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Mohikanerin

// Glymur

Hengst | Gekört | (c) Elii

// Glymur
Mohikanerin, 6 März 2020
    • Mohikanerin
      Nationalteam X | 12. April 2021
      HMJ Divine // All Hope Is Gone // Crystal Sky //Legolas // Elf Dancer // Saturn // Mas’uda // Sunny Empire // LMR Ice Rain// Nathalie
      Satz des Pythagoras // Northumbria // St. Pauli’s Amnesia // Kempa // Glymur
      Checkpoint


      Hannes
      Ist es eigentlich so schwer einfach mal keine Probleme oder Drama zu haben? Alles, was ich die letzten Tage mitbekommen habe, war mir einfach zu viel. Immer war irgendwo Stress und wenn nicht, lag eine unangenehme Stille in der Luft, aber niemand wollte so wirklich mit der Sprache rausrücken - eigentlich ist es mir doch egal, oder? Jaja da kommt es wieder der kleine unbeachtete Bruder, der zwar von den Eltern, sofern man sie so nennen kann, geheiligt wurde, aber dem Rest ziemlich am Arsch vorbeiging. Niklas kleiner Anhänger, nett waren sie immer zu mir, doch wirklich mit mir zu tun haben oder geschweige mir etwas anvertrauen wollten sie nie. Die einzigen Ablenkungen von dem ganzen Trubel waren die Pferde, weshalb ich mich morgens meistens gleich zu den Pferden begab, doch heute war es bereits hier schon voll. “Morgen”, grummelte ich, um zumindest höflich zu sein und verschwand in Checkpoints Box. “Na Dicker, haste auch so gute Laune wie ich heute?”, fragte ich ihn ironisch. Vriska und Lina habe ich bereits gesichtet, da kann Niklas ja nicht weit weg sein, dachte ich im Stillen und wollte mich schon fast selbst für diesen bösen Gedanken ohrfeigen.

      Niklas
      „Godmorgon. Vakna, älskling”, hörte ich Chris im Halbschlaf zu mir sagen, eh ich sein verschwitztes Shirt ins Gesicht geworfen bekam.
      „Det är bra“, murmelte ich genervt und warf ihm zielsicher sein Oberteil ins Gesicht. Er lachte und ging ins Bad. Mein erster Blick widmete sich meinem Handy. Es war kurz vor 8 Uhr und müde ließ ich mich wieder auf das Kissen fallen, dann zog ich die Decke hoch und wünschte mich in den Schlaf zurück. Unverständlich erzählte er etwas aus dem Nebenzimmer und hinderte mich intensiv daran, wieder im Land der Träume zu landen. Genervt warf ich die Decke von mir und betrachtete die morgendliche Überraschung.
      “Vielleicht solltest du rüber zu deiner Angebeteten”, scherzte Chris, während er seine Zähne putzte.
      “Nej, jag tror inte det”, antwortete ich ihm und zog mir die Sachen vom Vortag über. Ich verabschiedete mich von Chris und lief zu Ju. Im Zimmer waren die Beiden ziemlich beschäftigt einander Komplimente zu machen und wach zu küssen. Ungeachtet dessen, nahm ich mir Kleidung von der, die ich gestern wusch. Die Wahl fiel auf das graue Polo und meiner dunkelgrauen Reggings, darüber zog ich helle Strümpfe. Bis zum Frühstück blieben noch fast zwei Stunden, so könnte ich eine Runde durch den Wald mit Smoothie. Ich wollte gerade die Tür schließen als Ju noch etwas sagte. Drehte mich um und blickte zu den Turteltauben in dem deutlich zu schmalem Bett.
      „Holmi hat geschrieben, dass die Pferde heute jeder selbst auf die Weide bringt. Könntest du dann Amy mit rausstellen?“, fragte er freundlich. Ich stimmte zu, drehte mich um und wollte wieder die Tür schließen als Linh mich dieses fragte für Móra. Auch das bejahte ich und ging endgültig. Somit hatte ich jetzt vier Pferde zu verpflegen. Humbi steht eh dauerhaft draußen, brauchte, aber sicher neues Heu. Also würde ich erst die anderen beiden rausbringen, bevor ich die geplante Runde mit meiner Schimmelstute drehen würde. Am Anfang der Stallgasse stand der Heuballen, an dem ich mich großzügig bediente. Ich hörte meine Stute bereits aufgeregt wiehern, nach dem ich das Heunetz an mich nahm zum Befüllen. Wenn’s um Futter ging, konnte Humbria wirklich aufdringlich sein, obwohl sie Leckerlis bis heute eher skeptisch betrachtet. Doch dieses Heu schien etwas Magisches zu haben. Innerlich hoffte ich, dass der sie den Flug in einigen Tagen gut überstehen würde, denn bisher kannte sie nur Kanada. Schweden war klimatisch ähnlich, aber qualitativ anders. Besonders spannend zeigte sich Smoothie. Die Weide in der Heimat wachsen großartig mit saftigem Gras, doch hier explodierte sie förmlich, was mit erklärte, warum einige Pferde hier am Hof ziemlich wohlgenährt aussahen. Im Stall vernahm ich Stimmen, die mir bekannt waren. Doch vor mir standen einige Aufgaben, die ich zu erledigen hatte. Als Erstes bekam mein Zappelphilipp sein Heu und dann holte ich Amy und Móra aus den Boxen. Zickig schnappten sie zueinander.
      „Benehmt euch. Eure Besitzer finden einander großartig“, tadelte ich die Pferde führte sie energisch raus aus dem Stall. Mit der einen zur linken und der anderen zur rechten lief ich den sandigen Weg herunter, der zur Koppel führte. Der feine Sand fand sein Weg in die Schuhe und vor allem in meine Strümpfe, was alles andere als angenehm war. Nach meiner Ansage entspannten sich komischerweise die Pferde und ich konnte sie getrost auf die Weide lassen. Mit den Stricken in der Hand lief ich zurück zum Stall. Beide fanden ihren Platz an der Box und vor dem Stallgebäude entleerte ich meine Schuhe und Socken. So konnte ich wohl kaum eine Runde mit meinem Pferd drehen. Außergewöhnlich fröhlich kam Vriska zum Stall ebenfalls mit einem Strick in der Hand. Ihr breites Lächeln und auch das durchaus auffällige Outfit lenkten meine Aufmerksamkeit auf die. Von oben bis unten musterte ich sie, eh Vriska mich ebenfalls sah.
      „Godmorgon. Ziemlich früh bist du heute schon am Stall“, scherzte sie und blieb vor mir stehen. Dabei nahm die Kleine ihre Sonnenbrille von den Augen und steckte sie in ihr Haar.
      „Gibt auch einiges zu tun. Und wo willst du hin? Auf den Schönheitsball?“, stieg ich mit ein und wedelte noch immer mit meinem Strumpf, um den Sand zu entfernen.
      „Ich denke eher nicht. Mir ist einfach nur warm“, entgegnete Vriska.
      „Meine Stimme hättest du“, lobte ich sie und zog mir den Strumpf über Fuß und Wade.
      „Lieb von dir aber denkst du nicht, dass du noch zu viel anhast, um solche Aussagen treffen zu dürfen?“, begann sie zu provozieren.
      „Nog, du möchtest also das sehen?“, nutzte ich dieselben Mittel und hielt mein Shirt mit einer Hand hoch, sodass man meinen Bauch sehen konnte, den ich präsentierend anspannte. Ein Funkeln erleuchtete ihre Augen und sie antwortete: „Hebe die das für später auf.“ Dann setzte sie die Sonnenbrille wieder auf und verschwand im Stall. Wo war ich gerade noch mal? Überlegte ich, bis ich festgestellte, dass noch Sand im anderen Schuh war. Schnell entfernte ich auch diesen und ging ebenfalls zurück in den Stall. Hannes stand bei seinem Hengst, mit einer Handbewegung begrüßte ich ihn und bekam nur stechende Blicke zurück. Ich dachte mir nicht weiter dabei und holte meine Stute aus der Box. Aufmerksam spitzte Smoothie ihre Ohren beschnupperte meine Schulter, offenbar nahm sie den Geruch der anderen Pferde wahr. Provisorisch putzte ich sie über und legte Gamaschen um, damit die sich bei der Runde nicht verletzen konnte. Das Fitnessarmband, dass ich zusätzlich zu meiner Uhr trug, stellte ich auf Sport um und lief mit meinem Pferd heraus. Locker wärmten wir uns beim Verlassen des Hofes auf. Smooth schnaubte entspannt ab. Zur Erleichterung band ich den Strick um ihren Hals

      Lina
      Als ich von der Koppel zurückkehrte, musste ich leider feststellen, dass die Ruhe auf dem Hof nicht lang angehalten hatte, denn als ich die Stallgasse wieder betrat, um nun auch noch Legolas zu holen war doch schon einiges los auf der Stallgasse. Neben ein paar anderen, die dabei waren ihre Pferde auf die Koppel zu bringen, war auch Samu inzwischen da, der anfing das Heu zu verteilen und er sah für meinen Geschmack viel zu gut gelaunt aus.
      “Guten Morgen Lina. Ist heute nicht einfach hervorragendes Wetter?”, begrüßte er mich fröhlich.
      “Was genau macht das Wetter heute Morgen besser als die letzten Tage? Und willst du mir verraten, warum du so gut gelaunt bist?”, fragte ich ihn und sah ihn skeptisch an. Dafür das wir und gestern gestritten hatten, war er eindeutig zu fröhlich.
      “Die Frage ist eher, warum du nicht gut gelaunt bist”, antworte er, während er dem Tinker Hengst in der Box vor uns eine Ladung Heu gab.
      “Was ich nicht gut darauf? Ich bin doch wie immer, immerhin steht meine Pferde schon fast alle auf der Koppel im Gegensatz zu deinen”, protestierte ich.
      “Also ehrlich, ich weiß ja nicht wem du erzählen willst, dass du bist wie immer, aber ich kaufe dir das nicht ab. Du hast mir nicht mal einen guten Morgen gewünscht”, sagte Samu und drehte sich zu mir um.
      “Ja, ok du hast ja recht. Aber es ist alles ok, ich nur nicht gut geschlafen”, gab ich klein bei. Samu machte ich nichts vor, dafür kannte er mich zu gut. Dennoch hoffte ich, dass ihm diese Antwort fürs Erste ausreichte und er nicht weiter nachhacken würde.
      “Na gut, wenn das so ist, kannst du zum wach werden ja auch noch meine Pferde auf die Koppel bringen, ich habe hier nämlich noch zu tun”, antwortete er und begann weiter das Heu zu verteilen.
      “Ok, also wären das dann Elf, Sky und Saturn, oder?”, fragte ich noch einmal nach.
      “Ja, fast Masu und Empire müssten eigentlich auch noch raus. Die beiden hatte ich gestern reingeholt, weil Empire ihr Eisen verloren hat, da müsste auch noch irgendwer suchen, dann nagle ich es wieder auf”, erklärte er noch bevor er, um die Ecke verschwand, um neues Heu zu holen.
      “Natürlich kann ich auch noch dein Eisen suchen, hab ja sonst nichts zu tun”, murmelte ich und wandte mich Legolas zu. Der große Rappe wartete bereits und streckte mir freundlich seinen Kopf entgegen. Ich halfterte den Hengst und parkte in auf der Stallgasse, damit ich auch noch Crystal Sky aus der Box holen konnte. Zum Glück zeigte sich der Schimmel recht kooperativ, sonst hätte ich vermutlich ein Problem gehabt ihn zu halftern. Mit den beiden Hengsten wollte ich mich gerade auf den Weg zur Koppel machen, als ich Jace in den Stall kommen sah. Ohne mich zu beachten, spazierte er an mir vorbei, als wäre nie etwas gewesen. Dieses Bild erstaunte mich sehr, nachdem er sich die letzten zwei Tage nicht mal hatte Blicken lassen.
      “Guten Morgen Jace”, grüßte ich ihn, doch ich bekam keine Reaktion, stattdessen begrüßte er den Buckskin Hengst in der Box gegenüber. Na ja, wenn er meint, soll er mich ignorieren, hätte ich an seiner Stelle vermutlich auch getan. Somit machte ich mich mit den beiden Hengsten auf den Weg zur Koppel, wo sich beide gleich mit viel Freude auf den Boden warfen und sich durchs Gras rollten. Noch bevor Crystal Sky wieder aufgestanden war, konnte ich deutlich die grünen Flecken in seinem Fell entdecken. Wie gut, dass das nicht mein grünes Pferd ist.

      Vriska
      Teilnahmslos blickte ich durch den Stall und wollte den anderen helfen, doch die meisten liefen kommentarlos an mir vorbei und gaben mir nicht einmal die Möglichkeit eine Frage zu stellen. Schnell verunsicherte ich mich selbst und hatte Probleme damit, jemanden zu unterbrechen. Schließlich arbeitete ich auf diesem Hof nicht und war am Ende des Tages nichts mehr Besuch mit Pferd. Glücklicherweise rettete mich mein Handy aus dieser Situation und half mir dabei wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Es vibrierte noch immer auf dem Bildschirm erschien “Jenni”. Schnell entfernte ich mich aus dem Stall und fand eine ruhige Ecke, wo kein Echo entstand.
      “I’m glad you’re going straight to your phone. I was amazed that you did not get in touch anymore. That is why I would call you. I was worried, because you had told me, you know. But now, how are you?”, sprach Jenni besorgt.
      „Hej! I am great and you? “, antwortete ich fröhlich und setzte mich ins Gras. Der Boden war noch feucht vom Morgentau und meine Hose saugte direkt die Flüssigkeit auf.
      „Vriska. You do not have to lie to me. “
      “No, no. Really. It is great. We … we talked about it and…”, setzte ich an und guckte durch die Gegend. Niemand war in der Nähe, doch da halte Jenni direkt nach: „And what? I told you that you should not tell her. “
      „Oh, Jenni. I talked to him about it, not her. And we repeated it last night. That is what I wanted to say “, freute ich mich und merkte ein leichtes Kribbeln im Bauch als ich daran dachte, vor allem an Niklas. Auch nach dem, was vor einigen Minuten passiert war, machte mich glücklich.
      “Stop. Before you think about it, he does not want you. He only wants what you offer him. So please do not start to imagine something. After all, you said he wants your friend. Think About what you're doing”, ermahnt Jenni, als könnte sie meine Gedanken lesen. Doch es war die Wahrheit. Ich machte mir wieder Gedanken über etwas, wo es nicht viel gab. Das schlechte Gefühl vom Vortag kam wieder in mir hoch.
      “Maybe, but I just feel so good with him. I don't want to stop this because he even proposed to come again tonight.”
      “Then I am glad you feel good, but please keep that in mind. When that is over, you are going to feel bad. Very bad. But I am here, promised.”
      “Thank you. I appreciate that.”
      “But now I want a picture of him and tell something about him”.
      “I don’t know what to tell because I honestly don’t know that much. I try. He’s big, heavily muscled, tattooed, well-groomed and on a wavelength from the beginning, not like Tyri “, begann zu schwärmen.
      „All right. In the first moment I thought you were describing the idiot, but apparently you have a type of guy “, scherzte sie. Ich lachte kurz und bemerkte wirklich die Ähnlichkeiten der Beiden.
      “But he pays attention to me, asks if it is okay and does not pull through, va? “, erklärte ich Jenni, die gefesselt zu hörte.
      „Unfortunately, I have to say goodbye now, so please send me a picture, I absolutely want to get an impression of him. But Marc is coming, if there is anything else, write me “, verabschiedete sie sich plötzlich und legte auf. Offenbar war sie noch immer mit dem zusammen. Das müssten mittlerweile 4 Jahre schon sein. Ich verstand bis heute nicht, was sie an Marc fand, weil er extrem einbildet, war und so überzeugt von sich, dass jede Zelle seines Körpers es herausbrüllte.
      Nachdenklich legte ich mein Handy zur Seite und überlegte, was nach der Reise passieren würde. Nur noch zwei Wochen werde ich an der Akademie sein, nach einer Pause beginnen die Prüfungen. Wirklich vorbereitet fühlte ich mich bis jetzt nicht. Auch, wenn ich durch Niklas schon deutlich schneller das ganze Lernen konnte, hatte es ziemlich viel von meiner Essstörung vor einigen Jahren.

      Jace
      Na großartig, das fehlte mir heute, dass ich als Erstes heute Lina begegnete, denn ich war noch sehr weit davon entfernt zu vergessen, dass sie mich abserviert hatte. Ich machte mir gestern Abend noch sehr viele Gedanken über den Grund dafür. Um ehrlich zu sein, wollte ich einfach nicht so ganz glauben, dass sie keine Gefühle für mich hatte, das hatte sich damals doch sehr anders angehört. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass sie glücklicher sein würde, wenn sie einfach hierbleibt, aber vielleicht hatte ich das einfach verdient so bescheuert wie ich mich verhalten hatte.
      Angespannt ging ich einfach wortlos an ihr vorbei und flüchte in die Box zu Herkules. Der Hengst schien meine Anspannung zu spüren, denn statt sich brav halftern zu lassen, lief er im Kreis um mich rum.
      “Jetzt bleib doch mal stehen großer, so wird das nichts”, beschwerte ich mich bei dem Hengst. Zum Glück hörte ich trotzdem wie sich das Hufgetrappel von zwei Pferden entfernte, Lina hatte die Stallgasse verlassen. Erleichtert amtete ich aus und schon entspannte sich mein Hengst auch und blieb stehen. Kaum hatte ich den Hengst gehalftert hörte ich eine Stimme hinter mir: “Bist du auch wieder unter den Lebenden Jace”. Es war Samu der gut gelaunt in der Boxentür stand.
      “Ja, siechste doch”, murmelte ich genervt und schloss das Halfter des Buckskins vor mir.
      “Wie kann man den an so einem schönen Morgen schon so schlechte Laune haben. Hat dir etwa jemand dein Spielzeug gestohlen?”, scherzte er ausgelassen.
      “Würdest du eh nicht verstehen”, brummte ich ihn an. “Wenn du dann jetzt aus der Tür gehen würdest ich würde da gerne durch”
      “Ok du Brummbär, lass ich dich mal lieber allein, bevor du mich noch anfällst”, scherzte Samu immer noch beschwingt und machte sich wieder an seine Arbeit. Warum hatte ich mich noch mal von Alec überreden lassen aus meinem Zimmer zu kommen? Die Tatsache, dass er heute Morgen angerufen hatte und angedroht hatte, noch mal vorbeizukommen konnte es jedenfalls nicht gewesen sein, sollte er doch kommen.
      Ach ja, da kam der Grund gerade in den Stall gewirbelt, Hazel. Nicht das sie nicht nett ist, aber mit ihrer quirligen Art konnte sie einem ziemlich auf die Nerven gehen. Alec hatte, nachdem ich doch sehr unbeeindruckt von seiner Drohung gewesen war, nämlich noch angefügt, dass er dafür sorgen würde, dass Hazel mir den ganzen Tag auf die Nerven ginge, wenn ich nicht aufstehen würde. Bevor ich das zuließ, lasse ich mich doch lieber freiwillig ein paar Stunden blicken.
      “Oh, du bist ja schon da! Schade”, begrüßte sie mich ein wenig enttäuscht, als sie mich erblickte.
      “Dir auch einen guten Morgen Hazel”, kommentierte ich trocken und führte Herkules an ihr vorbei. Offenbar hatte Alec das ernst gemeint und auch Hazel von seinem Plan in Kenntnis gesetzt.
      “Kann man dir bei irgendwas heute helfen?”, fragte sie und lief auf einmal neben mir her.
      “Nein, kann man nicht und du schon gar nicht. Ich komm ganz wunderbar allein zurecht”. Sollte sie ruhig wissen, dass ich schlechte Laune hatte, dann ließ sie mich vielleicht in Ruhe. Die Tatsache, dass ich fast über Samu Schubkarre fiel, unterstrich meine Aussage wohl eher nicht.
      “Das sieht aber nicht so aus, als kämst du allein zurecht”, lachte Hazel nun die stehen geblieben war.
      “Du hättest aber auch mal was sagen können”, maulte ich und rieb mir das Schienbein, welches die Bekanntschaft mit der Schubkarre gemacht hatte.
      “Ach, ich dachte du kämst allein klar”, kicherte Hazel immer noch.
      “Komm ich auch und jetzt verschwinde endlich”, murrte ich noch und führte den Hengst nun aus der Stallgasse, diesmal mit mehr Aufmerksamkeit auf den Weg.
      Ohne nervige Begleitung und ohne weitere Hindernisse erreichte ich dann tatsächlich die Koppel. Scheinbar war Herkules der Erste aus seiner Weidegruppe, denn die Koppel war noch leer. Das einzige Tier, welche zu sehen war, war einer der Füchse, die man ab und zu mal am Waldrand entdecken konnte.
      Ich entließ Herkules auf die Koppel und sofort begann er aufgeregt über die Wiese zu traben. Ich machte mir allerdings relativ wenig Gedanken darüber, denn der Hengst präsentiert sich gerne, vielleicht witterte er auch die Stute auf der entfernteren Koppel, das kann schon mal vorkommen, wenn der Wind entsprechend steht. So genoss ich also einen Moment die Ruhe hier draußen, bevor ich zurück zum Stall ging, schließlich wollte All Hope Is Gone auch noch auf die Koppel.

      Niklas
      Abrupt bremste Smoothie ab und ich brauchte einige Meter bis realisierte, dass sie mit weit aufgerissenen Augen und Nüstern in den Wald blickte. Als ich wieder zu ihr lief, sah ich nichts.
      „Kom nu, Smooth“, sagte ich zu ihr, nahm den Strick zur Hand. Mein Handy sagte mir, dass nur noch 5 km fehlten, also noch eine knappe halbe Stunde, dann hätten wir die Strecke geschafft. Mit weiteren gut zu reden, konnte ich meine Stute davon überzeugen mit mir zu kommen. Locker trabte sie wieder an und lief frei neben mir her. Es war für sie nicht üblich Gespenster im Wald zu sehen, weswegen ich mir einige Gedanken machte, was da wohl wo. So schafften wir die Strecke in sogar 20 Minuten.
      Als ich die ersten Zäune sehen konnte, bremsten wir langsam ab, um den Rest des Weges zum Ablaufen zu nutzen. 2 Stunden für 25 km waren keine neue Bestzeit für uns aber durchaus eine Zeit, die sich sehen lassen konnte. Natürlich auch im Hinblick auf ihre Verletzung am Bein war ich sehr stolz auf sie. Das Frühstück würde in einigen Minuten beginnen, deshalb brachte ich Smoothie direkt zur Weide, auf der sie sich in das nächste Sandloch legte und wälzte. Der Dreck blieb am ganzen Körper der Stute hängen und es war schwer zu sagen, ob sie wirklich beinah ausgeschimmelt war oder noch mal anfangen würde. Die Wahl zur Reithose heute früh war sicherlich nicht die Beste.
      Im Zimmer hüpfte ich schnell unter die Dusche, um den Schweiß abzuwaschen. Erst als ich erfrischt wieder herauskam, stellte ich fest, dass Ju nicht nur aufgeräumt hatte, sondern sogar die Betten. “Var fan är du”, las ich auf meinem Handy. Chris hatte mir eine Nachricht geschickt. Ich antwortete ihm nicht, sondern ging direkt zum Frühstück, dass wieder draußen stattfand. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vor die Sonne, was die Temperaturen erträglicher machten. Nach Regen sah es nicht aus, aber nach dem Unwetter vor einigen Tagen, war es nicht auszuschließen.
      “Fan … wo warst du so lange?”, fragte Chris, als ich mich zu ihm setzte. Direkt am Nebentisch saß Lina. Sie wirkte heute anderes als die Tage zu vor. Ihre Stimmung schwankte zwar wie das Wetter, jedoch schien sie so losgelöst, leer.
      “Ich habe deine Nachricht gelesen. Also erst habe ich Pferde auf die Weiden gebracht und dann habe ich mal wieder eine große Runde mit Smoothie gedreht. Ohne offensichtliche Schmerzen hat sie die 25 km durchgehalten”, erzählte ich ihm.
      “Ach das klingt doch super. Wenn du morgen wieder gehst, dann würde ich mitkommen”, antwortete er. Ich nickte und trank einen kräftigen Schlug vom Apfelsaft.
      Am Nachbartisch hielt Lina, Samu der sich gerade dazu setzte ein Hufeisen vor die Nase. "Hier ich habe dein blödes Eisen übrigens gefunden. Es ist ja nicht so als sei so ein Eisen nicht schon schwer genug auf einer riesigen Koppel zu finden, Nein, dein Pferdchen hat es natürlich im Bach verloren, wie auch immer sie das Geschafft hat, das nächste Mal kannst du dir selbst nasse Füße holen", beschwerte sie sich bei ihm.
      "Na, bei mir brauchst du dich da nicht beschweren, meinst du, dass ich freue mich, wenn ich die Dinger suchen darf", kam es nur von Samu den die Beschwerde nicht wirklich zu stören schien.
      “Vielleicht solltet ihr den Schmied wechseln, bei uns musste in den letzten Jahren niemand Eisen suchen”, schlug ich vor und war mir bereits einen Moment sicher, dass es mich weder etwas anging noch wirklich freundlich klang. Suchend warf ich einen Blick über die Tische, aber Vriska fehlte mal wieder. Doch es ging mich natürlich nichts an, obwohl gleich wieder die Besprechung für den heutigen Tag beginnt.
      "Vielen Dank für diesen hilfreichen Tipp. Nur ist es hier schon schwer genug überhaupt einen Schmied zu finden. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, sind wir hier nämlich so ziemlich im nirgendwo", erklärte Lina.
      „Jag är ledsen … war nicht meine klügste Idee heute“, murmelte ich verschämte und drehte mich wieder zu Chris, der mich belustigt anblickte. Es schien so, als wüsste er genau was gerade passierte. Natürlich wusste er es, mehr oder weniger. Mit einer Kopfbewegung deutete Chris zu Vriska, die sich unseren Tischen näherte. Hektisch begann er zu winken, was die Situationen in keiner Weise verbesserte. Ihr breites Grinsen verblich im Vergleich zu vorhin, wo sie vor Freude noch hätte explodieren können. Irgendwas war heute anderes, aber was?
      „Heute schon an Gott gedacht?“, scherzte Chris, als sie sich neben ihn setzte.
      „Ihr seid doch heute alle nicht mehr ganz dicht. Das Springen gestern schien euch allen nicht so gut zu bekommen? Eiersalat in der Hose?“, entgegnete sie schlagfest.
      "Am Springen kann es nicht liegen. Die Beiden da sind nicht die einzigen, die hier heute komisch drauf sind", fügte Lina hinzu und deute mit einer Kopfbewegung auf Jace der gerade stillschweigend vorbeilief.
      „Aber der ist doch schon seit einigen Tagen nicht mehr er selbst“, murmelte Vriska und blickte auch mich dabei ein. Sie hatte natürlich recht. Die letzten Tage waren für alle nicht leicht, obwohl das eher an uns allen lag, als an etwas bestimmten. Wir benahmen uns wie 15-jährige, die das erste Mal länger als 8 Uhr abends raus dürfen. Ich hätte die vergangene Woche öfter Runden mit Smoothie drehen sollen. Die Gedanken in meinem Kopf waren deutlich sortierter und vor allem klarer.
      „Guten Morgen! Bald ist der Intensivkurs vorbei und einige von euch haben sich deutlich verbessert mit ihren Pferden. Doch heute geht es nur um euch. Wir machen heute Sitzschulungen mit jeweils zwei Leuten in der Halle. Ihr, unsere großzügigen Gastgeber, seid dazu herzlich eingeladen. Also findet euch zusammen, um 11 Uhr geht’s los”, riss mich Herr Holm mit seiner Ansprache aus den Gedanken. Chris blickte mich von unten nach oben, sein Grinsen wurde immer breiter. Zustimmend nickte ich und war innerlich ziemlich froh, dass die Mädchen nun keinen Zickenkrieg auslösen konnten. Bis mir einfiel, dass ich heute überhaupt nicht teilnehmen konnte.
      “Chris, geht leider nicht. Ich habe gleich einen Termin”, sagte ich kurz, stand auf und ging zu unserem Trainer, um ihm Bescheid zu sagen.
      “Niklas, du brauchst dir darüber auch am wenigstens Gedanken machen”, antwortete Herr Holm noch, als ich mich zurück zum Tisch aufmachte.
      “Lina, kommst du dann nachher trotzdem mit? Dir würde das Training sicher heute viel bringen”, versuchte ich ihr freundlich zu vermitteln, lieber am Training teilzunehmen.
      "Mmm, ich weiß nicht so recht, ich wäre ja schon irgendwie neugierig. Aber sicherlich hast du recht, dass mir ein wenig Training nicht schaden könnte", schien sie laut zu überlegen.
      “Okay, dann fahre ich gleich allein los. Holen wir zusammen noch die Skizze?”, fragte ich.
      "Da du oben alleine nicht hereinkommen wirst, werden wir das wohl zusammen holen", antwortete sie.
      Zusammen liefen wir los und ich musste einfach nachfragen, denn ihre Antwort erschien mir seltsam. “Hast du was auf dem Herzen? Du bist so … abwesend”, fragte ich vorsichtig und guckte zu Lina herunter.
      "Also… Wenn ich ehrlich bin, bin ich irgendwie ein wenig verwirrt von der Situation… Beziehungsweise eher von mir selbst. Ich kann nicht so ganz einordnen, was ich fühle… Es ist irgendwie alles so… Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll", versuchte sie mir zu erklären.
      “Soll ich dich dann erst einmal in Ruhe lassen, oder was möchtest du?”, zitterte es in meiner Stimmte.
      "Nein, ich verbringe gerne Zeit mit dir", antwortete sie und zögerte kurz bevor sie weitersprach. "Aber… plötzlich sind da alle möglichen Leute, die wollen das ich hierbleibe… Und dann will jeder irgendetwas Wichtiges von mir… Seit der Entscheidung, dass ich gehe, scheinen alle hier besser zu wissen, was gut für mich ist und die, die das nicht tun, machen sich darüber lustig und sagen, dass ich da eh nicht durchziehen werde. Außer Alec scheint mich keiner zu verstehen und so möchte ich meine Freunde nicht in Erinnerung behalten…
      Ich möchte eigentlich nur die letzten Tage hier genießen und Spaß haben mit allen… Auch mit dir", endete Lina und ihr war anzusehen, wie sehr sie innerlich aufgewühlt war.
      „Man merkt erst was einem wichtig ist, wenn es nicht mehr da ist. Ich schätze, sie haben Angst, dass sie es nicht ohne dich schaffen. Als wärst du das Glied in der Kette, dass euch alle am Hof zusammenhält“, versuchte ich ihr zu erklären. Was Klügeres fiel mir in dem Moment nicht ein, denn mir fehlte als eigene Empfinden für so eine Situation. Meine Familie unterstützte uns immer bei aller Entscheidung, so blöd sie auch scheinen mögen. Den nur aus Fehlern konnte man lernen. Besonders ich kam in meiner Jugend mit den verrücktesten Ideen zu Papa, seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch ich bekam immer was ich wollte. Dann dachte ich wieder an Neuseeland und den warmen Sand zwischen meinen Zehen am Strand am Abend. Es fehlte mir wirklich.

      Lina
      “Vermutlich hast du recht, aber das macht es für mich nicht einfacher.” Inzwischen standen wir vor der Wohnungstür, die ich nun seufzend aufschloss. Drinnen hatte sich seit gestern Abend nicht viel verändert, die Teetasse stand noch in der Spüle und auch meine Zeichnungen lagen noch wild verteilt auf dem Esstisch.
      Niklas schien mit den Gedanken schon wieder woanders zu sein, denn ein sehnsüchtiger Ausdruck war auf sein Gesicht getreten und er bleib abwesend vor der Tür stehen.
      “Woran denkst du gerade?”, fragte ich vorsichtig, um nicht zu neugierig zu wirken.
      „An die Sommerabende in Neuseeland als ich 20 war. Es war eine schöne Zeit, jetzt komme ich der 30 immer näher und habe das Gefühl, dass nicht mehr viel Schönes kommen, wird“, antwortete er bedenklich.
      “Warum denkst du, dass nichts Schönes mehr kommen wird? Sowas ist doch nicht altersabhängig”, fragte ich einfühlsam.
      “Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen erlebe ich mit wie meine Kollegen ihr Leben gestalten. Einer von ihnen bekommt jetzt schon seine zweite Tochter und ich kann mich nicht mal einig werden, was ich überhaupt möchte. Zum anderen könnte jeder Arbeitstag der letzte sein und wüsste nicht, was ich großartig für die Existenz der Menschen erreicht habe. Aber lass und an anderes denken, schließlich hast du noch schöne Jahre vor dir”, versuchte er positiver sein, was ihm aber nicht wirklich gelang. Seine Worte stimmten mich ein wenig nachdenklich. Ich musste daran denken, wie ich mir früher immer gewünscht hatte einfach nur normal zu sein, ein normales Mädchen mit einer normalen Familie. Doch wo stände ich dann jetzt? Sicher nicht hier.
      “Weißt du, ich finde du solltest dich nicht mit anderen Vergleichen, nicht jeder von uns kann ein Superheld sein. Außerdem finde ich, sein Leben für die Sicherheit von anderen zu riskieren kommt schon nah ran an einen Superhelden”, versuchte ich ihn ein wenig aufzumuntern.
      “Lieb von dir und ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem wird es irgendwann an den Punkt kommen, dass jemand das Unternehmen von Papa übernehmen muss. Ich denke nicht, dass Hannes das tun wird, aber ich möchte die Familie nicht enttäuschen … Also abwarten”, murmelte Niklas und nahm die Zeichnung entgegen. “Vielleicht sollte ich jetzt wieder, du hast offensichtlich noch einiges zu tun”, fügte er hinzu und warf einen Blick durchs Zimmer und lächelte sanft.
      “Ähh, ja sieht so aus”, antworte ich ein wenig überrascht von den plötzlichen Themen wechseln. So bei Tageslicht betrachtet sah das Zimmer sogar noch chaotischer aus als in meiner Erinnerung, normalerweise sah es hier nicht so aus, doch die letzten Tage hatten meinem Ordnungssinn wohl ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht.
      “Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Tätowierer, falls man da überhaupt Spaß haben kann”, verabschiedete ich mich von Niklas, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür war.
      “Natürlich macht es Spaß, irgendwann wirst du es nachvollziehen kann”, grinste er breit und winkte noch einmal, bevor er aus meinen Augen verschwand.
      Ob ich das jemals nachvollziehen werde, bezweifle ich, dachte ich mir und schloss die Tür. Ein wenig überfordert blicke ich durch den Raum und überlegte, wo ich eigentlich anfangen sollte. Genau in den Moment, fiel mir nämlich auch noch ein, dass es nur noch knapp 3 Tage waren, bis ich die Reise nach Schweden antreten würde. Das bedeutete, dass ich nicht nur aufräumen musste, sondern auch überlegen sollte was ich mit nach Schweden nehmen werde und auf was ich erst einmal verzichten konnte. Hektisch begann ich im Zimmer rumzurennen und sagen von A nach B zu tragen.
      “Halt, Stopp, so funktioniert das nicht”, stoppte ich mich selbst als ich den Haufen vor mir betrachtete ich brauche definitiv einen Plan.

      Vriska
      “Da unser Schätzchen keine Zeit für mich hat, würdest du dich erbarmen?”, fragte Chris mich als Niklas mit Lina verschwand. Mit großen Augen blickte ich ihn an und viele Fragen schossen mir durch den Kopf, doch Samu saß auch mit am Tisch und ich musste mir genau überlegen, was ich nun sagen würde.
      “Unser Schätzchen? Du meinst wohl deinen Verstand”, feigste ich. Er zog seine Brauen hoch und war im Begriff zu gehen, um seinen Wallach fertig zu machen.
      “Warte, ich komme mit. Ich möchte nur aufessen und mich umziehen”, holte ich ihn zurück an den Tisch. Mit einem breiten Grinsen setzte er sich wieder. Na großartig. Jetzt wussten es schon zwei Leute, wie vielen wollte er es noch erzählen? Das nahm Dimensionen an, die ich nicht bedacht hatte. Ich hatte es nur Jenni erzählt, die mehr als 6000 km entfernt wohnte und niemanden davon erzählen könnte. Während ich mich darüber ärgerte, dass Chris es offenbar lustig fand, dass es mir unangenehm war, aß ich den Gurkensalat auf meinem Teller. Samu schien es nicht mit bekommen zu haben, zumindest bekam ich keine musternden Blicke, die sonst von ihm kamen. Am Tisch wurde es zunehmender still. So still, dass es einem Friedhof glich. Triumphierend nahm ich den Teller, stellte ihn weg und lief zum Zimmer. Chris folgte mir, ohne etwas zu sagen. Als wir am Zimmer kamen, schloss ich die Tür vor seiner Nase.
      “Ich will nicht erpressen, aber ich würde es sonst jeden erzählen”, sagte er. Genervt öffnete ich die Tür.
      “Aha, und was wird das sonst gerade?”, fragte ich skeptisch.
      “Auch wenn er dir das nie sagen wird, aber er mag dich mehr als sich eingesteht”, begann er. Noch immer war ich skeptisch und empfand das alles als eine große Verschwörung. Nebenbei suchte ich nach meiner Reithose, die ich unter dem Shirt von gestern fand.
      “Wenn du es nicht unterbindest, könnte es in nächster Zeit so weiter gehen wie bisher”, setzte Chris fort.
      “Na dann ist das wohl so. Oder was genau willst du mir gerade damit vermitteln?”, fragte ich desinteressiert. Im Badezimmer zog ich mich um, während er auf dem Bett Platz genommen hatte. Somit konnte er mich nicht sehen aber zumindest hören und anderes herum genauso.
      “Du sollst dir dem nur im Klaren sein, damit eventuelle Konsequenzen nicht zu hart werden”, erklärte er. Ich fand wirklich nicht, was er mir sagen wollte. Wäre es idiotisch, wenn ich fragen würde?
      “Jetzt hör auf in Rätseln zu mir zu sprechen. Was ist bitte deine Intention und wieso sollte das alles jetzt gerade wichtig sein?”, traute ich mich zu fragen. In meinem Ton kam die Ernsthaftigkeit durch. Es machte mich verrückt, dass wirklich jeder seine Meinung zu Niklas hatte und offenbar auch kundtun musste.
      “Du sollst dich nicht wundern, wenn er plötzlich immer mehr von dir abverlangt und auch unmögliches möglich haben möchte. Er hat Freude über dich zu erzählen, aber wusste genau wie du, dass es beliebigen Gründen nicht geht. Die anderen Kleine ist aber keiner davon”, sagte er und wir verließen das Zimmer. Noch einige Minuten weiter faselte er irgendwas von Glück, Versagen und weiß Gott was. Ich hörte nicht mehr wirklich zu, sondern empfand es als reines bevormunden. Das Gleiche machte Lina auch gerade durch. Was geht es die alle an? Immerhin machte mir niemand Vorwürfe, dass ich es getan habe. Da unsere Pferde auf der gleichen Weide standen, holten wir sie zusammen. Chris hatte mittlerweile das Thema gewechselt und sprach mit mir, als würden wir uns seit Jahren kenne. Doch genau genommen, ist das unser erstes Gespräch überhaupt. Spricht der immer so viel, oder nur heute? Zwischendurch antwortete ich mit ja oder Nej. Auf meiner Stirn stand nicht hoffentlich nicht “Kummerkasten”, denn so fühlte ich mich gerade. Als ich Glymur aus der letzten Ecke der Koppel holte, hatte ich endlich meine Ruhe für einen Moment.


      Samu
      Nach dem Frühstück machte ich mich, als allererster auf den Weg Sunny Empire ihr verlorenes Eisen wieder darauf zu nageln. Die blinde Stute stand noch mit ihrem Begleitpferd Mas’uda in der großen Doppelbox.
      “Hyvää huomenta, te kaksi makeaa”, begrüßte ich die beiden Stuten freundlich, um vor allem Sunny nicht zu erschrecken, wenn ich die Box betrat. Freundlich stellte die helle Stute ihre Ohren auf und kam vorsichtig auf mich zugelaufen.
      “Gutes Mädchen”, lobte ich die Stute und strich ihr langsam über den Hals, bevor ich ihr das Halfter über steifte. Ich führte sie aus der Box und band sie auf der Stallgasse. Mas’uda, schnaubte leise und streckte den Kopf über die Boxentür. Während Sunny ruhig auf der Stallgasse stehen blieb, holte ich mein Werkzeug. Mit viel Ruhe war das Eisen dann auch relativ schnell wieder am Huf der Stute. Da ich gerne vermeiden möchte, dass Sunny ihre Eisen erneut verliert, beschloss ich ihr dieses Mal Hufglocken anzuziehen. So verschwand ich also erneut in der Sattelkammer. Als Sunny fertig war, holte ich auch noch die Araberstute aus der Box und brachte die beiden Stuten auf ihre Koppel. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es nicht mehr sonderlich lange dauern würde, bis zum Training. Wenn ich also bereits an der Koppel war, konnte ich auch gleich schon mein Pferd mitnehmen, da Lina bestimmt noch mit irgendetwas beschäftigt war, schrieb ich ihr eine kurze Nachricht: “Millä hevosella ratsastat? Tuon sen heti.” Es dauerte nicht mal eine Minute, bis sie mir antwortete: “Nathalie, kiitos.”
      Praktisch, Nathalie steht nämlich auf der gleichen Koppel wie Ice Rain. So machte ich mich also auf den Weg zu den Sommerkoppeln. An der Koppel angekommen, war weit und breit kein Pferd zu sehen, vermutlich stand die Herde bei dem Wetter hinten am Waldrand zwischen den Bäumen. Also schnappte ich mir die Halfter der beiden Stuten vom Zaun und machte mich auf die Suche nach den beiden Pferden.
      Tatsächlich fand ich die kleine Herde zwischen den Schatten spendenden Bäumen. Ice Rain hob gleich den Kopf als sie mich sah. Ich halfterte erst meine Stute, bevor ich mit ihr im Schlepptau zu Nathalie rüberging, die etwas abseits graste.
      Am Stall stellte ich die beiden Stuten in ihre Boxen und beschloss Lina zu suchen, da sie auf dem Hof und im Stall nicht zu entdecken war.
      Zielstrebig steuerte ich ihr Zimmer an und klopfte.
      “Tür ist auf, komm rein”, kam die Antwort von drinnen und ich öffnete die Tür. Im Zimmer empfing mich ein riesiges Chaos und Lina stand mittendrin.
      “Minkälainen varten sumu oli tässä?”, fragte ich verwundert. Lina war zwar nicht der aller ordentlichste Mensch, aber so ein Chaos war nicht typisch für sie.
      “Keiner, ich versuche aufzuräumen… Und zu überlegen, was ich in Schweden wirklich brauche!”, verkündete Lina.
      “Na, so wird das, glaube ich, nichts”, sagte ich und versuchte das System hinter dem Chaos zu erblicken, langsam schien ihr diese ganze Situation ganz schön viel Stress zu bereiten.
      “Ach was, da habe ich auch bereits gemerkt. Magst du mir vielleicht lieber helfen, anstatt so schlaue Feststellungen zu machen?”
      “Nach dem Training kann ich dir gerne bei deinem Chaos hier helfen, aber jetzt sollten wir erst einmal unsere Pferde putzen”, wies ich sie auf unser anstehendes Training hin.
      Sie schien mir nicht so recht zugehört zu haben, denn sie war schon wieder damit beschäftigt einen Stapel Klamotten quer durch den Raum zu tragen.
      “Hei, Lina hast du mir überhaupt zugehört?”, fragte ich und hielt sie auf, indem ich ihr den Stapel aus der Hand nahm.
      “Ey, das wollte ich gerade aufräumen”, protestierte sie.
      “Nein, du räumst jetzt gar nichts weg, du kommst jetzt mit dein Pferd putzen”, sagte ich entschieden und legte den Stapel auf ihr Bett.
      “Okei, ich komm ja schon mit, aber wo ist denn jetzt mein Schlüssel?”, gab sie klein Bei und sah sich nun suchend im Zimmer um.
      “Meinst du den hier?”, fragte ich und zog ihren Schlüsselbund unter einem Block hervor.
      “Ja genau, danke.” Gemeinsam verließen wir das Zimmer und sie war gerade auf dem Weg nach draußen, als ich sie schon wieder stoppen musste.
      “Hast du da nicht etwas vergessen?”, fragte ich sie und war einen bedeutungsvollen blick auf ihre Füße, die immer noch in Sneakers steckten.
      “Nein, zieh ich später an. Es ist viel zu warm dafür”, erklärte Lina.
      “Aber solltest du sie dann nicht wenigstens mitnehmen?”, fragte ich und drückte ihr ihre Reitstiefel in die Hand.
      Fünf Minuten später standen wir dann auch endlich auf dem Putzplatz und ich begann meiner Stute den Staub aus dem Fell zu bürsten.

      Vriska
      „Bist du dann bereit?“, fragte ich Chris, der seinen Helm aufsetzte.
      „Jovisst“, antwortete er und folgte mir mit seinem Wallach. Freundlich beschnupperten sich beide Kerle. Glymur war deutlich ruhiger als gestern und zeigte sich wieder von seiner besten Seite. Mit hoch aufgerichtetem Kopf und hochweiten Bewegungen in der Vorderhand lief er prustend neben mir her. In der Nähe musste eine rossige Stute sein, denn sonst führt er sich nie so auf. Das breite Grinsen auf Chris Gesicht wird wohl sein normaler Ausdruck sein. Dennoch musste ich fragen: „Hast du irgendwas genommen oder warum grinst du noch immer so blöd?“
      „Ich freue mich einfach“, antwortete er und rollte mit den Augen. Nun gut, dachte ich. In der Halle gurteten wir nach und stiegen auf.
      „Direkt die Steigbügel überschlagen“, wies Herr Holm an und tat dem gleich. Etwas wackelig und instabil in der Hüfte ritt ich im Schritt an und bekam direkt einige Anweisungen von ihm. Während ich auf dem Pferd saß, verspürte ich immer noch schmerzen zwischen meinen Beinen und nur mit Mühe konnte ich mich besser hinsetzen. Glymur schritt entspannt vorwärts und seinen Hals streckte er weit nach vorn, achtete auf meine Zügellänge. Ein prüfender Blick durch die Halle offenbarte mir, dass Milena am Rand Platz genommen hatte und mich genau beobachtete. Bevor ich die kurze Seite vor ihr passierte, wendete ich meinen Hengst auf der Ecke kehrt.
      „Vriska, zum Wenden nutze doch bitte dein Gewicht und vor allem Hilfen mit den Beinen. Ziehe nicht das Pferd mit Zügel in die Richtung“, tadelte mich Herr Holm, der zu mir lief.
      “Geht nicht. Mir tut immer noch alles weh”, haspelte ich herum und versuchte mich herauszureden. Er hob misstrauisch die Augenbrauen und musterte mich.
      “Mädchen, du bist nicht die erste Person, die von einem Pferd gefallen ist, besonders nicht die Erste, die so auf einem auf dem Sattel klemmt. Deine Körperhaltung sagt mehr aus über deine Schmerzen als du denkst”, kritisiert er mich. Ich pariere mit einem Druck in der Hüfte Glymur durch und gucke zu ihm.
      “Ach ja? Vielleicht sollte ich mich lieber ausruhen, als auf dem Pferd zu sitzen”, antwortete ich schlagfertig. Im Inbegriff wieder abzusteigen, hielt der Trainer mein Bein fest am Sattel und hinderte mich dabei, den Rücken meines Pferdes zu verlassen.
      “Ich denke nicht. Du solltest dein Augenmerk darauflegen, lieber auf dem Pferd zu reiten. Wer fummelt, kann auch reiten”, merkt er an und ich trieb augenrollend Glymur wieder an. Im ruhigen Tempo versuche ich mich in der Bewegung meines Pferdes Mittreiben zu lassen im Sattel. Meine Schultern drückte ich locker nach hinten, um Aufrecht zu sitzen. Mit einem Kopfnicken bestätigte Herr Holm, dass ich besser saß und mit einer tiefen gleichmäßigen Atmung verbesserte sich meine Konzentration auf das Pferd.
      “Na siehst du, geht doch. Und jetzt traben”, lobte er mich.
      Mit großen Augen blicke ich den Trainer an. Das sagte er nicht wirklich? Ich konnte mich dazu durchringen im Schritt ordentlich im Sattel zu sitzen, aber im Trab? Meine Schulter machte mir immer zu schaffen und Intensivtrainingscamp war das auf vielen Ebenen nicht mehr. Es versetzte mich auf beliebige Klassenfahrten zurück, in denen man zu Aktivitäten gezwungen wurde, die nicht einmal interessant waren. Natürlich machte mir das Reiten Spaß aber mit dem Hintergedanken, den Verein nicht mehr wiederzusehen und somit auch Niklas, bestürzte mich. Vermutlich würde ich ihn öfter sehen, aber nur im Verbund mit Lina. Schon der Gedanke versetzte mir einen Stoß in mein Herz. Konnte ich so dumm sein? So dumm zu glauben, dass das eine Zukunft hätte oder zumindest spurlos an mir vorbeigehen würde.
      “Schaffst du es selbst ihn anzutraben, oder muss ich dich an die Longe nehmen?”, riss mich Herr Holm mal wieder aus den Gedanken. Ich dachte zu viel nach.
      “Nej, jag klarar det”, antwortete ich, gab meinem Hengst mehr Zügel und treibe ihn. Mit einem kleinen Hüpfen trabte Glymur los. Seinen Kopf senkte er und achtete selbstständig auf die Zügellänge. Dieses Pferd war perfekt, aber auch zu gut für mich. Er wäre besser aufgehoben bei Linh, die mit Móra bereits den Extrempunkt erreicht hatte. Mit Spannung in den Beinen schaffte ich es gleichmäßig der Bewegung meines Pferdes zu folgen und den Halt im Sattel zu behalten. Gleichzeitig bemühte ich mich, dass Glymur ruhiger vorwärts trabte, die Schritte verlängerte und mehr Schwung aus der Hinterhand mitbrachte.
      “Vriska, lehne dich weiter nach hinten, dass deine Sitzbeine tief im Sattel liegen. Mit mehr Stimmeneinsatz würde Glymur sicher auch besser reagieren”, half der Trainer mir weiter. Dankbar über diese Hilfestellung lehnte ich mich noch weiter nach hinten und spürte den Schmerz in besagten Bereich meines Beckens. Ich biss mir auf die Unterlippe, um das stechende Gefühl in meiner Hüfte auszugleichen. Es zog sich hoch bis zu meiner Schulter, die ebenfalls pulsierte. Meine Atmung wurde schwerer und krampfhafte schnappte ich nach Luft. Glymur bremste schlagartig ab, als merkte er, dass seine Reiterin Probleme hatte. Herr Holm kam näher und führte bis dahin kommentarlos meinen Hengst weiter. Noch immer panisch durchtrieben von der Angst zu sterben rang ich nach Luft. Immer wieder krampfte mein Rücken und mit einer Atemübung, die mein Trainer mit mir machte, wurde es erträglicher.
      “Wieder besser? Ich hätte nicht so hart zu dir sein sollen.” Herr Holm fand nicht die richtigen Worte, doch ich wusste, was er meinte.
      “Schon in Ordnung, es war meine eigene Entscheidung”, erklärte ich ihm, um weitere Schuldgefühle seinerseits zu verhindern. Er lächelte wieder und gab mir die Zügel des Hengstes zurück. Stolz lobte ich Glymur, der genüsslich auf dem Gebiss kaute und den lockeren Zügel vollständig ausnutzte. Entspannt streckte er den Kopf nach unten und im Schritt ritt ich ihn ab. Lina und Samu warteten mit ihren Pferden bereits darauf, als nächste an der Reihe zu sein. Chris holte im Schritt uns ein und ritt nebenher.
      “Je mehr du versucht zu verstecken was passierte, umso auffälliger bist du. Herr Holm konnte mit einigen Blicken wissen, was los ist”, merkte Chris an.
      “Der hat auch genug Menschenkenntnisse”, zischte ich zurück. Ich hatte mein sehr wohl allein unter Kontrolle, dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt. Denn Milena saß noch immer am Rand und ich hatte sie wieder vergessen. Herr Holm sprach vorhin nicht leise, somit hatte sie seinen blöden Spruch auch gehört. Chris steig als erstes von seinem Wallach ab und half mir dabei von Glymur abzusteigen. Er legte seine Hände an meine Hüfte und hob mich in der Bewegung des Pferds.
      “Tack”, sagte ich und klemmte mir einen blöden Kommentar. Chris hatte eine ähnliche Art wie Niklas, nur weniger überzeugt von sich mit einem Hauch Menschlichkeit und Empfindsamkeit sich in dem Gegenüber hineinzuversetzen. Er war jedoch nicht mein Typ, sondern eher ein guter Freund. Wieder einmal dachte ich über Dinge nach, die meinem allgemeinen Gefühl nicht halfen.
      “Ihr beide also? Das hätte ich nicht vermutet”, schlich Milena von der Seite sich zu uns. Chris und ich guckten verwirrt zu ihr. Auch wenn er sich wieder sein Grinsen nicht verkneifen konnte, fand ich es angenehmer, als es direkt auf Niklas zu lenken. Vermutlich wäre er sogar der Letzte, den sie in Betracht ziehen würde.
      “Nein Mäuschen, schön wäre es aber nein”, antwortete Chris ihr freundlich. Die richtigen Worte fand er. Ich schwieg und wollte sie keinesfalls den Ball zu spielen. Sie folgte uns, aber sagte nicht mehr. Es schien, als wollte sie nicht glauben, dass es nicht wir beide waren, sondern ich mit jemand anderes geschlafen hatte.

      Hannes
      Am Mittagstisch hatte ich mich zu Dasha, Mika und Ambrose gesellt, da mir dieser Trupp noch fast am sympathischsten von allen war, da sie von Drama fernblieben. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, entdeckte ich Linh und Ju die an einem der anderen Tische herummachten, was bei mir ein reflexartiges Augenrollen auslöste und ich lieber wieder in meinem Essen herumstocherte. “Dude bist du eigentlich immer so unentspannt?”, fragte Ambrose, der offenbar meine Stimmung gedeutet hatte; daraufhin wurde er von Dasha in die Schulter geboxt, die versuchte mich zu beschützen, tonlos formte ich ein “Lass gut sein, aber danke” mit meinem Mund. “So war es nicht gemeint, sorry Hannes, vielleicht geht es dir ja nach einer Tüte besser?”, setzte Ambrose erneut an und ich bedankte ihn mit einem schmalen Lächeln und stand auf vom Mittagstisch. Als ich mich entfernte, hörte ich noch Mika und Dasha, die beide versuchten Ambrose zu belehren im Umgang mit Menschen - was ein Spast. Da noch etwas Zeit bis zu meiner Team-Sitzschulung blieb, schlenderte ich über den Hof und zurück ins Wohnhaus, von dem ich mir erhoffte, etwas Ruhe zu finden.
      “Gut, dass ich finde”, begann Niklas zu sprechen, der aus einer Ecke hervorkam und geradewegs zu mir lief. “Wieso, was los Bruderherz?”, entgegnete ich im offensichtlich ironisch desinteressierten Ton. Es war fast beängstigend, wie dicht er an mir dran war, irgendetwas musste vorgefallen sein.
      „Du warst die letzten Tage so … ich weiß auch nicht, abweisend mir gegenüber und heute früh im Stall beinah aggressiv. Was ist los?“, fragte er und schien sich wirklich um mein Wohlbefinden zu sorgen. “Das geht mir hier alles irgendwie ordentlich auf den Sack, das ganze Drama und das Rumgehure. Ich meine, wo sind wir? Bei einer billigen Reality TV-Show ‘Wer wird als erstes flachgelegt’? Was ist eigentlich mit dir los Niklas, ich dachte du wärst wieder halbwegs stabil.”, antwortete ich ihm nun freundlicher.
      “Aber es geht dich doch nichts an, was alle anderen machen? Es geht hier um Leistungen und jeder hat sein eigenes Umgehen damit. Was mit mir los ist? Ich habe Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Wenn sich es die Situation fordert, dann stehe ich meinen Mann. Solltest du vielleicht auch mal versuchen. Und stabil, nun. Vor ein paar Tagen hatte ich wieder einen Anfall in der Dusche, weil ich offenbar meine Tabletten nicht mehr nahm”, schnaubte er wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wurde.
      “Niklas ich bin’s, du stehst ja völlig neben dir. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen! Abgesehen davon geht es mich nichts an, ja, aber ich werde irgendwie immer mit hineingezogen und soll ständig für eine Seite Partei ergreifen und das ist anstrengend. Ich bin wegen der Pferde hier, um etwas zu lernen und Spaß zu haben, aber den habe ich absolut nicht. Aber gerade geht es ja nicht um mich, warum zur Hölle hast du denn die Tabletten abgesetzt?”, versuchte ich ihn zu beruhigen und Antworten zu bekommen.
      “Ich habe sie nicht abgesetzt, nur vergessen vor lauter Stress”, gab Niklas kleinlaut nach. In geduckter Haltung mit gesenktem Kopf stand er vor mir und war in dem Moment der kleinste Riese, den man sich vorstellen konnte. Plötzlich empfand ich das Bedürfnis ihn zu umarmen, was ich letztlich auch tat. Es war seltsam, wir waren nicht solche touchy best friend Brüder, aber die Situation hatte es eben angeboten. “Junge, warum redest du denn nicht? Du setzt immer ein Pokerface auf, woher soll denn jemand ahnen, dass es dir nicht so gut geht, wie es scheint?”, hakte ich während der Umarmung nach.
      “Weil … ach ich weiß auch nicht. Mein Hirn ist gerade mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, dass ich vermutlich den nächsten Krieg anzetteln werde. Aber davon wird kaum einer noch etwas mitbekommen”, murmelte er. Seine Stimme zitterte leicht und ein Hauch von Unsicherheit drang aus ihm hervor. Niklas war sonst immer der Gefühllose, die niemanden an sich heranließ, doch nun lag er zerbrechlich in meinen Armen. In diesem Moment wusste ich nicht, ob ich etwas sagen sollte oder vielleicht doch nicht - irgendwie fehlten mir die Worte, denn nichts was ich sagen würde, würde ihn aus dieser Situation retten. “Lass uns etwas zusammen unternehmen, einfach mal raus hier und weg von allem. Was hattest du denn eigentlich vor, bevor du auf mich gestoßen bist?”, brachte ich schließlich doch hervor.
      “Ach bin ich jetzt auf einmal nicht mehr der peinliche große Bruder? Mein Taxi kommt gleich für das weitere Tattoo”, antwortete er und ließ mich endlich los. “Eher die große peinliche männliche Hure, aber heute kann mein Stolz auch diesen harten Schlag vertragen.”, feixte ich und boxte gegen seine Schulter, um die Situation aufzulockern. “Was soll’s denn diesmal werden?”, fragte ich neugierig und überlegte gleichzeitig wo an seinem Körper überhaupt noch Platz für weitere Tattoos war.
      “Ach du bist doch nur neidisch, dass ich beliebter bin bei den Mädels als du. Ähm, hier”, sagte Niklas und zog ein Blatt aus seiner Hosentasche. Es war ein geometrisch gezeichnetes Pferd mit einigen Partikeln herum. Von ihm konnte das nicht sein, denn zeichnen gehörte zu den wenigen Dingen, die er nicht beherrschte. “Hat Lina für mich gemacht. Kommt auf die Schulter, schließlich sind meine Arme beinah voll”, setzte mein Bruder fort. “Tatsächlich sieht das echt gut aus.”, gab ich zu und lief mit ihm gemeinsam nach draußen. “Außerdem lieben mich die Mädels bedingungslos, sie reden mit mir über ihre Probleme und man muss ja nicht mit jedem Vögeln, den man mag.”, antwortete ich mit einem Zwinkern. “Bist du schwul oder was, Bruderherz?”, entgegnete Niklas lachend und ich schaute ihn böse von der Seite an, was uns beide unangenehm verstummen ließ.
      “Es wäre nicht schlimm, also wirklich. Wenn du reden willst, gern später, aber ich muss los”, fügte er hinzu und lief zu dem Taxi, dass den Hof hochfuhr. Also würden wir beide heute wohl nichts gemeinsam unternehmen, realisierte ich etwas enttäuscht, aber winkte ihm zum Abschied.

      Ambrose
      Nachdem ich beim Essen ordentlich von den Turteltauben gemaßregelt worden war, hatte ich mich verpisst, um etwas Abstand zu gewinnen. Was war eigentlich mit mir los? Warum bin ich zu allen ein Arschloch und warum spiele ich immer diesen beschissenen stoned Typen? Ich bin kein Stück besser als meine Junkie-Eltern! Plötzlich empfand ich das Bedürfnis mir selbst weh zu tun, um die Stimmen in meinem Kopf verstummen zu lassen. Kurz bevor ich mir mit einem scharfkantigen Stein einen Schnitt verpassen wollte, vibrierte mein Handy - “Nana” stand auf dem Display. “Hey.”, antworte ich kurz, um meine Wut und den Frosch im Hals zu verstecken. “Honey, is everything okay? You sound strange”, gab sie besorgt zurück, natürlich wusste sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich strömten die Tränen heraus und ich begann zu schluchzen, “I’m… I… I don’t know Granny. I feel damn worthless like I should have died with them in that car. Why am I alive? I’m such a ridiculous bastard who couldn’t overcome his parent’s toxic habits…”, brachte ich stotternd hervor. Nana versuchte mich zu beruhigen, doch ich hörte ihr gar nicht richtig zu, doch ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlte, weshalb ich mich zusammenriss und schließlich einlenkte.”Thanks, Nana. I suppose it is just all that stress around here. I will pay you a visit as soon as I am back home - I promise. Love you, bye.”, würgte ich das Gespräch ab. Als ich meinen Kopf wieder nach oben bewegte, entdeckte ich Hannes, der genauso erschrocken war wie ich. Eigentlich wollte ich ihn ankacken, warum er mich belauscht hat, doch auch ihn schien etwas zu beschäftigen, weshalb ich mit der Hand auf den Platz neben mir deutete. Hannes setzte sich vorsichtig neben mich und traute sich wohl auch nichts zu sagen. “Sorry für vorhin und generell”, lenkte ich bedrückt ein. “Schon okay, es hat wohl jeder seine eigenen Päckchen zu tragen”, gab er freundlich zurück und streckte die Hand aus, um die Entschuldigung zu besiegeln. In diesem Moment trafen sich unsere Augen und auf eine komische Art und Weise verharrten wir in dieser Position. “Du hast wunderschöne Augen”, rutschte es mir mit kehliger Stimme heraus und wie durch eine magische Hand gesteuert lehnte ich mich leicht vor. Hannes fixierte mich nach wie vor mit seinen grau-grünen Augen, die zu leuchten schienen. Mittlerweile konnte ich meinen Herzschlag deutlich hören, das durch meine Brust pulsierte, weshalb ich nicht anders konnte, als meine Hand an seinen Hals zu legen und ihn zu mir heranzuziehen. Nun konnte ich auch sein Herz spüren, er wehrte sich keineswegs gegen meine Berührung, im Gegenteil, er lehnte sich nur weiter vor, weshalb ich ihn erst langsam und sanft küsste. Meine Lust ließ sich nicht zügeln und ich küsste ihn leidenschaftlich, meine Zunge berührte seine und er begann mich zu necken und an meiner Lippe zu knabbern. Auf einmal schien all der Kummer verflogen zu sein und meine Gedanken kreisten nur noch um Hannes. Von Lust erfüllt packte ich ihn an der Taille und zog ihn hoch, während ich aufstand und drückte ihn an Wand des Gebäudes neben und stemmte meine eine Hand in die Wand, während die andere sein Gesicht liebkoste. Für einen kurzen Moment war ich sehr froh, dass wir uns an einer abgelegenen Stelle des Hofes befanden und ich deshalb mein Shirt bedenkenlos ausziehen konnte. Sofort strichen Hannes’ Hände über meine Brust und mein Sixpack und fanden schließlich ihr Ziel. “Langsam, Großer, genieß die Spannung”, raunte ich in sein Ohr und presste meine Schwellung an seine Lende, was ihm ein Stöhnen entlockte. Er schien noch unerfahren im Umgang mit Männern, weshalb ich die Führung übernahm und langsam seinen Hals hinunter küsste und sein Shirt auszog. Nun langsam auf die Knie ging, um seine Hose zu öffnen und ihn befreite. Hannes reckte seine Hüften mir entgegen und gab mir so das Okay weiterzumachen, weshalb ich seinen Phallus sanft anfasste und quälend langsam anfing daran zu saugen. Erstaunlicherweise packte er meinen Kopf und zog leicht an meinen Haaren, was mich nur noch mehr antrieb.

      Chris
      Im Stall beobachtete uns Milena und kontrollierte jeden Schritt, den wir machten. Vriska guckte immer wieder zu ihr und verkrampfte wiederholend den Kiefer. In der Sattelkammer hatten wir einen Moment Ruhe vor unserer Staatsbeamtin. “Ist etwas zwischen euch vorgefallen?”, fragte ich vorsichtig und bemühte mich nicht neugierig zu klingen.
      “Das kann man so nicht sagen, aber das mit dem Dreier weißt du?”, hinterfragte Vriska und nahm den Sattelgurt vom Sattel, als er an der Wand hing. Dabei blickte sie nicht zu mir.
      “Natürlich, jeder weiß es. Jetzt im Nachhinein stört es dich?”
      “Ich ärgere mich mehr über mich selbst und will ihr gegenüber nicht eingestehen, dass ich es nachvollziehen kann. Doch es spielt auch mit rein, dass sie mir versprach mit mir die Zeit zu verbringen. Stattdessen hat sie die ersten Abende alles dafür getan, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es hatte nichts mit Ernst zu tun.”
      “Ihr seid doch seltsam. Also dein Problem ist, dass sie dich vernachlässigt hat und das mit Nik nicht das Gleiche ist wie mit dir?”
      “So ungefähr, außerdem spricht sie schlecht über mich vor anderen.”
      “Das mit euch beiden ist auch nichts Ernstes, das hast du vorhin selbst gesagt. Den anderen Grund kann ich besser nachvollziehen. Vriska, bitte sei dir im Klaren, was du möchtest”, meine Stimme wurde ernster. Er hatte sie wirklich in seinen Bann gezogen und ihren Verstand verdreht. So fing es mit Anna auch an, nur das Niklas sich mehr bemühte. Irgendwas stimmte mit ihm nicht.
      “Ich weiß es nicht. Ich brauche ihn”, sagte sie wehmütig und senkte den Kopf. Den vorherigen Augenkontakt verloren wir und spielte sich in den Haaren herum.
      “Dann nimm ihn dir”, ermutigte ich Vriska. Es fiel mehr schwer das zu sagen, denn es bedeutete, dass einige Probleme den Beiden auf dem Weg gelegt werden würde.
      “Denkst du das wirklich?”, ihre Augen funkelten und sie schaute hoch zu mir. Mit einem sanften Lächeln nahm ich sie in den Arm und hoffte, dass sie die richtige Entscheidung treffen würde.
      “Wenn soll Vriska sich nehmen? Sie weiß doch nicht mal wie eine richtige Beziehung funktioniert”, provozierte Milena, die dazu kam. Verärgert schubste Vriska sie zur Seite, als sie die Kammer verließ. Dann drehte sie sich um und fügte hinzu: “Das geht dich nichts an, mein Leben, meine Regeln.” Ein freches Grinsen legte sich auf ihrem Gesicht. Aufrecht im Gang führte sie Glymur aus dem Stall und hatte bereits die Decke wieder um ihn gelegt. Etwas stolz schaute ich der kleinen Blonden nach und band meinen Wallach ab. Milena verschwand wortlos aus dem Stall mit dem Halfter ihrer Palomino Stute.
      “Jetzt sind wir wieder allein”, merkte ich meinem Pferd gegenüber an und lief Vriska nach, die bereits kleiner wurde am Horizont. Dass sie nicht einmal wartete, um zusammen die Pferde wegzubringen, bestätigte meine Vermutung, dass ihr die Situation zu viel war. Als ich die Weide erreichte, kam sie mir bereits entgegen und sagte nichts. Stattdessen blickte Vriska gespannt auf ihr Handy. Aus dem Augenwinkel sah ich Bilder von Niklas, es hätte mir klar sein müssen, dass in ihrem Kopf niemand anderes einen Platz hatte.
      Eine Dusche würde mir guttun, dachte ich nach dem ich meinen Arm hob und an mir roch. An meinem Shirt dominierten großen Schweißflecken und mein Pferd hatte auch seine Spuren hinterlassen. Ein ungewöhnliches Bild ereignete mich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Klein Olof und unser Kiffer standen gemeinsam an der Wand und blendeten vollständig den Rest ihrer Umwelt aus.
      “Ich würde fragen, was das hier wird, wenn es nicht so offensichtlich wäre. Macht, was ihr wollt, aber könntet ihr das in eurem Zimmer vorsetzen? Kinder leben hier am Hof und ich schätze, sie sollten das nicht sehen. Also egal in welcher Konsultation. Vriska und dein Bruder können sich auch zusammenreißen … Fan”, rutschte es mir heraus. Wenn Niklas das erfährt, bringt er mich um. Meine Augen richtete ich in den Himmel, denn das, was die Beiden taten, überschritt deutlich dem, was ich mir sonst anschaute. Erschrocken gingen die beiden auseinander und Hannes hielt die Hände vor seinen Schwanz wie bei einem Freistoß. “Ich Ähh… wir… also”, stammelte er vor sich hin. “Diggi mach keine Szene, halt bloß deine Klappe und wir sind fine. Nächstes mal treiben wir es auf deinem Bett, wenn’s dir lieber ist.”, antwortete Ambrose keck mit einem Zwinkern.
      “Szene? Vermutlich hätten andere ganz anderes reagiert, also entspann dich. Und klar, ich stelle euch mein Bett gerne zur Verfügung”, rümpfte ich die Stirn. Einige falten bildeten sich. Hannes stand angespannt da und brachte kein weiteres Wort heraus. Er erinnerte mich in dem Moment stark an seinen Bruder, als wir in Neuseeland waren und ich ihn mit unserer Chefin erwischte unter der Dusche. Die Dame war mehr als 20 Jahre älter als wir, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. “Du hast ja recht. Danke.”, gab Ambrose kleinlaut zu und beide Herren der Schöpfung gingen wortlos mit einem riesigen Abstand zueinander weg.
      Verspürte auf dem Hof jemand Pheromone oder wieso konnte niemand seinen Trieben widerstehen? Kopfschüttelnd lief ich zu meinem Zimmer. Björn war nicht da, also konnte er nur wieder mit Erika beschäftigt sein. So zog ich mein Shirt über den Kopf, warf es in die Ecke und nahm mir neue Kleidung. Mit ihnen im Arm marschierte ich in die Dusche, schloss die Badezimmertür zu und genoss, dass Wasser, dass über meinen Körper floss.

      Hannes
      Wow. Was war das gerade? Ein Ausrutscher, der nicht wieder vorkommen würde, ich bin ja nicht schwul, das wäre ja völlig absurd. Ich musste bei dem Gedanken fast lachen, ich und schwul, ja bestimmt, meine Eltern würden mich achtkantig aus dem Haus werfen und mich als ekelhaften Unzüchtigen abstempeln. Dennoch drängten sich Gedanken von Ambrose in den Vordergrund, dieser trainierte Körper mit glänzender weicher Haut, die Milchschokolade ähnelte und danach bettelte berührt und geschmeckt zu werden. Was zur Hölle ist mit meinen Gedanken? Ich stehe ganz normal auf Frauen, Brüste, ja schöne Brüste und ein knackiger Arsch, Männer lieben und den Akt wie ein Tier vollziehen, sowas ist unnatürlich. Ganz in meinen Gedanken versunken stolperte ich so vor mir hin und rempelte Mika und Dasha, die mich augenblicklich verwirrt ansahen und fragten, ob alles okay sei, ich nickte, lächelte und ging weiter, aber wohin. Checkpoint. Kurzerhand entschied ich mich dafür meinem Hengst einen Besuch abzustatten und schlug den Weg zu seiner Weide ein. “Checkers! Na, komm dicker!”, rief ich, als ich nahe der Weide war, aber meinen lackschwarzen Rollmops nicht finden konnte. Anscheinend war es ihm auch zu heiß, da er nur langsam im Schritt auf mich zu dackelte ohne große Begeisterung. Glücklicherweise hatte ich noch ein Leckerli bei mir, welches ich ihm zur Begrüßung vor die Nase hielt. Checkers grummelte und freute sich über die kleine Belohnung und forderte dann seine Streicheleinheiten ein.

      Lina
      “Setz dich jetzt mal vernünftig auf dein Pferd, wenn du so weiter machst, fällt sie noch über ihre eigenen Füße”, holte mich der Trainer aus meinen Gedanken. Die waren nämlich immer noch mit dem Chaos in meiner Wohnung beschäftigt. Kaum hatte Herr Holm zu Ende gesprochen stolperte meine Stute, wie als wolle sie seine Worte unterstreichen. Während ich mich auf mein Pferd und mich fokussierte hörte ich wie Samu natürlich wieder Lob einheimste. Ice Rain lief entspannt unter ihm und er sah mal wieder aus als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen.
      “Ah, scheinbar hast du ja doch schon mal auf einem Pferd gesessen, das sieht doch gleich viel besser aus”, bekam ich nun zu hören. Ich hatte meine Zügel ein Stück weit aufgenommen und mich tiefer in den Sattel gesetzt, was sich auch sogleich im Schritt meiner Stute widerspiegelte. Sie schritt nun zwar immer noch entspannt, aber stolperfrei durch die Halle.
      “Trab deine Stute mal auf dem Zirkel an”, bekam ich nun eine Anweisung von Herrn Holm.
      Ich lenkte meine Stute auf den Zirkel, setzte mich tiefer in den Sattel und nahm die Zügel ein Stück nach zum Antraben. Brav trabe die Stute an, doch schon nach ein paar Trab Tritten, verspannte ich mich und sie fiel mir wieder aus.
      “Bleib locker in der Hüfte und klemm nicht so mit dem Knie, so blockierst du dich nur selbst”, korrigierte mich der Trainer. Ich trabte Nathalie erneut an und versuchte locker zu bleiben, das klappte allerdings eher so Semi-Gut, denn kaum war Nathalie eine halbe Runde getrabt, ging mein Knie wieder zu.
      “Deine Beine sollen locker am Pferd hängen”, erinnerte mich Herr Holm. Das Aussitzen im Trab war noch nie meine Spezialität gewesen und das zeigte sich jetzt deutlich. Während Nathalie sich alle Mühe gab, es mir leicht zu machen konzentrierte ich mich noch mehr darauf locker zu bleiben uns nun funktionierte es tatsächlich so wie es sollte nur das mein Pferd eher ein Osterei lief anstatt eines Kreises.
      “Auch wenn du locker sitzen sollst, vergiss nicht die Schenkelhilfe. Lass dein inneres Bein dran”.
      Nach weiteren 5 Minuten, verschonte mich Herr Holm erst mal und ich durfte eine kurze Schrittpause einlegen, während er sich Samu Galopp ansah.
      “Glaub nicht ich sehe, dich nicht”, ermahnte mich Herr Holm als meine Gedanken für einen kurzen Moment wieder abschweiften, was sich natürlich sofort im Gangbild meiner Stute spiegelte. Sofort setzte ich mich wieder gerade hin und war schon ein wenig beeindruckt davon, dass Herr Holm scheinbar sogar Augen im Hinterkopf hatte.
      Nach ein paar Minuten wendete er sich dann wieder mir zu. Der Galopp funktionierte um Längen besser, was sicherlich auch daran lag, dass es die Paradedisziplin meiner Stute war. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, hatte Herr Holm kaum etwas auszusetzen und so verließen Samu und ich die Halle.
      “Weißt du Lina, wir zwei werden jetzt noch eine kleine Runde um den Hof drehen, bevor ich die wieder in dein Chaos lasse. Du solltest dir jetzt erst mal einen Moment der Entspannung gönnen. Wenn dann die Pferde versorgt sind, helfe ich dir lieber beim Packen. Nicht das du noch Teil des Chaos wirst”, scherzte Samu gut gelaunt.
      “Ich bin schon lange ein Teil davon”, antwortete ich ihm erschöpft. Obwohl die Sitzstunde nur 20 Minuten lang war, hatte sie mir doch einiges abverlangt. Für gewöhnlich schummelte ich mich um das Aussitzen im Trab herum, was auch im normalen Alltag recht funktionierte.
      “Also für mich siehst du noch sehr eigenständig und real aus. Und...”, sagte er und begann mich anzustupsen “du fühlst dich auch eindeutig noch so an”, bestätigte Samu.
      “Schön, dass ich noch keine Einbildung bin. Dachte schon, ich wäre nur in deinem Kopf und du würdest nun langsam verrückt werden”, kommentierte ich das ganze. “Wundern würde es mich nicht”.
      “Was wills du denn jetzt damit sagen?”, fragte mein bester Freund ein wenig beleidigt.
      “Gar nicht. Wobei…, wenn du nicht bald anfängst, dir weitere Freunde zu suchen brauchst du vielleicht wirklich noch eingebildete Freunde, denn ich werde bald nicht mehr da sein”, antworte ich ihm unschuldig.
      “Also bitte, ich habe Freunde”, protestierte er entrüstet.
      “Und warum sieht man die hier so selten?”, fragte ich nach. Daraufhin sagte er nichts mehr.
      “Aber jetzt mal ehrlich Samu, du solltest mal herausgehen und Leute kennenlernen und damit meine ich näher kennenlernen. Wie kann es sein, dass ein so netter Kerl wie du gerade mal eine einzige Beziehung in 25 Jahren hatte”
      “Vielleicht weil ich genug damit zu tun hatte, dich vor Dummheiten zu bewahren?”, gab er nun schlagfertig zurück. Damit hatte er zwar irgendwo recht, aber wenn man es genau nehmen wollte, hatte ich ihn nie darum gebeten.
      “Dann ist es ja gut, dass du das jetzt nicht mehr tun musst. Aber jetzt lass uns noch ein wenig Spaß haben, wer als Erstes Oben ist”, beendete ich das Thema und ließ meine Stute antraben. Wir hatten unsere Lieblingsgaloppstrecke erreicht, den Wiesenweg den Hügel hinauf. Nathalie wusste schon was nun kommen würde, denn mit gespitzten Ohren fiel sie erst in den Trab, bis sie dann schließlich in einen fetzigen Galopp überging.
      “Ey, das ist unfair”, hörte ich Samu rufen, der seine Stute nun auch an treib. Obwohl Ice Rain sich echt Mühe gab Nathalie einzuholen, erreichte ich als erste den Hügel. Oben hielt ich meine Stute an und blicke die Anhöhe hinunter. Unter uns erstreckte sich der Hof und es war einfach ein wunderschöner Ausblick.

      Juha
      Linh und ich holten zusammen ihre Stute wieder hoch zum Stall, da sie mit Milena gleich zum Training wollte. “Bist du dir sicher, dass ich gehen soll?”, fragte ich sie erneut, als Linh ihre Stute in der Stallung anband. “Denke ja, schließlich schien ich die vergangene Woche nicht mehr aktuell zu sein und lebe immer noch”, antwortete sie, ohne mich anzuschauen. Stattdessen putzte sie ihre Stute und sagte nicht mehr. Ich verabschiedete mich und verschwand wieder ins Zimmer. Es fehlte mir die Beschäftigung, denn irgendwem hinterherzulaufen gehörte normalerweise nicht zu meinen Hobbys. Meinen Computer konnte ich schlecht mit hernehmen, außerdem hatten wir es alle fast wieder geschafft in das alte Leben zurückzukehren. Obwohl Kanada wirklich schön war, vermisste ich Schweden und besonders die Leute. Alle handelten komisch, als würde die Welt untergehen, wenn man sich alltäglich verhielte. Natürlich nahm ich mich dem auch an, um nicht zu dem anderen Teil des Vereins zu gehören, die sich nach hinten zogen und keinesfalls das Rampenlicht des Erfolgs genossen.
      Eh ich mir weiter Gedanken machte über das Leben und wieder im Strudel des Selbstmitleids landete, musste ich mich ablenken. Kaum schlief Niklas wo anderes, sah das Zimmer aus wie ein Hotelzimmer. Seine Sachen schmiss ich vergangenen Abend einfach zusammen in den Koffer und stellte ihn in den Schrank. Sogar sein Bett machte ich, um Linh nicht wieder in der Unordnung zu begrüßen. Auf dem Tisch lagen die ersten Entwürfe meiner Kür mit Amy. Da die junge Stute noch nicht allzu lange im Training ist, musste ich mir etwas einfaches Ausdenken. Im Vergleich zur A-Dressur, die wir bisher immer ritten, wollte Herr Holm, dass ich langsam mal zur L wechselte. Versammlungen im Trab und Galopp beherrschte sie bereits, auch der einfache Galoppwechsel war keine Neuheit. Allerdings lag mein Augenmerk mit ihr im Springen, was ihre Abstammung auch deutlich mehr hergab. Umso schwieriger erschien es mir, eine Kür auszudenken, die auf den Punkt passend zur gewählten Musik passte. Zum Glück bestand die Wertung darin, die Balance, Harmonie und Durchlässigkeit des Pferdes, was Amy bisher sehr zuverlässig zeigte. Ihre Konzentration lag darin, sich auf meine Hilfen zu verlassen. Selbst denken wäre eine Schwierigkeit für Scheckstute, denn schon beim Einreiten achtete ich stets darauf, dass sie meinen Hilfen genau folgte. So wurden wir zu einem guten Team, in dem jeder sich auf den anderen verlassen konnte. Früher hätte ich das noch über Niklas sagen können, doch mittlerweile zweifelte ich daran. Wir saßen gemeinsam bereits einige Stunden an der Kür für mich und Amy, dennoch fehlte er gerade. Im Springen hätte ich einen wunderbaren Parkour aufbauen können inklusive Galoppsprüngen, die zwischen den einzelnen Hindernissen sein sollten, sowie Dekoration oder einem Motto. Doch danach fragte natürlich niemand. Obwohl wir das Eventing Team waren, empfand ich das Gleichgewicht des Trainings als fragwürdig. Erst zweimal besuchten wir bisher den Springplatz, doch täglich mussten wir uns in der Dressur abrackern. Als wir uns entscheiden sollten, ob wir mitkommen oder nicht, sprachen die Veranstalter noch ganz anderes über das Training. Von einer individuellen Ganztagsbetreuung von Pferd und Reiter war die Rede, sowie kontinuierlicher Weiterentwicklung in der Beziehung zueinander. Wer auch immer diesen Flyer erstellt hatte, sollte sich schämen. Das Einzige, was sich weiterentwickelte waren, wohl die Beziehungen untereinander, die teilweise uns in Gruppen drängten und andere sogar fallenließ. Jetzt konnte ich das auch nicht mehr ändern. Bevor ich mich wieder an die blöde Dressur setzte, entschied ich erstmal wieder herunterzukommen. Ich wechselte meine Hose wieder, warf auch mein Shirt zur Seite und verließ samt meinem Buch das Zimmer, um mich in die Sonne zu legen. Eine Decke legte ich auf den Rasen, stütze mich mit meinen Unterarmen ab und begann das Kapitel erneut zu lesen. Die Sonne brannte auf meinem Rücken, was meinen aktuellen seelischen Zustand ziemlich gut widerspiegelte.

      Lina
      “Na, woran denkst du gerade?”, fragte mich Samu der nun auch auf dem Hügel angekommen war.
      “Irgendwie vermisse ich unsere Heimat, auch wenn es hier durchaus sehr schön ist. Hier fehlt aber so viel. Das Meer, die salzige Luft und sogar die nervigen Möwen”, erklärte ich nachdenklich.
      “Ja, das kann ich verstehen. Aber nervige Möwen und Meer sollten in Schweden zu finden sein”, versuchte mich ein Freund von mir aufzumuntern.
      “Niin on”. Einen Moment lang standen wir noch schweigend auf dem Hügel und ich genoss den Ausblick. Die Sonne brannte vom Himmel und nicht eine einzige Wolke war zusehen.
      “Ich möchte dich ja nicht in deiner Ruhe stören, aber so langsam sollten wir zurückreiten, sonst schmelzen wir hier oben noch”. Samu deutete auf das dunkle Fell meine Stute, wo sich langsam kleine Rinnsale bildeten.
      “Na gut, genug geschaut.” Ich wendete meine Stute und ließ die den Hügel hinabgehen, Samu folgte mir mit Ice Rain.
      Zurück auf dem Hof stieg ich von meiner Stute ab und zog ihr den Sattel vom Rücken, dunkel zeichnete sich die Stelle ab, auf der er gelegen hatte.
      “Ich bringe sich direkt auf die Koppel, kommst du mit?”, fragte ich Samu, der noch auf Ices Rücken saß.
      “Jap. und wenn die zwei hübschen hier auf der Koppel sind, werde ich dir mal bei deinem Chaos helfen, sonst sieht man dich heute wohl nie wieder”, scherzte er und ließ sich aus dem Sattel gleiten.
      “Erinnere mich bloß nicht daran”, seufzte ich.
      Gemeinsam brachten wir die beiden Stuten auf die Koppel und räumten ihr Sattelzeug weg, bevor wir 10 Minuten später wieder in meiner Wohnung standen.
      Leider hatte es sich nicht von selbst aufgeräumt.
      “Was genau sollte das eigentlich werden?”, fragte Samu als er hinter mir durch die Tür trat.
      “Naja, erst wollte ich nur aufräumen … und dann ist mir eingefallen, dass ich in 3 Tagen das Land verlasse. Also habe ich versucht zu überlegen, was ich einpacke, … Aber du siehst ja das hat eher so semi-gut funktioniert”, erklärte ich.
      “Und dieser Stapel da soll darstellen, was du mitnehmen möchtest?”, fragte er und betrachtete den Haufen auf dem Bett mit einem kritischen Blick.
      “Ja?”, bestätigte ich und sah ihn unsicher an.
      “Also, die hier”, sagte Samu nun und nahm einen Stapel Bücher vom Stapel runter, “wirst du schon mal hierlassen, es gibt E-Books.”
      ”Aber echte Bücher sind viel schöner zum Lesen”, protestierte ich.
      “Aber erstens, ist dein Koffer voll, wenn du die alle Einpackst und zweitens sind sie ja nicht für immer verloren”, ließ sich Samu nicht davon abbringen die Bücher wegzulegen. “Du solltest packen als würdest du in den Urlaub fahren, solltest du dich dann tatsächlich dazu entschließen in Schweden zu bleiben, werden wir schon einen weg finden dir deinen Kram hinterherzuschicken, also packe als würdest du für einen Urlaub packen.” Mein bester Freund machte nicht den Eindruck als würde nachgeben und irgendwo hatte er ja recht.
      “Ok, darf ich dann wenigstens mein Lieblingsbuch mitnehmen? “, sagte ich und griff nach dem obersten Buche auf dem Stapel. Samu protestierte nicht, also nahm ich das als Ja.
      “Du solltest beim Koffer packen immer mit dem wichtigen Anfangen und ich denke, sofern du nicht nackt herumlaufen möchtest, sollte das wohl die Kleidung sein.” Samu stellte sich vor meinen Kleiderschrank und sah mich erwartungsvoll an.
      “Na los, oder willst du, dass ich das mache?”, forderte er mich auf als ich mich nicht bewegte. Nein, besser sollte ich das selbst machen. Ich wollte ja nicht sagen, dass Samu nicht stilvoll war, aber sein modisches verständiges wich doch ein wenig von dem Meinen ab. “Nein, das mache ich lieber selbst”, antworte ich ihm und begann in meinen Kleiderschrank zu wühlen und die Kleidung, die ich mitnehmen wollte auf dem Boden zu stapeln.
      “Na, da will, ich mal sehen, wie du das alles in deinen Koffer bekommen willst”, murmelte Samu ließ mich aber erst einmal machen. Neben Reitklamotten wanderten auch noch Shirt, Tops, Hosen und weitere wichtige Klamotten auf den Stapel. Als ich gerade dabei war einen weiteren Pullover dazuzutun, hatte Samu allerdings wieder etwas einzuwenden: “Pysähdy! Du glaubst auch, in Schweden gibt es keine Waschmaschinen, oder? Außerdem ist es Sommer, du brauchst keine 5 Pullover Lina.”
      Ich wollte schon protestieren, doch er sah mich mit einem Blick an, der keinen Widerstand duldete, somit legte ich den Pullover also wieder weg.
      “Ich glaube, das reicht so”, verkündete ich einen Moment später. Auf dem Stapel befanden sich nun alle Klamotten, die ich für wichtig hielt, natürlich mit Ausnahme der, die ich noch brauchten, würde.
      “Ok, dann ist der nächste Punkt, die Sachen die noch so brauchst. Deinen Laptop solltest du auf jeden Fall mitnehmen und denke auch an so was wie Kopfhörer, Ladekabel all so ein Zeug”, wies er mich an.
      Also ging ich als Erstes ins Wohnzimmer, wo mein Laptop und mein Tablet waren. Neben den beiden Geräten sammelte ich auch noch das nötige Zubehör ein. Es wanderten noch solche Dinge wie ein Handtuch, meine kleine Reiseapotheke, die nötigsten Schuhe, auch hier verbot mir Samu unnötig viel einzupacken, und natürlich folgte auch mein Zeichenzeug.
      “Ich glaube das müsste dann alles sein, von dem was ich nicht mehr brauche”, verkündete ich, als ich alles zusammengetragen hatte.
      “Ja fast. Etwas Wichtiges hast du noch vergessen.”
      “Was den bitte?”, fragte ich verwundet und sah mir den Haufen noch einmal ganz genau an, aber ich kam nicht darauf.
      “Na deine Papiere, sonst werden sie dich werde hier aus dem Land lassen noch dort ins Land”, sagte Samu erheitert.
      “Lachst du etwa über mich?”, fragte ich vorwurfsvoll.
      “Nein, ich lache mit dir, nicht über dich”, sagte er unschuldig und das Grinsen auf seinem Gesicht wurde nur noch breiter.
      “Ich finde das nicht nett, dass du mich an meinen Problemen erfreust”, sagte ich ein ganz klein wenig beleidigt, während ich meine Papiere aus der Schublade zog.
      “Wie soll das alles eigentlich in diesen Koffer da passen?”, fragte ich dann kurz darauf, denn mir leuchtete noch nicht ein, wie diese ganzen Dinge dort hineinpassen sollten.
      “Ganz einfach, mit der richtigen Technik”, antworte Samu und setzte sich neben meinem Koffer auf den Boden, wo er begann die ersten Dinge hineinzupacken.
      “Gerade so was hier”, er hielt einen Pullover in der Hand ”kannst du wunderbar klein machen, wenn du es zusammenrollst”, erklärte er und demonstrierte das ganze auch so gleich. Mit Erstaunen musste ich eine halbe Stunde später feststellen, dass dieser und andere Tipps, die er mir noch gab, tatsächlich dazu führte, dass alles in den Koffer passte. Ein paar Sachen waren zwar auch ins Handgepäck gewandert, doch das meiste hatte seinen Platz im Koffer gefunden.
      “So, wenn du jetzt noch unbedingt ein weiters Buch einpacken möchtest, kannst du das gerne noch tun”, verkündete er und verstaue noch ein Socken paar.
      Doch statt zu einem weiteren Buch griff ich nach der Shadowbox die auf dem Regal stand. Darin einige Bilder und Erinnerungstücke an das Pferd was mir damals so viel bedeutete.
      “Damit ich mich wenigstens ein wenig heimisch fühlte”, ergänzte ich erklärend als ich den Gegenstand in den Koffer legte.
      “Eindeutig eine bessere Entscheidung als ein weiters Buch”, lobte Samu mich. “Und jetzt räumen wird noch den Rest auf und dann solltest du dich um deine restlichen Pferde kümmern”, fügte er hinzu.
      Nach einer halben Stunde hatte ich es mit Samus Hilfe dann auch noch geschafft das Zimmer wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Ich wollte mich gerade auf den Weg nach unten machen, als ich Hazel ins Haus kommen hörte: “Äh Jayden, hast du Lina irgendwo gesehen?” Am liebsten wäre ich geradewegs wieder in mein Zimmer gegangen, aber Samu hatte bereits den Weg die Treppe runtergenommen.
      “Sie wollte gerade herunterkommen”, hörte ich seine Antwort. Jetzt hatte ich wohl kaum eine andre Wahl als ihm zu folgen.
      “Ahh, da bist du ja”, kam es direkt von Hazel, als sie mich erblickte. “Du wolltest mir noch mal das Reitschulzeug erklären”, ergänzte sie fordernd.
      “Natürlich” murmelte ich ergeben und ging voran in das kleine Büro. Dort erklärte ich ihn noch mal das gesamte Konzept der Reitschule, das Abrechnungssystem und alles, was sie wissen musste. Nach einer Stunde, in der sie unendlich viele Fragen gestellt hatte, hatte sie endlich genug.
      “Ok, ich glaube, ich habe alles verstanden. Aber jetzt musst du noch dein zweites Versprechen einlösen”, verkündete sie und stand auf. “Ich geh schon mal vor, ich erwarte dich in 20 Minuten im Stall.” Schon war sie aus dem Büro verschwunden. Uff, dann würde ich heute wohl wirklich auf ein Westernpferd steigen.

      Auf der Stallgasse erwarte mich bereits Hazel, die Blue Heart auch bereits gesattelt hatte. “Na, Trensen schaffst du wohl selbst, denke ich mal”, sagte sie und drückte mir Blues Trense in die Hand. Ich begrüßte die Stute, bevor ich sie auftrenste und dann ging es auch schon auf den Reitplatz.
      “Und wie muss ich sie jetzt reiten?”, frage ich Hazel ein wenig verwirrt, als ich auf der Stute saß.
      “Wir fangen erst mal mit deiner Zügelhaltung an. Blue hat jetzt ein Snaffel Bit drin, das wird eigentlich immer zweihändig geritten, das machst du schon ganz richtig. Aber du musst deine Hände viel weiter auseinandernehmen”, erklärte sie und schob meine Hände ein ganzes Stück weiter auseinander. “Und nimm den Finger da Weg, im Western machen wir eine Faust um den Zügel.” Aufmerksam befolgte ich ihre Anweisungen.
      “Wenn du jetzt losreiten möchtest, gibt du einen kurzen Impuls mit dem Bein und schnalzte dabei, dann läuft sie los, anhalten tust du dann wieder, wenn du Woha sagst.”
      Nachdem Hazel mir die Bedienungsanleitung für die Stute geliefert hatte, probierte ich sie loszureiten, was auch fast funktionierte.
      “Lass deinen Schwerpunkt ein bisschen weiter vorne, sonst läuft sie Rückwärts”, korrigierte Hazel mich und diesmal lief das Quarter Horse wirklich los.
      “Genau gut so, aber treib nicht jeden Schritt das Pferd soll selbstständig, so lange weiterlaufen, bis du etwas anderes sagst.”
      Es war ziemlich ungewohnt nicht jeden Schritt zu treiben und auch das Tempo der Stute, kam mir recht langsam vor.
      “Ist das richtig, dass mein Pferd gefühlt einschläft”, fragte ich deshalb nach.
      “Ja, das Tempo ist vollkommen korrekt so. Das ist Trail Pferd kein Rennwagen”, antwortete Hazel lachend. Da ich nun bestimmt schon drei Runden am Zaun entlang geritten war, wollte ich nun versuchen die Stute auf einen Zirkel zu lenken. Ich versuchte es mit den normalen Hilfen, doch an Blues Ohren konnte ich sehen, dass das nur zur Verwirrung der Stute beitrug.

      Milena
      „Ihr wart wieder super zusammen“, sagte ich zu Linh mit der von der Reitstunde zurücklief. Kempa konnte sich auch sehen lassen. Sie brauchte immer ihre Zeit, um sich in neue Umgebungen einzufinden, deswegen war es schade, dass wir bereits in wenigen Tagen wieder nach Hause flogen. Im Gegensatz zu Vriska hatte ich mich auch schnell in die Gruppe integriert und neue Kontakte geknüpft, auch wenn es den Effekt hatte, dass ein Messer sich zwischen uns trieb.
      „Wie geht’s es Anna?“, tippte mich Linh an. Sie fragte eindringlich, als hätte ich es beim ersten Mal nicht gehört.
      „Ganz gut, schätze ich. Zumindest so gut, wie es einem in der Situation gehen kann. Ich versuchte sie davon abzuhalten, aber du kennst Anna ja. Das ist gar nicht so leicht. Sie vermisst ihr Pferd“, antwortete ich ihr. Anna und ich telefonierten jeden Abend, obwohl mir davon abgeraten wurde. Sie fehlt mir, besonders nach dem sie mir das ein Gefühl von zu Hause gab, endlich etwas gefunden zu haben das man bedingungslos liebte. Doch war es bereits Liebe? Wenn ich Nacht zurückdachte, stellten sich meine Haare hoch und eine wohltuende Wärme breitete sich im ganzen Körper aus. Ein Kribbeln durchzog meinen Bauch und es fühlte sich an, als würde kleine Schmetterlinge um meinem Kopf herumfliegen. Es war so echt, echter als alles was ich je fühlte.
      “Du vermisst sie auch, oder?”, fragte Linh vorsichtig. Ich nickte und blickte leer in den Himmel. Die Sonne brannte in meinen Augen und ließ mich den Blick wieder zu meinem Pferd richten. Kempa schubberte ihren Kopf am Holz, nach dem ich die Trense entfernte. Sie schwitzte und die Haare verfärbten sich Dunkel um ihre Augen herum. Wenn ich sie mit Móra verglich, hatte meine Stute viel mehr Fell und bereitete sich schon auf niedrige Temperaturen vor. Zum Rasieren war es zu spät, denn dann würde sie im Herbst kaum noch nach treiben.
      “Komm wir bringen die Pferde weg und dann setzen wir uns an den Reitplatz, ich habe da jemand auf einem Westernsattel entdeckt. Das konnte ich bisher nie sehen so nah”, freute sich Linh und lief mit ihrer Stute los. Kempa brauchte einige Sekunden, eh sie mir folgte.
      “Und ihr beide? Was läuft da”, grinste ich die Schwarzhaarige an, auf dem Weg zur Weide.
      “Ju und mich meinst du? Das fing bereits vor dem Camp an, aber wir wollten dann erst mal gucken. Irgendwas war dann und er kam wieder an”, erzählte sie mir mit einem Lächeln.
      “Weißt du nicht was passiert ist?”, hinterfragte ich und wollte unbedingt wissen, ob es mit Vriska zu tun hatte. Denn vor einigen Tagen lief es zwischen den Beiden noch ziemlich gut und jetzt sprachen sie nicht einmal mehr miteinander. Ich würde sogar behaupten, dass sie sich auf dem Weg gingen. Allerdings nahm sich Vriska überall heraus und hielt nur den nötigsten Kontakt zu allen.
      “Nein, ich habe auch nicht gefragt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es mir auch egal ist. Dass er mit Vriska kurz was hatte, nehme ich ihm auch nicht übel. Schließlich sehen wir die ja eh nicht mehr”, gab sie zynisch zu. Linh verdrehte dabei die Augen und öffnete das Tor des Zauns. Ich zog das Halfter meine Stute ab und sie trabte weg. Móra lief einige Schritte und warf sich in den Dreck.
      “Ich werde sie wohl schon noch sehen, aber sagt mal. Denkst du die beiden haben miteinander geschlafen? Weil naja. Nicht nur ich sah, dass etwas nicht stimmt und Herr Holm hat in der Halle auch gescherzt. Im Stall verschwand sie mit Chris und ich konnte nicht wirklich was verstehen”, fragte ich hartnäckiger nach. Mir kam das alles komisch vor.
      “Milena, sei doch nicht immer so neugierig. Aber tut mir leid, ich weiß es nicht aber kann es mir auch nicht vorstellen. Er ist nicht der Typ dafür. Mit Chris hatte sie sicher auch nichts, vielleicht fragst du sie einfach mal, anstatt dich bei allen nach ihr zu erkundigen. Das wäre menschlich auch freundlicher”, tadelte Linh.
      “Du hast recht, aber ich habe keine Lust mit ihr zu sprechen.”
      “Trotzdem interessiert dich noch, was sich in ihrem Leben abspielt. Also spring über dein Schatten oder ignoriere sie vollkommen.”
      Linh nahm mir das Halfter ab und brachte beide in den Stall. Ich wartete auf sie. Zusammen setzten wir uns an den Reitplatz, auf dem Linh mit einem Quarter beschäftigt war. Wirklich elegant wirkten beide nicht, das Pferd wollte sich entfalten aber hatte Schwierigkeiten dabei, da seine Reiterin es daran hinderte. Ich selbst würde vermutlich nicht besser im Sattel sitzen, deswegen klemmte ich mir weitere Kommentare. Linh blickte interessiert und fieberte förmlich mit.
      “Wenn du fragst, darfst du sicher auch mal rauf”, sprach ich zu ihr leise, damit wir dem Unterricht nicht störten.
      “Denkst du wirklich?”, fragte Linh. Ich nickte und zog gleichzeitig nicht wissend meine Schultern hoch. Dann band ich mein Shirt mit einem Knoten durch meinen BH nach oben. Der Schweiß lief meinem Rücken herunter, was bei solchen Temperaturen auch nicht unüblich war.

      Lina
      Inzwischen hatte ich die grundlegende Lenkung der Stute halbwegs verstanden, aber trotzdem war ich noch weit entfernt davon entfernt eine einwandfreie Kommunikation mit der Stute zu haben. Beim Vorbeireiten sah ich, dass Milena und Linh am Zaun standen.
      Das machte mich ein wenig nervös, denn ich sah ziemlich sicher nicht gerade elegant aus, wie ich so mit der Stute über den Platz ritt.
      “So da das mit dem Traben doch schon ganz gut aussieht, probieren wir doch mal den Galopp aus. Reite mal hier auf den Zirkel und galoppiere sie an, die Hilfe ist im Prinzip dieselbe wie beim englischen Reiten. Wichtig ist nur, du musst den Zügel komplett vorgeben und zusätzlich zur Schenkel- und Gewichtshilfe musst du das noch mit einem Küsschen unterstützen. Denk dran, wenn sie galoppiert, nicht weitertreiben, aber das Bein bleibt dran”, erklärte Hazel, während ich im Trab um sie herumritt. Entsprechend ihrer Anleitung Konzentrierte ich mich auf die Hilfe. Tatsächlich reagierte die Stute auf den Impuls und galoppierte brav an. Auch in dieser Gangart wurde mir vor allem das langsame Tempo bewusst. Der Galopp war ebenfalls ungewohnt flach und hatte recht wenig Schwung, was allerdings den Vorteil hatte, dass es erstaunlich leicht zu sitzen war.
      “Gut machts du das. Du kannst sie jetzt auch ruhig ganze Bahn galoppieren”, lobte Hazel. Mithilfe des Zügels und des Gewichtes stellte ich die Stute wieder gerade und galoppierte sie ganze Bahn. Wir hatten zwar nur den dritten Hufschlag getroffen, aber dennoch war ich schon froh darüber die Stute wieder aus dem Zirkel bekommen zu haben.
      “So ich denke, das reicht für den Anfang du darfst wieder durch Parieren”, rief Hazel mir nach 3 Runden um den Platz zu.
      “Woha”, sagte ich zu Blue, um sie anzuhalten, wie Hazel es mir erklärt hatte, doch scheinbar hatte ich irgendetwas nicht ganz richtig gemacht, denn statt in den Trab zu fallen ging die Hinterhand der Stute runter und sie legte eine Vollbremsung hin.
      “Oh, das hätte ich dir vielleicht noch sagen sollen, dass Woha stehen bleiben heißt, nicht durch Parieren”, sagte Hazel und lachte. “Aber du hast gerade einen einwandfreien Sliding Stopp gemacht, nicht schlecht für ‘n Anfänger. Reite sie noch ein paar Runden Schritt und dann darfst du absteigen.”
      Nachdem ich mich wieder sortiert hatte, nach dies sehr plötzlichen Anhalten, trieb ich die Stute in den Schritt.
      “Das ist ja gar nicht so leicht wie es immer aussieht”, sagte ich anerkennend zu Hazel. „Ist ja doch ganz schön anstrengend”.
      “Da siehst du mal, es ist nämlich nicht einfach nur draufsitzen”, antworte Hazel fröhlich.
      “Ich denke ich werde trotzdem beim Englischen reiten bleiben, das hier kommt, mir vor wie eine Fremdsprache”. Tatsächlich war ich mir, während dieser Reiteinheit wie ein Anfänger vorgekommen, der das erst mal ohne Longe reiten darf. Offensichtlich war diese halbe Stunde für mich anstrengender gewesen, als für die Stute, denn mir der Schweiß den rücken hinunterlief, war das Fell der Quarterstute noch nahezu trocken. Entspannt schritt Blue Heart noch ein paar Runden mit mir über den Platz, bevor ich sie neben Hazel anhielt und aus dem Sattel glitt.
      “Soll ich sie wegbringen?”, fragte ich sie und zog der Stute die Zügel vom Hals. Milena schubste Linh nach vorn, die offenbar etwas zu sagen hatte: “Ich würde gern mal, wenn ich darf.”
      “Klar, gerne die Maus kann noch ein wenig Bewegung gebrauchen”, antwortete Hazel ihr freundlich und nahm mir die Zügel aus der Hand. Ich verließ den Platz, denn ich konnte Samu entdecken, der gerade mit Elf Dancer von einem Ausritt zurückkam. Er hatte mich scheinbar auch entdeckt, denn er hielt den Hengst an und wartete, bis ich zu ihm gestoßen war.
      “Na, hast du auf einmal die Sparte gewechselt?”, fragte er scherzend.
      “Nein, das war eine der Bedingungen, dass Hazel aufhört mir auf die Nerven zu gehen. Irgendwie hat es Spaß gemacht, aber es war echt anstrengend”, antwortete ich ihm.
      “Dann wollen wir mal hoffen, dass es nicht zu anstrengen war, denn soweit ich weiß, warten da noch ein paar Pferde auf deine Aufmerksamkeit”, erinnerte er mich und trieb seinen braunen Hengst wieder in den Schritt.
      “Ja, ich weiß doch”, erwiderte ich und begleitete ihn zum Stall.

      Milena
      Linh stieg auf die Stute und machte direkt eine gute Figur. Locker hingen die Beine in den Bügeln und ich konnte mich darauf verlassen, dass Hazel und Linh das ohne mich schafften. Ich hoffte darauf, dass Lina zu mir kam, doch stattdessen kam Samu mit einem braunen Hengst wieder. Dem Zustand des Pferdes zufolge, waren sie ausreiten, denn in der Halle war noch betrieb und auf dem Platz waren wir. Springen auf dem anderen Platz würde bei dem Wetter sicher niemand. Mit großen Schritten und leichter gebeugten Haltung schlich ich mich zum Stall, um keinen der Beiden zu erschrecken. Bevor ich fragte, atmete ich tief durch und machte mit einem Räuspern auf mich Aufmerksam.
      “Samuuuuuu? Sag mal. Hast du mit Vriska geschlafen?”, fragte ich fest überzeugt auf der richtigen Spur zu sein.
      “Nein! Wie kommst du denn da drauf”, antworte er ein wenig erschüttert und ließ beinahe das Halfter fallen, welches er seinem Pferd gerade überstreifen wollte. Lina, die immer noch danebenstand, warf ihm einen fragenden Blick zu.
      “Ach man, ich spürte da so etwas zwischen euch. Sie saß heute echt komisch auf dem Pferd, genau wie ich vor ein paar Jahren als ich das erste Mal mit meinem Freund schlief. Ich will unbedingt wissen, wem sie die Ehre erwiesen hat. Sagen würde sie es mir sicher nicht. Aus dem Verein konnte ich bisher eine Vielzahl ausschließen, deswegen dachte ich an dich. Na gut, danke für deine Ehrlichkeit. Lina, weißt du was?”, wendete ich mich dann der noch immer schockiert blickenden Lina zu, die weit die Augen aufgerissen hatte.
      “Nein ich höre das heute zum ersten Mal”, antworte sie. Der Wortwitz brachte mich zum Lachen.
      „Na gut, dann werde ich weiter fragen“, verabschiedete ich mich.
      “Warum möchtest du das überhaupt wissen? Meinst du nicht Vriska ist alt genug selbst zu entscheiden, was sie tut?”, frage Samu tadelnd. Ich drehte mich wieder um, um ihm eine Antwort zu geben: „Sagen wir es mal so, ich bin wie Wikipedia. Ich muss alles wissen. Sie kann machen was sie will, aber ich will’s einfach wissen. Damit ich weiß, wer tabu ist. Ich will nicht mit ihr irgendwann im Leben den gleichen Kerl teilen. Chris scheint es zu wissen, dementsprechend muss es doch jemand aus dem Verein sein. Da er sich mit eigentlich jedem gut versteht, ist es schwer daraus Schlüsse ziehen zu können“, erklärte ich.
      “Ah ja, du scheinst ja viel von Vriska zu halten. Na, dann geh mal deine Forschungen weitermachen, aber an deiner Stelle würde ich mich nicht wundern, wenn niemand mit dir reden will. Die meisten schätzen es nicht besonders, wenn man in der Privatsphäre von anderen herumschnüffelt”, kommentierte Lina zynisch.
      “Ich recherchiere. Wenn ich der Messengergruppe der Jungs wäre, wüsste ich sicher schon wen. Schließlich teilen die alles miteinander”, erklärte ich den Beiden. Lina sollte auch Wissen, worauf das mit Niklas hinlaufen würde. Dass sie einander damit angeben, wer wen hatte, wird sich nicht innerhalb kürzester Zeit ändern.
      “Ja und mit dir wollen sie es offensichtlich nicht teilen” antworte nun Sam. Lina war anzusehen, dass sie noch über den letzten Satz nachzudenken schien.
      “Offensichtlich hat das mehr mit meinem Geschlecht zu tun als mit mir”, verteidigte ich mich gegenüber Samu. Ob er auch in der Gruppe war? Vorstellen konnte ich es mir beim besten Willen nicht.
      “Da wäre ich mir nicht so sicher”, hörte ich Lina murmeln, die gerade dabei war die Gamaschen von den Beinen des Pferdes zu entfernen.
      “Ach jetzt sei doch nicht so unverschämt, nur weil Niklas dich noch nicht rangelassen hat”, fauchte ich und verschwand aus dem Stall. Weiteres wollte ich mir nicht anhören, denn ich hatte eine Aufgabe. In der Vereinsgruppe guckte ich alle Kontakte durch, um evaluieren zu können, wenn ich als nächstes ansteuern würde. Klein Olof, Finley und Björn schloss ich kategorisch aus, auch Ambrose war nicht ihr Typ. Somit bliebe noch Max, der allerdings nicht viel mit Chris zu tun hatte. Es konnte nur Chris sein und ich machte mich auf den Weg zu seinem Zimmer.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 96.607 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam XI | 08. Mai 2021
      Nabuko// El Pancho// HMJ Divine // Legolas // Herkules // Elf Dancer
      Blávör // Snotra // Satz des Pythagoras // Glymur // Northumbria


      Lina
      Irgendwo traf mich ihr Kommentar ein wenig, auch wenn es mir bei Niklas um viel mehr ging. Es war viel mehr die Tatsache, dass Niklas scheinbar irgendetwas an ihr gefunden hatte und irgendwo hoffte ich, dass es eine Geschmacksverirrung war.
      “Sag mal sehe ich wirklich so aus, als würde ich mit jedem schlafen?”, lenkte mich Samu von meinen Gedanken ab. Diese Frage brachte mich zum Lachen. Es erstaunte mich immer wieder, dass mein bester Freund gar nicht zu registrieren schien, wie gut er eigentlich aussah.
      “Ach Samu, du bist putzig. Hat dir eigentlich noch nie jemand erklärt, dass du ein gutaussehender Mann bist?”, versuchte ich ihm zu erklären. Er sah mich ein wenig verwirrt an, bevor er nachfragte: “Und was hat das mit meiner Frage zu tun?”
      “Na, das ist doch ganz einfach. Männer, die aussehen wie du verhalten sich in den meisten anders. Zwar auch durchaus freundlich, aber auf einer ganz anderen Ebene, wenn du verstehst”, versuchte ich ihm zu erklären und musste mir schon sehr Mühe geben, um mich nicht allzu sehr über seine Unwissenheit zu amüsieren. Mir war ja klar, dass er nicht gerade der Womanizer ist, aber dass er so ahnungslos ist, hätte nicht mal ich erwartet.
      Diese Botschaft hatte er offensichtlich verstanden, dennoch schien er es nicht nachvollziehen zu können.
      “Aber das ist doch scheiße, wenn es immer nur um Sex geht”, stellte er fest.
      “Ja, das ist richtig und deshalb ist es schön zu sehen, dass es auch Männer wie dich gibt”, sagte ich lächelnd.
      “Ich hoffe mal, das sollte ein Kompliment sein”, antwortete er und zog den Sattel von seinem Hengst.
      “Ja, sollte es. Du solltest trotzdem mehr rausgehen und Leute kennenlernen. Aber genug Lebensweisheiten fürs Erste auf mich warten noch ein paar Pferdchen. Könntest du Legolas bitte gleich für mich in die Führanlage stellen?”, fragte ich und deutete auf den lackschwarzen Hengst, der freundlich den Kopf über die Boxentür streckte.
      “Ja, klar ich muss eh noch Sky da reinstellen”, bekam ich eine freundliche Antwort von Samu.
      “Danke, du sparst mir wertvolle Zeit”, verabschiedet mich und verschwand zum Paddock auf dem Nabuko und El Pancho ihr Heu genossen.
      Da ich dank des Chaos in meinem Zimmer und Hazels Reitstunde heute schon viel, zu viel Zeit verschwendet, hatte, beschloss ich die beiden Pferde einfach nur laufen zu lassen. Ein Blick auf den Hallenbelegungsplan verriet mir, dass die Longierhalle frei war. Somit schnappte ich mir als Erstes den Haflinger, der mir ein wenig aufgedreht zu Halle folgte. Auf dem Weg dorthin, begegnet ich Jace, der gerade mit Herkules die Halle verließ. Er ignorierte mich immer noch vollkommen. Sollte er doch, eigentlich hatte ich zwar vor mit ihm befreundet zu bleiben, aber wenn er nicht wollte…
      Sobald ich Nabuko in der Halle frei ließ, begann er auch schon energiegeladen durch die Halle zu flippen.
      “Laaangsaam Blondie”, bremste ich den Hengst mit der Stimme aus, denn er sollte sich erst einmal im Schritt aufwärmen, bevor er bocken durch die Halle sprang.

      Juha
      Eine nervige Stimme trat mir entgegen, die mich um meinen Schlaf brachte. Ich schaute nach oben, um zu prüfen, wer einen Schatten auf mich warf. Milena stand vor mir und wollte etwas.
      “Hast du was verloren, oder was brauchst du?”, fragte ich und setzte mich aufrecht auf.
      “Ich suche nach Informationen”, begann sie. Irgendetwas stimmte nicht, denn Milena führte bisher keine Gespräche mit mir, vor allem nicht ohne Zeugen. Ohne mir die Möglichkeit überhaupt darauf zu antworten, sprach sie weiter: “Mit wem hat Vriska geschlafen?”
      War das ihr Ernst? Sie wäre wirklich die letzte, der ich das sagen würde. Ich wusste es natürlich, nichtsdestotrotz war das nicht meine Suppe.
      „Ich habe kein Schimmer, wovon du sprichst“, antwortete ich mit nach oben gezogenen Brauen.
      „Verraten! Du warst das, deswegen geht ihr euch auch aus dem Weg. Ich wusste es!“, triumphierte Milena. Noch immer konnte ich nicht fassen, dass sie überhaupt danach fragte.
      „Du hast eine blühende Fantasie“, wollte ich das Thema beenden, doch sie hielt ihre Hand dicht vor mein Gesicht und verlangte etwas.
      „Gib mir dein Handy, ich will in der Gruppe gucken“, forderte sie.
      „In deinen kühnsten Träumen nicht.“ Abfällig schüttelte ich meinen Kopf, bis auch sie entdeckte, dass es im Gras lag. Noch eh ich danach greifen konnte, hatte sie es in ihren zarten Fingern und versuchte hektisch es zu entsperren.
      „Tja, es ist halt gesichert und nicht wie Niklas mit seinen Informationen umging“, prahlte ich und entriss es aus ihren Händen. Dann landete es in meiner Hosentasche. Direkt ging Milena in den Angriff über und versuchte vehement, es wiederzubeschaffen. Dabei griff sie auch mehrfach daneben und landete geradewegs zwischen meinen Beinen.
      “Was stimmt mit dir nicht?”, empört schlug ihre Griffel beiseite und stieß sie zur Seite. So unsanft, dass sie im Gras landete. Schmerzerfüllt rieb Milena das knie und stand nicht wieder auf.
      “Jetzt steh auf”, sagte ich und bot meine Hand an, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Einschnappt, weigerte sie sich und verschränkte die Arme. Nicht mal der Sohn meiner Schwester verhielt sich so, was mich stark an ihrem Auffassungsvermögen zweifeln ließ.
      “Na gut, wenn du dann glücklich bist”, entsperrte ich mein Handy und reichte es ihr. Hektisch griff sie danach und scrollte wild durch den Verlauf der Nachrichten. Viel dürfte sie dabei nicht entdecken, denn Niklas hatte nicht mal damit geprallt, dass sie sich an ihn heranmachte. Das erste Mal könnte man behaupten, dass er ein Gentleman war, doch allein, dass sie es taten, zeugte wenig für eine menschliche Seite ihn ihm. Milenas Gesichtszüge entglitten immer mehr, als sie feststellte, dass der größte Teil aus Bildern bestand, die Chris seit Tagen reinschickte und um Beratung bat.
      “Pff”, zischte sie und stand auf. Dann gab sie mir das Gerät zurück.
      “Zufrieden?”, fragte ich verärgert und sie nickte. Da es nicht mal einen Nachrichtenverkehr zwischen Vriska und mir gab, würde wohl diese Theorie ihrerseits im Sande verlaufen.
      “Aber du weißt es?”, fragte Milena erneut, was ich mit einem leichten Nicken bestätigte. Das schien ihr zu reichen und sie verschwand. Wirklich dicht war sie nicht mehr und eher ein Fall für eine Therapie als einer Nationalmannschaft. Man konnte viel über uns alle sagen, doch sogar Vriska verhielt sich normaler als Milena in dem Moment. Wenn wir darüber abstimmen dürften, würde ich gerne Tauschen. Dann könnte sie sich zumindest mit ihrer gestörten Freundin zusammensetzten und irrsinnige Rachepläne schmieden. Als ich mich an meinem Rücken kratzte, vernahm ich einen stechenden Schmerz. Es fiel mir wieder ein. Bevor Milena kam, schlief ich. In der Sonne. Das konnte nur heißen, dass ich einen schönen Sonnenbrand hatte. Ich bückte mich nach meinem Buch und lief ins Zimmer, um die Schäden an meiner Haut zu inspizieren. Im Spiegel leuchteten die freien Stellen meines Rückens in einer roten Farbe, die nicht mal meine farbigen Tattoos hatten. Auch spürte ich eine Wärme, ohne meine Haut zu berühren. Zum Kühlen stellte ich mich für mehrere Minuten unter die Dusche und merkte bereits eine Erleichterung. Im Schrank stand von Niklas ein After Sun, dass ich auftrug und mit einem Shirt bedeckte. Großartig gemacht, dachte ich und setzte mich an den Tisch. Die nächsten Tage würde es schlimmer werden und mich bei meiner Kür beeinträchtigen. Doch ich bin ein Mann, dass sollte ich aushalten können. Deswegen setzte ich mich wieder daran und suchte im Internet nach Elementen, die ich einbauen könnte. Bis die ersten Ergebnisse der Suchmaschine geladen hatten, verging einiges an Zeit. Also musste ich wohl doch weiter nachdenken und auf Niklas warten, der sicher schon fertig war.

      Einige Stunden später …

      Niklas
      Wenigstens ein Begrüßungskomitee erwartete ich bei der Rückkehr meinerseits, doch niemand stand da und wartete auf mich. Natürlich waren der Gedanke und die kleine Vorfreude darauf fernab der Realität, nichts mehr als ein Wunschtraum. Bevor ich ausstieg, erhielt der Taxifahrer noch einen großen Bonus bekommen, da es nicht leicht war jemanden zu finden, der den Weg ins Nirgendwo antrat. Ein leichter Windstoß wirbelte entlang meiner Kleidung. Wenige Wolken zogen am Himmel vorbei, warfen einen Schatten über das Land. Ein Schläfchen würde mir sicher guttun, doch ich hatte noch eine Stute, die Bewegung benötigte. Auf dem Tisch lagen die Aufzeichnungen, die Ju sich zur Kür bisher gemacht hatte. Es war wirr, eine richtige Reihenfolge nicht nachvollziehbar und unsauber noch dazu. Kaffeeflecken übersäten das Papier und die Schrift verschwamm an einigen Stellen. Sollte Ju die Zettel so abgeben wollen, würde Herr Holm ihn geradewegs vor die Tür setzen. Mein Recht war es nicht darüber ein Urteil zu bilden, schließlich stapelte sich meine Kleidung auf oder auch in meinem Koffer. Genauer konnte man das nicht erkennen. Lieblos warf ich getragenes und auch sauberes ineinander und wählte nach Geruch das passende des Tages aus. Das Vereinstrikot roch normal und wurde in Handumdrehen gegen das aktuelle Shirt gewechselt. Während ich das Alte über meinen Kopf zog, blieb es an dem Folienverband hängen und schmerzte an der Wunde. Der unschöne Teil eines Tattoos war der Heilungsprozess. In wenigen Tagen wird es anfangen zu jucken und an der Folie würden sich Hautschichten abbilden, die sich lösen. Doch erst in einer Woche konnte ich diese entfernen und die Wunde reinigen. So lang blieb es wie es war. Ich wusste nicht, ob Ju heute noch mit mir ein Wort wechseln würde, denn ich hatte noch genug vor, so schreib ich einen kleinen Zettel mit den Worten “Det är bäst att börja om framifrån :D” und klebte ihn auf seine Aufzeichnungen. Dann schloss ich die Tür hinter mir und lief zu meiner Stute. Auf dem Weg schrieb ich auch noch Lina eine Nachricht, denn noch konnte man das Tattoo gut erkennen und sie würde sicher gern ihre Zeichnung vollendet sehen wollen. Ich sagte ihr Bescheid, dass ich mit Humbria auf den Platz gehen würde und steckte das Handy zurück in meine Hose.
      “Det var länge sen”, begrüßte ich meine Stute, als ich die Weide betrat. Aufmerksam spitzte sie die Ohren und grummelte als ich meine Hand nach ihr streckte. Ein paar Schritte machte Humbria auf mich zu und senkte den Kopf. Auch wenn sie mich diesbezüglich nicht unterstützen musste, war ich äußerst froh über ihre Arbeitsbereitschaft. Zusammen liefen wir in den Stall. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vorbei, die kaum noch die Sonne zuließen. Die Luft war trocken und unangenehm. Neugierig beobachtete Humbi alles, was ich tat, besonders Bürsten waren ihre Leidenschaft. Die Putzkiste stand ziemlich nah neben ihr, was sie dazu aufforderte, die Schnauze hineinzustecken und kräftig auszuatmen. Der Staub tanzte in den Lichtstrahlen und ihr Maul war dreckig. Auf nahm sie die Kardätsche und warf sie durch die Gasse.
      “Måste du spela apa?”, scherzte ich und sammelte das Putzequipment wieder ein. Doch immer wieder stecke Humbria ihre Nase rein und warf es durch die Gegend. Bis ich endlich auf die Idee kam, ihn zur Seite zu stellen, bückte ich mich mehrfach und brachte es zurück.
      “Vielleicht solltest du daraus einen Trick machen”, ertönte auf einmal Lina stimme am Ende der Stallgasse. Überrascht drehte ich mich zu ihr. Mein Pferd nervte mich weiter und zupfte an meinem Handy herum, dass in meiner Hose steckte. Sie bekam einen Klaps aufs Maul doch dachte nicht mal daran aufzuhören.
      „Wäre eine Idee, dann könnte sie mein Zimmer aufräumen“, scherzte ich.
      “Da würde sich Ju sicher freuen, wenn er dir nicht mehr hinterher räumen muss”, antworte sie fröhlich.
      “In einigen Tagen wird es vorbei sein, dann hat er erstmal Ruhe vor mir. Dann mach Fjona das wieder”, erklärte ich ihr und wandte mich meinem Pferd wieder zu. Sie scharte abwechselnd mit den Vorderhufen und schnappte nach dem Strick. Bisher hatte sie nie solches Verhalten gezeigt und mit ruhigen Worten versuchte ich sie zu besänftigen, vergeblich. Humbria schaukelte sich immer mehr hoch, bis sie hysterisch den Kopf nach oben riss und stieg. Ich löste den Strick vom Halfter und griff nach diesem. Zusammen liefen wir nach draußen und noch immer tänzelte sie aufgeregt neben mir her. Immer wieder ließ ich sie um mich herum kreisen und rückwärtslaufen, doch die Stute beruhigte sich kein Stück. Noch immer trippelte sie neben mir her, doch es beeindruckte mich nicht. Angekommen am Reitplatz löste ich meinen Griff am Halfter und mit aufgestelltem Schweif trabte sie wie vom Blitz getroffen auf und ab. Etwas passte ihr ganz und gar nicht. Vor mir galoppierte sie immer wieder ein Stück an, eh Humbria wieder bremste und weiter trabte. Ihre Energie erschien endlos zu sein und so konnte sie erst mal etwas ablassen.
      “Kann man dir irgendwie helfen?”, fragte Lina die das ganze vom Zaun aus beobachtet.
      “Ich wüsste nicht wie, muss selbst erst mal überlege, wie ich die wieder bekomme”, überlegte ich und blickte meinem Pferd nach, dass sich immer weiter von mir entfernte und nicht einmal Anstalten machte, sich auf mich zu konzentrieren.
      “Für mich sieht das fast so aus als würde dein Pferd dich absichtlich ignorieren. Hast du heute vielleicht etwas anders gemacht als sonst?”
      “Es gab kein Leckerli, als ich sie begrüßte. Ich hätte mir aber in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Humbria deswegen nun so eingeschnappt ist. Die benimmt sich ja fast wie Milena”, rügte ich mein Pferd. Als hätte sie genau verstanden, was ich sagte, bremste sie schlagartig ab und blickte mich an. Ihr Blick fesselte mich.
      “Kom, Humbria”, rief ich nach ihr, was sie wieder in Rage brachte. Die Stute stellte den Schweif wieder auf und trabte mit viel Schwung und federnd in den Fesseln vorwärts. Wenn sie sich so unter dem Sattel präsentieren würde, hätte ich einen Sechser im Lotto.
      “Immerhin scheint deine kleine Diva zu wissen, wie man sich bewegt”, kommentierte Lina, die ein wenig belustigt von dem Verhalten der Stute zu sein schien.
      “Erfreue dich ruhig weiter am Leid der Anderen!”, schimpfte ich mit Lina, während ich mir aufgeregt durch die Haare fuhr. Meine Frisur hatte ich mir sicherlich schon versaut, denn das Gel klebte bereits an meinen Fingern. Ich warf die Handschuhe zur Seite, die ich bereits ausgezogen hatte und ließ mich in den Sand fallen. Humbria hingegen trabte fröhlich weiter und pruste laut. So stellte ich mir das heutige „“Training nicht vor, als Zuschauer meines eigenen Pferdes. Ich verschränkte meine Arme und hoffte darauf, dass sie wieder zu mir kam, vergebens.
      “Vielleicht solltest du es mal mit Bestechung versuchen? Das überzeugt eigentlich fast jedes Pferd”, sagte Lina, die nun den Platz betrat und ein paar Leckerlis aus ihrer Hosentasche zauberte.
      “Ich belohne sie doch nicht dafür. Wo leben wir denn bitte?”, regte ich mich weiter auf. Schließlich forderte das Pferd genau danach, aber so lernte sie nur weiter, dass sie ausflippen musste, um ihren Willen zu bekommen.
      “Also, wenn du dich weiter aufregst, wird sie bestimmt nicht zurückkommen. Aber wenn du keine Hilfe möchtest, kann ich auch wieder gehen”, murmelte Lina und ließ die Leckerlis wieder verschwinden.
      “Det ger jag fan i”, murmelte ich und guckte nicht zu ihr rüber. Es ärgerte mich, dass ich die Situation nicht unter Kontrolle hatte und es mir auch an Ideen fehlte damit umzugehen. Opa hatte bereits Hengste, die sich aufspielten, doch es war zu lange, um mich daran erinnern zu können. Mir fehlte die Erfahrung, obwohl ich immer eine Antwort hatte, war ich dieses Mal sprachlos.
      “Na, wenn du mich nicht brauchst, kann ich auch gehen”, antworte Lina und wandte sich zum Gehen. “Und so nebenbei nur, weil ich kein Schwedisch lesen kann, heißt das nicht, dass ich es nicht verstehe”, fügte sie noch hinzu und schloss das Tor hinter sich.
      „Ach jetzt auf einmal“, rief ich vollkommen sinnlos und bedeutungslos nach. Sie drehte sich nicht mal nach mir um und verschwand. Zwei eingeschnappt Weiber in meinem Umfeld konnte ich nicht gebrauchen und machte mich daran mein Pferd wieder einzufangen. Humbria pumpte wie ein Maikäfer und stand erschöpft am Zaun. Ich nutze den Moment aufzustehen, meine Handschuhe wieder über meine klebrigen Finger zu ziehen und zu ihr zulaufen. Sie bewegte sich kein Stück mehr und konnte nach ihrem Halfter greifen. Freundlich strich ihr über den Hals und gab ihr ein Leckerli. Ihre Augen begannen zu funkeln, als ich mit meiner rechten Hand in meiner Hose wühlte. Sie fraß es gierig und folgte mir. Mehrmals schnaubte das Pferd ab. Für heute würde es reichen, sie würde eh nicht mehr viel leisten können und ich brachte Humbria am Halfter zurück zur Weide. Dort warf sie sich in den Dreck und blieb liegen. Alle Viere streckte sie von sich und besorgt lief ich zum Pferd. Sie stand nicht auf und ich tastete vorsichtig ihren Bauch ab. Es fühlte sich alles normal an, dennoch zog ich sie am Halfter nach oben, um einige Meter mit ihr im Schritt zu laufen. Sie äppelte. Dann ließ ich wieder so los und die Stute streckte den Hals zu Boden, um am Gras zu zupfen. Hatte ich wieder übertrieben? Längere Zeit beobachtete ich sie noch, jedoch machte sie keine Anstalten sich erneut hinzulegen und beruhigt verließ ich sie, um die Stallgasse aufzuräumen. Ich hoffte Lina dort wiederzutreffen, denn ich wäre ihr eine Entschuldigung schuldig, oder nicht? Eigentlich sollte sie sich entschuldigen, denn sich bei meinen Pferden einzumischen, mochte ich überhaupt nicht. Überzeugt davon, verrichtete ich meine Arbeit.

      Lina
      Mein Weg führte mich geradewegs zur Koppel, wo Divine stand. Es ärgerte mich ein wenig, dass ich für Niklas scheinbar nur ein Pferdemädchen war, welches keine Ahnung hatte, dabei wollte ich doch nur helfen. Sicherlich fehlte mir einiges an Erfahrung, gerade mit schwierigen Pferden, doch das war doch kein Grund gleich so unfreundlich zu werden.
      “Hei Prinssi”, begrüßte ich den Freibergerhengst, der auf mich zu getrottet kam, sobald ich die Koppel erreicht hatte. Freundlich prustete er mich an und ich begann durch die dicke Mähne zu wuscheln. Wie ich denn Hengst so betrachte, kam mir die Fragen in den Sinn, warum ich die Aufgaben bekommen hatte, das WHC dieses Jahr beim HMJ zu vertreten. Hatte es den Grund, dass die Pferde im Vorhinein bekannt waren, oder hätte ich auch teilnehmen dürfen, wenn die Pferde unbekannt gewesen wären?
      Immerhin war Divine ein besonders einfacher Fall. Der Freiberger unterbrach mich sehr unsanft in meinen Gedanken, als er mir ungeschickt, wie er nun mal war, bei dem Versuch an die Leckerlis zu kommen, auf den Fuß trampelte.
      “Autsch, was soll das du kleiner Tollpatsch”, beschwerte ich mich bei meinem Hengst und schob ihn wieder von meinem Fuß runter. Ivy interessierte das Ziemlich wenig, denn er versuchte lieber weiterhin in meine Hosentasche zu kriechen.
      “Nein, dafür gibt es bestimmt nichts”, schimpfte ich leise und schob seine Schnauze von mir Weg. “Wenn du was willst, musst du es dir erst verdienen”. Ich sammelte den Strick vom Zaun, um ihm in Divines Halfter einzuhaken, doch mein Pferd schien einen anderen Plan zu haben, denn er wollte den Strick viel lieber voll sabbern. Kurzentschlossen zog ich ihm den Strick wieder aus dem Maul und befestigte ihn am Halfter.
      Als ich ihn aus dem Tor führte, passte ich diesmal besser auf meine Füße auf, denn ein schmerzender Zeh reichte mir für heute. Da die Sonne immer noch vom Himmel brannte, beschloss ich den empfindlichen Hengst lieber auf der Stallgasse zu putzen, wo ich dann auch wieder auf Niklas traf.
      “Dürfte ich da mal bitte vorbei”, fragte ich ihn denn er stand Mitten im Weg.
      “Jovisst”, murmelte er und tritt zur Seite.
      “Danke”. Ohne ihn weiter zu beachten, führte ich Divine auf den Putzplatz und band ihn dort an, bevor ich in die Sattelkammer ging, um meinen Putzkasten zu holen. Als ich zurück machte sich mein Pferd, erneut den Spaß den Strick abzukauen.
      “Statt kluge Ratschläge zu geben, solltest du dich um dein Pferd kümmern”, haute Niklas plötzlich heraus und schaute mich erwartungsvoll an.
      “Was glaubst du, du tue ich gerade”, antwortete ich ihm, ohne näher darauf einzugehen und zog dem Hengst den Strick aus dem Maul.
      “Funktioniert offensichtlich nicht so gut”, brummte er und ließ nicht locker von uns. Offensichtlich wollte er irgendetwas, doch mir leuchtete nicht wirklich ein, was.
      “Was genau möchtest du von mir?”, fragte ich deshalb nach, während ich meine Bürsten aus dem Putzkoffer holte. Divine fand inzwischen den Strick langweilig und versuchte lieber den Hals lang genug zu machen, um an irgendetwas anderes dranzukommen. Da allerdings nicht in seinem Umkreis war, wollte er sich schon wieder dem Strick widmen, doch dieses Mal reagierte ich schneller und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Das schien zumindest für den Moment Wirkung zu zeigen, denn er gab auf und begann lieber den Boden nach etwas fressbarem abzusuchen.
      „Hast du mir nicht etwas zu sagen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch und erwartete etwas. Währenddessen wippte er mit seinem Bein und schränkte die Arme. Jetzt war ich erst recht verwirrt. Hatte ich irgendwie ein Teil des Gespräches verpasst?
      “Ich glaube nicht? “, antwortete ich zögerlich und sah ein wenig unsicher zwischen ihn und meinem Pferd hin und her, in der Hoffnung dadurch schlauer zu werden.
      ”Ni är alla likadana”, zischte er und verschwand, ohne auf meine Frage einzugehen. Sein Abgang wurde begleitet mit einem Kopfschütteln und unverständlichen Worten, die er vor sich hinmurmelte. Von weitem sah ich, dass er sein Handy aus der Tasche zog und irgendwas hinein brummelte.
      Ein wenig perplex blieb ich neben meinem Pferd stehen, welches den Kopf gehoben hatte, als Niklas aus dem Stall stürmte.
      "Habe ich was falsches gesagt?", fragte ich meinen Hengst, doch natürlich antwortete dieser nicht, sondern sah mich nur freundlich aus seinen großen dunklen Augen an.
      Auch wenn ich jetzt absolut nicht mehr in der Stimmung war, zu reiten musste Divine nun mal noch bewegt werde, weshalb ich mich trotzdem wieder seiner Fellpflege zuwandte.

      Vriska
      „[...] Zukunftsfähiges Wirtschaften bedeutet, kommenden Generationen ein intaktes ökonomisches, ökologisches und soziales Umfeld zu hinterlassen. Wie kann ein Reitbetrieb nachhaltig wirtschaften?“, las ich gelangweilt die Aufgaben auf meinem Arbeitsblatt durch, dass Niklas mir auf das Pas übertragen hatte. Wer hatte sich diese Aufgaben ausgedacht. Ich sollte bis heute Abend alle 20 Aufgaben fertig haben, aber konnte bisher nur fünf wirklich nachvollziehbar formulieren. Unser Hof wäre sicher ein gutes Beispiel für nachhaltig Wirtschaften, obwohl die Kosten eindeutige die Einnahmen überstiegen, so zumindest mein letzter Stand, als Tyrell Hilfe brauchte bei der Abrechnung. Aktuelle Zahlen aus der Buchführung lagen mir nicht vor, doch im Faktor ökologisch lagen wir sehr weit Vorne. Darauf würden auch die einzigen weiteren staatlichen Förderungen der EU liegen, denn das gewünschte Freizeitareal, dass sich das Land wünscht, stand zwar, warf nur keine Gewinne ab oder begeisterte Besucher. Vor meiner Abreise standen einige Fahrradfahrer am Hof und fragten nach einem Ort zum Verweilen und den Genuss von Gebäck. Ein Hofcafé führten wir nicht, wie auch. Natürlich war eins der Häuser in der Reithalle mit einer gastronomischen Küche ausgestattet, doch Personal hatten wir nicht und niemand hatte dafür Zeit. Die wenigen Einnahmen gab es durch Wetten auf unser Pferd, bei denen besonders Vintage gute Quoten einbrachte. Tyrell verfiel unbewusst in eine Spielsucht, die Folke schnell beenden konnte. Leider bedeutete das auch, dass die Einnahmen sanken. Um was machte ich mir einen Kopf? Diese Aufgaben vernebelten mir meinen Verstand. Ich schrieb einige Stichpunkte dazu und scrollte einige Fragen weiter: „Sie planen einen Tag der offenen Tür. Das Ergebnis ist eine umfassende Checkliste.“ Das klang spannend und könnte ich sogar als mein Fachgebiet bezeichnen. Ich organisierte vieles am Hof unter anderen wollte mein Chef tatsächlich so etwas schon mal haben. Also begann ich fleißig aufzuschreiben, was mir durch den Kopf schwirrte. Feuerlöscher, Erstellung eines Fluchtplanes, Einrichtung von Sammelplätzen, Organisation von Zelten … Tatsächlich sprangen mir zuerst jegliche Horrorszenarien durch den Kopf, die bei solchen Großveranstaltungen passieren könnten. Das bei einem Tag der offenen Tür deutlich weniger Menschen kommen würden als zu einem Slipknot Konzert, beeinflusste meine Denkweise kein Stück. Fleißig schrieb ich die Liste weiter und kannte keinen Halt, bis mein Handy mich aus den Gedanken riss. Genervt davon, dass ich wieder vergaß es auf Bitte nicht stören zu stellen, warf ich einen Blick auf dem Display. „Kung, 3 Notification“, leuchtete auf. Neugierig stand ich auf und warf mich mit dem Bauch voran ins Bett. Meine Beine winkelte ich nach oben an. In meiner Brust spürte ich eine schnelle Abfolge, die gleichmäßig pulsierte. Wie konnte ich mich so darüber freuen, dass er mir drei Nachrichten geschickt hatte? Die erste beinhaltete lediglich meinen Namen, die zweite war eine kurze Sprachnachricht und die dritte „snälla“. Wollte ich mir das wirklich anhören? Mein Herz schlug immer schneller und verunsichert lief ich auf und ab. Dann warf ich mein Handy ins Bett und setzte mich zurück an die Aufgaben. Diese Anspannung fühlte sich nicht richtig an, besonders wenn ich das hier noch fertigbekommen wollte. Die Checkliste wurde länger, länger und immer länger. Dinge auf dieser verkomplizierten sich und entwickelten eine Eigendynamik, die ich unterschätzt hatte. Meine Hand hörte nicht auf zu schreiben, bis ich mich zurück in die Realität holte. Fühlte es sich so an den Boston Marathon zu laufen und einige Meter vor dem Ziel zu stolpern, wobei man sich das Bein brach? Ich wusste es nicht, woher auch. Marathon laufen war nicht meine Stärke, vor allem auch nichts, woran ich interessiert war. Die übrigen Fragen wurden schwerer und befasst sich mit Trainingsplänen für Pferde, die ich mir ausdenken sollte und für weitere Aufgaben weiter nutzen sollte.
      Ich habe kein Bock mehr, dachte ich mir und lehnte mich zurück in den Holzstuhl. Das Handy lag noch immer im Bett und ich stand auf, um mir nun doch die Nachricht anzuhören. Seine raue Stimme brabbelte unverständlich aus den Lautsprechern und ich brauchte mehrere Ansätze, um einige Teile davon entschlüsseln zu können. Schlüsselworte waren für mich: ikväll, knulla, tala, Lina und hjälp. Hatte er mit ihr gesprochen darüber, oder sollte ich mit ihr das Thema besprechen? Oder meinte Niklas, dass ich ihre Hilfe brauchte zum Sprechen?
      “Vad menar du?”, schrieb ich ihm und wartete auf eine Antwort. So schnell wie ich hoffte, kam nichts, stattdessen kamen wegen genau dieser Schlüsselworte wieder Zukunftsängste auf mich zu. Was tat ich hier? Ich lernte mit einem Typen zusammen, der nicht nur außergewöhnlich gut aussah, nein, sondern auch noch extrem viel Wert darauflegte, dass ich sicher in die Prüfungen gehe. Und mit mir zweimal geschlafen hat. Natürlich wusste ich, wie lange mich die Trennung von Tyri beschäftigte und das wird in geraumer Zeit mit Niklas nicht anderes sein. Es gab dafür nur eine Person, die mir wirklich helfen konnte - Harlen, mein großer Bruder. Im Gegensatz zu mir und meiner Schwester wuchs er bei Papa auf, was unseren Kontakt relativ minimal hielt. Zu Geburtstagen sah und hörte man einander. Doch als es mir schlecht ging und ich wochenlang im Krankenhaus lag, war Harlen Tag und Nacht da. In der Zeit wuchsen wir zusammen und sind seitdem unzertrennbar. Ob er noch wach sei? Niklas gab keine Antwort ab und ich wählte die Nummer meines Bruders. Bereits nach zwei Tut-Geräuschen hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher schallen.
      “Good morning, what’s on your mind, sis?”, begrüßte er mich mit schläfriger Stimme.
      “I’m Sorry! Did I wake you?”, nervös fummelte ich an meinen Fingern herum und begriff erst jetzt, dass es 2 Uhr morgens in England war. Jenni hätte mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reagiert.
      “Yes, you did. But you can always call, no matter what time of day”, beschäftige Harlen mich in seiner ruhigen Art und Weise.
      “Then I’ll be brief. Can you come to Sweden for a while in five or six days? I’ll tell you why later, but I really need you”, erklärte ich und musste mehrfach tief ein- und ausatmen, um die Tränen zu unterdrücken.
      “I’ll be there, no matter which airport in Stockholm?”
      “Yes, it is not important”, fügte ich noch hinzu, eh wir uns verabschiedeten und Harlen legte sich wieder schlafen. Ich konnte jetzt noch nicht schlafen gehen, denn heute Abend stand nicht nur Essen und Niklas an, sondern auch ein kleiner Spieleabend. Chris hatte die Idee, da ab morgen alles wohl sehr stressig wird. Warum ausgerechnet morgen, wusste ich nicht, aber akzeptierte diese Aussage.

      Lina
      Nachdem ich eine dreiviertel Stunde versucht hatte mich auf mein Pferd zu konzentrieren, was nur mäßig Erfolg hatte, gab ich auf und brachte den Hengst zurück auf die Koppel. Mein Gehirn wollte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, womit ich Niklas so verstimmt hatte. Gedankenverloren schlug ich den Weg zum Haus ein, denn am liebsten würde ich mich jetzt mit einem Tee auf mein Sofa kuschle und in einem Buch verschwinden.
      “Was schleichst du denn so durch die Gegend. Irgendetwas geht doch schon wieder vor in deinem Köpfchen.” Ich erschrak, als ich auf einmal Samu Stimme hinter mir hörte. Wo kam er denn jetzt auf einmal her?
      “Samu! Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen, ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen”, beschwerte ich mich bei ihm und dreht mich zu ihm um.
      “Würdest du auf deine Umgebung achten, hättest du mich schon lange bemerkt und vor allem ihn da”, erklärte er lachend und deutete auf den Dalmatiner, der nun mit fliegenden Ohren auf mich zu gerannt kam. Kurz vor mir stoppe Bubbles ab und sah mich freundlich an.
      Ich streckte, meine Hand nach seinem Kopf aus kraulte ihm die weichen Ohren.
      “Kerro nyt, Mitä sinä ajattelet?”, fragte er nun noch mal nach. Manchmal verfluchte ich ihn doch echt für seine gute Menschenkenntnis, oder eher für seine hervorragende Lina Kenntnis.
      “Ei mistään, luulisin”, versuchte ich ihn davon zu überzeugen, nicht weiter darüber zu reden.
      “Jos et ajattele, haluat varmasti käydä kavalilla minun ja Bubbelsin kanssa”, schlug er nun vor, vermutlich in der Hoffnung ich würde ihn doch noch erzählen, was mich beschäftigte.
      “Hyvä on, tulen mukaasi”, willigte ich ein und folgte Samu, der schon losgelaufen war.
      “Komm Bubbles”, rief nach dem Hund, der noch Schwanzwedeln dastand.
      Während wir den Waldweg entlang schlenderten, machte Bubbles immer mal wieder einen Abstecher ins Gebüsch, um irgendeiner Fährte zu folgen. Samu erzählte mir währenddessen, dass er auf dem Ausritt mit Elf Dancer eine Herde Wapitis gesehen hat und Elf, das ganze wohl äußerst seltsam fand. Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, denn mich beschäftigte immer noch dasselbe Thema.
      “Et kuuntele minua, tai? Mitä on tekeillä, Lina?”, fragte nun Samu, der meine mangelnde Aufmerksamkeit wahrgenommen hatte. Er war stehen geblieben und sah mich an.
      “Niklas on vihainen minulle, mutta en tiedä mitä tein väärin”, murmelte ich ihm als Antwort.
      “Kysyitkö häneltä siitä?”, fragte Samu einfühlsam.
      “Välillisesti. Hän sanoi sellaista jotain kuin: Olette kaikki tasa-arvoisia”, antwortete ich ihm und inzwischen schien auch Bubbles meine Stimmung bemerkt zu haben, denn der Dalmatiner stupste mich an und rieb seinen Kopf an mir.
      “Luulen, että hän haluaa sanoa sinulle täsmälleen saman asian kuin minä…”, sagte er und sah den Hund dabei an. “Älä huolehdi siitä niin paljon, Ehkä Niklaksen päivä oli huono.” Keine Gedanken machen, er hatte leicht reden.
      “En voi vain viedä sinua mukanani, niin maskottina?”, fragte ich meinen besten Freund hoffnungsvoll. Irgendwie fand er doch immer die richtigen Worte.
      “Luulen, että Divine on jo ottanut tämän roolin haltuunsa”, antworte dieser nur schmunzelnd. “Tule, Seuraava”, fügte er noch hinzu und setzte sich wieder in Bewegung. Bubbles wartete noch einen Augenblick, bis ich auch weiterging, bevor er wieder fröhlich neben mir her trabte. Diesen unfassbaren Optimismus hatten Samu und der Hund offenbar gemeinsam. Minimal besser gelaunt folgte ich den beiden durch den Wald und versuchte immerhin noch ein wenig den Spaziergang zu genießen.

      Während Lina, Samu und Bubbles im Wald spazieren sind, wird am Hof das Abendessen eingerichtet. Mal wieder wurde das Feuer angemacht und die Tische nach draußen gestellt. Die nächsten Tage würden noch intensiv genug werden, weswegen für heute Abend noch einige Festlichkeiten stattfinden, denn: Herr Holm hat Geburtstag.

      Niklas
      “Und du denkst wirklich, das reicht als Kür?”, fragte Ju als wir die letzte Bahnfigur notieren.
      “Vollkommen. Es ist doch nur eine L-Dressur. Du und Amy seid doch wunderbar darauf vorbereitet. Morgen laufen wir alles gemeinsam ab und dann nehmen wir die Pferde dazu. Am Abend üben wir dann erneut”, schlug ich ihm vor. Meine Laune hatte sich merklich verbessert, dennoch konnte ich darauf verzichten sie am Abend zu sehen. Das würde sich allerdings schwierig gestalten. Deswegen musste ich mir etwas einfallen lassen.
      “Kommt Linh heute Abend wieder?”, fragte ich und zog mich um. Ju, der hinter mir stand und sich ebenfalls umzog, sagte nichts. Erst einige Sekunden später kam eine Antwort.
      “Das weiß ich noch gar nicht. Seit ihrer Reitstunde vorhin mit Milena haben wir uns nicht gesehen, nur sie hat mal wieder genervt”, dann stoppte er. Ich kniff meine Augen zusammen und eine Falte bildete ich sich auf der Stirn. Mein Shirt hielt ich noch in der Hand und nervös zuckte meine Brustmuskulatur.
      “Und was wollte sie?”, hinterfragte ich und zog das Shirt über meinen Kopf.
      “Na ja … wie soll ich dir das sagen, ohne das du wieder schlechte Laune bekommst”, begann Ju und verzerrte den Mund von links nach rechts.
      “Jetzt sag schon, sonst frag ich sie selbst”, ungeduldig wippte mein Bein auf und ab.
      “Nein, das lässt du schön bleiben. Sonst weiß sie es. Irgendwie hat Milena mitbekommen, dass Vriska … du weißt schon”, stotterte er weiter. Ich rollte mit den Augen und lief zum Bad, um mir die Haare zu machen. Einen Geburtstag feiert man schließlich nicht jeden Tag, vor allem keinen, an dem man ein halbes Jahrhundert als wird.
      “Sie wollte in der Gruppe gucken, wer mit Vriska geschlafen hat, aber du hast ja nichts reingeschrieben. Deswegen weiß sie das noch nicht”, rückte Ju endlich heraus.
      “Okay, aber was war daran jetzt so schwierig? Und besonders, was wäre so schlimm daran? Irgendwann weiß es eh jeder”, rief ich aus dem Bad. Schritte nährten sich und ich drehte mich zu Ju um, der nun wieder neben mir stand.
      “Gestern hast du noch ein Geheimnis draus gemacht und heute ist es dir egal? Was ist denn mit Lina?”, seine Augen riss Ju dabei ziemlich weit auf, ihm missfiel, was gesagt hatte. Doch das war die Realität.
      “Ach, die kann mir den restlichen Tag fernbleiben. Sie wollte sich bei Humbria einmischen und”, er unterbrach mich.
      “Und Bla bla bla. Ja logisch. Du bist der einzige Mensch auf dem Planeten, der schlechte Laune bekommt, wenn man ihm helfen möchte”, seine Mimik wurde ernster.
      “Wieso, du darfst mir doch helfen. Aber ehrlich. Das übersteigt ihre Kompetenzen”, sagte ich und legte den Kamm wieder beiseite. Im Spiegel erblickte ich eine gute Frisur und verließ das Bad. Ju schob ich mit der Schulter zur Seite, da er unpässlich in der Tür stand. Mit einem kurzen Seufzen kommentierte er es. Dann antwortete Ju: “Das mag sein, aber du hättest es dir trotzdem anhören können, anstatt sie in deiner Art zu überrumpeln.”
      “Hörst du mir nicht zu? Es ist mir egal, soll sie jetzt mit Leben. Morgen klebt sie eh wieder an mir”, rollte ich wieder mit den Augen. Vom Stuhl nahm ich mir noch ein Hemd, da für den Abend starke Windböen angesagt waren, laut meinem Handy. Auf dem Weg zur Feier sagt Ju nichts mehr, aber schüttelte immer wieder unverständlich den Kopf, während er etwas brabbelte. Getrampel hörte ich vom Weiten, das näherkam und sich als Linh entpuppte. Erfreut sprang sie auf Jus Rücken und seine schlechte Laune verflog. Ich ließ die beiden Verliebten allein und setzte mich an den Tisch, an dem bereits Chris und Milena auf mich zu warten schienen. Man wurde die auch echt nicht los, das sagte mir sein Gesichtsausdruck sogar. Er wollte mir etwas mitteilen, doch ich verstand nicht was.
      “Du hast dich ja heute schick gemacht, noch was vor?”, Milena begann direkt zu nerven, als hätte man ihr irgendwas ins Getränk geschüttet. Vielleicht sollte jemand Chloroform besorgen, dann wäre sie ruhig. Ein schweifender Blick durch die Anwesenden verriet mir, dass wohl keiner so etwas griffbereit hatte, schade. Dann wendete ich mich ihr zu.
      “Ja, Geburtstag feiern und im Gegensatz zu dir, ziehe ich keine Jogginghose an dafür”, tadelte ich sie. Ihre Augen wurden größer.
      “Waaas für einen Geburtstag? Ich wusste nicht …”, verteidigte sie sich.
      “Herr Holm hat heute und wir wollen darauf etwas anstoßen, feiern. Was man halt, so macht”, erklärte Chris es ihr, denn so wie sie sprach, könnte Milena gerade die achte Klasse abgeschlossen haben.
      “Dann gehe ich mich mal lieber umziehen und noch duschen. Danke für die Information”, sagte sie und verschwand endlich.
      “Endlich” sagte Chris und seine Anspannung fiel von ihm.
      “Was du nicht sagst”, murmelte ich und sah Vriska, die endlich kam. Sie machte sich geradewegs zu dem freien Platz zu Chris, doch hielt sie auf und zeigte mit meiner Hand zu mir. Wie immer, wenn Vriska nachdachte, biss sie auf ihrer Unterlippe herum, eh sie zu mir kam. Mit Abstand nahm sie Platz neben mir und ich zog sie mit einem Griff in die Taille zu mir.
      “Was wird das?”, murmelte Vriska und blickte zum Tisch.
      “Ich will dich bei mir haben”, sagte ich erst zu ihr und hob mit meinem Finger ihren Kopf nach oben mir. Ihre Augen begann wieder zu funkeln. Chris mischte sich ein: “So ist das also.” Als wäre es etwas Neues, schließlich hatte ich ihm davon. Wieder mal setzte er sein breites Grinsen auf, aber sagte nichts. Meine Hand legte ich auf ihren Oberschenkel und nahm mein Handy zur Hand, um mir einige Bilder auf Instagram anzuschauen. Neben mir hörte ich die Beiden ein Gespräch führen über den Reitunterricht und was heute Abend gefeiert werden würde. Erst als ich meinen Namen hörte, guckte ich auf und schaute die Beiden an.
      “Da ist er direkt wieder bei uns”, scherzte Chris und fragte Vriska erneut: “Du nimmst Niklas sicher wieder mit zum Lernen, va?” Begleitet wurde das ganze mit einem sehr offensichtlichen Augenzwinkern. Das beherrschte er noch nie. Vriska und ich guckten einander an, eh ich die Frage beantwortete: “Das möchte ich so. Natürlich.”
      Von hinten hörte ich Ju und Linh zu uns an den Tisch kommen. Chris rutschte auf der Bank ein Stück beiseite, damit sich die beiden dazu setzen konnten. Linh hatte offenbar ebenfalls die Zeichen gespürt und sagte: “Ihr beide? Das hätte ich ja im Leben nie gedacht.” Mit rotem Kopf senkte Vriska diesen wieder. Auch biss sie wieder auf ihren Lippen herum, dass ich mit einem streichen meines Fingers an ihrer Wange unterband. Ein kleines Lächeln zauberte sich in ihr Gesicht. Auch Linh lächelte.
      “Mir war das schon klar”, brummte Ju und guckte Vriska genau an.
      “Ach, jetzt stell dich nicht so an. Sie sind doch süß zusammen”, lachte Linh. Zusammen? Das wäre genau der Moment, dass ich Veto einlege, denn das waren wir nicht. Mein Mund öffnete sich, aber Worte kamen nicht heraus. Stattdessen übernahm Chris das: “Die schlafen nur miteinander.” Er lachte wieder. Wie konnte man so viel positive Energie mit sich herumtragen, ohne davon erschlagen zu werden? Linh hörte kurz auf zu lächeln, während Chris sprach. Dann sagte sie: “Ach, aber ist doch auch schön.” Ju rollte mit seinen Augen und griff nach seinem Handy. Es hatte keine Hülle mehr um, an der Rückseite erkannt ich viele Risse und als er es leicht in meine Richtung kippte, sah das Display nicht besser aus.

      Jace
      Ich hatte es erfolgreich den ganzen Tag über geschafft möglichst wenig Leuten zu begegnen und vor allem Lina aus dem Weg zu gehen. Eigentlich hatte ich heute Abend deshalb auch nicht vorgehabt, mit den anderen zu essen, doch als ich um die Ecke vom Stall kam, sah ich etwas was mich ein wenig stutzig machte, Niklas saß mit Vriska zusammen am Tisch und für mich sah das ziemlich eindeutig aus. Das musste wohl heißen, was auch immer zwischen Lina und Niklas lief konnte nicht allzu Ernstes sei, oder? Das würde doch Bedeuten… Ich könnte doch noch eine Chance bei Lina haben. Diese Erkenntnis ließ meine Laune sofort deutlich besser werden. Ich wusste zwar noch nicht genau wie ich das anstellen wollte, Lina wieder für mich zu Gewinnen, aber es gab wieder Hoffnung.
      Innerlich einen kleinen Freudentanz aufführend, setzte ich mich zum Rest des Hofteams.
      “Oh, da ist ja unser Sonnenschein”, witzelte Jayden als ich mich dazusetzte. “Irgendwo Spaß gehabt, oder woher kommts?”, stichelte er weiter.
      “Wenn ich du wäre, wäre ich mal lieber still, ist ja nicht so als würden die Ladys bei dir Schlage stehen”, gab ich schlagfertig zurück. Jayden wollte gerade etwas erwidern, doch Sheena schnitt ihm das Wort ab.
      “Jungs könntet ihr auch mal über was anderes reden? Euer Macho gehabt geht nicht nur mir auf die Nerven”, sagte sie genervt und verdrehte die Augen. “Redet doch lieber über schöne Dinge, wie zum Beispiel, dass die Ergebnisse der Körnung endlich da sind. Keks hat bestanden”, teilte sie dann mit uns.
      “Na, wenn das kein Grund für gute Laune ist”, antwortete ich ihr, während ich in meine Hosentasche griff, um mein Handy herauszuholen. Doch da war kein Handy, ich musste es wohl in der Sattelkammer vergessen haben. Ich war gerade aufgestanden, um es zu holen, als Bubbles auf einmal angerannt kam und bellend an mit hochsprang. In der Ferne kannte ich auch den Grund entdecken, warum er so aufgeregt war. Lina und Samu waren scheinbar mit ihm gerade spazieren gewesen.
      “Na, mein Junge, war es schön im Wald”, begrüßte ich den Hund und streichelte ihm über das gepunktete Fell. Während ich dem Dalmatiner noch die Ohren kraulte, blieb mein Blick auf Lina und Samu hängen. Ich konnte sogar von hier aussehen, wie Samu Blick auf etwas fiel und dann von erstaunt in verärgert überging. Offenbar wollte er Näher kommen, doch Lina stellte sich ihm in den Weg und fing an auf ihn einzureden.


      Lina
      Der restliche Spaziergang war recht locker gewesen und so kam es, das sogar ich mich ein wenig entspannen konnte. Zurück am Hof lief Bubbles direkt zu den anderen, die bereits beim Abendessen saßen. Samu folgte dem Hund mit seinem Blick und schien dort etwas zu entdecken, was ihn beunruhigte, denn ich konnte wahrnehmen, wie er sich plötzlich anspannte und stehen blieb.
      “Lina, Tiedätkö sinä siitä?”, fragte er mich argwöhnisch, ohne mich dabei anzusehen.
      “Mistä sinä puhuu?”, fragte ich und folgte seinem Blick. Ich brauchte einen Moment, bis ich sah, was er meinte.
      “Tiesin, ettei hän ollut rehellinen”, fügte er ärgerlich hinzu und ich spürte wie seine Anspannung größer wurde und er gerade zu rüber marschieren wollte.
      “Lopeta, Kaikki hyvin”, versuchte ich ihn aufzuhalten und ihn dazu Zubringen mir zuzuhören.
      Zu mindesten blieb er stehen und ich hatte ein paar Sekunden Zeit zu überlegen, was ich ihm jetzt sagen wollte, immerhin war ich selbst ein wenig überrascht. Ja, Niklas hatte mir gesagt, dass er nicht für etwas Festes bereit war, aber dass er sich so schnell eine Alternative suchte, fand ich schon krass. Wobei wenn ich ehrlich bin, wäre es schon ziemlich naiv gewesen zu glauben, dass das nicht passieren würde. Also muss ich jetzt wohl versuchen damit umzugehen, und zwar wie ein Erwachsener.
      “Samu kuuntele minua. Minä ja Niklas puhuimme siitä ja se on aivan okei, kyllä! Olemme aluksi vain ystäviä”, erklärte ich Samu den Sachverhalt und immerhin hörte er nun auf böse zu den anderen zu starren. Stattdessen schaute er mich nun ein wenig verwundert an.
      “Kuten vain ystävät? Nyt en ymmärrä sinua enää.”
      “Kuten alussa sanoin, vain ystäviä. Hän voi tehdä mitä haluaa kenen, kanssa haluaa, enkä välitä.” Hoffentlich klang das überzeugend, denn irgendwas in mir war definitiv nicht davon überzeugt, dass es mir egal sei. Während ich das sagte, begann auch noch etwas in meinem Kopf zu arbeiten. Niklas zerkratzter Rücken vorgestern und dann heute noch die nervige Frage von Milena mit wem Vriska geschlafen habe. Natürlich konnte ich eins und eins zusammenzählen. Und im mir bildete sich der Verdacht, dass ich nun auch wusste, warum Vriska sich neulich so seltsam Verhalten hatte.
      Innerlich verfluchte ich mich ein wenig dafür, dass ich es nicht früher erkannt hatte und im selben Augenblick überlegte ich, ob Samu vielleicht doch bereits davon gewusst hatte und deshalb gestern sogar einen Streit mit mir angefangen hatte. Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen, dafür wirkte er immer noch viel zu überrascht.
      “Rauhoitu viimein, en todellakaan välitä”, betonte ich noch einmal und versuchte damit auch das Gedankenkarussell in meinem Kopf zum Stehen zu bringen.
      “Okei, mutta olen siellä puolestasi, jos jotain muuta löytyy”, murmelte er nun schon etwas versöhnlicher.
      “Gut, dann lass uns erst einmal zu den anderen gehen, ich verhungere nämlich gleich”. Gemeinsam gingen wir nun zu den Tischen rüber.
      “Ah, da seid ihr zwei ja, hat ihr schon gesehen, Jace hat seine gute Laune wiedergefunden”, begrüßte Sheena fröhlich uns.
      “Schön, wie ist das den passiert?”, fragte ich nach und hoffte insgeheim, dass es nicht mit mir bzw. mit der Situation am Nachbartisch zu tun hatte.
      “Keine Ahnung, ist mir auch egal. Hauptsache er hört auf so ein Grouch zu sein”, antworte sie Schulterzuckend.
      “Wo ist der überhaupt hingekommen?”, fragte Samu nun nach.
      “Bestimmt geflüchtet, so wie die letzten zwei Tage”, gab Jayden einen blöden Kommentar ab.
      “Ach, Jayden jetzt sei mal nicht so blöd und freu dich lieber, dass man ihn wieder zu Gesicht bekommt”, tadelte ihn Sheena so gleich.

      Vriska
      Wenn er seine Hand nicht auf meinem Oberschenkel hätte und ich meinen Puls hören könnte, wäre ich mir unsicher, ob ich hier richtig säße und wach bin. Es fühlte sich surreal an und auch als ich Lina im Augenwinkel sah, wie sie zu guckte, wäre ich verschwunden. Natürlich hatte ich es versucht, doch er drückte seine große Hand noch stärker in meine Haut, dass es sich anfühlte, als würde er meinen Oberschenkelknochen herausziehen wollen. Nur Hunde spielen mit Knochen. Was? Lieber Kopf, bitte reiß dich zusammen.
      “Jag måste hålla med Linh”, scherzte unser Trainer und trat näher an den Tisch heran. Zugleich stimmten am Tisch alle mit “Ja må han leva” an und ich versuchte zumindest meinen Mund zu bewegen. Bisher reichte meine Schwedisch Kenntnisse aus, um mich sicher zu unterhalten, doch Geburtstagslieder fanden in meinem Vokabular bisher keinen Platz. Die anderen aus dem Verein stiegen ebenfalls mit ein. Frau Wallin kam mit einer großen Torte, auf der 50 Kerzen hell leuchteten. Er blies diese aus und alle Klatschen. Die Freude von allen war riesig, sogar ich lachte mit. Ein kurzer Moment der Lebendigkeit erfüllte meinen Körper.
      “Önska dig något, Anders!”, sagte Chris. Unser Trainer strahlte vor Freude und von allen Seiten gratulierten ihnen die Leute. Auch einige Geschenke gab es. Wenig später setzte er sich zu Tisch und es wurde wieder ruhiger. Nach dem Jubel überkam es mich wieder mit dem Unwohlsein.
      “Jag vill göra”, flüsterte ich Niklas ins Ohr.
      “Nej, vi stannar. Låt oss ge dig något åt äta”, schlug er dann vor und stand mit mir zusammen auf. Am Büfett lief ich wie ein hungriger Tiger im Zoo hinter Gittern auf und ab, eh ich eine Entscheidung traf, was ich essen wollte. Gefüllte Süßkartoffeln vom Grill sprangen mich förmlich an und ich konnte nicht anderes, als mir eine kleinere auf den Teller zu legen. Nachholen konnte ich mir immer noch. Da bediente ich mich an den kleinen Gürkchen und auf eine Scheibe Aubergine konnte ich auch nicht verzichten. Niklas überlegte noch aber sagt: “Jag tar inget kött från dig idag får kärlekens skull.”
      Ich runzelte mit der Stirn, dabei hoben sich auch die Augenbrauen mit an. Hat er eine neue Tierliebe entwickelt oder so etwas wie ein Gewissen? Erstaunlicherweise war Niklas heute ganz anderes zu mir, so offen auch gegenüber allen anderen, die vor Ort waren. Das musste ich ausnutzen.
      “På grund av mig?”, fragte ich und legte mir doch noch eine weitere Scheibe Aubergine auf. Ein Blick auf meinen Teller verriet mir, dass ich heute lange brauchen würde, um den leer zu bekommen. Aber ich hatte wirklich großen Hunger. Plötzlich kam er näher und legte eine Hand um meine Taille, in der anderen balancierte der leere Teller.
      “Jovisst”, flüsterte er. Ich spürte, dass sich an meinem Körper eine Gänsehaut bildete und meine Hände schwitzig wurden. Was war heute mit ihm los? Hat er irgendetwas zu sich genommen und wenn ja, bekomme ich davon auch etwas? Ich entriss mich seinen Fängen und packte ihm auch Auberginenscheiben auf den Teller, da keine Beschwerde kam, fuhr ich mit der Entscheidung was er heute essen würde. Dann drehten wir uns um und liefen zurück an den Tisch.
      “Nicht mal selbst Entscheidungen treffen, kann der noch. Was machst du nur mit ihm”, scherzte Chris prompt. Ich atmete laut aus und setzte mich wieder Niklas, der bereits anfing zu essen. Ganz tief in meinem Kopf hörte ich Harlens Stimme, die ihn für das unhöfliche Verhalten tadelte. Doch ich war natürlich nicht Harlen und auch niemand, der anderen vorschreibt, wie er zu essen hätte. Ju und Linh waren bereits verschwunden, um sich ebenfalls etwas zu holen. Nur Chris saß mit einem leeren Platz mit am Tisch.
      “Willst du nichts essen?”, fragte ich ihn und stopfte mir eine viel zu volle Gabel mit Süßkartoffel in den Mund.
      “Nein, so wie dein Teller aussieht, schaffst du das eh nicht. Den Rest esse ich dann einfach”, erklärte er mir. Ich nickte nur und aß weiter. Es wurde still, als Ju und Linh zurückkamen. Vom Nachbartisch versuchte ich das Gespräch zwischen Lina und Samu mitzuhören, was mir aufgrund der sprachlichen Barriere nicht gelang. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass es sich um mich drehte. Die innere Unruhe kam wieder in mir auf und ich fragte Niklas erneut, ob wir gehen können. Ich bekam dieselbe Antwort erneut.
      Tatsächlich hatte ich schneller aufgegessen, als ich dachte. Chris Hoffnung verflog somit, doch mir kam eine Idee in den Kopf: “Soll ich dir noch was holen?”
      “Wenn du so lieb bist”, blickte er mich an. Seine Augen funkelten und ein breites Grinsen erstrahlte wieder sein Gesicht.
      “Skynda dig”, murmelte Niklas. Irgendwas stimmte nicht. Warum war er so besessen davon, dass ich in seiner Kontrolle bleiben sollte? Später musste ich dem nachgehen, doch jetzt vor allen anderen, war es nicht der richtige Augenblick. Einige Minuten später brachte ich Chris und gute Auswahl an Essen, worauf ich natürlich auf das Fleisch verzichtete. Er nahm das Besteck in die Hand und freute sich über die Bedienung. Dann setzte ich mich brav wieder zu Niklas, der sogleich wieder sein Revier markierte und seine Hand auf meinen Oberschenkel legte. Zur Feier des Tages trug ich eine kurze Hose und auch mein geliebter Hoodie blieb im Zimmer, denn ich hatte wieder ein Tank Top an. Obwohl ich keinen BH brauchte, wegen der fehlenden Oberweite, trug ich einen. Es war mir schon unangenehm genug, und so sah es wenigstens so aus als ob. Ju saß wieder am Handy und ich bemerkte die großen Schäden an diesem. Vor mehreren Tagen sah es noch nicht so aus, oder irrte ich mich? Vielleicht würde es die unangenehme Ruhe auflösen, wenn ich danach fragte: “Ju, was ist mit deinem Handy passiert?”
      “Das geht dich wohl überhaupt nichts an”, grummelte er mich direkt an. Von Linh kassierte er eine Faust in den Oberschenkel. Schmerzerfüllt verzog er das Gesicht und erklärte mir: “Ich war sauer auf dich und hab das durch die Stallgasse geworfen.” Meinetwegen? Warum drehte sich plötzlich alles nur noch um mich? Einer verrückter als der andere …
      “Wieso?”, fragte ich ungläubig.
      “Weil du mit ihm hier verkehrst”, beschwerte er sich so laut, dass jeder es mitbekam. Dabei zeigte er auf seinen besten Freund. Ich senkte meinen Kopf Richtung Tisch.
      “Fan! Menar du allvar”, beschwerte sich nun Niklas lautstark.
      “Vielleicht sollte ich doch besser gehen”, murmelte ich und versuchte erneut die Flucht einzuschlagen. Doch Niklas hinderte mich diesmal deutlich daran. Er drückte mein Bein nach unten, was mit einem kräftigen Schlag auf meinen Oberschenkel verbunden wurde. Ich verspürte ein Brennen auf der Haut, aber sagte nichts dazu. Gefiel es mir?
      “Du bleibst, wo du bist, da müssen wir jetzt beide durch”, zischte er mich kaum hörbar an. Seine Intention war deutlich gediegener, als ich vermutete. Dazu sagte ich nichts weiter, sondern konzentrierte mich darauf, keine Gespräche der anderen zu hören. Mein Herz pulsierte signifikant schneller in meiner Brust als sonst, wenn ich aufgeregt war.

      Lina
      Irgendwann während des Essens war Jace wieder aufgetaucht und Sheena hatte recht gehabt, er hatte eine grandiose Laune. Woher auch immer diese Laune kam, ich war ganz froh drüber, dass es mich nicht mehr, wie Luft behandelte. Außerdem war gerade jeder eine willkommene Ablenkung, denn so egal wie es versuchte Samu weiß zu machen, war es mir doch nicht.
      Meine und die Aufmerksamkeit von allen anderen wurde unweigerlich auf den Nachbartisch gelenkt, als es dort lauter wurde. Natürlich ginge es um Niklas bzw. um Niklas und Vriska.
      Langsam könnte man echt glauben, dass das alles hier eine mordende Version des Sommernachtstraums ist, nur dass es viel mehr auf eine Tragödie hinauslief. Da nun die ganze Aufmerksamkeit auf Niklas, Vriska und Ju lag, wurde mir die Situation nun auch allmählich unangenehm. Spätestes jetzt würde auch dem letzten Deppen auffallen, was für ein Theater sich hier in den letzten Tagen abspielte.
      “Luulin, että et välittänyt”, flüsterte mir Samu zu, der meine Anspannung zu spüren schien.
      “En myöskään välitä, minun ei kuitenkaan tarvitse katsoa sitä koko illan”, nuschelte ich als Antwort und stand auf, um mich den Moment zu nutzen, wo alle noch auf das Drama am Nebentisch konzentriert waren, um zu verschwinden. Ich nahm wahr, dass Jayden es mitbekam und schon einen blöden Spruch auf den Lippen hatte. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, was bewirkte, dass er seine Klappe hielt.
      Schnellen Schrittes entfernte ich mich von der Gruppe und verschwand so schnell wie es ging um eine Ecke. Die Sonne begann bereits unterzugehen und die umliegenden Schatten wurden immer länger.
      Etwas abseits der Gebäude ließ ich mich unter einem Baum nieder und sah den Wolken zu, wie sie über den rosa gefärbten Himmel zogen.
      Wie war es eigentlich möglich, dass sich so viel in so kurzer Zeit ändern konnte?
      Gestern war alles noch so anders gewesen. Wobei war das wirklich so? Und dann war da auch noch gestern Abend. Der Abend, wo meine Gefühle, das Erste mal einen heftigen Dämpfer bekommen hatten. Einerseits war ich froh drüber, dass Niklas aufrichtig genug gewesen war, um das ganze aufzuhalten, bevor es richtig wehtun würde. Worum es bei den Beiden ging, war mir eigentlich egal, aber trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass er mir davon erzählt hätte. Sicherlich hätte ich keine Freudensprünge vollführt, aber es wäre allemal besser gewesen als es selbst herauszufinden.
      Abgesehen davon, konnte ich mir auch immer noch nicht erklären, was ich falsch gemacht hatte, dass er auf einmal so abweisen war.
      Erstaunlicherweise verspürte ich bei diesem letzten Gedanken deutlich mehr Unbehagen. Da, wo heute Morgen noch leere gewesen war, breiteten sich auf einmal Verwirrung und Unsicherheit aus. Auf einmal war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob nach Schweden zu gehen, die richtige Entscheidung war.
      Wen ich jetzt brauchte, war der einzige Mensch, der mich immer bei allen Dingen Unterstützte hatte. Zum Glück verriet mir der Blick auf die Uhr, dass es relativ wahrscheinlich war, dass ich dieser Mensch auch erreichte, denn in Finnland müsste es jetzt ungefähr halb 6 sein. Ich wählte den Kontakt von Juliet und drückte auf Anrufen, es tutete.
      Es tutete lange, doch dann hörte ich eine verschlafene Stimme am anderen Ende: “Hyvää huomenta. Mitä tein tämän kunnian hyväksi?”
      “Juliet, niin paljon tapahtuu taas täällä”, fing ich an. “Mutta ensin vastaan eiliseen kysymykseesi: kyllä, lähden Ruotsiin. Ainakin kaksi tuntia sitten olin ainakin varma siitä.”
      “Mitä tämä tarkoittaa: olitko varma? Mitä tapahtui “, fragte meine Schwester nun besorgt nach.
      “Paljon on tapahtunut, Juliett. Mistä aloittaisin?... “, antworte ich mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme. Dann begann ich ihr die Ereignisse der letzten zwei Tage zusammenzufassen, inklusive dem Drama um Jace und allem was dazu gehört. “Niklas osti uuden hevosen kaksi päivää sitten ja se puhkesi. Se on todella merkityksetöntä. Joten joka päivä tämän tapauksen jälkeen olimme vielä väsyneitä, koska oli vielä hyvin aikaista, ja sitten laitoimme itsemme takaisin sänkyyn yhdessä”. Ich endete nach dem Streit mit Samu gestern Abend. Nur das was ich inzwischen über Vriska und Niklas herausgefunden hatte, ließ ich absichtlich weg.
      “Jossain vaiheessa Niklas tuli luokseni ja me juttelimme. Hän sanoi, mitä hän ajatteli minusta... Että hänen lapsuudessaan on vielä ongelmia, joita hänen on vielä käsiteltävä…
      Keskustelun loppu on se, että hän ei ole valmis suhteeseen ja että olemme vain ystäviä.” versuchte ich Juliet dann noch die aktuelle Lage zwischen mir und Niklas zu erklären.
      „Ymmärtää. Mutta miksi sitten epäilet päätöstäsi, kun näytät pystyvän selviytymään siitä?”, antwortete meine Schwester.
      “Tänä aamuna kaikki oli hieman outoa, mutta toistaiseksi hyvin. Mutta sitten tein jotain väärin iltapäivällä, koska Niklas on ollut hapan siitä lähtien, mutta en tiedä miksi.”, berichtete ich ihr von den heutigen Ereignissen.
      “Lina, kerrotko vakavasti, että soitit minulle 5.30, koska riitelit ystäväsi kanssa?”, fragte meine Schwester und in ihrer Stimme konnte ich hören, dass sie sich Mühe geben musste nicht zu lachen.
      “Hän ei ole ystäväni!”, protestierte ich.
      “Okei, hän ei ole ystäväsi”, bekam ich als Antwort und ich konnte das grinsen ihn ihrer Stimme immer noch hören.
      “Sinusta ei ole apua!”, murmelte ich in das Telefon. Natürlich fiel meiner Schwester nichts Besseres ein, als mich auszulachen.
      “Voi suloisuutta. Samu on oikeassa, älä huoli siitä liikaa. On täysin normaalia, että se ei aina toimi täydellisesti. Tiedätkö kuinka, monta kertaa olen mistä riitelimme Taavi kanssa? Loppujen lopuksi olemme yhä yhdessä”, antwortet sie schon gleich ein wenig einfühlsamer. Sie hatte gut reden, bei normalen Menschen mit normalen Beziehungen, mag das vielleicht zutreffen, doch von normal ist das alles hier sicherlich sehr weit entfernt. “Sinulla ja poikaystävälläsi on myös kuvakirjasuhde.”
      “Olet söpö, jos uskot niin. Mutta nyt on kyse sinusta ja siitä, miten voin auttaa sinua”, lenkte Juliett das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema.
      “Pelkään, ettei kukaan voi todella auttaa minua. En tiedä, mitä tein väärin”, sagte ich traurig und fuhr mir mit der freien Hand durch die Haare.
      “Haluaisin viedä sinut sylissäni nyt, pikkusisko.” Bei diesen Worten wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich sie vermisste. Zuhause hätte sie mir jetzt einen Kakao gebracht und mich in den Arm genommen. Doch seit fast drei Jahren habe ich sie nun nicht mehr persönlich gesehen. Das ist eine ganz schön lange Zeit und so glücklich wie ich hier auch immer gewesen war, ich vermisste sie die ganze Zeit über. Ganz besonders in solchen Momenten wie jetzt.
      “Kiitos, että kuuntelit minua Juliett. Kaipaan sinua”, murmelte ich leise in das Telefon.
      “Kaipaan myös sinua, pieni, mutta lupaan, että tapaamme pian uudelleen”, versuchte sie mich aufzumuntern. Wenn ich tatsächlich nach Schweden gehe, würden keine 4000 Km und ein Ozean zwischen uns liegen, dann wäre es tatsächlich denkbar sie wiederzusehen. Allein das reichte schon für mich, um die Sache durchzuziehen. Vielleicht hatten Samu und meine Schwester ja recht und ich machte mir wirklich zu viele Gedanken.
      “Kiitos, että olet aina tukenani”, sagte ich noch bevor ich mich von meiner Schwester verabschiedete. Wirklich viel hilfreicher als das Gespräch mit Samu vorhin, war das hier auch nicht wirklich gewesen, aber es hatte gutgetan mit Juliet zu reden.
      Mit einem seufzen ließ ich mich gegen den Stamm sinken. Hoffentlich werde ich die Entscheidung nicht doch noch bereuen.

      Vriska
      „Und in diesem Moment zerbrach ihr kleines Herz“, murmelte Chris zu uns am Tisch und unterbrach die Stille.
      „Ich dachte wirklich noch an das Gute in euch beiden, aber jetzt seid ihr beide wirklich gestorben für mich“, beschwerte Milena sich, die gerade mit nassen Haaren dazustieß. Besser hätte es wirklich laufen können. Vor versammelter Mannschaft ließ Ju uns auffliegen, doch schämte ich mich dafür? Ehrlich gesagt nicht, denn ich wieso war es meine Aufgabe die Gefühle zu schützen? Es belastete mich immer die Erwartung von allen erfüllen zu müssen, so wollte und konnte ich nicht leben. Regungslos stand Milena noch einige Minuten mit am Tisch, Chris aß währenddessen weiter und ich beobachtete jeden Bissen in seinem Mund. Nach ungefähr 16 Bissen schluckte er die Nahrung runter, dabei schnitt er die nächste Portion zurecht und hielt sie mit der Gabel vor seine Lippen.
      “Ihr seid so furchtbare Menschen”, stammelte Milena aufgebracht, warf die nassen Haare über ihre Schulter und stampfte davon. Ihr Shirt war am Rücken vollkommen durchnässt, was sich bis in ihre kurze Hose zog. Mir fehlten noch immer die Worte, würde es weiter gehen wie zu vor? Erstmal gab es wichtigeres, wie die Kür oder dem Bestehen meiner Abschlussprüfung.
      “Ich werde mal die Unterlagen holen”, sagte ich, stand auf und lief zum Zimmer. Es gab keine Beschwerden des Kerls neben mir, so konnte die Idee nicht falsch sein. Hektisch sammelte ich alles zusammen und stürzte mich wieder heraus. Ich verlor einige Blätter, bückte mich nach ihnen und immer mehr fliegen durch die Luft. Geschafft schlug der Haufen auf dem Holztisch auf und musste frische Luft schnappen. Statt auf dem Pad zu arbeiten, hatte ich mir wieder zu viele Notizen auf dem Papier gemacht und mir Videos im Internet angeguckt zum Lernen. Wusstet ihr, dass man im Internet nicht wirklich findet zu den Ausbildungsthemen als Pferdewirt in speziellen Reitweisen oder auch Rennen? Als wären es nur ein paar ausgewählte, die diese Ausbildungsunterlagen lesen dürften.

      Milena
      Lina versuchte so unauffällig wie möglich zu verschwinden, doch ich sah sie. Vorher waren Jus Worte nicht zu überhören, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt die Runde nicht einmal erreicht hatte. Keiner machte Anstalten sie zu unterstützen, denn Niklas hatte seine Masche bei ihr wirklich gut anwenden können, doch aus welchem Grund? Wieso musste er sich eine verwundbare junge Dame aussuchen, die am anderen Ende der Welt lebte? Normalerweise wäre es der Weg ins Schlafzimmer gewesen, den er suchte, doch war Lina für ihn etwas Besonderes, etwas Ernstes? Kaum vorstellbar. Langsam ging zu dem Baum zu, an dem sie lehnte.
      “Hey”, sprach ich Lina leise an, um sie nicht zu erschrecken. Es gab keine Rückmeldung, so setzte ich mich im Schneidersitz vor sie, keinen Blick würdigte Lina mir.
      “Bevor du weggehst, oder mich wegschickst, möchte ich mich bei dir Entschuldigen. Wenn ich vorher gewusst hätte, worauf das alles hinausläuft, wäre ich nicht so zu dir gewesen. Es war nicht richtig, aber ich weiß auch nicht. Ich habe Spaß dabei Leute zu ärgern, aber meine das wirklich nicht persönlich”, vermittelte ich ihr ruhig und senkte meinen Kopf.
      “Schon ok, nervige Leute sind hier Standard, da macht einer mehr oder weniger auch nicht den Unterschied”, antworte sie gleichgültig.
      “Möchtest du darüber reden, was gerade in deinem Kopf abläuft?”, fragte ich freundlich.
      “Weißt du... manchmal frage ich mich, warum ich ausgerechnet so weit weg von meiner Heimat gelandet bin. Was genau hat mich hierhergeführt?”, begann sie indirekt meine Frage zu beantworten, wobei sie ein paar Grashalme ausrupfte. “Ich meine, die unfassbare große Auswahl an Karrieremöglichkeiten wird es wohl nicht gewesen sein”, fügte sie sarkastisch hinzu.
      “Das weiß ich leider auch nicht, der Hof ist schön, aber in Finnland gibt es sicher auch viele schöne Höfe. Und …”, stotterte ich. Der Psychokram fiel mir bis heute nicht leid, aber dass sie ihre Heimat vermisste, konnte ich gut nachvollziehen. Dann sprach ich weiter: “Und in Schweden wirst du mehr Möglichkeiten haben.”
      “Das weiß ich doch. Ansonsten wäre es vermutlich noch unvernünftiger als es eh schon ist, von heute auf morgen auszuwandern.” Offenbar schien sie sich ein wenig über sich selbst zu amüsieren, denn auf ihrem Gesicht, war der Ansatz eines Lächelns erkennbar.
      “Falls du nicht mit auf das LDS zu Vriska willst, kann ich dir anbieten mit zu mir und Linh zu kommen, oder wir gucken nach einem anderen Hof”, munterte ich Lina etwas mehr auf. Schließlich gab es noch deutlich mehr Höfe in Schweden, sogar in der Umgebung von Kalmar.
      “Das ist wirklich ein nettes Angebot, aber ich denke, ich werde erst einmal sehen, wie es so läuft dort. Immerhin ist das LDS nicht komplettes Neuland für mich”, antwortete sie und hörte auf den Boden anzustarren.
      “Okay, dann musst du eins wissen”, begann ich und stand auf. Dann schaute ich zu Lina runter und setzte fort: “Die Kleine erliegt einer regelrechten Obsession zu eurem Chef. Also falls du da mal ein Druckmittel brauchst. Ach, und wegen Niklas. Mach’ dir da keine Gedanken, ich habe das Gefühl, dass ihm das mit euch beiden wirklich wichtig ist. Deswegen hat er sich nicht direkt mit dir Vergnügt. Das ist aber rein spekulativ, Linh hatte die Vermutung schon vor ein paar Tagen, als Anna euch erwischt hat.”
      “Meinetwegen kann Vriska anbeten, wen sie möchte, aber ich werde es mir merken und vielen Dank für deine Zuversicht.”
      “Du schaffst das schon, nimm es dir nicht so zum Herzen. Wird schon werden, und sonst: Schweden hat noch einiges mehr zu bieten als den Typen”, lachte ich und verließ sie wieder. In meinem Magen grummelte es ziemlich laut, was nur mit Essen gestillt werden konnte. Obwohl mich das Gespräch mit Lina überhaupt nicht weiter gebrachte, fühlte mich gut, jemanden helfen zu können. Oder es zumindest versucht zu haben. Am Büfett legte ich mir verschiedene Speisen auf den Teller und setzte mich zu Linh, die zwar mit am Tisch der Dämlacks saß, aber allein sitzen, fand ich auch blöd. Vriska und Niklas bemerkten mich gar nicht, denn sie waren beschäftigt irgendwelche Aufgaben zu lösen. Vielleicht sollte ich auch demnächst beginnen für den Abschluss zu lernen, deswegen folgte ich dem Gespräch der Beiden auf einem Ohr, während ich aß.

      Jace
      “Soll ich mal nach ihr gucken gehen?”, fragte ich Samu leise, als Lina nun schon eine ganze Weile verschwunden war.
      “Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich glaube nicht, dass sie derzeit Gesellschaft wünscht”, sagte er schulterzuckend. Ich wunderte mich ein wenig über seine Antwort, da normalerweise er derjenige war Lina hinterherdackelte. Aber vielleicht hatte sie ihm ja auch etwas dazu gesagt. Immerhin hatte ich mitbekommen wie Lina und Samu einen kurzen Wortwechsel hatten, bevor sie verschwunden war. Dennoch ließ ich mich von Samu Worten nicht abhalten, denn ich hatte das Gefühl, dass dies hier eine Chance sein könnte mich bei Lina wieder gut zustellen. Ihr Essen hatte sie kaum angerührt bevor sie verschwand, als beschloss ihr etwas mitzubringen. Sicherlich hatte sie Hunger.
      Mit einem Teller, der meiner Meinung nach Lina gerecht beladen war, machte ich mich auf die Suche nach ihr. Es dauerte nicht lange bis ich sie fand, denn sie war nicht sonderlich weit weggegangen. Hinter dem Stall saß sie unter einem Baum und tippte auf ihrem Handy herum.
      “Was machst du denn hier so?”, fragte ich vorsichtig, während ich mich näherte.
      “Alleine, sein oder es zu mindesten versuchen”, murmelt sie und tippe weiter auf ihrem Handy rum.
      “An einem so schönen Abend sollte man doch nicht alleine sein”, lenkte ich ein. Lina ignorierte meine Aussage und sah mich ein wenig verärgert an: “Jace, was genau willst du hier eigentlich? Heute Morgen war ich doch noch Luft für dich.” Offenbar schmollte sie noch, weil ich sie heute Morgen ignoriert hatte. Auch wenn das nicht die besten Voraussetzungen für mein Vorhaben waren, ließ ich mich nicht davon abbringen.
      “Ich dachte… du könntest vielleicht Hunger haben. Du hast schließlich kaum etwas gegessen”, sagte ich freundlich, während ich den Teller neben ihr abstellte. “Außerdem, dachte ich, du könntest jemanden zu reden gebrauchen.”
      “Danke, aber für heute habe ich schon genug geredet”, lehnte sie mein Angebot ab, nahm sich allerdings den Teller und begann zu essen. Na gut, wenn sie nicht reden möchte, werde ich sie trotzdem mit meiner Anwesenheit beehren. Ich setzte mich mit ein wenig Abstand zu ihr auf die Wiese, schließlich wollte ich ihr nicht gleich zu nahetreten. Eine Weile war nicht viel zu hören, außer den Geräuschen, die von drüben zu uns rüber wehten. Auch, wenn ich mir heute Morgen noch gewünscht hatte Lina nicht zu begegnen, jetzt betrübte mich das ganze, dass sie nicht nur den Hof verlassen würde, sondern auch gleich noch das Land. So wie es jetzt war, blieben mir nur noch wenige Tage wieder gutzumachen, was ich verbockt hatte. Während ich so darüber nachdachte, kam mir eine Frage in den Sinn: “Sag mal, wer wird sich eigentlich um Divine kümmern? Du wirst ihn ja wohl kaum direkt mitnehmen.” Lina hatte den Teller inzwischen fast leer gegessen und zur Seite gestellt.
      “Ja, da hast du recht ich werde ihn nicht direkt mitnehmen. Samu wird sich um den kleinen Prinzen kümmern, schließlich muss das jemand Kompetentes tun”, antwortete Lina, ohne mich wirklich dabei anzusehen.
      “Willst du etwa sagen hier gäbe es nicht genug Kompetenz?”, fragte ich ein wenig empört.
      “Also aktuell, gibt es hier sehr viel Kompetenz, aber das wird nicht mehr lange so sein”, antworte sie und ich konnte einen Hauch von einem schelmischen grinsen in ihrem Gesicht erkennen.
      “So ist das also…Das sollte ich mir merken, falls du jemals noch mal Hilfe brauchen solltest.” Es freute mich, dass sie offenbar zum Scherzen aufgelegt war. Das konnte nur bedeuten, dass sie nicht ganz so nachtragen war, wie sie mir zu beginnen suggerieren wollte, gut für mich.
      “Vielleicht darfst du Samu ja helfen, wenn du nett zu ihm bist”, alberte sie weiter herum.
      “Ja ja, mach du dich nur lustig darüber. Warte nur ab, was dein Pferd alles kann, wenn du es wiedersiehst!”, sagte ich überzeugt.
      “Ist das etwa eine Drohung?”, fragend sah sie mich an und grinste breit.
      “Kommt drauf an, immerhin läuft kein Pferd besser vor der Kutsche als meine Tinker”, antworte ich und grinste auch.
      “Etwa die Tinker, die du eigentlich nicht trainieren wolltest?”
      “Ja, genau die”, gab ich zu. Tatsächlich hatte ich es anfangs abgelehnt die beiden Tinker zu trainieren, dass sie mir persönlich viel zu klein waren, aber wie es der Zufall wollte, blieb es doch an mir hängen. Tatsächlich stellten die beiden sich als Ideale Kutschpferde heraus, was bei einem Tinker natürlich nicht wirklich erstaunlich ist.
      “Na, da ist dir Divine sicherlich auch zu klein, du willst den bestimmt gar nicht trainieren”, neckte Lina mich.

      Vriska
      Menschen gingen an unserem Tisch vorbei, warfen fast abfällige Blicke auf uns, während Niklas mit mir die Aufgaben besprach, die vorhin löste. Seine Brille rutschte immer wieder ein Stück von der Nase. Automatisch schob er sie wieder nach oben. Dabei kaute er auf dem Stift herum, den Niklas in seiner Hand hielt. Immer mehr Zeit verging, in der er nichts sagte, nur unverständlich vor sich hinmurmelte und die Unterlagen durchblätterte.
      “Die Trainingsmethoden solltest du dir in nächster Zeit noch weiter durchlesen, aber sonst sehr gut formuliert und reflektiert. Dein Arbeitgeber wird froh sein, über jemanden mit dem Wissen”, lobte Niklas und legte alle Blätter ordentlich zusammen.
      “Danke für deine Hilfe”, schmunzelte ich und betrachtete ihn sehr genau. Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich, dass Chris ebenfalls alles genau beobachtete. Linh und Ju saßen auch noch am Tisch, jedoch sehr beschäftigt miteinander. Blöde Kommentare gab er nicht mehr von sich. Doch leider änderte sich es schneller, als es mir lieb war.
      “Und deine Kür? Vermutlich hast du dir darüber noch keine Gedanken gemacht”, griff er mich an. Ju schien irgendein schwerwiegendes Problem mit mir zu haben, was ich mir nicht erklären konnte. War ihm die kleine Flirterei wirklich so wichtig, um so einen Aufstand machen zu müssen? Der Abend begann bereits unschön, dass ich nicht weiter auf seine Provokation einging. Ich wollte die übrige Zeit noch guten Erinnerungen im Kopf behalten, doch es näherte sich der nächste Grund, wieso ich das vergessen konnte. Max kam zum Tisch und stütze sich mit den Händen auf der Kante ab. Erwartungsvoll blickte er zu mir.
      “Du hast ja gerade nichts zu tun, willst du heute Blávör noch bewegen. Sie hat gestern wieder angefangen herumzuzicken und du kommst so gut mit ihr klar”, fragte er freundlich. Eh ich etwas sagen konnte, wandte sich Niklas mir zu und flüsterte: “Was will der?”
      “Er fragt, ob ich seine Stute bewegen würde”, erklärte ich ihm.
      “Sie wird deine Stute bewegen und wir holen deine Andere auch direkt mit rein”, bot Niklas Max an und stand auf. Verdutzt blickte ich zu ihm hoch. Wir? Muss der mich vor irgendwas beschützen, oder was stimmt mit ihm gerade nicht? Unweigerlich guckte ich über den Tisch, neben meinem Haufen an losen Blättern standen fünf leere Bierflaschen, die er nebenbei offensichtlich getrunken hatte. Einige meiner Fragen waren damit geklärt und ich nahm meine Unterlagen hoch, um sie im Zimmer zu verstauen. Max bedankte sich bei ihm und lief freudig zu Björn und Erika, die am Feuer saßen. Auch Finley befand sich dort.
      “Was ist heute mit dir los?”, fragte ich vorsichtig im Zimmer, als ich mein Outfit wechselte.
      “Nichts”, würgte er das Gespräch ab und konzentrierte sich wieder auf sein Handy. Offenbar gab es dort etwas interessanteres. Ohne weitere Worte zu wechseln, liefen wir zur Weide mit drei Stricken. Niklas verschwand direkt, um seine Stute zu holen, die am anderen Ende der Weide stand. Durch den Mond leuchtete sie beinah und der Schimmer legte sich über den Rasen. Snotra stand ziemlich weit vorn und kam direkt mit gespitzten auf mich zu. Eh ich sie wieder einfangen müsste, nahm ich die Stute an den Strick und lief mit ihr zu Blávör. Weniger begeistert schlug sie mit dem Schweif und trat einige Schritte von mir weg. Als Niklas mit Smoothie wiederkam, konnte ich auch endlich die Bunte einfangen und mitnehmen. Noch immer sprach er kein weiteres Wort zu mir und ich kämpfte damit die Stute gleichmäßig neben mir zu führen. Blá legte mehrfach die Ohren an und zickte Smoothie an, die sich nicht beirren ließ von der Stute. Niklas legte im Tempo etwas zu, was die Isländer Dame nur noch mehr aufregte. Nervös tänzelte sie neben mir her und erst durch mehrmaliges Anhalten sowie rückwärtsrichten bekam ich sie wieder unter Kontrolle.
      “Hast du es auch endlich mal geschafft?”, schmunzelte Niklas, als ich deutlich später ankam. Seine Stute stand bereits in der Box und mümmelte im Heu. Ich gab keine Antwort, sondern drückte ihm nur die Zicke in die Hand, um Snotra wegzustellen. Kaum zu glauben, dass sie heute mal die Ruhige war. Natürlich bedeutete Blávör Hexe, dem sie heute alle Ehre machte. Er hatte sie bereits angebunden und begann sie zu putzen. Neben dem Pony wirkte er noch größer und ziemlich verloren. Ihn zu beobachten im Umgang mit Pferden beruhigte mich ungemein und hatte etwas Meditatives. Es zu beschreiben, fiel mir schwer, doch es kribbelte in mir und den Blick abzuwenden funktionierte nicht.
      “Warum beobachtet ihr mich immer, wenn ich mich mit einem Pferd beschäftige?”, unterbrach Niklas meine innerliche Ruhe.
      “Das hat was Meditatives. Du strahlst dabei so eine anziehende Ruhe aus”, wendete ich meine Blicke von ihm und half beim Putzen. Das weiße Fell der Stute färbte sich an einigen Stellen ziemlich grün und auch braun.
      “Sowas hat noch nie jemand zu mir gesagt. Sonst wollen mich alle immer nur ausziehen”, scherzte er und schien etwas überspielen zu wollen. Das Lachen klang unecht, beinah einstudiert. Ihn danach zu fragen, wirke für mich falsch.
      “Ach, das kenne ich schon. Langweilig”, stieg ich mit ein und lachte. Blá stand noch immer ruhig da, als würde sie sich genauso wohl gerade fühlen wie ich.
      “Was heißt denn hier bitte langweilig?”, beschwerte er sich lautstark. Ich lachte nur und begann die Hufe auszukratzen, als ich seine Hände an meiner Hüfte spürte.
      “Immer noch langweilig?”, provozierte Niklas weiter. Kalt lief es mit am Rücken herunter, das Kribbeln wurde wieder stärker und ich spürte, dass etwas an meinem Bein. Mit dem Huf war ich fertig und schnellte nach oben, da die Stute noch zwei weitere hatte, die gerne sauber sein wollten. Doch er ließ mich nicht los, sondern drängte mich an das Pferd. Sie legte die Ohren an und schlug wieder mit dem Schweif.
      “Oh, ich hatte nicht erwartet hier jemanden anzutreffen”, vernahm ich auf einmal eine Stimme, die aus Richtung der Tür zu kommen schien und so wie es sich anhörte, gehörte sie eindeutig zu einer Frau. Niklas ließ sofort von mir los und trat zwei Schritte zurück.
      “Ähm … ich … wir auch nicht”, stammelte ich berührt vor mir her. Es fühlte sich an, als wären wir bei irgendwas wirklich Schlimmes erwischt worden sein, doch war es das denn? Ich wollte mir darüber keine Gedanken mehr machen, aber das fiel mir wirklich schwer. Denn er fühlte sich offensichtlich auch nicht wohl dabei, sonst hätte sich nicht direkt von mir entfernt. Ich dachte zu viel. Viel zu viel. Die Unsicherheit kam wieder, meine Atmung wurde schneller und meine Hände zitterten.
      “Ähm, ich wollte eigentlich nur nach meinem Pferd sehe, aber ich kann das wohl auch später machen”, redete die junge Frau leicht irritiert weiter und wandte sich wieder zum Gehen.
      “Ach ist doch alles gut, wir wollten eh gerade die Stute satteln”, antwortete Niklas nun und legte kurz seine Hand an meinen Arm. Ich bewegte mich direkt auf die andere Seite von Blávör, um die rechten Hufe auszukratzen. Er holte schon mal das Sattelzeug, doch kam wenig später wieder aus der Sattelkammer. Offenbar wusste er nicht genau, was ihr gehörte. Doch meinen Helm hatte er bereits in der Hand.
      “Okay, dann geh ich mal zu meinem Pferd”, antwortete die blonde Frau und verschwand in einer Box, in der ein Haflinger stand. Ich wusste nicht, was ihr sagen sollte, meine Gedanken waren ganz wo anderes. Es wirkte so surreal alles. Aus der Kammer holte ich das Sattelzeug und machte die Stute fertig. Als ich den Helm aufsetzte und in der einen Hand die Zügel hielt und in der anderen die Gerte, wollte ich nach draußen. Dann fiel mir ein Problem auf. Die Dame schien hier zu arbeiten. Ich drückte Niklas alles wieder mal entgegen.
      “Du? Vielleicht kannst du mir helfen? Ich wollte mit ihr auf den Reitplatz, aber ich weiß gar nicht, wie das Flutlicht angeht”, fragte ich freundlich und leise, denn sie war vertieft mit ihrem Pferd.
      “Klar, kein Problem. Das kann ich euch zeigen, der Schalter ist direkt am Platz”, antwortete sie freundlich und trat aus der Box heraus. Niklas und ich folgten ihr zum Reitplatz, wo sie uns einen Schaltkasten an der Seite zeigte. “Der Knopf hier ist für das Licht, macht es einfach wieder aus, wenn ihr dann fertig seid.”
      Ich sah nicht, was ich erwartet hatte. Das Flutlicht war eine wirklich lange Schlauchlichterkette, die sich um den ganz Zaun wickelt. Auch die Barken vom Dressurplatz erleuchteten in einem warmen Licht. An den Ecken des Platzes standen große Flutlichter, aber spendeten nur wenig Helligkeit.
      “Danke dir”, antwortete ich und nahm Niklas wieder das Pferd ab. Er kam mit auf den Platz, hielt mir gegen und schwang mich auf den Rücken der Stute. Direkt kaute sie auf dem Gebiss herum und senkte den Kopf. Dann ritt ich im Schritt los. Dabei setzte ich mich mehrfach um. Obwohl ich mich auf das Pferd konzentrieren sollte, wich mein Blick immer wieder zu Niklas, der es sich auf einer Bank bequem gemacht hatte. Untypisch hielt er sein Handy nicht in der Hand, sondern beobachtete auch mich. Keiner von uns sagte etwas, doch ich spürte, dass sich unsere Augen mehrfach trafen. Das Kribbeln kam wieder, doch auch Jennis Worte hallten durch meinen Kopf. Auch was er am Vortag sagte, vergaß ich nicht.
      “Bleib locker und verkrampfe deine Hände nicht so sehr, das macht Bla nervös”, sagte er.
      “Wird das jetzt Unterricht, oder was ist genau dein Plan? Nur zur Information, das spricht man Blá”, protestierte ich und betonte die letzte Silbe wie ein Au, denn es war kein kurzes beinah stummes a. Obwohl Isländisch Schwedisch ziemlich nahekam, gab es einige wichtige Silben, die anderes gesprochen wurden und die Bedeutung vollkommen veränderten.
      “Bla bla bla. Jetzt mach’ was ich dir sage”, befahl er mir. Ich rollte mit den Augen und versuchte mich mehr auf die Stute zu konzentrieren. Meine Gedanken wanderten wieder an den kurzen Moment im Stall, meine Beine wurden lockerer und hingen entspannt parallel zum Pferd. Schon schnaubte Blávör ab und streckte sich. Er lobte uns beide und ich bekam ein besseres Gefühl im Sattel. Das von Max erwähnte zickige Verhalten, dass sie sonst an den Tag legte, spürte ich nicht. Erst als wir mit dem Trab begannen, legte sich Blávör auf den Zügel, schüttelte wild mit dem Kopf und bremste abrupt ab. Vorwärts wollte sie nicht mehr und lief hektisch zurück.
      “Provoziere sie nicht, sondern gebe ihr Freiraum. Blá muss darüber nachdenken und das Vertrauen mit dem Reiter finden. Körperlich scheint auf den ersten Blick als in Ordnung zu sein, also braucht sie Ruhe”, vermittelte Niklas mir. Ich ließ die Stute stehen, bis sie auf die halben Paraden reagierte und den Kopf senkte. Mit meinem Schenkel arbeite ich langsam daran, dass sie einen Schritt vorwärtslief. Dann lobte ich direkt und hörte mit dem Druck auf. Ich blieb hartnäckig, bis Blávör normal im Schritt wieder lief. Freundlich lobte ich sie, dabei spürte ich, dass die Stute davon sehr erschöpft war. Es hinderte mich nicht daran nach einigen Runden Schritt wieder in den Trab zu wechseln. Diesmal folgte Blávör meinen Hilfen und zickte nicht mehr herum. Am Ende konnten wir auch noch etwas tölten. Niklas half mir dabei meinen Sitz noch zu verbessern und meine Hände ruhiger zu halten. Ich hatte Probleme dabei mich im Sattel zu halten. Bei dem Ändern des Tempos wackelte ich im Sattel und das nahm die Stute mir übel.

      Lina
      Jace und ich hatten uns noch eine ganze Zeit unterhalten, überwiegend darüber, was Jace und ich glaubten, was Divine bereits alles konnte. Immerhin war der Hengst gerade einmal 4 Monate hier. Bei einem Pferd, welches in einem so schlechten Zustand gewesen ist wie Divine, war das eine ziemlich kurze Zeit. Wobei wir für so eine kurze Zeit schon weit gekommen waren, immerhin hatte ich Ivy im Juli auf einer Zuchtschau vorgestellt.
      “Habe ich eigentlich mal erzählt, dass Divine schon als Einhorn bezeichnet wurde”, fragte ich Jace beiläufig. Wie ist so an die Zuchtschau zurückdachte, musste ich unwillkürlich lächeln.
      “Nein, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das öfter vorkommt”, antworte Jace.
      “Ohh, das war richtig niedlich. Nachdem ich Ivy vorgestellt hatte, kam ein kleines Mädchen an. Sie war total begeistert von meinem Hengst, Divine natürlich auch von ihr, du weißt ja er liebt Kinder”, begann ich von der Begegnung mit den kleinen Mädchen zu erzählen. “Naja, auf jeden Fall meinte die kleine irgendwann, dass Divine ja aussähe wie ein Einhorn, da würde nur noch eine Menge Glitzer fehlen. Ich habe danach tatsächlich überlegt, ob ich ihm ein Glitzerhalfter kaufe.”
      Auf einmal unterbrach Samu unser Gespräch: „Lina, denkst du auch noch daran Legolas von der Koppel zu holen.” Er stand mit Elf Dance am Weg, den er offenbar gerade von der Koppel geholt hatte. Bisher war mir gar nicht aufgefallen, dass die Sonne inzwischen gänzlich untergegangen war.
      “Oh ist es schon so spät?”, fragte ich ein wenig verwundert und griff gleichzeitig nach meinem Handy, welches immer noch neben mir im Gras lag.
      “Joo”, bestätigte Samu das was ich auch schon auf meinem sah. 21:15 leuchtete mir auf dem Display entgegen. “Ja, dann sollte ich den armen Kerl mal lieber reinholen, bevor er noch ganz allein draußen steht.“
      “Ich komm mit, ich muss Herkules auch noch holen”, steuerte Jace bei und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.
      “Hast du mir etwa heute noch nicht lang genug das Ohr abgekaut”, scherzte ich und ließ mich von ihm hochziehen.
      “Also für mich sieht das aus...als wären deine Ohren noch dran”, stellt er nach ausreichender Betrachtung fest und grinste breit. Es freute mich, dass Jace wieder normal war, ansonsten hätte ich wohl mit dem schlechten Gewissen, einen Trauerkloß zurückgelassen zu haben nach Schweden fliegen müssen.
      “Schön, dass ihr so viel Spaß habt, aber wenn ihr in dem Tempo weitermacht, kommt ihr nie an der Koppel an”, ließ sich Samu vom Wegesrand entnehmen, bevor er seinen Hengst in Bewegung setzte.
      “Ja ja, ist ja gut”, rief ich ihm noch hinterher und machte mich mit Jace zusammen auf den Weg zur Koppel. Auf einer der vorderen Koppel stand ein schwarzer Umriss am Zaun und wartete bereits. Das Einzige, was mir verriet, dass dieser Umriss Legolas war, war seine Blesse, die mir weiß im Mondlicht entgegen leuchtete.
      “Ich gehe gerade noch Herkules holen, wartest du hier?”, fragte Jace. Damit die Stricke immer in der Näher der Pferde waren, banden wir sie an die Koppeltore. Somit löste ich Legolas Strick vom Tor, während ich Jace antwortete: ”Klar, wird ja nicht lange dauern.”
      Jace verschwand in der Dunkelheit und ich öffnete das Tor zur Koppel. Lego streckte mir schon freundlich seinen Kopf entgegen. “Na mein hübscher, bald wirst du sicher pünktlich in den Stall gebracht”. Sanft strich ich dem Hengst über die weiche Nase, bevor ich den Strick in sein Halfter einklinkte. Brav folgte mir der große Hengst aus dem Tor.
      “Der braucht ganz schön lange, Lego”, sagte ich zu dem Pferd, nachdem ich schon gefühlte 5 Minuten auf Jace wartete.
      “Ich habe da noch wen auf der Koppel gefunden”, rief mit Jace zu, der endlich kam. Neben Herkules leuchtete noch das helle Fell eines zweiten Pferdes. Natürlich Divine, wie konnte ich nur so dämlich sein. Ich hatte ihn nach dem Reiten noch mal rausgestellt.
      “Kann mir irgendwer verraten, warum ich immer ausgerechnet ihn immer vergesse?”, fragte ich Jace, de inzwischen neben mit stand und nahm den Strick entgegen.
      “Keine Ahnung”, antwortete Jace Schulterzucken. “Vielleicht ist dein kleines Köpfchen mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.” Damit hat er sehr wahrscheinlich ins Schwarze getroffen, doch das wollte ich jetzt nicht weiter evaluieren. “Möglich, aber jetzt gerade ist mein Hirn damit beschäftigt, dass diese beiden Pferde hier in den Stall kommen, also lass uns gehen”, versuchte ich vom Thema abzulenken. Statt auf eine Antwort von Jace zu warten, lief ich los mit den beiden Pferden im Schlepptau. Da Hufgetrappel eines dritten Pferdes verriet mir, dass er mir folgte.

      Vriska
      „Was würdest du eigentlich ohne deine Pferde machen?“, unterbrach ich die Stille. Im Stall fraß Blávör ihr Kraftfutter, dass sie nach dem Absatteln von mir hingestellt bekam.
      „Wie, was würde ich machen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch, als hätte er meine Frage inhaltlich nicht verstanden und steckte das Handy zurück in die Tasche, an dem er schon wieder hing.
      „Na ja, so arbeitstechnisch“, kam es kleinlaut aus meinem Mund. Würde jemand wie er überhaupt arbeiten?
      „Ich arbeite bei der Polizei“, zuckte er mit den Schultern und kam einige Schritte näher. Sonst war niemand in der Nähe.
      „Jetzt wo du das sagst, ergibt das Sinn“, schämte ich mich, ihm vorgeworfen zu haben, auf dem Reichtum seiner Familie zu sitzen. Natürlich verdiente man auf den Turnieren, die er mit ritt, ziemlich hohe Summen. Doch so wie ich es bisher verstand, hatte Niklas nur Qualifikationen und noch nichts wirklich sehr Großes in seinem Lebenslauf.
      „Jetzt bist du mir eine Erklärung schuldig“, schmunzelte er und legte seine Hände wieder mal an meine Hüften. Ich fühlte mich unwohl dabei, denn aus sehr weiter Ferne hörte ich Linas Stimme. Mit jemanden unterhielt sie sich, doch ich konnte die andere Stimme niemanden auf Anhieb zuordnen. Ungeschickt versuchte ich mich ihm zu entreißen, was mir nicht gelang. Hinter mir stand die Stute von Max, die noch immer sehr langsam ihr Futter kaute.
      „Könntest du bitte deine Hände wegnehmen“, sagte ich ihm und senkte meinen Kopf, um seinen Blicken zu entkommen.
      „Was ist, wenn ich es nicht tue?“, sagte Niklas in ruhige Stimme. Ein Lächeln kam über seine Lippen.
      „Dann muss ich dich leider anzeigen und du weißt sicher selbst, welche Folgen das haben würde“, lachte ich. Er ließ von mir und tätschelte meinen Kopf.
      „Dann beantworte wenigstens meine Frage, wenn ich dich nicht spüren darf“, schmollte er. Es fühlte sich wirklich echt an, als wollte Niklas in meiner Nähe sein, mich berühren und Glücklichsein. Das stand mir nicht zu. Gestern erklärte er noch, dass das mit uns beiden nur Liebschaft wäre. Ohne Zukunft. Ohne, dass ich mir darauf etwas einbilden sollte. Mein Lächeln verschwand wieder und Blávör war endlich fertig. Seine Frage musste für den Moment ohne eine Antwort verbleiben, denn die Hübsche wollte in ihre Box zurück. Er folgte mir, als gäbe es etwas zu verpassen, doch meine Konzentration blieb bei Blávör. Ungeschickte stolperte sie mehrfach und trat mir dabei in die Schuhe. Froh darüber, heute ausnahmsweise die Chaps angezogen zu haben, zog ich das Halfter über ihren Schopf und schloss die schwere Boxentür.
      „Mein Mann möchte noch rein, kommst du mit?“, fragte ich.
      „Hoffentlich bekommt er das mit uns nicht raus, sonst gibt es noch Streit“, antwortete er scherzhaft und legte seinen Arm um meine Schulter.
      „Er weiß es schon, aber wir führen eine glückliche offene Beziehung“, lachte ich und lief mit Niklas raus. Am Ende des Weges konnte man Lina klar identifiziere. Divine trottete neben ihr her, sowie Legolas und ganz gegen meine Erwartung, gehörte Jace die Männerstimme. Das hatte mir jetzt noch gefehlt. Niklas trug noch immer die Schiene an seiner Nase von dem Zwischenfall der Beiden. Ich nahm seinen Arm von meinen Schultern und senkte den Kopf. Sollte ich mich entschuldigen? Sie ignorieren? Nervös biss ich auf meinem Lippenpiercing herum und öffnete den Ring immer wieder. Ich spürte, dass die Innenseite meiner Unterlippe bereits wund war. Bei Nervosität tat ich das immer und letzten Tage statt ich dauerhaft unter Strom.

      Lina
      “Was hast du eigentlich morgen vor?”, fragte Jace, der den Wink mit dem Zaunpfahl offenbar verstanden hatte.
      “Viel, sehr viel außer Nathalie sind die Pferde heute die Pferde zu kurz gekommen. Hazel war ja überaus freudig, damit beschäftigt mich von meiner eigentlichen Arbeit abzuhalten”, antwortete ich Jace. Dieser sah mich zwar ein wenig verwirrt an, weil er anscheinend keine Ahnung hatte, wovon ich redete, fragte aber: “Soll ich dir morgen vielleicht ein wenig helfen?” Herkules, den neben Jace herlief, spitzte auf einmal die Ohren. Dieses Verhalten ließ meinen Blick nach vorne wandern. Vriska und Niklas kamen uns entgegen. Sofort spannte sich alles in mir an. Einerseits hatte ich ein wenig bedenken, dass Jace mal wieder irgendetwas Dummes tun würde, dieser Mann war nicht leicht einzuschätzen und andererseits, weil mein Unterbewusstsein der Meinung war, Flucht sei die beste Entscheidung. Da das nicht nur seltsam, sondern absolut bescheuert wäre, entschied ich mich dagegen.
      “Ne, schon gut. Ihr werdet noch genug zu tun haben, wenn ich nicht mehr da bin. Außerdem ist morgen eh Freispringen für Nathy und Masko.” Ich hoffte inständig, dass man mir die Anspannung nicht ansah. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich wahr, dass Niklas und Vriska an uns vorbeiliefen. Da mein Blick starr geradeaus ging, konnte ich nicht genau sagen, ob sie uns beachteten oder nicht.
      “Wie du meinst. Falls du es dir doch anders überlegen solltest, kannst du ja Bescheid sagen”, antwortete mir Jace schulterzuckend. Divine schnaubte laut und blieb stehen, um sich zu schütteln, was natürlich dazu führte, dass ich auch stehen bleiben musste.
      “Na komm Ivy, dein Abendbrot wartet”, mit einem leichten Zug am Strick versuchte ich meinen Hengst zum Weitergehen zu bewegen. Tatsächlich setzte sich der Freiberger in wieder in Bewegung.
      Im Stall angekommen stellte ich die beiden Hengste in die Box.
      “Soll ich Herkules Futter auch mitbringen?”, rief ich Jace über die Stallgasse zu.
      “Ja bitte. Steht schon fertig in der Futterkammer”, antwortete er. In der Futterkammer nahm ich als Erstes die Schüsseln von Divine und Legolas. Jeder bekam seine Portion Hafer in die Schüssel. Dazu gab es für jeden noch eine klein geschnitten Möhre, für Divine gab es noch ein paar Minerale, da er leider immer noch leichte Mangelerscheinungen hat. Das Öl füllte ich wie immer erst einmal in ein kleines Becherchen. Ich hatte mir angewöhnt es erst in der Box über das Futter zugeben, damit das Öl auch wirklich im Pferd landete und nicht in dem Futterschüssel. Zuletzt schnappte ich mir noch Herkules Schüssel und trat wieder auf die Stallgasse. Herkules begann in seiner Box ungeduldig im Kreis zu laufen, ab und zu stehenzubleiben und mit den Vorderhufen gegen die Tür zu schlagen.
      “Den Lärm da solltest du ihm mal abgewöhnen.” Mit diesen Worten drückte ich Jace seinen Futterschüsseln in die Hand und ging zu Legolas Box. Der Hannoveraner Hengst schaute mir bereits neugierig entgegen und brummelte leise. Divines Futter stellte ich in sicherer Entfernung zu hungrigen Pferdenasen auf dem Boden.
      “So mein großer, du musst da mal weggehen”, sprach ich den Hengst an und öffnete die Boxentür. Wohlerzogen trat der Hengst beiseite, als ich ihn an der Brust anstupste und wartete bis sein Futter im Trog war.
      Ich schütte das Öl über sein Futter und trat zu Seite: “Jetzt darfst du, Lego.” Hungrig steckte er seine Schnauze in den Trog und begann zu fressen. Aus der Nachbarbox meldete sich nun auch Divine, der auch endlich sein Fressen haben wollte, mit einem Wiehern.
      “Ich komm ja schon, Kaunokaiseni “, rief ich meinem Pferd zu, während ich die Box von Legolas hinter mir schloss.
      “Was bedeutet... Kaunokasi eigentlich, mir ist aufgefallen, dass du ihn öfter so nennst”, fragte Jace, der gerade aus der Box von Herkules heraus trat.
      “Kaunokaiseni heißt das”, wiederholte ich noch mal langsam und lachte. Was auch immer Jace da gesagt hatte, war meilenweit von dem Wort entfernt. “Es bedeutet, meine Schönheit.” Jace kam zu mir herüber geschritten und hob auf dem Weg dahin, Divines Futterschüssel auf.
      “Schönheit also? Ja, das passt zu ihm”, mit diesen Worten reichte er mir die Futterschüssel. “Soll ich die von Legoals schon mal mitnehmen? Dann mach ich die schon mal sauber.” Statt auf eine Antwort zu warten, nahm er mir einfach die leere Schüssel aus der Hand.
      “Kiitos”, antwortete ich ihm und öffnete Divines Box.
      “Und was heißt das?”. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Neugier sah mich Jace an.
      “Sorry, kurz vergessen, dass du dieser Sprache nicht mächtig bist. Es heißt Danke. Ich dachte, das hättest du vielleicht schon einmal mitbekommen in den letzten 2 Jahren, Samu und ich sind ja nicht seit gestern hier”, erklärte ich ihm ein wenig amüsiert.
      “Ja schon, … aber ich habe das bisher nie hinterfrag und es kommt noch dazu, dass ihr mit uns tatsächlich meistens Englisch redet, sogar bei solchen Kleinigkeiten”, schilderte mir Jace. Der Sprachwechsel war für mich schon seit der Schule so selbstverständlich, dass es mir meistens gar nicht auffiel welche Sprache ich gerade sprach.
      “Oh tatsächlich, ich merk das schon gar nicht mehr”, sagte ich schmunzelnd. Ivy wollte schon seine Nase in die Futterschüssel stecken, doch ich schubste diese weg. Divine war leider noch nicht ganz so gut erzogen wie Legolas, vor allem wenn es um Futter geht. Jace verschwand derzeit in der Futterkammer. Mein Pferd belästigte die Schüssel und mich weiterhin, sodass ich ihn noch ein paar mal korrigieren musste, bevor ich an ihm vorbei an den Trog kam. Auch Divines Futter landete im Trog und ich gab es dem Hengst frei. Ich verließ die Box, um auch diese Futterschüssel noch sauberzumachen. Jace war bereits fertig mit den anderen Schüsseln und wenn ich nicht aufgepasst hätte, wäre ich ihn wohl in ihn reingelaufen. Kurz vor ihm kam ich zum Glück gerade noch so zum Stehen.
      “Immer schön langsam, Lina”, entgegnete Jace mir und sah zu mir runter. Für meinen Geschmack war das hier eindeutig zu nah, immerhin kann ich nicht leugnen bis vor ein paar Tagen noch irgendetwas von ihm gewollte hatte. Wohlgemerkt bevor er sich aufgeführt hatte wie ein vorkommender Idiot.
      “Ähh, ja…”, murmelte ich und ging ein ganzes Stück zur Seite, um aus dieser Situation zu entkommen.
      “Soll ich noch auf dich warten?”, fragte er und sah nicht so aus, als wolle er aus der Tür gehen. Denn statt Anstalten zu machen sich zu bewegen, lehnte er sich gemütlich an den Türrahmen. Da war er wieder, ganz der alte Jace.
      “Ne brauchst du nicht. Ich komm dann nach, vorausgesetzt du lässt mich da mal rein.” Mit einem Kopfnicken deutete ich auf die Futterkammer.
      “Also bitte Lina, so dick bin ich jetzt nicht, als dass du da nicht vorbeikämst”, scherzte er. Als ich nicht versuchte mich an ihm vorbeizuquetschen, bewegte er sich doch aus der Tür.
      “Danke”, murmelte ich und verschwand in der Futterkammer. Während die Tür hinter mir zu fiel, konnte ich wahrnehmen wie sich seine Schritte tatsächlich entfernten. Ich säuberte Divines Schüssel und stellte sie ins Regal. Als ich die Futterkammer wieder verließ, sah ich, dass mein Pferd mit dem Kopf aus der Box hing und dabei die Hälfte seiner Futter aus dem Maul fallen ließ. “Ach, Ivy du möchtest auch, nur dass ich gut beschäftigt bin, oder?”, sagte ich seufzend zu dem Pferd. Bevor ich zu einem Besen griff, warf ich einen Blick in den Trog des Hengstes, er war noch halb voll, also würde ich wohl warten, bis er aufgefressen hatte. Ungern würde ich die Stallgasse zweimal fegen wollte. Somit setzte ich mich vor die Box und beobachtete den Freiberger dabei, wie er vor sich hin krümelte.


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  • Zuchtname: Glymur
    Rufname: Glymi

    Aus der: Elding
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Hýreygur
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
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    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 11. Juli 2009
    Farbe: Smokey Black Schecke Splash
    Abzeichen: Scheckungsbedingt (Kopf und Beine)
    Stockmaß: 145 cm

    Charakter:
    Glymur ist ein Traum von Pferd. Er hat butterweiche Gänge, die jedoch mit einer hohen Knieaktion versehen sind und raumgreifend sind. Seine beiden zusätzlichen Gangarten Pass und Tölt sind beide von sehr guter Qualität. Im Alltag ist er ein wahrer Gentleman und stets bei der Sache. Jedoch braucht er eine Bezugsperson, mit der er durch Dick und Dünn gehen kann, dann ist er das perfekte Pferd.Momentan befindet er sich in einer Umschulung zum Western, da er bald schon Teil des ersten Equestrian Drill Teams auf Joelle sein wird. Hierbei geht es um eine Quadrille, die gespickt mir Westernlektionen ist. Glymur hat aufgrund seiner Intelligent viel Spaß an der Arbeit und zeigt gute Eignungen.
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    Gencode: EE aa nCr nSty nT nSpl
    Zuchtzulassung: Ja
    Gesamtnote: 9,13
    Nachkommen: -

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    HK 466
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    Dressur: L / L
    Springen: E / E
    Military: E / A
    Fahren: E / E
    Rennen: -
    Gangreiten: E / M
    Western: E / A
    Distanz: -

    Gänge: 5

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    184. Militaryturnier (28.05.2014)

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    183. Militaryturnier (07.05.2014)

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    205. Fahrturnier (22.06.2014)

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    267. Springturnier (26.09.2014)

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    257. Springturnier (30.06.2014)

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    11. Gangturnier (25.10.2014)

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    9. Gangturnier (05.08.2014)


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    64. Synchronspringen (26.11.2014)

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    286. Springturnier (05.12.2014)

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    294. Dressurturnier (28.11.2014)
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    Besitzer: Mohikanerin
    Zucht: Unbekannt
    VKR: Elii
    Ersteller: Elii
    Punkte: 14
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