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Rose1

HMJ Sacred

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HMJ Sacred
Rose1, 22 Apr. 2020
Elii und Bracelet gefällt das.
    • Rose1
      Der Wind trieb mir einige Haarsträhnen ins Gesicht und ich schüttelte genervt den Kopf.
      Das ruinierte die Atmosphäre, dachte ich mir lachend.
      Frische schwedische Waldluft, ein wunderschöner gemütlicher Hof und dann waren da diese Windböen, die gefühlt einen Elefanten umwerfen konnten.
      Endlich war ich in Schweden angekommen, dem Ort, an dem ich, wenn ich für Sacred ausgewählt wurde, zum ersten Mal meinem HMJ Pferd begegnen sollte.
      Die ganze Fahrt über hatte ich mir ausgemalt wie unser allererstes Treffen wohl verlaufen würde.
      Vielleicht würde der Hengst leise schnauben und ich würde sofort die Bindung zwischen uns spüren. Ohne Sattel würde ich mich auf seinen Rücken schwingen und am Meer entlang galoppieren.
      Ich seufzte und zog eine Grimasse.
      Leider war das nur eine ferne Fantasie aus einem dieser unrealistischen Pferdefilme.
      Eine so tiefe Bindung musste hart erarbeitet werden und von manchen Paaren wurde sie nie erreicht.
      Kopfschüttelnd vertrieb ich diesen trüben Gedanken und lief zur Versammlung der zukünftigen Pferdebesitzer. Nico hatte schon mit seinem Vortrag begonnen und ich begab mich möglichst leise in die hinterste Reihe. Zuspätkommen war wohl eine meiner nervigsten Eigenschaften.
      Einige Pferdenamen wurden bereits genannt und immer wieder hörte ich Freudenschreie oder Jubel von den ausgewählten Teilnehmern. Hoffentlich würde ich gleich genauso jubeln dürften.
      Fest drückte ich meine Daumen als ich endlich den Namen Sacred vernahm.
      „HMJ Sacred geht an den Rosenhof, vertreten durch Nina Beaulieu! Wir freuen uns sehr, sowohl einen Neuling in der Makeoverwelt, als auch ein Neuling in der Gestütsführung begrüßen zu dürfen. Sacred ist kein einfaches Pferd, dennoch glauben wir, dass du als Tierärztin ihm optimal helfen kannst und diesen rohen Diamanten schleifen wirst“, meinte Nico lächelnd und der junge Hengst wurde von einem der Helfer vorgeführt.
      Er tänzelte aufgeregt und ich drückte mich durch die Menge.
      Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ich war ausgewählt worden und nahm am Horse Makeover Joelle 2020 teil!
      Als der Helfer mir den Strick in die Hand drückte und Sacred somit offiziell mir überreichte machte sich ein unglaubliches Glücksgefühl in mir breit.
      Auch wenn der Hengst sich überhaupt nicht verhielt wie in meiner Vorstellung, sondern nervös scheute und wieherte, grinste ich über beide Ohren.
      Ich konnte es kaum abwarten bis die Reden endlich vorbei waren und ich endlich etwas mit ihm unternehmen durfte.
      Eigentlich hatte ich mir überlegt mit Sacred am ersten Tag spazieren zu gehen, aber da er so panisch auf mich reagierte, würde das uns wohl beide nicht entspannen.
      Vielleicht war ja die Halle noch frei und ich könnte ihn da laufen lassen und sein Verhalten beobachten.
      Vorsichtig führte mein Pferd zwischen den ganzen Menschen hindurch, immer darauf bedacht ihm nicht die Möglichkeit zu treten zu geben.
      Endlich kam ich vor der Halle an. Zum Glück war das große Tor offen und ich konnte erkennen, dass sich noch niemand hier befand.
      „Okay Süßer, ich schließe jetzt noch schnell das Hallentor und dann darfst du ein wenig herum laufen“, erklärte ich mit ruhiger Stimme und schloss die Tür hinter uns.
      Dann öffnete ich vorsichtig den Strick und ließ Sacred frei.
      Der junge Hengst stob aufgeregt davon.
      Vorsichtig holte ich eine Tüte mit Leckerlies hervor und ließ einige vor mir fallen, doch Sacred reagierte kaum und blähte nur kurz die Nüstern.
      „Hier ist was ganz Feines mein Süßer!“, murmelte ich mit leiser Stimme und kam mir selbst ein wenig lächerlich vor.
      Naja, ich wollte ihn gerade ja nicht trainieren, sondern nur seine Reaktionen sehen und so seinen Charakter beurteilen. Als er meine Stimme hörte zuckte der Hengst nervös mit den Ohren und fing wieder an herum zu tänzeln.
      Er schien wirklich große Angst zu haben.
      Geduldig setzte ich mich auf den Boden und wartete ab was Sacred wohl tun würde.
      Zehn Minuten später machte er langsam einige Schritte zu mir und den Leckerlies vor mir, doch der Braune schien der Situation nicht ganz zu trauen. Eine halbe Stunde später hatte er sich nicht wirklich bewegt, sondern schien mich nur abwartend zu beobachten.
      Mit einem leisen Seufzen änderte ich meine Haltung. Langsam wurde es echt unbequem hier auf dem Boden. Leider erschreckte die plötzliche Bewegung Sacred und er galoppierte panisch davon um sich dann in die am weitesten entfernte Ecke zu stellen.
      Es würde wirklich noch eine Weile dauern, diesen Hengst auch nur ansatzweise von seinen Ängsten zu befreien.
      Naja, jetzt sollte er erstmal wieder ein wenig runterkommen. Ich hatte seinen Charakter heute ausreichend beurteilen können und würde morgen anfangen mit ihm an seinen Ängsten zu arbeiten.
      Leise stand ich auf, sammelte die Leckerlies zusammen und bewegte mich dann geduckt mich auf Sacred zu.
      So vermittelte ich ihm nicht mehr so stark den Eindruck eines Raubtieres.
      Trotzdem scheute der junge Hengst, wand sich aber zum Glück nicht aktiv gegen mich.
      Ich trieb ihn langsam aber sicher in eine der Ecken, bis er schließlich nicht mehr entkommen konnte.
      "Komm, ich bring dich wieder auf die Koppel zu deinen Freunden“, murmelte ich leise und griff nach seinem Halfter. Sacred stieß ein schrilles Wiehern aus und ich klinkte schnell den Strick ein.
      Geschafft. Erleichtert atmete ich aus.
      Jetzt musste ich ihn nur noch auf die Weide führen. Noch in der Halle merkte ich, dass das wohl kein ganz leichtes Unterfangen werden würde.
      Der Hengst wehrte sich mit ganzer Kraft gegen mein Vorhaben und stemmte sich mit allen vier Hufen in den Boden. „Komm schon“, stöhnte ich genervt und schnalzte.
      Leider reagierte der Hengst nicht so wie ich wollte. Er tänzelte herum und wieherte schrill statt einfach vorwärts zu gehen.
      Es war ein regelrechter Kampf ihn zurück auf die Weide zu bringen, da er sich auch bei den anderen Pferden nicht besonders wohlfühlte.
      Kurz überlegte ich wie schrecklich es eigentlich sein musste sowohl vor Menschen als auch vor seinen eigenen Artgenossen Angst zu haben.
      Sacred kannte dieses Sicherheitsgefühl bei anderen Pferden oder seinem Lieblingsmenschen gar nicht mehr. Vielleicht hatte er auch nie einen Lieblingsmenschen besessen, wurde mit trauriger Miene klar.
      Ich schreckte aus meinen Gedanken auf als ein lautes Wiehern ertönte. Einer der Hengste begrüßte uns, doch Sacred legt nur ängstlich die Ohren zurück und blieb stehen.
      „Alles gut“, murmelte ich und umgriff seinen Strick fester.
      Ich hatte Angst, dass der Hengst sich gegen mich wand und vielleicht sogar stieg.
      Zum Glück beruhigte er sich nach einigen Sekunden einigermaßen und ich konnte ihn mit ein wenig Mühe zurück auf die Koppel bugsieren, wo er sich ängstlich in die hinterste Ecke drängte.
      Hoffentlich würde keines der ranghöheren Tiere ihn angreifen. Sacred besaß sowieso schon keinerlei Vertrauen in seine Artgenossen, aber ein Angriff würde wohl das Fass zum Überlaufen bringen.
      Dann würde es noch wesentlich schwerer werden ihn zu resozialisieren.
      Nachdenklich lief zurück zu den Ferienhäusern. Sacred würde echt eine harte Nuss werden, das war mir heute noch stärker klar geworden.
      Kurzentschlossen entschied ich noch eine Runde am Meer joggen zu gehen, um mir währenddessen vielleicht ein Trainingskonzept für den jungen Hengst zu überlegen. Leider konnte ich heute schließlich noch nicht so viel mit Sacred arbeiten, da man für Vertrauensaufbau viel Zeit und Geduld brauchte.
      Schnell zog ich mir einen dickeren Pulli über mein T-Shirt und lief in einem gemütlichen Tempo los.
      Immer wenn ich joggen ging in meinem Kopf ein ganzes Gedankenkarussell los.
      Das war natürlich praktisch wenn ich über etwas nachdenken wollte und Ideen brauchte.
      Vermutlich würde ich bei Sacred erstmal beginnen das Vertrauen zu mir und anderen Pferden zu stärken. Ich entschied, dass ich mich morgen einfach einige Stunden zu den Hengsten auf die Weide setzten würde und so meinem Pferd meine Anwesenheit sozusagen anzugewöhnen.
      Die meisten anderen Pferde würde vermutlich von ihren Besitzern trainiert werden, also wurde Sacred auch nicht so sehr abgelenkt.
      Das würde ich ein oder zwei Tage machen, vielleicht konnte ich sogar am ersten Tag größere Erfolge verbuchen und dann mit anderen Methoden weitertrainieren.
      Dafür würden sich zum Beispiel Spaziergänge eignen. Das Gelände um den Hof war wirklich perfekt dafür und sicher hätten Sacred und ich so beide ein wenig Spaß. Vielleicht könnten wir sogar ein wenig im Meer waten.
      Leider wusste ich nicht ob ich in dieser Woche noch so weit kommen würde.
      Grübelnd lief ich weiter. Als ich zurück auf dem Hof ankam hatte ich leider immer noch keine wirklich gute Idee, konnte mich jedoch vor dem Essen nur noch kurz duschen und nicht mehr recherchieren.
      Das Abendbuffet selbst lief ziemlich ereignislos, weshalb ich schnell noch mal nach Sacred sah.
      Der Hengst graste ein wenig in einer Ecke und schoss sofort mit dem Kopf nach oben, als ich mich der Koppel näherte. Auch die anderen Pferde spähten neugierig oder ängstlich zu mir herüber.
      Ich entschied deshalb, besser nicht die Koppel zu betreten und stellte mich noch ein wenig an den Rand.
      Es entspannte mich die kleine Herde grasen zu sehen und währenddessen die kühle schwedische Abendluft einzuatmen. Früher, als ich noch in einer Großstadt lebte, wären solche Momente ein glattes Wunder gewesen.
      Aber auch auf dem Land verpestete oft Gülle die Luft. Wobei ich zugeben musste, dass ich den Geruch inzwischen gar nicht mehr so schlimm fand und er mir ein wenig ein „Zuhausegefühl“ vermittelte. Ich grinste. Wie absurd das wohl für einen Städter klingen musste.
      Der kalte Wind bescherte mir schließlich Gänsehaut und ich machte mich wieder auf den Weg zu meinem Ferienhäuschen.
      Der Tag war anstrengend gewesen und der Morgige würde es bestimmt auch werden, also wollte ich nicht mehr so lange aufbleiben.
      Ich las noch einige Seiten in einem neuen Buch, das ich mir extra für den Aufenthalt hier gekauft hatte, bevor ich mir einen gemütlichen Schlafanzug anzog und todmüde in mein Bett fiel.
      Nicht mal fünf Minuten später war ich auch schon eingeschlafen und träumte von einem langen Ausritt mit meinem neuen Hengst Sacred.
      10.016 Zeichen - gezählt mit Word - 23.04.2020 - 8 Punkte
    • Rose1
      Sacreds erste Untersuchung würde noch in Schweden stattfinden und ich hatte mir Benjamin Becks zur Hilfe geholt. Ich hoffte, dass wir vielleicht gemeinsam Sacreds Vergangenheit ergründen könnten.
      Naja, bei der Untersuchung mussten wir sowieso sedieren.
      Jetzt, als ich auf Benjamin wartete, war er kaum zu kontrollieren und tänzelte aufgeregt am Strick herum.
      Ich entschied mich, ihn schon mal anzubinden und die Vitalparameter zu kontrollieren.
      Gerade als ich versuchte bei Sacred Temperatur zu messen hörte ich ein leises Räuspern.
      „Frau Beaulieu?“ Eilig las ich den Wert ab und drehte mich zu dem Mann hinter mir um.
      „Guten Tag Herr Becks“, meinte ich freundlich und schüttelte ihm die Hand.
      „Ich habe bereits die Vitalparameter kontrolliert und würde ihn jetzt sedieren“, erklärte ich und Benni nickte zustimmend als ich die Spritze setzte. Sacred quietschte und trat aus, traf mich aber zum Glück nicht.
      „Haben sie bereits einen Verdacht?“, fragte Benjamin und runzelte die Stirn.
      Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht finden wir Spur en von früheren Misshandlungen. So ängstlich wie er ist, denke ich, dass er früher gequält wurde.“
      Der Mann nickte und deutete auf Sacred. „Die Sedierung hat gewirkt, wir können ihrem Verdacht also direkt nachgehen.“
      Vorsichtig prüften wir alle Stellen an denen man Misshandlungen erkennen konnte.
      Die Spatprüfung verlief zum Glück ohne Befund und auf dem Nasenrücken waren keine Spuren einer Serreta zu erkennen. Bald kamen wir zum nächsten Punkt: Zahnpflege.
      Ich tastete die Zähne und die Kiefergelenke von außen ab und befestigte dann das Maulgatter.
      Bereits als Sacreds Maul sich öffnete erkannte ich das ganze Ausmaß einer schrecklichen Vergangenheit.
      Alles war gerötet und ich meinte an einigen Stellen schon den Knochen zu erkennen.
      Sacred hatte Ladendruck wie er sonst nur im Lehrbuch abgebildet war.
      „Herr Becks?“, murmelte ich und deutete auf die eitrigen Geschwüre.
      „Oh Gott…“ Schockiert schlug Benjamin sich die Hände vor den Mund. „Das müssen furchtbare Schmerzen sein. Der Arme. Vermutlich ist es besser wenn wir die Zahnbehandlung verschieben und erst mal die Entzündung behandeln. Ich empfehle dir Traumeel, damit konnte ich schon bei einigen misshandelten Tieren Erfolge erzielt.“ Ich nickte, schmierte die Salbe auf die Stellen und entfernte das Maulgatter wieder.
      Jetzt fehlten noch die Impfungen und die Wurmkur, was durch die Sedierung im Handumdrehen zu erledigen war.
      „Danke für die Hilfe.“ Ich zog mir die Handschuhe aus und schüttelte Benni wieder die Hand.
      „Kein Problem, ich helfe gern“, meinte der Mann nur und lächelte mir zu.
      Schließlich brachte ich den Hengst wieder auf die Koppel, wo er sich wieder erholen konnte.
      Hoffentlich schlug die Behandlung bald an.
      2711 Zeichen - gezählt mit Word - 6 Punkte
    • Rose1
      Obwohl ich gestern eigentlich vorhatte Vertrauen zwischen Sacred und mir aufzubauen, hatte ich den Hengst gemeinsam mit Benjamin Becks untersucht.
      Leider hatten wir tatsächlich etwas vorgefunden, das dem Hengst furchtbare Schmerzen bereiten musste. Sacred litt unter Ladendruck, einem offensichtlichem Anzeichen für Misshandlungen und Überforderung.
      Ein zu scharfes Gebiss und ständiges Training hatten die Mundschleimhaut bis auf den Knochen abgeschürft.
      So schnell konnte ich bei Sacred also keine normale Trense einsetzen, aber ich würde gebissloses Reiten oder einen Halsring ausprobieren.
      Hoffentlich würde die Entzündung überhaupt abheilen und nicht chronisch werden.
      Voll Sorge sah ich zu Sacred herüber. Was der arme Hengst wohl schon alles erdulden musste?
      Ich befürchtete schlimmes. Mit seinen schwungvollen Gängen würde er sich bestimmt gut als Spring- oder Dressurpferd eignen. Leider fanden sich bei diesen Sportarten einige schwarze Schafe, die ihre Pferde quälten und denen egal war, was es auf dem Weg zum Erfolg erdulden musste.
      Heute Abend würde ich mal genaueres zu seiner Herkunft recherchieren.
      Aber jetzt stand erstmal Vertrauensarbeit an um eine Basis, mit der man gut arbeiten konnte, aufzubauen. Keine ganz einfache Sache also.
      Das bestand für mich leider erstmal nur aus auf der Weide herumsitzen und mein Pferd aus der Ferne beobachten. Die meisten Tiere waren von ihren Besitzer bereits zum Training abgeholt worden und außer Sacred standen nur noch drei andere auf der Weide.
      Nur am Anfang reagierten die Pferde ein wenig aufgeregt, dann grasten sie weiter.
      Ich hatte mich entschlossen, während ich hier rumsaß, ein Buch zu lesen.
      Dann würden die nächsten Stunden nicht ganz so langweilig werden.
      Tatsächlich musste ich sehr lange warten bis der junge Hengst sich auch nur wenige Meter näherte.
      Das leider auch nur aus dem Grund, dass eine junge Frau zur Koppel lief um ihr Pferd zu holen und er erschrocken flüchtete. Zufälligerweise halt in meine Richtung. Trotzdem erfüllte mich dieser Augenblick mit großer Freude.
      Er merkte jedoch, dass er auf einen Menschen zu rannte und stoppte etwa zehn Meter vor mir. Ängstlich starrte er mich an und erstarrte.
      Statt auf den Blickkontakt zu reagieren, beugte ich mich absichtlich noch tiefer über mein Buch und schielte nur gelegentlich zu dem jungen Hengst herüber.
      Ich jubelte fast auf als er schließlich den Kopf senkte und in meiner Nähe graste.
      Das war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Und er war noch nicht mal so klein gewesen wie ich eigentlich gedacht hatte.
      In den nächsten zwanzig Minuten näherte sich Sacred mir noch einige Meter und bei jedem Schritt würde ich am liebsten eine riesige Party schmeißen.
      Auch wenn er es nur tat, weil das Gras bei mir saftiger schien war es dennoch ein Grund zur Freude.
      Meine Methode hatte Wirkung gezeigt und wenn ich mich morgen nochmal zu ihm setzen würde, würde er mich hoffentlich neutral sehen.
      Dann wäre es auch kein großer Schritt mehr bis der junge Hengst mich endlich mögen würde.
      Eine Stunde später verließ ich mit einem breiten Grinsen die Weide und ging zu Abendbuffet. Das Essen hier war wirklich lecker und ich merkte, dass ich mich wieder mal überfressen hatte. Kugelrund machte mich wieder auf den Weg zu meinem Ferienhäuschen.
      Jetzt wollte ich schließlich Sacreds Vergangenheit nachrecherchieren.
      Während ich meinen Laptop hochfuhr machte ich mir eine Tasse Kräutertee und setzte mich auf die Couch. Ja, das gute Stück war schon ein wenig älter, aber ich hatte es bis jetzt nicht für nötig befunden mir einen Neueren anzuschaffen.
      Als der Lüfter anfing lauter zu werden wusste ich, dass das Gerät endlich ganz angeschaltet war und ließ mich seufzend auf die Couch fallen.
      Ich wollte erstmal Fotos von meinem Hengst in den sozialen Medien veröffentlichen und dann vielleicht auch auf Ehorses einen Aufruf starten. Hoffentlich würden viele Menschen diese Beiträge teilen und ihren Freunden die Fotos zeigen.
      Irgendjemand würde Sacred schon erkennen.
      Vielleicht der Züchter, eine ehemalige Reitbeteiligung oder einfach der Besitzer seines Weidekumpels.
      Vermutlich war der Trakehner schon durch einige Hände gegangen und viele Menschen hatten ihn kennen gelernt.
      Wenn er auch noch ein paar Turnierstarts vorzuweisen hatte, wussten vielleicht auch frühere Konkurrenten Bescheid. Hoffnungsfroh tippte ich also eine kurze Beschreibung ein und suchte dann ein paar hübsche Fotos heraus, die besonders Sacreds charakteristische Blesse zeigte.
      Mit einem Lächeln auf den Lippen drückte ich auf Absenden. Jetzt musste nur noch jemand reagieren. Ich entschied noch kurz Lucia anzurufen.
      Meine Tochter war schon gespannt zu hören, wie es mit Sacred lief.
      Bereits nach dem dritten Tuten nahm sie ab. „Mama! Und wie ist es in Schweden?“, fragte sie aufgeregt und ich fing an zu grinsen. Ich hatte ihre Stimme so sehr vermisst. „Es ist toll Schatz. Wenn die Turniersaison vorbei ist machen wir hier auch mal Urlaub ok?“ Ein Quietschen drang durch die Leitung. „Juhu! Wie läuft es mit Sacred? Ist er wirklich so schwierig wie sie sagen?“ Bei dieser Frage war ich mir nicht ganz sicher was ich antworten sollte. Klar sollte Lucy die Wahrheit erfahren, aber ich wollte ihr nicht die Hoffnung rauben. Sie hatte sich so darauf gefreut auch mal mit dem Hengst arbeiten zu können. „Er ist nicht einfach, aber wir haben schon ein paar Fortschritte gemacht“, murmelte ich und zwang mir einen halbwegs fröhlichen Ton auf.
      „Toll, dann kann ich dir ja in Deutschland vielleicht auch mal helfen“, antworte Lucia aufgeregt. Ich nickte, bevor mir einfiel, dass sie mich ja nicht sehen konnte. „Klar Schatz, das klingt toll. Leider hab ich morgen noch viel zu tun und muss jetzt ins Bett. Du solltest auch schlafen.“
      „Jaja, Oma lässt mich immer ein wenig länger aufbleiben, das weißt du doch“, lachte sie. „Gute Nacht Mama.“ „Gute Nacht Schatz“, meinte ich und drückte auf den roten Hörer.
      Ich spürte wie die Müdigkeit von mir Besitz ergriff und konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken.
      Todmüde putzte ich mir die Zähne und zog einen Pyjama an, bevor ich schließlich ins Bett fiel.
      Wenig später war ich auch schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.

      Am nächsten Morgen frühstückte ich erstmal in Ruhe und unterhielt mich noch ein wenig mit Benjamin Becks. Der Tierarzt freute sich über die kleinen Fortschritte, die wir machten und gab mir Tipps für die Behandlungen von Sacreds Ladendrucks.
      Er meinte außerdem, dass es wichtig war, dass der Hengst auch bald geröntgt wurde.
      Vielleicht war er zu früh angeritten und trainiert worden und hatte Gelenkchips, Spat oder Arthrose entwickelt. Das wäre das Aus für meinen Traum, ein Springpferd aus ihm zu machen.
      Auch eine Körung wäre so unmöglich.
      Nachdenklich nahm ich mir ein Tasse Kräutertee mit und machte ich mich schließlich auf den Weg zu Sacred.

      Der junge Hengst stand wie immer in der hintersten Ecke der Weide und starrte mich ängstlich an.
      Ich seufzte als ich hörte wie ein Pferd einem anderen Teilnehmer liebevoll zuschnorchelte.
      Von so einem Vertrauen waren mein Trakehnerhengst und ich noch meilenweit entfernt.
      Mit einem traurigen Lächeln im Gesicht klappte ich mein Buch auf.
      Da ich fast fertig mit dem Roman war, hatte ich auch ein wenig Zeichenausrüstung mitgenommen um Sacred später zu malen.
      Ich hoffte das entstandene Bild später auch auf einigen Seiten posten zu können.
      Meiner Meinung nach kommt auf gemalten Bildern die wirkliche Schönheit des Pferdes oft viel besser zum Ausdruck. Wieso wusste ich nicht.
      Aber erstmal wollte ich noch ein wenig schmökern.
      Sacred war während ich las vorsichtig näher gekommen. Kurz wirkte er sogar interessiert und streckte die Ohren in meine Richtung.
      Das war genau was ich wollte.
      Jetzt durfte ich mich bloß nicht zu interessiert an ihm zeigen.
      Einige Minuten später entschloss ich mich mit dem Zeichnen zu beginnen.
      Sacred auf Papier zu bahnen war schwerer als gedacht.
      Die Weide war jetzt leer und jetzt wo er allein war zeigte auch der Braune seinen Spieltrieb.
      Er buckelte und stieg sogar spielerisch.
      Es war so schön ihn endlich einmal glücklich zu sehen.
      Um ehrlich zu sein verdrückte ich sogar ein paar Tränchen.
      Endlich vergaß Sacred mal seine Ängste und lief sogar kurz in meine Nähe.
      Als ich mein Bild beendet hatte stand ich wieder auf und verließ schließlich die Weide.
      Während meines kurzen Besuches beim Sacred war mir klar geworden, dass wir so nicht weiter machen konnten. Mein Entschluss stand fest: so schnell es ging mussten wir Schweden verlassen.
      Die anderen Pferde stressten den Hengst nur unnötig und würden unsere Trainingsfortschritte jedes Mal wieder zu Nichte machen. Zuhause könnte ich Sacred isolieren und später langsam an Belmiro gewöhnen. Der brauchte sowieso sehr bald einen Weidekumpel, da die beiden Stutfohlen für einen Hengst als Gesellschaft ungeeignet waren.
      Sofort erzählte ich Collin von meinem Wunsch so bald wie möglich aufzubrechen.
      Zum Glück verstand er mich und empfahl mir sogar ein schwedisches Transportunternehmen.
      Leider sprachen die Fahrer kein Deutsch, aber Collin regelte glücklicherweise alles für mich und handelte sogar einen kleinen Rabatt heraus.
      Einen Tag später trat Sacred endlich den Weg zu seinem zukünftigen Zuhause, dem Rosenhof, an.
      Auch ich verließ Schweden nun wieder.
      Ich würde die Atmosphäre, das köstliche Essen und vor allem all die netten Menschen hier furchtbar vermissen, aber so war es besser für alle Beteiligten, vor allem für Sacred.
      Zuhause konnte sich der junge Hengst besser auf das Training konzentrieren und auch ich fühlte mich um ehrlich zu sein auf meinem Hof am Wohlsten.
      Die meisten anderen Teilnehmer blieben noch eine Weile in Schweden und ich verabschiedete mich natürlich von allen. Auch wenn das hier eigentlich ein wirklich ernstzunehmender Wettkampf war, als Konkurrenten sah ich sie nicht.
      Höchstens als Mitbewerber. Das war keinesfalls so weil sie schlechter waren, nein ganz und gar nicht, viele waren wesentlich erfahrener als ich, doch ich wollte mich nicht nur für eine bessere Platzierung Freundschaften und neue Kontakte zerstören.
      Auch vom Team des Hofes verabschiedete ich mich ausführlich.
      Erst als ich mir ganz sicher war, niemanden vergessen zu habe, sedierte ich Sacred leicht und führte ihn in den Transporter. Er folgte mir bereitwillig und ließ den Kopfsinken.
      Wenn er unter Betäubung stand war er so ein angenehmes Pferd, schmunzelte ich kurz und schloss die Klappe hinter ihm. Dann stieg selbst in meinen Wagen und startet den Motor.
      ein sehr langer Weg durch halb Europa.
      10.452 Zeichen - gezählt mit Word - 26.04.2020 -8 Punkte
    • Rose1
      Aufgeregt zappelte ich herum, als ich den Pferdehänger meines neuen Trakehnerhengstes auf den Hof fahren sah. Den ganzen Tag hatte ich mich gefreut wie ein kleines Kind und immer wieder aus dem Fenster gesehen. Leider waren ich und Sacred nicht im selben Wagen nach Deutschland gekommen und mein Auto war etwas früher da.
      Um genau zu sein waren es ganze zwei Tage Unterschied gewesen, da der Transporter noch in Schweden eine Panne hatte.
      Umso mehr juckte es mich jetzt in den Fingern endlich mit meinem HMJ Pferd zu arbeiten.
      „Er ist da!“, rief ich schließlich aufgeregt und rannte nach unten auf den Hof.
      Der schwedische Fahrer stieg bereits aus seiner Kabine und lief nach hinten um Sacred auch zu befreien. Leider sprach er kein Deutsch –das hatte ich bereits beim Telefonat wegen der Panne feststellen müssen- und ich kein Schwedisch, also konnte ich ihn nur auf Englisch warnen.
      Hoffentlich verstand er mich trotzdem.
      „Stop! The horse is dangerous. He is really scared of people!”, rief ich aufgeregt und rannte auf den großgewachsenen blonden Mann zu.
      Echt ein typischer Schwede, dachte ich mir still als ich er sich zu mir umdrehte.
      „Oh sorry, I didn’t know that. Can I help you take him out of the truck?“, fragte er freundlich.
      Mir wurde klar, dass ich mir darüber selbst noch nicht so viele Gedanken gemacht hatte.
      In meiner Vorstellung galoppierte Sacred erleichtert auf mich zu um mich dann liebevoll anzuknabbern. Leider waren wir davon noch meilenweit entfernt.
      „Can you drive your truck in front the gate there?“. Ich deutete in Richtung einer der größeren Koppeln, etwas vom Hof entfernt. Der Schwede nickte und setzte sich wieder in seinen Wagen.
      Hoffentlich wusste er welches Tor ich meinte. Hier gab es schließlich viele Weiden und noch viel mehr Tore. Englisch war mir damals in der Schule wirklich leichter gefallen musste ich zugeben.
      Früher hätte ich noch beschreiben können welches Tor es genau war und wie genau er den Wagen davor platzieren sollte.
      Genervt von meiner eigenen Unfähigkeit verdrehte ich die Augen bevor ich dem Pferdetransporter schließlich folgte. Der Fahrer schien sich denken zu können was ich vorhatte, denn er platzierte sich mit der Rampe in Richtung Tor.
      Anerkennend grinsend kam ich am Tor an. „Perfect. Thank you really much“, meinte ich zufrieden und öffnete das Koppeltor.
      Er nickte und grinste zurück. „You’r welcome.“
      Ich wurde langsam nervös als ich auf die Klappe des Transporters zulief.
      Hoffentlich stürmte Sacred nicht sofort nach draußen und überrannte mich.
      Langsam ließ ich die Rampe herunter und warf einen Blick auf den dunkelbraunen Hengst im Inneren des Lasters. Sein Fell war schweißverklebt und ich sah wie sich sein Brustkorb angestrengt hob und senkte. Dicht gedrängt in die hinterste Ecke musterte er mich aus seinen dunklen Augen.
      In mir wuchs der Wunsch etwas zu sagen, ihn zu beruhigen, aber ich wusste, dass das Einzige, das ihm in diesem Moment helfen würde, Ruhe war.
      Ich trat zur Seite und ließ dem Hengst freie Bahn.
      Kurz blieb er noch in seinem Hänger, doch dann galoppierte er fast schon panisch nach draußen, möglichst weit weg von den Menschen.
      Nachdenklich beobachtete ich sein Verhalten. Anders als die meisten Pferde brachte Sacred seine Freude über die wiedergewonnene Freiheit nicht in Bocksprüngen oder Kapriolen zum Ausdruck, sondern stellte sich möglichst weit von uns entfernt bewegungslos in eine Ecke.
      „Look’s like a hard job“, murmelte der Mann und schloss die Klappe wieder. „That will be a hard job“, erwiderte ich knapp und nickte ihm zu.
      „Bye and good luck with your horse!“, meinte der Fahrer noch zum Abschied und winkte mir kurz zu. Auch Sacred bekam ein strahlendes Lächeln geschenkt, was dieser jedoch nicht wirklich zur Kenntnis nahm. „Thank you. Goodbye.“ Der Schwede stieg wieder in das Fahrerhäuschen des Pferdetransportes und ließ mich bei meinem neuen Tier stehen.
      „Ach Sacred, was machen wir nur mit dir…“, murmelte ich leise und beobachtete das nervöse Ohrenspiel des jungen Hengstes.
      Nach einem abschließenden prüfenden Blick zu dem hübschen Brauen lief ich zurück zum Stall. Auch wenn Sacred aktuell mit Abstand das komplizierteste Pferd hier war, hatten Brown like Chocolate, La Fée de la Neige und Belmiro auch Aufmerksamkeit verdient.
      Jetzt war schließlich Fütterungszeit für sie und ich hörte schon genervtes Wiehern aus dem Aktivstall und auch vom Hengstpaddock.

      Als alle Pferde frisches Heu hatten und die Fohlen und Jährlinge auf einer, vom Aktivstall abgetrennten, Weide standen machte ich mich wieder an die unschöneren Arbeiten auf dem Hof. Das gehörte schließlich auch dazu.
      Die Untersuchungsräume mussten gereinigt werden und der Frühlingsputz im Stall war auch längst überfällig. Bei einem Aktivstall hatte man deutlich mehr zu putzen, aber trotzdem war ich unglaublich stolz auf das moderne Haltungskonzept meines Hofes.
      Ich hatte den alten Kuhstall für die Pferdehaltung umgebaut und jetzt bot er genug Platz für ungefähr dreißig Stuten und Wallache. Bald sollten jedoch noch zwei größere Weiden, eine Heuraufe und ein Offenstall zum ganzen Komplex hinzukommen, was dann für zehn weitere Tiere Platz bot.
      Für die Hengste arbeitete ich gerade noch ein Konzept aus.
      Auch die Reithalle war neugebaut und dadurch wesentlich luftiger und heller als der Durchschnitt.
      Ohne das sehr große Erbe meines Bruders hätte ich diese Kosten niemals stemmen können.
      Zwar war er wie ich auch in der Mittelschicht aufgewachsen und hatte später sogar den sehr schlecht bezahlten Beruf Landwirt ergriffen, doch Joe hatte einige Millionen mehr auf dem Konto gehabt als ich. Das lag daran, dass seine, tragischer Weise ebenfalls früh verstorbene, Frau Marina aus einer alten Adelsfamilie stammte und selbst ziemlich prominent war.
      Auch bei Lucy hatte ich entschieden, dass sie weiterhin einen Doppelnamen tragen sollte: Lucia von Schneebrunn-Beaulieu. Da ich denselben Namen wie mein Bruder trug war das möglich und Lucy musste sich nicht mühsam umgewöhnen.
      In Gedanken versunken kehrte ich weiter den Stallboden, als ich plötzlich eine Hand auf meinem Rücken spürte. „Buh!“, hörte ich eine mir gut bekannte Mädchenstimme sagen und drehte mich lachend um.
      „Oh Gott Lucy, ich hab mich furchtbar erschrocken“, murmelte ich und grinste dann.
      „Aber jetzt wo du schon mal da bist kannst du mir ja helfen.“
      Das kleine Mädchen verdrehte die Augen, schnappte sich dann aber einen Lappen und rieb den Dreck von den Stangen der Heuraufen.
      „Ist Sacred schon angekommen?“, fragte sie wenig später interessiert.
      „Ja, aber ich wollte ihm erstmal ein wenig Zeit zum Eingewöhnen lassen. Morgen oder übermorgen geh ich wieder zu ihm auf die Weide und danach möchte ich ihn mal röntgen. Vielleicht hat er durch zu frühes und zu intensives Training Spat oder Arthrose entwickelt.“
      Lucia nickte kurz und putze weiter.
      Seit sie sich regelmäßig mit den Pferden beschäftigte fand ich einen besseren Draht zu ihr und wir hatten endlich ein Gesprächsthema.
      „Kann ich einen kleinen Ausritt mit Belmiro machen?“, bat sie einige Minuten später als sie mit den Heuraufen fertig war.
      „Klar, er braucht schließlich auch wieder mal Bewegung.“
      Als auch der Boden wieder glänzte entschloss ich mich, Schoko und Fee einen kleinen Besuch abzustatten. Dann könnte ich auch nochmal bei Sacred vorbeischauen.
      Für die beiden Kleinen hatte ich spezielle Fohlenleckerlies dabei und für Sacred nahm ich eine große Karotte mit. Er würde mir sie zwar, anders als die beiden Stuten, nicht aus der Hand fressen, aber er hatte auch einen kleinen Nachmittagssnack verdient.
      Lächelnd ließ ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen, als ich zur Weide der zwei Stuten lief.
      Ich hatte mich entschieden die Beiden die nächsten zwei Tage noch auf dieser Weide zu lassen um im Aktivstall ein wenig weiter zu putzen und zu werkeln.
      Wie es schien, hatten sie jedoch auch auf dieser Koppel ihren Spaß und spielten Fangen.
      Als ich einen leisen Pfiff ausstieß, trabten sie jedoch neugierig zum Zaum.
      „Hey ihr Süßen“, murmelte ich leise und kraulte Brown like Chocolate am Kopf.
      Genüsslich schloss die kleine Jährlingsstute die Augen und ließ die Unterlippe hängen, was mir ein kleines Schmunzeln entlockte. La Fée de la Neige forderte auch Streicheleinheiten und stieß mir mit ihrem kleinen Köpfchen gegen den Unterarm.
      Ich lachte nur und kraulte sie auch ein wenig.
      Den Beiden konnte man einfach nicht böse sein.
      Etwa zehn Minuten später gab ich Fee und Schoko noch je ein Leckerli und lief dann weiter zu Sacred.
      Aus der Ferne erkannte ich, dass der junge Hengst übermütig auf der Weide herumtollte und mir wurde klar, dass ich definitiv die richtige Entscheidung damit getroffen hatte, ihn nach Deutschland zu bringen. Leider hörte er auf, als ich mich der Weide näherte und sah vorsichtig zu mir.
      Wenigstens floh er nicht sofort. Als ihm dann aber endgültig klar wurde, dass ich zu ihm wollte rannte Sacred wieder mal in die hinterste Ecke der Koppel.
      Seufzend stellte ich mich an den Zaun und warf die Karotte hinein.
      Der Trakehner würde sie vermutlich erst fressen wenn ich weg war, aber so schnell ließ ich mich hier nicht vertreiben.
      Sacred musste sich daran gewöhnen, dass ich bei ihm war und ich hatte beschlossen, jede Gelegenheit dafür zu nutzen.
      Irgendwann fing er an zu grasen und ich setzte mich auf den Boden.
      Es entspannte mich immer Pferden beim Fressen zuzusehen und es war ein angenehmer Tagesausklang. Zum Glück war es inzwischen auch nicht mehr so heiß wie den ganzen Tag über und es ließ sich hier gut aushalten.
      Der Himmel rötete sich schon leicht und die Sonne stand sehr tief, was dem ganzen Moment ein fast schon magisches Ambiente verlieh. Auch, dass Sacreds Angst sich nicht zeigte freute mich sehr und fast zwangsläufig erschien ein breites Grinsen auf meinem Gesicht.
      Die Kirsche auf meinem ganz persönlichen Sahnehäupchen, war dann noch, dass der Hengst schließlich eine halbe Stunde später die Karotte fraß.
      Das war zwar mit einigen ängstlichen Blicken in meine Richtung verbunden, doch er schien sich immer mehr zuzutrauen.
      Morgen würde ich mich zu ihm auf die Weide setzen und ein neues Buch beginnen.
      Dann könnten wir bald auch mit dem richtigen Training beginnen.
      Zuerst wollte ich Sacred die Grundsachen beibringen oder herausfinden wie viel er noch konnte.
      Das bestand aus Führen, Hufe geben und Putzen.
      Es juckte mich in den Fingern den ganzen Dreck aus Sacred verklebten Fell zu bürsten und seine wahre Schönheit zu entdecken.
      Auch wenn er auch so schon wirklich hübsch war, ein anständiges Styling würde dem Ganzen noch die Krone aufsetzen.
      Vielleicht könnte er dann auch Lucia kennen lernen.
      Oft hatte Kinder eine bessere Körpersprache als Erwachsene und kamen so manchmal besser mit vermeidlichen Problempferden zurecht.
      Es war sicher einen Versuch wert, auch wenn ich letztendlich natürlich den größten Teil der Arbeit übernehmen musste.
      Glücklich lief ich wieder in unser Haus.
      Aus Lucias Zimmer dudelte laut der Ton einer Fernsehserie, also war sie wohl bereits nach Hause gekommen. Ich fuhr meinen Laptop hoch und sah sofort in mein E-Mail Postfach.
      Erstaunt bemerkte ich, dass ich tatsächlich eine Nachricht erhalten hatte.

      Hallo Nina,
      ich hoffe mal ich darf dich duzen.
      Ich bin Karolina Wittberg und ich denke, dass ich deinen Hengst Sacred erkannt habe. Früher hieß er aber noch Loverboy und stand in einem sehr erfolgreichen Turnierstall in Brandenburg.
      Mein eigenes Pferd El Amor steht schon seit einigen Jahren dort und ich habe bereits viele Pferde kommen und gehen sehen. Loverboy oder auch Lovely wird mir aber immer in Erinnerung bleiben.

      Zum ersten Mal habe ich ihn auf einer Auktion ganz in der Nähe meines Ortes gesehen.
      Er damals gerade fünf geworden und hatte noch nie einen Reiter auf seinem Rücken gespürt.
      Der Züchter wollte ihn schonend ausbilden und setzte große Hoffnung in das Fohlen seiner Lieblingsstute. Leider verstarb er und alle Pferde wurden versteigert. Dein Hengst gehörte mit zu Preisspitze. Er präsentierte sich selbstsicher und temperamentvoll. Viele der örtlichen Züchter zückten die Scheckhefte, doch schließlich machte Martin Gabler, ein ziemlich unseriös wirkender Pferdehändler, ein unschlagbares Gebot und kaufte den Hengst zu einem sehr hohen Preis.
      Er setzte anscheinend große Hoffnungen in das schöne Tier und ich glaubte schon, dass ich Loverboy nie wiedersehn würde.


      Doch überraschenderweise wurde er nach seiner „Ausbildung“ an ein junges Mädchen verkauft, ich denke sie war damals ungefähr fünfzehn oder sechzehn. Ihr altes Pferd war für die hohen Klassen nicht geeignet, also musste Nachschub her.
      Den fand sie auch in Loverboy. Leider hatte Olivia durch das ständige harte Training auch viel kaputtgemacht. Oft kamen unterschiedlichste Bereiter und Training zu dem jungen Hengst, die ihm zu Höchstleistungen verhelfen sollten. Der Dopingverdacht stand oft im Raum, aber nie hat jemand Nachforschungen angestellt. Vermutlich wurde die ganze Sache von ihrem Vater organisiert, der sich für seine Tochter anscheinend nichts sehnlicher wünschte als Ruhm und Erfolg.
      Ich hatte Mitleid mit dem Tier. Die noch nicht ganz verheilten Wunden an seinen Beinen deuteten auf Blistern und Barren hin, was vermutlich noch davor von Herr Gabler durchgeführt wurde.
      Ich denke Lovely ist wirklich immer an die schwärzesten Schafe geraten.
      Irgendwann wurde es ihm zu viel und er begann die Hindernisse zu verweigern.
      Einer der Trainer kam auf die Idee, ihn jedes Mal im letzten Moment über das Hindernis zu zwingen.
      Ich weiß noch heute, dass ich damals gerade von einem Ausritt zurückkam, als ich Schreie und schrilles Wiehern aus der Halle hörte.
      Loverboys Satz war nicht groß genug gewesen, er war mitten in das Hindernis gestürzt und hatte nicht nur sich, sondern auch seine Reiterin schwer verletzt.
      Olivia brach sich damals kompliziert das Handgelenk und einige Finger und Lovely hatte einen Haarriss. Er hat auch wirklich nur Pech in seinem Leben.
      Zum Glück hat sich ein kleines Mädchen auf dem Hof in ihn verliebt und kaufte ihn für wenig Geld.
      Sonst wäre er vermutlich zu Schlachter gegangen.


      Nach der langen Heilungsphase fing sie an ihn wieder anzutrainieren.
      Leider hatte sie auch große Probleme mit dem Hengst und stürzte mehrfach. Zum Glück trug sie nie größere Verletzungen davon. Schlussendlich schob ihr jedoch ihre Mutter den Riegel vor.
      Sie empfand Lovely, richtigerweise, als zu panisch und übergab ihm anonym dem Tierschutz.
      Dann muss er als Sacred zum HMJ gekommen sein und so schließlich zu dir.


      Ich freue mich sehr von dir zu hören und wünsche euch beiden Alles Gute für den Weg der euch bevorsteht. Loverboy mag kein einfaches Pferd sein, aber hättest du ihn auf der Auktion damals gesehen, würdest du wissen, dass es sich lohnen wird ihn gut und liebevoll auszubilden.
      Ich bitte dich darum, mich regelmäßig mit Fotos und Neuigkeiten von ihm zu versorgen, da ich ganz furchtbar gespannt auf den Kleinen heute bin.


      Gib ihm eine Möhre von mir!

      Ganz liebe Grüße,
      Karo


      Ich schluckte. Was Karolina da berichtete hatte war schlimmer als alles was mir vorschwebte.
      Sacreds Ängste waren bei dieser Vergangenheit wirklich verständlich.
      Obwohl er eingeritten war, mussten wir vermutlich bei null beginnen, denn eine wirkliche Ausbildung war diese Tierquälerei nicht.
      Vermutlich hatte Sacred große Angst vor Hindernissen und Stangen, was einige Übungen und besonders die spätere Ausbildung natürlich erschwerte.

      Hallo Karolina,
      um ehrlich zu sein bin ich ein wenig geschockt. Sacred oder Loverboy hat anscheinend schon wirklich viel durchmachen müssen. Er scheint auch Angst vor anderen Pferden zu haben, kennst du vielleicht den Grund?


      Sacred ist heute gerade auf dem Rosenhof angekommen. Davor waren wir ein wenig in Schweden und haben dort sogar kleine Fortschritte erzielt.
      Ich hatte gehofft Sacred als Springpferd auszubilden, aber bei dem Trauma, dass du da beschreibst wird das wohl sehr schwer.
      Bis jetzt akzeptiert er gerademal meine Gegenwart und kommt auch freiwillig in meine Nähe.
      Anfassen darf ich ihn jedoch noch nicht und von Führen oder gar Reiten wollen wir nicht sprechen.
      In einigen Tagen werde ich wohl versuchen ihn auf einen abgegrenzten Teil der Weide zu bringen und dort ein herumzuschicken und anzufassen.
      Erst wenn das funktioniert kann ich ein Halfter dazu nehmen.

      Hast du noch Kontakt zu seiner ehemaligen Besitzerin (also der Letzten)?
      Wenn sie zu Sacred immer nett war, hat er bestimmt ein wenig Vertrauen zu ihr gefasst, was bei der späteren Ausbildung sicher nützlich wäre.


      Natürlich halte ich dich gern auf dem Laufenden und in den Anhängen findest du einige Fotos von Sacred. Vielleicht kannst du ja auch mal nach alten Bildern Ausschau halten und sie mir dann schicken?

      Liebe Grüße,
      Nina


      P.S.: Natürlich bekommt er eine extra große Möhre von dir.

      Mit gemischten Gefühlen drückte ich auf „Senden“. Einerseits schien Karolina wirklich nett und es freute mich sehr, dass jemand auf meine Anzeige reagiert hatte, andererseits schockte mich Sacreds Vergangenheit sehr. Er hatte wirklich viel erlebt und das alles in nur einem einzigen Lebensjahr.
      Das zeigte mal wieder wie schnell Menschen ein Pferd doch innerlich und äußerlich kaputt machen können.
      Nachdenklich kaute ich auf meiner Unterlippe herum, bevor ich schließlich herunter ging um Essen zu machen. Es war schon ein wenig spät geworden und Lucy hatte bestimmt schon großen Hunger.
      Heute würde es Reis mit Gemüsecurry aus unserem Garten geben.
      Vollkommen in Gedanken versunken säuberte ich Paprika, Tomaten und Kartoffeln und suchte die benötigten Gewürze heraus.
      „Lucia! Willst du mir beim Kochen helfen?“, rief ich fragend.
      „Ja ich komme sofort“, hörte ich als Antwort und wenig später hörte ich eilige Schritte auf der Treppe. „Du kannst schon mal die Kartoffeln schälen und die Paprika und die Tomaten klein schneiden, ok?“, meinte ich und drückte ihr das Gemüse in die Hand.

      Wenig später standen die dampfenden Teller auf dem Tisch und wir löffelten was das Zeug hielt.
      „Wirklich gut gekocht Mama“, mampfte Lucia mit vollem Mund und zeigte mir einen Daumen nach oben. „Das kann ich nur zurück geben“, schmunzelte ich.
      Meine Tochter hatte mich wirklich toll unterstützt und ohne ihre Hilfe wäre das Curry bestimmt nicht so gut geworden.
      „Steht morgen eigentlich etwas Bestimmtes bei dir an?“
      Lucia schielte überlegend nach oben. „Ja wir haben einen Mathetest“, meinte sie dann und zuckte mit den Schultern. Um die Noten musste ich mich bei Lucy zum Glück fast gar nicht kümmern.
      Sie war sehr gut in der Schule und wurde von ihrer Klassenlehrerin auch regelmäßig gelobt.
      „Ich hoffe du hast gelernt“, entgegnete ich dennoch.
      Lucia nickte. „Klar. Kann ich morgen ein bisschen mit Belmiro arbeiten? Ich würde mit ihm gern ein wenig im Gelände springen.“
      Auch ich nickte nun. „Ja kannst du. Bitte pass aber auf. Belmiro würde dich zwar nicht absichtlich verletzen, aber wenn du ihn über zu hohe Sprünge treib und er es nicht schafft…“
      Sorgenvoll sah ich sie an. Vermutlich war ich durch Joes Tod ein wenig übervorsichtig geworden, denn ich machte mir fast immer Sorgen um meine Tochter.
      Egal ob sie bei Freundinnen war oder einfach nur kurz alleine einkaufen, ich hatte furchtbare Angst um sie. Schon oft hatte ich überlegt ob ich vielleicht eine Therapie beginnen sollte oder mich zumindest beraten lassen, aber bis jetzt hatte mir dafür immer die Zeit und vor allem der Mut gefehlt.
      „Klar Mama, ich will ihm ja nicht wehtun“, antwortete Lucy lächelnd und begann schon mal damit den Tisch abzuräumen.
      Auch ich stellte meinen Teller in die Spülmaschine und schickte meine Tochter dann hoch in ihr Zimmer. Ausreichend Schlaf ist wichtig, pflegte mein Bruder immer zu sage und ich teilte seine Meinung in dieser Hinsicht.
      Außerdem konnte ich jetzt in Ruhe meine Lieblingsserie sehen.



      Am nächsten Morgen wachte ich erst auf als Lucy bereits in der Schule war.
      Es war wohl ein wenig spät geworden, aber das Staffelfinale hat mich einfach viel zu sehr gefesselt.
      Müde mischte ich mir ein Müsli zusammen und setzte mich nach draußen.
      Ich hatte einen Zettel und einen Stift mitgenommen um die heutigen Tagesaufgaben zu planen.

      1. Eier einsammeln
      2. Hühner, Ziegen, Pferde und Kühe füttern
      3. Mit Belmiro Platzarbeit machen
      4. Weiden abäppeln
      5. Mit den Fohlen halftern und führen wiederholen
      6. Sacred Karolinas Möhre vorbeibringen
      7. Buch auf Sacreds Koppel lesen


      Seufzend setzte ich auch noch „8. Aktivstall putzen“ auf die Liste.
      Putzen war wirklich eine meiner unbeliebtesten Arbeiten hier auf dem Hof.
      Aber ich konnte den Rosenhof ja auch nicht vollkommen verstauben und vermüllen lassen.
      Joe hatte damals immer viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung gelegt.
      Seine Tiere waren sein ganzer Stolz und nach Marinas Tod auch eine wichtige Stütze gewesen.
      Deshalb hatte ich es auch nicht übers Herz bringen können sie zu verkaufen.
      Die meisten Kühe hatte ich an verantwortungsvolle Privatzüchter geben können und den Rest, sowie die Hühner und Ziegen, hatte ich einfach hierbehalten.
      Leider waren sie ziemlich viel Arbeit und das Eiereinsammeln gestaltete sich auch als zeitaufwendig, da die Hühner ein sehr großes Gehege hatten und ihre Eier in alle möglichen Ecken legten.
      Als ich eine halbe Stunde später endlich alle Orte abgesucht hatte und auch gefüttert hatte machte ich mich direkt an die nächste Aufgabe. Die bestand darin, allen anderen Tieren auch ihr Futter zu geben und bei der Gelegenheit auch den Gesundheitszustand kurz zu kontrollieren.
      Die Weide der Kühe und Ziegen und ein kleiner Stall waren etwas entfernt und ich entschied umweltfreundlich mit dem Pferd zu kommen.
      Dafür musste ich Belmiro jedoch erstmal putzen und fertig machen.
      „Belmiro! Komm her Kleiner“, rief ich vom Zaun des Hengstpaddocks.
      Der Lusitanohengst trabte neugierig auf mich zu und schnüffelte mich erstmal ab.
      Ich zog ihm währenddessen das Halfter über und schwang mich auf seinen bloßen Rücken.
      Nur mit Gewichts- und Schenkelhilfen steuerte ich ihn vorsichtig zum Putzplatz.
      „Feiner Junge“, flüsterte ich und sprang von seinem Rücken.
      Das Putzzeug und Belmiros Ausrüstung hatte ich schon vorher bereitgestellt und somit war Belmiro sehr schnell fertig.
      Ich nahm noch einige Karotten und Äpfel mit und schwang mich in den Sattel.

      Wenig später war ich mit den meisten Aufgaben der Liste fertig, um genau zu sein mit allen bis Nr. 6, also schnappte ich mir eine extra große Möhre und mein Buch und lief zu Sacred.
      Es entspannte mich immer Zeit bei ihm zu verbringen.
      Lächelnd warf ich die Möhre auf die Koppel und kletterte über den Koppelzaun zu Sacred.
      Der hübsche Dunkelbraune floh wie üblich vor mir und ich begann zu lesen.
      Das Buch war sehr fesselnd geschrieben und klappte es erst wieder zu als es zu dunkel zum Lesen wurde.
      „Scheiße, ich hätte ja auch noch putzen müssen!“ Leise fluchend stand ich wieder auf und verließ die Weide. „Gute Nacht mein Kleiner“, rief ich dem Trakehnerhengst noch zu und machte mich wieder auf den Weg nach Hause.
      Heute hatte ich keinen nennenswerten Fortschritt bemerkt, aber ich war trotzdem nicht enttäuscht.
      Sacred brauchte eben seine Zeit und das war auch vollkommen normal bei einem so traumatisieren Pferd.

      Als ich mein Haus betrat führte Lucia mich grinsend zum Esstisch.
      „Du warst so lange weg, da hab ich einfach schon mal gekocht“, erklärte sie und legte mir einen Pfannkuchen auf den Teller. „Mmmh, das sieht wirklich köstlich aus Schatz.“
      Ich umarmte sie und machte mich daran den Pfannkuchen zu vertilgen.
      Auch Lucy haute ordentlich rein, kein Wunder bei der ganzen Menge Marmelade, die sie auf ihren Pfannkuchen klatschte.
      Wenig später dösten wir beide kugelrund auf dem Sofa. „Wie ist eigentlich der Mathetest gelaufen?“, fragte ich misstrauisch. Vielleicht war das ganze nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.
      „Gut“, meinte Lucy kurz und zuckte mit den Schultern.
      Ich zog eine Augenbraue hoch, ging jedoch nicht darauf ein.
      Im Falle eines Falles würde ich das Ergebnis ja in einigen Tagen sehen, wenn die Lehrerin den Test zurück gab und er unterschrieben von werden sollte.

      Einige Minuten später schickte ich Lucy ins Bett und schaltete meine Lieblingsserie ein, bei der ich wohl wieder einschlief, denn am nächsten Morgen wachte ich wiedermal auf der Couch auf.
      Ein Blick auf die Uhr zeigte: Lucia war bereits in der Schule.
      Ich stieß einen leisen Fluch aus. Eigentlich wollte ich ihr heute Pfannkuchen oder Spiegelei machen.
      Heute mussten fast dieselben Aufgaben wie gestern erledigt werden, aber diesmal war auch der Aktivstall dran. Als alle Tiere zufrieden mampften und auch die Weiden abgeäppelt waren begab ich mich in den Stall.
      Heute stand eine Hochdruckreinigung an.
      Das war ziemlich anstrengt, wie ich schon nach zwanzig Minuten merkte.
      Meine Arme schmerzten und der Schweiß lief mir aus allen Poren.
      Jetzt hatte ich mir definitiv eine Pause verdient.
      Grinsend holte ich mir einen Jogurt aus dem Kühlschrank und setzte mich nach draußen.
      Die Sonne schien mir warm ins Gesicht und am liebsten würde ich für immer hier sitzen, aber die Arbeit rief.
      Seufzend stand ich auf und brachte meinen Müll weg, bevor es wieder in den Aktivstall ging.
      Zum Glück hatte ich den Großteil schon fertig gesäubert und nach weiteren zehn Minuten glänzte der ganze Stall.
      Jetzt musste ich nur noch desinfizieren. Dafür musste ich Schutzkleidung tragen, denn die meisten Inhaltsstoffe der Mittel waren nicht gerade gesundheitsfördernd und konnten auch die Atemwege und Augen verätzen.
      Eine Maske, eine Schutzbrille, Handschuhe und der Schutzanzug waren Pflicht.
      Erst als ich alles übergestreift hatte, trug ich das Desinfektionsmittel überall auf.
      Danach war ich wegen den heißen Temperaturen vollkommen verschwitzt und entschied mich erstmal unter die Dusche zu springen.

      Erfrischt und nach Rosen und Lavendel riechend machte ich mich danach wieder an die Arbeit.
      Beziehungsweise ging ich zum Lesen auf Sacreds Koppel.
      Wie üblich packte ich davor noch eine Möhre ein.
      Dieses Mal lief Sacred nicht davon, sondern blieb etwas entfernt stehen.
      Ich warf die Karotte auf die Koppel und kletterte dann hinterher.
      Am liebsten würde ich direkt etwas mit dem jungen Hengst unternehmen, aber leider war diese Trainingsmethode ziemlich passiv, fast schon langweilig.
      Trotzdem war das für Sacreds Zukunft sehr wichtig und ich musste jeder Phase auch positives abgewinnen.
      Heute näherte er sich sogar ein wenig und als ich eine Stunde später wieder ging stand Sacred nur etwa sieben Meter entfernt.
      Zufrieden lief ich nach Hause.
      Leider folgte dort ein Schockmoment, denn Lucy war nicht aufzufinden.
      Als ich dann auch noch zehn verpasste Anrufe von ihr sah, begann mein Herz zu rasen.
      Was wenn… Ich wollte nicht weiterdenken.
      Mit zittrigen Fingern klickte ich auf den Chat.
      Lucia hatte mir geschrieben. Sie war diese Nacht bei einer Freundin.
      Erleichtert atmete ich auf. Ich kannte die kurzfristigen Aktionen meiner Tochter, doch dabei stand ich jedes Mal kurz vor einem Herzinfarkt.
      Erleichtert schrieb ich ihr zurück.

      Okay Schatz.
      Viel Spaß + ich hab dich ganz doll lieb J


      Jetzt konnte ich wieder in Ruhe meine Lieblingsserie gucken und dabei eine fettige Tiefkühlpizza genießen. Auch wenn ich Lucy schrecklich vermisste, manchmal wünschte ich mir doch ein wenig kinderfreie Zeit. Eigentlich hatte ich Kinder erst geplant wenn ich eine eigene Praxis hatte und mindestens dreißig war.
      Außerdem wollte ich dafür eigentlich auch den Mann fürs Leben finden.
      Und jetzt saß ich hier, mit gerade einmal 27, hatte eine neunjährige Tochter und war Single.
      Eine wirklich lange Beziehung hatte ich nie geführt, die längste war nach ein und halb Jahren in die Brüche gegangen, und wirkliche Chancen hatte ich als Alleinerziehende auch nicht.
      Aber ich brauchte keinen Mann in meinem Leben, durch Joes großes Erbe hatte ich auch keine Geldprobleme. Also blieben die einzigen männlichen Wesen, die ich wirklich gut kannte Belmiro, drei
      Ziegen, ein Hahn und jetzt auch noch Sacred.
      Vor lauter Nachdenken hatte ich gar nicht auf die Serie geachtet und spulte nun leicht verärgert zurück.
      Vermutlich würde ich sowieso einschlafen und mich an fast nichts mehr erinnern können, aber versuchen könnte ich es doch.
      Dieses Mal waren die Folgen tatsächlich spannend genug um mich wachzuhalten und ich ging mal wieder viel zu spät ins Bett.
      Morgen würde ich definitiv einen Kaffee brauchen, dachte ich mir noch bevor ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.
      28.065 Zeichen - gezählt mir Word - 27.04.2020 - 18 Punkte
    • Rose1
      Vorsichtig bereitete ich die Spritze für Sacred vor. Lange hatte ich überlegt, ob es vielleicht klüger war ein Blasrohr zu benutzen, aber der junge Hengst nie aktiv jemanden angriff beließ ich es bei der Spritze für die Sedierung.
      Heute musste ich sedieren, denn ich wollte Sacreds Beine und den Rücken röntgen.
      Erstens um zu überprüfen, ob der Haarriss verheilt war und zweitens um den Zustand der Gelenke und der Wirbelsäule zu beurteilen.
      Dafür musste der Braune sehr ruhig stehen und das war bei ihm ohne Sedierung leider nicht zu schaffen.
      Um das entstandene Vertrauen zwischen uns nicht zu zerstören würde meine Tierarzthelferin Jessy die Spritze setzen und auch die Bilder aufnehmen. Bei dieser Gelegenheit würde auch Blut genommen werden.
      Ich war nur für die Auswertung zuständig.
      „Bitteschön Jessy“, meinte ich und drückte ihr die Spritze in die Hand. „Hoffentlich schaffst du es.“
      Die junge Frau grinste und verdrehte die Augen. „Kann ja nicht so schwer sein.“
      Ich drückte ihr aus der Ferne die Daumen und hoffte, dass sie gleich freudestrahlend und vor allem ohne blaue Flecken wieder in den Untersuchungsraum kommen würde.
      Etwa eine halbe Stunde kam Jessy wieder. Verschwitzt, aber auf den ersten Blick gesund.
      Ein Stein fiel mir von Herzen. „Ganz schön harter Brocken dein Kleiner. Er hat furchtbare Angst vor Spritzen.“, murmelte sie und drückte mir das Röhrchen mit dem Blut in die Hand.
      „Ein harter Brocken ist er auf jeden Fall“, entgegnete ich lachend und fuhr meinen Computer hoch.
      Die Röntgenbilder müssten jetzt geladen sein.
      Und da waren sie auch schon. Konzentriert prüfte ich jeden Millimeter der Aufnahme.
      Jessy stand ebenso gebannt hinter mir.
      Einige Minuten lang war es vollkommen still, bis ein lautes Aufatmen zu hören war.
      „Alles in Ordnung“, murmelte ich und auch Jessy nickte. Von dem Haarriss war nichts mehr zu sehen und ich erkannte auch keine anderen Auffälligkeiten.
      „Ich habe auch nichts gefunden“, gab sie mir Recht.
      Jetzt standen dem Training nur noch die Ergebnisse der Blutuntersuchung eventuell im Weg.
      Leider konnte ich hier, mangels Personal und Geräten, noch kein großes Blutbild anfertigen und hatte ein Labor beauftragt.
      Das dauerte natürlich eine Weile und aktuell konnte ich nichts mehr für Sacred tun.
      „Dann heißt es jetzt wohl warten“, sprach Jessy meinen Gedanken aus.
      „Ja“, murmelte ich leise „Könntest du bitte nochmal nach Sacred schauen? Ich mache mir Sorgen.“
      Die junge Frau nickte und zog sich eine Jacke über.
      „Ich bin gleich wieder da“, flötete sie noch, bevor die Tür ins Schloss fiel.
      Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube blieb ich im Untersuchungszimmer sitzen.
      Ich machte mir immer zu viele Sorgen und seit Joes Tod war es fast schon unerträglich.
      Erst als Jessy vom Handy aus Entwarnung gab und schrieb, dass sie nach Hause gehen würde, fühlte ich mich besser.
      Jetzt konnte ich mich in Ruhe anderen Aufgaben widmen und zum Beispiel ein wenig mit den Fohlen spielen.
      2912 Zeichen - gezählt mir Word - 28.04.2020 - 6 Punkte
    • Rose1
      Wiedermal machte ich mich auf den Weg zu Sacred. Es war zwar erst ungefähr drei Uhr, aber ich hatte meine heutigen Aufgaben alle schon erledigt.
      Trotzdem würde ich sehr bald einen Pferdepfleger anstellen.
      Ich hatte kaum noch Zeit mit den Tieren zu arbeiten, weil ich so beschäftigt mit Putzen und Füttern war. Auch das tägliche Kontrollieren aller Tiere nahm viel Zeit in Anspruch.
      Bald würde ich hoffentlich wenigstens einen Weg nicht mehr antreten müssen wenn Belmiro und Sacred sich vergesellschafte lassen würden.
      Bis ich allerdings soweit war würde noch sehr viel Zeit vergehen.
      Zumindest machten wir Fortschritte. Sacred sah mich heute aufmerksam, ja fast schon neugierig, an als ich zu seiner Weide lief.
      Die letzten paar Nachmittage hatte ich schließlich fast ausschließlich bei ihm verbracht und dem Hengst war nie etwas zugestoßen, was ihm wohl jetzt klar wurde.
      „Hey Süßer“, murmelte ich mit leiser Stimme und betrat vorsichtig die Weide.
      Gestern hatte Jessy einen mobilen Roundpen hier aufgestellt und heute hatte ich vor ihn zum ersten Mal mit Sacred auszuprobieren.
      Dafür hatte ich auch eine Gerte mitgebracht, mit der ich Hilfen besser verständlich machen konnte.
      Pferde, die schlecht sozialisiert sind, haben oft Problem mit dem Verständnis von Körpersprache und Stimme. Ich vermutete, dass es Sacred ähnlich ging.
      Wie weit ich tatsächlich gehen würde war mir noch nicht klar, aber ich wollte den Hengst vor allem nicht überfordern und vielleicht sogar unser Vertrauen zerstören, denn dann würde es schwer werden es wieder herzustellen.
      Zuerst setzte ich mich, wie immer, ruhig in die Ecke und las ein wenig in meinem Buch.
      Da Sacred nicht nervös reagierte ging ich nach zwanzig Minuten zum nächsten Schritt über: Ich musste ihn in den Roundpen bekommen.
      Keine ganz leichte Aufgabe. Ich versuchte den Stresspegel niedrig zu halten und näherte mich dem jungen Trakehnerhengst nur langsam.
      Tatsächlich lief er einigermaßen ruhig und in einem entspannten Trab von mir davon – direkt in das Tor des Roundpens.
      Ein Lächeln umspielte meine Lippen.
      Leider musste ich noch ein wenig warten, bevor ich das Tor endgültig schließen durfte.
      Erstmal musste Sacred lernen, dass ihm im Roundpen nichts geschah.
      Vorsichtig entfernte ich mich ein wenig und der Hengst stürmte aufgeregt davon.
      Heute würde ich vermutlich nicht mehr mit ihm arbeiten können.
      Wir wiederholten das Spiel noch einige Male, doch es lief jedes Mal gleich ab: Wenn Sacred die Chance bekam war er weg.
      „Scheiße“, murmelte ich genervt und ließ mich auf den Boden fallen.
      Dann würde ich halt noch etwas lesen und so das Vertrauen zwischen uns stärken.
      Ich war eh schon sehr gespannt wie es mit meinen Romanhelden weiterging.
      2671 Zeichen - gezählt mit Word - 29.04.2020 - 3 Punkte
    • Rose1
      Vorsichtig zog ich eine Gerte aus der Halterung. Heute stand wieder Roundpenarbeit mit meinem Hengst an. Ich war schon sehr gespannt wie es heute laufen würde.
      Letztes Mal hatte Sacred mir gezeigt, dass er überhaupt keinen Bock auf den Roundpen hatte und galoppierte jedes Mal panisch davon, wenn ich versuchte ihn hineinzutreiben.
      Vielleicht würde er dieses Mal ein wenig ruhiger reagieren.
      Mit Sacred musste ich es ruhig angehen.
      Der junge Hengst graste wieder und ließ sich auch von mir nicht davon ablenken.
      Langsam lief ich auf die Weide zu und kletterte über den Zaun.
      Erstmal würde ich nur ein wenig lesen um Sacred zu beruhigen.
      Ungefähr eine halbe Stunde später stand ich auf und klopfte mir den Dreck von meiner Hose.
      Das Buch war wirklich spannend, aber langsam musste ich wieder anfangen zu arbeiten.
      Der Hengst würde mir schließlich nicht einfach so vertrauen.
      Vorsichtig näherte ich mich dem Dunkelbraunen und trieb ihn so sanft in den Roundpen. Dort angekommen duckte ich mich sofort und ließ die Gerte fallen.
      Sacred hatte getan was ich wollte und jetzt musste ich ihn in Ruhe lassen.
      Das war wichtig für seine spätere Ausbildung.
      Ich bemerkte den Blick des jungen Hengstes und versuchte uninteressierte auszusehen. Vorsichtig trat der Hengst auf mich zu und schnüffelte sogar vorsichtig an mir.
      Ich spürte seine weichen Nüstern an meiner Schulter und ein unglaubliches Glücksgefühl durchflutete mich. Jetzt konnte ich endlich mit Sacreds Training beginnen.
      Heute war es aber noch nicht so weit.
      Erstmal würde ich ihm nur einige Karotten geben.
      Vorsichtig griff ich nach der Möhre in der Tasche meines Pullovers und legte sie hinter mir ab.
      Ich hörte, dass Sacred ängstlich flüchtete und seufzte leise.
      Hoffentlich kam er zurück.
      Etwa zehn Minuten später hörte ich Schritte hinter mir und wenig später ein leises Kauen als der dunkelbraune Trakehner seine Karotte vertilgte.
      Wieder schnüffelte er an mir und lief dann in einem entspannten Schritt davon.
      Das Gras schien wohl interessanter als ich.
      Schmunzelt richtete ich mich wieder auf.
      Es war bereits Abend und die Sonne ging langsam aber sicher unter.
      Ich wollte heute Abend noch mit Lucia selbstgemachte Pizza backen.
      Eher symbolisch winkte ich Sacred zu und lief dann wieder zurück zum Hof.
      Als ich aufschloss hörte ich Lucy fluchen und beeilte mich nach oben zu kommen.
      Hoffentlich war nichts passiert.
      Zum Glück fand ich meine Tochter am Esstisch über die Hausaufgaben gebeugt.
      „So schwer?“, murmelte ich und wuschelte ihr durch ihre blonden Haare.
      Ein Seufzen ertönte. „Ja, unsere Lehrerin hasst uns wohl“, antwortete Lucia genervt und verdrehte die Augen.
      Ich musste unwillkürlich grinsen. Vermutlich hatte jedes Kind das schon erlebt und jetzt musste auch meine Tochter da durch.
      „Ich mach dann schon mal Pizza okay?“, fragte ich und strich dem kleinen Mädchen über die Schulter. Lucy nickte traurig und seufzte wieder.
      „Ich hätte dir wirklich gerne geholfen.“
      Mir kam eine Idee. „Weißt du was – wir machen die Pizza morgen. Heute gibt es dann einfach Omelett von unseren eigenen Hühnern und einen Salat in Ordnung?“, meinte ich lächelnd und räumte schon mal die Eier aus dem Kühlschrank.
      Begeistert nickte meine Tochter und auch ich freute mich.
      Wenigstens hatte ich ihr nun ein kleines Lächeln auf die Lippen gezaubert.
      Ich zerschlug das Ei an einer Schüssel und ließ es hinein fallen.
      Fünf weitere folgten.
      Jetzt verrührte ich alles und fügte Salz, Schnittlauch, Petersilie und ein wenig Pfeffer hinzu.
      Schließlich gab ich die Hälfte der Eimasse hinzu und garnierte ich alles mit Kräutern.
      Als alles fertig war schlug ich das Omelett in der Mitte zusammen und platzierte es auf einem flachen Teller. Auf die gleiche Weise bereitete ich die zweite Portion zu.
      Zum Schluss schnitt ich noch eine Tomate und legte die Scheiben dazu.
      Jetzt fehlte nur noch der Salat. Erstmal zupfte ich die äußersten Blätter ab.
      Gründlich wusch ich den restlichen Salatkopf ab.
      Während der weiteren Zubereitung machte ich mir Musik an und steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren. Musik nahm dem Kochen die Langweile, die ich sonst empfand.
      Schließlich teilte ich den Salat in zwei Portionen, eine große und eine etwas kleinere, auf und gab sie in zwei Schüsselchen.
      „Lucia, das Essen ist fertig. Hast du alles erledigt?“, fragte ich besorgt und stellte die Teller auf den Tisch. Das kleine Mädchen nickte und ich atmete erleichterte auf.
      Das wäre echt zu viel geworden.
      „Kannst du die Schüsselchen holen? Ich stell uns solange zwei Wassergläser hin“, meinte ich auffordernd zu Lucy. Sie verdrehte genervt die Augen, aber trug schließlich die Schälchen von der Küchenablage auf den Esstisch.
      „Dankeschön.“ Ebenso genervt holte ich Wasser und ließ mich auf meinen Stuhl fallen.
      „Und was hab ihr heute so gemacht?“, fragte ich und versuchte meinen anfänglichen Ärger herunterzuschlucken. Es war klar, dass Lucy bei so vielen Hausaufgaben genervt war.
      „Naja, Frau Grünfeld-Hasenpfuhl hat uns fast fünf ganze Seiten aufgegeben und das ist einfach total anstrengend. Ich hasse Mathe“, maulte meine Tochter mit griesgrämigem Gesichtsausdruck und stocherte in ihrem Omelett herum.
      „Hast du es wenigstens verstanden?“ Lucia nickte wiederwillig und verdrehte die Augen.
      „So oft wie wir das wiederholt haben muss ich es ja verstehen“, fügte sie genervt hinzu.
      Ich strich ihr bekümmert über die blonden Haare.
      So oft schon hatte ich sie um die helle Haarfarbe beneidet, die sie von ihrer Mutter hatte.
      Leide hatte ich Marina nur wenige Male getroffen und ich glaube keiner von uns hatte erwartet, dass ich einmal ihre Tochter adoptieren würde.
      „Worüber denkst du nach Mama?“, fragte Lucia mitfühlend. Sie hatte wohl meinen traurigen Gesichtsausdruck bemerkt. „Ach nichts Schatz“, murmelte ich nur und zum Glück ließ Lucy es auf sich beruhen.
      Ob ich sie wohl überhaupt gut kennen würde, wenn Marina nicht tot wäre? Zwar war die junge Adelige nicht versnobt oder gar arrogant gewesen, aber ihre Familie hatte nicht besonders viel von Joe und mir gehalten. Wobei sie mich fast lieber mochten, denn ich studierte damals schließlich und Joe hatte „nur“ seinen Bauernhof.
      Bauern waren für sie immer schon unterstes Niveau gewesen und vermutlich besuchten die Beiden Lucy deshalb auch nur selten.
      Auch wenn die Klatschpresse Lucias letzte Grippe damals mit „Einzige Stammhalterin der Schneebrunn-Linie schwer erkrankt – Stirbt das bekannte Adelsgeschlecht nun aus?“ kommentierte, folgte uns auch Paparazzos nicht auf Schritt und Tritt.
      Ab und zu und besonders bei besonderen Ereignissen waren sie natürlich vertreten, aber ansonsten konnten wir ein sehr entspanntes Leben führen.
      Lächelnd sah ich zu Lucia. Ich war so froh sie zu habe.
      „Mama?“, fragte sie nur verwirrt. „Ja mein Schatz?“
      „Dein Omelett wird langsam kalt“, meinte das kleine Mädchen und musterte mich prüfend.
      Ich grinste nur und machte mich über mein Essen her.
      Wenig später verzog sich meine Tochter nach oben und ich sah noch schnell in mein Postfach.
      Leider hatte Karolina nicht mehr zurück geschrieben, aber ich überflog ihre alte Nachricht trotzdem noch einmal – vielleicht hatte ich ja etwas übersehen.
      Plötzlich blieb ich an einem Absatz hängen:

      „Viele der örtlichen Züchter zückten die Scheckhefte…“

      Ich kannte einige Züchter aus Brandenburg und vielleicht hatten sie Loverboy ja schon mal gesehen.
      Entweder auf dieser Auktion oder auf einem Turnier.
      Vielleicht kannte sogar jemand Sacreds ursprünglichen Züchter zu Lebzeiten und hatte vielleicht sogar Fotos. Ich wollte unbedingt einige Babyfotos von meinem Kleinen.
      Aufgeregt tippte ich die Nummer eines bekannten Trakehnerzüchters in mein Telefon und wartete darauf, dass jemand abnahm. Leider ertönte ein „Diese Nummer ist nicht vergeben“ und ich verzog genervt das Gesicht. Vermutlich hatte er den Anbieter gewechselt. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn es direkt beim ersten Anlauf geklappt hätte. Nächste Nummer. Leider kannte dieser Züchter Loverboy nicht und gab mir den Tipp, doch mal bei einem befreundeten Kollegen nachzufragen, der sich oft auf Auktionen herumtrieb.
      „Guten Abend, hier spricht Andreas Weingartner“, erklang es plötzlich und ich hätte am liebsten einen Freudensprung gemacht. „Hallo, ich bin Nina Beaulieu und ich wollte Sie fragen ob Sie vielleicht meinen Trakehnerhengst kennen. Ich nehme beim Horse Makeover Joelle teil und habe den Hengst Sacred erhalten. Die Suche nach seiner Herkunft gestaltete sich schwierig, da er anonym abgeben wurde, aber schließlich erkannte ihn eine Einstellerin. Sie meinte sein Name früher war wohl Loverboy und…“ Der Züchter unterbrach mich: „Loverboy sagten Sie?“
      Ich bejahte aufgeregt. „Ja, ich habe diesen Hengst vermutlich schon mal gesehen. Ein hübscher Brauner mit Blesse. Das war, puhh ich weiß gar nicht mehr wann, aber auf einer Auktion. Er gehörte früher Björn, Björn Peterson. Er war ein guter Freund von mir.“ Eilig schrieb ich mir den Namen auf ein Blatt Papier. Später würde ich nochmal genauer nach recherchieren. „Lovely war ein tolles Tier, muss ich sagen, aber wirklich überhaupt nicht bemuskelt. Er wurde zwei Monate vor der Auktion zum ersten Mal longiert und war natürlich nicht auf dem Leistungsstand vom anderen Tiere im selben Alter, die größtenteils schon Turniererfolge vorweisen konnten. Aber Björn wollte es schonend angehen. Lovely war ein wahres Wunschkind und ihm standen alle Türen offen. Ich denke Björn würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wer ihn gekauft hat.“ Andreas machte eine kleine Pause und seufzte.
      „Ich hatte leider keinen Platz für einen weiteren Hengst und hab nur einige Stuten kaufen können“, fügte er als Erklärung hinzu und ich konnte sein Schuldbewusstsein heraushören.
      „Als Martin den Zuschlag bekam war das furchtbar für mich. Ich sah Loverboy immer wieder auf Turnieren und hätte ihn an liebsten direkt freigekauft, aber mir fehlte das nötige Kleingeld. Leider.“
      Der Mann hing seinen eigenen Gedanken ein wenig nach und schien sich auszumalen, was passiert wäre wenn Loverboy ihm gehört hätte.
      „Naja, ich such mal ein paar Fotos zusammen und schick sie dir dann. Mach’s gut Nina“, meinte er noch und auch ich verabschiedete mich von ihm.
      Das Gespräch hatte mich wirklich weitergebracht.
      Neugierig suchte ich meinen Laptop und schaltete ihn an. Jetzt wollte ich unbedingt wissen wer Björn Peterson genau war. Offensichtlich war er unter Züchter schon einigermaßen bekannt gewesen und legte viel Wert auf eine artgerechte, schonende Ausbildung.
      Vielleicht wusste das Internet ja noch ein wenig mehr.
      Neugierig tippte ich den Namen in die Suchleiste ein.
      Naja, für einen Wikipediaeintrag hatte es offenbar nicht gereicht, aber ich fand einige Websites auf denen von Björn berichtet wurde.
      Er schien ein freundlicher Mann gewesen zu sein.
      Im Alter von 68 Jahren war er überraschend an den Folgen einer schweren Borreliose gestorben und hinterließ einen Bestand von 27 Zuchtstuten, 23 Fohlen, 16 Jährlingen, 5 Wallachen, 2 ziemlich bekannten Deckhengsten und 4 ungekörten Hengsten, unteranderem Loverboy.
      Er hatte einen großen Hof geführt und wurde mit My Magic Moment berühmt, einem weißen Trakehnerhengst, der bereits bei den olympischen Spielen gestartet war.
      Von dem hatte ich auch schon gehört.
      In meinem alten Stall stand eine Tochter von ihm und wir nannten sie immer respektvoll die weiße Taube. Das lag daran, dass sie zwar unscheinbar und schmächtig aussah, aber wenn sie sprang war es als ob ihr zwei Flügelchen wachsen würden.
      Ob sie selbst aus Herr Petersons Zucht stammte oder nur mit seinem Tier verwand war, konnte ich nicht sagen, aber ich hatte auf jeden Fall Respekt vor diesem Mann.
      Großen Respekt. Und die Lieblingsstute dieses Züchters hatte nun Sacred auf die Welt gebracht?
      Ich versuchte mir meinen Trakehnerhengst als Springpferd vorzustellen.
      Er hatte viel Schulterfreiheit, einen unglaublichen Schwung aus der Hinterhand und seine Oberlinie war top. Leider konnte ich nicht sagen, wie sein Hals mit guter Muskulatur aussah und ob die Tendenz zum Unterhals genetisch veranlagt war.
      Naja, nach einigen Monaten Training durfte ich ihn dann ja in gutem Zustand sehen.
      Abnehmen tat er schon auf der Koppel und bald würden wir auch Spaziergänge machen können und so schonend wieder Muskulatur aufbauen.
      Auch Wassertreten würde ich gerne mal ausprobieren.
      Verträumt sah ich aus dem Fenster in die Dunkelheit, doch ich fixierte keinen festen Punkt.
      Langsam war es wirklich Zeit ins Bett zu gehen.
      Ich gähnte und lief in mein Zimmer.

      Am nächsten Morgen erwachte ich erst gegen Mittag. Ich hatte, wieder einmal, verschlafen.
      Lucy war schon in der Schule. Gähnend lief ich herunter in die Küche und kippte Müsli in eine Schüssel. Wir hatten weder die Kühe, noch die Ziegen gedeckt und so mussten wir unsere Milch von den örtlichen Bauern beziehen.
      Zum Glück war noch ein Rest da und ich ihn schüttete alles in mein Müsli.
      Offenbar musste ich heute auch noch zum Bauern.
      Genervt verdrehte ich die Augen und machte mich erstmal über mein Frühstück her.
      Danach erledigte ich die Arbeit auf dem Hof und fuhr danach zu einem der ortsansässigen Milchbauern. Er war früher ein guter Freund meines Bruders gewesen und seine älteste Tochter war mit Lucy befreundet.
      Sie war bereits von der Schule gekommen und wartete aufgeregt vor der Tür.
      „Papa sie ist da!“, rief sie aufgeregt und rannte wieder in das Innere des großen Hauses.
      Ich grinste. Die Atmosphäre auf dem Hof war so gemütlich und heimelig, dass ich am liebsten noch ein wenig länger hier bleiben wollte. Der Garten und seine in allen Farben blühenden Blumen, der alte Hofhund, die Obstwiese und die kleine Familie selbst.
      Peter hatte bereits zwei Kinder, eine neunjährige Tochter Mia und den vierjährigen Sohn Antonio, und das Dritte war gerade unterwegs.
      Seine Frau war eine sympathische Spanierin, die er im Urlaub kennengelernt hatte.
      Deshalb war die Inneneinrichtung eine Mischung aus norddeutscher und spanischer Kultur.
      Noch ganz in Gedanken versunken starrte ich ins Leere, als ich plötzlich eine Stimme hörte.
      „Hallo Nina!“ Ich drehte mich um und fing direkt an zu strahlen.
      Hinter mir stand ein freundlich grinsender Peter, der mir sofort um den Hals fiel.
      „Wir haben dich hier lange nicht mehr gesehen“, murmelte er und musterte mich prüfend.
      „Hast du etwa endlich einen Freund?“ Lachend verdrehte ich die Augen.
      „Nein. Ich hab einfach ein neues Pferd und ziemlich viel zu tun“, meinte ich und schüttelte ein wenig genervt den Kopf. „Ein Hof ist halt doch ziemlich anstrengend für eine Person alleine. Vielleicht solltest du mal einen Pfleger einstellen“, meinte Peter ohne mich anzufeinden.
      Ich nickte langsam. Darüber hatte ich schon öfters nachgedacht.
      Die Arbeit wuchs mir über den Kopf und ich hatte kaum noch Zeit für meine Pferde.
      „Du hast Recht“, murmelte ich und scharrte mit meiner Fußspitze im Kies.
      „Das trifft sich sehr gut. Ein Bekannter von mir löst seinen eigenen Hof auf und einer der Pfleger findet keine Job, da er unbedingt seine Pferde mitnehmen will. Das Problem ist, dass einer ein Hengst ist und sich nur schlecht vergesellschaften lässt. Leider will er auch keine reine Boxenhaltung oder ähnliches und hat nicht genug Geld um draufzuzahlen. Ich schreib dir mal seine Nummer auf.“
      Der junge Bauer kritzelte einige Zahlen auf ein Blatt Papier und drückte es mir in die Hand.
      Nachdenklich betrachtete ich die krakelige Schrift.
      Das klang eigentlich ganz gut.
      „Okay, ich werde vielleicht bald anrufen“, meinte ich langsam, „aber leider muss ich jetzt wieder arbeiten.“ Peter schüttelte gespielt verzweifelt den Kopf.
      „Du wirst dich wirklich noch überarbeiten.“
      Seufzend drückte er mir zwei Glasflaschen mit Milch in die Hand und ich gab ihm im Austausch zwei Leere wieder zurück.
      Ich winkte dem jungen Mann zu und setzte mich in meinen Wagen.
      Den Zettel steckte ich mir in die Hosentasche.
      Als ich wieder zuhause ankam hatte ich mein Vorhaben vollkommen vergessen und brachte erstmal die Milch nach oben.
      Dann lief ich mit einem Buch zu Sacred und setzte mich auf die Weide. Der hübsche Hengst graste wieder und als ich ihm eine Karotte hinwarf schritt er entspannt darauf zu.
      Wir hatten wirklich große Fortschritte gemacht.
      Früher war ein entspannter Abend auf der Weide gar nicht vorstellbar gewesen und inzwischen hatte ich das Gefühl, dass auch Sacred meine Anwesenheit ein wenig genoss.
      Besonders weil ich ihn dabei mit Karotten und anderen Leckerlies vollstopfte.
      Es knisterte leise als ich mein Gewicht verlagerte und ich sprang erschrocken auf.
      Der Zettel! Aufgeregt lief ich wieder zurück zum Hof.
      Als ich endlich am Telefon angekommen war tippte ich die Nummer nervös ein.
      Was wenn er unsympathisch war? Was wenn er meinen Hof für seine Pferde zu schlecht und unprofessionell fand? Meine Gedanken stoppten schlagartig, als ich plötzlich eine Stimme am anderen Ende der Leitung wahrnahm.
      „Hi, hier spricht Harry Davies. Worum geht’s?“
      Die Stimme hörte sich deutlich jünger an als ich gedacht hatte.
      Irgendwie war ein typischer Pferdepfleger in meinem Kopf ungefähr 40 oder 50, hatte eine Glatze, einen kleinen Bierbauch und trank gerne Alkohol.
      Harry klang gar nicht so. „Nina Beaulieu. Ich führe den Rosenhof und hätte eine Stelle zu vergeben.“
      Ich versuchte professionell zu klingen.
      „Oh, cool. Könnte ich meine Pferde mitbringen? Einer ist ein Hengst und er steht gar nicht auf Boxenhaltung“, meinte Harry und klang ein wenig betrübt.
      „Das geht. Ich habe selbst zwei Hengste“, erwiderte ich freundlich und schweifte mit meinen Gedanken kurz zu Belmiro und Sacred ab.
      „Danke, dass bedeutet mir wirklich viel.“
      Eine kurze Stille trat ein und ich räusperte mich verlegen. „Kein Problem. Haben sie sonst noch Wünsche?“, fragte ich kurzum.
      „Jein, ich wollte fragen ob ich auf dem Hof wohnen soll. Wenn nicht ist das aber kein großes Problem“, murmelte Harry fast schon schüchtern.
      „Oh Entschuldigung, dass ich das nicht früher gesagt habe. Wenn sie Lucia und den ständigen Trubel hier ertragen würde mich das sehr freuen“, lachte ich und stellte mir den Pferdepfleger mit meiner ab und zu ziemlich zickigen Tochter vor.
      Das würde nicht leicht für ihn werden.
      „Wer ist Lucia?“, fragte Harry neugierig, „Ein Hofhund? Ich habe kein Problem mit Haustieren.“
      „Meine neunjährige Tochter.“
      „Oh, das tut mir wirklich leid. Ich dachte nur… Ihre Stimme klingt wirklich jung und…“, stotterte er verlegen und auch ich war ein wenig peinlich berührt.
      „Naja, ich bin wirklich erst 27“, murmelte ich leise. Oft folgten auf diese Aussage Mitleidsbekundungen oder die Frage: „Wieso hast du nicht abgetrieben?“
      „Oh Wow. Das ist echt noch jung. Dann waren sie ja erst 18 als sie sie bekommen haben“, meinte Harry erstaunt und mir fiel gar nicht auf wie weit wir uns von unserem ursprünglichen Thema entfernt hatten. Es tat gut endlich mal jemanden zum Reden zu haben.
      „Nicht ganz. Lucy ist die Tochter meines Bruders. Als er starb adoptierte ich sie und erbte seinen Hof.“ Danach war es eine Weile still.
      „Das tut mir unglaublich Leid für sie. Ich hoffe ich kann Ihnen bei ihrem Hof helfen“, murmelte er und in seiner Stimme schwang aufrichtiges Beileid mit.
      „Ja. Ich hatte eigentlich nicht geplant Pfleger einzustellen, aber mir wächst die Arbeit über den Kopf und ich habe schließlich noch einen anderen Job“, erklärte ich ein wenig traurig.
      „Als was arbeiten Sie denn?“, folgte sofort und ich lächelte sanft.
      „Ich bin Tierärztin.“ „Wow Respekt. Da haben sie ja wirklich wenig Zeit“, erwiderte der Pfleger und ich nickte unwillkürlich.
      „Ja und deshalb würde ich mich sehr freuen sie auf dem Rosenhof begrüßen zu können. Wann hätten sie denn Zeit für ein erstes Treffen?“, fragte ich kurzentschlossen.
      Harry kam sehr sympathisch rüber und je schneller ein Pfleger eingestellt wurde, desto eher konnte ich mehr Zeit für die Arbeit mit Sacred und den anderen Pferden einplanen.
      „Da ich aktuell arbeitslos bin, pass es bei mir eigentlich immer. Wie wäre es mit morgen Nachmittag?“, antwortete Harry. Ich bejahte und verabschiedete mich.
      Morgen würde ich vielleicht meinen zukünftigen Pferdepfleger treffen!
      An Schlaf war nach dieser Nachricht nicht zu denken.
      Ich kochte mir erstmal einen Früchtetee und schaltete meine Serie ein.
      Dieses Mal stellte ich mir jedoch einen Handywecker und machte den Klingelton ganz laut.

      Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt.
      Ein lautes Klingeln ertönte direkt neben mir.
      Verschlafen setzte ich mich auf und suchte nach der Quelle.
      Mein Handy! Ich wischte den Wecker weg und genoss einen Moment die friedliche Stille.
      Leider sah es im nächsten Moment wieder ganz anders aus.
      Ein lautes Trampeln war zu hören und Lucy stiefelte die Treppe hinunter.
      „Morgen Mama“, gähnte das kleine Mädchen und kippte sich Müsli in ihre Schale.
      Während sie die Milch hinzu goss, erzählte ich ihr von Harry.
      „Du kannst ja zu Mia gehen oder?“, fragte ich meine Tochter schließlich.
      Diese nickte nur langsam und trug ihr Schokomüsli zum Tisch.
      „Perfekt“, meinte ich noch und machte mir dann auch Frühstück.

      Wenig später hatte Lucia sich verabschiedet und ich erledigte die anfallenden Arbeiten auf dem Hof.
      Auch das Training der Fohlen und ein kleiner Ausritt mit Belmiro standen auf meiner To-Do-List.
      Als ich um etwa drei Uhr ins Haus gehen wollte fiel mir ein fremder Wagen auf.
      Harry war da! Aufgeregt suchte ich den Hof mit den Augen ab.
      Da stand tatsächlich ein Mann.
      Bis jetzt sah ich ihn nur von hinten, doch als Harry meine Schritte hörte drehte er sich um.
      Wow. Er war viel jünger als ich gedacht hatte, ich schätze ihn auf etwa 30, vielleicht sogar noch ein wenig jünger.
      „Hi Nina.“
      „Hallo“, antwortete ich ein wenig überrumpelt. „Soll ich dir den Hof zeigen?“
      Harry nickte und sah stauend zum Laufstall der Stuten und Wallache. „Ist das ein Aktivstall?“
      Ich bejahte und erklärte, dass ich ein möglichst tierfreundliches und ökologisches Konzept verfolgte.
      Auch für die Hengste war ein ähnlicher Komplex geplant.
      „Wie viele Pferde haben sie bis jetzt?“, fragte der junge Mann und sah mich abwartend an.
      „Aktuell tatsächlich nur vier. Meinen Lusitanohengst Belmiro, die zwei Stutfohlen Brown like Chocolate und La Fée de la Neige und mein Makeoverpferd Sacred. Bald möchte ich jedoch mit einer kleinen Zucht beginnen.“
      Harry nickte. Meine Erklärung schien plausible. „Mein Hengst First Snow ist ein Holsteiner und ich möchte ihn vielleicht bald kören lassen. Früher habe ich auch immer von einem eigenem Reitstall oder gar einem Gestüt geträumt, aber ich wurde schließlich nicht in eine reiche Familie geboren“, meinte er lachend und zuckte mit den Schultern.
      „Oh, ich auch nicht. Mein Bruder hat eine adelige Prominente mit dem nötigen Kleingeld geheiratet.“
      Wir beide schmunzelten.
      Die ganze Hofführung verlief angenehm locker und wir konnten uns gut unterhalten.
      Natürlich sagte ich dem jungen Mann sofort zu und bot ihn die Stelle an. Natürlich auch Plätze für seine Pferde und einer Wohnung im Dachboden. Auch das Essen gab es dazu.
      Harry war begeistert und wir konnten schnell einen Deal machen.
      In wenigen Tagen würde er anfangen können. Auch seine Pferde kamen bald auf den Rosenhof.
      Dementsprechend lief ich freudstrahlend zu Sacred auf die Koppel.
      „Hey mein Kleiner“, flüsterte ich, „bald haben wir hier einen neuen Pfleger. Harry. Er ist wirklich unglaublich nett und ich bin mir sicher, dass du ihn mögen wirst.“
      Als würde er mich verstehen ging der Hengst einige Schritte auf mich zu und schnüffelte sogar vorsichtig an meinem T-Shirt.
      Er hatte inzwischen viel Vertrauen zu mir gefasst und ich war, zugegebenermaßen, ziemlich stolz auf mich und meine Arbeit.
      Vorsichtig versuchte ich ihm die heutige Karotte direkt zu geben.
      Tatsächlich nahm er sie mit weichen Lippen von meiner Hand und vertilgte sie mit wenigen Bissen.
      Ich hielt ihm die Hand hin und hoffte auf eine Kotaktaufnahme von seiner Seite.
      Sanft schnüffelte der Hengst an mit und ich durfte ihn sogar streicheln.
      Wir machten Fortschritte.
      Morgen ging es definitiv wieder in den Roundpen.
      Geduldig genoss ich Sacreds Gesellschaft und setzte mich schließlich hin.
      Zum Glück hatte ich mein Buch dabei und konnte wieder ein wenig schmökern.
      Erst eine Stunde später ging ich wieder zurück nach Hause und machte mir eine Gemüselasagne.
      Lucia hatte geschrieben, dass sie bei ihrer Freundin blieb und ich genoss die friedliche Stille.
      Kinderfreie Zeit bot doch oft Entspannung für mich.
      Aber auf Dauer konnte ich mir ein Leben ohne meine adoptierte Tochter nicht vorstellen.
      Plötzlich vibrierte mein Handy und ich zog es aus meiner Hosentasche.
      Es war der Züchter, der Sacred früher gekannt hatte.

      Hallo Nina,
      ich habe ein altes Foto von Loverboy von Björn Petersons Tochter bekommen.
      Auch das Ausrüstungsset habe ich von ihr erhalten und es dir zu gesendet.
      Hoffentlich kommt es bald an und du kannst es ihm vielleicht mal anziehen.
      Ich würde ihn wirklich gerne darin sehen. J
      Liebe Grüße,
      Andreas

      Angehängt war ein Foto, auf dem man Sacred, oder damals Loverboy, erkennen konnte.
      Eine dicke Decke verhüllte den dunkelbraunen Hengst und Gamaschen zierten alle vier Beinchen.
      Das Halfter an seinem Kopf war im selben Farbton wie der Rest seiner Ausrüstung gehalten und mit Teddyfleece ausgestattet.
      Es stand dem Hengst perfekt und passte auch zu verschneiten Hintergrund.
      Doch das eigentlich entscheidende war, dass Sacred vollkommen entspannt war und dösend die Augen zusammenkniff.
      Also war wirklich nur Martin Gabler an seinem Trauma schuld.
      Vermutlich hatte auch die spätere Besitzerin zu seiner Angst vor Menschen, Spritzen und Stangen beigetragen. Ich konnte nur den Kopf über solche Menschen schütteln.
      Trotzdem freute ich mich über das hübsche Bild und schrieb Andreas natürlich zurück.

      Hi Andreas!
      Aww, er sieht ja wirklich süß aus <3
      Danke für das tolle Bild. Wie alt ist er da denn?
      Liebe Grüße,
      Nina
      und pferdige Grüße auch von Sacred J


      Grinsend drückte ich auf Absenden.
      Es war wirklich nett, dass Andreas mich immer mit neuen Informationen versorgte und mir nun sogar Sacreds Ausrüstung zuschickte.
      Ich war ihm echt dankbar.
      Vielleicht sollte ich ihm mal etwas schenken.
      Nachdenklich stellte ich meine Lasagne auf meinen Tisch und fing an zu essen.
      Egal, ich würde mir morgen etwas überlegen.
      Ich war furchtbar müde.

      Am nächsten Morgen wachte ich relativ früh auf und machte mich direkt an die Tagesaufgaben.
      Es war ganz schön heiß und mittags suchte ich Schutz vor der Sonne im Haus.
      Ein leckerer Eistee war jetzt genau das richtige.
      Ich lief nach draußen und pflückte mir frische Zitronenmelisse und Pfefferminze.
      Die Kräuter goss ich nun mit heißem Wasser auf und ließ den Tee eine Weile stehen.
      Später stellte ich ihn in den Kühlschrank.
      Als er angenehm kalt war tat ich Eiswürfel hinzu und trank ein Schlückchen.
      Ach, das Leben war schön.
      Ich grinste. Ich hörte mich wirklich an wie eine dieser doofen Fernsehwerbungen.
      Naja, jetzt musste ich sowieso wieder an die Arbeit.
      Mit leisem Seufzen stand ich auf und nahm einen letzten Schluck, bevor ich die Karaffe wieder in meinen Kühlschrank stellte.

      Als ich am Nachmittag endlich zu Sacred kam nieselte es.
      Endlich. Ein erschöpftes Stöhnen entfuhr mir. Die Hitze war nicht mehr aushaltbar gewesen.
      Ich wollte am liebsten im Regen tanzen.
      Wieso tat ich es nicht einfach? Grinsend streckte ich mein Gesicht zum Himmel und spürte die Regentropfen auf meiner Haut.
      Ich lachte als ich begann meinen Hintern herum zu schwenken und wild mit den Armen zu wackeln.
      Zum Glück hatte ich Sacreds Koppel noch nicht betreten, denn ich glaube, dass er sonst wahnsinnig geworden wäre.
      Leise lachend stoppte ich meinen wilden Tanz und betrat die Weide des jungen Hengstes.
      Er sah auf und machte einige Schritte auf mich zu. Neugierig spitze das Tier seine Ohren und ich reichte ihm, wie üblich, eine dicke Karotte, die er dankbar vertilgte.
      „Braver Junge“, murmelte ich leise und strich ihm über die weiche Nüsterpartie.
      Er ließ die Berührungen zu und schien sie sogar zu genießen.
      Irgendwann schreckte er jedoch ängstlich zurück und ich machte mich klein um ihn nicht zu verunsichern. Kleinere Rückschritte waren vollkommen in Ordnung und normal in dieser Phase.
      Wenig später war Sacred auch schon wieder okay und kam wieder auf mich zu.
      „Ein feiner Hengst bist du“, flüsterte ich ihm zu und strich ihm über die Stirn.
      Wenig später war dieser magische Moment auch schon wieder vorbei und Sacred widmete sich dem Gras.
      Ich nickte ihn noch kurz zu und ging dann wieder.

      Eine halbe Stunde später saß ich vor einer Portion aufgewärmter Gemüselasagne und sah währenddessen eine Fernsehserie. Lucia wollte noch eine Nacht länger bleiben und ich ließ sie.
      Ich freute mich wenn sie Freunde traf. Dann wirkte sie wieder so unglaublich glücklich wie damals als sie als Kleinkind mit ihren Eltern gespielt hatte.
      Ein trauriges Lächeln huschte über mein Gesicht.
      Nachdenklich kontrollierte ich mein Handy auf neue Nachrichten, doch niemand hatte mir geschrieben. Auch von Andreas hatte ich keine Antwort erhalten.
      Naja. Seufzend steckte ich mein Handy wieder in meine Hosentasche und widmete mich wieder meiner Serie.

      Offensichtlich war ich beim Fernsehen eingeschlafen, denn am nächsten Morgen erwachte ich auf dem Sofa. Leider hatte ich mich wohl seltsam hingelegt und deshalb furchtbare Rückenschmerzen.
      Ich wurde echt alt.
      Seufzend rieb ich mir über die schmerzende Stelle und setzte mich auf.
      Heute war Harrys erster Abend und ich musste ihn einweisen.
      Davor wollte ich mich jedoch noch frischmachen.
      Ich hatte mich für eine helle Jeans und ein weißes Poloshirt entschieden.
      Elegant und zweckmäßig – kurzum einfach perfekt.
      Wenige Sekunden überlegte ich noch ob ich vielleicht doch ein wenig mehr Make-Up tragen sollte, doch dann tuschte ich mir nur leicht die Wimpern.
      Besser nichts übertreiben.
      Aufgeregt lief ich nach unten in den Hof.
      Harry stand bereits unten und ich begrüßte ihn fröhlich.
      „Hi Nina“, murmelte er und ließ seinen Blick über mich wandern.
      Bei seinem Gesichtsausdruck war ich zufrieden mit meiner Outfitwahl.
      Ich wusste nicht wieso es mir so wichtig ihn zu beeindrucken.
      Vielleicht lag es daran, dass ich lange keine Gelegenheit hatte mir etwas Vernünftiges anzuziehen, vielleicht gab es doch einen anderen Grund.
      In Gedanken versunken nahm ich wahr, wie Harry meinen Namen rief.
      „Nina? Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte er besorgt und wedelte mir mit der Hand vor dem Gesicht herum.
      „Oh, Entschuldigung. Können wir uns duzen?“
      Harry nickte erleichtert. Die übertriebene Höflichkeit hatte ihn wohl auch gestört.

      Gegen fünfzehn Uhr hatten wir alle Aufgaben erledigt und tranken gemütlich einen Kaffee.
      Natürlich durften auch ein paar Stücke Kuchen nicht fehlen.
      Harry und ich verstanden uns sehr gut und ich entschloss mich ihn zu Sacred mitzunehmen.
      „Ich nehme ja am HMJ teil und habe meinen Hengst hier auf einer Weide in der Nähe des Hofes stehen. Aktuelle stehen wir noch sehr am Anfang, aber ich würde dich gerne mal zu ihm mitnehmen und vielleicht ein wenig Kritik und einige Tipps bekommen“, meinte ich und wartete Harrys Reaktion ab. Der junge Mann schien begeistert und nickte.
      „Das klingt toll. Sollen wir direkt hochgehen? Wir sind ja beide mit dem Essen fertig.“
      Ich bejahte und wir liefen gemeinsam zu meinen Trakehnerhengst.
      „Bleiben sie bitte draußen, in Ordnung?“, meinte ich und kletterte ich über den Weidezaun.
      Harry nickte mir zu und ich ging zu Sacred herüber. Der Hengst reagierte zum Glück relativ entspannt und sah nur kurz auf.
      „Hey Kleiner“, flüsterte ich und gab ihm wieder seine Karotte.
      „Wir gehen jetzt in den Roundpen okay?“, fragte ich leise und trieb den dunkelbrauen Trakehner in den Roundpen. Es klappte erstaunlich gut.
      Er trabte wohin ich will. Jetzt schloss ich die Tür und das Blatt wendete sich.
      Der junge Hengst schien sehr nervös zu sein und wieherte schrill. Ich versuchte Druck heraus zu nehmen und kauerte schließlich still auf dem Boden.
      Sacred beruhigte sich kaum und wieherte weiter.
      Leider mussten wir das jetzt beide durchstehen.
      Irgendwann stoppte der Hengst schließlich und ich stand sehr langsam und immer noch gebeugt wieder auf. Ganz vorsichtig gab ich ihm zu verstehen, dass er wieder laufen sollte.
      Dieses Mal jedoch viel sanfter.
      Leider reagierte Sacred immer noch extrem und ich verließ seufzend den Roundpen.
      Es wäre einfach nur dumm und gefährlich weiter zu trainieren.
      „Eine echte Dramaqueen“, murmelte Harry und ich konnte nur zustimmend nicken.
      Sacred machte mich fertig.
      „Zum Glück ist er nur im Roundpen eine so schlimme Dramaqueen“, fügte ich ein wenig erleichtert hinzu.
      Schweigend liefen wir nach unten.
      „Wie war dein erster Tag auf dem Rosenhof für dich?“, fragte ich schließlich und lächelte dem jungen Mann zu. „Wirklich cool. Ich mag es, dass alles hier so pferdefreundlich und familiär ist“, erklärte er und ein breites Grinsen zog sich über mein Gesicht.
      „Das freut mich sehr. Jetzt hast du zwei Stunden Freizeit. Abendessen gibt es in ungefähr einer Stunde.“ Harry nickte knapp und lief dann zu seinem Wagen.
      Ich machte mich nun auf den Weg zu Lucia. Heute wollte ich Pizza mit ihr machen.
      Bereits als ich die Tür aufschloss, hörte ich laute Musik. „Lucia?“
      Die Musik kam aus ihrem Kinderzimmer.
      „Hallo!“, rief ich aufgebracht und hämmerte gegen die Tür.
      Ein leises Schluchzen war zu hören und mein Herz brach gefühlt in tausend Stücke.
      „Lucy? Alles in Ordnung bei dir?“, besorgt runzelte ich die Stirn.
      „Geh weg!“, erklang es verweint. „Lucy, alles ist in Ordnung. Wir können über alles reden, das weißt du doch“, meinte ich und versuchte zu verhandeln.
      Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und ich konnte ein verheultes Gesicht dahinter erkennen.
      „Mama?“, flüsterte das kleine Mädchen und ich trat ein. „Also… Ich hab eine Fünf in Mathe“, brach es urplötzlich aus ihr heraus.
      Lächelnd strich ich ihr über die Haare. „Das ist kein Grund zu Sorge. Dann lernen wir einfach zusammen“, erklärte ich und drückte sie an mich. „Und jetzt lass uns endlich Pizza machen!“

      Eine halbe Stunde später riefen wir Harry zu uns. Die Pizza war gerade aus dem Ofen gekommen und ich musste sagen, dass sie wirklich gut aussah.
      Mir lief das Wasser im Munde zusammen.
      „Hallo Harry“, murmelte Lucia schüchtern und der junge Mann grinste. „Hi Lucy.“
      Als wir alle am Tisch saßen fing Lucy plötzlich an zu sprechen.
      „Es fühlt sich an als wären wir eine echte Familie. Als wärst du meine Mama und du mein Papa“, meinte sie und deutete auf Harry.
      Peinlich berührt sah ich zu Boden. Ich hatte nie einen Mann hierher gebracht und jetzt wusste ich wieder wieso.
      Doch der Pferdepfleger reagierte zum Glück gelassen und lächelte nur wohlwollend.
      „Auch wenn ich nicht dein echter Papa bin wenn was ist kannst du immer zu mir kommen“, erklärte er und sah mich dabei aus dunklen Augen an.
      Ich glaubte ihm jedes Wort.
      Tatsächlich erzählte ihm Lucy auch von ihrer Fünf im Mathetest und Harry konnte sie beruhigen.
      Er war wirklich der perfekte Pfleger für diesen Hof.

      Das Abendessen verlief toll, wir alle quatschten die ganze Zeit bis Lucia schließlich ins Bett musste.
      Harry und ich blieben noch ein wenig länger unten und sprachen über Gott und die Welt.
      Vor allem natürlich über Pferde.
      Ich erfuhr, dass sein Apfelschimmelhengst First Snow ein Holsteiner war und erzählte ihm im Gegenzug von Sacreds Vergangenheit.
      Ich mochte Harry wirklich und war traurig als er schließlich ins Bett ging, obwohl ich auch langsam müde wurde. Kurzentschlossen drückte ich den jungen Mann an mich.
      „Danke für alles. Lucy hat sich zuerst nicht beruhigen lassen und sie haben ihr noch mehr Sicherheit gegeben.“ Gerührt, und vor allem ein wenig überrumpelt, strich Harry mir über meine Haare.
      Ein wenig nervös ließ ich ihn wieder los.
      „Ich muss mich für meine Rührseligkeit entschuldigen“, meinte ich verlegen und zupfte an meinem Ärmel herum. Doch Harry winkte ab. „Mir hat der heutige Tag auch sehr viel bedeutet. Danke für die Stelle.“ Lächelnd wünschten wir uns eine gute Nacht und Harry lief nach oben in seine Wohnung.
      35.472 Zeichen - gezählt mit Word - 03.05.2020 - 23 Punkte
    • Rose1
      Wiedermal musste ich bei Sacred eine Behandlung durchführen. Die Impfungen standen an und außerdem war heute ein Brief vom Labor ins Haus geflattert und seine Ergebnisse mussten ausgewertet werden.
      Also machte ich mich mal wieder auf in den Untersuchungsraum. Den Umschlag nahm ich mit.
      Als ich an meinem Schreibtisch saß öffnete ich den Brief und eine Welle der Nervosität überrollte mich. Was wenn Sacred schwer krank war? Was wenn er Symptome hatte, die ich nicht zuordnen konnte? Was wenn…
      Hastig stoppte ich das Gedankenkarussell. Zu einem Job als Veterinär gehörte immer ein wenig emotionale Distanzierung vom Patienten.
      Klar empfand ich Trauer wenn ich ein Tier einschläfern musste, aber es durfte mich nicht psychisch angreifen oder sogar kaputtmachen.
      Ich atmete gebannt ein und holte das Blatt Papier aus seinem Umschlag.
      Auf den ersten Blick wirkte alles gut, doch dann wurde ich stutzig. Mir stachen die hohen Triglyceridwerte ins Auge. Das konnte aber auch daran liegen, dass Sacred gerade auf Diät war.
      Sonst wirkte alles in Ordnung und ich konnte erleichtert aufatmen.
      Außerdem waren auch die Antikörper, oder auch Titer, des Hengstes gegen Tetanus nicht ausreichend und es war definitiv Zeit für eine Auffrischungsimpfung.
      Sonst könnte auch eine kleine Wunde Sacreds Tod verursachen und daran wollte ich wirklich nicht schuld sein.
      Tetanus verlief beim Pferd in etwa 65% aller Fälle tödlich und der Tod war unglaublich qualvoll.
      Die Pferde bekamen schreckliche Krämpfe und konnten ihre Muskulatur nicht mehr bewegen.
      Da Hinlegen meist nicht mehr möglich war kippten sie oft zu Seite um.
      Schlussendlich starben einige an der Körpertemperatur von oft 48 Grad oder Krämpfen der Atemmuskulatur. Das Grausame war, dass die Tiere bei vollem Bewusstsein blieben.
      Ich schüttelte mich. Mir war erst einmal ein Tetanusfall untergekommen.
      Es war ein gerettetes Fohlen aus einem Schlachttransporter gewesen.
      Leider waren die Bakterien direkt durch die Wunde der Nabelschnur eingedrungen und hatten sich dort prächtig vermehrt und ihr Toxin gebildet.
      Der kleine Hengst hatte keine Chance. Da er so sehr kämpfte entschlossen sich die Halter jedoch einen Behandlungsversuch zu unternehmen und ich schläferte das Fohlen erst in seinen letzten Stunden ein.
      Ich versuchte verzweifelt nicht zu weinen, aber schließlich tropfte doch eine Träne auf den Bogen mit den Testergebnissen.
      Vorsichtig wischte ich sie weg und widmete mich dann, nach dem ich mich kurz gesammelt hatte, den anderen Parametern. Auch der Herpes- und Influenzaschutz musste aufgefrischt werden und ein leichter Selen- und einen etwas stärkeren Zinkmangel.
      Zum Glück alles gut behandelbar und ungefährlich.
      Ansonsten fiel mir nichts besonders auf und ich lochte das Blatt.
      Es würde in einen schwarzen Ordner mit der Aufschrift „Sacred – Tierarzt“ kommen, dass ich später noch auf die Befunde und Werte zugreifen konnte.
      Als alles verstaut war beauftragte ich Jessy damit, den jungen Hengst mit Harrys Hilfe zu impfen.
      Die Beiden brauchten eine Weile und kamen dann vollkommen verschwitzt und atemlos wieder.
      „Wow“, meinte Harry nur und Jessy konnte nur nicken.
      „Er hat furchtbare Angst vor Spritzen“, fügte sie hinzu als sie wieder atmen konnte.
      Ich verzog mitleidig das Gesicht.
      „Vermutlich liegt das an seiner Dopingvergangenheit. Er hatte vielleicht Schmerzen oder Angst als die Spritze gesetzt wurde und das hat sich dann in seinem Gehirn festgesetzt“, meinte ich seufzend zu den Helfern.
      Jessy nickte langsam. „Das würde tatsächlich Sinn ergeben. Dann war der Süße also ein wirklicher Dopinggegner, aber man hat ihn auf übelste Art und Weise gezwungen.“
      Ich verzog traurig das Gesicht und seufzte wieder.
      Es war furchtbar was Menschen Pferden antaten.
      Zum Glück würde es Sacred hier besser ergehen.
      3.742 Zeichen - gezählt mit Word - 03.05.2020 - 6 Punkte
    • Laraya13

      Hufschmiedebericht „HMJ Sacred“ , Swedish Steel
      2589 Zeichen by Laraya13

      Björn Haraldson | In Deutschland mal wieder angekommen, führte mich mein Weg heute wieder zu einem HMJ Pferd, den guten Sacred. Auf meinen Weg zum Rosenhof schaute ich mir die Landschaft an.. viel zu wenig Berge!
      Am Hof angekommen, wurde ich bereits von Nina Beaulieu und HMJ Sacred in Empfang genommen. Wir grüßen und freundlich und ich lies Nina mir den Hengst vorführen. Die Hufe waren viel zu kurz und der Hengst feinfühlig. „Nina, ich bekomme es geraspelt, aber das war es. Da müssen Eisen drauf, damit er besser laufen und das Horn ordentlich wachsen kann..“, sagte ich und sah den Hengst an, welcher schon vor der Raspel in meiner Hand scheute. Ich entschied mich, mit Ninas Einverständnis den Hengst zu sedieren und so warteten wir, während ich alles vor bereitete und die passenden Eisen suchte. „Die sind aus Kunststoff, da können wir sogar kalt beschlagen. Die dämpfen und schützen die Gelenke und sind dick genug, damit er erst mal in Ruhe laufen kann.“, erklärte ich, während ich die Hufe raspelte und die Eisen anpasste. Sacred stand schläfrig da und so war es mir möglich, mit dem Beschlagen zu beginnen. Ich fing an, das erste Eisen genaustens anzupassen, feile den Huf nochmal zurecht und schlug es mit den Nägeln fest. „Schau, der Strahl ist sogar ein wenig geschützt.“, zeigte ich Nina und führte die anderen Hufe fort. Der schlimmste Huf war hinten rechts, dort musste ich ein etwa dickeres Eisen anbringen, da dieser um einiges kürzer war als die anderen. Als ich dann mit allen Hufen fertig war, pinselte ich die Hufe mit einem Minerallack ein und stellte mich mit einem frischen Eisen zu Nina. „Sacred müsste jede Minute wach werden. Schau, das ist so ein Eisen. Es entsteht nicht der Klirreffekt wie bei Stahleisen, er dämpft und schont damit die Gelenke, der Huf fußt so normal auf wie ohne Beschlag. Bei normalen Eisen trägt dann nur der Tragrand, was hier suboptimal wäre. Wir schauen zwei Beschlagsperioden, das heißt ich komme in 4 Wochen wieder her geflogen , da die Kunsteisen eine niedrigere Haltbarkeit haben und beim dritten Besuch sollten die Hufe wieder in Ordnung sein. Was ich drauf gepinselt habe, machst du bitte 1x täglich bis zum nächsten Termin. Damit werden die Hufe nicht trockener und brechen uns nicht aus. Das sind rein Mineralien.“, erklärte Ich und als Sacred wieder klar da war, schauten wir uns noch das Gangbild an. Man sah, das es dem Hengst ungewohnt war, doch er lief viel besser. Wir unterhielten uns noch kurz und dann machte ich mich auf dem Weg zum Hotel zurück.
    • Rose1
      Das nervtötende Piepsen meines Weckers ertönte neben meinem Ohr und ich rieb mir verschlafen die Augen.
      Ich war definitiv kein Morgenmensch und außerdem war es die letzten drei Tage bei Sacred auch wieder sehr spät geworden.
      Müde tapste ich in die Küche und bestrich mir einen Marmeladentoast.
      Für Lucia machte ich direkt einen mit. So wie ich meine Tochter kannte war sie fünf Minuten nach dem ihr Wecker klingelte hellwach und angezogen – ich fragte mich immer noch wie das nur möglich war.
      Da ich ihr angewöhnt hatte die Schulsachen abends herauszusuchen, musste das kleine Mädchen nur noch frühstücken und Zähne putzen und war startklar.
      Ganz anders als ich also.
      Seufzend stellte ich die zwei Teller auf den Esstisch.
      Wenigstens war die Arbeit mit Harry nun schneller zu schaffen und ich hatte mehr Zeit für Sacred. Morgen hatte ich vor dem jungen Hengst zum ersten Mal in meiner Obhut ein Halfter zu präsentieren.
      Mal sehen wie er reagieren würde.
      Noch ganz in Gedanken versunken betrachtete ich meinen Toast, als ich plötzlich zwei Kinderärmchen spürte, die sich um meine Taille schlangen.
      „Guten Morgen Lucy“, meinte ich grinsend und drehte mich zu meiner Tochter um.
      Die Neunjährige grinste und umarmte mich wieder. Das kleine Mädchen war wohl ganz leise die Treppe heruntergeschlichen um mich zu überraschen.
      „Ich hab dich lieb Mama“, murmelte sie an meinen Bauch gepresst und ich musste mich anstrengen nicht zu weinen.
      Solche glücklichen Momente waren selten und kostbar.
      Zum Glück gab es immer mehr davon, seit Lucia mich als Mutter akzeptierte.
      Auch Momente in denen sie einen neuen Vater wollte gab es, aber es würde schließlich kein Traummann vom Himmel fallen, wie ich ihr immer wieder sagte.
      Außerdem fühlte ich mich in unserer Frauen-WG sehr wohl.
      Lucia unterbrach meine Gedanken, indem sie sich auf ihrem Stuhl plumpsen ließ und anfing zu essen.
      Auch ich setzte mich und verdrückte, immer noch ein wenig nachdenklich, mein Marmeladenbrot.
      Einige Minuten später machte Lucy sich auch schon endgültig fertig und verließ schließlich das Haus.
      Ein leises Seufzen entfuhr mir, als die Tür ins Schloss fiel und ich alleine war.
      Normalerweise stände mir jetzt ein einsamer Tag bevor, doch Harry wollte in etwa drei Stunden herunter kommen.
      Der junge Mann war mir vom ersten Tag an ans Herz gewachsen und ich freute mich, dass meine Morgenroutine nun um einiges angenehmer wurde.
      Wir würden einen kleinen Brunch machen um die täglichen Aufgaben zu besprechen und uns für den Tag zu stärken. Dafür musste ich jedoch noch einiges vorbereiten.
      Eifrig wuselte ich durch das Haus und putze einmal gründlich durch.
      Auch der Esstisch wurde möglichst stilvoll gedeckt und zur Feier des Tages platzierte ich sogar einige Blumen darauf. Erschöpft wischte ich mir den imaginären Schweiß von der Stirn und sprang unter die Dusche. Das hatte ich jetzt dringen nötig, denn ich wollte Harry ja auch nicht vollkommen verschwitzt und stinkend gegenübertreten.
      Wenig später stand ich frisch geduscht, angezogen und leicht geschminkt im Wohnzimmer und fragte mich wann Harry wohl kommen würde.
      Ich entschied schon mal das Essen zuzubereiten. Beginnen würde das Rührei mit Tomaten und Schnittlauch. Als ich die Eier aufschlug und in die Pfanne goss, hörte ich ein Klopfen an der Tür.
      „Herein!“, rief ich, da ich grad mit Braten beschäftig war und vermutete, dass Harry vor der Tür stand. Zum Glück kam tatsächlich der junge Pferdepfleger in meine Wohnung und nicht der Postbote oder irgendjemand anderes.
      „Was ist das denn für ein köstlicher Geruch?“, fragte er mich grinsend und spähte an mir vorbei.
      „Rührei“, murmelte ich konzentriert und verteilte die gelbe Masse auf unsere zwei Teller.
      Als ich alle schließlich auf dem Esstisch abstellte, konnte ich endlich ein normales Gespräch führen.
      „Hast du deine erste Nacht hier gut überstanden?“
      Der junge Mann nickte. „Das Bett hier ist so weich“, schwärmte er.
      Ich kicherte und stieß dabei fast den Stuhl neben mir um. „Danke – schätze ich mal“, erwiderte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
      „Was frühstückst du am liebsten? Eher Marmeladentoast oder Käsebrot?“, fragte ich den jungen Mann und lief zum Kühlschrank. „Definitiv Marmeladentoast. Ich frühstücke lieber süß.“ Ich konnte nur zustimmend nicken. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen zum Frühstück ein Käsebrot zu essen.
      „Wir hätten auch Müsli“, fügte ich noch hinzu, aber Harry winkte ab.
      „Ein paar Marmeladentoasts und das Rührei reichen vollkommen aus“, meinte er und grinste mich an.
      Vorsichtig brachte ich das Marmeladenglas, Butter, die Toasts und zwei weitere Teller und Messer zum Esstisch.
      Puhh, zum Glück war mir nichts heruntergefallen.
      Mit leisem Seufzen ließ ich mich auf meinen Stuhl sinken.
      „Und was steht heute alles an?“, fragte Harry, während er anfing sein Rührei zu verspeisen.
      „Naja“, meinte ich und schluckte schnell die gelben Masse, „außer den alltäglichen Aufgaben, also Weiden und Aktivstall abäppeln, alle Tiere füttern und Eier einsammeln, sollten heute auch die Fohlen wieder trainiert werden. Wenn du möchtest kannst du das gerne übernehmen und die Beiden mal kennenlernen. Du wirst sie sicher mögen. Mit Belmiro will ich heute ein wenig an einigen Dressurlektionen arbeiten und ihm vielleicht sogar den Spanischen Schritt beibringen, aber auch das kannst du wenn du willst machen. Dann würde ich mich um die Fohlen kümmern.“
      Ich nahm mir einen Marmeladentoast während Harry bereits seinen zweiten herunterschluckte.
      Nun nickte er kurz und legte sein Besteck beiseite.
      „Beides klingt wirklich cool, aber Fohlen kann ich nun wirklich nicht widerstehen“, lachte der junge Mann und ich nickte grinsend.
      Kluge Entscheidung, denn die beiden Stutfohlen waren wirklich süß.
      „In Ordnung, dann machen wir erstmal die richtigen Aufgaben, bevor wir uns dem Spaß widmen“, meinte ich und aß erstmal fertig, bevor ich dann begann den Tisch abzuräumen.
      Harry half mir freundlicherweise und stellte die Stühle alle wieder richtig hin.
      „Danke nochmal für das Essen“, meinte der junge Mann und sah mich an.
      Ich nickte nur und winkte ab.
      „Kein Problem, wirklich. Der kleine Brunch hat Spaß gemacht und wir sollten das definitiv wiederholen.“
      Eine einträchtige Stille senkte sich über uns, doch sie war keineswegs unangenehm.
      In Gedanken versunken liefen wir zum Stall und widmeten uns unseren täglichen Aufgaben.
      Jeder für sich und doch gemeinsam, also genauso wie ich mir die Arbeit mit einem Pferdepfleger erträumt hatte.

      Einige Stunden später trennten sich unsere Wege wieder, Harry ging zu den beiden Fohlen und ich machte mich auf den Weg zu Sacred.
      Natürlich hatte ich auch heute eine dicke Karotte für meinen Dicken dabei.
      Sonst bekam er ja nichts außer dem Weidegras und seinem Mineralfutter, das ich täglich auf ein wenig kalorienreichem Futter drapierte um Leinöl darüber zu gießen – natürlich nur ganz wenig.
      Da war eine Karotte schon mal drin.
      Und schließlich konnte ich auch schon sehen, dass ihm die täglich Bewegung auf der Weide und die Diät, die er nun einhalten musste, guttat.
      Der einst so dicke Bauch war ein wenig geschrumpft und auch seine Tragerschöpfung hatte sich gebessert. Auch wenn erst harte Arbeit und Training den letzten Speck vertreiben würde und die richtige Muskulatur aufbauen konnte, kamen wir dem Ziel immer näher.
      Mit Babyschritten, aber wenigstens ging es vorwärts.
      Nachdenklich betrat ich die Weide und warf dem jungen Hengst seine Karotte zu.
      Es sah so niedlich aus, wie er seinen Leckerbissen vertilgte und dabei immer wieder misstrauische Blicke in meine Richtung warf. Als ob ich ihm die Möhre im letzten Moment wegfuttern würde.
      Bei diesem Gedanken musste ich lachen und Sacred schoss mit dem Kopf hoch.
      Als er sah, dass ich mich inzwischen beruhigt hatte und immer noch auf meinem Platz neben dem Weidezaun saß, beruhigte der Dunkelbraune sich wieder und fraß weiter.
      Puhh, mein Lachen schien unsere Beziehung nicht beschädigt zu haben.
      Die nächsten Male musste ich trotzdem ein wenig mehr Selbstbeherrschung zeigen.
      Ein Pferd zu resozialisieren war schließlich kein Kinderspiel und auch keine von diesen dämlichen Fernsehshows bei denen die Lacher immer eingeblendet wurden.
      Wieso eigentlich? Hatten sie es so nötig, weil sonst niemand über ihre dämlichen Gags und dummen Späße lachen würde?
      Kopfschüttelnd verdrehte ich die Augen.
      Wie ich das doch hasste.
      Am besten widmete ich mich wieder schöneren Dingen: Sacred zum Beispiel.
      Der hübsche Trakehnerhengst graste entspannt und trabte irgendwann prustend auf mich zu.
      Wieder musste ich mir ein Lachen verkneifen, doch dieses Mal schaffte ich es.
      Sanft senkte der Dunkelbrauen seinen edlen Kopf und blies mir Luft ins Gesicht.
      Ich konnte seine Blesse jetzt noch besser erkennen. Sie wirkte charakteristisch und passte gut zu seinem glänzenden dunkelbrauen Fell.
      Dieses Pferd würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Was sagte ich da, unter Millionen.
      Fast schon verliebt blickte ich Sacred in die Augen und blies ihm nun selbst ein wenig meiner Atemluft in die Nüstern.
      Das war ein Begrüßungsritual bei Pferden und es rührte mich, dass Sacred es nun auch bei mir tat und mich begrüßte wie einen Artgenossen.
      Also eigentlich, wie man einen Artgenossen begrüßen sollte, denn ich ihn nie besonders vertraut mit anderen Pferden gesehen.
      Sacred blieb immer auf Distanz.
      Nur zu mir schien er ein wenig Nähe aufzugbauen.
      Vor Rührung spürte ich eine Träne an meiner Wange herunterlaufen, doch ich wagte es nicht mich zu bewegen um sie wegzuwischen.
      Ich wollte diesen Moment nicht zerstören.
      Doch bevor ich den Gedanken auch nur zu Ende denken konnte, zog sich Sacred auch schon zurück.
      Zwar nur wenige Meter, aber es war nicht mehr so speziell, so besonders.
      Trotzdem schien der junge Hengst mir zu vertrauen.
      Scheinbar vollkommen entspannt fraß er an meiner Seite.
      Ich wagte es kaum zu atmen oder gar den Gedanken an einen Aufbruch zu erheben.
      Jetzt musste ich diesen Moment einfach genießen.
      Mit (sehr, sehr, sehr) leisem Seufzen ließ ich mich in das noch leicht feuchte Gras fallen und sah in den Himmel.
      Obwohl ich viele Wolken sah, war es doch noch sehr sonnig für einen Frühlingsabend.
      Es schien fast so als ob die Welt für mich und Sacred still stand.
      Einfach um diesen Abend noch ein wenig magischer zu machen.
      Still genoss ich das leise Kauen des Hengstes neben mir und versuchte Formen in den Wolken zu erkennen. Das war bestimmt ein Elefant, schoss es mir durch den Kopf.
      Und das dort drüben ein Kamel, auf dem ein Vogel ritt.
      Eine riesige, dicke Katze! Dort ein alter Mann mit Schlapphut!
      Es gab so viel zu entdecken und ich konnte mich kaum an der Schönheit der Natur sattsehen, obwohl Wolken doch etwas ganz alltägliches waren.
      Wie oft rechneten wir Dingen keinen wahren Wert zu, nur weil sie „gewöhnlich“ waren.
      Dabei waren es doch die ganz kleinen Momenten, die unser Leben ausmachten.
      Ein leckerer Tee und ein gutes Buch und sich dabei in eine Decke einkuscheln.
      Oder wenn die Tochter freudestrahlend ein neues Kunstwerk präsentierte.
      Achtsamkeit war unglaublich wichtig, denn sonst verlor sich dieser Blick für das Kleine, das vermeidlich „Unbedeutende“.
      Ich schüttelte den Kopf. Wie einem sowas nur entgehen konnte, fragte ich mich nachdenklich und bemerkte zuerst gar nicht, dass die Nüstern eines gewissen, ziemlich rundlichen, Hengstes über meinen Bauch schoben.
      Wie ein Trüffelsuchhund schien das Tier meinen Geruch aufzunehmen und knabberte anschließend sanft am Stoff meines Pullis.
      Scheiße, der ist hellgrau, dachte ich mir noch und blickte zu der Spur grünes Sabbers, die an einem riesigen, hellgrünen Fleck endete.
      „Scheiße“, murmelte ich nun nicht mehr nur in Gedanken.
      Ich mochte den Pulli wirklich und hatte ihn auch erst ein halbes Jahr.
      Dem Hengst musste definitiv bald jemand Manieren beibringen.
      Seufzend richtete mich wieder auf und stütze mich mit den Händen ab.
      Jetzt war ich wieder in einer halbwegs aufgerichteten Position.
      Sacred schien ein wenig verwundert über meinen plötzlichen Positionswechsel und schnüffelte nun an meinen Haaren. Was soll’s, ich musste heute sowieso duschen.
      Geduldig ließ ich den jungen Hengst machen und fing sogar an zu grinsen.
      Es kitzelte wenn die weiche Schnauze über meine Haut schubberte.
      Mit einem leisen Prusten ließ der hübsche Trakehnerhengst dann wieder von mir ab und widmete sich dem Gras.
      Zunächst hatte ich noch Angst, dass Sacred sich auf der Koppel den Bauch zu voll schlagen würde, aber hier waren die Weiden zum Glück nährstoffarm und recht karg.
      Das bedeutete, dass mein Dicker sich bewegen musste um seinen Magen zu füllen und das tat seiner ziemlich mitgenommenen Muskulatur gut.
      Bald würde er wieder wie ein richtiges Sportpferd aussehen, dachte ich und erinnerte mich an das Bild, dass Andreas mir geschickt hatte.
      Leider waren die Decke und das Halfter noch nicht angekommen, also konnte ich noch nicht ausprobieren wie sie Sacred nun standen.
      Bei dem Gedanken an Andreas und fiel mir ein, dass ich mich ja noch von Harry verabschieden wollte, weil er zum Geburtstag seiner Großtante fuhr.
      Ich sprang auf und kletterte über den Zaun.
      Hoffentlich war er nicht schon gefahren.
      Nervös sprangen meine Augen über den Hof und suchten nach Harry.
      Endlich meinte ich ihn erkennen zu können und rannte auf die Gestalt zu.
      Leider sah ich nur die Silhouette, doch ich bemerkte meinen Irrtum bald.
      „Guten Tag“, hörte ich den großgewachsen Mann sagen und mir fiel auf, dass Harrys Stimme sowohl samtiger als auch ein wenig tiefer war.
      Diese hier klang mehr wie der Schrei eines heiseren Kätzchens nach seiner Mutter.
      Schmunzelnd sah ich mir den Mann genauer an.
      Jetzt konnte ich auch erkennen, dass er dürrer war als Harry und etwas in den Händen zu halten schien. Ein Päckchen! „Sind sie Nina Beaulieu?“, fragte der Mann und ich nickte aufgeregt, „Dann ist das wohl für sie.“ Er drückte mir das Paket in die Hand und ich bemühte mich ihn so schnell wie möglich zu unterschreiben und mich zu verabschieden.
      Jetzt musste ich nur noch Harryfinden und auch ihm Tschüss sagen.
      Ich eilte nach oben zu seiner Wohnung und drückte auf die Klingel.
      Ein schriller Ton erklang und ich hörte Geräusche.
      Wenig später stand Harry auch schon vor mir. In seinem weißen Hemd und der hellblauen Jeans hätte ich ihn fast gar nicht wiedererkannt, aber ich musste zugeben, dass es ihm sehr gut stand.
      Außerdem war er frisch rasiert und trug sogar eine dunkelblaue Krawatte.
      Der Pferdepfleger wirkte nun mehr wie ein Geschäftsmann, als ein einfacher Stallbursche.
      Harry musste mein leichtes Schmunzeln wohl gesehen haben, denn auch er grinste.
      „Stallklamotten sind besser“, erklärte er lachend.
      „Naja, wobei dir ein gewaschener und gepflegter Look ziemlich gut steht“, erwiderte ich nur und beobachtete wie Harry entsetzt die Augen aufriss. Trotzdem war das Grinsen in seinem Mundwinkel nicht zu übersehen und ich wusste, dass er nur scherzte.
      „Ich würde diese Diskussion ja noch weiterführen, aber leider muss ich jetzt los“, meinte der junge Mann und drückte mich kurz an sich.
      Ich bemerkte, dass er anders roch als sonst.
      Ein starkes Aftershave hatte den üblichen Stallduft verdrängt und verlieh dem jungen Mann eine ganz andere Wirkung.
      Verlegen, da ich so lange über seinen Geruch nachdachte, schreckte ich zurück und lächelte Harry schüchtern zu. „Dann viel Spaß.“
      „Danke Nina“, meinte er lächelnd und hob winkend die Hand.
      Als Harry die Treppen nach unten lief meinte ich einen kleinen Stich in meinem Herz zu spüren.
      Gerade erst hatte ich Gesellschaft außer Lucia und nun waren wir wieder allein.
      Ich versuchte mir ins Gedächtnis zu rufen, dass Harry nur fünf Tage bei seiner Großtante verbringen würde, doch der Schmerz blieb, wenn er auch nicht mehr so stark war wie davor.
      Leider war ich doch ein sehr emotionaler Mensch und besonders Trennungen und Verluste machten mich psychisch fertig.
      Seit Joes Tod verfolgte mich außerdem immer die Angst meine Freunde und Familie eines Tages nie wieder zu sehen.
      Ich versuchte die traurigen Gedanken zu vertreiben und lief in meine eigene Wohnung.
      Das Päckchen wollte schließlich geöffnet werden.
      Als ich schließlich frisch geduscht und vor allem ziemlich gespannt auf der Couch saß, mir eine heiße Schokolade gemachte hatte und gerade mit der Schere den ersten Schnitt machte, hörte ich mein Handy brummen.
      Vorsichtig zog ich es aus meiner Hosentasche und sah den Absender. Harry? Hatte etwa etwas vergessen? Stirnrunzelnd öffnete ich den Chat.
      Zum Glück war die Nachricht ziemlich normal, fast schon zu banal für den jungen Pferdepfleger:

      Hey Nina. Und steht der Rosenhof noch? :)
      Ich sitze grad im Zug und hab deshalb ein bisschen Zeit zum Schreiben.


      Unwillkürlich erschien ein Lächelnd auf meinem Gesicht.
      Obwohl die Nachricht fast schon frech wirkte, spiegelte sie Harry gut wieder.
      Der junge Brite hielt nicht besonders viel von Etiketten oder Höflichkeitsfloskeln was ihn zu einem sehr entspannten Gesprächspartner und Mitarbeiter machte.
      Und ja, er würde auch einen guten Kumpel abgeben.
      Grinsend tippte ich eine Antwort.

      Hi, Harry.
      Ja, der Hof steht noch, aber es ist deutlich ruhiger und irgendwie komisch ohne dich und Lucia :)
      Ich hab grad auch nicht viel zu tun, denn da jetzt ja ein paar Feier- und Brückentage sind ist meine Tochter bei ihren Großeltern. Also bei den Eltern ihrer Mutter.
      Und ich bin natürlich nicht ins Schloss eingeladen…
      Naja, dafür habe ich jetzt ein bisschen kinderfreie Zeit.


      Bereits wenige Sekunden nachdem ich abgesendet hatte, kam Harry online und ich sah ein altbekanntes „Schreibt…“ auftauchen.
      Gebannt starrte ich auf den Bildschirm und sah wenig später eine Nachricht aufpoppen.

      Schade, dann musst du es statt mit königlichen Einhörnern, wohl mit deinen Wildpferden aushalten… Du Arme…:(
      Apropos – bald sollten auch meine Pferdchen auf dem Rosenhof ankommen.
      Ich bin schon ganz aufgeregt und hoffe, dass es ihnen bei dir genauso gut gefällt wie mir.


      Ein wenig gerührt blinzelte ich und tippte wieder.
      Es freute mich, dass es Harry hier gefiel.

      Aww, ich freu mich schon sehr auf die Kleinen :) (oder eher Großen? Ich weiß ja noch nicht wie sie aussehen)
      Dann können wir endlich mal zusammen einen Ausritt machen!
      First Snow wird sich vielleicht sogar mit Belmiro oder dem neuen Hengst BOS Feuerherz, der morgen ankommen soll, anfreunden.


      Ein sanftes Lächeln zog sich bei diesem Gedanken über mein Gesicht. Hoffentlich vertrugen sich die drei gut und nahmen später vielleicht sogar Sacred in ihre kleine Junggesellenherde auf.

      Irgendwie vermisse ich dich jetzt schon. :(

      Bei diesem Satz musste ich nachdenken, ob ich ihn wirklich so stehen lassen wollte.
      Käme das zu komisch rüber? Wir hatten schließlich keine Beziehung oder so und kannten uns noch nicht wirklich lange. Eigentlich war Harry schließlich nur ein Angestellter.
      Ich runzelte die Stirn und überlegte. Endlich eine Idee!
      Ich wusste nun, was ich danach schreiben konnte:

      Jetzt muss ich nämlich die ganze Drecksarbeit alleine machen!!! :( :( :(

      Ich sendete ab und wartete gespannt auf eine Antwort von Harry.
      Wie ich ihn kannte würde er mich nicht lange zappeln lassen.
      Ich war froh, dass mein Pferdepfleger offensichtlich keine dummen Spielchen spielte – wie schon einige andere Männer es bei mir versucht hatten -, denn seine Nachricht kam sofort:

      Ein Ausritt klingt toll und wir müssen das wenn ich wieder da bin auf Fall machen! :)
      So komisch es auch klingt, ich vermisse dich auch. Natürlich auch Lucia, Belmiro, die zwei Fohlen und selbstverständlich unser kleines Wildpferd Sacred. Sogar die Drecksarbeit würde ich jetzt gerne erledigen, denn Zugfahren kann wirklich langweilig werden.
      Wenn ich wieder da bin, musst du mir BOS Feuerherz unbedingt vorstellen. Bei dem Namen kann er ja nur cool sein :)
      Leider muss ich jetzt umsteigen und im folgenden Zug gibt es kein Internet :(
      Aber wenn ich angekommen bin, schreibe ich dir natürlich.
      Bis bald Nina und grüß die Anderen von mir!


      P.S.: Für die Pferde von mir natürlich ein Extra-Möhrchen ;)

      Ein trauriges Lächeln erschien auf meinem Gesicht als ich Harrys Nachricht las. Die Konversation war wirklich entspannt gewesen und Harry schien wirklich ein netter Typ zu sein.
      Aber gut, dann schrieben wir halt wann anders wieder.
      Ich verabschiedete mich von ihm.

      Schade, hoffentlich hast du bald wieder eine gute Verbindung.
      Selbstverständlich kriegen die Jungs und deine zwei kleinen Ladys Karotten, bzw. Fohlenleckerlies von mir.


      Ich musste lachen, als ich “deine zwei kleinen Ladys“ tippte, aber die zwei Stutfohlen hatten zu Harry wirklich schnell Vertrauen aufgebaut und schienen ihn sehr zu mögen.
      Er würde es vermutlich auf seine „unglaubliche Wirkung auf jedes weibliche Wesen“ und seine „äußerst charismatische Ausstrahlung“ schieben, aber ich hatte ja insgeheim eine große Portion Leckerlies im Verdacht.
      Die beiden Stutfohlen waren schließlich ziemlich verfressen und würden für einen kleinen Snack alles tun.
      Wirklich alles. Das würde mir bei ihrem späteren Training jedoch zu Gute kommen.
      Ich konzentrierte mich wieder auf die Nachricht und tippte weiter:

      Lucia bestimmt auch schon und wenn sie zurück ist wird sie sich über deine Grüße bestimmt sehr freuen.

      Meine Tochter hatte den jungen Mann wirklich schon ins Herz geschlossen und ich glaube, dass sie sich insgeheim ihn als neuen Papa wünschte.
      Ich wusste nämlich, wie sehr sie einen Mann an meiner Seite wollte und obwohl ich ihr diesen Wunsch weder erfüllen konnte noch wollte, verstand ich sie doch.
      Ein Vater war schließlich noch mal ein wirklicher Pluspunkt für ihre Entwicklung und stellte eine zweite, sehr wichtige, Bezugsperson dar.
      Ohne ihn aufzuwachsen gestaltete sich für viele Kinder schwierig und ich vermutete, dass auch meine kleine Lucia so ein Kind war.
      Ein Seufzen entfuhr mir, doch ich schrieb weiter.

      Bis bald auch von mir und ganz liebe Grüße an deine Familie in England!
      (leider würden Karotten in diesem Fall wohl ein eher unpassendes Gastgeschenk darstellen oder?)


      Ich sendete, doch Harry war bereits offline und saß vermutlich schon im nächsten Zug in Richtung England. Er hatte sich, vor allem aus Klima- und Umweltschutzgründen, für eine Zugfahrt unter dem Ärmelkanal entschieden um zu seinem alten Heimatort zu kommen, denn der junge Mann war sehr auf seinen CO2-Fußabdruck und seinen ökologischen Rucksack bedacht.
      Wie ich auch, musste ich zugeben. Obwohl wir so unterschiedlich erschienen, hatten Harry und ich doch einiges gemeinsam, fiel mir auf.
      Der Brite hatte sogar denselben Musikgeschmack und das kam bei mir bei weitem nicht sehr oft vor.
      Insgeheim fragte ich mich sogar, ob Harry nicht vielleicht doch ein guter Partner wäre, doch diesen Gedanken vertrieb ich ganz schnell wieder.
      Er war immer noch mein Angestellter!
      Jetzt sollte ich mich besser dem Päckchen widmen.
      Aufgeregt durchtrennte ich die Klebestreifen und befreite eine hübsche, sehr helle Decke aus ihrem Kartongefängnis. Sie würde dem Dunkelbraunen bestimmt sehr gut stehen, aber ich befürchtete, dass Sacred sie schnell verdrecken würde. Als ich das Material jedoch berührte, spürte ich sofort, dass mit dem Lotus Effekt gearbeitet worden war und somit der Dreck und Schmutz einfach abperlen würde. Das war eine sehr gute Nachricht für meinen kleinen Dreckspatz, schließlich war Sacreds Fell fast immer voller Schlamm und Dreck.
      Ich packte auch noch den Rest des Pakets aus und entdeckte ein farblich abgestimmtes Halfter, einen geflochtenen Strick und vier Gamaschen. Das war das, was Sacred damals auf dem Bild getragen hatte, fiel mir auf und mir wurde sofort klar, dass Andreas mir das Päckchen geschickt hatte.
      Auch ein kleines Kärtchen mit dem Satz: „Hoffentlich steht es deinem Hengst immer noch so gut wie früher – Andreas“, bestätigte meinen anfänglichen Verdacht und ich zückte sofort mein Handy hervor um dem Züchter zu danken.
      Umso überraschter war ich, als ich merkte das Andreas mir bereits eine Nachricht gesendet hatte und wohl wieder Informationen gefunden hatte.
      Er hatte mir ein Bild von Sacred bei der Bodenarbeit geschickt und dazu einen kleinen Text geschrieben.

      Hallo Nina.
      Auf dem mitgeschickten Bild siehst du Sacred mit ungefähr vier oder vielleicht auch fünf Jahren wie er einen neuen Trick lernt (das Hütchen umschubsen hat er damals wirklich geliebt meint Mathilda)
      Früher hat der junge Hengst nämlich sehr gerne Zirkuslektionen und kleine Tricks gelernt.
      Auf dem Hof seines Züchters gab es eine Helferin, Mathilda, die viel mit den Pferden gearbeitete hat und sie auch geistig auslasten wollte.
      Besonders der damalige Loverboy entpuppte sich als kluger und sehr eifriger Lehrling.
      Sie hat auf eine Nachricht von mir geantwortete und gemeint, dass er wohl heute noch einige kleine Lektionen beherrschen sollte.
      Mathilda hat ihm damals beispielsweise den Spanischen Schritt, Pylonen umschubsen und auch wieder aufrichten, Küsschen geben, Zeitung lesen und vieles mehr beigebracht. Sogar so schwierige Lektionen wie Steigen oder Hinlegen soll er gekonnt haben.
      Natürlich dürfte dein Trakehner einiges wieder vergessen haben, doch er hat anscheinend großes Talent für so etwas und du könntest das vielleicht nutzen und ihn so an die besseren Zeiten seiner Vergangenheit erinnern.
      Damals war Loverboy oder Sacred schließlich noch nicht traumatisiert und sein Leben schien in bester Ordnung. Er wusste ja noch nicht wie schnell sich das ändern sollte… :(


      An dieser Stelle kämpfte ich tatsächlich mit den Tränen. Der arme Sacred hatte damals noch eine glückliche Kindheit und war eine so große Hoffnung für den Spring- und Vielseitigkeitssport gewesen.
      Martin Gabler hatte das alles ohne mit der Wimper zu zucken zerstört.
      Vermutlich gingen sogar einige Pferdeleben auf sein Konto.
      Ich konnte über solche Menschen nur den Kopf schütteln. Wie konnte man den eigenen Erfolg nur über das Wohlbefinden seines Sportpartners Pferd stellen?
      Und sogar seinen verfrühten und grausamen Tod dafür in Kauf nehmen?
      Ich verstand es nicht.
      Wirklich nicht.
      Seufzend las ich weiter.

      Zum Glück ist der Kleine jetzt bei dir und darf dort hoffentlich den Rest seines Pferdelebens friedlich genießen. Vielleicht kannst du ja auch seine Zirkuskarriere wieder aufleben lassen, wer weiß?

      Wenn ich wieder irgendwelche Fotos aus Sacreds Vergangenheit finde oder mehr über ihn herausbekomme, sage ich dir natürlich wieder Bescheid.

      Ganz liebe Grüße,
      Andreas


      P.S.: Ist das Paket schon angekommen?

      Ich lächelte. Das war wirklich nett von Andreas mir das Foto und dazu noch die kleine Geschichte zu schicken. Jetzt musste ich ihm nur noch antworten, dachte ich mir und begann zu tippen.

      Hallo Andreas,
      erstmal muss ich mich für deine Nachricht und das Päckchen bedanken: Es ist wirklich nicht selbstverständlich so unermüdlich nach weiteren Informationen und Fotos zu suchen und ohne dich wüsste ich fast nichts über meinen Dicken. Auch über Sacreds Ausrüstung, die du mir geschickt hast, habe ich mich sehr gefreut und werde sie bestimmt bald testen können
      (du bekommst dann natürlich wieder Fotos)


      Wie versprochen erzähle ich dir nun ein wenig über Sacreds aktuelle Fortschritte.
      Der Hengst scheint mir inzwischen zu vertrauen und kommt oft sogar freiwillig und von selbst auf mich zu. Letzens hat er mich sogar abgeschnüffelt.
      Die Schnoderspuren bekomme ich wohl nie wieder aus meinem T-Shirt raus… L
      Morgen möchte ich meinem Hengst zum ersten Mal ein Halfter präsentieren und sehen wie er sich verhält. Hoffentlich hat Sacred nicht auch das in schlechter Erinnerung behalten.
      Vor Spritzen hat er, vermutlich durch das ständige und schmerzhafte Doping, nämlich furchtbare Angst und kämpft regelrecht gegen meinen neuen Pferdepfleger Harry und die Tierarzthelferin.
      Aber das werden wir bestimmt auch bald in den Griff bekommen.
      Man muss schließlich immer hoffnungsvoll an die Sache rangehen oder etwa nicht? J
      Bei unseren aktuellen Fortschritten kommt die Hoffnung jedoch von ganz allein und ich glaube, dass wir bald soweit sind, dass ich ihn zumindest führen kann.
      Ich hoffe schon auf ausgedehnte Spaziergänge am Strand!
      Natürlich werde ich ihn danach auch bald anlongieren und seine Gänge unter die Lupe nehmen.
      Du und Karolina haben mir ja versichert, dass der junge Hengst ausgezeichnete Grundgangarten und eine unglaubliche Ausstrahlung haben soll und das will ich natürlich auch erlebt haben.


      Wenn wir wieder etwas weitergekommen sind oder einen neuen Fortschritt erzielt haben, werde ich dir natürlich wieder eine Nachricht schreiben. Außerdem muss ich bald mal ein paar Fotos von Sacred machen. Wenn er bereit dafür ist, werde ich vermutlich ein richtiges kleines Fotoshooting mit verschiedenen Outfits und allem veranstalten.
      Sacred als Pferdetopmodel – kannst du dir das vorstellen? :)


      Leider muss ich jetzt jedoch ins Bett, mein Pferdepfleger ist im Urlaub bei seinen Verwanden und ich habe einen sehr, sehr langen Tag vor mir.
      Außerdem soll das Training mit Sacred natürlich auch nicht zu kurz kommen, denn morgen wollen wir uns schließlich zum ersten Mal an das Halfter wagen!


      Gute Nacht und liebe Grüße,
      Nina


      Als ich die Nachricht gesendete hatte, stand ich direkt auf und holte mir meine Schlafsachen.
      Diesen Mal war es ein flauschiger dunkelroter Hoodie und eine enganliegende Leggins.
      Ich liebte Leggins einfach und konnte Menschen, die Jogginghosen vorzogen einfach nicht verstehen (ausgeschlossen Männer natürlich – das sähe einfach komisch aus).
      Als ich fertig umgezogen war putzte ich meine Zähne und fiel schließlich todmüde ins Bett.
      Ich schaffte es noch nicht mal noch ein paar Seiten in meinem neuen Buch zu schmökern oder die Serie weiterzugucken, die ich so sehr liebte.
      Noch nicht mal etwas Anständiges zu Abend gegessen hatte ich!
      Morgen würde mir der Heißhunger bestimmt zum Verhängnis werden, so wie ich mich kannte…

      Ich hatte Rech behalten. Am nächsten Morgen knurrte mein Magen so laut, dass ich froh war keine Nachbarn zu haben. Die hätten vermutlich befürchtet einen Wolf oder ein anderes wildes Tier in der Nachbarschaft zu haben.
      Hungrig stand ich auf und machte mich auf den Weg nach unten.
      Einige leckere Honigbrötchen waren jetzt genau das Richtige.
      Ich suchte alle benötigten Zutaten aus den Schränken und backte Brötchen auf.
      Der köstliche Geruch ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen und ich konnte mich kaum gedulden.
      Als die Uhr endlich klingelte riss ich den Ofen auf und stibitze mir sofort ein Brötchen.
      Aua, die waren echt heiß.
      Mit schmerzverzehrten Gesicht pustete ich auf die rote Stelle an meinem Finger.
      Das würde eine ordentliche Blase geben.
      Wenigstens waren die Brötchen jetzt abgekühlt und ich konnte mich meinem Frühstück widmen.
      Hungrig bestrich ich alle mit Honig und stopfte sie mir in den Mund.
      Mmmh.
      Es ging doch nichts über frische Brötchen.
      Jetzt konnte der Tag beginnen.
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  • Album:
    Wettbewerbspferde - Horse Makeover 2020
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    Rose1
    Datum:
    22 Apr. 2020
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  • Spind Sacred

    Sacred

    Spitzname: /
    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Trakehner
    Datum Erstellung: 22.o4.2020
    Alter: 6 Jahre
    Fellfarbe: Brauner
    Stockmaß: 169 cm
    Gesundheit: in Ordnung, Hufprobleme + Ladendruck

    Abstammung
    Unbekannt

    Charakter
    Gleich bei der ersten Begegnung wird klar – Sacred ist kein einfaches Pferd. Der Hengst dreht schon durch wenn sich eine fremde Person ihm auch nur nähert. Dabei flüchtet er zum Glück immer nur und greift den Menschen nie an. Allgemein sucht Saced fast nie menschlichen Kontakt und hält auch zu Artgenossen Abstand. Vermutlich ist ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit Schuld, aber niemand weiß es ganz genau. Obwohl die der Hengst nicht gerade aufgeschlossen zu Menschen ist kann man doch mit viel Zuwendung und Liebe sein Vertrauen gewinnen. Wenn es erstmal so weit ist zeigt auch Sacred seine Zuneigung. Er wird seinen Menschen unter Tausenden wiederfinden und für ihn durchs Feuer gehen. Das Band zwischen euch wird unzertrennlich sein. Problematisch wird es dann nur das entstandene Vertrauen auch auf andere, wie z.B. Tierärzte und Schmiede, zu übertragen und Sacred auch in angsteinflößenden Situationen ruhig zu halten.
    Sacred wurde anonym mit der Bitte abgegeben, ihn doch bitte in erfahrene Hände weiterzugeben, die eher für dieses Pferd geschaffen sind.

    Geschichte

    Sacred hat in seinem noch jungen Leben bereits viel durchlitten.
    Bis er fünf Jahre alt war stand er noch bei seinem Züchter.
    Dort hatte der junge Trakehner eine gute Zeit, eine Helferin brachte ihm einige Tricks bei und auch der alte Züchter liebte das Fohlen seiner Lieblingsstute.
    Dann verstarb der Mann jedoch ganz plötzlich und der gesamte Bestand wurde versteigert. Auch Sacred. Damals hieß er noch Loverboy und zog mit seiner temperamentvollen Ausstrahlung auf der Auktion alle Blicke auf sich.
    Leider auch die eines ganz bestimmten Züchters: Martin Gabler, der den Jungehengst schließlich kaufte und einritt. Leider war er für Rollkur, Blistern und Barren bekannt und auch Sacred blieb nicht verschont. Schließlich kam der Hengst als Springpferd einer reichen Jugendlichen auf einen Hof in Brandenburg. Leider blieb ihm auch hier nichts erspart. Doping und grausame Trainingsmethoden waren Alltag.
    Doch dann hatte der junge Trakehner einen verhängnisvollen Unfall:
    Er zog sich einen Haarriss zu und brach seiner Reiterin den Arm.
    Bevor der Schlachter ihn bekam, kaufte ihn schließlich ein junges, nettes Mädchen, dass mit dem inzwischen panischen Hengst jedoch nicht zurecht kam.
    Die Mutter gab das hübsche Tier schließlich anonym zum Tierschutz und dort kam er als Sacred zum HMJ.


    Besitzer und Ersteller
    Besitzer: Rose1
    Ersteller: Canyon

    Trainingsstand
    Inzwischen ist bekannt, dass der junge Hengst bereits geritten wurde.
    Früher war er ein erfolgreiches Springpferd.
    Wie sein Stand heute ist weiß noch niemand.

    Schleifen

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