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Leaenna

Ingénue

Von: Floooh

Ingénue
Leaenna, 3 Juli 2016
Rinnaja und Veija gefällt das.
    • Leaenna
      Auf dem Rücken der Pferde...

      „Es kann so nicht weitergehen!“, erklärte ich Antonique, als ich mit Garance vom einem ausgedehnten Spaziergang zurückkehrte. Ich trenste die Stute ab und entließ sie mit einem lobenden Halsklopfen auf die Weide. Sofort senkte sie ihr Maul in einen nahen Wassertrog. „Was kann so nicht weitergehen?“ Die Augen meiner Freundin wanderten über die Braune, dann zu mir, und sie zog fragend eine Augenbraue hoch. Die Unsicherheit stand ihr ins Gesicht geschrieben und sofort taten mir meine unüberlegten Worte leid. Ich wusste, was sie befürchtete: Dass ich das Interesse an Garance verlor. „Ich liebe Garance“, erklärte ich schnell, während ich auf den Koppelzaun kletterte. Ich rieb mir mit der Hand über die müden Beine. So ein langer Spaziergang mit Pferd war etwas Wunderschönes, aber auch anstrengend, wenn man nur nebenherlaufen, statt draufsitzen konnte. „Und ich liebe die Arbeit mit ihr. Aber ich vermisse es, auch mal wieder auf einem Pferd zu reiten, verstehst du?“ Meine Freundin nickte. „Natürlich verstehe ich das.“

      ~

      „Aber nicht schummeln! Los, mach die Augen zu!“ Ich tat, wie mir geheißen, hörte, wie Antonique die Beifahrertür zuschlug, einmal um den Wagen herumlief und dann neben mir auf der Fahrerseite einstieg. Blind tastete ich nach dem Sicherheitsgurt. Ein Lachen perlte über meine Lippen. „Oh, Gott, Nicky. Ich kann nicht während der Fahrt die Augen geschlossen halten. Mir wird bestimmt schlecht!“ Zwei Wochen waren seit unserem Gespräch über das Reiten vergangen, vor drei Tagen hatte mir meine Freundin dann angekündigt, ich solle mir das Wochenende ja freihalten, sie habe eine Überraschung für mich. Manchmal, wenn Leute einem so etwas sagen – „Ich habe eine Überraschung für dich“ – dann, machen wir uns nichts vor, weiß man insgeheim schon ganz genau, was sie vorhaben, man sagt es nur nicht, man will das Strahlen in ihren Augen nicht zerstören. Aber in diesem Fall hatte ich tatsächlich keine Ahnung, was das Mädchen mit mir vorhatte. Und doch – Ich freute mich wahnsinnig. In der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich nun schon in Frankreich lebte, war ich einem Menschen hier wichtig genug geworden, als dass sie überhaupt in irgendeiner Form etwas für mich plante. Alleine das war ein wunderbares Gefühl. „Na gut, na gut. Mach die Augen wieder auf. Ich möchte nicht, dass dir übel wird. Ich brauche dich gleich im Vollbesitz all deiner Kräfte!“ Mit diesen Worten legte Antonique den Gang ein und fuhr los.

      „Oh sieh nur, Pferde!“ Zwanzig Minuten später deutete ich aus dem Autofenster. Rechts und links von der Straße, auf der wir fuhren, erstreckten sich einige Weiden und man konnte eine kleine Herde zufrieden grasen sehen. Antonique stieß ein Schnauben aus, das dem der Tiere fast Konkurrenz machen konnte, aber ich gab nicht viel darauf. Ich wusste, dass meine Freundin nicht viel mit Pferden am Hut hatte und das war in Ordnung. Man musste ja nicht alle Hobbies teilen. Wir hielten auf einem kleinen Hof und Antonique bedeutete mir, auszusteigen. Neugierig sah ich mich um, bestaunte ein hübsches, altes Fachwerkhaus und – War das ein Stallgebäude? Es sah fast so aus. Lange blieben wir nicht alleine, denn die Tür des Fachwerkhauses öffnete sich und ein dunkelhaariger Mann trat heraus. Sicher hatte er unser Auto gehört. „Bonjour! Schön, dich wiederzusehen, Antonique. Und du“, sein herzliches Lächeln streifte mich, „musst Leticia sein. Rousseau freut sich schon auf dich.“

      „Oh sieh nur, Pferde!“, frotzelte Antonique. Ich stieß ihr spielerisch einen Ellenbogen in die Seite, nicht fest. Und als ich versuchte, ihr einen bösen Blick zuzuwerfen, konnte ich nicht verhindern, dass meine Mundwinkel von dem unterdrückten Grinsen zuckten. „Du bist echt doof! Aber ich danke dir so sehr. Das ist eine tolle Überraschung.“ Liebevoll strich ich dem kleinen Wallach über den Hals, brav lief er neben mir her, von der Weide in Richtung Putzplatz. Das hatte meine Freundin also heimlich geplant und organisiert! Einen gemeinsamen Ausritt für uns beide. Was für eine wundervolle Idee. „Du meine Güte. Ich habe seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen.“ Antonique wurde tatsächlich ein bisschen rot. „Das war immer eher Mamans Hobby, nicht meins.“ „Das wird schon“, ermutigte ich sie, „Wenn ich dich daran erinnern darf – Ich bin auch sehr lange nicht mehr geritten.“ Fix putzten und sattelten wir die beiden Tiere, dann schwang ich mich vorsichtig in den Sattel. Ich spürte den Braunen unter mir, drückte die Beine sanft gegen seinen Bauch und atmete auf. Wie hatte ich so lange ohne das Reiten leben können?

      ~

      Bücher, Filme, Serien, wo immer man hinsieht, wird man mit kitschigen Happy Ends überhäuft. Und so gerne ich mich auch selbst in ein gutes Buch vertiefe, so sehr muss ich gestehen, dass ich Happy Ends hasse. Sie vermitteln ein falsches Bild vom Leben. Nicht, weil es im Leben keine wundervollen Augenblicke gibt – Sondern weil das Leben danach nicht einfach aufhört.

      Der Moment, in dem ich nach so langer Zeit endlich wieder auf einem Pferd saß, neben mir meine beste Freundin, vor uns nur der Horizont, und in der trägen Stille eines Sommernachmittags nichts als das Zwitschern der Vögel, das Trappeln der Hufe und unser leises Lachen. Das war der Moment, in dem der Abspann hätte laufen müssen, das kitschig-glückliche Happy End eines Kleine-Mädchen-Films. Aber er tat es nicht. Natürlich tat er es nicht. Das Leben – und das ist das große Geheimnis daran – geht einfach immer weiter. Nichts bleibt jemals, wie es ist. Gute Dinge geschehen und vergehen. Schlechte Dinge geschehen. Und vergehen ebenso.

      ~

      „Wie meinst du das, Rousseau ist nicht mehr da?!“ Hilflos zuckte der Stallbesitzer mit den Schultern. Antonique hatte mir mal gesagt, wie alt er war. 34. Er sah in diesem Moment viel älter aus. „Er wurde verkauft. Aber ich dachte mir, vielleicht möchtest du mal Elodie reiten. Oder Ingénue.“ Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen. Vielleicht war es übertrieben. So gut hatte ich Rousseau nach ein paar Mal Reiten noch nicht gekannt. Aber die ganze Situation erschien mir so verdammt unfair. „Achja? Und nach wie vielen Malen Reiten werden die dann verkauft?“ Éric zuckte unter meinen Worten sichtbar zusammen und ein seltsames Gefühl der Genugtuung machte sich in meiner Magengegend breit. Sekunden später hätte ich mich dafür am liebsten selbst geohrfeigt.

      „Ich wusste nicht, dass der Stall sich in Auflösung befindet. Es tut mir leid, Leticia.“ Antonique sah so niedergeschlagen aus, dass ich nicht anders konnte, als sie spontan in den Arm zu nehmen. „Ich wollte dir nur eine Freude machen, indem du mal wieder Reiten kannst“, fuhr sie fort und ich nickte, spürte, wie ihr Haar meine Nase streifte. „Ich weiß, Nicky.“

      Ein leises Räuspern riss uns aus der stillen Zweisamkeit. Éric stand in der Tür und knetete nervös seine Hände. Ich schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln. Ich hatte ihn vorhin nicht anfahren wollen. „Elodie und Ingénue“, versuchte er es noch einmal, „würden sich sehr freuen, wenn ihr heute mit ihnen ausreitet. Ich kann euch nicht versprechen, wie lange sie bleiben werden. Alle stehen zum Verkauf. Aber in der Zwischenzeit… “ Diesmal nickte ich. „Sehr gerne, Éric.“

      Mit freundlichen Augen sah mir die helle Ponystute entgegen. Ich vergrub die Finger in ihrer Mähne, atmete tief ein und aus. Spürte, wie sie begann, sanft mit den Lippen an meiner Schulter zu schnobern. „Du bist also Ingénue, hm? Na dann wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht auch Freundinnen werden können. Zumindest so lange, bis auch du einen neuen Besitzer findest."

      Oder darüber hinaus. Aber woher hätte ich das damals schon wissen sollen.
    • Leaenna
      ...liegt das Glück der Erde

      Die regelmäßigen Besuche bei Ingénue waren mittlerweile zur Normalität geworden - Ob ich das gut oder schlecht finden sollte, dessen war ich mir selbst noch nicht ganz sicher. Sie war ein unglaublich freundliches Pony, das es mit seiner sanften Art stets schaffte, mich von meinem Alltagsstress zu befreien, und das ich mit jedem Mal Reiten mehr lieb gewann. Doch ich war in meinem tiefsten Inneren noch nicht recht bereit, ihr die Zuneigung, die sie verdient hatte, auch zu geben - Und das tat mir unglaublich leid. Doch zu groß war die Angst, dass sie eines Tages einfach plötzlich weg sein könnte, verkauft, so wie die anderen Pferde... und dass mein Herz in diesem Moment brechen würde. Und dennoch kam ich nicht umhin, die Austritte jedes Mal zu genießen. Ich liebte Garance, aber es war wundervoll, auch endlich mal wieder richtig reiten zu können. Wie widersprüchlich es mal wieder in mir zuging...
      "Ich denke zu viel nach, nicht wahr?" Ich ließ mir die Zügel durch die Finger gleiten und spürte, wie Ingénue den Hals fallen ließ. Ihre gleichmäßigen Tritte wurden vom Waldboden gedämpft, die vielen Blätter zeigten, was die Temperaturen am frühen Morgen schon vermuten ließen: Der Herbst hielt langsam Einzug. Die frische Luft tat gut in den Lungen, dachte ich gerade, als die Stute ein zufriedenes Schnauben ausstieß. Ich lächelte. Manchmal glaubte ich fast, sie könne meine Gedanken lesen. Mit sanftem Schenkeldruck schlug ich den Weg nach links ein, zurück in Richtung Hof.
      Und als ich die kleine Criollodame eine halbe Stunde später mit einem Leckerchen auf die Weide entließ und sie sich mit einem vorsichtigen Schnubbeln an meiner Schulter bedankte musste ich mir eingestehen, dass es sowieso schon zu spät war: Ich liebte dieses Pony.
    • Leaenna
      Unterwegs mit Ingénue:
      Zirzensikkurs an der Nordsee

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      25.970 Zeichen - © FrauHolle

      Mittwoch - Anreisetag:

      Der erste Hänger rollte auf den Hof. Ich erkannte meine Schwester sofort, denn sie winkte mir freundlich aus ihrem Auto zu. Ich begrüßte sie mit einer herzlichen Umarmung, denn wir hatten uns nun schon länger nicht mehr gesehen. Dabei hatte sie ihre Stute Royal Disturbance, die sich neugierig umdrehte, als wir die Hängerklappe herunter ließen. Jessica führte sie aus dem Hänger und Royal guckte sich aufgeregt um. Meine beiden Hengste Lumikello und Fallen Godness kamen an den Zaun und beäugten begeistert die wunderschöne Stute.
      Gestern hatte ich liebevoll alles für meine Gastpferde vorbereitet. Für Royal und Ingénue hatte ich jeweils eine frisch renovierte Box bereitet, sauberes Stroh verteilt, die Tränken kontrolliert und jedem Pferd einen riesen Haufen Heu hingelegt.
      Den Offenstall hatte ich für Pallaton und Dragon’s Heartbreaker zurecht gemacht. Die Badewanne war mit Wasser gefüllt, der Unterstand mit frischem Stroh ausgelegt und die Heuraufe hatte ich mit saftigem Heu gefüllt.
      Voller Vorfreude erwartete ich am Mittwochnachmittag meine Gäste und freute mich sehr, als meine Schwester als ersten ankam, was auch kein Wunder war, denn sie hatte den kürzesten Weg. Ich zeigte meiner Schwester die Box für Royal und die Stute bezog ihre neue Unterkunft. Nachdem sie sich umgeguckt hatte, machte sich zufrieden ans Heu.
      Ich hatte es mir gerade mir meiner Schwester auf der Bank vor dem Aktivstall gemütlich gemacht, da rollte das nächste Auto auf den Hof. Es war Jan van de Berg, der mit seinem Friesenhengst Dragon‘s Heartbreaker aus der Niederlande anreiste. Ich stellte mich vor und hieß Jan herzlich auf meinem Hof willkommen. Nachdem Jan sich auch bei Jessica vorstellte, holten wir Heartbreaker aus dem Hänger. Stürmisch lief er rückwärts aus dem Hänger und wieherte aufgeregt den anderen Pferden, die am Zaun standen, entgegen. Heartbreaker war ein wunderschöner Hengst und ich verliebte mich sofort in seine blauen Augen. Ich ging voran und Jan folgte mir mit seinem Hengst in den Offenstall. Der Friese war in der neuen Umgebung noch ziemlich aufgeregt, aber er wurde mit der Zeit schnell ruhiger.
      Ich zeigte meinen beiden Gästen den Hof. „Der Agilityplatz ist ja richtig cool“, Jessica war begeistert. Jan hielt sich hingegen sehr zurück und lief eher ruhig mit uns über den Hof, was allerdings bei uns beiden Quasselstrippen auch kein Wunder war.
      Ich zeigte den beiden das Reiterstübchen, wo ich ihnen etwas zu trinken anbot, bevor wir anfingen, uns über meine Pläne für die nächsten Tage zu unterhalten.
      Kurz vor 18 Uhr trudelte Fiona O’Brien auf meinem Hof ein. Sie war mit dem Wallach Pallaton, der für die nächsten Tage zusammen mit Heartbreaker wohnen durfte, extra für meinen Kurs aus Norwegen angereist. Wir stellten Pallaton zu dem Hengst und die beiden fingen an sich zu beschnuppern. Die Zusammenführung lief relativ kurz und schmerzlos ab, da Pallaton sich schnell unterordnete. Fiona hatte ihren Australien Shepherd Finley dabei, der mich und die anderen wild begrüßte.
      Auch Fiona durfte erst einmal den Hof kennenlernen, bevor wir uns alle zusammen gemütlich ins Reiterstübchen setzten und auf Leticia warteten.
      Gegen 20 Uhr sah ich durchs Fenster des Reiterstübchens die Scheinwerfer eines Autos und wir gingen alle gemeinsam raus auf den Hof. Leticia Weidner hatte mit ihrer Criollo Stute Ingénue den weiten Weg aus Frankreich nach Norddeutschland auf sich genommen, um an meinem Kurs teilzunehmen. Jan und ich öffneten die Hängerklappe und Leticia führte ihre Stute rückwärts aus dem Hänger. Genau wie Royal, fand Ingénue einen Platz in einer der Paddockboxen. Wir stellten sie in die Box neben Royal und die beiden Stuten beschnupperten sich. Leticia erzählte noch kurz von der Fahrt, bevor wir uns für Morgen um neun Uhr zum ersten Training verabredeten.

      Donnerstag:
      Als ich gegen halb neun in den Stall fuhr, war bereits einiges los. Jessica war dabei, ihre Stute am Putzplatz zu putzen und quatschte nebenbei mit Fiona, die mit ihren braunen, schulterlangen Haaren rumspielte. Auch Jan hatte sich mit Heartbreaker an den Putzplatz begeben und kämmte in Ruhe den Schweif seines Friesens. Leticia hatte sich eine Schubkarre geschnappt und war gerade dabei, die Box von Ingénue auszumisten, als ich in den Stall kam.
      Alle Pferde hatten die Nacht gut überstanden und waren bereit fürs Training. Nachdem auch Fiona und Leticia ihre Pferde fertig gemacht hatten, starteten wir unsere erste Trainingseinheit auf dem großen Reitplatz.
      Erst einmal wollte ich die Paare besser kennenlernen. Ich gab meinen Schülern die Aufgabe, mit ihren Pferden zu arbeiten. Von der Mitte aus nahm ich die vier genauestens unter die Lupe. Während Jan und Heartbreaker mit der Arbeit vom Boden aus noch etwas Schwierigkeiten hatten, waren Leticia und Ingénue schon ein eingespieltes Team. Auch Jessica hatte ihre Stute erst vor kurzem gekauft und war noch etwas unsicher, auch wenn Royal sehr aufmerksam mitmachte. Begeistert sah ich zu, wie Fiona mir ein paar Seitengänge mit Pallaton zeigte.
      Nach knappen 15 Minuten hatte ich einen ersten Eindruck meiner neuen Schüler und wir konnten mit der ersten Übung beginnen. Die leichtesten Übungen waren wohl das „Nein“ sagen und das Küsschen geben. Ich ließ die Kursteilnehmer entscheiden, mit welcher Übung sie anfangen wollten und erklärte deshalb beide Übungen. Ich lieh mir Pallaton aus und zeigte, wie man einem Pferd das „Nein“ sagen beibringen konnte. Auch das Küsschen geben machte ich mit Pallaton mit Hilfe von Leckerlies vor. Danach schickte ich die vier wieder an die Arbeit und jeder probierte eine Übung mit seinem Pferd aus.
      Meine Schwester hatte sich das Küsschen geben vorgenommen und animierte Royal mit einem Leckerli in der Hand dazu, die Nase in Jessicas Gesicht zu drücken. Jessica ging gut an die Sache ran, deshalb ließ ich die beiden ohne ein Kommentar weiter üben und ging zu Jan.
      „Na wie läufts?“, fragte ich ihn. Er war noch etwas überfordert mit dem Umsetzen der Übungen und ich zeigte ihm noch einmal, wie er vorgehen musste. Er hatte sich für das „Nein“ sagen entschieden, denn Küsschen geben war nicht wirklich sein Ding. Schritt für Schritt erarbeiteten wir zusammen den ersten Trick und Jan wurde immer lockerer. Heartbreaker erleichterte Jan die Arbeit, indem er sehr aufmerksam mitarbeitete. Ich ließ Jan alleine weiter üben und machte mich auf den Weg zu Leticia. Sie hatte noch keinerlei Erfahrungen in der Zirzensik aber stellte sich wirklich gut an. Auf Kommando schüttelte Ingénue ihren Kopf. „Wow, super! Das ging ja schnell. Wenn das „Nein“ sagen soweit klappt und du einen Abschluss findest, kannst du Ingénue gerne wegbringen. Ich glaube es reicht für die erste Trainingseinheit“, schlug ich vor. Leticia suchte nach einem schönen Abschluss und ging dann vom Platz. Auch Jessica war schon ziemlich weit und Royal drückte ihr stolz die Nase in ihr Gesicht. Jessica und Leticia stellten ihre beiden Stuten auf die große Wiese, denn da konnten sie sich vor dem nächsten Training heute Nachmittag ordentlich auspowern.
      Ich ging zu Fiona, die ich bis jetzt etwas unbeachtete gelassen hatte. Ihr Wallach Pallaton war ein echter Schatz und auch wenn er etwas Zeit zum Lernen brauchte, machte er gut mit. Fiona konnte meine Erklärungen gut umsetzten und ich war begeistert, mit welcher Ruhe die doch so temperamentvolle und chaotische Fiona mit ihrem Pferd arbeitete. Ich lobte die beiden und ließ sie noch etwas alleine am Küsschen geben üben.
      Jan war mit seinem Heartbreaker schon ein ganzes Stück weiter gekommen. Es war noch nicht perfekt aber der Hengst zeigte erste Ansätze zum Kopfschütteln. „Du kannst heute Nachmittag weiter üben. Gönn euch beiden erst einmal eine Pause“, sagte ich zu Jan.
      Ich brachte zusammen mit Fiona und Jan die Pferde in den Offenstall, bevor ich allen Kursteilnehmern im Reiterstübchen etwas zu trinken und ein paar Kekse anbot.

      Um 15:30 Uhr versammelten wir uns alle wieder auf dem Platz. Während Jan und Fiona noch an der Lektion von heute Morgen übten, erklärte ich Jessica und Leticia den Spanischen Gruß. „Ihr nehmt eure Gerte und tippt eure Pferde damit an das linke Vorderbein. Sobald die Pferde das Bein leicht anheben, lobt ihr es. Nach und nach versucht ihr, dass eure Pferde das Bein immer höher nehmen. Probiert es erstmal und helft euch gegenseitig, falls etwas nicht klappt“, erklärte ich den beiden.
      Fiona übte noch knappe 10 Minuten am „Nein“ sagen, bevor sie sich zu den anderen Mädels gesellte, dir ihr den Spanischen Gruß erklärten. Auch Jan war in den ersten 15 Minuten sehr weit gekommen und das „Nein“ sagen klappte inzwischen wunderbar. Da er immer noch recht unsicher war, beschloss ich, mit ihm den Slalom mit ihm zu üben. Ich baute vier Hütchen in einer Reihe auf und gab Jan die einfache Aufgabe, sein Pferd im Schritt um die Hütchen zu führen. „Na das klappt doch schon mal ganz gut“, lobte ich ihn, „ als nächstes versuchst du, links an den Hütchen vorbei zu gehen, während Heartbreaker weiter Slalom geht“. Ich zeigte ihm, was ich meine und ließ ihn dann in Ruhe mit seinem Hengst üben.
      Die Mädels waren fleißig am üben. Während Royal ihren Huf nur wenige Zentimeter vom Boden abhob, war Leticia mit Ingénue schon ziemlich weit. „Ihr könnt gerne auch andere Übungen machen. Geht zwischendurch eine Runde um den Platz, richtet eure Pferde rückwärts und festigt das „Nein“ sagen, beziehungsweise das Küsschen geben. Ihr müsst eure Pferde beschäftigen, damit sie sich nicht langweilen“, erklärte ich meinen Schülern.
      In der Zwischenzeit hatte Jan fleißig weitergeübt und zeigte mir stolz, was er jetzt schon konnte. Er ging links an den Hütchen vorbei und führte Heartbreaker abwechselnd links und rechts um die Hütchen. Ich gab ihm einen Tipp: „Versuch mal, deinem Pferd mit deinem Finger den Weg zu zeigen. Das Ziel ist es, den Strick irgendwann abmachen zu können. Deshalb musst du jetzt schon versuchen, den Strick so wenig wie möglich zu nutzen. Setzte deinen Körper ein und zeige mit dem Finger dorthin, wo du hinmöchtest. Und vergiss nicht, Heartbreaker immer ordentlich zu loben. Immer lieber einmal zu viel als zu wenig.“
      „Feierabend für heute“, rief ich nach weiteren 10 Minuten Training über den Platz. „Versucht, einen schönen Abschluss zu finden und bringt eure Pferde dann ins Bett“.
      Zusammen mit Jan und Fiona brachte ich den Offenstall auf Vordermann. Während ich die Tränke mit frischem Wasser füllte, stopften die anderen beiden zwei Heunetzte. Erschöpft unterhielt ich mich noch mit meinen Schülern über den ersten Tag, bevor wir uns für Morgen verabredeten.

      Freitag
      Das Wetter war wunderschön. Es hatte lange nicht geregnet, sodass es auf dem Agilityplatz nicht rutschig war. Deshalb konnte das Training heute dort stattfinden und bevor die vier sich an die Arbeit machten, erklärte ich noch einige Dinge: „Ihr könnt gerne alle Hindernisse mit eurem Pferd ausprobieren. Vergesst nicht, die Übungen von gestern zwischendurch immer wieder durchzuführen und denkt immer an ausreichend Belohnung. Nacheinander könnt ihr zu mir zum Podest kommen und ich helfe euch, eure Pferde aufs Podest zu kriegen. Wenn ihr Hilfe braucht oder eine Frage habt, könnt ihr jederzeit Bescheid sagen“.

      Jeder ging in eine andere Richtung und probierte die vielen Hindernisse auf dem Platz aus. Fiona blieb als erstes bei mir und wir versuchten zusammen, Pallaton aufs Podest zu kriegen. Ganz ohne Probleme stieg der Wallach mit seinen Vorderbeinen auf den großen Treckerreifen, auf den ich einen Boden gebaut hatte. Pallaton war wirklich ein Verlasspferd und hatte keinerlei Probleme, unbekannte Hindernisse zu überwinden.
      Als nächstes versuchte Jan, Heartbreaker aufs Podest zu bekommen. Heartbreaker war am Anfang nicht sehr begeistert von der Idee, aber ließ sich schließlich davon überzeugen. Mutig stellte er sich mit allem Vieren auf das wackelige Podest. Jan lobte begeistert seinen Hengst und machte sich dann wieder an die anderen Hindernisse.
      Auch Royal hatte eher weniger Probleme mit dem Podest. Jessica schaffte es mit ihren Überredungskünsten, die Stute aufs Podest zu locken. Das Arbeiten auf dem Agilityplatz gestaltete sich dennoch etwas schwierig, da Royal etwas verfressen war und ständig das frische Gras auf dem Platz vernaschen wollte. Jessica übte weiter den Spanischen Gruß und ich machte mich mit Leticia und Ingénue ans Podest. Ingénue zeigte sich etwas unsicher doch Leticia zeigte der Stute, dass sie keine Angst haben muss. Die beiden waren wirklich ein gutes Team und Leticia arbeitete sehr ruhig mit ihrer Stute. Ihr war froh, dass sich alle Pferde aufs Podest getraut haben.
      „Na alles gut bei dir?“, fragte ich Jan. Während Jessica und Fiona weiter den Spanischen Gruß übten, arbeitete Jan mit seinem Hengst an den Stangen. „Versuch mal, Heartbreaker vorwärts in das Stangen „U“ herein zu führen und rückwärts wieder aus zu parken“, schlug ich vor. Jan gab sich wirklich Mühe und als es einigermaßen klappte, brachten wir die Pferde auf die Weide, beziehungsweise in den Offenstall.
      Das wunderschöne Wetter lockte uns in der Mittagspause an den Strand zu einem Spaziergang, während wir den Pferden eine Pause gönnten. Ich zeigte den Kursteilnehmern den Weg zum Strand und durch Zufall war gerade Ebbe. Kurzerhand zogen wir unsere Schuhe aus und gingen mit unseren nackten Füßen im Watt entlang. Ich führte viele interessante Gespräche mit den anderen und konnte alle viel besser kennenlernen. Auch untereinander verstanden die anderen sich immer besser. Selbst Jan wurde zwischen uns vier Frauen immer lockerer und alberte mit Fiona rum.
      Finley, der Rüde von Fiona, tobte wild am Strand rum. Fiona hatte ihn zum Kurs mitgebracht und Finley freute sich über die Weiten des Strandes.

      Am Nachmittag fand das Training wieder auf dem großen Reitplatz statt. Ich baute für Jan erneut die Hütchen auf und er übte weiter am Slalom. Pallaton und Ingénue hatten den Spanischen Gruß mittlerweile wirklich gut verstanden und auch Jessica war mit ihrer Stute auf dem richtigen Weg. Ich zeigte Leticia und Fiona, wie sie zum Spanischen Gruß übergehen konnten: „Ich führt euer Pferd in einem langsamen Schritt neben euch her. Mit der linken Hand haltet ihr den Strick, mit der rechten Hand tippt ihr eure Pferde mit der Gerte wie beim Spanischen Gruß an. Wichtig ist, dass die Pferde nicht stehen bleiben sondern immer weiter gehen. Es ist egal, ob sie am Anfang nur jeden dritten Schritt ihr Bein hochnehmen, das wird von Mal zu Mal immer besser“. Ich ließ die beiden wieder alleine üben und nachdem ich zu Jessica sagte, sie solle Royal ab und zu eine Pause gönnen, damit sie nicht überfordert ist, ging ich wieder zu Jan.
      Heartbreaker hatte das Prinzip des Slaloms gut verstanden und ohne Ankündigung machte ich den Strick von seinem Halfter. Jan guckte mich erschrocken an. „Versuchs doch mal. Einfach probieren. Wenn es nicht klappt, ist es auch nicht so schlimm. Denk immer daran, die Richtung ganz genau mit deinem Finger anzuzeigen“, motivierte ich Jan.
      Unsicher startete er einen ersten Versuch. Auch wenn Heartbreaker die Hälfte der Hütchen umgestoßen hatte, war er die ganze Zeit bei Jan geblieben und war ihm gefolgt. „Siehst du, klappt doch schon ganz gut! Mach kurz etwas anderes, damit er auf andere Gedanken kommt und versuche es dann einfach noch einmal.
      Die Mädels waren schon weit gekommen. Besonders Leticia überraschte mich, denn auch wenn Ingénue manchmal vergaß, ihre Hinterbeine mitzunehmen, war sie ein echter Streber. Auch Jessica hatte sich inzwischen an den Spanischen Schritt gemacht und Royal zeigte erste Ansätze. „Wenn ihr einen guten Abschluss findet, könnt ihr Feierabend machen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag“, sagte ich zu meinen Schülern.
      Ich schaute noch einmal nach Jan, der sehr motiviert mit Heartbreaker übte. Während Leticia und Fiona ihre Pferde schon wegbrachten, ließ ich Jessica und Jan noch etwas weiter üben. „Ich glaube, für heute bin ich erstmal zufrieden. Wir üben Morgen weiter“, grinste Jan mich an. Auch Jessica beließ es mit den Ansätzen zum Spanischen Schritt und brachte Royal in die Box.

      Samstag
      Die Hälfte des Kurses war um und ich war wirklich sehr zufrieden mit der Arbeit meiner Schüler. Heute lag der Schwerpunkt auf dem Plié und auf dem Kompliment, denn alle hatten sich diese Übungen gewünscht. Ich schnappte mir Pallaton und zeigte, wie man beim Plié vorgehen musste, bevor ich die anderen ausprobieren ließ. „Schick sie am besten vorher ein Stück zurück“, sagte ich zu Leticia, „dann steht sie fester auf den Hinterbeinen und es ist leichter für sie, das Gewicht auf die Hinterbeine zu verlagern und sich nach hinten zu strecken.
      Royal zeigte sich heute als echte Musterschülerin und hatte das Plié als erstes verstanden. Ich zeigte meiner Schwester, wie sie mit dem Kompliment anfangen konnte und schaute danach nach Jan. Auch Jan war schon ziemlich weit mit seinem Hengst und ich gab ihm noch schnell ein paar Tipps, wie er es noch besser hinbekommen konnte. Als Heartbreaker das Plié fast perfekt beherrschte, machte ich mich zusammen mit Jan an den Spanischen Gruß, denn während die anderen ihren Pferden das schon beigebracht hatten, hatte er seinem Hengst den Slalom beigebracht. Der Friesenmix hatte keine Probleme damit, sein Bein in die Luft zu strecken und verstand den Spanischen Gruß in Rekordzeit. Heute war er wirklich ein kleiner Streber und im Gegensatz zu den letzten Tagen kam Jan wirklich gut voran. „Schicke ihn noch ein paar Mal im Slalom um die Hütchen und gönne Heartbreaker dann seine verdiente Pause, denn er hat wirklich gut mitgemacht heute“, sagte ich zu Jan.
      Auch Ingénue hatte das Plié mittlerweile drauf und Jessica hatte Leticia erklärt, wie sie an das Kompliment rangehen musste. Die Kursteilnehmer waren alle sehr hilfsbereit und halfen sich gegenseitig, was mich wirklich sehr freute, denn ich konnte nicht für vier Leute gleichzeitig da sein. Fiona hatte noch etwas Schwierigkeiten mit ihrem Wallach, denn er fand das Plié eher langweilig. „Mach kurz was anderes mit ihm, dann kommt er auf andere Gedanken. In ungefähr fünf Minuten probieren wir es nochmal zusammen“, baute ich Fiona auf, die etwas deprimiert war. Während Fiona noch einmal den Spanischen Schritt und das Küsschen geben übte, schaute ich nach Jessica und Leticia, die beide am Kompliment arbeiteten. „Wenn ihr einen guten Zeitpunkt findet, könnt ihr eure Stuten für die Mittagspause auf die Weide bringe“, sagte ich zu den beiden. Royal und Ingénue wohnten für den Kurs jeweils in einer Box und durften sich deshalb jeden Tag auf der Wiese austoben.
      Nun konnte ich in Ruhe mit Fiona und Pallaton arbeiten, denn alle anderen hatten ihre Pferde bereits weggebracht und wärmten sich im Reiterstübchen auf. „Nicht verzweifeln, das kriegen wir jetzt auch noch hin“, sagte ich zu Fiona. Wir fingen noch einmal von vorne an und Fiona gab ihrem Wallach ein paar Leckerlies zwischen den Vorderbeinen. Schritt für Schritt erarbeiteten wir zusammen das Plié. Nach fast 15 Minuten hatten wir es endlich geschafft und Fiona brachte ihn erleichtert in den Offenstall.

      Nach der Mittagspause trafen wir uns alle wieder auf dem Agilityplatz. Fiona und Leticia waren zusammen mit Finley über eine Stunde am Strand gewesen und Jan, Jessica und ich hatten es uns im Reiterstübchen gemütlich gemacht.
      Mit neuer Kraft starten wir die Trainingseinheit und jeder machte sich an seine Baustelle. Fiona übte weiterhin das Plié mit Pallaton und ging nach ungefähr 10 Minuten zum Kompliment über, was ich ihr genau erklärte.
      Jan war mit voller Motivation dabei, seinem Hengst aus dem Spanischen Gruß den Spanischen Schritt beizubringen und hatte sich dazu in eine ruhige Ecke auf dem riesigen Platz verzogen.
      Leticia und Ingénue übten abwechselnd das Kompliment und den Spanischen Schritt und erkundigten zwischendurch die vielen Hindernisse auf dem Agilityplatz.
      Mit Jessica und Royal machte ich mich ans Knien. Das Kompliment klappte inzwischen wunderbar und Royal zeigte sich seit gestern als Musterschülerin. Zuerst brachten wir ihr bei, das Bein auf Kommando nach hinten anzuwinkeln. Das kleine Streberpony hatte das Prinzip schnell verstanden und aus dem Kompliment versuchten wir, sie zum Knien zu bringen. Royal verstand überhaupt nicht, was wir von ihr wollten und sprang verwirrt auf. In aller Ruhe versuchte Jessica es immer wieder, doch kam nicht wirklich voran. „Ich würde sagen, wir lassen das heute. Morgen versuchst du es mit neuer Energie einfach nochmal. Ich glaube, heute hat es keinen Sinn mehr“, sagte ich zu meiner Schwester.
      Wir beendeten das Training für heute. Jessica war mit dem Knien nicht wirklich weit gekommen, aber die anderen waren dafür umso produktiver gewesen: Ingénue hatte das Kompliment und den Spanischen Gruß nach diesem Training perfekt drauf, Pallaton zeigte stolz das Plié und war auf einem guten Weg zum Kompliment und auch Jan führte mir mit Heartbreaker stolz den Spanischen Schritt vor.

      Sonntag
      Der letzte Kurstag brach an und wir machten uns auf zu der vorletzten Trainingseinheit. Bevor wir uns heute Nachmittag mit den Pferden zum Strand machen wollten, übten wir heute Vormittag auf dem großen Reitplatz.
      Jessica hatte sich heute das Ziel gesetzt, Royal zum Knien zu bringen, Fiona und Jan hatten sich für den letzten Tag das Flehmen ausgesucht und Leticia wollte sich ans „Dreh dich“ machen. Da alle Kursteilnehme für ihre Übung meine Hilfe brauchten, wiederholten Fiona, Leticia und Jan erst einmal die Übungen der letzten Tage, während ich mit Jessica bei Royal half. Gestern hatte Royal etwas Schwierigkeiten mit dem Knien, also starteten wir heute einen ganz neuen Versuch. Wir brauchten zusammen fast 15 Minuten, bis wir Royal zum hinknien überreden konnten. Stolz lobte Jessica ihre Stute und ich ließ die beiden alleine weiter üben.
      Ich trommelte Jan und Fiona zusammen, die in der Zwischenzeit fleißig an den restlichen Lektionen geübt hatten. Ich erklärte ihnen, wie sie ihre Pferde zum Flehmen bringen konnten. Pallaton hatte die Übung in Windeseile verstanden und auch Heartbreaker stellte sich gar nicht mal so schlecht an.
      Das Drehen brachten wir Ingénue mit Hilfe einer Longe bei. Leticia ging einmal um ihr Pferd und legte die Longe um den Popo von Ingénue. Sie überlegte sich ein Kommando zum Drehen und während sie ihr Kommando sagte, zog sie leicht an der Longe. Die Stute folgte der Longe und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Super! Jetzt musst du versuchen, die Longe immer weniger einzusetzen. Glaub mir, irgendwann klappt es ohne“, motivierte ich Leticia.
      „Das möchte ich auch können“, meine Schwester stand hinter mir. Sie hatte sich schon am ersten Tag gewünscht, ihrer Royal das Drehen beizubringen. Ich holte eine zweite Longe und auch Jessica fing an zu üben.
      Jan und Fiona waren beide weit gekommen und hatten fast ohne meine Hilfe ihren beiden Pferden das Flehmen beigebracht und ich schickte die vier in die Mittagspause.
      Auch Jessica und Leticia wurden immer besser und brachten ihre Pferde kurz darauf auch weg.

      Das letzte Training sollte etwas ganz Besonderes sein. Gegen 15 Uhren brachen wir alle zusammen zum Strand auf. Fünf Menschen, vier Pferde und ein Hund wanderten in einer Reihe den kleinen Weg zum Strand entlang. Wir liefen über den Deich und kamen am Strand an. Bevor wir am Strand arbeiten wollten, zeigten wir den Pferden erst einmal das Wasser.
      Finley sprang glücklich in der Nordsee herum, während die Pferde alle etwas skeptisch waren und sich die Sache mit genügend Sicherheitsabstand anguckten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das erste Pferd ins Wasser traute. Es war Pallaton, der eigentlich vor nichts Angst hatte. Er zeigte den anderen, dass das Wasser nichts Böses ist und kaum war er ungefähr bis zur Fessel drin, trauten sich auch die anderen. Wir hatten fast eine Stunde am Wasser verbracht, als wir uns wieder in den weichen Sand begaben. Meine vier Schüler fingen an mit ihren Pferden zu arbeiten. Die Sonne kam langsam raus und es war wunderschön anzusehen, wie die acht sich in den letzten Tagen entwickelt hatten. Trotz neuer Umgebung arbeiteten die Pferde aufmerksam mit. Auch hier am Strand war es möglich, alle Lektionen abzurufen.
      Nach einer weiteren Stunde Training waren alle Pferde total kaputt und die Konzentration ließ nach. Wir hatten keine neuen Übungen mehr angefangen, sondern hatten alle Lektionen der letzten Tage wiederholt. Alles, was ich meinen Kursteilnehmern in den letzten Tagen beigebracht hatte klappte, bis auf das Knien bei Royal. Doch das würde meine Schwester mit viel Geduld auch noch zu Hause hinbekommen. Das Training am Strand hatte die vielen und anstrengenden Stunden der letzten Tage noch einmal abgerundet und wir hatten einen schönen Abschluss.
      Zufrieden brachten wir die Pferde ein letztes Mal in die Boxen und in den Offenstall.
      Zum Abschluss machten wir einen gemütlichen Abend im Reiterstübchen. Wir knabberten Chips und tranken Cola und ich gab letzte Tipps für das weitere Training zu Hause. Bis ein Uhr nachts quatschten wir im Reiterstübchen, dann beendet wir unsere nette Runde denn Morgen stand für alle eine lange Heimreise an.

      Montag – Abreisetag
      Etwas traurig schaute ich zu, wie der erste Hänger vom Hof rollte. Schon um kurz vor sechs hatte Leticia sich mit Ingénue auf den Weg nach Hause gemacht.
      Auch Fiona machte sich kurz darauf mit Hund und Pferd auf den Weg nach Norwegen, denn sie hatte eine weite Reise vor sich. Jan kam mit seinem Hengst aus den Niederlanden und auch er machte sich früh am Morgen auf den Heimweg. Meine Schwester hatte es nicht so weit und half mir deshalb noch, die beiden Boxen wieder leer zu machen. Gegen 10 Uhr fuhr auch sie mit Royal vom Hof.
      So viele Gäste hatte ich noch nie auf meinem Hof und ich würde den Trubel bestimmt etwas vermissen, auch wenn ich die Stille immer sehr genoss. Ich machte mich daran, den Offenstall abzuäppeln und das Reiterstübchen aufzuräumen.
      Der Kurs hatte mir total Spaß gemacht und ich nahm mir vor, auf jeden Fall öfter einen Kurs auf meinem Hof anzubieten.
    • Leaenna
      ...liegt das Glück der Erde

      Schon ein Jahr war es wieder her, seitdem meine Freundin Antonique mich endlich wieder in den Sattel zurückbefördert hatte. Schon seit einem Jahr war die kleine Ingénue nun meine Reitbeteiligung. Und es war seltsam: Jede Woche zu ihr zu fahren und etwas mit ihr zu unternehmen war so zur Normalität geworden, dass meine Nervosität völlig verflogen war. Und das, obwohl doch das Damoklesschwert immer noch über uns hing, denn der Reitstall befand sich in Auflösung und Stück für Stück wurden alle Pferde verkauft. Warum sich bisher niemand für Ingénue interessiert hatte, verstand ich nicht, denn sie war das freundlichste Pony, das ich kannte. Aber mir sollte es wirklich nur recht sein, denn mittlerweile konnte ich mir kaum noch vorstellen, wie es ohne sie wäre.

      Bisher. Das war das verräterische Wort.
      Als ich heute von einem gemütlichen Ausritt zurückkam, führte Éric gerade ein junges Paar über den Hof. Vielleicht hatte er nun auch jemanden gefunden, der die Stallungen selbst erwerben wollte. Es wäre ja schön für ihn. Mein Magen zog sich trotzdem zusammen. "Bonjour", grüßte ich freundlich und ließ mich von Ingénues Rücken gleiten. Ich sattelte die Stute ab und steckte ihr ein Leckerlie zu, während die drei sich nach einem kurzen Gruß in meine Richtung weiter unterhielten. Meine Sprachkenntnisse waren sehr viel besser geworden, aber manchmal versagten sie immernoch bei so schnellem Französisch. Vielleicht wollte ich aber auch gar nicht alles verstehen. "Und das ist Ingénue, sie ist ein Criollo", hörte ich Éric sagen. Das Paar schlenderte in unsere Richtung und die Frau streckte die Hand nach der Stute aus. Vorsichtig schnupperte die Stute an ihrer Hand und ließ sich dann streicheln. "Ist sie auch zu verkaufen?", wollte der Mann wissen. "Wir suchen für unsere Tochter..."

      "Nein." Drei paar völlig überraschter Augen legten sich auf mich. Ich schluckte. "Ich meine... Entschuldigen Sie. Ingénue ist... Ich werde sie kaufen. Es ist praktisch, dass sie momentan noch hier stehen kann. Aber wenn der Hof aufgelöst wird, möchte ich sie übernehmen." Ängstlich ging mein Blick zu Éric, doch der Mann lächelte. Und ich wusste, er würde Ingénue niemand anderem geben.
    • Leaenna
      Unterwegs mit Ingénue:
      Fuchsjagd auf Sandringham Manor

      -- Leslie --
      Oktober war Leslies Lieblingsmonat. September war immer noch ein bisschen Sommer, und November schon fast Winter; der Oktober war noch nicht ganz bitterkalt, die Blätter waren schön bunt – und es war Jagdzeit.

      Am liebsten hätte sie dieses Jahr ja selbst mitgemacht. Nicht unbedingt mit Gambit, natürlich, aber irgendein Pferd hätte sich schon gefunden. Blöderweise fand dieses Jahr die Jagd auf Sandringham Manor statt – und alle Jocks hatten Teilnahmeverbot gekriegt. Irgendwo verständlich, aber wirklich begeistert war Leslie nicht gewesen.

      Also hatte sie das Nächstbeste getan und sich Hals über Kopf in die Organisation geschickt. Zusammen mit Logan war sie die Strecke mehrmals abgeritten, hatte Pferde vom Flughafen abgeholt, auf die umliegenden Höfe verteilt und fuhr diese täglich ab. Das füllte so ziemlich den ganzen Tag, sodass sie jeden Abend todmüde ins Bett fiel – zum Leidwesen von Bernie und Snafu. Bernie, weil sie selbst dann gezwungen war, sich ab acht Uhr abends so leise wie möglich zu verhalten, und Snafu, weil der jetzt mit Goldie alleine trainieren musste.

      Dementsprechend war Leslie am Tag der Jagd auch schon um halb fünf wach. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Bad, wusch sich schnell und tapste dann barfuß über den Gang zu Beau und Snafus Zimmer und klopfte sachte an.

      Fast gleichzeitig drückte sich dann auch schon Beau durch einen Minispalt in der Tür (durch den er gar nicht hätte passen sollen – immerhin war er bestimmt dreimal so breit wie Leslie. Mindestens) und schob sie in Richtung Treppe nach unten.

      Frühstück gab es für die beiden nicht. „Cooper ist eh schon angepisst, dass ich andauernd woanders bin,“ flüsterte Beau und steuerte Leslie an der Küche vorbei direkt an die Haustür. Draußen war es noch dunkel; nur ein leichtes, dunkelgraues Band war schon am Horizont zu erkennen. Der Hof rund um das Mitarbeiterhaus war umhüllt von Nebel und es roch nach Regen. Solange der sich für den restlichen Tag verzogen hatte, war Leslie das ganz recht.

      Wie ein kleines Kind schlappte sie Beau hinterher, der zuerst die Tür in die Sattelkammer des A-Stalles aufsperrte. Als er das Licht anmachte, war Leslie für einen kleinen Moment geblendet, dann ging sie die Spinde der Gastpferde durch. Im A-Stall waren nicht wirklich viele Boxen freigewesen; die Junghengste standen seit ein paar Tagen wieder über Nacht in den Boxen und nahmen dementsprechend Platz weg. Ein Paint Horse aus New Mexico, ein Holsteiner und ein Trakehner aus Deutschland bewohnten seit Anfang der Woche die drei freien Boxen und schienen sich ganz gut mit den Boxennachbarn zu verstehen. Dementsprechend kam Beau auch schnell wieder, nachdem er Leslie in der Sattelkammer zurückgelassen hatte.

      Die Spinde waren immer noch verschlossen, beim kurzen Inventarcheck schien auch nichts zu fehlen. „Gehen wir weiter,“ flüsterte Leslie. Wenn man den Geräuschen der Pferde in der Box trauen konnte, waren die zwar eh schon wach und verlangten auch schon langsam ihr Futter, aber irgendwie wollte sie trotzdem so leise wie möglich reden.

      Im C-Stall war dann der Großteil der fremden Hengste untergebracht. Der stand im Winter meistens eh leer – Esther verfolgte die Philosophie, dass auch Hochleistungssportler mal ein bisschen Pause brauchten und nahm deswegen am Anfang Oktober keine Trainingspferde mehr an – und war somit für die restlichen 9 Gasthengste frei. Auch hier checkte Leslie kurz, ob die Spinde nach wie vor verschlossen waren und ob auch wirklich nichts fehlte. Beau knipste das Licht in der Stallgasse an, guckte kurz in jede Box und zog Leslie dann auch schon wieder quer über den Hof.

      Langsam aber sicher meldete sich dann doch ihr Magen. Um kurz nach 5 schalteten sich immer mehr Lampen in den Ställen und Häusern an, und ihre innere Uhr sagte ihr, dass es jetzt wirklich Zeit fürs Frühstück war. Trotzdem trottete sie hinter Beau her und versuchte, das Magengrummeln einfach zu ignorieren.

      Funktionierte semi-gut. Als die beiden im Stutenstall angekommen waren und Leslie gerade Spind Nummer 3 von 7 aufsperrte, knurrte ihr Magen so laut, dass Moses kurz darauf den Kopf in die Sattelkammer steckte.

      „Ich dachte, hier drin ist ein Bär,“ sagte er grinsend, als er Leslie entdeckte. Die verdrehte nur kurz die Augen; Moses war wirklich einer der einzigen Menschen, die sie kannte, der frühmorgens (um 5 Uhr. 5 Uhr morgens frühmorgens) schon zu Witzen aufgelegt war. Einer der Gründe, warum sie den B-Stall mied, bis sie wirklich wach war.

      Gerettet wurde sie von Beau, der sich an Moses vorbeischlängelte und wortlos die restlichen vier Spinde inspizierte. Dann fiel sein Blick auf die Uhr und unter wildem Fluchen stürmte er aus der Sattelkammer. Leslie konnte ihn gerade noch auf dem Weg zum Parkplatz einholen.

      „Keine Frühstückspause?“ keuchte sie ihm hinterher.

      Er öffnete die Fahrertür eines dunkelblauen Yaris‘. „Keine Frühstückspause.“

      -- Idony --

      Wenn man monatelang jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstand, dann war das irgendwann so in einem drin, dass man an jedem Nicht-Arbeitstag um fünf hellwach war. So ging es Idony heute – Training fiel für die nächsten paar Tage aus und Cam war so nett gewesen und hatte ihr freigegeben, damit sie später bei der Jagd konzentriert mitreiten konnte.

      Trotzdem – sie war um Punkt fünf Uhr wach gewesen und nach ein paar Minuten hatte sich herausgestellt, dass sie das mit dem Weiterschlafen vergessen konnte. Also war Idony zwei Stunden später schon mit den meisten Arbeiten fertig. Benihana versorgen, Benihanas neue Boxennachbarin Minou und die Reitponystute Cíola zusammen auf die Weide stellen, Stallgasse fegen und nett zu den Gästen sein.

      Gegenüber von Billies Box stand eine Scheckstute, die jeden Schritt und jedes Atmen im Stall genaustens im Blick hatte. Jedes Mal, wenn Idony kurz zu ihr hinübersah, stand die Stute woanders – mal im Paddock, mal in der Box, mal genau auf der Schwelle. Idony ließ sie kurz mit sich selbst allein und huschte an die Box des Scheckens. Die Stute hatte in etwa die gleiche Größe wie Benihana, wirkte aber zugleich imposanter als auch gebrechlicher als der Holsteiner gegenüber.

      „Schon mal die Konkurrenz begutachten?“ kam plötzlich von hinten. Idony zwang sich, nicht wie ertappt zu gucken, als sie sich umdrehte und eine junge Frau vor ihr stand – mit einem breiten Grinsen.

      Die Frau streckte auch sogleich ihre Hand aus. „Alexandra Cordes. Und das hinter dir ist Possy Pleasure Mainstream.“

      Als hätte sie ihren Namen verstanden, schnaubte die Stute und schlich sich dann sogleich wieder nach draußen auf den Paddock. Idony räusperte sich und nahm die Hand der Frau. „Idony Berqvist – aber ich bin keine Konkurrenz, ich arbeite hier.“

      „Oooh,“ machte Alexandra. „Und da dürft ihr gar nicht mitmachen? Das ist ja auch schade. Da gibt’s sowas mal und ihr werdet ausgeschlossen.“

      Ein bisschen überrumpelt von den vielen Worten in der kurzen Zeit blinzelte Idony Alexandra erst mal an. Dann registrierte sie die Worte erst. „Ach nein, das ist wirklich nicht schlimm – jetzt im Herbst sind hier so viele Jagden, also wer will—“

      „Oooh,“ machte Alexandra wieder. Possy Pleasure Mainstream kam wieder in die Box und reckte den Hals nach ihr. „Ich werde jetzt auch mal gucken, wo die zweite im Team bleibt – allmählich sollten wir ja mal beginnen, die Pferde fertig zu machen.“

      Mit einem Winken verabschiedete sich Alexandra wieder und ging aus dem Stall. Neben den Stallburschen, die die Futtereimer wieder von vor den Boxen einsammelten, war Idony die einzige im Stall. Also nutzte sie die Gunst der Stunde und richtete Benihana schon einmal so weit her, dass sie dieser später nur noch den Sattel auf- und die Trense anlegen musste.

      -- Leslie --

      Treffpunkt der Reiter war um halb elf auf dem Dressurviereck. Bis dahin hatte Leslie Zeit, den Matsch aus Painted Blurs Fell zu bürsten. Pünktlich hatte sich der natürlich in die nächstbeste Matschpfütze geschmissen – und von denen gab es auf den Weiden gerade genug. Soweit wäre es gar nicht gekommen, wären Leslie und Beau zur Stelle gewesen. So wie es war hatte nämlich Cooper Blurry auf die Weide gebracht, der hatte die Chance ergriffen – und jetzt stand Leslie in der Stallgasse des A-Stalls und versuchte, den noch feuchten Matsch so gut wie möglich aus dem Fell zu bekommen.

      Eigentlich wäre das eine Fall für die Waschanlage, dachte sie und schrubbte an einem Fleck an der Flanke des Hengstes. Eigentlich – nur leider war es kurz nach zehn, und wenn man Bernie und Cat glauben konnte, dann waren die ersten Gäste auch schon am Platz versammelt.

      (Beau hatte sich übrigens verkrümelt und frühstückte. Während Leslie nasse Matschflecken ausbürsten durfte, die vermeidbar gewesen wären. Schöner Tag war das heute.)

      10:15 Uhr ließ sie dann die Bürste fallen und schnappte sich Blurrys Sattel. Weg waren die Flecken zwar nicht, aber sollte sich jemand der Gäste drüber beschweren – naja, dann ließ sie Cooper die Sache handeln. Sie hatte gleich erst mal ein Date mit ihrer Müslischale.

      Gerade hatte Leslie Blurry das Gebiss ins Maul geschoben, als auch schon Esther in den Stall kam. Die drei Gäste, deren Pferde im A-Stall untergebracht waren, hatten sich schon längst auf den Weg zum Viereck gemacht – schön rausgeputzt mit Turnierjackett, hellen Hosen und weißen Schabracken. Leslie wusste also, dass sie spät dran war (und das würde Cooper auch noch den ganzen lieben langen Tag hören, ob er es wollte oder nicht). Dass jetzt aber schon die Chefin nach ihr sah, das hätte sie aber nicht gedacht.

      „Schon fertig,“ rief sie Esther entgegen und steckte den Zipfel des Nasenriemens noch schnell unter die dafür vorgesehene Lasche. „So gut wie’s eben ging,“ murmelte sie dann noch vor sich hin, nahm Blurry die Zügel vom Hals und führte ihn die Stallgasse hinab.

      Esther sah sich den Hengst kurz von beiden Seiten an, seufzte und zuckte dann mit den Schultern. „Sauberer wird er jetzt eh nicht mehr,“ sagte sie und klopfte Leslie kurz auf die Schulter. „Wenn du mir noch kurz helfen könntest?“

      Per Räuberleiter schwang sich Esther in den Sattel und nahm die Zügel auf. „Ich kehr‘ noch schnell, dann bin ich sofort da,“ versprach Leslie, aber Esther winkte ab.

      „Der Dreck liegt später auch noch da, wenn wir weg sind. Du solltest dir das jetzt lieber mit ansehen.“

      Gut, das ließ sich wahrscheinlich niemand zweimal sagen. Hinter dem großen Rappen und ihrer Chefin schloss Leslie das Stalltor und folgte den beiden dann in Richtung Viereck.

      -- Idony --

      „Guten Morgen und natürlich herzlich Willkommen auf Sandringham Manor.“

      Das Stimmenwirrwarr auf dem Dressurviereck verstummte augenblicklich. Neben Idony hörten sogar die zwei Geschwister auf, die schon seit sie aufgetaucht waren die Köpfe zusammengesteckt hatten, zu tuscheln. Fast alle Köpfe drehten sich nach vorne in Richtung Eingang. Vor der Kulisse des Herrenhauses saß Esther im Sattel von Blurry, hinter ihr Logan und Frank.

      „Ich freue mich, euch alle hier begrüßen zu dürfen. Das ist die erste Jagd seit fast 13 Jahren, die auf unserem Gestüt stattfindet, und ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht.

      Ich möchte auch gar nicht groß um den heißen Brei herumreden, schließlich wollen wir alle so bald wie möglich los. Wir haben eine Strecke von etwa 15 Kilometern vor uns. Nach etwa sieben gibt es für alle eine kleine Pause auf einem benachbarten Hof. Die Pferde dürfen grasen und für uns Menschen gibt es auch ein paar Snacks. Abschließend treffen wir uns auf der Wiese ein, auf der unser Geländetraining startet. Wer besonders aufmerksam ist, wird auf dem Weg dorthin auch etwas ganz Besonderes im Wald entdecken.

      Die Regeln lauten wie bei jeder Jagd. Um einen sicheren Ablauf zu gewähren, bete ich euch alle, euch gleich euren Platz im Feld zu finden und diesen, wenn möglich, nicht zu verlassen. Und, das ist ganz wichtig: reitet nie quer zu den anderen Reitern. Außerdem dürfen die Master, die euer Feld anführen, niemals überholt werden – die kennen die Strecke und sind dafür zuständig, dass alles gut abläuft. Für die Springer sind meine Kollegen Logan Reid und Frank Montgomery zuständig,“ Esther gestikulierte auf die zwei Trainer hinter ihr, „die Nicht-Springer hören auf mein Kommando.“

      Idony sah sich ein bisschen in den Reihen rum. Einige Reiter hatten ein schmales Lächeln auf den Lippen, andere sahen Esther stockernst ins Gesicht.

      „Zu eurer Sicherheit bilden die Schlusslichter die sogenannten Schlusspiköre. Jeder noch so gute Reiter fällt mal vom Pferd – für den Fall sind die Schlusspiköre da. Sie sind auch ein bisschen die Schiedsrichter, die alles sehen.

      Auf der Strecke gibt es 15 Hindernisse, inklusive Bachläufen und feste Naturhindernisse. Sollte euer Pferd vor dem Hindernis verweigern, dann dreht am besten sofort ab und reitet um das Hindernis herum. So kann es keine Staus geben und ihr und eure Pferde werden nicht verletzt.

      Außerdem bitte ich euch grundsätzlich, aufzupassen. Wir haben einige Pferde dabei, die noch recht jung und stürmisch sind. Wenn ihr die Jagd ohne dickes Knie abschließen möchtet, dann reitet nicht zu arg auf – vor allem nicht, wenn das Pferd eine rote Schleife im Schweif trägt.

      Recht viel mehr gibt es auch nicht zu sagen, also fange ich gleich mit den Feldeinteilungen an.“

      Die ersten Reiter zogen die Gurte nach und ließen die Steigbügel herunter. Esther kramte einen Zettel aus ihrer Jacketttasche hervor und räusperte sich.

      „Feld Eins ist das erste springende Feld mit Philipp Gerdes und Daitona, Nicolaus du Martin und Ghostly Phenomenon, Elena Redling und Couleur du Deuil, Leticia Weidner und Ingénue, Octavia Blake und Raspberry, Mio Wild und Raised from Hell, Malte Tordenvaerson und Belmonts Brock und Gwendolyn Campbell und Neelix. Euer Master ist Logan Reid und euer Schlusspikör ist Idony Bergqvist.“

      Während alle, die gerade aufgerufen wurden, sich auf eine Seite des Vierecks verteilten, blätterte Esther um. „Feld zwei als zweites springende Feld mit Occulta Smith mit Co Pilot de la Bryére, Ciaran Duclair und Shenandoah, Eddi Canary und Pajero, Jonas Moser und Diarado, Lisa Zimmermann mit Halluzination, Isa Neyer mit Jonquil, Ikarus Dragomir mit Pitú, Tassilo Greving und Cover the Sun und Charlotte von Eylenstein mit Grenzfee. Euer Master ist Frank Montgomery, der Schlusspikör ist Katharina Karenin.

      Das letzte Feld mit mir als Master besteht aus Addison Moore mit My Canyon, Janina Lohmann mit Nemax, Elliot Hadley mit Vychar, Bellamy Blake mit Gun and Slide, Franziska Ziegler mit Cadeau, Nate Prescott und Dark Chocolate, Alexandria Cordes und Possy Pleasure Mainstream, Tamara Meyrohe mit Walking in the Air, Marie Wortkötter mit Macaruja, Vuyo Ndour mit Aspantau und Artemis Fortounis mit Bahar. Euer Schlusspikör ist Bree Price.“

      Ein paar Sekunden gab Esther den Leuten, um sich aufzuteilen, dann steckte sie den Zettel wieder in ihre Tasche. „Ihr könnt jetzt aufsitzen. Feld 1 macht sich in wenigen Minuten auf den Weg, ein paar Minuten später Feld 2 und dann Feld 3. Ich wünsche euch eine schöne und angenehme Jagd und natürlich viel Glück.“

      -- Leslie --

      Gemeinsam mit Bernie und Snafu hatte Leslie Esthers kleiner Ansprache vom Rande des Dressurvierecks gelauscht. Als das letzte Feld mit Blurry an der Spitze und Siana als Schlusslicht vom Platz ritt, seufzte Leslie erst einmal laut. Passend dazu grummelte ihr Magen.

      Wie auf Knopfdruck drehten sich Bernie und Snafu zu ihr um. „Schon wieder Hunger?“ scherzte Bernie.

      „Immer noch,“ grummelte Leslie. „Aber ich werd mich jetzt umdrehen und auf schnellstem Weg ins Haus gehen und schön und lange frühstücken.“

      Snafu grinste sie kurz an, dann schweifte sein Blick über ihre Schulter ab. Seine Augen wurden für einen Moment weich – und Leslie wusste genau, was sie erwartete. Mit einem lauten Stöhnen schlug sie sich die Hände vor die Augen.

      „Leslie, fertig soweit?“ kam es von hinter ihr in einer allzu familiären, tiefen Stimme. „Die Millers haben gerade angerufen, wir sollen gleichkommen – hab ich was verpasst?“

      Als sie die Hände von den Augen nahm, sah sie, dass Snafu schon antworten wollte, also ergriff sie lieber selber die Initiative.

      „Nein, gar nichts. Gehen wir.“ Schwungvoll drehte sich Leslie um, packte Beau beim Oberarm und zog ihn hinter sich her in Richtung Parkplatz.

      Schon wieder.

      -- Idony --

      Billie gefiel das Hinterhergetrotte ganz und gar nicht. Während der ersten Trabstrecke hätte die langbeinige Stute gleich mal versucht, einen wuchtigen Draught-Hengst und eine zierliche Buckskinstute zu überholen – also hatte Idony sie auf eine Volte abgewendet und sich tief in den Sattel eingesessen. Sowohl der Mann auf dem Draught als auch die junge Frau auf der Stute schienen ihr das aber nicht übel zu nehmen. Immer wieder versuchte die Holsteinerstute, irgendwie an der Gruppe vorbeizuziehen – bis sie sich dann nach dem ersten Galopp anscheinend damit abgefunden hatte. Ungeduldig kauend, aber wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung.

      Idony selbst kam auch dann erst richtig in den Genuss – bis dahin hatte so gut wie jeder seinen Platz in der Gruppe gefunden. Im Schritt unterhielten sich die meisten, lachten miteinander. Wenn Logan das Handzeichen für den Trab oder Galopp gab, verstummten jedoch alle und vor den Hindernissen wurde eine schöne Reihe gebildet. Pferd nach Pferd hüpfte über die Zäune, kletterte einen Wall hinunter und watete durch einen Bachlauf.

      Die Reiter schätzte Idony als ziemlich erfahren ein; keiner kam über den Hindernissen ins Straucheln. Eine Rappstute weiter vorne im Feld schlug den ein oder anderen Haken zur Seite, aber die Reiterin schien sich dadurch nicht aus dem Konzept zu bringen zu lassen. Trotzdem stoppte bei jedem Seitensprung kurz Idonys Herz und sie nahm Billie vorsichtshalber gleich ein bisschen zurück – sollte die Reiterin den Halt verlieren und stürzen, war es immerhin ihre Aufgabe, alle wieder einzusammeln.

      Trotz hakenschlagender Stute erreichten alle Reiter als erstes die Zwischenstation auf dem Bauernhof der Familie Wright ohne Zwischenfälle. Von einem kleinen Wäldchen ging es direkt an den Schaf- und Kuhweiden vorbei, direkt auf den kleinen Platz vor dem Guthaus. Ein paar Stallburschen von Sandringham Manor wuselten schon umher; auf ein paar Aufstelltischen standen Gläser und Wasserflaschen, auf anderen eingewickelte Sandwiches.

      Nachdem den Pferden die Zaumzeuge abgenommen und die Sattelgurte gelockert wurden, gab es für die Reiter dann das verdiente Lunch. Die alte Mrs Wright füllte Wassereimer für die Pferde auf und die Stallburschen verteilten sie schließlich. Nach und nach kamen auch Frank und Esthers Felder an, als allerletzte Cat auf Ironic. Im Gegensatz zu ihrer Gruppe sah sie ein bisschen abgekämpft aus, also machte sich Idony kurzerhand auf den Weg zu ihr.

      Ironic blubberte freundlich, als er Billie entdeckte. Als die ihm aber keinerlei Beachtung schenkte, sondern lieber ein paar vertrocknete Grashalme abrupfte, bekam er sich auch schnell wieder ein und spielte lieber mit dem Wassereimer, dem ihn ein Stallbursche hinhielt.

      Cat lächelte Idony müde an. „Du siehst ja richtig frisch aus.“

      „Kann ich von dir nicht wirklich behaupten,“ sagte Idony. „Schwere Gruppe?“

      „Die Gruppe nicht unbedingt,“ Cat nahm ihren Reithelm ab und fuhr sich durch die Haare. „Eine Stute, ich glaub ein Vollblut. Rote Schleife im Schweif, also sollte ich nicht so überrascht sein, aber im Schritt schien sie noch besser drauf zu sein.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich musste noch keinen retten, aber wir haben ja noch ein paar Kilometer vor uns.“

      „Dann solltest du ganz schnell irgendwo Holz finden und drauf klopfen.“

      „Bietest du mir deinen Kopf an?“

      Idony rollte mit den Augen, dann streckte sie die Hand nach Ironics Zügeln aus. „Los, hol dir noch was zum Essen bevor nichts mehr da ist.“

      -- Leslie --

      Ja gut, vielleicht hatte Leslie den Aufwand einer solchen Jagdorganisation ein bisschen unterschätzt. Mittlerweile war es nach 12 Uhr mittags und bis auf ein paar Gurken bei der Essensvorbereitung hatte sie immer noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Wenn sie nicht Essen ausgab, dann schleppte sie Getränkekisten, Wassereimer oder was auch immer die alte Wright sie auch machen ließ.

      „Wenn das hier rum ist,“ sagte sie leise und bedrohlich, als Beau ihr noch eine Wasserkiste in die Brust stieß, „dann schuldest du mir ein drei Gänge Menü. Selbst gekocht. Alles andere akzeptiere ich nicht als Entschuldigung.“

      Beau, der sonst eigentlich sehr gefestigt wirkte, bekam seine kleine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Jackpot. „Irgendwie sowas sollte ich hinkriegen.“

      Das hoffe ich für dich.“

      -- Idony --

      Der zweite und letzte Abschnitt begann ein bisschen ruhiger als der erste – zumindest für Idony. Im Schritt ging es wieder zurück in das kleine Wäldchen, an einer Abzweigung jedoch geradeaus statt rechts.

      Wie als hätten die Pferde nie etwas anderes gemacht, kletterten sie einen Wall hinab, galoppierten dann geschlossen und ruhig an und nahmen die ersten paar Hindernisse des letzten Streckenabschnitts mit Leichtigkeit. Erst kurz vor der letzten Galoppstrecke verweigerte eine große Rappstute weiter vorne im Feld. Ihr Reiter fing sich gerade noch über dem Hals hängend. Die Stute ging zwei Schritte mit hochgerissenem Kopf rückwärts. Idony nahm schon Billies Zügel an, kurz davor, einzugreifen – immerhin kamen schon die nächsten Pferde, die auch über das Hindernis springen wollten, und so ein Stau konnte ziemlich blöd hinausgehen – doch dann trieb der Reiter die Stute schon seitlich und machte einen großen Bogen um den Zaun und kurz darauf nahmen beide wieder ihren Platz im Feld ein.

      Als von Logan an der Spitze das Kommando zum Suchen kam, saßen plötzlich alle aufrechter im Sattel. Alle nahmen ihre Pferde zurück, ließen die Galoppsprünge verkürzen, und sahen sich links und rechts im Gebüsch des Waldes um. Wo genau der Fuchsschwanz versteckt war, wusste Idony auch nicht; sie selbst verließ sich also darauf, dass Billie sich mit dem hintersten Platz im Feld abgefunden hatte, stellte sich in die Bügel und reckte selbst den Hals, um besser sehen zu können. Bis auf ein paar orangefarbene Blätter fand sie aber nichts, und auch die Teilnehmer gingen leer aus. Ein wenig enttäuscht setzte sich Idony wieder in den Sattel ein. Billie spielte kurz mit den Ohren, erwartete eine Parade, galoppierte aber dann letzten Endes ruhig weiter.

      Wenige Meter voraus endete der Wald schon; dann waren sie eigentlich schon wieder mitten auf dem Gestüt. An den leeren Paddocks vorbei, um das Haupthaus herum, dann tauchte auch schon das Dressurviereck vor dem Feld auf, mit dem aufgebauten Sprung. Einer nach dem anderen, wie in den letzten Stunden, sprangen die Pferde darüber. Als Idony und Billie auf dem anderen Ende des Hindernisses ankamen, waren die ersten Reiter schon abgestiegen.

      Wenige Minuten, nachdem ein paar Jocks die ersten Eichenbrüche verteilten, kam auch das zweite Feld an – ebenfalls erfolglos, wie sich schnell herausstellte. Trotzdem schien die Stimmung heiter zu sein; die Reiterin mit der nervösen Stute aus Idonys Feld erzählte im größten Detail und mit ausladenden Armbewegungen jedem im Umkreis von fünf Metern, wie sie sich dreimal schon fast am Boden liegen sah.

      Erst, als dann zwanzig Minuten nach dem ersten Feld Esther und ihre Gruppe auf dem Platz eintrafen, schwenkte jemand ein orangefarbenes Stück Pelz hin und her. Als die Gruppe sich dann auch langsam lichtete, bekam Idony einen ersten Blick auf den Gewinner: die Reiterin war noch jung und saß auf einer hellen, schweren Buckskinstute. Sie grinste, umklammerte den Fuchsschwanz eisern und unterhielt sich angeregt mit der Frau, die Idony heute Morgen im Stall getroffen hatte. Auch das Pferd kam Idony bekannt vor – da musste sie später gleich mal gucken, ob die Stute nicht sogar neben Minou einquartiert wurde.

      Esther platzierte sich wieder in die Mitte des Vierecks. Als jeder Teilnehmer seinen Eichenbruch in der Hand hielt, verkündete sie die Siegerin – Tamara Meyrohe aus Deutschland, deren Stute tatsächlich nur ein paar Boxen neben Benihana stand – und bedankte sich bei allen, die irgendwie geholfen hatten. „Und zur Feier des Tages lade ich Euch alle herzlich zum Jagdgericht ein – nachdem die Pferde versorgt wurden, versteht sich.“

      Ein wirkliches Jagdgericht im klassischen Sinn war es nicht – Idony hatte sich noch nicht mit Bree und Cat unterhalten können, ob es in deren Feldern irgendwelche Vergehen gab, aber das konnte sie sich kaum vorstellen – sondern eher ein Dinner im Herrenhaus. Die Piköre waren ebenfalls eingeladen – trotzdem ließ sich Idony viel Zeit im Stall, stopfte Billie Stroh unter die Abschwitzdecke und weichte die Kühlgamaschen in aller Ruhe ein.

      Ein bisschen verspätet und mit eiskalten Fingern kam Idony dann im Speisesaal an. Cat hatte ihr einen Platz freigehalten, direkt vor dem Teller mit Hühnchen. Um sie herum hatten die anderen schon mit dem Essen begonnen, also lud sie sich sofort ein bisschen Fleisch, Gemüse und Brot auf, ohne noch groß nachzudenken. Der Hunger war erst gekommen, als sie vor dem Speisesaal gestanden war und das Essen gerochen hatte. Komisch, wie man einfach vergessen konnte, hungrig zu sein.

      -- Leslie --

      Leslie, auf Cats anderer Seite, lud sich ihren Teller dreimal mit allem Möglichen auf, probierte jedes der drei verschiedenen Desserts und schnappte sich anschließend noch das übrige Mousse au Chocolat von Beaus Teller. Das schuldete er ihr ja schließlich.

      (c) Rhapsody
    • Leaenna
      Was lange währt...

      Große Töne spucken, das kann ich gut. Versprechungen machen, die ich dann doch nicht halte. Ich würde mein Pflegepferd Ingénue übernehmen, das hatte ich vor fast einem Jahr so zusammenhanglos in den Raum geworfen. Hatte es versprochen. Éric versprochen. Und natürlich Ingénue selbst. Die Angst, das Pony zu verlieren, war es, was mich dazu getrieben hatte. Ein kurzer Moment voll Angst, als unvorbereitet ein Kaufinteressent vor ihr stand, und eine Welle von Adrenalin, die mich schneller hatte sprechen lassen, als ich denken konnte. Danach hatten wir das Thema erst einmal wieder geflissentlich unter den Tisch fallen lassen, der Stallbesitzer und ich, und das über Monate hinweg. Stolz war ich darauf nicht. Ich kam mehrmals die Woche, wie ich es immer tat. Kümmerte mich um Ingénue, ritt mit ihr aus oder übte auf dem Platz. Die anderen Pferde verschwanden Stück für Stück von Érics Hof, wurden verkauft in liebende Hände und als nächstes prangte dann ein Schild in der Einfahrt, das den Hof selbst zum Kauf anpries. Ingénue war noch da. Ich kam und ging. Éric grüßte mich jeden Tag auf's Neue höflich wie eh und je.

      Eins wusste er nicht: Ich war in der Zwischenzeit nicht untätig. Jede freie Minute, die ich nicht in meinen Job, Ingénue oder Garance investierte, hatte ich im letzten Jahr in die Renovierung des kleinen Hofes investiert, auf dem ich lebte. Nachdem ich damals, vor mittlerweile vier Jahren, eingezogen war, hatte ich mich zuerst dem Wohnhaus gewidmet, um mir dort ein trautes Heim zu schaffen. Als das geschafft war - mit viel Hilfe und nach so mancher Nacht auf der Isomatte -, hatte ich jedoch nicht aufgehört, sondern mich im nächsten Schritt an den verfallenen Stall gewagt. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber meine beste Freundin und Nachbarin Antonique stand mir hilfsbereit zur Seite. Wir entrümpelten alles, entfernten jahrealten Staub, Spinnweben und viel zu viele ihrer unliebsamen Bewohner. Wir dämmten die Wände, flickten das Dach. Kalkulierten Kosten, kauften Materialien. Ließen Strom- und Wasserzufuhr erneuern. Schleiften Balken ab, strichen Wände. Manchmal machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung, oder unsere Arbeitszeiten. Auf den Job war ich angewiesen, die monatlichen Kosten wollten gedeckt werden und die Renovierung verlangte zusätzliche Ausgaben. Oft fiel ich nach einem langen Tag mit schmerzenden Rücken und schwieligen Händen in die Badewanne oder direkt in's Bett (und dann wusste ich, warum es gut gewesen war, zuerst das Wohnhaus auf Vordermann zu bringen). Aber ich hatte diesen Traum, nein, diesen Plan, auf den ich hinarbeitete, und der mich jeden Tag zu Höchstleistungen antrieb.

      Als ich Ingénue heute nach getaner Arbeit auf die Koppel entließ, drückte ich sie noch einmal ganz fest. Ich schlang meine Arme um ihren Hals, vergrub mein Gesicht an ihrer Mähne, kraulte sie hinter den Ohren und konnte spüren, wie sie die Liebkosung mit einem leichten Knabbern erwiderte. Vielleicht, dachte ich, würde das das letzte Mal sein, dass ich mein Pflegepferd umarmte. Aber das lag nicht in meiner Hand.

      Ein paar Minuten später stand ich vor Éric, verschwitzt, mit Mistflecken auf der Hose und mit mehr Pferdehaaren am Pulli als eigenen Haaren auf dem Kopf. Ich hatte ihn schon letzte Woche um dieses Gespräch gebeten, und unwillkürlich fragte ich mich, was er jetzt wohl erwartete. Dass ich aufhörte, vielleicht? Sein Blick war unergründlich, aber das war er immer. "Ich habe", begann ich zögerlich, "damals, du weißt schon - Ich habe etwas Überstürztes gesagt, ohne darüber nachzudenken." Éric nickte. Ich musste ihm nicht erklären, welche Situation ich meinte, wir beide wussten es. Er sagte nichts - dann war es wohl an mir, weiterzusprechen. "Seitdem ist viel Zeit vergangen, fast ein Jahr. Ich habe oft über diese Situation und meine Worte nachgedacht und, ich weiß nicht, vielleicht hast du das auch. Jeden Tag musste ich befürchten, dass Ingénue nicht mehr da ist, wenn ich auf den Hof komme, aber du hast sie nicht verkauft. Also bin ich jetzt gekommen, um..." Ich zögerte. "Um mein Versprechen von damals wahr zu machen. Ich möchte Ingénue kaufen." Ein Lächeln malte sich in Érics Wangen, brachte seine Augen zum Strahlen: "Ich wusste, dass du es tun würdest. Ich habe nur auf diesen Tag gewartet. Möchtest du den Papierkram gleich erledigen?" An dieser Stelle konnte ich nur noch nicken. Mein Mund war viel zu sehr mit Grinsen beschäftigt.

      Ja, vorhin war tatsächlich das letzte Mal gewesen, dass ich mein Pflegepferd umarmte. Denn als ich nun jubelnd und mit Freundentränen in den Augen in Richtung der Wiese rannte und die kleine Stute mir verdattert entgegensah, da umarmte ich mein Pferd.
    • Leaenna
      …wird endlich gut.

      Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei. Im Geiste zählte ich den klaren Takt von Garances Trabschritten mit. Wenn sie so energiegeladen war wie heute und am liebsten jeden Moment angaloppiert wäre, dann half mir das, um sie im Rhythmus meiner Wahl zu halten, ohne zu nachdrücklich in die Zügel greifen zu müssen, denn dass sie das nicht leiden konnte, hatte ich schnell bemerkt. Meine Gedanken halfen meinem Körper, Garances Hektik nicht nachzugeben, sondern in meinem eigenen Tempo leichtzutraben, und das wiederum beeinflusste die dunklen Stute, sich nicht im Rennen zu verlieren und dabei auseinanderzufallen. Ich setzte zu einer Volte an, drehte die Schultern in die Biegung, gab Gewicht auf den inneren Fuß, spürte, wie Garance sich um ihn bog; vor meinem inneren Auge zerteilte ich den Kreis in vier Viertel, ritt jedes davon ganz bewusst, so wurde die Volte schön rund. Puh. Hätte mir noch vor zwei, drei Jahren jemand erzählt, dass Reiten so viel Psychologie war, hätte ich es ihm nicht geglaubt. An der kurzen Seite bereitete ich eine Parade vor, passend vor A verfiel Garance in den Schritt. Und ich musste mir erstmal einige schweißnasse Haarsträhnen irgendwie zurück unter den Helm klemmen, während ich ihr die Zügel hingab und die Braune den Hals nach unten streckte.

      "Das sah toll aus!" Antonique stand anerkennend nickend an der Bande, "So schön lief das Luder zuletzt unter meiner Mutter." Autsch. Es traf mich immer etwas unvorbereitet, wenn meine Freundin ihre verstorbene Mutter erwähnte, und noch mehr, wenn man bedachte, dass ich nun diejenige war, die ihr Pferd ritt, und nicht etwa ihre Tochter. Aber Nicky schien das immer sehr viel weniger auszumachen als mir. Sie sei einfach froh, Garance wieder in guten Händen zu sehen, behauptete sie zumindest immer.

      Zugegeben, bevor ich mich ihrer angenommen hatte, war die Dunkle ganz schön bei Antonique und ihrem Vater versauert. Sie zu verkaufen, das hatten die beiden aus nostalgischen Gründen nicht übers Herz gebracht, aber mit Pferdeverstand waren sie laut eigener Aussage auch nicht gerade gesegnet. Ein leichtes Pferd war Garance nicht und ich konnte verstehen, warum Antonique sich nie an sie herangetraut hatte. Mittlerweile waren die Stute und ich jedoch zu einem recht guten Team geworden, und seit ich mein eigenes Pony Ingénue besaß, musste Garance auch nicht mehr alleine stehen. Dass die beide sich als Weidegenossinen gut verstanden hätte ich im Vorfeld kam zu hoffen gewagt, doch nachdem die Rangordnung kaum Klärungsbedarf nach sich gezogen hatte, sah man die beiden nun fast täglich zufrieden nebeneinander grasen: Garance hatte gerne das Sagen und die genügsame Ingénue kein Problem damit, sich dem zu fügen.

      Nach einigen Schrittrunden hielt ich an, ließ mich von Garances Rücken gleiten und klopfte ihr den Hals. Routiniert lockerte ich ihren Sattelgurt und fischte ein Herbstblatt aus ihrer dunklen Mähne, das sich dort verfangen hatte. Von oben rieselten prompt ein Dutzend neue auf uns hinab. "Es wird langsam kalt", stellte auch Antonique fest, "bald können die Pferde nachts nicht mehr draußen stehen." Damit hatte sie nicht Unrecht und ich wusste das, trotzdem musste ich an mich halten, nicht das Gesicht zu verziehen. Ich wollte die beiden Stuten ungerne trennen, und noch viel weniger wollte ich Garance zurück in die düstere Scheune stellen, die bei Antoniques Vater als ihr Stall diente. Doch noch bevor ich mich in dieser Zwickmühle hätte verlieren können, die ich momentan täglich so erfolgreich vor mir her schob, rissen Nickys weitere Worte mich aus den Gedanken: "Papa und ich haben uns unterhalten und wir würden Garce gerne bei dir unterstellen. Ich würde dir helfen, die Box neben Ingénue fertig zu machen, und... Naja, wenn sie dann sowieso schon bei dir steht, und du die einzige bist die sie reitet..." Oh.

      Sie wollen Geld von mir, das war mein erster Gedanke. Sie wollen mich zahlen lassen, wie jede normale Reitbeteiligung es tut, wie hatte ich mich nur darauf ausruhen können, mit diesem wundervollen Pferd arbeiten zu dürfen und nicht mal einen Cent dafür zu bezahlen. Andererseits fütterte ich Garance mit dem Kraftfutter, das ich für Ingénue gekauft hatte, und die Hufschmiedkosten vor ein paar Wochen hatte ich auch übernommen. Trotz wallte in mir auf. Es war nicht besonders fair, mir jetzt noch mehr Geld aus den Taschen ziehen zu wollen. --

      "Wir möchten dir Garance schenken. Sie ist dein Pferd, Leticia." Und dann fiel die Wut mit einem Mal völlig von mir ab, mein Herzschlag schoss in die Höhe und Tränen in meine Augen. "Wirklich?" Nicky nickte, auf ihren Lippen lag ein zögerliches Lächeln. "Wirklich."

      Von der Weide aus konnten wir Ingénue nach ihrer Freundin wiehern hören. Garance brummelte zurück.
    • Leaenna
      Les Ponceaus

      Klonk, klonk, klonk. Das Schlagen des Hammers, der den Nagel in das Holz trieb, war vermutlich schon von weitem zu hören und verstummte erst, als ich innehielt, um mir das verschwitzten Haar aus der Stirn zu streichen. Zufrieden richtete ich mich auf und betrachtete den Zaun des Paddocks. Das Holz war frisch abgeschliffen und die Querbalken dem Urteil der Wasserwaage nach, die ich kurz anlegte, ordentlich gerade angebracht. Perfekt. Gerade so wie ich Liebhaber der Symmetrie das mochte.
      Mein eigener Pferdestall. Meine eigenen Pferde. Mein eigenen Hof. An manchen Tagen konnte ich es immer noch nicht glauben. Ein Pferd hatte ich mir gewiss schon immer gewünscht, es hatte zu meinen Träumen und Zielen gehört, als ich vor fünf Jahren nach Frankreich gekommen war. Aber dass ich gleich zwei Stuten, die Garance und Ingénue, besitzen würde und dass ich sie auf meinem eigenen Hof würde unterbringen können, das war doch eher Utopie gewesen. Tja, und jetzt? Jetzt hatte ich sogar fünf Boxen, wenngleich drei davon derzeit nur als Abstellkammern genutzt wurden. Antonique hatte mich dazu überredet, als wir letzten Herbst Garances Box ausbauten. "Jetzt sind wir schon einmal dabei!", hatte sie festgestellt, und ergänzt, man wisse ja nie was noch komme. Das war ein gutes Argument, denn obgleich die Renovierung so viel Arbeit war, dass ich dergleichen in den nächsten Jahren sicherlich nicht noch einmal auf mich nehmen wollte, so machte das Ausbauen der weiteren Boxen - wie sagte man so schön - den Braten nun auch nicht mehr fett.
      Auch einen Namen hatte der Hof schon. Nicky und ich hatten ihn uns zusammen ausgedacht, aus einer der vielen Kuriositäten der französischen Sprache heraus. Quer über das großzügige Grundstück floss ein kleiner Bach, den man überqueren musste, wenn man vom Wohnhaus oder dem Stall zur Weide wollte. Ermöglicht wurde das durch zwei kleine Brücken, die das Bächlein an derschiedenen Stellen kreuzten. War man dann an den Weiden angekommen, so konnte man den wunderschönen roten Klatschmohn bewundern, der meine Zäune säumte. Ponceau bedeutete beides, wie mir Antonique erklärt hatte. 'Kleine Brücke', oder, als recht veraltetes Wort, 'Mohnblume'. Wenn einem ein solcher Zufall so treffend begegnete, hatte ich beschlossen, durfte man das nicht ignorieren, und so war aus dem namenlosen kleinen Anwesen 'Les Ponceaus' geworden.
      "Leticia!" Wenn man von der Sonne sprach, dann fing sie an zu scheinen. Antonique musste mein Hämmern gehört haben, nun duckte sie sich unter der Litze hindurch und kam grinsend auf mich zu. Aber was schleppte sie denn da mit sich herum? "Ich hab ein Geschenk für dich!" Unwillkürlich spürte ich, wie ich ein bisschen rot wurde. Ich war nicht gut darin, Geschenke anzunehmen, vor allem nicht einfach so, und mein Geburtstag lag noch einige Monate hin. "Für mich? Aber warum denn? Das ist ja riesig!" Tatsächlich sah es aus wie ein großes Holzbrett, das nachlässig in Zeitungspapier eingeschlagen war. Moment. Das war ein in Zeitung eingeschlagenes Brett.
      "Mach es auf!" Nach kurzem Zögern kniete ich mich in den Staub, um nach dem Brett zu greifen. Meine milde Skepsis beiseiteschiebend, schlug ich das Zeitungspapier zur Seite - Und musste im nächsten Moment breit grinsen: "Was für eine tolle Idee!" In mohnblumenroter Farbe hatte sie den neuen Namen des Hofes auf ein breites Holzbrett gemalt und das ganze sogar lackiert. "Damit du es über dein Tor hängen kannst!", erklärte meine Freundin mit einem Deut auf die Lackierung, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Was blieb da schon noch zu tun, als das Mädchen ganz, ganz fest in den Arm zu nehmen. "Vielen Dank, Nicky!" Naja, außer Boxen misten, Weiden abäppeln, Futter bereiten und die Stuten bewegen, verstand sich. Aber ich hatte immerhin meinen eigenen Hof. Da gehörte das wohl dazu. Und ich tat es ja von Herzen gerne.
    • Leaenna
      Alltag - 1

      Ein flüchtiger Blick auf den Umschlag in meiner Hand reichte und ich schlug die Klappe des Briefkastens mit einem genervten Seufzen zu. Früher, als Kind, da war es aufregend gewesen, wenn mal etwas für mich darin gewesen war. Ein Brief meiner Brieffreundin oder die monatliche Kinder-Entdecker-Zeitschrift, deren Jahresabo mir mein Opa zum 10. Geburtstag geschenkt hatte. Heute waren es ja doch nur Rechnungen, Strom, Wasser, Pferdefutter, KFZ, immer nur Rechnungen.

      Ich arbeitete 40 Stunden die Woche in einem kleinen Bürojob, erstellte Zeitungsanzeigen für Friseursalons und Metzgereien, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen waren und das Wort „Webauftritt“ nicht kannten. Es war kein unangenehmer Job, die Kundschaft war meist mindestens genauso höflich und dankbar wie sie altmodisch war, nur das viele Sitzen tat mir nicht gut. Aber es schluckte so verdammt viel Zeit und das vor allem jetzt im Winter, wo es so früh dunkel wurde. Letzte Woche war ich abends noch mit einer Taschenlampe über die Pferdeweide gestolpert, um ein Loch im Zaun zu finden, und hatte bloß froh sein können, dass Garance am Nachmittag nicht weiter weggelaufen war als bis auf den Hof meiner Nachbarin Antonique, die die Stute kannte und nach einer kurzen Whatsapp Nachricht an mich in ihre Box gebracht hatte. Auch das Füttern im Dunkeln war mir schon beinahe zur blinden Gewohnheit geworden, und wie oft ich im letzten Monat auf dem Rücken einer meiner beiden Stuten gesessen hatte konnte ich an einer Hand abzählen, und das frustrierte mich am meisten. Ich musste dringend Lampen am Reitplatz installieren, wenn ich diesen Winter überhaupt nochmal außerhalb des Wochenendes reiten wollte, doch dazu fehlte mir, wer ahnte es schon, die Zeit. Und das Know How. Und das Budget für einen anständigen Elektriker. Mist.

      Aber was brachte es schon, zu nörgeln. Es würden auch wieder stressfreiere Tage kommen, so war es doch immer im Leben. Bis dahin füllte ich die Heunetze frisch auf, kontrollierte die Tränken vor dem nahenden Nachtfrost, äppelte flüchtig den Paddock der beiden Damen ab, kraulte Ingénue an der Stirn und steckte Garance einen Apfel zu und ging dann nach drinnen, um Rechnungen zu überweisen.
    • Leaenna
      Aller guten Dinge...

      Fast so schlimm wie Briefe im Erwachsenenalter waren, wenn man mich fragte, E-Mails. Etwa zweimal die Woche machte ich mir die Mühe, mich durch alle eingegangenen Nachrichten zu klicken und Werbung für Versandhändler, Newsletter irgendwelcher uralten Internetkonten und Spam über Potenzmittel und 'Frauen in meiner Nähe' zu löschen. Beinahe hätte ich im Affekt die unscheinbare Mail weggeklickt, die unter dem Betreff "Anfrage für Reitstunden" auf mich wartete, riss im letzten Moment den Mauszeiger weg, rutschte mit dem Ellenbogen von der Schreibtischplatte und verschluckte mich an meinem Tee, und das alles nur, um im nächsten Moment peinlich berührt festzustellen, dass die Nachricht schon fünf Tage alt war. Mist, Leticia, du solltest dich wirklich öfter darum kümmern... Vermutlich war das Ganze jetzt sowieso schon hinfällig. Mir auf der Lippe herumbeißend, öffnete ich die Mail.

      Sehr geehrte Mme.Weidner,
      ich würde meiner kleinen Nichte (7) gerne ihre ersten Reitstunden zu Weihnachten schenken. Dabei bin ich auf Ihre Adresse gestoßen und wollte mich höflichst erkunden, ob das bei Ihnen möglich wäre. Die weiteren Details zu Inhalten und Bezahlung können wir gerne bei einem Telefonat ausmachen.


      Es folgte die Telefonnummer des Absenders und dann sein Abschiedsgruß, "Mit freundlichen Grüßen, Damien Moreau". Darunter stand eine offizielle Firmensignatur, die den Herren als Elektriker kennzeichnete und vermutlich automatisch an alle seine E-Mails angehängt wurde.

      Reitstunden für ein kleines Mädchen? Die Nachricht überraschte mich zugegebenermaßen ziemlich. Der Hof war mein zu Hause, aber er war nicht meine Einnahmequelle und dementsprechend nirgends im Branchenbuch eingetragen. Zumindest hatte ich das nie veranlasst. Nach kurzem Überlegen zog ich die Tastatur wieder an mich heran und öffnete meine Lieblingssuchmaschine. Tatsache. Meine Adresse war als Reiterhof noch aus einer Zeit gelistet, in der mir das Anwesen nicht einmal gehört hatte. Und bei der Rückwärtssuche fand man im öffentlichen örtlichen Adressbuch dann natürlich meinen Namen. Ich musste den Herrn anrufen und das Missverständnis aufklären, bevor er schlussendlich ohne Weihnachtsgeschenk für seine Nichte dastand. Aber vorher musste ich Garance und Ingénue füttern, ehe das letzte Licht des Tages verschwand.

      "...also ist es nicht möglich?"
      Ich lief in der Wohnstube auf und ab wie ein Tiger im Käfig, eine Angewohnheit, die ich beim Telefonieren nie hatte ablehnen können. Monsieur Moreau hatte sich entgegen meiner Erwartung nicht über den späten Anruf geärgert, sondern regelrecht gefreut, doch nach meiner Erklärung konnte ich nun die Enttäuschung in seiner Stimme heraushören. "Nunja, ich habe eine liebe Ponystute, die gut mit Kindern auskommt, und ich selbst habe genug Erfahrung, um Grundlagen weiterzugeben, aber..." - "Aber das ist doch wunderbar! Das reicht doch für den Anfang!" Na, da war aber jemand so richtig im Weihnachtsstress. "Ich bin keine lizensierte Ausbilderin, das muss ich aus rechtlichen Gründen dazusagen, Monsieur Moreau. Ich kann auch keine offizielle Rechnung stellen. Das Ganze wäre eher ein... Gefallen. Den ich ihrer Nichte grundsätzlich natürlich gerne tue", ergänzte ich noch schnell. Ich war hin- und hergerissen. Das war eine tolle Chance, ich liebte die Arbeit mit Kindern und eine kleine zusätzliche Einnahmequelle konnte mir nicht schaden. Aber es handelte sich hier um einen völlig Fremden. "Wie wäre es damit, Madame Weidner? Haben Sie zwischen den Jahren ein wenig Zeit? Dann komme ich mit meiner Nichte einfach kurz vorbei und wir lernen und persönlich kennen. Dann können Sie und ich immer noch entscheiden, ob wir ins Geschäft kommen." Ich atmete erleichtert auf, stimmte zu und nach einer kurzen Terminvereinbarung legten wir auf.
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    Les Ponceaus
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    Leaenna
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    3 Juli 2016
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    Ingénue

    Ingénue ist ein freundliches Pony von sanfter Natur und generell eher unkompliziert im Umgang. Anfänger finden in ihr eine geduldige Lehrerin, die auch mal gröbere Fehler verzeiht. Doch auch fortgeschrittenen Reitern ist sie eine zuverlässige Partnerin, aus der man mit dem richtigen Händchen viel herauskitzeln kann und die durch ihre schnelle Auffassungsgabe und Lernfähigkeit begeistert. Konfrontiert man Ingénue mit neuen Situationen, so reagiert sie oft erst einmal vorsichtig, doch wenn man ihr das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist, vertraut sie einem mit fast kindlicher Naivität. Sie ist ein treues, stilles Wesen, das die Gesellschaft anderer - Egal ob andere Pferde, sonstige Tiere oder Menschen, sogar Kinder - zwar zu schätzen weiß, aber am Ende eines ereignisreichen Tages stets etwas Ruhe braucht, um ihren Akku wieder aufzuladen. Ihre ruhige, oft anschmiegsame Art macht sie zu einer liebvollen Freundin, die jedem Menschen, von dem sie spürt, dass er es gerade braucht, ihre gesamte Aufmerksamkeit zu schenken scheint. Manchmal wirkt Ingénue etwas unbeholfen oder einfach nur zu arglos für diese Welt, wie ein kleines Mädchen, für das alles noch ein Wunder und keine schnöde Selbstverständlichkeit ist.

    Steckbrief

    Rasse Criollo
    Geschlecht Stute
    Geboren 2010
    Farbe Falbe
    Stockmaß 1,44 m

    Abstammung

    Von Proche du Génie
    Aus Inconnue

    Qualifikationen

    Reitstil Englisch

    Dressur E
    Springen E
    Fahren E
    Wendigkeit E
    Galopprennen E
    Western E
    Military E
    Distanz E

    [​IMG]

    Fuchsjagd auf Sandringham Manor


    Gesundheit

    Letzter Tierarztbesuch:
    xx.xx.xxxx

    Letzter Hufschmiedbesuch:
    xx.xx.xxxx


    ...

    Offizieller Hintergrund
    Einfache PNG
    Puzzle PNG