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Mohikanerin

/ Form Follows Function LDS [20/20]

a.d. Middle Ages, v. Vintage

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/ Form Follows Function LDS [20/20]
Mohikanerin, 1 Aug. 2021
Zion, Muemmi, Veija und 3 anderen gefällt das.
    • Mohikanerin
      Dressur E zu A | 6. August 2021

      Form Follows Function LDS

      Form zeigte sich als junges Pferd schon alles etwas Besonderes. Sie gehört mit zu den ersten Zuchtfohlen, die unter mir als Züchter das Licht der Welt erblickten. Damals noch als AV, wurde sie im Laufe des Umzuges als LDS eingetragen. Bevor ich das erste Mal auf ihr sitzen konnte, vergingen beinah zwei Jahre. Mit dreieinhalb holten wir sie hoch in die Stallungen und gab ihr einige Tage Ruhe, bis das erste Training begann. Da sie das Halfter bereits kannte und sich anfassen ließ, ging es mit dem Stillstehen am Anbinder los, begleitet mit ersten Übungen im Roundpen. Form präsentierte sich als ein sehr unsicheres Pferd, das nicht nur volles Vertrauen zu seinem Reiter benötigte, sondern auch motiviert werden musste. Die Zeit verging und sie besserte sich nicht, weswegen die Stute wieder auf die Jungpferdeweide kam. Ein Jahr später war Form zu einem neugierigen aufmerksamen Pferd herangewachsen, dass gezielt nach einer Aufgabe suchte. Das Stillstehen am Anbinder funktionierte ausnahmslos und auch im Roundpen besserte sich zunehmend ihre Auffassungsgabe.
      Routine langweilte sie und forderte neue Lektionen, so entschied ich nach Absprache mit einer Osteopathin mit der Arbeit unter dem Sattel zu beginnen. Wir suchten eine Weile nach dem passenden Modell für sie bis ich den Nolan von Vintage wählten und ein Korrekturpad zwischen Rücken und Schabracke legten. Somit musste der Sattel nicht ständig angepasst werden. Die Kammer passte perfekt und auch die Länge drückte nirgendwo am Rücken. Dreimal die Woche arbeitete ich mit Form in der Halle, als auch auf dem Platz. Wöchentlich kam Bruce dazu, um uns bei dem Anreiten der Rappstute zu unterstützen. Sie lernte rasant und ihre Muskulatur baute sich ungewohnt gut auf. Unterstützend bekam sie Zusatzfutter und tägliche Einheiten auf dem Laufband oder Aquatrainer. Ich war die erste Person, die auf ihr saß und bis heute auch die Einzige. Gegenüber Fremden wurde Form unsicher, verfiel in alte Muster und war schnell überfordert.
      Die Stute arbeitete motiviert auf dem Platz und präsentierte sich als Reitpferd deutlich sensibel auf die Hilfen. Selbst bei der ersten Arbeit mit Cavaletti und sehr niedrigen Sprüngen verließ sie sich auf mich. Ich entschied sie nicht für die Rennbahn vorzubereiten, auch durch den Mangel am Rennpass. Selbst ihr Tölt war wenig bis gar nicht ausgeprägt, was Form follows Function besonders interessant für ambitionierte Turnierreiter machte. Mich reizte es nicht mehr an Sportturnieren teilzunehmen. Mir fehlte nicht nur die Zeit, sondern auch die Leistung auf dem Pferd. Ich entwickelte mich immer mehr zum Trainer und im Frühling bestand ich mit nur wenigen Fehlerpunkten meinen Trainerschein A. Die Planung zum Sportrichter stand auf meiner To-do-Liste, hatte jedoch noch reichlich Zeit. So konnte ich mich auf die Zucht konzentrieren und weiter die Jungpferde betrachten. Mit Form verbrachte ich zunehmend mehr Ritte im Wald und richtete meine Aufmerksamkeit auf ihre Zuverlässigkeit sowie Trittsicherheit. Folke sagte immer, wir würden unsere Zeit im Wald vertrödeln, doch ich denke, dass genau diese Ausritte Form zu dem machten, was sie heute war.
      Übergänge aus dem Stand und in den Stand gelangen immer besser und waren eine Steigerung zu dem Schritt-Galopp Übergang. Das Überstreichen der Zügel machte überhaupt keine Probleme und auch Bahnfiguren wie Schlangenlinien funktionierten ohne Zügelkontakt. Ich bildete sie nicht nach der klassischen Ausbildungsskala aus, sondern betrachtete verschiedene Aspekte der Reitkunst. Sie verstand bereits entspannt in der Dehnung zu laufen, was dabei den Widerrist mobilisieren und den Rücken merklich zu lockern. Ein Gangpferd war sie am Ende des Tages immer noch. Anders als bei der traditionellen Dressur begannen wir vom Boden aus die ersten Biegungen und Stellungen zu erarbeiten, um daraus Seitengänge zu reiten. Das sorgte dafür, dass Form sich ausbalancierte und gerade richtete. Im Hinterkopf schwebten weiterhin die Aufgaben der traditionellen Dressur, denn die Reitkunst war weniger verbreitet aufgestellt. So ritt im Schritt die Stute warm, mit den Gedanken auf den bisherigen Verlauf.

      © Mohikanerin // Tyrell Earle // 8254 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Juli 2018}
    • Mohikanerin
      Nationalteam XV | 14. August 2021

      Satz des Pythagoras // Glymur // St. Pauli’s Amnesia // Snúra // Form follows Function LDS
      Legolas // El Pancho // Vakany// HMJ Divine// Blue Heart// Walking On Sunshine// Lady Moon// Keks // Colour Splash


      Lina
      Nachdem alle begann sich zu verstreuen, um ihre Pferde zu holen oder sich noch umzuziehen bevor es losging, verschwand auch ich erst einmal auf mein Zimmer. Mein Bikini hing noch im Bad, denn auch wenn gestern eigentlich Divine hätte baden gehen sollen, war auch ihr ausreichend nass dabei geworden. Zügig schlüpfte ich in besagtes Kleidungsstück, zog die Jeanshort und das gelbe Crop Top wieder über und machte mich auf den Weg um Legolas von der Koppel zu holen. Dem Rapphengst wurde eine kleine Abkühlung sicher ganz guttun. Dort angekommen erblickte ich eine leere Weide. Sicherlich standen die Pferde irgendwo in dem Wäldchen. Da ich nur wenig Lust hatte mich von den Büschen im Unterholz zerkratzen zu lassen, rief ich nach dem schwarzen Hengst. Ungefähr nach einer Minute kam er zwischen den Bäumen hervor gelaufen. Mit freundlich aufgestellten Ohren kam der große Hengst angetrottet. Zum Glück hatte er heute kein halbes Kilo Kletten eingesammelt.
      “Na Lego, Lust auf eine Abkühlung”, begrüßte ich den Rappen und hielt ihm ein Leckerli vor die rosa Schnauze. Sanft nahm er mir den Leckerbissen von der Handfläche und während er genüsslich darauf herumkaute, hängte ich den Strick in sein Halfter.
      Ich Stall angekommen putzte ich ihm nur schnell den Kopf über. Da die kleine Wunde in seinem Maulwinkel immer noch nicht ganz verheilt war, holte ich den LG Zaum, den ich auch schon gestern verwendet hatte und trenste Legolas. Am Zügel führte ich ihn aus dem Stall. Draußen warteten Chris, Erik und Vriska bereits, letzte saß auch schon auf ihrem Pony und auch Alec und Jace kamen gerade um die Ecke, allerdings ohne Pferd.
      “Kommt Samu auch mit?”, fragte ich die beiden.
      “Jap, der ist gerade los um Vakany zu holen”, beantwortete Alec freundlich meine Frage.
      “Und ihr nehmt kein Pferd mit?” Ein wenig verwundert war ich ja darüber, weil gerade Jace eigentlich immer ein Pferd nahm, wenn es darum ging irgendwo hinzulaufen.
      “Nein, Alec wollte nicht und ich bin deshalb solidarisch”, erklärte Jace und sah dabei auf sein Handy. So mäßig motiviert wie er darauf herumscrolle schien er seinen Instagram Feed anzusehen. Das Hufgeklapper hinter mir, verriet mir, dass nun auch Samu eingetroffen war. Offenbar hatte er mitgedacht, denn die Stute war bereits getrenst. Er hielt Kany neben mir an und schwang sich mehr oder weniger elegant auf ihren blanken Rücken. Fehlte also nur noch Niklas. Als ich ihm gerade schreiben wollte, bog er zusammen mit Ju und der Stute Amnesia zu uns ab. Er selbst hatte keins seiner Pferde dabei. Wen auch immer sie etwas beweisen wollten, trugen sie keine Shirts, was man bei den Temperaturen ihnen nicht verübeln konnte. Interessiert musterte Vriska Ju und auch Erik freute sich ihn zusehen. Freundlich begrüßten sie einander und Niklas lief zielgerichtet zu mir.
      „Wow, offenbar kannst du Gedanken lesen, ich wollte dir gerade schreiben, wo du bleibst“, empfing ich ihn freundlich.
      „Ich versuchte Smooth zu überzeugen, aber sie wollte lieber auf der Weide bleiben. Dann können wir los, va?“, erwiderte er erfreut und setzte seine Sonnenbrille auf, die zuvor in seinem gegelten Haar lag. Oder viel mehr klebte.
      “Verständlich bei dem Wetter”, schmunzelte ich und führte Legolas zur Aufstiegshilfe, denn im Gegensatz zu Samu würde ich es wohl kaum vom Boden aus auf mein Pferd kommen. Schon von selbst parkte der Hengst dort ein, sodass ich auf seinen Rücken klettern konnte.
      “Na dann mal los”, forderte ich die anderen auf und trieb Lego in den Schritt. Auch der Rest der Truppe begann sich in Bewegung zu setzen.
      “Niklas, mir ist da übrigens noch was eingefallen, was ich dich fragen wollte. Gestern als du mir die Hengste für Smooth gezeigt hast, meintest du Vintage fällt weg, wenn das mit Form passt. Wer oder was ist Form?”, fragte ich Niklas, der neben mir herlief. Tatsächlich war mir diese Frage erst heute Morgen in den Kopf bekommen, als ich mir den gestrigen Abend noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Bevor er darauf antwortete, starrte Niklas nachdenklich auf sein Handy. Mehrfach wischte er hin und her, bis er es mir in die Hand drückte. Auf den paar unglücklich geschossenen Fotos war eine Rappstute zu sehen mit leuchtenden blauen Augen und einem kleinen Abzeichen auf der Stirn. Die Unterlippe war ebenfalls rosa gefärbt. Eins der Fotos zeigte sie im Trab in einer mir bekannten Reithalle und auch der Herr auf dem Pferd kam mir vom Sehen her bekannt vor. Wenn ich mich richtig erinnere, war das Tyrell und die Halle wäre auf dem LDS.
      “Als ich gestern mit Vriska und Chris über Humbria gesprochen habe, wurde klar, dass das mit ihr nichts im Verein wird. Plötzlich erzählte sie, dass auf dem Hof wohl eine Rappstute steht, die zwar erst sechs Jahre jung ist, aber schon L-Lektionen laufen kann. Außerdem verfügt sie über wenig bis gar kein Tölt und Pass noch weniger. Aktuell wird sie vom Chef geritten, der sich nicht so wirklich von ihr trennen kann, aber auf dem Hof keine Funktion erfüllt entgegen ihres Namens”, erzählte mit Niklas ausgiebig. Dabei tätschelte er den Hals meines Pferdes und hatte ein prüfendes Auge darauf, dass sein Handy wohlbehalten in meiner Hand blieb.
      “Entgegen ihrem Namen? Also optisch macht sie definitiv schon etwas her, sehr niedlich mit der Rosa Lippe”, kommentierte ich und reichte ihm sein Handy wieder.
      “Keine Funktion erfüllen … Form follows Function?”, erklärte er seinen Witz und wirkte nervös.
      “Form follows Function? Da war wohl ein Künstler an der Namensgebung beteiligt, gefällt mir”, antworte ich begeistert.
      “Ich weiß es nicht, Hauptsache es läuft”, murmelte er vor sich hin. Mehrfach drehte er sich um und auch sah nach hinten. Erik, Ju und Chris unterhielten sich aktiv.
      “Ist was? Du bist so unruhig”, fragte ich nun nach, da mich so allmählich sein Verhalten ein wenig wunderte, denn ich konnte keinen Grund dafür entdecken.
      “Es nervt mich einfach, dass er hier ist und Spaß mit meinen Freunden hat”, hielt er sich kurz und hatte klang teilweise wie ein Kind. Ein wenig amüsant fand ich es schon wie er sich aufführte, allerdings würde ich gerne besser nachvollziehen können, wieso er so einen Groll gegen Erik hegte.
      “Warum nervt dich das so? Er wird dir deine Freunde bestimmt nicht wegnehmen wollen”, erkundigte ich mich behutsam.
      “Weil er ein Lügner ist und die beiden sich nicht von seiner gutmütigen Art täuschen lassen. Es war falsch ihn damals mitgenommen zu haben”, erklärte Niklas deutlich aufmerksamer mir gegenüber. Was Niklas da erzählte, passte für mich nicht so ganz in das Bild, was ich bisher von Erik hatte. Auf mich hatte er einen ziemlich ehrlichen Eindruck gemacht. Doch, ich wollte Niklas Sichtweise verstehen, weshalb ich weiter nachfragte: “Falsch ihn wohin mitgenommen zu haben?”
      “Am Anfang der Ausbildung hatten wir zusammen den schulischen Teil und kamen gut miteinander klar. Erik war etwas verklemmt und dann haben wir ihn auf nächtliche Touren durch die Stadt genommen, also was wir dann so machen. Feiern, Trinken oder auch einfach nur im Restaurant sitzen und das Wetter genießen. Später meinte er dann, dass er mein Bruder ist und ich dachte er verarscht mich. Als ich dann mit Papa sprach, bestätigte es sich und damit war für mich die Sache durch. Er hätte es von Anfang an sagen können und es gehört sich auch nicht, so einen Bastard in der Familie zu haben”, brach es aus ihm heraus. Niklas fiel es schwer mir das zu erzählen, immer wieder stoppte er und musste schlucken, bevor er weitersprach. Prüfend sah er sich um, ob jemand zuhörte, was nicht der Fall war. Auf einmal begann das ganze schon deutlich mehr Sinn zu ergeben. Solch eine Sache bewusst verheimlicht zu bekommen, würde sicher für jeden einen schweren Vertrauensbruch darstellen, erst recht für jemanden wie Niklas, dem Ehrlichkeit so wichtig war. Ich selbst würde mit so jemanden nie wieder etwas zu tun haben wollen.
      “Verstehe, das ist ziemlich hart so lange angelogen zu werden”, sprach ich einfühlsam.
      “Ja und er macht einen auf heilige Welt, was nicht der Fall ist. Wenn könnte dann …“, Niklas stoppte. Chris kam dazu gelaufen und wir erreichten beinah das Wasser. Sie murmelten etwas auf Schwedisch, dass Chris so undeutlich aussprach, dass ich nicht verstand, worum es ging. Er zeigte ihm etwas am Handy und dann lachten sie.
      “Darf man fragen, was hier für eine solche Erheiterung sorgt?”, fragte ich irritiert über den plötzlichen Stimmungswechsel. Legolas schnaubte und schüttelte den Kopf um eine Fliege, die gerade auf seinem Ohr niederlassen wollte, zu verscheuchen.
      “Chris ist schon wieder sehr interessiert an hübschen Damen aus dem Internet und ich soll mal wieder Hilfestellungen geben”, lachte Niklas und gab Chris sein Handy zurück, auf dem er bis zu dem Zeitpunkt schnell herumtippte.
      “Na, dann wünsche ich dir viel Erfolg bei deinem Vorhaben Chris”, sagte ich freundlich.
      “Ich danke dir für deine Zuversicht”, scherzte Chris und zog ebenfalls sein Shirt aus. Das Ufer lag nur noch einige Meter entfernt, was er direkt als Einladung sah Anlauf zu nehmen. Alles Wichtige legte er noch zur Seite, ehe das Erreichen des Wassers, mit einem lauten Platscher begleitet, sich bestätigte. Fragend blickte Niklas noch zu mir hoch, bevor er ihm folgte. Ich glitt vom Rücken meines Pferdes herunter, um noch meine Klamotten abzulegen, denn für gewöhnlich bevorzugte ich es werde mit Handy noch mit Schuhen baden zu gehen. Nachdem ich meinen Klamottenstapel samt, Handy am Ufer platziert hatte, machte ich noch einen Knoten in die Zügel von Legolas, damit sie nicht von seinem Hals herunterrutschen konnten. Mein Pferd folgte mir zwar bis zum Wasser, bleib dann aber laut prustend vor dem Wasser stehen. Lego betrachtete das Wasser, welches auf ihn zu schwappte, als würde er Seeungeheuer darin sehen. Ich ging ein paar Schritte vor und versuchte den Hengst ein wenig zu locken, doch er dachte nicht einmal daran einen Fuß ins Wasser zusetzten. Na gut, wenn der Hengst nun mal nicht wollte, würde ich allein baden gehen.
      Das Wasser, welches mich mit jedem weiteren Schritt mehr umspülte hatte eine angenehme Temperatur. Genau, dass was man an einem Tag wie heute gebrauchen konnte.
      “Vielleicht kommt er rein, wenn ich vorreite”, schlug Ju vor, der auch dazu kam mit seiner Rappscheckstute. Ungezwungen lief sie einige Schritte vor ins Wasser und begann direkt zu planschen. Ju trieb sie vorwärts und konnte verhindern, dass Amy es sich im Wasser bequem machte. Lego schien tatsächlich darüber nachzudenken, ob das nasse Zeug nicht doch ungefährlich ist, denn er senkte den Kopf und schnupperte an der Wasseroberfläche. Zögerlich setzte er einen Huf ins Wasser, sodass er nun mit den Vorderhufen drinstand.
      “Na komm mein Großer”, lockte ich den Hengst. Er spitzte die Ohren und ihm war anzusehen, dass er zu mir wollte, doch er traute sich noch nicht so ganz. Von hinten kam nun auch Vriska mit Glymur hinzu, der ebenfalls einige Versuche benötigte, bis sie ihn in das nahezu unbekannte Nasse brachte. Zufrieden strich sie ihrem Hengst über den Hals und sah erwartungsvoll zu mir. Ich seufzte und wartete zurück zum Ufer, um mein Pferd abzuholen. Mit ein wenig Überredungskunst und der Unterstützung von Samu der mit Vakany nun auch ins Wasser kam, stand auch Legolas endlich mit allen vier Hufen im Wasser. Ausgiebig, lobte ich den Rappen.
      “Ich dachte schon, dass ihr gleich in der Sonne verbrennen würdet”, sprach Niklas etwas besorgt und kam zu uns. Seine zuvor perfekte Frisur tropfte nun aber hatte noch eine erstaunliche Standfestigkeit. Dann wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und zog seine Hände durch sie. Verklebt legten sie sich nach hinten und auch seine Hose schmiegte sich eng an seinen Unterkörper, wahrlich kein schlechter Anblick.
      “Wenn es um Wasser geht, ist er manchmal eine kleine Drama-Queen, aber wenn er mal nass ist geht es dann meisten”, erklärte ich schmunzelnd. Legolas, der gerade einen Schluck getrunken hatte, legte nun seine nasse, tropfende Schnauze auf meinem Kopf ab. Ein paar Wassertropfen liefen mir über die Stirn.
      “Willst wohl nicht, dass mir zu warm wird, oder?”, scherzte ich und ging unter dem Kopf des Hengstes weg.
      “So heiß wie du bist, wird dir nie kalt”, sagte Niklas romantisch und legte seine Hände um mich. Verliebt blickte er runter zu mir, bevor er mich nach oben drückte, um auf Augenhöhe sein zu können. Tatsächlich war mir gerade alles andere als kalt, was nicht allein an der Umgebungstemperatur lag. Ich blickte ihm in die Augen und spürte meinen Herzschlag in meinem ganzen Körper pulsieren, begleitet von einem kribbeln in der Magengegend. Es fühlte sich so intensiv an, wie ich es noch nie erlebt hatte. Nicht, dass ich nie verliebt gewesen war, doch mit Niklas fühlte es sich anders an, irgendwie ehrlicher. Ich hatte nicht das Gefühl mich verstecken zu müssen.
      “Du bist aber auch kein schlechter Anblick”, raunte ich ihm zu.

      Vriska
      Glymur stand gelangweilten im Wasser und schien zu dösen, während Amy und Kany den Spaß ihres Lebens hatten. Am Ufer standen Alec und Jace, die sich unterhielten. Einige Meter davon entfernt, hatte Erik sich gesetzt an einem schattigen Plätzchen. Er tat mir fast leid, wie er dasaß und uns alle betrachtete. Meinem Pferd vertraute ich so sehr, dass ich einfach Abstieg und ihn stehen ließ. Ich nutze den Po von ihm als rutschte gerade Wegs in Wasser. Unsanft landete ich auf dem Grund, bevor ich wieder auftauchte. Das war nicht der Plan. Mit erschrecken musste ich feststellen, dass sich mein Handy noch in meiner Hosentasche befand, wie beim letzten Mal. Doch ich erinnerte mich an Niklas Worte, dass es das überleben würde. Vorsichtshalber nahm ich es heraus und legte es neben Erik ins Gras. Meine Haare wrang ich aus und machte die beiden Zöpfe neu. Es gab nichts Unangenehmeres, als dass diese nass waren. Wortlos setzte ich mich zu ihm und betrachtete das Spektakel und bemerkte, was zwischen Lina und Niklas in Wasser geschah. Nachdenklich betrachtete es eine Weile, bis mir eine Träne über die Wange rollte und ich wegsehen musste. Auch wenn ich selbst dafür sorgte, dass das mit uns beendet werden musste, verletzte es mich ziemlich. Noch viel mehr verletzte mich, dass Erik genau in der Phase mich kennenlernte. Doch ich hatte keine andere Wahl, denn ab morgen begann so etwas wie die Abfahrt und ich hätte ihn nie hier gehabt.
      „Warum weinst du?“, fragte Erik schließlich und legte seinen Arm um mich.
      „Schwer zu erklären und würde dich verletzen“, versuchte ich die Situation zu verdrängen, doch er blieb hartnäckig und fragte: „Ist es etwas, dass zwischen uns stehen könnte?“
      „Ja, mehr oder weniger“, murmelte ich und wischte die Tränen aus meinem Gesicht.
      „Dann erzähle es mir bitte“, forderte Erik fürsorglich und streichelte mir dabei über den Arm.
      „Ich dachte, dass es ihm was bedeutet hat. Dass es etwas besonders war, aber das ist extrem abwegig, denn er hatte sich am ersten Tag direkt meine beste Freundin gekrallt. Da ich mich mit Ju ziemlich gut verstanden habe un …“, erzählte ich bis Erik mich aufgebracht unterbrach. Seinen Arm zog er von mir weg und stand auf.
      „Du willst mir nicht gerade erzählen, dass du auch noch mit Ju was hattest! Und, was ist mit Chris? Einmal alle durch und jetzt fehle ich nur noch?“, fluchte er. Chris kam aus dem Wasser dazu und half mir.
      „Noch nicht, aber euch Turteltäubchen möchte man auch nicht mehr auseinanderreißen“, scherzte er und setzt sich Nass in den Rasen.
      “Es war für mich nicht so wichtig und du wolltest es unbedingt wissen”, murmelte ich mit gesenktem Kopf. Sogleich nahm Erik mich wieder in den Arm und nahm Platz.
      “Schon okay, erzähl weiter”, sagte er wieder freundlicher. Erneut flossen einige Tränen über meine Wange, bevor ich weitersprach.
      “Also mit Ju lief es ziemlich gut, bei Nik und Anna kam dann etwas dazwischen. Er hat sich dann an Lina herangemacht und wie du siehst, scheint hervorragend zu laufen. Die beiden harmonieren auch wirklich gut, aber ich musste mich natürlich einmischen. Niklas trägt auch seinen Teil dazu bei, denn er konnte es nicht lassen mir schöne Augen zu machen und ja. Ich wollte mich nicht mehr einsam fühlen. Jetzt sitze ich hier, weine, obwohl ich es unterbrach, weil ich lieber jemanden mit mehr Verstand haben wollte”, erzählte ich zu Ende. Chris wirkte auch überrascht, als hörte er das zum ersten Mal.
      “Niklas sieht das deutlich anderes als du”, fügte er noch hinzu. Das war mir klar, dass der Herr das natürlich ganz anderes sah. Bewusst ließ ich den Teil aus, der ausschlaggebend für das Ende war. Ich wollte Erik nicht direkt erzählen, dass ich große Probleme mit mir selbst habe und noch dabei bin, diese zu kanalisieren und auf anderen Wegen zu klären. Im Normalfall nahmen Männer Abstand von mir, nur Niklas nicht. Es machte mich misstrauisch.
      “Ich muss dich dann leider enttäuschen, denn er hat deutlich mehr Verstand als ich, auch wenn man davon nicht so viel merkt”, antworte Erik dann.
      “Du bist wirklich doof”, lachte ich eingeschnappt.
      “Aber doof genug für dich?”, fragte er.
      “Vielleicht”, murmelte ich und drückte ihn nach hinten. Mit dem Rücken landete er im Rasen und bestimmt hatte das ach so weiße Shirt nun Flecken.
      “Vriska, ich möchte euch nur ungern unterbrechen, aber dein Pony möchte gerade weg”, rief Chris mir zu. Glymur trottete im Schritt den Weg entlang, über den wir zum Wasser liefen. Ich stand von Erik auf und rannte meinem Pferd direkt nach, barfuß versteht sich. Im weichen Sand versteckten sich kleine Steine und Stöcke, die sich in meine Fußsohle drückten. Den Hengst holte ich recht schnell ein und vermutlich dachte er sich bei dem kleinen Ausflug auch nichts. Zusammen liefen wir zurück. Er stupste mich mehrfach an, als wir wieder an Erik vorbeiliefen.
      „Was möchtest du?“, fragte ich mein Pferd verwirrt. Doch die letzte Möhre, die ich dabeihatte, lag neben ihm und er meinte wohl diese. Ich zeigte auf sie und Erik gab mir das Gemüse. Ungeduldig zappelte Glymur neben mir und verschlang sie direkt, als ich sie ihm gab.
      „Kann dein großer Hund sich nicht zu uns legen?“, fragte Erik und hatte wohl keine Vorstellung davon, wie kompliziert so ein Training war.
      „Nein, aber du kannst mit uns Wasser kommen“, forderte ich ihn auf und griff nach seinem Arm.
      „Ich verzichte, danke“, murmelte er. Wasser war wohl sein Kryptonit. Ich wollte mit ihm darüber sprechen, doch Glymur verlangte gerade meine vollständige Aufmerksamkeit und ich lief mit ihm ins Wasser. Erfreut spielte er mit dem Wasser und platschte freudig herum. Dann ließ er sich fallen und wälzte sich darin. Beim Drehen flog Matsch durch die Gegend, wovon ich einiges abbekam. Doch die Wellen, die dabei entstanden, wuschen ihn direkt ab. Die Netzstrumpfhose erfüllte auch keinen tieferen Zweck, als nass an meinen Beinen zu hängen.
      “So, bist du dann so weit?”, fragte ich Glymur, der noch immer im Wasser lag und nicht aufstehen wollte. Alec, der nur unweit im Wasser war, bat ich, ein Auge auf mein Pferd zu haben. Ich wollte es einmal versuchen, Erik in das Nasse zu bekommen.
      “Wieso willst du nicht ins Wasser?”, fragte ich ihn, als ich tropfend zu ihm lief. Meine Haare waren schon wieder fast trocken.
      “Ich möchte mich nicht ausziehen”, murmelte er und sah mich dabei nicht an. Obwohl ich nicht wusste, was sein Problem war, konnte ich es ziemlich gut nachvollziehen.
      “Du musst dich für nichts schämen, schau”, sagte ich und drehte mich um. Die alten Brandnarben und Schnitte waren noch immer Sichtbar, doch ich hatte gelernt damit zu leben. Sie gehörten leider mit zu mir, auch wenn das Kapitel längst geschlossen war. Unter meinem Sleeve blinzelte auch einige meiner Narben, die am rechten Arm nicht Ansatzseite so schlimm waren aber noch da.
      Erik stand ebenfalls auf und drückte sich wieder fest an mich.
      “Du bist toll, habe ich dir das schon gesagt?”, sprach er plötzlich und ich verstand nicht genau, was er von mir wollte.
      “Nein, aber ich merke es mir”, antwortete ich verliebt und blickte ihm tief in die Augen.
      “Ich komme mit”, sagte er und zog sein Shirt aus. Auf seinem Oberkörper zeichneten sich neben vielen Dehnungsstreifen ebenfalls Narben ab, besonders im Bauchbereich. Ich vermutete einiges, doch damit rechnete ich nicht. Ungewöhnlich lange betrachtete ich ihn und bekam ein Kribbeln im Bauch.
      “Du bist wunderschön”, flüsterte ich und gab ihm einen Kuss auf den Hals. Dabei streichelte er mit über den Rücken. In so kurzer Zeit machte mich der Typ so verrückt.
      „Ich störe euch nur ungern, aber dein Pony will auch ein Stück von dir abhaben“, holte mich Alec zurück in die Realität. Wieder Mal ertrug es das Pferd nicht im Vordergrund zustehen. Erik ließ mich los und griff nach seiner Hand. Zusammen liefen wir zum Wasser. Glymur brummte mich freundlich an und streckte seine Nase zu meiner Brust. Ich lachte und Alec half mir hoch auf das Pony. Erik stand noch immer am Ufer, mit dem Füßen im Wasser und versuchte seine Körper mit seinen Armen zu bedecken.
      „Kom nu“, triezte ich ihn, als Chris angerannt kam und ihn in das Nass zog. Nur mit Mühe konnte ich meine Blicke von ihm trennen und mich mit meinem Pferd beschäftigen. Auf meiner anderen Seite standen noch immer Lina und Niklas, die nur Augen für einander hatten. Glymur setzte sich in Bewegung, tauchte seinen Kopf mehrfach Unterwasser und sorgte dafür, dass ich wieder besonders nass wurde. Je tiefer wir kamen, umso mehr Boden verlor er unter den Füßen und begann zu schwimmen. Ein besseres Ganzkörpertraining könnte es nicht geben. Fest darauf konzentriert, nicht mit meinem Pony unterzugehen, stupste mich jemand, der Seite an. Dabei erschreckte ich so sehr, dass ich im nächsten Augenblick Wasser einatmete und mich an Glymur klapperte, der direkt zu einem Bereich paddelte, an dem er stehen konnte. Krampfhafter hustete ich alles aus, bis bemerkte, dass es Ju war.
      „Bist du denn des Wahnsinns?“, fluchte ich und musste auch über meine eigene Dummheit lachen.
      „Ich hatte mehrfach deinen Namen gesagt, aber du hast nicht reagiert“, sagte er beschämt und klopfte mir auf den Rücken. Erik schwamm mit Chris weiter weg und bekam von meinem beinah ertrinken überhaupt nichts mit.
      „Was ist denn los?“, fragte ich erschöpft vom Husten.
      „Eigentlich wollte ich nur neugierig sein und wissen, wieso du Erik hergezaubert hast“, antwortete Ju und wirkte dabei nicht einmal sauer, oder entsetzt, dass ich in der kurzen Zeit bereits den dritten Kerl schöne Augen machte.
      „So genau kann ich dir das auch nicht beantworten“, lachte ich planschte mit meinen Füßen im Wasser herum. Wassertropfen, die zu nah an Glymurs Maul kamen, versuchte er zu schnappen. Dabei tunkte er seine Schnauze immer wieder ins Wasser und schnappte auch danach. Erik hatte nicht ganz unrecht mit seiner Hundeaussage. Pony verwandelte sich immer mehr in einen.
      „Ich kann dir Frage besser beantworten“, kam Niklas mit erhobenem Haupt an. Kaum hatte ich ihn in die Versenkung geschickt, wurde er der gleiche Kerl Anfang der Reise. Versuchte er mich damit wieder zu beeindrucken? Gespannt auf seine Antworten sahen wir ihn an, bis er sagte: „Vriska möchte lieber einen Versager haben, um sich besser zu fühlen.“ Das wird es sein. Genau.
      „Alles klar, danke für die glorreiche Antwort“, feixte ich kopfschüttelnd.
      „Na dann unterscheiden wir uns doch nicht so sehr, wie ich dachte“, kam dann auch Erik dazu lachend. Wo ist das tiefe Loch, wenn man es braucht?
      „Könnt ihr euch nicht mal 20 Minuten zusammenreißen? Nicht das wieder jemand ins Krankenhaus muss“, entschärfte Chris die Situation und stellte sich zwischen die nicht mehr so halbstarken.
      „Was heißt denn hier wieder?“, erkundigte sich Erik und legte seinen Arm provokant um mich. Glymur stupste ihn freundlich an.
      „Geht dich gar nichts an. Ich gehe jetzt“, schnaubte Niklas und verließ mit Ju, der nur irritiert mit den Schultern zuckte, das Wasser.
      „Niklas hat von Linas Verehrer eine auf die Nase bekommen und das nicht unbedingt unsanft“, flüsterte ich ihm zu. Verstanden nickte er.

      Samu
      Mittlerweile hatte Vakany genug vom Wasser bekommen, sodass ich es mir unter einem Baum im Schatten gemütlich gemacht hatte. Während ich die Szene um mich herum beobachtet und einfach nur den Moment genoss, beschäftigte Kany sich damit dem armen Bau die Blätter abzurupfen. Nach einer Weile kam eine tropfnasse Lina mit einem ebenso nassen Legolas auf mich zugelaufen.
      „Na, hat dein Kerl dich etwas allein gelassen“, scherzte ich freundlich.
      „Was heißt denn hier mein Kerl? Soweit ich weiß betreibe ich keinen Menschenhandel“, feixte sie und ließ sich neben mich auf den Boden sinken. „Aber eigentlich dachte ich, du könntest mal ein wenig Gesellschaft gebrauchen“, sprach sie weiter.
      „Sehr freundlich von dir, dass du auch noch an mich denkst“, erwiderte ich übertrieben höflich.
      „Ja, finde ich auch“, sagte sie und lachte ausgelassen. Entgegen meiner anfänglichen Erwartungen, schien ihr Niklas doch recht gut zu tun, denn so entspannt wie heute, hatte ich sie schon länger nicht mehr gesehen.
      „Du Samu, ich finde, du solltest mit mal was über deine Freundin erzählen“, verkündete sie wissbegierig.
      „Ihr scheint mir heute alle ziemlich neugierig zu sein, aber okay, dass bin ich dir vermutlich schuldig“, sagte ich schmunzelnd. So war Lina nun mal, stets interessiert an ihren Mitmenschen.
      „Was möchtest du denn wissen?“, fügte ich freundlich hinzu.
      „Alles!”, kam es wie aus der Pistole geschossen.
      „Aber das wichtigste zuerst: Wie sieht sie denn überhaupt aus?“, präzisiert sie ihre Aussage. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und öffnete die Galerie, wo ich nicht lange suchen musste, bis ich fand, was ich suchte. Ich wollte Lina das Gerät gerade reichen, als sie mich stoppte: „Halt, lass mich raten. Sie ist hübsch und … relativ groß.“ Mit einem Nicken bestätige ich ihre Aussage.
      „… Und sie ist bestimmt blond“, überlegte Lina weiter. Auch diese Aussage bestätigte ich ihr. Lina überlegte weiter: „Ihre Augen … ihre Augen sind bestimmt … Braun … oder Grün oder vielleicht einfach beides.“
      „Letzteres, kommt ein wenig darauf an, wie das Licht ist“, erklärte ich.
      „Okay, dann zeig jetzt“, sagte Lina energetisch und nahm mir das Handy aus der Hand. Einen Moment lang betrachtete sie das Bild, bis sie zum nächsten wischte.
      „Oha, sie ist echt hübsch. Und ihr zwei seht echt süß zusammen aus“, kommentiere sie, als sie Weiter wischte. Ah, dann hatte sich wohl gerade die Bilder von Weihnachten gefunden.
      „Also wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen sie ist nicht viel älter als ich“, plapperte Lina weiter.
      „Ja, da denkst du gar nicht so falsch, sie ist 24“, bestätigte ich die Aussage.
      „Und was macht sie so beruflich?“, fragte Lina nun neugierig.
      „Sie studiert Veterinärmedizin. Enya ist jetzt im 9. Semester“, beantworte ich Linas Frage bereitwillig. Lina sah begeistert aus.
      „Okay, eine letzte wichtige Frage habe ich noch, dann hast du erst einmal Ruhe. Reitet sie?“, fragte Lina enthusiastisch.
      „Sie ist als Jugendliche geritten, hat aber irgendwann aufgehört, um sich mehr auf die Schule zu konzentrieren. Das einzige tierische bei ihr sind aktuell zwei Katzen“, erzählte ich.
      „Katzen? Oha, dann ist sie bestimmt verrückt!“, verkündete Lina überzeugt, doch an ihrem schalkhaften Lächeln ließ sich erkennen, dass sie es nicht erst meinte.
      „Wenn das so sein solltest, müsstest du aber eine reiche Zicke sein“, merkte ich an und lachte, Lina stimmte ein. Legolas, dem die Blätter des Baumes nicht ganz so gut zu schmecken schienen wie Vakany, denn er senkte neugierig seinen Kopf in Linas Schoß. Scheinbar hoffe er darauf dort ein Leckerli zu finden.
      „Tut mir leid Großer, deine Leckerlis liegen irgendwo da drüber“, sprach Lina zu dem Pferd und begann ihm die weiße Stirn zu kraulen.
      „Jetzt aber ernsthaft, ich würde sie gerne mal kennenlernen, wenn du dann auch in Schweden bist“, fügte Lina nach einem Moment Stille hinzu.
      „Ich verspreche dir. Ich werde sie dir vorstellen, aber lass uns darüber noch mal reden, wenn ich weiß, wie genau es weitergeht, ja? So ein Umzug kann man nicht von heute auf morgen planen“, erwiderte ich, um Lina ein wenig in ihrer Neugierde auszubremsen.
      „Doch kann man!“, hielt sie dagegen. „Aber okay, ich gebe zu, dass ein paar glückliche Fügungen sicherlich eine Rolle gespielt haben. Ohne Vriska hätte das nicht so schnell funktioniert und ohne Erik wäre das Ganze fast noch schiefgegangen!“, räumte sie dann ein. Die Sonne war mittlerweile herumgewandert, sodass das der Baum kaum noch Schatten spendete. Legolas hatte mittlerweile begonnen zu dösen. Seine Unterlippe und seine langen Ohren hingen entspannt runter was dem sonst so eleganten Hengst, Ähnlichkeiten mit einem Maultier verlieh. Auch Lina hatte sich gemütlich nach hinten sinken lassen und ließ sich ein wenig die Sonne auf den Bauch scheinen.
      „Weißt du Samu, das hier erinnert mich irgendwie ein wenig an die Sommer früher“, sagte Lina und sah dabei verträumt in den wolkenlosen Himmel.
      „Dem Sommer in dem du mir hinterhergedackelt bist wie ein trauriger Hundewelpe, weil ich auch schon damals ein charmantes, gutaussehendes Kerlchen war, war bestimmt der schönste nicht?“, zog ich sie ein wenig auf. Die kleine Lina war in ihrem ersten Jahr auf dem Internat nämlich schwer in mich verknallt gewesen, auch wenn sie stets das Gegenteil behauptet.
      „Saaamuuu“, rief Lina empört und warf mir einen ziemlich bösen Blick zu.“ Das wird mich wohl noch mein Leben lang verfolgen, oder?“, jammerte sie weiter und ließ sich zurück in den Sand fallen.
      „Ich weiß nicht, ob es dich dein ganzes Leben verfolgen wird, aber zumindest noch solang bis ich irgendwann Demenz hab oder so“, erwiderte ich schmunzelnd.
      „Du bist doch echt doof. Ich weiß genau, du hast genauso komische Sachen mit 13 gemacht! „, murrte sie mich an und warf ein kleines Stöckchen nach mir.
      „Ja, ich habe dich auch lieb Kleine“, sagte ich lachend, als das wirklich ziemlich kleinen Stöcken an meinem Arm abprallte.
      „Ach Samu, wie könnte ich dich nur länger hassen als zwei Minuten. Ohne dich wäre vermutlich meine Schwester die einzige Freundin in meinem Leben und das wäre ziemlich traurig. Genauso werde ich dir und deiner Familie für immer dankbar sein, dass wir euretwegen auch mal aus dieser verdammten Schule herausgekommen sind. Wäre es nach Vater gegangen wären wir sicher in dieser Schule verschimmelt“, seufzte Lina ein wenig resigniert.
      „So todtraurig wie du damals warst, hatte ich dich unmöglich einfach 2 ½ Monate allein dalassen können.“ Unwillkürlich musste ich an ihre Zeichnungen denken. Die Bilder ihrer Schulzeit waren zum Großteil so dunkel und düster, wie Lina sie heute nur noch in den allerschlimmsten Phasen zeichnete. Ich hatte mich damals regelrecht erschrocken wie viel Trauer und Schmerz in einem so jungen Mädchen schon stecken kann. Gleichzeitig fragte ich mich jeden Tag wie sie es aushielt, diese Last allein zu tragen. Lina schien mir nicht richtig zugehört zu haben, denn sie schwelgte bereits in Erinnerung: „Auf jeden Fall waren die Tage mit dir und deinen Freunden am See immer die schönsten. Weißt du noch als dein Kumpel Björn dieses eine Mädel mit seinen Skate Künsten beeindrucken wollte und sich dabei dann mehrfach richtig unelegant hin gepackt hat. Oder erinnerst du dich noch an das Floß, welches nach 10 Meter in seine Bestandteile zerfiel. Aber weißt du was ich von all den Dingen am meisten vermisse? Unsere kleinen Segeltörns. Nur wir, der Wind und die Wellen.“ Ja, das Segeln. Ein Hobby welches sich hier oben in den Bergen leider nicht wirklich ausüben ließ. Auch wenn man Lina lange Zeit besser nicht ans Steuer ließ, weil man dann damit rechnen konnte bei einer plötzlichen Wendung, den Großbaum im Gesicht zu haben oder auf einmal im Wind zu stehen, hatten diese Ausflüge meist einen Großteil des Sommers eingenommen. Ab und zu hatten wir auch ein Ziel, aber meisten sind wir einfach drauf losgesegelt.

      Vriska
      Als dachte, dass der Augenblick der Ruhe nicht mehr so schnell vergehen würde, wurde ich eines Besseren belehrt. Von nicht allzu weiter Entfernung vernahm ich Milenas laute quietschende Stimme. Ich vermisste meine beste Freundin, wie sie war noch vor Kanada und mich unterstützte in jeder Lage, statt mir mit den Tatsachen in den Rücken zu fallen. Noch bevor ich darüber enttäuscht sein konnte, trat sie mit Snúra an das Ufer heran. Ihre Stute streckte sogleich ihren Hals zum Wasser und trank etwas. Auch Linh, der sie nicht mehr von der Seite wich, kam zum Wasser, um ihre Stute trinken zu lassen.
      „Warum hat mich keiner zur Party eingeladen?“, spuckte Milena große Töne.
      „Weil nur Erwachsene eingeladen sind“, entgegnete Chris gekonnt und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Glymur versuchte ich aus dem Bach zu bekommen, doch Snúras Anwesenheit lenkte ihn zu sehr ab. Wie angewurzelt blieb er an der Stelle stehen und brummte sie interessiert an.
      „Und was macht die dann hier?“ Dabei zeigte Milena eingeschnappt auf mich.
      „Ganz einfach, weil ich weiß, wann es angebracht ist, ruhig zu sein“, patzte ich sie an und trieb meinen Hengst energischer voran, bis er das Wasser verließ. Weiterhin gab Milena sich mühe in irgendeiner Art und Weise recht zu bekommen, bis Linh sie endlich unterbrach und zum Weg zurück mitnahm. Dabei folgte Ju den beiden. Nicht nur er, sondern auch seine Stute war vom Baden nass. In der Sonne konnte das ziemlich angenehm sein. Auf meinem Rücken spürte ich, dass die Wahl am Morgen zur Sonnencreme eine bessere gewesen wäre, als mein Gesicht zu pudern und Wimperntusche aufzutragen. Während Lina und Samu im Schatten einer Pappel saßen und Vakany noch immer damit sich beschäftigte, die tiefhängende Äste zu plündern. Legolas hingegen zupfe an den wenigen Grashalmen am Boden, dabei scharrte er zwischendurch mit seinen Vorderhufen, was Lina zu unterbinden wusste. Die Einsamkeit des Vortags durchspülte mein Inneres erneut. Ich blickte hoch zum Himmel. Nur kleine Wolken zogen langsam im Blauen voran. Die Sonne konnten sie nicht bedecken, sondern flogen an ihr vorbei. Ich spürte wie sich mein Hengst in Bewegung setzte und ich unsanft nach vorn kippte. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich an seiner Mähne festhalten. Eruptiv bremste er ab und bekam seinen hochgetragenen Hals. Ich wischte mir die Strähnen seiner Haare aus dem Gesicht. Dabei kam mir die Idee später noch die Mähne zu einer Doppelmähne zu flechten. Das würde in der Prüfung am nächsten Tag einen besseren Eindruck machen. Erst in dem Augenblick fiel mir auf, dass Erik gar nicht mehr in Sichtweite war. Suchend schweifte meinen Blick durch die Landschaft, entlang des Waldrandes und der Wasseroberfläche. Nicht einmal sein Shirt lag bei meinen Sachen. Ich rutschte dem Po des Hengstes herunter und führte ihn ein Stück über das Ufer, bis ich erneut um mich sah. Eine Hand berührte mich an der Schulter und ich drehte mich völlig überraschend um. Chris stand hinter mir und grinste freundlich.
      “Dein neuer Freund ist zurück zum Hof, weil er noch was zu tun hatte. Ich sollte dir Bescheid sagen, da er dich nicht stören wollte”, klärte er mich. Erleichtert atmete ich tief durch, bevor ich eine Antwort aussprach.
      “Er ist nicht mein Freund”, empörte ich mich. Natürlich war es dafür zu früh, um solche Entscheidungen treffen zu können, doch tief in mir war der Wunsch, dass es die wirklich sei – jetzt schon.
      “Ja, das sagte er mir bereits, aber in meinen Augen seid ihr schon das Traumpaar”, schmunzelte Chris. Mir wurde warm und fühlte, wie das Blut in meinen Kopf lief. Verschämt sah ich an ihm vorbei.
      “Wenn du das sagst”, murmelte ich und führte meinen Hengst ein Stück entfernt. Mein Blick richtete sich wieder zu Lina, die noch immer mit Samu unter der Pappel saß. Lego hatte sich offenbar damit abgefunden, keine Aufmerksamkeit mehr zu bekommen. Ich nahm allen Mut zusammen, atmete noch einmal tief durch und führte Glymur zu ihnen. Er suchte direkt wieder den Kontakt zu der Stute und brummte sie freundlich an. Vakany sah nur kurz zu ihm und streckte sich wieder zu einem Ast der Pappel. Nur noch wenige Blätter hingen an dem Bäumchen, die sie sich nun auch noch einverleibte.
      “Lina? Vielleicht wäre jetzt”, stammelte ich geheimnisvoll vor mich her. Hilfesuchend sah ich zu Samu, der nur grinste und keine Hilfe damit war.
      “Ja, jetzt wäre was?”, fragte sie ein wenig begriffsstutzig, den offensichtlich waren ihre Gedanken gerade noch woanders gewesen.
      “Wollen wir jetzt mal reden? Ich möchte nicht, dass es in Schweden dann komisch wird und wir nur freundlich zueinander sind, weil wir zusammenarbeiten”, versuchte ich freundlich zu sein und meine Unsicherheit zu überspielen. Außerdem wollte ich auch, dass Samu hört.
      “Ja, klar können wir reden. Sollen wir woanders hingehen?”, bot sie an und war bereit im Begriff aufzustehen.
      “Wie du dich besser fühlst”, ließ ich ihr die Wahl. Für mich würde alles unangenehm werden, ob nun noch jemand zuhörte oder nicht.
      “Okay, … dann lass uns hierbleiben.” Lina ließ sich wieder auf dem Boden nieder und schien einen kurzen Moment darüber nachzudenken, was sie sagen wollte. “Ich werde jetzt einfach direkt fragen: Was war das zwischen dir und Niklas? Und warum hat keiner von euch irgendwas gesagt … und warum hast du das ganz so plötzlich beendet? Und warum Niklas und nicht Ju? Niklas meinte irgendetwas wie ihr brauchtet das beide, aber das verstehe ich nicht wirklich …”, sprudelten auf einmal die Fragen aus Lina heraus. Überfordert stand ich vor ihr und war vollkommen erschlagen von ihrer Offenheit. Dass sie so viel wissen wollte, vermutete ich bereits, doch das alles auf einmal kam, brachte mich ins Schwanken. Ich setzte mich mit Abstand zu ihr. Glymur senkte seinen Kopf und zupfte an meinem Shirt herum, das mir mittlerweile wieder über mich gezogen hatte. Ich strich ihm über die Nase, bevor ich ihre Worte erneut durch mein Hirn laufen ließ.
      “Ich werde es so abstrakt halten wie möglich. Das mit Ju hat mir einfach Angst gemacht, er war zu nett und das passte einfach nicht. Im Nachhinein scheint es für ihn doch einwandfrei gelaufen zu sein, zumindest beschwert er sich nicht. Und Niklas war dann plötzlich da. Es kam ein Gefühl auf, bei uns beiden und dann kam es einfach dazu. Er fragte auch noch, ob es für mich okay wäre wegen Ju und ich stimmte zu. Am nächsten Tag hatte ich dann schon ein schlechtes Gefühl, weil ich dann bei Gedanken bei dir war. Doch es interessierte ihn in dem Moment nicht und dann habe ich einfach mit gemacht. Und beim Geburtstag spielte der Alkohol auch eine wichtige Rolle. Am Morgen fühlte ich mich elendig aus mehreren Gründen. Niklas wurde sehr fürsorglich und kam mir zu nah, emotional. Vermutlich, weil ich zu sehr etwas empfand dabei. Das konnte ich nicht und wollte ich nicht. In dem Moment entschied ich dann auch, doch noch Erik zu schreiben, weil es die letzte Chance war”, erklärte ich so gut wie möglich, um nicht genauer auf Details einzugehen. Ich spürte, dass jemand hinter mir stand, denn Glymur hob seinen Kopf und schnupperte an der Person. Vorsichtig drehte ich mich um. Natürlich musste es dazu kommen, dass Niklas hinter mir stand und offensichtlich sehr überrascht war.
      “Wenn ihr schon über mich sprecht, dann wäre ich zumindest gern dabei gewesen”, kommentierte er es neutral. Dann lehnte Niklas sich zu mir runter und flüsterte: “Du hättest das auch sagen können. Ich kann dich später auch noch mal vom Gegenteil überzeugen.” Wie konnte er die Situation so über die leichte Schulter nehmen und vor Lina am liebsten mich wieder mit auf das Zimmer nehmen wollte? Nach der kurzen Erleichterung ihr davon erzählt zu haben, kamen nun wieder die Zweifel. Erik hätte jetzt hier sein sollen, oder Chris, um den Kerl von mir fernzuhalten. Ich spürte, dass irgendwas tief in mir nicht einmal davon abgeneigt war. Doch ich sah zu Samu. Meine Augen waren wohl noch weit aufgerissen, denn er erwiderte meinen Blick. Er sagte jedoch nichts.
      “Du bist eklig”, murmelte ich und ließ es so weit unkommentiert. Innerlich zerriss es mich hier zu sitzen, Lina die Situation darzulegen und der Schuldige stand hinter mir. Zusätzlich stand er noch hinter mir, flüsterte mir komische Dinge ins Ohr. Ich holte mir wieder die Bilder vom Wasser vor das innere Auge, Bilder von Niklas und Lina, die glücklich miteinander waren und auch von Erik. Wieso erschien er mir gerade einfach so perfekt? Bildete ich mir ein jemanden zu kennen, denn ich nicht kannte, aber unbedingt haben wollte?

      Lina
      Seit vorgestern hatte ich diese Sache an den Rand meiner Gedanken geschoben, doch nun kam ich nicht mehr umher mich damit auseinanderzusetzen.
      “Danke für deine Ehrlichkeit”, bedankte ich mich bei Vriska. Ich musste erst noch einmal über ihre Worte nachdenken. Dass Niklas dazugestoßen war, nahm ich nur am Rande wahr, zu sehr drehten sich meine Gedanken um Vriskas Worte. Ich fühlte mich überfordert mit der Situation, wusste nicht so recht was ich davon halten soll. Das Einzige, was ich wirklich verstand, war das Vriska offensichtlich ein ziemlich großes Problem ist emotionaler Nähe hatte, was man ihr bei ihrer Vergangenheit eigentlich nicht verdenken kann. Ich konnte nicht genau festmachen, was mich mehr verunsicherte. Die Sache, dass es Niklas scheinbar komplett egal gewesen war das ich existierte oder die Sache, dass Vriska zwar ein Gewissen hatte, aber komplett darauf zu scheißen schien. Aber was hatte ich eigentlich erwartet? Eine simple logische Antwort? Konnte es überhaupt eine logische Antwort geben? Sollte ich mich jetzt darüber freuen, dass Vriska jemand anderen gefunden hatte oder sollte ich eher sauer auf sie sein? Aber zu so was gehören immer zwei, oder? Oder sollte ich enttäuscht sein? Ändert, das was ich gerade hörte irgendetwas an meinen Gefühlen? Immerhin hätte ich ahnen können, worauf ich mich einlasse, wenn ich mich für Niklas entscheide. Wie soll man sich da noch über irgendetwas sicher sein, wenn alles so verflucht schnell passiert? Unbewusst musste ich angefangen haben mit meinen Fingern im Sand zu malen, denn sie wurden auf einmal sanft von einer Hand gestoppt und Samus Stimme drang zwischen die Gedanken: “Pysy rauhallisena. Kaikki tulee olemaan hyvin. (Bleib Ruhig, alles wird gut.)” Mein Blick wanderte zu Niklas, der noch immer neben Vriska stand. So groß wie das Gefühlschaos in mir auch sein, mochte bei dem, was ich für Niklas empfand, war ich mir sicher, auch wenn es geradezu grotesk wirken musste, wenn man die Umstände betrachtete.
      “Pidätkö minua hulluna, jos sanon sinua, että se vieläkään oikea tuntuu? (Hältst du mich für verrückt, wenn ich dir sage, dass es sich immer noch richtig anfühlt?)", fragte ich Samu ernsthaft.
      “Päivät, jolloin pidän sinua hulluna, ovat mennyttä. Se olet sinä! (Die Zeiten, in denen ich nur denke, du seist verrückt sind vorbei. Du bist es!)”, machte sich mein bester Freund sogleich über mich lustig. “Mutta se on normaalia, kun sinä ovat rakastuneita (Aber das ist normal, wenn man verliebt ist)”, fügte er immer noch belustigt, aber ein klein wenig Erster hinzu.
      “Pilkkaa minua. Minun ei tarvitse kestää sinua enää kauan. (Verspotte mich nur! Ich muss dich nicht mehr lange ertragen)”, erwiderte ich schnippisch.
      Im Moment der Ruhe saß Vriska noch immer da und drehte mit ihren Fingern in den lockeren Strähnen ihrer Haare. Dann fragte sie unsicher: “Soll ich gehen, oder wie geht es weiter?”
      “Ähh, ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, ich bin ein wenig verwirrt”, antworte ich ihr wahrheitsgemäß, denn eine wirkliche Antwort hatte ich nicht.
      “Wenn ich auch was sagen darf?”, mischte sich Niklas nun auch ein. Niemand antwortete ihm, was ihn offensichtlich reichte, als eine Zustimmung: “Lina, die Sache ist … Du gibst mir nicht das Gefühl, es ernst zu meinen und dein Umfeld unterstützt das. Jeder ist der Meinung sich einmischen zu müssen und mich schlecht dastehen zu lassen. Langsam denke ich, dass du auch deren Meinung vertrittst und ich dir nicht geben kann, was du brauchst.“ Was Niklas da sagte, versetzte mir einen Stich im Herzen, denn ich war eigentlich noch nie sicherer gewesen, als bei ihm. Nicht Grundlos war ich bereit meine kleine heile Welt hier aufzugeben. Wobei seitdem das Ganze mit Jace anfing, war diese Welt nicht mehr ganz so heil und mit jedem weiteren Tag schien diese Bubble instabiler zu werden und der Moment, an dem sie endgültig zerplatzen könne, schien immer näherzukommen.
      “Nein, ich bin ganz und gar nicht deren Meinung… und... und ich”, ich musste kurz innehalten und einmal tief durchatmen, um die Welle an Emotionen zu stoppen, die versuchte hervorzubrechen. “Ich will dich, da bin ich mir absolut sicher! Es tut mir leid, wenn ich das nicht so gezeigt hab. Und was mein Umfeld angeht… es sind nicht alle gegen dich... gegen uns. Die negativen Stimmen sind nur so viel präsenter, so viel lauter... Tut mir leid, gerade das Verhalten von Jace ist vermutlich meine Schuld. Ich hätte ihm viel früher deutlich machen müssen, dass es vorbei ist, es tut mir leid”, meine Stimme begann zu zittern und ein paar Tränen versuchten sich hinaus zu kämpfen, doch ich versucht diese wegzublinzeln. “Und was Samu angeht”, doch noch bevor ich weitersprechen konnte unterbrach Samu mich auch schon: “Stopp Lina, das erklär ich besser selbst. Also vorneweg muss ich mich für mein Verhalten entschuldigen, das war wirklich nicht okay von mir. Ich habe nicht das Recht so über jemanden zu urteilen und es tut mir außerordentlich leid, es trotzdem getan zu haben. Na ja, den Grund für mein bescheuertes Verhalten, wirst du sicher schon mitbekommen haben. Ich habe eine Freundin. Jetzt wirst du dich wohl fragen: Oh eine Freundin, warum verhält der Typ sich dann so? Diese Frage ist durchaus berechtigt und kann sagen, so im Nachhinein betrachtet sind die Gründe für mein Verhalten dämlich, ziemlich dämlich. Ich mach es kurz. Ich habe Lina eineinhalb Jahre lang nichts von Enya erzählt. Einer der Gründe war, weil sie in Schweden lebt und ich Lina hier nicht alleine lassen wollte… Und ja… Als es sich abzeichnete, dass Lina nach Schweden geht, habe ich irgendwie Panik bekommen, wegen der Sache mit ihrem Vater und dann habe ich mich so bescheuert verhalten. Tut mir echt leid, ich hätte mich nicht zwischen euch stellen dürfen.”
      “Wow, ich …”, begann Niklas etwas zu sagen. Immer mehr stellte sich heraus, dass für alle beteiligte eine unangenehme Situation war, doch es musste geklärt werden. Vriska saß weiterhin schweigend mit gesenktem Kopf vor und Glymur stupste sie mehrfach an, was sie ignorierte. Chris schien uns zu beobachten und hatte noch immer sein typisches Grinsen aufgesetzt. Als er merkte, dass ich zu ihm sah, drehte er sich weg und verschwand wieder im Wasser.
      “Also erst mal Samu, danke. Ich bin froh, dass meine Annahme sich nicht bestätigt hat, wirklich Danke. Lange war ich nicht mehr so erleichtert. Und Lina …”, wieder stoppte Niklas. Doch diesmal trat er auf mich zu und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
      “Es ist okay. Ich wollte mit dir allein darüber sprechen, aber dann muss nun keiner mehr sich das Maul zerreißen. Mir ist das wichtig”, fügte er dann noch dazu. Er reichte mir die Hand zum Aufstehen. Erleichtert über seine Reaktion, fiel mir ungefähr ein halber Berg vom Herzen und ich ergriff seine Hand. Heute schien noch nicht der Tag gekommen zu sein, an dem meine Bubble ihre Form verlor, stattdessen schien sie wieder ein wenig Aufwind zu bekommen.

      Nachdem der Klärungsbedarf gedeckt war, stieg die Stimmung wieder und selbst Linas wasserscheuer Rappe fand noch einmal den Weg ins Wasser, bevor die Truppe sich auf den Weg zurück zum Hof machte. Auf dem Hof begann wieder jeder seinen Dingen nachzugehen. Lina hatte das schwarze Pferd gegen ein staubiges nun nicht mehr ganz so weißes getauscht und begann zusammen mit Niklas, dieses zu putzen. Sie hatten den Hengst auf der Stallgasse angebunden, da es dort mit dem Durchzug deutlich erträglicher war, als in der sengenden Hitze.

      Divine schnaube entspannt, als ich ihm Fliegenmaske und Halfter abnahm, um seinen Kopf zu putzen. Niklas war derweil mit dem Körper des Freiberges beschäftigt. Ivy staubte ziemlich, da er augenscheinlich noch ein Sandbad genommen hatte, bevor wir ihn von der Koppel geholt hatten, sogar in den Ohren hatte er den Sand, obwohl er eine Fliegenmaske trug. Wie machte der Hengst das nur?
      “Warum sind eigentlich immer die weißen Pferde so talentiert darin sich so dreckig zu machen?”, fragte ich Nik, während ich Divines Ohren reinigte.
      “Weil es mehr auffällt, ich möchte gar nicht wissen wie viel Dreck aus Humbi kommt, wenn ich sie Wasche”, lachte er und klopfte die Bürste auf dem Boden ab.
      “Zu viel vermutlich, aber immerhin hat sie sich bisher nicht in Schlammpfützen gewälzt, das ist Ivys Lieblingsbeschäftigung”, erwiderte ich und legte die Bürste beiseite, um dem Göttlichen den Schopf einzuflechten. Das Pferd machte es mir allerdings nicht einfach, da es lieber meine Hosentaschen nach Leckerlis absuchte. Allerdings wird er dort vermutlich keine finden, denn das Letzte hatte Lego bekommen, als ich ihn zurück zu Koppel brachte. Endlich hatte ich erfolgreich den dicken Schopf, des Hengstes eingeflochten, sodass ich ihm sein Halfter wieder überstreifte. Ich verharrte einen Moment und beobachtet Niklas dabei, wie er mit kräftigen strichen, dass weiße Fell bürstete, wie sich bei jedem Bürstenstrich die Muskeln unter seiner Haut bewegten. In meiner Bauchgegend meldete sich wieder dieses kribbeln, wie als würde ein Haufen Schmetterlinge dort eine riesige Party veranstalten.
      “Wie wär’s, wenn du das Sattelzeug holst und mich nicht weiter anstarrst”, lachte Niklas und legte das Putzzeug zurück in den Kasten.
      “Schade, dabei wollte ich doch gerade eine Studie dazu aufstellen, wer von euch beiden heute hübscher aussieht”, scherzte ich machte mich, aber trotzdem auf den Weg zu Sattelkammer. Mit Ivys Trense in der Hand stand ich vor seinem Spind und überlegte welche Schabracke ich wählen sollte, denn die Schabracke von gestern hing mit weißen Schweißrändern auf dem Sattel. Ich entschied mich für die neue rote Schabracke, die noch auf dem Wäscheständer hing, denn nachdem Panchy sie gestern voll geschwitzt hatte, hatte ich sie direkt gewaschen.
      Mit dem Sattelzeug kehrte ich zu den beiden Kerlen zurück, die sich offenbar gut verstanden, denn während Niklas dem Freiberger die Brust kraulte, wölbte das Pferd seinen Hals genüsslich auf und zuckte mit der Oberlippe. Ich hängte Sattel und Trense auf den Sattelhalter. Divine hatte leider einen leichten Sattelzwang mit sich gebracht und ich hatte inzwischen herausgefunden, dass er entspannter war, wenn man Schabracke und Sattel einzeln sattelte.
      “Komm, ich nehme dir mal die Arbeit ab”, lächelte Niklas und reichte ihm die Schabracke. Bevor er sie dem Einhorn auf den Rücken legte, durfte es das rote Stück Stoff beschnuppern, gefolgt vom Sattel. Langsam zog Niklas den Gurt fester, bis Ivy die Ohren anlegte. Daraufhin ließ er den Gurt wieder etwas locker und lobte den Hengst. Zum Schluss fehlte noch die Trense, die ihm reichte. Das Halfter legte er nicht über seinen Hals. Es schwang von links nach rechts, als er es entfernte. Ivy schreckte kurz auf, bis er verstand, dass es noch vor einem Augenblick um seinen Kopf hing. Das Gebiss schnappte er freiwillig auf und Niklas zog behutsam das Genickstück über die Ohren des Pferdes. Bevor er das Zaum vollständig befestigte, sortierte er noch das Langhaar.
      “So, Abfahrt bereit, würde ich sagen”, triumphierte er und schloss seinen Helm.
      “Heute sogar mit Helm, sehr vorbildlich!”, lobte ich ihn und zusammen gingen wir zur Reithalle hinüber.
      “Nach dem Schwimmen vorhin, ist meine Frisur ohnehin nicht mehr zu retten. Also macht der Helm auch keinen Unterschied mehr”, scherzte er und wuschelte nun auch mir durch die Haare. Der Hengst lief locker nehmen uns her und begann bei der Hitze bereits zu schwitzen. In der Halle war es deutlich angenehmer. Bevor Niklas aufstieg, führte er ihn noch einige Runden durch auf der ganzen Bahn. Im Inneren nahm er die Zügel etwas mehr auf und arbeitete die erste Zeit an der Hand. Konzentriert folgte Ivy den Anweisungen seines neuen Reiters aber blickte immer wieder zu mir. Als würde er sich vergewissern wollen, dass das alles mit rechten Dingen zuging. Ich musste Lächeln, dieses Pferd konnte man einfach nur lieben, so süß wie es war.
      Niklas stieg auf und gab dem Pferd mehr Zügel. Mehrfach rutschte er im Sattel herum, der ihm etwas zu klein war. Die Steigbügel hatte er offenbar auch noch nicht eingestellt und brachte Ivy wieder zum Stehen. Bettelnd erhob er seinen Kopf, während Niklas die Bügellänge einstellte. Doch er ignorierte das arme Pferd und ritt wieder an. Nach einigen lockeren Runden im Schritt, trabte Nik den Hengst an. Noch immer hatte er die Zügel nicht aufgenommen und trieb ihm aktiv vorwärts, um ihn in einem Arbeitstempo zu halten. Es wirkte etwas ungeschickt, als könne er nicht leicht traben und gleichzeitig treiben. Vom Ausritt erinnerte ich mich daran, dass Smoothie lediglich über kleinste Einwirkungen vorwärtslief und auch das Tempo hielt. Ivy hingegen wirkte sehr schwerfällig und auch etwas genervt von seinem Reiter. Doch Niklas blieb dran und als der Hengst einige Meter das Tempo hielt, parierte er wieder durch. Man hätte erwarten können, dass er mehr Ausdauer hatte, denn sein Kopf war hochrot angelaufen und selbst benötigte eine Atempause.
      “Gar nicht so einfach mit dem Einhorn, Mhm?”, fragte ich freundlich.
      “Der ist so störrisch!”, beschwerte er sich und trieb Ivy wieder mehr vorwärts.
      “Der ist nicht störrisch, nur leider nicht so fein geritten wie Smooth”, stellte ich richtig, denn Ivy ist stets bemüht zu tun, was man von ihm will. Konnivent nickte Niklas und nahm die Zügel etwas mehr auf. Doch er trabte nicht an. Stattdessen arbeitete er sich vorsichtig dazu durch, dass Ivy genauer auf die Schenkelhilfe achtete. Auf dem Hufschlag stellte er den Hengst, um einige Schritte im Schulterherein zu reiten. Langsam und geduldig half Niklas mit der Gerte ihn zu stellen. Vor der nächsten Ecke trabte er aus der Stellung heraus an und Ivy hatte mehr Schub aus der Hinterhand. Das Tempo wurde immer gleichmäßiger. Niklas trabte auch nicht mehr aus, sondern blieb im Sattel. Es verwirrte den hellen Hengst, doch fügte sich. Auf dem Zirkel galoppierte Niklas noch einige Runden auf beiden Händen, bevor er ihn durch parierte und abritt.
      Auch wenn es ziemlich deutlich war, dass es noch eine Menge Arbeit benötigen würde, bis Ivy halbwegs vernünftig lief, machte der Freiberger seine Sache meiner Meinung nach schon ganz gut dafür, dass er gerade einmal seit 3 Monaten unter dem Sattel lief, zumal Ivy vermutlich, wie die meisten jungen Freiberger in der Schweiz relativ kurzfristig vor dem Feldtest in einer Hauruckaktion eingeritten worden war, armer Divine. Müde und verschwitzt trottete der Hengst unter Niklas durch die Halle, wobei auch Niklas deutlich angestrengt aussah. Und da soll noch einmal jemand sagen reiten sei kein Sport.
      “Ihr zwei seht eindeutig so aus, also könntet ihr eine Dusche gebrauchen”, stellte ich fest, als die beiden in der Mitte der Halle anhielten.
      “Ach, denkst du das?” Provokant zog Niklas sein Shirt auf und warf es sich über die Schulter, nach dem er vom Einhorn stieg. Er drehte sich zum Pferd und lockerte den Gurt. An seiner linken Schulter sah ich das mittlerweile nicht mehr so frisch gestochene Tattoo, dass ich skizziert hatte. Durch die Folie wirkte es sehr verschwommen und die Haut löschte sich ab, was offenbar zum Heilprozess gehörte.
      “Wann kann man das Kunstwerk da eigentlich so richtig bewundern?”, fragte ich neugierig.
      “In Schweden mache ich die Folie ab und beginne dann mit der Creme. Also dann kannst du dir das Ganze genauer ansehen”, antwortete Niklas, führte Ivy los und legte seinen Arm auf meiner Schulter ab, während wir zurück zum Stall liefen.
      “Das ist gar nicht mehr so lang, dann freu ich mich umso mehr, wenn es endlich losgeht”, erwiderte ich lächelnd. Tatsächlich begann so langsam so etwas wie freudige Erwartung in mir Aufzukommen. Vorfreude darauf was mich dort erwarten würde und darauf, dass Schweden auch bedeutete, Juli endlich wiederzusehen.
      “Kann es da etwa jemand nicht abwarten, vollkommen ungestört mit mir zu sein”, tändelte er weiter mit mir und seine Augen funkelten noch mehr.
      “Möglich”, antworte ich mit einem verschmitzten Lächeln und blickt zu ihm hoch.
      “Also doch gar nicht so unschuldig wie du tust”, sagte er und blieb stehen.
      “Das ist alles Interpretationssache”, konterte ich ohne den Augenkontakt zu ihm abzubrechen.
      „Eine Sache Perspektive also?“, wiederholte er sinngemäß meine Worte und legte seine Arme um meine Hüfte. Dabei zog er mich zu sich. Ivy stand dabei ruhig neben uns und begann an meiner Schulter mit seiner Lippe herumzuspielen. Ich nahm die Wärme von Niks Haut und den Geruch nach Pferd, Staub und einem ganz schwachen Hauch seines Aftershaves wahr. Ich nickte nur als Antwort, wobei mir einige Haarsträhnen ins Gesicht fielen. Sanft legte er sie hinter mein Ohr und flüsterte: “Dann beweise es mir doch mal, was es dir ernst ist.” Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um auch noch die letzten Zentimeter auszugleichen und legte meine Lippen sanft auf seine. Die Wärme, die sich bisher nur in meiner Brust ausgebreitet hatte, durchfloss nun jede Ader meines Körpers.

      Vriska
      In meinem Kopf schwirrte noch immer das seltsame offene Gespräch am See, bei dem Niklas für meinen Geschmack viel genau über seine Gefühle sprach. Ich hätte ihn lieber weiterhin als den emotionslosen Idioten in meiner Erinnerung und nicht den Typen, der sich wie ich nur nach Stabilität in seinem Leben sehnte. Ungewollt zog es mich wieder zu ihm, obwohl es war, der das nicht ertrug. Gefühle machen keinen Sinn.
      „Hörst du mir eigentlich zu?“ Erik holte mich zurück in das Hier und Jetzt.
      „Nein, ich musste an morgen denken“, log ich und kuschelte mich näher an ihn heran. Wir lagen in meinem Bett im Zimmer und hatten eine Serie begonnen, bei der es sich um Hexen handelte. Einige Folgen hatten wir schon hinter uns, doch physisch war ich mehr mit Erik beschäftigt und in meinem Kopf hatte ich nur seinen Bruder. Ich ekelte mich tatsächlich sehr vor mir und das Verlangen wuchs, im Badezimmer zu verschwinden und zu weinen. Meine Kräfte, dass alles ertragen zu können, wurde immer geringer.
      Obwohl ich Kinder nicht leiden konnte, schreckte mich das nicht ab, Erik wirklich ernsthaft in Betracht zu ziehen für eine langfristige Beziehung. Doch noch mehr interessierte es mich, was er sonst noch für Vorzüge hatte. Vom See wusste ich bereits, dass auch eine schwere Zeit durchgemacht hatte oder sogar noch machte. Das machte ihn zu einem besseren Menschen in meinen Augen. Vorsichtig wanderten meine Hände unter sein Shirt, denn ich sollte seine Brust spüren. Ein Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus, ich seine Haut fühlte. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.
      „Kannst du bitte deine Hände bei dir lassen?“, knurrte mich Erik ungestüm an. Schreckhaft zog ich sie weg, stand jedoch auch aus dem Bett auf.
      „Was stimmt mit dir auch einmal nicht?“, fragte ich schockiert. Im selben Moment zog er sein Shirt wieder herunter und legte seine Arme darüber.
      „Ich habe das Gefühl, dass dich das anmacht und allein die Vorstellung widert mich an“, murmelte er aufgebracht und stieg ebenfalls aus dem Bett. Doch Erik griff sich sogleich seine fehlende Kleidung.
      „Und willst du gehen oder was hast du vor?“ Enttäuscht setzte ich mich neben ihm und suchte verzweifelt Blickkontakt, doch er sah zum Boden.
      „Ja, mir ist das nichts“, sagte Erik bedrückt und zog sich seine aufgehobene Kleidung an.
      „Ich mag dich, wirklich. Und ich habe irgendwie das Gefühl, dass uns etwas verbindet“, stammelte ich mit zitternder Stimme. Erik reagierte nicht direkt.
      „Bitte bleib hier“, flehte ich. Dass er um die Zeit noch nach Hause fahren wollte und in der Stimmung, konnte nicht ausgehen. Alles setzte ich in Bewegung, um ich dazubehalten.
      „Und verbindet gar nichts außer meinem Bruder, der fest davon überzeugt ist, Besitzanteile an dir zu haben“, protestierte Erik und griff zur Türklinke. Ich stellte mich vor ihn und konnte endlich Blickkontakt aufbauen. Seine Augen waren glasig und strahlten Angst aus, wie ein Tier auf der Flucht vor einem Raubtier.
      „Nein hat er nicht! Warum sagst du so was?“, verteidigte ich mich.
      „Weil er das sagt und jetzt geh bitte aus dem Weg. Ich möchte dir nicht wehtun“, bat er eindringlich.
      „Was kann ich tun, dass du bleibst?“, versuchte ich Erik erneut zu überzeugen und legte meine Arme um seinen Hals. Augenblicklich schubste er mich unsanft zur Seite und ich fiel mit meinem Rücken gegen die Holzvitrine. Angst- und schmerzerfüllt sank ich zu Boden. Tyris erster Ausrutscher begann ebenfalls mit einem kleinen Schubser, aus dem immer größeren Ausrutscher wurden, bis ich das erste Mal im Krankenhaus landete. Und dann wieder und wieder. Das Gesundheitssystem war nicht darauf vorbereitet jungen Leuten auf Gewalttaten zu helfen, vor allem nicht, wenn es wie ein Unfall geschildert wird und danach aussieht. Die Realität sah anders aus.
      Besorgt kniete Erik vor mir und ich merkte Tränen, die seine Wangen herunterliefen. Er scheute sich nicht, offen seine Emotionen zu zeigen, auch wenn es ihn angreifbar machte. Ich griff nach seiner Hand, die Nahe neben mir stützte.
      „Alles gut, passiert mal“, murmelte ich und verfiel in alte Muster.
      „Nein, ist es nicht“, antwortete Erik bedrückt und half mir hoch. Vom Reitunfall schmerzten mir noch die Rippen, was in dem Moment wieder schlimmer wurde. Ich konzentrierte mich auf die nächsten Gegenstände in meiner Nähe. Auf dem Tisch lag ein Stift, einige Blätter, am Boden stehen meine Schuhe und darüber hing Eriks Jackett. Die Schuhe trug ich täglich und waren weiß, Betonung dabei auf waren. Mittlerweile hatten sie einen braun-grauen Schimmer durch den Dreck. Langsam wurde meine Atmung wieder ruhiger. Erik hielt noch immer meine Hand fest und ließ mich langsam in seine Arme gleiten. Bei ihm fühlte ich mich nicht mehr einsam und endlich angekommen, zu Hause. Sein Shirt roch nach Schweiß und dem Parfüm, dass er trug. Die Mischung machte es einzigartig, was meine Sinne wahrnahmen. Intensiv wie seit Jahren nicht mehr genoss ich den Augenblick und folgte ihm zum Bett. Keiner sagte was und durch das geöffnete Fenster drangen leise Geräusche der Pferde ins Innere. Sein Duft lag mir noch immer in der Nase und ich schloss die Augen. Ich spürte seine Anwesenheit neben mir.
      „Woran denkst du gerade?“, flüsterte Erik mir zu. Er sah mich dabei an und hatte seine Hände als Kopfkissen. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und erzählte: „Stell dir eine kleine Blockhütte einsam im Wald vor, vielleicht an einem Fjord hoch in den Berg. Zusammensitzen wir auf einer Bank auf der Terrasse und blicken durch die Bäume direkt auf die stille Oberfläche des Wassers. Der Sonnenuntergang spiegelt sich auf der Oberfläche. Es ist bereits ziemlich kühl. Ich liege in deinen Armen und wir sind bedeckt von einer gestrickten Wolldecke, die ich bereits einige Tage zuvor fertiggestellt hatte. Aus der Hütte schallt leise Falkenbach im Hintergrund.“
      „Sowas schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt“, sprach er leise zu mir, legte seine Hände um meinen Kopf und drückte unsere Lippen aufeinander. Ich fühlte mich frei in dem Moment und von jeder Sekunde zur nächsten wurden wir ungestümer. Bis ich mich, ohne von ihm zu lösen, auf ihn setzte und langsam meine Hüfte zu bewegen. Ich spürte, dass es ihn ebenfalls gefiel. Langsam führten meine Lippen herunter zu seinem Hals und er zog mein Shirt aus. Auch seins durfte ich entfernen. Zärtlich küsste ich seine Brust und seinen perfekten unperfekten Bauch bis ich an seiner Hose angelangte. Als auch diese entfernen wollte, stoppte Erik mich.
      „Ich weiß, dass wir das gerade beiden wollen, aber es geht nicht“, sagte er und zog mich wieder nach oben. Er hielt mich fest in seinen Armen.
      „Wieso was ist los?“, fragte ich vorsichtig. An Verhütungsmitteln sollte das nicht scheitern. In meiner Tasche befanden sich noch einige Gummis.
      „Ich möchte, dass das mit uns beiden funktioniert und dafür muss es langsam angehen“, flüsterte Erik. Ich vertraute ihm und stimmte zu. Still lagen wir nebeneinander und genossen die gemeinsame Zeit. Die Serie hätte ich mittlerweile ohnehin von Vorn sehen müssen, um sie zu verstehen. Doch Erik wirkte wie gebannt von ihr. So fest wie ich konnte, kuschelte ich mich in seinen Arm, bis er sich von mir löste und aufstand.
      „Ich muss zur Toilette“, stammelte Erik und ich betrachtete ihn genau.
      „So wird das aber wohl nichts“, lachte ich.
      „Ja. Reden wir nicht drüber, bitte“, sagte er und lief zum Bad.
      „Ich hoffe, du denkst an mich“, fügte ich noch belustigt hinzu. Er stimmte aus dem Bad zu, dann wurde es wieder still. Gelangweilt nahm ich mein Handy zur Hand. Schon aus reiner Neugier folgte ich Lina und ihren Pferden auf Instagram und versuchte darüber, etwas mehr über sie zu erfahren. Vor allem darüber, was das mit Niklas war, denn er postete nicht viel außer Oberkörperbilder und irgendwelcher missglückten Bilder seiner Stute. Humbria zeigte er bisher nicht. Lina hatte in ihrer Story einige Momente vom Schwimmen heute und ein Bild zusammen mit Samu und den beiden Pferden. Kein Niklas zu sehen und swipte weiter. Jenni befand sich wieder in London und verbrachte Zeit mit Marc. Eigentlich wollte ich mich noch bei ihr melden. Prüfend sah ich mich um, niemand in Sichtweite. Mehrfach tippte ich auf meinem Bildschirm herum, bis ich Jennis Chat geöffnet hatte. Die Nachrichten über Niklas brachten mich wieder zum Nachdenken, ob es wirklich so eine vielversprechende Idee war mit Erik, doch ich fühlte mich wohl mit ihm. Mit zittrigen Fingern verfasste ich eine Nachricht an sie: “You are right. It was not a good idea to do this with Niklas. Some things changed and I met his brother. He is kind and gracious! Yes, I know. I don't know him, but I want to know more. He has a little daughter who even likes horses. That's a good sign, isn't it?
      Harlen comes to Sweden when I return home. I will soon have my final exam, and he will help me with it. Will we see each other again? <3”
      Mein Handy landete wieder auf dem Nachttisch. Erschöpft aber sichtlich erleichtert kam Erik zum Bett, schnappte sich sein Shirt und zog es über.
      „Ich würde jetzt trotzdem gehen“, murmelte er.
      „Aber morgen ist meine Kür und ich möchte, dass du dabei bist“, hoffte ich ihn überzeugen zu können.
      „Dann komme wieder hergefahren, das schaffe ich schon“, sagte er munter und bekleidete sich vollständig.
      „Das ist doch unnötig, bitte bleib hier“, flehte ich weiter. Kurz dachte ich darüber nach, meine Arme um ihn zu legen, doch stand nur vor ihm und blickte hoch in seine blauen Augen.
      „Trymr soll nicht weiter allein sein, deswegen würde ich dann mit ihm wiederkommen“, rückte Erik mit der Sprache heraus. Doch wer war das? Hatte er noch ein Kind? Das wäre mein Untergang.
      „Wer ist das?“, fragte ich schließlich.
      „Mein Hund. Die Sitterin hat ihn vor einer Stunde zu mir gebracht, weil er nur am Jaulen war“, erklärte er.
      „Dann gehen wir ihn zusammen holen und fahren dann wieder her“, schlug ich vor. Ich schielte zur Uhr, es würde gleich Abendessen geben. Das verpasste ich somit.
      „Wenn du meinst, dann zieh dir was an“, sagte er und ich verschwand im Bad, um mich frisch zu machen. Die Haare formten sich zu einem lockeren Zopf. Den Eyeliner zog ich noch einmal nach und warf mir ein sauberes Outfit über. 10 Minuten später waren wir Abfahrt bereit. Zur Sicherheit schrieb ich Chris noch, damit einer wusste, dass ich nicht da sei. Er antwortete mit einer lachenden Emoji.
      Eriks Auto hatte sich den Tag über ziemlich aufgeheizt und die warme Luft stand in diesem. Bevor wir losfuhren, lüftete er. Beim Motorstart schaltete sich die Musik ein.

      Lina
      “Und ist dir das erst einmal Beweis genug?”, säuselte ich leise, als ich mich wieder langsam von ihm löste.
      “Fürs Erste, ja”, antwortete er und griff nach meiner Hand. Etwas fehl am Platz stand noch immer Divine neben uns und blickte verwirrt ein wenig verwirrt drein. Der Hengst schien nicht so ganz zu verstehen, warum wir jetzt hier herumstanden und vor allem warum es dabei dann nicht um ihn ging. Ein wenig ungestüm stupste er mich mit seiner Schnauze an.
      Mit einem amüsierten lächeln strich ich ihm mit der freien Hand über die Stirn und der Göttliche schnaubte zufrieden.
      “Ich glaube das Einhorn hier, ist ein wenig eifersüchtig”, lachte ich und Hand in Hand liefen wir zum Stall. Während Niklas das Sattelzeug wegräumte, begann ich damit den Freiberger abzuduschen. Wie immer, begann Ivy erst einmal aus dem Schlauch zu trinken, bevor ich anfangen durfte sein Fell zu wässern. Immer wieder schüttelte sich der Hengst, was zur Folge hatte, dass nicht nur er immer nasser wurde, sondern ich genauso wie die restliche Umgebung. Niklas hatte auch großen Spaß daran, mir den Schlauch aus der Hand zu reißen und mich weiter nass zu machen. Wir lachten herzlich und brachten klitschnass Ivy wieder heraus auf die Weide, denn sie blieben auf der morgigen Veranstaltung auf den Weiden. Kaum löste ich den Strick vom Halfter, schmiss der bis dato sauberen Hengst in die nächste sandige Ecke und wechselte seine Farbe.
      “Gut, dass du morgen nicht reiten musst”, scherzte Niklas und griff wieder nach meiner Hand.
      “Damit will er sicher nur sorgen, dass er auch ja genug Aufmerksamkeit bekommt, der kleine Prinz”, erwiderte ich lachend, während ich zusah, wie Ivy sich schüttelte um anschließend zu den anderen Pferden, weiter hinten auf der Koppel zu traben.
      „Morgen wird es Smoothies letzter Auftritt sein“, murmelte Niklas nachdenklich und sah weiter zu Ivy, der mit Panchy begann zu spielen. Bevor ich etwas antwortete, fügte er noch hinzu: „Vielleicht sollte ich sie abgeben, ich weiß nicht, ob ich das ertrage. Ich wollte immer mit ihr bei dem World Cup reiten, doch das wird nichts. Vielleicht wäre es sogar besser, wenn ich komplett sein lasse.“ Wenn ich nur daran dachte, was gewesen wäre hätte ich meine Träume einfach aufgegeben. Dann wäre ich jetzt nicht hier, dann hätte Ivy niemals den Weg zu mir gefunden und auch Niklas wäre ich nie begegnet. Nein, Träume aufgegeben ist keine gute Option.
      “Nein, du solltest deinen Traum nicht einfach so aufgeben. Klar wird es ohne Smooth anders sein, aber der World Cup ist immer noch ein großes Ziel. Auch, wenn du mit einem anderen Pferd teilnimmst, wird Smoothie dabei sein in deinem Herzen, denn ihr hast du es zu verdanken, dass du überhaupt so weit gekommen bist”, redete ich sanft ihm zu.
      “Du hast schon recht, aber sie ist was besonders. Opas Stute, mit der er damals gewann, steckt mit ihrem Stammbaum und deswegen hätte das nur mit ihr werden können”, sprach er leise. Noch immer blickte er von mir weg und konnte spüren, wie nah ihm das Thema ging.
      Behutsam begann ich zu sprechen: “Glaub mir, ich verstehe dich nur zu gut, dass du glaubst, Smooth ist das einzige Pferd, mit dem du dein Ziel erreichen kannst und ich verstehe auch, dass sie etwas ganz Besonderes ist, aber Abstammung ist nicht alles, was man braucht. Fähigkeiten und Talente sind ein viel größerer Faktor. Es geht auch nicht darum Smoothie zu ersetzen, denn es wird kein Pferd geben, welches sie ersetzen kann, aber es kann ein Pferd geben, welches ihren Weg fortsetzt, das weiterführt, was sie nicht mehr kann. Manchmal müssen wir unsere Träume dem Leben anpassen. Aber gib nicht einfach auf, worauf du schon so lange hingearbeitet hast.”
      “Dann wollen wir mal hoffen, dass Form das schafft, ansonsten muss ich mir was ausdenken. Latte könnte ein wunderbares Turnierpferd sein, wenn wir nicht arbeiten würden”, lachte Niklas auf einmal und zog mich zum Zaun, auf den Weg zurück zum Hof.
      “Latte? Ist das dein Dienstpferd?”, fragte ich neugierig, war aber ein wenig irritiert von seinem plötzlichen Überschwung.
      “Genau, wir wurden zusammen ausgebildet und ich reite ihn hauptsächlich. Vielleicht kannst du ihn mal kennenlernen”, überlegte er.
      “Gerne würde ich ihn kennenlernen, sofern es sich einrichten lässt. Ihr seid sicherlich ziemlich beschäftigt”, sagte ich. Er lachte.
      “Oh ja, sehr beschäftigt”, belustigte Niklas sich weiter.
      “Was ist denn da so lustig?”, fragte ich, denn mich beschlich das Gefühl, das er sich über mich lustig machte.
      “Ich reite drei Stunden am Tag, dann machen wir irgendwas sauber und dazwischen sitzen wir herum. Manchmal sind wir dann noch so was wie Ausreiten in der Stadt. Wirklich viel zu tun haben wir nicht, außer präsent zu sein. Am Wochenende wird es Mal aufregend, aber dort reite ich nicht so häufig mit”, erklärte er mir seinen Arbeitsalltag.
      “Wow, ich habe mir den Alltag eines Polizisten immer aufregender vorgestellt”, lachte ich.
      “In meinen Praktika gab es mehr Arbeit, doch mit den Pferden sind wir eine Sondereinheit, die auf Demonstrationen oder Fußballspielen eingesetzt werden. Dementsprechend besteht sehr viel aus Training, aber das habe ich nicht wirklich nötig”, überheblich wie eh und je sprach Niklas wieder über sich.
      “Natürlich kannst du schon alles, wie sollte es auch anders sein”, kommentierte ich seine Erzählung.
      “Im Stall sind wir dann fertig, oder?”, fragte Niklas später, nach dem wir dem Ivys Zeug endgültig geräumten und noch einmal die Gasse durchgefegt hatten.
      “Jap, alles fertig”, bestätigte ich.
      “Dann lass uns zum Essen gehen, du hast sicher auch Hunger”, schlug er endlich vor, nach einem Blick auf die Uhr. Es war kurz vor 8 Uhr, zeigte mir dann auch mein Handy an.
      “Grundsätzlich eine gute Idee, aber ich würde mich vorher noch umziehen wollen”, antworte ich ihm, denn so langsam klebte die nasse Reithose ziemlich unangenehm an mir.
      “Na gut, dann gehe ich noch Duschen. Wir sehen uns dann”, verabschiedete er sich ziemlich emotionslos von mir und lief zum Zimmer. Auch ich lief zu meinem Zimmer und als ich mein nasses nicht mehr ganz so wohlriechendes Shirt auszog, beschloss ich, dass eine Dusche vermutlich keine schlechte Idee sei. Bevor ich unter die Dusche schlüpfte, hängte ich die nassen Sachen zum trocken auf, auch wenn sie ohnehin in die Wäsche mussten.
      20 Minuten später stieg ich tropfend aus der Dusche und umwickelte mich mit dem Handtuch. Das Schwimmen und auch Niklas Angriff auf meine Frisur hatten einige Knoten hinterlassen, die ich dank Conditioner schnell wieder loswerden konnte. Auf das Föhnen verzichtete ich, da es eh noch warm genug, war als das sie schon von allein trockneten, außerdem bekam ich so langsam wirklich Hunger. Ohne weiter herumzutrödeln, wählte ich eine Jeansshorts und ein Top uns schlüpfte in meinen Sneaker. Diese hatten definitiv schon mal besser ausgesehen. Das weiß glich eher einem grau, der Sand setzte sich in den Nähten ab und der Sternenhimmel, den in mühevoller Kleinarbeit auf dem Swoosh gemalt hatte, verlor so langsam an Farbe. Ich schnappte mir mein Handy vor der Kommode, auf dem mir auch schon eine Nachricht von Samu entgegen leuchtete. Er wollte wissen, ob ich heute noch beim Essen auftauchen würde oder ob ich schon verschollen sei. Während ich die Treppe runterlief, antwortete ich ihm. Ich war so auf mein Handy fokussiert, das ich am Fuß der Treppe beinahe in Jace hineinlief.
      “Aufpassen Lina”, warnte er mich und ich konnte ihm gerade noch so ausweichen.
      “Sorry, hab dich nicht gesehen”, murmelte ich, während ich die Nachricht zu Ende tippte und das Handy wieder in der Hosentasche verschwinden ließ.
      “Ja, das habe ich gemerkt. Alles okay bei dir?”, fragte er und sah mich dabei mit einem Blick an, bei dem ich mich zunehmend unwohl fühlte, denn es lag zu viel ernsthafte Besorgnis darin, vor allem weil es gar keinen Grund gab über irgendetwas besorgt zu sein.
      “Außer das ich gleich verhungere, ist alles in bester Ordnung. Also, wenn du dann so freundlich wärst aus dem Weg zu gehen”, versuchte ich dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden, doch Jace hatte offenbar anderes im Sinn.
      “Und wie läuft es so zwischen dir und Niklas?”, fragte er nach. Wow, ich hätte ja alles erwartet aber nicht diese Frage. Seit wann interessierte er sich denn dafür?
      “Ganz wunderbar. Sonst noch Fragen oder darf ich dann jetzt endlich essen gehen?”, fragte ich, aber vermied dabei den Augenkontakt mit ihm. Es fühlte sich irgendwie nicht ganz richtig an mit Jace darüber zu reden und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Jace nicht einfach nur aus freundschaftlichem Interesse fragte.
      “Nein, keine weiteren Fragen”, antwortete er und trat endlich zur Seite, sodass ich an ihm vorbeikam. Schnell verschwand ich aus dem Haus und machte mich auf den Weg zum Essen.

      Niklas
      Einige Minuten wartete ich am Haus noch auf Lina, doch als sie nicht kam, lief ich schon vor zu den Bänken. Alle waren bereits da und auch die Trainer wirkten sehr unzufrieden, durch meine Verspätung. Noch bevor ich mich hinsetzte, zog mich Frau Wallin zur Seite.
      “Wo zur Hölle ist Vriska?”, fragte sie ziemlich genervt.
      “Woher soll ich das denn wissen?”, fauchte ich zurück. Es war nicht meine Aufgabe auf die aufzupassen, aus welchen Grund auch.
      “Wenn du sie siehst, sage ihr bitte, dass ich mit ihr dringend sprechen muss”, wurde sie eruptiv freundlicher. Nun doch ziemlich interessiert, worum es ging, musste ich mehr erfahren.
      “Ich glaube, es geht ihr nicht so gut. Wenn sie wollen, sage ich ihr, was sie wollten”, bot ich fälschlicherweise an.
      “Okay, aber sage es ihr bitte wirklich. Im Vorstand wurden Unterlagen eingereicht, die bestätigen, dass sie im Verein bleiben kann”, lächelte Frau Wallin erleichtert. Doch meine Begeisterung, sie nicht mehr sehen zu müssen, verschwand. Ich nickte und entschied es ihr nicht zu sagen. Wer nämlich nicht zum Training kam, musste mit Konsequenzen rechnen. Damit konnte ich sie doch noch loswerden. Mit einem breiten Grinsen vor lauter Schadenfreude setzte ich mich zu Chris und Ju an den Tisch.
      “Was ist passiert?”, fragte Chris nach.
      “Sie wollte wissen, wo Vriska ist, weil sie etwas wissen wollte, aber ich konnte nachhelfen”; log ich.
      “Ah verstehe. Also sie ist vor einer halben Stunde mit Erik in die Stadt gefahren”, klärte er mich dann auf. Dass der Kerl mit ihrem Fehlen zu tun hatte, hätte mir klar sein müssen. Statt eine Antwort zu geben, rollte ich mit den Augen. Dann verlangte Herr Holm nach unserer Aufmerksamkeit und wir drehten uns zu ihm.
      “So ihr Lieben, morgen ist es dann so weit. Jeder von euch wird eine Kür reiten, aber wir haben uns dann noch etwas anderes überlegt. Wer der Meinung ist, seine Note ausbessern zu müssen, kann dann noch einen M Springparcours reiten, den wir erst morgen bekannt geben werden. Auch die Starterliste hängt erst morgen früh aus, damit ihr auch alle pünktlich beim Frühstück sein werdet. Außerdem gibt es noch eine kleine Veränderung, aber darüber werden wir euch noch rechtzeitig informieren”, sagte er. Mir rutschte kurz das Herz in die Hose. Wenn er das mit Vriska nun noch allen sagen würde, konnte ich meinen Plan vergessen. Doch während wir ihm zuhörten, verlor er kein einziges Wort darüber. Stattdessen erklärte unser Trainer erneut die Formalien wie Ausrüstung und wann die Kür spätestens beim Richter vorliegen müsste. Außerdem würde jeder Teilnehmer im Anschluss mit seinem Pferd zum Tierarzt müssen, da dabei auch die Flugtauglichkeit geprüft werden würde. Anders als erwartet, würden die Noten im Register offiziell eingetragen werden. Ju blickte erschrocken zu Chris und dann zu mir. Er sprach ihm gut zu und machte ihm Hoffnung zur Not auch den Parcours mit Amy noch bestreiten zu können.
      Endlich sah ich Lina kommen und kurz danach folgte auch Jace ihr. Sie setzt sich zu Samu und Jayden, die bereits am Essen waren.
      “Möchte noch jemand etwas sagen oder fragen?”, gab Herr Holm seine Position ab. Noch einmal atmete ich tief durch und stand auf. Mein Blick richtete ich zu Lina, die dann zu mir hoch saß. Vor versammelter Mannschaft begann ich zu sprechen: “Ich weiß, dass ich vor ein paar Tagen noch etwas anderes sagte und ja mir ist klar, dass das ziemlich unüberlegt wirkt. Aber Lina, ich möchte mit dir gemeinsam den kommenden Weg beschreiten und keine Umwege mehr nehmen. Möchtest du mit mir zusammen sein?” Meine Knie wurden weich, als ich das Aussprach und nervös fummelte ich an dem Gestell meiner Brille herum. Ich wusste nicht genau, was sie davon halten würde. Vor allem, weil ich es laut vor allen anderen sagte. Die ganze Aufmerksamkeit lag gerade auf uns und es war still. Extrem still.
      Linas Augen wurden immer größer, bevor sich ein Lächeln aus ihrem Gesicht ausbreitete.
      Es dauert noch quälende Sekunden, bis sie endlich antworte: “Ja…Ja, ich möchte mit dir zusammen sein.” Während sich das sagte war sie aufgestanden und zu mir rüber gelaufen, sodass sie nun vor mir stand. “Ja, einfach ja”, sagte sie noch einmal leise und ein Leuchten trat in ihre Augen. Ohne weiter nachzudenken, legte ich meine Hände an ihre Hüfte, schloss die Augen und drückte meine Lippen leidenschaftlich auf ihre Lippen. Die Menge tobte.

      Währenddessen irgendwo auf der Straße…

      Vriska
      Wardruna spielte und müde lehnte ich mich in den Sitz. Die Straßen waren dunkel und wir hatten freie Fahrt, nur wenige Fahrzeuge kamen uns entgegen und ich starrte fasziniert in den Abendhimmel. Die leisen Klänge der Trommeln aus den Lautsprechern hypnotisierten mich förmlich. Wir unterhielten uns darüber, wieso er nicht früher mich informierte über seinen Hund. Es war ihm unangenehm und Erik nahm an, dass er am Nachmittag wieder zu Hause sein würde. Das bestätigte sich offensichtlich nicht.
      “Glaubst du an das Schicksal?”, fragte ich aus dem Dunst heraus, als ich nachträglich die Barken am Straßenrand beobachtete, die an uns vorbeirauschten. Ich wünschte mir, dass Gefühl immer in mir tragen zu können. Sorgenfrei saß ich wohl mit dem besten Typen der Welt im Auto. Im Hintergrund ertönte entspannte Musik und nichts schwebte mir durch den Kopf, als das hier nie enden lassen zu wollen.
      “Natürlich”, antwortete Erik kurz und er legte seine Hand auf meinen Arm, den ich auf der Lehne hatte. Das Kribbeln in meinen Bauch kam wieder. Seine Berührung bereitete mir Hoffnung, dass das alles richtig war. Bevor ich ausschüttete, was in meinem Kopf herumschwirrte, atmete ich tief ein und wieder aus.
      “Nach dem du da warst, wollte ich nichts anderes als dich”, murmelte ich nachdenklich. Die Worte kamen in großen Abständen aus meinem Mund, bis ich es komplett flüssig wiederholte. Doch eine Antwort bekam ich von ihm nicht direkt. Deprimiert drehte ich mich zu ihm und sah mich nicht einmal an.
      “Aha”, sagte Erik schließlich ziemlich desinteressiert. Innerlich zerbrach etwas und drehte mich wieder zur Seite, um aus dem Fenster zu sehen. Viele Kilometer schwiegen wir einander an und bis er schließlich die Stille auflöste.
      “Wenn ich dir das glauben sollte, dann wäre es vermutlich klüger gewesen nicht mehrfach mit meinem Bruder ins Bett zu springen und wer weiß, was du dir dabei noch erhofft hast. Es wirkt jetzt eher so, als wäre ich die Alternative.” Es schmerzte noch mehr, dass er die Wahrheit aussprach. Doch vollständig recht hatte er damit nicht. Ich hatte ein gutes Gefühl nach dem Gespräch mit ihm, sonst hätte ich wohl nicht auf ihn gewartet.
      “Ich … Das”, Erik ließ mich nicht einmal aussprechen und sagte: “Höre auf dich zu rechtfertigen. Es ist mir egal, aber erzähl mir dann nicht solchen Müll.”
      “Halte bitte an”, sagte ich schließlich und er bremste ab auf den Seitenstreifen.
      “Alles in Ordnung?”, fragte Erik fürsorglich. Verwundert runzelte ich die Stirn und sah zu ihm.
      “Es ist jetzt nicht dein Ernst? Ich erzähle dir von meinen Gefühlen und du wirfst sie in den Dreck. Nichts ist in Ordnung, deswegen will ich jetzt zurück. Ich hole mir ein Taxi”, antwortete ich empört und möchte aussteigen. Doch Erik griff nach meinem Arm und hielt mich damit im Fahrzeug.
      „Wenn du mir jetzt einmal klar und deutlich sagst, dass du zurückmöchtest, fahre ich dich. Aber dann war es das“, schlug er vor. Ich musste darüber wirklich nachdenken. Es verletzte mich, was er sagte und sein Vorschlag war nicht viel besser. Ich wollte unter allen Umständen so schnell wie möglich zurück zu meinem Pferd, doch es zur Folge hatte, ihn nie wieder bei mir zu haben, schwieg ich und schloss die Beifahrertür wieder.
      Im nächsten Augenblick wachte ich auf. Wir waren in einer Stadt angekommen und die Straßenbeleuchtung strahlte in mein Gesicht. Die Schaufenster waren hell erleuchtet und voll mit irgendwelcher Kleidung, die ich nie im Leben tragen würde.
      „So, wir sind da. Meinetwegen können wir auch bei mir schlafen“, schlug er vor. Kurz dachte ich darüber nach, doch fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken. Morgen würde es früh losgehen und fand in seiner Gegenwart sowieso nur wenig Schlaf.
      „Mir ist das jetzt ziemlich unangenehm, aber hatten wir vorhin ein fragwürdiges Gespräch?“, fragte ich.
      „Ja und dann bist du eingeschlafen“, antwortete Erik trocken.
      „Ich hoffte, dass es nur ein Alptraum war“, murmelte ich und folgte ihm. Es war still in der Stadt, nur einige verstrahlte taumelten durch die Straße. Erik hielt sein Handy gegen die Tür, die sich sogleich öffnete. Ein Ungeheuer von Hund stürmte aus der Wohnung mit tiefen Geräuschen und ich trat einige Schritte zurück. Der Riese stützte sich direkt mit seinen Vorderbeinen an den Anzug seines Herrchens. Er jaulte aus der Seele heraus und wedelte mit dem Schwanz.
      “Trymr, det är Vriska”, stellte Erik mich dem Hund vor, der sich höflich vor mich setzte. Sein langer wuscheliger Schwanz wischte über den Boden und streckte ihm die Hand entgegen. Freundlich roch er an ihr und strich ihm über den Kopf. Sein Fell war weich, doch hatte auch etwas von einem Rauhaardackel.
      „Ich hätte an einen kleineren Hund gedacht“, sagte ich überrascht zu Erik, der nur lachte und seine Wohnung betrat. Sie war riesig und extrem aufgeräumt. Überall standen Designer Möbel und ich verharrte überrascht neben der Haustür. Ich hatte Angst etwas anzufassen. Währenddessen drückte sich sein Hund an meine Beine und ich streichelte ihm durchs Fell. Trymr hechelte.
      “Ich möchte aber dann wieder los, weil morgen früh muss ich um 8 Uhr bei meinem Pferd sein”, kam ziemlich spät meine Antwort auf seine Frage im Auto. Er nickte und sammelte einige Dinge zusammen.
      An den Wänden hingen keine Bilder und alles wirkte sehr unpersönlich. Nur ein Foto seiner Ex-Freundin und der gemeinsamen Tochter stand auf der Anrichte. Es war eine bildschöne blonde Dame. Vermutlich hatte sie sogar Modelmaße und dann blickte ich an mir herunter. Ich trug eine zu große graue Jogginghose, die schlabbernd an mir hing und alles andere als schön war. Am Oberkörper hatte ich meinen geliebten schwarzen Kapuzenpullover, der mein Untergewicht kaschierte. Ich war das genaue Gegenteil der jungen Dame auf dem Bild.
      „Bist du dir wirklich sicher, dass du das mit uns versuchen möchtest“, stammelte ich verschlossen. Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief Erik von links nach rechts durch die Wohnung und sammelte dabei immer mehr Sachen ein, die er mitnehmen wollte. Bis Erik vor mir stehen blieb und verliebt in die Augen sah.
      „Wieso nicht? Wie kommst du darauf?“, fragte er besorgt und legte seine Hände an meinem Kopf. Für einen Augenblick schloss ich meine Augen, um festzustellen, ob ich noch schlief. Es war kein Traum.
      „Deine Ex ist so perfekt und ihr seht so glücklich aus”, murmelte ich traurig. Irgendwo tief in mir tat es wirklich leid, dass sie nicht mehr zusammen waren.
      “Vriska, bitte. Sage so etwas nicht, wenn du keine Ahnung hast”, brummte er und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Bevor er die Hände von mir losließ und noch hinzufügte: “Sei nicht so kritisch mit dir selbst, schließlich bist du die Erste in meiner Wohnung.”
      Das sagte er so leicht. Schließlich musste ich über den Tag hinweg, ihn mehrfach davon überzeugen, dass es nichts Schlechtes an seinem Körper gab. Aus dem Bad kam er endlich mit einer kleinen Reisetasche, in denen Erik die Sachen verstaute. Darunter einige Kleidungsstücke und Hundefutter in einer Plastikdose. Es war gefrorenes Fleisch und nicht wenig, natürlich. Der Hund kam direkt aus der Hölle und fraß dementsprechend viel.
      Beim Verlassen der Wohnung griff Erik noch nach der Hundeleine und Trymr lief voraus. Aufregt stand der Hund vor dem Auto und wartete darauf, endlich einzusteigen.
      „Wie soll der da reinpassen?“, fragte ich überrascht. Erik lachte nur und holte aus dem Kofferraum eine Decke, die er über die Rückbank legte. Zusätzlich legte er ihm ein Geschirr um. Dann sprang der Hund hinein und Erik befestigte ihn am Anschnalle. Trymr legt sich direkt über die ganze Rückbank und der Platz war vollständig genutzt. Seine Sachen legte er hinten rein und ich stieg auf der Beifahrerseite ein. Der Motor startet und ich schlief wieder ein.
      „Vriska“, wurde ich mit einer sanften Stimme geweckt. Verschlafen richtete ich mich auf dem Sitz auf und Erik stand in der Beifahrertür. Auch Trymr schaute freundlich hinein.
      „Wie spät ist es“, murmelte ich noch im Halbschlaf. Erik sah auf seine Uhr.
      „Es ist 10 nach halb 2. Ich musste noch kurz Tanken und neue Zigaretten kaufen“, sagte er und machte Platz, damit ich aufstehen konnte.
      „Also bist du fast vierundzwanzig Stunden wach? Du bist doch irre“, raunte ich und stieg aus.
      “Nein, ich habe mich zwischendurch zurückgelehnt und dann”, lachte er.
      “Soweit ich weiß, kann das Ding nicht autonom fahren”, flüsterte ich. Dann schlürfte ich Richtung Zimmer und fiel direkt ins Bett. Erik folgte mir und sein Hund legte sich davor ab.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 89.209 Zeichen
      zeitliche Einordnung {August 2020, Tag 12}
    • Mohikanerin
      Dressur A zu L | September 2021

      Form follows Function LDS // Forbidden Fruit LDS // Götterdämmerung LDS

      Obwohl ich viel um die Ohren hatte, vernachlässigte die drei Schützlinge nicht. Form, Fruity und die Göttin machten Fortschritte, besonders in der Rittigkeit und Selbsthaltung. Die Wendungen wurden zunehmend enger und die Rahmenerweiterung im Schritt und Trab saßen immer besser.
      Als erste des Tages kam Form an die Reihe, denn es gab immer mehr Interessenten für die blauäugige Rappstute und langsam sollte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie eine Zukunft vor sich hatte. Dafür musste sie nun intensiver vorbereitet werden. Nach dem Satteln legte ich heute zum ersten Mal eine Kandare an, irritiert kaute sie auf den beiden Mundstücken herum, aber vertraute mir. Im Stall stieg ich auf und drehte eine kleine Runde im Schritt. Form akzeptierte das Gebiss genau wie jedes anderes und verstand auch schon den Einsatz der verschiedenen Zügel, nur in der drei-zu-eins Haltung brachte sie durcheinander. Eng zog sie den Kopf an den Hals, drückte sich nach oben und tänzelte. Wenn ich die Zügel nachgab, entspannte sich Form wieder, also mussten wir daran weiter arbeiten. Angekommen in der Halle baute ich langsam darauf auf, mehr in der Hand zu haben, im Schritt und im Trab. Die Bahnfiguren setzte ich gezielt als Übung der Rittigkeit ein, genau wie die Verstärkung.
      Fruity am Nachmittag war fleißig wie immer, kannte auch die Kandare bereits. Statt dem gewünschten einfachen Galoppwechsel, übten wir mit einem Cavaletti den fliegenden. In Achten galoppierte ich immer wieder darüber und motivierte sie dazu selbstständig zu wechseln. Anfangs war sie verwirrt, doch je öfter ich hinüberritt, umso gezielter sprang sie um. Den einfachen kannte Fruity bereits, denn ihre Rittigkeit verbesserte sich dadurch enorm. Die Stute lernte so schnell.
      Göttin hingegen hatte heute wieder einen schlechten Tag. In der Halle lief sie der Balance davon, taumelte häufig und widersetzte sich den Hilfen. Doch im Galopp lockerte sie sich und beherrschte sogar den Außengalopp. Somit arbeiteten wir die nächsten Wochen weiter an der Rittigkeit, ihrer Geduld und den dazugehörigen Lektionen. Auch Form machte Fortschritte mit der Kandare und konnte nun wirklich den Hof verlassen. Fruity bekam eine Pause, denn sie forderte immer mehr und konnte nicht mehr abschalten. Sie könnte zunehmend ein zuverlässiges Turnierpferd werden.

      © Mohikanerin // Tyrell Earle // 2322 Zeichen
      zeitliche Einordnung {August 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel två | 25. September 2021

      HMJ Divine // Fly me to the Moon // HMJ Holy // Vintage // Wunderkind // Architekkt // Waschprogramm // Glymur // Enigma LDS // Götterdämmerung LDS // Form Follows Function LDS

      Lina
      Ich wurde wach von einem kalten Luftzug, der mir auf einmal um die Beine strich. Etwas oder besser gesagt jemand hatte mich offensichtlich meiner Decke bestohlen.
      “Juli, du hast deine eigene Decke”, murrte ich müde. Ein leises Schnarchen war die einzige Reaktion, die ich bekam. Müde öffnete ich meine Augen, die einen Moment brauchten, bis sie sich an die Dunkelheit im Zimmer gewöhnt hatten. Drei Uhr zwanzig registrierte ich mit einem kurzen Blick auf den Wecker. Im schwachen Schimmer des Mondlichts, welche durch einen Spalt zwischen den Vorhängen drang, erkannte ich meine Schwester, die sich wie ein Wrap in die Decke eingewickelt hatte. Ihre eigene Decke schien aus dem Bett gefallen zu sein, denn ich konnte einen hellen Haufen auf dem Boden am Fußende ausmachen. Schlaftrunken stieg ich aus dem Bett. Der Boden unter meinen Füßen war unangenehm kühl. Möglichst leise, um Juli nicht zu wecken, versuchte ich zum Fußende zu tapsen.
      “Ahh, fuck! Wer hat denn das blöde Ding dahingestellt”, fluchte ich leise, als mein kleiner Zeh hart mit einer Kante kollidierte. Ein stechender Schmerz zuckte durch meinen Fuß, bevor der Zeh zu pulsieren begann. Blödes Bücherregal, warum musste das denn auch genau da stehen.
      Mit der Bettdecke im Arm humpelte ich zurück zu meiner Betthälfte. Noch immer schmerzte der Zeh. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich behauptet, er sei gebrochen. Wie konnte so ein kleiner Körperteil nur so sehr wehtun? Ungeachtet des schmerzenden Zehs steckte ich meine kalten Füße unter die Bettdecke und versuchte wieder eine gemütliche Schlafposition zu finden. Nach mehrmaligen herumwälzen fand ich diese schließlich auch. Während ich so da lang und darauf wartete vom Schlaf übermannt zu werden, schlichen sich Julis tausend Fragen wieder in mein Gedächtnis. Natürlich hatten viele Fragen Divine gegolten und auch dem, was ich in Kanada so erlebt hatte, doch die meisten ihrer Fragen konzentrierten sich auf die Ursache dafür, dass ich jetzt hier war. Hier in Schweden. Nachdem ich ihr erst einmal möglich detailgetreu erzählen musste, wie ich Niklas das erste Mal begegnete, wie es dazu kam, dass er mir ein Pferd kaufte, dessen Preis ich lieber verschwieg, und was genau Jace mit der Sache zu tun hatte, war es bereits ziemlich spät gewesen. Dass ich inzwischen Mit Niklas zusammen war, hatte ich ihr bis dato noch nicht erzählt, denn so viele Fragen wie sie zu allem möglichen stellte, waren wir gerade einmal bis zum Ende der ersten Woche gekommen, wo ich mit Niklas zusammen unterwegs gewesen war um Humbi zu kaufen.
      Unwillkürlich wanderten meine Gedanken zu dem Tag danach. Eigentlich hatte er ja ganz schön begonnen, wäre da nicht Jace gewesen. Jace der mit seiner Aktion erneut bewiesen hatte, das er nicht das war, was ich mir erhoffte und dass er sich innerhalb der drei Jahre kein Stück gewandelt hatte. Jace, der kurz davor gewesen war das zu zerstören, was Ausnahmsweise mal zu funktionieren schien. Zugegebener maßen war Jace allerdings nicht allein daran schuld gewesen, dass die darauffolgenden Tage zu einer Achterbahn der Gefühle wurden. Irgendwie kam es mir immer noch ziemlich surreal vor, dass ich nun tatsächlich hier in Schweden war. Verrückt wie schnell sich das Leben doch komplett verändern kann. Neben mir raschelte es leise und Juli kuschelte sich, etwas unverständlich vor sich hin murmelt an mich. Sie war es eindeutig gewohnt, das Bett normalerweise mit ihrem Freund zu teilen.
      Meine Schwester so nah bei mir zu haben, erinnerte mich an meine Kindheit. Immer wenn ich nicht schlafen konnte, weil ich Alpträume gehabt hatte, weil es draußen gewitterte oder weil Täti Elsa ihren Bruder wieder vorwürfe machte, warum er sich nicht selbst um uns kümmerte. Diese Gespräche endeten eigentlich immer in einem Streit, woraufhin sich unser Vater noch viel mehr in seine Arbeit stürzte. Juliett war einer der wenigen Menschen, die immer für mich da gewesen waren und wie auch früher schon entspannte ich mich in ihrer Gegenwart. Meine Gedanken an Kanada zerstreuten sich allmählich wieder und die Müdigkeit gewann wieder die Oberhand.
      Das nächste Mal wurde ich von dem Piepen des Weckers wach. Vorsichtig wühlte ich mich aus den Armen meiner Schwester, um das nervige Ding auszuschalten.
      “Ist es schon morgen?”, murmelte meine Schwester und drehte sich von mir weg.
      “Jep, aber schlaf ruhig weiter”, antworte ich meiner Schwester und kletterte aus dem Bett. Ich suchte mir ein paar Klamotten zusammen und tapste ins Bad um dort erst einmal unter die Dusche zu schlüpfen. Warm rann mir das Wasser über die Haut, was mich nach und nach wacher werden ließ.
      Als ich eine halbe Stunde später wieder aus dem Badezimmer heraus trat, war die Atmosphäre gelöst und ein ziemlich guter Duft lag in der Luft. Juli war inzwischen aufgestanden und stand fröhlich summend in der Küche und schnippele Obst.
      “Mmmmm, das riecht aber lecker”, stellte ich fest als ich die Küche betrat und versuchte die Quelle des Duftes auszumachen.
      “Oh, tauchst du auch mal wieder auf”, begrüßte sie mich gut gelaunt und schob mich beiseite um etwas aus dem Schrank zu nehmen. Der Geruch der durch die Küche waberte bekam mir bekannt vor, doch ich konnte es nicht ganz zuordnen, bis ich den Inhalt des Ofens entdeckte. Das, was da im Ofen vor sich in buk, weckte Freude in mir.
      “Machst du da etwa Uunipannukakkuja?”, fragte ich noch unnötigerweise, denn eigentlich kannte ich die Antwort schon. Juli nickte und suchte etwas in einer Schublade.
      “Ich hätte auch noch Korvapuusti gebacken, aber das hätte einerseits zu lange gedauert und dein Kühlschrank hat das auch nicht hergegeben. Hast du hier irgendwo ein Puderzuckersieb?”, fragte sie und zog die nächste Schublade auf. Schulte zuckend antwortete ich ihr: “Keine Ahnung, ich wohne hier noch nicht mal eine Woche.”
      “Na gut dann suche ich mal weiter. Du könntest schon einmal den Tisch decken. Frühstück ist gleich fertig”, sagte sie und drückte mir die Teller in die Hand. Ich begann den Tisch zu decken, während meiner Schwester fröhlich weiter in den Schränken wühlte.
      “So Schwesterchen, du warst gestern noch nicht damit fertig mir davon zu erzählen, warum du jetzt hier bist und nicht in Kanada”, kam Juli nun und stellte das Backblech auf den Tisch und verschwand wieder, um die Schüssel mit dem Obst und ein Glas Schokoaufstich zu holen, um diese ebenso auf den Tisch zu stellen.
      “Müssen wir wirklich jetzt darüber reden?”, fragte ich. Eigentlich war das, was zu Beginn der zweiten Woche so passiert, ist nicht unbedingt das Ideale Frühstücksthema.
      "Ich finde schon, dass du deiner Schwester sagen könntest was dich so beschäftigt hast, dass du dich nicht gemeldet hast", antwortete sie und verteilte das Uunipannukaakkuja auf den Tellern.
      "Okay, Okay dann bekommst du die wichtigste Info und den Rest erzähle ich dir wann anders …", gab ich seufzend nach. Ich würde ihr diese Sache vermutlich ohnehin nicht mehr lange verheimlichen können, immerhin kannte meine Schwester mich vermutlich besser als jeder andere auf diesem Planeten.
      "Und die wichtigste Info wäre …?“ Über den Tisch hinweg sah sie mich fragend an.
      "Der Grund warum ich hier bin, ist … Niklas. Wir sind jetzt zusammen", beantworte ich ihre Frage und stopfte mir einen Bissen in den Mund, spürte aber wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
      Auf Julis Gesicht trat ein erstaunter Ausdruck: “Und das sagst du mir erst jetzt?! Aber wow ich freu mich für dich. Wie kommt es dazu?” Natürlich fragte sie genauer nach, was hatte ich auch erwartet.
      “Lange Geschichte, definitiv zu lang fürs Frühstück. Ich bin glücklich mit ihm und das ist das wichtigste, was du erst einmal wissen musst. Du lernst ihn bestimmt noch irgendwann kennen ”, beantworte ich ihre Frage. Nicht das mein Freund kein tolles Thema sei, aber ich wollte erst einmal Frühstücken, bevor ich wieder die Millionen Fragen meiner Schwester beantworte.
      “Weißt du Juli, ich habe ein viel besseres Thema fürs Frühstück. Du erinnerst dich doch sicher noch an Samu …”, begann ich zwischen zwei Bissen zu erzählen.
      Juli schien kurz nachzudenken, bevor sie sich zu erinnern schien: “Der blonde, der mit mir in einem Jahrgang war, den du als deinen besten Freund auserkoren hast?”
      “Ja genau der! Weißt du, was er gebracht hat … der, der sich mein bester Freund nennt hat mir einfach nicht gesagt das er eine Freundin hat, anderthalb Jahre lang”, echauffierte ich mich über Samu. Meiner Schwester kugelte sich fast vor Lachen: “Ist das nicht der junge Mann, den du mehr fach erfolglos versucht, hast zu verkuppeln?”
      “Jap, genau der und eigentlich dachte ich wir kennen uns lang genug als, dass er mir so was erzählt”, sprach ich weiter. “Und weißt du, warum er es mir nicht erzählt hat? Weil seine Freundin hier in Schweden lebt und Samu der Meinung war, ich wäre nicht in der Lage allein zu leben”, beendete ich meine Erzählung. Juli kriegte sich immer noch kaum ein.
      “Ey, hör endlich auf zu lachen. Das hat für viel Spannungen gesorgt, das war eher weniger lustig”, beklagte ich mich und warf sie mit einer Blaubeere ab.
      “Ist ja gut, ich benehme mich schon”, kicherte meine Schwester immer noch versuchte sich zugegebenermaßen zusammenzureißen.

      Vriska
      Im Gegensatz zu meinem Bruder war ich bereits wach. Doch nicht nur einfach wach, sondern ich saß mit meinem Kaffee auf der Terrasse meiner Hütte und betrachtete den letzten Schweif der Sonne, der zum Himmel hinaufstieg. Ich hatte Schweden wirklich vermisst. Besonders fehlte mir die Hengste auf ihren Weiden sehen zu können und dabei in lauen Temperaturen die Natur zu genießen. Generell fiel es mir schwer, in Kanada den Moment zu nutzen. Als ich tief durchatmete und kurz die Augen schloss, störten Schritte durch den Kies die Ruhe. Hedda kam neugierig angerannt.
      „Du bist wieder da! So schön“, umarmte sie mich etwas weinerlich. Schön wäre gewesen, wenn ich länger hätte die Idylle nutzen können auf dem Flachland. Der Hof war umringt von Mischwäldern und die Blätter der Birken säuselten im Wind.
      “Wir haben Stalldienst, kommst du?”, holte sie mich wieder aus den Gedanken.
      “Ja, ich muss nur die Schuhe wechseln”, stöhnte ich und stützte mich aus dem Stuhl hoch. Mit einem kräftigen Schluck schüttete ich den restlichen Kaffee hinein, dann lief ich leise in die Hütte. Mein Bruder lag noch immer im Bett und drehte sich noch einmal, als ich in das Schlafzimmer tippelte, um aus dem Schrank eine andere Jacke zu holen. An der Haustür standen die Reitstiefel, in die ich hineinschlüpfte und dann endlich arbeiten. Obwohl, eigentlich hätte ich gern noch die Natur beobachtet, aber eine Aufgabe zu nehmen, reichte mir. Um mich zu erholen, hatte Tyrell mir so etwas wie Stallverbot erteilt, was mich natürlich nicht davon abhielt mit Flyma auszureiten.
      „Stimmt es, dass Lina jetzt hier am Hof ist?“, fragte Hedda mich aus beim Spannen der Litze.
      „Joa, warum?“, ich war nicht wirklich vom Thema überrascht, denn die kleine Schwester von Folke begeisterte sich für ihre Arbeit. Sie versuchte mit Holy ebenfalls so einige innige Bindung aufzubauen, was jedoch mit zwei solcher Chaoten wirklich nicht einfach war. Das schweißte sie zusammen.
      „Wir hatten Holy schon im Griff, aber seitdem ihr Partner weg ist, geht sie auf dem Paddock wieder durch den Zaun“, erzählte Hedda aufgeregt.
      „Deswegen war Tyrell so genervt. Verstehe. Aber jetzt geh zurück. Ich hole als Erstes die Einsteller rein“, wies ich sie an und sogleich rannte der geölte Blitz zu den Paddocks. Aus der Ferne vernahm ich ihren Pfiff worauf ich mit der Peitsche die Pferde noch einmal motivierte, den Weg nach Drinnen anzutreten. Angeführt trabte Mallita. Die Stute gehörte einer Einstellerin. Sie kam nicht oft zu ihrem Pferd, deswegen hatte Hedda sich ihr bereits angenommen und fand den Spaß am Springen. Ich konnte Mallita nichts abgewinnen. Sie war riesig und ungestüm, dazu noch unsicher.

      “Waren das alle?”, fragte Hedda, als auch unsere Stuten in Kopf durch die Gitter steckten zum Heu.
      “Ja, jetzt müssen wir Lina abholen, in zwanzig Minuten beginnt die Besprechung”, sagte ich trocken und verschwand in der Hütte. Harlen erhob sich aus dem Bett. Noch ziemlich verschlafen streckte er die Arme nach oben, schmatzte und wischte sich durch sein markantes Gesicht.
      „Vivi? Wo warst du so früh?“, fragte mein Bruder überrascht.
      „Arbeiten?“, verzog ich verwundert das Gesicht und goss in der Küche jedem eine Tasse Kaffee ein. Dankend nahm er sie entgegen, während ich mich an den Rand des Bettes setzte.
      „Du bist … anders“, merkte Harlen an. Es war nicht anders erwartet, dass er auf diese Art versucht mir mitzuteilen, ein wichtiges Gespräch führen zu müssen.
      „Ich weiß“, murmelte ich nervös. Kurz kam der Gedanke auf, ihm eine andere Geschichte aufzutischen, die spätestens morgen an Boden verlor.
      „Jetzt sage mir, warum ich kommen sollte. Wird wohl nicht wegen der Abschlussprüfungen sein, schließlich habe gar keine Ahnung von dem, was du hier tust“, ein freundliches Lächeln huschte durch sein Gesicht.
      „Menschen sind verletzt, meinetwegen, und …“ Ich wurde unterbrochen. Obwohl mein Bruder tagtäglich ein sehr löbliches Verhalten an den Tag brachte, konnte das ich meiner Anwesenheit vorkommen, dass er seinen Schleier der britischen Höflichkeit ablegte.
      „Bevor du weiter sprichst: Wer bist du und was hast du mit meiner kleinen unreflektierten Schwester gemacht, die vollkommen besessen davon ist, die Welt zu verbessern und deswegen Kopflos durch jedes Fettnäpfchen läuft?“ Wow. So präzise hatte mich noch nie jemand beschrieben. Umso trauriger war es, dass dieser tolle Kerl unbedingt mit mir verwandt sein musste. Manchmal scheiterte es wirklich daran. Wieso konnte es nicht wie bei Game of Thrones sein, wo es beinah erwünscht war, dass die Liebe in der Familie blieb? Nein, wirklich! Wenn es nicht verschrien wäre und auf die eine oder andere Art wirklich widerlich, dann könnten Harlen und ich die perfekte Familie gründen. Spaß beiseite. Es fehlte mir, ihn in meiner Nähe zu haben. Im Vergleich zum Rest der Sippe verstand er mich und stellte nur so viele Fragen wie nötig, ohne dabei einen Vorwurf zu formulieren.
      „Das meine ich. Seit mehr als einer Woche trage ich einem Gefühl mit mir herum, dass Bauchschmerzen auslöst, mir Sorge bereitet und mich sogar bereits zum … du weißt schon, brachte“, darüber beschämt, senkte ich den Kopf, um seinen fragenden Blicken auszuweichen. Sanft strich Harlen mir über den Rücken und ließ mir meine Zeit, darüber zu reden. Ich war dankbar darüber, gewisse Worte nicht aussprechen zu müssen.
      „Im Internet standen dazu Dinge wie Reue empfinden, aber ich möchte das Geschehene nicht ändern. Es war schön, aber hat andere verletzt. Deswegen bin ich jetzt verletzt und möchte einfach nicht mehr sein. Diese Zweifel und die Ungewissheit, damit umzugehen, bringen mich noch um meinen Verstand.“ Mit glasigen Augen sah ich an die weiße Decke der Hütte. Als ich hier einzog, hatte ich überlegt alles schwarz zu streichen, was Tyrell zum Luft schnappen brachte. Er hatte diese Ader am Hals, die begann anzuschwellen, wenn ihm etwas missfiel, aber nichts sagen wollte. So wie mein Bruder gerade auch, doch er antwortete nun doch.
      „Weißt du, kleines, es ist okay, wenn du es nicht rückgängig machen möchtest. Das zeigt nur, dass du bereit dafür bist, es als einen Teil von dir zu betrachten und nicht als ungebetener Gast, wie viele andere Puzzleteile in deinem Gehirn. Sage dir einfach, dass es nicht erneut passieren wird und vor allem, steh drüber. Dich dauerhaft dafür zum Sündenbock zu machen, quält dich nur. Hast du schon überlegt es wieder gutzumachen?“ Während er mir freundlich das Leben erklärte, blickte ich verzweifelt zur Uhr, die im Flur hing. Da ich noch Lina abholen wollte, musste das Gespräch warten.
      „Ich denke nicht, dass ich es wieder gut machen kann. Schließlich würde sie dann fremdgehen“, sprach ich schlürfte dabei meinen Kaffee aus.
      “Gleiches mit gleichem begleichen, stellt nicht immer die beste Lösung dar. Aber jetzt mal im Ernst, hast du dich an ihren Freund ran gemacht?”, fragte er noch weiter, als ich bereits mich im Abflug befand.
      “Nein, sie waren noch nicht zusammen und vor allem nicht aktuell, als es anfing. Dann fanden sie zueinander, aber ich konnte nicht aufhören …“, ich konnte die weiteren Worte nicht aussprechen. Ein Kloß breitete sich im Hals aus und durch Schlucken verschwand dieser nicht.
      “Weil du glücklich warst?”

      Tyrell
      Noch immer geduldig warteten wir auf die beiden Grazien, die offensichtlich nicht dir Uhr konnten. Die täglichen Besprechungen hatte in den letzten zwei Wochen nicht viel Sinn ergeben, umso mehr freute mich darüber, heute endlich wieder eine zu haben. Einige wichtige Dinge standen schon auf der To-do-Liste und damit jeder sein Pensum einhalten konnte, mussten wir heute teilen. Vriska arbeitete aktuell nur vier bis sechs Stunden am Tag und wenn möglich, bekam sie mögliche Pferde zugeteilt.
      “Entschuldigung”, kam Vriska mit Lina im Schlepptau dann doch noch. Wir hatten bereits mit der Besprechung begonnen, denn zwanzig Minuten Verspätung zeigte sich nicht wirklich gut für den ersten Arbeitstag. Bei Lina sah ich drüber hinweg. Sie konnte nicht wissen, wo der Seminarraum war und ich vergaß ihr alles richtig zu zeigen. Vriska war dafür zuständig, denn sie wollte Lina hier am Hof haben.
      “Ja, ja. Setzt euch einfach”, sagte ich mit einer winkenden Bewegung und sie nahmen in der ersten Reihe Platz. Linas Kopf wurde hochrot, aber ich grinste ich freundlich zu. Es gab keinen Grund deswegen peinlich berührt zu sein.
      “Also wo waren wir … ach ja. Lina? Vriska? Ihr beide müsst als Erstes eine der Boxen vorbereiten. Ein neuer Einstellerhengst wird einziehen und wir wollen die Hengste, die nicht auf Rennen laufen, auf den Paddock stellen. Danach bitte die Bungalows kontrollieren, nächste Woche kommen neue Gäste. Außerdem soll Lina heute noch Unterricht auf Betty bekommen, da unser Rotschopf aktuell andere Dinge im Kopf hat“, erzählte ich unausweichlich von meinen Notizen.
      „Noch habe ich Ferien“, sagte Hedda mit geschwellter Brust. Gerade deswegen hätte sie genug Zeit haben müssen, um Betty zu bewegen, aber wer war ich, das beurteilen zu können. In ihrem Alter habe ich ganz andere Dinge im Kopf gehabt.
      „Wie dem auch sei … Vriska, Bruce kommt die Tage und möchte etwas besprechen mit uns. Also sei bitte so freundlich und komme pünktlich“, fügte ich im Anschluss hinzu. Folke hatte bereits seine Aufgaben bekommen und verschwand ohne etwas zu Essen zu nehmen in den Stall.

      Vriska
      Zusammen mit Lina griffen wir uns die Hengste, die auf der vorgegebenen Liste standen und stellen sie nach einander mit in die Herde. Kritisch beäugte ich jedes einzelne eingegliedertes Pferd, denn ständiges Quietschen erhellte meine Ohren. Ein unbeschreibliches Gefühl lag mir im Bauch, dass die plötzliche Einführung in die Herde eine schlechte Idee war. Ich schüttelte den Kopf, um meinen inneren Monolog zu relativieren. Auch Lina bemerkte das hektische Zucken meines Körpers, aber bis auf skeptische Blicke, sagte sie nichts. Die beiden Paddocks neben der Halle, die ehrlich gesagt bei so wenigen Pferden wie ein Tierparkgehege wirkten, fühlten sich zunehmend. Auf der einen Seite standen unsere Pferde sowie die unseres Miteigentümers Collin und auf der anderen die der Einsteller. Es war für uns einfacher, zu dem konnte man den Fakt nicht außer Acht lassen, dass Tyrell die Einsteller als eine Art Eindringling oder Parasit betrachtete, die mit ihren ‘Gurkenpferden’ nur die Qualität der Turnierpferde minimierten. Oder etwas in der Art. Ich und vermutlich alle anderen konnten seine Gedankengänge nur selten nachvollziehen, doch das infrage stellen dieser, sorgte häufig für Aufregung.
      “Waren das alle?”, trat Linas Frage in meine Ohren. Ihres genervten Untertones zufolge fragte sie nicht das erste Mal. Prüfend schweifte mein Blick erneut über den Paddock. Wunder, Vintage, Waschi, Archi und Lu wechselten von den Boxen hinaus. Ruhe kehrte langsam in die Herde herein, denn Frost konnte erfolgreich seine Position als Herdenchef verteidigen. Unser Wunderkind bekam dabei einige Tritte ab, allerdings wusste er sich zu wehren und biss ihn in die Brust.
      Wir hatten es gerade noch rechtsseitig geschafft, die Boxen zu reinigen und eine von ihnen neu zu bestreuen, als ein Hänger mit Getose die Auffahrt hinauf fuhr. Tyrell stand bereits draußen und begrüßte unseren neuen Gast. Eine junge Dame stieg aus dem Fahrzeug und umarmte ihn freudig. Ungewöhnlich unwohl fühlte ich mich bei dem Anblick. Ich zupfte an den Armbändern, die ich am Morgen angelegt hatte, und meine Zähne konnten sich nicht von meinem Piercing lösen. Stattdessen biss ich so lange darauf herum, bis ein eisenhaltiger Geschmack in meinem Mund auftauchte. Kurz wischte ich mir durchs Gesicht und lief mit Lina dazu. In meinem Kopf schwirrten wieder seine Worte, dass Bruce morgen kommen würde und mir sicher mitteilte, dass Glymur nicht mehr an meiner Seite sein würde. Bestimmt war der Sturz über das Hindernis ein großer Gefahrenpunkt gewesen, denn es hätte für das Pony ganz anderes enden können. Dass diese Zweifel unbegründet waren, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
      „Oh Eve. Bevor ich es vergesse. Das sind Lina und Vriska. Sie arbeiten hier und helfen dir gerne beim Abladen von Ralle”, stellte Tyrell uns einander vor. Im Hänger hämmerte es laut gegen die Klappe und ich öffnete zusammen mit Eve diese. Ein großer dunkler Kaltblüter tauschte vor meinen Augen hervor. Der Schweif war zusammengeflochten und mit einer Bandage umwickelt. An den Beinen trug er riesige Transportgamaschen. Fasziniert betrachtete ich den imposanten Hengst, der rückwärts heraustrat. Seine Mähne wurde kurz geschnitten und bildeten niedliche Löckchen, die abwechselnd zur linken und rechten Seite kippten.
      “Diese Box haben wir vorbereitet”, zeigte ich auf die Dritte im Gang. Bei der Renovierung dieser riesigen Halle hatte Tyrell ausreichend große Boxen errichten lassen, um die Hengste zu zweit in eine Box stellen zu können, in der sie jederzeit auf einen Paddock gelangen. Seitlich zu den anderen waren sie mit einem doppelten Zaun abgeschirmt und vermutlich war Raleigh der einzige, der seinen Kopf weit genug zur anderen Seite strecken könnte, deswegen stand er nicht direkt zu anderen Pferde.
      Bei einem kalten Eistee, als wäre es nicht schon Kühl genug, saßen wir auf der Terrasse der Reithalle. Mittlerweile waren auch Harlen, Folke und Juli dazu gekommen, die sich mit Eve fabelhaft verstanden. Ich hingegen konnte sie nicht so recht einschätzen. Sie wirkte vertraut, beinah zu vertraut, aber machte gleichzeitig einen boshaften Eindruck, als führe sie etwas im Schilde. Bei meinen Vorahnungen hatte ich mich nie geirrt.
      „Vriska, wann hast du Prüfung?“, fragte Tyrell mich plötzlich. Wenn es etwas gab, worüber ich nicht reden wollte, dann das. Ich hatte auf zwei Jahre verkürzt, denn ‘meine hervorragenden reiterlichen Fähigkeiten’ sprachen für sich. Ziemlich kurzfristig wurde mir Angeboten noch in diesem Jahr die Prüfungen abzulegen. Den Stoff könnte ich schnell aufarbeiten, doch dem war nicht so. Ich hinkte noch immer hinterher, obwohl das Lernen zusammen mit Niklas mir viele Vorteile mitbrachte. Dass er mehr Erfahrung hatte als ich, zahlte sich in vielen Punkten aus.
      “Nächste Woche”, antwortete ich kurz. Während ich in Kanada noch davon überzeugt war, zwei weitere Wochen zum Lernen hatte, enttäuschte mich mein Terminkalender zu Hause. Nicht nur, dass ich mich im Datum geirrt hatte, sondern auch noch im Fach, brachte mich ziemlich in die Bredouille. Tyrell merkte, dass ich nicht drüber sprechen wollte und nickte nur. Dann schloss er sich wieder dem Gespräch von Harlen und Eve an, die sich interessiert über den Börsenkurs von irgendeinem Unternehmen unterhielten. Es war mir ein Rätsel, wie das mein Bruder sein konnte. Ich hatte noch Aufgaben vor mir. Da Lina noch mit ihrer Schwester besprach, stand ich wortlos auf und holte aus der Sattelkammer ein Halfter, ein altes, ziemlich dreckiges und an einigen Stellen war es sogar eingerissen. Warum das überhaupt noch in der übertrieben ordentlichen Sattelkammer zu finden war, brachte mich auf neue Herausforderungen. Ich warf es nicht in den nächsten Mülleimer, sondern lief zum Stutenpaddock. Neugierig erhoben die Stuten ihren Kopf. Mit einem freundlichen Winken begrüßte ich allesamt, doch schnappte mir Enigma. Die braune Stute mit leuchtenden eisblauen Augen zog jeden in ihren Bann. Tatsächlich war sie nicht die Einzige mit blauen Augen. Von allen Seiten sahen welche zu mir, die meisten von ihren Schecken. Ich führte Enigma zum Stall und traf dabei auf Eorann. Sie erkundigte sich nach Folke, ihrem Freund. Ohne große Reden zu schwingen, zeigte ich zur Terrasse.
      „Na komm meine Hübsche, du möchtest doch sicher ein tolles Reitpferd werden“, sagte ich zu ihr. Ich hatte sie bereits ruhig geputzt und die Trense angelegt. Denn, wir wollten in den Wald, eine Runde spazieren gehen und dabei vom Boden aus arbeiten. Sie hatte im letzten Jahr ihr erstes Fohlen und vermutlich für die nächsten auch das einzige. Da wir so viele Jungpferde auf den Weiden hatten, erinnerte ich mich nicht einmal daran, ob es ein Hengst oder eine Stute war. Selbst die Fellfarbe kam nicht in den Sinn, obwohl ich mir sonst alles merkte. Vermutlich hatte ich eine schlechte Phase, denn dann vergaß ich nicht nur sehr viel, sondern verdrängte unnötiges. Es könnte auch verkauft sein. Oder war sie es, die nicht aufgenommen hat?
      Zu gern hätte ich euch davon erzählt, wie lieb und aufmerksam wir durch den Wald spazierten, Enigma meinen Hilfen folgte und in einem gleichmäßigen Viertakt neben mir herlief. Doch dem war nicht so. Jedes knacken im Unterholz schreckte die junge Stute auf, ließ sie stehen bleiben und hektisch umgucken. Vom Schaben der Baumkronen ganz zu schweigen. Ihre Augen wurden größer und die Nüstern auch. Aufgeregt schnaubte sie, stellte den Schweif auf und könnte bei Staatsoper eine gute Ballerina darstellen. Nur mit viel Gefühl bekam sie weiter und zu guter Letzt drehten wir um. Enigma war voller Energie und es fehlte ihr nur ein Fünkchen Selbstvertrauen, dann hätte sie sich losgerissen. Verärgert stellte ich sie ins Roundpen. Ich löste noch rechtzeitig die Zügel, da schoss sie wie ein geölter Pfeil durch den Sand. Vielleicht hätte ich vorher sie ablaufen lassen. Auf beiden Händen rannte Enigma hektisch im Gangsalat.
      „Sie hat viel von dir“, trat eine bekannte Stimme an mich heran.
      „Ach ja? Wie kommst du denn darauf?“, sagte ich zu meinem Bruder. Er legte seine Arme auf dem Tor ab und betrachtete Enigma, die noch immerhin um mich kreiste, wie ein Border Collie um eine Schafsherde.
      „Jung und ungebändigt, aber ein Kind im Herzen“, lachte Harlen.
      „Sehr lustig. Sie ist erst vier, logisch, dass jung und ungebändigt ist“, rollte ich mit den Augen. An Stelle eines weiteren Kommentars lächelte er wieder. Enigma stoppte am Tor und sah mit erhobenem Haupt zu ihm. Sanft strich Harlen ihr über die Schnauze. Vielleicht hatte er gar nicht unrecht. Ich fühlte mich in seiner Umgebung auch sicherer, aber mich mit dem Entwicklungsstand eines vierjährigen Pferdes zu vergleichen, war eine bodenlose Frechheit.
      „Wann fahren wir eigentlich zu deinem Pony?“, sprach Harlen, nach dem sich Enigma wieder von ihm löste und im Schritt dem Hufschlag folgte.
      „Ich schätze nach her, weil ich noch für die Prüfung üben muss“, antwortete ich freundlich.
      „Gut, wann?“, ging die Löcherei direkt weiter.
      „Och Harlen. Nachher irgendwann, erst mal gebe ich noch Unterricht und dazwischen muss ich noch mit weiteren Pferden arbeiten“, erklärte ich nun wieder genervte und wendete mich der Stute zu. Sie zog noch immer ihre Kreise um mich.
      Langsam aber sicher befreundete ich mich nicht nur mit Enigma an, sondern auch der Motivationsrede meines Bruders. Er konnte überzeugend sprechen, vor allem einem Mut geben. Doch das war nur kleiner Teil seiner Stärken. Ich, als das Sandwich Kind, hatte alles abbekommen an negativen Eigenschaften in der Erbanlage, wie keiner der anderen beiden. Das Erwachen, das Harlen wirklich bei mir war, kam langsam aber sicher bei meinem Hirn an. Serotonin schoss durch meine Adern, geradewegs durch mein Gesicht. Mit neuer Energie lächelte ich fröhlich und führte Enigma zurück auf ihren Paddock, als ein Auto die Einfahrt hochfuhr. Tyrell stand nur einige Meter entfernt und holte gerade die Göttin. Oder auch Mörderpferd, wie ich zu sagen pflegte. Unsummen an Geld verschlag dieses Pferd, noch bevor es auf der Welt war. Ihr Vater stammt aus einer hochgezüchteten Rennpferdefamilie und lief selbst jahrelang Galopprennen. Wohingegen ihre Mutter aktiv im Passrennen unterwegs war. Die Mischung aus zwei sehr temperamentvollen Pferden zeigte sich zwar äußerst Ergiebig als Rennpferd im Trab, aber als Reitpferd gänzlich ungeeignet. Schon der Umgang stellte eine Herausforderung dar. Folke beherrschte sie, nur ich mich mochte das Pferd nicht. Als das Auto näher kam, erinnerte ich mich, wieso ich so erschrocken meinen Chef anblickte. Er hatte das, wohl sehr penetrante, Starren auch bemerkt und kam mit der Göttin, die mit vollen Namen eigentlich Götterdämmerung hieß, zu mir.
      „Erwarten wir jemanden?“, fragte ich schließlich und nickte mit Kopf in Richtung des Fahrzeugs.
      „Eigentlich nicht, aber vermutlich jemand, der den Erlebnisreiterhof entdecken möchte?“, lachte er.
      „Ich glaube kaum, dass jemand wegen einigen Schafen mit einem Motorlosen Porsche herkommt“, merkte ich nervös an.
      „Ach Vriska, der ist nicht Motorlos, sondern elektrisch betrieben“, klärte Tyrell auf. Ich nickte nur.
      „Vielleicht sollte ich mir aufschreiben, dass wir noch eine Ladesäule benötigen“, murmelte er sich selbst zu und zog im Laufen das Handy heraus, um sich eine Notiz zu machen. Ich hielt derweil den Zaun auf und schloss es hinter den beiden. Als ich erblickte, wer aus diesem Fahrzeug stieg, verging mir alles. Nicht nur, dass er in Uniform gekommen war, sondern auch die Tatsache, dass ich es schaffe heute nicht stundenlang meine Gedanken an ihn zu verschwenden, ließ mich erstarren. Wie angegossen stand ich mit dem Tor in der Hand vor dem Paddock.
      „Ach schau, den solltest du doch kennen. Bestimmt ist er wegen der Stute hier. Mach‘ du das“, beschloss Tyrell kurzerhand und lief zum Stall. Wie stellt er sich das vor? Ich hatte Form zwar eingeritten, was einige Hürden mit sich brachte, aber ich kannte das Pferd nicht so gut wie er. Beinah jede freie Minute hatte mein Chef in die bisherige Ausbildung der Stute gesteckt. Es nutzte nichts, ich hätte mir noch weiter den Kopf zerbrechen können, aber da musste ich durch. Act natural, erinnerte ich mich selbst und lief mit einem heraus gezwungenen Grinsen in seine Richtung.
      „Was machst du denn hier?“, fragte ich gleisnerisch und blieb einige Meter vor ihm stehen mit meinen Armen in der Hüfte aufgestellt. Super Vriska, sehe natürlich. So reagierst du immer auf ungebetene Gäste, klar.
      „Ich freue mich auch dich zu sehen, mir geht es gut, danke der Nachfrage“, scherzte Niklas und musterte mich genauso wie ich ihn. Es war nicht fair, dass er so gut aussah und ich hier in einer dunklen Hofjacke stand, die mir auch mehr als zwei Nummern zu groß war, und einer Reithose, die an den Knien Löcher aufwies. Harlen hatte vielleicht am Abend doch recht gehabt, dass ich mich ordentlicher Ankleiden soll, man weiß nie, wer zu Besuch kommt.
      „Bitteschön“, antwortete ich wohlüberlegt.
      „Wie dem auch sei. Ich bin hier zum Probereiten von Form und der Hengste für Smooth“, erklärte er dann. Dass Niklas plante seine Stute noch dieses Jahr decken zu lassen, erschien mir zu spät, aber was geht mich das an. Ich zuckte mit den Schultern und lief los. Er begleitete mich in den Stall, bis zur Kammer und sah sich dabei erstaunt um.
      „Und so willst du also reiten?“, versuchte ich ein Gespräch aufzubauen. Die Stille quälte mich ein wenig.
      „Wenn du genauer hingesehen hättest, wäre dir der Besatz aufgefallen“, schmunzelte er.
      „Erwartet der Herr, dass ich ihm in den Schritt blicke? Tut mir leid, aber du hast eine Freundin, also bist du raus“, schnaubte ich abfällig.
      „Ach jetzt auf einmal“, lachte Niklas und drückte ihm demonstrativ ein pinkes Halfter in die Hand mit pinken billigen Teddyfell und Herzchen Muster. Das Ding benutzt wir nie, aber heute würde es seine Aufgabe erfüllen.
      „Das ist jetzt doch nicht dein Ernst“, wedelte er mit dem Halfter vor meinem Gesicht.
      „Doch, schon“, lachte ich und schloss die Tür zur Kammer.
      „Der Hof sieht aus, als hättet ihr eines unserer Konten leer geräumt und du willst mir erzählen, dass ich mit so was ein Pferd holen soll“, beschwerte sich Niklas.
      „Also ich finde, es passt zu deinem kindischen Verhalten fabelhaft. Und jetzt komm mit“, ich konnte mir nicht verkneifen weiter zu lachen und zusammen holten wir Form vom Paddock. Mit einem Pfiff hoben alle Stuten Kopf. Sie warteten Geduld, wer gefragt war. Ich rief ihren Namen und in ruhigen Schritt trat Form schnaubend zu uns. Zur Begrüßung strich er ihr über den Kopf und legte danach das Halfter um. Der Ton leuchtete auf ihrem schwarzen Fell noch stärker und sah wirklich grauenhaft aus. Es war so schrecklich, dass umgehend ein Foto machte. Niklas bekam das mit und machte eine Grimasse. Ich glaube, das war der Beginn einer wirklich seltsamen Freundschaft. Auf dem Rückweg blödelten wir ungewöhnlich vertraut miteinander herum und für eine gewisse Zeit, vergaß ich sogar, was in Kanada alles passierte.
      Während er noch am Putzen war, holte in ihr Zeug aus der Kammer. Beinah jedes Pferd hatte seine eigene Trense, nur die Sättel mussten sich einige teilen. So stand ich vor der Auswahl an Pferdsitzer, Running Gag auf dem Hof, und wusste nicht mehr genau, welcher ihr bisher am besten passte. Schlussendlich schleppte ich den barocken Dressursattel von Tyrell nach unten, den er auf den meisten Pferden verwendete. Schleppen traf es im Übrigen bestens, denn er war wahrlich schwer. Laut dem Katalog im Shop brachte er stolze neun Komma fünf kg auf die Waage. Als mich Niklas ächzen sah, kam er voller Verwunderung helfen.
      „Erst dachte ich, dass du doch nicht so stark bist, wie du immer tust, aber der ist anschaulich schwer“, kommentierte er und nahm ihn mir ab. Ich nickte nur und behielt die Schabracke zunächst in der Hand. Dann legte ich sie auf ihren Rücken und dazu noch ein Lammfellpad. Natürlich hatte ich daran gedacht und eine Pinke, oder eher Himbeerfarbene Unterlage ausgesucht.
      „Sind wir dann so weit?“, fragte ich gespannt, als er mich wieder mit seinen leuchtenden Augen anblitze.
      „Bandagen? Oder zumindest Gamaschen?“, antwortete er mit Gegenfragen. Na gut, wenn er es so wollte. Passend dazu, hätten wir sicher welche, aber in der Kramkiste war es nicht immer leicht etwas Bestimmtes zu finden. Also griff ich nach beliebigen Fesselkopfgamaschen und Glocken. Am Ende hatte ich zwar zwei einheitliche für die Vorderbeine, aber für das hintere Beinpaar nur zwei unterschiedlich Farben. Die Glocken waren vergleichbar schwarz, also irrelevant, welche man fand. Mit dem Farbchaos kam ich zurück, wobei sich Niklas nur lachend an den Kopf fasste.
      „Das wäre der Punkt, an dem ich ein Probereiten abgebrochen hätte, denn das macht keinen guten Eindruck“, scherzte er. Schon so. Ich konnte ihm nur recht geben, aber es traf sehr unverhofft, unvorbereitet.
      “Hätte ich gewusst, dass wir hohen Besuch bekommen, hätte ich mir mehr Mühe gegeben. Wirklich”, lachte ich.

      Lina
      Meine Schwester erzählte ungefähr schon seit einer halben Stunde irgendeine Story von ihrer Arbeit, wovon ich allerdings nicht wirklich viel mitbekam. Während ich ihr mit halbem Ohr zuhörte, hatten meine Augen begonnen meine Umgebung näher in Augenschein zu nehmen. Jeden Tag aufs neue fühlte ich mich ein wenig überwältigt von diesem Hof. Alles war so groß und mit jeder Aufgabe, die ich bekam, hatte ich entweder die Sorge mich zu verlaufen oder fühlte mich auf irgendeine andere Art inkompetent. Doch das was mich viel mehr einschüchterte war die luxuriöse Erscheinung. Das Whitehorse Creek war zwar auch relativ modern gewesen, doch immer noch weitaus einfacher, mitten im kanadisch Nirgendwo war die Optik weniger wichtig, das praktisch stand ganz im Vordergrund. Hier schien das Ganze ein wenig anders zu sein. Der Hof sah zu jeder Zeit aus wie aus dem Katalog. Mit jeder neuen Ecke, die ich hier entdeckte, wurde mir bewusster das der Hof hier in einer ganz anderen Liga spielt, als das was ich bisher kannte. Schon allein die riesige Reithalle, in der ich mich gerade befand, war ziemlich beeindruckend und immer wieder stellte sich mir die Frage wie dieser Hof immer so ordentlich aussehen konnte. Mich faszinierte, dass ich den Hof ganz anders wahrnahm, als ich im April hier gewesen war, um Divine in Empfang zu nehmen. In dieser einen Woche, waren meine Gedanken viel mehr mit dem weißen Häufchen Elend beschäftigt gewesen, als mit der schicken Umgebung.
      “Hast du mir überhaupt zugehört?”, unterbrach die Stimme meiner Schwester meine Gedanken. Irritiert blickte ich sie an, tatsächlich hatte ich sie kurz vergessen.
      “Das ist wohl ein Nein. Du wirst wohl nie aufhören zu träumen”, amüsierte sie sich.
      “Ich träume nicht, ich reflektiere meine Situation. Das ist ein wichtiger Unterschied”, verteidigte ich meine Unaufmerksamkeit.
      “Ja klar, ein wichtiger Unterschied”, pflichtete mir Juli bei, doch der spöttische Unterton blieb mir nicht verborgen. Genervt verdrehte ich die Augen. Meine Schwester liebte es mich mit meinen Eigenarten aufzuziehen, besonders mit denen, die sie nicht nachvollziehen konnte.
      Gelächter begleitet von Hufgeklapper näherten sich, bevor sich das Tor öffnete und zwei Personen mit einem schwarzen Pferd eintraten. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, was meine Schwester allerdings nicht mitbekam, da sie bereits mit dem Neuankömmling beschäftigt war.
      “Was macht denn ein Polizist bei euch und dann auch noch so ein hübscher?”, fragte sie interessiert und ließ sie ihren Blick prüfend über den Erwähnten wandern. Tatsächlich tat sie das immer, wenn sie einer männlichen Person begegnete, was bei ihren ersten beiden Freunden zu großer Eifersucht geführt hatte, weil sie es auch nicht gerade unauffällig tat.
      “Juliett, hast du nicht einen Freund zu Hause?”, erinnerte ich sie, als sie für meinen Geschmack ein wenig zu intensiv schaute. Juli zuckte nur mit den Schultern und murmelte ein wenig schnippisch: “Man wird doch mal gucken dürfen, mehr tu ich doch gar nicht. Aber du hast mir meiner Frage nicht beantwortet, wer ist das? So wie du fragst, weißt du, wer das ist.” Natürlich wusste ich, wer das war, auch wenn mich sein plötzliches Auftauchen ein wenig überraschte, auf positive Weise. Ich konnte mich zwar nicht daran erinnern, dass er mir mitgeteilt hatte, dass er heute vorbeikommen wollte, aber egal. Mir wäre allerdings auch zuzutrauen, dass ich es einfach verpeilte.
      “Ja, weiß ich. Das ist Niklas”, antworte ich ihr mit engelsgleichem Gesicht.
      “Der Niklas? Dein Freund?”, fragte sie in einer Mischung aus Erstaunen und Begriffsstutzigkeit.
      “Hab ich dir etwa bisher von einem anderen Niklas erzählt?”, amüsierte ich mich über meine Schwester, so leicht war sie normalerweise nicht aus der Fassung zu bringen. Zudem war mir inzwischen die interessante Farbwahl aufgefallen, die an der Rappstute in der Halle zu sehen war. Im starken Kontrast zu der dunklen Fellfarbe der Stute leuchtete eine pinke Schabracke unter ihrem Sattel und ihren Beinen war ein buntes Sammelsurium an Gamaschen angebracht. An den vorderen Beinen trug das Pferd knallrote Gamaschen mit einem aus der Entfernung nicht identifizierbaren Muster. Am linken Hinterbein leuchte eine lila Gamasche, deren Klettverschlüsse ihre besten Tage schon hinter sich hatten, denn sie waren ausgefranst und klebten eher nur zur Hälfte. Das vierte Bein zierte eine wahre Geschmacksverirrung in Orange-, Blau- und Brauntönen. Wenigstens die Hufglocken waren schwarz und trugen so nicht auch noch zu dem Kunstwerk bei. Nik und Vriska blödelten ein wenig zusammen rum, während sie die Stute im Schritt durch die Halle führten. Seit wann verstanden sich die beiden denn wieder so gut? Hatte irgendetwas stattgefunden, was ich nicht mitbekommen hatte…?
      “Du hast ja doch guten Geschmack, bei deinem letzten Freund habe ich da schon stark dran gezweifelt”, sagte Juliett und unterstrich ihre Aussage mit theatralischen Gesten. Die Erwähnung meines Ex Freundes weckte keine guten Erinnerungen. In Kombination mit dem Leistungsdruck von meinem Vater, der einen guten Abschluss erwartete und den Bildern, die mich in meinen Träumen verfolgten war, diese Beziehung absolut toxisch gewesen. Aus Angst vor Zurückweisung hatte ich ihm lange nichts davon erzählt, dass meine Vergangenheit manchmal wie ein Monster aus den Schatten auftaucht und mich nicht mehr loslässt. Nachdem ich es ihm erzählt hatte, ließ er mich fallen, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Ich spürte bereits das Kribbeln in meinen Fingern, die den Drang nach monotonen Kreisbewegung verspürten.
      “Juli, kein gutes Thema grad”, murmelte ich, in der Hoffnung, sie würde den Wink, verstehen und ein Thema wählen, was diese dunkeln Gedanken vertreiben konnte. Glücklicherweise verstand sie sofort: “Ist das, was das Pferdchen da trägt, Kunst oder ein neuer Modetrend?
      Sieht nämlich überaus bescheuert aus.”
      Ich musste ein klein wenig schmunzeln. Recht hatte sie, Form sah überaus bescheuert aus.
      “Weder noch glaube ich … Ich vermute mal, Vriska hat das verbrochen, wobei das außergewöhnlich farbenfroh für sie ist”, beantwortete ich die Frage. Das letzte Nachbeben der verschwinden Gedanken, war ein ganz schwaches Gefühl von Verlassenheit, was sie ganz tief in meinem Herzen hinterließen. Meine Schwester bewies mal wieder, dass sie mich besser kannte als jeder andere, denn statt mich mit Fragen zu malträtieren, nahm sie mich in den Arm und redete mir gut zu: “Hey Lina Süße, ich weiß zwar nicht genau was in deinem Kopf schon wieder vorgeht, aber das ist Vergangenheit, das ist vorbei. Und weißt du, der dich nicht nimmt, wie du bist, ist ein Vollidiot und hat dich auch gar nicht verdient.” Sie hatte recht, aber das war nicht das was mir sorgen, bereitete. Dass Nik verständnisvoll war, stand außer Frage. Es war etwas anderes, was ich nicht genau festlegen konnte.
      “Wenn du darüber reden möchtest, weißt du ja jederzeit”, bot Juli an. Auch wenn ich sie manchmal gerne hassen würde, die Momente wie jetzt waren die, weswegen sie die beste große Schwester ist.
      “Vermutlich ist es nur wieder etwas, worüber ich mit zu viele Gedanken mache. Vielleicht komme ich später noch darauf zurück, aber danke”, lehnte ich ihr Angebot ab. Auch wenn es nicht wirklich um das unbestimmte Problem gegangen war, hatte ihr Worte mich doch ein wenig aufgemuntert.
      „Es tut mir leid eure innige Unterhaltung zu stören“, kam Vriska auf uns zu. Ich nickte.
      „Du müsstest mit mir jetzt rasch Cherry und Frost holen, weil dein Freund gleich wieder zur Arbeit muss“, fügte sie noch hinzu und lief, ohne auf eine Antwort zu warten, bereits weiter zur Sattelkammer. Neugierig fragte Juli, wer die beiden seien und ich erklärte ihr, das kurz bevor ich Vriska folgte.
      “Am besten nimmst du Cherry, das ist der Lusitano da”, erklärte sie und drückte mir ein Halfter in die Hand. Während Vriska den großen Scheckhengst halfterte und die Hengstkette anbaute, holte ich den besagten Falbhengst vom Paddock. Kaum einen Meter vom Auslauf entfernt begann Frost sich aufzuspielen. Seiner Meinung nach ging das alles hier viel zu langsam. Cherry hingegen trottete gelassen neben mir her und schien sich für den Aufstand seines Artgenossen gar nicht zu interessieren.
      “Frost ist ja ein ziemlich wild, ist der immer so drauf?”, versuchte ich ein Gespräch mit Vriska anzufangen, während wir zurück zur Halle liefen.
      „Kann man so sagen, aber er würde einem nie willentlich verletzen wollen. Es ist eher eine Art Vorfreude, Aufregungen über das was kommt“, antwortete sie und hatte Frost verhältnismäßig gut im Griff beim Passieren des Eingangs. Niklas schwebte noch immer über den Sand mit der Rappstute, aber motiviert sah er dabei nicht aus.
      „Vriska, ich schätze, du kannst den wieder wegbringen“, maulte er sie plötzlich an. Nach einem Augenrollen drehte sie wieder um zu den Paddocks. Leicht irritiert sah ich Vriska nach, die mit dem Hengst wieder verschwand, blieb mit Cherry aber stehen, wo ich war. Neugierig beobachte der Hengst neben mir, die dunkle Stute die sich elegant durch den Sand bewegte. Für einen Moment lang überlegte ich, ob ich warten sollte bis er mich bemerkte oder ob ich riskierte genauso freundlich angemault zu werden wie Vriska, denn ganz offenbar hatte der Herr gerade eine bomben Laune. Ich entschied mich für letzteres, besser gesagt der Falbhengst entschied das, indem er ein Wiehern von sich gab, vermutlich dazu gedacht, um die Aufmerksamkeit der Stute auf sich zu lenken.
      „Lässt du dich jetzt auch mal blicken?“, lächelte Niklas ungewöhnlich aufgesetzt. War das auch eine Anschuldigung oder versuchte er mich aufzuziehen?
      “Ich wäre ja auch früher gekommen, hättest du mal Bescheid gesagt, dass du kommst”, versuchte ich mich zu erklären und noch während ich es aussprach, merkte ich, dass es mehr wie eine Anschuldigung klang, als ich beabsichtigt hatte.
      “Sorry, das sollte kein Vorwurf werden”, schob ich etwas sanfter hinterher, um meine Aussage zu revidieren. Eigentlich freute ich mich ihn zu sehen, denn als er die Halle betrat, hatte er mich für einen kurzen Moment vergessen lassen, wie fremd ich mich hier fühlte.
      “Schon gut, dann sattle ihn bitte. In zwanzig Minuten muss ich los”, sagte er vertraut und ritt mit Form im Schritt wieder los. Ich nickte und stellte den Hengst, der geduldig neben mir gewartet hatte, auf den Putzplatz. Der Lusitano war nicht sonderlich dreckig, sodass ich nur einmal über die Sattellage und die Beine drüber putzte. Als ich nach Beinschutz für den Hengst suchte, wurde mir klar, warum Form solch einen bunten Anblick bot. Unter den Deckeln der grünen Metallkisten kam ein buntes Chaos aus Bandagen und Gamaschen jeglicher Art zu Vorschein. Mit ein wenig Mühe fand ich ein paar gleich aussehende Gamaschen für die Vorderbeine und ich beschloss, dass es reichen musste. Um mehr aus diesem Chaos herauszufischen blieb nicht die Zeit.
      Als ich gerade rätselte, welcher der Sättel wohl auf den Rücken des Iberers passen würde, kam zum Glück Vriska zurück und zeigte mir den Sattel. Brav ließ sich der Hengst von mir satteln und kam mir beim Trensen sogar mit dem Kopf entgegen. Knappe 5 Minuten hatte ich gebraucht um den Falben fertig zu machen und stand nun mit ihm wieder vor dem Hallentor.
      “Tür frei, bitte”, rief ich in die Halle, bevor ich mit dem Hengst eintrat und bekam auch sogleich eine Antwort von Niklas, der gerade mit der Rappstute in der Hallenmitte anhielt. Wir tauschten die Pferde und er schwang sich in den Sattel. Sofort senkte Cherry seinen Kopf. Form neben mir scheuerte ihren Kopf an meiner Schulter, Schaum verteilte sich auf meinem blauen Sweater. Verärgert drückte ich sie zur Seite. Ihre Augen weit aufgerissen, die Nüstern aufgebläht und der Boden bebte. Die Lippe zog sie nach oben, als hätte ich einen Löwen auf sie gehetzt. Einen Moment später stand Form wieder still neben mir. Eine solch heftige Reaktion hatte ich nicht gerade erwartet, seltsames Pferd. Währenddessen trabte Niklas bereits auf dem Hengst und ritt einige Seitengänge, etwas früh für meinen Geschmack, aber das ging mich nichts an. Nach dem Galopp stieg er sogleich ab und Vriska war bereits dazu gekommen, um Cherry im Empfang zu nehmen. So schnell Niklas zum Hof kam, verließ er ihn auch wieder. Zum Abschied bekam ich einen Kuss auf meine Stirn.
      “Pass auf dich auf”, verabschiedete ich ihn und sah im nach, wie er aus dem Stall verschwand. Gern hätte ich ihn noch einen Moment länger um mich gehabt, doch was sollte man schon machen, wenn die Arbeit ruft. Die rief mich nun auch wieder. Eigentlich viel mehr Vriska, die mich darauf hinwies, dass das Pferd sich wohl nicht von allein absatteln würde.
      “Na komm Form, dann bringen wird dich mal nach Hause”, sprach ich zu der dunklen Stute, die mich mit ihren blauen Augen beobachtete.
      Als ich gerade dabei war ihr die Trense abzunehmen, tauchte meine Schwester auf einmal von irgendwo auf und fragte neugierig: “Ist er schon wieder weg?”
      “Jap, Nik musste zur Arbeit. Kannst du mir mal diesen kleine-Mädchentraum von Halfter da bitte reichen”, beantworte ich ihr Frage und forderte sich gleichzeitig dazu auf sich nützlich zu machen.
      “Schade, ich hätte ihn mir auch gern mal aus der Nähe angeschaut”, scherzte sie und reichte mir das Plüschteil, bevor sie begann die Gamaschen von den Beinen der Stute abzubauen.
      “Das glaub ich dir, musst du wohl noch etwas hierbleiben, wenn das dein Ziel ist.” Schmunzelnd zog ich Form das Halfter über die Ohren und hakte die Anbinder ein, bevor ich auch den Sattel, der erstaunlich schwer war, von ihrem Rücken nahm.
      “Ich hatte jetzt vor gleich wieder abzureisen, Lina. Immerhin hast du dich knappe zwei Jahre nicht bei mir blicken lassen”, beschwerte sie sich und folgte mir in die Sattelkammer. “Wo kommen diese Teile hin?”, fragte Juli und wedelte mit den Gamaschen durch die Luft.
      “In einer der Kisten des Chaos”, antworte ich ihr und versuchte das Monstrum von Sattel auf seinen Platz zu hieven, was auch mehr oder weniger gut funktionierte.
      “Kisten des Chaos? In diese Sattelkammer? Du willst mich doch auf den Arm nehmen”, hinterfragte sie misstrauisch und sah sich dabei in dem Raum um. Alles in diesem Rau, hing ordentlich an der Wand oder war in einem Regal verräumt, bis auf die drei grünen Militärkisten, die auf dem Boden unter den Trensen standen.
      “Nein, ist mein voller Ernst. Schau einfach selbst in die Kiste”, antworte ich ihr und klappte den Deckel auf, damit sie sich selbst ein Bild davon machen konnte. Etwas ungläubig sah sie in die Kiste bevor sie den Haufen Gamaschen einfach hineinfallen ließ. Die Trense nahm ich ihr aus der Hand und hängte sie, nach dem Auswaschen des Gebisses, ebenfalls an ihren Platz und nachdem ich Forms Wohnort in Erfahrung gebracht hatte konnte ich sie auch wegbringen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 50.096 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel tre | 25. September 2021

      Forbidden Fruit LDS // Satz des Pythagoras // HMJ Divine // Northumbria // Form Follows Function LDS // Raleigh // Middle Ages // Lundi LDS // Kölski von Atomic // Lu’lu’a // Glymur

      Vriska
      An den Boxen bekam die Falbstute eine große Portion Futter. Überall verteilte sich der Möhrenbrei und die Ölsaaten sowie diverse Fasern und Kräuter. Selbst die Schüssel blieb nicht verschont und wurde am Ende durch die Gegend geworfen. Müde blickte ich der nach, aber schenkte ihr keine weitere Beachtung. Dann zog ich Fruity hinter mir mit geradewegs zum Paddock.
      “So, jetzt beweise ich es dir”, sagte ich zu Harlen und lief zu Göttin, die in der Mitte des Paddocks stand und mich bereits gewittert hatte. Mit angelegten Ohren sah in meine Richtung. Selbst das Leckerli interessierte sie nicht ansatzweise. Stattdessen schnappte sie in meine Richtung und schlug aufgeregt mit ihrem Schweif.
      “Gut, ich glaube es dir”, knickte er ein.
      Am Himmel bewegte sich die Sonne immer weiter Richtung Horizont und verschwand in den Baumkronen des Mischwaldes. Um weiteren Überfällen zu entgehen, schlüpfte ich in meine Jogginghose und hatte es mir mit Harlen auf der Terrasse bequem gemacht. Für einen Wimpernschlag schloss ich die Augen, als mein Handy in der Tasche vibrierte. Eine unbekannte Nummer rief mich an. Ich hob ab.
      „Vriska?“, sagte eine vertraute Stimme, die ich nicht direkt einordnen konnte.
      „Wer fragt?“
      „Nicht dein Ernst! Chris natürlich. Ich … wir wollten fragen, ob du mit Lina rumkommst zum Grillen?“, stellte er sich dann vor. Ich hoffte kurz, dass Erik anrief, doch die Stimme war zu tief dafür, wurde mir im nächsten Moment klar.
      „Ähm, muss sie erst fragen. Aber ich habe mein Bruder hier“, stammelte ich überrascht.
      „Dann bringst du denn mit, sag ihr, dass ihr Schatzi hier wartet und er wie ein Schlosshund weint“, lachte Chris. Aus dem Hintergrund hörte ich Beschwerden seitens Niklas und ich rollte die Augen. Eigentlich hatte ich wirklich gehofft solchen Situationen in nächster Zeit aus dem Weg gehen zu können. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir und wenn ich nein gesagt hätte, dann wäre ich ein Langweiler. Oder wer weiß, welche Auswirkungen es gehabt hätte.
      „Ich schaue, was sich einrichten lässt“, antwortete ich kurz und legte auf.
      „Wer war das?“, fragte Harlen interessiert nach dem er vernahm, dass ich aufstand.
      „Das Team, ich soll rüberfahren und du kommst mit“, befahl ich. Doch vorher musste ich noch zu Lina. Der Kontakt zueinander war noch immer schwierig. Wir wechselten nur die nötigsten Worte, Small Talk gab es keinen, wenn überhaupt, dann über die Pferde. Es verletzte mich, dass ich so war. Was auch immer. Ich klopfe an die an ihre verschlossene Zimmertür und hoffte, dass keine Resonanz käme. Wieder Enttäuschung, denn sie öffnete langsam die Tür und musterte mich. Im Hintergrund flimmerte der Fernseher und ich vernahm eine Silhouette auf der Couch. Sie drehte sich in unsere Richtung und winkte freundlich.
      “Was führt dich her?”, fragte sie erwartungsvoll.
      “Wir wurden eingeladen zum Grillen beim Verein und ich soll dir mitteilen, dass Niklas dich fürchterlich vermisst”, versuchte ich ein Lächeln, aber es gelang mir nicht besonders.
      “Lina, lass dich nicht von mir aufhalten, du gehst mit! Aber ich hätte auch kein Problem mitzukommen …”, war es nun bestimmt von der Couch zu vernehmen.
      “Ich denke mal, du hast die Antwort gehört. Ist es okay, wenn Juliett mitkommt? Ansonsten lass ich sie einfach dort vor dem Fernseher sitzen, das sollte sie den Abend beschäftigen”, antwortete sie offensichtlich belustigt über ihre Schwester.
      „Wenn Harlen mitdarf, sollte Juliett kein Problem sein. Aber mach dich auf lüsterne Blicke gefasst. Wir sehen uns gleich am Auto, ich versuche den großen zu bekommen“, warte ihre Schwester und lief weiter zu Tyrell. In seinem Bungalow brannte bereits Licht und auf den Weiden standen schon die Pferde. Somit konnte er vom Stalldienst wieder zu Hause sein. Wieder klopfte ich an der Tür. Es dauerte, bis sie sich öffnete. Nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet, stand er vor mir.
      „Ach Damenbesuch am Abend lässt mein Herz direkt schneller schlagen“, lachte er und stützte sich auf der Klinke ab. Langsam strich ich mir eine Strähne. Ich spürte wie mir wärmer wurde und ich den Blick zu Boden senkte.
      “Ich … Ich brauche den BMW”, sagte ich entschlossen. Ohne weitere Fragen zu stellen, griff er zum Schlüsselbrett und drückte mir die Fernbedienung in die Hand.
      “Aber bring den heile wieder und seid nicht so spät zurück, ihr habt morgen Stalldienst und du noch Unterricht”, erinnerte Tyrell mich und ich bedankte mich. Sogar einen kleinen Knicks machte ich. Harlen hatte sich offenbar schon vorbereitet und ein Hemd drübergezogen sowie eine schwarze Anzughose dazu. Er übertrieb wieder einmal.
      “Dir ist klar, dass das kein Geschäftsessen ist, sondern grillen mit hitzigen Männern und einigen Mädchen, die auf unschuldig machen, aber vermutlich mit jedem schon im Bett waren”, klärte ich meinen Bruder auf, mit dem ich zum Auto lief. Lina und Juliett warteten bereits. Wie schnell waren die beiden? Und dann auch noch so viel attraktiver als vor wenigen Minuten an der Tür. Faszinierend diese Familie.
      “Ich werde es überleben”, lachte Harlen und stieg auf dem Beifahrerplatz. Die anderen beiden machten es sich auf der Rückbank bequem. Ich hatte meinen Sitz eingestellt, das Licht angestellt und ausgeparkt. Den Hof ließen wir langsam hinter uns. Meine Augen behielt ich auf der Straße, schweigend. In der nächsten Woche begann die Elchjagd und deswegen konnte es jetzt schon zu einem erhöhten Risiko kommen, dass die mörderischen Tiere die Straße wechselten. Wildunfälle gehörten zu der häufigsten Todesursache in Schweden und ich hatte auch überhaupt keine Lust darauf, so ein Hirsch auf der Motorhaube zu haben. Denn der Kuhfänger würde das Vieh nur in Maßen halten können. Aus den Erinnerungen strahlten Unfallbilder aus den Nachrichten im inneren Auge. Ekelhaft.
      In der Dämmerung fuhr ich ungern die Strecke. Es gab nur wenige Straßenlaternen, die nur ein seichtes Licht spendeten. An den Seiten waren kleine Steinmauern, bis wir am Fernstraßenkreuz ankamen. Die Strecke zum Festland kam mir ewig vor. Mit meinen Händen wippte ich im Takt der Töne aus dem Radio und versuchte mit einem Ohr das Gespräch der drei zu verfolgen. Linas Schwester freute sich Niklas näher kennenzulernen und mein Bruder schwärmte förmlich davon nicht nur die Damen zu betrachten. Ich wunderte mich zwar, aber hinterfragte seine Aussage nicht weiter.
      Endlich an der Ausfahrt angekommen, verließen wir die E22. Die Flutlichter der Rennbahn erkannte man bereits aus der Ferne, also waren wir fast da. Nach dem Kreisverkehr leuchtete schon das Schild der Trabrennbahn und am Ende kam die Einfahrt zu dem gepachteten Teil des Vereins. Ich parkte das Auto vor dem Tor ab und steig aus.
      “Wir sind da”, sagte ich erfreut und hüpfte aus dem Geländewagen. Hätten wir meinen VW genommen, würde jeder mit Rückenschmerzen geplagt sein. Bereits ab achtzig Stunden pro Kilometer wackelte das Ding herum, aber in dem von Tyrell schwebte man über die Straße. Auf der Brücke bekam man schnell das Verlangen etwas schneller zu fahren, aber ich hielt mich zurück.
      “Wow, ich dachte ja schon der Hof sei riesig, aber das hier scheint ja noch riesiger. Also zumindest der Teil den ich sehen kann”, staunte Lina während sie aus dem Fahrzeug kletterte. Ihre Schwester hatte weitaus weniger Augen für die Anlage.
      “Ist das die richtige Richtung?”, fragte sie hochgestimmt und lief zielstrebig in Richtung des Tores. Dass sich diese Frage übrighatte, merkte Juliett ziemlich schnell, denn Chris und Niklas kamen angelaufen – Zum Glück, denn ich hatte wieder einmal den Code vergessen.
      “Ich dachte schon, ihr habt euch verfahren”, lachte Chris und schloss mich direkt in seine Arme. Ich drückte meinen Kopf in den Nacken und schnappte nach Luft. Umarmungen mochte ich nicht. Auch Niklas lief direkt zu Lina, um sie angemessen zu begrüßen, bemerkte ich im Augenwinkel.
      “Prinzessen, ihr könnt am Feuer rummachen”, alberte er glücklich und wir liefen hinüber zur Terrasse, bei der bereits der Grill loderte und auch die Feuerschale stand.
      “Nenn’ mich nicht immer so”, trabte Niklas uns nach. Dicht gefolgt von dem Rest. Ich sah mich um. Viele unbekannte Gesichter schauen zu uns, teilweise freundlich, teilweise abwertend, aber größtenteils neutral. Nur eine Person fehlte – Ju.
      „Eins musst du wissen“, zog mich Chris zur Seite. Ich wollte ihn gerade fragen, wo der Dritte des Gespanns steckte, doch dazu kam ich gar nicht. Sein Gesichtsausdruck war ernst.
      „Und was?“, fragte ich verwundert, ziemlich leise.
      „Es hat die Runde gemacht mit dir und Niklas.“ Dass hier so getratscht werden würde, dachte ich mir schon. Es klärte die bissigen Blicke von zwei Damen, die auf einer Bank nebeneinandersaßen und tuschelten.
      „Und woher wissen sie das?“ Wild gestikulierte ich herum und Chris hielt meine Arme fest, denn ich war im Inbegriff ihn gegen den Bauch zu hauen.
      „Anna.“ Ach, das hätte ich mir denken können. Egal. Die blöde Kuh würde ich hoffentlich in der nächsten Zeit nicht mehr sehen müssen. Es reichte schon die Turteltauben neben mir zu haben, denn aus unerklärlichen Gründen beschäftigte Nik sich nur mit Linas Körper und hatte sich nicht einmal ihrer Schwester vorgestellt. Warum beschäftigte mich das so? Es brodelte in meinem Bauch, meine Hände zitterten und auch die Knie wurden weicher. Vermutlich lag es daran, dass Erik kein Fünkchen Interesse mehr zeigte, obwohl er täglich mehr als eine Nachricht von mir bekam. Wenn es so weitergeht, würden mir noch mehr Haare ausfallen.
      „Ich hoffe, dein Freund weiß von deinen Ausrutschern“, fauchte mich eine der beiden von der Bank an. Verwirrt sah ich zu ihr, dann zu meinem Bruder und deutete mit dem Finger auf ihn.
      „Schätzchen, das ist mein Bruder“, lachte ich böswillig und setzte mich auf einen der Baumstämme.
      “Welche Ausrutscher?”, fragte er mich leise.
      “Darüber reden wir wann anderes”, maulte ich ihn an. Freundlich, wie Chris war, brachte er einen Teller mit Gemüse und setzte sich zu uns.

      Lina
      “Juli, bist du jetzt mal endlich so weit. Ich mach jetzt das Licht aus”, verkündete ich, während ich noch mal prüfe, dass ich meinen Wecker richtiggestellt hatte. Ziemlich früh mussten Vriska und ich morgen die Pferde reinholen.
      “Ja, ich komme ja”, rief meine Schwester aus dem Bad, bevor von dort aus noch einmal in die Küche wuselte. Juliett war schon immer ein Nachtschwärmer gewesen und wenn es nach ihr gegangen wäre, wären wir auch noch länger geblieben.
      “Der Abend hat echt Spaß gemacht. Ach, und ich mag deinen Freund, den darfst du behalten”, vermeldete sie und ließ sich endlich auf dem Bett nieder.
      “Seit wann brauche ich denn deine Erlaubnis für meinen Freund? Aber genug, jetzt ich muss morgen früh raus, Gute Nacht”, scherzte ich und reckte mich aus dem Bett, um die Nachttischlampe auszuknipsen. Mit einem leisen Klick erlosch die Glühbirne.
      “Schlaf gut”, hörte ich Juli noch sagen, bevor Stille im Raum lag, die einzigen Geräusche waren leises atmen und ab und zu raschelte ihrer Decke, wenn sie sich bewegte. Dass meine Schwester heute Abend Spaß gehabt hatte, wunderte mich eigentlich nicht. Schon immer war sie der kontaktfreudigere Mensch von uns beiden. Egal, wo man war, ob sie die Leute kannte oder nicht, sie schaffte es immer irgendwelche verrückten Gespräche zu führen. Somit verbrachte Juliett den Abend damit, von Grüppchen zu Grüppchen zu wandern und überall ein paar Gespräche zu führen. Trotz der vielen fremden Menschen, hatte sogar ich meinen Spaß gehabt, zumindest nachdem ich mein Gewissen erleichtert hatte. Zu Beginn fand ich die neidischen und verachtenden Blicke, die mir einige der Damen zuwarfen, überaus unangenehm. So ganz durchblickt, hatte ich die Gründe für diese Abscheu nicht, aber bei den jüngeren Mädchen im Verein schien Niklas so etwas wie das höchste Achievement zu sein, was nur einem exklusiven Club an Auserwählen zustand. Zwei dieser Grazien nutzen jede Gelegenheit, um ziemlich erfolglos die Aufmerksamkeit meines Freundes auf sich zu ziehen. So kindisch wie sie sich verhielten, hätte ich das Ganze fast lustig gefunden, wenn die beiden dabei nicht so penetrant und nervig gewesen wären. Offenbar gingen sie nicht nur mir auf die Nerven, denn Vriska sah ich den ganzen Abend lang nicht, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Nik, dessen Pegel ziemlich sicher schon bei meiner Ankunft nicht mehr bei 0 lag, hatte eher anderes im Kopf und störte sich reichlich wenige an dem Spektakel drumherum. Man könnte jetzt denken, dass die ungeteilte Aufmerksamkeit des äußerst attraktiven Mannes an meiner Seite dazu beitrug, dass ich den Abend genießen konnte, doch das Gegenteil war der Fall. Beim Fertigmachen vorhin war mir das Armband, was Jace mir schenkte entgegengefallen. Wie ein ungebetener Reminder, glitzerte es mir vom Boden entgegen und augenblicklich bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich Nik bisher nichts davon erzählte, was zwischen mir und Jace auf dem Reitplatz geschah. So wuchs mit jeder Minute am Feuer der Drang danach, Niklas von dem Ereignis zu erzählen. Letztlich nutzte ich einen Moment, in den wir allein waren, um mein Gewissen zu erleichtern. Erstaunlicherweise reagiert Nik ganz entgegen meiner Erwartung. Statt sich darüber aufzuregen, war er äußerst belustigt darüber, hoffentlich würde er das auch nüchtern noch ähnlichsehen. Er sah in ihm keine ernsthafte Konkurrenz, denn seiner Meinung nach, könnte ohnehin niemand mithalten. Das empfand ich als ziemlich selbst überschätzt, aber gut. Nachdem er sich ausgiebig darüber amüsiert hatte, wollte er lieber mit mir über Smoothie reden. Aufgrund ihrer Arthrose sollte sie nun in Turnierrente gehen. Neben seinem Job würde Nik es unmöglich schaffen sich um zwei Pferde zu kümmern, weshalb ich sie abtrainieren sollte. Deswegen und weil sie ohnehin nicht weiter auf der Rennbahn stehen konnte, sollte die Stute auf das LDS ziehen. Sonntagabend wollte er die Schimmelstute zusammen mit Humbria vorbeibringen und Form wird gleichen mitzunehmen. Ich wusste sehr zu schätzen, dass er seine Stute in meine Obhut gab, denn ihm lag mindestens so viel an Smoothie wie mir an Ivy. Keinesfalls würde er Smooth jedem einfach so anvertrauen.
      Allmählich wurden meine Glieder schwerer. Die Worte in meinem Kopf schienen sich voneinander zu lösen, zusammenhanglos durch meinen Kopf zu schweben bis Träume daraus wurden.

      Vriska
      „Es tut mir leid“, raunte es in mein Ohr als wir eng umschlossen in der Box im Stutentrakt standen. Wie ich oder besser gesagt wir beide hierherkamen, wusste ich nicht. Beherzt griff er mich an meinen Oberschenkeln und drückte mich gegen die Boxenwand. Ein stummes Stöhnen verließ meine Lippen und ich tauchte in eine andere Welt ab.
      Der Wecker klingelte. Fünf Uhr dreißig. Bestürzt schüttelte ich den Kopf. Was war das bitte? Erschöpft stieg aus dem Bett und lief zuerst ins Badezimmer, um mir das Gesicht zu waschen. Der Traum steckte noch tief in meinen Knochen und zeigte mir klar auf, was mich gestrigen Abend belastete. Lina hatte, was ich nicht haben konnte. Sie fühlten sich wohl beieinander, es war eine Geborgenheit, ein Vertrauen, dass mir keiner schenkte. Ich setzte mich mit einem Kaffee bewaffnet und der nicht mehr so wirklich Notfallschachtel, denn ich hatte mittlerweile schon so viele gekauft an der Tankstelle, dass es nicht mehr zur Stressbewältigung beitrug, an dem Tisch auf der Terrasse. Es ließ mich nicht los. Hätte ich nicht plötzlich entschieden, meine Zeit mit Erik zu verbringen, würde er mir gehören. Nur mir allein. Lina brauchte ihn mehr als ich, aber die Trauer jagte mich. Nun sogar im Traum.
      “Stopp”, sagte ich laut zu mir, um der Spirale zu entfliehen. Tatsächlich half es mir immer wieder das Wort zu wiederholen, um zurück auf eine gerichtete Spur zu kommen. Denn ich musste los zur Arbeit. Am Himmel traten durch die Baumkronen die ersten Strahlen der Sonne und spiegelten sich in den Scheiben der Reithalle. Ein Zeichen dafür, endlich voranzugehen.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich Lina beiläufig und winkte sie zu mir. Wir besprachen kurz, wer was machen würde und im nächsten Augenblick trennten sich schon wieder die Wege. Ich übernahm die Hengste. Ralle, der Kaltblüter vom Hof bereitete mir noch immer Sorgen. Er war ein ruhiger und sanfter Hengst, dennoch beeindruckte er mit seiner Größe. Alles an ihm wirkte überdimensioniert und gigantisch im Vergleich zu meinen Ponys. Freundlich schnupperte Ralle an meiner ausgestreckten Hand. Seine großen Nüstern prusteten im Takt der Atmung und ich schob auf Zehenspitzen das Halfter über seine Ohren. Er senkte ein Stück den Hals, um mir zu helfen. Ich strich ihm lobend den kräftigen Hals, bevor es weiter ging in den Stall. Im Hintergrund vernahm ich das Getrappel der Stuten, die Eilig in den Stall stürmten. Als Nächstes folgten noch unsere beiden Stammrennpferde sowie Middy die mit Lundi und Kölski auf einer weiter entfernten Weide standen. Unser Sorgenkind entwickelte sich prächtig. Mit aufgestelltem Schweif tollte er um uns herum, trabte vor und galoppierte mit einer schnellen wieder in unsere Richtung. Lundi hingegen folgte eng seiner Mutter und traute sich kein Schritt von ihr zu entfernen. Uns entgegen kam Lina – freudestrahlend.
      “Dieser kleine Wirbelwind da ist einfach nur entzückend! Toll, wie viel Lebensfreude er ausstrahlt”, teilte sie mir hochgestimmt mit. Innerlich drehte es sich bei mir, als sie sprach. Ja, ich wollte nicht weiter daran denken. Aber nein, das fiel mir schwer. Knirschend schliffen meine Backenzähne sich aneinander und ich atmete mehrmals tief durch.
      “Dafür, dass er, wie wir, ein Verstoßender ist, merkt man das nicht”, lachte ich aufgesetzt und merkte, dass der Kommentar nicht angebracht war. Zu spät. Im Stall spielte sich Middy auf. Sie tanzte auf der Stelle und hob den Kopf, als Ralle neugierig zu ihr blickte. Der Zickerei schenkte ich keine Beachtung und öffnete die Boxentür, in die die Fohlen direkt liefen und sich in den frischen Spänen fallen ließen. Lina sparte es sich weiter mit mir zu sprechen, was wohl für uns beide einfacher war. Stattdessen lief sie aus dem Stall heraus, schließlich war es das erst mal mit der Arbeit. Sauber machen brauchten wir nicht, denn die Pferde standen über Nacht auf den Weiden und die werden in den nächsten Wochen ohnehin gemulcht, um sie für den Heuanbau vorzubereiten. Somit blieb es an mir hängen, die Halle noch einmal zu Wässern, bevor auch ich erst mal zurückging, um noch einmal ein kurzes Nickerchen auf der Couch zu machen, hoffentlich, ohne seltsame Träume.
      Hämmernde Geräusche. Meine Augenlider sprangen auf und ich auch. Harlen schlief wie ein Stein, nicht ein Muskel zuckte. Wie konnte man den Lärm so leicht ignorieren? Unglaublich! Ich lief geradewegs zur Tür und Tyrell stand verärgert vor mir.
      “Kommst du dann mal endlich?”, fragte er provokant. Nickend schloss ich den Kopf und folgte zur Halle. Fertig gesattelt stand Fruity in der Putzbox mit einem Halfter um den Hals. Sie wirkte müde und die Augen schlossen sich langsam, das Hinterbein aufgestellt. Meinen Helm drückte er mir direkt in die Hand.
      Nach dem Training stellte ich das verschwitzte Pferd zurück auf den Paddock. Sogleich schließ sie sich in den Sand fallen und eine ordentliche Panade entstand auf beiden Seiten.
      “Fahren wir dann rüber?”, fragte Harlen und wedelte mit den Autoschlüsseln in der Hand. Ich nickte, aber brachte vorher noch das Halfter zurück in den Stall. An meinem Auto trafen wir uns wieder, nach dem ich Lina vorsorglich fragte, ob sie ebenfalls mitkommen wollte. Sie arbeitete wieder mit Lu im Roundpen und verneinte. Glücklich darüber, sie nicht auch noch am Hals zu haben, fuhren wir los. Harlen saß am Steuer. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete die Landschaft, die wie in einem Film an uns vorbeizog. Die Vorgärten sammelten erste Blätter an, die ich bei der Fahrt in der vergangenen Nacht nur spärlich erkennen konnte. Es hatte etwas Romantisches in Schweden zu leben. Der Schritt von London nach Brandenburg, in Deutschland, hatte bereits seine Tücken und Unterschiede gezeigt, doch war keinesfalls vergleichbar mit dem Leben auf der Halbinsel. Direkte Nachbarn am Hof gab es nicht, aber im nächsten Dorf wurden wir freundlich begrüßt. Bei der Eröffnung konnte jeder kommen und beinah alle Bewohner der Insel ließen sich die Chance nicht nehmen, den neuen Erlebnishof zu entdecken. Tyrell hatte große Bedenken, wie sie reagieren würden. Niemand hegte Zweifel oder sprach negativ darüber, ganz im Gegenteil. Sie legten unsere Flyer in ihren Geschäften aus und Kinder kamen bereits nach einigen Tagen, um Reitstunden zu vereinbaren. Wir unterstützten einander und bekamen viel Zuspruch. Das bestärkte alle an dem Projekt festzuhalten, auch wenn es schwieriger wurde. Besonders jetzt hatten wir so was wie eine Flaute. Deswegen hatte Tyrell vor ungefähr einem halben Jahr die Pension angeboten. Das Schwelgen in Erinnerungen wurde mehrfach von Harlen unterbrochen, der fluchend stark bremste. In seinem Kopf war er noch im Linksverkehr und missachtete Vorfahrtsregeln, wodurch er angetippt wurde und aufgebrachte Fahrer hervorbrachte. Ich konnte nur lachen, denn ich kannte es aus Deutschland, nur dass mir dort einige Male prügle angedroht wurde, wenn jemanden die Vorfahrt nahm.
      Harlen hatte noch nicht einmal den Motor abgestellt, als ich bereits die Beifahrertür aufriss und aus dem Auto hechtete. Meine Tasche entnahm ich aus dem Kofferraum und lief zum Tor. Es war zu. Ich sah mich um. Am Hof stand bis auf unser Auto und dem einen Transport von drei kein weiteres Fahrzeug. Einige vereinzelte Pferde liefen auf ihren Paddock auf und ab und auf der Trainingsbahn fuhren Jockeys mit den Trabern.
      “Fällt dir noch der Code ein, oder musst du wen anrufen?”, kam mein Bruder dazu und sah wie ich fragend das Tastenfeld an, dass neben dem Tor an einer kleinen Hütte befestigt war. Tatsächlich wusste ich den Code einmal und hoffte, dass er mir wieder einfiel. Nervös scrollte ich durch meine Notizen, in denen ich nicht fündig wurde. Dann wechselte ich mit wenigen Berührungen in das Mailfach und sah die einzelnen Nachrichten durch, bis ich endlich die wichtigen Informationen fand. 1-5-9-3-0-4 tippte ich nacheinander ein und wie von Zauberhand schob sich das Tor nach rechts und ging auf.
      “Ich bin groß genug, um das ohne Hilfe zu schaffen”, strahlte ich und lief durch.
      “Alt genug eventuell, aber groß genug auf keinen Fall”, neckte er mich und folgte.
      Obwohl ich wusste, dass die Zuteilung der Prüfungspferde zufällig sein würde, übte ich heute alle praktischen Teile noch einmal. Glymur tat die Pause gut. Mit viel Elan tippelte er voran und hatte aus Kanada genauso viel mitgenommen wie ich. Nebenbei stellte mir Harlen diverse Fragen, sowohl aus dem Fragenkatalog als auch darüber, was ich gerade tat. Im Klaren zu sein, dass die Prüfungen immer näher rückten, machte mich nervös. Genauso nervös, dass ich mit Fruity in einer Dressur reiten soll. Meine Hände zitterten. Wie würde es weitergehen? Schaffe ich das alles?

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 22.936 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende August 2020}
    • Mohikanerin
      Dressur L zu M | Oktober 2021

      Lubumbashi // Form Follows Function LDS

      „Du schaffst das“, motivierte mich Niklas. Er saß auf Form und holte sie aus dem starken Trab zurück. Die Rappstute federte locker in den Beinen, setzte sich aktiv auf die Hinterhand und kam mit maximalem Schwung nach vorn. Das Paar zu beobachten, faszinierte mich tagtäglich. Er kannte die Stute erst wenige Monate, aber schaffte es aus der nervösen Stute, ein übermotiviertes Pferd zu formen, dass stets alles gab. In allen Gängen federte sie locker in den Gelenken, gab sich vollends der Losgelassenheit hin und niemand konnte den beiden das Wasser reichen im Punkto Schwung. Ihre Abstammung sorgte auch dafür, wirklich für Antrieb dazu bekommen zu haben. Während ihr Vater bis heute höchst motiviert und ambitioniert ein Rennen nach dem anderen gewann, hatte ihre Mutter ein gewisses Maß an Disziplin für das große Ganze. Beide Pferde zeigten sich vor Publikum stets routiniert, als gäbe es nichts anderes. Im Training konnte es auch mal holprig werden, aber das vergessen, wenn sie den Geruch der verschiedenen Menschen aufnahmen und über den Sand passten.
      Erneut trabte ich an, ritt im versammelten Trab auf die Mittellinie auf. Bei jedem Wechsel des diagonalen Beinpaares schwebten wir für einen Moment in der Luft, in dem ich die Augen schloss und versuchte mich genau auf die Atmung zu konzentrieren. Ihre Kadenz erhöhte sich, also wie weit sie sich mit ihren Hufen vom Boden wegbewegte. Jeder Augenblick der vermeintlichen Schwebelosigkeit begnügte mich, vielleicht auch, weil unsere Zuschauer äußerst gespannt zu uns sahen. Stolz floss durch meine Adern. Stolz, dass ich ein solch zuverlässigen tierischen Partner an meiner Seite haben durfte. Stolz, dass ich im Mittelpunkt stand und sogar Niklas immer wieder zu mir sah, ohne dabei seine Augen an eine andere zu verlieren. Ich wollte ihn nicht mehr, aber den Spaß mit ihm, konnte ich nicht missen.
      Meinen inneren Schenkel legte ich an den Gurt, um die an den Rippen zu biegen und den Fleiß beizubehalten. Der äußere Schenkel verwahrte und trieb sie Vorwärts-Seitwärts, während der innere Zügel sie stellte und seitwärts weisend wirkte. Aus der Versammlung traversierte Lubi zuverlässig. Jedoch war das nur die Vorbereitung zur Losgelassenheit und maximalen Tragkraft. Beim Erreichen von M fiel sie mir aus dem Rahmen, also ignorierte ich die Verstärkung und sammelte das Pferd wieder ein. Lubi grunzte aufgeregt und schlug mit dem Schweif. Von der Seite spürte ich die Blicke der Anderen, aber schaffte es sie beim Halten auszublenden. Einige Schritte richtete ich die Stute ruhig rückwärts und galoppierte daraus auf der linken Hand an. Mit einem großen Sprung startet Lubi. Meine Hüfte schwang aktiv im Sattel mit und ich bekam das Gefühl über den Vorderzwiesel zu rutschen, also legte ich meine Beine noch etwas fester an. Der starke Galopp versetzte uns beide in einen Rausch der Gefühle und H kam viel zu schnell. In der Kurve flog der Sand lautstark gegen die Bande, während ihre Mähne im Takt schwang. Ich atmete tief durch, legte meine Beine im Wechsel an ihren Bauch und mit der Zügelführung wechselte Lubi punktgenau.
      „Siehst du, ich habe es doch gesagt“, rief Niklas grinsend und machte uns, für die Schlangenlinien durch die ganze Bahn mit vier Bögen, den Weg frei. Beim Überreiten der Mittellinie wechselte ich jedes Mal auf den Handgalopp und endete rechts. Anstelle der eigentlich folgenden weiteren Galoppwechsel holte ich die Stute zurück in den Trab und dann den Schritt. Kräftig lobte ich Lubi, die ihr Bestes gab meinen verwirrenden Hilfen folgezuleisten.
      Dann trieb auch er sein Pferd vorwärts, erweiterte den Rahmen im Schritt und versammelte die Rappstute an der nächsten kurzen Seite. Aus der Ecke heraus bog Niklas am rechten Schenkel das Pferd, um sie im Schulterherein auf dem zweiten Hufschlag. Dabei fasste er den inneren Zügel etwas nach, gab damit die Stellung vor. Im Schulterherein trat Form gleichmäßig durch den Sand und setzte sich Schritt für Schritt mehr auf die Hinterhand, besonders das innere Bein belastete sie mehr unter den Schwerpunkt. Durch die Stellung dehnt sich der größte Teil des Rumpfes und sie schnaubt einige Male genüsslich ab. Dabei klang sogar wie ein Schwein, dass im Wald die Nase in den Dreck steckte und nach etwas Fressbaren suchte. An der nächsten langen Seite wechselte Niklas Schritt für Schritt in den Renvers. Er war darauf bedacht, dass Form die Hilfen nach und nach wahrnahm, sich langsam gerade richtete und erst dann in die Konterstellung wendete. Dabei richtete er sich im Sattel auf, saß tief im Sattel und bewegte sich nur soviel, wie es für die Übungen wichtig war. Die Atmung sah kontrolliert aus. Sein Brustkorb unter dem dünnen Shirt bewegte sich gleichmäßig. Alle starrten ihn an, ausnahmslos jeder. Er war ein Augenschmaus, keine Frage. Sogar Eskil hatte das für Voll genommen, aber wusste, dass sie Chancen miserabel standen.

      © Mohikanerin // Vriska Isaac // 4872 Zeichen
      zeitliche Einordnung {September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel fem | 25. Oktober 2021

      HMJ Divine // Freana von Hulshóf // Nathalie // Maskotka // El Pancho // Legolas// WHC’ Delicious Donut
      Satz des Pythagoras // Lu’lu’a // Rainbeth // HMJ Holy // Wunderkind // Fly me to the Moon // Sing of the Zodiac LDS // Glymur // Form follows Function LDS// Enigma LDS // Einheitssprache


      Lina
      “Liiiinaaa, matkapuhelimesi soi, sammuta se (Liiiinaaa, dein Handy klingelt, mach es aus dem Ding)”, beschwerte sich Juliett, aus dem Bett heraus. Bis eben hatte sie eigentlich noch geschlafen oder zumindest so getan. Unmöglich konnte sie überhört haben, wie ich mal wieder gegen das Regal gelaufen war, das Teil stand da aber auch blöd. Zu allem Überfluss war auch noch eines der Bücher herausgepurzelt und laut polternd auf meinem Fuß gelandet. Das alles nur, weil ich meine Schwester noch schlafen lassen wollte und somit das Licht ausließ.
      “Tee se itse, tiedät miten tekniikan ihmeet toimivat (Mach es halt selbst aus, du weißt doch wie die Wunder der Technik funktionieren)”, rief ich während ich konzentriert mein Lid strich zu ende zog. Er saß heute ausnahmsweise perfekt, das konnte nur Gutes für den heutigen Tag bedeuten. Anhand der raschelnden Decken hörte ich, dass sie sich nun tatsächlich selbst um das klingelnde Handy kümmerte.
      “Se on Samu, pitäisikö minun vastata puhelimeen? (Es ist Samu, soll ich rangehen?)”, tönte es aus dem Nebenraum. Noch bevor ich die Chance hatte ihr zu antworten, hatte Juliett das Gespräch bereits angenommen: “Hyvää huomenta Samu. Valitettavasti siskoni on edelleen kiireinen, joten sinun on kestettävä minua nyt. Tunnetko vielä minut? (Wunderschönen guten Morgen Samu. Meine Schwester ist leider noch beschäftigt, weshalb du erst einmal mit mir vorliebnehmen musst. Kennst du mich noch?)” Meine Schwester klang erstaunlich wach dafür, dass sie noch keinen Kaffee gehabt hatte. Das war ja mal wieder typisch, die Neugierde siegte sogar über das Bedürfnis nach Kaffee.
      “Hei Juliett, kiva nähdä. Siitä on pitkä aika, kun viimeksi näimme. (Hallo Juliett, schön dich zu sehen. Es ist ganz schön lange her, dass wir uns das letzte Mal begegnet sind.)”, vernahm ich die warme Stimme meines besten Freundes durch den Türspalt.
      “Mitä et sano, mutta kuten näen, et ole juuri muuttunut, silti viehättävä poika tuolta ajalta. (Was du nicht sagst, aber wie ich sehe, hast du dich kaum verändert, immer noch der charmante Junge von damals)”, erklang Julis erfreute Stimme. Warte hatte ich gerade richtig gehört? Wie ich sehe? Ich hielt in der Bewegung inne, legte die Bürste beiseite und steckte irritiert den Kopf durch die Tür. Im Schneidersitz saß Juli auf dem Bett und hielt das Handy am ausgestreckten Arm vor sich. Offenbar führte sie ein Video-Call. Ungewöhnlich, ich hatte bisher noch nie einen Video-Call mit Samu geführt. Aber okay, zugegebenermaßen kam ich bisher auch nicht wirklich in die Not, dies zu tun, schließlich hatte ich jahrelang mit ihm auf demselben Hof gewohnt.
      “Kiitos. Mutta sinäkään et ole muuttunut paljoa. Oletko muuttanut Ruotsiin tai mitä teet sisaresi kanssa? (Danke. Du hast dich aber auch kaum verändert. Bist du jetzt auch nach Schweden ausgewandert oder was machst du bei deiner Schwester?)”, hörte ich Samu Antwort, bevor ich mich wieder dem widmete mich fertig zu machen. Dem weiteren Gespräch lausche ich nur mit halbem Ohr, denn sie tauschten sich lediglich über den Verlauf ihrer Leben seit der Schulzeit aus.
      “Samu, miten saan kunnian kuulla sinusta niin aikaisin? Eikö tämä aika ole varattu tyttöystävällesi? (Samu, wie komme ich in die Ehre schon so früh von dir zu hören? Ist dieser Zeitraum nicht für deine Freundin reserviert?), fragte ich mit einem verschmitzten Grinsen, als ich mich in das Gespräch einbrachte. Ein amüsiertes glucksen war aus dem Handy zu vernehmen. Irgendwie sah Samu überraschend ausgeruht aus dafür, dass es in Kanada jetzt ungefähr halb elf sein dürfte und er den ganzen Tag gearbeitet haben sollte. Irgendetwas kam mir auch an seinem Zimmer anders vor, wobei wirklich viel sah man nicht davon, denn er saß mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt auf seinem Bett.
      “Etkö ole ystävä? (Bist du etwa nicht meine Freundin?)”, fragte Samu, seine Augen funkelten pikaresk, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte.
      “Ei, ei siinä mielessä. Tietääkseni olen vain parisuhteessa (Nein, nicht in dem Sinne. Soweit ich weiß, führe ich nur eine Beziehung.)”, Samu lachte und auch meine Schwester und ich stimmten ein. Es fühlte sich ziemlich seltsam an, ihn so lange nicht gesehen zu haben und auch, dass ich nicht einfach ein Zimmer weitergehen konnte, um mit ihm zu reden. Seit der 7. Klasse hatte ich Samu immer um mich gehabt und nur selten war es vorgekommen, dass wir uns mal länger als ein oder zwei Wochen nicht sahen. Fast drei Wochen waren mittlerweile vergangen, seit ich Kanada verlassen hatte. Langsam gewöhnte ich mich an den Alltag hier auf dem Hof und bekam das Gefühl, als würde ich hier so langsam ankommen.
      “Parisuhteista puheen ollen, miten voit? Koska en ole juuri kuullut sinusta mitään, olet varmaan kunnossa? (Apropos Beziehung, wie läuft es so bei dir? Da ich kaum etwas von dir gehört habe, nehme ich mal an, es geht dir gut?)”, fragte der Finnen nun.
      “Tunnen oloni erinomaiseksi. Minulla on täällä ihania poneja hoidettavana. Esimerkiksi Lu on melko pieni paskiainen, melko siro ja varattu. Olemme pikkuhiljaa alkaneet ystävystyä, valitettavasti Betty ei ole vielä päässyt niin pitkälle. (Mit geht es hervorragend. Ich habe hier ein paar wunderbare Ponys, um die ich mich hier kümmern darf. Lu zum Beispiel ist ein hübscher kleiner Leuchtrappe ziemlich zierlich und zurückhaltend. So langsam beginnen wir uns allerdings Anzufreunden, Betty habe noch leider noch nicht so weit)”, begann ich von den Pferden zu erzählen, mit denen ich hier bisher gearbeitet hatte. Nicht nur von den beiden, sondern auch von Zoi, Flyma, Wunderkind und all den anderen mit denen ich bisher arbeiten durfte.
      “Tiedän nyt myös, kuinka terrorijuomari sai nimensä. Holy voi itse asiassa näyttää erittäin viattomalta, kun hän ei ole kyllästynyt. Hän on itse asiassa aika söpö, vaikka voi todella ajaa sinut hulluksi. Mutta eniten nautin tällä hetkellä smoothien kanssa työskentelystä, vain hevosen unelmasta. Täysin ymmärrettävää, miksi Niki välittää hänestä niin paljon, emotionaalisesta arvosta puhumattakaan. En luopuisi tuollaisesta hevosesta enää koskaan. (Ich weiß jetzt auch wie der Terrortinker zu seinem Namen kam, Holy kann tatsächlich sehr unschuldig aussehen, wenn sie nicht gerade Langeweile hat. Eigentlich ist sie schon ziemlich süß, kann einen aber echt in den Wahnsinn treiben. Aber am meisten Spaß macht mir momentan die Arbeit mit Smoothie, einfach ein Traum von Pferd. Vollkommen nachvollziehbar warum Niki so viel an ihr liegt, mal ganz abgesehen vom emotionalen Wert. So ein Pferd würde ich auch nie wieder hergeben.)”, begann ich Samu vorzuschwärmen.
      “Työskentelet smoothien kanssa, miten se tulee? (Du arbeitest mit Smoothie, wie kommt es dazu?)”, fragte Samu interessiert nach. Meine Schwester war mittlerweile auf der Suche nach ihrem Lebenselixier in der Küche verschwunden.
      “Niklasilla on uusi tamma, koska Smoothie jää eläkkeelle turnauksista Ahtosensa takia, ja hänet pitäisi peittää tänä vuonna, joten hänet on koulutettava. Koska Niklas ei voi hoitaa kahta hevosta, hän antoi Smoothien minulle. Sanoinko jo kuinka hieno tämä hevonen on? Äärettömän tarkkaavainen, halukas suorittamaan ja sitten myös niin huomaavainen. Toivon, että Ivy on jonain päivänä niin herkkä. (Niklas hat eine neue Stute, weil Smoothie wegen ihrer Arthrose in Turnierrente geht, außerdem soll sie noch dieses Jahr gedeckt werden, folglich muss sie abtrainiert werden. Weil Niklas es nicht schafft sich um zwei Pferde zu kümmern, hat er Smooth mir anvertraut. Sagte ich schon wie toll dieses Pferd ist? Unendlich Aufmerksam, Leistungsbereit und dann auch noch so Rücksichtsvoll. Ich wünsche mir, Ivy wird irgendwann auch mal so sensibel sein.)”, schwärmte ich weiter. Ich wusste zwar, dass der Hengst bei Samu gut aufgehoben war, aber mein Pferd fehlte mir. Ob Divine mich auch vermisste? Immerhin hatte sich für ihn nicht viel verändert, außer dass er seine Möhrchen nun von jemand anderem bekam.
      “Miten poni voi? (Wie geht es eigentlich meinem Pony?)”, frage ich Samu sehnlich.
      “Häneltä ei puutu mitään. Koko joukkue pilaa ponisi, erityisesti Aleen. Luulen, että hän saa uuden kampauksen joka päivä. Tänään se oli mielenkiintoinen rakenne vaaleanpunaisista jousista ja kukkien hiusleikkeistä. Luulen, että Ivy kaipaa sinua, hän odottaa aina portilla, kun haluan tuoda hänet sisään, mutta hän ei vihille minulle kuten aina kanssasi. Hän saa minulta vähintään yhtä paljon porkkanaa. (Ihm fehlt es an nichts. Das ganze Team verwöhnt Dein Pony, ganz besonders Aleen. Ich glaube, er bekommt jeden Tag eine neue Frisur. Heute war es ein interessantes Konstrukt aus pinken Schleifchen und Blütenhaarspangen. Ich glaube Ivy vermisst Dich aber, er wartet immer schon am Tor, wenn ich ihn reinholen möchte, aber mir wiehere er nicht entgegen, wie er das bei Dir immer getan hat. Dabei bekommt er mindestens genauso viele Möhrchen von mir.)” Samus Erzählung erwärmte mir das Herz. Das Luchys kleine Tochter Divine verwöhnte wunderte mich nicht. Schon als ich noch da gewesen war, hatte das kleine Mädchen mir gerne beim Putzen des Hengstes geholfen. Aus mir unbekannten Gründen war sie ganz vernarrt in den Freiberger. Sogar mehr, als in die Ponys in ihrer Größen Ordnung. Nicht mal Fraena, die wegen ihres plüschigen Fells immer sehr beliebt bei den Kindern war, hielt sie für interessanter.
      “Kiva kuulla. En malta odottaa, että näen hänet uudelleen. Ovatko muut suojaamani myös hyvin? Kuka niistä nyt huolehtii? Ja tuleeko Hazel ratsastuskoulun kanssa vai onko hän jo heittänyt kaiken kaaokseen? Ja miten muut voivat? (Das freut mich zu hören. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten ihn wiederzusehen. Geht es meinen anderen Schützlingen auch gut? Wer kümmert sich jetzt um sie? Und kommt Hazel mit der Reitschule klar oder hat sie schon alles ins Chaos gestürzt? Und wie geht es den anderen?)”, erkundigte ich mich.
      Samu antwortete direkt: “Toisilla menee toistaiseksi hyvin, vaikka heillä kaikilla on nyt hieman enemmän työtä. Paitsi ... Jace, hän näyttää surevan sinua hieman kauemmin. Hazel ei ole vielä heittänyt kaikkea kaaokseen, mutta lapset tulevat takaisin vasta ensi viikolla, sitten nähdään toimiiko se. Myös suojelijasi voivat hyvin.
      Sheena huolehtii nyt Panchista, Fraena ja Nathalie huolehtivat Hazelista ja Jace ottaa Maskotkan haltuunsa. (Den anderen geht es soweit gut, auch wenn alle jetzt ein klein wenig mehr Arbeit haben. Außer … Jace, er scheint dir noch ein wenig nachzutrauern. Noch hat Hazel nicht alles ins Chaos gestürzt, aber die Kinder kommen je erst ab nächster Woche wieder, dann werden wir sehen, ob das klappt.
      Deinen Schützlingen geht es auch gut. Sheena kümmert sich jetzt um Panch, Fraena und Nathalie werden von Hazel umsorgt und Jace übernimmt Maskotka.)” Jace tat mir leid, ich hatte ihn nicht so verletzten wollen, aber ich konnte und wollte es nicht rückgängig machen. Bei Jace sprunghafter Art, würde es besser für mich sein, wenn wir getrennte Wege gehen. Irgendwann, hoffte ich, wird er schon wieder auf die Beine kommen. Um keine weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, lenkte ich lieber das Thema auf etwas anderes: “Ja entä Legolas? Onko hän edelleen myyntilistalla? (Und was ist mit Legolas? Na ja, steht er immer noch auf der Verkaufsliste?)” Ich befürchte schon, dass der Hengst vielleicht bereits verkauft worden sein an irgend so einen schmierigen Händler oder irgendeine dieser verwöhnten Gören, die ihre Pferde nur als Prestigeobjekt betrachtet.
      Mit einem grinsen begann der Finne zu antworten: “Voin vain sanoa tästä, että minusta on nyt tullut myös hevosenomistaja. Heti kun oli vihdoin selvää, että sen piti mennä, koska munkin piti jäädä, en voinut olla ostamatta sitä ennen kuin siitä tulee jälleen haastekuppi. Se oli minulle erittäin kätevää, tiedätkö, että olen jo pitkään ajatellut osallistumista aktiivisiin turnauksiin. (Dazu kann ich nur sagen, ich bin jetzt auch unter die Pferdebesitzer gegangen. Sobald endgültig feststand, dass er gehen muss, weil Donut bleiben soll, konnte ich nicht anders als ihn zu kaufen, bevor er wieder zum Wanderpokal wird. Es kam mir sehr gelegen, du weißt ja, dass ich schon länger überlege wieder aktiver Turniere zu reiten.)”
      “Se on hienoa, toivoisin jotain sellaista kauniille. (Das ist toll, so etwas habe ich mir für den Hübschen gewünscht.)” Ich freute mich aufrichtig, dass Samu den Hengst gekauft hatte, würde nicht nur bedeuten, dass ihm ein schönes Leben garantiert war, sondern auch, dass ich den Rappen noch einmal wiedersehen würde.
      “Mutta nyt takaisin sinulle. Olet jo kertonut meille paljon uusista suojelijoistasi, mutta miten muuten käy? Tuletko hyvin toimeen uusien kollegoidesi kanssa? Miten menee poikaystäväsi kanssa? (Aber jetzt zurück zu dir. Du hast ja bereits einiges über deine neuen Schützlinge erzählt, aber wie läuft es sonst so? Kommst du gut mit deinen neuen Kollegen klar? Wie läuft es mit deinem Freund?)”, lenkte Samu das Thema zurück, zu dem was sich in meinem Umfeld tat. Auf einmal schaltete sich meine Schwester, die grinsend mit einer Kaffeetasse im Türrahmen stand, wieder in das Gespräch ein: “Minusta näytti viikonloppuna siltä, että hänen poikaystävänsä kanssa sujui aivan loistavasti. Vaikka olen edelleen hieman ymmälläni pikkusiskoni suhteen. En odottanut hänen valitsevan tuollaista miestä. (Also, für mich sah das am Wochenende aus, als würde es ganz wunderbar mit ihrem Freund laufen. Auch, wenn ich immer noch ein wenig verwundert über meine kleine Schwester bin. Dass sie sich so einen Kerl aussucht, hätte ich nicht erwartet.)”
      “Siskosi on täynnä yllätyksiä (Deine Schwester steckt nun mal voller Überraschungen)”, lachte Samu. Offenbar war er mit meiner Schwester einer Meinung.
      “Mitä sen nyt pitäisi tarkoittaa? (Was soll das denn jetzt heißen?)”, empörte ich mich über die beiden. Samu lachte nur weiter und dachte nicht einmal daran mir zu antworten.
      “Luulin, että pidit hyvistä pojista, kulta (Ich dachte eher du stehst auf die braven Jungs, Süße)”, amüsierte sich meine Schwester, bevor sie dem Kissen auswich, welches eine Sekunde später durch die Luft flog. Leider verfehlte das Flugobjekt Juli und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden.
      “Et myöskään tarvitse vihollisia kanssasi (Mit euch braucht man auch keine Feinde)”, murmelte ich. “Mutta takaisin kysymyksiisi. Kuten juuri kuulitte, Niklasin kanssa asiat sujuvat erittäin hyvin, enkä kadu päätöstäni millään tavalla! Tulen hyvin toimeen kollegojeni kanssa toistaiseksi, vain Vriskan kanssa on ollut vähän outoa toistaiseksi. Mutta olen varma, että tulee. Ohhh ja missä olemme Vriskassa ... vaikka en edes tiedä voinko kertoa sinulle ... (Aber zurück zu deinen Fragen. Wie du gerade schon hörtest, läuft es mit Niklas hervorragend und ich bereue meine Entscheidung in keiner Weise! Mit meinen Kollegen komme ich soweit ganz gut aus, nur mit Vriska ist es bisher ein wenig seltsam. Aber das wird sicher noch. Ohhh und wo wir bei Vriska sind... wobei ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen darf…)” Am Ende hielt ich inne, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob Vriska wollte, dass gleich jeder wusste, dass sie mit Erik zusammen war.
      “Lina, hän ei repäise päätäsi loppujen lopuksi Samu on kuin päiväkirjasi. Voin vain sanoa tästä, että Amorilla oli hauskaa tänä viikonloppuna. (Lina, sie wird Dir schon nicht den Kopf abreißen, Samu ist schließlich so was wie dein Tagebuch. Ich kann dazu nur sagen Amor hatte dieses Wochenende seinen Spaß)”, amüsierte sich meine Schwester.
      “Okei, kerron nyt Vriska ... on nyt virallisesti Erikin kanssa. Olen iloinen molempien puolesta, molemmat näyttivät niin onnellisilta eilen. Todella hieno. (Also okay, dann sag ich es dir jetzt. Vriska...ist jetzt offiziell mit Erik zusammen. Ich freu mich für die beiden, sie sahen gestern beide so glücklich aus. Richtig toll.)”, rückte ich nun endlich mit der Sprache raus. Ich freute mich aufrichtig für die beiden, gerade nachdem mir vor Augen geführt wurde, wie sehr Vriska unter der Ungewissheit, ob sie Erik jemals wiedersehen wird, litt. Dennoch musste ich einräumen, dass ich mich auch ein wenig meiner selbst Willen freute: “Ja no ... se saattaa nyt tuntua hieman itsekkäältä, - mutta olen myös hieman helpottunut. Myönnän kyllä, olin huolissani ... Tiedätkö, mitä tapahtui hänen ja Niklasin välillä ja koska he kaksi tulivat jälleen oudosti hyvin viime aikoina ... No, sillä ei ole väliä, Vriksalla on varmasti hänen Erikinsä nyt. Minulla on Niki, kaikki kuten pitääkin. (Und naja, ... das wirkt jetzt vielleicht ein wenig selbstsüchtig, ... aber ich bin auch ein wenig erleichtert. Zugegebenen Maßen hatte ich mir Gedanken gemacht... Du weißt schon, wegen dem was zwischen ihr und Niklas lief und weil die beiden neulich wieder seltsam gut miteinander konnten... Naja egal, Vriska hat jetzt ganz sicher ihren Erik. Ich habe Niki, alles so wie es ein sollte.) Samu und ich quatschen noch einen Moment, vor allem über meine Beziehung, wobei ich mich echt zusammenreißen musste nicht ins Schwärmen zu geraten. Dieses Wochenende hatte mir Zuversicht und den nötigen Energieschub gegeben um hier in Schweden nun richtig durch zu starten. Meine Schwester stand noch immer mit ihrem Kaffee im Türrahmen, folgte dem Gespräch und grinste vergnügt vor sich hin.
      “Sinä Samu, minun täytyy erota nyt, muutama hevonen odottaa minua tallissa. Toivottavasti nähdään pian taas tosielämässä. Kerro minulle, kun tiedät, että tulet vihdoin tänne. Hyvää yötä nuku hyvin. Anna terveiset muille ja anna ponilleni huomenna ylimääräinen porkkana. (Du Samu, ich muss jetzt mal Schluss machen, da warten ein paar Pferdchen im Stall auf mich. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder so richtig in live. Sag mal Bescheid, wenn du weißt, dass du endlich hierherkommst. Gute Nacht, schlaf gut. Grüß die anderen von mir und gebe meinem Pony morgen ein extra Möhre von mir.)”, beendete ich das Gespräch, nach der Feststellung, dass es nun an der Zeit war an die Arbeit zu gehen.
      “Tottukaa teen. Pidä hauskaa töissä. (Klar, mach ich. Viel Spaß bei der Arbeit.)”, verabschiedete mein bester Freund sich, bevor ich auflegte.
      Gut gestimmt verließ ich die Wohnung und machte mich auf den Weg in den Stall.

      Vriska
      Einen freien Tag haben, hatte wirklich seine Vorteile, auch wenn es bedeutete, sich eine Beschäftigung zu suchen. Etwas zu tun, für das man sonst keine Zeit hatte. In meinem Fall war es Ausschlafen und Bilder bearbeiten, eventuell noch lernen für die praktische Prüfung und mit meinem Bruder endlich das Essen nachzuholen. Aber wo war er? Der kleine Palast, den ich zu gern mein Eigen nennen wollte, war still. Nur die Lüftung des Kühlschranks drang zu mir vor. Erholt stieg ich aus dem Bett, nachdem auch mein Handy keine Nachricht von ihm aufgewiesen hatte. Umso mehr hatte von Erik, aber ich musste erst einmal Harlen finden. Rufend lief ich durch das Häschen, aber auf 50 qm jemanden zu finden, sollte nur in diesem Fall schwierig werden. Erst bei der zweiten Runde laufen, fand ich einen Zettel neben der Kaffeemaschine – natürlich hinterließ er ihn dort.
      „Kleine Schwester, mache dir keine Sorgen. Ich werde in einige Tage zurück sein. Sollte etwas Dringendes sein, melde dich bei mir. Denk an unseren Deal, in Liebe, Harlen“, las ich seinen handgeschriebenen Zettel und atmete erleichtert aus. Selbst, dass ich nicht wusste, wo er genau war, konnte ich mir sicher sein, meinen Bruder bald wiederzusehen. Ich hängte die Erinnerung an den Kühlschrank, startete die Kaffeemaschine und zog mir in der Zeit etwas über. Was sollte ich anziehen? Die Lust Bilder zu bearbeiten verflog in der Winde, der Plan mit Harlen fiel ebenfalls flach, also blieb nur noch lernen übrig. Allerdings müsste ich noch zu Glymur fahren, denn er stand nun beinah eine Woche und wenigstens einen entspannten Ausritt sollten wir machen. Also griff nach reichlicher Überlegung doch nach einer Reithose, ich sollte mal wieder waschen. Es lag nur noch eine im Fach, der Rest türmte sich auf einem Haufen, der mal ein Wäschekorb war. Ich könnte anderenfalls auch mal wieder neue kaufe gehen, dass könnte ein Plan des Tages werden — Ausreiten, Shoppen und dann noch lernen. Während ich mein provisorisches Frühstück genoss, antwortete ich meinem Kerl, es fiel mir noch immer schwer den Gedanken zu fassen, dass er fest an meiner Seite war. Es wirkte mit Erik alles so unglaublich vertraut, obwohl ich wusste, dass sein Bruder durch die mir unbeschreibliche Situation einige meiner tiefsten Geheimnisse kannte. Doch ich konnte mir auf einer Art sicher sein, dass Niklas die Nachrichten an ihn weitergab. Viele der Texte, die ich schrieb, waren voll mit paradoxen Gefühlen, vor allem dem das ich Erik überhaupt nicht kannte. Aber unser erstes Treffen löste so viel in mir aus, für das ich keine Worte fand. Es war ein Gefühl von Freiheit und Entschlossenheit, gemischt mit dem Gedanken, dass es ohnehin nichts werden würde, weil wer war ich schon? Innerhalb kürzester Zeit entwickelte ich mich zu dem typischen Pferdemädchen, wie es im Buche stand. Ich nahm mir Zeit zum Lernen, aber verbrachte die meiste bei den Tieren. Sie halfen mir dabei, die Ereignisse in England hinter mir zu lassen, eine bessere Version von mir selbst zu werden. Dann, eines Tages, traf ich plötzlich diesen Typen, den ich als Charakter nur aus Filmen kannte und genauso lief es auch ab. Das schüchterne Außenseiter-Mädchen verliebt sich Hals über Kopf in den Aufreißer, der auch nur noch Augen für sie hatte. War Erik ein Aufreißer? Nicht einmal das wusste ich! Er hatte von einigen Bekanntschaften erzählt, aber nie welche Wichtigkeit sie für ihn darstellten. Jetzt jedoch war er alles und die Welt für mich, jemand, dem ich alles verzeihen würde. Ich möchte mit ihm alt werden.
      Langsam schielte ich zur Uhr, allmählich wurde es Zeit zum Hof zu fahren, bevor das Training der Kleinen begann und ich eventuell seltsame Begegnungen haben würde. Vom Schlüsselbrett nahm den Schlüssel, schnappte mir meine Tasche, die seit gefühlten Jahren nicht mehr mitnahm, und lief zum Auto. Die Haare trug ich offen, obwohl sie stets mich bei alltäglichen Aufgaben belästigten, aber ich wollte mich ausprobieren. Ausprobieren, wie ich mich wohlfühlen könnte, durch den Einfluss von Elementen meines jüngeren Ichs. Auf dem Hof herrschte ein normaler Montag, keine Gäste, keine Reitschüler oder Einsteller. Nur Folke sah ich mit dem Stapler Heu holen.
      Genau die gleiche Ruhe herrschte auf dem Gelände von Verein, obwohl ich schon auf dem Parkplatz den Porsche von Niklas betrachtete. Sollte er nicht arbeiten sein? Aber was wusste schon, ich war überhaupt nicht in der Stimmung dafür, einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, sondern tanze fröhlich an den Paddock vorbei, um aus dem Stall das Halfter meines Hengstes zu holen. Glymur hatte mich schon am Zaun begrüßt und Leckerli eingefordert, bevor ich überhaupt richtig da war. Aber natürlich bekam er eins.
      „Ich muss dir so viel erzählen“, lachte ich fröhlich. Aufmerksam spitze er die Ohren, als konnte er es gar nicht erwarten, was ich zu sagen hatte. Doch zunächst gab es einige aufmunternde Worte beim Putzen, dass ich an dem Tag deutlich ausgiebiger machte als sonst. In meinem Kopf summte noch immer die Melodie eines der Chartlieder aus dem Radio, die ich sonst mied. Dieser Einheitsbrei gefiel mir nicht, es brauchte Inhalt, eine rhythmische Melodie und eine schöne männliche Stimme, dennoch trällerte ich: „Turn up Baby, turn up, when I turn it on. You know how I get too lit when I turn it on.“
      Ich war so vertieft, gute Laune zu haben, dass ich nicht Niklas dazukommen hörte und für meinen Geschmack uns zu interessiert beobachtete. Erst als ich mich zur Putzkiste lehnte, sah ich ihn an einer Boxenwand stehen mit verschränkten Armen und einem breiten schelmischen Lächeln. Dabei stand auch Form, die vollkommen verschwitzt auf dem Gebiss kaute.
      “Weiß Vriska, dass du ihr Pony entführst?”, scherzte er.
      “Und du hast einen Clown gefrühstückt oder gelüstet es dir nach Aufmerksamkeit?”, lachte ich und legte den Sattel auf dem Rücken des Hengstes, der beinah auf der Stelle einschlief. Sanft strich ich mit meiner Hand über seinen Mähnenkamm, als Erinnerung, dass wir noch etwas vor uns hatten.
      “Dann sag mal, stimmen die Gerüchte?”, fragte Niklas nun ernster und reichte mir die Trense, die neben ihm hängte. Sah ich das richtig? Hatte er die schöne lange Mähne der Rappstute abgeschnitten? Ich hatte so viel Kraft in ihre Mähne gesteckt, da Tyrell auch immer die Schere in der Hand hielt. Aber jetzt geschah es, sie war ab und das nicht nur ein Stück. Form hatte nur noch wenige Fetzen am Hals und auch der Schopf musste leiden. Es schmerzte in der Seele, das Pferd so zu sehen, doch ich konnte nichts dagegen tun.
      “Was für Gerüchte? Wenn jetzt schon welche im Umlauf sind, kann es nur noch kreativer bei euch werden”, kam ich wieder auf das Gespräch zurück.
      “Da gibt es sogar direkt zwei. Einerseits, dass du direkt mit dem Neuen geschlafen hast und andererseits, dass das du jetzt mit dem seltsamen Typen aus Kanada zusammen bist, womit wohl nur Erik gemeint sein kann. Ich hoffe für dich, dass nur eins von beiden stimmt”, lächelte er. Seine Worte wirkten glaubhaft, als läge ihm etwas daran, was in meinem Leben ablief. Ich vertraute ihm und er mir.
      „Ja, zweiteres stimmt“, antwortete ich kurz, unsicher darüber, wie viel an die Öffentlichkeit kommen durfte.
      „Das beruhigt mich ein wenig, aber pass auf dich, ja?“ Wieso ihm das so nahe ging, konnte ich nicht nachvollziehen. Zustimmend nickte nur, holte meinen Helm und führte Glymur aus dem Stall. Aber Niklas schien sich nicht abwimmeln zu lassen und folgte mir mit seiner verschwitzten Stute. Als hielte ich einem Spiegel an mir, blieb er stehen, gurtete ebenfalls nach und war im Begriff aufzusteigen, aber Ausreiten wollte ich nicht mit ihm.
      „Es ist ja lieb, dass du mitkommen möchtest, aber ich schaffe das allein. Fahr lieber zu deiner Freundin“, wimmelte ich ihn ab und ritt schnellen Schrittes vom Hof. Er sah mir nur verwirrt nach, während er den Gurt wieder lockerte und zur Linken abbog in den Stall der großen.
      „Ich habe genug Männlichkeit bei mir, nicht wahr?“, flüsterte ich Glymur zu, der aufregt vorwärts trappelte. Ich bremste nicht, denn heute stand alles in seinem Zeichen. Er sollte noch einmal den Tag genießen, bevor morgen ein wichtiger Termin anstand.
      Im Wald schaffte ich es den Kopf freizubekommen, frei von ihm, dem, was alles passierte und redete mir alles von der Seele. Glymur spielte aktiv mit den Ohren, als versuchte er zu verstehen, was ich ihm erzählte. Mich störte es nicht, keine Antwort zu bekommen, so konnte auch niemand kritisieren, was ich tat oder dachte. Die Freiheit genoss ich in jedem Atemzug, mit jedem Wort, das ich sagte und auch jeder Fliege, die mir im Tölt ins Gesicht flog. Dass vermisste ich, die Unbeschwertheit ohne Konsequenz, ohne sich Gedanken zu machen, auszureiten mit dem einen Pferd, dass man vom Herzen liebte. Glymur wirkte genauso glücklich über die gemeinsame Zeit, dass wir erst nach geschlagenen drei Stunden zurückkamen. Mittlerweile wurden es mehr Leute auf dem Hof, sie huschten der einen Seite zur anderen, wie an einem Bahnhof wechselten sie von der Reithalle zu einem der Reitplätze und wieder zurück. Es war ein kleines Schauspiel mit allen Elementen, die es brauchte. Aus undefinierter Richtung rief jemand aufgebracht, von der anderen ertönte aufgeregter Hufschlag, während aus dem Stall um Ruhe gebeten wurde. Deswegen war ich nur selten am frühen Nachmittag bei ihm. Diese ganzen Menschen verunsicherten mich, ließen mich hinterfragen, was ich hier eigentlich zu suchen hatte und die neugierigen Blicke verdunkelten meine Gedankenwelt. Nichts, wie weg, musste ich, wodurch ich Glymur sein Futter in die Schale des Paddocks machte und das Sattelzeug am nächsten Tag putzen würde. Die meisten wichen mir aus, ohne ein Wort zu sagen. Was wollte ich eigentlich? Ich wusste es nicht genau.
      Doch genau im Augenblick des Zweifels tippte mich jemand an.
      „Vriska, richtig?“, sagte sie freundlich. Es war eine der Zwillinge, Tilda, wenn ich mich nicht irrte. Noch versunken in Gedanken nickte ich leicht.
      „Dein Ritt im Regen war der Hammer! Wirklich! Du musst unbedingt dranbleiben, dann wirst du mal richtig gut“, schwärmte sie verträumt und tänzelte auf der Stelle herum.
      „Danke, aber ich glaube, dass ich krank werde. Wurde danach echt kalt“, lächelte ich willkürlich und schon den Reißverschluss meiner Jacke ganz nach oben. Langsam wurde das Kratzen im Hals präsenter, denn restliche Tag sollte ich zu Hause verbringen, damit ich morgen für die Prüfung fit sei. Sie verabschiedete sich freundlich und verschwand mit einem Halfter in der Hand aus dem Aufenthaltsraum.
      Mit aller Ruhe fuhr ich zurück zum Gestüt. Die Straßen waren frei, aber viele Lkw überholte ich, ohne mir weitere Gedanken darüberzumachen. Als Beifahrer rätselte ich gerne, was sie wohl Geladen hätte und welche Abfahrt sie nehmen würden, aber am Steuer sollte es mich nicht ablenken. Zwei Kilometer vor meiner Ausfahrt reihte ich mich mit meiner Klapperkiste zwischen zwei der Kolosse ein und hoffte, dass nichts passieren würde. Ich fuhr nicht gerne Auto, weder Autobahn noch Landstraße, weswegen ich langsam ins Grübeln kam, wo wohl mein Bruder steckte. Seine Ortung hatte er abgeschaltet und wo er bei dem Turnier übernachtete, teilte er mir ebenfalls nicht mit. Hatte er eine nette Dame kennengelernt und verwöhnte sie nun? Wohl kaum, denn da wäre er in großer Freude ausgebrochen und hätte mir davon erzählt, schätze ich. Er wirkte so verschlossen, ich konnte nicht einmal ahnen, was in seinem Leben ablief, doch das würde ich noch früh genug erfahren.
      Erwartungsvoll kam Linas Schwester zu mir gelaufen, drückte mir eine weiße Tasse in die Hand, gefüllt mit schwarzer Flüssigkeit, die nach dem ersten Atemzug mit einem gerösteten Aroma in meiner Nase kitzelte. Wer mich so begrüßte, versuchte wohl einen guten Eindruck bei mir zu hinterlassen. Ich stieg aus meinem Auto, nahm die unnütze Handtasche heraus und folgte ihr zum Zimmer. Sie erzählte nur kurz, sehr ungenau, dass sie meine Hilfe bei etwas bräuchte und das umgehend geklärt werden müsste, da Lina gerade mit einem der Pferde unterwegs war. Folie begleitete sie bei einem Ausritt. Gespannt, wenn auch wortkarg, folgte ich.
      “Wir müssen nachher eine kleine Feier veranstalten”, freute sich Juliett, nach dem die Tür ins Schloss fiel hinter uns. Mit nach oben gezogenen Augenbrauen nickte ich langsam, denn ich verstand noch nicht so recht, wofür das notwendig sei an einem gewöhnlichen Montag zu feiern. Natürlich könnte man darauf trinken, dass eine neue Woche begann und man sich das Wochenende zurückwünschte, aber das konnte ich mir kaum vorstellen, dass Lina dafür der Typ war.
      “Verstehe, aber wieso?”, fragte ich.
      “Ganz einfach. Samu ist seit drei Tagen in Schweden, bei seiner Freundin. Er hat morgen Geburtstag und ich will den beiden eine Freude machen. Lina vermisst ihn so unglaublich und weil er morgen Geburtstag hat –“, ich unterbrach sie direkt. Geburtstage müssen gefeiert werden, da hatte Juliett vollkommen recht.
      “Stopp. Das reicht mir! Ich habe schon eine Idee. Wir werden den großen Konferenzraum vorbereiten, da wird Lina wohl kaum hereingehen heute noch. Tyrell sage ich Bescheid. Sollte sie fragen, was wir da machen, dann bereiten wir einen Lehrgang vor”, lachte ich nach einem kräftigen Schluck aus der warmen Tasse. Die Schmerzen in meinem Hals wurden erträglicher. Eigentlich wünschte ich mich in das kuschelige Bett mit einer Suppe, doch sie brauchte meine Hilfe, also zusammenreißen.
      “Einwandfrei”, tanzte sie vergnügt und sammelte einige Dinge zusammen. Interessiert sah ich mich im Raum um. Viel Dekoration hatte Lina noch nicht eingerichtet, es wirkte sehr provisorisch, als würde sie jeden Moment wieder abreisen wollten. Einige Erinnerungen hingen an der Wand mit den Leuten vom Whitehorse Creek und anderen, die ich nicht kannte. Die Möbel standen noch immer an ihrer ursprünglichen Position, auch die hässlichen gelben Bezüge waren auf dem Bett gespannt, obwohl sie schon lange die besseren hätte nehmen können aus dem Vorbereitungsraum. Ich sah weiter und bemerkte einen ziemlich großen Rahmen mit mehreren Bildern eines braunen kräftigen Pferdes, ohne Abzeichen. Auf dem einen schien sie als Kind dargestellt zu sein und eine Schleife hing ebenfalls dabei. Das musste Vijamis kleiner Altar sein, über den sie mir in Kanada erzählt hatte. Immer weiter vertiefte ich mich in den Rahmen, fühlte den Schmerz, wie zwanzig Messerstiche in den Magen. Kurz krampfte es in mir, als wollte etwas hinaus oder für immer in der Versenkung bleiben.
      “Auch, wenn Ivy wie ihr Seelenverwandter ist, kann er nicht den Schmerz heilen, den sie durch seinen Verlust erlitten hat”, sagte Juliett bedenklich und erwischte mich dabei, wie ich noch immer diese Erinnerung anstarrte, wie eine Schlange, die ihre Beute fing.
      “Kann nachvollziehen”, murmelte ich und wusste nicht, was es noch dazu sagen sollte.
      “Komm schon Trauerkloß, wir müssen den Raum vorbereiten”, tippte sie freundlich auf meine Schulter und zusammen liefen wir los, um alles aufzubauen, umzuräumen und bereitzustellen.
      Tyrell war einverstanden, dass wir den Raum brauchten, sofern wir ihn danach wieder reinigten. Also werkelten wir, was das Zeug hielt, viel Zeit verging und dabei entstanden lustige Gespräche. Sie interessierte sich sehr für die Pferde hier am Hof, war neugierig, wie es mit Fruity und mir weitergehen würde. Tatsächlich wusste ich das nicht einmal, obwohl der Spaß vom letzten Wochenende nicht von der Hand zu weisen war, dabei meinte ich keinesfalls nur Erik. Viel mehr das drumherum begeisterte mich, klar, die Konkurrenz war groß, aber mit den Jungs wirkte es so vertraut, als hätte man eine gemeinsame Reise vor sich und jeder konnte seinen Teil dazu beitragen. Vielleicht sollte ich an der Sache dranbleiben und eine Lösung dafür könnte sein, das Förderprogramm zu wechseln. Selbstverständlich liebte ich die Fellbälle von der Vulkaninsel, doch ich als ich das Gefühl von Anerkennung meiner Leistung durch den epochalen Jubel der Zuschauer, geschah es um mich. Durch das Gespräch darüber, festigte sich das Geschehen, es lag nun mehr als zwölf Stunden zurück und erst jetzt, verstand ich es. Der Traum wäre es, dass ich ihnen bewies, dass ein Isländer ebenfalls solche Leistungen erbringen kann, dafür scheiterte es jedoch am Pferd. Glymur verfügte über sehr viel Tölt und schien dafür nicht geeinigt, aber ihn wieder abzugeben, konnte ich nicht übers Herz bringen.
      Ich wollte mit jemanden sprechen, aber ich wusste nicht, wer mir bei diesem Problem helfen könnte. So blieb mir Ruhe bewahren und alles auf mich zukommen lassen. Tief durchatmen und weiter, aber das ging nicht. Ein Stechen breitete in meiner Lunge aus, das Kratzen im Hals wurde stärker und ununterbrochen begann ich zu husten, so stark, dass mir die Luft wegblieb und ich mich setzen musste. Ich konnte nicht krank werden! Morgen sollte ich auf dem Pferd sitzen, die wichtigste Prüfung meines Lebens reiten, um endlich den Beruf fertig zu haben. Wenn das Keuchen nicht verschwand, würden die Prüfer mich herausziehen und die Nachprüfung in vier Wochen an einem Samstag stand auf dem Plan. Niemals! Einerseits, um Tyrell nicht zu enttäuschen, andererseits, um endlich mehr Gehalt zu bekommen. Gehalt, mit dem ich mir ein Pferd selbst finanzieren, auch wenn ich noch keins hatte. Aber ein eigenes Pferd klang wirklich anders, als eins zur Verfügung zu bekommen.
      “Du solltest dich noch mal hinlegen, bevor das nachher anfängt. Lina werde ich im Schacht halten”, sagte Juliett und reichte mir ein Glas Wasser.

      Lina
      Stetig lief die braune Stute um mich herum. Mit ihrem aktiven Ohrenspiel zeigte sie mir, dass sie fokussiert war. Die Sonne stand bereits im Westen und ließ das Fell der Stute in einem hübschen Braunton schimmern. Ich ließ sie eine weitere Runde um mich herumtraben, bevor ich sie zu mir in die Mitte kommen ließ. Zögerlich folgte sie der Aufforderung und blieb einen knappen Meter vor mir stehen. Aufmerksam sah sie mich aus ihren blauen Augen an. Ich arbeitete heute zum dritten Mal mit der Stute. Die junge Stute war zwar aufmerksam, aber machte es einem nicht einfach zu ihr vorzudringen. Ich wand mich von der Stute ab, ging ein paar Schritte fort. Sie folgte ein Stück, blieb aber wieder ein wenig von mir entfernt. Dennoch entschloss ich mich die Einheit für heute zu beenden, sie war lang genug gewesen. Manchmal musste man wohl mit den kleinen Erfolgen leben, immerhin war die Stute heute schon ein Stückchen näher herangekommen, als das letzte Mal.
      “Ah, hier steckst du also”, ertönte die Stimme meiner Schwester hinter mir. Ich drehte mich zu ihr um. Sie kam gerade vom Stall herübergeschlendert.
      “Was glaubst du denn, ich habe immerhin auch noch anderes zu tun, außer den ganzen Tag zu schlafen”, scherzte ich. Juliett ging nicht näher darauf ein, sondern fragte neugierig: “Wer ist die hübsche Stute da?”
      “Eigentlich solltest du die kenne, mit ihr habe ich am Freitag doch schon gearbeitet. Es ist Enigma”, beantworte ich die Frage. Besagte Stute begann den Sand des Roundpens abzuschnüffeln und nach einer geeigneten Stelle zum Wälzen zu suchen.
      “Ahh, ich erinnere mich. Macht sie denn Fortschritte?”, erkundigte Juli sich nach dem Erfolg.
      “Ich sag nur, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, aber schließlich kann ja nicht jedes Pferd wie Ivy sein”, lächelte ich. Die braune hatte sich mittlerweile brummelnd fallen lassen und rolle genüsslich im Sand umher. Staub wirbelte auf und hüllte das Pferd in eine Wolke.
      “Wäre ja auch schlimm, wenn du mit jedem Pferd seelenverwandt wärst, du würdest die ja erst recht nie wieder hergeben. Bei dir habe ich ja jetzt schon das Gefühl, dass du die Hälfte der Pferde hier wieder behalten möchtest”, lachte meine Schwester.
      “Sogar ich würde irgendwann einsehen, dass eine gewisse Anzahl an Pferde reicht, ob du es glaubst oder nicht! Außerdem bin ich mir sicher, dass ich mir nicht mal eins von denen Leisten könnte” Meine Schwester übertrieb mal wieder maßlos. Sie hatte zwar recht, ich mochte die Pferde, mit denen ich hier arbeiten, aber es waren nun mal zum Großteil Traber. Die meisten Exemplare waren für meinen Geschmack zu viel Bein und zu wenig Pferd. Das Exemplar dieser Rasse im Round Pen rappelte sich gerade wieder auf und schüttelte sich den Sand aus dem Fell. Ich lief zum Tor, wo ich den Strick an das Tor gehängt hatte, um diesen zu holen. Ich sammelte die Stute ein und begleitet von meiner Schwester brachte ich sie zurück auf die Weide zu den anderen Stuten.
      “Lina, du hast Samu heute Morgen so von der Stute von deinem Freund geschwärmt, ich finde das könntest du jetzt mal zeigen. Am Freitag wart ihr zwei ja leider schon fertig, als ich kam”, schlug meine Schwester auf dem zurück zum Stall vor. Dieser Vorschlag kam mir ganz gelegen, da ich Smoothie ohnehin noch bewegen musste. Somit machten wir uns auf den Weg zu der Schimmelstute, die bereits sehnsüchtig am Zaun wartete. Die Stute wirkte bisweilen leider ein wenig unglücklich über ihren Umzug. Weniger über die Unterbringung an sich als viel mehr über die Tatsache, dass ihr geliebtes Herrchen nicht mehr jeden Tag auftauchte und auch mit der Stückweisen Kürzung ihres Trainingspensum war sie offenbar nicht so ganz einverstanden.
      “Na Süße, wartest du schon”, begrüßte ich die graue Stute. Freundlich senkte sie den Kopf und pustete mich an, bevor sie auch meine Schwester neugierig betrachtete.
      “Sie ist echt wunderschön und diese Augen … Himmlisch”, schwärmte meine Schwester und strich dem Pferd über den grauen Hals. Jedes Mal, wenn sie Smooth auf dem Hof sah, wiederholte sie ungefähr dasselbe. Auch wenn Smoothie natürlich wunderschön war, wunderte es mich nicht, dass meine Schwester so ein Fan von ihr war. Juliett hatte schon immer ein Faible für Pferde mit großen Kopfabzeichen.
      “Ja, da hast du recht, sie ist eine wahre Schönheit”, antworte ich meiner Schwester und zog dem Schimmel das Halfter über die großen Ohren.
      Im Stall begann ich damit das Fell der Stute zu putzen, sonderlich dreckig war sie allerdings nicht. Das Hufeauskratzen überließ ich meiner Schwester, während ich die Gamaschen und Glocken der Stute aus dem Putzkasten holte.
      Fertig gesattelt, schritt ich mit der langbeinigen Stute durch das Hallentor. Verlassen lag sie da und die Abendsonne malte geometrische Muster auf den hellen Sand. Während ich die Stute warm führte, zeigte ich Juliett den ein oder anderen kleinen Trick den Smoothie beherrschte und überließ auch ihr mal die Zügel.
      “So, sie sollte jetzt warm genug sein”, sagte ich meiner Schwester, nahm ihr die Zügel aus der Hand und legte sie der Stute über den Hals. Brav wartete Smoothie bis ich nach gegurtet hatte und aufgestiegen war. Etwas ungestüm, aber in hervorragender Selbsthaltung schritt die Standardbred Stute los. Bevor ich das Tempo erhöhte, ritt ich große gebogene Linien im Schritt. Smoothie war schon fast ein wenig übermotiviert dabei. Smoothie hatte heute einen außerordentlich guten Tag, denn sie lief nach dem Aufwärmen klar und flüssig in allen Gangarten und wurde im Galopp sogar äußeres flott. Hier und da waren auch die Lektionen nicht ganz sauber ausgeführt, weil es mir an Kraft fehlte, den Überschwung an Energie der Stute zu bändigen.
      “Schwebst du mit Divine eigentlich auch so durch die Gegend?”, rief Juliett von der Bande aus und riss mich aus meiner Konzentration. Smooth nutze diese Gelegenheit direkt aus und schoss in einem riesigen Satz nach vorn. Der plötzliche Geschwindigkeitswechsel traf mich so unvorbereitet, dass ich einen Steigbügel verlor. Impulsiv setzte ich mich tiefe in den Sattel und ließ die Stute laufen, nahm sie nur soweit zurück, dass sie durch die Ecken kam und wir nicht gleich zusammen in der Bande landeten. Nach einigen Runden wurde die Stute ruhiger und ließ sich, wenn auch nur ein wenig, wieder willig durch Parieren.
      “Nein, von diesem extraordinären Auftreten ist Ivy noch ziemlich weit entfernt, aber er ist ja jetzt auch gerade mal drei Monate unter dem Sattel. Smooth könnte allerdings gerne was von ihrer Energie an ihn abgeben, die Hälfte würde ihr locker reichen”, antworte ich meiner Schwester, immer noch auf das Pferd unter mir fokussiert. Smooth spontaner Sprint und ihr unruhiges Gemüt hatten dafür gesorgt, dass mir nun ziemlich warm war, sodass ich mein Sweater auszog und über dir Bande warf.
      “Ach was, du bist doch noch auf dem Pferd, wo ist dein Problem”, feixte meine Schwester.
      “Sag die, die seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen hat”, entgegnete ich und lenkte sie Schimmelstute auf die andere Hand.
      “Wenn dein Zauberpony schon alles könnte, wäre es langweilig. Bald seht ihr bestimmt genauso spitze zusammen aus und das mit dem Tempo kommt sicherlich auch noch”, lächelte Juliett wohlgemut.
      “Vermutlich. Aber bis dahin müssen sowohl Ivy als auch ich wohl noch eine ganze Menge dazu lernen”, erwiderte ich und trabte die Stute wieder an, ihr Energielevel war einfach unglaublich. Locker ritt ich noch ein paar einfache Bahnfiguren und Handwechsel, bevor ich sie den Zügel aus der Hand kauen ließ und in den Schritt wechselte. Angestrengt sagte ich zu der Stute: “Du machst mich fertig Smoothie.” Entspannt pendelte der Schweif der Stute hin und her, während sie weiterhin elegant dahinschritt. Endlich war sie zu mindesten ansatzweise in einem Zustand, den man ausgelastet nennen konnte. Erschöpft nahm ich die Füße aus den Steigbügeln, ließ sie ein wenig kreisen. Ich konnte den Muskelkater schon nahezu spüren, der morgen auftauchen würde. Smooth zu reiten war eine ganz andere Nummer, als die Pferde, die ich bisher geritten war. Sie hatte so viel Energie, man hätte glauben können, ich hätte eine dreijährige unter dem Sattel, kein Pferd, welches bereits 10 Jahre alt und in der Dressur erfolgreich war.
      Ermattet ließ ich mich aus dem Sattel gleiten. Gut, dass Smoothie das letzte Pferd für heute war, sie hatte mir meine gesamte restliche Energie geraubt. Im Gegensatz zu mir, wirkte der Schimmel, als könnte sie noch mindestens eine halbe Stunde so weitermachen. Mit nach vorn gestellten Ohren und wachem Blick stand sie neben mir, während ich die Steigbügel hochzog und den Gurt lockerte.
      “Na komm, ich helfe dir beim Absatteln”, bot meine Schwester an und nahm mir die Stute ab. Ich folgte den beiden zum Putzplatz, reichte meiner Schwester das Halfter. Noch bevor ich die Chance dazu hatte, hatte sie auch bereits den Sattel der Stute in der Hand.
      “Das hätte ich jetzt auch grade noch so selbst geschafft”, protestierte ich.
      “Mensch Lina, beschwert dich doch nicht, wenn man dir hilft, außerdem siehst du nicht so aus”, lachte meine Schwester und verschwand in der Sattelkammer. Somit blieb mir nicht übrig, als den verblieben Beinschutz der Stute zu entfernen. Anschließend stellte ich ihr, das Futter hin, welches die Stute zufrieden begann zu verspeisen.
      “Zieh dir was an, sonst wirst du noch krank”, belehrte mich meine Schwester. Eigentlich wollte ich nicht, denn mir war immer noch ziemlich warm vom Reiten, aber sie hatte recht. Auf der Stallgasse war es ein wenig zugig und mit der schwindenden Sonne wurde es auch zunehmend kälter.
      “Dann pass mal auf, dass das Pony da nicht wegläuft”, erwiderte ich und lief zurück in die Reithalle, um meine Sweater zu holen. Wenig später war ich wieder zurück bei Smooth und meiner Schwester. Die Stute hatte nahezu aufgefressen, sammelte nur noch die letzten Krümel vom Boden. Die Futterschüssel sammelte ich auf und brachte sie zurück.
      “Na komm Große, dein Bettchen wartet.” Sanft zupfte ich am Strick, damit das Pferd sich in Bewegung setzte.

      Hedda
      Vor mehr als einer Stunde hatte die Klingel das Ende des Unterrichts eingeleitet, doch ich saß noch mit meiner Truppe neben dem Sportplatz. Die Jungs spielten auf dem Platz, während wir neugierig sie in ihrem Element beobachteten. Obwohl die Schule schon vor mehr als einer Woche begonnen hatte, und ich eigentlich dann zu Hause schlafen sollte, verbrachte ich die meiste Zeit bei Hanna. Folke gab auf mit mir darüber zu diskutieren, aber verlangte, dass ich mich regelmäßig meldete. So auch jetzt. Ich schrieb ihm, dass wir noch am Feld saßen und ich wohl möglich morgen käme. Doch schon wenige Sekunden nach der Nachricht, vibrierte mein Handy.
      “Folke?”, flüsterte Hanna. Ich nickte und lief zur Seite, damit es nicht so laut im Hintergrund war.
      “Hedda, jag menade inget illa, men du kommer hem direkt (Hedda, ich meinte es nicht böse, aber du kommst sofort nach Hause)”, sprach er nachdenklich. Leider rechnete ich damit bereits, deswegen akzeptierte ich es stillschweigen.
      “Jag frågar Hannas mamma om hon vill köra mig, för annars kommer bilen inte att vara här förrän om trettio minuter (Ich frage Hannas Mama, ob sie mich fährt, ansonsten kommt der muss erst in dreißig Minuten)”, antwortete ich und legte auf. Zurück lief ich zu den anderen und mein kurzes Verschwinden, fiel sogar den Jungs auf.
      “Är allt bra? (Ist alles in Ordnung?)”, erkundigte sich meine beste Freundin.
      “Hanna, jag måste gå hem. Skulle din mamma köra mig? (Hanna, ich muss nach Hause. Würde deine Mutter mich fahren?)”, hoffte ich, nicht den blöden Bus nehmen zu müssen, in dem wirklich jeder saß. Sie schüttelte natürlich den Kopf aber tippte Yall am Arm.
      “Kan du inte köra din flickvän? (Kannst du nicht deine Freundin fahren?)”, grinste sie. Nein! Auf keinen Fall sollte jemand erfahren, dass wir zusammen waren! Hanna wusste es als einzige, aber konnte sich nicht zurückhalten, auch den Rest der Truppe darauf hinzuweisen. Jedoch konnten die nicht weiterdenken als sie sahen, konnten deswegen eins und eins nicht zusammenzählen.
      “Javisst, varför inte (Natürlich, warum nicht)”, kam mein Freund näher und legte seinen Arm auf meinen Schultern ab. Die Löckchen der braunen Haare kitzelten mich am Ohr, als er mich fest an sich drückte.
      “Tillräckligt (Das reicht)”, flüsterte ich liebevoll. Dann verabschiedete ich mich innig von allen und verabredete ich mich mit Anna vor der Schule um 7 Uhr. Vor dem Unterricht saßen wir oft noch da, redeten und sahen noch einmal den Kram durch, bevor es klingelte.
      Im Auto schwiegen wir die meiste Zeit, seine Hand lag auf meinem Oberschenkel und ich swippte gelangweilt durch die Timeline. Ich hatte keine Lust wieder nach Hause zu müssen, alles dort nervte mich nur noch. Ständig brauchte jemand, meinte Hilfe oder verlangte etwas. Dass ich nur meine Ruhe wollte, verstand niemand. Erst recht nicht mein Bruder, der mir zumindest in den Ferien endlich ein eigenes Zimmer eingerichtet hatte! Vor der Auffahrt hielten wir an. Aus dem Kofferraum nahm ich meinen Rucksack und wollte so schnell wie möglich weg, bevor uns jemand sah. Aber Yall hielt mich sanft am Arm fest. Bei ihm zu bleiben, hätte mir gefallen, doch meinen Bruder zu enttäuschen, wollte ich mir nicht leisten.
      „Vi ses i morgon! (Bis morgen!)“, sagte ich nur, drückte ihn und rannte zum Hof. Hinter mir hörte ich das Fahrzeug losfahren. Ich hätte ihn nicht so abblitzen sollen, aber es viel mir schwer den Moment mit ihm zu genießen, wenn die Bäume Ohren und Augen hatten.
      Mehr Autos als gewöhnlich standen auf dem Parkplatz und ein reges Treiben herrschte auf dem sonst so leeren Gestüt. So viel konnte sich doch gar nicht geändert haben? Ich war vier Tage nicht da. Freundlich grüßten die Einsteller und versuchten sich mit mir zu unterhalten, aber ich musste schnell weiter, um Folke zu finden. Er saß in der Einliegerwohnung und schaute Nachrichten. In der Innenstadt war einiges los. Offensichtlich nahm die Bandenkriminalität immer mehr zu, Geschäfte wurden in der Nacht ausgeraubt und Scheiben eingeschlagen, dabei gab es einige Verletzte. Traurig.
      “Det är trevligt att du är här igen (Schön, dass du auch mal wieder da bist)”, murmelte er verloren in den Bildern, ohne zu mir zu sehen. Erst als es umschaltete zum Wetter, drehte Folke sich um. Ich verkniff mir meine Worte und zog mich rasch um.

      Mit meinem Finger malte ich undefinierte Formen auf die Oberfläche des Tisches, während Tyrell einige Neuerungen ansagte, die vor allem Vriska und Lina betrafen. Für Folke ging es weiter wie immer, er hatte die Rennpferde in Betreuung und sollte diese weiterhin auf den Rennen vorstellen und trainieren. Immer dasselbe, jeden verdammten Tag. Wie hielt er das aus? Obwohl ich den Kram seit Jahren hautnah miterlebte, verstand ich nicht so genau, was ihn an den Rennen so sehr fesselte. Ständig flog Dreck ins Gesicht, die Pferde benötigten Ganzkörpereinsatz und dauerhaft musste man Angst haben, dass es das letzte Rennen war. Unglaublich, wer wollte sowas? Von der Tierquälerei mal ganz abgesehen.
      “Hedda! Hörst du zu?”, ermahnte mich Tyrell. Langsam hob ich meinen Kopf, sah ihn in die Augen und nickte. Als ob ich zuhörte? Warum auch. Mich ging das alles nichts an, ich wohnte hier nur und half im Sommer dabei, die ganzen Kinder von den Rennpferden fernzuhalten. Folke tippte mich an.
      “Jag vet att du inte bryr dig. Men du gillar åtminstone det här, okej? (Ich weiß, dass es dich nicht interessiert. Aber du wenigstens so, okay?)”, flüsterte er. Wieder nickte ich nur. Manchmal wünschte ich mir wirklich, dass meine Eltern noch da wären, dann würde mein großer Bruder nicht die Mutti vorspielen und mir meine Freiheiten geben. Ganz, ganz, ganz selten, wünschte ich mir auch, dass er mit im Auto gesessen hätte, dann würde ich jetzt in einer coolen Familie sein und nicht auf dem Pferdehof festhängen. Ich mag Pferde, klar. Aber, die meisten hier hatten eine Vollklatsche. Vriska als Beispiel heulte nur, mochte es am liebsten, wenn jeder um sie herum seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Dazu kam, dass sie selten irgendwelche Entscheidungen akzeptierte und wirklich andauernd im Selbstmitleid badete. Tyrell schrie nur, wenn er schlechte Laune. Wenn er jedoch was wollte, konnte er plötzlich nett sein, Heuchler. Mein Bruder machte immer auf Freundlich, sicher darüber was er tat, aber ich wusste, dass er jeden Abend stunden damit verbrachte zu lesen, wie er die Pferde überhaupt trainieren sollte. Als hätte er jemals im Leben etwas anderes getan. Seine Freundin? Auch nicht viel besser. Macht sich unglaublich wichtig, rennt ihm nur nach und tut so, als dürfe sie mich herumschubsen, man! Du wirst nie meine Mutter sein, akzeptiere es. Lina kannte ich noch nicht lange, aber sie war cool. Ich mag ihre Zeichnungen. Plötzlich wurde es still. Hatte ich etwas falsch gemacht?
      “Wo ist eigentlich Vriska?”, fragte ein anderer Typ auf einmal, der, der Stimme zufolge, schon einige Minuten im Raum stand.
      “Nicht da”, antwortete ich und ließ mich gegen die Lehne des Stuhls fallen mit verschränkten Armen. Wenn die nicht da war, warum musste ich hier sitzen?
      „Na dann los“, nickte Tyrell zur Tür. Immerhin musste ich mir das für kurze Zeit nicht weiter antun. Hastig sprang ich auf und lief durch den engen Flur hinaus. Dass wir normalerweise oben in den Raum saßen, fand ich zwar seltsam, aber der kleine reichte für die wenigen Menschen. Ich beeilte mich nicht, so konnte ich entspannt noch einige Kurzvideos schauen auf Instagram und sinnvolle Sachen konsumieren. Leider kam ich schneller an, als es mir lieb war. Unmotiviert klopfte ich an der Glastür der Terrasse. Sie saß jedoch nicht auf der Couch und war sonst auch nicht zu sehen. Also wartete ich, blickte weiter auf mein Handy, bis sie schließlich schlecht gelaunt mit einer Kapuze auf dem Kopf vor mir stand. Super, das konnte ich wirklich nicht gebrauchen.
      „Was ist?“, murmelte Vriska nasal und zog den schwarzen Pullover näher an sich heran.
      “Du sollst zur Besprechung kommen, ist wichtig”, antwortete ich trocken, ohne von dem Bildschirm wegzuschauen. Ihr hörtet ihre Schritte sich entfernen, die aber wenig später wieder kamen. Zusammen liefen wir zurück, still. Ich hatte ihr nichts zu sagen und sie schien auch nicht in der Stimmung zu sein, sich über irgendetwas zu beschweren.
      “So, da Vriska nun da ist, können wir endlich mit dem wichtigen Teil anfangen. Ich bin Bruce, für die, die mich eventuell noch nicht kennen”, lachte der schwarzhaarige Typ mit einem breiten Lächeln und sah zu Lina, die höflich nickte. Dann sprach er direkt weiter.
      “In ungefähr fünf Tagen werde ich mit meinen restlichen Pferden hierherkommen und die Reitschule erweitern. Dazu gehört auch, dass ich Hilfe benötige und eventuell noch ein, zwei weitere Reitlehrer angestellt werden müssen, also wenn ihr wen kennt, wäre super. Ich freue mich auf die kommende Zusammenarbeit”, erzählte er weiter. Dann setzte sich mit an den Tisch und Tyrell fing wieder mit Geschwafel über irgendwelche Umsatzsteigerungen, wie wir den Hof attraktiver machen und so was. Die Formen auf dem Tisch wirkten auf einmal so viel interessanter. Aber auch die anderen schienen nicht mehr so ganz bei der Sache. Vriska tippte auf ihrem Handy herum, beachtete niemand. Folke versuchte vermutlich überhaupt irgendetwas zu verstehen und Lina, ja sie freute sich einfach. Warum auch immer.

      Lina
      Zufrieden mit dem Verlauf des Tages verließ ich den kleinen Raum, in dem die Dienstbesprechung stattgefunden hatte und schlenderte gemütlich zu meiner Wohnung.
      “Luulin, ettet koskaan lopeta (Ich dachte, schon ihr werdet nie fertig)”, empfing mich meine Schwester, als ich eintrat.
      “Tehdäänkö tänään jotain vai miksi odotat minua? (Haben wir noch etwas vor heute vor oder warum erwartete du mich?)”, scherzte ich. Manchmal benahm meine Schwester sich außerordentlich seltsam, aber das zu verstehen hatte ich schon lange aufgegeben, Geschwister waren manchmal einfach schräg.
      “Joo suunnilleen (Ja, so ungefähr)”, antwortete sie, erhob sich vom Sofa und wuselte zielstrebig in das Schlafzimmer. Dort begann sie geschäftig in meinem Schrank zu wühlen.
      “Voitko kertoa minulle, mitä muuta me teemme? (Verrätst du mir auch, was wir noch vorhaben?)”, fragte ich und beobachte sie kritisch bei dem, was sie tat. Statt mir zu antworten, wühlte sie weiter in meinen Klamotten, das hieß wohl nein. Ich fragte mich wirklich was Juli um die Uhrzeit noch vorhatte.
      “Tässä pukeudu (Hier, anziehen)”, befahl Juli und drückte mir eine T-shirtbluse und eine Jeans in die Hand. Erst jetzt fiel mir auf das sei selbst nicht wie für die Uhrzeit üblich in Jogginghose herumlief. Was auch immer sie also geplant hatte, würde schon mal kein gemütlicher Abend vor dem Fernseher sein. Bevor meine Schwester ungeduldig wurde, tauschte ich also meine Reitsachen gegen das, was sie mir gereicht hatte. Währenddessen öffnete sie meine Zöpfe und zupfe an meinen Haaren herum, sodass sie mir nun in leichten Wellen über die Schultern fielen. Zufrieden betrachte sie ihr Werk: ”Hienoa ja tule nyt kanssani. (Hervorragen und jetzt mitkommen.)” Etwas überrumpelt folgte ich. Als wir vor das Haus traten, durchschnitt das Licht von Autoscheinwerfern die Dunkelheit. Ein keiner silberner VW vor. Wer würden sich denn so spät noch hier her verirren? So fröhlich grinsend wie Juli neben mir stand, konnte nur sie etwas damit zu tun haben: “Heinäkuu, onko sillä mitään tekemistä sen kanssa, mitä me teemme? (Juli, hat es mit dem zu tun, was wir noch vorhaben?)”
      “Odota ja katso, sisko (Warte es nur ab, Schwesterchen)”, war ihre einzige Antwort. Ich verstand sofort, was sie meinte, als ich sah, wer aus dem Auto stieg. Euphorie durchfuhr mich und im selben Augenblick stürmte ich auch schon los. Ich konnte nicht anders, als Samu geradewegs in die Arme zu springen. Nach gerade einmal drei Wochen freute ich mich so sehr über seine Ankunft, als hätte ich ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen.
      “Kaipasin sinua (Ich habe dich vermisst)”, murmelte ich in die Umarmung.
      “Aina hidas, nuori nainen (Immer langsam, junge Dame)”, lachte der Finne und stellte mich wieder auf meine Füße.
      “Mistä olet nyt? Ja mikä tärkeintä, kun olet täällä, kuka huolehtii ponistani? (Wo kommst du denn jetzt her? Und vor allem, wenn du hier bist, wer kümmert sich dann um mein Pony?)”, frage ich überwältigt von diesem Überraschungsbesuch.
      “Älä huoli, luovutin Ivyn Quinnille luottavaisin mielin, hän on kunnossa. Ja ensimmäiseen kysymykseenne: toin jonkun mukanani (Keine Sorge, Ivy habe ich vertrauensvoll in Quinns Hände übergeben, dem geht es gut. Und zu deiner ersten Frage: Ich habe da jemanden mitgebracht.)”, beantwortete Samu meine Fragen und blickte mit einem liebevollen Lächeln hinter mich. Erst jetzt bemerkte ich die zweite Person, die inzwischen neben meiner Schwester stand. Wow, ich hatte sicher einen guten ersten Eindruck bei ihr hinterlassen, benahm mich hier wie ein Teenager. Ein wenig peinlich berührt ging ich mit Samu zu den beiden herüber. Juliett freute sich offenkundig darüber, dass ihr diese Überraschung so gut gelungen war. Enya lächelte mir herzlich entgegen, in echt war sie noch viel hübscher als auf den Bildern. Sie hatte verdammt schöne große Augen, die sie auch noch mit einem zarten Lidstrich hervorhob und ihr blonden Haare fielen ihr locker über die Schulten.
      “Dann will ich euch mal bekannt machen. Das hier ist Enya, meine bessere Hälfte”, ergriff Samu das Wort. Freundlich nickte Juli ihr zu und ich tat es ihr gleich.
      “Und das ist Lina, meine beste Freundin und ihre Schwester Juliett”, setzte Samu fort. Während eine kurze Unterhaltung entstand, sah Samu sich neugierig in der Umgebung um, viel sah man zwar im Dunkeln nicht, aber es reichte offenbar aus, um meinen besten Freund ziemlich zu beeindrucken.
      “Hier arbeitest du also? Ziemlich schick hier. Willst du mir nicht mal diese coole Reithalle zeigen, von dem Video?”, fragte Samu nun neugierig. Ich hatte bereits erwartet, dass er irgendwann danach fragte, aber nicht ausgerechnet innerhalb der ersten 10 Minuten.
      “Wenn du das schon schick findest, warte mal bis du den Hof bei Tageslicht siehst”, schmunzelte ich und schlug den Weg zu Reithalle ein. Mit einem Druck auf den Lichtschalter wurde es schlagartig hell in dem Gebäude, ein wenig zu hell wie ich fand. Fasziniert wuselte Samu durch die Stallgasse und sah sich alles ganz genau an, selten hatte ich jemanden mit so viel Interessen für einen Pferdestall erlebt und auch die Sattelkammer wurde mit denselben Hingaben inspiziert.
      “Oha, das könnte glatt von Jace sein”, war Samus Kommentar zu den Gamaschenkisten, in denen wie immer ein heilloses Durcheinander herrschte. Es störte mein Bild von Ordnung in der Kammer schon ziemlich, aber Vriska hatte mir von dem Versuch die Kisten aufräumen abgeraten, da sie unmittelbar danach eh wieder im Chaos versinken würden.
      “Hier gibt es auch einen Freiberger?” Samus fragen ließ mich aufhorchen. Ein Freiberger hier? Davon wusste ich bisher nichts. Verwundert lief ich zu dem blonden Mann, der am Schwarzen Brett stand und sich einen Zettel durchlas.
      “Da schau”, sagte er und deutete auf den Zettel. Darauf war ein von einem recht kräftigen, dunkelbraunen Pferd zu sehen, welches elegant über den Reitplatz schwebte, in Mähne und Schweif jeweils ein kleines Zöpfchen, welches mit einem lila Band verflochten war. Ich versuchte zu entziffern, was auf dem Zettel stand, doch es fiel mir echt schwer, zu lang war es her, dass ich diese Sprache in der Schule hatte, daran sollte ich dringend arbeiten.
      “Lina da wird, jemand gesucht der den Hengst, hier bewegt. Freiberger, 14 Jahre alt und sogar mit Kaufoption ab Ende des Jahres, weil seine Besitzerin nächstes Jahr nach Amerika geht. Das wäre doch was für dich”, fasste Samu den Inhalt des Zettels für mich zusammen Das klang tatsächlich nach etwas, was mich interessierte. Die Freibergerstute auf dem WHC hatte ich schon immer toll gefunden und auch Fanya, das Pferd aus dem ersten HMJ, war mittlerweile ein wahrer Traum von Pferd. Spätestens seitdem ich Ivy kennenlernte, war ich diesen Pferden aus der Schweiz einfach verfallen. Ich sollte mir diesen Zettel morgen definitiv noch einmal genauer ansehen, die Chance ein weiteres Pferd dieser Rasse kennenzulernen, sollte ich mir nicht entgehen lassen.
      “Was genau bewegt dich eigentlich dazu, dass du jetzt doch hier bist? Ich dachte, einen Umzug geht nicht so spontan?”, frage ich neugierig, währen Samu vollkommen begeistert die Klappe in der Bande öffnete, hinter der die Stangen gelagert wurden, zugegeben eine überaus elegante Lösung. Auf dem WHC hatten in der kleinen Halle immer einige Stangen auf der Bande gelegen, um sie griffbereit zu haben.
      “Ich bin auch erst mal nur für zwei Wochen da um mich zum Beispiel schon einmal nach einem Job umzusehen und all sowas”, antworte er und setzte seine Erkundung auf der Tribüne fort, auf der es sich Enya und Juli gemütlich gemacht hatten. Das ergab tatsächlich Sinn, ein Job war immer eine gute Voraussetzung, wenn man in ein neues Land zog.
      “So genug jetzt, den Rest darfst du gerne bei einem weiteren Besuch ansehen. Ich habe da nämlich noch etwas vorbereitet”, beendete meine Schwester die Inspizierung des Snackautomaten. Noch etwas vorbereitet? Als ob eine Überraschung nicht schon genug sei.
      “Na kommt schon”, lachte Juli und zog sich hinter mir her. Samu und seine Freundin folgten uns, die Hände ineinander verschränkt. Samu wirkte so unbeschwert, so viel entspannter als in Kanada. Es musste ihn echt belastet haben, nicht von Enya erzählt zu haben und dann hatte ich auch noch ständig versucht diesen Zustand seiner vermeintlichen Partnerlosigkeit zu ändern. Aber er war selbst schuld, wenn er mich nicht aufklärte.
      “Was wollen wir hier?”, frage ich ein wenig verwirrt, als Juli vor der Tür des großen Konferenzraumes stehen blieb.
      “Na ganz einfach, einer von uns hier hat in knapp 2 ½ Stunden Geburtstag und Geburtstage müssen gefeiert werden”, erklärte Juli und hielt uns allen die Tür auf. Neugierig betrat ich hinter Enya und Samu den Raum.
      “Ist das also deine Definition von einem einfachen Abendessen, Juliett?”, lachte Samu, offenbar hatte er auch nichts davon gewusst. Juli hatte sich alle Mühe gegeben den schlichten Raum ein wenig aufzuhübschen. Irgendwo hatte sie ein paar Lichterketten und Luftballons aufgetrieben, die dem sonst recht schlichten Raum ein wenig feierlich wirken ließen. In einer Ecke stand ein kleines Buffet mit einer Auswahl an Snacks und Getränken und sogar einen Kuchen hatte meine Schwester gebacken.
      “Es ist abends wir haben essen, ist das denn kein Abendessen?”, scherzte Juliett munter.
      “Jetzt muss du mir aber mal verraten wie du das alles hier vorbereiten konntest, ohne dass ich etwas mitbekam? Und woher weißt du auch noch, dass Samu morgen Geburtstag hat?”, fragte ich meine Schwester beeindruckt, während Samu dafür sorgte, dass jeder ein Getränk in der Hand hielt. Wie immer ganz der Gentlemen dabei sollte vielmehr er heute bedient werden, war er doch das Geburtstagskind.
      “Also letzteres, Lina, steht in deinem Kalender und dein Handy gibt seit einer Woche ständig Erinnerungen von sich. Es ist beinahe unmöglich das nicht zu wissen. Und was das andere angeht, das war nicht so schwer, du warst ja den ganzen Tag mit den Pferden beschäftigt. Außerdem habe ich das hier nicht ganz alleine gemacht, Vriska hat mir geholfen”, erklärte sie fröhlich. Wow, wieder einmal hatte Juliett ihr Organisationstalent bewiesen.
      “Wer ist denn Vriska?”, frage die hübsche Blondine lächelnd.
      “Ich arbeite hier zusammen mit Vriska”, wich dem aus, die Beziehung näher zu definieren. Keine Ahnung was Vriska und ich waren. Einfache Arbeitskollegen oder doch... Freunde?
      “Und hab ihr sie nicht eingeladen, wenn sie schon beim Dekorieren geholfen hat?”, wollte Samus Freundin nun wissen.
      “Doch, sie ist eingeladen, aber sie ist ein wenig angeschlagen von dem Turnier am Wochenende, vermutlich nutzt sie den Abend lieber, um sich auszuruhen”, antwortete Juliett. Also setzten nur wir vier und in einen kleinen gemütlichen Kreis beisammen. Ich war außerordentlich erfreut darüber, dass Samu hier war und freute mich auch seine Freundin kennenzulernen, denn zugegebenermaßen war ich verdammt neugierig, wie sie so drauf war. Bisher machte sie einen ziemlich sympathischen Eindruck auf mich. Während meine Schwester der führende Part in der Unterhaltung war, folgte ich den Gesprächen eher passiv, genoss einfach die Gegenwart von zwei der wenigen Menschen, die mir wirklich am Herzen lagen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die gläserne Tür des Versammlungsraumes sich öffnete. Anders als erwartet, betrat nicht doch noch Vriska den Raum, sondern Niklas. Mit ihm rechnete ich gar nicht an einem Tag wie heute. Er trug ein weißes, weites Shirt, darüber eine Jeansjacke und passende Hose. Sonderlich erschien, dass seine Haare nicht nach oben gegelt waren, sondern locker zur Seite fielen, was ihm aber auch unheimlich gutstand. Unwillkürlich durchströmte mich eine wohlige Wärme und freudig überrascht, entfernte ich mich aus der kleinen Runde, um ihn zu begrüßen.
      “Hey Niki, wo kommst du denn her? Aber schön, dass du da bist”, fragte ich freudestrahlend auf ihn zulaufend. So viele Überraschungen heute, fast wie an Ostern.
      “Jetzt fängst du auch damit an”, lachte er und drückte mir einen kräftigen Kuss auf die Stirn. Ich hatte das von seiner Mutter aufgeschnappt, empfand als sehr passend. Auch Chris sagte es zunehmend öfter, wenn er nicht gerade das Prinzesschen war. Welche Geschichte es dazu gab, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, konnte mir aber vorstellen, woher es rührte. Niklas konnte sehr eigen sein, sich wichtig nehmen und wollte bewundert werden.
      „Ich komme vom Auto, aber mir wurde gesagt, dass es etwas zu feiern gibt. Dazu kann ich nicht absagen. Aber tut mir leid, dass ich zu spät komme, der Einsatz dauerte länger als erwarte“, fügte er noch glücklich hinzu und nahm dankend das Getränk entgegen, dass Samu ihm reichte, alkoholfrei versteht sich.
      "Wir hatten eine Startzeit? Interessant! Aber egal, du bist ja jetzt da, unversehrt, das ist das wichtigste." Ich hatte heute zwar nur einen kurzen Blick in die News App werfen können, aber die Schlagzeilen sprachen für sich. Niklas' Einheit hatte zwar wenig mit der klassischen Polizeiarbeit zu tun, dennoch wollte ich lieber nicht näher darüber nachdenken, was bei einem Einsatz alles passieren konnte.
      „Zumindest hatte das unser Vampir geschrieben. Scheint aber auch wieder typisch, dass sie nicht gekommen ist oder immer noch schwierig mit euch?“, kam er unwillkürlich auf das Thema zurück, dass vor seiner Ankunft durch den Raum schwebte. Seltsam, wie interessiert alle an ihr waren.
      “Ich glaube, es wird besser, aber ihr nicht erscheinen hat damit wohl nicht zu tun. Juliett meinte sie sei wohl krank, der Ritt im Regen gestern war wohl nicht das klügste und dann hat sie ja morgen auch noch ihre Prüfung, da möchte sie vermutlich lieber ausgeschlafen sein”, beantworte ich die Frage. Vriskas Verhalten würde ich wohl nie vollständig verstehen, war aber gewillt mich um ein friedliches Miteinander zu bemühen, denn eigentlich war sie mir von Beginn an ziemlich sympathisch gewesen.
      “Wundert mich, denn heute Vormittag konnte sie noch Ewigkeiten mit Glymur ausreiten. Wie kommst du mit Smooth klar? Alles gut?”, fragte er.
      “Ja, ist ganz okay. Dieses Pferd hat einfach viel zu viel Energie, wo nimmt sie die nur her? Ich kann sagen, ihre Medikamente funktionieren definitiv, sie hatte heute ein beträchtliches Tempo darauf”, beklagte ich mich ein wenig, denn ich sah es kommen, dass das die Stute in den nächsten Wochen eher noch energetischer wurde.
      “Wenn du nicht klarkommst, ist das in Ordnung. Tyrell oder Vriska würden es sicher auch übernehmen. Ansonsten musst du sie vorher 40 Minuten in die Führanlage stellen, dann sollte es für ein Fliegengewicht, wie du es bist, einfacher sein”, lachte Niklas.
      “So schnell werde ich noch nicht aufgeben! Irgendwie komme ich schon klar”, sagte ich überzeugt. Nach einer Woche bereits das Handtuch zu schmeißen wäre sogar für mich eine schwache Leistung gewesen.
      Freundlich stelle sich mein Freund Enya gegenüber vor, als wir zurück in die kleine Runde traten, bevor das Gespräch wieder aufgenommen wurde. Juli hatte offenbar gefragt, wie Samu denn zum Reiten und zu den Pferden gekommen sei, denn er erzählte wieder einmal eine Anekdote aus seiner Kindheit. Eevi, seine Schwester, hatte damals ein Pferd, einen hübschen Apfelschimmel. Seine beiden älteren Brüder hatten sie früher damit aufgezogen, dass er viel häufiger mit seiner Schwester zu ihrem Pferd fuhr, anstatt mit ihnen “Jungskram” zu machen. Allerdings konnte ich bestätigen, dass die meisten von Samus Interessen doch eher typisch männlich waren. Wie fast jeder männliche Bewohner Finnlands brachte auch mein bester Freund eine gewisse Begeisterung für den Motorsport mit sich und nicht zu vergessen seine Passion, das Eishockey. Für meinen Geschmack war diese Sportart viel zu brutal. Platzwunden und blaue Flecken sind so gut wie bei jedem Spiel vorprogrammiert, ganz zu schweigen von schlimmeren Verletzungen. In der Schulzeit hatte Samu selbst noch aktiv im Verein gespielt, auch gar nicht schlecht. Er hätte das Potenzial für die Profiliga gehabt, aber nach eine ziemlichen heftigen Knieverletzung, setzten seine Eltern alles daran, dass ihr Sohn sich einen wenig gefährlichen Beruf suchte.
      Das schummrige Licht der Kerzen und Lichterketten erzeugte eine behagliche Atmosphäre. Liebevoll hatte Samu seinen Arm um seine Freundin gelegt, während sie sich weiterhin angeregt unterhielten. Ich für meinen Teil hatte es mir auf dem Schoß meines Freundes bequem gemacht. Meine Schwester schien es reichlich wenig zu stören, dass sie nur noch von Pärchen umgeben war, ich an ihrer Stelle hätte mich ziemlich überflüssig gefühlt.
      Die Gesprächsthemen wurden immer tiefgründiger, wo bei auch die ein oder andere seltsame Geschichte aus vergangenen Tagen ausgepackt wurde. Ganz besonders Juliett unterhielt alle mit Geschichten aus unserer Kindheit. Zu meinem Glück waren die meisten davon irgendwo niedlich und mit kindlicher Naivität zu erklären, aber als sie anfing aus den Liebesbriefen zu rezitieren, die ich in der 5 Klasse geschrieben hatte, hätte ich mich am liebsten in Luft aufgelöst. In so einem Detailreichtum wusste bisher nicht einmal Samu von diesen Briefen. Dank Juli wusste jetzt aber nicht nur mein bester Freund davon, sondern ebenso seine Freundin, der ich heute zum ersten Mal begegnete und viel schlimmer noch, auch Niklas. Größtenteils hielt er sich mit seinen sonst so überheblichen Kommentaren zurück, lachte einige Male, aber schwieg sonst. Zwischendurch folgten Anekdoten aus seinem eigenen Leben, die vermutlich jeder hätte erzählen können. Ich spürte, dass er angespannt war, was ich nicht nur durch seine ballende Faust realisierte. Seine Zähne knirschten immer wieder und an dem markanten Kinn kam Muskulatur nach oben. Etwas an den Geschichten aus der Kindheit belastete ihn extrem. Andeutungen machte er bereits in Kanada, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, was seinen Blutdruck so hochschnellen ließ wie dieses Thema.
      Mit fortschreitender Stunde überkam mich allmählich die Müdigkeit. Schläfrig ließ ich meinen Kopf gegen Niklas Schulter sinken. Die Gespräche nahm ich nur noch am Rande wahr, viel mehr musste ich mir Mühe geben, dass mir nicht gleich die Augen zuklappten. 11:45 Uhr zeigte die Uhr, sonderlich lange würde es demnach nicht mehr dauern bis für Samu ein neues Lebensjahr anbrach, aber bis dahin musste ich noch irgendwie wach blieben.
      Schmunzelnd stupste Niklas mich an, als mir erneut die Augen zuklappten: “Nicht einschlafen, Engelchen.”
      “Ich bemühe mich nach Kräften”, murmelte ich und blinzelte angestrengt. Im Gegensatz zu mir, schienen die anderen noch putzmunter zu sein. Bei Juli und Samu wunderte mich das wenig, immerhin hatten die beiden Urlaube und vermutlich auch deutlich mehr Schlaf als alle anderen in diesem Raum. Die nächsten Minuten schienen nur so da hinzuschleichen, bis um kurz vor Mitternacht Juliett aktiv wurde und begann durch den Raum zu wuseln. Irgendwoher holte sie auf einmal eine Flasche Sekt, welche sie auf Gläser verteilte und jedem eins in die Hand drückte, die Gegenwehr derer, die noch fahren mussten, war ihr dabei ziemlich egal. Pünktlich um Mitternacht stimmte sie Happy Birthday an, sogar auf Schwedisch. Soweit hätte ich nicht mitgedacht. Nach Ende des Liedes stießen wir gemeinsam auf Samu an. Auf einmal fühlte ich mich wieder wach, freute mich für Samu das er Geburtstag hatte, freute mich für ihn und Enya, erfreute mich einfach an dem Moment. Am liebsten hätte ich ihn sofort geknuddelt, aber ich ließ natürlich seiner Freundin den Vortritt.
      “Kiitos, että sait olla ystäväsi 9 vuoden ajan ja toivon, että siitä tulee vielä vähintään 9 vuotta. Toivotan sinulle kaikkea hyvää uudelle vuodelle, toivon, että löydät onnen yhdessä Enyan kanssa. Hyvää syntymäpäivää, Samu. (Danke, dass ich dich seit 9 Jahren als Freund haben darf und ich hoffe, es werden noch mindestens 9 weitere Jahre werden. Ich wünsche dir alles Beste für dein neues Lebensjahr, wünsche mir, dass du zusammen mit Enya dein Glück findest. Alles Gute zum Geburtstag, Samu)”, gratulierte ich Samu euphorisch und umarmte ihn fest. Ich hätte noch ungefähr eine Milliarde Dinge mehr sagen können, beschränkte mich aber auf das wichtigste. Einiges von dem, was ich hätte sagen wollen, war Inhalt seines Geschenkes und das wollte ich nicht vorwegnehmen. Da ich allerdings nicht damit gerechnet hatte, dass er zu seinem Geburtstag hier sei, würde ich auf die Reaktion wohl leider noch ein wenig warten müssen.
      Selbstverständlich gratulierten auch Niklas und Juliett, logischerweise zurückhaltender als ich es tat, bevor der Kuchen angeschnitten wurde. Juli hatte sich mit dem Kuchen alle Mühe gegeben und bei seinem Anblick wurde mir auch klar, wofür das ganze Zeug im Kühlschrank war. Augenscheinlich backte Juli einen simplen aber wunderschönen Drip Cake. Obenauf waren in Schokolade getauchte Erdbeeren, Kerzen waren aufgrund des Platzmangels allerdings nicht darauf. Die fehlenden Kerzen würden Samu nicht stören, mit Geburtstagstraditionen nahm er nicht ganz so genau. Der Kuchen schmeckte genauso vorzüglich wie er aussah.
      Schon bald nach dem Kuchen brachen Enya und Samu auf. Die beiden hatten wohl nicht den aller kürzesten Heimweg, außerdem hatte für Enya wohl letzte Woche die Uni wieder angefangen und pflichtbewusst wollte sie ihre Vorlesung nicht verpassen, zumindest war das der Grund, den sie vorschoben. So wie die beiden sich ansahen, war mir sicher, es gab auch noch einen anderen Grund.
      Wehmütig musste ich leider auch Niklas nach Hause gehen lassen, ich hätte ihn gerne mehr als ein paar flüchtige Stunden bei mir gehabt. Ich liebte das Gefühl, was er in mir auslöste, bekam immer noch Herzklopfen, wenn er den Raum betrat. Bei ihm fühlte ich mich so unendlich wohl, das ist einfach unbeschreiblich…
      “Hallo, Erde an Lina”, holte mich meine Schwester aus meinen Gedanken. “Mach dich mal nützlich, du kannst auch gleich im Bett noch weiterträumen”, lachte sie. Juli hielt es für nötig jetzt noch aufzuräumen. Ich für meinen Teil hielt das für relativ unnötig, schließlich würde man nach einer Runde schlaf auch noch aufräumen können. Statt unnötige Diskussionen mit meiner Schwester anzufangen, gab ich also nach. Je schneller hier aufgeräumt war, umso eher konnte ich in mein Bett.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 76.956 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel sju | 2. Dezember 2021

      Einheitssprache // Sign of the Zodiac LDS // Avenue Shopper LDS // Northumbria // Lubumbashi // Form Follows Function LDS

      Lina
      Entspannt stand ich neben der jungen Stute und beobachtete wie sie das Gras ausrupfte. Zoi hatte heute hervorragend mitgearbeitet. Somit beendete ich das Training schneller als ich erwartet hatte und sie durfte noch ein wenig auf dem Grasstreifen neben Round Pen grasen. Heute war eigentlich ein ziemlich ruhiger Tag auf dem Hof. Erik und sein Mini-Me waren irgendwo in der Stadt unterwegs und Vriska lag seit gestern mit einer fetten Erkältung im Bett. Demnach, was ich Niklas Nachrichten hatte entnehmen können, war ihr Abend am Dienstag wohl noch ziemlich lang gewesen. Und zum Leidwesen meines Freundes, war das was Erik, Vriska und sein Vater veranstalten auch nicht gerade leise gewesen.
      “Oh Mist”, fluchte ich, als ich auf die Uhr blickte, “Zoi, wir müssen los!” Eigentlich sollte ich in zwei Minuten vor der Reithalle sein, um mich mit der Besitzerin, des Freibergerhengstes zu treffen. Schnellen Schrittes machte ich mit Zoi im Schlepptau auf den Weg zu ihrer Koppel und wollte sie zügig wegstellen, doch wie das so war, wenn man eilig hatte stellte sich etwas in den Weg. In diesem Fall war es ein Pferd. Avenue hatte sich genauso hinter dem Tor platziert, dass ich es zwar aufbekam, aber kein Pferd an ihr vorbeipasste.
      “Komm schon, Ave, jetzt bewegt dich.” Zentimeterweise ließ sich die Scheckstute tatsächlich wegschieben, sodass ich Zoi auf die Koppel stellen konnte.
      In Eile kam ich schließlich 5 Minuten zu später vor der Reithalle an, vor der bereits eine blonde Frau wartete. Sie sah ziemlich freundlich aus und schätzte sie ungefähr auf Ende dreißig, vielleicht auch ein wenig älter.
      > Du är säker fru Sjögren, ursäkta mitt dröjsmål.
      “Sie sind sicher Frau Sjögren, entschuldigen Sie bitte meine Verspätung”, begrüßte ich die Dame und schüttelte ihr höflich die Hand.
      > Det behöver du inte ursäkta, det är bara några minuter.
      “Sie brauchen sich nicht entschuldigen, es sind ja nur ein paar Minuten”, lächelte sie freundlich und bot mir sogleich das du an. Nach ein wenig Small Talk fragte sie auf einmal:
      > Du är faktiskt inte härifrån, eller hur? Jag har aldrig hört din accent här.
      “Du bist nicht von hier, oder? Ich habe deinen Akzent hier noch nie gehört.” Diese Frage irritierte mich ein klein wenig, war mir bisher nicht bewusst gewesen, dass sich mein Schwedisch so sehr abhob. Freundlich antwortete ich:
      > Nej, jag är ursprungligen från Finland.
      “Nein, ich komme ursprünglich aus Finnland.” Freundlich nahm Ilse dies zur Kenntnis und unterhielt sich ein wenig über meine Heimat. Auf dem Weg zu dem Paddock, wo der Hengst wohnte, erzählte sie bereits ein paar Dinge zu Einheitssprache und seinem Charakter. Dass der Hengst Bodenarbeit sehr zugetan sein sollte, gefiel mir dabei schon ziemlich gut. Die Konversation fiel mir nicht ganz leicht, noch immer war ich nicht ganz fit in der Landessprache. Je mehr schwedisch ich sprach umso häufige fiel mir auf, dass es Wörter zu geben schien, die sich stark von denen die ich in meiner Heimat gelernt hatte unterscheiden.
      > Hur kommer de till en Freiberger? Detta är inte exakt en ras som förekommer här ofta.
      “Wie kommen sie zu einem Freiberger? Dies ist nicht gerade eine Rasse, die hier oft vorkommt”, fragte ich freundlich nach. Diese Rasse war im Allgemeinen nicht sonderlich bekannt und ihr Herkunftsland lag jetzt auch nicht gerade um die Ecke.
      > Det här är en tillfällighet. På den tiden letade jag helt enkelt efter en bra vagnshäst och blev medveten om honom genom ett Online-erbjudande.
      “Das ist Zufall. Damals war ich einfach auf der Suche nach einem guten Fahrpferd und wurde durch ein Onlineangebot auf ihn aufmerksam”, erzählte die Frau, bevor sie eine Frage an mich stellte:
      > Har du erfarenhet av att köra vagn?
      “Hast du Erfahrung mit dem fahren?”
      > Lite.
      “Ein wenig”, lächelte ich aufgesetzt,
      > men det var länge sen.
      ”Aber es ist schon lange her.” Schon allein der Gedanken mich eine Kutsche zu näher jagte mir Schauer über den Rücken, seit dem Tag vor 10 Jahren hatte ich dies nicht mehr getan. Ich konnte nur inständig hoffen, dass nicht erwartet wurde, dass ich den Hengst tatsächlich vor eine Kutsche spannte.
      Mittlerweile waren wir an dem Paddock angekommen. Etwa in der Mitte des Auslaufes, stand der kräftige Freiberger. Außer einer hübschen, großen Blesse und weißen Hinterfüßen war er komplett schwarz, nur an Bauch, Maul und an den Hinterbeinen war es ein wenig heller und ließ erkennen, dass er eigentlich ein Brauner war. Sein langes dickes Langhaar war Rabenschwarz mit einem hübschen Verlauf ins Schokoladenbraune, darin niedliche kleine Zöpfchen. Ich war schier überwältigt. In echt sah der Hengst noch so viel beeindruckender aus, als auf den kleinen Bildchen die auf dem Zettel aufgedruckt waren. Ein Wunder, dass mir der Hengst bisher nicht aufgefallen war, wo er doch quasi vor meiner Nase stand.
      > Wow, verkligen en underbar kille. Han är en Urfreiberger, eller hur?
      “Wow, wirklich ein wunderbarer Kerl. Er ist ein Urfreiberger, nicht wahr?”, staunte ich noch immer. Ilse nickte anerkennend und fragte sogleich, woran ich das erkannt hatte. Freudig erklärte ich ihr die typischen Merkmale im Körperbau eines Urfreibergers, die bei ihrem Hengst sogar besonders deutlich ausgeprägt waren. Aus meiner Sicht war dies ein Pferd mit hervorragender Qualität, worauf sicher jeder Züchter stolz sein würde.
      Interessiert kam das Pferd an getrottet und streckte mir seine Nase entgegen. Erst jetzt fielen mir seine Augen auf, die hell aus dem dunklen Fell hervorstachen.
      > Hur vet du så mycket om Freiberger?
      “Woher wissen Sie so viel über Freiberger?”, fragte sie Besitzerin des Hengstes interessiert und reichte mir ein einfaches schwarzes Halfter, mit ein wenig Plüsch an Genick- und Nasenriemen.
      > Jag har själv en Freiberger, så jag är väldigt intresserad av denna ras.
      “Ich selbst habe einen Freiberger, daher interessiere ich mich sehr für diese Rasse”, erklärte ich. Ungeduldig schlug Einheitssprache mit dem Kopf. Unbeeindruckt von seinem Rumgehampel legte ich ihm das Halfter an und folgte Ilse zum Putzplatz. Während ich den Hengst putze, beobachte die Frau mich genau, wie ich mit der ungestümen Art zurechtkam. Im Anschluss schlug Ilse vor noch eine kleine Runde spazieren zu gehen, um sich noch einen besseren Eindruck machen zu können. Einheitssprache zeigte sich dabei nicht gerade als das wohlerzogenste Pferd. Er schubste mich frech an, versuchte mir den Strick aus der Hand zu klauen und begann zu drängeln, wenn es ihm zu langsam ging. Aber ganz so doof stellte ich mich offenbar nicht an, denn als wir dem Freiberger wieder wegbrachten, hatte ich den Job. Ich freute mich ein so wunderschönes Tier zu meinen Schützlingen zählen zu dürfen, auch wenn es mich davor graute, dass der Hengst bis Klasse S gefahren war. Wie für Freiberger üblich war er 3-Jährig zwar angeritten worden, hatte aber danach wohl nie wieder einen Sattel aus der Nähe gesehen, weshalb reiten wohl keine Option sein würde. Zum Glück besaß ich die Freiheit, den Hengst so zu unterhalten wie ich es für richtig hielt, denn Ilse ging es nur darum, dass er nicht den ganzen Tag nur auf dem Paddock rumstand. Irgendetwas würde mir sicher einfallen wie ich Einheitssprache beschäftigen konnte ohne in näheren Kontakt mit dem Fahrsport treten zu müssen.

      Vriska
      Nie wieder! Ich hatte mir geschworen nie wieder einen derartigen Absturz zu erleiden, aber aus unerfindlichen Gründen passierte es doch und es hatte einiges mit meinem körperlichen Zustand gemacht. Langsam bekam der Kaffee seine Wirkung und ich schaffte es einen klaren Gedanken zu fassen, zumindest so klar, dass realisierte, dass Trymr neben mir am Tisch saß und mit seinem Schwanz den Boden wischte. Mit weit geöffneten Augen sah er an mir hoch und brummte wehleidig.
      „Willst du raus?“, fragte ich vorsichtig. Verwundert drehte er schräg den Kopf von links nach rechts. Ach ja, der Hund versteht kein Deutsch, also versuchte ich es noch einmal auf Schwedisch. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang er auf und rannte zur Tür. In tiefsten Tönen jaulte Trymr und brummte noch einige Male. Ich sah mich gezwungen zumindest die Schlafsachen gegen ein anderes Outfit zu wechseln. Als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass das Shirt gar nicht mir gehörte und auch viel mehr ein Hemd war, genau genommen eins von den ziemlich teuren aus Eriks Sammlung. Überall war es zerknittert und alles andere, als in einem guten Zustand. Dennoch legte ich es fein säuberlich über die Lehne des Stuhles und griff nach dem ersten Pullover, den ich im Schrank fand. Wie hätte es anders sein sollen, war es mein Cheerleader Oberteil für kalte Trainingstage aus vergangener Zeit. Als Hose sollte eine der diversen Jogginghosen ihren Dienst leisten. Vom Kleiderhaken nahm ich die Hofjacke ab und setzte die Kapuze auf. Trymr trug bereits sein breites Lederhalsband, also nahm ich nur die Leine und verließ mein Bungalow. Schlüssel brauchte ich nicht, denn noch nie hatte ich dieses verschlossen.
      Langsamen Schrittes liefen wir Richtung Wald, wo uns Folke mit Humbria entgegenkam. Die windfarbene Stute war vollkommen verschwitzt und sah äußerst müde aus. Glauben, dass Niklas ein erstklassiges Eventingpferd aus dem Pferd zu machen, empfand ich von Anfang an als ziemlich hochgestochen. Dennoch bewunderte ich seinen Mut, es zumindest einige Male versucht zu haben, auch, wenn es für wenig Stärke zeugte, so schnell aufzugeben. Ich akzeptierte seine Entscheidung und würde mir nie wagen, diese infrage zu stellen.
      > Jag trodde att du aldrig skulle komma ut.
      „Ich dachte schon, dass du nie wieder herauskommst“, lachte Folke und fuhr an uns vorbei. Mehr als ein müdes Lächeln konnte ich nicht von mir geben und lief weiter.
      Teilweise glitzerte die Sonne durch die Kronen der Bäume und warf kleine Lichtblicke auf den verwurzelten Waldboden. Alles lag so still, dass ich mir nicht vorstellen konnte in London das Getose der Menschenmassen zu hören oder von einem der Taxis beinah zu Tode gefahren zu werden. Trymr blieb nah bei mir. Mittlerweile war ich fest davon überzeugt, dass dieser Hund auf keinen Fall bei Erik bleiben wollen würde, wenn sich unsere Wege trennen würden. Ja, ich sprach im Konjunktiv, denn nach dem Abend wollte ich nichts lieber, als für bei ihm zu bleiben. Es war keine Erinnerung, die mir diesen Gedanken gab, viel mehr ein Gefühl tief in meinem versteinerten Herzen. Alles kribbelte in mir, als ich innerlichen an ‚Vriska Harley Löfström‘ dachte. Vom Klang gefiel es mir nicht, aber die Bedeutung dahinter, schien viel wichtiger zu sein. Ein verträumtes Lächeln tuschte mir über die Lippen. War es das, wovon alle immer sprachen, wenn sie über ‚Schmetterlinge im Bauch‘ redeten?
      Obwohl das Atmen noch immer in der Lunge schmerzte, ging es mir schon deutlich besser nach der Runde im Wald. Trymr legte sich zufrieden auf den weichen Teppich vor der Couch, aber beobachtete jeden Schritt, den ich machte. Dazu gehörte auch, endlich mal auf mein blödes Handy zu schauen. Es hing noch immer am Ladekabel und als ich es entsperrte leuchteten mehr als Hundertzwanzig neue Mitteilung in der Mitteilungszentrale. Kurz überflog ich alles und löschte zunächst alles Unnötige, damit ich einen Überblick bekam, worauf ich auf jeden Fall klicken müsste. Neben einigen von Erik, leuchtete auch neben Niklas eine blaufarbende Neun. Warum hat der mir so viele Nachrichten geschrieben? Rein interessehalber drückte ich dort als Erstes rauf. Ich sah, dass es nicht nur Nachrichten von ihm gab, sondern offensichtlich auch welche von mir. Beim durchscrollen bemerkte ich, dass ich offenbar das alles erst in Gang gesetzt hatte.
      Wow. Perplex fiel mir mein Handy aus der Hand und starrte in die Leere. An Niklas erinnerte ich mich gar nicht mehr. Lief da etwas? Gehörte das zu den Gründen, wieso ich so viel getrunken hatte?
      „Es tut mir unglaublich leid, dir solche Sorgen bereitet zu haben. Das wollte ich nicht.
      Ich habe voll den Filmriss und weiß nicht mehr was seit Dienstag 23 Uhr passiert ist, und ja. Ich weiß, dass heute Donnerstag ist …“, tippte ich in Windeseile auf dem Bildschirm ein, nach dem ich es von Boden wieder aufhob. Gespannt starrte ich weiter auf das Display, bis sich gesendet zu gelesen änderte und das drei animierte Punkten auf seiner Seite auftauchen. Er schrieb, schrieb und schrieb, aber eine Nachricht kam bei mir nicht an.
      „Wir müssen uns nachher treffen, dann sprechen wir. Bin gegen neun Uhr am Abend am Stall, erwarte dich“, kam es urplötzlich, als ich es gerade zur Seite legen wollte. Es stellte sich somit nicht einmal die Frage, ob ich es wollte. Ich musste dort hinfahren, wenn ich beabsichtigte, die Puzzleteile zusammenzulegen.
      > Vill du ha ditt kött?
      “Möchtest du dein Fleisch?”, lachte ich voller Tatendrang und stemmte mich aus dem Bett hoch. Glücklich sprang der Riese mir um die Beine, ich glaube, dass ich ihn mittlerweile mehr mochte, als ich mir eingestehen konnte. Aus dem Kühlschrank griff ich nach der durchsichtigen Plastikdose, aus der mit einem schwarzen Stift ‘Trymr’ geschrieben stand. Wenn das Eriks Handschrift war, dann hatte sie Charakter. Ich mochte die Form, wie er das Y schrieb, wusste auch nicht wieso. Eigentlich sah es aus wie eine Vier, dass in der Zeile verrutschte, aber sich homogen in das Wort hineinschmiegte. Ich wurde anbellt. Anstatt mir stundenlang die Handschrift anzusehen, sollte ich dem Ungetüm seine Nahrung geben, nicht das ich zum gefundenen Fressen werden würde. Ein Nachteil hatte es, dass es mir zunehmend besser ging — ich konnte wieder Gerüche wahrnehmen. Mir stieg hab geronnenes Blut in Nase und wie auch immer ich die Innereien eines Wildschweins beschreiben sollte. Angewidert zog sich mein Magen zusammen, aber ich überstand es, dem Hund alles in seinen hölzernen Napf zu machen und auf den Boden zu stellen. Höflich wartete er, bis ich den Befehl gab zum Starten. Laut schmatzte Trymr und schob den Napf quer durch die Wohnung. Es dauerte nicht lange, bis dieser leer war und der Hund sich satt wieder vor die Couch legte.
      Durchs Fenster hindurch, sah ich Erik kommen, der mich sogleich bemerkte. Im Schlepptau hatte er Fredna, die eine niedliche geflochtene Frisur hatte und eine dicke Orange braune Jacke trug über ihren kleinen grauen Röcken mit Strumpfhose. Nur die dunkelgrünen Gummistiefel passten nicht ganz ins Gesamtbild.
      „Mein Fräulein ist wieder unter den Lebenden“, freute er sich und gab mir liebevoll einen Kuss auf die Stirn. Fredna hingegen ignorierte mich komplett. Sie saß auf der Fußmatte vor der Tür und kämpfte damit aus den Schuhen herauszukommen. Als auch Erik ihr Problem bemerkte, half er ihr und hängte auch ihre Jacke an den Haken.
      > Får jag spela?
      „Darf ich spielen“, fragte sie aufgeregt und Erik zuckte mit den Schultern. Stattdessen sah sie mit ihren riesigen blauen Augen zu mir, fummelte dabei an einen der beiden dunkelblonden Zöpfen herum.
      > Det finns gott om plats för dig bredvid sängen
      „Neben dem Bett ist ganz viel Platz für dich“, lächelte ich und zeigte Richtung Schlafzimmer. Entschlossen griff sie nach ihrem kleinen Koffer und zog ihn hinter sich her. Still saß sie neben dem Bett. Ich beobachtete, wie Fredna ihre kleinen Pferde auspackte und geordnet der Farbe nach aufstellte. Erik stellte sich zu mir an die Ecke, legte seine Arme um mich und atmete tief ein. Es fühlte sich wirklich an wie eine kleine Familie, die sich gerade den Wunsch vom Eigenheim erfühlte und nun glücklich in die Zukunft sah.
      „Ich bin froh, dass ihr da seid“, flüsterte ich und lehnte mich an seinem Oberkörper an.
      „Lass uns auf Couch gehen“, schmunzelte er, „sie mag es nicht beim Spielen beobachtet zu werden.“
      Ich drehte mich um und sah ihm direkt in die Augen. Er strahlte. Etwas an ihm schien verändert. Natürlich trug sie jeher einen seiner Anzüge, heute einen dunkelblauen, aber seine Haare. Seinen Haaren fehlte es am Gel. Der Großteil von ihnen befand sich in der gewünschten nach hinten geschobener Form, aber einige standen wie wild nach oben. Es lockerte seine strenge Ausstrahlung um Längen auf. Erik bemerkte, wie ich verliebt zu ihm aufsah, noch immer fest im Griff seiner Umarmung. Dann zog er mich noch näher an sich heran und sagte: „Ich bin auch froh, bei dir sein zu dürfen“, und gab mir einen Kuss auf die Haare. Ich schloss die Augen und wünschte, dass wir für immer nur hier stehen könnten. Bevor der Gedanke vollständig in mein Hirn einging, zog er mich hinüber zur Couch und schaltete einen Sender ein, bei dem Nachrichten liefen.
      „Wie geht es dir?“, erkundigte er sich, ohne den Blick von mir abzuwenden. Dem flimmernden Bildschirm schenkte er nur kurz seine Aufmerksamkeit.
      „Relativ gut, denke ich. Aber“, ich strauchelte.
      „Aber?“, wiederholte Erik aufrichtig und überdramatisiert betont.
      „Aber ich weiß nichts seit Dienstagnacht“, gab ich zu und senkte den Kopf. Wusste er was passiert war? Wollte ich es überhaupt herausfinden?
      „Dann hast du einiges verpasst“, lachte er, „auf jeden Fall hattest du dein Spaß. Papa mag dich.“
      „Klingt besorgniserregend“, murmelte ich.
      „Vivi, jetzt lächle doch wieder. Es ist alles gut, du hast es gerockt“, versuchte Erik mich aufzumuntern. Ich fühlte
      „Was habe ich gerockt?“
      „Du scheinst dich wirklich an nichts mehr zu erinnern“, Eriks Lachen wurde herzlicher und offener, „es entbrannte eine feurige Diskussion über Pferdeopferungen.“
      „Pferdeopferungen?“, wiederholte ich ungläubig und zu gleichen Teilen schockiert. Wieso gab es die Notwendigkeit darüber zu diskutieren? Jeder sollte das als unethisch empfinden.
      „Das ist nicht der Punkt. Du bist standhaft bei deiner Meinung geblieben, hast sie mit wirklich schlagfertigen Argumenten untermauert. Im Laufe der Diskussionen fehlten ihm die Worte und das, obwohl er immer etwas zu sagen hat. Dann beschloss Papa weiterhin fester Partner zu sein und würde euch gern helfen aus der Blamage herauszukommen“, schmunzelte er.
      „Awesome“, schrie ich aufgeregt, „ma‘ gosh!“
      „Ach, lernst du jetzt Englisch?“, witzelte Erik weiter. Ich winkte nur ab und sprang von der Couch, um zu versuchen, dass mein Bruder an sein verdammtes Handy ging. Ungeduldig lief ich den kleinen Flur zwischen Wohnküche und Schlafzimmer entlang und murmelte vor mich hin, bis mich plötzlich etwas am Oberschenkel berührte. Überrascht hielt ich an und sah an mir herunter. Fredna stand vor mir, sah mit feuchten Augen an mir hoch.
      > Jag måste gå på toaletten
      “Ich muss auf die Toilette”, flüsterte sie. Ja und? Was sollte ich da tun? Erik hatte es zum Glück ebenfalls gehört und lief mit ihr die Tür, die direkt an den Flur grenzte.

      Harlen erreichte ich nicht mehr, auch auf das Großaufgebot meiner Nachrichten reagierte er gab es keine Reaktion. Wo steckte der nur? Ununterbrochen biss ich mir auf der Unterlippe herum, solange, bis sie blutete. Auf dem Bildschirm des Fernsehers verfolgte ich die Horrorbilder aus der ganzen Welt, so viel Gewalt. Dahingegen erschienen meine Probleme auf der Couch, mit dem Typen, den ich mochte, in einer warmen Wohnung auf einmal so überschaubar und lächerlich.
      Erik schlief irgendwann ein und ich hatte es mir auf seinem Schoß bequem gemacht, immer mit einem Auge auf der Uhr. Wenn ich noch Lubi einladen würde, bräuchte ich sicher eine Stunde, um pünktlich in Kalmar anzukommen. Viel Zeit blieb mir nicht mehr, aber wenn ich aufstehen würde, wäre er sicher aufgewacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ihm ginge und darüber sprechen, wollte er auch nicht. Die meiste Zeit schwieg er über seine Gefühle – außer, es ging um mich. So auch, wie sein heutiger Tag verlief. Alles, was er herausbrachte, war ein ‘Gut, danke’ und sah wieder zum Gerät. Ich konnte nicht einschätzen, wie das auf lange Sicht werden würde, vor allem im Hinblick auf Fredna, die zwar ungewöhnlicherweise besser auf mich zu sprechen war, aber im Generellen meine Anwesenheit eher weniger schätzte.
      Verdächtig nah kam der große Zeiger der elf. Vorsichtig versuchte ich mich aus seinen Armen zu befreien, die auf meinem Oberkörper lagen. Aber Erik wachte auf.
      “Wo willst du hin?”, murmelte er verschlafen und wischte sich mit der Hand durch die Augen.
      “Zum Training”, sagte ich kurz und verschwieg Niklas.
      “So spät noch? Dann warte, ich zieh mich um”, stöhnte er. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, was ich zu meinem Vorteil nutzte.
      “Alles gut, bleib hier. Ich schaffe das allein”, versicherte ich. Erleichtert seufzte er und richtete sich dennoch auf. Ich sammelte leise aus dem Schlafzimmer meine Reitsachen vom Stuhl auf, um Fredna nicht zu stören. Aber sie bemerkte mich und fragte mich aus, wo ich hinwollte. Schließlich sei es dunkel und im Dunkeln sind böse Tiere unterwegs, die Menschen fressen. Aller klar Fredna, man sollte dir weniger Märchen vorlesen. So freundlich ich konnte, erklärte ich der neugierigen jungen Dame, dass ich Aufgaben hatte und mir nichts passieren würde. Eigentlich sollte doch ein Kind in ihrem Alter schon im Bett sein, oder nicht? Skeptisch sah sie zur mir hoch, nickte und widmete sich wieder ihren Pferden. Vaterschaft war damit bestätigt, lachte ich in mich hinein und zog mich im Badezimmer um. Meine neue graue Reitleggings fand ihren Einsatz, aber den dunkelblauen Kapuzenpullover aus der Schule behielt ich an. Bei dem nächsten Blick erschrak ich. Plötzlich stand Erik hinter mir, ich hörte seine Schritte nicht.
      “Darf ich dir die Haare machen?”, fragte er höflich. Verblüfft öffnete ich den Mund, für einen Augenblick innehielt und antworte: “Klar, warum nicht.” Aus dem Schubfach holte ich wieder die Bürste heraus und drückte ihm sie in die Hand. Es dauerte nur kurz, bis er begann auf der rechten Seite die ersten Strähnen zu flechten.
      “Aber ich habe nicht ewig Zeit, ich muss um spätestens fünfzehn zum Stall”, sagte ich, “pünktlich zehn vor neun erwartet man mich.” Er nickte nur lächelnd und fummelte an meinem Kopf weiter herum. Gespannt beobachtete ich durch den Spiegel sein Handwerk. Mit seinem kleinen Finger trennte er die Strähnen vom Kopf, verband sie miteinander, bis eine Art französischer Zopf entstand, aber seitlich und deutlich lockerer. Auf der anderen Seite wiederholte Erik sein Kunstwerk und war wenig später fertig.
      „So, jetzt kann Daenerys ihre Drachen reiten gehen“, lachte er und legte seine Arme auf meinen Schultern ab.
      „Clown gefrühstückt? Sehr lustig“, verdrehte ich die Augen und huschte aus seinen Zwängen heraus.
      „Jetzt habe dich nicht so“, folgte er mir aus dem engen Bad heraus, „das war lustig.“
      Es wurde weniger lustiger seit den unangebrachten Witzen von Chris am Wochenende, die ich mir bis heute anhören durfte. Zum Glück hatte mein Bruder kurzes Haar, wer weiß, wo sonst das alles enden würde.
      Freundlich wieherte mich Lubi in hohen Tönen an, als ich zehn Minuten später im Stall stand und anfing das Equipment in Pferdehänger zu räumen. Sie stand als Einzige noch drin, was ich mir auch nicht so recht erklären konnte. Eigentlich hätte Lina oder Folke sie auf eine der einzelnen Weiden stellen sollen.
      “Ja, es geht gleich los”, beruhigte ich die Stute. Unruhig trampelte sie in der Box und lief von der einen Seite zur anderen. Die Eisen klimperten auf dem Beton Boden. Etwas mulmig wurde mir dann doch, was wäre, wenn mir etwas auf Strecke und noch viel wichtiger: Was war, wenn Lubi etwas passierte? Müsste Harlen dann dafür aufkommen müssen? Wie sollte er ein solch teures Pferd finanzieren? Als spürte er meine Zweifel vibrierte mein Handy. Hektisch nahm ich es aus meiner Tasche am Bein.
      “Schwesterherz, du bist großartig! Ich wusste, dass du das bessere Durchsetzungsvermögen hast. Morgen komme ich für einige Stunden, dann sprechen wir. Hab dich lieb”, lass ich vom dunklen Bildschirm und steckte es zurück, ohne eine Antwort zu verfassen. Dann konzentrierte ich mich wieder auf die braune Stute und legte ihr das bordeauxfarbende Lammfell um den Kopf, führte sie hinaus und ließ wie Niklas den Strick los. Tatsächlich lief sie auch bei mir die Rampe hinauf und ich schloss die Stange, bevor es nach Kalmar losging. Am Straßenrand zogen die warmen Lichter der Innenraumbeleuchtung nur schemenhaft vorbei und sanft glitzerten die feuchten Laubblätter auf der Fahrbahn. In einem ruhigen Moment warf ich einen Blick auf Lubi, die ich durch die Hängerkamera auf dem Monitor des Fahrzeugs sah. Sie spielte mit dem Heunetz und zupfte daran. Aus dem Radio ertönten sanfte Töne eines mir unbekannten Liedes.
      “Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst”, begrüßte mich Niklas verwundert, als ich Lubi in den hell erleuchteten Stall führte, “und erst recht nicht so aufgetakelt.”
      Er hatte Form den Gurt fester gezogen und musterte mich. Kurz grinste er, trat einen Schritt zurück.
      “Es interessiert mich, was du zu sagen hast”, flüsterte ich. Am anderen Ende stand Chris, aber hatte mich offensichtlich noch nicht bemerkt.
      “Dann treffen wir uns gleich in der Reithalle, oder was willst du machen?”, erkundigte sich Niklas. Ich nickte nur und ignorierte, dass es eine Ergänzungsfrage war. Eine Beschwerde gab es nicht.
      In der Halle war ich noch nicht oft und jedes Mal bewunderte ich dieses Bauwerk. Es gab einen breiten Flur, von dem einige Türen abging, den man erst führen musste, um zum eigentlichen Platz zu kommen. Auf dem Boden lag ein roter Teppich, der mit Sand aus den Hufen der Pferde bedeckt war, die Bande schwungvoll gebogen, vermutlich durch Wasserdampf in seine Form gebracht, Panel für Panel. Darauf befestigt die Dachbalken, die zur Decke hin spitz zuliefen und zuvor einen tropfenförmigen Bogen machten. Die großen Fenster brachten im Normal ausreichenden Licht ins Innere, aber spendeten drei riesige Kronleuchter dieses. Sie stammten vermutlich aus der Barockzeit oder Neo-Renaissance, was weiß ich. Im Kunstunterricht schlief ich die meiste Zeit, um solche Dinge erkennen zu können. Zur Ergänzung hingen noch Strahler an der Decke. Niklas führte fünf Minuten später seine Stute ebenfalls durch den Eingang.
      “Helm, brauchst du nicht?”, wunderte er sich monoton. Dass erinnerte mich daran, was ich vor dem Verladen noch einpacken wollte, aber Harlen hatte mich abgelenkt.
      “Doch, aber vergessen”, sagte ich, “aber auch egal. Ist sowieso nicht viel drin.”
      Er lachte, zuckte dann mit den Schultern und stieg auf.
      “Was wolltest du besprechen?”, fragte ich endlich, um die quälende Stille zu durchbrechen.
      “Was passiert ist”, kam es kurz.
      “Lustig. Hast du meine Nachricht gelesen? Ich erinnere mich an nichts. Mittlerweile weiß ich, dass ich eine Diskussion mit deinem Vater hatte”, schüttelte ich den Kopf, seine Augenbraue zog sich nach oben, “über Pferdeopferungen. Aber offenbar brachte ihn das zum Nachdenken.”
      “Ah, das Thema. Schwierig”, stimmte er mir zu. Die Verwunderung wich aus seinem Gesichtsausdruck. Statt mir endlich die Wahrheit zu offenbarten, schwieg er die meiste Zeit, starrte gedankenverloren in die Leere oder ignorierte mich. Schien ziemlich wichtig gewesen zu sein, was er besprechen wollte, wenn er nun diese Tour an den Tag legte. Reiten hätte ich auch in der heimischen Reithalle, aber nun gut.
      Bei X ritt ich auf die Mittellinie auf und gurtete noch einmal nach, erst dann nahm ich die Zügel mehr auf. Lubi kaute genüsslich auf dem rosé goldenen Gebiss, bei dem ich mich noch immer fragte, wieso kein silbernes reichte. Immerhin war der Zaum schwarz und der Sattel auch. Die meiste Zeit ritt ich Schritt, denn schon nach einigen Runden im Trab begann ein unerträglicher Hustenanfall. Verzweifelt schnappte ich nach Luft, bis es besser wurde.
      “Weniger Rauchen soll helfen”, kommentierte Niklas meine schwerfällige Atmung, als er an uns vorbeitrabte.
      “Klugscheißer”, rollte ich erneut mit den Augen.
      Keine Reaktion.
      Lubi nahm Acht darauf, dass ich nicht ganz fit war. Sie schritt ruhig unter mir und warf keinen flüchtigen Blick um sich herum, im Gegensatz zu dem kleinen Ritt gestern. Tatsächlich konnte ich das aus meinem Gedächtnis wieder hervor fischen, dass ich mich auf die riesige Stute schwang. Ich konnte mir nicht genau erklären, wieso ich in der Ekstase, meiner Krankheit und sonstigen Umständen in der Lage ein Pferd fertig zu machen und sogar zu trainieren. Vielleicht sollte ich mir bei meiner Rückkehr noch die Videoaufnahmen ansehen, dann wusste ich mehr.
      “Willst du jetzt noch reden, oder bin ich unnötigerweise rausgefahren?”, fragte ich genervt, als Niklas sich die Zügel aus der Hand kauen ließ und im Begriff war, seine glänzende Stute abzureiten. Er zuckte mit den Schultern.
      “Frechheit”, murmelte ich und wich ihm aus. Doch nun schien er doch auf mich zu reagieren und wendete Form ebenfalls, trabte ein Stück, um aufzuholen.
      “Wieso bist du so …”, er geriet in Wortlosigkeit, als ich zu ihm sah mit feuchten Augen.
      “Ernst?”, fragte ich.
      “Zurückweisend”, vervollständigte er seinen Satz.
      “Ich? Zurückweisend? Du wolltest mit mir sprechen und drückst dich auf einmal davor. Deinetwegen musste ich mir einen Schwachsinn überlegen, um hierherzufahren und das, obwohl es mir nicht gut geht. Jetzt komm mal klar”, schimpfte ich mit zittriger Stimme. Gänsehaut verteilte sich aus heiterem Himmel über meine ganze Haut und mir wurde kalt, sehr kalt.
      “Du wolltest das”, fauchte er zurück.
      “Bist du taub oder dumm?”, schüttelte ich meinen Kopf vor Verzweiflung, “Ich erinnere mich nicht, also entweder sagst du mir jetzt, was du willst oder schweige für immer.”
      Kräftig atmete er ein und wieder aus, sah hoch zur Decke und verkrampfte den Kiefer.
      “Weder bin ich taub noch dumm, du vielleicht. Aber ich wollte nicht glauben, dass du das Vergessen hast”, begann Niklas mit der Wahrheit herauszurücken, stoppte jedoch, als überlege er, wie die Worte am besten wählen sollte. Auf einer Stirn bildeten sich zwei wellenförmige Falten, die er nur bekam, wenn ihm etwas zuwider war. An seinem Hals schlug aufgeregt die Hauptschlagader und unsere beiden Stuten interessierten sich überhaupt für die Auseinandersetzung.
      “Du willst es unbedingt wissen, dann höre nun genau zu. Ich möchte dich nicht verletzen, beleidigen oder sonst irgendetwas damit. Es ist eine reine Tatsachendarstellung”, stellte er klar. Verwunderte drehte ich meinen Kopf, aber stimmte letztlich zu. Seinerseits folgten weitere kräftige Atemzüge.
      “Nach einem Rundgang wolltest du gehen, aber”, stoppte Niklas und atmete noch einmal hörbar, “dann standen wir ziemlich nah aneinander, sahen uns tief in die Augen. Du griffst mir ziemlich nah ans Becken. Ich legte meine Hände an deine Taille und drückte dich gegen die Wand. Hätte Erik dich nicht gerufen, wer weiß.”
      Und darum machte er jetzt so einen Rummel? Unwillkürlich schmunzelte ich, lachte auch etwas und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Es unterhielt mich viel mehr, als ich, dass mir Sorgen machte etwas aufs Spiel gesetzt zu haben.
      “Warum lachst du?”, fragte er und rang nach Luft. Erst als er auf meine Antwort nicht reagierte, berührte ich ihn vorsichtig am Arm. Wie versteinert zuckte er auf einmal zusammen, schüttelte sich.
      “Ich zähle nun bis vier und atmest du durch die Nase, dann bis sieben aus, dann wieder ein”, sagte ich bestimmt in begann zu zählen. Niklas schloss die Augen und konzentrierte sich auf meine Zahlenfolge. Schon nach dem zweiten Mal wurde es besser. Seine Hände zitterten nicht mehr, sein Gesicht bekam wieder Farbe und auch Form stellte die zuvor unruhig angelegten Ohren wieder auf.
      “Danke”, murmelte er und versuchte ein Lächeln aufzusetzen.
      “Es ist okay, verstehst du? Offenbar war es meine Schuld und ich hätte dich nicht in so ein Dilemma bringen dürfen. Es tut mir aufrichtig leid”, versicherte ich nach weiteren Runden Schritt.
      “Das Problem ist nicht, dass es beinah passierte, sondern ich es gerne getan hätte. Deswegen lag ich noch Stunden wach, wie es dann wohl weitergegangen wäre, ob diese Entscheidung, zumindest für uns beide, die richtige hätte sein können”, erzählte er weiter, denn das schien der eigentliche Grund der Unterhaltung zu sein. Ich konnte nicht einordnen, was ich fühlte. Das, was ich sonst in seiner Nähe spürte, war spätestens nach Eriks Rückkehr zu großen Teilen verschwunden, vor allem, wenn ich an das Turnier zurückdachte. Ich hatte schon einmal eine Beziehung aufs Spiel gesetzt und offenbar würde es noch häufiger dazu kommen.
      “Niklas”, begann ich, “es ist alles gut, wie es ist. Etwas Festes einzugehen, scheint dir schwerzufallen und dir deswegen einen Anker zu suchen, mit dem du dich in der Vergangenheit besser fühltest, wird wohl normal sein. Dass dein Anker ziemlich unkontrollierte Schübe hat, sorgt jedoch für weitere Entgleisungen.”
      Besten Gewissens versuchte ich aufzumuntern, schon allein aus der Tatsache heraus, dass ich wusste, dass es Erik mehr oder minder egal schien. Wäre es nicht so, würde ich auch verzweifelt im Sattel meines Pferdes thronen und die Welt vernichten wollen – aber das tat ich nicht, denn es erleichterte mich sogar. Niklas schwieg, sah im Wechsel auf den Mähnenkamm seiner Stute und hoch zu den Deckenbalken. Irgendwann stiegen wir ab. Es wurde immer später und zunehmend nährte sich der kleine Zeiger der Zwölf.
      “Darf ich dich umarmen?”, fragte er plötzlich, als ich den Gurt von Lubi gelockert hatte und tastete, ob die Haut an den wichtigen Stellen getrocknet war.
      “Natürlich”, sagte ich freundlich und wurde beinah überfallen von seiner Freude darüber. Kurz schüttelte ich mich, um festzustellen, ob ich wach war. Unbeholfen klopfte ich auf seinen kräftigen, triefend vor Schweiß nassen Rücken und wusste nicht so recht, wie ich diesen Schwall an Gefühlen bändigen sollte. Durch meinen Schoß das Blut vor Freude, aber nicht das, was ich einmal bei ihm verspürt hatte. Ja, es war schon anziehend ihn so nah zu haben und zu wissen, was mich erwarten könnte, aber ich verlangte nicht danach.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 33.595 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Mohikanerin
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      kapitel nio | 9. Dezember 2021

      Vrindr // Lubumbashi // Form Follows Function LDS // Erlkönig // Alfred’s Nobelpreis // Satz des Pythagoras // Vintage // Forbidden Fruit LDS

      Vriska
      Lubi mümmelte genüsslich ihr Heu, wie alle anderen Pferde auch. Ansonsten war es still im Stall. Trymr lag neben mir auf dem Boden und beobachtete jeden meiner Schritte, während ich der Stute die Decke wechselte und die Transportgamaschen anlegte. Immer wieder sah ich auf mein Handy, hoffte, dass Niklas endlich da sein würde. Erik hatte sich noch immer nicht gemeldet, als hätte es uns nie gegeben, als würde sein haariger Freund nur ein lästiges Anhängsel sein, den er bei irgendjemanden abladen musste. Den ganzen Tag über lief der Hund mit den gespitzten Ohren vor die Tür, vermutlich in der Hoffnung, dass sein Herrchen wieder kommen würde, aber die Enttäuschung war groß, wenn nur einer der Einsteller kam oder Eltern ihre Kinder zum Unterricht vorbeibrachten. Bruce hatte heute bereits zwei seiner Pferde mit in den Reitunterricht eingebaut und alles wirkte so unglaublich vertraut, wie vor drei Jahren. Vor drei Jahren, als ich die Familie kennenlernte und auch mein Herz verlor auf dem Rücken der Tiere. Ich hatte mir Vrindr geschnappt, eine junge und äußerst sture Jungstute aus seiner Zucht. Auf der Ovalbahn drehten wir unsere Runden.
      „Da bist du“, unterbrach Niklas meine innerliche Tageszusammenfassung.
      „Wo dachtest du, sollte ich sein?“, fragte ich, „im Bett wartend auf dich, um von meinem Ritter mit geschwellter Brust gerettet zu werden?“
      Ich lachte.
      „Das wäre mal gewesen!“, grinste auch er, „aber nein, ich dachte schon draußen. Also beeil dich.“
      „Ja, ja. Ich komme schon“, sagte ich, griff nach dem Strick und öffnete die Tür der Box.
      Neugierig erhob sich der Kopf der großen Stute und ihre dunklen Augen funkelten mich erwartungsvoll an. Freundlich strich ich ihr über den Kopf. Dann hängte ich den Strick in den unteren Ring und führte sie hinaus. Hinter mir schaltete ich das Licht aus.
      „Muss der Hund wirklich mit?“, fragte mich Niklas, als Lubi selbstständig die Hängerklappe hinaufstieg und er auf der Fahrerseite einsteigen wollte. Auch mir war nicht ganz wohl bei der Sache, aber offensichtlich ging ich nun unter die Hundebesitzer.
      „Natürlich“, antwortete ich trocken. Dann öffnete ich eine der hinteren Türen, damit er es sich auf der Rückbank bequem machen konnte. Innerhalb von Sekunden verteilten sich kleine graue Haare auf die Rückbank. Ich verstand nun auch, warum Erik so einen Überzog hatte. Vielleicht sollte ich das auch noch kaufen gehen.
      „Warum hast du denn noch?“, kam Niklas auf das Thema über Trymr zurück, während ich noch immer verträumt in seine Richtung sah.
      „Weil“, überlegte ich laut, „ich denke, dass ich mich sonst ziemlich einsam fühlen würde.“
      Verblüfft sah Niklas zu mir, seine Augenbrauen zogen sich zusammen und auf seiner Stirn bildeten sich exakt zwei Falten. Falten, die er von seinem Vater hatte. Falten, die Erik ebenfalls hatte. Ich vermisste ihn.
      „Warum fühlst du dich so?“, zögerte er zu fragen. Zwischen den Worten lagen Pausen. Aber ich wusste es nicht.
      „Es ist einfach so ein Gefühl“, blickte ich zum Fenster heraus, an dem die Lichter vorbeizogen. Wie so oft wurden meine Augen glasig, doch schaffte es, meine Tränen zu verbergen. Ich stellte auch mir selbst jeden Abend im Bett diese Frage, aber es gab keine logische Erklärung. Erst als ich Erik bei mir spürte, auch wenn Fredna stets zwischen uns lag, wusste ich, dass es richtig war. Doch es gab auch Zweifel, die vorrangig in dem Moment neben mir saßen und den Kopf verdrehten. Erik gegenüber fühlte es sich nicht fair an, so zu tun, als wäre da nichts. Ich hätte mit ihm darüber sprechen können, denn er bot von selbst öfter an, endlich die Katze aus dem Sack zu lassen. Aber ich drückte mich davor, denn sobald die Worte ausgesprochen waren, wurden sie real. So wusste ich aber auch, dass es ihm, aus unerklärlichen Gründen, egal war. Ob egal dafür das richtige Wort war? Keine Ahnung, auf jeden Fall würde es kein Problem für ihn darstellen. Für mich sollte es aber klar in meinem Kopf ablaufen, bevor ich mich jemanden vollends nähren konnte. Erik war der Richtige — nur zum falschen Zeitpunkt.
      „Vriska, hast du mir überhaupt zugehört?“, vernahm ich Niklas Worte. Der Motor war verstummt und vor mir leuchteten die Lampen vom Hof in Kalmar.
      „Nein“, gab ich zu, „ich war in Gedanken verloren.“
      „Dann hoffe ich, dass du gleich aufmerksamer bist“, rollte er mit den Augen und stieg aus dem großen Auto. Niklas wirkte plötzlich wieder so distanziert, verärgert. Zu gern würde ich mich erinnern können, was er sagte, aber in meinem Kopf herrschte stille. Ich entschied die Stute am Hänger fertig zu machen und holte sie heraus. Er stand noch einen Moment neben mir und tätschelte tatsächlich den strohigen Kopf des Hundes, den er zuvor von der Rückbank holte. Beide beobachteten jeden meiner Schritte, bis Niklas sich verabschiedete, um Form fertig zu machen.
      „Herr Olofsson?“, verließ es unwiederbringlich meine Lippen. Überzeugt drehte er sich um und blieb stehen. Seine Augen funkelte im Licht der Wegbeleuchtung und bis auf uns, war niemand zu sehen. Unüberlegt trabte ich zu ihm und legte meine Arme um seinen Hals. Alles, was dann passierte, kam aus den Tiefen meines Inneren. Erst rückte ich meine Lippen auf seine, bevor meine Hand langsam den Gürtel seiner Hose öffnete.
      „Vriska, das geht nicht“, flüsterte er mir betörend ins Ohr. Sein lautes Atmen verstummte, als ich die warme Hand sein Gemächt hielt.
      „Soll ich aufhören?“, sprach ich leise und begann seinen Hals zu küssen. Meine Augen hielt ich geschlossen, fühlte eine wohlige Wärme in mir. Es fühlte sich gut an einmal die Kontrolle zu haben. Kontrolle darüber, was ich wollte, was ich fühlte und was ich begehrte.
      „Nein, eigentlich nicht“, noch immer kam die Worte nur zaghaft aus seinem Mund und drückte seine Hände fest an meinen Po, während meine sich weiterhin von oben nach unten bewegte.
      „Aber man erwartet uns schon. Später?“, schlug Niklas dann vor und griff nach meinem Am.
      „Mal schauen, aber ich denke nicht. Hat mir schon gereicht“, schmunzelte ich und wischte meine Hände ab der Hose ab. Wie ein begossener Pudel blickte er an mir herunter, stand angewurzelt an der Stelle und begriff nicht so recht, dass ich Lubi satteln wollte. Ich warf ihm noch einen Luftkuss zu, dann drehte er sich um und lief kopfschüttelnd in den Stall. Gewonnen.
      Die Stute schloss langsam ihre Augen und schnaubte mehrfach ab, als ich die Bandagen an ihren Beinen befestigte. Den halben Tag lang übte ich das zusammen mit Bruce. Ich war natürlich noch nicht ansatzweise so schnell wie die anderen, aber immerhin stimmte nun das Ergebnis.
      „Kandare heute“, kam Chris zu mir gelaufen, der vermutlich von Nik erfuhr, dass ich auf dem Parkplatz stand. Zum Glück hatte ich sie eingepackt. Ich öffnete die knarrende Tür des Hängers, nahm das Zaum und hängte das andere zurück. Am Halfter führte ich Lubi zur Halle, gefolgt von Chris mit seinem Wallach.
      „Du machst Erik krank vor Sorge, weißt du das?“, sagte er aus dem Dunst heraus. Trymr spitze seine Ohren und drehte sich um, als suche er nach ihm. Aber natürlich war er nicht da und der Hund folgte mir weiter. Ich zuckte mit den Schultern und blieb stumm.
      „Vriska, was ist dein Problem?“, wurde er ernster.
      „Ich bin das Problem“, antwortete ich wenig überrascht und trieb die Stute etwas aktiver.
      „Na immerhin hast du das erkannt“, lachte er, „dann muss das mit Niklas auch enden.“
      „Aha“, versuchte ich meine Abneigung dem gegenüber zu überspielen.
      „Ich habe euch gesehen, deswegen sage ich das. Wenn er dir so wichtig ist, dann stell dich nicht zwischen seine Beziehung“, mahnte er.
      „Er will es auch“, zuckte ich mit den Schultern.
      „Ja, aber er kann nicht nein sagen. Deswegen musst du stark sein“, setzte er unbehelligt fort, „deine Probleme sind klein im Vergleich zu seinen.“
      Ach so ist das also, regte ich mich innerlich auf. Ich wusste nicht, dass man Probleme miteinander vergleichen konnte, um zu beurteilen, welche größer waren.
      „Und das schließt du woraus?“, erkundigte ich mich.
      Chris seufzte.
      „Ich weiß es einfach. Aber: wenn du ihm eine gute Freundin sein willst, dann stelle dich zurück und konzentriere dich auf das, was du haben kannst“, bar er mich erneut. Abstreiten, dass er recht hatte, konnte ich nicht. Seine Einwände waren berechtigt und vermutlich war es auch das, was ich hören musste.
      „Warum sagst du mir so was überhaupt?“, fragte ich im Moment der Stille, bevor wir den Flur zur Halle betrachteten. Chris blieb stehen und sah mir tief in Augen.
      „Ganz einfach“, begann er und atmete noch einmal tief durch, „es nervt unheimlich zwischen den Fronten zu stehen. Du hetzt die beiden immer mehr aufeinander auf und siehst es nicht einmal.“
      Das traf mich nachhaltig. Direkt entfloh ich dem Blickkontakt und setzte die Stute wieder in Bewegung, doch Chris stellte sich uns in den Weg.
      „Bitte Vriska, wenn dir beide so wichtig sind, wie du augenscheinlich zeigst, dann entscheide dich für Erik. Du kennst ihn nicht. Deswegen kann ich dir nur sagen, dass er sich noch nie so ins Zeug gelegt hat, auch wenn er Fehler macht“, plötzlich verstummte er, als wüsste er deutlich mehr als ich. Verwundert zog ich Brauen zusammen und musterte ihn.
      „Ach ja? Fehler also? Was denn?“, hakte ich skeptisch nach.
      „Also hat er nicht?“, seine Worte kamen zögerlich und äußert verhalten.
      „Nein, jetzt sag mir, was du weißt“, drängte ich. Die Neugier in mir verstärkte sich, auch wenn mein Herz es gar nicht wissen wollte. Erik war für mich die Unschuld in Person. Alles, was er bisher für mich tat, erstreckte sich mit mehr Leidenschaft, als ich mir vorstellen konnte. Er war rücksichtsvoll, vielleicht etwas forsch, aber immer darauf bedacht, das Richtige zu tun. Auch wenn es mich in den wenigen Tagen zusammen auf dem Gestüt etwas nervte, dass Erik sich nicht mehr so sehr ins Zeug legte, wie Kanada. Viel mehr war er nur da, beschäftigte sich jedoch nicht mit mir.
      „Du sprichst am besten mit ihm, oder du lässt es. Ich denke, dass das besser für euch beide wäre“, Chris seufzte und sah ins Innere. Auf dem Sand schwebte Niklas bereits auf seiner Rappstute und auch Eskil war zu sehen. Mein kleines Herz freute sich tatsächlich das Riesenbaby wiederzusehen.
      „Wenn du das sagst“, antwortete ich nur und durfte endlich weiter. Trymr legte sich vor dem Tor auf dem Teppich und sah mir geduldig nach. In der Halle holte ich die Kandare aus meiner Jacke und trenste Lubi auf. Entspannt begann sie zu kauen und über die Aufstiegshilfe erklomm ich das Pferd.
      Im Schritt am langen Zügel begann ich auf dem dritten Hufschlag meine Runden mit der Stute zu drehen. Sie schnaubte häufig ab. Hier in der Halle war sie, im Vergleich zur heimischen, entspannter. Ich bekam das Gefühl, dass sich alle Blicke zu mir richteten. Die Anspannung stieg ins Unermessliche und durch meinen Kopf flogen die Gedanken, alles Schlechte erschlug mich. Was machte ich hier eigentlich? Panisch sprang ich vom Rücken der Stute, ließ sie unbedacht stehen und rannte hinaus. Nun sahen wirklich alle zu mir, doch nur Trymr folgte mir. Ich lief einfach, wusste nicht, wohin und wieso, aber ich lief. Meine Schritte fühlten sich gigantisch an, und, obwohl alles um mich herum nur noch schwarz war, zog es an mir vorbei. Plötzlich hörte ich ein Auto, wusste nicht wo, aber ich hörte es. Aus einem wurden immer mehr. Dann öffnete ich die Augen.
      Ich stand auf der Brücke über der Fernstraße. Meine Knie sackten zusammen und ich knallte auf den Boden. An meiner Hand spürte ich etwas Warmes und Weiches. Dann bewegte es sich aufgeregt, berührte mich sanft an der Seite. Entgegen meiner Erwartung war es nicht eins meiner Körperteile. Trymr stand neben mir und versuchte, dass ich aufstand. Aber mir fehlte die Kraft, mich vom kalten Nass zu erheben. Seine Haare kitzelten im Gesicht. Langsam strich durchs Fell, versuchte mir klar darüber zu werden, was gerade schon wieder passierte. Ich machte aus einer Mücke einen Elefanten, ertrug es nicht mehr, ständig der Idiot sein zu müssen und unbewusst eine Freude dabei zu empfinden. Mich nervte es nur noch in meinem Körper zu stecken.
      Wieder berührte mich die Schnauze, jedoch intensiver und mit mehr Elan. Er steckte seinen Kopf zwischen Körper und Arm, lehnte sich vorsichtig an mich heran. Seine Wärme übertrug sich auf mich. Auf Stelle wollte ich einschlafe, wusste aber, dass es mitten im Nirgendwo auf einer Brücke nicht wirklich die klügste Entscheidung war. Es wurde kälter. Der Wind kam auf, durch Lkw und weitere große Fahrzeuge, die alles beben ließen. Ich sah hoch zu den Sternen, den wenigen, die am Himmel standen und nicht durch graue vorbeiziehende Wolken bedeckt wurden. Trymr zitterte.
      > „Ska vi gå hem?
      „Wollen wir nach Hause fahren?“, fragte ich den Hund. Wie vom Blitz getroffen, sprang er auf und der Schwanz wedelte eilig. Meine kalten Beine sträubten sich eine Bewegung, doch aus meiner Kraftlosigkeit drückte ich mich nach oben, schließlich konnte ich nicht ewig hier herumliegen. Ich taumelte beim Laufen, aber Trymr Ponygröße half dabei nicht umzukippen. Innerlichen zählte ich jeden Schritt, wischte mir immer wieder durchs Gesicht, denn die Tränen liefen noch immer, obwohl es mittlerweile viel mehr Schluchzen wurde, als wirkliche Flüssigkeit. Ich konnte sie nicht aufhalten. In mir schrie es, ich zitterte und wollte nicht mehr.
      „Vriska“, kam mir Eskil erleichtert entgegengerannt. In den Händen hielt er eine Decke, als wusste er schon, dass ich ziemlich unterkühlt sein würde.
      „Wir haben uns alle Sorgen gemacht“, sagte er dann. Aus mir kam kein einziges Wort, auch das Wimmern hatte aufgehört. Alles, was mir blieb, war die quälende Leere. Er legte seine warmen Hände auf meine vom Regen durchnässten Schultern und führte mich zur Reithalle, die plötzlich unglaublich heiß erschien. Am ganzen Körper glühte es.
      „Ich denke, du brauchst eine Pause“, kam Herr Holm zu mir. Noch immer starrte ich nach vorn, nichts an mir rührte sich bis auf das Zittern, dass mich begleitete. Immer mehr Leute kamen auf mich zu, redeten auf mich ein, bis Niklas aus der Ferne brüllte:
      > Om ni alla pratar med henne kommer det inte att hjälpa henne. Dra åt helvete.
      „Wenn ihr sie alle vollquatscht, ist ihr auch nicht geholfen. Verpisst euch.“
      Danke Niklas. Bis auf Eskil verabschiedeten sich alle mit gesenktem Kopf und plötzlich waren wir nur noch zu dritt. Herr Holm nickte mir noch zu, wirkte aber ziemlich erleichtert. Seine Worte klangen zuvor enttäuschend, aber ich schätze, dass sie es nicht waren. Zumindest erhoffte ich mir das. Zeit verstrich, wie viel? Keine Ahnung. Ich nahm nur wahr, dass Eskil irgendwann verschwand und Niklas Lubi bewegte. Sie beide flogen über den hellen Sand der Halle, glänzten im warmen Licht der Lampen. Chris' Worte hallten noch immer durch meinen Kopf. Wenn ich etwas für ihn tun will, soll ich mich zurückhalten, stark bleiben. Aber ich war nicht stark, ich schätzte mich schon immer als schwach ein.
      Irgendwann stand ich auf und lief zum Auto. Trymr blieb vor der Tür sitzen. Nur eine Sekunde gab ich ihm, mir zu folgen, bis es mir egal wurde. Es nieselte und der raue Wind zog unter der Decke an meiner nassen Hose entlang. Wieder begann ich zu zittern. In meinen Taschen suchte vergeblich nach meinem Handy und auch den Schüsseln.
      „Du willst doch so nicht nach Hause?“, musterte mich Niklas und folgte mir mit Lubi aus der Halle. Denn Hufschlag hinter mir, hatte weder bemerkt, noch für voll genommen. Alles, was hörte, waren die lüsternen und auch bedrohlichen Stimmen in meinen Kopf, der Wind, der an einem Dach rüttelte und lautes, blechendes Heulen auslöste.
      „Was denn sonst?“, murmelte ich mit heiserer Stimme. Ich konnte offenbar noch sprechen, wenn auch nur sehr unverständlich. Mit meiner Aktion sorgte ich wohl dafür, dass die Erkältung Rückkehrern würde, vielleicht sogar als Lungenentzündung. Im Krankenhaus könnte man mir besser helfen, hoffte ich.
      „Ich kann und will dich so nicht allein lassen“, gab er zu und legte seine Hand auf meine Schulter, „wir bleiben hier im Vereinshaus. Dort gibt es eine Einliegerwohnung, die aktuell leer sein müsste.“
      Mir fehlten die Worte, also schwieg ich. Trymr kam mittlerweile dazu, wedelte sanft mit seinem Schwanz und blickte zitternd an mir hoch.
      „Wenn du es nicht für mich tun willst, dann für einen haarigen Freund. Dem ist auch kalt“, scherzte er und strich dem Hund über den Kopf. Ich sah zu ersten Mal, dass er sich ihm überhaupt nährte. Also nickte ich und begleitete Niklas in den Stall. Die Abschwitzdecke der Stute war mittlerweile auch komplett durchnässt. Er hänge den Stofffetzen über eine Schnur vor der Box und holte aus der Sattelkammer eine andere, während ich langsam den Gurt des Sattels öffnete. Um den Sattel von Rücken zu nehmen, fehlte mir die Kraft. Also schlug ich nur die Bügel über die Sitzfläche und entfernte die Kandare. Lubi hielt ruhig ihren Kopf und begann sich erst zu kratzen, als das Halfter drum war. Die Box quietschte und knarrte. Niklas kam wieder, nahm den Sattel und reichte mir vorher die Decke. Lieblos warf ich sie über das Pferd und befestigte die Gurte.
      „Royal Equest, sehr nobel“, neckte ich Niklas beim Betrachten der gesteppten, dunkelblauen Decke. An der Seite war sein Name geschickt und der seiner Stute in einer geschwungenen Schrift in Gelb. Etwas stolz las ich beides. Dass Form jetzt schon so tief in sein Herz schaffte, bestärkte meine Annahme, dass er mit ihrem guten Karten haben würde.
      Niklas nickte.
      Ich brachte Lubi in eine der freien Boxen, holte noch Heu und dann schalteten wir das Hauptlicht aus. Nur noch einzelne gedimmte Lichter erhellten den Stall, sodass die Tiere nicht im komplett Dunklem standen. Niklas drückte noch auf diversen Knöpfen, deren Bedeutung mir nicht nur unbekannt war, sondern auch vollkommen egal, herum, bis er zufrieden lächelte und die Tür hinter uns schloss. Draußen war Ruhe eingekehrt. Der Wind beschloss nur noch seicht zu wehen und der Nieselregen hatte sich verabschiedet. Trymr zitterte noch neben mir.
      „Kommst du jetzt?“, drehte sich Niklas zu mir um. Ich bemerkte gar nicht, dass er losgelaufen war.
      „Ja“, antwortete ich heiser. Am Wegesrand erhellten uns kleine Lampen den Weg, die in Baumstämmen und anderen Hölzern eingearbeitet waren, bis wir an dem riesigen Haus ankamen, vor dem wir vor einigen Wochen gegrillt hatten. Alles war mit durchsichtigen Folien abgedeckt und wirkte wie bei einem Verkauf, wie man es aus Serien kannte. Dann öffnete er die große schwarze Tür. Im Inneren schaltete sich automatisch das Licht an. Der Flur war lang. Zur Rechten befand sich eine breite Treppe und zwei Türen, auf der anderen Seite waren noch mehr Türen und der Flur endete ich einem weitreichenden Zimmer. Wir nahmen die Treppe, bis Niklas abbog und eine weitere Tür aufschloss. Auch hier erhellte sich alles automatisch. Mitten im Raum stand ein Kingsize-Bett, dass wie frisch bezogen wirkte, dem gegenüber stand ein TV Board und darüber hing ein Fernseher an der Wand. Links stand eine Schiebetür offen zu einem geräumigen Badezimmer und um die Ecke rechts eine kleinere Küche, in der Niklas verschwand. Ich stand wie angewurzelt noch an der Eingangpforte und wusste nichts mit mir anzufangen.
      „Willst du was trinken?“, fragte er.
      Ich nickte.
      „Auch ein Glas Rotwein?“
      „Es ist“, sprach ich, sah zu der Uhr, die in dem kleinen Durchgang hing, „kurz vor drei, warum sollte ich da Alkohol trinken?“
      „Damit du locker wirst“, zuckte Niklas mit den Schultern und nahm beherzt die Flasche. Sie ploppte laut beim Öffnen und er setzte sie an seinen Mund. Wenigstens ein Glas hätte er sich nehmen können.
      „Ich gehe duschen“, murmelte ich und hänge die Decke über einen Stuhl. Dann lief ich zum Badezimmer und holte mir ein Handtuch aus einem kleinen Regal. Alle rochen wie neu und fühlten sich unglaublich weich an.
      „Du wirst wohl noch Kleidung brauchen, oder?“, kam er ungefragt rein und ich bedeckte mich schlagartig.
      „Nächstes Mal klopfst du“, rollte ich mit meinen Augen.
      „Nichts, was ich noch nie sah“, zuckte er wieder mit seinen Schultern und legte mir ein weißes Shirt an die Seite und eine kurze Hose, sowie blaue Socken mit dem Vereinslogo darauf. Besser als nichts, dachte ich und verschwand unter dem warmen Wasser. In meinem Kopf kehrte Ruhe ein, die Stimmen verstummten und ich fühlte mich endlich befreit von allem. Nichts konnte mir diesen Moment vermiesen.
      Ich spürte noch die Wärme an meinen Füßen, die über den Boden in mir aufstieg. Nach der Dusche ging es mir bedeutend besser. Sogar ein Lächeln huschte über meine Lippen.
      „Okay, und wo schlafe ich?“, fragte ich. Niklas klopfte neben sich und hielt die Decke nach oben. Der Fernseher lief, eine Serie schätze ich. Erst als ich einen genaueren Blick darauf warf, stellte ich fest, dass er Wallender schaute, Krimi also. Wer hätte das nur ahnen können? Wirklich wohlfühlte ich mich nicht bei dem Gedanken, mich zu ihm zu legen, erst recht nicht, weil er bis auf einer Unterhose nichts trug, aber ohne zu protestieren oder meine Bedenken zu äußern, kroch ich unter die Decke. Trymr hatte ein provisorisches Abendessen von Niklas bekommen und lag müde auf einem Teppich zwischen Bett und Fernseher. Kurz sah er auf, als ich mich ins Bett legte, aber senkte sich direkt wieder. Niklas richtete sich auf, legte seinen Arm gekonnt um mich und kam mir deutlich näher, als ich wollte. Im nächsten Moment spürte ich seine Hitze an mir, die auch umgehend unter meiner Haut zuckte und ein Ziehen im Unterleib auslöste. Mein Kopf lag an seiner Schulter und meine Hand auf seiner Brust. Leichte Stoppeln fühlte ich beim sanften Streichen darüber und seine Muskeln zuckten.
      „Vriska?“, flüsterte Niklas, ich murmelte, „schläfst du schon?“
      Jetzt nicht mehr. Ich öffnete meine Augen wieder, nur leicht, aber sie waren offen.
      „Was ist denn noch?“, fragte ich verschlafen.
      „Du reitest morgen früh noch mal, bevor wir abfahren. Da sind wir allein in der Halle“, strich er mir liebevoll einige Strähnen aus dem Gesicht. Ich nickte bloß, bevor mich das Land der Träume wieder einholte.

      Lina
      Niklas Auto stand noch immer im Hof, obwohl es schon halb elf war. Die beiden hätten schon längst zurück sein sollen vom Training und so allmählich begann ich mir Sorgen zu machen, ob vielleicht etwas passiert sei. Immer wieder tigerte ich ruhelos durch die Wohnung, blickte auf mein Handy oder starrte aus dem Fenster in der Hoffnung Scheinwerfer oder so etwas zu erkennen. An Schlaf konnte ich nicht einmal denken, nicht so lang ich im Ungewissen schwebte. Im Fernsehen lief irgendein seltsamer Film, keine Ahnung worum es ging, denn ich schaffte es keine zwei Sekunden der Handlung zu folgen. Eigentlich hatte ich ihn nur eingeschaltet, in der Hoffnung ein wenig Ablenkung zu finden, doch das Gebrabbel, nervte mich ziemlich bald, sodass ich ihn ausschaltete. Die plötzliche Stille zwischen den Wänden wirkte unheimlich, sorgte nur dafür, dass ich noch nervöser wurde. Ich wünschte, meine Schwester wäre noch hier, sie wusste immer was zu tun war oder zumindest wie sie mich beruhigen konnte.
      Zusammengekauert saß ich auf der Couch, starrte abwechselnd auf die Uhr an der Wand und mein Handy. Die Zeiger näherten sich allmählich immer mehr Mitternacht und mit jeder verstreichenden Sekunde wuchs meine Anspannung nur noch mehr.
      Bereits vor einer Stunde hatte ich Niklas eine Nachricht geschrieben, warum sein Auto noch immer dastand, ob alles okay bei ihnen sei, doch bisher kam nichts zurück. Es war nicht ungewöhnlich nicht sofort eine Antwort von ihm zu erhalten, aber das war in diesem Fall nicht gerade beruhigend.
      Endlich verkündete mein Handy mit ein Ping, den Eingang einer Nachricht. Als ich vom Sofa aufsprang, stieß ich beinahe die Tasse von dem kleinen Tischen herunter, so eilig griff ich nach dem Gerät. Was ich dort las, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren und ich musste es mehrfach lesen, bevor ich glauben konnte, dass ich mir das nicht nur einbildete. Nein, die Worte standen ganz eindeutig da, Vriska hatte versucht, Selbstmord zu begehen.
      Wie fremdgesteuert tippten meine zitternden Finger eine Nachricht, hoffte, dass es ihr den Umständen entsprechend gut ging und dass ich froh war, dass er sich um sie kümmerte. Keine Ahnung, ob das die richtigen Worte in einer solchen Situation waren oder ob es überhaupt richtige Worte geben konnte.
      Eine Ewigkeit starrte ich nur auf den dunklen Bildschirm vor mir, unfähig mich zu regen oder einen Gedanken zu fassen. Um mich herum schien es noch stiller geworden zu sein, einzig mein rasender Puls drang in meine Ohren.
      Scheiße, war der erste Gedanke, der durch meinen Kopf schoss. So schlecht ging es ihr also, so schlecht, dass sie offenbar keinen Ausweg mehr sah. Wie hatte ich das nur übersehen können? Vriska lebte direkt vor meiner Nase und ich hatte es nicht mitbekommen! Wie konnte das passieren? War ich so mit mir selbst gewesen, dass ich gar nicht richtig merkte, was um mich herum geschah? War ich jetzt ein schlechter Mensch, weil ich mich erst um mein eigenes Seelenheil gekümmert hatte? Tausende solche Fragen schossen mir durch den Kopf, darunter auch immer wieder die Frage, ob ich etwas hätte ändern können, wenn ich mich anders verhalten hätte oder mehr auf Vriska geachtet hätte.
      Zufällig richtete sich mein Blick auf die Uhr. Erst jetzt nahm ich wahr, dass es schon weit nach einer Uhr war, auch wenn meine Gedanken immer noch Karussell fuhren sollte ich zumindest versuchen zu schlafen, ich würde meine Energie noch benötigen. Mein Leben war zwar ein Ponyhof, aber Ponys bewegten sich nicht von allein. Mechanisch, wie ein Roboter machte ich mich bettfertig, versuchte meine kreisenden Gedanken zu ignorieren, doch sobald ich im Bett lag und in die Dunkelheit starrte, kam diese in voller Intensität zurück. Erst in den frühen Morgenstunden verstummten sie endlich und ließen mich in einen traumlosen Schlaf sinken.

      Vriska
      Die Nacht war kurz, aber äußerst erholsam. In meine Nase kroch ein würziger und schmackhafter Geruch, der mir Wasser in den Mund laufen ließ. Langsam öffnete ich meine Augen und drehte mich wie üblich durchs Bett, streckte mich, bevor meine Füße auf den warmen Boden trafen. Dass Niklas nicht mehr im Bett lag, fiel mir zwar auf, aber kümmerte mich nicht. Denn dem Geruch zufolge stand er in der Küche und machte sich Frühstück. Trymr stand vor mir, freute sich und begann mit seinem täglichen Ritual. Seine düstere Stimme bebte bei jedem Jaulen. Aufgeregt trat er herum und legte seinen Kopf auf meinen Oberschenkeln ab.
      „Ach schön, du bist pünktlich wach“, trat Niklas aus dem Zwischengang zur Küche hervor. Immerhin hatte er es geschafft, eine Hose anzuziehen. Sein Oberteil fehlte noch, damit ich mich nicht noch schlechter fühlte hier zu sein, als ich es tat. Ich wendete meinen Blick von seinem Körper ab und widmete mich wieder dem Hund.
      „Er war schon unten und hat auch gegessen. Also kannst du dich einzig allein auf dich konzentriert“, strahlte er und drehte sich wieder weg. Verdutzt sah ich ihm nach, fest verankert an dem Punkt, wo er zuvor stand. So viel Aufopferung hatte ich nicht von Niklas erwartet, aber freute mich tatsächlich darüber.
      „Jetzt beeile dich, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, ich habe gleich noch Dienst in Kalmar“, rief er aus der Küche. Na gut, also stand ich endlich auf von der Bettkante und lief ins Badezimmer. Dort machte ich mich rasch frisch und zog meine Sachen von gestern wieder an, die Niklas offensichtlich in den Trockner geschmissen hatte und aufgehängt. Am Tisch erwartete er mich bereits.
      „Ich möchte nichts essen“, murmelte ich heiser. Meine Stimme verschwand langsam wieder, aber dann bemerkte ich die weiße Tasse mit einer dampfenden dunklen Flüssigkeit. Ausnahmslos musste, dass Kaffee sein und ich nahm einen Schluck. In meiner Kehle floss die warme und bittere Substanz hinunter. Direkt fühlte ich mich besser.
      „Doch, du isst was. Hast du dich mal angeschaut?“, fragte er ernst.
      „Ja, aber was geht dich das an?“, verteidigte ich mich.
      „Ich fühle mich für dich verantwortlich, solang niemand auf dich aufpasst. Also, iss“, lächelte Niklas. Wer sollte denn auf mich aufpassen? Meinem Handy zufolge hatte sich niemand Gedanken gemacht, dass ich nicht nach Hause gekommen war. Allerdings würde Tyrell spätestens am Abend dich darüber aufregen, dass sein Auto nicht an seinem Platz stand. Also nickte ich nur und pulte mit der Gabel auf dem Teller herum. Der Konsistenz deutete auf Tofu hin, aber mein Auge sagte Ei. Niklas wusste jedoch, dass ich niemals ungeborene Kinder von Hühnern essen würde, also musste es Tofu sein. Nach der ersten Gabel davon im Mund bestätigte sich meine Annahme und es schmeckte unbeschreiblich gut. Mein Hirn weigerte sich dennoch zu akzeptieren, dass ich aufaß und die Hälfte verblieb auf dem Teller.
      „Ich denke nicht, dass Lina das hier gefällt“, seufzte ich.
      „Dass wir zusammen frühstücken?“, fragte er ungläubig beim Abräumen des Tisches. Trymr bekam meine Reste und verschlang sie so gleich.
      „Nein“, begann ich, atmete tief durch, „das alles hier. Es tut mir leid.“
      „Jetzt höre auf, tausendmal darüber nachzudenken. Vielleicht ging das auf dem Parkplatz zu weit, aber sonst habe ich einer Freundin in einer schweren Situation geholfen. Mehr nicht“, lächelte er. Erleichtert war ich nicht, aber akzeptierte seine Ansicht. Was war das nur, dass ihn und seine nur schemenhaft vorhandenen Gefühle jeden Tag auf den nächsten als Verteidigungsstrategie nutzte, um meine eigenen zurückzustellen? Ich fühlte mich schlecht zu jemanden wie ihn aufzusehen und immer den Gedanken zu haben, dass ihn mir warmhalten müsste, obwohl es jemanden in seinem Leben gab. Jemanden, der nicht ich war. Dabei vergaß ich mich selbst, vergaß das auch jemanden hatte, der mir so viel gab. Doch Erik hatte innerhalb kürzester Zeit dafür gesorgt, nicht mehr interessant zu sein. Er bemühte sich nicht, um etwas wie eine Beziehung zu führen, sondern hatte in Schweden direkt das Gefühl vermittelt, schon seit Jahrhunderten an meiner Seite zu sein.
      „Komm, Kleines. Dein Schiff wartet“, legte Niklas schützend auf meine Schulter und ich legte meinen Kopf nach hinten, um zu ihm aufzusehen. Sein Aftershave lag prägnant in Luft und kitzelte in der Nase, auch wenn es ziemlich ätzend wirkte.
      „Fahren wir zusammen zur See?“, fragte ich übertrieben melodramatisch. Er lachte, dann nickte er und lief zur Tür. Ich folgte ihm. Nicht mehr von meiner Seite weichend trabte Trymr, denn ich mittlerweile nicht mal mehr an eine Leine befestigte.
      Auf dem Gestüt herrschte nahezu eine friedhofähnliche Stille. Aus der Ferne vernahm man einen Traktor und ein paar Pferde wieherte. Hinter einer dicken und grauen Wolkenfront versteckte sich die Sonne. An einem Samstagmorgen hätte ich mehr Bevölkerung erwartet, aber so akzeptierte ich es auch. Im Stall brannte bereits das Hauptlicht und die Türen zum Paddock waren offen. Einige Halfter hängen im Gang, ganz allein waren wir also nicht.
      „Ich würde gerne auf den Fleeceplatz“, sagte ich entschlossen und sah zu Niklas, der vor Lubis Box stand. Die Stute sah interessiert über die Front und kaute genüsslich.
      „Können wir machen“, zuckt er mit den Schultern. Niklas setzte sich in Bewegung und verschwand in der Sattelkammer. In der Zeit nahm ich das Halfter von der Front, holte das riesige Pferd heraus. Als Erstes entfernte ich ihre Decke.
      „Kannst du mir geben“, kam Niklas zurück und nahm seine Decke entgegen, während er die Putztasche an die Seite gegenüberstellte. Wann hatte er das Ding eigentlich aus dem Hänger geholt? Die rosa Tasche, die sonst sehr abgestimmt zu ihrem sonstigen Equipment war, musste Zeitnah ersetzt werden. Am liebsten würde ich auch jeglichen Zaum der Stute ersetzen und die roségoldenen Gebisse, aber dafür fehlte das nötige Kleingeld. Also ich konnte vom auszubildenden Lohn fabelhaft Leben, aber für solche Ausgaben war ich nicht vorbereitet. Rücklagen für mögliche Reparatur am Auto hatte ich, aber würde nicht für ein eigentlich fremdes Pferd investieren, also musste ich noch eine Weile damit klarkommen, dass Anna sie in einem typischen Mädchenlook einkleidete. Tatsächlich hätte sich mein altes ich darüber ziemlich gefreut, aber ich hatte mich weiterentwickelt und vordergründig sehr verändert.
      „Muss ich dir jetzt noch erklären, wie man ein Pferd putzt?“, lachte Niklas. Er stand urplötzlich hinter mir und legte seine Hand auf meine. Mit einer streichenden Bewegung bürsteten wir zusammen über das kurze Fell der Stute. Verwirrt drehte ich mich zu ihm um und blickte mit zusammen gekniffenen Augen zu ihm hoch.
      „Ich schaffe das allein“, drückte ich ihn weg und durfte selbst weiter machen. Er lachte noch immer. Idiot. Zum Glück verschwand er dann wieder, holte wieder das Sattelzeug und begann sie fertig zu machen. Das Fell war so gut wie sauber, was sollte auch dreckig werden, wenn sie eine Decke trug. Die Hufe hatte ich auch gereinigt, wobei ich merkte, dass der Hufschmied langsam mal kommen sollte. An der Seite wuchs bereits die Hufwand über das Eisen und der allgemeine Zustand wirkte auch sehr besorgniserregend. Hufe sollten eine gewisse Länge haben, aber ihre Waren viel zu steil und lang, um, dass sie die nötige Griffigkeit haben konnte und vernünftig abrollte.
      „Sind Sie so weit, der Herr?“, fragte ich Hulk an der Wand, der seine Augen auf dem Handy verloren hatte.
      „Oh“, sagte er. Wie bei etwas erwischt, steckte Niklas sein Handy weg und folgte mir.
      „Aber an eine formale Ansprache könnte ich mich gewöhnen“, lachte er dann.
      „Selbstverständlich, wenn Sie das gernhätten, Herr Olofsson“, kicherte ich, als wir am dunklen Reitplatz ankamen, der unschuldig neben den Ponypaddocks ruhte. Weitere Menschenseelen waren nicht in Sicht, was Niklas wohl nutzte, mit beinah bedrohlich nah zu kommen. Seine warmen Hände lagen an meinem Hals, drückten sanft meinen Kopf nach oben, dass ich gezwungen war, den innigen Blickkontakt zu halten. In seinen mehrfarbigen Augen funkelte die Lust. Der Griff wurde fester und eine Atmung tiefer.
      „Willst etwa nicht“, flüsterte Niklas verführerisch.
      Ich schluckte, konnte aber meinen Blick nicht abwenden.
      „Doch“, atmete ich schwer, „aber es geht nicht.“
      Genervt rollte er die Augen nach oben und ließen von mir. Zum Glück, denn noch länger hätte ich die Fassade nicht mehr halten können. Da nichts mehr von ihm kam, außer einem Kopfschütteln, führte ich Lubi in die Mitte des Platzes und gurtete noch einmal nach. Mit einem großen Schritt stieg ich in den Bügel und drückte mich in den Sattel hinauf. Ihre Widerristhöhe war nicht gerade niedrig bei einem Maß von hundertachtzig Zentimetern.
      “Du bist ziemlich langweilig geworden über Nacht, weißt du das?”, rief mir Niklas, beinah eingeschnappt, zu und stand mit verschränkten Armen am Zaun.
      “Wenn Sie das meinen”, lachte ich, “aber mit dem Trainer rumzumachen ist wohl nicht die feine englische Art.”
      “Ach, ich bin jetzt also dein Trainer?”
      Ich zuckte mit den Schultern.
      “Scheint so”, fügte ich hinzu und hielt Lubi vor ihm an.
      “Na dann, Ferse weiter runter, Schultern zusammen und Knie mehr an den Sattel. Weiter”, wurde sein Ton ernster und klopfte der braunen Stute auf den Po. Sie richtete ihre Ohren nach hinten, bis meine Hilfe kam zum Anreiten. Sie schnaubte ab.
      Besten Gewissens versuchte ich seinen Befehlen folgezuleisten, auch wenn es mir an einigen Stellen wirklich schwerfiel. Niklas verlangte dem Pferd und mir nicht nur physisch etwas ab. Nach einer intensiven Trabphase mit Versammlungen und Seitengängen, folgten Verstärkungen. Zwischendrin hielten wir an, wendeten auf der Hinterhand und aus der Bewegung heraus wieder in den Trab. Mir blieb dabei nicht viel Zeit, um über irgendetwas nachzudenken oder eine seiner Übungen anzuzweifeln. Kurz Verschnaufpausen durften wir machen aber mussten dann umgehend an derselben Stelle fortfahren. Im Galopp schaltete mein Kopf sich nahezu vollständig ab. Ich konzentrierte mich einzig allein auf seine Worte und bewegte meine Arme sowie Beine nur noch nach Gefühl, wusste nicht, worauf das hinauslief.
      “Wir werden jetzt noch seinen Zweiwechsel machen auf der Diagonalen”, sprach er und zeigte auf H. Dort bog ich ab und galoppierte drei Sprünge auf der geraden Linie. Dann folgte der erste Wechsel. Im Genick stellte ich sie minimal und legte im selben Atemzug meinen bisher inneren Schenkel vom Gurt zum Verwahren höher. Niklas zählte im Takt, wann ich wieder wechselte und das Pferden springen ließ. Erschöpft kaute Lubi mir die Zügel aus der Hand, schnaubte mehrfach ab und streckte den Hals unter das Buggelenk. Immer wieder lobte ich sie durch Streichen über den Hals. Ich war nicht nur vom Pferd begeistert, sondern auch von meiner Leistung.
      “Danke für Ihre Hilfe”, lachte ich Niklas an, der mit einem zufriedenen Lächeln noch am Zaun stand und von seinem Handy aufsah.
      “Kein Problem”, kam es als Antwort, doch er schien noch zu überlegen, “bekomme ich jetzt eine Gegenleistung?”
      Seine Augen begannen zu funkeln, als gäbe es einen Grund dafür. Ich drückte ein Auge langsam zu und zog dabei meine Lippe mit nach oben. Der Sache traute ich nicht ganz.
      “Was wollen Sie für eine Gegenleistung? Geld?”, fragte ich nach, ohne meinen skeptischen Blick von ihm zu wenden. Wieder überlegte er, zumindest tat er so. Niklas spitzte seinen Mund und beobachtete die Wildgänse am Himmel.
      “Schau mal”, sagte er auf einmal sehr überrascht und zeigte hinter die Zugvögel. Zwischen Wolken tauchte ein besonderer Vogel auf. Ich hatte ihn mittlerweile Tobias getauft, denn er verfolgte mich. Natürlich könnte es auch weiblich sein, doch mir fiel dieser Name als Erstes ein. Tobias war ein Gerfalke, der eigentlich nicht in Gefilden wie diese zu finden war. Wir hatten Winter und von Nähe erkannt ich, dass er kein Jungtier war. Nur Jungtiere zogen im Herbst für einige Wochen Richtung Dänemark und legten mehr als dreitausend Kilometer vom Brutnest zurück. Alttiere verblieben meistens im Norden Finnlands oder Islands. Auch oben in Schweden wurden Tiere dokumentiert, aber eigentlich nicht an der Ostküste ziemlich südlich.
      “Das ist Tobias”, lachte ich und sah wieder zu Lubi, die dem Vogel hoch oben am Himmel keinerlei Beachtung schenkte.
      “Was? Du kannst doch einem Gerfalken nicht den Namen Tobias geben. Was stimmt in deinem Kopf nicht?”
      “Alles”, scherzte ich weiter.
      “Gehört der dir?”, fragte Niklas verwundert nach. Ja, klar. Ich hielt mir Raubvögel, wie andere, Katzen.
      “Nein, Herr Olofsson”, klärte ich auf, “Tobias kommt immer, wenn ich Entscheidungshilfen brauche, als wäre er ein Zeichen des Universums.”
      Niklas musterte mich.
      “Du bist wirklich nicht mehr ganz dicht. Aber was offenbart Tobias dir denn?”, fragte er dann doch überzeugt.
      “Was weiß ich? Sonst kann ich genau sagen, was Tobias mir mitteilt, doch heute bin ich sprachlos und erfreue mich seiner Präsenz”, zuckte ich mit den Schultern. Mir schwante Böses, was Niklas als Nächstes sagen würde. Ich konnte mir skizzenhaft vorstellen, was er als Gegenleistung erwartete und würde nun auch noch Tobias, meiner Entscheidungshilfe in der Not, als Grund aufführen. Was würde passieren, wenn ich meinem Vogel nicht nachkommen würde und einfach auf meine Vernunft hörte? Eigentlich wollte ich das Schicksal nicht herausfordern. Also trieb ich Lubi aktiver nach vorn, um mehr Raum zwischen ihm und mir zu gewinnen. Auf der gegenüberliegenden Seite drehte ich einige Volten und auch eine Acht, bis er wirklich noch eine Antwort fand. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als Niklas den Mund öffnete.
      “Also”, quälte er mich absichtlich und pausierte, bis er weitersprach, “du solltest dir schon eine kreativere Gegenleistung ausdenken als Geld.”
      “Wenn Sie es so wollen, überlege ich mir etwas Schönes, aber das sollten Sie im Voraus mit Ihrer Partnerin klären. Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen in Erklärungsnot geraten”, blieb ich standhaft. Wieso, ich ihm etwas schuldig war, erschloss sich mir aber auch nicht. Im Zimmer zeigte er sich noch distanziert, als wäre es das normalste der Welt jemandem zu helfen und nun verlangte er eine Gegenleistung dafür. Diese Gegenleistung sollte aber offenbar tiefer eindringen, als es mir lieb war. Ich schüttelte den Kopf, nein. Nichts mehr würde unter der Gürtellinie ablaufen.
      “Übertreibst du nicht ein wenig, dass du immer nur an Lina denkst?”, kam er langsam auf mich zu. Meine Augen zogen sich schlagartig weit auf.
      “Offensichtlich tun Sie das nicht, also gehört das nun in mein Aufgabenfeld”, rollte ich mit den Augen. Kaum zu fassen, dass er so mit der Tatsache umging, eine Beziehung zu führen, für die er mehr oder weniger selbst in die Wege leitete. Undankbar, wirklich. Lina tat wirklich Vieles für ihn, folgt sogar extra in ein sehr weit entferntes Land. Natürlich war es mit Samu eine glückliche Fügung und Tobias schlug zu, dennoch hätte sie sicher ein besseres Leben auf dem WHC mit ihrem magischen Einhorn und Menschen, die sie kannte und vertraute. Mir zu vertrauen wäre auch keine gute Idee, nicht mal ich selbst konnte das.
      “Ich merke schon, plötzlich interessiert dich, was andere denken”, kam seine hochnäsige Art wieder, als hätte ich ihm gerade vor allen Menschen bloßgestellt. Prüfend sah ich mich um, aber niemand schien zu uns zu sehen oder dem Gespräch zu folgen. Dann stieg ich ab. Niklas ballte seine Fäuste und trat wie ein wütendes Kind durch die Fleece Fetzen.
      “Niemand kann etwas dafür, dass Sie eine Beziehung führen”; zuckte ich mit den Schultern. Schlagartig drehte er sich um zu mir, kam einige Schritte auf mich zu und legte wieder seine Hände an meinen Hals. Meine Atmung wurde erneut tiefer, aber ich versuchte mir vorzustellen, was für schlimme Dinge Lina passieren würden oder könnten. Ich wollte nicht, dass sich in Situationen wiederfand, die ich beinah tagtäglich durchlebte.
      “Niklas, lass mich los”, sagte ich ernst.
      “Beantworte mir eine Frage”, stellte er schon wieder Forderungen.
      Ich nickte.
      “Wenn du urplötzlich deinen sonst so vergötterten Kerl abgeschossen hast, weil du Angst hast vor den Gefühlen, die du mir gegenüber empfindest und ich zugegebener Maße auch – Was stört dich an ihm?”
      Was redete er da? Hatte er getrunken? War die Flasche Wein vielleicht nicht nur das nächtliche Getränk der Wahl, sondern auch zum Frühstück? Den Teil mit den Gefühlen versuchte ich bestmöglich zu ignorieren, denn das lief so nicht, selbst, wenn es Lina nicht geben würde. Es stand für uns fest, dass es nur eine nette Zeit zusammen sein sollte mit viel Spaß, aber ohne eine tiefgründige Bedeutung. Daran hielt ich gedanklich fest.
      “Erik”, ich seufzte, ihm von seinem Bruder zu erzählen, fühlte sich falsch an, aber jemanden musste ich mich öffnen. Trymr, der am Tor saß und alles haargenau beobachtete, spitzte die Ohren.
      “Erik war sich seiner Sache zu sicher und damit wirkte er plötzlich so langweilig. Ich will jemanden, der was erleben möchte, nicht nur mit seiner Tochter irgendwo hinfährt, wodurch ich dann allein zu Hause sitze. Er soll sich anstrengen und mehr Elan zeigen. Keine Ahnung, klingt bescheuert”, zuckte ich mit den Schultern.
      “So?”, kam er wieder sehr nah und konnte seine Finger nicht von meinem Hals lassen.
      Aber ich nickte.
      “Dann sag es ihm”, schlug Niklas vor.
      “Nein, soll er sich selbst etwas einfallen lassen”, antworte ich trocken und durfte endlich mein Pferd zurückbringen. Müde trottete die Stute mir nach in den Stall. Mittlerweile fühlte sich die Gasse. Eine gutaussehende, deutlich größere, jüngere Dame kam auf uns zu, musterte uns von oben bis unten.
      „Seid ihr endlich fertig mit herummachen“, pikierte sie eingeschnappt. Niklas und ich sahen einander ziemlich schockiert an.
      „Was auch immer du gesehen haben willst“, begann er entschlossen zu sagen, „entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir haben über ihren Freund gesprochen.“
      Ahja, gut. Dann spiele ich mal mit, dachte ich und nickte.
      “Ihr werdet schon noch sehen, wo das endet”, betrachtete sie uns weiter, griff nach den Zügeln ihres Pferdes und verließ die Gasse.
      “Du bist doch nur neidisch”, rief ich noch nach. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen, derartige Behauptungen an den Kopf geworfen zu bekommen, auch wenn sie stückweise recht hatte.
      “Auf dich? Hast du mal in den Spiegel geschaut? Außerdem habe ich es gar nicht nötig, mir jeden Tag neue Dinge einfallen zu lassen, damit auch wirklich jeder hier am Hof auf dich schaut und mit mir in Kiste hüpfen will”, schnaubte sie.
      Mir war neu, dass, bis auf Niklas, jemand dringend ein Bedürfnis hatte, das nur mit mir befriedigt werden konnte. Er sah ihr noch nach und bekam meinen Ellenbogen in die Seite.
      “Aua”, störte er sich und sah böse zu mir herunter.
      “Hör auf ihr auf den Arsch zu glotzen”; flüsterte ich.
      “Wieso? Ich darf doch wohl noch gucken, wenn du mich nicht machen lässt”, schmollte Niklas theatralisch. Man, hör auf so zu sein, das macht mich verrückt!
      “Aus guten Gründen und jetzt hilf mir lieber, du musst gleich arbeiten”, erinnerte ich ihn. Dann sammelte er die Sachen ein von Lubi, während ich mich mit Hund und Pferd auf die kleine Reise zum Hänger machte. Dort nahm Niklas mir netterweise den Sattel vom Rücken des Tieres und lud alles ein. Lubi lief zufrieden die Rampe hinauf, mit einer Decke bekleidet und den Transportgamaschen an den Beinen.
      Im Auto fielen mir immer wieder die Augen zu, obwohl ich mir nicht sicher war, ob es eine gute Entscheidung war, ihn ans Steuer zu lassen. Erst wenige Meter vor dem Hof wurde mir klar, dass ich gegenüber Lina in Erklärungsnot geraten würde, sollte sie mich fragen anstelle ihres tollen Freundes, warum sein Auto noch dastand und ich erst vierzehn Stunden später nach dem eigentlichen Training wieder am Hof war. Aber natürlich hatte Tobias dafür gesorgt, dass mit einem langen beigen Mantel auf der Terrasse stand, mit der Hand am Ohr und dem Blick unseres Autos folgte.
      “Na toll, darauf habe ich jetzt Lust”, murmelte ich und lehnte mich tief in den Sitz.
      Niklas lachte.
      “Jetzt stell dich nicht so an, was soll schon passieren?”, kommentierte er und provozierte mich mit seiner Hand auf meinem Oberschenkel.
      “Finger weg!”, beschwerte ich mich, “Vielleicht frisst sie mich, dann wäre ich wenigstens weg und sie satt.”
      Er lachte wieder.
      “Was ist denn bitte so lustig? Soll ich dich mal in das Gefühl hineinzuversetzen?”, versuchte ich an seine Vernunft zu appellieren.
      “Viel Erfolg”, grinste er und fuhr weiter langsam entlang. Beherzt griff ich ihm in den Schritt, nicht unbedingt sanft, sondern herausfordernd, mit Intention, als wäre es eine Vorbereitung für eine schnelle Nummer im Auto. Seine Augen wurden größer und als ich langsam die Knöpfe der Jeans öffnete, hielt er mich am Handgelenk fest.
      “Ist okay, ich verstehe es”, stammelte Niklas und schloss wieder alles.
      Gewonnen. Zwei zu null für mich, genau genommen, hatte ich schon drei Punkte und er zumindest einen. Unwichtig. Ich lag in Führung.
      Niklas parkte das Auto auf dem Parkplatz und stieg aus. Er fummelte sich erneut an der Hose herum und sah dabei unter seinen abgestützten Arm hindurch, den er am Dach lehnte. Dann öffnete er plötzlich mit seiner rechten Hand die Knöpfe wieder und den Stoff ein Stück nach unten, gerade so, dass ich alles sehen konnte, aber von hinten alles normal wirkte. Peinlich berührt sah ich weg, nach dem ich zu intensiv hinsah und stieg aus dem Auto. Niklas richtete sich gerade und schloss alles im Handumdrehen.
      “Mit dem rasieren üben wir noch mal”, lachte ich und lief zum Hänger. Es ging ums Pferd, na klar. Zumindest, wenn jemand fragten sollte.
      “Das ist dann wohl trotzdem ein Punkt für mich”, scherzte er und warf den Schlüssel über das Dach zu mir. Nur mit einem Schritt nach hinten konnte ich das Ding fangen und rempelte geradewegs gegen mein Auto, dass mich als Bedrohung ansah und laut begann zu piepen. Ich trat noch mal gegen und es wurde wieder leise.
      “Zwei”, triumphierte Niklas.
      “Genaugenommen habe ich drei und du jetzt zwei, okay?”, offenbarte ich meine Zählung.
      Er nickte. Langsam kam Lina angelaufen, sprach noch so etwas wie eine Verabschiedung in ihr Handy, glaube ich zumindest, denn eigentlich verstand ich kein Wort davon. Doch, die Tatsache, dass sie kurz darauf das Gerät wegpackte, unterstützte diese Hypothese.
      “Schön, dass ihr auch wieder auftaucht. Ihr habt ja erstaunlich gute Laune”, sagte sie kurz angebunden, blickte zwischen uns her. Wo hatte sie denn ihre sonst so gute Laune verloren.
      „Ich freue mich auch dich zu sehen“, lächelte aufgesetzt falsch, „aber okay. Soll ich lieber einem Typen nach heulen, der seinen Hund einfach bei mir abgeladen hatte und plötzlich zu einem Waschlappen wurde? Wenn dir das lieber ist, schaffe ich das.“
      Dann zuckte ich mit den Schultern, beide sahen mich verwirrt an, aber das fühlte sich an, wie mein Moment und ich wetterte weiter.
      „Offensichtlich ist seine Tochter ansteckend, ich nicht mehr interessant genug, um Macht zu demonstrieren. Er traut sich ja nicht mal richtig zu kuscheln, weil er dann eine Beule in der Hose bekommt, wie tragisch“, rollte ich immer wieder mit den Augen und schmiss das Zeug der Stute aus dem Kofferraum. Vermutlich ging das nun doch inhaltlich etwas zu weit, aber ich musste gerade überspielen, dass ich ihn in Wahrheit wirklich vermisste, auch wenn’s soweit stimmte. Wichtig war auch, mir nicht einzugestehen, dass ich keine Entscheidung treffen konnte oder wollte. Ich hätte gerne die Wahl, wer bei mir war.
      „Das reicht“, stoppte Niklas mich, in dem er meinen Arm zur Seite zog. Eigentlich wollte ich gerade zum nächsten Manöver ansetzen, aber bekam einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt, denn ich unauffällig in meiner Hosentasche verschwinden ließ. Das meinte ich, wenn ich sagte, dass es mit Erik langweilig sei. Ja, wir mussten uns nicht vor neugierigen Blicken schützen, aber trotzdem.
      Lina fehlten die Worte, aber ihr Freund wusste sie auf etwas anderes zu lenken. Gab es dafür auch Punkte? Wenn ja, war er mir einiges voraus, einfach so zu tun, als wäre nichts gewesen. Aber ich sei Gewissen- und Morallos, logisch. Ich hatte noch anderes zu auf meinem Plan, holte zunächst Trymr von der Rückbank, der erst mich begrüßte und dann Lina aus Niklas Armen riss. Innerlich lachte ich ziemlich darüber, aber dann fiel meine Aufmerksamkeit auf den dunklen Anhänger am Auto.
      „Ich komme doch schon“, sagte ich zu Lubi, die begann im Hänger zu trampeln und zu wiehern. Neugierig streckte den Kopf durch die Seitentür und schnüffelte interessiert. Sanft strich ihr mit meinen kalten Fingern über das weiche und warme Maul. Dann wühlte ich ein Leckerli heraus, dass sie gierig verschlang. Hinten öffnete ich die Klappe allein, den die beiden Verliebten hatten überhaupt kein Interesse daran, mir noch ansatzweise zu helfen. Aber selbst ist die Frau! Lubi wartete mit dem langsamen Rücktreten, bis ich die Stange entfernt hatte und an der Seite stand. Dann liefen wir zusammen in den Stall, in dem die Box auf sie wartete. Die Decke nahm ich ab und warf sie in die Ecke, um aus der Sattelkammer eine gefütterte zu holen. Kurz überlegte ich eine von uns zu nehmen, denn das altrosa konnte ich langsam nicht mehr sehen, aber ich fad auf Anhieb sonst keine, die ihr passen könnte und gefüttert war. Also musste das Ding herhalten. Ruhig wartete sie, bis ich fertig war und die beiden Türen zum Paddock öffnete. Immer wieder streckte Lubi ihre Oberlippe nach einem Heuhalm aus, um ihn mit chirurgischer Genauigkeit zu zerkauen.
      “So, viel Spaß”, sagte ich und klopfte auf ihren Po, als sie ins Freie stürmte. Interessiert streckte sie ihren Kopf über die hohen Gitter und flirtete mit Nobel. Der Fuchshengst stand auf dem ersten Paddock und trabte aufgeregt am Zaun entlang, machte jedoch keine Anstalten intensiv zu versuchen, zu der Stute zu gelangen. Ihre Aufmerksamkeitsspanne dem Pferd gegenüber hielt auch nur kurz an, bevor der Heusack interessanter wurde. Neben Lubi blickte mich Smoothie interessiert an, danke! Die Schimmelstute erinnerte mich daran, dass ich noch den kleinen Zettel von Niklas bekommen hatte, der in meiner Hosentasche seinen Platz fand.
      In der Stallgasse setzte ich mich auf eine der Bänke und Trymr hatte sich auf meine Füße gesetzt, den Blick fest zum Rolltor gerichtet. Ich hielt den sehr klein zusammengefaltet Zettel in der Hand, wechselte immer vom Hund zu dem Stück Papier. Egal, was darauf stehen würde, war es das wert? Sollte ich mir überhaupt darüber Gedanken machen, es mir durchlesen und damit die Welt verändern? Es war ein typisches Problem, entweder ich blieb im Ungewissen, in dem ich das Ding verbrannte und nicht mehr daran dachte, oder ich öffnete es und. Und was? Ich wusste es nicht, aber meine Vermutung war groß, dass ich damit den Zeitstrang änderte in etwas, das nur kurzzeitig anstand, kurzzeitig Spaß machte und die Zukunft negativ beeinflusste. Meine Knie wippten aufgeregt.
      “Komm, wir gehen erst mal rüber. Bei einem Kaffee kann ich besser denken”, sagte ich zu Trymr, der ohnehin nichts verstand. Aber er folgte mir zum Haus. Von Lina und Niklas war nichts mehr zu sein, auch sein Auto stand nicht mehr. Aber der Hänger war geschlossen und auch die Seitentür zu.
      “Danke”, flüsterte ich ins Leere, als spreche ich mit einem ominösen Hofgespenst, dass heimlich aufräumte.
      Meine Hütte war kalt und still. Wenig Licht fiel durch die hohen Fenster und ich drückte zunächst auf den Lichtschalter, um einen Überblick zu bekommen. Verwundert sah ich zu dem schwarzen Koffer, der neben der Couch stand. War das nicht der von meinem Bruder? Er hatte diesen eigentlich im Schrank verstaut und nicht dort hingestellt. War er hier? Trymr schnüffelte interessiert alles ab, folgte vom Koffer ins Schlafzimmer. Schockiert hielt ich mich an der Wand fest.
      “Was machst du hier?”, rief ich aufgebracht. Harlen drückte sich verschlafen von der Matratze hoch.
      “Wie spät ist es?”, murmelte er.
      “Kurz vor Zwölf”, antwortete ich.
      “Dann lass mich noch ein paar Minuten.” Umgehend drehte er sich wieder ins Kissen. Was genau passierte hier? War ich die Einzige, die die Welt nicht mehr verstand? Ich glaube kaum. Rücksichtslos zog ich mich um, schlüpfte in eine viel zu große Jogginghose und wechselte meinen Hoodie gegen einen anderen. Dabei nahm ich fein säuberlich den Zettel aus der Reithose und steckte ihn an die Seite in meine lockere Hose. Die Tasche hatte einen Reißverschluss, denn ich überzeugt hochzog. In der Küche funkelte mich die Kaffeemaschine an, die mir innerhalb kürzester Zeit ein Heißgetränk zubereitete und dabei laute Geräusche verursachte.
      “Muss das sein?”, beschwerte sich Harlen genervt aus dem Schlafzimmer.
      “Ja, du bist hier eingebrochen und ich muss auch leben”, lachte ich nur und nahm die Tasse entgegen. Vom Haken griff ich mir eine dicke Jacke, in der eine Schachtel Zigaretten steckte. Bewaffnet, mit allem, was ich brauchte, lief ich hinaus auf die Terrasse und setzte mich auf einen der Holzstühle an meinem kleinen Tisch.
      Der Glimmstängel kratzte ekelhaft im Hals, aber nach zwei weiteren Zügen normalisierte sich der Geschmack wieder. In Kombination mit dem Kaffee fühlte ich mich ungewöhnlich frei. Trymr blieb im Haus, aber saß vor einem der Fenster und starrte genau in meine Richtung, um mich nicht aus den Augen zu verlieren. Ich musste diesen Zettel lesen, strömte es durch meinen Kopf und ich holte das geknickte Papier heraus. Langsam öffnete ich es, hielt die Augen geschlossen. An meinem Hals pulsierte die Hauptschlagader und meine Finger zitterten in der Kälte. Meine Knie wippten wieder aufgeregt und ich musste mehrfach tief durchatmen, um nicht die Fassung zu verlieren. Du schaffst das Vriska, flüsterte ich mir leise zu und öffnete die Augen.
      > Glöm inte Erik, ha honom i åtanke, men hitta en distraktion för att hålla huvudet kallt.
      “Vergiss Erik nicht, behalte ihn im Hinterkopf, aber suche dir eine Ablenkung, um einen klaren Kopf zu behalten”, las ich in Niklas ordentlicher Handschrift auf dem Kästchen Papier. Darunter standen noch Ablenkung und eine Telefonnummer. Nervös biss ich mir auf meinem Daumen herum, solange, bis ich Schmerzen empfand. Einerseits tat er alles dafür, dass ich nicht mit Erik Zeit verbrachte, aber andererseits, setzte Niklas sich dafür, dass ich mich an ihm festhielt. Er verhielt sich genauso inkonsequent mit seinen Aussagen wie ich, obwohl ich ihn immer als sehr ausdauernd und genau einschätzte. Aber was solls? Ich speicherte die Nummer als ‘Avledning’ ein. Direkt bot es mit iMessage an und ich verfasste an meine Ablenkung. Es konnte nur eine weitere Nummer von Niklas sein, denn mich an irgendwen weiterzuleiten, schien nicht sein Fachgebiet zu sein.
      “Hej Avledning”, tippte ich. ‘Gesendet’ wechselte direkt zu ‘Gelesen um 12:04 Uhr’. Mein Herz schlug Purzelbäume, als die drei Punkte gleichmäßig sich wellenartig bewegten, bis sie endeten und eine graue Nachricht erschien. Ich schloss meine Augen und sperrte das Handy aufgeregt. Was passierte hier?
      “Keine Namen, keine Bilder, nur der Moment”, leuchtete es auf dem Bildschirm, als ich doch nachsah. Niklas saß vermutlich im Auto, also wie würde er das schreiben sollen? Vielleicht war es doch nicht? Aber mir egal, ich brauchte Ablenkung, das stand fest. Ich stimmte der Nachricht zu, die umgehend gelesen wurde, aber eine Antwort kam nicht direkt. Mehrfach sah ich auf das leere Display des Handys, bis ich den Boden der Tasse betrachtete und entschied mein Chaos zu beseitigen.
      Obwohl ich ungewöhnlich motiviert den Hänger ausräumte und säuberte, ließ mich der Zettel in Gedanken nicht mehr los. Ich hatte alles getan, was er von mir wollte, aber es kam nichts. Was sollte das für eine Ablenkung sein? War es vielleicht noch Niklas, und wenn nicht, wer dann? Welchen Grund gab es, dass ich die Handynummer von jemanden wild Fremdes bekam? Auch, dass mein Bruder urplötzlich wieder da war und tat, als wäre nichts geschehen, brachte mich aus dem Konzept. So sehr, dass ich blind in Lina hineinlief, die gerade Vintage durch die Gasse führte. Seine Beine waren vollständig mit Matsch bedeckt, sowie sein Bauch und auch ihre Stiefel. Mürrisch knurrte sie mich an.
      “Tut mir leid”, murmelte ich beschämt.
      “Schon okay, aber mach das nächste Mal deine Augen auf”, brummelte sie und setzte das Pferd wieder in Bewegung. Ihr Ton irritierte mich, auch wenn ich nachvollziehen konnte, dass Lina nicht wirklich gut auf mich zu sprechen war.
      “Ich wünsche mir den Sommer zurück”, rief ich ihr nach, ohne mich einen Schritt bewegt zu haben. Die Schubkarre knallte auf den kalten Beton. Vinnies Ohren drehten sich kurz nach hinten, aber er blieb ruhig.
      “Welchen Teil davon? Das Chaos oder das Wetter?”, ging sie auf meine Aussage ein, ohne dabei anzuhalten. Mein Kopf senkte sich intuitiv, während meine rechte Hand energisch den linken Unterarm zerdrückte.
      “Das was wir hatten”, sagte entschlossen, aber es kam keine Reaktion. Also atmete ich noch mal tief durch, sah hoch an die Decke zu den freistehenden Balken und unterdrückte meine Tränen.
      “Meine beste Freundin ist zwei Tage vor meinem Geburtstag im April gestorben”, sprach ich unberührt aus, “ich bin mit ihr zum Kindergarten gegangen. Jetzt ist sie weg, für immer und alle anderen auch.” Lina verharrte für ein paar Sekunden in der Bewegung, bevor sie sich umwand. Der eben noch so misslaunige Ausdruck auf ihrem Gesicht war milderer geworden. Stumm kam sie zurückgelaufen, schloss einfach ihre Arme um mich.
      “Das tut mir wirklich leid für dich, das muss schrecklich für dich sein”, sprach sie leise und es klang wirklich aufrichtig.
      “Ihr Tod war nicht das Schlimmste daran, sondern das es niemanden interessierte. Jeder von uns machte weiter, wie zuvor, als wäre nichts passiert”, offenbarte ich das Tiefste in mir, “Keiner sprach darüber, sie wollte nicht einmal mich sehen und ich bekam auch keine Einladung zur Beerdigung. Alles war einfach zu Ende, weg. Es tut mir leid”, wechselte mein Hirn wieder das Thema. Gerade als ich dazu ansetzte, mich dafür entschuldigen zu wollen, dass ich in einem Bett mit ihrem Freund schlief, intensivierte sich die Umarmung und ich verstummte. Vielleicht gab es Dinge, die zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden sollten, denn ich wollte den Typ nicht und das musste sie wissen.
      “Es ist schrecklich, sich nicht verabschieden zu können”, sagte sie sanft und es schien mehr als nur bloßes Mitgefühl in ihren Worten zu liegen. Sie drückte mich noch einmal fest bevor sie die Umarmung löste und mich mild anlächelte. Ich lächelte zurück.
      Wieder wollte mein Hirn endlich das Thema beenden, als mich das Vibrieren in meiner Hosentasche schlagartig meine vollständige Aufmerksamkeit verlangte. Neugierig griff nach dem Gerät. Anstelle einer Nachricht waren es sogar drei von demselben Kontakt.
      “Ich hatte zu tun – Jetzt will ich dich – Woran denkst du gerade?”, perplex sah ich auf das Display, dann hoch zu Lina, die mich irritierte musterte. Der Ausgangspunkt dafür sollte mein viel zu strahlendes Gesicht sein, dass alle Muskeln anspannten, die man für Freude benötigte und das übertrieben kräftig. Je mehr ich mich anstrengte, das wieder loszuwerden, umso stärker wurde es. Unangenehm, wenn es gerade noch um die schmerzhafteste Erinnerung meines Lebens handelte.
      “Das müssen ja erfreuliche Nachrichten sein”, sprach sie das offensichtliche aus, “Ich werde dich dann mal damit allein lassen, Vinnie wartet.” Sie war schon im Begriff den Weg mit dem Hengst fortzusetzen, als sie sich noch einmal umwand: “Falls du mich noch mal brauchst, weißt du ja, wo du mich findest.”
      Plötzlich vibrierte es erneut.
      “Antworte.”
      Schnell tippte ich auf dem Touchscreen: “Ich unterhalte mich gerade mit meiner Arbeitskollegin”, und antwortete ich nickend zu Lina, “Danke, du kannst auch jederzeit rüberkommen, aber klopfe vorher. Mein Bruder ist manchmal ziemlich knapp bekleidet.” Dann lachte ich und spürte in meinen Händen schon wieder die Vibration im Sekundentakt. Hatte es sonst keine Hobbys? Besonders die erste Nachricht lief mir kalt den Rücken herunter.
      “Wenn ich dir schreibe, dann hast du zu antworten, egal was deiner Meinung nach wichtig erscheint.” Ich schluckte. Meine Kehle fühlte sich unglaublich rau an und in meinem Bauch begann es zu kribbeln. Halt, stopp Körper, so funktioniert das nicht. Aber die Anzahl der Nachrichten ebbte erst ab, als ich begann langsam eine Antwort zu formulieren mit zittrigen Fingern. Anstelle einer bedeutungslosen Entschuldigung schrieb ich: „Okay, ich werde mich daran halten in Zukunft.“
      Schon nach dem nächsten Atemzug tauchten die drei Punkte in der linken Ecke wieder auf. Dann folgte eine Nachricht und eine weitere, wieder die Frage, woran ich gerade dachte. Interessierte es sich wirklich dafür? Durch meinen willkürlichen Versuch Lina zu vermitteln, dass ich ihren Freund nicht mehr belästigen werde und der kleine Zettel seltsame Schwingungen in meinem Kopf auslöste, schwebte noch Niklas noch verankert in der Gedankenwelt.
      „Darf ich vorher meine Aufgabe beenden und danach dir berichten, bitte?“, bat ich freundlich um etwas Zeit. Wenn ich die Schubkarre im Weg stehen ließe, nur um eine relativ lange Nachricht zu tippen, dann würde in fünf Minuten irgendwer darüber fallen. Das wollte ich vermeiden. Meine Bitte wurde bewilligt, aber ich hätte nur zehn Minuten. Auf meinem Handy stellte ich den Timer auf neuen Minuten, steckte es weg und rannte förmlich mit der eiernden Karre zum Misthaufen, der hinter dem Heulager sich befand, also mehrere Meter entfernt. Hektisch pochte mein Herz in der Brust und konnte sich nicht ganz vorstellen, worauf das alles hinauslaufen würde. Seine Nachrichten lösten ein unermessliches Interesse seinerseits aus, oder ihrerseits? Eher unwahrscheinlich, dass solche Worte von einer Frau stammten oder das Niklas nicht so weit dachte, dass es vielleicht mal passieren könnte. Hirn! Stopp! Über den Bildschirm flogen erst wenige Nachrichten und dennoch überlegte ich schon, wie sich seine Haut auf meiner fühlen würde, sein Geruch, der mich in der Nase kitzelte oder ob er eine maskuline Stimme hätte mit Feinheiten, die sie besonders machten.
      Mein Handy klingelte als Zeichen, dass der Timer abgelaufen war. Somit blieb mir noch eine Minute, um eine Nachricht zu schreiben. Im Laufen flogen meine Daumen über den matten Bildschirm und wussten nicht genau, ob ich von Niklas Technik erzählen sollte, oder wie sehr ich mir gerade nach ihm sehnte.
      „Ich dachte gerade darüber nach, wie sehr ich es vermisse in der Nacht, jemanden bei mir zu haben, der mich genauso sehr wollte wie ich ihn. Mich dazu bringt, Dinge zu tun, die sonst keiner verlangt und hemmungslos in mich eindringt“, entschied ich zu schreiben. Damit würden beide Gedanken gut zueinanderpassen.
      „Was würdest du dafür geben mich dazuhaben?“, kam es direkt als Nachricht.
      „Wir kennen uns nicht, dennoch“, mein Finger schwebte über dem w, aber konnte mir noch sicher sein, in welche Richtung das weitergehen würde, „würde ich mich darüber freuen.“
      „Freuen? Sicher, dass das deine richtige Wortwahl ist?“, erkundigte er sich. Aber nein, sie war es nicht. Wohl dabei mit ihm zu schreiben und zu sagen, dass ich ihn ins Bett drücken würde und mit allen meiner Mittel in eine andere Welt befördern wollte, fühlte ich mich nicht. Aber ich entschied genau das zu schreiben und jeder Augenblick, jedes Atmen und Pochen in meiner Brust wusste, dass es richtig war, mit einem Fremden meine tiefsten Wünsche teilen zu können. Gedanken und Träume, die mich tagtäglich quälten und durch Niklas so fassbar wurden. Wurde er dadurch weniger interessant? Nein, aber ich fühlte mich plötzlich kontrollierter, wieder Herr über meine Gefühle und Handlungen, auch wenn man zweiteres erst einmal sehen musste, wenn er in meiner Nähe war. Frohen Mutes schlürfte ich über die Terrasse in die Wohnung und fiel auf die Couch, ohne mich umzusehen. Trymr sprang direkt zu mir und legte seinen Kopf auf meinen Schoß. Seine Augen bewegten sich langsam zu mir nach oben, das Weiß kam zum Vorschein und leise jammerte der Rüde.
      > Trymr, tyvärr vet jag inte när din herre kommer tillbaka.
      “Trymr, ich weiß leider nicht, wann dein Herrchen wieder kommt”, strich ich dem Hund über den Kopf. Langsam kaute er und schluckte dann. Ich konnte auch nicht nachvollziehen, warum er ihn hierließ und nicht einmal sagte, wann er ihn abholte. Offenbar war es eine Selbstverständlichkeit, dass Erik, wenn er Zeit hatte für mich, einfach wieder mit Fredna kommt. Aber nein, nicht mit mir. Allerdings konnte ich nicht erwarten, dass ich Informationen bekam. Ich hatte ihn blockiert, um zu schauen, ob er mich auf anderen Wegen versuchen würde zu kontaktieren, aber nichts. Wichtig schienen wir also beide nicht zu sein. Frustriert sah ich hinunter auf mein Handy, ich hatte zwei neue Nachrichten von Avledning.
      “Ich denke nicht, dass du dem würdig bist, meine Anwesenheit spüren zu dürfen. Beweise dich erst mal”, folgte ich mit meinen Augen den Worten, nach meiner Frage, wann ich spüren dürfte, wovon er sprach. Würdig, damit begann wieder das Thema, dass ich mich irgendwem erst einmal beweisen musste. Einem Fremden etwas Gutes zu tun, wirkte in meinem Kopf so leicht, doch er wusste, was er tat, als gäbe es nichts Einfacheres. Obwohl mir klar war, dass es nur ein Traum sein konnte, hielt ich daran fest.
      “Sollte ich mir Gedanken machen?”, ertönte plötzlich eine ernste Männerstimme hinter mir. Für mehrere Sekunden stoppte mein Atem und panisch fiel mein Handy zu Boden. Immer, wenn ich dachte, dass es kaputt sein, klang es dumpf, aber ich spürte innerlich, dass das Ding auf irgendwas gefallen ist. Der Schock saß noch tief.
      “Hör auf mich so zu erschrecken”, fauchte ich meinen Bruder an, der liebevoll seine Arme von hinten um mich schlang und mir einen Kuss auf die Haare gab. Angeekelt wehrte ich mich aus seiner Befestigung und holte mein Handy vom Boden aus.
      “Ja, super”, antwortete ich mit scharfer Stimme und in meinen Augen funkelte der Hass. Der Bildschirm war vollständig in seine Einzelteile aufgelöst und seltsame Streifen formten sich hinter dem Glas. Damit hatte sich wohl die Bekanntschaft beendet, mir auszumalen, was er tat, wenn ich ihm nicht Folge leistete, beängstige mich.
      “Vriska, ich”, stammelte Harlen unschuldig, “das wollte ich nicht. Was machen wir jetzt?”
      “Wir? Du musst dir jetzt Gedanken machen, weil ich das so schnell wie möglich zurück brauche”, rollte ich mit den Augen und stand frustriert auf, um auf der Terrasse den Krebs zu füttern. Mehrfach setzte mein äußerst liebenswerter Bruder noch zu Entschuldigungsversuchen an, die ich allesamt ignorierte.
      Aufgrund fehlenden Zeitmessers starrte ich Ewigkeiten, die sich später als vier Minuten herausstellten, in die Leere und zog an dem Glimmstängel. Meine Lunge brannte und in meinem Rachen kratze alles. Je kräftiger ich atmete, umso stärker rückte der Schmerz in den Vordergrund. Ich hatte es geschafft über meinen Schatten zu springen, jemanden von meinem Schicksal zu erzählen und im selben Zuge meinen Traummann kennenzulernen. Das Wort beschrieb ihn ganz gut, denn es existierte nur diese eine Version von ihm in meinem Kopf, die weniger real erschien, als ein paar Buchstaben auf einem, kaputten, Bildschirm.
      “Vivi, warum bist du auf einmal so eingeschnappt? Letzte Woche hättest du mich nicht so angefallen, wenn dein Handy kaputtgegangen wäre”, versuchte Harlen ein klärendes Gespräch zu führen. Wieder funkelte ich ihn erbost an, aber versuchte mich ebenfalls daran, ruhig zu bleiben. Mein Traummann hatte sich bestimmt auf die Suche begeben zur nächsten Kandidatin.
      “Du hast mir gerade eine Chance versaut”, fluchte ich.
      “Chance? Du meinst, die seltsamen Nachrichten mit dem Kerl? Vivi, du bist mit Erik zusammen, vergessen?”, zog er seine Augenbrauen nach oben und fasste sich einige Male durch sein leicht nach oben gestyltem Haar.
      Ich zuckte mit den Schultern.
      “Wir sind nicht mehr zusammen”, erklärte ich kurz gebunden und starrte wieder in die Leere. Meine Zigarette hatte den Heldentod erlitten und lag bis zum Filter verbrannt im Aschenbecher neben den anderen Kameraden, die erfolgreich in die Schlacht zogen, aber nie ihre Familie wiedersehen werden. Ich seufzte und fühlte mich teilweise wie meine Stummel.
      “Was hast du schon wieder getan?”, rollte er mit seinen Augen und setzte sich dazu, bemerkte dann aber, dass Trymr jeden seiner Schritte genau beobachtete. Kurz öffnete den Mund, als würde er noch etwas fragen wollen, aber verstummte dann.
      “Es ist nicht in Ordnung, dass du direkt davon ausgehst, dass ich etwas getan habe”, knurrte ich, “aber ich habe es beendet, weil mir etwas fehlte bei uns.”
      “Sex?”, lachte Harlen. Ich schob meine Unterlippe über die obere und drückte das Kinn nach oben zu einem Schmollmund. Meine Augen bewegten sich nach oben, dann nickte ich. Noch immer lachte mein Bruder und legte grundlos seine Hand auf mein rechtes, wippendes Knie unter dem Tisch.
      “Kaum zu glauben, dass er ein Olofsson ist”, antwortete er.
      “Was hat das damit zu tun und woher weißt du das?”, wunderte ich mich.
      “Das hat bei uns in der Firma ziemlich die Runde gemacht, nach dem wir dank deiner Hilfe nun fein raus sind”, lächelte er stolz.
      “Warte”, unweigerlich kratzte ich an meiner rechten Hand, “das komische Gespräch hat dafür gereicht, das Familienunternehmen aus einem Skandal wie diesem zu verhelfen?”
      “Das ist also nicht der Grund?”, fragte mein Bruder später, als es wieder still geworden war.
      “Nein”, ich zog noch einmal kräftig Luft und Rauch ein, “ich erinnere mich an nichts mehr und Erik hatte es mir anderes erzählt. Spätestens jetzt müsste er mir aber einiges erklären.”
      Harlen nickte.
      “Aber warum machst du das schon wieder?”, tastete er sich langsam an die seltsame Firmenfeier heran.
      Ich zuckte mit den Schultern. Es gab keinen Grund dafür, eigentlich hatte nichts einen Grund. Vieles tat ich einfach, weil ich es wollte. Vielleicht bewies ich mir selbst etwas damit, aber eins stand fest – es bereitete mir einen mordsmäßigen Spaß, den Rausch der Gefühle mit älteren Männern, die mich als kleines Püppchen ansahen und genauso behandelten. Ein Psychologe würde das genauer erklären können, vermutlich war das der Grund, warum ich meine Sitzungen schwänzte. Ich brauchte niemanden, der mir mein Leben erklärte und vermutlich auch als ungesund erklärte.
      “Darum”, antwortete ich mit Versatz.
      “Aber was machst du jetzt wegen meines Handys?”, wechselte ich rasch das Thema. Vielleicht war er noch da und wartete auf mich, ich hoffte es.
      “Sieh hier”, sagte Harlen und zeigte ein Handy vom Festland auf einer Kleinanzeigen-Anwendung. Ich nickte. Wortlos stand er auf, verschwand in der Wohnung, kam viele Minuten später wieder angezogen heraus, mit meinem Autoschlüssel in der Hand. Er verabschiedete sich. Trymr spitze die Ohren, folgte seinen Schritten, bis er aus dem Sichtfeld verschwand. Innerlich erdrückte es mich schon, dass ich mich nur schemenhaft an den Akt erinnerte, denn ich wollte schon wissen, ob es gut war. Jedoch konnte soweit aus Erfahrung sagen, dass ich mir darum keine Sorgen machen musste. Nur ein entspanntes Wochenende sah anders aus, besonders, wenn ich in der nächsten Woche das erste komplett eigene Berittpferd vor Ort habe und auch Fruity noch reite.
      Ich lief hinein, holte aus dem Kasten ein Craftbier von den netten Leuten an der Ecke, bei denen Tyrell öfter für alle bestellte. Das Erste floss in Sekundenschnelle meine Kehle hinunter und das zweite folgte sogleich. Die Druckbetankung endete bei vier und zwei weiteren in der Hand, als Weggestaltung. Mit dem Hund im Schlepptau klopfte ich bei Lina an der Tür. Es fühlte sich an, als wartete ich Stunden auf sie, bis sie endlich öffnete.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 73.376 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]
      en dag i september | 9. Dezember 2021

      Erlkönig // Form Follows Function LDS // Glanni frá glæsileika eyjarinnar

      Rau zog der Wind durch mein Gesicht und ich schloss den Reißverschluss der Jacke bis zum Kinn nach oben. Aus der Ferne ertönte ein unruhiges Klappern und Knarren eines Daches irgendwo auf dem Hof, doch Erlkönig lief gelassen neben mir her und folgte in den Stall. Seine Ohren folgten, drehten sich neugierig in alle Richtung aus denen Geräusche ertönten, die deutlich interessanter wirkten als die Selbstgespräche meines verwirrten Gehirns. Sinnlos brabbelte ich zusammenhanglose Worte in den Kragen der Jacke und griff ins Leere zu Strick, der über dem Hals des Fuchses lag. Auch in der Gasse und in der Sattelkammer sprach ich weiter mit mir, versuchte den Blicken der anderen auszuweichen und somit so wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen, wie es der Situation geschuldet war. Ich hatte großen Respekt vor den Leuten in Kalmar, sah fasziniert mir das Training an, wenn mir mein Zeitplan das erlaubte. Heute gehörte zu den entspannteren Tagen. Die erste Kundin hatte ihre Einheit verschoben und den Nachmittag hielt ich mir oft frei für meinen Hengst, oder sollte meine jüngere Schwester wieder einmal skurrile Ideen entwickeln zur Freizeitgestaltung.
      „Steh nicht so im Weg herum“, wurde ich von der Seite angeschnaubt, bevor ich umgehend einen Schritt von der Tür weg machte. Niklas rollte mit den Augen und verräumte seinen Sattel. Wir verstanden uns nicht, obwohl die Begrifflichkeit ‚sich nicht verstehen‘ deutlich humaner klang, als es an der Tagesordnung war. Er mochte mich nicht und es lag ihm viel daran, dass jeder davon Wind bekam. Neben dem täglichen herumschubsen, bekam ich ein Verbot die Umkleide zu betreten, wenn er im selben Raum war oder die Gemeinschaftsküche. Das brachte mit sich, dass die zunächst alle sehr freundlichen anderen Mitglieder des Vereins immer weiter entfernten. Zwei kurze Arme, die sich kräftig um meinen Oberkörper legten, holten mich zurück in die Realität.
      “Schön, dass wir uns mal wieder sehen”, trällerte Vriska vergnügt, die mit ihrer Stimme unter den meisten zu erkennen war. Ich drehte mich um und ihre großen Augen strahlen so viel heller als einige Tage zu vor. Sie gehörte womöglich zu den Einzigen, die sich offensiv mit mir zeigten und auch jegliche Diskussionen um das Thema, gewann. Hätte ich vorausgewusst, dass der Wechsel von Malmö nach Kalmar so viele Hürden in meinem Weg legen würde, hätte ich nicht die Energie dafür geopfert. In die Vergangenheit zu blicken, änderte auch nichts an der herrschenden Situation, so viel trauriger erschien es, welch Wucht an Hass für Fremde in der elitären Gruppe herrschte.
      „Und du? Geht es dir besser?“, fragte ich freundlich und trat noch ein Stück zu Seite. Niklas musterte uns beide, verkniff sich aber weitere Anfeindungen.
      „Etwas ja, aber wie sagt man so schön: The show must go on”, lachte Vriska ohne mir in die Augen zu sehen. Generell fiel mir auf, dass sie zwar den körperlichen Kontakt zu jedem im Gespräch suchte, so tätschelte sie seltsamerweise meinen Arm, aber konnte nur für Millisekunden den Blick nach oben zum Gesicht wenden. Ein Lächeln huschte auch mir über die Lippen. Natürlich überspielte sie das Gesehen vor einigen Tagen, von dem ihr Bruder bis zum heutigen Zeitpunkt nichts wusste. Doch stand es mir auch nicht zu, ihm diese Information zu überbringen, so schwieg ich, aber hatte stets einen prüfenden Blick auf sie und dem Kerl, der sie zu dominieren versuchte.
      „Du weißt, wenn was ist“, noch bevor ich den Satz zu Ende sprechen konnte, unterbrach uns der Möchte-Gern neben seiner Rappstute.
      „Wir haben noch was vor, kommst du?“, sprach er hörbar genervt. Vriska nickte nur und lief wie ferngesteuert zu ihm, als wäre sie sein Schoßhund. Ich verstand nicht, wie er so mit jedem umgehen konnte und Vriska, die ich grundsätzlich als selbstbewusst kennenlernte, die kein Blatt vor den Mund nahm, auch so widerstandslos ihm Folge leistete. Genaugenommen war es auch seltsam, dass ihre Liebschaft vom Turnier weder namentlich erwähnt wurde, noch einen Fuß auf das Gelände setzte. Aber was zerbrach ich mir den Kopf über mir eher fremde Menschen? Schlussendlich trat ich in die Sattelkammer ein und holte den Putzkasten von meinem Hengst, der die ganze Zeit ruhig in der Gasse stand und zwischendurch versuchte einige Heuhalme zu erhaschen. Aus einer der Boxen schob ich ihm einen kleinen Haufen Heu zu, das Erlkönig genüsslich begann zu kauen, während ich den ganzen getrockneten Matsch aus seinem Fell entfernte. Mein großer Südländer trug weniger Fell als die Vielzahl an Sportpferden, brauchte jedoch keine Decke. Besser gesagt, mied ich es mein Pferd noch die letzten Haare zu nehmen und erst bei wirklich klirrender Kälte bekam er seine petrolfarbene Weidedecke um.
      Nach einem kurzen Blick durch den breiten Flur der Reithalle entschied ich mich nicht noch zwischen die sechs Reiter mich zu drängen und führte Erlkönig am Gebäude vorbei zum Reitplatz direkt daneben. Der Wind fegte noch immer unaufhörlich über das Gestüt, doch meine Winterjacke trug ich nicht grundlos. Gelassen schnaubte er ab und kaute auf den beiden Gebissen in seinem Maul herum, während ich den Gurt an seinem Bauch etwas fester zog. Dann stieg ich auf, setzte mich tief in meinen portugiesischen Sattel und überprüfte mit minimaler einhändiger Hilfegebung die Gehorsamkeit. Schon die kleinste Bewegung am Gebiss bewegte mein Hengst gewünscht zu reagieren und durch Einsatz des Schenkels zu treten. Ich strich ihm durch Fell und gab sofort nach. Er streckte sich. Dann setzten wir zur eigentlichen Einheit an, die nach einigen Runden Schritt auf der ganzen Bahn, wechselten wir zu engeren Biegungen und ersten Seitengängen. Auch folgte recht schnell der Trab, ohne dabei ein schnelleres Tempo als die Versammlung abzufragen. Mit einer Leichtigkeit schwebten wir durch den feuchten Sand, kleine Tropfen prallten von den Hufen zur Seite und kamen mit leisen plätschernden Tönen wieder auf. Die Hufeisen klapperten bei kleinen Berührungen.
      “Wie machst du das nur?”, tauchte eine junge Dame neben uns am Reitplatz auf. Aus dem Galopp sammelte ich den Hengst wieder ein und parierte ihn in den Schritt durch. Vriska stand mit einer großen dunkeln Kapuze auf dem Kopf im Wind und folgte mit dem Blick den Bewegungen des Pferdes.
      “Training, meine Liebe”, lachte ich.
      “Weiß ich, aber trotzdem. Dein Pferd sieht grandios aus und es wirkt, als würde er alles von allein zeigen”, schwärmte sie weiter und strich Erle über die Schnauze. Er kaute, senkte den Kopf und der Schweif pendelte entspannt von links nach rechts. Auch ich führte meine Hand über seinen Hals, ohne Vriska aus den Augen zu verlieren. Ehrlich gesagt war mein Gefühl so dringlich ihr etwas mitteilen zu müssen, dass es innerlich wie wild kribbelte. Schweiß lief unkontrolliert meinen Rücken herunter und mit jedem Atemzug durchströmte mehr Sauerstoff meine Lungenflügel. In meinem Mund wurde es trockener, die Worte lagen mir auf Zunge, aber wagten es nicht über meine Lippen an die Oberfläche zu kommen. Ich schluckte.
      “Danke dir”, stotterte ich, “wenn du weiter so machst, kannst du auch mit der Stute schaffen.”
      “Werden wir sehen, ich wollte eigentlich auf Wiedersehen sagen, weil ich jetzt mit Lubi wieder nach Hause fahre”, lächelte Vriska und winkte. Auch ich schenkte ihr ein Grinsen, ehe sie sich umdrehte und den Steinplatten entlang zum Parkplatz lief. Erleichtert atmete ich aus. Geheimnisse waren immer schwierig für mich zu behalten, da ich gern mit offenen Karten spielte, doch ich hatte Harlen versprochen, nicht damit zu hausieren, dass er seit einigen Tagen bei uns lebte. Außerdem schämte er sich auch dafür, sich selbst zu entfalten und neue Eigenschaften zu entdecken. Wir hatten die letzten Abende zusammen verbracht, obwohl es in mir prickelte, schien er keinen großen Gefallen daran zu haben.
      Meine Konzentration hatte schlagartig nach ihrem kurzen Aufenthalt nachgelassen, doch für einige letzte Galoppeinheiten mit Handwechseln reichte es noch. Dann beendete ich die Einheit mit einem kurzen Ausritt durch den Wald, um den Hengst abzureiten. Erlkönig genoss es durch die Natur einzuatmen und das leichte Knarren der Bäume in den Ohren zu haben, ohne dabei hektisch auf der Stelle zu treten oder auch nur bei einem ungewöhnlichen Geräusch zur Seite zu springen. Unaufhörlich strich ihm über den schwitzenden Hals und meine Handschuhe wurden immer nasser und schmutziger. Hinter uns ertönte Hufschlag, der zunehmend lauter wurden und nach weiteren Metern verspürte ich, dass es nur eine Person sein konnte.
      > Broder, vänta lite.
      “Bruder, warte doch”, rief mir Jonina hinterher, die mir mit ihrem Fuchshengste folgte. Eilig tippelte das Pony neben uns her, aber konnte das Tempo ohne Anstrengung halten.
      > Är du uttråkad, eller varför följer du mig?
      “Ist dir langweilig, oder warum verfolgst du mich?”, lachte ich ihr entgegen. Sie schüttelte nur den Kopf und fummelte die losen, welligen Strähnen hinter ihre Ohren, bevor der Wind in der nächsten Sekunde sie von dort wieder löste. Andere trugen Zöpfe oder sogar eine Reithose, während meine Schwestern trotz jahrelanger Erfahrung nur eine Jeans aus dem Schrank griffen, einen meiner Pullover klaute und damit im Sattel saß. Nur in seltenen Fällen trug sie überhaupt einen Helm, doch darüber konnte ich nicht urteilen, denn auch ich entzog mich häufig dem Schutz des wichtigsten Körperteils.
      > Tycker du om det?
      “Gefällt er dir?”, brach es vor offensichtlicher Neugier aus ihr heraus, als wusste sie, was mein derzeit Wunderpunkt war. Aber ja, sie wusste es natürlich. Schließlich bekam Jonina alles mit, lebte im selben Haus und begleitete uns in die Bar.
      > Jag tror det, men det passar inte.
      “Ich denke ja, aber es passt nicht”, gab ich umgehend zu. Man bedenke, dass ich Harlen kaum kannte und nur von den schlechten Seiten seiner Familie Geschichten hörte, bei denen Vriska keinen Platz hatte. Seine Schwester lobte er stets in den Himmel, fühlte sich stolz, dass sie etwas aus ihrem Leben machte, ohne sich auf dem Erfolg des Erbes zu beruhen.
      > Varför
      “Warum?”, wunderte sich Jonina und hakte bei jeder meiner Aussagen tiefer nach, bis ihr eindringlich erklärte, dass ich nicht das Gefühl bekam, dass ihm genauso viel daran lag diese Bekanntschaft zu haben, wie mir. Meine Schwester war hartnäckig, wollte wirklich jedes Detail wissen, damit ich keine negativen Gefühle in mich hineinfraß, was wohl von kaum Menschen sagen konnte. Ich sollte froh sein, sie bei mir zu haben. Dann begann auch sie von jemanden zu erzählen, den sie bei der gestrigen Kneipentour kennenlernte und womöglich das erste Mal daran Interesse zeigte, den Herrn erneut zu treffen. Mir lag viel an ihr, besonders wenn man den Fakt betrachtete, wie unterschiedlich wir heranwuchsen und dennoch zueinander fanden.
      Auf der kleinen Runde im Wald fand ich nicht die gewünschte Ruhe in meiner Gedankenwelt, stattdessen drückte ich mich vor der Konfrontation mit Jonina zurückzufahren und auf Harlen zu treffen. Unkontrolliert zupfte ich durchgängig am Ende meiner Jacke herum, während Erlkönig genüsslich sein Futter im Maul zerkleinerte. Mit meinem Rücken lehnte ich an der Boxenwand. Das Handy schenkte mir die nötigste Interaktion, denn ich beantwortete nebenbei Kundenanfragen per Mail, als Herr Holm dazu kam.
      > Eskil, kan vi prata med dig?
      “Eskil, können wir kurz sprechen?”, sagte er freundlich. Ich nickte und steckte das Gerät zurück in die Hosentasche. Gespannt sah ich zu ihm.
      > I slutet av november hålls International Horse Show, som du säkert känner till. För detta har vi också ställt upp på några av klubbens medlemmar, först och främst för att det svenska laget ska kunna uppträda. Vi vill att du ska vara med och visa något typiskt portugisiskt på grund av dina förkunskaper. Skulle det vara möjligt?
      “Ende November ist die Internationale Horse Show, die dir ein Begriff sein sollte. Dafür stellen wir auch einige aus dem Verein auf, allen voran für eine Darbietung vom schwedischen Team. Wir wünschen uns, dass du dabei bist und wegen deines Vorwissens etwas typisch Portugiesisches zeigst. Wäre das möglich?”, erläuterte mein Trainer in seiner höflichen, aber bestimmten Art.
      >Jag vill visa något.
      “Ich möchte etwas zeigen”, beschwichtigte ich die Idee. Unbewusst wanderte mein Blick zu meinem Hengst, der glücklich die Schüssel ausleckte. Bei jeder Bewegung des Kopfes klimperte das Metall.
      > Bra, då sätter jag upp dig på listan.
      “Großartig, dann schreibe ich dich auf die Liste”, nickte er.
      > Vem mer kommer?
      “Wer kommt denn noch mit?”, fragte ich, obwohl ich mir das fast hätte selbst beantworten können.
      > Alla ... utom Vriska och Tilda.
      “Alle … außer Vriska und Tilda”, zuckte er mit den Schultern. Mit einem Kopfnicken verabschiedete er sich und verschwand aus dem Stall heraus. Niedergeschlagen sah ich zu Boden. Vielleicht sollte ich doch absagen. Die beiden Mädels waren die Einzigen, die es nicht für nötig hielten Niklas dumme Gerede zu folgen und mich zu ignorieren. Er hatte ein Problem mit mir, ob es darauf zurückzuführen war, wer ich bin oder ob es einfaches Alpha Getue war, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht urteilen.
      Allen Widrigkeiten zu trotz schüttelte ich mich einmal und ging mit neuer Kraft aus dem Stall heraus, hatte zuvor den Hengst auf seinen Paddock gebracht. Jonina saß mit Handy in der Hand bereits im Auto und wartete auf mich.
      > Det är meningen att jag ska åka till Stockholm med dem i slutet av november.
      „Ende November soll ich mit ihnen nach Stockholm fahren“, berichtete ich ihr. Sie legte sofort das Handy weg und strich mir sanft über den Ärmel meiner Jacke.
      > Låt inte andra dra ner dig, du har alltid velat det här så du borde ta den här chansen.
      „Lass dich von den Anderen nicht herunterziehen, du wolltest das immer, also solltest du diese Chance nutzen“, sprach sie mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen.
      > Vill du följa med mig?
      „Würdest du mitkommen?“, fragte ich schließlich noch, was meine Schwester mir mit einem kräftigen Kopfschütteln vereinte und eine große Argumentation ausführte, warum eine Veranstaltung dieser Art auf keinen Fall ihrer Anwesenheit bedarf. Wie so häufig betonte sie den Tierschutz, dass Pferde unter diesen Umständen niemals geritten werden sollten. Die Diskussion war es mir jedoch nicht wert, denn wir unterschieden uns in dem Punkt deutlich, für mich musste es ein gesundes Gleichgewicht geben und mit Erlkönig hatte ich einen guten Partner gefunden.
      Leise brummte der Motor beim Starten auf und laut spielte Musik aus dem Radio, die ich mit wenigen Handgriffen auf Zimmerlautstärke regelte. Jonina warf mir einen bösen Blick zu, aber blieb schweigend an ihrem Handy. Was wohl so interessant war? Vielleicht wollte ich das lieber nicht wissen, denn ihr verträumter Blick mit dem verschmitzten Lächeln verriet mehr als tausend Worte. Im gemäßigten Tempo fuhren wir den sandigen Weg entlang, bis dieser sich auf der Straße verlor. Und auch verlor mich, wenn auch mit dem Blick nach vorne gerichtet. Mein Kopf gewöhnte sich schnell an neue Situationen, doch wonach ich mich im Augenblick sehnte, verwirrte mich. Seit meiner Rückkehr in die Heimat fand ich einige sehr nette Liebschaften, die nur von kurzer Dauer waren und auch für vielmehr gar nicht da sein sollten. Ich genoss die Nähe, aber niemanden konnte mir geben, wonach sich mein Herz sehnte. Zu beschreiben, was es wollte, fiel mir schwer. Die lange Beziehung mit Travaris hatte mir gezeigt, dass ich zu schnell von einer vermeintlichen Sicherheit leiten ließ und damit die Basis zerstörte. Alles, was dann daraus folgte, war geprägt von Verlustängsten und auch, dass ich meine Bedürfnisse hinter die der anderen stellte.
      > Har du redan berättat det för personerna på klubben?
      „Hast du es denen schon im Verein erzählt?“, kam es aus heiterem Himmel von der Seite.
      > Du menar... det där med mig?
      „Du meinst … die Sache mit mir?“, schluckte ich nervös und klammerte mich am Lenkrad fest.
      > Ja, den där saken. Kom ihåg att ju tidigare du säger det, desto mindre finns det att attackera. Eller finns det verkligen ingen som du kommer överens med?
      „Ja, die Sache. Denk dran, je früher du es sagst, umso weniger Angriffsfläche gibt es. Oder gibt es wirklich niemanden, mit dem du dich verstehst?“, hackte sie nach. Meine Schwester war immer sehr direkt. Eine der Eigenschaften, die ich an den meisten Tagen sehr schätze, aber wie heute, eher zur Hölle wünschte.
      > Ja, Vriska och Tilda är ganska trevliga och Chris också.
      „Doch, Vriska und Tilda sind ganz nett und Chris auch“, sprach ich die Worte langsam nacheinander, wohldurchdacht, mir nicht anmerken zu lassen, dass sonst alle anderen sehr distanziert waren. Jonina stand zwar mit ihrem Hengst ebenfalls auf dem Hof, hatte aber rein gar nichts mit dem Reitverein zu tun. Aktuell nahm sie Unterricht bei der einen von den Gangpferden ansonsten wahr sie auf der Suche nach Arbeit, vielleicht sogar einem Hof, auf dem ihr Pferd stehen konnte. Hilfe meinerseits wollte sie nicht annehmen, sondern versuchte jemandem etwas beweisen zu wollen, vermutlich Mama, die es von Anfang für eine schlechte Idee hielt, dass wir zusammenzogen.
      > Har mamma kontaktat dig?
      “Hat Mama sich bei dir gemeldet?”, sprach ich meinen unbewussten Wunsch nach Familienleben aus. Jonina haderte. Ihr Blick schweifte von mir, zu ihrem Handy und dann wieder zur vorbeiziehenden Landschaft hinter dem Glas. Nur noch wenige hundert Meter trennten uns vom gemeinsamen Haus in der Natur.
      > Nej, men jag är glad.
      “Nein, aber ich bin froh darüber”, antwortete sie bei der Ankunft.
      Harlen öffnete die Tür, fröhlich sprang uns Kobi entgegen, mein Hund. Ich hatte ihn erst nach einem sehr langen Gespräch mit Travaris endlich nach Schweden holen dürfen, da er sich plötzlich für das Tier verantwortliche fühlte, dass ich zuvor von der Straße holte und in das menschliche Leben integrierte. Er quietschte, wuselte zwischen den Beinen entlang und alles an ihm bewegte sich wie bei einem Gummiball, der in einem leeren Raum seine Energie entfesselte. Jonina kramte aus dem Pullover ein Leckerli, das er gierig verschlang. Mein Blick fiel währenddessen unbewusst zu Harlen, der meine Aufmerksamkeit nicht bemerkte. Er fuhr sich durchs Haar. Auf seinen runden und wohlgeformten Lippen bildete sich ein ungezwungenes Lächeln, voller Glück und Unschuld. Da war es wieder, das Gefühl von Sicherheit erschlich sich seinen Platz tief in mir und schlug Wurzeln. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Nein, ich darf das nicht, dachte ich. Dann lief um das Auto herum zum Kofferraum und holte meine Sporttasche heraus.
      “Hast du mit meiner Schwester gesprochen?”, fragte Harlen, als ich in der Küche stand und für uns drei das Mittagessen zubereitete. Nicht gefasst auf diese Frage, fiel mir der Holzlöffel auf den Boden und noch bevor ich ihn wieder aufheben konnte, kam Kobi angelaufen und nahm sich das Stück Holz mit dem Korb. Verloren blickte ich dem felligen Freund hinterher und seufzte.
      “Ja, kurz. Es geht ihr gut”, antwortete ich kurz gebunden, versuchte alle Anzeichen auf ihren Nervenzusammenbruch zu unterlassen. Er nickte und unterhielt sich weiter mit meiner Schwester, worüber? Ich hörte nicht zu, sondern versuchte meine letzte Konzentration einzig allein auf den Herd zu lenken.

      © Mohikanerin // Eskil // 19.194 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Mitte September 2020}
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  • Album:
    kalmar.
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    Mohikanerin
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    1 Aug. 2021
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  • Form ist 7 Jahre alt.

    Aktueller Standort: Kalmar Stuteri, Kalmar [SWE]
    Unterbringung: großes Stallgebäude; Box [9h], Paddock [15h]


    –––––––––––––– s t a m t a v l a

    Aus: Middle Ages (FR) [franz. Traber]
    MMM: Unbekannt ––––– MM: Unbekannt ––––– MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt ––––– MV: Unbekannt ––––– MVV: Unbekannt


    Von: Vintage (FR) [franz. Traber]
    VMM: Unbekannt ––––– VM: Unbekannt ––––– VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt ––––– VV: Unbekannt ––––– VVV: Unbekannt



    –––––––––––––– h ä s t u p p g i f t e r

    Zuchtname: Form Follows Function LDS
    Rufname: Form
    Farbe: Rappe (Splash)
    [Ee aa nSpl]
    Geschlecht: Stute
    Geburtsdatum: März 2014
    Rasse: Standardbred [STB]
    Stockmaß: 161 cm

    Charakter:
    geduldig, arbeitswillig, ausdauernd, agil

    Form liebt Rote Bete.

    * leicht in der Versammlung
    * Kippt in der Verstärkung nach Vorn
    * hat Angst vor Hindernissen jeglicher Art

    * Form ist nie Trabrennen gelaufen.


    –––––––––––––– t ä v l i n g s r e s u l t a t

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    Dressur S* [M] – Fahren E [A] – Rennen M [M] – Distanz E [L] – Gangreiten E [A]

    Ebene: National

    August 2021
    Gymnastizierung, Dressur E zu A

    September 2021
    SW 537 - Rappen
    Training, Dressur A zu L

    Oktober 2021
    Reitunterricht, Dressur L zu M

    Februar 2022
    Training, Dressur M zu S

    März 2022
    Training, Dressur S zu S*

    Juni 2022
    SW 550

    August 2022
    1. Platz, 344. Gangturnier

    September 2022
    3. Platz, 348. Gangturnier
    1. Platz, 351. Gangturnier
    Intervalltraining, Rennen E zu A

    Oktober 2022
    3. Platz, 355. Gangturnier
    3. Platz, 357. Gangturnier
    3. Platz, 358. Gangturnier
    Rennbericht, Rennen A zu L

    November 2022
    1. Platz, 362. Gangturnier
    Heat, Rennen L zu M


    –––––––––––––– a v e l

    [​IMG]

    Gekört durch x im x 20x.

    Zugelassen für: Traber aller Art; Barock-Reitpferd; Deutsches Sportpferd
    Bedingung: Keine Inzucht; Dressur mind. L; bei Rennpferden mind. M (Rennen)
    DMRT3: CA [Viergänger]
    Lebensrekord: -
    Leihgebür: Nicht gekört / Preis [Nicht Leihbar!]

    Fohlenschau: 0,00
    Materialprüfung: 0,00

    Körung
    Exterieur: 0,00
    Gesamt: 0,00

    Gangpferd: 0,00


    –––––––––––––– a v k o m m e r

    [​IMG]

    Form Follows Function LDS hat 0 Nachkommen.
    • 20xx Name (von: Name)


    –––––––––––––– h ä l s a

    Gesamteindruck: gesund, im Training
    Krankheiten: keine
    Beschlag: handmade Falzeisen [Stahl], Voll


    –––––––––––––– s o n s t i g e s

    Eigentümer: Niklas Olofsson [100%]
    Pfleger: Unbekannt
    Trainer: Niklas O.
    Züchter: Lindö Dalen Stuteri, Lindö [SWE], Tyrell Earle
    [geb. in Deutschland]
    VKR / Ersteller: Mohikanerin

    Punkte: 20

    Abstammung [2] – Trainingsberichte [8] – Schleifen [8] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [2]

    SpindHintergrund

    Form Follows Function LDS existiert seit dem 01. August 2021.