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Leaenna

HMJ Pious

HMJ Pious | Isländer | Hengst | *2016 | 1,46m | Leaenna

Tags:
HMJ Pious
Leaenna, 20 Apr. 2020
Zaii, Cooper, Bracelet und 6 anderen gefällt das.
    • Leaenna
      Vorgeschichte:
      Bewerbung auf HMJ Pious

      Ich hörte auf, mir auf dem Zeigefingernagel herumzubeißen, als nichts mehr zum Abbeißen übrig war. Resigniert stopfte ich die rechte Hand in meine Jackentasche, nur um mich keine Minute später dabei zu erwischen, wie ich stattdessen an den Fingernägel der Linken herumkaute. So ein Mist. Ich dachte eigentlich, ich hätte diese schlechte Angewohnheit abgelegt. Mit gespitzten Ohren kam Ingénue auf mich zu, das Unverständnis stand nur zu deutlich in die klugen Augen der Falbstute geschrieben.

      Was machst du um diese Uhrzeit noch hier?

      "Gute Frage."

      Ich schob die Boxentür auf, ließ mich kurz darauf ins Heu sinken. Genoss, wie das Stütchen mit warmem Atem durch meine Haare schnoberte.

      "Ich liebe dich und Garance, weißt du das eigentlich?"
      Aber natürlich!
      "Und wir drei zusammen, wir sind Powerfrauen, finde ich. Wir kriegen das echt gut alleine hin, alles."
      Finde ich auch.
      "Trotzdem... fehlt mir manchmal irgendwie was. Der Alltag ist so eintönig. Arbeiten, misten, füttern."
      Und Dressur, und Bodenarbeit. Und Ausreiten, das mag ich besonders!
      "Ja, natürlich, ich... Ich mach das ja auch eigentlich wirklich gerne! Aber..."
      Aber?
      "Weißt du, ich hab da von einem Projekt gelesen. In einer Pferdezeitschrift, in der Mittagspause. Und dann war ich auf der Internetseite. Und ich hab mir all diese Pferde angesehen und..."
      Was für Pferde? Was für ein Projekt?
      "Es geht darum, einem Pferd aus dem Tierschutz ein neues zu Hause zu geben."
      Das klingt sehr ehrenvoll!
      "Ja, nicht wahr? Wir haben noch mehrere freie Boxen, deshalb habe ich überlegt... Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich müsste mir Urlaub nehmen, um genug Zeit aufzubringen. Ob das Geld dann noch reicht, weiß ich nicht. Und ich bin doch ganz alleine, ich hab kein Team an meiner Seite, nicht wie all die großen Gestüte, die mitmachen. Vielleicht müsste ich mir Hilfe holen, einen Trainer, oder... Aber ist es dann noch mein Verdienst?"
      Du hast viele Zweifel. Dennoch lässt dich der Gedanke nicht los.
      "Das stimmt. Weißt du, ich hab all die Pferde durchgeguckt. Viele waren charakterlich zu anspruchsvoll für mich, das musste ich mir eingestehen. Aber da war dieser kleine Hengst... Ach, verdammt, was soll ich denn mit einem Hengst, wenn ich bloß zwei Stuten hier habe, ich müsste ihn kastrieren, ich - !"
      Erzähl mir von ihm!
      "Ich... Er... Er sieht gar nicht so schlecht aus wie andere Pferde. Nicht besonders verwahrlost, nur etwas dünn und untrainiert. Er ist erst vier Jahre alt, er hat sein Leben noch vor sich! Aber sein Blick, der hat mich bewegt... Als hätte er schon mit allem abgeschlossen."
      Das klingt traurig.
      "Das finde ich auch. Und, die Sache ist... Er hat mich an mich selbst erinnert, weißt du? Ich kenne das Gefühl, an nichts mehr so wirklich Spaß zu finden. Du meine Güte, ich habe viele Jahre Antidepressiva genommen. Das Schicksal, sich jeden Morgen zu fragen, wofür man eigentlich aufgewacht ist. Das möchte ich anderen ersparen, wenn ich kann. Auch, wenn es sich um Tiere handelt."
      Dann steht deine Entscheidung doch sowieso schon fest, nicht wahr?
      "Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt so vieles, das dagegen spricht. Die Zeit, das Geld. Meine mangelnde Erfahrung und Unterstützung."
      Ich würde ihn freundlich in der Herde willkommen heißen.
      "Das weiß ich, mein Mädchen, das weiß ich."

      Schmunzelnd strich ich Ingénue über die Stirn, ehe ich über mich selbst den Kopf schütteln musste. Du meine Güte! Jetzt führte ich schon imaginäre Unterhaltungen mit meinem Pferd! Ich sollte wirklich langsam ins Bett gehen. Ich steckte der kleinen Stute noch ein Leckerli zu, das sie mit sanften Lippen von meiner Hand nahm, ehe ich ihr und Garance eine gute Nacht wünschte und den Weg zum Wohnhaus einschlug. Ich würde eine Nacht über die Sache schlafen und mich dann morgen früh entscheiden.

      ~*~

      Empfänger: horsemakeover@joelle.de
      Absender: Leticia Weidner
      Betreff: Horse Makeover Bewerbung - Pious
      Datum: 01. 04. 2020, 00:47


      Liebes Team des Horse Makeover,

      mit diesem Schreiben möchte ich mich darauf bewerben, dem Hengst Pious im Zuge des Horse Makeovers bei mir ein neues Leben zu schenken. Mein Name ist Leticia Weidner, ich bin 26 Jahre jung und habe mir nach meinem Auszug aus dem Elternhaus vor einigen Jahren einen kleinen Hof in Frankreich aufgebaut. Aktuell bin ich im Besitz zweier Stuten, um die ich mich ohne den Rückhalt eines großen Teams kümmere. Das alles klingt sicherlich nicht nach idealen Bedingungen, um Pious einen perfekten Platz zu bieten. Doch das mache ich mit meinem großen Engagement wieder wett. Es wäre mir ein persönliches Anliegen, dem resignierten Pony seine Freude am Leben wiederzugeben, denn diese hat jeder, egal ob Mensch oder Pferd, verdient!

      Mit freundlichen Grüßen,
      Leticia Weidner

      ~*~

      Puh.
      So viel also zu "morgen früh".
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    • Leaenna
      Ankunft in Schweden

      "Das ist ja..."
      Mein Wortschatz reichte nicht aus, um zu beschreiben, was ich sah. Völlig überwältigt drehte ich mich einmal im Kreis und versuchte alles irgendwie mit den Augen zu erfassen, nur um bei der zweiten Runde, die ich mich drehte, wieder neue Dinge zu entdecken, die mir vorher entgangen waren, ebenso wie bei der dritten, und ich hätte sicherlich noch hunderte weitere Details ausmachen können, wenn mir nicht zu schwindelig geworden wäre, um dieses Spiel fortzuführen. Das Gestüt war riesig. Mein kleiner Hof passte hier zig mal hinein, ach, vermutlich hatte das gesamte Dorf, in dem ich lebte, weniger Fläche. "Kommen Sie hier lang, ich zeige Ihnen Ihre Unterkünfte!" Eine freundliche junge Frau, die uns ihren Namen genannt hatte, nur, damit ich ihn gleich wieder vergaß, führte mich und einige andere Teilnehmer des Makeovers, die am Flughafen abgeholt worden waren, mit einem geduldigen Lächeln einen Weg entlang, bis zu einem kleinen Kreis von wirklich schmucken Ferienhäuschen. Ich hatte nicht mal ein Gästezimmer in meinem Haus in Frankreich. Und obwohl die Frau wirklich nett war, war mir gerade nicht danach, ihr Lächeln zu erwiedern. Der lange Flug, das fremde Land, das aufregende Event und jetzt das hier. Ich fühlte mich überfordert und das nicht zu knapp.

      Mit zittrigen Fingern schloss ich das mir zugeteilte Häuschen auf, legte ich meinen Koffer auf dem Bett ab, stopfte mir das Stückchen Schokolade in den Mund, das, einem verdammten Hotel gleich, auf dem Kopfkissen gelegen hatte, und musste mich dann erstmal setzen. Okay, Leticia, Zeit zu rekapitulieren. Warum war ich nochmal hier? Chancen, eins der Makeover Pferde zu bekommen, rechnete ich mir keine aus, was das anging, musste ich realistisch bleiben. Dennoch war ich, so wie alle Bewerber, eingeladen worden, um bei der Verteilung live dabei zu sein, und da ich noch nie in Schweden gewesen war, hatte ich die Einladung angenommen. Meine Nachbarin Antonique fütterte zu Hause in Frankreich meine beiden Stuten, und Ingénue und Garance selbst waren ganz sicherlich nicht böse, mal ein paar Tage nicht arbeiten zu müssen. Auf der Arbeit hatte ich für diese Woche Urlaub eingereicht und... als nichts anderes als das würde ich die Zeit hier ansehen. Als Urlaub. Am Meer spazieren gehen, die Landschaft genießen, den fremden Trainern zugucken und dabei vielleicht ein bisschen was lernen. Und dann wieder nach Hause fahren und mein altes Leben weiterleben. Das klang nach einem guten Plan und wenn ich so an die Sache heranging, hatte ich ja auch gar keinen Grund, weiterhin nervös zu sein. Ich nickte mir selbst zuversichtlich zu, machte mich im Bad noch ein wenig frisch von der Reise und suchte dann den Platz auf, auf dem die Verteilung der Pferde gleich stattfinden würde.

      Beziehungweise: Stattfand.
      Ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich nicht schon auf dem Weg zu dem Platz prompt auf dem riesigen Gestüt verlaufen hätte und deshalb zu spät kam. Meine Wangen waren gerötet vor Scham, meine Nervosität war so aufdringlich zurück wie zuvor, wenn nicht sogar ein bisschen stärker, und ich bekam gerade noch mit, wie eine hübsche gescheckte Stute namens Honesty einen neuen Besitzer fand. Mist. Ob Pious, auf den ich mich beworben hatte, wohl schon drangewesen war? Mein unauffälliges Umsehen verbuchte keinen Erfolg, also blieb mir nichts anderes übrig, als mich unter die Masse zu mischen und weiter zuzuhören. Der süße Paint, den ich aufgrund seiner Scheckung aus dem Internetfoto wiedererkannte, und eine hübsche Stute mit auffällig blauen Augen wurden stolz von ihren zukünftigen Trainern entgegengenommen. Ah, da war Pious ja! Ich reckte den Hals, als er vorgeführt wurde. Ich war gespannt, wen man für ihn ausgewählt hatte. Wenn die Leute nett aussahen, würde ich ihn vielleicht zumindest mal streicheln dürfen. "Bei HMJ Pious war es eine schwierige Entscheidung. Schlussendlich haben wir uns für Leticia Weidner entschieden, die beim HMJ zwar..." Den Rest des Satzes hörte ich nicht mehr, in meinen Ohren rauschte es zu laut. Wie fremdgesteuert bahnte ich mir meinen Weg nach vorne, schüttelte planlos eine Hand und nahm wie in Trance den Strick entgegen, den man mir reichte.

      Wie ich auf das kleine Stück Wiese gelangt war, auf dem ich mich kurz darauf wiederfand, wusste ich selbst nicht mehr. Ich war baff. Ich war, um genau zu sein, so baff, dass ich mich nicht einmal fähig fühlte, mich zu bewegen. Ziemlich dümmlich starrte ich auf den Strick in meiner Hand, kam erst endlose Sekunden später darauf, ihm mit den Augen einmal bis zum Ende zu folgen, und glotzte dann glatt noch ein bisschen dümmlicher den kleinen Hengst an, der trostlos vor mir stand. Ich hatte HMJ Pious bekommen. Ich hatte ihn, ganz entgegen meiner eigenen Erwartungen, tatsächlich bekommen, und nun fragte ich mich, was in dreiteufelsnamen ich mir dabei nur gedacht hatte, mich auf ihn zu bewerben. Ich hatte zwei Stuten zu Hause, ich würde ihn legen lassen müssen, wieso war er nicht an jemanden gegangen, der eine Hengstkoppel hatte? An jemanden mit einem Gestüt wie diesem hier! Wie sollte ich schon groß mit ihm arbeiten, mit den beschränkten Möglichkeiten, die mein kleiner Hof bot, wie, ohne die Hilfe von erfahrenen Trainern und Ärzten, ohne Helfer an meiner Seite? Die Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, drehten sich im Kreis und hilfreich war absolut keiner davon. Nun hatte ich Pious nun einmal und all diese Vergangenheitskonjunktive waren sowieso hinfällig.

      "Na, komm, Kleiner. Wir gehen eine Runde spazieren."
      Bei der Größe dieses Areals sollte es nicht allzu schwierig sein, einen Ort zu finden, an dem man niemandem sonst begegnete. Zögerlich setzte ich mich in Bewegung, der allzu langsame Takt meiner Schritte stand im starken Kontrast zu dem meines wummernden Herzen. "Du siehst gar nicht so schlimm aus, hm? Im Vergleich zu einigen anderen Pferden hier", versuchte ich, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, und seufzte im nächsten Moment nur mild, als keine Antwort kam. "Du bist ein bisschen dünn, aber das kriegen wir wieder hin. Ich werde einen Tierarzt holen, der dich mal richtig durchcheckt. Und einen Hufschmied", fügte ich mit Blick auf die bröckelnden Hufe von Pious noch hinzu. "Dann werde ich herausfinden, was du schon kannst." Das Führen machte zumindest schon mal keine Probleme. HMJ Pious trottete unterwürfig neben mir her. "Und im Idealfall... Haben wir beide Spaß an der Sache. Du auch, hörst du? Das wäre doch schön." Pious stieß ein leises Schnauben aus, und wenn ich zu der Sorte Ostwind-Mädchen gehören würde, hätte ich vielleicht sogar geglaubt, dass er meine Worte verstanden hatte. Aber das war natürlich nicht der Fall. Ganz sicher nicht. Zum ersten Mal, seit ich in Schweden angekommen war, schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen.

      "Aber das alles machen wir morgen, ja? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich muss estmal einen ziemlich großen Schrecken verdauen." Wir trotteten noch ein wenig über das großzügige Gelände, bis ich zufällig auf jemanden traf, der mir sagen konnte, wo ich Pious unterstellen durfte. Er hatte eine eigene Putzbox bekommen, ebenso wie ein maßgefertigtes Halfter, und die Großzügigkeit des Gestüts gegenüber den armen Pferden aus dem Tierschutz ließ mir ein wenig warm um's Herz werden. Ich putzte das Fell des Grauen ein wenig über, bis er wieder halbwegs sauber aussah, und kämmte vorsichtig durch seine struppige Mähne. Sobald ich das Ekzem in den Griff bekommen würde, würde sie sicher wunderschön aussehen, dachte ich, und erwischte mich bei den ersten zaghaften Zukunftsplänen. Ja, warum denn auch nicht. Vielleicht konnte aus uns wirklich einmal ein Team werden. Zumindest wünschte ich mir das. Und wenn ich in Pious Augen sah, hielt ich es plötzlich gar nicht mehr für unmöglich.

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    • Leaenna
      Pious kennenlernen

      Nach einem leckeren Frühstück von dem großzügigen Buffett machte ich mich am heutigen Morgen auf zu HMJ Pious. Vom Ferienhäuschen zum Essenssaal, von dort zurück zum Häuschen, da ich mein Handy vergessen hatte, anschließend zur Sattelkammer, um Pious' Halfter zu holen, dann zu seiner Box, wo sich der kleine Hengst problemlos aufhalftern ließ, und schließlich mit ihm im Schlepptau zum Roundpen. Du meine Güte, bei den vielen Wegen, die ich auf dem Lindö Dalen Stuteri zurücklegte, würde ich nach der einen Woche hier einen verdammten Marathon laufen können.

      Ich würde mir heute die Zeit nehmen, Pious bei der Arbeit kennenzulernen, nachdem ich ihn gestern nur etwas schockiert entgegengenommen und schließlich geputzt hatte. Ich wollte einfach mal sehen, wie er sich im Umgang benahm und wie sein Kenntnisstand im Training war. Seine schlechte Muskulatur ließ vermuten, dass noch nicht allzu viel mit ihm gemacht worden war, und aufgrund seines jungen Alters folgerte ich, dass er wahrscheinlich auch noch nicht angeritten war, aber das würde sich zeigen.

      Nur mit dem Halfter entließ ich ihn in den Roundpen und begab mich in die Mitte. Auf einen leichten Peitschenschlag hin setzte Pious sich in Bewegung und trottete um mich herum. Weder raste er los und buckelte, noch blieb er stehen, beides hätten Zeichen für Schmerzen oder schlechte Erziehung sein können. Aber Pious... tat einfach genau das, was man von ihm verlangte. Ich runzelte die Stirn. In einem weiteren Versuch trat ich dem Hengst in den Weg und forderte ihn zu einem Richtungswechsel auf, dem er nach kurzem Zögern, aber schließlich gehorsam nachkam. Seine Ohren spielten in meine Richtung, während er von mir weglief, als müsse er darüber nachdenken, was ich von ihm verlangte. Ja, selbst ein wenig koordiniertes Laufenlassen im Roundpen konnte für ein junges Pferd ganz schön viel Kopfarbeit bedeuten und es würde mich nicht wundern, wenn er nach dieser Einheit sogar ziemlich k.o. sein würde. Nach einigen Minuten des Aufwärmens ließ ich Pious antraben und im Folgenden immer wieder zwischen den Gangarten hin und her wechseln. Ob er auch tölten konnte? Immerhin war Pious ein Isländer. Aber um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung, wie ich diese mir fremde Gangart abfragen konnte, und so beließ ich es vorerst bei Schritt und Trab. Auch Richtungswechsel baute ich immer wieder ein und der Hengst reagierte zunehmend besser darauf. Er verstand allmählich, was ich hier von ihm wollte. Vor allem aber ordnete er sich mir ganz ohne Streitigkeiten unter, was für einen Hengst nicht unbedingt die Regel war. Obwohl es ihm noch sichtlich schwer fiel, gab er schließlich sogar ein wenig im Hals nach. "Guter Kerl", lobte ich leise, das hatte ich sehen wollen. Und als ich mich nun leicht von ihm abwandte, konnte ich spüren, wie er den Außenkreis verließ und auf mich zutrat. Einen skeptischen Meter hinter mir kam er zum stehen – Sicherheitsabstand, dachte ich schmunzelnd. Vorsichtig überwand ich die Distanz zwischen uns und lobte Pious erneut.

      "Sieht nicht nach einem allzu komplizierten Kandidaten aus." Erschrocken von der fremden Stimme fuhr ich herum. Intuitiv legte meine Hand sich an Pious' Mähnenkamm und ich kraulte ich beruhigend, doch der kleine Hengst hatte nicht einmal mit den Ohren gezuckt. Er war also genauso unerschrocken wie uninteressiert. Gut zu wissen. Am Zaun stand ein Junge, ich schätzte ihn auf siebzehn oder achtzehn Jahre. Ein echter Schwede, war mein erster Gedanke, bis mir auffiel, dass das vielleicht ein kleines bisschen rassistisch war. Fakt war aber, mit dem weißblonden Haar auf seinem Kopf war er schon irgendwie ein Klischee auf zwei Beinen. Nicht, dass ich das laut sagen würde.Ich zögerte kurz. "Würde ich nicht sagen", antwortete ich schließlich. Ich war mir selbst nicht sicher, warum ich mit einem Fremden redete. Irgendwie fehlte mir ja schon jemand, mit dem ich mich austauschen konnte, alle anderen Trainer hatten mehrere Angestellte oder Partner dabei. "Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er sogar ein ziemlich schwieriger Kandidat ist. Pious buckelt nicht, er tritt und beißt nicht, er reißt sich nicht los, ja, ich weiß. Er macht alles anstandslos mit. Aber sieh ihn dir an: Freude hat er dabei keine." Ich schüttelte milde den Kopf und klopfte HMJ Pious den Hals. "Natürlich ist es schwierig, ein ungestümes Pferd zu erziehen, doch mit viel Geduld und Strenge ist es machbar. Aber einem Pferd seinen Lebenswillen wiederzugeben? Dafür gibt es kein Geheimrezept." Ich konnte sehen, dass der Junge verständnisvoll nickte. So hatte er die Sache wohl zuvor nicht betrachtet. Ich rechnete damit, dass er mir jetzt schlaue Ratschläge erteilen würde, oder zumindest sein Mitleid gegenüber dem Pony aus dem Tierschutz aussprechen würde, doch er tat nichts davon. Er sagte nur "Viel Erfolg weiterhin!", dann ging er weg. Und ich fühlte mich ein bisschen, als hätte ich gerade einen Geist gesehen.

      Äh, danke?
      Nachdenklich strich ich über Pious Schulter und war nicht überrascht, dass er geschwitzt hatte. Zum einen hatte er ein wirklich flauschiges Fell, zum anderen hatte er heute sehr intensiv mitdenken müssen. Aber meiner Meinung nach hatte er das gut gemacht. Weshalb ich ihn erneut putzte und ihn dann mit einer großen Portion Futter und Karotten – sollte das dünne Ding ruhig ordentlich mampfen! - entließ. "Du bist ein feiner kleiner Kerl. Ich bin stolz auf dich. Hörst du? Das darfst du dir ruhig zu Herzen nehmen und mal ein bisschen selbstbewusster werden! Immerhin bist du ein stattlicher Hengst, hm? Ja, das bist du. Und ein ganz, ganz kluger noch dazu."

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    • Leaenna
      Ein ausgedehnter Spaziergang

      Auch heute stapfte ich nach einem guten Frühstück wieder zu Pious' Box. Es fiel mir leicht, die Arbeit mit ihm anzugehen, so lange wir hier in Schweden waren. Das Gestüt gab mir eine sichere Umgebung und bot mir viele Möglichkeiten, und da ich den kleinen Hengst genau hier kennengelernt hatte, fühlte es sich einfach irgendwie... richtig an. Als sei das alles nur eine kurzweilige Veranstaltung auf dem Lindö Dalen Stuteri, eine Urlaubsbeschäftigung; als würde HMJ Pious mich nicht begleiten, sobald ich in wenigen Tagen die Heimreise nach Frankreich antreten musste. Dass genau das der Fall sein würde verdrängte ich noch recht vehement, denn die Frage, wie ich zu Hause mit dem Hengst weiterarbeiten sollte, machte mir ehrlich gesagt immer noch Angst. Also zog ich mir die altbekannteste Form der Ablenkung unter Reitern heran: Das Ausmisten.

      Stallarbeit war ich gewohnt, immerhin hatte ich auch zu Hause zwei Stuten, die umsorgt werden wollten, und so griff ich als aller erstes nach einer Mistgabel und einer Schubkarre, um Pious' Box auszumisten. Umso verwirrter war ich, keinerlei Pferdeäpfel vorzufinden, und im ersten Moment wurde mir ganz kalt vor Schreck und das Herz sackte mir in die Hose. Hatte der Graue gar nicht geäpfelt? War er etwa krank? Doch Pious stand seelenruhig vor seinem Trog und mümmelte an seinem Fressen herum, schwitzte nicht, trat sich nicht an den Bauch und wirkte auch nicht apathisch – also, zumindest nicht apathischer als sonst. "Entschuldigung?" Kurzentschlossen hielt ich eine junge Frau auf, die gerade die Stallgasse entlanglief und die ich als Angestellte des Gestüts erkannte. "Wissen Sie, ob Pious heute Nacht gar nicht, also... Sie wissen schon... gemacht hat?" Kurz musterte die Frau mich überrascht, dann schüttelte sie den Kopf. "Doch, doch, als seine Box vorhin gemistet wurde, war die Schubkarre nicht leer, wenn ich mich recht erinnere." Seine Box war schon gemistet worden? Zum zweiten Mal an diesem noch so jungen Tag wurde mir etwas flau vor Schreck. Ich hatte nicht darum gebeten, dass die Angestellten Pious' Box misteten. Diesen Extraservice konnte ich mir, um ehrlich zu sein, nicht leisten. "Oh. Achso. Na dann... danke", erwiederte ich also und druckste einen Moment herum, ehe ich dann doch noch hinzufügte: "Äh, wer hat denn gemistet?" Spätestens jetzt hatte ich die junge Frau endgültig verwirrt, das sah ich ihrem Ausdruck an. "Ein Junge mit blonden Haaren. Ich dachte, er gehört zu Ihnen?" "Achso, ja, ja klar!" Ich beeilte mich, zu nicken. Ich war nicht scharf darauf, hier Aufsehen zu erregen, indem ich zugab, keine Ahnung zu haben, wer mein mysteriöser Helfer war. Es musste der Junge von gestern sein, dachte ich bei mir, nachdem die Angestellte sich verabschiedet hatte. Ob ich etwa einen Verehrer hatte? Aber nein, dafür war er zu jung. Er hatte wohl eher einen Narren an Pious gefressen.

      Dank dieser unverhofften Arbeitserleichterung begann meine Trainingszeit mit HMJ Pious heute also früher als gedacht. Ich hatte gestern Abend noch das Internet gewälzt auf der Suche nach Tipps, wie man Pferde motivieren konnte. Meistens war vor allem die Rede davon, dem Tier möglichst viel Abwechslung zu bieten, und so hatte ich mir mit Hilfe des Geländeplans hier eine ausgedehnte Spazierrunde an der Rennbahn zurechtgelegt, die uns hoffentlich mit vielen verschiedenen Eindrücken konfrontieren würde. Nachdem ich ihn flüchtig übergeputzt hatte, nahm ich Pious also an sein Knotenhalfter und einen langen Strick, und schon ging die Reise los.

      Ohne zu zögern verließ Pious mit mir das gewohnte Umfeld. Er schien nicht sonderlich an den anderen Pferden zu hängen, die normalerweise in den Boxen oder den Paddocks um ihn herum waren, denn er wieherte ihnen nur ein einziges Mal leise nach, und gab es auf, als keine Antwort kam. Sein geringer Herdentrieb stimmte mich nachdenklich, sein wenig hengstiges Verhalten ging damit einher. Womöglich war Pious nicht sehr gut sozialisiert worden und kannte es gar nicht, im Herdenverband zu leben. Dass er so schlecht bemuskelt war, konnte ebenfalls ein Indiz dafür sein, denn es konnte bedeuten, dass ihm im Jugendalter Gleichaltrige zum Spielen gefehlt hatten. Ich hoffte, dass bald die Tierärztin bei uns vorbeischauen würde: War Pious erstmal geimpft, dann konnte ich ihn direkt zu anderen Pferden lassen und ihn dabei einmal ganz genau beobachten.
      Jetzt schlug ich aber erstmal den Weg in Richtung Rennbahn ein. Das Verlasspferdchen trottete neben mir her. Ein bisschen nervös war er schon: Sein Ohrenspiel und das gelegentliche unruhige Schnauben verrieten es mir. Doch ich hatte das Gefühl, dass Pious das gar nicht unbedingt zeigen wollte. Er mimte den absolut furchtlosen, großen, starken Kerl. "Brr, ist doch alles in Ordnung, kleiner Mann. So hab ich das gestern nicht gemeint mit dem Selbstbewusstsein. Du darfst jederzeit bei mir Schutz suchen. Dafür bin ich doch da, okay?" Zugegeben: Ich war ebenfalls nervös. Immerhin war ich gerade mit einem Pferd im Gelände, das ich noch kaum kannte. Doch ähnlich wie der Hengst selbst – und hoffentlich etwas erfolgreicher als er – stellte ich absolute Ruhe und Gelassenheit zur Schau, um Pious stets zu vermitteln, dass er sich vor nichts fürchten musste. Dass sich hinter im Wind raschelnden Blättern kein gefräßiger Jaguar versteckte, wusste ich immerhin ziemlich genau.
      Immer wieder blieb ich stehen und gab am Strick nach, damit Pious fressen konnte. Sobald er den Kopf in das Gras senkte, konnte er sich nicht mehr umsehen und musste den Posten des Beobachters an mich abgeben. Und das war gut, denn so konnte ich mir seines Vertrauens sicher sein. Nach anfänglicher Zurückhaltung ging der Graue bald zunehmend auf dieses Angebot ein. "Siehst du, Pious? Du musst kein Einzelkämpfer sein auf dieser Welt." Ich strich ihm vorsichtig die wuschelige Mähne auf die richtige Seite. "Und ich auch nicht."

      Natürlich war ich der Englischen Sprache sehr wohl mächtig, ich wusste wie Pious' Name ausgesprochen wurde. Ich kannte auch die Bedeutung des Wortes, "fromm". Und dennoch kam ich nach all den Jahren in Frankreich nicht umhin, den Klang des Namens in einen leichten französischen Akzent abdriften zu lassen. "Piou", also "Piju", war im Französischen das Geräusch, das einem kleinen Küken zugesprochen wurde, gleich so, wie eine Katze im Deutschen "Miau" machte. Und wenn ich ehrlich sein sollte, fand ich, dass das sogar noch ein kleines bisschen besser zu dem jungen Hengst passte. Er war fromm, ja, geradezu gottergeben, wenn man diesen religiösen Beigeschmack noch auf die Spitze treiben wollte: Ein untertäniger Kerl, der alles einfach über sich ergehen ließ, ohne sich zu wehren. Aber er war eben auch – nein, vor allem - ein unsicheres kleines Wesen, das darauf angewiesen war, dass andere sein Piepen hörten und ihm halfen, bis es genug Selbstvertrauen erlangt hatte, eigenen Schrittes durch die Welt zu gehen.

      Wir drehten eine schöne Runde durch die innere Bahn der Rennbahn. Unsere Schritte waren langsam, aber das war in Ordnung, immerhin gingen wir spazieren und waren nicht auf der Flucht. Es war schön, zu sehen, wie behutsam Pious fremde Dinge anging. Besonnen, ohne in Panik zu geraten: Und wenn ich ihm vermittelte, dass etwas keine Gefahr bedeutete, dann glaubte er mir das auch. Er ließ sich von meiner Ruhe anstecken und ich mich wiederum von der seinen, und bald waren wir beide recht entspannt unterwegs. "So ein treues, braves Pony", lobte ich. Wie hatte jemand einen solchen Prachtkerl nur so verkommen lassen können.

      7506 Zeichen / 5 Punkte​
    • Leaenna
      Wellnesstag

      Wenn ich ehrlich sein sollte, taten mir von unserem gestrigen langen Spaziergang immer noch die Füße weh, weshalb ich beschloss, heute einen Wellnesstag für Pious einzulegen. Auch dabei konnten wir eine gute Beziehung aufbauen – wer wurde nicht gerne gehegt und gepflegt? - und außerdem würde es mir auffallen, wenn das Hengstchen sich irgendwo nicht berühren lassen wollte. Nachdem ich seine Box ausgemistet und ihn gefüttert hatte, schnappte ich mir alle Utensilien, die ich brauchte, um den kleinen Mann auf Hochglanz zu bringen. Ich ging besonders ruhig an ihn heran, da ich zu verstehen glaubte, dass er Hektik nicht mochte. Wenn ich mich jedoch zur Ruhe kam, konnte auch HMJ Pious sich entspannen.
      Statt sofort nach einer Bürste zu greifen, nahm ich jedoch erstmal meine bare Hand zur Hilfe und strich den Grauen überall am Körper ab. So konnte ich mehr erspüren als durch einen Gegenstand hindurch. Ich fuhr dem Hengst über den Rücken, wo mich sein Zurückweichen auf eine kleine Verspannung hinwies. Gut zu wissen, da würde ich nicht allzu fest drüberscheuern und später jemanden mit mehr Ahnung drübergucken lassen. Auch an den Beinen des Isländers strich ich entlang, was er brav geschehen ließ. Hier fand ich zwei Zecken, die ich ein wenig angeekelt betrachtete, aber sorgfältig enfernte. Kam ich mit meiner streichelnden Hand in die Nähe eines Hufes, so hob Pious ihn schon hilfsbereit an. "Guter Junge", lobte ich mit einem leisen Lachen. Na, dann nutzte ich eben die Gelegenheit und kratzte schon mal die Hufe aus. Sie waren nach wie vor in keinem allzu guten Zustand, aber für den Moment tat ich, was ich konnte, und befreite sie zumindest von Nässe, Dreck und drückenden Steinen. "Und abstellen. Brav!" Danach setzte ich mein Abstreichen fort und ließ auch empfindlichere Stellen wie Augen, Ohren, die Schweifrübe, den Bauch und den Schlauchsack nicht aus, aber das war, langsam und besonnen angegangen, alles kein Problem.
      Nun zückte ich meine kleine Geheimwaffe, die ich mit einem leisen "Tada!" aus der HMJ Putzbox hervorzauberte: Eine genoppte Massagebürste. Ich rauhte das graue Fell des Hengstes überall gewissenhaft auf und massierte zugleich mit Druck Pious' Muskulatur. Zuerst wich der Hengst zurück und es schien ihn etwas befangen zu stimmen, so buchstäblich unter Druck gesetzt zu werden. Doch er trat nicht und riss nicht am Strick, sondern resignierte viel eher, als ich partout nicht aufhörte. Und als ich erstmal eine Weile bei der Sache war, schien er sogar schließlich zu merken, dass die Massage eigentlich ganz gut tat und seine Mundpartie entspannte sich sichtlich. Bald baumelte seine Unterlippe ganz locker herunter, was wirklich wunderbar anzusehen war. Es freute mich einfach von Herzen, das recht teilnahmslose Pony mal so losgelöst zu sehen. Ich sah danach zwar von dem vielen losen, puscheligen Fell, das auf meinem Pullover gelandet war, selbst so aus, als wäre mir ein Pelz gewachsen, aber das war es absolut wert.
      Mit einer ganz weichen Bürste strich ich das Fell anschließend wieder in langsamen, gleichmäßigen Zügen entlang der Wuchsrichtung ordentlich auf beiden Seiten glatt. Bald glänzte das Grau wie pures Silber und Pious' hübsche Äppelung war wieder von vormals dreckigen Flecken unterscheidbar. Auch zwei Tücher hatte ich bereitgelegt, die ich an einem Wasserhahn leicht anfeuchtete. Mit dem ersten reinigte ich Pious' Augenwinkel, seine Nüstern und seine Maulspalte. Mit dem zweiten wischte ich unter der Schweifrübe und am Schlauchsack entlang, immer darauf bedacht, eventuellen Huftritten auszuweichen – Auch wenn ich bei diesem lieben Pferdchen eigentlich nicht damit rechnete.
      Schließlich nahm ich mir noch HMJ Pious' Mähne und Schweif vor. Es dauerte über eine Stunde, alleine die wilde Mähne ordentlich zu verlesen, doch das war mir lieber, als ihm mit einem Kamm grob hindurchzufahren und unnötig viele Haare auszureißen. So nutzte ich die Gelegenheit, viel mit dem Hengst zu sprechen. Ich erzählte ihm von zu Hause – von meinem kleinen Hof, auf dem er leben würde, und von den beiden Stuten, die es sicher gar nicht erwarten konnten, ihn kennenzulernen. Die dominante Garance und die stille Ingénue. "Garance wird sicher ihre Position als Leittier durchsetzen wollen, aber mit Ingénue wirst du dich bestimmt sehr gut verstehen. Ihr seid euch ähnlich. Ich möchte nur nicht riskieren, dass du sie deckst, weißt du? Ganz so gut passt ihr dann doch nicht zusammen", kicherte ich. Auch in das Verlesen des Schweifes investierte ich einiges an Zeit, was Pious schließlich damit quittierte, bequem ein Bein zu entlasten. So ein kleiner Genießer!
      Ein Leckerli hatte sich der kleine Isländer für seine Engelsgeduld auf jeden Fall verdient, und seiner noch recht hageren Statur konnte es nicht schaden, weshalb ich ihm letztendlich sogar zwei... okay, drei Stück zusteckte. Nun musste ich nur noch die Striegel, Bürsten und Tücher wieder ordentlich reinigen, und danach – hatte ich mir selbst eine Dusche in dem Ferienhäuschen des Lindö Dalen Stuteri verdient.

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    • Leaenna
      Unerwartete Hilfsbereitschaft
      Zusatzaufgabe 1

      Dass sie Schritte hinter sich hört, hätte Leticia auf einem so belebten Gestüt normalerweise nicht gewundert. Dass die Schritte plötzlich hinter ihr verstummen, dagegen umso mehr. Widerwillig lässt sie den grasenden HMJ Pious aus den Augen und dreht sich um, um im nächsten Moment mit vorsichtiger Neugier die junge Frau zu betrachten, die ihr nur vage bekannt vorkommt. Ob sie auch eine Teilnehmerin des Makeovers ist? Oder eine Mitarbeiterin des Gestüts?
      “Hallo”, grüßt Leticia zögerlich.
      „Hallöchen, ich bin Vriska“, begrüßt die kleine blonde Dame, die nur etwas größere Braunhaarige. Unsicher geht Vriska auf den Hengst zu und streicht ihm über vorsichtig über die Mähne. Aufmerksam hebt er seinen Kopf und schnaubt zufrieden ab. „Weißt du schon, was du mit ihm machen möchtest?“, fragt Vriska Leticia um das Gespräch aufrechtzuerhalten.
      In Leticias Kopf arbeitet es. Mit dem Namen Vriska kann sie spontan nicht wirklich viel anfangen. Die junge Frau lässt Pious’ Strick etwas länger und beobachtet, wie Vriska den Hengst streichelt. Bei dem resignierten Pony machte sie sich keine Sorgen, dass er auf Fremde losgehen könnte. “Das ist eine gute Frage”, gibt Leticia zu. “Ich kenne mich weder mit Hengsthaltung noch mit Isländern besonders gut aus.” Na, das klingt ja kompetent… “Machst du auch beim HMJ mit?”, möchte sie nun aber doch wissen.
      „Ich hatte tatsächlich überlegt mitzumachen und mich auf deinen Hübschen zu bewerben, aber da ich gerade noch voll in der Ausbildung stecke, habe ich mich dagegen entschieden. Zu dem habe ich mir gerade ein zweiten Junghengst gekauft“, zum Ende des Satzes wird Vriska immer ruhiger und ist es schon wieder unangenehm, dass sie einer fremden Person so viel erzählt. Trotzdem legt sie nach einer kurzen Pause noch einmal nach: „Aber Folke, unser neuer Kollege macht mit Hedda, seiner kleinen Schwester mit. Sie kümmern sich um HMJ Holy, die chaotische Tinkerstute. Direkt am Anfang ist sie durch den Stuten Zaun gerannt.“, erzählt sie lachend.
      Mit dem Namen Holy kann Leticia mehr anfangen. Sie glaubt, sich zu erinnern, dass die wilde Stute auch an ihr schonmal vorbeigerannt ist, und stimmt in Vriskas Lachen ein: “Das klingt nach viel Arbeit… und viel zerstörtem Zubehör! Sowas muss ich bei Pious nicht befürchten.” Dass sie der Blonden vielleicht ihr Traumpferd weggeschnappt hat, tut Leticia unwillkürlich ein bisschen leid, zumal Vriska wirklich Ahnung zu haben scheint, wenn sie zwei junge Hengste besitzt. “Lebst du also hier auf dem Gestüt?”
      Vriska nickt. „Lange gibt es den Hof noch nicht. Erst vor einigen Monaten sind wir hier nach Schweden gezogen, nach dem in Deutschland viele Schwierigkeiten aufgetreten sind. Zur Unterstützung habe ich dann entschieden mitzukommen. Dort hatte ich auch einen Isländer Hengst, der allerdings von meiner Tante ist, deswegen habe ich ihn nicht mitgebracht. Auch wenn wir uns noch nicht lange kennen, kann ich dir anbieten regelmäßig zu Skypen oder so, dann helfe ich dir“, bieten Vriska freundlich an. Sie kennt die Situation selbst plötzlich vor neuen Herausforderungen zu stehen, deswegen möchte sie immer helfen wo sie kann. Und nun wo es um Isländer geht, kann sie besonders hilfreich sein.
      Von so viel Hilfsbereitschaft fühlt Leticia sich ein bisschen überwältigt. Sie streicht Pious ein wenig Heu aus dem Fell, während sie Vriskas Worte verarbeitet. “Das ist ja unglaublich lieb von dir! Weißt du, ich habe mich neulich gefragt, ob Pious wohl tölten kann, und dann festgestellt, dass ich nicht mal weiß, wie Tölt aussieht”, gibt sie mit einem schüchternen Grinsen zu. “Ich denke ich bin keine schlechte Reiterin, und auch keine verantwortungslose Pferdebesitzerin”, erklärt sie und hofft, dass ihre Worte nicht zu sehr nach Eigenlob klingen, “aber ich habe mich einfach nie mit Gangpferden beschäftigt”, gibt sie schließlich zu. “Ich würde mich also sehr freuen, wenn wir in Kontakt bleiben! Und solange wir noch hier in Schweden sind, kannst du gerne jederzeit bei Pious vorbeischauen. Wie lange wir noch hier bleiben, hängt vor allem davon ab, was der tierärztliche Befund ergibt.”
      “Wie wär’s damit, wir treffen uns morgen wann im Laufe des Tages und dann gehen wir mit zwei unserer Islandstuten Ausreiten. Dann lernst du kennen wie sich der Tölt anfühlt und sieht es auch gleichzeitig. Die beiden Stuten sind sehr taktklar, also du wirst es genießen.”, schlägt Vriska überzeugt vor, obwohl Snotra und Blávör überhaupt nicht ihr gehören noch Tyrell. Aber Max ist momentan eh in der Zwischenprüfung hat überhaupt keine Zeit für seine beiden Pferde. Doch Vriska versucht nun auch Leticia noch mehr Details zu entlocken: “Wo lebst du den mit deinen Pferden, die offenbar beides Stuten sein müssen, wenn du keine Hengsterfahrung hast?” Als die Worte auf ihrem Mund kommen, merkt sie erst wie blöd die Formulierung ist. “Hast du vielleicht noch ein paar Tipps für Holy? Wir planen aktuell sehr viel Bodenarbeitseinheiten und dazu noch ein paar Sachen für den Muskelaufbau”, versucht Vriska von ihrem gesagt abzulenken.
      Das Angebot, mal eine Isländerstute reiten zu dürfen, nimmt Leticia begeistert an. “Gerne, ich freue mich darauf!” Generell ist der Gedanke, endlich mal wieder zu reiten, toll. Seit sie in Schweden ist, hat die junge Frau nicht mehr auf dem Pferderücken gesessen. “Ich bin gebürtig aus Deutschland, lebe aber seit einigen Jahren in Nordfrankreich. Und du hast richtig geraten, dass ich zwei Stuten habe, obwohl du vergessen hast, dass es auch noch Wallache gibt!”, lacht die Brünette. “Ingénue ist von ganz sanftmütiger und vorsichtiger Natur. Garance ist eher dominant, aber sehr arbeitswillig, wenn man mit ihr umzugehen weiß.” Die junge Frau stoppt sich, als sie merkt, dass sie ins Schwärmen gerät. Immerhin hat Vriska ihr eine Frage gestellt und Leticia möchte gerne etwas von der Hilfsbereitschaft zurückgeben. “Hmm, wahrscheinlich weißt du das alles selbst schon, aber: Für den Muskelaufbau kannst du mit Holy zum Beispiel bergauf und bergab gehen, auch mal rückwärts. Oder du lässt sie im Wasser laufen, ihr habt doch hier das Meer in der Nähe. Ich kenne Holy natürlich nicht, aber von meiner temperamentvollen Stute kann ich dir erzählen, dass stures Festhalten sie eher explodieren lässt. Man muss sie anleiten und ihr dann den Freiraum geben, die Dinge auszuführen, als wäre das alles ihre eigene Idee gewesen.”
      “Ach super, danke dir. So ungefähr ist bisher auch unser Gedankengang. Guck mal”, sagt Vriska und holt ihr Handy aus der Hosentasche. Dort zeigt sie Leticia die App vom Hof. Kurz erklärt sie ihr die Funktionen und zeigt ihr dann das Profil von Holy. Dort steht die aktuelle Diagnose mit dem Zinkmangel und dem Ekzem. Selbst die Hufeisen mit genauer Bezeichnung stehen in dem Verlauf des Pferdes. Der Trainingsplan ist sehr ausführlich und umfasst auch das Aquatraining auf dem Laufband sowie die Clicker Einheiten für diese Woche. Als Bild ist eins mit Hedda eingestellt, das Folke am zweiten Tag von den beiden Mädls gemacht hat.
      Als Vriska ihr Handy herausholt, hebt auch Pious den Kopf und lugt Leticia kauend über die Schulter. Sie klopft dem Hengst den Hals. “Na, Kleiner, gefällt dir die Stute?” Von der App ist die Brünette ehrlich beeindruckt. “Wow, ihr seid hier auf dem Gestüt wirklich in allen Aspekten topmodern!” Es ist ihr fast ein bisschen peinlich, das Meer als Trainingsmittel vorgeschlagen zu haben, wenn es hier offensichtlich sogar einen Aquatrainer gibt. “Also ich habe zu Hause immerhin einen Reitplatz… an dem aktuell das Licht kaputt ist!”, lacht Leticia herzlich, denn sie ist zwar ziemlich überwältigt, aber nicht neidisch. “Ich glaube, ich sollte Pious langsam zurückbringen, nicht, dass er sich überfrisst.” Leticia greift in ihre Jackentasche und stellt fest, dass sie zwei Karotten dabei hat. “Eine bekommt Pious, und eine Holy!”
      Zusammen bringen die beiden Damen den Hengst weg. Nebenbei erzählt Vriska noch wie dieser Hof zustande kam. Am Ende besuchen sie noch Holy im Stall, wo sie in der Paddockbox steht und die Möhre genießt.

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    • Leaenna
      Nur um sicher zu gehen
      Zusatzaufgabe 2

      "Herr Becks? Herr Becks, entschuldigen Sie, darf ich Sie kurz stören?"
      Der hagere Mann hielt im Schritt inne und drehte sich etwas verwirrt um, suchte einen Moment, bis er meinen Blick fand, und lächelte mich schließlich so warmherzig an, dass mein aufgeregter Herzschlag sich mit sofortiger Wirkung etwas beruhigte. "Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte er. Eiligen Schrittes trat ich näher und reichte ihm die Hand, ehe ich erklärte, warum ich ihn so mitten auf dem Hof abgepasst hatte. "Ich bin Leticia Weidner, mir wurde HMJ Pious zugeteilt. Ich habe eine kleine, äh, gesundheitliche Frage." Kurz hielt ich inne, um dem Herrn vom Tierschutz die Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu sagen, doch er sah mich nur aufmerksam an und so fuhr ich fort: "Ich möchte bald mit Pious den Weg nach Frankreich antreten, um bei mir zu Hause mit ihm weiterzuarbeiten. Deshalb wollte ich sichergehen, dass er auch transportfähig ist. Ich meine, er macht keinen kranken Eindruck, aber da gibt es sicherlich tausende Richtlinien, die ich gar nicht kenne. Und der Weg, den ich ihm da zumute, ist nunmal schon ziemlich weit." Benni Becks nickte: "Ich habe gerade ein wenig Zeit. Lassen Sie uns doch einmal zu ihm gehen." Das freundliche Angebot ließ ich mir nicht zweimal machen.
      "Ich kann Sie schon mal beruhigen", erzählte der Mann mit der großen Brille, während wir liefen. "Die wichtigsten Transportkriterien wurden bei allen HMJ Pferden durchgecheckt, und auch den Equidenpass sollten Sie schon mit den Informationsunterlagen zum Makeover erhalten haben. Irgendwie mussten wir die Tiere immerhin auch hierher auf das Gestüt bringen können." Das war ein gutes Argument, und dass ich daran nicht gedacht hatte, war mir ein bisschen peinlich.
      "So eine Reise ist aber natürlich immer eine hohe Belastung für das Tier – die fremde Umgebung, Geräusche und Gerüche. Bei stressanfälligen Pferden – vor allem bei solchen, die dann aggressiv werden - könnte dann ein Sedativum vonnöten sein, aber das wiederum könnte unter Umständen Nebenwirkungen hervorrufen, wenn das Pferd es nicht verträgt." Wir waren bei Pious angelangt. Ohne Probleme halfterte ich den Hengst auf und führte ihn Benni Becks einmal vor. "Pious ist eigentlich ein sehr ruhiger Kerl, beinahe ein Verlasspferd", erklärte ich und strich dem grauen Hengst über den Hals. "Bisher habe ich nie einen Grund gesehen, ihn sedieren zu wollen."
      Nun kam der routinierte Tierarzt in Herrn Becks hervor: Wo er schon einmal hier war und Pious vor ihm stand, tastete er ihn gleich überall ab. Ich hatte ihn nicht einmal darum gebeten, ließ den erfahrenen Veterinär aber natürlich sehr gerne machen. "Er ist noch immer etwas dünn, aber es war auch nicht zu erwarten, dass sich das in so kurzer Zeit schon sichtlich ändert", erklärte er. Ich stopfte den kleinen Isländer ja schon regelrecht voll, aber wie Benni Becks schon sagte: Der Futterzustand eines Pferdes änderte sich nicht von heute auf morgen. Pious gab brav seine Hufe und ließ sich sogar ohne größere Proteste kurz in die Augen, die Ohren und schließlich in sein Maul schauen, was unwillkürlich ein Gefühl von Stolz in mir weckte. Dabei war Pious' verlässliches Verhalten ehrlich gesagt kaum mein Verdienst: Die versierte, unaufgeregte Art des Tierarztes waren genau das Richtige für den kleinen grauen Hengst, denn ich hatte schon längst gemerkt, dass man bei ihm mit Ruhe viel weiter kam, als mit Hektik. "Er sollte demnächst einmal die Zähne geschliffen bekommen", riet mir der Mann mit den kurzen Haaren, "aber noch ist es nicht bedenklich." Ich nickte: "Ja, das ist schon geplant." Als Benni Becks schließlich in seine große Manteltasche griff und ein Stethoskop hervorkramte, konnte ich ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Was er als Tierarzt wohl noch alles ständig dabei hatte, so 'für den Fall'? Blauspray und Verbandszeug? Doch ich kam gar nicht dazu, allzu lange darüber nachzudenken, da war das Abhören auch schon erledigt. "Können Sie mir den Hengst einmal vortraben?", bat Herr Becks schließlich noch. Auch das stellte kein Problem dar: Auf der nächstbesten geraden Fläche, die wir nach kurzem Suchen für geeignet befanden, joggte ich mit dem Isländer einmal von Benni Becks weg und dann wieder auf ihn zu. Auch hierbei schien dem Tierarzt nichts Negatives aufzufallen, denn er nickte nur und strich Pious einmal lobend über die Stirn.
      "Nun, Frau Weidner. Es spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, dass sie mit HMJ Pious den Heimweg antreten. Denken Sie nur daran, dass er auf jeden Fall noch geimpft werden sollte, bevor sie ihn mit Ihren anderen Pferden zu Hause zusammen lassen. Sicher ist sicher." Aber das war für mich sowieso selbstverständlich und das teilte ich Benni Becks auch mit. "Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Becks!", bedankte ich mich schließlich und ließ den Tierarzt dann endlich wieder des Weges ziehen, auf dem er gewesen war, bevor ich ihn aufgehalten hatte. "Kein Problem. Melden Sie sich jederzeit, wenn Sie noch Fragen haben oder es irgendwelche Probleme gibt. Viel Erfolg weiterhin mit HMJ Pious!"

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    • Leaenna
      Endlich zu Hause

      Es war schon irgendwie unglaublich. Als ich die Reise nach Schweden angetreten war, hatte ich noch damit gerechnet, mir dort einfach ein paar schöne Urlaubstrage zu machen. Und als ich nun nach Frankreich zurückkehrte, hatte ich ein neues Familienmitglied dabei.
      Mitten in der Nacht rollte das Auto auf den Hof. Seit viel zu vielen Stunden saß ich nun schon im Auto oder im Flugzeug, erst auf dem Weg vom Gestüt zum Flughafen, dann während des Fluges und nun schließlich auf der Fahrt zum Hof. Antonique, meine Nachbarin, die gute Seele, hatte mich abgeholt, zwar mit meinem Auto und meinem Pferdehänger, aber dennoch in ihrer kostbaren Schlafenszeit, wofür sie sich in den nächsten Tagen auf jeden Fall einen leckeren Kuchen verdient hatte. Für das Abholen und dafür, dass sie sich die ganze letzte Zeit so gut um meine beiden Stuten gekümmert hatte, natürlich. Ich hatte Antonique schon während des Aufenthalts in Schweden stets auf dem Laufenden gehalten, was das HMJ anging, und ihr ab und zu Fotos geschickt, aber als es am Flughafen galt, HMJ Pious zu verladen, war sie aus dem ungläubigen Staunen und dem ausgiebigen Kuscheln des Hengstchens gar nicht mehr herausgekommen. Irgendwie hatte ich sie letztendlich damit vertrösten können, dass sie Pious morgen so ausgiebig betüddeln dürfte, wie sie wollte, sonst stünden wir in diesem Moment vermutlich immer noch am Flughafen. Während der Autofahrt hatte sie mich mit Fragen gelöchert, die ich zwar müde, aber dennoch sehr gerne beantwortet hatte, über den Isländer und die anderen Teilnehmer und das riesige Gestüt. Erst auf den letzten Kilometern hatte ich es geschafft, das Gespräch auch mal auf den hiesigen Alltag zu lenken. Unspektakulär sei es gewesen, meinte Nicky. Füttern, Misten, das Übliche.
      Ja, unspektakulär, das waren die Dinge, wenn sie zur Gewohnheit wurde. Ich stieg aus dem Wagen, drehte mich einmal um mich selbst und atmete tief ein. Die klare Nachtluft, der Sternenhimmel über mir, mein Wohnhaus und der Stall in der friedlichen Dunkelheit. Aber gerade tat es so unendlich gut, wieder in diese Gewohnheit zurückzukehren.
      "Ich habe eine Box für Pious vorbereitet", erklärte Antonique. In vorsichtigen Schritten lotsten wir den kleinen Kerl rückwärts vom Hänger und ich führte den Grauen in den Stall. Er folgte mir ruhig, für meinen Geschmack schon fast ein wenig zu unaufgeregt in der neuen Umgebung. Sanft strich ich ihm durch die wuschelige Mähne, lehnte mich nah an sein Ohr. "Du darfst ruhig Gefühle zeigen, weißt du?", flüsterte ich. "Du musst nicht den toughen Kerl mimen und alles in dich hineinfressen, Pie." Mit einer Ladung Heu ließ ich den Hengst alleine, denn obwohl ich Pious schon nach unserer kurzen gemeinsamen Zeit sehr ins Herz geschlossen hatte, gab es auch noch zwei andere Pferde in meinem Leben, und ich konnte es kaum erwarten, Garance und Ingénue zu begrüßen. Müde kuschelte ich die beiden Stuten ein wenig durch und ließ es mir nicht nehmen, auch Antonique nochmal in den Arm zu nehmen. "Es ist so schön, wieder zu Hause zu sein. Und ich bin dir so dankbar für deine Hilfe!", erklärte ich ihr, sicherlich zum tausendsten Mal an diesem Abend. "Das habe ich doch gerne gemacht. Aber lass uns jetzt schlafen gehen, ja?" Ohja. Nichts lieber als das.

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    • Stelli
      Pferdeklinik Birkenau
      - Check-up & Zahnbehandlung HMJ Pious -
      Mein letzter Auftrag für heute führte mich nach Frankreich zu Leticia Weidner und ihrem Hengst HMJ Pious. Ich machte mich auf den Weg, um pünktlich bei meinen Kunden anzukommen. Ich ereichte einen wunderschönen, schnuckeligen Hof, sehr idyllisch gelegen. Schön ist es hier! Ich stieg aus meinem Auto und sah eine junge Frau auf mich zukommen. Sie stellte sich als Leticia vor, meine Auftraggeberin. Wir begrüßten uns und quatschten kurz, bevor wir zu den Stallungen gingen. Hier hatten drei Pferde platz, in einer der Boxen stand mein Patient Pious. „Der hat aber eine tolle Farbe!“, staunte ich. „Leider ein gutes Stück zu dünn…“, fügte ich hinzu. Zuerst hörte ich ihn routinemäßig ab. Lunge wie das Herz hörten sich kräftig an. Hier war schonmal nichts festzustellen. Ich tastete ihn als nächstes überall an seinem Körper ab, um Verletzungen oder Ähnliches feststellen zu können. Seine Wirbelsäule und die Rippen, sowie die Hüfthöcker, waren schon recht deutlich tastbar. Dies kommt aber auch davon, dass er keine gute Muskulatur hat. Oben am Widerrist schien er etwas empfindlich zu reagieren, was ich mir genauer ansehen wollte. Dort war eine kahle Stelle, wo weiße Haare herauswachsen zu schienen. „Könnte ein alter Satteldruck sein…“, meinte ich zu Leticia. Er war dort etwas druckempfindlich. „Das würde ich nachher gern noch untersuchen“, fügte ich hinzu. Pious ließ alles brav über sich ergehen. Er stand neben uns, blickte aufmerksam in die Ferne aus der Stallgasse heraus. „Dann wollen wir dich mal in Bewegung sehen, kleiner Mann!“, sagte ich zu Pious. Leticia führte den Islandhengst aus dem Stall draußen auf den Hof. Ich bat sie, im Schritt einmal auf und ab zu laufen. Anschießend im Trab. Und zu guter letzt auf dem Zirkel rechts und linksherum. „Er läuft auf den Vorderbeinen etwas klamm. Ich würde ihn gerne beugen, um dies weiter zu untersuchen“, sagte ich zu der Besitzerin. Sie schien etwas geschockt, wartete aber geduldig, während ich beugte und ihr das Go zum lostraben gab. Alle Beugeproben waren negativ auf beiden Beinen. „Ich denke, dann kommt der klamme Gang sicherlich von den kurzen Hufen vorne. Ich würde mir ihn gerne nochmal auf weichem Boden ansehen.“ Leticia führte mich zu einem kleinen provisorischem Reitplatz. Dort trabte sie ihn mir nochmal vor, wo Pious deutlich besser lief. „Gut. Ich denke das kommt von den Hufen. Er sollte erstmal nur auf weichem Boden bewegt werden, damit sich die Hufe nicht weiter abnutzen und er keine Huflederhautentzündung bekommt. Er autscht ja doch ganz schön vorne. Solang er klamm geht, auch nur etwas im Schritt bewegen für die nächsten zehn bis vierzehn Tage.“. Leticia nickte und schien erleichtert. Als nächstes sah ich mir sein leichtes Ekzem an der Mähne an. Ich untersuchte die arg schuppige Haut auf Parasiten, konnte aber glücklicherweise keine entdecken. „Das kommt sicher durch einen ernährungsbedingten Mangel, das sehen wir dann aber im Blutbild.“ „Gibt es denn einen Grund, wieso er einfach nicht zunehmen will?“, fragte Leticia mich. „Durchaus. Deswegen kontrollieren wir gleich die Zähne. Ich denke aber, er hat mit Sicherheit Magenprobleme, da er so wenig zu fressen hatte. Ich würde davor doch noch gern ein Röntgenbild von seinem Wiederrist machen, damit wir nichts übersehen.“. Gesagt – getan. Ich baute mein mobiles Röntgengerät auf und konnte wenig später eine Aufnahme von Pious‘ Wiederrist machen. Man sah, dass die hinteren Dornfortsätze des Wiederrists wie ein wenig ‚angefressen‘ aussahen. „Das kommt von einer alten Entzündung, also wahrscheinlich vom Satteldruck. Die Entzündung hat die Dornfortsätze etwas angegriffen, was soweit aber nicht tragisch ist. Ich würde ihm einen Entzündungshemmer an die Stelle spritzen und ihm zwei Wochen Ruhe geben. Dann passt das auch mit seinen kurzen Hufen. Das machen wir grade mit der Zahnbehandlung, wir nutzen die Sedation.“. Leticia nickte. Sie brachte Pious zurück in seine Box, während ich alles vorbereitete. Ich spritzte Pious die Sedation, während ich mein Zahnbehandlungsequipment aufbaute. Als der Isihengst tief und fest eingeschlafen war, spülte ich sein Maul mit einer Desinfektionslösung, legte das Maulgatter an und öffnete es, um mir einen Überblick zu beschaffen. Pious hatte sicher in den letzten Jahren keine Zahnbehandlung bekommen. Ich bekam etliche Haken und scharfe Kanten zu Gesicht, wo er sich schon die Mundschleimhaut verletzt hatte. Deutlicher Handlungsbedarf! Ich ließ Leticia die Kanten fühlen und zeigte ihr mit meinem kleinen Zahnspiegel die offenen Stellen. Dann machte ich mich ans Werk und entfernte alle Haken und Kanten des Hengstes. „Die Schleimhaut wird schnell von alleine heilen. Das ist das gute an Schleimhaut!“, lächelte ich. Nach der Behandlung spülte ich Pious‘ Maulhöhle noch einmal aus. Ich nutzte die immernoch anhaltende Sedation, um Pious‘ Wiederrist zu behandeln. Ich holte am Auto mit Desinfektionsmittel getränkte Tupfer und die Spritzen. Pious kam von dem Ganzen nichts mit. Ich spritzte im den Wiederrist herum Kortison und Schmerzmitel, was seine Beschwerden bald abklingen lassen sollten. „Ein hundertprozentig passender Sattel ist in Zukunft unerlässlich.“, meinte ich zu Leticia. Zu guter Letzt stand noch die Blutabnahme und das Impfen an. Ich sah mir den Pass an und konnte nur wenige Impfungen feststellen. „Das volle Programm…“, sagte ich zu mir selbst. Doch zuerst die Blutabnahme. Ich desinfizierte die Halsvene von dem Isländer und mit einem gezielten Einstich konnte ich das Blut in meine Röhrchen sammeln. Nach gründlichen Invertierten brachte ich die beschrifteten Blutröhrchen zurück ins Auto und brachte von dort Tetanus, Influenza und Herpes-Impfstoff mit. Tetanus und Influenza in einer Kombiimpfung, die Herpesvakzine als Einzeldosis. Ich injizierte die Impfstoffe in beide Brustbereiche des Hengstes, der während der Sedation nicht viel mitbekam. „So, der kleine Mann hat es geschafft. Ich melde mich, sobald ich die Ergebnisse vorliegen habe. Wegen der Sedation sollte er die nächsten zwei Stunden noch nichts fressen oder trinken. Für die Scheuerstellen an der Mähne lasse ich dir eine Lotion da, mit der du den Mähnenkamm ein Mal täglich einreiben solltest.“. Ich verabschiedete mich von Auftraggeberin und Patient und machte mich auf den Weg. Wenige Tage hatte ich die Ergebnisse des Hengstes vorliegen. Pious litt unter einem enormen Zinkmangel, weshalb er sich sicherlich die Mähne so scheuert. Außerdem sind seine Entzündungswerte, Leberwerte und die Leukozyten nicht in Ordnung. Einen deutlichen Eisenmangel und Vitamin B-Mangel hat er leider auch. Zusammenfassend konnte ich sagen, Pious leidete mit Sicherheit unter Magengeschwüren durch frühere Umstände und wenig Nahrung, was seine Leber auch etwas in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ich teilte dies Leticia mit und notierte alles andere nochmals in meinem Rechnungsschreiben.
    • Leaenna
      Nachsorge

      Seit wir in Frankreich angekommen waren, war es mit HMJ Pious nur sehr langsam vorangegangen. Zu einem großen Teil lag das sicherlich daran, dass der kleine Hengst zwei Wochen fast vollkommene Ruhe von der Tierärztin verschrieben bekommen hatte. Die Diagnose hatte mich doch ziemlich mitgenommen, denn Pious war körperlich in einem schlechteren Zustand, als es nach Außen hin den Anschein hatte. Vor allem die Magengeschwüre und der beginnende Leberschaden hatten in mir alle Alarmglocken schrillen lassen und mir einige vor Sorge schlaflose Nächte beschert. In meiner Sattelkammer war daraufhin ein riesiges Arsenal an Präparaten und Vitaminen angewachsen, das meine bisherige Notfall Stallapotheke um einiges überragte.
      Pious' Mähne rieb ich täglich mit einer speziellen Lotion ein, um das Ekzem zu bekämpfen, wobei auch ein Zinkpräparat mithelfen sollte. Dieses, sowie eine Leberkur, Eisen und das Vitamin B12 verteilte ich täglich auf dem Futter meines Kükens. Zumindest war das der Plan gewesen, der mir allerdings fast eine Woche lang zunichte gemacht wurde. Der Isländer neigte dazu, bei Stress das Fressen zu verweigern, das hatte ich schon gemerkt, und so ein Umzug war nun einmal Stress pur. Und so musste ich die ersten Tage in Frankreich verzweifelt zusehen, wie das Hengstchen nur lustlos an seinen Rationen schnupperte, um sich dann wieder lethargisch in eine Ecke zu stellen. Die Verzweiflung brodelte von Tag zu Tag heftiger in mir und ich hatte mir bereits die Nummer der Tierärztin erneut herausgesucht, um mir ihre Hilfe zu holen. Da konnte ich beobachten, wie Pious endlich an etwas Heu zu mümmeln begann und mir fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen.
      Jetzt konnte endlich auch die Behandlung seiner Magengeschwüre beginnen, anstatt, dass er sie mit jedem tag noch schlimmer machte. Indem ich meinen Tagesplan ganz nach dem Hengst ausrichtete, Pious jeden Morgen noch vor der ersten Fütterung einen halben Injektor Gastrogard verabreichte und ihm pünktlich eine halbe Stunde später 10 Beutel Sucrabest in Wasser gelöst in sein Maul spritzte, hoffte ich, endlich aus diesem Teufelskreis der Magenprobleme ausbrechen zu können.
      Was das Training anging, so war ich angewiesen worden, Pious einige Zeit nur Schritt auf weichem Boden gehen zu lassen, denn er war im Widerrist gegen eine Entzündung behandelt worden. So hatten wir viele ruhige Spaziergänge durch das wunderschöne Umland hier in Norden Frankreichs unternommen. Ich nutzte die Zeit um viel mit Pious zu sprechen, ihm von meinem Leben hier zu erzählen, auch, wenn selten eine Antwort kam. Er sollte sich einfach an die Umgebung und an mich gewöhnen und sich hoffentlich bald in diesem schönen Land und auf meinem kleinen Hof heimisch fühlen. Wenn wir auf saftige Wiesen trafen, bot ich HMJ Pious stets an, grasen zu dürfen, und freute mich über jeden Grashalm, den das Küken im Hungerstreik zu sich nahm.
      Interessant war die Diagnose aber schon: So massiver Satteldruck an einem so jungen Pferd? Pious musste in der Ausbildung schon weiter gewesen sein, als ich vermutet hatte. Womöglich war man völlig übereilt vorgegangen und hatte dann von Anfang an völlig unpassendes Zubehör verwendet. Sowas konnte einem Pferd das Reiten schnell madig machen. Sobald Pious wieder richtig fit war, würde ich austesten, wie es wirklich um seinen Kenntnisstand stand.

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  • Album:
    Wettbewerbspferde - Horse Makeover 2020
    Hochgeladen von:
    Leaenna
    Datum:
    20 Apr. 2020
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    EXIF Data

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    Height:
    640px
     

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  • HMJ Pious
    Isländer
    Hengst
    *2016
    1,46m
    Silver Grey Tobiano

    Pious ist ein ausgeglichenes Verlasspferd, welches durch dick und dünn mit dir geht. Er geht alles sehr ruhig an und ist niemals nachtragend, oder verletzend. Zu hektischen Menschen geht er lieber aus dem Weg und wenn das mal nicht möglich ist, dann lässt er alles anstandslos über sich ergehen. Diese Charaktereigenschaft war in der Vergangenheit bei ihm allerdings weniger förderlich, da er anscheinend von Kindern sehr vereinnahmt wurden ist, die nicht den richtigen Umgang mit ihm hatten. So ist er sehr zurückhaltend und abwartend gegenüber Kindern und fühlt sich bei ruhigen Erwachsenen definitiv wohler. Fühlt er sich gestresst, dann isst er sehr wenig und nimmt schnell ab. Vermutlich ist Stress auch der Grund für seine Abmagerung. Aus diesen Gründen wurde er vom Tierschutz beschlagnahmt.

    Körperlicher Zustand:
    Ernährungszustand: ein wenig zu dünn
    Erscheinungsbild: wenig bemuskelt
    Hufzustand: zu kurz, weich, bröckelig
    Hautzustand: hat ein leichtes Ekzem in der Mähne