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Mohikanerin

// Glymur

Hengst | Gekört | (c) Elii

// Glymur
Mohikanerin, 6 März 2020
    • Mohikanerin
      Nationalteam X | 12. April 2021
      HMJ Divine // All Hope Is Gone // Crystal Sky //Legolas // Elf Dancer // Saturn // Mas’uda // Sunny Empire // LMR Ice Rain// Nathalie
      Satz des Pythagoras // Northumbria // St. Pauli’s Amnesia // Kempa // Glymur
      Checkpoint


      Hannes
      Ist es eigentlich so schwer einfach mal keine Probleme oder Drama zu haben? Alles, was ich die letzten Tage mitbekommen habe, war mir einfach zu viel. Immer war irgendwo Stress und wenn nicht, lag eine unangenehme Stille in der Luft, aber niemand wollte so wirklich mit der Sprache rausrücken - eigentlich ist es mir doch egal, oder? Jaja da kommt es wieder der kleine unbeachtete Bruder, der zwar von den Eltern, sofern man sie so nennen kann, geheiligt wurde, aber dem Rest ziemlich am Arsch vorbeiging. Niklas kleiner Anhänger, nett waren sie immer zu mir, doch wirklich mit mir zu tun haben oder geschweige mir etwas anvertrauen wollten sie nie. Die einzigen Ablenkungen von dem ganzen Trubel waren die Pferde, weshalb ich mich morgens meistens gleich zu den Pferden begab, doch heute war es bereits hier schon voll. “Morgen”, grummelte ich, um zumindest höflich zu sein und verschwand in Checkpoints Box. “Na Dicker, haste auch so gute Laune wie ich heute?”, fragte ich ihn ironisch. Vriska und Lina habe ich bereits gesichtet, da kann Niklas ja nicht weit weg sein, dachte ich im Stillen und wollte mich schon fast selbst für diesen bösen Gedanken ohrfeigen.

      Niklas
      „Godmorgon. Vakna, älskling”, hörte ich Chris im Halbschlaf zu mir sagen, eh ich sein verschwitztes Shirt ins Gesicht geworfen bekam.
      „Det är bra“, murmelte ich genervt und warf ihm zielsicher sein Oberteil ins Gesicht. Er lachte und ging ins Bad. Mein erster Blick widmete sich meinem Handy. Es war kurz vor 8 Uhr und müde ließ ich mich wieder auf das Kissen fallen, dann zog ich die Decke hoch und wünschte mich in den Schlaf zurück. Unverständlich erzählte er etwas aus dem Nebenzimmer und hinderte mich intensiv daran, wieder im Land der Träume zu landen. Genervt warf ich die Decke von mir und betrachtete die morgendliche Überraschung.
      “Vielleicht solltest du rüber zu deiner Angebeteten”, scherzte Chris, während er seine Zähne putzte.
      “Nej, jag tror inte det”, antwortete ich ihm und zog mir die Sachen vom Vortag über. Ich verabschiedete mich von Chris und lief zu Ju. Im Zimmer waren die Beiden ziemlich beschäftigt einander Komplimente zu machen und wach zu küssen. Ungeachtet dessen, nahm ich mir Kleidung von der, die ich gestern wusch. Die Wahl fiel auf das graue Polo und meiner dunkelgrauen Reggings, darüber zog ich helle Strümpfe. Bis zum Frühstück blieben noch fast zwei Stunden, so könnte ich eine Runde durch den Wald mit Smoothie. Ich wollte gerade die Tür schließen als Ju noch etwas sagte. Drehte mich um und blickte zu den Turteltauben in dem deutlich zu schmalem Bett.
      „Holmi hat geschrieben, dass die Pferde heute jeder selbst auf die Weide bringt. Könntest du dann Amy mit rausstellen?“, fragte er freundlich. Ich stimmte zu, drehte mich um und wollte wieder die Tür schließen als Linh mich dieses fragte für Móra. Auch das bejahte ich und ging endgültig. Somit hatte ich jetzt vier Pferde zu verpflegen. Humbi steht eh dauerhaft draußen, brauchte, aber sicher neues Heu. Also würde ich erst die anderen beiden rausbringen, bevor ich die geplante Runde mit meiner Schimmelstute drehen würde. Am Anfang der Stallgasse stand der Heuballen, an dem ich mich großzügig bediente. Ich hörte meine Stute bereits aufgeregt wiehern, nach dem ich das Heunetz an mich nahm zum Befüllen. Wenn’s um Futter ging, konnte Humbria wirklich aufdringlich sein, obwohl sie Leckerlis bis heute eher skeptisch betrachtet. Doch dieses Heu schien etwas Magisches zu haben. Innerlich hoffte ich, dass der sie den Flug in einigen Tagen gut überstehen würde, denn bisher kannte sie nur Kanada. Schweden war klimatisch ähnlich, aber qualitativ anders. Besonders spannend zeigte sich Smoothie. Die Weide in der Heimat wachsen großartig mit saftigem Gras, doch hier explodierte sie förmlich, was mit erklärte, warum einige Pferde hier am Hof ziemlich wohlgenährt aussahen. Im Stall vernahm ich Stimmen, die mir bekannt waren. Doch vor mir standen einige Aufgaben, die ich zu erledigen hatte. Als Erstes bekam mein Zappelphilipp sein Heu und dann holte ich Amy und Móra aus den Boxen. Zickig schnappten sie zueinander.
      „Benehmt euch. Eure Besitzer finden einander großartig“, tadelte ich die Pferde führte sie energisch raus aus dem Stall. Mit der einen zur linken und der anderen zur rechten lief ich den sandigen Weg herunter, der zur Koppel führte. Der feine Sand fand sein Weg in die Schuhe und vor allem in meine Strümpfe, was alles andere als angenehm war. Nach meiner Ansage entspannten sich komischerweise die Pferde und ich konnte sie getrost auf die Weide lassen. Mit den Stricken in der Hand lief ich zurück zum Stall. Beide fanden ihren Platz an der Box und vor dem Stallgebäude entleerte ich meine Schuhe und Socken. So konnte ich wohl kaum eine Runde mit meinem Pferd drehen. Außergewöhnlich fröhlich kam Vriska zum Stall ebenfalls mit einem Strick in der Hand. Ihr breites Lächeln und auch das durchaus auffällige Outfit lenkten meine Aufmerksamkeit auf die. Von oben bis unten musterte ich sie, eh Vriska mich ebenfalls sah.
      „Godmorgon. Ziemlich früh bist du heute schon am Stall“, scherzte sie und blieb vor mir stehen. Dabei nahm die Kleine ihre Sonnenbrille von den Augen und steckte sie in ihr Haar.
      „Gibt auch einiges zu tun. Und wo willst du hin? Auf den Schönheitsball?“, stieg ich mit ein und wedelte noch immer mit meinem Strumpf, um den Sand zu entfernen.
      „Ich denke eher nicht. Mir ist einfach nur warm“, entgegnete Vriska.
      „Meine Stimme hättest du“, lobte ich sie und zog mir den Strumpf über Fuß und Wade.
      „Lieb von dir aber denkst du nicht, dass du noch zu viel anhast, um solche Aussagen treffen zu dürfen?“, begann sie zu provozieren.
      „Nog, du möchtest also das sehen?“, nutzte ich dieselben Mittel und hielt mein Shirt mit einer Hand hoch, sodass man meinen Bauch sehen konnte, den ich präsentierend anspannte. Ein Funkeln erleuchtete ihre Augen und sie antwortete: „Hebe die das für später auf.“ Dann setzte sie die Sonnenbrille wieder auf und verschwand im Stall. Wo war ich gerade noch mal? Überlegte ich, bis ich festgestellte, dass noch Sand im anderen Schuh war. Schnell entfernte ich auch diesen und ging ebenfalls zurück in den Stall. Hannes stand bei seinem Hengst, mit einer Handbewegung begrüßte ich ihn und bekam nur stechende Blicke zurück. Ich dachte mir nicht weiter dabei und holte meine Stute aus der Box. Aufmerksam spitzte Smoothie ihre Ohren beschnupperte meine Schulter, offenbar nahm sie den Geruch der anderen Pferde wahr. Provisorisch putzte ich sie über und legte Gamaschen um, damit die sich bei der Runde nicht verletzen konnte. Das Fitnessarmband, dass ich zusätzlich zu meiner Uhr trug, stellte ich auf Sport um und lief mit meinem Pferd heraus. Locker wärmten wir uns beim Verlassen des Hofes auf. Smooth schnaubte entspannt ab. Zur Erleichterung band ich den Strick um ihren Hals

      Lina
      Als ich von der Koppel zurückkehrte, musste ich leider feststellen, dass die Ruhe auf dem Hof nicht lang angehalten hatte, denn als ich die Stallgasse wieder betrat, um nun auch noch Legolas zu holen war doch schon einiges los auf der Stallgasse. Neben ein paar anderen, die dabei waren ihre Pferde auf die Koppel zu bringen, war auch Samu inzwischen da, der anfing das Heu zu verteilen und er sah für meinen Geschmack viel zu gut gelaunt aus.
      “Guten Morgen Lina. Ist heute nicht einfach hervorragendes Wetter?”, begrüßte er mich fröhlich.
      “Was genau macht das Wetter heute Morgen besser als die letzten Tage? Und willst du mir verraten, warum du so gut gelaunt bist?”, fragte ich ihn und sah ihn skeptisch an. Dafür das wir und gestern gestritten hatten, war er eindeutig zu fröhlich.
      “Die Frage ist eher, warum du nicht gut gelaunt bist”, antworte er, während er dem Tinker Hengst in der Box vor uns eine Ladung Heu gab.
      “Was ich nicht gut darauf? Ich bin doch wie immer, immerhin steht meine Pferde schon fast alle auf der Koppel im Gegensatz zu deinen”, protestierte ich.
      “Also ehrlich, ich weiß ja nicht wem du erzählen willst, dass du bist wie immer, aber ich kaufe dir das nicht ab. Du hast mir nicht mal einen guten Morgen gewünscht”, sagte Samu und drehte sich zu mir um.
      “Ja, ok du hast ja recht. Aber es ist alles ok, ich nur nicht gut geschlafen”, gab ich klein bei. Samu machte ich nichts vor, dafür kannte er mich zu gut. Dennoch hoffte ich, dass ihm diese Antwort fürs Erste ausreichte und er nicht weiter nachhacken würde.
      “Na gut, wenn das so ist, kannst du zum wach werden ja auch noch meine Pferde auf die Koppel bringen, ich habe hier nämlich noch zu tun”, antwortete er und begann weiter das Heu zu verteilen.
      “Ok, also wären das dann Elf, Sky und Saturn, oder?”, fragte ich noch einmal nach.
      “Ja, fast Masu und Empire müssten eigentlich auch noch raus. Die beiden hatte ich gestern reingeholt, weil Empire ihr Eisen verloren hat, da müsste auch noch irgendwer suchen, dann nagle ich es wieder auf”, erklärte er noch bevor er, um die Ecke verschwand, um neues Heu zu holen.
      “Natürlich kann ich auch noch dein Eisen suchen, hab ja sonst nichts zu tun”, murmelte ich und wandte mich Legolas zu. Der große Rappe wartete bereits und streckte mir freundlich seinen Kopf entgegen. Ich halfterte den Hengst und parkte in auf der Stallgasse, damit ich auch noch Crystal Sky aus der Box holen konnte. Zum Glück zeigte sich der Schimmel recht kooperativ, sonst hätte ich vermutlich ein Problem gehabt ihn zu halftern. Mit den beiden Hengsten wollte ich mich gerade auf den Weg zur Koppel machen, als ich Jace in den Stall kommen sah. Ohne mich zu beachten, spazierte er an mir vorbei, als wäre nie etwas gewesen. Dieses Bild erstaunte mich sehr, nachdem er sich die letzten zwei Tage nicht mal hatte Blicken lassen.
      “Guten Morgen Jace”, grüßte ich ihn, doch ich bekam keine Reaktion, stattdessen begrüßte er den Buckskin Hengst in der Box gegenüber. Na ja, wenn er meint, soll er mich ignorieren, hätte ich an seiner Stelle vermutlich auch getan. Somit machte ich mich mit den beiden Hengsten auf den Weg zur Koppel, wo sich beide gleich mit viel Freude auf den Boden warfen und sich durchs Gras rollten. Noch bevor Crystal Sky wieder aufgestanden war, konnte ich deutlich die grünen Flecken in seinem Fell entdecken. Wie gut, dass das nicht mein grünes Pferd ist.

      Vriska
      Teilnahmslos blickte ich durch den Stall und wollte den anderen helfen, doch die meisten liefen kommentarlos an mir vorbei und gaben mir nicht einmal die Möglichkeit eine Frage zu stellen. Schnell verunsicherte ich mich selbst und hatte Probleme damit, jemanden zu unterbrechen. Schließlich arbeitete ich auf diesem Hof nicht und war am Ende des Tages nichts mehr Besuch mit Pferd. Glücklicherweise rettete mich mein Handy aus dieser Situation und half mir dabei wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Es vibrierte noch immer auf dem Bildschirm erschien “Jenni”. Schnell entfernte ich mich aus dem Stall und fand eine ruhige Ecke, wo kein Echo entstand.
      “I’m glad you’re going straight to your phone. I was amazed that you did not get in touch anymore. That is why I would call you. I was worried, because you had told me, you know. But now, how are you?”, sprach Jenni besorgt.
      „Hej! I am great and you? “, antwortete ich fröhlich und setzte mich ins Gras. Der Boden war noch feucht vom Morgentau und meine Hose saugte direkt die Flüssigkeit auf.
      „Vriska. You do not have to lie to me. “
      “No, no. Really. It is great. We … we talked about it and…”, setzte ich an und guckte durch die Gegend. Niemand war in der Nähe, doch da halte Jenni direkt nach: „And what? I told you that you should not tell her. “
      „Oh, Jenni. I talked to him about it, not her. And we repeated it last night. That is what I wanted to say “, freute ich mich und merkte ein leichtes Kribbeln im Bauch als ich daran dachte, vor allem an Niklas. Auch nach dem, was vor einigen Minuten passiert war, machte mich glücklich.
      “Stop. Before you think about it, he does not want you. He only wants what you offer him. So please do not start to imagine something. After all, you said he wants your friend. Think About what you're doing”, ermahnt Jenni, als könnte sie meine Gedanken lesen. Doch es war die Wahrheit. Ich machte mir wieder Gedanken über etwas, wo es nicht viel gab. Das schlechte Gefühl vom Vortag kam wieder in mir hoch.
      “Maybe, but I just feel so good with him. I don't want to stop this because he even proposed to come again tonight.”
      “Then I am glad you feel good, but please keep that in mind. When that is over, you are going to feel bad. Very bad. But I am here, promised.”
      “Thank you. I appreciate that.”
      “But now I want a picture of him and tell something about him”.
      “I don’t know what to tell because I honestly don’t know that much. I try. He’s big, heavily muscled, tattooed, well-groomed and on a wavelength from the beginning, not like Tyri “, begann zu schwärmen.
      „All right. In the first moment I thought you were describing the idiot, but apparently you have a type of guy “, scherzte sie. Ich lachte kurz und bemerkte wirklich die Ähnlichkeiten der Beiden.
      “But he pays attention to me, asks if it is okay and does not pull through, va? “, erklärte ich Jenni, die gefesselt zu hörte.
      „Unfortunately, I have to say goodbye now, so please send me a picture, I absolutely want to get an impression of him. But Marc is coming, if there is anything else, write me “, verabschiedete sie sich plötzlich und legte auf. Offenbar war sie noch immer mit dem zusammen. Das müssten mittlerweile 4 Jahre schon sein. Ich verstand bis heute nicht, was sie an Marc fand, weil er extrem einbildet, war und so überzeugt von sich, dass jede Zelle seines Körpers es herausbrüllte.
      Nachdenklich legte ich mein Handy zur Seite und überlegte, was nach der Reise passieren würde. Nur noch zwei Wochen werde ich an der Akademie sein, nach einer Pause beginnen die Prüfungen. Wirklich vorbereitet fühlte ich mich bis jetzt nicht. Auch, wenn ich durch Niklas schon deutlich schneller das ganze Lernen konnte, hatte es ziemlich viel von meiner Essstörung vor einigen Jahren.

      Jace
      Na großartig, das fehlte mir heute, dass ich als Erstes heute Lina begegnete, denn ich war noch sehr weit davon entfernt zu vergessen, dass sie mich abserviert hatte. Ich machte mir gestern Abend noch sehr viele Gedanken über den Grund dafür. Um ehrlich zu sein, wollte ich einfach nicht so ganz glauben, dass sie keine Gefühle für mich hatte, das hatte sich damals doch sehr anders angehört. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass sie glücklicher sein würde, wenn sie einfach hierbleibt, aber vielleicht hatte ich das einfach verdient so bescheuert wie ich mich verhalten hatte.
      Angespannt ging ich einfach wortlos an ihr vorbei und flüchte in die Box zu Herkules. Der Hengst schien meine Anspannung zu spüren, denn statt sich brav halftern zu lassen, lief er im Kreis um mich rum.
      “Jetzt bleib doch mal stehen großer, so wird das nichts”, beschwerte ich mich bei dem Hengst. Zum Glück hörte ich trotzdem wie sich das Hufgetrappel von zwei Pferden entfernte, Lina hatte die Stallgasse verlassen. Erleichtert amtete ich aus und schon entspannte sich mein Hengst auch und blieb stehen. Kaum hatte ich den Hengst gehalftert hörte ich eine Stimme hinter mir: “Bist du auch wieder unter den Lebenden Jace”. Es war Samu der gut gelaunt in der Boxentür stand.
      “Ja, siechste doch”, murmelte ich genervt und schloss das Halfter des Buckskins vor mir.
      “Wie kann man den an so einem schönen Morgen schon so schlechte Laune haben. Hat dir etwa jemand dein Spielzeug gestohlen?”, scherzte er ausgelassen.
      “Würdest du eh nicht verstehen”, brummte ich ihn an. “Wenn du dann jetzt aus der Tür gehen würdest ich würde da gerne durch”
      “Ok du Brummbär, lass ich dich mal lieber allein, bevor du mich noch anfällst”, scherzte Samu immer noch beschwingt und machte sich wieder an seine Arbeit. Warum hatte ich mich noch mal von Alec überreden lassen aus meinem Zimmer zu kommen? Die Tatsache, dass er heute Morgen angerufen hatte und angedroht hatte, noch mal vorbeizukommen konnte es jedenfalls nicht gewesen sein, sollte er doch kommen.
      Ach ja, da kam der Grund gerade in den Stall gewirbelt, Hazel. Nicht das sie nicht nett ist, aber mit ihrer quirligen Art konnte sie einem ziemlich auf die Nerven gehen. Alec hatte, nachdem ich doch sehr unbeeindruckt von seiner Drohung gewesen war, nämlich noch angefügt, dass er dafür sorgen würde, dass Hazel mir den ganzen Tag auf die Nerven ginge, wenn ich nicht aufstehen würde. Bevor ich das zuließ, lasse ich mich doch lieber freiwillig ein paar Stunden blicken.
      “Oh, du bist ja schon da! Schade”, begrüßte sie mich ein wenig enttäuscht, als sie mich erblickte.
      “Dir auch einen guten Morgen Hazel”, kommentierte ich trocken und führte Herkules an ihr vorbei. Offenbar hatte Alec das ernst gemeint und auch Hazel von seinem Plan in Kenntnis gesetzt.
      “Kann man dir bei irgendwas heute helfen?”, fragte sie und lief auf einmal neben mir her.
      “Nein, kann man nicht und du schon gar nicht. Ich komm ganz wunderbar allein zurecht”. Sollte sie ruhig wissen, dass ich schlechte Laune hatte, dann ließ sie mich vielleicht in Ruhe. Die Tatsache, dass ich fast über Samu Schubkarre fiel, unterstrich meine Aussage wohl eher nicht.
      “Das sieht aber nicht so aus, als kämst du allein zurecht”, lachte Hazel nun die stehen geblieben war.
      “Du hättest aber auch mal was sagen können”, maulte ich und rieb mir das Schienbein, welches die Bekanntschaft mit der Schubkarre gemacht hatte.
      “Ach, ich dachte du kämst allein klar”, kicherte Hazel immer noch.
      “Komm ich auch und jetzt verschwinde endlich”, murrte ich noch und führte den Hengst nun aus der Stallgasse, diesmal mit mehr Aufmerksamkeit auf den Weg.
      Ohne nervige Begleitung und ohne weitere Hindernisse erreichte ich dann tatsächlich die Koppel. Scheinbar war Herkules der Erste aus seiner Weidegruppe, denn die Koppel war noch leer. Das einzige Tier, welche zu sehen war, war einer der Füchse, die man ab und zu mal am Waldrand entdecken konnte.
      Ich entließ Herkules auf die Koppel und sofort begann er aufgeregt über die Wiese zu traben. Ich machte mir allerdings relativ wenig Gedanken darüber, denn der Hengst präsentiert sich gerne, vielleicht witterte er auch die Stute auf der entfernteren Koppel, das kann schon mal vorkommen, wenn der Wind entsprechend steht. So genoss ich also einen Moment die Ruhe hier draußen, bevor ich zurück zum Stall ging, schließlich wollte All Hope Is Gone auch noch auf die Koppel.

      Niklas
      Abrupt bremste Smoothie ab und ich brauchte einige Meter bis realisierte, dass sie mit weit aufgerissenen Augen und Nüstern in den Wald blickte. Als ich wieder zu ihr lief, sah ich nichts.
      „Kom nu, Smooth“, sagte ich zu ihr, nahm den Strick zur Hand. Mein Handy sagte mir, dass nur noch 5 km fehlten, also noch eine knappe halbe Stunde, dann hätten wir die Strecke geschafft. Mit weiteren gut zu reden, konnte ich meine Stute davon überzeugen mit mir zu kommen. Locker trabte sie wieder an und lief frei neben mir her. Es war für sie nicht üblich Gespenster im Wald zu sehen, weswegen ich mir einige Gedanken machte, was da wohl wo. So schafften wir die Strecke in sogar 20 Minuten.
      Als ich die ersten Zäune sehen konnte, bremsten wir langsam ab, um den Rest des Weges zum Ablaufen zu nutzen. 2 Stunden für 25 km waren keine neue Bestzeit für uns aber durchaus eine Zeit, die sich sehen lassen konnte. Natürlich auch im Hinblick auf ihre Verletzung am Bein war ich sehr stolz auf sie. Das Frühstück würde in einigen Minuten beginnen, deshalb brachte ich Smoothie direkt zur Weide, auf der sie sich in das nächste Sandloch legte und wälzte. Der Dreck blieb am ganzen Körper der Stute hängen und es war schwer zu sagen, ob sie wirklich beinah ausgeschimmelt war oder noch mal anfangen würde. Die Wahl zur Reithose heute früh war sicherlich nicht die Beste.
      Im Zimmer hüpfte ich schnell unter die Dusche, um den Schweiß abzuwaschen. Erst als ich erfrischt wieder herauskam, stellte ich fest, dass Ju nicht nur aufgeräumt hatte, sondern sogar die Betten. “Var fan är du”, las ich auf meinem Handy. Chris hatte mir eine Nachricht geschickt. Ich antwortete ihm nicht, sondern ging direkt zum Frühstück, dass wieder draußen stattfand. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vor die Sonne, was die Temperaturen erträglicher machten. Nach Regen sah es nicht aus, aber nach dem Unwetter vor einigen Tagen, war es nicht auszuschließen.
      “Fan … wo warst du so lange?”, fragte Chris, als ich mich zu ihm setzte. Direkt am Nebentisch saß Lina. Sie wirkte heute anderes als die Tage zu vor. Ihre Stimmung schwankte zwar wie das Wetter, jedoch schien sie so losgelöst, leer.
      “Ich habe deine Nachricht gelesen. Also erst habe ich Pferde auf die Weiden gebracht und dann habe ich mal wieder eine große Runde mit Smoothie gedreht. Ohne offensichtliche Schmerzen hat sie die 25 km durchgehalten”, erzählte ich ihm.
      “Ach das klingt doch super. Wenn du morgen wieder gehst, dann würde ich mitkommen”, antwortete er. Ich nickte und trank einen kräftigen Schlug vom Apfelsaft.
      Am Nachbartisch hielt Lina, Samu der sich gerade dazu setzte ein Hufeisen vor die Nase. "Hier ich habe dein blödes Eisen übrigens gefunden. Es ist ja nicht so als sei so ein Eisen nicht schon schwer genug auf einer riesigen Koppel zu finden, Nein, dein Pferdchen hat es natürlich im Bach verloren, wie auch immer sie das Geschafft hat, das nächste Mal kannst du dir selbst nasse Füße holen", beschwerte sie sich bei ihm.
      "Na, bei mir brauchst du dich da nicht beschweren, meinst du, dass ich freue mich, wenn ich die Dinger suchen darf", kam es nur von Samu den die Beschwerde nicht wirklich zu stören schien.
      “Vielleicht solltet ihr den Schmied wechseln, bei uns musste in den letzten Jahren niemand Eisen suchen”, schlug ich vor und war mir bereits einen Moment sicher, dass es mich weder etwas anging noch wirklich freundlich klang. Suchend warf ich einen Blick über die Tische, aber Vriska fehlte mal wieder. Doch es ging mich natürlich nichts an, obwohl gleich wieder die Besprechung für den heutigen Tag beginnt.
      "Vielen Dank für diesen hilfreichen Tipp. Nur ist es hier schon schwer genug überhaupt einen Schmied zu finden. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, sind wir hier nämlich so ziemlich im nirgendwo", erklärte Lina.
      „Jag är ledsen … war nicht meine klügste Idee heute“, murmelte ich verschämte und drehte mich wieder zu Chris, der mich belustigt anblickte. Es schien so, als wüsste er genau was gerade passierte. Natürlich wusste er es, mehr oder weniger. Mit einer Kopfbewegung deutete Chris zu Vriska, die sich unseren Tischen näherte. Hektisch begann er zu winken, was die Situationen in keiner Weise verbesserte. Ihr breites Grinsen verblich im Vergleich zu vorhin, wo sie vor Freude noch hätte explodieren können. Irgendwas war heute anderes, aber was?
      „Heute schon an Gott gedacht?“, scherzte Chris, als sie sich neben ihn setzte.
      „Ihr seid doch heute alle nicht mehr ganz dicht. Das Springen gestern schien euch allen nicht so gut zu bekommen? Eiersalat in der Hose?“, entgegnete sie schlagfest.
      "Am Springen kann es nicht liegen. Die Beiden da sind nicht die einzigen, die hier heute komisch drauf sind", fügte Lina hinzu und deute mit einer Kopfbewegung auf Jace der gerade stillschweigend vorbeilief.
      „Aber der ist doch schon seit einigen Tagen nicht mehr er selbst“, murmelte Vriska und blickte auch mich dabei ein. Sie hatte natürlich recht. Die letzten Tage waren für alle nicht leicht, obwohl das eher an uns allen lag, als an etwas bestimmten. Wir benahmen uns wie 15-jährige, die das erste Mal länger als 8 Uhr abends raus dürfen. Ich hätte die vergangene Woche öfter Runden mit Smoothie drehen sollen. Die Gedanken in meinem Kopf waren deutlich sortierter und vor allem klarer.
      „Guten Morgen! Bald ist der Intensivkurs vorbei und einige von euch haben sich deutlich verbessert mit ihren Pferden. Doch heute geht es nur um euch. Wir machen heute Sitzschulungen mit jeweils zwei Leuten in der Halle. Ihr, unsere großzügigen Gastgeber, seid dazu herzlich eingeladen. Also findet euch zusammen, um 11 Uhr geht’s los”, riss mich Herr Holm mit seiner Ansprache aus den Gedanken. Chris blickte mich von unten nach oben, sein Grinsen wurde immer breiter. Zustimmend nickte ich und war innerlich ziemlich froh, dass die Mädchen nun keinen Zickenkrieg auslösen konnten. Bis mir einfiel, dass ich heute überhaupt nicht teilnehmen konnte.
      “Chris, geht leider nicht. Ich habe gleich einen Termin”, sagte ich kurz, stand auf und ging zu unserem Trainer, um ihm Bescheid zu sagen.
      “Niklas, du brauchst dir darüber auch am wenigstens Gedanken machen”, antwortete Herr Holm noch, als ich mich zurück zum Tisch aufmachte.
      “Lina, kommst du dann nachher trotzdem mit? Dir würde das Training sicher heute viel bringen”, versuchte ich ihr freundlich zu vermitteln, lieber am Training teilzunehmen.
      "Mmm, ich weiß nicht so recht, ich wäre ja schon irgendwie neugierig. Aber sicherlich hast du recht, dass mir ein wenig Training nicht schaden könnte", schien sie laut zu überlegen.
      “Okay, dann fahre ich gleich allein los. Holen wir zusammen noch die Skizze?”, fragte ich.
      "Da du oben alleine nicht hereinkommen wirst, werden wir das wohl zusammen holen", antwortete sie.
      Zusammen liefen wir los und ich musste einfach nachfragen, denn ihre Antwort erschien mir seltsam. “Hast du was auf dem Herzen? Du bist so … abwesend”, fragte ich vorsichtig und guckte zu Lina herunter.
      "Also… Wenn ich ehrlich bin, bin ich irgendwie ein wenig verwirrt von der Situation… Beziehungsweise eher von mir selbst. Ich kann nicht so ganz einordnen, was ich fühle… Es ist irgendwie alles so… Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll", versuchte sie mir zu erklären.
      “Soll ich dich dann erst einmal in Ruhe lassen, oder was möchtest du?”, zitterte es in meiner Stimmte.
      "Nein, ich verbringe gerne Zeit mit dir", antwortete sie und zögerte kurz bevor sie weitersprach. "Aber… plötzlich sind da alle möglichen Leute, die wollen das ich hierbleibe… Und dann will jeder irgendetwas Wichtiges von mir… Seit der Entscheidung, dass ich gehe, scheinen alle hier besser zu wissen, was gut für mich ist und die, die das nicht tun, machen sich darüber lustig und sagen, dass ich da eh nicht durchziehen werde. Außer Alec scheint mich keiner zu verstehen und so möchte ich meine Freunde nicht in Erinnerung behalten…
      Ich möchte eigentlich nur die letzten Tage hier genießen und Spaß haben mit allen… Auch mit dir", endete Lina und ihr war anzusehen, wie sehr sie innerlich aufgewühlt war.
      „Man merkt erst was einem wichtig ist, wenn es nicht mehr da ist. Ich schätze, sie haben Angst, dass sie es nicht ohne dich schaffen. Als wärst du das Glied in der Kette, dass euch alle am Hof zusammenhält“, versuchte ich ihr zu erklären. Was Klügeres fiel mir in dem Moment nicht ein, denn mir fehlte als eigene Empfinden für so eine Situation. Meine Familie unterstützte uns immer bei aller Entscheidung, so blöd sie auch scheinen mögen. Den nur aus Fehlern konnte man lernen. Besonders ich kam in meiner Jugend mit den verrücktesten Ideen zu Papa, seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch ich bekam immer was ich wollte. Dann dachte ich wieder an Neuseeland und den warmen Sand zwischen meinen Zehen am Strand am Abend. Es fehlte mir wirklich.

      Lina
      “Vermutlich hast du recht, aber das macht es für mich nicht einfacher.” Inzwischen standen wir vor der Wohnungstür, die ich nun seufzend aufschloss. Drinnen hatte sich seit gestern Abend nicht viel verändert, die Teetasse stand noch in der Spüle und auch meine Zeichnungen lagen noch wild verteilt auf dem Esstisch.
      Niklas schien mit den Gedanken schon wieder woanders zu sein, denn ein sehnsüchtiger Ausdruck war auf sein Gesicht getreten und er bleib abwesend vor der Tür stehen.
      “Woran denkst du gerade?”, fragte ich vorsichtig, um nicht zu neugierig zu wirken.
      „An die Sommerabende in Neuseeland als ich 20 war. Es war eine schöne Zeit, jetzt komme ich der 30 immer näher und habe das Gefühl, dass nicht mehr viel Schönes kommen, wird“, antwortete er bedenklich.
      “Warum denkst du, dass nichts Schönes mehr kommen wird? Sowas ist doch nicht altersabhängig”, fragte ich einfühlsam.
      “Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen erlebe ich mit wie meine Kollegen ihr Leben gestalten. Einer von ihnen bekommt jetzt schon seine zweite Tochter und ich kann mich nicht mal einig werden, was ich überhaupt möchte. Zum anderen könnte jeder Arbeitstag der letzte sein und wüsste nicht, was ich großartig für die Existenz der Menschen erreicht habe. Aber lass und an anderes denken, schließlich hast du noch schöne Jahre vor dir”, versuchte er positiver sein, was ihm aber nicht wirklich gelang. Seine Worte stimmten mich ein wenig nachdenklich. Ich musste daran denken, wie ich mir früher immer gewünscht hatte einfach nur normal zu sein, ein normales Mädchen mit einer normalen Familie. Doch wo stände ich dann jetzt? Sicher nicht hier.
      “Weißt du, ich finde du solltest dich nicht mit anderen Vergleichen, nicht jeder von uns kann ein Superheld sein. Außerdem finde ich, sein Leben für die Sicherheit von anderen zu riskieren kommt schon nah ran an einen Superhelden”, versuchte ich ihn ein wenig aufzumuntern.
      “Lieb von dir und ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem wird es irgendwann an den Punkt kommen, dass jemand das Unternehmen von Papa übernehmen muss. Ich denke nicht, dass Hannes das tun wird, aber ich möchte die Familie nicht enttäuschen … Also abwarten”, murmelte Niklas und nahm die Zeichnung entgegen. “Vielleicht sollte ich jetzt wieder, du hast offensichtlich noch einiges zu tun”, fügte er hinzu und warf einen Blick durchs Zimmer und lächelte sanft.
      “Ähh, ja sieht so aus”, antworte ich ein wenig überrascht von den plötzlichen Themen wechseln. So bei Tageslicht betrachtet sah das Zimmer sogar noch chaotischer aus als in meiner Erinnerung, normalerweise sah es hier nicht so aus, doch die letzten Tage hatten meinem Ordnungssinn wohl ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht.
      “Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Tätowierer, falls man da überhaupt Spaß haben kann”, verabschiedete ich mich von Niklas, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür war.
      “Natürlich macht es Spaß, irgendwann wirst du es nachvollziehen kann”, grinste er breit und winkte noch einmal, bevor er aus meinen Augen verschwand.
      Ob ich das jemals nachvollziehen werde, bezweifle ich, dachte ich mir und schloss die Tür. Ein wenig überfordert blicke ich durch den Raum und überlegte, wo ich eigentlich anfangen sollte. Genau in den Moment, fiel mir nämlich auch noch ein, dass es nur noch knapp 3 Tage waren, bis ich die Reise nach Schweden antreten würde. Das bedeutete, dass ich nicht nur aufräumen musste, sondern auch überlegen sollte was ich mit nach Schweden nehmen werde und auf was ich erst einmal verzichten konnte. Hektisch begann ich im Zimmer rumzurennen und sagen von A nach B zu tragen.
      “Halt, Stopp, so funktioniert das nicht”, stoppte ich mich selbst als ich den Haufen vor mir betrachtete ich brauche definitiv einen Plan.

      Vriska
      “Da unser Schätzchen keine Zeit für mich hat, würdest du dich erbarmen?”, fragte Chris mich als Niklas mit Lina verschwand. Mit großen Augen blickte ich ihn an und viele Fragen schossen mir durch den Kopf, doch Samu saß auch mit am Tisch und ich musste mir genau überlegen, was ich nun sagen würde.
      “Unser Schätzchen? Du meinst wohl deinen Verstand”, feigste ich. Er zog seine Brauen hoch und war im Begriff zu gehen, um seinen Wallach fertig zu machen.
      “Warte, ich komme mit. Ich möchte nur aufessen und mich umziehen”, holte ich ihn zurück an den Tisch. Mit einem breiten Grinsen setzte er sich wieder. Na großartig. Jetzt wussten es schon zwei Leute, wie vielen wollte er es noch erzählen? Das nahm Dimensionen an, die ich nicht bedacht hatte. Ich hatte es nur Jenni erzählt, die mehr als 6000 km entfernt wohnte und niemanden davon erzählen könnte. Während ich mich darüber ärgerte, dass Chris es offenbar lustig fand, dass es mir unangenehm war, aß ich den Gurkensalat auf meinem Teller. Samu schien es nicht mit bekommen zu haben, zumindest bekam ich keine musternden Blicke, die sonst von ihm kamen. Am Tisch wurde es zunehmender still. So still, dass es einem Friedhof glich. Triumphierend nahm ich den Teller, stellte ihn weg und lief zum Zimmer. Chris folgte mir, ohne etwas zu sagen. Als wir am Zimmer kamen, schloss ich die Tür vor seiner Nase.
      “Ich will nicht erpressen, aber ich würde es sonst jeden erzählen”, sagte er. Genervt öffnete ich die Tür.
      “Aha, und was wird das sonst gerade?”, fragte ich skeptisch.
      “Auch wenn er dir das nie sagen wird, aber er mag dich mehr als sich eingesteht”, begann er. Noch immer war ich skeptisch und empfand das alles als eine große Verschwörung. Nebenbei suchte ich nach meiner Reithose, die ich unter dem Shirt von gestern fand.
      “Wenn du es nicht unterbindest, könnte es in nächster Zeit so weiter gehen wie bisher”, setzte Chris fort.
      “Na dann ist das wohl so. Oder was genau willst du mir gerade damit vermitteln?”, fragte ich desinteressiert. Im Badezimmer zog ich mich um, während er auf dem Bett Platz genommen hatte. Somit konnte er mich nicht sehen aber zumindest hören und anderes herum genauso.
      “Du sollst dir dem nur im Klaren sein, damit eventuelle Konsequenzen nicht zu hart werden”, erklärte er. Ich fand wirklich nicht, was er mir sagen wollte. Wäre es idiotisch, wenn ich fragen würde?
      “Jetzt hör auf in Rätseln zu mir zu sprechen. Was ist bitte deine Intention und wieso sollte das alles jetzt gerade wichtig sein?”, traute ich mich zu fragen. In meinem Ton kam die Ernsthaftigkeit durch. Es machte mich verrückt, dass wirklich jeder seine Meinung zu Niklas hatte und offenbar auch kundtun musste.
      “Du sollst dich nicht wundern, wenn er plötzlich immer mehr von dir abverlangt und auch unmögliches möglich haben möchte. Er hat Freude über dich zu erzählen, aber wusste genau wie du, dass es beliebigen Gründen nicht geht. Die anderen Kleine ist aber keiner davon”, sagte er und wir verließen das Zimmer. Noch einige Minuten weiter faselte er irgendwas von Glück, Versagen und weiß Gott was. Ich hörte nicht mehr wirklich zu, sondern empfand es als reines bevormunden. Das Gleiche machte Lina auch gerade durch. Was geht es die alle an? Immerhin machte mir niemand Vorwürfe, dass ich es getan habe. Da unsere Pferde auf der gleichen Weide standen, holten wir sie zusammen. Chris hatte mittlerweile das Thema gewechselt und sprach mit mir, als würden wir uns seit Jahren kenne. Doch genau genommen, ist das unser erstes Gespräch überhaupt. Spricht der immer so viel, oder nur heute? Zwischendurch antwortete ich mit ja oder Nej. Auf meiner Stirn stand nicht hoffentlich nicht “Kummerkasten”, denn so fühlte ich mich gerade. Als ich Glymur aus der letzten Ecke der Koppel holte, hatte ich endlich meine Ruhe für einen Moment.


      Samu
      Nach dem Frühstück machte ich mich, als allererster auf den Weg Sunny Empire ihr verlorenes Eisen wieder darauf zu nageln. Die blinde Stute stand noch mit ihrem Begleitpferd Mas’uda in der großen Doppelbox.
      “Hyvää huomenta, te kaksi makeaa”, begrüßte ich die beiden Stuten freundlich, um vor allem Sunny nicht zu erschrecken, wenn ich die Box betrat. Freundlich stellte die helle Stute ihre Ohren auf und kam vorsichtig auf mich zugelaufen.
      “Gutes Mädchen”, lobte ich die Stute und strich ihr langsam über den Hals, bevor ich ihr das Halfter über steifte. Ich führte sie aus der Box und band sie auf der Stallgasse. Mas’uda, schnaubte leise und streckte den Kopf über die Boxentür. Während Sunny ruhig auf der Stallgasse stehen blieb, holte ich mein Werkzeug. Mit viel Ruhe war das Eisen dann auch relativ schnell wieder am Huf der Stute. Da ich gerne vermeiden möchte, dass Sunny ihre Eisen erneut verliert, beschloss ich ihr dieses Mal Hufglocken anzuziehen. So verschwand ich also erneut in der Sattelkammer. Als Sunny fertig war, holte ich auch noch die Araberstute aus der Box und brachte die beiden Stuten auf ihre Koppel. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es nicht mehr sonderlich lange dauern würde, bis zum Training. Wenn ich also bereits an der Koppel war, konnte ich auch gleich schon mein Pferd mitnehmen, da Lina bestimmt noch mit irgendetwas beschäftigt war, schrieb ich ihr eine kurze Nachricht: “Millä hevosella ratsastat? Tuon sen heti.” Es dauerte nicht mal eine Minute, bis sie mir antwortete: “Nathalie, kiitos.”
      Praktisch, Nathalie steht nämlich auf der gleichen Koppel wie Ice Rain. So machte ich mich also auf den Weg zu den Sommerkoppeln. An der Koppel angekommen, war weit und breit kein Pferd zu sehen, vermutlich stand die Herde bei dem Wetter hinten am Waldrand zwischen den Bäumen. Also schnappte ich mir die Halfter der beiden Stuten vom Zaun und machte mich auf die Suche nach den beiden Pferden.
      Tatsächlich fand ich die kleine Herde zwischen den Schatten spendenden Bäumen. Ice Rain hob gleich den Kopf als sie mich sah. Ich halfterte erst meine Stute, bevor ich mit ihr im Schlepptau zu Nathalie rüberging, die etwas abseits graste.
      Am Stall stellte ich die beiden Stuten in ihre Boxen und beschloss Lina zu suchen, da sie auf dem Hof und im Stall nicht zu entdecken war.
      Zielstrebig steuerte ich ihr Zimmer an und klopfte.
      “Tür ist auf, komm rein”, kam die Antwort von drinnen und ich öffnete die Tür. Im Zimmer empfing mich ein riesiges Chaos und Lina stand mittendrin.
      “Minkälainen varten sumu oli tässä?”, fragte ich verwundert. Lina war zwar nicht der aller ordentlichste Mensch, aber so ein Chaos war nicht typisch für sie.
      “Keiner, ich versuche aufzuräumen… Und zu überlegen, was ich in Schweden wirklich brauche!”, verkündete Lina.
      “Na, so wird das, glaube ich, nichts”, sagte ich und versuchte das System hinter dem Chaos zu erblicken, langsam schien ihr diese ganze Situation ganz schön viel Stress zu bereiten.
      “Ach was, da habe ich auch bereits gemerkt. Magst du mir vielleicht lieber helfen, anstatt so schlaue Feststellungen zu machen?”
      “Nach dem Training kann ich dir gerne bei deinem Chaos hier helfen, aber jetzt sollten wir erst einmal unsere Pferde putzen”, wies ich sie auf unser anstehendes Training hin.
      Sie schien mir nicht so recht zugehört zu haben, denn sie war schon wieder damit beschäftigt einen Stapel Klamotten quer durch den Raum zu tragen.
      “Hei, Lina hast du mir überhaupt zugehört?”, fragte ich und hielt sie auf, indem ich ihr den Stapel aus der Hand nahm.
      “Ey, das wollte ich gerade aufräumen”, protestierte sie.
      “Nein, du räumst jetzt gar nichts weg, du kommst jetzt mit dein Pferd putzen”, sagte ich entschieden und legte den Stapel auf ihr Bett.
      “Okei, ich komm ja schon mit, aber wo ist denn jetzt mein Schlüssel?”, gab sie klein Bei und sah sich nun suchend im Zimmer um.
      “Meinst du den hier?”, fragte ich und zog ihren Schlüsselbund unter einem Block hervor.
      “Ja genau, danke.” Gemeinsam verließen wir das Zimmer und sie war gerade auf dem Weg nach draußen, als ich sie schon wieder stoppen musste.
      “Hast du da nicht etwas vergessen?”, fragte ich sie und war einen bedeutungsvollen blick auf ihre Füße, die immer noch in Sneakers steckten.
      “Nein, zieh ich später an. Es ist viel zu warm dafür”, erklärte Lina.
      “Aber solltest du sie dann nicht wenigstens mitnehmen?”, fragte ich und drückte ihr ihre Reitstiefel in die Hand.
      Fünf Minuten später standen wir dann auch endlich auf dem Putzplatz und ich begann meiner Stute den Staub aus dem Fell zu bürsten.

      Vriska
      „Bist du dann bereit?“, fragte ich Chris, der seinen Helm aufsetzte.
      „Jovisst“, antwortete er und folgte mir mit seinem Wallach. Freundlich beschnupperten sich beide Kerle. Glymur war deutlich ruhiger als gestern und zeigte sich wieder von seiner besten Seite. Mit hoch aufgerichtetem Kopf und hochweiten Bewegungen in der Vorderhand lief er prustend neben mir her. In der Nähe musste eine rossige Stute sein, denn sonst führt er sich nie so auf. Das breite Grinsen auf Chris Gesicht wird wohl sein normaler Ausdruck sein. Dennoch musste ich fragen: „Hast du irgendwas genommen oder warum grinst du noch immer so blöd?“
      „Ich freue mich einfach“, antwortete er und rollte mit den Augen. Nun gut, dachte ich. In der Halle gurteten wir nach und stiegen auf.
      „Direkt die Steigbügel überschlagen“, wies Herr Holm an und tat dem gleich. Etwas wackelig und instabil in der Hüfte ritt ich im Schritt an und bekam direkt einige Anweisungen von ihm. Während ich auf dem Pferd saß, verspürte ich immer noch schmerzen zwischen meinen Beinen und nur mit Mühe konnte ich mich besser hinsetzen. Glymur schritt entspannt vorwärts und seinen Hals streckte er weit nach vorn, achtete auf meine Zügellänge. Ein prüfender Blick durch die Halle offenbarte mir, dass Milena am Rand Platz genommen hatte und mich genau beobachtete. Bevor ich die kurze Seite vor ihr passierte, wendete ich meinen Hengst auf der Ecke kehrt.
      „Vriska, zum Wenden nutze doch bitte dein Gewicht und vor allem Hilfen mit den Beinen. Ziehe nicht das Pferd mit Zügel in die Richtung“, tadelte mich Herr Holm, der zu mir lief.
      “Geht nicht. Mir tut immer noch alles weh”, haspelte ich herum und versuchte mich herauszureden. Er hob misstrauisch die Augenbrauen und musterte mich.
      “Mädchen, du bist nicht die erste Person, die von einem Pferd gefallen ist, besonders nicht die Erste, die so auf einem auf dem Sattel klemmt. Deine Körperhaltung sagt mehr aus über deine Schmerzen als du denkst”, kritisiert er mich. Ich pariere mit einem Druck in der Hüfte Glymur durch und gucke zu ihm.
      “Ach ja? Vielleicht sollte ich mich lieber ausruhen, als auf dem Pferd zu sitzen”, antwortete ich schlagfertig. Im Inbegriff wieder abzusteigen, hielt der Trainer mein Bein fest am Sattel und hinderte mich dabei, den Rücken meines Pferdes zu verlassen.
      “Ich denke nicht. Du solltest dein Augenmerk darauflegen, lieber auf dem Pferd zu reiten. Wer fummelt, kann auch reiten”, merkt er an und ich trieb augenrollend Glymur wieder an. Im ruhigen Tempo versuche ich mich in der Bewegung meines Pferdes Mittreiben zu lassen im Sattel. Meine Schultern drückte ich locker nach hinten, um Aufrecht zu sitzen. Mit einem Kopfnicken bestätigte Herr Holm, dass ich besser saß und mit einer tiefen gleichmäßigen Atmung verbesserte sich meine Konzentration auf das Pferd.
      “Na siehst du, geht doch. Und jetzt traben”, lobte er mich.
      Mit großen Augen blicke ich den Trainer an. Das sagte er nicht wirklich? Ich konnte mich dazu durchringen im Schritt ordentlich im Sattel zu sitzen, aber im Trab? Meine Schulter machte mir immer zu schaffen und Intensivtrainingscamp war das auf vielen Ebenen nicht mehr. Es versetzte mich auf beliebige Klassenfahrten zurück, in denen man zu Aktivitäten gezwungen wurde, die nicht einmal interessant waren. Natürlich machte mir das Reiten Spaß aber mit dem Hintergedanken, den Verein nicht mehr wiederzusehen und somit auch Niklas, bestürzte mich. Vermutlich würde ich ihn öfter sehen, aber nur im Verbund mit Lina. Schon der Gedanke versetzte mir einen Stoß in mein Herz. Konnte ich so dumm sein? So dumm zu glauben, dass das eine Zukunft hätte oder zumindest spurlos an mir vorbeigehen würde.
      “Schaffst du es selbst ihn anzutraben, oder muss ich dich an die Longe nehmen?”, riss mich Herr Holm mal wieder aus den Gedanken. Ich dachte zu viel nach.
      “Nej, jag klarar det”, antwortete ich, gab meinem Hengst mehr Zügel und treibe ihn. Mit einem kleinen Hüpfen trabte Glymur los. Seinen Kopf senkte er und achtete selbstständig auf die Zügellänge. Dieses Pferd war perfekt, aber auch zu gut für mich. Er wäre besser aufgehoben bei Linh, die mit Móra bereits den Extrempunkt erreicht hatte. Mit Spannung in den Beinen schaffte ich es gleichmäßig der Bewegung meines Pferdes zu folgen und den Halt im Sattel zu behalten. Gleichzeitig bemühte ich mich, dass Glymur ruhiger vorwärts trabte, die Schritte verlängerte und mehr Schwung aus der Hinterhand mitbrachte.
      “Vriska, lehne dich weiter nach hinten, dass deine Sitzbeine tief im Sattel liegen. Mit mehr Stimmeneinsatz würde Glymur sicher auch besser reagieren”, half der Trainer mir weiter. Dankbar über diese Hilfestellung lehnte ich mich noch weiter nach hinten und spürte den Schmerz in besagten Bereich meines Beckens. Ich biss mir auf die Unterlippe, um das stechende Gefühl in meiner Hüfte auszugleichen. Es zog sich hoch bis zu meiner Schulter, die ebenfalls pulsierte. Meine Atmung wurde schwerer und krampfhafte schnappte ich nach Luft. Glymur bremste schlagartig ab, als merkte er, dass seine Reiterin Probleme hatte. Herr Holm kam näher und führte bis dahin kommentarlos meinen Hengst weiter. Noch immer panisch durchtrieben von der Angst zu sterben rang ich nach Luft. Immer wieder krampfte mein Rücken und mit einer Atemübung, die mein Trainer mit mir machte, wurde es erträglicher.
      “Wieder besser? Ich hätte nicht so hart zu dir sein sollen.” Herr Holm fand nicht die richtigen Worte, doch ich wusste, was er meinte.
      “Schon in Ordnung, es war meine eigene Entscheidung”, erklärte ich ihm, um weitere Schuldgefühle seinerseits zu verhindern. Er lächelte wieder und gab mir die Zügel des Hengstes zurück. Stolz lobte ich Glymur, der genüsslich auf dem Gebiss kaute und den lockeren Zügel vollständig ausnutzte. Entspannt streckte er den Kopf nach unten und im Schritt ritt ich ihn ab. Lina und Samu warteten mit ihren Pferden bereits darauf, als nächste an der Reihe zu sein. Chris holte im Schritt uns ein und ritt nebenher.
      “Je mehr du versucht zu verstecken was passierte, umso auffälliger bist du. Herr Holm konnte mit einigen Blicken wissen, was los ist”, merkte Chris an.
      “Der hat auch genug Menschenkenntnisse”, zischte ich zurück. Ich hatte mein sehr wohl allein unter Kontrolle, dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt. Denn Milena saß noch immer am Rand und ich hatte sie wieder vergessen. Herr Holm sprach vorhin nicht leise, somit hatte sie seinen blöden Spruch auch gehört. Chris steig als erstes von seinem Wallach ab und half mir dabei von Glymur abzusteigen. Er legte seine Hände an meine Hüfte und hob mich in der Bewegung des Pferds.
      “Tack”, sagte ich und klemmte mir einen blöden Kommentar. Chris hatte eine ähnliche Art wie Niklas, nur weniger überzeugt von sich mit einem Hauch Menschlichkeit und Empfindsamkeit sich in dem Gegenüber hineinzuversetzen. Er war jedoch nicht mein Typ, sondern eher ein guter Freund. Wieder einmal dachte ich über Dinge nach, die meinem allgemeinen Gefühl nicht halfen.
      “Ihr beide also? Das hätte ich nicht vermutet”, schlich Milena von der Seite sich zu uns. Chris und ich guckten verwirrt zu ihr. Auch wenn er sich wieder sein Grinsen nicht verkneifen konnte, fand ich es angenehmer, als es direkt auf Niklas zu lenken. Vermutlich wäre er sogar der Letzte, den sie in Betracht ziehen würde.
      “Nein Mäuschen, schön wäre es aber nein”, antwortete Chris ihr freundlich. Die richtigen Worte fand er. Ich schwieg und wollte sie keinesfalls den Ball zu spielen. Sie folgte uns, aber sagte nicht mehr. Es schien, als wollte sie nicht glauben, dass es nicht wir beide waren, sondern ich mit jemand anderes geschlafen hatte.

      Hannes
      Am Mittagstisch hatte ich mich zu Dasha, Mika und Ambrose gesellt, da mir dieser Trupp noch fast am sympathischsten von allen war, da sie von Drama fernblieben. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, entdeckte ich Linh und Ju die an einem der anderen Tische herummachten, was bei mir ein reflexartiges Augenrollen auslöste und ich lieber wieder in meinem Essen herumstocherte. “Dude bist du eigentlich immer so unentspannt?”, fragte Ambrose, der offenbar meine Stimmung gedeutet hatte; daraufhin wurde er von Dasha in die Schulter geboxt, die versuchte mich zu beschützen, tonlos formte ich ein “Lass gut sein, aber danke” mit meinem Mund. “So war es nicht gemeint, sorry Hannes, vielleicht geht es dir ja nach einer Tüte besser?”, setzte Ambrose erneut an und ich bedankte ihn mit einem schmalen Lächeln und stand auf vom Mittagstisch. Als ich mich entfernte, hörte ich noch Mika und Dasha, die beide versuchten Ambrose zu belehren im Umgang mit Menschen - was ein Spast. Da noch etwas Zeit bis zu meiner Team-Sitzschulung blieb, schlenderte ich über den Hof und zurück ins Wohnhaus, von dem ich mir erhoffte, etwas Ruhe zu finden.
      “Gut, dass ich finde”, begann Niklas zu sprechen, der aus einer Ecke hervorkam und geradewegs zu mir lief. “Wieso, was los Bruderherz?”, entgegnete ich im offensichtlich ironisch desinteressierten Ton. Es war fast beängstigend, wie dicht er an mir dran war, irgendetwas musste vorgefallen sein.
      „Du warst die letzten Tage so … ich weiß auch nicht, abweisend mir gegenüber und heute früh im Stall beinah aggressiv. Was ist los?“, fragte er und schien sich wirklich um mein Wohlbefinden zu sorgen. “Das geht mir hier alles irgendwie ordentlich auf den Sack, das ganze Drama und das Rumgehure. Ich meine, wo sind wir? Bei einer billigen Reality TV-Show ‘Wer wird als erstes flachgelegt’? Was ist eigentlich mit dir los Niklas, ich dachte du wärst wieder halbwegs stabil.”, antwortete ich ihm nun freundlicher.
      “Aber es geht dich doch nichts an, was alle anderen machen? Es geht hier um Leistungen und jeder hat sein eigenes Umgehen damit. Was mit mir los ist? Ich habe Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Wenn sich es die Situation fordert, dann stehe ich meinen Mann. Solltest du vielleicht auch mal versuchen. Und stabil, nun. Vor ein paar Tagen hatte ich wieder einen Anfall in der Dusche, weil ich offenbar meine Tabletten nicht mehr nahm”, schnaubte er wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wurde.
      “Niklas ich bin’s, du stehst ja völlig neben dir. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen! Abgesehen davon geht es mich nichts an, ja, aber ich werde irgendwie immer mit hineingezogen und soll ständig für eine Seite Partei ergreifen und das ist anstrengend. Ich bin wegen der Pferde hier, um etwas zu lernen und Spaß zu haben, aber den habe ich absolut nicht. Aber gerade geht es ja nicht um mich, warum zur Hölle hast du denn die Tabletten abgesetzt?”, versuchte ich ihn zu beruhigen und Antworten zu bekommen.
      “Ich habe sie nicht abgesetzt, nur vergessen vor lauter Stress”, gab Niklas kleinlaut nach. In geduckter Haltung mit gesenktem Kopf stand er vor mir und war in dem Moment der kleinste Riese, den man sich vorstellen konnte. Plötzlich empfand ich das Bedürfnis ihn zu umarmen, was ich letztlich auch tat. Es war seltsam, wir waren nicht solche touchy best friend Brüder, aber die Situation hatte es eben angeboten. “Junge, warum redest du denn nicht? Du setzt immer ein Pokerface auf, woher soll denn jemand ahnen, dass es dir nicht so gut geht, wie es scheint?”, hakte ich während der Umarmung nach.
      “Weil … ach ich weiß auch nicht. Mein Hirn ist gerade mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, dass ich vermutlich den nächsten Krieg anzetteln werde. Aber davon wird kaum einer noch etwas mitbekommen”, murmelte er. Seine Stimme zitterte leicht und ein Hauch von Unsicherheit drang aus ihm hervor. Niklas war sonst immer der Gefühllose, die niemanden an sich heranließ, doch nun lag er zerbrechlich in meinen Armen. In diesem Moment wusste ich nicht, ob ich etwas sagen sollte oder vielleicht doch nicht - irgendwie fehlten mir die Worte, denn nichts was ich sagen würde, würde ihn aus dieser Situation retten. “Lass uns etwas zusammen unternehmen, einfach mal raus hier und weg von allem. Was hattest du denn eigentlich vor, bevor du auf mich gestoßen bist?”, brachte ich schließlich doch hervor.
      “Ach bin ich jetzt auf einmal nicht mehr der peinliche große Bruder? Mein Taxi kommt gleich für das weitere Tattoo”, antwortete er und ließ mich endlich los. “Eher die große peinliche männliche Hure, aber heute kann mein Stolz auch diesen harten Schlag vertragen.”, feixte ich und boxte gegen seine Schulter, um die Situation aufzulockern. “Was soll’s denn diesmal werden?”, fragte ich neugierig und überlegte gleichzeitig wo an seinem Körper überhaupt noch Platz für weitere Tattoos war.
      “Ach du bist doch nur neidisch, dass ich beliebter bin bei den Mädels als du. Ähm, hier”, sagte Niklas und zog ein Blatt aus seiner Hosentasche. Es war ein geometrisch gezeichnetes Pferd mit einigen Partikeln herum. Von ihm konnte das nicht sein, denn zeichnen gehörte zu den wenigen Dingen, die er nicht beherrschte. “Hat Lina für mich gemacht. Kommt auf die Schulter, schließlich sind meine Arme beinah voll”, setzte mein Bruder fort. “Tatsächlich sieht das echt gut aus.”, gab ich zu und lief mit ihm gemeinsam nach draußen. “Außerdem lieben mich die Mädels bedingungslos, sie reden mit mir über ihre Probleme und man muss ja nicht mit jedem Vögeln, den man mag.”, antwortete ich mit einem Zwinkern. “Bist du schwul oder was, Bruderherz?”, entgegnete Niklas lachend und ich schaute ihn böse von der Seite an, was uns beide unangenehm verstummen ließ.
      “Es wäre nicht schlimm, also wirklich. Wenn du reden willst, gern später, aber ich muss los”, fügte er hinzu und lief zu dem Taxi, dass den Hof hochfuhr. Also würden wir beide heute wohl nichts gemeinsam unternehmen, realisierte ich etwas enttäuscht, aber winkte ihm zum Abschied.

      Ambrose
      Nachdem ich beim Essen ordentlich von den Turteltauben gemaßregelt worden war, hatte ich mich verpisst, um etwas Abstand zu gewinnen. Was war eigentlich mit mir los? Warum bin ich zu allen ein Arschloch und warum spiele ich immer diesen beschissenen stoned Typen? Ich bin kein Stück besser als meine Junkie-Eltern! Plötzlich empfand ich das Bedürfnis mir selbst weh zu tun, um die Stimmen in meinem Kopf verstummen zu lassen. Kurz bevor ich mir mit einem scharfkantigen Stein einen Schnitt verpassen wollte, vibrierte mein Handy - “Nana” stand auf dem Display. “Hey.”, antworte ich kurz, um meine Wut und den Frosch im Hals zu verstecken. “Honey, is everything okay? You sound strange”, gab sie besorgt zurück, natürlich wusste sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich strömten die Tränen heraus und ich begann zu schluchzen, “I’m… I… I don’t know Granny. I feel damn worthless like I should have died with them in that car. Why am I alive? I’m such a ridiculous bastard who couldn’t overcome his parent’s toxic habits…”, brachte ich stotternd hervor. Nana versuchte mich zu beruhigen, doch ich hörte ihr gar nicht richtig zu, doch ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlte, weshalb ich mich zusammenriss und schließlich einlenkte.”Thanks, Nana. I suppose it is just all that stress around here. I will pay you a visit as soon as I am back home - I promise. Love you, bye.”, würgte ich das Gespräch ab. Als ich meinen Kopf wieder nach oben bewegte, entdeckte ich Hannes, der genauso erschrocken war wie ich. Eigentlich wollte ich ihn ankacken, warum er mich belauscht hat, doch auch ihn schien etwas zu beschäftigen, weshalb ich mit der Hand auf den Platz neben mir deutete. Hannes setzte sich vorsichtig neben mich und traute sich wohl auch nichts zu sagen. “Sorry für vorhin und generell”, lenkte ich bedrückt ein. “Schon okay, es hat wohl jeder seine eigenen Päckchen zu tragen”, gab er freundlich zurück und streckte die Hand aus, um die Entschuldigung zu besiegeln. In diesem Moment trafen sich unsere Augen und auf eine komische Art und Weise verharrten wir in dieser Position. “Du hast wunderschöne Augen”, rutschte es mir mit kehliger Stimme heraus und wie durch eine magische Hand gesteuert lehnte ich mich leicht vor. Hannes fixierte mich nach wie vor mit seinen grau-grünen Augen, die zu leuchten schienen. Mittlerweile konnte ich meinen Herzschlag deutlich hören, das durch meine Brust pulsierte, weshalb ich nicht anders konnte, als meine Hand an seinen Hals zu legen und ihn zu mir heranzuziehen. Nun konnte ich auch sein Herz spüren, er wehrte sich keineswegs gegen meine Berührung, im Gegenteil, er lehnte sich nur weiter vor, weshalb ich ihn erst langsam und sanft küsste. Meine Lust ließ sich nicht zügeln und ich küsste ihn leidenschaftlich, meine Zunge berührte seine und er begann mich zu necken und an meiner Lippe zu knabbern. Auf einmal schien all der Kummer verflogen zu sein und meine Gedanken kreisten nur noch um Hannes. Von Lust erfüllt packte ich ihn an der Taille und zog ihn hoch, während ich aufstand und drückte ihn an Wand des Gebäudes neben und stemmte meine eine Hand in die Wand, während die andere sein Gesicht liebkoste. Für einen kurzen Moment war ich sehr froh, dass wir uns an einer abgelegenen Stelle des Hofes befanden und ich deshalb mein Shirt bedenkenlos ausziehen konnte. Sofort strichen Hannes’ Hände über meine Brust und mein Sixpack und fanden schließlich ihr Ziel. “Langsam, Großer, genieß die Spannung”, raunte ich in sein Ohr und presste meine Schwellung an seine Lende, was ihm ein Stöhnen entlockte. Er schien noch unerfahren im Umgang mit Männern, weshalb ich die Führung übernahm und langsam seinen Hals hinunter küsste und sein Shirt auszog. Nun langsam auf die Knie ging, um seine Hose zu öffnen und ihn befreite. Hannes reckte seine Hüften mir entgegen und gab mir so das Okay weiterzumachen, weshalb ich seinen Phallus sanft anfasste und quälend langsam anfing daran zu saugen. Erstaunlicherweise packte er meinen Kopf und zog leicht an meinen Haaren, was mich nur noch mehr antrieb.

      Chris
      Im Stall beobachtete uns Milena und kontrollierte jeden Schritt, den wir machten. Vriska guckte immer wieder zu ihr und verkrampfte wiederholend den Kiefer. In der Sattelkammer hatten wir einen Moment Ruhe vor unserer Staatsbeamtin. “Ist etwas zwischen euch vorgefallen?”, fragte ich vorsichtig und bemühte mich nicht neugierig zu klingen.
      “Das kann man so nicht sagen, aber das mit dem Dreier weißt du?”, hinterfragte Vriska und nahm den Sattelgurt vom Sattel, als er an der Wand hing. Dabei blickte sie nicht zu mir.
      “Natürlich, jeder weiß es. Jetzt im Nachhinein stört es dich?”
      “Ich ärgere mich mehr über mich selbst und will ihr gegenüber nicht eingestehen, dass ich es nachvollziehen kann. Doch es spielt auch mit rein, dass sie mir versprach mit mir die Zeit zu verbringen. Stattdessen hat sie die ersten Abende alles dafür getan, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es hatte nichts mit Ernst zu tun.”
      “Ihr seid doch seltsam. Also dein Problem ist, dass sie dich vernachlässigt hat und das mit Nik nicht das Gleiche ist wie mit dir?”
      “So ungefähr, außerdem spricht sie schlecht über mich vor anderen.”
      “Das mit euch beiden ist auch nichts Ernstes, das hast du vorhin selbst gesagt. Den anderen Grund kann ich besser nachvollziehen. Vriska, bitte sei dir im Klaren, was du möchtest”, meine Stimme wurde ernster. Er hatte sie wirklich in seinen Bann gezogen und ihren Verstand verdreht. So fing es mit Anna auch an, nur das Niklas sich mehr bemühte. Irgendwas stimmte mit ihm nicht.
      “Ich weiß es nicht. Ich brauche ihn”, sagte sie wehmütig und senkte den Kopf. Den vorherigen Augenkontakt verloren wir und spielte sich in den Haaren herum.
      “Dann nimm ihn dir”, ermutigte ich Vriska. Es fiel mehr schwer das zu sagen, denn es bedeutete, dass einige Probleme den Beiden auf dem Weg gelegt werden würde.
      “Denkst du das wirklich?”, ihre Augen funkelten und sie schaute hoch zu mir. Mit einem sanften Lächeln nahm ich sie in den Arm und hoffte, dass sie die richtige Entscheidung treffen würde.
      “Wenn soll Vriska sich nehmen? Sie weiß doch nicht mal wie eine richtige Beziehung funktioniert”, provozierte Milena, die dazu kam. Verärgert schubste Vriska sie zur Seite, als sie die Kammer verließ. Dann drehte sie sich um und fügte hinzu: “Das geht dich nichts an, mein Leben, meine Regeln.” Ein freches Grinsen legte sich auf ihrem Gesicht. Aufrecht im Gang führte sie Glymur aus dem Stall und hatte bereits die Decke wieder um ihn gelegt. Etwas stolz schaute ich der kleinen Blonden nach und band meinen Wallach ab. Milena verschwand wortlos aus dem Stall mit dem Halfter ihrer Palomino Stute.
      “Jetzt sind wir wieder allein”, merkte ich meinem Pferd gegenüber an und lief Vriska nach, die bereits kleiner wurde am Horizont. Dass sie nicht einmal wartete, um zusammen die Pferde wegzubringen, bestätigte meine Vermutung, dass ihr die Situation zu viel war. Als ich die Weide erreichte, kam sie mir bereits entgegen und sagte nichts. Stattdessen blickte Vriska gespannt auf ihr Handy. Aus dem Augenwinkel sah ich Bilder von Niklas, es hätte mir klar sein müssen, dass in ihrem Kopf niemand anderes einen Platz hatte.
      Eine Dusche würde mir guttun, dachte ich nach dem ich meinen Arm hob und an mir roch. An meinem Shirt dominierten großen Schweißflecken und mein Pferd hatte auch seine Spuren hinterlassen. Ein ungewöhnliches Bild ereignete mich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Klein Olof und unser Kiffer standen gemeinsam an der Wand und blendeten vollständig den Rest ihrer Umwelt aus.
      “Ich würde fragen, was das hier wird, wenn es nicht so offensichtlich wäre. Macht, was ihr wollt, aber könntet ihr das in eurem Zimmer vorsetzen? Kinder leben hier am Hof und ich schätze, sie sollten das nicht sehen. Also egal in welcher Konsultation. Vriska und dein Bruder können sich auch zusammenreißen … Fan”, rutschte es mir heraus. Wenn Niklas das erfährt, bringt er mich um. Meine Augen richtete ich in den Himmel, denn das, was die Beiden taten, überschritt deutlich dem, was ich mir sonst anschaute. Erschrocken gingen die beiden auseinander und Hannes hielt die Hände vor seinen Schwanz wie bei einem Freistoß. “Ich Ähh… wir… also”, stammelte er vor sich hin. “Diggi mach keine Szene, halt bloß deine Klappe und wir sind fine. Nächstes mal treiben wir es auf deinem Bett, wenn’s dir lieber ist.”, antwortete Ambrose keck mit einem Zwinkern.
      “Szene? Vermutlich hätten andere ganz anderes reagiert, also entspann dich. Und klar, ich stelle euch mein Bett gerne zur Verfügung”, rümpfte ich die Stirn. Einige falten bildeten sich. Hannes stand angespannt da und brachte kein weiteres Wort heraus. Er erinnerte mich in dem Moment stark an seinen Bruder, als wir in Neuseeland waren und ich ihn mit unserer Chefin erwischte unter der Dusche. Die Dame war mehr als 20 Jahre älter als wir, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. “Du hast ja recht. Danke.”, gab Ambrose kleinlaut zu und beide Herren der Schöpfung gingen wortlos mit einem riesigen Abstand zueinander weg.
      Verspürte auf dem Hof jemand Pheromone oder wieso konnte niemand seinen Trieben widerstehen? Kopfschüttelnd lief ich zu meinem Zimmer. Björn war nicht da, also konnte er nur wieder mit Erika beschäftigt sein. So zog ich mein Shirt über den Kopf, warf es in die Ecke und nahm mir neue Kleidung. Mit ihnen im Arm marschierte ich in die Dusche, schloss die Badezimmertür zu und genoss, dass Wasser, dass über meinen Körper floss.

      Hannes
      Wow. Was war das gerade? Ein Ausrutscher, der nicht wieder vorkommen würde, ich bin ja nicht schwul, das wäre ja völlig absurd. Ich musste bei dem Gedanken fast lachen, ich und schwul, ja bestimmt, meine Eltern würden mich achtkantig aus dem Haus werfen und mich als ekelhaften Unzüchtigen abstempeln. Dennoch drängten sich Gedanken von Ambrose in den Vordergrund, dieser trainierte Körper mit glänzender weicher Haut, die Milchschokolade ähnelte und danach bettelte berührt und geschmeckt zu werden. Was zur Hölle ist mit meinen Gedanken? Ich stehe ganz normal auf Frauen, Brüste, ja schöne Brüste und ein knackiger Arsch, Männer lieben und den Akt wie ein Tier vollziehen, sowas ist unnatürlich. Ganz in meinen Gedanken versunken stolperte ich so vor mir hin und rempelte Mika und Dasha, die mich augenblicklich verwirrt ansahen und fragten, ob alles okay sei, ich nickte, lächelte und ging weiter, aber wohin. Checkpoint. Kurzerhand entschied ich mich dafür meinem Hengst einen Besuch abzustatten und schlug den Weg zu seiner Weide ein. “Checkers! Na, komm dicker!”, rief ich, als ich nahe der Weide war, aber meinen lackschwarzen Rollmops nicht finden konnte. Anscheinend war es ihm auch zu heiß, da er nur langsam im Schritt auf mich zu dackelte ohne große Begeisterung. Glücklicherweise hatte ich noch ein Leckerli bei mir, welches ich ihm zur Begrüßung vor die Nase hielt. Checkers grummelte und freute sich über die kleine Belohnung und forderte dann seine Streicheleinheiten ein.

      Lina
      “Setz dich jetzt mal vernünftig auf dein Pferd, wenn du so weiter machst, fällt sie noch über ihre eigenen Füße”, holte mich der Trainer aus meinen Gedanken. Die waren nämlich immer noch mit dem Chaos in meiner Wohnung beschäftigt. Kaum hatte Herr Holm zu Ende gesprochen stolperte meine Stute, wie als wolle sie seine Worte unterstreichen. Während ich mich auf mein Pferd und mich fokussierte hörte ich wie Samu natürlich wieder Lob einheimste. Ice Rain lief entspannt unter ihm und er sah mal wieder aus als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen.
      “Ah, scheinbar hast du ja doch schon mal auf einem Pferd gesessen, das sieht doch gleich viel besser aus”, bekam ich nun zu hören. Ich hatte meine Zügel ein Stück weit aufgenommen und mich tiefer in den Sattel gesetzt, was sich auch sogleich im Schritt meiner Stute widerspiegelte. Sie schritt nun zwar immer noch entspannt, aber stolperfrei durch die Halle.
      “Trab deine Stute mal auf dem Zirkel an”, bekam ich nun eine Anweisung von Herrn Holm.
      Ich lenkte meine Stute auf den Zirkel, setzte mich tiefer in den Sattel und nahm die Zügel ein Stück nach zum Antraben. Brav trabe die Stute an, doch schon nach ein paar Trab Tritten, verspannte ich mich und sie fiel mir wieder aus.
      “Bleib locker in der Hüfte und klemm nicht so mit dem Knie, so blockierst du dich nur selbst”, korrigierte mich der Trainer. Ich trabte Nathalie erneut an und versuchte locker zu bleiben, das klappte allerdings eher so Semi-Gut, denn kaum war Nathalie eine halbe Runde getrabt, ging mein Knie wieder zu.
      “Deine Beine sollen locker am Pferd hängen”, erinnerte mich Herr Holm. Das Aussitzen im Trab war noch nie meine Spezialität gewesen und das zeigte sich jetzt deutlich. Während Nathalie sich alle Mühe gab, es mir leicht zu machen konzentrierte ich mich noch mehr darauf locker zu bleiben uns nun funktionierte es tatsächlich so wie es sollte nur das mein Pferd eher ein Osterei lief anstatt eines Kreises.
      “Auch wenn du locker sitzen sollst, vergiss nicht die Schenkelhilfe. Lass dein inneres Bein dran”.
      Nach weiteren 5 Minuten, verschonte mich Herr Holm erst mal und ich durfte eine kurze Schrittpause einlegen, während er sich Samu Galopp ansah.
      “Glaub nicht ich sehe, dich nicht”, ermahnte mich Herr Holm als meine Gedanken für einen kurzen Moment wieder abschweiften, was sich natürlich sofort im Gangbild meiner Stute spiegelte. Sofort setzte ich mich wieder gerade hin und war schon ein wenig beeindruckt davon, dass Herr Holm scheinbar sogar Augen im Hinterkopf hatte.
      Nach ein paar Minuten wendete er sich dann wieder mir zu. Der Galopp funktionierte um Längen besser, was sicherlich auch daran lag, dass es die Paradedisziplin meiner Stute war. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, hatte Herr Holm kaum etwas auszusetzen und so verließen Samu und ich die Halle.
      “Weißt du Lina, wir zwei werden jetzt noch eine kleine Runde um den Hof drehen, bevor ich die wieder in dein Chaos lasse. Du solltest dir jetzt erst mal einen Moment der Entspannung gönnen. Wenn dann die Pferde versorgt sind, helfe ich dir lieber beim Packen. Nicht das du noch Teil des Chaos wirst”, scherzte Samu gut gelaunt.
      “Ich bin schon lange ein Teil davon”, antwortete ich ihm erschöpft. Obwohl die Sitzstunde nur 20 Minuten lang war, hatte sie mir doch einiges abverlangt. Für gewöhnlich schummelte ich mich um das Aussitzen im Trab herum, was auch im normalen Alltag recht funktionierte.
      “Also für mich siehst du noch sehr eigenständig und real aus. Und...”, sagte er und begann mich anzustupsen “du fühlst dich auch eindeutig noch so an”, bestätigte Samu.
      “Schön, dass ich noch keine Einbildung bin. Dachte schon, ich wäre nur in deinem Kopf und du würdest nun langsam verrückt werden”, kommentierte ich das ganze. “Wundern würde es mich nicht”.
      “Was wills du denn jetzt damit sagen?”, fragte mein bester Freund ein wenig beleidigt.
      “Gar nicht. Wobei…, wenn du nicht bald anfängst, dir weitere Freunde zu suchen brauchst du vielleicht wirklich noch eingebildete Freunde, denn ich werde bald nicht mehr da sein”, antworte ich ihm unschuldig.
      “Also bitte, ich habe Freunde”, protestierte er entrüstet.
      “Und warum sieht man die hier so selten?”, fragte ich nach. Daraufhin sagte er nichts mehr.
      “Aber jetzt mal ehrlich Samu, du solltest mal herausgehen und Leute kennenlernen und damit meine ich näher kennenlernen. Wie kann es sein, dass ein so netter Kerl wie du gerade mal eine einzige Beziehung in 25 Jahren hatte”
      “Vielleicht weil ich genug damit zu tun hatte, dich vor Dummheiten zu bewahren?”, gab er nun schlagfertig zurück. Damit hatte er zwar irgendwo recht, aber wenn man es genau nehmen wollte, hatte ich ihn nie darum gebeten.
      “Dann ist es ja gut, dass du das jetzt nicht mehr tun musst. Aber jetzt lass uns noch ein wenig Spaß haben, wer als Erstes Oben ist”, beendete ich das Thema und ließ meine Stute antraben. Wir hatten unsere Lieblingsgaloppstrecke erreicht, den Wiesenweg den Hügel hinauf. Nathalie wusste schon was nun kommen würde, denn mit gespitzten Ohren fiel sie erst in den Trab, bis sie dann schließlich in einen fetzigen Galopp überging.
      “Ey, das ist unfair”, hörte ich Samu rufen, der seine Stute nun auch an treib. Obwohl Ice Rain sich echt Mühe gab Nathalie einzuholen, erreichte ich als erste den Hügel. Oben hielt ich meine Stute an und blicke die Anhöhe hinunter. Unter uns erstreckte sich der Hof und es war einfach ein wunderschöner Ausblick.

      Juha
      Linh und ich holten zusammen ihre Stute wieder hoch zum Stall, da sie mit Milena gleich zum Training wollte. “Bist du dir sicher, dass ich gehen soll?”, fragte ich sie erneut, als Linh ihre Stute in der Stallung anband. “Denke ja, schließlich schien ich die vergangene Woche nicht mehr aktuell zu sein und lebe immer noch”, antwortete sie, ohne mich anzuschauen. Stattdessen putzte sie ihre Stute und sagte nicht mehr. Ich verabschiedete mich und verschwand wieder ins Zimmer. Es fehlte mir die Beschäftigung, denn irgendwem hinterherzulaufen gehörte normalerweise nicht zu meinen Hobbys. Meinen Computer konnte ich schlecht mit hernehmen, außerdem hatten wir es alle fast wieder geschafft in das alte Leben zurückzukehren. Obwohl Kanada wirklich schön war, vermisste ich Schweden und besonders die Leute. Alle handelten komisch, als würde die Welt untergehen, wenn man sich alltäglich verhielte. Natürlich nahm ich mich dem auch an, um nicht zu dem anderen Teil des Vereins zu gehören, die sich nach hinten zogen und keinesfalls das Rampenlicht des Erfolgs genossen.
      Eh ich mir weiter Gedanken machte über das Leben und wieder im Strudel des Selbstmitleids landete, musste ich mich ablenken. Kaum schlief Niklas wo anderes, sah das Zimmer aus wie ein Hotelzimmer. Seine Sachen schmiss ich vergangenen Abend einfach zusammen in den Koffer und stellte ihn in den Schrank. Sogar sein Bett machte ich, um Linh nicht wieder in der Unordnung zu begrüßen. Auf dem Tisch lagen die ersten Entwürfe meiner Kür mit Amy. Da die junge Stute noch nicht allzu lange im Training ist, musste ich mir etwas einfaches Ausdenken. Im Vergleich zur A-Dressur, die wir bisher immer ritten, wollte Herr Holm, dass ich langsam mal zur L wechselte. Versammlungen im Trab und Galopp beherrschte sie bereits, auch der einfache Galoppwechsel war keine Neuheit. Allerdings lag mein Augenmerk mit ihr im Springen, was ihre Abstammung auch deutlich mehr hergab. Umso schwieriger erschien es mir, eine Kür auszudenken, die auf den Punkt passend zur gewählten Musik passte. Zum Glück bestand die Wertung darin, die Balance, Harmonie und Durchlässigkeit des Pferdes, was Amy bisher sehr zuverlässig zeigte. Ihre Konzentration lag darin, sich auf meine Hilfen zu verlassen. Selbst denken wäre eine Schwierigkeit für Scheckstute, denn schon beim Einreiten achtete ich stets darauf, dass sie meinen Hilfen genau folgte. So wurden wir zu einem guten Team, in dem jeder sich auf den anderen verlassen konnte. Früher hätte ich das noch über Niklas sagen können, doch mittlerweile zweifelte ich daran. Wir saßen gemeinsam bereits einige Stunden an der Kür für mich und Amy, dennoch fehlte er gerade. Im Springen hätte ich einen wunderbaren Parkour aufbauen können inklusive Galoppsprüngen, die zwischen den einzelnen Hindernissen sein sollten, sowie Dekoration oder einem Motto. Doch danach fragte natürlich niemand. Obwohl wir das Eventing Team waren, empfand ich das Gleichgewicht des Trainings als fragwürdig. Erst zweimal besuchten wir bisher den Springplatz, doch täglich mussten wir uns in der Dressur abrackern. Als wir uns entscheiden sollten, ob wir mitkommen oder nicht, sprachen die Veranstalter noch ganz anderes über das Training. Von einer individuellen Ganztagsbetreuung von Pferd und Reiter war die Rede, sowie kontinuierlicher Weiterentwicklung in der Beziehung zueinander. Wer auch immer diesen Flyer erstellt hatte, sollte sich schämen. Das Einzige, was sich weiterentwickelte waren, wohl die Beziehungen untereinander, die teilweise uns in Gruppen drängten und andere sogar fallenließ. Jetzt konnte ich das auch nicht mehr ändern. Bevor ich mich wieder an die blöde Dressur setzte, entschied ich erstmal wieder herunterzukommen. Ich wechselte meine Hose wieder, warf auch mein Shirt zur Seite und verließ samt meinem Buch das Zimmer, um mich in die Sonne zu legen. Eine Decke legte ich auf den Rasen, stütze mich mit meinen Unterarmen ab und begann das Kapitel erneut zu lesen. Die Sonne brannte auf meinem Rücken, was meinen aktuellen seelischen Zustand ziemlich gut widerspiegelte.

      Lina
      “Na, woran denkst du gerade?”, fragte mich Samu der nun auch auf dem Hügel angekommen war.
      “Irgendwie vermisse ich unsere Heimat, auch wenn es hier durchaus sehr schön ist. Hier fehlt aber so viel. Das Meer, die salzige Luft und sogar die nervigen Möwen”, erklärte ich nachdenklich.
      “Ja, das kann ich verstehen. Aber nervige Möwen und Meer sollten in Schweden zu finden sein”, versuchte mich ein Freund von mir aufzumuntern.
      “Niin on”. Einen Moment lang standen wir noch schweigend auf dem Hügel und ich genoss den Ausblick. Die Sonne brannte vom Himmel und nicht eine einzige Wolke war zusehen.
      “Ich möchte dich ja nicht in deiner Ruhe stören, aber so langsam sollten wir zurückreiten, sonst schmelzen wir hier oben noch”. Samu deutete auf das dunkle Fell meine Stute, wo sich langsam kleine Rinnsale bildeten.
      “Na gut, genug geschaut.” Ich wendete meine Stute und ließ die den Hügel hinabgehen, Samu folgte mir mit Ice Rain.
      Zurück auf dem Hof stieg ich von meiner Stute ab und zog ihr den Sattel vom Rücken, dunkel zeichnete sich die Stelle ab, auf der er gelegen hatte.
      “Ich bringe sich direkt auf die Koppel, kommst du mit?”, fragte ich Samu, der noch auf Ices Rücken saß.
      “Jap. und wenn die zwei hübschen hier auf der Koppel sind, werde ich dir mal bei deinem Chaos helfen, sonst sieht man dich heute wohl nie wieder”, scherzte er und ließ sich aus dem Sattel gleiten.
      “Erinnere mich bloß nicht daran”, seufzte ich.
      Gemeinsam brachten wir die beiden Stuten auf die Koppel und räumten ihr Sattelzeug weg, bevor wir 10 Minuten später wieder in meiner Wohnung standen.
      Leider hatte es sich nicht von selbst aufgeräumt.
      “Was genau sollte das eigentlich werden?”, fragte Samu als er hinter mir durch die Tür trat.
      “Naja, erst wollte ich nur aufräumen … und dann ist mir eingefallen, dass ich in 3 Tagen das Land verlasse. Also habe ich versucht zu überlegen, was ich einpacke, … Aber du siehst ja das hat eher so semi-gut funktioniert”, erklärte ich.
      “Und dieser Stapel da soll darstellen, was du mitnehmen möchtest?”, fragte er und betrachtete den Haufen auf dem Bett mit einem kritischen Blick.
      “Ja?”, bestätigte ich und sah ihn unsicher an.
      “Also, die hier”, sagte Samu nun und nahm einen Stapel Bücher vom Stapel runter, “wirst du schon mal hierlassen, es gibt E-Books.”
      ”Aber echte Bücher sind viel schöner zum Lesen”, protestierte ich.
      “Aber erstens, ist dein Koffer voll, wenn du die alle Einpackst und zweitens sind sie ja nicht für immer verloren”, ließ sich Samu nicht davon abbringen die Bücher wegzulegen. “Du solltest packen als würdest du in den Urlaub fahren, solltest du dich dann tatsächlich dazu entschließen in Schweden zu bleiben, werden wir schon einen weg finden dir deinen Kram hinterherzuschicken, also packe als würdest du für einen Urlaub packen.” Mein bester Freund machte nicht den Eindruck als würde nachgeben und irgendwo hatte er ja recht.
      “Ok, darf ich dann wenigstens mein Lieblingsbuch mitnehmen? “, sagte ich und griff nach dem obersten Buche auf dem Stapel. Samu protestierte nicht, also nahm ich das als Ja.
      “Du solltest beim Koffer packen immer mit dem wichtigen Anfangen und ich denke, sofern du nicht nackt herumlaufen möchtest, sollte das wohl die Kleidung sein.” Samu stellte sich vor meinen Kleiderschrank und sah mich erwartungsvoll an.
      “Na los, oder willst du, dass ich das mache?”, forderte er mich auf als ich mich nicht bewegte. Nein, besser sollte ich das selbst machen. Ich wollte ja nicht sagen, dass Samu nicht stilvoll war, aber sein modisches verständiges wich doch ein wenig von dem Meinen ab. “Nein, das mache ich lieber selbst”, antworte ich ihm und begann in meinen Kleiderschrank zu wühlen und die Kleidung, die ich mitnehmen wollte auf dem Boden zu stapeln.
      “Na, da will, ich mal sehen, wie du das alles in deinen Koffer bekommen willst”, murmelte Samu ließ mich aber erst einmal machen. Neben Reitklamotten wanderten auch noch Shirt, Tops, Hosen und weitere wichtige Klamotten auf den Stapel. Als ich gerade dabei war einen weiteren Pullover dazuzutun, hatte Samu allerdings wieder etwas einzuwenden: “Pysähdy! Du glaubst auch, in Schweden gibt es keine Waschmaschinen, oder? Außerdem ist es Sommer, du brauchst keine 5 Pullover Lina.”
      Ich wollte schon protestieren, doch er sah mich mit einem Blick an, der keinen Widerstand duldete, somit legte ich den Pullover also wieder weg.
      “Ich glaube, das reicht so”, verkündete ich einen Moment später. Auf dem Stapel befanden sich nun alle Klamotten, die ich für wichtig hielt, natürlich mit Ausnahme der, die ich noch brauchten, würde.
      “Ok, dann ist der nächste Punkt, die Sachen die noch so brauchst. Deinen Laptop solltest du auf jeden Fall mitnehmen und denke auch an so was wie Kopfhörer, Ladekabel all so ein Zeug”, wies er mich an.
      Also ging ich als Erstes ins Wohnzimmer, wo mein Laptop und mein Tablet waren. Neben den beiden Geräten sammelte ich auch noch das nötige Zubehör ein. Es wanderten noch solche Dinge wie ein Handtuch, meine kleine Reiseapotheke, die nötigsten Schuhe, auch hier verbot mir Samu unnötig viel einzupacken, und natürlich folgte auch mein Zeichenzeug.
      “Ich glaube das müsste dann alles sein, von dem was ich nicht mehr brauche”, verkündete ich, als ich alles zusammengetragen hatte.
      “Ja fast. Etwas Wichtiges hast du noch vergessen.”
      “Was den bitte?”, fragte ich verwundet und sah mir den Haufen noch einmal ganz genau an, aber ich kam nicht darauf.
      “Na deine Papiere, sonst werden sie dich werde hier aus dem Land lassen noch dort ins Land”, sagte Samu erheitert.
      “Lachst du etwa über mich?”, fragte ich vorwurfsvoll.
      “Nein, ich lache mit dir, nicht über dich”, sagte er unschuldig und das Grinsen auf seinem Gesicht wurde nur noch breiter.
      “Ich finde das nicht nett, dass du mich an meinen Problemen erfreust”, sagte ich ein ganz klein wenig beleidigt, während ich meine Papiere aus der Schublade zog.
      “Wie soll das alles eigentlich in diesen Koffer da passen?”, fragte ich dann kurz darauf, denn mir leuchtete noch nicht ein, wie diese ganzen Dinge dort hineinpassen sollten.
      “Ganz einfach, mit der richtigen Technik”, antworte Samu und setzte sich neben meinem Koffer auf den Boden, wo er begann die ersten Dinge hineinzupacken.
      “Gerade so was hier”, er hielt einen Pullover in der Hand ”kannst du wunderbar klein machen, wenn du es zusammenrollst”, erklärte er und demonstrierte das ganze auch so gleich. Mit Erstaunen musste ich eine halbe Stunde später feststellen, dass dieser und andere Tipps, die er mir noch gab, tatsächlich dazu führte, dass alles in den Koffer passte. Ein paar Sachen waren zwar auch ins Handgepäck gewandert, doch das meiste hatte seinen Platz im Koffer gefunden.
      “So, wenn du jetzt noch unbedingt ein weiters Buch einpacken möchtest, kannst du das gerne noch tun”, verkündete er und verstaue noch ein Socken paar.
      Doch statt zu einem weiteren Buch griff ich nach der Shadowbox die auf dem Regal stand. Darin einige Bilder und Erinnerungstücke an das Pferd was mir damals so viel bedeutete.
      “Damit ich mich wenigstens ein wenig heimisch fühlte”, ergänzte ich erklärend als ich den Gegenstand in den Koffer legte.
      “Eindeutig eine bessere Entscheidung als ein weiters Buch”, lobte Samu mich. “Und jetzt räumen wird noch den Rest auf und dann solltest du dich um deine restlichen Pferde kümmern”, fügte er hinzu.
      Nach einer halben Stunde hatte ich es mit Samus Hilfe dann auch noch geschafft das Zimmer wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Ich wollte mich gerade auf den Weg nach unten machen, als ich Hazel ins Haus kommen hörte: “Äh Jayden, hast du Lina irgendwo gesehen?” Am liebsten wäre ich geradewegs wieder in mein Zimmer gegangen, aber Samu hatte bereits den Weg die Treppe runtergenommen.
      “Sie wollte gerade herunterkommen”, hörte ich seine Antwort. Jetzt hatte ich wohl kaum eine andre Wahl als ihm zu folgen.
      “Ahh, da bist du ja”, kam es direkt von Hazel, als sie mich erblickte. “Du wolltest mir noch mal das Reitschulzeug erklären”, ergänzte sie fordernd.
      “Natürlich” murmelte ich ergeben und ging voran in das kleine Büro. Dort erklärte ich ihn noch mal das gesamte Konzept der Reitschule, das Abrechnungssystem und alles, was sie wissen musste. Nach einer Stunde, in der sie unendlich viele Fragen gestellt hatte, hatte sie endlich genug.
      “Ok, ich glaube, ich habe alles verstanden. Aber jetzt musst du noch dein zweites Versprechen einlösen”, verkündete sie und stand auf. “Ich geh schon mal vor, ich erwarte dich in 20 Minuten im Stall.” Schon war sie aus dem Büro verschwunden. Uff, dann würde ich heute wohl wirklich auf ein Westernpferd steigen.

      Auf der Stallgasse erwarte mich bereits Hazel, die Blue Heart auch bereits gesattelt hatte. “Na, Trensen schaffst du wohl selbst, denke ich mal”, sagte sie und drückte mir Blues Trense in die Hand. Ich begrüßte die Stute, bevor ich sie auftrenste und dann ging es auch schon auf den Reitplatz.
      “Und wie muss ich sie jetzt reiten?”, frage ich Hazel ein wenig verwirrt, als ich auf der Stute saß.
      “Wir fangen erst mal mit deiner Zügelhaltung an. Blue hat jetzt ein Snaffel Bit drin, das wird eigentlich immer zweihändig geritten, das machst du schon ganz richtig. Aber du musst deine Hände viel weiter auseinandernehmen”, erklärte sie und schob meine Hände ein ganzes Stück weiter auseinander. “Und nimm den Finger da Weg, im Western machen wir eine Faust um den Zügel.” Aufmerksam befolgte ich ihre Anweisungen.
      “Wenn du jetzt losreiten möchtest, gibt du einen kurzen Impuls mit dem Bein und schnalzte dabei, dann läuft sie los, anhalten tust du dann wieder, wenn du Woha sagst.”
      Nachdem Hazel mir die Bedienungsanleitung für die Stute geliefert hatte, probierte ich sie loszureiten, was auch fast funktionierte.
      “Lass deinen Schwerpunkt ein bisschen weiter vorne, sonst läuft sie Rückwärts”, korrigierte Hazel mich und diesmal lief das Quarter Horse wirklich los.
      “Genau gut so, aber treib nicht jeden Schritt das Pferd soll selbstständig, so lange weiterlaufen, bis du etwas anderes sagst.”
      Es war ziemlich ungewohnt nicht jeden Schritt zu treiben und auch das Tempo der Stute, kam mir recht langsam vor.
      “Ist das richtig, dass mein Pferd gefühlt einschläft”, fragte ich deshalb nach.
      “Ja, das Tempo ist vollkommen korrekt so. Das ist Trail Pferd kein Rennwagen”, antwortete Hazel lachend. Da ich nun bestimmt schon drei Runden am Zaun entlang geritten war, wollte ich nun versuchen die Stute auf einen Zirkel zu lenken. Ich versuchte es mit den normalen Hilfen, doch an Blues Ohren konnte ich sehen, dass das nur zur Verwirrung der Stute beitrug.

      Milena
      „Ihr wart wieder super zusammen“, sagte ich zu Linh mit der von der Reitstunde zurücklief. Kempa konnte sich auch sehen lassen. Sie brauchte immer ihre Zeit, um sich in neue Umgebungen einzufinden, deswegen war es schade, dass wir bereits in wenigen Tagen wieder nach Hause flogen. Im Gegensatz zu Vriska hatte ich mich auch schnell in die Gruppe integriert und neue Kontakte geknüpft, auch wenn es den Effekt hatte, dass ein Messer sich zwischen uns trieb.
      „Wie geht’s es Anna?“, tippte mich Linh an. Sie fragte eindringlich, als hätte ich es beim ersten Mal nicht gehört.
      „Ganz gut, schätze ich. Zumindest so gut, wie es einem in der Situation gehen kann. Ich versuchte sie davon abzuhalten, aber du kennst Anna ja. Das ist gar nicht so leicht. Sie vermisst ihr Pferd“, antwortete ich ihr. Anna und ich telefonierten jeden Abend, obwohl mir davon abgeraten wurde. Sie fehlt mir, besonders nach dem sie mir das ein Gefühl von zu Hause gab, endlich etwas gefunden zu haben das man bedingungslos liebte. Doch war es bereits Liebe? Wenn ich Nacht zurückdachte, stellten sich meine Haare hoch und eine wohltuende Wärme breitete sich im ganzen Körper aus. Ein Kribbeln durchzog meinen Bauch und es fühlte sich an, als würde kleine Schmetterlinge um meinem Kopf herumfliegen. Es war so echt, echter als alles was ich je fühlte.
      “Du vermisst sie auch, oder?”, fragte Linh vorsichtig. Ich nickte und blickte leer in den Himmel. Die Sonne brannte in meinen Augen und ließ mich den Blick wieder zu meinem Pferd richten. Kempa schubberte ihren Kopf am Holz, nach dem ich die Trense entfernte. Sie schwitzte und die Haare verfärbten sich Dunkel um ihre Augen herum. Wenn ich sie mit Móra verglich, hatte meine Stute viel mehr Fell und bereitete sich schon auf niedrige Temperaturen vor. Zum Rasieren war es zu spät, denn dann würde sie im Herbst kaum noch nach treiben.
      “Komm wir bringen die Pferde weg und dann setzen wir uns an den Reitplatz, ich habe da jemand auf einem Westernsattel entdeckt. Das konnte ich bisher nie sehen so nah”, freute sich Linh und lief mit ihrer Stute los. Kempa brauchte einige Sekunden, eh sie mir folgte.
      “Und ihr beide? Was läuft da”, grinste ich die Schwarzhaarige an, auf dem Weg zur Weide.
      “Ju und mich meinst du? Das fing bereits vor dem Camp an, aber wir wollten dann erst mal gucken. Irgendwas war dann und er kam wieder an”, erzählte sie mir mit einem Lächeln.
      “Weißt du nicht was passiert ist?”, hinterfragte ich und wollte unbedingt wissen, ob es mit Vriska zu tun hatte. Denn vor einigen Tagen lief es zwischen den Beiden noch ziemlich gut und jetzt sprachen sie nicht einmal mehr miteinander. Ich würde sogar behaupten, dass sie sich auf dem Weg gingen. Allerdings nahm sich Vriska überall heraus und hielt nur den nötigsten Kontakt zu allen.
      “Nein, ich habe auch nicht gefragt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es mir auch egal ist. Dass er mit Vriska kurz was hatte, nehme ich ihm auch nicht übel. Schließlich sehen wir die ja eh nicht mehr”, gab sie zynisch zu. Linh verdrehte dabei die Augen und öffnete das Tor des Zauns. Ich zog das Halfter meine Stute ab und sie trabte weg. Móra lief einige Schritte und warf sich in den Dreck.
      “Ich werde sie wohl schon noch sehen, aber sagt mal. Denkst du die beiden haben miteinander geschlafen? Weil naja. Nicht nur ich sah, dass etwas nicht stimmt und Herr Holm hat in der Halle auch gescherzt. Im Stall verschwand sie mit Chris und ich konnte nicht wirklich was verstehen”, fragte ich hartnäckiger nach. Mir kam das alles komisch vor.
      “Milena, sei doch nicht immer so neugierig. Aber tut mir leid, ich weiß es nicht aber kann es mir auch nicht vorstellen. Er ist nicht der Typ dafür. Mit Chris hatte sie sicher auch nichts, vielleicht fragst du sie einfach mal, anstatt dich bei allen nach ihr zu erkundigen. Das wäre menschlich auch freundlicher”, tadelte Linh.
      “Du hast recht, aber ich habe keine Lust mit ihr zu sprechen.”
      “Trotzdem interessiert dich noch, was sich in ihrem Leben abspielt. Also spring über dein Schatten oder ignoriere sie vollkommen.”
      Linh nahm mir das Halfter ab und brachte beide in den Stall. Ich wartete auf sie. Zusammen setzten wir uns an den Reitplatz, auf dem Linh mit einem Quarter beschäftigt war. Wirklich elegant wirkten beide nicht, das Pferd wollte sich entfalten aber hatte Schwierigkeiten dabei, da seine Reiterin es daran hinderte. Ich selbst würde vermutlich nicht besser im Sattel sitzen, deswegen klemmte ich mir weitere Kommentare. Linh blickte interessiert und fieberte förmlich mit.
      “Wenn du fragst, darfst du sicher auch mal rauf”, sprach ich zu ihr leise, damit wir dem Unterricht nicht störten.
      “Denkst du wirklich?”, fragte Linh. Ich nickte und zog gleichzeitig nicht wissend meine Schultern hoch. Dann band ich mein Shirt mit einem Knoten durch meinen BH nach oben. Der Schweiß lief meinem Rücken herunter, was bei solchen Temperaturen auch nicht unüblich war.

      Lina
      Inzwischen hatte ich die grundlegende Lenkung der Stute halbwegs verstanden, aber trotzdem war ich noch weit entfernt davon entfernt eine einwandfreie Kommunikation mit der Stute zu haben. Beim Vorbeireiten sah ich, dass Milena und Linh am Zaun standen.
      Das machte mich ein wenig nervös, denn ich sah ziemlich sicher nicht gerade elegant aus, wie ich so mit der Stute über den Platz ritt.
      “So da das mit dem Traben doch schon ganz gut aussieht, probieren wir doch mal den Galopp aus. Reite mal hier auf den Zirkel und galoppiere sie an, die Hilfe ist im Prinzip dieselbe wie beim englischen Reiten. Wichtig ist nur, du musst den Zügel komplett vorgeben und zusätzlich zur Schenkel- und Gewichtshilfe musst du das noch mit einem Küsschen unterstützen. Denk dran, wenn sie galoppiert, nicht weitertreiben, aber das Bein bleibt dran”, erklärte Hazel, während ich im Trab um sie herumritt. Entsprechend ihrer Anleitung Konzentrierte ich mich auf die Hilfe. Tatsächlich reagierte die Stute auf den Impuls und galoppierte brav an. Auch in dieser Gangart wurde mir vor allem das langsame Tempo bewusst. Der Galopp war ebenfalls ungewohnt flach und hatte recht wenig Schwung, was allerdings den Vorteil hatte, dass es erstaunlich leicht zu sitzen war.
      “Gut machts du das. Du kannst sie jetzt auch ruhig ganze Bahn galoppieren”, lobte Hazel. Mithilfe des Zügels und des Gewichtes stellte ich die Stute wieder gerade und galoppierte sie ganze Bahn. Wir hatten zwar nur den dritten Hufschlag getroffen, aber dennoch war ich schon froh darüber die Stute wieder aus dem Zirkel bekommen zu haben.
      “So ich denke, das reicht für den Anfang du darfst wieder durch Parieren”, rief Hazel mir nach 3 Runden um den Platz zu.
      “Woha”, sagte ich zu Blue, um sie anzuhalten, wie Hazel es mir erklärt hatte, doch scheinbar hatte ich irgendetwas nicht ganz richtig gemacht, denn statt in den Trab zu fallen ging die Hinterhand der Stute runter und sie legte eine Vollbremsung hin.
      “Oh, das hätte ich dir vielleicht noch sagen sollen, dass Woha stehen bleiben heißt, nicht durch Parieren”, sagte Hazel und lachte. “Aber du hast gerade einen einwandfreien Sliding Stopp gemacht, nicht schlecht für ‘n Anfänger. Reite sie noch ein paar Runden Schritt und dann darfst du absteigen.”
      Nachdem ich mich wieder sortiert hatte, nach dies sehr plötzlichen Anhalten, trieb ich die Stute in den Schritt.
      “Das ist ja gar nicht so leicht wie es immer aussieht”, sagte ich anerkennend zu Hazel. „Ist ja doch ganz schön anstrengend”.
      “Da siehst du mal, es ist nämlich nicht einfach nur draufsitzen”, antworte Hazel fröhlich.
      “Ich denke ich werde trotzdem beim Englischen reiten bleiben, das hier kommt, mir vor wie eine Fremdsprache”. Tatsächlich war ich mir, während dieser Reiteinheit wie ein Anfänger vorgekommen, der das erst mal ohne Longe reiten darf. Offensichtlich war diese halbe Stunde für mich anstrengender gewesen, als für die Stute, denn mir der Schweiß den rücken hinunterlief, war das Fell der Quarterstute noch nahezu trocken. Entspannt schritt Blue Heart noch ein paar Runden mit mir über den Platz, bevor ich sie neben Hazel anhielt und aus dem Sattel glitt.
      “Soll ich sie wegbringen?”, fragte ich sie und zog der Stute die Zügel vom Hals. Milena schubste Linh nach vorn, die offenbar etwas zu sagen hatte: “Ich würde gern mal, wenn ich darf.”
      “Klar, gerne die Maus kann noch ein wenig Bewegung gebrauchen”, antwortete Hazel ihr freundlich und nahm mir die Zügel aus der Hand. Ich verließ den Platz, denn ich konnte Samu entdecken, der gerade mit Elf Dancer von einem Ausritt zurückkam. Er hatte mich scheinbar auch entdeckt, denn er hielt den Hengst an und wartete, bis ich zu ihm gestoßen war.
      “Na, hast du auf einmal die Sparte gewechselt?”, fragte er scherzend.
      “Nein, das war eine der Bedingungen, dass Hazel aufhört mir auf die Nerven zu gehen. Irgendwie hat es Spaß gemacht, aber es war echt anstrengend”, antwortete ich ihm.
      “Dann wollen wir mal hoffen, dass es nicht zu anstrengen war, denn soweit ich weiß, warten da noch ein paar Pferde auf deine Aufmerksamkeit”, erinnerte er mich und trieb seinen braunen Hengst wieder in den Schritt.
      “Ja, ich weiß doch”, erwiderte ich und begleitete ihn zum Stall.

      Milena
      Linh stieg auf die Stute und machte direkt eine gute Figur. Locker hingen die Beine in den Bügeln und ich konnte mich darauf verlassen, dass Hazel und Linh das ohne mich schafften. Ich hoffte darauf, dass Lina zu mir kam, doch stattdessen kam Samu mit einem braunen Hengst wieder. Dem Zustand des Pferdes zufolge, waren sie ausreiten, denn in der Halle war noch betrieb und auf dem Platz waren wir. Springen auf dem anderen Platz würde bei dem Wetter sicher niemand. Mit großen Schritten und leichter gebeugten Haltung schlich ich mich zum Stall, um keinen der Beiden zu erschrecken. Bevor ich fragte, atmete ich tief durch und machte mit einem Räuspern auf mich Aufmerksam.
      “Samuuuuuu? Sag mal. Hast du mit Vriska geschlafen?”, fragte ich fest überzeugt auf der richtigen Spur zu sein.
      “Nein! Wie kommst du denn da drauf”, antworte er ein wenig erschüttert und ließ beinahe das Halfter fallen, welches er seinem Pferd gerade überstreifen wollte. Lina, die immer noch danebenstand, warf ihm einen fragenden Blick zu.
      “Ach man, ich spürte da so etwas zwischen euch. Sie saß heute echt komisch auf dem Pferd, genau wie ich vor ein paar Jahren als ich das erste Mal mit meinem Freund schlief. Ich will unbedingt wissen, wem sie die Ehre erwiesen hat. Sagen würde sie es mir sicher nicht. Aus dem Verein konnte ich bisher eine Vielzahl ausschließen, deswegen dachte ich an dich. Na gut, danke für deine Ehrlichkeit. Lina, weißt du was?”, wendete ich mich dann der noch immer schockiert blickenden Lina zu, die weit die Augen aufgerissen hatte.
      “Nein ich höre das heute zum ersten Mal”, antworte sie. Der Wortwitz brachte mich zum Lachen.
      „Na gut, dann werde ich weiter fragen“, verabschiedete ich mich.
      “Warum möchtest du das überhaupt wissen? Meinst du nicht Vriska ist alt genug selbst zu entscheiden, was sie tut?”, frage Samu tadelnd. Ich drehte mich wieder um, um ihm eine Antwort zu geben: „Sagen wir es mal so, ich bin wie Wikipedia. Ich muss alles wissen. Sie kann machen was sie will, aber ich will’s einfach wissen. Damit ich weiß, wer tabu ist. Ich will nicht mit ihr irgendwann im Leben den gleichen Kerl teilen. Chris scheint es zu wissen, dementsprechend muss es doch jemand aus dem Verein sein. Da er sich mit eigentlich jedem gut versteht, ist es schwer daraus Schlüsse ziehen zu können“, erklärte ich.
      “Ah ja, du scheinst ja viel von Vriska zu halten. Na, dann geh mal deine Forschungen weitermachen, aber an deiner Stelle würde ich mich nicht wundern, wenn niemand mit dir reden will. Die meisten schätzen es nicht besonders, wenn man in der Privatsphäre von anderen herumschnüffelt”, kommentierte Lina zynisch.
      “Ich recherchiere. Wenn ich der Messengergruppe der Jungs wäre, wüsste ich sicher schon wen. Schließlich teilen die alles miteinander”, erklärte ich den Beiden. Lina sollte auch Wissen, worauf das mit Niklas hinlaufen würde. Dass sie einander damit angeben, wer wen hatte, wird sich nicht innerhalb kürzester Zeit ändern.
      “Ja und mit dir wollen sie es offensichtlich nicht teilen” antworte nun Sam. Lina war anzusehen, dass sie noch über den letzten Satz nachzudenken schien.
      “Offensichtlich hat das mehr mit meinem Geschlecht zu tun als mit mir”, verteidigte ich mich gegenüber Samu. Ob er auch in der Gruppe war? Vorstellen konnte ich es mir beim besten Willen nicht.
      “Da wäre ich mir nicht so sicher”, hörte ich Lina murmeln, die gerade dabei war die Gamaschen von den Beinen des Pferdes zu entfernen.
      “Ach jetzt sei doch nicht so unverschämt, nur weil Niklas dich noch nicht rangelassen hat”, fauchte ich und verschwand aus dem Stall. Weiteres wollte ich mir nicht anhören, denn ich hatte eine Aufgabe. In der Vereinsgruppe guckte ich alle Kontakte durch, um evaluieren zu können, wenn ich als nächstes ansteuern würde. Klein Olof, Finley und Björn schloss ich kategorisch aus, auch Ambrose war nicht ihr Typ. Somit bliebe noch Max, der allerdings nicht viel mit Chris zu tun hatte. Es konnte nur Chris sein und ich machte mich auf den Weg zu seinem Zimmer.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 96.607 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XI | 08. Mai 2021
      Nabuko// El Pancho// HMJ Divine // Legolas // Herkules // Elf Dancer
      Blávör // Snotra // Satz des Pythagoras // Glymur // Northumbria


      Lina
      Irgendwo traf mich ihr Kommentar ein wenig, auch wenn es mir bei Niklas um viel mehr ging. Es war viel mehr die Tatsache, dass Niklas scheinbar irgendetwas an ihr gefunden hatte und irgendwo hoffte ich, dass es eine Geschmacksverirrung war.
      “Sag mal sehe ich wirklich so aus, als würde ich mit jedem schlafen?”, lenkte mich Samu von meinen Gedanken ab. Diese Frage brachte mich zum Lachen. Es erstaunte mich immer wieder, dass mein bester Freund gar nicht zu registrieren schien, wie gut er eigentlich aussah.
      “Ach Samu, du bist putzig. Hat dir eigentlich noch nie jemand erklärt, dass du ein gutaussehender Mann bist?”, versuchte ich ihm zu erklären. Er sah mich ein wenig verwirrt an, bevor er nachfragte: “Und was hat das mit meiner Frage zu tun?”
      “Na, das ist doch ganz einfach. Männer, die aussehen wie du verhalten sich in den meisten anders. Zwar auch durchaus freundlich, aber auf einer ganz anderen Ebene, wenn du verstehst”, versuchte ich ihm zu erklären und musste mir schon sehr Mühe geben, um mich nicht allzu sehr über seine Unwissenheit zu amüsieren. Mir war ja klar, dass er nicht gerade der Womanizer ist, aber dass er so ahnungslos ist, hätte nicht mal ich erwartet.
      Diese Botschaft hatte er offensichtlich verstanden, dennoch schien er es nicht nachvollziehen zu können.
      “Aber das ist doch scheiße, wenn es immer nur um Sex geht”, stellte er fest.
      “Ja, das ist richtig und deshalb ist es schön zu sehen, dass es auch Männer wie dich gibt”, sagte ich lächelnd.
      “Ich hoffe mal, das sollte ein Kompliment sein”, antwortete er und zog den Sattel von seinem Hengst.
      “Ja, sollte es. Du solltest trotzdem mehr rausgehen und Leute kennenlernen. Aber genug Lebensweisheiten fürs Erste auf mich warten noch ein paar Pferdchen. Könntest du Legolas bitte gleich für mich in die Führanlage stellen?”, fragte ich und deutete auf den lackschwarzen Hengst, der freundlich den Kopf über die Boxentür streckte.
      “Ja, klar ich muss eh noch Sky da reinstellen”, bekam ich eine freundliche Antwort von Samu.
      “Danke, du sparst mir wertvolle Zeit”, verabschiedet mich und verschwand zum Paddock auf dem Nabuko und El Pancho ihr Heu genossen.
      Da ich dank des Chaos in meinem Zimmer und Hazels Reitstunde heute schon viel, zu viel Zeit verschwendet, hatte, beschloss ich die beiden Pferde einfach nur laufen zu lassen. Ein Blick auf den Hallenbelegungsplan verriet mir, dass die Longierhalle frei war. Somit schnappte ich mir als Erstes den Haflinger, der mir ein wenig aufgedreht zu Halle folgte. Auf dem Weg dorthin, begegnet ich Jace, der gerade mit Herkules die Halle verließ. Er ignorierte mich immer noch vollkommen. Sollte er doch, eigentlich hatte ich zwar vor mit ihm befreundet zu bleiben, aber wenn er nicht wollte…
      Sobald ich Nabuko in der Halle frei ließ, begann er auch schon energiegeladen durch die Halle zu flippen.
      “Laaangsaam Blondie”, bremste ich den Hengst mit der Stimme aus, denn er sollte sich erst einmal im Schritt aufwärmen, bevor er bocken durch die Halle sprang.

      Juha
      Eine nervige Stimme trat mir entgegen, die mich um meinen Schlaf brachte. Ich schaute nach oben, um zu prüfen, wer einen Schatten auf mich warf. Milena stand vor mir und wollte etwas.
      “Hast du was verloren, oder was brauchst du?”, fragte ich und setzte mich aufrecht auf.
      “Ich suche nach Informationen”, begann sie. Irgendetwas stimmte nicht, denn Milena führte bisher keine Gespräche mit mir, vor allem nicht ohne Zeugen. Ohne mir die Möglichkeit überhaupt darauf zu antworten, sprach sie weiter: “Mit wem hat Vriska geschlafen?”
      War das ihr Ernst? Sie wäre wirklich die letzte, der ich das sagen würde. Ich wusste es natürlich, nichtsdestotrotz war das nicht meine Suppe.
      „Ich habe kein Schimmer, wovon du sprichst“, antwortete ich mit nach oben gezogenen Brauen.
      „Verraten! Du warst das, deswegen geht ihr euch auch aus dem Weg. Ich wusste es!“, triumphierte Milena. Noch immer konnte ich nicht fassen, dass sie überhaupt danach fragte.
      „Du hast eine blühende Fantasie“, wollte ich das Thema beenden, doch sie hielt ihre Hand dicht vor mein Gesicht und verlangte etwas.
      „Gib mir dein Handy, ich will in der Gruppe gucken“, forderte sie.
      „In deinen kühnsten Träumen nicht.“ Abfällig schüttelte ich meinen Kopf, bis auch sie entdeckte, dass es im Gras lag. Noch eh ich danach greifen konnte, hatte sie es in ihren zarten Fingern und versuchte hektisch es zu entsperren.
      „Tja, es ist halt gesichert und nicht wie Niklas mit seinen Informationen umging“, prahlte ich und entriss es aus ihren Händen. Dann landete es in meiner Hosentasche. Direkt ging Milena in den Angriff über und versuchte vehement, es wiederzubeschaffen. Dabei griff sie auch mehrfach daneben und landete geradewegs zwischen meinen Beinen.
      “Was stimmt mit dir nicht?”, empört schlug ihre Griffel beiseite und stieß sie zur Seite. So unsanft, dass sie im Gras landete. Schmerzerfüllt rieb Milena das knie und stand nicht wieder auf.
      “Jetzt steh auf”, sagte ich und bot meine Hand an, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Einschnappt, weigerte sie sich und verschränkte die Arme. Nicht mal der Sohn meiner Schwester verhielt sich so, was mich stark an ihrem Auffassungsvermögen zweifeln ließ.
      “Na gut, wenn du dann glücklich bist”, entsperrte ich mein Handy und reichte es ihr. Hektisch griff sie danach und scrollte wild durch den Verlauf der Nachrichten. Viel dürfte sie dabei nicht entdecken, denn Niklas hatte nicht mal damit geprallt, dass sie sich an ihn heranmachte. Das erste Mal könnte man behaupten, dass er ein Gentleman war, doch allein, dass sie es taten, zeugte wenig für eine menschliche Seite ihn ihm. Milenas Gesichtszüge entglitten immer mehr, als sie feststellte, dass der größte Teil aus Bildern bestand, die Chris seit Tagen reinschickte und um Beratung bat.
      “Pff”, zischte sie und stand auf. Dann gab sie mir das Gerät zurück.
      “Zufrieden?”, fragte ich verärgert und sie nickte. Da es nicht mal einen Nachrichtenverkehr zwischen Vriska und mir gab, würde wohl diese Theorie ihrerseits im Sande verlaufen.
      “Aber du weißt es?”, fragte Milena erneut, was ich mit einem leichten Nicken bestätigte. Das schien ihr zu reichen und sie verschwand. Wirklich dicht war sie nicht mehr und eher ein Fall für eine Therapie als einer Nationalmannschaft. Man konnte viel über uns alle sagen, doch sogar Vriska verhielt sich normaler als Milena in dem Moment. Wenn wir darüber abstimmen dürften, würde ich gerne Tauschen. Dann könnte sie sich zumindest mit ihrer gestörten Freundin zusammensetzten und irrsinnige Rachepläne schmieden. Als ich mich an meinem Rücken kratzte, vernahm ich einen stechenden Schmerz. Es fiel mir wieder ein. Bevor Milena kam, schlief ich. In der Sonne. Das konnte nur heißen, dass ich einen schönen Sonnenbrand hatte. Ich bückte mich nach meinem Buch und lief ins Zimmer, um die Schäden an meiner Haut zu inspizieren. Im Spiegel leuchteten die freien Stellen meines Rückens in einer roten Farbe, die nicht mal meine farbigen Tattoos hatten. Auch spürte ich eine Wärme, ohne meine Haut zu berühren. Zum Kühlen stellte ich mich für mehrere Minuten unter die Dusche und merkte bereits eine Erleichterung. Im Schrank stand von Niklas ein After Sun, dass ich auftrug und mit einem Shirt bedeckte. Großartig gemacht, dachte ich und setzte mich an den Tisch. Die nächsten Tage würde es schlimmer werden und mich bei meiner Kür beeinträchtigen. Doch ich bin ein Mann, dass sollte ich aushalten können. Deswegen setzte ich mich wieder daran und suchte im Internet nach Elementen, die ich einbauen könnte. Bis die ersten Ergebnisse der Suchmaschine geladen hatten, verging einiges an Zeit. Also musste ich wohl doch weiter nachdenken und auf Niklas warten, der sicher schon fertig war.

      Einige Stunden später …

      Niklas
      Wenigstens ein Begrüßungskomitee erwartete ich bei der Rückkehr meinerseits, doch niemand stand da und wartete auf mich. Natürlich waren der Gedanke und die kleine Vorfreude darauf fernab der Realität, nichts mehr als ein Wunschtraum. Bevor ich ausstieg, erhielt der Taxifahrer noch einen großen Bonus bekommen, da es nicht leicht war jemanden zu finden, der den Weg ins Nirgendwo antrat. Ein leichter Windstoß wirbelte entlang meiner Kleidung. Wenige Wolken zogen am Himmel vorbei, warfen einen Schatten über das Land. Ein Schläfchen würde mir sicher guttun, doch ich hatte noch eine Stute, die Bewegung benötigte. Auf dem Tisch lagen die Aufzeichnungen, die Ju sich zur Kür bisher gemacht hatte. Es war wirr, eine richtige Reihenfolge nicht nachvollziehbar und unsauber noch dazu. Kaffeeflecken übersäten das Papier und die Schrift verschwamm an einigen Stellen. Sollte Ju die Zettel so abgeben wollen, würde Herr Holm ihn geradewegs vor die Tür setzen. Mein Recht war es nicht darüber ein Urteil zu bilden, schließlich stapelte sich meine Kleidung auf oder auch in meinem Koffer. Genauer konnte man das nicht erkennen. Lieblos warf ich getragenes und auch sauberes ineinander und wählte nach Geruch das passende des Tages aus. Das Vereinstrikot roch normal und wurde in Handumdrehen gegen das aktuelle Shirt gewechselt. Während ich das Alte über meinen Kopf zog, blieb es an dem Folienverband hängen und schmerzte an der Wunde. Der unschöne Teil eines Tattoos war der Heilungsprozess. In wenigen Tagen wird es anfangen zu jucken und an der Folie würden sich Hautschichten abbilden, die sich lösen. Doch erst in einer Woche konnte ich diese entfernen und die Wunde reinigen. So lang blieb es wie es war. Ich wusste nicht, ob Ju heute noch mit mir ein Wort wechseln würde, denn ich hatte noch genug vor, so schreib ich einen kleinen Zettel mit den Worten “Det är bäst att börja om framifrån :D” und klebte ihn auf seine Aufzeichnungen. Dann schloss ich die Tür hinter mir und lief zu meiner Stute. Auf dem Weg schrieb ich auch noch Lina eine Nachricht, denn noch konnte man das Tattoo gut erkennen und sie würde sicher gern ihre Zeichnung vollendet sehen wollen. Ich sagte ihr Bescheid, dass ich mit Humbria auf den Platz gehen würde und steckte das Handy zurück in meine Hose.
      “Det var länge sen”, begrüßte ich meine Stute, als ich die Weide betrat. Aufmerksam spitzte sie die Ohren und grummelte als ich meine Hand nach ihr streckte. Ein paar Schritte machte Humbria auf mich zu und senkte den Kopf. Auch wenn sie mich diesbezüglich nicht unterstützen musste, war ich äußerst froh über ihre Arbeitsbereitschaft. Zusammen liefen wir in den Stall. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vorbei, die kaum noch die Sonne zuließen. Die Luft war trocken und unangenehm. Neugierig beobachtete Humbi alles, was ich tat, besonders Bürsten waren ihre Leidenschaft. Die Putzkiste stand ziemlich nah neben ihr, was sie dazu aufforderte, die Schnauze hineinzustecken und kräftig auszuatmen. Der Staub tanzte in den Lichtstrahlen und ihr Maul war dreckig. Auf nahm sie die Kardätsche und warf sie durch die Gasse.
      “Måste du spela apa?”, scherzte ich und sammelte das Putzequipment wieder ein. Doch immer wieder stecke Humbria ihre Nase rein und warf es durch die Gegend. Bis ich endlich auf die Idee kam, ihn zur Seite zu stellen, bückte ich mich mehrfach und brachte es zurück.
      “Vielleicht solltest du daraus einen Trick machen”, ertönte auf einmal Lina stimme am Ende der Stallgasse. Überrascht drehte ich mich zu ihr. Mein Pferd nervte mich weiter und zupfte an meinem Handy herum, dass in meiner Hose steckte. Sie bekam einen Klaps aufs Maul doch dachte nicht mal daran aufzuhören.
      „Wäre eine Idee, dann könnte sie mein Zimmer aufräumen“, scherzte ich.
      “Da würde sich Ju sicher freuen, wenn er dir nicht mehr hinterher räumen muss”, antworte sie fröhlich.
      “In einigen Tagen wird es vorbei sein, dann hat er erstmal Ruhe vor mir. Dann mach Fjona das wieder”, erklärte ich ihr und wandte mich meinem Pferd wieder zu. Sie scharte abwechselnd mit den Vorderhufen und schnappte nach dem Strick. Bisher hatte sie nie solches Verhalten gezeigt und mit ruhigen Worten versuchte ich sie zu besänftigen, vergeblich. Humbria schaukelte sich immer mehr hoch, bis sie hysterisch den Kopf nach oben riss und stieg. Ich löste den Strick vom Halfter und griff nach diesem. Zusammen liefen wir nach draußen und noch immer tänzelte sie aufgeregt neben mir her. Immer wieder ließ ich sie um mich herum kreisen und rückwärtslaufen, doch die Stute beruhigte sich kein Stück. Noch immer trippelte sie neben mir her, doch es beeindruckte mich nicht. Angekommen am Reitplatz löste ich meinen Griff am Halfter und mit aufgestelltem Schweif trabte sie wie vom Blitz getroffen auf und ab. Etwas passte ihr ganz und gar nicht. Vor mir galoppierte sie immer wieder ein Stück an, eh Humbria wieder bremste und weiter trabte. Ihre Energie erschien endlos zu sein und so konnte sie erst mal etwas ablassen.
      “Kann man dir irgendwie helfen?”, fragte Lina die das ganze vom Zaun aus beobachtet.
      “Ich wüsste nicht wie, muss selbst erst mal überlege, wie ich die wieder bekomme”, überlegte ich und blickte meinem Pferd nach, dass sich immer weiter von mir entfernte und nicht einmal Anstalten machte, sich auf mich zu konzentrieren.
      “Für mich sieht das fast so aus als würde dein Pferd dich absichtlich ignorieren. Hast du heute vielleicht etwas anders gemacht als sonst?”
      “Es gab kein Leckerli, als ich sie begrüßte. Ich hätte mir aber in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Humbria deswegen nun so eingeschnappt ist. Die benimmt sich ja fast wie Milena”, rügte ich mein Pferd. Als hätte sie genau verstanden, was ich sagte, bremste sie schlagartig ab und blickte mich an. Ihr Blick fesselte mich.
      “Kom, Humbria”, rief ich nach ihr, was sie wieder in Rage brachte. Die Stute stellte den Schweif wieder auf und trabte mit viel Schwung und federnd in den Fesseln vorwärts. Wenn sie sich so unter dem Sattel präsentieren würde, hätte ich einen Sechser im Lotto.
      “Immerhin scheint deine kleine Diva zu wissen, wie man sich bewegt”, kommentierte Lina, die ein wenig belustigt von dem Verhalten der Stute zu sein schien.
      “Erfreue dich ruhig weiter am Leid der Anderen!”, schimpfte ich mit Lina, während ich mir aufgeregt durch die Haare fuhr. Meine Frisur hatte ich mir sicherlich schon versaut, denn das Gel klebte bereits an meinen Fingern. Ich warf die Handschuhe zur Seite, die ich bereits ausgezogen hatte und ließ mich in den Sand fallen. Humbria hingegen trabte fröhlich weiter und pruste laut. So stellte ich mir das heutige „“Training nicht vor, als Zuschauer meines eigenen Pferdes. Ich verschränkte meine Arme und hoffte darauf, dass sie wieder zu mir kam, vergebens.
      “Vielleicht solltest du es mal mit Bestechung versuchen? Das überzeugt eigentlich fast jedes Pferd”, sagte Lina, die nun den Platz betrat und ein paar Leckerlis aus ihrer Hosentasche zauberte.
      “Ich belohne sie doch nicht dafür. Wo leben wir denn bitte?”, regte ich mich weiter auf. Schließlich forderte das Pferd genau danach, aber so lernte sie nur weiter, dass sie ausflippen musste, um ihren Willen zu bekommen.
      “Also, wenn du dich weiter aufregst, wird sie bestimmt nicht zurückkommen. Aber wenn du keine Hilfe möchtest, kann ich auch wieder gehen”, murmelte Lina und ließ die Leckerlis wieder verschwinden.
      “Det ger jag fan i”, murmelte ich und guckte nicht zu ihr rüber. Es ärgerte mich, dass ich die Situation nicht unter Kontrolle hatte und es mir auch an Ideen fehlte damit umzugehen. Opa hatte bereits Hengste, die sich aufspielten, doch es war zu lange, um mich daran erinnern zu können. Mir fehlte die Erfahrung, obwohl ich immer eine Antwort hatte, war ich dieses Mal sprachlos.
      “Na, wenn du mich nicht brauchst, kann ich auch gehen”, antworte Lina und wandte sich zum Gehen. “Und so nebenbei nur, weil ich kein Schwedisch lesen kann, heißt das nicht, dass ich es nicht verstehe”, fügte sie noch hinzu und schloss das Tor hinter sich.
      „Ach jetzt auf einmal“, rief ich vollkommen sinnlos und bedeutungslos nach. Sie drehte sich nicht mal nach mir um und verschwand. Zwei eingeschnappt Weiber in meinem Umfeld konnte ich nicht gebrauchen und machte mich daran mein Pferd wieder einzufangen. Humbria pumpte wie ein Maikäfer und stand erschöpft am Zaun. Ich nutze den Moment aufzustehen, meine Handschuhe wieder über meine klebrigen Finger zu ziehen und zu ihr zulaufen. Sie bewegte sich kein Stück mehr und konnte nach ihrem Halfter greifen. Freundlich strich ihr über den Hals und gab ihr ein Leckerli. Ihre Augen begannen zu funkeln, als ich mit meiner rechten Hand in meiner Hose wühlte. Sie fraß es gierig und folgte mir. Mehrmals schnaubte das Pferd ab. Für heute würde es reichen, sie würde eh nicht mehr viel leisten können und ich brachte Humbria am Halfter zurück zur Weide. Dort warf sie sich in den Dreck und blieb liegen. Alle Viere streckte sie von sich und besorgt lief ich zum Pferd. Sie stand nicht auf und ich tastete vorsichtig ihren Bauch ab. Es fühlte sich alles normal an, dennoch zog ich sie am Halfter nach oben, um einige Meter mit ihr im Schritt zu laufen. Sie äppelte. Dann ließ ich wieder so los und die Stute streckte den Hals zu Boden, um am Gras zu zupfen. Hatte ich wieder übertrieben? Längere Zeit beobachtete ich sie noch, jedoch machte sie keine Anstalten sich erneut hinzulegen und beruhigt verließ ich sie, um die Stallgasse aufzuräumen. Ich hoffte Lina dort wiederzutreffen, denn ich wäre ihr eine Entschuldigung schuldig, oder nicht? Eigentlich sollte sie sich entschuldigen, denn sich bei meinen Pferden einzumischen, mochte ich überhaupt nicht. Überzeugt davon, verrichtete ich meine Arbeit.

      Lina
      Mein Weg führte mich geradewegs zur Koppel, wo Divine stand. Es ärgerte mich ein wenig, dass ich für Niklas scheinbar nur ein Pferdemädchen war, welches keine Ahnung hatte, dabei wollte ich doch nur helfen. Sicherlich fehlte mir einiges an Erfahrung, gerade mit schwierigen Pferden, doch das war doch kein Grund gleich so unfreundlich zu werden.
      “Hei Prinssi”, begrüßte ich den Freibergerhengst, der auf mich zu getrottet kam, sobald ich die Koppel erreicht hatte. Freundlich prustete er mich an und ich begann durch die dicke Mähne zu wuscheln. Wie ich denn Hengst so betrachte, kam mir die Fragen in den Sinn, warum ich die Aufgaben bekommen hatte, das WHC dieses Jahr beim HMJ zu vertreten. Hatte es den Grund, dass die Pferde im Vorhinein bekannt waren, oder hätte ich auch teilnehmen dürfen, wenn die Pferde unbekannt gewesen wären?
      Immerhin war Divine ein besonders einfacher Fall. Der Freiberger unterbrach mich sehr unsanft in meinen Gedanken, als er mir ungeschickt, wie er nun mal war, bei dem Versuch an die Leckerlis zu kommen, auf den Fuß trampelte.
      “Autsch, was soll das du kleiner Tollpatsch”, beschwerte ich mich bei meinem Hengst und schob ihn wieder von meinem Fuß runter. Ivy interessierte das Ziemlich wenig, denn er versuchte lieber weiterhin in meine Hosentasche zu kriechen.
      “Nein, dafür gibt es bestimmt nichts”, schimpfte ich leise und schob seine Schnauze von mir Weg. “Wenn du was willst, musst du es dir erst verdienen”. Ich sammelte den Strick vom Zaun, um ihm in Divines Halfter einzuhaken, doch mein Pferd schien einen anderen Plan zu haben, denn er wollte den Strick viel lieber voll sabbern. Kurzentschlossen zog ich ihm den Strick wieder aus dem Maul und befestigte ihn am Halfter.
      Als ich ihn aus dem Tor führte, passte ich diesmal besser auf meine Füße auf, denn ein schmerzender Zeh reichte mir für heute. Da die Sonne immer noch vom Himmel brannte, beschloss ich den empfindlichen Hengst lieber auf der Stallgasse zu putzen, wo ich dann auch wieder auf Niklas traf.
      “Dürfte ich da mal bitte vorbei”, fragte ich ihn denn er stand Mitten im Weg.
      “Jovisst”, murmelte er und tritt zur Seite.
      “Danke”. Ohne ihn weiter zu beachten, führte ich Divine auf den Putzplatz und band ihn dort an, bevor ich in die Sattelkammer ging, um meinen Putzkasten zu holen. Als ich zurück machte sich mein Pferd, erneut den Spaß den Strick abzukauen.
      “Statt kluge Ratschläge zu geben, solltest du dich um dein Pferd kümmern”, haute Niklas plötzlich heraus und schaute mich erwartungsvoll an.
      “Was glaubst du, du tue ich gerade”, antwortete ich ihm, ohne näher darauf einzugehen und zog dem Hengst den Strick aus dem Maul.
      “Funktioniert offensichtlich nicht so gut”, brummte er und ließ nicht locker von uns. Offensichtlich wollte er irgendetwas, doch mir leuchtete nicht wirklich ein, was.
      “Was genau möchtest du von mir?”, fragte ich deshalb nach, während ich meine Bürsten aus dem Putzkoffer holte. Divine fand inzwischen den Strick langweilig und versuchte lieber den Hals lang genug zu machen, um an irgendetwas anderes dranzukommen. Da allerdings nicht in seinem Umkreis war, wollte er sich schon wieder dem Strick widmen, doch dieses Mal reagierte ich schneller und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Das schien zumindest für den Moment Wirkung zu zeigen, denn er gab auf und begann lieber den Boden nach etwas fressbarem abzusuchen.
      „Hast du mir nicht etwas zu sagen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch und erwartete etwas. Währenddessen wippte er mit seinem Bein und schränkte die Arme. Jetzt war ich erst recht verwirrt. Hatte ich irgendwie ein Teil des Gespräches verpasst?
      “Ich glaube nicht? “, antwortete ich zögerlich und sah ein wenig unsicher zwischen ihn und meinem Pferd hin und her, in der Hoffnung dadurch schlauer zu werden.
      ”Ni är alla likadana”, zischte er und verschwand, ohne auf meine Frage einzugehen. Sein Abgang wurde begleitet mit einem Kopfschütteln und unverständlichen Worten, die er vor sich hinmurmelte. Von weitem sah ich, dass er sein Handy aus der Tasche zog und irgendwas hinein brummelte.
      Ein wenig perplex blieb ich neben meinem Pferd stehen, welches den Kopf gehoben hatte, als Niklas aus dem Stall stürmte.
      "Habe ich was falsches gesagt?", fragte ich meinen Hengst, doch natürlich antwortete dieser nicht, sondern sah mich nur freundlich aus seinen großen dunklen Augen an.
      Auch wenn ich jetzt absolut nicht mehr in der Stimmung war, zu reiten musste Divine nun mal noch bewegt werde, weshalb ich mich trotzdem wieder seiner Fellpflege zuwandte.

      Vriska
      „[...] Zukunftsfähiges Wirtschaften bedeutet, kommenden Generationen ein intaktes ökonomisches, ökologisches und soziales Umfeld zu hinterlassen. Wie kann ein Reitbetrieb nachhaltig wirtschaften?“, las ich gelangweilt die Aufgaben auf meinem Arbeitsblatt durch, dass Niklas mir auf das Pas übertragen hatte. Wer hatte sich diese Aufgaben ausgedacht. Ich sollte bis heute Abend alle 20 Aufgaben fertig haben, aber konnte bisher nur fünf wirklich nachvollziehbar formulieren. Unser Hof wäre sicher ein gutes Beispiel für nachhaltig Wirtschaften, obwohl die Kosten eindeutige die Einnahmen überstiegen, so zumindest mein letzter Stand, als Tyrell Hilfe brauchte bei der Abrechnung. Aktuelle Zahlen aus der Buchführung lagen mir nicht vor, doch im Faktor ökologisch lagen wir sehr weit Vorne. Darauf würden auch die einzigen weiteren staatlichen Förderungen der EU liegen, denn das gewünschte Freizeitareal, dass sich das Land wünscht, stand zwar, warf nur keine Gewinne ab oder begeisterte Besucher. Vor meiner Abreise standen einige Fahrradfahrer am Hof und fragten nach einem Ort zum Verweilen und den Genuss von Gebäck. Ein Hofcafé führten wir nicht, wie auch. Natürlich war eins der Häuser in der Reithalle mit einer gastronomischen Küche ausgestattet, doch Personal hatten wir nicht und niemand hatte dafür Zeit. Die wenigen Einnahmen gab es durch Wetten auf unser Pferd, bei denen besonders Vintage gute Quoten einbrachte. Tyrell verfiel unbewusst in eine Spielsucht, die Folke schnell beenden konnte. Leider bedeutete das auch, dass die Einnahmen sanken. Um was machte ich mir einen Kopf? Diese Aufgaben vernebelten mir meinen Verstand. Ich schrieb einige Stichpunkte dazu und scrollte einige Fragen weiter: „Sie planen einen Tag der offenen Tür. Das Ergebnis ist eine umfassende Checkliste.“ Das klang spannend und könnte ich sogar als mein Fachgebiet bezeichnen. Ich organisierte vieles am Hof unter anderen wollte mein Chef tatsächlich so etwas schon mal haben. Also begann ich fleißig aufzuschreiben, was mir durch den Kopf schwirrte. Feuerlöscher, Erstellung eines Fluchtplanes, Einrichtung von Sammelplätzen, Organisation von Zelten … Tatsächlich sprangen mir zuerst jegliche Horrorszenarien durch den Kopf, die bei solchen Großveranstaltungen passieren könnten. Das bei einem Tag der offenen Tür deutlich weniger Menschen kommen würden als zu einem Slipknot Konzert, beeinflusste meine Denkweise kein Stück. Fleißig schrieb ich die Liste weiter und kannte keinen Halt, bis mein Handy mich aus den Gedanken riss. Genervt davon, dass ich wieder vergaß es auf Bitte nicht stören zu stellen, warf ich einen Blick auf dem Display. „Kung, 3 Notification“, leuchtete auf. Neugierig stand ich auf und warf mich mit dem Bauch voran ins Bett. Meine Beine winkelte ich nach oben an. In meiner Brust spürte ich eine schnelle Abfolge, die gleichmäßig pulsierte. Wie konnte ich mich so darüber freuen, dass er mir drei Nachrichten geschickt hatte? Die erste beinhaltete lediglich meinen Namen, die zweite war eine kurze Sprachnachricht und die dritte „snälla“. Wollte ich mir das wirklich anhören? Mein Herz schlug immer schneller und verunsichert lief ich auf und ab. Dann warf ich mein Handy ins Bett und setzte mich zurück an die Aufgaben. Diese Anspannung fühlte sich nicht richtig an, besonders wenn ich das hier noch fertigbekommen wollte. Die Checkliste wurde länger, länger und immer länger. Dinge auf dieser verkomplizierten sich und entwickelten eine Eigendynamik, die ich unterschätzt hatte. Meine Hand hörte nicht auf zu schreiben, bis ich mich zurück in die Realität holte. Fühlte es sich so an den Boston Marathon zu laufen und einige Meter vor dem Ziel zu stolpern, wobei man sich das Bein brach? Ich wusste es nicht, woher auch. Marathon laufen war nicht meine Stärke, vor allem auch nichts, woran ich interessiert war. Die übrigen Fragen wurden schwerer und befasst sich mit Trainingsplänen für Pferde, die ich mir ausdenken sollte und für weitere Aufgaben weiter nutzen sollte.
      Ich habe kein Bock mehr, dachte ich mir und lehnte mich zurück in den Holzstuhl. Das Handy lag noch immer im Bett und ich stand auf, um mir nun doch die Nachricht anzuhören. Seine raue Stimme brabbelte unverständlich aus den Lautsprechern und ich brauchte mehrere Ansätze, um einige Teile davon entschlüsseln zu können. Schlüsselworte waren für mich: ikväll, knulla, tala, Lina und hjälp. Hatte er mit ihr gesprochen darüber, oder sollte ich mit ihr das Thema besprechen? Oder meinte Niklas, dass ich ihre Hilfe brauchte zum Sprechen?
      “Vad menar du?”, schrieb ich ihm und wartete auf eine Antwort. So schnell wie ich hoffte, kam nichts, stattdessen kamen wegen genau dieser Schlüsselworte wieder Zukunftsängste auf mich zu. Was tat ich hier? Ich lernte mit einem Typen zusammen, der nicht nur außergewöhnlich gut aussah, nein, sondern auch noch extrem viel Wert darauflegte, dass ich sicher in die Prüfungen gehe. Und mit mir zweimal geschlafen hat. Natürlich wusste ich, wie lange mich die Trennung von Tyri beschäftigte und das wird in geraumer Zeit mit Niklas nicht anderes sein. Es gab dafür nur eine Person, die mir wirklich helfen konnte - Harlen, mein großer Bruder. Im Gegensatz zu mir und meiner Schwester wuchs er bei Papa auf, was unseren Kontakt relativ minimal hielt. Zu Geburtstagen sah und hörte man einander. Doch als es mir schlecht ging und ich wochenlang im Krankenhaus lag, war Harlen Tag und Nacht da. In der Zeit wuchsen wir zusammen und sind seitdem unzertrennbar. Ob er noch wach sei? Niklas gab keine Antwort ab und ich wählte die Nummer meines Bruders. Bereits nach zwei Tut-Geräuschen hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher schallen.
      “Good morning, what’s on your mind, sis?”, begrüßte er mich mit schläfriger Stimme.
      “I’m Sorry! Did I wake you?”, nervös fummelte ich an meinen Fingern herum und begriff erst jetzt, dass es 2 Uhr morgens in England war. Jenni hätte mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reagiert.
      “Yes, you did. But you can always call, no matter what time of day”, beschäftige Harlen mich in seiner ruhigen Art und Weise.
      “Then I’ll be brief. Can you come to Sweden for a while in five or six days? I’ll tell you why later, but I really need you”, erklärte ich und musste mehrfach tief ein- und ausatmen, um die Tränen zu unterdrücken.
      “I’ll be there, no matter which airport in Stockholm?”
      “Yes, it is not important”, fügte ich noch hinzu, eh wir uns verabschiedeten und Harlen legte sich wieder schlafen. Ich konnte jetzt noch nicht schlafen gehen, denn heute Abend stand nicht nur Essen und Niklas an, sondern auch ein kleiner Spieleabend. Chris hatte die Idee, da ab morgen alles wohl sehr stressig wird. Warum ausgerechnet morgen, wusste ich nicht, aber akzeptierte diese Aussage.

      Lina
      Nachdem ich eine dreiviertel Stunde versucht hatte mich auf mein Pferd zu konzentrieren, was nur mäßig Erfolg hatte, gab ich auf und brachte den Hengst zurück auf die Koppel. Mein Gehirn wollte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, womit ich Niklas so verstimmt hatte. Gedankenverloren schlug ich den Weg zum Haus ein, denn am liebsten würde ich mich jetzt mit einem Tee auf mein Sofa kuschle und in einem Buch verschwinden.
      “Was schleichst du denn so durch die Gegend. Irgendetwas geht doch schon wieder vor in deinem Köpfchen.” Ich erschrak, als ich auf einmal Samu Stimme hinter mir hörte. Wo kam er denn jetzt auf einmal her?
      “Samu! Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen, ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen”, beschwerte ich mich bei ihm und dreht mich zu ihm um.
      “Würdest du auf deine Umgebung achten, hättest du mich schon lange bemerkt und vor allem ihn da”, erklärte er lachend und deutete auf den Dalmatiner, der nun mit fliegenden Ohren auf mich zu gerannt kam. Kurz vor mir stoppe Bubbles ab und sah mich freundlich an.
      Ich streckte, meine Hand nach seinem Kopf aus kraulte ihm die weichen Ohren.
      “Kerro nyt, Mitä sinä ajattelet?”, fragte er nun noch mal nach. Manchmal verfluchte ich ihn doch echt für seine gute Menschenkenntnis, oder eher für seine hervorragende Lina Kenntnis.
      “Ei mistään, luulisin”, versuchte ich ihn davon zu überzeugen, nicht weiter darüber zu reden.
      “Jos et ajattele, haluat varmasti käydä kavalilla minun ja Bubbelsin kanssa”, schlug er nun vor, vermutlich in der Hoffnung ich würde ihn doch noch erzählen, was mich beschäftigte.
      “Hyvä on, tulen mukaasi”, willigte ich ein und folgte Samu, der schon losgelaufen war.
      “Komm Bubbles”, rief nach dem Hund, der noch Schwanzwedeln dastand.
      Während wir den Waldweg entlang schlenderten, machte Bubbles immer mal wieder einen Abstecher ins Gebüsch, um irgendeiner Fährte zu folgen. Samu erzählte mir währenddessen, dass er auf dem Ausritt mit Elf Dancer eine Herde Wapitis gesehen hat und Elf, das ganze wohl äußerst seltsam fand. Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, denn mich beschäftigte immer noch dasselbe Thema.
      “Et kuuntele minua, tai? Mitä on tekeillä, Lina?”, fragte nun Samu, der meine mangelnde Aufmerksamkeit wahrgenommen hatte. Er war stehen geblieben und sah mich an.
      “Niklas on vihainen minulle, mutta en tiedä mitä tein väärin”, murmelte ich ihm als Antwort.
      “Kysyitkö häneltä siitä?”, fragte Samu einfühlsam.
      “Välillisesti. Hän sanoi sellaista jotain kuin: Olette kaikki tasa-arvoisia”, antwortete ich ihm und inzwischen schien auch Bubbles meine Stimmung bemerkt zu haben, denn der Dalmatiner stupste mich an und rieb seinen Kopf an mir.
      “Luulen, että hän haluaa sanoa sinulle täsmälleen saman asian kuin minä…”, sagte er und sah den Hund dabei an. “Älä huolehdi siitä niin paljon, Ehkä Niklaksen päivä oli huono.” Keine Gedanken machen, er hatte leicht reden.
      “En voi vain viedä sinua mukanani, niin maskottina?”, fragte ich meinen besten Freund hoffnungsvoll. Irgendwie fand er doch immer die richtigen Worte.
      “Luulen, että Divine on jo ottanut tämän roolin haltuunsa”, antworte dieser nur schmunzelnd. “Tule, Seuraava”, fügte er noch hinzu und setzte sich wieder in Bewegung. Bubbles wartete noch einen Augenblick, bis ich auch weiterging, bevor er wieder fröhlich neben mir her trabte. Diesen unfassbaren Optimismus hatten Samu und der Hund offenbar gemeinsam. Minimal besser gelaunt folgte ich den beiden durch den Wald und versuchte immerhin noch ein wenig den Spaziergang zu genießen.

      Während Lina, Samu und Bubbles im Wald spazieren sind, wird am Hof das Abendessen eingerichtet. Mal wieder wurde das Feuer angemacht und die Tische nach draußen gestellt. Die nächsten Tage würden noch intensiv genug werden, weswegen für heute Abend noch einige Festlichkeiten stattfinden, denn: Herr Holm hat Geburtstag.

      Niklas
      “Und du denkst wirklich, das reicht als Kür?”, fragte Ju als wir die letzte Bahnfigur notieren.
      “Vollkommen. Es ist doch nur eine L-Dressur. Du und Amy seid doch wunderbar darauf vorbereitet. Morgen laufen wir alles gemeinsam ab und dann nehmen wir die Pferde dazu. Am Abend üben wir dann erneut”, schlug ich ihm vor. Meine Laune hatte sich merklich verbessert, dennoch konnte ich darauf verzichten sie am Abend zu sehen. Das würde sich allerdings schwierig gestalten. Deswegen musste ich mir etwas einfallen lassen.
      “Kommt Linh heute Abend wieder?”, fragte ich und zog mich um. Ju, der hinter mir stand und sich ebenfalls umzog, sagte nichts. Erst einige Sekunden später kam eine Antwort.
      “Das weiß ich noch gar nicht. Seit ihrer Reitstunde vorhin mit Milena haben wir uns nicht gesehen, nur sie hat mal wieder genervt”, dann stoppte er. Ich kniff meine Augen zusammen und eine Falte bildete ich sich auf der Stirn. Mein Shirt hielt ich noch in der Hand und nervös zuckte meine Brustmuskulatur.
      “Und was wollte sie?”, hinterfragte ich und zog das Shirt über meinen Kopf.
      “Na ja … wie soll ich dir das sagen, ohne das du wieder schlechte Laune bekommst”, begann Ju und verzerrte den Mund von links nach rechts.
      “Jetzt sag schon, sonst frag ich sie selbst”, ungeduldig wippte mein Bein auf und ab.
      “Nein, das lässt du schön bleiben. Sonst weiß sie es. Irgendwie hat Milena mitbekommen, dass Vriska … du weißt schon”, stotterte er weiter. Ich rollte mit den Augen und lief zum Bad, um mir die Haare zu machen. Einen Geburtstag feiert man schließlich nicht jeden Tag, vor allem keinen, an dem man ein halbes Jahrhundert als wird.
      “Sie wollte in der Gruppe gucken, wer mit Vriska geschlafen hat, aber du hast ja nichts reingeschrieben. Deswegen weiß sie das noch nicht”, rückte Ju endlich heraus.
      “Okay, aber was war daran jetzt so schwierig? Und besonders, was wäre so schlimm daran? Irgendwann weiß es eh jeder”, rief ich aus dem Bad. Schritte nährten sich und ich drehte mich zu Ju um, der nun wieder neben mir stand.
      “Gestern hast du noch ein Geheimnis draus gemacht und heute ist es dir egal? Was ist denn mit Lina?”, seine Augen riss Ju dabei ziemlich weit auf, ihm missfiel, was gesagt hatte. Doch das war die Realität.
      “Ach, die kann mir den restlichen Tag fernbleiben. Sie wollte sich bei Humbria einmischen und”, er unterbrach mich.
      “Und Bla bla bla. Ja logisch. Du bist der einzige Mensch auf dem Planeten, der schlechte Laune bekommt, wenn man ihm helfen möchte”, seine Mimik wurde ernster.
      “Wieso, du darfst mir doch helfen. Aber ehrlich. Das übersteigt ihre Kompetenzen”, sagte ich und legte den Kamm wieder beiseite. Im Spiegel erblickte ich eine gute Frisur und verließ das Bad. Ju schob ich mit der Schulter zur Seite, da er unpässlich in der Tür stand. Mit einem kurzen Seufzen kommentierte er es. Dann antwortete Ju: “Das mag sein, aber du hättest es dir trotzdem anhören können, anstatt sie in deiner Art zu überrumpeln.”
      “Hörst du mir nicht zu? Es ist mir egal, soll sie jetzt mit Leben. Morgen klebt sie eh wieder an mir”, rollte ich wieder mit den Augen. Vom Stuhl nahm ich mir noch ein Hemd, da für den Abend starke Windböen angesagt waren, laut meinem Handy. Auf dem Weg zur Feier sagt Ju nichts mehr, aber schüttelte immer wieder unverständlich den Kopf, während er etwas brabbelte. Getrampel hörte ich vom Weiten, das näherkam und sich als Linh entpuppte. Erfreut sprang sie auf Jus Rücken und seine schlechte Laune verflog. Ich ließ die beiden Verliebten allein und setzte mich an den Tisch, an dem bereits Chris und Milena auf mich zu warten schienen. Man wurde die auch echt nicht los, das sagte mir sein Gesichtsausdruck sogar. Er wollte mir etwas mitteilen, doch ich verstand nicht was.
      “Du hast dich ja heute schick gemacht, noch was vor?”, Milena begann direkt zu nerven, als hätte man ihr irgendwas ins Getränk geschüttet. Vielleicht sollte jemand Chloroform besorgen, dann wäre sie ruhig. Ein schweifender Blick durch die Anwesenden verriet mir, dass wohl keiner so etwas griffbereit hatte, schade. Dann wendete ich mich ihr zu.
      “Ja, Geburtstag feiern und im Gegensatz zu dir, ziehe ich keine Jogginghose an dafür”, tadelte ich sie. Ihre Augen wurden größer.
      “Waaas für einen Geburtstag? Ich wusste nicht …”, verteidigte sie sich.
      “Herr Holm hat heute und wir wollen darauf etwas anstoßen, feiern. Was man halt, so macht”, erklärte Chris es ihr, denn so wie sie sprach, könnte Milena gerade die achte Klasse abgeschlossen haben.
      “Dann gehe ich mich mal lieber umziehen und noch duschen. Danke für die Information”, sagte sie und verschwand endlich.
      “Endlich” sagte Chris und seine Anspannung fiel von ihm.
      “Was du nicht sagst”, murmelte ich und sah Vriska, die endlich kam. Sie machte sich geradewegs zu dem freien Platz zu Chris, doch hielt sie auf und zeigte mit meiner Hand zu mir. Wie immer, wenn Vriska nachdachte, biss sie auf ihrer Unterlippe herum, eh sie zu mir kam. Mit Abstand nahm sie Platz neben mir und ich zog sie mit einem Griff in die Taille zu mir.
      “Was wird das?”, murmelte Vriska und blickte zum Tisch.
      “Ich will dich bei mir haben”, sagte ich erst zu ihr und hob mit meinem Finger ihren Kopf nach oben mir. Ihre Augen begann wieder zu funkeln. Chris mischte sich ein: “So ist das also.” Als wäre es etwas Neues, schließlich hatte ich ihm davon. Wieder mal setzte er sein breites Grinsen auf, aber sagte nichts. Meine Hand legte ich auf ihren Oberschenkel und nahm mein Handy zur Hand, um mir einige Bilder auf Instagram anzuschauen. Neben mir hörte ich die Beiden ein Gespräch führen über den Reitunterricht und was heute Abend gefeiert werden würde. Erst als ich meinen Namen hörte, guckte ich auf und schaute die Beiden an.
      “Da ist er direkt wieder bei uns”, scherzte Chris und fragte Vriska erneut: “Du nimmst Niklas sicher wieder mit zum Lernen, va?” Begleitet wurde das ganze mit einem sehr offensichtlichen Augenzwinkern. Das beherrschte er noch nie. Vriska und ich guckten einander an, eh ich die Frage beantwortete: “Das möchte ich so. Natürlich.”
      Von hinten hörte ich Ju und Linh zu uns an den Tisch kommen. Chris rutschte auf der Bank ein Stück beiseite, damit sich die beiden dazu setzen konnten. Linh hatte offenbar ebenfalls die Zeichen gespürt und sagte: “Ihr beide? Das hätte ich ja im Leben nie gedacht.” Mit rotem Kopf senkte Vriska diesen wieder. Auch biss sie wieder auf ihren Lippen herum, dass ich mit einem streichen meines Fingers an ihrer Wange unterband. Ein kleines Lächeln zauberte sich in ihr Gesicht. Auch Linh lächelte.
      “Mir war das schon klar”, brummte Ju und guckte Vriska genau an.
      “Ach, jetzt stell dich nicht so an. Sie sind doch süß zusammen”, lachte Linh. Zusammen? Das wäre genau der Moment, dass ich Veto einlege, denn das waren wir nicht. Mein Mund öffnete sich, aber Worte kamen nicht heraus. Stattdessen übernahm Chris das: “Die schlafen nur miteinander.” Er lachte wieder. Wie konnte man so viel positive Energie mit sich herumtragen, ohne davon erschlagen zu werden? Linh hörte kurz auf zu lächeln, während Chris sprach. Dann sagte sie: “Ach, aber ist doch auch schön.” Ju rollte mit seinen Augen und griff nach seinem Handy. Es hatte keine Hülle mehr um, an der Rückseite erkannt ich viele Risse und als er es leicht in meine Richtung kippte, sah das Display nicht besser aus.

      Jace
      Ich hatte es erfolgreich den ganzen Tag über geschafft möglichst wenig Leuten zu begegnen und vor allem Lina aus dem Weg zu gehen. Eigentlich hatte ich heute Abend deshalb auch nicht vorgehabt, mit den anderen zu essen, doch als ich um die Ecke vom Stall kam, sah ich etwas was mich ein wenig stutzig machte, Niklas saß mit Vriska zusammen am Tisch und für mich sah das ziemlich eindeutig aus. Das musste wohl heißen, was auch immer zwischen Lina und Niklas lief konnte nicht allzu Ernstes sei, oder? Das würde doch Bedeuten… Ich könnte doch noch eine Chance bei Lina haben. Diese Erkenntnis ließ meine Laune sofort deutlich besser werden. Ich wusste zwar noch nicht genau wie ich das anstellen wollte, Lina wieder für mich zu Gewinnen, aber es gab wieder Hoffnung.
      Innerlich einen kleinen Freudentanz aufführend, setzte ich mich zum Rest des Hofteams.
      “Oh, da ist ja unser Sonnenschein”, witzelte Jayden als ich mich dazusetzte. “Irgendwo Spaß gehabt, oder woher kommts?”, stichelte er weiter.
      “Wenn ich du wäre, wäre ich mal lieber still, ist ja nicht so als würden die Ladys bei dir Schlage stehen”, gab ich schlagfertig zurück. Jayden wollte gerade etwas erwidern, doch Sheena schnitt ihm das Wort ab.
      “Jungs könntet ihr auch mal über was anderes reden? Euer Macho gehabt geht nicht nur mir auf die Nerven”, sagte sie genervt und verdrehte die Augen. “Redet doch lieber über schöne Dinge, wie zum Beispiel, dass die Ergebnisse der Körnung endlich da sind. Keks hat bestanden”, teilte sie dann mit uns.
      “Na, wenn das kein Grund für gute Laune ist”, antwortete ich ihr, während ich in meine Hosentasche griff, um mein Handy herauszuholen. Doch da war kein Handy, ich musste es wohl in der Sattelkammer vergessen haben. Ich war gerade aufgestanden, um es zu holen, als Bubbles auf einmal angerannt kam und bellend an mit hochsprang. In der Ferne kannte ich auch den Grund entdecken, warum er so aufgeregt war. Lina und Samu waren scheinbar mit ihm gerade spazieren gewesen.
      “Na, mein Junge, war es schön im Wald”, begrüßte ich den Hund und streichelte ihm über das gepunktete Fell. Während ich dem Dalmatiner noch die Ohren kraulte, blieb mein Blick auf Lina und Samu hängen. Ich konnte sogar von hier aussehen, wie Samu Blick auf etwas fiel und dann von erstaunt in verärgert überging. Offenbar wollte er Näher kommen, doch Lina stellte sich ihm in den Weg und fing an auf ihn einzureden.


      Lina
      Der restliche Spaziergang war recht locker gewesen und so kam es, das sogar ich mich ein wenig entspannen konnte. Zurück am Hof lief Bubbles direkt zu den anderen, die bereits beim Abendessen saßen. Samu folgte dem Hund mit seinem Blick und schien dort etwas zu entdecken, was ihn beunruhigte, denn ich konnte wahrnehmen, wie er sich plötzlich anspannte und stehen blieb.
      “Lina, Tiedätkö sinä siitä?”, fragte er mich argwöhnisch, ohne mich dabei anzusehen.
      “Mistä sinä puhuu?”, fragte ich und folgte seinem Blick. Ich brauchte einen Moment, bis ich sah, was er meinte.
      “Tiesin, ettei hän ollut rehellinen”, fügte er ärgerlich hinzu und ich spürte wie seine Anspannung größer wurde und er gerade zu rüber marschieren wollte.
      “Lopeta, Kaikki hyvin”, versuchte ich ihn aufzuhalten und ihn dazu Zubringen mir zuzuhören.
      Zu mindesten blieb er stehen und ich hatte ein paar Sekunden Zeit zu überlegen, was ich ihm jetzt sagen wollte, immerhin war ich selbst ein wenig überrascht. Ja, Niklas hatte mir gesagt, dass er nicht für etwas Festes bereit war, aber dass er sich so schnell eine Alternative suchte, fand ich schon krass. Wobei wenn ich ehrlich bin, wäre es schon ziemlich naiv gewesen zu glauben, dass das nicht passieren würde. Also muss ich jetzt wohl versuchen damit umzugehen, und zwar wie ein Erwachsener.
      “Samu kuuntele minua. Minä ja Niklas puhuimme siitä ja se on aivan okei, kyllä! Olemme aluksi vain ystäviä”, erklärte ich Samu den Sachverhalt und immerhin hörte er nun auf böse zu den anderen zu starren. Stattdessen schaute er mich nun ein wenig verwundert an.
      “Kuten vain ystävät? Nyt en ymmärrä sinua enää.”
      “Kuten alussa sanoin, vain ystäviä. Hän voi tehdä mitä haluaa kenen, kanssa haluaa, enkä välitä.” Hoffentlich klang das überzeugend, denn irgendwas in mir war definitiv nicht davon überzeugt, dass es mir egal sei. Während ich das sagte, begann auch noch etwas in meinem Kopf zu arbeiten. Niklas zerkratzter Rücken vorgestern und dann heute noch die nervige Frage von Milena mit wem Vriska geschlafen habe. Natürlich konnte ich eins und eins zusammenzählen. Und im mir bildete sich der Verdacht, dass ich nun auch wusste, warum Vriska sich neulich so seltsam Verhalten hatte.
      Innerlich verfluchte ich mich ein wenig dafür, dass ich es nicht früher erkannt hatte und im selben Augenblick überlegte ich, ob Samu vielleicht doch bereits davon gewusst hatte und deshalb gestern sogar einen Streit mit mir angefangen hatte. Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen, dafür wirkte er immer noch viel zu überrascht.
      “Rauhoitu viimein, en todellakaan välitä”, betonte ich noch einmal und versuchte damit auch das Gedankenkarussell in meinem Kopf zum Stehen zu bringen.
      “Okei, mutta olen siellä puolestasi, jos jotain muuta löytyy”, murmelte er nun schon etwas versöhnlicher.
      “Gut, dann lass uns erst einmal zu den anderen gehen, ich verhungere nämlich gleich”. Gemeinsam gingen wir nun zu den Tischen rüber.
      “Ah, da seid ihr zwei ja, hat ihr schon gesehen, Jace hat seine gute Laune wiedergefunden”, begrüßte Sheena fröhlich uns.
      “Schön, wie ist das den passiert?”, fragte ich nach und hoffte insgeheim, dass es nicht mit mir bzw. mit der Situation am Nachbartisch zu tun hatte.
      “Keine Ahnung, ist mir auch egal. Hauptsache er hört auf so ein Grouch zu sein”, antworte sie Schulterzuckend.
      “Wo ist der überhaupt hingekommen?”, fragte Samu nun nach.
      “Bestimmt geflüchtet, so wie die letzten zwei Tage”, gab Jayden einen blöden Kommentar ab.
      “Ach, Jayden jetzt sei mal nicht so blöd und freu dich lieber, dass man ihn wieder zu Gesicht bekommt”, tadelte ihn Sheena so gleich.

      Vriska
      Wenn er seine Hand nicht auf meinem Oberschenkel hätte und ich meinen Puls hören könnte, wäre ich mir unsicher, ob ich hier richtig säße und wach bin. Es fühlte sich surreal an und auch als ich Lina im Augenwinkel sah, wie sie zu guckte, wäre ich verschwunden. Natürlich hatte ich es versucht, doch er drückte seine große Hand noch stärker in meine Haut, dass es sich anfühlte, als würde er meinen Oberschenkelknochen herausziehen wollen. Nur Hunde spielen mit Knochen. Was? Lieber Kopf, bitte reiß dich zusammen.
      “Jag måste hålla med Linh”, scherzte unser Trainer und trat näher an den Tisch heran. Zugleich stimmten am Tisch alle mit “Ja må han leva” an und ich versuchte zumindest meinen Mund zu bewegen. Bisher reichte meine Schwedisch Kenntnisse aus, um mich sicher zu unterhalten, doch Geburtstagslieder fanden in meinem Vokabular bisher keinen Platz. Die anderen aus dem Verein stiegen ebenfalls mit ein. Frau Wallin kam mit einer großen Torte, auf der 50 Kerzen hell leuchteten. Er blies diese aus und alle Klatschen. Die Freude von allen war riesig, sogar ich lachte mit. Ein kurzer Moment der Lebendigkeit erfüllte meinen Körper.
      “Önska dig något, Anders!”, sagte Chris. Unser Trainer strahlte vor Freude und von allen Seiten gratulierten ihnen die Leute. Auch einige Geschenke gab es. Wenig später setzte er sich zu Tisch und es wurde wieder ruhiger. Nach dem Jubel überkam es mich wieder mit dem Unwohlsein.
      “Jag vill göra”, flüsterte ich Niklas ins Ohr.
      “Nej, vi stannar. Låt oss ge dig något åt äta”, schlug er dann vor und stand mit mir zusammen auf. Am Büfett lief ich wie ein hungriger Tiger im Zoo hinter Gittern auf und ab, eh ich eine Entscheidung traf, was ich essen wollte. Gefüllte Süßkartoffeln vom Grill sprangen mich förmlich an und ich konnte nicht anderes, als mir eine kleinere auf den Teller zu legen. Nachholen konnte ich mir immer noch. Da bediente ich mich an den kleinen Gürkchen und auf eine Scheibe Aubergine konnte ich auch nicht verzichten. Niklas überlegte noch aber sagt: “Jag tar inget kött från dig idag får kärlekens skull.”
      Ich runzelte mit der Stirn, dabei hoben sich auch die Augenbrauen mit an. Hat er eine neue Tierliebe entwickelt oder so etwas wie ein Gewissen? Erstaunlicherweise war Niklas heute ganz anderes zu mir, so offen auch gegenüber allen anderen, die vor Ort waren. Das musste ich ausnutzen.
      “På grund av mig?”, fragte ich und legte mir doch noch eine weitere Scheibe Aubergine auf. Ein Blick auf meinen Teller verriet mir, dass ich heute lange brauchen würde, um den leer zu bekommen. Aber ich hatte wirklich großen Hunger. Plötzlich kam er näher und legte eine Hand um meine Taille, in der anderen balancierte der leere Teller.
      “Jovisst”, flüsterte er. Ich spürte, dass sich an meinem Körper eine Gänsehaut bildete und meine Hände schwitzig wurden. Was war heute mit ihm los? Hat er irgendetwas zu sich genommen und wenn ja, bekomme ich davon auch etwas? Ich entriss mich seinen Fängen und packte ihm auch Auberginenscheiben auf den Teller, da keine Beschwerde kam, fuhr ich mit der Entscheidung was er heute essen würde. Dann drehten wir uns um und liefen zurück an den Tisch.
      “Nicht mal selbst Entscheidungen treffen, kann der noch. Was machst du nur mit ihm”, scherzte Chris prompt. Ich atmete laut aus und setzte mich wieder Niklas, der bereits anfing zu essen. Ganz tief in meinem Kopf hörte ich Harlens Stimme, die ihn für das unhöfliche Verhalten tadelte. Doch ich war natürlich nicht Harlen und auch niemand, der anderen vorschreibt, wie er zu essen hätte. Ju und Linh waren bereits verschwunden, um sich ebenfalls etwas zu holen. Nur Chris saß mit einem leeren Platz mit am Tisch.
      “Willst du nichts essen?”, fragte ich ihn und stopfte mir eine viel zu volle Gabel mit Süßkartoffel in den Mund.
      “Nein, so wie dein Teller aussieht, schaffst du das eh nicht. Den Rest esse ich dann einfach”, erklärte er mir. Ich nickte nur und aß weiter. Es wurde still, als Ju und Linh zurückkamen. Vom Nachbartisch versuchte ich das Gespräch zwischen Lina und Samu mitzuhören, was mir aufgrund der sprachlichen Barriere nicht gelang. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass es sich um mich drehte. Die innere Unruhe kam wieder in mir auf und ich fragte Niklas erneut, ob wir gehen können. Ich bekam dieselbe Antwort erneut.
      Tatsächlich hatte ich schneller aufgegessen, als ich dachte. Chris Hoffnung verflog somit, doch mir kam eine Idee in den Kopf: “Soll ich dir noch was holen?”
      “Wenn du so lieb bist”, blickte er mich an. Seine Augen funkelten und ein breites Grinsen erstrahlte wieder sein Gesicht.
      “Skynda dig”, murmelte Niklas. Irgendwas stimmte nicht. Warum war er so besessen davon, dass ich in seiner Kontrolle bleiben sollte? Später musste ich dem nachgehen, doch jetzt vor allen anderen, war es nicht der richtige Augenblick. Einige Minuten später brachte ich Chris und gute Auswahl an Essen, worauf ich natürlich auf das Fleisch verzichtete. Er nahm das Besteck in die Hand und freute sich über die Bedienung. Dann setzte ich mich brav wieder zu Niklas, der sogleich wieder sein Revier markierte und seine Hand auf meinen Oberschenkel legte. Zur Feier des Tages trug ich eine kurze Hose und auch mein geliebter Hoodie blieb im Zimmer, denn ich hatte wieder ein Tank Top an. Obwohl ich keinen BH brauchte, wegen der fehlenden Oberweite, trug ich einen. Es war mir schon unangenehm genug, und so sah es wenigstens so aus als ob. Ju saß wieder am Handy und ich bemerkte die großen Schäden an diesem. Vor mehreren Tagen sah es noch nicht so aus, oder irrte ich mich? Vielleicht würde es die unangenehme Ruhe auflösen, wenn ich danach fragte: “Ju, was ist mit deinem Handy passiert?”
      “Das geht dich wohl überhaupt nichts an”, grummelte er mich direkt an. Von Linh kassierte er eine Faust in den Oberschenkel. Schmerzerfüllt verzog er das Gesicht und erklärte mir: “Ich war sauer auf dich und hab das durch die Stallgasse geworfen.” Meinetwegen? Warum drehte sich plötzlich alles nur noch um mich? Einer verrückter als der andere …
      “Wieso?”, fragte ich ungläubig.
      “Weil du mit ihm hier verkehrst”, beschwerte er sich so laut, dass jeder es mitbekam. Dabei zeigte er auf seinen besten Freund. Ich senkte meinen Kopf Richtung Tisch.
      “Fan! Menar du allvar”, beschwerte sich nun Niklas lautstark.
      “Vielleicht sollte ich doch besser gehen”, murmelte ich und versuchte erneut die Flucht einzuschlagen. Doch Niklas hinderte mich diesmal deutlich daran. Er drückte mein Bein nach unten, was mit einem kräftigen Schlag auf meinen Oberschenkel verbunden wurde. Ich verspürte ein Brennen auf der Haut, aber sagte nichts dazu. Gefiel es mir?
      “Du bleibst, wo du bist, da müssen wir jetzt beide durch”, zischte er mich kaum hörbar an. Seine Intention war deutlich gediegener, als ich vermutete. Dazu sagte ich nichts weiter, sondern konzentrierte mich darauf, keine Gespräche der anderen zu hören. Mein Herz pulsierte signifikant schneller in meiner Brust als sonst, wenn ich aufgeregt war.

      Lina
      Irgendwann während des Essens war Jace wieder aufgetaucht und Sheena hatte recht gehabt, er hatte eine grandiose Laune. Woher auch immer diese Laune kam, ich war ganz froh drüber, dass es mich nicht mehr, wie Luft behandelte. Außerdem war gerade jeder eine willkommene Ablenkung, denn so egal wie es versuchte Samu weiß zu machen, war es mir doch nicht.
      Meine und die Aufmerksamkeit von allen anderen wurde unweigerlich auf den Nachbartisch gelenkt, als es dort lauter wurde. Natürlich ginge es um Niklas bzw. um Niklas und Vriska.
      Langsam könnte man echt glauben, dass das alles hier eine mordende Version des Sommernachtstraums ist, nur dass es viel mehr auf eine Tragödie hinauslief. Da nun die ganze Aufmerksamkeit auf Niklas, Vriska und Ju lag, wurde mir die Situation nun auch allmählich unangenehm. Spätestes jetzt würde auch dem letzten Deppen auffallen, was für ein Theater sich hier in den letzten Tagen abspielte.
      “Luulin, että et välittänyt”, flüsterte mir Samu zu, der meine Anspannung zu spüren schien.
      “En myöskään välitä, minun ei kuitenkaan tarvitse katsoa sitä koko illan”, nuschelte ich als Antwort und stand auf, um mich den Moment zu nutzen, wo alle noch auf das Drama am Nebentisch konzentriert waren, um zu verschwinden. Ich nahm wahr, dass Jayden es mitbekam und schon einen blöden Spruch auf den Lippen hatte. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, was bewirkte, dass er seine Klappe hielt.
      Schnellen Schrittes entfernte ich mich von der Gruppe und verschwand so schnell wie es ging um eine Ecke. Die Sonne begann bereits unterzugehen und die umliegenden Schatten wurden immer länger.
      Etwas abseits der Gebäude ließ ich mich unter einem Baum nieder und sah den Wolken zu, wie sie über den rosa gefärbten Himmel zogen.
      Wie war es eigentlich möglich, dass sich so viel in so kurzer Zeit ändern konnte?
      Gestern war alles noch so anders gewesen. Wobei war das wirklich so? Und dann war da auch noch gestern Abend. Der Abend, wo meine Gefühle, das Erste mal einen heftigen Dämpfer bekommen hatten. Einerseits war ich froh drüber, dass Niklas aufrichtig genug gewesen war, um das ganze aufzuhalten, bevor es richtig wehtun würde. Worum es bei den Beiden ging, war mir eigentlich egal, aber trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass er mir davon erzählt hätte. Sicherlich hätte ich keine Freudensprünge vollführt, aber es wäre allemal besser gewesen als es selbst herauszufinden.
      Abgesehen davon, konnte ich mir auch immer noch nicht erklären, was ich falsch gemacht hatte, dass er auf einmal so abweisen war.
      Erstaunlicherweise verspürte ich bei diesem letzten Gedanken deutlich mehr Unbehagen. Da, wo heute Morgen noch leere gewesen war, breiteten sich auf einmal Verwirrung und Unsicherheit aus. Auf einmal war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob nach Schweden zu gehen, die richtige Entscheidung war.
      Wen ich jetzt brauchte, war der einzige Mensch, der mich immer bei allen Dingen Unterstützte hatte. Zum Glück verriet mir der Blick auf die Uhr, dass es relativ wahrscheinlich war, dass ich dieser Mensch auch erreichte, denn in Finnland müsste es jetzt ungefähr halb 6 sein. Ich wählte den Kontakt von Juliet und drückte auf Anrufen, es tutete.
      Es tutete lange, doch dann hörte ich eine verschlafene Stimme am anderen Ende: “Hyvää huomenta. Mitä tein tämän kunnian hyväksi?”
      “Juliet, niin paljon tapahtuu taas täällä”, fing ich an. “Mutta ensin vastaan eiliseen kysymykseesi: kyllä, lähden Ruotsiin. Ainakin kaksi tuntia sitten olin ainakin varma siitä.”
      “Mitä tämä tarkoittaa: olitko varma? Mitä tapahtui “, fragte meine Schwester nun besorgt nach.
      “Paljon on tapahtunut, Juliett. Mistä aloittaisin?... “, antworte ich mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme. Dann begann ich ihr die Ereignisse der letzten zwei Tage zusammenzufassen, inklusive dem Drama um Jace und allem was dazu gehört. “Niklas osti uuden hevosen kaksi päivää sitten ja se puhkesi. Se on todella merkityksetöntä. Joten joka päivä tämän tapauksen jälkeen olimme vielä väsyneitä, koska oli vielä hyvin aikaista, ja sitten laitoimme itsemme takaisin sänkyyn yhdessä”. Ich endete nach dem Streit mit Samu gestern Abend. Nur das was ich inzwischen über Vriska und Niklas herausgefunden hatte, ließ ich absichtlich weg.
      “Jossain vaiheessa Niklas tuli luokseni ja me juttelimme. Hän sanoi, mitä hän ajatteli minusta... Että hänen lapsuudessaan on vielä ongelmia, joita hänen on vielä käsiteltävä…
      Keskustelun loppu on se, että hän ei ole valmis suhteeseen ja että olemme vain ystäviä.” versuchte ich Juliet dann noch die aktuelle Lage zwischen mir und Niklas zu erklären.
      „Ymmärtää. Mutta miksi sitten epäilet päätöstäsi, kun näytät pystyvän selviytymään siitä?”, antwortete meine Schwester.
      “Tänä aamuna kaikki oli hieman outoa, mutta toistaiseksi hyvin. Mutta sitten tein jotain väärin iltapäivällä, koska Niklas on ollut hapan siitä lähtien, mutta en tiedä miksi.”, berichtete ich ihr von den heutigen Ereignissen.
      “Lina, kerrotko vakavasti, että soitit minulle 5.30, koska riitelit ystäväsi kanssa?”, fragte meine Schwester und in ihrer Stimme konnte ich hören, dass sie sich Mühe geben musste nicht zu lachen.
      “Hän ei ole ystäväni!”, protestierte ich.
      “Okei, hän ei ole ystäväsi”, bekam ich als Antwort und ich konnte das grinsen ihn ihrer Stimme immer noch hören.
      “Sinusta ei ole apua!”, murmelte ich in das Telefon. Natürlich fiel meiner Schwester nichts Besseres ein, als mich auszulachen.
      “Voi suloisuutta. Samu on oikeassa, älä huoli siitä liikaa. On täysin normaalia, että se ei aina toimi täydellisesti. Tiedätkö kuinka, monta kertaa olen mistä riitelimme Taavi kanssa? Loppujen lopuksi olemme yhä yhdessä”, antwortet sie schon gleich ein wenig einfühlsamer. Sie hatte gut reden, bei normalen Menschen mit normalen Beziehungen, mag das vielleicht zutreffen, doch von normal ist das alles hier sicherlich sehr weit entfernt. “Sinulla ja poikaystävälläsi on myös kuvakirjasuhde.”
      “Olet söpö, jos uskot niin. Mutta nyt on kyse sinusta ja siitä, miten voin auttaa sinua”, lenkte Juliett das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema.
      “Pelkään, ettei kukaan voi todella auttaa minua. En tiedä, mitä tein väärin”, sagte ich traurig und fuhr mir mit der freien Hand durch die Haare.
      “Haluaisin viedä sinut sylissäni nyt, pikkusisko.” Bei diesen Worten wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich sie vermisste. Zuhause hätte sie mir jetzt einen Kakao gebracht und mich in den Arm genommen. Doch seit fast drei Jahren habe ich sie nun nicht mehr persönlich gesehen. Das ist eine ganz schön lange Zeit und so glücklich wie ich hier auch immer gewesen war, ich vermisste sie die ganze Zeit über. Ganz besonders in solchen Momenten wie jetzt.
      “Kiitos, että kuuntelit minua Juliett. Kaipaan sinua”, murmelte ich leise in das Telefon.
      “Kaipaan myös sinua, pieni, mutta lupaan, että tapaamme pian uudelleen”, versuchte sie mich aufzumuntern. Wenn ich tatsächlich nach Schweden gehe, würden keine 4000 Km und ein Ozean zwischen uns liegen, dann wäre es tatsächlich denkbar sie wiederzusehen. Allein das reichte schon für mich, um die Sache durchzuziehen. Vielleicht hatten Samu und meine Schwester ja recht und ich machte mir wirklich zu viele Gedanken.
      “Kiitos, että olet aina tukenani”, sagte ich noch bevor ich mich von meiner Schwester verabschiedete. Wirklich viel hilfreicher als das Gespräch mit Samu vorhin, war das hier auch nicht wirklich gewesen, aber es hatte gutgetan mit Juliet zu reden.
      Mit einem seufzen ließ ich mich gegen den Stamm sinken. Hoffentlich werde ich die Entscheidung nicht doch noch bereuen.

      Vriska
      „Und in diesem Moment zerbrach ihr kleines Herz“, murmelte Chris zu uns am Tisch und unterbrach die Stille.
      „Ich dachte wirklich noch an das Gute in euch beiden, aber jetzt seid ihr beide wirklich gestorben für mich“, beschwerte Milena sich, die gerade mit nassen Haaren dazustieß. Besser hätte es wirklich laufen können. Vor versammelter Mannschaft ließ Ju uns auffliegen, doch schämte ich mich dafür? Ehrlich gesagt nicht, denn ich wieso war es meine Aufgabe die Gefühle zu schützen? Es belastete mich immer die Erwartung von allen erfüllen zu müssen, so wollte und konnte ich nicht leben. Regungslos stand Milena noch einige Minuten mit am Tisch, Chris aß währenddessen weiter und ich beobachtete jeden Bissen in seinem Mund. Nach ungefähr 16 Bissen schluckte er die Nahrung runter, dabei schnitt er die nächste Portion zurecht und hielt sie mit der Gabel vor seine Lippen.
      “Ihr seid so furchtbare Menschen”, stammelte Milena aufgebracht, warf die nassen Haare über ihre Schulter und stampfte davon. Ihr Shirt war am Rücken vollkommen durchnässt, was sich bis in ihre kurze Hose zog. Mir fehlten noch immer die Worte, würde es weiter gehen wie zu vor? Erstmal gab es wichtigeres, wie die Kür oder dem Bestehen meiner Abschlussprüfung.
      “Ich werde mal die Unterlagen holen”, sagte ich, stand auf und lief zum Zimmer. Es gab keine Beschwerden des Kerls neben mir, so konnte die Idee nicht falsch sein. Hektisch sammelte ich alles zusammen und stürzte mich wieder heraus. Ich verlor einige Blätter, bückte mich nach ihnen und immer mehr fliegen durch die Luft. Geschafft schlug der Haufen auf dem Holztisch auf und musste frische Luft schnappen. Statt auf dem Pad zu arbeiten, hatte ich mir wieder zu viele Notizen auf dem Papier gemacht und mir Videos im Internet angeguckt zum Lernen. Wusstet ihr, dass man im Internet nicht wirklich findet zu den Ausbildungsthemen als Pferdewirt in speziellen Reitweisen oder auch Rennen? Als wären es nur ein paar ausgewählte, die diese Ausbildungsunterlagen lesen dürften.

      Milena
      Lina versuchte so unauffällig wie möglich zu verschwinden, doch ich sah sie. Vorher waren Jus Worte nicht zu überhören, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt die Runde nicht einmal erreicht hatte. Keiner machte Anstalten sie zu unterstützen, denn Niklas hatte seine Masche bei ihr wirklich gut anwenden können, doch aus welchem Grund? Wieso musste er sich eine verwundbare junge Dame aussuchen, die am anderen Ende der Welt lebte? Normalerweise wäre es der Weg ins Schlafzimmer gewesen, den er suchte, doch war Lina für ihn etwas Besonderes, etwas Ernstes? Kaum vorstellbar. Langsam ging zu dem Baum zu, an dem sie lehnte.
      “Hey”, sprach ich Lina leise an, um sie nicht zu erschrecken. Es gab keine Rückmeldung, so setzte ich mich im Schneidersitz vor sie, keinen Blick würdigte Lina mir.
      “Bevor du weggehst, oder mich wegschickst, möchte ich mich bei dir Entschuldigen. Wenn ich vorher gewusst hätte, worauf das alles hinausläuft, wäre ich nicht so zu dir gewesen. Es war nicht richtig, aber ich weiß auch nicht. Ich habe Spaß dabei Leute zu ärgern, aber meine das wirklich nicht persönlich”, vermittelte ich ihr ruhig und senkte meinen Kopf.
      “Schon ok, nervige Leute sind hier Standard, da macht einer mehr oder weniger auch nicht den Unterschied”, antworte sie gleichgültig.
      “Möchtest du darüber reden, was gerade in deinem Kopf abläuft?”, fragte ich freundlich.
      “Weißt du... manchmal frage ich mich, warum ich ausgerechnet so weit weg von meiner Heimat gelandet bin. Was genau hat mich hierhergeführt?”, begann sie indirekt meine Frage zu beantworten, wobei sie ein paar Grashalme ausrupfte. “Ich meine, die unfassbare große Auswahl an Karrieremöglichkeiten wird es wohl nicht gewesen sein”, fügte sie sarkastisch hinzu.
      “Das weiß ich leider auch nicht, der Hof ist schön, aber in Finnland gibt es sicher auch viele schöne Höfe. Und …”, stotterte ich. Der Psychokram fiel mir bis heute nicht leid, aber dass sie ihre Heimat vermisste, konnte ich gut nachvollziehen. Dann sprach ich weiter: “Und in Schweden wirst du mehr Möglichkeiten haben.”
      “Das weiß ich doch. Ansonsten wäre es vermutlich noch unvernünftiger als es eh schon ist, von heute auf morgen auszuwandern.” Offenbar schien sie sich ein wenig über sich selbst zu amüsieren, denn auf ihrem Gesicht, war der Ansatz eines Lächelns erkennbar.
      “Falls du nicht mit auf das LDS zu Vriska willst, kann ich dir anbieten mit zu mir und Linh zu kommen, oder wir gucken nach einem anderen Hof”, munterte ich Lina etwas mehr auf. Schließlich gab es noch deutlich mehr Höfe in Schweden, sogar in der Umgebung von Kalmar.
      “Das ist wirklich ein nettes Angebot, aber ich denke, ich werde erst einmal sehen, wie es so läuft dort. Immerhin ist das LDS nicht komplettes Neuland für mich”, antwortete sie und hörte auf den Boden anzustarren.
      “Okay, dann musst du eins wissen”, begann ich und stand auf. Dann schaute ich zu Lina runter und setzte fort: “Die Kleine erliegt einer regelrechten Obsession zu eurem Chef. Also falls du da mal ein Druckmittel brauchst. Ach, und wegen Niklas. Mach’ dir da keine Gedanken, ich habe das Gefühl, dass ihm das mit euch beiden wirklich wichtig ist. Deswegen hat er sich nicht direkt mit dir Vergnügt. Das ist aber rein spekulativ, Linh hatte die Vermutung schon vor ein paar Tagen, als Anna euch erwischt hat.”
      “Meinetwegen kann Vriska anbeten, wen sie möchte, aber ich werde es mir merken und vielen Dank für deine Zuversicht.”
      “Du schaffst das schon, nimm es dir nicht so zum Herzen. Wird schon werden, und sonst: Schweden hat noch einiges mehr zu bieten als den Typen”, lachte ich und verließ sie wieder. In meinem Magen grummelte es ziemlich laut, was nur mit Essen gestillt werden konnte. Obwohl mich das Gespräch mit Lina überhaupt nicht weiter gebrachte, fühlte mich gut, jemanden helfen zu können. Oder es zumindest versucht zu haben. Am Büfett legte ich mir verschiedene Speisen auf den Teller und setzte mich zu Linh, die zwar mit am Tisch der Dämlacks saß, aber allein sitzen, fand ich auch blöd. Vriska und Niklas bemerkten mich gar nicht, denn sie waren beschäftigt irgendwelche Aufgaben zu lösen. Vielleicht sollte ich auch demnächst beginnen für den Abschluss zu lernen, deswegen folgte ich dem Gespräch der Beiden auf einem Ohr, während ich aß.

      Jace
      “Soll ich mal nach ihr gucken gehen?”, fragte ich Samu leise, als Lina nun schon eine ganze Weile verschwunden war.
      “Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich glaube nicht, dass sie derzeit Gesellschaft wünscht”, sagte er schulterzuckend. Ich wunderte mich ein wenig über seine Antwort, da normalerweise er derjenige war Lina hinterherdackelte. Aber vielleicht hatte sie ihm ja auch etwas dazu gesagt. Immerhin hatte ich mitbekommen wie Lina und Samu einen kurzen Wortwechsel hatten, bevor sie verschwunden war. Dennoch ließ ich mich von Samu Worten nicht abhalten, denn ich hatte das Gefühl, dass dies hier eine Chance sein könnte mich bei Lina wieder gut zustellen. Ihr Essen hatte sie kaum angerührt bevor sie verschwand, als beschloss ihr etwas mitzubringen. Sicherlich hatte sie Hunger.
      Mit einem Teller, der meiner Meinung nach Lina gerecht beladen war, machte ich mich auf die Suche nach ihr. Es dauerte nicht lange bis ich sie fand, denn sie war nicht sonderlich weit weggegangen. Hinter dem Stall saß sie unter einem Baum und tippte auf ihrem Handy herum.
      “Was machst du denn hier so?”, fragte ich vorsichtig, während ich mich näherte.
      “Alleine, sein oder es zu mindesten versuchen”, murmelt sie und tippe weiter auf ihrem Handy rum.
      “An einem so schönen Abend sollte man doch nicht alleine sein”, lenkte ich ein. Lina ignorierte meine Aussage und sah mich ein wenig verärgert an: “Jace, was genau willst du hier eigentlich? Heute Morgen war ich doch noch Luft für dich.” Offenbar schmollte sie noch, weil ich sie heute Morgen ignoriert hatte. Auch wenn das nicht die besten Voraussetzungen für mein Vorhaben waren, ließ ich mich nicht davon abbringen.
      “Ich dachte… du könntest vielleicht Hunger haben. Du hast schließlich kaum etwas gegessen”, sagte ich freundlich, während ich den Teller neben ihr abstellte. “Außerdem, dachte ich, du könntest jemanden zu reden gebrauchen.”
      “Danke, aber für heute habe ich schon genug geredet”, lehnte sie mein Angebot ab, nahm sich allerdings den Teller und begann zu essen. Na gut, wenn sie nicht reden möchte, werde ich sie trotzdem mit meiner Anwesenheit beehren. Ich setzte mich mit ein wenig Abstand zu ihr auf die Wiese, schließlich wollte ich ihr nicht gleich zu nahetreten. Eine Weile war nicht viel zu hören, außer den Geräuschen, die von drüben zu uns rüber wehten. Auch, wenn ich mir heute Morgen noch gewünscht hatte Lina nicht zu begegnen, jetzt betrübte mich das ganze, dass sie nicht nur den Hof verlassen würde, sondern auch gleich noch das Land. So wie es jetzt war, blieben mir nur noch wenige Tage wieder gutzumachen, was ich verbockt hatte. Während ich so darüber nachdachte, kam mir eine Frage in den Sinn: “Sag mal, wer wird sich eigentlich um Divine kümmern? Du wirst ihn ja wohl kaum direkt mitnehmen.” Lina hatte den Teller inzwischen fast leer gegessen und zur Seite gestellt.
      “Ja, da hast du recht ich werde ihn nicht direkt mitnehmen. Samu wird sich um den kleinen Prinzen kümmern, schließlich muss das jemand Kompetentes tun”, antwortete Lina, ohne mich wirklich dabei anzusehen.
      “Willst du etwa sagen hier gäbe es nicht genug Kompetenz?”, fragte ich ein wenig empört.
      “Also aktuell, gibt es hier sehr viel Kompetenz, aber das wird nicht mehr lange so sein”, antworte sie und ich konnte einen Hauch von einem schelmischen grinsen in ihrem Gesicht erkennen.
      “So ist das also…Das sollte ich mir merken, falls du jemals noch mal Hilfe brauchen solltest.” Es freute mich, dass sie offenbar zum Scherzen aufgelegt war. Das konnte nur bedeuten, dass sie nicht ganz so nachtragen war, wie sie mir zu beginnen suggerieren wollte, gut für mich.
      “Vielleicht darfst du Samu ja helfen, wenn du nett zu ihm bist”, alberte sie weiter herum.
      “Ja ja, mach du dich nur lustig darüber. Warte nur ab, was dein Pferd alles kann, wenn du es wiedersiehst!”, sagte ich überzeugt.
      “Ist das etwa eine Drohung?”, fragend sah sie mich an und grinste breit.
      “Kommt drauf an, immerhin läuft kein Pferd besser vor der Kutsche als meine Tinker”, antworte ich und grinste auch.
      “Etwa die Tinker, die du eigentlich nicht trainieren wolltest?”
      “Ja, genau die”, gab ich zu. Tatsächlich hatte ich es anfangs abgelehnt die beiden Tinker zu trainieren, dass sie mir persönlich viel zu klein waren, aber wie es der Zufall wollte, blieb es doch an mir hängen. Tatsächlich stellten die beiden sich als Ideale Kutschpferde heraus, was bei einem Tinker natürlich nicht wirklich erstaunlich ist.
      “Na, da ist dir Divine sicherlich auch zu klein, du willst den bestimmt gar nicht trainieren”, neckte Lina mich.

      Vriska
      Menschen gingen an unserem Tisch vorbei, warfen fast abfällige Blicke auf uns, während Niklas mit mir die Aufgaben besprach, die vorhin löste. Seine Brille rutschte immer wieder ein Stück von der Nase. Automatisch schob er sie wieder nach oben. Dabei kaute er auf dem Stift herum, den Niklas in seiner Hand hielt. Immer mehr Zeit verging, in der er nichts sagte, nur unverständlich vor sich hinmurmelte und die Unterlagen durchblätterte.
      “Die Trainingsmethoden solltest du dir in nächster Zeit noch weiter durchlesen, aber sonst sehr gut formuliert und reflektiert. Dein Arbeitgeber wird froh sein, über jemanden mit dem Wissen”, lobte Niklas und legte alle Blätter ordentlich zusammen.
      “Danke für deine Hilfe”, schmunzelte ich und betrachtete ihn sehr genau. Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich, dass Chris ebenfalls alles genau beobachtete. Linh und Ju saßen auch noch am Tisch, jedoch sehr beschäftigt miteinander. Blöde Kommentare gab er nicht mehr von sich. Doch leider änderte sich es schneller, als es mir lieb war.
      “Und deine Kür? Vermutlich hast du dir darüber noch keine Gedanken gemacht”, griff er mich an. Ju schien irgendein schwerwiegendes Problem mit mir zu haben, was ich mir nicht erklären konnte. War ihm die kleine Flirterei wirklich so wichtig, um so einen Aufstand machen zu müssen? Der Abend begann bereits unschön, dass ich nicht weiter auf seine Provokation einging. Ich wollte die übrige Zeit noch guten Erinnerungen im Kopf behalten, doch es näherte sich der nächste Grund, wieso ich das vergessen konnte. Max kam zum Tisch und stütze sich mit den Händen auf der Kante ab. Erwartungsvoll blickte er zu mir.
      “Du hast ja gerade nichts zu tun, willst du heute Blávör noch bewegen. Sie hat gestern wieder angefangen herumzuzicken und du kommst so gut mit ihr klar”, fragte er freundlich. Eh ich etwas sagen konnte, wandte sich Niklas mir zu und flüsterte: “Was will der?”
      “Er fragt, ob ich seine Stute bewegen würde”, erklärte ich ihm.
      “Sie wird deine Stute bewegen und wir holen deine Andere auch direkt mit rein”, bot Niklas Max an und stand auf. Verdutzt blickte ich zu ihm hoch. Wir? Muss der mich vor irgendwas beschützen, oder was stimmt mit ihm gerade nicht? Unweigerlich guckte ich über den Tisch, neben meinem Haufen an losen Blättern standen fünf leere Bierflaschen, die er nebenbei offensichtlich getrunken hatte. Einige meiner Fragen waren damit geklärt und ich nahm meine Unterlagen hoch, um sie im Zimmer zu verstauen. Max bedankte sich bei ihm und lief freudig zu Björn und Erika, die am Feuer saßen. Auch Finley befand sich dort.
      “Was ist heute mit dir los?”, fragte ich vorsichtig im Zimmer, als ich mein Outfit wechselte.
      “Nichts”, würgte er das Gespräch ab und konzentrierte sich wieder auf sein Handy. Offenbar gab es dort etwas interessanteres. Ohne weitere Worte zu wechseln, liefen wir zur Weide mit drei Stricken. Niklas verschwand direkt, um seine Stute zu holen, die am anderen Ende der Weide stand. Durch den Mond leuchtete sie beinah und der Schimmer legte sich über den Rasen. Snotra stand ziemlich weit vorn und kam direkt mit gespitzten auf mich zu. Eh ich sie wieder einfangen müsste, nahm ich die Stute an den Strick und lief mit ihr zu Blávör. Weniger begeistert schlug sie mit dem Schweif und trat einige Schritte von mir weg. Als Niklas mit Smoothie wiederkam, konnte ich auch endlich die Bunte einfangen und mitnehmen. Noch immer sprach er kein weiteres Wort zu mir und ich kämpfte damit die Stute gleichmäßig neben mir zu führen. Blá legte mehrfach die Ohren an und zickte Smoothie an, die sich nicht beirren ließ von der Stute. Niklas legte im Tempo etwas zu, was die Isländer Dame nur noch mehr aufregte. Nervös tänzelte sie neben mir her und erst durch mehrmaliges Anhalten sowie rückwärtsrichten bekam ich sie wieder unter Kontrolle.
      “Hast du es auch endlich mal geschafft?”, schmunzelte Niklas, als ich deutlich später ankam. Seine Stute stand bereits in der Box und mümmelte im Heu. Ich gab keine Antwort, sondern drückte ihm nur die Zicke in die Hand, um Snotra wegzustellen. Kaum zu glauben, dass sie heute mal die Ruhige war. Natürlich bedeutete Blávör Hexe, dem sie heute alle Ehre machte. Er hatte sie bereits angebunden und begann sie zu putzen. Neben dem Pony wirkte er noch größer und ziemlich verloren. Ihn zu beobachten im Umgang mit Pferden beruhigte mich ungemein und hatte etwas Meditatives. Es zu beschreiben, fiel mir schwer, doch es kribbelte in mir und den Blick abzuwenden funktionierte nicht.
      “Warum beobachtet ihr mich immer, wenn ich mich mit einem Pferd beschäftige?”, unterbrach Niklas meine innerliche Ruhe.
      “Das hat was Meditatives. Du strahlst dabei so eine anziehende Ruhe aus”, wendete ich meine Blicke von ihm und half beim Putzen. Das weiße Fell der Stute färbte sich an einigen Stellen ziemlich grün und auch braun.
      “Sowas hat noch nie jemand zu mir gesagt. Sonst wollen mich alle immer nur ausziehen”, scherzte er und schien etwas überspielen zu wollen. Das Lachen klang unecht, beinah einstudiert. Ihn danach zu fragen, wirke für mich falsch.
      “Ach, das kenne ich schon. Langweilig”, stieg ich mit ein und lachte. Blá stand noch immer ruhig da, als würde sie sich genauso wohl gerade fühlen wie ich.
      “Was heißt denn hier bitte langweilig?”, beschwerte er sich lautstark. Ich lachte nur und begann die Hufe auszukratzen, als ich seine Hände an meiner Hüfte spürte.
      “Immer noch langweilig?”, provozierte Niklas weiter. Kalt lief es mit am Rücken herunter, das Kribbeln wurde wieder stärker und ich spürte, dass etwas an meinem Bein. Mit dem Huf war ich fertig und schnellte nach oben, da die Stute noch zwei weitere hatte, die gerne sauber sein wollten. Doch er ließ mich nicht los, sondern drängte mich an das Pferd. Sie legte die Ohren an und schlug wieder mit dem Schweif.
      “Oh, ich hatte nicht erwartet hier jemanden anzutreffen”, vernahm ich auf einmal eine Stimme, die aus Richtung der Tür zu kommen schien und so wie es sich anhörte, gehörte sie eindeutig zu einer Frau. Niklas ließ sofort von mir los und trat zwei Schritte zurück.
      “Ähm … ich … wir auch nicht”, stammelte ich berührt vor mir her. Es fühlte sich an, als wären wir bei irgendwas wirklich Schlimmes erwischt worden sein, doch war es das denn? Ich wollte mir darüber keine Gedanken mehr machen, aber das fiel mir wirklich schwer. Denn er fühlte sich offensichtlich auch nicht wohl dabei, sonst hätte sich nicht direkt von mir entfernt. Ich dachte zu viel. Viel zu viel. Die Unsicherheit kam wieder, meine Atmung wurde schneller und meine Hände zitterten.
      “Ähm, ich wollte eigentlich nur nach meinem Pferd sehe, aber ich kann das wohl auch später machen”, redete die junge Frau leicht irritiert weiter und wandte sich wieder zum Gehen.
      “Ach ist doch alles gut, wir wollten eh gerade die Stute satteln”, antwortete Niklas nun und legte kurz seine Hand an meinen Arm. Ich bewegte mich direkt auf die andere Seite von Blávör, um die rechten Hufe auszukratzen. Er holte schon mal das Sattelzeug, doch kam wenig später wieder aus der Sattelkammer. Offenbar wusste er nicht genau, was ihr gehörte. Doch meinen Helm hatte er bereits in der Hand.
      “Okay, dann geh ich mal zu meinem Pferd”, antwortete die blonde Frau und verschwand in einer Box, in der ein Haflinger stand. Ich wusste nicht, was ihr sagen sollte, meine Gedanken waren ganz wo anderes. Es wirkte so surreal alles. Aus der Kammer holte ich das Sattelzeug und machte die Stute fertig. Als ich den Helm aufsetzte und in der einen Hand die Zügel hielt und in der anderen die Gerte, wollte ich nach draußen. Dann fiel mir ein Problem auf. Die Dame schien hier zu arbeiten. Ich drückte Niklas alles wieder mal entgegen.
      “Du? Vielleicht kannst du mir helfen? Ich wollte mit ihr auf den Reitplatz, aber ich weiß gar nicht, wie das Flutlicht angeht”, fragte ich freundlich und leise, denn sie war vertieft mit ihrem Pferd.
      “Klar, kein Problem. Das kann ich euch zeigen, der Schalter ist direkt am Platz”, antwortete sie freundlich und trat aus der Box heraus. Niklas und ich folgten ihr zum Reitplatz, wo sie uns einen Schaltkasten an der Seite zeigte. “Der Knopf hier ist für das Licht, macht es einfach wieder aus, wenn ihr dann fertig seid.”
      Ich sah nicht, was ich erwartet hatte. Das Flutlicht war eine wirklich lange Schlauchlichterkette, die sich um den ganz Zaun wickelt. Auch die Barken vom Dressurplatz erleuchteten in einem warmen Licht. An den Ecken des Platzes standen große Flutlichter, aber spendeten nur wenig Helligkeit.
      “Danke dir”, antwortete ich und nahm Niklas wieder das Pferd ab. Er kam mit auf den Platz, hielt mir gegen und schwang mich auf den Rücken der Stute. Direkt kaute sie auf dem Gebiss herum und senkte den Kopf. Dann ritt ich im Schritt los. Dabei setzte ich mich mehrfach um. Obwohl ich mich auf das Pferd konzentrieren sollte, wich mein Blick immer wieder zu Niklas, der es sich auf einer Bank bequem gemacht hatte. Untypisch hielt er sein Handy nicht in der Hand, sondern beobachtete auch mich. Keiner von uns sagte etwas, doch ich spürte, dass sich unsere Augen mehrfach trafen. Das Kribbeln kam wieder, doch auch Jennis Worte hallten durch meinen Kopf. Auch was er am Vortag sagte, vergaß ich nicht.
      “Bleib locker und verkrampfe deine Hände nicht so sehr, das macht Bla nervös”, sagte er.
      “Wird das jetzt Unterricht, oder was ist genau dein Plan? Nur zur Information, das spricht man Blá”, protestierte ich und betonte die letzte Silbe wie ein Au, denn es war kein kurzes beinah stummes a. Obwohl Isländisch Schwedisch ziemlich nahekam, gab es einige wichtige Silben, die anderes gesprochen wurden und die Bedeutung vollkommen veränderten.
      “Bla bla bla. Jetzt mach’ was ich dir sage”, befahl er mir. Ich rollte mit den Augen und versuchte mich mehr auf die Stute zu konzentrieren. Meine Gedanken wanderten wieder an den kurzen Moment im Stall, meine Beine wurden lockerer und hingen entspannt parallel zum Pferd. Schon schnaubte Blávör ab und streckte sich. Er lobte uns beide und ich bekam ein besseres Gefühl im Sattel. Das von Max erwähnte zickige Verhalten, dass sie sonst an den Tag legte, spürte ich nicht. Erst als wir mit dem Trab begannen, legte sich Blávör auf den Zügel, schüttelte wild mit dem Kopf und bremste abrupt ab. Vorwärts wollte sie nicht mehr und lief hektisch zurück.
      “Provoziere sie nicht, sondern gebe ihr Freiraum. Blá muss darüber nachdenken und das Vertrauen mit dem Reiter finden. Körperlich scheint auf den ersten Blick als in Ordnung zu sein, also braucht sie Ruhe”, vermittelte Niklas mir. Ich ließ die Stute stehen, bis sie auf die halben Paraden reagierte und den Kopf senkte. Mit meinem Schenkel arbeite ich langsam daran, dass sie einen Schritt vorwärtslief. Dann lobte ich direkt und hörte mit dem Druck auf. Ich blieb hartnäckig, bis Blávör normal im Schritt wieder lief. Freundlich lobte ich sie, dabei spürte ich, dass die Stute davon sehr erschöpft war. Es hinderte mich nicht daran nach einigen Runden Schritt wieder in den Trab zu wechseln. Diesmal folgte Blávör meinen Hilfen und zickte nicht mehr herum. Am Ende konnten wir auch noch etwas tölten. Niklas half mir dabei meinen Sitz noch zu verbessern und meine Hände ruhiger zu halten. Ich hatte Probleme dabei mich im Sattel zu halten. Bei dem Ändern des Tempos wackelte ich im Sattel und das nahm die Stute mir übel.

      Lina
      Jace und ich hatten uns noch eine ganze Zeit unterhalten, überwiegend darüber, was Jace und ich glaubten, was Divine bereits alles konnte. Immerhin war der Hengst gerade einmal 4 Monate hier. Bei einem Pferd, welches in einem so schlechten Zustand gewesen ist wie Divine, war das eine ziemlich kurze Zeit. Wobei wir für so eine kurze Zeit schon weit gekommen waren, immerhin hatte ich Ivy im Juli auf einer Zuchtschau vorgestellt.
      “Habe ich eigentlich mal erzählt, dass Divine schon als Einhorn bezeichnet wurde”, fragte ich Jace beiläufig. Wie ist so an die Zuchtschau zurückdachte, musste ich unwillkürlich lächeln.
      “Nein, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das öfter vorkommt”, antworte Jace.
      “Ohh, das war richtig niedlich. Nachdem ich Ivy vorgestellt hatte, kam ein kleines Mädchen an. Sie war total begeistert von meinem Hengst, Divine natürlich auch von ihr, du weißt ja er liebt Kinder”, begann ich von der Begegnung mit den kleinen Mädchen zu erzählen. “Naja, auf jeden Fall meinte die kleine irgendwann, dass Divine ja aussähe wie ein Einhorn, da würde nur noch eine Menge Glitzer fehlen. Ich habe danach tatsächlich überlegt, ob ich ihm ein Glitzerhalfter kaufe.”
      Auf einmal unterbrach Samu unser Gespräch: „Lina, denkst du auch noch daran Legolas von der Koppel zu holen.” Er stand mit Elf Dance am Weg, den er offenbar gerade von der Koppel geholt hatte. Bisher war mir gar nicht aufgefallen, dass die Sonne inzwischen gänzlich untergegangen war.
      “Oh ist es schon so spät?”, fragte ich ein wenig verwundert und griff gleichzeitig nach meinem Handy, welches immer noch neben mir im Gras lag.
      “Joo”, bestätigte Samu das was ich auch schon auf meinem sah. 21:15 leuchtete mir auf dem Display entgegen. “Ja, dann sollte ich den armen Kerl mal lieber reinholen, bevor er noch ganz allein draußen steht.“
      “Ich komm mit, ich muss Herkules auch noch holen”, steuerte Jace bei und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.
      “Hast du mir etwa heute noch nicht lang genug das Ohr abgekaut”, scherzte ich und ließ mich von ihm hochziehen.
      “Also für mich sieht das aus...als wären deine Ohren noch dran”, stellt er nach ausreichender Betrachtung fest und grinste breit. Es freute mich, dass Jace wieder normal war, ansonsten hätte ich wohl mit dem schlechten Gewissen, einen Trauerkloß zurückgelassen zu haben nach Schweden fliegen müssen.
      “Schön, dass ihr so viel Spaß habt, aber wenn ihr in dem Tempo weitermacht, kommt ihr nie an der Koppel an”, ließ sich Samu vom Wegesrand entnehmen, bevor er seinen Hengst in Bewegung setzte.
      “Ja ja, ist ja gut”, rief ich ihm noch hinterher und machte mich mit Jace zusammen auf den Weg zur Koppel. Auf einer der vorderen Koppel stand ein schwarzer Umriss am Zaun und wartete bereits. Das Einzige, was mir verriet, dass dieser Umriss Legolas war, war seine Blesse, die mir weiß im Mondlicht entgegen leuchtete.
      “Ich gehe gerade noch Herkules holen, wartest du hier?”, fragte Jace. Damit die Stricke immer in der Näher der Pferde waren, banden wir sie an die Koppeltore. Somit löste ich Legolas Strick vom Tor, während ich Jace antwortete: ”Klar, wird ja nicht lange dauern.”
      Jace verschwand in der Dunkelheit und ich öffnete das Tor zur Koppel. Lego streckte mir schon freundlich seinen Kopf entgegen. “Na mein hübscher, bald wirst du sicher pünktlich in den Stall gebracht”. Sanft strich ich dem Hengst über die weiche Nase, bevor ich den Strick in sein Halfter einklinkte. Brav folgte mir der große Hengst aus dem Tor.
      “Der braucht ganz schön lange, Lego”, sagte ich zu dem Pferd, nachdem ich schon gefühlte 5 Minuten auf Jace wartete.
      “Ich habe da noch wen auf der Koppel gefunden”, rief mit Jace zu, der endlich kam. Neben Herkules leuchtete noch das helle Fell eines zweiten Pferdes. Natürlich Divine, wie konnte ich nur so dämlich sein. Ich hatte ihn nach dem Reiten noch mal rausgestellt.
      “Kann mir irgendwer verraten, warum ich immer ausgerechnet ihn immer vergesse?”, fragte ich Jace, de inzwischen neben mit stand und nahm den Strick entgegen.
      “Keine Ahnung”, antwortete Jace Schulterzucken. “Vielleicht ist dein kleines Köpfchen mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.” Damit hat er sehr wahrscheinlich ins Schwarze getroffen, doch das wollte ich jetzt nicht weiter evaluieren. “Möglich, aber jetzt gerade ist mein Hirn damit beschäftigt, dass diese beiden Pferde hier in den Stall kommen, also lass uns gehen”, versuchte ich vom Thema abzulenken. Statt auf eine Antwort von Jace zu warten, lief ich los mit den beiden Pferden im Schlepptau. Da Hufgetrappel eines dritten Pferdes verriet mir, dass er mir folgte.

      Vriska
      „Was würdest du eigentlich ohne deine Pferde machen?“, unterbrach ich die Stille. Im Stall fraß Blávör ihr Kraftfutter, dass sie nach dem Absatteln von mir hingestellt bekam.
      „Wie, was würde ich machen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch, als hätte er meine Frage inhaltlich nicht verstanden und steckte das Handy zurück in die Tasche, an dem er schon wieder hing.
      „Na ja, so arbeitstechnisch“, kam es kleinlaut aus meinem Mund. Würde jemand wie er überhaupt arbeiten?
      „Ich arbeite bei der Polizei“, zuckte er mit den Schultern und kam einige Schritte näher. Sonst war niemand in der Nähe.
      „Jetzt wo du das sagst, ergibt das Sinn“, schämte ich mich, ihm vorgeworfen zu haben, auf dem Reichtum seiner Familie zu sitzen. Natürlich verdiente man auf den Turnieren, die er mit ritt, ziemlich hohe Summen. Doch so wie ich es bisher verstand, hatte Niklas nur Qualifikationen und noch nichts wirklich sehr Großes in seinem Lebenslauf.
      „Jetzt bist du mir eine Erklärung schuldig“, schmunzelte er und legte seine Hände wieder mal an meine Hüften. Ich fühlte mich unwohl dabei, denn aus sehr weiter Ferne hörte ich Linas Stimme. Mit jemanden unterhielt sie sich, doch ich konnte die andere Stimme niemanden auf Anhieb zuordnen. Ungeschickt versuchte ich mich ihm zu entreißen, was mir nicht gelang. Hinter mir stand die Stute von Max, die noch immer sehr langsam ihr Futter kaute.
      „Könntest du bitte deine Hände wegnehmen“, sagte ich ihm und senkte meinen Kopf, um seinen Blicken zu entkommen.
      „Was ist, wenn ich es nicht tue?“, sagte Niklas in ruhige Stimme. Ein Lächeln kam über seine Lippen.
      „Dann muss ich dich leider anzeigen und du weißt sicher selbst, welche Folgen das haben würde“, lachte ich. Er ließ von mir und tätschelte meinen Kopf.
      „Dann beantworte wenigstens meine Frage, wenn ich dich nicht spüren darf“, schmollte er. Es fühlte sich wirklich echt an, als wollte Niklas in meiner Nähe sein, mich berühren und Glücklichsein. Das stand mir nicht zu. Gestern erklärte er noch, dass das mit uns beiden nur Liebschaft wäre. Ohne Zukunft. Ohne, dass ich mir darauf etwas einbilden sollte. Mein Lächeln verschwand wieder und Blávör war endlich fertig. Seine Frage musste für den Moment ohne eine Antwort verbleiben, denn die Hübsche wollte in ihre Box zurück. Er folgte mir, als gäbe es etwas zu verpassen, doch meine Konzentration blieb bei Blávör. Ungeschickte stolperte sie mehrfach und trat mir dabei in die Schuhe. Froh darüber, heute ausnahmsweise die Chaps angezogen zu haben, zog ich das Halfter über ihren Schopf und schloss die schwere Boxentür.
      „Mein Mann möchte noch rein, kommst du mit?“, fragte ich.
      „Hoffentlich bekommt er das mit uns nicht raus, sonst gibt es noch Streit“, antwortete er scherzhaft und legte seinen Arm um meine Schulter.
      „Er weiß es schon, aber wir führen eine glückliche offene Beziehung“, lachte ich und lief mit Niklas raus. Am Ende des Weges konnte man Lina klar identifiziere. Divine trottete neben ihr her, sowie Legolas und ganz gegen meine Erwartung, gehörte Jace die Männerstimme. Das hatte mir jetzt noch gefehlt. Niklas trug noch immer die Schiene an seiner Nase von dem Zwischenfall der Beiden. Ich nahm seinen Arm von meinen Schultern und senkte den Kopf. Sollte ich mich entschuldigen? Sie ignorieren? Nervös biss ich auf meinem Lippenpiercing herum und öffnete den Ring immer wieder. Ich spürte, dass die Innenseite meiner Unterlippe bereits wund war. Bei Nervosität tat ich das immer und letzten Tage statt ich dauerhaft unter Strom.

      Lina
      “Was hast du eigentlich morgen vor?”, fragte Jace, der den Wink mit dem Zaunpfahl offenbar verstanden hatte.
      “Viel, sehr viel außer Nathalie sind die Pferde heute die Pferde zu kurz gekommen. Hazel war ja überaus freudig, damit beschäftigt mich von meiner eigentlichen Arbeit abzuhalten”, antwortete ich Jace. Dieser sah mich zwar ein wenig verwirrt an, weil er anscheinend keine Ahnung hatte, wovon ich redete, fragte aber: “Soll ich dir morgen vielleicht ein wenig helfen?” Herkules, den neben Jace herlief, spitzte auf einmal die Ohren. Dieses Verhalten ließ meinen Blick nach vorne wandern. Vriska und Niklas kamen uns entgegen. Sofort spannte sich alles in mir an. Einerseits hatte ich ein wenig bedenken, dass Jace mal wieder irgendetwas Dummes tun würde, dieser Mann war nicht leicht einzuschätzen und andererseits, weil mein Unterbewusstsein der Meinung war, Flucht sei die beste Entscheidung. Da das nicht nur seltsam, sondern absolut bescheuert wäre, entschied ich mich dagegen.
      “Ne, schon gut. Ihr werdet noch genug zu tun haben, wenn ich nicht mehr da bin. Außerdem ist morgen eh Freispringen für Nathy und Masko.” Ich hoffte inständig, dass man mir die Anspannung nicht ansah. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich wahr, dass Niklas und Vriska an uns vorbeiliefen. Da mein Blick starr geradeaus ging, konnte ich nicht genau sagen, ob sie uns beachteten oder nicht.
      “Wie du meinst. Falls du es dir doch anders überlegen solltest, kannst du ja Bescheid sagen”, antwortete mir Jace schulterzuckend. Divine schnaubte laut und blieb stehen, um sich zu schütteln, was natürlich dazu führte, dass ich auch stehen bleiben musste.
      “Na komm Ivy, dein Abendbrot wartet”, mit einem leichten Zug am Strick versuchte ich meinen Hengst zum Weitergehen zu bewegen. Tatsächlich setzte sich der Freiberger in wieder in Bewegung.
      Im Stall angekommen stellte ich die beiden Hengste in die Box.
      “Soll ich Herkules Futter auch mitbringen?”, rief ich Jace über die Stallgasse zu.
      “Ja bitte. Steht schon fertig in der Futterkammer”, antwortete er. In der Futterkammer nahm ich als Erstes die Schüsseln von Divine und Legolas. Jeder bekam seine Portion Hafer in die Schüssel. Dazu gab es für jeden noch eine klein geschnitten Möhre, für Divine gab es noch ein paar Minerale, da er leider immer noch leichte Mangelerscheinungen hat. Das Öl füllte ich wie immer erst einmal in ein kleines Becherchen. Ich hatte mir angewöhnt es erst in der Box über das Futter zugeben, damit das Öl auch wirklich im Pferd landete und nicht in dem Futterschüssel. Zuletzt schnappte ich mir noch Herkules Schüssel und trat wieder auf die Stallgasse. Herkules begann in seiner Box ungeduldig im Kreis zu laufen, ab und zu stehenzubleiben und mit den Vorderhufen gegen die Tür zu schlagen.
      “Den Lärm da solltest du ihm mal abgewöhnen.” Mit diesen Worten drückte ich Jace seinen Futterschüsseln in die Hand und ging zu Legolas Box. Der Hannoveraner Hengst schaute mir bereits neugierig entgegen und brummelte leise. Divines Futter stellte ich in sicherer Entfernung zu hungrigen Pferdenasen auf dem Boden.
      “So mein großer, du musst da mal weggehen”, sprach ich den Hengst an und öffnete die Boxentür. Wohlerzogen trat der Hengst beiseite, als ich ihn an der Brust anstupste und wartete bis sein Futter im Trog war.
      Ich schütte das Öl über sein Futter und trat zu Seite: “Jetzt darfst du, Lego.” Hungrig steckte er seine Schnauze in den Trog und begann zu fressen. Aus der Nachbarbox meldete sich nun auch Divine, der auch endlich sein Fressen haben wollte, mit einem Wiehern.
      “Ich komm ja schon, Kaunokaiseni “, rief ich meinem Pferd zu, während ich die Box von Legolas hinter mir schloss.
      “Was bedeutet... Kaunokasi eigentlich, mir ist aufgefallen, dass du ihn öfter so nennst”, fragte Jace, der gerade aus der Box von Herkules heraus trat.
      “Kaunokaiseni heißt das”, wiederholte ich noch mal langsam und lachte. Was auch immer Jace da gesagt hatte, war meilenweit von dem Wort entfernt. “Es bedeutet, meine Schönheit.” Jace kam zu mir herüber geschritten und hob auf dem Weg dahin, Divines Futterschüssel auf.
      “Schönheit also? Ja, das passt zu ihm”, mit diesen Worten reichte er mir die Futterschüssel. “Soll ich die von Legoals schon mal mitnehmen? Dann mach ich die schon mal sauber.” Statt auf eine Antwort zu warten, nahm er mir einfach die leere Schüssel aus der Hand.
      “Kiitos”, antwortete ich ihm und öffnete Divines Box.
      “Und was heißt das?”. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Neugier sah mich Jace an.
      “Sorry, kurz vergessen, dass du dieser Sprache nicht mächtig bist. Es heißt Danke. Ich dachte, das hättest du vielleicht schon einmal mitbekommen in den letzten 2 Jahren, Samu und ich sind ja nicht seit gestern hier”, erklärte ich ihm ein wenig amüsiert.
      “Ja schon, … aber ich habe das bisher nie hinterfrag und es kommt noch dazu, dass ihr mit uns tatsächlich meistens Englisch redet, sogar bei solchen Kleinigkeiten”, schilderte mir Jace. Der Sprachwechsel war für mich schon seit der Schule so selbstverständlich, dass es mir meistens gar nicht auffiel welche Sprache ich gerade sprach.
      “Oh tatsächlich, ich merk das schon gar nicht mehr”, sagte ich schmunzelnd. Ivy wollte schon seine Nase in die Futterschüssel stecken, doch ich schubste diese weg. Divine war leider noch nicht ganz so gut erzogen wie Legolas, vor allem wenn es um Futter geht. Jace verschwand derzeit in der Futterkammer. Mein Pferd belästigte die Schüssel und mich weiterhin, sodass ich ihn noch ein paar mal korrigieren musste, bevor ich an ihm vorbei an den Trog kam. Auch Divines Futter landete im Trog und ich gab es dem Hengst frei. Ich verließ die Box, um auch diese Futterschüssel noch sauberzumachen. Jace war bereits fertig mit den anderen Schüsseln und wenn ich nicht aufgepasst hätte, wäre ich ihn wohl in ihn reingelaufen. Kurz vor ihm kam ich zum Glück gerade noch so zum Stehen.
      “Immer schön langsam, Lina”, entgegnete Jace mir und sah zu mir runter. Für meinen Geschmack war das hier eindeutig zu nah, immerhin kann ich nicht leugnen bis vor ein paar Tagen noch irgendetwas von ihm gewollte hatte. Wohlgemerkt bevor er sich aufgeführt hatte wie ein vorkommender Idiot.
      “Ähh, ja…”, murmelte ich und ging ein ganzes Stück zur Seite, um aus dieser Situation zu entkommen.
      “Soll ich noch auf dich warten?”, fragte er und sah nicht so aus, als wolle er aus der Tür gehen. Denn statt Anstalten zu machen sich zu bewegen, lehnte er sich gemütlich an den Türrahmen. Da war er wieder, ganz der alte Jace.
      “Ne brauchst du nicht. Ich komm dann nach, vorausgesetzt du lässt mich da mal rein.” Mit einem Kopfnicken deutete ich auf die Futterkammer.
      “Also bitte Lina, so dick bin ich jetzt nicht, als dass du da nicht vorbeikämst”, scherzte er. Als ich nicht versuchte mich an ihm vorbeizuquetschen, bewegte er sich doch aus der Tür.
      “Danke”, murmelte ich und verschwand in der Futterkammer. Während die Tür hinter mir zu fiel, konnte ich wahrnehmen wie sich seine Schritte tatsächlich entfernten. Ich säuberte Divines Schüssel und stellte sie ins Regal. Als ich die Futterkammer wieder verließ, sah ich, dass mein Pferd mit dem Kopf aus der Box hing und dabei die Hälfte seiner Futter aus dem Maul fallen ließ. “Ach, Ivy du möchtest auch, nur dass ich gut beschäftigt bin, oder?”, sagte ich seufzend zu dem Pferd. Bevor ich zu einem Besen griff, warf ich einen Blick in den Trog des Hengstes, er war noch halb voll, also würde ich wohl warten, bis er aufgefressen hatte. Ungern würde ich die Stallgasse zweimal fegen wollte. Somit setzte ich mich vor die Box und beobachtete den Freiberger dabei, wie er vor sich hin krümelte.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 97.757 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XII | 25. Mai 2021
      Glymur/Northumbria/Snúra/Waschprogramm/Checkpoint/Satz des Pythagoras/St. Pauli’s Amnesia
      Legolas/Crystal Sky/HMJ Divine/Nathalie/Maskotka/El Pancho/WHC’Solist


      Niklas
      Lina und Jace für die letzten Tage noch einmal zusammen sehen, hätte ich nicht erwartet. Doch ich freute mich darüber, dass sie sich dafür einsetzte die Zerwürfnisse zu klären. Vriska lief allein auf die Weide, um dort ihren Hengst zu holen. Seine helle Decke reflektierte das Licht des Mondes, der zum Teil am Himmel schien. Solche Details interessierten mich sonst selten, aber sie löste etwas in mir aus, dass ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Auf dem Platz zeigte sich mir, dass meine Hilfe brauchte und das nicht infrage stellte. Sie akzeptierte es nicht nur, sondern verlangte danach. Auch wenn Vriska die letzten Minuten immer wieder damit verbrachte, auf Abstand zu gehen, wusste ich, dass es genauso stark wollte wie ich. Nur ich konnte ihr helfen besser zu werden und wieder mehr Freude zu finden. Ihre Losgelassenheit in meiner Nähe übertrug sich auch auf mich, was mich in meiner Annahme nur bestätigte.
      “Na, worüber denkst du nach?”, lächelte Vriska mich an. In der Hand hielt sie Glymurs Strick. Der Hengst lief einige Schritte auf mich zu und streckte seinen Kopf hoch zu mir. Ich strich ihm über sein Nasenbein. Ein hübscher Junge ist ihr Hengst. Seine blauen Augen schimmerten so schön, wie die von Smooth. Eigentlich war kein Fan davon, denn so zog ein Pferd immer die Aufmerksamkeit auf sich, wurde genauer von den Richtern betrachtet und grundsätzlich der Zuschauerliebling. Ebenso belastend waren die Fans, die ein hübsches Pferd mit sich brachte. Auf meinem letzten Turnier stand eine ganze Traube aus Mädchen, die nicht nur mich, sondern auch mein Pferd anhimmelten.
      “Dies und dass”, antwortete ich kurz und wir liefen los zum Stall.
      “Wie geht es dir eigentlich?” Vriska reagierte nicht direkt auf meine Frage. Es wirkte, als würde sie jeden einzelnen Schritt zählen, den wir zum Stall benötigten.
      “Schon viel besser. Beim Schlafen habe ich Schwierigkeiten, die richtige Position zu finden. Wenn ich mich anstrenge, drückt es noch ziemlich. Sonst geht es. Besonders in deiner Nähe”, murmelte sie zum Ende hin. Es ging ihr wirklich besser bei mir, was meine Annahme bestätigte.
      “Das freut mich zu hören”, antwortete ich und schaute zu ihr rüber. Sie blickte noch immer zu Boden.
      “Wir müssen noch die Kür machen”, warf sie ein, bevor wir den Stall betraten.
      “Das stimmt”, sagte ich und überlegte, worauf sie hinauswollte.
      “Vielleicht sollten wir gleich damit anfangen”, schlug Vriska vor und stellte Glymur in die Box. Dort nahm sie die Decke vom Hengst. Den Gang heruntersah ich Lina, die vor ihrem Hellen stand, der munter das Kraftfutter auf dem Boden verteilte.
      “Es wäre besser, wenn du nicht so starrst. Außer du willst dich bei ihr entschuldigen”, flüsterte die Kleine in mein Ohr. Dabei spürte ich ihre Hände auf meinen Schultern. Im Nu drehte ich mich um und mein Verlangen, dass sich unsere Lippen berühren sollte, wuchs plötzlich. Empört ballte ich meine Faust.
      “Wieso so sollte ich?”, brach es aus mir heraus. Erschrocken tritt sie einige Meter von mir weg. Auch Glymur schlug seinen Kopf nach oben und seine Hufe schellten an dem Holz der Box. Der Knall brachte mich zurück in die Scheune. Meine Knie wurden weich und im nächsten Moment fand ich mich auf dem Boden wieder. Es war dunkel. Die Lichtstrahlen traten durch die Lücken im Holz. Mit meiner linken Hand stütze ich mich ab und spürte den Sand unter mir. Kalte Luft wirbelte um meinen Körper, die wenigen Haare stellten sich auf. Es wurde heller. Nur in Unterwäsche saß ich im Dreck und rief nach meiner Mutter, nach Hilfe. Niemand hörte mich. Bis ich eine mir bekannte Stimme vernahm.
      “Niklas, hörst du mich?”, fragte Vriska. Ihre Hände lagen an meinen Wangen und sie kniete vor mir. Lina war auch dazu gekommen, unsicher stand sie neben uns. “Kann ich irgendwie helfen?”, fragte sie vorsichtig.
      “Ein Glas Wasser wäre nett”, stammelte ich und blickte zu Boden. Steinboden, Beton, kein Sand und erst recht nicht Schweden. Ich wiederholte es mehrfach in meinen Gedanken, bis ich sich die Anspannung löste. Meine Uhr vibrierte, um mich darüber zu informieren, dass mein Herzschlag extrem hoch war. Lina verschwand direkt und Vriska kniete noch immer vor mir.
      “Du hast uns einen riesigen Schreck eingejagt”, erklärte sie mir und setzte sich neben mich. Wir lehnten an der Box von Glymur und sie legte ihren Kopf auf meiner Schulter auf. Ihre Hände streichelten über meinen Arm, was mich beruhigte. Zusammen machten wir die 478 Atemübung, die ich ihr ursprünglich gezeigt hatte. Lina benötigte ewig und ich begann auf dem Daumenknochen herum zubeißen.
      “Hast du Ju Bescheid gesagt?”, fragte ich aus heiterem Himmel.
      “Ich … ja. Aber er kommt nicht.” Sie wirkte bedrückt und schaute mir nicht in die Augen.
      “Wieso?”
      “Weil er gerade besseres zu tun”, murmelte Vriska. Ich konnte nicht glauben, was da sagte und holte mein Handy aus der Hosentasche. Dort sah ich, dass sie ihn kontaktiert hatte und er ziemlich genau darauf einging, wieso er nicht kommen würde. Es flog quer durch den Stall und traf beinah Lina, die gerade wieder kam. Meine Beine winkelte ich an, stützte meinen Kopf mit meinen Armen. Die Ellenbogen drückten gegen meine Knie und einige Tränen liefen meine Wangen herunter. Leise schluchzte ich. Elendig fühlte ich mich und sah vermutlich auch danach aus.
      “Möchtest du darüber reden?”, fragte Lina einfühlsam. ”Wenn nicht, ist das auch ok …”, fügte sie dann noch leise hinzu. Das Wasserglas stellte sie neben mir ab und zögerte einen Moment, bevor sie sich auch auf den Boden setzte.
      “Er will nicht mehr, nur gut genug sein, wenn ich ihn brauche. Außerdem hat er gerade viel mit Linh zu tun. Es ist immer wieder das Gleiche mit ihm, kaum hat er jemanden dann wird er eklig. Stößt mich von ihm und schiebt es dann auf mich. Ich kann das nicht mehr”, schluchzte ich noch mehr. Keiner der beiden blickte ich an, sondern drückte meinen Kopf noch mehr in meine Hände. An meinen Beinen spürte ich etwas Warmes herunterlaufen, was nur Blut sein konnte. Vriska schien es auch zu bemerken, denn sie stand auf und holte aus dem Putzkasten ihres Pferdes einen noch sterilen Verband, den sie mir liebevoll um ein Schienbein band. Erst dann schaute ich auf zu ihr. Sie reinigte vorher die Wunde noch mit einem sauberen Tuch und Wasser. Kein Wort verließ ihren Mund, doch auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
      “Manchmal ist es besser sich zu distanzieren, bevor es toxisch wird … du hast es nicht verdient so behandelt zu werden”, murmelte Lina und wurde zum Ende hin immer leiser. Sie hatte recht, aber wen hatte ich noch ohne ihn? Spätestens in Schweden musste ich das geradebiegen. Ich richtete mich wieder auf und begutachtete kurz, was Vriska mit meinem Bein getan hatte. Es sah wirklich fachkundig aus. Lina benötigte ziemlich lange, bis die Worte über ihren Lippen kamen, solange, dass Vriska ihrem Hengst gefüttert hat und mich fragte: “Soll ich Humbi noch neues Heu geben?”
      “Das wäre toll, ich komme dann gleich nach”, erwiderte ich und schaute ihr nach, als sie den Stall verließ. Sie lief gleichmäßig und elegant. Ihr Po wackelte dabei, obwohl sonst nicht viel an dran war. Dann griff ich nach dem Glas Wasser. Nach drei kräftigen Schlucken gluckerte es in meinem Bauch und das leere Glas stellte ich wieder bei Seite.
      “Was meinst du mit, so sollte ich nicht behandelt werden?”, fragte ich Lina nach einem prüfenden Blick, ob Vriska da sein könnte.
      “Na ja, wie soll ich das sagen … niemand hat es verdient einfach so weggestoßen zu werden, vor allem ohne den wahren Grund zu kennen … ohne die Chance zu haben, seine Fehler wieder gutzumachen …” Sie sah mich dabei nicht an, sondern starrte auf ihre Finger. Natürlich verstand ich, worauf sie hinauswollte, und Ju meinte sie damit keineswegs.
      “Es war nicht in Ordnung von mir, dich vorhin scharf zurechtzuweisen und zu beleidigen. Ich kann es nicht leiden, wenn man sich ungefragt bei meinen Pferden einmischt. Jahrelang mischten sich alle bei der Arbeit mit meinen Tieren an und mein Unterricht war stets sehr streng. Deswegen kam direkt meine Abwehr. Es tut mir leid und bevor du was sagst. Ich wollte dir das mit Vriska später erzählen, wenn es weniger aufregend und stressig ist. Sie … ich benötige das im Moment und einfach und sie wollte es. Deswegen konnte ich das Angebot nicht sausen lassen. Sie bettelte und winselte förmlich danach …“, bevor ich weitersprechen konnte, wurde ich unterbrochen.
      “Ich bettelte und winselte also nach dir?”, wiederholte Vriska meine Worte, als sie den Stall betrat. Ihre Stimmung konnte ich nicht einschätzen, denn auf den Lippen lag wieder mal ein Lächeln aber in ihren Worten schwang eine Enttäuschung mit.
      “Also, wenn ihr zwei noch was zu klären habt, … kann ich auch gehen”, warf Lina ein und machte Anstalten aufzustehen.
      “Ach alles gut. Wir klären das später, schließlich braucht sie mich noch”, sagte ich mit geschwellter Brust. Vriska nickte hastig. Das Grinsen verschwand dabei nicht, sondern wirkte noch intensiver und größer, als wäre sie geehrt.
      “Humbi frisst dann auch, seid ihr noch nicht fertig oder können wir die Kür machen?”, erkundigte sie sich und legte die Decke ihres Hengstes zusammen. Lina stand wie angewurzelt und wir beide sahen zu ihr.
      “Okay, … ich finde euch außerordentlich seltsam und ich verstehe ungefähr nur die Hälfte, aber …ich glaube, ich habe schon mehr gehört, als ich wissen möchte, …” ihr war förmlich anzusehen, wie unangenehm ihr die Situation war.
      “Wir gehen erst mal zurück zum Feuer, schließlich hat Anders Geburtstag”, sagte ich lief mit Vriska los. Stumm folgte sie mir. Auch Lina kam mit.
      “Ach hat der Hund direkt zwei Knochen ausgebuddelt, wie niedlich”, suchte Ju Streit, als wir bei der Gruppe ankamen. Am Feuer saßen einige Leute, den etwas wurde kühler. Auch mir fröstelte es an den Beinen. Ein Blick zum Tisch, an dem Ju saß, verriet mir, dass er gut dabei war. Um die zehn leeren Bierflaschen standen dort und das nächste hielt er bereits in der Hand. Auch Chris wirkte angeheitert und freute sich uns drei zu sehen. Statt uns dazu zurufen, stand er auf und kam zu uns. Vom Hof waren nicht so viele zu sehen, obwohl meine Uhr erst kl. 22.20. m. anzeigte. Langsam brannte mein Bein ziemlich, aber ich ließ mir nichts anmerken.
      “Lasst euch nicht aufstacheln von Ju, der hat zu viel getrunken”, erklärte Chris und nahm uns mit zu einem freien Tisch, nah am Feuer.

      Lina
      Ich bekam den Kommentar von Ju kaum mit als wir zum Feuer kamen, denn meine Gedanken waren noch woanders. Dieser Tag heute war einfach ziemlich verwirrend. Immerhin gab es eine positive Sache zu verzeichnen, meine Schwester hatte recht gehabt, ein Streit ist offensichtlich kein Weltuntergang. Ob das auch für die Zukunft zutreffen wird, wird sich noch zeigen.
      Aber etwas anderes beschäftigte mich gerade eigentlich viel mehr. Was hatte ich da im Stall eigentlich gerade wieder von mir gegeben? Niemand hat es verdient so weggestoßen zu werden … vielleicht sollte ich erst einmal beginnen meine eigenen Ratschläge zu befolgen, bevor ich diese an andere weiter verteilte. Hatte ich meinem Vater jemals eine Chance eingeräumt? Nein, darüber wollte ich jetzt nicht näher nachdenken.
      Erst jetzt, wo ich noch mal über das gerade Geschehen nachdachte, fiel mir auf, dass ich nicht nur Ratschläge verteilt hatte, die ich selbst nicht nur befolgt, sondern auch, dass ich mit diesem Ratschlag das Thema ungewollt auf mich gelenkte. Wow, noch mehr Feingefühl hätte man nicht beweisen können, gut gemacht! Na ja, immerhin weiß ich jetzt was ich falsch gemacht hatte. Ich sollte dringend lernen meine Klappe zu halten und nicht immer jedem helfen zu wollen, vor allem dann, wenn nicht danach gefragt wurde.
      In Gedanken spielte ich erneut die Szene von eben durch und da fiel mir auch wieder der zweite Teil ein, den Niklas gesagt hatte … Sie bräuchten das beide. Schön soll mir egal sein, abgesehen davon, dass ich absolut nicht in der Position wäre irgendwer, irgendwas zu verbieten, aber so wirklich verstanden hatte ich das ganz nicht … was mich ganz besonders Irritierte hatte, war die Tatsachen, dass keiner der beiden irgendetwas wie ein schlechtes Gewissen zu haben schien, nicht mal ein winziges bisschen … Aber wer weiß, vielleicht habe ich auch einfach die Stelle im Leben verpasst, an der sich Moralvorstellungen geändert haben oder aber es fehlt mir einfach noch das Puzzlestück, um die Sache gänzlich zu verstehen.
      Ein leichter Wind kam auf und erst jetzt bemerkte ich wie kühl es hier draußen geworden war und die kleinen Härchen auf meiner Haut begannen sich aufzustellen.
      "Mensch Lina, zieh dir mal was an! Dir stehen im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge", Scherze eine mir wohlbekannte Stimme und ich bekam auf einmal ein Sweatshirt zugeworfen. Da ich bis eben noch voll in Gedanken war, war ich ein wenig verwirrt, doch reflexartig fing ich es.
      "Guter Fang", lobte Jayden mich ein wenig spöttisch, der neben dem Sweatshirt Werfer stand. Ich verdrehte nur die Augen bei seinem Kommentar.
      "Sag mal, kannst du Gedanken lesen oder was, Samu?"
      "Nein, kann ich leider noch nicht. Da ich dich aber seit Stunden nicht mehr gesehen haben, dachte ich, mir ich bring die mal was mit, erfroren bist du leider so schlecht zu gebrauchen", scherzte Samu fröhlich weiter. Natürlich hätte er schon wieder wunderbare Laune, woher auch immer.
      "Danke, ich dachte schon du machst dir einfach Sorgen, weil ich deine Freundin bin, aber natürlich geht's dir nur um die Arbeitskraft", antworte ich sarkastisch und streifen mir den Sweater über. Da es eins von Samus Sweatern war, war es mir natürlich viel zu groß, für mich eher ein Kleid als einen Pullover. Egal, immerhin würde dann nicht mein Zeug riechen, als käme es aus dem Räucherofen.
      "Sag mal, wo hast du eigentlich die ganze Zeit gesteckt? Ich dachte Jace und du wollten nur die Pferde von der Koppel holen?“, fragte Samu neugierig, während wir uns mit dem Rest des Hofteams an einem Tisch niederließen. Dieser Rest war wohlgemerkt nicht sehr groß, er bestand lediglich aus Jayden, Sheena, Quinn und Matt. Der Rest war scheinbar irgendwo anders abgeblieben.
      "Habe ich auch, aber dann würde ich im Stall aufgehalten", erklärte ich.
      "Ich hoffe nicht von Jace?", fragend sah Samu mich an.
      "Nein, wieso fragst du?"
      "Wie ich finde, ist Jace für die Umstände ein wenig zu gut gelaunt. Ich sag es dir. Der hat irgendwas vor", spekuliert Samu.
      "Meinst du? Außer dass er heute erstaunlich redselig war, empfand ich ihn heute als ziemlich normal."
      "Das ist es ja gerader, außer mit dir hat er kaum etwas geredet. Das ist nicht Jace typisch", bestand Samu darauf.
      "Ich habe meine Namen gehört?", frage Jace nun auf einmal, der sich gerade mit einer Flasche Bier dazu gesellte.
      "Ich habe Samu nur mitgeteilt, wie toll ich es finde, dass du wieder mit uns redest", sagte ich überzeugenden.
      "Na, solang du nur Gutes sagst, darfst du gerne weiterreden", erwiderte Jace mit einem breiten Grinsen.
      “Bilde dir mal nicht zu viel ein, Jace”, kommentierte Jayden das Gespräch, was zu allgemeiner Erheiterung beitrug.
      Ich war so vertieft in die Gespräche mit meinen Kollegen gewesen, dass mir gar nicht auffiel, dass Jace irgendwann verschwand. Erst als er plötzlich wieder neben mir stand, bemerkte ich es.
      “Lina, möchtest du gerade mal mitkommen, ich würde dir gerne etwas zeigen”, raunte Jace mir zu. Die anderen unterhielten sich immer noch fröhlich und nicht mal Samu schien Notiz von mir zu nehmen. Neugierig, was Jace mir um diese Uhrzeit noch zeigen wollte, stand ich auf und folgte ihm. Schon ein kleines Stück entfernt vom Feuer nahm ich wieder die kühle Nachtluft wahr, weshalb ich das Sweatshirt enger um mich rumzog. Der Himmel über uns war klar und ließ den Blick auf einen hell leuchtenden Halbmond zu. Jace schlug nicht wie ich erwartete hatte den Weg zum Haus ein oder Ähnliches, sondern er ging in Richtung Reitplatz. Auch wenn ich mich wunderte über die Richtung, war ich doch neugierig genug, um ihm zu folgen.
      “Jace, was soll das hier werden?”, fragte ich, obwohl ich schon ahnen konnte, was er vorhatte. Was ich sah, ähnelte einer Szene aus einem Film, der Reitplatz vor mir erschien in ein sanftes Licht, das von den Lichterketten stammte, die als Lichtquelle dienten. Doch nicht nur die Reitplatzbeleuchtung erhellte den Platz. Auf den Pfosten des Zauns standen überall Kerzen, die in dem sanften Wind immer mal wieder flackerten. In der Mitte des Platzes glänze ein lackschwarzes Klavier.
      “Ich möchte dir etwas schenken. Einen Moment, der dir hoffentlich im Gedächtnis bleiben wird”, raunte mir Jace ins Ohr, der hinter mir stehen geblieben war. Ich konnte seinen Körper ganz dicht an meinem spüren. Ein Schauder rieselte mir über den Rücken und sorgte dafür, dass sich die winzigen Härchen auf meiner Haut aufstellten. Irgendwo ganz tief in meinem Herz begann sich wieder etwas zu regen. Ich wollte protestieren, denn ich hatte mich doch bereits entschieden, doch meinem Gehirn bekam es nicht auf die Reihe einen Satz zu bilden.
      “Bevor du irgendwas, sagst, warte erst einmal ab”, flüsterte er und ergriff meine Hand und eine Wärme begann durch meinen Körper zu fließen. Er führte mich zu einer der Bänke auf dem Grünstreifen. Um die Bank herum standen Teelichter und tauchten alles in ein schwaches Licht. Jace selbst setzte sich nicht zu mir auf die Bank, sondern ging rüber zu dem Klavier, auch hier hatte er Kerzen platziert, deren Flammen sich flackernd auf dem schwarzen Lack spiegelten.
      “Lina, ich weiß, du wirst das alles hier in ein paar Tagen verlassen. Ich weiß, ich habe viel Scheiße gebaut. Ich möchte nicht, dass du mich so in Erinnerung behältst … dieses Lied ist für dich”. Schon fast zaghaft begannen seine Finger, die Tasten zu berühren. Die Töne schienen förmlich in der Luft zu schweben und formten eine Melodie voller Gefühl. Die Töne nahmen mich mit, brachten mich in eine andere Welt und für den Augenblick schien es nichts mehr um mich rumzugeben, die Welt schien dort zu Enden, wo die Schatten das Licht verdrängten. Einen Moment lang musste ich daran denken, wie ich Jace das erste Mal begegnet war. Es war mein erster Tag hier gewesen. Jayden hatte mich losgeschickt, um Jace zu holen, da er bei irgendetwas helfen sollte. Er hatte nur mit einem Handtuch bekleidet die Tür geöffnet und indem Moment musste ich mich zusammenreißen, nicht zu glotzen wie ein Vollidiot. Nicht, dass sein Körper nicht er beachtenswert gewesen wäre, was mich damals wie heute viel mehr faszinierte waren seine Augen.
      Die letzten Töne des Liedes holten mich zurück in das hier und jetzt. Jace spielte einen letzten Ton und ließ die Hände sinken ein entspanntes lächeln lag auf seinem Gesicht. In mir spürte ich eine tiefe Verbundenheit. Ein Hauch von Trauer mischte sich in meine Gefühle. Ich hatte mich bereits entschieden einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und dazu gehörte auch die Gefühle für Jace hinter mir zu lassen. Ich wollte aufstehen, um den Platz zu verlassen, bevor Jace noch etwas sagen konnte, was mich doch hier hielt. Doch Jace war mir bereits einen Schritt voraus und hielt mich auf. Er stand direkt vor mir, doch ich sah ihn nicht an, aus Angst mich wieder in seinen Augen zu verlieren, wie so oft im letzten halben Jahr.
      “Lina kleines, sieh mich an”, Jace sprach sanft und legte mir eine Hand unters Kinn, was mich dazu, zwang ihn anzusehen. Seine Augen sagten mehr als tausend Worte. Ich weiß, dass du es gefühlt hast, schienen sie zu sagen. “Lina, ich …”, setzte er an, doch ich unterbrach ihn im Wort.
      “Jace, ich weiß, was du jetzt sagen möchtest, aber das geht nicht … zu oft hat sich in den letzten Monaten gezeigt, dass das hier nicht funktionieren wird”. Meine Stimme zitterte leicht und mir fiel es schwer klare Sätze zu formulieren. “Es tut mir leid”, die letzten Worte waren kaum hörbar.

      Jace
      Ein Glänzen trat in ihre wunderschönen blauen Augen. Ich blieb relativ gefasst, weil ich mit so einer Antwort bereits rechnete. Mir war bereit beim Planen dieser Aktion klar geworden, dass ich sie vermutlich nicht aufhalten konnte, aber ich konnte nicht anders. Ich benötigte einfach die Bestätigung, dass sie es auch gefühlt hatte. Es nicht nur meine Einbildung war. Auch wenn sie es nicht ausgesprochen hatte, ich kannte die Antwort.
      “Ich weiß, deine Entscheidung steht fest, trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass du immer einen Platz in meinem Herzen haben wirst.” Liebevoll strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.
      “Bitte versprich mir, dass du nicht deine Zeit damit verschwendest auf mich zu warten”. Linas Stimme zitterte immer noch.
      “Ich werde es versuchen, aber versprechen kann ich das nicht”, antworte ich ehrlich. “Aber eine Sache möchte ich dir noch geben”, sagte ich und kramte etwas aus meiner Hosentasche.
      “Damit du mich nicht vergisst”. Mit diesen Worten ließ ich ein zartes silbernes Armband in ihr Hand gleiten, daran ein kleines Hufeisen.
      “Oh, Jace das kann ich doch nicht annehmen”, sagte sie und ihre Augen wurden groß.
      “Doch das kannst du, es soll dich immer an all das hier erinnern”, antworte ich nur lächelnd und schloss zart ihre Finger um das Schmuckstück. Gleich darauf schloss ich sie in die Arme.
      “Das werde ich nie vergessen”, murmelte sie. Einen Moment lang verharrten wir in der Umarmung, bis sie sich von mir löste, denn ich hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen.
      “Ich glaube, wir sollten dann mal so langsam zurückgehen. Nicht das wir noch vermisst werden”, unterbrach Lina die Stille der Nacht.
      “Geh du ruhig vor. Ich sollte hier lieber noch aufräumen, bevor der Zaun noch anbrennt”, sagte ich und deutete auf einer der Kerzen, die schon ziemlich weit runtergebrannt waren.
      “Ich kann dir auch helfen”, bot Lina freundlich an.
      “Nein, nein ich habe das allein aufgebaut und baue das jetzt auch allein ab”, lehnte ich ab und schob sie Richtung Tor.
      “Ok, wenn du in einer Stunde nicht aufgetaucht bist, schicke ich die Feuerwehr vorbei”, antwortete sie halb ernst, halb scherzend und machte sich tatsächlich auf den Weg zurück zu den anderen. Ich blickte ihr noch einen Moment hinterher, in diesem Sweater sah sie noch viel kleiner aus als sonst. Das Einzige, was mich nicht eifersüchtig werden ließ, als ich sie in dem Sweater sah, war die Tatsache, dass es eindeutig Samus war, denn es war offensichtlich von einer finnischen Eishockeymannschaft. Lina verschwand in der Dunkelheit und begann ich pflichtbewusst den Reitplatz wieder aufzuräumen.
      Schritte unterbrachen die Stille. Auch die Hufe eines Pferdes ertönten auf dem Beton. Milena kam auf den Platz und stieg auf. Snúra hampelte einige Schritte.
      “Wenn du dich mit den Pferden genauso anstrengst wie sie zu erobern, dann kann mal was ganz Großes aus dir werden”, erklärte sie mir und bremste die Scheckstute ab. Auf Sattel und Helm verzichtete sie, saß locker auf dem Rücken ihres Pferdes und die Beine baumelten.
      “Danke für die Anerkennung. Aber sag mal bist du hier eigentlich der Newsletter, oder warum weißt du überhaupt wofür das ganze hier ist?”, fragte ich sie skeptisch.
      “Ich habe Lina gehen sehen und nur für eine Freundin wäre das hier alles wohl zu großer Aufwand. Deswegen ziemlich offensichtlich was dein Plan war. Da sie aber ging …“, Milena stoppte und sprach nicht weiter.
      “Ich habe bereits damit gerechnet, dass sie geht. Die Erfolgschancen waren ohnehin nicht hoch”, antwortete ich seufzend.
      “Das ist schade, aber auf die Chancen, auf die sie setzt, sind auch nicht wirklich hoch”, murmelte sie fast unverständlich und kreiste im Schritt mit der Stute um mich. Einen Moment lang beobachtete ich die für mich ungewohnten Bewegungsabläufe der Stute, bevor ich antworte: “Mag sein, aber in diesen Fall ist sie leider Beratungsresistent.”
      “Vermutlich hat das nichts mit Beratungsresistent zu tun, niemand kann wissen was passiert, wenn man es nicht versucht. Also wie gesagt, setz’ dich hin und trainiere so viel wie möglich mit denen Pferden. Dann trittst du auf neutralen Boden gegen ihn an”, ermutigte sie mich.
      Tatsächlich war es schon immer mein Ziel gewesen international auf Turnieren zu starten. Mit Herkules hatte ich auch sicherlich ein Pferd mit entsprechendem Potenzial im Training. “Das klingt als wäre das mal mindestens einen Versuch wert”, antworte ich nachdenklich.
      “Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass am Sonntag auch ein Richter mit bewertet, der im Vorstand sitzt des kanadischen Teams. Also wenn du dir eine Dressurkür überlegen würdest, dann sind deine Chancen sicher nicht so schlecht”, verriet sie mir. Mehrfach prüfte Milena, ob jemand anderes vor Ort war. Doch wir waren allein. Sie töltete ihre Stute an und blieb auf dem Zirkel bei mir.
      “Bis Sonntag eine Kür auf die Beine zu stellen ist überaus sportlich, aber sicher nicht unmöglich” murmelte ich vor mich hin, während ich noch darüber nachdachte.
      “Einige im Verein haben noch nicht mal angefangen”, lachte sie.
      “Na, wenn das so ist, schaff ich das easy”, sagte ich überzeugt.
      “Siehst du. Ich glaub’ an dich, Lina würde das sicher ebenfalls beeindrucken”, munterte Milena mich weiter auf. Mit Snúra hatte sie schon mehrfach die Hand gewechselt und lenkte mich vollkommen davon ab aufzuräumen. Die Kerze am Zaun waren bereits heruntergebrannt und ausgegangen. Auch die Kerzen auf dem Klavier neigte sich langsam dem Ende zu und das Wachs drohte auf den Lack zu tropfen. Gerade noch rechtzeitig pustete ich sie aus. Währenddessen nahm ich auch wahr, dass die Teelichter, die um Bank herumstanden, nach und nach ausgingen.
      “Oh, verdammt ich sollte jetzt wirklich aufräumen”, ermahnte ich mich selbst und setzte mich in Bewegung, um die Teelichter aus dem Gras zu sammeln, bevor ich diese nicht mehr finden würde. Milena zog weiterhin mit ihrer Stute Runden und warf immer wieder einen Blick zu mir. Snúra bewegte sich gleichmäßig und deutlich schwunghafter als andere Pferde vom Hof. Es wirkte sehr ungewohnt, unbeschreiblich.
      Im Inbegriff zu gehen, hielt mich Milena erneut auf und sagte: “Falls du Hilfe benötigst, weißt du wo du mich findest.”
      “Alles klar, falls dieser Fall eintritt, werde ich darauf zurückkommen”, antworte ich freundlich, bevor ich den Platz mit den Kerzen verließ. Das Klavier würde ich später wegräumen. Ich brachte den Karton mit den Kerzen wieder in den Keller, bevor ich mich auf dem Weg zum Feuer machte. Die Personenanzahl dort war mittlerweile deutlich geschrumpft, dennoch konnte ich Lina und Samu entdecken, die sich gerade mit Jayden und Sheena unterhielten. Zu meinem Erstaunen allerdings hatten, nicht nur die beiden Jungs ein Bier in der Hand, sondern Lina auch. Ein einzigartiger Anblick, denn Bier gehörte normalerweise nicht zu ihren bevorzugten Getränken. Für gewöhnlich griff sie nur zum Bier, wenn es einen besonderen Anlass gab und nichts anderes zum Anstoßen da war, oder wenn etwas Nüchtern zu langweilig wurde. Wenn ich die Runde ums Feuer so ansah, konnte letzteres zutreffen, also holte ich mir auch ein Bier und gesellte mich in die Runde.
      “Da ist unser verlorenes Schäfchen, dachte schon du schwächelst”, triezt Jayden mich auch sogleich.
      “Ich schwächeln nicht Jay”, konterte ich sogleich und öffnete meine noch geschlossene Flasche an der Tischkante.
      “Stimmt, wer hier schwächelt sind eindeutig die Mädels”, lenkte er nun ein, denn offenbar hatten beide noch ihre erste Flasche in der Hand.
      “Selbst schuld, wenn ihr nur dieses Zeug kauft”, steuerte nun Lina zu dem Gespräch bei und deutete mit einer Geste auf ihre Flasche.
      “Das ließe sich ändern, wenn du es wirklich willst”, offenbar fühlte Jayden sich herausgefordert an seine persönliche Hausbar zu gehen. Doch die beiden Mädels lehnten dankend ab.

      Vriska
      Mit der Aussage, dass Niklas sich heute nicht einbilden sollte, ins Zimmer zurückzukehren, verabschiedete Ju sich mit Linh. Sie kamen seit unserer Rückkehr zum Feuer nicht mehr voneinander weg und fraßen sich förmlich auf. Schön war es nicht mit anzusehen, als würden sie es mit Absicht tun, um es mir unter die Nase zu reiben. Wehmütig schaute ich ihnen nach, was Chris natürlich kommentieren musste: “Keine Sorge, du bist heute auch noch dran.” Sorgen? Wieso sollte ich mir Sorgen darüber machen?
      Die beiden besten Freunde wechselten kein Wort miteinander, stattdessen arbeiteten Niklas und ich an unseren Küren weiter. Er stand immer wieder auf, holte ein Bier nach dem anderen. Etwas Stärkeres stand nicht zur Verfügung, sonst hätte Nik das bereits in sich hineingeschüttet. Im Gegensatz zu Chris wurde er immer stiller und wollte vergessen, was er im Stall sah. Die Nachrichten waren ebenfalls nicht förderlich. Am Nachbartisch lachten sie und kamen keiner Trauerfeier nah, wie wir. Mein Handy vibrierte. Tyrell.
      “Vrisi, hast du kurz Zeit?”, fragte er irgendwie bedrückt. Ich hatte auf Lautsprecher gestellt, um nebenbei die Kür kritzeln zu gönnen und Deutsch würde ohnehin niemand verstehen. So meine Annahme. Der Empfang war deutlich besser als im Zimmer.
      “Natürlich, schieß los”, antwortete ich gespannt und machte eine Linie von M zu K. Dazu schrieb ich Tempoverstärkung Tölt. Statt einzelne Worte mir zu notieren und irgendwelche Buchstabenkombinationen dazuzuschreiben, malte ich für jede Einheit ein Viereck mit den wichtigen Buchstaben. Darin zeichnete ich den zu reitenden Weg.
      “Ich habe dir ein Pferd geschickt, kannst du mir mal sagen, was du davon hältst?”, fragte Tyrell. Die Worte verließen seinen Mund sehr gewählt, als würde er es ablesen und hätte es auswendig gelernt. Pferd verstand Niklas, denn er hob seinen Kopf und beugte sich mit über mein Handy. Bis die Website vollständig geladen war, machte ich bei der Kür weiter. Niklas nahm mehrere Schlucke aus dem Bier und wollte wieder aufstehen, um das nächste zu holen. Doch ich legte meine Hand auf seinen Oberschenkel und flüsterte: “Snälla. Stanna här, du har druckit tillräckligt.” Sanft nickte er und legte auch seine Hand auf meinen Oberschenkel.
      “Hallo? Bist du noch da?”, erkundigte sich Tyrell, den ich schon wieder vergessen hatte.
      “Ähm, ja. Die Seite musste noch laden”, erklärte ich und scrollte entlang. Auf dem Bild wurde ein Hengst mit Punkten vorgeführt, im Schritt und Trab. In den Gängen fehlte es an Schwung und er belastete die Vorderhand übermäßig. Sein Rücken hing durch.
      “Also die Bilder sprechen schon mal nicht für ihn”, sagte ich als ersten Eindruck zu meinem Chef.
      “Vem är det här?”, murmelte Niklas mir zu.
      “Din Chef”, scherzte Tyrell und prallte mit dem bisschen Schwedisch, dass er sprach. Seine Kenntnisse waren besser als meine, trotzdem konnte er noch an seiner Aussprache feilen. Niklas sagte nichts mehr, doch seine Hand wanderte immer weiter auf die Innenseite meines Oberschenkels. Ich trug noch meine Reithose, was es für ihn schwieriger machte, seinen Willen durchzusetzen. Die Abstammung sagte mir gar nichts, allerdings waren die Standardbred keinesfalls mein Fachgebiet. Doch Niklas schüttelte wild mit dem Kopf, offenbar war dieser Hengst die reinste Katastrophe.
      „Was auch immer du mit dem vorhast, lass es“, riet ich ihm. Der hübsche Typ neben mir klopfte auf meinen Oberschenkel, als würde er mich wie ein Pferd loben. Absurd, aber das Kribbeln stieg wieder in mir auf und hoffte darauf, dass die Küren bald fertig sein würden.
      „Waschprogramm“, las er dann den Namen des Hengstes vor, langsam und gab sich Mühe ihn richtig auszusprechen. Doch es klang nach Woschprogromm und ich fing anzulachen.
      „Waschprogramm“, betonte ich den Namen richtig und erklärte ihm, wie er auf Schwedisch übersetzt werden würde: „Tvättprogram.“ Niklas fing auch anzulachen, Chris setzte mit ein. Einen ungewöhnlicheren Namen hätte man einem Pferd nicht geben können.
      “Ich habe ihn gestern versehentlich gekauft”, gab Tyrell zu. Mein Lachen wurde lauter und ich fiel beinah von der Bank.
      “Jetzt erklärst du mir bitte, wie man versehentlich ein Pferd kaufen kann”, forderte ich ihn auf.
      “Ich hatte eine Liste von Pferden auf dem Tisch zu liegen im Büro, weil ich wieder Wetten wollte. Doch es war keine Wettliste, sondern eine Liste von Pferden, die zum Verkauf standen. Dass keine Quoten dazu standen, wunderte mich schon, jedoch war sein Wert im Mittelfeld. Ich rief dort an und wenig später war dies ein mündlicher Kaufvertrag. Folke regelten den Rest und kam einige Stunden später mit dem Ding am Hof an. Zurückgeben kann ich ihn nicht, deswegen steht er nun hier. Aber er ist niedlich”, vermittelte Tyrell. Schwer zu glauben, dass man ein Pferd aus Versehen kaufen, kann und dann es nicht mal mehr zurückgeben.
      “Okay, ich bin bald zurück. Dann werden wir sehen, was wir mit dem Wischi Waschi machen”, lachte ich wieder.
      “Wischi Waschi? Alles okay bei dir?”, hinterfragte er.
      “Bei uns ist es nach 0 Uhr, was erwartest du? Unser Trainer feiert noch seinen Geburtstag”, präzisierte ich die aktuelle Situation in Kanada.
      “Dann geh bald schlafen, wir freuen uns schon auf dich”, verabschiedete Tyrell sich und legte auf. Sie freuten sich auf mich, doch meine Freude wieder nach Hause zukehren verschwand mit jeder Stunde, die ich hier verbrachte. Ich hatte mich mittlerweile an die viel freie Zeit gewöhnt, die ich auch mit Lernen verbringen konnte. Außerdem bedeutete es, dass ich bei Niklas sein konnte. In Schweden würde jeder zu seinem Alltag zurückkehren und uns würde es nicht mehr geben. Gab es überhaupt ein uns, oder bildete ich mir das nur ein. Ich schaute nicht zu ihm, nur auf sein Blatt, dass mittlerweile auch nach einer Kür aussah. Seine Schrift war sehr ordentlich und die Punkte zeichnete er als Kreise. Jenni tat das in der Oberschule auch, aber zu seinem Schriftbild passte es. Obwohl das Blatt keine Linien hatte oder andere Orientierungspunkte, hätte man ein Lineal unter seine Zeilen halten können und bis auf die Unterlänge einzelner Buchstaben, würde die Schriftlinie gerade sein. Sogar die Mittellängen bildeten eine Linie und ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass auch die Oberlängen vom Minuskel L oder H über die Versalhöhe ragten.
      “Denkst du, ich schaffe das nicht mit Smooth?”, Niklas Stimme klang traurig, als hätte ich durch mein Starren auf sein Papier sagen wollen, dass seine Stute nicht mehr dazu in der Lage wäre.
      “Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr beide das schafft. Du kennst deine Stute lang genug und wenn ihr frühgenug mit dem Warmreiten beginnt, dann wird das was”, munterte ich ihn auf. Dabei sah ich hoch zu ihm. Seine Augen waren glasig und er blickte immer wieder nach oben, um seine Tränen zurückzuhalten. Ich strich ihm mit meiner Hand über seine Wange. Sein sonst sehr präziser rasierter Bart wurde in den letzten Tagen ziemlich vernachlässigt und Stoppeln befanden sich unter seinem Wangenknochen. Er begann zu lächeln.
      “Jag gillar dig verkligen”, wurde Niklas sentimental. Seine Worte überforderten mich und ich senkte meinen Kopf, um seinen Blicken zu entkommen. Unweigerlich schaute ich dabei zu Chris, der wie eine 14-Jährige sich freute, beim Schauen eines Twilight Filmes. Niklas Hand lag noch immer auf meinem Bein und er drückte fest zu, denn ich wollte aufstehen und einfach hier weg. Es gelang mir nicht. Stattdessen nahm er seine andere Hand hinter meinen Kopf und drückte sanft seine Lippen auf meine. Meine Anspannung fiel von mir und ich fühlte mich für einen Moment frei wie ein Vogel, der durch die Lüfte schwang. Ich erwiderte den Kuss, legte meinen Arm um seinen kräftigen Oberkörper und die andere Hand verschwand in seiner Hose. Ich genoss den Augenblick der Vollkommenheit und wollte nichts anderes als ihn. Dann trennten sich unsere Lippen wieder und er sah wieder tief in meine Augen.
      “Du är min tjej”, flüsterte Niklas und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
      „Och du full“, murmelte ich, unglaubwürdig wollte ich den Kuss vergessen, denn es war etwas anderes als zu vor. Wir küssten einander nicht auf den Mund, nur am Hals oder anderen Stellen des Körpers.
      „Wärst du so freundlich, uns etwas Neues zu trinken zu holen“, befahl er mir. Ohne Einspruch zu erheben, stand ich auf und holte aus dem Kasten drei Bier. Eigentlich wollte ich kein Alkohol trinken, es blieb mir jedoch nichts anderes übrig. Sie waren mittlerweile ziemlich warm und der erste Schluck schmeckte schal, sehr unangenehm. Ich verzog mein Gesicht, während die Männer kaum die Flasche vom Mund absetzten.
      Bei meiner Kür fehlte nicht mehr viel, vor allem bei der Musik tat ich mich noch schwer. Glymur hat viel Schwung in seinen Gängen, weswegen ein ruhiges Lied die falsche Wahl wäre. Nur im Tölt konnte er eine gute Versammlung zeigen, jedoch sollten drei Gänge vorgeritten werden. Morgen würden zwei Einheiten anstehen zum Üben der Kür. Beacon of Light von Priest notierte ich mir. Das dazugehörige Album kam dieses Jahr heraus und immer wieder hörte ich ihre Lieder sehr gern. Die ersten Sekunden waren ruhig, bis der Bass einsetzte und der Synthi schneller wurde. Beim Einreiten könnte die Musik leise sein, nach dem Gruß würde ich antölten und die Energie des Liedes nutzen, um das Tempo meines Hengstes zu nutzen. An ruhigen Stellen wäre der Schritt positioniert.

      Hannes
      Wäre ich ein romantischer Mensch, würden mir die Dunkelheit gepaart mit dem sachten silbernen Licht des Mondes Gänsehaut verpassen, doch war ich weder romantisch, noch mochte ich die Dunkelheit und das Einzige, woran ich denken konnte, war Ambrose. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen mit Niklas über meine abtrünnigen Gefühle zu reden, doch er schien momentan mal wieder zu beschäftigt mit Frauen, speziell Vriska, zu sein. Zu meinem Glück lag die Abreise nah, doch Ambrose gehörte mit zum Team Schweden, weshalb ich ihn auch in der Heimat sehen würde. Um dem ganzen Trubel des Geburtstags aus dem Weg zu gehen, spazierte ich gedankenversunken über den Hof, als ich plötzlich ein Rascheln aus den seitlichen Büschen des Weges vernahm und mein Herz beinahe aus der Brust sprang vor Angst. Am ganzen Körper zitternd, brachte ich nur ein ersticktes “Hallo?” hervor, gerade als ich mich umdrehen wollte, spürte ich eine Wärme an meinem Rücken und eine Hand, die mir den Mund zuhielt. Abrupt begann ich mich zu wehren, bis die fremde Person vor mich trat und mich dann losließ – Ambrose. Noch verwirrter als vorher, spielten meine Gefühle verrückt und ich stand wie angewurzelt vor ihm; seine Haut glänzte silbern im Mondlicht, was seinen Muskeln die extra Definition verpasste. “Ich wusste nicht, dass du noch nicht geoutet bist.”, begann er sanft das Gespräch.
      “Ich bin nicht schwul!”, brüllte ich ihn fast an und statt erschrocken zurückzuschrecken, machte er einen Schritt auf mich zu und lehnte sich nach vorne und flüsterte in mein Ohr “Sicher?”. Augenblicklich stellten sich alle Haare meines Körpers auf und meine Hände wanderte wie von selbst zu seinem Oberkörper, ohne weiter darüber nachzudenken, küsste ich ihn und empfand erneut dieses warme, sichere Gefühl. Verwirrt trifft es wohl am besten, denn als wir langsam voneinander abließen, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich wirklich nichts für Männer empfand. Um meine Gedanken schnell woanders hinzulenken, fragte ich völlig aus dem Kontext “Wollen wir vielleicht zurück zur Geburtstagsfeier?”. Ambrose sah mich mit seinen strahlenden Augen an und nickte lediglich. Gemeinsam schlenderten wir zurück ins Zentrum des Hofes und gesellten uns zu den anderen.

      Niklas
      Das Schwierigste der an der Fahrt konnte ich abhaken auf meiner imaginären To-do-Liste, die Kür. Vriska hing noch immer über ihren Skizzen, die für kaum einen Sinn ergeben. Überall waren Pfeile, Bemerkungen und weggestrichenes. Teilweise erkannt ich ein Dressurviereck, welches sie falsch beschriftete.
      “C, M, R, B, P. Nicht C, R, M, P, V”, wies ich sie auf die Fehler hin.
      “Es tut mir leid.” Vriska schaute nicht einmal zu mir, stattdessen drehte sie das Blatt um und zeichnete das große Viereck erneut. Sie stoppte mehrfach, bis ich mir das nicht weiter anschauen konnte. Ich nahm ihren Stift, strich ihre Buchstaben weg und beschrifte es vollständig. Verloren blickte sie auf das Blatt.
      “Det räcker för idag.” Meine Hand strich ihr durchs Haar, dass sie seit dem Reiten im Zopf trug. Einige Strähnen hingen locker herum.
      “Du här rätt”, stimmte sie mir zu. Vriska gähnte und ich erinnerte mich an ihre Worte, dass sie früher schlafen, gehen wollte. Doch nun war es beinah 1 Uhr und die kleine Feier schien noch lange nicht zu Ende zu laufen. Überraschend saß Hannes nirgendwo. Den ganzen Abend sah ich ihn nicht. Vor meinem Termin sprach ich kurz mit ihm, aber dann. Der Kleine bereitete mir Sorgen als üblich. Etwas stimmte nicht, dass konnte ich spüren.
      “Hej, ni tre!” Grüßte Anders, als er zu unserem Tisch kam. Er hielt einen Teller in der Hand, auf dem ein Stück vom Huhn lag und eine Portion Kartoffelsalat. Beinah synchron grüßten wir ihn zurück.
      “Jag kan redan se. Du arbetar flitigt med dressyrprogram.” Er lachte.
      “Jag har varit klar sen igår”, erklärte Chris.
      “Jag är precis klar. Det blir inte lätt för Smoothi, men vi kan göra det.” Mein Blick fiel zu Vriska, die ihren Kopf wieder zur Tischplatte senkte. Dabei grinste ich. Ihre Worte hallten durch meine Ohren, vermutlich hätte ich sonst das Bestmögliche mit Humbi versucht, die mir nicht hörig ist. Es fehlte ebenfalls die Zeit, um sie auf intensive Einheiten vorzubereiten. Ihr fehlte nicht nur die Kondition, sondern auch ihr muskulärer Zustand ließ zu wünschen übrig. Vriska legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel, als merkte sie meine abwegigen Gedanken. Eine wohlige Sicherheit breitete sich in mir aus, mein Herz schlug schneller und ich spürte, dass mein Grinsen breiter wurde, unbewusst.
      “Det kan du göra”, trug Herr Holm dazu bei. Dann erzählte er noch etwas zum morgigen Ablauf, den er bereits in der Gruppe teilte. Der Vortrag endete gar nicht mehr, bis Chris ihn unterbracht. Unser Trainer wünschte eine gute Nacht und verließ den Tisch.
      “Heute Nacht bleibst du mir?”, quengelte Vriska, als Chris vorlief. Das Feuer brannte kaum noch und nur wenige saßen noch dort.
      “Wenn du dich benimmst.” Ich legte meinen Arm auf ihre Schultern und verlagerte mein Gewicht.
      “Es wäre aufmerksam, wenn du auf den aufpasst.” Sein Kumpel drehte sich zu uns um und lief rückwärts weiter.
      “Vielleicht sollte ich besser auf dich aufpassen”, scherzte ich, als Chris stolperte und mit einem Gesäß im Dreck landete. Wir lachten. Von selbst stand er auf und verabschiedete sich. Vriska blickte mich mit ihren großen Augen an, vor Müdigkeit färbten sie sich rot. Im Zimmer fiel sie direkt ins Bett, nicht mal die befleckte Reithose zog sie aus. Unbeholfen blickte ich mich um. Dann zog ich mich aus und legte mich zu ihr.
      “Willst du dich nicht wenigstens umziehen?”, schlug ich vor, während ich mich etwas mit der Decke umhüllte. Vriska nickte, stand auf und warf die Reitsachen über den Stuhl am Tisch. Sie krabbelte mit ins Bett und setzte sich direkt auf mich. Mit meinen Händen an ihrem Rücken legte ich mich etwas höher und sah ihr tief in die Augen.
      “Was war vorhin im Stall los?”, fragte sie mit ruhiger Stimme. Ihre Worte klangen entschlossen, umso mehr verunsicherte mich die Frage. Mein Blick wandte sich ab von ihr und ich schaute an die Decke. Ein Stechen in meinem Genick ließ mich zusammenzucken. Sie legte ihre Hände auf meine Brust, während ich darüber nachdachte, was ich sagen könnte.
      “Das …”, stammelte ich nervös. Nicht einmal Lina hatte ich davon erzählt. Ju wusste es, teilweise. Einige Teile davon. Wenige Teile. Mit meinen Backenzähnen biss ich auf der Seite meiner Wange herum. Beim Herunterschlucken meines Speichels schmeckte es eisenhaltig, blutig. Alte Wunden öffneten sich und mein Kiefer zuckte.
      “Ich kann darüber nicht sprechen und ich möchte auch nicht, dass du es weißt”, antwortete ich schlussendlich.
      “Oh okay, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.” Sie öffnete ihren Zopf und die langen blonden Haare legten sich über ihre Schultern. Ihre Hüfte bewegte sich langsam vor und zurück. Ich schloss meine Augen und ließ mich von ihrer Lust mitziehen. Bevor sie einen weiteren Schritt machen konnte, drehte ich Vriska nach unten und küsste ihren Hals.
      Aus dem Badezimmer hörte ich sie bitterlich weinen. Düstere Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Im Halbschlaf zog ich meine Boxershorts hoch näherte mich der Badezimmertür. Leise klopfte ich an die Tür, sie sagte nichts und öffnete diese. Vriska kniete am Boden und kleine roten Flecken übersäten ihn. Schockiert drehte sie sich um und schubste mich raus. Von innen schloss sie ab und ich stand unbeholfen vor der Holztür. Ich spürte ihre innere Unruhe, eine unangenehme Energie breitete sich im Raum aus und ich lege mich zurück ins Bett. Ihr Eyeliner verschmierte ihr Gesicht. Sie wischte noch einige Male herum und legte sich zurück zu mir.
      “Ich wollte nicht, dass du das mitbekommst”, versuchte Vriska sich zu entschuldigen.
      “Bitte tu das nicht mehr … erst recht nicht, wenn ich da bin”, bedrückte es mich. Sie legte sich auf meine Brust und strich über meinen Bauch.
      “Du schliefst tief und fest, dachte ich zumindest”, murmelte sie unverständlich und ich spürte ihre Tränen auf meiner Haut.
      “Hör auf zu weinen, sprich lieber mit mir als in deiner Trauer zu versinken.” Dabei legte ich eine Strähne hinter ihr Ohr.
      “Wieso machst du das?”, stammelte sie.
      “Wovon sprichst du?” Vriska verunsicherte mich. Ich wollte sie nicht verletzen, sondern ihr helfen. Wenn ich sie nicht sitzend im Bad gesehen hätte, wäre ich auch in dem Moment noch der Meinung.
      “Irgendetwas Tiefsinniges lief zwischen dir und Lina, ich weiß, dass es auch dir etwas bedeutet. Doch du liegst bei mir im Bett und bist die dritte Nacht in Folge hier. Du machst mir schöne Augen, Hoffnung auf eine bessere Zeit, die aber nicht kommen wird. Stattdessen sind in den letzten Tagen viele schlimme Dinge passiert. Deinetwegen. Milena ist noch immer mit mir zerstritten. In Lina sah ich eine neue gute Freundin, die vermutlich sehr enttäuscht ist und das alles wird noch schlimmer ab der nächsten Woche. Der Teufelskreis wird immer größer.” Warf Vriska mir vor, womit sie womöglich recht hatte.
      “Hör auf.” Meine Bitte klang abweisend und sie schreckte zurück. Eine weitere Antwort bekam ich nicht mehr, stattdessen drehte sie sich weg von mir. Ich hörte sie schluchzend, versuchte Vriska aufzumuntern. Distanziert stieß sie mich von ihr. Sie schlief vor mir ein und ich dachte noch viele Stunden über ihre Worte nach. War ich so ein schrecklicher Mensch?

      Nächster Tag.

      Noch bevor mein Wecker klingelte, wachte ich auf. Meinen Arm streckte ich langsam zu Vriska, die jedoch nicht mehr neben mir lag. Ich schaute mehrmals, doch sah sie nicht. Vor dem Schlafengehen vergaß ich die Kontaktlinsen herauszunehmen, meine Augen schmerzten. Erst 8 Uhr. Ohne groß über den Tag nachzudenken, sammelte ich meine Kleidung vom Boden auf. Das Shirt fehlte. Einen Blick zur Küche verriet mir auch wieso. Vriska hatte es sich übergeworfen und es glich einem Kleid bei ihrer Körpergröße.
      „Ich bräuchte das wieder“, merkte ich an.
      „Bei der fehlenden Höflichkeit, nein. Du hast noch mehr Shirts“, lehnte sie ab und setzte sich auf den Stuhl, auf den sie am Abend ihre Reitsachen gelegt hatte. In der Hand hielt sie eine Tasse mit einer dunklen Flüssigkeit, die sich als Kaffee herausstellte.
      „Soll ich etwa so gehen?“, scherzte ich. Sie schaute noch immer gelangweilt in meine Richtung.
      „Wie du aussiehst, weiß wohl jeder. Also ja. Musst du. Und wieder kommen, brauchst du auch nicht“, murmelte Vriska und schlürfte einen Schluck aus der Tasse. Sie verwirrte mich.
      „Was ist los mit dir?“ Empört blieb ich stehen und schaute zu ihr. Sie sah entschlossen aus, aber irgendwie zufrieden.
      „Die Frage solltest wohl eher du dir stellen.“ Ich lief die Meter, die uns trennten, zu ihr, ging in die Hocke und legte meine Hände auf ihre Knie. Vriska zitterte und entschlossen war sie auch nicht mehr. Die Reste von der Schminke hatte sie aus dem Gesicht entfernt. Ihre Augen waren rot, verweint. Obwohl mein Shirt ihre Oberschenkel größtenteils bedeckte, sah ich ihre frischen Wunden.
      „Ich möchte nicht, dass du dich schlecht fühlst. Erst recht nicht meinetwegen. Wenn du mir egal wärst, würde ich gar nicht erst vor dir Knien und mich über dein Wohlempfinden erkundigen. Sondern hätte gewartet, bis du einschliefst und wäre zu Chris verschwunden. Außerdem …“ Ich stockte. So wie ich es formulieren wollte, klang es wie ein Vorwurf. Aber ich wollte nicht ihr vorwerfen sich an mich herangemacht zu haben, denn ich hätte sie abweisen können, ihr klar und deutlich vermitteln können, dass ich es nicht wollte. Das tat ich nicht.
      “Außerdem?”, wiederholte Vriska und schaute endlich zu mir.
      “Nimm es mir bitte nicht persönlich. Du wolltest es und hast dich auf mich gesetzt. Alles geschah aus freien Stücken”, legte ich ihr nah.
      “Du hast recht. Ich sollte sauer auf mich sein und jetzt geh bitte”, sagte Vriska und stieß meine Hände von sich.
      „Ich werde nicht gehen, solang du hier traurig hängst.“ Auf dem Boden nahm ich Platz, winkelte meine Beine an und legte die Arme darauf.
      „Wieso bist du so aufdringlich und komme mir jetzt nicht, dass du mir nur helfen willst? Das höre ich andauernd“, murmelte sie genervt.
      „Weil ich weiß, dass es nicht gut ist in so einer Phase allein zu sein und Selbstmitleid zu versinken.“ Es war mir eine Herzensangelegenheit, denn von Zwischenfall im Stall lag es mir noch schwer im Magen. Ju wollte nicht mit mir drüber reden und heute könnte ich es wohl auch nicht erwarten. Was mich nicht vom Willen abbrachte, später mit ihm ein Gespräch zu führen.
      „Kaum vorstellbar, dass jemand wie du das wissen sollte“, entgegnete Vriska mit zitternder Stimme.
      „Nun, ich bin auch nur ein Mensch. Und jetzt zieh dich an, ich habe eine Idee, wie wir dich auf andere Gedanken bringen können“, schlug ich vor. Sie grinste und sagte: “Was auch immer du vorhast, aber das muss noch warten. Ich hätte für einige Minuten wirklich gern meine Ruhe.” Auf ihrer Stirn bildeten sich kleine Falten und spürte, dass sie es ernst meinte.
      “Na gut, dann gehe ich rüber zu Ju, hole ein paar Sachen und dusche hier. Danach dann los?”, stellte ich alternativ vor. Vriska nickte. Es war mir ein Rätsel, warum sie plötzlich mich mied.

      Vriska
      Niklas verschwand, endlich. Sein Verhaltenswechsel zu einem charmanten interessierten jungen Mann schüchterte mich ein. Lina schaute er nach, aber suchte die Aufmerksamkeit bei mir. Ständig kam er zu mir und benötigte die Bestätigung. Das wollte ich nicht. Einerseits gefiel es mir, dass Niklas versuchte mich aufzumuntern, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Andererseits kam er mir Tag täglich näher, eine Nähe, die ich in meiner aktuellen Lage nicht gebrauchen konnte. Den Abstand musste ich mir wieder erkämpfen. Ein Blick über den Tisch brachte mich auf eine Idee. Die Visitenkarte lag noch immer neben den Äpfeln. Ich schaute um mich, Niklas schien noch einiges mit Ju klären zu müssen, was ich den beiden nach dem gestrigen Abend nicht verübeln konnte. Keiner von ihnen verhielt sich angemessen der Situation. In meinem Kopf spielten sich die Bilder ab, vor allem die Worte, die sein bester Freund in den Mund nahm. Lag es an mir? Ich wollte es nicht glauben, doch ein Schmerz zog sich durch meine Brust, ein Stechen. Wieder begann ich an meinem Piercing herumzubeißen. Das musste ein Ende haben und Niklas war nicht das Ende, auch nicht der Anfang von etwas Gutem. Obwohl. Er spielte eine tragende Rolle dabei, die ich ihm nicht zusprechen wollte. Beherzt griff ich zu der kleinen Pappkarte und betrachtete sie. Auf der Vorderseite stand nicht viel mehr als der Name von Erik, die Rückseite hingegen fiel mir direkt ins Auge. Ich stellte erst heute fest, dass auch seine Adresse darauf gedruckt wurde. “431 53 Mölndal”, murmelte ich vor mir hin. Kanadisch klang der Ort nicht und auch der Straßenname irritierte mich. Müsste er nicht in Kanada leben, wenn Erik in der Botschaft arbeitete?
      Im Handy tippte sich die Adresse wie von Zauberhand ein und Karten zeigte mir, dass das die Adresse mehr als 4h fahrt, vom Heimathof entfernt lag. Könnte es an der Aktualität liegen? Ich benötigte mehr Informationen und begann das Internet nach ihm zu durchforsten. Dabei stellte ich fest, dass sich Niklas und er auf Instagram folgten. Sein Profil war privat. Auch Markierung konnte ich nicht sehen. Es blieb mir nur, mich bei ihm zu melden. Das Geheimnisvolle erweckte Interesse mir, ein kleines Verlangen dem auf die Spur zu kommen, erwachte in meinem Kopf. Zunächst speicherte ich die Nummer unverbindlich als “just friends” ein, um neugierigen Blicken der anderen zu entkommen. Dann sah ich den leeren geöffneten Chat vor mir. Sein Profilbild war genauso leer, nur der von mir gewählte Name stand am oberen Rand meines Handys. Was schreibt man jemanden, den man nicht kennt, aber das gerne ändern würde? Fragen konnte ich diesbezüglich niemanden. Jenni würde endgültig als verrückt einstufen und Lina hätte sicher viel zu sagen, außer etwas Nettes. Also musste ich selbst eine Lösung finden. Da kam es mir direkt in den Kopf. Wild entschlossen, versuchte ich ihm auf Schwedisch zu schreiben, doch ich scheiterte. Das hätte sicher einen guten Eindruck gemacht. Stattdessen tippte ich: “Hoffentlich hast du alles wieder sauber bekommen” und sendete es ab.
      Schlagartig stellte ich den bitte-nicht-stören Modus ein und legte es mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch, den eine Hose trug, ich noch immer nicht. Mein Herz raste in meiner Brust. In meinen Ohren hörte ich das Rauschen meines Blutes und ich sackte in den Stuhl mit dem Blick nach oben. War es eine Erleichterung, den Schritt getan zu haben oder ein ridiküler Einfall? Seitdem ich nicht mehr bei meiner Mutter in England lebte, war es ein einziges auf und ab mit meinen Gefühlen. Jeden zweiten Typen fand ich anziehend, konnte mir mehr vorstellen aber stieß ihn nur doch wieder von mir. Bei Tyri dauerte es mehr als drei Jahre bis ich mich aus seinen Fesseln entreißen konnte, umso mehr versuchte ich jeden Moment zu genießen – zu leben.
      Aus meinen Gedanken riss mich dann doch Niklas, der in das Zimmer hineinstürzte mit einem äußerst verärgerten Gesichtsausdruck. Eruptiv legte ich meine Hand auf den Tisch über die Visitenkarte, um meine Spuren zu verwischen. Er sagte kein Wort, stand nur im Raum, schaute Richtung Badezimmer. In der Hand hielt er frische Kleidung und seine Brille trug er auf der Nase.
      “Kann ich dir helfen? Suchst du was Bestimmtes?”, überkam es mich. Doch sein Blick lockerte sich und er antwortete: “Er wollte schon wieder diskutieren, obwohl ich ganz normal mit ihm sprach. Wieso kann er nicht gewöhnlich sein, wie wir alle?” Niklas brannte es auf der Zunge, als wollte mehr erzählen. Etwas hinderte ihn.
      “Im Gegensatz zu dir, ist er von seinen Emotionen gesteuert, die du ziemlich verletzt hast”, vermittelte ich ihm.
      “Du auch, also musst du das mit ihm klären. Ich will es nicht noch schlimmer machen.” Beschloss er und lief ins Badezimmer. Ohne auf eine Antwort zu warten, schloss er die Tür und im nächsten Moment hörte ich bereits das Wasser rauschen. Wieso sollte ich das klären? Eine Überlegung war es Wert, obwohl mir gerade ganz andere Dinge durch den Kopf liefen. Nach einem kräftigen Schluck aus meiner Tasse drehte ich erwartungsvoll mein Handy wieder um, tippte auf den Bildschirm. “Messages, 5 min ago, 3 Notifications … just friends”, überflog ich. Alsdann hob ich hoch und die Antworten erschienen: “Ich dachte schon, du meldest dich nie. Alles gut bei dir? Und ja, alles wieder sauber, war direkt in der Waschanlage.” Das kleine Herz in meiner Brust begann Luftsprünge zu machen und darnach tippte ich: “Freut mich zu hören, wäre ein Skandal gewesen mit solchem Unflat durch das Land zu fahren. Nach deiner Antwort fühle ich mich besser und bei dir?” Wieder drehte ich es direkt um, aber stand auf und machte mich fertig. Für das kollektive Morgenessen zeigte die Uhr die falsche Zeit an und auch Glymur musste noch warten, bis er auf die Weide konnte.
      Da Niklas etwas plante, zog ich mir die Reithose von gestern an und überlegte, welches Oberteil es werden sollte. In seinem Shirt fühlte ich mich wohl, aber andere könnten es falsch deuten. Schlussendlich verabschiedete ich mich von dem Oberteil und suchte wieder mal meinen Kapuzenpullover. Von draußen drückte die Hitze hinein, aber es fiel mir schwer, ein Shirt zu wählen. Bisher bedeckte nur ein Sleeve meine Narben und irgendwelche Gespräche darauf, wollte ich nicht lenken. Wie gelähmt stand ich vor einem Berg aus Kleidung und starrte darauf. Eine warme Hand berührte mich an der Schulter und ich zuckte zusammen.
      “Ach jetzt bekomme ich mein Oberteil wieder? Verstehe”, scherzte Niklas und gab mir einen Kuss auf die Haare. Alsdann griff er nach einem Shirt für mich und drückte es in meine Hand. Es war ein lockeres Shirt mit sehr engem Ausschnitt am Hals aber dafür bauchfrei in dunkelblau. Ein Aufdruck befand sich auf der Rückseite. Ich warf es mir über und es fehlte nur noch eine ordentliche Frisur.
      “Und was hast du vor?” Ich bürstete vor dem Spiegel meine Haare und sah zu ihm, als er sein Handtuch zur Seite legte, um sich was Frischer drüber zuwerfen. Etwas zu lange starrte ich und merkte selbst, dass mein Blick unangebracht immer weiter nach unten sank.
      “Nicht das, was du gerade denkst. Aber geht in die richtige Richtung”, deute er an. Also ging es um die Pferde, doch was ich genau damit zu tun hatte, konnte ich mir auch nicht erklären. Erst nach dem er sich Stoff über den muskulösen Körper zog, konnte ich meinen Blick von ihm wenden und meinen Zopf fertig machen. Es entging ihm natürlich nicht und provokant stellte Niklas sich in den Türrahmen, die Arme breit, um mir den Weg zu versperren.
      “Wie heißt das Zauberwort?”, schaute er herunter zu mir und grinste breit.
      “Muss das jetzt sein?”, rutschte es genervt über meine Lippen. Sein Gesichtsausdruck änderte sich eruptiv und Niklas drückte mich gegen die Badezimmertür. Diese Hand an meinem Hals und die andere rutschte langsam in meine Hose. Bevor ich mich von ihm abwenden konnte, presste er seine Lippen auf meine und ich erwiderte den leidenschaftlichen Kuss. Das hatte mir gefehlt, der Niklas, der genau wusste, was er wollte, ungeachtet davon wie es mir ging oder ich mich fühlte. Zielgerichtet und entschlossen, etwas anderes erwartete ich von ihm nicht. Im nächsten Moment vergaß ich meine Zweifel des Aufstehens und er öffnete seine Hose. Niklas löste seinen festen Griff und ich ging in die Knie.
      Peinlich berührt stand ich auf und blickte hoch zu ihm. Er ordnete alles und schloss den Hosenstall. Dabei schaute er tief in meine Augen.
      “Beim nächsten Mal überlegst du dir hoffentlich, was du sagst. Also mach’ dich noch mal frisch und ich warte auf dich”, erklärte er und setzte sich an den Tisch. Ich wusch meine Hände und das Gesicht, bevor ich wieder das Badezimmer verließ. Er hielt mein Handy in der Hand und schien unzufrieden zu sein.
      “Wieso schreibst du mit Erik und vor allem, warum so?”, schimpfte Niklas. Ich konnte nicht nachvollziehen, was ihn das anging und wieso er einen Grund darin sah, dass ich mich verteidigen sollte.
      “Soll ich mich entschuldigen, oder was geht in deinem Kopf ab?”, fragte ich vorsichtig, um einer erneuten Maßregelung zu entgehen.
      “Das kann ich dir sagen. Du gehörst nur mir und ich bestimme, was du tust und was nicht.” Wie in Zeitlupe spulten sich seine Worte in meinen Ohren ab. Die Augen wurden größer und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, außer: “Okay, wenn du das sagst.” Mein Haupt senkte sich und er nahm mich in den Arm.
      “Ich will nur das Beste für dich, denk daran. Und ich kenne ihn lange genug, um dir sagen zu können, dass er dich nur verletzen wird.” In mir begann sich alles zu drehen und das wohlige Gefühl verschwand. Niklas war steht’s ehrlich zu mir, doch waren seine Anschuldigungen nur eine Maßnahme mich an der kurzen Leine zu halten oder eine gerechtfertigte Aufklärung? Er gab mir mein Handy zurück und lief los zum Stall. Meine Schritte verkürzten sich und ich prüfte, was Erik mir schrieb: “Wie lange bist du noch hier? Wollen wir uns in der Zeit noch mal richtig treffen? Es würde mich freuen.” Ich würde mich auch freuen, doch die positiven Gefühle verwandelten sich in ein unangenehmes Drücken in der Brust.

      Lina
      “Ist das Kaffee?”, fragte ich Samu verschlafen, als ich meinen Kopf in die Küche steckte. Eigentlich war ich ja kein Kaffeetrinker, doch heute war es dringend nötig. Der wenige Schlaf der letzten Tage begannen nun so langsam seine Folgen zu haben. Die Tatsache, dass mein Hirn heute Nacht lieber mit den Ereignissen des Tages beschäftigt war, verbesserte die Situation auch nicht gerade.
      “Ja, aber eigentlich ist das meiner”, protestierte Samu als ich ihm einfach seine Tasse stahl, um einen großen Schluck daraus zu nehmen.
      “Jetzt nicht mehr”, antworte ich ihm nur und gähnte. Samu betrachtet mich einen Moment, bevor er antwortete: “Ok, offensichtlich hast du den auch mehr nötiger als ich”. Stimmt, ich trug definitiv noch meine Schlafsachen, denn ich hatte mich bisher noch nicht in der Lage gefühlt etwas anzuziehen.
      “Danke. Mal wieder höflich und zuvorkommen so wie immer. Aber warum bist du schon so wach?”, murmelte ich und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Auch wenn Samu ausgeschlafener sein sollte als ich, war er doch genauso spät im Bett gewesen. Aber er war schon immer so gewesen. Irgendwoher nahm er immer unglaublich viel Energie her. Aber nicht diese nervige hyperaktive Energie, sondern viel mehr eine positive ruhige Energie.
      “Also erst einmal haben wir schon fast halb 9 und Zweites ist doch ein schöner Tag heute. Soll ich dir noch einen machen?”, fragte er beiläufig.
      “Mmm …passt schon, mir fällt gerade wieder ein, warum ich das Zeug nicht mag. Aber was genau macht diesen Tag jetzt schon so schön? Habe ich was verpasst?”, fragte ich misstrauisch.
      “Nein, hast du nicht. Es ist einfach ein schöner Tag. Es ist warm, die Sonne scheint …”, begann Samu auszuführen.
      “Manchmal glaube ich, du bist eine Pflanze. Sobald die Sonne aufgeht, kannst du deine Fotosynthese betreiben und bist happy.”
      “Müsste ich dann nicht grün sein”, scherzte mein Gegenüber.
      “Irgendwo richtig … Aber hör auf meine Theorie infrage zu stellen, es ist noch zu früh, um über so was nachzudenken.” Ich leerte die Tasse und stellte sie in die Spülmaschine. Samu der offenbar voller Tatendrang war, stand auf und verkündete, dass er jetzt die Pferde auf die Weide stellen würde.
      “Kannst du meine Bitte auch rausstellen?”, fragte ich ihn. Wenn er schon so viel Energie hatte, konnte er sie ja wenigstens sinnvoll einsetzten.
      “Alle?”, fragte er nach, während er sich einen Müsliriegel aus dem Schrank fischte.
      “Ja bitte, bis auf Divine, den bring ich gleich selbst raus.”
      “Ok” war seine einzige Antwort und er verschwand seinen Müsliriegel essen aus der Küche. Ich für meinen Teil wählte den Weg zurück zu meinem Zimmer, doch ich kam nicht weit. Im Flur begegnete mir ein ähnlich gut gelaunter Jace. Das war ein wenig unerwartet nach gestern.
      “Guten Morgen”, kam es für meinen Geschmack ein wenig zu euphorisch aus seinem Mund. Was ist denn heute los mit den Menschen? Warum sind die so gut gelaunt?
      “Morgen”, antworte ich irritiert. Glücklicherweise war er nicht auf ein Gespräch aus, sodass ich mich schnell in mein Zimmer verkrümeln konnte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits viertel vor neun war. Wenig ambitioniert sammelte ich Samu Pulli, den er mit gestern geliehen hatte von dem Stuhl, wo er lag. Dabei fiel mir das kleine silberne Armband entgegen, welches mit Jace gestern in die Hand gedrückt hatte. Besser ich verstaute es erst einmal in meine Schmuckkästchen, denn ich fühlte mich nicht ganz wohl dabei es tatsächlich zu tragen. Auch wenn Jace gesagt hatte es solle mich an hier erinnern, war mir klar, dass er nicht hier im Allgemeinen gemeint hatte. Außerdem hätte man bei der Szenerie gestern auch etwas ganz anderes erwarten können anstelle einer einfachen Liebeserklärung. Die Szene auf dem Reitplatz gestern wäre schon fast Oskar verdächtig, mit dem Unterschied, dass es kein Film war, sondern das reale Leben. Wie ich so daran dachte, spürte ich ein paar der Gefühle wieder hochkommen. Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Nein, Jace ist ein abgeschlossenes Kapitel und genau deshalb gibt es heute keinen Platz für Jace in meinem Kopf. Am besten konzentriere ich mich heute auf meine Pferde. Von denen würde mir wohl keiner eine plötzliche Liebeserklärung machen.
      Ich ging in Bad, um mich frisch zu machen. Ich wusch Hände und Gesicht. Nach einem kurzen Blick auf das Wetter und die angesagten Temperaturen beschloss ich auf großartige Schminke zu verzichten. Meine Haare flocht ich zu zwei französischen Zöpfen. Diese Frisur hatte sich schon öfter bewährt, denn so hatte ich keine Haare im Gesicht und in der Regel sahen die Zöpfe auch nach dem Reiten noch halbwegs okay aus.
      Meine Oufitwahl fiel heute auf die schwarze Reithose kombiniert mit einem blau weißen Shirt.
      So konnte ich mich angezogen und halbwegs wach auf dem Weg zu meinem Pferd machen. Als ich aus der Haustür trat, konnte ich gerade noch sehen, wie Samu mit Legolas und Sky den Weg zu den Koppeln hochlief. Damit das es warm war und die Sonne schien, hatte er zwar recht gehabt, aber ich befürchte, dass es nicht den ganzen Tag so angenehm wie jetzt bleiben würde, denn schon jetzt stand die Sonne hoch am wolkenlosen Himmel.
      Auf dem Weg zu Stall stand Bubbels so plötzlich vor mir, dass ich beinahe über den Hund drüber fiel, weil ich ihn nicht gesehen hatte.
      “Mensch Bubbels, wo kommst du denn auf einmal her”, tadelte ich den Dalmatiner. Dieser blickte mich allerdings nur aus seinen braunen Augen an und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Vermutlich war der immer hungrige Hund mal wieder auf der Suche nach etwas zu Essen.
      “Sorry, ich habe nichts für dich dabei”, sagte ich zu dem Hund und streichelte ihm über den Kopf. Beinahe sofort warf Bubbels sich auf den Rücken und hielt mir seinen Bauch hin. Dieser Hund wusste einfach zu gut, wie man bekommt, was man möchte. Also ging ich in die Hocke, um den gepunkteten Bauch zu kraulen.
      “Genug jetzt, da wartet noch jemand anderes auf mich.” Mit diesen Worten beendete ich die Streicheleinheit und stand wieder auf. Bubbels hielt diesen Vorschlag offensichtlich nicht für sinnvoll, denn er versuchte mich mit Faxen wieder zum Streicheln aufzufordern. Als ich nicht weiter darauf einging, stand der Hund auf und folgte mir in den Stall.
      Kaum hatte ich den Stall betreten, kam begleiten von einem leisen wiehern, ein weißer Kopf aus einer der Boxen.
      “Godmorgon. Ein Hübscher ist das. Geht es dir … na ja, besser? Du warst so plötzlich weg”, sprach Chris, der einige Meter weiter an der Box seines Wallachs stand. Bubbels schien sich sehr für Chris zu interessieren, denn er lief zielstrebig auf ihm zu und begann ihn abzuschnüffeln.
      “Guten Morgen. Ähh ja, ich habe gestern nur ein wenig Abstand gebraucht”, erklärte ich knapp. Ich sprach eigentlich nicht gerne mit praktisch fremden über solche Dinge. Niklas und war da irgendwie eine Ausnahme gewesen. Divine streckte mir seine feuchte Schnauze ins Gesicht und pustete mich an. Sanft schob ich seine Schnauze weg.
      “Das klingt doch gut”, lächelte er und streichelte dem Hund über den Kopf. Wirklich erstaunt über meine Worte schien er nicht zu sein, als wäre es eine rhetorische Frage gewesen. Seine Reaktion war zwar irgendwie ein wenig seltsam, aber ich sollte aufhören immer alles zu hinterfragen.
      “Wie heißt er eigentlich?”, fragte ich und deutete auf den braunen Wallach.
      “Das ist Hammy, also Ally Hamlet mit vollen Namen. Sag Hallå.” Dabei hielt er seine Hand nach oben, der Wallach hob seinen Huf, der gegen die Boxenwand stieß, und schüttelte seinen Kopf. Chris lachte. Auch ich musste dabei lächeln.
      “Oh so ein höfliches Pferd ist mir bis jetzt noch nicht begegnet. Das ist wirklich ein cooler Trick”, sagte ich anerkennen.
      “Danke”, befahl Chris dann ihm und Hammy verlagerte das Gewicht, dabei steckte seinen Kopf zwischen die Vorderbeine.
      “Hammy scheint sehr talentiert zu sein”, stellte ich freundlich fest. Irgendwie hätte ich von Chris nicht erwartet, dass sein Pferd auch solche Tricks beherrschte.
      “Ist der Rentner. Ich habe zu Hause noch eine junge Stute, aber sie ist im Beritt und noch nicht fertig für so ein Training. Aber so wie es scheint, wirst du ja bald auf öfter bei uns sein. Dann siehst du sie mal”, sagte Chris und legte seinem Wallach das Halfter um. Daraufhin führte er ihn aus der Box und gab ihm eine große Portion Kraftfutter in einer Schüssel.
      “Da freue ich mich schon deine Stute kennenzulernen.” Beim Geräusch des Futters begann Divine ungeduldig zu werden und mit den Hufen über den Boden zu scharren.
      “Ich glaube, ich gehe diesem ungeduldigen Herrn hier sein Frühstück holen”, verkündete ich und verschwand in Begleitung von Bubbles in der Futterkammer. Da ich Ivys Futter gestern schon vorbereitet hatte, braucht ich nicht lange, um sein Futter zu holen. Bubbles staubte noch eine halbe Möhre ab, mit der er sich auch direkt in eine Ecke verzog. Divine musste ich einmal kurz daran erinnern, dass er warten sollte, bis sein Futter im Trog war, bevor ich es einfüllen konnte. Zufrieden begann der Freiberger zu fressen.
      “Und was steht bei dir noch auf dem Plan für heute?”, unterbrach Chris die Stille im Stall. Bis auf die Geräusche der Pferde lag eine Ruhe über den Hof.
      “Für den Hübschen da steht heute ein wenig Dressur auf dem Plan, genauso wie für Legolas. Die beiden Stuten haben heute Springtag … und was ich mit Pancho mache, habe ich mir noch nicht überlegt”, beantworte ich Chris frage.
      “Oh Mann, dann wünsche ich dir viel Erfolg. Das wird wohl ziemlich stressig. Meine morgendliche Beschäftigung kommt dann auch”, sagte er und deutete zur Tür. Niklas kam rein, gefolgt von Vriska, die den Kopf hängen ließ und nicht sehr zufrieden wirkte. Seinen Wallach stellte er zurück in die Box.
      “Danke, dir auch viel Erfolg.” Divine hatte so gut wie aufgefressen, weshalb ich mir seine Sonnencreme aus dem Beutel vor seiner Box holte. Was wohl zwischen den beiden vorgefallen sein mag, dass Vriska so unzufrieden ist? Gestern sah das immerhin noch ganz anders aus. Brav ließ sich der Freibergerhengst eincremen, bevor er auch noch die letzten Futterkrümel aus dem Trog schleckte.
      “Morgen”, grüßte ich Niklas, der gerade an Ivys Box vorbeilief.
      “Na, gut geschlafen?”, fragt er freundlich und bleibt bei uns stehen.
      “Geht so, aber zum Glück gibt es Kaffee”, antwortete ich wahrheitsgemäß. Divine kam neugierig an die Tür, um zu sehen, wer denn da stehen geblieben war.
      „Ich bevorzuge Mate, aber klar. Koffein ist für die meisten ein guter Start in den Tag.“ Niklas tätschelte den hellen Hengst, während Vriska gespannt auf ihr Handy sah und breit grinste. Die Begeisterung des Herrn hielt sie deutlich in Grenzen, denn er warf ihr böse Blicke zu, die sie nicht mal beachtete. Stattdessen lief sie weiter zu ihrem Hengst, der weiter hinten stand. Liebend gerne würde ich wissen, was bei den beiden nicht stimme, aber im Gegensatz zu Milena besaß ich genug Contenance, um solche Fragen für mich zu behalten.
      “Normalerweise bevorzuge ich ausreichend Schlaf, anstelle von Koffein, das ist der allerbeste Start in den Tag.”
      “Ehekrise oder was stimmt bei euch nicht?”, übernahm Chris meine Gedanken.
      “Ach, Kindergarten. Sie akzeptiert die Tatsachen nicht, stimmt’s”, antwortete Niklas sogleich und warf einen Blick zu Vriska, die verärgert den Kopf drehte.
      “Willst du das wirklich hier ausdiskutieren? Na dann. Hör einfach auf, dich in meine Angelegenheiten einzumischen. Ich bin ein Mensch wie jeder andere und möchte nicht hin und her geschubst werden, so wie du es gerade benötigst. Also reiß dich zusammen und alles ist gut”, machte sie eine kräftige Ansage und wendete sich wieder ihrem Hengst zu. Seine Scheuerstellen wurden über Nacht deutlich schlimmer und sie mit einer Salbe einschmierte.
      “Hätte ich mal nicht gefragt”, murmelte Chris beinah unverständlich und stand noch immer verloren mitten im Gang herum. Mein Hengst schien ein wenig verwundert über den Stimmungswechsel, denn er hob den Kopf ein Stück in die Luft und seine Ohren, die vorher freundlich nach vorne Gerichtet waren, begannen sich in alle möglichen Richtungen zu bewegen. Wow, immerhin hat Vriska keine Schwierigkeiten ihr Problem zu kommunizieren, auch wenn ich lieber nicht dabei sein wollte. Jetzt gerade war einer dieser Zeitpunkte, wo man sich gerne in Luft auflösen würde.
      “Kaikki hyvin”, murmelte ich meinem Hengst zu und strich ihm beruhigen über den Hals, was bei Ivy allerdings kein Stück weit zu Entspannung führte.
      „Humbi wartet schon, ich bin gleich wieder da“, verabschiedete sich Niklas und verschwand wieder aus dem Stall.
      „Eigentlich sollte ich Vriska gleich bei Arbeit mit Humbria unterstützen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das nicht einfach wird, heute“, sagte Chris nachdenklich zu mir.
      „Ach das ist also euer Plan. Ich wurde nicht einmal gefragt, also ist deine Annahme richtig. Viel Spaß noch.“ Vriska wollte gerade verschwinden, dich er stellte sich geschickt in den Weg.
      „Nichts da. Du bist die Einzige, die Tölten kann. Also bleib hier, mir zuliebe“, bremste er ihre Entschlossenheit.
      „Jetzt fängst du auch noch an, aber gut. Ausnahmsweise“, antwortete sie und lehnte sich an die nächste Boxenwand. Wieder nahm Vriska ihr Handy zur Hand und direkt wandelte sich ihre Stimmung. Das breite Grinsen erleuchtete wieder ihr Gesicht. Diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte ich schon einmal gesehen, als dieser Botschafter hier gewesen war. Wie hieß er gleich … ach, ja Erik. Ob es da wohl einen Zusammenhang gab?
      Laut prustend schüttelte sich Divine auf einmal, häufig ein Zeichen, das er sich entspannte. Immer wieder faszinierend, wie gut dieses Pferd die Stimmung spiegelt. Während Vriska immer noch mit einem breiten Grinsen auf ihrem Handy herumtippte, zog ich Divine Fliegenmaske und Halfter an.
      “Ich gehe dann mal mein Pferd auf die Koppel bringen, soll ich noch irgendeins mitnehmen?”, fragte ich freundlich als ich den weißen Hengst aus der Box führte.
      “Nein alles gut”, antwortete Chris. Da Vriska so aussah als wäre sie gerade wo ganz anders, verließ ich den Stall nur mit meinem Hengst. Brav trottete er mir hinterher.
      Auf der Koppel hatte mein weißes Pferd natürlich nichts Besseres zu tun, als sich erst einmal zu wälzen. So schön diese weißen Pferde auch waren, die Farbe ist nicht gerade praktisch.

      Vriska
      Seine plötzliche Meinungsänderung konnte ich nicht nachvollziehen. Dass er mehr oder weniger mir von Anfang an versuchte zu helfen, spürte ich, doch nun mich als sein Eigentum herabzustufen, ging mir zu weit. Langsam wurde mir klar, wovon Ju sprach am See. Er musste dieses Verhalten bei seinem besten Freund schon öfter miterlebt haben müssen und wollte Lina eigentlich davor schützen, doch ich wurde das Opfer seiner Gier. Ein eruptives Gefühl sie davor zu schützen, unterbreitete sich in meinem Kopf. Bevor mich mein vibrierendes Handy wieder ablenkte. Natürlich wollt ihr wissen, was Erik wollte. Ich wechselte zum Messenger Dienst und scrollte die bisherigen Nachrichten durch, bevor ich die neuen las.

      “Ich würde mich auch freuen dich wiederzusehen. Am Montagmorgen geht es wieder zurück und am Sonntag ist ein kleines Ereignis am Hof.
      -
      Na dann, komme ich am Sonntag auf jeden Fall vorbei, oder wäre das ein Problem für dich?
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      Für mich nicht. Niklas hat jedoch mein Handy genommen und sehen, dass wir schreiben. Er wurde richtig sauer.
      -
      Was geht ihn das an? Was hat er denn gesagt? Er war schon immer komisch.
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      Er meinte, dass du mich nur verletzen wirst und ich es gar nicht erst versuchen sollte. Obwohl nie die Rede davon war, dass wir heiraten und Kinder bekommen. Es nervt mich.
      -
      Spannend. Warum geht er denn davon aus, dass wir mehr vorhaben? Oder muss ich was wissen haha
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      Nur so viel, dass ich dich attraktiv finde, sonst hätte ich auch nicht nach deiner Nummer gefragt, um nicht zu sagen, dass ich so was sonst nicht mache
      -
      Das kann ich nur zurückgeben und ja, du wirktest nicht wirklich geübt. Es macht dich interessant
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      Dein Outfit sieht man nicht auf einem Pferdehof. Dass jemand auf dich ein Auge werfen wird, war wohl vorhersehbar
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      Ach, egal wo ich hingehe, überall sorge ich für Aufmerksamkeit. Berufskrankheit würde ich sagen, aber ich muss dann los
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      Willst du heute Abend vorbeikommen?
      -
      Ich sage dir spontan Bescheid”

      Aufgeregt steckte ich mein Handy zurück, denn eine Antwort war nicht mehr nötig. Erst jetzt fiel mir auf, dass Lina und Chris mich anstarrten. Ich merkte gar nicht in meinem Wahn, dass sie wieder kam.
      “Okay, ich merke schon, dass mein Gesicht rot sein wird und auch mein Lächeln sehr breit ist. Jeder von euch darf eine Frage stellen oder ihr schweigt. Für immer”, lachte ich.
      “Schreibst du da etwas mit einem Gewissen Botschafter?”, fragte Lina neugierig.
      „Ich kann es selbst kaum fasse aber ja, nachher kommt er vielleicht sogar“, freute ich mich und vergaß die Schwierigkeiten zwischen Lina und mir.
      „Du bist aber auch eine. Erst machst du Niklas schöne Augen und jetzt willst du was von seinem Halbbruder.“ Chris schüttelte amüsiert den Kopf. Meine Augen wurden groß und ich sah wieder zu Lina, die genauso schaute wie ich.
      “Hast du gerade Halbbruder gesagt?”, fragte sie dann perplex.
      “Offenbar hat er das nicht gesagt, nach dem Erik hier war. Das könnte jetzt schlimm werden”, antwortete und deutete auf Niklas, der genauso gelähmt im Stalleingang stand. Humbria stupste ihn freundlich an der Schulter und schlug nervös mit dem Schweif.
      “Das hast du jetzt nicht gesagt, oder?” Niklas sah frustriert seinen Kumpel an. Dann zog er stark am Strick, was seine Stute nur noch mehr verunsicherte.
      “Ich wollte das nicht, es tut mir leid.” Chris suchte die richtigen Worte, nur Niklas hörte das wohl nicht. Er ballte seine Faust und biss auf seiner Wange herum. Ohne etwas zu sagen, stützte ich mich zu der Stute, nahm den Strick aus seiner Hand und führte sie aus dem Stall. Einige Runden führte ich sie im Kreis im Schritt bis Humbria ruhiger wurde. “Prima”, lobte ich sie. Niklas stand noch immer wie versteinert an der Stelle. Sogar seine Hand formte sich in der Haltung des Stricks. Vorsichtig trat ich an ihn heran und legte meine Hand auf seine Schulter, während seine Stute entspannt neben am Gras zupfte.
      “Fass mich nicht an”, fauchte Niklas mich an und Humbria schreckte wieder zurück.

      Lina
      Offensichtlich waren die Familienverhältnisse zu Erik ein schwieriges Thema, ein sehr schwieriges Thema, denn in Niklas schien es förmlich zu brodeln und Vriska schien die Situation nicht gerade zu verbessern.
      “Vielleicht bringst du Humbi erst einmal auf den Paddock”, sagte ich zu schließlich zu ihr, in der Hoffnung, dass sie meinen Vorschlag auch befolgen würde.
      „Nej, die beiden sollen sie bewegen“, flüsterte Niklas kaum hörbar.
      “Meinetwegen könnt ihr auch in die Halle oder sonst wo hingegen, Hauptsache hier rennt nicht gleich ein panisches Pferd über den Hof”, sagte ich nachdrücklich zu Vriska. Ein freies Pferd wäre jetzt sicherlich nicht hilfreich und mein Gefühl sagte mir zudem, dass Vriska hier auch gerade nicht erwünscht war. Ich ging ein paar Schritte auf Niklas zu, blieb allerdings weit genug weg um ihm seinen Freiraum zu lassen.
      “Hey, ich bin mir sicher, du hast deine Gründe so zu fühlen und das vollkommen okay.” ich würde gerne behaupten, dass ich seine Reaktion nachvollziehen kann, aber das konnte ich aufgrund der geringen Faktenlage leider nicht. So blieb mir nicht viel übrig, als mich so verständnisvoll wie möglich zu zeigen und weiterhin darüber nachzudenken, wie ich ihn auf andere Gedanken bekommen könnte.
      „Ich dachte wirklich, dass Vriska und ich etwas Besonderes hatten, doch ich Idiot habe selbst dafür gesorgt, dass sie ausgerechnet bei dem landet. Ein Typ, der immer alles perfekt in seinem Leben macht, aber das derer zerstört, die ihm im Weg stehen. Ich … es tut mir leid. Das alles. Ich wollte dich nicht verletzen“, Platze es aus Niklas und er umarmte mich. Das kam für mich jetzt irgendwie ein wenig überraschend. Auf einmal wirkte Niklas so komplett anders als sonst, viel fragiler, emotionaler. Mein Kopf benötigte noch einen Moment, um die Sätze vollständig zu verstehen, bis ich allmählich begriff, dass da noch weitgehend mehr hinter stecken musste.
      “Ist schon okay … verletzt zu werden gehört zu den Gefahren, die das Leben mit sich bringt”, sprach ich das Erste aus, was mir in den Kopf kam und überraschte mich selbst wie locker ich das auf einmal sah. “Und was Vriska angeht … du kannst nicht dafür für wen sie sich Entscheidet, das hätte auch ganz ohne deinen Einfluss passieren können”, versuchte ich irgendetwas Aufmunterndes zu sagen.
      “Erik wird das sicher geplant haben … kann ich dir vertrauen, oder gibt es etwas, was du mir noch sagen musst?”, fragte er vorsichtig. Dabei schaute er an mir vorbei und mied Augenkontakt.
      “Natürlich kannst du mir vertrauen”, versicherte ich ihm.
      “Danke dir, was hast du jetzt vor?” Seine Stimmung änderte sich punktgenau, ein Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus. Wow, so einen schnellen Stimmungswechsel hatte ich jetzt nicht erwartet. Ein leicht verwirrter Blick auf meine Uhr verriet mir, dass es noch ca. 1 Stunde bis zum Frühstück dauern würde. Genug Zeit also, um noch zu tun, was ich eigentlich vorgehabt hatte.
      “Ich wollte jetzt eigentlich Nathy und Masko in die Führanlage bringen, damit die schon mal warmlaufen könne, während ich die Halle fürs Freispringen vorbereite”, beantwortete ich Niks Frage.
      “Na gut, dann werde ich allein mein Pferd betreuen gehen. Nicht, dass die beiden noch auf blöde Ideen kommen”, sagte er und blickte in den Stall. Dort unterhielten sich Vriska und Chris noch, während Humbria entspannt danebenstand.
      “Was genau habt ich eigentlich mit Humbi vor?” Ich war schon irgendwo ziemlich neugierig. Noch während ich auf die Antwort wartete, überlegte ich schon, ob ich die beiden Stute einfach an Jayden abtrat. Er schuldete mir ohnehin noch einen Gefallen, da ich neulich seinen Koppeldienst gemacht hatte.
      “Bei dem Sprungtraining auf dem Geländeplatz galoppierte sie nicht und machte es mir unmöglich überhaupt einen Sprung anzureiten. Wohingegen der Galopp gestern auf dem Platz ziemlich gut war. Außerdem töltete sie bei dem Springen, deswegen soll Vriska mal gucken. Heute muss ich Humbria entweder bezahlen oder zurückbringen, somit benötige ich die Meinung von jemandem. Alle anderen von Gangmenschen ritt zwar besser, aber keiner von ihnen war wirklich gut auf mich zu sprechen”, erklärte Niklas ruhig und geduldig.
      “Das wäre schade, wenn du sie zurückbringen müsstet. Sie so ein hübsches Pferd und irgendwie mag ich sie. Aber das klingt, als könnte es interessant werden … vielleicht sollte ich doch mitkommen”, überlegte ich laut.
      “Schon, aber ich kann kein Pferd gebrauchen, das dauerhaftes Training bedarf. Deswegen soll Vriska beurteilen, ob die Stute überhaupt das Potenzial dafür hat und wenn nicht … dann fängt die Suche wieder an.” Niklas senkte den Kopf und winkte die drei aus dem Stall zu uns. Chris nickte.
      “Dann hoffe ich mal, dass sie Talent hat.”

      Vriska
      Mit Abstand zu seinem Herrchen wurde Humbria ruhiger und entspannte sich. Chris half mir die Stute zu Satteln und die Trense anzulegen. Immer wieder drehte sich um und schaute genau was wir machten. Als Chris den Sattel holte und ihn langsam auf ihren Rücken packen wollte, legte Humbria die Ohren an und schnappte nach ihm. Unsicher schaute ich zu Niklas und Lina, die sich noch immer unterhielten.
      “Vriska, wir schaffen das schon. Jeder von uns hatte schon mal Kontakt zu verschiedenen Pferden, da werden wir diese Nuss auch Knacken”, lenkte Chris meine Aufmerksamkeit wieder auf die Stute.
      “Du hast recht, ich möchte nur nichts falsch machen”, erklärte ich.
      “Dafür ist es wohl redlich spät, aber wir sorgen dafür, dass es nicht schlimmer wird”, munterte er mich auf und legte erneut den Sattel auf ihren Rücken. Langsam strich ich ihr über den Hals. Sie konzentrierte sich auf mich und knusperte an meinem lockeren Shirt herum. Die Trense reichte ich Chris, denn Humbria lief stets mit erhobenem Kopf und machte es mir unmöglich das Genickstück richtig zu positionieren.
      “Ich wusste gar nicht, dass Nik Gebisslos reitet”, sagte ich zu Chris, der das Ceto ihr umlegte.
      “Die Zähne müssen wohl noch gemacht werden, hatte ich mitbekommen.” Ich drehte mich von ihr weg, um meinem Helm zu holen und die Chaps über meine Stiefeletten zu ziehen. Doch Humbria gefiel es gar nicht, dass ich aus ihrem Blickfeld verschwand. Mit dem Ziel vor den Augen lief sie mit zur Sattelkammer und Chris konnte sie nicht daran hindern. Neugierig blickten Humbi mich an und senkte ihren Kopf. Ihre Augen funkelten und ich lachte. Aus meiner Hosentasche holte ich ein Leckerli, dass sie sogleich verschlang.
      “Damit verziehst du das Pferd aber wirklich”, tadelte Chris, der nun auch zur Tür reinschaute.
      “Nein, das nennt sich Bestechung und lieber soll sie sich alles anschauen, als panisch durch die Gegend zu tanzen”, lachte ich schloss meinen Helm. Zusammen warteten wir, bis Niklas uns zu sich winkte.
      “Interessant wie ruhig sie bei euch ist. Uns wurde gesagt, dass sie fremde, nicht so mag”, erklärte er dann, als wir ankamen. Mir verkniff ich etwas zu sagen, doch Chris hatte die passende Antwort parat: “Ach, mit genug Geduld funktioniert das. Wer weiß, was das für Fremde waren, die sonst mit ihr Kontakt hatten.” Niklas nickte und zu viert liefen wir zum Platz. Die Sonne, die am wolkenlosen Himmel stand, brannte auf meiner Haut. Nach dem Duschen hätte ich mich eincremen sollen mit dem Sonnenschutz, dachte ich.
      Chris half mir auf die große Stute, nach dem ich die Steigbügel auf meine Länge eingestellt hatte, das letzte Loch und überschlagen zeigte mir, wie kurz meine Beine für einen normalen Sattel waren. Zu Hause hatte ich eigene Monoriemen, die ich an jedem Sattel verwendete.
      “Und was genau wird das jetzt hier?”, fragte ich Niklas, der mit Lina im Grünstreifen saß. Humbi lief sehr schwungvoll unter mir.
      “Du bist heute dafür zuständig zu beurteilen, ob dieses Pferd eine Zukunft bei mir hat und wenn ja welche. Humbria soll grundsätzlich alle drei Disziplinen laufen, dafür ist wichtig, dass der Tölt nicht die Gänge dominiert”, erklärte er sachlich, beinah abweisend. Ich nickte und konzentrierte mich wieder auf die Stute. Was Chris Aufgabe dabei war, konnte ich mir nicht erklären. Als sie lockerer wurde, gurtete ich noch mal nach und trabte am langen Zügel auf dem Zirkel. Humbria suchte immer wieder den Kontakt und schlug dabei hektisch mit dem Kopf. Ihre Schwebephase verkürzte sich dabei stark und Taktfehler schlichen sich ein, ich spürte das ihr Vorderhuf vor dem dazugehörigen Hinterhuf abfußte. Im Rücken machte sie sich steif und ihre Oberlippe spitzte sich nach oben. Ruhig strich ich den Hals und sprach auf sie ein. Mein Sitz verlagerte ich leicht nach vorn, um sie zu entlassen. Erst nach einigen Handwechseln und Schrittpausen vernahm ich eine Besserung ihres Taktes. Ständig lobte ich ihre richtigen Schritte und strafte nicht. Erst jetzt adhibierte ich die Zügel. Direkt verkrampfte Humbi sich wieder, drückte den Rücken weg und hob den Kopf. Auch im Schritt wurde es nicht besser.
      “Also so viel kann ich dir sagen, an Vriska liegt es nicht”, kommentierte Chris das Verhalten der Stute.
      “Ja, sie sitzt heute wirklich gut”, lobte auch Niklas mich, überraschenderweise. Es motivierte mich, sein Pferd zu reiten, obwohl der Boden ziemlich weit von mir entfernt lag. Der Gedanke manifestierte sich in meinem Kopf und meine Beine wurden unruhiger, was sich auch auf Humbria auswirkte. Ihre Schritte verkürzten sich und noch weiter erhob sich ihr Haupt.
      “Kaum sagt man was Nettes, sitzt du wieder wie der erste Mensch auf dem Pferd.” Niklas Worte trafen mich nun noch tiefer und Humbria schlug heftig mit dem Kopf. Meine Hände verkrampften sich dabei und sie töltete an. Bewusst wurde mir das erst nach einigen Metern, doch im Tölt hatte sie sehr viel Takt, ihr Rücken wurde lockerer und sie schnaubte sogar ab. Mit meiner Stimme lobte ich und verschleierte, dass das unbewusst geschah. Ich spürte, dass alle Blicke sich auf uns richteten, doch es war ein schönes Gefühl. So viel Druck, wie ich aufbauen konnte, legte ich den Schwerpunkt tiefer in den Sattel und versammelte ihren Tölt bis zum Schritttempo. Die Zügel hielt ich locker in meinen Händen und blieb flexibel. Ihre Vorderhand strampelte kräftig und immer mehr Pferd baute sich vor mir auf. Nach der kurzen Seite nahm ich den Druck wieder weg, um das Tempo zu verstärken. Außergewöhnlich gut setzte Humbria die Tempounterschiede um und das panische verspannte Pferd entwickelte mehr Takt als Glymur.
      “Ich schätze, du solltest die Disziplin ändern. So viel Tölt habe ich noch nie bei einem Pferd ihrer Größe erlebt. Von Natur aus bietet sie extrem viel Takt und Losgelassenheit an, ohne dabei vor etwas wegzurennen”, erklärte ich Niklas, während Humbria am langen Zügel den Kopf zu Boden streckte und entspannt Schritt lief.
      “Also würde mein Plan mit ihr nicht funktionieren?”, hinterfragte er.
      “Das würde ich so nicht sagen. Deine Stute ist sehr unsicher und findet im Tölt eine Möglichkeit die Balance zu finden, die Versammlung und sogar Verstärkung beherrscht sie. Doch der Galopp wird dementsprechend deutlich mehr gelaufen sein und benötigt intensives Training, aber unmöglich ist es nicht”, versicherte ich und strich ihr über den Hals. Direkt hob sie ihren Kopf wieder und die Schritte verkürzten sich.
      “Zu Deutsch: Wenn ich gute Noten bekommen will, sollte ich ein anderes Pferd holen oder Humbria in einen intensiven Beritt stecken, wenn ich selbst keine Zeit habe?”, fragte er erneut. Entweder wollte Niklas die Tatsachen nicht wahrhaben, oder er war heute schwer von Begriff. Ich nickte nur.
      “Gut, danke. Dann kannst du Abreiten.” Er klang genervt und enttäuscht. Auch sein Verschwinden vom Platz unterstützte meine Annahme. Lina folgte ihm.
      “Der hat das ja schnell verkraftet”, murmelte ich. Jedoch so laut, dass Chris es auch hörte. Er lief neben uns her und sagte: “Schwer zu sagen, aber es gab auch keine Notwendigkeit mehr zu bleiben.”
      “Warum lauschst du meine lauten Gedanken”, giftete ich ihn an.
      “Wer so laut denkt, sollte damit rechnen, dass jemand etwas dazu sagt. Außerdem bist du auch nicht besser”, gab er ehrlich zu. Natürlich hatte Chris recht, doch es war von Anfang an klar, dass wir einander nicht Rechenschaft für irgendwas schuldig waren. Stolz auf Humbria reiten zu dürfen, fühlte ich mich wirklich wohl auf ihrem Rücken. Gerade, weil es das erste und letzte Mal für mich war, schätzte ich den Moment und genoss die letzten Runden auf ihr.
      Im Stall nahmen wir das Zubehör von ihr runter und Chris brachte sie zurück auf die Weide. Ich machte den Heusack für sie fertig und lief ebenfalls dorthin. Direkt stürzte sie sich auf diesen und wir beide begaben uns zum Frühstück, dass gleich fertig sein sollte.

      Lina
      Vriskas Urteil schien mir ziemlich eindeutig. Humbi war für den Gangsport, wohl deutlich besser geeignet als für alles andere. So zügig wie sich Niklas entferne, schien ihm das auch klar zu sein.
      “Und was machst du jetzt mit ihr?”, fragte ich vorsichtig, als ich ihn eingeholt hatte.
      “Zwei Behinderte kann ich eigentlich nicht gebrauchen, aber sie zurück zu so einem Stall geben, kann ich auch nicht”, antwortete Niklas nachdenklich.
      “Verstehe ich, dass du sie nicht dahin zurückbringen möchtest”, stimmte ich ihm zu.
      “Was würdest du machen?”, fragte er mich und bremste abrupt ab.
      “Ich würde sie mitnehmen und falls sie wirklich gänzlich ungeeignet ist, dafür sorgen, dass sie irgendwo hinkommt, wo ihr Potenzial genutzt werden kann”, beantwortet ich seine Frage ehrlich.
      “Danke für deine Meinung, dann werde ich mal die Zahlung klären, sehen wir uns beim Frühstück?” Ich bejahte seine Frage, woraufhin er sich entfernte. Ich für meinen Teil schlug dann den Weg zum Frühstück ein. Unterweges begegnete mit Samu, der offenbar gerade das Heu verteilt hatte, denn ein paar Halme hingen noch an seinem Shirt.
      “Hast du die Pferde gefüttert oder im Heu gebadet?”, fragte ich ihn als mir auffiel, dass er das Heu sogar in den Haaren hing.
      “Pepper war der Meinung so ein bisschen Heu würde mein Outfit verbessern”, sagte er lachend und strich sich die Halme von Shirt.
      “Ahh, er wollte dir also Extension verpassen. Ach! Und danke für den Koppelservice heute”, bedankte ich mich fröhlich.
      “Für dich doch immer gerne. Offenbar hast du die Zeit ja wenigstens sinnvoll genutzt, um deine gute Laune wiederzufinden”, sagte er schon fast loben zu mir.
      “Danke für die Anerkennung, aber da musst du die Laune loben, die ist mir gewissermaßen zugelaufen”, erläuterte ich. Vriska und Chris saßen schon an einem der Tische und auch ein paar der anderen hatten sich bereits eingefunden.
      “Wie kann einem denn die gute Laune zulaufen?”, hinterfragte Samu meine Antwort.
      “Wenn du gesehen hättest, wie charmant das Pferd von Chris ist, wüsstest du wie das geht!”, versicherte ich ihm. “Und schau, da kommt auch gute Laune auf vier Pfoten.” Von irgendwoher war Bubbels wieder aufgetaucht und unterzog jedem der Anwesenden einer Futterkontrolle.
      “Das Pferd ist Charmant … Soll ich mir Sorgen machen, woher du weißt, warum das Pferd charmant ist? Hat es mit dir gesprochen?”, scherzte Samu, doch ich merkte, dass eine gewisse Ernsthaftigkeit in seiner Stimme mitschwang.
      “Nein, brauchst du nicht, ich höre noch keine Stimmen oder so! Hammy kann lediglich ein paar großartige Tricks und wenn du mir nicht glaubst, kannst du dir ja selbst von Chris zeigen lassen, was Hammy kann”, verteidigte ich mich. Auf einmal kam Jace gut gelaunt aus dem Büro und wedelte mit etwas in der Luft herum.
      “Lina! Ich habe hier etwas was dich sehr freuen wird!”, verkündete, als er vor mir und Samu stand und drückte mir einen Briefumschlag in die Hand.
      “Was genau ist das, Jace”, fragte ich, bevor ich in den Umschlag schaute, denn nach der Aktion gestern fragte ich lieber vorher. Nicht dass mir noch mitten auf dem Hof ein weitere Liebesbekundung entgegenflog. Zugegebene maßen unter anderen Umständen, wäre das süß, aber in der aktuellen Lage … eher schwierig.
      “Das ist Post vom Schweizer Zuchtverband, steht doch drauf. Ich denke mal da sind Divines Abstammungspapiere drin”, erklärte Jace enthusiastisch. Beruhigt, dass ich ungefähr wusste, was darin war, öffnete ich den Umschlag und zog den Inhalt heraus. Jace Vermutung bestätigte sich, neben dem Abstammungsnachweis, befanden sich auch noch seine Feldtestergebnisse darin. Die Noten hatte ich bisher nur teilweise rausfinden können. Umso mehr freute ich nun die genaue Aufschlüsselung zu haben.
      “Ivy muss auch damals schon ziemlich brav gewesen sein, er hat Bestnoten im Verhalten”, stellte ich fest, als ich den Zettel überflog.
      “Hätte mich jetzt auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre”, kommentierte Samu da ganze grinsend. “Immerhin ist Ivy ein wahres Lämmchen, vermutlich war er sogar schon als Fohlen so ruhig und ausgeglichen.”
      “Sag das lieber nicht, manchmal bin ich mir nicht mal sicher, ob er weiß, dass er ein Pferd ist”, scherzte ich. Vermutlich könnte man Ivy genauso gut in eine Kuhherde stellen, solang man ihn oft genug streicheln kommt, wäre er sicherlich genauso glücklich wie mit pferdigen Freunden.
      “Wenn du jetzt seine Papiere hast, kannst du Divine ja endlich zu Körung anmelden”, sagte Jace triumphierend. Einen kurzen Moment freute ich mich darüber, bis mir klar wurde, dass ich das nicht könnte. Denn in drei Tagen würde ein ziemlich großer Ozean zwischen meinem Pferd und mir liegen.
      “Nein, kann ich nicht. Ich werde nämlich in 3 Tagen nicht mehr hier sein”, erläuterte ich die Umstände, warum ich ihn nicht direkt anmelden würde. Sosehr ich mich auch über diese gute Nachricht freute, Ivys Körung würde noch eine Weile warten müssen, denn einen ungünstigeren Zeitpunkt konnte es nicht geben.
      “Aber ich könnte doch auch mit ihm auf die Körung gehen”, warf Jace ein.
      “Ich bin mir sicher, sie möchte den hübschen lieber selbst Vorstellen”, sprach Samu sogleich meine Gedanken aus.
      “Genauso ist es. Ich würde Divine gern selbst vorstellen. Mit einem eigenen Pferd ist das noch mal etwas anderes und mit Ivy sowieso”, bremste ich Jace aus.
      “Na gut, das sehe ich ein. Wäre es mein Pferd würde ich vermutlich auch lieber selbst gehen”, gab Jace klein bei. Währenddessen sah ich mir Divines Abstammungspapiere an.
      Durch meine Recherchen über Divines Vergangenheit wusste ich mittlerweile eine ganze Menge über Freiberger. Welche Hengste in der Freibergerszene wichtig waren, was der Unterschied zwischen Urfreiberger, Basisfreiberger und Freiberger war, was die Rasse ausmachte und noch vieles mehr.
      Na ja, der wichtigste Fakt in Bezug auf meinen Hengst ist allerdings, dass seine Farbe häufig gar nicht richtig erkannt wird. Die dominant Weißen Freiberger, die zur Zucht benutzt werden, sind häufig als Schimmel eingetragen, denn es gibt in der Schweiz tatsächlich nur einen einzigen Verband der diese Sonderfarbe als solche anerkennt und auch diese Pferde zur Zucht zulässt. Genauso gibt es nur ein paar wenige Züchter, die diese besondere Farbe gezielt Züchten.
      “Oh Eiger ist sein Opa”, murmelte ich vor mich hin. “Judää … Jura … Wow, damit vereint Ivy einfach wichtige Hengstlinien”, plapperte ich begeistert weiter. Den beiden Jungs war anzusehen, dass sie von all dem nichts verstanden. Wie sollten sie denn auch, immerhin hatte keiner der beiden sich damals nützlich gemacht um mir bei der Recherche nach Ivys Herkunft unterstützt!
      “Ok, ich mach es mal kurz für euch, weil ihr das ohnehin nicht versteht. Divine ist so was wie wahres Gold, weil er nicht nur gute Hengstlinien vereint, sondern weil er dabei auch noch 0 % Fremdblut hat. Er ist somit, ein waschechter Urfreiberger von denen gibt es nicht mehr allzu viele”, erklärte ich so kurz wie möglich.
      “Du weißt aber schon, dass man auf Papieren nicht reiten kann?”, kommentierte Jace das Ganze.
      “Sagt der mit dem Vakanyfohlen im Stall”, erwiderte ich und verdreht die Augen.
      “Ey, der Kleine hat schöne lange Beine und er bewegt sich auf der Weide schon ganz wunderbar”, verteidigte er sich sogleich.
      “Ist doch gut Jace, wir wissen doch das dein Fohlen ganz großartig ist. Auch, wenn wir es nur außergewöhnlich selten zu Gesicht bekommen. Warum versteckst du den kleinen eigentlich bei Alec?”, trug Samu mit deutlich ironischem Unterton zu Unterhaltung bei.
      “Ich verstecke Solist nicht”, protestierte Jace. “Er steht bei Alec, damit der kleine Tinker nicht ohne andere Fohlen aufwachsen muss.”
      “Ja ja, das werden wir ja sehen, ob du ihn nächstes Jahr dann zurückholst, wenn es an seine Grundausbildung geht”, sagte Samu und lachte. Jace hatte schon recht, dass der kleine Solist ziemlich viel Potenzial hatte, aber manchmal übertrieb er ziemlich. Immerhin war der Falbhengst gerade einmal ein knappes Jahr alt und er tat immerzu als habe er schon Olympia mit dem kleinen gewonnen.
      “Ich hoffe eher für dich, dass dein Pferd Teamfähiger ist als sein Name vermuten lässt” triezte ich Jace nun auch.
      “Ohhhh, das ist doch nur ein Name. Und zwar ein deutlich schönerer als Twinkle Star oder so was.”
      “Weißt du überhaupt was der Name deines Pferdes bedeutet?”, fragte ich. Immerhin wusste ich das Jace kein Deutsch verstand und ich konnte es mir auch nur schwer vorstellen, dass er sich die Mühe gemacht hatte, das zu Googlen.
      “Äh, es hat eine Bedeutung?”, antworte Jace und Samu wie auch im mussten schmunzeln. Hatte ich es mir doch gedacht.
      “Ohhhh, jetzt verstehe ich auch, worauf du eben hinauswolltest.” Diese Erkenntnis hatte ziemlich lange gebraucht, schließlich war das englische Wort den deutschen nicht gerade unähnlich.
      “War das jetzt zu viel für deine grauen Zellen oder ist das zu komplex für vor dem Frühstück”, scherzte Samu und bot damit den idealen Punkt, um zum Essen überzugehen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit, Zion | 99.774 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XIII | 1. Juni 2021
      Northumbria // Satz des Pythagoras // Glymur // St.Pauli‘s Amnesia
      El Pancho // WHC’ Solist // Don Carlo // Briair // Legolas// Ases Maswamozi// WHC’ Ahvani// Lilli vom Hirschberg// Ermgravin// Liliada// Avicii// Balisto// Ardehel// BS’Little Snowwhite// Torashko// Chocolate Churro// Aldaire// Löwenherz // Finest Selection // Nathalie


      Niklas
      “Wie oft willst du uns heute noch stören?”, stöhnte Ju und stütze sich aus dem Bett nach oben. Linh lag unter ihm, bekleidet.
      “Macht doch was ihr wollt, ich wechsle nur meine Schuhe, denn Frühstück wartet.” Ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen, griff ich nach meinen dreckigen Turnschuhen und stellte die Reitstiefel beiseite.
      “Ist es schon so spät?”, fragte er dann in den Raum. Ich nickte und ging aus dem Zimmer. Eine erneute Auseinandersetzung wie am früheren Morgen wollte ich verhindern. Viele Gedanken und Eindrücke rauschten durch meinen Kopf, verwirrten mich. Auf halbem Weg drehte ich eruptiv um und rannte beinah hektisch zurück. Wieder hingen sie übereinander aber schenkten mir keine Aufmerksamkeit. Im Badezimmer stand meine kleine Dose und ich griff nach hier. Direkt sammelte sich Speichel in meinem Mund, den ich nutzte, um die zwei kleinen Pillen zu schlucken. Die Wirkung würde erst in einer halben Stunde einsetzen, doch die reine Tatsache beruhigten meinen Geist. Dass Smoothie unter keinen Umständen abgegeben werden wird, stand fest, bloß bei Humbria war ich mir unsicher. In der kurzen Zeit baute ich eine Bindung zu ihr auf. Sie ließ nur wenige an sich heran und gab mir die Möglichkeit neue Dinge zu versuchen, zu entdecken. Es half mir zur Ruhe zu kommen. Am Geld scheiterte es nicht, doch meine Zeit war begrenzt. Insbesondere, wenn ich nun häufiger bei Einsätzen in Stockholm eingesetzt werden sollte. Dann fehlte sogar die Zeit, um Smoothie zu besuchen.
      Die Tische zum Frühstücken waren voll besetzt. Lina saß lachend bei ihrer Truppe, Chris hatte Vriska noch im Schlepptau. Einige Reihen weiter war mein Bruder mit seinen Chaoten und noch weiter der Rest des Vereines. Es fühlte sich plötzlich so an, als wäre ich das lästige Beiwerk des Vereins.
      „Är det ingen som vill ha dig med dig längre? “, lachte Ju mit Linh im Arm, die es nicht so lustig fand. Schmerzerfüllt zuckte er zusammen, denn ihre Faust berührte alles andere als sanft seinen Oberarm. Unverständlich zischte er ihr etwas zu und setzten sich mit an den Tisch, an dem bereits Milena und Max saßen. Bevor ich entschied, mich doch zu Chris zugesellen, atmete ich tief durch und lief los. Als ich mich setzte, rutschte meine Brille von der Schiene. Sie blickten zu mir, jedoch sagte keiner etwas. Ich schob sie wieder hoch und suchte nach Herrn Holm, der uns alle um 10 Uhr geordert hatte.
      “Und? Was ist mit der Stute?”, erkundigte sich nun auch Chris.
      “Sie kommt mit nach Schweden, aber im Team werde ich nicht mit ihr reiten”, antwortete ich nach einer Bedenkzeit.
      “Also verlässt du uns?” In seiner Stimme schwangen Enttäuschung und eine Traurigkeit mit, die ich nicht richtig deuten konnte. Ich lachte.
      “Nein natürlich nicht, sonst würdet ihr nur noch National reiten können. Das will doch keiner”, scherzte ich.
      “Na dein Glück. Aber mit welchem Pferd? Du kennst die Regeln”, erinnerte mich Chris.
      “Mal sehen, was ich Zuhause dann finde. Irgendein Pferd wird mir schon zu laufen. Ansonsten kenne ich genug Leute, die mir für das gewisse Kleingeld eins finden.” Vriska meldete sich dann zu Wort, doch ich benötigte einen Moment, bevor ich mich auf ihre Worte einlassen konnte. In mir kochte wieder die Wut hoch, aber ich riss mich zusammen.
      “Wir haben eine Stute in der Ausbildung, Form. Sehr geschickt und talentiert unter dem Sattel. Wenig Tölt, kein Pass aber viel Galopp. Sie wird derzeit vom Chef geritten, der genauso wenig Interesse an mehr als drei Gängen hat”, erklärte sie und nahm ihr Handy zur Hand.
      “Und was soll an der besser sein als Humbi?”, fragte ich abfällig und stütze meinen Kopf auf meinen Arm ab.
      “Mir ist es egal. Ich versuche dir nur bei der Pferdesuche zu helfen”, antwortete sie und schob das Handy zu mir. Vor mir erstrahlte eine pechschwarze Stute mit einem kleinen Stern auf der Stirn und einer rosafarbenen Unterlippe. Ihre blauen Augen schauten direkt in meine Seele, doch vom äußeren ließ ich mich bereits bei Humbi blenden. Das durfte kein zweites Mal passieren. Ich scrollte weiter und lass den Trainingsplan der Stute. Der Chef arbeitete beinah täglich mit ihr, neben entspannten Ausritten in allen Gangarten stand sie öfter im Aquatrainer und lief schon L-Lektionen auf dem Platz. Ihre Trackingwerte vermittelter ebenfalls einen guten Ausbildungsstatus. Die Mutter hatte sich einen Namen im Rennsport gemacht und auch ihr Vater schien erfolgreich zu laufen. Sogar in der Dressur hatte er sich lokal einen Namen gemacht. Erstaunt schaute ich mir die Noten an und auch, die aus dem Westernsport. Vintage war ein ziemlicher Alleskönner, was für Form follows Function nur Gutes vermelden ließ.
      „Na gut, sie scheint wirklich gar nicht so schlecht zu sein. Ich werde dann einen Termin mit deinem Chef ausmachen“, sagte ich schließlich zu ihr und gab das Handy zurück.
      „Schon in Ordnung, ich kläre das mit ihm“, bot Vriska an. Zustimmend nickte ich. Auch Chris wollte die Rappstute nun genauer betrachten und klickte interessiert auf dem Bildschirm herum, bis es vibrierte. Schnell griff sie wieder nach ihrem Handy und das gleiche Lächeln wie im Stall breitete sich in ihrem Gesicht aus. Genervt verdrehte ich die Augen und schweifte meinen Blick zu Lina, die amüsiert mit Jace sprach. Einige Wortfetzen griff ich auf, natürlich war das Hauptthema Pferde. Anfangs sprachen sie über Divine, was mich neugierig machte. Doch schnell sprangen sie um zu einem anderen Pferd, was offenbar ein Nachwuchshengst von Jace war.
      „Und Vriska, weißt du schon, wie es weitergeht? So ganz ohne uns?“, fragte Chris und lenkte wieder die Aufmerksamkeit auf ein unnötiges Gespräch.
      „Vor euch hatte ich schon ein Leben, ein sogar wunderbares. Den ganzen Tag auf dem Pferdehof arbeiten und früh schlafen. Was man nun mal, so macht“, scherzte sie und sah immer wieder zu mir. Wieder biss sie auf ihrem Lippenpiercing herum, was ein unangenehmes Geräusch mit sich brachte.
      „Ach, wenn das so ist. Ich freue mich auf monatliche Einladungen zum BBQ“, strahlte er.
      „Ich weiß gar nicht, ob ich euch so oft ertragen kann“, lachte sie.
      „Und ich schätze das da ohnehin keiner kommen würde“, mischte ich mich beim Gespräch ein.
      „Sei doch nicht immer so ein Spaßverderber“, echauffierte sich Chris. Unrecht hatte er nicht, aber einen Kommentar dazu ersparte ich mir. Endlich sah ich Herrn Holm kommen. Die Nacht ging wohl bei ihm noch länger. Unter seinen Augen zeichneten sich große Augenringe ab und sein Gang war geknickt.
      „Guten Morgen alle miteinander. Ich entschuldige meine Verspätung und deswegen ist der Plan für heute ein anderer. Wer bedarf für ein Training hat, kann ab 11 Uhr mit uns am Platz und der großen Halle rechnen. Ansonsten übt so viel wie ihr könnt. Am Abend soll jeder seine Dressurkür einmal Ablaufen auf dem Platz und wer möchte, kann noch an einem Geländespringtraining teilnehmen, das wir ab 20 Uhr machen wollen. Stärkt euch, ihr habt noch viel zu tun!“, sprach Herr Holm und setzt sich zu der Chefin und ihrem Mann an den Tisch zum Essen. Schon nach einigen Minuten amüsierten sie sich prächtig und ich war immer noch wütend auf Vriska. In ihrem Gesicht zuckte nicht einmal, wenn ich zu ihr schaute. Sie schien mich Größenteils zu ignorieren, als hätte sich das mit uns in Luft aufgelöst.

      Lina
      “Was tust du da?”, fragte ich neugierig und schielte auf Jace Handy, auf dem er gerade herumtippte. Ich konnte lediglich sehen, dass er mit Alec schrieb.
      “Euch beweisen, dass ich mein Pferd nicht vor euch verstecke”, antwortete er und tippte weiter.
      “Welches Pferd versteckst du vor uns?”, fragte nun Jayden der offensichtlich nur ein Teil des Gespräches mitbekommen hatte.
      “Gar keins. Ich werde Solist nämlich gleich herholen!”, antworte Jace überschwänglich.
      “Das glaube ich erst, wenn ich es sehe”, betonte ich noch einmal, es war typisch für Jace eine große Klappe zu haben. Doch, ob er das auch durchziehen würde, war meistens recht ungewiss.
      “Na, dann wirst du heute noch ins Staunen kommen, ich muss nämlich jetzt los, mein Pferd wartet”, erwiderte er und stand auf, um sein Geschirr wegzubringen.
      “Macht er nicht wirklich?”, murmelte Jayden staunend.
      “Natürlich macht er das. Du kennst doch Jace, bietet sich eine Möglichkeit, dass er sich beweisen kann, macht er das auch”, sagte Samu lachend zu ihm, der das Gespräch bisher stumm verfolgt hatte, um sich sein Frühstück hineinzuschaufeln. Wie recht Samu da nur hat, selbst wo es nichts zu beweisen gibt, versucht Jace etwas zu beweisen … genug davon, kein Jace heute!
      “Jayden, du möchtest sicherlich Masko mit zum Freispringen nehmen?”
      “Ich vermute mal, Nein ist keine Möglichkeit?”, schlussfolgerte Jayden auch so gleich.
      “Richtig, gut erkannt!”
      “Ok, dann nehme ich das Monster wohl mit”, antworte er und mampfte weiter.
      “Sie ist kein Monster, zumindest nicht, wenn sie ausreichend beschäftigt wird”, stellte ich die Faktenlage richtig. Samu grinste nur vor sich hin. Er selbst hatte die Stute ein halbes Jahr lang trainiert und kannte somit ihre Eigenarten. Die roten Streifen, die Masko vor zwei Tagen mit der Longe verursacht hatte, zeichneten sich immer noch auf meinen Handflächen ab. Allerdings war die Stute daran nicht wirklich schuld. Die Fuchsstute nicht ausreichend auszulasten ist einfach doof und ohne Handschuhe longieren, noch viel doofer, gerade bei einem Pferd wie Masko.
      “Dann nehme ich eben das nicht Monsterpferd mit, auch gut”, antwortete Jayden und leerte seine Tasse. „Na dann gehe ich wohl mal an die Arbeit“, fügte er an und verschwand in dieselbe Richtung, in die Jace vorhin verschwunden war.
      “Was wird das denn? Hast du heute noch irgendetwas vor?”, fragte Samu zwischen zwei bissen.
      “Ja, nämlich die letzten Tage hier genießen oder es zumindest versuche ich es. Und das geht deutlich besser, wenn man keine 5 Pferde am Tag bespaßen muss”, erklärte ich munter. “Und wo wir schon bei Bespaßen sind, hast du eine Idee was ich heute mit Pancho machen kann?”
      “Was hast du denn die letzten Tage so mit ihm gemacht?”, fragte er und steckte sich das letzte Stück Brötchen in den Mund. Ich musste einen Moment nachdenken. Innerhalb der letzten zwei Wochen war so viel passiert, dass ich mir nicht wirklich sicher, ob ich Pancho überhaupt nennenswert trainiert hatte.
      “Jaaa … ich glaube, er ist ziemlich kurz gekommen in den letzten Tagen”, räumte ich ein.
      “Was heißt denn hier, ich glaube? Normalerweise kannst du doch jedes Detail deines Trainings aufzählen?”, stellte er fest.
      “Hänellä on sinut ilmeisesti pää kierretty sinulle”, fügte der Finne amüsiert hinzu. Damit hatte Samu nicht ganz unrecht. Normalerweise notierte ich mir nach jedem Training alle wichtigen Dinge. Was ich gemacht hatte, was gut gelaufen war, was nicht so gut funktioniert hatte. Doch bei dem, was hier alles los gewesen war, hatte ich nicht nur Divine vergessen, sonders offensichtlich auch noch andere Dinge.
      “Ach, auf einmal findest du das also lustig? Missä on herra. Tiedän paremmin, mikä on sinulle hyväksi?”, fragte ich ihn. Entweder war mein bester Freund kaputt oder er hatte endlich begriffen, dass ich selbst auf mich aufpassen konnte.
      “Hän on tyytyväinen, Että olet onnellinen”, antwortete er mit einem Lächeln auf den Lippen. Er schien einen Moment lang, nach den richtigen Worten zu suchen, bevor er weitersprach: “Jos Ruotsi sinulle onnellisuus tarkoitta Aion et sinä edelleen olla tiellä.” Trotzdem widerstreben in seiner Stimme, spürte ich, dass er es so meinte.
      “Kiitos, se merkitsee minulle paljon”, antwortete ich ihm und lächelte. Für ein paar Minuten aß jeder von uns stumm sein Frühstück.
      “Du wirst dir jemand Neues suchen müssen, der dich daran erinnert, dass du noch keine 80 bist, wenn ich nicht mehr da bin. Sonst wirst du noch zum Opa”, scherzte ich, um die Stille zu unterbrechen.
      “Jetzt werde mal nicht frech junges Fräulein. Ich weiß immerhin, wie man einen Koffer packt im Gegensatz zu dir!”, zog er mich auf und lachte.
      “Dank dir habe ich diese Weisheit nun auch erlangt. Aber zurück zur eigentlichen Frage: Was mache ich mit dem dicken Knabstrupper?”, versuchte ich auf mein eigentliches Anliegen zurückzukommen.
      “Weiß ich doch nicht, er ist dein Schützling nicht meiner. Vielleicht machst du das mit Pancho, was du nicht mit den anderen Pferden machst. Ich muss dann auch mal los. Im Gegensatz zu dir habe ich ein paar Pferde mehr zu versorgen als du”, beantwortete Samu die Frage wenig hilfreich und trank seinen Kaffee aus.
      “Vielen Dank für deinen Rat”, sagte ich sarkastisch und verdrehte die Augen.
      “Für dich doch immer gerne.” Grinsend stand er auf und sammelte sein Geschirr ein. “Viel Spaß beim Nachdenken, irgendwas wird dir sicher einfallen. Du bist doch sonst so kreativ”, sagte mein bester Freund und wand sich ab, um wie auch schon Jace und Jayden zuvor im Stall zu verschwinden. Nicht mal in Ruhe Frühstücken konnten die Jungs, als gäbe es einen Wettbewerb wer am schnellsten Arbeitet. Ein Blick auf meine Schüssel verriet mir, dass ich noch ca. eine halbe Müslischüssel lang Zeit haben würde, darüber nachzudenken wie ich den grauen Hengst heute bespaßen wollte. Während ich so darüber nachdachte, ließ ich meinen Blick über die anderen Tische schweifen, bis mein Blick an Niklas hängen blieb. Obwohl er bei Chris und Vriska saß, schien er an der Konversation nicht wirklich Teil zuhaben. Stattdessen ging sein Blick vielmehr in meine Richtung. Ein kleines Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich sollte ihm Gesellschaft leisten gehen und vielleicht hat er auch eine Idee, was ich mit Pancho machen kann. Also schnappte ich mir den Rest meines Frühstücks und begab mich zu dem anderen Tisch rüber.
      “Hey, ist hier noch ein Platz frei?”, fragte ich Niklas und deutete neben ihn auf die Bank.
      “Sieht so aus”, murmelte er leise und rückte ein beiseite, um mir Platz zu machen.
      “Alles ok so weit?”, fragte ich, während ich mich neben ihn setzte. Mir war nicht entgangen, das Vriska ihn gewissermaßen nicht beachtete.
      “Offenbar bin ich für alle nur noch Luft, außer dir”, stammelte Niklas.
      “Was redest du denn für einen Quatsch?”, protestierte Chris und richtete sich zu uns auf.
      “Also wenn ich das Richtig sehe, bist du maximal Luft für Vriska … und die ist, glaub ich gerade in einer anderen Welt”, merkte ich an, denn sie tippte schon wieder auf ihrem Handy herum.
      “Was ist mit mir?”, erhob sie ihren Kopf und schien wieder anwesend zu sein.
      “Nik ist der Meinung, dass er für uns nicht mehr existent ist”, wiederholte Chris.
      “Aha. Und wie kommst du bitte darauf?”, legte Vriska ihr Handy zur Seite.
      “Können wir bitte das Thema lassen, es nervt”, stand Niklas aus und blickte erwartungsvoll zu mir.
      “Ich habe ein viel besseres Thema, und zwar könnte ich mal ein wenig Inspiration gebrauchen in Bezug auf El Panchos Bespaßungsprogramm für heute. Du hast doch sicher eine großartige Idee”, wand ich mich Nik zu.
      “Da Smoothie ewig warm geritten werden muss, wollen wir Ausreiten? Dann kann ich danach mit ihr noch die Kür üben”, schlug er vor.
      “Ja, das klingt nach einer perfekten Idee. Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin …”, stimmte ich zu. “Dann lass uns doch gleich die beiden holen.” Er nickte und lief voraus. Ich stellte noch schnell mein Geschirr weg und machte mich dann auf den weg zur Koppel. Natürlich standen die Hengste heute auf der hintersten Koppel, damit der Weg auch möglichst lang war. Die meisten Hengste standen am Waldrand und grasten dort im Schatten. Nur drei von ihnen waren nicht allzu weit vom Tor weggekommen. Divine und El Pancho grasten gerade einmal 3 Meter vom Tor entfernt. Tiger, der auf seinen Schatten beim Grasen nicht verzichten wollte, stand bequem unter Divine. Immerhin muss ich so nicht auch noch über die ganze Koppel rennen.
      “Na ihr drei”, sprach ich die drei an, während ich das Tor öffnete. Natürlich haben Ivy und Panchy den Kopf und kamen freundlich auf mich zu getrottet. Freundlich streichelte ich den beiden über die Stirn, bevor ich den Strick in das Halfter des Knabstruppers einhakte. Divine trottete hinter uns her, als ich Pancho aus dem Tor führte. “Du bist erst später dran”, sprach ich zu dem Hengst und schloss das Tor vor ihm. Mit dem grauen Hengst am Strick machte ich mich auf den Weg zurück zu Stall, doch offenbar wollte El Pancho seinem Namen mal wieder alle Ehre machen und lief unglaublich langsam hinter mir her. Kurzentschlossen baute ich den Strick als Zügel an sein Halfter.
      “Wir machen das jetzt anders, sonst sind wir morgen nicht am Stall”, sagte ich zu dem Hengst und zog mich auf seinen Rücken, was auch nur ging, weil er nicht allzu riesig war. Geduldig warte Pancho, bis ich oben war. In einem fleißigen Schritt ritt ich das graue Pferd zum Stall.

      Niklas
      Lina verschwand mit der nötigen Ausrüstung, um das besagte Pferd zu holen. Ich vergaß bereits nach einigen Minuten, welches es sein sollte und lief, in das Stallgebäude. Smoothie stand ruhig in ihrer Box und steckte aufmerksam den Kopf nach draußen. Leise brummelte sie. „Jag går inte tillbaka. Kommer också att gå med skorna “, informierte ich meine Stute und legte ihr das Halfter um. Gemütlich folgte sie. Prüfend warf ich mein Blick nach hinten. Ihr rechtes Hinterbein hakte und die Kurve aus der Box heraus, nahm ich zu eng. Unsanft knallte sie mit ihrem Huf gegen die Tür. „Jag är ledsen“, entschuldigte ich mich. Vor dem Gebäude wäre mehr Platz, um sie zu putzen. So band ich sie an der Stange an und holte von drinnen ihre Putzbox. Einige Strohhalme dekorierten ihren Schweif, die ich als Erstes entfernte und zu Boden warf. Ihr Fell war mäßig dreckig, Grasflecken trug sie keine. Das erleichterte mir das heutige Putzen und ich war fertig, als Lina auf dem Rücken von dem grauen Hengst ankam.
      „Ach und ich dachte, dass ich vor dir fertig sei“, scherzte ich kniend an dem verletzten Bein meiner Stute. Ich massierte ihr Gelenk und legte die wärmend um es.
      “Ja sorry, der gnädige Herr möchte heute seinem Namen alle Ehre machen”, antwortete Lina und rutschte vom Rücken des Pferdes.
      „Wieso denn das?“ Verwundert folgte mein Blick ihrer Bewegung. Als sie am Boden aufkam, schreckte Smoothie mit dem Kopf nach oben und brummelte den Hengst an, der neugierig sich zu ihr streckte.
      “El Pancho heißt der Gelassene. Manchmal praktisch, aber meistens würde ihm ein wenig mehr Geschwindigkeit nicht schaden”, schilderte Lina und band den Hengst an.
      “Dann wird er heute einiges zu tun haben”, merkte ich an und wickelte die erste Bandage um ihr Schienbein. Die Unterlage ließ ich aufgrund der hohen Temperaturen im Putzkasten.
      “Gut so, der hatte die letzten Tage genug frei.” Lina machte ebenfalls den Hengst fertig und sprintete förmlich. Nur Vriska machte schneller ihr Pony fertig. In der Sattelkammer betrachtete ich mein Equipment und entschied doch die Kandare zu nehmen. Für das Training im Anschluss würde ich sie benötigen. Ein Spiegel hing an der Wand, erinnerte mich daran, dass ein Helm heute nicht funktionierte. Es gab nichts Schlimmeres als die Kombination aus Helm und Brille außerdem saßen meine Haare ungewöhnlich gut. Vorbereitung war alles, doch ich war es nicht. Die Kontaktlinsen hatten mir am morgen Schmerzen zugefügt, meine Schuhe wechselte ich bereits mehrfach und unentschlossen saß ich am Morgen beim Essen. Dafür vergaß ich die Medikamente nicht, immerhin. Smoothie spitzte die Ohren, als ich mit dem Zaum herauskam und nahm die Gebisse an. Die Zügel legte ich über ihren Hals und zog noch mal den Gurt nach. Auch Lina war beinah fertig mit ihrem Hengst.
      “Können wir dann?”, fragte ich und lief zur Aufstiegshilfe, die einige Meter neben dem Anbinder stand. Smoothie folgte mir und ich schickte sie näher heran, in dem ich mit meiner Hand zu mir deutete. Einige Schritte setzte sie vor, ehe ihre Hinterhand sich näher zu mir drehte. Nun konnte ich aufsteigen, ohne mich anstrengen zu müssen. Ich drehte im Stall zu Lina, die ihrem Hengst gerade die Trense über die Ohren zog.
      “Bin gleich so weit”, antworte sie und verschloss die Trense.
      „Ihr benötigt aber auch immer lange“, scherzte ich. Meine Stute trieb in die Richtung der beiden, die sich so gleich wieder anbrummten. Eigentlich sollte ihre Rosse vorüber sein, doch bei einigen Hengste konnte Smooth nicht wieder widerstehen, es zu versuchen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Offenbar waren wir uns beide noch ähnlicher, als ich es bisher für möglich kannte. Obwohl ich die Stute, solange mein Eigen nennen konnte, lernte ich sie täglich mehr kennen. Im selben Gedanken kamen mir wieder die Zweifel. Zweifel, ob ich wirklich bereit für ein weiteres Pferd sein könnte. Ob ich mich von ihr trennen könnte und wie es mit ihr weitergehen würde. Mir würde die Zeit fehlen ein Pferd für die Turniere vorzubereiten, zu arbeiten und dann noch weiterhin ihr gerecht zu werden.
      “Bist du da festgewachsen? Ich dachte, wir wollten los”, unterbrach Lina meine Gedanken, die inzwischen auf ihrem Pferd saß.
      “Im Kopf vielleicht, aber bewegen geht”, antwortete ich kurz und trieb Smoothie voran. Den Kandarenzügel legte ich auf den Sattel vor mir und die anderen hatte ich nur locker in einer Hand. Pancho hatte Mühe uns zu folgen, so bremste ich die Stute über meinen Sitz. Sie holten uns auf. Schweigend ritten wir nebeneinanderher. Lina hatte ein wenig Mühe den grauen Hengst in einem vernünftigen Tempo zu halten, denn das Gras schien deutlich interessanter zu sein als alles andere. Immer wieder versucht Pancho stehenzubleiben, um sich einen Snack zu schnappen. Es war ziemlich lustig mit anzusehen, denn Smoothie lief treu gerade auf, warf nicht einmal einen Blick zum Gras. Ich spürte, währenddessen das noch immer ihr rechtes Bein Taktfehler verursacht, wodurch sie das Tempo immer mal wieder erhöhte, was ich mit einer Erhöhung der Körperspannung herunterregulierte. Die Stute reagierte punktgenau.
      „Bist du immer so still beim Ausreiten? Sonst hast du doch immer was zu sagen“, unterbrach ich die Stille.
      “Ja und Nein. Hier draußen verliere ich mich gerne mal in meinen Gedanken”, antwortete Lina und blickte mich entschuldigend an.
      “Und worüber denkst du nach? Willst du doch lieber hierbleiben?” Smoothie wehrte mit ihrem Schweif die Fliegen ab und stolperte dabei mehrfach über die Wurzeln, die vom feinen Sand bedeckt waren. Unkonzentriert kippte ich nach Vorn, was Smoothie dazu bewegte eruptiv stehenzubleiben und mich nach hinten kippen ließ. Elegant sah anders aus. Auch Pancho bremste.
      “Nein, das ist es nicht. Ich freu mich auf Schweden, wirklich. Es ist nur … ich habe ein wenig Angst davor, die die für mich zu einer Familie geworden sind, zu verlieren … wahrscheinlich mach ich mir einfach wieder zu viele Gedanken.” Während sie sprach, zupfte sie an Panchos Mähne herum.
      “Ich weiß, wie es ist seine Familie zu verlieren, nicht schön. Aber ich denke, dass sie dich nicht direkt vergessen werden, und sie können dich doch besuchen kommen. Du ziehst nur nach Europa und nicht auf den Mars”, versuchte ich sie aufzumuntern.
      “Du hast einfach irgendwie recht”, murmelte sie, doch Panchos Mähne hatte noch keine Ruhe vor ihren Fingern.
      “Wenn du so weiter machst, dann hat das arme Pony gleich gar keine Mähne mehr”, versuchte ich den Hengst aus ihren Fängen zu befreien.
      “Oh, ja”, murmelte sie und strich die Stelle glatt, an der sie herumgezupft hatte. “Sorry Panchy, wenn du jetzt meinetwegen eine blöde Frisur hast, tut es mir leid”, sprach sie zu dem Hengst. Schon fast erleichtert darüber, dass das Gezuppel endlich ein Ende hatte, schüttelte sich El Pancho.
      Mittlerweile hatten wir uns wieder in Bewegung gesetzt und auch das Sprunggelenk meiner Stute bewegte sich flüssiger. So entschieden wir endlich zu traben. Ich nahm den rechten Kandarenzügel zwischen Zeige- und Mittelfinger, darunter den linken und den Trensenzügel hielt ich normal. Die Kandare nahm ich sehr locker und ließ die Zügel ohne Spannung hängen. In der rechten Hand hatte ich nur den rechten Trensenzügel. Smoothie trabte im mittleren Tempo vorwärts und schnaubte mehrfach ab. Lina mit Panchy hatte deutlich mehr Arbeit, um ihn überhaupt in den Trab versetzen zu können.
      “Kommt ihr klar?”, fragte ich und blickte nach hinten.
      “Ja, alles klar bei uns”, meldete sie zurück. Mit gespitzten Ohren trabte ihr Hengst hinterher und Smoothie verlangsamte ich über meinen Sitz etwas ab. Im Gegensatz zu meinen Kameraden lehrte mich mein Opa Teile der Reitkunst. So trieb ich sie nur, wenn eine Hilfe notwendig war. Ansonsten lagen meine Beine locker und ruhig im Sattel und parallel zum Bauch. Meine Stute konzentrierte sich darauf, auf Impulse meinerseits zu achten. Im Westernreiten verbreitete sich ebenfalls diese Art des Reitens. Während sie locker im Genick blieb und es der höchste Punkt in ihrer Oberlinie war, streckte sich der Kopf von Pancho nach oben. Bequem sah es nicht aus. Lina kämpfte damit den Hengst vorwärts zubekommen. Doch er ignorierte die treibende Hilfe und lief in seinem Tempo weiter. Wir bauten immer Abstand zu den beiden auf. Ich parierte meine Stute in den Schritt durch, legte die Kandarenzügel wieder ab und die der Unterlegtrense hingen locker durch. Mit gerötetem Kopf und vollkommen außer Atmen holte Lina auf. Panchy bremste abrupt ab. Seinen Kopf legte er in die Zügel und schüttelte diesen mehrmals von oben nach unten. Es brannte in mir ihr zu helfen und vor allem dem Pferd mehr Freiraum zu geben. Doch ich sagte nichts, denn erst zu kritisieren, dass sich bei Humbi einmischte am Vortag und dann einen Vortrag zu halten, wäre unklug. Deswegen richtete ich mich wieder auf Smoothie ein, die tiefenentspannt vorwärtsschritt. Freundlich strich ich über ihren Hals. Die Rappstute kam vor meinem inneren Auge wieder auf und es war naheliegend auf dem Lindö Dalen Stuteri.
      Sie gehörten zu den Einzigen im Småland und Östergötland, die Standardbreds als Reitpferd züchteten. Zudem stand Nobel ebenfalls bei ihnen, den Opa vor seinem Tod an sie abgab. Es wäre schön zu sehen, was aus ihm geworden ist. Von meiner nächtlichen Schlaflosigkeit wusste ich, dass er regelmäßig auf Passrennen Siege nach Hause brachte. Je später die Nacht, umso mehr Pferde recherchierte ich aus unserer Zucht. Es lag mir am Herzen, wo die Pferde nun waren. Nicht jedes konnte ich bisher finden, doch einige wie Nobel standen noch in der Region.
      “Sag mal, was machst du eigentlich so, wenn du nicht gerade auf einem Pferd sitzt, hast du noch irgendwelche anderen Hobbys?”, fragte Lina interessiert.
      „Wenn ich nicht arbeite oder koche, dann bin ich wohl im Urlaub. Oder eben im Club mit meinen Leuten“, dachte ich laut. Lina wählte eine ziemlich schwierige Frage, um die Stille zu unterbrechen.
      “Reisen, ein schönes Hobby. Ich würde so gerne mehr von der Welt entdecken. Früher war mein größter Traum immer ein Känguru in freier Wildbahn zu sehen”, erzählte sie versonnen.
      “Hast du sie denn mittlerweile schon mal gesehen?”, fragte ich neugierig.
      “Nein, leider nicht. Australien ist leider nicht gerade um die Ecke”, antwortete sie.
      „Na dann sollten wir, dass nächstes Jahr ändern. Bisher war ich nur in Sydney. Mehr kenne ich von Australien nicht.“ Als würde meine Stute dem Gespräch folge, hob sie den Kopf und schnaubte bestätigt ab. Freundlich lachte ich und strich über ihre kurze Mähne.
      “Wow, das wäre toll.” Ein begeistertes Leuchten trat in ihre Augen.
      “Dann haben wir einen Plan. Aber jetzt sag mir mal, was mit deiner Schwester ist. Wir reden nur über Pferde, Schmerz und die Zukunft. Was ist denn mit dem hier und jetzt?” Es bedrückte mich, sie einfach von hier mitzunehmen, denn sie war vermutlich nicht besser auf Vriska zu sprechen als ich. Dann würde Lina in wenigen Tagen gemeinsam mit ihr sein Tag und Nacht den Hof bewirtschaften. Unaussprechliches würde in ihrem Kopf los sein, soviel dachte ich mir.
      “Juliet ist fast der einzige Mensch, den ich mitten in der Nacht anrufen kann und der dann auch noch zuhört. Mir verdankt sie sicherlich bald eine Schlafstörung”, scherzte sie. “Aber ganz ehrlich, ich glaube ohne sie wäre ich schon lange durchgedreht. Egal wie bescheuert meine Ideen auch sein mögen, sie steht immer hinter mir. Sogar als ich damals, ich müsste so ungefähr 8 gewesen sein, mitten in der Nacht im Wald Einhörner suchen wollte, ist sie mitgekommen, anstatt mir zu erklären, dass es Einhörner gar nicht gibt. Ach, Juli ist einfach die beste große Schwester, die man sich wünschen kann und genau deshalb freue ich mich umso mehr, sie bald wieder zusehen, also so in echt, nicht nur auf dem Bildschirm”, erzählte Lina unbeschwert.
      “Jetzt hast du doch sogar ein Einhorn, also erkläre mir nicht, dass es die nicht gibt. Das Horn ist vermutlich durch die Evolution verschwunden, aber es gibt sie noch”, sagte ich Ernst zu ihr und war froh darüber, dass ihre Stimmung direkt besser wurde.
      “Ich könnte mir auch kein besseres Einhorn wünschen, auch wenn er kein Horn hat”, stimmte sie mir zu.
      “Das lässt sich sicher ändern. Also, das fehlende Horn mein ich”, scherzte ich weiter.
      “Möchtest du ihm etwa eins ankleben? Ich weiß einfach nicht, ob das eine vielversprechende Idee wäre, so tollpatschig wie Ivy ist … nicht, dass er noch irgendwen aufspießt”, gab sie zu bedenken, lächelte aber weiterhin.
      “Man kann doch einen rosa Plüschball auf die Spitze machen, oder so was. Lass uns aber erst mal den heutigen Tag überstehen. Das wird sicher noch stressig”, legte ich nach und am Wegesrand tauchten die ersten Zaunpfähle des Hofes auf.
      “Was du nicht sagst, aber irgendwie wird das schon werden”, sagte Lina optimistisch. Sie hatte recht, doch nach dem, was heute schon alles geschah, würde es nur schlimmer oder viel besser werden. Wir trabten die Pferde erneut an, aber die Kandare hing weiterhin locker herum. Panchy kam diesmal auch besser hinterher. Während Lina am Stall abstieg, ritt ich weiter zum Platz, auf dem Herr Holm noch Unterricht machte mit Ju und Amy.

      Lina
      Am Stall sattelte ich El Pancho ab. Als ich gerade wieder aus der Sattelkammer kam, ritt Samu mit seiner Schimmelstute in die Stallgasse.
      “Ah, wie ich sehe, hast du wohl eine Beschäftigung für Pancho gefunden”, sagte der Finne und ließ sich aus dem Sattel gleiten.
      “Ja, ich war mit Niklas ausreiten, hat sich so ergeben”, erläuterte ich. Briair streckte die Nase aus, um an Pancho zu schnuppern, doch der döste bereits.
      “Und war euer Ausritt schön?”, erkundigte Samu sich, während er die Trense seiner Stute öffnet.
      “Ja, schon. Wir haben eine nette Unterhaltung geführt”, antwortete ich und warf einen Blick auf mein Pferd, dessen Kopf mit jeder Minute tiefer sank.
      “Ich glaube ich bring den mal lieber zurück auf die Koppel, bevor er hier noch umfällt”, scherzte ich und sprach mein Pferd an, um es zu wecken. Langsam gingen Pancho Augen auf und seine Ohren nach vorn.
      “Na komm, du kannst auf der Koppel weiterschlafen”, sagte ich zu dem Hengst und zog sanft am Strick. Pancho bewegte sich kein Stück weit.
      “Sieht nicht so aus, als wäre Pancho überzeugt davon mitzukommen”, machte sich Samu über mich lustig.
      “Warte nur ab, den Überzeuge ich schon”, antworte ich und gab dem grauen Pferd einen Klaps mit dem Strick. Langsam verlagerte er sein Gewicht auf alle 4 Beine und machte tatsächlich einen Schritt. “Siehst du, sage ich doch.” Triumphierend verließ ich mit El Pancho den Stall und brachte ihn auf die Koppel. Nachdem ich den Knabstrupper auf die Wiese entlassen hatte, ging ich direkt weiter zu der Koppel, auf der Legolas stand. Diese Koppel war deutlich bewaldeter. Von den Pferden war von Weitem nicht zu sehen. Sicherlich würden sie irgendwo zwischen den Bäumen stehen oder sie standen hinter dem kleinen Dickicht am Bach, wo es etwas kühler war als auf der Freien Fläche.
      Schon als ich am Rand des Dickichts angekommen war, konnte ich das helle Fell von Don Carlo durch die Blätter schimmern sehen. Ein Zeichen, das vermutlich auch die anderen Hengste, nicht allzu weit sein konnten. Und tatsächlich auf der anderen Seite des Dickichts stand die kleine Herde. Einige der Pferde hoben den Kopf, als ich von Blättergeraschel begleitet zwischen den Bäumen heraustrat.
      Zwischen den ganzen hellen Pferden fiel der Rappe regelrecht auf. Mit gespitzten Ohren blickte mir Lego entgegen. Ich kraulte den Hengst kurz an seiner Lieblingsstelle, bevor ich ihm sein Halfter überstreife. Brav folgte mir der Rappe von der Koppel.
      Der Stall war bereits wieder leer, als ich ihn mit Legolas erreichte. Um dem Hengst zu ersparen, schon vor dem Training zu schwitzen, beschloss ich ihn drinnen zu putzen. Das Fell des Hengstes war nicht sonderlich dreckig, dafür hatte er Menge Kletten in Schweif und Mähne hängen.
      “Du möchtest heute wohl besonders viel Aufmerksamkeit, großer”, sagte ich zu dem Hengst und ging in die Sattelkammer, um Mähnenspray und Putzkasten zu holen.
      Während das Mähnenspray trocknete, putzte ich schon einmal das restliche Pferd. Anschließend machte ich mich an die Entfernung der Kletten. Nach fast einer halben Stunde war Legolas schließlich wieder Kletten frei. Schnell war der Rappe gesattelt. Bevor ich die Trense holte, räumte ich noch den Putzplatz wieder auf, denn gefühlt 100 Klettern auf dem Boden sahen nicht gerade aus. Da ich beim Putzen eine kleine Verletzung im Maulwinkels des Pferdes entdeckt hatte, hatte ich Divine Glücksradzaum aus dem Spind gekramt. Was auf den Dickschädel des Freibergers passte, sollte auch einem Pferd wie Legolas passen. Meine Vermutung bestätigte sich, leidlich den Backenreimen musste ich ein wenig länger schnallen. “Perfekt”, zufrieden strich ich Legolas über die breite Blesse. Die Glitzersteine auf dem Stirnriemen begannen im Licht zu funkeln, als Legolas seinen Kopf runternahm, um das Leckerli entgegenzunehmen, welches ich ihm hinhielt. Vorsichtig nahm er es von meiner Hand und begann darauf rumzukauen. “So, jetzt müssen wir aber wirklich anfangen zu arbeiten Großer”, sagte ich zu dem Hengst und führte ihn zur Aufstiegshilfe vor dem Stall.

      Während auf dem WHC alle mit ihren Pferden beschäftigt sind, ist Jace fast auf dem SMA angekommen.

      Jace
      Von Weitem konnte ich schon das Efeu bewachsene Stallgebäude sehen. Zuletzt war ich hier Ende Juni gewesen, als das kleine Fohlen von wie hieß die Stute noch mal...Wamzi. Eigentlich trug sie einen anderen Namen, doch der war so unaussprechlich, dass ich ihn mir nicht merken konnte. Wo ich so gerade an das Fohlen dachte, fiel mir wieder ein, dass ich Alec dringen Fragen musste, ob es wirklich auch diesen Tölt hatte. Irgendwie konnte ich mir das nur schwer vorstellen.
      Der Kies knirschte unter den Reifen als ich den Parkplatz erreichte. Schon von hier aus konnte ich sehen, dass sich auf dem Hof doch wieder einiges verändert, hatte in den letzten zwei Monaten. Die Türen und Fenster des Stalles hatten einen neuen Anstrich bekommen und die fehlenden Steine im Pflaster waren ersetzte worden. Die Paddocks, die zu den Boxen gehörten, waren nun nicht mehr gepflastert, sondern mit Sand eingestreut.
      Auch im Stall sah es nun um einiges neuer aus, stelle ich fest als ich eintrat. Jetzt machte der alte Hof echt etwas her. Auf dem Putztplatz entdeckte ich Anu, die gerade die Tinkerstute sattelte.
      “Hey, Jace. Was machst du denn hier? Ich dachte, ihr hab Gäste drüben?”, begrüßte sie mich und umarmte mich freudig. Die Stute sorgte dafür, dass die Umarmung nur kurz war, denn sie schob ihren Kopf zwischen uns. Schon fast so als sei sie ein wenig Eifersüchtig.
      “Ja, da denkst du richtig, aber ich wollte mal nach meinem kleinen schauen kommen. Außerdem sind die vielen Menschen ganz schön anstrengend…”
      “Seit wann findest du Menschen denn anstrengend? Du kannst doch sonst nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.” Anu lachte und begann dem Tinker die lange, dicke Mähne einzuflechten.
      “Mm, die meisten von denen gehen mir auch nicht auf die Nerven, nur dieser eine Typ..”, erklärte ich Anu. “... weiß gar nicht, was Lina so großartig an ihm findet”, fügte ich murmelt hinzu.
      “Macht dir etwas jemand Konkurrenz um die weibliche Aufmerksamkeit? Vielleicht sollte ich dann auch mal vorbeikommen”, scherzte Anu. “Aber sag mal wie kommt es dann dazu, dass du ihn so wenig leiden kannst? Ich meine, er macht dir deine Aufmerksamkeit streitig, aber das tut Jayden auch und über den redest du nicht so”, fragte sie neugierig.
      “Das ist eine lange Geschichte. Weißt du wo Alec ist?”, versuchte ich ihre Frage unbeantwortet zu lassen.
      “Der müsste mit Gräfin auf dem Platz sein”, antworte sie.
      “Ok, danke. Dann sehen wir uns später vielleicht noch mal”, verabschiedete ich mich und verließ die Stallgasse, bevor sie noch weitere Fragen stellen konnte.
      Tatsächlich fand ich Alec auf dem Platz, wo er gerade mit einer braunen Stute an einfachen Galoppwechseln arbeitete. Etwas weiter hinten auf dem Reitplatz ritt Eva gerade Liliada warm. Mit ihren langen Beinen hatte die Vollblutstute ein ordentliches Tempo darauf uns schritt elegant durch die Gegend. Um Alec nicht in seiner Konzentration zu stören, stelle ich mich leise an den Zaun und beobachtete ihn dabei, wie er mit der Stute arbeitete. Nach gut 10 Minuten hatte er das Training offenbar beendet, denn er trabe die Stute nun in einem folgten Trab am langen Zügel. Als Zeichen, dass er mich bemerkt hatte, nickte er mir zu und trabte weiter. Während ich darauf wartete, dass Alec endlich fertig war, scrollte ich eher desinteressiert durch meinen Instafeed, bis ich über einen Beitrag von Lina stolperte. Sie musste ihn offenbar gestern irgendwann gepostet haben. Das Bild zeigte Divine und El Pancho die im Sonnenuntergang grasen. Neugierig las ich die Bildunterschrift: “ For the world has changed, and we must change with it.
      Wie ihr sicher alle gemerkt habt, ist es hier ein wenig still gewesen die letzten drei Tage. Es gibt ein paar Ereignisse, die hier einiges Verändern werden.
      Wie die meisten von euch bereits mitbekommen haben sollten, hat das HMJ leider ein Ende gefunden. Auch wenn Divine so die Möglichkeit verwehrt, bleibt sich im Finale zu präsentieren, freu ich mich dennoch, sein Können zukünftig auf zahlreichen Turnieren zu präsentieren. Bisher stand noch nicht fest, was Mit Divine, nach ende des HMJs geschehen wird doch in diesem Zuge habe ich eine gute Nachricht für euch. Divine wird bei mir blieben. An dieser Stelle wünsche ich auch noch allen andren HMJ Teilnehmer weiterhin viel Glück mit ihren Schützlingen und dass die Pferde, die nicht bei ihren Trainern bleiben, ein schönes neues Zuhause finden.
      Ich auch noch etwas Weiteres anzukündigen. In meinem Leben wird es bald eine große Veränderung geben. Bei dieser Veränderung werde ich Divine erst einmal nicht mitnehmen können, weshalb es hier auch vorübergehen ein wenig stiller bleiben wird. Aber macht euch keine Sorgen, Divine wird von Samu gut versorgt und ihr werdet trotzdem noch das ein oder andere Update bekommen <3. Leider werdet ihr dann nicht mehr viel von Lego und den anderen Pferden hören, denn die werde ich leider auch nicht mitnehmen.
      Jetzt noch etwas zur aktuellen Lage. Wenn es eins gibt, was ich diese Woche gelernt habe ist es: longiere niemals ohne Handschuhe! Vor allem, wenn es ein Pferd mit zu viel Energie ist. Masko ohne Handschuhe zu longieren war definitiv die dümmste Idee diese Woche. Ansonsten stand für Nathalie diese Woche recht viel Gelände- und Springtraining an. Legolas wird langsam zum Dressurcrack und Pancho hatte eine ziemlich entspannte Woche. Mit Divine freue ich mich endlich über Fortschritte in der Dressur, langsam macht der süße das richtig gut. Klar von einer S Dressur sind wir noch weit entfernt, aber die Grundlagen werden immer sicherer.

      Ich hoffe, ihr hattet auch ohne meine Updates, eine schöne Woche.”
      “Was liest du da?”, riss mich Alec stimme auf einmal aus meinen Gedanken. Er hatte mit seiner Stute neben mir angehalten
      “Nur Linas letzten Post”, antwortete ich ihm und hielt ihm mein Handy hin. Er ließ die Zügel seiner Stute auf ihren Hals sinken und nahm das Gerät entgegen.
      “Was für Veränderungen meint sie denn? Und wie kommt es eigentlich dazu, dass Divine jetzt ihr gehört?”, fragte er als er mir das Handy wieder gab.
      “Ach, stimmt, das weißt du ja alles noch nicht.” Ich hatte ganz vergessen, dass Alec zwar da gewesen war, aber er war nur da gewesen, weil ich irgendetwas dämliches gemacht hatte. “Okay, du bekommst jetzt erst mal die Kurzfassung. Die genauen Details kenne ich nämlich auch nicht zu 100 %. Na ja, dass da irgendetwas zwischen Niklas und Lina läuft, hast du ja mitbekommen. Frag mich nicht was sie an dem Typen so großartig findet …”, fing ich an zu erzählen.
      “Ach, ist doch ein hübscher. Ich verstehe schon was sie an ihm findet”, was Alec ein.
      “Äh, ja … wärst du dabei gewesen bin ich mir sicher, du würdest anders denken. Aber egal, darum geht es jetzt nicht. Dass ich dann ein wenig Eifersüchtig geworden bin und ein wenig die Kontrolle verloren habe, weißt du auch. Na ja, auf jeden Fall am Abend, nachdem das alles passiert ist, gehörte ihr auf einmal Divine. Ich weiß auch nicht genau, wie es dazu kam, aber ich würde mal sagen Niklas ist bei der Sache nicht ganz unbeteiligt. Niklas hat sie auf jeden Fall erfolgreich zwei Tage lang vom Arbeiten abgehalten … was meinerseits zu einer weiteren Dummheit führte, aber das weißt du auch schon. Was dann zwischen den beiden passiert, ist weiß ich nicht so genau. Was ich weiß ist, dass Niklas gestern auf einmal was mit Vriska am Laufen hat oder hatte? Keine Ahnung. Und warum Lina heute Morgen trotzdem so gute Laune hat, ist mir ein Rätsel …” Ich ließ absichtlich aus, was gestern zwischen ihr und mir auf dem Reitplatz geschehen war. Bestimmt musste ich mir ansonsten wieder einen Vortrag anhören oder irgendeine Lebensweisheit über das Schicksal anhören.
      “Also der letzte Teil ergibt irgendwie nicht so viel Sinn”, sagte Alec und trieb seine Stute in den Schritt.
      “Aber es ist so passiert, ich bin mir sicher! Wobei ihre gute Laune könnte auch mit Divines Zuchtpapieren zusammenhängen …”, überlegte ich laut, während ich neben seiner Stute herlief.
      “Was haben denn jetzt die Zuchtpapiere damit zu tun?”, frage Alec verwirrt.
      “Na, die sind heute angekommen, also kann Lina ihn jetzt zur Körung anmelden. Auf jeden Fall hat sie sich sehr über die Papiere gefreut”, erklärte ich.
      “Aber hat sie in ihrem Post nicht irgendwas von Veränderung geschrieben, wo sie Divine nicht mitnehmen kann?” Mittlerweile waren wir am Stall angekommen und Alec hielt die Stute an.
      “Ach ja, habe ich dir gar nicht gesagt … Sie geht mit Niklas nach Schweden, zumindest ist das ihr Plan”, murmelte ich. Der Gedanke gefiel mir nicht sonderlich gut vor allem nicht, wenn ich daran dachte, dass sie dort mit Niklas und Vriska hinging. In meinem Kopf konnte dabei einfach nichts Gute bei rauskommen.
      “Ah, ja jetzt ergibt das schon mehr Sinn, auch wenn ich das Gefühl habe, dass da noch ein paar Infos fehlen.” Alec war abgestiegen und begann nun die braune abzusatteln.
      “Kannst du mir gerade mal Gräfins Halfter holen, hängt vor ihrer Box”, fügte er noch hinzu.
      “Ja, ich weiß, so ganz zusammen Reimen kann ich mir das ganze auch noch nicht”, räumte ich ein und ging in die Stallgasse, um besagtes Halfter zu holen. Ich lief zweimal die Stallgasse auf und ab, denn auf keinem der Schilder konnte ich den Namen Gräfin entdecken. Avicii, Ases Maswamozi … Ermgravin … gravin. Vielleicht meinte Alec diese Box. Ich nahm das rote Halfter, welche vor der Box hing und ging damit zurück zu Alec: “Ich hoffe, das ist richtig.”
      “Ja, danke. So, jetzt haben wir schon eine Menge geredet, aber das war doch nicht der eigentliche Grund warum du gekommen bist, oder?”, fragte Alec nun nach. Ich war ganz froh darüber, dass er das Thema wechselte.
      “Ja, genau. Eigentlich möchte ich Solist mitnehmen. Meinst du denn, das geht?”
      “Ich kann dir ja schlecht verbieten dein eigenes Pferd mitzunehmen, oder?”, lachte Alec. “Aber, ja das ist kein Problem. Balisto ist so ruhig, dass es ihm meisten reicht mit den älteren zu spielen. Ich bringe sie jetzt auf die Koppel, dann können wir deinen Rabauken gleich holen”, schlug er vor.
      “Perfekt, so machen wir das. Aber ich hätte da noch ein Anliegen”
      “Das wäre?”, fragte Alec, während er die Stute losband und loslief.
      “Ich muss noch eine Dressurkür ausarbeiten und habe einfach keinen Plan, wo ich angefangen soll”, erläuterte ich mein Anliegen.
      „Wofür benötigst du denn eine Dressurkür? Und bis wann benötigst du die?“, fragt Alec verwundert.

      Währenddessen sind Vriska und Chris auf dem Whitehorse Creek mit ihrer Kür beschäftigt.

      Vriska
      “Ich kann das nicht”, beschwerte ich mich lautstark, als ich Glymur zurück in den Schritt holte. Der Hengst lief großartig, doch meine Schulter schmerzte heute wieder besonders stark. Chris kam mit seinem Wallach zu uns.
      “Ach, jetzt stell dich doch nicht so an. Ihr macht das großartig”, lobte er uns.
      “Schon, aber ich kann mir das nicht merken und es bringt mir auch nichts.” Enttäuscht trabte ich Glymur wieder an und ritt auf dem Zirkel bei A. Er schüttelte mit dem Kopf und ich lockerte wieder meine Hände, denn er trug die neue Kandare, die ich mit Lina zusammen in der Stadt kaufte. Ehrlich gesagt ritt ich zuvor nur ein einziges Mal mit einer isländischen Kandare und da war Bruce dabei, der mich immer wieder korrigierte. Die Kinnkette hing durch, da ich nicht wusste, wie fest diese sein sollte.
      “Dann steig ab und lass es. Verkriech dich im Zimmer, versinke im Selbstmitleid oder was auch immer du dann machst”, zickte mich Chris an und lenkte seinen Wallach zurück auf die Mittellinie.
      “Warte!”, rief ich ihm nach und trieb Glymur in seine Richtung.
      “Jetzt hörst du mir doch zu?”, fragte er überrascht und hielt wieder an.
      “Ist das der Eindruck, den du von mir hast?”, hinterfragte ich seine Aussage. Es machte mir zu denken, wenn Leute diese Meinung von mir hatten.
      “Schon, du unterhältst dich mit kaum jemanden, willst, dass alle auf dich zu kommen und hast dich direkt an den nächsten ran gemacht, der eigentlich jemanden hatte. Und das hast du dann wiederholt und jetzt erwartest du, dass alle dich mögen. Wirklich sozial ist das nicht. Dazu kommt dann noch, dass unwillkürlich bei jedem Drama du mit drinhängst, also würde ich mir an deiner Stelle mal Gedanken machen”, gab er offen zu. Verblüfft bremste ich Glymur in den Halt. Wie er es aussprach, wurde mir klar, wovon er sprach. Eine Bindung hatte ich zu niemanden und durch den Ausschluss für eine bestimmte Zeit, machte ich mir nichts mehr daraus was die Leute von mir dachten.
      “Danke”, murmelte ich und eine Träne lief die Wange herunter.
      “Klar, müssen wir uns nicht alle lieben, auch wenn Niklas das anderes sieht. Aber es wäre trotzdem nicht schlecht, wenn man sich unterhalten könnte. Zudem hast du auch die Möglichkeit wieder zu kommen, auch wenn das nun schwieriger wird”, sprach Chris weiter und umkreiste uns im Trab. Glymur schlug mit seinem Schweif und jedes Mal, wenn Hammy uns vorbeitrabte, legte er die Ohren an.
      “Denkst du wirklich, dass ich wieder komme?”, fragte ich verunsichert.
      “Von dem was ich bisher sah, dein Umgang mit den Pferden, deine reiterlichen Leistungen, würde ich ja sagen, aber das drumherum ist auch wichtig. Wenn es dir wirklich wichtig ist, dann solltest du etwas ändern”, erklärte Chris und lenkte Hammy weg von uns. Aus seiner Hosentasche holte er wieder seine Kür und verabschiedete sich. Ich verließ den Reitplatz, damit er ungestört üben konnte und trabte sinnlos, um die aufgebauten Sprünge herum. Die Sonne brannte auf meiner Haut. Langsam, aber sicher breitete sich die Mittagshitze aus.
      „Eigentlich gehört sich das nicht, aber ich habe euer Gespräch belauscht“, sagte Herr Holm und trat an uns heran.
      „Okay“, antworte ich kurz und blickte ihn an.
      „Die Neuen haben es in der Gruppe nie leicht, aber es wäre schön, wenn du wiederkommst“, erklärte er sanft und legte seine Hand an mein Bein. Innerlich breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Ich wusste nicht richtig zu deuten, was er mir damit sagen wollte. Auch, weil ich Ähnliches schon bei den anderen beobachtete.
      „Aber dazu gehört auch, dass du an deinem Sitz arbeitest“, lachte er und schob mein Bein in eine andere Position. Meine Wade berührte mehr den Bauch des Hengstes und ich setzte mich um. Zustimmend nickte er und ich ritt wieder an. Zum Glück ging es um meinen Sitz. Er gab mir noch einige Tipps, ehe er sich wieder zu Chris richtete. Im Schritt ritt ich Glymur ab.
      Am Stall duschte ich meinen Hengst ab und legte wieder die Decke um. Aus dem Putzkasten holte ich das Kadaveröl, um die Mistviecher loszuwerden.
      “Alles gut, du hast gleich wieder deine Ruhe”, beruhigte ich Glymur beim Einsprühen. Unruhig schlug er mit seinem Schweif. Wenig später liefen wir zur Weide und Glymur schmiss sich mit der Decke direkt in den Dreck. Wozu machte ich das Ding eigentlich sauber? Chris' Worte schwebten immer wieder durch meinen Kopf. Was ich bisher tat, war wirklich nicht das klügste, umso überraschter schaute ich, als Linh zu mir kam.
      “Gut, dass ich dich gefunden habe”, sagte sie und gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen.
      “Ach ja? Was ist denn los?”, fragte ich überrascht und lief ihr nach. Es konnte nicht um ihre Stute gehen, denn sie trug keine Reitsachen und steuerte die Zimmer an.
      „Ich ertrage den Typ nicht mehr, bring den zur Vernunft“, erklärte sie und öffnete die Tür. Wie ein eingeschnapptes Kind saß Ju auf dem Sofa und sah in die Leere. Überfordert schaute ich zu Linh, die Tür wieder schloss. Auf dem Gang hörte ich ihre Schritte.
      “Kannst du mir erklären, warum ich hier bin?”, fragte ich daraufhin Ju, der mir keines Blickes huldigte.
      “Weil ich ihr das gesagt habe”, antwortete er trocken.
      “Aha. So, jetzt bin ich da. Und was soll ich machen? Putzfrau?” Der Gedanke kam nicht von irgendwo. Obwohl Niklas nicht da war, herrschte hier wieder ein heilloses Chaos, dass dringend beseitigt werden sollte. Auf der Arbeitsfläche der kleinen Küche türmte dreckiges Geschirr in Kombination mit benutzten Töpfen und Werkzeugen. Auch auf dem Tisch sah es nicht besser aus. Neben Häufchen aus Papier und Besteck lagerte sich getragene Kleidung.
      “Wenn du schon so fragst … aber nein. Ich will wissen, wie es passieren konnte, dass es plötzlich so unangenehm zwischen uns wurde. Am Anfang hatte ich das Gefühl, endlich jemanden gefunden zu haben, der mich versteht und die gleichen Ziele verfolgt wie ich. Doch dann verschwand die Person auf einmal und trieb einen Keil zwischen alle”, begann er zu erzählen. Es brauchte in meinem Kopf etwas, bis ich verstand, worauf das gerade hinauslief. Tausend Dinge schwirrten durch meine Gedanken und nach dem, was Chris beim Reiten zu mir sagte, machte es das nicht einfacher. Viel tiefer war meine Begeisterung verankert, dass Erik heute kommen wollte, aber sich seitdem auch nicht mehr meldete. Stattdessen fing ich wirklich an, etwas Ordnung zu machen, wogegen Ju nichts einzuwenden hatte.
      “Wenn du so anfängst, stelle mir bitte präzisere Fragen. Ich möchte nicht beim Urschleim anfangen”, murmelte ich beim Abwaschen.
      “Wieso habt ihr miteinander geschlafen, da gehören immer zwei dazu? Und sag’ jetzt nicht wieder, dass du es nicht weißt”, holte er den Hasen aus dem Sack. Wieso? Das war eine gute Frage. Die Töpfe hatte ich sauber, bevor ich antwortete. Es schien, als hätte Ju alle Zeit der Welt, um auf meine Antwort zu warten. Nicht mal sein nerviges Nachfragen und Druck ausüben, kam nicht.
      “Es war für den Moment einfach so ein Gefühl”, hielt ich mich kurz. Doch die Antwort reichte ihm nicht und er fragte erneut: “Was für ein Gefühl? Werde genauer.“ Ich fühlte mich wie bei einem sehr unangenehmen Vorstellungsgespräch oder als würde hier gleich die Verstecke Kamera zur Tür hereinkommen.
      „Wieso ist das denn so wichtig? Es gehört jetzt der Vergangenheit an“, murmelte ich.
      „Wer hätte es gedacht! Da redest du dich direkt wieder heraus. Ich möchte nur verstehen, wieso er nicht mit mir darüber gesprochen hat, sondern so ein Geheimnis darum macht”, gab er zu.
      “Verstehe ich, aber wieso sprichst du dann nicht mit ihm, sondern mit mir?”, fragte ich.
      “Es nervt mich einfach und aus seiner Sicht wird es deutlich unpersönlicher sein. Ich möchte nur mit ihm wieder eine normale Freundschaft führen können.” Jus Worte klangen wirklich besorgniserregend. Hatte ich mich dazwischen gedrängt?
      “Ich wollte einfach dazu gehören und nicht als die Süchtige weiter dastehen. Das ist nur nach hinten losgegangen und dann auf einmal heute früh, wurde er extrem Ernst und hat mehr hineininterpretiert als ich wollte. Deswegen habe ich mich heute entschieden, dass mehr oder weniger zu beenden und habe dann endlich einen Schritt gewagt, den ich nach dem ersten Mal schon hätte tun sollen”, erklärte ich beim Abtrocknen der Teller, die ich nacheinander in den Schrank stellte. Langsam konnte man wieder die Oberfläche der Arbeitsplatte sehen.
      “Wie, es wurde dir zu Ernst?”, wollte er genauer wissen.
      “Es wurde ihm plötzlich wichtig, was ich fühle und wie es mir geht. Aber das wollte ich nicht. Ich empfand ihn als attraktiver, als es ihm egal war und er nur seinen Willen wollte.” Ich schämte mich dafür, dass zu sagen, aber ihm eine Lüge aufzutischen, hätte es nicht angenehmer gemacht.
      “Tiefgründiges ist wohl nicht deins”, sagte Ju trocken und stand nun auf, um mir beim Sauber zu machen zu helfen.
      “Meine erste und einzige Beziehung endete in einem großen Drama und seitdem nehme ich Abstand von Menschen, die der Meinung sind, mir bei meiner emotionalen Lage helfen zu wollen. Deswegen wollte ich auch nicht, dass das mit uns in eine Richtung gelenkt wird. Reicht das jetzt?”, fragte ich eindringlich und blickte zur Tür.
      “Du wolltest einfach nur mit ihm schlafen?”, wollte er erneut wissen. Langsam nervte mich dieses Gespräch.
      “Ja, wie oft den noch. Mehr nicht. Und du hättest das nicht mit gemacht”, sagte ich warf ihm das Geschirrtuch entgegen.
      “Du hättest einfach fragen können, aber als ich bei dir war, wolltest du so viel Abstand wie möglich”, rief Ju mir nach, als ich zur Tür lief.
      “Ich rede darüber nicht und jetzt vertrag dich bitte wieder mit Niklas, das ist mir wichtiger als alles andere”, sprach ich aus. Er nickte und ich konnte endlich gehen. Die Küche hatte ich in der Zeit geschafft und ich musste auch bei mir endlich etwas Ordnung hineinbringen. Deswegen lief ich zur mir und begann saubere und dreckige Wäsche auf jeweils einen Haufen zu werfen. Dabei stelle ich fest, dass so gut wie alles in die Maschine musste. Ich wechselte meine Reithose und zog meine geliebten grauen Jogger an, die mich förmlich anlachte. An meinen Beinen zeichnete sich die Naht der Leggings ab. In einem Korb brachte ich alles zum Waschraum und stellte die Maschine ein auf 30 °C.

      Zurück bei Alec und Jace auf dem SMA.

      Jace
      “Ich habe dir sicherlich erzählt, dass ich super gerne auf internationalem Niveau reiten würde, oder?”, begann ich zu erklären.
      “Ja, das hast du schon des Öfteren erwähnt, aber was hat das mit einer Dressurkür zu tun?”, hakte Alec nach.
      “Ja, dazu komme ich ja jetzt. Unsere Gäste haben Sonntag eine Prüfung und mir wurde vorgetragen, dass auch ein Vorstandsmitglied des kanadischen Teams sitzt, anwesend sein wird. Wenn ich mich anstrenge, könnte, dass meine Chance sein.”
      “Ich verstehe, wobei ich dir nicht ganz abnehme, dass das deine einzige Motivation ist. Wen willst du beeindrucken?”, antworte Alec breit grinsend. Er kannte mich wohl einfach zu gut.
      “Niemanden, außer dem Vorstandsmitglied versteht sich”, beteuerte ich.
      “Ist klar”, feixte Alec. Mittlerweile waren wir an den Koppeln angekommen und Gräfin beobachtete mit gespitzten Ohren die anderen Pferde auf der Koppel. Ich öffnete für Alec das Koppeltor, sodass er die Stute hineinführen konnte.
      “Achtung Jace, die Minis”, versuchte Alec mich noch zu warnen, doch da waren die Ponys schon durch das Tor geschlüpft.
      “Machen die das immer?”, fragte ich ein wenig erstaunt und sah den beiden Miniponys hinterher. Alec blieb dabei ganz entspannt und stellte derweil die Warmblutstute auf die Wiese.
      “Ja, kommt schon mal vor. Die beiden haben einfach nur Unsinn im Kopf”, antwortete Alec nur schulterzuckend und schloss das Koppeltor. “Na, dann suchen wir mal die beiden, die sind bestimmt wieder in der Futterkammer.” Ich folgte meinen Kumpel zurück in den Stall, wo die beiden Ponys gerade die Stallgasse herunter trabten.
      “Wofür habt ihr die beiden eigentlich?”, fragte ich, während wir den Ponys folgten. Die beiden erreichen nun langsam das Ende der Stallgasse und wurden langsamer.
      “Na kommt her ihr zwei”, lockte Alec die Stuten. Daraufhin drehten sie sich tatsächlich um und kamen näher.
      “Wir haben sie einfach so. Gerade Magnus hat einen Narren an den beiden gefressen. Er nimmt sie gerne mit zum Ausreiten mit oder so”, erzählte Alec und griff nach dem Halfter der kleinen Fuchsscheckstute, die nun vor ihm stand. Ich griff nach dem Halfter der anderen Stute, die auch so gleich zu schmusen versuchte.
      “Habt ihr schon mal überlegt die beiden zu fahren, dann haben sie vielleicht weniger Unsinn im Kopf”, schlug ich vor und griff nach einem Strick, der vor einer der Boxen hing.
      “Nein, daran habe ich bisher nicht gedachte, aber das wäre sicherlich mal einen Versuch wert. Da wäre nur das Problem, dass sich außer Allister niemand damit auskennt und der ist schon beschäftigt genug mit seinem Tory.”
      “Weißt du was, ich komm nächste Woche mal vorbei und schau mir die beiden mal an, vielleicht kann man mit den beiden ja was anfangen. Aber ich komme nur, wenn du mir dafür bei meiner Kür hilfst.” Auch Alec hatte mittlerweile einen Strick in das Halfter der Ministute eingehängt und so konnten wir zurück zu Koppel gehen.
      “Na gut. Ich helfe dir, aber du wirst allein damit anfangen müssen oder noch ein wenig hierbleiben. Ich habe hier nämlich noch zu tun und du hast doch sicher auch noch ein paar Pferde zu bewegen. Ich kann kaum glauben, dass du schon fertig bist mit der Arbeit”, antwortete Alec mit einem Blick auf die Uhr.
      “Ja, da hast du recht. Ich bin zwar schnell, aber so schnell auch wieder nicht. Also kommst du dann heute Abend vorbei?”, fragte ich und wir stellten die beiden Miniponys wieder auf die Koppel, wo sie direkt davon flitzten.
      “Ja, denke schon, aber ich werde noch mal anrufen und dir Bescheid sagen, wann ich komme. Aber jetzt lass uns doch mal dein kleiner Solist holen”, erinnerte mich Alec wieder an den Grund für mein Kommen. Ich hatte schon ganz vergessen wie entspannt ich in der Gegenwart meines Kumpels war. Manchmal vermisste ich die Zeit in New York, wie wir gemeinsam um die Häuser zogen. Kaum zu glauben, wie man von New York mitten in der Einöde landete.
      “Alec wir sollten uns öfter sehen”, verkündete ich.
      “Wie kommst du denn jetzt da drauf?”, fragte Alec amüsiert.
      “Ich dachte gerade an New York. An die Zeit als wir noch jung waren, also so richtig jung meine ich”, teilte ich meine Gedanken mit ihm.
      “Ja, New York, das waren Zeiten. Aber Jace, du weißt schon, dass du einen Club hier vergeblich suchen wirst, oder?”, scherzte er.
      “Ja, aber ich rede auch nicht vom Feier gehen an sich, mir geht es viel eher um unsere Freundschaft, wir sehen uns viel zu selten.” Mittlerweile waren wir an den Hengstkoppeln angekommen. In etwas Entfernung konnte ich die Pferde grasen sehen. Ich konnte Alec Hengst Chocolate Churro entdecken und gleich daneben graste das Pferd von Magnus. Zwischen Churro und einem kompakten Fuchsschecken stand ein heller, schlaksiger Junghengst. Sein helles Fell glänzte in der Sonne und die zweifarbige Mähne fiel ihm in leichten Wellen über den Hals.
      “Wow, er ist echt groß geworden”, sagte ich staunend zu Alec.
      “Ja, er ist schon fast so groß wie Churro. Und ein unglaublich kluger kleiner Kerl hast du da”, stimmte Alec mir zu.
      “Ich hoffe vor allem, dass er genauso talentiert ist, wie hübsch. Auf ihn wartet eine große Karriere, wenn er mal so weit ist”, sagte ich mir ein wenig Stolz in meiner Stimme zu ihm.
      “Selbst, wenn er nur halb so begabt ist, wie seine Mama hast du ein spitzes Pferd und jetzt hole ihn endlich. So wie ich dich kenne, ist dir nicht einfach so eingefallen ihn jetzt abzuholen, da steckt doch sicher wieder irgendeine von deinen Wetten hinter.” Ein Grinsen trat auf in seinem Gesicht.
      “Sag mal, warst du heute Morgen dabei?”, scherzte ich. “Du hast nämlich recht. Jayden, Lina und Samu sind mir nämlich so sehr damit auf die Nerven gegangen, ich würde Solo verstecken, da habe ich beschlossen ich hole ihn jetzt.”
      “Ahh, ganz der Jace den ich kenne, muss sich ständig beweisen.” Alec lachte herzhaft. “Und jetzt los, hol dein Pferd”, fügte er hinzu und drückte mir ein Halfter in die Hand.
      “Klingt fast so als wolltest du mich loswerden”, erweiterte ich empört ging aber trotzdem mit dem Halfter auf die Pferde zu.
      “Na, Kleiner kennst du mich noch?”, freundlich hielt ich dem Falben die Hand hin. Neugierig schnupperte der Hengst an mir. Nach einer ausgiebigen Inspizierung durch Solist streife ich ihm das Halfter über den Kopf.
      “Mein Gott hast du viel Mähne bekommen”, staunte ich nicht schlecht als Schopf und Mähen auseinander sortierte. Mit dem Junghengst am Strick kehrte ich zu Alec zurück, der bereits am Tor wartete.
      “Mein Gott warum hat er denn auch so viel Mähne, ich glaube die muss ab”, beschwerte ich mich bei ihm.
      “Oh mach das bitte nicht. Die letzte Mähne, die du geschnitten hast, sah einfach nur schlimm aus. Außerdem was machst du denn schon mit ihm, er wird doch sicher wieder auf die Koppel kommen, da kann er seine Mähne doch wohl behalten”, brachte Alec als Einwand.
      “Na gut, da hast du recht, vielleicht sollte ich das lieber lassen”, gab ich zu. Alec hatte irgendwo recht, die letzte Mähne sie ich geschnitten hatte, war nicht allzu ansehnlich gewesen. Auf dem Weg zu Hänger fiel mir wieder die Frage ein, die ich Alec noch stellen wollte: “Sag mal Alec, was ist eigentlich mit Ahvani, macht die auch diesen komischen Tölt wie ihr Vater?”
      “Ja, Ahvani töltet ganz ausgiebig, das macht sie meisten sogar lieber als Trab, aber daran ist doch nichts komisch”, sagte Alec amüsiert.
      “Na, ich weiß nicht. Ich finde diese Gangart äußerst suspekt.” Inzwischen waren wir am Hänger angekommen und Alec war so freundlich die Klappe zu öffnen.
      “Meinst du er wird darauf gehen?”, fragte ich meinen Kumpel als mir einfiel, dass vermutlich niemand das mit ihm geübt hatte.
      “Wirst du doch gleichsehen”, antwortete er nur geheimnisvoll. Langsam führte ich den Falbhengst an die Rampe heran. Brav folgte er mir auch als ich weiterging. Wow, so problemlos hatte ich wohl noch kein einziges Jungpferd verladen.
      “Warum kann er das so gut?”, rief ich Alec aus dem inneren des Hänger entgegen.
      “Na, weil ich das mit ihm geübt habe, du Dummkopf. Mir war schon klar, dass du ihn irgendwann wieder mitnehmen wirst”, antwortete er und verschloss die Stange hinter Solist.
      “Oh cool, kann er denn noch irgendwas?”, fragte ich nach und kletterte wieder aus dem Hänger.
      “Er kann alles, was ein Pferd in seinem Alter können muss und ich muss schon sagen, er ist echt ein kleiner Streber, ganz im Gegensatz zu seinem Besitzer”, triezt er mich.
      “Ey, so schlecht war ich jetzt auch nicht in der Schule”, protestierte ich.
      “Ja, in ausgewählten Fächer warst du gut, stimmt.” ich schloss die Hängerklappe und sah dann noch einmal nach Solist. Er stand ruhig im Hänger und knabberte an seinem Heunetz.
      “Na, wenn du so charmant heute bist, freue ich mich ja so richtig dich heute Abend noch einmal zu sehen”, erweiterte ich seine Sticheleien. “Also dann mach ich mich mal auf den Weg”, verabschiedete ich mich und umarmte meinen Kumpel freundschaftlich. “Wir sehen uns dann heute Abend”, verabschiedete auch Alec sich. Ich stieg in mein Auto und mit Solist im Hänger machte ich mich auf den Rückweg.
      Nach 1 ½ Stunden fahrt, auf denen sich Solist ausgezeichnet benommen hat, ist Jace auch wieder auf dem WHC angekommen.

      Lina
      Ich hatte gerade Divine nach dem Training wieder auf die Koppel gebracht und entdeckte Samu im Innenhof, der sich dort wohl gerade für eine Pause niedergelassen hatte.
      “Ist das etwas eine kalte Wasserflasche, die du dahast?”, fragte ich und setzte mich dazu.
      “Ja ist es und mich beschleicht das Gefühl, das du die gerne haben möchtest. Ich habe das Gefühl heute hast du es eindeutig auf meine Getränke abgesehen”, scherzte er und reichte mir die Flasche. Gierig nahm ich einen großen Schluck. Bei den Temperaturen, die heute schon wieder herrschen, war ein kaltes Getränk Gold Wert.
      “Eigentlich ist mir das egal wem das Getränk gehört, Hauptsache es ist kalt”, antwortete ich ihm, als mein erster Durst gestillt war. Ein Motorengeräusch ließ mich aufhorchen.
      “Ach, schau mal wer auch wieder auftaucht. Was glaubst du, hat er sein Pferd auch wirklich dabei?”, scherzte Samu sogleich. Seine Frage beantworte sich praktisch von selbst, denn aus dem Anhänger kam ein aufgeregtes Wiehern, welches auch gleich für irgendwo beantwortet wurde.
      “Ich glaube, das heißt ja”, antwortete ich lachend. Es dauerte noch einen kurzen Moment bis der Motor ausging und sich die Tür des Autos öffnete.
      “Es ist immer noch so warm hier draußen”, beschwerte sich Jace, während er ausstieg.
      “Na, das ist mal wieder typisch. Kaum angekommen schon gibt es Beschwerden”, kommentierte ich.
      “Ah, was ein großartiges Empfangskomitee, das geht aber netter. Was macht ihr zwei eigentlich da, müsst ihr nicht Arbeiten oder so?”, fragte Jace.
      “Im Gegensatz zu dir haben wir schon gearbeitet, du hast immerhin ziemlich lange gebraucht”, beantworte Samu seine Frage.
      “Ja, ich musste noch bestaunen, was Alec aus dem Hof gemacht hat. Das sieht doch immerhin aus wie einen komplett neuen Hof”, berichtete Jace von seinem Ausflug.
      “Aber jetzt zeig uns doch mal endlich dein Pferd, oder hast du das doch dagelassen”, forderte ich ihn neugierig auf.
      “Nein, natürlich habe ich ihn nicht dagelassen. Schaut!”, antworte Jace und öffnete die kleine Tür am Hänger. Neugierig schaute dort ein heller Kopf mit einer hübschen Blesse heraus.
      “Ihr kennt ihn ja bereits, auch wenn er noch deutlich kleiner war als er das letzte Mal hier war. Aber einer von euch beiden könnte sich dann jetzt mal nützlich machen und mir beim Ausladen helfen”, rief er uns zu.
      “Ah, bei einem so hübschen Kerlchen helfe ich doch gerne”, rief ich begeistert und stand auf.
      “Dann klettre mal rein”, forderte Jace mich auf und reicht mir seine Hand, damit ich leichter hineinsteigen konnte.
      “Danke”, sagte ich und ließ mir von ihm in den Hänger helfen. Im Hänger kam mir auch gleich eine neugierige Schnauze entgegen. Natürlich fand diese Schnauze auch direkt die Hosentasche mit den Leckerlis. “Tervetuloa takaisin Solist”, sprach ich zu dem Falbhengst und steckte ihm ein Leckerbissen in die Schnauze. Zwischenzeitlich hatte Jace nun auch die Hängerklappe geöffnet.
      “Lina, wenn du so weit bist, könnt ihr zwei aussteigen”, reif Jace mir von draußen zu. Mit einem sanften Zug löste ich den Strick, mit dem der Hengst angebunden war.
      “Na, dann wollen wir mal aussteigen, hübscher.” Langsam ließ ich den Hengst ein paar Schritte rückwärts treten und schlüpfte unter der vorderen Stange hindurch. Brav ging das junge Pferd Schritt für Schritt die Rampe hinunter, bis er schließlich auf dem Hof stand. “Braaav”, lobte ich den Falben und klopfte ihm den Hals.
      “Der kleine ist definitiv echt hübsch geworden”, sagte Samu anerkennend, der inzwischen auch neben dem Hänger stand. Ich betrachtete den Hengst, der neben mir stand und neugierig die Umgebung beobachtete. Obwohl er jetzt erst ungefähr 1 ½ Jahre alt sein müsste, war er schon recht groß. Sein helles Fell glänzte in der Sonne und die Mähne lag im lang auf dem Hals.
      “Also bei der Mama ist das auch kein Wunder, der, na ja nun mehr nicht mehr so, kleine war schon immer hübsch”, fügte ich zu Samu Kommentar hinzu.
      “Danke für deine Hilfe”, bedanke sich Jace und nahm mir den Führstrick aus der Hand. “Meint ihr, der Platz ist frei? Dann kann der Kleine sich erst einmal ein wenig austoben”, fragte Jace und strich Solist über die Mähne.
      “Keine Ahnung. Da wirst du nachsehen müssen”, antworte Samu schulterzuckend. Schritte kamen näher zu uns und drehte mich um. Niklas stand da mit einer Kochschürze und im ersten Moment sah es aus, als trüge er nichts darunter. Jedoch unpassender Weise Reitstiefel dazu.
      “Hej ihr drei, Hunger?”, fragte er freundlich.
      “Wo du es so erwähnst, ja! Was gibt es denn?”, antworte Samu. An seinem lächeln konnte ich erkennen, dass er Niklas Outfit offenbar ziemlich lustig fand.
      “Einen kalten Kartoffelsalat mit warmem Reh dazu. Es genug für euch alle da”, lud er uns ein. Wie Niklas so beschrieb, was er gekocht hatte, begann sich mein Bauch zu melden. “Oh, das klingt unheimlich lecker. Da bekomme ich gleich richtig Hunger”, sagte ich begeistert.
      “Wir haben alles aufgebaut und warten auf euch. Normalerweise hätte ich es mit Elch oder Rentier gemacht und noch Camembert hinzugefügt, also experimentell heute”, erzählte Niklas offen weiter und schien wie ausgewechselt. Ohne auf eine Antwort zu warten, lief er zurück. Bis auf eine Unterhose trug er wirklich nichts unter der Schürze. Während Niklas davon schlenderte, faselte er weiter, schien nicht zu erwarten, dass jemand zuhörte.
      “Was ist denn bitte mit dem los? Hat der irgendwie zu viel Sonne abgekriegt?”, murmelte Jace verständnislos vor sich und sah Niklas mit einem irritierten Blick hinterher.
      “Keine Ahnung, ich weiß nur, dass du dein Pferd da jetzt bald bewegen solltest, weil ich jetzt sonst gleich verhungere”, antwortete ich Jace.
      “So hungrig kannst du ja noch nicht sein, wenn du noch so wissbegierig auf das Pferd sein kannst”, stichelte Samu. Allerdings wusste ich, dass er mindestens genauso neugierig war wie ich. Jace hatte sich tatsächlich schon in Bewegung gesetzt. Auch wenn Solist noch ein wenig schlaksig war, ließ sich bereits eine gewisse Anmut in seinem Gang erkennen. Der Reitplatz war tatsächlich leer, was sicherlich auch der Mittagshitze zu verdanken war. Kaum hatte Jace den Hengst freigelassen, trabte er auch schon los. Solist trabe erst eine Runde in einem eindrucksvollen Trab am Zaun entlang, selten hatte ich ein Pferd seine Füße so hochheben sehen.
      “Die Füße bekommt er schon mal hoch, wobei das ziemlich lustig aussieht”, merkte Samu an. Kurz blieb Solist vor dem kleinen Zäunchen, welches das Dressurviereck abgrenzte, stehen, um kurz darauf einen riesigen Satz darüberzumachen.
      “Was geht denn hier ab? Und warum wurde ich nicht eingeladen?”, kam Milena an und wackelte aktiv zu uns. Sie führte sich, als gehöre sie zu uns.
      “Die zwei da bewundern meinen kleinen Solist”, brüste Jace sich sogleich, wobei er das meinen besonders betonte.
      “Na da macht er sich seinen Namen zumindest allen Ehren und passt auch ziemlich gut zu dir”, antwortete sie und stellte sich zu uns.
      “Danke dir, er war auch schon als Fohlen immer so, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich zog, deshalb habe ich ihn ausgewählt”, erklärte er Milena stolz. Jace genoss die Aufmerksamkeit, die ihm und seinem Pferd zuteilwurde, sichtlich. Solist galoppierte ein paar Meter, bevor er wieder langsamer wurde. Mit der Nase auf dem Boden lief er im Schritt über den Sand und schien eine geeignete Stelle zu suchen, um sich zu wälzen. Scheinbar wurde er nicht fündig, denn statt sich auf den Boden zu werfen, kam er zu uns an den Zaun.
      “Na dann beeilt euch mal mit dem Hübschen, Niklas wartet sicher nicht ewig auf uns”, verabschiedete sie sich und verschwand ebenfalls.
      “Ich für meinen Teil habe genug gesehen, ich habe jetzt Hunger”, verkündete ich und wandte mich auch zum Gehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Samu mir folgte.
      “Dann geht ihr zwei schon mal vor. Ich bringe ihn hier noch weg und komme dann auch”, rief uns Jace noch hinterher.

      Niklas
      “Und wie genau kamst du an diese Zutaten? Im Kühlschrank hatten wir nichts mehr oder überhaupt irgendjemand”, erkundigte sich Ju, der sich dazu entschloss wieder netter zu sein. Eine Entschuldigung verließ seinen Mund bisher nicht, was man ihm schwerlich verdenken konnte. In all den Jahren gab es mehrere Streite, die ich an der Hand abzählen könnte, doch dass er nicht einmal seinen Standpunkt darlegte, war neu für mich. Umso mehr freute ich mich, dass Ju wieder gut auf mich zu sprechen war.
      “Lätt. Jag red med Smoothie till affären och köpte allt som behövdes”, erklärte ich ihm und briet die klein geschnittenen Rehschenkelstücken in der Pfanne an. Zustimmend nickte Ju. Einige Minuten später brachte er alles Wichtige zur befestigten Feuerstelle, an der wir sonst auch immer saßen.
      ”Har du inte övat dressyr?”, fragte Ju, als er wieder hineintrat.
      ”Självklart”, antworte ich konzentriert. Die letzte Portion brutzelte noch. Es benötigte ein gewisses Gefühl, damit es von allen Seiten gleichmäßig gebraten war, ohne zäh zu werden oder verkohlt zu sein. Normalerweise gab es zu Hause Wild nur, wenn ich mit Vater jagen war. In Kanada wäre es mir zu kompliziert die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um ein Reh zu schießen. Im Laden fand ich in der Fleischtheke etwas und nun können Teil daran haben.
      Ju holte den mittlerweile kalten Salat aus dem Kühlschrank und ich zog mir ein anderes Outfit an. Während ich meine Sachen durch sah, entschied ich noch unter die Dusche zu hüpfen. Obwohl es seit Tagen ziemlich warm war, erschien es heute besonders unerträglich zu sein, weswegen ich das Wasser aus dem Duschkopf genoss. Schritte näherten sich, als ich mir ein Shirt überwarf.
      “Kom nu”, scheuchte mich Chris auf. Ich nickte und folgte ihm. Am Tisch hatten sich wirklich viele Leute versammelt.
      “Jag går till Lina”, flüsterte ich ihm zu. Sein allseits bekanntes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus und er ging zu Ju, der mit Linh und Milena an einem Tisch saß. Mein Herz pochte, als ich zu Lina schaute. Samu saß bei ihr und Jace hatten sie offenbar auf der kurzen Strecke verloren, mein Glück. Obwohl ich mir alle Mühe gab, ihm das Leben nicht noch schwerer zu machen, doch ich spürte die negative Energie, die er ausstrahlte, wenn ich dazu kam. Beiden sahen so aus, als könnten sie ein Kaffee gebrauchen.
      “Ska jag göra en espresso?”, fragte ich freundlich und stellte mich zu ihnen.
      “Ja da ich für ein Nickerchen wohl nicht die Zeit habe, wäre so ein wenig Koffein sicher ganz gut”, antworte Lina auf meine Frage.
      “Das du noch mal zu Kaffeetrinker wirst, hätte ich nicht gedacht”, scherzte Samu. “Ich würde auch einen nehmen”, schloss er sich dann Linas Antwort an.
      “So viel noch zu tun heute? Ich könnte da helfen. Aber dann gehe ich mal für jeden eine Tasse holen”, sagte ich und verschwand. Eine Antwort bekam ich ist erst einige Minuten später, als ich die kleinen Heißgetränke brachte. Dann setzte ich mich dazu. Das große Fressen eröffnete ich kurz und bündig.
      “Naja an der Menge bin ich zu einem gewissen Teil selbst schuld, eigentlich ist Ivy schon bewegt, aber ich wollte mit ihm noch mal zu Fluss runter, weil er so gerne badet und dann muss ich noch Nathy bewegen und die Koppeln muss ich auch noch abäppeln. Wenn du helfen willst, gerne, aber musst du nicht, es gibt sicherlich spannenderes als das”, erklärte Lina.
      “Ach, nicht alles muss spannend sein, aber du reichst mir vollkommen”, schmunzelte ich und schob mir eine Gabel voll mit Salat in den Mund. Dann fragte ich: “Macht ihr nachher mit beim Springen auf dem Geländeplatz?”
      Da Lina gerade noch kaute, antwortete Samu zuerst: “Ja, man hat schließlich nicht alle Tage so geniale Trainer wie eure zu Gast.”
      “Zum Glück muss das Pferd springen und nicht ich, das sollte ich gerade noch so schaffen, denke ich. Das ist übrigens echt lecker, könnte ich mich dran gewöhnen”, antwortete dann auch Lina und steckte sich gleich eine weitere Gabel Salat in den Mund.
      “Freut euch nicht zu früh, heute werde ich auch mit als Trainer zur Verfügung. Und gewöhne dich lieber nicht dran. Du könntest natürlich auch mit bei uns wohnen, aber ich glaube nicht, dass Vater darüber so erfreut wäre und entspannt, wäre es sicher auch nicht”, sagte ich zu ihr freute mich über das Kompliment.
      “Wer weiß, vielleicht lernt es sich von dir noch viel besser”, sagte sie lächelnd. “Ich vermute mal, die wenigsten Väter wäre da so begeistert. Vielleicht auch besser, wenn ich mich nicht an so leckeres Zeug gewöhne, sonst kann ich mich nicht mehr allein ernähren”, schob sie noch ein.
      “Ach doch, Chris oder Ju sein Vater würden sich freuen, wenn plötzlich eine nette und hübsche junge Dame einzieht. Aber solang man Vater keine ordentlichen Abstammungspapiere nachweisen kann, wird es ohnehin schwierig”, lachte ich und freute mich über die Anspielung.
      “Na, wenn das so ist, solltest du wohl eher mein Pferd mitnehmen”, scherzte sie munter.
      “Lieber nicht, der hat zu viel gekostet, um auf dem Teller zu landen. Aber jetzt Spaß beiseite, wir müssen heute Abend noch etwas besprechen”, erklärte ich Lina zunehmend ernster.
      “Okay”, antwortete sie irritiert. “Sollte ich mir deshalb Sorgen machen?”
      “Ich denke über ein Kind nach und brauche deine Hilfe nachher”, brachte ich beide zur Kenntnis, denn alles wollte ich nicht direkt verraten.
      Samu blickte ein wenig verwirrt zwischen uns beiden her und man konnte förmlich die Fragezeichen über seinem Kopf schweben sehen.
      “Sanoiko hän lapsi?”, fragte er Lina und der Ausdruck in seinem Gesicht wechselte von verwirrt zu besorgt und wieder zu verwirrt.
      “Kyllä, ja ennen kuin kysyt, en tiedä, myös mistä hän puhuu, Mutta saan pian tietää”, antworte Lina ihm. Ihre Antwort schien ihn nicht wirklich zu beruhigen, denn statt verwirrt sah er nun ein wenig misstrauisch aus.
      “Mein Pferd soll Mutter werden, nicht Lina”, klärte ich ihn auf. Was dachte er nur von mir? Wenn es anderes wäre, würde ich das vor allem nicht vor ihm mit ihr besprechen wollen.
      “Dann ist doch gut”, entgegnete er, aber das Misstrauen war offensichtlich noch nicht ganz verschwunden denn er aß nur zögerlich seinen Salat weiter.
      Lina hingegen schien viel mehr begeistert: “Für Pferdekinder bin ich immer zu haben, vor allem wenn sie dann auch noch so eine hübsche Mama haben sollen.”
      “Dazu aber erst später mehr, Ju will sicher nicht allein sauber machen”, erklärte ich ihr und nahm ihre Teller mit.

      Bis auf Vriska, erfreuten sich alle am Essen und eine Siesta abhielten. Sie saß allein im Zimmer, dachte über Zukunft nach und verfiel erneut in einen Teufelskreis des Selbstmitleids. Auch die Gefühlsachterbahn mit Niklas machte ihr deutlich mehr zu schaffen, als sie sich erhoffte. Er verschwendete bei der Arbeit mit Lina keinen Gedanken an Vriska, denn ganz das Gegenteil. Durch die große innerliche Wunde, die sie wieder aufriss, verlor er den Glauben an sie und widmete sich einer weniger toxischen Person. Der frühe Abend setzte ein, die Temperaturen wurden niedriger und die meisten bereiteten sich auf das Springen auf dem Geländeplatz vor. Niklas wurde als zusätzlicher Trainer herangezogen, da er kein Pferd zur Verfügung hatte. Feste Gruppen wurden nicht eingeteilt, stattdessen konnte jeder kommen und gehen, wie er wollte. Lina, Samu und Jayden ritten ihre Pferde bereits warm. Die wenigen vom Team machten ihre Pferde noch fertig.

      Vriska
      “Ich bin wirklich erstaunt, dass du bei dem Training mit machst”, lobte mich Chris, der seinen Wallach bereits fertig hatte. Ich für meinen Teil kämpfte noch immer mit den Gamaschen, die eigentlich sehr simpel zu befestigen waren. Ungeduldig riss der große Typ sie aus meiner Hand und machte die Gamaschen an den Beinen meines Hengstes fest.
      „So gute Gamaschen und du schaffst es nicht, sie an deinem Pferd zu befestigen.“ Chris klang genervt, drückte mir meinen Helm in die Hand und verließ den Stall.
      “Danke?” Vermutlich wäre das die einzig angebrachte Antwort und wir liefen zum Platz. Glymur trottete müde neben mir her, denn das Training in der Dressur hatte uns beiden ziemlich viel Kraft gekostet. Die Entscheidung heute noch zu springen, traf ich vermutlich unterbewusst, denn als ich Lina mit Niklas so beschäftigt betrachtete, wurde es mir wacklig um die Beine.
      “Benötigst du Hilfe, oder schaffst du es allein?”, bot Chris mir an, als ich den Sattel festzog. Ich verneinte und stieg selbstständig auf mein Pferd auf. Jenni hätte ich dich heute anrufen sollen, dachte ich im Stillen, während Glymur im Schritt entspannt seinen Kopf senkte und schnaubte. Vielleicht war ich wieder mal sehr voreilig in meinen Entscheidungen, genau wie mein Umzug vor einigen Jahren zu Eva, meiner Tante. Tief in mir sehnte ich mich nach der alten Zeit in Deutschland und der Freiheit, die ich damals genoss. Der Tag lief geregelter ab und die Vorfreude am Nachmittag mit dem Fahrrad zu fahren, fühlte sich besser an, als am Morgen früh aufzustehen und an nichts anderes zu denken als ‚Wann beginnt das Frühstück und wann kann ich endlich mal sitzen‘. Es fehlte mir, dass meine Familie wollte, dass etwas aus mir wird und ich mir Gedanken darüber machen sollte, was ich studieren will oder doch lieber eine Ausbildung. Schlussendlich endete es mit einem abgesprochenen Physikstudium und einer miserablen Ausbildung zum Pferdewirt ohne wahrhaftigen Perspektiven.
      “Vriska, hörst du mir überhaupt zu?”, ermahnte mich Frau Wallin. An ihrem Ton entnahm ich, dass schon mehrfach versuchte mit mir zu kommunizieren.
      “Jetzt, ja”, antwortete ich verwirrt und prüfte meinen Sitz, mit dem gleichsam alles stimmte.
      “Du sollst dich mehr auf dein Pferd konzentrieren und nicht in den Gedanken verlieren”, erinnert sie mich. Glymur stolperte derweil fröhlich vor sich hin. Sein Kopf streckte er zum Boden wurde immer schneller, bis ich ihn langsam zurückholte und mit einigen Übungen mehr auf die Hinterhand brachte. Ich schaffte es jedoch nicht einen klaren Gedanken zu fassen und klammerte mich an alten Zeiten fest, die lange zurücklagen und keinen großen Einfluss mehr haben können auf die Zukunft.
      Mein Pony hatte ich genügend aufgewärmt, um den ersten Sprung in Angriff zu nehmen. Die Steigbügel kürzte ich mithilfe meiner Trainerin und galoppierte Glymur auf der rechten Hand auf dem Zirkel an. Vor uns lag ein Baumstamm, den ich auf der Geraden ansteuerte und sprang. Ich merkte, dass sich mein Körper zu früh aus dem Sattel erhob, doch mein Hengst entschied selbstständig später abzuspringen und bei der Landung plumpste ich unsanft in den Sattel.
      „Wenn du so weiter machst, hat dein Pferd bald keinen Rücken mehr“, ermahnte mich Niklas direkt, der mehrere Meter entfernt stand. Genervt schnaufte, ich trabte mit Glymur weiter. Auf einem Zirkel galoppierte ich erneut an und wiederholte den Sprung. Diesmal konzentrierte ich mich besser, sowohl Absprung als auch die Landung waren leichter und koordiniert. Wen wollte ich etwas beweisen? Mir oder Niklas? Egal, zufrieden galoppierte weiter und wechselte mit einem einfachen Galoppwechsel die Hand. Ich blickte fokussiert zum Trapez, das sicher einen Meter hoch war. Glymur wurde schneller und kurz vor dem Hindernis regulierte ich sein Tempo, um ihn besser zu kontrollieren. Gezielt sprang er hab und ich schloss meine Augen, denn sollte ich wieder einmal fallen, würde ich es nicht mitbekommen. So mein Gedanke, doch wir landeten grazil am Boden und galoppierten weiter. Erfreut klopfte ich seinen Hals und parierte einige Meter weiter in den Schritt durch.
      “Offenbar verstehst du nur, wenn man dich beleidigt”, grinste Niklas schelmisch. Ich freute mich, dass er wieder mit mir sprach, doch Lina schien es nicht zu gefallen. Stechende Blicke warf sie mir zu, als sie mit Nathy über den Zaun mit Busch sprang. Die Tage hinwegwuchsen sie extrem gut zusammen und von Stunde zu Stunde verbesserte Lina sich im Sattel. Was anfangs beim Springen noch sehr gezwungen wirkte, machte sie nun wie aus dem Handgelenk. Statt ihm eine Antwort zu geben, schaute ich immer wieder zur Einfahrt, die man vom Platz aus gut im Blick hatte.
      „Da gibt es doch nichts Spannendes zu sehen“, kam Ju angeritten.
      „Doch, einen Weg“, sagte ich knapp und richtete meinen Kopf wieder auf den Platz. Es ich Niklas Stimme wieder vernahm, rollte ich mit den Augen, auch wenn es nicht an mich gerichtet war.
      „Du tust gerade zu, als wäre es der schlechteste Mensch auf der Welt“, kommentierte es Ju und ritt weiter im Schritt neben mir.
      „Und du tust so, als wäre plötzlich alles in Ordnung“, rollte ich wieder mit den Augen und trabte mit Glymur davon. Es fehlte mir gerade noch, dass er mit der Moralkeule um sich schwang, nur weil wir vorhin uns aussprachen.
      „Was denn mit ihr los?“, hörte ich Chris fragen.
      „Die bekommt bestimmt ihre Tage“, stempelte Ju mich ab und trabte Amy an. Für mich waren damit die Typen das letzte, was ich sehen und hören wollte. Im Galopp entfernte ich mich deutlich von der Gruppe, denn der Geländeplatz war weitläufig und brachte mir den nötigen Abstand. Abstand, den ich gerade gut gebrauchen konnte, um den Kopf freizubekommen. Im gestreckten Galopp trieb ich meinen Hengst voran, der auch gefallen daran fand, die letzte vorhandene Kraft herauszulassen. Ich fühlte mich frei und nichts vernebelte mir mehr den Kopf. Der warme Wind umschloss uns und ließen alles hinter uns. Nach einer Weile erreichten wir das Ende des Platzes, was durch einen sehr großen Zaun deutlich wurde. Es befand sich eine Art Tor in ihm, das mit Litze geschlossen war. Dort entlang mussten sich noch weitere Sprünge befinden, die ich jedoch nicht entdecken wollte. Ohne Aufsicht der Trainer wollte ich mich nicht auf die Reise machen, noch nach dem Unfall.
      „Hier sind wir ungestört“, sagte ich zu meinem Hengst, der schnell atmete und gierig am Gras zupfte.
      „Einerseits hoffe ich, dass er es heute nicht mehr schafft“, begann ich meine Gedanken laut auszusprechen.
      „Andererseits bleibt nicht mehr viel Zeit in Kanada und wer weiß, vielleicht ist er genau das, was ich benötige, um Abstand von dem ganzen zu bekommen“, erzählte ich meinem Pferd, dass noch immer seinen Kopf im Gras hatte.

      Samu
      Sally sprang heute konzentriert und war mal wieder mit viel Freude dabei. Jace, der mit Alec und ein paar anderen Menschen am Zaun stand, sah mäßig begeistert aus. Offenbar fand er die Tatsache, dass Niklas heute den Trainer machte, nicht wirklich gut, vor allem Linas Anwesenheit auf dem Platz spielt dabei sicher eine Rolle. Da Alec da war, muss man sich immerhin keine Sorgen darüber machen, dass Jace irgendwelche Dummheiten anstellen würde. Ich für meinen Teil bin mir noch nicht so ganz sicher was ich von Niklas halten soll. Lina hatte heute Nachmittag ziemlich glücklich ausgesehen, obwohl sie bei sengender Hitze die Koppel abäppelten. Das freut mich auch für sie, aber Niklas Stimmungen schienen gefühlt jeden Tag zu ändern und ich bin mir nicht sicher, wohin das noch führen wird.
      Doch statt weiter darüber nachzudenken, konzentrierte ich mich lieber wieder auf meine Stute. Mit recht hohem Tempo überwand ich die Distanz zu dem Sprung, bevor ich die Fuchsstute zurücknahm. Vor uns lagen mehrere Stufen, die es hinaufzuspringen galt. Aufmerksam sah die Stute in die Richtung des Hindernisses, bevor sie absprang. Der erste Sprung war ein wenig zu weit, weshalb wir bei der zweiten Stufe ein wenig knapp waren, doch Sally schaffte dies auszugleichen. In einem leichten Galopp ritt auf Wall bis zum Ende, bevor ich hinunter trabte. Im Vorbereiten bekam ich ein paar Gesprächsfetzen, des Gespräches zwischen Ju und Vriska mit und es schien kein sonderlich harmonisches Gespräch zu sein. Diese Vermutung bestätigte sich, als Vriska zum anderen Ende des Platzes galoppierte. Ich beschloss ich unauffällig zu folgen, denn irgendwie hatte ich im Gefühl, dass sie jemanden zu reden gebrauchen könnte. Sprung für Sprung näherte ich mich dem anderen Platzende. Sobald ich Vriska und ihrem Pferd näherkam, ließ ich Selection langsamer werden.
      “Hey, was machst du denn ganz allein hier hinten. Alles Okay?”, fragte ich und ließ meine Stute neben dem Isländer stehen bleiben.
      “Eigentlich die Ruhe genießen, aber es ist okay, wenn du hier sein möchtest”, antwortete sie abwesend und strich ihrem Pferd weiter über die Mähne. Einen Moment lang beobachtete ich sie dabei, bevor ich weitersprach: “Ruhe vor denen da vorne? Die scheinen dir das Leben ja nicht gerade einfach machen zu wollen.”
      “Ich werde dazu einen großen Teil mit beitragen, aber ich weiß auch nicht so genau, was mit mir nicht stimmt. Das verwirrt mich alles und dann noch so viele Gefühle auf einmal. Ich trage das nicht”, murmelte sie.
      “Was verwirrt dich, möchtest du darüber reden?”, fragte ich freundlich. Sally schnaubte und begann Gras zu zupfen. Vriska dachte mehrere Minuten nach, bevor sie antwortete.
      “Ich dachte, dass ich ein anderer Mensch werde, wenn ich mit jemandem Schlafe und mich dann irgendwie besser fühle. Vermutlich war die Wahl, die erste Möglichkeit zu nutzen, aber auch nicht beste. Doch jetzt ist alles so kompliziert, ich musste mich so vielen schon erklären und eigentlich will ich nur nicht mehr einsam sein. Und dann ist da noch der Typ, mit dem es irgendwie so unverhofft gut anfängt, dass irgendwas nicht stimmen kann”, erklärte sie schließlich und eine Träne lief die Wange herunter. Ich verspürte sofort das Bedürfnis von meinem Pferd zu steigen und sie in den Arm zu nehmen, so traurig und verloren, wie sie gerade aussah. Ich versuchte meine Worte mit bedacht zu wählen, denn nur ungern wollte ich sie noch trauriger machen, als sie ohnehin schon war. “Weißt du ein anderer Mensch wird man nicht einfach so über Nacht, das ist ein Prozess, eine Entwicklung. Dein erster Schritt mag vielleicht nicht der Beste gewesen sein, aber du hast es jetzt in der Hand was du daraus machst. Und auf dem Gebiet Typen bin ich zwar kein Experte, aber ich finde, du solltest mit ihm reden, sieh, wohin es dich führt.”
      Vriska zögerte und betrachtete das Geschehen am Horizont. Die Leere in Augen füllte sich langsam wieder mit Leben. Lächelnd wischte sie die Tränen aus dem Gesicht und begann zu lachen, vollkommen grundlos, zumindest sah ich keinen.
      “Du hast recht, ich hoffe, er schafft es heute Abend. Hier mitten im Nirgendwo ist man schließlich so was wie gefangen”, sie schmunzelte noch immer und gab mir ein Handzeichen im Schritt wieder loszureiten. Ich musste Sally ein wenig zurückhalten, doch nach ein paar Metern passte sie sich dem Tempo des Isländers an.
      “Ja, da hast du recht. Aber manchmal hat das Nirgendwo auch seine Vorteile, hier gibt es wenigstens sehr viel Ruhe”, antwortete ich. ”Ich bin mir sicher, dein Typ wird es schaffen”, fügte ich zuversichtlich hinzu.
      “Danke für deine Zuversicht. Ich mache mir vermutlich wieder viel zu viele Gedanken, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das was werden könnte. So vom ersten Moment an fühlte ich was, weißt du was ich meine?”, schwärmte sie.
      “Ja, ich verstehe, was du meinst”, antworte ich und strich meiner Stute über den Hals.
      “Wer zuerst wieder bei den Anderen ist?”, fragte Vriska herausfordernd und galoppierte den Kleinen an.
      “Na, dann zeig mal was dein Kleiner darauf hat”, reif ich ihr zu. Ich brauchte Sally nur den Zügel vorgeben und schon sprang die Fuchsstute an. Mit wenigen großen Galoppsprüngen war sie auf einer Höhe mit dem Isländer. Für ein Pferd mit so kurzen Beinen war er ziemlich schnell und er schien sogar noch einmal ein wenig an Geschwindigkeit zuzulegen, dennoch reichte es nicht ganz aus, um mit der Hannoveranerstute mitzuhalten, denn sie kam knapp eine halbe Pferdelänge nach mir bei den anderen an.
      “Respekt, dein Pferdchen hat ganz schön viel Power dafür, dass es so klein ist”, sagte ich anerkennend zu ihr, als sie Glymur neben mir durch parierte.
      “Er ist schon müde und wird sicher gern in sein Bettchen sein”, lachte Vriska außer Atmen und ließ die Zügel locker. Auch der Hengst schnaubte ab und biss mehrfach nach einem Grashalm am Boden.
      “Dann lass uns die beiden wegbringen, die Maus hier hat für heute auch genug getan”, schlug ich vor. Selection schnaubte, wie als wolle sie meine Aussage unterstützen. Vriska nickte nur und begann ihren Hengst abzureiten. Obwohl es inzwischen kühler geworden war, zeichnete sich dennoch ein dunkler Rand unter der Schabracke ab. Ich trieb Sally an und ließ sie am langen Zügeln noch ein wenig um den Platz laufen. Lina war immer noch am Trainieren und so langsam ließ Nathalies Ausdauer sichtbar nach.
      “Lina …”, rief ihr zu, was tatsächlich bewirke, dass sie ihr Pferd durch parierte. Ich ließ Sally bis zu ihr traben und ließ sie neben der Scheckstute wieder in den Schritt fallen.
      “Ist was Samu?”, fragte sie.
      “Du denkst schon daran, dass dein Pferd nicht unendlich viel Energie hat, oder?” wies ich sie indirekt darauf hin, dass sie so langsam zum Ende kommen sollte.
      “Ja, daran denke ich. Ich wollte nur noch den Sprung da ein letztes Mal wiederholen und dann bin ich auch fertig”, erklärte sie mir.
      “Nein Lina. Samu hat recht. Das reicht für heute. Du musst mich nicht weiter beeindrucken, ich sehe schon, dass ihr beide es darauf habt”, mischte sich nun auch Niklas ein.
      “Okay, okay. Hast du gehört Nathy, der Chef hat gesagt wir sind fertig. Hast du gut gemacht, Süße”, sagte sie zu ihrer Stute, ließ die Zügel länger und klopfte der Stute den Hals. Sofort schüttelte Nathalie den Kopf und schnaubte.
      “Ziemlich motiviert heute. Ist heute irgendwie gute Laune Tag?”, fragte ich schmunzelnd.
      “Möglich, vielleicht habe ich auch einfach gelernt, wie man Fotosynthese betreibt, so wie du”, antwortete sie verschmitzt.
      „So jetzt verratet mir aber mal bitte, was ihr da hinten getrieben habt“, kam Chris mit seinem Wallach neugierig an. Vriska ritt uns noch immer stillschweigend nach.
      “Genau das, was wir hier auch gerade tun. Wir haben eine Unterhaltung geführt”, beantwortete ich die Frage.
      “Na dann wird dich sicher nicht interessieren, dass gerade jemand für dich gekommen ist Vriska”, wand er lächelnd ein und zeigte nach drüben zum Zaun. Verwirrt schaute sie sich um, aber blieb mit ihrem Pferd bei uns. Auch mein Blick ging, in die Richtung in die Chris deutete. Tatsächlich stand dort ein junger Mann, den ich hier schon einmal gesehen hatte. Es war der Botschafter, der vor fast einer Woche hier gewesen war. Offensichtlich war das also der Besuch den Vriska noch erwartete.
      “Möchtest du deinen Besuch nicht begrüßen?”, fragte ich Vriska freundlich.
      “Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also versuche ich es zufällig wirken zu lassen”, sagte sie unsicher.
      “Du solltest nicht so viel darüber nachdenken, dir wird schon das richtige einfallen”, versuchte ich ihr Zuspruch zu geben.
      “Letztes Mal wurde es schon komisch, deswegen verstecke ich mich noch zwischen euch”, duckte Vriska und drängte sich mit ihrem Pferd zwischen Lina und mich.
      “Du kannst dich gerne noch länger verstecken, aber ich glaube Erik ist klug genug, um zu wissen, dass Pferde keine 8 Beine haben, also wird dein Plan vermutlich nicht funktionieren. Aber wenn es dich beruhigt, wenn es wieder komisch werden sollte, schicke ich dir Samu als Rettung vorbei”, trug nun Lina zu dem Gespräch bei.
      “Nett, dass ich auch gefragt werde, aber wenn ich damit helfen kann, mach ich das gerne. Aber ich glaube, dass du das gar nicht nötig haben wirst, gerettet zu werden”, sagte ich zu ihr.
      “Aber ich sehe schrecklich aus und nach Pferd rieche ich auch, so geht das nicht”, antwortete Vriska noch nervöser und biss auf ihrer Unterlippe herum. Glymur schlug ebenfalls mit seinem Kopf.
      “Dieser Zustand lässt sich ändern. Das Problem liegt nur darin, dass du dann trotzdem vom Reitplatz runtermusst”, meldete sich Lina wieder zu Wort.

      Vriska
      Wieso war er schon hier und warum waren Lina und Samu so nett zu mir, obwohl ich mir nicht mal Mühe gab mein Verhalten zu bessern? Den beiden müsste ich dringend eins unserer Pferde überreichen – Friedensnobelpreis. Aber das ging gerade nicht. Meine Gedanken waren so wirr wie mein Verhalten, aber Chris holte mich zurück.
      „Wollen wir dann zu Stall?“, sagte er und stieg ab von Hammy. Ich nickte und stieg ebenfalls vom Pferd. Lina und Samu taten uns gleich. Im Gespann machten wir uns auf zum Tor und spürte wie meine Knie weicher wurden.
      „Wie lange wolltest du dich noch verstecken?“/, scherzte Erik und schmunzelte. Natürlich hatte er gemerkt, dass ich ihn sah. Doch, bevor ich etwas antworten konnte, half mir Chris und begrüßte ihn.
      „Lange nicht mehr gesehen, du hättest den Tag auch mal länger bleiben können“, sagte er zu ihm.
      „Jetzt bin doch da, außerdem musste ich noch woanders hin“, erklärte Erik und schaute immer wieder zu mir, als wir zum Stall liefen.
      „Dann können wir doch froh sein, dass ihr beiden einen Draht zueinander gefunden habt“, brachte Chris ein und unterhielt sich weiter mit ihm. Ich konnte in der Zeit tief durchatmen, aber schämte mich ein wenig dafür, noch kein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Schließlich war er extra meinetwegen hergekommen. Lina, Samu und Chris liefen in den Stall und ich blieb bei Erik stehen, der abrupt vor dem Gebäude verharrte. Erwartungsvoll schaute er zu mir und mir steckte irgendwas im Halse fest. Kein Wort brachte ich heraus, stattdessen sah ich ihn nur an.
      “Und jetzt schweigen wir uns den ganzen Abend lang an, oder wie stellst du dir das vor?”, fragte Erik.
      “Gute Frage, aber ich freue mich das du da bist”, sagte ich schlussendlich und umarmte ihn fest. Ganz offensichtlich hatte er keinen Pferdeduft an sich, was ich änderte. Freundlich stupste mich Glymur am Rücken an, als ich Erik wieder loslassen wollte.
      “Ich schätze dein Pferd, weiß mehr als ich”, lachte er und trat einige Schritte zurück. Als hätte Glymur uns verstanden, wippte er mit seinem Kopf auf und ab.
      “Kommst du, oder willst du da ewig herumstehen?”, unterbrach und Chris. Er hatte recht und ich ließ Glymur einfach draußen stehen, um von der Box sein Halfter zu holen. Da draußen ebenfalls eine Anbindestange war, band ich ihn dort an. Im Stall war es mir persönlich sowieso zu voll. Erik blieb auf Abstand zu den Pferden und erzählte mir von seinem Arbeitstag. Interessiert, wenn auch unwissend, hörte ich ihm zu, während ich alles von Glymur nahm. In der Box füllte ich das Futter auf, als Chris mich von der Seite ansprach: “Und, wann heiratet ihr?” Perplex blickte ich ihn an und benötigte einen Augenblick, bis ich seine Worte verstand.
      “Wieso sollten wir das tun und vor allem was ginge es dich an?”, fragte ich ihn.
      “Ist doch klar, warum er das wissen möchte, er will zu Hochzeit eingeladen werden”, warf Lina ein, die mit den Gamaschen ihrer Stute in Richtung Sattelkammer unterwegs war.
      “Ich glaube eher, dass er der Trauzeuge sein möchte”, mischte sich nun auch Erik ein, der am Eingang des Stalles stand und lachte.
      “Awkward”, murmelte ich und sonst stillschweigend an allen vorbei, um Glymur ebenfalls die Gamaschen abzunehmen.
      “Das muss dir doch nicht peinlich sein”, versuchte er mich nun wieder zum Lachen zu bringen, doch ich schaute nicht mal zu ihm, sondern versuchte nur so schnell wie möglich mit meinem Pferd fertig zu werden.
      “Es muss dir wirklich nicht peinlich sein, ihr seht gut zusammen aus”, unterstützte Lina seine Aussage und lief mit einer Futterschüssel zurück zu ihrer Stute.
      “Na dann werden wenigstens die Bilder schön, reden muss man schließlich nicht miteinander”, rollte ich mit den Augen und stellte Glymur in die Box. Direkt scheuerte er sich und holte die Salbe, um ihn einzuschmieren.
      “Zumindest über Kinder müsst ihr euch keine Gedanken machen”, sagte Chris und ich schaute verwirrt zu Erik.
      “Chris, du musst immer Spoilern”, beschwerte er sich bei seinem Kumpel.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 98.887 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XIV | 06. Juni 2021
      Satz des Pythagoras // Glymur
      Natahlie // Maskotka// HMJ Divine // Legolas // El Pancho // Vakany


      Vriska
      “Liiinaaaa, hier passieren wieder komische Dinge”, nörgelte ich und stellte mich zu ihr.
      “Jaaa, das merke ich schon, schnell jetzt kannst du noch flüchten”, scherzte sie. “Aber jetzt ernsthaft, ich bin hier sicherlich nicht die Einzige, die jetzt gern die ganze Story dazu hören würde”, fügte Lina an die beiden Jungs gewandt hinzu.
      “Eigentlich wollte ich das nicht vor Publikum besprechen, aber Chris kann natürlich seine Klappe nicht halten. Ich habe eine zweijährige Tochter, die bei ihrer Mutti lebt und auch ganz wild auf Pferde ist”, sagte Erik zurückhaltend und plötzliche Ruhe trat im Stall ein. Ich dachte nach, aber mir fiel nichts genau ein, vor allem, weil ich Kinder nicht mochte.
      “Wie viel Geld bekommt man für so was?”, fragte ich vollkommen unangebracht, aber Erik musste lachen. Das reichte mir.
      “Willst du etwa meine Tochter verkaufen?”, scherzte Erik und zog mich zur Seite, dann kitzelte er mich. Normalerweise reagierte ich auf solche Angriffe nicht, doch heute war irgendetwas anders. Es wurde mir warm ums Herz und den Willen ihn zu küssen, kam plötzlich in mir auf. Doch ich schaute ihm nur tief in Augen.
      “Nehmt euch ein Zimmer”, kam es genervt von der Seite. Ich drehte mich um und Niklas stand neben uns.
      “Ach lass doch die beiden”, verteidigte Chris und zog ihn an der Schulter zur Seite.
      “Was hältst du denn davon, wenn wir die beiden allein lassen. Du wolltest doch noch was mit mir besprechen”, wand sich Lina an Niklas und schloss die Box ihrer Stute, die bisher noch einen Spalt aufgestanden hatte, vollständig. Ich nahm Erik am Arm und zog ihn mit, um Zimmer zu gehen und Chris rief nur hinterher: “Haltet euch zurück, ich erwarte euch.” Peinlich berührt sah ich nicht zur ihm, sondern lief schnell den Weg entlang. Als wir vor der Tür standen, war ich mir nicht sicher, ob ich ihn mit hineinnehmen sollte.
      “Ich warte dann”, bot er von selbst an, doch ich lud ihn ins Zimmer ein.
      “Das fing wirklich unangenehm an, es tut mir leid”, entschuldigte ich mich bei Erik, der am Tisch Platz nahm.
      “Eigentlich hätte ich dir schon vorher von Fredna erzählen sollen”, begann er sich zu erklären und im Badezimmer zog ich mich um. Er hatte recht, aber das konnte ihm nicht sagen. Das erklärte mir allerdings auch, wieso er seinen Instagram Account auf Privat hatte und auch sonst bis auf seinen LinkedIn Account nichts über ihn in Erfahrung bringen konnte.
      “Okay, dann musst du wissen, dass ich mit Niklas geschlafen habe.” Wenn wir jetzt schon einander über die Gegebenheiten aufklären, wollte ich, dass er es von mir erfährt.
      “Das weiß ich schon”, murmelte er.
      “Wie, woher weißt du das?”, fragte ich schockiert und schaute aus dem Badezimmer zu ihm. Mein Plan ging somit nicht auf.
      “Er hielt es für eine hervorragende Idee mir sehr ausgiebige Nachrichten darüber zu schicken heute früh, aber mir ist das egal, schließlich sitze ich nun hier und nicht er”, schmunzelte Erik. Wieder hatte er recht, doch auch jetzt sagte ich es nicht. Stattdessen nickte ich und wechselte noch das Shirt, bevor ich das Zimmer verließ. Ich hatte mir ein galanteres Outfit angezogen und seine Blicke zeigten mir, dass es eine gute Wahl war. Zum Glück wusch ich vorhin meine Sachen, sonst wären nur Reitsachen geblieben.
      “Wollen Sie mich begleiten?”, lud ich ihn lachend ein und Erik stand auf, um mir zum Feuer zu folgen. Zusammen liefen wir zu den anderen, die fröhlich am Essen waren. Beim Training schien niemand mehr zu sein, stattdessen sammelten sich alle am Buffet.
      “Schön dich mal wieder zu sehen”, begrüßte nun auch Ju Erik. Wortlos stand ich daneben und schaute mich in der Gegend um. Ich fühlte mich sehr fehl am Platz und überbrückte die Zeit am Handy. Niklas hatte mal wieder Bilder gepostet, aber sie waren schon etwas älter, denn sie zeigten ihn und Smoothie beim Joggen vor einigen Tagen. Natürlich ließ er es sich nehmen, oberkörperfreie Fotos zu veröffentlichen und in den Kommentaren schwärmten irgendwelche Minderjährigen von ihm. Fühlte er sich schlecht dabei oder einfach nur bestätigt, dass Kinder ihn gut fanden? Schnell scrollte ich weiter und schaute mir die Story von Jenni an, die mal wieder in der Stadt war zum Shoppen mit ihrem komischen Freund. Von der Seite wurde ich vorsichtig von Erik angestupst, der offenbar fertig sprach mit Ju. Dieser hatte sich zum Feuer gesetzt, an dem bereits Lina und auch Linh saßen. Etwas entfernt hatten Alec, Jayden, Jace und Sheena am Tisch. Als es ruhiger wurde am Buffet, bedienten wir uns ebenfalls, doch als ich mich zu einem einsamen Tisch aufmachte, zog Erik mich in eine andere Richtung. Wirklich unangenehm wurde es erst, als er sich mit zu Ju, Niklas und den dazugehörigen Anhängseln setzte. Als hätten Nik und ich denselben Gedanken, schauten wir genervt einander an.
      “Muss das sein? Ich würde den Abend eigentlich gern genießen”, flüsterte ich ihm zu.
      “Ich habe schon gemerkt, dass dir Konfrontationen und Menschen unangenehm sind und genau deshalb setzen wir uns da nun hin”, sagte er lächelnd und wir setzten uns. Wenn ich könnte, würde ich im Boden versinken. Vermutlich würde er auch dabei mich aufhalten und mit einem Seil an den Tisch binden oder irgendeine andere blöde Idee haben. Würde Erik nicht so attraktiv sein und mir gefallen, dann hätte ich schon verweigert.
      „Hjälp mig“, deutete ich mit einer beinah stillen Lippenbewegung an und sah dabei zu Chris, der mir gegenübersaß. Amüsiert zuckte er mit seinen Schultern und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Glas.
      “Tyvärr kan jag inte göra det”, lachte er und lehnte sich zurück an die Rückenlehne der Bank. Eine große Hilfe war er mir damit nicht.
      „När kommer du att försvinna igen?“, fragte Niklas etwas später, nach dem jeder so gut wie aufgegessen hatte. Im Hintergrund entfachte sich das Lagerfeuer erneut, durch einige Holzstämme, die Colin hineinwarf. Ich sah Leute dieses S’mores machen, von dem Lina mir am ersten Tag erzählte und aus dem Stall hörte man leise die Pferde. Obwohl es ein reges Treiben auf der kleinen befestigten Wiese gab, herrschte eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe, die mich schon öfter hier am Abend herunterholte und entspannen ließ. Vorsichtig legte ich meine Hand auf Eriks Bein, der sie sogleich mit seiner Umfasst und lächelnd zu mir schaute. Dann drehte er sich wieder zu Ju, mit dem er sich noch immer unterhielt. Es schien, als würde er Niklas blöden Kommentar einfach ignorieren.

      Lina
      Nach dem doch recht langen anstrengenden Tag heute versuchte ich die entspannte Atmosphäre, um mich herum zu genießen. Das Ganze funktionierte allerdings nur so lange, bis Niklas meinte, er müsse noch einmal deutlich machen, was er von Vriskas Besuch hielt. Ich für meinen Teil wusste nicht so genau was ich davon halten sollte, denn aus Vriskas Verhalten wurde ich einfach nicht schlau. Innerhalb von knapp anderthalb Wochen hatte sie jetzt schon den dritten Kerl am Start. Okay, was genau das zwischen ihr und Niklas war, keine Ahnung, aber zumindest mit Ju hatte es zu Beginn so ausgesehen, als hätte das etwas Ernstes werden können doch mit Erik sah das ähnlich aus, mal abwarten wie lange. Vielleicht werde ich irgendwann auch noch verstehen, was ihr Ziel ist, war, sein wird...? Während ich über Vriskas äußerst verwirrendes Verhalten nachdachte, schweifte mein Blick kurz rüber zu Samu und den anderen. Während Jace, Alec, Sheena und Jayden sich angeregt über etwas unterhielten, warf Samu mir bzw. eigentlich Niklas einen misstrauischen Blick zu. Wirklich verwundern tat mich das nicht, da Samu von Anfang an einen Argwohn gegenüber Niklas hegte, doch im selben Moment fiel mir wieder das Gespräch von heute Mittag ein. Seitdem war Samu nämlich in Niklas näher nicht mehr ganz so gut gelaunt wie sonst.
      „Annars, se alltid ut så där, säg bara vilket problem du har! Jag tänker inte knulla dem, så inte nu. Men min häst borde bli en hingst “, stand Niklas auf und brüllte Samu förmlich an.
      „Det skulle vara något nytt “, hörte ich Ju neben mir murmeln.
      “Du willst wissen, was mein Problem ist? Mein Problem ist, dass ich dir nicht abnehme, dass du nicht nur mit ihr spielst, du scheinst deine Meinung ja täglich zu ändern”, antworte Samu scharf. So verärgert hatte ich meinen besten Freund bisher nur selten erlebt, denn normalerweise war er nur recht schwer zu verärgern. Die Gespräche waren alle verstummt und für einen Moment war nur das Knacken und Knistern des Feuers zu hören. Niklas blickte zu mir und schien zu überlegen, was er sagen sollte. Bis er dann antwortete: „Na, wenn das so ist. Ich hoffe, du bist glücklich damit, dann verschwinde ich jetzt. Vielleicht solltest du dir mal überlegen, was du willst, denn offenbar steckt da deutlich mehr in deiner Fürsorglichkeit, als du dir eingestehen willst.“ Ohne noch mal einen Blick zurückzuwerfen, lief er los. Kurz und knapp verabschiedete auch Ju sich und folgte seinem Freund. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis es in meinem Gehirn Klick machte, was Niklas da gerade ausgesprochen hatten, war für mich bisher ein absolut abwegiger Gedanke gewesen, obwohl Nik nicht der Erste war, der so etwas sagte. Für mich war dieser Gedanke immer unvorstellbar gewesen, schließlich war Samu so etwas wie ein Bruder für mich, wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Doch jetzt in diesem Augenblick dachte ich, dass alle vielleicht immer recht gehabt haben. Samu stand noch immer an derselben Stelle, aber statt Ärger stand ihm nun Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben.
      “Onko hän oikeassa? fragte ich Samu, sah ihn dabei allerdings nicht an. Ich war mir nicht sicher, ob ich die Antwort wirklich hören wollte, doch weglaufen konnte ich ohnehin nicht. Meine Füße fühlten sich so schwer an wie Blei und mit jeder Sekunde, die er nicht antworte, schienen sie schwerer zu werden. Unangenehm spürte ich die Blicke, die neugierig auf uns lagen.
      “Ei... Kyllä... ehkä.... Kirota, en tiedä…”, stammelte der Finne fast unverständlich vor sich hin. Verdammt, was passiert hier eigentlich gerade. Der, der da gerade vor mir steht, ist nicht mehr mein Samu, mein unerschütterlicher Fels in der Brandung.
      “Olen pahoillani”, murmelte Samu noch, wandte sich ab und verschwand irgendwo in der Dunkelheit. Alec zögerte einen kurzen Moment, lief ihm dann aber doch hinterher. Verwirrt blickte ich ihm nach und obwohl ich mich gerade mitten unter einer Menge Menschen befand, fühlte ich mich gerade einsamer als je zuvor. Auch wenn es keine klare Antwort war, wäre da wirklich gar nichts, hätte er schneller eine Antwort haben müssen. Was bedeute das nun für mich oder besser für uns? Was ist, wenn die Antwort ja, lauten wird? Wird Samu dann noch derselbe für mich sein? Und wenn die Antwort Nein ist, kann ich dann einfach weitermachen wie bisher oder wird sich immer wieder die Frage stellen, ob nicht doch mehr ist? Fragen über Fragen schossen in den Kopf und gleichzeitig begann mein Gehirn in allen möglichen Erinnerungen nach irgendwelchen Anzeichen zu suchen.
      “Hallo, Lina bist du noch bei uns”, holte mich Jace Stimme aus meinen Gedanken. Der Kerl fehlte mir ja gerade noch, hatte ich doch sein Liebesgeständnis von gestern noch nicht ganz verarbeitet. Warum passierte in meinem Leben eigentlich immer alles gleichzeitig? Ein wenig überfordert schloss ich für einen Moment die Augen, vielleicht würde er sich dann in Luft auflösen oder ich löste mich einfach auf. Wie früher im Kindergarten, sah ich die anderen nicht sahen sie mich auch nicht.
      “Lina”, hörte ich seine Stimme wieder sagen. Offensichtlich funktionierte die Kindergartenmethode noch genauso schlecht wie damals auch. Wäre auch zu schön gewesen. Ich nahm einen tiefen Atemzug, bevor ich die Augen wieder öffnete.
      “Jace, kannst du bitte weggehen”, bat ich ihn inständig, doch er machte keinerlei Anstalten auf diese Bitte zu reagieren. “Kannst du bitte einfach weggehen”, bat ich ihn erneut. Zu viele Gedanken und Gefühle wirbelten in meinem Kopf umher, schon ganz ohne, dass ich mich auch noch mit Jace auseinandersetzte. Auch jetzt machte Jace keine Anstalten sich zu bewegen. Okay, wenn er sich nicht bewegte, würde ich mich wohl bewegen müssen.
      “Es wäre wohl besser, wenn du nicht weiter hier herumstehst”, sagte eine Stimme zu mir und jemand berührte mich an der Schulter. Schreckhaft drehte ich mich um und Vriska stand da. Ihr Gesicht versuchte zu lächeln, doch es sah eher gequält aus als freundlich. Bevor ich verstand, was gerade geschah, führte sie mich zurück zum Tisch und setzte mich neben Chris ab. Er machte Platz, um mir meinen Raum zu geben. Jace stand noch immer an der Stelle.
      “Auch ein Schluck?”, fragte Vriska mehrere Minuten später und goss allen anderen am Tisch einen Shot ein.
      “Ja, her damit”, antwortete ich ihr. Warum auch immer glaubte ich, dass es helfen könnte das Chaos in meinem Kopf zu beruhigen. Ein kräftiger Schuss fühlte das Glas.
      “Denkst du wirklich, dass das sinnvoll ist?”, hörte ich Erik zu Vriska sagen, als sie hier Glas hinter kippte.
      “Wieso nicht?”, fragte sie und verzog das Gesicht.
      “Bei deiner Vorgeschichte?”, deutete er an.
      “Habe ich einen Stalker?”, lachte sie und füllte die Runden erneut auf, während Erik noch immer sein Gläschen betrachtete. Normalerweise hätte ich mich vermutlich darüber gewundert, doch dafür hatte mein Gehirn gerade keine Kapazitäten mehr übrig. Vielmehr hatte ich das dringende Bedürfnis auch den zweiten Shot schnellstmöglich zu mir zunehmen. Kaum hatte ich das getan, fiel mir auch wieder ein, warum das der Teil von Partys war, den ich umging, wenn es geht, es schmeckte abscheulich.
      “Bah, was ist das für ein Zeug”, sagte ich angewidert und stellte das Glas wieder auf den Tisch.

      Vriska
      “Ich weiß es auch nicht”, antworte ich ihr und betrachte die halb leere Flasche, von der sich das Etikett bereits abgelöst hatte.
      “Vermutlich Gin, aber brennt ziemlich”, gab auch Erik seine Überlegungen in die Runde, dem ich nur zustimmend nickte. Dass er den Shot wirklich noch schluckte, konnte nur bedeuten, dass es keine Rückfahrt geben würde. Auch Chris schien das nicht entgangen zu sein, und fragte: “Also bleibst du sogar bis zum Frühstück?”
      “Wie könnte ich nicht über Nacht bei dir bleiben?”, flirteten die beiden Männer miteinander.
      “Hallo? Ich bin auch noch da”, beschwerte ich mich aufgesetzt weinerlich.
      „Gut, dass du das sagst. Hätte ich beinah vergessen“, scherzte Erik und legte seinen Arm um meine Schulter. Wie konnte ein Arm so schwer sein? Dann fügte er interessiert hinzu: „Ist dieses Theater normal, oder was passiert hier gerade?“
      „Tatsächlich hätte ich eher gedacht, dass wir das Gespräch des Abends werden, aber das scheint nicht der Fall zu sein“, antwortete ich und warf einen prüfenden Blick zu Lina, die nicht mehr ganz anwesend war, sondern mit ihren Haaren herumspielte.
      „Also der Blonde, der verschwunden ist, ist Samu. Eigentlich ihr bester Freund und so was wie ihr Bruder. Der, der sie genervt hat gerade, ist Jace. Er wäre gerne mit ihr zusammen, aber verhält sich andauernd wie ein Idiot. Irgendwo dazwischen ist dann noch Niklas, der“, dann stoppte ich. Es fiel mir schwer überhaupt die richtigen Worte zu finden mit der Tatsache, dass wir die letzten Tage mehrfach miteinander geschlafen haben. Außerdem wusste ich auch nicht so richtig, was da überhaupt lief.
      “Der versucht wirklich nicht mehr mit seinem Glied zu denken, sondern seine Gefühle zu zeigen”, beendete Chris meinen Satz, der wirklich mehr wusste als ich.
      “Und wie es so typisch ist, finden Niklas alle blöd außer die Damen?”, fragte Erik nach. Gleichzeitig nickten Chris und ich.
      “Schön, dass ihr das alles so interessant findet, aber ihr wisst schon, dass ich noch anwesend bin?”, warf Lina nun ein, die offenbar mitbekommen hatte, was das Thema war.
      “Nimm es mir nicht übel, aber”, begann Erik zu sprechen, doch ich stoppte ihn. Es reichte heute schon, was Lina ertragen musste und sein hartes Urteil darüber, sollte er für sich behalten. Sein Blick verriet mir, dass es nicht schlimm war, ihn im Redefluss zu unterbrechen. Stattdessen legte ich wieder meine Hand auf sein Bein, die er sogleich mit seiner freien umschloss. Ungewöhnlich wohlfühlte ich mich in seiner Anwesenheit und wünschte, dass der Abend nie enden würde.

      Alec
      Seit gut 10 Minuten beobachtete ich Samu nun schon, wie er auf der Treppe vor dem Haus sah und irgendwas auf Finnisch vor sich hinbrabbelte. Auch wenn ich natürlich nicht verstanden hatte, was genau er zu Lina gesagt hatte, war es ziemlich klar welche Frage ihn so intensiv beschäftigte. Es war seltsam ihn so fertig zu sehen, normalerweise sprühte er nur so vor positiver Energie. Diesen Zustand fand ich ziemlich besorgniserregend und gleichzeitig hoffte ich, dass Lina nicht in einem ähnlichen Zustand war … und das Jace hoffentlich nichts Dummes anstellte. Auf einmal wurde Samu still und eines verlegenen Ausdrucks trat auf sein Gesicht.
      “Ich glaube, ich bin ziemlich dämlich”, fing er langsam an zu sprechen.
      “Warum denkst du das?”, fragte ich nach, weil ich absolut nicht nachvollziehen konnte, woher diese Erkenntnis auf einmal kam.
      “Hm … es gibt da etwas, was ich Lina schon lange hätte erzählen sollen”, druckste Samu herum und wollte nicht so ganz mit der Sprache rausrücken. Ein wenig verwundert darüber, dass er so zögerlich war, fragte ich: “Ist das streng geheim oder darf man erfahren, worum es dabei geht?”
      “Darfst du..., aber versprich mir, dass du es niemandem sagst”, sagte er in einem todernsten Ton und sah mich an.
      “Ich werde schweigen wie ein Grab”, versicherte ich ihm aufrichtig. Scheinbar war ihm das ziemlich wichtig.
      “Okay, also ich habe da jemanden kennengelernt … und ich find sie ziemlich nett, du verstehst schon...” Ein verlegenes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, doch seine Körperhaltung blieb weiterhin ziemlich angespannt.
      “Das freut mich für dich”, sagte ich aufrichtig und wartete darauf das er weitersprach. Samu knetete einen Moment lang sein Finger, bevor er weitersprach: “Naja und das geht schon eine ganze Weile so … um genau zu sein sind, es diese Woche 1Jahr und 4 Monate. Da gibt es nur ein Problem.”
      Aufmerksam folgte ich seinen Worten. Das klang eigentlich ziemlich positiv, was er erzählte und mir für mich war nicht schlüssig, wo da ein Problem liegen sollte, weshalb ich nachfragte: “Und das Problem wäre?”
      “Enya lebt in Schweden. Und ich bin nun mal hier... und vor allem wollte ich Lina nicht einfach allein hierlassen”, während er den Anfang des Satzes so langsam sagte, sodass zwischen den Worten sicher 10 Sekunden vergingen, kam das Ende so schnell, dass ich Mühe, hatte, ihm zu folgen.
      “Okay, ja Schweden ist weit weg, aber warum hast du nicht mit Lina darüber geredet? Ihr redet doch sonst über alles?”, fragte ich verwundert. So wie ich das bisher immer mitbekommen hatte, waren die beiden gleichermaßen das Tagebuch des anderen.
      “Ich weiß auch nicht, irgendwie war es mir unangenehm... Außerdem hätte ich nie im Leben geglaubt, dass sie jemals wieder auch nur in die Nähe von Skandinavien möchte, aber allein hier lassen wollte ich sie auch nicht, weil ich dachte, dann zerbricht sie an ihrer Vergangenheit. Sie redet mit niemandem darüber…”, erklärte er schon fast verzweifelt. Es ist echt ehrenwert, dass er sich solche Sorgen um seine Freundin machte, aber geht diese Art von Aufopferung nicht ein wenig zu weit?
      “Ich verstehe deine Motivation nicht einfach wegzugehen, aber das ganze so lang geheim zu halten ist doch auch nicht der richtige Weg. Glaubst du denn nicht, sie würde sich für dich freuen?”, versuchte ich Samu gut zuzureden, denn ich war der Meinung, dass er das, was er bisher versäumt hatte, so schnell wie möglich nachholen sollte.
      “Nein das ist es nicht. Ich wollte es ihr ja sagen, mehrfach sogar. Das erste Mal als es ihr sagen wollte, war letzten Herbst, als das mit Enya begann erster zu werden, aber dann hatte sie auf einmal wieder eine ganz schlechte Phase und dann wollte ich sie nicht noch mit so was ankommen. Und dann kam immer irgendwas dazwischen... Das letzte Mal wollte ich es ihr sagen als sie aus Schweden wiederkam und dann so davon geschwärmt hat, aber dann war sie so glücklich darüber mit ihm zu arbeiten und dann fing auch noch dies ganze Jace Sache an...” Samu verstummte und starrte irgendwo in die Ferne. Zusammengefasst er wollte auf den richtigen Moment warten, Lina davon zu erzählen. Das konnte ich irgendwo verstehen, aber innerhalb eines Jahres müsste sich dieser Moment doch finden lassen, vor allem für eine so erfreuliche Nachricht. Lina hätte sich sicher gefreut immerhin hatte sie immer wieder versucht Samu zu einer Beziehung zu verhelfen. Da man die Vergangenheit nicht ändern konnte, ließ ich diese Sache allerdings auf sich beruhen.
      “Okay, das verstehe ich so weit, aber eine Sache verstehe ich noch nicht so ganz: Warum machst du hier so einen Stress das Lina hierbleiben soll? Das ist doch eigentlich die Ideale Gelegenheit für dich ihr das zu sagen!? Wenn Lina nach Schweden geht, ist doch dein Problem gelöst! Du kannst zu deiner Enya und du bist trotzdem nicht unerreichbar weit weg für Lina”, merkte ich an. Offenbar hatte er gerade eine ziemlich lange Leitung, statt zu antworten, starrte er Ewigkeiten in die Dunkelheit, bevor er antworte: “Aber wenn ich ihr, das jetzt sage, wird sie doch sicher denken, dass ich mir das nur ausdenke, weil ich sie nicht allein gehen lassen möchte? Und außerdem kann ich doch nicht einfach von heute auf morgen Entscheiden, dass ich mich dann auch mal nach Schweden verkrümeln … und so eine Reise erfordert doch auch eine Menge Organisation!?”
      “Och Samu, heute bist du aber wirklich nicht der Hellste! Wie soll jemand, der existiert nur ausgedacht sein! Zeig ihr den Chatverlauf oder Fotos, ruft sie zusammen an oder was weiß ich denn. Und was dann andere angeht, niemand hat gesagt, dass du ihr sofort folgen sollst. Und selbst wenn du so was Verrücktes vorhaben solltest, gibt es bestimmt eine Lösung dafür”, versuchte ich Samu Zuspruch zu geben.
      “Hm, da hast du recht. Und wann soll ich ihr das sagen?” Entweder war er heute echt doof oder er versuchte Zeit mit unnötigen Fragen zu schinden. Ein wenig genervt verdreht ich die Augen.
      “Soll ich dir auch noch schnell aufschreiben, was du ihr sagen sollst?”, frage ich sarkastisch. “Du solltest ihr das ganze so schnell wie möglich erklären! Ich weiß zwar nicht was genau du ihr gesagt hast, aber sie sah ziemlich verwirrt aus”, fügte ich dann noch ziemlich ernst hinzu.
      “Okay, du hast doch recht. Ich werde sofort rübergehen”, verkündete er und erhob sich von der Treppe.

      Lina
      “Dreh dich mal um, dein Freund kommt wieder”, weist mich Erik freundlich auf Samu hin und nickt in seine Richtung. Ein wenig verwirrt drehte ich mich um. Irgendwie hatte ich nicht wirklich mit einer Rückkehr seiner seit gerechnet, Alec und Samu waren gefühlt für Stunden verschwunden. Doch, tatsächlich kamen die beiden gerade aus der Richtung des Hauses zurück. Während mein bester Freund direkt auf mich zu lief, bog Alec in die Richtung ab, wo Jace mit ein paar anderen saß.
      “Lina, wir müssen reden”, eröffnete er mir was er vorhatte, während er noch auf mich zulief.
      “Ja, da hast du recht, das müssen wir. Und egal was du mir sagen möchtest, ich bin bereit”, sagte ich überzeugt und wollte aufstehen. Es überkam mich ein leichtes Schwindelgefühl, sodass ich mich kurz an der Tischkante festhalten musste.
      “Lina, hast du etwas getrunken?”, fragte Samu ernst und stand schneller neben mir als ich gucken konnte.
      “Ja, ein wenig”, antwortete ich ihm, verstand aber nicht warum er damit ein Problem zu haben schien, es waren doch nur zwei Shots gewesen.
      “Siitä tulee hauskaa”, murmelte Samu wenig begeistert und verdrehte sie Augen.
      “Hallo, du weiß schon, dass ich dich hören kann, oder?”, protestierte ich ein wenig beleidigt.
      “Was erwartest du denn nach dem Theater vorhin?”, warf Vriska ihm vor.
      “Eigentlich das Gegenteil von Party, wundert mich eher, dass sie überhaupt noch hier ist”, entgegnete Samu. Erik hinderte Vriska noch weiteres sagen und hielt ihr den Mund zu.
      Ich wunderte mich zwar ein wenig über diese Reaktion, hinterfragte es aber nicht weiter.
      “Ich habe auch keine Party gemacht, aber egal. Was wolltest du mir denn jetzt sagen?”, fragte ich denn so langsam wurde ich ungeduldig.
      “Etwas was dich vermutlich freuen wird, aber wenn es dir nichts ausmacht, würde ich das gerne woanders machen”, antwortete er schon fast geheimnisvoll. Das letzte Mal als ein Kerl so geheimnisvoll gewesen war, war gestern gewesen, weshalb sich mir eine Frage aufdrängte: “Du machst jetzt aber nicht so was wie Jace?” Samu Augen wurden ziemlich groß und er sah mich fragen an. Ich wunderte mich über seine Reaktion, bis mir mein Fehler auffiel. “Ohhhh, das habe ich dir noch nicht erzählt … erzähle ich dir noch, aber du wolltest mir zuerst was erzählen”
      “Okay … Ja, dann komm mal mit”, forderte er mich auf und schien darauf zu warten, dass ich loslief, was ich auch Tat. Ich musste mich schon ein wenig konzentrieren die Richtung einzuhalten, auch wenn ich gar nicht wusste, wohin wir überhaupt wollten.
      “Lina, stopp. Das ist weit genug, wir bleiben hier” stoppt mich Samu und zog mich auf eine Bank. Wirklich weit waren wir nicht gekommen, denn diese Bank befand sich auf der Terrasse des Hauses. Von hier aus konnte man die Feuerstelle noch deutlich sehen. Gedämpft konnte man auch die Gespräche der anderen hören.

      Vriska
      Das unangenehme Bedürfnis den beiden zu folgen, kam in mir auf, obwohl es einfach nur die Neugier war, die das wollte. Warum machten sich heute vor versammelter Mannschaft alle zum Affen?
      „Ich werde noch mal mit Hammy eine Runde joggen gehen, wollt ihr mitkommen?“, unterbrach Chris meine Gedanken.
      „Sehe ich aus, als würde ich joggen gehen? Außerdem gibt es hier Bären, Puma und Mücken!“, protestierte ich. Erik lachte.
      „Ein Nein hätte auch gereicht. Ich möchte nicht unnötig früh aufzustehen und jetzt sind Temperaturen sehr angenehm“, erklärte er sich, stand auf und lief zu den Zimmern. Sehnsüchtig schaute ich ihm nach, denn ich fühlte mich etwas verloren ohne jemand anderes am Tisch. Somit blieb mir nichts anderes, als mich mit Erik zu unterhalten, was ich die ganze Zeit mied.
      “Wisst ihr was, ich schreib Niklas und warte dann, allein in die Dunkelheit finde ich dann doch doof”, kam Chris zurück und setzte sich wieder.
      “Tack”, formte ich wieder beinah still mit meinen Lippen und er grinste wieder. Doch Erik hatte offensichtlich irgendwas vor, nur nicht was ich hoffte. Ich wäre jetzt lieber ins Zimmer gegangen und hätte geschaut, was passierte. Dumm war er nicht, aber wir beide zögerten gemeinsam überhaupt ein Gespräch heraus.
      “Wollen wir nicht schlafen gehen? Ich bin müde”, nörgelte ich und sah auf die Uhr - 22.30 kl. Da ich es schon gestern nicht schaffte, früher ins Bett zu gehen, gab es noch heute die Chance dafür.
      “Denkst du wirklich, dass ich dich mit aufs Zimmer begleite?” Erik grinste schelmisch und nahm seine Hand von meiner.
      “Sagen wir es mal so, ich hoffte es bis jetzt.” Traurig blickte ich hoch zu ihm und bekam wieder das innige Gefühl, ihm, um den Hals fallen zu wollen.
      “Ich habe eine andere Idee”, sagte er dann und lockte mich wie einen Hund auf seinen Schoß, was mir aus mehreren Gründen ziemlich unangenehm war. Verneinen wollte ich es aber auch nicht. Stattdessen blickte ich wieder ratlos zu Chris, der mit seinem Handy beschäftigt war.
      “Wärst du so freundlich Platz zu nehmen?” Widerstandslos folgte ich seiner Bitte und legte meine Schienbeine auf der harten Bank ab.
      “Och Erik, jetzt glaub doch nicht alles, was dein Bruder sagt”, lachte Chris und packte das Handy zur Seite.
      “Jag var inte ens vad du pratar om”, grinste Erik. Sein Schwedisch klang ungewöhnlich, den Singsang, den alle anderen in ihrer Stimme hatten, war bei ihm deutlich schwächer. Erst als ich genauer darüber nachdachte, erkannt ich die Worte. Er zog sie zusammen und die Betonung lag woanders. Sprach er wirklich Schwedisch?
      “Jag har läst meddelandet på”, antwortete er ihm. Also war es wohl doch Schwedisch, aber wieso spricht man seine Muttersprache so unverständlich?
      “Warum sprichst du so komisch?”, fragte ich verwundert und lehnte mich mit dem Rücken an die Tischkante. Ich spürte, dass auch Chris genauso schelmisch grinste wie Erik vor mir.
      “Göteborg, Kleines”, bekam ich lediglich als Antwort. Also kann man seine Heimatstadt nun als Ausrede für alles nutzen. Langsam bewegte ich Augen von links nach rechts.
      “London”, konterte ich und hielt mich für wahnsinnig lustig. Er war sichtlich verwirrt und sollte wohl nichts mehr sagen. Stattdessen drehte ich mich um und fühlte das kleine Glas noch einmal auf. Bevor ich es ansetzen konnte, hielt Erik meinen rechten Arm fest.
      “Es reicht für heute, denkst du nicht?”, sagte er mit ernster Stimme. Kurz dachte ich nach, ehe ich Linas Stimme sagen hörte: “Eine Freundin? Deswegen machst du so einen Aufriss?” Auch mir entglitten die Gesichtszüge. Mein Arm stemmte sich nicht mehr gegen Erik und er konnte problemlos das kleine Glas aus meiner Hand nehmen. Chris stellte es weit genug von mir weg. Ich versuchte aufzustehen und auf dem Grund zu gehen, doch Erik hinderte mich daran. Seine Arme legten sich um meinen Rücken.
      “Du musst dich nicht immer bei allem anderen Einmischen, sonst kann ich auch gehen”, verließ es wieder ernst Eriks Mund. Er hatte recht. Ich konnte nicht immer allen Helfen oder gar alles wissen, obwohl mich diese Angelegenheit wirklich betroffen machte. Der Alkohol trug ebenfalls seinen Teil dazu bei.
      “Dann musst du aber meine tausend Fragen beantworten”, quengelte ich und unterbrach das Gespräch von Erik und Chris.
      “Macht ihr mal, ich gehe mit Niklas in den Wald”, antwortete Chris und ging. Diesmal wirklich.
      “Was möchtest du denn wissen?”, fragte er und sah mir tief in die Augen.
      “Wieso sitzt du hier bei 25 °C in einem Wollpullover?”, begann ich meiner Frage, die mir seit Stunden auf der Zunge lag.
      „Gefällt er dir etwa nicht?“, konterte er.
      „Doch, doch! Aber in Verbindung mit der Anzughose erscheint mir das ziemlich heiß zu sein“, antwortete ich und merkte erst im nächsten Moment, die falschen Worte gewählt zu haben.
      „Wenn du mich unbedingt ausziehen willst, dann sage das doch direkt“, lachte er und zog den hellen Pullover über seinen Kopf. Er trug noch ein Shirt darunter, was mich tatsächlich enttäuschte. Ich hoffte auf mehr Haut und legte meine Hände an seine Brust. Dann lehnte ich mich nach vorn, doch er wich mir aus und ich landete mit meinem Oberkörper auf ihm.
      „Nicht so wild junge Dame, du kennst mich doch gar nicht“, lachte Erik und umarmte mich. War das gerade ein Korb?
      „Aber du mich, oder was?“, fragte ich empört und legte meinen Kopf auf seiner Schulter ab.
      „Sagen wir es mal so, ich bin informiert.“ Er lachte noch immer und fasste es offensichtlich als Kompliment auf. Denn statt loszulassen, drückte er mich noch immer.
      „Sage ich doch, du bist ein Stalker“, scherzte ich.
      “So würde ich das Nennen, aber ich weiß vermutlich mehr als du”, antwortete er und ich erhob mich wieder.
      “Liiiiina, der Typ ist komisch”, quengelte ich laut. Lina musste es gehört haben, denn ich hörte wie sie Samu, der gerade weiterreden wollte unterbrach: “Warte mal kurz, ich geh mal lieber schauen, was da los ist. Bin gleich wieder da.” Dann konnte wie beobachten wie sich ihre Gestalt aus der Dunkelheit näherte.
      “Was ist denn so komisch, als dass du mich dafür brauchst?”, fragte sie als sie und erreicht hatte.
      “Du kennst dich besser aus! Der will nicht herummachen und stalkt mich”, quengelte ich noch immer.
      “Sie ist betrunken, mache dir nichts daraus”, flüsterte Erik ihr zu.
      “Und inwiefern soll ich dir dabei helfen? Außerdem sieht das für mich so aus als kämst du hier ganz gut allein zurecht”, sagte sie, ohne näher auf Erik einzugehen.
      “Aber kommst du denn klar? Alles in Ordnung zwischen euch beiden?”, lenkte ich das Thema ab.
      “Ja, ich denke, es ist alles in Ordnung...bin nur ein wenig enttäuscht davon, dass er das nicht früher gesagt hat. Dann hätte ich mir eine Menge mühen sparen können”, antworte sie nach kurzem überlegen.
      “Wollen wir tauschen? Du nimmst den hier und ich. Ich weiß nicht”, stammelte ich sinnloses Zeug, aber tat alles dafür nicht allein mit Erik zu bleiben.
      “Warum willst du den denn loswerden, er ist doch hübsch?”, fragte Lina irritiert.
      “Und er ist sogar gebildet, aber ich weiß nicht, was ich mit dem soll”, mittlerweile hatte es etwas von meinem Spiel nur über ihn zu reden, statt mit ihm. Er nahm es spaßig auf und hatte noch immer seine Hände an meinem Rücken.
      “Was du mit dem sollst weiß ich auch nicht so wirklich, aber für irgendetwas wird der schon gut sein”, überlegte Lina laut.
      “Mädels ich schätze, das reicht. Dein Freund braucht dich vermutlich mehr als sie”, unterbrach Erik unser großartiges Gespräch. Unsicher schaute ich ihn an und wollte nicht wieder allein hier sitzen. Doch Lina wirkte sehr erlöst von seinen Worten und lief zurück zu Samu, der ziemlich Nervös auf und ab lief. Er tat mir leid in dem Moment, denn schreckliches würde sicher in seinem Kopf los sein und das ich Angst hatte, mich mit Erik zu unterhalten, wirkte sehr kindisch.
      „Bin ich knapp drei Stunden hierhergefahren, damit du dich abzulenken kannst von irgendwas?“, fragte er ernst.
      „Nein, ich weiß nur nicht was sagen soll. Irgendwie ist das alles so seltsam, weißt du?“ Meine Stimme war ruhig und nachdenklich senkte ich den Kopf nach unten, um seinen Blicken auszuweichen.
      „Was ist denn seltsam?“
      „Dass ich die meisten Informationen von den anderen erfahren habe, statt von dir und nicht weiß damit umzugehen“, murmelte ich und legte meine Hände auf seine Hüfte. Ich spürte, dass der Alkohol langsam nachließ und die dunklen Gedanken in meinen Kopf wieder in den Vordergrund rückten.
      “Dann frage doch einfach, wenn du etwas Bestimmtes wissen möchtest”, lächelte Erik wieder.
      “Ich weiß nicht was, denn seit Jahren dreht sich mein Leben nur um die Pferde und du. Du bist anders, etwas besonderes”, murmelte ich.
      “Pferde machen mir Angst, aber ich bin jetzt hier, obwohl ich vor zwei Wochen noch gesagt hätte, dass ich nie einen Fuß setze auf einen Pferdehof und erst recht meinem großen Bruder aus dem Weg gehe”, erzählte er fröhlich.
      “Also ist er älter als du? Das hätte ich bei seinem Verhalten nicht vermutet.” Ich lachte, denn das heute noch ein richtiges Gespräch entstehen würde, hätte ich nicht gedacht.
      “Tatsächlich ja, zwei Jahre älter. Mit acht Jahren hat unser Vater mir von Niklas und Hannes erzählt, dann bekam ich endlich die Spielekonsole, die ich immer haben wollte.”
      “Und wie kam es dann dazu, dass du jetzt eine Tochter hast?”, stellte ich endlich die Frage.
      “Nun, ich hatte eine Freundin und wir haben miteinander geschlafen und 40 Wochen später wurden wir Eltern”, erklärte Erik kurz.
      “Herzlichen Glückwunsch, du hast Biologie verstanden”, scherzte ich nur.
      “Danke! Ich würde nicht sagen, dass es ein Unfall war, aber zu früh. Wir waren zu dem Zeitpunkt erst drei Jahre zusammen, sie kam so plötzlich und jetzt kämpfen wir irgendwie, für das Kind”, sagte er ehrlich.
      “Wie soll ich das jetzt verstehen?” Der Schock stand mir ins Gesicht geschrieben. War jetzt auch noch mit der zusammen und ich saß auf einem Kerl, der seit 5 Jahren in einer festen Beziehung ist?
      “Es ist kompliziert. Wenn ich Zuhause bin, dann lebe ich bei ihr, sonst teilen wir nicht mehr viel miteinander”, fuhr er fort.

      Lina
      “Dein gleich ist aber ziemlich lange. Ich hoffe, es war wenigstens wichtig”, beschwerte sich Samu als ich wieder bei ihm war.
      “Ja, mehr oder weniger, aber jetzt lausche ich dir wieder aufmerksam”, antwortete ich ihm und setzte mich wieder auf die Bank. Samu lief noch immer vor mich auf und ab.
      “Du wolltest mir gerade verraten, warum du mir fast eineinhalb Jahre nichts von deiner Freundin gesagt hat”, erinnerte ich ihn daran, wo wir aufgehört hatte.
      “Ja richtig. Lina… die Sache ist die, Enya lebt in Schweden. In Linköping, um genau zu sein”, gestand er kleinlaut. Mit großen Augen sah ich ihn an und gleichzeitig wurde mir so einiges klar. Ich hätte es sehen müssen, es gab so verdammt viele Anzeichen, die ich einfach übersehen hatte, weil ich immer zu sehr auf mich selbst fokussiert gewesen war.
      “Und deshalb verschwindest du abends immer so früh?! Und ich nehmen auch an das ist der Grund für deine aktive Gegenwehr bei meinen Verkupplungsversuchen ”, sagte ich staunend.
      “Ja und bevor du fragst sie ist auch der Grund für meine gute Laune, ich betreibe keine Photosynthese”, bestätigte er meine Aussage. Irgendwie fand ich die Tatsache beruhigend, dass einen Grund für seine unnatürlich gute Laune gab.
      “Das freut mich wirklich für dich, dass sie dich so glücklich macht, aber das erklärt trotzdem noch nicht so ganz, warum du nichts gesagt hast. Und sorry, falls das eine dumme Frage ist, aber wo habt ihr euch kennengelernt, wenn sie in Schweden lebt und du hier? Ich meine, soweit ich weiß, warst du innerhalb der letzten zwei Jahre nur zu Weihnachten bei deiner Familie ...”, sagte ich nachdenklich.
      “Ich habe sie im Internet kennengelernt … und vielleicht … war ich letztes Weihnachten nicht nur bei meiner Familie.” Den letzten Teil murmelte er ziemlich leise, sodass ich mir Mühe geben musste, um es überhaupt zu verstehen.
      “Samu! Jetzt bin ich erst recht enttäuscht, dass du nichts gesagt hast”, rief ich empört.
      “Ich wollte es dir ja sagen, aber es gab immer irgendeinen Grund, warum das nicht angebracht war. Na ja, und ich denke der Hauptgrund ist, dass ich dich nicht einfach allein hierlassen wollte, du hast doch schon genug Familie verloren”, murmelte Samu. Er hatte aufgehört herumzulaufen und saß nun zusammen gesunken neben mir. Ich schweig einen Moment, weil ich mir nicht sicher war, ob das süß oder vollkommen bescheuert war, was er getan hatte.
      “Samu … irgendwo ist das echt süß von dir und ich weiß das auch zu schätzen, aber ich möchte nicht, dass du deine eigenen Bedürfnisse für mich zurückstellst. Ich wäre schon irgendwie allein klargekommen … oder ich wäre eben mitgekommen”, sagte ich ernst. So langsam ließ die Wirkung des Alkohols nach und meine Gefühle kehrten in voller Intensität wieder. Es macht mich traurig, dass mein bester Freund sich für mich aufgeopfert hatte und irgendwie fühlte ich mich, als sie ich Schuld daran, dass Samu so weit weg von seiner Freundin leben musste.
      “Ach Lina, ich wollte doch, nur dass du dich irgendwo mal zuhause fühlen kannst, und außerdem hätte ich nicht gedacht, dass du je wieder auch nur in die Nähe von Finnland kommen möchtest, du weißt schon … wegen deines Vaters. Ich glaube, deshalb wollte ich auch nicht, dass du mit Niklas nach Schweden gehst.”, versuchte Samu seine Handlungsweise zu rechtfertigen.
      “Samu, mein Vater weiß nicht mal, wo ich bin. Er denkt, ich wohne immer noch bei Juli. Selbst wenn ihm wieder einfällt, dass er auch noch drei andere Kinder hat, könnte er mich nicht erreichen, solang ich das nicht will. Vor ihm brauchst du mich nicht beschützen, der Job gehört schon Juliett”, erklärte ich ihm das, was er nicht wissen konnte.
      “Es tut mir so leid Lina, ich wollte dir nicht noch zusätzlichen Stress machen…”, murmelte er und sah mich dabei traurig an. Bei diesem Blick überkam mich sofort das starke Bedürfnis ihn zu umarmen. Also rutsche ich ein Stück an ihn und schlang meine Arme um ihn. Naja, mit meinen kurzen Ärmchen war es eher eine halbe Umarmung.
      “Das muss dir nicht leidtun, du hast es nur gut gemeint. Ich bin doch schon froh, dass ich nicht noch eine Jace an der Backe hab”, sagte ich und lachte erleichtert, während ich mich wieder von ihm löste. Auch Samu sah schon gleich ein klein bisschen glücklicher aus.
      “Was ist eigentlich mit dem. Dass du ihm offenbar einen ziemlich deutlichen Korb gegeben hast, habe ich ja mitbekommen, aber warum ist der auf einmal wieder so happy?”, fragte er nun neugierig nach.
      “Ufff, du wirst mir bestimmt nicht glauben, wenn ich dir erzähle, war er gemacht hat”, scherzte ich, bevor ich begann von der gestrigen Szene auf dem Reitplatz zu erzählen.
      “Respekt unser Jace kann doch richtig romantisch sein”, lachte Samu, als ich mit meiner Erzählung geendet hatte.
      “Was du nicht sagst, aber mir wäre es lieber gewesen hätte es das jemanden anderes demonstriert”, antwortete ich ihm seufzend. Für einen Moment lang saßen wir einfach still nebeneinander und lauschten den Geräuschen der Nacht. Ich für meinen Teil brauchte diese kurze Pause auch um die ganzen Informationen zu verarbeiten, das war ganz schön viel Input. Es war schon seltsam, dass der Mann, der sich Ewigkeiten gegen jeglichen Versuch meinerseits ihm eine Beziehung zu verschaffen gewehrt hatte, jetzt auf einmal doch eine Freundin hatte. Ich fing schon fast an zu glauben, er sei doch schwul und traut sich nur nicht das zu sagen. Und dann lebte seine Freundin auch noch in genau dem Land, in das ich bald reisen würde. Seltsame Zufälle, die das Schicksal da zustande brachte. Wie ich so darüber nachdachte, kam eine wichtige Frage in meinem Kopf auf: ”Was hast du jetzt eigentlich vor, du wirst ja wohl nicht hierbleiben, oder?”
      “Erst mal schon, denke ich. Ich meine, ich habe mit Enya noch nicht darüber gesprochen und ich kann ja schlecht einfach vor ihrer Tür auftauchen. Ganz frei nach dem Motto: Hallo hier bin ich”, scherzte Samu.
      “Wieso kannst du das denn nicht? Ich meine, wer freut sich denn nicht, wenn da auf einmal so ein hübscher Kerl, wie du vor der Tür steht”, sagte ich mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Bevor Samu antworten konnte vibrierte sein Handy, welches hinter uns auf der Tischplatte lag, einmal ziemlich laut und der Bildschirm leuchtete auf. Als ich das breite lächeln auf sein Gesicht schob, konnte ich mir schon denken, von wem die Nachricht stammte.
      “Die Nachricht ist von ihr?”, fragte ich und erwarte auch eigentlich keine Antwort auf diese Frage, das Samu schon fleißig auf dem Gerät herumtippte. Samu nickte nur und tippte weiter auf seinem Handy herum. Ich warte ab, bis er fertig war, aber das dauerte ganz schön lange, denn er schien ganze Romane zu schreiben.
      “Meinst du nicht, du solltest sie einfach anrufen?”, fragte ich ihn freundlich.
      “Ähh, kann ich dich denn allein lassen oder muss ich mir dann Sorgen machen, dass du wieder zum Alkohol greifst? Du weißt, du verträgst das Zeug nicht”, fragte er und schien seine Frage auch noch ziemlich ernst zu meinen.
      “Nein, ich komm schon klar. Geh du mal mit deiner Freundin reden”, antworte ich ihm und konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Samu sah mich scharf an und schien noch ein wenig unentschlossen.
      “Na, geh schon. Ich verspreche dir auch ich lass die Finger vom Alkohol”, sagte ich lachend. Da war er wieder der Samu der manchmal vergisst, wo der Spaßknopf ist.
      “Okay, aber mach dann nicht irgendwelchen anderen Blödsinn”, antworte und bewegt sich nun endlich.
      “Ja, Samu ich bin keine 3 mehr, ich werde auch ein paar Stunden ohne dich zurechtkommen”, rief ich ihm amüsiert hinterher, auch wenn er es vermutlich schon gar nicht mehr mitbekam. Da ich nicht den restlichen Abend hier allein verbringen wollte, beschloss ich wieder zu Vriska und Erik ans Feuer zu gehen. Aus Richtung der Einfahrten kamen auch Niklas und Chris, die beide ziemlich verschwitzt aussahen.
      “Danke Lina, dass du wieder da bist”, murmelte Vriska dankbar, als sie einen Augenblick später mich entdeckte.
      “War es so schlimm ohne mich?”, scherzte ich, denn für mich war es nicht ganz nach vollziehbar war, warum sie so ungern mit Erik allein sein wollte.
      „Geht, aber ich weiß nicht mehr, wie man sich mit männlichen Menschen unterhält, ohne mit ihnen rumzumachen oder über Pferde zusprechen“, sagte sie auf Deutsch zu mir. HBei dieser Antwort musste ich mich zusammenreißen nicht zu lachen. Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit so einem harmlosen Problem. Ebenfalls auf Deutsch antwortete ich ihr: “Wenn das so ist, solltest du öfters unter Leute gehen. Es gibt nämlich auch andere Dinge im Leben.”
      “Schön, dass meine Tochter für dich offensichtlich keine Bedenken bereitet, daran scheiterte es bisher immer”, stieg Erik vollkommen selbstverständlich in die Konversation mit ein und musste auch über sie schmunzeln. Vriska hingegen wurde direkt rot im Gesicht und blickte Hilfe suchend wieder zu mir.
      “Okay, da Vriska offensichtlich gerade vergessen hat, wie man redet, übernehme ich das dann wohl. Wie kommt es eigentlich dazu, dass du hier in Kanada arbeitest?”, fragte ich freundlich.
      “Tatsächlich war das extrem feige von mir. Ich wollte meiner Ex-Freundin mit dem Kind aus dem Weg gehen und da kam mir das Angebot ziemlich gelegen, denn ich war der Einzige, der mehr drei Sprachen konnte, aber in zwei Wochen muss ich wieder nach Schweden”, erzählte er nachdenklich und Vriska sagte dann doch mal wieder etwas.
      “Wie, du gehst wieder zurück? Wieso?”, kam es schockiert aus ihrem Mund, als wäre das gegen ihren Willen.
      “Weil die Stelle nur für ein Jahr war und ich weiß nicht. Ich fand es Fredna gegenüber nicht fair, die nächste Stelle in Irland anzunehmen”, stotterte er. Ich war ein wenig verwirrt, warum Vriska so schockiert darüber war, denn ich konnte nachvollziehen, dass Erik nicht wollte, dass sein Kind ohne Vater aufwuchs.
      “Ich möchte mich nur ungern einmischen, aber ich kann das verstehen. Die kleine hat sich das schließlich nicht ausgesucht”, sagte ich zurückhaltend.
      “Einmischen? Wir unterhalten uns doch alle nur nett”, lächelte Erik freundlich.
      “Aber wie soll das den funktionieren?” Vriska raufte sich die Haare, während sie noch immer auf seinen Schoß saß. Auf dem Tisch tastete sie etwas, fand jedoch nicht was sie suchte. Verständnislos sah ich Vriska an.
      “Ein Kind ist doch kein Weltuntergang, du sollst sie ja nicht gleich adoptieren”, versuchte ich sie zu beruhigen. Entweder fehlten mir noch entscheidende Informationen oder Vriska überdramatisiert das Ganze ein wenig.
      „Außerdem wäre kein Problem, wenn das für dich so nicht funktioniert, ich kann damit umgehen. Das kommt öfter vor“, murmelte Erik und versuchte sich anders hinzusetzen.
      „Oh das tut mir fast leid, dass Vriska nicht der Typ für ein Daddy ist“, kam Niklas mit Chris an und konnte sich mal wieder seinen blöden Kommentar nicht verkneifen. Erik rollte genervt mit den Augen.
      “Und mir tut es leid dir mitteilen zu müssen, dass nach deiner Meinung gerade nicht gefragt wurde”, sprach ich das aus, was vermutlich alle am Tisch dachten. Hoffentlich würde das nicht den ganzen Abend so gehen, ansonsten müsste ich mir ernsthaft die Fragen stellen, ob ich hier im Kindergarten gelandet bin.
      “Ich bin doch ruhig”, sagte Niklas und setzte sich provokant neben mich.
      “Doch”, sagte Vriska und küsste Erik einfach. Dieser widersetzte sich nicht, stattdessen wirkte die ganze Aktion wie ein Machtspielchen und der Kindergarten wurde immer größer.
      “Ich hoffte, dass das Joggen ihn ablenken würde”, flüsterte Chris mir dann zu.
      “Dann will ich hoffen, dass dein Plan funktioniert hat, ich hatte genug Drama für heute”, murmelte ich leise. “Aber wie schön, dass ihr nicht vom Puma angefallen worden seid oder von den gefährlichen Mücken hier”, scherzte ich in dem Versuch die Stimmung hier wieder ein wenig aufzulockern.
      “Nein, tatsächlich diesmal keine Mücken, aber wir haben Ziegen gesehen oder so was. Außerdem ist Chris nicht mehr so gut in Form, deswegen war die Runde etwas kürzer”, bramarbasierte Niklas. Eine kurze Stille setzte ein, bevor er sie wieder zu unterbrechen wusste: “Apropos Kinder. Mein Pferd will gern etwas Spaß haben.”
      “Richtig, da war ja noch was. Hast du denn schonmal über Hengste nachgedacht? Ich meine, du hast doch sicher irgendein Ziel, was das Fohlen können, soll”, fragte ich neugierig.
      Ja, ich habe vorhin mir Vriskas Chef telefoniert und“, Vriska unterbrach Niklas.
      „Du hast was? Er ist gar nicht am Hof und ich erreiche ihn nicht mal“, ärgerte sie sich laut stark und Erik bot er eine Kippe an aus einer Schachtel, die er mühevoll aus seiner Hosentasche zog.
      „Ich bin halt ein Olofsson“, sagte Niklas sehr von sich überzeugt, ehe er sich wieder unserem Gespräch widmete. Dafür holte er sein Handy heraus und klickte mehrfach herum. Dabei fiel mir sein Hintergrundbild auf, das eine sehr knapp bekleidete Dame zierte auf seiner Stute. Ich hinterfragte mal lieber nicht, wer das war und wie es zu dem Foto kam.
      „Mein Schatzi hat einiges an Vollblut in sich, weswegen etwas weniger Temperament dem Fohlen guttun würde. Es war mit ihr ein ziemlich langer Weg, um das zu werden, was man heute sieht. Am liebsten hätte ich kein Schimmel mehr, deswegen streiche ich Outer Space auf jeden Fall von der Liste. Wenn das mit Form passt, dann fällt Vintage auch weg“, begann er mir die Hengste zu zeigen, die Tyrell ihm über den Messenger geschickt hatte. Mir stellte sich die Frage warum er ausgerechnet mich nach einer Meinung fragte, denn von Pferdezucht hatte ich ziemlich wenig Ahnung, generell von Zucht. Das Einzige, was ich je gezüchtet hatte, waren die Guppys in dem Aquarium meiner Schwester und die hatte sich eigentlich von selbst vermehrt. Was jetzt vielleicht hilfreich war, waren meine Biologiekenntnisse, denn Genetik und Vererbung, waren damals mein Spezialgebiet gewesen, aber ob mein Schulwissen wirklich in der Praxis anwendbar war, bezweifelte ich irgendwie. Auch wenn ich mich ein klein wenig überfragt fühlte, sah ich mir die Hengste interessiert an.
      “Also ich glaube zumindest optisch, könnte Planetenfrost interessant werden”, schlug ich Niklas nach ausführlicher Betrachtung vor.
      “Seine Mutter springt ziemlich gut”, warf Vriska noch mit ein, ehe sie mit Erik weiter machte.
      “Vielleicht kannst du den vorher reiten”, schlug dann noch Chris vor, der ebenfalls die Bilder mit ansah. Hinter mir nahm ich schritte wahr, die über die Wiese näherkamen. Als ich mich umdrehte, stellte ich fest, dass es Alec war.
      “Wo hast du denn Samu verloren, ich dachte er wollte mit dir reden?”, fragte er beiläufig, als er sich mit an den Tisch setzte.
      “Er hat auch mit mir geredet, aber jetzt ist er telefonieren”, erklärte ich ihm, wobei ich ein verschmitztes Lächeln nicht verbergen konnte. Da die beiden vorhin zusammen verschwunden sind, denke ich das Alec, die Faktenlage bereits kannte und sich denken konnte mit wem Samu telefonierte.
      “Ah ich verstehe schon”, sagte er mit einem breiten grinsen. “Aber eigentlich wollte ich dich etwas anderes Fragen.” Ich wunderte mich ein wenig darüber und fragte mich was er den wollen würde. So spontan wüsste ich jetzt nicht was er wollen könnte.
      “Ja, was möchtest du denn wissen?”, fragte ich freundlich.
      “Du wolltest mich noch genauer darüber aufklären, was dich dazu bewegt dieses wunderschöne Land hier zu verlassen”, kam er direkt auf dem Punkt. Ich spürte, wie augenblicklich meine Wangen ziemlich warm wurden. Mit so einer Frage hatte ich nicht gerechnet und schon gar nicht, wenn es noch andere Zuhörer gab.
      “Du kommst nach Schweden? Vor ein paar Tagen war deine Einreise aber noch nicht eingegangen und am Wochenende arbeiten wir nicht, könnte also schwierig werden. Aber ich kenne da jemand, der dir helfen könnte”, warf Erik plötzlich ein. Eriks Kommentar war so Off Topic, dass es mich vollkommen aus dem Konzept brachte, sodass mir nur ein verwirrtes “Was?” über die Lippen kam.
      “Kanada ist weder ein EU-Land noch im Schengenabkommen, deswegen brauchst du eine Einreisegenehmigung. Wenn du die nicht hast, dann wird das teuer”, erklärte er genauer.
      “Ich sage doch, dass er ein Stalker ist!”, wiederholte Vriska ihre Worte von vorhin.
      “Ich glaube, in dem Fall ist das sein Job”, sagte ich zu Vriska während ich noch darüber nachdachte, wie mir so was Wichtiges hatte entgehen können.
      “Vriska, wollte sich nicht eigentlich dein Chef darum kümmern?”, fragte ich als es mir wieder einfiel.
      “Aber er hat doch offensichtlich spezifisch danach geschaut! Eigentlich wollte das Tyrell machen, ja. Nur scheint er es wieder mal nicht aufgeschrieben zu haben”, sagte sie irritiert und sah zu Erik, der freundlich am Grinsen war.
      “Deine Verschwörungstheorien interessieren mich gerade reichlich wenig”, antworte ich ihr ein wenig genervt. “Und was machen wir da jetzt?”, fragte ich ein wenig ratlos.
      „Wenn ihr einen Drucker habt, kann ich das morgen ändern“, informierte er mich.
      “Ja, davon haben wir gleich mehre hier”, antworte ich erleichtert.
      “Also, wenn das dann jetzt geklärt ist, kannst du mir ja jetzt meine Frage beantworten”, kam Alec wieder auf den Beginn des Gespräches zurück. Man der ist aber hartnäckig heute, insgeheim hatte ich darauf gehofft, dass er schon wieder vergessen hatte, was er gefragt hatte. Erik guckte auch ganz interessiert, wohin Vriska mittlerweile wie ein eingeschnapptes Kind neben ihm saß.
      “Ja… also, dass hat mehrere Gründe”, fing ich zurückhaltend an, denn für meinen Geschmack lag gerade eindeutig zu viel Aufmerksamkeit auf mir. “Einer meiner Beweggründe ist, dass ich gerne wieder näher an meiner Schwester leben möchte und dazu kommt noch, dass im Herbst mein Arbeitsvisum abläuft. Demnach hätte ich euch eh bald verlassen müssen. Und ein weiterer Grund... ist, dass ich so langsam mal an meine Zukunft denken muss und die Weiterbildungsmöglichkeiten sind hier nun ziemlich eingeschränkt.” Zugegebenermaßen sind die letzten beiden Argumente ziemlich schwach. Visa kann man neu beantragen und sobald man näher an die Ballungsgebiete kam, gab es Weiterbildungsmöglichkeiten wie Sand am Meer. Und hätte ich wirklich konkret hier auf dem Hof bleiben wollen, wäre ein Fernstudium auch noch eine Möglichkeit gewesen.
      “Okay, soweit akzeptiert. Aber warum wählst du Schweden als dein Ziel und nicht deine Heimat?”, bohrte Alec nach. So langsam bekam ich das Gefühl, dass er eigentlich etwas ganz anders wissen wollte und diese Frage nur ein Mittel zum Zweck war.
      “Weil Schweden ein schönes Land ist”, antworte ich ihm.
      “Ja und Kanada ist auch ein schönes Land. Oder warum gehst du nicht nach Neuseeland, da ist es auch schön”, teilte Alec mit und drückte damit aus, dass er von meiner Antwort nicht wirklich überzeugt war und das auch dieses Argument ziemlich schwach war.
      “Du hörst wohl nie auf zu fragen, oder?”, fragte ich zermürbt. Alec war heute ziemlich unnachgiebig.
      “Hübscher Mann, Sie machen das Mädchen ganz nervös! Lina möchte einfach mal etwas Neues erleben und da es nichts Spannenderes gibt, als mit mir ein Land zu entdecken, kommt sie nach Schweden. Außerdem kann sie bei Vriska arbeiten und ein paar Minuten entfernt ist, dann auch unser Trainingsgelände sowie die Ridakademi. Und das auf dem LDS genug Platz für mehr Freiberger ist, sollte wohl auch nicht unerwähnt bleiben”, klärte Niklas dann Alec auf. Doch auch Vriska hatte etwas dazu zu sagen: “Wie kannst du denn unseren Hof besser kennen als ich? Habe ich irgendetwas verpasst?”
      Niklas antwortete nicht, legte stattdessen seinen Arm um mich. Dankbar lächelte ich ihn an, denn diese Antwort schien Alec endlich zufriedenzustellen. Wobei stopp, hatte Niklas noch mehr Freiberger gesagt? Offenbar war Alec gerade das Gleiche aufgefallen, denn er fragte: “Wieso noch mehr Freiberger?” Er sah mich dabei an, als würde die Antwort auf meiner Stirn stehen.
      “Wieso fragst du mich das? Ich wüsste nicht, dass ich mir so schnell schon ein weiteres Pferd zulegen wollte. Ich bin schon unendlich glücklich über das eine”, erwidere ich.
      “Es war nur ein Vorschlag”, verteidigte Niklas seine Idee.
      “Langsam kommt der nächste Tag und ich schätze, dass es für euch alle nicht ganz angenehm war. Deswegen schlage ich auch euch vor, jetzt ins Bett zu gehen. Kommst du mit Erik und möchtest du bei ihr übernachten?”, brachte Chris zur Kenntnis und stand bereits auf. Erwartungsvoll sah Vriska ihren neuen Schwarm an und er entschied mit zu ihr zu gehen.
      “Ich nehme mal an, du fährst heute wohl nicht mehr nach Hause? Dann gebe ich dir nämlich gleich noch den Schlüssel fürs Gästezimmer”, sagte ich zu Alec.
      “Das nimmst du ganz richtig an, aber ich kann mir den Schlüssel auch selbst holen”, bestätigte er die Aussage.
      “Mmm, das wage ich zu bezweifeln, außer du beabsichtigst ins Büro einzubrechen”, scherzte ich.
      „Alec, du weißt, dass bei mir im Bett immer ein Platz für dich frei ist“, legte auch Niklas ein Wort mit sein.
      “Nettes Angebot Niklas, aber ich glaube mein Freund hätte was dagegen und Lina sieht auch so aus, als hätte sie was einzuwenden”, erwiderte Alec lachend.
      „Dein Freund muss davon doch nicht erfahren“, lachte Niklas nun auch, stand auf und zog sich provokant das Shirt aus. Vriska und Erik wurde das dann doch zu viel und sie verabschiedeten sich schnell, um zu verschwinden. Genervt verdrehte ich die Augen, die Zwei waren doch echt bescheuert.
      “Mach ihr zwei nur weiter so. Aber ich sag’s die Alec, ich werde Magnus höchstpersönlich anrufen”, sagte ich beleidigt und wollte mein Handy aus der Hosentasche ziehen, um meine Aussage zu verdeutlichen. Doch direkt musste ich feststellen, dass es wohl noch auf der Terrasse liegen musste.
      “Das ist jetzt aber doof. Doch wenn du so ein Spielverderber bist, werde ich wohl nur von Alec träumen dürfen”, antwortete Niklas übertrieben theatralisch, das Shirt zog er dennoch nicht mehr an und legte es nur auf seiner Schulter ab. Dann trat er näher an mich heran und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
      “Ja, ja mit vergeben Männern flirten und dann so ankommen”, murmelte ich leise.
      “Ach Lina, manchmal könnte man glauben, du und Samu haben dieselbe Anti-Spaß Krankheit”, meldete sich Alec zu Wort, der meine Worte wohl trotzdem gehört hatte. Normalerweise hätte ich Alec Konter gegeben, doch um diese Uhrzeit fehlte mir die Energie dazu.
      “Okay, für heute lass ich das mal so stehen, aber ich zeig dir morgen schon noch die Spaß-Lina”, antwortete ich müde. Bevor mir Alec zum Büro folgte, flüsterte Niklas ihm noch etwas zu. Beide schienen es unterhaltsam zu finden und dann trennten sich ihre Wege. Chris war auch nicht mehr da. Auf dem Weg ins Büro sammelte ich noch mein Handy auf der Terrasse ein.
      “Da du weißt ja, wo es langgeht”, sagte ich zu Alec, als ich ihm den Schlüssel aus dem Büro zuwarf.
      “Danke”, antwortete er und fing den Schlüssen souverän auf. “Gute Nacht, Lina. Schlaf gut.” Mit diesen Worten verschwand er um die Ecke. Müde stolperte ich die Treppe hinauf in mein eigenes Zimmer. In Rekordverdächtiger Geschwindigkeit machte ich mich fertig, bevor ich mich erschöpft in mein Bett kuschelte.

      Tatsächlich schafften es alle noch vor dem nächsten Tag ins Bett. Für 11 Uhr wurde das Frühstück angesetzt.

      Vriska
      Langsam wurde ich wach und mein erster Griff ging zum Handy, um nachzuschauen, ob es sich lohnt, noch einmal umzudrehen - 6.30 Uhr. Und wie es sich lohnte, noch einmal die Schlafposition zu ändern. Dabei fiel mir auf, dass die andere Seite des Bettes leer war. Verschlafen krabbelte ich an das Bettende, um ein Blick in den anderen Raum werfen zu können. Aufgeklappt stand ein Laptop auf dem Tisch, aber von Erik gab es keine Spur. Seine Hose lag noch vor dem Bett, also konnte er nur im Bad sein. Müde schleppte ich mich aus dem Bett, doch im Badezimmer war niemand, weswegen ich selbst zur Toilette geben kann. Als ich die Tür wieder schloss, hörte ich Erik auf dem Flur sich von jemanden verabschieden. Als er das Zimmer wieder betrat, hielt er sein Handy in der Hand.
      „Warum zur Hölle bist du um so früher Stunde schon wach?“, fragte ihn und hielt mich an der Klinke der Badtür fest.
      „Guten Morgen. Ich arbeite, deswegen bin ich wach“, antwortete er überrascht glücklich und setzte sich zurück. Auf dem Tisch stand keine Tasse und auch auf der Arbeitsplatte konnte ich keine entdecken, somit war er ohne Kaffee schon so früh wach und fröhlich.
      „Nimm es mir nicht übel, aber ich leg mich noch mal hin“, murmelte ich und lief zum Bett. Meine Beine schliefen über den Boden und ich machte Geräusche beim Atmen, vermutlich würde ich viele Eigenschaften eines klassischen Zombies in dem Zustand erfüllen und vom nächsten Anwesenden irgendwas in mein Gehirn gesteckt bekommen. Als ich ins Bett fiel, hörte ich sogar Schritte hinter mir und meiner Fantasie waren in dem Augenblick keine Grenzen gesetzt. Ich drehte mich auf den Rücken und Erik beugte sich über mich.
      „Dann schlaf mal noch gut“, sagte er freundlich und gab mir einen Kuss auf die Stirn, bevor ich die Decke über mich zog und in einigen Minuten wieder einschlief.
      Das nächste Mal wurde ich wach durch meinen Wecker, der mich unsanft aus einem schönen Traum zog. Es müsste nun 9.30 Uhr sein, sollte sich nicht durch Zufall die Uhrzeit des Alarms geändert haben. Erik stand im Türrahmen und war noch immer vollkommen fit. Doch in den drei Stunden hatte er es geschafft eine Hose anzuziehen und ein anderes Oberteil.
      „Nicht dein Ernst, dass du auf einem Pferdehof wieder einen Anzug anhast“, liebäugelte ich mit seinem Outfit und fand so unpassend, dass es wieder passen würde.
      „Man ist, was man trägt“, sagte er überzeugt und lief zurück ins Wohnzimmer. Sogar seine viel zu sauberen Lackschuhe hatte er schon wieder an, die beim Laufen auf dem Boden klackerten.
      „Es sollen heute mehr als 35 Grad werden und so wirst du einen Hitzschlag bekommen“, warf ich ihm vor und kramte aus dem sauberen Korb eine Stoffhose hervor, sowie ein Shirt. Auf dem Nachttisch vibrierte mein Handy mehrfach und ich prüfte, was es von mir wollte. Herr Holm informierte uns darüber, dass jeder sein Pferd zur Weide bringen musste und auch Stalldienst heute angesagt war. Milena und Linh suchten schon jemand, der es für sie tat. Mit einem Augenrollen steckte ich es in meinen BH und lief ins Wohnzimmer.
      „Keine Sorge, ich habe noch was Kürzeres dabei“, beruhigte mich und drückte mir eine Tasse mit Kaffee in die Hand. Mein Hirn benötigte eine gefühlte Ewigkeit, bis es verstand, dass das ein Kaffee war. Doch, nicht nur ein Kaffee, sondern einer auf der perfekten Trinktemperatur, weder zu warm noch zu kalt.
      Ein „Woher weißt du das“ stammelte ich hervor und genoss das Getränk. Grinsend saß Erik bereits wieder an sei er Laptop und tippte irgendwas, sogleich setzte ich mich mit an den Tisch. Unsere Gruppe hatte heute etwas von Ameisen, die zu spät einen Eindringling im Haufen bemerken und jetzt unkoordiniert von links nach rechts rennen. Viele suchten eine Vertretung, da sie sich nicht dreckig machen wollten. Max, Ju und Chris boten ihnen an zu helfen und gerade liefen noch die Verhandlungen darüber.
      „Na, was ist so spannend“, holte Erik mich aus dem Lesefluss.
      „Ausnahmsweise macht jeder seine Box des Pferdes selbst sauber. Einige von uns scheinen sich aber zu gut zu sein, um solche Arbeit zu verrichten. Da ich damit aber mein Geld mache, amüsiert es mich“, lachte ich und packte das Handy wieder weg.
      „Okay, dann sage doch bitte Lina Bescheid, dass sie vorher herkommen soll, damit ich die Unterlagen fertig machen kann“, sagte er dann und kramte aus der viel zu großen Hosentasche wieder mein Handy heraus. Als ich auf Linas Chatverlauf klickte, sah ich die Nachrichten über Erik, die ich ihr vor mehreren Tagen schrieb. Es war kaum zu glauben, dass er nun mit mir am Tisch saß und sogar hier übernachtete. Ich musste schmunzeln als ich ihr die Nachricht übermittelte. Dann steckte ich es wieder weg, in der Hoffnung, es erst später benötigen zu müssen.
      „Getan“, bestätigte seinen Auftrag.
      „Sehr Gut und jetzt komm her“, bittere er mich und lief zur anderen Seite des Tisches. In Blickrichtung zu ihm nahm ich Platz auf seinem Schoß und legte sogleich meine Arme auf seinen Schultern an. Er platzierte seine Hände an meiner Hüfte. Tief schauten wir einander in Augen, bevor er diesmal den nächsten Schritt machte und seine Lippen auf meine presste. Der Moment erschien ewig zu sein und Glücksgefühle breiteten sich in meinem Körper auf. Beim nächsten Wimpernschlag war es vorbei und wir sahen uns wieder an. Sein Gesichtsausdruck zeigte mir, dass er genauso glücklich war wie ich.
      “So schön wie es mit dir auch ist, höre ich meinen anderen Mann mich rufen und der benötigt mehr Unterstützung zum Leben als du”, scherzte ich, stand auf und wuschelte durch seine viel zu perfekten Haare. Direkt beschwerte er sich und zog meine Jodpurstiefel an.
      “Ich hol dich dann zum Frühstück ab”, sagte ich noch, bevor ich das Zimmer verließ. Die Tür hatte ich gerade zu, als Lina von rechts in den Flur einbog.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich sie mit zittriger Stimme, denn ich spürte, dass nicht alles gut zwischen uns war, obwohl ich mir das wünschte. Obwohl sie gestern wirklich nett zu mir war, konnte es das noch nicht alles gewesen sein. Ich versuchte ihren Blicken auszuweichen.
      “Guten Morgen. Gut geschlafen?”, fragte sie freundlich.
      „Vorzüglich und mit einem perfekten Kaffee wurde ich auch geweckt. Und du?“, schwärmte ich.
      “Klingt ja, als wäre dein morgen bisher ziemlich gut gewesen. Ich habe auch ganz gut geschlafen”, erwiderte Lina.
      “Ja und jetzt Glymurs Box sauber machen. Ich wünsche euch beiden viel Spaß”, verabschiedete ich mich aus der seltsamen Situation und verließ das Haus. Im Stall traf ich auf Chris, der schon beinah fertig war mit der Box seines Wallachs.
      “Unglaublich wie gut gelaunt du sein kannst, mit dem Richtigen an deiner Seite”, scherzte er beim Verteilen des Strohs. Das Hautöl stand noch vor seiner Box, mit dem ich als Erstes seinen Mähnenansatz einschmierte und die Schweifrübe. Freundlich stupste Glymur mich an.
      “Ich bin öfter gut gelaunt”, verteidigte ich mich und legte meinem Hengst die Decke um. Er stand still und wartete geduldig, dass ich fertig wurde. Heute bekam er noch eine Fliegenmaske um, da er sich gestern auch am Kopf begann zu scheuern. Die Maske war viel zu groß und die Ohren klappten nach der Hälfte ab. Er sah aus wie ein Gespenst, dass nicht genau wusste, was es mit seinen neuen Fähigkeiten anfangen sollte.
      “Wie viel soll dein Pferd noch ertragen?”, hinterfragte Chris, dass ich gekonnt ignorierte. Glymur folgte mir zur Weide. Er wirkte müde und erschöpft, aber vor den großen Tag morgen, musste er am Abend noch mal mit mir die Kür üben. Den Vormittag hatte er heute frei. Auf der Weide kramte ich aus meiner Hosentasche noch die Möhre, die ich im Stall eingepackt hatte. Vorsichtig nahm er sie aus meiner Hand und fraß sie auf. Glymur hatte etwas von einer Schlange, denn er streckte seinen Kopf nach oben und kaute immer wieder ein Stück von der orangen Stange. Normale Pferde hätten sie auf den Boden gelegt und langsam gefressen, doch er verschlang sie. Zum Abschied winkte ich ihm zu und drehte sich um.
      Im Stall begann die Arbeit, denn die Box machte sich nicht von selbst sauber. Chris war mit seiner eignen fertig und machte die von Kempa gerade.
      “Dass ihr euch so von denen um den Finger wickeln lasst, unglaublich”, sagte ich zu ihm, als ich das Einstreu sortierte.
      “Dafür muss ich im Stall nächste Woche kein einziges Mal Weidedienst machen und kann ausschlafen, das finde ich auch nicht schlecht”, triumphierte er und wir beide arbeiteten still weiter. Knappe 40 Minuten später waren wir fertig und es war fast so weit, um zu frühstücken. Ich entschied vorher noch zu Duschen und Chris wollte lieber mal nach Niklas und Ju sehen, die er beide heute noch nicht gesehen hatte. Ihre Pferde standen nicht mehr in den Boxen und sauber waren diese sogar auch schon.

      Lina
      Nachdem Vriska relativ schnell verschwunden war, klopfte ich an die Zimmertür, ehe ich eintrat. Erik saß in der kleinen Küche am Tisch und tippte auf seinem Laptop herum.
      “Morgen. Ich habe gehört ich werde hier gebraucht?”, machte ich freundlich auf mich aufmerksam, denn er schien mich bisher noch nicht registriert zu haben.
      “Ah, guten Morgen. Schön, dass du schon da bist. Also eine Kollegin hat heute schon die Überprüfung gemacht und ich kann nun die Unterlagen ausdrucken, dann hast du alles für Schweden. Den Arbeitsvertrag musst du dann bitte so schnell wie möglich nachreichen und dann hast du für ein Jahr das Visum”, erklärte er ruhig.
      “Okay, Danke. Ich hoffe, das hat dir nicht so viele Umstände gemacht”, bedankte ich mich höflich und war echt froh drüber, dass damit dann alles erst mal geregelt war.
      “Auch wenn Vriska das vermutlich nicht glauben möchte, stochere ich ungern in euren Akten herum. Deswegen sollte auch eine Kollegin schauen, ob du einreisen kannst”, schmunzelte er und hob das Laptop an.
      “Ja, das habe ich mir schon gedacht, dass Vriska da ein wenig übertreibt”, entgegnete ich.
      “Ganz Unrecht hatte sie aber nicht. Eigentlich wollte ich nur wissen, was auf mich zu kommt und auf einmal habe ich so viel gefunden, dass es mir wirklich unangenehm ist hier zu sein mit dem Wissen, dass sie Jahrelang misshandelt wurde”, stammelte Erik. Wow, er schien doch schon einiges mehr zu wissen, als ich erwartet hatte.
      “Ja, wobei das für sie auch nicht einfach ist”, murmelte ich, weil ich nicht so ganz wusste, was ich dazu sagen sollte, denn ich erinnerte mich daran, dass sie genau deswegen große Bedenken hatte Erik überhaupt anzuschreiben.
      „Sag es ihr bitte nicht, denn sie ist die erste, die darüber hinwegsieht, dass ich noch meiner Ex zusammenleben und eine Tochter habe“, bat er eindringlich und wir liefen zum Büro, um die Unterlagen auszudrucken.
      “Keine Sorge, ich bin so stumm wie ein Fisch”, beteuerte ich und schloss die Tür auf. Interessanterweise war der Schreibtisch in einem kleinen Chaos aus Zettel versunken. Mit einem Blick auf die obersten Zettel bestätigte sich auch sogleich der Verdacht wer hier gewütet hatte, denn es waren die Trainingspläne der Schulpferde.
      “Entschuldige das Durcheinander, ich glaube ich muss Hazel noch mal erklären, wie man Ordnung hält”, entschuldigte ich mich bei Erik, raffte die Zettel zusammen und schaltete den Drucker ein. Wenige Minuten später holte er mehr als zehn Blätter aus dem Drucker, stempelte alles und unterschrieb es. Davon bekam ich drei in die Hand gedrückt mit den Worten: “Herzlichen Glückwunsch, wir freuen uns auf dich.” Dabei lächelte Erik und klappte seinen Laptop zusammen. Im Büro hatte es sehr viel warme Luft aufgestaut, weswegen er seine Krawatte lockerte und auch das Jackett öffnete.
      “Danke, dann steht dem ganzen Spaß ja nichts mehr im Wege”, bedankte ich mich, als ich die Zettel entgegennahm. “Meinst du eigentlich nicht, dass du ein wenig Overdressed bist für einen Pferdehof oder ist das so ein Botschafter Ding?”, fragte ich das, was mich schon seit gestern Abend beschäftigte. Schließlich würde kein normaler Mensch, dem seine Klamotten lieb sind, auf die Idee kommen in Anzug und Lacklederschuhen auch nur in der Nähe von einem Pferd rumzulaufen.
      “Tatsächlich müssen wir bei der Arbeit nicht mal einen Anzug tragen, aber mir ist das wichtig. Da ihr alle herummeckert, kann ich mir natürlich auch etwas anziehen”, scherzte er unterstrich seine Aussage damit, das Jackett zurechtzurücken.
      “Das ist auch nichts gegen dich persönlich, aber ich nehme mal an, dein Anzug soll noch länger so schön aussehen. Ich sag nur, es gibt gute Gründe dafür, dass Lackleder und Weiß maximal auf den Turnieren zu sehen ist”, erklärte ich freundlich.
      “Nur gut, dass ich noch zwei weitere im Auto habe. Außerdem sind Pferde nicht unbedingt meine Lieblingstiere”, lachte Erik.
      “Ich fürchte, wenn das mit Vriska und dir etwas Ernstes wird, wirst du dich zumindest mit Glymur anfreunden müssen, der hat ihr Herz nämlich schon lange erobert”, scherzte ich.
      “Ich werde mein Bestes geben, aber Fredna wird ihn sicher lieben”, schmunzelte er.
      “Das ist schon mal eine gute Voraussetzung und ich bin mir sicher Vriska wird auch noch feststellen, dass Kinder ganz bezaubernd sein können”, antworte ich zuversichtlich, auch wenn bei der mäßigen Begeisterung, die Vriska gestern gezeigt hatte eher schwer vorstellbar war. Aber irgendwie hatte ich im Gefühl, dass sie es zumindest versuchen würde.
      “Danke für das nette Gespräch. Du wirst jetzt auch noch sauber machen müssen, nehme ich an? “, verabschiedete sich Erik.
      “Ja, ganz richtig und ich muss mich so langsam auch mal beeilen. Also dann bis später”, verabschiedete auch ich mich und verschwand die Treppe hinauf, um die Papiere sicher in meinem Zimmer zu verstauen, bevor ich in den Stall rüberging. Da ich ein bisschen spät dran war, war der Stall schon nahezu leer. Auch Legolas stand schon nicht mehr in seiner Box, vermutlich hatte Samu ihn bereits mit rausgenommen. Umso besser, ein Pferd wenig welches ich rausbringen musste. Als Erstes wollte ich mir also die beiden Stuten schnappen. Aufgrund der unglaublich sommerlichen Temperaturen liefen die Stuten schon seit Tagen mit geflochtener Mähne herum, um ihnen die Hitze ein wenig angenehmer zu machen. Bei Nathalie hatte sich einer der Zöpfe gelöst, sodass ich diesen schnell neu flocht, bevor ich die beiden Stute auf die Koppel führten. Mein Handy vibriert. Ich entließ die beiden Stuten auf die Wiese und sah nach, was mein Handy vom mir wollte. Mein Display zeigte mir eine Nachricht von Niklas an. Neugierig, was er den wollen würde öffnete ich diese. “Guten Morgen, wie wäre es eigentlich, wenn ich heute mal unser Pferd reite? Wollen wir nachher in die Halle?”, las ich.
      “Du möchtest also auch mal etwas von der Einhornpower erleben? :D Bist du überhaupt qualifiziert dafür? So ein Einhorn darf nicht jeder reiten!”, tippte ich und schickte es ab, ehe ich zurück zum Stall lief. Es vibrierte direkt wieder. Hatte er sonst nichts zutun? “Natürlich! Das wirst du schon noch sehen”, schrieb er.
      “Dann bin ich mal gespannt”, antwortete ich knapp, denn Divine wartete bereits. Freundlich brummelte der Freiberger mich an, als ich seine Box betrat.
      “Deine Kuschelstunde gibts später, jetzt musst du erst einmal raus, mein Hübscher”, sagte ich zu meinem Pferd, während ich ihm die rosa Schnauze eincremte. Divine ließ alles brav über sich ergehen, doch als ich mich umdreht, um Halfter und Fliegenmaske zu nehmen, klaute er sich einfach die Möhre aus meiner Hosentasche. Ich musste unwillkürlich grinsen. Unglaublich wie verfressen dieses Pferd doch war. Während er noch auf seiner Möhre herumkaute, zog ich ihm alles an und führte auch ihn zu Koppel. Damit war er wohl auch das letzte Pferd was rausmusste, denn ich stellte fest das El Pancho, wie auch die restlichen Pferde des Unterhausanlaufs schon da waren.
      Zurück am Stall begann ich meine vier Boxen zu misten, wobei ich mich ganz schön ranhalten musste, wenn ich es noch bis zum Frühstück schaffen wollte.
      Nach einer knappen Stunde waren alle Boxen sauber und mir war mehr als ausreichend warm, aber dafür war ich gerade noch rechtzeitig zum Frühstück fertig.

      Niklas
      Es war noch etwas Zeit für das Frühstück, weswegen ich meine Hilfe anbot und große Menge an Rührei herstellte. Dabei durften auch frische Kräuter nicht fehlen, die ich im Beet vor dem Haus fand. Als ich die Portion schon mal nach draußen brachte in der Chafing-Dish, kam mir Chris entgegen, der offensichtlich nach etwas suchte. Seinen Worten zu entnehmen war ich das Objekt seiner Begierde.
      „Wann bist du bitte aufgestanden, dass deine Pferde draußen stehen, vollständig versorgt sind und nur noch die Ruhe hast, für alle etwas zu Essen zu machen?“, fragte er aus der Puste.
      „Um 8 Uhr“, antwortete ich knapp und drängelte mich an ihm vorbei, denn die Schale war heiß.
      „Alles okay bei dir?“, erkundigte Chris sich, während er mir nachlief. Genervte verdrehte ich die Augen, aber versuchte weiterhin ruhig zu bleiben. Als ich am Morgen die blöde schwarze Karre auf dem Parkplatz sah, verging mir alle Freude des Tages. Wüsste ich nicht, dass Vater sie bezahlt hat, wäre ich vermutlich weniger schlecht gelaunt. Erik bekam einfach alles damit er die Fresse hält, während Hannes und ich immer wieder unsere Loyalität der Familie beweisen mussten. Mir wurde das irgendwann zu viel und ich begann selbst für mein Geld zu arbeiten, was natürlich nicht viel mehr Auswirkung für meinen Kontostand hatte. Trotzdem fühlte ich mich unabhängig und war auf dem guten Weg dahin mir das dritte Pferd zu kaufen. Nicht zu vergessen, das vierte Pferd, dass bald gezeugt werden sollte. Doch dafür müsste ich erst mal eine Entscheidung treffen. Tyrell hatte mir noch Videos der Hengste geschickt und bisher gefielen mir Astronaut und Frost am besten, aber vor Ort wollte ich mir alle noch mal genauer ansehen.
      “Geht so, der Idiot soll endlich wieder abhauen”, antwortete ich dann mal auf Chris Frage.
      “Ich verstehe, dass du keine Lust auf Erik hast, aber es geht nicht immer danach was dir gefällt und was nicht. Andere Menschen haben auch Bedürfnis. Außerdem schätze ich, dass bis auf dir niemand ein Problem mit seiner Anwesenheit hat”, erklärte er und versuchte wirklich freundlich, aber überzeugt mich nicht davon. Wortlos verschwand ich wieder in der großen Küche. Ich wusste, dass die beiden noch ziemlich gut befreundet waren und ich auch kein recht darauf hatte, mich einzumischen. Glücklich war ich darüber trotzdem nicht. Als ich mich wieder mit der Versorgung beschäftigte, kam die innerliche Ruhe.
      Ich saß bereits am Tisch, als die Ersten eintrudelten zum Frühstück. Die Trainer waren bereits da und wir unterhielten uns über den Tag. Anders wirkte froh darüber, dass es heute ruhiger sein sollte und morgen dann noch mal viel Arbeit ansteht. Doch danach war Urlaub auf der Liste. Die Sommerpause bis zum Herbst startete dann. Als ich mich im nächsten Moment umdrehte, standen Alec und Samu hinter mir und nahmen ebenfalls Platz am Tisch.
      “Guten Morgen ihr beiden Hübschen, was treibt euch denn zu mir?”, fragte ich überrascht.
      “Du siehst aus, als könntest du ein wenig Gesellschaft gebrauchen und außerdem muss ich den da, davon abhalten noch Linas komplette Arbeit zu machen. Samu ist heute mal wieder ein wenig übermotiviert”, antwortete Alec und lächelte freundlich.
      “Hätte Samu das nicht früher sagen können? Bei uns gab es heute ganz großes Gejammere, dass die Boxen selbst sauber gemacht werden mussten. Und wie hast du heute geschlafen?”, lachte ich erst, bevor ich wieder mit meinen Augen anfing zu funkeln.
      “Ein wenig einsam, aber ansonsten ganz vorzüglich”, antwortete Alec grinsend.
      “Mich hat ja keiner gefragt. Wer kann denn schon ahnen, dass bei euch so viel nicht in der Lage sind selbst eine Box auszumisten”, antworte dann Samu selbst auf meine Frage.
      “Mein Angebot steht noch immer! Und was die Mädels angeht, den war das tatsächlich zu anstrengend mal den Mist der Pferde wegzumachen”, lachte ich.
      “Ich werde es mir merken. Tja, das kommt wohl davon, wenn man sonst immer alles hinterhergetragen bekommt, da schafft man es nicht mal eine einzige Box auszumisten”, feixte Alec.
      “Du haust nach dem Essen wieder ab oder wie lange kann ich deine Anwesenheit noch genießen”, fragte ich betört.
      “Ein wenig werde ich nach dem Frühstück noch bleiben, ich muss Jace noch bei einer Kür helfen”, erklärte Alec seine Pläne für heute. Hatte er gerade Kür gesagt? Das konnte nur bedeuten, dass Jace morgen auch mitreiten würde. Doch aus welchem Grund? Samu tippte derweil auf seinem Handy herum und sah dabei außerordentlich euphorisch aus. Neugierig schielte auf sein Handy und sah viele Herz-Emojis, aber vor allem elendig lange Texte, die schon beim Überfliegen unnötig romantisch waren. In den letzten Tagen war er nicht ansatzweise so viel am Handy, was ich mir nicht genauer erklären konnte, aber mir auch vollkommen egal war. Schließlich belästigte mich keiner mit Alec und für ein kleines Abenteuer war ich gern zu haben.
      „Eine Kür also? Seltsam, ich dachte, dass da nur die Elite mit macht. Und Vriska“, antwortete ich Alec verwirrt, dabei zuckte ich vergnügt mit meinen Oberkörpermuskeln herum. „Ich weiß auch nicht so genau. Er meinte irgendetwas von wegen, ein Vorstandsmitglied des kanadischen Teams wird da sein und dass das eine Chance für ihn sein könnte. Mehr hat er nicht gesagt”, antworte Alec schulterzuckend.
      “Dann solltest wohl eher du mitreiten, denn deine Leistungen beim Springen waren wirklich gut und auf dem Pferd machst du auch eine deutlich bessere Figur als er”, schlug ich ihm vor.
      “Danke für das nette Kompliment, aber ich habe schon so genug mit dem Hof zu tun, ganz ohne dabei auch noch durchs ganze Land zu touren”, lehnte er den Vorschlag freundlich ab.
      “Das kann ich nachvollziehen”, gab ich nach. Als ich es schaffte meinen Blick von ihm zu wenden, sah ich die fehlenden kommen. Darunter auch Vriska mit ihrem neuen Typen, die mir gezielt aus dem Weg gingen und an einen freien Tisch setzten. Doch den Spaß konnte ich mir nicht entgehen lassen und folgte Chris, der sich ebenfalls zu ihnen gesellte.
      “Um wie viel Geld wollen wir wetten, dass ihr es nicht miteinander getrieben habt?”, forderte ich provokant heraus und auch so laut, dass alle anderen es hören konnte. Erik blieb still, aber ich konnte seine Wut in seinem Gesicht sehen. Mein schelmisches Grinsen wurde dabei immer breiter, bis Chris mir verärgert in die Seite boxte. Schmerzerfüllt zuckte ich zusammen.
      “Kannst du nicht einfach mal deine Fresse halten?”, maulte er mich dann an und ich rollte genervt mit den Augen. Dann zog er mich weg vom Tisch, um Essen vom Büfett zu holen.

      Alec
      “Morgen ihr beiden”, kam Lina vom Stall herangelaufen und begrüßte uns.
      “Morgen. War das Boxen misten so anstrengend?”, fragte ich als ich ihr Outfit näher in Augenschein nahm. Zu einer kurzen Jeans trug sie lediglich ein ziemlich knappes Top.
      “Ja, miste du mal vier Boxen innerhalb einer Stunde, dann würdest du mich schon verstehen”, erklärte sie. Samu schien gar nicht zuzuhören, denn der war immer noch mit seinem Handy beschäftigt.
      “Na, dann hast du dir dein Frühstück jetzt auch verdient”, sagte ich lachend und stand auf, um mit ihr zum Büfett zu gehen. “Samu, kommst du auch mit?”, fragte ich den blonden Mann neben mir, doch ich bekam keine Reaktion.
      “Mit wem schreibt er denn, dass er so vereinnahmt, davon ist?”, scherzte Lina
      “Dass du das noch fragen musst, Lina” lachte ich, denn ich war mir sicher, dass Lina die Antwort so gut kannte wie ich.
      “Ja, du hast recht”, stimmte sie mir lachend zu. Einen Moment lang betrachte sie Samu nachdenklich. “Lassen wir ihn jetzt einfach dasitzen oder holen wir ihn von seiner Wolke herunter?”, überlegte Lina laut.
      “Was ist denn mit dem los?”, fragte auf einmal Jace, der neben uns stehen blieb. Ich ignorierte seine Frage gezielt, da ich Samu schließlich versprochen hatte kein Wort über seine Freundin zu verlieren. Ich glaube zwar, dass es dabei in erster Linie darum ging, dass ich Lina nicht sagte, bevor er selbst nicht mit ihr gesprochen hatte, aber ich ließ mir lieber nichts zuschulden kommen.
      “Ich finde, du solltest ihn nicht verhungern lassen”, beantwortete ich Linas Frage. Sie ging daraufhin zu Samu und stupste ihn an und sagte dabei: “Hallo ist da jemand zu Hause?”
      “Was? Redest du mit mir?”, stammelte er verwirrt und zuckte bei ihrer Berührung kurz zusammen.
      “Ja, genau mit dir rede ich. Wir wollen uns jetzt etwas zu essen holen, willst du mitkommen oder bist du zu sehr von deiner Freundin eingenommen?”, fragte sie schmunzelnd.
      “Er hat eine Freundin? Seit wann das denn”, fragte Jace ein wenig verdutzt. Entweder hatte er Lina nicht richtig zugehört oder es störte ihn absolut nicht was sie gerade ausgeplappert hatte, denn er blieb vollkommen entspannt.
      “Das musst du ihn schon selbst Fragen, ich bin hier nicht die Auskunft”, war die einzige Antwort, die ich ihm gab.
      “Ähh, ja warte kurz! Ich komme sofort mit”, antworte Samu und tippte wieder auf seinem Handy herum. “Okay, jetzt können wir gehen”, verkündete er nach ungefähr einer halben Minute und steckte sein Handy in die Hosentasche. Gemeinsam gingen wir zu ziemlich leckem aussehendem Büfett. Auf dem Weg dorthin hörte ich wie Jace neugierig fragte: “Samu, darf man fragen, wie lange du schon eine Freundin hast?”
      “Fragen darf man das, ja”, erwiderte Samu knapp. Das war eindeutig nicht die Antwort die Jace hören wollte.
      “Dein Einhorn steht dann wohl erst einmal draußen?”, kam Niklas wieder an und sprach mit Lina. Er schien nicht genau zu wissen, was er ihr sagen sollte, aber wollte unbedingt mit ihr sprechen.
      “Jap, das darf noch ein wenig die Freiheit genießen vor eurem Date ”, antworte sie ihm gut gelaunt. Jace ging währenddessen weiter Samu auf die Nerven.
      “Ich bin schon ganz aufgeregt, wie ein Kind, dass seinen ersten Schultag hat”, freute er sich übertrieben theatralisch.
      “Kann ich verstehen, das wäre ich auch. So ein Einhorn ist immerhin etwas ganz besonders”, witzelte Lina, während sie sich eine Portion Rührei auf den Teller schaufelte.
      “Aber nicht so besonders wie du”, erwiderte Niklas und strich ihn durchs Haar. Lina lächelte verlegenes und eine leichte röte, trat auf ihre Wangen. Nachdem was ich mitbekommen hatte, was hier auf dem Hof die letzten Wochen so passiert war, freute ich mich für sie. Irgendwo neben mir quengelte Jace immer noch Samu an, so langsam ging er auch mir auf die Nerven.
      “Jace, Samu möchte es dir nicht sagen und jetzt höre endlich auf zu nerven”, wies ich ihn zurecht. Jace murrte noch irgendetwas unverständlichen, bevor sich endlich mit seinem Teller zurück an den Tisch verkrümelte.
      “Woher weiß Jace eigentlich davon? Du hast ihm nichts gesagt, oder?”, fragte Samu mich nun verwirrt.
      “Du warst eben wirklich woanders, oder?”, fragte ich ihn schmunzelnd. Er schien nicht wirklich zu verstehen, was ich meinte, denn er sah immer noch irritiert aus.
      “Das deute ich mal als Ja. Jace weiß es, weil Lina dich eben danach gefragt hat, ob du zu sehr von deiner Freundin eingenommen bist, also bin ich ganz unschuldig”, klärte ich Samu schmunzelnd auf. “Und so nebenbei, ich glaube jeder Idiot hätte sich das auch selbst erschließen können, so eifrig wie du auf deinem Handy herumgetippt hast.”
      “Oh, ist das so?”, fragte Samu ein wenig befangen.
      “Ja. Ich habe mich schon gefragt, wie du das so lang geheim halten konntest, denn dein Gesicht hat eben ganz für sich gesprochen”, lachte ich und ging wieder in Richtung Tisch, Samu folgte mir.
      “Oh, eine Freundin also?”, mischte sich dann Niklas wieder ein, der sich eigentlich von uns entfernte hatte, doch auf einmal neben uns stand.
      “Ja, ich habe eine Freundin”, antwortete Samu ein wenig genervt.
      “Dann gehe ich eben, wenn es dir nicht passt. Eine Entschuldigung wäre wohl gerechtfertigt”, ärgerte sich Niklas und verschwand wieder zu Chris. “Also ich finde er hat recht, dein Verhalten in den letzten Tagen war nicht ganz so angebracht”, wies ich Samu freundlich darauf hin.
      “Ist ja schon gut, wollte ich auch noch. Jace war nur gerade so eine Nervensäge, da brauche ich erst einmal eine Pause. Ich mach nach dem Frühstück, versprochen”, verteidigte Samu sich.
      “Was machst du nach dem Frühstück?”, frage Lina, die nun wieder zu uns stieß.
      “Mich bei deinem Kerl Entschuldigen. Können wir jetzt erst ein mal in Ruhe Frühstücken?”, brummte Samu und setzte sich demonstrativ an den Tisch.
      Als so gut wie alle aufgegessen hatte, stellte sich Vriska auf einmal neben unseren Tisch, nach dem sie ihren und einen anderen Teller weggestellt hatte.
      “Hat einer von euch Lust mit zum Wasser zu kommen, denn heute ist doch praktisch der letzte gemeinsame freie Tag und Glymi könnte mal wieder etwas Abwechslung gebrauchen”, fragte sie dann aus heiterem Himmel.
      “Also ich würde wohl mitkommen”, antwortete Jace, der wohl vergessen hatte, dass er die Kür mit mir durchgehen wollte.
      “Hast du nicht noch was zu tun Jace?”, fragte ich und sah ich mit hochgezogener Augenbraue an.
      “Ach Alec, sei doch nicht so ein Spielverderber, wir können das doch auch noch später machen”, beschwerte er sich. Ich verdrehte die Augen, das war mal wieder typisch Jace, schob alles auf.
      “Na gut, aber nur wenn das keine Ewigkeiten dauert, ich muss heute auch noch mal nach Hause”, gab ich nach.
      “Super, dann sind Alec und ich dabei”, triumphierte Jace.
      “Lina? Du vielleicht auch? Ich weiß nicht, ob ich mich unter so viel Männlichkeit wohlfühle”, flüsterte Vriska demütig und sah sie dabei nicht mal wirklich an, stattdessen senkte sie den Kopf und blickte suchend zu Samu.
      “Ähh, eigentlich wollten Niklas und ich noch mit Divine in die Halle”, entschuldigte sie sich.
      “Oh, okay schade. Ich dachte, dass wir dann mal reden könnten”, murmelte Vriska. Irgendetwas schien zwischen den beiden Vorgefallen zu sein, was Vriska offensichtlich ziemlich beschäftigte.
      “Ich kann Nik ja mal fragen, ob wir später mit Ivy arbeiten können”, schlug Lina bedacht vor.
      “Danke dir, wirklich”, sagte sie und lief zurück zu dem Kerl, der an einem anderen Tisch saß.
      “Ich bin dann mal da drüben”, vermeldete Lina und lief Vriska hinterher.
      “Und was ist mit dir Samu, bleibst du eigentlich alleine hier?”, fragte ich den Mann neben mir.
      “Ich komm nur mit, wenn Jace nicht wieder versucht dumme Fragen zu stellen”, stellte Samu zur Bedingung.
      “Ich bin mir sicher er wird sich Mühe geben, nicht Jace?”, antworte ich und sah Jace eindringlich dabei an. Dieser verdrehte zwar die Augen, aber nickte gehorsam.

      Vriska
      Mit Lina reden zu wollen, war wohl die schlechteste Ausrede, die mir hätte einfallen können, um nicht allein zwischen den Testosteronwesen zu sein. Warum war ich nicht in der Lage solche Situationen zu meistern? Vor einigen Jahren habe ich über solche Leute gelacht, allerdings habe zu dem Zeitpunkt auch noch alles Mögliche zu mir genommen. Nun konnte ich es auch nicht ändern und irgendwann musste ich mich den Dingen stellen, nicht immer davon wegrennen. Vielleicht wäre zurück zu meiner Mutti ziehen, doch gar nicht mehr so eine schlechte Idee. Verpflichtungen hatte ich eigentlich keine und wenn Tyrell mir Glymur komplett überlassen würde, fände ich sicher einen Hof und wenn ich mit Vater reden würde, könnte ich den sogar zahlen. Ein Pferd in England zu besitzen, konnte mehr als teuer werden.
      “Na, was für blöde Fantasien gehen schon wieder in dir vor?”, fragte Erik mich plötzlich. War das wieder so offensichtlich, dass ich über Alternativen nachdachte, um einem unangenehmen Gespräch zu entkommen? Und wie würde ich jetzt dem aus dem Weg gehen? Zu viele Fragen, schrecklich.
      “Willst du eine Ausrede hören oder die Wahrheit?”, erwiderte ich beim Platz nehmen.
      “Ich fände zweiteres deutlich attraktiver”, gab er offen zu. Unsere Zuhörer am Tisch unterbrachen ebenfalls ihr Gespräch, als sie seine Antwort hörten. Besonders unkomfortabel waren Niklas Blicke und Kommentare, die er schon den ganzen Morgen übermittelte.
      “Wieder nach England zu ziehen, wäre aktuell eine Option, um viel Ärger zu entgehen”, murmelte ich.
      “Das tut mir aber leid Erik, dass sie dich jetzt schon verlassen möchte”, nervte Niklas wieder. Der soll sich mal in den Griff bekommen. Wie kann er von einem zum anderen Tag wieder so ein schlechter Mensch werden, oder gab er sich in letzter Zeit einfach mehr Mühe, nicht mehr der Arsch zu sein?
      “Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten”, maulte ich ihn schlagartig an. Aus dem Augenwinkel sah ich Lina dazu kommen, was mir hätte klar sein müssen, denn sie wollte mit Niklas sprechen wegen des Badeausflugs. Ich hätte schlussfolgern können, dass sie dementsprechend hier zum Tisch käme, doch irgendwie funktionierte mein Hirn nicht mehr so gut.
      “Wenn du zurück zu deiner Familie möchtest, wird man schon einen Weg finden”, munterte mich Erik auf und ignorierte seinen Bruder, entschuldige. Halbbruder. Das war Niklas sehr wichtig, hatte Chris mir erklärt, also sollte ich das auch in meinen Gedanken bei dem Ausdruck behalten.
      “Duu, wäre es okay für dich, wenn wir erst später mit Ivy in die Halle gehen? Die anderen wollen zum Wasser runter und Vriska benötigt ein wenig weiblichen Beistand“, hörte ich Lina Niklas fragen.
      “Klar, aber das Spektakel möchte ich mir auch anschauen außerdem wird ihm jetzt viel zu warm sein”, gab er protzig zu. Hätte Lina lieber doch nicht gefragt.
      „Ich glaube, ich möchte das doch nicht mehr“, flüsterte mir Erik zu, was ich vollständig nachvollziehen konnte. Was auch immer bisher bei ihnen vorgefallen war, schien die beiden nicht nur auseinander getrieben zu haben, sondern treibt Niklas sogar zur Weißglut.
      “Super, da hast du vermutlich recht, dass er lieber noch ein wenig auf seiner schattigen Koppel bleibt”, stimmte Lina zu. Immerhin wäre ich nicht mehr so verloren, doch direkt kamen wieder meine Gedanken darüber, was ich mit ihr besprechen sollte. Dafür wäre noch ein Moment Zeit und ich musste Glymi sowieso noch sauber machen. Dass ich ihn direkt am Stall stehen lassen hätte können, wurde mir jetzt klar. Egal.
      „Ich gehe dann mal mein Pony holen, treffen wir uns dann alsbald am Stall?“, fragte ich rhetorisch und verschwand mit Erik erst mal wieder Richtung Zimmer. Es lag ihm etwas auf dem Herzen, dass konnte ich spüren und dass er meinen Blicken auswich, unterstrich meine Annahme. Zielgerichtet lief ich zu dem Korb und kramte nach meiner Badehose, die ich eigentlich gewaschen hatte. Aus meiner Reisetasche funkelte mich noch was ganz anderes an, wonach ich direkt griff. Ohne die Netzstrumpfhose verließ ich für gewöhnlich nie das Haus, doch hier in Kanada war alles anders. Außerdem riet Milena mir davon ab, sie zu tragen. Damit würde ich bathisch aussehen. Dass sie sich überhaupt wagte etwas zu sagen mit ihrem Push-up BH, war mir ein Rätsel. Mit der Strumpfhose in der Hand, sowie einem Bikini in Netzoptik verschwand ich im Bad und zog mich um. Als ich es wieder verließ, saß Erik noch immer gedankenverloren auf dem Stuhl und schaute in die Leere.
      „Herr Löfström?“, sprach ich ihn scherzhaft an, was auch ihm direkt ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Ich legte meine Hände auf seine Beine und hockte mich vor ihm hin. Vor nur etwas mehr als 24 h war Niklas noch an meiner Stelle und ich an Eriks. Das machte die Situation unbequemer als sie war, doch ich versuchte es zu verdrängen.
      „Er hört“, antwortete der junge Mann und sah zu mir herunter.
      „Worüber denkst du nach?“, fragte ich direkt.
      „Findest du nicht, dass das etwas schnell geht? Ich meine, du bindest mich jetzt schon in jegliche Aktivitäten mit ein, als würden wir uns lange kennen“, antwortete Erik nachdenklich und legte seine Hände auf meine.
      „Wäre es dir lieber, wenn wir hierbleiben? Dann sage ich Bescheid“, bot ich an. Direkt schüttelte er mit dem Kopf.
      “Ich möchte nicht, dass du dich unwohl fühlst. Denn das mit Lina und Niklas scheint offensichtlich mehr zu sein, als was ihr beide hattet”, sprach Erik offen aus, was vermutlich jeder sah.
      “Ja, ist es. Denke ich zumindest und ich habe mich dazwischengedrängt, aber”, beim Sprechen unterbrach er mich mit einem innigen Kuss. Die Welt um uns herum bleib für einen Augenblick stehen. Ich spürte seine weichen Lippen auf meinen, wie sie sich sanft bewegten und mich auf einen anderen Planeten brachten. Schneller als ich es mir wünschte, beendete er seinen Einsatz wieder. Einen Moment sahen wir uns verliebt an und strich mir eine lose Strähne aus dem Gesicht.
      “Mache dir keine Gedanken mehr, ich bin jetzt da für dich”, flüsterte Erik mir zu. Für mich da? In meinem Bauch kam ein ominöses Kribbeln, dass ich schon mal spürte, doch bis heute immer versuchte zu unterdrücken, denn das bedeutete zu viel. Es bedeutete, dass ich nicht mehr Entscheidungen für mich selbst treffen konnte, sondern immer darüber nachdenken musste. Nachdenken, ob es jemanden verletzten könnte oder welche Auswirkungen es auf mich haben würde. Im selben Zuge müsste ich meine Verletzlichkeit offenlegen und dafür sorgen nicht wieder enttäuscht zu werden. Ihn dafür wegzustoßen und schon am ersten Tag fallen zu lassen, wäre auch falsch. Ich benötigte klare Gedanken.
      “Erik, ich kann das nicht”, brach es aus mir heraus und Tränen flossen aus meinen Augen.
      “Ganz ruhig. Tief durchatmen”, sagte er aufmunternd und drückte mich fest an sich heran. Als ich mich ein Stück von ihm abhob, sah ich das mein Eyeliner Spuren an seinem Anzug hinterließ.
      “Tut mir leid”, murmelte ich und er lachte nur. Wir hielten inne.
      “Und jetzt sage mir bitte, was du nicht kannst”, fragte Erik schließlich und lehnte noch immer auf seiner Schulter.
      “Irgendwas. Alles. Beziehungen sind mir zu viel”, stotterte ich hektisch, denn ich wusste es nicht. Dass ich etwas nicht konnte, war ein intimes Gefühl. Ich fühlte es nur, unbegründet.
      “Denk darüber nicht nach und lass es einfach laufen, schauen, wo wir landen und wenn es nichts wird, dann ist das so”, munterte er mich weiter und strich mir sanft über den Rücken. Erik wirkte wie eine bessere Version von Niklas und schon allein der Gedanke hob meine Stimmung enorm an. Mit einem Lachen stand ich auf und sah zu ihm.
      “Also kommst du jetzt mit?”, freute ich stehend im Türrahmen.
      “Klar, aber ich komme nicht ins Wasser”, antwortete er.
      “Wie du kommst nicht mit rein? Das werden wir wohl noch sehen! Aber du ziehst dir noch was anderes an, va?”, fragte ich.
      “Ja, klar. So hole ich mir den Heldentod. Geh du schon mal dein Pony holen, ich komme nach”, sagte er und kam zur Tür. Aus der Hosentasche holte er schon mal den Autoschlüssel und zusammen verließen wir das Haus. Ich legte meine Arme wieder um Eriks Hals, der sogleich seine Hände an meine Hüfte legte und leicht gegen die Tür drückte. Dabei fiel sie ins Schloss und ich erschrak mich.
      “Schlechtes Gewissen?”, fragte Erik und ich sah verwundert zu ihm hoch.
      “Nein, wieso?”, erwiderte ich.
      “Kennst du das nicht? Wenn man sich oft erschrickt, dann hat man was zu verheimlichen oder ein schlechtes Gewissen”, erklärte er mir. Tatsächlich war mir das bekannt. Meine Oma sagte das immer, wenn ich bei ihrem Urlaub machte im Sommer als Kind.
      “Ach so, nein. Nicht wirklich”, gestand ich mir dann doch ein, denn mit Lina hatte ich es noch immer nicht geklärt. Was Erik bisher angefangen hatte, beendete er wieder mit einem leidenschaftlichen Kuss. Ich hätte gerne behauptet, dass er ein guter Küsser war, doch genau das Gegenteil war der Fall. Obwohl ich es mit ihm genoss, was wohl mehr an seiner Person lag als an seinen Kusskünsten. Doch das würde er noch lernen, dem war ich mir sicher.
      Der Weg zur Koppel begleitete starke Schweißausbrüche und Ungeziefer, die als blinde Passagiere auf meinem Körper Platz nahmen. Einige von ihnen versuchten mein Blut zu bekommen, was mit einem unsanften Schlag meinerseits ihr Leben beendete. Ekliges Pack! Am Zaun rief ich meinen kleinen Dussel, der sich sogleich auf den Weg zu mir machte in einem gemächlichen Tempo. Freundlicherweise kam ich ihm entgegen und er bekam natürlich das Leckerli, dass ich in meiner Hosentasche versteckt hatte. Glymur kaute es genüsslich auf, als ich den Strich am Halfter befestigte. Im Stall legte ich ihm die zu große Fliegenmaske ab und auch die Ekzemerdecke hing ich wieder an die Box. Chris stand mit einem Handtuch in der Hand vor dem Stall und wartete auf den Rest. In der Zeit legte ich dem Hengst die normale Wassertrense ein und ließ das Reithalfter am Haken hängen. Noch bevor ich nach draußen lief, schwang ich mich auf den Rücken Glymurs und setzte mich in eine bequeme Position.
      “Nog, kein Pferd?”, fragte ich Chris überrascht.
      “Hammy mag Wasser nicht, außerdem habe ich so meine Ruhe”, scherzte er und strich meinem Pferd über den Hals. Von Weiten sah ich auch schon Erik und begann zu schmunzeln, obwohl er noch immer seine schrecklich glänzenden Schuhe hatte, trug er mittlerweile ein T-Shirt und eine kurze Hose. Besonders gut gefiel mir, dass das Shirt ziemlich eng an seinem Oberkörper saß und die Form seiner Muskulatur abzeichnete.

      © Mohikanerin, Wolfszeit | 98.469 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XV | 14. August 2021

      Satz des Pythagoras // Glymur // St. Pauli’s Amnesia // Snúra // Form follows Function LDS
      Legolas // El Pancho // Vakany// HMJ Divine// Blue Heart// Walking On Sunshine// Lady Moon// Keks // Colour Splash


      Lina
      Nachdem alle begann sich zu verstreuen, um ihre Pferde zu holen oder sich noch umzuziehen bevor es losging, verschwand auch ich erst einmal auf mein Zimmer. Mein Bikini hing noch im Bad, denn auch wenn gestern eigentlich Divine hätte baden gehen sollen, war auch ihr ausreichend nass dabei geworden. Zügig schlüpfte ich in besagtes Kleidungsstück, zog die Jeanshort und das gelbe Crop Top wieder über und machte mich auf den Weg um Legolas von der Koppel zu holen. Dem Rapphengst wurde eine kleine Abkühlung sicher ganz guttun. Dort angekommen erblickte ich eine leere Weide. Sicherlich standen die Pferde irgendwo in dem Wäldchen. Da ich nur wenig Lust hatte mich von den Büschen im Unterholz zerkratzen zu lassen, rief ich nach dem schwarzen Hengst. Ungefähr nach einer Minute kam er zwischen den Bäumen hervor gelaufen. Mit freundlich aufgestellten Ohren kam der große Hengst angetrottet. Zum Glück hatte er heute kein halbes Kilo Kletten eingesammelt.
      “Na Lego, Lust auf eine Abkühlung”, begrüßte ich den Rappen und hielt ihm ein Leckerli vor die rosa Schnauze. Sanft nahm er mir den Leckerbissen von der Handfläche und während er genüsslich darauf herumkaute, hängte ich den Strick in sein Halfter.
      Ich Stall angekommen putzte ich ihm nur schnell den Kopf über. Da die kleine Wunde in seinem Maulwinkel immer noch nicht ganz verheilt war, holte ich den LG Zaum, den ich auch schon gestern verwendet hatte und trenste Legolas. Am Zügel führte ich ihn aus dem Stall. Draußen warteten Chris, Erik und Vriska bereits, letzte saß auch schon auf ihrem Pony und auch Alec und Jace kamen gerade um die Ecke, allerdings ohne Pferd.
      “Kommt Samu auch mit?”, fragte ich die beiden.
      “Jap, der ist gerade los um Vakany zu holen”, beantwortete Alec freundlich meine Frage.
      “Und ihr nehmt kein Pferd mit?” Ein wenig verwundert war ich ja darüber, weil gerade Jace eigentlich immer ein Pferd nahm, wenn es darum ging irgendwo hinzulaufen.
      “Nein, Alec wollte nicht und ich bin deshalb solidarisch”, erklärte Jace und sah dabei auf sein Handy. So mäßig motiviert wie er darauf herumscrolle schien er seinen Instagram Feed anzusehen. Das Hufgeklapper hinter mir, verriet mir, dass nun auch Samu eingetroffen war. Offenbar hatte er mitgedacht, denn die Stute war bereits getrenst. Er hielt Kany neben mir an und schwang sich mehr oder weniger elegant auf ihren blanken Rücken. Fehlte also nur noch Niklas. Als ich ihm gerade schreiben wollte, bog er zusammen mit Ju und der Stute Amnesia zu uns ab. Er selbst hatte keins seiner Pferde dabei. Wen auch immer sie etwas beweisen wollten, trugen sie keine Shirts, was man bei den Temperaturen ihnen nicht verübeln konnte. Interessiert musterte Vriska Ju und auch Erik freute sich ihn zusehen. Freundlich begrüßten sie einander und Niklas lief zielgerichtet zu mir.
      „Wow, offenbar kannst du Gedanken lesen, ich wollte dir gerade schreiben, wo du bleibst“, empfing ich ihn freundlich.
      „Ich versuchte Smooth zu überzeugen, aber sie wollte lieber auf der Weide bleiben. Dann können wir los, va?“, erwiderte er erfreut und setzte seine Sonnenbrille auf, die zuvor in seinem gegelten Haar lag. Oder viel mehr klebte.
      “Verständlich bei dem Wetter”, schmunzelte ich und führte Legolas zur Aufstiegshilfe, denn im Gegensatz zu Samu würde ich es wohl kaum vom Boden aus auf mein Pferd kommen. Schon von selbst parkte der Hengst dort ein, sodass ich auf seinen Rücken klettern konnte.
      “Na dann mal los”, forderte ich die anderen auf und trieb Lego in den Schritt. Auch der Rest der Truppe begann sich in Bewegung zu setzen.
      “Niklas, mir ist da übrigens noch was eingefallen, was ich dich fragen wollte. Gestern als du mir die Hengste für Smooth gezeigt hast, meintest du Vintage fällt weg, wenn das mit Form passt. Wer oder was ist Form?”, fragte ich Niklas, der neben mir herlief. Tatsächlich war mir diese Frage erst heute Morgen in den Kopf bekommen, als ich mir den gestrigen Abend noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Bevor er darauf antwortete, starrte Niklas nachdenklich auf sein Handy. Mehrfach wischte er hin und her, bis er es mir in die Hand drückte. Auf den paar unglücklich geschossenen Fotos war eine Rappstute zu sehen mit leuchtenden blauen Augen und einem kleinen Abzeichen auf der Stirn. Die Unterlippe war ebenfalls rosa gefärbt. Eins der Fotos zeigte sie im Trab in einer mir bekannten Reithalle und auch der Herr auf dem Pferd kam mir vom Sehen her bekannt vor. Wenn ich mich richtig erinnere, war das Tyrell und die Halle wäre auf dem LDS.
      “Als ich gestern mit Vriska und Chris über Humbria gesprochen habe, wurde klar, dass das mit ihr nichts im Verein wird. Plötzlich erzählte sie, dass auf dem Hof wohl eine Rappstute steht, die zwar erst sechs Jahre jung ist, aber schon L-Lektionen laufen kann. Außerdem verfügt sie über wenig bis gar kein Tölt und Pass noch weniger. Aktuell wird sie vom Chef geritten, der sich nicht so wirklich von ihr trennen kann, aber auf dem Hof keine Funktion erfüllt entgegen ihres Namens”, erzählte mit Niklas ausgiebig. Dabei tätschelte er den Hals meines Pferdes und hatte ein prüfendes Auge darauf, dass sein Handy wohlbehalten in meiner Hand blieb.
      “Entgegen ihrem Namen? Also optisch macht sie definitiv schon etwas her, sehr niedlich mit der Rosa Lippe”, kommentierte ich und reichte ihm sein Handy wieder.
      “Keine Funktion erfüllen … Form follows Function?”, erklärte er seinen Witz und wirkte nervös.
      “Form follows Function? Da war wohl ein Künstler an der Namensgebung beteiligt, gefällt mir”, antworte ich begeistert.
      “Ich weiß es nicht, Hauptsache es läuft”, murmelte er vor sich hin. Mehrfach drehte er sich um und auch sah nach hinten. Erik, Ju und Chris unterhielten sich aktiv.
      “Ist was? Du bist so unruhig”, fragte ich nun nach, da mich so allmählich sein Verhalten ein wenig wunderte, denn ich konnte keinen Grund dafür entdecken.
      “Es nervt mich einfach, dass er hier ist und Spaß mit meinen Freunden hat”, hielt er sich kurz und hatte klang teilweise wie ein Kind. Ein wenig amüsant fand ich es schon wie er sich aufführte, allerdings würde ich gerne besser nachvollziehen können, wieso er so einen Groll gegen Erik hegte.
      “Warum nervt dich das so? Er wird dir deine Freunde bestimmt nicht wegnehmen wollen”, erkundigte ich mich behutsam.
      “Weil er ein Lügner ist und die beiden sich nicht von seiner gutmütigen Art täuschen lassen. Es war falsch ihn damals mitgenommen zu haben”, erklärte Niklas deutlich aufmerksamer mir gegenüber. Was Niklas da erzählte, passte für mich nicht so ganz in das Bild, was ich bisher von Erik hatte. Auf mich hatte er einen ziemlich ehrlichen Eindruck gemacht. Doch, ich wollte Niklas Sichtweise verstehen, weshalb ich weiter nachfragte: “Falsch ihn wohin mitgenommen zu haben?”
      “Am Anfang der Ausbildung hatten wir zusammen den schulischen Teil und kamen gut miteinander klar. Erik war etwas verklemmt und dann haben wir ihn auf nächtliche Touren durch die Stadt genommen, also was wir dann so machen. Feiern, Trinken oder auch einfach nur im Restaurant sitzen und das Wetter genießen. Später meinte er dann, dass er mein Bruder ist und ich dachte er verarscht mich. Als ich dann mit Papa sprach, bestätigte es sich und damit war für mich die Sache durch. Er hätte es von Anfang an sagen können und es gehört sich auch nicht, so einen Bastard in der Familie zu haben”, brach es aus ihm heraus. Niklas fiel es schwer mir das zu erzählen, immer wieder stoppte er und musste schlucken, bevor er weitersprach. Prüfend sah er sich um, ob jemand zuhörte, was nicht der Fall war. Auf einmal begann das ganze schon deutlich mehr Sinn zu ergeben. Solch eine Sache bewusst verheimlicht zu bekommen, würde sicher für jeden einen schweren Vertrauensbruch darstellen, erst recht für jemanden wie Niklas, dem Ehrlichkeit so wichtig war. Ich selbst würde mit so jemanden nie wieder etwas zu tun haben wollen.
      “Verstehe, das ist ziemlich hart so lange angelogen zu werden”, sprach ich einfühlsam.
      “Ja und er macht einen auf heilige Welt, was nicht der Fall ist. Wenn könnte dann …“, Niklas stoppte. Chris kam dazu gelaufen und wir erreichten beinah das Wasser. Sie murmelten etwas auf Schwedisch, dass Chris so undeutlich aussprach, dass ich nicht verstand, worum es ging. Er zeigte ihm etwas am Handy und dann lachten sie.
      “Darf man fragen, was hier für eine solche Erheiterung sorgt?”, fragte ich irritiert über den plötzlichen Stimmungswechsel. Legolas schnaubte und schüttelte den Kopf um eine Fliege, die gerade auf seinem Ohr niederlassen wollte, zu verscheuchen.
      “Chris ist schon wieder sehr interessiert an hübschen Damen aus dem Internet und ich soll mal wieder Hilfestellungen geben”, lachte Niklas und gab Chris sein Handy zurück, auf dem er bis zu dem Zeitpunkt schnell herumtippte.
      “Na, dann wünsche ich dir viel Erfolg bei deinem Vorhaben Chris”, sagte ich freundlich.
      “Ich danke dir für deine Zuversicht”, scherzte Chris und zog ebenfalls sein Shirt aus. Das Ufer lag nur noch einige Meter entfernt, was er direkt als Einladung sah Anlauf zu nehmen. Alles Wichtige legte er noch zur Seite, ehe das Erreichen des Wassers, mit einem lauten Platscher begleitet, sich bestätigte. Fragend blickte Niklas noch zu mir hoch, bevor er ihm folgte. Ich glitt vom Rücken meines Pferdes herunter, um noch meine Klamotten abzulegen, denn für gewöhnlich bevorzugte ich es werde mit Handy noch mit Schuhen baden zu gehen. Nachdem ich meinen Klamottenstapel samt, Handy am Ufer platziert hatte, machte ich noch einen Knoten in die Zügel von Legolas, damit sie nicht von seinem Hals herunterrutschen konnten. Mein Pferd folgte mir zwar bis zum Wasser, bleib dann aber laut prustend vor dem Wasser stehen. Lego betrachtete das Wasser, welches auf ihn zu schwappte, als würde er Seeungeheuer darin sehen. Ich ging ein paar Schritte vor und versuchte den Hengst ein wenig zu locken, doch er dachte nicht einmal daran einen Fuß ins Wasser zusetzten. Na gut, wenn der Hengst nun mal nicht wollte, würde ich allein baden gehen.
      Das Wasser, welches mich mit jedem weiteren Schritt mehr umspülte hatte eine angenehme Temperatur. Genau, dass was man an einem Tag wie heute gebrauchen konnte.
      “Vielleicht kommt er rein, wenn ich vorreite”, schlug Ju vor, der auch dazu kam mit seiner Rappscheckstute. Ungezwungen lief sie einige Schritte vor ins Wasser und begann direkt zu planschen. Ju trieb sie vorwärts und konnte verhindern, dass Amy es sich im Wasser bequem machte. Lego schien tatsächlich darüber nachzudenken, ob das nasse Zeug nicht doch ungefährlich ist, denn er senkte den Kopf und schnupperte an der Wasseroberfläche. Zögerlich setzte er einen Huf ins Wasser, sodass er nun mit den Vorderhufen drinstand.
      “Na komm mein Großer”, lockte ich den Hengst. Er spitzte die Ohren und ihm war anzusehen, dass er zu mir wollte, doch er traute sich noch nicht so ganz. Von hinten kam nun auch Vriska mit Glymur hinzu, der ebenfalls einige Versuche benötigte, bis sie ihn in das nahezu unbekannte Nasse brachte. Zufrieden strich sie ihrem Hengst über den Hals und sah erwartungsvoll zu mir. Ich seufzte und wartete zurück zum Ufer, um mein Pferd abzuholen. Mit ein wenig Überredungskunst und der Unterstützung von Samu der mit Vakany nun auch ins Wasser kam, stand auch Legolas endlich mit allen vier Hufen im Wasser. Ausgiebig, lobte ich den Rappen.
      “Ich dachte schon, dass ihr gleich in der Sonne verbrennen würdet”, sprach Niklas etwas besorgt und kam zu uns. Seine zuvor perfekte Frisur tropfte nun aber hatte noch eine erstaunliche Standfestigkeit. Dann wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und zog seine Hände durch sie. Verklebt legten sie sich nach hinten und auch seine Hose schmiegte sich eng an seinen Unterkörper, wahrlich kein schlechter Anblick.
      “Wenn es um Wasser geht, ist er manchmal eine kleine Drama-Queen, aber wenn er mal nass ist geht es dann meisten”, erklärte ich schmunzelnd. Legolas, der gerade einen Schluck getrunken hatte, legte nun seine nasse, tropfende Schnauze auf meinem Kopf ab. Ein paar Wassertropfen liefen mir über die Stirn.
      “Willst wohl nicht, dass mir zu warm wird, oder?”, scherzte ich und ging unter dem Kopf des Hengstes weg.
      “So heiß wie du bist, wird dir nie kalt”, sagte Niklas romantisch und legte seine Hände um mich. Verliebt blickte er runter zu mir, bevor er mich nach oben drückte, um auf Augenhöhe sein zu können. Tatsächlich war mir gerade alles andere als kalt, was nicht allein an der Umgebungstemperatur lag. Ich blickte ihm in die Augen und spürte meinen Herzschlag in meinem ganzen Körper pulsieren, begleitet von einem kribbeln in der Magengegend. Es fühlte sich so intensiv an, wie ich es noch nie erlebt hatte. Nicht, dass ich nie verliebt gewesen war, doch mit Niklas fühlte es sich anders an, irgendwie ehrlicher. Ich hatte nicht das Gefühl mich verstecken zu müssen.
      “Du bist aber auch kein schlechter Anblick”, raunte ich ihm zu.

      Vriska
      Glymur stand gelangweilten im Wasser und schien zu dösen, während Amy und Kany den Spaß ihres Lebens hatten. Am Ufer standen Alec und Jace, die sich unterhielten. Einige Meter davon entfernt, hatte Erik sich gesetzt an einem schattigen Plätzchen. Er tat mir fast leid, wie er dasaß und uns alle betrachtete. Meinem Pferd vertraute ich so sehr, dass ich einfach Abstieg und ihn stehen ließ. Ich nutze den Po von ihm als rutschte gerade Wegs in Wasser. Unsanft landete ich auf dem Grund, bevor ich wieder auftauchte. Das war nicht der Plan. Mit erschrecken musste ich feststellen, dass sich mein Handy noch in meiner Hosentasche befand, wie beim letzten Mal. Doch ich erinnerte mich an Niklas Worte, dass es das überleben würde. Vorsichtshalber nahm ich es heraus und legte es neben Erik ins Gras. Meine Haare wrang ich aus und machte die beiden Zöpfe neu. Es gab nichts Unangenehmeres, als dass diese nass waren. Wortlos setzte ich mich zu ihm und betrachtete das Spektakel und bemerkte, was zwischen Lina und Niklas in Wasser geschah. Nachdenklich betrachtete es eine Weile, bis mir eine Träne über die Wange rollte und ich wegsehen musste. Auch wenn ich selbst dafür sorgte, dass das mit uns beendet werden musste, verletzte es mich ziemlich. Noch viel mehr verletzte mich, dass Erik genau in der Phase mich kennenlernte. Doch ich hatte keine andere Wahl, denn ab morgen begann so etwas wie die Abfahrt und ich hätte ihn nie hier gehabt.
      „Warum weinst du?“, fragte Erik schließlich und legte seinen Arm um mich.
      „Schwer zu erklären und würde dich verletzen“, versuchte ich die Situation zu verdrängen, doch er blieb hartnäckig und fragte: „Ist es etwas, dass zwischen uns stehen könnte?“
      „Ja, mehr oder weniger“, murmelte ich und wischte die Tränen aus meinem Gesicht.
      „Dann erzähle es mir bitte“, forderte Erik fürsorglich und streichelte mir dabei über den Arm.
      „Ich dachte, dass es ihm was bedeutet hat. Dass es etwas besonders war, aber das ist extrem abwegig, denn er hatte sich am ersten Tag direkt meine beste Freundin gekrallt. Da ich mich mit Ju ziemlich gut verstanden habe un …“, erzählte ich bis Erik mich aufgebracht unterbrach. Seinen Arm zog er von mir weg und stand auf.
      „Du willst mir nicht gerade erzählen, dass du auch noch mit Ju was hattest! Und, was ist mit Chris? Einmal alle durch und jetzt fehle ich nur noch?“, fluchte er. Chris kam aus dem Wasser dazu und half mir.
      „Noch nicht, aber euch Turteltäubchen möchte man auch nicht mehr auseinanderreißen“, scherzte er und setzt sich Nass in den Rasen.
      “Es war für mich nicht so wichtig und du wolltest es unbedingt wissen”, murmelte ich mit gesenktem Kopf. Sogleich nahm Erik mich wieder in den Arm und nahm Platz.
      “Schon okay, erzähl weiter”, sagte er wieder freundlicher. Erneut flossen einige Tränen über meine Wange, bevor ich weitersprach.
      “Also mit Ju lief es ziemlich gut, bei Nik und Anna kam dann etwas dazwischen. Er hat sich dann an Lina herangemacht und wie du siehst, scheint hervorragend zu laufen. Die beiden harmonieren auch wirklich gut, aber ich musste mich natürlich einmischen. Niklas trägt auch seinen Teil dazu bei, denn er konnte es nicht lassen mir schöne Augen zu machen und ja. Ich wollte mich nicht mehr einsam fühlen. Jetzt sitze ich hier, weine, obwohl ich es unterbrach, weil ich lieber jemanden mit mehr Verstand haben wollte”, erzählte ich zu Ende. Chris wirkte auch überrascht, als hörte er das zum ersten Mal.
      “Niklas sieht das deutlich anderes als du”, fügte er noch hinzu. Das war mir klar, dass der Herr das natürlich ganz anderes sah. Bewusst ließ ich den Teil aus, der ausschlaggebend für das Ende war. Ich wollte Erik nicht direkt erzählen, dass ich große Probleme mit mir selbst habe und noch dabei bin, diese zu kanalisieren und auf anderen Wegen zu klären. Im Normalfall nahmen Männer Abstand von mir, nur Niklas nicht. Es machte mich misstrauisch.
      “Ich muss dich dann leider enttäuschen, denn er hat deutlich mehr Verstand als ich, auch wenn man davon nicht so viel merkt”, antworte Erik dann.
      “Du bist wirklich doof”, lachte ich eingeschnappt.
      “Aber doof genug für dich?”, fragte er.
      “Vielleicht”, murmelte ich und drückte ihn nach hinten. Mit dem Rücken landete er im Rasen und bestimmt hatte das ach so weiße Shirt nun Flecken.
      “Vriska, ich möchte euch nur ungern unterbrechen, aber dein Pony möchte gerade weg”, rief Chris mir zu. Glymur trottete im Schritt den Weg entlang, über den wir zum Wasser liefen. Ich stand von Erik auf und rannte meinem Pferd direkt nach, barfuß versteht sich. Im weichen Sand versteckten sich kleine Steine und Stöcke, die sich in meine Fußsohle drückten. Den Hengst holte ich recht schnell ein und vermutlich dachte er sich bei dem kleinen Ausflug auch nichts. Zusammen liefen wir zurück. Er stupste mich mehrfach an, als wir wieder an Erik vorbeiliefen.
      „Was möchtest du?“, fragte ich mein Pferd verwirrt. Doch die letzte Möhre, die ich dabeihatte, lag neben ihm und er meinte wohl diese. Ich zeigte auf sie und Erik gab mir das Gemüse. Ungeduldig zappelte Glymur neben mir und verschlang sie direkt, als ich sie ihm gab.
      „Kann dein großer Hund sich nicht zu uns legen?“, fragte Erik und hatte wohl keine Vorstellung davon, wie kompliziert so ein Training war.
      „Nein, aber du kannst mit uns Wasser kommen“, forderte ich ihn auf und griff nach seinem Arm.
      „Ich verzichte, danke“, murmelte er. Wasser war wohl sein Kryptonit. Ich wollte mit ihm darüber sprechen, doch Glymur verlangte gerade meine vollständige Aufmerksamkeit und ich lief mit ihm ins Wasser. Erfreut spielte er mit dem Wasser und platschte freudig herum. Dann ließ er sich fallen und wälzte sich darin. Beim Drehen flog Matsch durch die Gegend, wovon ich einiges abbekam. Doch die Wellen, die dabei entstanden, wuschen ihn direkt ab. Die Netzstrumpfhose erfüllte auch keinen tieferen Zweck, als nass an meinen Beinen zu hängen.
      “So, bist du dann so weit?”, fragte ich Glymur, der noch immer im Wasser lag und nicht aufstehen wollte. Alec, der nur unweit im Wasser war, bat ich, ein Auge auf mein Pferd zu haben. Ich wollte es einmal versuchen, Erik in das Nasse zu bekommen.
      “Wieso willst du nicht ins Wasser?”, fragte ich ihn, als ich tropfend zu ihm lief. Meine Haare waren schon wieder fast trocken.
      “Ich möchte mich nicht ausziehen”, murmelte er und sah mich dabei nicht an. Obwohl ich nicht wusste, was sein Problem war, konnte ich es ziemlich gut nachvollziehen.
      “Du musst dich für nichts schämen, schau”, sagte ich und drehte mich um. Die alten Brandnarben und Schnitte waren noch immer Sichtbar, doch ich hatte gelernt damit zu leben. Sie gehörten leider mit zu mir, auch wenn das Kapitel längst geschlossen war. Unter meinem Sleeve blinzelte auch einige meiner Narben, die am rechten Arm nicht Ansatzseite so schlimm waren aber noch da.
      Erik stand ebenfalls auf und drückte sich wieder fest an mich.
      “Du bist toll, habe ich dir das schon gesagt?”, sprach er plötzlich und ich verstand nicht genau, was er von mir wollte.
      “Nein, aber ich merke es mir”, antwortete ich verliebt und blickte ihm tief in die Augen.
      “Ich komme mit”, sagte er und zog sein Shirt aus. Auf seinem Oberkörper zeichneten sich neben vielen Dehnungsstreifen ebenfalls Narben ab, besonders im Bauchbereich. Ich vermutete einiges, doch damit rechnete ich nicht. Ungewöhnlich lange betrachtete ich ihn und bekam ein Kribbeln im Bauch.
      “Du bist wunderschön”, flüsterte ich und gab ihm einen Kuss auf den Hals. Dabei streichelte er mit über den Rücken. In so kurzer Zeit machte mich der Typ so verrückt.
      „Ich störe euch nur ungern, aber dein Pony will auch ein Stück von dir abhaben“, holte mich Alec zurück in die Realität. Wieder Mal ertrug es das Pferd nicht im Vordergrund zustehen. Erik ließ mich los und griff nach seiner Hand. Zusammen liefen wir zum Wasser. Glymur brummte mich freundlich an und streckte seine Nase zu meiner Brust. Ich lachte und Alec half mir hoch auf das Pony. Erik stand noch immer am Ufer, mit dem Füßen im Wasser und versuchte seine Körper mit seinen Armen zu bedecken.
      „Kom nu“, triezte ich ihn, als Chris angerannt kam und ihn in das Nass zog. Nur mit Mühe konnte ich meine Blicke von ihm trennen und mich mit meinem Pferd beschäftigen. Auf meiner anderen Seite standen noch immer Lina und Niklas, die nur Augen für einander hatten. Glymur setzte sich in Bewegung, tauchte seinen Kopf mehrfach Unterwasser und sorgte dafür, dass ich wieder besonders nass wurde. Je tiefer wir kamen, umso mehr Boden verlor er unter den Füßen und begann zu schwimmen. Ein besseres Ganzkörpertraining könnte es nicht geben. Fest darauf konzentriert, nicht mit meinem Pony unterzugehen, stupste mich jemand, der Seite an. Dabei erschreckte ich so sehr, dass ich im nächsten Augenblick Wasser einatmete und mich an Glymur klapperte, der direkt zu einem Bereich paddelte, an dem er stehen konnte. Krampfhafter hustete ich alles aus, bis bemerkte, dass es Ju war.
      „Bist du denn des Wahnsinns?“, fluchte ich und musste auch über meine eigene Dummheit lachen.
      „Ich hatte mehrfach deinen Namen gesagt, aber du hast nicht reagiert“, sagte er beschämt und klopfte mir auf den Rücken. Erik schwamm mit Chris weiter weg und bekam von meinem beinah ertrinken überhaupt nichts mit.
      „Was ist denn los?“, fragte ich erschöpft vom Husten.
      „Eigentlich wollte ich nur neugierig sein und wissen, wieso du Erik hergezaubert hast“, antwortete Ju und wirkte dabei nicht einmal sauer, oder entsetzt, dass ich in der kurzen Zeit bereits den dritten Kerl schöne Augen machte.
      „So genau kann ich dir das auch nicht beantworten“, lachte ich planschte mit meinen Füßen im Wasser herum. Wassertropfen, die zu nah an Glymurs Maul kamen, versuchte er zu schnappen. Dabei tunkte er seine Schnauze immer wieder ins Wasser und schnappte auch danach. Erik hatte nicht ganz unrecht mit seiner Hundeaussage. Pony verwandelte sich immer mehr in einen.
      „Ich kann dir Frage besser beantworten“, kam Niklas mit erhobenem Haupt an. Kaum hatte ich ihn in die Versenkung geschickt, wurde er der gleiche Kerl Anfang der Reise. Versuchte er mich damit wieder zu beeindrucken? Gespannt auf seine Antworten sahen wir ihn an, bis er sagte: „Vriska möchte lieber einen Versager haben, um sich besser zu fühlen.“ Das wird es sein. Genau.
      „Alles klar, danke für die glorreiche Antwort“, feixte ich kopfschüttelnd.
      „Na dann unterscheiden wir uns doch nicht so sehr, wie ich dachte“, kam dann auch Erik dazu lachend. Wo ist das tiefe Loch, wenn man es braucht?
      „Könnt ihr euch nicht mal 20 Minuten zusammenreißen? Nicht das wieder jemand ins Krankenhaus muss“, entschärfte Chris die Situation und stellte sich zwischen die nicht mehr so halbstarken.
      „Was heißt denn hier wieder?“, erkundigte sich Erik und legte seinen Arm provokant um mich. Glymur stupste ihn freundlich an.
      „Geht dich gar nichts an. Ich gehe jetzt“, schnaubte Niklas und verließ mit Ju, der nur irritiert mit den Schultern zuckte, das Wasser.
      „Niklas hat von Linas Verehrer eine auf die Nase bekommen und das nicht unbedingt unsanft“, flüsterte ich ihm zu. Verstanden nickte er.

      Samu
      Mittlerweile hatte Vakany genug vom Wasser bekommen, sodass ich es mir unter einem Baum im Schatten gemütlich gemacht hatte. Während ich die Szene um mich herum beobachtet und einfach nur den Moment genoss, beschäftigte Kany sich damit dem armen Bau die Blätter abzurupfen. Nach einer Weile kam eine tropfnasse Lina mit einem ebenso nassen Legolas auf mich zugelaufen.
      „Na, hat dein Kerl dich etwas allein gelassen“, scherzte ich freundlich.
      „Was heißt denn hier mein Kerl? Soweit ich weiß betreibe ich keinen Menschenhandel“, feixte sie und ließ sich neben mich auf den Boden sinken. „Aber eigentlich dachte ich, du könntest mal ein wenig Gesellschaft gebrauchen“, sprach sie weiter.
      „Sehr freundlich von dir, dass du auch noch an mich denkst“, erwiderte ich übertrieben höflich.
      „Ja, finde ich auch“, sagte sie und lachte ausgelassen. Entgegen meiner anfänglichen Erwartungen, schien ihr Niklas doch recht gut zu tun, denn so entspannt wie heute, hatte ich sie schon länger nicht mehr gesehen.
      „Du Samu, ich finde, du solltest mit mal was über deine Freundin erzählen“, verkündete sie wissbegierig.
      „Ihr scheint mir heute alle ziemlich neugierig zu sein, aber okay, dass bin ich dir vermutlich schuldig“, sagte ich schmunzelnd. So war Lina nun mal, stets interessiert an ihren Mitmenschen.
      „Was möchtest du denn wissen?“, fügte ich freundlich hinzu.
      „Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen.
      „Aber das wichtigste zuerst: Wie sieht sie denn überhaupt aus?“, präzisiert sie ihre Aussage. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und öffnete die Galerie, wo ich nicht lange suchen musste, bis ich fand, was ich suchte. Ich wollte Lina das Gerät gerade reichen, als sie mich stoppte: „Halt, lass mich raten. Sie ist hübsch und … relativ groß.“ Mit einem Nicken bestätige ich ihre Aussage.
      „… Und sie ist bestimmt blond“, überlegte Lina weiter. Auch diese Aussage bestätigte ich ihr. Lina überlegte weiter: „Ihre Augen … ihre Augen sind bestimmt … Braun … oder Grün oder vielleicht einfach beides.“
      „Letzteres, kommt ein wenig darauf an, wie das Licht ist“, erklärte ich.
      „Okay, dann zeig jetzt“, sagte Lina energetisch und nahm mir das Handy aus der Hand. Einen Moment lang betrachtete sie das Bild, bis sie zum nächsten wischte.
      „Oha, sie ist echt hübsch. Und ihr zwei seht echt süß zusammen aus“, kommentiere sie, als sie Weiter wischte. Ah, dann hatte sich wohl gerade die Bilder von Weihnachten gefunden.
      „Also wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen sie ist nicht viel älter als ich“, plapperte Lina weiter.
      „Ja, da denkst du gar nicht so falsch, sie ist 24“, bestätigte ich die Aussage.
      „Und was macht sie so beruflich?“, fragte Lina nun neugierig.
      „Sie studiert Veterinärmedizin. Enya ist jetzt im 9. Semester“, beantworte ich Linas Frage bereitwillig. Lina sah begeistert aus.
      „Okay, eine letzte wichtige Frage habe ich noch, dann hast du erst einmal Ruhe. Reitet sie?“, fragte Lina enthusiastisch.
      „Sie ist als Jugendliche geritten, hat aber irgendwann aufgehört, um sich mehr auf die Schule zu konzentrieren. Das einzige tierische bei ihr sind aktuell zwei Katzen“, erzählte ich.
      „Katzen? Oha, dann ist sie bestimmt verrückt!“, verkündete Lina überzeugt, doch an ihrem schalkhaften Lächeln ließ sich erkennen, dass sie es nicht erst meinte.
      „Wenn das so sein solltest, müsstest du aber eine reiche Zicke sein“, merkte ich an und lachte, Lina stimmte ein. Legolas, dem die Blätter des Baumes nicht ganz so gut zu schmecken schienen wie Vakany, denn er senkte neugierig seinen Kopf in Linas Schoß. Scheinbar hoffe er darauf dort ein Leckerli zu finden.
      „Tut mir leid Großer, deine Leckerlis liegen irgendwo da drüber“, sprach Lina zu dem Pferd und begann ihm die weiße Stirn zu kraulen.
      „Jetzt aber ernsthaft, ich würde sie gerne mal kennenlernen, wenn du dann auch in Schweden bist“, fügte Lina nach einem Moment Stille hinzu.
      „Ich verspreche dir. Ich werde sie dir vorstellen, aber lass uns darüber noch mal reden, wenn ich weiß, wie genau es weitergeht, ja? So ein Umzug kann man nicht von heute auf morgen planen“, erwiderte ich, um Lina ein wenig in ihrer Neugierde auszubremsen.
      „Doch kann man!“, hielt sie dagegen. „Aber okay, ich gebe zu, dass ein paar glückliche Fügungen sicherlich eine Rolle gespielt haben. Ohne Vriska hätte das nicht so schnell funktioniert und ohne Erik wäre das Ganze fast noch schiefgegangen!“, räumte sie dann ein. Die Sonne war mittlerweile herumgewandert, sodass das der Baum kaum noch Schatten spendete. Legolas hatte mittlerweile begonnen zu dösen. Seine Unterlippe und seine langen Ohren hingen entspannt runter was dem sonst so eleganten Hengst, Ähnlichkeiten mit einem Maultier verlieh. Auch Lina hatte sich gemütlich nach hinten sinken lassen und ließ sich ein wenig die Sonne auf den Bauch scheinen.
      „Weißt du Samu, das hier erinnert mich irgendwie ein wenig an die Sommer früher“, sagte Lina und sah dabei verträumt in den wolkenlosen Himmel.
      „Dem Sommer in dem du mir hinterhergedackelt bist wie ein trauriger Hundewelpe, weil ich auch schon damals ein charmantes, gutaussehendes Kerlchen war, war bestimmt der schönste nicht?“, zog ich sie ein wenig auf. Die kleine Lina war in ihrem ersten Jahr auf dem Internat nämlich schwer in mich verknallt gewesen, auch wenn sie stets das Gegenteil behauptet.
      „Saaamuuu“, rief Lina empört und warf mir einen ziemlich bösen Blick zu.“ Das wird mich wohl noch mein Leben lang verfolgen, oder?“, jammerte sie weiter und ließ sich zurück in den Sand fallen.
      „Ich weiß nicht, ob es dich dein ganzes Leben verfolgen wird, aber zumindest noch solang bis ich irgendwann Demenz hab oder so“, erwiderte ich schmunzelnd.
      „Du bist doch echt doof. Ich weiß genau, du hast genauso komische Sachen mit 13 gemacht! „, murrte sie mich an und warf ein kleines Stöckchen nach mir.
      „Ja, ich habe dich auch lieb Kleine“, sagte ich lachend, als das wirklich ziemlich kleinen Stöcken an meinem Arm abprallte.
      „Ach Samu, wie könnte ich dich nur länger hassen als zwei Minuten. Ohne dich wäre vermutlich meine Schwester die einzige Freundin in meinem Leben und das wäre ziemlich traurig. Genauso werde ich dir und deiner Familie für immer dankbar sein, dass wir euretwegen auch mal aus dieser verdammten Schule herausgekommen sind. Wäre es nach Vater gegangen wären wir sicher in dieser Schule verschimmelt“, seufzte Lina ein wenig resigniert.
      „So todtraurig wie du damals warst, hatte ich dich unmöglich einfach 2 ½ Monate allein dalassen können.“ Unwillkürlich musste ich an ihre Zeichnungen denken. Die Bilder ihrer Schulzeit waren zum Großteil so dunkel und düster, wie Lina sie heute nur noch in den allerschlimmsten Phasen zeichnete. Ich hatte mich damals regelrecht erschrocken wie viel Trauer und Schmerz in einem so jungen Mädchen schon stecken kann. Gleichzeitig fragte ich mich jeden Tag wie sie es aushielt, diese Last allein zu tragen. Lina schien mir nicht richtig zugehört zu haben, denn sie schwelgte bereits in Erinnerung: „Auf jeden Fall waren die Tage mit dir und deinen Freunden am See immer die schönsten. Weißt du noch als dein Kumpel Björn dieses eine Mädel mit seinen Skate Künsten beeindrucken wollte und sich dabei dann mehrfach richtig unelegant hin gepackt hat. Oder erinnerst du dich noch an das Floß, welches nach 10 Meter in seine Bestandteile zerfiel. Aber weißt du was ich von all den Dingen am meisten vermisse? Unsere kleinen Segeltörns. Nur wir, der Wind und die Wellen.“ Ja, das Segeln. Ein Hobby welches sich hier oben in den Bergen leider nicht wirklich ausüben ließ. Auch wenn man Lina lange Zeit besser nicht ans Steuer ließ, weil man dann damit rechnen konnte bei einer plötzlichen Wendung, den Großbaum im Gesicht zu haben oder auf einmal im Wind zu stehen, hatten diese Ausflüge meist einen Großteil des Sommers eingenommen. Ab und zu hatten wir auch ein Ziel, aber meisten sind wir einfach drauf losgesegelt.

      Vriska
      Als dachte, dass der Augenblick der Ruhe nicht mehr so schnell vergehen würde, wurde ich eines Besseren belehrt. Von nicht allzu weiter Entfernung vernahm ich Milenas laute quietschende Stimme. Ich vermisste meine beste Freundin, wie sie war noch vor Kanada und mich unterstützte in jeder Lage, statt mir mit den Tatsachen in den Rücken zu fallen. Noch bevor ich darüber enttäuscht sein konnte, trat sie mit Snúra an das Ufer heran. Ihre Stute streckte sogleich ihren Hals zum Wasser und trank etwas. Auch Linh, der sie nicht mehr von der Seite wich, kam zum Wasser, um ihre Stute trinken zu lassen.
      „Warum hat mich keiner zur Party eingeladen?“, spuckte Milena große Töne.
      „Weil nur Erwachsene eingeladen sind“, entgegnete Chris gekonnt und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Glymur versuchte ich aus dem Bach zu bekommen, doch Snúras Anwesenheit lenkte ihn zu sehr ab. Wie angewurzelt blieb er an der Stelle stehen und brummte sie interessiert an.
      „Und was macht die dann hier?“ Dabei zeigte Milena eingeschnappt auf mich.
      „Ganz einfach, weil ich weiß, wann es angebracht ist, ruhig zu sein“, patzte ich sie an und trieb meinen Hengst energischer voran, bis er das Wasser verließ. Weiterhin gab Milena sich mühe in irgendeiner Art und Weise recht zu bekommen, bis Linh sie endlich unterbrach und zum Weg zurück mitnahm. Dabei folgte Ju den beiden. Nicht nur er, sondern auch seine Stute war vom Baden nass. In der Sonne konnte das ziemlich angenehm sein. Auf meinem Rücken spürte ich, dass die Wahl am Morgen zur Sonnencreme eine bessere gewesen wäre, als mein Gesicht zu pudern und Wimperntusche aufzutragen. Während Lina und Samu im Schatten einer Pappel saßen und Vakany noch immer damit sich beschäftigte, die tiefhängende Äste zu plündern. Legolas hingegen zupfe an den wenigen Grashalmen am Boden, dabei scharrte er zwischendurch mit seinen Vorderhufen, was Lina zu unterbinden wusste. Die Einsamkeit des Vortags durchspülte mein Inneres erneut. Ich blickte hoch zum Himmel. Nur kleine Wolken zogen langsam im Blauen voran. Die Sonne konnten sie nicht bedecken, sondern flogen an ihr vorbei. Ich spürte wie sich mein Hengst in Bewegung setzte und ich unsanft nach vorn kippte. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich an seiner Mähne festhalten. Eruptiv bremste er ab und bekam seinen hochgetragenen Hals. Ich wischte mir die Strähnen seiner Haare aus dem Gesicht. Dabei kam mir die Idee später noch die Mähne zu einer Doppelmähne zu flechten. Das würde in der Prüfung am nächsten Tag einen besseren Eindruck machen. Erst in dem Augenblick fiel mir auf, dass Erik gar nicht mehr in Sichtweite war. Suchend schweifte meinen Blick durch die Landschaft, entlang des Waldrandes und der Wasseroberfläche. Nicht einmal sein Shirt lag bei meinen Sachen. Ich rutschte dem Po des Hengstes herunter und führte ihn ein Stück über das Ufer, bis ich erneut um mich sah. Eine Hand berührte mich an der Schulter und ich drehte mich völlig überraschend um. Chris stand hinter mir und grinste freundlich.
      “Dein neuer Freund ist zurück zum Hof, weil er noch was zu tun hatte. Ich sollte dir Bescheid sagen, da er dich nicht stören wollte”, klärte er mich. Erleichtert atmete ich tief durch, bevor ich eine Antwort aussprach.
      “Er ist nicht mein Freund”, empörte ich mich. Natürlich war es dafür zu früh, um solche Entscheidungen treffen zu können, doch tief in mir war der Wunsch, dass es die wirklich sei – jetzt schon.
      “Ja, das sagte er mir bereits, aber in meinen Augen seid ihr schon das Traumpaar”, schmunzelte Chris. Mir wurde warm und fühlte, wie das Blut in meinen Kopf lief. Verschämt sah ich an ihm vorbei.
      “Wenn du das sagst”, murmelte ich und führte meinen Hengst ein Stück entfernt. Mein Blick richtete sich wieder zu Lina, die noch immer mit Samu unter der Pappel saß. Lego hatte sich offenbar damit abgefunden, keine Aufmerksamkeit mehr zu bekommen. Ich nahm allen Mut zusammen, atmete noch einmal tief durch und führte Glymur zu ihnen. Er suchte direkt wieder den Kontakt zu der Stute und brummte sie freundlich an. Vakany sah nur kurz zu ihm und streckte sich wieder zu einem Ast der Pappel. Nur noch wenige Blätter hingen an dem Bäumchen, die sie sich nun auch noch einverleibte.
      “Lina? Vielleicht wäre jetzt”, stammelte ich geheimnisvoll vor mich her. Hilfesuchend sah ich zu Samu, der nur grinste und keine Hilfe damit war.
      “Ja, jetzt wäre was?”, fragte sie ein wenig begriffsstutzig, den offensichtlich waren ihre Gedanken gerade noch woanders gewesen.
      “Wollen wir jetzt mal reden? Ich möchte nicht, dass es in Schweden dann komisch wird und wir nur freundlich zueinander sind, weil wir zusammenarbeiten”, versuchte ich freundlich zu sein und meine Unsicherheit zu überspielen. Außerdem wollte ich auch, dass Samu hört.
      “Ja, klar können wir reden. Sollen wir woanders hingehen?”, bot sie an und war bereit im Begriff aufzustehen.
      “Wie du dich besser fühlst”, ließ ich ihr die Wahl. Für mich würde alles unangenehm werden, ob nun noch jemand zuhörte oder nicht.
      “Okay, … dann lass uns hierbleiben.” Lina ließ sich wieder auf dem Boden nieder und schien einen kurzen Moment darüber nachzudenken, was sie sagen wollte. “Ich werde jetzt einfach direkt fragen: Was war das zwischen dir und Niklas? Und warum hat keiner von euch irgendwas gesagt … und warum hast du das ganz so plötzlich beendet? Und warum Niklas und nicht Ju? Niklas meinte irgendetwas wie ihr brauchtet das beide, aber das verstehe ich nicht wirklich …”, sprudelten auf einmal die Fragen aus Lina heraus. Überfordert stand ich vor ihr und war vollkommen erschlagen von ihrer Offenheit. Dass sie so viel wissen wollte, vermutete ich bereits, doch das alles auf einmal kam, brachte mich ins Schwanken. Ich setzte mich mit Abstand zu ihr. Glymur senkte seinen Kopf und zupfte an meinem Shirt herum, das mir mittlerweile wieder über mich gezogen hatte. Ich strich ihm über die Nase, bevor ich ihre Worte erneut durch mein Hirn laufen ließ.
      “Ich werde es so abstrakt halten wie möglich. Das mit Ju hat mir einfach Angst gemacht, er war zu nett und das passte einfach nicht. Im Nachhinein scheint es für ihn doch einwandfrei gelaufen zu sein, zumindest beschwert er sich nicht. Und Niklas war dann plötzlich da. Es kam ein Gefühl auf, bei uns beiden und dann kam es einfach dazu. Er fragte auch noch, ob es für mich okay wäre wegen Ju und ich stimmte zu. Am nächsten Tag hatte ich dann schon ein schlechtes Gefühl, weil ich dann bei Gedanken bei dir war. Doch es interessierte ihn in dem Moment nicht und dann habe ich einfach mit gemacht. Und beim Geburtstag spielte der Alkohol auch eine wichtige Rolle. Am Morgen fühlte ich mich elendig aus mehreren Gründen. Niklas wurde sehr fürsorglich und kam mir zu nah, emotional. Vermutlich, weil ich zu sehr etwas empfand dabei. Das konnte ich nicht und wollte ich nicht. In dem Moment entschied ich dann auch, doch noch Erik zu schreiben, weil es die letzte Chance war”, erklärte ich so gut wie möglich, um nicht genauer auf Details einzugehen. Ich spürte, dass jemand hinter mir stand, denn Glymur hob seinen Kopf und schnupperte an der Person. Vorsichtig drehte ich mich um. Natürlich musste es dazu kommen, dass Niklas hinter mir stand und offensichtlich sehr überrascht war.
      “Wenn ihr schon über mich sprecht, dann wäre ich zumindest gern dabei gewesen”, kommentierte er es neutral. Dann lehnte Niklas sich zu mir runter und flüsterte: “Du hättest das auch sagen können. Ich kann dich später auch noch mal vom Gegenteil überzeugen.” Wie konnte er die Situation so über die leichte Schulter nehmen und vor Lina am liebsten mich wieder mit auf das Zimmer nehmen wollte? Nach der kurzen Erleichterung ihr davon erzählt zu haben, kamen nun wieder die Zweifel. Erik hätte jetzt hier sein sollen, oder Chris, um den Kerl von mir fernzuhalten. Ich spürte, dass irgendwas tief in mir nicht einmal davon abgeneigt war. Doch ich sah zu Samu. Meine Augen waren wohl noch weit aufgerissen, denn er erwiderte meinen Blick. Er sagte jedoch nichts.
      “Du bist eklig”, murmelte ich und ließ es so weit unkommentiert. Innerlich zerriss es mich hier zu sitzen, Lina die Situation darzulegen und der Schuldige stand hinter mir. Zusätzlich stand er noch hinter mir, flüsterte mir komische Dinge ins Ohr. Ich holte mir wieder die Bilder vom Wasser vor das innere Auge, Bilder von Niklas und Lina, die glücklich miteinander waren und auch von Erik. Wieso erschien er mir gerade einfach so perfekt? Bildete ich mir ein jemanden zu kennen, denn ich nicht kannte, aber unbedingt haben wollte?

      Lina
      Seit vorgestern hatte ich diese Sache an den Rand meiner Gedanken geschoben, doch nun kam ich nicht mehr umher mich damit auseinanderzusetzen.
      “Danke für deine Ehrlichkeit”, bedankte ich mich bei Vriska. Ich musste erst noch einmal über ihre Worte nachdenken. Dass Niklas dazugestoßen war, nahm ich nur am Rande wahr, zu sehr drehten sich meine Gedanken um Vriskas Worte. Ich fühlte mich überfordert mit der Situation, wusste nicht so recht was ich davon halten soll. Das Einzige, was ich wirklich verstand, war das Vriska offensichtlich ein ziemlich großes Problem ist emotionaler Nähe hatte, was man ihr bei ihrer Vergangenheit eigentlich nicht verdenken kann. Ich konnte nicht genau festmachen, was mich mehr verunsicherte. Die Sache, dass es Niklas scheinbar komplett egal gewesen war das ich existierte oder die Sache, dass Vriska zwar ein Gewissen hatte, aber komplett darauf zu scheißen schien. Aber was hatte ich eigentlich erwartet? Eine simple logische Antwort? Konnte es überhaupt eine logische Antwort geben? Sollte ich mich jetzt darüber freuen, dass Vriska jemand anderen gefunden hatte oder sollte ich eher sauer auf sie sein? Aber zu so was gehören immer zwei, oder? Oder sollte ich enttäuscht sein? Ändert, das was ich gerade hörte irgendetwas an meinen Gefühlen? Immerhin hätte ich ahnen können, worauf ich mich einlasse, wenn ich mich für Niklas entscheide. Wie soll man sich da noch über irgendetwas sicher sein, wenn alles so verflucht schnell passiert? Unbewusst musste ich angefangen haben mit meinen Fingern im Sand zu malen, denn sie wurden auf einmal sanft von einer Hand gestoppt und Samus Stimme drang zwischen die Gedanken: “Pysy rauhallisena. Kaikki tulee olemaan hyvin. (Bleib Ruhig, alles wird gut.)” Mein Blick wanderte zu Niklas, der noch immer neben Vriska stand. So groß wie das Gefühlschaos in mir auch sein, mochte bei dem, was ich für Niklas empfand, war ich mir sicher, auch wenn es geradezu grotesk wirken musste, wenn man die Umstände betrachtete.
      “Pidätkö minua hulluna, jos sanon sinua, että se vieläkään oikea tuntuu? (Hältst du mich für verrückt, wenn ich dir sage, dass es sich immer noch richtig anfühlt?)", fragte ich Samu ernsthaft.
      “Päivät, jolloin pidän sinua hulluna, ovat mennyttä. Se olet sinä! (Die Zeiten, in denen ich nur denke, du seist verrückt sind vorbei. Du bist es!)”, machte sich mein bester Freund sogleich über mich lustig. “Mutta se on normaalia, kun sinä ovat rakastuneita (Aber das ist normal, wenn man verliebt ist)”, fügte er immer noch belustigt, aber ein klein wenig Erster hinzu.
      “Pilkkaa minua. Minun ei tarvitse kestää sinua enää kauan. (Verspotte mich nur! Ich muss dich nicht mehr lange ertragen)”, erwiderte ich schnippisch.
      Im Moment der Ruhe saß Vriska noch immer da und drehte mit ihren Fingern in den lockeren Strähnen ihrer Haare. Dann fragte sie unsicher: “Soll ich gehen, oder wie geht es weiter?”
      “Ähh, ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, ich bin ein wenig verwirrt”, antworte ich ihr wahrheitsgemäß, denn eine wirkliche Antwort hatte ich nicht.
      “Wenn ich auch was sagen darf?”, mischte sich Niklas nun auch ein. Niemand antwortete ihm, was ihn offensichtlich reichte, als eine Zustimmung: “Lina, die Sache ist … Du gibst mir nicht das Gefühl, es ernst zu meinen und dein Umfeld unterstützt das. Jeder ist der Meinung sich einmischen zu müssen und mich schlecht dastehen zu lassen. Langsam denke ich, dass du auch deren Meinung vertrittst und ich dir nicht geben kann, was du brauchst.“ Was Niklas da sagte, versetzte mir einen Stich im Herzen, denn ich war eigentlich noch nie sicherer gewesen, als bei ihm. Nicht Grundlos war ich bereit meine kleine heile Welt hier aufzugeben. Wobei seitdem das Ganze mit Jace anfing, war diese Welt nicht mehr ganz so heil und mit jedem weiteren Tag schien diese Bubble instabiler zu werden und der Moment, an dem sie endgültig zerplatzen könne, schien immer näherzukommen.
      “Nein, ich bin ganz und gar nicht deren Meinung… und... und ich”, ich musste kurz innehalten und einmal tief durchatmen, um die Welle an Emotionen zu stoppen, die versuchte hervorzubrechen. “Ich will dich, da bin ich mir absolut sicher! Es tut mir leid, wenn ich das nicht so gezeigt hab. Und was mein Umfeld angeht… es sind nicht alle gegen dich... gegen uns. Die negativen Stimmen sind nur so viel präsenter, so viel lauter... Tut mir leid, gerade das Verhalten von Jace ist vermutlich meine Schuld. Ich hätte ihm viel früher deutlich machen müssen, dass es vorbei ist, es tut mir leid”, meine Stimme begann zu zittern und ein paar Tränen versuchten sich hinaus zu kämpfen, doch ich versucht diese wegzublinzeln. “Und was Samu angeht”, doch noch bevor ich weitersprechen konnte unterbrach Samu mich auch schon: “Stopp Lina, das erklär ich besser selbst. Also vorneweg muss ich mich für mein Verhalten entschuldigen, das war wirklich nicht okay von mir. Ich habe nicht das Recht so über jemanden zu urteilen und es tut mir außerordentlich leid, es trotzdem getan zu haben. Na ja, den Grund für mein bescheuertes Verhalten, wirst du sicher schon mitbekommen haben. Ich habe eine Freundin. Jetzt wirst du dich wohl fragen: Oh eine Freundin, warum verhält der Typ sich dann so? Diese Frage ist durchaus berechtigt und kann sagen, so im Nachhinein betrachtet sind die Gründe für mein Verhalten dämlich, ziemlich dämlich. Ich mach es kurz. Ich habe Lina eineinhalb Jahre lang nichts von Enya erzählt. Einer der Gründe war, weil sie in Schweden lebt und ich Lina hier nicht alleine lassen wollte… Und ja… Als es sich abzeichnete, dass Lina nach Schweden geht, habe ich irgendwie Panik bekommen, wegen der Sache mit ihrem Vater und dann habe ich mich so bescheuert verhalten. Tut mir echt leid, ich hätte mich nicht zwischen euch stellen dürfen.”
      “Wow, ich …”, begann Niklas etwas zu sagen. Immer mehr stellte sich heraus, dass für alle beteiligte eine unangenehme Situation war, doch es musste geklärt werden. Vriska saß weiterhin schweigend mit gesenktem Kopf vor und Glymur stupste sie mehrfach an, was sie ignorierte. Chris schien uns zu beobachten und hatte noch immer sein typisches Grinsen aufgesetzt. Als er merkte, dass ich zu ihm sah, drehte er sich weg und verschwand wieder im Wasser.
      “Also erst mal Samu, danke. Ich bin froh, dass meine Annahme sich nicht bestätigt hat, wirklich Danke. Lange war ich nicht mehr so erleichtert. Und Lina …”, wieder stoppte Niklas. Doch diesmal trat er auf mich zu und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
      “Es ist okay. Ich wollte mit dir allein darüber sprechen, aber dann muss nun keiner mehr sich das Maul zerreißen. Mir ist das wichtig”, fügte er dann noch dazu. Er reichte mir die Hand zum Aufstehen. Erleichtert über seine Reaktion, fiel mir ungefähr ein halber Berg vom Herzen und ich ergriff seine Hand. Heute schien noch nicht der Tag gekommen zu sein, an dem meine Bubble ihre Form verlor, stattdessen schien sie wieder ein wenig Aufwind zu bekommen.

      Nachdem der Klärungsbedarf gedeckt war, stieg die Stimmung wieder und selbst Linas wasserscheuer Rappe fand noch einmal den Weg ins Wasser, bevor die Truppe sich auf den Weg zurück zum Hof machte. Auf dem Hof begann wieder jeder seinen Dingen nachzugehen. Lina hatte das schwarze Pferd gegen ein staubiges nun nicht mehr ganz so weißes getauscht und begann zusammen mit Niklas, dieses zu putzen. Sie hatten den Hengst auf der Stallgasse angebunden, da es dort mit dem Durchzug deutlich erträglicher war, als in der sengenden Hitze.

      Divine schnaube entspannt, als ich ihm Fliegenmaske und Halfter abnahm, um seinen Kopf zu putzen. Niklas war derweil mit dem Körper des Freiberges beschäftigt. Ivy staubte ziemlich, da er augenscheinlich noch ein Sandbad genommen hatte, bevor wir ihn von der Koppel geholt hatten, sogar in den Ohren hatte er den Sand, obwohl er eine Fliegenmaske trug. Wie machte der Hengst das nur?
      “Warum sind eigentlich immer die weißen Pferde so talentiert darin sich so dreckig zu machen?”, fragte ich Nik, während ich Divines Ohren reinigte.
      “Weil es mehr auffällt, ich möchte gar nicht wissen wie viel Dreck aus Humbi kommt, wenn ich sie Wasche”, lachte er und klopfte die Bürste auf dem Boden ab.
      “Zu viel vermutlich, aber immerhin hat sie sich bisher nicht in Schlammpfützen gewälzt, das ist Ivys Lieblingsbeschäftigung”, erwiderte ich und legte die Bürste beiseite, um dem Göttlichen den Schopf einzuflechten. Das Pferd machte es mir allerdings nicht einfach, da es lieber meine Hosentaschen nach Leckerlis absuchte. Allerdings wird er dort vermutlich keine finden, denn das Letzte hatte Lego bekommen, als ich ihn zurück zu Koppel brachte. Endlich hatte ich erfolgreich den dicken Schopf, des Hengstes eingeflochten, sodass ich ihm sein Halfter wieder überstreifte. Ich verharrte einen Moment und beobachtet Niklas dabei, wie er mit kräftigen strichen, dass weiße Fell bürstete, wie sich bei jedem Bürstenstrich die Muskeln unter seiner Haut bewegten. In meiner Bauchgegend meldete sich wieder dieses kribbeln, wie als würde ein Haufen Schmetterlinge dort eine riesige Party veranstalten.
      “Wie wär’s, wenn du das Sattelzeug holst und mich nicht weiter anstarrst”, lachte Niklas und legte das Putzzeug zurück in den Kasten.
      “Schade, dabei wollte ich doch gerade eine Studie dazu aufstellen, wer von euch beiden heute hübscher aussieht”, scherzte ich machte mich, aber trotzdem auf den Weg zu Sattelkammer. Mit Ivys Trense in der Hand stand ich vor seinem Spind und überlegte welche Schabracke ich wählen sollte, denn die Schabracke von gestern hing mit weißen Schweißrändern auf dem Sattel. Ich entschied mich für die neue rote Schabracke, die noch auf dem Wäscheständer hing, denn nachdem Panchy sie gestern voll geschwitzt hatte, hatte ich sie direkt gewaschen.
      Mit dem Sattelzeug kehrte ich zu den beiden Kerlen zurück, die sich offenbar gut verstanden, denn während Niklas dem Freiberger die Brust kraulte, wölbte das Pferd seinen Hals genüsslich auf und zuckte mit der Oberlippe. Ich hängte Sattel und Trense auf den Sattelhalter. Divine hatte leider einen leichten Sattelzwang mit sich gebracht und ich hatte inzwischen herausgefunden, dass er entspannter war, wenn man Schabracke und Sattel einzeln sattelte.
      “Komm, ich nehme dir mal die Arbeit ab”, lächelte Niklas und reichte ihm die Schabracke. Bevor er sie dem Einhorn auf den Rücken legte, durfte es das rote Stück Stoff beschnuppern, gefolgt vom Sattel. Langsam zog Niklas den Gurt fester, bis Ivy die Ohren anlegte. Daraufhin ließ er den Gurt wieder etwas locker und lobte den Hengst. Zum Schluss fehlte noch die Trense, die ihm reichte. Das Halfter legte er nicht über seinen Hals. Es schwang von links nach rechts, als er es entfernte. Ivy schreckte kurz auf, bis er verstand, dass es noch vor einem Augenblick um seinen Kopf hing. Das Gebiss schnappte er freiwillig auf und Niklas zog behutsam das Genickstück über die Ohren des Pferdes. Bevor er das Zaum vollständig befestigte, sortierte er noch das Langhaar.
      “So, Abfahrt bereit, würde ich sagen”, triumphierte er und schloss seinen Helm.
      “Heute sogar mit Helm, sehr vorbildlich!”, lobte ich ihn und zusammen gingen wir zur Reithalle hinüber.
      “Nach dem Schwimmen vorhin, ist meine Frisur ohnehin nicht mehr zu retten. Also macht der Helm auch keinen Unterschied mehr”, scherzte er und wuschelte nun auch mir durch die Haare. Der Hengst lief locker nehmen uns her und begann bei der Hitze bereits zu schwitzen. In der Halle war es deutlich angenehmer. Bevor Niklas aufstieg, führte er ihn noch einige Runden durch auf der ganzen Bahn. Im Inneren nahm er die Zügel etwas mehr auf und arbeitete die erste Zeit an der Hand. Konzentriert folgte Ivy den Anweisungen seines neuen Reiters aber blickte immer wieder zu mir. Als würde er sich vergewissern wollen, dass das alles mit rechten Dingen zuging. Ich musste Lächeln, dieses Pferd konnte man einfach nur lieben, so süß wie es war.
      Niklas stieg auf und gab dem Pferd mehr Zügel. Mehrfach rutschte er im Sattel herum, der ihm etwas zu klein war. Die Steigbügel hatte er offenbar auch noch nicht eingestellt und brachte Ivy wieder zum Stehen. Bettelnd erhob er seinen Kopf, während Niklas die Bügellänge einstellte. Doch er ignorierte das arme Pferd und ritt wieder an. Nach einigen lockeren Runden im Schritt, trabte Nik den Hengst an. Noch immer hatte er die Zügel nicht aufgenommen und trieb ihm aktiv vorwärts, um ihn in einem Arbeitstempo zu halten. Es wirkte etwas ungeschickt, als könne er nicht leicht traben und gleichzeitig treiben. Vom Ausritt erinnerte ich mich daran, dass Smoothie lediglich über kleinste Einwirkungen vorwärtslief und auch das Tempo hielt. Ivy hingegen wirkte sehr schwerfällig und auch etwas genervt von seinem Reiter. Doch Niklas blieb dran und als der Hengst einige Meter das Tempo hielt, parierte er wieder durch. Man hätte erwarten können, dass er mehr Ausdauer hatte, denn sein Kopf war hochrot angelaufen und selbst benötigte eine Atempause.
      “Gar nicht so einfach mit dem Einhorn, Mhm?”, fragte ich freundlich.
      “Der ist so störrisch!”, beschwerte er sich und trieb Ivy wieder mehr vorwärts.
      “Der ist nicht störrisch, nur leider nicht so fein geritten wie Smooth”, stellte ich richtig, denn Ivy ist stets bemüht zu tun, was man von ihm will. Konnivent nickte Niklas und nahm die Zügel etwas mehr auf. Doch er trabte nicht an. Stattdessen arbeitete er sich vorsichtig dazu durch, dass Ivy genauer auf die Schenkelhilfe achtete. Auf dem Hufschlag stellte er den Hengst, um einige Schritte im Schulterherein zu reiten. Langsam und geduldig half Niklas mit der Gerte ihn zu stellen. Vor der nächsten Ecke trabte er aus der Stellung heraus an und Ivy hatte mehr Schub aus der Hinterhand. Das Tempo wurde immer gleichmäßiger. Niklas trabte auch nicht mehr aus, sondern blieb im Sattel. Es verwirrte den hellen Hengst, doch fügte sich. Auf dem Zirkel galoppierte Niklas noch einige Runden auf beiden Händen, bevor er ihn durch parierte und abritt.
      Auch wenn es ziemlich deutlich war, dass es noch eine Menge Arbeit benötigen würde, bis Ivy halbwegs vernünftig lief, machte der Freiberger seine Sache meiner Meinung nach schon ganz gut dafür, dass er gerade einmal seit 3 Monaten unter dem Sattel lief, zumal Ivy vermutlich, wie die meisten jungen Freiberger in der Schweiz relativ kurzfristig vor dem Feldtest in einer Hauruckaktion eingeritten worden war, armer Divine. Müde und verschwitzt trottete der Hengst unter Niklas durch die Halle, wobei auch Niklas deutlich angestrengt aussah. Und da soll noch einmal jemand sagen reiten sei kein Sport.
      “Ihr zwei seht eindeutig so aus, also könntet ihr eine Dusche gebrauchen”, stellte ich fest, als die beiden in der Mitte der Halle anhielten.
      “Ach, denkst du das?” Provokant zog Niklas sein Shirt auf und warf es sich über die Schulter, nach dem er vom Einhorn stieg. Er drehte sich zum Pferd und lockerte den Gurt. An seiner linken Schulter sah ich das mittlerweile nicht mehr so frisch gestochene Tattoo, dass ich skizziert hatte. Durch die Folie wirkte es sehr verschwommen und die Haut löschte sich ab, was offenbar zum Heilprozess gehörte.
      “Wann kann man das Kunstwerk da eigentlich so richtig bewundern?”, fragte ich neugierig.
      “In Schweden mache ich die Folie ab und beginne dann mit der Creme. Also dann kannst du dir das Ganze genauer ansehen”, antwortete Niklas, führte Ivy los und legte seinen Arm auf meiner Schulter ab, während wir zurück zum Stall liefen.
      “Das ist gar nicht mehr so lang, dann freu ich mich umso mehr, wenn es endlich losgeht”, erwiderte ich lächelnd. Tatsächlich begann so langsam so etwas wie freudige Erwartung in mir Aufzukommen. Vorfreude darauf was mich dort erwarten würde und darauf, dass Schweden auch bedeutete, Juli endlich wiederzusehen.
      “Kann es da etwa jemand nicht abwarten, vollkommen ungestört mit mir zu sein”, tändelte er weiter mit mir und seine Augen funkelten noch mehr.
      “Möglich”, antworte ich mit einem verschmitzten Lächeln und blickt zu ihm hoch.
      “Also doch gar nicht so unschuldig wie du tust”, sagte er und blieb stehen.
      “Das ist alles Interpretationssache”, konterte ich ohne den Augenkontakt zu ihm abzubrechen.
      „Eine Sache Perspektive also?“, wiederholte er sinngemäß meine Worte und legte seine Arme um meine Hüfte. Dabei zog er mich zu sich. Ivy stand dabei ruhig neben uns und begann an meiner Schulter mit seiner Lippe herumzuspielen. Ich nahm die Wärme von Niks Haut und den Geruch nach Pferd, Staub und einem ganz schwachen Hauch seines Aftershaves wahr. Ich nickte nur als Antwort, wobei mir einige Haarsträhnen ins Gesicht fielen. Sanft legte er sie hinter mein Ohr und flüsterte: “Dann beweise es mir doch mal, was es dir ernst ist.” Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um auch noch die letzten Zentimeter auszugleichen und legte meine Lippen sanft auf seine. Die Wärme, die sich bisher nur in meiner Brust ausgebreitet hatte, durchfloss nun jede Ader meines Körpers.

      Vriska
      In meinem Kopf schwirrte noch immer das seltsame offene Gespräch am See, bei dem Niklas für meinen Geschmack viel genau über seine Gefühle sprach. Ich hätte ihn lieber weiterhin als den emotionslosen Idioten in meiner Erinnerung und nicht den Typen, der sich wie ich nur nach Stabilität in seinem Leben sehnte. Ungewollt zog es mich wieder zu ihm, obwohl es war, der das nicht ertrug. Gefühle machen keinen Sinn.
      „Hörst du mir eigentlich zu?“ Erik holte mich zurück in das Hier und Jetzt.
      „Nein, ich musste an morgen denken“, log ich und kuschelte mich näher an ihn heran. Wir lagen in meinem Bett im Zimmer und hatten eine Serie begonnen, bei der es sich um Hexen handelte. Einige Folgen hatten wir schon hinter uns, doch physisch war ich mehr mit Erik beschäftigt und in meinem Kopf hatte ich nur seinen Bruder. Ich ekelte mich tatsächlich sehr vor mir und das Verlangen wuchs, im Badezimmer zu verschwinden und zu weinen. Meine Kräfte, dass alles ertragen zu können, wurde immer geringer.
      Obwohl ich Kinder nicht leiden konnte, schreckte mich das nicht ab, Erik wirklich ernsthaft in Betracht zu ziehen für eine langfristige Beziehung. Doch noch mehr interessierte es mich, was er sonst noch für Vorzüge hatte. Vom See wusste ich bereits, dass auch eine schwere Zeit durchgemacht hatte oder sogar noch machte. Das machte ihn zu einem besseren Menschen in meinen Augen. Vorsichtig wanderten meine Hände unter sein Shirt, denn ich sollte seine Brust spüren. Ein Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus, ich seine Haut fühlte. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.
      „Kannst du bitte deine Hände bei dir lassen?“, knurrte mich Erik ungestüm an. Schreckhaft zog ich sie weg, stand jedoch auch aus dem Bett auf.
      „Was stimmt mit dir auch einmal nicht?“, fragte ich schockiert. Im selben Moment zog er sein Shirt wieder herunter und legte seine Arme darüber.
      „Ich habe das Gefühl, dass dich das anmacht und allein die Vorstellung widert mich an“, murmelte er aufgebracht und stieg ebenfalls aus dem Bett. Doch Erik griff sich sogleich seine fehlende Kleidung.
      „Und willst du gehen oder was hast du vor?“ Enttäuscht setzte ich mich neben ihm und suchte verzweifelt Blickkontakt, doch er sah zum Boden.
      „Ja, mir ist das nichts“, sagte Erik bedrückt und zog sich seine aufgehobene Kleidung an.
      „Ich mag dich, wirklich. Und ich habe irgendwie das Gefühl, dass uns etwas verbindet“, stammelte ich mit zitternder Stimme. Erik reagierte nicht direkt.
      „Bitte bleib hier“, flehte ich. Dass er um die Zeit noch nach Hause fahren wollte und in der Stimmung, konnte nicht ausgehen. Alles setzte ich in Bewegung, um ich dazubehalten.
      „Und verbindet gar nichts außer meinem Bruder, der fest davon überzeugt ist, Besitzanteile an dir zu haben“, protestierte Erik und griff zur Türklinke. Ich stellte mich vor ihn und konnte endlich Blickkontakt aufbauen. Seine Augen waren glasig und strahlten Angst aus, wie ein Tier auf der Flucht vor einem Raubtier.
      „Nein hat er nicht! Warum sagst du so was?“, verteidigte ich mich.
      „Weil er das sagt und jetzt geh bitte aus dem Weg. Ich möchte dir nicht wehtun“, bat er eindringlich.
      „Was kann ich tun, dass du bleibst?“, versuchte ich Erik erneut zu überzeugen und legte meine Arme um seinen Hals. Augenblicklich schubste er mich unsanft zur Seite und ich fiel mit meinem Rücken gegen die Holzvitrine. Angst- und schmerzerfüllt sank ich zu Boden. Tyris erster Ausrutscher begann ebenfalls mit einem kleinen Schubser, aus dem immer größeren Ausrutscher wurden, bis ich das erste Mal im Krankenhaus landete. Und dann wieder und wieder. Das Gesundheitssystem war nicht darauf vorbereitet jungen Leuten auf Gewalttaten zu helfen, vor allem nicht, wenn es wie ein Unfall geschildert wird und danach aussieht. Die Realität sah anders aus.
      Besorgt kniete Erik vor mir und ich merkte Tränen, die seine Wangen herunterliefen. Er scheute sich nicht, offen seine Emotionen zu zeigen, auch wenn es ihn angreifbar machte. Ich griff nach seiner Hand, die Nahe neben mir stützte.
      „Alles gut, passiert mal“, murmelte ich und verfiel in alte Muster.
      „Nein, ist es nicht“, antwortete Erik bedrückt und half mir hoch. Vom Reitunfall schmerzten mir noch die Rippen, was in dem Moment wieder schlimmer wurde. Ich konzentrierte mich auf die nächsten Gegenstände in meiner Nähe. Auf dem Tisch lag ein Stift, einige Blätter, am Boden stehen meine Schuhe und darüber hing Eriks Jackett. Die Schuhe trug ich täglich und waren weiß, Betonung dabei auf waren. Mittlerweile hatten sie einen braun-grauen Schimmer durch den Dreck. Langsam wurde meine Atmung wieder ruhiger. Erik hielt noch immer meine Hand fest und ließ mich langsam in seine Arme gleiten. Bei ihm fühlte ich mich nicht mehr einsam und endlich angekommen, zu Hause. Sein Shirt roch nach Schweiß und dem Parfüm, dass er trug. Die Mischung machte es einzigartig, was meine Sinne wahrnahmen. Intensiv wie seit Jahren nicht mehr genoss ich den Augenblick und folgte ihm zum Bett. Keiner sagte was und durch das geöffnete Fenster drangen leise Geräusche der Pferde ins Innere. Sein Duft lag mir noch immer in der Nase und ich schloss die Augen. Ich spürte seine Anwesenheit neben mir.
      „Woran denkst du gerade?“, flüsterte Erik mir zu. Er sah mich dabei an und hatte seine Hände als Kopfkissen. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und erzählte: „Stell dir eine kleine Blockhütte einsam im Wald vor, vielleicht an einem Fjord hoch in den Berg. Zusammensitzen wir auf einer Bank auf der Terrasse und blicken durch die Bäume direkt auf die stille Oberfläche des Wassers. Der Sonnenuntergang spiegelt sich auf der Oberfläche. Es ist bereits ziemlich kühl. Ich liege in deinen Armen und wir sind bedeckt von einer gestrickten Wolldecke, die ich bereits einige Tage zuvor fertiggestellt hatte. Aus der Hütte schallt leise Falkenbach im Hintergrund.“
      „Sowas schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt“, sprach er leise zu mir, legte seine Hände um meinen Kopf und drückte unsere Lippen aufeinander. Ich fühlte mich frei in dem Moment und von jeder Sekunde zur nächsten wurden wir ungestümer. Bis ich mich, ohne von ihm zu lösen, auf ihn setzte und langsam meine Hüfte zu bewegen. Ich spürte, dass es ihn ebenfalls gefiel. Langsam führten meine Lippen herunter zu seinem Hals und er zog mein Shirt aus. Auch seins durfte ich entfernen. Zärtlich küsste ich seine Brust und seinen perfekten unperfekten Bauch bis ich an seiner Hose angelangte. Als auch diese entfernen wollte, stoppte Erik mich.
      „Ich weiß, dass wir das gerade beiden wollen, aber es geht nicht“, sagte er und zog mich wieder nach oben. Er hielt mich fest in seinen Armen.
      „Wieso was ist los?“, fragte ich vorsichtig. An Verhütungsmitteln sollte das nicht scheitern. In meiner Tasche befanden sich noch einige Gummis.
      „Ich möchte, dass das mit uns beiden funktioniert und dafür muss es langsam angehen“, flüsterte Erik. Ich vertraute ihm und stimmte zu. Still lagen wir nebeneinander und genossen die gemeinsame Zeit. Die Serie hätte ich mittlerweile ohnehin von Vorn sehen müssen, um sie zu verstehen. Doch Erik wirkte wie gebannt von ihr. So fest wie ich konnte, kuschelte ich mich in seinen Arm, bis er sich von mir löste und aufstand.
      „Ich muss zur Toilette“, stammelte Erik und ich betrachtete ihn genau.
      „So wird das aber wohl nichts“, lachte ich.
      „Ja. Reden wir nicht drüber, bitte“, sagte er und lief zum Bad.
      „Ich hoffe, du denkst an mich“, fügte ich noch belustigt hinzu. Er stimmte aus dem Bad zu, dann wurde es wieder still. Gelangweilt nahm ich mein Handy zur Hand. Schon aus reiner Neugier folgte ich Lina und ihren Pferden auf Instagram und versuchte darüber, etwas mehr über sie zu erfahren. Vor allem darüber, was das mit Niklas war, denn er postete nicht viel außer Oberkörperbilder und irgendwelcher missglückten Bilder seiner Stute. Humbria zeigte er bisher nicht. Lina hatte in ihrer Story einige Momente vom Schwimmen heute und ein Bild zusammen mit Samu und den beiden Pferden. Kein Niklas zu sehen und swipte weiter. Jenni befand sich wieder in London und verbrachte Zeit mit Marc. Eigentlich wollte ich mich noch bei ihr melden. Prüfend sah ich mich um, niemand in Sichtweite. Mehrfach tippte ich auf meinem Bildschirm herum, bis ich Jennis Chat geöffnet hatte. Die Nachrichten über Niklas brachten mich wieder zum Nachdenken, ob es wirklich so eine vielversprechende Idee war mit Erik, doch ich fühlte mich wohl mit ihm. Mit zittrigen Fingern verfasste ich eine Nachricht an sie: “You are right. It was not a good idea to do this with Niklas. Some things changed and I met his brother. He is kind and gracious! Yes, I know. I don't know him, but I want to know more. He has a little daughter who even likes horses. That's a good sign, isn't it?
      Harlen comes to Sweden when I return home. I will soon have my final exam, and he will help me with it. Will we see each other again? <3”
      Mein Handy landete wieder auf dem Nachttisch. Erschöpft aber sichtlich erleichtert kam Erik zum Bett, schnappte sich sein Shirt und zog es über.
      „Ich würde jetzt trotzdem gehen“, murmelte er.
      „Aber morgen ist meine Kür und ich möchte, dass du dabei bist“, hoffte ich ihn überzeugen zu können.
      „Dann komme wieder hergefahren, das schaffe ich schon“, sagte er munter und bekleidete sich vollständig.
      „Das ist doch unnötig, bitte bleib hier“, flehte ich weiter. Kurz dachte ich darüber nach, meine Arme um ihn zu legen, doch stand nur vor ihm und blickte hoch in seine blauen Augen.
      „Trymr soll nicht weiter allein sein, deswegen würde ich dann mit ihm wiederkommen“, rückte Erik mit der Sprache heraus. Doch wer war das? Hatte er noch ein Kind? Das wäre mein Untergang.
      „Wer ist das?“, fragte ich schließlich.
      „Mein Hund. Die Sitterin hat ihn vor einer Stunde zu mir gebracht, weil er nur am Jaulen war“, erklärte er.
      „Dann gehen wir ihn zusammen holen und fahren dann wieder her“, schlug ich vor. Ich schielte zur Uhr, es würde gleich Abendessen geben. Das verpasste ich somit.
      „Wenn du meinst, dann zieh dir was an“, sagte er und ich verschwand im Bad, um mich frisch zu machen. Die Haare formten sich zu einem lockeren Zopf. Den Eyeliner zog ich noch einmal nach und warf mir ein sauberes Outfit über. 10 Minuten später waren wir Abfahrt bereit. Zur Sicherheit schrieb ich Chris noch, damit einer wusste, dass ich nicht da sei. Er antwortete mit einer lachenden Emoji.
      Eriks Auto hatte sich den Tag über ziemlich aufgeheizt und die warme Luft stand in diesem. Bevor wir losfuhren, lüftete er. Beim Motorstart schaltete sich die Musik ein.

      Lina
      “Und ist dir das erst einmal Beweis genug?”, säuselte ich leise, als ich mich wieder langsam von ihm löste.
      “Fürs Erste, ja”, antwortete er und griff nach meiner Hand. Etwas fehl am Platz stand noch immer Divine neben uns und blickte verwirrt ein wenig verwirrt drein. Der Hengst schien nicht so ganz zu verstehen, warum wir jetzt hier herumstanden und vor allem warum es dabei dann nicht um ihn ging. Ein wenig ungestüm stupste er mich mit seiner Schnauze an.
      Mit einem amüsierten lächeln strich ich ihm mit der freien Hand über die Stirn und der Göttliche schnaubte zufrieden.
      “Ich glaube das Einhorn hier, ist ein wenig eifersüchtig”, lachte ich und Hand in Hand liefen wir zum Stall. Während Niklas das Sattelzeug wegräumte, begann ich damit den Freiberger abzuduschen. Wie immer, begann Ivy erst einmal aus dem Schlauch zu trinken, bevor ich anfangen durfte sein Fell zu wässern. Immer wieder schüttelte sich der Hengst, was zur Folge hatte, dass nicht nur er immer nasser wurde, sondern ich genauso wie die restliche Umgebung. Niklas hatte auch großen Spaß daran, mir den Schlauch aus der Hand zu reißen und mich weiter nass zu machen. Wir lachten herzlich und brachten klitschnass Ivy wieder heraus auf die Weide, denn sie blieben auf der morgigen Veranstaltung auf den Weiden. Kaum löste ich den Strick vom Halfter, schmiss der bis dato sauberen Hengst in die nächste sandige Ecke und wechselte seine Farbe.
      “Gut, dass du morgen nicht reiten musst”, scherzte Niklas und griff wieder nach meiner Hand.
      “Damit will er sicher nur sorgen, dass er auch ja genug Aufmerksamkeit bekommt, der kleine Prinz”, erwiderte ich lachend, während ich zusah, wie Ivy sich schüttelte um anschließend zu den anderen Pferden, weiter hinten auf der Koppel zu traben.
      „Morgen wird es Smoothies letzter Auftritt sein“, murmelte Niklas nachdenklich und sah weiter zu Ivy, der mit Panchy begann zu spielen. Bevor ich etwas antwortete, fügte er noch hinzu: „Vielleicht sollte ich sie abgeben, ich weiß nicht, ob ich das ertrage. Ich wollte immer mit ihr bei dem World Cup reiten, doch das wird nichts. Vielleicht wäre es sogar besser, wenn ich komplett sein lasse.“ Wenn ich nur daran dachte, was gewesen wäre hätte ich meine Träume einfach aufgegeben. Dann wäre ich jetzt nicht hier, dann hätte Ivy niemals den Weg zu mir gefunden und auch Niklas wäre ich nie begegnet. Nein, Träume aufgegeben ist keine gute Option.
      “Nein, du solltest deinen Traum nicht einfach so aufgeben. Klar wird es ohne Smooth anders sein, aber der World Cup ist immer noch ein großes Ziel. Auch, wenn du mit einem anderen Pferd teilnimmst, wird Smoothie dabei sein in deinem Herzen, denn ihr hast du es zu verdanken, dass du überhaupt so weit gekommen bist”, redete ich sanft ihm zu.
      “Du hast schon recht, aber sie ist was besonders. Opas Stute, mit der er damals gewann, steckt mit ihrem Stammbaum und deswegen hätte das nur mit ihr werden können”, sprach er leise. Noch immer blickte er von mir weg und konnte spüren, wie nah ihm das Thema ging.
      Behutsam begann ich zu sprechen: “Glaub mir, ich verstehe dich nur zu gut, dass du glaubst, Smooth ist das einzige Pferd, mit dem du dein Ziel erreichen kannst und ich verstehe auch, dass sie etwas ganz Besonderes ist, aber Abstammung ist nicht alles, was man braucht. Fähigkeiten und Talente sind ein viel größerer Faktor. Es geht auch nicht darum Smoothie zu ersetzen, denn es wird kein Pferd geben, welches sie ersetzen kann, aber es kann ein Pferd geben, welches ihren Weg fortsetzt, das weiterführt, was sie nicht mehr kann. Manchmal müssen wir unsere Träume dem Leben anpassen. Aber gib nicht einfach auf, worauf du schon so lange hingearbeitet hast.”
      “Dann wollen wir mal hoffen, dass Form das schafft, ansonsten muss ich mir was ausdenken. Latte könnte ein wunderbares Turnierpferd sein, wenn wir nicht arbeiten würden”, lachte Niklas auf einmal und zog mich zum Zaun, auf den Weg zurück zum Hof.
      “Latte? Ist das dein Dienstpferd?”, fragte ich neugierig, war aber ein wenig irritiert von seinem plötzlichen Überschwung.
      “Genau, wir wurden zusammen ausgebildet und ich reite ihn hauptsächlich. Vielleicht kannst du ihn mal kennenlernen”, überlegte er.
      “Gerne würde ich ihn kennenlernen, sofern es sich einrichten lässt. Ihr seid sicherlich ziemlich beschäftigt”, sagte ich. Er lachte.
      “Oh ja, sehr beschäftigt”, belustigte Niklas sich weiter.
      “Was ist denn da so lustig?”, fragte ich, denn mich beschlich das Gefühl, das er sich über mich lustig machte.
      “Ich reite drei Stunden am Tag, dann machen wir irgendwas sauber und dazwischen sitzen wir herum. Manchmal sind wir dann noch so was wie Ausreiten in der Stadt. Wirklich viel zu tun haben wir nicht, außer präsent zu sein. Am Wochenende wird es Mal aufregend, aber dort reite ich nicht so häufig mit”, erklärte er mir seinen Arbeitsalltag.
      “Wow, ich habe mir den Alltag eines Polizisten immer aufregender vorgestellt”, lachte ich.
      “In meinen Praktika gab es mehr Arbeit, doch mit den Pferden sind wir eine Sondereinheit, die auf Demonstrationen oder Fußballspielen eingesetzt werden. Dementsprechend besteht sehr viel aus Training, aber das habe ich nicht wirklich nötig”, überheblich wie eh und je sprach Niklas wieder über sich.
      “Natürlich kannst du schon alles, wie sollte es auch anders sein”, kommentierte ich seine Erzählung.
      “Im Stall sind wir dann fertig, oder?”, fragte Niklas später, nach dem wir dem Ivys Zeug endgültig geräumten und noch einmal die Gasse durchgefegt hatten.
      “Jap, alles fertig”, bestätigte ich.
      “Dann lass uns zum Essen gehen, du hast sicher auch Hunger”, schlug er endlich vor, nach einem Blick auf die Uhr. Es war kurz vor 8 Uhr, zeigte mir dann auch mein Handy an.
      “Grundsätzlich eine gute Idee, aber ich würde mich vorher noch umziehen wollen”, antworte ich ihm, denn so langsam klebte die nasse Reithose ziemlich unangenehm an mir.
      “Na gut, dann gehe ich noch Duschen. Wir sehen uns dann”, verabschiedete er sich ziemlich emotionslos von mir und lief zum Zimmer. Auch ich lief zu meinem Zimmer und als ich mein nasses nicht mehr ganz so wohlriechendes Shirt auszog, beschloss ich, dass eine Dusche vermutlich keine schlechte Idee sei. Bevor ich unter die Dusche schlüpfte, hängte ich die nassen Sachen zum trocken auf, auch wenn sie ohnehin in die Wäsche mussten.
      20 Minuten später stieg ich tropfend aus der Dusche und umwickelte mich mit dem Handtuch. Das Schwimmen und auch Niklas Angriff auf meine Frisur hatten einige Knoten hinterlassen, die ich dank Conditioner schnell wieder loswerden konnte. Auf das Föhnen verzichtete ich, da es eh noch warm genug, war als das sie schon von allein trockneten, außerdem bekam ich so langsam wirklich Hunger. Ohne weiter herumzutrödeln, wählte ich eine Jeansshorts und ein Top uns schlüpfte in meinen Sneaker. Diese hatten definitiv schon mal besser ausgesehen. Das weiß glich eher einem grau, der Sand setzte sich in den Nähten ab und der Sternenhimmel, den in mühevoller Kleinarbeit auf dem Swoosh gemalt hatte, verlor so langsam an Farbe. Ich schnappte mir mein Handy vor der Kommode, auf dem mir auch schon eine Nachricht von Samu entgegen leuchtete. Er wollte wissen, ob ich heute noch beim Essen auftauchen würde oder ob ich schon verschollen sei. Während ich die Treppe runterlief, antwortete ich ihm. Ich war so auf mein Handy fokussiert, das ich am Fuß der Treppe beinahe in Jace hineinlief.
      “Aufpassen Lina”, warnte er mich und ich konnte ihm gerade noch so ausweichen.
      “Sorry, hab dich nicht gesehen”, murmelte ich, während ich die Nachricht zu Ende tippte und das Handy wieder in der Hosentasche verschwinden ließ.
      “Ja, das habe ich gemerkt. Alles okay bei dir?”, fragte er und sah mich dabei mit einem Blick an, bei dem ich mich zunehmend unwohl fühlte, denn es lag zu viel ernsthafte Besorgnis darin, vor allem weil es gar keinen Grund gab über irgendetwas besorgt zu sein.
      “Außer das ich gleich verhungere, ist alles in bester Ordnung. Also, wenn du dann so freundlich wärst aus dem Weg zu gehen”, versuchte ich dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden, doch Jace hatte offenbar anderes im Sinn.
      “Und wie läuft es so zwischen dir und Niklas?”, fragte er nach. Wow, ich hätte ja alles erwartet aber nicht diese Frage. Seit wann interessierte er sich denn dafür?
      “Ganz wunderbar. Sonst noch Fragen oder darf ich dann jetzt endlich essen gehen?”, fragte ich, aber vermied dabei den Augenkontakt mit ihm. Es fühlte sich irgendwie nicht ganz richtig an mit Jace darüber zu reden und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Jace nicht einfach nur aus freundschaftlichem Interesse fragte.
      “Nein, keine weiteren Fragen”, antwortete er und trat endlich zur Seite, sodass ich an ihm vorbeikam. Schnell verschwand ich aus dem Haus und machte mich auf den Weg zum Essen.

      Niklas
      Einige Minuten wartete ich am Haus noch auf Lina, doch als sie nicht kam, lief ich schon vor zu den Bänken. Alle waren bereits da und auch die Trainer wirkten sehr unzufrieden, durch meine Verspätung. Noch bevor ich mich hinsetzte, zog mich Frau Wallin zur Seite.
      “Wo zur Hölle ist Vriska?”, fragte sie ziemlich genervt.
      “Woher soll ich das denn wissen?”, fauchte ich zurück. Es war nicht meine Aufgabe auf die aufzupassen, aus welchen Grund auch.
      “Wenn du sie siehst, sage ihr bitte, dass ich mit ihr dringend sprechen muss”, wurde sie eruptiv freundlicher. Nun doch ziemlich interessiert, worum es ging, musste ich mehr erfahren.
      “Ich glaube, es geht ihr nicht so gut. Wenn sie wollen, sage ich ihr, was sie wollten”, bot ich fälschlicherweise an.
      “Okay, aber sage es ihr bitte wirklich. Im Vorstand wurden Unterlagen eingereicht, die bestätigen, dass sie im Verein bleiben kann”, lächelte Frau Wallin erleichtert. Doch meine Begeisterung, sie nicht mehr sehen zu müssen, verschwand. Ich nickte und entschied es ihr nicht zu sagen. Wer nämlich nicht zum Training kam, musste mit Konsequenzen rechnen. Damit konnte ich sie doch noch loswerden. Mit einem breiten Grinsen vor lauter Schadenfreude setzte ich mich zu Chris und Ju an den Tisch.
      “Was ist passiert?”, fragte Chris nach.
      “Sie wollte wissen, wo Vriska ist, weil sie etwas wissen wollte, aber ich konnte nachhelfen”; log ich.
      “Ah verstehe. Also sie ist vor einer halben Stunde mit Erik in die Stadt gefahren”, klärte er mich dann auf. Dass der Kerl mit ihrem Fehlen zu tun hatte, hätte mir klar sein müssen. Statt eine Antwort zu geben, rollte ich mit den Augen. Dann verlangte Herr Holm nach unserer Aufmerksamkeit und wir drehten uns zu ihm.
      “So ihr Lieben, morgen ist es dann so weit. Jeder von euch wird eine Kür reiten, aber wir haben uns dann noch etwas anderes überlegt. Wer der Meinung ist, seine Note ausbessern zu müssen, kann dann noch einen M Springparcours reiten, den wir erst morgen bekannt geben werden. Auch die Starterliste hängt erst morgen früh aus, damit ihr auch alle pünktlich beim Frühstück sein werdet. Außerdem gibt es noch eine kleine Veränderung, aber darüber werden wir euch noch rechtzeitig informieren”, sagte er. Mir rutschte kurz das Herz in die Hose. Wenn er das mit Vriska nun noch allen sagen würde, konnte ich meinen Plan vergessen. Doch während wir ihm zuhörten, verlor er kein einziges Wort darüber. Stattdessen erklärte unser Trainer erneut die Formalien wie Ausrüstung und wann die Kür spätestens beim Richter vorliegen müsste. Außerdem würde jeder Teilnehmer im Anschluss mit seinem Pferd zum Tierarzt müssen, da dabei auch die Flugtauglichkeit geprüft werden würde. Anders als erwartet, würden die Noten im Register offiziell eingetragen werden. Ju blickte erschrocken zu Chris und dann zu mir. Er sprach ihm gut zu und machte ihm Hoffnung zur Not auch den Parcours mit Amy noch bestreiten zu können.
      Endlich sah ich Lina kommen und kurz danach folgte auch Jace ihr. Sie setzt sich zu Samu und Jayden, die bereits am Essen waren.
      “Möchte noch jemand etwas sagen oder fragen?”, gab Herr Holm seine Position ab. Noch einmal atmete ich tief durch und stand auf. Mein Blick richtete ich zu Lina, die dann zu mir hoch saß. Vor versammelter Mannschaft begann ich zu sprechen: “Ich weiß, dass ich vor ein paar Tagen noch etwas anderes sagte und ja mir ist klar, dass das ziemlich unüberlegt wirkt. Aber Lina, ich möchte mit dir gemeinsam den kommenden Weg beschreiten und keine Umwege mehr nehmen. Möchtest du mit mir zusammen sein?” Meine Knie wurden weich, als ich das Aussprach und nervös fummelte ich an dem Gestell meiner Brille herum. Ich wusste nicht genau, was sie davon halten würde. Vor allem, weil ich es laut vor allen anderen sagte. Die ganze Aufmerksamkeit lag gerade auf uns und es war still. Extrem still.
      Linas Augen wurden immer größer, bevor sich ein Lächeln aus ihrem Gesicht ausbreitete.
      Es dauert noch quälende Sekunden, bis sie endlich antworte: “Ja…Ja, ich möchte mit dir zusammen sein.” Während sich das sagte war sie aufgestanden und zu mir rüber gelaufen, sodass sie nun vor mir stand. “Ja, einfach ja”, sagte sie noch einmal leise und ein Leuchten trat in ihre Augen. Ohne weiter nachzudenken, legte ich meine Hände an ihre Hüfte, schloss die Augen und drückte meine Lippen leidenschaftlich auf ihre Lippen. Die Menge tobte.

      Währenddessen irgendwo auf der Straße…

      Vriska
      Wardruna spielte und müde lehnte ich mich in den Sitz. Die Straßen waren dunkel und wir hatten freie Fahrt, nur wenige Fahrzeuge kamen uns entgegen und ich starrte fasziniert in den Abendhimmel. Die leisen Klänge der Trommeln aus den Lautsprechern hypnotisierten mich förmlich. Wir unterhielten uns darüber, wieso er nicht früher mich informierte über seinen Hund. Es war ihm unangenehm und Erik nahm an, dass er am Nachmittag wieder zu Hause sein würde. Das bestätigte sich offensichtlich nicht.
      “Glaubst du an das Schicksal?”, fragte ich aus dem Dunst heraus, als ich nachträglich die Barken am Straßenrand beobachtete, die an uns vorbeirauschten. Ich wünschte mir, dass Gefühl immer in mir tragen zu können. Sorgenfrei saß ich wohl mit dem besten Typen der Welt im Auto. Im Hintergrund ertönte entspannte Musik und nichts schwebte mir durch den Kopf, als das hier nie enden lassen zu wollen.
      “Natürlich”, antwortete Erik kurz und er legte seine Hand auf meinen Arm, den ich auf der Lehne hatte. Das Kribbeln in meinen Bauch kam wieder. Seine Berührung bereitete mir Hoffnung, dass das alles richtig war. Bevor ich ausschüttete, was in meinem Kopf herumschwirrte, atmete ich tief ein und wieder aus.
      “Nach dem du da warst, wollte ich nichts anderes als dich”, murmelte ich nachdenklich. Die Worte kamen in großen Abständen aus meinem Mund, bis ich es komplett flüssig wiederholte. Doch eine Antwort bekam ich von ihm nicht direkt. Deprimiert drehte ich mich zu ihm und sah mich nicht einmal an.
      “Aha”, sagte Erik schließlich ziemlich desinteressiert. Innerlich zerbrach etwas und drehte mich wieder zur Seite, um aus dem Fenster zu sehen. Viele Kilometer schwiegen wir einander an und bis er schließlich die Stille auflöste.
      “Wenn ich dir das glauben sollte, dann wäre es vermutlich klüger gewesen nicht mehrfach mit meinem Bruder ins Bett zu springen und wer weiß, was du dir dabei noch erhofft hast. Es wirkt jetzt eher so, als wäre ich die Alternative.” Es schmerzte noch mehr, dass er die Wahrheit aussprach. Doch vollständig recht hatte er damit nicht. Ich hatte ein gutes Gefühl nach dem Gespräch mit ihm, sonst hätte ich wohl nicht auf ihn gewartet.
      “Ich … Das”, Erik ließ mich nicht einmal aussprechen und sagte: “Höre auf dich zu rechtfertigen. Es ist mir egal, aber erzähl mir dann nicht solchen Müll.”
      “Halte bitte an”, sagte ich schließlich und er bremste ab auf den Seitenstreifen.
      “Alles in Ordnung?”, fragte Erik fürsorglich. Verwundert runzelte ich die Stirn und sah zu ihm.
      “Es ist jetzt nicht dein Ernst? Ich erzähle dir von meinen Gefühlen und du wirfst sie in den Dreck. Nichts ist in Ordnung, deswegen will ich jetzt zurück. Ich hole mir ein Taxi”, antwortete ich empört und möchte aussteigen. Doch Erik griff nach meinem Arm und hielt mich damit im Fahrzeug.
      „Wenn du mir jetzt einmal klar und deutlich sagst, dass du zurückmöchtest, fahre ich dich. Aber dann war es das“, schlug er vor. Ich musste darüber wirklich nachdenken. Es verletzte mich, was er sagte und sein Vorschlag war nicht viel besser. Ich wollte unter allen Umständen so schnell wie möglich zurück zu meinem Pferd, doch es zur Folge hatte, ihn nie wieder bei mir zu haben, schwieg ich und schloss die Beifahrertür wieder.
      Im nächsten Augenblick wachte ich auf. Wir waren in einer Stadt angekommen und die Straßenbeleuchtung strahlte in mein Gesicht. Die Schaufenster waren hell erleuchtet und voll mit irgendwelcher Kleidung, die ich nie im Leben tragen würde.
      „So, wir sind da. Meinetwegen können wir auch bei mir schlafen“, schlug er vor. Kurz dachte ich darüber nach, doch fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken. Morgen würde es früh losgehen und fand in seiner Gegenwart sowieso nur wenig Schlaf.
      „Mir ist das jetzt ziemlich unangenehm, aber hatten wir vorhin ein fragwürdiges Gespräch?“, fragte ich.
      „Ja und dann bist du eingeschlafen“, antwortete Erik trocken.
      „Ich hoffte, dass es nur ein Alptraum war“, murmelte ich und folgte ihm. Es war still in der Stadt, nur einige verstrahlte taumelten durch die Straße. Erik hielt sein Handy gegen die Tür, die sich sogleich öffnete. Ein Ungeheuer von Hund stürmte aus der Wohnung mit tiefen Geräuschen und ich trat einige Schritte zurück. Der Riese stützte sich direkt mit seinen Vorderbeinen an den Anzug seines Herrchens. Er jaulte aus der Seele heraus und wedelte mit dem Schwanz.
      “Trymr, det är Vriska”, stellte Erik mich dem Hund vor, der sich höflich vor mich setzte. Sein langer wuscheliger Schwanz wischte über den Boden und streckte ihm die Hand entgegen. Freundlich roch er an ihr und strich ihm über den Kopf. Sein Fell war weich, doch hatte auch etwas von einem Rauhaardackel.
      „Ich hätte an einen kleineren Hund gedacht“, sagte ich überrascht zu Erik, der nur lachte und seine Wohnung betrat. Sie war riesig und extrem aufgeräumt. Überall standen Designer Möbel und ich verharrte überrascht neben der Haustür. Ich hatte Angst etwas anzufassen. Währenddessen drückte sich sein Hund an meine Beine und ich streichelte ihm durchs Fell. Trymr hechelte.
      “Ich möchte aber dann wieder los, weil morgen früh muss ich um 8 Uhr bei meinem Pferd sein”, kam ziemlich spät meine Antwort auf seine Frage im Auto. Er nickte und sammelte einige Dinge zusammen.
      An den Wänden hingen keine Bilder und alles wirkte sehr unpersönlich. Nur ein Foto seiner Ex-Freundin und der gemeinsamen Tochter stand auf der Anrichte. Es war eine bildschöne blonde Dame. Vermutlich hatte sie sogar Modelmaße und dann blickte ich an mir herunter. Ich trug eine zu große graue Jogginghose, die schlabbernd an mir hing und alles andere als schön war. Am Oberkörper hatte ich meinen geliebten schwarzen Kapuzenpullover, der mein Untergewicht kaschierte. Ich war das genaue Gegenteil der jungen Dame auf dem Bild.
      „Bist du dir wirklich sicher, dass du das mit uns versuchen möchtest“, stammelte ich verschlossen. Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief Erik von links nach rechts durch die Wohnung und sammelte dabei immer mehr Sachen ein, die er mitnehmen wollte. Bis Erik vor mir stehen blieb und verliebt in die Augen sah.
      „Wieso nicht? Wie kommst du darauf?“, fragte er besorgt und legte seine Hände an meinem Kopf. Für einen Augenblick schloss ich meine Augen, um festzustellen, ob ich noch schlief. Es war kein Traum.
      „Deine Ex ist so perfekt und ihr seht so glücklich aus”, murmelte ich traurig. Irgendwo tief in mir tat es wirklich leid, dass sie nicht mehr zusammen waren.
      “Vriska, bitte. Sage so etwas nicht, wenn du keine Ahnung hast”, brummte er und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Bevor er die Hände von mir losließ und noch hinzufügte: “Sei nicht so kritisch mit dir selbst, schließlich bist du die Erste in meiner Wohnung.”
      Das sagte er so leicht. Schließlich musste ich über den Tag hinweg, ihn mehrfach davon überzeugen, dass es nichts Schlechtes an seinem Körper gab. Aus dem Bad kam er endlich mit einer kleinen Reisetasche, in denen Erik die Sachen verstaute. Darunter einige Kleidungsstücke und Hundefutter in einer Plastikdose. Es war gefrorenes Fleisch und nicht wenig, natürlich. Der Hund kam direkt aus der Hölle und fraß dementsprechend viel.
      Beim Verlassen der Wohnung griff Erik noch nach der Hundeleine und Trymr lief voraus. Aufregt stand der Hund vor dem Auto und wartete darauf, endlich einzusteigen.
      „Wie soll der da reinpassen?“, fragte ich überrascht. Erik lachte nur und holte aus dem Kofferraum eine Decke, die er über die Rückbank legte. Zusätzlich legte er ihm ein Geschirr um. Dann sprang der Hund hinein und Erik befestigte ihn am Anschnalle. Trymr legt sich direkt über die ganze Rückbank und der Platz war vollständig genutzt. Seine Sachen legte er hinten rein und ich stieg auf der Beifahrerseite ein. Der Motor startet und ich schlief wieder ein.
      „Vriska“, wurde ich mit einer sanften Stimme geweckt. Verschlafen richtete ich mich auf dem Sitz auf und Erik stand in der Beifahrertür. Auch Trymr schaute freundlich hinein.
      „Wie spät ist es“, murmelte ich noch im Halbschlaf. Erik sah auf seine Uhr.
      „Es ist 10 nach halb 2. Ich musste noch kurz Tanken und neue Zigaretten kaufen“, sagte er und machte Platz, damit ich aufstehen konnte.
      „Also bist du fast vierundzwanzig Stunden wach? Du bist doch irre“, raunte ich und stieg aus.
      “Nein, ich habe mich zwischendurch zurückgelehnt und dann”, lachte er.
      “Soweit ich weiß, kann das Ding nicht autonom fahren”, flüsterte ich. Dann schlürfte ich Richtung Zimmer und fiel direkt ins Bett. Erik folgte mir und sein Hund legte sich davor ab.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 89.209 Zeichen
      zeitliche Einordnung {August 2020, Tag 12}
    • Mohikanerin
      Nationalteam XVI | 13. September 2021

      Satz des Pythagoras // Glymur
      Up Town Girl // Small Town Dude
      Walking In Sunshine // Lady Moon // HMJ Divine


      Lina
      Ich wachte auf, weil die ersten Sonnenstrahlen durch das Rollo fielen und das Zimmer mit kleinen goldenen Lichtflecken sprenkelte. Für einen Moment blickte ich an die Decke, ließ mir die Ereignisse von gestern durch den Kopf gehen. War das gestern tatsächlich passiert? Hatte Nik vor allen diese Frage gestellt? Ja... Ja, hatte er! Ich rollte mich vorsichtig zur Seite und erblickte ihn, wie er noch friedlich schlief. Es fühlte sich surreal an, den Mann neben mir als meinen Freund bezeichnen zu dürfen, meinen festen Freund! Ein wohliges Gefühl durchfloss mich, als ich ihn so betrachtete, denn ich war sicher, dass das hier kein Traum war. Dafür war es viel zu detailliert, so viele Details könnte sich nicht mal mein Gehirn ausdenken. Jedes einzelne dieser Details, nahm ich genau wahr, seine hübschen Wimpern, die sanfte Schatten auf sein Gesicht warfen, den Schwung seiner Lippen, der markante Kiefer. Ein schwacher Duft nach Pferd und Duschgel ging von ihm aus. Niklas bewegte sich im Schlaf und zog mich ein Stück näher an sich heran. Vorsichtig legte ich meinen Kopf auf seiner Brust ab, die sich sanft hob und senkte. Seine Haut fühlte sich warm an und ich verspürte das Bedürfnis mit meinem Finger die Linien seiner Muskeln entlangzufahren, doch da ich ihn nicht wecken wollte, behielt ich meine Finger bei mir, oder versuchte es zumindest diese bei mir zu halten. Ich schloss die Augen wieder und lauschte auf seinen ruhigen Atem und das gleichmäßige Schlagen seines Herzens.
      Ich musste wieder eingeschlafen sein, denn das nächste Mal wurde ich nicht von Licht geweckt, sondern unsanft von dem nervigen Wecker von Niklas Handy. Müde griff er ins Leere, um das Ding auszuschalten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der durchdringende Radarton endlich zu Ende war. Müde drückte Niklas sein Gesicht ins Kissen und setzte sich dann hin.
      “Guten Morgen, Engel”, begrüßte er mich liebevoll und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
      “Guten Morgen”, murmelte ich noch ein wenig verschlafen, während ich mich aufrappelte und erst einmal herzhaft gähnte. “Ich hoffe, du hast gut geschlafen”, fügte ich schon etwas wacher hinzu.
      “Mit dir an meiner Seite natürlich, aber ich muss jetzt duschen. Schließlich beginnt um 7 Uhr die Vorbereitung und eigentlich muss ich noch was mit Vriska besprechen”, murmelte er nachdenklich. Bei seinem letzten Satz wurde ich neugierig: “Etwas mit Vriska besprechen, so früh schon?”
      “Ja, leider. Frau Wallin erzählte mir gestern, dass sie wohl doch im Verein bleiben könne und ich sollte ihr das mitteilen. Eigentlich dachte ich darüber nach, es nicht zu sagen, damit sie doch gehen muss und ich meine Ruhe habe. Doch nach reichlicher Überlegung wäre es nicht so klug. Schließlich geht es um den Verein und das Land und nicht um mich oder irgendwelche Machtspielchen”, erklärte er mir ruhig und ärgerte sich dabei selbst über seine Dummheit.
      “Das ist eine vernünftige Entscheidung”, sagte ich bevor ich noch etwas hinzufügte: “Und über diese Nachricht wird sich Vriska sicher freuen.”
      “Ich habe aber ehrlich gesagt keine Lust mehr auf die. Sie macht das nur kaputt mit uns”, murmelte er weiter und strich mir mit seiner warmen Hand über die Wange. Einen Moment lang dachte ich über seine Worte nach, ob er vielleicht recht haben könnte. Ich dachte an das Gespräch am Wasser gestern, aus dem ich nicht wirklich schlau geworden war. Gleichzeitig dachte ich aber auch an sie und Erik, wie gut die beiden sich direkt verstanden. Nach reichlicher Überlegung antworte ich erwägend: “Also ich glaube, momentan ist sie mit anderen Dingen beschäftigt, als anderen ihre Beziehung zu zerstören.”
      “Hoffentlich behältst du damit recht, obwohl. So ein Zwergenkampf hätte sicher etwas Unterhaltsames”, lachte Niklas und stand auf.
      “Klar, dass du das wieder lustig findest. An deiner Stelle würde ich lieber aufpassen. Zwerge können ganz schön garstig werden, wenn man sie zu sehr verärgert”, antwortete ich schnippisch.
      „Wer hochfliegt, fällt tief. Denk dran“, zog er sich wieder seine Kleidung an.
      “Ich werde es mir merken”, sagte ich. Mit einem leisen summen kündigte mein Handy den Eingang einer Nachricht an. Komisch, wer würde denn so früh schon etwas von mir wollen? Ich bewegte mich bis zur Bettkante, um das Gerät vom Nachtisch zu fischen. Auf dem Sperrbildschirm wurde mir sogleich eine Nachricht angezeigt: “Kaunis hyvä aamu.” Ungewöhnlich für Samu, normalerweise kam er entweder rüber, wenn er so früh schon etwas wollte oder aber er wartete bis zum Frühstück.
      “Hyvää huomenta sinullekin. Miksi kirjoitat minulle ennen aamiaista?”, tippte ich in das Handy und kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, kam auch schon die Antwort: “Nukuitko hyvin?”
      “Kyllä, kiitos kysymästä”, antworte ich, wunderte mich allerdings warum er mir deswegen extra schrieb. Spätesten beim Frühstück hätte er sicherlich gemerkt, ob ich gut geschlafen hatte. Scheinbar schien die Frage nach meinem Schlaf nicht seine einzige Motivation, denn er tippte schon eine Antwort.
      “Ja?”
      “Ja mitä?”, hakte ich nach, weil ich nicht verstand, worauf er hinauswollte.
      “Ja oliko teillä vielä hauskaa eilen?”, bekam ich als Antwort zusammen mit einer selbstgefällig grinsenden Emoji, der keinen Zweifel ließ, worauf mein bester Freund eigentlich hinauswollte. Ich war ein wenig aus dem Konzept gebracht, denn so eine Frage hätte ich von Jace oder von Alec erwartet, aber nicht von ihm.
      “SAAAMUU! Miksi kysyt jotain tuollaista!?”, tippte ich empört als Antwort. Bevor ich es absendete, fügte ich noch etwas hinzu: “Mutta ei.” Auf eine weitere Antwort von ihm warte ich gar nicht erst, sondern ließ das Handy aufs Bett fallen.
      “Muss ich mir Sorgen machen? Du wirkst so genervt”, sprach mich Niklas dann wieder voll bekleidet an.
      “Nein, alles gut. Samu stellt nur komische Fragen”, beantwortete ich seine Frage.
      “Okay, damit müssen wir wohl heute noch leben. Aber ich muss mich dann umziehen gehen, so kann ich mich nicht auf Smoothie setzt”, verabschiedete er sich und gab mir noch einen innigen Kuss, bevor er die Tür hinter sich zu fallen ließ. Meinetwegen könnte so jeder Morgen beginnen. Na gut fast so, die komischen Fragen dürfen sämtliche Personen gerne für sich behalten.

      Vriska
      Kurz bevor der Wecker klingelte, wachte ich auf. Gerade als ich mich zum Nachttisch drehte, fiel mir auf, dass der Höllenhund am Bettende lag und somit auch teilweise auf meinen Beinen. Schockiert schrie ich auf, womit ich Erik weckte.
      „Was ist los?“, murmelte er verschlafen und ich deutete auf Trymr.
      „Jetzt stell dich doch bitte nicht so an, das ist doch nur ein Hund“, sagte er darauf hin und drehte sich weg von mir. Schwanzwedelnd sprang das Ungetüm vom Bett und stellte sich sehr nah an meinem Kopf. Er roch nicht nach Hund, sondern entgegen meiner Erwartung nach Kiwi. Freundlich strich ich ihm über den Kopf.
      „An dich muss ich mich wohl noch gewöhnen“, flüsterte ich ihm zu, worauf er noch stärker mit seinem Schwanz wedelte und ein Trommeln erzeugte. Erik drehte sich wieder zu mir und blickte mich an.
      „Wie kommst du denn darauf, dass du ihn noch öfter sehen wirst?“, raunte er und schmunzelte dabei überrascht. Wie er so dalag, kam das Verlangen in mir wieder hoch, einfach über ihn herzufallen und bestenfalls die Kür noch einmal zu üben.
      „Ich schätze, dass du nicht nur aus Höflichkeit noch immer Zeit mit mir verbringst“, antwortete ich und gab ihm einen schnellen Kuss auf den Mund. Dabei bekam ich das Gefühl wieder dreizehn Jahre jung zu sein, frei von allen Erlebnissen und den typischen ersten Kuss zu haben.
      „Da hast du vollkommen recht“, sagte Erik und griff entschlossen um mich herum. Dabei zog er mich fest an sich heran.
      „Ich muss dir was sagen“, zögerte ich. Als wüsste er, was ich sagen wollte, drehte er. So, dass ich nur auf ihm saß. Erik legte seine Hände ab meine Hüfte und ich sah zu ihm runter.
      „Lass mich raten. Du willst gerade nichts lieber, als mir die Kleidung vom Leibe zu reißen und ungestümen Spaß zu haben“, lachte er. Langsam fuhr er mit seinen Händen herunter, strickte mir sanft über meine Oberschenkel, die noch immer die Spuren von vor einigen Tagen aufwiesen. Es entging ihm nicht, doch sagte er auch nichts dazu.
      „Da hast du vollkommen recht“, antworte ich sanft und nahm meine Hände von seiner Brust, legte sie an seinem Kopf und drückte meine Lippen auf seine. Instinktiv bewegte sich meine Hüfte leicht und der Kuss wurde impulsiver. Auch er fand Gefallen daran und drehte mich mit seinem Mal auf den Rücken. Erst dann ließ er von mir los.
      „Meine Meinung hat sich von gestern zu heute nicht geändert, aber wenn du es so nötig hast“, schmeichelte Erik mir. Nicht nur seine Hand rutschte langsam nach unten, sondern auch sein ganzer Körper.
      So etwas spürte ich bisher noch nie. Ein Feuerwerk breitete sich in mir aus und nur mich der Wecker schaffte es mich wieder zurück in die Realität zurückzuholen. Erik lag mittlerweile wieder neben mir. Meinen Kopf legte ich auf seiner Brust ab. Es interessierte mich brennend, was mich erwarten könnte und ich legte meine Hand auf seiner Hose ab, die er sogleich mit seinem Umschluss.
      „Ich habe es nicht so nötig“, schmunzelte Erik und holte meine Hand nach oben auf seinen bedeckten Bauch.
      „Nicht mal anfassen?“, fragte ich bedrückt.
      „Na gut“, gab er endlich nach. Jetzt wurde es mir doch etwas unangenehm, ich zögerte. Ihn schien es nicht zu stören, bis ich Schlussendlich doch zupackte.
      „Du … ihr liegt noch immer Bett? Hop, Hop Vriska“, störte Chris unseren Moment, in dem er ohne zu klopfen in das Zimmer hereinplatzte.
      „Schon gut, ich stehe auf“, murmelte ich genervt. Trymr freute sich mehr über den unangekündigten Besuch und holte sich eine Streicheleinheit ab, als Chris sich provokant an den Tisch setzte. Unter der Decke griff ich nach meiner Unterwäsche und streifte sie mir über.
      „Kannst du dich wenigstens kurz umdrehen, wenn du schon hierbleiben musst?“, forderte ich ihn auf und er kam dieser direkt nach. Erik grinste nur.
      „Wenigstens bin ich jetzt nicht der Spaßverderber“, flüsterte er in mein Ohr und gab mir einen Kuss.
      „Ich habe dich auch lieb“, erwiderte ich übertrieben theatralisch und sammelte meine Kleidung auf. Aus dem Schrank nahm ich die Turnierkleidung, die in einer separaten Tasche verpackt war. Mit allem bewaffnet verschwand ich im Bad, um mich fertig zu machen. Meine Haare flocht ich, so gut ich konnte, ein und nach dem Zähneputzen und schminken verließ ich wie neu das Badezimmer.
      „So ich bin dann so weit“, sagte ich und präsentierte mein Outfit.
      „Wenn du dich so an den Tisch setzt, bist du bis zur Prüfung vollkommen dreckig“, lachte Chris und gab mir einige Ratschläge, wie ich bis dahin sauber blieb. Den Tipp mit der Jogginghose setzt ich sogleich um und spürte, dass ich wohl noch am Heldentod elendig eingehen werde.
      „Nimmst du deinen neuen besten Freund bitte mit“, bat mich Erik, bevor ich begriff, dass er damit Trymr meinte, stand auch schon Niklas an der Tür. Wie auch Chris trug keiner der beiden Turnierkleidung und er hatte sogar nur Latschen an. Langsam wirkte es immer mehr wie ein schlechter Amateurfilm mit den drei hübschen Kerlen und mir. Dabei musste ich lachen, was ihn sichtlich verwirrte.
      „Halten wir es kurz. Du bleibst im Team, alles Weitere, musst du Kristine fragen“, sagte er ohne mich zu begrüßen und verschwand so schnell, wie er kam.
      „Wusstest du das?“, erkundigte ich mich bei Chris empört, der aber auch wie ein Auto schaute. Er schüttelte den Kopf.
      „Kannst du mich einen Moment allein lassen? Ich bin gleich da“, bat ich ihn dann noch, worauf er aus dem Zimmer lief und die Tür hinter sich schloss. Erik wusste schon, dass ich noch einige Worte mit ihm wechseln wollte.
      „Herzlichen Glückwunsch“, gratulierte er mir, noch bevor ich irgendein Wort zu ihm sagen konnte. Dann umarmte er mich innig.
      „Danke“, stotterte ich überfordert. In dem Augenblick wusste ich gar nicht, ob die Tatsache im Team zu bleiben, überhaupt das war, was ich wollte. Ich hatte mich damit abgefunden, nicht zu ihnen zu gehören und mich mehr oder weniger so benommen.
      „Erik?“, tastete ich mich vorsichtig an das, was ich sagen wollte.
      „Ja?“, schmunzelte er direkt.
      „Ich mag dich wirklich, bitte denk daran. Auch falls ich nach her zur größten Zicke werde, die man weit und breit finden kann. Okay?“, bat ich ihn.
      „Natürlich, du musst mir das nicht jedes Mal aufs Neue sagen. Mit dem wie du dich mir gegenüber benimmst, beweist du es jede Sekunde.“ Gerührt von seinen Worten rutschte mir eine Träne über die Wange, die er sogleich wegwischte. Meine Hoffnung lag nun darin, dass die Schminke nicht vollkommen für die Tonne war.
      „Und geh, schreib mir dann direkt, wenn du weißt, wann du dran bist. Oder egal was ist. Trymr ist bei dir“, fügte er noch hinzu. Vom Kleiderhaken nahm ich die Leine und legte sie an das Halsband des Ungeheuers, das mir treu aus der Tür folgte. Chris beschwerte sich so gleich, dass ich ewig gebraucht hätte.
      Als ich am Tisch gerade den Mund öffnete, um Chris und Ju erzählen zu wollen, wie glücklich ich genau in dem Augenblick sei, stoppte mich der PoC.
      „Wenn du jetzt nicht davon schwärmen möchtest, dass du bei uns bleiben wirst, wollen wir gar nicht deine Bettgeschichten hören“, lachte er und ich verstummte. Meine positive Stimmung hatte allerdings nicht viel damit zu tun und streichelte dem Hund über den Kopf.
      „Ach Chris, wenn unser Erik sie wirklich flachgelegt hat, müssen wir uns Sorgen machen“, lachte Ju. Mein Blick blieb versteinert, woraufhin er seine Miene verzog.
      „Keine Sorge, ich habe ihn nur ein wenig verdorben“, klärte ich auf, sodann wirkten beide sichtlich erleichtert. Diese seltsame Reaktion hatte ich bereits mehrfach erfahren müssen. Dem musste ich wohl noch auf die Spur kommen, denn langsam kam es mir seltsam vor. Grundsätzlich verstand ich es, wie er es mir sagte, doch das sein Umfeld so über ihn sprach, machte mich skeptisch.
      “Ich freue mich, dass ihr endlich alle da seid. Einige von euch werden es vermutlich mitbekommen haben, dass Anders mit dem Transporter unterwegs war. Wir haben vom Vorstand eine Mittelung bekommen, dass zwei neue Mitglieder heute dazu stoßen werden. In der kommenden Saison sind wir auch im Westernsport vertreten, also willkommen …“, sprach Frau Wallin an und kam ins Stottern. Hektisch faste sie in den Taschen herum und suchte irgendwas. Dann traten zwei junge Leute von der Seite hervor und wir alle schenkten ihnen die maximale Aufmerksamkeit.
      “Vermutlich können sie euch mehr sagen als ich, weil wie man die sattelt, weiß nicht mal ich”, lachte sie noch und setzte sich zu Herrn Holm, der müde an seinem Kaffee nippte. Irritiert sah ich mich um.
      “Ich war ein Abend nicht da und auf einmal ändert sich alles?”, flüsterte ich Chris zu. Dieser zuckte nur mit den Schultern.
      “Oh, dann weiß sie das andere auch noch nicht”, triumphierte Ju leise. Noch mehr verwirrt blickte ich immer wieder von einem zu dem anderen.
      “Wovon zur Hölle sprecht ihr?”, versuchte ich endlich in Erfahrung zu bringen, was Ju mir mitteilen wollte. Die Jungs murmelten etwas unverständlich und drucksten herum, bis Chris endlich das Wort ergriff.
      “Niklas hat gestern vor dem ganzen Team Lina gefragt, ob sie zusammen sein wollen und das auf seiner typischen romantischen Art”, zum Ende des Satzes wurden seine Stimme noch leiser. Obwohl ich erleichtert sein sollte, fühlte ich mich elendig. Eine kleine Welt stürzte in mir zusammen und entriss mir die letzte Hoffnung. Aber die Hoffnung wovon? Es fiel mir wirklich schwer eine endgültige Entscheidung zu treffen, was ich wollte. Erik war toll, nein, er war sogar perfekt. Doch Niklas hatte irgendwas in mir ausgelöst.
      “Denk nicht so viel darüber nach, du hast das selbst so entschieden”, holte mich Chris zurück in die Realität. Ich nickte und Trymr steckte seinen Kopf von hinten durch meinen Arm. Aufmunternd drückte er sich an mich. Wie konnte so ein riesiger Hund mit nur einer Bewegung, so viel Liebe ausstrahlen?

      Annalotta
      Etwas verschlafen rieb ich mir die Augen und starrte in die ganzen fremden Gesichter, die meinem Bruder und mir gegenüberstanden. Joseph war da einfach. Er kam sofort ins Gespräch, stellte sich als “Joseph Magnus Augustsson” und mich als seine kleine Schwester Annalotta Leigh Augustsson vor – dass “kleine” betrug nur eine Minute, denn wir waren Zwillinge und er hatte es vor mir geschafft, auf die Welt zu kommen. Doch wann immer er die Chance dazu bekam, war ich stets die kleine Schwester.
      Es dauerte gar nicht lange, da war er mit ein paar der Jungs zum Buffet verschwunden und hatte mich einfach stehen lassen. Toll, dachte ich mir und schaute mich Hilfe suchend um.
      Die Mädels schienen nach der Vorstellungsrunde ebenfalls ziemlich schnell das Interesse verloren zu haben, sodass ich einfach kehrt machte und zurück zum Transporter ging, aus dem Herr Holm gerade unsere beiden Pferde auslud. “Lassen Sie, ich nehm’ Dude selbst”, verkündete ich und schnappte mir den Führstrick des Scheckens. Small Town Dude plusterte sich, ganz untypisch für ihn, enorm auf und wieherte einmal laut. Up Town Girl antwortete ihm sofort. So eine lange Reise hatten sie gar nicht hinter sich gehabt, von der Bow River Ranch zum Whitehorse Creek Stud.
      Auf dem Hof gab es für jedes Pferd eine Paddockbox. In eine dieser Boxen brachte ich Dude, löste den Strick vom Halfter, sah ihm zu, wie er sofort nach draußen trabte und sich neugierig umsah. Die Boxen waren alle leer und ich fragte mich wirklich, wo die anderen Pferde abgeblieben waren.
      Als ich mich umdrehte, kam auch schon Herr Holm mit Girl und stellte sie auf die gegenüberliegende Seite. “Herr Holm wo sind denn die ganzen anderen Pferde?”
      “Verteilt auf den Koppeln”, antwortete er mir knapp drückte mir den Strick von Girl ebenfalls in die Hand und wandte sich zum Gehen. “Nimm dir auch was zu essen vorne vom Buffet. Es wird ein langer Tag.”
      Nach einem kurzen Blick auf mein Handy hellte sich meine Miene sofort auf. Caleb hatte mir geschrieben, dass er es vermutlich für unseren Ritt schaffen würde, hierherzukommen.
      Die letzten Wochen, als wir bei und mit ihm trainiert hatten, hatte ich mich mit ihm angefreundet. Wenn man ihn erst besser kannte, war er einer der besten Freunde, die man haben konnte - auch wenn sein Unterricht knallhart war und er keine Fehler duldete.
      Ich atmete einmal tief durch und machte mich nun auch auf zum Frühstück, bei dem ich mich kurzerhand neben meinen Bruder setzte. Zum Glück war dort noch ein Platz frei gewesen, sodass ich mir die Blamage ersparen konnte, wie ein scheues Reh hin und herzulaufen, um mir einen Platz zu suchen.
      Seph sah kurz zu mir rüber, schaute mich fragend an und wartete auf ein kleines Nicken meinerseits. Erst dann wandte er sich wieder dem Gespräch der Jungs zu, an dem er weiterhin rege teilnahm.

      Lina
      Wie jeden Morgen saß ich mit Samu und meinen anderen Kollegen ein wenig abseits des Teams und natürlich hatte sich Niklas auch dazugesellt. Während die andern sich nicht wirklich für die beiden Neuankömmlinge zu interessieren schienen, entging mir nicht, dass die junge Dame ein wenig verloren aussah zwischen den ganzen Jungs. Somit beschloss ich sie aus ihrer Lage zu befreien und sie zu uns an den Tisch einzuladen.
      “Wo willst du hin?”, fragte Samu interessiert, als ich gerade aufstehen wollte.
      “Na unsere Gastfreundschaft unter Beweis stellen”, antwortete ich und lief rüber zum Tisch, wo die beiden Neuen mit den Jungs saßen.
      “Hallo und Herzlich willkommen hier bei uns auf dem Hof. Ich bin Lina”, stellte ich mich vor allem dem rothaarigen Mädchen vor, denn ihre Begleitung war in die Gespräche mit den Jungs vertieft.

      Annalotta
      Gott sei Dank, dachte ich mir und schaute zu der jungen Frau herüber, die sich gerade als Lina vorgestellt hatte. “Ich bin Annalotta Leigh, aber nenn mich bitte Anna, das andere auszusprechen dauert immer ewig”, sagte ich verlegen und rutschte ein Stück in Richtung meines Bruders, der murrend ebenfalls Platz machte. Lina setzte sich und deutete auf Seph. “Das ist Joseph Magnus – den kannst du aber ruhig Seph nennen.”
      “Auch ein Name, für den man ewig braucht, um ihn auszusprechen”, lachte Lina und ich stimmte in ihr Lachen ein.
      “Herr Holm hat etwas erzählt, dass gleich eine Kür stattfinden soll?”, versuchte ich das Gespräch in Gang zu halten.
      Lina nickte. “Genau, eine Dressurkür. Wer die nicht packt, muss heute Mittag einen Springparcours absolvieren.”
      Ich horchte auf. “Und das müssen alle machen? Ich dachte, ihr habt auch Gangreiter oder eben welche, die nicht Dressur reiten?”
      “Richtig, das müssen alle machen.”
      Etwas Panik stieg in mir hoch. Würde mir das auch bevorstehen? Eine Dressurkür oder einen Springparcours mit Dude zu absolvieren? Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich eine gute Reiterin war. Aber wie man so schön sagte: ‘Schuster bleib bei deinen Leisten. ’
      Lina schien meinen leichten Anflug von Panik zu erkennen und lachte kurz.
      “Ich weiß nicht genau, was für euch vorgesehen ist, aber ich denke nicht, dass ihr mitreiten sollt. Wir können nach dem Frühstück mal einen der Trainer danach fragen” erklärte sie dann freundlich. “Ihr kommt aus dem Westernsport, oder? Hab ihr hier in der Nähe trainiert oder wie kommt es dazu, dass ihr heute erst dazustoßt?”, erkundigte sie sich dann freundlich.
      Lina schien eine Nette zu sein. Zumindest nach dem ersten Eindruck. “Genau, wir waren jetzt einige Wochen hier in der Nähe auf der Bow River Ranch und haben da trainiert. Von dort haben wir auch meinen Hengst Small Town Dude, der zufälligerweise denselben Vater wie die Stute meines Bruder Up Town Girl hat.”
      “Small Town Dude und Up Town Girl”, wiederholte Lina die Namen der beiden Pferde. “War der Zufall?”
      Ich zuckte mit den Schultern. “Der Vater ist Town Traveller, keine Ahnung was sich der Züchter dabei gedacht hat- und dass sie jetzt beide uns gehören, das hat sich dann eben so ergeben.”
      “Ach ich finde die Kombination gut. Auf der Bow River Ranch also? Wir haben aktuell eine Stute dort, damit Caleb sie ausbildet. Blue Heart, eine Blue Roan Stute. Vielleicht habt ihr sie ja gesehen”, erzählte Lina freundlich und fügte dann noch hinzu: “Wenn du möchtest, stell ich dir mal die anderen dahinten vor.” Mit einem Kopfnicken deutete sie auf einen Tisch ein Stück entfernt. Ich folgte ihr zu dem Tisch, wo sie sich gleich neben einen großen, muskulösen Mann setzte.
      “Setzt dich ruhig dazu, hier frisst dich keiner”, forderte sie mich auf und ich setzte mich neben einen großen blonden Mann, dem mir auch sogleich vorgestellt wurde: “Also der nette Kerl neben dir ist Samu, bester Freund und Lebensretter in alle Lagen. Wir arbeiten zusammen hier, oder besser gesagt, arbeiteten zusammen hier.” Freundlich lächelte mir der junge Mann zu.
      “Und der hübsche Kerl hier neben mir ist Niklas, mein Freund. Er vertritt das schwedische Team im Eventing”, stellte sie mir dann auch noch ihren Sitznachbarn vor und war ihm dabei einen ziemlich verliebten Blick zu.
      “Hi, ich bin Annalotta Leigh, aber nennt mich ruhig Anna”, stellte auch ich mich vor. “Ihr seid hier ja wirklich ganz schön viele”, stellte ich fest, als ich mich noch ein wenig umsah. “Dressur, Gang, Springen und Eventing. Und vielleicht bald noch Reining als Westerndisziplin.”
      “Wann geht’s denn hier los mit den ersten Prüfungen?”, fragte ich in die Runde und vor allem an Lina gewandt.

      “Wir haben den Plan noch nicht bekommen, aber er sollte demnächst endlich mal aushängen”, antwortete der Mann neben Lina, der mir als Niklas vorgestellt wurde.
      “Okay”, meinte ich schulterzuckend und schaute mich um. “Dann geh ich wohl mal fertig frühstücken, nicht dass ich mit halb leerem Magen hier herumlaufe … aber freut mich euch kennengelernt zu haben.” Somit stand ich auf und ging zurück zu meinem Bruder. Dort setzte ich mich wieder auf die Bank und aß mein Brötchen, welches ich mir eben am Buffet zusammengestellt hatte, zu Ende.

      Vriska
      “Wir haben die Starterliste aufgehängt. Linh, du kannst schon mal Móra fertig machen. Danach kommt dann Ambrose”, sagte Herr Holm und hing einen Zettel an das Mauerwerk neben dem Buffet auf. Natürlich stürmte der Großteil der Truppe dorthin, während ich mit Trymr am Tisch sitzen blieb. Immer wieder warf ich einen prüfenden Blick zu den beiden Neuankömmlingen, die auch schon ohne Pferde einen guten Eindruck machten.
      “Du bist um 10:45 Uhr mit Glymur dran, also vor der Pause”, sagte Chris mir bei seiner Rückkehr Bescheid und ich nickte zustimmend. Ich schreib Erik, damit er pünktlich da sein konnte. Das Gewusel auf dem Hof wurde immer größer. Im minütlich Abstand fuhren Autos die Auffahrt entlang und parkten. Offensichtlich kamen mehr Gäste als ich dachte und dass, obwohl wir ein komisches Team aus Europa waren. Acht Uhr dreißig war es bereits, als ich immer wieder auf die Uhr sah und irgendwie versuchte zu evaluieren, wie lange ich benötigte, um Glymur fertig zu machen. Seine Mähne müsste ich wohl noch einmal waschen und sein Fell sieht durch die Decke vermutlich auch nicht besonders gut aus. Spätestens dreißig Minuten vor der Prüfung sollte ich auf meinem Pferd sitzen. Also um neun Uhr das Pferd holen? Nein, das wäre zu früh. Vielleicht zehn Minuten später, dann könne ich mir Zeit lassen. Das sollte so passen.
      “Wann bist du an der Reihe?”, erkundigte ich mich bei Chris, der mit freundlicherweise noch einmal den Kaffee nachschenkte.
      “Er ist in der zweiten Hälfte. Also habe ich alle Zeit der Welt”, scherzte er. Nervös biss ich wieder auf meinem Lippenpiercing herum. Dabei noch einmal einen kräftigen Schluck aus der Tasse zu nehmen, würde mir später noch zum Verhängnis werden.
      “Und im Gegensatz zu dir, wir sind sozial und werden nun mal zu den Neuen gehen”, scherzte Chris und lief zu dem anderen Tisch. Somit blieben nur noch der ponygroße Hund und ich, der mich erwartungsvoll ansah. Hunde machten mir Angst und seine riesigen strahlenden Augen, halfen mir nicht dabei, die Situation in den Griff zu bekommen. Doch Trymr hatte auch seine Bedürfnisse, die ich mit einer kleinen Runde zum Waldrand stillte.
      Obwohl ich bei Eriks Ordnungszwang der festen Überzeugung war, dass der Hund problemlos abrufbar sein sollte, traute ich mir nicht zu, die Leine vom Halsband zu entfernen. Wieso musste ich das hier überhaupt gerade machen, ärgerte ich mich und lief durch den tiefen Sand. Mit zwei Hosen und der Wärme der Sonne war es alles andere als angenehm. Von hinten hörte ich Milena und Linh über irgendwas lästern. Zumindest lachten sie immer und ich würde schwören, dass ich “Niklas” vernahm. Vielleicht irrte ich mich auch. Im Kopf schwirrte noch immer zu viel von ihm.
      Trymr beendete seine Geschäfte und wir drehten um. Von der kleinen Erhöhung, auf der wir standen, konnte man den ganzen Hof erblicken. Der Springplatz war dekoriert mit bunten Girlanden und ein Getränkewagen stand bereit. Langsam aber sicher machte sich das Lampenfieber in mir breit, besonders in Aussicht darauf, dass ich wieder dazugehörte. Vielleicht sollte ich doch nicht umdrehen, sondern immer tiefer in den Wald, bis mich keiner mehr finden konnte.
      Neun Uhr. Eigentlich wollte ich langsam Glymur holen, doch meine Beine bewegten sich nicht von der Stelle. Die Musik lief bereits und Linh töltete auf dem eingezäunten Dressurplatz ein. Ihre braune Stute ging genügsam vorwärts und ließ sich weder von den bunten Bändern ablenken, noch der Ansammlung von Menschen. In einer Ecke sah ich einen Fotografen stehen, na toll. Mein Versagen würde später sogar noch mit Bildmaterial unterstützt werden.
      “Wo warst du?”, kam auf einmal Erik auf mich zu, als ich zum Zimmer lief.
      “Mit deinem Ungeheuer im Wald”, sagte ich kurz und drückte ihm die Leine in die Hand. Von irgendwoher kam auf einmal schwanzwedelnd der weiß gepunktete Hund angelaufen, den ich bereits ein paar Mal über den Hof laufen sah. Interessiert blieb der helle Hund vor Trymr stehen. Obwohl das Punktetier nicht gerade winzig war, neben dem Ungetüm sah er trotzdem klein aus.
      “Oh, schau mal. Trymr findet schon Freunde”, schwärmte der Typ im Anzug direkt wie ein kleines Kind.
      “Du bist seltsam”, murmelte ich und trat einige Schritte beiseite, als die beiden Tiere zu spielen begannen.
      “Ich werde dann mal meine bessere Hälfte holen”, fügte ich noch hinzu und lief zum Stall. An der Box hing noch der Strick, den ich sogleich ergriff und noch meine Handschuhe aus dem Putzkasten nahm. Ich sollte den mal sauber machen, überlegte ich beim Vorbeigehen. Nicht jetzt, sonst verlor ich noch mehr Zeit.
      “Du kannst mich doch nicht einfach so stehen lassen”, lachte Erik. Die beiden Hunde folgten uns und rannten erfreut miteinander herum. Er hatte bereits die Leine vom Halsband entfernt und sich um den Hals gehangen.
      Von Weitem erblickte ich das Horrorszenario des Tages. Die hellgraue Decke Glymurs hing vollkommen zerfetzt an ihm herum und er wirkte sehr unbeholfen. Nicht einmal zum Tor kam er gelaufen, offenbar hatte sich der ehemalige Rückenteil um seine Hinterbeine gewickelt. Genervt befreite ich Glymur aus seinem selbst verstrickten Schicksal und legte die Reste der Ekzemerdecke auf ihn. Das einzige noch vollständige war das Halsteil, das wenigstens die Doppelmähne schützte.
      “Was machst du nur immer”, fluchte ich beim Verlassen der Weide.
      “Da wollte wohl jemand dein Superheld werden und statt Ganzkörperanzug ein Cape haben”, munterte Erik mich auf. Er konnte nicht nachvollziehen, wieso es für mich ein kleiner Weltuntergang war. Vermutlich könnte das niemand. Immer wieder zog ich hektisch an dem Strick herum, wenn Glymur langsamer wurde und zu den wenigen Grashalmen am Wegesrand anschielte. Nervös schlug er mit seinem Kopf.
      “Deinen Frust musst du nicht an ihm auslassen” stoppte mich Erik plötzlich.
      “Geh aus dem Weg, ich habe keine Zeit”, fauchte ich, was ihn jedoch nicht beeindruckte. Stattdessen rannten die Hunde um unsere Beine und Glymur betrachtete sie interessiert. Ich atmete tief ein und aus mit geschlossenen Augen. Die Angst zu versagen war präsenter denn je.
      “Besser?”, erkundigte er sich im nächsten Augenblick. Ich nickte und wir liefen weiter. Dabei begegnete uns Linh, die am langen Zügel im Schritt noch einen kleinen Ausritt machen wollte. Sie erzählte mir davon wie gut Móra sich heute präsentierte. Ich beglückwünschte ihr zu der Leistung, obwohl es mich mehr ärgerte als zufriedenstellte. Ihre Aufstellung für die nächste Saison hatte sie so oder so in der Tasche, nur ich musste noch bangen. Dabei richtete sich wieder der Blick zu Glymur, der die Decke wirklich bis ins Detail auseinandernahm. Retten konnte ich nichts mehr. In Schweden sollte noch eine Neue im Spind liegen.
      Leise summte ich Zombie mit. Das Lied ertönte aus den Boxen am Platz zu dem Milena gerade Kempa präsentierte. Die Zeit verging wie im Fluge und immer mehr Zuschauer kamen dazu.

      Jace
      “Und du glaubst wirklich, dass ich ausreichend vorbereitet bin?”, fragte ich Alec, der mir gegen hielt. Jetzt, wo die kurz bevor stand war ich doch nicht mehr so ganz davon überzeugt, dass es eine gute Idee war. Immerhin hatte ich gerade einmal zwei Tage gehabt um mir die Kür zu überlegen und zu üben. An den Fähigkeiten meiner Stute zweifle ich weniger, meine größere Sorge bestand darin, dass ich vergaß was als Nächstes kam.
      “Ach was Jace. Denk nicht so viel, eine M-Kür schaffst du locker und dein Pony da ist in Bestform”, versuchte er mich zu beruhigen.
      “Schön, dass wenigstens du dir da so sicher bist”, murmelte ich und trieb die Palominostute in den Schritt. Die Ereignisse gestern hatte mich ziemlich aufgeregt, dann damit war wohl die Chance Lina für mich zu gewinnen endgültig gestorben. Doch für Gefühlsduselei blieb jetzt keine Zeit. Wenn ich jemals zu einem internationalen Team gehören wollte, musste ich in der Lage sein, meine Gefühle auszublenden, zumindest für die paar Minuten im Viereck. Sunny schlug mit dem Kopf und verlangte nach mehr Zügel, den ich ihr auch sofort gab.
      “Jace entspann dich, ihr schafft das”, rief Alec mir noch einmal zu. Ich amtete noch einmal tief durch und begann meine Stute konzentriert abzureiten. Anfangs war die Stute noch ein wenig unflexibel, doch nach einigen gebogenen Linien und Handwechseln wurde sie lockerer.
      Eine halbe Stunde später stand ich mit Sunny am Eingang des Reitplatzes und ließ nervös einen Blick über die Zuschauer schweifen. Zwischen meinen Kollegen entdeckte ich auch Lina und natürlich war sie nicht allein, was mir einen leichten Stich versetzte. Ich konnte immer noch nicht nachvollziehen, warum sie sich für ihn entschieden hatte. Alec der Sunny gerade noch die Gamaschen von den Beinen nahm, schien meinen Blick bemerkt zu haben, denn er sagte: “Egal woran du jetzt gerade denkst, vergiss es sofort und habe dein Ziel im Auge. Dein Ziel ist eine grandiose Kür abzulegen und deiner reiterlichen Karriere damit hoffentlich einen Aufschwung zu geben. Vergiss das nicht.”
      Die Reiterin vor mir hatte gerade ihre Kür beendet und verließ unter Applaus den Platz. Ich atmete noch einmal tief durch, schob alle störenden Gedanken in den Hintergrund. Für die folgenden 5 Minuten würde es nur noch mein Pferd und mich geben.
      “Hals- und Beinbruch”, wünschte mir Alec, nachdem mich der Moderator angekündigt hatte. Ein letztes Mal strich ich meiner Stute über ihr goldglänzendes Fell, bevor ich im Trab einritt. Punktgenau auf X hielt ich die Stute an und grüßte die Richter. Die Musik setzte ein und ich trabte Walking In Sunshine direkt aus dem Stand an. Zu meinem Glück war das Pferd heute besonders aufmerksam und setzte meine Hilfen auch direkt um. Von X ging es direkt zu der Ecke nach M, um bei C schon wieder auf die Mittellinie abzuwenden. Auf der Mittellinie ritt ich ein Travers bis X. Dort stellte ich Sunny direkt in eine linke Volte, um aus der dieser heraus direkt in eine rechte Volte zu wechseln. Brav und punktgenau ließ die Palominostute sich umstellen. Es folgte ein Handwechsel von K zu M. Auf der diagonalen ließ ich die Stute die Tritte verlängern und obwohl die Trabverstärkung nicht zu ihrem Spezialgebiet gehörte, bekam sie das richtige Maß an Schub, nur leider fing ich sie eine Sekunde zu spät wieder ein, sodass sie die Ecke ein wenig abkürzen musste. Bei S leitete ich eine Traversale ein, die ich zu X wieder auflöste. Beim erneuten Wechsel von F zu H zeigte ich noch einmal die Trabverstärkung, bevor ich Sunny bei C zum Schritt durch parierte. Aus der Ecke heraus ritt ich eine Kehrtvolte. Locker und in einem fleißigen Tempo schritt die Stute dahin und ließ sich bei S gut abwenden. Ich ritt einen Handwechsel durch die halbe Bahn und galoppiert bei F aus dem Schritt heraus an, bog auf die Mittellinie ab und leitete direkt eine Traversale ein. Am Hufschlag angekommen, ritt ich selbiges noch einmal in die andere Richtung, bevor ich wieder auf den Hufschlag ritt. An der langen Seite zeigte ich auch die Verstärkung im Galopp, woraufhin ich einen Handwechsel ritt und die Verstärkung auch noch einmal auf der anderen Hand zeigte. Bei F wechselte ich wieder in den Trab, ritt zu X wo ich die Stute anhielt und die Richter grüßte. Ich lobte die Stute ausgiebig, denn sie hatte eindeutig ihr bestes heute gegeben und verließ am langen Zügel die Bahn.
      “Wusste ich doch, dass du es kannst. Ihr zwei saht super aus”, empfing mich Alec am Ausgang und steckte meiner Stute ein Leckerli zu.
      “Alec doch nicht, wenn sie die Kandare trägt”, beschwerte ich mich sogleich.
      “Ach was, dein Pferd wird es noch grade so schaffen ein Leckerli zu fressen”, lachte Alec und strich der Stute über den Hals. Na, soll er mal machen, ich hatte jetzt keine Lust mit ihm zu diskutieren.
      “Und du glaubst, dass es gut genug war?”, fragte ich ihn nun. Immerhin ging es mir hier um mehr als um einen Sieg auf einem Turnier.
      “Aber sicher doch”, versuchte Alec mich zu überzeugen.
      “Ich weiß nicht, wofür gut genug, aber da muss ich ihm recht geben. Das sah wirklich gut aus und ihr führt auch aktuell mit 73 %”, kam plötzlich auch Niklas freudestrahlend dazu.
      “Äh, danke”, erwiderte ich, ein wenig irritiert darüber das Niklas so freundlich war. Irgendwie entsprach das nicht so ganz meine Erwartungen. Ich weiß zwar nicht, was ich erwartet hatte wie er sich verhielt, aber das auf jeden Fall nicht.
      “Na siehst du Jace mit 73% kann man nicht behaupten, dass es schlecht war”, lachte Alec.
      „Besonders der Richter in der Mitte war sehr überzeugt. Im Vergleich zu den anderen gab er immer die höchste Wertung. Also was auch immer das werden sollte, Glanzleistung“, betonte Niklas noch einmal, bevor mit erhobenem Haupt wieder verschwand zu Lina und Samu. Offenbar war sein Lob wirklich ernst gemeint. Vielleicht musste ich meine Meinung zu Niklas noch einmal überdenken, doch jetzt sollte ich erst einmal meine Stute versorgen.
      “OHHH MEEEEIN GOOTT. Das war eine erstklassige Leistung”, kam Milena wild gestikulierend angerannt. Noch bevor ich mich mit Alec auf den Rückweg machen konnte, hielt sie uns auf.
      “Ich habe doch von Anfang an gesagt, dass du das rocken wirst. Mit der Wertung liegt ihr mehr als 13 % vor den Anderen”, schwärmte sie förmlich. Am Rande des Zaunes wurde ein Fernseher aufgestellt, auf dem die heutige Rangliste zu sehen war. Sie hatte mit ihrer Stute gerade mal 46 % erreicht und bisher führte Linh mit 59,8 %. Damit eine Rangliste so hoch anzuführen, hatte ich mich selbst übertroffen, doch noch war offen, ob das auch so bleiben würde, schließlich gab es noch einige Starter. Doch das Ergebnis, zusammen mit dem was Niklas über den Richter gesagt hatte, gab mir das Gefühl, das ich meinem Traum gerade ein kleines Stück nähergekommen war.
      “Danke, außerdem hat die Hauptarbeit, ja diese Schönheit hier gemacht. Aber deine Leistung kann sich auch sehen lassen, dafür dass ihr eigentlich in einer anderen Welt zu Hause seid mit euren Ponys”, antwortete ich und strich Sunny über das Fell.
      “Ihr solltet euch alle mal ein wenig mehr informieren. Wir tölten nicht nur im Kreis. Aber darüber können wir später diskutieren”, antwortet sie noch schnippisch und ließ uns endlich wieder in Ruhe. Ihre vollkommen übertriebene quietschende Stimme konnte einem, Kopfschmerzen bereiten.
      “Kommst du mit? Ich glaube Sunny hat sich ihr Futter heute wirklich verdient”, wand ich mich an Alec. Er nickte und zusammen ging es in Richtung Stall.

      Vriska
      Mein Magen grummelte unzufrieden und auch Glymur brummte bei jedem Schritt. Finley schien erst bei der Hälfte seiner Kür zu sein. Ungeduldig sah ich alle zwei Sekunden auf die Uhr, nur um zu sehen, dass die Zeit so nicht schneller verging.
      “Jetzt warte doch mal”, sagte Erik plötzlich am Zaun. Ich bremste Glymur in den Stand und blickte über die gepflegte Doppelmähne. Er drückte mir ein silbernes Fläschchen in die Hand, dass er aus seiner Innentasche holte. Noch bevor er sagen konnte, dass ich nur einen Schluck nehmen sollte, war das Ding bereits leer. Tatsächlich fühlte ich mich direkt besser. Das Brennen in meiner Magengegend breitete sich aus. Zum Glück ritt ich nur eine gute Kür, die auf der klassischen Skala einer L-Dressur entsprechen sollte. Oder zumindest irgendetwas dazwischen.
      “Du schaffst das”, munterte Erik mich noch einmal auf und stellte sich zu Chris. Sie bildeten damit meinen kleinen Fanclub und ich freute mich darüber. Die größten Erfolge erzielte ich bisher mit dem Zuchthengst, Litfari, von Bruce. Finley verließ den Platz mit einer Wertung von 55 % und belegte damit den vorletzten Platz. Vielleicht sollte ich mir, als Ziel setzen Erster von hinten zu werden, denn damit würde ich meine Erwartungen nur übertreffen können. Es gab nun keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, was ich schaffe und was nicht. Stattdessen ertönte Beacon of Light aus den Lautsprechern. Das Zeichen starten zu müssen. Im Mittelschritt ritt auf den Platz ein und konzentrierte mich nur auf die Musik. Gut, Atmung war ebenfalls wichtig. Die sanften Töne des Synthis versetzten mich in einen Trancezustand; ich ritt auf die Mittellinie. Wie auch Linh wählte ich den Tölt bei Erreichen des Hufschlages und wendete punktgenau ab. Glymur konnte ich blind vertrauen, denn meine Hilfen für den einfachen Galoppwechsel sollte ich noch einmal üben, doch er verstand, was ich wollte. Auf dem Zirkel galoppierte ich noch eineinhalb Runden. Als Nächstes folgte noch eine doppelte Schlangenlinie im Arbeitstölt.
      Nach dem Gruß ließ ich mir die Zügel aus der Hand kauen und ritt im Schritt vom Platz. Der Schweiß floss wirklich überall und auch an Glymurs Hals zeichneten sich die Zügel ab.
      “War doch super”, freute sich Erik und wurde sogleich von Glymur begrüßt. Er schnupperte seinen Kopf an seiner Schulter. Chris zog ihm das Pony weg und öffnete die Kinnkette der Kandare. Das Ding von meinem letzten Geld in der Stadt gekauft zu haben, war vermutlich die beste Entscheidung. Obwohl, dass ich Erik schrieb, zählte auch dazu. Ich drehte mich im Sattel, um die Liste zu sein, weil die Ansage des Lautsprechers hatte ich vollkommen überhört oder ignoriert. Sicher war ich mir nicht. Dritter, nach gut. Vielleicht konnte ich eine Aufstellung doch erwarten.
      Mit festem Boden unter den Füßen umarmte mich Chris plötzlich und versteinerte. Doch klopfte ich ihm dann auch am Rücken. Erik war noch immer damit beschäftigt die Spucke des Pferdes von seinem Anzug zu entfernen.
      “Wir haben dir alle gesagt, dass es nicht sinnvoll ist, den zu tragen”, lachte ich und führte Glymur über den Weg. Es war nun Pause, doch Niklas ritt Smoothie bereits warm.
      “Du hast auch ein Jackett an”, fluchte Erik scherzhaft und ich zuckte mit den Schultern.
      “Und sogar eine weiße Hose”, lachte ich. Als hätte Trymr verstanden, was das bedeutete, sprang er an mir hoch und ich wippte nach hinten. Das Ungeheuer wog nur etwas weniger als ich, doch an Glymur konnte ich mich noch festhalten, bevor ich den Boden berührte.
      “Die jetzt offensichtlich dreckig ist”, belustigte sich Erik über sein wild gewordenes Tier. Ich rollte mit den Augen und setzt das Pony wieder in Bewegung, als sich nun Frau Wallin in unseren Weg stellte.
      „Vriska, keiner hatte erwartet, dass ich noch so ein so eine gute Wertung erzielen würdet“, lobte sie Glymur. Was sollte das denn heißen? So schlecht empfand ich den Anfang gar nicht. Pony lief einen gleichmäßigen Viertakt und ich hatte die meiste Zeit keinen Zug auf der Kandare.
      „Gut, dass dein Vater noch die Unterlagen deiner letzten Untersuchung schickte, sonst wären wir alle ziemlich traurig darüber, wenn du gehst“, sprach sie weiter. Bitte, was? Habe ich mich gerade verhört? Mein Erzeuger hatte ihr meine ärztliche Untersuchung geschickt? Tausend Fragen eröffneten sich in meinem Kopf. An meiner Hand spürte ich plötzlich etwas und ich sah rüber. Erik nahm sie und lächelte freundlich. Hatte er ihm davon erzählt und wenn ja, aus welchem Grund. Wenn er das war, dann bringe ich ihn um. Wirklich.
      „Hast du ihm das gesagt?“, fauchte ich aggressiv und die anderen beiden sahen mich schockiert an. Auch andere Blicke der Zuschauer erntete ich. Offenbar hatte ich mich mehr im Ton vergriffen, als ich wollte.
      “Was wäre, wenn es so wäre?”, fragte er vorsichtig und ich zog meine Hand aus seinen Fängen.
      “Du weißt selbst, wo dein Auto steht”, schnaubte ich und setzte mein Pony in Bewegung. Irgendwas hörte ich noch hinter mir, doch so in Rage lief ich in den Stall. Glymur war somit doch der einzige Typ in meinem Leben, der keine blöden Ideen hatte.
      Als Erstes zog ich den Zaum von seinem Kopf und im selben Zuge entfernte ich den Sattel. Ich brachte alles in die Sattelkammer und warf es einfach nur in die Ecke, bevor meine Knie zusammensackten. Ich lehnte weinend an der Wand.
      “Schätzungsweise war das Ding teuer”, stand auf einmal Erik in der Tür.
      “Försvinn!”, brüllte ich ihm entgegen, was ihn gar nicht auf die Idee brachte, sich umzudrehen und zu gehen. Stattdessen ging er vor mir in die Knie. Auch Trymr folgt ihm und steckte seinen Kopf durch meine Beine, um den Blickkontakt zu suchen. Ich musste lachen, wie konnte dieser Hund nur so besessen davon sein, sich bei mir einschleimen zu müssen.
      “Ich war das”, sagte auf einmal Max, der mein Pony in der Hand hatte.
      “Bitte, was?”, fragte ich empört und wurde rot. Es war nicht fair von mir, dass ich direkt Erik beschuldigte. Doch er schien mir nicht einmal böse zu sein, sondern setzte sich mit in den Dreck. Trymr steckte währenddessen weiterhin seinen Kopf durch meine Beine.
      “Ich werde gehen und weil ich wusste, was die einzige Lösung für unseren Hof war, habe ich ihn angerufen”, erklärte Max weiter. Das waren jetzt zu viele Informationen für mich. Warum geht er und noch viel mehr, warum ruft er meinen Vater an? Allerdings ergab es Sinn, denn Max war der Einzige, der den Kerl kannte.
      “Was?”, fragte ich erneut schockiert und wischte meine Tränen beiseite. Erneut erklärte er mir alles und dass seine Mutter krank wurde vor einigen Tagen. Er deswegen zurück nach Deutschland gehen würde. Im selben Zuge fragte er noch nach, ob ich mich in der Zeit, um die Stuten kümmern würde. Ich nickte und er ging wieder. Mein Pony nahm ich entgegen und war vollkommen überfordert. Einerseits wollte ich gerade alles dafür tun, Erik nicht so angefahren zu haben, andererseits war er selbst schuld, wenn er so eine blöde Antwort gab.
      “Warum sagst du so was?”, fragte ich schließlich, als ich Glymur mit dem Schlauch abkühlte und meine Hose mittlerweile ein wunderschönes Muster aus Dreck annahm.
      “Mir war nicht klar, dass das so ein sensibles Thema ist. Es tut mir leid”, sagte Erik. Gerade als er auf mich zu lief, hielt ich einfach den Schlauch auf ihn. Das hatte er verdient! Trymr sprang erst zur Seite, als einige Tropfen sein Fell berührten, doch biss dann in den Strahl. Der Boden des Waschplatzes wandelte sich in ein Planschbecken. Bei jedem Sprung des Ungeheuers spritzte der Matsch an meine weiße Hose und auch Erik blieb nicht verschont davon. Glymur hingegen nutzte den leichtesten Ausweg und lief zum nächstmöglichen Grashalm.
      “Den wollte ich morgen noch mal anziehen, aber gut. Glymur war bereits einer anderen Meinung”, drückte sich Erik vollkommen nass an mich heran.
      “Zum Glück nicht”, lachte ich und gab ihn einen kurzen Kuss. Dann löste ich mich wieder, um mein Pony einzufangen, dass sich immer weiter entfernte.

      Annalotta
      Ich war wirklich froh, dass nun eine Pause gemacht wurde. Statt mir den ganzen Tag den Hintern platt zu sitzen, würde ich viel lieber auch eine der Starterinnen sein. Ich stand auf und streckte mich einmal. “Seph kommst du mit zu den Pferden?”, fragte ich meinen “großen” Bruder, der nickte und mir dann folgte.
      Auf dem Hof blieb ich stehen. “Welcher von den Ställen war es denn nochmal gewesen …”, murmelte ich, als ich Lina um die Ecke kommen sah – ein vertrautes Gesicht. “Hey Lina, kannst du mir gerade mal helfen? In welchem Stall stehen unsere Pferde nochmal?”
      Lina lachte, winkte uns rüber und gemeinsam gingen wir zum Stall, in dem jetzt schon ein wenig mehr los war. “Das sind aber wirklich zwei hübsche … und die Farben!”, schwärmte sie und zeigte auf Girl. “Die gehört bestimmt dir, Anna, oder?”
      “Da muss ich die leider enttäuschen, das ist meine”, sagte Joseph, öffnete die Boxentür der Stute und ging hinein. Er strich ihr den gelockten Schopf aus dem Gesicht und klopfte ihren Hals.
      “Dann ist das deiner”, schlussfolgerte Lina und schaute zu Dude.
      Auch ich öffnete die Boxentür, ging gefolgt von Lina hinein und strich seine Zöpfe zur Seite. “Genau, Girl von Seph und Dude von mir.”
      “Ich finde die Namen noch immer super witzig.” Lina streckte ihre Hand in Dudes Richtung und wurde sofort von ihm beschnuppert.
      “Es sind beides wirklich Goldschätze, die Stute wie der Hengst.”
      “Das ist viel wert, vor allem bei einem Hengst”, meinte sie und schaute auf die Uhr. “Ich verlass euch mal wieder.”
      “Okay, man sieht sich nachher bestimmt nochmal”, murmelte Seph aus der Nachbarbox und ging wieder in die Stallgasse. “Die, die ich bisher kennengelernt habe, waren alle ziemlich nett. Wie sieht es bei dir aus?”
      “Lina ist sehr nett, ja. Sie hat mich, glaube ich, auch einem Niklas vorgestellt. Die anderen Namen habe ich wieder vergessen”, antwortete ich ihm schulterzuckend und schloss auch die Box von Dude. “Ich hoffe, wenn wir wirklich mit ihnen mitreisen, dass sie uns genauso behandeln wie alle anderen. Wir beide sind ja dann mit der Reining als Disziplin in der Minderheit … wobei so viele Gangreiter gibt es auch nicht.”
      Seph zuckte mit den Schultern. “Das bleibt abzuwarten … komm, lass uns etwas zu essen holen und dann wieder zur Tribüne gehen, es müsste gleich weitergehen.”
      Gesagt, getan. Wir gingen zum Mittagessen, schnappten uns etwas und setzten uns wieder auf die Tribüne. Dort saßen ein paar der Jungs und Mädels, deren Namen mir leider nicht einfielen. Wir setzten uns neben sie und aßen, während der nächste Reiter in der Bahn war.
      Lange zuschauen konnten wir allerdings nicht, denn wenige Minuten später kam Frau Wallin zu uns und versperrte Seph und mir die Sicht. “Hallo ihr beiden, habt ihr euch schon ein wenig mit den Anderen angefreundet?”, fragte sie uns. Wir nickten beide synchron. “Super … hört mal. Wenn ihr möchtet, dürftet ihr vor der Siegerehrung mit euren Pferden ein wenig zeigen, woran ihr die letzten Monate gearbeitet habt?”
      Seph murmelte sofort ein zustimmendes ‘Gerne’, doch in mir stieg ein wenig die Panik auf. “Ich äh … ja, das müsste gehen”, antwortete ich trotz meines mulmigen Gefühls. Wovor hatte ich eigentlich Angst? Mich zu blamieren? Wenn ich eine so schlechte Reiterin wäre, hätte ich es nicht bis hierhergeschafft. Das sagte ich mir immer und immer wieder.
      “Der letzte Ritt ist um 13:45 Uhr, gegen 14 Uhr könntet ihr beide dann loslegen. Es muss kein ganzes Pattern sein, zeigt einfach ein wenig was, dass eure Pferde gut können.” Somit verabschiedete sich Frau Wallin wieder und wir konnten weiterhin den Ritt von Niklas, so hieß er glaube ich, und seinem Pferd beobachten. “Eigentlich könnten wir uns ein Pattern aufteilen”, meinte Seph nun an mich gewandt. “Ich könnte ein paar Spins und Zirkel mit dazugehöriger Speed Control zeigen und du stoppst Dude, zeigst die Roll Backs und das Rückwärtsrichten?”
      “Eigentlich keine schlechte Idee”, meinte ich schulterzuckend und sah dann wieder zum Platz. 14:00 Uhr … dann mussten die Pferde um eine Uhr gesattelt sein, damit wir sie in Ruhe aufwärmen konnten. Ein Blick auf mein Handy bestätigte mir, dass wir noch ein wenig Zeit hatten.

      Lina
      “Hier, die Salbe”, drückte ich Niklas das grüne Glimmerzeug in die Hand, dass er Smoothie auf ihr Sprunggelenk schmierte. Dann führte er die Stute zum Platz. In wenigen Minuten begann seine Vorstellung.
      “Ihr zwei werdet gleich sicher alles Verzaubern”, sagte ich mit einem Lächeln und strich der Schimmelstute über das glänzende Fell. Ich war ziemlich gespannt, wie er und Smooth wohl auf einem Turnier sein würden, immerhin zogen sie schon beim normalen Training alle Blicke auf sich.
      “Ich hoffe es, schließlich soll es ein gelungener Abschluss für sie werden”, antwortete Niklas sanft und sah prüfend auf die Uhr. Die Prüfung hätte bereits starten sollen, doch die Richter saßen noch nicht auf ihren Plätzen.
      “Das wird es, da bin ich mir sicher. Sieht so aus als wollen sie heute alle ein wenig auf die Folter spannen”, antworte ich. Obwohl das Gewusel auf dem Hof noch ziemlich groß war, schienen die meisten Zuschauer sich bereits wieder am Zaun eingefunden zu haben. Dann kamen sie endlich und Niklas stieg in den Sattel. Noch einmal wischte er sich den Sand von den braunen Stiefeln und ging es endlich los. Auch er wirkte erleichtert und grinste mich vor dem Angaloppieren an. Mit etwas Vorlauf ritt er in der Versammlung auf den Platz, bis auf der Musik herrschte eine Stille, keine unangenehme. Es wirkte sehr mystisch und die Spannung flatterte durch die Luft wie ein Schmetterling. Obwohl ich Lieder schnell erkannte, überlegte ich nach jeder Note, was es sein könnte. Die ersten Elemente erinnerten mich an den Anfang von A Million Drops, gefolgt von etwas aus In The End und dazwischen könnte es schwedische Volksmusik gewesen sein. Was da genau aus dem Boxen ertönte, war mir ein Rätsel. Im Mittelpunkt hielten die beiden sanft aber genau an, bevor sie im versammelten Trab wieder über den Sand abhoben. Die Schritte der Stute waren federnd und elastisch, ohne zu sehr mit der Fessel abzuknicken.
      Im Vergleich zu den anderen Reitern hielt Niklas sein Pferd locker am Zügel, ohne das er durchhing. Dabei immer bedacht, dass sie nicht den Kopf anzog und das Genick der höchste Punkt war. Nach dem Abwenden auf die rechte Hand bei den Richtern gab es die erste Note. Nicht anders als zu erwarten gab es die Maximalnote und sie tanzten weiter auf dem Platz, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Abgelenkt von einem Tippen auf meiner Schulter, drehte ich mich panisch um. Ein nicht großer bauchiger Mann mit schütterem Haar stand neben mir und fragte: “Ist das Ihr Pferd?”
      “Ähm … Nein, der Besitzer reitet gerade”, antwortete ich schockiert. Wie kam der Mann nur auf diese Idee, sah ich etwa aus als könne ich mit so ein Top-Pferd leisten, geschweige denn dass es auch noch von einem Top-Reiter geritten wurde? Irgendwie belustigte mich dieser Gedanke ein wenig. Aber viel wichtiger war jetzt die Frage, warum wollte dieser Mann das wissen?
      “Dürfte ich fragen, warum Sie das interessiert?”, fragte ich den Herrn höflich.
      “Ich würde die Stute gerne als Zuchtpferd kaufen, denn viel mehr wird sie wohl in dem Alter nicht mehr leisten können“, antwortete er monoton und sah zum Dressurviereck auf die beiden gerade den Serienwechsel ritten zu empirischen Klängen aus den Boxen. Was ich als perfekt empfand, sahen die Richter offensichtlich nicht so, denn es gab gerade mal 9,1 für diesen Abschnitt. Doch Niklas hatte immer noch ein breites Lächeln auf den Lippen und als er im versammelten Galopp an uns vorbeikam, murmelte er unverständlich etwas zu seinem Pferd.
      “Soweit ich weiß, steht die Stute, derzeit nicht zum Verkauf”, erwiderte ich. Auch wenn Niklas tatsächlich darüber nachgedacht hatte, glaubte ich nicht, dass er Smooth verkaufen wollte und schon gar nicht so schnell.
      “Ach, wenn Sie wüssten, wie viele Pferde ich zu Hause habe, die nie verkauft werden sollte. Mit dem richtigen Kleingeld ist das kein Problem, denn um die 2 Millionen würde ich schon bieten für sie”, antwortete er und fummelte provokant auf seinem Handy herum. 2 Millionen, eine ganz schön hohe Summe für ein Pferd, sogar für ein gutes Sportpferd. Aber eins hatte ich definitiv schon gelernt. Geld war nicht die Sache, für die sich Niklas sonderlich interessierte.
      “Glauben Sie mir, Geld ist nicht das, was die Entscheidung verändern wird”, murmelte ich mehr als das ich es wirklich aussprach und richtet meinen Blick wieder auf den Reitplatz. Dieser Typ war wirklich hartnäckig. Unwillkürlich kam in mir die Frage auf, ob Niklas sein Pferd auf jedem Turnier für Millionenbeträge hätte verkaufen können.
      “Das werden wir sehen, danke für Ihre Auskunft”, verabschiedete sich der kleine Mann freundlich und lief zurück zu einer blonden Dame, die schmachtend meinen Freund und sein Pferd beobachtet. Viel älter als ich sah sie nicht aus, aber durch ihr langes Haar war das schwer zu identifizieren. Auch ich drehte meinen Blick wieder zu Niklas, der zu den Klängen eines Klaviers in der Passage im Schein der Sonne glänzte. In der Bahnmitte folgte die Piaffe mit sanften Tritten am Boden und einer aktiven Hinterhand, ohne zu sehr im Rahmen verengt zu sein. Das Publikum bebte und Niklas sah zu mir. Sein Grinsen war noch immer breit auf seinen Lippen. Ich freute mich. Die federleichte letzte Passage beendete er mit dem Halt in der Mitte und dem Gruß der Richter. Es wurde laut um uns herum und die Stute kaute ihm im Schritt die Zügel aus den Händen. Unruhig spielte sie mit den Ohren. Mit einigen Paraden holte er die Konzentration des Pferdes zurück zu sich, als auch Herr Holm dazu kam. Er nahm Niklas sogleich das Pferd ab und reichte ihm eine Flasche mit Wasser, die er dankend ablegte und auch seine Stute zurücknahm.
      “Danke, passt schon”, murmelte er nun sichtlich unzufrieden und lief wortlos an mir vorbei. Auf dem Monitor blendete sich der Total Score von 87,3 % ein. Das Publikum klatsche noch immer begeistert und pfiff laut herum. Einige junge Damen stürmten auf ihn zu, die er weiterhin ignorierte. Neben seinem Trainer, der wirklich schockiert neben mir stand, und mir ritt als nächster Björn mit seiner Stute ein. Doch das Geschehen auf dem Reitplatz interessierte mich gerade reichlich wenig, viel eher wollte ich wissen, warum mein Freund nach einem Ritt mit absoluten Bestnoten so unzufrieden war. Ich versuchte Niklas zu folgen, was sich allerdings als gar nicht so einfach herausstellte. Inzwischen wuselten einige Leute um ihn herum, überwiegend Mädchen mit Herzchen in den Augen.

      Vriska
      Obwohl die Erfrischung mit dem Schlauch guttat, hatte ich meine Turnierhose damit vollkommen versaut. Auch Erik sah traurig an seinem Anzug herunter. Er lief bereits zum Zimmer, um sich umzukleiden und ich brachte meinen Hengst zurück auf die Weide. Zumindest das Halsteil, das noch mehr oder weniger intakt war, trug Glymur, damit die mickrige Mähne nicht vollständig verschwand.
      „Möchtest du dir nicht Niklas Ritt ansehen?“, fragte mich eine weibliche Stimme, die ich nur einer Person zuordnen – Milena. Ich zucke mit den Schultern.
      „Vielleicht hast du es noch nicht bekommen, aber er ist mir egal“, fauchte ich. Sie begann zu lachen.
      „So schlecht war er doch aber nicht im Bett“, lachte sie und lief neben mir her. Ich hätte es kommen sehen müssen, dass sie so ein Gespräch irgendwann noch mit mir führen wollte. Tatsächlich freute ich mich mehr als mir lieb war, dass sie offenbar mehr wissen wollte. Doch sie verhielt sich noch immer wie sie war, neugierig und hinterlistig. Ihre Aussage zielte vermutlich darauf hinaus, es allen im Verein zu erzählen oder sogar noch schlimmer, niemand weiß, was mit empfindlichen Informationen anfing.
      „Was soll das hier werden, wenn es fertig ist?“, fragte ich geradeheraus und rechnete mit allem, nur nicht das, was ihren Mund verließ: „Ich vermisse einfach meine beste Freundin und will nicht akzeptieren, dass so ein Kerl uns trennt.“ Mit offenem Mund musste ich erst einmal stehen bleiben und mir eine schlagfertige Antwort überlegen, denn auch ich vermisste es mit jemanden zu sprechen. Obwohl ich mich gut mit Chris verstand, hatte ich mit dem Rest des Teams keinen guten Kontakt gepflegt. Schließlich war ich bis vor einer Stunde auch noch der Meinung, die Förderung verloren zu haben.
      „Ich vermisse dich auch“, murmelte ich weniger schlagfertig als es mein Wunsch war. Sogleich schmiss sie sich um meinen Hals und ich entgegnete die Umarmung. Lange standen wir fest umschlungen da und genossen die Nähe.
      „Dann will ich jetzt wissen, warum du Niklas einen Korb gegeben hast, obwohl er die letzten Tage nicht mehr die Finger von dir lassen konnte?“, fragte Milena dann, als wir uns wieder in Bewegung setzten. Von Weiten konnte ich schon die jubelnde Menge hören, die offenbar sehr begeistert von seinem Ritt waren. Wehmütig dachte ich daran, wie er wohl mit Smoothie über den Platz tänzelte und jedes Herz im Publikum zerschlagen ließ. Ich dachte daran, wie bequem die Stute war und alles dafür tat im Mittelpunkt zu stehen. Sie waren perfekt füreinander, der Traum von Worldchampion war nur noch einen Handschlag entfernt.
      Milena drückte penetrant ihren Finger in meinen Oberarm.
      „Erde an Vriska, willst du nicht drüber sprechen?“, erkundigte sie sich erneut, da ich noch immer nicht antwortete.
      „Aus dem beherrschenden Großmaul wurde plötzlich ein mitfühlender Gentleman und …“ Milena unterbrach mich, um den Satz zu beenden: „das war nicht, was du willst. Außerdem ist die emotionale Nähe zu viel.“ zustimmend nickte ich. Passender hätte es keiner auf den Punkt bringen können.
      Wir waren inzwischen auf dem Hof angekommen, wo sich eine Traube um Niklas und seiner Stute bildete. Viele wollten Bilder machen mit ihnen, als gäbe es sonst niemanden. Unterstützt mit einem Augenrollen quetschten wir uns hin durch und blieben vor der Tribüne stehen.
      „Kommst du mit?“, fragte sie interessiert, was ich direkt verneinte.
      „Ah der Typ, der meine Freundin verschleppt hat, wartet also auf dich? Was willst du mit dem Schlipsträger?“ In ihrer Stimme schwang etwas Arrogantes mit oder auch Neid, ich war mir nicht ganz sicher.
      „Ich steh auf den Schlipsträger“, erklärte ich kurz und machte in der Luft Anführungsstriche, während ich das letzte Wort aussprach. Schockiert blickte sie mich an.
      „Okay, okay, okay. Darüber reden wir ein anderes Mal“, hörte Milena endlich auf zu fragen und verabschiedete sich. Linh winkte ihr zu.
      Mist, dachte ich, als ich den Strick in meiner Hand betrachtete, den ich vergaß zurück in den Stall zu bringen. Mit Erik wollte ich ohnehin noch Jus und Chris Ritt sehen, also mussten wir gleich wieder zurück. Als ich die Tür öffnete, blickte ich in ein schockiertes Gesicht.

      Niklas
      Überwältigt von den ganzen Menschen und Kameras lief ich mit Smoothie zum Stall, doch wurde von einem lokalen Fernsehsender aufgehalten. Wieso wurde aus der kleinen Veranstaltung so eine Furore gemacht? Seltsame Fragen stellte mir die Dame in dem Interview und wollte mehr über meine Familiengeschichte erfahren, wie mein Vater dazu stehe und warum er nicht da sei. Ich konzentrierte mich darauf, was zu Hause immer besprochen wurde. Sollt Es jemals so eine Situation geben, gab es wenige private Details und vor allem: Freundlich bleiben. Nichts durfte passieren, dass international das Ansehen der Familie schädigen könnte.
      “Mein Vater leitet die Geschäfte in Schweden und kann leider nicht bei jeder Veranstaltung dabei sein. Außerdem befinden wir uns auf einer Trainingsfahrt, die nichts mit unseren regulären Turnieren zu tun hat”, antwortete ich gelassen und strich meiner Stute über die Nase. Ein kleiner Junge mit dunklem lockigem Haar trat an mich heran und fragte, ob er sich mal auf Smoothie setzen konnte. Vor laufender Kamera setzte ich ihn auf meine Stute. Die Menge machte Platz, sodass ich ihn mehrfach auf und ab führen konnte. Dann bedankte sich seine Mutter mit einem Handschlag und holte den Sohn vom Rücken des Pferdes herunter. Man ließ mir keinen Moment zum Durchatmen stattdessen kommen immer mehr und mehr Leute dazu, was langsam Unwohlsein auslöste. Zum Glück kam Herr Holm mit Frau Wallin dazu, die es schafften die Menge zu beruhigen und mich und mein Pferd zum Stall zu bringen. Dort schlüpfte noch Lina durch die Tür, bevor ich sie schließen konnte. Entsetzt standen wir voreinander und war nichts mehr als erleichtert wieder Raum, um mich zu haben. Musternd blickte ich Lina von oben bis unten an. Einige Strähnen hatten sich aus dem sonst perfekten Zopf entfernt und ihr helles T-Shirt wies eindeutige Sabberflecken der Pferde auf. Ich wusste nicht in dem Moment, wer mir wichtiger war – Lina oder meine Stute.
      „Keiner da draußen könnte je ersetzen, was du für mich bist“, sagte ich liebevoll zu ihr und hielt mit meinen Händen ihren Kopf. Ohne auf eine Antwort zu warten, drückte ich ungestüm meine Lippen auf ihre.
      “Mit jeder Sekunde, die ich mit dir verbringen darfst, machst du mich zu glücklichsten Menschen dieser Welt”, hauchte sie zart, als wir uns wieder voneinander lösten. Ihre Worte schallten noch mehrere Sekunden durch meinen Kopf und ein undefiniertes Gefühl umhüllte mich. Drückende Stille breitete sich im Stall aus und nur das leise Atmen meiner Stute erhörte ich neben mir. Noch immer sah ich in Linas wunderschönen Augen, die jeden auf dem Hof den Kopf verdrehen sollten. Was taten wir hier eigentlich? Konnte ich ihr das bieten, was sie braucht? War ich nicht einfach das verwöhnte Kind eines großkotzigen Vaters, der nichts anderes im Kopf hat, als den Gewinn jedes Jahr zu verdoppeln? In meiner Brust schlug immer stärker das Herz und meine Hände zitterten. Kalter Schweiß lief mir den Rücken herunter und die Härchen an meinem ganzen Körper stellten sich auf. Nach einem kurzen Moment der Atemlosigkeit, fasste ich wieder einen klaren Gedanken.
      “Vielleicht sollten wir nicht nach Schweden”, platzte es im nächsten Moment heraus. Meine Familie machte mich krank. So krank, dass ich sogar überlegte, sie nie wieder sehen zu wollen. Nichts hielt mich in Schweden, außer meinem Auto vielleicht. Der Traum eines Pferdes und auch Mädchens stand auf demselben kalten Steinboden wie ich und ich habe alles Geld der Welt, um ihnen ein Leben zu schenken, das sie verdienten. Lina, die eben noch von Glück erfüllt strahlte, stand nun verwirrt vor mir.
      “Was? Wieso? Du meintest doch, du kannst nicht aus Schweden weg”, stammelte sie entgeistert.
      “Ja, weil ich Mama nicht mit den Tyrannen eines Vaters allein lassen kann und mein Bruder nur ein Nichtsnutz ist, der allen Ärger aus dem Weg geht”, murmelte ich besorgt. Blitzideen schossen mir oft durch die Bahnen des Hirns, doch mir fehlte am Ende der Mut. Das konnte man kaum glauben, aber auch ich hatte wie viele Menschen bedenken. Suchend tastete ich nach dem Lichtschalter, um meinem erschöpften Pferd endlich das Zubehör zu entfernen. Smoothie stand noch immer ruhig an der Stelle, wo ich sie abstellte. Sie hatte alle Geduld der Welt, was ich nur meinem Opa verdankte. Mit einem Flimmern erhellte sich der Stall. Lina drückte geblendet die Augen zu.
      “Ich verstehe vollkommen, wenn du für deine Familie da sein möchtest, aber woher kommt dann dein plötzlicher Sinneswandel?”, fragte sie nicht minder verwirrt.
      “Ich bin es leid, das alles auf mich nehmen zu müssen. Immer so zu tun, als wären wir die perfekte Familie. Du sollst das nicht erleben. Ich möchte dir das bieten, was du verdienst.” Mein Blick wandte sich ab von ihr und ich entfernte dabei den Sattel von Smoothies Rücken, die sich am Heuballen bediente.
      “Das bedaure ich aufrichtig, dass es dir dein Vater so schwer macht. Aber Niklas, du bietest mir schon jetzt mehr, als mir jemals geboten wurde, mehr als ich mir jemals hätte träumen lassen”, sprach sie sanft. Linas Ansprüche waren vom ersten Tag klein gehalten. Wie konnte sie sich so wenig zumuten? Ihr sollte die Welt zu Füßen liegen und nicht umgekehrt. Im Stall wurde es wieder ruhiger, nach dem mir keine Antwort einfiel. Stattdessen konnte meine Stute zurück in die Box, denn auf der Weide stand sie lang genug. Betrübt zerrte ich Smoothie vom Ballen. In Zeitlupe folgte sie mir und nur durch Linas drücken an ihrem Po, setzte sich der Koloss in Bewegung. Danke, flüsterte ich liebevoll und stellte das Pferd weg.
      In der Sattelkammer wechselte ich zurück in die dreckigen Turnschuhe und betrachtete die dunklen Flecken, die meine Stiefel auf der weißen Hose hinterlassen haben. Egal, in Schweden kann ich eine andere kaufen. Vor dem Verlassen des Stalles schaltete Lina wieder das Licht aus. In dem Moment kamen wieder Leute auf mich zu, darunter eine junge Brünette, die mir eindeutig bekannt vorkam. Sogleich fiel sie mir um den Hals, vor Linas Augen. Hilfesuchend sah ich ihr, doch kein Wort verließ ihren Mund. Stattdessen sagte Merle: „Ich bin extra für dich hergeflogen.“ Die hatte mir gerade noch gefehlt. Seit den mehrmaligen Ausrutschern mit ihr, verfolgte sie mich förmlich auf jedes Turnier und gab sich nicht mal Mühe dabei, es zu verheimlichen. Neben den seltsamen Bildern, die sie von mir postete, gab es auch die eine oder andere Nachricht, die ich bereits in Kanada von ihr empfing, aber bisher gekonnt ignorierte. Merles seltsamen Freundinnen standen tuschelnd daneben und lachten herzlich. Vielleicht hätte ich ihr doch antworten sollen, anstatt sie zu ignorieren. Dann wäre mir dieser Auftritt erspart geblieben. Als ich mich endlich wieder aus ihren Fängen befreien konnte, stellte ich sie einander vor.
      “Lina, das ist Merle. Eine alte Bekannte. Und Merle: Das ist Lina, meine Freundin”, versuchte ich die Situation zu entschärfen. Obwohl Merle kleine Blitze an Lina sendete mit ihren Augen, gab sie ihr überfreundlich die Hand und begann tausend Fragen zu stellen. Darunter auch: “Wie kann er sich denn mit einer wie dir abgeben?” Lina tat dies nur mit einem höflichen Lächeln ab, wobei nur ein kurzes Flackern ihrer Lider verriet, dass ihr das näher ging als sie zeigte.

      Vriska
      Erik saß mit hängenden Schultern auf dem Holzstuhl am Tisch. In seiner Hand hielt er mein Handy. Ich ahnte Böses. Hatte er nachgeschaut, was ich die letzten Tage so trieb, oder was Niklas mir schrieb? Oder vielleicht sogar noch schlimmer. Las er mein Tagebuch?
      „Was ist los?“, fragte ich nach, um den quälenden Gedanken ein Ende zu setzen. Trymr kam freudestrahlend zu mir gerade, als ich die Tür hinter mir schloss und mich auf den Stuhl neben ihm fallen ließ.
      „Ich bin ein Idiot“, murmelte er und verdeckte sein wunderschönes Gesicht vor mir. Vorsichtig nahm ich seine Hände weg und suchte den Blickkontakt. Doch er wich mir aus und senkte den Kopf. Ich hob ihn am Kinn wieder nach oben und durfte endlich in seine hellen blauen Augen blicken. Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus und überzeugt antwortete ich: „Nein, du bist mein Idiot.“ Als ich ihm noch einen Kuss geben wollte, nahm er seinen Kopf zur Seite.
      „Du verstehst das nicht“, begann er zu erzählen.
      „Jenni hat angerufen und ich bin aus Versehen an dein Handy gegangen, weil ich dachte, dass es meins sei.” Das konnte nichts Gutes bedeuten. Wenn meine britische Freundin eins konnte, dann Geheimnisse weitererzählen und Typen, die ich kennenlernte, ausquetschen, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholte.
      “Es tut mir leid, wenn sie dir etwas erzählt hat, dass du nicht hören wolltest”, murmelte ich nachdenklich und blickte zur Tür. Davor lag Trymr und sah mit glasigen Augen nach oben zu mir. Sein Schwanz begann langsam zu wedeln.
      “Darum geht es nicht, sondern viel mehr, dass ich dir hätte aufmerksamer zuhören, sollen”, stammelte Erik und griff nach meiner Hand.
      “Und wobei genau?”, fragte ich überrascht, weil ich bisher nie das Gefühl hatte, dass er es nicht tat.
      “Ich dachte, dass es morgen Nachmittag wieder vorbei sei und wir nur einige schöne Tage hatten … doch jetzt wünsche ich mir, dass wir uns in Schweden wieder sehen.” Erst rutschte mir mein Herz in die Hose und dann machte es Luftsprünge. Noch bevor er weitersprechen konnte, warf ich mich um seinen Hals und drückte fest zu. Vertraut schloss Erik die Augen.
      „Aber jetzt sage mir, wieso du deshalb ein Idiot bist?“, hackte ich glücklich nach. Chris war in wenigen Minuten an der Reihe, deswegen ich ihn wieder losließ und im Schlafzimmer verschwand. Dort zog mir eine kurze Hose an. Das Shirt vom Team behielt ich an, dann stellte sich Erik in den Türrahmen.
      „Weil ich sonst nur an meine Arbeit dachte, auch die ganze Zeit über. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass es dir Ernst sei mit uns“, sagte er.
      „Lass uns darüber nicht mehr sprechen, sondern einfach sehen, in welche Richtung es sich entwickelt, Okay? Chris erwartet uns“, schlug ich gerade vor und knöpfte die Hose an der Taille zu. Erik nickte und machte sein Hund an die Leine, der freudestrahlend noch immer an der Tür stand. Zusammen liefen wir zum Reitplatz, auf dem Chris mit Hammy bereits in den Startlöchern stand und wartete. Bevor Erik Veto einlegen konnte, zog ich ihn am Arm mit auf den Platz. Zur Feier des Tages trug ich die neuen Schuhe, die ich zusammen mit Lina gekauft hatte.
      „Du schaffst das“, sagte ich glücklich zu ihm.
      „Ach, darüber mache ich mir gar keine Gedanken, ich möchte viel lieber wissen, was mit euch nun ist“, begann er direkt zu fragen. Doch keiner von uns beiden fand eine passende Antwort und in dem Augenblick wurde er schon auf den Platz gebeten. Meine gedrückten Daumen hob ich in die Luft und er nickte zustimmend mit seinem Kopf. Aus den Lautsprechern erklang ein Lied von ABBA und Chris galoppierte ein.
      Fasziniert beobachtete ich, wie Chris mit seinem Wallach durch den Sand tanzte und kam dabei langsam auf den Geschmack, mich mehr mit ihren Disziplinen zu befassen. Seitdem ich in der Pferdewelt endlich einen Platz zum Leben fand, entfernte ich mich nie weiter als nötig von den Isländern und liebte es in der freien Natur meinen Frieden zu finden. Doch durch die Ausbildung kam ich immer mehr in den Kontakt mit den Turnieren, auch Bruce’ Pferde waren dabei ein Sprungbrett für mich. Gerade als der Gedanke sich vor meinem Auge verbildlichte, wie ich bei einem pinken Himmel auf unserem Dressurplatz mit Glymur tänzelte, lenkte mich Erik ab. Schützend legte er seine Arme von hinten um meinen Körper und stützte seinen Kopf auf meinem ab.
      „Was wird das, wenn es fertig ist?“, fragte ich neugierig und versuchte nach oben zu sehen.
      „Ich genieße die Zeit mit dir“, antwortete er verträumt und drückte sich näher an mich heran.
      „Fliegst du mit mir nach Island?“, überkam es mich schlagartig. In der Hektik drehte ich mich und legte meine Hände an seine Hüfte.
      „Ja … ja klar, wieso nicht“, stammelte Erik erst überrascht, dann freudestrahlend und drückte seine Lippen auf meine. Er machte jede Zelle in meinem Körper verdammt glücklich. Dass er dem wirklich zustimmte, eröffnete in meinem so viele neue Möglichkeiten, dass mir tausend Ideen durch den Kopf schossen. Ideen, was ich mit ihm erleben möchte und tatsächlich auch der Gedanke mit ihm eine Familie zu gründen, in der Fredna immer die kleine Prinzessin bleiben würde.
      „Du bist verrückt, junge Dame, hat dir das schon mal jemand gesagt?“, freute er sich noch immer. Ich hatte meinen Blick wieder zu Chris gerichtet, denn deswegen waren wir schließlich hier.
      „Ich würde behaupten, dass ich es täglich gesagt bekommen, aber es ist okay. Besser als mit einem Anzug über einen Pferdehof zu rennen“, neckte ich, was mit einem Kitzeln unter den Arm direkt bestraft wurde. Endlich hatte er sich wieder beruhigt und griff nach meiner Hand, sodass ich den letzten Teil von Chris noch genießen konnte. Sein Wallach hatte es zwar ziemlich eilig, doch die Versammlungen zeigten sich damit noch besser. Zum Schluss galoppierten sie auf die Mittellinie und er verabschiedete sich. Aufgeregt klatschte ich mit dem Publikum, das auch so begeistert waren von dem Ritt wie ich.
      “Nimm es mir nicht übel, aber das sah besser aus als bei euch”, mischte sich Erik dann ein.
      “Ja, ja. Klar. Die machen das auch viel länger”, antwortete ich nur kurz und warte auf den Kandidaten, der sich auf der Liste kurz hinter Jace einreihte. Schade, aber ich gönnte es dem kleinen Hofjungen, dass er mal etwas Erfolg hatte. Denn mit Lina schien es nicht mehr so gut zu laufen.
      “Und, bist du jetzt auch mein Fan Girl?”, scherzte Chris außer Atmen und ich hielt Hammy fest, als er sich aus dem Sattel schwang.
      “Schon immer”, lachte ich. Erik machte einige Schritte zur Seite, als wir gemeinsam zur Kontrolle liefen.
      “Dann kann ich dich also von einem kleinen Ausflug in meinem Zimmer begeistern?”, hackte Chris amüsiert nach.
      “Ey”, legte der Schlipsträger direkt Veto ein.
      “Heute leider nicht, vielleicht ein anderes Mal”, sprach ich heiter weiter. Bei der Kontrolle hatte der Tierarzt nichts auszusetzen an dem Gesundheitsstatus des Pferdes und Chris brachte ihn langsam zurück zum Stall. Nun war ich wieder allein mit Erik und seinem Höllenhund, der eng neben mir lief.
      “Und jetzt?”, erkundigte ich mich ihm.
      “Ich hätte Hunger”, schlug er vor und wir machten uns auf die Suche nach etwas zum Essen, dass nicht schwer zu finden sein sollte, zumindest für ihn. Mehrere Stände breiteten sich auf dem Hof aus.

      Lina
      Merles Fragen lösten in mir das dringende Bedürfnis aus, zu verschwinden und mich irgendwo zu verkriechen. Schon in Schulzeiten hatte ich stets versucht solche Leute zu meiden. Leute die sich selbst für etwas Besseres hielten und deshalb alle die nicht auf ihrem Niveau fertig zu machen. Ich spürte wie es in meiner Brust eng wurde und wie sich die negativen Gedanken einen Weg in mein Bewusstsein suchten. Gedanken die beinhalteten, dass sich nicht mal meine Eltern mit mir hatten abgeben wollen. Nein, diese Gedanken durften jetzt nicht die Kontrolle übernehmen, nicht hier. Ohne nach außen hinzuzeigen, was in meinem Kopf vorging, versuchte ich diese Gedanken wegzuschieben, was mir nicht leichtfiel, denn ich war mir ziemlich sicher über was Merles komische Freundinnen im Hintergrund tuschelten.
      “Komm Engelchen, wir suchen uns was zum Essen”, holte Niklas mich vollständig aus den Gedanken. Liebevoll griff er nach meiner Hand und die befremdliche Situation endete, endlich. Als wir uns weit genug von Merle und ihrem Gefolge entfernt hatten, legten sich meine Gedanken allmählich wieder, hinterließ aber ein schwaches Gefühl von Scham in mir.
      “Hasst sie nur mich oder einfach alle Menschen?”, murmelte ich bedrückt. Auf eine weitere Begegnung dieser Art konnte ich gerne verzichten. Ich wusste schon, warum ich mich lieber mit Pferden umgab als mit Menschen. Die Tiere hassten eine nicht einfach, nur weil man nicht in ihr Konzept passte.
      “Das kann ich dir leider so auch nicht beantworten. Sie nervt mich schon seit Ewigkeiten und ist dabei nicht unbedingt nett zu meinem Umfeld. Also nimm es nicht persönlich, ich schätze sie möchte jeden in meiner Nähe loswerden”, erklärte Niklas verständnisvoll.
      “Mmm, das sagt sich so einfach”, antwortete ich seufzend, nahm mir aber vor seinen Rat zu beherzigen so gut ich konnte.
      “Wenn du in meiner Welt bestehen möchtest, brauchst du ein dickes Fell, sonst wirst du rücksichtslos verschlungen”, fügte er hinzu. Seinen Blick richtete er nach vorn und schien nicht einmal zu prüfen, wie es mir damit ging. Das Niklas damit recht hatte wusste ich, denn das hatte ich bereits oft genug zu spüren bekommen. Ich antworte nicht, sondern lief nur stumm neben ihm her.

      Annalotta
      Wie geplant saßen Seph und ich um 13:00 Uhr auf unseren Pferden und ritten sie auf dem Abreiteplatz warm. Girl schien etwas weniger nervös als Dude, auch wenn er sich etwas häufiger als sonst umschaute. Frau Wallin und Herr Holm standen am Zaun und sahen uns kurz beim Aufwärmen zu. Ob sie sich bereits einen ersten Eindruck unserer reiterlichen Fähigkeiten machen wollten? Ich wusste es nicht. Es war mir aber auch egal, denn ich muss sie, ebenso wie alle anderen Menschen an der Bande ausblenden und mich ganz auf mein Pferd konzentrieren. Dass ich mich ständig von äußeren Reizen ablenken ließ, musste ich endlich mal in den Griff bekommen.
      Seph hatte damit keine Probleme. Sobald er sich auf sein Pferd setzte, schirmte er sich von der Außenwelt ab. Nur durch seine gelegentlichen Blicke zu mir herüber konnte ich mir sicher sein, dass auch ich mich in seiner Blase befand.
      Das Aufwärmtraining unserer Reiner folgte stets demselben Muster. Wir starteten auf geraden Linien, ehe wir in die Biegung übergingen und anfingen, die Pferde von vorne bis hinten ordentlich durchzukneten. Das war überaus wichtig, denn um Roll Backs oder Sliding Stopps zu reiten, mussten die Pferde enorm gut aufgewärmt sein.
      Seph galoppierte Girl gerade auf einem großen Zirkel, setzte sich an X tiefer in den Sattel, summte ein “Mmm” und lenkte die Stute auf den kleinen, langsamen Zirkel ab.
      Ich feilte derweil ein wenig an einfachen Stopps aus dem Schritt und anschließendem Back Up. Dude hatte dabei leider oft die Neigung, voll gegen das Gebiss zu gehen und den Kopf hoch zu reißen. Vor Prüfungen musste ich das immer wieder üben, damit er es dann, wenn es darum ging, nicht machte.
      Als ich dem Hengst eine kurze Schrittpause gönnte und meinen Blick durch die wenigen Personen am Zaun streifen ließ, blieb ich an einem blonden Mann mit Cowboyhut hängen. Caleb.
      Meine Gesichtszüge erhellten sich, ich winkte ihm zu und trabte Dude zu der Stelle, an der er stand. “Du hast es geschafft!”, sagte ich freudig und lehnte mich zu ihm runter, um ihn kurz zu umarmen.
      “Gerade noch rechtzeitig um euch noch mal daran zu erinnern, wie man richtig reitet.” Er lachte, schaute jedoch kritisch zu meinem Bruder Seph rüber, der gerade ein paar Probleme mit seinen Spins hatte. Caleb kletterte durch den Zaun und ging auf ihn zu. Ich verstand von meiner Position aus nicht ganz, was er zu ihm sagte. Seph stieg allerdings ab und Caleb setzte sich auf sein Pferd. Herr Holm und Frau Wallin beobachteten das Szenario skeptisch.
      Caleb trabte Sephs Stute an. Stellte sie nach außen und ritt immer kleiner werdende Kreise, bis die Stute anfing, sich auf dem inneren Hinterbein zu drehen. Erst dann ließ er die Zügel lockerer, schnalzte mit der Zunge und tippte die Stute mit dem äußeren Bein rhythmisch an. Dies machte er ein paar Runden, ehe er stoppte und wieder abstieg. “Genauso machst du das beim Aufwärmen. Du musst sie richtig reindrehen, nicht das, was auch immer du da gerade fabriziert hast.” Seph knirschte sichtlich mit den Zähnen. Ich wusste, dass er sich darüber ärgerte, immer wieder von dem erfahrenen Reiter korrigiert zu werden.
      Schließlich kam er wieder zu mir. “Zeig mal die Roll Backs, geht er gut am Bein?”, fragte er mich dann und ich nickte, galoppierte den Hengst an, stoppte und sprang einen semi-guten Rollback nach außen weg. “Äußeres Bein weiter hinten. Setz dich mehr in die Bewegung rein – und um Gottes willen schau früher, wo du hinwillst!”
      Ich nickte, machte das Ganze noch einmal und es klappte schon besser. Nach einem Blick auf die Uhr hatten wir auch keine Zeit mehr, das Ganze noch einmal zu üben. Caleb rief Seph und mich noch einmal zu sich rüber, wünschte uns viel Erfolg und ermahnte uns, es nicht zu versauen.
      “Nun sehen wir einen Beitrag von Annalotta Leigh Augustsson mit ihrem Pferd Small Town Dude und Joseph Magnus Augustsson mit seinem Pferd Up Town Girl”, wurden wir angekündigt. Ich wartete am Eingang des Platzes, da Seph mit dem Pattern anfangen würde.
      Er lenkte Girl auf X und verharrte dort kurz. Dann gab er die Hilfen zum Spin nach links. Die Stute drehte gut an und stoppte schön nach vier Umdrehungen. Dann gab mein Bruder die Hilfen für die Spins nach rechts. Girl drehte weder schön an, noch hielt sie ein Tempo bei. Neben mir ertönte lautes Schnalzen, was von Caleb kam. Seph hörte es und kickte mit seinem äußeren Bein mehr im Rhythmus. Sofort fing sich die Stute und drehte zumindest die letzte Runde einigermaßen okay.
      Nun folgten die Zirkel. Seph stellte sie, um auf der linken und besseren Hand anzugaloppieren. Girl sprang sofort gut an und hielt den großen Zirkel als auch das schnelle Tempo gut selbst. Als die beiden zum zweiten Mal an X ankamen, summte Seph wieder ein “Mmm”, setzte sich tiefer in den Sattel und Girl reagierte richtig gut, wurde langsamer und galoppierte den kleinen Zirkel auch toll. In der Mitte gab Seph die Hilfen zum Galoppwechsel. Girl sprang toll um und zeigte auf der rechten Hand ebenfalls ein paar passable Zirkel. Um noch einen schnellen Galoppwechsel zu zeigen, lenkte er Girl wieder auf den großen Zirkel und ließ sie an X in einem wahnsinnigen Tempo umspringen.
      “Angeber”, murmelte Caleb und legte Dude die Hand auf die Kruppe. “Na dann mal los.”
      Ich schluckte. Jetzt war ich an der Reihe. Seph trabte mit Girl zur Seite, sodass die Run Linie frei für mich war. Ich gab Dude ein Küsschen und galoppierte ihn an. Bis hinter X steigerte ich mein Tempo, blieb aber stets moderat, da der Boden nicht wirklich zum Stoppen geeignet war, und stoppte Dude eindrucksvoll – dafür reichte es allemal. Nach ein paar Metern rückwärts ließ ich ihn schnaufend stehen, verharrte kurz. Dann galoppierte ich ihn wieder auf dem Zirkel an, ritt ihn geradlinig raus und stoppte wieder. Dieses Mal ohne Rückwärtsrichten, sondern wir sprangen mit einem Roll Back nach außen weg. Ich stoppte den Hengst ein letztes Mal, dieses Mal aus jedoch nur aus einem sehr langsamen Galopp und richtete ihn erneut ein paar Schritte rückwärts. Schließlich lobte ich ihn ausgiebig und verließ den Platz, wo Caleb und Seph mit seinem Girl auf mich warteten.
      “Holprig war der Roll Back schon, der muss mehr von deinem Bein weggehen … aber fürs Erste was okay.” Das fasste ich als Lob auf, ritt mein Pferd noch auf dem Abreiteplatz trocken und war sehr gespannt auf die Siegerehrung.

      Niklas
      Interessiert beobachtete ich das Gesehen auf dem Reitplatz, während ich auf dem Rücken meiner Stute verweilte für die Siegerehrung. Eigentlich sollte jeder sein Pferd unter sich haben, doch einige von uns entschieden sich dagegen. Die Platzierungen standen so weit schon fest, weshalb ich nicht einmal aufgeregt war, ob es nun eine Schleife geben würde oder nicht. Dösend stand Smoothie und wartete wie ich auf meinen Einsatz. Dann ging es los, begrüßend durch ein lautes Knarren aus den Boxen. Jemand zog den Stecker irgendwo heraus und irritiert zappelte Smoothie herum.
      “Wir sind endlich durch und haben uns an einigen Stellen noch einmal die Ritte angeschaut, um die Platzierungen endgültig festlegen zu können. Deswegen begrüßen wir nun auf dem fünften Platz – Björn mit einem Score von 63 % …“, begann Herr Holm durch das Mikrofon zu sprechen. Nacheinander ritten sie hinein. Mein Bruder bemühte sich mit seinem Hengst, erreichte jedoch nur den Vierten, gefolgt von Chris. Die beiden lagen schon auf den vergangenen Turnieren immer knapp nacheinander, die Reihenfolge änderte sich bisher immer im Wechsel. Erst dann sah ich Jace an mir auf den Platz reiten. Seine Augen funkelten böse, doch ich hörte dann:“ … die Überraschung des Tages. Jace mit Sunny auf dem zweiten Platz mit ganzen 73 %.” Zweiter Platz, Glück gehabt. Für einen Moment stockte mein Atem, doch dann wurde ich aufgerufen und im Schritt trieb ich Smoothie vorwärts. Zur Feier des Tages lief meine Kürmusik aus den Boxen, die ich mir extra für die letzte Präsentation mit meinem Pferd komponieren lassen habe.
      “Herzlichen Glückwunsch”, reichte mir unsere Trainer die Hand und ein Kind steckte meiner Stute die Schleife an die Trense. Ich bekam eine Scherbe, die wie alle anderen in der Ecke landen würde. Irgendwann hörte ich auf einen Platz dafür zu finden und kaufte eine Kiste, in der sie sich stapelten. Für uns alle ging es dann in eine Ehrenrunde, bevor wir den Platz verließen. Einer der Richter machte sie direkt auf den Weg zu Jace. Im Augenblick fühlte ich nichts außer den Schmerz mich von meinem Sportpartner verabschieden zu müssen.

      Vriska
      Dass der Herr auf seinen Schimmel den ersten Platz belegen würde, stand vermutlich schon bei unserer Ankunft vor Ort fest. War ich neidisch? Vielleicht. Störte es mich, dass er plötzlich mit Lina zusammen war? Treffer. Hand in Hand stand ich mit Erik am Zaun und wusste nicht so richtig wohin mit all den Gefühlen. Immer wieder blickte ich in seine blauen Augen und versuchte Niklas zu vergessen, was einerseits sehr früh war und andererseits nicht funktionierte, wenn er sich in meiner Nähe befand. Dann kam mir wieder in den Sinn, dass Erik der Reise nach Island wirklich zustimmte und somit ein kleiner Traum in Erfüllung ging.
      „Hast du das gehört? Hopchen!“, sagte Erik völlig überraschend. Wovon sprach er? Als ich dann das hektische Winken von Linh auf dem Platz sah, wusste ich es. Über die kleine Brüstung vom Dressurplatz rannte ich dazu. Ich stellte mich zu ihr und richtete den Oberkörper auf.
      “Da nun auch unsere Zweitplatzierte endlich angekommen ist, können wir nun die Schleifen verteilen. Wir freuen uns, dass ihr doch so eine starke Konkurrenz mit euren Isländern zu den geübten Dressurreitern darstellen konntet. Trotzdem wollten wir eure Platzierungen separat verteilen, deswegen von uns allen – Herzlichen Glückwunsch!”, erklärte Frau Wallin und steckte mir eine silberfarbene Schleife an den Kragen des Poloshirts. Fasziniert sah ich mir die Auszeichnung an und eilte zurück, als wir fertig waren. Das Training hatte sich mit Glymur wirklich gelohnt und auch ich hatte vieles verbessert, doch trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Auszeichnung überhaupt nicht verdient zu haben. Schließlich gab ich mir weder Mühe, noch hatte ich die Motivation so viele Veranstaltungen zu bestreiten wie die anderen. Sie setzten sich irgendwann in ihrem Leben das Ziel mal bei Olympia oder wo auch immer. Ich wollte aber nichts anderes als reiten und Spaß haben.
      “Und jetzt?”, fragte mich Erik. Schulterzuckend stand ich vor ihm und wusste gar nicht, wohin mit der restlichen Zeit. Vor allem wollte ich die lästigen Gedanken loswerden. In etwas weniger als einem Tag ging es los zum Flughafen, Glymur bekam bereits seine Abflugkontrolle und durfte sich nun entspannen. Ich verspürte das Gegenteil. Die Zeit hastete und gab mir überhaupt keine Möglichkeit sinnvolle Entscheidungen zu treffen. So hatte ich viel mehr verloren als gewonnen und kämpfte damit, überhaupt etwas in der Zukunft als fassbar zu bezeichnen. Währenddessen hoffte ich einfach nur, dass alles schnell wie möglich beenden zu wollen.

      Alec
      Mit einem breiten Grinsen beobachte ich wie der Richter mit Jace sprach, denn bei seinem Gesichtsausdruck war mir ungefähr klar, worüber sie sprachen. Mit jeder Sekunde schien Jace immer mehr von sich überzeugt zu sein. Etwas stolz war ich schon auf ihn, auch wenn mir klar wurde, dass er mir den restlichen Tag mit seinem Geprahle auf die Nerven gehen wird.
      Während ich darauf warte, dass er endlich kam, prüfte ich mein Handy, auf dem augenblicklich etliche Nachrichten von Anu auftauchten. Offenbar hatten sie zu wenig Arbeit, wenn sie noch so viele Nachrichten tippen konnte. Was ich aus der Flut an Nachrichten herausfilterte, war einerseits, dass sie sich darüber beschwerte, dass ich wieder nicht da sei und sie somit ein paar mehr Pferde auf die Koppel bringen musste. Andererseits interessiere es sie sehr, wie Jace sich geschlagen hatte. Ich antworte ihr schmunzelnd mit seinen Ergebnissen und sendete ihr dann das Video von seinem Ritt.
      Mir war nicht entgangen, dass meine junge Kollegin wohl ein Auge auf Jace geworfen hatte. Immer wenn ich hier gewesen war, musste ich ihr 1000 Fragen beantworten und die meisten davon hatten Jace oder seine Pferde als Hintergrund. Auch wenn Jace bei uns auf dem Hof war, verhielt sie sich ganz seltsam und tauchte immer vollkommen zufällig in seiner Nähe auf. Das Ganze anzusehen, hatte was von einem Trauerspiel, denn ich war mir ziemlich sicher das auch meinem Kumpel ihr seltsames Verhalten nicht entging, doch es interessierte ihn nicht im Geringsten. Jace war schon immer so. Er fühlte sich immer zu dem unerreichbaren hingezogen und war darauf fokussiert, diese doch zu erreichen. An sich ist eine gesunde Portion Ehrgeiz auch nicht so schlecht, jedoch bei Jace führte es dazu, dass er etwas Dummes anstellte.
      Ich wusste, wovon ich sprach, denn oft genug hatte ich versucht, ein wenig gesunden menschlichen Verstand in sein Erbsenhirn hineinzubekommen. Leider waren diese Versuche stets kläglich gescheitert. In dieser Hinsicht hatte die ganze Sache mit Lina eventuell eine gute Seite. Vielleicht verstand Jace jetzt mal endlich das Prahlerei und Machismo nur selten zu einer ernsthaften Beziehung führten.
      Seufzend blickte ich auf. Jace hatte mittlerweile sein Gespräch mit dem Richter beendet und kam mit stolzgeschwellter Brust und seiner Stute im Schlepptau auf mich zu.
      “Na, schon in die Hall Of Fame aufgenommen?”, scherzte ich, als er neben mir stehen blieb. Die Palominostute neben ihm schien gelangweilt und scharrte ungeduldig mit den Hufen auf dem Pflaster. Jace gab ihr einen Klaps vor die Brust, woraufhin die Stute zumindest für den Moment aufhörte.
      “Noch nicht ganz, aber ganz nah dran”, bekam ich eine prahlerische Antwort von Jace. “Wie du sicherlich gerade gemerkt hast, hatte ich nämlich ein schönes Gespräch mit dem einen Richter oder besser gesagt einem Vorstandsmitglied. Ich wurde zu einem Vorreiten eingeladen! Für das kanadische Nationalteam.” Jace stand ziemlich heroische vor mir, als würde er für ein Porträt posieren.
      “Herzlichen Glückwunsch. Ich wusste doch, du schaffst das”, beglückwünschte ich ihn und umarme ihn freundschaftlich.
      Auf dem Weg zum Stall konnte Jace es sich nicht nehmen lassen ein wenig herumzuprahlen und ein paar Mädchen schöne Augen zu machen. Das bereite mir allerdings ein wenig Sorgen. Auch wenn es wohl nach außen hin so wirken musste, dass er bereits über Lina hinweg war, konnte ich mir sicher sein, dass er es nicht war. Flirten tat Jace, nämlich in jedem Zustand und aus Erfahrung wusste ich, dass er es besonders intensiv betrieb, wenn er verletzt wurde. Bis zu einem gewissen Grad versuchte er Misserfolge auf diese Weise zu kompensieren, als würde sich das etwas ändern, wenn man nur genug angehimmelt wurde. Dieses Verhalten hatte in New York leider öfter dazu geführt, dass ich ihn aus irgendwelchen Schlägereien retten musste, weil er aus Versehen die Freundin von irgendwem angeflirtet hatte. Aber auch nicht selten hinterließ Jace dabei gebrochene Herzen. Gott sei Dank würden die ganzen Damen hier auf dem Hof heute Abend verschwunden sein, denn Jace und sein geflirtet gingen mir jetzt schon auf die Nerven.
      “Jace, dein Pferd möchte endlich auf die Koppel”, unterbrach ich ihn cholerisch, als Sunny wieder begann mit den Hufen zu scharren. Mein Kumpel dachte nicht mal daran sein Gespräch zu beenden.
      “Wer ist denn dein hübscher Freund da?”, säuselte die aufgetakelte Brünette und ließ ihre Augen frivol über meinen Körper wandern.
      “Hi, Alec und bald nicht mehr der Freund von dem da”, stellte ich mich genervt vor, nahm Jace die Zügel seines Pferdes aus der Hand und entfernte mich mit der Stute von der Truppe. Sunny entspannte sich sichtlich, als ich sie auf dem Putzplatz parkte und begann sie abzusatteln.
      “Dir sollte er mal danken, nicht wahr hübsche?”, sagte ich zu der Stute und strich ihr über das glänzende Fell. Sie schnaubte zustimmend und suchte in meine Taschen etwas zu naschen. Allerdings hatte ich heute keinerlei Leckerlis dabei. Das Sattelzeug der Stute ließ ich am Putzplatz hängen. Das konnte der gnädige Herr gefälligst selbst weghängen. Dieser tauchte auch gerade auf, als ich den Strick der Stute löste, um sie auf die Koppel zu bringen.
      “Gewöhne dich bloß nicht an den Service. Glaub nicht, dass ich dir immer den Turniertrottel gebe”, rügte ich Jace und drückte ihm den Strick seines Pferdes in die Hand.
      “Ich bin dir zu tiefsten Dank verpflichtet, Alec”, kommentierte Jace, bewegte sich immerhin dabei in Richtung Stalltür.
      “Meinst du wir schaffen den Weg zur Koppel ohne weiter Stopps?”, fragte ich ihn kritisch, denn ansonsten überlegte ich mir vielleicht lieber, ohne Jace loszugehen.
      “Jaaa, schaffen wir”, versicherte Jace und schlug, Gott sei Dank, den direkten Weg zur Koppel ein. Jamies Stute, Lady Moon, kam freundlich angetrottet als sie uns kommen sah und holte sich eine Streicheleinheit bei mir ab. Sunny beachte die braune Stute kaum, sondern trabe direkt zu Keks und Splash, die etwas weiter hinten grasten. Für einen Moment standen Jace und ich einfach nur da und beobachtete die Pferde, bis Jace das Wort ergriff: “Alec, … was denkst du eigentlich über Lina und Niklas?” Ich wunderte mich wenig über diese Frage, denn mir war bereits klar gewesen, dass ihn das eine Weile beschäftigen wird, an Lina lag ihm viel, auch wenn er vielleicht nicht immer in der Lage war das zu zeigen.
      “Lina sieht happy aus und das ist doch das Wichtigste”, antworte ich wahrheitsgemäß.
      “Aber meinst du denn, nicht dass sie das Ganze ein wenig überstürzt? Die beiden kennen sich doch gerade erst einmal zwei Wochen”, fragte Jace weiter und beobachte wie nun auch Moony langsam zur Herde trottete. Jace war echte Besorgnis in Gesicht geschrieben.
      “Ich glaube nicht, dass du oder ich in der Position sind das zu bewerten. Wir sehen nicht, was sie sieht und wenn sie denkt. Jace, du musst ihre Entscheidung nicht nachvollziehen können, aber akzeptiere sie, lass Lina ihr Glück finden”, erklärte ich meinen Standpunkt.
      “Mmm”, war Jace einziger Kommentar und er starrte weiter mit leerem Blick auf die Koppel. Währenddessen blickte ich am Horizont entlang und entdeckte tatsächlich, wonach ich suchte. Ivy stand ziemlich nah am Zaun der Hengste und graste friedlicher mit seiner alienähnlichen Kappe, als Schutz vor der Sonne. Lina leistete hervorragende Arbeit mit ihm.

      © Mohikanerin, Wolfszeit, Veija // 95.653 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020, Tag 13}
    • Mohikanerin
      Nationalteam XVII | 13. September 2021

      Glymur // Walking On Sunshine// Legolas // HMJ Divine // Satz des Pythagoras

      Luchy fand die Menge an Zuschauern und Besuchern als eine vielversprechende Möglichkeit den Hof in ein noch besseres Licht zu rücken. Die Sprösslinge des Jahres und Verkaufspferde wurden bewundert. Zum krönenden Abschluss der Veranstaltung wurde aus dem Reitplatz kurzerhand eine Tanzfläche geschaffen. Nur noch zwei Imbisswagen blieben – Getränke. Jeder wurde einladen, doch viele Zuschauer verblieben nicht.

      Vriska
      “Und du hast wirklich kein Kleid?”, langsam wirkte Erik genervt. Ich hatte bereits das vierte mögliche Outfit. Warum musste ich zu dem blöden Tanzabend? Weder tanzen konnte ich, noch wollte mich weiter unter den anderen mit Erik zeigen. Es wurde sehr viel getuschelt bei dem Abbau arbeiten und vor allem die weiblichen Mitmenschen hielten uns für ein Spiel, dass ich die ganze Zeit ‘abzog’, wie sie es bezeichneten. In meinen Augen war es kein Spiel, sondern mein verzweifelter Versuch irgendwo meinen Platz zu finden, der offensichtlich nicht im Verein lag.
      “Nein, so was habe ich nicht”, murmelte ich und fiel ins Bett. Hinter mir hatte sich der Kiwi Hund bequem gemacht, auf dem ich mit meinem Kopf landete. Er sprang zur Seite und bemerkte dann, dass ich es war.
      “Sorry”, murmelte ich ihm zu. Trymr wedelte mit dem Schwanz und sein borstiges Fell strich mir durchs Gesicht.
      “Kannst du nicht jemanden fragen?”, versuchte Erik mich wieder in ein Kleid zu zwingen.
      “Warum ist dir das so wichtig? Ta itu med det! (Komm damit klar)”, fluchte ich. Plötzlich kam er näher und beugte sich über mich. Sein Hemd war nicht richtig zuknöpft und mir gefiel, was ich sah.
      “Es wäre langsam Zeit, dass du dich ordentlich anziehst”, lachte Erik. Vielleicht hatte er nicht unrecht. Aus der letzten Ecke meiner Tasche kramte ich das Kleid, das ich bis jetzt immer versteckte. Vor der Abreise hatte Frau Wallin bereits gesagt, dass wir etwas Repräsentatives zum Anziehen einpackten sollten. Das kleine Schwarze befand sich als einziges in meinem Kleiderschrank und bekam nun seinen gebürtigen Auftritt.
      “Na gut”, sagte ich und funkelte verrückt mit meinen Augen. Dann stand ich auf, holte das Stück Stoff heraus und lief ins Bad. Schließlich wollte ich ihn auch damit überraschen. Im selben Zuge frischte ich die Schminke in meinem Gesicht noch einmal auf und öffnete für wohl das erste Mal meine Haare. Es gefiel mir besser, wenn sie nicht vor meinen Augen hingen oder ich überall meine Spuren hinterließ. Mit geschwellter Brust trat ich heraus und drehte ich mich auf meiner eigenen Achse im Kreis.
      “Warum denn nicht gleich so?”, lachte er und zog mich an sich heran. Ein ätzender Geruch stieg mir in Nase, der sich einige Atemzüge später als ein sehr angenehmes Parfüm herausstellte. Meine Arme legte ich um seinen Hals und schloss die Augen. Als nicht der erwartete Kuss kam, öffnete ich sie wieder und setzte den Hundeblick auf. Doch neben uns tauchte dieser auch auf und wedelte sogar mit dem Schwanz. Das konnte ich nicht bieten, wollte ich besser auch nicht.
      “Junge Dame, das heben wir uns für später auf, außerdem sind Kinder anwesend”, schmunzelte Erik und nahm ich an der Hand mit raus.
      “Du musst hier warten”, sagte er noch zu seinem Hund, der wieder zum mitleidigen Blick wechselte. Von dem Kleiderhaken griff ich nach der Leine und legte sie am Halsband an.
      “Wenn du ihn nicht mitnimmst, dann nehme ich ihn”, beschloss ich überzeugt. Erik zuckte nur mit den Schultern und zusammen liefen wir zum Reitplatz. Hohe Schuhe hätten dem Outfit sicher gutgetan, stattdessen trug ich den neuen weißen Sneaker, die nicht wirklich harmonierten zu dem kurzen schwarzen Kleid, dass ungewöhnlich eng an meinem Körper anlag. Dass es aus der Kinderabteilung stammte zu Halloween, verriet ich natürlich nicht.
      Die Lichterkette am Zaun des Platzes leuchtete fröhlich und wenige standen bereits im Sand herum. Sie hielten ihre Getränkte fest in der Hand. Warteten sie auf etwas? Aus den Boxen ertönte mir fremde südländische Musik, die ich bewusst ausblendete. Zur Unterhaltung drehten sich bunte Scheinwerfer und tauchten den Platz in wunderliche Farben. Richtig gefeiert habe ich zuletzt in London mit Jenni, bevor ich gezwungenermaßen nach Deutschland musste und dann nie wieder zurückkam. Es lief mir kalt den Rücken herunter, als ich darüber nachdachte, wie Partys bei uns endeten, besonders bei mir.
      “Betrinken wir uns nun sinnlos, um dann morgen verkatert zum Flughafen zu fahren?”, lachte ich und hoffte auf ein Ja. Nichts Sehnliches als zu vergessen, dass wir uns morgen vermutlich das letzte Mal sehen würden für eine lange Zeit, wünschte ich mir. Ich wollte nicht an den Urlaub in Island glauben.
      “Kleines, was sagt dir denn, dass ich morgen mitkomme?”, lachte Erik und reichte mir ein Bier vom Getränkewagen. Kurz dachte ich nach, ob ich darüber traurig sein sollte, aber vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn ich wach werden würde und Erik verschwunden ist.
      “Ich dachte, dass wir das besprochen haben, aber schon okay. Dann habe ich mehr Zeit für mein Pferd und mich. Außerdem …”, amüsierte ich mich. Er dachte kurz nach, schließlich verstand Erik die Anspielung.
      “Verstehe, darum geht es dir also.” Tatsächlich hatte ich Spaß. Spaß dabei, mit jemanden zu lachen, der meine blöden Kommentare lustig fand und sich nicht nur aus Höflichkeit mit mir unterhielt. Dass diese Person einen Hund haben musste, erwies sich, als einfacher als vermutet. Auch wenn Trymr eine Ausgeburt der Hölle war, freundete ich mich langsam mit ihm an. Er lag neben uns und betrachtete dabei die Masse an Menschen, die zunehmend zum Platz kam. Obwohl am Himmel noch immer die Sonne strahlte, entwickelte sich durch das Licht eine angenehme Atmosphäre, sorgte jedoch nur dafür, dass mein Blick zu Niklas wanderte. Neben einer großen Brünetten stand er, die eindeutig nicht Lina war. Einerseits war ihr Vorbau wirklich enorm groß, was beim Reiten ziemlich unangenehm sein würde. Andererseits schien sie viel interessierte an ihm, als er an ihr. Obwohl sie sich nett zu unterhalten wirkten, war Niklas Gesichtsausdruck eher genervt als begeistert.
      “Soll ich uns etwas zum Essen besorgen?”, fragte Erik. Kurz dachte ich nach, um festzustellen, dass wieder einmal keinen Hunger verspürte, sondern einfach nur existierte.
      “Sehr gern”, antwortete ich dennoch höflich und er verschwand.
      “So Trymr, jetzt müssen wir wohl für einen Augenblick allein klarkommen. Was denkst du?”, baute ich verrückterweise ein Gespräch mit dem Hund auf, der nur mit seinen großen Augen zu mir hochsah und hechelte. Er hatte recht. Noch immer war es so warm, dass es verrückt wäre überhaupt etwas zu tun. Ich musste nur hier stehen bleiben und alles wäre okay. So funktionierte das Leben leider nur nicht, vor allem nicht meins. Denn als ich wieder in Richtung der Masse blickte, hing die Milchkuh um seinen Hals. Niklas hatte aber auch seine Finger an ihrer Hüfte. Als ich weitersah, konnte ich weder Lina noch Samu finden. Obwohl auch Alec und Jace keine Menschen waren, die sich in einer Masse aus Menschen verstecken konnte, sah ich auch diese nicht. Als wäre hier jeder, nur niemand den ich kannte.
      “Vriska?”, hörte ich eine tiefe Stimme neben mir und drehte mich um. Trymr entschied sich ebenfalls zu prüfen, wer da war. Begeistert heulte der Hund auf. Chris stand neben uns, ordentlich gekleidet. Für meinen Geschmack hätte er etwas mehr auftragen können. Eine einfache Jeanshose trug er täglich, wenn er nicht die Reithose an den Beinen hatte. Das weiße Hemd jedoch schmeichelte ihm.
      “Chris?”, antwortete ich freundlich. Mit den Augen schielte ich jedoch wieder zu Niklas, der noch immer die Dame am Hals hatte.
      “Ich wollte dich eigentlich gerade loben, wie gut du aussiehst und ich froh bin, dass du dich von Niki fernhältst, doch offensichtlich …“, begann er zu sprechen.
      “Also willst du jetzt sagen, dass ich nicht mehr gut aussehe?”, lenkte ich bewusst ab.
      “Hör mir zu. Erik ist zerbrechlich und vor allem sensibel, also Spiel nicht mit ihm”, Chris wurde ruhiger. Glaubte er jetzt auch noch, dass es nur ein Spiel für mich war? Ich mein, was wäre das für ein blödes Spiel? Schließlich sammle ich keine Trophäen wie sie es in dem seltsamen Gruppenchat taten.
      “Lina auch”, schnaufte ich und schubste ihn, um den Typ zur Rede zu stellen. Wenn er schon ein Arsch sein wollte, dann hätte er auch warten können. Trymr folgte mir in seinen großen gleichmäßigen Schritten nicht von der Seite und machte dabei einen bedrohlichen Eindruck.
      “Will da etwa jemand ein Autogramm?”, lachte die Brünette teuflisch und zog sich noch näher an ihn heran. Er rollte genervt die Augen.
      “Soll ich dich daran erinnern, dass du gestern noch eine riesige Welle auf dich gezogen hast und eine Beziehung führst?”, fauchte ich ihn an. Kleine Blitze flogen zu ihm herüber. Natürlich ging es mich nichts an, aber ich hatte schon genug kaputt gemacht. Langsam sollte ich mein Karmapunkte Konto wieder aufladen.
      “Ich …“, stotterte Niklas, sichtlich unbeholfen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es das hier nicht wollte. Also atmete ich noch einmal tief durch, während sie mir irgendwelche seltsame Dinge an den Kopf und schnappte ihn beherzt am Arm. Sie hielt ihn noch weiter, bis Trymr seine Oberlippen nach oben zog und mit den funkelnden Augen zu ihr sah. Schockiert wich sie von ihm und ich verschwand mit Niklas. Abseits der anderen schnappte auch er nach Luft.
      “Was zur Hölle stimmt mit dir nicht?”, schimpfte ich leise.
      “Sie … Ich hatte mal was mit der und seitdem werde ich die nicht los. Danke, dass du dazu kamst”, murmelte er unschuldig. Ich entschied keine weiteren Fragen zu stellen. Aber ich musste noch etwas loswerden.
      “Wenn du Erik nicht in Ruhe lässt, dann erzähle ich Lina davon. Also überlege dir genau, was du tust”, drohte ich eindringlich. Niklas stimmte zu und nahm ihn mit zu Chris. Mittlerweile hatte auch Erik den Weg zurückgefunden. Er musterte mich und auch seinen Bruder, sagte aber nichts. Meinem Gesichtsausdruck zu folgen, dachte er sich vermutlich den Rest, denn ich war genervt. Wirklich genervt.
      “Ich dachte, Pommes sind okay?”, streckte Erik mir eine Pappschale entgegen. Obwohl gänzlich der Hunger vergangen war, bedankte ich mich und steckte mir einen nach dem anderen in den Mund. Stillschweigend standen wir weiter am Zaun gelehnt, während die Laune der anderen zunehmend besser wurde. Die Ersten sammelten sich auf dem separat einzäunten Dressurplatz und tanzten zu der schrecklichen Technomusik. Ich verstand es einfach nicht mehr. Was passierte hier? Niklas, ein riesiger trainierter Kerl, war nicht in der Lage sich gegen ein Mädchen zu wehren. Stattdessen musste ich Zwerg dazwischen gehen und die Situation in den Griff bekommen, bevor Lina davon erfuhr.

      Lina
      Das ganze Gewusel auf dem Hof wurde mir allmählich zu viel, nicht mal im Stall war, eine ruhige Ecke zu finden. Überall waren Leute, die sich die Verkaufspferde ansahen, wobei auch ein paar unserer Sportpferde großes Aufsehen erregten, darunter auch Legolas, aber auch Walking On Sunshine, die Stute mit der Jace heute die Kür gezeigt hatte. Dass Lego so viel Aufmerksamkeit zu kam, macht mich auf der einen Seite ein wenig stolz, doch es machte mich auch ein wenig traurig. Ich hatte neulich die Liste im Büro gefunden mit den Pferden, die vielleicht verkauft werden sollten und Legolas Name war einer darauf. Die Vorstellung, dass der Rappe den Besitzer wechseln könnte, missfiel mir ein wenig. Ich hatte ihn ziemlich in Herz geschlossen und konnte ihn mir an keinem anderen Ort vorstellen, als an diesem hier.
      Auf der Suche nach Ablenkung führte mich mein Weg zu den Hengstkoppeln. Diese lagen weit genug vom Hof entfernt, als dass sich ein Besucher hierher verirrte. Außerdem wollte ich die Gelegenheit nutzen, um noch einen Moment mit meinem Pferd zu verbringen, bevor ich es für eine ganze Weile nicht mehr sehen würde.
      Die Sonne stand allmählich tief am Himmel und tauchte die kleine Herde am Rande der Wiese in orangegelbes Licht, was die Szene vor mir noch idyllischer wirken ließ. Seite an Seite grasten die Pferde in der hohen Wiese. Ab und zu schlug eines der Ponys mit dem Schweif oder schüttelte die Mähne, um die Fliegen loszuwerden und vereinzelt war ein Schnauben zu hören. Ich pfiff leise. Ein weißer Kopf erhob sich, bevor das Pferd sich aus der Herde löste und auf mich zu getrabt kam. Freundlich brummelt blieb der Hengst vor mir stehen und stupste mich erwartungsvoll an.
      “Hei pieni yksisarvinen (Hallo mein kleines Einhorn)”, begrüßte ich Ivy und hielt ihm die Möhre hin, auf die er bereits wartete. Genüsslich kaute er auf seiner Möhre rum und sah mir freundlich aus seinen dunklen Augen entgegen.
      “Tiedätkö, kultaseni, huomenna sinun täytyy ensin tulla toimeen ilman minua (Weißt du Süßer, ab morgen musst du erst mal ohne mich klarkommen)”, berichte ich dem Hengst und strich ihm sanft über die rosa Schnauze, woraufhin er sich etwas ungestüm mit seinem Kopf anschmiegte.
      “Ehkä minun on parempi sanoa, että minun täytyy tehdä ilman sinua ... (Vielleicht sollte ich besser sagen, ich muss ohne dich klarkommen …)” Ich begann mein Pferd mit belanglosem Zeug vollzuquatschten und ihn sanft zu kraulen. Ivy stand einfach nur da und lauschte, selbst als ich ihm meine Arme um den kräftigen Hals schlang.
      “Tulen kaipaamaan sinua (Ich werde dich vermissen)”, murmelte ich in sein weiches Fell hinein. Für diesen Moment gab es nur noch mein Pferd und mich bis diese Zweisamkeit von jemandem unterbrochen wurde: “Olen ajatellut minä jo, että sinä täällä olla. (Dachte ich mir doch, dass du hier bist.)” Ich brauchte mich nicht umdrehen um zu wissen, wer dastand.
      “Kuinka kauan olet seisonut siellä (Wie lange stehst du da schon?)”, fragte ich den Finnen ein wenig verwundert, denn ich hatte ihn nicht kommen hören und Ivy, der normalerweise auf jeden zustürmte der sich näherte, hatte sich auch nicht bewegt. Der Freiberger reckte Samu nun seinen Kopf entgegen, der ihm freundlich durch den Schopf wuschelte.
      “Tarpeeksi kauan ihmetyttääkseni, miksi sinulla on niin mielettömän tärkeitä keskusteluja hevosesi kanssa? (Lang genug, um mich zu fragen, warum du so wahnsinnig wichtige Gespräche mit deinem Pferd führst?)”, kam die glucksende Antwort.
      “Tarvitsi vähän etäisyyttä kaikkiin siellä oleviin ihmisiin. En löytänyt sinua, Niki tai ketään muuta. (Hab ein wenig Abstand zu den ganzen Menschen dahinten gebraucht. Dich, Nik oder sonst wen habe ich nicht finden können)”, beantwortet ich seine Frage.
      “ylipäätään Oletko etsinyt? No sillä ei ole väliä. Sinä ja Ivy näytätte aika söpöltä yhdessä. (Hast du überhaupt gesucht? Na ja, ist auch egal. Du und Ivy sehen ziemlich niedlich zusammen aus.)” Samu hielt mir nun sein Handy vor die Nase. Offensichtlich hatte er ein Bild von Divine und mir gemacht, bevor er uns störte und zu meinem Erstaunen war es nicht mal ein schlechtes Bild. Eigentlich war mein bester Freund jetzt nicht gerade für sein künstlerisches Talent bekannt und machte meistens ziemlich missglückte Bilder. Ivy interessierte sich auch ziemlich für das Handy und wollte gerade versuchen hineinzubeißen, als Samu es ihm wegnahm.
      “Oh, Onko vielä toivoa taiteilijaurallesi (Oh, gibt es etwa noch Hoffnung, für deine Künstler Karriere)”, scherzte ich fröhlich.
      “Mmm, älä usko. Jopa sokea kana voi löytää viljan (Mmm, glaub nicht. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Körnchen)”, erwiderte Samu fröhlich, bevor er weiterredete: “Mutta itse asiassa olen täällä ilmoittaakseni teille, että ratsastusareenalla on juhlat ja tulette kanssani. (Aber eigentlich bin ich hier, um dir mitzuteilen, dass auf dem Reitplatz jetzt eine Party steigt und du kommst mit.)”
      “Onko minun todella pakko? Se on varmasti 1000 ihmistä jälleen (Muss ich wirklich? Das sind doch bestimmt wieder 1000 Menschen)”, jammerte ich ihn an.
      “Kyllä, sinun täytyy. Tarvitset vähän hauskaa, ennen kuin katoat tänne huomenna, eivätkä ihmiset ole niin pahoja nytkään, Lina, kun olet selvinnyt täällä tässä kaaoksen sotkussa lähes kolme vuotta. Pidät vielä muutaman tunnin juhlissa. Lisäksi kaikki muut ovat siellä, et tuskin huomaa muutamia vieraita välissä. (Ja, musst du. Du brauchst noch ein wenig Spaß, bevor du hier morgen verschwindest und so schlimm sind Menschen jetzt auch wieder nicht Lina, immerhin hast du schon fast drei Jahre hier in diesem Chaotenhaufen überlebt. Da wirst du ein paar Stunden auf einer Party auch noch schaffen. Außerdem sind alle anderen auch da die paar Gäste zwischendrin werden dir fast nicht auffallen.)”, setzte Samu zu einem Vortrag an. Wie fast immer hatte, mein bester Freund natürlich Recht, vielleicht würde es auch ganz lustig werden. Samu versuchte mich immer noch zu überzeugen: “Sitä paitsi, Lina, olen varma, että ystäväsikin on siellä. Jos et halua viettää iltaa yksin nurkassa, tule mukaani. (Außerdem Lina, wird dein Freund sicher auch da sein. Also wenn du den Abend nicht einsam und allein in einer Ecke verbringen möchtest, kommst du mit.)” Divine, dem inzwischen langweilig wurde, hatte begonnen mein Shirt abzuknabbern.
      “Lopeta puhuminen, sait minut ensimmäisen osan jälkeen (Hör auf zu reden, du hattest mich schon nach dem ersten Teil)”, gab ich schmunzelnd klein bei und zog Ivy das Shirt wieder aus dem Maul. Die Stelle, auf der er herumgekaut hatte, war nun von Pferdesabber überzogen, wo auch vorher schon Smoothie ihren Teil zu beitrug, und eine Sekunde später wäre auch ein Loch darin gewesen. Samu warf einen kritischen Blick an mir herunter: “So, kannst du aber nicht gehen. Also los geh dich umziehen.”

      “Was braucht ihr denn so lange? Sogar Jace war schneller und bei ihm bezweifelte ich, dass er überhaupt ein Hemd besitzt”, rief Alec die Treppe hoch und keine Sekunde später stand er auch schon im Türrahmen. Ich stand neben einem Haufen Kleidung und hielt Samu nun schon gefühlt das zehnte Kleid hin.
      “Madame kann sich nicht für ein Outfit entscheiden”, antworte der blonde, verdrehte genervt die Augen und deute auf das Chaos um mich herum.
      “Du bist auch nicht gerade hilfreich, du sagt zu allem schön!”, beklagte ich mein Problem.
      “Okay, du Samu gehst dich mal selbst anziehen, das solltest du ja wohl allein Schaffen und ich kümmere mich hier drum”, sagte Alec und schob den Finnen aus dem Zimmer.
      “Das da ziehst du nicht an, Süße”, kommentierte er, dass was ich gerade in der Hand hielt und begann in meinem Kleiderschrank zu wühlen. Ein wenig überrascht beobachtet ich ihn dabei, dass ich mal von einem Kerl eine hilfreiche Beratung in Sachen Outfit bekommen würde hätte ich mir niemals träumen lassen. Triumphierend drückte er mir nun etwas in die Hand: “Hier, anziehen, fertig machen, und zwar ein wenig flott, wir haben nicht ewig Zeit!” Wow, was war denn mit Alec heute los, man könnte fast den Eindruck bekommen er hätte heute noch etwas vor. Den Anweisungen des Meisters folgte leistend, verschwand im Bad.
      “Bist du jetzt endlich fertig”, fragte er bereits zum dritten Mal und klang allmählich leicht genervt. Ich flocht noch schnell die letzte Strähne zu Ende und fasste die beiden Enden zu einem kleinen Dutt zusammen, bevor ich noch mich noch ein letztes Mal im Spiegel überprüfte. In perfekten kleinen Wellen fielen mir die dunklen Haare über die Schultern und harmonierten perfekt mit dem dunklen Stoff des Kleides.
      Als ich aus der Tür trat, wurde ich auch schon frohlockend von Alec empfangen: “Perfekt, so nehme ich dich auch mit. Und jetzt komm!” Klang so, als sei Alec zufrieden mit seiner Auswahl, denn wer war auch kurz davor aus der Wohnung zu verschwinden.
      “Stopp, brauche ich nicht noch Schuhe?”, fragte ich ein wenig verwirrt mit einem Blick auf meine nackten Füße.
      “Nein, Sneaker sähen dazu blöd aus und hohe Schuhe sind absolut ungeeignet für einen Reitplatz”, bekam ich eine ziemlich eindeutige Antwort. Unkonventionell, aber okay. Alec wird schon recht haben. Langsam folgte ich Alec die Treppe hinunter, wo mir bereits viele Augen entgegenblickten. Für einen Moment fühlte ich mich wie in einem dieser High School Filme, wenn die ganze Familie gespannt auf die Tochter des Hauses wartete vor dem Abschlussball.
      “Lina, dieses Kleid steht dir vorzüglich”, kommentierte jemand, der gerade durch die Tür in den Flur trat. Die schillernde Erscheinung ließ keinen Zweifel wer da gerade gekommen war.
      “Magnus, was machst du denn hier?”, begrüßte ich den Neuankömmling ein wenig erstaunt.
      “Na, was wäre denn schon eine Party ohne mich”, scherzte Alecs Lebensgefährte gut gelaunt. Sein Outfit glich wie so häufig eher dem für eine Modenschau als für eine Party, aber anders kannte man ihn nicht.
      “Und du bist nicht meinetwegen hier?”, raunte Alec ihm zu und zog in Näher an sich heran um ihm einen Kuss zu geben. Was Magnus ihm zuraunte, verstand ich nicht, aber sein Schlafzimmerblick und die Stellen, wo sich seine Hände hinbewegten, waren eindeutige Zeichen dafür, das Samu und ich jetzt besser verschwinden würden.
      “Okay, ich glaub, wir lassen euch dann mal allein. Viel Spaß euch wir sehen uns sicher später noch mal”, rief ich während mich Samu aus dem Flur zog.

      Vriska
      Die Sonne nährte sich dem Horizont immer weiter und ich hatte entschieden die Situation zu verdrängen. Ehrlich gesagt, schütte ich eine bedenkliche Menge an Alkohol in meinem Körper, was keiner der, mittlerweile vier, Kerle als in Ordnung betrachtete. Sie musterten jeden meiner Schlucke, aber sagten nichts. Die Musik wurde leiser und jemand schlug auf ein Mikrofon, was in den Ohren schmerzte.
      “Wir freuen uns über das zahlreiche Erscheinen zu unserer After-Show-Party und habt heute euren Spaß, denkt jedoch daran. Morgen um elf Uhr fahren wir mit den Transporten zum Flughafen. Bis dahin müssen die Pferde verstaut sein und eure Taschen gepackt. Wir können nicht warten”, sagte Frau Wallin mit einem lallenden Unterton.
      “Natürlich seid ihr alt genug, aber ihr habt bewiesen, dass ihr mehr Betreuung benötigt, als wir dachten. Nichtsdestotrotz noch einmal Glückwunsch du den hervorragenden Ritten und behaltet euer Ziel im Blick”, fügte dann noch Herr Holm hinzu. Dann wurde die Musik wieder lauter und Gespräche um uns herum setzten fort.
      Der Star des heutigen Abends kam in großen Schritten barfuß durch den Sand gestreift. Die Spitze des schwarzen Kleids legte sich elegant an ihren Oberkörper, während es unten locker über den Knien baumelte. Neben ihr lief der große blonde mit seinen leuchtenden Augen. Seinen Arm hatte er elegant um seine Hüfte gelegt.
      “Ich bin schon Team Limu … oder Sana, wie auch immer”, flüsterte Erik mir mit einem leichten Lachen ins Ohr, damit Niklas das nicht hörte. Auf eine gewisse Weise gab ich ihm recht, aber verstand auch, dass eine gute Freundschaft so viel wichtiger war, als ein Liebespaar zu sein.
      “Zur Not können sie immer noch miteinander”, lachte nun auch ich.
      “Das solltet wohl ihr beide auch mal zum Herzen nehmen”, warf Niklas monoton ein. Gab er uns etwa gerade seinen Segen? Mit geöffnetem Mund schielte ich zu ihm herüber.
      “Dauert wohl noch”, setzte auch Chris mit ein. Schlagartig bekam er Eriks Faust in den Oberarm und mich zog Erik fest an sich. Meine Knie wurden weich, das Herz schlug schneller und schneller, ohne das mehr passierte. Seine Augen funkelten in dem warmen Schein der Lichterkette und an seinem Körper blickte es bunt. Ich wollte ihn. Nichts anderes als Erik sollte mir je den Kopf verdrehen, mich verwirren und ein Chaos in jeder Zelle anrichten. Vorsichtig drückte ich mich mit meinen Zehenspitzen nach oben und hoffte einen Kuss, vergeblich.
      “Ich habe doch gesagt, dass wir uns das für später aufheben”, flüsterte er verliebt und drückte meinen Kopf an seine Schulter. Dabei strich Erik mir durchs Haar.
      “Aber es ist doch später”, jammerte ich in sein Ohr. Die Musik wurde immer lauter und zweifelte, ob er mich überhaupt verstand. Doch, dass mich noch näher sich drückte, bestätigte dies wohl. Ich genoss es in seinen Armen zu sein. Es fühlte sich an, als würde sich die Welt in Zeitlupe um uns herumdrehen und es gäbe nur uns beide.
      Ein Finger tippte hektisch auf meiner Schulter. Erschrocken löste ich mich und drehte mich zur Seite – Niklas.
      “Mhm”, murmelte ich.
      “Ich gehe zu Lina”, sagte er in mein Ohr und senkte seinen Kopf wieder, als ich skeptisch sein Gesicht versuchte zu mustern.
      “Und wieso sollte das relevant für mich sein?”, antwortete ich.
      “Bitte sage ihr nichts, ich möchte das erst später besprechen”, murmelte Niklas. Langsam nervte es mich wirklich und meine Emotionen brachen heraus.
      “Später, später, später. Ihr seid einfach alle nicht in der Lage euch einer Situation zu stellen, also wollt ihr immer alles später machen. Was stimmt bloß mit euch nicht?”, brüllte ich in die Gruppe von Menschen, die um mich herumstand.
      Eingeschnappt strampelte ich davon, direkt zu meinem Pferd in den Stall. Das große Tor war bereits geschlossen, aber das sollte kein Hindernis für mich darstellen. Mit einem kräftigen Zug hatte ich eine Seite geöffnet und schloss es leise wieder hinter mir. Aus dem Hintergrund schallte die Musik und vor allem der Bass, während im Stall genüssliches Kauen der Pferde zu hören war. Am Ende des Gangs stand Glymur und steckte freundlich seinen Kopf über die Tür.
      “Bald geht es nach Hause und dann hast du erst mal dir eine Pause verdient”, flüsterte ich ihm zu. Dieser schnaubte nur und erwartete offensichtlich mehr. Mit seiner Lippe fummelte der Hengst an meinem Arm herum und begann zu lecken. Ich gab ihm einen kleinen Klaps. Es war mir zu viel. Der Alkohol breitete sich aus, die Gefühle übermannten mich und wollte Ruhe, Abstand, jedoch nicht mehr allein sein. Diese Leere machte mich verrückt. Tränen flossen meine Wangen herunter und ich versteckte mein Gesicht in meinen Händen. Aus der Ferne hörte ich Schritte, die durch das Knarren des Tors stoppten. Ich hatte mich an die Boxenwand gelehnt und saß auf dem kalten Steinboden in der Gasse. Die Schritte kamen immer näher. Mir fiel es schwer das Schluchzen abzustellen und jemand stoppte vor mir. Zuerst fiel mein Blick auf die Schuhe, die eindeutig nicht zu Erik gehörten. Stattdessen trug sonst nur eine andere Person solche limitieren Sneaker auf dem Pferdehof und interessierte sich überhaupt nicht für den Preis oder Wert der Dinger — Niklas.
      „Was willst du?“, fauchte ich und drückte meine Knie fest an mich heran.
      „Es wäre für uns alle besser, wenn du weniger Wert auf Worte legen würdest“, sagte Niklas. Er setzte sich vor mich und legte die Hände auf meinen Knien ab. Was sollte das werden? Den ganzen Tag hatte er mich ignoriert und gestern am liebsten vom Planeten geschickt. Er war ein genauso großes Rätsel wie ich.
      „Und was genau treibt dich zu mir? Wohl kaum, um mir Vorwürfe zu machen“, murmelte ich weiter und wischte wild mit meinem Arm durchs Gesicht. Die Tränen wurden weniger, aber beruhigt hatte ich mich noch nicht.
      „Dein toller Freund wollte nicht nach dir sehen, also bin ich dir nach.“ Niklas war ruhig und lächelte, zumindest nahm ich an, dass hier in der Dunkelheit erkennen zu können. Hinter mir sah Glymur nach immer zu uns und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, meinen Zopf anzuknabbern.
      „Er ist nicht mein Freund“, erklärte ich nun auch ihm.
      „Das hätte mich auch ziemlich überrascht, aber ich kann dir sagen, dass Erik sonst deutlich weniger interessiert ist und schon gar nicht irgendwo übernachtet. Also was auch immer du machst …“ ich unterbrach Niklas. Vielleicht wollte ich den Kerl überhaupt nicht, sondern ihn. Vielleicht war alles die Suche nach Aufmerksamkeit und der Wille ihn rasend vor Eifersucht zu machen.
      „Ich bin ein schrecklicher Mensch“, sprach ich den Gedanken laut aus.
      “Vriska, bitte. Das stimmt nicht. Du bist …”, diesmal stoppte er von selbst. Wir wussten beide, dass jedes Wort falsche Gefühle auslösen würde und ich war tatsächlich froh.
      “Egal. Warum bist du vorhin dazu gekommen?”, fragte Niklas nun leicht abwesend.
      “Du wirktest so geistesabwesend, dass ich mich schon bei dem Anblick schlecht fühlte und dich eigentlich zur Rede stellen wollte, warum du Lina am ersten Abend täuschst”, gab ich offen zu. Ein kleiner Lichtschein erhellte uns beide auf dem Steinboden, der durch mehrere Spalten im Tor ins Innere trat. Ich erkannte, dass Niklas auch wie ein Häufchen Elend vor mir saß. Seine sonst so breiten Schultern hingen gebeugt nach vorn und der Blick nach unten gerichtet. Meine Probleme wirkten so minimal und ihn anbrüllt zu haben, tat mir noch mehr weh im Herzen.
      “Danke, dass du da warst”, antwortete er.
      “Lass uns zurückgehen, sonst komme ich noch auf blöde Ideen”, lachte ich in der Hoffnung, ihn wieder auf andere Gedanken bringen zu können.
      “Ach? Was schwebt dir denn vor?”, lachte er endlich auch wieder.
      “Du kannst zwar alles essen, aber nicht alles wissen”, stichelte und half ihm beim Aufstehen. Glymur strich ich zur Verabschiedung über den hellen Kopf. Gelassen schnaubte er und wir liefen nach draußen. Ich kniff die Augen zusammen. Obwohl es bereits dunkler wurde, konnte man es nicht mit der Stallgasse vergleichen. Vom Platz leuchteten die bunten Strahler in den Himmel und zunehmend hörte man die Musik immer lauter.
      “Ist es dir etwa peinlich?”, Niklas lächelte verschmitzt und sah zu mir runter.
      “Nö, aber ich möchte dich nicht unnötig ablenken. Also konzentriere dich lieber auf deine Angebetete”, grinste ich freundlich und zeigte dabei auf Lina, die uns entgegenkam. Auch Erik konnte ich mit seinem Hund erkennen. Statt die beiden weiter zu nerven, ging ich auf meinem Mann zu. Er musterte mich.
      “Soll ich mir Sorgen machen?”, fragte er und schielte nun auch zu Niklas, der Lina im Arm hatte.
      “Dafür ist jetzt zu spät”, murmelte ich. Etwas Enttäuschung lag in meinen Worten, nach dem ich wusste, dass er mir nicht nachkommen wollte.

      Lina
      “Hier steckst du also”, begrüßte ich Niklas freudig und sah zu ihm hoch. Nachdem Samu, kaum hatten wir den Platz betreten, von Luchys kleiner Tochter in Beschlag genommen worden war, hatte ich versucht meinen Freund zu finden. Dabei war ich allerdings nur auf Erik gestoßen, der allein mit seinem Hund in der Gegend herumgestanden hatte. Der gigantische Hund versucht freundlich schwanzwedelnd Aufmerksamkeit zu bekommen, wurde von seinem Herrchen allerdings ignoriert. Auch wenn mir das ein wenig spanisch vorkam, dass Vriska nicht bei ihm war, hatte er mir immerhin sagen können, wo Nik steckte.
      “Alles okay, zwischen Vriska und dir?”, fragte ich bedacht. Auch, wenn es zu dunkel warum Vriskas Stimmung auf die Distanz eindeutig deuten zu können, hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Vriska irritierte mich in ihrem Verhalten und gleichzeitig fühlte ich mich von ihr irgendwie … hintergangen, obwohl das keinen Sinn ergab.
      “Wir hatten einen kleinen Diskus, aber konnte geklärt werden. Schließlich scheint ihr unfähiger Kerl nicht wirklich interessiert daran zu sein”, antwortete er provokant rufend.
      “Nik, benimm dich, wäre schön, wenn es heute Abend keinen Streit gibt. Immerhin ist heute der letzte Abend hier”, tadelte ich ihn und schob die Gedanken an Vriska zur Seite. Für einen letzten Abend wollte ich, dass was innerhalb der letzten Jahre zu meinem Zuhause wurde genießen zusammen mit dem wunderbaren Mann an meiner Seite.
      “Okay, du hast heute die Macht zu entscheiden, was wir tun. Hast du schon etwas gegessen, oder worauf hast du Lust?”, nickte er begeistert und legte seinen Arm um meinen Oberkörper. Vriska warf noch einen prüfenden Blick beim Vorbeilaufen zu uns, rollte mit den Augen und verschwand mit Erik wieder auf dem beleuchteten Platz. Ich brauchte nicht sonderlich lange überlegen, denn kaum hatte Nik essen nur erwähnt, meldete sich mein Bauch zu dem Thema.
      “Essen klingt nach einem guten Plan, ich verhungere gleich”, stimmte ich ihm zu und gemeinsam schlenderten wir an den Rand des Reitplatzes, wo die Food Trucks standen. Am Rande meines Blickfeldes nahm ich Jace wahr, der am Getränkewagen in ein Gespräch mit einer zierlichen schwarzhaarigen vertieft war. Diese war ihm offensichtlich nicht ganz abgeneigt. Ständig zupfte sie an ihrem ohnehin schon ziemlich knappen Outfit herum und ermöglichte somit ziemlich tiefe Einblicke in ihr Dekolleté. Der Blick meines Kollegen klebte quasi an ihrem Ausschnitt, was sie aber eher wenig zu stören schien.

      Hat der komische schmierige Typ Satz des Pythagoras gekauft? Konnte Lina sich auf unbestimmte Zeit von Ivy trennen und was schaffte es Samu seinen Kollegen Jace wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen? Die Abfahrt vom Whitehorse Creek Stud fiel allen nicht leicht, nur langsam und in der Stille packten alle ihre Sachen in die großen Transporter. Teilweise trauerten sie, andere waren vollkommen verkatert und wieder anderen konnten gar nichts sehnlicher darauf warten, als zurück in der Heimat anzukommen. Würde Vriska es schaffen, Erik und seinen Hund wiederzusehen?

      Fortsetzung folgt.



      © Mohikanerin, Wolfszeit // 32.692 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020, Tag 13 & 14}
    • Mohikanerin
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      kapitel två | 25. September 2021

      HMJ Divine // Fly me to the Moon // HMJ Holy // Vintage // Wunderkind // Architekkt // Waschprogramm // Glymur // Enigma LDS // Götterdämmerung LDS // Form Follows Function LDS

      Lina
      Ich wurde wach von einem kalten Luftzug, der mir auf einmal um die Beine strich. Etwas oder besser gesagt jemand hatte mich offensichtlich meiner Decke bestohlen.
      “Juli, du hast deine eigene Decke”, murrte ich müde. Ein leises Schnarchen war die einzige Reaktion, die ich bekam. Müde öffnete ich meine Augen, die einen Moment brauchten, bis sie sich an die Dunkelheit im Zimmer gewöhnt hatten. Drei Uhr zwanzig registrierte ich mit einem kurzen Blick auf den Wecker. Im schwachen Schimmer des Mondlichts, welche durch einen Spalt zwischen den Vorhängen drang, erkannte ich meine Schwester, die sich wie ein Wrap in die Decke eingewickelt hatte. Ihre eigene Decke schien aus dem Bett gefallen zu sein, denn ich konnte einen hellen Haufen auf dem Boden am Fußende ausmachen. Schlaftrunken stieg ich aus dem Bett. Der Boden unter meinen Füßen war unangenehm kühl. Möglichst leise, um Juli nicht zu wecken, versuchte ich zum Fußende zu tapsen.
      “Ahh, fuck! Wer hat denn das blöde Ding dahingestellt”, fluchte ich leise, als mein kleiner Zeh hart mit einer Kante kollidierte. Ein stechender Schmerz zuckte durch meinen Fuß, bevor der Zeh zu pulsieren begann. Blödes Bücherregal, warum musste das denn auch genau da stehen.
      Mit der Bettdecke im Arm humpelte ich zurück zu meiner Betthälfte. Noch immer schmerzte der Zeh. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich behauptet, er sei gebrochen. Wie konnte so ein kleiner Körperteil nur so sehr wehtun? Ungeachtet des schmerzenden Zehs steckte ich meine kalten Füße unter die Bettdecke und versuchte wieder eine gemütliche Schlafposition zu finden. Nach mehrmaligen herumwälzen fand ich diese schließlich auch. Während ich so da lang und darauf wartete vom Schlaf übermannt zu werden, schlichen sich Julis tausend Fragen wieder in mein Gedächtnis. Natürlich hatten viele Fragen Divine gegolten und auch dem, was ich in Kanada so erlebt hatte, doch die meisten ihrer Fragen konzentrierten sich auf die Ursache dafür, dass ich jetzt hier war. Hier in Schweden. Nachdem ich ihr erst einmal möglich detailgetreu erzählen musste, wie ich Niklas das erste Mal begegnete, wie es dazu kam, dass er mir ein Pferd kaufte, dessen Preis ich lieber verschwieg, und was genau Jace mit der Sache zu tun hatte, war es bereits ziemlich spät gewesen. Dass ich inzwischen Mit Niklas zusammen war, hatte ich ihr bis dato noch nicht erzählt, denn so viele Fragen wie sie zu allem möglichen stellte, waren wir gerade einmal bis zum Ende der ersten Woche gekommen, wo ich mit Niklas zusammen unterwegs gewesen war um Humbi zu kaufen.
      Unwillkürlich wanderten meine Gedanken zu dem Tag danach. Eigentlich hatte er ja ganz schön begonnen, wäre da nicht Jace gewesen. Jace der mit seiner Aktion erneut bewiesen hatte, das er nicht das war, was ich mir erhoffte und dass er sich innerhalb der drei Jahre kein Stück gewandelt hatte. Jace, der kurz davor gewesen war das zu zerstören, was Ausnahmsweise mal zu funktionieren schien. Zugegebener maßen war Jace allerdings nicht allein daran schuld gewesen, dass die darauffolgenden Tage zu einer Achterbahn der Gefühle wurden. Irgendwie kam es mir immer noch ziemlich surreal vor, dass ich nun tatsächlich hier in Schweden war. Verrückt wie schnell sich das Leben doch komplett verändern kann. Neben mir raschelte es leise und Juli kuschelte sich, etwas unverständlich vor sich hin murmelt an mich. Sie war es eindeutig gewohnt, das Bett normalerweise mit ihrem Freund zu teilen.
      Meine Schwester so nah bei mir zu haben, erinnerte mich an meine Kindheit. Immer wenn ich nicht schlafen konnte, weil ich Alpträume gehabt hatte, weil es draußen gewitterte oder weil Täti Elsa ihren Bruder wieder vorwürfe machte, warum er sich nicht selbst um uns kümmerte. Diese Gespräche endeten eigentlich immer in einem Streit, woraufhin sich unser Vater noch viel mehr in seine Arbeit stürzte. Juliett war einer der wenigen Menschen, die immer für mich da gewesen waren und wie auch früher schon entspannte ich mich in ihrer Gegenwart. Meine Gedanken an Kanada zerstreuten sich allmählich wieder und die Müdigkeit gewann wieder die Oberhand.
      Das nächste Mal wurde ich von dem Piepen des Weckers wach. Vorsichtig wühlte ich mich aus den Armen meiner Schwester, um das nervige Ding auszuschalten.
      “Ist es schon morgen?”, murmelte meine Schwester und drehte sich von mir weg.
      “Jep, aber schlaf ruhig weiter”, antworte ich meiner Schwester und kletterte aus dem Bett. Ich suchte mir ein paar Klamotten zusammen und tapste ins Bad um dort erst einmal unter die Dusche zu schlüpfen. Warm rann mir das Wasser über die Haut, was mich nach und nach wacher werden ließ.
      Als ich eine halbe Stunde später wieder aus dem Badezimmer heraus trat, war die Atmosphäre gelöst und ein ziemlich guter Duft lag in der Luft. Juli war inzwischen aufgestanden und stand fröhlich summend in der Küche und schnippele Obst.
      “Mmmmm, das riecht aber lecker”, stellte ich fest als ich die Küche betrat und versuchte die Quelle des Duftes auszumachen.
      “Oh, tauchst du auch mal wieder auf”, begrüßte sie mich gut gelaunt und schob mich beiseite um etwas aus dem Schrank zu nehmen. Der Geruch der durch die Küche waberte bekam mir bekannt vor, doch ich konnte es nicht ganz zuordnen, bis ich den Inhalt des Ofens entdeckte. Das, was da im Ofen vor sich in buk, weckte Freude in mir.
      “Machst du da etwa Uunipannukakkuja?”, fragte ich noch unnötigerweise, denn eigentlich kannte ich die Antwort schon. Juli nickte und suchte etwas in einer Schublade.
      “Ich hätte auch noch Korvapuusti gebacken, aber das hätte einerseits zu lange gedauert und dein Kühlschrank hat das auch nicht hergegeben. Hast du hier irgendwo ein Puderzuckersieb?”, fragte sie und zog die nächste Schublade auf. Schulte zuckend antwortete ich ihr: “Keine Ahnung, ich wohne hier noch nicht mal eine Woche.”
      “Na gut dann suche ich mal weiter. Du könntest schon einmal den Tisch decken. Frühstück ist gleich fertig”, sagte sie und drückte mir die Teller in die Hand. Ich begann den Tisch zu decken, während meiner Schwester fröhlich weiter in den Schränken wühlte.
      “So Schwesterchen, du warst gestern noch nicht damit fertig mir davon zu erzählen, warum du jetzt hier bist und nicht in Kanada”, kam Juli nun und stellte das Backblech auf den Tisch und verschwand wieder, um die Schüssel mit dem Obst und ein Glas Schokoaufstich zu holen, um diese ebenso auf den Tisch zu stellen.
      “Müssen wir wirklich jetzt darüber reden?”, fragte ich. Eigentlich war das, was zu Beginn der zweiten Woche so passiert, ist nicht unbedingt das Ideale Frühstücksthema.
      "Ich finde schon, dass du deiner Schwester sagen könntest was dich so beschäftigt hast, dass du dich nicht gemeldet hast", antwortete sie und verteilte das Uunipannukaakkuja auf den Tellern.
      "Okay, Okay dann bekommst du die wichtigste Info und den Rest erzähle ich dir wann anders …", gab ich seufzend nach. Ich würde ihr diese Sache vermutlich ohnehin nicht mehr lange verheimlichen können, immerhin kannte meine Schwester mich vermutlich besser als jeder andere auf diesem Planeten.
      "Und die wichtigste Info wäre …?“ Über den Tisch hinweg sah sie mich fragend an.
      "Der Grund warum ich hier bin, ist … Niklas. Wir sind jetzt zusammen", beantworte ich ihre Frage und stopfte mir einen Bissen in den Mund, spürte aber wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
      Auf Julis Gesicht trat ein erstaunter Ausdruck: “Und das sagst du mir erst jetzt?! Aber wow ich freu mich für dich. Wie kommt es dazu?” Natürlich fragte sie genauer nach, was hatte ich auch erwartet.
      “Lange Geschichte, definitiv zu lang fürs Frühstück. Ich bin glücklich mit ihm und das ist das wichtigste, was du erst einmal wissen musst. Du lernst ihn bestimmt noch irgendwann kennen ”, beantworte ich ihre Frage. Nicht das mein Freund kein tolles Thema sei, aber ich wollte erst einmal Frühstücken, bevor ich wieder die Millionen Fragen meiner Schwester beantworte.
      “Weißt du Juli, ich habe ein viel besseres Thema fürs Frühstück. Du erinnerst dich doch sicher noch an Samu …”, begann ich zwischen zwei Bissen zu erzählen.
      Juli schien kurz nachzudenken, bevor sie sich zu erinnern schien: “Der blonde, der mit mir in einem Jahrgang war, den du als deinen besten Freund auserkoren hast?”
      “Ja genau der! Weißt du, was er gebracht hat … der, der sich mein bester Freund nennt hat mir einfach nicht gesagt das er eine Freundin hat, anderthalb Jahre lang”, echauffierte ich mich über Samu. Meiner Schwester kugelte sich fast vor Lachen: “Ist das nicht der junge Mann, den du mehr fach erfolglos versucht, hast zu verkuppeln?”
      “Jap, genau der und eigentlich dachte ich wir kennen uns lang genug als, dass er mir so was erzählt”, sprach ich weiter. “Und weißt du, warum er es mir nicht erzählt hat? Weil seine Freundin hier in Schweden lebt und Samu der Meinung war, ich wäre nicht in der Lage allein zu leben”, beendete ich meine Erzählung. Juli kriegte sich immer noch kaum ein.
      “Ey, hör endlich auf zu lachen. Das hat für viel Spannungen gesorgt, das war eher weniger lustig”, beklagte ich mich und warf sie mit einer Blaubeere ab.
      “Ist ja gut, ich benehme mich schon”, kicherte meine Schwester immer noch versuchte sich zugegebenermaßen zusammenzureißen.

      Vriska
      Im Gegensatz zu meinem Bruder war ich bereits wach. Doch nicht nur einfach wach, sondern ich saß mit meinem Kaffee auf der Terrasse meiner Hütte und betrachtete den letzten Schweif der Sonne, der zum Himmel hinaufstieg. Ich hatte Schweden wirklich vermisst. Besonders fehlte mir die Hengste auf ihren Weiden sehen zu können und dabei in lauen Temperaturen die Natur zu genießen. Generell fiel es mir schwer, in Kanada den Moment zu nutzen. Als ich tief durchatmete und kurz die Augen schloss, störten Schritte durch den Kies die Ruhe. Hedda kam neugierig angerannt.
      „Du bist wieder da! So schön“, umarmte sie mich etwas weinerlich. Schön wäre gewesen, wenn ich länger hätte die Idylle nutzen können auf dem Flachland. Der Hof war umringt von Mischwäldern und die Blätter der Birken säuselten im Wind.
      “Wir haben Stalldienst, kommst du?”, holte sie mich wieder aus den Gedanken.
      “Ja, ich muss nur die Schuhe wechseln”, stöhnte ich und stützte mich aus dem Stuhl hoch. Mit einem kräftigen Schluck schüttete ich den restlichen Kaffee hinein, dann lief ich leise in die Hütte. Mein Bruder lag noch immer im Bett und drehte sich noch einmal, als ich in das Schlafzimmer tippelte, um aus dem Schrank eine andere Jacke zu holen. An der Haustür standen die Reitstiefel, in die ich hineinschlüpfte und dann endlich arbeiten. Obwohl, eigentlich hätte ich gern noch die Natur beobachtet, aber eine Aufgabe zu nehmen, reichte mir. Um mich zu erholen, hatte Tyrell mir so etwas wie Stallverbot erteilt, was mich natürlich nicht davon abhielt mit Flyma auszureiten.
      „Stimmt es, dass Lina jetzt hier am Hof ist?“, fragte Hedda mich aus beim Spannen der Litze.
      „Joa, warum?“, ich war nicht wirklich vom Thema überrascht, denn die kleine Schwester von Folke begeisterte sich für ihre Arbeit. Sie versuchte mit Holy ebenfalls so einige innige Bindung aufzubauen, was jedoch mit zwei solcher Chaoten wirklich nicht einfach war. Das schweißte sie zusammen.
      „Wir hatten Holy schon im Griff, aber seitdem ihr Partner weg ist, geht sie auf dem Paddock wieder durch den Zaun“, erzählte Hedda aufgeregt.
      „Deswegen war Tyrell so genervt. Verstehe. Aber jetzt geh zurück. Ich hole als Erstes die Einsteller rein“, wies ich sie an und sogleich rannte der geölte Blitz zu den Paddocks. Aus der Ferne vernahm ich ihren Pfiff worauf ich mit der Peitsche die Pferde noch einmal motivierte, den Weg nach Drinnen anzutreten. Angeführt trabte Mallita. Die Stute gehörte einer Einstellerin. Sie kam nicht oft zu ihrem Pferd, deswegen hatte Hedda sich ihr bereits angenommen und fand den Spaß am Springen. Ich konnte Mallita nichts abgewinnen. Sie war riesig und ungestüm, dazu noch unsicher.

      “Waren das alle?”, fragte Hedda, als auch unsere Stuten in Kopf durch die Gitter steckten zum Heu.
      “Ja, jetzt müssen wir Lina abholen, in zwanzig Minuten beginnt die Besprechung”, sagte ich trocken und verschwand in der Hütte. Harlen erhob sich aus dem Bett. Noch ziemlich verschlafen streckte er die Arme nach oben, schmatzte und wischte sich durch sein markantes Gesicht.
      „Vivi? Wo warst du so früh?“, fragte mein Bruder überrascht.
      „Arbeiten?“, verzog ich verwundert das Gesicht und goss in der Küche jedem eine Tasse Kaffee ein. Dankend nahm er sie entgegen, während ich mich an den Rand des Bettes setzte.
      „Du bist … anders“, merkte Harlen an. Es war nicht anders erwartet, dass er auf diese Art versucht mir mitzuteilen, ein wichtiges Gespräch führen zu müssen.
      „Ich weiß“, murmelte ich nervös. Kurz kam der Gedanke auf, ihm eine andere Geschichte aufzutischen, die spätestens morgen an Boden verlor.
      „Jetzt sage mir, warum ich kommen sollte. Wird wohl nicht wegen der Abschlussprüfungen sein, schließlich habe gar keine Ahnung von dem, was du hier tust“, ein freundliches Lächeln huschte durch sein Gesicht.
      „Menschen sind verletzt, meinetwegen, und …“ Ich wurde unterbrochen. Obwohl mein Bruder tagtäglich ein sehr löbliches Verhalten an den Tag brachte, konnte das ich meiner Anwesenheit vorkommen, dass er seinen Schleier der britischen Höflichkeit ablegte.
      „Bevor du weiter sprichst: Wer bist du und was hast du mit meiner kleinen unreflektierten Schwester gemacht, die vollkommen besessen davon ist, die Welt zu verbessern und deswegen Kopflos durch jedes Fettnäpfchen läuft?“ Wow. So präzise hatte mich noch nie jemand beschrieben. Umso trauriger war es, dass dieser tolle Kerl unbedingt mit mir verwandt sein musste. Manchmal scheiterte es wirklich daran. Wieso konnte es nicht wie bei Game of Thrones sein, wo es beinah erwünscht war, dass die Liebe in der Familie blieb? Nein, wirklich! Wenn es nicht verschrien wäre und auf die eine oder andere Art wirklich widerlich, dann könnten Harlen und ich die perfekte Familie gründen. Spaß beiseite. Es fehlte mir, ihn in meiner Nähe zu haben. Im Vergleich zum Rest der Sippe verstand er mich und stellte nur so viele Fragen wie nötig, ohne dabei einen Vorwurf zu formulieren.
      „Das meine ich. Seit mehr als einer Woche trage ich einem Gefühl mit mir herum, dass Bauchschmerzen auslöst, mir Sorge bereitet und mich sogar bereits zum … du weißt schon, brachte“, darüber beschämt, senkte ich den Kopf, um seinen fragenden Blicken auszuweichen. Sanft strich Harlen mir über den Rücken und ließ mir meine Zeit, darüber zu reden. Ich war dankbar darüber, gewisse Worte nicht aussprechen zu müssen.
      „Im Internet standen dazu Dinge wie Reue empfinden, aber ich möchte das Geschehene nicht ändern. Es war schön, aber hat andere verletzt. Deswegen bin ich jetzt verletzt und möchte einfach nicht mehr sein. Diese Zweifel und die Ungewissheit, damit umzugehen, bringen mich noch um meinen Verstand.“ Mit glasigen Augen sah ich an die weiße Decke der Hütte. Als ich hier einzog, hatte ich überlegt alles schwarz zu streichen, was Tyrell zum Luft schnappen brachte. Er hatte diese Ader am Hals, die begann anzuschwellen, wenn ihm etwas missfiel, aber nichts sagen wollte. So wie mein Bruder gerade auch, doch er antwortete nun doch.
      „Weißt du, kleines, es ist okay, wenn du es nicht rückgängig machen möchtest. Das zeigt nur, dass du bereit dafür bist, es als einen Teil von dir zu betrachten und nicht als ungebetener Gast, wie viele andere Puzzleteile in deinem Gehirn. Sage dir einfach, dass es nicht erneut passieren wird und vor allem, steh drüber. Dich dauerhaft dafür zum Sündenbock zu machen, quält dich nur. Hast du schon überlegt es wieder gutzumachen?“ Während er mir freundlich das Leben erklärte, blickte ich verzweifelt zur Uhr, die im Flur hing. Da ich noch Lina abholen wollte, musste das Gespräch warten.
      „Ich denke nicht, dass ich es wieder gut machen kann. Schließlich würde sie dann fremdgehen“, sprach ich schlürfte dabei meinen Kaffee aus.
      “Gleiches mit gleichem begleichen, stellt nicht immer die beste Lösung dar. Aber jetzt mal im Ernst, hast du dich an ihren Freund ran gemacht?”, fragte er noch weiter, als ich bereits mich im Abflug befand.
      “Nein, sie waren noch nicht zusammen und vor allem nicht aktuell, als es anfing. Dann fanden sie zueinander, aber ich konnte nicht aufhören …“, ich konnte die weiteren Worte nicht aussprechen. Ein Kloß breitete sich im Hals aus und durch Schlucken verschwand dieser nicht.
      “Weil du glücklich warst?”

      Tyrell
      Noch immer geduldig warteten wir auf die beiden Grazien, die offensichtlich nicht dir Uhr konnten. Die täglichen Besprechungen hatte in den letzten zwei Wochen nicht viel Sinn ergeben, umso mehr freute mich darüber, heute endlich wieder eine zu haben. Einige wichtige Dinge standen schon auf der To-do-Liste und damit jeder sein Pensum einhalten konnte, mussten wir heute teilen. Vriska arbeitete aktuell nur vier bis sechs Stunden am Tag und wenn möglich, bekam sie mögliche Pferde zugeteilt.
      “Entschuldigung”, kam Vriska mit Lina im Schlepptau dann doch noch. Wir hatten bereits mit der Besprechung begonnen, denn zwanzig Minuten Verspätung zeigte sich nicht wirklich gut für den ersten Arbeitstag. Bei Lina sah ich drüber hinweg. Sie konnte nicht wissen, wo der Seminarraum war und ich vergaß ihr alles richtig zu zeigen. Vriska war dafür zuständig, denn sie wollte Lina hier am Hof haben.
      “Ja, ja. Setzt euch einfach”, sagte ich mit einer winkenden Bewegung und sie nahmen in der ersten Reihe Platz. Linas Kopf wurde hochrot, aber ich grinste ich freundlich zu. Es gab keinen Grund deswegen peinlich berührt zu sein.
      “Also wo waren wir … ach ja. Lina? Vriska? Ihr beide müsst als Erstes eine der Boxen vorbereiten. Ein neuer Einstellerhengst wird einziehen und wir wollen die Hengste, die nicht auf Rennen laufen, auf den Paddock stellen. Danach bitte die Bungalows kontrollieren, nächste Woche kommen neue Gäste. Außerdem soll Lina heute noch Unterricht auf Betty bekommen, da unser Rotschopf aktuell andere Dinge im Kopf hat“, erzählte ich unausweichlich von meinen Notizen.
      „Noch habe ich Ferien“, sagte Hedda mit geschwellter Brust. Gerade deswegen hätte sie genug Zeit haben müssen, um Betty zu bewegen, aber wer war ich, das beurteilen zu können. In ihrem Alter habe ich ganz andere Dinge im Kopf gehabt.
      „Wie dem auch sei … Vriska, Bruce kommt die Tage und möchte etwas besprechen mit uns. Also sei bitte so freundlich und komme pünktlich“, fügte ich im Anschluss hinzu. Folke hatte bereits seine Aufgaben bekommen und verschwand ohne etwas zu Essen zu nehmen in den Stall.

      Vriska
      Zusammen mit Lina griffen wir uns die Hengste, die auf der vorgegebenen Liste standen und stellen sie nach einander mit in die Herde. Kritisch beäugte ich jedes einzelne eingegliedertes Pferd, denn ständiges Quietschen erhellte meine Ohren. Ein unbeschreibliches Gefühl lag mir im Bauch, dass die plötzliche Einführung in die Herde eine schlechte Idee war. Ich schüttelte den Kopf, um meinen inneren Monolog zu relativieren. Auch Lina bemerkte das hektische Zucken meines Körpers, aber bis auf skeptische Blicke, sagte sie nichts. Die beiden Paddocks neben der Halle, die ehrlich gesagt bei so wenigen Pferden wie ein Tierparkgehege wirkten, fühlten sich zunehmend. Auf der einen Seite standen unsere Pferde sowie die unseres Miteigentümers Collin und auf der anderen die der Einsteller. Es war für uns einfacher, zu dem konnte man den Fakt nicht außer Acht lassen, dass Tyrell die Einsteller als eine Art Eindringling oder Parasit betrachtete, die mit ihren ‘Gurkenpferden’ nur die Qualität der Turnierpferde minimierten. Oder etwas in der Art. Ich und vermutlich alle anderen konnten seine Gedankengänge nur selten nachvollziehen, doch das infrage stellen dieser, sorgte häufig für Aufregung.
      “Waren das alle?”, trat Linas Frage in meine Ohren. Ihres genervten Untertones zufolge fragte sie nicht das erste Mal. Prüfend schweifte mein Blick erneut über den Paddock. Wunder, Vintage, Waschi, Archi und Lu wechselten von den Boxen hinaus. Ruhe kehrte langsam in die Herde herein, denn Frost konnte erfolgreich seine Position als Herdenchef verteidigen. Unser Wunderkind bekam dabei einige Tritte ab, allerdings wusste er sich zu wehren und biss ihn in die Brust.
      Wir hatten es gerade noch rechtsseitig geschafft, die Boxen zu reinigen und eine von ihnen neu zu bestreuen, als ein Hänger mit Getose die Auffahrt hinauf fuhr. Tyrell stand bereits draußen und begrüßte unseren neuen Gast. Eine junge Dame stieg aus dem Fahrzeug und umarmte ihn freudig. Ungewöhnlich unwohl fühlte ich mich bei dem Anblick. Ich zupfte an den Armbändern, die ich am Morgen angelegt hatte, und meine Zähne konnten sich nicht von meinem Piercing lösen. Stattdessen biss ich so lange darauf herum, bis ein eisenhaltiger Geschmack in meinem Mund auftauchte. Kurz wischte ich mir durchs Gesicht und lief mit Lina dazu. In meinem Kopf schwirrten wieder seine Worte, dass Bruce morgen kommen würde und mir sicher mitteilte, dass Glymur nicht mehr an meiner Seite sein würde. Bestimmt war der Sturz über das Hindernis ein großer Gefahrenpunkt gewesen, denn es hätte für das Pony ganz anderes enden können. Dass diese Zweifel unbegründet waren, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
      „Oh Eve. Bevor ich es vergesse. Das sind Lina und Vriska. Sie arbeiten hier und helfen dir gerne beim Abladen von Ralle”, stellte Tyrell uns einander vor. Im Hänger hämmerte es laut gegen die Klappe und ich öffnete zusammen mit Eve diese. Ein großer dunkler Kaltblüter tauschte vor meinen Augen hervor. Der Schweif war zusammengeflochten und mit einer Bandage umwickelt. An den Beinen trug er riesige Transportgamaschen. Fasziniert betrachtete ich den imposanten Hengst, der rückwärts heraustrat. Seine Mähne wurde kurz geschnitten und bildeten niedliche Löckchen, die abwechselnd zur linken und rechten Seite kippten.
      “Diese Box haben wir vorbereitet”, zeigte ich auf die Dritte im Gang. Bei der Renovierung dieser riesigen Halle hatte Tyrell ausreichend große Boxen errichten lassen, um die Hengste zu zweit in eine Box stellen zu können, in der sie jederzeit auf einen Paddock gelangen. Seitlich zu den anderen waren sie mit einem doppelten Zaun abgeschirmt und vermutlich war Raleigh der einzige, der seinen Kopf weit genug zur anderen Seite strecken könnte, deswegen stand er nicht direkt zu anderen Pferde.
      Bei einem kalten Eistee, als wäre es nicht schon Kühl genug, saßen wir auf der Terrasse der Reithalle. Mittlerweile waren auch Harlen, Folke und Juli dazu gekommen, die sich mit Eve fabelhaft verstanden. Ich hingegen konnte sie nicht so recht einschätzen. Sie wirkte vertraut, beinah zu vertraut, aber machte gleichzeitig einen boshaften Eindruck, als führe sie etwas im Schilde. Bei meinen Vorahnungen hatte ich mich nie geirrt.
      „Vriska, wann hast du Prüfung?“, fragte Tyrell mich plötzlich. Wenn es etwas gab, worüber ich nicht reden wollte, dann das. Ich hatte auf zwei Jahre verkürzt, denn ‘meine hervorragenden reiterlichen Fähigkeiten’ sprachen für sich. Ziemlich kurzfristig wurde mir Angeboten noch in diesem Jahr die Prüfungen abzulegen. Den Stoff könnte ich schnell aufarbeiten, doch dem war nicht so. Ich hinkte noch immer hinterher, obwohl das Lernen zusammen mit Niklas mir viele Vorteile mitbrachte. Dass er mehr Erfahrung hatte als ich, zahlte sich in vielen Punkten aus.
      “Nächste Woche”, antwortete ich kurz. Während ich in Kanada noch davon überzeugt war, zwei weitere Wochen zum Lernen hatte, enttäuschte mich mein Terminkalender zu Hause. Nicht nur, dass ich mich im Datum geirrt hatte, sondern auch noch im Fach, brachte mich ziemlich in die Bredouille. Tyrell merkte, dass ich nicht drüber sprechen wollte und nickte nur. Dann schloss er sich wieder dem Gespräch von Harlen und Eve an, die sich interessiert über den Börsenkurs von irgendeinem Unternehmen unterhielten. Es war mir ein Rätsel, wie das mein Bruder sein konnte. Ich hatte noch Aufgaben vor mir. Da Lina noch mit ihrer Schwester besprach, stand ich wortlos auf und holte aus der Sattelkammer ein Halfter, ein altes, ziemlich dreckiges und an einigen Stellen war es sogar eingerissen. Warum das überhaupt noch in der übertrieben ordentlichen Sattelkammer zu finden war, brachte mich auf neue Herausforderungen. Ich warf es nicht in den nächsten Mülleimer, sondern lief zum Stutenpaddock. Neugierig erhoben die Stuten ihren Kopf. Mit einem freundlichen Winken begrüßte ich allesamt, doch schnappte mir Enigma. Die braune Stute mit leuchtenden eisblauen Augen zog jeden in ihren Bann. Tatsächlich war sie nicht die Einzige mit blauen Augen. Von allen Seiten sahen welche zu mir, die meisten von ihren Schecken. Ich führte Enigma zum Stall und traf dabei auf Eorann. Sie erkundigte sich nach Folke, ihrem Freund. Ohne große Reden zu schwingen, zeigte ich zur Terrasse.
      „Na komm meine Hübsche, du möchtest doch sicher ein tolles Reitpferd werden“, sagte ich zu ihr. Ich hatte sie bereits ruhig geputzt und die Trense angelegt. Denn, wir wollten in den Wald, eine Runde spazieren gehen und dabei vom Boden aus arbeiten. Sie hatte im letzten Jahr ihr erstes Fohlen und vermutlich für die nächsten auch das einzige. Da wir so viele Jungpferde auf den Weiden hatten, erinnerte ich mich nicht einmal daran, ob es ein Hengst oder eine Stute war. Selbst die Fellfarbe kam nicht in den Sinn, obwohl ich mir sonst alles merkte. Vermutlich hatte ich eine schlechte Phase, denn dann vergaß ich nicht nur sehr viel, sondern verdrängte unnötiges. Es könnte auch verkauft sein. Oder war sie es, die nicht aufgenommen hat?
      Zu gern hätte ich euch davon erzählt, wie lieb und aufmerksam wir durch den Wald spazierten, Enigma meinen Hilfen folgte und in einem gleichmäßigen Viertakt neben mir herlief. Doch dem war nicht so. Jedes knacken im Unterholz schreckte die junge Stute auf, ließ sie stehen bleiben und hektisch umgucken. Vom Schaben der Baumkronen ganz zu schweigen. Ihre Augen wurden größer und die Nüstern auch. Aufgeregt schnaubte sie, stellte den Schweif auf und könnte bei Staatsoper eine gute Ballerina darstellen. Nur mit viel Gefühl bekam sie weiter und zu guter Letzt drehten wir um. Enigma war voller Energie und es fehlte ihr nur ein Fünkchen Selbstvertrauen, dann hätte sie sich losgerissen. Verärgert stellte ich sie ins Roundpen. Ich löste noch rechtzeitig die Zügel, da schoss sie wie ein geölter Pfeil durch den Sand. Vielleicht hätte ich vorher sie ablaufen lassen. Auf beiden Händen rannte Enigma hektisch im Gangsalat.
      „Sie hat viel von dir“, trat eine bekannte Stimme an mich heran.
      „Ach ja? Wie kommst du denn darauf?“, sagte ich zu meinem Bruder. Er legte seine Arme auf dem Tor ab und betrachtete Enigma, die noch immerhin um mich kreiste, wie ein Border Collie um eine Schafsherde.
      „Jung und ungebändigt, aber ein Kind im Herzen“, lachte Harlen.
      „Sehr lustig. Sie ist erst vier, logisch, dass jung und ungebändigt ist“, rollte ich mit den Augen. An Stelle eines weiteren Kommentars lächelte er wieder. Enigma stoppte am Tor und sah mit erhobenem Haupt zu ihm. Sanft strich Harlen ihr über die Schnauze. Vielleicht hatte er gar nicht unrecht. Ich fühlte mich in seiner Umgebung auch sicherer, aber mich mit dem Entwicklungsstand eines vierjährigen Pferdes zu vergleichen, war eine bodenlose Frechheit.
      „Wann fahren wir eigentlich zu deinem Pony?“, sprach Harlen, nach dem sich Enigma wieder von ihm löste und im Schritt dem Hufschlag folgte.
      „Ich schätze nach her, weil ich noch für die Prüfung üben muss“, antwortete ich freundlich.
      „Gut, wann?“, ging die Löcherei direkt weiter.
      „Och Harlen. Nachher irgendwann, erst mal gebe ich noch Unterricht und dazwischen muss ich noch mit weiteren Pferden arbeiten“, erklärte ich nun wieder genervte und wendete mich der Stute zu. Sie zog noch immer ihre Kreise um mich.
      Langsam aber sicher befreundete ich mich nicht nur mit Enigma an, sondern auch der Motivationsrede meines Bruders. Er konnte überzeugend sprechen, vor allem einem Mut geben. Doch das war nur kleiner Teil seiner Stärken. Ich, als das Sandwich Kind, hatte alles abbekommen an negativen Eigenschaften in der Erbanlage, wie keiner der anderen beiden. Das Erwachen, das Harlen wirklich bei mir war, kam langsam aber sicher bei meinem Hirn an. Serotonin schoss durch meine Adern, geradewegs durch mein Gesicht. Mit neuer Energie lächelte ich fröhlich und führte Enigma zurück auf ihren Paddock, als ein Auto die Einfahrt hochfuhr. Tyrell stand nur einige Meter entfernt und holte gerade die Göttin. Oder auch Mörderpferd, wie ich zu sagen pflegte. Unsummen an Geld verschlag dieses Pferd, noch bevor es auf der Welt war. Ihr Vater stammt aus einer hochgezüchteten Rennpferdefamilie und lief selbst jahrelang Galopprennen. Wohingegen ihre Mutter aktiv im Passrennen unterwegs war. Die Mischung aus zwei sehr temperamentvollen Pferden zeigte sich zwar äußerst Ergiebig als Rennpferd im Trab, aber als Reitpferd gänzlich ungeeignet. Schon der Umgang stellte eine Herausforderung dar. Folke beherrschte sie, nur ich mich mochte das Pferd nicht. Als das Auto näher kam, erinnerte ich mich, wieso ich so erschrocken meinen Chef anblickte. Er hatte das, wohl sehr penetrante, Starren auch bemerkt und kam mit der Göttin, die mit vollen Namen eigentlich Götterdämmerung hieß, zu mir.
      „Erwarten wir jemanden?“, fragte ich schließlich und nickte mit Kopf in Richtung des Fahrzeugs.
      „Eigentlich nicht, aber vermutlich jemand, der den Erlebnisreiterhof entdecken möchte?“, lachte er.
      „Ich glaube kaum, dass jemand wegen einigen Schafen mit einem Motorlosen Porsche herkommt“, merkte ich nervös an.
      „Ach Vriska, der ist nicht Motorlos, sondern elektrisch betrieben“, klärte Tyrell auf. Ich nickte nur.
      „Vielleicht sollte ich mir aufschreiben, dass wir noch eine Ladesäule benötigen“, murmelte er sich selbst zu und zog im Laufen das Handy heraus, um sich eine Notiz zu machen. Ich hielt derweil den Zaun auf und schloss es hinter den beiden. Als ich erblickte, wer aus diesem Fahrzeug stieg, verging mir alles. Nicht nur, dass er in Uniform gekommen war, sondern auch die Tatsache, dass ich es schaffe heute nicht stundenlang meine Gedanken an ihn zu verschwenden, ließ mich erstarren. Wie angegossen stand ich mit dem Tor in der Hand vor dem Paddock.
      „Ach schau, den solltest du doch kennen. Bestimmt ist er wegen der Stute hier. Mach‘ du das“, beschloss Tyrell kurzerhand und lief zum Stall. Wie stellt er sich das vor? Ich hatte Form zwar eingeritten, was einige Hürden mit sich brachte, aber ich kannte das Pferd nicht so gut wie er. Beinah jede freie Minute hatte mein Chef in die bisherige Ausbildung der Stute gesteckt. Es nutzte nichts, ich hätte mir noch weiter den Kopf zerbrechen können, aber da musste ich durch. Act natural, erinnerte ich mich selbst und lief mit einem heraus gezwungenen Grinsen in seine Richtung.
      „Was machst du denn hier?“, fragte ich gleisnerisch und blieb einige Meter vor ihm stehen mit meinen Armen in der Hüfte aufgestellt. Super Vriska, sehe natürlich. So reagierst du immer auf ungebetene Gäste, klar.
      „Ich freue mich auch dich zu sehen, mir geht es gut, danke der Nachfrage“, scherzte Niklas und musterte mich genauso wie ich ihn. Es war nicht fair, dass er so gut aussah und ich hier in einer dunklen Hofjacke stand, die mir auch mehr als zwei Nummern zu groß war, und einer Reithose, die an den Knien Löcher aufwies. Harlen hatte vielleicht am Abend doch recht gehabt, dass ich mich ordentlicher Ankleiden soll, man weiß nie, wer zu Besuch kommt.
      „Bitteschön“, antwortete ich wohlüberlegt.
      „Wie dem auch sei. Ich bin hier zum Probereiten von Form und der Hengste für Smooth“, erklärte er dann. Dass Niklas plante seine Stute noch dieses Jahr decken zu lassen, erschien mir zu spät, aber was geht mich das an. Ich zuckte mit den Schultern und lief los. Er begleitete mich in den Stall, bis zur Kammer und sah sich dabei erstaunt um.
      „Und so willst du also reiten?“, versuchte ich ein Gespräch aufzubauen. Die Stille quälte mich ein wenig.
      „Wenn du genauer hingesehen hättest, wäre dir der Besatz aufgefallen“, schmunzelte er.
      „Erwartet der Herr, dass ich ihm in den Schritt blicke? Tut mir leid, aber du hast eine Freundin, also bist du raus“, schnaubte ich abfällig.
      „Ach jetzt auf einmal“, lachte Niklas und drückte ihm demonstrativ ein pinkes Halfter in die Hand mit pinken billigen Teddyfell und Herzchen Muster. Das Ding benutzt wir nie, aber heute würde es seine Aufgabe erfüllen.
      „Das ist jetzt doch nicht dein Ernst“, wedelte er mit dem Halfter vor meinem Gesicht.
      „Doch, schon“, lachte ich und schloss die Tür zur Kammer.
      „Der Hof sieht aus, als hättet ihr eines unserer Konten leer geräumt und du willst mir erzählen, dass ich mit so was ein Pferd holen soll“, beschwerte sich Niklas.
      „Also ich finde, es passt zu deinem kindischen Verhalten fabelhaft. Und jetzt komm mit“, ich konnte mir nicht verkneifen weiter zu lachen und zusammen holten wir Form vom Paddock. Mit einem Pfiff hoben alle Stuten Kopf. Sie warteten Geduld, wer gefragt war. Ich rief ihren Namen und in ruhigen Schritt trat Form schnaubend zu uns. Zur Begrüßung strich er ihr über den Kopf und legte danach das Halfter um. Der Ton leuchtete auf ihrem schwarzen Fell noch stärker und sah wirklich grauenhaft aus. Es war so schrecklich, dass umgehend ein Foto machte. Niklas bekam das mit und machte eine Grimasse. Ich glaube, das war der Beginn einer wirklich seltsamen Freundschaft. Auf dem Rückweg blödelten wir ungewöhnlich vertraut miteinander herum und für eine gewisse Zeit, vergaß ich sogar, was in Kanada alles passierte.
      Während er noch am Putzen war, holte in ihr Zeug aus der Kammer. Beinah jedes Pferd hatte seine eigene Trense, nur die Sättel mussten sich einige teilen. So stand ich vor der Auswahl an Pferdsitzer, Running Gag auf dem Hof, und wusste nicht mehr genau, welcher ihr bisher am besten passte. Schlussendlich schleppte ich den barocken Dressursattel von Tyrell nach unten, den er auf den meisten Pferden verwendete. Schleppen traf es im Übrigen bestens, denn er war wahrlich schwer. Laut dem Katalog im Shop brachte er stolze neun Komma fünf kg auf die Waage. Als mich Niklas ächzen sah, kam er voller Verwunderung helfen.
      „Erst dachte ich, dass du doch nicht so stark bist, wie du immer tust, aber der ist anschaulich schwer“, kommentierte er und nahm ihn mir ab. Ich nickte nur und behielt die Schabracke zunächst in der Hand. Dann legte ich sie auf ihren Rücken und dazu noch ein Lammfellpad. Natürlich hatte ich daran gedacht und eine Pinke, oder eher Himbeerfarbene Unterlage ausgesucht.
      „Sind wir dann so weit?“, fragte ich gespannt, als er mich wieder mit seinen leuchtenden Augen anblitze.
      „Bandagen? Oder zumindest Gamaschen?“, antwortete er mit Gegenfragen. Na gut, wenn er es so wollte. Passend dazu, hätten wir sicher welche, aber in der Kramkiste war es nicht immer leicht etwas Bestimmtes zu finden. Also griff ich nach beliebigen Fesselkopfgamaschen und Glocken. Am Ende hatte ich zwar zwei einheitliche für die Vorderbeine, aber für das hintere Beinpaar nur zwei unterschiedlich Farben. Die Glocken waren vergleichbar schwarz, also irrelevant, welche man fand. Mit dem Farbchaos kam ich zurück, wobei sich Niklas nur lachend an den Kopf fasste.
      „Das wäre der Punkt, an dem ich ein Probereiten abgebrochen hätte, denn das macht keinen guten Eindruck“, scherzte er. Schon so. Ich konnte ihm nur recht geben, aber es traf sehr unverhofft, unvorbereitet.
      “Hätte ich gewusst, dass wir hohen Besuch bekommen, hätte ich mir mehr Mühe gegeben. Wirklich”, lachte ich.

      Lina
      Meine Schwester erzählte ungefähr schon seit einer halben Stunde irgendeine Story von ihrer Arbeit, wovon ich allerdings nicht wirklich viel mitbekam. Während ich ihr mit halbem Ohr zuhörte, hatten meine Augen begonnen meine Umgebung näher in Augenschein zu nehmen. Jeden Tag aufs neue fühlte ich mich ein wenig überwältigt von diesem Hof. Alles war so groß und mit jeder Aufgabe, die ich bekam, hatte ich entweder die Sorge mich zu verlaufen oder fühlte mich auf irgendeine andere Art inkompetent. Doch das was mich viel mehr einschüchterte war die luxuriöse Erscheinung. Das Whitehorse Creek war zwar auch relativ modern gewesen, doch immer noch weitaus einfacher, mitten im kanadisch Nirgendwo war die Optik weniger wichtig, das praktisch stand ganz im Vordergrund. Hier schien das Ganze ein wenig anders zu sein. Der Hof sah zu jeder Zeit aus wie aus dem Katalog. Mit jeder neuen Ecke, die ich hier entdeckte, wurde mir bewusster das der Hof hier in einer ganz anderen Liga spielt, als das was ich bisher kannte. Schon allein die riesige Reithalle, in der ich mich gerade befand, war ziemlich beeindruckend und immer wieder stellte sich mir die Frage wie dieser Hof immer so ordentlich aussehen konnte. Mich faszinierte, dass ich den Hof ganz anders wahrnahm, als ich im April hier gewesen war, um Divine in Empfang zu nehmen. In dieser einen Woche, waren meine Gedanken viel mehr mit dem weißen Häufchen Elend beschäftigt gewesen, als mit der schicken Umgebung.
      “Hast du mir überhaupt zugehört?”, unterbrach die Stimme meiner Schwester meine Gedanken. Irritiert blickte ich sie an, tatsächlich hatte ich sie kurz vergessen.
      “Das ist wohl ein Nein. Du wirst wohl nie aufhören zu träumen”, amüsierte sie sich.
      “Ich träume nicht, ich reflektiere meine Situation. Das ist ein wichtiger Unterschied”, verteidigte ich meine Unaufmerksamkeit.
      “Ja klar, ein wichtiger Unterschied”, pflichtete mir Juli bei, doch der spöttische Unterton blieb mir nicht verborgen. Genervt verdrehte ich die Augen. Meine Schwester liebte es mich mit meinen Eigenarten aufzuziehen, besonders mit denen, die sie nicht nachvollziehen konnte.
      Gelächter begleitet von Hufgeklapper näherten sich, bevor sich das Tor öffnete und zwei Personen mit einem schwarzen Pferd eintraten. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, was meine Schwester allerdings nicht mitbekam, da sie bereits mit dem Neuankömmling beschäftigt war.
      “Was macht denn ein Polizist bei euch und dann auch noch so ein hübscher?”, fragte sie interessiert und ließ sie ihren Blick prüfend über den Erwähnten wandern. Tatsächlich tat sie das immer, wenn sie einer männlichen Person begegnete, was bei ihren ersten beiden Freunden zu großer Eifersucht geführt hatte, weil sie es auch nicht gerade unauffällig tat.
      “Juliett, hast du nicht einen Freund zu Hause?”, erinnerte ich sie, als sie für meinen Geschmack ein wenig zu intensiv schaute. Juli zuckte nur mit den Schultern und murmelte ein wenig schnippisch: “Man wird doch mal gucken dürfen, mehr tu ich doch gar nicht. Aber du hast mir meiner Frage nicht beantwortet, wer ist das? So wie du fragst, weißt du, wer das ist.” Natürlich wusste ich, wer das war, auch wenn mich sein plötzliches Auftauchen ein wenig überraschte, auf positive Weise. Ich konnte mich zwar nicht daran erinnern, dass er mir mitgeteilt hatte, dass er heute vorbeikommen wollte, aber egal. Mir wäre allerdings auch zuzutrauen, dass ich es einfach verpeilte.
      “Ja, weiß ich. Das ist Niklas”, antworte ich ihr mit engelsgleichem Gesicht.
      “Der Niklas? Dein Freund?”, fragte sie in einer Mischung aus Erstaunen und Begriffsstutzigkeit.
      “Hab ich dir etwa bisher von einem anderen Niklas erzählt?”, amüsierte ich mich über meine Schwester, so leicht war sie normalerweise nicht aus der Fassung zu bringen. Zudem war mir inzwischen die interessante Farbwahl aufgefallen, die an der Rappstute in der Halle zu sehen war. Im starken Kontrast zu der dunklen Fellfarbe der Stute leuchtete eine pinke Schabracke unter ihrem Sattel und ihren Beinen war ein buntes Sammelsurium an Gamaschen angebracht. An den vorderen Beinen trug das Pferd knallrote Gamaschen mit einem aus der Entfernung nicht identifizierbaren Muster. Am linken Hinterbein leuchte eine lila Gamasche, deren Klettverschlüsse ihre besten Tage schon hinter sich hatten, denn sie waren ausgefranst und klebten eher nur zur Hälfte. Das vierte Bein zierte eine wahre Geschmacksverirrung in Orange-, Blau- und Brauntönen. Wenigstens die Hufglocken waren schwarz und trugen so nicht auch noch zu dem Kunstwerk bei. Nik und Vriska blödelten ein wenig zusammen rum, während sie die Stute im Schritt durch die Halle führten. Seit wann verstanden sich die beiden denn wieder so gut? Hatte irgendetwas stattgefunden, was ich nicht mitbekommen hatte…?
      “Du hast ja doch guten Geschmack, bei deinem letzten Freund habe ich da schon stark dran gezweifelt”, sagte Juliett und unterstrich ihre Aussage mit theatralischen Gesten. Die Erwähnung meines Ex Freundes weckte keine guten Erinnerungen. In Kombination mit dem Leistungsdruck von meinem Vater, der einen guten Abschluss erwartete und den Bildern, die mich in meinen Träumen verfolgten war, diese Beziehung absolut toxisch gewesen. Aus Angst vor Zurückweisung hatte ich ihm lange nichts davon erzählt, dass meine Vergangenheit manchmal wie ein Monster aus den Schatten auftaucht und mich nicht mehr loslässt. Nachdem ich es ihm erzählt hatte, ließ er mich fallen, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Ich spürte bereits das Kribbeln in meinen Fingern, die den Drang nach monotonen Kreisbewegung verspürten.
      “Juli, kein gutes Thema grad”, murmelte ich, in der Hoffnung, sie würde den Wink, verstehen und ein Thema wählen, was diese dunkeln Gedanken vertreiben konnte. Glücklicherweise verstand sie sofort: “Ist das, was das Pferdchen da trägt, Kunst oder ein neuer Modetrend?
      Sieht nämlich überaus bescheuert aus.”
      Ich musste ein klein wenig schmunzeln. Recht hatte sie, Form sah überaus bescheuert aus.
      “Weder noch glaube ich … Ich vermute mal, Vriska hat das verbrochen, wobei das außergewöhnlich farbenfroh für sie ist”, beantwortete ich die Frage. Das letzte Nachbeben der verschwinden Gedanken, war ein ganz schwaches Gefühl von Verlassenheit, was sie ganz tief in meinem Herzen hinterließen. Meine Schwester bewies mal wieder, dass sie mich besser kannte als jeder andere, denn statt mich mit Fragen zu malträtieren, nahm sie mich in den Arm und redete mir gut zu: “Hey Lina Süße, ich weiß zwar nicht genau was in deinem Kopf schon wieder vorgeht, aber das ist Vergangenheit, das ist vorbei. Und weißt du, der dich nicht nimmt, wie du bist, ist ein Vollidiot und hat dich auch gar nicht verdient.” Sie hatte recht, aber das war nicht das was mir sorgen, bereitete. Dass Nik verständnisvoll war, stand außer Frage. Es war etwas anderes, was ich nicht genau festlegen konnte.
      “Wenn du darüber reden möchtest, weißt du ja jederzeit”, bot Juli an. Auch wenn ich sie manchmal gerne hassen würde, die Momente wie jetzt waren die, weswegen sie die beste große Schwester ist.
      “Vermutlich ist es nur wieder etwas, worüber ich mit zu viele Gedanken mache. Vielleicht komme ich später noch darauf zurück, aber danke”, lehnte ich ihr Angebot ab. Auch wenn es nicht wirklich um das unbestimmte Problem gegangen war, hatte ihr Worte mich doch ein wenig aufgemuntert.
      „Es tut mir leid eure innige Unterhaltung zu stören“, kam Vriska auf uns zu. Ich nickte.
      „Du müsstest mit mir jetzt rasch Cherry und Frost holen, weil dein Freund gleich wieder zur Arbeit muss“, fügte sie noch hinzu und lief, ohne auf eine Antwort zu warten, bereits weiter zur Sattelkammer. Neugierig fragte Juli, wer die beiden seien und ich erklärte ihr, das kurz bevor ich Vriska folgte.
      “Am besten nimmst du Cherry, das ist der Lusitano da”, erklärte sie und drückte mir ein Halfter in die Hand. Während Vriska den großen Scheckhengst halfterte und die Hengstkette anbaute, holte ich den besagten Falbhengst vom Paddock. Kaum einen Meter vom Auslauf entfernt begann Frost sich aufzuspielen. Seiner Meinung nach ging das alles hier viel zu langsam. Cherry hingegen trottete gelassen neben mir her und schien sich für den Aufstand seines Artgenossen gar nicht zu interessieren.
      “Frost ist ja ein ziemlich wild, ist der immer so drauf?”, versuchte ich ein Gespräch mit Vriska anzufangen, während wir zurück zur Halle liefen.
      „Kann man so sagen, aber er würde einem nie willentlich verletzen wollen. Es ist eher eine Art Vorfreude, Aufregungen über das was kommt“, antwortete sie und hatte Frost verhältnismäßig gut im Griff beim Passieren des Eingangs. Niklas schwebte noch immer über den Sand mit der Rappstute, aber motiviert sah er dabei nicht aus.
      „Vriska, ich schätze, du kannst den wieder wegbringen“, maulte er sie plötzlich an. Nach einem Augenrollen drehte sie wieder um zu den Paddocks. Leicht irritiert sah ich Vriska nach, die mit dem Hengst wieder verschwand, blieb mit Cherry aber stehen, wo ich war. Neugierig beobachte der Hengst neben mir, die dunkle Stute die sich elegant durch den Sand bewegte. Für einen Moment lang überlegte ich, ob ich warten sollte bis er mich bemerkte oder ob ich riskierte genauso freundlich angemault zu werden wie Vriska, denn ganz offenbar hatte der Herr gerade eine bomben Laune. Ich entschied mich für letzteres, besser gesagt der Falbhengst entschied das, indem er ein Wiehern von sich gab, vermutlich dazu gedacht, um die Aufmerksamkeit der Stute auf sich zu lenken.
      „Lässt du dich jetzt auch mal blicken?“, lächelte Niklas ungewöhnlich aufgesetzt. War das auch eine Anschuldigung oder versuchte er mich aufzuziehen?
      “Ich wäre ja auch früher gekommen, hättest du mal Bescheid gesagt, dass du kommst”, versuchte ich mich zu erklären und noch während ich es aussprach, merkte ich, dass es mehr wie eine Anschuldigung klang, als ich beabsichtigt hatte.
      “Sorry, das sollte kein Vorwurf werden”, schob ich etwas sanfter hinterher, um meine Aussage zu revidieren. Eigentlich freute ich mich ihn zu sehen, denn als er die Halle betrat, hatte er mich für einen kurzen Moment vergessen lassen, wie fremd ich mich hier fühlte.
      “Schon gut, dann sattle ihn bitte. In zwanzig Minuten muss ich los”, sagte er vertraut und ritt mit Form im Schritt wieder los. Ich nickte und stellte den Hengst, der geduldig neben mir gewartet hatte, auf den Putzplatz. Der Lusitano war nicht sonderlich dreckig, sodass ich nur einmal über die Sattellage und die Beine drüber putzte. Als ich nach Beinschutz für den Hengst suchte, wurde mir klar, warum Form solch einen bunten Anblick bot. Unter den Deckeln der grünen Metallkisten kam ein buntes Chaos aus Bandagen und Gamaschen jeglicher Art zu Vorschein. Mit ein wenig Mühe fand ich ein paar gleich aussehende Gamaschen für die Vorderbeine und ich beschloss, dass es reichen musste. Um mehr aus diesem Chaos herauszufischen blieb nicht die Zeit.
      Als ich gerade rätselte, welcher der Sättel wohl auf den Rücken des Iberers passen würde, kam zum Glück Vriska zurück und zeigte mir den Sattel. Brav ließ sich der Hengst von mir satteln und kam mir beim Trensen sogar mit dem Kopf entgegen. Knappe 5 Minuten hatte ich gebraucht um den Falben fertig zu machen und stand nun mit ihm wieder vor dem Hallentor.
      “Tür frei, bitte”, rief ich in die Halle, bevor ich mit dem Hengst eintrat und bekam auch sogleich eine Antwort von Niklas, der gerade mit der Rappstute in der Hallenmitte anhielt. Wir tauschten die Pferde und er schwang sich in den Sattel. Sofort senkte Cherry seinen Kopf. Form neben mir scheuerte ihren Kopf an meiner Schulter, Schaum verteilte sich auf meinem blauen Sweater. Verärgert drückte ich sie zur Seite. Ihre Augen weit aufgerissen, die Nüstern aufgebläht und der Boden bebte. Die Lippe zog sie nach oben, als hätte ich einen Löwen auf sie gehetzt. Einen Moment später stand Form wieder still neben mir. Eine solch heftige Reaktion hatte ich nicht gerade erwartet, seltsames Pferd. Währenddessen trabte Niklas bereits auf dem Hengst und ritt einige Seitengänge, etwas früh für meinen Geschmack, aber das ging mich nichts an. Nach dem Galopp stieg er sogleich ab und Vriska war bereits dazu gekommen, um Cherry im Empfang zu nehmen. So schnell Niklas zum Hof kam, verließ er ihn auch wieder. Zum Abschied bekam ich einen Kuss auf meine Stirn.
      “Pass auf dich auf”, verabschiedete ich ihn und sah im nach, wie er aus dem Stall verschwand. Gern hätte ich ihn noch einen Moment länger um mich gehabt, doch was sollte man schon machen, wenn die Arbeit ruft. Die rief mich nun auch wieder. Eigentlich viel mehr Vriska, die mich darauf hinwies, dass das Pferd sich wohl nicht von allein absatteln würde.
      “Na komm Form, dann bringen wird dich mal nach Hause”, sprach ich zu der dunklen Stute, die mich mit ihren blauen Augen beobachtete.
      Als ich gerade dabei war ihr die Trense abzunehmen, tauchte meine Schwester auf einmal von irgendwo auf und fragte neugierig: “Ist er schon wieder weg?”
      “Jap, Nik musste zur Arbeit. Kannst du mir mal diesen kleine-Mädchentraum von Halfter da bitte reichen”, beantworte ich ihr Frage und forderte sich gleichzeitig dazu auf sich nützlich zu machen.
      “Schade, ich hätte ihn mir auch gern mal aus der Nähe angeschaut”, scherzte sie und reichte mir das Plüschteil, bevor sie begann die Gamaschen von den Beinen der Stute abzubauen.
      “Das glaub ich dir, musst du wohl noch etwas hierbleiben, wenn das dein Ziel ist.” Schmunzelnd zog ich Form das Halfter über die Ohren und hakte die Anbinder ein, bevor ich auch den Sattel, der erstaunlich schwer war, von ihrem Rücken nahm.
      “Ich hatte jetzt vor gleich wieder abzureisen, Lina. Immerhin hast du dich knappe zwei Jahre nicht bei mir blicken lassen”, beschwerte sie sich und folgte mir in die Sattelkammer. “Wo kommen diese Teile hin?”, fragte Juli und wedelte mit den Gamaschen durch die Luft.
      “In einer der Kisten des Chaos”, antworte ich ihr und versuchte das Monstrum von Sattel auf seinen Platz zu hieven, was auch mehr oder weniger gut funktionierte.
      “Kisten des Chaos? In diese Sattelkammer? Du willst mich doch auf den Arm nehmen”, hinterfragte sie misstrauisch und sah sich dabei in dem Raum um. Alles in diesem Rau, hing ordentlich an der Wand oder war in einem Regal verräumt, bis auf die drei grünen Militärkisten, die auf dem Boden unter den Trensen standen.
      “Nein, ist mein voller Ernst. Schau einfach selbst in die Kiste”, antworte ich ihr und klappte den Deckel auf, damit sie sich selbst ein Bild davon machen konnte. Etwas ungläubig sah sie in die Kiste bevor sie den Haufen Gamaschen einfach hineinfallen ließ. Die Trense nahm ich ihr aus der Hand und hängte sie, nach dem Auswaschen des Gebisses, ebenfalls an ihren Platz und nachdem ich Forms Wohnort in Erfahrung gebracht hatte konnte ich sie auch wegbringen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 50.096 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel tre | 25. September 2021

      Forbidden Fruit LDS // Satz des Pythagoras // HMJ Divine // Northumbria // Form Follows Function LDS // Raleigh // Middle Ages // Lundi LDS // Kölski von Atomic // Lu’lu’a // Glymur

      Vriska
      An den Boxen bekam die Falbstute eine große Portion Futter. Überall verteilte sich der Möhrenbrei und die Ölsaaten sowie diverse Fasern und Kräuter. Selbst die Schüssel blieb nicht verschont und wurde am Ende durch die Gegend geworfen. Müde blickte ich der nach, aber schenkte ihr keine weitere Beachtung. Dann zog ich Fruity hinter mir mit geradewegs zum Paddock.
      “So, jetzt beweise ich es dir”, sagte ich zu Harlen und lief zu Göttin, die in der Mitte des Paddocks stand und mich bereits gewittert hatte. Mit angelegten Ohren sah in meine Richtung. Selbst das Leckerli interessierte sie nicht ansatzweise. Stattdessen schnappte sie in meine Richtung und schlug aufgeregt mit ihrem Schweif.
      “Gut, ich glaube es dir”, knickte er ein.
      Am Himmel bewegte sich die Sonne immer weiter Richtung Horizont und verschwand in den Baumkronen des Mischwaldes. Um weiteren Überfällen zu entgehen, schlüpfte ich in meine Jogginghose und hatte es mir mit Harlen auf der Terrasse bequem gemacht. Für einen Wimpernschlag schloss ich die Augen, als mein Handy in der Tasche vibrierte. Eine unbekannte Nummer rief mich an. Ich hob ab.
      „Vriska?“, sagte eine vertraute Stimme, die ich nicht direkt einordnen konnte.
      „Wer fragt?“
      „Nicht dein Ernst! Chris natürlich. Ich … wir wollten fragen, ob du mit Lina rumkommst zum Grillen?“, stellte er sich dann vor. Ich hoffte kurz, dass Erik anrief, doch die Stimme war zu tief dafür, wurde mir im nächsten Moment klar.
      „Ähm, muss sie erst fragen. Aber ich habe mein Bruder hier“, stammelte ich überrascht.
      „Dann bringst du denn mit, sag ihr, dass ihr Schatzi hier wartet und er wie ein Schlosshund weint“, lachte Chris. Aus dem Hintergrund hörte ich Beschwerden seitens Niklas und ich rollte die Augen. Eigentlich hatte ich wirklich gehofft solchen Situationen in nächster Zeit aus dem Weg gehen zu können. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir und wenn ich nein gesagt hätte, dann wäre ich ein Langweiler. Oder wer weiß, welche Auswirkungen es gehabt hätte.
      „Ich schaue, was sich einrichten lässt“, antwortete ich kurz und legte auf.
      „Wer war das?“, fragte Harlen interessiert nach dem er vernahm, dass ich aufstand.
      „Das Team, ich soll rüberfahren und du kommst mit“, befahl ich. Doch vorher musste ich noch zu Lina. Der Kontakt zueinander war noch immer schwierig. Wir wechselten nur die nötigsten Worte, Small Talk gab es keinen, wenn überhaupt, dann über die Pferde. Es verletzte mich, dass ich so war. Was auch immer. Ich klopfe an die an ihre verschlossene Zimmertür und hoffte, dass keine Resonanz käme. Wieder Enttäuschung, denn sie öffnete langsam die Tür und musterte mich. Im Hintergrund flimmerte der Fernseher und ich vernahm eine Silhouette auf der Couch. Sie drehte sich in unsere Richtung und winkte freundlich.
      “Was führt dich her?”, fragte sie erwartungsvoll.
      “Wir wurden eingeladen zum Grillen beim Verein und ich soll dir mitteilen, dass Niklas dich fürchterlich vermisst”, versuchte ich ein Lächeln, aber es gelang mir nicht besonders.
      “Lina, lass dich nicht von mir aufhalten, du gehst mit! Aber ich hätte auch kein Problem mitzukommen …”, war es nun bestimmt von der Couch zu vernehmen.
      “Ich denke mal, du hast die Antwort gehört. Ist es okay, wenn Juliett mitkommt? Ansonsten lass ich sie einfach dort vor dem Fernseher sitzen, das sollte sie den Abend beschäftigen”, antwortete sie offensichtlich belustigt über ihre Schwester.
      „Wenn Harlen mitdarf, sollte Juliett kein Problem sein. Aber mach dich auf lüsterne Blicke gefasst. Wir sehen uns gleich am Auto, ich versuche den großen zu bekommen“, warte ihre Schwester und lief weiter zu Tyrell. In seinem Bungalow brannte bereits Licht und auf den Weiden standen schon die Pferde. Somit konnte er vom Stalldienst wieder zu Hause sein. Wieder klopfte ich an der Tür. Es dauerte, bis sie sich öffnete. Nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet, stand er vor mir.
      „Ach Damenbesuch am Abend lässt mein Herz direkt schneller schlagen“, lachte er und stützte sich auf der Klinke ab. Langsam strich ich mir eine Strähne. Ich spürte wie mir wärmer wurde und ich den Blick zu Boden senkte.
      “Ich … Ich brauche den BMW”, sagte ich entschlossen. Ohne weitere Fragen zu stellen, griff er zum Schlüsselbrett und drückte mir die Fernbedienung in die Hand.
      “Aber bring den heile wieder und seid nicht so spät zurück, ihr habt morgen Stalldienst und du noch Unterricht”, erinnerte Tyrell mich und ich bedankte mich. Sogar einen kleinen Knicks machte ich. Harlen hatte sich offenbar schon vorbereitet und ein Hemd drübergezogen sowie eine schwarze Anzughose dazu. Er übertrieb wieder einmal.
      “Dir ist klar, dass das kein Geschäftsessen ist, sondern grillen mit hitzigen Männern und einigen Mädchen, die auf unschuldig machen, aber vermutlich mit jedem schon im Bett waren”, klärte ich meinen Bruder auf, mit dem ich zum Auto lief. Lina und Juliett warteten bereits. Wie schnell waren die beiden? Und dann auch noch so viel attraktiver als vor wenigen Minuten an der Tür. Faszinierend diese Familie.
      “Ich werde es überleben”, lachte Harlen und stieg auf dem Beifahrerplatz. Die anderen beiden machten es sich auf der Rückbank bequem. Ich hatte meinen Sitz eingestellt, das Licht angestellt und ausgeparkt. Den Hof ließen wir langsam hinter uns. Meine Augen behielt ich auf der Straße, schweigend. In der nächsten Woche begann die Elchjagd und deswegen konnte es jetzt schon zu einem erhöhten Risiko kommen, dass die mörderischen Tiere die Straße wechselten. Wildunfälle gehörten zu der häufigsten Todesursache in Schweden und ich hatte auch überhaupt keine Lust darauf, so ein Hirsch auf der Motorhaube zu haben. Denn der Kuhfänger würde das Vieh nur in Maßen halten können. Aus den Erinnerungen strahlten Unfallbilder aus den Nachrichten im inneren Auge. Ekelhaft.
      In der Dämmerung fuhr ich ungern die Strecke. Es gab nur wenige Straßenlaternen, die nur ein seichtes Licht spendeten. An den Seiten waren kleine Steinmauern, bis wir am Fernstraßenkreuz ankamen. Die Strecke zum Festland kam mir ewig vor. Mit meinen Händen wippte ich im Takt der Töne aus dem Radio und versuchte mit einem Ohr das Gespräch der drei zu verfolgen. Linas Schwester freute sich Niklas näher kennenzulernen und mein Bruder schwärmte förmlich davon nicht nur die Damen zu betrachten. Ich wunderte mich zwar, aber hinterfragte seine Aussage nicht weiter.
      Endlich an der Ausfahrt angekommen, verließen wir die E22. Die Flutlichter der Rennbahn erkannte man bereits aus der Ferne, also waren wir fast da. Nach dem Kreisverkehr leuchtete schon das Schild der Trabrennbahn und am Ende kam die Einfahrt zu dem gepachteten Teil des Vereins. Ich parkte das Auto vor dem Tor ab und steig aus.
      “Wir sind da”, sagte ich erfreut und hüpfte aus dem Geländewagen. Hätten wir meinen VW genommen, würde jeder mit Rückenschmerzen geplagt sein. Bereits ab achtzig Stunden pro Kilometer wackelte das Ding herum, aber in dem von Tyrell schwebte man über die Straße. Auf der Brücke bekam man schnell das Verlangen etwas schneller zu fahren, aber ich hielt mich zurück.
      “Wow, ich dachte ja schon der Hof sei riesig, aber das hier scheint ja noch riesiger. Also zumindest der Teil den ich sehen kann”, staunte Lina während sie aus dem Fahrzeug kletterte. Ihre Schwester hatte weitaus weniger Augen für die Anlage.
      “Ist das die richtige Richtung?”, fragte sie hochgestimmt und lief zielstrebig in Richtung des Tores. Dass sich diese Frage übrighatte, merkte Juliett ziemlich schnell, denn Chris und Niklas kamen angelaufen – Zum Glück, denn ich hatte wieder einmal den Code vergessen.
      “Ich dachte schon, ihr habt euch verfahren”, lachte Chris und schloss mich direkt in seine Arme. Ich drückte meinen Kopf in den Nacken und schnappte nach Luft. Umarmungen mochte ich nicht. Auch Niklas lief direkt zu Lina, um sie angemessen zu begrüßen, bemerkte ich im Augenwinkel.
      “Prinzessen, ihr könnt am Feuer rummachen”, alberte er glücklich und wir liefen hinüber zur Terrasse, bei der bereits der Grill loderte und auch die Feuerschale stand.
      “Nenn’ mich nicht immer so”, trabte Niklas uns nach. Dicht gefolgt von dem Rest. Ich sah mich um. Viele unbekannte Gesichter schauen zu uns, teilweise freundlich, teilweise abwertend, aber größtenteils neutral. Nur eine Person fehlte – Ju.
      „Eins musst du wissen“, zog mich Chris zur Seite. Ich wollte ihn gerade fragen, wo der Dritte des Gespanns steckte, doch dazu kam ich gar nicht. Sein Gesichtsausdruck war ernst.
      „Und was?“, fragte ich verwundert, ziemlich leise.
      „Es hat die Runde gemacht mit dir und Niklas.“ Dass hier so getratscht werden würde, dachte ich mir schon. Es klärte die bissigen Blicke von zwei Damen, die auf einer Bank nebeneinandersaßen und tuschelten.
      „Und woher wissen sie das?“ Wild gestikulierte ich herum und Chris hielt meine Arme fest, denn ich war im Inbegriff ihn gegen den Bauch zu hauen.
      „Anna.“ Ach, das hätte ich mir denken können. Egal. Die blöde Kuh würde ich hoffentlich in der nächsten Zeit nicht mehr sehen müssen. Es reichte schon die Turteltauben neben mir zu haben, denn aus unerklärlichen Gründen beschäftigte Nik sich nur mit Linas Körper und hatte sich nicht einmal ihrer Schwester vorgestellt. Warum beschäftigte mich das so? Es brodelte in meinem Bauch, meine Hände zitterten und auch die Knie wurden weicher. Vermutlich lag es daran, dass Erik kein Fünkchen Interesse mehr zeigte, obwohl er täglich mehr als eine Nachricht von mir bekam. Wenn es so weitergeht, würden mir noch mehr Haare ausfallen.
      „Ich hoffe, dein Freund weiß von deinen Ausrutschern“, fauchte mich eine der beiden von der Bank an. Verwirrt sah ich zu ihr, dann zu meinem Bruder und deutete mit dem Finger auf ihn.
      „Schätzchen, das ist mein Bruder“, lachte ich böswillig und setzte mich auf einen der Baumstämme.
      “Welche Ausrutscher?”, fragte er mich leise.
      “Darüber reden wir wann anderes”, maulte ich ihn an. Freundlich, wie Chris war, brachte er einen Teller mit Gemüse und setzte sich zu uns.

      Lina
      “Juli, bist du jetzt mal endlich so weit. Ich mach jetzt das Licht aus”, verkündete ich, während ich noch mal prüfe, dass ich meinen Wecker richtiggestellt hatte. Ziemlich früh mussten Vriska und ich morgen die Pferde reinholen.
      “Ja, ich komme ja”, rief meine Schwester aus dem Bad, bevor von dort aus noch einmal in die Küche wuselte. Juliett war schon immer ein Nachtschwärmer gewesen und wenn es nach ihr gegangen wäre, wären wir auch noch länger geblieben.
      “Der Abend hat echt Spaß gemacht. Ach, und ich mag deinen Freund, den darfst du behalten”, vermeldete sie und ließ sich endlich auf dem Bett nieder.
      “Seit wann brauche ich denn deine Erlaubnis für meinen Freund? Aber genug, jetzt ich muss morgen früh raus, Gute Nacht”, scherzte ich und reckte mich aus dem Bett, um die Nachttischlampe auszuknipsen. Mit einem leisen Klick erlosch die Glühbirne.
      “Schlaf gut”, hörte ich Juli noch sagen, bevor Stille im Raum lag, die einzigen Geräusche waren leises atmen und ab und zu raschelte ihrer Decke, wenn sie sich bewegte. Dass meine Schwester heute Abend Spaß gehabt hatte, wunderte mich eigentlich nicht. Schon immer war sie der kontaktfreudigere Mensch von uns beiden. Egal, wo man war, ob sie die Leute kannte oder nicht, sie schaffte es immer irgendwelche verrückten Gespräche zu führen. Somit verbrachte Juliett den Abend damit, von Grüppchen zu Grüppchen zu wandern und überall ein paar Gespräche zu führen. Trotz der vielen fremden Menschen, hatte sogar ich meinen Spaß gehabt, zumindest nachdem ich mein Gewissen erleichtert hatte. Zu Beginn fand ich die neidischen und verachtenden Blicke, die mir einige der Damen zuwarfen, überaus unangenehm. So ganz durchblickt, hatte ich die Gründe für diese Abscheu nicht, aber bei den jüngeren Mädchen im Verein schien Niklas so etwas wie das höchste Achievement zu sein, was nur einem exklusiven Club an Auserwählen zustand. Zwei dieser Grazien nutzen jede Gelegenheit, um ziemlich erfolglos die Aufmerksamkeit meines Freundes auf sich zu ziehen. So kindisch wie sie sich verhielten, hätte ich das Ganze fast lustig gefunden, wenn die beiden dabei nicht so penetrant und nervig gewesen wären. Offenbar gingen sie nicht nur mir auf die Nerven, denn Vriska sah ich den ganzen Abend lang nicht, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Nik, dessen Pegel ziemlich sicher schon bei meiner Ankunft nicht mehr bei 0 lag, hatte eher anderes im Kopf und störte sich reichlich wenige an dem Spektakel drumherum. Man könnte jetzt denken, dass die ungeteilte Aufmerksamkeit des äußerst attraktiven Mannes an meiner Seite dazu beitrug, dass ich den Abend genießen konnte, doch das Gegenteil war der Fall. Beim Fertigmachen vorhin war mir das Armband, was Jace mir schenkte entgegengefallen. Wie ein ungebetener Reminder, glitzerte es mir vom Boden entgegen und augenblicklich bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich Nik bisher nichts davon erzählte, was zwischen mir und Jace auf dem Reitplatz geschah. So wuchs mit jeder Minute am Feuer der Drang danach, Niklas von dem Ereignis zu erzählen. Letztlich nutzte ich einen Moment, in den wir allein waren, um mein Gewissen zu erleichtern. Erstaunlicherweise reagiert Nik ganz entgegen meiner Erwartung. Statt sich darüber aufzuregen, war er äußerst belustigt darüber, hoffentlich würde er das auch nüchtern noch ähnlichsehen. Er sah in ihm keine ernsthafte Konkurrenz, denn seiner Meinung nach, könnte ohnehin niemand mithalten. Das empfand ich als ziemlich selbst überschätzt, aber gut. Nachdem er sich ausgiebig darüber amüsiert hatte, wollte er lieber mit mir über Smoothie reden. Aufgrund ihrer Arthrose sollte sie nun in Turnierrente gehen. Neben seinem Job würde Nik es unmöglich schaffen sich um zwei Pferde zu kümmern, weshalb ich sie abtrainieren sollte. Deswegen und weil sie ohnehin nicht weiter auf der Rennbahn stehen konnte, sollte die Stute auf das LDS ziehen. Sonntagabend wollte er die Schimmelstute zusammen mit Humbria vorbeibringen und Form wird gleichen mitzunehmen. Ich wusste sehr zu schätzen, dass er seine Stute in meine Obhut gab, denn ihm lag mindestens so viel an Smoothie wie mir an Ivy. Keinesfalls würde er Smooth jedem einfach so anvertrauen.
      Allmählich wurden meine Glieder schwerer. Die Worte in meinem Kopf schienen sich voneinander zu lösen, zusammenhanglos durch meinen Kopf zu schweben bis Träume daraus wurden.

      Vriska
      „Es tut mir leid“, raunte es in mein Ohr als wir eng umschlossen in der Box im Stutentrakt standen. Wie ich oder besser gesagt wir beide hierherkamen, wusste ich nicht. Beherzt griff er mich an meinen Oberschenkeln und drückte mich gegen die Boxenwand. Ein stummes Stöhnen verließ meine Lippen und ich tauchte in eine andere Welt ab.
      Der Wecker klingelte. Fünf Uhr dreißig. Bestürzt schüttelte ich den Kopf. Was war das bitte? Erschöpft stieg aus dem Bett und lief zuerst ins Badezimmer, um mir das Gesicht zu waschen. Der Traum steckte noch tief in meinen Knochen und zeigte mir klar auf, was mich gestrigen Abend belastete. Lina hatte, was ich nicht haben konnte. Sie fühlten sich wohl beieinander, es war eine Geborgenheit, ein Vertrauen, dass mir keiner schenkte. Ich setzte mich mit einem Kaffee bewaffnet und der nicht mehr so wirklich Notfallschachtel, denn ich hatte mittlerweile schon so viele gekauft an der Tankstelle, dass es nicht mehr zur Stressbewältigung beitrug, an dem Tisch auf der Terrasse. Es ließ mich nicht los. Hätte ich nicht plötzlich entschieden, meine Zeit mit Erik zu verbringen, würde er mir gehören. Nur mir allein. Lina brauchte ihn mehr als ich, aber die Trauer jagte mich. Nun sogar im Traum.
      “Stopp”, sagte ich laut zu mir, um der Spirale zu entfliehen. Tatsächlich half es mir immer wieder das Wort zu wiederholen, um zurück auf eine gerichtete Spur zu kommen. Denn ich musste los zur Arbeit. Am Himmel traten durch die Baumkronen die ersten Strahlen der Sonne und spiegelten sich in den Scheiben der Reithalle. Ein Zeichen dafür, endlich voranzugehen.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich Lina beiläufig und winkte sie zu mir. Wir besprachen kurz, wer was machen würde und im nächsten Augenblick trennten sich schon wieder die Wege. Ich übernahm die Hengste. Ralle, der Kaltblüter vom Hof bereitete mir noch immer Sorgen. Er war ein ruhiger und sanfter Hengst, dennoch beeindruckte er mit seiner Größe. Alles an ihm wirkte überdimensioniert und gigantisch im Vergleich zu meinen Ponys. Freundlich schnupperte Ralle an meiner ausgestreckten Hand. Seine großen Nüstern prusteten im Takt der Atmung und ich schob auf Zehenspitzen das Halfter über seine Ohren. Er senkte ein Stück den Hals, um mir zu helfen. Ich strich ihm lobend den kräftigen Hals, bevor es weiter ging in den Stall. Im Hintergrund vernahm ich das Getrappel der Stuten, die Eilig in den Stall stürmten. Als Nächstes folgten noch unsere beiden Stammrennpferde sowie Middy die mit Lundi und Kölski auf einer weiter entfernten Weide standen. Unser Sorgenkind entwickelte sich prächtig. Mit aufgestelltem Schweif tollte er um uns herum, trabte vor und galoppierte mit einer schnellen wieder in unsere Richtung. Lundi hingegen folgte eng seiner Mutter und traute sich kein Schritt von ihr zu entfernen. Uns entgegen kam Lina – freudestrahlend.
      “Dieser kleine Wirbelwind da ist einfach nur entzückend! Toll, wie viel Lebensfreude er ausstrahlt”, teilte sie mir hochgestimmt mit. Innerlich drehte es sich bei mir, als sie sprach. Ja, ich wollte nicht weiter daran denken. Aber nein, das fiel mir schwer. Knirschend schliffen meine Backenzähne sich aneinander und ich atmete mehrmals tief durch.
      “Dafür, dass er, wie wir, ein Verstoßender ist, merkt man das nicht”, lachte ich aufgesetzt und merkte, dass der Kommentar nicht angebracht war. Zu spät. Im Stall spielte sich Middy auf. Sie tanzte auf der Stelle und hob den Kopf, als Ralle neugierig zu ihr blickte. Der Zickerei schenkte ich keine Beachtung und öffnete die Boxentür, in die die Fohlen direkt liefen und sich in den frischen Spänen fallen ließen. Lina sparte es sich weiter mit mir zu sprechen, was wohl für uns beide einfacher war. Stattdessen lief sie aus dem Stall heraus, schließlich war es das erst mal mit der Arbeit. Sauber machen brauchten wir nicht, denn die Pferde standen über Nacht auf den Weiden und die werden in den nächsten Wochen ohnehin gemulcht, um sie für den Heuanbau vorzubereiten. Somit blieb es an mir hängen, die Halle noch einmal zu Wässern, bevor auch ich erst mal zurückging, um noch einmal ein kurzes Nickerchen auf der Couch zu machen, hoffentlich, ohne seltsame Träume.
      Hämmernde Geräusche. Meine Augenlider sprangen auf und ich auch. Harlen schlief wie ein Stein, nicht ein Muskel zuckte. Wie konnte man den Lärm so leicht ignorieren? Unglaublich! Ich lief geradewegs zur Tür und Tyrell stand verärgert vor mir.
      “Kommst du dann mal endlich?”, fragte er provokant. Nickend schloss ich den Kopf und folgte zur Halle. Fertig gesattelt stand Fruity in der Putzbox mit einem Halfter um den Hals. Sie wirkte müde und die Augen schlossen sich langsam, das Hinterbein aufgestellt. Meinen Helm drückte er mir direkt in die Hand.
      Nach dem Training stellte ich das verschwitzte Pferd zurück auf den Paddock. Sogleich schließ sie sich in den Sand fallen und eine ordentliche Panade entstand auf beiden Seiten.
      “Fahren wir dann rüber?”, fragte Harlen und wedelte mit den Autoschlüsseln in der Hand. Ich nickte, aber brachte vorher noch das Halfter zurück in den Stall. An meinem Auto trafen wir uns wieder, nach dem ich Lina vorsorglich fragte, ob sie ebenfalls mitkommen wollte. Sie arbeitete wieder mit Lu im Roundpen und verneinte. Glücklich darüber, sie nicht auch noch am Hals zu haben, fuhren wir los. Harlen saß am Steuer. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete die Landschaft, die wie in einem Film an uns vorbeizog. Die Vorgärten sammelten erste Blätter an, die ich bei der Fahrt in der vergangenen Nacht nur spärlich erkennen konnte. Es hatte etwas Romantisches in Schweden zu leben. Der Schritt von London nach Brandenburg, in Deutschland, hatte bereits seine Tücken und Unterschiede gezeigt, doch war keinesfalls vergleichbar mit dem Leben auf der Halbinsel. Direkte Nachbarn am Hof gab es nicht, aber im nächsten Dorf wurden wir freundlich begrüßt. Bei der Eröffnung konnte jeder kommen und beinah alle Bewohner der Insel ließen sich die Chance nicht nehmen, den neuen Erlebnishof zu entdecken. Tyrell hatte große Bedenken, wie sie reagieren würden. Niemand hegte Zweifel oder sprach negativ darüber, ganz im Gegenteil. Sie legten unsere Flyer in ihren Geschäften aus und Kinder kamen bereits nach einigen Tagen, um Reitstunden zu vereinbaren. Wir unterstützten einander und bekamen viel Zuspruch. Das bestärkte alle an dem Projekt festzuhalten, auch wenn es schwieriger wurde. Besonders jetzt hatten wir so was wie eine Flaute. Deswegen hatte Tyrell vor ungefähr einem halben Jahr die Pension angeboten. Das Schwelgen in Erinnerungen wurde mehrfach von Harlen unterbrochen, der fluchend stark bremste. In seinem Kopf war er noch im Linksverkehr und missachtete Vorfahrtsregeln, wodurch er angetippt wurde und aufgebrachte Fahrer hervorbrachte. Ich konnte nur lachen, denn ich kannte es aus Deutschland, nur dass mir dort einige Male prügle angedroht wurde, wenn jemanden die Vorfahrt nahm.
      Harlen hatte noch nicht einmal den Motor abgestellt, als ich bereits die Beifahrertür aufriss und aus dem Auto hechtete. Meine Tasche entnahm ich aus dem Kofferraum und lief zum Tor. Es war zu. Ich sah mich um. Am Hof stand bis auf unser Auto und dem einen Transport von drei kein weiteres Fahrzeug. Einige vereinzelte Pferde liefen auf ihren Paddock auf und ab und auf der Trainingsbahn fuhren Jockeys mit den Trabern.
      “Fällt dir noch der Code ein, oder musst du wen anrufen?”, kam mein Bruder dazu und sah wie ich fragend das Tastenfeld an, dass neben dem Tor an einer kleinen Hütte befestigt war. Tatsächlich wusste ich den Code einmal und hoffte, dass er mir wieder einfiel. Nervös scrollte ich durch meine Notizen, in denen ich nicht fündig wurde. Dann wechselte ich mit wenigen Berührungen in das Mailfach und sah die einzelnen Nachrichten durch, bis ich endlich die wichtigen Informationen fand. 1-5-9-3-0-4 tippte ich nacheinander ein und wie von Zauberhand schob sich das Tor nach rechts und ging auf.
      “Ich bin groß genug, um das ohne Hilfe zu schaffen”, strahlte ich und lief durch.
      “Alt genug eventuell, aber groß genug auf keinen Fall”, neckte er mich und folgte.
      Obwohl ich wusste, dass die Zuteilung der Prüfungspferde zufällig sein würde, übte ich heute alle praktischen Teile noch einmal. Glymur tat die Pause gut. Mit viel Elan tippelte er voran und hatte aus Kanada genauso viel mitgenommen wie ich. Nebenbei stellte mir Harlen diverse Fragen, sowohl aus dem Fragenkatalog als auch darüber, was ich gerade tat. Im Klaren zu sein, dass die Prüfungen immer näher rückten, machte mich nervös. Genauso nervös, dass ich mit Fruity in einer Dressur reiten soll. Meine Hände zitterten. Wie würde es weitergehen? Schaffe ich das alles?

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 22.936 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
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    6 März 2020
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  • Zuchtname: Glymur
    Rufname: Glymi

    Aus der: Elding
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Hýreygur
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
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    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 11. Juli 2009
    Farbe: Smokey Black Schecke Splash
    Abzeichen: Scheckungsbedingt (Kopf und Beine)
    Stockmaß: 145 cm

    Charakter:
    Glymur ist ein Traum von Pferd. Er hat butterweiche Gänge, die jedoch mit einer hohen Knieaktion versehen sind und raumgreifend sind. Seine beiden zusätzlichen Gangarten Pass und Tölt sind beide von sehr guter Qualität. Im Alltag ist er ein wahrer Gentleman und stets bei der Sache. Jedoch braucht er eine Bezugsperson, mit der er durch Dick und Dünn gehen kann, dann ist er das perfekte Pferd.Momentan befindet er sich in einer Umschulung zum Western, da er bald schon Teil des ersten Equestrian Drill Teams auf Joelle sein wird. Hierbei geht es um eine Quadrille, die gespickt mir Westernlektionen ist. Glymur hat aufgrund seiner Intelligent viel Spaß an der Arbeit und zeigt gute Eignungen.
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    Gencode: EE aa nCr nSty nT nSpl
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 8,78
    Nachkommen: -

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    HK 466
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    Dressur: L / L
    Springen: E / A
    Military: E / A
    Fahren: E / E
    Rennen: -
    Gangreiten: E / S
    Western: E / A
    Distanz: -

    Gänge: 5

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    184. Militaryturnier (28.05.2014)

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    183. Militaryturnier (07.05.2014)

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    205. Fahrturnier (22.06.2014)

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    267. Springturnier (26.09.2014)

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    257. Springturnier (30.06.2014)

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    11. Gangturnier (25.10.2014)

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    9. Gangturnier (05.08.2014)


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    64. Synchronspringen (26.11.2014)

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    286. Springturnier (05.12.2014)

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    294. Dressurturnier (28.11.2014)
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    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: Unbekannt
    VKR: Elii
    Ersteller: Elii
    Punkte: Gekört
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