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Leaenna

Garance

Von: HuskyJenny

Garance
Leaenna, 21 Mai 2014
Rinnaja gefällt das.
    • Leaenna
      Umzug nach Frankreich

      Es war später Abend, als mein Auto endlich auf den kleinen Hof rollte. Mit einem Seufzen stellte ich den Motor ab und öffnete träge die Fahrertür. Ich wollte nichts mehr, als in mein Bett zu sinken und zu schlafen, doch es gab ein kleines Problem an der Sache: Ich hatte noch kein Bett. Zumindest kein zusammengebautes, denn die Einzelteile lagen noch hinten im Anhänger, zusammen mit all meinem anderen Hab und Gut. Umzüge waren stressig, das war kein Geheimnis. Doch je größer die Entfernung zur vorherigen Heimat wurde, desto umständlicher und rund dreimal schwieriger wurde auch die ganze Sache und das hatte ich in diesem Fall auf die harte Tour lernen müssen. Als ich die milde Abendluft in meine Lungen strömen ließ, mich in der dämmrigen Landschaft umsah und von nichts als dem Zirpen einiger Grillen willkommen geheißen wurde, da wünschte ich mir ganz insgeheim, wenigstens nicht alleine zu sein. Doch das war ich, das war die Realität, ich hatte alles aufgegeben, Freunde und Familie in Deutschland zurückgelassen und war mit nichts als ein paar Möbeln und dem Traum von einem Neuanfang hierher nach Frankreich gekommen.​

      Warum ich mir das antat? Die Antwort war simpel: Ich hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Nichts konnte so schlimm sein wie das Leben, das ich nun hinter mir ließ, so ermüdend und frustrierend und unbefriedigend. Die Schulzeit war mir eine Qual gewesen, Mitschüler hatten mir über Jahre tagtäglich das Leben schwer gemacht, dennoch hatte ich es bis zum Abitur ausgehalten, irgendwie. Der Knoten in meinem Bauch war gewachsen, Stück für Stück, hatte mir erst verboten, zu essen, dann, zu schlafen, aber ich hatte seine Anwesenheit verdrängt, mich noch einmal zusammengerauft, nur bis zu den letzten Prüfungen, immer den Gedanken im Hinterkopf, wie ein Mantra: Danach bist du frei. Meine Eltern hatten den Kopf geschütteln, natürlich hatten sie das. Wie ich mir das denn vorstellen würde, fragten sie, in ein eigenes Haus zu ziehen, ganz alleine, das sei ja schon verrückt, aber dann auch noch in einem Land, dessen Sprache ich kaum sprach. Sie hatten versucht, es mir auszureden, es aufzuschieben, ich solle wenigstens erst eine Ausbildung abschließen, sie würden sich doch nur um meine Zukunft sorgen. Und ich - Ich hatte all ihre Einwände abgeschüttelt, weggeschoben. Vielleicht war es naiv. Aber jetzt war ich hier. Und wenn ich mich umsah, dann war da nichts mehr, das mich irgendwie an die Vergangenheit erinnerte. Nur Wege, die ich noch nie gegangen war, Abenteuer, die darauf warteten, erlebt zu werden und jede menge freier Platz, um Erinnerungen zu sammeln, von einem Leben, das ich mir, zum ersten Mal, selbst ausgesucht habe.​

      Die Stufen, die hoch auf die Verande führten, hatten etwas malerisches - Beim Kistenschleppen am nächsten Morgen würde ich lernen, sie zu verfluchen. Der Hausschlüssel hakte für einen Moment, ehe die Eingangstür aufschwang und mich in kalte, nackte Räume ließ. Bei der Besichtigung, noch mit den Möbeln der Vorbesitzer ausgestattet, hatte das alles irgendwie wohnlicher gewirkt, doch ich war zu müde, um mich groß daran zu stören. Ohne das Licht anzuschalten ließ ich meine Handtasche fallen und schob sie mit dem Fuß so vor die Tür, dass diese nicht mehr zuschwingen konnte. Dann trug ich eilig die wichtigsten Dinge für die erste Nacht hinein: den Pappkarton mit der Luftmatratze, meine Reisewaschtasche, den Rucksack mit ein paar Klamotten - Gott sei Dank war ich so geistesgegenwärtig gewesen, den zu packen, denn wo in dem Chaos aus Kisten und Mobiliar sich meine restliche Kleidung befand konnte ich bloß raten. Morgen, morgen würde ich dann loslegen. Morgen würde der erste Tag meines neuen Lebens sein. Ich würde das Haus renovieren und einrichten, ich würde in die Stadt gehen und die Einwohner kennenlernen, ich würde den Rasen mähen und den Garten bepflanzen, ich würde den kleinen Stall auf Vordermann bringen und mir dann endlich den Wunsch von einem eigenen Pferd erfüllen.​
      Morgen.​

      Die Luftmatratze war noch nicht einmal halb gefüllt, als ich die Pumpe abzog. Ich konnte mir gerade noch die Schuhe von den Füßen streifen, ehe ich auch schon willenlos darauf nieder sank. Mein Rücken würde mir morgen eine Moralpredigt darüber halten, wie wichtig... eine ordentliche... Schlafunterlage...​
      Als mir die Augen zufielen, lag ein Lächeln auf meinen Lippen.​
    • Leaenna
      Mein Traum in Braun

      Nun war ich schon seit 5 Wochen in Frankreich, und ich lernte allmählich nicht nur, hier zu leben, sondern auch, es zu lieben. Obwohl ich viel zu tun hatte genoss ich jede Minute und fand selbst an kleinsten Aufgaben Gefallen. Die Renovierungsarbeiten am Haus trugen langsam Früchte, mit jedem Tag fühlte ich mich wohler in den eigenen vier Wänden, die ich zum ersten Mal ganz nach meinem Willen gestalten konnte. Vielleicht zeigte sich nun doch, dass ich die Tochter meines Vaters war und er mir etwas von seinem handwerklichen Geschick weitervererbt hatte, denn insbesondere das Streichen ging mir leicht von der Hand und machte mir sogar richtig Spaß: Bald erstrahlten die Räume in frischen Farben. Spinnweben wurden gewissenhaft aus allen Ecken und Nischen entfernt, die Fenster auf Hochglanz poliert, meine Möbel fanden Stück für Stück an ihre neuen festen Plätze. Und für dieses Wochenende lautete mein Plan, die im Laufe der Jahre stark beanspruchte Holzveranda frisch abzuschleifen.

      "Bonjour." Mit einem zögerlichen Lächeln auf den Lippen schob ich mich in den kleinen Handwerkerladen. Bereits vor meinem Umzug hatte ich angefangen, selbstständig Französisch zu lernen, doch es war noch einmal etwas ganz, ganz anderes, mit echten Franzosen zu sprechen, als die Nase in Grammatikbücher zu stecken. Dementsprechend nervös war ich nun vor etwas eigentlich so Selbstverständlichem wie einem Gang in die Stadt. Ein Mädchen, kaum so alt wie ich, verließ sofort ihren Platz hinter der Verkaufstheke, um mir entgegenzukommen; rotes Haar fiel ihr glatt bis über die Schultern, auf ihren Lippen lag ein freundliches Grinsen. "Bonjour! Wie kann ich dir helfen?" Einatmen, ausatmen, du kannst das, Leticia! "Ich wollte für zwei Tage eine - also, eine Schleifmaschine ausleihen." Das Wort hatte ich zuvor im Wörterbuch nachgeschlagen, total retro, denn Internet hatte ich noch keines im neuen zu Hause. Jetzt hoffte ich, dass ich es auch richtig aussprach. Und dass der Rest des Satzes auch halbwegs Sinn machte. Aber wenn ich Schwachsinn redete, dann ließ sich das Mädchen das zumindest nicht anmerken. "Ah, oui! Komm mit." Mit diesen Worten führte sie mich nach draußen und zu einer nahen Scheune.

      "Du bist neu hier, oder?" -- "Ja, bin ich, ich..." -- "Toll! Ich bin Antonique. Wundere dich nicht, der Laden gehört eigentlich meinem Vater. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn mal übernehmen werde. So um mir etwas dazuzuverdienen bediene ich ja ganz gerne die Leute, aber eigentlich habe ich nicht so viel mit Werkzeugen zu tun, weißt du?" Während ich im Kopf noch dabei war, den letzten Satz zu übersetzen, war Antonique schon beim nächsten Thema und plauderte fröhlich vor sich hin. Auch wenn ich nicht alles verstand, was das Mädchen von sich gab, so fand ich sie doch auf eine verrückte Art und Weise sofort sympathisch, und so folgte ich ihr, still vor mich hin lächelnd. "Papa? Papa! Hier ist eine Kundin für dich!" Es quietschte, es rumpelte, es fluchte, dann trat ein Mann aus der Scheune und uns entgegen. "Ah, Papa! Das ist -- " Antonique stockte, ihre Augen wurden rund. "Wie heißt du eigentlich?" - "Oh. Ich bin Leticia. Leticia aus Deutschland. Ich möchte die, äh, die..." - "Die Schleifmaschine ausleihen! Nicht wahr, Leticia?", beendete das rothaarige Mädchen meinen Satz. Zum Glück, denn ich hatte das Wort schon wieder vergessen. Blieb mir nur, zu nicken. "Genau. Für meine Veranda." Das hatte ich mir gemerkt, ha. Antoniques Vater wischte sich die Hände an der Hose ab, ehe er mir die Rechte hinstreckte, trotzdem klebte noch Motoröl an seinen Fingern. "Sehr gerne, Leticia."

      In der Scheune herrschten dämmrige Lichtverhältnisse und meine Augen brauchten einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Es raschelte und flatterte, als wir eintraten, einige Schwalben stoben aufgeregt davon und auch zu meinen Füßen konnte ich Bewegungen wahrnehmen, vermutlich Mäuse, die eilig Schutz unter gelagertem Feuerholz und alten Landmaschinen suchten. Vom Rasenmäher bis zum Mähdrescher schien Antoniques Vater alles zu besitzen, auf den meisten Maschinen jedoch hatte sich eine dicke Staubschicht abgesetzt. Staunend schlenderte ich durch die Reihen der Gerätschaften, als ein gedämpftes Stampfen meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und ehe ich darüber nachdenken konnte, hatte meine Neugierde über meinen Sinn für Höflichkeit gesiegt und ich war dem Geräusch in den hintersten Teil der Scheune gefolgt. Und dort fand ich sie.

      Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Ohren zuckten nach hinten, als sie mich sah. Die kurze Mähne stand wirr in alle RIchtungen ab, das dunkle Fell war rau und stumpf. Ihre Nüstern blähten sich, als sie ein nervöses Schnauben ausstießen, und ihr Vorderhuf scharrte ruhelos im Stroh.

      Sie war das schönste Wesen, das ich je gesehen hatte.

      "Shht, ist doch gut, Große, ist doch in Ordnung. Ich tue dir nichts, siehst du?" Langsam streckte ich die Hand in die Richtung der Stute aus, trat näher an die provisorische Box. Schief zusammengenagelte Bretter an zwei Seiten, aus viel mehr schien sie nicht zu bestehen, an den anderen Seiten grenzte sie an die Scheunenwände, wo eine momentan verriegelte Tür ins Freie führte. In der Ecke stand ein Plastikeimer, halb mit Wasser gefüllt, etwas Stroh bedeckte den Holzboden. "Ganz ruhig, hübsches Mädchen. Ich bin Leticia, und du?" - "Wie ich sehe, hast du unsere Garce kennengelernt." Ich zuckte so heftig zusammen, dass das Pferd ebenfalls einen erschrockenen Satz nach hinten machte, und drehte mich ertappt zu dem Mann um. "Garce? Ist das ihr Name?" Ein schepperndes Lachen war die Antwort: "Er passt gut zu ihr, findest du nicht?" Tat er das? Ich beschloss, nicht zu antworten, und lächelte nur unsicher. Garce - Sie nannten sie "Luder" und "Weibsbild", doch das sollte ich erst zu Hause mit meinem Wörterbuch rausfinden. Und dann sehr froh sein, nicht brav mit "Ja" geantwortet zu haben. "Sie ist sehr schön", sagte ich also stattdessen, denn das war auf jeden Fall die Wahrheit. "Mag sein. Aber sie ist verrückt. Komm, ich habe die Schleifmaschine gefunden."

      Ich schob einige Geldscheine über den Tresen, Antonique zählte sie flüchtig durch und ließ sie dann in der Kasse verschwinden. Draußen lud ihr Vater gerade die Maschine in meinen Kofferraum. "Danke, Leticia. Wir sehen uns sicher bald mal wieder." Mit einem Nicken stimmte ich ihr zu: "Spätestens, wenn ich die Maschine zurückbringe." Obwohl ich insgeheim auch nichts dagegen hätte, unsere Bekanntschaft auszuweiten. Eine Freundin in neuer Umgebung war Gold wert. Ich steckte mein Portmonnaie in die Hosentasche und wollte den Laden schon wieder verlassen, als mir noch etwas einfiel. "Antonique, sag mal - Euer Pferd, was macht ihr damit? Reitest du es?" Eine Hand schon auf der Türklinke musterte ich das rothaarige Mädchen interessiert. "Ich glaube nicht, dass man sie reiten kann", antwortete Antonique, und fügte nach kurzem Zögern hinzu: "Aber ich bin auch keine sehr gute Reiterin. Vermutlich würde sie mich sofort runterwerfen. Magst du Pferde?" Wieder nickte ich. "Ich bin zu Hause regelmäßig geritten. Ich vermisse es ziemlich, seit ich in Frankreich bin." - "Nun, wenn mein Vater nichts dagegen hat, kannst du dich um sie kümmern." Die Klinke bewegte sich unter meinen Fingern nach unten und ich zog die Hand zurück, im nächsten Moment schwang die Tür auf und Antoniques Vater trat ein. "Kümmern? Wer? Um wen?" Das Mädchen deutete auf mich. "Leticia um Garce. Sie sagte gerade, dass sie Pferde sehr mag." - "Ah!" Er verzog das Gesicht, "das ist vergeudete Zeit. Das Pferd ist misstrauisch und dumm." Misstrauisch, ja, aber dumm? Da müsste mich mein erster Eindruck von der Stute doch sehr getäuscht haben. "Monsieur, wenn Sie erlauben, würde ich es trotzdem gerne versuchen." Der Mann stemmte die Hände in die Hüfte und in diesem Moment war ich mir sicher, er würde Nein sagen. "Mon Dieu. Wenn du das Pferd so magst, nimm es mit. Ich habe keine Verwendung dafür.

      Ich schenk's dir. Aber sag dann nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."
    • Leaenna
      Annäherungsversuche - 1

      Für den heutigen Tag hatte ich geplant, mich erstmals mit meinem neuen Pflegepferd Garance zu beschäftigen. Nach einem stärkenden Frühstück und einem kurzen Anruf bei Antonique, von der ich mir versichern ließ, dass ich nicht ungelegen kam, steckte ich zwei Äpfel ein und schwang mich auf mein Fahrrad. Ich hatte heute nicht viel mit der Braunen vor. Wir mussten uns zuallererst einmal kennenlernen, ein wenig Vertrauen zueinander aufbauen.

      Garance sah mir bereits skeptisch entgegen, als ich mir meinen Weg durch die Scheune zu ihrer Box bahnte. Meine ausgestreckte Hand, mit der ich sie begrüßten wollte, ignorierte sie geflissentlich. Ein Freund von Streicheleinheiten schien sie nicht zu sein. "Na, wollen wir doch mal sehen. Ich denke, ich habe da etwas, das du mögen könntest." Ich konnte beoachten, wie Garances Nüstern sich weiteten, als ich einen der Äpfel aus meinem Rucksack holte. Ihre Ohren drehten sich nach vorne und dann machte sie den Hals ganz lang, ohne auch nur einen Schritt in meine Richtung zu tun. Ich bemühte mich, so still wie möglich zu halten, um sie nicht zu erschrecken. Als ich den warmen Atem der Stute auf der Haut spürte und sie den Apfel schließlich mit weichen Lippen von meiner Hand nahm, schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen.

      Eigentlich hatte ich vorgehabt, sie zu putzen oder vielleicht ein Stück zu führen, aber nun änderte ich meine Pläne kurzfristig. Ich wollte Garances Vertrauen und Freundschaft, nicht ihren Gehorsam. Und so setzte ich mich neben ihrer Box ins Heu und genoss einfach die Nähe des schönen Tieres, während ich ihr leise von mir und meinem Leben erzählte. Anfangs beäugte sie mich noch argwöhnisch, aber bald wurde meine Anwesenheit geradezu uninteressant und die Stute widmete sich ihrem Heu.

      Zum Abschied bekam sie den zweiten Apfel, dann fuhr ich wieder nach Hause. Es gäbe sicher Menschen, die behaupten würden, dass ich an diesem Tag rein gar nichts erreicht hatte. Aber wenn Garance mich bis zum nächsten Mal in positiver Erinnerung behalten würde, dann wäre das für mich schon genug.
    • Leaenna
      Annäherungsversuche - 2

      Als ich heute zu Garance kam, schien sie mich schon erwartet zu haben - oder vielmehr den Apfel, den ich mitbrachte. Ungeduldig sah sie zu, wie ich das Obst aus meinem Rucksack hervolholte und schnoberte regelrecht gierig danach. Kurz tätschelte ich ihre Nüstern, während die Stute den Apfel von meiner Handfläche nahm, doch sobald sie ihn im Maul hatte, zog die Braune ihre Nase von mir weg. Als Futtergeber war ich wohl ganz in Ordnung. Bis wir wirklich Freunde waren würde es dagegen wohl noch eine Weile dauern.

      Ich ließ mich nicht von Garances abweisender Art abhalten und schnappte mir ihr Halfter sowie einige Putzutensilien. Dann entriegelte ich die Boxentür und stand kurz darauf zum ersten Mal ganz schutzlos vor der Stute. Wenn sie mich jetzt angegriffen hätte... ich wollte gar nicht darüber nachdenken. Aber das tat sie nicht. Sie beobachtete mich lediglich mit einem skeptischen Ausdruck in den dunklen Augen, als ich nähertrat, und wandte den Kopf ab, als ich ihr das Halfter überstreifen wollte. Leise redete ich auf die Braune ein, streckte die Hand nach ihr aus, berührte sie sacht am Hals und kraulte meinen Weg vorwärts in Richtung Pferdekopf. Garance schien nicht begeistert zu sein, aber sie riss den Kopf nur einmal ein kleines Stück hoch und ließ das Anlegen des Halfters dann über sich ergehen, wofür sie gleich noch ein Stück Apfel bekam. Ich band die Stute an und begann vorsichtig, sie zu putzen. Sie war sehr hübsch und auch gut genährt, aber ihr Fell etwas ungepflegt und ihre Mähne an vielen Stellen verknotet.

      Wider Erwarten schien Garance das Putzen gar nicht so schlimm zu finden. Ja, nach den ersten Minuten, in denen sie noch sehr angespannt stand, entspannte sie sich bald spürbar. Kam ich in die Nähe ihres Bauches, so legte sie leicht die Ohren an, dort schien sie empfindlich zu sein und so ließ ich diese Stelle vorerst außen vor - Ich wollte Garance nicht unnötig ärgern und würde mich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal mit dieser Probblematik beschäftigen. Aber davon und von dem Hufe wegziehen beim Auskratzen abgesehen machte die Braune kaum Probleme. Als ich mit festem Strich ihren Hals säuberte, drückte sie sich sogar regelrecht genießend gegen meinen Striegel.

      Ich lernte Garance zunehmend besser kennen, ihre Vorlieben und Abneigungen. Ich empfand diesen Tag als großen Schritt, was unsere Vertrauensbasis zueinander anging.
    • Leaenna
      Annäherungsversuche - 3

      Die Dinge gingen langsam voran mit Garance, aber wie pflegte schon meine Mutter immer zu sagen: Eichhörnchen ernähren sich mühsam. Was ich mit der braunen Stute erlebte war anders als alles, was ich bisher aus Reitstunden mitgenommen hatte.

      Ich konnte nicht ankommen, sie aus ihrer Box holen, sie fertig machen, als wäre es das Normalste der Welt, denn für Garance war es nicht normal. Und bis ich sie eines Tages einmal reiten würde - bis dahin würden noch viele mühevolle Stunden ins Land ziehen, wenn es denn überhaupt einmal klappen sollte. Garance hatte kaum Vertrauen zu mir, auch nach Wochen noch nicht. Manchmal sah sie mir so aufmerksam entgegen, wenn ich kam, dass mein Herz vor Freude schneller zu pochen begann. Aber dann nahm sie doch nur den Apfel, den ich ihr stets zur Begrüßung mitnahm, aus meiner Hand, und zog den Kopf weg, sobald ich nach ihr greifen und sie streicheln wollte. Nein, sehr verschmust war sie offensichtlich nicht.

      Ich versuchte, mich an den kleinen Fortschritten zu erfreuen, auch, wenn es schwer für mich war. Ich konnte die Stute mitlerweile problemlos aufhalftern. Und wenn ich sie putzte, entspannte sie sich mit jedem Mal schneller, selbstverständlicher. Wenn ich mit ihr sprach, zuckten ihre Ohren in meine Richtung, auch, wenn sie gerade mit etwas anderem beschäftigt war - Fressen, vornehmlich. Ich hatte ihr Zusatzfutter besorgt. Ihr Fell gewann wieder an Glanz. Ihre verfilzte Mähne entwirrte und stutzte ich gewissenhaft. Bald gab sie mir ihre Hufe, ohne zu Treten zu versuchen. Irgendwann musste sie einmal sehr gut erzogen gewesen sein. Und sehr, sehr schön.

      Irgendwann würde sie es wieder sein. Und ich stünde dabei an ihrer Seite.
      Irgendwann würden wir Freunde sein. Ich wusste es einfach.
    • Leaenna
      Garances Geschichte

      Seit ich mich um Garance kümmerte, war ich regelmäßig auf dem kleinen Hof von Antonique und ihrem Vater, und Antonique und ich waren gute Freundinnen geworden. Es war wundervoll, hier in Frankreich jemanden zu haben, mit dem ich mich gut verstand und mit dem ich Zeit verbringen konnte, genauso wie es wundervoll war, wieder Kontakt zu einem Pferd zu haben. Sowohl das Verhältnis zwischen mir und dem Mädchen als auch das zwischen mir und der Stute schien täglich zu wachsen.

      Als ich letzte Woche auf den Hof gekommen war, um Garance zu putzen und ihre Box auszumisten, war Antonique gerade ebenfalls in der Scheune, wo sie herumräumte und etwas Ordnung schaffte. Kurzerhand beschloss ich, ihr zu helfen, denn zusammen konnte sogar so etwas durchaus Spaß machen. Wir räumten um und auf, wischten alte Regale, um sie dann einzuräumen, entfernten Spinnweben aus den Ecken und fegten den Boden. So ordentlich hatte es hier vermutlich schon lange nicht mehr ausgesehen. Ich war gerade dabei, einige alte Gartengeräte vom Staub zu befreien, als ich auf eine Art Holzbock stieß. "Nicky... Was ist das denn?" Ich stellte den Besen beiseite und griff neugierig nach der Decke, die wie zum Schutz über etwas hing, das wiederum auf dem Bock lag, und dieses etwas kam mir von der Form her nur zu bekannt vor. "Oh!" Antonique nießte zweimal, warf ihren Putzlappen dann in hohem Bogen in eine Ecke und kam im nächsten Moment an meine Seite, scheinbar froh um die Ablenkung. Sie antwortete, just in dem Moment, als ich die Decke auch schon beiseiteschob und vorsichtig mit den Fingern über das schwarze Leder strich. "Das ist Garces Sattelzeug." Obwohl so naheliegend, ging mir die Antwort seltsam nahe. Das Leder war steif und brüchig, es war lange nicht benutzt oder gepflegt worden. Ich legte die Decke nun gänzlich weg und förderte auch noch eine Trense zu Tage, deren Zustand ein Ähnlicher war. Es dauerte einen Moment, bis ich meine Stimme wiedergefunden hatte. "Warum reitest du sie nicht mehr?" Antonique zuckte mit den Schultern. "Ich hatte ehrlich gesagt nie etwas mit Pferden zu tun. Garce hat meiner Mutter gehört." Und zum ersten Mal, seit ich nach Frankreich gezogen war, Antonique kennengelernt hatte und mich um die braune Stute kümmerte, kamen mir zwei eigentlich ziemlich offensichtliche Dinge in den Sinn. Das erste war: Ich kannte Nickys Vater, doch ich hatte meine Freundin nie nach ihrer Mutter gefragt. Das zweite war: Ich wusste nichts über das Pferd, das ich in den letzten Monaten so in mein Herz geschlossen hatte. "Erzähl mir ihre Geschichte... bitte."

      „Also, eine spannende Geschichte ist es eigentlich nicht.“ Wir saßen mittlerweile mit zwei dampfenden Tassen Kakao in Antoniques Zimmer. Ich schloss die Finger um das warme Porzellan und sah den feinen Rauchschwaden dabei zu, wie sie sich in der Luft verloren. „Das spielt keine Rolle. Ich will ja auch kein Buch schreiben. Ich will die Stute nur besser verstehen lernen.“ Nicky lehnte sich mit einem Seufzen zurück. „Okay. Alles klar. Wo fange ich an? Dass Garce nicht wirklich Garce heißt, weißt du mittlerweile schon.“ Ich verzog das Gesicht. Ich hatte das Wort schon am ersten Abend nachgeschlagen. Die Übersetzung war nicht sehr nett. „Das ist, naja, ein Spitzname, den mein Vater ihr gegeben hat, seit sie so… so unfreundlich und argwöhnisch geworden ist. Das heißt, sie war schon immer ein eher misstrauisches Pferd, aber zwischen meiner Mutter und ihr gab es ein wirklich starkes Band. Meine Mutter war eine sehr gute Reiterin mit viel Pferdeverstand, den sie mir leider nicht vererbt hat.“ An dieser Stelle lachte Antonique leise auf, nur um kurz darauf sehr ernst zu werden, so ernst, wie ich das aufgedrehte Mädchen noch nie erlebt hatte. „Aber dann war Maman nicht mehr da. Ganz plötzlich. Es war ein Autounfall. Mit sowas… Mit sowas rechnet man nicht.“ Für einen Moment war es still. Ich fühlte mich unfähig, etwas zu sagen. Doch darauf schien Antonique auch gar nicht zu warten. Sie brauchte nur einen Moment, um sich zu sammeln, ehe sie weitersprach. „Garances Vertrauensperson war also weg, und mein Vater und ich, wir kamen beide nicht so wirklich mit ihr klar. Vielleicht wollten wir auch gar nicht wirklich mit ihr klarkommen, wenn ich ganz ehrlich bin. Sie war doch Mamans Pferd. Sie zu verkaufen war aber auch nie eine Option, weil – Naja, aus demselben Grund.“ Das war nicht ganz fair gegenüber dem Pferd, dachte ich unwillkürlich, doch auf der anderen Seite hatte ich Verständnis für das Verhalten von meiner Freundin und ihrem Vater. Es war nur menschlich. Sie hatten die Erinnerung an ihre Mutter und Ehefrau nicht so einfach weggeben wollen. „Wir hatten erst noch einen alten Wallach, der Garance Gesellschaft geleistet hat, aber der ist dann gestorben. Und seitdem stand sie eben alleine und wurde von Tag zu Tag unwilliger und hat uns immer weniger an sich herangelassen. Bis du kamst. Ich finde es – Ich finde es so schön, dass du dich so um sie kümmerst. Wirklich.“ Mit dem neuen Wissen über Garance und ihre Vergangenheit bedeuteten diese Worte mir umso mehr. "Ich könnte... Also, ich könnte die Sachen wieder in Schuss bringen. Den Sattel und die Trense. Mit ein bisschen Sattelseife sollte das wieder werden. Das Leder hat sehr gute Qualität." Noch während ich mich fragte, ob das wirklich die richtige Antwort auf Antoniques Lob gewesen war, sprang sie schon freudig auf und zog mich ebenfalls auf die Beine. Das war das dauerhaft gutgelaunte Mädchen, das ich kennengelernt hatte! „Ohja! Wir haben bestimmt noch welche in der Scheune. Lass uns gleich nachsehen.“

      Zwei Tage später stand ich vor Garances Box, in meiner Hand statt, wie sonst, das Halfter, heute die geputzte und in Schuss gebrachte Trense, neben mir Antonique, den Sattel über dem Arm, und zum ersten Mal seit langem bereitete mir der Besuch bei der Stute mal wieder Herzklopfen vor Nervosität. Eigentlich war es albern. Ich umsorgte die Braune fast täglich, mittlerweile war das gar kein Problem mehr, weder das Eintreten in ihre Box, noch das Aufhalftern, geschweige denn das Putzen. Warum sollte sie auf eine Trense sehr viel anders reagieren als auf ein Halfter? „Okay, mein Mädchen. Dann wollen wir mal.“ Mit zittrigen Fingern löste ich den Riegel, der die Box verschloss, und schob mich hinein. Ich trat neben Garance, die von ihrem Heu aufsah und mich auf der Suche nach einem Leckerli neugierig abschnoberte, nur um festzustellen, dass ich keines in der Hand hatte. Sie wollte sich schon wieder abwenden, als ich die Hand ausstreckte und sie vorsichtig am Kopf festhielt. Sanft strichen meine Finger über die Blesse auf dem Nasenrücken der Stute – Ob ich damit eher sie oder eher mich selbst beruhigen wollte, dessen war ich mir selbst nicht ganz sicher. Schließlich hob ich die Trense vor ihren zierlichen Kopf und das Gebiss vor ihre sanften Lippen. Es dauerte nicht einmal Sekunden, da öffnete Garance wie selbstverständlich den Mund für das Metallteil, und mein Mund klappte im selben Moment vor lauter Erstaunen auf. Noch während mein Kopf dabei war, zu verarbeiten, wie einfach gerade alles von Statten gegangen war, schlossen meine Finger ganz von alleine die Schnallen der Trense, die Bewegungen waren mir in den letzten Jahren so selbstverständlich geworden, dass ich nicht darüber nachdenken musste. Erst Antoniques Worte rissen mich aus den Gedanken: „Sie sieht so edel aus damit!“ Der Blick meiner Freundin hing aus glänzenden Augen auf der Braunen – Waren das Tränen in ihren Augen? Aber sie hatte Recht. Garance sah wundervoll aus. „Gib mir den Sattel“, bat ich leise, nahm den schwarzen Sattel von Nicky entgegen. Sanft bettete ich ihn auf den Rücken der Stute. Nur ganz kurz schlug sie unwillig mit dem Schweif, als ich den Sattelgurt festmachte, und ich zuckte schon vor Schreck zusammen, doch mehr passierte nichts, sie war bloß kitzlig am Bauch, ich wusste das, eigentlich. Mittlerweile schluchzte Antonique wirklich. „Los, führ sie hinaus, Leticia.“ So weit hatte ich gar nicht gedacht. Ich war noch nie mit Garance außerhalb der Sicherheit ihrer Box oder Weide gewesen.

      Antonique hielt uns die Boxentür auf und ich führte die Braune langsam am Zügel hinaus. Kaum hatten wir die Scheune verlassen, warf sie den Kopf hoch und tänzelte einige Schritte neben mir her, die Nüstern geweitet und aufgeregt schnaubend. Beschwichtigend redete ich auf sie ein, und zu meiner Erleichterung half es. Sie beruhigte sich, sah sich nunmehr nur noch interessiert um, und nachdem wir einige Schritte gegangen waren, schnaubte sie sogar ab. „Sie ist wunderschön“, sagten Antonique und ich gleichzeitig – Dann mussten wir beide lachen. Garances Ohren zuckten in unsere Richtung, misstrauisch beäugte sie uns, dann jedoch schien sie zu beschließen, dass die Rasenfläche in der Mitte des Hofes ihre Aufmerksamkeit mehr verdient hatte als wir Mädchen, und senkte ihr Maul in das Gras.
    • Leaenna
      Vom Freundewerden - 1

      Über Monate hinweg hatte es zu meinen täglichen Aufgaben gehört, Garance zu füttern, zu tränken und zu putzen. Wir hatten uns einander langsam angenähert und sie akzeptierte mich mittlerweile anstandslos in ihrer Nähe - Ein Umstand, den ich noch vor einem halben Jahr für völlig undenkbar gehalten hätte. Seit ich die Geschichte der Stute kannte, glaubte ich, sie noch etwas besser verstehen zu können als vorher. Und seit ich ihren alten Sattel und ihre Trense wieder in Schuss gebracht hatte, war ein neuer Aspekt in unserer täglichen Arbeit hinzugekommen, der uns, ganz allmählich, dem utopischen Ziel näherbrachte, Garance eines Tages zu reiten: Das Spazierengehen.

      Es war ein großer Schritt, mit Garance spazieren zu gehen. Es stärkte Stück für Stück ihr Vertrauen in mich. Zu Beginn war sie noch regelrecht weltfremd und zuckte vor allem zurück, doch nach einigen Wochen lief sie in den meisten Situationen gelassen neben mir her. Ich rief mir selbst ins Gedächtnis: Sie war ja das alles auch irgendwann mal gewöhnt gewesen. Es war nur in Vergessenheit geraten.

      Heute schlug ich mit der Braunen am Zügel den Weg in die Felder ein. Die Sonne schien sich nach dem langen Winter langsam wieder herauszutrauen und das Wetter - Kühl, aber klar - ließ keine Wünsche offen. Hier und da sprossen schon die ersten Blüten. Der Tag fühlte sich an wie aus einem Roman von Fitzgerald gepflückt. 'Life was beginning over again with the summer'. Die Hufe der Stute trappelten nur dumpf auf dem Feldweg, irgendwo sang ein Vogel. Wir kamen an einen sanft gluckernden Bach und folgten ihm eine Weile, ehe ich beschloss, nach links abzubiegen und eine kleine Steigung hinaufzugehen, ehe wir uns zu weit von zu Hause entfernten. Ich war gerne draußen unterwegs und es war noch viel schöner, dabei nicht alleine zu sein. Leise unterhielt ich mich mit Garance, erzählte ihr, was bei mir so in der letzten Woche losgewesen war und musste lachen, als ich ein leises Schnauben als Antwort bekam, streckte unwillkürlich die Hand aus und tätschelte der Stute den glänzenden Hals. Ein Spaziergänger mit Hund, der uns entgegenkam und freundlich grüßte, ließ Garance völlig kalt, nur einmal erschreckte sie sich ein wenig vor einem Radfahrer - Doch mit einigen beruhigenden Worten konnte ich ihre Aufmerksamkeit nur Momente später wieder auf mich lenken. Schließlich kehrten wir nach etwa einer Stunde auf den Hof zurück. Für mehr reichte Garances Ausdauer momentan noch nicht, aber auch daran würden wir noch arbeiten.
    • Leaenna
      Vom Freundewerden - 2

      Es war kaum zu glauben, dachte ich noch, als ich heute Morgen einen Blick auf meinen Kalender warf, und meinte damit nicht den Zahnarztkontrollbesuch, der mir schon bald wieder mal bevorstand. Ich kannte Garance tatsächlich schon bald ein Jahr lang. War das zu fassen! Während ich in meinem Kaffee rührte, erlaubte ich mir einen Moment der Reflexion. Wie viel hatten wir in der Zeit erreicht? Die Stute ließ sich problemlos von der Weide holen, putzen, satteln, trensen und führen, und das auch im Gelände. Ihre Ausdauer wurde in letzter Zeit spürbar besser und sogar an ungewohnte Situationen ließ sie sich mittlerweile ganz gut heranführen, solange ich in ihrer Nähe war. Ja, das war sicher ein Vertrauensbeweis - Wenn Garance auch manchmal eine etwas seltsame Art hatte, sowas zu zeigen. Fakt war, auch wenn es im Alltag manchmal schwierig war, die langsamen Fortschritte zu sehen. Betrachtete man sie einmal aus der Ferne, waren sie da. Ganz allmählich schien das regelmäßige Training mit Garance Früchte zu tragen.

      Heute ging ich mit ihr nach der üblichen Begrüßungsroutine mit einer Longe und einer Peitsche bewaffnet auf den Reitplatz. Laut Antonique war sie früher sogar Turniere gegangen. Dann sollte ihr ein bisschen Longieren nicht ungeläufig sein. Und tatsächlich - Die Stute enttäuschte mich nicht. Zuerst trabte sie ungefragt an, warf den Kopf hoch und beäugte ihre Umgebung grummelnd. Aber das war mir nichts neues, unsere Spaziergänge begannen meistens genauso. Ich wusste mittlerweile, dass sich dieses Verhalten stets nach einigen Minuten legte. Und als Garance dann allmählich zur Ruhe kam, zeigte sich zumindest eines sehr deutlich: Was wir hier taten war ihr nicht fremd. Sie hielt ihren Kreis ein und kam mir nicht zu nahe. Wenn eine von uns beiden hiermit Probleme hatte, dann war wohl eher ich das. Ich hatte echt lange nicht mehr longiert und war es nicht mehr wirklich gewöhnt - Bald hatte ich ein ziemliches Longenchaos auf der Hand. Aber Garance ließ sich davon nicht stören und so beschloss auch ich, es erstmal zu ignorieren. Mit geröteten Wangen warf ich einen Blick in Richtung Haus. Ich hoffte nur, dass mich niemand bei dieser Blamage beobachtete.

      Ein bisschen Schritt, ein bisschen Trab, ein Handwechsel, dann das gleiche andersrum. Mehr musste heute noch nicht sein. Eigentlich hatte ich ja auch nur mal ausprobieren wollen, wie Garance sich so an der Longe anstellte, und gar nicht mit einer so positiven Reaktion gerechnet. Aber jetzt, wo ich wusste, wie gut das klappte, würde ich an dieser Stelle weitermachen. Immerhin galt es, ordentlich Muskulatur aufzubauen... Wenn ich vorhatte, Garance eines Tages zu reiten.

      "Du bist ein tolles Pferd. Lass dir von niemandem etwas anderes erzählen."
      Mit einer großen Karotte entließ ich die dunkle Stute nach einem erfolgreichen Tag auf die Koppel.
    • Leaenna
      Auf dem Rücken der Pferde...

      „Es kann so nicht weitergehen!“, erklärte ich Antonique, als ich mit Garance vom einem ausgedehnten Spaziergang zurückkehrte. Ich trenste die Stute ab und entließ sie mit einem lobenden Halsklopfen auf die Weide. Sofort senkte sie ihr Maul in einen nahen Wassertrog. „Was kann so nicht weitergehen?“ Die Augen meiner Freundin wanderten über die Braune, dann zu mir, und sie zog fragend eine Augenbraue hoch. Die Unsicherheit stand ihr ins Gesicht geschrieben und sofort taten mir meine unüberlegten Worte leid. Ich wusste, was sie befürchtete: Dass ich das Interesse an Garance verlor. „Ich liebe Garance“, erklärte ich schnell, während ich auf den Koppelzaun kletterte. Ich rieb mir mit der Hand über die müden Beine. So ein langer Spaziergang mit Pferd war etwas Wunderschönes, aber auch anstrengend, wenn man nur nebenherlaufen, statt draufsitzen konnte. „Und ich liebe die Arbeit mit ihr. Aber ich vermisse es, auch mal wieder auf einem Pferd zu reiten, verstehst du?“ Meine Freundin nickte. „Natürlich verstehe ich das.“

      ~

      „Aber nicht schummeln! Los, mach die Augen zu!“ Ich tat, wie mir geheißen, hörte, wie Antonique die Beifahrertür zuschlug, einmal um den Wagen herumlief und dann neben mir auf der Fahrerseite einstieg. Blind tastete ich nach dem Sicherheitsgurt. Ein Lachen perlte über meine Lippen. „Oh, Gott, Nicky. Ich kann nicht während der Fahrt die Augen geschlossen halten. Mir wird bestimmt schlecht!“ Zwei Wochen waren seit unserem Gespräch über das Reiten vergangen, vor drei Tagen hatte mir meine Freundin dann angekündigt, ich solle mir das Wochenende ja freihalten, sie habe eine Überraschung für mich. Manchmal, wenn Leute einem so etwas sagen – „Ich habe eine Überraschung für dich“ – dann, machen wir uns nichts vor, weiß man insgeheim schon ganz genau, was sie vorhaben, man sagt es nur nicht, man will das Strahlen in ihren Augen nicht zerstören. Aber in diesem Fall hatte ich tatsächlich keine Ahnung, was das Mädchen mit mir vorhatte. Und doch – Ich freute mich wahnsinnig. In der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich nun schon in Frankreich lebte, war ich einem Menschen hier wichtig genug geworden, als dass sie überhaupt in irgendeiner Form etwas für mich plante. Alleine das war ein wunderbares Gefühl. „Na gut, na gut. Mach die Augen wieder auf. Ich möchte nicht, dass dir übel wird. Ich brauche dich gleich im Vollbesitz all deiner Kräfte!“ Mit diesen Worten legte Antonique den Gang ein und fuhr los.

      „Oh sieh nur, Pferde!“ Zwanzig Minuten später deutete ich aus dem Autofenster. Rechts und links von der Straße, auf der wir fuhren, erstreckten sich einige Weiden und man konnte eine kleine Herde zufrieden grasen sehen. Antonique stieß ein Schnauben aus, das dem der Tiere fast Konkurrenz machen konnte, aber ich gab nicht viel darauf. Ich wusste, dass meine Freundin nicht viel mit Pferden am Hut hatte und das war in Ordnung. Man musste ja nicht alle Hobbies teilen. Wir hielten auf einem kleinen Hof und Antonique bedeutete mir, auszusteigen. Neugierig sah ich mich um, bestaunte ein hübsches, altes Fachwerkhaus und – War das ein Stallgebäude? Es sah fast so aus. Lange blieben wir nicht alleine, denn die Tür des Fachwerkhauses öffnete sich und ein dunkelhaariger Mann trat heraus. Sicher hatte er unser Auto gehört. „Bonjour! Schön, dich wiederzusehen, Antonique. Und du“, sein herzliches Lächeln streifte mich, „musst Leticia sein. Rousseau freut sich schon auf dich.“

      „Oh sieh nur, Pferde!“, frotzelte Antonique. Ich stieß ihr spielerisch einen Ellenbogen in die Seite, nicht fest. Und als ich versuchte, ihr einen bösen Blick zuzuwerfen, konnte ich nicht verhindern, dass meine Mundwinkel von dem unterdrückten Grinsen zuckten. „Du bist echt doof! Aber ich danke dir so sehr. Das ist eine tolle Überraschung.“ Liebevoll strich ich dem kleinen Wallach über den Hals, brav lief er neben mir her, von der Weide in Richtung Putzplatz. Das hatte meine Freundin also heimlich geplant und organisiert! Einen gemeinsamen Ausritt für uns beide. Was für eine wundervolle Idee. „Du meine Güte. Ich habe seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen.“ Antonique wurde tatsächlich ein bisschen rot. „Das war immer eher Mamans Hobby, nicht meins.“ „Das wird schon“, ermutigte ich sie, „Wenn ich dich daran erinnern darf – Ich bin auch sehr lange nicht mehr geritten.“ Fix putzten und sattelten wir die beiden Tiere, dann schwang ich mich vorsichtig in den Sattel. Ich spürte den Braunen unter mir, drückte die Beine sanft gegen seinen Bauch und atmete auf. Wie hatte ich so lange ohne das Reiten leben können?

      ~

      Bücher, Filme, Serien, wo immer man hinsieht, wird man mit kitschigen Happy Ends überhäuft. Und so gerne ich mich auch selbst in ein gutes Buch vertiefe, so sehr muss ich gestehen, dass ich Happy Ends hasse. Sie vermitteln ein falsches Bild vom Leben. Nicht, weil es im Leben keine wundervollen Augenblicke gibt – Sondern weil das Leben danach nicht einfach aufhört.

      Der Moment, in dem ich nach so langer Zeit endlich wieder auf einem Pferd saß, neben mir meine beste Freundin, vor uns nur der Horizont, und in der trägen Stille eines Sommernachmittags nichts als das Zwitschern der Vögel, das Trappeln der Hufe und unser leises Lachen. Das war der Moment, in dem der Abspann hätte laufen müssen, das kitschig-glückliche Happy End eines Kleine-Mädchen-Films. Aber er tat es nicht. Natürlich tat er es nicht. Das Leben – und das ist das große Geheimnis daran – geht einfach immer weiter. Nichts bleibt jemals, wie es ist. Gute Dinge geschehen und vergehen. Schlechte Dinge geschehen. Und vergehen ebenso.

      ~

      „Wie meinst du das, Rousseau ist nicht mehr da?!“ Hilflos zuckte der Stallbesitzer mit den Schultern. Antonique hatte mir mal gesagt, wie alt er war. 34. Er sah in diesem Moment viel älter aus. „Er wurde verkauft. Aber ich dachte mir, vielleicht möchtest du mal Elodie reiten. Oder Ingénue.“ Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen. Vielleicht war es übertrieben. So gut hatte ich Rousseau nach ein paar Mal Reiten noch nicht gekannt. Aber die ganze Situation erschien mir so verdammt unfair. „Achja? Und nach wie vielen Malen Reiten werden die dann verkauft?“ Éric zuckte unter meinen Worten sichtbar zusammen und ein seltsames Gefühl der Genugtuung machte sich in meiner Magengegend breit. Sekunden später hätte ich mich dafür am liebsten selbst geohrfeigt.

      „Ich wusste nicht, dass der Stall sich in Auflösung befindet. Es tut mir leid, Leticia.“ Antonique sah so niedergeschlagen aus, dass ich nicht anders konnte, als sie spontan in den Arm zu nehmen. „Ich wollte dir nur eine Freude machen, indem du mal wieder Reiten kannst“, fuhr sie fort und ich nickte, spürte, wie ihr Haar meine Nase streifte. „Ich weiß, Nicky.“

      Ein leises Räuspern riss uns aus der stillen Zweisamkeit. Éric stand in der Tür und knetete nervös seine Hände. Ich schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln. Ich hatte ihn vorhin nicht anfahren wollen. „Elodie und Ingénue“, versuchte er es noch einmal, „würden sich sehr freuen, wenn ihr heute mit ihnen ausreitet. Ich kann euch nicht versprechen, wie lange sie bleiben werden. Alle stehen zum Verkauf. Aber in der Zwischenzeit… “ Diesmal nickte ich. „Sehr gerne, Éric.“

      Mit freundlichen Augen sah mir die helle Ponystute entgegen. Ich vergrub die Finger in ihrer Mähne, atmete tief ein und aus. Spürte, wie sie begann, sanft mit den Lippen an meiner Schulter zu schnobern. „Du bist also Ingénue, hm? Na dann wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht auch Freundinnen werden können. Zumindest so lange, bis auch du einen neuen Besitzer findest."

      Oder darüber hinaus. Aber woher hätte ich das damals schon wissen sollen.
    • Leaenna
      Trainingsfortschritte - 1

      "So." Ich ließ einen Stapel Bücher auf die riesige Radkappe des alten Traktors fallen, der neben Garances Box in der Scheune lagerte. Verdutzt streckte die dunkle Stute den Hals, um an meinen seltsamen Mitbringseln schnuppern zu können. Das waren nicht die Leckerlies, die sie erwartet hatte. Nein, das waren meine Weihnachtsgeschenke; Fachbücher, die ich mir von Freunden und Verwandten gewünscht hatte. 'Wege zum Pferd', 'Basis des Vertrauens', 'Die Doppellonge', 'Schrecktraining für Pferde'. Ziemlich hochtrabende Titel. Mal sehen, was sie mir bringen würden. "Und das alles für ein Pferd, das dir nicht einmal gehört", hatte meine Mutter geseufzt. Aber, bei aller Liebe, die ich ihr entgegenbrachte; wie sollte sie das schon verstehen. "Dann wollen wir mal sehen, Garance. Neues Jahr, neues Glück. Ich habe dieses Jahr viel mit dir vor, weißt du?" Wenn es möglich war, wurde ihr Blick noch ein wenig verwirrter. Mit einem Lachen schnappte ich mir ihre Putzsachen und entriegelte die Boxentür.

      "Das Longieren an der Doppellonge ist wie Reiten mit Fernsteuerung", las ich aus dem Buch vor, das auf dem Zaun lag, während ich mich bemühte, die zwei Longen so zu greifen, wie es auf der Seite abgebildet war. "Diese Art des Longierens kommt dem Reiten sehr nahe, weil Sie besser auf das Pferd einwirken können." Unwillkürlich durchfuhr mich ein Schwall der Euphorie, so sehr, dass ich erstmal alles prompt wieder fallen ließ. Dem Reiten sehr nahe, echote es in meinem Kopf. Wir kamen unserem Ziel also langsam näher. Longieren klappte ja mittlerweile schon einwandfrei. Im Vorfeld hatte ich außerdem bereits ausgetestet, wie heftig Garance auf die Berührung an den Hinterbeinen reagierte und in diesem Zusammenhang mit ihr geübt. Ich selbst hatte vor Jahren schonmal mit der Doppellonge gearbeitet und musste im Grunde nur wieder richtig hineinkommen. Gar keine so schlechten Voraussetzungen.

      Es funktionierte - Es funktionierte tatsächlich. Nach ein paar Startschwierigkeiten, die vermutlich hauptsächlich mir geschuldet waren, lief Garance eine halbe Stunde ordentlich im Trab an der Doppellonge. Vorsichtig stellte und bog ich sie mit den beiden Longen, wie es mir mit nur einer nicht möglich gewesen war. Die Stute kaute klappernd auf ihrem Gebiss und ließ schließlich den Kopf locker fallen. Mit einem Loben parierte ich sie durch. Na, also. "Das war wunderbar, mein Mädchen." Das sollte für heute auch schon reichen. Wenn Garance mir im Laufe des letztetn Jahres eines beigebracht hatte, dann Geduld. Bei ihr musste man alles kleinschrittig angehen. Aber dann hatte man bald um so größeren Erfolg.
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  • Album:
    Les Ponceaus
    Hochgeladen von:
    Leaenna
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    21 Mai 2014
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    Garance

    Garance ist eine intelligente, aber dominante Stute, die aufgrund ihres Temperaments nicht in Anfängerhände gehört. Viele unterschätzen die Braune und sehen in ihr nur ein Problempferd, doch unter dem Sattel ist sie nicht einmal unwillig - Sondern extrem feinfühlig und nun einmal schnell aufbrausend. Ihre stolze, fast etwas hengstige Art macht sie durchaus zu einer talentierten und äußerst edel anzusehenden Tanzpartnerin in der Dressur, wenn man erst einmal mit ihr umzugehen weiß und die richtige Mischung aus "Anleiten" und "Gehen lassen" gefunden hat. Die größte Barriere, die zwischen Garance und dem Menschen steht, ist jedoch die tiefe Skepsis, die die Stute jedem entgegenbringt, der auch nur in ihre Nähe kommt. Sie ist nicht der Typ Pferd, der einem auf der Weide entgegengelaufen kommt, und wer in ihr eine Freundin sucht, die einen anbrummelt, wird enttäuscht feststellen müssen, dass diese Stute sich nicht so einfach vermenschlichen lässt. Es ist nicht so, dass sie Freundlichkeit nicht zu schätzen weiß. Garance zeigt auch von sich aus durchaus Zuneigung auf ihre ganz eigene, etwas spezielle Art und Weise. Aber bevor es soweit kommt, will sie erst ganz genau wissen, wem sie vertrauen kann. Und das braucht Zeit.

    Steckbrief

    Rasse Trakehner
    Geschlecht Stute
    Geboren 2008
    Farbe Brauner
    Stockmaß 1,67 m

    Abstammung

    Von Garant II
    Aus Colorée

    Qualifikationen

    Reitstil Englisch

    Dressur A
    Springen A
    Fahren E
    Wendigkeit E
    Galopprennen E
    Western E

    Military E
    Distanz E

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    Gesundheit

    Letzter Tierarztbesuch:
    xx.xx.xxxx

    Letzter Hufschmiedbesuch:
    xx.xx.xxxx


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    Offizieller Hintergrund
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