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Mohikanerin

// Glymur

Hengst | Gekört | (c) Elii

// Glymur
Mohikanerin, 6 März 2020
    • Mohikanerin
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      kapitel fyra | 21. Oktober 2021

      St. Pauli’s Amnesia / Forbidden Fruit LDS / Glymur / Erlkönig / HMJ Divine

      Vriska
      Drei Uhr. Morgens. Wildes Gepolter ließ mich aus dem Bett hochschrecken. Das konnte nicht wahr sein! Harlen räumte seine Sachen aus dem großen Koffer, mit dem er anreiste.
      “Oh gut, du bist wach. Sag mal, was zieht man zu so einem Pferdedingsi an. Das oder das?”, vollkommen euphorisch hielt er zwei Kleidungsstücke in meine Richtung.
      “Eher das links”, murmelte ich und zeigte auf den dunkelblauen Blazer. Zustimmend nickte Harlen und legte das Oberteil über die Lehne des Stuhls. Dann griff er nach zwei Hosen, bei denen auch er wieder meine wenig professionelle Hilfe benötigte.
      “Warum fragst du mich das jetzt ausgerechnet? Wolltest du nicht noch die Haare gemacht haben?”, stöhnte ich und packte meine Haare in einen Zopf. Überall hingen die Strähnen heraus. Den Morgen vor einem Turnier stellte ich mir immer romantischer vor. Natürlich war es nicht mein Erstes, aber heute fühlte es sich anderes an. Linas netten Worte hallten noch leise in einem Teil meines Kopfes und auch die Bilder von der Show auf dem Whitehorse Creek hatten sich eingebrannt. Wir hatten tatsächlich Bilder davon bekommen, auch wenn ich auf jedem ein ziemlich unpassendes Gesicht machte, war ich dankbar für diese Möglichkeit. Glymur sah toll aus.
      “Kommst du jetzt, oder willst du dir das Dingsi nur auf dem Handy anschauen?”, neckte mich mein Bruder und zog die Decke herunter. Wo hatte er diese Euphorie her? Erst heult er wie ein Schlosshund, um jetzt wie auf Kokain durch das kleine aber feine Eigenheim zu rennen.
      “Harlen, das nennt man Turnier. Du könntest deiner ausgelaugten Schwester einen schwarzen Kaffee zubereiten”, schlug ich stattdessen vor. Die Decke versuchte zurückzuerobern, was missglückte. Lachend zog er die letzten Millimeter weg. Ein kalter Luftzug strich mir um die Zehen. Das Zeichen nun das warme kuschlige Bett zu verlassen und mich anzuziehen. Fürs Erste reichte eine der Jogginghosen, dem dunklen Kapuzenpullover und irgendein Shirt.
      “Und was Ordentliches hast du nicht parat?”, musterte Harlen meine Outfitwahl und drückte mir meinen Kaffee in die Hand. Ein leicht verbrannter Geruch stieg mir in die Nase, auch eine Nuance von Holz kitzelte meine Duftstoffrezeptoren. Genussvoll schlürfte ich einen Schluck des Heißgetränks. Vor dem Spiegel bewunderte ich mein gewagtes Outfit. Lächelnd entschied ich mich dagegen, etwas anderes überzuziehen.
      “Haben ja, wollen nein. Also komm, wir haben nicht ewig Zeit”, triezte ich ihn und verschwand im Badezimmer, um das Wasserstoffperoxid mit dem violetten Blondier Pulver zu vermischen. Darauf entstand eine elastische blaue Masse, die glücklich auf seinem Haar verteilt werden wollte.
      “Und das wird wirklich nicht gelb?”, erkundigte sich Harlen noch mal.
      “Hatte ich je gelbe Haare?”, verdrehte ich die Augen und trug das Zeug weiter auf. Als sich alles gut verteilte, legte ich eine Folie auf und trank den Kaffee aus.
      “Du machst dir das selbst?”, wunderte sich mein Bruder und musterte er die dicken weißen Haare, die teilweise aus dem Zopf quirlten.
      “Selbst ist die Frau, weißt du”, erklärte ich. Das konnte nun zweideutig betrachtet werden, was Harlen nicht raffte. Sein Hirn war sehr kindlich, beinah naiv. In den Menschen sah er immer das Positive, fühlte, was sie wollten und bot sich dem an.
      “Also in 10 Minuten musst du es ordentlich auswaschen und dann Shampoo. Mich ruft nun ein Pferd im Stall. Wir sehen uns am Auto?”, betonte ich die Wichtigkeit pünktlich vom Hof zu kommen. Mit weichen Knien setzte ich den ersten Schritt vor die Tür. Auf dem menschenleeren Hof herrschte eine unheimliche Stille. An Linas großen Fenstern schimmerte gedämpftes Licht nach draußen und auf dem Vorhängen zeichneten sich verschwommene Silhouetten ab. Sie huschten von links nach rechts. Offensichtlich hatten nicht nur Harlen und ich am frühen Morgen einiges zu tun. Aus dem Stall drang schmetternder Hufschlag auf dem Stein in die Stille. Schnellen Schrittes folgte ich den Geräuschen und entdeckte Tyrell, der verzweifelt versuchte, Fruity Transportgamaschen anzulegen.
      “Je hektischer du an sie herantrittst, umso weniger wird das zum gewünschten Erfolg führen”, schlug ich verwundert vor und griff nach eine der Gamaschen. Schon bei dem bloßen Anblick schlug sie hektisch den Kopf nach oben und der Schweif peitschte gegen die Holzwände der Putzbox.
      “Ach, gehst du jetzt unter die Pferdeflüsterer oder was ist los mit dir?”, fauchte Tyrell.
      “Willst du nicht lieber ins Bett gehen und wir fahren allein?”, deutete ich vorsichtig an. Kleine Blitze flogen in meine Richtung und für einen Moment gewann die Stille wieder ihre Oberhand.
      “Tatsächlich wollte ich darüber noch mit dir sprechen. Ich habe mehrere Termine reinbekommen und Ralle soll Beritt bekommen”, änderte sich sogleich seine Stimmung, unterstützt von einem Gähnen. Zustimmend nickte ich, bekam die Schlüssel in die Hand und dann verschwand er geradewegs aus dem Stall.
      “Jetzt müssen wir wohl allein klarkommen. Was hältst du davon, dass ich dir die hohen Gamaschen befestige anstelle dieser Dinger?”, unterhielt ich mich mit Fruity und zeigte auf die Transportgamaschen. Als verstände sie mich, wippte sie mit dem Kopf. Kurzerhand huschte ich in die Sattelkammer mit einem schnellen Blick auf die Uhr, noch blieb etwas Zeit übrig. Bereits in der zweiten Metallkiste fand ich alle vier Teile des Beinschutzes. Deutlich zufriedener betrachtete sie die hohen Gamaschen und stand geduldig, bis ich fertig war.
      “Ich schaue dann mal noch, ob die anderen so weit sind und ob das Gepäck vollständig ist. Warte hier”, beruhigte ich Fruity noch einmal und trat schnellen Schritts zum Hänger. Auf dem Weg schaltete ich die Außenbeleuchtung an und öffnete erst die Klappe und dann die Seitentür. Der Sattel hing auf seiner Stange, zusammen mit der Trense und auch der Putzkasten fand seinen Platz. Darin befanden sich ebenfalls Gamaschen zum Warmreiten, also waren wir fertig. Im Augenwinkel vernahm ich, dass das Licht erlosch in Linas Fenstern und dumpfe Schritte auf dem Holz lauter wurden. Juliett schleppte sich viel mehr zur Treppe, so früh aufstehen, war sie offenbar nicht gewohnt. Aus dem Stall hörte ich wieder Getrappel. Fruity wurde ungeduldiger und auch mir wurde unwohl im Bauch. Es drückte unangenehm auf Magenhöhe und beim Schlucken brannte es. Vier Stunden Autofahren bei maximal fünf Stunden Schlaf befürwortete keine angenehme Reise.
      „Fruity, ich muss noch schnell was machen, dann gehen wir los, Okay?“, erklärte ich dem Pferd, dass ohnehin kein Wort verstand. Die Stille kam wieder und ich lausche den gedämpften Geräuschen, die in den Stall schwebten. Schweden schlief noch, aber ich fuhr mit vier Leute nach Stockholm, auf ein Turnier, das ich gar nicht reiten wollte. Eine Turnierteilnahme, die Tyrell in die Wege geleitet hatte, um eins seiner besten Pferde zu präsentieren, ohne dabei zu sein. Das bedeutete, dass Lina mir auf dem Abreiteplatz letzte Ratschläge geben müsste. Vor Kummer atmete ich aus und zog mein Handy aus der tiefen Hosentasche. Eilig tippte ich eine sinnlose Nachricht an Erik, die er ohnehin nicht beantworten würde. Mittlerweile wurde unser Chatverlauf so etwas wie mein persönliches Tagebuch, auf das niemand ein Blick warf.
      “Abfahrbereit?”, fragte ich aufmunternd. Ein leises Raunen ging durch die Menge und jeder nahm Platz im Fahrzeug.

      Unbeschadet kamen wir auf dem riesigen Gelände in Stockholm an. Viele bunte Hänger, Autos und Transporter standen geordnet auf der feuchten Wiese. Diverse Reifenspuren übersäten das saftige Grün mit dunkeln Einkerbungen im Mutterboden. Langsam suchten wir einen Platz und Harlen wies mich an einer geeigneten Stelle ein.
      „Stooooooop“, rief es von draußen. Schnell drückte ich in die Eisen und abrupt kam das Gespann zum Stehen. Seltene Töne erhellten meine Ohren – Harlen fluchte. Irgendjemand drängelte sich unhöflich zwischen ihm und dem Fahrzeug auf dem Rücken eines dazwischen. Um Haaresbreite verfehlte ich das Paar, dass mich auf Schwedisch beleidigte. Welch eine Gastfreundlichkeit. Als der Hänger schließlich richtig stand, bauten wir den Paddock auf, entfernen die Zwischenwand aus dem Hänger und Harlen errichtete das Zelt einige Meter entfernt. Juliett schlief derweil auf der Rückbank und bekam von dem ganzen Stress nichts mit. Zu guter Letzt koppelte ich noch das Zugfahrzeug ab und stellte es schützend auf die andere Seite des Zeltes. Wir richteten uns ein. Es gab zwei separate Kabinen, in denen jeweils Platz für fünf Personen war. Das Zelt wirkte beinah wie ein Luxushotel, wenn man die Augen schloss. Nun holten wir auch Juliett aus dem Auto, die vollkommen zerknittern sich aufrichtete und auf eine der Luftmatratzen weiterschlief. Ich für meinen Teil machte mich auf den Weg zum Getränkewagen, um mir einen Kaffee zu holen, der wohl auf einem Turnier wie diesem nicht viel besser schmecken würden, als bei unseren Isländern.
      “Hej, hade du en kort natt också? (Na, hattest du auch eine kurze Nacht?)”, lachte der ältere pummelige Mann mit Bart im Getränkewagen, als er mir eine dünne dunkle Flüssigkeit reichte, die ich ihm mit 30 Kronen entlohnte – Stolzer Preis, für Filterkaffee! Nach dem ersten Schluck wurde mir klar, dass er nicht so schlecht wie erwartet schmeckte, aber dennoch nicht ein Vergleich zu meiner Kaffeemaschine war. Ich lächelte ihm freundlich zu und drehte um. Fruity graste friedlich. In zwei Stunden mussten wir anfangen.
      Für einen Augenblick schloss ich die Augen und wachte im nächsten Moment durch warme Hände auf, die schützend auf meinen Knien lagen. Harlen hockte breit grinsend vor mir. Die Sonne blendete mich und hastig hielt ich meine Hände vor meine Augen.
      “Schätzchen, ich würde dich nicht wecken, wenn du langsam mal dein Pferd fertig machen solltest”, verteidigte er seinen Überfall und half mir aus dem wirklich unbequemen Campingstuhl nach oben.
      “Mh, okay. Wenn das so ist, ziehe ich mich mal um”, gab ich nach verkroch mich ins Zelt. Dort wechselte ich zur weißen Hose und dem dunkelgrünen Jackett, auf dem unser Logo am Rücken aufgestickt wurde. Auf Herzhöhe stand mein Name. Jeder hatte eine Ausstattung bekommen und Tyrell gab ein Haufen an Geld dafür aus, um jedem Mitarbeiter eine ordentliche Bekleidung zu übergeben. Es machte etwas her, doch welche Notwendigkeit es gab, konnte ich mir bis heute nicht ganz erklären.
      Angespannt sah ich mich um. Verschiedene Reiterpaare tummelten sich auf dem Platz. Es lockte auch viele Zuschauer an, denn heute standen diverse Disziplinen auf der Liste, jedoch sah ich bis auf mich niemand, der gar einen barocken Eindruck machte. Zumindest bekam ich diese Informationen. Miss billig betrachteten
      “Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Tyrell mich eine normale Dressur reiten lässt und nichts Akademisches”, sagte ich zu Lina, die ich im Schritt umkreiste.
      “Da hast du leider recht. Ich habe auf der Starterliste gesehen, dass du eine A* Kür vorstellst mit Fruity”, gab die zu. Unglaublich. Er hatte mich angelogen, um mich hier herzubekommen, aber mit welchem Ziel? Wohl kaum, dass das Pferd sich präsentierte, denn sie beherrschte höhere Lektionen.
      „Anstatt dir weiter darüber den Kopf zu verbrechen, solltest du mit Fruity mehr Warmreiten und sie mehr nach vorn bekommen”, half mir Lina, wieder in die Realität zurückzukehren. Am lockeren Zügel trabte ich die Stute an und bleib zunächst auf Zirkel. Etwas mehr versammelt begann ich mit Seitengängen auf der ganzen Bahn und Diagonalen. Nach einer Schrittpause nahm ich die Zügel wieder mehr auf. Fruity hatte einen guten Tag, wie immer eigentlich, sofern keine Transportgamaschen in der Nähe waren. Als ich zum Galopp ansetzte mit einem geplanten einfachen Wechsel, stellte sich ein Reiter auf dem Rücken eines Schecken in unseren Weg. Noch rechtzeitig bremste ich ab und galoppierte auf einer gebogenen Linie um ihn. Hatte ich das gerade richtig gesehen? Prüfend ritt ich einen Übergang in den Schritt, als sich dieser Reiter direkt zu mir gesellte und sich auf meiner Rechten anreihte. Das Pferd kaute zufrieden und streckte sich. Freundlich stupste Fruity sie an, aber wurde mit Nichtachtung gestraft.
      „Weißt du, was mich gewundert hat?“, fragte er und sah mich dabei mit einem verschmitzten Lächeln an.
      “Das ich keine Zöpfe bei einer Stehmähne binden kann?”, blickte ich verwundert zu ihm. Wenn ich ihm in die Augen sehen würde, könnte ich mich darin verlieren und das wollte ich auf jeden Fall verhindern!
      „Warte was? Nein! Eigentlich meinte ich, dass ich dich noch immer um den Verstand bringe“, flüsterte Niklas verspritzt. Woher wusste er das? Hatte Erik ihm das gesagt, oder wie sollte ich das verstehen? Ich sah mich um und bemerkte die Blicke der anderen auf dem Platz. Auch am Zaun tuschelten sie über uns. Lina hatte sich bereits aus dem Sand entfernt, denn es wurden immer mehr Reiter, die teilweise sehr grob ihre Pferde vorantrieben.
      „Warum zur Hölle weißt du das?“, zischte ich leise. Niklas lachte.
      „Wenn du mir sagst, was du meinst, dann beantworte ich dir die Frage“, provozierte er munter weiter, ungeachtet der anderen. Misstrauisch beäugte uns Lina, aber schwieg. Sie wirkte nicht verwundert, dass wir ihn hier trafen. Allerdings hoffte ich bis zum Warmreiten, dass es kein klischeebehaftetes Dressurturnier sein wurde, sondern ein schön kleines mit akademischer Ausrichtung.
      „Boah, wenn du dann Ruhe gibst! Ich stehe irgendwie noch auf dich. Okay? Immer wenn ich dich sehe, wird mir anderes. Irgendwie warm ums Herz und ich vermisse, was wir hatten. Also das körperliche meine ich, denn Rest nicht“, antwortete ich genervt. Was redete ich? Erstaunlich gut fühlte ich mich, wo er es nun auch wusste. Das, was mir bei Lina noch verletzte und schwer im Magen lag, erleichterte sich. Allerdings wünschte ich mir, nicht zwischen tausend Menschen ihm davon zu erzählen, sondern irgendwann bei einem wärmenden Feuer, mit viel Glögg in Eriks Armen und lachend, als eine Art ‘weißt du noch damals’. Stattdessen kochte ich in meinem lockeren zweifarbigen Hemd auf dem Pferd. Die Sonne meinte es gut mit dem Wetter, bei wolkenlosem Himmel und Temperaturen über zwanzig Grad.
      „Ich fühle mich geschmeichelt und wenn es nach mir ginge, könnte man es auch wiederholen“, schmunzelte Niklas. Das seltsame Kribbeln kam wieder. Fiel es ihm jetzt schon schwer, niemandem schöne Augen zu machen oder lag das Problem viel mehr bei mir?
      „Aha“, versuchte ich gelangweilt und desinteressiert zu wirken, obwohl ich am liebsten vom Pferd springen wollte, ihm das wunderschöne Jackett vom Leib reißen und was weiß nur Gott zu tun. Angeekelt von dem Gedanken knurrte mein Magen.
      „Jetzt bist du mir eine Antwort schuldig“, fügte ich hinzu und trieb die Stute energischer, um bei Amy Schritt halten zu können.
      „Da reden wir später drüber, schließlich sollst du für die Prüfung gut gelaunt sein. Denk einfach weiter an mich.“ Wie selbstverliebt wollte er eigentlich noch sein? Als müsse ich nur an ihn denken und plötzlich wurde alles rosarot. Dafür schmerzte es zu sehr, dass Niklas mit Lina zusammen war. Ich brauchte jemanden, der normal war.
      “Wo ist Chris?”, fragte ich schlagartig Niklas, der noch immer im Schritt seine Runden drehte.
      “Der müsste noch am Transporter sein, solltest du nicht übersehen”, antwortete er nach einer kleinen Denkpause. Ich bedankte mich noch und trabte zum Ausgang. Harlen stellte sich mir in den Weg.
      “Wo willst du hin? Du bist gleich an der Reihe”, sagte er verärgert und stellte seine Arme übermotiviert in die Hüfte. Durch glückliche Fügung musste ich mein Anliegen nicht formulieren, denn er lief geradewegs auf mich zu. Hektisch winkte ich und er kaum zu mir. Harlen machte den Weg frei, sah aber noch immer nicht begeistert aus.
      „Was machst du denn hier?“, fragte Chris überrascht und strich Fruity über den kräftigen Hals.
      „Reiten, obviously. Ich muss dich etwas fragen, aber nicht hier“, sagte ich. Er stimmte zu und wir ging zum Platz, auf dem ich gleich einreiten würde. Hier saßen noch mehr Leute, die gespannt auf die aktuelle Teilnehmerin blickten. Unter sich hatte sie einen übermotivierten Hengst, der seinen Teil gut machte, sie jedoch sehr unbeholfen wirken ließ.
      „Aber bevor du was sagst, zieh dich bitte ordentlich an“, musterte Chris mich und reichte mir sein viel zu großes Frack. Ich beäugte es kritisch, aber tauschte es schließlich gegen das Dunkelgrüne. Nun trug ich ein Kleid. War ich damit nicht etwas overdressed in einer A Dressur?
      “Ich reite doch gerade nicht im Team, warum soll ich das tragen?”, informierte ich mich.
      “Es ist auch unser Vereinsoberteil, wenn du genauer hinschaust und schließlich bist du auch in Kalmar. Also musst du das tragen. Aber jetzt sag schon, was ist los?“, grinste er.
      „Wenn ich das wüsste“, murmelte ich verschlossen und konnte nicht so richtig in Worte fassen, was mir gerade durch den Kopf ging.
      „Geht es darum, was du über unserem Prinzesschen geschrieben hast?“, lachte Chris. Natürlich wusste er es. Wenn hatte Erik das wohl noch alles gezeigt? Ju vielleicht? Wo war der eigentlich? Nach einigen hektischen Bewegungen auf dem Pferd, entdeckte ich ihn nicht, nur seine Stute, auf der Niklas noch immer Ritt. Wieder lief es mir kalt den Rücken herunter. Das Publikum klatschte verstohlen, gefallen fanden sie an dem Ritt nicht. Hoffentlich würde ich ihnen sympathisch sein.
      „Junger Mann, sie müssen jetzt leider Vriska verlassen“, kam Harlen freundlich dazu und nahm ihm mein Jackett hat. Ich würde als Nächstes vor dem Publikum reiten. Die Anspannung wurde immer größer, schließlich saß ich vor sechs Tagen das erste Mal auf diesem Pferd und bestritt nun eine Kür, wenn auch nur eine Anfängerkür aus dem barocken Bereich. Von Lina bekam ich noch einige nette Worte auf den Weg und ritt im Trab ein.
      „Ett okänt ansikte träder nu in på arenan. Vriska Isaac på Forbidden Fruit LDS, ett sexårigt barockridningssto, för Ridklubben Kalmar. Lycka till! (Ein unbekanntes Gesicht betritt nun Platz. Vriska Isaac auf Forbidden Fruit LDS, eine sechsjährige Barockhäst Stute, für den Ridklubben Kalmar. Viel Erfolg)“, ertönte es aus den Lautsprecherboxen.

      Niklas
      Mit einem mulmigen Bauchgefühl betrachtete ich wie Vriska mit der hübschen Stute einritt, während die vorherige Reiterin hastig vom Pferd sprang eine Standpauke der Familie kassierte. Eine andere junge Dame riss ihr förmlich die Zügel aus der Hand und führte das nervöse Tier von der Menschenmasse weg. Die Sitze der Arena waren gut gefühlt und selbst ich verspürte eine kleine Aufregung. Es war die erste L-Dressur für Amy. Ju meldete sich seit Kanada nur noch spärlich und auf dem Hof bekam niemand ihn zu Gesicht. Umso erstaunlicher war ich, als die Nachricht kam, ob ich Zeit hätte, Amy vorzustellen. Als sein eigentlich bester Freund unterstütze ich ihn dabei, obwohl ich mir unsicher war, was seine Abwesenheit hervorrief. Die gewählte Musik von Vriska passte zu ihrem Auftritt. Südliche Klänge schallten über den Platz und alle Blicke waren auf das Pferd-Reiter-Paar gerichtet. Dabei bemerkte ich auch Lina.
      „Mamma! Du har klarat det (Mama, du hast es geschafft)“, freute ich als meine Mutter auf ihren hohen Schuhen durch den Sand stampfte und ihre Hand auf meinem Oberschenkel ablegte. Erst nach einem herzlichen Kuss erzählte sie von der schrecklichen Fahrt zum Gelände und wie sehr Vater die Idee hasste, dass sie herkam. Widerlicher Kerl!
      „Jag är ledsen att du inte kan delta med din nya ponny (Es tut mir leid, dass du nicht mit deinem neuen Pony teilnehmen kannst)“, sagte sie sanft und strich Amy über den Hals. Zusammen gesellten wir uns zu den anderen, wenn auch mit Abstand. Der heutige Tag war eine einzige Belastung. In meinem Kopf klang vor gut zwei Wochen unsere Abmachung noch nach einer vielversprechenden Idee, aber nach dem ich alles las, was Vriska belastete und sie für den Bastard empfand, konnte ich das nicht mehr. Mein Rücken schmerzte. Der Kopf fühlte sich an, als hätte ein Schwarm Wespen in ihm ein neues Zuhause gefunden und alle drei Sekunden flog eine Drohne gegen meine innere Schädelwand. Ich wich den Blicken aller aus. Ich hätte das nicht tun sollen. Denn Stress programmierte sich bei einem solchen Vertrauensbruch vor. Und dann war doch noch Lina, der ich auch nicht vor den Augen treten vermag. Wir sahen einander kaum, was verschiedene Gründe hatte.
      „Vad är det som händer med dig, Niki? (Was ist los mit dir, Niki?)“, bemerkte Mama meine Abwesenheit.
      „Äh … Jag är ett rövhål (Ähm … ich bin ein Arschloch)”, murmelte ich ihr zu.
      “Åh, älskling. Det får du från din far (Ach Liebling, das hast du von deinem Vater)”, lachte sie aufmunternd.
      “Men pappa älskar dig, eller hur? (Aber Papa liebt dich doch?)”, fragte ich irritiert. Ihr Lachen verstummte.
      “Niki, du är inte fyra år. Vid det här laget borde du veta att det är svårt med din pappa, men vi står alltid bakom varandra när något är fel (Niki, du bist keine vier Jahre mehr alt und solltest selbst wissen, dass mit deinem Vater schwierig ist. Aber wenn was ist, sind wir füreinander da)”, sprach sie ruhig weiter und legte die Hand wieder auf mein Bein. Mama war eine liebevolle Frau, wenn auch mit alten Idealen. Sie lernten sich damals in der Schule kennen mit sechzehn oder siebzehn Jahren. Keinen Tag getrennt, auch wenn Mama kurz davor war Vater zu verlassen, als sie von Eriks Existenz erfuhr. So ergab es im Nachhinein Sinn, durch seine seltsame Masche hielt er sie zu Hause, obwohl ich mir nichts anderes wünschte, als mit ihr ein schönes Haus zu suchen und aus den Familiengeschäften fernzubleiben.
      “Älskling? Var är din flickvän? (Schätzchen? Wo ist deine Freundin?)”, wechselte Mama schnell das Thema, nach dem durch meinen naiven Gedanken keine Antwort folgte. Mit meinem Kopf nickte in Linas Richtung, die immer wieder ein Blick zu uns warf, aber Vriskas Kür folgte. Wie viel sie von unserem Gespräch auf dem Abreiteplatz mitbekam, wusste ich auch nicht, aber wollte ich auch nicht. Ich hatte meine Triebe nicht im Griff in Vriskas Anwesenheit. Ihre Aura zog mich an, wie Motten vom Licht. Eine Motte, die genau wusste, dass sie sich verbrennen würde und elendige Schmerzen an dem heißen Leuchtstoffmittel erleidet. Sie vergaß es, nur um sich dem Verlangen hinzugeben. So verbrannte auch ich mich jedes Mal aufs Neue, um den Kick zu spüren und am Ende das Häufchen Elend zu sein, dass Mama aufmunterte.
      Ich schwang mich vom Rücken der Stute und lockerte den Sperrriemen des Gebisses um weitere Löcher. Mama nahm mir die Zügel aus der Hand und führte Amy. Sie lächelte. Zu Hause lächelte sie selten, versteckte sich hinter eine Maske aus Gleichgültigkeit und Achtung vor Vater. Beim Essen wird geschwiegen. Der Idiot geisterte immer in meinem Kopf herum, sobald ich Mama sah, vor allem wenn sie mit mir Zeit verbrachte und so viel anderes war, als er. Wenn sie einander nicht mehr liebten, wieso verließ sie ihn nicht? Jeder würde eine tolle Frau sie haben wollen, da war ich mir sicher!
      “Lina, det här är min mamma (Lina, das ist meine Mama)”, tippte ich meinen Zwerg mit einem Grinsen auf dem Gesicht auf der Schulter an.
      “Trevligt att träffa dig. Jag heter Onta (Schön dich kennenzulernen. Ich heiße Onta)”, stellte sich Mama höflich vor und sah herunter zu ihr.
      “Die Freude ist ganz meinerseits. Ich bin Lina”, erwiderte sie aufrichtig und reichte meiner Mutter höflich die Hand. Gerade als ein äußerst offenes Gespräch, zwischen den beiden entstand, übertönte die tobende Masse jedes sonst verständliche Wort. Unsere Augen richteten sich zu Vriska, die im Schritt am langen Zügel vom Platz ritt. Von einem zum anderen Ohr strahlte sie, wenn auch hochrot und vollends außer Atem. Sie warf das Jackett sich, lobte das Pferd und fasste kein klares Wort. Seit unseren gemeinsamen Abenteuern hatte ich sie nicht mehr so glücklich gesehen. Auch auf meinen Lippen bildete sich ein freundliches Lächeln.
      “Vem är den lilla? (Wer ist die Kleine?)”, flüsterte Mama, jedoch so laut, dass Chris es hörte, der sich mittlerweile dazu gestellt hatte. Etwas fernab vom geschehen standen wir und die Stute graste.
      “Sie ist jetzt eindeutig eine Targaryen! Schließlich verwandelte sich ihr Bruder nun endlich in Viserys. Hoffentlich trägt sie nicht auch noch das Drogo Kind in sich”, lachte Chris und sah mich dabei an.
      “Ich schlafe nicht mit meinem Bruder!”, echauffierte sich Vriska verständlicherweise.
      “Wovon sprecht ihr bitte?”, wunderte sich Mama, aber lachte ebenfalls.
      “Unwichtig”, murmelte ich und drehte mit den Augen.
      “Chris, kann es sein, dass du ein wenig zu viel Zeit vor dem Fernseher verbracht hast? Siehst du gleich auch noch ein paar Drachen herumflattern?”, scherzte Lina.
      “Erst mal brauchen wir drei hübsche Eier, zwei hätte ich schon”, bot er an mit nach oben gezogenen Brauen.
      “Chrisantos, ich verbitte mir solch unsittliche Witze”, ermahnte ihn Mama direkt. Jegliche Kommentare unter der Gürtellinie widerte sie an.

      Vriska
      Stolz strich ich Fruity immer wieder über den Hals und versuchte besten Gewissens mich daran zu erinnern, was in der Prüfung passierte. Wir schwebten über den Sand und nach dem Gruß zum Start der Prüfung schalteten sich alle Gedanken. Mein Blick nach vorn gerichtet und es verstummte um mich herum. Alles, was ich noch vernahm, waren die sanften Klänge der lebhaften und sehr feurigen Musik. Bei jeder Transition von tiefen Tönen zu hellen wechselte auch die Gangart oder auch die gezeigte Bahnfigur. Ihre Hufe, die sicher vom Boden emporhoben und sich legte, bestimmten den Takt meines Herzschlages. Wir wuchsen zusammen, nur uns beide gab es noch. Die Umwelt komplett ausgeblendet, folgte ich dem Ablauf der Kür, die wir mit einem Schulhalt beendeten. Es stand nicht im Kürbogen, aber vollendete für mich das, was wir bisher geleistet hatten. Tatsächlich erklärte der Sprecher beim Ausreiten, was ein Schulhalt sei und die Menge tobte. Ich sog die Aufmerksamkeit, wie ein Schwamm das Wasser, in mich hinein und ein Gefühlsausbruch aus Endorphinen übermannte mich, als ich im Schritt auf meinen persönlichen Fanclub zu Ritt. Dass Niklas ebenfalls dabei war, ließ mich kalt und traf mich erst, nachdem Chris unangebrachte Witze machte und es nicht für nötig hielt, meine positive Verstimmung zu akzeptieren.
      „Vivi? Wo ist denn die Schüssel?“, rief mir Harlen beim Wühlen in der Seitentür zu. Ich hatte ihn damit beauftragt das Futter für die Stute zubereiten. Augenscheinlich packte ich den Hänger nicht so gut, wie erhofft, denn auch meine Suchaktion scheiterte. Aus den Grashalmen sammelte Fruity die Müsli-Mischung und Obst auf. Ich beobachtete jeden Bissen und saß mit meiner weißen Reithose im Dreck. Harlen kam dazu.
      „Was bist du denn wieder so betrübt? Dein Ritt war klasse, alle waren begeistert!“, versuchte er mich aufzumuntern.
      „Stimmt schon“, murmelte ich abwesend. Das sanfte Knirschen bei den Kaubewegungen des Kiefers beruhigten mich ungemein. Dabei zupfte ich ebenfalls am Gras, wickelte die Halme um einen Finger, um sie dann voller Wut herauszuziehen.
      „Ist es der Tyri verschnitt, der dir Sorgen bereitet?“, erkannte Harlen meine Schwäche.
      „Kann man so sagen“, entschied ich die Wahrheit zu sagen.
      „Geht es um den Vorfall, der am Feuer angedeutet wurde und unserem Gespräch, dass du dich wegen etwas nicht schlecht fühlst, obwohl es die Gesellschaft so vorschreibt?“ hinterfragte mein Bruder kritische und musterte mich. Ich fühlte mich wie auf einem Präsentierteller, was mir vorhin noch gefiel aber nun eine zusätzliche Last auf meinen Schultern wurde.
      „Wir haben mehrfach miteinander geschlafen, einfach, weil es gepasst hat. Aber wir kommen sonst nicht gut klar, er nervt mich durch seine Art. Das kann ich nicht. Sobald er mit den Geldscheinen wedelt, sind alle direkt bei ihm und bewundern ihn“, schnaubte ich.
      „Vater hat genug dafür gesorgt, dass dir so was egal ist. Aber sag mal, wenn du ihn nicht magst, dann ist er auch nicht dein nicht Freund, der keine Antwort dalässt?“ Harlen legte dabei seine Hand auf meine linke Schulter und seinen Kopf auf die andere. Sanft strich ich ihm durchs trockene Haar. Als hätte Niklas Fledermausohren, stand er neben dem Hänger. Allein. Von unten nach oben sah ich auf. Mein Bruder hatte gar nicht so unrecht mit dem Tyri verschnitt. Rein von den äußerlichen Aspekten sahen sie sich ziemlich ähnlich. Weiße Turnschuhe, enge Hose, lockeres Shirt, Tattoos, kräftig gebaut und dazu ein markantes Gesicht mit einem gepflegten Bart. Nicht zu vergessen, die Wortgewandtheit. Es fehlte nur das Snap Back. Tatsächlich trug Niklas ausnahmsweise etwas auf dem Kopf – Das Cap vom Nationalteam. Als würde sein reines Auftreten nicht für genug Aufmerksamkeit sorgen, schrie nun auch noch das Logo nach ‘Sieh her, wie toll ich bin. Ich reite für das Nationalteam und sehe traumhaft aus.‘ Ekelhaft.
      „Ich bin dir noch eine Antwort schuldig“, sagte er freundlich und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Doch, ich stand ohne seine Hilfe aus dem Gras auf und folgte ihm einige Meter auf dem Weg, bis er stehenblieb und sich bedenklich umsah.
      „Vorher muss ich noch etwas wissen“, formulierte Niklas sein nächstes Anliegen, als sei das alles eine Quizshow.
      „Wie viel denn noch, bis du mir die Frage beantwortest?“, fragte ich genervt und wollte wieder zurück zu Harlen. Ich fiel vom Regen in Traufe. Augenscheinlich ritt ich eine fabelhafte Kür mit allen Elementen, die man für eine gute Geschichte brauchte mit einem fesselnden Spannungsbogen. Die Anerkennung dafür schenkte mir jedoch niemand, stattdessen fühlte sich meine Euphorie wie Selbstüberschätzung, nicht entsprechend meiner Leistung. Als hätte ich die Erwartung der anderen enttäuscht, aber mich im Glauben gelassen, ein verstecktes Talent zu besitzen, dass meinen eigenen Rahmen sprengt. Mich aus der Festung der Einsamkeit entließe und neue Welten eröffnete, um weiter leben zu können. Der Schein trog.
      „Warum sagtest du es mir nicht früher? Es gab so viele Möglichkeiten“, entriss mich Niklas aus meinem Labyrinth der ewigen Trauer. Sein Blick wandte sich von mir und er fummelte an einem losen Ende seines Shirts herum, wischte damit ständig an seiner Hose herum. Kurz schloss ich meine Augen, um der schwingenden Bewegung nicht mehr zu folgen und eine Antwort zu verfassen.
      “Weil mein Hirn es als unvernünftig hält, mit dir weiter Zeit zu verschwenden. Aber dein gnädiger Bruder scheint auch ziemlich viel von eurem Vater zu haben”, schnaubte ich unerwartet. Das wollte ich gar nicht sagen! In meinem Kopf suchte ich noch immer einen Ausweg, um auf den rechten Pfad zurückzukommen. Neben dem ungestillten Verlangen, dass ich in seiner Nähe verspürte, gesellte sich die Angst dazu, ihn zu verlieren. Zu verlieren, was Niklas in mir auslöste und den letzten Funken an Freude endgültig zu verbannen. Mein Pfeil aus unbarmherzigen Worten traf ihn ins Herz. Er biss sich verlegen auf der Unterlippe herum und ballte die Faust, die zuvor noch am Shirt sich festhielt.
      „Ach, wenn das so ist. Erik und ich haben einen Deal. Ich sollte die Nachrichten abfangen, die du ihm schreibst und entscheiden, ob du ihm überhaupt würdig bist. Aber offenbar bist du auch nichts weiter als irgendjemand, der mir eins auswischen will und dafür meinen Bruder benutzen möchte. Er hat es auch nicht leicht, okay? Die Welt dreht sich nicht nur um dich. Diverse Leute fühlen sich belästigt von dir und allem woran du denkst, bist du. Nur du, du und du. Such dir wen anderes, der das erträgt. Wir sind zu gut dafür“, brüllte Niklas mich erkaltet an. Seine glasigen Augen reflektierten das Sonnenlicht wie die Wasseroberfläche eines tiefen Sees. Stumm sah ich zu ihm und hoffte die passenden Worte zu finden, die es nicht gab. Nichts konnte entschuldigen, was ich sagte. Die Leere breitete sich aus und schubste die letzte Hoffnung hinaus nicht nur Niklas als einen Freund in meinem Leben zu haben, sondern auch Erik jemals wiederzusehen. Schnaufend und kopfschüttelnd stieß er mich zur Seite, um wieder zu den anderen zu laufen. Vom Frust zerfressen rief ich ihm noch nach: “Immerhin habe ich Hintergrund im Gegensatz zu Lina.“ Es stoppte ihn. Er überlegte und kam wieder auf mich zu. Drohend fuchtelte Niklas mit seinem Finger vor meinem Gesicht.
      „Hintergrund also? Du meinst eine Firma, die gerade einen großen Skandal in den Medien ausgelöst hat, durch die falsche Beladung eines Schiffes wobei mehrere Tonnen Chemikalien in den Fluss gelangten? Die Firma, die gerade im wahrsten Sinne des Wortes den Bach heruntergeht? Die Firma zu der mein Vater alle Geschäftsbeziehungen gekündigt hat? Lustig. Ich schätze, dein ach so toller Hintergrund bringt dir nun auch nichts mehr“, fluchte er. Das Bedrohliche an ihm ließ mich schwach werden und vollkommen unüberlegt, umklammerte ich mich mit meinen Armen seinen Hals. Niklas stoppte in seinem Ingrimm. Für einen Wimpernschlag überlegte er, aber legte schließlich entschlossen seine Hände fest an meine Hüfte und drückte mich an sich heran, bereit dafür, überrascht zu werden. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf deinen Lippen aus. Die Welt stand für mehrere Sekunden still, als ich mich in seinen Augen verlor. Sie strahlten in allen Farben des Himmels und die rasende Wut verflog in der Winde.
      „Genau der Hintergrund und jetzt, tu, was du nicht lassen kannst“, flüsterte ich sanft in sein Ohr und küsste dabei langsam den Hals. Ich spürte einen leichten Druck im Bauchbereich und in meine Nase stieg ein Duft von Aftershave, Pferd und Schweiß. Noch bevor es mir gelang, seine Nähe mit allen Sinnen wahrzunehmen, packte mich etwas am Kragen meines Shirts.
      „Tut mir leid, dass ich euch unterbrechen muss, aber ich brauche die hier“, sagte Harlen übertrieben freundlich und schliff mich zum Hänger. Ich wehrte mich stark gegen den Überfall, aber er ließ mich nicht los. Sichtlich enttäuscht sah Niklas uns nach. Auf meinen Lippen formte sich ‚Hilf mir‘, was er mit einem Kopfschütteln verneinte. Stattdessen grinste er breit und richtete sich unten herum neu ein, bevor er noch einmal provokant winkte und sich umdrehte. Meine Sehnsucht mich ihm hinzugeben wuchs wie ein Geschwür in Windeseile und löste dabei unerträgliche Schmerzen aus. Während das Hirn noch einen klaren Gedanken fassen wollte, legten sich die Arme schützend um meinen Unterleib. Harlen drückte mich unliebsam auf den Campingstuhl vor dem Zelt und verschränkte die Arme. Unsere Blicke trafen sich und ich hoffte ihm ein nachsichtiges Lächeln zu entlocken, was jedoch dafür sorgte mit Missachtung gestraft zu werden.
      „Was stimmt mit dir nicht?“, schaltete ich den Verteidigungsmodus ein.
      „Die Frage sollte ich dir stellen. Ich lass dich nicht mehr aus den Augen, ernsthaft. Du bist doch irre“, schimpfte Harlen ziemlich aufgebracht. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was hatte er damit zu, was Niklas und ich trieben, oder auch nicht. Nichts mehr wünschte ich mir, als die Unterstützung seinerseits.
      „Nachname?“, fragte er im nächsten Augenblick.
      „Was?“, wunderte ich mich.
      „Wie heißt Hulk mit Nachnamen?“, wiederholte er sein Anliegen.
      „Ähm … Olofsson, wieso ist das wichtig?“, versuchte ich dem auf den Grund zu gehen.
      „Wenn du schon so sehr nötig hast, dein Verlangen nach ihm zu stillen, nutze es für etwas Sinnvolles“, lächelte er nun. Ich irre also … dass ich nicht lachte.
      “Also beabsichtigst du mich für etwas auszunutzen, um was genau zu wollen?”, zupfte ich nervös an dem Stuhl herum. Er schien das auch noch nicht so genau geplant zu haben. Wenn Harlen nachdachte und wirklich eine Lösung suchte, folgte er einer speziellen Abfolge von Schritten. Zunächst im Kreis, dann einige Tritte zurück, Richtungswechsel und auf der anderen Erneut. Zwischendurch kniete er sich hin und kratzte sich dabei immer wieder an der rechten Schläfe. Für andere wirkte es willkürlich, was er tat, dich dafür kannte ich meinen Bruder zu Gut.
      “Wie auch immer du es anstellst, sorge dafür das Vidar die geschäftliche Beziehung fortsetzt. Keiner unserer Kunden nimmt solch hohe Mengen ab”, sagte Harlen schließlich und nahm endlich Platz auf dem Stuhl mir gegenüber.
      “Aus welchem Grund sollte ich das tun?”, runzelte ich die Stirn. Mir fiel kein triftiger Grund diese Umweltverschmutzung zu unterstützen. Es widerte mich an und entsprach nicht dem, was ich mir wünschte der Welt zu hinterlassen.
      “Entweder, weil ich dein Bruder bin und eventuell im Gefängnis lande oder weil du nicht möchtest, dass ich Lina von euch beiden erzähle”, grinste Harlen. In seinen Augen funkelte das Böse, dass er keinesfalls von unserer Mutter hatte. Je tiefer ich hineinsah, umso beängstigender wurde die Vorstellung, dass er sich gegen mich auflehnte und mir den Gnadenschuss gab.
      “Und wenn ich es nicht schaffe?”, stimmte ich indirekt zu ihm dieses einzige Mal behilflich zu sein.
      “Dann hast du es versucht, aber bitte. Versuche es”, mahnte er bedrohlich. Ich nickte nur und wendete ich mich von seiner Finsternis ab. Es sollte ein entspanntes Turnier werden mit einer normalen Prüfung und eine daraus folgende Heimfahrt.
      „Warum machst du das mit mir?“, fragte ich weinerlich. Der Schmerz noch einen Teil meiner Familie zu verlieren, jagte mir eine infernalische Angst ein. Den Teil der Familie, der immer bei mir war in schweren Zeiten und nur sich an meiner Seite befand, weil ich danach fragte, auch diesen Abschnitt zu überstehen. Das imaginäre Geschwür in meinem Magen fühlte sich nunmehr nach einem Medizinball an, der mich zu Boden drückte und mich engte. Panisch schnappte ich nach Luft wie ein Fisch am Land.
      “Vivi, höre mir nun ganz genau zu. Bis vier atmest du ein, für sieben hältst du die Luft an und zusammen atmen wir wieder aus. Also eins … zwei … drei … vier”, kam Harlen zu mir und hielt mich an den Händen fest. Mit geschlossenen Augen folgte ich seinen ruhigen Worten, hörte genau hin und konzentrierte mich nur auf ihn. Einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund mit der Zunge an den Schneidezähnen. Bereits nach der vierten Wiederholung verspürte ich eine Besserung, körperlich und geistig. Der brennende Schmerz in meiner Lunge kühlte ab und die Übelkeit verschwand.
      “Also Vivi, ich tue das wirklich ungern, aber ich muss jetzt auch mal meinen Arsch retten. Hilf mir, bitte”, ersuchte er mich. Den Gefallen meinem Bruder ausschlagen zu wollen, kam mir unangebracht vor. Was würde das schon groß werden? Ich muss ein scheußliches Gespräch mit jemanden führen, den ich vom Hörensagen ziemlich unsympathisch fand und eventuell etwas essen, was überhaupt nicht meiner Vorstellung entsprach. Dieses eine Mal musste ich mich überwinden, um das Richtige zu tun. Um Harlens Willen, nicht wegen der Firma.
      “Okay, ich mache es. Aber du lässt mich jetzt einige Stunden im Zelt allein”, wuschelte ich ihm etwas positiver gestimmt durchs Haar.

      Lina
      Das Gesehen um mich herum nahm ich kaum wahr, lauschte nur mit halbem Ohr den Gesprächen. Je länger ich hier war, umso unwohler fühlte ich mich. Orte mit vielen Leuten mied ich ohnehin schon. Ganz besonders die, an denen ich mich nicht auskannte. Ich hasste es, nicht die nötige Distanz zu den Menschen wahren zu können, fühlte mich eingeengt und befangen. Wenn ich dann doch einmal an einen solchen Ort musste, weil Turniere und Zuchtschauen nun mal unvermeidbar sind, wenn man mit Pferden arbeitet, dachte ich an Zuhause. Nach den paar Stunden oder Tagen würde ich zurück sein, dort wo alles wieder seinen gewohnten Weg laufen würde. Dieser Gedanke hatte mich das alles immer irgendwie durchstehen lassen. Zwar gab es auch hier einen Ort, an den wir morgen zurückkehren würden, aber als Zuhause würde ich das LDS noch nicht bezeichnen. Es war schön, keine Frage, aber wie ein Zuhause fühlte es sich bisher nicht an. Im Gegensatz zu meiner Schwester, die sich grundsätzlich überall zugehörig fühlte, verspürte ich meist das Gegenteil. Überall hier in Schweden fühlte ich mich fremd. Ich brauchte nicht einmal den Kopf zu drehen, um einen Reminder dafür zu finden, wo ich war. Menschen, die eine andere Sprache sprachen, blau gelbe Flaggen, die träge im Wind flatterten, ein Hinweisschild, ja sogar die verfluchten Wälder. Das, was in den Bergen Kanadas überwiegend Tannenwälder waren, waren hier wie für die skandinavischen Küsten üblich Kiefernwälder, durchsetzt mit Fichten und Birken, die hell zwischen den anderen Bäumen hervortraten.
      Die Geräusche um mich herum verschwammen miteinander, schwollen an zu einem immer lauter werdenden Rauschen. Ich brauchte jetzt dringend einen Moment für mich, ohne tausend Menschen um mich herum.
      "Tulen pian takaisin (Bin gleich wieder da)", murmelte ich meiner Schwester zu, bevor ich mich von den anderen entfernte. Mit einem nicken nahm sie es zur Kenntnis, löste sich aber nicht aus der fachlichen Debatte über den Stil des Reiters, der gerade mit seinem Palomino über den Reitplatz pflügte. Mühsam schlängelte ich mich durch die Massen. Achtete nicht auf die Leute um mich herum, hoffte nur eine ruhige Ecke zu finden. Doch die Leute schienen einfach überall zu sein. Allerorts wuselten Leute hin und her, führten Pferde zurück zu dem Hänger, ritten zum Abreiteplatz. Die Frequenz meiner Schritte nährte sich immer mehr der meines Herzschlages an, bis ich endlich ganz am Rande des Geländes ein einsames Plätzchen fand. Am Füße einer schlanken Birke ließ ich mich in, dass trockene Grad sinken. Der raue Stamm in meinem Rücken bot mir einen gewissen Schutz vor Blicken, falls sich doch jemand hier her verirren sollte.
      Ich schloss die Augen in der Hoffnung die Welt, um mich herum für eine Sekunde zu vergessen. Was hätte ich mir hier nur zugemutet? Mit der Entscheidung nach Schweden zu gehen hatte sich mein gesamtes Leben von einem Tag auf den anderen komplett geändert. Ein neues Land, eine neue Arbeit, neue Leute um mich herum und meine Freunde tausende Kilometer weit weg. Ich war ohnehin schon niemand, der sich schnell an neue Situationen gewöhnte, aber hier fühlte es sich schwerer an, denn je. Der Ort an dem ich die letzten 3 Jahre verbracht hatte, mein Pferd, meine Freunde … All das war nun meilenweit weg. Hier fehlte mir etwas, was mir Orientierung bot, jemand, der mir half mir in dieser Neuen Welt zurechtzufinden. Für Vriska schien ich nur lästiges Beiwerk zu sein, schon in Kanada hatte sie begonnen mich zu meiden und hier in Schweden hatte sich nicht viel daran geändert. Jedes Mal, wenn ich ein Gespräch mit ihr anzufangen versuchte war es nur oberflächlich und endete meist in einem unangenehmen Schweigen. Und Niklas … Nik bekam ich kaum zu Gesicht. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen. Nein, nicht jetzt, nicht hier in der Öffentlichkeit. Krampfhaft versuchte ich den trüben Schleier vor meinen Augen wegzublinzeln, versuchte durchzuatmen, vergeblich. Immer mehr von der salzigen Flüssigkeit staute sich an meinen Augenrändern an, bis sich ein Tropfen von den anderen löste. Auf seinem Weg über meine Wange hinterließ er eine kühle, feuchte Spur.
      Man könnte jetzt sagen: Aber Lina, du hast doch deine Schwester? Ja, hatte ich, aber Juli ist hier genauso fremd wie ich, auch wenn es nicht den Anschien hatte. Ich bewunderte sie für diese Eigenschaft. Wie ein Chamäleon passte sie sich innerhalb von Sekunden an, passte perfekt ins Bild, verlor dabei niemals ihr positives Wesen. Oft wünschte ich mir, ich könne nur ein wenig mehr wie sie sein, adaptiver, beständiger, unbeschwerter. Ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, kullerten weitere Tränen über meine Wangen und tränkten den Stoff meines Shirts.
      Auf einmal spürte ich etwas Pelziges an meinem Nacken. Eine feuchte Schnauze schnüffelte mir besorgt durch das Gesicht, bevor sie ein riesiger Hundeschädel anschmiegte. Weich spürte ich sein drahtiges Fell an meiner Wange, aus dem ein sanfter Duft nach Kiwi strömte. Normalerweise hätte ich mich wohl drüber gewundert, doch ich war zu überrascht vom Erscheinen des Tieres. Sanft strich ich dem Ungetüm über die Ohren, woraufhin es sich freundlich brummend noch ein wenig fester an mich drückte. Mit der Gegenwart des Hundes wurde mein Herzschlag ruhiger, mein Körper entspannte sich zunehmend und der Tränenfluss versiegte.
      “Wer bist du denn?”, fragte ich den Hund, der mittlerweile neben mir saß, schniefend strich im weiterhin über das graue Fell. Anstatt mir eine Antwort zu geben, sah der Graue mich weiterhin mit seinen freundlich braunen Augen an, als wolle er sagen: “Du brauchst nicht länger traurig sein, ich bin ja jetzt da.” Ein schwaches Lächeln schlich sich auf meine Lippen, das Herz dieses Hundes war wohl mindestens genauso riesig wie seine äußere Erscheinung. Ich nahm das Tier näher in Augenschein. Auch jetzt, wo er neben mir saß, würde er ein kleines Pony mit seiner Größe noch knapp überragen. Zottelig lag das graue Fell am Körper des schlanken Hundes. Irgendwie kam mir der Deerhound bekannt vor … Das letzte Mal begegnete ich einem solchen Hund in Kanada, doch eigentlich war es unmöglich, dass das hier derselbe Hund war, es sei denn … irritiert blinzele ich ein paar Mal und sah erneut hin. Doch, ich war mir sicher, dieser Hund da war Trymr, der Hund von dem Kerl, der bei Vriska Verhaltensweisen hervorrief, die man von ihr nicht kannte. Gleichzeitig war das Herrchen dieses Hundes, aber auch einer der Gründe, die Vriska einiges an Kummer zu bescheren schienen, seit wir wieder in Schweden angekommen waren. Ob sie die scheinbare Anwesenheit ihres langersehnten Herzblattes schon mitbekommen hatte? Na ja, egal, es ging mich nichts an, was zwischen den beiden lief oder vielleicht auch nicht lief. Auffordernd legte der Hund mir eine seiner schlanken Pfoten auf das Bein und beharrte darauf weiter gekrault zu werden.
      “Ich soll also weitermachen?”, lächelte ich und setzte es fort den Hund zu streichen. Es dauerte keine 30 Sekunden, da legte er sich neben mir ab und rollte auf die Seite, damit ich ihm auch den Bauch kraulte. So niedlich wie das riesige Tier dabei aussah, konnte man ihm diese Forderung unmöglich ausschlagen.
      “Genug jetzt Großer, du wirst doch sicherlich schon vermisst. Wo hast du denn dein Herrchen gelassen?”, beendete ich die Schmuseeinheiten und wand den Kopf, um zu sehen, ob Erik irgendwo in der Umgebung zu sehen war. Mürrisch brummte das Ungetüm, erhob sich ziemlich ungeschickt, schüttelte den losen Dreck aus dem rauen Fell. In einer gleichmäßigen pendelnden Bewegung begann sein Schwanz sich zu rühren und zielgerichtete Schritte kam auf mich zu. Ohne den Blick nach oben richten zu müssen, erkannt ich sofort, dass meine Erinnerung an den Hund mich nicht trübte. Langsam kniete er sich hinunter, setzte ein kleines Kind zu Boden, lächelte freundlich. Sie tapste unwillkürlich in meine Richtung, stolperte, stand wieder auf und klammerte sich fest an meine Schulter. Unverständlich stammelte sie etwas auf Schwedisch und plumpste zu Boden. Herzlich lachte sie.
      “Wie ich sehe hat alle funktioniert, willkommen in Schweden. Was sitzt du denn hier so allein?”, wendete Erik sich nun mir zu und reichte höflich seine Hand zur Begrüßung.
      “Ja danke, es hat alles einwandfrei funktioniert. Ich wollte mich auch noch einmal bei dir bedanken, dass du das so schnell in die Wege leiten konntest”, begrüßte ich ihn freundlich, bevor ich auf seine Frage einging. “ Sagen wir mal so: Große Menschenansammlungen sind nicht so mein Ding und dann noch die ganzen neuen Eindrücke hier. Da brauchte ich einfach mal eine kurze Pause von dem ganzen Trubel. Wer ist denn die junge Dame hier, die du mitgebracht hast?” Interessiert erforschte das kleine Mädchen meine Haare, die in einem geflochtenen Zopf über die Schulter fielen.
      “Vad heter du? (Wie heißt du?)”, lehnte er sich zu seiner Tochter, die mich nun mit ihren großen blauen Augen anstarrte und verlegen lachte. “Fredna”, stammelte sie und begann den Gummi aus den Haaren zu fummeln.
      “Hej Fredna, jag heter Lina”, stellte ich mich der kleinen vor, die mich für einen Moment anblickte und sich dann weiter mit dem Haargummi beschäftigte. “Echt niedlich, deine Kleine”, wand ich mich lächelnd wieder an Erik.
      “Danke, aber das war auch nicht viel Aufwand”, scherzte er. Dann übernahm Fredna wieder das Gespräch. Unverständlich stammelte sie einzelne Worte vor sich hin, taumelte zu Trymr, der sich ruhig vor meine gelegt hatte, mit meinem Haargummi in der kleinen Hand. Der Hund erhob seinen Kopf, als sie näherkam, sein Halsband griff und auf seinen Rücken krabbelte. Einzelne Strähnen des Hundes im Gesicht formte sie zu einer Palme und befestigte den Haargummi daran. Wehleidig sah er zu mir hoch, aber regte sich nicht. Fredna lachte wieder und klammerte sich fest an ihm.
      “Är det din tjej? (Ist das deine Freundin?)”, verstand ich nun die Frage, die sie immer wieder stellte, klarer.
      “Lina är en vän, inte min tjej (Lina ist eine Freundin, nicht meine Freundin)”, korrigierte Erik sie und half seinem Hund aus der Klemme. Fredna gefiel das gar nicht, begann zu zetern und Prost einzulegen. Anstelle sich durchzusetzen, ließ er seine Hände von ihr und strich seinem Gefährten über den Kopf. Glücklich über den Erfolg lachte sie wieder.
      “Hon ser ut som en prinsessa (Sie sieht aus wie eine Prinzessin)”, funkelten ihre Augen. Unbeholfen sah ich mich um, schwer mit ihren Worten umzugehen, ihre Intention zu verstehen. Erik erkannte es und machte einen Vorschlag.
      “Fredna, ska vi gå till ponnyerna? (Fredna, wollen wir zu den Ponys gehen?)”, wild sprang sie vom Hund, hüpfte in die Luft und landete auf den Knien. Grasflecken bildeten sich auf der hellen Strumpfhose und sie taumelte wieder zu mir, als wolle sie getragen werden – aber nicht von Papa. Er wollte sie von mir nehmen, als der Protest wieder begann.
      “Weißt du, wo Vriska ist?”, sah Erik sich um.
      “Also meiner letzten Information nach müsste sie noch bei Fruity sein, wenn sie sich dort nicht wegbewegt hat. Ich kann dich gerne hinbringen”, antworte ich ihm nach kurzem Überlegen.
      “Das wäre super, danke”, Erleichterung breitete sich in seinem Gesicht aus, das tiefe Augenringe verzeichnete. Fredna schien schon einige Nächte an seiner Seite zu sein, was nicht viel Schlaf mit sich brachte, jedes Mal, wenn er etwas von ihr verlangte, begann sie sich zu widersetzen, ohne, dass er etwas machen konnte. Es war spürbar, dass Erik sich noch schwertat in seiner neuen Rolle. Wenn ich mir dann noch vorstellte, dass er weiterhin arbeitete, eine echte Herausforderung. Überzeugt heftete Fredna sich an meine Seite, während Trymr vorwärts trabte, um ihr zu entkommen.
      Niklas
      Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, wissend entgegen meiner Prinzipien gehandelt zu haben, spazierte ich zur VIP-Lounge, in der Mama und Chris auf mich warteten, entlang der kargen Buchsbäume, zerfressen von den Raupen des Buchsbaumzünslers, der in den warmen Monaten nun auch seinen Weg von Mitteleuropa zu uns fand. Aus allen Richtungen strömten Menschenmassen entlang der schmalen, sandigen Trampelpfade, drängten sich wild über das Gelände, ungeachtet der Natur. Es war eine Qual mich zwischen all der Buntheit und Diversität zurechtzufinden, von neugierigen, lüsternen Blicken verfolgt, Gottes gleich bewundert zu werden und schließlich die riesige Eingangstür zu betreten, die nicht nur durch spezielle Lesegeräte gesichert war, sondern noch bewacht von mehreren Sicherheitsleuten. In leuchtenden Lettern schimmerte “VIP” über der Milch-glasigen Doppeltür, das hellblaue Licht der Neonröhren spiegelte sich auf den Kacheln am Boden. Aus dem Inneren ertönte Jubel in allen Formen, Klatschen, Trommeln und fröhliches Pfeifen ermutigte mich wieder in meine Welt einzutauchen.
      „Mitt barn! (Mein Kind)“, sichtlich erleichtert, schloss Mama mich in ihre Arme und drückte sich liebevoll an mich, ließ von mir und ihr Blick schweifte von oben nach unten, mehrmals.
      „Det är något fel på honom, tycker du inte det? (Etwas stimmt mit ihm nicht, denkst du nicht auch?)“, richtete sie sich an Chris, von dessen Gesicht das breite, herzliche Lächeln schwand, als wüsste er, dass ich sein Versprechen nicht einhalten konnte. Er bat mich endlich mit Vriska abzuschließen, sie in den tiefen Abgrund der Verdammten zu stoßen, und Erik den Weg freizugeben, aus berechtigten Gründen. Ich versagte auf ganzer Linie. Wie umhüllt von einer lodernden Flamme der Leidenschaft, gab ich mich meinem Verlangen nach, für wenige Sekunden. Die beißenden, vorgeworfenen Blicke der beiden versetzten mich in eine Schockstarre, der Schmerz sie, meine Freundin, die Person der ich nahestand und nur das Beste wollte, vergaß und außer Acht ließ, versetzte mir einen Messerhieb in die Magenregion. Es war mir Ernst mit ihr, wirklich ernst, denn nie zuvor spürte ich derartiges Gefühl. Konnte es möglich sein, dass ich etwas fühlte, das fernab von Befriedigung lag? Etwas, das ich sonst nur aus Erzählungen kannte oder aus Liedern, die im Radio fröhlich trällerten, bevor mein Handy die musikalische Untermalung einer Autofahrt übernahm.
      “Jag har lite smink med mig, så du borde kunna täcka fläckarna (Ich habe Schminke dabei, damit solltest du die Flecken überdecken können)”, eröffnete meine Mama die Realität, in der ich kenntlich Spuren trug von dem kurzen Verlust meiner Geisteskraft.
      „Tack“, bedankte ich mich beiläufig, schnappte mir das kleine Hautfarbene Töpfchen und lief zum Badezimmer. Die besagten Flecken an meinem Hals waren trivial, kaum sichtbar, aber vorhanden, zwei, drei Handgriffe und sie verschwanden wie von Zauberhand. Zumindest so lang, dass niemand mich noch einmal am Hals überfallen würde.
      „Du kommer inte att gilla det jag ska berätta för dig (Was ich dir jetzt sagen werde, wird dir nicht gefallen)“, kam Chris in den Toilettenraum dazu, um sicherzugehen, dass wir allein waren, lief er an allen Kabinen vorbei und stellte sich schließlich neben mich.
      „Jag ringde Erik eftersom det stod klart för mig att du inte skulle kunna förklara för Vriska vad du hade gjort (Ich habe Erik angerufen, denn es war mir klar, dass du es nicht schaffst Vriska zu erklären, was du getan hast)“, sprach Chris halb genervt, halb gelangweilt. Es war ihm Ernst, dass ich sie vergaß und auch nicht weiter in meinem Kopf herumspucken ließ. Das wollte ich auch, wirklich. Aber mit anzusehen, wie jemand, wie er, sie nur mit einem Fingerschnipseln an sich heftete, verschlug mir den Atem. Ich konnte nicht, nein, ich wollte es nicht akzeptieren, dass dieser Bastard immer bekam, was er wollte, vor allem, wenn ich es zuerst hatte. Verärgert schlug ich auf den Rand des Waschbeckens, so sehr, dass es klirrte und ein kleiner Riss in der Keramik sich bildete. Schockiert blickten wir einander an, bis Chris unwillkürlich mich in den Arm nahm.
      “Nu ska du bete dig som en vuxen och släppa taget. Vi kan göra detta tillsammans (Jetzt benimm dich wie ein Erwachsener und lass los. Wir schaffen das zusammen)”, ermutigte er mich mit einem Klopfen auf dem Rücken auf. Ich sah in den Spiegel, ich erkannte, dass es so nicht weitergehen konnte, erkannte, dass ich wenig schlief, mich quälte, obwohl ich die tollste junge Dame an meiner Seite hatte, die man sich nur vorstellen vermag. Dieses ständige ringen mit meinen Gefühlen musste aufhören. Gefühle, die ich den letzten zwei Jahren verstärkt aus meinem Leben verband und versteckte, als müsse ich irgendjemanden beweisen, dass ich die Trennung noch immer nicht verarbeitete hatte. So stürzte ich mich von einer misslichen Lage in die nächste, dachte, Gefallen daran zu haben, obwohl ich nichts anderes wollte, als jemanden an meiner Seite. Jemanden, der mich akzeptierte, wie ich war, ohne auf die äußerlichen Faktoren zu schauen, oder mein Geld wollen. Schluss damit.
      “Tack för att du har funnits där för mig (Danke, dass du für mich da bist)”, umarmte ich ihn erneut und öffnete die Tür zur Lounge, ohne das Waschbecken weitere Beachtung zu schenken. Meine Hand schmerzte, aber ich spürte etwas.
      “Du ser ut som ny, min son (du siehst aus wie neu, mein Sohn)”, freute sich auch Mama mich wiederzusehen. Herzlich lächelte ich sie an, setzte mich mit auf die Couch, um die aktuelle hohe Dressur zu beobachten. Mein Ritt würde erst am späten Abend sein.

      Lina
      “Ponny”, quietschte es begeistert neben meinem Ohr, als wir nur in Sichtweite der Hänger kamen, zwischen denen überall Pferde auf den provisorischen Ausläufen standen. Fredna begann auf meinem Arm herumzappeln wie ein Fisch auf dem trockenen. Am liebsten wäre sie sofort auf das erste Pferd zu gerannt, doch dem Fuchs, der ohnehin schon nervös in seinem Auslauf herumrannte, traute man lieber kein kleines, Pferde-verrücktes Kind zu.
      “Om du väntar ytterligare en minut, Fredna, kan du till och med åka ponny, okej (Wenn du noch eine Minute wartest kannst, Fredna, dann ”, versprach ich der Kleinen und tatsächlich hörte sie auf mit dem Gezappel, stattdessen begann sie fröhlich zu grinsen. Im gleichen Moment hoffe ich, das ich nicht zu viel versprach und Fruity mitspielen würde. Hätte ich Divine hier wäre das kein Problem gewesen, der Hengst liebte Kinder abgöttisch und war in ihrer Nähe auf einmal so vorsichtig als seien sie aus Glas. Die Falbstute hingegen konnte ich nicht wirklich einschätzen, ich hatte sie bisher nur zusammen mit Vriska erlebt, wo sie allerdings einen gelassenen Eindruck machte. Erik lief neben mir her und schien erleichtert sich ein paar Minuten lang nicht um das aufgeweckte Mädchen kümmern zu müssen, die Ruhe sei ihm gegönnt. Am Hänger fand ich eine friedliche Szene vor. Harlen saß vor dem Zelt auf einem der Stühle in ein Buch vertieft, während die barocke Stute entspannt auf ihrem Paddock graste. Von Vriska weit und breit keine Spur. Trymr stand nun schwanzwedelnd vor Vriskas Bruder und erwartete begrüßt zu werden, doch er bekam keine Reaktion.
      “Harlen, hast du eine Ahnung, wo deine Schwester steckt? Ich habe da jemanden gefunden, über den sie sich sehr freuen würde”, tippte ich ihn an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. In Seelenruhe legte er ein Lesezeichen in sein Buch, klappte es zusammen und drehte sich zu mir um. Musternd schweifte sein Blick an Erik hoch und wieder runter. Langsam nickte er, skeptischen Blickes zum Zelt gedreht.
      “Sie schläft und ich denke nicht, dass sie irgendwen sehen möchte, erst recht nicht irgendeinen Typen”, weißte er uns darauf hin, seine Stimme klang ängstlich, beinah besorgniserregend.
      “Ich bin nicht irgendwer”, beschwerte sich Erik, die Stimme zitternd und das letzte Wort ungewöhnlich lange betont. An seinen Hals pulsierte die Aorta, als fühle er sich durchs Harlens Aussage gedemütigt, vor den Pranger gestellt. Die Hände zur Faust geballt. Von meiner löste sich Fredna, die direkt zu ihrem Vater rannte und ihn an seinem Bein umklammert, sie murmelte etwas Aufmunterndes, dem er keine Beachtung schenkte.
      “Dann bist du, der Nicht-Freund schätze?”, stellte Harlen sich demonstrativ vor ihn, als würden zwei Hähne im nächsten Moment in den Ring steigen. Verwirrt betrachtete ich die beiden und holte Fredna aus der Mitte, die wehleidig hochsah, als wäre sie nicht mehr seine Tochter. Sie löste sich von ihm und ich nahm sie hoch in den Arm. Um sie aus der Situation herauszuhalten, liefen wir einige Schritte weiter zum Paddock, auf Fredna neugierig Fruity betrachtete, die zum Zaun kam und interessiert die Nüstern in ihre Richtung streckte. Freudestrahlend tippelte sie auf das Pferd zu, strich ihr vorsichtig über den Kopf. Mit einem Auge und Ohr folgte ich den beiden Männern, die sich noch immer einen Krieg der Blicke lieferten. Was war denn los mit denen? Keinen der beiden kannte ich so, wenn man die wenigen gemeinsamen Stunden überhaupt ‘kennen’ nennen kann.
      “Vem är det? (Wer ist das?)”, tippte mit Fredna an und zeigte auf die Stute.
      “Äh, det här är Fruity (Das ist Fruity)”, erklärte ich geistesabwesend, aber darauf bedacht, dass der kleinen nichts passierte. Genau wie die Stute, die gelassen auf der Stelle stand. Der Falbe war brav, aber um einiges zurückhaltender als ich es von meinem Hengst kannte. Ivy interagierte richtig mit den Kindern, beschnupperte und beknabberte sie, stupste sie vorsichtig an und gab zur Begrüßung stets ein leises Wiehern von sich. Nachdem die erste Neugierde gestillt war, schien Fruitys Interesse viel mehr darin zu liegen, ob das kleine komische Menschlein etwas Essbares dabeihatte. Natürlich hatte ich ein Leckerli dabei, welches ich Fredna in die Hand gab, damit sie es der Stute hinhalten konnte. Vorsichtig nahm die Stute es von ihrer kleinen Hand. Divine liebte jede Sekunde der Aufmerksamkeit der kleinen Menschen und ließ sich stundenlang putzen und frisieren. Sogar mit nach Himbeeren duftendem Glitzer Fellspray ließ sich der Freiberger liebend gern einschmieren. Allerdings sehr zu meinem Bedauern, denn er und alles was mit ihm in Berührung kam glitzerte noch 3 Wochen danach, wie ein Weihnachtsbaum. Was Fruity von Zöpfchen hielt, würde ich wohl so schnell nicht herausfinden, denn das gab es nicht viel, was man hätte flechten können.
      Die Streithähne, die zuvor noch diskutierten, verstummten. Stattdessen gab Trymr weinerliche, quälende Geräusche von sich, die viel mehr Freude als Trauer bedeuteten. In geduckter Haltung trat nun Vriska hervor, bekleidet mit einem riesigen schwarzen Kapuzen-Pullover, der auf der Vorderseite mit einem Logo bedruckt war, eines Rugbyteams aus London. Verwundert betrachtete ich sie und vor allem das Oberteil näher. Auf der rechten Seite der Brust stand ein Name, den sie bereits in Erzählung erwähnte – Tyri. Auf der anderen Seite das Logo eines Sponsors. Es war so lang, dass ich mir nicht sicher sein konnte, ob sie eine Hose anhatte oder nicht. Die Kapuze trug sie wie immer auf dem Kopf, die Haare offen aber den Rest des Gesichtes versteckt hinter einer Sonnenbrille. Trymr, der ihr um die Beine tanzte noch immer, bekam nicht mal eine Streicheleinheit, dennoch kämpfte er weiter um ihre Aufmerksamkeit.
      “Shut up”, fluchte Vriska, obwohl keiner etwas seit Sekunden sagte. Sie war müde, wirklich müde. Sie schien nicht einmal den Hund wahrzunehmen oder das dazugehörige Herrchen. Wir sahen sprachlos weiter zu ihr, wie sie leicht taumelnd weiterlief und schließlich neben ihrem Bruder stand.
      “Wieso hast du das Ding noch?”, unterbrach er die quälende Stille.
      “Damit ich weiß, woher ich komme”, murmelte Vriska abwesend und erstaunlich ruhig. Klar, sie sprach nicht immer so viel, wie betrunken, aber sie wirkte erstaunlich zurückweisend. Jeder von uns hatte mehr Freude ihrerseits erwartet, den Angebeteten wiederzusehen, vor allem so überraschend und er war guten Willens hier, dass konnte ich spüren.
      “Vriska?”, stammelte Erik schließlich, legte seine Hänge auf ihre Schultern, die sie direkt wegschlug und einige Schritte zurückwich. Gestern noch wollte sie alles dafür tun, ihn treffen zu können, bei sich zu haben und jetzt tat sie so, als wäre er ein Fremder. Verstehe einer dieses Kind. Langsam nahm Vriska die Sonnenbrille ab. Der schwarze Eyeliner vollkommen verwischt, einen Anblick, den man von ihr traurigerweise schon gewohnt war. Eine Sache fiel mir erst auf den zweiten Blick auf, sie trug ihre Piercings nicht in der Lippe und die Augenbrauen beinah unsichtbar.
      „Was willst du hier?“, fragte sie genervt, mit einem sonst leblosen Gesichtsausdruck. Was auch immer vorgefallen war, es musste schlimm gewesen sein. An dem Ritt mit Fruity setzte niemand etwas aus, ganz im Gegenteil. Sie bewiesen sich zwischen all den Talenten, die auf dem Sand tanzten.
      „Ich … ich wollte dich sehen“, antwortete er irritiert über die Nichtachtung seiner Anwesenheit, auch Trymr hatte mittlerweile akzeptiert, dass sie ihm keine Streicheleinheit schenkte und stand mittlerweile neben mir. Ich tätschelte den Rüden aufmunternd und Fredna war glücklicherweise zu sehr damit beschäftigt, um die Beine der Stute zu tapsen, sie beim Fressen zu beobachten. Und ich? Ich stand wie angewurzelt neben dem Paddock, wusste nicht so recht die Situation zu deuten, aber spürte den Schmerz der Beteiligten. Mehrfach schluckte ich unwillkürlich, spielte an den losen Haaren herum, die nicht mehr in dem mühevoll geflochtenen Zopf waren.
      “Ah okay, hast du ja jetzt. Den Weg zurück solltest du kennen, einfach so, wie du hergekommen bist”, maulte Vriska, setzte die Sonnenbrille auf die Nase zurück und drehte sich um. Doch erstaunlicherweise stoppte ihr Bruder sie, der zuvor genauso wenig begeistert von Eriks Anwesenheit war, wie sie. Irgendetwas flüsterte er ihr ins Ohr, worauf hin sie zwar stoppte, aber weiterhin keinerlei Emotionen zeigte. Erst jetzt merkte sie auch mich, worauf hin zumindest ein kleines Lächeln über die Lippen huschte.
      “Also bin ich jetzt plötzlich würdig? Verstehe. Ich habe keine Lust auf euren komischen Spielchen, also suche dir jemanden anderes, der das alles erträgt”, fauchte sie Erik an.
      “Es ist nicht wie du denkst”, kam seine Verteidigung.
      “Und jetzt erklärst du mir noch, dass dein großer Bruder sonst immer weiß, was er tut und du ihm vertraut hast. Plötzlich einsiehst, dass es nicht richtig war und du um Verzeihung bittest? Denk dir was Besseres aus und dann können wir meinetwegen noch einmal sprechen, aber jetzt geh mir aus den Augen”, packte Vriska aus, was sie auf dem Herzen hatte. Tief in mir vermutete ich schon, dass Niklas wieder einmal seine Finger mit im Spiel hatte. Dass Erik jedoch so unbedacht darauf hörte, konnte man als Enttäuschung betrachten. Es tat mir wirklich leid für sie, dass mein Freund sich wie der letzte Dreck verhielt. Während Vriska wieder den Weg zum Zelt antrat, verharrte er an der Stelle, vollkommen unbeholfen und weiß im Gesicht. Schnell reagierte Harlen und reichte ihm eine Wasserflasche aus dem Kofferraum, die er dankend annahm und austrank.
      “Die bekommt sich wieder ein, keine Sorge”, sagte ihr Bruder aufmunternd und schlug ihm auf die Schulter.
      “Vielleicht wäre es besser gewesen, direkt mitzufahren. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, aber nein. Erst musste ich …“, begann Erik sein Herz auszuschütten, aber Harlen stoppte ihn.
      “Am besten hebst du dir das für später auf, denn mich interessiert es nicht. Alles, was ich sehe, ist meine zu tiefst verletzte Schwester, die dir nachläuft und die letzten Tage andauernd schrieb. Elendig lange Nachrichten darüber, wie sehr sie dich vermisst. Aber von dir nicht einmal ein Lebenszeichen. Also komm mal klar”, schimpfte Harlen. Erik sagte dazu nichts mehr, kam stattdessen zu mir und Fredna. Seine Tochter lief freudig auf ihn zu, lachte fröhlich und wollte hoch auf seinen Arm. In seinen Augen zeichnetet sich der Schmerz ab, aber im Gesicht quälte er sich ein Lächeln auf die Lippen. Er hob seine Tochter auf seine Schultern, bedankte sich bei mir und lief weiter. Richtung der Tribünen bei denen wohl gerade das L-Springen aufgebaut wurde.
      „Es tut mir leid, dass du das mitbekommen musstest. Alles, was sie wollte, war Ruhe, vielleicht solltest du zu deiner Schwester, sie macht sich sicher schon Sorgen um dich“, sprach Harlen mich an und drückte mir eine Plastikkarte in die Hand, auf der ‚VIP Access‘ geschrieben stand. Da würde ich wohl den Rest Truppe finden.
      “Schon gut, ich gehe dann mal die anderen suchen”, antworte ich und entfernte mich noch ein wenig sprachlos von den Hängern. Was auch immer da gerade stattgefunden hatte, es war verdammt unerwartet und in meinen Ohren hatte auch kaum etwas davon nachvollziehbar geklungen, warum auch, es ging mich sowieso nichts an. Ich sollte dringend aufhören alles verstehen zu wollen, denn mit jedem weiteren Tag wurde mir Vriska unbegreiflicher. Die voyeuristischen Blicke einer Gruppe Teenager, die sich in der Nähe der VIP-Lounge herumdrückten, ignorierend schlüpfte ich durch die Milchglastür in die schillernde Welt der High Society. Die Stimmung hier drin war ziemlich gelöst, die meisten schienen schön ziemlich tief ins Glas geschaut zu haben.
      “Tauchst du auch mal wieder auf”, trällerte meine Schwester gut gelaunt. “Aber sag mal, in welchen Wirbelsturm bist du denn geraten?”, fragte sie und macht sich im gleichen an dem zu schaffen, was sich mal mein Zopf nannte. Mit routinierten Handgriffen brachte sie das ganze wieder in Ordnung.
      “Kein Wirbelsturm, eher die Finger eines Kleinkindes”, erläuterte ich den Zustand meiner Haare. Etwas irritiert blickte Juli mich an: “Wo hast du denn bitte ein Kleinkind her?”
      “Ähhh, du erinnerst dich doch sicher, dass ich dir von Erik erzählt habe? Ihm bin ich eben draußen begegnet mit seiner Tochter, niedliches kleines Ding”, beantworte ich ihre Frage. Von der Seite kam großen Schrittes noch Chris dazu, als hätte er unser Gespräch verfolgt. Als er begann zu sprechen, bestätigte sich meine Annahme.
      “Also ist Erik wirklich da? Ich hoffe, er war schon bei Vriska, sonst wird es heute Abend ekelhaft”, klang er erleichtert.
      “Ja und Ja. Ich glaube aber nicht, dass das den Abend positiv beeinflusst”, gab ich stirnrunzelnd zu bedenken.
      “Bitte sag mir nicht, dass sie schon wieder das allseits bekannte Ekelpaket vorschickte”, fluchte er, wusste natürlich selbst, dass genau das passierte. Erschöpft ließ er sich in den Sessel fallen, bevor ich mich wieder meine Schwester zuwandte.

      Vriska
      Frohen Mutes drückte ich mich hoch aus der Isomatte, halb erschöpft, halb Tatendrang, wühlte ich mich vor zum Reißverschluss. Die Bullenhitze, die im Zelt stand, machte es mir schwer zu atmen, kleine Schweißperlen rannen an meiner hellen Haut herunter, die vom Sommer in Kanada sogar etwas braun war an einigen Stellen. Rasch zog ich mir das Shirt drüber, dass über unserer Tasche lag und der Größe zur Folge von meinem Bruder stammte. Verwundert darüber eine kurze Hose anzuhaben, kämpfte ich mich aus der Hölle heraus ins Freie. Der Himmel getaucht in einen wunderschönen Farbverlauf. An einigen Stellen bereits zugezogen in dunklen Farben, zur anderen Seite strahlten noch die letzten Atemzüge der Sonne.
      “Vivi, du bist wieder unter den Lebenden”, freute sich mein Bruder sichtlich über mein Zugegen sein. Mein Kopf brummte, die Hitze im Zelt stieg mir zu hoch, aber ich hatte noch Aufgaben zu erledigen und in weniger als einer Stunde stand die Siegerehrung an, die darüber entschied, ob ich morgen im Finale reiten würde oder nicht. Natürlich waren die Listen dafür bereits ausgehangen, aber ich wollte mich überraschen lassen, überraschen, ob ich es wirklich geschafft hatte, mich zwischen all den anderen Talenten durchzusetzen, auf einem Pferd, dass ich sonst nur auf dem Paddock betrachtete oder longierte. Fruity, die große Ehre, konnte wirklich was reißen und das tat ich zusammen mit ihr.
      “Ich habe richtigen Müll geträumt”, begann ich Harlen aus der Erinnerung heraus, den Schrecken darzulegen, jedoch unterbrach er mich. Mit einer Bewegung meines Fußes unter dem Auto am Kofferraum öffnete sich die Klappe. Das Wasser befand ich sich noch immer in der Kühltruhe und wartete nur darauf, geöffnet zu werden.
      “Lass mich raten, dein Nicht-Freund war da und du hast ihn zur Schnecke gemacht?”, lachte er verunsichert an dem Stuhl fummelnd. Ich hingegen setzte immer wieder die Flasche ran, sammelte das Wasser in meinem Mund, bevor es kühlend meine Kehle hinunterlief.
      “Woher weißt du das. Nein, sage bitte nicht, dass es kein Traum war, sondern wieder einer meiner Schlaf-Wach-Aktionen, die ich nur peripher wahrnahm.” Ich hoffte, dass ich falsch lag. Aber seine wehleidigen Blicke verrieten alles, die Lippen fest aneinandergedrückt und an den Wangen formten sich niedliche Grübchen, die Stirn gerunzelt. Die leere Flasche warf ich unsanft zurück in den Kofferraum und schloss ihn wieder. Da hatte ich ziemlich viele Sorgen bei allen verbreitet, wenn ich so darüber nachdachte, wer alles davon mitbekommen hat. Aus der Hoffnung heraus, dass unsere Nachbarn kein Deutsch verstanden, lächelte ich einem jungen Mann zu, der verlegen dich wegdrehte.
      “Wir müssen uns jetzt fertig machen”, sagte ich zu Fruity, die müde im Rasen lag und die Augen nur mit Mühe offenhielt. Als ich das Halfter holte, spitzte sie die Ohren, ihre Unterlippe zuckte vergnügt. Ich verspürte den Drang, mich nur zu ihr zu legen, nicht mehr aufzustehen und alles zu vergessen. Vergessen, was ich zu Erik sagte. Vergessen, dass ich mir noch die Hoffnung machte mit Niklas ein Abenteuer zu erleben. Aber so schnell würde es nicht mehr meinen Verstand verlassen.
      “Ich ziehe mir etwas anderes an und solange kannst du noch liegen bleiben, okay?”, versprach ich der Stute und krabbelte in das Saunazelt, um mir zumindest eine Reithose anzuziehen und ein ordentliches Shirt. Harlen saß noch immer vertieft in einem fesselnden Buch im Campingstuhl, ungeachtet des Trubels, der zunehmend die Oberhand gewann im Kampf um die herrschenden Töne. Auch der junge Mann neben uns, sattelte mit einem Dressursattel seinen Fuchs, zog sich etwas eleganter an und stieg neben dem Paddock auf. Interessiert warf ich immer wieder einen Blick nach drüben, musterte ihn. Er trug ein graues Poloshirt, dazu eine weiße weite Reithose, braune Stiefel und dazu passend einem braunen Helm. Vielleicht war eine Möglichkeit zu vergessen.
      “Sehen wir uns gleich?”, fragte er höflich. Überrascht, dass er wohl doch die Aktion vorhin mitbekam, verharrte ich, bis ein zaghaftes Nicken von mir kam. Noch einmal lächelte er breit und ritt im Schritt los. Von der Seite stupste mich Fruity an, als wollte sie mich wieder wachrütteln. Das sanfte Beben ihrer Nüstern beruhigte mich ungemein, ich brauchte keinen Kerl bei mir, nur die Pferde. Sie machten mir keine Vorwürfe, sondern waren stillschweigend an der Seite, treu und genügsam.
      Mit einem kräftigen Schwung legte ich den schweren Sattel auf ihren Rücken und zog den Gurt nur so fest wie nötig, dass er nicht hinunterfiel. Im Anschluss würde ich noch die morgige Kür üben wollen, weswegen ich das Baucher mit aus der Kammer holte und als Gebiss an das Zaum hängte. Geduldig, wie sie war, wartete Fruity, dass ich fertig wurde und aufstieg.
      “Kommst du mit?”, fragte ich auf dem Rücken der Stute hinunter zu Harlen, der das Buch zur Seite legte.
      “Natürlich, als könnte ich das verpassen”, lächelte er.
      Der Himmel verdunkelte sich von jeder Minute zur Nächsten. Im Flutlicht der Hauptarena stellten sich langsam die Sponsoren auf und Helfer, bewaffnet mit Körben und Fahnen, die im schwachen Wind flatterten. Bewusst sah ich nur nach vorn, vermag es mir, die anderen Reiter zu betrachten, die wie in Schwalle der Hoffnung um uns herumritten, in hektischen Tönen auf eine Platzierung bangten. Doch, ich? Ich hoffte auf nichts, wusste das meine Leistungen jedem Training übertrafen und einer der fünf wertvollen Plätze für das morgige Finale mir gehörte. Dann traute ich mich, einen Blick auf die anderen zu werfen. Sie scheuchten ihre Tiere, wie ein aufgebrachter Bienenschwarm, über den Platz, als würde es etwas an der Entscheidung der Richter ändern. Was stand schon auf dem Spiel? Es war eine lächerliche Anfänger-Dressur, die keine Qualifikation benötigte, um weitere Turniere zu reiten, doch jeder tat so, als wären wir auf einen der großen Veranstaltungen.
      “Vivi, es geht los”, holte Harlen mich in die Wirklichkeit, lächelnd und voller Fürsorge. Es lag so viel Vertrauen in seiner Stimmte, dass es beinah beängstigend war ihn, als meinen Bruder zu bezeichnen. Innerlich hoffte ich schon öfter, dass es nur ein Traum war, er adoptierte wurde und wir nicht blutsverwandt. So hätte ich die Liebe zu ihm, als Bruder, auf eine neue Ebene heben können, wahrhaftiger wahrnehmen können.
      Alle Teilnehmer warteten, aufstellt auf dem Hufschlag in Reih und Glied, nur, um gesagt zu bekommen, ob es ein Morgen geben würde oder nicht. Fruity kaute genüsslich auf dem Gebiss, zupfte an den Zügeln und streckte immer wieder den Hals nach unten. Nur wenige der anderen Pferde waren so ruhig, wie sie es war. Sie tänzelten herum, widersetzten sich dem Reiter und traten rückwärts gegen den Zaun. Ihre Menschen, stark verunsicherten, zogen willkürlich an den Zügeln, drückten die Fersen unliebsam in den Bauch oder meckerten mit den Tieren. Mit Gewalt kommt man dabei jedoch nicht so viel weiter.
      Zu den ersten drei gehörte ich nicht, wodurch sich das Gefühl einschlich, mich überschätzt zu haben. Die Truppe verlor auch kein einziges Wort über meinen Ritten, taten so, als wäre das hier ein Spiel oder irgendein lustiger Wochenendkurs, bei dem es nur um Spaß ging, Spaß miteinander zu haben, untereinander. Ich hatte keinen. Alles, was ich sah, waren hilflose Wesen, die danach strebten, ein Teil der Gesellschaft zu sein, Aufmerksamkeit zu bekommen und in irgendeinem Bericht in den Printmedien positiv erwähnt zu werden.
      “ … Vriska Isaac med Forbidden Fruits LDS på fjärde plats …”, hörte ich plötzlich meinen Namen und den meines Pferdes. Freudestrahlend holte ich Fruity unter die Wachenden mit einem kleinen Stoß in die Seite. Im Schritt setzte sie an, blieben bei den anderen drei stehen. Eine kleine Urkunde überreichte man mir, bevor noch der fünftplatzierte dazu ritt. Kurz dachte ich, es sei der junge Mann mit dem Fuchs, aber ich irrte mich.
      “Ich bin stolz auf dich”, die fünf Worte strahlten so viel aus, dass eine Flut aus Freude durch meinen Körper spülte, mich positiv in den morgigen Tag blicken ließ. Es waren nicht nur die Worte, sondern die Person, die sie sagte. Niklas stand neben mir und lächelte, wie den Tag beim Probereiten. Seine Augen funkelten, aber fernab vom Verlangen, viel mehr freundschaftlich und demütig. Wie er da stand, wirkte er so perfekt und unberührt, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Ich sollte mich mit dem Gefühl arrangieren mit ihm eine Freundschaft zu führen, oder ihn für immer zu hassen.
      “Danke dir”, sagte ich glücklich.
      “Herzlichen Glückwunsch. Ich wusste doch, dass ihr zwei das Meistern werdet”, beglückwünschte mich nun auch Lina und strich der Stute über den braunen Hals. Etwas in mir sagte, dass es richtig war, sie hier zu haben. Nicht nur als Grund von Niklas fernzubleiben, was mir bisher weniger gut gelang, sondern auch als Stütze. Ich bemühte mich am Hof freundlich zu sein, mein Leid für mich zu behalten, aber strafte sie mit Nichtachtung und Schweigen. Das tat mir auch weh.
      “Lina, die Hellseherin, wer hätte das gedacht”, lachte ich und ritt wieder zum Platz. Die Reiter wurden weniger.
      “Ich würde dir gern helfen, aber Amy und ich sind gleich zur L-Dressur auf dem großen Platz. Aber keine Sorge, du schaffst das und ich werde auch ohne deine Anwesenheit den ersten Platz belegen”, schien Niklas mich aufzumuntern. Seine stechenden, heißen Blicke in die Augen lenkten mich ab, so sehr, dass ich in einen der Reiter hineinritt.
      “Titta här! (Achtung)”, beschwerte er sich laut stark, bevor die Entrüstung durch ein freundliches Lächeln abgelöst wurde. Es war der Herr von nebenan, auf seinem Fuchs.
      “Oh tut mir leid, ich hatte meine Gedanken woanders”, sagte ich zurückhaltend, getaucht im Schamrot mit leuchtenden Augen.
      “Ich bin übrigens Eskil, wie soll man dich nennen?”, freute er sich mich wiederzusehen. Die anderen drei Männer neben mir, beäugten das Gespräch kritisch, unsicher, was das hier werden würde. Besonders Harlens Begeisterung hielt sich in Grenzen, obwohl ich nicht viel mehr als höflich war. Hätte ich ihn anmaulen sollen, wie ich es sonst tat? Dafür gab es gar keinen Grund, hingegen aller Erwartungen freute sich mein junges Herz, darüber, endlich mal einen Erfolg zu verzeichnen, wenn auch nur einen kleinen. Ich stand im Finale und das sollte gefeiert werden, doch zu vor, musste ich noch mal die neue Kür üben, die bereits Elemente der L Dressur beinhaltete. Aufgabe war es, über sich hinauszuwachsen und nicht unbedingt wie viele andere in weißer Bekleidung und Lack-schwarzen Leder durch den Sand zu tanzen, mit nach vorn geworfenen Vorderbeinen. Eine Darbietung, die jeder abliefern konnte mit dem passenden Pferd. Es lockerte die Sache auf, nur gewisse Elemente mit einzubauen, in einer kreativen Zusammensetzung im Zusammenspiel mit dem Pferd.
      “Schön dich kennenzulernen, Eskil. Ich bin Vriska, sag einfach Vivi”, bot ihm an, freundlich lächelte er und ritt voraus. Von der Seite hörte ich Niklas murmeln: “Uns hat sie nie ihren Spitznamen verraten.”
      “Eifersüchtig?”, grinste mein Bruder und folgte mir schnellen Schrittes zum Platz. Wir ließen die anderen hinter uns, als wären sie nicht gut genug für uns, eine Blamage durch und durch. Dem war nicht so, aber es fühlte sich richtig an, sich nicht vor der eigenen Leistung wegzudrücken und den Erfolg zu genießen.
      Auf meinem Handy las ich mir die Abfolge der Aufgaben durch, die Tyrell entwickelte hatte, extra für das Finale. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass kein einfacher Galoppwechsel geplant war, sondern ein fliegender. So etwas bin ich zuvor nie geritten, kannte die Hilfen nicht, wusste nur, dass die Stute bereits soweit geschult wurde.
      “Eskil?”, fragte ich den kräftigen Herrn, der im Schritt nur einige Meter entfernt ritt. Sogleich drehte er sich und lenkte das Schiff eines Pferds in unsere Richtung.
      “Wie kann ich dir behilflich sein?”, erkundigte er sich freudestrahlend, als wäre er der Retter in der Not, aber in meinen Augen einfach der Einzige, der mehr hatte als ich und Harlen zusammen. Sonst gab es niemanden auf dem Reitplatz und ich kannte zumindest seinen Namen.
      “Das mag seltsam klingen, aber ich bin noch nie einen fliegenden Wechsel geritten. Wie mache ich das am besten?”, legte ich mein Anliegen nah. Seine rechte Wange zog sich nach oben, und die markante Kieferpartie strahlte noch stärker in seinem hübschen Gesicht. Ohne etwas zu sagen, galoppierte er den Fuchshengst an, dessen Rasse mir nicht offensichtlich genug war, eher ein gewöhnliches Warmblut, nichts Besonderes, aus dem Stand. Als gäbe es nichts Leichteres, sprang sein Pferd wie von Zauberhand um, die Beine des Reiters gleichmäßig am Bauch und nur durch minimale Einwirkungen in den Bewegungen. Nach dem ersten Sprung galoppierte er auf dem Zirkel weiter und setzte von dort aus erneut in den Wechsel um, dieses Mal eine Serie von Wechseln, die einer nach dem anderen extrem sauber gesprungen waren. Wie es im optimalen Fall aussehen sollte, wusste ich vorher schon, aber das Paar zog mich dennoch in den Bann. Es war nicht wie bei Niklas und Smoothie, die eine Einheit bildeten und zusammenflossen, sondern jeder für sich hatte etwas Besonderes, obwohl ich Füchse nicht mochte. Sie sahen alle gleich aus und auf der Weide in Deutschland damals griff ich grundsätzlich das falsche Pferd.
      “Und jetzt du”, sagte Eskil aufmunternd, was mich viel mehr besorgte, als beruhigte.
      “Ich würde gern, aber ich weiß immer noch nicht, wie der Ablauf der Hilfen ist”, wiederholte ich mein Anliegen, als hätte er mir gar nicht richtig zugehört. Er stellte sich mit seinem Pferd vor mich, damit ich die Hilfen sehen konnte. Dazu erklärte er noch, wann welche folgte und ich jedes auffußen der Hinterhufe mit meinem Gesäßknochen genau verspüren sollte. Seine Worte schalten noch Minuten später in meinem Kopf, denn die Erklärung war grandios, so gut, dass ich bereits beim ersten Versuch eine große Sicherheit verspürte und Fruity von rechts nach links wechselte, ohne dabei nachzuspringen oder an Tempo zuzulegen. Zufrieden lobte ich die Stute mit einem sanften Streicheln über den Hals.
      “Das war wirklich hilfreich, danke”, zollte ich ihm mein Respekt, was er herzlich annahm.
      Es wurde später und später, auch die Temperaturen nahmen ab. Harlen stand fröstelnd am Zaun, wollte mich aber keinen Augenblick allein lassen. Seiner Meinung nach wollte Eskil mich nur ins Bett bekommen, wogegen ich grundsätzlich nichts einzuwenden hatte, meinen Bruder jedoch nicht mitteilte. Ich beruhigte ihn mit irgendwelchen Phrasen, die jeder von uns schon tausend Mal gehört hatte.
      „Vriska?“, sagte lautstark eine mir wohlgesinnte Stimme vom Zaun. Am langen Zügel ritt ich zu dem bärtigen Mann, der niemand anderes als Herr Holm war. Freundlich legte er seine Arme auf dem Zaun ab, direkt neben meinem Freund.
      „Hej“, antwortete ich und bremste Fruity in den Halt.
      „You've already met our newest member of the club, I'm glad you get along“, lachte er freundlich. Verwundert sah Eskil zu mir und auch war überrascht darüber, ihn wohl nun öfter zu sehen. Damit ging mein Plan, irgendwen diesen Abend zu benutzen und dann nie wiederzusehen, wohl nicht mit ihm auf, schade. Dass unser Trainer nichts gegen die Wahl meines Pferdes sagte, verwunderte mich, aber offensichtlich überzeugte ich auch auf den Rücken eines Dressurpferdes.
      “Du bist in auch in Kalmar?”, fragte er lachend.
      “Zufälligerweise ja, aber damit –”, ich stoppte willkürlich. Harlen sah mich mit zusammengekniffenen Augen an, als wüsste er, was folgen sollte. Für mehrere Sekunden lieferten wir uns ein Krieg der Blicke, was mir zu verstehen gab, nichts mit dem Typen anzufangen.
      “Eskil, ta inte så lång tid på dig med Erlkönig, festen börjar om en timme, du borde lära känna de andra då (Eskil, mache nicht mehr so lange mit Erlkönig, in einer Stunde beginnt die Party, da sollst du die anderen kennenlernen)”, mahnte Herr Holm und lief weiter zu dem Hauptreitplatz, auf dem mittlerweile Niklas geritten sein sollte.
      “Bist du dann auch da?”, vergewisserte Eskil sich bei mir, als wir im Schritt zusammen die Pferde abritten. Die beiden Tiere verstanden sich gut, keine Zickereien und auch keiner der sich sein Geschlecht entsprechend benahm – im Gegensatz zu uns.
      “Mal sehen, aber vermutlich schon. Schließlich muss die jemand im Griff haben”, lachte ich fröhlich, obwohl ich wusste, dass ich diejenige war, die stets einen Betreuer benötigte, um einen klaren Kopf zu behalten.

      Fruity sammelte wieder ihr Futter zwischen den Grashalmen auf, während Harlen mir einen Vortrag darüber hielt, dass ich mich weniger anzüglich bekleiden sollte und damit nur lüsterne Männer auf mich zog. Er mochte es nicht, wenn ich sehr aufreizend gekleidet war. Ein Abend, die alte Vriska sein, wenn auch nur dieses eine Mal, mehr verlangte ich nicht. Schon tief in den Gedanken eingetaucht, mich volllaufen zu lassen und mir den nächsten Kerl zu schnappen, einen, den ich morgen nie wieder sehen werde. Schließlich ging es nun nicht mehr darum, wer der Auserwählte sein durfte, denn ich hatte mich selbst nicht unter Kontrolle und es wohl dem Kerl geschenkt, der es am wenigsten verdient hatte. Aber im Nachhinein erscheint es nicht schlecht gewesen zu sein, ganz im Gegenteil. Niklas war zärtlich, einfühlsam und überhaupt nicht grob, gar nicht, wie ich es erwartet hatte. Er gab auf mich Acht, überließ mir die Kontrolle, die er sonst nicht abgeben wollte. Die gemeinsame Erinnerung schenkte mir Kraft, wenn auch nur den Willen, ihn mit Lina glücklich zu sehen. Sie hatte es verdient, viel mehr als ich, niemand mehr als sie.
      „Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass du feierst unter so vielen Leuten, die wir nicht kennen“, versuchte Harlen erneut an mein Gewissen zu appellieren. Er wusste nur zu gut, wie die meisten Partys bei mir endeten, dennoch lagen seitdem mehr als drei Jahre dazwischen. Ich hatte dazugelernt, fest entschlossen, mich wohlzufühlen, einfach alles, um mich herum zu vergessen und in Welt der lauten Töne und flackernden Lichter einzutauchen. Genau das brauchte ich, um Erik und Niklas aus meinem Kopf zu jagen.
      „Es ist nicht meine erste Party und ein Kind bin auch nicht mehr“, schnaubte ich euphorisch und bürstete noch einmal die langen Haare durch. Viele blieben in den Borsten hängen, wo kamen die alle her? Je öfter ich über meinen Kopf fuhr, umso mehr wurden es. Das musste der Stress der letzten Tage sein, vor allem, wo noch immer Prüfungen vor mir standen und ich vergnügt auf einem Turnier war.
      „Genau deswegen, außerdem … Erik will dich wirklich an seiner Seite haben.“
      „Es ist mir egal, was der will, okay? Wir kennen uns kaum und nur, weil ich bereit war ihn ranlassen, kommt er jetzt wieder an. Scheint wohl sonst nicht gut bei ihm zu laufen. Nein danke, ich möchte nicht wieder der Knochen von irgendwen sein”, erklärte ich Harlen. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass ich Erik bei mir haben wollte. In der Nacht die Augen zu schließen und zu wissen, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich wollte, jemanden, der wusste, wie es war, allein zu sein, sonst niemanden zu haben. Wir waren uns so ähnlich, dass es bedrohlich war, die Chance nicht zu nutzen, mehr von der Welt kennenzulernen. Diese Chance wollte ich nutzen, auch wenn es bedeutete ihm und mir schmerzen dabei zuzufügen.
      “Warte, was? Du hast schon mit ihm geschlafen? Was stimmt –” Ich unterbrach ihn. “Nein! Nur mit Niklas.”
      “Ach Vivi, du machst es dir wirklich schwer. Entscheide Weise, ich denke, dass du mit Erik einen guten Kerl an deiner Seite hättest”, trichterte er erneut ein. Langsam reichte es von meinem Umfeld jeden Tag hören zu müssen, wie ich etwas entscheiden sollte. Offensichtlich wusste es jeder besser als ich, was es bedeutete, in meinem Körper zu stecken, die Gedanken und Gefühle zu haben, Schmerz zu spüren, jeden verdammten Tag zum nächsten sich zu schleppen.
      “Harlen, sei ruhig. Es ist meine Entscheidung und ich will ihn – nicht mehr sehen. Akzeptiere es”, wiederholte ich mich, ohne mir das Leid in den Worten anmerken zu lassen. Nur für heute, ausblenden, dass es Erik oder Niklas gab. Wieso spuckten überhaupt zwei Typen in meinem Kopf? Es hätte schon gereicht, wenn es einer wäre, den ich nicht vergessen kann. Aber genug! Irgendwen würde ich schon finden, der für eine schnelle Nummer zur Verfügung stand, den Hulk sollte bei Lina an der Seite bleiben.
      “Ich glaube dir nicht, aber okay. Du weißt schon, was du tust”, unterstützte mich mein Bruder endlich und nahm mich in den Arm. Kleine Bartstoppel drückten sich rau auf meine Haut und ein Hauch seines sonst sehr intensiven Geruchs stieg mir in die Nase, es roch nach Zuhause, vertraut.
      “Danke, dass du für mich da bist”, drückte ich mich fester an ihn.
      “Du bist meine kleine Schwester, wie sollte ich dir etwas ausschlagen können”, lachte Harlen vergnügt und zusammen liefen wir zum Tanzsaal in das größte der Hallen auf dem Gelände, dort, wo oben die VIP-Lounge war. In den Himmel flackerten die großen Strahler vom Dach, fröhlich dröhnte elektronische Musik nach draußen, nichts, das mir gefiel, aber Hauptsache laut. Harlen griff nach meiner Hand, hielt sie fest in seiner, blickte mich tief an und zog mich in das Gebäude. Viele Menschen tummelten sich bereits im Eingangsbereich, sprachen vernehmlich über diverse Teilnehmer und als ich mit meinem Bruder an ihnen vorbeilief, begannen sie orphisch über uns zu tuscheln. Ich verstand nicht alle Worte, aber, dass sie uns seltsame Gerüchte abhängten und auch, dass ich diejenige war, die Niklas in Kanada verführte, nur Ju eifersüchtig zu machen. Seitdem hatte ihn niemand mehr gesehen, ja, sogar ich hatte ihn seit der Ankunft in Schweden nicht mehr gesehen. Am Flughafen stieg er in einen Uber und verschwand. Nachrichten las er, aber eine Antwort bekam man nur, wenn es benötigt wurde. Die Schuld daran zu geben, sah ich nicht ein. Ju war alt genug, um selbst zu entscheiden, was er tut. Außerdem schien er schon in Kanada nicht mehr so motiviert für die ganze Sache mit den Pferden zu sein, keine Lust mehr auf die Gespräche, Stress und ständiges Unterwegs zu sein. Ich konnte es nachvollziehen, im Gegensatz zu allen anderen.
      Nach der Kontrolle unserer farbigen Bändchen befanden wir uns einen separaten Bereich, einige bekannte Gesichter erblickte bei dem Augenschweif. Chris hatte eine junge Blondine auf seinem Schoß, die ihm sehr wohlgesonnen wirkte. Niklas stand eng umschlossen mit Lina an der Wand, während ihre Schwester sich an einem Trinkspiel beteiligte. Ich fühlte mich nun nicht mehr so wohl bei der Sache, doch als Eskil uns zu sich rief, wurde es in mir wieder ruhiger. Fröhlich trabte ich zu ihm, drehte mich auf der Stelle und warf meine Arme freundschaftlich um seinen Hals. Er legte eine Hand auf meinen Rücken, klopfte diesen.
      “Es ist schön, dass du noch gekommen bist mit deinem reizenden Bruder”, sagte er höflich und lächelte ihn an. Verschmitzt zuckten auch Harlens Lippen. Sie musterten einander, spürte nur ich das? Die beiden hatte eine seltsame Verbindung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Tatsächlich lernte ich bisher nie einen Partner kennen, den er hatte, oder Partnerin. Bisher war ich mir nie sicher, was er wollte, doch jetzt schien es fassbar zu sein.
      “Gefällt er dir?”, flüsterte ich Harlen in seinem Ohr, was er strickt verneinte und mich für verrückt erklärte. Vielleicht spielten meine Gefühle wirklich verrückt, alles drehte sich, eine innerliche Achterbahn durchfuhr mich.
      Herr Holm stellte die Musik leichter und begann uns alle einander vorzustellen. Wenn Eskil sich gut anstellte, könnte er sogar im Nationalteam mitreiten, zumindest, bis er für uns zu alt wurde, was in weniger als drei Jahren so weit sein würde. Erstaunlich, dass er trotz so einer guten Verbindung zu seinem Pferd, erst jetzt die Möglichkeit bekam, das Land zu vertreten. Dann standen noch zwei jüngere Damen mit dabei, die nur schüchtern winkten und kurz sich vorstellten, Zwillinge, Eineiige Zwillinge. Obwohl sie noch vor einer Sekunde ihre Namen nannten, hatte ich sie schon wieder vergessen.
      Kaum endete die Vorstellungsrunde, wurde die Musik wieder lauter und heiter setzten sich alle in Bewegung. Mein Bruder verschwand nach unten, in den öffentlichen Bereich, während ich mich auf einer der Sitzmöglichkeiten hinsetzte und alles zunächst in Augenschein nahm. Hatte ich wirklich gedacht, dass ich für einen Abend eine Reise zurück in mein ein altes Leben konnte, ohne Gefühle, einfach zu Leben? Falsch gedacht. Das funktionierte nicht. Zwischen all den glücklichen Menschen, die einander hatten, fühlte ich mich unwohl. Ich zupfte an meiner Shorts herum, an meinem Shirt, aber natürlich wurde es nicht plötzlich länger.
      “Willst du meine Jacke?”, drückte mir Eskil ein langes, dunkel Stück Stoff in die Hand. Langsam begutachtete ich die Jacke, bedankte mich und legte sie mit über, wie eine Decke. Obwohl mir nicht kalt war, schämte ich mich dafür, so auszusehen, Haut zu zeigen und es interessierte niemanden. Er setzte sich zu mir.
      “Gibt es hier keinen, der mit dir tanzt?”, fragte Eskil aufgeschlossen, als würde er mich fragen wollen. Alles in mir schrie ‘Ja, keiner möchte, doch mein Herz schrie ‘Nein, es wartet jemand’. Es schrie so laut, dass es in meinen Ohren pulsierte, die Musik übertönte und keinerlei Erbarmen zeigte, mir gerecht zu sein.
      “Doch, aber er ist nicht da”, stammelte ich willkürlich, nicht, so wie ich es wollte. Aber in mir blutete es, zerriss mich und der Schmerz verlangte, auf schnellsten Wegen mich in das Zelt zu verziehen.
      “Also hast du jemanden an der Seite?”, die Frage zu beantworten, fiel mir schwer. Die Antwort wäre natürlich nein, ganz offensichtlich, aber ja. Erik schwebte mir durch den Kopf, wie ein Parasit, der sich mein Hirn zum Mittagstisch vornahm. Verzweifelt wischte mir durchs Gesicht. Ich hielt es nicht aus, entschuldigte mich kurz bei Eskil und lief hinaus zur Terrasse. In der letzten Ecke stellte ich mich ans Geländer. Von hier konnte man weit sehen, zu den Lichtern der Stadt und den wunderschön erhellten Wegen des Geländes. Das indirekte Licht schmeichelten der Architektur und Flair. Ich wünschte mit dem Ort bessere Erinnerungen verknüpfen zu können wie meiner Prüfung und nicht dem emotionalen Blödsinn. Aus meinem BH holte ich das Zigarettenetui, dem ich abschwören wollte, aber es nicht konnte. Vermutlich auch gar nicht wollte. Aber mein Feuerzeug war nicht da, freundlich fragte ich eine Frau neben mir, der ich mehrfach mein Geburtsdatum nennen musste, bis sie mir glaubte, dass ich über achtzehn Jahre alt war. Lächerlich bei der Vorstellung, dass Kinder eigentlich rauchen durften, nur der Verkauf nicht zulässig war. Erleichtert nahm ich einen kräftigen Zug vom Glimmstängel, die Lunge brannte und in meinem Hals setzte sich eine kratzige Schicht aus Gift ab, nicht gesund, aber mir egal. Traurig blickte ich wieder zu den bunten Lichtern, als es in meinem BH vibrierte. In dem Ding war echt Platz für alles, der Vorteil darin, kaum Oberweite zu haben.
      „Vriska. Ich dachte, dass ich dir beweisen müsste, ein Mann zu sein. Jemand, wie mein Bruder es ist. Stattdessen habe ich damit alles kaputt gemacht. Die gemeinsame Zeit genoss ich in vollen Zügen und möchte für dich da sein, egal wie schwer es sein wird. Sag mir, was ich tun soll, und ich werde es tun. Egal, was. Bitte, gib mir diese Chance, dir zu zeigen, was du mir bedeutest. Ich habe alles Mögliche getan, um bei dir sein zu können. Auf unbestimmte Zeit wurde ich beurlaubt und könnte von jetzt auf gleich zu dir kommen, solang wie du mich ertragen kannst, sofern du kein Problem mit meiner Tochter hast. Und dem Höllenhund. Bitte. Wenn du dafür bereit bist, dann drehe dich um.
      Gruß, Erik”, las ich unter dem Sternenhimmel die Nachricht, die aufleuchtete, mehrfach. Was sollte ich jetzt tun? Ich stand mit zwei, drei Leuten auf der Dachterrasse des Gebäudes, weit und breit niemand, den um Rat fragen konnte, niemand, der mir diese Entscheidung nehmen konnte. Aus meinen glasigen Augen tropften eine Träne und ich drehte mich um.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 96.667 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel fyra | 21. Oktober 2021

      St. Pauli’s Amnesia / Forbidden Fruit LDS / Glymur / Erlkönig / HMJ Divine

      Vriska
      Da stand er, perfekt wie er war. Getaucht im blauen Licht der kleinen LED-Leisten am Rande des Geländers. Hinter ihm reflektierten die bodentiefen Fenster die Lichter der Stadt, während im Inneren die Leute vergnügt tanzten, lachten und tranken. Das alles, machte es zu einem wunderschönen Abend. Weitere Tränen flossen unaufhaltsamen in meinem Gesicht hinunter und ich schämte mich dafür, ihn abgewiesen zu haben, daran gedacht zu haben, irgendwen für meine Spielchen ausnutzen zu wollen. Es wurde still und wir sahen einander an, niemand von uns beiden sagte etwas. Meine Knie zitterten, vor allem, weil es draußen super kalt war und ich die kluge Idee hatte, eine Shorts anzuziehen, die nicht viel länger war, als eine Unterhose und darüber ein lockeres bauchfreies Shirt. Eskil Jacke hing über dem Geländer, aber ich trug sie nicht. Langsamen Schrittes kam er näher, so wie wir uns das erste Mal sahen. Der graue Anzug schmeichelte nicht nur seine Figur, sondern untermalte seine Autorität, die ihm ansonsten ziemlich fehlte. Die Haare locker nach hinten gegelt und über dem Hemd mit feste, ein blaues längliches Jackett, dass Erik auszog und mir über die Schultern legte. Mit meinen hohen Schuhen fehlte sogar gar nicht mehr viel, um ihn in die Augen zu schauen, ohne eine Genickstarre zu bekommen.
      “Erik, du musst nicht wie dein Bruder sein, sei du selbst, denn so will ich dich”, sagte ich verlegen, hoffend darauf, endlich wieder seine Nähe zu spüren. Ohne zu zögern, legte er seine Hände an meinen Hals, drückte sie sanft zusammen und ich schloss meine Augen. Seine Lippen berührten meine. Alle Zweifel in mir rückten in den Hintergrund, als hätte es nie welche gegeben, als gäbe es nur uns beide, für immer. Das sanfte Kribbeln durchströmte meinen Körper, als würden Ameisen mich besiedeln, denn anders konnte ich es nicht beschreiben. Nur bei ihm hatte ich die Gefühle, nur er brachte mich auf andere Gedanken, auf positive Gedanken. Als Erik von mir absetzte, vermisste ich das Gefühl, dass er auf meinem Mund hinterließ schon wieder. War das Real, oder träumte ich?
      “Aber sag, wo sind deine beiden Begleiter?”, unterbrach ich das Schweigen, noch immer ihm klar vor meinem Gesicht. Er lächelte, die Augen funkelten.
      “Reiche ich dir nicht?”, lachte er vergnügt und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
      “Doch – doch! Aber du meintest”, stammelte ich verloren, unsicher darüber, ob es ihm zu direkt war, oder einer seiner gutmütigen Scherze.
      “Sie sind in guten Händen, damit wir etwas Zeit für einander haben”, klärte Erik auf und reichte mir seine Hand. Sogleich griff ich nach ihr, süchtig ihn zu spüren, bei mir zu haben. Auf der Terrasse standen auch bequeme Polstermöbel, die ich mit ihm gerne teilen würde, doch Erik hatte andere Pläne.
      “Wo willst du mit mir hin?”, fragte ich irritiert.
      “Wirst du schon sehen”, schmunzelte er und zog mich in das Getümmel der Leute, die nicht mal unsere Anwesenheit wahrnahmen. Hier waren wir irgendwer, keinem interessiert, wer wir waren oder ob Erik der seltsame kleine Bruder vom großen Olofsson war. Wir waren x-beliebige Leute, die einfach nur durch die Menge taumelten. Im Vorbeigehen schnappte ich mir eine offene Bierflasche, die mich schon aus der Ferne anlächelte. Der erste Schluck vollkommen widerwärtig, doch bereits der zweite lief hinunter wie Wasser und noch bevor wir unser Ziel erreichten, stellte ich die leere Flasche auf einer Mauer ab. Vor dem Haupteingang stoppte er, aus der Puste klammerte ich mich um seinen Hals, spürte das Verlangen, dass auch ihn durchtrieb. Einseitig biss ich auf meiner Lippe, hoffte von ihm zu Boden gerungen zu werden. Dass er seine Prinzipien über den Haufen warf und sich mir hemmungslos hingab, innig und vertraut, nur wir beide, in einer stillen Ecke, oder auch genau hier. Ich konnte mit beides vorstellen, aber er sollte es sein und nicht irgendjemand. Statt mir zu geben, nachdem ich mich so sehr gesehnt hatte, raunte er mir ins Ohr: “Erfolg ist mit den Geduldigen.” Sanft küsste er mich am Hals.
      Wir kamen hinter den ganzen Reitplätzen heraus, auf einer Wiese. Keine Menschenseele in der Nähe, nur wir beide und der Sternenhimmel über Stockholm. Aus einer seiner Hosentasche kramte er eine Kerze, stellte sie in den Rasen und zündete sie an.
      “Es ist nicht viel –”, wollte er die kleine Geste schlechtreden, doch ich legte meinen Finger auf seinen Mund, um ihn zu stoppen. Ein Lächeln bildete sich und seltsam lutschte er ihn ab. Irritiert zog ich ihn weg und wischte die Spucke an seinem Jackett ab.
      “Es ist perfekt”, flüsterte ich und kletterte zu ihm hinüber, im Augenwinkel die Kerze, um sie nicht umzustoßen.
      “Ich würde sagen, dass ihr euch ein Zimmer nehmen solltet, aber hier ist sonst keiner”, hörte ich plötzlich meinen Bruder und sah über Erik zu ihm. Im Dunkeln trat er an uns heran und musterte das Gesehen. Noch immer saß ich auf seinem Schoß, sein Hemd geöffnet und die Krawatte hin locker um seinen Hals. Erik drückte mich an sich, nicht im Begriff von mir zu lassen.
      “Und was möchtest du genau hier?”, fragte ich meinen Bruder.
      “Eigentlich wollte ich nur gucken, ob es dir gut geht, aber das scheint offensichtlich zu sein. Vielleicht wäre es auch gut, wenn ihr ins Zelt geht. Hier ist es nicht nur kalt, sondern dein Pferd hungert. Ihr könnt euch die Zeltkammer teilen, ich schlafe woanders”, grinste er, drehte um und verschwand in der Dunkelheit. Dann wandte sich mich Blick wieder zu Erik.
      “Was denkst du, kommst du mit oder fährst du wo auch immer hin?”, die letzten Worte kamen verlegen aus dem Mund, in der Angst, ihn wieder zu verlieren, wenn auch nur für die Nacht. Es dauerte ungewöhnlich lang, bis er mir antwortete, als hätte darüber noch nicht nachgedacht, was ich mir bei ihm nur schwer vorstellen konnte. Er plante durch Dinge voraus, machte sich Gedanken darüber, was passieren würde und was man stattdessen machen könnte.
      “Natürlich komme ich mit, aber deine Finger lässt du bei dir”, schmunzelte Erik und half mir aus dem Rasen nach oben, als ich mich von ihm herunterrollte und blickte verloren in den Nachthimmel. In der Hauptstadt Schwedens war so unglaublich Still in der Nacht, dass mich immer wieder danach umhörte, ein Geräusch zu vernehmen oder mich an etwas zu klammern, worüber ich mich aufregte. Aber es gab nichts.
      “Das lässt du so”, raunte ich Erik zu, worauf ich einen skeptischen Blick erntete, aber meinen Willen bekam. Sanft strich ihm noch einmal über die Brust, voller Ehrfurcht und zittrigen Fingern. Kleine Stolpern wie an Harlens Hals spürte ich, es war alles so perfekt. Die Kerze erlosch und Hand in Hand liefen wir zum Zelt. Vor dem Hauptgebäude stoppte, wir noch einmal, da Erik dringend noch mal zur Toilette musste, hoffend, dass er nicht noch einmal selbe tat wie beim letzten Mal. Ich saß in der Zeit auf einen der großen Steine vor dem gläsernen Gebäude und betrachtete die kalt-leuchteten Lampen ringsum, musterte ich alle Farben, die aus dem obersten Stockwerk nach Außen traten. Ich erblickte meinen Bruder, gedrückt an eine der Scheiben, doch die sich öffnende Schiebetür der Gebäude lenkte mich ab. Gefühlte Stunden vergingen, bis Erik wieder kam. Als erneut nach oben sah, war mein Bruder weg. Was meinte er mit, er schliefe woanders? Wenn hatte Harlen sich angelacht? War sie hübsch, eine der Bedienungen oder so eine von den Hardcore Pferdemädchen, vergleichsweise jemand wie ich?
      „Was suchst du da oben?“, fragte Erik und sah ebenfalls du den Fenstern, entdeckte jedoch genauso wenig wie ich.
      „Mein Bruder war da oben, gedrückt an eine der Scheiben. Es interessiert mich, wo er für die Nacht verbringen möchte“, erzählte ich ihm.
      „Dann frag ihn später, außer es hindert dich mit mir zu sein“, lachte er vergnügt, was ich mit einem Kopfschütteln verneinte. Fröhlich sprang ich auf und nahm wieder seine Hand. Es fühlte sich gut, ihn bei mir zu haben, dass konnte ich nicht oft genug denken. Die Freude kribbelte noch immer in meinem ganzen Körper und das Bier konnte wohl kaum der Grund dafür sein. Mit den hohen Schuhen in der Hand hüpfte ich über den sandigen Weg, auf dem ich zwischen meinen Zehen immer wieder kleine Steine spürte, die wie Dolche in die Haut eindrangen. Aber es war mir egal, der Schmerz zeigte mir, dass es kein Traum war, sondern die Realität.
      „Du kannst schon ins Zelt, ich muss noch mal das Heu nachfüllen“, sagte ich Erik, warf mein Handy und das Zigarettenetui in den Eingang des Zeltes, um dann weiter zum Pferd zu hüpfen.
      Flüsternd erzählte ich ihr von Erik, wie gut ich mich fühlte und wie sehr ich mich darauf freute, mit ihr morgen im Finale mitzureiten und vielleicht sogar auf das Treppchen zu steigen. Die anderen vier waren eine starke Konkurrenz. Chris hatte mir erzählt, dass eine von ihnen wirklich nur teure Pferde unter den Sattel bekam, während der andere Tag und Nacht trainierte und später ebenfalls im Nationalteam zu reiten. Keiner von ihnen wollte das Förderprogramm, so wie ich es hatte, denn damit war etwas Minderwertiges. So fühlte ich mich aber gar nicht, sondern viel mehr erfreut, die Möglichkeit bekommen zu haben, ohne, dass Vati mit den Geldscheinen wedelte. Ich hatte mir das alles selbst erarbeitet. Aus dem Hänger nahm ich das Heunetz und lief noch immer barfuß zu dem Ballen, der einige Meter von unserem Standort entfernt stand. Von Weiten sah ich Eskil, jedoch nicht am Heu holen, sondern hielt sich an etwas fest.
      Auf der Ferse drehte ich schnellstmöglich um, den anderen Ballen an fokussiert. So sehr darauf konzentriert, dass eins der Seile eines Zeltes übersah und im Dreck landete, direkt auf mein linkes Fußgelenk, dass mir schon durch die hohen Schuhe genügend Kummer besorgte. Schmerzlich rieb drüber, bis Erik zwei Plätze weiter zu mir kam.
      „Was machst du immer!“, lachte er und half mir beim Aufstehen.
      „Wegrennen, vor gruseligen Geräuschen“, antwortete ich leise, damit Eskil nicht hörte, was ich zuvor vernahm.
      „Lass die jungen Leute doch ihren Spaß haben“, mahnte Erik, als wären wir Ende fünfzig und seit Jahrhunderten enthaltsam.
      „Natürlich, jeder wie er es braucht. Außerdem ist er älter als wir“, lachte ich, humpelnd begleitete er mich, hielt mich fest und half sogar dabei das Netz zu befüllen.
      „Ach, du kennst ihn?“, fragte Erik interessiert und schloss das Band.
      „Ja, aber rege dich jetzt nicht auf. Ich wollte alles Mögliche in den Rachen gießen, um dich zu vergessen und die Erwartungen zu erfüllen, die man von mir hat“, gab ich zu, senkte meinen Kopf, um seinen Blick nicht zu sehen. Doch er schob mein Kinn wieder nach oben, lächelte sehnsüchtig. Nun war ich endgültig verwirrt.
      Was war denn bei ihm falsch. Ich verharrte und konnte nicht fassen, so ein Angebot bekommen zu haben, obwohl ich gar kein Interesse mehr daran hatte.
      „Na, wenn du nicht willst, auch okay, aber beweg dich jetzt, mir ist kalt“, küsste er auf der Stirn und lief zurück zum Camp. Fruity brummte freundlich, als er ihr das Netz wieder an der Seite des Hängers befestigte und ich betrachtete diese traumhafte Kulisse. Erik, der sein Hemd komplett offen hatte, gab meinem Pferd ein Heunetz, obwohl er ziemlich viel Respekt vor den freiheitsliebenden Tieren hatte. Konnte das wahr sein? Ich glaube kaum. Nur Lina hatte es besser als ich, ihr Kerl war die Topnummer der jungen Elite in Schweden, bestens ausgebildet, stets in Uniform unterwegs und dann auch noch bedacht auf das Wohl der Tiere, keiner Leistung. Dagegen konnte Erik nichts ausrichten, aber das war okay. Immerhin hatte er andere Dinge zu bieten.
      „Schaffst du es allein ins Zelt, oder soll der große Starke wieder zur Hilfe kommen?“, lachte er.
      „Natürlich musst du mir helfen, schließlich bin ich verletzt“, antwortete ich übertrieben theatralisch und streckte die Arme nach oben. Er nehme meine Arme und Beine und trug mich wie eine Braut zum Zelt. Allerdings landete ich unsanft mit meinem Po auf der Isomatte, die nicht wirklich gut gepolstert war. Seine Hände neben mir aufgestellt, beugte er sich über mich. Innerlich rannte sie Zeit, in der wir einander nur noch ansahen.
      „Was hast du denn vor, junge Dame?“, flüsterte Erik.
      Die Schmerzen an meinem Fußgelenk schon wieder vollkommen vergessen, krabbelte ich wortlos heraus und lief wieder zu den Campingstühlen.
      Aus dem Etui griff ich nach einer der Glimmstängel und als Erik dazu kam, bot ich ihm auch eine an. Jetzt war der richtige Moment, zu gehen. Ich fühlte mich vorgeführt, unsicher was ich denken sollte und nicht in der Stimmung das Ganze als einen Scherz aufzufassen. Süchtig zog ich an der Zigarette und wartete darauf, dass er was sagte.
      „Vriska. Ich will, aber ich kann nicht“, sagte Erik später, als aus der Ferne Schritte zu hören waren.
      „Na, dann lassen wir es, so einfach“, maulte ich eingeschnappt und aschte demonstrativ ab, würdigte ihm keines Blickes.
      „Es liegt nicht an dir, ich — bin einfach nicht bereit dafür“, stammelte er verlegen.
      „Dein Körper sendet dafür aber zu klare Zeichen“, murmelte ich.
      „Können wir das wann anderes besprechen, bitte? Lass uns nicht so schlafen gehen“, bettelte Erik und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Aus dem Frust heraus, wollte ich sie wegschlagen, doch mein Körper war da ganz anderer Meinung, als er langsam weiter fasste.
      “Oh, hallo ihr beiden”, begrüßte Lina uns gut gelaunt. Ihre Augen strahlten geradezu und ein entspanntes Lächeln lag auf ihren Lippen. “Schön, dass ihr doch noch einmal zusammengefunden habt”, fügte sie hinzu und es schien dabei wirklich aufrichtig zu sein.
      „Mal sehen wie lange“, rollte ich mit den Augen, stand auf und humpelte in das Zelt. Dort verkroch ich mich direkt in die letzte Ecke meiner Kabine und kuschelte mich in mein großes Kissen. Bis Erik kam, dauerte es noch einen Augenblick.
      „Vriska, ich bitte dich. Sei nicht so, sonst kann ich auch —“, anstelle ihn ausreden zu lassen, drehte ich mich blitzschnell um und drückte meine Lippen auf seine. Das Kribbeln kam wieder, von der vorherigen Körperspannung, ließ Erik sich fallen. Statt ihn sich selbst entkleiden zu lassen, übernahm ich diese Aufgabe, auch wenn es nicht mehr haben konnte, genoss jeden Atemzug mit ihm, um mich am Ende an ihn heranzulegen.
      „Erik?“, flüsterte ich in sein Ohr, damit es die anderen nicht hörte, was bei der bisschen Plastik, das uns umgab, mehr als eine sinnlose Unternehmung war.
      „Anwesend“, lachte er und drückte seinen Arm, auf dem ich lag, näher zu sich.
      „Ich möchte, dass du mein für immer bist.“

      Lina
      Müder aber glücklich krabbelte ich hinter meiner Schwester in das Zelt. Nach meinem persönlichen Tiefpunkt heute Nachmittag hatte der Tag noch ein schönes Ende gefunden. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ließ ich mir den Abenden noch einmal durch den Kopf gehen. Natürlich hatte ich mir den Ritt meines Freundes nicht entgehen lassen. Nicht das ich ihn ohnehin schon den ganzen Tag einfach nur betrachten konnte, aber in Verbindung mit einem Pferd wirkte er noch strahlender. Die Pferde waren seine Leidenschaft, Teampartner, keine reinen Sportgeräte. Statt dem Tier nur stumpfe Befehle zu erteilen, trat Niklas in einen Dialog mit dem Tier. Wenn er ritt, wirkte es so mühelos, als würde er seinen Lebtag nichts anderes tun. Das war es, was ihn von vielen der Konkurrenten unterschied und die Zuschauer in den Bann zog. Bisher hatte ich Amnesia nur unter Ju laufen sehen und hatte kaum glauben können, dass das dort auf dem Platz dasselbe Pferd sein sollte. Das soll jetzt nicht heißen, dass Ju ein schlechter Reiter war, keinesfalls, aber ihm fehlte das Gewisse etwas. Heute Abend tanzte Niklas mit der Scheckstute durch das Viereck und die Stute lief zur Höchstform auf. Für das ungeschulte Augen waren seine Hilfe unsichtbar und auch für den erfahrenen Reiter nur erkennbar, weil er wusste wie sie funktionierten. Obwohl Amy und er von einer deutlich schwächeren Aura umgeben waren, als, wenn Nik auf seiner Schimmelstute saß, verzauberte er nahezu jeden Zuschauer. Niklas und Amnesia waren nicht nur Sieger der Prüfung, sondern auch Sieger der Herzen. Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, wie viele der Mädchen im Publikum meinen Freund anhimmelten wie etwas Heiliges.
      Als ich im weiten Verlauf des Abends mit Juli zusammen auf den Weg zur Haupthalle war, in der noch eine Feier zum Ausklingen des Tages stattfinden sollte, war ich ein wenig nervös gewesen. Verschiedene Dinge spukten mir durch den Kopf. Einige hatten mit den vielen Leuten, um mich herumzutun, gerade mit den Leuten vom Verein. Der Verein und ganz besonders das Nationalteam war eine eingeschworene Gemeinschaft. Wie ein Bienenstaat folgte, sie alle den gleichen ungeschriebenen Gesetzten. Ein jeder schien jeden zu kennen, und vermeintlich über alles Bescheid zu wissen. Jeder, der nun in dieses Gefüge eindrang, schien erst einmal auf Abstand gehalten, beobachtet und beurteilt zu werden. Das war eindeutig mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb war.
      Das andere was mir nicht direkt Sorgen bereitete, aber große Verwirrung in mir auslöste war Vriska. Auf einmal stand sie vor meiner Tür, trug mir all ihr Leid vor, erzählte mir, dass ihr Traumprinz nicht mehr antwortete, sie aber auch noch irgendwie auf meinen Freund stand und dann… Dann war alles wieder wie vorher. Vriskas Worte über Niklas hallten in meinem Kopf wider, schien wie ein Flummi von den Wänden meines Schädels abzuprallen und durch meine Gehirnwindungen zu springen. Natürlich hatte ich die beiden auf dem Abreiteplatz entdeckt, ich war ja schließlich nicht blind. Auch wenn es nur ein kurzer Moment gewesen war, bis ein Pferde-Reiter-Paar mir die Sicht versperrt, reichte dieser aus, als dass ich unwillkürlich alles in mir zusammenzog. Schon in der Halle auf dem LDS hatten sie so seltsam vertraut gewirkt… Die Art und Weise wie Vriska Erik abwies, war nicht gerade zuträglich mein Gefühl zu beruhigen. Doch ich wollte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es nur eine Sinnestäuschung war, eine Überinterpretation meines Hirns, dessen Frühwarnsysteme sich noch zu genau an den Grund erinnerten, warum die Beziehung mit Flinn endete. Wegen dieser Gedanken war ich nun umso erleichterte darüber, dass Erik und Vriska doch zueinander gefunden hatten. Ich freute mich für die beiden. Erik hatte bereits in Kanada den Eindruck hinterlassen, als sei ihm das mit Vriska wirklich ernst und spätestens nach Vriska plötzlichen Anfall von offener Ehrlichkeit gestern, schien es auch ihr ziemlich wichtig zu sein. Eben hatte sie zwar wegen irgendetwas beleidigt gewirkt, aber mit jemandem den man eigentlich hasste würde man wohl kaum die Nacht verbringen. Wo ich gerade an die beiden dachte, kam mir die Frage, wo ihr Bruder eigentlich abgeblieben war. Nachdem Chris sich vorhin, noch bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, heftigst dagegen wehrte, dass ich die Nacht bei Niklas verbrachte, erwarte ich nicht gerade, das Harlen vorhatte das Zelt mit seiner Schwester und Erik zu teilen.
      “Juli, tiettä missä Vriskan veli? En Uskon, että hän nukkuu kummankaan klo (Juli, weißt du, wo Vriskas Bruder ist? Ich glaube nicht, dass er bei den beiden schläft.) ”, sprach ich leise meine Schwester an, die sich bereits auf ihrer Isomatte gemütlich gemacht hatte, während ich noch dabei gewesen war, mich umzuziehen.
      “Minulla on arvaus, missä hän yöpyy (Ich habe da so eine Vermutung)”, kicherte sie als wäre ihre Annahme unheimlich lustig. Allerdings musste das noch lange nichts heißen. Wenn Juliett betrunken war, fand sie grundsätzlich alles ziemlich lustig, sosehr, dass das ein oder andere männliche Wesen ziemlich beleidigt war, wenn es Gekicher als Antwort auf obszöne Annäherungsversuche bekam. Diese Szenen waren dann meistens für die Umstehenden ziemlich lustig, wodurch sich die Herren meist noch mehr in ihrer Würde verletzt fühlten.
      “Ja mikä tämä olettamus on? (Und was ist diese Annahme?)”, fragte ich in meinen Schlafsack schlüpfend. Kühl legte sich das Polyester an meine nackten Beine und ließ mich frösteln. So warm wie die letzten Sommertage auch sein möchten, in der Nacht kühlten die Temperaturen recht schnell herunter.
      “Näin hänet aikaisemmin kauniin nuoren miehen kanssa. Molemman näyttivät aika tutuilta. (Ich sah ihn vorhin mit einem hübschen jungen Mann. Die beiden wirkten ziemlich vertraut miteinander aus.)” So sehr wie sie das ziemlich vertraut betonte, brauchte ich nicht weiter fragen um zu wissen, was ihre Vermutung war. Ein junger Mann also… Unerwartet, als Homosexuell hätte ich Harlen nicht eingeschätzt. Er zeigte keine der typischen Verhaltensweisen, die ich von Alec und Magnus kannte, aber was wusste ich schon.
      “Riittää spekulointia tälle päivälle. Menen sänkyyn. Rakasta sinua pikkuinen Kauniita unia
      (Genug spekuliert für heute. Ich gehe jetzt schlafen. Hab dich lieb, Kleine. Träum süß)”, unterbrach Juliett meine Gedanken und schaltet die kleine Laterne aus, die mit ihrem schwachen Licht für die nötige Orientierung im Inneren des Zeltes gesorgt hatte.
      “Rakastan sinua myös, sis. Nuku hyvin. (Liebe dich auch, Schwesterherz. Träum schön)”, flüsterte ich in die völlige Dunkelheit, die uns nun umgab und kuschelte mich in mein Kissen. Für einen Moment lag ich völlig still, lauschte nur auf die Geräusche vor dem Zelt. Eine Maus, die auf der Suche nach Nahrung durch das trockene Gras raschelte, der Ruf eines Käuzchens, die Blätter, die sich leise säuselnd im Wind bewegten und die dumpfen Geräusche von Pferdehufen auf dem weichen Boden. Ein vollkommener Kontrast zu den satten Bässen, die mir vorhin noch in den Ohren dröhnten. Wie von selbst wanderten meine Gedanken zurück zum heutigen Abend, projizierten Bilder in meinem Kopf.
      Meine Schwester hatte meine anfängliche Anspannung wahrgenommen und war wie so häufig augenblicklich bereit gewesen, etwas dagegen zu unternehmen. Kaum hatten wir die Halle betreten, verschwand sie zielstrebig in der Menschenmenge, kehrte mit etwas undefinierbares, was sie einen Cocktail nannte, zurück und drückte mir das Glas begleitet von folgenden Worten in die Hand:” Riippumatta siitä, mitä päässäsi liikkuu, unohda se ja pidä hauskaa tänä iltana (Egal was in deinem Köpfchen mal wieder vorgeht, vergiss es und habe heute Abend ein wenig Spaß)”
      Die blutrote Flüssigkeit schmeckte überwiegend nach Cranberry Saft mit einem Hauch von Limette und brannte ein wenig im Abgang. Ich konnte nicht ausmachen, was in dem Gebräu drin war, aber es erzielte den von Juli vorhergesehen Effekt. Ich entspannte mich mit jedem Schluck etwas mehr und schob die ganzen Gedanken, die in meinem Kopf herumgeisterten, beiseite. Zufrieden betrachte Juliett mich als, das Glas leer war, nahm mich bei der Hand, leitet mich durch die Menschen. Ich hatte Mühe ihr zu folgen, da sie manchmal unvorhergesehen abbog oder sich irgendwo hindurchquetschte. Als sie endlich wieder stehen blieb, hatte ich die Orientierung hoffnungslos verloren. Die Bässe dröhnten in meinen Ohren, vermischten sich mit dem Stimmengewirr. Bunte Lichter, die über fremde Gesichter zuckten. Ein Gemisch aus den unterschiedlichsten Parfüms, Aftershaves und Alkohol lag in der stickigen Luft. Vollkommene Reizüberflutung.
      “Ja nyt pikku prinsessani, prinssi odottaa sinua (Und jetzt, meine kleine Prinzessin, wartet dein Prinz auf dich)”, raunte Juliett mir in mein Ohr und schob mich in eine Richtung. Für ein paar Sekunden verstand ich nicht was genau sie von mir wollte. Hektisch suchten meine Augen die Umgebung ab, bis ihn entdeckte. Niklas stand lässig an die Wand gelehnt, die Füße in den sündhaft teuren Sneaker überkreuzt. Die obersten Hemdknöpfe, seines weißen Hemdes, standen provokant offen und ermöglichten einen Blick auf die muskulöse Brust darunter, einfach atemberaubend. Ein offenherziges Lächeln trat auf sein Gesicht, als er mich erblickte. Augenblicklich durchfuhr mich eine Hitzewelle, erfüllte jede Faser meines Körpers und hinterließ ein Kribbeln auf meiner Haut, wie den kleinen Füßchen hunderter Schmetterlinge, die sich auf ihr niederließen. Ich vergaß die dröhnende Musik, das zuckende Licht, vergaß alles um mich herum. Ich nahm nur noch Niklas wahr.
      Von ganz allein trugen mich meine Füße zu ihm hinüber, bewusst der Blicke, die auf mir lagen. Sollten sie ruhig schauen, sollten sie sehen, dass ich zu diesem wundervollen Mann gehörte. Der Mann, der selbst meine kühnsten Träume übertraf, der so perfekt war.
      Im nächsten Moment fand ich mich in seinen Armen wieder, umgeben von seinem Duft, den ich in mich aufsaugte wie ein Schwamm. Ich spürte seine kräftigen Hände auf meinem Körper, die Wärme seiner Haut, das dynamische Zusammenspiel der Muskeln unter meinen Finger, verlor mich in seinen mit Begierde erfüllten Augen. Als sich unsere Lippen trafen, explodierte ein Feuerwerk aus Endorphinen in mir.
      Die Erinnerungen an den Abend verschwammen miteinander, wirbelten durch meinen Kopf, durchströmen mich erneut mit Leidenschaft und bildeten neue Bilder, die allmählich zu Träumen wurden.

      Vriska
      Ein rauer, unbarmherziger Windzug aus Schnee und Graupel vernebelte mir die Sicht, außer dem Pferd und mir war niemand in greifbarer Nähe, und wenn doch, dann hätte ich ihn nicht gesehen. Die dunklen Ohren des Tieres erschienen nur schemenhaft vor meinen Augen und mein Versuch mich zu orientieren, scheiterte. Im Schritt setzte ich an, noch immer im Willen daran, wo ich sei, wie ich hierherkam, als brodelnde, rote Blitze sich vor mir eröffneten. Das Pferd stieg, weigerte sich den Weg nach vorn zu nehmen, stattdessen drehte es im gestreckten Galopp. Ein Blick nach hinten, noch immer verfolgt von der heißen Flüssigkeit, umschlossen von Nebel und Kälte. Plötzlich fiel ich hinein in den Dreck, der Flug nach unten endete nicht, stattdessen fiel ich immer weiter, immer weiter. Wach. Was war das?
      Vorsichtig griff ich neben mich, Erik fehlte. In meinem Kopf eröffnete sich die Panik, dass es gestern Abend nur ein Traum, aber kein Traum wie dieser, sondern ein schöner, schön, wie er es war. Hoffend darauf, dass er noch da war, schob ich die Folie der Zelttür zur Seite, bekleidet mit Tyris Rugby Pullover und einer kurzen Hose, und trat an die frische Luft. Ein kalter Windzug fegte um meine Beine, aber da saß er zusammen mit Harlen, Eskil. Herzlich lachte sie, doch jeder für sich irritierte mich. Fern ab davon, dass keiner von ihnen ein Shirt trug. Erik, der sich in Kanada noch dafür schämte seinen Oberkörper zu präsentieren, saß vollkommen selbstverständlich mit dabei, trank einen Kaffee und in der anderen Hand eine Zigarette. Die drei wirkten ungewöhnlich vertraut, besonders mein Bruder, den ich zwar als sehr gesellig kannte, bot mir einen ganz anderen Teil seiner Persönlichkeit. Er saß still daneben, halb anwesend, halb verträumt. Immer wieder musterte er die beiden von oben bis unten, in den Augen funkelte etwas, etwas Unbekanntes. Konnte es möglich sein? – Nein! Das wäre unvorstellbar und nur ein Hirngespinst, dass sich in mir ausbreitete durch Mangel des Liebeslebens. Aber nein, ich wollte mir meinen Bruder beim Geschlechtsverkehr gar nicht vorstellen, das hätte zu viele Elemente meines Vaters. Nein!
      “Vivi, willst du weiter so gaffen oder kommst du auch dazu?”, fragte mich Erik belustigt und hielt mir demonstrativ die Schachtel entgegen. Eigentlich war der Wille von dem Gift abzulassen, noch immer präsent, aber ich konnte ihm kein Angebot ausschlagen und lief die wenigen fehlenden Schritte zu ihnen. Erst jetzt sah ich Eskil in seinem Ausmaß an Körper dabeisitzen, überseht von kleinem Liebkosen der vermeintlichen vergangenen Nacht.
      “Wer von euch hatte eigentlich die Idee, wie die drei Engel von Charly in eurer vollen Männlichkeit morgens um sieben Uhr hier herumzusitzen?”, fragte ich interessiert, gab Erik einen zaghaften Kuss und setzte mich auf den verbliebenen Campingstuhl dazu. Wie abgesprochen sahen sie einander an, lachten aber verwehrten mir die Antwort.
      “Vielleicht wenn du etwas älter bist”, grinste Eskil, was ich mit einem eingeschnappten Schmollmund beantwortete. Wenn ich hier nicht willkommen war, konnte ich mich auch um mein Pferd kümmern. Doch auch Fruity schlief noch, der Heusack aufgefüllt und der Wassertrog ebenfalls bis obenhin voll, obwohl ich vor nicht einmal zehn Minuten aus der Sauna hinauskletterte.
      “Eskil? Hast du Fruity mitversorgt?”, fragte ich überrascht, als ich noch mal prüfend um den Paddock herumlief.
      “Nein, dein Freund hat das gemacht”, antwortete er schulterzuckend. Erik und Pferde? Freiwillig? Viel mehr konnte er mir gar nicht zeigen, dass er bei mir sein wollte, zeigen, was er gestern im Zelt nicht mit Worten erwiderte. Stattdessen legte er seinen Arm fest um mich, innig und vertraut. Obwohl noch immer sein Bruder schemenhaft in meinem Kopf spuckte, versuchte ich ihn bestmöglich auszublenden, denn was ich brauchte, saß nur einige Meter entfernt.
      “Esy, dass ihr nicht-Freund, wichtiger Unterschied”, mischte sich auf einmal mein Bruder mit ins Gespräch ein. Wieder musste ich unter ihrem Getue leiden, als hätte ich sonst keine Sorgen. Ich wusste nicht einmal, wann der Start anstand, welche Musik laufen würde, wie ich abschneiden würde. So viele Fragen, die ich nicht zu beantworten wusste. Unwillkürlich begann ich auf der Stelle herumzutänzeln, ratlos von links nach rechts zu laufen und irgendwelche Gegenstände von der einen zur anderen Seite zu bringen.
      “Liebling, setzt dich noch mal, du machst du uns alle verrückt”, versuchte mich Erik zu bändigen, was die innerliche Stimmung nur noch verschlechterte.
      „Ihr macht mich verrückt!“, fauchte ich genervt und schließ die dreckige Schüssel in die Seitentür des Hängers. Alles lag herum, als lebten wir seit Jahren, aber nein, die Unordnung wurde innerhalb weniger Stunden verursacht und ich denke nicht, dass das nur mein Verschulden war. Wieso hatte ich so viele Menschen mit zum Turnier genommen? Schrecklich. Plötzlich spürte ich einen warmen Luftzug um meinen Nacken, drehte mich und Erik standen mit einem schelmischen Lächeln vor mir.
      „Muss ich mir etwa Sorgen machen, dass du deine geballte Lust nicht zügeln kannst?“, flüsterte er sanft ins Ohr, küsste meinen Hals und drückte mich gegen die Tür des Hängers.
      „Ach vor Publikum kannst du aufeinander“, es lag mehr Hoffnung in den Worten als ich wollte, zu gleichen Teilen versprühte sich das ein kribbelndes Gefühl im Körper, jede seiner Berührungen intensiver wurde. Wieso machte er es so schwer? Der Hänger wäre frei und deutlich bequemer als unser Zelt!
      „Vielleicht wenn du nachher den Sieg nach Hause holst, überlege ich es mir“, hauchte er. Ein Schwall von Alkohol zog an meiner Nase vorbei. Das erklärte tatsächlich mehr als mit lieb war. Ich stieß ihn vorsichtig zur Seite und schlüpfte unter seinen Armen in die Freiheit.
      „Jetzt erklärt mir sofort einer euch Idioten, wieso ihr um solch unchristlichen Zeiten schon am Trinken seid!“, verlangte ich nach mehr Antworten, denn wenn es so weiterging, wäre die Autofahrt die reinste Hölle. Mein Bruder wurde ab einem gewissen Punkt noch peinlicher als ich, auch wenn dieser deutlich später wurde. Kinderbetreuung, immerhin hatte Lina gestern schon üben dürfen, so sollte sie die auch in den Griff bekommen.
      „Schon? Du meinst noch immer“, lachte Eskil leicht lallend. Noch immer genervt, rollte ich die Augen, stieß Erik ein weiteres Mal zur Seite, da er wieder ankam, um mir falsche Hoffnungen zu machen.
      „Noch immer? Dann solltet ihr besser aufhören oder musst du heute nicht mehr reiten?“, versuchte ich das Ganze weniger ernstzunehmend, was jedoch in einem leicht hysterischen Grummeln endete.
      “Doch, aber erst am Nachmittag, bis dahin sollte ich ausgenüchtert sein”, wollte Eskil mich überzeugt weiß machen.
      “Na, wenn das so ist, dich wird wohl der Elch wachgehalten haben, der in der Nacht heimlich vom Heuballen klaute”, lies ich endlich die Katze aus dem Sack. Sein Gesicht tauchte sich in einen blassen Ton, die Wagen erröteten langsam und seine Hände fassten krampfhaft in die Stuhllehne, als suche er etwas in ihnen. Unverständlich stammelte er vor sich hin, obwohl es doch nichts Schlimmes darangab, mit jemanden Spaß zu haben.
      “Wer war denn die Glückliche?”, versuchte ich mehr Informationen zu bekommen, auch im Gedanken daran, mir alles nur eingebildet zu haben.
      “Ich weiß nicht, wer sie war”, kam wie aus der Pistole geschossen, als wäre es eine Standardantwort, die er gab, um nicht das Gespräch weiterzuführen. Ich beschloss auch, keine weiteren Fragen zu stellen, obwohl ich gern mehr Details haben wollen würde, denn ich hatte noch immer Erik im Kopf, der kein Problem damit gehabt hätte, dass ich dazu gehe. Aber wie hätte das funktionieren soll? Fragen, ob ich auch mal darf? Das wäre äußerst seltsam, dann würde ich auch kein Gespräch darüber führen wollen.
      “War’s denn wenigstens gut?”, lachte Harlen und klopfte ihm aufmunternd auf den Oberschenkel. In seinen Augen fand ich kein Zeichen dafür, dass es ein Versuch war, das Alibi aufrechtzuerhalten, aber vollkommen überzeugt wurde ich nicht.
      “Und wie! Aber nach wie vor weiß ich nicht, wer sie war, um es zu wiederholen”, schien Eskil nun wieder offener zu sein. Ich musterte die beiden im Wechsel, aber konnte nicht noch einmal den Vibe vom Abend spüren im Saal.
      Im Wechsel schütteten die Männer sich immer mehr Alkohol in die Shotgläser, als hätten sie schon lange die Kontrolle. Besonders Erik schockierte mich, der sonst ziemlich Behutsam im Umgang dieser Getränke, doch nun musste ich der Spielverderber sein. Was sollten die anderen denken am Platz, wenn drei ziemlich gutaussehender Herren der Schöpfung mit einem kleinen blonden Mädchen an einem Tisch saßen, vollkommen albern, belustigt und jeden unpassenden Witz machten, der sich anbot.
      “Erik, was ist eigentlich mit deiner Tochter und deinem Hund? Vermissen die dich nicht schon?”, versuchte ich ein kreativeres Gespräch zu eröffnen, als die obszönen Witze von ihnen weiter zu hören.
      “Die kommen klar, sind bei meiner Schwester. Ich möchte gerade nur bei dir sein”, lallte er ziemlich, was für mich der Grund wurde, von hier zu verschwinden. Glücklich, wenn auch etwas genervt, krabbelte ich leise ins Zelt, um im nächsten Moment bereits festzustellen, dass Juliett und Lina durch das Gegröle der Herren schon wach wurden. Die Sonne hatte den Palast ziemlich aufheizt, obwohl ich vorsorglich das Vorzelt geöffnet hatte.
      “Tut mir leid, dass sie euch geweckt haben”, entschuldigte ich mich bei ihnen, im Bewusstsein darüber, dass sie von selbst, nicht auf die Idee kämen. Gleichzeitig suchte ich weiter nach meiner Reithose, die Verschwunden wirkte in dem Haufen aus Kleidung in unserer Kabine. Was ich sofort fand, war Eriks Hemd, dass ich ordentlich zusammenlegte und zur Seite packte, um es ihm gleich zu überreichen. Ich wollte nicht, dass andere ihn so ansahen, wie ich es tat. Er gehörte mir und das sollte auch jeder wissen! Schlussendlich fand ich die Reithose auch nicht, aber zumindest meine graue Jogginghose, die wohl zum Training auch einen Zweck erfüllen würde. Den Pullover, der zumindest eine positive Erinnerung an meine Heimat weckte, selbst mit Tyris Namen auf ihm, wechselte ich gegen die Hofjacke.
      “Alles gut. So langsam ähnelt das hier drinnen eh einer Sauna. Und gut geschlafen?”, erkundigte sich Lina munter. Trotz der noch frühen Uhrzeit wirkte sie ziemlich ausgeschlafen im Gegensatz zu ihrer Schwester, die nicht so aussah, als würde sie vor dem ersten Kaffee zu etwas zu gebrauchen zu sein. Kaffee … Ich hatte auch noch keinen, vielleicht sollte ich für uns beide einen besorgen.
      “Ich würde lügen, wenn ich nein sage. Aber es war ungewohnt … irgendwie, keine Ahnung. Egal”, machte ich mich noch kleiner. Das, was alles in mir schwebte, wie sehr ich Erik genoss, einfach nur dabei ihn anzusehen, verschlug mir die Worte. Worte, die ich nicht auszusprechen vermag und erst recht nicht gefragt zu jemanden, der noch vor weniger als zwei Tagen gesagt bekommen hat, dass ich am liebsten den Freund bei mir haben wollte. Der ganze Gefühlskram war mir zu viel und so willkürlich, als wäre ich in der Pubertät.
      “Freut mich zu hören, da gewöhnst du dich sicher noch dran”, antworte sie mit ungebremst guter Laune und begann leise vor sich hin summend ihren Sneaker zuzubinden. Es irritierte mich, dass sich alle heute ungewöhnlich fröhlich anzutreffen waren.
      “Das bleibt abzuwarten”, grummelte ich weiter, in Andacht meines Traumes, ihn vielleicht doch schneller zu verlieren, als mir lieb war.
      “Mensch Vriska, du bist mir ein Rätsel. Erst beschwerst du dich, dass dein Angebeteter nicht antwortet und wenn er dann endlich da ist siehst du schon das Ende? Erfreue dich doch erst einmal seiner Anwesenheit”, bekundete sie optimistisch.
      “Du verstehst das nicht”, rollte ich mit den Augen, bis mir auffiel, dass sie es nur gut meinte. Also fügte ich noch hinzu: “Na gut, ja. Es stimmt, was du sagst, ich habe viele Zweifel und aber ich mag ihn von ganzem Herzen.”
      “Ich verstehe dich, wegen Niklas und der Entscheidung herzukommen, hatte ich auch Zweifel, eine Menge Zweifel sogar. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich immer noch den ein oder anderen Zweifel und trotzdem bin ich hier. Das könnte die klügste oder die dümmste Entscheidung in meinem ganzen Leben gewesen sein, wir werden sehen. Aber weißt du, mein Gefühl sagt mir, dass Erik auch ziemlich viel an dir liegt, also gibt ihm die Chance deine Zweifel zu beseitigen”, sagte sie ermutigend. Wow, war das da vor mir immer noch derselbe Mensch, der vorgestern behaupte, hatte er sei nicht optimistisch? Auch Juliett schien ein wenig verwundert über ihre Schwester zu sein, denn sie warf ihr stirnrunzelnd einen schrägen Blick zu. Eigentlich würde ich auch gut zu reden, aber wir kannten Niklas mehr oder weniger gleich gut, wenn auch verschiedenen Ebenen.
      “Ich habe meinen Namen gehört?”, kam nun auch der Zweifel persönlich dazu, mein Zweifel. Jeden Blick, den zu ihm richtete, schrie danach, Lina recht zu geben, es mir selbst zu gönnen, jemanden wie ihn an meiner Seite zu haben, aber etwas konnte das nicht akzeptieren.
      „Hier, zieh dir was“, sagte ich stumpf zu ihm, drückte ihm das Hemd in die Hand und lief zielgerichtet zum Hänger. Dabei entging mir nicht, dass Eskil sichtlich interessiert meinen Bruder ansah, der ihm auch sehr tief in die Augen schaute, aber daran konnte ich nicht mehr denken. Es quälte mich viel mehr, diese Achterbahn aus Gefühl zu spüren, obwohl ich doch einfach nur ein Turnier reiten wollte. Ein Turnier, um Tyrells Pferd vorzustellen, nichts Besonderes. Bruce Pferde ritt ich andauernd auf irgendwelchen Turnieren, wenn auch in einem deutlich geschlossenen Kreis aus Menschen. Es gab weder Partys, noch hatte ich jemals mehr als eine Person als Begleitung dabei. Hier hatte ich das Gefühl von jedem angestarrt zu werden, gemustert und kritisiert. Allein das äußere Erscheinungsbild von Fruity Unterschied sich deutlich. Ihre kräftigen Beine, die Stehmähne, der plüschige Schweif und die dazu großen treuen Augen, die freudig funkelten, wirkte auf andere bedrohlich oder lächerlich. Da war ich mir nicht ganz sicher. Weiter betrachtet unsere Ausrüstung. Weder trug ich einen besonders schönen Helm, auf den meine Initialen mit Glitzersteinen verziert waren, noch irgendwelche Designer Stiefel, und Fruity? Die hatte ein eher Sitzkissen ähnliches Erscheinungsbild auf dem Rücken, ohne ein klassisches Sattelblatt oder enorm-große Pauschen, in denen wirklich jeder sitzen konnte und dazu eine schwarze Trense, die kein Lack hatte, sondern noch mal geputzt werden sollte, oder zwanzigmal am besten. Es war nicht einmal mein Verdienst, wie Fruity sich präsentierte. Alles, was ich tat, war meine Beine im richtigen Moment zu bewegen und meinen Sitz anzupassen. Mit etwas Übung schaffte das jeder, also was hatte ich im Finale zu suchen? Nichts, wirklich gar nichts.
      Von der Seite begann etwas an meiner Hose herumzufummeln. Fruity stand am Zaun und inspizierte meine Hosentasche nach einem Leckerli aus, doch da konnte sie nichts finden als ein mit gewaschenem Taschentuche. Aber ich wusste, wo es welche gab und lief direkt zum Hänger, der noch immer aufstand, um ihr Gesuch nachzukommen.
      “Hier meine Hübsche”, flüsterte ich sanft, als sie vorsichtig aus meiner Hand das Leckerli sammelte. Dann begann ich sie zu putzen, obwohl viel Dreck nicht auf den wichtigen Stellen war, womit es mir gelang, das Pferd innerhalb von zehn Minuten zu satteln und noch einen schweifenden Blick zu den anderen zu werfen. Erik hatte noch einmal versucht, ein Gespräch zu führen, doch ich ignorierte ihn. Dafür gab es keinen Grund, aber ich schämte grundlegend für meine Gefühle, außerdem hatte er Spaß mit den anderen, da musste ich nicht mit meiner seltsamen Stimmung alles zerstören.
      “Ich gehe zum Platz”, sagte ich kurz Bescheid und lief los, ohne noch einmal zurück zu gucken. Vielleicht war die Einstellung nicht falsch, immer nach vorne zu sehen, aber in dem Fall hätte ich sicher warten können, ob jemand mitkommen wollte. Die Leere kam wieder, Unwissenheit, was kommen würde, Angst, alles verlieren zu können. Zu viele Fragezeichen in der Zukunft außerdem spürte ich jenes, dass etwas Schlimmes passieren würde in geraumer Zeit.
      “Hey, warte Vriska ich komme mit”, rief mir jemand nach und ich hörte schnelle Schritte, die sich Fruity und mir näherten. Zu meinem Erstaunen war es nicht Lina, die dort angelaufen kam, sondern ihre Schwester.
      “Na gut, gern. Aber erwarte nichts”, schmunzelte ich aufgesetzt, um mir nichts weiter anmerken zu lassen. Natürlich schien es sehr naiv von mir, denn sofern ich nicht glücklich strahlend mit Erik unterwegs war, fehlte mir immer irgendetwas. Kurz sah ich doch noch einmal zurück, aber er kam nicht mit, sondern lachte mit den anderen dreien am Tisch, ohne mich.
      “Keine Sorge, ich erwarte schon nichts. Ich bin beeindruckt, dass du mit einem solchen Pferd wie ihr auf einem klassischen Warmblüter Turnier auftauchst, da gehört einiges an Mut zu”, versuchte Juliett ein Gespräch zu beginnen und deutet mit einer Kopfbewegung auf die Stute neben mir.
      „Ganz einfach gesagt, ich hatte keine Wahl. Ich musste das tun“, murmelte ich verschlagen und strich Fruity über den Hals. Dem traf dabei überhaupt keine Schuld! Sie konnte sich schon bei der ersten Runde durchsetzen und einige Fans gewinnen, ich hingegen fühlte mich nicht mehr sowohl wie in dem Moment, als ich ausritt. Die Missachtung meiner vermeintlichen Freunde demütigte mich und sogar mein Bruder empfand, alles andere, als so viel interessanter, als die Leidenschaft seiner Schwester, stattdessen erpresste er mich. Wenn es nicht so dramatisch mit ihm ablaufen würde, hätte ich ihn nachher am Flughafen abgesetzt und dann wäre er verschwunden.
      “Aber dafür, dass du nicht freiwillig hier bist haben sich, dein Pferd und du gestern gut geschlagen, es ist sicher nicht einfacher als früher geworden sich gegen die klassischen Warmblüter durchzusetzen”, setzte sie das Gespräch anerkennend fort. Juliett meinte es auch nur gut, aber ich hatte nichts Besseres zu tun, als mir einer Zeit der Freude, wieder schlechte Laune einzureden, um sinnlose Ausreden zu erfinden, scheitern zu können.
      „Ach, dann bist du auch mal geritten?“, fragte ich aus der Höflichkeit heraus, ohne echtes Interesse zu haben. Es tat mir leid, aber mir fehlte zu so vielen Menschen die Bindung.
      “Ja, das bringt es so mit sich auf einem Pferdehof aufzuwachsen. Na ja, fast meinen Bruder hat niemand auf ein Pferd bekommen”, lachte sie mild und schien ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen.
      „Wenn du mal wieder auf ein Pferd sitzen möchtest, finden wir sicher etwas Passendes auf dem LDS, die sind nicht alle vollkommen gestört“, musste ich nun doch lachen. Freundlich öffnete sie das Gatter zum Platz, auf dem Betriebs Reiter unterwegs waren und die Tiere förmlich über den Sand schubsten. Es fehlte an Motivation, sie trampelten einfach nur vorwärts. Auf der kleinen Tafel lass ich, dass das M-Reiter sein werden, da in wenigen Minuten die Prüfung begann, schämt euch. Im nächsten Moment schwang ich mich in den Sattel und begann im Schritt, dabei immer mein Handy in der Hand, um die Kür zu lernen. Trab, Volten, Handwechsel mit Verstärkung, Versammlung, irgendwelche Bahnfiguren, stehen, Ecke kehrt im Galopp, fliegender Wechsel, Schlagenbögen, Versammlung, fertig. Das sollte ich doch wohl hinbekommen. Mir kam die eine Atemübung wieder in den Sinn, die Niklas mir gezeigt hatte, um mich besser auf etwas konzentrieren zu können. Also hielt ich an und setzte sie um, je öfter ich bewusst längere Atemzüge machte, umso besser wurde meine Gedankenwelt, aber auch die Müdigkeit holte mich ein. Kein Wunder, wenn man nur fünf Stunden schlief und aus einem Alptraum aufwachte.
      „Vriska?“, hörte ich plötzlich meinen Namen auf dem sonst lauten Reitplatz, als ich die Schlagenbögen im versammelten Galopp ritt. Die Stimme würde ich unter tausenden erkennen, der kindliche Singsang in den Silben und vertraute Bass in den Untertönen, schnellte mein Herzschlag oben. Am Zaun stand Erik, mittlerweile wieder bekleidet und hatte Juli bereits einen Kaffee gereicht, somit würde der andere für mich sein.
      „Soll ich denn so lange noch halten?“, fragte er freundlich, als ich neben ihm anhielt.
      „Nein, ich brauche den jetzt, sonst würdest du vermutlich schon morgen nach Neuseeland fliegen“, entfachte sich die Begier nach dem Schwarzen Heißgetränk, das er mir sogleich reichte.
      „Wer sagt denn, dass ich nicht schon ein Ticket gebucht habe?“, sagte Erik, betrachtete mich dabei von unten nach oben bis seinen Blick in meinen Augen hängen blieb.
      „Dann wünsche ich dir einen guten Flug. Ich denk an dich“, beendete ich kurzfristig das Gespräch und ritt wieder an. Es gab keinen Grund zur Sorge, er war hier. Vielleicht trug die Müdigkeit ihren Teil dazu bei, dass ich alles sehr extrem verspürte, doch schon ersten Schlucken der dunkelbraunen Flüssigkeit erquickten mein Herz zutiefst und ein Lächeln zauberte sich auf meine Lippen.
      „Komm, wir zeigen ganzen aufpolierten Stelzen, was du kannst!“, flüsterte ich Fruity in ihr Ohr, setzte mich in den Sattel und hielt weiterhin die Zügel in der linken Hand, denn in der rechten Dampfte mein Kaffee. Bei einem Punkt, den ich als Platz Mitte definieren würde, hielt ich an, um bestmöglich die Prüfung zu imitieren und trabte im Arbeitstempo an auf der linken Hand. Mit der Volte Links begann ich, die Zügel nur als Mittel der Haltung und alles gesteuert über den Sitz, konzentriert auf minimale Hilfen. Im Wechsel auf die rechte Volte wurde es für einen Wimpernschlag holprig, der Kaffee schwappte ein wenig über den Rand und tropfte auf meine Hose, toll. Egal, es war nur meine Jogginghose.
      Nach dem Viereck vergrößern, verkleinern kam die erste Herausforderung – versammelter Schritt, rechts Kurzkehrt und wieder weiter im Arbeitstrab. Als es zum Halt kam, spürte ich starrenden Blicke um mich herum, auch das Geflüster entging mir nicht. Unsicher sah ich zu Erik, der noch immer ein breites Lächeln auf den Lippen trug, als würde es zu ihm gehören, wie die perfekt geschnittene Anzughose. Entspannt nahm ich einen Sipp vom Rand des Kaffees und nach einigen Tritten rückwärts, galoppierte ich aus dem Stand an im versammelten Tempo. Fruity meisterte auch das wie ein junger Gott, was sie mit ihren sechs Jahren auch noch war. Eine blonde Dame, die uns schon eine Weile beobachtete, nickte mir anerkennend zu, als sich unsere Blicke trafen. An ihr Gesicht erinnerte ich mich noch, es war eine der Zwillinge. Sie saß auf einem wunderschönen Schecken, was auch einen außergewöhnlichen Anblick in der Dressur bildete, vor allem, weil der Hengst auch einen barocken Schnitt hatte. Seine weiße Mähne zu Zöpfen genäht und im Trab wallte der zweifarbige, imposante Schweif, schon rein optisch hatten die beiden vielen etwas voraus.
      Mutig galoppierte ich im Außengalopp im Mittelzirkel, gedanklich bei dem fliegenden Wechsel, den ich weder beherrschte, noch einhändig ritt. Aber ich wollte es allen beweisen, vor allem mir selbst. Doch ich erwischte mich dabei wieder Hilfen vergessen zu haben, galoppierte Runde um Runde auf dem Zirkel zum Entsetzen der anderen, die unsertwegen mehrfach Platz machten. Ich holte Fruity zurück in den Schritt, ließ die Zügel los und ritt ab. Damit war meine Motivation erloschen, gute Voraussetzung für die Prüfung später.
      “Behöver du hjälp? Jag tycker inte att det ska sluta så här (Brauchst du Hilfe? Ich denke nicht, dass das so enden sollte)”, kam die blonde junge Dame wieder zu mir. Mangelnd der Sprache schüttelte ich den Kopf und ritt schweigend weiter mit dem tiefen Blick in meinem Kaffeebecher, der schon halb leer war. Von der Seite bemerkte ich Gelächter, Lästereien und abfällige Blicke. Wäre Fruity nicht außer Atem, wäre ich direkt abgesprungen, zum Hänger, Pferd einladen und zurück zum Hof. Aber meine Teilnahme zurückziehen, stand auch noch zur Wahl.
      “Habt ihr alles ausgetrunken oder ist noch was da?”, fragte ich aus dem Nichts, was Verwunderung auslöste.
      “Gin meinst du? Oder Kräuter?”, begriff Erik dann doch noch, was ich mit einem Nicken bestätigte. Ehrlich gesagt, interessierte es mich nicht, was wir genau dahatten, Hauptsache genügend Umdrehung.
      “Wenn die beiden endlich aufgehört haben, dann sollte noch was da sein”, gab er zu bedenken. Ich wartete nur auf die Belehrung, die jedoch nicht kam. Stattdessen nahm er mir den Kaffee ab und strich Fruity freundlich über die Schulter.
      “Ihr schafft das schon nachher”, munterte Erik mich auf, legte seinen Arm um mich, nach dem ich vom Pferd stieg und den Gurt gelockert hatte. Was passierte hier eigentlich schon wieder? Ich wollte den Sieg, ich wollte ihn bei mir haben, aber redete mir in jedem Moment ein, dass alles nie zu schaffen, nie Erfolge zu erzielen, nur ein Nebendarsteller zu sein in einem Leben, dass eigentlich meins war.
      “Du bist auch erst am Nachmittag dran”, kam Juliett freundlich von hinten dazu gerannt.
      “Ach, hast du auf der Startliste geguckt? Das ist lieb, danke”, bedankte ich mich und drückte meine Lippe etwas nach oben, bevor wieder alles entspannte und der natürliche leere Gesichtsausdruck, die Vorherrschaft übernahm.
      Die Kegelgruppe wurde immer Gruppe, denn Chris und Niklas hatten auch ihren Weg zu uns geschafft, als hätten sie keine eigenen Pferde zu versorgen. Als ich sie bemerkte, griff ich hektisch nach Eriks Hand, um lüsternen Blicken Niklas’ ausweichen zu können, denn ob ich schon bereit dafür war, ihn zu vergessen, wusste ich nicht. Generell wusste ich nichts, außer dass ich in zwei Tagen die letzte praktische Prüfung vor mir hatte, die Prüfung, von der alles abhing. Ob ich auf dem LDS bleiben konnte, ob das Förderprogramm sein Ende fand und noch viel wichtiger – ob ich zurück, ohne Ausbildung, nach London musste.
      Lina saß auf Niklas Schoß, glücklich darüber ihn bei sich zu haben, freudestrahlend und begnügt. Sie wirkten so unbeschwert zusammen, als gäbe es die anderen um sie herum gar nicht, selbst die kichernden Weiber, die an unserem Camp vorbeiliefen, ignorierten sie. Besonders Lina, die sonst auch in aller Blicke eine Belastung empfand. Ich konnte mir nur eingestehen, ihn endlich zu vergessen. Vergessen, was wir hatten und im Laufe der Zeit uns im Weg stehen würde. Erschöpft atmete ich aus, hob den Sattel vom Rücken der Stute und hängte ihn zurück in den Hänger. Dort herrschte schon wieder das reinste Chaos, wer war das? Ich hatte vor weniger als zwei Stunden darin aufgeräumt und ein weiteres Pferd stand nicht im Paddock, wie konnte das sein.
      “Wer von euch, schmeißt das Zeug eigentlich nur rein?”, schnaubte ich verärgert und begann wieder zu sortieren, um den Sattel wegzuhängen.
      “Schätzchen, das machst du selbst. Vorhin hast du alles von der einen zur anderen Seite geräumt, ohne System. Dass du dann wenig später der Meinung bist, dass es unordentlich ist, kein Wunder”, erklärte mein Bruder, der bisher nicht viel gesagt hatte. Seltsam, dass ich es als ganz anders empfand, stellte es aber nicht infrage. Ich sollte noch mal schlafen gehen, bis ich an der Reihe war. Aber als ich zum Zelt lief, rief mich Erik zurück. Er wollte mich bei sich haben und dem kam ich natürlich nach. Fest umklammerte ich mich an seine Beine und legte den Kopf an seinen Knien ab. Während er seine Hand sanft über mein Gesicht strich, schlief ich glücklich ein.

      Die kalten Lampenmittel der Scheinwerfer auf dem Reitplatz blitzten mehrfach auf, bevor sie ihr Licht über den Sand verteilten. Am Horizont stand die Sonne, die durch die Wolken nur noch wenige Strahlen hindurchdrücken konnte, was für die Richter keine gute Voraussetzung war. Freudestrahlend trabte eine große braunhaarige auf ihrem Rappen vom Platz, während ich noch wie angewurzelt versuchte die Gesichtszüge des Publikums zu verinnerlichen. Mit einem kräftigen Krachen wurde es dunkel. Von da an schlug die Stimmung auf dem Gelände um. Große Gewitterwolken zogen sich zusammen und eröffneten sich wie auf ein Schnipsen über uns. Eine elektrische Spannung schwebte durch die Luft, Leute flüchteten von links nach rechts, wie kleine Ameisen, die panisch den Angreifer ihres Haufens vertreiben wollten. Und auf mein Pferd und mich prasselten die großen Regentropfen, nass flossen sie auf herunter, bildeten kleine Pfützen neben uns. Es wurde still und endlich bekam ich das Gefühl mich wohlzufühlen. Auf den Tribünen saß niemand mehr, am Zaun auch nicht. Somit war ich wie allein, nur ich und die vier Richter.
      “Vill du fortfarande rida? (Wollen Sie noch reiten?)”, fragte mich eine Frau von der Veranstaltung mit einem Schirm in der Hand. Zuversichtlich nickte ich und sie gab mir den Weg frei. Das Licht konnten sie wieder einschalten, auch wenn die eine Lampe noch immer flackerte. Obwohl ich nicht wusste, dass es mir fehlt, aber jetzt spürte ich es. Aus den Lautsprechern ertönte das wohl einzig passende Lied: ‘Forbidden Fruit’ von Hallway Swimmers. Der Auftritt erfüllte mich großer Freude schon vor dem Betreten des Platzes, dem Gefühl meine Bestimmung gefunden zu haben.
      Im Trab plätscherten wir durch den nassen Sand, der Matsch spritzte in alle Richtungen, auch meine Schuhe waren schon nach einigen Metern am Schaft besprengt. Die Tropfen funkelten im Licht der Strahler und amüsierte mich, obwohl viele von ihnen direkt in meinem Gesicht landeten, strahlte ich vom linken bis zum rechten Ohr. Auch Eriks Zuversicht schmeichelte mir. Beide Volten beherrschten wir wie im Schlaf und bei dem wechseln durch die ganze Bahn ab Kilo jubelte innerlich im verstärkten Tempo durch den Matsch zu fetzen. Ich kam mir vor wie ein Kind, dass glücklich durch Pfützen sprang, ungeachtet der Blicke von Erwachsenen. Die Ausstattung würde Ewigkeiten zum Trocknen brauchen, aber das interessierte mich in dem Moment nicht, alles, was ich wollte, war endlich zu galoppieren. Diese folgte dann auch nach dem Halten und Rückwärtsrichten. Im versammelten Galopp wippte ihr Kopf aktiv im Takt und meine Hüfte ließ ich locker mitgehen. Immer wieder schloss ich die Augen, um die Ruhe zu genießen und der Musik zu folgen. Bravo kam immer näher, somit der Mittelzirkel aus dem ich gleich einen fliegenden Wechsel. Eskil hatte mir beim Warmreiten noch einmal geholfen, umso sicherer fühlte ich mich das zu schaffen. Sprung, Sprung, Hilfe, Sprung – Gewechselt. Das Grinsen wurde noch breiter, aber den kleinen Erfolg konnte ich nicht feiern, denn ich musste direkt noch einmal wechseln. In der Ecke bei Hotel kehrt, ohne zu wechseln und erneut auf den Zirkel im Außengalopp. Rechts, links, Sprung, rechts, links. Der Rest war ein Klacks. Fruity versammelte sich ausgezeichnete und auch die Schlangenlinie mit drei Bögen und einfacheren Wechseln, machten mir keine Schwierigkeiten.
      Ein letzter Handwechsel durch die ganze Bahn im mittleren Galopp, Versammlung bei Erreichen von Mike und aufreiten im versammelten Trab zur Mitte. Geschafft. Der Regen hatte mich vollständig durchnässt, das Jackett von Chris klemmte unangenehm an meinen Oberschenkeln, Sattel, einfach überall. Aber: Ich war glücklich. Fruity hatte trotz der Widrigkeiten keine meiner Hilfen infrage gestellt und das als Stute. So gut es ging, lehnte ich mich noch vorn, um meine Arme um ihren Hals zu legen, auch wenn diese seltsamen Polster es mir nicht leicht machten. Ihre winzigen Haare klebten überall verteilt am Jackett.
      Erik erwartete uns schon in dem Übergangstunnel zum Platz mit einer Decke für das Pferd und mich. Hinter ihm, gefolgt von Lina und seiner Tochter. Sie griff erwartungsvoll nach vorn, konnte es gar nicht abwarten endlich zu dem Pferd zu kommen. Ich wurde vollkommen ignoriert, Fruity stand im Vordergrund. Lina setzte sie ab und sofort tapste seine Tochter ungeschickt an die Beine der Stute, klammerte sich fest daran. Neugierig beschnupperte sie das Kind am Kopf und knusperte aber der kleinen Regenjacke.
      „Fredna? Vill du inte säga hej?“, fragte Erik sie und zeigte auf mich.
      „Nej“, weigerte die Kleine sich, hielt sich an Fruitys Kopf und fummelte interessiert an dem Leder der Trense herum. Dass Kinder mich nicht mochten, wurde mir schon früh bewusst, aber dass Eriks Tochter mich ignorierte, vermittelte mir einen schlechten Eindruck, wie das auf langer Sicht funktionieren sollte. Er tippte sie noch mal an, dass Fredna auf mich Aufmerksam würde, doch alles, was sie wollte, war das Pferd.
      „Jag vill sitta på den!“, nörgelte sie plötzlich. Meinerseits gab es ein Problem damit, denn in diesem Sattel sollte jeder einen guten Halt haben, nicht nur ich mit dem großen Hintern. Ich würde ihr hoch helfen, aber ich konnte nicht mal ohne zu keuchen satteln. Also ließ ich Erik den Vortritt und zur Aufsicht stellte Lina sich auf die andere Seite. Unbeholfen stand ich daneben, ignoriert von allen. Hatte ich etwa einen Fehler in der Vorstellung? Durch den Regen waren die großen Monitore nicht an, was vermutlich auch an dem kurzen Stromausfall lag, und es war so laut wieder geworden, dass ich kaum etwas aus den Lautsprechern wahrnahm.
      Schon die Hoffnung verloren noch mal Aufmerksamkeit zu bekommen, kuschelte ich mich in die Abschwitzdecke und kauerte am Boden, wartend darauf, dass die Siegerehrung in der Halle in zwanzig Minuten begann. Lina führte in der Zeit Fruity auf und ab durch den Gang, Erik begleitete sie.
      “Was sitzt du denn hier im Dreck, Kleines?”, fragte mich Chris und kam runter auf seine Knie. Desinteressiert und traurig zuckte ich mit Schultern, als wüsste ich nicht, was wieder los war.
      “Du sagst mir jetzt, warum du schon wieder Depressionen schiebst”, stupste er mich freundlich an der Schulter an. Die Decke schob sich ein Stück herunter und hektisch zog ich sie wieder über mich. Einige andere Reiter ritten an uns vorbei, sahen abfällig zu mir, dann lachten sie. Genau, ich war wieder die Lachnummer, daran dachte ich auch nur. Ich machte mir auf diesem Turnier etwas vor, etwas, das ich nicht war. Die Euphorie in der Aufgabe schien unbegründet zu sein, unnötig und krankhaft.
      “Weil ich Krank bin, deswegen”, murmelte ich verlegen, nicht gewollt meine Gefühle zu offenbaren.
      “Erzähl mir was Neues. Also sag schon, was bedrückt dich, oder muss erst deinen Kryptonit holen?”, neckte er mich, dass Chris es nur gut meinte, wusste ich. Aber ich konnte ihm nicht sagen, dass es mich zerriss ihn nicht bei mir zu haben, niemanden, der mich wertschätzte hier zu sein oder mir zumindest sagte, dass ich es echt eine Horrorvorstellung vorführte.
      “Lieb von dir, aber mir ist nicht zu helfen und er kann daran auch nichts ändern”, hoffte ich meine Ruhe zu bekommen. So könnte ich sagen, im Regen sieht man meine Tränen nicht, aber zumindest mein Gesicht war schon wieder trocken.
      “Erik, kan du komma hit, snälla? (Erik, kommst du bitte herkommen?)”, rief er ihm doch dazu. Überrascht drehte er sich um, kam direkt auf uns zu.
      “Vad är det som händer? (Was ist denn hier los?)”, fragte Erik seinen Freund, in dem, noch immer, seltsamsten Dialekt, den ich je zu Ohren bekam. Sie begannen sich gegenseitig etwas zuzuflüstern, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, mich in der Abschwitzdecke zu vergraben, dass ich nicht mithörte. Dann reichte Erik mir mit funkelnden Augen die Hand. Mit meiner inneren Leere sah ich langsam auf und erwartete mehr, als eine Hand, denn ich hatte mich gerade auf den Steinen eingedeckt und die perfekte Position gefunden.
      “Wir müssen etwas besprechen, komm bitte mit”, sagte er zunehmend ernster. Ich hatte ihn bisher nur einmal so erlebt und das war, als er sich mir vorstellte. Aber was hatte ich jetzt verbrochen? Wie ein Gespenst in der dunkelblauen Decke umfüllt, schlich ihm nach, bis wir in einer ruhigen Ecke ankamen, in der wohl so schnell niemand vorbeikommen würde. Nur so viel wie nötig, atmete ich, spürte das es nicht gut lief, an meinem bereits nassen Rücken kullerten zusätzliche Schweißperlen hinunter und mein Gesicht fühlte sich kalt, blass an.
      “Vriska?”, begann er endlich die quälende Stille zu unterbrechen.
      “Erik?”, antwortete ich besorgt darüber, was gleichkommen würde.
      “Wenn irgendetwas nicht stimmt, dann möchte ich, dass du mir das auch sagst und nicht wie meine Tochter herumsitzest, wartest bis endlich alle um dich herumstehen. Meine Güte, die bist über zwanzig und solltest doch in der Lage sein, mit jemanden zu sprechen. Also sage mir um Gottes willen was schon wieder ein Problem ist”, wurde es offensichtlich eine Belehrung, was ich zu tun und zu lassen habe, aber ich konnte nicht umdrehen und einfach davor wegrennen, dafür stand er zu nah an mir, verdrehte mir den Kopf. Vielleicht sollte ich es wirklich sagen, auch wenn es mir Angst macht.
      “Ich habe in jeder Sekunde Angst, dass es die letzte mit dir ist. Angst, dich nie wiederzusehen und vollkommen allein zu sein, die Leere weiter zu ertragen. Dass Gefühl zu haben, nicht zu wissen, wie es weitergeht, was wir sind. Ich kann das nicht, okay? Und ich akzeptiere, dass du es langsam angehen willst, aber für mich ist das nichts, nicht zwischen all dem anderen Kram, den ich mit mir herumtrage”, schüttete ich ihm meine Gefühle aus. Er dachte nach, bis ein zaghaftes Lächeln auf die Lippen trat.
      “Und deswegen benimmst du dich, wie eine vierzehnjährige, die das erste Mal Kontakt zu jemanden hat und stetig ein Auf und Ab der Gefühle hat?”, kritisierte er mich eindringlich, machte mir ein schlechtes Gewissen und sorgte dafür, dass die Sorge ihn zu verlieren, in den Vordergrund trat.
      “Es – Es tut mir leid”, versuchte ich eine Antwort zu finden. Mit kräftigen Atemzügen bemühte ich mich, die Tränen zurückzuhalten, um seine Aussage nicht noch zu stärken.
      “Gibst du mir trotzdem die Chance, daran zu arbeiten?”, fragte ich im Moment der Stille, denn nach meinem Versuch einer Entschuldigung schwieg er. Nichts in seinem Gesicht zuckte. Als Erik wieder begann zu sprechen, pochte mein Herz wie wild und die Tränen flossen nun doch.
      “Vriska, ich freue mich, wenn du daran arbeiten möchtest, aber dafür gibt es keinen Grund. Ich möchte dich bei mir haben und nicht nur so provisorisch, wie es jetzt ist. Sondern als meine Vriska”, lachte er und nahm mich in den Arm. Der Schock saß mir tief im Mark, aber er meinte es ernst, wirklich ernst. Panisch schnappte ich nach Luft und drückte mich an ihn. Beruhigt strich er über meinen Kopf, versuchte mich zurückzuholen zur Vernunft.
      “Also sind wir jetzt –”, stammelte ich. Hatte ich ihn richtig verstanden? Wollte er mich wirklich, also so richtig? Freund und Freundin? Schon, wenn ich darüber nachdachte, kamen die nächsten Tränen.
      „Wenn du das auch möchtest, würde ich mich freuen“, drückte er mein Kinn nach oben, tiefblickend in meine Augen. Sein seliges Lächeln strahlte so viel mehr aus, als Freude. Er strahlte förmlich vor Glück, als wäre ich das, was ich immer gesucht hatte und endlich bei sich hatte. Genau das fühlte auch in dem Moment, in ihm sah ich meine Zukunft, eine bessere Version von mir selbst, alles was ich je wünschte.
      „Natürlich“, schluchzte ich glücklich, wischte immer wieder die Freudentränen aus dem Gesicht und drückte meine Lippen auf seine. So viel mehr Zärtlichkeit erfüllte mich, als hätten diese ridikülen Worte etwas zwischen uns geändert. Aber natürlich, es waren nun wir, und nicht mehr du und ich.
      „Aber wir müssen langsam zurück, schließlich musst du dir deine Schleife abholen“, schmunzelte MEIN Freund und zog mich an der Hand zu den anderen, die sehnlich auf die Antwort warteten. Ich war noch vollkommen perplex und überglücklich, weswegen nur er nickte und kleinen Applaus auslöste. Sogar Fredna klatschte so gut sie konnte mit. Lina zeigte auf mich, erklärte ihr etwas und sie lachte herzerwärmend. Aber ich musste nun vollkommen durchnässt aufs Pferd steigen, dass durch die Decke wieder mehr oder weniger trocken war. Ihr Schopf hing nur noch wie ein Lappen herunter und viele Härchen standen ab. Chris nahm mir das Jackett ab und gab mir ein anderes, von wem das war, keine Ahnung, aber es passte deutlich besser.
      „Bereit?“, flüsterte ich Fruity ins Ohr und bekam sogar ein kleines Nicken geschenkt.
      Vollen Mutes ritt ich zum Eingang der Halle, in der die anderen Vier bereits im Schritt ihre Runden drehten auf dem Hufschlag und die Sponsoren noch hektisch irgendwelche Dinge sortierten, Zettel von links nach rechts reichten, bis sie ihre Positionen fanden. Zunehmend kamen auch die Zuschauer zur Ruhe und es wurde Stiller. Noch immer flossen kleine Tränen aus meinen Augen, die ich nicht bremsen konnte. Zunächst kam eine kleine Ansprache darüber, was das für ein tolles Wochenende war, wie die sehr sich alle anstrengten, um ausgezeichnete Leistungen zu erreichen, aber es kann immer nur einen Sieger geben, so was eben. Deswegen hörte ich nur mit einem Ohr hin, gedanklich bei meinem Freund. Tatsächlich fühlte es sich seltsam an, diese Worte zu denken oder gar auszusprechen. Aber es war die Realität! Ich fand jemanden, durch wohl den größten Zufall, den man haben kann, und dann mochte er auch mich. Herausschreien wollte ich es, allen unter die Nase reiben und beweisen, dass ich nicht so schlimm war, wie viele von mir dachten. Aber ich schwieg, grinste wie ein Honigkuchenpferd und hoffte auf einen Platz auf dem Treppchen.
      “Nu kommer vi till dagens överraskning, de tog sig precis till finalen, men nu tog de sig till tredje plats. Mina damer och herrar, välkomna Vriska Isaac till Forbidden Fruit LDS. Grattis! (Nun kommen wir zur Überraschung des Tages, noch gerade so ins Finale geschafft, schafften die beiden es nun auf den dritten Platz. Meine Damen und Herren begrüßen sie mit uns Vriska Isaac auf Forbidden Fruit LDS. Herzlichen Glückwunsch!)”, ertönte es aus dem Lautsprecher. Das waren wir! Im Schritt ritt ich zu den Sponsoren, wurde von aller Richtung zum Händeschütteln genötigt, aber hielt mich brav an die gesellschaftlichen Verhaltensnormen, die man erwartete. Vermutlich musste ich sechs Leute berühren, mehr als zehnmal mich bedankten und bekam neben einem Bronze-farbigen kleinen Pokal auch eine Schleife an das Zaum der Stute, die alle neugierig anstupste und mit der Lippe in dem Präsentkorb der einen Person fummelte. Das Grinsen verschwand nicht von meinem Gesicht, wurde nur stärker, als brannte es sich in die Muskulatur. Dritter Platz! Atemberaubend, auf so einen Erfolg hatte ich gehofft.
      Die beiden über mir platzierten nahmen noch ihre Preise an und vor uns huschten verschiedene Fotografen vorbei, dass Stativ an der Kamera befestigt, obwohl es bei der Brennweite keinen Sinn ergab. Das erzeugte ein Ungleichgewicht und gefährdete die ganze Konstruktion. Aber sollten sie ihre Ausrüstung kaputt machen. Neugierig betrachtete Fruity noch immer alles, die vielen Geräusche und bunten Dinge irritierten sie nicht, stattdessen überlegte sie, wie es wohl schmecken würde oder ob es etwas zum Fressen dabeihatte. Leider musste ich sie enttäuschen, aber am Hänger gäbe es genug für das Krümelmonster. Zum Abschluss ritten wir noch eine Ehrenrunde, alle ließen ihre Pferde strampeln in einer Verstärkung, doch Fruity hatte genug für heute und ich trabte nur am langen einhändig-geführten Zügel hinterher.
      Juliett nahm mir die ganzen Sachen ab, die ich mit mir herumschleppte und ich konnte wieder vom Pferd, mir die Decke umhängen. Die nasse Kleidung unterkühlte mich deutlich, die Knie zittern und am ganzen Körper zuckte es. Erst jetzt, wo ich langsam wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkam, spürte ich, wie kalt mir wirklich war. Erik bemerkte es und gab mir noch seine Jacke, legte seinen Arm um mich.
      “Ich habe doch gesagt, dass du das schafft”, küsste er mich fröhlich am Kopf und zeigte sich zuversichtlich, dass es beim nächsten Mal genauso gut werden würde. Aber welches nächste Mal? Natürlich hatte es auch Spaß gemacht, dass alles zu erleben, aber ich fühlte mich von dem ganzen Rummel drum herum, erst mal geheilt und wollte nichts anderes, als in meinem warmen Bettchen liegen mit einem Kaffee und einer entspannten Serie. Stattdessen lief ich nass bei ziemlich stark brausendem Wind zum Camp, dass nur noch Teilweise aufgebaut war. Das Zelt stand schon nicht mehr und auch der Paddock war im Hänger verstaut. Sie hatten es wohl eilig nach Hause zu kommen, aber sie mussten auch nicht fahren, sondern ich hatte die viereinhalb Stunden Reise vor mir, müde und unterkühlt.
      “Ich habe noch eine Frage”, sagte ich zu Erik, während ich mir vor dem Auto die Kleidung wechselte. Chris hatte freundlicherweise Fruity versorgt und verschwand dann selbst, um mit Niklas zurückzufahren. Die Flucht vom Gelände hatte schon vor Stunden begonnen, einige hatten es vor dem Wolkenbruch geschafft und andere warteten noch darauf, ihre Prüfung zu reiten. Hoffentlich würde ihre Fahrt nicht so eine Weltreise werden, wie unsere.
      “Was möchtest du wissen?”, schmunzelte Erik und inspizierte mich genau, strich mir sanft über den Bauch und Oberschenkel. Seine Hände waren warm und ziemlich weich, jede Stelle, die er berührte, kribbelte wie wild. Ich hoffte, diese Gefühle ihn nie zu verlieren, aber irgendwann würde der Tag kommen, an dem es selbstverständlich wurde, leider.
      „Wie genau hast du dir das jetzt in der Umsetzung vorgestellt?“, stellte ich wohl die wichtigste Frage, schließlich wohnte er meines Wissens nach bei seiner Ex-Freundin, mehr als fünfhundert Kilometer entfernt vom Hof und Stockholm war auch nicht näher dran. Somit würden enorm lange Strecken zwischen uns liegen, die wohl auf Dauer keiner mehr bewältigen möchte.
      „Um ehrlich zu sein, dass weiß ich noch nicht. Aktuell bin beurlaubt und könnte dementsprechend mitkommen, ansonsten bin ich zu meiner Schwester gezogen, da meine Ex plötzlich der Meinung war, keine Lust mehr auf Fredna zu haben. Ich könnte im Homeoffice arbeiten und mir ein Haus bei dir in der Nähe suchen“, schlug er dann vor, strich mir immer wieder über meinen Bauch, ohne mir in die Augen zu sehen. Er wirkte wie hypnotisiert, geblendet von einer Welt, die es nicht gab, außer in seinem Kopf.
      “Findest du das nicht etwas überstürzt, ich mein – das ist doch alles furchtbar kompliziert”, sprach ich meine Gedanken aus, denn ich wollte ihn keinesfalls aus seinem gewohnten Umfeld herausreißen, allerdings wusste ich eigentlich nichts über ihn. Dennoch hatte ich mich auf dieses Abenteuer begeben, eine Reise ins Ungewisse.
      “Ich habe eine Idee. Wenn ich wieder zu Hause bin, spreche ich mit meiner Schwester. Sie wollte ohnehin raus aus Stockholm und vielleicht wäre es auch für sie ein gelungener Start.” Eriks Vorstellung war grenzenlos, hoffentlich nahm er sich nicht zu viel damit vor. Aber ich wollte Abwarten, schauen, ob seine Idee von einem Neuanfang wirklich Wurzeln fassen konnte, deswegen entschied ich, optimistisch zu bleiben. Aus der Ferne hörte ich nun auch Lina mit ihrer Schwester kommen, die noch immer die Kinderbetreuung von Fredna übernommen hatten, das Kind, welches mich bisher vollkommen ignoriert hatte und dessen Mutterrolle ich wohl auf kurz oder lang übernehmen musste. Eine Aufgabe, für die ich mich überhaupt nicht gewachsen fühlte, aber für meinen Auserwählten war ich bereit, es zu versuchen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 71.708 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel fem | 25. Oktober 2021

      HMJ Divine // Freana von Hulshóf // Nathalie // Maskotka // El Pancho // Legolas// WHC’ Delicious Donut
      Satz des Pythagoras // Lu’lu’a // Rainbeth // HMJ Holy // Wunderkind // Fly me to the Moon // Sing of the Zodiac LDS // Glymur // Form follows Function LDS// Enigma LDS // Einheitssprache


      Lina
      “Liiiinaaa, matkapuhelimesi soi, sammuta se (Liiiinaaa, dein Handy klingelt, mach es aus dem Ding)”, beschwerte sich Juliett, aus dem Bett heraus. Bis eben hatte sie eigentlich noch geschlafen oder zumindest so getan. Unmöglich konnte sie überhört haben, wie ich mal wieder gegen das Regal gelaufen war, das Teil stand da aber auch blöd. Zu allem Überfluss war auch noch eines der Bücher herausgepurzelt und laut polternd auf meinem Fuß gelandet. Das alles nur, weil ich meine Schwester noch schlafen lassen wollte und somit das Licht ausließ.
      “Tee se itse, tiedät miten tekniikan ihmeet toimivat (Mach es halt selbst aus, du weißt doch wie die Wunder der Technik funktionieren)”, rief ich während ich konzentriert mein Lid strich zu ende zog. Er saß heute ausnahmsweise perfekt, das konnte nur Gutes für den heutigen Tag bedeuten. Anhand der raschelnden Decken hörte ich, dass sie sich nun tatsächlich selbst um das klingelnde Handy kümmerte.
      “Se on Samu, pitäisikö minun vastata puhelimeen? (Es ist Samu, soll ich rangehen?)”, tönte es aus dem Nebenraum. Noch bevor ich die Chance hatte ihr zu antworten, hatte Juliett das Gespräch bereits angenommen: “Hyvää huomenta Samu. Valitettavasti siskoni on edelleen kiireinen, joten sinun on kestettävä minua nyt. Tunnetko vielä minut? (Wunderschönen guten Morgen Samu. Meine Schwester ist leider noch beschäftigt, weshalb du erst einmal mit mir vorliebnehmen musst. Kennst du mich noch?)” Meine Schwester klang erstaunlich wach dafür, dass sie noch keinen Kaffee gehabt hatte. Das war ja mal wieder typisch, die Neugierde siegte sogar über das Bedürfnis nach Kaffee.
      “Hei Juliett, kiva nähdä. Siitä on pitkä aika, kun viimeksi näimme. (Hallo Juliett, schön dich zu sehen. Es ist ganz schön lange her, dass wir uns das letzte Mal begegnet sind.)”, vernahm ich die warme Stimme meines besten Freundes durch den Türspalt.
      “Mitä et sano, mutta kuten näen, et ole juuri muuttunut, silti viehättävä poika tuolta ajalta. (Was du nicht sagst, aber wie ich sehe, hast du dich kaum verändert, immer noch der charmante Junge von damals)”, erklang Julis erfreute Stimme. Warte hatte ich gerade richtig gehört? Wie ich sehe? Ich hielt in der Bewegung inne, legte die Bürste beiseite und steckte irritiert den Kopf durch die Tür. Im Schneidersitz saß Juli auf dem Bett und hielt das Handy am ausgestreckten Arm vor sich. Offenbar führte sie ein Video-Call. Ungewöhnlich, ich hatte bisher noch nie einen Video-Call mit Samu geführt. Aber okay, zugegebenermaßen kam ich bisher auch nicht wirklich in die Not, dies zu tun, schließlich hatte ich jahrelang mit ihm auf demselben Hof gewohnt.
      “Kiitos. Mutta sinäkään et ole muuttunut paljoa. Oletko muuttanut Ruotsiin tai mitä teet sisaresi kanssa? (Danke. Du hast dich aber auch kaum verändert. Bist du jetzt auch nach Schweden ausgewandert oder was machst du bei deiner Schwester?)”, hörte ich Samu Antwort, bevor ich mich wieder dem widmete mich fertig zu machen. Dem weiteren Gespräch lausche ich nur mit halbem Ohr, denn sie tauschten sich lediglich über den Verlauf ihrer Leben seit der Schulzeit aus.
      “Samu, miten saan kunnian kuulla sinusta niin aikaisin? Eikö tämä aika ole varattu tyttöystävällesi? (Samu, wie komme ich in die Ehre schon so früh von dir zu hören? Ist dieser Zeitraum nicht für deine Freundin reserviert?), fragte ich mit einem verschmitzten Grinsen, als ich mich in das Gespräch einbrachte. Ein amüsiertes glucksen war aus dem Handy zu vernehmen. Irgendwie sah Samu überraschend ausgeruht aus dafür, dass es in Kanada jetzt ungefähr halb elf sein dürfte und er den ganzen Tag gearbeitet haben sollte. Irgendetwas kam mir auch an seinem Zimmer anders vor, wobei wirklich viel sah man nicht davon, denn er saß mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt auf seinem Bett.
      “Etkö ole ystävä? (Bist du etwa nicht meine Freundin?)”, fragte Samu, seine Augen funkelten pikaresk, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte.
      “Ei, ei siinä mielessä. Tietääkseni olen vain parisuhteessa (Nein, nicht in dem Sinne. Soweit ich weiß, führe ich nur eine Beziehung.)”, Samu lachte und auch meine Schwester und ich stimmten ein. Es fühlte sich ziemlich seltsam an, ihn so lange nicht gesehen zu haben und auch, dass ich nicht einfach ein Zimmer weitergehen konnte, um mit ihm zu reden. Seit der 7. Klasse hatte ich Samu immer um mich gehabt und nur selten war es vorgekommen, dass wir uns mal länger als ein oder zwei Wochen nicht sahen. Fast drei Wochen waren mittlerweile vergangen, seit ich Kanada verlassen hatte. Langsam gewöhnte ich mich an den Alltag hier auf dem Hof und bekam das Gefühl, als würde ich hier so langsam ankommen.
      “Parisuhteista puheen ollen, miten voit? Koska en ole juuri kuullut sinusta mitään, olet varmaan kunnossa? (Apropos Beziehung, wie läuft es so bei dir? Da ich kaum etwas von dir gehört habe, nehme ich mal an, es geht dir gut?)”, fragte der Finnen nun.
      “Tunnen oloni erinomaiseksi. Minulla on täällä ihania poneja hoidettavana. Esimerkiksi Lu on melko pieni paskiainen, melko siro ja varattu. Olemme pikkuhiljaa alkaneet ystävystyä, valitettavasti Betty ei ole vielä päässyt niin pitkälle. (Mit geht es hervorragend. Ich habe hier ein paar wunderbare Ponys, um die ich mich hier kümmern darf. Lu zum Beispiel ist ein hübscher kleiner Leuchtrappe ziemlich zierlich und zurückhaltend. So langsam beginnen wir uns allerdings Anzufreunden, Betty habe noch leider noch nicht so weit)”, begann ich von den Pferden zu erzählen, mit denen ich hier bisher gearbeitet hatte. Nicht nur von den beiden, sondern auch von Zoi, Flyma, Wunderkind und all den anderen mit denen ich bisher arbeiten durfte.
      “Tiedän nyt myös, kuinka terrorijuomari sai nimensä. Holy voi itse asiassa näyttää erittäin viattomalta, kun hän ei ole kyllästynyt. Hän on itse asiassa aika söpö, vaikka voi todella ajaa sinut hulluksi. Mutta eniten nautin tällä hetkellä smoothien kanssa työskentelystä, vain hevosen unelmasta. Täysin ymmärrettävää, miksi Niki välittää hänestä niin paljon, emotionaalisesta arvosta puhumattakaan. En luopuisi tuollaisesta hevosesta enää koskaan. (Ich weiß jetzt auch wie der Terrortinker zu seinem Namen kam, Holy kann tatsächlich sehr unschuldig aussehen, wenn sie nicht gerade Langeweile hat. Eigentlich ist sie schon ziemlich süß, kann einen aber echt in den Wahnsinn treiben. Aber am meisten Spaß macht mir momentan die Arbeit mit Smoothie, einfach ein Traum von Pferd. Vollkommen nachvollziehbar warum Niki so viel an ihr liegt, mal ganz abgesehen vom emotionalen Wert. So ein Pferd würde ich auch nie wieder hergeben.)”, begann ich Samu vorzuschwärmen.
      “Työskentelet smoothien kanssa, miten se tulee? (Du arbeitest mit Smoothie, wie kommt es dazu?)”, fragte Samu interessiert nach. Meine Schwester war mittlerweile auf der Suche nach ihrem Lebenselixier in der Küche verschwunden.
      “Niklasilla on uusi tamma, koska Smoothie jää eläkkeelle turnauksista Ahtosensa takia, ja hänet pitäisi peittää tänä vuonna, joten hänet on koulutettava. Koska Niklas ei voi hoitaa kahta hevosta, hän antoi Smoothien minulle. Sanoinko jo kuinka hieno tämä hevonen on? Äärettömän tarkkaavainen, halukas suorittamaan ja sitten myös niin huomaavainen. Toivon, että Ivy on jonain päivänä niin herkkä. (Niklas hat eine neue Stute, weil Smoothie wegen ihrer Arthrose in Turnierrente geht, außerdem soll sie noch dieses Jahr gedeckt werden, folglich muss sie abtrainiert werden. Weil Niklas es nicht schafft sich um zwei Pferde zu kümmern, hat er Smooth mir anvertraut. Sagte ich schon wie toll dieses Pferd ist? Unendlich Aufmerksam, Leistungsbereit und dann auch noch so Rücksichtsvoll. Ich wünsche mir, Ivy wird irgendwann auch mal so sensibel sein.)”, schwärmte ich weiter. Ich wusste zwar, dass der Hengst bei Samu gut aufgehoben war, aber mein Pferd fehlte mir. Ob Divine mich auch vermisste? Immerhin hatte sich für ihn nicht viel verändert, außer dass er seine Möhrchen nun von jemand anderem bekam.
      “Miten poni voi? (Wie geht es eigentlich meinem Pony?)”, frage ich Samu sehnlich.
      “Häneltä ei puutu mitään. Koko joukkue pilaa ponisi, erityisesti Aleen. Luulen, että hän saa uuden kampauksen joka päivä. Tänään se oli mielenkiintoinen rakenne vaaleanpunaisista jousista ja kukkien hiusleikkeistä. Luulen, että Ivy kaipaa sinua, hän odottaa aina portilla, kun haluan tuoda hänet sisään, mutta hän ei vihille minulle kuten aina kanssasi. Hän saa minulta vähintään yhtä paljon porkkanaa. (Ihm fehlt es an nichts. Das ganze Team verwöhnt Dein Pony, ganz besonders Aleen. Ich glaube, er bekommt jeden Tag eine neue Frisur. Heute war es ein interessantes Konstrukt aus pinken Schleifchen und Blütenhaarspangen. Ich glaube Ivy vermisst Dich aber, er wartet immer schon am Tor, wenn ich ihn reinholen möchte, aber mir wiehere er nicht entgegen, wie er das bei Dir immer getan hat. Dabei bekommt er mindestens genauso viele Möhrchen von mir.)” Samus Erzählung erwärmte mir das Herz. Das Luchys kleine Tochter Divine verwöhnte wunderte mich nicht. Schon als ich noch da gewesen war, hatte das kleine Mädchen mir gerne beim Putzen des Hengstes geholfen. Aus mir unbekannten Gründen war sie ganz vernarrt in den Freiberger. Sogar mehr, als in die Ponys in ihrer Größen Ordnung. Nicht mal Fraena, die wegen ihres plüschigen Fells immer sehr beliebt bei den Kindern war, hielt sie für interessanter.
      “Kiva kuulla. En malta odottaa, että näen hänet uudelleen. Ovatko muut suojaamani myös hyvin? Kuka niistä nyt huolehtii? Ja tuleeko Hazel ratsastuskoulun kanssa vai onko hän jo heittänyt kaiken kaaokseen? Ja miten muut voivat? (Das freut mich zu hören. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten ihn wiederzusehen. Geht es meinen anderen Schützlingen auch gut? Wer kümmert sich jetzt um sie? Und kommt Hazel mit der Reitschule klar oder hat sie schon alles ins Chaos gestürzt? Und wie geht es den anderen?)”, erkundigte ich mich.
      Samu antwortete direkt: “Toisilla menee toistaiseksi hyvin, vaikka heillä kaikilla on nyt hieman enemmän työtä. Paitsi ... Jace, hän näyttää surevan sinua hieman kauemmin. Hazel ei ole vielä heittänyt kaikkea kaaokseen, mutta lapset tulevat takaisin vasta ensi viikolla, sitten nähdään toimiiko se. Myös suojelijasi voivat hyvin.
      Sheena huolehtii nyt Panchista, Fraena ja Nathalie huolehtivat Hazelista ja Jace ottaa Maskotkan haltuunsa. (Den anderen geht es soweit gut, auch wenn alle jetzt ein klein wenig mehr Arbeit haben. Außer … Jace, er scheint dir noch ein wenig nachzutrauern. Noch hat Hazel nicht alles ins Chaos gestürzt, aber die Kinder kommen je erst ab nächster Woche wieder, dann werden wir sehen, ob das klappt.
      Deinen Schützlingen geht es auch gut. Sheena kümmert sich jetzt um Panch, Fraena und Nathalie werden von Hazel umsorgt und Jace übernimmt Maskotka.)” Jace tat mir leid, ich hatte ihn nicht so verletzten wollen, aber ich konnte und wollte es nicht rückgängig machen. Bei Jace sprunghafter Art, würde es besser für mich sein, wenn wir getrennte Wege gehen. Irgendwann, hoffte ich, wird er schon wieder auf die Beine kommen. Um keine weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, lenkte ich lieber das Thema auf etwas anderes: “Ja entä Legolas? Onko hän edelleen myyntilistalla? (Und was ist mit Legolas? Na ja, steht er immer noch auf der Verkaufsliste?)” Ich befürchte schon, dass der Hengst vielleicht bereits verkauft worden sein an irgend so einen schmierigen Händler oder irgendeine dieser verwöhnten Gören, die ihre Pferde nur als Prestigeobjekt betrachtet.
      Mit einem grinsen begann der Finne zu antworten: “Voin vain sanoa tästä, että minusta on nyt tullut myös hevosenomistaja. Heti kun oli vihdoin selvää, että sen piti mennä, koska munkin piti jäädä, en voinut olla ostamatta sitä ennen kuin siitä tulee jälleen haastekuppi. Se oli minulle erittäin kätevää, tiedätkö, että olen jo pitkään ajatellut osallistumista aktiivisiin turnauksiin. (Dazu kann ich nur sagen, ich bin jetzt auch unter die Pferdebesitzer gegangen. Sobald endgültig feststand, dass er gehen muss, weil Donut bleiben soll, konnte ich nicht anders als ihn zu kaufen, bevor er wieder zum Wanderpokal wird. Es kam mir sehr gelegen, du weißt ja, dass ich schon länger überlege wieder aktiver Turniere zu reiten.)”
      “Se on hienoa, toivoisin jotain sellaista kauniille. (Das ist toll, so etwas habe ich mir für den Hübschen gewünscht.)” Ich freute mich aufrichtig, dass Samu den Hengst gekauft hatte, würde nicht nur bedeuten, dass ihm ein schönes Leben garantiert war, sondern auch, dass ich den Rappen noch einmal wiedersehen würde.
      “Mutta nyt takaisin sinulle. Olet jo kertonut meille paljon uusista suojelijoistasi, mutta miten muuten käy? Tuletko hyvin toimeen uusien kollegoidesi kanssa? Miten menee poikaystäväsi kanssa? (Aber jetzt zurück zu dir. Du hast ja bereits einiges über deine neuen Schützlinge erzählt, aber wie läuft es sonst so? Kommst du gut mit deinen neuen Kollegen klar? Wie läuft es mit deinem Freund?)”, lenkte Samu das Thema zurück, zu dem was sich in meinem Umfeld tat. Auf einmal schaltete sich meine Schwester, die grinsend mit einer Kaffeetasse im Türrahmen stand, wieder in das Gespräch ein: “Minusta näytti viikonloppuna siltä, että hänen poikaystävänsä kanssa sujui aivan loistavasti. Vaikka olen edelleen hieman ymmälläni pikkusiskoni suhteen. En odottanut hänen valitsevan tuollaista miestä. (Also, für mich sah das am Wochenende aus, als würde es ganz wunderbar mit ihrem Freund laufen. Auch, wenn ich immer noch ein wenig verwundert über meine kleine Schwester bin. Dass sie sich so einen Kerl aussucht, hätte ich nicht erwartet.)”
      “Siskosi on täynnä yllätyksiä (Deine Schwester steckt nun mal voller Überraschungen)”, lachte Samu. Offenbar war er mit meiner Schwester einer Meinung.
      “Mitä sen nyt pitäisi tarkoittaa? (Was soll das denn jetzt heißen?)”, empörte ich mich über die beiden. Samu lachte nur weiter und dachte nicht einmal daran mir zu antworten.
      “Luulin, että pidit hyvistä pojista, kulta (Ich dachte eher du stehst auf die braven Jungs, Süße)”, amüsierte sich meine Schwester, bevor sie dem Kissen auswich, welches eine Sekunde später durch die Luft flog. Leider verfehlte das Flugobjekt Juli und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden.
      “Et myöskään tarvitse vihollisia kanssasi (Mit euch braucht man auch keine Feinde)”, murmelte ich. “Mutta takaisin kysymyksiisi. Kuten juuri kuulitte, Niklasin kanssa asiat sujuvat erittäin hyvin, enkä kadu päätöstäni millään tavalla! Tulen hyvin toimeen kollegojeni kanssa toistaiseksi, vain Vriskan kanssa on ollut vähän outoa toistaiseksi. Mutta olen varma, että tulee. Ohhh ja missä olemme Vriskassa ... vaikka en edes tiedä voinko kertoa sinulle ... (Aber zurück zu deinen Fragen. Wie du gerade schon hörtest, läuft es mit Niklas hervorragend und ich bereue meine Entscheidung in keiner Weise! Mit meinen Kollegen komme ich soweit ganz gut aus, nur mit Vriska ist es bisher ein wenig seltsam. Aber das wird sicher noch. Ohhh und wo wir bei Vriska sind... wobei ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen darf…)” Am Ende hielt ich inne, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob Vriska wollte, dass gleich jeder wusste, dass sie mit Erik zusammen war.
      “Lina, hän ei repäise päätäsi loppujen lopuksi Samu on kuin päiväkirjasi. Voin vain sanoa tästä, että Amorilla oli hauskaa tänä viikonloppuna. (Lina, sie wird Dir schon nicht den Kopf abreißen, Samu ist schließlich so was wie dein Tagebuch. Ich kann dazu nur sagen Amor hatte dieses Wochenende seinen Spaß)”, amüsierte sich meine Schwester.
      “Okei, kerron nyt Vriska ... on nyt virallisesti Erikin kanssa. Olen iloinen molempien puolesta, molemmat näyttivät niin onnellisilta eilen. Todella hieno. (Also okay, dann sag ich es dir jetzt. Vriska...ist jetzt offiziell mit Erik zusammen. Ich freu mich für die beiden, sie sahen gestern beide so glücklich aus. Richtig toll.)”, rückte ich nun endlich mit der Sprache raus. Ich freute mich aufrichtig für die beiden, gerade nachdem mir vor Augen geführt wurde, wie sehr Vriska unter der Ungewissheit, ob sie Erik jemals wiedersehen wird, litt. Dennoch musste ich einräumen, dass ich mich auch ein wenig meiner selbst Willen freute: “Ja no ... se saattaa nyt tuntua hieman itsekkäältä, - mutta olen myös hieman helpottunut. Myönnän kyllä, olin huolissani ... Tiedätkö, mitä tapahtui hänen ja Niklasin välillä ja koska he kaksi tulivat jälleen oudosti hyvin viime aikoina ... No, sillä ei ole väliä, Vriksalla on varmasti hänen Erikinsä nyt. Minulla on Niki, kaikki kuten pitääkin. (Und naja, ... das wirkt jetzt vielleicht ein wenig selbstsüchtig, ... aber ich bin auch ein wenig erleichtert. Zugegebenen Maßen hatte ich mir Gedanken gemacht... Du weißt schon, wegen dem was zwischen ihr und Niklas lief und weil die beiden neulich wieder seltsam gut miteinander konnten... Naja egal, Vriska hat jetzt ganz sicher ihren Erik. Ich habe Niki, alles so wie es ein sollte.) Samu und ich quatschen noch einen Moment, vor allem über meine Beziehung, wobei ich mich echt zusammenreißen musste nicht ins Schwärmen zu geraten. Dieses Wochenende hatte mir Zuversicht und den nötigen Energieschub gegeben um hier in Schweden nun richtig durch zu starten. Meine Schwester stand noch immer mit ihrem Kaffee im Türrahmen, folgte dem Gespräch und grinste vergnügt vor sich hin.
      “Sinä Samu, minun täytyy erota nyt, muutama hevonen odottaa minua tallissa. Toivottavasti nähdään pian taas tosielämässä. Kerro minulle, kun tiedät, että tulet vihdoin tänne. Hyvää yötä nuku hyvin. Anna terveiset muille ja anna ponilleni huomenna ylimääräinen porkkana. (Du Samu, ich muss jetzt mal Schluss machen, da warten ein paar Pferdchen im Stall auf mich. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder so richtig in live. Sag mal Bescheid, wenn du weißt, dass du endlich hierherkommst. Gute Nacht, schlaf gut. Grüß die anderen von mir und gebe meinem Pony morgen ein extra Möhre von mir.)”, beendete ich das Gespräch, nach der Feststellung, dass es nun an der Zeit war an die Arbeit zu gehen.
      “Tottukaa teen. Pidä hauskaa töissä. (Klar, mach ich. Viel Spaß bei der Arbeit.)”, verabschiedete mein bester Freund sich, bevor ich auflegte.
      Gut gestimmt verließ ich die Wohnung und machte mich auf den Weg in den Stall.

      Vriska
      Einen freien Tag haben, hatte wirklich seine Vorteile, auch wenn es bedeutete, sich eine Beschäftigung zu suchen. Etwas zu tun, für das man sonst keine Zeit hatte. In meinem Fall war es Ausschlafen und Bilder bearbeiten, eventuell noch lernen für die praktische Prüfung und mit meinem Bruder endlich das Essen nachzuholen. Aber wo war er? Der kleine Palast, den ich zu gern mein Eigen nennen wollte, war still. Nur die Lüftung des Kühlschranks drang zu mir vor. Erholt stieg ich aus dem Bett, nachdem auch mein Handy keine Nachricht von ihm aufgewiesen hatte. Umso mehr hatte von Erik, aber ich musste erst einmal Harlen finden. Rufend lief ich durch das Häschen, aber auf 50 qm jemanden zu finden, sollte nur in diesem Fall schwierig werden. Erst bei der zweiten Runde laufen, fand ich einen Zettel neben der Kaffeemaschine – natürlich hinterließ er ihn dort.
      „Kleine Schwester, mache dir keine Sorgen. Ich werde in einige Tage zurück sein. Sollte etwas Dringendes sein, melde dich bei mir. Denk an unseren Deal, in Liebe, Harlen“, las ich seinen handgeschriebenen Zettel und atmete erleichtert aus. Selbst, dass ich nicht wusste, wo er genau war, konnte ich mir sicher sein, meinen Bruder bald wiederzusehen. Ich hängte die Erinnerung an den Kühlschrank, startete die Kaffeemaschine und zog mir in der Zeit etwas über. Was sollte ich anziehen? Die Lust Bilder zu bearbeiten verflog in der Winde, der Plan mit Harlen fiel ebenfalls flach, also blieb nur noch lernen übrig. Allerdings müsste ich noch zu Glymur fahren, denn er stand nun beinah eine Woche und wenigstens einen entspannten Ausritt sollten wir machen. Also griff nach reichlicher Überlegung doch nach einer Reithose, ich sollte mal wieder waschen. Es lag nur noch eine im Fach, der Rest türmte sich auf einem Haufen, der mal ein Wäschekorb war. Ich könnte anderenfalls auch mal wieder neue kaufe gehen, dass könnte ein Plan des Tages werden — Ausreiten, Shoppen und dann noch lernen. Während ich mein provisorisches Frühstück genoss, antwortete ich meinem Kerl, es fiel mir noch immer schwer den Gedanken zu fassen, dass er fest an meiner Seite war. Es wirkte mit Erik alles so unglaublich vertraut, obwohl ich wusste, dass sein Bruder durch die mir unbeschreibliche Situation einige meiner tiefsten Geheimnisse kannte. Doch ich konnte mir auf einer Art sicher sein, dass Niklas die Nachrichten an ihn weitergab. Viele der Texte, die ich schrieb, waren voll mit paradoxen Gefühlen, vor allem dem das ich Erik überhaupt nicht kannte. Aber unser erstes Treffen löste so viel in mir aus, für das ich keine Worte fand. Es war ein Gefühl von Freiheit und Entschlossenheit, gemischt mit dem Gedanken, dass es ohnehin nichts werden würde, weil wer war ich schon? Innerhalb kürzester Zeit entwickelte ich mich zu dem typischen Pferdemädchen, wie es im Buche stand. Ich nahm mir Zeit zum Lernen, aber verbrachte die meiste bei den Tieren. Sie halfen mir dabei, die Ereignisse in England hinter mir zu lassen, eine bessere Version von mir selbst zu werden. Dann, eines Tages, traf ich plötzlich diesen Typen, den ich als Charakter nur aus Filmen kannte und genauso lief es auch ab. Das schüchterne Außenseiter-Mädchen verliebt sich Hals über Kopf in den Aufreißer, der auch nur noch Augen für sie hatte. War Erik ein Aufreißer? Nicht einmal das wusste ich! Er hatte von einigen Bekanntschaften erzählt, aber nie welche Wichtigkeit sie für ihn darstellten. Jetzt jedoch war er alles und die Welt für mich, jemand, dem ich alles verzeihen würde. Ich möchte mit ihm alt werden.
      Langsam schielte ich zur Uhr, allmählich wurde es Zeit zum Hof zu fahren, bevor das Training der Kleinen begann und ich eventuell seltsame Begegnungen haben würde. Vom Schlüsselbrett nahm den Schlüssel, schnappte mir meine Tasche, die seit gefühlten Jahren nicht mehr mitnahm, und lief zum Auto. Die Haare trug ich offen, obwohl sie stets mich bei alltäglichen Aufgaben belästigten, aber ich wollte mich ausprobieren. Ausprobieren, wie ich mich wohlfühlen könnte, durch den Einfluss von Elementen meines jüngeren Ichs. Auf dem Hof herrschte ein normaler Montag, keine Gäste, keine Reitschüler oder Einsteller. Nur Folke sah ich mit dem Stapler Heu holen.
      Genau die gleiche Ruhe herrschte auf dem Gelände von Verein, obwohl ich schon auf dem Parkplatz den Porsche von Niklas betrachtete. Sollte er nicht arbeiten sein? Aber was wusste schon, ich war überhaupt nicht in der Stimmung dafür, einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, sondern tanze fröhlich an den Paddock vorbei, um aus dem Stall das Halfter meines Hengstes zu holen. Glymur hatte mich schon am Zaun begrüßt und Leckerli eingefordert, bevor ich überhaupt richtig da war. Aber natürlich bekam er eins.
      „Ich muss dir so viel erzählen“, lachte ich fröhlich. Aufmerksam spitze er die Ohren, als konnte er es gar nicht erwarten, was ich zu sagen hatte. Doch zunächst gab es einige aufmunternde Worte beim Putzen, dass ich an dem Tag deutlich ausgiebiger machte als sonst. In meinem Kopf summte noch immer die Melodie eines der Chartlieder aus dem Radio, die ich sonst mied. Dieser Einheitsbrei gefiel mir nicht, es brauchte Inhalt, eine rhythmische Melodie und eine schöne männliche Stimme, dennoch trällerte ich: „Turn up Baby, turn up, when I turn it on. You know how I get too lit when I turn it on.“
      Ich war so vertieft, gute Laune zu haben, dass ich nicht Niklas dazukommen hörte und für meinen Geschmack uns zu interessiert beobachtete. Erst als ich mich zur Putzkiste lehnte, sah ich ihn an einer Boxenwand stehen mit verschränkten Armen und einem breiten schelmischen Lächeln. Dabei stand auch Form, die vollkommen verschwitzt auf dem Gebiss kaute.
      “Weiß Vriska, dass du ihr Pony entführst?”, scherzte er.
      “Und du hast einen Clown gefrühstückt oder gelüstet es dir nach Aufmerksamkeit?”, lachte ich und legte den Sattel auf dem Rücken des Hengstes, der beinah auf der Stelle einschlief. Sanft strich ich mit meiner Hand über seinen Mähnenkamm, als Erinnerung, dass wir noch etwas vor uns hatten.
      “Dann sag mal, stimmen die Gerüchte?”, fragte Niklas nun ernster und reichte mir die Trense, die neben ihm hängte. Sah ich das richtig? Hatte er die schöne lange Mähne der Rappstute abgeschnitten? Ich hatte so viel Kraft in ihre Mähne gesteckt, da Tyrell auch immer die Schere in der Hand hielt. Aber jetzt geschah es, sie war ab und das nicht nur ein Stück. Form hatte nur noch wenige Fetzen am Hals und auch der Schopf musste leiden. Es schmerzte in der Seele, das Pferd so zu sehen, doch ich konnte nichts dagegen tun.
      “Was für Gerüchte? Wenn jetzt schon welche im Umlauf sind, kann es nur noch kreativer bei euch werden”, kam ich wieder auf das Gespräch zurück.
      “Da gibt es sogar direkt zwei. Einerseits, dass du direkt mit dem Neuen geschlafen hast und andererseits, dass das du jetzt mit dem seltsamen Typen aus Kanada zusammen bist, womit wohl nur Erik gemeint sein kann. Ich hoffe für dich, dass nur eins von beiden stimmt”, lächelte er. Seine Worte wirkten glaubhaft, als läge ihm etwas daran, was in meinem Leben ablief. Ich vertraute ihm und er mir.
      „Ja, zweiteres stimmt“, antwortete ich kurz, unsicher darüber, wie viel an die Öffentlichkeit kommen durfte.
      „Das beruhigt mich ein wenig, aber pass auf dich, ja?“ Wieso ihm das so nahe ging, konnte ich nicht nachvollziehen. Zustimmend nickte nur, holte meinen Helm und führte Glymur aus dem Stall. Aber Niklas schien sich nicht abwimmeln zu lassen und folgte mir mit seiner verschwitzten Stute. Als hielte ich einem Spiegel an mir, blieb er stehen, gurtete ebenfalls nach und war im Begriff aufzusteigen, aber Ausreiten wollte ich nicht mit ihm.
      „Es ist ja lieb, dass du mitkommen möchtest, aber ich schaffe das allein. Fahr lieber zu deiner Freundin“, wimmelte ich ihn ab und ritt schnellen Schrittes vom Hof. Er sah mir nur verwirrt nach, während er den Gurt wieder lockerte und zur Linken abbog in den Stall der großen.
      „Ich habe genug Männlichkeit bei mir, nicht wahr?“, flüsterte ich Glymur zu, der aufregt vorwärts trappelte. Ich bremste nicht, denn heute stand alles in seinem Zeichen. Er sollte noch einmal den Tag genießen, bevor morgen ein wichtiger Termin anstand.
      Im Wald schaffte ich es den Kopf freizubekommen, frei von ihm, dem, was alles passierte und redete mir alles von der Seele. Glymur spielte aktiv mit den Ohren, als versuchte er zu verstehen, was ich ihm erzählte. Mich störte es nicht, keine Antwort zu bekommen, so konnte auch niemand kritisieren, was ich tat oder dachte. Die Freiheit genoss ich in jedem Atemzug, mit jedem Wort, das ich sagte und auch jeder Fliege, die mir im Tölt ins Gesicht flog. Dass vermisste ich, die Unbeschwertheit ohne Konsequenz, ohne sich Gedanken zu machen, auszureiten mit dem einen Pferd, dass man vom Herzen liebte. Glymur wirkte genauso glücklich über die gemeinsame Zeit, dass wir erst nach geschlagenen drei Stunden zurückkamen. Mittlerweile wurden es mehr Leute auf dem Hof, sie huschten der einen Seite zur anderen, wie an einem Bahnhof wechselten sie von der Reithalle zu einem der Reitplätze und wieder zurück. Es war ein kleines Schauspiel mit allen Elementen, die es brauchte. Aus undefinierter Richtung rief jemand aufgebracht, von der anderen ertönte aufgeregter Hufschlag, während aus dem Stall um Ruhe gebeten wurde. Deswegen war ich nur selten am frühen Nachmittag bei ihm. Diese ganzen Menschen verunsicherten mich, ließen mich hinterfragen, was ich hier eigentlich zu suchen hatte und die neugierigen Blicke verdunkelten meine Gedankenwelt. Nichts, wie weg, musste ich, wodurch ich Glymur sein Futter in die Schale des Paddocks machte und das Sattelzeug am nächsten Tag putzen würde. Die meisten wichen mir aus, ohne ein Wort zu sagen. Was wollte ich eigentlich? Ich wusste es nicht genau.
      Doch genau im Augenblick des Zweifels tippte mich jemand an.
      „Vriska, richtig?“, sagte sie freundlich. Es war eine der Zwillinge, Tilda, wenn ich mich nicht irrte. Noch versunken in Gedanken nickte ich leicht.
      „Dein Ritt im Regen war der Hammer! Wirklich! Du musst unbedingt dranbleiben, dann wirst du mal richtig gut“, schwärmte sie verträumt und tänzelte auf der Stelle herum.
      „Danke, aber ich glaube, dass ich krank werde. Wurde danach echt kalt“, lächelte ich willkürlich und schon den Reißverschluss meiner Jacke ganz nach oben. Langsam wurde das Kratzen im Hals präsenter, denn restliche Tag sollte ich zu Hause verbringen, damit ich morgen für die Prüfung fit sei. Sie verabschiedete sich freundlich und verschwand mit einem Halfter in der Hand aus dem Aufenthaltsraum.
      Mit aller Ruhe fuhr ich zurück zum Gestüt. Die Straßen waren frei, aber viele Lkw überholte ich, ohne mir weitere Gedanken darüberzumachen. Als Beifahrer rätselte ich gerne, was sie wohl Geladen hätte und welche Abfahrt sie nehmen würden, aber am Steuer sollte es mich nicht ablenken. Zwei Kilometer vor meiner Ausfahrt reihte ich mich mit meiner Klapperkiste zwischen zwei der Kolosse ein und hoffte, dass nichts passieren würde. Ich fuhr nicht gerne Auto, weder Autobahn noch Landstraße, weswegen ich langsam ins Grübeln kam, wo wohl mein Bruder steckte. Seine Ortung hatte er abgeschaltet und wo er bei dem Turnier übernachtete, teilte er mir ebenfalls nicht mit. Hatte er eine nette Dame kennengelernt und verwöhnte sie nun? Wohl kaum, denn da wäre er in großer Freude ausgebrochen und hätte mir davon erzählt, schätze ich. Er wirkte so verschlossen, ich konnte nicht einmal ahnen, was in seinem Leben ablief, doch das würde ich noch früh genug erfahren.
      Erwartungsvoll kam Linas Schwester zu mir gelaufen, drückte mir eine weiße Tasse in die Hand, gefüllt mit schwarzer Flüssigkeit, die nach dem ersten Atemzug mit einem gerösteten Aroma in meiner Nase kitzelte. Wer mich so begrüßte, versuchte wohl einen guten Eindruck bei mir zu hinterlassen. Ich stieg aus meinem Auto, nahm die unnütze Handtasche heraus und folgte ihr zum Zimmer. Sie erzählte nur kurz, sehr ungenau, dass sie meine Hilfe bei etwas bräuchte und das umgehend geklärt werden müsste, da Lina gerade mit einem der Pferde unterwegs war. Folie begleitete sie bei einem Ausritt. Gespannt, wenn auch wortkarg, folgte ich.
      “Wir müssen nachher eine kleine Feier veranstalten”, freute sich Juliett, nach dem die Tür ins Schloss fiel hinter uns. Mit nach oben gezogenen Augenbrauen nickte ich langsam, denn ich verstand noch nicht so recht, wofür das notwendig sei an einem gewöhnlichen Montag zu feiern. Natürlich könnte man darauf trinken, dass eine neue Woche begann und man sich das Wochenende zurückwünschte, aber das konnte ich mir kaum vorstellen, dass Lina dafür der Typ war.
      “Verstehe, aber wieso?”, fragte ich.
      “Ganz einfach. Samu ist seit drei Tagen in Schweden, bei seiner Freundin. Er hat morgen Geburtstag und ich will den beiden eine Freude machen. Lina vermisst ihn so unglaublich und weil er morgen Geburtstag hat –“, ich unterbrach sie direkt. Geburtstage müssen gefeiert werden, da hatte Juliett vollkommen recht.
      “Stopp. Das reicht mir! Ich habe schon eine Idee. Wir werden den großen Konferenzraum vorbereiten, da wird Lina wohl kaum hereingehen heute noch. Tyrell sage ich Bescheid. Sollte sie fragen, was wir da machen, dann bereiten wir einen Lehrgang vor”, lachte ich nach einem kräftigen Schluck aus der warmen Tasse. Die Schmerzen in meinem Hals wurden erträglicher. Eigentlich wünschte ich mich in das kuschelige Bett mit einer Suppe, doch sie brauchte meine Hilfe, also zusammenreißen.
      “Einwandfrei”, tanzte sie vergnügt und sammelte einige Dinge zusammen. Interessiert sah ich mich im Raum um. Viel Dekoration hatte Lina noch nicht eingerichtet, es wirkte sehr provisorisch, als würde sie jeden Moment wieder abreisen wollten. Einige Erinnerungen hingen an der Wand mit den Leuten vom Whitehorse Creek und anderen, die ich nicht kannte. Die Möbel standen noch immer an ihrer ursprünglichen Position, auch die hässlichen gelben Bezüge waren auf dem Bett gespannt, obwohl sie schon lange die besseren hätte nehmen können aus dem Vorbereitungsraum. Ich sah weiter und bemerkte einen ziemlich großen Rahmen mit mehreren Bildern eines braunen kräftigen Pferdes, ohne Abzeichen. Auf dem einen schien sie als Kind dargestellt zu sein und eine Schleife hing ebenfalls dabei. Das musste Vijamis kleiner Altar sein, über den sie mir in Kanada erzählt hatte. Immer weiter vertiefte ich mich in den Rahmen, fühlte den Schmerz, wie zwanzig Messerstiche in den Magen. Kurz krampfte es in mir, als wollte etwas hinaus oder für immer in der Versenkung bleiben.
      “Auch, wenn Ivy wie ihr Seelenverwandter ist, kann er nicht den Schmerz heilen, den sie durch seinen Verlust erlitten hat”, sagte Juliett bedenklich und erwischte mich dabei, wie ich noch immer diese Erinnerung anstarrte, wie eine Schlange, die ihre Beute fing.
      “Kann nachvollziehen”, murmelte ich und wusste nicht, was es noch dazu sagen sollte.
      “Komm schon Trauerkloß, wir müssen den Raum vorbereiten”, tippte sie freundlich auf meine Schulter und zusammen liefen wir los, um alles aufzubauen, umzuräumen und bereitzustellen.
      Tyrell war einverstanden, dass wir den Raum brauchten, sofern wir ihn danach wieder reinigten. Also werkelten wir, was das Zeug hielt, viel Zeit verging und dabei entstanden lustige Gespräche. Sie interessierte sich sehr für die Pferde hier am Hof, war neugierig, wie es mit Fruity und mir weitergehen würde. Tatsächlich wusste ich das nicht einmal, obwohl der Spaß vom letzten Wochenende nicht von der Hand zu weisen war, dabei meinte ich keinesfalls nur Erik. Viel mehr das drumherum begeisterte mich, klar, die Konkurrenz war groß, aber mit den Jungs wirkte es so vertraut, als hätte man eine gemeinsame Reise vor sich und jeder konnte seinen Teil dazu beitragen. Vielleicht sollte ich an der Sache dranbleiben und eine Lösung dafür könnte sein, das Förderprogramm zu wechseln. Selbstverständlich liebte ich die Fellbälle von der Vulkaninsel, doch ich als ich das Gefühl von Anerkennung meiner Leistung durch den epochalen Jubel der Zuschauer, geschah es um mich. Durch das Gespräch darüber, festigte sich das Geschehen, es lag nun mehr als zwölf Stunden zurück und erst jetzt, verstand ich es. Der Traum wäre es, dass ich ihnen bewies, dass ein Isländer ebenfalls solche Leistungen erbringen kann, dafür scheiterte es jedoch am Pferd. Glymur verfügte über sehr viel Tölt und schien dafür nicht geeinigt, aber ihn wieder abzugeben, konnte ich nicht übers Herz bringen.
      Ich wollte mit jemanden sprechen, aber ich wusste nicht, wer mir bei diesem Problem helfen könnte. So blieb mir Ruhe bewahren und alles auf mich zukommen lassen. Tief durchatmen und weiter, aber das ging nicht. Ein Stechen breitete in meiner Lunge aus, das Kratzen im Hals wurde stärker und ununterbrochen begann ich zu husten, so stark, dass mir die Luft wegblieb und ich mich setzen musste. Ich konnte nicht krank werden! Morgen sollte ich auf dem Pferd sitzen, die wichtigste Prüfung meines Lebens reiten, um endlich den Beruf fertig zu haben. Wenn das Keuchen nicht verschwand, würden die Prüfer mich herausziehen und die Nachprüfung in vier Wochen an einem Samstag stand auf dem Plan. Niemals! Einerseits, um Tyrell nicht zu enttäuschen, andererseits, um endlich mehr Gehalt zu bekommen. Gehalt, mit dem ich mir ein Pferd selbst finanzieren, auch wenn ich noch keins hatte. Aber ein eigenes Pferd klang wirklich anders, als eins zur Verfügung zu bekommen.
      “Du solltest dich noch mal hinlegen, bevor das nachher anfängt. Lina werde ich im Schacht halten”, sagte Juliett und reichte mir ein Glas Wasser.

      Lina
      Stetig lief die braune Stute um mich herum. Mit ihrem aktiven Ohrenspiel zeigte sie mir, dass sie fokussiert war. Die Sonne stand bereits im Westen und ließ das Fell der Stute in einem hübschen Braunton schimmern. Ich ließ sie eine weitere Runde um mich herumtraben, bevor ich sie zu mir in die Mitte kommen ließ. Zögerlich folgte sie der Aufforderung und blieb einen knappen Meter vor mir stehen. Aufmerksam sah sie mich aus ihren blauen Augen an. Ich arbeitete heute zum dritten Mal mit der Stute. Die junge Stute war zwar aufmerksam, aber machte es einem nicht einfach zu ihr vorzudringen. Ich wand mich von der Stute ab, ging ein paar Schritte fort. Sie folgte ein Stück, blieb aber wieder ein wenig von mir entfernt. Dennoch entschloss ich mich die Einheit für heute zu beenden, sie war lang genug gewesen. Manchmal musste man wohl mit den kleinen Erfolgen leben, immerhin war die Stute heute schon ein Stückchen näher herangekommen, als das letzte Mal.
      “Ah, hier steckst du also”, ertönte die Stimme meiner Schwester hinter mir. Ich drehte mich zu ihr um. Sie kam gerade vom Stall herübergeschlendert.
      “Was glaubst du denn, ich habe immerhin auch noch anderes zu tun, außer den ganzen Tag zu schlafen”, scherzte ich. Juliett ging nicht näher darauf ein, sondern fragte neugierig: “Wer ist die hübsche Stute da?”
      “Eigentlich solltest du die kenne, mit ihr habe ich am Freitag doch schon gearbeitet. Es ist Enigma”, beantworte ich die Frage. Besagte Stute begann den Sand des Roundpens abzuschnüffeln und nach einer geeigneten Stelle zum Wälzen zu suchen.
      “Ahh, ich erinnere mich. Macht sie denn Fortschritte?”, erkundigte Juli sich nach dem Erfolg.
      “Ich sag nur, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, aber schließlich kann ja nicht jedes Pferd wie Ivy sein”, lächelte ich. Die braune hatte sich mittlerweile brummelnd fallen lassen und rolle genüsslich im Sand umher. Staub wirbelte auf und hüllte das Pferd in eine Wolke.
      “Wäre ja auch schlimm, wenn du mit jedem Pferd seelenverwandt wärst, du würdest die ja erst recht nie wieder hergeben. Bei dir habe ich ja jetzt schon das Gefühl, dass du die Hälfte der Pferde hier wieder behalten möchtest”, lachte meine Schwester.
      “Sogar ich würde irgendwann einsehen, dass eine gewisse Anzahl an Pferde reicht, ob du es glaubst oder nicht! Außerdem bin ich mir sicher, dass ich mir nicht mal eins von denen Leisten könnte” Meine Schwester übertrieb mal wieder maßlos. Sie hatte zwar recht, ich mochte die Pferde, mit denen ich hier arbeiten, aber es waren nun mal zum Großteil Traber. Die meisten Exemplare waren für meinen Geschmack zu viel Bein und zu wenig Pferd. Das Exemplar dieser Rasse im Round Pen rappelte sich gerade wieder auf und schüttelte sich den Sand aus dem Fell. Ich lief zum Tor, wo ich den Strick an das Tor gehängt hatte, um diesen zu holen. Ich sammelte die Stute ein und begleitet von meiner Schwester brachte ich sie zurück auf die Weide zu den anderen Stuten.
      “Lina, du hast Samu heute Morgen so von der Stute von deinem Freund geschwärmt, ich finde das könntest du jetzt mal zeigen. Am Freitag wart ihr zwei ja leider schon fertig, als ich kam”, schlug meine Schwester auf dem zurück zum Stall vor. Dieser Vorschlag kam mir ganz gelegen, da ich Smoothie ohnehin noch bewegen musste. Somit machten wir uns auf den Weg zu der Schimmelstute, die bereits sehnsüchtig am Zaun wartete. Die Stute wirkte bisweilen leider ein wenig unglücklich über ihren Umzug. Weniger über die Unterbringung an sich als viel mehr über die Tatsache, dass ihr geliebtes Herrchen nicht mehr jeden Tag auftauchte und auch mit der Stückweisen Kürzung ihres Trainingspensum war sie offenbar nicht so ganz einverstanden.
      “Na Süße, wartest du schon”, begrüßte ich die graue Stute. Freundlich senkte sie den Kopf und pustete mich an, bevor sie auch meine Schwester neugierig betrachtete.
      “Sie ist echt wunderschön und diese Augen … Himmlisch”, schwärmte meine Schwester und strich dem Pferd über den grauen Hals. Jedes Mal, wenn sie Smooth auf dem Hof sah, wiederholte sie ungefähr dasselbe. Auch wenn Smoothie natürlich wunderschön war, wunderte es mich nicht, dass meine Schwester so ein Fan von ihr war. Juliett hatte schon immer ein Faible für Pferde mit großen Kopfabzeichen.
      “Ja, da hast du recht, sie ist eine wahre Schönheit”, antworte ich meiner Schwester und zog dem Schimmel das Halfter über die großen Ohren.
      Im Stall begann ich damit das Fell der Stute zu putzen, sonderlich dreckig war sie allerdings nicht. Das Hufeauskratzen überließ ich meiner Schwester, während ich die Gamaschen und Glocken der Stute aus dem Putzkasten holte.
      Fertig gesattelt, schritt ich mit der langbeinigen Stute durch das Hallentor. Verlassen lag sie da und die Abendsonne malte geometrische Muster auf den hellen Sand. Während ich die Stute warm führte, zeigte ich Juliett den ein oder anderen kleinen Trick den Smoothie beherrschte und überließ auch ihr mal die Zügel.
      “So, sie sollte jetzt warm genug sein”, sagte ich meiner Schwester, nahm ihr die Zügel aus der Hand und legte sie der Stute über den Hals. Brav wartete Smoothie bis ich nach gegurtet hatte und aufgestiegen war. Etwas ungestüm, aber in hervorragender Selbsthaltung schritt die Standardbred Stute los. Bevor ich das Tempo erhöhte, ritt ich große gebogene Linien im Schritt. Smoothie war schon fast ein wenig übermotiviert dabei. Smoothie hatte heute einen außerordentlich guten Tag, denn sie lief nach dem Aufwärmen klar und flüssig in allen Gangarten und wurde im Galopp sogar äußeres flott. Hier und da waren auch die Lektionen nicht ganz sauber ausgeführt, weil es mir an Kraft fehlte, den Überschwung an Energie der Stute zu bändigen.
      “Schwebst du mit Divine eigentlich auch so durch die Gegend?”, rief Juliett von der Bande aus und riss mich aus meiner Konzentration. Smooth nutze diese Gelegenheit direkt aus und schoss in einem riesigen Satz nach vorn. Der plötzliche Geschwindigkeitswechsel traf mich so unvorbereitet, dass ich einen Steigbügel verlor. Impulsiv setzte ich mich tiefe in den Sattel und ließ die Stute laufen, nahm sie nur soweit zurück, dass sie durch die Ecken kam und wir nicht gleich zusammen in der Bande landeten. Nach einigen Runden wurde die Stute ruhiger und ließ sich, wenn auch nur ein wenig, wieder willig durch Parieren.
      “Nein, von diesem extraordinären Auftreten ist Ivy noch ziemlich weit entfernt, aber er ist ja jetzt auch gerade mal drei Monate unter dem Sattel. Smooth könnte allerdings gerne was von ihrer Energie an ihn abgeben, die Hälfte würde ihr locker reichen”, antworte ich meiner Schwester, immer noch auf das Pferd unter mir fokussiert. Smooth spontaner Sprint und ihr unruhiges Gemüt hatten dafür gesorgt, dass mir nun ziemlich warm war, sodass ich mein Sweater auszog und über dir Bande warf.
      “Ach was, du bist doch noch auf dem Pferd, wo ist dein Problem”, feixte meine Schwester.
      “Sag die, die seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen hat”, entgegnete ich und lenkte sie Schimmelstute auf die andere Hand.
      “Wenn dein Zauberpony schon alles könnte, wäre es langweilig. Bald seht ihr bestimmt genauso spitze zusammen aus und das mit dem Tempo kommt sicherlich auch noch”, lächelte Juliett wohlgemut.
      “Vermutlich. Aber bis dahin müssen sowohl Ivy als auch ich wohl noch eine ganze Menge dazu lernen”, erwiderte ich und trabte die Stute wieder an, ihr Energielevel war einfach unglaublich. Locker ritt ich noch ein paar einfache Bahnfiguren und Handwechsel, bevor ich sie den Zügel aus der Hand kauen ließ und in den Schritt wechselte. Angestrengt sagte ich zu der Stute: “Du machst mich fertig Smoothie.” Entspannt pendelte der Schweif der Stute hin und her, während sie weiterhin elegant dahinschritt. Endlich war sie zu mindesten ansatzweise in einem Zustand, den man ausgelastet nennen konnte. Erschöpft nahm ich die Füße aus den Steigbügeln, ließ sie ein wenig kreisen. Ich konnte den Muskelkater schon nahezu spüren, der morgen auftauchen würde. Smooth zu reiten war eine ganz andere Nummer, als die Pferde, die ich bisher geritten war. Sie hatte so viel Energie, man hätte glauben können, ich hätte eine dreijährige unter dem Sattel, kein Pferd, welches bereits 10 Jahre alt und in der Dressur erfolgreich war.
      Ermattet ließ ich mich aus dem Sattel gleiten. Gut, dass Smoothie das letzte Pferd für heute war, sie hatte mir meine gesamte restliche Energie geraubt. Im Gegensatz zu mir, wirkte der Schimmel, als könnte sie noch mindestens eine halbe Stunde so weitermachen. Mit nach vorn gestellten Ohren und wachem Blick stand sie neben mir, während ich die Steigbügel hochzog und den Gurt lockerte.
      “Na komm, ich helfe dir beim Absatteln”, bot meine Schwester an und nahm mir die Stute ab. Ich folgte den beiden zum Putzplatz, reichte meiner Schwester das Halfter. Noch bevor ich die Chance dazu hatte, hatte sie auch bereits den Sattel der Stute in der Hand.
      “Das hätte ich jetzt auch grade noch so selbst geschafft”, protestierte ich.
      “Mensch Lina, beschwert dich doch nicht, wenn man dir hilft, außerdem siehst du nicht so aus”, lachte meine Schwester und verschwand in der Sattelkammer. Somit blieb mir nicht übrig, als den verblieben Beinschutz der Stute zu entfernen. Anschließend stellte ich ihr, das Futter hin, welches die Stute zufrieden begann zu verspeisen.
      “Zieh dir was an, sonst wirst du noch krank”, belehrte mich meine Schwester. Eigentlich wollte ich nicht, denn mir war immer noch ziemlich warm vom Reiten, aber sie hatte recht. Auf der Stallgasse war es ein wenig zugig und mit der schwindenden Sonne wurde es auch zunehmend kälter.
      “Dann pass mal auf, dass das Pony da nicht wegläuft”, erwiderte ich und lief zurück in die Reithalle, um meine Sweater zu holen. Wenig später war ich wieder zurück bei Smooth und meiner Schwester. Die Stute hatte nahezu aufgefressen, sammelte nur noch die letzten Krümel vom Boden. Die Futterschüssel sammelte ich auf und brachte sie zurück.
      “Na komm Große, dein Bettchen wartet.” Sanft zupfte ich am Strick, damit das Pferd sich in Bewegung setzte.

      Hedda
      Vor mehr als einer Stunde hatte die Klingel das Ende des Unterrichts eingeleitet, doch ich saß noch mit meiner Truppe neben dem Sportplatz. Die Jungs spielten auf dem Platz, während wir neugierig sie in ihrem Element beobachteten. Obwohl die Schule schon vor mehr als einer Woche begonnen hatte, und ich eigentlich dann zu Hause schlafen sollte, verbrachte ich die meiste Zeit bei Hanna. Folke gab auf mit mir darüber zu diskutieren, aber verlangte, dass ich mich regelmäßig meldete. So auch jetzt. Ich schrieb ihm, dass wir noch am Feld saßen und ich wohl möglich morgen käme. Doch schon wenige Sekunden nach der Nachricht, vibrierte mein Handy.
      “Folke?”, flüsterte Hanna. Ich nickte und lief zur Seite, damit es nicht so laut im Hintergrund war.
      “Hedda, jag menade inget illa, men du kommer hem direkt (Hedda, ich meinte es nicht böse, aber du kommst sofort nach Hause)”, sprach er nachdenklich. Leider rechnete ich damit bereits, deswegen akzeptierte ich es stillschweigen.
      “Jag frågar Hannas mamma om hon vill köra mig, för annars kommer bilen inte att vara här förrän om trettio minuter (Ich frage Hannas Mama, ob sie mich fährt, ansonsten kommt der muss erst in dreißig Minuten)”, antwortete ich und legte auf. Zurück lief ich zu den anderen und mein kurzes Verschwinden, fiel sogar den Jungs auf.
      “Är allt bra? (Ist alles in Ordnung?)”, erkundigte sich meine beste Freundin.
      “Hanna, jag måste gå hem. Skulle din mamma köra mig? (Hanna, ich muss nach Hause. Würde deine Mutter mich fahren?)”, hoffte ich, nicht den blöden Bus nehmen zu müssen, in dem wirklich jeder saß. Sie schüttelte natürlich den Kopf aber tippte Yall am Arm.
      “Kan du inte köra din flickvän? (Kannst du nicht deine Freundin fahren?)”, grinste sie. Nein! Auf keinen Fall sollte jemand erfahren, dass wir zusammen waren! Hanna wusste es als einzige, aber konnte sich nicht zurückhalten, auch den Rest der Truppe darauf hinzuweisen. Jedoch konnten die nicht weiterdenken als sie sahen, konnten deswegen eins und eins nicht zusammenzählen.
      “Javisst, varför inte (Natürlich, warum nicht)”, kam mein Freund näher und legte seinen Arm auf meinen Schultern ab. Die Löckchen der braunen Haare kitzelten mich am Ohr, als er mich fest an sich drückte.
      “Tillräckligt (Das reicht)”, flüsterte ich liebevoll. Dann verabschiedete ich mich innig von allen und verabredete ich mich mit Anna vor der Schule um 7 Uhr. Vor dem Unterricht saßen wir oft noch da, redeten und sahen noch einmal den Kram durch, bevor es klingelte.
      Im Auto schwiegen wir die meiste Zeit, seine Hand lag auf meinem Oberschenkel und ich swippte gelangweilt durch die Timeline. Ich hatte keine Lust wieder nach Hause zu müssen, alles dort nervte mich nur noch. Ständig brauchte jemand, meinte Hilfe oder verlangte etwas. Dass ich nur meine Ruhe wollte, verstand niemand. Erst recht nicht mein Bruder, der mir zumindest in den Ferien endlich ein eigenes Zimmer eingerichtet hatte! Vor der Auffahrt hielten wir an. Aus dem Kofferraum nahm ich meinen Rucksack und wollte so schnell wie möglich weg, bevor uns jemand sah. Aber Yall hielt mich sanft am Arm fest. Bei ihm zu bleiben, hätte mir gefallen, doch meinen Bruder zu enttäuschen, wollte ich mir nicht leisten.
      „Vi ses i morgon! (Bis morgen!)“, sagte ich nur, drückte ihn und rannte zum Hof. Hinter mir hörte ich das Fahrzeug losfahren. Ich hätte ihn nicht so abblitzen sollen, aber es viel mir schwer den Moment mit ihm zu genießen, wenn die Bäume Ohren und Augen hatten.
      Mehr Autos als gewöhnlich standen auf dem Parkplatz und ein reges Treiben herrschte auf dem sonst so leeren Gestüt. So viel konnte sich doch gar nicht geändert haben? Ich war vier Tage nicht da. Freundlich grüßten die Einsteller und versuchten sich mit mir zu unterhalten, aber ich musste schnell weiter, um Folke zu finden. Er saß in der Einliegerwohnung und schaute Nachrichten. In der Innenstadt war einiges los. Offensichtlich nahm die Bandenkriminalität immer mehr zu, Geschäfte wurden in der Nacht ausgeraubt und Scheiben eingeschlagen, dabei gab es einige Verletzte. Traurig.
      “Det är trevligt att du är här igen (Schön, dass du auch mal wieder da bist)”, murmelte er verloren in den Bildern, ohne zu mir zu sehen. Erst als es umschaltete zum Wetter, drehte Folke sich um. Ich verkniff mir meine Worte und zog mich rasch um.

      Mit meinem Finger malte ich undefinierte Formen auf die Oberfläche des Tisches, während Tyrell einige Neuerungen ansagte, die vor allem Vriska und Lina betrafen. Für Folke ging es weiter wie immer, er hatte die Rennpferde in Betreuung und sollte diese weiterhin auf den Rennen vorstellen und trainieren. Immer dasselbe, jeden verdammten Tag. Wie hielt er das aus? Obwohl ich den Kram seit Jahren hautnah miterlebte, verstand ich nicht so genau, was ihn an den Rennen so sehr fesselte. Ständig flog Dreck ins Gesicht, die Pferde benötigten Ganzkörpereinsatz und dauerhaft musste man Angst haben, dass es das letzte Rennen war. Unglaublich, wer wollte sowas? Von der Tierquälerei mal ganz abgesehen.
      “Hedda! Hörst du zu?”, ermahnte mich Tyrell. Langsam hob ich meinen Kopf, sah ihn in die Augen und nickte. Als ob ich zuhörte? Warum auch. Mich ging das alles nichts an, ich wohnte hier nur und half im Sommer dabei, die ganzen Kinder von den Rennpferden fernzuhalten. Folke tippte mich an.
      “Jag vet att du inte bryr dig. Men du gillar åtminstone det här, okej? (Ich weiß, dass es dich nicht interessiert. Aber du wenigstens so, okay?)”, flüsterte er. Wieder nickte ich nur. Manchmal wünschte ich mir wirklich, dass meine Eltern noch da wären, dann würde mein großer Bruder nicht die Mutti vorspielen und mir meine Freiheiten geben. Ganz, ganz, ganz selten, wünschte ich mir auch, dass er mit im Auto gesessen hätte, dann würde ich jetzt in einer coolen Familie sein und nicht auf dem Pferdehof festhängen. Ich mag Pferde, klar. Aber, die meisten hier hatten eine Vollklatsche. Vriska als Beispiel heulte nur, mochte es am liebsten, wenn jeder um sie herum seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Dazu kam, dass sie selten irgendwelche Entscheidungen akzeptierte und wirklich andauernd im Selbstmitleid badete. Tyrell schrie nur, wenn er schlechte Laune. Wenn er jedoch was wollte, konnte er plötzlich nett sein, Heuchler. Mein Bruder machte immer auf Freundlich, sicher darüber was er tat, aber ich wusste, dass er jeden Abend stunden damit verbrachte zu lesen, wie er die Pferde überhaupt trainieren sollte. Als hätte er jemals im Leben etwas anderes getan. Seine Freundin? Auch nicht viel besser. Macht sich unglaublich wichtig, rennt ihm nur nach und tut so, als dürfe sie mich herumschubsen, man! Du wirst nie meine Mutter sein, akzeptiere es. Lina kannte ich noch nicht lange, aber sie war cool. Ich mag ihre Zeichnungen. Plötzlich wurde es still. Hatte ich etwas falsch gemacht?
      “Wo ist eigentlich Vriska?”, fragte ein anderer Typ auf einmal, der, der Stimme zufolge, schon einige Minuten im Raum stand.
      “Nicht da”, antwortete ich und ließ mich gegen die Lehne des Stuhls fallen mit verschränkten Armen. Wenn die nicht da war, warum musste ich hier sitzen?
      „Na dann los“, nickte Tyrell zur Tür. Immerhin musste ich mir das für kurze Zeit nicht weiter antun. Hastig sprang ich auf und lief durch den engen Flur hinaus. Dass wir normalerweise oben in den Raum saßen, fand ich zwar seltsam, aber der kleine reichte für die wenigen Menschen. Ich beeilte mich nicht, so konnte ich entspannt noch einige Kurzvideos schauen auf Instagram und sinnvolle Sachen konsumieren. Leider kam ich schneller an, als es mir lieb war. Unmotiviert klopfte ich an der Glastür der Terrasse. Sie saß jedoch nicht auf der Couch und war sonst auch nicht zu sehen. Also wartete ich, blickte weiter auf mein Handy, bis sie schließlich schlecht gelaunt mit einer Kapuze auf dem Kopf vor mir stand. Super, das konnte ich wirklich nicht gebrauchen.
      „Was ist?“, murmelte Vriska nasal und zog den schwarzen Pullover näher an sich heran.
      “Du sollst zur Besprechung kommen, ist wichtig”, antwortete ich trocken, ohne von dem Bildschirm wegzuschauen. Ihr hörtet ihre Schritte sich entfernen, die aber wenig später wieder kamen. Zusammen liefen wir zurück, still. Ich hatte ihr nichts zu sagen und sie schien auch nicht in der Stimmung zu sein, sich über irgendetwas zu beschweren.
      “So, da Vriska nun da ist, können wir endlich mit dem wichtigen Teil anfangen. Ich bin Bruce, für die, die mich eventuell noch nicht kennen”, lachte der schwarzhaarige Typ mit einem breiten Lächeln und sah zu Lina, die höflich nickte. Dann sprach er direkt weiter.
      “In ungefähr fünf Tagen werde ich mit meinen restlichen Pferden hierherkommen und die Reitschule erweitern. Dazu gehört auch, dass ich Hilfe benötige und eventuell noch ein, zwei weitere Reitlehrer angestellt werden müssen, also wenn ihr wen kennt, wäre super. Ich freue mich auf die kommende Zusammenarbeit”, erzählte er weiter. Dann setzte sich mit an den Tisch und Tyrell fing wieder mit Geschwafel über irgendwelche Umsatzsteigerungen, wie wir den Hof attraktiver machen und so was. Die Formen auf dem Tisch wirkten auf einmal so viel interessanter. Aber auch die anderen schienen nicht mehr so ganz bei der Sache. Vriska tippte auf ihrem Handy herum, beachtete niemand. Folke versuchte vermutlich überhaupt irgendetwas zu verstehen und Lina, ja sie freute sich einfach. Warum auch immer.

      Lina
      Zufrieden mit dem Verlauf des Tages verließ ich den kleinen Raum, in dem die Dienstbesprechung stattgefunden hatte und schlenderte gemütlich zu meiner Wohnung.
      “Luulin, ettet koskaan lopeta (Ich dachte, schon ihr werdet nie fertig)”, empfing mich meine Schwester, als ich eintrat.
      “Tehdäänkö tänään jotain vai miksi odotat minua? (Haben wir noch etwas vor heute vor oder warum erwartete du mich?)”, scherzte ich. Manchmal benahm meine Schwester sich außerordentlich seltsam, aber das zu verstehen hatte ich schon lange aufgegeben, Geschwister waren manchmal einfach schräg.
      “Joo suunnilleen (Ja, so ungefähr)”, antwortete sie, erhob sich vom Sofa und wuselte zielstrebig in das Schlafzimmer. Dort begann sie geschäftig in meinem Schrank zu wühlen.
      “Voitko kertoa minulle, mitä muuta me teemme? (Verrätst du mir auch, was wir noch vorhaben?)”, fragte ich und beobachte sie kritisch bei dem, was sie tat. Statt mir zu antworten, wühlte sie weiter in meinen Klamotten, das hieß wohl nein. Ich fragte mich wirklich was Juli um die Uhrzeit noch vorhatte.
      “Tässä pukeudu (Hier, anziehen)”, befahl Juli und drückte mir eine T-shirtbluse und eine Jeans in die Hand. Erst jetzt fiel mir auf das sei selbst nicht wie für die Uhrzeit üblich in Jogginghose herumlief. Was auch immer sie also geplant hatte, würde schon mal kein gemütlicher Abend vor dem Fernseher sein. Bevor meine Schwester ungeduldig wurde, tauschte ich also meine Reitsachen gegen das, was sie mir gereicht hatte. Währenddessen öffnete sie meine Zöpfe und zupfe an meinen Haaren herum, sodass sie mir nun in leichten Wellen über die Schultern fielen. Zufrieden betrachte sie ihr Werk: ”Hienoa ja tule nyt kanssani. (Hervorragen und jetzt mitkommen.)” Etwas überrumpelt folgte ich. Als wir vor das Haus traten, durchschnitt das Licht von Autoscheinwerfern die Dunkelheit. Ein keiner silberner VW vor. Wer würden sich denn so spät noch hier her verirren? So fröhlich grinsend wie Juli neben mir stand, konnte nur sie etwas damit zu tun haben: “Heinäkuu, onko sillä mitään tekemistä sen kanssa, mitä me teemme? (Juli, hat es mit dem zu tun, was wir noch vorhaben?)”
      “Odota ja katso, sisko (Warte es nur ab, Schwesterchen)”, war ihre einzige Antwort. Ich verstand sofort, was sie meinte, als ich sah, wer aus dem Auto stieg. Euphorie durchfuhr mich und im selben Augenblick stürmte ich auch schon los. Ich konnte nicht anders, als Samu geradewegs in die Arme zu springen. Nach gerade einmal drei Wochen freute ich mich so sehr über seine Ankunft, als hätte ich ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen.
      “Kaipasin sinua (Ich habe dich vermisst)”, murmelte ich in die Umarmung.
      “Aina hidas, nuori nainen (Immer langsam, junge Dame)”, lachte der Finne und stellte mich wieder auf meine Füße.
      “Mistä olet nyt? Ja mikä tärkeintä, kun olet täällä, kuka huolehtii ponistani? (Wo kommst du denn jetzt her? Und vor allem, wenn du hier bist, wer kümmert sich dann um mein Pony?)”, frage ich überwältigt von diesem Überraschungsbesuch.
      “Älä huoli, luovutin Ivyn Quinnille luottavaisin mielin, hän on kunnossa. Ja ensimmäiseen kysymykseenne: toin jonkun mukanani (Keine Sorge, Ivy habe ich vertrauensvoll in Quinns Hände übergeben, dem geht es gut. Und zu deiner ersten Frage: Ich habe da jemanden mitgebracht.)”, beantwortete Samu meine Fragen und blickte mit einem liebevollen Lächeln hinter mich. Erst jetzt bemerkte ich die zweite Person, die inzwischen neben meiner Schwester stand. Wow, ich hatte sicher einen guten ersten Eindruck bei ihr hinterlassen, benahm mich hier wie ein Teenager. Ein wenig peinlich berührt ging ich mit Samu zu den beiden herüber. Juliett freute sich offenkundig darüber, dass ihr diese Überraschung so gut gelungen war. Enya lächelte mir herzlich entgegen, in echt war sie noch viel hübscher als auf den Bildern. Sie hatte verdammt schöne große Augen, die sie auch noch mit einem zarten Lidstrich hervorhob und ihr blonden Haare fielen ihr locker über die Schulten.
      “Dann will ich euch mal bekannt machen. Das hier ist Enya, meine bessere Hälfte”, ergriff Samu das Wort. Freundlich nickte Juli ihr zu und ich tat es ihr gleich.
      “Und das ist Lina, meine beste Freundin und ihre Schwester Juliett”, setzte Samu fort. Während eine kurze Unterhaltung entstand, sah Samu sich neugierig in der Umgebung um, viel sah man zwar im Dunkeln nicht, aber es reichte offenbar aus, um meinen besten Freund ziemlich zu beeindrucken.
      “Hier arbeitest du also? Ziemlich schick hier. Willst du mir nicht mal diese coole Reithalle zeigen, von dem Video?”, fragte Samu nun neugierig. Ich hatte bereits erwartet, dass er irgendwann danach fragte, aber nicht ausgerechnet innerhalb der ersten 10 Minuten.
      “Wenn du das schon schick findest, warte mal bis du den Hof bei Tageslicht siehst”, schmunzelte ich und schlug den Weg zu Reithalle ein. Mit einem Druck auf den Lichtschalter wurde es schlagartig hell in dem Gebäude, ein wenig zu hell wie ich fand. Fasziniert wuselte Samu durch die Stallgasse und sah sich alles ganz genau an, selten hatte ich jemanden mit so viel Interessen für einen Pferdestall erlebt und auch die Sattelkammer wurde mit denselben Hingaben inspiziert.
      “Oha, das könnte glatt von Jace sein”, war Samus Kommentar zu den Gamaschenkisten, in denen wie immer ein heilloses Durcheinander herrschte. Es störte mein Bild von Ordnung in der Kammer schon ziemlich, aber Vriska hatte mir von dem Versuch die Kisten aufräumen abgeraten, da sie unmittelbar danach eh wieder im Chaos versinken würden.
      “Hier gibt es auch einen Freiberger?” Samus fragen ließ mich aufhorchen. Ein Freiberger hier? Davon wusste ich bisher nichts. Verwundert lief ich zu dem blonden Mann, der am Schwarzen Brett stand und sich einen Zettel durchlas.
      “Da schau”, sagte er und deutete auf den Zettel. Darauf war ein von einem recht kräftigen, dunkelbraunen Pferd zu sehen, welches elegant über den Reitplatz schwebte, in Mähne und Schweif jeweils ein kleines Zöpfchen, welches mit einem lila Band verflochten war. Ich versuchte zu entziffern, was auf dem Zettel stand, doch es fiel mir echt schwer, zu lang war es her, dass ich diese Sprache in der Schule hatte, daran sollte ich dringend arbeiten.
      “Lina da wird, jemand gesucht der den Hengst, hier bewegt. Freiberger, 14 Jahre alt und sogar mit Kaufoption ab Ende des Jahres, weil seine Besitzerin nächstes Jahr nach Amerika geht. Das wäre doch was für dich”, fasste Samu den Inhalt des Zettels für mich zusammen Das klang tatsächlich nach etwas, was mich interessierte. Die Freibergerstute auf dem WHC hatte ich schon immer toll gefunden und auch Fanya, das Pferd aus dem ersten HMJ, war mittlerweile ein wahrer Traum von Pferd. Spätestens seitdem ich Ivy kennenlernte, war ich diesen Pferden aus der Schweiz einfach verfallen. Ich sollte mir diesen Zettel morgen definitiv noch einmal genauer ansehen, die Chance ein weiteres Pferd dieser Rasse kennenzulernen, sollte ich mir nicht entgehen lassen.
      “Was genau bewegt dich eigentlich dazu, dass du jetzt doch hier bist? Ich dachte, einen Umzug geht nicht so spontan?”, frage ich neugierig, währen Samu vollkommen begeistert die Klappe in der Bande öffnete, hinter der die Stangen gelagert wurden, zugegeben eine überaus elegante Lösung. Auf dem WHC hatten in der kleinen Halle immer einige Stangen auf der Bande gelegen, um sie griffbereit zu haben.
      “Ich bin auch erst mal nur für zwei Wochen da um mich zum Beispiel schon einmal nach einem Job umzusehen und all sowas”, antworte er und setzte seine Erkundung auf der Tribüne fort, auf der es sich Enya und Juli gemütlich gemacht hatten. Das ergab tatsächlich Sinn, ein Job war immer eine gute Voraussetzung, wenn man in ein neues Land zog.
      “So genug jetzt, den Rest darfst du gerne bei einem weiteren Besuch ansehen. Ich habe da nämlich noch etwas vorbereitet”, beendete meine Schwester die Inspizierung des Snackautomaten. Noch etwas vorbereitet? Als ob eine Überraschung nicht schon genug sei.
      “Na kommt schon”, lachte Juli und zog sich hinter mir her. Samu und seine Freundin folgten uns, die Hände ineinander verschränkt. Samu wirkte so unbeschwert, so viel entspannter als in Kanada. Es musste ihn echt belastet haben, nicht von Enya erzählt zu haben und dann hatte ich auch noch ständig versucht diesen Zustand seiner vermeintlichen Partnerlosigkeit zu ändern. Aber er war selbst schuld, wenn er mich nicht aufklärte.
      “Was wollen wir hier?”, frage ich ein wenig verwirrt, als Juli vor der Tür des großen Konferenzraumes stehen blieb.
      “Na ganz einfach, einer von uns hier hat in knapp 2 ½ Stunden Geburtstag und Geburtstage müssen gefeiert werden”, erklärte Juli und hielt uns allen die Tür auf. Neugierig betrat ich hinter Enya und Samu den Raum.
      “Ist das also deine Definition von einem einfachen Abendessen, Juliett?”, lachte Samu, offenbar hatte er auch nichts davon gewusst. Juli hatte sich alle Mühe gegeben den schlichten Raum ein wenig aufzuhübschen. Irgendwo hatte sie ein paar Lichterketten und Luftballons aufgetrieben, die dem sonst recht schlichten Raum ein wenig feierlich wirken ließen. In einer Ecke stand ein kleines Buffet mit einer Auswahl an Snacks und Getränken und sogar einen Kuchen hatte meine Schwester gebacken.
      “Es ist abends wir haben essen, ist das denn kein Abendessen?”, scherzte Juliett munter.
      “Jetzt muss du mir aber mal verraten wie du das alles hier vorbereiten konntest, ohne dass ich etwas mitbekam? Und woher weißt du auch noch, dass Samu morgen Geburtstag hat?”, fragte ich meine Schwester beeindruckt, während Samu dafür sorgte, dass jeder ein Getränk in der Hand hielt. Wie immer ganz der Gentlemen dabei sollte vielmehr er heute bedient werden, war er doch das Geburtstagskind.
      “Also letzteres, Lina, steht in deinem Kalender und dein Handy gibt seit einer Woche ständig Erinnerungen von sich. Es ist beinahe unmöglich das nicht zu wissen. Und was das andere angeht, das war nicht so schwer, du warst ja den ganzen Tag mit den Pferden beschäftigt. Außerdem habe ich das hier nicht ganz alleine gemacht, Vriska hat mir geholfen”, erklärte sie fröhlich. Wow, wieder einmal hatte Juliett ihr Organisationstalent bewiesen.
      “Wer ist denn Vriska?”, frage die hübsche Blondine lächelnd.
      “Ich arbeite hier zusammen mit Vriska”, wich dem aus, die Beziehung näher zu definieren. Keine Ahnung was Vriska und ich waren. Einfache Arbeitskollegen oder doch... Freunde?
      “Und hab ihr sie nicht eingeladen, wenn sie schon beim Dekorieren geholfen hat?”, wollte Samus Freundin nun wissen.
      “Doch, sie ist eingeladen, aber sie ist ein wenig angeschlagen von dem Turnier am Wochenende, vermutlich nutzt sie den Abend lieber, um sich auszuruhen”, antwortete Juliett. Also setzten nur wir vier und in einen kleinen gemütlichen Kreis beisammen. Ich war außerordentlich erfreut darüber, dass Samu hier war und freute mich auch seine Freundin kennenzulernen, denn zugegebenermaßen war ich verdammt neugierig, wie sie so drauf war. Bisher machte sie einen ziemlich sympathischen Eindruck auf mich. Während meine Schwester der führende Part in der Unterhaltung war, folgte ich den Gesprächen eher passiv, genoss einfach die Gegenwart von zwei der wenigen Menschen, die mir wirklich am Herzen lagen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die gläserne Tür des Versammlungsraumes sich öffnete. Anders als erwartet, betrat nicht doch noch Vriska den Raum, sondern Niklas. Mit ihm rechnete ich gar nicht an einem Tag wie heute. Er trug ein weißes, weites Shirt, darüber eine Jeansjacke und passende Hose. Sonderlich erschien, dass seine Haare nicht nach oben gegelt waren, sondern locker zur Seite fielen, was ihm aber auch unheimlich gutstand. Unwillkürlich durchströmte mich eine wohlige Wärme und freudig überrascht, entfernte ich mich aus der kleinen Runde, um ihn zu begrüßen.
      “Hey Niki, wo kommst du denn her? Aber schön, dass du da bist”, fragte ich freudestrahlend auf ihn zulaufend. So viele Überraschungen heute, fast wie an Ostern.
      “Jetzt fängst du auch damit an”, lachte er und drückte mir einen kräftigen Kuss auf die Stirn. Ich hatte das von seiner Mutter aufgeschnappt, empfand als sehr passend. Auch Chris sagte es zunehmend öfter, wenn er nicht gerade das Prinzesschen war. Welche Geschichte es dazu gab, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, konnte mir aber vorstellen, woher es rührte. Niklas konnte sehr eigen sein, sich wichtig nehmen und wollte bewundert werden.
      „Ich komme vom Auto, aber mir wurde gesagt, dass es etwas zu feiern gibt. Dazu kann ich nicht absagen. Aber tut mir leid, dass ich zu spät komme, der Einsatz dauerte länger als erwarte“, fügte er noch glücklich hinzu und nahm dankend das Getränk entgegen, dass Samu ihm reichte, alkoholfrei versteht sich.
      "Wir hatten eine Startzeit? Interessant! Aber egal, du bist ja jetzt da, unversehrt, das ist das wichtigste." Ich hatte heute zwar nur einen kurzen Blick in die News App werfen können, aber die Schlagzeilen sprachen für sich. Niklas' Einheit hatte zwar wenig mit der klassischen Polizeiarbeit zu tun, dennoch wollte ich lieber nicht näher darüber nachdenken, was bei einem Einsatz alles passieren konnte.
      „Zumindest hatte das unser Vampir geschrieben. Scheint aber auch wieder typisch, dass sie nicht gekommen ist oder immer noch schwierig mit euch?“, kam er unwillkürlich auf das Thema zurück, dass vor seiner Ankunft durch den Raum schwebte. Seltsam, wie interessiert alle an ihr waren.
      “Ich glaube, es wird besser, aber ihr nicht erscheinen hat damit wohl nicht zu tun. Juliett meinte sie sei wohl krank, der Ritt im Regen gestern war wohl nicht das klügste und dann hat sie ja morgen auch noch ihre Prüfung, da möchte sie vermutlich lieber ausgeschlafen sein”, beantworte ich die Frage. Vriskas Verhalten würde ich wohl nie vollständig verstehen, war aber gewillt mich um ein friedliches Miteinander zu bemühen, denn eigentlich war sie mir von Beginn an ziemlich sympathisch gewesen.
      “Wundert mich, denn heute Vormittag konnte sie noch Ewigkeiten mit Glymur ausreiten. Wie kommst du mit Smooth klar? Alles gut?”, fragte er.
      “Ja, ist ganz okay. Dieses Pferd hat einfach viel zu viel Energie, wo nimmt sie die nur her? Ich kann sagen, ihre Medikamente funktionieren definitiv, sie hatte heute ein beträchtliches Tempo darauf”, beklagte ich mich ein wenig, denn ich sah es kommen, dass das die Stute in den nächsten Wochen eher noch energetischer wurde.
      “Wenn du nicht klarkommst, ist das in Ordnung. Tyrell oder Vriska würden es sicher auch übernehmen. Ansonsten musst du sie vorher 40 Minuten in die Führanlage stellen, dann sollte es für ein Fliegengewicht, wie du es bist, einfacher sein”, lachte Niklas.
      “So schnell werde ich noch nicht aufgeben! Irgendwie komme ich schon klar”, sagte ich überzeugt. Nach einer Woche bereits das Handtuch zu schmeißen wäre sogar für mich eine schwache Leistung gewesen.
      Freundlich stelle sich mein Freund Enya gegenüber vor, als wir zurück in die kleine Runde traten, bevor das Gespräch wieder aufgenommen wurde. Juli hatte offenbar gefragt, wie Samu denn zum Reiten und zu den Pferden gekommen sei, denn er erzählte wieder einmal eine Anekdote aus seiner Kindheit. Eevi, seine Schwester, hatte damals ein Pferd, einen hübschen Apfelschimmel. Seine beiden älteren Brüder hatten sie früher damit aufgezogen, dass er viel häufiger mit seiner Schwester zu ihrem Pferd fuhr, anstatt mit ihnen “Jungskram” zu machen. Allerdings konnte ich bestätigen, dass die meisten von Samus Interessen doch eher typisch männlich waren. Wie fast jeder männliche Bewohner Finnlands brachte auch mein bester Freund eine gewisse Begeisterung für den Motorsport mit sich und nicht zu vergessen seine Passion, das Eishockey. Für meinen Geschmack war diese Sportart viel zu brutal. Platzwunden und blaue Flecken sind so gut wie bei jedem Spiel vorprogrammiert, ganz zu schweigen von schlimmeren Verletzungen. In der Schulzeit hatte Samu selbst noch aktiv im Verein gespielt, auch gar nicht schlecht. Er hätte das Potenzial für die Profiliga gehabt, aber nach eine ziemlichen heftigen Knieverletzung, setzten seine Eltern alles daran, dass ihr Sohn sich einen wenig gefährlichen Beruf suchte.
      Das schummrige Licht der Kerzen und Lichterketten erzeugte eine behagliche Atmosphäre. Liebevoll hatte Samu seinen Arm um seine Freundin gelegt, während sie sich weiterhin angeregt unterhielten. Ich für meinen Teil hatte es mir auf dem Schoß meines Freundes bequem gemacht. Meine Schwester schien es reichlich wenig zu stören, dass sie nur noch von Pärchen umgeben war, ich an ihrer Stelle hätte mich ziemlich überflüssig gefühlt.
      Die Gesprächsthemen wurden immer tiefgründiger, wo bei auch die ein oder andere seltsame Geschichte aus vergangenen Tagen ausgepackt wurde. Ganz besonders Juliett unterhielt alle mit Geschichten aus unserer Kindheit. Zu meinem Glück waren die meisten davon irgendwo niedlich und mit kindlicher Naivität zu erklären, aber als sie anfing aus den Liebesbriefen zu rezitieren, die ich in der 5 Klasse geschrieben hatte, hätte ich mich am liebsten in Luft aufgelöst. In so einem Detailreichtum wusste bisher nicht einmal Samu von diesen Briefen. Dank Juli wusste jetzt aber nicht nur mein bester Freund davon, sondern ebenso seine Freundin, der ich heute zum ersten Mal begegnete und viel schlimmer noch, auch Niklas. Größtenteils hielt er sich mit seinen sonst so überheblichen Kommentaren zurück, lachte einige Male, aber schwieg sonst. Zwischendurch folgten Anekdoten aus seinem eigenen Leben, die vermutlich jeder hätte erzählen können. Ich spürte, dass er angespannt war, was ich nicht nur durch seine ballende Faust realisierte. Seine Zähne knirschten immer wieder und an dem markanten Kinn kam Muskulatur nach oben. Etwas an den Geschichten aus der Kindheit belastete ihn extrem. Andeutungen machte er bereits in Kanada, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, was seinen Blutdruck so hochschnellen ließ wie dieses Thema.
      Mit fortschreitender Stunde überkam mich allmählich die Müdigkeit. Schläfrig ließ ich meinen Kopf gegen Niklas Schulter sinken. Die Gespräche nahm ich nur noch am Rande wahr, viel mehr musste ich mir Mühe geben, dass mir nicht gleich die Augen zuklappten. 11:45 Uhr zeigte die Uhr, sonderlich lange würde es demnach nicht mehr dauern bis für Samu ein neues Lebensjahr anbrach, aber bis dahin musste ich noch irgendwie wach blieben.
      Schmunzelnd stupste Niklas mich an, als mir erneut die Augen zuklappten: “Nicht einschlafen, Engelchen.”
      “Ich bemühe mich nach Kräften”, murmelte ich und blinzelte angestrengt. Im Gegensatz zu mir, schienen die anderen noch putzmunter zu sein. Bei Juli und Samu wunderte mich das wenig, immerhin hatten die beiden Urlaube und vermutlich auch deutlich mehr Schlaf als alle anderen in diesem Raum. Die nächsten Minuten schienen nur so da hinzuschleichen, bis um kurz vor Mitternacht Juliett aktiv wurde und begann durch den Raum zu wuseln. Irgendwoher holte sie auf einmal eine Flasche Sekt, welche sie auf Gläser verteilte und jedem eins in die Hand drückte, die Gegenwehr derer, die noch fahren mussten, war ihr dabei ziemlich egal. Pünktlich um Mitternacht stimmte sie Happy Birthday an, sogar auf Schwedisch. Soweit hätte ich nicht mitgedacht. Nach Ende des Liedes stießen wir gemeinsam auf Samu an. Auf einmal fühlte ich mich wieder wach, freute mich für Samu das er Geburtstag hatte, freute mich für ihn und Enya, erfreute mich einfach an dem Moment. Am liebsten hätte ich ihn sofort geknuddelt, aber ich ließ natürlich seiner Freundin den Vortritt.
      “Kiitos, että sait olla ystäväsi 9 vuoden ajan ja toivon, että siitä tulee vielä vähintään 9 vuotta. Toivotan sinulle kaikkea hyvää uudelle vuodelle, toivon, että löydät onnen yhdessä Enyan kanssa. Hyvää syntymäpäivää, Samu. (Danke, dass ich dich seit 9 Jahren als Freund haben darf und ich hoffe, es werden noch mindestens 9 weitere Jahre werden. Ich wünsche dir alles Beste für dein neues Lebensjahr, wünsche mir, dass du zusammen mit Enya dein Glück findest. Alles Gute zum Geburtstag, Samu)”, gratulierte ich Samu euphorisch und umarmte ihn fest. Ich hätte noch ungefähr eine Milliarde Dinge mehr sagen können, beschränkte mich aber auf das wichtigste. Einiges von dem, was ich hätte sagen wollen, war Inhalt seines Geschenkes und das wollte ich nicht vorwegnehmen. Da ich allerdings nicht damit gerechnet hatte, dass er zu seinem Geburtstag hier sei, würde ich auf die Reaktion wohl leider noch ein wenig warten müssen.
      Selbstverständlich gratulierten auch Niklas und Juliett, logischerweise zurückhaltender als ich es tat, bevor der Kuchen angeschnitten wurde. Juli hatte sich mit dem Kuchen alle Mühe gegeben und bei seinem Anblick wurde mir auch klar, wofür das ganze Zeug im Kühlschrank war. Augenscheinlich backte Juli einen simplen aber wunderschönen Drip Cake. Obenauf waren in Schokolade getauchte Erdbeeren, Kerzen waren aufgrund des Platzmangels allerdings nicht darauf. Die fehlenden Kerzen würden Samu nicht stören, mit Geburtstagstraditionen nahm er nicht ganz so genau. Der Kuchen schmeckte genauso vorzüglich wie er aussah.
      Schon bald nach dem Kuchen brachen Enya und Samu auf. Die beiden hatten wohl nicht den aller kürzesten Heimweg, außerdem hatte für Enya wohl letzte Woche die Uni wieder angefangen und pflichtbewusst wollte sie ihre Vorlesung nicht verpassen, zumindest war das der Grund, den sie vorschoben. So wie die beiden sich ansahen, war mir sicher, es gab auch noch einen anderen Grund.
      Wehmütig musste ich leider auch Niklas nach Hause gehen lassen, ich hätte ihn gerne mehr als ein paar flüchtige Stunden bei mir gehabt. Ich liebte das Gefühl, was er in mir auslöste, bekam immer noch Herzklopfen, wenn er den Raum betrat. Bei ihm fühlte ich mich so unendlich wohl, das ist einfach unbeschreiblich…
      “Hallo, Erde an Lina”, holte mich meine Schwester aus meinen Gedanken. “Mach dich mal nützlich, du kannst auch gleich im Bett noch weiterträumen”, lachte sie. Juli hielt es für nötig jetzt noch aufzuräumen. Ich für meinen Teil hielt das für relativ unnötig, schließlich würde man nach einer Runde schlaf auch noch aufräumen können. Statt unnötige Diskussionen mit meiner Schwester anzufangen, gab ich also nach. Je schneller hier aufgeräumt war, umso eher konnte ich in mein Bett.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 76.956 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel sechs | 26. November 2021

      Glymur // Satz des Pythagoras // Lubumbashi // Polka Dot // HMJ Divine

      Vriska
      Die Augen offenzuhalten, fiel mir schwer. Seit vier Uhr hielt ich mich wach. In der Nacht hustete ich mir das Leben aus der Lunge, nahm die wohl abscheulichste Zwiebelsuppe zu mir in Kombination mit so vielen Schmerztabletten, dass ich aufhörte zu zählen. Aber was ich soll sagen? War die Entscheidung ein Gute? Nein, aber geht es mir besser? Ja, deutlich. Ich konnte geräuschlos atmen, roch sogar den fruchtigen Geruch Glymurs Mähne, die ich mit Glanzspray einsprühte. Ein kalter Windzug fegte durch den Eingang, der zur Reithalle führte. Im Inneren hatte bereits drei andere ihren zweiten Ritt, während Glymur an meiner Schulter zupfte und mein Jackett immer wieder zerknitterte. Sanft schob ich ihn weg, wartete, endlich an der Reihe zu sein.
      “Können wir nachher sprechen?”, fragte ich Frau Wallin voller Hoffnung, als sie gestresst an mir vorbeitigerte und Sachen von links nach rechts räumte. Nach einem skeptischen Schulterzucken stimmte sie murmelnd zu. Wenig später kam es zu meinem Ritt.
      Alles fühlte sich an, wie ein normaler Trainingstag im Unterschied, dass drei Leute auf einem Klemmbrett dauerhaft Notizen machten und Fragen stellten. Glymur zeigte sich heute von seiner besten Seite und ich war mir meiner Sache auch sehr sicher. Punktgenau reagierte der Hengst auf meine Hilfen, trabte die ein hochpreisiges Dressurpferd, wenn auch mit deutlich mehr Schwung und Hinterhandaktion, und der Tölt. Mir fehlten wirklich die Worte. Um ehrlich zu sein, hatte ich in Kanada alles dafür getan, Niklas zu beeindrucken. Damit, dass ich Ponyreiter ebenfalls in der Lage war, ein Gangpferd in der klassischen Dressur zu reiten. Erst heute, genau in dem Moment, bemerkte ich, wie schnell ich mich weiterentwickelte. Am Wochenende ritt ich, ohne groß darüber nachzudenken, eine Dressurkür, nein, sogar zwei und landete damit auf dem Treppchen. Dazu kam, dass ich mit Glymur nur noch selten am Tölt oder Rennpass arbeitete, aber somit mehr Losgelassenheit und Rittigkeit sich entwickelte.
      „Dankeschön, ihr könnt nun Abreiten“, sagte einer der Prüfer und jeder von uns ließ sich die Zügel aus der Hand kauen. Erleichtert lobte ich den Hengst, strich ihm durch die weiche Mähne und grinste, wie ein Kind bei der Einschulung. Ich hatte es geschafft. Es war die letzte Prüfung und somit konnte ich endlich entscheiden, ob ich auf dem LDS bleiben würde oder mir einen anderen Hof suchen würde. Eigentlich gab es weder die Wahl noch eine Entscheidung darüber.
      Zum Absteigen ritten wir in Abteilung rechts um auf die Mittellinie auf und stiegen ab. Ich lockerte zunächst den Gurt und schlug Bügel über, danach nahm ich Glymur das Gebiss heraus und befestigte die Zügel am Reithalfter. Keiner, der anderen beiden, machte das, aber für mich stellte es einen wichtigen Aspekt dar, um dem Pferd das Ende einer Einheit zu vermittelt. Entspannt kaute er beim Zurücklaufen in den Stall, wo uns einer der Prüfer folgte. Neben dem Reiten und fertig machen, wurde auch gewertet, wie wir die Pferde nach dem Reiten versorgten. Das Sattelzeug hängte ich ordentlich an seinen Platz und holte die Abschwitzdecke. Glymur war klitschnass, aber länger durften wir nicht Abreiten, somit musste die Decke ihren Rest tun. In der Zeit bereitete ich sein Futter vor, dass ich sonst vorher fertig hatte aber nicht so gewollt war, in Laut zu sehen. Genüsslich kaute Glymur, als der Prüfer auch höflich verabschiedete und Frau Wallin weniger angespannt den Stall betrat.
      „So, Vriska. Was wolltest du?“, fragte sie freundlich. Am Morgen hatte ich mir noch genau zurechtgelegt, was ich sagen wollte, welche Argumente ich bringe, doch jetzt stand ich vor ihr, fand die Worte nicht und fummelte an den Enden des Jacketts herum. Wir gingen zur Seite.
      „Ich … Ich bin Ersatzreiter durch das Förderprogramm, oder?“, fing ich an.
      „Ja. Du willst bestimmt weg von Gangreitern, oder?“, musterte sie mich. Ich nickte. Dass mein Verhalten solche Wellen schlagen würde, hätte ich mir im Leben nicht vorstellen können, aber ein wenig stolz war ich darauf. Die Anerkennung tat mir gut, vielleicht fühlte ich mich das erste Mal im Leben wirklich zu etwas berufen, etwas gefunden zu haben, dass mir schmeichelte und im Inneren berührte. Vielleicht gehörte genau die Dressur in mein jämmerliches Dasein.
      “Ake … ähm, ich meinte natürlich Herr Norsberg hatte bereits erzählt, dass er dich auf die verrückte Idee gebracht hat. Aber wir können es versuchen, bisher hatten wir niemanden, der sich so dafür eingesetzt hat, nur von Dressur zum Springen oder andersherum. Also fühle dich geehrt, die Erste im Team zu sein. Wir haben vor einigen Tagen bereits formal darüber gesprochen mit den Anderen, da zwei der anderen Trainer dich auch gerne bei ihnen hätten, zumal nun jemand fehlt. Oder auch drei...“, die letzten Worte verstand ich nur mit Mühe. Warum würden auf einmal so viele fehlen? Ich wusste, dass die meisten nur im Eventing unterwegs waren, aber Schweden hat doch genug junge Talente oder meinte sie unseren Verein? Auch, dass mich offensichtlich die anderen Trainer begutachteten, überraschte mich. Ich kannte nicht mal ihre Namen! Herr Norsberg kam dazu.
      “Habe ich gerade meinen Namen gehört?”, lachte er freundlich und beglückwünschte mich zu dem Ritt mit Glymur. Es stellte mich zufrieden, dass niemand verächtliche Blicke auf mich richtete.
      “Wir hätten gerne noch deutlich mehr im Kernteam, aber es ist schwer einen gesunden Ausgleich zu finden von Talent und Menschlichkeit. Du weißt selbst, wie schwer es mit denen ist. Somit kannst du wirklich froh sein, dass du so herzlich begrüßt wurdest”, zwinkerte Frau Wallin auffällig unangenehm mir zu. Mein Lehrer lachte nur. Mir wurde es zunehmend seltsam. Natürlich musste man mich weiter damit aufziehen, als hätte ich nicht andere Sorgen.
      „Also gut, dann bist du bitte in 16 Uhr hier. Die anderen Trainer werden auch da sein und dann hast dein Vorreiten, dafür wird dir ein potenzielles Pferd gestellt, sofern du keins vorweisen kannst“, sagte sie nun wieder ernst. Ich dachte nach. Fruity wäre einsame Spitze dafür, aber Tyrell würde sie mir nie im Leben überlassen, außerdem war auch die Ausrüstung wohl nicht das, was man erwartete.
      „Nein, ich hätte kein Pferd“, antwortete ich also und bekam noch einige Hinweise. So sollte ich etwa eine Schabracke sowie Bandagen mit Bandagierunterlagen mitbringen und meine Teamkleidung anziehen. Der Frack hing vermutlich noch verpackt im Schrank, denn ich hatte bisher nur das Jackett an. Sechzehn Uhr also. Mir blieben somit sechs Stunden, um mich erholen, weitere Schmerztabletten zu inhalieren und irgendwie damit klarzukommen.
      Meine Beine zitterten als ich Glymur zurück auf seinen Paddock stellte. Der Hengst warf sich in den Sand und panierte sich kräftig von allen Seiten ein. Innerhalb kürzester Zeit färbte sich sein Fell in einem einheitlichen Farbton, die weiße Fleckungen konnte nur noch erahnt werden.
      „Hübscher, du darfst heute nach Hause“, flüsterte ich liebevoll. Tatsächlich war es weniger spontan, als man denken konnte. Bis zur Prüfung stand er kostenlos auf dem Gestüt und Einstellgebühren ab morgen konnte ich mir keineswegs leisten, außerdem gab es keine Notwendigkeit. Auch Bruce, den ich gestern nur peripher wahrnahm, freute sich seinen Schützling wiederzusehen.
      In Gedanken bereits auf dem Weg zum Reitfachgeschäft, überlegte ich, was für ein Pferd mir wohl gestellt werden könnte. Die eine Fuchsstute im Stall gefiel mir sehr, obwohl Füchse nicht mein Fall waren. Sie stand meistens mit Smoothie zusammen auf dem Paddock, aber drehte nun allein ihre Runden. Vielleicht würde es auch eine der Schimmel sein, die auf der anderen Seite des Hofes stehen. Während mein Blick so über das Gelände schweifte, hoffte ich am Telefon Erik zu erreichen. Monoton piepte es eine ganze Weile und ich biss mir auf der Lippe herum, hoffend darauf, ihn zu erreichen. Plötzlich erschien es mir sehr lächerlich und als mein Finger über dem roten Hörer schwebte, hörte ich seine Stimme. Überrascht wiederholte er einige Male meinen Namen, aus unerklärlichen Gründen hatte ich nicht erwartet, dass Erik meinen Anruf entgegennahm und starrte noch immer gedankenverloren in die Ferne.
      “Alles in Ordnung oder gab es einen Vorfall bei deiner Prüfung?”, fragte er schließlich, als ich wieder in die Realität zurückfand.
      “Die verlief super, also wirklich. Richtig, richtig gut. Glymi hat wirklich alles gegeben!”, freute ich mich, zügelte mich aber in der Wortwahl, denn viel hätte er ohnehin nicht mit den Pferdebegriffen anfangen können.
      “Freut mich zu hören, aber ich schätze, dass du nicht deshalb anriefst?”, interessierte Erik sich nun noch mehr.
      “Ich … also, ich … nein. Pferd”, druckste ich. In meinem Kopf klang die Idee so viel vielversprechender, als es in die Tat umzusetzen.
      “Nicht so wichtig”, beschämt verwarf ich meinen Willen, ihn bei mir haben zu wollen.
      “Baby, ich denke schon, dass es dir wichtig ist, sonst hättest du mir geschrieben. Also, was möchtest du?” Liebevoll drangen seine Worte aus den Lautsprechern. Ein unangenehmes Kribbeln durchfuhr mich vom Ohr bis in die kalten Zehen, ich biss wieder auf meine Unterlippe, unsicher, was ich sagen sollte. Jemanden zu haben, dem ich wirklich wichtig war, fühlte sich nicht echt an, eher wie einem klassischen Teeniefilm.
      “Ja … Ich habe um sechzehn Uhr einen wichtigen Termin und ich wünsche mir, dass du hier wärst. Wäre das möglich?”, fragte ich schlussendlich doch.
      > Behöver du mig eller kan jag åka någonstans i några dagar?
      „Brauchst du mich, oder kann ich für einige Tage wohin fahren?”, rief Erik vermutlich seiner Schwester zu, ohne mir eine genaue Antwort zu geben.
      > Jag har kunnat leva utan dig i över fyra år, så ja. Du kan gå.
      „Über vier Jahre habe ich ohne dich leben können, also ja. Du kannst abhauen”, lachte sie. Ihre Stimme klang in meinen Ohren ziemlich unsympathisch, obwohl er mir sie noch nicht einmal vorgestellt hatte. Darüber beklagte ich mich jedoch nicht, eher fühlte ich mich relativ gut dabei.
      > Jag antar att du ska gå till din konstiga flickvän? Kom då ihåg dokumenten
      „Ich vermute, dass du zu deiner seltsamen Freundin fährst? Dann denke an die Unterlagen”, fügte sie noch hinzu. Wow, jetzt bestätigte sich wirklich, dass Eriks Schwester unsympathisch war. Er stimmte ihr noch zu und sprach mit mir weiter.
      “Tut mir leid, dass ich das kurz klären musste. Sechzehn Uhr also?”, erkundigte er sich.
      “Genau und wenn du möchtest, kannst du deine beiden Anhängsel mitbringen”, schmunzelte ich in die Leere und freute mich tatsächlich ein wenig darauf seine Tochter etwas besser kennenzulernen, weil wenn sie mich nicht leiden würde, war es zum Scheitern verurteilt.
      “Lässt sich einrichten und Harlen hat sich noch immer nicht gemeldet?”
      “Nein, leider nicht. Treffen wir uns dann auf dem Lindö?”, hoffte ich nicht selbst fahren zu müssen. Allerdings war das große Auto schon durch Trymr befüllt und wenn Fredna im Kindersitz einen Platz bekommen sollte, müsste ich wohl in den Kofferraum. Außerdem müsste ich auch einen Hänger anhängen, denn Glymur wollte nach Hause kehren. Eventuell hätte ich nicht fragen sollen, allerdings war nicht einmal die Rede, dass wir sein Gefährt nahmen.
      “Klingt gut, wollen wir danach noch ins Restaurant zur Feier des Tages?”, freute Erik sich und lachte mit seiner rauen und tiefen Stimme.
      “Wir werden sehen, denn …”, durch Rufe von links meines Trainers, musste ich das Telefonat beenden, obwohl ich gerade anfing gefallen an dem Gespräch zu finden. Ob Erik sich dem bewusst war, dass es hier einerseits kaum Restaurant gab und andererseits so gut wie keins, dass vegane Speisen anboten, schaffte ich nicht mehr zu hinterfragen. Aber ich wusste selbst, dass ich lockerer werden sollte.
      Es folgte nun doch noch ein Nachgespräch über unsere Praktische, ich erreichte die wenigsten Fehlerpunkte und stolz grinste ich. Jeder von uns hatte diese bestanden. Der Termin für die Übergabe des Abschlusses stand noch nicht fest, würde uns aber in den nächsten zwei Wochen mitgeteilt werden. Ein Stein fiel mir von Herzen und ich konnte emotional damit abschließen. Ich hatte es wirklich geschafft. Der Planung über ein wirklich eigenes Pferd stand nichts mehr im Wege. Begnügt hüpfte ich zum Auto und fuhr nun endlich zum Reitfachhandel.
      Wonach ich genau suchte, wusste ich nicht und mein Kontostand sprach sich klar dagegen aus, mehr als ein Outfit zu kaufen. Aber konnte ich weder die grüne Schabracke mit passenden Bandagen hierlassen, noch die blaue im Set. Beide landeten im Einkaufskorb und fröhlich schaute ich noch nach einer anderen Reithose. Da hing sie, die hellgraue Vollbesatzhose, die ich bereits mehrfach im Internet bewunderte. Sie fühlte sich schon beim Berühren genauso an, wie ich mir eine Hose wünschte. Mit einer 32 und 34 verschwand ich in der Umkleide, leider passte die kleinste Größe besser, aber hin an einigen Stellen locker an meinen Beinen. Dass ich mehr essen sollte, wusste ich, doch, dass ich nun wieder weniger auf den Knochen hatte, belastete mich. Ich drehte mich mehrfach im Kreis in der Hoffnung, plötzlich mit mehr Masse gesegnet zu werden. Ach, ich nehme sie mit. Somit hatte ich eine kleine Motivation wieder auf meine Nahrungszunahme zu achten. An der Kasse schluckte ich kurz, aber bezahlte alles. Das sprengte eindeutig mein Budget, aber die Sachen waren so schön!
      Angekommen drückte ich mich erschöpft aus dem Auto. Die Wirkung der Schmerztabletten ließ zunehmend nach, verlangte mir einiges ab. Aber Erik holte mich nachher ab! Das war wohl die größte Motivation des Tages, auch wenn mir nicht mehr viel Zeit blieb, um ein Mensch zu werden. Lina kam, deutlich wacher als ich. Denn Geburtstag ihres besten Freundes hatte ich leider verpasst, obwohl ich gern vor Ort gewesen wäre. Samu war immer nett zu mir, redete überzeugend auf mich ein und hatte mich in der einen oder anderen Situation sogar gestützt. Ich war ihm zu großen Dank verpflichtet, vielleicht spielte auch er seinen Teil dazu bei, dass ich genau an dem Punkt stand. Niklas wollte ich eigentlich nicht sehen, obwohl ich ihn einlud, denn sonst hätte vermutlich keine Kommunikation zwischen den beiden stattgefunden. Über einige Ecken erfuhr ich, dass er nur provisorisch antwortete, aber wenn ich eine Mitteilung verfasste, konnte ich mit einer Antwort innerhalb von zehn Minuten rechnen. Der Typ setzte falsche Prioritäten.
      “Vriska, du bist zurück. Wie war deine Prüfung?”, erkundigte sie sich munter.
      “Tatsächlich habe ich es überlebt … und sogar die wenigstens Fehlerpunkte”; lachte ich munter und hob die beiden riesigen Einkaufstüten aus dem engen Kofferraum meines Golfes zwei, der schon mehr erlebt hatte, als ich.
      “Hervorragend! Hast du das halbe Geschäft gekauft oder ist da noch ein Pony drin versteckt?”, scherzte Lina ausgelassen und hängte an, ob sie bei Tragen helfen sollte.
      „Ich glaube, dass ich mir mittlerweile ein Pferd kaufen würde, aber leider nein. Nur zwei Sets und eine neue Reithose für den Winter“, antwortete ich. Glücklich wühlte ich in den Papptüten und hielt die neuen Errungenschaften in die Luft. Zu dem schwarz-blauen Set gehörte sogar eine Fliegenhaube, die vermutlich besser einem Esel passen würde als einem der Pferde hier, obwohl. Smoothie hatte riesige Ohren, aber wie schon in Kalmar, bewunderte ich sie nur aus der Ferne.
      “Wow, wunderschön”, bewunderte Lina den Einkauf. “Aber das passt definitiv nicht auf Glymi, was hast du vor?”, fügte sie neugierig hinzu.
      „Du wirst es nicht glauben! Heute Nachmittag darf ich vor den Bundestrainern der Dressur reiten, dafür bekomme ich ein Pferd gestellt. Wenn ich mich wie der letzte Ochse anstelle, dann darf ich vermutlich auch das dann übernehmen, also so für Turniere meine ich. Ich freue mich voll, aber weiß nicht, was das wird“, durchlebte ich beim Erzählen die reinste Achterbahn der Gefühle.
      „Ach und Erik kommt nachher auch“, quietschte ich eindeutig zu laut, gefolgt durch ein kräftiges Husten, dass mich wieder an meine Erkältung erinnerte.
      “Oh cool, wenn du das so toll machst wie mit Fruity wird das sicher werden”, sprach sie ermutigend. “Das freut mich für dich, dass Erik kommt, aber du solltest noch mal ins Bett gehen, du klingt alles andere als gesund. Nicht das du nachher noch vom Pferd fällst.” Sie blickte mich ein wenig besorgt an.
      „Vermutlich, aber ich muss noch mit Tyrell sprechen und Bruce hat auch nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gebührt.“ Den Kragen meiner Jacke zog ich etwas höher. Dieser plötzliche Umschwung des Wetters von warm auf kalt, gefiel mir nicht, viel mehr, gefiel es meinem Kreislauf nicht. Regelmäßig wurde mir Schwarz vor den Augen, was ich ebenfalls daran hinderte, mehr zu essen. Apropos Essen …
      „Wäre es möglich, dass du nach her für ein paar Stunden auf Fredna aufpasst? Erik und ich wollen ins Restaurant gehen und ich habe ein ungutes Gefühl, wenn sie mitkommt“, gab ich zu bedenken. Verständnisvoll stimmte Lina zu: “Ja klar, auf die Kleine passe ich gerne auf.” Ungemein beruhigte sie mich mit der Antwort.
      „Du bist super, danke. Ich weiß noch gar nicht so richtig, wie ich damit umgehen soll, oder viel mehr mit ihr. Vielleicht romantisierte ich das alles mit Erik, aber jetzt ihm zu sagen, dass ich doch nicht mit ihm mehr möchte, wäre wohl auch blöd.“ Laut stieß ich Luft aus meiner verstopften Nase. Unserer Einigung darauf es langsam angehen zu wollen, scheiterte auf gerade Linie. Keiner von uns beiden war in der Lage die Situation reflektiert zu betrachten, wo fiel es mir zwar schwer, mich emotional von Niklas zu lösen, aber meine Augen waren nur noch bei ihm.
      “Ich habe von so was genauso wenig Ahnung wie du, aber mein Gefühl sagt: Probiere es einfach, lass dich auf die Kleine ein, der Umgang kommt ganz von allein. Aber wunder dich nicht, wenn sie dich nicht sofort liebt. Auch für Fredna ist das eine neue Situation, ihr werdet euch beide erst einmal daran gewöhnen müssen”, riet sie mir zuversichtlich.
      „Danke, das ist lieb. Ich versuche es“, bedankte ich mich mit einem Lächeln auf den Lippen. Dann trug ich die Tüten zum Zimmer.
      „Wir fahren hier 15 Uhr los, also wenn du mitkommen möchtest“, rief ich noch. Sie nickte mit einem Lächeln und trat ihren Weg zur Halle an. Ich sah ihr noch einige Schritte nach, bis sich mein Handy in der Hosentasche bemühte, Aufmerksamkeit zu bekommen. Harlen hatte mir geschrieben, oh Wunder!
      “Kleine Schwester, es tut mir leid, dass ich nicht an deinem großen Tag bei dir sein kann. Verzeih mir. Bald werde ich aufklären, wo ich war und bis dahin: Ich vermisse dich, hab dich lieb. Harlen”, las ich seine hochgestochene Nachricht. Hatte er zu viel Bridgerton geschaut, oder einen Roman vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts inhaliert?
      “Schon gut, aber ich hoffe für dich, dass deine Ausrede eine gute ist. Habe heute noch ein Vorreiten, mal gucken”, tippte ich gelangweilt auf dem Display. Man vermisste erst etwas, wenn man es nicht mehr hatte. Genau das brodelte in meinem Magen, als ich die Nachricht begriff.
      Die leeren Tüten flogen in einem willkürlichen Bogen durch die Luft, landete mit lautem knittrigem Geräusch auf dem Holzboden. Die Schabracken bewunderte ich erneut. In dem warmen Licht der Stehlampe glänzte das Grün. Bei der Dunkelblauen glitzerten die kleinen Steine in der blauen Kordel. Zu entscheiden, welche der beiden heute ihren Auftritt bekam, fiel mir nicht leicht. Rein optisch würde die dunkelblaue wohl möglich einen besseren Kontrast zu dem gesättigten blauen Oberteil.
      Auf meiner Terrasse tummelte es sich. Noch bevor Linas friedliche Stimme in den Vordergrund rückte, ertönte lautes Grölen aus den Untiefen der Erde. Trymrs Schwanz klopfte an der Scheibe und aus sicherem Abstand sah ich, wie sich seine fusselige Schnauze am Glas drückte und zwischendurch mit einem Lecken abgewechselt. Wenn ich nicht mittlerweile wusste, dass dieser Hund noch mehr Interesse an mithatte als sein Besitzer, würde ich nun die Polizei rufen, dass ein Wolf mich belästigte. Natürlich, anatomisch war er viel zu schmal, um ein Wolf zu sein, aber Angst jagte er mir trotzdem ein.
      Langsam schob ich die Tür auf und riss die gesamte Aufmerksamkeit auf mich. Lina hielt Fredna auf dem Arm. Die Kleine verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse, als ich ein Stück hinaustrat, mit der Decke der Couch umwickelt. Und da stand er, in einem grau karierten Anzug, darunter anstelle eines Hemdes mit einem Rollkragen Pullover, der ihm sehr schmeichelte. Ideomotorisch zogen sich meine Lippen nach oben, auch Erik grinste charmant und an den Wangen zuckten niedlich seine Grübchen. Vielleicht war das einer der Gründe, die ich anziehend an ihm empfand. Sein Gesicht strahlte in jeder Situation seine Gefühlslage aus und grundlegende war er positiv gestimmt, aber im Kontrast dazu seine Tochter, die mich noch immer anstarrte, als sei ich ein Wesen von einem anderen Planeten. Plötzlich huschten tausende Szenarien durch meinen Kopf, wie sie sich zwischen uns stellen würde und ich jedes Mal verzweifelt wieder in einem Krankenhaus gefesselt liegen würde, nicht mehr Herr meiner Sinne und vollständig am Boden zerstört. Ich spürte, dass mein Lächeln verschwand und meine Hände begannen zu zittern.
      „Vielleicht sollten wir für den Moment hereingehen, du bist bleich vor Kälte“, schmunzelte Erik und ich bat alle hinein. Tollpatschig trampelte Trymr als Erster hinein und nahm direkt den Teppich in Beschlag, auf den zuvor geschlafen hatte. Nicht mal ins Bett schaffte ich es, sondern schlief zwischen den Sets ein. Schnell sammelte ich alle Teile ein und legte sie auf den Küchentisch ab. Dann stürmte ich ins Schlafzimmer, ohne meinen Freund richtig begrüßt zu haben. Ich wusste nicht genau, ob und wie ich das tun sollte, wenn Fredna dabei war. Konnte ich überhaupt irgendetwas? Hinter mir ertönten klackende Schritte vom Absatz Eriks Schuhe.
      „Du bereitest mir wirklich Sorgen. Was hast du auf dem Herzen?“, fragte er mitfühlend und nahm Platz auf der Kante des Bettes, während ich in meinen großen Kleiderschrank blickte und das bescheuerte Frack suchte. Aber konnte ich ihm auf seine Frage überhaupt eine ehrliche Antwort geben? Ich wollte nicht, wusste jedoch, dass ihm Ehrlichkeit wichtig war.
      „Weiß nicht“, murmelte ich und zog den Kleidersack heraus, in dem eine weitere weiße Reithose hing sowie den blauen Frack. Vorsichtig öffnete ich den Reißverschluss.
      „Vriska. Bitte sprich mit mir“, wiederholte er zum zweiten Mal. Zumindest drehte mich für einen Augenblick. Dann schüttelte ich den Kopf.
      „Für mich ist das auch neu, aber ich wollte mich für uns entscheiden, egal was passiert ist oder wird. Ich bin für dich da”, griff Erik nach meinem Arm, sah mir tief in die Augen. Stress brachte mich zum Zweifeln, vor allem an dem guten in meinem Leben. Ich hatte ihn nicht verdient.
      “Danke”, sprach ich leise und widmete mich wieder dem Kleidersack. Die Reithose konnte ich schon zu Hause anziehen, aber das Frack sollte keinesfalls vor dem Ritt knittern. Dennoch griff ich nach einem frischen Shirt, wohl angemerkt das letzte, aus dem Fach und warf das getragene Richtung Wäschekorb. Nur mit wenigen Zentimetern verfehlte es den Haufen auf dem Deckel und landete auf dem Fußboden. Erik musterte mich.
      “Wärst du so freundlich zu mir zu kommen?”, bat er in seiner ruhigen, gelassenen Art und Weise, zu wissen, mir klar überlegen zu sein. Ohne einen weiteren Gedanken an das Shirt zu verschwenden, setzte ich mich überzeugt auf seinen Schoß und lehnte an der kräftigen Schulter. Mit jedem Atemzug genoss ich seine Nähe und Wärme, obwohl er, im Gegensatz zu mir obenherum, etwas drüber trug. In meine Nase stieg ein unangenehmer Duft hinein, brannte an den Schleimhäuten. Er benötigte dringend ein anderes Aftershave oder Parfum, egal was, Hauptsache nicht dieses. Von der Hüfte aufwärts strich er mit seinen einzelnen Fingern sanft über meinen Rücken. Die Berührung war zart und voller Begehren. Alles an meinem Körper stellte sich auf und ich musste mehrmals tief ein und wieder ausatmen, um nicht die Fassung zu verlieren. Ich wusste nicht, dass mir etwas fehlte, bis ich es plötzlich hatte. Langsam öffnete ich wieder meine Augen und sah ihn tief in seine.
      “Ich will ja kein Spielverderber sein, aber eigentlich wollten wir schon vor einer Viertelstunde los, hebt euch das für später auf”, erinnerte Lina aus dem Wohnbereich und versuchte Fredna davon abzuhalten Konfetti aus den Tüten zu machen, die immer noch auf dem Boden lagen. Dass zwischen diesem und dem Schlafzimmer ein Vorhang oder bestenfalls eine Tür fehlte, wurde mir erst in dem Moment klar. Was sie wohl mitbekommen hatte, interessierte mich dann nicht mehr. Schnell griff ich nach dem frischen Oberteil, streifte es über erwärmtes Haus. Im Magenbereich kribbelte es noch immer. Erik hingegen stütze sich mit seinen Armen nach hinten, grinste dabei äußerst schelmisch, als hätte er Spaß dabei mich zu quälen. Abstreiten würde ich dies nicht, würde vermutlich in der Familie liegen.
      Im Eiltempo brachten wir alles in den großen mattgrauen Wagen und hingen den Anhänger ebenfalls an. Obwohl das Auto kein kleines war, wurde es ziemlich eng mit drei Personen, einem Kleinkind, das einen Kindersitz benötigte, und einem Höllenhund. Ich weigerte mich noch zu fahren und nahm auf dem Beifahrersitz Platz, während Lina ihre Stellung auf der Rückbank gegen Trymr verteidigte. Leider dachte der Hund, dass er nur so groß wie ein Chihuahua wäre und unbedingt auf ihren Schoß müsse. Diese Diskussionen dauerte eine Weile, bis Erik nur ein Wort sagte und alles geklärt war. Ich musste in der Zeit auf seinem Handy die Playliste suchen, die einzig und allein für Fredna existierte. Jedoch die besagte zu finden, stellte viel mehr als eine Herausforderung dar. Je mehr ich scrollte, umso größer wurde das Unheil. Nicht nur, dass es gefühlte Tausende Stück waren, eröffnete sich mir ein enormes sortiertes Chaos an Namen. Normale Menschen würden Stimmungen erstellen oder wie ich nur die Lieblingssongs hören, während Erik einerseits alles nach Genre sortierte und dazu noch nach Anlässen sowie Jahr der Erscheinung. Mein Finger wischte weiter, landete noch tiefer darin, was man als Playlistjungle bezeichnen konnte. Irgendwann bemerkte er meine Verzweiflung.
      “Nicht bei Spotify, sondern bei Musik”, erhob er seine Stimme echauffiert, als hätte ich sein Tagebuch gelesen. Schrieb er Tagebuch? Wohl möglich sollte ich das herausfinden!
      “Tut mir leid”, murmelte ich und wischte mehrfach wild auf dem Display herum, fand die blöde Anwendung jedoch nicht. Die Suchleiste herunterzuziehen, schien die einzige Möglichkeit zu bleiben. Was sich mir jedoch in den Siri-Vorschlägen eröffnete, stoppte mir kurz den Atem. Dass es sich bei Happy Pancake nicht um die neuste Kochapp handelte, hatte ich bereits durch eigene Überlegung herausfinden dürfen und neben Badoo leuchtete mich auch die furchtbare weiße Flamme auf roten Untergrund an. Der Vorschlag einer gewissen Ylva zu schreiben auf Tinder, brachte mich vollends aus dem Konzept. Technisch war ich zumindest so weit informiert, dass ich wusste, dass Vorschläge auf Gewohnheiten basierten in gewissen Zeitabschnitten. Innerlich zerbrach etwas, aber ich versuchte mit allen Mitteln, es mir nicht anmerken zu lassen, suchte schnell nach der Musikapp und öffnete die einzig vorhandene Playliste mit dem Namen seiner Tochter. Dann sperrte ich das Handy und steckte es in die Getränkehalterung. Auf der Rückbank wurde es zwar nicht stiller, aber das Geschrei verwandelte sich in Singen, zumindest sollte es das aller Wahrscheinlichkeit darstellen. Aber ich verstummte, sah aus dem Fenster und hoffte, dass das alles nur ein blödes Missverständnis sein würde. Mir jedoch vorzustellen, angelogen worden zu sein, nagte an meinem Gewissen. Ich hatte ihm von so gut wie allen Bekanntschaften erzählt, zugegeben, die Liste war kurz und übersichtlich.
      “Sind wir hier richtig?”, erkundigte Erik sich, als wir auf der engen Straße vor der Rennbahn entlangfuhren.
      “Gewiss”, antwortete ich kurz und hoffte in wenigen Sekunden aus dem Auto springen zu können, endlich das Pferd kennenzulernen, dass ich heute noch reiten würde. Dann war es so weit. Ich zog zweimal am Griff, denn Motor war noch nicht aus, somit öffnete sich die Tür nicht direkt. Die ganzen sichtlich teuren Fahrzeuge bemerkte ich erst auf den zweiten Blick. Es wirkte beinah so, als trafen sich heute nur Aktionäre. Rein optisch hatte sich dann auch Erik angepasst. Aus dem Kofferraum nahm ich die Tasche und stürmte zum Stall.
      Außer Atem stand in der Gasse, in der Herr Holm freundlich lächelte und mich begrüßte. Dass es zwanzig vor vier war, stellte offenbar kein Problem dar.
      “So dann folge mir, wir haben sie schon mal geputzt, aber lass die Zeit. Die sind alle noch im Haus”, lachte er. Viele Pferde streckten ihre Köpfe in den Gang, beobachteten ganz genau, wo wir hinwollten. Einige von ihnen brummten neugierig und stupsten mich an der Schulter an. Dann hielten wir vor einer Box an, die im Gegensatz zu den anderen nicht mit bunten Schleifen dekoriert war. Eine riesige braune Stute mit einer breiten Blesse sah mich interessiert an. Warte, was?
      “Aber das ist doch Lubi, die kann ich doch nicht reiten”, sagte ich aufgebracht und streckte meine Hand ihr entgegen, die sie friedlich abgeleckte.
      “Wie kommst du denn auf solchen Irrsinn?”, munterte Herr Holm mich auf und drückte mir den Strick in die Hand. Sie senkte ihren Kopf, als ich die Box betrat und den Karabiner einhing. Annas Stute machten einen sehr freundlichen Eindruck, besonders im Hinblick auf ihre diabolische Besitzerin. Nachdem der Verein beschlossen hatte, dass sie nur für die restliche Saison noch gesperrt war, kündigte sie selbst. Vermutlich, um die Scham zu entgehen und sich nun mehr auf andere Dinge zu konzentrieren. Dann ließ der Trainer uns allein, ich kramte aus meiner Tasche das grüne Set, für das ich mich eher aus Zeitnot entschied. Satteln und Trensen schaffte ich noch allein, aber spätestens bei den Bandagen wurde es schwieriger. Im Internet sah ich mir einige Bilder und Videos an, traute mich aber nicht so recht, sie anzulegen.
      “Suchst du etwas?”, sagte eine tiefe Stimme hinter mir. Nicht der schon wieder, was wollte er eigentlich? Muss er nicht irgendwann mal arbeiten? Mit rollenden Augen drehte ich mich um.
      “Nein, ich komm klar. Was machst du hier?”, antwortete ich genervt.
      “Vielleicht hast du es verdrängt, aber ich bin immer noch Kapitän, also habe ich auch ein Wörtchen mitzusprechen, bevor wir einen neuen Ersatzreiter bekommen. Und jetzt lass dir helfen, dass da an den Beinen sieht grauenhaft aus”, lachte Niklas und nahm mir die Bandagen ab. Freundlich erklärte er mir, wie ich anfangen musste und dass nur die erste Schicht etwas fester sein sollte. Die Wahl zu Fleecebandagen stellte sich auch als die Richtige heraus. Bevor ich mich versah, waren alle vier Beine von ihm verschnürt und nun fehlte noch das schlimmste – Zöpfe. Abgeteilt hatte ich bereits alles und auch schon geflochten. Die kritischen Blicke von Niklas entgingen mir natürlich nicht, als ich anfing die Strähnen zu rollen und irgendwie ineinander zudrücken. Lustig sah es auch, aber nichts was Leute mit solchen Autos sehen wollten. Langsam bekam ich Angst, ob ich mir die Ziele nicht etwas hochgesteckt hatte. Nur, weil ich einmal in meinem Leben ein Treppchen belegte mit einer ausgezeichneten Stute, würde nicht automatisch der Dressurcrack aus mir werden. Seltsamerweise bildete ich mich das wohl ein.
      “Was kannst du überhaupt?”, schmunzelte er und entfernte die Gummis aus den kleinen Hörnchen, die am Hals nach oben standen, als wäre Lubi ein Drachen. Meine Unfähigkeit ignorierte sie vollends, wirkte vielmehr begeistert davon, dass jemand mit ihr Zeit verbrachte. Sie stand locker da, den Kopf ließ sie entspannt hängen und schloss immer wieder langsam die Augen. Niklas antwortete ich nur mit Schulterzucken. Stumm drehte er sich um und verschwand aus der Sattelkammer. In der Hand hielt er eine Flasche, die ich sonst nur in meinem Badezimmer nutze vor dem Duschen.
      “Wozu brauchen wir Schaumfestiger?”, wunderte ich mich.
      “Damit das hält und fluffig bleibt.” Dann begann er mal wieder dem Trottel alles zu erklären. Ich stand auf einem Tritt, während Niklas seine Arme um mich legte und über meine Schulter hinweg arbeitete. Ich konnte damit besonders gut sehen, was er da machte. Die Enden klappte er weg und befestigte es erneut mit einem Gummi. Für einen Moment verschwand er wieder und kam mit einem dicken Garn an sowie einer stumpfen Nadel. Zu Erste vernähte Niklas den Anfang im Gummi und klappte dann zweimal um, vernähte mit einigen Stichen. Es überraschte mich wirklich, dass er das konnte. Sein Arm berührte mich immer wieder an der Seite und sein Atem kitzelte mich am Hals, man. Wieso passierte das alles? Hätte nicht plötzlich Chris im Stall stehen können und mir helfen? Mein Körper hatte mir bereits gewiesen, dass er mich in egal welcher Situation schwach werden ließ und gerade noch Hilfe zu empfangen, prägte das tiefe Gefühl in der Magengegend noch mehr. Ehrlich gesagt, gefiel mir sein Duft deutlich besser als den penetranten Moschus meines Freundes. Unsere Blicke trafen sich mehrfach und er setzte sein typisches selbst überschätzende Grinsen auf, was mich noch mehr verunsicherte. Was versuchte er hier? Gab es einen tieferen Grund, oder wieder nur eins seiner Spielchen, die frei jeglicher Bedeutung waren?
      “Ich bin ungern der Spielverderber, aber Niklas. Denkst du nicht, dass du dich etwas mehr zurückhalten solltest?”, kam nun auch Erik dazu, als es gerade schon wieder geschah. Ich duckte mich unter seinen Unterarmen hinweg ins Freie. Mir fehlten die Worte, also verschwand ich rasch in der Sattelkammer und zog mich um, also vielmehr zog ich die Jogginghose aus und band die Stiefel vollständig zu. Mit einem Ohr folgte ich der ruhigen, aber dennoch intensiven Diskussion darüber, wie Niklas mit mir umgehen sollte. Schließlich gehörte ich nun Erik und sei kein Freiwild mehr, oder so was. Dem zu folgen war noch immer nicht das leichteste, wenn er Buchstaben verschluckte, die dem Satz für Lernende erst einen Sinn gaben. Hilfreich so schnell zu sprechen, war es ebenfalls nicht. Vielleicht, irgendwann, war ich in der Lage meinen Freund in seiner Muttersprache zu verstehen, aber ich glaubte nicht daran.
      “Es ist schön, dass ihr beide so daran interessiert seid, meine Ansicht zu verteidigen. Aber Erik, Niklas hat mir nur geholfen, weil ich wie der letzte Volldepp dieses Pferd einkleidete. Kein Grund zur Sorge”, versicherte ich. Stimmt, viel mehr hatte ich Grund dazu, schließlich erinnerte Siri ihn daran, dass Ylva eine Nachricht haben wollte. Wer war die überhaupt?
      > Är du färdig?
      „Bist du fertig?”, fragte jemand aus einer Traube aus Menschen, als ich gerade meinen Helm aufgesetzt hatte und die beiden Streithähne zur Ruhe kamen. Ein waren sie sich nicht, aber zumindest schwiegen sie. Auf die Frage hin nickte ich und stieg auf Lubis Rücken, die langsam wieder wach wurde. Obwohl ich die Steigbügel als ziemlich gewöhnungsbedürftig empfand, überraschte mich dieser bequeme Sattel so viel mehr. Der Sattel war nicht nur bequem, nein. Er fühlte sich an, als würde ich auf Wolken schweben und als das Warmblut sich in Bewegung setzte, bestätigte es. Ich schwebte nur so. Obwohl ich eine Furcht hegte gegenüber großen Pferden, legte sich das direkt auf ihrem Rücken.
      In der Halle saßen bereits die meisten auf den Tribünen oder standen am Rand. Durch die Anzahl der Fahrzeuge konnte ich bereits erahnenden, dass nicht nur drei oder vier Leute dabei waren, aber so auf den ersten Blick würde ich so auf zwölf Leute tippen. Was war denn so besonders daran? Na gut, es ging schließlich, um verhältnismäßig viel Geld. Das Förderprogramm übernahmen private Sponsoren, die ich nicht kannte und dementsprechend musste man auch eine gewisse Leistung erbringen können. Im Schritt am lockeren Zügel drehte ich die ersten Runden auf der ganzen Bahn. Ein breites Lächeln setzte ich auf meine Lippen und flüsterte der Stute zu: „Ich weiß nicht, was ich hier tue, aber du bist hoffentlich dabei.“ Als hätte sie meine Worte verstanden, schnaubte sie ab. Lubi war wohl ein Traum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn immer hatte.
      Wie gewohnt ritt ich im Schritt warm. Noch immer konnte ich nicht fassen, was hier gerade passierte, aber es war richtig. Richtig, es zu versuchen und an dem Gedanken festzuhalten, den Herr Norsberg mir in den Kopf gepflanzt hatte. Vielleicht auch, um Niklas zu beeindrucken. Ich hatte zur besseren Kommunikation eine Funkanlage an der Hose, von der aus ich mit Herrn Holm sprach. Er durfte sich, nur, wenn nötig einmischen, ansonsten ging es einzig und allein um meine eigenen Kenntnisse. Eine Kür wurde heute nicht abgefragt, ganz im Gegenteil. Die Trainer wollten sich von meiner normalen Arbeit mit dem Pferd überzeugen. Dafür hatte ich überlegt, Elemente aus der Prüfung mit Glymur einzubauen. Nach den ersten engeren Wendungen wie einer Acht oder im Zirkel wechseln, gurtete ich noch einmal nach und trabte locker an. Dabei legte ich noch keinen Wert auf eine Verbindung am Zügel, sondern wollte Lubi erst einmal kennenlernen, um die Stärken und Schwächen herauszufiltern. Der hängende Zügel motivierte sie, sich fallenzulassen und Selbsthaltung anzubieten. Als sie die Idee davon bekam, fasste ich nach.
      „Wo hast du das gelernt?“, fragte eine ernst blickende Frau an der Bande. Sie kam mir nicht bekannt vor, aber offensichtlich hatte sie viel zu sagen. Niemand wagte einen Laut von sich zu geben, also war es an mich gerichtet.
      „Bei meinem Chef und Trainer, Tyrell Earle. Wir reiten zusammen die Jungpferde an, die nicht zur Rennbahn sollen. Er legt viel Wert darauf, Pferde auf die Welt hinauszuentlassen, die in der Lage sind, selbstständig zu denken, ohne dabei die Hilfen des Reiters außer Acht zu lassen, aber auch mal etwas infrage stellen“, erläuterte ich. Leichttraben und dabei etwas erzählen, stellte sich als äußerst anstrengend heraus. Lubi hatte einen schwungvollen Trab, den ich von den Gangpferden gar nicht gewohnt war. Gleichzeitig saß sie sich sehr bequem, ohne dass ich Probleme hatte, auszusitzen. Lubi verstand zügig, dass ich nicht dauerhaft trieb, sondern nur, wenn nötig eine Hilfe war. So gelang es mir schon nach einigen Runden das Tempo gleichmäßig zu halten, ohne eine gewisse Geschwindigkeit anzusetzen. Die ernste Dame nickte zustimmend und machte einige Notizen.
      Im Schritt versuchte ich mich an den Hilfen. Vom Boden aus habe ich schon viele Seitengänge geführt und auf Fruity auch beim Training geritten. Lubi hingegen verstand es nicht, was tat. Trotzdem lobte ich das Pferd weiterhin, bis die ersten Schritte in der Kruppe hineinkamen. Direkt ließ ich den Druck nach. Super! Als es dann immer besser und besser wurde, auch meine Linienführung, setzte ich zum Trab über, um selbiges erneut zu reiten. Über den Funk wurde der Galopp angewiesen. Innerlich hoffte ich, dem entgegenzukönnen, aber natürlich. Ich musste auf dem Riesen auch noch schneller. Im Zirkel saß ich aus und bei dem Durchqueren der zweiten Ecke galoppierte ich an. Nein wirklich, ich schwebte mit der Stute durch den Sand. Die sanften Sprünge machten alle Zweifel ungesehen und als ich fälschlicherweise einen fliegenden Galoppwechsel beim Zirkelwechsel machte, wusste ich, wieso alle darauf so scharf waren, uns zu sehen.
      Plötzlich verlangte Frau Wallin, dass ich eine typische Trainingswoche mit Lubi beschreiben sollte. So erzählte ich davon, dass ein fünf Tage Plan nur für mich infrage kommen würde. Egal, welches Lebewesen, wir brauchten alle eine ausgiebige Pause. Am liebsten hätte ich sie auf dem LDS, damit sparte ich mir den Weg und wusste, dass aktuell ohnehin nur einmal die Woche Training anstand. Somit reichte es, sie einzuladen und die paar Kilometer zu fahren, schließlich glich es nicht dem Weg nach Stockholm. Vielleicht trug auch Niklas seinen Teil zu dieser Entscheidung mit bei.
      “Wenn sie nicht locker ist, liegt der Blick darauf, sie zu lockern, solang wie nötig ohne Neues einzubauen. Wenn es gut läuft, dann versuche ich bekanntes erneut abzufragen und immer wieder die Rittigkeit zu überprüfen, bis ich es als richtig empfinde, etwas Neues zu machen“, versuchte ich meinen Plan, den ich mir bereits seit heute früh überlegt hatte, zu erläutern. Wieder machten Leute an der Bande Notizen, bis sie sich bedankten und mich mit der Stute erst mal in der Halle in Ruhe Abreiten ließen. Auch meine Lunge dankte mir, dass ich nun fertig war. Durch meine Adern raste das Adrenalin und ich fühlte mich wie auf Droge, was ich ziemlich vermisste. Ja, es war keine gute Zeit und auch nie die richtige Entscheidung, aber der Rausch ließ mich vergessen – so wie jetzt. Ich saß nur auf dem Pferd, konzentriert darauf, alle von meinem Können zu beeindrucken, auch wenn Lubi den größten Teil von selbst machte. Bis auf meine Anhängsel verschwanden alle.
      “Kaum zu glauben, dass du letzten Monat noch mit deinem Isländer im Kreis geritten bist, ohne irgendwas tun zu müssen”, lachte Niklas. Ja, ja. Wieder mal diese Vorurteile, dass man beim Gangreiten nur auf der Ovalbahn tölten würde, ohne sich über das Reiten Gedanken machen zu müssen. Solch spitze Kommentare konnten nur von ihm stammen.
      “Stimmt, ich habe nur meine Runden gedreht im Tölt, schließlich hat Glymur nur einen Gang”, schnaubte ich und strich der Stute über den nassen Hals. Fredna war die ganze Zeit über ruhig und beobachtete gespannt, wie Lubi durch den Sand flog. Obwohl sie sonst immer schlechte Laune in meiner Gegenwart hatte, wirkte sie plötzlich glücklich. Vermutlich würde auch sie in einigen Jahren ihrem Vater den letzten Cent aus der Tasche klauen, nur um Karriere im Reitsport zu machen. Für Erik hoffte ich, dass er emotional so stabil war, das auszuhalten. Ob ich dann überhaupt noch in ihrem Leben existierte, stand wohl noch in den Sternen. Ich wünschte es mir, denn so könnte ich ihm viel Last von den Schultern nehmen. Er hatte es nicht verdient, in ein erneutes Loch zu fallen, obwohl ich die Gründe dafür nicht einmal kannte. Jetzt wieder in den Gedanken zu verfallen, mit wem ich da eigentlich zusammen war, versaute den Moment. Deswegen versuchte ich positiv zu bleiben.
      Langsam aber sicher war die kahl rasierte Stute trocken und ich lief zurück. Lina verschwand mit den anderen in dem Stall der Ponys, denn Niklas hatte überraschender Weise versprochen, dass Fredna auf eins dieser sitzen dürfte. Da leuchteten ihre Augen, was auch Erik glücklich machte.
      “Willst du wirklich nicht mitgehen?”, fragte ich ihn, als er den anderen beiden nur nachsah und bei mir stehen blieb. Trymr kam schwanzwedelnd angetrabt, setzte sich höflich zu mir, aber erwartete dennoch ausgiebig gestreichelt werden. Die Stute stupste auch den Hund am Kopf an. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, würde ich behaupten.
      “Nein, ich bin deinetwegen hier und die schaffen das”, grinste er und berührte vorsichtig den Nasenrücken von Lubi, als wäre es eine heiße Pfanne, an der man sich in nächsten Moment verbrennen würde. Zu sehen, dass er sich wirklich bemühte mit einer Sache in Kontakt zu treten, die ihm Angst einjagte, berührte mich. Tatsächlich griff er nach meiner Hand, als es zum Stall ging, der Weg war kurz, aber wirkte mit ihm so vertraut. Zum Glück hatte ich ihn gefragt, ob er herkäme.
      Im Stall setzte sich Erik auf eine der Bänke, während ich die Bandagen vorsichtig entfernte. Für Bilder waren die Dinger ein Hingucker, aber zum Reiten würde ich Fesselkopfgamaschen befestigen. Das bedeutete natürlich, dass ich welche in Olivgrün finden müsste, die orange Akzente haben. Vielleicht würde eine der Wühlkisten eine Überraschung für mich bereithalten! Herr Holm brachte die Futterschüssel in ihre Box und verabschiedete sich, denn er hatte noch einen Termin.
      „Tut mir leid Vriska, dass wir uns noch nicht vorgestellt haben“, sagte eine bekannte Stimme und ich drehte mich um. Hinter mir stand die ernst dreinblickende Dame von der Bande, nun deutlich entspannter. Tatsächlich lächelte sie sogar. Neben ihr stand ein Mann, der wohl ihrer sein wird. Höflich gab ich die Hand und hörte weiter zu.
      „Wir sind die Westerdahl. Uns gehört das Pferd.“
      „Annas Eltern. Wir wollen uns auch noch für den schlechten Start mit unserer jüngsten Tochter entschuldigen. Sie ist nicht einfach. Deswegen entschieden wir, dass sie mehr Energie in ihr anderes Hobby stecken soll. Das Eiskunstlaufen“, fügte Herr Westerdahl freundlich hinzu. Ich nickte nur.
      „Wir haben so viel Geld in die Ausbildung dieses Pferd gesteckt, deswegen soll es weiter im Sport laufen. Die Trainer baten wir, jemanden zu finden, der Lubi vorstellt. Und wir würden uns freuen, wenn du das tun könntest“, bot Frau Westerdahl an. Innerlich entbrannte ein Feuerwerk aus Gefühlen, dieses wunderbare Pferd sollte unter meiner Führung auf den Turnieren laufen. Also egal, ob ich zu den Ersatzreitern berufen werden sollte, ich konnte Lubi zunächst an meiner Seite haben. Glücklich bedankte ich mich tausendmal, dann drehten sich die beiden um und verließen den Stall. Jedoch drehte sich der Herr noch einmal um und sagte: “Du kannst Lubi natürlich mitnehmen. Wir kennen euren Hof und der ist zugegebenen Maßen besser ausgestatteter als dieser hier. Aber stell dich darauf ein, dass wir schauen kommen.” Herr Westerdahl war ziemlich freundlich. Wir sprachen noch ab, wie es ablaufen würde und er war sogar einverstanden damit, dass ich sie heute noch mitnahm. Nur das wichtigste sollte heute mitkommen, den restlichen Kram würde er in den nächsten Tagen vorbeibringen.
      “Bist du jetzt glücklich, mein Liebling?”, erkundigte sich Erik, der mit Trymr auf mich zukam. Hektisch nickte ich nur, denn mir fehlten wirklich die Worte. Dann legte ich meine Arme um seinen Hals, freute mich einfach, ihn bei mir zu haben.

      Niklas
      In dem Stalltrakt der Ponys schaltete ich das Licht, das mit einem Klirren erhellte. Neugierig streckten die Tiere ihre Köpfe durch die Öffnungen der Boxen. Die Kleine tapste ungeschickt durch den Stall und klammerte sich fest an meiner Hand. Dabei murmelte sie unverständlich, aber hatte es äußerst eilig zu endlich mehr Ponys zu sehen.
      > Vi har någon i din storlek
      ”Wir haben jemanden in deiner Größe”, lachte ich und führte sie zu Polka, die in einer der hintersten Boxen stand zusammen mit einer größeren Schimmelstute. Die beiden gehörten jemanden aus der Jugendklasse. Sie war offen dafür, wenn jemand etwas mit der gepunkteten Stute machen wollte. Somit war es die Chance für Fredna etwas zu reiten. Ich drückte ihr das Halfter in die Hand, ging in die Hocke und half dabei Polka aufzuhalftern. Das Stütchen wieherte in höchsten Tönen, konnte es gar nicht abwarten aus der Box hinauszudürfen. Währenddessen versuchte ich herauszufinden, was die Kleine bereits alles wusste und sich auch ausdrücken konnte gegenüber den Pferden. Lächelnd sah ich zwischendurch zu Lina, die von einem der Ponywallache an der Schulter besabbert wurde und die Situation sichtlich erheitern empfand. Sie strahlte über das ganze Gesicht und schob ein Leckerli nach dem anderen in das Pony neben ihr hinein.
      > Vad heter ponnyn?
      „Wie heißt das Pony?”, stammelte Fredna heiter und bürstete noch immer dieselbe Stelle am Hinterbein, wie die vergangenen Minuten.
      > Hon heter Polka.
      „Sie heißt Polka”, antwortete ich langsam und zeigte ihr, dass das Pferd auch an anderen Stellen sauber werden sollte. Wirklich dreckig war sie nicht, aber trotzdem erklärte ich ihr möglichst simpel, welche Stellen am Körper besonders sauber gemacht werden sollten, damit es zu keiner Verletzung kommt.
      Als ich das Sattelzeug holte, passte Lina wieder auf meine Nichte auf. Dass dieser Typ es wirklich schaffte, so ein niedliches Kind in die Welt zu setzen, verunsicherte mich seit je her. Natürlich trug auch Moa ihren Teil dazu bei. Blöderweise hatte ich die beiden damals einander vorgestellt und ziemlich schnell wurde mehr daraus. Das praktisch genau das wieder passierte, musste wirklich mein Schicksal zu sein. Ich wusste einiges aus der Zeit der beiden, was vermutlich auch daran lag, dass ich sehr neugierig war. Es ging mich nichts an, aber Moa war offen und sehr gesprächig, plauderte gerne aus dem Nähkästchen, was ich mir zunutze machte.
      In dem Chaos dieser Sattelkammer fand ich den Kindersattel der kleinen Stute nicht, aber ein dickes Pad und einen Longiergurt mit Griff, was für Fredna reichten würde. Als ich wieder kam, begann sie herzlich zu lachen. Mir wurde warm ums Herz.
      “Es ist schon ziemlich unfair”, sagte ich zu Lina und wechselte Frednas Pudelmütze gegen einen Reithelm.
      “Wovon sprichst du? Was ist unfair?”, fragte sie sanft nach und kraulte dabei die flauschigen Ohren der kleinen Stute.
      “Oh, habe ich das laut gesagt? Ich denke gerade darüber nach, wie jemand, wie Erik so ein tolles Kind haben kann. Sie ist fabelhaft”, sprach ich aus. Fredna verstand uns sowieso nicht, also konnten wir offen sprechen. Gleichzeitig hob ich sie vorsichtig auf den Rücken und drückte ihr die Zügel in die Hand, die ich am Halfter fest machte. Fröhlich lachte sie wieder und bedankte sich sogar. Dann begann die Reise nach draußen.
      “Ja, das ist sie, so ein zauberhaftes Kind. Die guten Gene müssen wohl in der Familie liegen, deine Kinder werden sich auch mal so toll”, lächelte Lina warm.
      “Erinnere mich nicht daran, dass der zur Familie gehört. Es reicht schon, dass er uns immer mehr auseinandertreibt. Und Kinder, vermutlich wohl nicht mehr”, gab ich zu bedenken. Während Lina noch nach einer Antwort suchte und verloren in der Weltgeschichte sich umblickte, musterte ich Fredna, die außergewöhnlich sicher auf dem Rücken des Pferdes saß. Ihre kleinen Beinchen hingen auf dem Pad, aber ihren Rücken streckte sie gerade nach hinten, hielt sich gleichzeitig noch an dem Griff des Gurtes fest. Ich half ihr, die Zügel etwas mehr in die kleinen Hände zu nehmen und das Gleichgewicht zu finden. Schon nach einigen Metern saß sie sicher, ohne den Griff zu halten. Lina hatte sich auf der anderen Seite positioniert, um sie gegebenenfalls abzufangen. Runde um Runde drehten wir über den Platz, der mit Schnipseln bedeckt war und an uns fegte kalte Luft entlang. Ich hätte mir die dickere Hose anziehen sollen, auch meine Füße kühlen langsam ab. Die Müdigkeit trug wohl den Rest dazu bei, denn ich hatte meiner Freundin noch nicht erzählt, dass ich nach dem Geburtstag ihres besten Freundes nur noch etwas gegessen habe zu Hause und eine halbe Stunde bereits um drei Uhr dreißig mich zum Dienst meldete. Schichtbeginn war vier Uhr, somit habe ich seit mehr als einem Tag nicht geschlafen. Die Reaktionsfähigkeit ließ langsam wirklich nach, obwohl zwei meiner Getränke reine Pre-Booster waren mit jeweils hundertfünfzig mg Koffein, äußerst ungesund, aber anders hielt ich mich nicht mehr wach.
      “Wohl nicht mehr? Was redest du da eigentlich? Du bist gerade einmal sechsundzwanzig, aber klingst, als wäre dein Leben schon nahezu vorbei.” Verwirrt blickte sie mich an.
      “Mit dir habe ich doch alles, was ich brauche”, schmunzelte ich. Der Wind kroch immer mehr unter meine Kleidung und erreichte nun auch den nasskalten Schweiß auf meinen Rücken, der sich schon bei dem bloßen Gedanken an Kinder mit ihr ergoss. Ich wusste nicht, ob sie welche wollte oder für so viel bereit war.
      “Ach, du bist süß”, lächelte sie verlegen und ich bemerkte, wie ihre Ohren rot wurden. Mir war es immer noch ein Rätsel, warum sie sich mit Komplimenten so schwertat. Plötzlich kreischte Fredna freudig, als Polka ein wenig übermütig antrabte. Sofort hatte Lina die Hand am Zügel und bremste das Pony wieder aus.
      > Även om det är roligt kan du inte vara så högljudd med en ponny, Fredna. Hästar är rädda för buller.
      „Auch wenn es Spaß macht, bei einem Pony darfst du nicht so laut sein, Fredna. Vor Lärm haben, Pferde nämlich Angst”, erklärte sie dem Kind sanft. Mit großen Augen nickte das kleine Mädchen und fragte, ob sie noch mal schneller reiten dürfte. Sie wirkte so sehnsüchtig, zum gleichen Teil auch frei und unbeholfen. Manchmal wünschte ich mir auch noch einmal so naiv sein zu können.
      > Ja, förstås, men håll ut och kom ihåg att vara tyst
      ”Ja klar, aber halte dich fest und denke daran, schön leise bleiben”, erwiderte sie dem Kind und trabte das Shetty langsam an, nachdem sie sichergestellt hatte, dass Fredna sich festhielt. Für ihr Alter saß die Kleine erstaunlich sicher auf dem Rücken des Ponys. Lina wirkte so vertraut im Umgang mit dem Kind umging, als würde sie das jeden Tag machen. Freudestrahlenden kam sie nach einer halben Runde wieder zurück mit meiner Nichte.
      „Lina, ich habe eine Bitte an dich“, setzte ich nach einem Moment der Stille an. Aufmerksam drehte, blickte sie hoch zu mir. In dem kalten Licht der Fluter leuchteten ihren Augen noch mehr als sonst. Kurz erstarrte mich, verlor mich in Gedanken und kam erst durch Frednas Jammern wieder in der Wirklichkeit an. Linas sonst so guten Zöpfe, sahen zerfetzt aus und durcheinander, als wäre der Tag kein leichter gewesen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie schwer sie es haben musste und vor allem mit mir, jemanden, der zwar gern ihn ihrer Nähe war, aber lieber auf Abstand blieb. Abstand, den ich brauchte, um nicht verletzt zu werden.
      „Pass auf Fredna auf … und vor allem auf Vriska, tust du mir den Gefallen?“, bat ich sie hochachtungsvoll, meinte sonst so souveräne Stimme zitterte bei einigen Worten. Als wusste ich nicht genau, was ich damit bezwecken wollte.
      “Ja, natürlich”, bestätigte sie verständnisvoll. Ich setzte Fredna am Boden ab. Nach der kleinen Trabeinlage führten wir sie noch zwei Runden, bevor es zurück in den Stall ging. Langsam schwand ihre Konzentration und an den kleinen Beinen begann sie zu zittern.
      „Ich meine das ernst, verstehst du? Wirklich. Es ist gefährlich“, gab ich erneut zu bedenken. Erik hatte sich in wirklich ernsthafte Schwierigkeiten gebracht, zumindest wenn man es als Außenstehender betrachtet und Vriska zog er hemmungslos mit hinein. Ich musste dafür sorgen, dass sie sich von ihm abwendete, auch wenn es nur eine Möglichkeit dafür gab. Bei dem Gedanken daran, gefiel mir die Idee ganz gut, doch als es komplett vom Hirn verarbeitet wurde, konnte es kein gutes Ende haben – Für uns beide.
      „Was ist gefährlich? Ich verstehe nicht warum …, aber wenn es dir so wichtig ist, werde ich definitiv mein Bestes geben“, antworte Lina irritiert, aber aufrichtig. Mich beschlich dennoch das Gefühl, dass sich meine Angst nicht für voll nahm, was vermutlich auch an meinem monotonen Tonfall lag, den ich besonders bei unangenehmen Situationen aufsetzte.
      „Er ist in seltsamen Kreisen unterwegs, sonst hätte Moa ihn nicht verlassen“, gab ich zu bedenken. Natürlich verstand Fredna, dass das der Name ihrer Mutter war. Ihr Gesicht begann zu strahlen und sie wurde hektisch. Keine gute Idee, denn Moa befand sich gerade in Japan und das noch für mindestens acht Wochen. Vielleicht verspürte ich auch deswegen dieses Gefühl, die beiden vor Schaden schützen zu müssen.
      „In seltsamen Kreisen …?“ Lina standen die Fragezeichen geradezu ins Gesicht geschrieben. Fredna begann nun quengeln nach ihrer Mutter zu fragen, die sonst eher wortkarg war und vor allem die Pferde im Satzsalat platzierte.
      “Ein Kult, wenn das so bezeichnen kann. Meine Familie ist da seit Jahrhunderten Mitglied und …”, für einen Moment stoppte ich, denn nicht nur Fredna wollte plötzlich auf meinen Arm, sondern auch Linas Blicke wurden eindringlicher. Sie brachte das Pony weg, während ich bestmöglich versuchte meine Nichte zu beruhigen.
      „Bis auf Opa und mir, sind da alle drin. Also aus meiner Familie. Und wie du bereits bemerkt haben wirst, mein kleinster Bruder und auch Ju hat es dorthin verzogen, in den extremen Kreis. Aktuell finden irgendwelche Rituale im Norden statt. Wir reden in einer ruhigen Minute mal drüber“, beendete ich das Thema, denn ich vernahm Vriskas Stimme, die mir wie ein Dolch in Bauch stach. Sie mit diesem zu sehen, so glücklich, konnte ich nicht zu lassen. Während Lina nur besorgt langsam nickte, brachte ich das Sattelzeug zurück in die Kammer. Einer der Eimer neben der Eingangstür flog im hohen Bogen durch den Raum und kam mit einem lauten Poltern auf dem kalten Betonboden auf.
      „Alles gut?“, fragte Lina beinah ängstlich. Ihre Worte zitterten, als wollte sie keine ehrliche Antwort bekommen.
      „Ja“, rief ich aufgesetzt freundlich und stellte das Ding zurück an seinen Platz, als das Sattelzeug zurück an seine Herkunft kam. Die Wut brachte mein Blut zu brodeln. Selten verspürte ich einen Rausch der Gefühle, zumindest nicht in dieser Art. Meistens hatte ich mich gut im Griff, neigte nur die eigene Perspektive als die richtige anzusehen, was wohl in der aktuellen Situation seinen Teil dazu beitrug. Ich kannte meinen Halbbruder nur bedingt, wusste, dass er ziemlich kalt sein konnte und distanziert, handelte nur im eigenen Interesse. Warte, halt. Somit verhielt ich mich auch wie er? Nein. Vriska war zerbrechlich, sensibel und argwöhnisch, und konnte äußerst heftige Stimmungsschwankungen haben.
      „Danke, dass ihr Fredna diese Möglichkeit gegeben habt“, bedankte sich Erik höflich mit einem breiten Lächeln, dass mir äußerst ironisch vorkam. Misstrauisch blickte ich zu ihm, nickte nur und stellte das Pony zurück in die Box.
      „Hilft mir jemand beim Verladen?“, fragte Vriska und ließ von Eriks Hand ab. Er sah kurz zu ihr, ehe er sich seiner Tochter widmete, die noch ihre Mutter sehen wollte. Tja, das hatte er versaut, wie so vieles.
      „Ich“, antwortete ich möglichst distanziert. Im selben Moment sahen sich Lina und Erik äußerst besorgt an, während Vriska loslief und die Handschuhe wieder über ihre knöchernen Hände zog. Ich folgte schnellen Schrittes, ohne auf den stummen Protest meiner Freundin einzugehen.
      „Soll ich reinfahren?“, fragte Vriska schließlich, als wir an dem Berg an Equipment standen, der sich vor Glymurs Einzelpaddock türmte. Wie kommt man so viel Kram besitzen für nur ein Pony, dass einem nicht gehörte? Einerseits freute ich mich, dass ich sie nicht mehr hier sehen würde so häufig, denn ich konnte mich dann besser auf die Beziehung mit Lina konzentrieren. Andererseits käme auch die Zeit, in der wir viele gemeinsame Aktivitäten haben würden, wenn die Turniersaison wieder ihre Vollen ausschöpft. Ich hoffte, dass ich dann mir im Klaren war, was ich wollte.
      „Wenn du das schaffst“, schmunzelte ich. Sie schnaubte und wühlte nach dem Autoschlüssel. Ich öffnete unterdessen das Tor. Galant stieg sie in das große Fahrzeug, ohne den Tritt zu verwenden. Obwohl die Autotür die Sicht versperrte, konnte ich mir bildlich vorstellen, wie ihre langen hellen Haare einen kleinen Sprung machten und sich ihr Po äußerst prachtvoll nach hinten bemerkbar machte. Der Schnitt ihrer Hose tat dabei den Rest. Stopp, ich sollte aufhören darüber nachzudenken.
      Aggressiv brummte das riesige Auto auf. Dann drehte Vriska auf dem Parkplatz und fuhr rückwärts auf das Gelände ein. Sie in so einem großen Ungetüm verwunderte mich dennoch ein wenig, denn man verlor sie beinah darin. Sie räumte alles ordentlich weg. Ich packte in der Zeit Lubi in der Box ein mit einer Decke und passenden Gamaschen. Dass Vriska nun diesen Riesen reiten würde, hätte ich mir keiner Welt vorstellen können. Doch das passierte wirklich, erinnerte ich mich. In der vergangenen Woche war bereits jemand da, aber sie kam überhaupt nicht mit Lubi klar, obwohl sich dieses Pferd alles andere als schwierig zeigt. Lubi wurde idiotensicher ausgebildet von Herrn Holm und auch ich ritt sie ziemlich häufig in der Anfangszeit. Aus der ängstlichen untergewichtigen Stute, die man für einen Spottpreis erworben hatte, kristallisierte sich ein selbstbewusstes Pferd heraus, dass enormes Potenzial in der Dressur zeigte. Leichtfüßig schwebte sie über den Platz, ein Pferd, auf das man sich in der jeder Situation verlassen lassen konnte, außer es lag ein Gartenschlauch in der Nähe.
      Ich führte sie heraus. Mit großen Schritten lief Lubi neben mir her, kaute genüsslich und spitzte die Ohren, als sie den Hänger sah. Etwas übermütig tänzelte sie. Dann legte ich den Strick auf ihren Rücken. Selbstständig stieg Lubi die restliche Rampe hinauf auf der Fahrerseite und widmete sich dem Heunetz. Vriska sah verblüfft im Wechsel zur Stute und zu mir.
      „Ein Traum“, schwärmte sie dann und holte Glymur vom Paddock. Bis auf Glocken an den Vorderhufen trug er nichts. Noch bevor ich eine gekonnte Antwort geben konnte, riss mich mein Handy aus den Gedanken. Für gewöhnlich vibrierte es nicht und nur wichtige Kontakte bekamen eine Ausnahme. So auch meine Mutti:
      > Vi kommer att få besök senare. Vill du laga mat eller ska Fjona göra det? Kyss.
      „Wir bekommen nachher noch Besuch. Möchtest du kochen oder soll Fjona das übernehmen. Kuss“, fragte sie diskret nach. Eigentlich wäre wieder mal Zeit, dass ich koche! Aber was für ein Besuch sollte das sein, der mitten in der Woche bei uns zum Essen käme?
      > Jag ska laga mat
      „Ich werde kochen“, tippte ich. Prompt kam schon eine Antwort.
      > Det är trevligt, men jag kommer inte att vara där. Varför frågar du inte din flickvän om hon också vill följa med?
      „Das ist schön, aber ich werde nicht dabei sein. Warum fragst du nicht deine Freundin, ob sie mitkommen will?“, schlug sie vor. Wenn Mama nicht dabei sein würde, bedeutete es, dass es Vaters Besuch sei. Meine Motivation zu kochen verflog im Winde, der kalt um meinen Nacken zog.
      > Låt oss se
      „Mal sehen“, verfasste ich als letzte Nachricht, bevor ich Vriska zu Hilfe eilte. Glymur weigerte sich kategorisch die Klappe zu betreten. Er stemmte seine Beine in den Boden und blieb wie angewurzelt auf dem Beton. Ich nahm ihr den Strick ab, führte ihn einige Meter den Weg entlang und führte ohne nach hinten zu schauen ihn auf die Klappe. Diesmal konnte man zumindest erahnen, wo es hingehen sollte, aber es hinderte den Schecken nichts daran, auch bei mir auf dicke Hose zu machen. Sowas liebte ich, dickköpfige Ponys, die nicht in den Hänger stiegen. Mit einem innerlichen Mantra erinnerte ich mich daran, dass das Pferd keine Schuld traf, sondern das fehlende Training an dem Problem. Viele Male setzte ich neu an, brach vorzeitig ab, damit er nicht wusste, ob ich nun hineingehen wollte oder nur daran vorbei. Mit dieser Technik gelang es mir nach geschlagenen zwanzig Minuten ihn auf die Beifahrerseite zu bekommen. Auch Glymur schnappte sich direkt das Heunetz und flirtete etwas mit der Stute, die ihm keines Blickes huldigte.
      “Bitteschön”, grinste ich provokant, nach dem Vriska nur regungslos dastand und nicht mal eine Höflichkeitsfloskel aussprach.
      “Du bist mein Held, danke”, sagte sie nun doch und lachte dabei. Ich wusste es. In dem Moment kamen auch die anderen dazu.
      “Interessant, dass man dich schon mit dem Verladen eines Pferdes beeindrucken kann”, überheblich trat der Lackaffe in den Vordergrund und führte seinen zumindest genauso arroganten Hund neben sich. Lina schien nicht so sicher zu sein, was das für eine Konversation werden sollte und schwieg.
      “Der wollte eben nicht rein”, wunderte sie sich über ihn und öffnete das Auto, einer nach dem Anderen verschwand im Fahrzeug, bis nur noch Lina vor mir stand. Sie wirkte unsicher, als würde sie nicht, was sie auf dem Hof zu suchen hatte. Obwohl ihre Augen ganz klar in meine Richtung sahen, starte sie vielmehr in die Leere. Langsamen Schrittes lief ich auf sie und lege ich sanft meine Hände auf ihrer Taille ab. Erst jetzt regt sich etwas.
      “Du musst nun gehen mein Engel”, schmunzelte ich und setzt einen Schmollmund auf.
      “Ähhm, ja sieht wohl danach aus”, murmelte sie und blickte nun wieder mit klaren Augen an. “Ich wünschte mir, ich könnte noch länger bei dir bleiben. Wir sehen uns immer nur so kurz”, fügte sie mit einem schwachen Lächeln hinzu.
      “Wir bekommen nachher Besuch zum Abendessen, wenn du möchtest, lasse ich dich abholen”, schlug ich vor.
      “Das ist ein echt netter Vorschlag, aber ich habe Vriska bereits versprochen, dass ich heute Abend auf Fredna aufpasse”, seufzte meine Freundin ein wenig betrübt. Langsam nickte ich und legte meine Hand an ihr Kinn, um es vorsichtig nach oben zu schieben. Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen.
      “Ich werde sehen was ich tun kann diese Woche”, versuchte ich sie aufzumuntern und griff routiniert in meine Hosentasche, um mein Handy herauszuziehen. Ich wendete den Blick von ihr und starrte auf dem zu hellen Display. Noch immer hatte ich Joanna als Hintergrundbild, wie sie auf meinem Herzenspferd posierte. Vielleicht wäre es Zeit, ein anderes Bild zu wählen. Dann entsperrte sich das Gerät und aus der Galerie suchte ich den aktuellen Dienstplan. Wir hatten eine Art Dienstreise nach Malmö für zwei Tage, die ich nicht nur vergessen hatte, sondern bewusst verdrängt. Um fünf Uhr war Treffpunkt am Standort, somit würden die nächsten Tage nicht zur Verfügung stehen, aber danach hatte ich frei, denn am Wochenende wurden wir eingeteilt bei einem Fußballspiel präsent zu sein.
      “Wenn du möchtest gehen wir Freitag zusammen Ausreiten und dann lade ich dich ein. In Torsås gibt es eine wunderbare Pizzeria. Wir fahren ein Stück dafür, das lohnt sich”, bot ich freundlich an und steckte mein Handy zurück.
      “Freitag ist super, das klingt ganz hervorragend.” Ein freudiges Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus und brachte ihre Augen zum Strahlen.
      “Dann schreiben wir noch mal, morgen muss ich nach Malmö für zwei Tage”, informierte ich sie noch flüchtig und drückte meine Lippen auf ihre. Der Kuss war weit entfernt von brennender Lust und Begierde, viel mehr handelte es sich um eine Handlung aus Prinzip, die kurz anhielt und nun mal zu einer Beziehung gehörte. Schneller als es mir lieb war, entfernte sich Lina von mir und stieg auf der Rückbank ein. Sehnsüchtig sah ich dem davonbrausenden Gespann nach, bevor es zum Training ging. In einer halben Stunde würde ich ersten der Jugendtruppe kommen, um in der Halle von mir Unterricht zu bekommen. Schnellen Fußes lief ich zum Haus und zog mich um.

      Lina
      Im Auto herrschte eine seltsam gedämpfte Stimmung. Vriska starrte konzentriert auf die Straße und reagiert nur reserviert auf Eriks Kommunikationsversuche, bis nur noch unangenehmes Schweigen zwischen den beiden herrschte. Immerhin war Fredna eingeschlafen, weshalb keine Disney Song aus dem Radio dudelten. Das einzige Lebewesen in diesem Auto, was halbwegs erquickt, wirkte, war Trymr. Unaufhörlich versuchte der gigantische Hund auf meinen Schoß zu krabbeln, was weder das Platzangebot des Autos, geschweige denn dem meines Schoßes hergeben würde. Ganz abgesehen davon, dass das Ungetüm auch viel zu schwer für solche Faxen war. Der Hund und ich schlossen schließlich den Kompromiss, dass er seinen Kopf auf meine Beine legen durfte, der Rest von ihm aber blieb, wo er hingehörte. Eigentlich war froh über die Gegenwart des Hundes, denn sein fusseliges Fell unter meinen Fingern, fand ich ungemeinen hin beruhigend. Von außen betrachtet könnte man meinen, dass dieser Nachmittag ziemlich gut verlaufen war. Vriska hatte ihr Vorreiten gemeistert, ich hatte meinen Freund gesehen und Frednas unstillbare Sehnsucht nach Pferden konnte zumindest für ein paar Stunden gestillt werden. Es fühlte sich allerdings nur bedingt an, als sei alles perfekt gelaufen. Irgendetwas an diesem Tag verunsicherte mich. Verzweifelt versuchte ich zu verstehen, wo dieses Gefühl herkam, was der Auslöser dafür war. Aber je mehr ich darüber nachdachte, umso frustrierender wurde es, ich kam einfach nicht an die Lösung. Resigniert starrte ich aus dem Fenster, wenn nicht mal ich mich verstand, würde das wohl niemand können.
      Draußen flog die in die Dämmerung gehüllte Landschaft vorbei. Sobald wir den Highway verließen, kam uns kaum noch Autos entgegen, nur hier und da leuchtete ein Licht durch ein Fenster, die restliche Umgebung lag verlassen dar. Nicht mal Tiere schien in den abendlichen Wäldern unterwegs zu sein. Auf einmal hatte anstatt der Schnauze eine Pfote auf dem Bein liegen. Genervt wollte ich die Pfote wegschreiben, da ich dachte, Trymr wollte wieder anfangen auf meinen Schoß zu krabbeln, doch da sah ich den Blick des Hundes. Mit leicht angelegten Ohren sahen mir große, bekümmerte Hundeaugen aus dem schmalen Gesicht entgegen. Der sensible Vierbeiner hatte wohl meine Stimmung wahrgenommen und versuchte irgendetwas dagegen zu unternehmen. Ein klein wenig musste ich schmunzeln, als der Hund mich nun mit einem Stupser seiner Schnauze aufforderte ihn zu streicheln. Man könnte fast glauben, jemand hätte Divine genommen und ihn in ein Hundefell gepackt, denn genau das war es, was mein Pferd auch immer tat. Der graue Hund stellte sich lediglich ein wenig geschickter dabei an. Sanft strich ich dem Hund über den Kopf, unfassbar wie genau die Tiere uns Menschen lasen.
      Monumental tauchte der Hof in der Ferne auf. Die modernen, leuchtenden Gebäude bildete einen eigenwilligen Kontrast zu der den Hof umgebenden Natur, die nur noch dunkle Silhouetten erkennen ließ. In den letzte 3 Wochen war ich noch nie so froh gewesen diesen Hof zu sehen, denn es bedeutete der negativen Stimmung in diesem Auto entfielen zu können.
      Kaum stand das Auto, riss ich auch schon die Tür auf, um das Gefährt zu verlassen, gefolgt von einem gigantischen grauen Schatten. Erwartungsvoll stand der Hund vor der Fahrertür und wartete, dass sie sich öffnete. Frösteln stand ich neben ihm und zog den Pulli enger um mich herum. Es fühlte an, als sei es noch kälter geworden als vorhin. In dem Moment, wo sich die anderen Autotüren öffneten, ließ eins der Pferde ein ungeduldiges Wiehern auf den Hänger hören, von irgendwo her ertönte auch sogleich eine Antwort.
      Noch bevor Trymrs Herzenswunsch in Erfüllung ging, stieg Erik aus dem Wagen und legte mir kommentarlos seinen Mantel über die Schultern. Dann begann das Geheule des Hundes, als auch sie endlich die Tür öffnete. Mit einem Wort unterbrach das Herrchen seine Freude, denn Fredna schlief noch immer im Auto und niemand wollte sie wecken, wofür es genügend Gründe gab.
      “Soll ich dir beim Ausladen helfen?”, stellte ich Vriska die wohl unnötigste Frage überhaupt, um das unangenehme Schweigen zu brechen. Der Hund stand mit aufgeregt pendelnden Schwanz neben ihr und bemühte sich seine Freude leise auszurücken, bekam dafür aber keinerlei Beachtung.
      “Das wäre super, ich schätze beide müssen in den Stall. Vorher müssen wir noch eine weitere Box einstreuen, denn mit solch hohem Besuch wie Lubi, hatte ich heute nicht mehr gerechnet und …”, Vriska stoppte mitten im Satz und sah auch wieso. Tyrell kam zu und musterte die gesamte Situation ausgiebig.
      “Kann mir einer verraten, was das hier werden soll?”, neigte er seinen Kopf von der einen Seite zur anderen. Seine Stimmte hatte etwas Mächtiges, beinah Angsteinflößendes, wenn er nicht lächeln würde wie ein Honigkuchenpferd. Mir fehlten die Worte, denn was wusste ich schon. Glücklicherweise trat Vriska direkt in den Vordergrund und erklärte ihm alles. Am Anfang dachte ich, gleich würde einer von uns die Kartoffeln von unten wachsen sehen, doch dann bot er sogar seine Hilfe an und lief zurück in den Stall und streute für den Ehrengast extra die großen Späne.
      “Versprich mir nur eins, Vriska”, sagte er noch, “Bleib wie du bist und denk dran, wo du herkommst.” Dann verschwand er im Dunkeln. Dass Erik ihn bei dem ganzen Gespräch misstrauisch beäugte, entging mir nicht.
      Während ich mich an der Hängerklappe zu schaffen machte, fragte ich: “Laden wir Glymi oder Lubi zuerst aus?”
      “Glymur natürlich, für den ist schon alles vorbereitet und ich habe mit Kreide seinen Namen auf das Boxenschild geschrieben. Du findest das schon”, sagte Vriska überzeugt und schob den Hengst langsam hinaus, nach dem ich noch die Stange entfernte und im sicheren Abstand zur Klappe platzierte. Ich nahm den Strick des Schecken entgegen und führte ihm zum Stall. Ein wenig aufgeregt aber brav tippelte er neben mir her. Neugierig blickten mir zahlreiche Pferdeköpfe entgegen. Auch Glymur spitzte seine Ohren, blieb stehen und ließ ein kräftiges Wiehern hören.
      "Na komm", sprach ich zu dem Isländer und zupfte an seinem Strick, "da wartet eine schöne Box mit leckerem Heu auf dich." Tatsächlich setzte sich das Pferdchen wieder in Bewegung und folgte mir in die Box. Neugierig ging der Hengst ein paar Mal im Kreis, bevor er begann am Heu zu knabbern. Sein Halfter hängte ich vor seine Box, bevor ich zu den anderen beiden zurückkehrte.
      “Lina, wollen wir Fredna schon mal zu euch hochbringen? Vriska schafft das sicher hier ohne uns”, schlug Erik entschlossen vor und wartete meine Antwort nicht einmal ab. Langsam öffnete er die Seitentür und hob seine schlafende Tochter aus dem Kindersitz. Sie rührte sich nicht, aber war ganz klar tief am Schlafen. Vriska stand nur da und machte mehrere tiefe Atemzüge, ehe sie sich kopfschüttelnd von uns abwendete und Lubi aus dem Anhänger holte. Was war das denn wieder für eine Aktion? Auch ich schüttelte mit dem Kopf. Das ganz nachzuvollziehen probierte ich lieber gar nicht erst, würde es mir vermutlich ohnehin ein Rätseln bleiben.
      Mit einem leisen Seufzer setzte ich mich in Bewegung, lief mit Erik, dem natürlich auch Trymr folgte, zu meiner Wohnung. Kaum hatte ich die Tür aufgeschlossen, quetschte sich der Hund begeistert hindurch, noch bevor sie ganz offen war.
      “Ich sehe, du hast Besuch mitgebracht”, begrüßte meine Schwester uns freundlich. Wie selbstverständlich hatte Trymr sich mit auf das Sofa begeben und tat nun alles dafür, dass ihm jemand den Bauch kraulte. Er rollte dabei so schnell herum, dass ich dachte, dass er gleich vom Sofa fiel.
      “Komm doch rein”, wand ich mich freundlich an Erik, der im Gegensatz zu seinem Hund auf eine Einladung wartete, und trat beiseite, damit er eintreten konnte.
      “Dankeschön”, trat er ein und musterte alles sehr genau, “Ich sehe schon, Trymr wird kein Problem haben, auch hier bleiben zu dürfen? Um ehrlich zu sein, fahren wir zwar Essen, aber dort ist eine läufige Hündin und … Ich würde dem gern aus dem Weg gehen.”
      “Klar, kein Problem. Er scheint sich ja bereits häuslich eingerichtet zu haben”, erwiderte ich schmunzelnd. Hunde durfte man fast noch ein wenig lieber bei mir abgeben als Kinder, besonders dann, wenn sie so niedlich waren wie das graue Fusselmonster.
      “Wunderbar, ich weiß allerdings noch nicht, wann wir wieder da sein werden und ich möchte euch ungern mitten in der Nacht aus dem Bett jagen”, umschrieb er seinen Wunsch, seine Finger zitterten ein wenig, obwohl Erik sonst sehr sicher und gefestigt wirkte. Was auch immer es war, was ihn so aufwühlte, ein wenig Freiraum würde sicher nicht schaden.
      “Schon gut”, lächelte, ich ermunternd, “hol die beiden einfach morgen ab, wir kommen sicher miteinander klar.” Für eine Nacht würde ich mit einem Hund und einem Kleinkind schon klarkommen und schließlich war Juliett ja auch noch da.
      “Wenn doch etwas ist, ruf an”, sagte er und griff nach einer Visitenkarte aus seiner Brusttasche und legte sie auf dem Tisch ab. Zum Abschied strich er seinem Hund über den Kopf, der nur wehleidig nach oben blickte und bereits begriffen hatte, dass sein Herrchen nun wieder verschwinden würde. Fredna bekam einen liebevollen Kuss auf die Stirn und dann schloss er leise die Tür hinter sich. Alles, was von ihm blieb, war eine undefinierte Geruchsmischung von Pferd und Parfum, dass wie unangenehmer Cocktail in der Luft schwebte.
      Das immer noch schlafende Kind brachte ich ins Bett, dort würden wir sie am wenigsten stören. Sanft deckte ich das kleine Mädchen zu, nachdem ich ihr vorsichtig Jacke und Schuhe ausgezogen hatte. Unglaublich wie tief ein Kind doch schlafen konnte. Für einen Moment hielt ich inne und betrachte Fredna. Ihr Anblick war herzerwärmend, wie sie friedlich da lag mit ihrem Kuscheltier im Arm. Das kleine Mädchen sah schon fast aus wie ein kleiner Engel, ein Engel, welcher noch nichts wusste von all den bösen Dingen, die in der Welt lauerten. Dennoch musste die Kleine schon einiges miterleben, was ihr kindlicher Verstand noch gar nicht erfassen konnte. Eine Trennung war hart für ein Kind, gerade dann, wenn ein Elternteil plötzlich verschwand. Ich selbst war nicht viel älter gewesen, als meine Mutter mich verließ. Ich erinnerte mich nicht an viel aus dieser Zeit, kannte eigentlich nur das, was meine Geschwister von meiner Mutter erzählen und ihr Gesicht kannte ich nur von den wenigen Fotos, die existierten. Ich wusste lediglich, dass für mich eine Welt zusammenbrach, als ich verstand, dass meine Mutter nicht mehr zurückkehren würde und dass danach eigentlich alles falsch lief, was nur falsch laufen konnte. Umso dankbarer war ich meinen Geschwistern, besonders Juliett, dass sie mich auffingen. Ohne die beiden wäre ich vermutlich nicht der Mensch, der ich heute bin.
      Für Fredna wünschte ich mir wirklich von ganzem Herzen, das ihr Vater alles versuchen würde, um das beste aus der Lage zu machen. Ich hoffe was auch immer es war, was Niklas Sorgen bereitete, dass Erik den richtigen und vernünftigen Pfad einschlug, für Fredna und auch für Vriska. In diesem Moment spürte ich ganz tief in mir, dass ich alles mir Mögliche tun wollte, was dazu beitrug, dass es Happy End nehmen würde.

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    stall.
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  • Zuchtname: Glymur
    Rufname: Glymi

    Aus der: Elding
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Hýreygur
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
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    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 11. Juli 2009
    Farbe: Smokey Black Schecke Splash
    Abzeichen: Scheckungsbedingt (Kopf und Beine)
    Stockmaß: 145 cm

    Charakter:
    Glymur ist ein Traum von Pferd. Er hat butterweiche Gänge, die jedoch mit einer hohen Knieaktion versehen sind und raumgreifend sind. Seine beiden zusätzlichen Gangarten Pass und Tölt sind beide von sehr guter Qualität. Im Alltag ist er ein wahrer Gentleman und stets bei der Sache. Jedoch braucht er eine Bezugsperson, mit der er durch Dick und Dünn gehen kann, dann ist er das perfekte Pferd.Momentan befindet er sich in einer Umschulung zum Western, da er bald schon Teil des ersten Equestrian Drill Teams auf Joelle sein wird. Hierbei geht es um eine Quadrille, die gespickt mir Westernlektionen ist. Glymur hat aufgrund seiner Intelligent viel Spaß an der Arbeit und zeigt gute Eignungen.
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    Gencode: EE aa nCr nSty nT nSpl
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 8,78
    Nachkommen: -

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    HK 466
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    Dressur: L / L
    Springen: E / A
    Military: E / A
    Fahren: E / E
    Rennen: -
    Gangreiten: E / S
    Western: E / A
    Distanz: -

    Gänge: 5

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    184. Militaryturnier (28.05.2014)

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    183. Militaryturnier (07.05.2014)

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    205. Fahrturnier (22.06.2014)

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    267. Springturnier (26.09.2014)

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    257. Springturnier (30.06.2014)

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    11. Gangturnier (25.10.2014)

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    9. Gangturnier (05.08.2014)


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    64. Synchronspringen (26.11.2014)

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    286. Springturnier (05.12.2014)

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    294. Dressurturnier (28.11.2014)
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    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: Unbekannt
    VKR: Elii
    Ersteller: Elii
    Punkte: Gekört
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