist er in der Tat.” “Sag mal hast du Lilly gesehen? Die ist jetzt schon ne ganze Weile weg und ich hab das Baby hier an der Backe.” fragte ich Caleb, der allerdings zuckte nur mit den Schultern. “Ich werd mal zum Trailer gehen, mir was anderes anziehen. Soll ich was mitbringen für dich?” “Neues Shirt wär klasse.” Und damit schritt Caleb davon, ich strich nochmal über Inyans witzige Blesse. “Bis morgen.” grüßte ich. Mit Chaske auf dem Rücken suchte ich mir meinen Weg zum Lager von Louis, vielleicht würde ich ihn da irgendwo auftreiben. Vielleicht wusste er wohin Lilly verschwunden war.


      Im Lager traf ich allerdings nur auf Louis und einen seiner Brüder. Dieser erhob sich, schenkte Louis einen dringlichen Blick und verschwand dann. Wie hatte ich das jetzt zu deuten?” Schwarze Knopfaugen blickten mir aus der Wiege entgegen als ich sie mir umständlich von Rücken nahm. Zum Glück half Louis mir. “Steht dir das Baby.” ich schaute ihn grimmig an. “Haha, ich möcht mal Wissen wo Lilly abgeblieben ist. Sie hat mir Chaske vor einer Stunde ans Bein gebunden und scheint verschwunden zu sein.” sagte ich etwas genervt. “Kinder sind unsere Zukunft Ylvi.” sprach er ausgenommen Ernst. “Mag ja sein, aber nicht für mich.” sprach ich trotzig. “Abgesehen von deinen blauen Augen, könnte man trotzdem gut meinen er wäre dein Kind.” damit deutete grinsend auf die Zöpfe meiner Haare, mit denen Chaske begonnen hatte zu spielen. “Glaub mir. Hätte ich ein Kind, dann wäre ich eine schreckliche Rabenmutter. Ich kann mit ihnen einfach nichts anfangen. Vor allem wenn sie so klein sind. Wie sieht es aus...reicht dein Preisgeld für ein anderes Pferd?” lenkte ich das Thema ab. Louis machte dicke Backen.

      “Ich fürchte ich muss noch ein paar Monate damit warten. Der Anfang ist gemacht.”

      “Hast du ein Pferd in Aussicht?”

      “Ja..noch etwa 6000 Dollar, dann kann ich mir den Hengst kaufen. Aber solange wird er auf der Weide seines Züchters stehen bleiben.” Chaske begann sich etwas unruhig zu bewegen, leises Quäken ging von ihm aus. ich sah hilflos auf die Wiege, schaukelte sie. Hatte er Hunger? Da huschte unversehens Lilly ins Lager, ihre Haare zerzaust, ein entshculdiger Ausdruck auf ihrem Gesicht. Louis fragte sie etwas das ich nicht verstand da er Lakota sprach mit ihr. Sie lächelte Scheu, schlug die Augen nieder und antwortete frech. Das brachte Louis zum Lachen, dann ließ er das junge Mädchen ziehen. “Die erste zarte Liebe.” zwinkerte er mir flüsternd zu. Ich war Lilly vielleicht nur noch halb so sauer. “Hier kann sie vergessen. Morgen geht es für sie wieder zurück in das Internat. Ich hielt es für besser, auf der Rez kann es manchmal schwer sein.” ich sagte dazu nichts. Es war sicherlich schwer für ihn. Er kümmerte sich seit Jahren allein um drei jüngere Geschwister, Lilly war die jüngste von ihnen. “Ihr scheint es gut zu gehen. So hälst du sie fern von Alkohol, Drogen und der Hilflosigkeit. Ich kenn euch ja noch nicht so lang, aber für mich scheint es nicht als würdest du das falsche für sie tun.” er griff nach meiner Hand. “Danke, das von jemand außenstehenden zu hören tut gut.” ich entzog mich ihm nicht, auch wenn mehr als reine Freundschaft in seiner Berührung lag. “Ich würde dir gern für eure Gastfreundlichkeit danken.” lachte er mich etwa gerade aus? Louis lachte, laut und aus vollem Herzen. “Du hast mir, einem Fremden, dein Pferd für ein Rennen gegegeben. Kari-win, ich weiß nicht wie ich mich jeweils bei dir bedanken könnte.” Er drückte meine Hand dabei. “Vielleicht hätte ich da eine Idee, die uns beiden gefallen könnte.” seine Augen blitzen schelmisch, er rückte näher zu mir auf. Ich lehnte mich auf der Bank zurück, eine Hand auf seiner Brust. “Aber ich fürchte wir haben unterschiedliche Meinungen was das sein könnte.” flüsterte ich leise. Er blinzelte mich an, sein Lächeln undefinierbar. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust. “Honch, dann erzähl!”

      “Ich überlasse dir Gweny für die nächsten zwei Rennen. Natürlich ist nicht gesagt das ihr wieder gewinnt, aber es wäre eine gute Möglichkeit um das Geld aufzustocken, welches du bereits gewonnen hast. Außerdem möchte ich dir Inyan abkaufen.” es hatte keine Regung in Louis Gesicht gegeben, nur jetzt zuckten seine Mundwinkel leicht. Er fiel mir nicht ins Wort also fuhr ich fort. “Du hast selbst gesagt er vermisst die Rancharbeit. Du hättest mehr Kapazität und Möglichkeit den Hengst zu kaufen. Was sagst du?” Wirklich eingehend hatte ich mir das nicht überlegt. “Ich hab gerade gesprochen das ich nicht weiß wie ich dir das jemals Danken soll und nun machst du mir ein Angebot das ich noch sehr viel weniger zurück geben kann.” “Dann tu es nicht. Pflegt euer Volk die Menschen nicht nach dem zu bewerten was sie geben, statt nach dem was sie besitzen? Lass mich das für dich tun.” “Honch, eine Weiße gibt mir Ratschläge über meine Welt!” ich wusste nicht ob er gekränkt war oder lachte, aber ich konnte das amüsierte blitzen seiner schwarzen Augen sehen. “Dann möchte ich aber das du mich auf den Rennen begleitest!” forderte er ein. “Ich denke das ließe sich machen.” “Waschté” wieder diese wegwerfende Handbewegung, dann ein Lächeln. Er war einverstanden. Wir besprachen noch den Preis für Inyan, gerade als Caleb in das Lager zurück kam. Ich grinste ihm breit entgegen. Als schien er etwas zu ahnen legte er fragend den Kopf schief. Louis schob die Lippen vor,zuckte mit dem Kopf in meine Richtung. “Kari-win hat gerade viel zu teuer Inyan gekauft.” Das mit dem zu teuer überging ich gekonnt, das war zumindest Absicht gewesen. “Kari-was?” fragte ich ihn. Caleb lachte hingegen nur, schüttelte den Kopf. “Ich hab mich wohl getäuscht, wir fahren mit einem vollen Trailer nach Hause.” “Zumindest vorerst...diese Saison verleihe ich Gweny an Louis.Aber wir nehmen sie bis dahin mit nach Blakes Crow Meadow. Wir haben uns darauf geeinigt das Sunka und Zinkala-win mitkommen und er alle Pferde bei uns trainiert.” Im Hinterkopf dazu hatte ich natürlich auch das die beiden Stuten bei uns auch aufgepäppelt werden würden. Bellamy wusste von seinem Glück zwar noch nichts, aber schließlich hatte ich einen eigenen kleinen Paddock für meine Pferde, sie würden dort leben für ein paar Wochen. “Lass mich raten, Bellamy weiß nicht Bescheid?” “Die zwei Pferde mehr fallen nun wirklich nicht ins Gewicht. Außerdem leiste ich einen guten Job. Ich tu sogar mehr als eigentlich im Arbeitsvertrag festgehalten.” dabei erinnerte ich mich an die Reparatur des Zaunes.


      So luden wir neben Gweny auch einen neugierigen Inyan mit auf den Trailer an diesem Nachmittag. Louis würde im Laufe der nächsten Woche die anderen beiden Stuten nachholen.


      Dann standen wir Lilly und ihren Brüdern gegenüber. Wir hatten die Nummern getauscht, um auch weiterhin in Kontakt bleiben zu können. Caleb verabschiedete sich von Louis, dann von Lilly und ging schonmal in seinen Wagen. Lilly hielt mich eine Weile im Arm. Wünschte mir viel Spaß mit Inyan. Dann folgten ihre Brüder, der letzte war Louis. Auch er zog mich in seine Arme, eine Hand lag dabei unvermittelt auf meinem Herz. Sein Kopf dicht an meinem Ohr. “Pass gut darauf auf.” dann küsste er mich auf die Wange, entließ mich. Ich drehte mich um, ging dann zum Auto und ließ mich ein wenig erschöpft auf den Beifahrersitz sinken. Sah hinaus zu den Menschen die ich getroffen hatte. War das wirklich erst drei Tage her?! Es fühlte sich fast an wie ein ganzes Leben. “Danke.” flüsterte ich..Caleb sah mich nicht an, sein Blick ging nach vorn auf die Straße.

      “Das war ein tolles Wochenende.”

      “Wer hätte gedacht das du nun doch noch zu einem Ranchpferd kommst. Hast du dir deine Truppe mal angeschaut. Alles Rappschecken.” Ich lächelte nur, räckelte mich, seufzte dabei “Ich freu mich trotzdem auf mein Bett.” Caleb sah mich von der Seite her an “Oder auf meins?” seine Augen lagen im Schatten seines Cowboyhutes, den Schalk darin konnte ich trotzdem sehen. Trotz der Worte von Louis im Hinterkopf, lächelte ich verschwörerisch. “Vielleicht?”
    • Ravenna
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      K(ein) Ranchpferd für Caleb | Ravenna | 45513 Zeichen
      Caleb

      Es war zwar einige Zeit vergangen, dass Bellamy mir den Auftrag gegeben hatte, mir neue Mitarbeiter anzuschauen, doch so richtig hatte mir keiner zugesagt. Es waren einige Cowboys und Pfleger gekommen, doch ich hatte bei Bellamy den Wunsch nach einem richtigen Cowboy geäußert und nicht nach einem weiteren Anfänger oder Stallburschen.

      Ich hatte mir zudem schon eine Weile Gedanken darüber gemacht, doch dann war ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich wieder mit dem Roping anfangen wollte. Vielleicht wollte ich auch wieder ganz ins Rodeo einsteigen, mal schauen. Setzte ich meinen Standard also bei dem oder den neuen Mitarbeitern zu hoch, weil ich mir einen Partner dafür wünschte? Team Roping war so viel toller, als diese Disziplin einzeln zu machen… und Louis würde ich wohl kaum überredet bekommen, nochmal mitzumachen.

      Doch dafür brauchte ich noch ein neues Pferd. Da hatte ich mich auch schon auf die Suche gemacht. Es wurden so viele Pferde angeboten. So viele gute Tiere, die ich mir allerdings mit meinem kargen Gehalt hier nicht leisten konnte. Ein Pferd hatte es mir jedoch angetan, obwohl ich mit diesem diese Diziplin nie laufen können würde. Nachdem ich ja nun Chocolate Dream als Einziger reiten konnte, irgendwie hatte er etwas gegen andere Menschen, besaß ich ja schon mehr oder weniger ein nicht-Westernpferd. Was machte da schon ein zweites? Wenn der Haflinger gut würde, dann hätte ich alles richtig gemacht. Im Geiste verfluchte ich Verena nochmals für ihre dummen Aussagen, dass auch andere Rassen gute Westernpferde sein könnten. Wäre sie und Choco nicht gewesen, käme ich auch nie auf die Idee, mir einen Haflinger zu kaufen, oder ihn zumindest einmal anschauen zu fahren.

      Ich ritt gerade Choco ab, ehe ich mit ihm in Richtung Stall ging. Dort traf ich auf Ylvi, die Inyan absattelte. “Hey, hast du Lust mit nach Irland, Luggala zu kommen und ein Pferd für mich anzuschauen?”, fragte ich sie geraderaus und hielt meinen Hengst an, um abzusteigen und auf ihre Antwort zu warten. “Hast du nicht schon genug Pferde?”, fragte sie mich, doch ich schüttelte nur den Kopf. “Ich besitze Smart Lil Vulture und mehr oder weniger Chocolate Dream. Das wars, mehr habe ich nicht.”, lachte ich und ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. “Was?”, fragte ich in einem leicht genervten Ton. “Dann habe ja sogar ich mehr Pferde als du.” “Jaja…”, murrte ich nur zurück. “Ich besitze die halbe Ranch und leite fast alles. Wenn man es so sieht, bin ich Ranchbesitzer.”, antwortete ich ihr doch sie zuckte nur mit den Schultern. “Auf dem Papier bist du es aber nicht.” Sie wusste genau, wie sie mich zur Weißglut bringen konnte. “Kommst du nun mit oder nicht?”, fragte ich sie noch einmal und hievte den Sattel von Choco runter, um ihn in die Sattelkammer zu bringen. “Ja okay. Wann geht es los?” “Morgen früh 9:00 Uhr fahren wir zum Flughafen. Bis dahin musst du deine Pferde alle versorgt haben.”, sagte ich zu ihr und machte dann relativ schweigend mein Pferd fertig.


      Ylvi

      Spontanität war Calebs Stichwort. Schon wieder eine Einladung zu einem Kurztrip verdammt kurzfristig. Natürlich hätte ich nein sagen können, aber Reisen machte mir nunmal Spaß. Ich huschte also hinein, zog mich um, stöpselte die Kameraakkus an den Strom und machte mich anschließend an den Paddocktrail meiner vier Schecken. Dieses Mal nahm ich mir jedoch vor Bellamy um Spontanurlaub zu bitten. Das Misten meiner Bande funktionierte eigentlich mittlerweile einwandfrei - ich hatte ein Areal eingerichtet das als Toilette diente. Wochenlang hatte ich dort einige Haufen liegen gelassen. Den Rest des Trails penibel frei gehalten. Jetzt hatte ich sie soweit das zumindest Inyan und auch Ravn nur die Toilette benutzen, auch Gweny schien das System zu nutzen. Mochte vielleicht an ihr Leben vorher in der Box liegen - an einem Ort ihr Geschäft erledigen war ihr daher nicht fremd. Nur Fylgia schien sich noch nicht allzu sehr daran gewöhnt zu haben. Ich strich Inyan über den gefleckten Kopf, küsste Ravns Nase der sich dazwischen schob. Gweny erhielt ihre extra Portion Futter. Ich hatte Louis geschrieben das wir für ein paar Tage weg sein würden, ihn gebeten ein Auge auf die anderen drei zu haben. Gweny würde er trainieren, Sunka und Zinkala-win würde er ebenfalls mitbringen.


      Nach meiner Arbeit erkundigte ich mich bei Murphy, der mir entgegen kam wo Bellamy zu finden sei. “Im Büro, über den Rechnungen.” sagte er grinsend. Oh weh, Bellamys Lieblingsbeschäftigung. Seitdem O nicht mehr auf der Ranch war, blieb diese Aufgabe an ihm hängen. Ich klopfte an die Tür seines Büros, ein knurrendes “Ja” erscholl. Seine Züge hellten sich jedoch auf als er mich durch die Tür kommen sah. “Ylvi. Die neuen Bilder für die Vollblüter sind wundervoll geworden.” “Dankeschön. Aber das gehört ja mit zum Job. Eigentlich bin ich aber hier um meinen Spontanurlaub bei dir anzumelden...besser als einfach wieder zu verschwinden.” ich setzte mich auf den Stuhl vor Bellamys Schreibtisch. So ganz konnte er seinen Unmut nicht verbergen. “Vor einer halben Stunde hat mich Caleb schon aufgesucht. Lass mich raten, du begleitest ihn auf der Reise nach Irland?” Er schien meine Antwort nicht abwarten zu wollen. “Natürlich...was frag ich eigentlich.” Ich lächelte nur. “Sei einfach vorsichtig mit ihm.” seufzte Bellamy. “Wieso seit ihr eigentlich alle der Meinung ich könne nicht selbst auf mich acht geben?” es sollte belustigt klingen, leichter Zorn schwang allerdings darin mit. Bellamy zuckte die Schultern, lehnte sich nach vorn und sah mir in die Augen. “Tut mir Leid, ich kenn ihn einfach schon eine ganze Weile.” “Bisher war er da, wenn seine Hilfe benötigt wurde. Er mag schwierig sein, aber Bellamy, es muss einen Grund haben wieso er dein Vorarbeiter ist.” damit erhob ich mich und ging hinaus. Ich konnte sehr gut auf mich acht geben.


      Caleb

      Den restlichen Tag und auch den restlichen Abend bis in die Nacht hinein verbrachte ich mit Vorbereitungen, Pferdetraining und… Bier trinken. Irgendwie war es mir heute danach, mich mit ein oder zwei… oder drei… Bier vor den Fernseher zu setzen und die Füße auf den Tisch zu legen. Ylvi hatte ich bis jetzt nicht mehr gesehen. Keine Ahnung wo sie abgeblieben war, doch irgendwie stand mir der Sinn heute nicht mehr nach ihr.

      Am frühen Nachmittag war ich bei Bellamy gewesen und hatte ihm Rede und Antwort stehen müssen, wo wir denn jetzt schon wieder hinfahren würden und was wir nun wieder trieben. Dass ich mir einen Haflinger zulegte, da traf ich bei ihm auch nicht so richtig auf offene Ohren. Irgendwann war mir dann der Kragen geplatzt. “Wenn dir hier nichts passt dann geh doch wieder.”, hatte Bellamy mir an den Kopf geworfen. “Wenn dir das alles zu viel ist, warum hast du die Pferde dann überhaupt übernommen und dir was neues aufgebaut?!”, hatte ich ihn angekeift. Wir hatten uns eine lange Zeit schweigend angesehen. “Weil ich verdammt nochmal dachte, dass du auch tot seist, du Dummkopf!”, hatte Bell die Stille gebrochen und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Seine schön sortierten, und auf Stapel aufgeteilten Blätter waren durcheinander geflogen, doch das hatte ihn nicht gestört. Stattdessen war er sogar aufgestanden und hatte sich mit beiden Fäusten auf dem Tisch abgestützt. “Ich dachte die ganze verdammte Ranch sei in die Luft geflogen! O und ich waren unterwegs gewesen, als das passiert ist… und wir waren Verena etwas schuldig.” “Und nun? Soll ich Mitgefühl mit dir haben? Meinst du ich hatte es leicht? Mit den Schuldgefühlen und meinem verbrannten Gesicht? Wäre Louis nicht gewesen, würde es mich bestimmt nicht mehr geben!”, hatte ich zurück geschrien. Wir beide hatten mittlerweile die Stimme deutlich gehoben und waren ziemlich in Fahrt.. “Und außerdem war Verena mehr Familie, als du es je für mich sein kannst!”, ging es weiter. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis wir uns alle Anschuldigungen und Beleidigungen an den Kopf geworfen hatten, und wir uns wieder etwas beruhigt hatten. “Du bist ein Idiot, Caleb. Und trotzdem lege ich dir meine Welt zu Füßen, da ich es auch dir schuldig bin.”, hatte Bellamy zu mir gesagt und das Thema war gegessen. “Ich bin es dir einfach schuldig.”, hatte er nochmals wiederholt und mich nun aus freundlichen und mitfühlenden Augen angesehen. “Unser gemeinsamer Weg war weiß Gott nicht einfach und wir haben Verena, Svejn und die Anderen alle verloren, nicht nur du alleine. Wir alle müssen mit dem Verlust klar kommen. Und wenn es dir hilft mich anzuschreien, gut. Schrei mich an. Solange es dir danach besser geht.”, hatte er zu mir gesagt. Der einzige versöhnliche Satz seit einer ganzen Weile. Nun war es wieder fast Oktober, zwei Jahre sind seit dem Unfall vergangen und dieses Jahr schien noch schlimmer zu werden als letztes Jahr. Denn im letzten Jahr war alles noch so frisch gewesen. Nun fing man an zu vergessen- und das machte uns allen zu schaffen.

      Gerade hatte ich mein viertes Bier geleert, da tauchte Ylvi doch noch auf, setzte sich neben mich und schaute fragend zu mir rüber. “Harter Tag, hm?” “Harter Tag.”, antwortete ich und hielt ihr ein Bier hin.


      Ylvi

      Ich hatte von seinem Streit mit Bellamy erfahren kurz nachdem ich das Büro verlassen hatte. Welchem genauen Wortlaut der Streit entsprochen hatte wollte ich gar nicht so genau wissen. Murphy hatte ich nur davon sprechen hören. Ich roch deutlich das Bier an ihm, sah die drei leeren Flaschen auf dem Tisch. Ich ließ mich einfach nach hinten auf die Couch fallen, griff dabei nach dem Bier das er mir hin hielt. Es bedurfte keiner Worte. Wozu auch. Ich sah auf das Bier, lächelte. Vor einigen Wochen hatte ich einen Hilferuf nach deutschem Bier zu meinem Vater geschickt. Dieser hatte mir einige Flaschen zugesendet, außerdem hatte ich einen Lieferanten ausfindig gemacht der uns nun mit einigen Kisten belieferte. Darunter schwarzer Abt und Gessner. Gerade Gessner schien es Caleb angetan zu haben denn ich hielt es gerade in der Hand, die leeren Flaschen entstammten ebenfalls dieser Sorte. Ich nahm einen tiefen Schluck. Ich hatte Durst, sollte ihn wohl eher mit Wasser stillen, doch war ich deutlich zu faul, um wieder aufzustehen. Zur Abwechslung lief tatsächlich mal der TV, der setzte bei uns sonst eher nur Staub an. Richtig fesselnd war die Sendung die lief allerdings nicht. Daher verzog ich mich doch kurz in die Küche, machte ein paar Sandwiches, füllte Wasser in eine Karaffe, Snacks, ein Buch und stellte auch ein paar neue Biere auf das Tablett. Eine gute Viertelstunde später betrat ich das Wohnzimmer wieder. Calebs Blick hob sich, ein kurzes Zucken seiner Lippen verriet mir seine Freude. Ich stellte meine Last ab, schnappte mir das Buch, ein Sandwich und kringelte mich in der Ecke der Couch zusammen um zu lesen. Auch Caleb nahm sich ein neues Bier, ein Sandwich. “Dankeschön.” In der nächsten Stunde las ich, während er der Sendung lauschte ohne ihr wirklich zu folgen. Ich war einfach nur da.. er sollte wissen, das bei was auch immer, ich für ihn da war. In den wenigen Monaten war er mir als Freund wichtig geworden.


      Caleb

      Den restlichen Abend über verlor niemand von uns viele Worte, womit ich durchaus zufrieden war. Ich weiß nicht wie lange ich noch in den Fernseher geschaut hatte und eine Sendung über Auktionshäuser gesehen hatte. Ylvi hatte mir irgendwann statt einem neuen Bier Wasserflaschen gereicht, die ich zunächst murrend, dann aber dankend annahm. Ich musste um fünf aufstehen und um neun mussten wir zum Flughafen fahren. Meine Sachen waren noch nicht gepackt und ich hatte morgens noch eine Menge Arbeit vor mir. Ich leerte glaube ich eine Wasserflasche und eine halbe und schien dann irgendwie eingenickt zu sein, denn als ich aufwachte, lag auch Ylvi noch immer irgendwie zusammengerollt auf der Couch. Sie hatte das Buch auf den Boden fallen lassen und der Fernseher quasselte noch immer vor sich hin. Ich schaute auf mein Handy auf dem Tisch. 4:30 Uhr. Es lohnte sich nicht mehr für eine halbe Stunde wieder auf der Couch einzuschlafen. Und nach oben in mein Bett brauchte ich auch nicht mehr zu gehen, weshalb ich leise aufstand und meine Beine mich wie von selbst in die Küche trugen, wo ich eine Aspirin mit einem Glas Wasser trank. Dämlicher Alkohol. Keine Ahnung wie viele Flaschen Bier es letztendlich geworden waren, ich hatte eben im Wohnzimmer nicht nachgeschaut.

      Ich ging hoch in mein Zimmer, packte schnell eine Tasche und holte diese dann mit runter in den Flur. Dort zog ich meinen Hut und meine Stiefel an und verschwand nach draußen. Pferde misten, Pferde füttern und Pferde auf die Koppeln oder die Paddocks bringen. Ich hatte Murphy und Laurence damit beauftragt, meine Pferde die nächsten Tage mit zu machen und alles andere, was ich sonst erledigte, auf einen Zettel zu schreiben und liegen zu lassen. Vorausgesetzt es war nicht so wichtig. Ich verabschiedete mich noch von meinem Hengst und ging dann wieder nach drinnen, wo ich mich duschte, umzog und dann unten in der Küche anfing das Frühstück zu machen. Ylvi war noch draußen unterwegs, weshalb ich heute ausnahmsweise einmal etwas mehr zu essen machte als Brot mit etwas essbarem drauf. Stattdessen machte ich eine Pfanne Eier und Speck und stopfte den Toast in den Toaster, damit er etwas knackiger wurde. Gerade als alles auf dem Tisch stand hörte ich es oben poltern. Das konnte ja wohl nur Ylvi sein, dachte ich und setzte mich grinsend auf den Stuhl, hob meine Tasse Kaffee zum Mund und nahm einen großen Schluck.


      Ylvi

      Gegen 6 Uhr erwachte ich mit Nackenschmerzen und kribbelnden Beinen. Blöde Position zum Schlafen. Trotzdem hatte ich mich aufgerafft, dem Quartett ihre Heunetze hingegangen, Wasser kontrolliert und nochmal schnell abgeäppelt. Da ich noch packen musste es bereits auf 8 Uhr zuging machte ich mich wieder auf den Weg ins Haus. Dort begrüßte mich der Geruch nach Speck… und Eiern. Caleb sah ich durch den Spalt der Küchentür am Herd stehen. Ich huschte hinauf. Etwas ratlos stand ich da, griff nach dem Wanderrucksack, stopfte warme Klamotten hinein - es wurde immerhin langsam Herbst, zumindest an unserem Reiseziel. Wanderschuhe zog ich ohnehin an. Nach der Arbeit gönnte ich mir eine fixe Dusche, ließ dabei allerdings die Haare aus.

      Auf dem obersten Treppenabsatz verlor dann mein Gleichgewicht, griff nach dem Geländer ließ den Rucksack fallen der sich polternd seinen Weg die Treppe runter suchte. Ich versuchte mich zu fangen, fiel. jedoch zumindest zwei Treppenstufen rutschend auf den Po. Zusätzlich zum Nacken, ging mir ein Schmerz durch mein Steißbein. Ich sog die Luft ein. Guter Start in den Morgen. Definitiv. Am rauhen Teppich auf der Treppe hatte ich mir den Hacken leicht aufgeschürft. Tollpatsch. Ich rappelte mich auf,sammelte den Rucksack ein und stellte ihn in den Flur. Dort befand sich bereits Calebs Tasche. Wir reisten beide offensichtlich mit kleinem Gepäck. Dann hinkte ich langsam in die Küche. Es war schön wenn der Schmerz nachließ. Caleb trank gerade an seinem Kaffee, stellte den Pott ab. “Schon wieder die Treppe? “ die Belustigung triefte aus jeder Pore. “Ich sags dir, irgendwas hat die gegen mich! “ Ich sah auf die zwei Dreiecke aus Toast und den Haufen Eier mit Speck - letzteres schien irgendwie zu unserem Standardfrühstück mutiert zu sein. Auch vor mir stand ein Pott Kaffee, sowie Zucker. Caleb schmierte sich gerade Butter auf das Toast. “Wie hast du damals nur die Alpen überquert?“ “Ganz einfach, ich bin Treppen aus dem Weg gegangen.” frohlockte ich, schnappte mir die Butter und strich sie auf das noch warme Toast. Wir beeilten uns mit dem Frühstück, wuschen gemeinsam ab. Anschließend schauten wir ob alle Geräte im Haus aus waren, dann erst ging es in Richtung von Calebs Wagen. “Ist der Stall in Luggala eigentlich auch eine Ranch?”


      Caleb

      Auf dem Weg nach draußen hatte ich beide Taschen vom Boden aufgehoben. Ylvis Protest, dass sie die schon alleine tragen konnte, winkte ich einfach ab und legte das Gepäck auf die Ladefläche des Pick Ups. “Ich bezeichne eigentlich fast immer nur Höfe in und um Amerika als Ranch, deshalb keine Ahnung. Ich war selbst noch nie da, wir sehen die Anlage also heute Beide zum ersten Mal.”, beantwortete ich ihre Frage. An der Autotür tat ich so, als würde ich sie ihr öffnen, drehte mich jedoch dann galant weg und bekam prompt einen Schlag auf den Arm. “Ey, aua.”, sagte ich lachend und stieg dann selbst in mein Auto ein. Ich startete den Motor und fuhr in Richtung Straße. Wir wanken Bellamy noch kurz, als er rauskam und ebenfalls seinen Arm hob, ehe wir auch schon unterwegs in die Stadt waren. Die Fahrt verlief relativ ruhig. Ylvi fragte mich zwar, was wir uns für ein Pferd anschauen würden, doch eine genaue Antwort bekam sie nicht. “Einen hellen Fuchshengst mit guter Abstammung. Nicht unbedingt Reining gezogen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Die Linie ist körperlich dafür auf jeden Fall geeignet.”, hatte ich ihr gesagt.

      Am Flughafen angekommen parkte ich den Wagen, wir checkten ein, warteten kurz und flogen dann nach Irland. Genauer gesagt nach Dublin. Verena hatte auch eine kurze Zeit in Irland gewohnt, doch von dieser Zeit wusste ich so gut wie nichts. Sie hatte scheinbar schon fast überall auf der Welt gewohnt. Sie und ihre Pferde.

      Während des Fluges schliefen wir fast die ganze Zeit, wir hatten beide noch einiges nachzuholen. Froh waren wir dennoch, als der Flug zu Ende war, wir unser Handgepäck sofort mitholen konnten und nicht auf lästige Koffer warten mussten. Wir hielten uns ein Taxi an, stiegen ein und fuhren dann los zu den Ställen von Luggala und zu Nachtschwärmer, meinem hoffentlich bald neuen Pferd.


      Ylvi

      Halb geblendet von dem ganzen Grün brachte uns das Taxi raus aus Dublin weiter aufs Land. Die Vegetation war hier um so vieles anders als in meiner momentanen Heimat. Ich spürte einen kleinen Anflug von Wehmut in mir aufsteigen. Auch eine wunderschöne Gegend hier! Aber hier wohnen wollte ich auch nicht. Mein Herz hatte ich mittlerweile an die Ranch und ihre Umgebung verloren. Vielleicht sollte ich trotzdem mal wieder bei meiner Familie vorbei schauen? “Ich bin gespannt auf den Fuchs. Nach welchen Kriterien du ein Pferd aussuchst.” Caleb saß neben mir blieb mir die Antwort schuldig, lächelte jedoch versonnen. Das glich in etwa einem “das wirst du schon noch sehen”. Ein tiefes Gähnen kam mir über die Lippen, also lehnte ich mich zurück und legte die Stirn an die kühle Scheibe. Wir würden zu den Wicklow Mountains eine gute Stunde brauchen. Irgendwie hatte ich entweder mit dem Jetlag zu tun, oder einfach nur so Kopfschmerzen. Daher genoss ich die kalte Scheibe auf meiner Haut. Ich zog die Weste enger zusammen. Ich holte mir doch nicht etwa eine Erkältung? Allerdings fühlte ich mich generell schlapp. Als das Taxi wegen einer Herde Schafe anhalten musste, versank ich bereits in den Schlaf, bekam kaum mit als wir weiter fuhren.



      Caleb

      Auch ich schaute mir die Gegend immer mal wieder an, unterhielt mich aber sehr viel mit dem Taxifahrer. Wo wir herkamen, wo wir hin wollten und was wir dort taten. Als ich ihm erklärte, dass wir oder zumindest ich ein richtiger Cowboy sei und ich hier ein neues Pferd für mich suchen würde, fing er an zu lachen und fragte, ob es von Cowboypferden in Amerika denn nicht genug geben würde. Da Ylvi fest zu schlafen schien, erzählte ich ihm ein wenig von Verena und ihren verrückten Plänen, und dass ich einen Achal Tekkiner erfolgreich in der Reining showte und dass ich mir jetzt einen Haflinger anschauen wollte, mit dem ich das Gleiche vorhatte. “Haflinger sind im Amiland nicht so vertreten, oder?”, fragte er mich und bog auf eine andere Straße ab. “Mir sind noch nicht viele unter die Augen gekommen. Criollos zum Beispiel ja, aber Haflinger gibt es auch eher in Europa, glaube ich.”, antwortete ich ihm und er nickte. “Wohl war.”, antwortete er mir und bog dann auf unsere Zielstraße ab. Dort hielt er an und gab mir etwas Zeit, Ylvi zu wecken. “Ylvi, aufstehen. Wir sind auf Luggala.”


      Ylvi

      Ich schien wirklich fest weg genickt zu sein, meinem ohnehin steifen Nacken hatte diese Position nicht unbedingt gut getan. Außerdem tat mein Kinn weh vom Liegen am harten Plastik. Ich blinzelte, unterdrückte nur knapp ein Murren und drehte meinen Kopf leicht in Richtung Caleb. Der hatte sich vom Gurt befreit näher zu mir gerückt und strich mir über die Wange. Als ich ihn anblinzelte klopfte er sanft darauf, lächelte. “Wir sind da.”

      Etwas mühsam kam ich aus dem Wagen, hielt mich kurz an der Tür fest. So ganz sicher war ich irgendwie nicht auf den Beinen. Blöder Jetlag. Mir tanzten schwarze Motten vor den Augen - zu schnell aufgestanden. Dann sah ich mich um, die Natur raubte mir beinahe den Atem. Eine gute Mischung aus traditionell und restaurierten Hof, hübsche Weidezäune und darauf Pferde die wenig Interessiert an uns schienen. Deshalb liebte ich es zu Reisen! Ich musste später unbedingt noch ein paar Bilder mit der Kamera machen, bevor wir wieder nach Hause mussten. Luggala schien keine direkte Zucht zu haben, denn die Pferde auf der Weide entsprachen verschiedenen Rassen, aller Größen. Mich beschlich langsam der Verdacht das Celeb hier vielleicht gar kein Ranchpferd kaufen würde. Ich schwieg darüber jedoch still. Wir verabschiedeten uns vom Taxifahrer, dann ging es die Auffahrt des Stalles hinauf. Mit seinen Stiefeln, dem Huf passte er in etwa so gut hier her wie Crocodile Dundee nach New York. Fehlte eigentlich nur die Machette oder der Revolver am Gürtel. Dabei dachte ich an meinen Leatherman, der sicher verwahrt zwischen meinen Brüsten am BH angebracht war. Ich fühlte mich sonst nackt ohne ihn, irgendwie. Während des Fluges war er in meinem Rucksack gewesen.


      Caleb

      Ich hatte mich natürlich sofort auf den Koppeln umgesehen, nachdem ich dem Taxifahrer sein Geld gegeben und mich für die nette Unterhaltung bedankt hatte. Bei der Ansprache mit der Unterhaltung hatte Ylvi fragend zu mir rüber geschaut, doch ich hatte nur zurück gegrinst und mit den Schultern gezuckt. “Du hast geschlafen.”

      Als wir mit dem Gepäck weiter gingen fiel mir auf, dass Ylvi nicht wirklich fit war. Ich bot an, ihre Tasche zu tragen, doch sie winkte ab und meinte, dass sie das wohl noch gerade so selbst schaffte. Als wir fast beim Haus angekommen waren, schaute ich nach links auf eine Koppel mit zwei schwarzen Pferden, das eine mit Sicherheit ein Friese, einem großen, wolligen Etwas, einem Pferd, dass von der Statur her Choco sehr nahe kam und einem Haflinger. “Da steht er.”, sagte ich zu Ylvi und zeigte auf die Koppel mit der bunt gemischten Truppe. “Da?”, fragte sie ungläubig und hielt sich den Arm vors Gesicht, um besser gegen die Sonne sehen zu können. Von weitem sah Nachtschwärmer noch ein bisschen wie ein Quarter aus, doch später würde man den Haflinger erkennen. “Welches?”, fragte Ylvi nochmals interessiert, doch ich schüttelte nur den Kopf. “Lass dich überraschen.”, antwortete ich ihr und ging in Richtung Haupthaus, wo uns bestimmt Zasa empfangen und erst einmal reinbitten würde.


      Ylvi

      Ich spähte hinüber zu den Pferden, ein Fuchs..oder eher Palomino(?) stand am hinteren Rand einer Koppel. Mein starren in diese Richtung ließ mich fast verpassen das Caleb Richtung Haupthaus ging. Ich zog die Schnüre des Wanderrucksacks enger um meine Schultern.

      Eine Frau die etwa in meinem Alter sein musste öffnete uns die Tür, der Grund für die Verkleinerung ihres Bestandes trug sie auf dem Arm. Ein Baby, kaum älter als drei Monate ruhte in einem Tuch um ihren Oberkörper, ihr anderer Arm stützte das ganze Gebilde. Sie stellte sich als Zasa vor, bat uns herein. Bei den folgenden Gesprächen um die Abstammung des Hengstes, des Trainings und der zukünftigen Unterbringung hörte ich kaum richtig zu. Besah mir die Einrichtung, versuchte meine Müdigkeit zu verbergen. Literally könnte ich auf dem Tisch direkt einschlafen.

      Keine Ahnung wann, aber irgendwann hatte Zasa das Kind an den Vater abgegeben, anschließend führte sie uns auf die Koppeln damit Caleb sich den Hengst aus nächster Nähe anschauen konnte. Mit jedem Meter den wir näher kamen sah ich den Hengst genauer. Ich war mit diesen Pferden aufgewachsen, hatte auf ihrem Rücken das Reiten erlernt. Ich blieb stehen, grinste deutete auf Nachtschwärmer…”Das ist aber kein Ranchpferd.”


      Caleb

      Zasa schien einiges zu besprechen zu haben. Sie erzählte uns ein wenig über ihren Hof, über ihre Arbeit, das Baby und schließlich auch über Heartland, wo sie Nachtschwärmer her hatte. Der Verkauf fiel ihr weiß Gott nicht leicht, doch mit dem Baby waren es einfach viel zu viele Pferde, um die sie sich kümmern musste. Deshalb mussten ein paar gehen. “Dass sich jemand von so weit weg für eines meiner Pferde interessiert, damit hätte ich nicht gerechnet.”, sagte sie irgendwann und schob mir die Papiere rüber, die ich sorgsam betrachtete. “Papa ist L’ombre de la Figaro, von Jargo aus der Little Baby. Mutter ist Nachtigall.”, erklärte Zasa mir, was ich da sah. “Figaro hab ich schon mal gehört, auf Heartland war ich auch schon mal mit meiner alten Chefin.”, sagte ich ihr und stand dann auf, als ich alles gelesen hatte. “Dann wollen wir uns den Kerl mal anschauen.”, sagte ich und wir gingen gemeinsam nach draußen. Beim Näherkommen erkannte man genau, dass es sich bei diesem Pferd um kein Quarter handelte.

      Auf Ylvis Aussage fing ich an zu lachen. “Nein, das ist weder ein Ranchpferd noch ein Ropingpferd. Aber der hats mir angetan.”, sagte ich zu ihr und nahm das Halfter von Zasa entgegen, mit dem ich den Hengst einfingen ging. Der Hengst ließ sich sofort aufhalftern und aus der Koppel führen. “Natürlich kaufe ich kein Pferd, ohne es einmal Probegeritten zu haben.”, sagte ich zu Zasa und sie nickte. “Aku liegt vor, nehme ich an?” “Ja genau, kann ich dir gleich zeigen.”, sagte sie und ich nickte. Wir gingen zusammen zum Stall, wo Ylvi und ich den Hengst putzten und ihn genauer unter die Lupe nahmen. “Du hast nicht zufällig einen Westernsattel hier, der ihm passt?”, fragte ich Zasa dann. “Nein, leider nicht. Du musst ihn wohl mit seinem Springsattel reiten.”, sagte sie entschuldigend und Ylvi kicherte leise im Hintergrund. “Du im Springsattel, mal was ganz neues.”, sagte sie keck und ich warf ihr einen bösen Blick zu.

      Der Blonde wurde also mit seiner Ausrüstung gesattelt, ehe wir auf den Platz gingen. Dort gurtete ich nach und stieg dann auf. Die Steigbügel waren doch um einiges kürzer, als ich es gewohnt war- viel kürzer. Ich wärmte den Hengst ein wenig auf und fing dann an ihn zu traben und schließlich zu galoppieren. Dabei hielt ich ihn ausschließlich auf dem Zirkel. Große und Kleine im gemäßigten Tempo. Im Trab hielt ich ihn dann einmal an. Er benutzte seine Hinterhand wirklich gut und hatte damit schön gebremst. “Ausbaufähig.”, sagte ich zu Zasa und Ylvi und klopfte dem Hengst den Hals. “Galoppwechsel müsste er vom Springen kennen, oder?”, fragte ich die Besitzerin und sie nickte. Ich galoppierte ihn also wieder auf dem Zirkel an und gab an X Hilfen zum Galoppwechsel. Den sprang er wirklich sauber um, so dass ich das auch auf der anderen Hand versuchte. Hier tat er sich etwas schwerer, doch es war im ertragbaren Rahmen. Ich hielt ihn an, testete das Rückwärtsgehen und auch das drehen auf der Stelle. Er lief zwar mit allen vier Beinen vorwärts, drehte sich jedoch im Kreis. “Ylvi willst du auch mal?”, fragte ich Ylvi dann und ritt zu den beiden an den Zaun.


      Ylvi

      Obwohl jeder Muskel brannte, meine Müdigkeit wich einen Moment der Begeisterung. “Oh ja! “ Ich nahm nicht etwa die Tür, sondern kletterte zwischen dem Holzzaun durch. Auf der Ranch hatte ich die schlechte Angewohnheit entwickelt ohne Helm zu reiten, zum ersten Mal wollte ich nun einen aufsetzen. Da allerdings Caleb den Ritt überlebt hatte, machte ich mir weniger Gedanken darum. Caleb hielt den Hengst an den Zügeln, ich schwang mich in den Sattel und begann erst von oben meine Bügel einzustellen. Caleb half mir dabei, dann nahm ich die Zügel auf. Ich probierte den Hengst zunächst nur im Schritt, er war unfassbar fein an den Hilfen. Stellte ich die Hände zu weit auf rollte sich Nachtschwärmer direkt ein, schien seine Brust essen zu wollen. Ließ ich ihm die Zügel lang, streckte er sich nach vorn. Für die Umschulung auf Western war dies eine gute Voraussetzung. Nach einigen Runden im Trab, parierte ich den Hengst durch. Caleb sah mich etwas skeptisch an. “Jetlag hat mich ganz schön erwischt. Aber ich denke mit ihm machst du nichts falsch. Er sucht von sich aus das V/A, steht fein an den Hilfen. So viel Ahnung hab ich ja nicht, aber in der Reining könnte er eine gute Figur machen?” Ich führte mein Bein über den Hals des Hengstes, saß quer und ließ mich aus dem Sattel rutschen. Ich ging ein wenig in die Knie, meine Füße taten weh vom Aufprall, außerdem tauchten die Motten wieder auf. Ich war froh über den Hengst in meinem Rücken, an dem ich mich anlehnte. Ich hatte zu wenig getrunken in den letzten Stunden, ich sollte das nicht ständig vergessen.


      Caleb
      Es war gut den Hengst auch aus der Entfernung beobachten zu können, Zasa hatte nicht reiten wollen, sie war auch etwas aus der Übung. Doch er hatte seinen Job bei mir gut gemacht und lieferte bei Ylvi nun auch ab. “Ich denke auch.”, antwortete ich ihr und strich dem Hengst über die Stirn. “Mal schauen wie du im Westernset aussiehst, kleiner Mann.”

      “Kommt wir gehen nochmal zum Stall, dann könnt ihr absatteln und ich geh die Papiere von der Aku holen.”, schlug Zasa vor und wir nickten beide zustimmend. Am Stall sattelten wir ab, legten ihm eine Abschwitzdecke auf und brachten ihn in eine Box. Zasa brachte die Papiere, ich schaute mir alles gründlich an und nickte dann zustimmend. Wir handelten noch den Preis aus. 1000 Joellen. Das war nicht gerade günstig, aber Platz nach oben gab es immer. “Gekauft.”, sagte ich dann und schlug ein. Im Büro regelten wir den restlichen Papierkram und buchten einen Flug. Morgen früh würde er mit nach Amerika kommen. Zasa bot mir seinen Springsattel und die Trense noch zum Kauf an, doch ich lehnte dankend ab. “Das würde bei uns eh nur verstauben.”, sagte ich schulterzuckend. “Vielleicht passt es ja noch einem anderen Pferd hier von dir, wenn du die Sachen ein bisschen anpasst.”, schlug ich ihr vor und sie nickte. “Wir kommen dann morgen früh und holen ihn ab. Ich hab in der Nähe ein Hotelzimmer gebucht. Dann fahren wir jetzt da hin.”, verabschiedete ich mich von ihr und ging mit einer verwunderten Ylvi nach draußen. “Davon hast du mir ja gar nichts erzählt.”, sagte ich. “Ja, war auch eher eine super spontane Sache. Wusste ja nicht, ob Zasa hier Platz für uns hat.”, gab ich ihr als Antwort und zusammen warteten wir auf unser Taxi, welches uns ins Hotel bringen sollte.


      Ylvi

      Das Auto fuhr nur etwa 20 Minuten ehe wir in einem der Vororte von Dublin hielten. Nicht ganz die Innenstadt aber im Grunde war ich das auch gar nicht gewöhnt. Ein kleines Schild über der Tür nannte uns den Namen des Hotels “The Farmers Inn” darunter “Pub, Restaurant and Hotel”. Natürlich, ähnlich wie in England gab es auf der Insel ebenfalls einen Haufen von Pubs. “Ich werd mir direkt einen Irish Coffee geben lassen, vielleicht vertreib ich so die Jetlag Müdigkeit.” verkündete ich als das Taxi hinter uns die Straße verließ.

      “Klingt nach einem Plan, aber lass uns die Taschen erst nach oben bringen.” Das einchecken lief ohne Probleme ab.. was mich jedoch etwas verlegen machte war die Anrede die uns zuteil wurde. “Kommen sie Mr. und Mrs. O’Dell, ich bringe sie zu ihrem Zimmer.” Ich sagte jedoch nichts. Klar wir reisten zusammen, hatten ein gemeinsames Zimmer - da konnte man schonmal davon ausgehen das man zusammen war… oder wie hier verheiratet. Ich zuckte innerlich die Schultern, lächelte und folgte der rundlichen Frau die Treppen hoch, Caleb direkt hinter mir. Im Zimmer entledigten wir uns der Taschen, der dicken Jacke und ich konnte nicht anders als mich rückwärts auf das Bett zu werfen.. es knarzte leise, ich seufzte. “Ich glaube du hast mit Nachtschwärmer kein schlechtes Geschäft gemacht. Falls du aus ihm ein ebenso verlässliches Pferd machst wie aus Choco oder Ravn. Verlässlich ist er ja im Grunde auch schon, aber ich denke du machst was feines aus dem Kerlchen. Wenn ich dran denke was du in den paar Monaten aus Ravn und mir gemacht hast.” Ich konnte nur halb ein Gähnen zwischendurch verstecken. Ich war müde, mein Rücken spannte und ganz wohl auf den Füßen war ich auch nicht. “Ich weiß nicht ob ich es jetzt noch runter in den Pub schaffe.” meinte ich halb im Ernst, halb im Spaß. Ich spürte Calebs Gewicht auf dem Bett, im nächsten Moment landete er neben mir.. seine Füße noch außerhalb des Bettes, seine Schulter berührte meine.


      Caleb

      “Mrs. O’Dell Sie sehen wirklich fertig aus.”, sagte ich scherzend zu Ylvi, zog halb liegend, halb sitzend meine Stiefel aus und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Dann legte ich mich wieder aufs Bett zurück und berührte Ylvi wieder mit der Schulter. Eine ganze Weile lagen wir so da und starrten die Decke an, bis ich mich aufrichtete und mich zu ihr rüber drehte. “Bist du sicher, dass alles ok ist? Nach Jetlag alleine sieht das da wirklich nicht aus…”, sagte ich zu ihr und Besorgtheit schwang in meiner Stimme mit. Ich war auch müde und kaputt, ja. Aber so fertig war ich nicht. Statt auf meine Frage zu antworten stellte sie mir eine Gegenfrage: “Wollten sie mir den Kaffee nicht hoch bringen?” “Ich geh ihn dir holen.” Also Stiefel wieder an, Hut auf die verschwitzten Haare und dann verließ ich das Zimmer. Im Rausgehen hatte ich noch den Schlüssel eingesteckt, da ich nicht sicher war, ob die Tür automatisch verriegelt sein würde. Unten bestellte ich den Irish Coffee und hoffte, dass ich den Namen noch richtig in Erinnerung hatte. Außerdem ließ ich mir ein irisches Bier geben. Damit bewaffnet ging ich wieder nach oben und öffnete die Tür. Ylvi lag noch immer auf dem Bett, hatte sich aber anders hingelegt. Sie schien aufgestanden zu sein und war dann wohl wieder ins Bett gefallen. “Hier, dein Kaffee.”, sagte ich und reichte ihn ihr rüber.


      Ylvi

      Das er diesen Ehefrau Quatsch auch noch Aufgriff. Während Caleb aus dem Raum verschwand um den Kaffee zu holen, verzog ich mich ins Bad. Besah mir mein blaßes Gesicht im Spiegel, warf mir ein wenig heißes Wasser ins Gesicht und trocknete mich ab. Vielleicht hatte mein Körper mal wieder mit irgendeiner Infektion zu kämpfen? In der Vergangenheit war das oft der Fall gewesen.

      Ich atmete tief durch, besuchte die Toilette und stiefelte zum Bett zurück. Ließ den Tag nochmal Revue passieren. Caleb der einen Haflinger kaufte. Wieder die Erwähnung von Verena. Ich hätte sie gern kennengelernt. Sie schien einen nachhaltigen Eindruck bei diesem Bullen hinterlassen zu haben. Louis schrieb mir das Training mit Gweny sei gut gelaufen und das er einen Ausritt mit Ravn unternommen hatte. “Hopefully you aren´t capturing that horse from me too?” Es kam ein Smiley zurück der die Zunge rausstreckte. “Not as long as your my friend.” ich schickte ein lächelnden Smiley zurück. Ließ dann das Handy irgendwo im Rucksack verschwinden, streifte mir die Stiefeletten von den Füßen. Dann kringelte ich mich in Embryostellung auf dem Bett zusammen, den Kopf auf der Jacke von Caleb. Nur einen Augenblick später öffnete sich jedoch die Tür wieder, er reichte mir den dampfenden Irish Coffee, ließ sich auch auf das Bett sinken. Ich nippte an meinem Getränk, verkohlte mir die Oberlippe, pustete dann lieber doch. “Du siehst ein wenig besser aus.” “Ich denke ich brüte einen Infekt aus.” seufzte ich. “Nach der Hitze von New Mexico schein ich das Wetter nicht mehr zu vertragen, das hier herrscht.” vielsagend sah ich aus dem Fenster. Dort war es bereits dunkel, Tränen aus Regen an der Fensterscheibe, dort klebte sogar ein Blatt vom Wind dort fast festgeklebt. “Mhm.” kam es von Caleb, nicht ganz überzeugt. Mir wärmte nicht nur der Irish Coffee meinen Brustkorb. Er schien sich tatsächlich Sorgen um mich zu machen. Ich rutschte zu ihm auf an das Headboard des Bettes, streckte meine Beine aus. “Weißt du..ich habe jetzt schon von vielen Seiten Sachen über Verena erfahren. Möchtest du mir nicht mehr von ihr berichten? Sie klingt nach einer Person die ich gern gekannt hätte..so nachhaltig wie sie dich beeinflusst hat.” Ich hoffte inständig nicht zu neugierig zu klingen, aber ich wusste so wenig über sie.


      Caleb

      Ich hatte mir mein Bier schon unten aufmachen lassen, so dass ich es nun in vollen Zügen genießen konnte, ohne mir wie Ylvi die Zunge zu verbrennen. Als sie mir die Frage über Verena stellte, verschluckte ich mich fast an meinem Bier und hustete erst einmal eine Weile vor mich hin. “Okay, damit hab ich jetzt nicht gerechnet.”, sagte ich lachend. “Ich glaub Verena war von Anfang an die große und wahre Liebe in meinem Leben. Es kam jedoch nie zu mehr als einem Kuss.”, antwortete ich Ylvi und sah in ihrem Blick, dass ihr das nicht reichte. “Okay, okay.. Also von Anfang an… Nach meinem Unfall beim Rodeo musste ich eine lange Zeit aussetzen, was das Reiten anging und auch was mein Leben anging. Dazu aber ein anderes Mal. Irgendwann hatte ich mich wieder aufgerappelt und musste mir eine neue Arbeit suchen. Das Bullenreiten konnte ich vergessen und Ropen konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Die Gips Reminder Ranch suchte noch Stallburschen und Trainer. Ich bewarb mich und wurde sofort eingestellt. Am Anfang habe ich Verena zur Weißglut getrieben, ich war einfach besser als sie und wusste mehr, weshalb ich ihr immer wieder Tipps und Anweisungen gab und sie nicht nur einmal zusammenfaltete, was sie denn da für einen Mist auf dem Pferd machte… und irgendwie entwickelte sich im Laufe der Zeit etwas zwischen uns. Dumm wie ich damals war, hab ich sie natürlich nicht nur einmal betrogen, kam auch nie an sie ran. Bis auf einen Kuss ist nie etwas passiert, obwohl es geknistert hat. Sie war schließlich immer noch meine Chefin. Und ihre liebsten Pferde waren Gipsy, Bella und Choco. Ihr war es absolut egal, dass Choco kein Westernpferd war. Er war gut, in dem was sie mit ihm tat. Und die beiden waren zusammen gut. Umso stolzer macht es mich natürlich nun, dass die drei Pferde doch wohlauf sind und Choco sogar bald zur Körung geht. Sie hat an die Pferde geglaubt. Und wenn sie eben in der einen Sache nicht gut waren, dann hat sie herausgefunden, was die Pferde konnten und sie nicht dazu gezwungen, Dinge zu machen, die sie gar nicht konnten. Ich habe sie auch für ihre humorvolle Art geliebt… ach ja, nicht zu vergessen Zues, der… dämliche Gaul. Der steht immer noch halb wild bei uns rum und keiner weiß wirklich etwas mit ihm anzufangen. Den hat sie mit zwei Jahren vom Schlachter gerettet.. Ich hatte ihr damals schon gesagt, dass dieses Pferd unberechenbar ist. Sie sagte mit etwas Zeit würde das schon werden. Daraufhin hatte ich sie gefragt, was etwas Zeit denn heißen würde. Einen Monat? Ein Jahr? Zwei Jahre? Ich hatte ihr gesagt, dass er niemals ein gutes Pferd werden würde. Einige Zeit später hat sie mich vom Hof geschmissen, weil ich mit ihr wegen ihm eine sehr große Meinungsverschiedenheit hatte. Und mir eine Ohrfeige geben.. ich kam jedoch zurück und siehe da, sie hatte Wunder vollbracht. Das Pferd ließ sich zumindest anfassen… naja, und dann kam die Explosion und alles änderte sich…”, erzählte ich ihr und leerte mein Bier dann in einem Zug. Ich hasste es, mich an diese Zeit zu erinnern.


      Ylvi

      Es blieb danach eine Weile still, während jeder den Gedanken nachhing. Wie ich vermutet hatte, Verena hatte ihn beeinflusst auf eine Weise wie es vielleicht keiner getan hatte. In einigen ihrer Worte erkannte ich mich selbst wieder, auch ich presse die Pferde nicht in eine Rolle die ihnen nicht gefiel. Trotzdem war ich getroffen, ich konnte wohl nie nachvollziehen können wie es war Menschen die einem lieb waren so plötzlich aus dem Leben scheiden zu sehen. Ein Schauer ging mir über den Rücken dabei. “Sie lebt in dem weiter was ihr alle tut um ihre Erinnerung wach zu halten. Ich habe sie nie kennengelernt, aber ich glaube sie hätte mir gut gefallen.” Was sollte ich auch anderes sagen dazu? Ich gab es mir selbst in dem Moment nicht zu, doch seine Aussage mit der einzigen Liebe versetzte meinem Herz einen Stich. Dabei überging mein Verstand den Fakt das er nicht einzige Liebe gesagt hatte. Die Liebe war tückisch und obwohl ich mir selbst nur zu oft einredete ihr nicht zu verfallen so bohrte sich Caleb mit einer Art in mein Herz wie ich es bisher nicht gefühlt hatte. Wir hatten es schon einmal gehabt das Thema, wir beide nicht geeignet eine wirkliche Beziehung zu führen. Damals hatte er selbst zugegeben sich aus diesem Grund von ihr fern gehalten zu haben. Und ich war mir sicher oft genug bereute er diese Entscheidung auch. Doch im Grunde war der Drops jetzt gelutscht… sich über das alte den Kopf zu zerbrechen tat nur weh. Ich griff nach seiner Hand “Tut mir Leid. Ich hätte nicht fragen sollen.” es tat ihm offenbar noch immer weh. Es waren lediglich zwei Jahre seither vergangen. Louis hatte ihn damals im Krankenhaus ausfindig gemacht, die beiden musste eine sehr tiefe Freundschaft miteinander pflegen.


      Caleb

      “Ja, sie hätte dir gefallen.”, antwortete ich noch und drückte ihre Hand. “Ich habe mich hier vor unserer Abreise mit Bellamy gestritten. Er hat dann seit einer ganzen Weile etwas wirklich nettes zu mir gesagt gehabt. Nämlich, dass wir unsere geliebten Menschen alle verloren hatten und nicht nur ich. Und ich solle ihn, wenn es mir hilft damit fertig zu werden, so viel anschreien wie es nötig ist.”, erklärte ich ihr und sie horschte auf. “Letztes Jahr war der Verlust schlimm, ein Jahr war vergangen und man wurde sich schmerzlich bewusst, was passiert war. Jetzt, fast zwei Jahre nach dem Unfall, verschwimmen die Erinnerungen schon und man wird wütend auf sich, weil man anfängt, zu vergessen.”, sagte ich ihr und sie schaute mich aus traurigen Augen an. Viel dazu sagen konnte sie nicht. So legten wir uns einfach wieder aufs Bett, denn Kaffee und Bier waren leer, und starrten die Decke an. Irgendwann war ich eingeschlafen, denn als ich wieder aufwachte, lag Ylvi unter der Decke und hatte mir auch ein Stück drüber geworfen.


      Ylvi

      Caleb schlief, das Licht war bereits aus doch ich selbst kam nicht genug zur Ruhe. In seinem Shirt stellte ich mich auf den kleinen Balkon. Es war nun windstill, es roch nach Regen und Schaf. Von dort drehte ich mich um sah in Richtung Bett, dann hinauf zum Himmel. Essenz blieb, in der Erinnerung der Menschen selbst. Ich hatte ihm empfohlen aufzuschreiben… dann würde er nicht vergessen, solange er es nicht wollte.

      Als es mir zu kalt wurde schloss ich die Tür hinter mir, breitete eine Decke über Caleb aus und schlüpfte ebenfalls darunter. Mein letzter Gedanke richtete sich irgendwie an Verena selbst. Das ihr Vermächtnis fortgetragen wurde.. und das Versprechen auf Caleb acht zu geben. Ich fühlte mich ihr auf eine Art verbunden die ich nicht verstehen konnte, als würde ich in ihrer Schuld stehen dies zu tun. Dann schlief ich ein.

      Es war Caleb der mich sanft weckte, wie lange er bereits wach war wusste ich nicht zu sagen. “Morgen. Heute geht es zurück mit Nachtschwärmer? Wie lange muss er in die Quarantäne?” ich erinnerte mich an Ravn und Fylgja die dort knapp 4 Wochen bleiben mussten.


      Caleb

      “Es gibt einen Weg die Quarantäne zu umgehen. Er muss in Amerika ein paar Tests über sich ergehen lassen und klar als Sportpferd deklariert werden. Dann darf er zu uns auf die Ranch, und kann da seine vier Wochen rumstehen.”, erklärte ich ihr und zog mich während meiner Erzählung um. “Oh, sowas wusste ich gar nicht.”, sagte sie zu mir und ich lachte. “Ja, da muss man schon ein paar Leute kennen, die jemanden kennen.. die jemanden.. ach du weißt schon.”, sagte ich und lachte. Ylvi stieg kurz in mein Lachen ein und zog sich dann um. Ich tat es ihr gleich und stopfte alles in meine Tasche, lief noch einmal durch das Zimmer, ob wir auch nichts vergessen hatten, ehe wir beide nach unten gingen und auscheckten. Im Taxi sagte ich dann zu Ylvi: “Du siehst heute aber ein bisschen besser aus.” Sie zuckte jedoch nur mit den Schultern und schaute sich die schöne Landschaft an.

      Auf dem Hof ging alles ganz schnell. Was ich sehr wohl noch mitkaufte war seine Decke und die Transportgamaschen. Zasa verabschiedete sich herzlich von ihrem Pferd, ich übergab ihr noch das Geld und bekam Nachtschwärmers Papiere. “Ich schicke auf jeden Fall Fotos und Berichte, wie er sich macht.”, sagte ich lächelnd zu Zasa und sah in ihren Augen eine kleine Träne, die sie jedoch gekonnt versteckte.
      Auch am Flughafen ging alles sehr schnell. Der Hengst wurde sediert, aufgeladen und auch wir nahmen unsere Plätze ein. “Bist du auch so müde wie ich?”, fragte ich Ylvi irgendwann während des Fluges. Sie nickte und wir schafften es mal wieder, beide einzuschlafen. So bekamen wir die schöne Landschaft unter uns ein weiteres Mal nicht mit und wachten erst auf, als der Landeanflug gestartet wurde. Endlich am Boden angekommen holten wir unser Gepäck aus dem Flieger mit, warteten auf unser Pferd und hielten dann Ausschau nach Bellamy, denn er wollte uns mitsamt Hänger abholen. Wir erblickten ihn irgendwann, was gar nicht so einfach im Dunkeln war, luden den Hengst auf und setzten uns ins Auto.

      “Das ist aber kein Westernpferd.”, tadelte Bellamy mich prompt, als ich den Hengst auf dem Blakes Crow Meadow auslud und auf seinen Paddock brachte. Ich stand nun doch etwas abseits der Beiden und nahm die Decke vom Rücken des Hengstes runter. Bellamy und Ylvi unterhielten sich und ich schnappte einen Wortfetzen auf, den Bellamy wohl so oder so ähnlich zu Ylvi sagte: “Ich hoffe er findet bald endlich, wonach er schon so lange sucht…”
    • Ravenna
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      Halloween Special
      | Gwen | 23467 Zeichen
      Es war soweit! Der 31. Oktober war endlich da. Celeste lief schon den gesamten Tag summend durch die Gegend und war wie ein kleines wirres Irrlicht, während sie alles vorbereitete. Hazel hatte mir bei den Leckereien für das Büffet geholfen. Alles war natürlich passend zu Halloween gestaltet. So gab es kleine schokoladige Spinnen, Gespenster aus Marshmellowmasse, Kürbis-Törtchen, Hexenbesen zum Knabbern und vieles mehr.
      Während wir uns also um Kostüme und Leckereien kümmerten, war Ciaran die glorreiche Aufgabe zugekommen, den Stall und die Halle zu gestalten. Denn um die künstlichen Spinnweben riss sich keiner von uns und da er nun einmal der Größte war, ja nun ja. Aber natürlich halfen wir ihm und platzierten auch überall unsere geschnitzten Kürbisse mit den Grabkerzen (weil die so wunderbar lange brannten) darin.
      Schon vor zwei Tagen hatten wir mit denen begonnen und mir taten die Hände immer noch vom auslöffeln weh, aber es hatte sich gelohnt. Schon gegen 13 Uhr sah der Stall wirklich großartig aus! In jeder Ecke konnte man etwas entdecken. Auch hatten wir selbstgebastelte Gespenster, Fledermäuse und Spinnen verteilt.
      Die meisten unserer Gäste waren bereits gestern angereist, viele aber auch erst heute. Wir hatten hinter dem Stall ein Stallzelt aufgebaut, aber es standen auch Boxen bei unseren Nachbarn zur Verfügung. So war für die pferdigen Unterkünfte gesorgt. Die Reiter durften sich aussuchen, ob sie sich ein warmes Gästezimmer nahmen oder die Nacht auf unserem Heuboden verbrachten.
      So allmählich füllte sich unser Hof deshalb auch mit Menschen und Pferden. Celeste war besonders stolz auf ihre Halloween-Playlist, welche unseren Stall mit schaurig schöner Musik erfüllte. Gut hörbar und doch auf einer leiseren und angenehmen Lautstärke. Der Beginn unseres Halloween-Specials näherte sich und während meine drei Leute verschwanden, um die Pferde fertig zu machen, schlüpfte ich bereits in mein Kostüm und stellte mich dann am Eingang der Halle bereit.
      Celeste ließ gekonnt dreimal einen Gong ertönen, damit alle wussten, dass die Show begann. Schon bald war es mucksmäuschenstill auf unseren gefüllten Tribünen und ich trat hervor, in die Mitte der Halle. Dort waren bereits vier niedrigere Sprünge als großes Kreuz angeordnet, schön dekoriert mit einer Menge Kürbissen, Spinnenweben und natürlich passen zu Halloween in schwarz-orange.
      „Ich begrüße euch alle ganz herzlich auf unserer Ranch und freue mich jetzt schon sehr auf den heutigen Tag! Uns wird ein spannendes Programm erwarten, das kann ich versprechen. Beginnen wird die hauseigene Springquadrille – auch meine Wenigkeit,“, und ich deutete lächelnd hinab auf mein bereits angezogenes Kostüm, „ehe dann nach einer kleinen Pause zum Umräumen das Kostümreiten stattfinden wird! Kostümspringen würde tatsächlich weitaus mehr passen und wir sind gespannt auf die heutigen Kostüme. Daraufhin folgt im Anschluss direkt der Gelassenheitsparcours, damit auch die kleinen Vierbeiner ihr Können zeigen können und den Abschluss machen die Trickshows von einigen Teilnehmern. Wir können also neugierig auf die ganzen Paare und ihre Vorführungen sein! Danach sind alle herzlich zum Büffet eingeladen. Dementsprechend bitten wir um die Aufmerksamkeit für alle Teilnehmer, denn danach ist alle Zeit der Welt für Unterhaltungen, Essen, Tanzen und Lachen. Ich freue mich auf den Abend mit euch und würde sagen, wir beginnen!“
      Lächelnd entschwand ich wieder und schwang mich in der Stallgasse direkt auf Levis Rücken.
      Natürlich hatten wir für die gesamte Musik und Technik extra jemanden engagiert. Es war niemand geringeres als Ciarans Bruder, der Technik über alles liebte und Halloween anscheinend auch und sich förmlich um die Stelle gerissen hatte. Dementsprechend gingen nun in der Halle aber auch die Lichter aus, ehe nur ein fahles Dämmerlicht und die gesamten Kürbisse und Kerzen leuchteten.
      Dann begann er mit tiefer Stimme vorzulesen. Der Ausschnitt stammte aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments, in welchem er von der Apokalypse, dem jüngsten Gericht, schrieb. Ja, bei unseren Kostümen hatte ich mir einige Gedanken gemacht, immerhin wollten die Leute doch eine große Show:
      „Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm! Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen.“
      Bereits als er begonnen hatte zu lesen, öffneten sich die Hallentüren und Celeste ritt auf dem weißen Ohnezahn in die Halle hinein. Sie trug eine weiße Toga und eine goldene Krone, in der einen Hand den Bogen und in der anderen Hand die Zügel. Ohnezahn wiederum trug den Kranz um den Hals. Im Galopp ritten sie in die Halle und drehte eine große Runde, während unser Sprecher vorlas.
      Als sie erneut an der Hallentür vorbeigaloppierte, öffnete sie sich wieder und diesmal schloss sich Ciaran auf dem roten Dead Memories an und folgte ihr im flotten Galopp, während weiter die Stimme aus dem Off ertönte:
      „Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Lebewesen rufen: Komm! Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.“
      Es wurde sichtlich deutlich, dass Ciaran und Memo den Krieg darstellten. Und mit dem großen Schwert und seiner dunkelroten Kleidung kamen sie auch sehr gefährlich daher. Doch wie wir alle wussten, gab es vier apokalyptische Reiter und deshalb war nun tatsächlich ich am Zug:
      „Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage. Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu!“
      Und so schloss ich mich auf dem rabenschwarzem Levi hinter die bereits galoppierenden Pferde in der Halle an. Da ich selbst, zu meiner Schande, keinen Rappen besaß, der dieser Aufgabe gewachsen war, hatte ich mir kurzerhand Elisas schicken Hengst geklaubt. Im Gegenzug für kostenloses Essen und Alkohol hatte sie auch sofort eingewilligt.
      So ritt auch ich einhändig, um in der einen Hand die Waage zu halten. Ich war komplett schwarz gekleidet und angemalt. Mein Mantel war zerfetzt und dreckig und ich hatte auch im Gesicht auch leicht die Knochen hervorzeichnen lassen, immerhin stellte ich den Hunger dar.
      Nun fehlte nur noch der letzte apokalyptische Reiter: Hazel auf Neelix. „Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod“; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde“.
      Man musste zugegeben, dass das letzte Paar mit Abstand das beste Kostüm von uns hatte. Neelix hatten wir mit weißem und grauem Farbpulver beworfen, so dass er auch einen leichten Nebel nach sich zog, als er in die Halle galoppierte. Auch Hazel war grau. Grau gekleidet und grau angemalt, sie trug sogar eine graue Perücke, denn ihre roten Haare hätten sonst das Kostüm zerstört.
      Sie war übersät von grauen Fetzen und kam so den Vorstellungen des vierten Reiters sehr nahe. In ihrem grauen Gesicht zeichnete sich ein Totenkopf ab, auf den war Celeste besonders stolz gewesen. Und als wir nun alle in der Halle waren und der Sprecher geendet hatte, setzte schaurige Musik ein. Zuerst sehr kriegerisch und schnell, so dass wir noch zwei Runden ritten, ehe wir auf der kurzen Seite so zur Mitte abbogen, dass wir alle nebeneinander geschlossen stehen bleiben konnten und die Musik verstummte.
      Eine kurze Verbeugung jedes Reiters, dann setzte wieder die Musik ein und der Sieg ritt los, gefolgt vom Krieg, dem Hunger und dem Tod. Ich liebte Springquadrillen und umso toller war es nun, zu einer dazu zu gehören. Die Pferde machten ihre Sache wirklich gut und so führten wir unser Programm auf.
      Hintereinander über die Hindernisse, zu zweit oder quer. Es machte wirklich Spaß und als wir uns nach einer fetzigen Abschlussrunde wieder nebeneinander auf der Mittellinie einfanden, war der Applaus wirklich groß. Im Galopp entschwanden wir aus der Halle, doch ich kehrte schnell zurück und bedankte mich für den Applaus und kündigte die kurze Pause ein.
      „Gebt uns fünf Minuten und es geht weiter mit schaurigen und schönen Kostümen!“. Dank der vielen Helfer war die Halle wirklich um Nu umgeräumt, zumal wir alles bereits so vorbereitet hatten, dass alle wussten, was wohin gehörte und schon stand nach fünf Minuten der kleine Parcours für das Kostümspringen bereit.
      „Begrüßen wir nun Occulta Smith auf scs Sugar and Sweets!“, geschwind kamen die beiden hineingeritten, grüßten und begannen den Parcours. Es waren nur Hindernisse auf E-Höhe, denn es ging diesmal vielmehr um die Zeit und möglichst fehlerfrei den Parcours zu bewältigen. Außerdem war es zumeist nicht leicht, mit Kostümen auch noch zu springen, aber das erste Paar legte wirklich eine schöne Runde hin.
      „Eine wunderbare Runde, vielen Dank! Nun sehen wir Käthe von Landsberg auf Ases Maskwamozi!“ und als die Türen sich öffneten, ritten Pippi Langstrumpf, kleiner Onkel und Herr Nilsson in die Halle ein und grüßten knapp. Ich lächelte fröhlich. Zwar war es nicht zwingend das Kostüm meiner Wahl, aber es war wirklich fantastisch und mit so viel Liebe gestaltet.
      Die beiden jagten förmlich durch den Parcours und blieben tatsächlich auch fehlerfrei und legten somit eine sportliche Zeit vor. „Na, ob das Paar noch jemand besiegen kann. Schauen wir mal, was Alicia Grey und Lettenhof’s Nanuk können!“, und es ritt in vollkommen Pink gekleidet das nächste Paar in die Halle ein und startete den Parcours.
      Leider endete diese Runde mit einem Fehler, auch wenn die Zeit wirklich einwandfrei gewesen war. „Eine unglaublich schnelle Runde! Da kann so ein Fehler durchaus passieren, trotzdem großartige Leistung. Mal schauen, was Caleb O’Dell und GRH’s A Gun Colored Lena dazu sagen?“
      Und so ritt der erste Westernreiter des heutigen Tages ein, doch davon sah man nicht viel. Das Paar zeigte ein besonders kreatives Kostüm: Teufel und Engel in einem. Die beiden machten, besonders durch ihre Flügel, schon etwas her. Zu einer Seite trug die Stute einen schneeweißen Engelsflügel, während auf der anderen Seite das Gegenstück verweilte: Ein rabenschwarzer und zerfetzter Flügel.
      Sie machten auch während des Parcours eine gute Figur, waren leider reicht langsam, aber fehlerfrei. „Tja, das ist der Preis für den zerstörten Flügel, so schnell wie sie wollen, konnten sie leider nicht mehr fliegen. Vielen Dank ihr beiden! Begrüßen wir nun den vorletzten Reiter: Nathan Scott auf Cornet“ und als das Paar einritt, jubelten einige Leute auf den Tribünen auf – das waren eindeutig die Harry Potter Fans, denn das Paar trat auf als Harry Potter auf einem Hippogreifen.
      Trotz des aufwändigen Kostüms legten die beiden eine fehlerfreie und schnelle Runde ab und rutschten somit offiziell auf den zweiten Platz. „Hut ab! Nun bleibt es spannend, was können Fritzi Tersteegen und Painted Blur noch aufzeigen?“, fragte ich und war selbst gespannt. Das letzte Paar ritt ein. Und ich staunte nicht schlecht: Alt, aber bewährt, ritt da vor uns nun der kopflose Reiter auf einem rabenschwarzen Pferd hinein.
      Die Reiterin ritt einhändig, da sie unter dem zweiten Arm einen Kürbis, ihren Kopf, trug. Die beiden sprangen trotz dessen eine wirklich schöne Runde und verfehlten nur knapp die Bestzeit von Käthe und Ases Maskwamozi. „Wow! Respekt, einhändig und dann trotzdem so fix unterwegs! Wenn ich richtig sehe, landen die beiden somit auf dem zweiten Platz!“, und ich klatschte lobend in die Hände, als das Paar die Halle wieder verließ.
      „Vielen Dank für diese tollen Kostüme und nun wird erneut umgeräumt, während sich draußen schon die Kleinen bereit machen, sind wir weiterhin gespannt!“, meinte ich lächelnd und wandte mich dann ab, um mit beim Umräumen zu helfen. Währenddessen verteilten Hazel und Celeste im Publikum Popcorntüten und Cola, und natürlich wurde die Zeit für viele Gespräche genutzt.
      Schnell war die Halle umgeräumt und ein schauriger Gelassenheitsparcours präsentierte sich vor unseren Augen. „Trick or Treat würde ich sagen! Mal schauen, ob unsere Kleinen Saures oder Süßes bekommen. Es startet Ylvie Seidel mit BR Dress to Impress. Ob sie ihrem Namen gerecht wird?“, und das kleine Paint Horse trat in die Halle ein.
      Der Gelassenheitsparcours bestand aus einer orangenen Plane, einem Slalom ausleuchtenden Kürbissen (oh ja, so etwas konnte durchaus einige Schauer bei Pferden auslösen), außerdem aus einem Vorhang aus Leinentüchern und Spinnweben und abschließend aus einer Brücke. Das erste Paar meisterte den Parcours wirklich gut.
      Daraufhin sahen wir erneut Käthe von Landsberg mit ihrem Vollblutfohlen Granada. Die Kleine hatte tatsächlich etwas Panik bei den Kürbissen und wäre beinahe noch in einem gelandet. Mit viel Geduld bekam Käthe sie jedoch auch gut durch den Parcours. Auch Lily Adams, eine junge Zwölfjährige, konnte den Parcours gemeinsam mit ihrem Fohlen PFS‘ Skydive hinter sich bringen.
      Wir sahen noch Alicia Grey mit Townsend Cosmopolitan, Bernie Brooks und Painted Taloubet, Bellamy Blake mit PFS‘ Unclouded Summer Skies, ebenso wie Tamara Meyrohe mit Merida und zuletzt Rachel Wincox mit Mytil. Allesamt legten den Parcours gut bis sehr gut ab. Alle Hindernisse wurden über- oder durchquert und die Kleinen zeigten sich heute von ihrer mutigsten Seite.
      „Noch einmal einen kräftigen Applaus für unsere Kleinen und dann machen wir weiter!“, und zack kam die nächste Umräumaktion, dabei wurde die Halle jedoch einfach leergeräumt und schon ging es weiter. „Nun, meine Damen und Herren, haben wir es bereits 17 Uhr und wir kommen zu den Trickshows! Sind wir also gespannt und begrüßen Occulta Smith mit Blue Dawn’s Nachtfalke!“.
      Das Paar kam in die Halle und das Thema wurde schnell deutlich: Geister. Der kleine Nachtfalke trug zu Beginn ein großes, schneeweißes Tuch und auch die Reiterin war in weiß gekleidet. Die beiden präsentierten eine schöne, freie Gelassenheitsdemonstration mit größeren und kleineren Tüchern zu angenehmer Musik.
      So zeigten sie unter anderem das Abliegen auf dem großen Tuch, spielerisches Freilongieren, ebenso wie spanischen Schritt und ein schönes Kompliment. Die beides gaben ein gutes Bild ab und bekamen auch gehörig Applaus. „Wunderbar! Nun folgen Käthe von Landsberg und Smarty Jones! Begrüßen wir nun wild wild west bei uns!“.
      Im wilden Galopp ritt das Paar in die Halle. Die Reiterin passend zum Thema gekleidet, das Pferd vollkommen frei ohne Zubehör. Käthe gab drei Schüsse aus einem Schreckschussrevolver ab und hatte somit auf jeden Fall die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums. Kurz darauf sprang sie vom Rücken des Pferdes und nach einer kurzen Pause, in der der Hengst weitergelaufen war, rief sie ihn zurück.
      Es folgte eine schöne Einheit des Freilongierens inklusive Rückwärtsrichten, Seitwärtsgängen und vielen weitere Lektionen. Kurz darauf wurde auch noch die Gelassenheit des Hengstes unter Beweis gestellt, als Käthe ihm zwei Jutesäcke voller klappernder Dosen auf den Rücken legte und durch ein Tor hindurch schritt, welches laut knarzendes geöffnet wurde. Smarty Jones folgte ihr seelenruhig. Kurz darauf nahm sie ihm die Dosen wieder ab und als sie sich bückte, schnappte er spielerisch nach ihr.
      Es folgte ein kurzes freies Spiel des Paares, ehe der Hengst sich zuletzt verbeugte. Während das Publikum bereits klatscht, steigt Käthe wieder auf und dreht ein paar Runden im Galopp durch die Halle, zeigte einen gekonnten Zirkelwechsel mit fliegendem Galoppwechsel, ebenso wie eine Galopppirouette und wie sie gekommen sind, so verließen sie auch wieder die Halle: im Galopp.
      „Wow! Ich würde sagen, nun sind wir alle wach und hellauf begeistert! Dankeschön! Nun als nächstes Ylvi Seidel auf Inyan!“
      Das Pferd trug lediglich ein War Bridle und in die Mähne war eine große Feder geflochten, während Inyan zusätzlich um sein Auge einen grünen Kreis gezeichnet bekommen hatte. Die Reiterin trug eine Regalia, traditionell für die Lakota. Pfeil und Bogen waren ebenfalls von der Partie und auch dieses Paar ritt im flotten Galopp in die Halle hinein.
      Zu Beginn demonstrierte Ylvi ihre Schießkünste, ehe sie den Wallach auf Kommando ablegen ließ und auf ein unsichtbares Zeichen hin sich sogar auf die Seite legte. Ylvi schoss noch einmal auf eine weit entfernte Scheibe und traf erneut. Dann ließ sie Inyan aufstehen und zeigte eine kleine Demonstration aus freiem Longieren und spanischem Trab. Kurz darauf zeigte sie uns noch das Abrufen des Hengstes, leider sah Inyan das anders und vollführte seine eigene Show, indem er zwar auf Ylvi zulief, aber an ihr vorbeisauste und quer durch die Halle bockte.
      Auf einen zweiten Pfiff kam er jedoch sofort und so war man sich nicht sicher, ob das erste nicht doch geplant gewesen war. „Eine wunderbare Vorstellung, vielen Dank! Nun würde es noch einmal etwas mehr Wild West, denn wir begrüßen nun Caleb O’Dell auf GRH’s A Gun Colored Lena!“. Das Paar, gekleidet als typisches Westernpferd und Cowboy, ritt auch im Galopp in die Halle. Caleb trug einen schwarzen Hut, ein schwarzes Hemd und ebenso schwarze Chaps und Boots. Auch das Pferd war schwarz gekleidet: schwarzes Blanket und ein schöner dunkelbrauner Sattel. Jedoch war das Paar ohne Sattel unterwegs.
      Im Affenzahn ritten sie nun in die Halle und legten kurz vor Ende der Halle einen Sliding Stop hin, ehe Caleb sein Pferd bis zur Mitte der Halle rückwärtslaufen ließ. Dort verweilten sie jedoch nur kurz, ehe es rasant mit einem Spin weiterging. Und das vollkommen frei, denn Caleb streckte seine Arme zu den Seiten weg.
      Nach einer kurzen Verschnaufpause galoppierten sie auf einem Zirkel und zeigten einige fliegende Galoppwechsel, ehe sie einen weiteren Sliding Stop vollführten. Erneut zeigten sie vier Spinrunden auf jeder Hand und verlassen abschließend rückwärts die Halle. Dabei zog Caleb seinen Hut und verbeugte sich.
      „Was für ein Abgang!“, übertönte ich den lauten Applaus. „Das letzte Paar für heute: Tamara Meyrohe und Polka Dot. Liebe Leute, es wird noch einmal klein und süß!“. Und so war dem auch: Ein kleines gepunktetes Pony lief vor seiner Reiterin am Langzügel in die Halle hinein.
      Die beiden präsentierten zunächst ihre Langzügelarbeit. Im versammelten Galopp betraten sie Halle und parierten in der Mitte zum Halt. Daraufhin zeigten sie uns einige Lektionen: Passage, Piaffe und Traversalen in jede mögliche Richtung. Aufgrund der Shettygröße sah alles mehr als knuffig aus.
      Kurz darauf ließ Tamara ihr Pony sich ablegen und nahm ihr die gesamte Ausrüstung ab.
      Nun folgte noch ein Einblick in die Freiarbeit: Zu Beginn wurde das Pony von Dannen geschickt und raste seine Runden durch die Halle, nur um sofort zu stoppen und zu der Reiterin zu sausen, als diese es rief. Kurz vor Tamara stieg das Pony und während die Reiterin rückwärts lief, folgte Polka Dot ihr auf den Hinterbeinen.
      Im Trab umkreiste das Pony daraufhin seine Reiterin, doch schon bald standen sie nebeneinander und zeigten Seitwärtsgänge, Rückwärtsrichten und ein flottes Galoppieren, immer schön synchron. Abschließend blieben sie abrupt stehen und überkreuzten jeweils ihre Beine.
      Den Abschluss machte der spanische Schritt, ehe die beiden im Passage-Tempo wieder in die Mitte der Halle liefen und sich dort Polka Dot verbeugte. Das Publikum applaudierte laut und auch ich bedankte mich. „So! Nun kommt in ein paar Minuten noch die Siegerehrung und dann heißt es Essen!“, meinte ich fröhlich und entschwand kurz, um mir die Siegerlisten aushändigen zu lassen.
      Kurz darauf erschien ich wieder in der Halle. Aufgrund von Zeit und der teilweise größeren Entfernung der Boxen, würden nur die Reiter die Schleifen in Empfang nehmen. „Beginnen wir mit dem Kostümreiten! Auf dem dritten Platz mit einer tollen Zeit und ohne Fehler: Nathan Scott auf seinem Hippogreifen! Daraufhin auf dem zweiten Platz unser einhändig reitender kopfloser Reiter Fritzi Tersteegen, der doch ein Ticken schneller gewesen ist, aber leider nicht schnell genug. Denn der erste Platz geht an Käthe von Landsberg mit Ases Maskawamozi! Herzlichen Glückwunsch an die drei!“
      Nachdem der erste Applaus verstummt war, ging es weiter. „Dann hat unsere Jury sich kritisch mit den Kostümen auseinandergesetzt und ich muss ehrlich gestehen: Die Aufgabe hätte ich nicht gerne gehabt, denn eine Entscheidung war wirklich, wirklich schwer! Auf den dritten Platz wurde jedoch das Kostüm Harry Potter und sein Hippogreif gewählt! Ein kleiner Applaus! Auf dem zweiten Platz finden wir nun Engel und Teufel von Caleb O’Dell! Hier ein besonderer Respekt an die tollen Flügel! Und zu guter Letzt: Der erste Platz geht an den kopflosen Reiter! Der mit seinem Kostüm einfach genau Halloween getroffen hat und wirklich ein schönes Kostüm zeigte! Applaus für Fritzi Tersteegen!“
      Es folgten die Gewinner des Gelassenheitsparcours. Dort ging der dritte Platz an Bellamy Blake mit PFS‘ Unclouded Summer Skies. Den zweiten Platz ergatterten sich Alicia Grey und Townsend Cosmopolitan und auf den ersten Platz landeten Lily Adams (unsere jüngste Teilnehmerin) mit PFS‘ Skydive!
      Für alle teilnehmenden Fohlen gab es ein kleines Bund Möhrchen und die Reiter durften ihre Schleifen einstecken und so kamen wir zur letzten Auswertung, den Trickshows. „Auch hier wieder! Ein Glück saß ich nicht im Entscheidungskomitee, ich fand nämlich allesamt wirklich einwandfrei, aber nun muss man ja doch Plätze verteilen, also bitteschön: Auf dem dritten Platz Caleb O’Dell mit seiner fetzigen Western-Show! Und auf dem zweiten Platz finden wir Ylvi mit ihren Bogenschießkünsten, definitiv verdient! Und zu guter Letzt: Der erste Platz geht an Tamara Meyrohe mit ihrem süßen Punktepony und der kreativen Show! Einen Applaus für die drei und noch einmal einen umso lauteren Applaus für alle heute hier aufgetretenen Paare. Ich finde, das haben wirklich alle wunderbar gemacht! Vielen Dank für euer Kommen und eure Mühen. Es war eine Freude, euch und euren Pferden zuzuschauen! Und nun eröffne ich das Büffet und die Tanzfläche und wünsche allen Anwesenden noch einen tollen Abend!“
      Lächelnd verabschiedete ich mich mit einer Verbeugung und hielt noch kurz Small-Talk mit einigen Teilnehmern, um ihnen nochmals für ihr Danken zu kommen. Allen teilnehmenden Leuten hatten wir eine kleine Geschenktüte fertig gemacht, immerhin kamen alle von weit her. In der Tüte fanden sich einige Snacks, die meisten natürlich wieder passend zu Halloween, außerdem Soda-Dosen und natürlich auch Leckereien für die Pferde.
      Celeste hatte außerdem für jeden einen kleinen Anhänger gestaltet, auf dem stand „Halloween Special 2018, wir waren dabei!“ – und wie konnte es anders sein? Es war ein orangener Kürbis mit grinsender Fratze, aber immerhin einer netten Fratze.
      Ich gesellte mich nun noch zum Büffet, denn nach dem langen Tag hatte ich definitiv auch Hunger und bediente mich somit an den ganzen Köstlichkeiten. Zum Reden fand man hier auch sofort jemanden und so würde der Abend noch ganz schön lang werden. Aber schön war es! Und gelohnt hatte es sich auch allemal!
    • Ravenna
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      This fragile heart | Ravenna | 45312 Zeichen
      Ylvi

      “Was genau hast du denn vor? “ kam die Frage von Caleb als ich hinunter in die Küche kam. Um meine Schulter hing die Kamera, in meiner Tasche befand sich der Rest meiner Ausrüstung. “Louis will in die Stadt, das wollte ich direkt mal nutzen um Fotos zu machen. Ich hab da auf dem Tisch eine Liste mit Zeugs das ich außerdem kaufen soll von Bellamy, Murphy und so. Falls du auch etwas möchtest schreib es einfach mit auf.” Wir fuhren nicht oft nach Albuquerque, wenn einer dann doch fuhr - bekam er immer so eine Liste in die Hand gedrückt. Caleb und ich waren gerade eine knappe Woche wieder zurück auf der Ranch. Während er sich direkt in die Arbeit hatte gestürzt, musste ich einige Schritte zurück schalten. Ich hatte zwei Tage mit Schwindel zu kämpfen gehabt, mir war Regelmäßig schlecht gewesen. Bellamy hatte mir drei Tage Ruhe verordnet...auch Caleb war immer wieder im Gästehaus erschienen. Wie ein rastloser Kojote war er mir vorgekommen. “Bist du dafür wieder fit genug?” “Klar das war nur ein Migräneanfall.. zu wenig getrunken. Ein bisschen Stress.” Log ich, denn Schwindel war noch immer ein Bestandteil meines Zustandes. Caleb zog eine Augenbraue nach oben. “Louis ist bei mir. Was soll schon schief gehen?” “Dann mach dir einen guten Tag.” damit setzte er sich seinen Hut auf, verschwand aus der Haustür. Ich griff nach meiner Liste, tatsächlich hatte Caleb etwas darauf ergänzt. Seinen liebsten Tabak und Bier...und dahinter…”richtiges” in gutem Deutsch. Ich schmunzelte. Als er das erste Mal gefahren war hatte ich das ebenfalls geschrieben. Nach einem kurzen Frühstück, schlenderte ich schon mal nach draußen. Louis würde mich in den nächsten 10 Minuten abholen kommen.

      Mein Blick folgte gerade Murphy der mit einem der Quarter am Strick in Richtung der Führanlage ging. Ich zog die leichte Jacke etwas enger um mich, jetzt gegen 7 Uhr waren noch knapp 14 ºC, erst später würde es wärmer werden.

      Erst als ich wieder zur Auffahrt sah fiel mir der Geländewagen auf der, reichlich Staub aufwirbelnd, auf mich zugefahren kam. Natürlich wusste ich das Louis nicht allzu viel Geld hatte, doch dieser Wagen hatte nicht nur einen used-rostig Look, er war tatsächlich verrostet. In Deutschland wär das Teil wahrscheinlich niemals durch den TÜV gekommen. Ich starrte also den Wagen etwas entgeistert an, während ein lässig gekleideter Louis aus dem Wagen stieg. Unter einem roten Tuch auf dem Kopf lugten seine ordentlich in Zöpfe gelegten Haare hervor, eine kleine Feder flatterte im Wind. Auf dem Tuch selbst trug er ein Basecap das vielleicht mal rot gewesen sein könnte, mit einer Aufschrift die kein Mensch lesen konnte. Ein schwarzes Shirt, eine Jeans. Nichts im Vergleich zu seinem Aufzug in der Regalia. Ohne die Zöpfe, hätte man ihn auch gut und gerne für einen Latino halten können. “Du starrst, Kari-win.” sagte er lachend. “Was?” “Du starrst mich an.” “Nicht dich.. deinen Wagen. Fahren wir damit nach Albuquerque?” Louis legte den Kopf schief, schob die Lippen nach vorn(eine Geste die er oft machte, auch bei Lilly hatte ich es schon beobachtet) . “Ja, wieso?” Ich zuckte die Schultern. Immerhin war er bis hierher gekommen. “Lass uns los fahren.”

      “Willst du mir nicht erst noch den neuen von Caleb zeigen? “ Ich schüttelte den Kopf. “Das kann Caleb schön selbst machen. Komm damit wir heute Abend wieder zu Hause sind.”

      Die Sitzbank des Geländewagens war durchgehend, eine Vorrichtung zum Anschnallen war immerhin vorhanden. Louis lächelte als mein Verschluss einklickte, dann suchte er selbst nach dem Sicherheitsgurt - ein Indiz dafür, dass er das sonst nicht Tat vermutete ich einfach mal.

      Wir redeten nicht viel. Ob diese Eigenschaft Caleb wohl von Louis hatte? Daher nutze ich die Zeit um die Landschaft die an mir vorbei zog zu fotografieren, einige kleine Filme zu drehen. “Du bist nicht gut darin nichts zu tun, nicht wahr Kari-win?” Ich ließ meine Kamera sinken, statt einer Antwort gab ich eine Gegenfrage “Was bedeutet das eigentlich?” “Was?” feixte er.” “Win bedeutet Mädchen das weiß ich. Aber das davor.. ich hab es gegoogelt, aber ich wusste nichtmal genau wie es geschrieben wird.” “Rabe” Rabe? Ich verzog die Brauen.. “Raben-Mädchen?” Louis nickte. “Doch nicht etwa weil ich meinte ich wäre sicherlich eine Rabenmutter.” Kopfschütteln. “Verräst du es mir?” beinahe erwartete ich ein weiteres Kopfschütteln, aber es kam eine Antwort. “Dein Haar ist wie das Gefieder eines Raben. Außerdem habe ich von dir geträumt, darin hast du dich in einen Raben verwandelt. Deshalb gab ich dir diesen Namen.” Er hatte also von mir geträumt? Träume hatten etwas besonderes in sich.. ich selbst träumte intensiv des Nachts. Wie oft wachte ich auf, mit nassen Wangen. Nicht immer konnte ich mich an den Inhalt erinnern. Doch seltsamerweise, handelten auch manche meiner Träume von Raben. “Scheint mir kein schlechter Name zu sein. “ murmelte ich, lächelte. Nein das war er nicht.


      In der Stadt steuerten wir als erstes das Einkaufszentrum an. Jeder einen eigenen Wagen, erledigten wir die Einkäufe. Den Tabak für Caleb fand ich nicht, bis Louis mir verriet den gäbe es nur in bestimmten Läden im Stadtinneren. Soweit nach Albuquerque hatte ich eigentlich gar nicht fahren wollen. Trotzdem landete der Einkauf in etlichen Tüten auf der Ladenfläche des Wagens. Mittlerweile war die Temperatur deutlich gestiegen, ich entledigte mich daher meiner Jacke, im Top ließen sich knapp 29 °C leichter ertragen. Mal ganz davon abgesehen das der Wagen keine Klimaanlage besaß. “Ylvi, fang.” mir blieb gerade genug Zeit um den mir zugeworfenen Gegenstand zu erfassen, er prallte gegen meine Hand, gefangen hatte ich ihn allerdings nicht. Als ich mich danach bückte hielt ich den Autoschlüssel in der Hand. “Ich?” meine Stimme klang fasst ein wenig hoch, zu hoch. Ich räusperte mich “Bist du dir sicher?” Keine Antwort, stattdessen nahm Louis auf dem Beifahrersitz platz. Also stiefelte ich herum, setzte mich hinter das Lenkrad und hatte bei der Größe das Gefühl einen Panzer zu fahren. Es war zweierlei seltsam wieder Auto zu fahren - gerade mit dem Verkehr. Aber wie man so schön sagte, es war etwas das man wohl nie verlernen würde. Ich musste nur ein wenig umgewöhnung leisten, denn ich hatte hier keinen Schaltwagen. Vom Old Town ging es immer Richtung Osten der Stadt, das Sandia Peak Tramway war unser Ziel. ich wollte die Stadt ein wenig von oben sehen, hübsche Fotos machen die ich meiner Familie senden könnte. Ich musste ja nicht zugeben das ich die meiste Zeit eigentlich nur auf der Ranch herum lungerte.

      Begleitet von Native Rap (ich hatte bis hierhin gar nicht gewusst das es diesen tatsächlich gab) fuhr ich den Highway bis zur Talbahn. Ich sah hinauf , vor uns erstreckten sich die Sandia Mountains. Ich zog uns beiden ein Ticket für die Bahn. Mit uns stieg noch eine Masse aus älteren Leuten und Kindern ein. Ich drängte mich in eine der Ecken..mir zitterten schon die Hände. Ich hatte vergessen das mir enge Räume, große Höhen und viele Menschen missfielen. Louis schien das aufzufallen. Er stand dort, sah mich fragend an. “Panikattacken bei größeren Massen an Menschen manchmal.” flüsterte ich. Die sonst so selbstbewusste Ylvi ganz kleinlaut...wie ich das hasste. Immerhin war es besser geworden. Vor einigen Jahren hätte mich niemand hier rein zwängen können. In mir kämpfen verschiedene Emotionen, bevor ich sie gesichtet und sortiert hätte geht die Sonne unter. Louis Arme greifen von hinten um meinen Körper. Fest genug um klar zu machen das ein Entkommen unmöglich war. Ich mutierte zum Stock. “Hör mir zu” langsam geht er zurück, ich merke wie er gegen die Stange in inneren der Gondel lehnt. “Solange ich dabei bin, brauchst du keine Angst haben. Verstanden?” ich nicke, konzentriere mich einfach nur auf ihn. Auf die ungewohnte Umarmung seinerseits, ich wurde weicher in meiner Anspannung, mein Kopf legte sich gegen seine Schulter. Mein rasend Herz kam zur Ruhe, mit geschlossenen Augen konnte ich die anderen vollkommen ausblenden. Verbissenes Schweigen. Keine gute Basis für eine Unterhaltung. Das Rauschen der Motoren, die Stimmen neben uns. Vielleicht genügte das auch. Ich drücke seinen Unterarm, bringe nur ein gehauchtes “Danke” über die Lippen. “Wofür?” “Für das hier.” ich spüre ihn lachen als das ich es wirklich höre. Er neigt sich nah genug zu mir, sein Atem streicht mein Ohr. “Was meinst du?” Ich zuckte mit dem Kopf nach hinten gegen ihn. “Das weißt du ganz genau.” murmel ich, kaum mehr als ein Wispern gegen das Stimmengewirr um uns herum. Ob er es überhaupt gehört hatte? Louis zuckt die Schultern, der Impuls geht durch uns beide..so nah sind wir uns. “Schau nach draußen. Bevor die Bahn eröffnet wurde flog ein Passagierflugzeug gegen den Berg. Sieh genau hin dann kannst du dort noch einige Bruchstücke sehen.” Louis hatte uns beide gedreht, deutete hinunter. Ich gab mir wirklich Mühe, konnte allerdings nichts erkennen. “Ich seh da nix.” kam es mir fast ein wenig enttäuscht über die Lippen. “Besser?” “Was?” “Deine Angst.” er löste sich ein wenig von mir, ich blinzelte, sah auf meine Hände. “Kein Zittern.” verkündete ich, wackelte mit den Händen vor seinem Gesicht. Louis nickte anerkennend. Im nächsten Moment endete unsere Fahrt, denn insgesamt dauerte sie nur 15 Minuten. Wir stiegen aus. Entschieden uns zunächst einen Happen zu Essen ehe wir ein wenig auf Erkundungstour gehen würden. Das Essen war nicht schlecht. Jedoch bestellte ich nur einen Salat. Mir war schon wieder schlecht. Auch Louis schien das zu bemerken. “Caleb hat geschrieben das ich ein Auge auf dich haben soll.” Ach? “Hat er das ja?” ich klang genervt, missmutig erhob mich von meinem Stuhl klammerte mich an diesen bis die Motten verschwunden waren. Dann ging ich - gut das wir die Rechnung bereits bezahlt hatten.

      Wieder diese Emotionen, ich hielt die Luft an, schluckte alles herunter, öffnete dann wieder die Augen. Louis war mir gefolgt lief den Weg hinunter hinter mir her. An einem kleinen Aufstieg holte er mich ein, ich musste stehen bleiben um nach Luft zu schnappen. Eigentlich kam er sogar ganz praktisch. Er hatte nach meiner Hand gegriffen, während ich gerade das Gleichgewicht verlor, hielt er mich an der Hüfte fest. Louis dirigierte mich auf einen Felsen setzte mich ab, nahm daneben Platz. “Was stört dich daran?” “Ich ...er..” ja was störte mich daran? “Ich verstehe nicht wieso. Ich bin doch nur..ich. Um mich hat sich nie jemand wirklich gekümmert...und ich um keinen anderen. Er bringt mich vollkommen aus dem Konzept.” faselte ich unwirsch. “Ylvi..ich hab ihn seit Verena nicht so gesehen.” Ich sah ihn verdutzt an…Wie? “Das er sich um jemanden tatsächlich sorgt.” “Was spielt das schon für eine Rolle? Auf meine seltsame Art habe ich mich in ihn verliebt, aber ich kann niemals den Platz dieser Frau einnehmen.” damit war es raus. Die Lüge die ich versucht hatte in mir aufrecht zu halten, zerbrach. Und die Wahrheit das ich niemals gegen eine Tote Frau ankam. “Sie war seine Wölfin.” murmelte Louis. Mussten diese Natives eigentlich immer in Rätseln sprechen? “Er ist ein Wolf..auch wenn er manchmal versucht das zu verdrängen so braucht er doch einen festen Familienstand neben sich. Er vermag manchmal um sich zu beißen, aber die Menschen die ihm wirklich wichtig sind beschützt er. Erinnerst du dich an das Relay? Den Typen. Wärst du ihm egal. Er hätte ihm keine verpasst. Sieh. Verena mag seine Wölfin gewesen sein. Diese Chance hat er verstreichen lassen. Aber weißt du was?” er kam mir noch näher, griff nach meinem Arm. “Wölfe und Raben leben schon immer in einer Symbiose. Vielleicht hat der Große Geist euch zusammengeführt? Gib nicht auf, gib allem Zeit...vielleicht fügt sich alles.Triff dich mit anderen, quäle dich nicht. Vielleicht findet Caleb bald was er sucht.” ich horchte auf. Hatten sich Bellamy und Louis hinter meinem Rücken verbündet? Ich hörte mich hohl auflachen “Hast du das auch geträumt?” Es strömte so viel auf mich ein, dass ich nicht wusste, was los war..Wieso hatte ich Louis anvertraut, dass ich tatsächlich Gefühle für Caleb entwickelt hatte? Louis zuckte mit den Schulter, zwinkerte und lächelte. Anschließend nahm er mich in den Arm. “Du brauchst jetzt einen guten Freund...wann immer du willst, sei gewiss, dass Lilly und ich für dich da sind. Verstanden?” Mein Herz wollte nicht aufhören zu rasen. Wieder die Motten in meinem Sichtfeld. Dann setzte mein Herz für einen Herzschlag aus...nicht rein metaphorisch, es tat es wirklich. Ich war nicht mehr in der Lage Louis für seine ehrlichen Worte zu danken. Um mich herum wurde es schwarz.



      Caleb

      Ich saß noch immer auf der Ladefläche meines Pick Ups und kaute auf einem Grashalm herum. Es war nicht so, dass ich nichts zu tun hätte, ganz im Gegenteil. Gleich würde noch ein Cowboy kommen und sich um die Stelle als Rancharbeiter bewerben. Trainer konnte er auch sein, aber das war zweitrangig. Mit Bellamy, Laurence und mir hatte die Ranch eigentlich erstmal genug Trainer. „Hey, hey, hey Cowboy.“, stand auf einmal Betsy mit ihrer Quietschestimme und dem breiten Grinsen im Gesicht hinter meinem Wagen. „Wann darf ich Blue nochmal reiten?“, fragte sie mich und ich schlug mir in Gedanken mit der Hand gegen den Kopf. Klar, Betsy und Blue. Wie hatte ich das vergessen können. „Tut mit Leid, Betsy. Ich weiß nicht wo mir gerade der Kopf steht.“, entschuldigte ich mich bei ihr doch sie zuckte mit den Schultern. „Dann jetzt, Cowboy? Du hast ja anscheinend eh nichts zu tun gerade…“, sagte sie grinsend. Wann hatte sie eigentlich angefangen mich Cowboy statt Caleb zu nennen? Ich seufzte, rollte mit den Augen und sprang dann von der Ladefläche herunter. „Na gut, lass uns Blue holen gehen.“

      Wenig später standen wir mit dem gesattelten Gun and Slide auf dem Reitplatz. Ich hatte ihn schon ein wenig abgeritten. Wenn man solche voll im Training stehenden Pferde nicht täglich ritt, merkte man ihnen sofort den Muskel- und Konditionsabbau an. „Wann willst du denn mal auf einem Turnier starten?“ fragte ich Betsy und hängte ihr die kleinen Bügel ums Sattelhorn. „Wenn ich etwas besser bin?“, fragte sie und gab mir ihren Fuß, damit ihr ihr aufs Pferd helfen konnte. „Wenn du dich dran hälst bist du sehr schnell sehr viel besser.“, sagte ich lachend und wir hatten eine wirklich tolle gemeinsame Stunde. Betsy wurde wirklich jedes Mal besser und ich schwor mir, sie mindestens zweimal die Woche zu unterrichten. So entkam ich Bellamys sinnlosen Aufgaben, die die Stallburschen erledigen konnten und hatte trotzdem etwas zu tun. Ylvi war schon eine Weile mit Louis weg, weshalb ich sie heute nicht nerven konnte. “Lust auf einen kleinen Ausritt?”, fragte ich Betsy und sie nickte freudig. “Gut, gib mir fünf Minuten, ich hole Alan.”, sagte ich und verschwand im Stall. Dort machte ich mir in Windeseile Alan’s Psychedelic Breakfast fertig und ritt zurück zum Platz, wo ich das Mädchen aufsammelte und dann mit ihr das Gelände verließ. “Weißt du bald ist in einem kleinen Ort hier in der Gegend ein Turnier. Du könntest doch eine Disziplin starten?”, fragte ich Betsy irgendwann und streckte mich einmal kurz. Junge, Junge. Heute war wirklich ein Tag, an dem ich nicht viel arbeiten würde, so fertig war ich.

      “So ein richtiges Rodeo?”, fragte sie und ich sah die Vorfreude in ihren Augen. “Ja, aber ein Kleines.”, antwortete ich ihr und blickte zu ihr rüber, doch alle Freude war aus ihrem Gesicht gewichen. “Was.. was ist los?”, fragte ich sie und hielt Alan an. Auch Blue blieb automatisch stehen, als ich ein leises ‘whoa’ zusagte. “Ich kann nicht.”, antwortete sie knapp und trabte Blue an. Ich schickte Alan hinter ihr her und trabte vor sie, so dass sie wieder anhalten musste. “Wieso?”, fragte ich sie und griff nun in die Zügel von Blue, damit sie nicht wieder abhauen konnte. “Da sind viele Mädchen aus meiner… Klasse… und die sind alle besser als ich… ich kann da nicht hin, ich würde mich blamieren…”, sagte sie nun traurig und ich ließ die Zügel wieder los. “Welche Disziplinen machen die anderen Mädchen aus deiner Klasse denn?”, fragte ich sie schließlich, als wir weiter ritten. “Die meisten machen Pole Bending oder Barrel Racing…”, erklärte sie mir und ich lachte kurz auf. “Weißt du, dass Bellamy eine Stute hat, die im Pole Bending in der LK 2 läuft? Sue!”, erklärte ich ihr stolz und hielt Blue wieder an. “Wenn ich dir mit Sue helfe, würdest du dann starten?”, fragte ich sie. Ich hasste nichts mehr wie kleine Gören, die anderen nichts gönnten- und wenn ich Betsy so helfen, und den Mädels eins auswischen konnte, warum nicht. “Das würdest du tun?”, fragte sie mich und schaute mich mit großen Augen an. “Klar.”, erklärte ich und wendete Blue, damit wir uns auf den Rückweg machen konnten. “Ich muss nur noch meinen Vater davon überzeugen…”, murmelte sie und sah zu mir hoch. “Lass das mal meine Sorge sein. Wir zeigen es diesen Gören. Gib mir fünf!”

      Wieder am Hof angekommen machten wir die Pferde fertig, brachten sie auf ihre Paddocks und ich trug dem Mädchen auf, sich auf den Paddocks umzusehen und die abzuäppeln, auf denen kein Pferd stand. Nicht alle Tiere waren so lieb wie Blue oder Alan, da musste man mit ihr nichts riskieren. “Ich gehe dann mal Dell suchen.”, erklärte ich ihr und winkte kurz, ehe ich zum Hauptstall ging und mir dort den Mitarbeiterplan ansah. Dell müsste jetzt im Nebenstall sein und die Boxen misten. Ich ging dort hin und fand ihn auch in einer der Boxen. “Hey Dell.”, begrüßte ich den blonden Mann und hatte sofort seine Aufmerksamkeit. Ich war normalerweise nicht der Mensch für lange Gespräche mit den anderen Mitarbeitern, aber das hier war mir wichtig, denn diese kleine Frau wuchs mir immer mehr ans Herz. “Hör mal.. in der Nähe ist bald ein kleines Rodeo, bei dem ich gerne Betsy starten lassen würde und…hey, lass mich erst einmal ausreden, bevor du protestierst.”, murmelte ich meinen Satz und schaute ihn kurz wütend an. “Ich habe da einerseits an Betsy und Blue gedacht. Pleasure, Trail, Ranch Riding, Horsemanship.. sowas können die beiden rocken.” “Aber?”, fragte er mich dann und ich lehnte mich an die Boxentür. “Aber… nun kommt der Haken. Die anderen Gören aus ihrer Klasse sind auch da- und du weißt wie Mädchen sind… Betsy möchte nicht starten, weil die anderen alle Pole Bending oder Barrel Racing gehen, und die anderen Disziplinen ihrer nicht würdig sind.”, erklärte ich weiter. “Und…?” “Und… wir haben Black Sue Dun It. Sie läuft in der LK 2 und könnte mit Betsy zusammen den ersten Platz machen. Sie ist ein Schatz und ein besseres Pferd kann sie gar nicht haben. Was meinst du wie neidisch die anderen werden, wenn sie erst einmal erfahren, wem die Pferde gehören und wo Betsy überhaupt wohnt!”, sagte ich dann und wartete auf eine Antwort von Betsys Vater. “Hm.. na gut von mir aus. Wehe sie fällt runter, Caleb. Dann Gnade dir Gott.” “War das eine Drohung?”, fragte ich ihn augenzwinkernd und er zuckte mit den Schultern. “Solltest du nicht trainieren, wenn sie gewinnen soll?”, fragte er mich und ich nickte ihm dankend zu. Danach verschwand ich aus dem Stall und schnappte mir sofort Sue von der hinteren Koppel. Ich sattelte sie und ging dann zu den Paddocks, wo sich Betsy mit der Schubkarre herum ärgerte. “Hey Kleine, kommst du mit? Dein Vater hat ja gesagt.”, erklärte ich ihr und sofort strahlte ihr kleines Gesicht wieder. “Wirklich? Oh mein Gott!”, rief sie, ließ die Gabel fallen und kam auf uns zugelaufen. “Hey, immer langsam mit den jungen Pferden.”, sagte ich und hielt ihr eine Hand vor die Brust. “Pferde… langsam.. das weißt du doch.”, tadelte ich sie und drückte ihr dann die Zügel in die Hand. Wir gingen auf den kleinen Platz. Von dessen Rand holte ich die Poles und stellte sie großzügig auf. Wir fingen schließlich von vorne an. “Lass mich zu erst. Sie steht im Moment auch nicht voll im Training. Wer weiß, was sie noch kann.”, sagte ich zu Betsy und schickte sie auf den Zaun, auf den sie sich setzte und mir gespannt zusah. Da ich mich doch dazu entschieden hatte, zu erst zu reiten, stellte ich die Poles so hin, wie sie auch auf dem Turnier stehen würden, denn ich wollte ja sehen, was die Stute noch konnte. Ich wärmte sie ein wenig auf, galoppierte sie kurz und fragte die Fliegenden Galoppwechsel ab, von denen sie gleich eine ganze Menge brauchen würde. Dann ritt ich zum Eingang des Platzes und merkte schon, wie sie unruhig wurde. Als ich sie endlich laufen ließ schoss sie regelrecht nach vorne und umsprang eine Stange nach der Anderen. Nur die Letzte schaffte sie nicht ganz und musste so den Bogen viel zu groß nehmen, um wieder nach vorne galoppieren zu können. Ich stoppte sie am Ausgang und sah dann zu Betsy. “Und, meinst du die anderen werden neidisch?”, lachte ich und schaute in ein Gesicht, dessen Kinnlade herunter gefallen war, und noch nicht wieder aufgesammelt zu sein schien. “Na komm, du bist dran.”, sagte ich, übergab ihr das Pferd und stellte die Poles wieder weiter auseinander. “Schritt. Nur Schritt. Fang hinten an. Das verbindet sie nicht mit einem wirklichen Run. Wenn das klappt, Trab. Galoppiert wird heute noch nicht.”, erklärte ich ihr und sah sofort die Enttäuschung in ihrem Gesicht. “Du würdest schneller unten liegen, als dir lieb ist…”, murmelte ich und setzte mich dann auf den Zaun. “Und nimm sie einhändig. Dann kannst du dich später im Galopp wenn nötig am Sattelhorn festhalten.”, erklärte ich ihr und sie nahm die Zügel in die rechte Hand. Im Schritt klappte das ganze schon sehr gut. “Gut, trab mal an.”, rief ich ihr zu. “Nimm sie aber vorher kurz an, sie soll schön versammelt traben und dir nicht unter deinem Hintern wegrennen.” Betsy war eine gute Reitschülerin. Sie tat immer genau das, was man ihr sagte- und sie war gut darin. Beim Traben fing Sue an sich wunderschön in die Richtungen zu biegen, in die Betsy sie haben wollte. “Vielleicht versuchen wir gleich doch mal ein wenig Galopp. Galoppier sie mal auf dem Zirkel auf beiden Händen, damit du dich an sie gewöhnst.”, erklärte ich ihr und schaute ihr zu, ehe mein Handy klingelte. Normalerweise hatte ich das Ding nie dabei, doch heute morgen hatte ich es eingesteckt, als Ylvi mit Louis gefahren war. Und genau der rief mich gerade an. Louis. “Hey Louis…”, sagte ich und konnte gar nicht weiterreden, so schnell redete er. “Welches Krankenhaus, ich bin unterwegs.”, sagte ich außer Atem und schaute zu Betsy und Sue rüber. “Betsy etwas stimmt mit Ylvi nicht, Louis hat angerufen. Reite Sue ab und bring sie weg, sag den anderen Bescheid, ich muss sofort ins Krankenhaus.” Betsy nickte, hielt Sue an und sah mich mitfühlend an. “Okay.”, meinte sie leise und ich sprang vom Zaun, rannte zum Wagen und fuhr in das Krankenhaus, welches mir Louis gesagt hatte.

      Ich stürmte hinein und wurde natürlich von allen Menschen dort sonderbar angesehen, was dieses Mal nicht nur an meinen Cowboyklamotten lag, sondern auch daran, wie hektisch ich mich nach Louis umsah. Schließlich tauchte er in meinem Blickfeld auf. Er kam auf mich zu, legte einen Arm um mich und klopfte mir kurz auf den Rücken, was ich ihm gleich tat. “Wo ist sie? Was ist passiert?”




      Louis

      Ich gab zu etwas Angst auf caleb zu treffen hatte ich schon, gerade als er so gehetzt in den Warteraum gerannt kam. Die Fahrt hierher dauerte eine gute Stunde Fahrt. ich musste nicht auf die Uhr schauen um zu Wissen das er sehr viel schneller hierher gefahren war.

      Ich war im ersten Moment vollkommen Hilflos gewesen als Ylvi mir plötzlich zusammengesackt war. Ich hatte ihr im ersten Moment auf die Wange geschlagen, schon vorher hatte ich mitbekommen wie sie vermehrt geblinzelt hatte. Ich scholt mich einen Idioten. Als ich schließlich bemerkt hatte das sie einen vollkommen ungleichmäßigen Herzschlag hatte, zückte ich sofort mein Handy um den Notruf zu holen. Es wurde sofort ein Hubschrauber auf den Weg geschickt, unterdessen hatte die Frau am Telefon mit ernster Stimme Anweisungen zur Herzmassage gegeben. Ich hatte das ganze schon einmal getan, ich hatte jedoch etwas erschrocken die Luft eingezogen als ich die Narbe auf ihrem Brustkorb erkannt hatte. Ich hatte trotzdem fleißig die Massage begonnen. Nur eine Viertelstunde später landete der Hubschrauber, die Ärzte nahmen mich beiseite, taten ihre Arbeit. Kurz vor dem Abflug teilten sie mir noch mit in welches Krankenhaus sie gebracht werden sollte. Was genau mit ihr war - sagte mir niemand. Zunächst dachte ich auch gar nicht daran Caleb anzurufen. Im dauerlauf war ich den Berg wieder runter gerannt, in die Gondel eingestiegen und nervös im leeren Abteil auf und ab gegangen. Erst im Krankenhaus, auf meine Frage hin was denn nun mit ihr sei kam Calebs Name ins Gespräch. Ein Afroamerikaner mit schriller Frisur, nahm mich beiseite, in der Hand einige Papiere. “Entschuldigen Sie Sir. Sie gehören nicht zum direkten Verwandtenkreis, daher kann ich Ihnen nur sagen - sie ist soweit stabil. Für weitere Instruktionen benötigen wir die Person die in Ihrer Patientenverfügung steht.“ Ich horchte auf. War Ylvi also bereits in diesem Krankenhaus vorstellig geworden? Stammte daher diese Narbe? “Kennen Sie jemanden namens Caleb O’Dell? Er steht hier als Ansprechpartner drinnen” der Typ vor mir wedelte mit den Papieren in seiner Hand. Caleb! “Ich werde ihn direkt anrufen!”

      “Caleb? Caleb! Hör zu. Ich bin hier gerade im Krankenhaus. Kannst du her kommen, Ylvi ist hier..”


      Ich blinzelte, kehrte aus meiner Erinnerung zurück in die Gegenwart, sprang auf um Caleb in Empfang zu nehmen. “Ich bin leider genauso ratlos wie du, Kumpel. Mir wollen sie nicht viel sagen. Ich bin weder Verwandt mit ihr, noch ihr Ehemann..noch” “na ich doch genau so wenig!” kam es hektisch, wütend von Caleb. Ich verzog mein Gesicht, streckte vorwurfsvoll die Lippe nach vorn. “Lass mich doch ausreden. Dein Name steht in Ylvis Patientenverfügung.” Caleb, japste nach Luft, drehte mir den Kopf zu. Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber noch bevor er reagieren konnte, kam auch schon der Pfleger von zuvor. Sein Name war Gordon. “Mr. O’Dell nehm ich an?” Caleb nickte. “Gehen wir dort hinüber um zu reden.” Ich wollte zunächst zurück bleiben, aber Caleb zog mich an meiner Schulter hinter sich her. Gordon war zunächst nicht ganz überzeugt, aber Calebs geknurrtes. “Er sollte es auch erfahren.” ließ den Afroamerikaner nur die Schultern zucken. Also wurden wir in eine Art Nebenraum des Wartezimmers geführt.


      Caleb

      “Patientenverfügung? Mein Name? Was? Wieso das denn?”, ging es weiter und meine Sorge wisch Verwirrung. Was hatte mein Name da verloren? Hatte sie keine Familie oder Freunde oder… da fiel es mir ein. Freunde. Wir waren wirklich gute Freunde geworden, wenn nicht auch viel mehr. Vielleicht stand er deshalb drin?

      Im sogenannten Nebenzimmer tigerte ich auf und ab und konnte gar nicht still stehen, bis mich Louis am Arm packte und mich in die Richtung des Pflegers drehte. Seine Hand, die sich in meinen Arm krallte, ließ mir gar keine andere Möglichkeit, als auf der Stelle stehen zu bleiben und ihm zuzuhören.

      “Wie Sie ja eben schon mitbekommen haben, stehen Sie, Mr. O’Dell, als Ansprechpartner in Ylvis Patientenverfügung. Das berechtigt sie dazu, Entscheidungen bezüglich des Abschaltens der Geräte zu treffen und..” “Des Abschaltens der was?”, fiel ich ihm ins Wort. Der Griff um meinen Arm wurde stärker. “Hör zu, halt den Mund.”, zischte Louis und sah mich eindringlich an. Der Pfleger wechselte erneut einen Blick zwischen uns beiden, ehe er sich räusperte und dann wieder ansetzte. “Es berechtigt Sie dazu, über das Abschalten der Geräte im Notfall zu bestimmen. Dies ist hier jedoch nicht der Fall.”, machte der Mann weiter und war einen Schritt zurück gewichen, als ich Ansätze gemacht hatte, einen Schritt auf ihn zuzugehen. “Ms. Seidl hat einen Herzschrittmacher. Irgendwann sind auch dort die Batterien leer und müssen getauscht werden. Dies ist kein Problem, wenn sich der Patient an die vereinbarten Termine hält. Leider hat Ms. Seidl dies nicht getan. Sie ist nicht zu ihrem Termin erschienen und auch auf ärztliche Schreiben nicht erschienen. So kam es, wie es kommen musste. Die Batterien haben den Geist aufgegeben. Ms. Seidl hatte Glück, dass sie in der Nähe eines Krankenhauses war, denn sonst würden wir jetzt nicht so miteinander reden…”, erklärte er und ich ballte die Hand zur Faust, was den Pfleger erneut nach hinten gehen ließ. Louis nickte ihm jedoch zu, er hatte meinen Arm noch immer fest im Griff. Das ließ den Mann vor uns wohl etwas entspannen, er hatte wohl Angst, dass ich ihn schlug. “Ms. Seidl befindet sich gerade im OP, die Batterien müssen ausgetauscht werden. Und sie Mr. O’Dell, sollten in Zukunft darauf achten, dass sie ihre Termine einhält.”, sagte er noch und wandte sich zum Gehen ab, ehe er sich noch einmal umdrehte. “Ich halte sie auf dem Laufenden, bitte warten Sie im Wartezimmer.”, damit verließ er den Raum, ließ die Tür als erkennbaren Hinweis offen und warf nochmal einen Blick über die Schulter. “Idiot da…”, murmelte ich und Louis ließ mich endlich los. “Wie konnte sie die Termine nur nicht einhalten...”, knurrte ich und sah in Louis ratloses Gesicht. “Komm, lass uns ins Wartezimmer gehen bevor wir wirklich noch eins auf den Deckel bekommen. Mehr als warten können wir schließlich nicht.” Also gingen wir ins Wartezimmer und setzten uns zu den anderen Menschen. Manche vergruben ihre Gesichter in ihren Händen, manche starrten einfach in die Leere. “Ich hasse Wartezimmer…”, murmelte ich und nahm nun endlich meinen Cowboyhut vom Kopf, um ihn auf meine Beine zu legen, was wieder seltsame Blicke auf mich zog. “Noch nie einen Cowboy gesehen oder was?!”, feixte ich die Personen an, die ganz schnell in andere Richtungen schauten. Als ich mir jedoch die Sporen ab machte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass sie mich wieder alle ansahen. Wo war ich hier nur gelandet?


      Ylvi

      Mir schwirrte der Kopf...mir war unfassbar übel..und ich hörte ein Surren in meinen Ohren, das meinem verwirrten Verstand nicht vorwärts half. Der Geruch nach Desinfektionsmittel stand mir in der Nase, noch ohne die Augen zu öffnen wusste ich das ich in einem Krankenhaus lag.

      Ich blinzelte, sah vorerst nur verschwommen, dann klarer eine Gestalt auf einem Stuhl neben mir sitzen. Der Kopf war auf das Bett gesunken, die Augen geschlossen. Ich blinzelte verwirrt, sah mich im Raum um. Die Gestalt war Caleb, an meinem Fußende lag sein Hut, darauf die Sporen. Er schien zu schlafen, sonst war der Raum leer. Mein Kopf versuchte die letzten Stunden ins Gedächtnis zu holen. War ich nicht mit Louis unterwegs gewesen? Der Raum war Dunkel, nur Licht kam aus dem Fenster in der Tür. In meiner Hand steckte eine Kanüle, durch die Flüssigkeit in mich hinein lief. Das Surren stammte von dem Gerät das meinen Herzschlag aufzeichnete. Jetzt kamen mir meine Übelkeit bei der Wanderung wieder in den Sinn...mein Herz schien den Geist aufgegeben zu haben. Natürlich...schließlich hatte ich den Termin vergessen. Ich hatte darauf spekuliert noch Zeit zu haben. Sicherlich hatten sie Caleb diese Information gegeben...Ob er wohl sauer war das er und nicht meine Eltern in der Verfügung standen? Sie hatten sich all die Jahre Sorgen um mich machen müssen..ich hatte ihnen das nicht aufbürden wollen über den Ozean zu reisen um Entscheidungen zu treffen, die meine Gesundheit anbelangten. Ich streckte meine Hand aus, stoppte kurz...dann strich ich mit ihr über Calebs Wangen..ohne Worte. Ich hatte Angst den wenigen Mageninhalt von mir zu geben den ich vielleicht noch hatte. Es dauerte ein wenig, dann schreckte Caleb plötzlich nach oben, schien für einen Moment verwirrt wo er sich befand, dann fiel sein Blick auf mich.


      Caleb

      Einen ganzen Sturm hatten wir in diesem blöden Wartezimmer verbringen müssen, unter kritischen Augen der anderen Personen, die auf jemanden oder etwas warteten. Ich war wohl eingeknickt, denn wach würde ich, als mich Louis in die Seite stieß und mir sagte, er müsse nach Hause. Schließlich hätte er eine Bar zu führen und er konnte so kurzfristig keinen Ersatz besorgen oder gar schließen. Also saß alleine dort herum und fing irgendwann an, im Raum auf und ab zu tigern, wie ich es vorher im Nebenraum auch schon gemacht hatte- natürlich noch immer unter kritischen Augen. Irgendwann stand eine Frau auf, legte mir die Hand auf die Schulter und zeigte auf meinen Platz, auf dem mein Hut und meine Sporen lagen. „Herumlaufen bringt auch nichts, setzen Sie sich. Sie machen uns alle noch nervöser, als wir es ohnehin schon sind.“, legte sie mir nahe und ich nickte stumm, setzte mich wieder hin.

      So langsam wurde es leerer im Wartezimmer. Immer mehr Menschen gingen. Die Einen freudestrahlend, die anderen weinend und mit verquollenen Gesichtern. Endlich kam ein Pfleger herein und steuerte auf mich zu. Ich sprang sofort auf und mit einem lauten Klirren fielen meine Sporen auf den Boden. „Und?“, fragte ich ihn aufgeregt, doch er wies mich an mein Zeug aufzuheben und mitzukommen. Das tat ich dann auch und folgte ihm bis vor ein Zimmer. „Sie hat die OP gut überstanden und ist auch schon aus der Narkose aufgewacht. Sie ist jedoch gleich wieder eingeschlafen, da sie sehr erschöpft ist. Sie können gerne rein gehen und warten, lassen sie sie aber schlafen.“, dabei zeigte er auf meine Sporen, die eben einen heiden Krach gemacht hatten. „Alles klar. Dankeschön.“, sagte ich und der Mann nickte, ehe er verschwand. Hier stand ich nun, alleine vor Ylvis Zimmer. Nur eine Tür trennte uns. Als ich endlich Mut gefasst hatte, drückte ich die Tür leise auf und ging hinein. Meine Sachen legte ich leise auf dem kleinen Tisch ab, ehe ich mir einen Stuhl neben das Bett zog und mich dann darauf setzte. Nun hieß es wieder warten.

      Ich schien erneut eingeschlafen zu sein, denn jemand berührte meine Wange, als ich hochschreckte. Etwas orientierungslos schaute ich mich um, ehe ich Ylvi ansah und meine erste Freude, sie lebendig zu sehen, Wut wisch. Ich setzte an, hielt dann jedoch den Mund, da es ihr wirklich nicht gut zu gehen schien. So saß ich einfach hier, hatte ihre Hand ergriffen und meinen Kopf wieder auf ihr Bett gelegt.


      Ylvi

      Kurz flackerte es in seinem Blick, ein Schatten von Wut. Dann griff seine Hand nach der meinen, ein Schatten eines Lächelns auf den Lippen. Dann legte er den Kopf wieder auf das Bett, sein Gesicht dem meinen zugewandt.

      Ich schloss kurz die Augen, öffnete sie dann nochmal..ich spürte noch immer seinen Blick auf mir. Schwach drückte ich seine Hand. Unwillig die Stille zu durchbrechen...mit Anbruch der Dämmerung durfte er mir seinen Zorn gern entgegen bringen. Für den Moment war ich froh ihn an meiner Seite zu wissen. Mein Versuch wach zu bleiben scheiterte, alsbald rief mich der Schlaf wieder in seine Fänge.


      Erst als es fast rüde an der Tür klopfte, eine rundliche Schwester mit Essen in den Raum stürmte, das Tablett auf den Tisch lud und wieder verschwand wurde ich wach. Auch Caleb schreckte hoch, ließ ein stöhnen von sich hören..die Position in der er geschlafen hatte war sicherlich alles als bequem. Mich wunderte ohnehin wieso er noch hier war. In Deutschland durfte niemals jemand über Nacht bleiben..wie oft hatte ich im Krankenhaus nach meiner Mutter gerufen. Ich schob die Erinnerung beiseite. Sah etwas ungläubig auf das Essen auf dem Tablett. Kulinarisch wertvoll würde es wahrscheinlich auch hier nicht sein. Um eine Basis an Konversation zu schaffen deutete ich auf das Essen…”Hunger?” meine Stimme klang kratzig von der wenigen Nutzung der letzten Stunden.


      Caleb

      Es dauerte nicht lange, da hörte ich von Ylvi ein leises, regelmäßiges Atmen. Sie schien wieder eingeschlafen zu sein. Lange überlegte ich, was ich tun sollte, entschied mich dann jedoch das Zimmer kurz zu verlassen und etwas essen zu gehen, solange die Cafeteria noch auf hatte.

      Gesagt getan. Vorsichtig zog ich meine Hand aus der Ihren und verließ leise das Zimmer. Schnell hatte ich den Essraum gefunden und bestellte mir etwas. Zum Glück hatte ich mein Portmonee eingesteckt gehabt, welches ich im Wagen liegen gehabt hatte. Ich bezahlte, setzte mich an den Tisch und aß. So langsam wurde es leerer hier und der Pfleger, dem ich am Nachmittag anscheinend Angst gemacht hatte, kam mit ernster Miene auf mich zu. „Die Besuchszeit ist fast vorbei.“, sagte er mir und ich stand vom Tisch auf, legte meine Serviette auf das Tablett und sah ihn an. „Wenn Sie über Nacht bleiben möchten, müssen Sie sich vorne anmelden. Ansonsten muss ich Sie bitten, das Krankenhaus zu verlassen und…“ „Alles klar. Ich bringe mein Tablett weg und werde mich anmelden. Danke.“, antwortete ich ihm. Er nickte, machte kehrt und verschwand, während ich meine Sachen weg räumte, mir noch eine Flasche Wasser kaufte, mich für die Nacht anmeldete und dann wieder zu Ylvi ins Zimmer ging. Sie schlief noch, weshalb ich mich wieder zu ihr setzte und meinen Kopf auf das Bett legte.

      Irgendwann schien auch ich eingeschlafen zu sein, denn ich wachte durch einen Knall auf. Eine scheinbar noch unfreundlichere Frau als der Pfleger hatte Ylvis Essen auf den Tisch geknallt. Sofort legte ich eine Hand in meinen Nacken. „Ouch.“, meinte ich und dehnte meinen Hals ein wenig. Auf Ylvis Frage schüttelte ich nur den Kopf. „Ich hatte mir eben was geholt, als ich kurz raus war. Ess du nur. Und dann erzählst du mir, was zum Teufel du dir dabei gedacht hast.“, fing ich meinen Satz an und wurde zum Ende hin doch wütend. Ja, was hatte sie sich nur dabei gedacht?!


      Ylvi

      Zweifelnd sah ich zu dem Tablett, eine trockene Scheibe Brot...Käse der sich nach oben rollte. Ein Glas Wasser...und ein Joghurt. Narkosen schlugen mir auf den Magen. Das hatten sie schon immer. Ich rutschte langsam in eine sitzende Position, stellte das Bett darauf ein. Caleb half mir, legte das Kissen in meinen Rücken. Zunächst trank ich das Glas Wasser, wurde dabei ein wenig behindert, denn ein Schlauch unterstützte mich noch beim Atmen...sie rutschten mir ständig über die Ohren. Andererseits tat die Kanüle in meiner Hand bei jeder Bewegung weh. Langsam war auch das ziehen der Narbe an der Brust zu spüren. Wieder war sie geöffnet worden. Erst war es der Unfall gewesen, dann die Langzeitfolgen, schließlich der entdeckte Herzfehler. Man hatte mir als ich 14 war den Herzschrittmacher eingesetzt...zu oft hatte mein fragiles Herz einige Schläge ausgesetzt. Damals hatte man erklärt nach etwa 10 bis 15 Jahren würden die Batterien ihren Dienst versagen. In Deutschland hatte man mich noch einmal untersucht...in Albuquerque hatten sie mir ein Krankenhaus genannt. Dieses hatte die Kontrolle fortführen sollen. Den ersten Termin hatte ich tatsächlich mit Absicht verstreichen lassen. Ich hatte keinen eigenen Wagen gehabt, wollte Bellamy und Caleb nicht stören. Vor allem nachdem Caleb und meine erste Begegnung so wenig vielversprechend ausgesehen hatte. Anschließend war ich so eingespannt gewesen in meine Arbeit, die Hilfe auf der Ranch das ich es schlichtweg vergessen hatte. Dann hatte mich Caleb für ein paar Tage nach Dublin entführt. Ich griff wenig überzeugt nach dem Jogurt, er schmeckte künstlich nach Erdbeere, ran meine Kehle hinab und schien nun schwer in meinem Magen zu liegen. Die einfache Antwort auf Calebs Frage war - nichts. Ich hatte nicht nachgedacht...unbedarft gehandelt...zu sehr “im Moment” gelebt. Bei dieser Sache hatte ich es übertrieben...und ich hatte Angst diese simplen Worte an Caleb zu richten. Ich hatte seinen Vorwurf gehört...und trotzdem ehrte es ihn. Das er hier war, die Nacht hier verbracht hatte...das alles bewies das ich ihm nicht egal war. Sorge stand ihm ebenso im Gesicht wie die Wut. Ich kratze den Becher nicht aus, stellte ihn fort...seufzte und hob weniger Scheu den Blick. “Nichts. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Das war dumm...das weiß ich.” ich war drauf und dran ein “aber” mitanzufügen ließ es dann jedoch besser sein. Ich wollte den Wolf nicht grollen hören, obwohl es ihm in der Brust sitzen musste.


      Caleb

      Der Joghurt schien ihr wirklich nicht zu schmecken, so langsam und zaghaft sie ihn löffelte. Wobei es auch sein konnte, dass ihr Kopf nach einer passenden Antwort auf meine Frage suchte, denn anstatt mir zu antworten, hatte sie sich aufgesetzt, getrunken und dann angefangen zu essen. Ich war aufgestanden und zum Fenster gegangen. Die Aussicht aus ihrem Zimmer war wirklich hässlich, sie konnte direkt auf die viel befahrene Straße schauen und auf der gegenüberliegenden Seite standen Häuser. Die Stadt konnte man gar nicht mit der Weitläufigkeit der Ranch vergleichen. Ich wusste genau, warum mich Louis nach meinem Rodeounfall so schnell es ging aus dem Krankenhaus geholt hatte- ich wäre darin zu Grunde gegangen. Es hatte zwar ewig gedauert, bis ich ohne Schmerzen einen Fuß in den Steigbügel hatte setzen können und bei Gott, Louis hatte mich fast wieder aufs Pferd geprügelt. In Gedanken hatte ich das Zimmer, das Krankenhaus und diese Stadt verlassen, als ich Ylvis zögerliche Stimme hinter mir hörte. Ich drehte mich um und sah sie an. Nichts? Sie hatte sich nichts dabei gedacht? War das ihr Ernst? Ich gab ein genervtes Grummeln von mir, setzte mich wieder auf den Stuhl an ihrem Bett, rückte aber ein wenig nach hinten, damit sie mehr Platz zum Essen hatte. “Und wie lange musst du noch hier bleiben? Ich müsste nämlich wieder zurück auf die Ranch…”, sagte ich dann, ohne auf ihre Antwort einzugehen. Diese Genugtuung würde ich ihr nicht geben, sollte sie ein bisschen schmoren.


      Ylvi

      Ich zuckte zusammen.. “Du nimmst mich mit.” sprach ich fast ein wenig zu flehentlich und ich hasste meinen Ton. “Ich geh hier sonst ein.” Caleb schien mir nicht zu widersprechen.

      Innerhalb von 10 Minuten hatten wir eine Schwester organisiert, ihr mitgeteilt das wir gehen würden. Einer der Ärzte sprach im Vertrauen zu mir...aber ich wollte nicht länger als nötig bleiben. Wundversorgung kannte ich mittlerweile zu genüge. Da sie mich nicht zwingen konnten, unterschrieben sie meine Entlassungspapiere.

      Ein Pfleger war es der mich neben Caleb her schob, dieser hatte seinen Hut wieder auf dem Kopf, die Sporen baumelten an seinem Gürtel, klirrten Klangvoll aneinander. Am Ausgang half mir Caleb auf die Füße, doch statt mich selbst Laufen zu lassen hob er mich ohne Umschweife auf seinen Arm. Nur das Aufstehen hatte mich meine ganze Kraft gekostet, ich schämte mich. Murmelte ein leises Dankeschön als er mich sanft auf dem Sitz des Wagens ab setzte. Wir schwiegen auch als wir die Stadt noch verließen...als wir auf dem Highway Richtung Blakes Crow Meadow waren atmete ich hörbar aus...eine Anspannung wich endlich von meinen Schultern. “Caleb..könnten wir uns darauf einigen Bellamy nichts davon zu erzählen?” ich sah auf meinen Schoß “Ich will nicht das er davon weiß.”


      Caleb

      Die Fahrt verlief schweigend. Jeder von uns war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Während ich das Lenkrad ab und zu fester umfasste, gar zerquetschte, war Ylvis Blick fast die ganze Zeit gesenkt, oder sie schaute zum Fenster hinaus.

      Endlich stellte sie mir die Frage, über die sie die ganze Zeit nachgedacht zu haben schien. Ich musste jedoch den Kopf schütteln, sah kurz zu ihr rüber und sagte dann: „Dieses Versprechen kann ich dir nicht geben. Als Louis angerufen hatte, war ich gerade mit Betsy am Trainieren. Ich habe ihr gesagt sie soll allen Bescheid sagen. Was du ihnen nun sagen wirst, das bleibt dir überlassen. Doch sie wissen, dass ich zu dir ins Krankenhaus gefahren bin. Bellamy möchte dich übrigens bitten, im Haupthaus zu bleiben. Unser Haus ist zu weit ab vom Schuss, wenn etwas ist.“ Je weiter ich sprach desto entgeisterter schaute sie mich an. Hilflos zuckte ich mit den Schultern. „Ich bin nur der Bote. Und wenn ich ab… später wieder arbeiten muss, bist du fast die ganze Zeit alleine im Haus.“, erklärte ich ihr und sie nickte zaghaft.

      Als wir auf den großen Hof führen kamen schon die anderen Mitarbeiter der Ranch raus und stellten sich vor meinen Pick Up. „So… your turn.“, sagte ich, stieg aus, öffnete ihre Tür und nahm ihr Gepäck aus dem Wagen. „Ylvi gehts dir gut??“, fragte Bellamy und ging einen Schritt auf sie zu, um ihr zu helfen, sollte sie sich helfen lassen.




      Ylvi

      Ich biss mir von innen auf die Lippen...hart, mein Blick huschte nach rechts aus dem Fenster, darauf konzentriert nicht zu weinen. Meine Nase kribbelte. Ich wollte nicht das alle Bescheid wussten. Wollte die Sorge der anderen nicht sehen. Ich würde gut und gerne vier Wochen ausfallen bis die Wunden halbwegs geheilt waren, noch einmal vier Wochen ehe ich wieder leichte Arbeit verrichten könnte. Sehr viel länger bis überhaupt daran zu denken war das ich wieder in den Sattel stieg. Vor allem aber wollte ich nicht ins Haupthaus ziehen...das Gästehaus hätte mir die Möglichkeit gegeben mich zurück zu ziehen vom Geschehen der anderen.

      Viel mehr hatte ich jedoch das Szenario im Kopf das Caleb mich los werden wollte, auch wenn mein Verstand wusste das dies gar nicht stimmen konnte, sponn sich mein Geist so etwas aus. Mein Herz zog sich dabei krampfhaft zusammen...und mir kam wieder in den Kopf wieso ich die Liebe schon immer verabscheut hatte. Sie machte uns Schwach, abhängig von anderen...nicht mehr in der Lage rational zu denken. Ich hasste wie ich fühlte, hasste meinen derzeitigen Zustand, hasste das mein Herz sich so an Caleb gebunden hatte. Vielleicht wäre es ja doch gar nicht schlecht gewesen, wenn mein dummes Herz seinen Dienst für immer versagt hätte. Doch das war auch nicht wirklich wahr...ich liebte das Leben in all seinen Facetten. Nur eben nicht mein fragiles Herz.
    • Ravenna
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      Caleb

      Seit dem Unfall von Ylvi war einige Zeit vergangen. Genauer gesagt drei Wochen. Am letzten Wochenende war Betsys Turnier mit Black Sue Dun It gewesen und… sie hatte das Ding gerockt. Die anderen Mädchen hatten mit heruntergefallenen Kinnladen am Zaun gestanden, während ich das Mädchen überschwänglich aus dem Sattel gehoben, uns einmal um die eigene Achse gedreht und dann wieder aufs Pferd gesetzt hatte. Beim Pole Bending hatte sie den ersten Platz mit Sue gemacht und die anderen wirklich hinter sich zurückgelassen. “Damit hab ich nicht gerechnet.”, hatte sie gelacht und fast angefangen zu weinen. Ich hatte sie gedrückt und ihr versichert, dass sie den ersten Platz verdient hatte und die anderen sich bestimmt nicht mehr über sie lustig machen würden. Dem war jedoch nicht so, leider. Am Mittwoch war die Kleine todtraurig aus der Schule gekommen. Sie wurde geärgert, weil es nicht ihr eigenes Pferd gewesen war. Pferde leihen konnte schließlich jeder. Meine Überlegung war es nun, ihr Sue zu schenken. Naja, zumindest zur Hälfte. Aber das musste ja niemand wissen- niemand außer Bellamy, denn dem gehörte das Pferd ja- und genau in dessen Büro saß ich gerade. Bellamy war mal wieder hinter einem Stapel Papier verschwunden und konnte mich eigentlich gar nicht wirklich sehen. “Du… solltest jemanden einstellen, um den Papierkram zu machen. Unser Heu wird auch knapp, von der Einstreu brauch ich gar nicht erst anzufangen…”, sagte ich und erkannte dann ein paar schwarze Locken, die hinter dem Papierberg herausschauen. “Wenn ich hier mal Ordnung reinbekommen würde, dann wüsste ich das. Und dann wüsste ich auch, wie viel Geld wir diesen Monat noch übrig haben, um solche Dinge zu kaufen.”, murrte er und ich verschränkte meine Hände hinter meinem Nacken. “Naja, dann such dir einfach mal Hilfe. Hier auf der Ranch rennen genug Menschen rum- und ansonsten frag doch einfach O. Sie bekommt das drüben ganz alleine mit Travis auf die Reihe.”, lachte ich und verstummte sofort wieder, als mein Gegenüber mir einen Blick zuwarf, der keine Fragen offen ließ. “Apsopos O… sie möchte wieder zu uns kommen. Sie verkauft zur Zeit einige Pferde und auch die Ranch.” “Aber was ist denn aus ihren Rennpferden geworden?” “Hat sie noch, zumindest eine Handvoll davon. Die würden mit ihr zurückkommen.” “Und die Sportpferde?” “Na, von irgendwas muss sie sich doch trennen, wenn sie verkleinern will.”, lachte Bellamy nur. “Ja dann kann sie ja den Papierkram erledigen.”, scherzte ich und Bellamy nickte. “Aber nicht für allzu lange.”, sagte er und ich schaute ihn fragend an. “Nicht?” “Nein.” Damit war das Thema beendet.

      “Bell… was ich eigentlich wollte.. Betsy war so gut am Wochenende auf Sue, da wollte ich dich einfach fragen, ob wir sie ihr nicht schenken können. Nicht ganz, nur 50%. Aber dann kann sie diesen dämlichen Gören sagen, dass das Pferd ihr gehört.”, schlug ich ihm vor und er nickte. “Wenn du das für richtig hälst, ist es okay. Kannst sie ihr ja zu Weihnachten schenken, ist ja bald. Aber ich wette, sie hätte lieber Blue genommen.” “Oh nein, den geb ich nicht her. Und ja, zu Weihnachten ist eine gute Idee!”, sagte ich lachend und stand auf. “Ach, ehe du gehst.. schau nochmal nach Ylvi, sie hat nach dir gefragt.” Ich nickte, drehte mich um und verschwand aus dem Zimmer. Ylvi… Sie lebte jetzt hier im Haupthaus, nicht mehr drüben bei mir. Irgendwie hatte das unsere… Beziehung auf Eis gelegt. Ich besuchte sie nicht oft, blieb selten länger als eine halbe Stunde und redete nicht viel. Ich erzählte ihr, wie mein Tag gewesen war, was ich gearbeitet hatte und was ich am nächsten Tag arbeiten würde. Mein Weg führte mich auch direkt nach draußen auf den Hof, wo ich mich auf Smart Lil Vulture setzte, den ich vor der Tür angebunden hatte, und in Richtung der hinteren Koppeln ritt. Ich blickte noch einmal zum Haus zurück und wurde das Gefühl nicht los, dass mich jemand beobachtet hatte.


      Ylvi

      Wie ein Idiot stand ich am Fenster, spähte durch die Gardinen und sah Caleb auf Vulture verschwinden. Der Hengst hatte sich wirklich gemacht. Wie oft hatte ich Caleb bei der Arbeit mit dem Hengst beobachtet in diesem Sommer. Es ging auf den Winter zu, wenn auch hier noch immer fast angenehme 11 Grad herrschten.

      Nach der OP waren meine Eltern in den nächsten Flieger gestiegen um mich hier zu besuchen. Mein Vater hatte belustigt festgestellt das meine Schwäche für Rappschecken kaum zu übersehen war. Meine Mutter hatte das ganze weit weniger gut aufgenommen. Nach einer Woche waren sie verschwunden, ich wurde allein gelassen. Mal abgesehen davon, dass Bellamy neben der Büroarbeit wirklich oft herein kam um unter Kontrolle zu haben das ich mich nicht weit aus dem Bett oder dem Zimmer bewegte. Zweimal am Tag hieß es den Verband zu wechseln, bei der Aufgabe unterstützte mich eine mobile Krankenpflege. In den ersten zwei Wochen hatte ich auch nicht viel getan als geschlafen oder gegessen.

      Abwechslung boten die Besuche von Louis. Neben der Tätigkeit in seiner eigenen Bar, kam er oft vorbei um mir Gesellschaft zu leisten. Manchmal begleitete ihn auch seine Schwester Lilly, die mir mit ihrem losen Mundwerk dazu verhalf meine dunklen Gedanken für einige Stunden zu verbannen. Sie kutschierte mich auch gern in einem Rollstuhl über die Ranch, denn noch war ich selbst zu schwach auf den Beinen. Außerdem bewegten sie meine Pferde, dafür war ich ihnen am meisten Dankbar. Mit Inyan hatte Louis natürlich keine Probleme, mit Ravn verhielt es sich da etwas anders. Am dritten Tag nachdem Caleb mich zur Ranch zurück genommen hatte, war er nach einer missglückten Trainingseinheit von dem Wallach zu mir hinauf gekommen. In der Zeit bewegte Lilly gerade Lady Gweny im Gelände. Ich musste lächeln als er mir berichtete das der Wallach sich bei ihm keinen Zentimeter vom Aufstiegsblock fort bewegt hatte. Daher hatte er beschlossen den eigenwilligen Valravn nicht zu bewegen. Mit Fylgia hatte er sich ein wenig vor der Kutsche vergnügt, da er selbst zu groß war um die zierliche Stute zu reiten. Auf einem dieser Ausflüge hatte er mich gestern mitgenommen, in eine dicke Decke gehüllt hatte er mich aus dem Haus getragen und hatte beschlossen wir machen eine kurze Tour um die Koppeln der Ranch. Als wir im gemächlichen Schritt wieder die Ranch betraten kam uns ein reitender Caleb entgegen. Die Worte die er an Louis richtete verstand ich nicht - es war Lakota - aber den Unterton von unmut vernahm ich deutlicher darin. Mir war ein bisschen unbequem zumute auf meinem Sitz...noch hatte ich keine sonderliche Erlaubnis für große Ausflüge draußen. Obwohl Caleb nicht oft zu mir kam - dieser Teil schien ihm nicht entgangen. Dann gab er dem Pferd unter sich einen Wink los zu laufen, als er auf meiner Höhe war, zog er sich leicht am Hut, nickte und ein feines Lächeln zuckte über seine Züge. Dieser Tage wurde ich nicht schlau aus ihm, aber war ich das je?

      Noch verblüffter war ich als ich sah welches Pferd er da ritt. Es war Ravn! “Hast du ihn darum gebeten?” flüsterte ich zu Louis, der nur den Kopf schüttelte. Ich lächelte in mich hinein...also war Caleb womöglich von allein auf die Idee gekommen. Zwischen all seinen Aufgaben nahm er sich tatsächlich die Zeit meinen Wallach zu reiten.

      Langsam kehrte ich aus meinen Gedanken ins hier zurück, löste mich vom Fenster, griff nach meinen Sachen um hinunter in das Bad zu gehen. Nach dem Wechsel des Verbandes wollte ich eine schnelle Dusche nehmen. Danach lief es wohl darauf hinaus das ich versuchte gemeinsam mit Bellamy Herr seines Chaos zu werden. Kleine Aufgaben konnte ich zumindest wieder erledigen.


      Caleb

      Mein Tag war mal wieder so voll gepackt mit Aufgaben gewesen, dass ich es erneut nicht geschafft hatte, bei Ylvi vorbei zu schauen. Nun war es schon fast neun Uhr und das Feierabendbier rief nach mir.

      Nach meinem seltsamen Gespräch mit Bellamy heute Mittag war ich mit Vulture zu den Koppeln geritten, wo ich einen neuen Zaun ziehen sollte. Das Equipment hatte ich mir am Morgen mit dem Traktor schon her gefahren, angefangen zu arbeiten hatte ich allerdings noch nicht. Ich band den Hengst an einem Zaunpfahl an und ließ ihn grasen, während ich anfing, den Zaun zu ziehen. Zwischendurch machte ich immer mal wieder eine kurze Pause, um etwas zu essen oder einen Schluck zu trinken. Gegen vier Uhr musste ich dann zurück zur Ranch- Reitstunde mit Betsy und Sue. Sie hatte zwar Blue reiten wollen, aber Gun and Slide war kein Pole Bending Pferd und sie wollte ja in dieser Disziplin besser werden.

      So hatte ich ihr beim Satteln geholfen und die Stute abgeritten. Sue war im Moment so voller Energie, dass ich sie lieber selbst abritt, bevor ich Betsy auf ihren Rücken ließ. Warum Sue im Moment so ein Energiebündel war, konnte ich nicht sagen. Auf jeden Fall meinte sie heute buckeln zu müssen, was ihr allerdings nichts als Ärger mit mir einbrachte. Betsy hatte sich zerknirscht an den Zaun gestellt, weil ich die Stute heute anders anpacken musste als sonst und keinen Ton zu mir gesagt, als sie an der Reihe war. Sue hatte stark schnaufend und verschwitzt da gestanden, doch das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Ein Glück für sie, dass ich sie nicht turniermäßig vorstellte, denn sonst wäre das richtige Training ähnlich verlaufen.

      Bei Betsy konnte sie jetzt jedoch wirklich entspannen. Schritt und viel Trab, dann erst Galopp. So übten die Beiden ganz in Ruhe und ich musste ihnen nicht viele Verbesserungen oder Kommandos entgegen rufen. Kurz vor fünf war die Sonne schon untergegangen, jetzt hatten wir halb sechs. Zum Glück besaßen wir große Strahler, die den ganzen Platz erleuchteten. Es war jedoch kälter als die letzten Tage, zumindest der Wind fühlte sich kälter an. “Wir lassen Sue heute im Stall, leg ihr auch eine Abschwitzdecke drauf, nicht dass sie krank wird.”, hatte ich zu Betsy gesagt und hatte mich dann an meine eigentliche Arbeit begeben. Boxen misten. Natürlich hatte niemand es für nötig gehalten meinen Part zu übernehmen, während ich auf der Koppel Zaunpfähle eingeschlagen hatte. Von halb sechs bis halb neun hatte ich also im Stall gestanden und Mist geschaufelt. Dann war ich nach drinnen gegangen, unter die Dusche gesprungen und auf die Couch gefallen.

      Kurz seufzte ich. Ein wenig vermisste ich Ylvi hier schon. Ob ich sie doch besuchen gehen sollte? Ich kramte mein Handy raus und schrieb ihr eine kurze Nachricht, ob sie noch wach sei und ob ich noch kurz rüberkommen konnte. Insgeheim hoffte ich fast auf ein nein, aber irgendetwas zog mich doch zu ihr. Wie konnte das, was wir hatten, durch ihren Umzug ins Haupthaus so… kaputt gegangen sein? Ich schüttelte den Kopf und wollte so die Gedanken vertreiben. Ein arbeitsreicher Tag lag hinter mir und ich hatte keine Lust, darüber nachzudenken. Jetzt zählte die Ruhe und das Bier und…. mein vibrierendes Handy.




      Ylvi

      Nachdem ich Bellamy geholfen hatte ein wenig seines Chaos zu beheben - er hatte tatsächlich beinahe vergessen den Mitarbeitern ihren Lohn zu zahlen, hatte ich mich in das untere Zimmer zurück gezogen. Dort stapelten sich Bücher an der Wand, genau mein Gebiet. Nun saß ich bereits eine gute Stunde auf der kleinen Couch las, als ich bemerkte wie mein Handy blinkte. Ich entsperrte den Bildschirm, Calebs Name leuchtete bei WhatsApp in der Beschreibung. Ich sah nur die Hälfte der Nachricht. Mein Herz wummerte...ich legte es beiseite, versuchte zu ignorieren das er mir geschrieben hatte. Las ein, zwei Sätze nahm gar nichts auf von dem was die Worte mir erzählten.

      Dann ergriff ich doch hektisch mein Telefon, öffnete den Chat und las seine Frage. “When your not sleeping, shall I come?” stand dort. Mein Daumen rief die Tastatur zum Vorschein. Ich tippte ein einfaches “Sure” ...löschte dann den text, schloss das Handy wieder. Ich starrte an die Wand, während ich spürte wie mir heiß und kalt zugleich wurde. Es war fast zwei Wochen her seitdem ich ihn in Natura und vor allem allein gesehen hatte. Ich sah hinab auf mein Handy im Schoß, welches mir nun den Blick auf die Seiten des Buches versperrte. Erneut öffnete ich den Chat. Sah auf die Buchstaben der Tastatur die wieder aufgeploppt war. Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht, dann tippte ich den kleinen Text und verschickte ihn mit klopfendem Herzen. Dann ließ ich mein Handy wieder in der Tasche verschwinden, nicht ohne die Vibration wieder einzustellen. Mit dem Buch in der Hand verschwand ich schließlich in das Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Von hier hatte ich einen guten Blick auf das Gästehaus. Ich schaltete das Licht nicht ein, entzündete nur die vier großen Kerzen und meine kleine Nachttischlampe. Mehr Licht benötigte ich jetzt nicht. Auf das Buch würde ich mich ohnehin nicht konzentrieren können. Aufgeregt wie ein Kind zu Weihnachten konnte ich gar nicht richtig still halten.


      Caleb

      Ich hatte ein paar Schluck aus der Bierflasche getrunken und mein Handy auf die Couch gelegt. Eine ganze Zeit lang passierte nichts. Als es dann vibrierte und die Antwort von Ylvi erschien musste ich herzlich lachen. “Don’t forget the beer.”, stand dort geschrieben. Vergiss das Bier nicht.. typisch Ylvi. Ich stand auf, schnappte mir meine Flasche und stellte unwillkürlich fest, dass ich dort noch eine stehen hatte. Wir hatten oft hier zusammen gesessen und ein Feierabendbier getrunken, dass ich es mir wohl angeeignet hatte, immer zwei mit ins Wohnzimmer zu bringen. Da Ylvi schon eine ganze Weile weg war, war dies mir schon lange nicht mehr passiert. Heute schien ich jedoch mit den Gedanken eh nicht bei der Sache zu sein. Wann hatte ich Ylvi das letzte Mal alleine getroffen? Vor einer Woche? Vor zwei Wochen? Ich wusste es nicht mehr.

      Kurz föhnte ich mir durch meine blonden Locken, ließ den Hut bewusst auf der Kommode liegen, zog nur meine Stiefel und meine Jacke an und ging langsam rüber zum Haupthaus. Es war mittlerweile halb zehn, ein paar der Arbeiter waren schon in den Betten und auch der Großteil des Haupthauses war dunkel. In Ylvis Zimmer brannten ein paar Kerzen, kein Licht. Fragend schaute ich zu ihrem Fenster rüber, grinste dann jedoch nur kopfschüttelnd und setzte meinen Weg fort.

      Im Haus angekommen zog ich die Stiefel aus, hängte meine Jacke auf und ging mit den zwei Bierflaschen in der Hand zu ihrem Zimmer. Ich klopfte und ging dann rein. “Hey.”, sagte ich leise und schloss die Tür hinter mir. Ylvi stand von ihrem Bett auf, kam auf mich zu, erwiderte meinen Gruß und streckte sofort die Hand nach dem Bier aus. “Jaja. Darfst du sowas überhaupt schon wieder trinken?”, fragte ich sie und reichte ihr die noch geschlossene Flasche, ehe ich an meiner Offenen nippte.



      Ylvi

      Wie alt war ich? 23! Und wieso hatte ich verdammt nochmal schwitzige Hände? Ich fühlte mich etwa um 10 Jahre jünger. Zum Kotzen. Ich hätte gern Caleb auf dem Absatz umgedreht aus der Tür hinaus befördert und versucht nie wieder an ihn zu denken. Stattdessen ging ich auf ihn zu, griff nach dem Bier das er mir entgegen reichte. Auf seine Frage zuckte ich mit den Schultern “Zumindest nehm ich keine Medikamente mehr die sich damit nicht vertragen.” ich hatte auch kein offizielles Verbot nach Alkohol bekommen. Zumindest nicht das ich wüsste. Da es in diesem Zimmer keine Couch gab die ich zum sitzen hätte anbieten können nahmen wir auf dem Bett nebeneinander Platz. Caleb sah fertig aus, hob jedoch sein Bier und leise klirrten unsere Flaschen gegeneinander. “Ich hatte bisher gar keine Gelegenheit dir zu danken das du Ravn bewegst. Ich hab dich schon zweimal dabei gesehen. Das du zwischen deinen ganzen anderen Aufgaben noch dazu kommst ist wirklich nett. Wird Zeit das Bellamy endlich ein paar andere Helfer einstellt. Waren die Bewerbungsgespräche dahingehend eigentlich erfolgreich? Das hab ich gar nicht so mitbekommen in der letzten Zeit.”

      Ich war mir der Nähe zwischen uns bewusst, jedoch berührten meine Füße kaum den Boden, die Haltung nach vorn gebeugt war nicht ganz gut. Also musste ich von ihm abrücken, mir eines der Kissen in den Rücken legen und mich anschließend dagegen lehnen. Vielleicht hatte ich es mit meiner Aktivität heute ein wenig übertrieben.


      Caleb

      Auf ihre Aussage mit den Medikamenten zuckte ich nur die Schultern. “Okay, nicht dass ich dich hier noch vergifte.”, lachte ich und wir tranken eine Weile schweigend unser Bier. Wir setzten uns auf ihr Bett. Unser Wohnzimmer mit der Couch drüben im Gästehaus vermisste ich jetzt schon. “Oh ja, Ravn.”, sagte ich als hätte sie mich von irgendwo zurück ins hier und jetzt geholt. “Ja, Arbeit hab ich genug, du willst gar nicht wissen was ich heute alles gemacht habe.”, grummelte ich und antwortete ihr zunächst auf ihre Frage. “Ja, einen hab ich eingestellt. Naja, Bellamy. Aber ich wollte ihn. Cayce, hat auch ein Pferd dabei. Whitetails Shortcut. Shorty. Tolles Pferd, bin den mal auf einem Rodeo geritten, aber das ist eine lange Geschichte.”, sagte ich nur und nippte wieder an der Flasche. Ylvi setzte sich um und auch ich stand vom Bett auf, ehe ich mich auf den Stuhl daneben setzte. “Das Bett ist echt wahnsinnig unbequem.”, sagte ich zu ihr und erhaschte noch einen kurzen Moment ihres verwirrten Gesichtsausdruckes, ehe sie mich wieder normal ansah. “Und ja… Cayce greift mir hier jetzt schon wahnsinnig unter die Arme. Er ist auch Trainer, hilft mir bei den Reiningpferden. Ich würde die gerne nächstes Jahr aktiver vorstellen. Wir haben so gute Nachzuchten und auch ältere Hasen hier, die gehören in die Arena, nicht auf die Koppel.”, erklärte ich ihr und sie nickte verständnisvoll. “Aber heute war nicht mein Tag.”, seufzte ich schließlich und fuhr mir einmal durch die Locken. Sie waren lang geworden, fielen nicht mehr sonderlich hübsch nach unten. Ylvi sah mich auffordernd an, weshalb ich zu erzählen anfing. “Angefangen hat der Tag damit, dass ich mir Zaun und Draht zu einer der Koppeln gefahren habe, um dort zu arbeiten. Ich hatte was vergessen, kam zurück und bin dann zu Bellamy gegangen, weil er kurz Zeit hatte. Hab ihn gefragt ob wir nicht Betsy die Stute Sue schenken können zu Weihnachten. Naja, zumindest 50%. Weil sie immer so von den anderen geärgert wird und dann kann sie sagen, das Pferd gehört ihr. Vielleicht lassen die anderen sie ja dann in Ruhe?” Ylvi nickte. “Dann hab ich mir Vulture geschnappt, bin zur Koppel zurück und.. achja, O kommt zurück hier her. Aber vielleicht hat Bellamy dir schon davon erzählt? Auf jeden Fall… zur Koppel zurück und hab da gearbeitet. Ganz fertig bin ich nicht, muss da morgen nochmal hin. Hatte dann Reitstunde mit Betsy und Sue und bei Gott… dieses Pferd. Keine Ahnung was sie hatte, aber ich musste sie heute so hart anpacken, das kenn ich gar nicht von ihr. Betsy stand dann auch in der Ecke und hat kein Wort mehr zu mir gesagt. Glaube das gibt Probleme, wenn die Stute ihr.. halb ihr.. gehört. Aber naja.. dann habe ich Boxen gemistet. Hat ja keiner für nötig gehalten das zu tun, während ich Zaun machen war. Dann war ich duschen, saß auf der Couch und bin nun hier- morgen wird vermutlich nicht besser, denke das Heu kommt dann und wer lädt es ab? Ich…”, grummelte ich und nahm noch einen Schluck Bier. So viel hatte ich in den letzten Wochen nicht mit Ylvi geredet, weshalb sie jetzt leicht erschlagen in ihrem Bett saß. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass es so war.


      Ylvi

      Ich schwieg einen Moment, ordnete die Fülle an Informationen, überlegte auf was ich darauf als erstes Antworten sollte. Ich hatte dabei einen dümmlichen Gesichtsausdruck, ganz sicher. Caleb grinste erst, lachte dann ein wenig. Ich erwiderte. “Wo ist nur der verschwiegene Cowboy hin?”, legte dann die Hand auf den Mund. Wie im Chat die Affen Smileys. “Daran bist du Schuld.” das klang beinahe verwegen wie Caleb es sagte. “Ich freue mich aber das du zumindest etwas Unterstützung durch Cayce hast. Die Idee für Betsy ist großartig! Kinder können so abartig zueinander sein, vor allem Mädchen in dem Alter. Dabei hat sie die Pubertät noch vor sich. Ich denke ein Pferd kann ihr dabei helfen sich zu entwickeln. Außerdem bist du als Trainer dann ja nicht aus der Welt...oder eben Cayce. Ich hab dich heute morgen bei Bellamy gesehen. Ist doch sicherlich ätzend ständig ihn fragen zu müssen? Bei all den guten Ideen und Plänen die dir so vorschweben.” Caleb war Vorarbeiter der Ranch, hatte viele der wichtigen Aufgaben der Ranch übernommen. Machte die Dienstpläne, das Futtermanagement. Im Grunde fehlte nicht viel zu dem Punkt das er alles auf der Ranch bestimmte. Trotzdem war der Name der Ranch Blakes Crow Meadow und die finale Entscheidung wurde stets von Bellamy getroffen. Dieser hatte mir jedoch, nicht gerade durch die Blume, zu verstehen gegeben das ihm die Aufgabe über den Kopf wuchs. Auch die Rückkehr von O würde nicht viel ändern, denn sie hatte nicht vor in die Ranch ihres Bruders einzusteigen. Ganz freiwillig kam sie wohl auch nicht zurück, wenn ich es nicht falsch verstanden hatte. Bellamy wusste das er sich etwas überlegen musste, wenn die Ranch in geordneten Bahnen weiter laufen sollte. Ich hatte die Rechnungen gesehen, das Chaos...und fragte mich in welchen Zügen Caleb über das Problem überhaupt Bescheid wusste.


      Caleb

      Meine Bierflasche neigte sich dem Ende zu und auch die Uhr schritt Stück für Stück voran. Lange würde ich wohl nicht mehr hier bleiben, genoss die Gesellschaft von Ylvi nun doch in vollen Zügen. Sie hatte mir gefehlt. Und sie fehlte mir verdammt nochmal drüben im Haus auch. Aber ihr das zu sagen? Das war nicht ich. “Oh ja und frag mich erst mal. Cayce ist ein wahnsinnig guter Reiter. Vielleicht können wir zusammen nochmal anfangen zu Ropen!”, erklärte ich ihr stolz und sah auch bei ihr ein Lächeln aufflackern. Sie wusste, wie sehr ich das Lassoschwingen liebte, hatte es aber eine ganze Weile nicht mehr tun können. Nur vom Bullenreiten hielt ich mich fern. Auf einen Bronc würde ich bei Gelegenheit bestimmt nochmal steigen. “Und mit Betsy glaube ich auch.”, sagte ich ihr dann. “Und eigentlich kann ihr hier jeder auf der Ranch helfen. Hier rennen genug Trainer und Leute mit Ahnung rum.”, lachte ich. Dann seufzte ich abfällig. “Es ist ätzend. Einerseits bin ich die Nummer eins auf dem Hof, was die Arbeit angeht, andererseits muss ich für jede Erlaubnis zu Bellamy rennen und ihn anflehen, etwas neues kaufen zu dürfen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend das ist.”, erklärte ich ihr und drehte die Bierflasche in meiner Hand hin und her, ehe ich den letzten Schluck daraus trank. “Ich bin froh, dass er es geschafft hat, das Heu zu bestellen. Kommt ja nun zum Glück morgen, viel ist nicht mehr da. Viele Pferde fressen eben viel.”, sagte ich und stand auf, streckte mich kurz. “Ich würde gleich auch wieder gehen. Es war ein langer Tag.”, meinte ich beiläufig, setzte mich jedoch wieder hin und stellte die Flasche auf den Boden. So ganz war ich noch nicht vom Gehen überzeugt.



      Ylvi

      Ich verschwieg ihm besser das ich das Heu bestellt hatte...nach der enormen Hitze des Sommers war es gar nicht einfach gewesen einen guten Händler aufzutreiben. In einer besseren Gegend hätte man das Heu selbst machen können. Dazu gab es in New Mexico allerdings keinerlei Chance. “Ich bin Bellamy die letzte Zeit ein wenig zur Hand gegangen, dem wird langsam klar das er sich mit der Ranch vielleicht übernommen hat. Ich denke er ist heilfroh, dass du ihm den Arsch rettest, wirklich. Das würde er so vielleicht nicht sagen...aber als Außenstehende kann ich das denke ich ganz gut beurteilen.” ich lächelte ihn an...das war ein insgeheimes Lob an ihn. Bekam er nicht oft. Das Konzept der Ranch war gut...nur Lage, Planung und Ausführung haperten. Ich hatte nicht viel Ahnung von Marketing, aber so steuerte Blakes Crow Meadow deutlich in die Pleite. Bellamy hatte angedeutet einige Pferde verkaufen zu müssen. Ein Blick auf den Bildschirm des Handys zeigte, das Mitternacht unaufhörlich näher rückte. Ich hatte nicht einmal die Hälfte meines Bieres getrunken, durch das Halten in meiner Hand war es nun auch schon warm. Das zur Seite beugen um es auf dem Schrank neben dem Bett abzustellen gestaltete sich als schwieriger. Bei der zu schnellen Drehung des Oberkörpers zuckte ich zusammen, konnte den Handgriff zur Narbe nicht vermeiden und atmete zischend ein. “Manchmal vergess ich das.” Caleb hatte reagiert, war aufgesprungen, nahm das Bier aus der Hand und stellte es zur leeren Flasche auf den Boden. Er sagte nichts, sein Blick hatte jedoch etwas tadelndes...es war der verkniffene. Genau der selbe den ich so oft bekommen hatte, wenn im Unterricht nicht alles lief wie es sollte. Er saß nicht wieder auf dem Stuhl sondern hatte sich auf die Bettkante gesetzt. Ich wollte nicht das er ging...das Wort “Bleib” blieb mir jedoch in der Kehle hängen, es kam mir einfach nicht über die Lippen. Ich wollte ihm nicht zeigen wie sehr ich ihn vermisst hatte. Dabei war es nur ein verdammtes Wort! Er schien meinen Konflikt zu spüren, anders konnte ich es mir nicht erklären. Sein Blick hatte meinen fixiert. “Ja bitte?” Ich spürte das Herz schneller schlagen in meiner Brust. Wie sollte ich sagen was ich wollte. Ich hatte die letzten Wochen beschissen geschlafen...die andere Seite meines Bettes schien so verdammt leer. Ich konnte selbst nicht fassen in welch kurzer Zeit ich mich daran gewöhnt hatte jemanden neben mir zu haben. Bei Max hatte ich es gehasst...nicht schlafen können eben, weil er neben mir lag. Jetzt allerdings, konnte ich teilweise nicht schlafen eben, weil niemand...jemand nicht neben mir lag. Und ich hasste diese Abhängigkeit. Wann zum Teufel war das passiert? Das war nicht in meinem Plan gewesen. “Was ist?” drängte Caleb nach, jetzt leichte Sorge in der Stimme. Hatte er Angst die unbedachte Bewegung schmerzte noch immer? Ich schüttelte den Kopf, lächelte...dann kam es mir über die Lippen. “Bleib.” nur gehaucht, scheu wie bei einem Reh. Das klang nichtmal nach mir. Wo war die Selbstbewusste Ylvi hin verschwunden?


      Caleb

      Ein Wort. So leise gehaucht, dass ich es fast nicht verstanden hatte. ‘Bleib’. Ich lächelte. “Geht das wirklich? Mit deiner Op und so…”, murmelte ich und Ylvi nickte, sie schien nun wieder etwas mehr Mut gefasst zu haben. Wieder zerriss es mich innerlich, dass unsere… Beziehung in den letzten Wochen so kaputt gegangen war. Ich hatte einfach Angst Ylvi zu verletzen. Sie war nicht mehr so zerbrechlich wie vor ein paar Wochen. Aber ihre OP hatte mir mal wieder vor Augen geführt, weshalb ich nicht der Beziehungstyp war. Ich hatte keine Lust mir ständig Sorgen um jemand anderen zu machen, auf jemand anderen aufzupassen, für jemanden da zu sein… aber Ylvi… sie brachte mich zu all dem… machte mich zu so jemandem, ohne dass ich mich verändern musste. Bis jetzt hatte sie mir noch keinen Vorwurf gemacht, dass ich die letzten Wochen so selten hier war. Vermutlich konnte sie sich denken warum. Arbeit über Arbeit- und dann meine inneren Konflikte. “Caleb?” Ylvi sah mich an. “Ja.. ja. Dann bleib ich hier.” erwiderte ich. “Lass mich nur eben meine Stiefel von vorne holen. Und bitte sag mir, dass Bellamy hier nicht in aller Herrgottsfrühe mit Frühstück hineingeplatzt kommt.”, murmelte ich und wir lachten beide. “Die Zeit wo ich Frühstück am Bett bekommen habe ist vorbei. Normalerweise helfe ich ihm und den anderen in der Küche damit.”, sagte sie noch.
      Ich stand auf, holte leise meine Stiefel ins Zimmer und versuchte Amba dabei nicht zu wecken. Den Hund hatte Bellamy vor langer Zeit mal hier angeschleppt, aber wirklich etwas arbeiten tat er nicht mit ihr. Traurig musste ich an Surtout denken… und als ich wieder im Zimmer war, sah ich zu Ylvi. “Hab ich dir mal von Surtout erzählt?” Sie schüttelte den Kopf. “Eben, als ich Amba im Flur gesehen habe, ist mir der Hund wieder eingefallen. Verena hatte mal einen Rottweilerrüden, Surtout. Sie ist mit ihm und Gipsy mal einen Horse & Dog Trail gegangen. Seltsamer Hund, hat sie aus Frankreich gehabt und war nach einem Werwolf aus einem Buch benannt.” Ylvi lachte. “Ich hoffe er hat euch nicht gefressen?” “Nein, nein… war ein lieber Kerl, eigentlich. Aber total fixiert auf sie. Ist eigentlich ganz gut, dass er mit ihr gestorben ist. Der würde ohne sie eingehen.”, erklärte ich ihr und fing an, mich auszuziehen. Meine Boxershorts hielt ich an, schlüpfte dann unter die Decke. Allein das reichte, um die alte Vertrautheit zwischen uns wieder herzustellen. Ich legte meinen Arm unter ihren Kopf und sie kuschelte sich an mich an. Wir schwiegen, genossen den Moment und waren im Nu eingeschlafen.

      Plötzlich schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Jemand hatte die Tür aufgerissen, war ins Zimmer gekommen und an der Stimme der Person erkannte ich, wer es war. Betsy. “Ylvi du wolltest uns doch beim Früh….oh.. Caleb!”, sagte sie erschrocken und ich zog mir die Decke über den Kopf. Vielleicht funktionierte bei ihr ja noch das Schema, wenn ich sie nicht sah, sah sie mich auch nicht… Funktionierte leider nicht. “Ich.. äh… ich... “, stammelte sie und verließ prompt das Zimmer. Erst dann kam ich wieder unter der Decke raus und sah zu Ylvi, die auch am Lachen war. “Das biegst du wieder gerade!”


      Ylvi

      “Das wird sie so schnell nicht vergessen.” stellte ich nüchtern fest. Konnte mir das Lachen aber nicht verkneifen. “Gut das sie uns nicht dabei gesehen hat.” Caleb beugte sich vor, stahl sich einen Kuss von meinen Lippen. Löste sich dann kurz,sah mich an und setzte einen weiteren Kuss auf meine Stirn. Ohne viele weitere Worte zog er sich an. “Ob das jetzt alle Wissen, oder ob ich unbeobachtet aus dem Haus komme?” fragte er verschmitzt. Ich zuckte mit den Schultern. “Ich glaube nicht das Betsy es jedem erzählt. Sie ist ein Kind...wie viel versteht sie schon von dem was sie gesehen hat.” Ich zog mir mein Shirt über den Kopf, vorsichtig, wegen des Verbandes. “Ooh ich denke sie versteht schon eine ganze Menge, glaub mir.” Ich streckte ihm die Zunge raus. “Na los, verschwinde, da draußen wartet eine Ranch auf deine Anwesenheit. Glaub mir...ich kann es fast gar nicht erwarten euch wieder zu unterstützen, langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.” ich schaute auf den Flur hinaus, sah niemanden und winkte Caleb zu “freie Luft.” er huschte halb aus der Tür, blieb dann stehen, zwinkerte mir zu und verschwand dann erst. Es war gewesen als sei nicht zwei Wochen Funkstille gewesen. Wir hatten dort angeknüpft wo wir begonnen hatten...ein seltsames Gefühl, aber irgendwie auch beruhigend.

      Ich konnte mir den ganzen Morgen das blöde Grinsen nicht vom Gesicht wischen. Als ich in die Küche kam fand ich Betsy darin nicht vor. Also bereitete ich allein das Frühstück vor...langsam kam ich mir vor wie die Hausangestellte hier. Wann hatte ich das angefangen? Ich wollte wieder raus auf die Ranch. Sinnvolleres tun als eine Belegschaft von knapp 20 Mann mit Essen zu versorgen. “Du siehst beschissen aus.” kommentierte ich Bellamy der mit Augenringen bis nach Bagdad in die Küche gestiefelt kam. Davon war er nicht ganz begeistert, warf mir eine unflätige Geste zu und goss sich den Kaffee in eine Tasse und schaufelte Zucker hinein. Nach dem dritten Löffel sprach ich ihn an. “Du bist wieder nicht ganz bei der Sache.” Bellamy seufzte. “Ich hab gestern einfach mal drei der gekörten Hengste zum Verkauf gestellt...es haben sich tatsächlich 4 Interessenten gemeldet. Ich tu es nicht gern, aber ...du weißt das Geld hätten wir nötig.” in dem Moment knallte die Tür zur Küche. “Das hast du nicht getan!” ein brodelnder Caleb stand dort in der Tür. Er hatte zur Abwechslung zum Frühstück mit den anderen erscheinen wollen. Ich hörte Bellamy neben mir die Luft einziehen. Wo war das Loch im Boden? Ich konnte es gerade ziemlich gut gebrauchen.


      Caleb

      Ich hatte es geschafft mich unbemerkt aus dem Haupthaus in den Stall zu verkrümeln. Frühstücken wollte ich heute ausnahmsweise mit den anderen zusammen, alleine wurde das auf Dauer doch ziemlich einsam, vor allem da der Rest gemeinsam im Haupthaus frühstückte.

      Bis es allerdings so weit war, hatte ich noch ein bisschen Arbeit vor mir. Vulture brachte ich aus der Box auf seinen Paddock in die Nähe von einem der Trainingshengste. Dort bekam er auch sein Kraftfutter. Ich mistete schnell seine Box und vier Weitere von den anderen Hengsten, damit ich dies heute Abend nicht mehr machen musste. Nach einem Blick auf die Uhr hatte ich noch etwa eine halbe Stunde Zeit, bis es Essen gab. Ich rationierte also auch das Kraftfutter für die anderen Pferde und musste ganz schön aufpassen, das Futter nicht zu vermischen, bei so vielen Eimern. Auf jedem der Eimer stand jedoch der Name des Pferdes drauf, weshalb ich sie nach Paddock und Koppelteil sortiert auf die Laderampe meines Pick Up stellte, und dabei Cayce über die Füße lief. „Morgen.“, sagten wir beide und er blickte mich unter seinem schwarzen Cowboyhut skeptisch an. „Hast was liegen gelassen, Cowboy.“, lachte er und warf mir meinen Hut entgegen. Reflexartig riss ich die Hände in die Luft und schaffte es sogar, den Hut zu fangen, ohne ihn dabei mit meinen Fingern zu zerquetschen. „Mach doch sowas nicht, hast du mal auf die Uhr geschaut?“, fragte ich ihn lachend und setzte mir meinen Hut auf den Kopf. „Und, was gibts zu tun?“, fragte mich der junge Mann und ich überlegte. „Grade nichts mehr. Kraftfutter hab ich fertig. Würde sagen Frühstück ist angesagt.“, sagte ich zu ihm und er nickte. „Ich muss noch was im Haus holen, ich komme gleich.“, antwortete er und verschwand.

      Ich ging also zum Haupthaus, zog meine Stiefel, den Hut und die Jacke am Eingang aus und hörte Stimmen aus der Küche. Was ich dort hörte, wollte ich zunächst gar nicht glauben. Mit einem Satz stand ich bei Bellamy, hatte die Tür zugeknallt. „Bist du des Wahnsinns? Welche Hengste?!“, fuhr ich ihn an und sah, wie alle Anwesenden einen Kopf kleiner wurden oder langsam den Raum verließen. “Alan’s Psychedelic Breakfast, Gun and Slide und Genuine Lil Cut.” Ich sah ihn an. “Oh glaub mir wenn du Blue verkaufst bist du ein toter Mann!”, knurrte ich und sah wie Ylvi ihren Kopf noch weiter einzog. “Wir… wir haben Geldprobleme Caleb… ich muss ein paar Pferde verkaufen…” “Und dann verkaufst du die besten Hengste die wir haben? Bist du bescheuert?”, warf ich ihm entgegen und machte einen Schritt auf ihn zu. Ich war Bellamy körperlich noch immer ein wenig überlegen gewesen, doch wie ich ihn kannte, baute er sich gerade auch vor mir, sackte dann jedoch augenblicklich in sich zusammen. “Ich kann das nicht mehr, mir wächst das alles über den Kopf.. die Pferde, die Arbeiter… die Ranch…”, murmelte er kleinlaut und setzte sich an den Frühstückstisch. “Das Heu war wahnsinnig teuer, ich weiß nicht, wie ich das bezahlen soll…”, keuchte er und ließ sein Gesicht in seine Hände sinken. “Mir gehen die Ideen aus…”

      Ich atmete tief durch, öffnete meine Fäuste. Schlagen hatte ich ihn nicht wollen, aber aus Reflex war dies passiert. Dieser dämliche Idiot! “Also…”, murmelte ich nun mit sanfterer Stimme. “Du stehst jetzt auf, nimmst die Pferde aus dem Netz, wir frühstücken… und dann überlegen wir uns, wie wir die Ranch retten können.”


      Ylvi

      Das Frühstück über schien Bellamy verschwiegener. Caleb und Cayce unterhielten sich gut. Caleb nutzte die Runde auch gleich als eine Art Teambesprechung. Ich merkte wie er wichtige Aufgaben an Cayce gab, Murphy sollte seine Boxen übernehmen. Einen der anderen Ex-Häftlinge teilte er zum Zaunbau ein, dort wo er gestern begonnen hatte. Ich merkte dabei schnell wie er sich den Vormittag frei schaufelte um mit Bellamy zu sprechen.

      Als ich ihn gesehen hatte, da war mir kurz eiskalt geworden. Ich hatte schon gesehen zwischen ihn zu springen, wenn er Bellamy anging. Wobei ich herzlich wenig hätte ausrichten können. Seine geballten Fäuste waren mir nicht entgangen, auch nicht die Wut die in seinen ersten Worten geflackert hatte. Ich hätte nur darauf hoffen können das er mich nicht verletzten würde, falls ich dazwischen ging.

      Dass sie jedoch - endlich - gemeinsam eine Lösung suchen wollten gefiel mir. Das hätte Bellamy schon viel eher tun sollen. Aber wer konnte es ihm verübeln...ich erinnerte mich an seine Worte vom Vortag. “Ganz ehrlich...ich hab nichtmal die High School beendet, war im Jugendknast und anschließend bin ich auf der Gips Reminder Ranch gelandet. Ich hab in meinem Leben noch nie etwas richtig auf die Reihe bekommen und dann komm ich auf die bekloppte Idee eine ganze fucking Ranch zu leiten. Als O noch hier war ging das ja noch, aber dann? Ganz ehrlich...wär Caleb nicht gekommen, dann wäre das ganze schon viel eher vor die Hunde gegangen.” Ich hatte ihm gesagt er sollte Caleb einweihen. Die Angst dieser würde ihn auseinander nehmen hatte dann wohl die Oberhand behalten. Das war Stolz an falscher Stelle, das hatte ich ihm allerdings nicht gesagt...das war ihm hoffentlich bewusst. Ich wusste Caleb würde alles für die Pferde tun, einige abzugeben wäre sicherlich nicht die schlechteste Idee...aber dabei sollte sorgsam ausgewählt werden welche. Unnötige Esser zum Beispiel...und das waren die Hengste die er eingestellt hatte nicht.

      Nach dem Frühstück verschwanden alle um den ihnen zugewiesenen Aufgaben zu widmen. Ich war im Begriff die Küche zu verlassen hinter Caleb und Bellamy, drehte nach links ab um Richtung meines Zimmers zu gehen. Da erklang Calebs Stimme “Ylvi, ich denke bei der Ranch Rettungsaktion kannst du uns behilflich sein.”


      Caleb

      Bellamy war vor dem Frühstück verschwunden und hatte hoffentlich die Hengste aus dem Netz genommen. Ich war noch immer verdammt wütend auf ihn, weshalb ich mich beim Essen auch nur mit Cayce unterhalten hatte. Die Einen standen früher, die Anderen standen später auf. Auch Betsy hatte kaum ein Wort gesagt, fast die ganze Zeit betrübt auf den Boden geschaut. Etwas Leid tat die mir ja schon. Zu erst hatte sie mich und Ylvi im Bett gesehen, jetzt einen heftigen Streit zwischen Bellamy und mir. Ich müsste heute auf jeden Fall noch mit ihr sprechen und ihr einige Dinge erklären. Sie war schließlich noch ein Kind. Sie verstand nicht alles, was hier vor sich ging.

      In Bellamys Büro marschierten jetzt Ylvi, er und ich. Dort sah ich den mittlerweile kleineren Papierberg, zu dem Ylvi wohl einiges beigetragen hatte. Ich zog Ylvi einen Stuhl zum Schreibtisch dazu und setzte mich neben sie, auf der anderen Seite Bellamy. Ich seufzte kurz. “Wie schlimm ist es denn nun, Bellamy?” Ich sah die Anspannung aus seinem Körper weichen. Er schien froh zu sein, endlich mit der Sprache rausrücken zu können. “Es ist noch nicht das Ende der Ranch. Aber es ist kurz vor Ende.”, fing er an. “Und das heißt?” “Um die Ranch vor dem Bankrott zu retten müssen wir Pferde verkaufen. Einige Pferde. Oder die ganze Ranch.”, ich schluckte. Naja, eigentlich sah man es in meinem Kopf rattern. “Hmm ein Umzug wäre nicht das Schlechteste.”, sagte ich und Bellamys als auch Ylvis Kopf flogen in meine Richtung. “Verkaufen?”, fragte Bellamy ungläubig und ich nickte. “New Mexico ist schön und gut, aber was hat man von einer Ranch wenn man hier nicht einmal Rinder halten oder Heu selbst machen kann? Futter kostet Geld. In Alberta kamen wir immer mit unserem eigenen Futter rund… und.. ich habe mich selbst schon ein wenig umgesehen gehabt… ich bin so weit, dass ich etwas eigenes aufbauen möchte.” Damit schien Bellamy erstmal baff.



      Ylvi

      Das mit der eigenen Ranch...tja...wir hatten es einige Male als Thema gehabt. Aus Spaß, vielleicht. Doch ich hatte darin das glitzern in den Augen von Caleb gesehen. Der Wunsch existierte eine ganze Weile, Jahre vielleicht. Im Grunde jedoch hatte ich geahnt - diese Ranch...die Pferde hier, würde er nicht zurück lassen. Wieso war er sonst nach dem Unfall zurück gekehrt...wohl eher weniger aus Nächstenliebe zu Bellamy oder den Ex-Häftlingen. Es waren die Pferde, jedes einzelne lag ihm am Herzen.

      Ich setzte mich weiter nach vorn, Bellamy sagte keinen Ton. “Bellamy, ganz ehrlich...das halte ich für keine schlechte Idee. Caleb übernimmt ohnehin als Vorarbeiter alle relevanten Aufgaben. Überschreib ihm auf dem Papier die Ranch. Du bist aus der Sache raus...kannst dich anderen Sachen auf der Ranch selbst widmen. Dingen von denen du tatsächlich eine Ahnung hast. Marketing technisch...Logistisch gesehen, ist auch ein Umzug sinnvoll. Das Land hier ist karg, sowieso schon warm. Und Klimaerwärmung wird ein Thema sein in den kommenden Jahren. Man kann hier bleiben, versuchen mit teurem Heu über die Runden zu kommen. Oder man beschließt in eine andere Region sich zu orientieren. Wir haben die Gerätschaften, die Mitarbeiter um das alles zu bewerkstelligen.” Caleb nickte während ich mit meinen Händen gestikulierte. Die Vorstellung mit der ganzen Ranch umzuziehen legte sich zwar wie ein schwarzes Tuch auf meinen Magen, aber im Grunde war es eine wichtige Entscheidung. Es gäbe einige Sachen die man außerdem planen könnte für eine Ranch an einem anderen Ort. Die Aufnahme weiterer Häftlinge, denn die Gelder die wir vom Staat davon bekamen waren wirklich nicht unerheblich, außerdem hatten wir so eine gute Handvoll an Arbeitern. Die Aufsicht wäre schwierig, aber Lösungen ließen sich sicherlich finden. “Ich bleibe außerdem...selbst wenn ihr mir erstmal kein Gehalt auszahlt. Ich kam hier auf die Ranch um ein bisschen Abenteuer in mein Leben zu kriegen. Wie könnte ich euch jetzt einfach mit Problemen allein lassen?” das hatte noch andere Gründe. Wie könnte ich Caleb zurück lassen? Betsy allein mochte Wissen das wir etwas miteinander teilten...Aber insgeheim schlug mein Herz auch für diese Ranch.


      Bellamy

      Ich schwieg. Caleb schwieg. Ylvi schwieg. Unsere Köpfe ratterten, unsere Gedanken drehten sich. Also meine zumindest. Ich ließ meinen Kopf in die Hände sinken. “So hatte ich mir das nicht vorgestellt, glaubt mir… ich dachte ich müsste weiterführen, was Verena angefangen hatte. Alle Pferde verkaufen? Das hätte ich nicht übers Herz gebracht…”, erklärte ich und sah zum ersten Mal Mitgefühl in Calebs Blick. “Ylvi hat… nicht ganz unrecht.”, setzte er an und ich hob meinen Kopf wieder. “Wenn du mir die Ranch überschreibst, wir umziehen… ich hab noch eine Menge Geld, von der Abfindung damals.. hab alles gespart für etwas Eigenes.. dann kann ich das alles hier wieder hochziehen.”, erklärte er mir und ich nickte, schwieg wieder und dachte nach. “Und.. Ylvi scheint uns auch erhalten zu bleiben. Sie könnte eine Website oder sonst irgendwas für uns gestalten, ihr fällt da schon was ein.”, sagte er weiter und stieß die junge Frau einmal sanft mit dem Arm an. Ylvi nickte. “Wir müssen nur… also einige Pferde werde ich auf jeden Fall verkaufen.”, meinte Caleb dann. “Aber nicht die Besten.”, fügte ich an und er nickte. “Das wäre dumm.”, antwortete er mir gefasst, gar nicht mehr wütend oder beleidigend.

      “Ich glaube ich muss eine Weile darüber nachdenken…”, sagte ich dann und stand auf, sah zum Fenster raus und schaute den Mitarbeitern zu, wie sie die Pferde auf die Koppeln brachten. Als ich mich umdrehte, stand Caleb hinter mir. “Nein. Musst du nicht. Du hättest schon viel früher nachdenken sollen.”, meinte er, noch immer gefasst. “Es scheint, als hätte ich keine andere Möglichkeit mehr?”, fragte ich in die Runde und Caleb als auch Ylvi schüttelten den Kopf. “Du wirst ja nicht rausgeworfen.”, lachte Caleb und klopfte mir auf die Schulter. “Du bekommst nur… weniger Aufgaben.”, meinte er und ich nickte. “Also gut…. Caleb O’Dell. Die gehört ab sofort die Blakes Crow Meadow Ranch. Sieh es als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.”, sagte ich und schüttelte seine Hand. “Ein Weihnachtsgeschenk mit vielen Schulden.”, sagte er, fing dann aber auch an zu lachen und schaute zu Ylvi rüber, die auch ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht hatte. “Meine erste Amtshandlung wird sein, dass wir drei uns zum Abendessen in der Bar von Louis in Albuquerque treffen, sieben Uhr, und dort über das weitere Schicksal gemeinsam entscheiden.”, sprach Caleb und ging zur Tür. “Und jetzt… an die Arbeit. Die macht sich nicht von alleine.”, meinte er und verschwand aus der Tür.

      “Puuuh…”, sagte ich und ließ mich auf den Stuhl hinter dem Papierberg fallen. “War das das richtige?”, fragte ich Ylvi und senkte meinen Kopf wieder auf meine Hände.



      Ylvi

      Ich zuckte mit den Schultern. “Das ganze hätte schlimmer laufen können.” dann klopfte ich auf den Tisch, sah wie Bellamy den Kopf hob. “Außerdem..um deine Worte zu zitieren. Vielleicht ist es das was Caleb gesucht hat? Du hast es ihm gewünscht. Erinnerst du dich?” Bellamy , immernoch besorgt drein blickend, lächelte allerdings. Die Narbe in seinem Gesicht verzog sich deutlich dabei. “Touché” Ich zuckte die Schultern dazu, lächelte. Ja vielleicht war das ein Weg um Caleb von der inneren Unruhe abzulenken die ihn von Zeit zu Zeit befiel.

      “Gut..ich würde sagen...du machst schonmal eine kleine Liste fertig für Pferde die zum Verkauf stehen. Ich werde derweil mein Zimmer im Gästehaus wieder beziehen. Ich brauche keine ganztags Betreuung mehr, ich vermisse mein eigenes Bett. Anschließend komme ich wieder rüber um dir beim abheften der Dokumente zur Hand zu gehen. Dann können wir Caleb heute Abend eine Übersicht der Finanzen geben...sowie der Sachen die noch fehlen. Deal?” Bellamy sah sich auf seinem Schreibtisch um, der sich schon deutlich geleert hatte. “Vielleicht sollte Caleb sich überlegen dich als Chef mit ins Boot zu holen, du scheinst zum Sklaventreiber geboren.” Es war ein Witz, das merkte ich sofort, ich streckte die Zunge heraus. Anschließend machte ich mich auf den Weg meine wenigen Habseligkeiten im Gästeraum zusammen zu packen. Ich ließ das Haupthaus gern zurück. Ich hatte die Ruhe des Gästehauses vermisst, meine kleine Oase der Ruhe. Ich gabelte Laurence im Flur auf. “Laurence? Kannst du mir eben bei der Tasche helfen? Für mich geht es vorerst wieder zurück ins Gästehaus.” “Klar, gib her.” “Sag mal, ich hab ein wenig heute morgen mitbekommen...wie schlimm ist es?” wir gingen langsam hinüber zum Gästehaus. “Es wird ein paar Veränderungen geben...das bleibt nicht aus. Aber mach dir vorerst keine Sorgen. Bellamy und Caleb schaukeln sich schon zusammen.” Laurence zog die buschigen Brauen zusammen. “Das wird ja auch mal Zeit!” brummte er schließlich. Ich lächelte in mich hinein...wahr wohl nicht schlecht. Laurence trug mir die Tasche bis hinauf in mein Zimmer, stellte sie vor dem Bett ab. ich bedankte mich bei ihm. Bevor Laurence das Zimmer verließ verweilte er kurz im Türrahmen. “Junge Dame...ich würde fast behaupten es war Gottes Segen das er sie zu uns geschickt hat. Wer weiß, vielleicht hat Verena das aus dem Himmel für uns eingefädelt. Jemand wie du hat uns auf der Ranch gefehlt...die gute Seele.” damit verschwand er aus der Tür. Ich blieb ein wenig erstaunt zurück. Laurence war ein guter Kerl, ich wusste das er schon auf der Gips Reminder Ranch gearbeitet hatte. Seine Bezeichnung der guten Seele schien mir allerdings etwas bizarr. Ich half nur Freunden aus...viel mehr noch...alle Chaoten waren im Laufe der letzten Monate einfach zum Teil meiner Familie geworden. Unfassbar das ich noch nichtmal ein Jahr hier war!


      Caleb

      Draußen atmete ich einmal tief durch. Hui, die Ranch gehörte nun mir. Noch nicht offiziell, aber bald würde sie komplett mir gehören, mit allen Pferden, allen Mitarbeitern und allem drum und dran. Ich wünschte mir schon seit Jahren eine eigene Ranch, aber jetzt so plötzlich eine zu besitzen? Unbeschreiblich. Ich atmete noch einmal tief durch und ging in den Stall, um Murphy beim Boxen misten zu helfen. Er schwieg, gut für ihn. Ein paar fragende Blicke flogen zwar zu mir rüber, aber er fragte mich nichts. Als ich damit fertig war, sattelte ich mit Vulture und ritt zu Connor, der den Zaun reparierte. Ich ging ihm kurz zur Hand, so dass wir schnell zurück zur Ranch reiten konnten. “An das Kraftfutter habt ihr ja heute Morgen auch gedacht, oder?”, fragte ich ihn und er schüttelte den Kopf. “Frag Cayce, keine Ahnung.”, ich rollte mit den Augen. Also ritt ich quer über die Ranch, um Cayce zu suchen, den ich schließlich auf dem großen Reitplatz fand. “Hey Cayce, das Kraftfutter habt ihr heute Morgen ja verteilt, oder?”, fragte ich ihn und er nickte. “Klar, ist erledigt. Habs auch schon für heute Abend gemischt.” “Gut, ich bin heute Abend mit Bellamy und Ylvi weg, einige Dinge regeln.”, sagte ich und er nickte.

      Jetzt musste ich nur noch Laurence finden. Ihm wollte ich die Ranch heute Abend überlassen, wenn ich nicht da war. Vulture sattelte ich ab und brachte auf einen der Paddocks. Dort machte er sich sofort wieder über das Heu… Mist, das Heu! Ich fluchte, lief zum Haus und stürmte in Bellamys Büro, wo auch Ylvi saß und ihm zu helfen schien. “Das Heu? Kam es? Wo ist es? Ich hab keinen Anhänger gesehen.” Nervös schaute ich auf meine Uhr. “Alles erledigt Caleb. Cayce und die anderen haben es schon abgeladen.”, erklärte er mir und ich nickte. “Okay… dann ist es ja gut. Ich bin dann mal Füttern, und dann können wir auch schon fast wieder los.”, erklärte ich und verschwand wieder. Im Stall fing ich an, das Heu in die Boxen zu verteilen. Als ich damit fertig war, lief mir auch Laurence vor die Füße. “Hey, du müsstest heute Abend auf die Ranch aufpassen. Bellamy, Ylvi und ich sind in Albuquerque und müssen einige Dinge regeln.”, erklärte ich ihm und er nickte, stellte aber keine weiteren Fragen. “Ich hoffe ihr bekommt das hin.”, meinte er und verschwand dann wieder. Im Stall war ich nun fertig, weshalb ich schnell duschen ging, mich fertig machte, meinen Notizblock schnappte und zum Auto ging, wo ich auf Bellamy und Ylvi wartete. Bellamy ließ nicht lange auf sich warten und auch Ylvi erschien nach einer Weile.


      Ylvi

      Ich hatte mein Tablet mit in die Tasche gestopft...einige Notizen würden sicherlich nicht schaden. Ich freute mich auf die Bar, ich war lang nicht mehr drin gewesen. Andererseits würden wir dort auch eine ruhige Ecke vorfinden, sicherlich gab uns Louis eines der kleineren Hinterzimmer. Diese nutzte er oft für geschlossene Veranstaltungen.

      Caleb stand an seinem Pick-Up. Vorn hatten tatsächlich drei Leute Platz, also warf ich die Tasche auf den Rücksitz, rutsche bis an den Fahrersitz und Bellamy setzte sich direkt daneben.

      Im Sandwich eingeklemmt zwischen Caleb und Bellamy fuhren wir also nun knapp eine Stunde in Richtung Albuquerque. Louis Bar befand sich im Speckgürtel der Stadt, eigentlich hatte ich bisher angenommen dieser Teil war nicht einmal Part von Albuquerque. Wobei das jetzt wahrscheinlich auch keine Rolle spielte. Calebs Blick ging nach vorn auf die Straße. Die Situation war irgendwie seltsam. Das Radio war kaputt. Also begann ich einfach zu erzählen womit Bellamy und ich uns heute beschäftigt hatten. Kontoauszüge sortiert, alle nötigen Zahlungen getätigt. “Ich hab die Daten alle mal digitalisiert auf meinem Tablet. Dann haben wir nebenbei eine gute Basis mit der du arbeiten kannst.” klar Daten konnten verloren gehen. Ich wusste auch das Caleb nicht unbedingt Technik Affinitäten teilte...aber ein Haufen Blätter zu sortieren, im schlimmsten Falle zu verlieren. Sonderlich nützlich erschien mir das ganze nicht. “Wir haben außerdem einen Anwalt ausfindig gemacht, der zwischen Weihnachten und Neujahr zur Ranch kommt um die Papiere offiziell zu übertragen.”


      Caleb

      Die Fahrt über war ich relativ still, hörte Ylvi zu und nickte hin und wieder. „Ich habe mir auch schon Gedanken dazu gemacht, welche Pferde wir verkaufen sollten. Ylvi du hast doch die Liste aller Pferde auf deinem Tablet? Auch die von O?“, sie nickte. „Gut.“, erwiderte ich und parkte mein Auto vor der Bar. Wir gingen hinein, wurden von einem freundlichen Louis begrüßt und sofort in eines der hinteren Zimmer geführt. Wir redeten eine Weile, besprachen sinnloses, waren vertieft in belangloses, als die Tür aufflog und niemand anderes den Raum betrat, als Octavia. “Da bist du ja endlich.”, grummelte ich, stand auf, und umarmte sie kurz. Auch Ylvi und Bellamy taten es mir gleich. Bellamy schien verwundert. “Ich wusste nicht, dass du auch kommst.”, sagte er zu ihr und zog ihr einen Stuhl vom Tisch, damit sie sich setzen konnte. “War auch eher eine spontane Idee von mir. Wenn sie jetzt zu uns zurückkommt, sollte sie sich auch einbringen. Schließlich will O ja auch Pferde verkaufen.”, erklärte ich und Octavia nickte. “Genau, aber lasst uns erst was essen.”, trällerte sie und ich lachte kurz. Irgendwie hatte ich diesen gut gelaunten Vogel vermisst.

      Wir bestellten Essen, was uns Louis auch schnell brachte. Erneut drehte sich das Gespräch um belanglose Dinge, ehe ich das Wort erhob. “Ich habe mir schon lange Gedanken darüber gemacht, was ich mit einer eigenen Ranch machen würde.. wo sie sein sollte, was sie verfolgen sollte, womit ich mein Geld verdienen würde…”, alle starrten mich an. “Dass Pferde weg müssen ist mir ganz klar, wir haben eh zu viele, die nur fressen und sonst nichts tun… in meinen Augen muss sich eine Ranch durch die Pferde quasi von selbst tragen.”, erklärte ich ihnen und hatte nun wirklich die gesamte Aufmerksamkeit von allen in diesem Raum erlangt. “Ich dachte daran, wieder zurück nach Kanada zu gehen. Ich habe mir im Internet schon Gelände angeschaut, zwei stehen zur Auswahl. Beide wieder in der Nähe von Calgary und Okotoks.” Ich sah ein wenig Panik in Bellamys Gesicht. “Zurück nach Kanada?”, fragte er unsicher und ich nickte. “Ich kenne keinen besseren Fleck auf diesem Planeten, um Pferde und Rinder zu züchten. Ja, Rinder gehören auch zu dem neuen Plan.” Bellamy nickte. “Es ist.. deine Ranch.”, murmelte er kleinlaut doch ich schüttelte den Kopf. “Ich sage nur, wie ich es mir vorstelle… außerdem… wir haben viele gute Westernpferde, die nicht mehr, oder noch nicht im Sport laufen. Touristen sind immer eine gute Geldquelle. Sie könnten die Landschaft erkunden, natürlich mit einem von uns dabei, könnten bei der Rinderarbeit und bei den Pferden helfen. Die Menschen geben eine Menge Geld für sowas aus.” Einstimmiges Nicken. “Deshalb bin ich zu dem Entschluss gekommen, alle Quarter-, Paint- und Appaloosahorses zu behalten.” “Klingt… vernünftig.”, sagte Ylvi und schaute auf ihr Tablet. “Ich habe hier eine Liste mit den Pferden, ich lese sie euch einfach mal vor. Gekörte Hengste wären demnach Alan’s Psychedelic Breakfast, Genuine Lil Cut, Gun and Slide und Hollywoods Silver Dream.” Caleb nickte. “Ungekörte Hengste wären A Shining Chrome, Chapter 24, Citizen Fang, Chocolate Shades, General’s Coming Home, GRH’s Bellas Dun Gotta Gun, GRH’s Funky’s Wild Berry, GRH’s Unbroken Soul of a Devil, Gunners Styled Gangster, Smart Lil Vulture, Whinney und Zues.” Wieder ein Nicken von Caleb. “Außerdem Nachtschwärmer und Chocolate Dream.”, fügte er an. “Ich nehme an die Fohlen bleiben auch alle?”, fragte Ylvi mich und tippte etwas in ihr Tablet ein. Ich nickte, und sie las die Namen vor: “PFS’ Unclouded Summer Skies, BR Dress to Impress, BR Colonels Lil Joker, Jacks Inside Gunner, Colonels Blue Splash und BR Colonels Golden Gun.” “Genau. Jetzt noch die Stuten und Cielos.”, meinte Caleb und Ylvi nickte. “Cielos bleibt, dann die gekrönten Stuten Baby Doll Melody, Bella Cielo, Colonels Smokin Gun, DunIts Smart Investment, Ginny my Love, GRH’s A Gun Colored Lena, Jade, Kristy Killings, Raised from Hell und Wimpys Little Devil. Nicht gekrönte Stuten sind A Walking Honor, Black Sue Dun It, California Rose, Chou, Easy Going, Face Down, Ginger Rose, GRH’s Aquila T Mistery, GRH’s Unbroken Magic, Heretic Anthem, Honey’s Aleshanee, Lady Blue Skip, Magnificient Crow, My sweet little Secret, Only Known in Texas, Picture of a Ghost, Snapper Little Lena, Stormborn und die Mixstute Striga.” Ylvi tippte fleißig Häkchen hinter die Namen der Pferde. “Dazu kommen noch Whitetails Shortcut, der Wallach von Cayce und Bittersweet Temptation, ein schwarze-weißer Paint Horse Hengst, den ich dazu gekauft habe.”, erklärte ich allen und sie nickten fleißig. “Væna fra glæsileika eyjarinar würde ich auch gerne behalten. Sie, Choco, Nachtschwärmer und Striga sind die einzigen Außenseiter, würde ich sagen, die ich fest behalten will.”, erklärte ich und sah dann zu Octavia rüber. “Genau, Ylvi tipp mal mit.”, sagte sie und nahm eine Liste aus ihrer Tasche. “Ich habe mir auch viele Gedanken gemacht, wen ich behalten möchte und wen ich verkaufen würde… bleiben sollen Tigres Eye, Priamos Ruffie Kincsem, BR Prias Raveday, Drama Baby, Raspberry, I’ve got a blue soul, Prias Colourful Soul, Tasmania, Candlejack, Culain, Empire of Grace, Daryl Gone Mad, Peacful Redemption, PFS’ Snap in Style und Wildfire xx. Bei einem guten Platz wären Empire of Grace noch zu verkaufen.”, erklärte Octavia und Ylvi tippte sich die Finger wund. Ein bisschen Leid tat sie mir ja schon, aber sie war es durch ihren Job ja gewöhnt, viel an solchen Geräten zu hängen. “Jetzt kommen wir dann wohl zu den potenziellen Verkaufspferden.”, sagte Ylvi und ich nickte. “Lies einfach einen Namen vor und wir sagen pro Argumente, warum das Pferd bleiben soll, oder Kontra Argumente, warum wir es verkaufen sollen.”, erklärte ich und sah zu Ylvi. “Meine Pferde zählen wohl auch dazu, wir gehören ja auch zur Ranch und ziehen mit um. Inyan, Lady Gweny, Fylgia und Valravn bleiben auch.”, sagte sie. Wir nickten einstimmig. Wir konnten ja schlecht verlangen, dass sie ihre Pferde verkaufte. Sie hatte doch nur vier davon und alle bedeuteten ihr eine Menge. Dann gingen wir die Liste Pferd für Pferd durch.
    • Ravenna
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      Dein Geschenk zu Weihnachten Teil 2 | Ravenna | 48272 Zeichen
      Behalten:

      Seattle Slew -> wird als Touristenpferd behalten, wird kastriert

      Sir Golden Mile -> Octavia möchte ihn als Rennpferd übernehmen

      Stiffler -> soll noch gekört werden und ein paar Fohlen bekommen, dann wird er kastriert werden und als Wallach für die Touristen bleiben

      Moon’s Gealach -> wird von Ylvi gekauft

      Cleavant ‘Mad Eyes’ -> bleibt als Tourisrenpferd

      Abe’s Aelfric -> wird kasteriert und bleibt dann als Touristenpferd

      Ceara Isleen -> Umschulung zum Ranchpferd, später dann als Touristenpferd gedacht

      Blazing Flame -> Octavia möchte die Stute haben

      Skrúður -> Umschulung zum Ranchpferd, evtl. ein paar Fohlen ziehen und dann kastrieren, später evtl. als Touristenpferd


      Verkaufen:

      BR Princess Peppy Gaia

      GRH’s Princess Peppy Ann

      Pocahontas

      Náttdís van Ghosts

      Thjalfe van de Jötunheimr

      Fenicio

      Lajos

      Myrkvidr

      Atlanta

      Ghost’s Phenomena

      Magic Lanijos

      Zoltaire

      Zuckerschock

      LMR Fashion Girl

      Samarra

      It’s me, Amira!

      Vin

      PFS’ Blossom Magic

      Bree

      Crimetime

      Wolfs Bane

      Natu’s Little Harley

      CHH’ Mr. Buckminster

      Ocarina of Time

      Empire of Grace

      Free Willy

      Firewalker

      Mystical Champion

      Whiskey

      Sweet Revenge


      “Das war nun doch schwerer, als ich dachte.”, sagte ich und schaute mir die Liste auf dem Tablet nochmal an. “Doch.. doch. So bin ich zufrieden.”, meinte ich und sah in die Runde. Zustimmendes Nicken. “Ich würde gerne Morgen schon nach Kanada fliegen und mir die beiden Grundstücke anschauen. Möchte jemand mit?”, fragte ich Bellamy, Octavia und Ylvi und wartete.





      Ylvie

      In meinen Gedanken hüpfe ich gerade wie Hermine auf meinem Stuhl auf und ab, Arm gereckt, Finger schnippend um zu signalisieren, das ich mit von der Partie war. Tatsächlich speicherte ich meine Datei ab, ließ das Tablet wieder in der Tasche verschwinden und sah erst dann in die Runde. Weder O. noch Bellamy schienen sich wirklich dafür zu interessieren. Ich musste nicht erst zu Caleb schauen um zu Wissen das sein Blick auf mir lag. Als ich auf sah, hatte er mich fixiert. Sein Kopf legte sich nur leicht schief, sein Gesicht mit einem Mal ein fragendes Buch. Meine Augenlider schlossen und öffneten sich bewusst, ein Lächeln um meine Lippen. Unsere stumme Kommunikation machte ihm bewusst das ich mit dabei war. “Dann würde ich sagen, nehmt ihr meinen Pick-Up zurück zur Ranch.” sprach Caleb zu den anderen beiden. Ich fischte mein Tablet wieder heraus. “Ich such dann mal nach einem Flug für dich.” ich wusste nicht wieso ich nicht uns sagte...Ich wollte nicht Preis geben das ich mit Caleb flog. Ich war nicht bereit dafür den anderen zu stecken das vielleicht mehr als das Geschäft mich mit zog. “Ylvi kommst du dann bei mir mit?” fragte Bellamy. Ich winkte ab. “Mhm..nein, also. Ich werd wohl die Nacht noch hier bei Caleb und Louis verbringen. Denke ich werd dann meinen Verbandswechsel direkt morgen im Krankenhaus machen.” “Ja gut. Dann nehm ich Bellamy in meinem Auto mit, dann lassen wir den Pick-Up hier, dann hast du einen fahrbaren Untersatz, wenn du wieder zurück willst.” bot sich O an. “Guter Vorschlag, machen wir das so.”

      Wir verabschiedeten uns von O und Bellamy, blieben allerdings vor der Bar stehen bis die Lichter verschwunden waren. “Ich werd dann mal Lilly eine SOS Nachricht schicken.” Caleb sah mich etwas verwirrt an. “Naja ich hab keine Wechselkleidung, schon gar nichts was Kanada tauglich wäre. Außerdem, den Verband muss ich tatsächlich wechseln.” “Stimmt, daran hab ich jetzt gar nicht gedacht. Gut das Louis fast meinen Kleidungsstil hat. Noch ein Bier?” “Hell yes.” damit drehten wir uns um, betraten wieder die Bar. Caleb half mir auf einen der Barhocker hinter denen Louis stand und uns beide gesichtslos ansah. Ob sich Caleb sein - keine Miene verziehen - irgendwie von ihm abgeschaut hatte? “Ihr habt fast vier Stunden meine Hinterzimmer blockiert. Das klang ja nach einer richtigen Krisensitzung.” typisch native redete er um den heißen Brei, zeigte neugierde...fragte aber nicht bohrend nach. Obwohl ich mir sicher war das es ihm auf der Zunge brannte. “Das muss dir Caleb erzählen.” ich musste derweil ein Gähnen hinter meiner Hand verstecken...und widmete mich der Suche nach einem Flug für den nächsten Tag.


      Caleb
      Das war… anstrengend gewesen. Ich nahm das Bier von Louis entgegen und legte meinen Kopf einmal in meine Hände. Auch an mir nagte mittlerweile eine ziemliche Müdigkeit. Als ich den Kopf wieder hob, sah mich Louis noch immer fragend an. “Oh Louis, wo soll ich anfangen... “, murmelte ich und sah seine nach oben gezogenen Augenbrauen. “Also gut…”, setzte ich an und erzählte ihm alles, was seit heute Morgen passiert war.

      Als ich zu Ende erzählt hatte, war meine Bierflasche auch am Ende angekommen und Louis hatte mir lautlos eine Neue hingestellt. “Das klingt…”, fing er an, bediente einen Kunden, davon gab es schließlich genug hier, und setzte dann wieder an: “Das klingt.. nach viel Arbeit und vielen Veränderungen.” “Ja.. so ist es.”, sagte ich und schaute zu Ylvi, die noch immer nach Hotels und Flügen schaute. Ob sie wohl schon etwas gebucht hatte? “Nach Calgary, am Besten. Die beiden Höfe sind einmal circa 30 Minuten und einmal 45 Minuten von da weg.”, erklärte ich und sie nickte. “Und dann zieht ihr alle von hier weg?”, fragte Louis nach einer Pause. “Ich… denke ja, dass sie alle mitkommen… es wird mir so fehlen, dich nicht mehr so nahe bei mir zu haben.”, sagte ich zu ihm und wurde doch etwas sentimental. “Hey, noch bist du nicht weg, Junge.”, sagte er und haute mir über die Theke einmal gegen die Schulter. “Noch bist du hier und trinkst mein Bier… was du übrigens mal bezahlen könntest…”, merkte er an und ich lachte. “Ich will gar nicht wissen, wie viel Geld ich schon hier gelassen habe.” Auch Ylvi lachte nun. Wir schauten uns an und schienen das Gleiche zu denken. “Oder wie viel Geld wir schon für Bier ausgegeben haben, was wir dann im Gästehaus auf der Ranch getrunken haben.”, sagte sie und Louis und ich stimmten in ihr Lachen ein. “Ach bevor ich es vergesse, kannst du mir ein paar Hemden und Hosen leihen?”, fragte ich Louis und er schüttelte nur grinsend den Kopf. “Klar, ihr schlaft dann bestimmt hier?”, fragte er und wir nickten. “Waschté, ich bring dir morgen früh etwas vorbei. Aber bezahl wenigstens das Zimmer…”, brummelte er und ich rollte mit den Augen, nahm meinen Geldbeutel aus der Hosentasche und bezahlte es im jetzt sofort. Ylvi machte Gestiken auch etwas davon zu bezahlen, doch ich winkte ab. “Das in Calgary wird teurer, ich denke wir schaffen nur eine der beiden Ranches am Tag. Es gibt viel zu sehen und anzuschauen. Da kannst du dich finanziell beteiligen.” “Okay.”, meinte sie und steckte ihren Kopf wieder über den Bildschirm.



      Ylvi

      Etwa nach 20 Minuten hatte ich alles unter Dach und Fach. Louis war gerade verschwunden um die Vordertür abzuriegeln. Die Bar hatte jetzt offiziell geschlossen. “Ich hab uns in Calgary ein Hostel gebucht, einfach...aber auch preiswert. Da wir eh den ganzen Tag unterwegs sind, wird das seinen Zweck erfüllen. Morgen früh gegen 8 kommt Lilly mit ein paar Sachen für mich vorbei. Um 12 geht der Flug...am besten geht es schon etwa 10 Uhr zum Flughafen. Dann haben wir genug Zeit um das Gepäck abzugeben. Ich hab uns bereits online eingechekt, dann sparen wir uns das vor Ort. “ dann nahm ich zwei große Schluck meines Bieres und hielt Caleb den Rest hin. Ich trank auch immer wieder mit, aber sonderlich viel dann auch wieder nicht. Irgendwie hatte es sich da eingeschlichen das Caleb den Rest davon trank.

      Louis brachte uns in das schlichte Zimmer im Dachgeschoss. “Ich würd fix noch die Couch fer…” Caleb fiel ihm ins Wort. “Lass mal...geht schon so.” Louis gab keinen Kommentar, doch ein breites Lachen auf seinen Lippen schien sich der Lakota nicht verkneifen zu können. Dann verschwand er aus der Tür...ich ließ mich auf das Bett sinken, direkt auf den Rücken. “Was für ein Tag.”


      Caleb

      Louis verschwand und Ylvi legte sich auf das Bett. Ich wollte es ihr gleichtun, blieb jedoch stehen und zog meine Sachen aus. Erst dann legte ich mich auf das Bett und unter die Decke. “Ja, der Tag hat mich auch ziemlich fertig gemacht.”, sagte ich zu Ylvi, die aufstand und sich ebenfalls auszog, um dann zu mir unter die Decke zu kommen. Es dauerte wirklich nicht lange, da waren wir eingeschlafen.

      Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil Ylvi einen Wecker gestellt hatte. Ich brummte, drehte mich um und legte mir das Kissen über den Kopf. So fertig war ich schon lange nicht mehr gewesen. Auch Ylvi schien nicht wirklich begeistert davon, aufzustehen. Nachts war ich immer wieder aufgewacht und hatte eine Weile nicht mehr einschlafen können, so viele Gedanken waren in meinem Kopf hin und her gekreist. Langsam richtete ich mich jedoch auf, zog zumindest meine Hose an und öffnete die Tür, denn ich dachte, ich hätte etwas gehört gehabt. “Oh schau mal, unsere Sachen.”, sagte ich zu Ylvi und hob die beiden Reisetaschen auf. Diese schmiss ich aufs Bett, öffnete sie und schob dann die Tasche mit der Frauenkleidung zu Ylvi rüber, die sich mittlerweile auch aufgerichtet hatte. Aus meiner Tasche nahm ich ein Hemd, zog es an und stopfte mein altes Hemd vom Boden in eine Ecke der Tasche. “Louis scheint das hier abgegeben zu haben. Lilly wollte mir ja noch helfen.”, schlussfolgerte Ylvi und ich nickte. Dann klopfte es wirklich an der Tür. Ich öffnete, bat Lilly herein und verschwand für die Zeit nach unten, während die Beiden den Verband wechselten. Eine ganze Weile unterhielt ich mich mit Louis, ehe Ylvi und die Kleine mit den Taschen die Treppe herunter kamen. “Hab alles eingepackt.”, sagte Ylvi zu mir und ich nickte. Wir verabschiedeten uns von Louis und Lilly, packten alles in den Pick - Up und fuhren zum Flughafen- relativ schweigend. Auch das Warten verlief ohne große Worte, ich nickte auch einmal ein und wurde durch ein sanftes Rütteln an meiner Schulter geweckt. Müde schaute ich in Ylvis Gesicht. “Komm, lass uns ins Flugzeug.” Wir stiegen ein, bezogen unsere Plätze und… schliefen für die nächsten sieben einhalb Stunden ein. Leider hatten wir die schöne Aussicht auf Colorado, Wyoming und Montana verpasst. Aber vielleicht würden wir es ja auf dem Rückflug schaffen, wach zu bleiben und uns die Landschaft anzuschauen.


      Ylvi

      Die unsanfte Landung ließ mich hoch schrecken, ich brauchte auch einen kurzen Moment ehe ich mich orientiert hatte. Ich drückte in der enge des Flugzeuges meinen Rücken durch, dehnte meinen Nacken. Die Position halb schief auf Calebs Schulter schlafend hatte dem nicht ganz wohl getan. Die Flugbegleiter baten uns noch einige Minuten zu warten, wir hatten den Flug knapp 20 Minuten zu früh erreicht. Das Bodenpersonal schien sich aber bereits zu sammeln.

      Caleb schien auch wach geworden zu sein, ähnlich wie ich rieb und dehnte er sich den Nacken. Da wir nur Handgepäck hatten konnten wir nach verlassen des Gates direkt in Richtung Ausgang verschwinden. Dort suchten wir uns ein Taxi. Durch die Zeit hier mit der Gips Reminder Ranch, hatte Caleb eine alte Bekanntschaft ausfindig gemacht. Sie würde uns für die nächsten drei Tage die wir hier blieben ihren Wagen leihen.

      Die Frau die uns entgegen kam, trug Stiefel...aber nicht nur Stiefel. Sie gingen ihr bis über das Knie. Es verlängerte ihre Gestalt, sie hatten auch einen knapp 10 cm hohen Absatz. Ein kurzer, also wirklich kurzer Rock. Die Jacke mit weitem Plüsch besetzt...Ich zuckte zusammen als ich ihr Gesicht sah. Hui..mit Schminke hatte sie nicht gespart. Caleb hüstelte, als sie mit einem “Juuuhu Caleb.” auf uns zu gestöckelt kam. Ich war mir ziemlich sicher...die sah nicht nur aus wie ein Rodeohäschen, sie war sicherlich eine. Sie zog Caleb zu ihrer Brust, küsste ihn auf die Wange, auf denen der Abdruck ihres Lippenstiftes zurück blieb. “Ylvi..das ist Monique.” Ich hatte fast erwartet, sie würde mich mit einem Bitch-please Blick mustern. Stattdessen kam sie vor mich, überragte mich dabei locker um beinahe zwei Köpfe. Mich zog sie allerdings auch in eine Umarmung, küsste mich auch auf die Wange. Schien also nicht ihre spezielle Caleb Begrüßung zu sein. Oder sie wollte nicht das ich mich schlecht fühlte.

      Sie gab Caleb einen Schlüssel in die Hand, ein rosa Einhorn hing daran. Anschließend führte sie uns zu ihrem Wagen. Es handelte sich um eine schwarze Dodge. Ich blieb kurz einen Moment verdutzt stehen. Den Wagen hatte ich der drallen Monique nicht zugestanden. Das bewies allerdings wieder - Urteile nicht vorschnell. Vielleicht kleidete sie sich auch einfach nur gern..wie sie eben gekleidet war? Caleb und sie unterhielten sich noch ein wenig, er gab mir schonmal den Schlüssel. Mit den Taschen stiefelte ich also in Richtung der Kofferklappe, öffnete und erstarrte. Ich spürte förmlich wie sich meine Netzhaut weg ätzte als ich das Innenleben erblickte. Rosa..pink...und zwar alles vor mir. Das bisschen das ich vom Armaturenbrett sah, die Ledersitze...der ganze verdammte Kofferraum. Ich warf das Zeug rein. Monique wünschte Caleb alles gute. “Dann bis in drei Tagen.” erwiderte er. Ich gab ihm die Schlüssel wartete bis sie fort war. “Monique also, ja?” meinte ich spöttisch, sah ihr hinterher. “Ich hab nie behauptet das ich Geschmack hatte als ich jünger war.” ich lachte ein wenig. “Warte bis du die Inneneinrichtung zu Gesicht bekommst.” klopfte auf seine Schulter, lachte und ging um den Wagen herum zur Beifahrertür. Als ich sie öffnete stand da ein vom Donner gerührter Caleb, ungläubig auf das Innere blickend. Von hier aus hatte ich mehr Blick auf die Einrichtung...der Schalthebel...sogar die verdammten Pedale...rosa oder Pink. “Na? Doch lieber einen Wagen mieten?” Caleb schüttelte langsam den Kopf, schluckte. “Na immerhin ist er von außen schwarz.” scherzte er, nicht ganz ernst.

      Damit stiegen wir also in den Wagen, mein Tablet in der Hand, half ich ihm dabei aus der Stadt heraus zu finden. “Gut das du den Kasten bei hast, die genaue Richtung krieg ich sicherlich nicht mehr zusammen.” dann schwiegen wir wieder eine Weile. Ich konnte nicht umhin, mein Handy zu zücken und ein Foto von Caleb hinter dem rosa Lenkrad zu machen. “Wehe das landet im Chat für die Ranch.” ich grinste ihn an…”Huups.”


      Caleb

      Ich starrte wütend zu Ylvi rüber. Bing...bing...bing… Machte es bei unseren beiden Handys. Ylvi starrte auf Ihres und kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Ich kramte meins aus der Tasche und schaute auf das Display. ‘Hübsch Caleb, steht dir.’, stand da von Bellamy. ‘Oh Caleb, ich wusste ja dass du strange bist.. aber das hätte ich nicht erwartet.’, stand da von Octavia. ‘Caleb was geht denn bei dir?!’, hatte Cayce geschrieben. ‘OMG CALEB!’, schrieb Betsy. Wir hatten auf dem Hof zwei WhatsApp Gruppen, einmal mit, und einmal ohne Betsy. In der ohne das Mädchen wurden manchmal ganz andere Dinge geschrieben. “Na danke dafür.”, sagte ich zu Ylvi, starrte sie noch einmal wütend an und startete dann den Motor. “Ich dachte wirklich Monique wäre über diese Phase hinweg…”, grummelte ich in mich hinein und fuhr auf den Highway.

      Morgen würden wir uns die Ranch anschauen, heute würde es zeitlich zu knapp werden. Eine Ranch kaufte man nicht in einer Stunde. “Hast du Lust noch was essen zu gehen?”, fragte ich Ylvi, als ich in die Straße des Hotels einbog. Sie nickte. “Vorher noch etwas frisch machen?”, sie nickte wieder. “Na gut.”, murmelte ich. Meine Wut war verflogen, etwas witzig war das Auto ja schon- und das Bild würde uns immer an diesen Trip hier erinnern.

      Ich parkte das Auto im Parkhaus und wir stiegen aus, gingen zur Rezeption, checkten ein und gingen auf unser Zimmer. “Mach du dich zu erst fertig.”, sagte ich zu ihr und Ylvi verschwand im Bad. Wir hatten beide keine sonderlich schicke Kleidung dabei, weshalb wir uns auch nicht großartig umzogen. Als Ylvi fertig war ging auch ich ins Bad und machte mich ein wenig frisch. “Na dann lass uns essen gehen, sagte ich zu ihr und ließ tatsächlich meinen Cowboyhut auf dem Bett liegen. “Nimmst du den nicht mit?”, fragte Ylvi mich und ich schüttelte den Kopf. “Ich muss ja nicht schon wieder direkt auffallen.”, sagte ich zu ihr. Bei dieser Aussage dachte ich an mein Auftreten im Krankenhaus und die klirrenden Sporen. Mit der verwaschenen blauen Jeans und den Westernstiefeln würde ich hier bei genauerer Betrachtung zwar auch auffallen, aber nicht so sehr wie noch mit dem Hut. Wir stiegen ins Auto, fuhren zu einem Restaurant ganz in der Nähe, ein bisschen kannte ich mich ja hier noch aus, und parkte dort auf dem Parkplatz. Wir gingen rein und bekamen tatsächlich noch einen Platz. Dort bot ich Ylvi einen Stuhl an und setzte mich ebenfalls an den Tisch.


      Ylvi

      Ich rieb meine Hände aneinander, setzte mich schließlich auf sie - es waren -6 Grad...und mein Körper hatte sich noch nicht an die Kälte gewöhnt. Das war tatsächlich eine Tatsache die mir Caleb wirklich mal erklären musste. Wieso zum Teufel Kanada? Das einzige was ich von diesem Staat wusste waren: ne Menge Schnee, irgendwas mit Ahorn und natürlich eine unfassbare Artenvielfalt an Tieren. Darunter Wölfe, Elche, Rentiere und natürlich auch Bären. Ich konnte Schnee nicht ausstehen. Klar so Winterritte hatten schon was...aber Schneechaos, Schnee schippen. Ich hatte mich zwischendurch schonmal gefragt was mich da geritten hatte. War ich nicht zur Blakes Crow Meadow gekommen, eben weil sie in New Mexico war? Tja, da hatte sich innerhalb weniger Stunden mein Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Und mein blöder Witz war es auch noch gewesen, der Bellamy auf die fixe Idee gebracht hatte Caleb die Ranch zu überschreiben. Ich hatte sogar gemeint ein Umzug sei sicherlich nicht schlecht. Und jetzt waren wir hier...in Calgary. Die nächsten Tage schauten wir uns zwei der potentiellen Ranches an. Wahnsinn.

      “Jetzt wo wir unsere Ruhe haben. Erzähl mir doch mal wieso es eigentlich nach Kanada geht. Soweit ich weiß bist du nicht hier geboren? Was sind deine genauen Pläne für eine Ranch?”


      Caleb

      Wir saßen beide am Tisch, hatten uns ein wenig umgesehen und auch schon Essen bestellt. Die Kellner hier waren wirklich fix und hatten uns schnell bedient, so dass wir nicht lange hatten warten müssen. Als Ylvi mir eine Frage stellte seufzte ich kurz und ließ meine Gabel sinken. Ja, warum eigentlich? Dass ich mich einfach nicht von diesem Land und von der Erinnerung an Verena trennen konnte würde ich ihr wohl kaum verraten.

      “Nein, geboren bin ich hier nicht aber ich bin durch das Rodeo viel gereist, habe viel gesehen und war auch sehr oft in Kanada, mal auf kleinen, mal auf großen Rodeos… dann habe ich Verena kennen gelernt… und habe mich noch mehr in dieses Land verliebt.”, gestand ich ihr und aß weiter, ich ließ mir Zeit mit dem Antworten, wollte meine Aussagen mit Bedacht auswählen. “In der Zeit auf der Gips Reminder Ranch habe ich viel erlebt, bin viele Pferde geritten und viele Turniere gegangen, hier und auch in ein paar Staaten in den USA. Montana und Wyoming zum Beispiel habe ich oft mit Pferden besucht, aber die Landschaft hier in Alberta? Die grünen, weitläufigen Wiesen, kaum Zäune und wenn, dann kilometerweit entfernt…”, ich sah Ylvis Blick und wusste genau, was sie dachte. Genau das gab es auch in Staaten der USA. Weitläufige, grüne Wiesen und auch alles Andere… “Ich weiß nicht.. kennst du das nicht, dass man sich in etwas verliebt und gerne dort hin zurückkehren möchte? Natürlich nicht genau zurück.. aber in das Land schon?”, fragte ich sie und sie nickte. “Und was sind deine genauen Pläne für eine Ranch?”, fragte sie mich dann und wieder musste ich überlegen. “Sie soll weitläufige Koppeln haben, wir brauchen aber auch für jedes Pferd eine Box. Es müssen nicht immer alle Pferde im Stall stehen, aber hier kann der Winter teilweise ziemlich hart werden und dann bräuchten wir für jedes einen warmen Platz. Außerdem möchte ich gerne Rinder halten.. Whiteface.. wer hätte es gedacht.”, erklärte ich und sie lachte. “Ja, wer hätte gedacht, dass du dir Kühe mit einem weißen Kopf kaufst.”, zog sie mich auf. “Außerdem brauchen wir große, gute Reitplätze und am besten eine oder zwei Hallen, um die Pferde ordentlich trainieren zu können… und Bungalows… oder kleine Mitarbeiterhäuser… aber das kann man ja alles noch bauen.”, erklärte ich ihr und sah sie an. “Also so richtig… weiß ich noch nicht was ich möchte. Also ich weiß es schon, aber ich kann mich nicht entscheiden, was ich wichtiger finde.”


      Ylvi

      Caleb wählte seine Worte mit Bedacht. Es schien als kaue er auf ihnen herum, ehe sie seine Lippen verließen. Nicht als fiele es ihm schwer sie auszusprechen. Vielmehr beschlich mich das Gefühl als wolle er mich schonen. War es das? Ich legte leicht den Kopf schief, beobachtete seine Haltung die offen war. Doch seine Hand spielte mit dem Ende der Gabel. Wunderlich was mir nach all der Zeit mit ihm auffiel. Es gab keine Illusionen.. natürlich, die Antwort die er mir gab war richtig, aber da war noch etwas anderes. Um mich abzulenken konzentrierte ich seiner zweiten Antwort zu lauschen, nahm die Worte wahr... allerdings entschlüpften sie mir durch das andere Ohr nach draußen. Ich hörte nur Koppeln, Boxen...Halle... Training.

      In Gedanken jedoch war ich noch bei der ersten Frage. Wieder war ihr Name gefallen, Verena. Natürlich war er das..hier hatte alles begonnen für ihn. Wie Louis es mir damals auf dem Berg gesagt hatte..Verena hatte alles für ihn geändert. Damit hing sein Herz, ein Teil seines Bewusstseins nicht nur an ihr,sondern auch an dem Land das für ihn einiges verändert hatte. Es fiel mir schwer mein wehmütiges Seufzen zu unterdrücken. Ich würde vielleicht ewig in ihrem Schatten stehen. Dann erinnerte ich mich an Laurence Worte..die gute Seele der Ranch. Vielleicht hat Verena dich für uns hierher geführt.

      Ob er wohl Recht hatte? Mir gefiel der Gedanke das sie aus der Anderswelt in diese blickte und den Nornen vielleicht etwas Zugeflüstern hatte. Laurence hatte von Gott gesprochen, für mich spielte er weniger eine Rolle als die Götter des Nordens..aber vielleicht war er einfach nur eine andere Bezeichnung für meinen Allvater? In Bellamzs Büro hatten Bilder von ihr gehangen. Für mich würde Verena auf ewig ein Geist bleiben von dem wenige sprachen. Ich beugte mich ein wenig vor, sah Caleb an, fasste nach seiner Hand. “Tut mir Leid..deine zweite Antwort wirst du mir nochmal geben müssen. Kannst du mir von ihr erzählen? Jeder erwähnt sie, für mich ist sie nur ein Geist. Ich könnte Bellamz oder O. fragen...aber,ich weiß nicht. Ich würde es gern von dir wissen. Ich hätte gern ein Bild von ihr, mehr als nur Bruchstücke.” das konnte nach hinten los gehen, furchtbar schief gehen. Aber ich wollte offene Karten zwischen uns... er verhielt sich stets Loyal,das war einer seiner besten Eigenschaften. Daher fügte ich noch hinzu “Ich hoffe du weißt, dass du offen mit mir sprechen kannst. Du musst mich nicht schonen.” Ich lächelte aufrichtig in seine Richtung. Wir waren kein Paar, er hätte das Recht sich der Antwort zu entziehen. Ich wollte nicht zu forsch sein, es war kein Befehl...eine offene Bitte vielmehr.


      Caleb

      So langsam waren wir fertig mit Essen, als mir Ylvi eine Frage stellte, die ich nicht so ohne weiteres beantworten konnte. “Lass uns nicht hier über sie sprechen.”, erklärte ich ihr und schien sie für den Moment befriedigt zu haben, denn sie hakte nicht weiter nach. Wir sprachen über dieses und jenes, blieben jedoch bei Gesprächen über Pferde und Ranches. Wir teilten uns noch die Eiskugeln zum Nachtisch, denn eine ganze Portion hätten wir beide nicht mehr geschafft, bezahlte jeder von uns die Hälfte der Rechnung und wir gingen zurück zum Auto, womit wir wieder ins Hotel fuhren und auf unser Zimmer gingen. Man sah uns beiden an, dass wir wirklich geschafft vom Flug waren. “Und du willst ihre Geschichte wirklich jetzt noch hören?”, fragte ich Ylvi und sie nickte überschwänglich. “Ja.”, war ihre Antwort und ich nickte, schwieg jedoch eine ganze Weile, während sie mich gebannt ansah und darauf wartete, dass ich etwas sagte.

      “Verena war… eine Visionärin.”, fing ich an und überlegte dann weiter. “Ich glaube sie hatte ihr Leben schon bis zum Tod durchgeplant und den Pferden gewidmet. Sie hat stets in allem das Gute gesehen und nicht nur zweite, sondern auch dritte und vierte und fünfte Chancen gegeben, auch was mich angeht. Nicht umsonst hat sie mir eine Ohrfeige verpasst, mich gefeuert und vom Hof geschmissen, als ich ihr sagte, Zues wäre unbrauchbar und ich hätte ihr doch gesagt, dass sie es bei ihm zu nichts bringen würde…Sie hat mir mehr als einmal einen Fehltritt verziehen und mir wieder ihr Herz geöffnet.”, erklärte ich ihr weiter und sah in ihren Augen etwas aufblitzen. “Hasst du Zues deshalb?”, fragte sie mich doch ich schüttelte den Kopf. “Ich hasse ihn nicht.. ich gebe ihm nur irgendwie die Schuld an allem, auch wenn er absolut nichts dafür kann.” Ylvi nickte. “Die vielen Chancen hat sie also den Pferden und den Menschen gegeben. Zues, Raised from Hell, Wimpys Little Devil… alles so hoffnungslose Fälle. Aber schau dir Hell und Devil heute mal an… was sie bei ihnen erreicht hat… nur zu Zues konnte sie nie durchdringen.. und jetzt kann sie es nicht mehr. Aber abbringen ließ sie sich von nichts, dieser Sturkopf der immer seinen Willen durchsetzen musste. Nichts und niemand in der Welt hätte sie dazu gebracht, eines der Pferde aufzugeben. Sie hatte eine gute Seele und liebte die Pferde über alles.”, wieder nickte Ylvi. Was sollte sie auch groß dazu sagen? “Mir gegenüber war sie immer ein wenig… impulsiv. Irgendwie wie ich…Ich brachte sie auch oft genug auf die Palme, mit meinen Andeutungen…. Achso, apropos Chancen.. schau dir Bellamy und Murphy und Octavia an. Alles ihr Werk. Hätte sie ihnen keine zweite Chance gegeben, was wäre wohl aus ihnen geworden? Ich möchte das auf jeden Fall auch weiterführen. Solchen Menschen eine zweite Chance geben, ihnen etwas bieten und zu etwas verhelfen.”, sagte ich und schwieg dann wieder eine ganze Weile. “Mit ihr konnte man nicht gut streiten. Sie war schnell den Tränen nahe und Enttäuschungen sah man ihr sofort im Gesicht an. Sie war jemand, der von den anderen gemocht und gut behandelt werden wollte… vermutlich konnte ich aus diesem Grund ihr Herz nie erreichen und hatte sie an Svejn verloren. Svejn ist eine andere lange Geschichte…”, seufzte ich. “Sie legte jedoch viel Wert auf meine Meinung und wurde sehr schnell unsicher, wenn ich ihr vor den Kopf stieß und ihr erklärte, wie dämlich und dumm ihre Idee war…”, wieder schwieg ich. “Sie verlangte den Pferden aber auch Leistung ab. Schau dir Bella oder Gipsy an, oder auch Choco. Oh Gott Choco!”, ich lachte. “Durch ihre Affinität zu diesem Pferd ist mir der Haflinger erst auf den Hof gekommen! Sie glaubte zwar nie daran, dass andere Rassen gut in dieser Sportart sein würden, aber irgendwie hatte sie einen Narren an diesem Hengst gefressen… und Choco ist gar nicht so schlecht im Westernsport.”, sagte ich und Ylvi lachte auch kurz auf. “Ansonsten.. ich zeige dir mal ein paar Fotos, wenn wir wieder in New Mexico sind. Dann kannst du dir sie besser vorstellen.”, sagte ich noch und überlegte. “Ich glaube, mehr fällt mir gerade nicht ein.”, meinte ich und drehte mich zu Ylvi um. Ich hatte in dem Stuhl im Zimmer Platz genommen, während sie sich auf dem Bett ausgebreitet hatte. “Hast du noch Fragen?”



      Ylvi

      Ich hatte mich auf das Bett fallen lassen, aufmerksam seinen Worten gelauscht. Der Geist füllte sich mit einer Art von Person. Mit jedem Satz den er mir gab,konnte ich mir ein besseres Bild von ihr machen.

      Er endete, schwieg kurz. In diesem kurzen Moment richtete ich mich auf. Ob ich noch Fragen hatte? Viele...aber diese musste ich nicht jetzt beantwortet bekommen. Also schüttelte ich den Kopf. “Danke.” flüsterte ich, für ihn gerade so hörbar. Ich hätte noch anfügen können, das ich wusste das es ihm schwer gefallen war. Das ich ahnte, dass ihn meine Frage erstaunt hätte. Aber in mir kam das Gefühl auch, dass dies zu viel wäre. Es bedurfte keiner Erklärungen. Über den Raum hinweg sahen wir uns einfach an, ohne zu blinzeln, dann huschte nur ein Zucken über seine Lippen, er blinzelte. Ich hatte ohne Worte verstanden, Caleb wie es schien auch. Als er sich erhob um in das Bad zu gehen, ließ ich mich wieder zurück sinken. Mir steckte der Flug in den Knochen, ein wenig tat mir doch irgendwie meine heilende Wunde weh - es begann langsam die Zeit in der sie zu jucken anfing.

      Ich unternahm wirklich den Versuch wach zu bleiben, aber meine Lider waren einfach zu schwer. Also glitt ich in das Land meiner Träume. Sie waren wirr...vollkommen wirr. Aber eine Art von Lichtgestalt die der Verena auf den Fotos wirklich unglaublich ähnlich sah, führte mich zu einem Pferd. Ohne weiter darüber nachzudenken ging ich auf dieses zu, schwang mich auf seinen Rücken und ritt über eine Landschaft die mir gänzlich unbekannt war. Erst zurück auf der Ranch sollte mir klar werden, das ich in meinen Träumen auf Zues geritten war. Sie würden mich nicht in Frieden lassen. An diesem Tag, in diesem Traum, entstand eine erste Idee in meinem Kopf.


      Caleb

      Als ich aus dem Bad zurückkam war Ylvi schon eingeschlafen. Ich seufzte kurz, deckte sie zu und legte mich dann ebenfalls unter die Decke. Wieder hier zu sein, in Calgary, nahe dem Ort an dem alles angefangen hatte und an dem alles hätte enden können… Meine Gedanken hielten mich fast die ganze Nacht wach. Ylvi wachte einmal nachts auf, zog sich flink um und schlief dann sofort wieder ein.

      Ich musste doch die Augen eine Weile zu gemacht haben, denn als ich von Ylvi geweckt wurde, fühlte ich mich wie vom Truck überrollt. Ich hab einen gequälten Laut von mir, richtete mich auf, stellte meine Füße auf den Boden und ließ meinen Kopf auf meine Hände sinken, die ich auf meine Beine gestützt hatte. „Alles in Ordnung?“, fragte Ylvi mich vorsichtig. „Ja.“, meinte ich leise und fuhr mir einmal durch die Haare. „Mach du dich im Bad fertig, ich muss noch ein paar Telefonate führen.“, erklärte ich ihr und sah sie ins Bad huschen. Tatsächlich rief ich die beiden Ranchbesitzer an und klärte, welche wir heute und welche wir morgen besuchen gehen würden. Meinen Favoriten würden wir uns morgen anschauen gehen, die andere Ranch heute. Ylvi besuchte nicht sonderlich lange im Bad, so dass ich auch noch duschen gehen und mich umziehen konnte. „Frühstück?“, fragte ich sie als ich wieder herauskam. Sie nickte. „Frühstück und Kaffee…“, erwiderte ich ihr und gähnte lange.

      Als wir in Richtung Essraum gingen erzählte ich ihr, welche Ranch wir heute besuchen gehen würde und welche morgen. Dass bei der morgigen Ranch noch 30 Whiteface Kälber, Rinder und Kühe inbegriffen waren, verschwieg ich ihr mal lieber.


      Ylvi

      Da Caleb ein wenig fertig aussah, orderte ich ihn auf den Beifahrersitz und klemmte mich selbst hinter den Sitz des Fahrzeuges. Ich hatte Glück, der Sitz ließ sich nicht nur nach vorn sondern auch nach oben verstellen. Ich konnte kaum über das Lenkrad hinaus blicken. “Schaffst du das?” dabei klopfte er sich seine Hand auf die linke Brust. Ich nickte, startete den Motor.

      Starr nach Navigationsgerät fuhr ich aus Calgary heraus, nach Westen. Es waren knapp 43 Kilometer, eine Fahrt von einer guten halben Stunde. Irgendwo hinter einer Art Feriensiedlung mit dem Namen Redwood Meadows Bogen wir auf eine kleiner Straße, die es eigentlich nicht verdiente diesen Namen zu tragen. Tannen rechts, Tannen links. Plötzlich fuhren wir unter einem Eingangsschild hindurch. Vor uns befand sich tatsächlich Wald und eine Ranch.

      Begrüßt wurden wir von einen Herren der etwa in seinen 50ern sein musste. Als ich ihn auf uns zukommen sah, musste ich innerlich Lächeln. Er sah Louis ziemlich ähnlich. Er hatte schwarz, silberne Haare in zwei langen Zöpfen geflochten, trug eine große Brille. Unmissverständlich ein Native. “Mr. O’Dell?” Caleb nickte, lächelte. “Sie haben mit meinem Sohn telefoniert. Mein Name ist Jonathan Clearwater.” Wir reichten uns jeweils die Hände. Dann begann er zu erzählen, erst ein wenig über das Tal hier. “In den 40ern gab es einen großen Waldbrand, die freien Flächen die zurück blieben hat mein Stamm für sich genutzt. Sie müssen auf dem Weg hierher an dem Golfplatz vorbei gekommen sein?” “Ah, dann war es gar keine Stadt.” “Doch, schon..nur noch wenige wohnen hier. Meine Familie hat jahrelang hier auf der Farm gelebt.” Trotz des Feuers blieb ziemlich viel an Nadelwald übrig. Das Haupthaus war praktisch vor lauter Bäumen gar nicht auffindbar. Insgesamt schien es nur 3 andere Häuser zu geben, die eher Bungalows glichen. Viel Platz für Mitarbeiter...oder Gäste blieb da nicht. Das Stallgebäude hatte genau 10 Boxen, daran angeschlossen gab es zwar eine riesige Lagerhalle, die zu zwei Hallen abgetrennt werden konnten. Einen Platz jedoch suchten wir ein wenig vergeblich. Und zwischen den Wegen, immer wieder kleine lichte Orte um die man eine Wiese gezogen hatte. Hübsch war es ja...für eine Zucht und Ranchbetrieb war das ganze allerdings etwas zu waldig. Das sah man auch Caleb an. Mr. Clearwater ließ uns nach seiner Rundtour auch alles in Ruhe allein anschauen. “Stallgebäude müssten wir erneuern...irgendwo außerhalb Wiesen anpachten. Wald roden um einen Platz zu bauen, überhaupt auch einen Round Pen. Für Rinder wäre das hier auch nicht so geeignet.” zählte Caleb auf. Ich drehte mich im Kreis. “Für die Pläne die im Raum stehen ist der Ort hier nicht sonderlich geeignet.” pflichtete ich ihm bei. Nachdem wir den halben Tag hier verbracht hatten, hieß es schließlich sich von Mr. Clearwater zu verabschieden. In unserem Rosa-Traum von einem Auto gab ich nun also die andere Adresse ein. “Ich muss ganz ehrlich sein. Angenommen ich hätte tatsächlich eine eigene Ranch aufgebaut, dann wäre der Ort hier klasse. Die Landschaft, der Platz. Ich mag das Haupthaus sehr gern - ist immerhin möbliert. Ich hätte für den Anfang ohnehin wenig Pferde. In Anbetracht der Tatsache allerdings das es eben die Blakes Crow Meadow Ranch ist - wird es das hier nicht sein.” sprach Caleb währenddessen. “Gut, aber die Einrichtung war nun wirklich ziemlich old school. Ich hab ja nichts gegen alte Einrichtung, aber vieles davon hätte man wohl nicht mehr nutzen können.” “Da magst du Recht haben.”


      Caleb

      Anstatt zur anderen Adresse zu fahren fuhren wir wieder ins Hotel. Wir waren beide immer noch ziemlich geschafft, oder zumindest ich war ziemlich geschafft, so dass wir uns im Hotel etwas zu essen aufs Zimmer brachten, dort gemeinsam aßen und uns dann ins Bett legten. Wir schauten noch eine Weile eine Sendung über irgendwas mit Indianern, ehe wir den Fernseher aus machten und uns schlafen legten.

      Am nächsten Morgen waren wir beide fitter und dementsprechend auch motivierter. Wir ließen es uns gut gehen bei dem ausgiebigen Frühstück, welches uns geboten wurde, ehe ich mir hinters pinke Steuer setzte. “Es ist und bleibt stockhässlich.”, sagte ich zu Ylvi, warf ihr einen Blick zu und stieg in ihr Lachen ein. Die zweite Ranch lag etwa eine halbe Stunde südöstlich von Calgary, an einer wunderschönen Flussgabelung. Auch sah man von hier ein paar kleinere Berge und auch die großen Rocky Mountains. “Der Ausblick gefällt mir.”, sagte ich zu Ylvi und sie schien meine Meinung zu teilen.

      Wir fuhren an einem Ranchschild mit der Aufschrift “Bow River Ranch” vorbei. Dann folgte ein langer Weg, der rechts und links aus großen Koppeln bestand. “Schau mal, wie schön.”, sagte Ylvi und auch ich war begeistert von den weitläufigen Wiesen und den angrenzenden Waldstücken. Wie weit das wohl zur Ranch gehörte?

      Auf dem Gelände hielten wir vor dem Hauptgebäude. Es war in einem älteren Stil erbaut, aber keinesfalls hässlich oder urig, sondern einladend und freundlich. Es öffnete sich die Haustür und der Besitzer der Anlage kam heraus. “Hallo, ich bin Jackson Duncan.”, stellte er sich vor und schüttelte zuerst Ylvis, dann meine Hand. “Ich führe sie ein bisschen herum.”

      Schon als ich meinen Fuß in den ersten Stalltrakt setzte, war es um mich geschehen. Ich sah Ylvi an und auch sie schien die Ranch zu mögen. Verschiedene Stalltrakte, Offenställe, zwei Reitplätze, eine wirklich sehr große Halle, viel Platz, um selbst noch etwas zu bauen und zwei Round Pens. Einen etwas kleineren und einen Größeren. Ansonsten bot die Ranch viel, viel Platz. Viel Platz zum Bauen, viel Platz zum Umstrukturieren, weitläufige Wiesen und den Fluss, der teilweise überquert werden musste, um auf die anderen Wiesen zu kommen, die dazu gehörten.

      "Das beste sehen Sie gleich, doch dazu müssen wir eine Weile reiten.", sagte er und führte uns zurück zu den Autos, wo jetzt jemand mit drei Pferden stand.



      Ylvi

      Noch bevor ich hätte nach den Zügeln greifen können, nahm sie Caleb entgegen. “Mr. Duncan, auf dem Ritt werden wir leider nur zu zweit sein.” dieser ließ das unkommentiert. Ließ den Mitarbeiter aber den Braunen fort nehmen. Wehmütig sah ich zu wie sich Caleb in den Sattel schwang, seinen Rappen neben mir zum stehen brachte und mir vollkommen unnütz durch die Haare strubbelte. “Bald darfst du auch wieder.” neckte er mich. Ließ den Rappen antraben und folgte einen Pfad hinauf Mr. Duncan. Ich verschränkte die Hände vor meiner Brust. Unfair.

      Ich hatte nichtmal eine Vorstellung wie lange sie weg sein würden! Ich vertrieb mir erst die Zeit damit im Auto zu sitzen. Anschließend streunerte ich noch einmal allein über den Hof. Viele Leute gab es hier nicht, auch der Stalltrakt war bis auf drei vier Boxen nicht mehr belegt. Bow River Ranch. Ich ließ mir den Namen über die Lippen rollen. Erinnerte mich das wir vorhin an einem Fluss vorbei gekommen waren. Auf einer der Koppeln war sogar ein Bach. Ich nahm an daher rührte der Name. Nach gut einer Dreiviertelstunde klingelte mein Handy. Caleb war gerade dabei mir diverse Fotos zu schicken. Darauf sah ich Blockhütten, drei an der Zahl...Weiden..und auch dort der Bach - dieses Mal sehr viel breiter, als er hier im Tal war. Das ganze lag in einem Talkessel, auf dem Bild hätte ich nicht sagen können wie breit es war. Doch auf den Bildern konnte ich die Berghänge sehen, sie waren schroff und mit Schnee bedeckt.

      Etwa eine Stunde später kamen Caleb und der Typ der uns die Ranch gezeigt hatte wieder zurück. Ich zog mir meine Kopfhörer aus den Ohren. Die Verabschiedung lief eigentlich ziemlich schnell. Ich fuhr zurück nach Calgary. Caleb packte oben im Zimmer unsere ganzen Sachen zusammen. In der Zwischenzeit kümmerte ich mich um den Check-out vom Hotel. Zusätzlich hatte er mir sein Handy in die Hand gedrückt. Ich suchte also in seinen Kontakten nach Moniques Nummer, rief sie an. Es dauerte auch nicht lang, dann ging sie auch schon an das Telefon. “Caleb, ihr seid also zurück?” “Nein,nein. Ylvi hier. Also ja wir sind zurück. Wir würden in etwa 10 Minuten bei dir sein und dir deinen Wagen wieder bringen.” “Ylvi, also. Gut dann halte ich mich bereit.”

      Dieses Mal fuhr .Ccaleb, auf meinem Schoß und zwischen den Beinen befand sich unser Gepäck. Unterwegs sprachen wir zunächst nicht, jeder hing den Gedanken an die Ranch nach. Caleb und Monique tauschten die Position hinter dem Steuer, er verzog sich auf die Rückbank. “Wie hat euch mein Baby gefallen?” Keine Antwort..nur ein Hüsteln von mir, da ich mir ein Lachen verkniff. Dann ein sehr sarkastisches “Ganz hervorragend!” von Caleb. “Nicht wahr?” Monique schien den Sarkasmus nicht verstanden zu haben. Daher setzte Caleb noch nach “Ich hätte gedacht die Phase sei endlich mal an dir vorüber gegangen.” keine Antwort, aber ich sah wie sich Monique auf die Lippen bis. Ihr Gesicht sah aus als sei sie gerade auf dem Klo beschäftigt. Ich sah lächelnd aus dem Fenster.

      Der Check-In am Flughafen dauerte ewig, wir kamen gerade Rechtzeitig an das Gate als auch schon unser Flug aufgerufen wurde. “7 Stunden Flug zurück..ich hab absolut keine Lust.” grummelte Caleb. Wir hatten in der vergangenen Nacht auch einiges an Schlaf nachgeholt, daher vergnügten wir uns mit zwei Filmen auf meinem Tablet. Darunter “the Rider” der uns beide nun nicht wirklich überzeugen konnte - er war einfach unfassbar langatmig. “Man merkt richtig das es Laiendarsteller sind.” flüsterte ich. um den Gast neben mir am Fenster nicht zu stören. Anschließend philosophierten wir über die Möglichkeiten mit der Ranch. Kein Zweifel...noch einmal Immobilien anschauen würden wir wohl nicht müssen.

      Lilly war diejenige die uns vom Flughafen zur Bar mitnahm. Hier war früher morgen, was mich vollkommen aus dem Konzept brachte. Mal ganz davon abgesehen das es unfassbar warm war im Gegensatz zu Kanada. Caleb und Louis unterhielten sich über die Ranch. Lilly und ich packten schon mal das Gepäck wieder in den Pick-Up von Caleb. “So, zurück zum Rest?” fragte mich Caleb, ich zuckte bisschen zusammen - hatte nicht erwartet das er plötzlich neben mir auftaucht. “Ja...genug auf Reisen gewesen.”


      Caleb

      Von der Bar zur Ranch zurück unterhielten wir uns wieder über die Möglichkeiten, die diese Anlage bot und noch im Auto rief ich Mr. Duncan an, und sagte ihm zu. Umzugsmonat wäre der Januar. Mitte Januar vermutlich, mal sehen, wann wir hier in New Mexico alles gepackt bekommen würden.

      “Ylvi ich hab dir noch gar nicht gesagt, was noch zur Ranch gehört.”, sagte ich, als wir wieder auf dem Blakes Crow Meadow angekommen waren und unsere Sachen von der Ladefläche des Pick Ups nahmen. “Eine Herde von Whitefacerindern. 30 Stück.” Doch anstatt mich geschockt oder fragend anzusehen, fing sie lauthals an zu lachen. “Was, echt? Oh Caleb.”, sagte sie und schlug mir auf den Arm, ehe sie kopfschüttelnd wegging. “Hey was denn?”, rief ich ihr nach doch sie antwortete mir nicht mehr.

      Am Abend erzählten Bellamy und ich der gesamten Ranch, was Sache war und stellten ihnen frei, mit umzuziehen oder zum Frühjahr zu kündigen. Erstaunlicherweise war jeder bereit, das neue Kapitel aufzuschlagen und die Reise mit uns anzutreten.

      “Es gibt noch etwas, dass ich euch sagen möchte. Eine Ranch finanziert sich eben nicht von alleine…”, fing ich an und schaute in gespannte Gesichter. “Ylvi hab ich es schon gesagt, aber zu der Ranch gehört eine Herde von 30 Whitefacerindern, die ich mitgekauft habe. Sieht wohl so aus, als seien wir jetzt bald wirklich im Viehgeschäft.”, alle nickten, keiner widersprach mir. “Außerdem gehört zu dem Gelände etwa eine halbe Stunde Ritt eine alte Ferienranch. Undenkbar wäre es nicht, unser Konto durch Touristen ein wenig aufzustocken.. achja, hier für jeden eine Kopie der Verkaufspferde. So können wir uns jetzt schon nach geeigneten Käufern umhören.”, erklärte ich und gab jedem einen Zettel. Schweigen. Jeder war in seinen Gedanken versunken, auch Betsy sagte kein Wort. Vereinzeltes Nicken, aber auch zerknirschte Blicke bei der Liste der Pferde. “Es steht einem jeden von euch frei, eines der Pferde zu erwerben. Doch unter meinen Namen bleiben sie nicht.”, sagte ich und kam vielleicht ein wenig harscher rüber, als ich es beabsichtigt hatte. “Also Sue und Blue behältst du, oder?”, fragte mich Betsy dann vorsichtig und ich nickte. “Sue und Blue bleiben. Nur die Pferde, die da auf der Liste stehen, werden verkauft.”, sagte ich zu ihr und sie nickte. Damit löste ich unsere kleine Versammlung auf und ging rüber in den Stall, wo ich nach Vulture schaute. In ein paar Tagen war Weihnachten. Vorher musste ich noch einige Geschenke kaufen und noch einiges erledigen.



      Wenige Tage später war Heiligabend. Weihnachten wurde von den Blakes Geschwistern und auch von Caleb noch immer ein wenig nach deutscher Tradition gefeiert, etwas, dass Verena damals nach Amerika und auf ihre Ranch mitgebracht hatte. Am 23. hatten alle Mitarbeiter zusammen einen Weihnachtsbaum ausgesucht und gemeinsam geschmückt. Betsy hatte es nicht lassen können, kleine Pferde an den Baum zu hängen, gefolgt von kleinen Cowboyhüten. “Die sind extra für dich.”, hatte sie zu Caleb gesagt, welcher sie nur lachend in den Arm genommen hatte. Betsy tat allen auf der Ranch gut.

      An Heiligabend selbst feierte die ganze Ranch zusammen. Sie waren mittlerweile wirklich wie eine Familie füreinander. Selbst Cayce gehörte schon dazu, obwohl er noch gar nicht so lange dort war. Es wurde gemeinsam gekocht, gegessen und sich dann gemütlich ins Wohnzimmer zum Weihnachtsbaum gesetzt, unter dem eine ganze Menge Geschenke lagen. “Großartige Geschenke gibt es dieses Jahr nicht.”, sagte Bellamy, als er sich mit einem Glas Sekt vor den Baum gestellt hatte. “Anfangen möchte ich jedoch mit Caleb, der das ein Geschenk von uns allen bekommt, welches größer nicht sein könnte. Wir alle zusammen schenken dir die Pferde und das Equipment dieser Ranch.”, verkündete dieser und hob sein Glas. Caleb starrte ihn derweil nur mit offenem Mund an. “Ihr schenkt mir das alles?”, fragte er ungläubig und Bellamy sowie die anderen nickten. “Fast alles. Das Gelände nicht, das werden O und ich verkaufen. Aber alles andere. Und nun Prost. Auf Caleb, unseren neuen Chef!”, sagte er, stieß mit seinem Glas an und alle Mitarbeiter tranken darauf. “Die anderen sollen natürlich nicht leer ausgehen. Hier auf dem Boden stehen kleine Geschenke mit euren Namen drauf.”, sagte er und hob ein Geschenk auf, welches er Betsy gab. Diese machte als erste auf und hielt ein Schokopferd in der Hand. “Wie süß!”, kommentierte sie ihr Geschenk und umarmte Bellamy kurz. Auch alle anderen, ausgeschlossen Caleb, hatten ein Schokopferd geschenkt bekommen. Bei allen außer Betsy war noch ein Umschlag mit Geld in der Box gewesen.

      “Dell noch eine Kleinigkeit für dich.”, sagte Bellamy dann und übergab dem Vater von Betsy ein kleines Geschenk. Er machte es auf und hielt ein Foto seiner Tochter in der Hand. Sie saß auf Sue, gehalten von Caleb, und hielt ihren Pokal stolz in die Höhe. “Habe ich gemacht, toll geworden, oder?”, sagte Ylvi und er nickte. Man sah ihm an, dass er stolz auf seine Tochter war. Dann stand Caleb auf und schnappte sich eines der letzten Geschenke unterm Baum. “Bellamy das hier ist von uns allen für dich. Damit du dein wirres Köpfchen mal sortieren kannst.”, lachte er und gab ihm das Päckchen. Dieser machte es auf und hielt einen Notizblock mit einem Taschenrechner in der Hand. “Ja, das habe ich wohl dringend gebraucht.”, lachte er. “Danke euch allen.”, sprach er in die Runde und traf auf lächelnde Gesichter und vereinzeltes Nicken. “Jetzt zu dir Betsy.”, sagte Caleb und holt das kleinste der Geschenke unter dem Baum hervor. “Wir alle haben lange überlegt, was du dir wohl zu Weihnachten wünschen könntest.”, sprach er und überreichte ihr das kleine Geschenk. Betsy traute sich zunächst gar nicht, es wirklich auf zu machen. Doch dann riss sie die Verpackung in tausend Teile und öffnete die kleine Kiste. Darin lag ein Zettel, nichts weiter. Sie nahm ihn aus der Box, faltete ihn auf und las das Geschrieben laut vor. ‘Hiermit erhältst du 50 Prozent.’ “Ich erhalte 50 Prozent von was?”, fragte sie verwirrt und schaute uns nacheinander an. “Komm.”, sagte Caleb, stand auf und ging zur Haustür. Langsam öffnete er sie und als Betsy sah, wer dort draußen auf sie wartete, sprang sie freudestrahlend aus der Haustür nach draußen. Dort stand nämlich unsere geliebte Black Sue Dun It mit einer roten Schleife um den Hals, gehalten von Betsys Vater Dell. Diesem fiel sie zuerst um den Hals, dann der Stute. “Ihr schenkt mir die Stute? Wahnsinn!”, rief sie und war den Tränen nahe. “Danke, danke, danke!”, jubelte sie und umarmte uns alle der Reihe nach.


      Caleb

      Den Abend ließen wir gemeinsam gemütlich ausklingen, es gab noch einige Geschenke die verteilt und ausgepackt wurden. Cayce hatte tatsächlich ein Foto von mir und seinem Pferd, als ich für ihn angetreten war, gemacht und schenkte es mir. Auch für Ylvi hatte ich mir etwas überlegt, was ich ihr jedoch erst im Bett überreichte. “Ich dachte schon ich bekomme gar nichts von dir.”, scherzte sie und ich lachte. “Naja, warte mal ab, mach es zuerst auf.” Ylvi riss das Papier herunter und hielt… einen Kalender in der Hand. “Damit du deine Arzttermine alle zusammen an einer Stelle hast und sie so hoffentlich nicht mehr vergisst.”, erklärte ich ihr und wurde sofort geschlagen. “Doofkopf… aber danke.”, sagte sie und gab mir einen Kuss. “Hier, das ist von mir, für dich. Wollte es dir nicht vor allen geben.”, erklärte sie und überreichte auch mir ein Geschenk. „Vorsichtig, scharfe Munition.“, lachte sie und ich hörte augenblicklich auf, die kleine Kiste zu schütteln. Vorsichtig öffnete ich das Geschenk und… hielt eine kleines Gewehr in den Händen. „Ein Schlüsselanhänger?“, ich lachte. „Ein kleines Gewehr. Das häng ich Vulture ans Halfter!“, scherzte ich und drehte es in meinen Fingern hin und her.
    • Ravenna
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      Canadian Flair | Ravenna | 71587 Zeichen
      Mitte Feb. 2019
      Ylvi

      “Nehmen Sie bitte den Arm einmal nach oben.” der Weisung des Arztes folgend hob ich meinen linken Arm. Dabei tastete er an der Narbe herum die zurückgeblieben war von der zweiten OP für den herzschrittmacher. Die OP Wunde war gut verheilt. Was mich in den letzten Jahren gestört hatte war mittlerweile nur ein Schatten. Diese und die anderen Narben gehörten eben zu mir.

      “Kann ich denn jetzt wieder in den Sattel steigen, richtig anpacken?” fragte ich sehnsüchtig. Die Ranch steckte mitten im Umzug. O und ihre Pferde waren bereits drüben. Bellamy und Caleb organisierten die nächsten Flüge für die nächsten 20 Pferde die Cayce und Murphy zur neuen Ranch bringen würden. Unbeobachtet hatte ich bereits schwerere Arbeiten verrichten wollen, aber Bellamy und Caleb hatten Adleraugen auf mir. Der Arzt bedeutete mir mich wieder richtig anzukleiden. “Generell steht dem nichts im Wege. Denken sie aber bitte an ihren nächsten Kontrolltermin im Mai in Calgary. Nur zur Sicherheit damit meine Kollegin dort ihren Fall kennt.” ich nickte Pflicht gerecht. “Passen Sie trotzdem auf ihre Frau auf.” wandte sich der Arzt mit den Worten an Caleb. Seit meinem letzten Besuch hier hatte mich Caleb höchstpersönlich zu den Terminen gebracht. War besorgt gewesen als sich die Wunde ein wenig entzündet hatte, nachdem ich die Pflege hatte schleifen lassen zwischen Weihnachten und Neujahr. Wir hatten Mitte Februar, alles war vorbei. Ich hatte die ätzende Physiotherapie hinter mich gebracht. Man konnte dann auch mal aufhören mich zu bemuttern. Caleb lächelte, tippte sich an den Rand seines Hutes und murmelte ein “Aye”. Ein Wort das er von Svejn hatte. Er hatte mir die alten Bilder gezeigt...Verena,Svejn...ja ich habe sogar die Geschichten von Sarah und Cayden zu hören bekommen. Menschen die ich nicht gekannt hatte, die aber auf den Bildern aufgetaucht waren. So hatte ich auch Bilder von Moon zu Gesicht bekommen, dem Hengst der Gealachs Großvater war. Neben den Organisationen hatten wir Stunden damit verbracht durch diese Erinnerungen zu gehen. Ich hatte es genossen, gern jedem seiner Worte gelauscht. Mir ein Bild aufbauen können von der Person die er einst gewesen war. Oft hatten uns auch Bellamy und Octavia dabei zugehört. Auch Laurence hatte einen um den nächsten Abend Geschichten erzählt. Oft hatte ich einfach nur inmitten all dieser Menschen gesessen, ihnen stumm gelauscht. Ich hatte zuvor nicht gewusst wieviel Spaß das machte. Ich hatte sie alle noch ein Stück weiter kennenlernen dürfen.

      Caleb begleitete mich aus dem Krankenhaus heraus. Mein Gang war schwungvoll. Ich durfte wieder auf den Rücken eines Pferdes. Ich hatte vor zwei Wochen schon probiert mich auf Fylgia davon zu machen. Allerdings hatte Caleb wohl auch Betsy für sich gewonnen. Mit Caleb hinter sich her ziehend war sie nämlich in der Stallgasse aufgetaucht. Relativ wortlos hatte er mir die Stute aus der Hand genommen, Betsy auf ihren Rücken verfrachtet und beschlossen der kleinen eine Reitstunde auf ihr zu geben. Er hatte sich bedankt, dass ich sie vorbereitet hatte. Natürlich hatte ich das nicht dafür getan. Ich war sauer gewesen….Sauer auf ein 9 jähriges Kind! Ich hatte also am Rand gesessen, während Betsy einen kleinen Parcours mit Fylgia absolviert hatte. Jetzt allerdings, durfte ich wirklich wieder in den Sattel steigen.

      Die Fahrt über gingen wir eine Liste der Pferde durch die als nächstes Richtung Kanada ziehen würden. In zwei Wochen würde ein Umzugsunternehmen kommen. Wir hatten es in Auftrag gegeben. Alle Habseligkeiten aus den verschiedenen Häusern würden dann zum neuen Heim gebracht werden. Eine Woche später war der Flug von mir und Caleb geplant, im Gepäck unsere letzten Habseligkeiten und alle restlichen Pferde. “Sag mal. Was hälst du von der Idee das Louis mitkommt? Er hat sogar einen Käufer für seine Bar.”

      Das war eine überraschende Nachricht gewesen, Ende Januar hatte Louis sich entschlossen mit nach Calgary zu kommen. Er wollte wieder auf einer Ranch arbeiten, dabei kam ihm die neue Stellenausschreibung von Caleb gelegen. Seine jüngere Schwester Lilly würde ihn begleiten. Außerdem hatte er die Pflege für Kaya und Tschetan übernommen, Cousin und Cousine, deren Eltern nicht mehr lebten. Tschetan hatten wir bereits auf dem Indian Relay kennengelernt. Ein Junge von 12 Jahren, etwas ungestüm, ein guter Reiter. Seine jüngere Schwester Kaya kannte ich nur aus den Geschichten von Lilly.


      Caleb

      Ich war wirklich überrascht, als Ylvi mir davon erzählte, dass Louis mit nach Kanada kommen wollte. “Und das will er wirklich?”, fragte ich sie nochmals und sie nickte. “Er will wieder auf einer Ranch arbeiten. Und du brauchst noch neue Leute. Lilly kommt ja auch mit. Und Kaya und Tschetan. Dann hat Betsy auch Gesellschaft.”, schwärmte sie weiter und ich nickte. “Ich mein… wenn er mitkommen will, kann ich ihn nicht daran hindern. Tut gut noch jemanden dabei zu haben, der genau weiß, wie der Hase läuft.” “Caleb der Hase läuft gar nicht. Der hoppelt.” “Haha, ja sehr witzig.”, antwortete ich ihr und knuffte sie leicht in die Seite, musste dann aber auch lachen.

      “Heute sollen nochmal Pferde rüber fliegen. Zusammen mit Cayce und Murphy. Dann sind es ab heute Abend nur noch Bellamy, du und ich die hier sind.”, erklärte ich ihr. Irgendwie war alles schrecklich schnell gegangen. Direkt nach Weihnachten wurden die Pferde umgemeldet, ich als neuer Besitzer eingetragen, der Kaufvertrag für die neue Ranch in Kanada ausgefüllt und Stellen ausgeschrieben, obwohl noch niemand dort war. Es hatten sich einige gemeldet, aber ich hatte das in dem ganzen Trubel, der dann folgte, aus den Augen verloren. Ich war wieder für zwei Tage rübergeflogen, hatte mich dort mit einer Baufirma getroffen und erste Pläne ausgearbeitet, wie ich die Ranch ausbauen wollte. Vor dem Herbst würden die Stallungen nicht fertig sein, so wie ich sie haben wollte. Also hatte ich mich kurzerhand umentschieden und wollte zusätzlich zu den Offenställen auf den Koppeln, rund um den großen Reitplatz überdachte Penalboxen mit kleinen Paddocks. Für unsere Pferde, aber auch für Gastpferde. Das allerdings war sehr schnell realisierbar und würde auch fertig sein, sobald wir mit den ersten Pferden rüberkommen würden. 30 Boxen waren geplant, 15 an jeder langen Seite des Platzes. Das würde schon einmal viel weiterhelfen. Den Umbau der Stallungen wollte ich trotzdem noch. Nur würde dies eben bis zum Herbst dauern. Wirklich brauchen würden wir die Stallungen erst im nächsten Winter.

      Auch mussten Gästehäuser bzw. Wohnmöglichkeiten für die Ranchmitglieder gebaut werden. Ich würde mit Ylvi zusammen im Haupthaus wohnen. Im oberen Stockwerk war eine wirklich schöne Wohnung eingerichtet worden. Im unteren Teil des Hauses gab es eine Küche mit einem großen Essbereich, ein Badezimmer, einen großen Wohnbereich und ein paar kleine Schlafzimmer. Also eher etwas für Gäste, als für Mitarbeiter. Zusammen mit der Baufirma hatten wir uns die geeigneten Stellen zum Bau von kleinen Häusern, ähnlich wie WG’s, angeschaut. Jedes dieser Häuser sollte zwei Etagen haben und Platz für bis zu 5 Menschen bieten. Zwei dieser Häuser waren geplant, außerdem drei kleine Bungalows mit Platz für je 3 Menschen.

      Soweit so gut. Nachdem dies alles feststand, konnte ich wieder nach New Mexico fliegen und allen erklären, was soweit geplant war. Und dann… dann fing es auf einmal an, wirklich stressig zu werden. Octavia und Travis waren die ersten, die mit O’s Pferden zusammen nach Kanada fliegen würden. Wir hatten uns von einem Transportunternehmen große Trailer geliehen, damit wir mit unseren kleineren Anhängern, in den je drei Pferde passen, nicht tausend mal fahren mussten. Das Ein- und Ausladen der Pferde auf dem Hof und auf dem Flughafen war nicht das Problem. Das Einladen in die Boxen zum Fliegen schon eher. Nachdem einer der Menschen dort mich so aufgeregt hatten durch den Umgang mit den Pferden, hatte ich ihm die Liste aus der Hand genommen und dirigierte meine Tiere und Mitarbeiter nun selbst. “Tigres Eye… Priamos Ruffia Kincsem… BR Prias Raveday… Drama Baby… Raspberry… I’ve got a blue soul… Prias Colourful Soul… Tasmania… Candlejack… Culain… Daryl Gone Mad… Peacful Redemption… PFS’ Snap in Style… Wildfire xx....” Das war die erste Gruppe gewesen. Per Videochat hatte ich das Ausladen in Calgary beobachtet, was wesentlich besser geklappt hatte, als das Theater hier.

      Kaum eine Woche später organisierten Bellamy und ich den nächsten Flug für 20 Pferde, bei dem eigentlich Cayce und Murphy dabei sein sollten, jedoch plante ich kurzfristig um und schickte statt Murphy zwei Stallburschen mit, Jesse und Connor. Die würden sie drüben dringender brauchen, als wir hier. Zum zweite Trupp Pferde, deren Einladen am Flughafen schon viel besser klappte, gehörten: PFS’ Unclouded Summer Skies, BR Dress to Impress, BR Colonels Lil Joker, Jacks Inside Gunner, Colonels Blue Splash, BR Colonels Golden Gun, Moon’s Gealach, Cleavant ‘Mad Eyes’, Ceara Isleen, Væna fra glæsileika eyjarinar, Skrúður, Blazing Flame, Chocolate Dream, Abe’s Aeflric, Seattle Slew, Sir Golden Mile, Stiffler, Cielos, Baby Doll Melody und Bella Cielo.

      “Caleb? Hey Caleb? Ich hab Bell am Telefon, der Transporter ist da, um weitere Pferde mit zu holen.”, sagte Ylvi und riss mich so aus meinen Gedanken. “Okay, okay. Sag ihm wir sind gleich da.”, erklärte ich ihr und fuhr ein wenig schneller zur Ranch zurück. Zwischen dem ganzen Umzug war ich auf einen Absetzer in Alberta aufmerksam geworden, Dual Shaded Ace. Der Hengst hatte anfangs gar nicht zum Verkauf gestanden, doch nach langem hin und her hatte der Besitzer sich erbarmt. Vorausgesetzt, er würde ein paar Decksprünge von ihm bekommen, wenn er gekört wäre. Dem hatte ich so natürlich sofort zugestimmt und ihn dann… eigentlich für viel zu viel Geld gekauft. Er hatte es gut gehabt und nur zwei Stunden Fahrt auf sich nehmen müssen, um zur Bow River Ranch zu gelangen.

      Endlich waren wir auf dem Blakes Crow Meadow angekommen. Ich parkte den Wagen, stieg aus und ging sofort auf den Fahrer zu. Kurz schüttelte ich ihm die Hand, ehe Bellamy mir die Liste der Pferde in die Hand drückte, die wir jetzt einladen mussten. Gruppe eins, welche jetzt sofort eingeladen werden würden, waren: Colonels Smokin Gun, DunIts Smart Investment, Ginny my Love, GRH’s A Gun Colored Lena, Jade, Kristy Killings, Raised from Hell, Wimpys Little Devil, A Walking Honor, Black Sue Dun It, California Rose, Chou, Easy Going. Die zweite Gruppe, die später folgen würde, bestand aus: Face Down, Ginger Rose, GRH’s Aquila T Mistery, GRH’s Unbroken Magic, Heretic Anthem, Honey’s Aleshanee, Lady Blue Skip, Magnificient Crow, My sweet little Secret, Only Known in Texas, Picture of a Ghost, Snapper Little Lena, Stormborn und Striga.

      Als dritte und vorerst letzte Gruppe würden am späten Abend die Hengste folgen: Bittersweet Temptation, Whitetails Shortcut, Alan’s Psychedelic Breakfast, Genuine Lil Cut, Gun and Slide, A Shining Chrome, Hollywoods Silver Dream, Chapter 24, Citizen Fang, Chocolate Shades, General’s Coming Home, GRH’s Bella’s Dun Gotta Gun, GRH’s Funky’s Wild Berry, GRH’s Unbroken Soul of a Devil, Gunners Styled Gangster, Whinney und Zues. Mit diesen ganzen Pferden würden Laurence, Murhpy, Dell und natürlich Betsy auf die Reise gehen. Dell und Betsy mit dem ersten Flug, Murphy mit dem zweiten und Laurence mit den Hengsten. Betsy war gar nicht auszuhalten gewesen, so sehr war sie allen um die Beine herum gesprungen und hatte jedem erzählt, dass sie sich auf die Reise freute und hoffte, dass alle gut gehen würde.

      Am Abend kehrte jedoch endlich Ruhe ein. Bellamy versorgte die ganzen Verkaufspferde, während ich mich um meine beiden verbleibenden Pferde Nachtschwärmer und Smart Lil Vulture gekümmert hatte. Ylvi hatte nun endlich das ok ihres Arztes, wieder mit anpacken zu dürfen, weshalb ich sie alleine zu ihren Pferden Inyan, Lady Gweny, Fylgia und Valravn gehen ließ. Bellamy hatte sich wider erwarten bereit erklärt, noch eine Weile hier zu bleiben und die Pferde zu verkaufen. Im Mai wollte er dann nachkommen, spätestens. Dann sollte auch die Ranch in neuen Händen sein. Interessenten gab es viele, doch sie alle wollten den Preis drücken. Und das nicht gerade wenig. Ich gab Bellamy zwar in der Angelegenheit wirklich viel Freiheit, aber verschenken sollte er das Anwesen nicht. Das Geld kam schließlich nicht nur mir, sondern auch ihm zugute. Apropos Geld… nicht alle waren so erfreut über die Rinderherde gewesen, wie ich es war. Schon am ersten Tag hatte Cayce die halbe Herde einfangen müssen- da zu diesem Zeitpunkt noch keines der Ranchpferde drüben war, hatte er sich kurzerhand bei jemandem Pferde und Cowboys leihen müssen. “So knüpft man neue Freundschaften!”, hatte ich am Telefon gesagt und nur ein spöttisches Schnauben zur Antwort bekommen. “Ich hoffe du schaffst bald deinen Arsch hier rüber. Die Vollblüter machen mich wahnsinnig. Ich will die Ranchpferde hier haben!” “Ja, Cayce. So schnell geht das alles leider nicht.”, war meine niederschmetternde Antwort gewesen. Jetzt mittlerweile hatte er jedoch sein Pferd drüben und auch fast alle anderen Pferde, mit denen es einfacher war, die Kühe einzufangen.

      Ich hatte mich gerade mit Bellamy zusammen vor den Fernseher gesetzt, als auch Ylvi dazustieß. “Na, Arbeit erledigt?”, fragte Bellamy sie und sie nickte. “Es tut so gut, endlich wieder selbst arbeiten zu dürfen.” “Das klingt ganz nach dir.”, murmelte ich und wurde dafür in den Arm geboxt. “Hör mal Bellamy und ich sprachen gerade über Louis, Lilly und die beiden Kinder. Es wäre vielleicht sinnvoll, mal rüber zu fahren und mit ihm zu reden. Er hat ja schließlich auch noch Pferde. Kommen die mit, bleiben die hier, wo will er wohnen und und und… das sollten wir alles klären, bevor wir mit dem Rest nach drüben fliegen und vor unvollendeten Tatsachen stehen.” Ylvi nickte. “Klar, aber heute nicht mehr. Für heute haben wir alle genug getan.”, sagte sie und setzte sich zu mir auf die Couch. “Haben sich die anderen schon gemeldet?”, fragte sie mich und ich nickte. “Laurence und sein Flug fehlen noch, der Rest ist gut angekommen und alle Pferde haben den Flug gut überlebt.” “Das ist gut.”, erwiderte Ylvi und schaute zum Fernseher. Zu dritt ließen wir den Abend ausklingen. Lange hielten wir es nicht vor dem Fernseher aus, da wir alle todmüde und kaputt waren. Bellamy verabschiedete sich irgendwann und verschwand ins Haupthaus, Ylvi und ich machten uns auch auf den Weg ins Bett, wo wir auch ziemlich schnell einschliefen. Sobald am nächsten Morgen die Pferde versorgt waren, würden wir mit Louis reden. Darüber, wie er sich seine Zukunft vorstellte.





      Ylvi

      Mein Kopf lag auf Calebs Arm, mein Nacken war vollkommen verspannt bei der Position. Ich wollte mich allerdings auch nicht übermäßig bewegen um ihn nicht zu wecken. Seine andere Hand ruhte auf meiner Hüfte. Seltsam wie selbstverständlich wir mittlerweile jeden Abend in dasselbe Bett stiegen.

      Ich spürte seinen Herzschlag an meiner Schulter, ruhig und gleichmäßig. Sein Atmen das mich am Anfang so sehr gestört hatte, weil er oft mit geöffnetem Mund schlief, war mir nun so vertraut. Ich rutschte ein wenig weiter nach unten um meinen Kopf von seinem Arm zu nehmen, da schlang sich sein Arm um meine Hüfte fester um mich. “Morgen.” murmelte er in meine Haare. Ich hatte mir angewöhnt sie zu einem Zopf zu flechten, ich spürte den Druck in meinem Nacken. “Caleb, meine Haare” flüsterte ich lachend..”Und morgen.” Caleb befreite meinen Zopf von seinem Körpergewicht, zog mich herum , sodass ich ihn ansehen konnte. “Unser vorletzter Tag hier.” “Irgendwie seltsam...vor einem Jahr war ich zum ersten Mal hier. Jetzt geht es mit einer ganzen Ranch in ein komplett anderes Land. Uns erwarten ganz schöne Abenteuer.” mutmaßte ich. Außerdem hatte ich ein paar mehr an Pferden dazu gewonnen. “Wie könnte ich das vergessen? Ich hab dich für einen Dieb gehalten.” ich lachte, nickte. Ja, wie könnte ich je die auf mich gerichtete Waffe vergessen?

      Caleb zog mich enger an sich, seine Hände schoben sich unter mein Shirt, seine Zähne spürte ich an meinem Hals. Augenblicklich spürte ich die Antennen in meinem Körper erwachen...es war einfach viel zu lang her. Ein zischendes Ausatmen kam von mir. “Alles in Ordnung?” Ich gab keine Antwort, sondern küsste ihn einfach...er sollte bloß nicht aufhören.


      Vier Stunden später sattelte ich gerade Valravn. Direkt daneben machte Louis Inyan fertig. Caleb stand an der anderen Seite des Anbindeplatzes mit Vulture. Der Vorschlag alles weitere doch bei einem Ausritt zu besprechen war von mir gekommen. Louis war auf den Anruf von Caleb zur Ranch gekommen um zu besprechen wie und wann er umziehen würde, auch wegen seiner beiden Pferde. Aber wirklich Lust das im Büro zu machen hatte ich nicht verspürt. Daher mein Vorschlag mit dem Ausritt. Damit waren beide einverstanden gewesen. Außerdem hatten wir so noch einmal die letzte Chance uns von dieser Landschaft zu verabschieden.

      “Alle Bereit?” fragte Caleb, schwang sich behende in den Sattel. Neben mir sprang auch Louis auf den blanken Rücken von Inyan. Auch bei Ravn hatte ich mich für ein Reitpad mit Lammfell entschieden, musste mir dafür allerdings eine kleine Erhöhung suchen um in den Sattel zu kommen. Wir ritten im Schritt in Richtung der alten Stutenkoppeln. Vulture vorne weg. Die Ranch so verlassen zu sehen war gruselig. “Dann verrat mir doch mal welcher Hund dich gebissen hat für die Idee mitzukommen?”


      Louis

      Die wärme die von Inyan zu mir aufstieg fühlte sich wunderbar an. Auch wenn meine Muskulatur jetzt schon rebellierte. Seit dem Herbst hatte ich mich auf kein Pferd mehr setzen können. Zu viel war in der Bar zu tun gewesen. Zu oft war ich in die alte Heimat gefahren um dort Dinge zu erledigen, vor allem zu Regeln. Es war sonst nicht Calebs Art Fragen so unverblümt zu stellen, aber er wollte natürlich wissen was ihm bevorstand. In den letzten Monaten hatte sich einiges in seinem Leben geändert. Die Übernahme der Ranch war für ihn schon immer ein kleiner Traum gewesen. Wie oft hatten wir zu Rodeo-Zeiten davon geträumt? Dann hatte er wegen des Unfalls aufhören müssen. Und ich selbst? Tja..ich hatte für meine Familie aufgehört. Meinen Vater hatten die Rodeos am Leben erhalten, bis er bei einem Unfall ähnlich wie dem von Caleb querschnittsgelähmt war. Meine Mutter war bereits früh gestorben. Kaum noch erinnerte ich mich an ihr Gesicht. Für die Familie hatte ich selbst die Rodeos aufgegeben. Mit wenig Aussichten in Pine Ridge jemals eine vernünftige Arbeit zu finden war ich nach New Mexico gekommen. Die Bar hatte Lilly, mich und meinen Vater gut versorgt, aber es kostete Zeit. Die Pflege unseres Vaters hatte Lilly bis zu seinem Tod übernommen. Sie hatte selbst viel aufgeben müssen dafür, hatte mir auch oft in der Bar geholfen. Nun hatte sich die Schwester meines Vaters mit ihren Drogen das Leben genommen. Unschi, Großmutter hatte ihre beiden Kinder zu sich genommen. Ich war hin gefahren in den vergangenen Monaten um zu versuchen sie zu unterstützen. Schließlich war die Entscheidung gefallen beide zu mir zu nehmen. Die Wohnung über der Bar war zu klein für uns gewesen. Ich wusste um die Wünsche von Lilly. Familie wurde für unser Volk groß geschrieben...und ich wollte nicht das Lilly noch mehr verzichten musste.

      Erst nach all diesen Überlegungen brach ich mein Schweigen. “Ylvi hat dir sicherlich erzählt, das ich vor zwei Wochen meine Cousinen zu mir genommen habe. Kaya und Tschetan brauchen meine Zeit...ein geregeltes Leben. Das kann ich nicht bieten, wenn ich eine Bar leite. Das könnte ich aber wenn ich bei euch auf der Ranch arbeite. Außerdem genug Leute die die Kinder mit im Blick haben können. In Calgary haben sie die Chance eine gute Schule zu besuchen..” Caleb hatte mir gelauscht, die Zügel locker in der Hand auf den Knauf seines Sattels, die andere ruhte auf seinem Oberschenkel. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, denn es lag im Schatten seines Hutes. Jeder schwieg auf seine Weise, für Ylvi war das genannte ja nicht gänzlich neu. Caleb musste jedoch verstehen...er kannte die Umstände in Pine Ridge...die Drogen, der Alkohol, die Armut und die umgehende Verzweiflung. “Ich heiße dich gern im Team Willkommen, wenigstens noch jemand der Ahnung von der ganzen Arbeit hat. Cayce und du werden mir mit den Rindern sehr gut helfen können. Vor Ort könnten wir dich wahrscheinlich gut in ein Haus mit Betsys Vater stecken. Hast du dir schon Gedanken gemacht wie du deine Pferde rüber schaffst?” kam es von Caleb. Schwer unterdrückte ich ein Seufzen. “Darum muss ich mich nicht mehr kümmern. Sunka und Zinkala-win habe ich verkauft.” Calebs Kopf zuckte in meine Richtung. Von Ylvi kam ein vollkommen erschrockenes “WAS?!” und auch Caleb schien diese Frage ins Gesicht geschrieben. “Ich hab genug Pferde um mich die ich dann betreue. Außerdem...außerdem ermöglicht mir das Geld aus dem Verkauf der beiden Lilly auf das College in Calgary zu schicken. Sie ist ein heller Kopf, wenn ich das schon nicht auf die Kette bekommen habe zu studieren. So soll sie ihre Möglichkeiten doch wenigstens nutzen. Pferderennen sind auch gefährlich...ich muss auch an Kaya und Tschetan denken. Sie hatten es in ihrem jungen Leben wohl schwer genug.” ich schwieg kurz, musste dann doch Lachen. “Wir werden wirklich alt, Kola.” “Vielleicht solltest du dir endlich Mal eine Frau zulegen,mein Freund” murmelte Caleb, zwinkerte mir zu. “Mein Herz hab ich leider bereits hoffnungslos verloren. Das braucht bis es vergisst.” Ylvi sah mich an, senkte dann den Blick auf den Hals ihres Wallachs, sprach nicht. Caleb konnte die kurze Konversation nicht bemerkt haben. Dafür schien ich Talent zu haben. Schon einmal hatte ich die Frau eines anderen begehrt.



      Caleb

      So ganz wusste ich nicht, was ich ihm antworten sollte. So schwieg ich einfach und ließ die Umgebung auf mich wirken. Schon übermorgen würde ich Albuquerque verlassen. Es war ein gutes Zuhause für mich gewesen, in das ich zurückgekehrt war. Ein Zuhause und doch so viel mehr. Ich hatte mir eigene, neue Pferde zugelegt, hatte alte zurückbekommen und auch mit den bereits Vorhandenen hatte ich viel arbeiten können. Ich war wieder in den Trainingsbetrieb eingestiegen und einige Pferde trainiert. Dann war Ylvi aufgetaucht und hatte mein ganzes Leben auf den Kopf geschmissen. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte sie es besser gemacht. Und auch Louis, der in meiner Nähe gewohnt hatte, hatte mir viel geholfen. Alte Zeiten aufleben lassen war etwas schönes, wenn man es mit einer anderen Person teilen konnte.

      Und jetzt waren wir an einem Wendepunkt angekommen. Louis hatte Kinder, Gott, Louis hatte Kinder. Er war jetzt sozusagen ein Vater. Louis… war Vater. Lilly war zwar auch bei ihm, aber das hier war etwas vollkommen anderes… Vulture schnaubte und fiel in einen lockeren Galopp. Er zuckte nervös mit den Ohren, als ich ihn durchparierte. Vermutlich konnte er fühlen, dass ich in Gedanken mal wieder nicht hier war und noch immer keine wirkliche Antwort wusste. Ich schaute kurz nach hinten und blickte in die fragenden Gesichter von Louis und Ylvi. Leise seufzend schaute ich wieder nach vorne. “Caleb?”, fragte Ylvi mich irgendwann und ließ ihr Pferde das von Louis überholen, um zu mir aufzuschließen. “Stimmt etwas nicht?”, fragte sie mich doch ich nickte. “Doch, doch. Alles okay. Ich habe nur an etwas gedacht…” Ylvi sagte nichts mehr, ließ ihr Pferd langsamer werden und ritt wieder hinter mir her.



      Ylvi

      Die ganze Geschichte hinter Louis Beweggründen dann nochmal direkt von ihm zu hören war eigentlich ganz gut. Lilly hatte wirklich großes Glück ihn als Bruder zu haben. Wobei er in seinem Leben viel geopfert hatte um sie aufzuziehen. In Anbetracht seiner Familienverhältnisse keine leichte Entscheidung. Schon allein die Tatsache das er Kaya und Tschetan bei sich aufnahm sprachen für seinen Familiensinn. Ich fragte mich wirklich wieso es keine Frau an seiner Seite gab. Caleb schien denselben Gedanken zu haben. Denn er sprach es an. Als Louis davon sprach sein Herz hoffnungslos verloren zu haben ruhte sein Blick auf mir. Ich hatte den Blick mit ihm unterbrochen und auf Ravns Hals geschaut. Ich hatte sowas in den letzten Monaten schon beinahe vermutet. Nie jedoch eine wirkliche Bestätigung bekommen. Um ehrlich zu sein hatte ich sie auch nicht haben wollen. Mit Caleb war das ganze schon verworren genug. Wir hingen in der Schwebe...weder zusammen noch wirklich getrennt. Das Wissen das da nun Louis war...das verwirrte mich nur noch mehr, denn auch er war mir so wichtig geworden. Ohne ihn wäre ich dort auf dem Berg gestorben. Niemand sprach. Auch Caleb hatte keine wirkliche Antwort auf diese Worte zu haben. Ahnte er etwas? Vulture war nervös, galoppierte ohne sichtbare Hilfe an und wurde von Caleb direkt wieder durchpariert. Louis und ich sahen zu ihm. Ravn drängte nach vorn...aber eine wirklich klare Antwort hatte ich nicht von Caleb. So hieß ich Ravn wieder langsamer.

      An anderer Stelle öffnete sich die Wiese vor uns. Ravn war deutlich angespannt, seine gesamte Muskulatur war zum reißen gespannt, nur meine Hand am Zügel verhinderte das er lief. So ein Galopp eignete sich jedoch auch wunderbar um die Gedanken klar zu kriegen, die Kälte würde ihr übriges tun. Also gab ich die Hand vor. Aus dem Schritt preschte Ravn vor, meine freie Hand krallte ich in seine wenige Mähne. Hinter mir hörte ich den mir mittlerweile vertrauten Lakota Schrei “Hoka Hey! Hoka Hey!” aus dem Augenwinkel sah ich Inyan heran preschen. Direkt neben mir Ritt bereits Caleb auf Vulture, der Hengst legte sich flach in den Galopp. Auf kurzen Rennen waren diese Pferde einst gezüchtet worden. Ravn war kein schnelles Pferd. Vulture und Inyan hatten keinerlei Mühe meinem Wallach zu folgen. Der Wind pfiff mir in den Ohren, die Kälte schlug mir unbarmherzig ins Gesicht. Mein Lachen wurde mit dem Wind von meinen Lippen genommen. Caleb lachte zumindest auch, gab seine Zügel weiter vor, hielt den Hut auf seinem Kopf. Auch Inyan nahm an Tempo zu. Ravn unternahm nicht einmal den Versuch mit den anderen beiden Pferden Schritt halten zu wollen. Stattdessen parierte ich ihn zu einem leichten Trab. So fit war ich noch nicht wieder. Auch das Rennen der beiden ging nur noch etwa 100 Meter, dann schienen sie genug zu haben, parierten und warteten bis Ravn und ich im Schritt aufgeholt hatten. “Bis ich wieder so einfach mehrere Meter galoppiere muss ich wohl noch etwas warten.” meinte ich belustigt. Inyan stand still. Der jüngere Vulture tänzelte, Caleb hatte seine Müh den Hengst ruhig zu halten. Das Rennen schien ein wenig die Stimmung gelockert zu haben. Allerdings blieb es trotzdem ruhig um Caleb, mit den Gedanken war er weit fort. Ich wusste das man ihn in solchen Momenten besser nicht störte. Die Pferde suchten sich im leichten Schnee selbst ihren Weg nach Hause.

      Meine Füße waren Eisklumpen, ich saß noch immer auf dem Pferd. Die Aussicht mit den kalten Füßen auf dem harten Boden zu knallen war nicht sonderlich erbauend. Caleb hatte sich von uns getrennt, da Vulture für die Nacht in einer der Boxen unterkommen würde. Seufzend ließ ich mich vom Pony rutschen, ging leicht in die Knie als mir der Schmerz von den Knöcheln aufstieg. Außerdem spürte ich jeden verdammten Muskel in meinen Beinen. Ich hielt mich daher an Ravn fest, der geduldig stand während ich mich wieder fing. Über seinen Mähnenkamm hinweg sah ich Louis. Er schien nicht zu bemerken das meine Aufmerksamkeit auf ihm lag. Seine Stirn hatte er auf die von Inyan gelegt, seine Hand strich immer wieder den Hals des Wallachs entlang. Ich konnte die Bewegung seiner Lippen sehen, aber kein Wort verstehen. Mein Starren schien nicht unbemerkt zu bleiben. Louis öffnete seine Augen wieder, sie huschten zu mir. Ich räusperte mich. “Louis...du weißt..du könntest ihn wieder haben, oder? Ich ..” seine erhobene Hand unterbrach meinen Redeschwall, er schüttelte den Kopf. “Dann wäre es mir zumindest eine Ehre, wenn du ihn reitest wann immer du willst, ja?” Es kehrte wieder sein Schalk zurück, ich bekam seine weißen Zähne zu gesicht. “Waschté” mehr kam nicht von ihm. Er zog Inyan die Trense vom Kopf nur um ihn in den Offenstall zu entlassen. Hastig beeilte ich mich auch Ravn vom Pad zu befreien, zog auch ihm die Trense vom Kopf und lockte ihn in Richtung des Tores, welches mir von Louis noch offen gehalten wurde. Ich stiefelte vor Ravn in den Paddock, neugierig trat auch Inyan jetzt an mich heran. Seine Nüstern pusteten mir seinen Atem auf die kalten Wangen, während Ravn an meiner Tasche zu zuppeln begann. Lady Gweny hielt sich ein wenig im Hintergrund. Fylgia kam mit angelegten Ohren angelaufen, schnappte Inyan in den Hintern der daraufhin aus dem Weg ging. Nur Ravn ließ sich von ihr nicht beirren. Ich streichelte natürlich auch Fylgia, die so nach meiner Aufmerksamkeit fragte. Damit keiner zu kurz kam stiefelte ich auch noch zu Gweny, prustete ihr in die Nüstern, kraulte ihre Lieblingsstelle an der Brust und den Ohren. Louis stand noch immer am Tor, sein Blick ruhte die ganze Zeit auf mir. “Sie mögen dich wirklich alle.” ich sah mich um...inmitten all meiner Rappschecken, zuckte lächelnd die Schultern. “Scheint so. Aber jetzt lass uns reingehen und was warmes zu trinken besorgen. Ich spür meine Zehen nicht!”


      Im Haupthaus hatte sich irgendwer des Kamins angenommen, Louis war in die Stallungen gegangen um Caleb Bescheid zu geben. In der Küche bereitete ich Kaffee vor, füllte sie in die Thermoskanne. Führte Reste der Brownies zutage und brachte alles auf einem Tablet in das Wohnzimmer. Louis kam als erstes zur Tür hinein. “Caleb ist gleich da.” Ich saß auf dem Teppich vor dem Kamin, rieb meine Hände und Füße. Meine Gedanken hingen nun bei Caleb, während ich in die Flammen starrte. Irgendwie war er heute wieder einmal besonders ruhig gewesen. Das hatte sicherlich mit den Ereignissen die noch vor uns stünden zu tun, auch ich war deshalb aufgeregt. Manchmal konnte ich verdrängen verstehen zu wollen was in Caleb vorging. Jetzt gelang mir das nicht..auch weil ich mannhaft damit beschäftigt war die Worte von Louis von mir zu drängen. Natürlich hatte ich es bemerkt...ich hätte blind sein müssen nicht zu spüren wie es um ihn stand. Und ich machte mir Vorwürfe….vielleicht, wenn Dinge anders wären. Dann hätte ich mir sogar vorstellen können Louis eine Chance zu geben. Im Grunde würde das meinem Herzen wohl weniger schaden als das was Caleb und ich irgendwie teilten. Hände an meinen Füßen...ich zuckte zusammen, mein Kopf ruckte herum. Louis hatte sich zur mir auf den Teppich gesellt, seine Hände hatten nach meinen Füßen gegriffen, massierten sie. “Da du so in Gedanken warst, dachte ich mach ich weiter womit du aufgehört hast?” Irritiert sah ich ihn an, entspannte dann allerdings meine Muskulatur. Massagen konnte ich ja wohl nicht von der Hand weisen. Die Vernunft in meinem Hirn schrie allerdings etwas anderes. Ich war unfair. Ich ließ mich einfach nach hinten fallen, schloss die Augen. Genoss die Zuwendung und die Wärme des Kamins. Vergessen die Brownies und der Kaffee.

      Das ins Schloss fallen der Haustür, die Schritte den Flur hinauf. Sie ließen mich erneut zusammen zucken, ich richtete mich abrupt auf, entzog Louis meine Füße. “Kaffee?” kieckste ich, sprang auf und hielt Louis die Kanne entgegen. Ernten tat ich seinen schelmischen Blick, ein wissendes, beinahe arrogantes Lächeln. Er gab seine Antwort indem er nickte. Gerade als die ersten Tropfen in die Kanne fielen betrat auch Caleb den Raum. “Ohh davon nehm ich bitte auch eine Tasse.” Also bekam auch Caleb seine Tasse Kaffee, er ließ sich auf dem Teppich neben Louis nieder. “Ich hab sogar ein paar Brownies aufgetrieben.” damit schob ich den Teller an den Rand des Tisches. Dann reichte ich Caleb seine Tasse, gab in meine einen Schuss Milch und hockte mich dann auch auf den Teppich. Für unsere Abreise ist schon alles vorbereitet. In 5 Stunden kommt der Trailer um uns samt Pferden einzusammeln. Anschließend geht es zum Flughafen.” “Dem Abenteuer entgegen” murmelte ich. Keine Erwiderung. Stille, dann sprach Louis. “Ich werde wohl erst in einem Monat nachkommen. Hab hier noch ein paar Behördengänge zu erledigen.” “Meld dich einfach, wenn es los geht.”

      Eine Viertelstunde später verabschiedete sich Louis von uns. Caleb und ich ließen uns anschließend wieder vor dem Kamin nieder. Mein Kopf lag an seinem Rücken, nebenher dudelte der TV aber so richtig schien keiner dem Programm zu folgen. Ins Bett zu gehen lohnte sich nicht für die wenigen Stunden.


      Caleb

      Ich war an diesem Abend mit den Gedanken noch immer nicht wirklich hier. Wo ich war? Keinen blassen Schimmer. Warum ich weg war? Nicht die geringste Ahnung. So vieles würde sich wieder ändern, von jetzt auf gleich. Hatte ich nun endlich das, was mich im Leben glücklich machte? Oder würden wir in einer Weile wieder umziehen? Was war es, dass das Leben ausmachte? Die Freunde? Die Familie? Geld? Ruhm?

      Diese Frage konnte wohl jeder nur für sich selbst beantworten. Meine Antwort stand in den Sternen. Weit weg, und doch ganz nah. Oder doch so fern?

      Ich beugte mich zu Ylvi rüber und gab ihr einen Kuss auf den Hals. „Ylvi wir könnten… uns die Zeit ein wenig vertreiben…“, flüsterte ich, drehte ihren Kopf zu mir und küsste sie auf die Lippen. „Jetzt da du… sogar eine kurze Strecke galoppieren konntest…“,murmelte ich weiter und küsste sie erneut. Ylvi lächelte kurz, rutschte dann zu mir herüber und setzte sich auf meinen Schoß. „Könnten wir…“, flüsterte sie und legte ihre Hand in meinen Nacken. „Jetzt, da du wieder redest und deine Gedanken sortiert hast..“, sagte sie frech und nahm meine Unterlippe zwischen ihre Zähne, zog leicht daran und ließ sie wieder los, ehe sie mir in die Augen sah und mich dann wieder küsste. „Ich hatte bloß so vieles im Kopf.. aber lass uns da im Flieger drüber reden...oder in Kanada...“, schlug ich ihr vor und sie nickte. Viele Möbel waren nicht mehr hier, die Couch allerdings stand noch in unserem Wohnzimmer. Ich stand auf, hielt Ylvi an mir fest und legte sie auf die Couch. Vorsichtig stützte ich mich rechts und links von ihr auf dem Sofakissen ab und beugte mich zu ihr runter, um sie erneut auf den Hals zu küssen. Wir wechselten eine Weile Küsse, ehe ich langsam Ylvis Oberteil über ihren Kopf zog. Auch ihre Hose und Unterwäsche war schnell verschwunden. Meine Sachen streifte ich mir über Kopf und Beine und schmiss sie ebenfalls neben das Sofa…


      Nach einem Blick auf die Uhr sprang ich hastig auf. “Ylvi komm.”, sagte ich und zog sie mit mir auf die Beine. Wir hatten viel zu lange auf dem Sofa verbracht und so langsam würde es eng werden, was Pferde verladen und den Flug anging. “Die drüben köpfen uns, wenn wir den Flieger nicht kriegen.”, lachte ich und sammelte meine Kleidung auf dem Boden ein, zog sie an und stand dann Bellamy gegenüber, der sich in der Küche einen Kaffee gemacht hatte. “Wie lange stehst du denn schon hier?”, fragte ich ihn und richtete mein Hemd. “Glaub mir, lange genug.”, sagte er und zwinkerte mir zu. Ich rollte mit den Augen, schlug ihn gegen die Schulter und setzte dann meinen Hut auf den Kopf, den ich hier in der Küche hatte liegen lassen. Ylvi kam nun auch zu uns und wir beide tranken schnell eine Tasse Kaffee, stopften noch einen der Brownies in den Mund, die Ylvi vom Wohnzimmertisch mitgebracht hatte, ehe ich in den Stall zu meinen beiden Hengsten hastete. Bellamy trug ich auf, Ylvi zu helfen, denn sie hatte mehr Pferde fertig zu machen.

      Vulture als auch Nachtschwärmer waren nicht sehr begeistert, dass ich sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. Nachtschwärmer ließ sich jedoch leichter aus der Box führen und für den Transport fertig machen, als Vulture. “Du bist eine Zicke.”, knurrte ich ihn an und ruckte einmal am Führstrick, als ich die Nase voll hatte. “Hör auf jetzt und benehm dich einmal deinem Alter entsprechend.”, sagte ich und legte die letzte Transportgamasche an. Der Trailer, der die Pferde mitnehmen sollte, war schon da, weshalb ich meine beiden Pferde schon auf die Rampe führte und im Inneren anband. Ylvi und Bellamy kamen nun auch und brachten die Pferde rein. “Bellamy lädst du das Zubehör mit den Kisten auf meinen Pick Up, Ylvi und ich holen schnell unsere Taschen.”, sagte ich zu ihm und er nickte, ehe er im Stall verschwand. “Jetzt aber schnell.”, lachte ich, nahm Ylvis Hand und lief zurück zum Haus. “Und du meinst der hat uns wirklich gesehen oder gehört?”, fragte mich eine unsichere Ylvi, als wir im Haus angekommen waren. “Ich glaube er blufft.” Ich lachte, warf mir meine Tasche über den Rücken und nahm die Größere von Ylvi auch in die Hand, so dass sie nur ihr Handgepäck tragen musste. Draußen auf dem Hof angekommen hielt ich abrupt an und drehte mich nochmal zur Haustür um. Ich schaute mir das Haus an, drehte mich einmal im Kreis und ließ meinen Blick über das gesamte Gelände schweifen. “Kaum zu glauben, dass wir diesen wunderbaren Ort verlassen.” “Oh Caleb jetzt werd nicht sentimental.”, sagte Ylvi und knuffte mich in die Seite. “Komm… bereit?” “Bereit.”

      Ylvi

      Ich spürte eine wärme in mir...fast als würde ich schwitzen...und dann musste ich doch wieder breit Lächeln. Bluffte Bellamy tatsächlich nur? Falls ja...so gab ihm Caleb definitiv genug zum Grübeln als er mit mir Hand in Hand ins Haus lief. Auch als wir am Trailer standen, den Blick auf die Ranch gerichtet, hielt er meine Hand fest umschlossen. Uns gingen verschiedene Gedanken durch den Kopf. Bellamy stand auf der Treppe des Haupthauses. Er würde noch eine ganze Weile hier bleiben, die Pferde versorgen, Verkäufe organisieren. Vor allem aber die neuen Besitzer einweisen.

      Es ging auf zu neuen Ufern.


      Es war angenehm die Fahrt über noch einmal dösen zu können. Der Fahrer saß vor uns, während Caleb sich zu mir auf die Rückbank gesellt hatte. Über einen Bildschirm konnten wir gut alle 6 Pferde beobachten. Sie standen in dem Trailer her zur Fahrtrichtung. Gweny schien etwas nervös, ich konnte ihr Ohrenspiel sehen. Die Nähe von Inyan und Fylgia schien ihr allerdings gut zu tun. Ich hatte erst etwas bedenken gehabt die beiden Stuten mit den Hengsten zu transportieren. Aber wir hatten diese zuerst eingeladen...anschließend waren meine Wallache gefolgt als Puffer. Anschließend hatten wir Gweny eingeladen, als letztes hatten wir Fylgia auf den Trailer gepackt. Ich war aufgeregt. Seit dem ersten Besuch im Dezember war ich nicht mehr hier gewesen. Caleb hatte sich “geweigert” mich mitzunehmen. Klar er hatte viel zu tun. Aber ich war einfach gespannt was in der Zwischenzeit alles passiert war. Ich tappte vor Aufregung mit meinem Bein, plötzlich krallten sich Calebs Finger in meinen Oberschenkel, drückten ihn hinunter. Ich sah zu ihm Lächelte verzeihend. “Du machst mich vollkommen wirr, Weib.” knurrte er mir ins Ohr. Ich ließ mich also weiter zurück in die Autositze sinken. Sah wieder auf den Bildschirm.


      Am Flughafen ging alles glatt, die Pferde wurden vor Ort gecheckt, die Pässe kontrolliert. Dann führten wir sie jeder einzeln in die für sie vorgefertigten Boxen. Fylgia war wie nicht anders zu erwarten, vollkommen ruhig. Daher drückte ich sie dem Fahrer in die Hand, der ja auch seine Erfahrung mit Pferden hatte. Ich selbst führte Gweny aus dem Hänger. Dann jedoch gab es ein schrilles Kreischen, das natürlich von Ravn kam. Der Wallach riss sich los von dem Flughafen mitarbeiter, trabte aufgeregt an Gweny und mir vorbei und hielt erst an als er neben Fylgia zum stehen kam. Ich rollte mit den Augen. Dabei hatte ich gehofft sein Kletten-Verhalten hätten wir langsam im Griff. Allerdings war das hier auch eine außergewöhnliche Situation. Das weitere Verladen verließ dann doch etwas geordneter.


      “Uff...und wieder 7 Stunden den Arsch platt sitzen.” murmelte ich eher zu mir selbst. Caleb verstaute eben mein Handgepäck, da ich selbst zu klein war um dort ran zu kommen. Der Frau neben mir am Fenster entlockte es allerdings ein Lächeln. Ich erhob mich um ohn durch zu lassen. Ich saß sehr viel lieber im Gang auf längeren Flügen. Caleb nahm seinen Hut ab, setzte sich neben mich hin und legte den Hut auf seinen Schoß. “Zumindest haben wir so nochmal ein bisschen Ruhe.” “Ruhe?...denkst du das wirklich?” Caleb zog eine Augenbraue hoch, sah mich an. Ich hob meine Hände “Ich hab schwitzehände, muss die ganze Zeit an die Pferde da unten denken. Ruhe würd ich das nicht bezeichnen.” meine Stimme klang dabei schaal und heiser. Mir war sogar ein bisschen schlecht bei dem Gedanken an die Pferde. Caleb zog mir an einem meiner flechtzöpfe die über meine Schultern fielen. Dafür erntete er einen verwirrten Blick. Was war das denn jetzt? “Na sieht...bei dem Gesicht sind deine Gedanken jetzt wohl nicht bei den Pferden.” kommentierte er lachend. Dafür bekam er einen Faustschlag gegen die Brust. “Och duu!”


      Caleb

      Ich stieg in ihr Lachen ein. Die Frau neben uns kam mir irgendwie bekannt vor, auch wie sie uns zuhörte und grinste, wenn wir etwas witziges sagten. Irgendwann wandte ich mich ihr zu. “Entschuldigen Sie, kennen wir uns?”, fragte ich die Frau und sie nickte. “Wenn sie Caleb O’Dell sind, dann ja.” In meinem Kopf kramte ich nach Namen oder Orten, doch so richtig wollte mir keiner einfallen. “Ist schon eine lange Zeit her.. damals in Las Vegas auf einem großen Turnier. Ich habe dich beim Team Roping total abgezogen.”, lachte sie. “Nein, Kit? Wow, dass ich dich nochmal wieder treffe!”, ich beugte mich zur ihr rüber, gab ihr einen Kuss auf die Wange und umarmte sie kurz. “Kit und ich waren früher wirklich.. Erzfeinde, wie man so schön sagt. Das eine Mal gewann sie, das andere Mal gewann ich. Wie lange ist das her… etliche Jahre!”, ich lachte. Dann schaute ich von Ylvi zurück zu Kit. “Das ist Ylvi. Eine… sehr gute Freundin von mir.”, ich legte ihr kurz meine Hand aufs Bein. Für Kit reichte diese Geste wohl. “Soso…”, schmunzelte sie und sah uns beide abwechselnd verschmitzt an. “Ich hab dich aber wirklich nicht erkannt, du hast dich total verändert!”, wandte ich mich wieder an meine alte Bekanntschaft. “Was ist aus deinem braunen Lockenkopf geworden? Und deine Stute… Halley.. hast du die noch?” “Meine braunen Locken sind blonden Haaren gewichen. Irgendwann hab ich sie mir dann abrasiert und jetzt wachsen sie nach. Sind aber noch nicht sonderlich lang, wie du sehen kannst.”, erklärte sie mir. Wie hätte ich sie auch erkennen können? “Halley habe ich schon lange nicht mehr, sie ist bei ihrem ersten und einzigen Fohlen gestorben. Der kleine Hengst hat es auch nicht geschafft. Das war vor.. drei Jahren. Seit dem saß ich nicht mehr auf dem Pferd.” “Das tut mir Leid.”, kam es von Ylvi, die sich hinter meinem Rücken bestimmt etwas ausgeschlossen fühlte, bei unserem Gespräch. Generell schaute sie nicht wirklich glücklich drein. Ob ich sie eben verletzt hatte? Aber was waren wir denn? Freunde? Freunde mit gewissen Vorzügen? Verliebt? Auch eines der Dinge, was mir ständig im Kopf herum schwirrte. Louis spielte da auch eine große Rolle. Er meinte zwar ich würde nichts merken, aber ich kannte ihn. Ich merkte, wenn er etwas im Schilde führte. Auch Ylvi hatte gestern Abend sichtlich seltsam gewirkt, als sie den Kaffee mit einer Quietschstimme verteilt hatte.

      “Und was arbeitest du im Moment?”, fragte ich sie. “Nichts, bin auf der Durchreise. Mal hier, mal da etwas.” “Wenn du noch Arbeit suchst, wir sind gerade auf dem Weg zu meiner neuen Ranch.” “Was? Du? Eine Ranch? Wow Caleb das freut mich für dich!”, sagte sie lachend und gab mir einen Klaps aufs Bein. “Endlich, Cowboy. Ich dachte schon du wirst nie sesshaft.” “Also eigentlich… war ich schon lange Zeit sesshaft.”, korrigierte ich sie. “Ich komme euch auf jeden Fall mal besuchen!”, sagte sie. “Klar, wieso auch nicht. Schließlich fliegen wir in die gleiche Richtung.” Wir unterhielten uns noch eine Weile. Ylvi döste in der Zwischenzeit immer wieder weg. Auch ich war nicht den ganzen Flug wach. Kurz vor der Landung wachte ich jedoch wieder auf und hatte Ylvis Kopf auf meiner Schulter liegen. Eine sehr gute Freundin… Dieser Satz ging mir immer wieder durch den Kopf und ließ mir keine Ruhe. Auch Kit sah mich grinsend an, als ich meinen Kopf sachte auf den von Ylvi sinken ließ. “Ach komm Caleb. Das da ist mehr als.. ich zitiere: sehr gute Freunde.”, sagte sie zu mir und schien nun wirklich eine Antwort haben zu wollen. “Es ist kompliziert. Reicht dir das als Antwort?”, ich sah sie an. “Nein… ich muss wohl doch zu dir auf die Ranch kommen, wenn ich mehr wissen will.”, sagte sie lachend und ich stimmte in ihr Lachen mit ein. Auch Ylvi regte sich wieder, nahm ihren Kopf von meiner Schulter und sah raus. “Landeanflug. Hab auch nichts mehr von den Pferden gehört, denen scheint es gut zu gehen.”, erklärte ich ihr und sie nickte beruhigt. Dann ging es runter.


      Ylvi

      Traf mich ein Tritt in die Magengegend? Nein...wir hatten nie darüber gesprochen was wir eigentlich waren. Kit zu erklären wie und was es war hätte zu lang gedauert. Natürlich...ein zugeständnis von Caleb hätte mir besser gefallen, mein Herz schien sich ein wenig zu verknoten. Als jedoch seine Hand auf meinem Bein lag, seine Finger kurz zudrückten. Da durchlief mich mit einem mal eine unfassbare Wärme, der Knoten in meinem Herzen schien sich zu lösen. Zitterte ich? Oder war das flaue Gefühl im Magen eher auf den beginnenden Start zu schieben?

      Ehrlich gesagt bekam ich weiter gar nicht wirklich mit was die beiden zu besprechen hatten. Zu sehr kreisten meine Gedanken um Calebs Worte. Ich ertappte mich dabei wahllos ins leere zu Starren. Ich hasste in diesem Moment was es in mir tat. Es wühlte mich auf. Machte mich Glücklich und Ängstlich. Machte mich aber auch so unfassbar wütend. Wieso passierte das ausgerechnet mir? Mir die ich jahrelang versucht hatte so etwas von mir weg zu stoßen. Fühlte sich so jeder der sein Herz an jemanden verloren hatte?

      Irgendwo in meiner ewigen Starrerei, dem lauschen von Calebs gleichmäßigem Barriton war ich eingeschlafen. Die Momente in denen ich wach war, nicht weiter relevant..ich wechselte höchstens meine Position im Sitz. Zwischendrin hatte ich bemerkt, dass sich die beiden nicht mehr unterhielten. Da wurde mir bewusst wie oft Caleb früher unterwegs gewesen sein musste...er schien ja wirklich den halben Kontinent zu kennen. Mit einem Lächeln schlummerte ich ein letztes Mal davon. Erst das Lachen von Caleb ließ mich wieder wach werden. Ich rieb mir die Augen, unterdrückte ein Gähnen. Draußen war es hell. Schnee lag überall herum.

      Wir trennten uns von Kit, der wir eine gute Reise wünschten. Sichtlich erschöpfte Pferde (was sicherlich auch an der Sedierung lag) , brachten wir auf den Trailer des Fuhrunternehmens. Einen Vorteil jedoch hatte die klirrende Kälte dann doch - sie machte mich wacher. Nachdem wir fertig mit dem Aufladen waren, fühlte ich mich längst nicht mehr so gerädert. Die Straßen waren frei, in nur 20 Minuten würden wir fast da sein. “Es hat schon Vorteile das wir nicht mehr fast 2 Stunden in die nächste größere Stadt fahren müssen.” dabei sah ich aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft. Beim letzten Mal hatte noch keiner gelegen.


      Caleb

      Die Verabschiedung von Kit fiel mir doch schwerer, als ich gedacht hatte. Es war immer wieder schön alte Bekannte zu treffen und die alten Zeiten aufleben zu lassen. Eine Person würde ich jedoch nie wieder sehen, diese Zeit würde ich für mich alleine, immer in meinem Herzen tragen. Das konnte mir keiner nehmen, solange ich lebte.

      Die Pferde einzuladen ging sehr schnell, Vulture benahm sich sogar seines Alters entsprechend und machte mir das Leben nicht schon wieder schwer. Ylvi und ich waren todmüde, wobei sie ziemlich wach blieb und nur ich es war, der ständig einnickte und durch eine Kurve oder einen Hubbel in der Straße den Kopf hoch riss.

      Endlich waren wir am Tor zur Ranch angekommen. Bow River Ranch. Es war mit Abstand das schönste Schild, welches ich seit langem gesehen hatte- und dabei gehörte auch das mir. “Oh schau Mal Ylvi, wie schön!”, sagte ich auf einmal hellauf begeistert und klebte mein Gesicht förmlich an die Scheibe, denn links stand meine Rinderherde auf der Weide, während rechts einige Pferde grasten. “Genau so habe ich mir das vorgestellt. Wie toll das aussieht!” Ylvi lachte. “Du kommst ja aus dem Staunen nicht mehr raus.”, murmelte sie und sah zu mir rüber. Ich nickte, noch immer sichtlich begeistert, und schaute dann nach vorne, wo die halbe Ranch schon mitbekommen hatte, dass wir endlich ankamen. Allen voran standen Cayce und Octavia. Letztere mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Das Fahrzeug hielt an und Ylvi und ich stiegen aus. Sofort wurden wir von O umarmt und ich bekam auch einen Kuss auf die Wange. Cayce jedoch kam mit verschränkten Armen auf uns zu. “Tauchst du auch endlich mal auf, du alter Hund.”, sagte er, fing dann an zu lachen und umarmte zu erst mich, dann Ylvi. Auch Dell, Betsy und Murphy umarmten uns kurz, ehe sie das Equipment der Pferde ausluden. Die anderen waren auf der Ranch verteilt und arbeiteten. “Dann komm Ylvi, lass uns unsere Pferde ausladen.”, sagte ich zu ihr, nachdem ich unsere Taschen auf der Treppe zum Haupthaus abgestellt hatte. Die würden wir später wegräumen, die Pferde hatten schon viel zu lange im Trailer gestanden. Nachtschwärmer drückte ich Cayce in die Hand, Vulture lud ich selbst aus, tauschte seinen Transportschutz gegen koppeltaugliches Equipment und brachte ihn dann auf eine der kleinen Koppelstücke, wo die Hengste untergebracht wurden. Auch Nachtschwärmer wurde auf eines der Stücke gestellt. Die Pferde von Ylvi kamen alle zusammen auf die noch freie Weide mit dem Offenstall. “Caleb es gibt noch einiges, dass geklärt werden müsste.”, sagte Cayce zu mir, als wir wieder zurück zum Haupthaus gingen. “Ich weiß. Aber zu erst muss ich ins Bett, das ist der schlimmste Jetlag den ich je hatte.”, sagte ich zu ihm, hob meine sowie die große Tasche von Ylvi auf und ging ins Haus. “Hier hat sich auch einiges getan, aber das zeig ich dir morgen.”, erklärte ich Ylvi. “Lass uns hoch gehen und uns aufs Ohr hauen.” Ylvi folgte mir zielstrebig, wurde dann jedoch langsamer, als ich ihr die Tür zu einem Schlafzimmer aufhielt. “Na komm, stimmt schon alles so.”, sagte ich zu ihr, trat hinter ihr ein und schloss die Tür.


      Ylvi

      Ich war etwas verwirrt..”Ich würd nur schnell mein Zeug in mein Zimmer bringen, dann komm ich wieder her?” ich war halb in den großen Raum hinein gegangen. Hielt dann jedoch Inne...er hatte in einer Art Panoramafenster Ausblick hinaus auf die Weiden der Farm. Es gab bisher noch leere Bücherregale an der einen Wand. Daneben befand sich ein kleiner Ofen. Gegenüber ein Bett das den Ausdruck riesig definitiv verdient hatte. Außerdem gab es auch einen großen Schrank.

      Mir blieb bei dem Anblick schon die Atmung weg...die ganze Einrichtung entstammte dem Landhausstil..war allerdings auch wieder schlicht gehalten. Es stand kein unnützes Dekor umher. Mein Blick wurde wieder gefangen genommen von der Aussicht aus dem Fenster. Dann spürte ich von hinten einen Körper der sich an den meinen schob..Calebs Hände griffen von hinten sanft um meine Hüfte. In dieser Bewegung drehte er uns..er schien sich auf das Fensterbrett gesetzt zu haben. “Du hast mir überhaupt nicht zugehört,oder?” “Mhm?” fragte ich halb da halb im Staunen. Das Lachen aus Calebs Kehle verschaffte mir eine Gänsehaut, wie es sein Atem in meinem Nacken immer tat. Mein Körper dieser ewige Verräter. Dann spürte ich ihn jedoch Seufzen. “Es gäbe schon einen Raum in dem….also.” wieder kurze Stille er druckste, ich wartete wollte ihn nicht stören. Vielleicht ahnte ich auch bereits was er sagen wollte, doch ich wollte es von seinen Lippen hören. Ich wusste wieso ich an ihm lehnte...es würde ihm schwerer Fallen, wenn ich ihm in die Augen sah. “Ich dachte, da wir ja ohnehin schon so oft beim jeweils anderen im Bett schlafen...Ich dachte das hier könnte unser Zimmer sein?” “Ist das etwa eine Frage Mr. O’Dell?”” flüsterte ich heiser. “Befehlen könnte ich dir ohnehin nichts...und ich bin kein Typ der Bettelt...ich denke das weißt du.” Ich schubste meinen Ellenbogen nach hinten. “Och duu!” schimpfte ich wieder. Drehte mich dann um und sah ihn an. “Damit gehen die Gefühlskrüppel wohl ein neues Kapitel an, hm?” Caleb nahm den Kopf schief, zog die Schultern hoch. “Sieht ganz so aus.” Erst wollte ich ansetzen, das ich mir das vor einem Jahr nicht hätte denken können...Wir hatten es nicht angesprochen...aber im Grunde machten wir damit vor der ganzen Ranch Publik das wir ein Paar waren...bzw. Caleb tat dies. Schließlich hatte er das ganze hier eingefädelt. Ich lächelte, umarmte ihn einfach nur und platzierte meinen Kopf an seiner Brust. Allerdings nicht lang bis mich ein Gähnen unterbrach. “Ab ins Bett!” damit packte mich Caleb plötzlich, schwang mich wie einen nassen Sack über seine Schulter und ließ sich dann gemeinsam mit mir auf das Bett fallen. Ich streifte Hose, Socken ab. Befreite mich von meinem BH und zog mir mein Shirt wieder an. Caleb tat es mir gleich, nur blieb er nur in Shorts. Auf einen Knopfdruck fuhr die Jalousie herunter, schlagartig war es dunkel im Raum. Ich fand wie von selbst in seinen Arm, hörte sein gleichmäßiges Atmen. Die Bow River Ranch würde für alle ein neuer Anfang sein. Mit diesem Gedanken schlief ich ein.



      Anfang März


      Caleb

      So langsam kehrte etwas Ruhe ein- wirklich nur sehr langsam. Cayce hatte nach meiner Ankunft sehr viel zu besprechen gehabt. Und wie ich schnell feststellen musste, war noch wahnsinnig viel zu tun, bis wir die Ranch halbwegs fertig nennen konnten. Gerade war es neun Uhr morgens, wir saßen alle in der großen Küche des Haupthauses zusammen und frühstückten. Es hatten sich wirklich alle gut eingewöhnt. Sowohl die Zwei- als auch die Vierbeiner. Dass Ylvi und ich zusammen in diesem Haus und im selben Zimmer wohnten schien niemanden überrascht zu haben. Unser Outing hatte ich mir viel spannender vorgestellt gehabt, als es letzten Endes gewesen war. Betsy hatte heute frei, weshalb ich sie mit Sue zu den Rindern mitnehmen wollte. So zumindest der Plan. “Betsy hast du heute schon was vor?”, fragte ich, zuerst in Richtung Betsy, dann in Richtung ihres Vaters. “Ähm nein, wollte mit Sue ausreiten, sonst noch nichts.”, erwiderte sie. “Das passt doch, magst du mit mir zu den Rindern mitkommen? Sie stehen in Richtung Ferienranch, ist ein Stückchen bis dahin.”, erklärte ich und sah zu Dell, der nickte. Erst dann schaute ich wieder zu Betsy und lächelte sie freundlich an. “Nur wenn Ylvi auch mitkommt.”, sagte sie und schaute mich grinsend an. “Soso.. Ylvi?”, fragte ich in Richtung der jungen Frau gewandt. “Klar, warum nicht.”

      Gesagt, getan. In Windeseile waren Sue, Devil und Inyan geputzt und gesattelt. In den Satteltaschen, die wir allen drei Pferden übergeworfen hatten, war ein wenig Werkzeug für eventuell kaputte Zäune und Thermoskannen mit warmem Kaffee und Kakao für Betsy. “Dann kanns ja losgehen.”, sagte ich und trieb Wimpy an. Mit ihr ritt ich vor, in der Mitte folgte Betsy und das Schlusslicht bildete Ylvi mit Inyan. Im gemütlichen Schritt wateten die Pferde durch den Schnee. Nach einer Weile sah ich die Bäume am Fluss und auch vereinzelte Rinder, die im Schnee nach etwas zu fressen suchten. “Ich muss wohl nachher nochmal neues Heu her fahren.”, sagte ich zu mir selbst und schrieb es auf meine To-Do Liste. Ich musste wirklich so langsam mal anfangen, die Dinge aufzuschreiben. So viel konnte sich ja kein Mensch merken!

      “Und, sind sie nicht hübsch?”, fragte ich Betsy, die mittlerweile neben mir ritt. Auch Ylvi hatte zu uns aufgeschlossen, als ich die Zügel annahm und wir drei stehen blieben. “Die haben ja auch alle weiße Gesichter!”, sagte sie aufgeregt und schaute zu Devil, die ebenfalls ein weißes Gesicht und blaue Augen hatte. “Haben die auch blaue Augen? Oh sag… die müssen blaue Augen haben!”, quasselte sie vor sich hin doch ich schüttelte den Kopf. “Nein, keine blauen Augen.” “Oooooh…”, kam es enttäuschend von ihr, ehe sie den Blick abwandte und ihn über die Herde gleiten ließ. “Kommt, wir reiten zum Zaun und schauen, ob alles in Ordnung ist.”, sagte ich und die beiden nickten, ehe wir uns wieder in Bewegung setzten. Den ganzen Vormittag verbrachten wir hier draußen. Als wir wieder auf der Ranch ankamen, waren wir wahrhafte Eiszapfen. Jesse, Connor und Murphy wurden von mir dazu verdonnert, sich um die Pferde zu kümmern, damit wir reingehen und uns aufwärmen konnten. Wir saßen eine Weile gemütlich vor dem Kamin und schlürften warmen Kakao. Plötzlich sprang ich auf, hastete zum Küchentisch, nahm mir einen Block und einen Stift und fing an zu kritzeln. “Was schreibst du da?”, fragte mich Betsy doch statt einer Antwort bekam sie nur “Schhh.. schh..” zu hören. Auch Ylvi hatte sich zu mir rüber gebeugt und schaute auf den Block. Oben drauf stand in großen Buchstaben: To Do, gefolgt von Spiegelstrichen mit Dingen, die ich erledigen musste. Als erstes stand dort: Rinder Heu. Fett unterstrichen.


      Ylvi

      Ich las die Punkte der Liste durch. “Wie wärs, du die Rinder...und ich kümmer mich um Punkt vier?” Die Stuten umweiden?” Ich hing halb über seiner Schulter, sah wie er die Hand hob und unleserlich daneben krackelte: Ylvi.

      Gut damit schien die Aufgabe wohl verteilt zu sein. “Oooh darf ich helfen?!” sah mich Betsy bittend an. Ich plusterte die Backen auf. Klar, Hilfe wäre nicht schlecht. Allerdings hatte ich dabei eher an jemanden wie O gedacht...oder Cayce. “Meinetwegen kannst du mit kommen.” sagte ich schließlich mit den Achseln zuckend. Wieder angepellt vor der Tür liefen wir jedoch Louis in die Arme. “Louis!” rief ich aufgeregt, lief dem Indianer entgegen und umarmte ihn stürmisch. Erst dann nahm ich Lilly wahr. Neben ihr stand ein wütend drein blickendes Kind, das mir allerdings schon fast bis unters Kinn ging. Seine Haare waren anders als die von Louis kurz, standen in alle möglichen Richtungen ab. Unverkennbar schien das Tschetan zu sein. Ich winkte ihm zu, erhielt jedoch keine Antwort. Halb hinter Lilly stand ein Mädchen, ihre Haare befanden sich in zwei geflochtenen Zöpfen. Mit einer Hand klammerte sie sich einen Stoffhasen vor die Brust die andere hielt sich an Lillys Hand fest. Scheu sah sie hinter dem Rücken der jungen Frau hervor. Ich umarmte also Lilly weitaus weniger stürmisch. Sah dann zu dem Mädchen. “Hey..ich bin Ylvi. Louis hat dir vielleicht schon von mir erzählt?” Schweigen. Ich deutete auf Betsy neben mir. “Schau...das ist Betsy. Sie müsste in deinem Alter sein.” wieder keine Antwort, nur diese unglaublich traurigen Augen die mich anstarrten...dann hinüber zu Betsy. “Sie spricht nicht”, seufzte Lilly leise. “Wieso spricht sie nicht?” plapperte Betsy. Rein aus Reflex schubste ich ihr an die Schulter. “Aber sie hat Ohren die hören. Sprich nicht als wär sie nicht da!” tadelte ich das Mädchen. Gosh, ich war nicht ihre Mutter! Augenblicklich tat mir mein Verhalten leid. Betsy sah auf den Boden. Ich drehte mich halb zu Louis. “Caleb ist drinnen. Er wollte zwar noch Heu fahren, aber ich denke ihr habt noch viel zu besprechen. Lilly , wenn du möchtest kannst du die Kinder rein bringen?” “Ach...die beiden wissen sich meistens ganz gut zu beschäftigen. Kann ich dir helfen?” Das Angebot kam mir fast wie gelegen. “Das kannst du tatsächlich!Betsy und ich wollten gerade die Pferde holen um die Stuten umzuweiden. Wir könnten dich auf Ravn packen. Eine Hand mehr ist sicher nicht schlecht.”

      Tschetan schien an sich zwar ein wenig seltsam wütend auf alle, doch er nahm seine kleine Schwester pflichtbewusst unter seine Hand. Ich bot ihm an auch ins Haus hinein zu gehen falls ihnen Kalt wurde.

      Im Stall kam mir Cayce entgegen. “ Cayce! Warte mal eben. Die neue Verstärkung ist da, Louis ist gerade bei Caleb. Was hattest du gerade vor?” “Futter ist fertig...ich wollte Heu zur neuen Stutenweide bringen.” “Prima, wenn du eh im Traktor hockst, bringst du auch was bei den Rindern vorbei? Hatte Caleb vor, aber ich weiß nicht wie lange er dafür braucht.” Cayce fasste sich an den Hut, nickte “Aye Chefin.” drehte bei und ging. Dabei hatte er nicht spöttisch geklungen. Chefin? Perplex sah ich ihm nach. Schüttelte dann den Kopf. Lilly und ich halfen Betsy beim Sattel von Sue, denn so ganz allein hievte sie den Sattel noch nicht auf den Rücken der Stute. Für alles andere behalf sie sich mit einer kleinen Trittleiter.


      Caleb

      Ich hatte Ylvi und Betsy leise bis zur Tür gehen hören, dann jedoch mischten sich vertraute Stimmen unter die Ihren. Louis war wohl da. Auf die beiden Kinder war ich ja wirklich sehr gespannt. So würde etwas mehr Leben auf den Hof kommen- und mehr Arbeit natürlich, bei drei Kindern- und Lilly.

      Das seltsame Gespann bestehend aus Louis, Tschetan und Kaya kam zu mir ins Wohnzimmer. Ich stand auf und fiel zuerst meinem alten Freund in die Arme. “Hallo Louis.”, sagte ich und klopfte ihm auf den Rücken. “Hallo ihr zwei, ich bin Caleb.”, stellte ich mich vor und blickte freundlich zu ihnen runter. “Ihr könnte gerne raus gehen und euch ein wenig umsehen. Kommt nur wieder rein, wenn es zu kalt wird.”, sagte Louis zu den Beiden, welche nickten und dann aus dem Raum verschwanden. Louis derweil setzte sich aufs Sofa, nahm sich ebenfalls eine Tasse Kakao. “Habt ihr den Flug gut überstanden?”, fragte ich ihn, und er nickte. “Die Kinder haben zum Glück fast die ganze Zeit geschlafen, Kaya ist noch ängstlicher, als sie es ohnehin schon ist.”, antwortete er und ich nickte. “Ist auch für sie eine große Umgewöhnung.”, meinte ich und legte meinen Notizblock zur Seite. “Eigentlich solltet ihr ja auf die kleine, alte Ferienranch ziehen. Zusammen mit Dell und Betsy. Nun ist es aber so, dass die Häuser noch nicht ganz fertig sind. Einer der Bungalows ist fertig, da sind zwar nur drei Schlafzimmer, aber eines mit Doppelbett. Da könntet ihr übergangsweise wohnen. Tschetan und Kaya zusammen? Dann müsste es passen.” “Klar, das ist kein Problem. Wo wohnen denn die anderen?” “Verteilt auf der Ranch. Octavia wohnt im Moment mit Travis hier, die anderen in den restlichen, halbfertigen Häusern. Hat alles doch ein bisschen länger gedauert.”, erklärte ich. “Wenigstens machen sie im Stall große Fortschritte, die 30 Außenboxen sind schon so gut wie fertig, sie mussten jetzt aufhören zu bauen wegen dem plötzlichen Schnee. Aber noch ein paar Dachplatten dann können wir Pferde dort hinein stellen.”, sagte ich zu ihm und er nickte.

      Gerade, als ich zu einem neuen Satz ansetzen wollte, kam Cayce ins Wohnzimmer. “Du könntest echt mal auf dein Handy schauen. Du musst jetzt die Arbeiten offiziell verteilen, nicht nur unter der Hand.”, grummelte er und umarmte Louis kurz. “Was ist denn?”, fragte ich ihn. “Ich habe dir geschrieben, dass Ylvi mich abgefangen hat und gefragt hat, ob ich auch Heu zu den Rindern bringen soll. Wollte ich jetzt machen, aber von dir wollte ich wissen ob ich ihnen auch Stroh mitnehmen soll, da wir dringend neues Heu bestellen müssen und die Kühe das Stroh besser vertragen als die Pferde.”, quatschte er drauf los. “Ja, ist gut. Ich schreibs mir auf mit dem Heu.”, antwortete ich ihm, bevor er wieder nach draußen ging. “Chef zu sein ist schon etwas anderes, als Chef zu spielen.”, lachte Louis, während ich auf meinem Block herum kritzelte. “Oh ja, wem sagst du das.”

      Wir redeten noch eine Weile über die Arbeit auf der Ranch, und dass er sich einfach zunächst einmal einbringen solle, wo immer er Arbeit sehen würde. Die persönlichen Aufgaben würden nach und nach dazu kommen. Da ich Wert darauf legte, jeden Morgen zusammen hier zu frühstücken, hatte ich die jeweiligen Listen mit den täglichen Aufgaben in den Flur gehangen. So sah sie morgens jeder und konnte seinen Namen hinter eine Aufgabe schreiben. “Ich werde dann mal sehen, wo die zwei Kinder abgeblieben sind.”, sagte Louis. “Wenn du sie hast komm nochmal her, ich zeige euch den Bungalow.”, bot ich ihm an doch er winkte ab. “Wir finden den schon.”, meinte er und verschwand dann auf dem Hof.

      Wieder zurück im Wohnzimmer schnappte ich mir den Hörer und rief bei einem Heulieferanten an, bei dem Verena auch immer Futter besorgt hatte. Wir hatten Glück und er konnte sogar heute noch liefern. Den Rest des Tages verbrachte ich zusammen mit Murphy und Travis damit, die kleinen, eckigen Heuballen vom Laster in die Scheune zu werfen und zu stapeln. Die großen Rundballen luden wir mit dem Traktor ab und stapelten sie in der Halle nebenan. Gegen Abend löste sich der Trubel auf dem Hof auf. Ich stand vor dem großen Fenster im Schlafzimmer und sah über den Hof. Hier war es wirklich wunderschön. Ich war gespannt, wie es hier aussehen würde, wenn alles zu blühen anfängt.



      Ylvi

      Nachdem wir uns damit vergnügt hatten die Stuten auf die andere Weide zu bringen, war es etwas schwierig gewesen Betsy los zu werden. Nicht, dass mir das Kind auf die Nerven ging...sie erledigte ihre Aufgabe zusammen mit Sue ja wirklich gut. Allerdings schien Lilly irgendwas auf der Seele zu brennen. In Gegenwart des Kindes schien sie keine Worte an mich richten zu wollen. So war die Arbeit schweigend verlaufen, abgesehen von den Berichten Betsys über den Umzug, die ersten Wochen und natürlich ihre neue Schule. Als wir Kaya allein über den Hof hatten schlendern sehen hatten Betsy die Gelegenheit genutzt um vielleicht Freundschaft zu schließen. Lilly hatte ihr erklärt das Kaya ein bisschen anders war, nicht sprach. Betsy hatte die Nachricht nickend aufgenommen und war anschließend davon gelaufen.

      “Louis wird es nicht einfach haben.” seufzte Lilly als sie Betsy hinterher sah. “Ich hab mich ja bisher nicht getraut zu fragen…” erwähnte ich ohne eine direkte Frage zu stellen. “Kaya war dabei als ihre Mutter sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Tschetan hat sie gefunden. Kaya hat seitdem kein Wort gesprochen. Die Ärzte sprechen von Mutismus. Irgendwann wird sie schon wieder anfangen...aber so ängstlich wie sie auch ist. Vielleicht tut es ihr ganz gut zusammen mit Betsy zur Schule zu gehen, oder die Ranch an sich. Aber ich mach mir schon Sorgen um Louis. Er hat so viel getan für mich...jetzt schickt er mich zur Uni und soll mit den Kindern allein bleiben?” “Calgary ist nicht weit fern...ruf mich an und ich hol dich ab. Außerdem geb ich dir das versprechen öfter mal nach ihm zu schauen,ja?” Ich hatte sie in den Arm genommen. Allerdings hatte ich auch keine Ahnung. Wie brachte man ein Kind dazu zu sprechen nach so einem Erlebnis? Vor allem aber auch in Anbetracht der Dinge die das Kind ja auch vorher bereits erlebt haben musste. Betsy schien Kaya die Ranch zu zeigen. Mehrere Male kamen sie an uns vorbei. “Betsy? Komm mal rüber.” rief ich, winkte sie heran. “Fylgia ist heute noch nicht bewegt worden. Wenn ihr wollt könnt ihr mit ihr eine kleine Runde um die Koppeln machen. Ich denke auch Kaya wird ihre Freude haben.” Damit hatte ich dann auch meine Ponystute an Bewegung für diesen Tag abgespeist. “Oh können wir mit Halsring raus?” Ich schüttelte den Kopf. “Auf dem Platz irgendwann anders...aber noch kennt sie ja nicht viel von der Umgebung. Nimm bitte das Sidepull.” Damit verschwanden beide Kinder, Betsy nahm Kaya vertrauensvoll an der Hand. Als sie uns später begegneten, sahen wir eine lächelnde Kaya auf dem Rücken meiner Ponystute, Betsy führte sie am Zügel. Kaya drückte noch immer mit einer Hand den Stoffhasen an ihre Brust. Lilly schluckte schwer, lächelte dann aber seelig. “Andere Kinder werden ihr gut tun. So quirlig wie Betsy ist.” “Vor allem haben sie auch eines gemeinsam. Auch Betsy hat vor einiger Zeit ihre Mutter verloren...sie kennt den Schmerz der damit einher geht.” sprach ich traurig. Lilly antwortete nichts darauf. Wir halfen noch dabei die Rundballen zu verstauen. Anschließend verzog ich mich für einige Stunden in mein Büro im Haupthaus. Caleb hatte es mir einrichten lassen...es war klein, aber die Aussicht in Richtung der Berge war toll. Die neue Website für die Bow River Ranch war an der Reihe. Ich hätte natürlich die alte einfach wiederverwenden können. Aber mir war nach etwas neuem gewesen.

      Es war bereits 21 Uhr als ich mich von der Arbeit lösen konnte, draußen strahlte mir der abnehmende Mond entgegen. Wie üblich wenn Schnee lag erschien der Nachthimmel in einem dunklen Rot. Ich schaltete den PC aus, schnappte mir mein Handy und schlenderte durch den Flur die Treppe hinauf in das Zimmer das ich mir mit Caleb teilte. Es fühlte sich mittlerweile ganz normal an. Für Aufregung hatte das Outing nicht wirklich gesorgt….ganz so als wäre es den anderen bereits klar gewesen. Ich blieb im Flur noch einmal stehen...schaute aus dem Fenster auf den Hof. Von hier aus konnte ich Licht im Bungalow sehen in dem Dell, Betsy und nun auch Louis und seine Familie untergebracht waren. Bisher hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet...aber mein Versprechen auf Louis acht zu geben...auf die beiden Kinder. Es jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich konnte es nicht zuordnen, wandte meinen Blick ab und ging hinauf. Als ich die Tür hinter mir schloss sah ich Caleb am Fenster stehen, das Feuer loderte im Kamin. Kurz war ich versucht “Ich bin zu Hause Liebling” spöttisch zu sagen, dann lächelte ich ihm einfach nur zu. Caleb löste sich vom Fensterbrett, zog mich an der Hüfte zu sich und küsste mich. “mhm..das wollt ich den ganzen Nachmittag tun.” murmelte er. Welch seltsame Worte von ihm...und da war er wieder, der Schauer an meinem Rücken.
    • Ravenna
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      Wasserspiele | Ravenna | 26491 Zeichen
      “Ich denke Caleb ist beruhigter das du dich für Fylgia entschieden hast als für deine anderen Chaoten.” “Hey, bei unserem Ritt bin ich doch auch Ravn geritten!” empörte ich mich über die Worte von Louis. Der grinste wie immer nur breit, klopfte mir auf den Oberschenkel.
      Damit wandte ich mich von ihm ab, lehnte mich leicht nach vorn was Fylgia verursachte im Schritt den Platz zu betreten. Es war noch recht kühl für wasserspiele, daher hatte ich beschlossen nicht allzu viel Wasser verkippen zu wollen. In wie weit der Plan aufging würde sich direkt zeigen. Ein Helfer drückte mir einen Alubecher mit Wasser in die Hand. Die Aufgabe war klar, zwischen allen Pylonen etwa knapp 10 Meter. Einhändig Ritt ich also locker bis zur zweiten. Anschließend nahm ich die zweite Hand auf den Becher, rahmte Fylgia mit meinen Beinen ein, gab ein Klicken von mir und die Stute wechselte in ihren gemütlichen Jog. Hierbei machte sich unser Halsringreiten doch mehr als bezahlt. Die Hand fest auf den Rand des Bechers gepresst, gab ich Fylgia an Pylone drei Küsschen und meine Stute galoppierte locker an. Angehalten, Wasser aus dem Becher in den Messbehälter kippen. Na das war doch gut gelaufen.
      Mit dem Becher in der Hand ritt ich zur kleinen Leiter. Fylgia ließ sich zunächst ein wenig bitten. Ich starrte auf den Becher, den Eimer und die Leiter am anderen Ende. “Aufgabe ist also den Eimer da hinten auf Zeit zu füllen?” der Helfer nickte, hob die Stoppuhr als Zeichen das er gleich die Zeit nehmen würde. Ich grinste breit, ritt wieder an den Eimer, warf den Alubecher ins Wasser, griff mir den Henkel. Fylgia ließ ich antraben bis zum Ende des Platzes und kippte den Inhalt meines Eimers bis zur Markierung. Dabei hatte ich zwar einiges an Wasser auf die Hose bekommen, aber die Markierung zumindest erreicht. Also ich fand meine Auslegung der Aufgabe prima.

      Als drittes erwartete uns das Apfelfischen. Ich nahm Fylgia des Bosal vom Kopf, sie schüttelte sich ausgiebig. Vor uns zwei Bottiche in denen jeweils etwas einsam ein Apfel schwamm. Fylgia schnaufte, ich musste ihr den Apfel erst zeigen. Allzu Wasser liebend war sie nicht, aber hier siegte deutlich ihre Verfressenheit. Behände fischte sie den Apfel, auch ich stupste ihn mit der Nase zum Rand des Bottichs, fixierte ihn und biss hinein. Anschließend durften wir den Platz wieder verlassen, während die Helfer wieder umbauten und das Wasser im Messbecher kontrollierten um mir meine finale Zeit zu berechnen. Fylgia folgte mir ohne Hilfsmittel auf dem Fuß sabberte dabei noch genüsslich den Apfel. Ich hingegen kaute angewidert auf meinem herum. Mehlig. Louis kam mir entgegen, erinnerte mich daran mein Pony vielleicht mal an den Zügel zu nehmen. Ich hingegen streckte ihm den Apfel hin “Hunger?” der schwarzhaarige nahm ich Schulterzuckend entgegen, biss hinein. “Und? Wie hast du abgeschnitten?” ich zuckte mit den Schultern. “Das werd ich später erfahren.”

      _____

      Apfel kauend ging Louis vor mir her, an seine Seite klammerte sich Kaya. Ich seufzte, mir tat das Mädchen irgendwie Leid, sie schien sich nicht wohl zu fühlen in ihrer Haut. All die Menschen schienen ihr nicht geheuer, dabei war das Turnier gar nicht so sehr besucht. “Kaya?” das Mädchen sah zu mir auf, ich nickte auf Fylgia. “Willst du aufsteigen?” ihr Gesicht erhellte sich, ein scheues Nicken des Mädchens. Behände half ich ihr in Fylgias Sattel, Kaya griff behände in die Stehmähne meiner Stute. Louis hatte angehalten, wartete bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte und gemeinsam suchten wir den Weg in Richtung des Trailers. “Danke” sprach er außer der Hörweite des Mädchens, zwinkerte mit den Augen und lief voran. Ihm fiel es nicht leicht mit Kaya umzugehen. Tschetan hatte sich schnell an das Leben auf der Ranch gewöhnt. Neben der Schule in Calgary half er so oft es ihm möglich war mit den Pferden. Er sprach wenig, hatte stets ein Auge auf seine jüngere Schwester. Allerdings war er ein guter Reiter. Für die Arbeit hatte ich ihm Inyan zur Verfügung gestellt. Mit nunmehr 5 Pferden war ich schließlich gut ausgestattet. Sogar Ravn wurde nun immer öfter zur Rancharbeit eingesetzt. Caleb hatte daran nicht wirklich geglaubt, anders Louis der sich den gewitzten Wallach oft aus der Herde nahm. Anfangs hatte mich das verwundert….wir waren schließlich eine Ranch, mit Quarter Horses bereit für die Arbeit an Rindern und Co mangelte es nun wahrlich nicht. Louis schien allerdings gefallen an dem mutigen Wallach zu haben. Eine Herausforderung stellte er zumindest dar - das war auch was Louis nach vorn trieb.

      “Jetzt musst du mir aber noch erklären wieso du eigentlich mich hierher geschleift hast.” sprach Louis als wir dabei waren Fylgia wieder abzusatteln. Ich sah ihn über den Rücken der Stute verwirrt an, zuckte die Schultern. Zunächst hatte ich Caleb fragen wollen, allerdings war er gut eingespannt in die Geschäfte rund um die Ranch. “Damit du endlich mal wieder raus kommst. Dachte das sei offensichtlich.” Louis legte nur den Kopf schief. “Na..in letzter Zeit hast du entweder Arbeit im Kopf..oder eben die beiden Kinder.” “Ich bin Lakota...wir lieben Kinder.” brüskierte sich Louis direkt. Ich verdrehte die Augen. “Das ist ja auch per se nicht schlecht...aber andere Menschen treffen auch nicht.” ich zwinkerte, zog an dem Sattel und verstaute ihn im Trailer.

      Zwei Stunden später befanden sich beide Kids wieder auf der Rückbank, Kaya spielte mit der Schleife die Fylgia bekommen hatte. Zweiter Platz war es geworden. Im Rückspiegel hatte ich beide gut im Blick. “Wer hat alles Hunger?” kam es von Louis während wir Richtung Calgary unterwegs waren. Ich dagegen sah ihn entgeistert von der Seite an. “Wir können doch auf der Ranch essen.” währenddessen verstummte der Jubel aus dem hinteren Bereich des Wagens von Tschetan. “Der Junge steckt in der Pubertät, der braucht das.” “Wir haben ein Pferd auf dem Hänger!” Das wurde übergangen...stattdessen sah ich uns im nächstbesten Moment auf den Parkplatz von McDonalds fahren. Wir nahmen deutlich mehr als 5 Parkplätze ein. Ich starrte Louis entgeistert an. Da beugte sich Tschetan von hinten vor, grinte…”Das ist Amerika” klopfte mir auf die Schulter und sprang aus dem Wagen. In Gedanken an meinen armen Gaul hinten im Trailer folgte ich der Meute hinein. Der Geruch nach Pferd wechselte zu dem von alten Fritten. Tolle Kombination! Das drehte mir fast augenblicklich den Magen um. Ich bestellte mir also nur Salat. Während sich Tschetan vor mir tatsächlich 6 Cheeseburger einverleibte. Kaya glücklich an Pommes nagte. Louis hatte ungefähr die selbe Menge an Cheeseburgern die sein Neffe verdrückte vor sich liegen, hielt mir einen hin. “Keinen?” Vehement schüttelte ich den Kopf. Spähte eher an ihm vorbei auf den Parkplatz - na immerhin gab es auch hier gläserne Sitzecken. Im Trailer schien sich nix zu bewegen. An diverse seltsame Anblicke hatte ich mich ja durchaus schon gewöhnt. Was teilweise auf den Straßen fuhr, hätte jedem TÜV Prüfer den Boden fort gezogen. Da wurden Autotüren schonmal mit Holz ersetzt. Oder ein Pick-Up derart mit Heu beladen das der Fahrer eigentlich gar nicht vorhanden war. Heckscheiben mit Klarsichtfolie ersetzt...und das Alter mancher Wagen war auch jenseits von Gut und Böse. Dabei blitzte der rote, halb rostige Pick-Up von Caleb in meinen Gedanken auf. Auf deutschen Straßen wäre der längst nicht mehr zulässig. Mit angeregter Unterhaltung vergass ich zumindest bald wo wir hockten, das mein Pferd da allein im Hänger stand. Tschetan hielt sich aus dem meisten raus, wie immer. Zurück im Wagen schob Louis auf bitten von Tschetan die CD von Frank Waln ins Radiofach. Somit verbrachten sie die letzte Dreiviertelstunde mit den Rapp-Gesängen des Native Rapers. Während ich anfangs noch versuchte den Texten zu lauschen, überkam mich schnell die Müdigkeit.


      “Schlafmütze...wach werden.” weckte mich Louis Stimme.Mein Nacken tat weh, der Mund war trocken. Außerdem war es Dunkel. Wie lange hatte ich geschlafen? Zerknirscht starrte ich ihn an. “Wir sind vor einer Stunde angekommen. Ich dachte zu wirst wach...aber bist du nicht. Fylgia ist versorgt, alles verstaut und der Trailer auch wieder ab.” Eine Erwiderung sparte ich mir, seufzte nur, rieb mir die Augen. “Danke.” murmelte ich. Louis hielt die Tür des Wagens fest, ich kroch vom Beifahrerplatz. Noch war die Hütte oben am Hügel nicht fertig, daher wohnten Louis und die Kinder immernoch in einer der Ferienwohnungen. Im Haupthaus war im Arbeitszimmer Licht zu sehen. Also schien Caleb noch mit Rechnungen beschäftigt. “Dann sehen wir uns morgen.” verabschiedete sich Louis. Da ging plötzlich die Tür zur Veranda auf, Kaya kam im Morgenmantel die Treppe hinunter. In der Hand hielt sie ein Buch, streckte es mir entgegen. Bei einem meiner Besuche hatte das Mädchen einen Albtraum gehabt..Caleb war mit hier gewesen. Louis war es nicht gelungen die Kleine zu beruhigen. Da hatte ich eines der Bücher aus der Bibliothek geholt, mich zu ihr ins Bett gesetzt und ihr eine Stunde vorgelesen bevor Kaya endlich zur Ruhe kam. Die Nacht war ruhig verlaufen. Von Zeit zu Zeit jedoch kam sie, genau wie jetzt, mit einem Buch auf dem Arm zu mir um vor dem Zubettgehen eine Geschichte zu hören. In mir kämpfte es, denn eigentlich wollte ich einfach nur ins Bett. Ich wusste auch gar nicht wann in in den vergangenen anderthalb Monaten so mütterlich geworden war. Aufgrund ihrer Geschichte jedoch fiel es mir schwer Kaya einen Wunsch zu verweigern. Also lächelte ich, nahm das Buch. “Aber erst wenn du dir die Zähne geputzt hast!” forderte ich sie auf. Begeistert nickte sie, verschwand dann wieder ins Haus. “Du musst das nicht machen.” “Kannst du ihr Wünsche abschlagen?” “Schwer.” gab Louis grinsend zu. “Dieses Leuchten in den Augen das sie dann immer bekommt. Ich hoffe einfach das es Teil von ihr wird. Irgendwann fängt sie dann schon allein an zu sprechen.” flüsterte er. Ich sah auf das rote Cover des Buches “Gift Horse” stand darauf. Ich hatte es in einem Antiquariat gefunden. Ich hatte bereits etliche Male daraus vorgelesen.

      Mit einer Decke bewaffnet setzte ich mich an das Bett zu dem Mädchen. Gerade als ich zu lesen beginnen wollte klopfte es an der Tür. Tschetan steckte den Kopf durch die Tür. Seine Finger griffen nervös nach dem Rand der Tür. Er sprach nicht aus was er wollte, seine Augen lagen nur auf dem Buch. Ich hob es an. “Möchtest du zuhören?” Tschetan nickte, fast scheu gesellte er sich in das Bett dazu. Kaya hob den Kopf, tat so als würde sie Zähne putzen und zeigte zerknautscht auf ihren Bruder, anschließend verschränkte sie die Augen. Ich musste Lachen, sah den Jungen an. “Hast du?” Tschetan regte seinen Rücken, nickte. “Dann riecht dein Atem also nach Minze?” Tschetan antwortete nicht, flitze aus dem Zimmer und ich hörte wie sich quietschend die Tür zum Bad öffnete.

      Erst dann kam der Junge zurück, verzog sich unter die Decke seines Bettes. Ich musste innerlich wehmütig Lächeln. Bisher hatte er sich nicht dazu getraut..es schien als würde ich langsam sein Vertrauen bekommen. Hatte ihre Mutter ihnen überhaupt je vorgelesen? Oder hatte sie ebenfalls zu den etlichen Analphabeten gehört? Ich schob diese Gedanken fürs erste beiseite. Laß den ersten Absatz, besah mir die schönen Zeichnungen ehe ich mit der zweiten Seite fort fuhr.


      “This, my son, is the horse for a boy who is becoming a man . . . and a
      Lakota Warrior,” he said. As the young horse came forward, she nickered
      and stamped her hooves. She tossed back her head and perked up her ears.
      She was the blue-gray color of a thunderstorm, and her back was a blur of
      white spots, like hailstones raining down.“


      Kaya gähnte leise. “Es ist gut das wir jetzt hier sind.” flüsterte Tschetan “Wir sind Lakota...wir sind Horsemen. Genau wie Flying Cloud. Anders als damals...aber hier reiten wir, gehen zur Schule.” ich setze mich auf seine Bettkante, das Gesicht des Jungen war Ernst. Kaya sah müde zu ihrem Bruder. “Wie Flying Cloud könnt ihr den Pferden vertrauen. Jedes einzelne dort draußen kann eure Geheimnisse bewahren. Ich selbst vertraue sie ihnen von Zeit zu Zeit an. Niemals werden sie diese weitergeben..” Erst als ich das Licht löschte fiel mir der Spalt von Licht aus dem Flur auf. In der Tür lehnte Louis. Ich ignorierte ihn fürs erste. Zog Kaya die Decke bis zum Kinn, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Müde kuschelte sie sich in die Kissen. Aus der Dunkelheit sah mich Tschetan verschlafen an, dann lächelte er “Philámayaye” Danke, flüsterte er. Für die Kinder war das ein aufregendes Wochenende gewesen. Mit den Händen wedelnd scheuchte ich Louis aus dem Weg, schloss hinter mir leise die Tür. Zumindest quietschte sie nicht wie die des Bads. Wir sprachen nicht als wie den Flur hinab gingen. Auf dem Flur befand sich auch das Zimmer in dem Betsy schlief, wie es schien auch schon ihr Vater. Er war nämlich nirgends zu sehen.

      In der Küche angekommen nahm ich mir nach dem Vorlesen erst einmal ein Glas Wasser. “Die beiden haben langsam wirklich einen Narren an dir gefressen.” “Ich hoffe nicht zu sehr.” seufzte ich, stellte das Glas ab und ging hinüber zum Herd, spähte in die Dunkelheit des kleinen Fensters, durch welches ich nur sehen konnte, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte. “Wieso?” stellte Louis seine verdutzte Frage. “Sie sollten dir vertrauen...nicht mir…” ich stellte mich wieder auf die Hacken. “...ich bin nicht ihre Mutter...oder mit ihnen Verwand. Das wäre falsch.” Plötzlich spürte ich Louis hinter mir, mein Griff an das Armaturenbrett des Herds wurde fester. “Du wärst ihnen eine gute Mutter.” seufzte Louis gefährlich nah an meinem Ohr. “Louis..” hauchte ich. Sonst versetzte mich nur Caleb in solche Gefühlslagen! Ich drehte mich um, sah in sein zerknauscht, gequältes Gesicht. Doch seine Augen brannten sich in meine. Der Kuss der folgte war federnd, sanft und bittend. Louis drängte sich nicht an mich, hielt mich nur an der Hüfte. “Nicht.” Wieso kostete es mich so viel den Kopf abzuwenden? Ich unterbrach nur den Kuss, seine Hand lag an meinem Hals. Unsere Lippen berührten sich nicht, aber seine Stirn lag an der meinen “Thečhíȟila” flüsterte er...es war Lakota, trotzdem ahnte ich seine Bedeutung. Mir rann eine Wange unter den geschlossenen Lidern hervor. “Ich sollte gehen.” “Bleib” bat mich Louis. Meine Hände schoben sich auf seine Brust, schoben ihn von mir fort. “Wieso...wieso jetzt?” hauchte ich schockiert...vor allem von dem Sturm der in mir tobte. “Jetzt wo sich Caleb dazu bewegt hat eine Beziehung einzugehen.” schluchzte ich halb. “Ich wollte dich schon bei unserem Ausflug in die Berge küssen..aber dann...und danach? Caleb war so besorgt. Ich konnte es nicht.” “Und jetzt? Meinst du jetzt ist es weniger schlimm?” “Ich bin auch nur ein Mann.” “Das ist eine schlechte Entschuldigung...du weißt das ich ihm das nicht verheimliche? Er wird dich hassen.” “Das hab ich womöglich verdient.” Mir blieb der Kloß im Hals stecken, weitere Worte...ich musste die Luft anhalten um nicht noch mehr zu weinen. Ich flüchtete aus dem Haus.

      Da ich so wie ich war nicht ins Haupthaus wollte flüchtete ich über den Hof in den Offenstall meiner Ponys. In der Dunkelheit erkannte ich zunächst nicht um welches meiner Fleckentiere ich meine Arme warf. Aber die wuschelige Mähne verriet mir das es Inyan war. Ausgerechtet er huschte es in meine Gedanken, dann schluchzte ich laut auf...schnappte nach Luft, weil ich in den vergangenen Minuten nicht vernünftig geatmet hatte. Ich war vollkommen verwirrt. Ich mochte Louis, die Art wie wir miteinander umgingen...die Art wie er mich fühlen ließ. Ich liebte Caleb, akzeptierte ihn mit all seinen Facetten. Der Kuss hatte daran nichts geändert. Er hatte mir jedoch auch eine andere Möglichkeit offenbart. Eine Möglichkeit die ich zuvor von mir gedrängt hatte, vehement sogar. Jetzt war sie in meinen Gedanken. Sogar noch mehr, ich spürte Louis Lippen noch auf den meinen. “Und ich fand es toll.” wisperte ich in das Fell an Inyans Hals. Wieder eines jener Geheimnisse die nur meine Pferde kannten. Gweny schob sich an Inyans Seite, über seinen Hals schnubberte sie in meinem Gesicht, dann spürte ich ihre warme Zunge im Gesicht. Ich schob sie sanft beiseite, kraulte ihre Nüster unter dem Kinn - eine ihrer Lieblingsstellen. Wäre es nicht mitten in der Nacht gewesen, dann hätte ich jetzt wohl einen Ausritt unternommen. So beruhigte ich mich langsam zwischen den Pferdeleibern, wischte die Tränen fort. Atmete tief durch.
      Ich war noch nicht in der Fassung ins Haus zu gehen, allerdings war mir mittlerweile einfach arschkalt. Das Zimmer das ich mir mit Caleb teilte war nun beleuchtet. Mein erster Weg führte mich unter die Dusche...das brachte mich zumindest wieder auf normal Temperatur. Meine vollkommen geröteten Augen konnte ich so vielleicht mit “Seife in die Augen gekriegt” erklären. Allerdings stand mir auch noch bevor Caleb von dem Kuss zu berichten. Keine Lügen. Das war unsere Vereinbarung gewesen...von Anfang an. Dazu gehörte für mich auch das Verschweigen von Dingen.

      Das Handtuch als Turban, ein Handtuch um mich geschlungen wappnete ich mich dafür Caleb zu begegnen. “Da bist du ja.” waren die Worte die mir entgegen kamen als ich in den Raum kam. “Ich hatte euch schon vor geraumer Zeit ankommen sehen. Wie ist es gelaufen?” nur Neugier schwang in seiner Stimme mit. “Zweiter Platz, ich war ganz zufrieden mit Fylgia. Das wir nicht Publikumsliebling werden hab ich mir fast gedacht. Ich glaub für die nächste Zeit nehm ich Fylgia aus den ganzen Turnieren raus. So richtig fühlt sich das nicht an.” Während ich sprach entledigte ich mich des Handtuches und zog mir mein Schlafzeugs an. Das feuchte Handtuch hängte ich anschließend über einen der Stühle im Raum. “Mir war so als hätte ich euch schon vor zwei Stunden gesehen?” ich bejate Calebs Frage. Schlüpfte dann zu ihm unter die Decke. “Ich bin auf der Fahrt eingeschlafen..Louis hat mich erst geweckt als alles verstaut war. Als ich ins Haus wollte kam Kaya. Den Wunsch ihr aus einem Buch vorzulesen hab ich ihr nicht abschlagen können.” Caleb legte den Arm um mich, mein Kopf kam auf seinem Bauch zum liegen. Meine Atmung verschnellerte sich wieder, reflexartig gnibbelten meine Fingernägel an der Haut um meine Nägel. Wie fing ich am besten an? “Und?” “Wie...und?” seine Hand drehte meinen Kopf , so schaute ich ihn von unten her an. “Du führst dich mal wieder auf wie ein verschrecktes Reh. Ich kenn dich langsam gut genug.” Ertappt...für Caleb war ich ein offenes Buch. Es brauchte für ihn nicht viel um mich zu lesen. Dabei hatte ich stets gedacht ein Meister darin zu sein meine Gefühle zu verbergen. Illusionen, alles Illusionen. Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Hör auf Karpfen zu spielen! “Ja, Bitte?” Wir sahen uns in die Augen. Dann hörte ich meine Stimme wie aus der Blechbox. “Louis...er, nein, wir...haben uns geküsst.” Es folgte eine körperliche Reaktion, sein Bauch spannte sich an. Ich konnte sehen wie sein Kiefer zu mahlen anfing, hörte das leise Knirschen seiner Kiefer. Die Hand die meinen Kopf zuvor gedreht hatte, lag noch immer in meinem Schlüsselbein, halb um meinen Nacken gelegt. Sie zuckte, als wolle sie sich zur Faust ballen. Das alles passierte im Bruchteil weniger Millisekunden. Wir sahen uns noch immer an. Ich spürte wie mir wieder eine Träne entwich. Ich hatte erwartet er würde Augenblicklich aufspringen, hinüber zu Louis laufen und ihm eine runterhauen. Er hielt allerdings Überraschungen für mich in Petto. Er lachte plötzlich trocken auf, seine Stimme heiser. “Der hat Eier.” Gefolgt von einem tiefen Einatmen. “Ändert das etwas?” er machte dabei eine fahrige Bewegung in den Raum. Schien damit nichts bestimmtes zu meinen und doch sehr viel. Ich richtete mich auf, sah ihm nun vernünftig ins Gesicht. Keine Lügen. Erinnerte ich mich selbst. “Es hat mir eine Möglichkeit offenbart. Die Art wie ich für dich fühle bringt das nicht ins wanken.”

      Dann spürte ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Lippen eines anderen Menschen auf den Lippen. Das hier hatte nichts von sanft...Caleb drängte sich mir mit sanfter Gewalt auf. In wenigen Augenblicken saß er mit den Knien rechts und links von meiner Hüfte auf mir. Beugte sich über mich. Ich spürte förmlich wie meine Lippen wund wurden. Calebs Stimme, leise an meinen Ohren. “Du gehörst zu mir..ich teile äußerst ungern.”

      Danach geschah nichts als das er von mir abließ, die Decke über uns legte und anschließend meine Hüfte umschlang. “Vergiss nicht das er dein Freund ist.” flüsterte ich. Ich fürchtete ein wenig um Louis, wenn auch der Lakota deutlich größer und breiter als Caleb war. “Mehr als das.” flüsterte Caleb. Damit schwiegen wir. Welche Gedanken ihn auch immer noch beschäftigten, er teilte sie nicht mit mir. Ich wusste auch nicht ob ich genauer nachfragen wollte. Es dauerte lang bevor ich ein Gleichmäßiges Atmen von Caleb vernahm. Jetzt zeigte sich die Zeit die ich im Auto geschlafen hatte. Es dauerte noch länger bis auch ich in einen traumlosen Schlaf glitt.


      Ich erwachte allein in dem großen Bett, Calebs Seite war kalt. Die Sonne kroch eben erst über den Horizont. Das Seufzen kam mir nicht über die Lippen, es blieb an dem Klumpen in meinem Hals hängen. Ausgerechnet heute würde ich mit den beiden Rinder treiben. Wir wollten sie hinauf bringen. Zu den Weiden an der Blockhütte die demnächst bezogen werden sollte von Louis und den Kindern. Es würde kein langer Ritt werden und für 30 Rinder war es auch keine schwere Arbeit. Wir hatten vor drei Tagen darüber gesprochen sie dort hoch zu bringen bevor die ersten Kälber geboren wurden. Dort oben gab es frisches Gras. Caleb war erst gar nicht begeistert gewesen mich dabei zu haben. Aber wie sollte ich das lernen, wenn ich an kurzer Leine gehalten wurde?

      Auch unten in der Küche traf ich ihn nicht an. Nur das lauwarme Wasser im Wasserkocher gab mir eine ungefähre Auskunft darüber wie lang er bereits außer Haus war.

      Dem entsprechend nervös machte ich mich, nach einem kurzen Frühstück, auf in den Stall. Dort erwarteten mich bereits geputzte Pferde. Außerdem war auch Louis bereits mit von der Partie, auf Iyan lag bereits ein Sattel. Caleb kam aus der Sattelkammer, ein Lächeln zierte sein Gesicht als er mich sah. “Morgen.” ich spürte seinen gehauchten Kuss auf meine Wange. “Du nimmst für den Ritt heute Gipsy.” ich deutete mit dem Daumen auf Inyan. “Wieso nicht ihn?” “Der ist für mich” kam es von Louis. Ich verzog mein Gesicht. Ich wollte schon gern mein eigenes Pferd reiten. Da ich aber auch nicht diskutieren wollte. Tja, ergab ich mich in mein Schicksal.

      Eine gute halbe Stunde später ritten wir gemeinsam von der Ranch. Während Louis voraus ritt und die Herde von knapp 30 Rindern anleitete, bildete ich das Schlusslicht um zu gewährleisten das keiner zurück blieb. Caleb war überall und nirgends. Für diesen Job hatte auch er nicht Vulture genommen, sondern Devil leistete diese Arbeit nun mit ihm gemeinsam.

      Der Ritt verlief ruhig im Schritt ohne sonstige Vorkommnisse. Ich ließ Gipsy ehrlich gesagt meistens den Weg, der Wallach war erfahren in seiner Arbeit, gelassen und fand den besten Weg für sich selbst. Auf den Bergwiesen angekommen verschloss ich das Tor nachdem Caleb und Louis hindurch geritten waren. Mein Blick schweifte über das Tal, die Sonne die uns in die Gesichter schien. Dann atmete ich mit geschlossenen Augen tief ein. War ich endlich angekommen an einem zu Hause? “Alles in Ordnung?” stellte Louis mir eine Frage. Inyan stand dicht neben Gipsy, spielte mit dessen Mähne herum. Ich lächelte Louis zu, mein Blick flackerte herüber zu Caleb. Sein Blick lag auf uns. Ich streckte meine Schultern im Sattel. Gab Gipsy die Hilfen für eine Hinterhandwendung. “Ich habe es ihm erzählt.” flüsterte ich in der Drehung. Noch währenddessen hieß ich den Wallach antraben, parierte nicht durch als ich an Caleb vorüber kam. Stattdessen gab ich dem Wallach noch mehr die Zügel. Die Aufforderung zum Galopp ließ er sich nicht entgehen. Der Wind brauste auf, fuhr mir in meine Kleider. Caleb tauchte an meiner Seite auf, Devil leicht gestreckt verlangsamte nun ihren Galopp. Ich hielt Gipsy weiterhin zurück in einem kontrollierten Canter, den auch caleb von Devil verlangte. Bevor wir viel Boden wett gemacht hatten, ging der Pfad jedoch abwärts. Das ließ mich das Tempo wieder zügeln. Im Schritt ließ ich meine Hand lässig auf dem Knauf des Sattels sinken. “Louis bleibt noch oben um die Herde ein wenig zu beobachten.” gab mir Caleb zur Kenntnis. “Ich hätte gedacht du willst mit ihm reden?” schoss es mir über die Lippen. Caleb kniff nur einen Augenblick die Lippen aufeinander. “Alles zu seiner Zeit.”


      Im Anschluss traf ich mich mit Betsy. Die kleine Frohnatur hatte es sich in den Kopf gesetzt mit Fylgia an einem Reiterspiel teilzunehmen. Generell sah ich darin kein Problem - nur wurde das ganze gefahren absolviert. Dafür musste sie natürlich erst das Handling mit dem Gig kennenlernen. Dafür hatte sich in der letzten Woche kaum Zeit gefunden zum Üben. Dies wollten wir heute angehen.

      Wir wollten einen kleinen Ausritt machen. Während ich dem Mädchen half das Pony vorzubereiten, nahm ich mir auch gleich Valravn mit aus dem Paddock. “Weißt du was. Heute bist du mal allein auf dem Gig...ich reite mit Ravn nebenher.” “Wirklich?” quiekte Betsy aufgeregt. Ich nickte nur aufmunternd. Eine gute Stunde später machten wir uns dann auf den Weg. Ich hatte sie Fylgia zweimal anschirren und abschirren lassen um Routine zu schaffen. “Das ist ganz anders als der Unterricht mit Blue und Caleb.” hatte sie zwischendurch angemerkt. Dabei bewunderte ich mal wieder wie gewissenhaft das Mädchen war. Und erwachsen. In vielerlei Hinsicht erinnerte sie mich ziemlich an mich selbst in dem Alter. Ich hoffte aber das Leben und die Schule würden ihr besser zuspielen als es das bei mir getan hatte.

      Zum Abend trafen wir uns alle im Haupthaus - Octavia hatte sich an diesem Abend zum Kochen bereit erklärt. Caleb kam gerade aus dem Büro. “Hier der ist für dich.” ein ziemlich wichtig aussehender Brief wurde mir in die Hand gedrückt. Er war schwer..es musste gut an Information darin stehen. Der Absender ließ mich ein wenig stutzen. Gelehnt an die Kante des Tisches stand ich da, überflog die Zeilen der Erklärungen. Mir wurde schlagartig kalt. Meine Vergesslichkeit flog mir gerade wieder gehörig auf die Füße. Auch mein Gesicht musste die Farbe gewechselt haben. Die wichtige Frage kam von Betsy. “Ylvi? Was ist los?”


      Wie ein Roboter hob ich den Kopf. “Meine Aufenhaltsgenehmigung ist abgelaufen..ich muss Kanada verlassen bis die Visumsfrage geklärt ist.”
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  • Album:
    Bow River Ranch Aktivstall
    Hochgeladen von:
    Ravenna
    Datum:
    19 Mai 2019
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    EXIF Data

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    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Inyan
    'stone,pebble'


    Exterieur

    Wallach
    23. Juni | 11 Jahre
    Rasse
    Mustang/Paint Mix
    Stockmaß/Endmaß 155 cm
    Fellfarbe Rappschecke
    Krankheiten nicht bekannt
    _____________________________________

    Interieur

    Vorgeschichte
    Inyan wurde auf der Pine Ridge Reservation geboren. Schon seine Mutter war ein Mix aus einem Paint und einem Mustang, sein Vater ist einer der vielen Hengste die dort herum laufen. Generell war das auch nie wichtig für jemanden. Inyan wurde Western ausgebildet, als richtiges Ranchpferd besitzt er den typischen Cowsense. Mit seinem Vorbesitzer Louis hat er schon einige Viehtriebe mitgemacht.

    Beschreibung
    Arbeitswillig | Nervenstark| Trittsicher


    0 = sehr unruhig / -sicher 10 = sehr ruhig / sicher

    neue Umgebungen/Situationen
    8
    Fahrzeuge 8
    Gelände 10
    Straße 8
    Wasser 9
    Hänger 9
    Hufschmied 8
    Tierarzt 9
    _____________________________________


    Qualifizierung
    Trainingsplan
    Eingeritten | Eingefahren

    Zirkuslektionen

    Kompliment | Ja und Nein ✓ | Knien ✓ | Bergziege ✓ | Liegen ✓ | Sitzen
    Tanzen ✓ | Seitenschritte | Rückwärtsrichten ✓ | Jambette ✓ |
    Spanischer Schritt ✓ | Steigen ✓ | Spanischer Trab ✓ |

    Western E

    Distanz E
    Fahren E
    _____________________________________

    Erfolge

    2. Platz Trickshow | Halloween Special
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    Besitzerdaten

    Besitzer Ravenna (Ylvi Seidel)
    VKR/Ersteller Cooper
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    PNG | Puzzle | Orginal