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AliciaFarina

Excelsior I DPR I Wallach

Excelsior I DPR I Wallach
AliciaFarina, 19 Juli 2018
Snoopy gefällt das.
    • AliciaFarina
      Ankunft Excelsiors
      29. Mai 2012 | Magic

      Heute sollte mein neu erworbener Wallach Excelsior ankommen. Nachdem ich seine Box mit Paddock vorbereitet hatte und Platz in meinem Schrank gemacht hatte, hörte ich schon den Wagen mit Anhänger auf den Hof fahren. Ich eilte raus und begrüßte Pepe freundlich. Sie holte den Wallach aus dem Hänger und er schaute mich neugierig an. Sie übergab ihn mir und sagte, sie müsse gleich wieder gehen, da sie noch einen Termin hatte. Sie verabschiedete sich also von Excelsior und auch ihr verabschiedete mich von ihr.
      Nun führte ich Excelsior in den Stall, in seine neue Box. Diese war nicht neben meinen 2 Stuten Vaconda und Charelle. Ich lies ihn also in seine Box und er schaute sich neugierig in seiner neuen Heimat um.
      Pepe hatte den Sattel und den restlichen Kram von Excelsior auch noch raus gestellt und ich machte mich auf den Weg diese in meine Schrank zu räumen. Nachdem dies erledigt war schaute ich nochmal nach Excelsior und war froh, dass dieser sein Heu in Ruhe fraß. Ich öffnete noch schnell seinen Paddock und lies ihm dann noch ein bisschen seine Zeit.

      Pflegebericht 2
      11. Juni 2012 | Magic

      Heute beschloss ich, alle meine Pferdchen durchzuputzen und dann auf die Weide zu lassen. Anfangen wollte ich mit Spotted Face, also holte ich die Kleine aus ihrer Box und begrüßte ihn mit einem Leckerli. Sie schnaubte mich total süß an und ich lief grinsend mit ihr zum Putzplatz. Dort angebunden holte ich aus meinem Schrank meinen Putzkasten und fing an, die Mixstute zu striegeln. Sie genoss es richtig und als sie wieder glänzte lobte ich sie, gab ihr ein Leckerli und führte sie auf die Weide. Dort tobten sich schon 2 andere Fohlen aus, mit denen Spotted Face normalerweise gut auskommen konnte. Also beobachtete ich die 3 noch kurz und war dann zufrieden.
      Nun machte ich mich an Charelle. Auch sie sollte nachher zu Spotted Face und den 2 anderen Fohlen auf die Weide. Auch sie band ich an den Putzplatz und begann ihr glänzendes braunes Fell zu striegeln. Ganz leicht konnte man erkennen, wie sie langsam ausschimmelte. Lächelnd kratzte ich ihre Hufe aus, kämmte ihr Langhaar und strich sanft mit der Würzelbürste über ihre Beinchen. Als ich zufrieden war mit ihrem Aussehen durfte auch sie auf die Weide.
      Nun zu Vaconda. Meine Große wiehrte mir schon entgegen und ich gab ihr lachend ein Leckerli. Halfter aufgezogen band ich sie dieses mal vor ihre Box. Dort begann ich, sie ausgiebig zu striegeln und zu verwöhnen. Da sie etwas träge aussah, beschloss ich sie noch eine halbe Stunde zu longieren. Also gings los. Nachdem ich sie ein bisschen treiben musste, gab sie sich dann doch Mühe und arbeitete brav mit. Danach durfte sie dann auch wohl verdient auf ihre Weide.
      Nun ging es noch an meinen Wallach Excelsior. Der Grauschimmel stand dösend in seiner großen Box und als ich schnalzte und "Excelsioooor" rief, kam auch schon der Kopf aus der Box zum Vorschein. Ich strich ihm über die Nüstern und gab ihm ein Stück Apfel.
      Als ich ihn an der Box angebunden hatte sah ich, dass er ziemlich dreckig war. Das Wetter passte, also führte ich ihn zum Waschplatz, der gerade zum Glück nicht besetzt war und begann, ihn zu waschen.
      Als ich ihn wieder trocken gerieben hatte, bekam er nochmal ein Stück Apfel und auch er durfte dann endlich auf seine Weide. Ich schaute ihm noch eine Weile zu und machte mich dann an die Arbeit, ihre Boxen zu misten.

      Pflegebericht 3
      22. August 2012 | Magic

      Heute beschloss ich, alle Pferde zu putzen und dann auf die Weide zu stecken. Also zog ich mich um und fuhr zum Stall. Dort dösten alle in ihren Boxen herum. "Naaa meine Süßen? Heute ist es ja zum Glück nicht so heiß, da könnt ihr locker auf die Weide!" sagte ich lächelnd und schon wieherten mir Vaconda und Rivé zu. Ich gab jedem eine Karotte und holte dann erst meine Vaconda aus der Box. "Mit dir muss ich auch mal wieder ausreiten." Sagte ich lächelnd zu ihr, während ich sie putze. Nachdem sie wieder glänzte führte ich sie hinaus ins Freie auf und lies sie auf der Wiese los. Sie trabte davon und begann gleich, das Gras zu genießen.
      Weiter ging es mit meiner kleinen Charelle. Sie wurde immer mehr zur Dame. Auch sie striegelte ich und holte gleich darauf Spotted Face aus der Box. Nachdem ich auch sie herausgeputzt hatte nahm ich beide am Halfter und führte sie zu Vaconda auf die große Wiese. Dort konnten es beide kaum erwarten und lachend ließ ich sie los. Beide schlugen aus und galoppierten dann in Richtung Vaconda. Weiter ging es mit Excelsior und Scelection. Scelection hatte noch kein großes Vertrauen zu mir gefasst, also brachte ich erst Excelsior auf die Weide neben den Stuten und putzte Scelection noch ein Weilchen länger, bis sie ruhiger stehen blieb. Dann bekam sie einen Apfel und auch sie durfte dann zu den Stuten auf die Weide. Nun kamen noch Rivé und Ronja dran. Ronja hatte ich erst seit ein paar Tagen im Stall und wollte sie erst etwas in der Halle longieren. Also putzte ich geschwind meine Rivé und machte mich dann an Ronja. Langsam putzte ich sie und sprach mit ruhiger Stimme auf sie ein. Sie war nach einer Weile ganz entspannt und ich führte sie in die Halle. Dort angekommen longierte ich sie ca eine halbe Stunde, was auch wirklich super lief. Sie hatte sich wohl schon einigermaßen hier eingelebt. Nun durfte sie ebenfalls auf die Weide. Ich blieb noch ein bisschen am Zaun stehen, um die Stuten zu beobachten. Vaconda und die anderen Stütchen waren aber sehr lieb zu Ronja und die grasten zufrieden nebeneinander.



      Tierarztbesuch
      20. November 2012 | KleinerStern

      Heute war ich wieder mal auf dem Weg um ein paar Pferde durchzuchecken. Magic hatte mir per Telefon gesagt, dass sie einen Tierarzt bräuchte der mal über all ihr Pferde schauen würde und nun hatte ich 9 Patienten vor mit. Ich ließ meinen Jeep langsam auf den Parkplatz von Magics Hof rollen und stieg erstmal aus. Als ich auch meine Utensilien aus dem Jeep geholt hatte sah ich Magic ein paar Schritte weiter und ging auf sie zu. Wir begrüßte uns und sie führt mich zum Stall wo der erste Patient, eine jährige Trankenerstute, schon angebunden in der Stallgasse wartete. Ich gegrüßte auch die schöne braune Stute erstmal und fing dann auch schon mit der Untersuchung an. Erst wurde der Kopf, dann die Beine und zum Schluss der Rücken abgetastet. Während ich dann Herz und Lunge mit dem Stethoskop abhörte, schaute sie mir neugireig zu und ich kraulte sie leicht. Fertig mit der Untersuchung, bestätigte ich Magic das mit ihr alles prima sei und der nächste Patient war an der Reihe. Magic holte nun eine 4 jährige Achal Tekkiner Stute aus der Box und entschied sich sie lieber so fest zu halten, da sie manchmal etwas zickig werden konnte. Ich begrüßte die Schimmelstute erstmal und während ich ihren Kopf abtastete, bewunderte ich nebenbei das tolle braune Abzeichen, dass sie hatte. Als ich auch mit Beinen, Rücken und abhören von Herz und Lunge fertig war, bekam die Stute noch ein Leckerli, da sie super lieb geblieben war. Der nächste auf der Liste war ein dunkler Reitponywallach, der mich erstmal freundlich mit den Nüstern begrüßte und wohl schon auf der Suche nach einem Leckerchen war. Da ich aber erst nach der Untersuchung eins rausrücken wollte, ließ er mich erstmal gehen und entschied sich ein wenig mit Magic zu beschäftigen. Das nutze ich aus und fing direkt mal mit der Untersuchung an. Da Excelsior ganz lieb stehen geblieben war, ging alles auch ganz fix und als er sich wieder zu mir drehte, bekam er endlich sein Leckerchen. Nun war erstmal ein Fohlen dran, eine Tiergerscheckstute aus Friese und Knappstrupper. Sie war knapp 2 Jahre und es war wohl für sie etwas ungewohnt, dass Jemand fremdes sie überall betastete, denn zum Ende wurde sie etwas nervös doch da hatte Spotted Face es auch schon geschafft und ich konnte auch bei ihr mit ruhigem Gewissen sagen, dass alles in Ordnung sei. Als nächstes war noch eine Marwaristute von 6 Jahren an der Reihe und ich zuckelte nicht lange und fing an sie abzutasten. Als alles sorgfältig abgetastet war, hörte ich noch Herz und Lunge ab und auch Rivé war entlassen. Jetzt hatte ich noch 4 Patienten vor mir.

      Pflegebericht 4
      12. Dezember 2012 | Magic

      Da ich in letzter Zeit weniger Zeit für meine Pferde hatte beschloss ich, heute nur alle mit dicker Decke auf die Koppel zu packen. Die Weide war zum Glück nicht vereist, also zäunte ich den Weg vom Stall bis zur Koppel ab und lief in den Stall "So meine Süßen! Jetzt gehts eine Weile auf die Weide!" rief ich und einige meiner Pferde schnaubten mir entgegen und schlugen mit den Hufen gegen die Boxentür. Ich öffnete von vorne nach hinten die 10 Boxen und achtete auch, dass alle ihre Decken auf hatten. Das hatten sie, also liefen sie im Trab nach draußen. Hoffentlich passten sie auch auf, damit es sie nicht auf die Nase fetzte. Lächelnd begann ich, eine Box nach der anderen auszumisten und neu einzustreuen. Nach gut 1,5 Stunden war das auch erledigt und ich schüttete noch etwas Futter in die Troge. Dann holte ich die Pferde alle wieder in die Boxen. Ich schloss alle Boxentüren und hörte dann nur noch ein zufriedenes Mampfen. Lächelnd verabschiedete ich mich und lief zurück ins Haus. Mensch, war das kalt heute!

      Pflegebericht 5
      20. April 2013 | Magic

      Heute machte ich mich mal wieder auf den Weg in den Stall, um die Pferde zu misten und zu füttern. Zuerst begrüßte ich Mon Amie, GT' aime, Winterzauber, Ronja, Rivé, Spotted, Excelsior, Charelle und dann Vaconda. In letzter Zeit hatte ich nicht viel Zeit für meine Schützlinge, da die Arbeit ziemlich stresste und auch sonst viel zu erledigen war. Ich ließ also alle Pferde raus auf die Weide, da die Frühlingssonne schön schien und es auch einigermaßen warm war. Dann machte ich mich daran, alle Boxen komplett auszumisten und neu einzustreuen. Das machte ich jeden Frühling so. Frisch mit Sägemehl und Stroh eingestreut begutachtete ich zufrieden mein Werk. Schnell schaute ich auf die Weide, alle Pferde grasten zufrieden. Also machte ich mich schonmal daran, das Futter in die Tröge zu verteilen. Abends musste ich die 9 dann nur noch in den Stall lassen. Die Boxen fanden sie ja wie immer selbst. Es hatte sich noch eine Freu
      ndin angekündigt, also setzten wir uns noch auf die Terasse, die in Richtung Weide zeigte und tranken gemütlich Kaffee und sahen den grasenden Pferden zu. Glücklicher konnte ich im Moment wirklich nicht sein.


      Pflegebericht 6
      8. Februar 2014 | Magic

      Heute hatte ich endlich wieder Zeit, mich um meine Pferde zu kümmern. Die Zeit rannte mir in letzter Zeit wirklich davon und ich wusste nicht wie ich das anders regeln sollte als meine Reiterkolleginnen einzuspannen. Diese kümmerten sich wirklich gerne um meine Pferde und daher hatte ich im Reiterstübchen eine Kleinigkeit aufgebaut. An die Stalltür pinnte ich noch ein etwas größeres Plakat mit der Aufschrift "An alle meine lieben Helfer, ich habe eine Kleinigkeit für euch im Reiterstübchen. Greift bitte zu und herzlichen Dank für eure Unterstützung". Zufrieden schaute ich auf das Plakat und lief in den Stall. Ich pfiff kurz und schon kamen meine Pferdchen zum Vorschein. "naaaaaaa hier Hübschen? Endlich bin ich auch mal wieder bei euch!" Ich strahlte über beide Ohren und gab jedem meiner Schätze einen Apfel. Zufrieden schnaubten sie vor sich hin und ich begann, ein Pferd nach dem anderen zu putzen und ordenlich zu verwöhnen. Nach guten 2,5 Stunden war ich dann durch und blieb noch etwas im Stall, ehe ich mich verabschiedete und ins Reiterstübchen ging. Dort saßen schon die ersten und machten sich über die Leckereien her. Lächelnd bedankte ich mich nochmals bei den Anwesenden, die sich ebenfalls für das Essen bedankten, was ja eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Glücklich setzte ich mich an einen Tisch und holte mir noch einen Kuchen und blieb quatschend mit meinen Freunden im Reiterstübchen sitzen.

      Pflegebericht 7
      15. Juli 2014 | Stelli

      An so einem wunderschönen Julitag konnte ich nicht anders und beschloss, Magic unter die Arme zu greifen. Ich fuhr schnurstracks zu ihrem Hof um mich um die Pferde zu kümmern. Dort warteten bereits ihre 9 Schützlinge. Ich parkte mein Auto und ging zum Stall, wo viele Pferdeköpfe aus den Fenstern schauten. Ich ging zuerst zu meiner selbstgezogenen Stute Vaconda und brachte sie zusammen mit Ronja auf die Koppel. Danach folgten die Stute Charelle zusammen mit Rive, die mit zu den zwei vorherigen Pferden auf die Koppel kamen. Der Wallach Excelsior durfte sich zu den Damen dazugesellen. Der nächste Gang bestand aus dem Rausbringen von Winterzauber und Mon Amie. Seattle's GT'aime musste alleine Stehen, da er der einzige Hengst des Stalls war. Das Fohlen Spotted Face durfte mit zu den Stuten. Als alle Pferde draußen waren mistete ich schnell die Ställe raus, streute sie frisch ein und fing an, Heu in die Boxen zu verteilen. Als ich fertig war hinterließ ich Magic einen Zettel, fegte die Stallgasse durch und ging nach Hause.

      Pflegebericht 8
      16. Januar 2015 | Stelli

      Heute besuchte ich meine Freundin Magic. Sie hatte leider sehr viel zu tun, sodass ich ihr mit der Pflege ihrer Pferde etwas helfen wollte.Als ich bei ihrem Stall angekommen war, holte ich zuerst meine ehemalige Stute Vaconda aus der Box. Die Stute erkannte mich sofort wieder und genoss die Putzeinheit. Ich wollte ihr heute einen entspannten Koppeltag gönnen. Charelle putzte ich ebenfalls und ließ die Schimmelstute in der Halle frei laufen. Sie tobte sich wild aus und kam danach zu Vaconda auf die Koppel. Den hengst Excelsior, genau wie Rivé, longierte ich jeweils eine halbe Stunde auf dem kleinen Reitplatz. Simply's Ronja ritt ich nach dem Putzen eine ganze Weile in der Halle dressurmäßig, wobei sie anfangs ziemlich mürrisch war. Zum Ende war sie aber wunderbar locker und entspannt. Winterzauber ließ ich ebenfalls laufen und stellte die Stute anschließend zu den anderen Beiden raus. Seattles GT'aime wurde auch longiert. War zwar etwas wild, aber immerhin bewegt. Das letzte Pferd, Mon Amie, führte ich ein bisschen spazieren, sodass die Beine vertreten waren. Anschließend fütterte ich alle Pferde mit Heu und Kraftfutter und fuhr nach Hause.
    • AliciaFarina
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      25. August 2015 | 6.402 Zeichen | Canyon
      Ankunft

      Mio » Endlich! Es war soweit! Ich konnte mein Glück noch gar nicht so wirklich fassen. Mein erstes eigenes Pferd zog bei mir ein. Na gut, Pferd ist wohl noch etwas übertrieben, eher Pony – und damit ging bei mir ein wirklich großer Traum von mir in Erfüllung. Seit nun schon mehreren Jahren nahm ich Reitunterricht, kümmerte mich um die Pferde im Stall und mistete die Boxen und nun da ich seit bereits einem halben Jahr volljährig war, hatte ich mir den Wunsch meines Lebens erfüllt. Ein eigenes Pony. Die letzte Zeit hatte ich viel vor dem Computer verbracht, seitdem bekannt war, dass eine Box auf dem Borderhof frei werden würde. Mehrere Anzeigen hatte ich meiner Favoritenleiste hinzugefügt und mich dann doch schlussendlich für Excelsior entschieden. Excelsior war ein 11 Jahre alter Wallach, hatte eine Schulterhöhe von 155 cm und war ein Deutsches Reitpony. Viel hatte ich noch nicht mit dieser Rasse zutun gehabt, jedoch hatte ich mich gleich in seinen ruhigen Charakter verliebt, der es mir unmöglich machte Nachts zuschlafen, bevor ich nicht die Entscheidung getroffen hatte, ihn zu kaufen. Am frühen morgen rollte ein Auto samt großem grauen Pferdeanhänger auf den geräumigen Parkplatz des Borderhofs. Ungeduldig wartete ich bereits vor den Toren zum Stallgebäude auf die Ankunft meines ersten Pferdes. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und der Himmel war trotz der Wärme der letzten Tage, von dunklen Wolken verhangen. So ein schöner Tag und dann so ein blödes Wetter, dachte ich bei mir und zog den Reisverschluss meiner Strickjacke etwas weiter zu, weil ein kalter Windstoß mir einen eisigen Zug entgegen blähte. Hoffentlich klarte es im Laufe des Tages auf, damit der Tag nicht ganz so ins Wasser fiel. Erwartungsvoll lief ich dem Hänger entgegen und lugte über die Klappe hinweg ins Innere des Hängers. Mein Gott, ich benahm mich ja wie ein kleines Mädchen, nicht wie eine Abiturientin die das letzte Jahr hinter sich hatte! Trotzdem, dort stand das Pony. Mein Pony. Entspannt hatte er die Ohren nach vorne gerichtet knabberte zufrieden an dem frischen Heu, welches vor ihm in einem Sack hing. Aus dem Auto stieg Magic, die Noch-Besitzerin von Excelsior. Wir schüttelten uns die Hände klappten dann zusammen die Rampe des Anhängers hinab. Ich lief zu der kleinen Tür am vorderen Ende des Hängers, steckte den Kopf zu dem kleinen Wallach hin und knotete den Strick los. Dann stieg ich ganz hinein und führte ihn langsam Rückwärts aus dem Hänger hinaus auf den Schotterparkplatz. Er blieb die ganze Zeit ruhig und ohne jegliche Angst, so dass ich ihn fürs erste beruhigt durch den nun immer stärker werdenden Regen in den Stall führte. Das Stallgebäude des Borderhofs konnte bis zu 40 Pferde beherbergen und war auch meist bis auf den letzten Platz besetzt. Es gab vier lange Reihen mit unterschiedlich großen Boxen, welche auch unterschiedlich viel kosteten. Die linke Seite zeigte zu den Feldern hin und bestand aus mittelgroßen Boxen, von denen jede mit einem Sandpaddock ausgestattet war. Nicht jeder konnte sich so einen Luxus für das Pferd leisten. Die beiden mittleren Reihen bestanden aus großen geräumigen Boxen, jedoch ohne Paddock. In der linken Reihe standen meist die Schulpferde. Jede Box war nur ausgestattet mit einem kleinen verhangenem Fenster und sonst die kleinsten und billigsten Boxen im Stall. Die Fenster waren dreckig und von Spinnenweben verhangen, außer die letzte Box auf der anderen Seite des Stalls. Das Fenster von dieser hatte ich erst am Vortag gründlich geputzt und versucht, die alte Glasscheibe so gründlich wie möglich wieder zusäubern. Auch die ganzen anderen Drecksstellen hatte ich versucht so sauber wie möglich zubekommen und war nun mit dem Ergebnis echt zufrieden. Excelsiors Box war jetzt die sauberste im ganzen Borderstall und so würde das Pony sich hoffentlich so schnell wie möglich wie zu Hause fühlen. Die Box hatte ich gestern Abend bereits mit frischem Stroh eingetreut und den Heusack gefüllt. Heute morgen hatte ich nur noch schnell ein paar Möhren, Äpfel und eine kleine Schaufel Kraftfutter hinzugefügt, um den Wallach die anstrengende Reise so schnell wie möglich vergessen zulassen. Am ersten Tag konnte ich den kleinen noch so richtig verwöhnen, dann musste ich aufpassen, dass er nicht allzu stark zunahm. Ich schob den Riegel der Box zurück und stoß sachte die Tür auf. Excelsior zuckte nicht einmal mit den Ohren, als diese laut quitschte. Da hatte ich mir wirklich ein schreckloses Pony zugelegt. Dann streifte ich Excelsior das Halfter ab und dem Duft der Leckerlis folgend verschwand der Wallach willig in seiner Box. Excelsior... Es war ein sehr schöner Name und vorallem passte er hervorragend zu ihm, jedoch hatte ich einen Drang dazu, allen einen Spitznamen zu verpassen. Im Moment fiel mir jedoch noch keine ein, mit dem ich das Problem des schwierigen Namens umgehen konnte. Der würde vielleicht mit der Zeit noch kommen. Einen Moment stand ich noch vor der verschlossenen Boxentür und beobachtete den kleinen, zufrieden kauenden Schimmel, bevor ich mich daran erinnerte, dass Magic noch vor dem Stall stand und auf mich wartete. Ich wand mich also ab und ging die Stallgasse zurük zum Parkplatz. Zusammen mit Magic brachte ich die Ausrüstung hinter in die Sattelkammer und hängte alles an den bereits dafür vorgesehenen Platz. Dann verabschiedete sie sich von mir und Excelsior, stieg in ihr Auto und fuhr wieder weg.
      Nun war ich wirklich Besitzerin von Excelsior! Heute würde er erstmal einen ruhigen Tag in der Box verbringen und sich so an die neuen Düfte und Geräusche des Stalls gewöhnen. Morgen, so war es mit der Besitzerin des Stalls ausgemacht, würde ich Excelsior erstmal auf eine kleinere Koppel neben der großen der anderen Pferde stellen und schauen, ob sie sich überhaupt vertragen würden. Heute hatte ich im Stall leider nicht mehr so viel zutun. Die Pferde waren bereits auf die Koppel gebracht wurden und die Boxen würden erst heute Nachtmittag sauber gemacht werden. Eine Zeit lang stand ich noch vor Excelsior, schaute ihm zu wie er fraß und streichelte ihn immer wieder an der Nase. Als es Mittag wurde und mein Magen sich langsam über das karge Frühstück beschwerte, stieg ich auf mein Fahrrad und fuhr durch das kleine Dörfchen die Landstraße entlang nach Hause. Heute Abend würde ich wieder kommen um die Pferde reinzuholen und zufüttern. Dann würde ich Excelsior auch schon wieder sehen!


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      30. August 2015 | 7.382 Zeichen | Canyon
      Pflegebericht

      Mio » Heute war Sonntag. Excelsior stand mittlerweile schon ganze 5 Tage auf dem Borderhof und ich hatte es jeden Tag geschafft, mindestens einmal hinzuradeln und mich mit meinem Pony zu beschäftigen. Excelsior hatte sich wunderbar mit den Schul – und Pensionsponys des Hofes angefreundet und stand nun auf einer etwas weiter entfernten Ponyweide mit noch weiteren 10 Pferden. Die letzte Woche hatte ich mit ihm noch nicht wirklich stark gearbeitet, um ihm erstmal Zeit zu lassen sich eingewöhnen zu können. Ich hatte ihn jeden Nachmittag von der Koppel geholt, ihn gründlich geputzt, war etwas longiert oder mit ihm spazieren gegangen. Außerdem hatte ich ihm ein neues Halfter und den dazu passenden Strick der gleichen Farbe gekauft, nämlich ein zartes blau, welches hervorragend zu seinen Augen passte. Er hatte sich mir gegenüber immer vollkommen verschmust und glücklich gezeigt und auch von den Stallburschen, welche die Pferde jeden Tag fütterten und auf die Weide brachten, kam nur positive Rückmeldung. Ich war also rundherum glücklich, dass alles so super und ohne Probleme geklappt hatte. Heute wollte ich mich das erste Mal auf ihn drauf setzten und war deswegen total aufgeregt. Excelsior war Klassisch geritten. Ich hatte aber vor, ihn nicht als Dressur – und Springpferd zu nutzen, sondern als Freizeitpferd. Ich wollte also viel ohne Sattel arbeiten, die Trense durch einen Halsring ersetzten oder mit Halfter reiten. Heute würde ich allerdings erstmal den Sattel nehmen um mit kleinen Schritten anzufangen. Ich ging also den weiten Weg zur Koppel, welcher durch das ausgetrocknete Tal eines früher großen Baches führte, von dem allerdings nur noch ein klägliches Rinnsal übrig geblieben war. Zur Koppel brauchte ich etwa 10 Minuten. Manche beschwerten sich über diesen Weg, andere, so wie ich auch, genossen meist die Zeit, welche sie mal mit sich alleine oder ihrem Pferd in der Natur verbringen konnten. Die Ponykoppel war großzügig angelegt und bot den elf Ponys genügend Platz zum rennen. Neben dieser Koppel war, etwas hinter einer Baumreihe versteckt, die Koppel der großen Pferde. Da es auf dem Borderhof Shettys sowie auch riesige Vollblüter gab, waren die Großpferde von den Ponys getrennt, damit diese sicherer vor den großen Hufen ihrer Stallkameraden waren. Als ich an der Koppel ankam, hatte ich natürlich wie immer das Glück, dass Excelsior am anderen Ende des Stückchen Wieses stand und fröhlich vor sich hinkaute. Ich schaltete also den Strom aus und kroch unter dem Zaun hindurch auf die andere Seite, dann machte ich mich auf dem Weg zu ihm hin.
      „Excelsior!“, rief ich, jedoch ohne den erhofften Erfolg. Zwar treten die anderen Ponys den Kopf zu mir und einige machten sich auch auf den Weg in meine Richtung, jedoch mein Zielpony stand unbewegt da und hatte nicht vor mir meinen Weg zu erleichtern. Ich seufzte und lief über die holperige Koppel zu meinem Pony. Erst als ich vor ihm stand, hob er den Kopf und blickte mich an. Das musste aber eigentlich besser funktionieren, dachte ich so bei mir. Dann legte ich ihm sein Halfter an und führte ihn durch die anderen Pferde hindurch zum Ausgang.
      Auf dem Weg zurück legte ich den Führstrick über Excelsiors Hals und ließ ihn frei neben mir herlaufen. Wenn er abwenden wollte um wo anders hinzugehen, griff ich ihn ans Halfter und führte ihn Rückwärts zurück zu der Stelle, bei der er abgebogen war. Irgendwann war auch ihm es dann zu doof nicht vorwärts zu kommen und erlief brav neben mir her. Erst am Stall nahm ich ihn wieder am Strick und schob ihm eine Möhre zu, welche er auch gleich verputzte. Ich band Excelsior vor dem Stall fest, holte meine Putzkiste und legte schon Sattel und Zaumzeug bereit. Dann putzte ich mein Pferd mal wieder gründlich. Komischerweise war er im Gegenteil zu manch anderen Pferden immer kaum schmutzig und sein kurzes weiches Fell war immer das sauberste. Ich hatte nicht wirklich etwas dagegen, das ersparte mir viel Zeit. Dann legte ich den älteren Sattel und die frischgewaschene Satteldecke auf und die braune Trense an und führte ihn zu der großen neuen Halle gleich neben dem Stallgebäude. Auch jetzt wieder legte ich die Zügel auf den Rücken des Pferdes und befahl ihm nur, mir zu folgen. Diesmal klappte es schon viel besser und ich war erstaunt, wie lernbereit er war. Da es Sonntagvormittag war, war die Halle zum Glück leer und ich würde mich ganz auf mich und Excelsior konzentrieren können. Ich stelle den Wallach in die Mitte der Halle, gurtete dann den Sattelgurt nach und stellte meine Steigbügel ein. Dann schwang ich mich auf das nicht allzu große Pferd und saß erstmal ein paar ruhige Sekunden nur im Sattel, damit wir uns beide an den anderen gewöhnen konnten. Dann trieb ich ihn langsam mit meiner Stimme an und gab ihm das Zeichen, dass er loslaufen durfte. Ich begann die Stunde langsam. Ging erstmal im Schritt einige Bahnfiguren und schaute, auf was ich bei ihm achten musste und was gut klappte. Nach einer viertel Stunde intensiver Schrittarbeit, trabte ich langsam los und wiederholte das Ganze, diesmal nur einen Gang schneller. Als dann auch der Wechsel zwischen Trab und Schritt funktionierte, galoppierte ich ihn einer Ecke langsam an und ging erstmal auf den Zirkel. Ich war etwas erschrocken wie er losstürmte und musste mich selber erstmal wieder fangen um ihn unter Kontrolle zubringen. Wow, ein deutsches Reitpony was so abging. Ich liebte schnelle Galoppe, aber das dann eher auf einem Feld und nicht in einer kleinen Halle! Nach ein paar Minuten hatte sich Excelsior auch soweit wieder beruhigt, dass wir im Galopp noch ein paar Bahnfiguren reiten konnten, ohne dass ich gleich aus dem Sattel geschmissen wurde. Da Exceslsior nach einer dreiviertel Stunde Arbeit immer noch nicht ausgepowert schien, ritt ich mit ihm noch auf den Springplatz, wo ein kleiner Parcours aufgebaut war. Der Springplatz bestand aus einem großen matschigen Platz, welcher genau an der Grenze von Hof und weitem Feld lag und man sich so beim reiten auf dem Platz fast wie im Gelände fühlte. Ich ritt mit Excelsior erstmal nur über die Trabstangen und dann eine Runde im Galopp bis ich mir den kleinen Parcours vornahm und mit Excelsior einmal alle Hindernisse überwand. Er war unglaublich springfreudig, was meine nicht vorhandene Springfreude wieder auszugleichen schien. Ich hatte noch nie den Drang verspürt, Springen zu müssen. Mich hatte es eher in die Natur und zu schnellen Ritten gezogen, aber vielleicht konnte ich von ihm noch etwas lernen. Nach dann insgesamt etwas mehr als einer Stunde Arbeit beendete ich unseren ersten Ritt und führte Excelsior zurück zum Stall, wo ich ihn absattelte und überputzte. Dann, weil mich ein Impuls dazu brachte, kletterte ich langsam auf den nun leeren Rücken des grauen Pferdes und band von dort aus den Führstrick als Zügel am Halfter fest. Als erstes verspannte sich der Wallach etwas, wurde dann aber wieder etwas lockerer, als ich ihn am Mähnenansatz kraulte und ihm vom Pferderücken aus noch eine Möhre hinhielt. Den Weg zurück zur Koppel gingen wir gemütlich im Schritt und unterwegs erzählte ich Excelsior von interessanten Dingen, welche ich schon erlebt hatte. Ich genoss es richtig, endlich ein eigenes Pony zu haben und das zu tun was ich schon immer mal tun wollte; Frei sein...


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      3. September 2015| 7.417 Zeichen | Canyon
      Stürmisches Wetter

      Mio » Fröhlich pfeifend radelte ich durch die Einfahrt des Borderhofes. Heute war es recht kühl, der Sommer war wohl nun wirklich bald zu Ende. Gestern war endlich die Post mit meinem neuen Halsring angekommen und ich hatte vor, heute die erste Stunde damit zu versuchen. Ich wusste nicht ob Excelsior jemals die Erfahrung damit gemacht hatte und so hatte ich keine Ahnung, was mich heute erwarten würde. Als ich mein Fahrrad gerade am Ständer anschließen wollte, kam eine kleine Gruppe Reitschüler mit ihren Pferden an mir vorbei und gingen den kleinen Abhang hinunter zum großen Reitplatz. Na toll, dachte ich, dort wollte ich heute eigentlich hin. Mpf... Das wurde dann heute wohl nichts. Sonst störte es mich eigentlich auch nicht, wenn ich nicht alleine auf dem Platz war, aber heute würde ich mich gerne voll auf mich konzentrieren und nicht damit beschäftigt sein, den unerfahrenen Reitern Platz zu machen. Dann würde ich wohl in die Halle gehen müssen. Doch auch die Halle war von drei Reitern besetzt - Eine Frau longierte den Friesen Titus, eine Reitfreundin ritt auf ihrem Araber Assab ibn Saymoon und die Hofbesitzerin übte mit Stute Windorra. Tja, dann blieb mir wohl nichts anderes übrig als die alte, kleine und dunkle Halle zu nehmen, welche hinter dem Stall und der neuen Reithalle stand. Etwas missmutig betrat ich den langen Stall. Ich hatte die Stallmädchen gebeten Excelsior mittags schon mit den Schulponys reinzuholen, damit ich etwas Zeit sparen konnte. Mein Pony stand wie immer in der letzten Box und hatte träge die Augen geschlossen. "He Süßer! Nicht schlafen, wir wollen jetzt reiten!" sprach ich im leise zu. Excelsior reagierte erst, als ich ihm ein Stückchen Apfel durch die Gitterstäbe reichte und es ihm unter die Nase hielt. Langsam öffnete er die Augen und ehe ich versah, war der Apfel auch schon im Maul verschwunden und meine Hand bis zum geht nicht mehr vollgesabbert. Grinsend wischte ich mir das Gesabber an meiner Jeans ab und öffnete die Boxentür. Dann legte ich ihm sein Halfter um und führte ihn hinaus vor den Stall um ihn an der frischen Luft putzen zu können. Ach wie freute ich mich auf unseren ersten gemeinsamen Ausritt! Hoffentlich war es bald soweit. Ich wollte endlich mal wieder den Wind in meinen Haaren spüren, wenn man über das Stoppelfeld galoppierte und die Vögel in den Bäumen zwitschern hören. Hoffentlich würden wir beide später ein super Team werden! Ich putzte Exel [Jup, ich hatte mich entschlossen ihn so zu nennen^^] gründlicher als nötig und bürstete dreimal über seine flauschige Mähne, bevor ich ihm Sattel und Halfter anlegte und ihm dazu noch den neuen Halsring über den Kopf streifte. Dann führte ich ihn [besser gesagt er lief mir, mittlerweile ohne größere Schwerigkeiten, hinter her] zur kleinen Halle, welche nur noch als Ausweicgmöglichkeit, z.B. in solchen Fällen, genutzt wurde. Exel lief mir ohne viel murren hinterher, er fragte sich aber sicherlich, was wir hier machen wollten. Vor der großen schweren Tür blieb ich stehen und schon sie dann mit einem leichten Stönen zurück. Sie quietschte laut und scharbte dann unangenehm über den Boden. Hoffentlich würde das eine Ausnahme bleiben, dass wir hier in die Halle mussten! Auch Exel beschaute argwöhnisch die offene Tür und dahinter die schwarze Halle. Die Hälfte davon wurde schon länger als Lagerhalle für Heu und Stroh benutzt, die andere Seite war mit dunklem Sand bedeckt. An einer Seite lagen fünf Trabstangen, auf der anderen Seite war ein kleines Sprunghindernis aufgebaut. Die Halle hatte keine Fenster und so mussten wir uns mit dem dunklen Licht zufrieden geben, welches von den Lampen hoch über uns kam. Ich befahl Exel sich in die Mitte zu stellen damit ich die Trabstangen etwas zur Seite räumen konnte, er tat es, kam aber gleich hinter mir her getrabt. Er fühlte sich unwohl in der dunklen, fremden Halle. "Ach Süßer!" sagte ich sanft zu ihm und streichelte ihm am Kopf. "Na gut, heute darfst du ausnahmsweise mal bei mir blieben. Aber das wird ja nicht zur Gewohnheit!"
      Exel schüttelte sanft den Kopf und schaute mich mit großen schwarzen Augen an. Ich musste lachen, mein Pony wusste schon, wie er es schaffte alles zu kriegen. Ich schob die Stangen zur Seite und lief dann mit Exel nochmal eine Runde um die Halle, um ihm zu zeigen, dass hier alles in Ordnung war und er vor nichts Angst haben brauchte. Dann ging ich wieder in die Mitte der Halle, rückte den Sattel gerade, gurtete nach und schwang mich hinauf aufs Pferd. Dann gingen wir erstmal, den Halsring noch ohne Beachtung lose um den Hals gehängt, im Schritt ein paar Bahnfiguren um uns warm zu reiten. Dann nahm ich den Halsring noch zu den Zügeln auf und ließ die Zügel aber lockerer. Sie sollte uns beiden erstmal mehr Sicherheit geben. Jetzt konzentrierte ich mich stärker auf den Halsring. Exel bräuchte länger um zuverstehen, was er machen sollte und selbst nach der ganzen Stunde ging er noch nicht ganz so sicher damit. Immer wieder nahm ich die Zügel zur Hilfe um ihm klar zu machen, was manche Gesten des Halsrings zu bedeuten hatten. Am Ende war ich dann jedoch ganz zufrieden mit uns. Wir waren dann sogar recht viel getrabt und zum Schluss nochmal etwas galoppiert. Die nächste Zeit würde ich das öfters machen, bis ich vielleicht irgendwann die Zügel auch ganz weglassen konnte. Nach etwa einer Stunde legte ich ihm den Sattel ab, unter dem er schon ganz schön zum schwitzen gekommen war, und legt ihm dann die Trense ab. Einen Versuch ohne alles wollte ich heute schonmal wagen, nachdem der Rest schon recht gut gelungen war. Exel war das aufsteigen ohne Sattel ja schon vom Auf-die-koppel-reiten bekannt und so gab es keine größeren Probleme. Ich ritt aber nur noch ein paar Minuten Schritt und stieg dann auch wieder ab um ihn nicht völlig fertig zu machen. Ich schob die schwere Tür auf und führte ihn hinaus. Draußen legte ich ihm zum Halsring noch dazu, sein Halfter an, setzte dann wieder auf und ritt mit ihm in Richtung Koppel. Ich genoss die frische Luft, der Regen hatte aufgehört und die Sonne strahlte wieder munter vor sich hin. Jedenfalls konnte ich den Rest des Tages dann jedenfalls genießen. Die Steine klapperten unter Excelsiors Hufen als wir das ausgetrocknete Bachbett entlang liefen. Rechts und links ging eine steile Böschung hoch und fast fühlte man sich wie in einer anderen Welt. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, öffnete sie dann aber wieder als wir den kleinen Bach passierten und die Koppeln vor uns lagen. Langsam glitt ich von Excelsiors Rücken hinab auf den durchgeweichten Boden und führte Exel das letzte Stück zur Weide. Dort schaltete ich den Strom aus und verscheuchte erstmal die anderen Ponys, welche schon am Tor standen und ihre Köpfe uns entgegen strecken. Als ich mit Excelsior näher kam, wieherte Popper laut auf und begrüßte seinen neuen Freund. Ich öffnete das Tor, streifte ihm Halsring und Halter ab und entließ ihn auf die Koppel. Dort galoppierte er mit seinen Freunden in erstmal weg von mir ans andere Ende der Koppel und begann dort dann gemütlich zu fressen. Eine Weile stand ich noch da, ging dann aber zurück zur Halle um den Sattel zu holen und den Stall auszumisten. Nachdem alles erledigt war, legte ich Exel noch eine Möhre in die Box und stieg dann auf mein Fahrrad und fuhr die Landstraße entlang Richtung zu Hause.


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      13. September 2015 | 3.377 Zeichen | Canyon
      Dann doch kein Ausritt

      Mio » Puh, endlich wieder Sonntag! Irgendwie war das bei mir immer der enstpannteste Tag in der ganzen Woche. Das blöde war, dass das Regenwetter immer noch nicht aufgehört hatte und der Herbst immer noch seine stürmische Seite raushingen ließ. Jetzt, als ich am frühen Morgen die Einfahrt zum Borderhof durchquerte, bedeckte zwar nur der Nebel die Wiesen, jedoch waren es knapp 10 C und von Vormittag bis Abend sollte es später durchgehend regnen. Eigentlich wollte ich heute einen ersten Versuch wagen, mit Excelsior einen Ausritt zu machen. Ich schwankte jedoch noch, da ich mir unseren ersten gemeinsamen Ausflug nicht von einem schlechten Wetter vermiesen lassen wollte. Wäre es jedenfalls nicht so kalt, dann würde mir die nasse Luft nichts ausmachen, aber bei diesen Temperaturen... Es war noch so früh, dass die Tore zum Stall fest verschlossen waren und alle Pferde noch in ihren Boxen standen. Ich war also die erste, die sich heute morgen aus dem Bett gequält hatte und ich bereute es jetzt schon. Dann dachte ich jedoch wieder an meinen Wallach, welcher in der Box auf mich wartete und verdrängte den Gedanken an das kalte Wetter wieder. Ich betrat den Stall. Hie und da schnaubte ein Pferd oder frisches Heu raschelte. Selbst die Schwalben, welche sonst immer sehr munter zwitscherten, schliefen heute morgen noch in ihren warmen Nestern. Die ersten kalten Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Fenster und beleuchteten die Stallgasse viel weniger als sonst. Auch die Sonne war heute morgen noch zu faul aufzustehen! Wie immer ging ich an den anderen Pferden vorbei, grüßte alle und streichelte jeden dritten kurz an der Nase. Bei dem Wetter würde ich heute nichts mit ihm machen. Das verschob ich dann doch lieber auf die nächsten Tage, wenn das Wetter hoffentlich wieder etwas angenehmer werden würde. Im hintersten Stall stand mein Pony Excelsior, welches wie immer noch in seiner Box vorsichhin döste. Also von "auf mich warten", konnte hier nicht die Rede sein! Ich ließ ihn deshalb erstmal noch weiter schlafen und fegte die Gasse. Dazu stellte ich mir noch ein Radio an und hörte diesem, in Gedanken versunken, zu.
      Eine viertel Stunde später betrat die Besitzerin des Hofes den Stall. Wir begrüßten uns herzlich und begannen dann, alle Pferde hinaus auf die Koppeln zu bringen. Excelsior fand es nicht gerade toll, dass ich ihn aus seiner warmen Box zog, ging dann aber recht freiwillig mit, als er die frischen Möhren in meiner Jackentasche entdeckte. Heute würde ich es wohl eher sein lassen, etwas anstrengendes wie einen Ausritt zu machen.
      Ich verschob mein Vorhaben deshalb auf einen anderen Tag diese Woche und verbrachte den Vormittag im Stall, wo ich ausmistete und Heu vorbereitete. Später zog ich mit Christian, einem Stallburschen, noch einen Koppelzaun und machte mich dann auch schon wieder auf den Heimweg. Ich schwang mich auf mein Fahrrad fuhr wie immer durch die Einfahrt des Borderhofes und dann die Landstraße entlang in Richtung der nächsten Stadt. Ganz zufrieden war ich damit nicht, nichts gemacht zu haben, aber als es auf halbem Weg anfing in strömen zu regnen und ich mich erstmal an einem Dorfkiosk unterstellen musste, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. An einem anderen Tag würde das Wetter besser werden und dann würde ich mit ihm hinaus ins Gelände gehen!


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      17. September 2015 | 10.697 Zeichen | Canyon
      Mein Leben und der verrückte Kopf

      Mio » Was für ein wundervoller Tag! Es war also doch gut gewesen, den Ausritt letztes Wochenende zu verschieben. Heute, direkt nach der Schule, schwang ich mich auf mein Fahrrad und fuhr zum Gestüt. Der Himmel war blau bis an den Horizont und meine Jacke hatte ich den ganzen Tag nicht gebraucht. So ein perfekter Tag! Ich passierte das Tor des Borderhofes und radelte fröhlich in Richtung Stall. Vor dem Stallgebäude schloss ich mein Fahrrad an und betrat den Stall.
      Ich begrüßte ein paar Bekannte und machte mich dann auf den Weg zur Koppel, auf der mein Wallach im Moment stand. Die Sonne strahlte fröhlich und machte das schlechte Wetter der letzten Tage damit wieder wett. Einen schöneren Tag hätte ich mir nicht aussuchen können! Ich lief das ausgetrocknete Bachbett entlang und sprang dann leichtfüßig über das letzte Rinnsal von dem ehemals sehr großen Fluss. Am anderen "Ufer" war die Koppel. Groß und von Bäumen umzäunt, war sie eine der schönsten Weideflächen, welche der Hof besaß. Exel stand in der Mitte einer kleinen Gruppe von Ponys, fast so, als hätte er sich extra in den Mittelpunkt gestellt um mehr aufzufallen. Ich musste grinsen. Das passte perfekt zu ihm! Ich hob das Halfter samt Strick vom Boden auf, welches dort heute morgen achtlos hingeworfen worden war. Kopfschüttelnd putzte ich das Gras ab, schaltete dann den Stein aus und kroch unter dem Zaun hindurch um zu meinem Pony zu gelangen. Er ignoriere mich erstmal vollkommen und hob erst den Kopf, als ich vor ihm stand. Dann jedoch stupste er mich freundlich an und folgte mir ohne Probleme in Richtung Ausgang.
      Wieder im Stall angekommen, band ich ihn an einer Stange fest und holte Putzzeug, Sattel und Trense. Dann begann ich ihn feindlich zu reinigen. Wie immer war er nicht wirklich dreckig, wieder ein Anzeichen dafür, dass er sich gerne bewundern ließ. Dann legte ich ihm den Sattel auf und das Zaumzeug an, brachte das Putzzeug wieder in den Stall und band Exel dann wieder los. Das Halfter und den Strick hing ich mir vorsichtshalber um die Schulter, man konnte ja nie wissen!
      Dann schwang ich mich auf mein Pferd, setzte mich zurecht und trieb ihn leise mit meiner Stimme an. Wir ritten zwischen Stallgebäude und Reithalle entlang, dann den kleinen Hang hinab und am Springplatz vorbei über eine kleine Steinbrücke hinaus aufs offene Feld. Von dort führe nur ein kleiner Feldweg hinab zum großen Fluss und dann den Hügel wieder hinauf zum Wald hin. Den Weg würden wir nehmen. Ich versuchte Exel in einem ruhigen Schritt zu halten, denn auch er spürte die Freiheit die vor ihm lag und welche er in ganzen Zügen nutzen wollte. Ein kurzes Stückchen schaffte ich es noch, ihn nicht losrennen zu lassen, doch als wir auf eine saftige Wiese am Flussufer zuritten, lockerte ich langsam die Zügel und ließ ihn antraben. Am Anfang waren seine Schritte noch sehr ungleichmäßig, wurden jedoch mit der Zeit immer besser. Kurz darauf gab ich ihm das Zeichen zum angaloppieren und sofort stürmte er los. Ich nahm vor Schreck die Zügel wieder etwas weiter auf und bekam so wieder eine stärkere Verbindung zum Pferd. Exel galoppierte einfach am Fluss entlang, ich saß auf ihm. Mit der Zeit wurde ich lockerer, ließ die Zügel wieder etwas durch hängen und war nur noch bei meinem Pferd. Hier war ich schon oft entlang geritten. Mal auf einem Pflegepferd oder einem Schulpferd, doch immer waren es einfach verschiedene Pferde gewesen, welche jemandem gehörten und nur für diesen Augenblick mir zu gehören schienen. Heute war es endlich anders. Wir beide gehörten zusammen und niemand konnte uns nun noch auseinander bringen. Aus einem spontanen Impuls heraus, breitete ich meine Arme aus, spürte nur noch den Wind in meinen Haaren und merkte, wie er mir die Tränen aus den Augen holte. Vielleicht waren es wirklich nur Tränen vom Wind, vielleicht waren es aber auch Tränen aus purem Glück, welche nun an meiner Wange entlang nach hinten rollten und dann vom Windstoß erfasst und mitgenommen wurden. Ich war glücklich! Irgendwann hatten wir das Ende der Wiese erreicht und ich rüttelte mich unsanft aus meiner Phase. Ich parierte in den Schritt durch, wischte mir die Tränen und die Haare aus dem Gesicht und kraulte Exel zufrieden mit ihm, kurz am Hals. Dann bog ich wieder auf den Pfad ab. Dieser führte uns in den Laubwald und dann einen steilen Hang hinauf, welchen Exel aber hervorragend meisterte. Das letzte Stückchen gingen wir nun ruhig im Schritt und kamen zufrieden und mit guter Laune, nach etwa einer Stunde wieder am Gestüt an. Ich nahm ihm schnell das Sattezeug ab und legte ihm das Halfter an. Dann stellte ich ihm einen Eimer frisches Wasser hin, daß Angebot nahm er auch sogleich an. In diesem Moment kam gerade Charly vorbei. Sie war schon seit vielen Jahren meine Freundin und verdiente sich neben der Schule etwas Geld, indem sie auf dem Gestüt Reitunterricht für die ganz Kleinen gab. Für ein eigenes Pferd reichte ihr Geld noch lange nicht. Im Gegenteil zu mir, hatte Charly, welche eigentlich Charlotte Eylenstein hieß, ganz kurze, strubbelige und schwarze Haare, war sehr schlank und hatte sich schon immer viel dunkle Farbe ins Gesicht geschmiert. Sie hatte heute wieder ihr kurzes schwarzes Top an und eine ausgeleierte Jeans, welche ihr trotzdem sehr gut stand. Charly kam gerade aus der Reithalle, ein kleines Mädchen mit weißem Pony folgte ihr. Ich versicherte mich kurz, dass Exel ruhig trank und lief dann auf sie zu. Auch sie kam nun auf mich zu und lächelte fröhlich.
      "Hey Mio, warst du ausreiten?", sprach sie mich an, gleich nachdem wir uns umarmt hatten.
      "Jup, das allererste mal und ich bin so froh, dass alles so super geklappt hat. Wir sind sogar die große Runde geritten und das nicht gerade langsam!", meine Augen strahlten glücklich, als ich ihr das erzählte, merkte jedoch, dass sie etwas eifersüchtig war. Sie ritt schon länger als ich und nun hatte ich mir zu erst ein Pferd gekauft.
      "Hast du Lust mit mir in der Reiterstube noch einen Kaffee zu trinken?", fragte ich deshalb um das Thema zu wechseln. Sie neigte den Kopf erst leicht nach links und dann nach rechts, schaute auf ihre Uhr und seufzte dann.
      "Na gut, einen Kaffee, weil du es bist. Habe eigentlich keine Zeit."
      "Was hast du denn noch so vor, wenn du noch nicht mal Zeit hast, etwas mit mir zu trinken?", fragte ich erstaunt.
      Sie lächelte breit. "Süße, ich arbeite hier. In einer halben Stunde ist die nächste Reitstunde und davor wollte ich eigentlich noch die drei Friesen wieder rausbringen. Bei denen war der Hifschmied heute."
      Ich hackte mich bei ihr ein und zog sie in Richtung Reiterstube. "Das mache ich nachher, ich habe Zeit, dann kannst du jetzt mit mir einen Kaffee trinken!"
      Sie lachte und wehrte sich immer noch mitzukommen. "Das ist ein gutes Angebot und dann komme ich auch mit, aber meinst du nicht, dass es sinnvoll wäre, wenn du dein Pferd noch in die Box bringen würdest?"
      Erschrocken schaute ich zum Anbindeplatz zurück. Exel hatte den Eimer leer gesoffen und kaute nun am Rand herum. Als er merkte, dass es nicht schmeckte, stoß er ihn wütend beiseite und warf den Kopf nach oben.
      "Ups", murmelte ich "Den hatte ich ja ganz vergessen."
      Charly hatte die Arme verschränkt und grinste breit. "Du hast dich noch nicht so wirklich an ein eigenes Pferd gewöhnt, oder? Vielleicht solltest du es doch eher mir geben?"
      "Ach halt die Klappe!", sagte ich versucht wütend, musste dann aber doch lachen.
      Zusammen brachten wir Exel in seine Box, brachten das Sattezeug weg und begaben uns dann ins Reiterstübchen. Dort machte ich uns einen Kaffee und setzte mich dann neben Charly aufs Sofa. Kaum saß ich, brummte mein Hand unüberhörbar in meiner Tasche und ich nahm es heraus. Eine SMS meiner Mutter.
      Hey Schatz!
      Hast du kurz Zeit mit mir zu telefonieren? Es gibt interessante Neuigkeiten und ich weiß nicht, ob du noch auf dem Pferd sitzt.
      Hdl Mama
      Ich seufzte. Was würde es denn wichtiges sein, dass sie nicht bis heute abend warten kann. Ich blickte kurz zu Charly, welche mir nickend zustimmte. Wieder seufzte ich und drückte die Anruftaste. Piep... Piep... Piep... "Ah! Schön, dass du schon zurück rufst! Du wirst nicht glauben wer gerade bei mir angerufen hat."
      "Nein, aber so wie ich dich kenne, wirst du es mir wohl gleich erzählen."
      "Da hast du recht. Kannst du dich noch an Tante Malin erinnern? Sie besitzt doch diesen kleinen Hof in Südfrankreich, falls du dich entsinnst."
      Ich nicke ins Telefon bis ich merke, dass sie es ja nicht sehen kann und sage deshalb nochmal: "Ja klar, die besaß doch auch ein paar Pferde oder?"
      "Genau. Sie hat sich neu verliebt und ist deshalb zu ihrem neuen Freund gezogen. Pferde hat sie mitgenommen. Sie will ihren Hof nicht verkaufen, sondern nur verpachten und bevor sie eine Anzeige erstellt, wollte sie innerhalb der Familie fragen und da habe ich mir gedacht, dass ich dich ja mal fragen könnte."
      "Mich?", stotterte ich ins Handy "Ich könnte nach Südfrankreich ziehen? Das würdet ihr erlauben?"
      "Na ja nicht alleine, aber wenn zum Beispiel Charly mitkommen würde, dann ist das doch kein Problem. Überlege mal. Du bist volljährig, hast deine Schule hinter dir und machst zur Zeit nichts als arbeiten gehen. Du würdest fließend Französisch lernen und du würdest einen fast eigenen Hof bekommen."
      Ich war völlig fertig. Außerdem versuchte meine Mutter mich davon zu überzeugen, meine Träume zu erfüllen. Ich bekam kein Wort heraus und meine Gedanken spielten verrückt. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, meine Mutter sprach einfach weiter: "Ein Problem wäre jedoch, dass du dich dort um vier Pferde kümmern musst. Sie hat irgendwie Pferde gekauft und kann sich nun ja nicht mehr dran kümmern. Vorteil wäre aber, dass Excelsior nicht alleine sein würde. Kannst ja mal drüber nachdenken, wie das wäre. Muss jetzt auch weiter arbeiten. Hab dich lieb! Fall nicht vom Pferd!" Es piepte. Langsam nahm ich mein Handy vom Ohr weg und ließ es in meinen Schoß fallen. Dann drehte ich langsam meinen Kopf zu Charly, welche mich mit ausdruckslosem Blick anschaute und dann sagte: "Du hast wirklich ein riesen Glück in deinem Leben, so viel hätte ich auch gerne mal."
      "Wo ist eigentlich Asuka?", fragte ich, immer noch nicht recht bei Bewusstsein.
      Charly schwenkte kurz den Kopf in Richtung Stall und sagte dann: "Der sollte noch im Heu liegen."
      "Ok."
      An diesem Abend lag ich lange im Bett. Meine Augen wollten einfach keine Ruhe finden. Der Gedanke von einem Hof in Südfrankreich ließ mich nicht los und erst in den frühen Morgenstunden schlief ich endlich ein und schlief dann auch bis Mittag durch. Ich wusste, in nächster Zeit würde sich mein komplettes Leben verändern, dass wusste ich jetzt schon.


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      26. September 2015 | 25.874 Zeichen | Canyon
      Die Reise beginnt!
      Mio » Südfrankreich! Große Berge, steile Schluchten, kleine Dörfer. Es war schon immer meine Traumgegend gewesen, und jetzt, viel früher als ich es je gedacht hätte, würde das meine neue Heimat werden. Es hatte tatsächlich geklappt! In den letzten Tagen spukte nur noch ein Gedanke in meinem Kopf herum: Ich würde mit Charly, ihrem Hund und natürlich meinem Pferd Excelsior nach Saint Gorge ziehen, auf den alten Hof meiner Tante. Ich würde Deutschland verlassen und ich wusste nicht, ob ich jemals wieder hierher ziehen würde. Bald würde ich Saint Gorge mein zu Hause nennen und nicht mehr Deutschland, wo ich meine komplette Kindheit verbracht hatte. Ich war völlig fertig... Nun würde das wirkliche Leben beginnen! Bereits vor zwei Tagen war unser Umzugswagen mit den Dingen von mir und Charly abgefahren. Heute würde Exel in einem Langstrecken Transporter und Charly und ich in Charlys Auto folgen. Der Rest war schon gut verpackt und stand am frühen Morgen startbereit vor der Haustür meiner Eltern. Beide hatten sich herzlich von mir verabschiedet, mit einem tränenden und einem lachenden Auge und auch ich hatte gerade noch so meine Tränen zurückhalten können. Kurz nach sieben rollte der alte Lada in unsere Einfahrt und heraus stieg Charly, eine Freundin seit etlichen Jahren, die immer für jeden Scheiß zu haben war, wie z.B. alleine nach Südfrankreich zu ziehen. Charly hatte sich, genauso wie ich, in bequeme Kleidung gesteckt um die lange Fahrt so bequem wie möglich zu machen. Asuka, ihr Hund, sprang fröhlich aus dem Auto auf mich zu. Asuka war ein kleiner Whippet, schwarz mit weißen Pfoten. Ein wunderschönes Tier, wie ich fand. Ich kraulte ihn hinter den Ohren, drückte dann meine Eltern ein allerletztes Mal und stieg mit Charly wieder ins Auto. Dann fuhren wir los. Zuerst würde es auf den Borderhof gehen, denn um neun würde dort der Transporter aufkreuzen, mit dem Exel bis nach Südfrankreich gebracht werden würde. Unterwegs war eine Nacht Pause in einem Stall, kurz vor der französischen Grenze geplant. Dort hatte ich eine Box gemietet und drei Betten; für Charly, den Fahrer (der sich später als Fahrerin entpuppte) und für mich. Charlys Auto fuhr durch die Einfahrt des Borderhofes, welche ich wohl nicht zu schnell wieder sehen würde. Hatten die Vögel schon immer so gut gesungen, oder taten sie es heute nur wegen mir? Der Strauch dort trüben, waren seine Blüten nicht über Nacht noch größer geworden? Als ich aus dem Auto stieg, zog ich den Duft des Gestüts noch einmal tief ein. Genoss es, ein letztes Mal auf den Stall zuzugehen und das große Tor zur Seite zu schieben und dahinter 40 Pferde stehen zu sehen.
      Wie immer lief ich auf die letzte Box zu und wie immer blieb ich kurz davor stehen um zu schauen, was mein Pferd tat. Heute stand er jedoch mit gespitzten Ohren da, anstatt noch tief und fest zu schlafen. Ich wusste, er wusste, heute würde sich so einiges ändern. Ich machte die Boxentür auf, streichelt ihn kurz an der Nase und gab ihm dann frisches Heu, etwas Kraftfutter und einen Apfel. Das würde erstmal reichen. Im Anhänger hatte er die ganze Zeit Heu und wenn alles klappte, würde er heute Nachmittag schon wieder auf einer Koppel stehen. Danach suchte ich mit Charly alles zusammen was uns gehörte. Exels Sattelzeug legten wir schon draußen hin, das würde mit in den Transporter kommen. Die kleinen Dinge, wie Putzzeug, Halfter, etc., würden wir noch in Charlys Auto stopfen.
      Dann holte ich Exel, welcher in der Zwischenzeit in Ruhe fressen konnte, aus seiner Box. Ich holte ihn das letzte Mal aus seiner Box. Hierher würden wir wohl nicht so schnell wieder kommen. Ich führte ihn durch die Stallgasse, an den Boxen seiner Freunde entlang, mit denen er die letzten Wochen verbracht hatte. Auch ich blickte nochmal in jede Box. Sah die Pferde, welche ich schon seit vielen Jahren kannte und welche immer noch hier waren. Sah die Pferde, bei denen ich noch nicht die Möglichkeit hatte, sie kennenzulernen. Und sah die Pferde, die nicht mehr da waren, weil sie verkauft worden waren oder ihr Leben jetzt nicht mehr hier verbrachten, sondern im Himmel. Ich sah alle Pferde, alle Pferde zum letzten Mal. Als ich den Stall hinter mir ließ und vor das Tor trat, durchbrach gerade die kalte Herbstsonne die dicke Wolkendecke und brachte mich zum stehenbleiben. Wollte ich das wirklich alles hinter mir lassen? Meine Familie? Meine Freunde? Die deutsche Sprache? War es wirklich das was ich wollte? Ich wusste es nicht. Jedoch war es jetzt zu spät. Meine Entscheidung war gefallen und nun würde ich wegziehen. Ich seufzte einmal tief, schaute Exel von der Seite an und sah einen Freund fürs Leben. Nein, ich würde nicht alles hinter mir lassen. Ich würde mit meinen Freunden einen Schritt weitergehen und mit ihnen zusammen ein neues Leben aufbauen. Ich fiel Exel um den Hals und drückte ihn ganz fest an mich. Er jedoch fand meine roten Haare sehr lecker und stürzte sich gleich drauf. Ich musste lachen und wischte die Spucke aus meinem Haar. Alles würde gut werden! Charly stand etwas Abseits und betrachtete mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Als ich zu hier hin blickte, wusste ich, dass es manchmal schwierig werden könnte, mit ihr unter einem Dach zu leben, aber trotzdem war sie meine Freundin und ich achtete ihre guten Seiten. Ich winkte sie zu mir her und zusammen bereiteten wir Excelsior auf die lange Reise vor. Wir legten ihm Transportgamaschen an und legten ihm noch eine leichte Abschwitzdecke drauf. Dann warteten wir zusammen auf den Transporter. Keiner von uns sagte ein Wort. Wir saßen auf einer Eisenstange und blickten in Richtung Einfahrt, von wo jeden Moment das Auto mit dem Anhänger kommen könnte. Pünktlich um acht rollte ein kleiner LKW auf den Hof. Er war silbern lackiert und an der Seite stand groß: Pferdetransporte in alle Ecken der Welt. Er parkte ein paar Meter von uns entfernt und das laute Motorengeräusch erlosch. Die Fahrertür ging auf und unerwartet stieg eine junge Frau aus. Sie kam mit großen Schritten auf uns zu und reichte uns die Hand.
      „Ihr müsst Mio und Charly sein, oder?“, fragte sie freundlich.
      Ich nickte und schüttelte ihre Hand, Charly tat es mir gleich.
      „Gut, gibt es noch fragen, oder wollen wir loslegen?“
      Diesmal schüttelte ich mein Kopf. „Nein, eigentlich keine Fragen.“ Ich blickte kurz zu Charly, die dem aber auch nichts hinzuzufügen hatte, sondern nur die Achseln zuckte.
      „Ok, das ist schön!“, sagte die Frau „Kommt mal mit, ich zeige euch den Anhänger!“
      Ich band Exel nochmal fest (seinen Führstrick hatte ich die ganze Zeit in der Hand gehalten) und lief hinter der Frau her. Auf halbem Weg blieb sie stehen und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Ich hatte doch ganz vergessen mich vorzustellen! Ich bin Klara!“
      Ich nickte wieder mit dem Kopf und lächelte schwach. Nett war sie ja, aber auch sie konnte auch sicherlich sehr anstrengend werden, wenn sie immer so viel und vorallem so laut erzählte.
      „Ich sollte euch vielleicht noch sagen, dass wir heute nochmal kurz anhalten müssen um ein zweites Pferd mitzunehmen. Das wird aber sicherlich nicht lange dauern. Es soll auch in eure Gegend.“
      Ich verkniff mir einen Kommentar, aber es gefiel mir überhaupt nicht, dass die Fahrt hinausgezögert werden würde. Ich wollte jedoch jetzt keine große Diskussion starten und nahm es dann einfach so hin. Im Transporter waren zwei großzügige Boxen vorbereitet. Es war frisches Stroh ausgeteilt, es gab jeder Zeit frisches Wasser aus einer Tränke und an der Wand hingen in jeder Box zwei volle Heusäcke. Ich war zufrieden mit der Ausstattung. Zu dritt schafften wir es, Exel in nur ein paar Minuten in den Hänger zu locken. Er war wirklich ein großartiges Pony. Ich klappte die Ladeklappe nach oben und verriegelte sie gut. Klara warf nochmal einen kurz Blick darauf und nickte dann zufrieden. Klara stieg in den großen Wagen, Charly und ich in den kleinen Lada, und dann ging die Fahrt los. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich ganz vergaß, noch einen letzten Blick auf den Borderhof zu werfen. Im Nachhinein könnte ich mir dafür selbst gegen den Kopf klatschen. Ich würde ihn so schnell nicht wieder sehen. Klara fuhr mit dem Transporter vorneweg, Charly blieb die ganze Zeit direkt hinter ihr. Wir fuhren die Landstraße entlang. Die Landstraße, welche ich seit vielen Jahren Tag für Tag gefahren bin, um auf den Borderhof zu kommen. Ich kannte jeden Baum, oder jedenfalls kam es mir in diesem Moment so vor, als würde ich jeden Baum kennen. Eine Träne rollte mir übers Gesicht. Ich konnte sie nicht aufhalten, sie kam einfach. Asuka fiebte auf meinem Schoß und begann dann meine Hand abzulecken. Ich brachte ein Lächeln zustande und schaute nach rechts zu meiner besten Freundin, mit welcher ich jetzt in einen neuen Lebensabschnitt fuhr. Sie nahm das ganze einfach so hin, machte sich kaum Gedanken darüber, was passieren könnte. Sie freute sich einfach nur auf Saint Gorge. Ich konnte nicht so einfach wie sie, mein altes Leben hinter mir lassen. Irgendwann bogen wir nach links in Richtung Autobahn ab und ich hob zum Abschied an mein zu Hause nochmal die Hand und winkte der vertrauten Umgebung zu. Die nächsten zwei Stunden fuhren wir auf der Autobahn in Richtung Süden und ich verbrachte die meiste Zeit damit, einfach aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft an mir vorbeiziehen zu lassen. Charly war eine sehr stumme Fahrerin. Irgendwann hatte ich das Radio angemacht, da die Stille mir zu unerträglich wurde.
      Irgendwann brummte mein Handy in meiner Jackentasche. Ich war mir fast sicher, dass es Klara war. Ich nahm es heraus, schob den grünen Riegel zur Seite und legte es mir ans Ohr.
      „Ja Hallo?“, fragte ich in den Hörer.
      „Hey, hier Klara! Wir sind in etwa 20 Minuten an dem Gestüt, wo wir das zweite Pferd einladen. Eine Pause lohnt sich vorher nicht. Reicht euch das, oder braucht ihr vorher doch nochmal einen kleinen Halt?“ Ich gab Charly die Infos weiter, doch diese zuckte nur mit den Schultern und ich entschied mich dafür, die paar Minuten noch durchzufahren. Hoffentlich würde das nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen!

      Das Gestüt auf dem wir ein paar Minuten später einbogen, hieß „Reiterhof von der Schildburg“ und bestand aus einer riesigen Anlage mit allem drum und dran. Klara parkte auf dem Parkplatz in der Nähe des Stallgebäudes. Charly stellte das Auto etwas weiter Abseits ab und entließ Asuka erstmal an die frische Luft. Der junge Rüde sprang glücklich aus dem Wagen und verschwand erstmal im Gebüsch. Ich ging mit Charly zu Exel, welcher ganz entspannt im Transporter stand und nichts tat, außer genüsslich das Heu zu kauen. Ich kraulte ihn hinter den Ohren und entfernte im das ein Heuhalm aus der Mähne. Ich öffnete alle Klappen des Transporters, um Exel so viel frische Luft wie möglich zu geben und setzte mich dann mit Charly auf die Reifen des großen Gefährtes und genoss unser Brot, welches wir vor unserer Abfahrt noch geschmiert hatten. Zehn Minuten später kam Klara aus dem Stall zurück. An der Hand hatte sie eine wunderschöne kleine Stute, welche stark nach einem Haflinger Mix aussah. Die Süße hatte eine dicke weiße Mähne und starken weißen Behang an den Hufen, ansonsten hatte sie die typische Farbe eines Haffis. Um den Hals trug die Kleine eine dicke pinke Schleife, ein kleiner Zettel baumelte daran. Klara kam auf uns zu, stellte sich zusammen mit der Stute vor mir auf und reichte mir den Strick entgegen. Verblüfft schaute ich zu ihr hinauf. Klara grinste breit.
      „Hier nimm mir mal ab. Der Zettel dort am Hals ist für dich.“ Noch völlig unklar was das hier sollte, nahm ich ihr den Strick aus der Hand und ließ meine Hand dann wieder sinken. „Ich esse noch schnell etwas, in der Zeit kannst du den Brief da mal lesen und dann laden wir die Stute zusammen auf, ja?“
      Ich nickte, Charly blickte mich schräg von der Seite an und Klara entfernte sich. Ohne aufzustehen riss ich den Zettel vom Hals der Stute. Diese hatte den Kopf gesenkt und suchte nun vor unseren Füßen nach etwas zu fressen, wo sie aber nicht viel fand. Mit zittrigen Händen faltete ich den Brief auseinander und breitete ihn vor mir und Charly aus. Dann begannen wir zu lesen:
      Liebe Mio,
      es ist wunderschön, dass du deine Wünsche nun erfüllst und nach Südfrankreich ziehst. Trotzdem vermissen wir dich jetzt schon und machen uns natürlich auch Gedanken darüber, wie es dir geht. Deswegen wollen wir dir einen Glücksbringer schenken. Wir hoffen, dass diese wunderschöne Stute dir, Charly und Excelsior Glück bringen wird und euch auf dem langen Weg ins neue zu Hause zur Seite steht.
      Die Stute heißt Jeanie, lebte bis jetzt auf diesem Gestüt und fährt nun mit euch nach Südfrankreich. Ich hoffe, ich habe deinen Geschmack getroffen und sie wird dir gefallen!
      Sie ist ein Mix aus Haflinger und Fellpony und 5 Jahre alt.
      Habe viel Freude mit ihr!

      Wir haben dich ganz doll lieb!
      Knutsch, Mama und Papa
      (PS: Sattelzeug, Papiere etc. warten bereits in Frankreich auf euch!
      Ich hielt den Brief in meinen zitternden Händen. Unfähig etwas tun und sagen zu können. Dann blickte ich zu Charly, welche bereits strahlte und fiel ihr dann in die Arme. Jeanie zuckte kurz wegen der Ruckartigen Bewegung etwas zurück, blieb dann aber ganz entspannt stehen. Als ich Charly genügend an mich gedrückt hatte, stand ich auf und legte auch beide Arme um die junge Stute. Diese blieb ganz entspannt stehen und schnupperte mich nur etwas ab.Ich hatte ein neues Pferd!
      Als wir wieder ins Auto stiegen, hatte sich das beklemmende Gefühl in meinem Magen gelegt. Ein leichtes Grinsen lag auf meinen Lippen und nun konnte ich tatsächlich positiv in die Zukunft schauen. Meine Eltern hatten mir einen großen Wunsch erfüllt und mir ein zweites Pferd gekauft. Jeanie, was für ein schöner Name und dann noch so passend für so eine schöne Stute. Nachmittags um fünf kamen wir auf dem kleinen Hof an, wo wir die Nacht verbringen würden. Wie sich herausstellte, hatten meine Eltern auch hier mitgedacht und gleich eine zweite Box mit großem Paddock gemietet. Zusammen luden wir die beiden Pferde ab. Jeanies Fell war Nass vom Schweiß, Exel, der Angeber, war noch völlig trocken und entspannt. Exel putzte ich nur etwas über und entließ ihn dann schon in die geräumige Box mit frischem Stroh und Heu, etwas Kraftfutter und Müsli und natürlich reichlich Wasser. Jeanie brachte ich erstmal zum Waschplatz. Langsam drehte ich das Wasser an und bespritzte erstmal den Boden vor ihren Füßen, bevor ich langsam die Beine empor kroch. Sie zuckte leicht, blieb aber ansonsten ruhig stehen und erleichtert, dass sie keine Angst vor Wasser zu haben schien, machte ich sie dann am ganzen Körper nass, um ihr den Schweiß aus dem Fell zu waschen. Dann trocknete ich sie noch gründlich ab und entließ auch sie in die Box, welche gleich neben Exels war. Sie hatten sich im Hänger schon großartig verstanden und als ich dann am Abend nochmal nach beiden sah, standen sie gemütlich draußen auf ihrem Sandpaddock nebeneinander. Nur der dünne Zaun trennte sie voneinander und sie genossen die Zweisamkeit. An diesem Abend ging ich recht spät ins Bett. Noch lange hatte ich in dem kleinen Zimmer mit Charly auf der Couch gesessen und über die Pläne für unser späteres Leben nachgedacht. Was würden wir tun wollen? Wo arbeiten? Würden wir schnell die französische Sprache perfekt beherrschen werden? Wollten wir uns noch mehr Pferde anschaffen und zusammen in Richtung Zucht oder Training gehen? Mitternacht stand für uns fest, dass wir uns mehr Pferde anschaffen und diese auf Turnieren vorstellen wollten. Charly war eine perfekte Westernreiterin und so würde sie sich am liebsten Quarter Horse anschaffen. Saint Gorge hatte, so wie meine Mutter mir das erklärte und auf Bildern zeigte, eine große Scheune, welche schon vor vielen Jahren in einen Stall umgebaut worden war. Dieser besaß bis jetzt vier großräumige Boxen und Platz für mindestens doppelt so viele. Wir einigten uns darauf, es erstmal bei fünf Pferden zu belassen und noch am gleichen Abend schauten wir die Anzeigen im Internet durch, ob es passende Pferde gab. Meine Tante wollte mir etwas Geld bereitstellen, welches ich für Hof und Pferd benutzen darf und so hatten wir mit Geld erstmal keine Probleme. Auf Dauer könnten wir uns davon aber nicht ernähren. Schon am ersten Abend fanden wir zwei vielversprechende Anzeigen. Beides waren Quarter Horse, leicht handelbar und auch für Anfänger geeignet, was wir für den Anfang erstmal brauchten. Das Problem war, dass das eine ein Hengst war und wir diesen nicht mit zu den Stuten stellen konnten. Charly verliebte sich jedoch sofort in diesen und so suchten wir ein weiteres Pferd heraus, welches dem Hengst Gesellschaft leisten konnte. Wir nahmen uns vor, bei allen drei Verkäufern nächste Woche anzurufen und gingen dann, recht zufrieden mit dem Ergebnis des Tages, ins Bett.

      Am nächsten Morgen stand ich früh auf, fütterte meine beiden Pferde selber und nahm dann beide Pferde nochmal mit auf einen kurzen Spaziergang durch das hügelige Gelände. Am früheren Vormittag packten wir dann alle unsere Sachen wieder ins Auto und machten die beiden Pferde startbereit. Legten beiden wieder die dünnen Decken über und hüllten sie in die Reisegamaschen. Gegen elf fuhr dann der Transporter und Charlys Lada vom Hof und weiter in Richtung Südfrankreich. Kurz darauf überquerten wir erfolgreich die Grenze und befanden uns nun wirklich in einem fremden Land. Alle zwei Stunden machten wir ab nun eine kleine Pause, schauten kurz nach den Pferde, aßen selbst etwas und besprachen dann die weitere Reise. Wir kamen unserem Ziel nun immer näher und je näher Saint Gorge rückte, je mehr wurde auch meine Aufregung.

      Am späten Nachmittag, als wir gerade den Kamm eines großen Hügels erreichten, sahen wir dann zum ersten Mal das Mittelmeer. Am Fuße des Hügels lag das kleine Dorf Saint Pierre la mer und von dort aus waren es nur noch einige Minuten bis zu Saint Gorge. Aufgeregt knabberte ich an meinen Fingern, schaute jedem Baum und jedem Busch hinterher, um alles auf einmal einzusaugen und es nie wieder zu vergessen. Saint Pierre la mer lag, wie der Name schon sagte, direkt am Meer. Das kleine Dörfchen ernährte sich von Tourismus und Erholung und ich verliebte mich sofort in es. Hier würde ich vielleicht auch Arbeit finden und der Weg zum Einkaufen würde mich wohl auch hierher bringen. Auch Charly schien die Stimmung zu gefallen, trotzdem hatte sie ganz schöne Schwierigkeiten mit ihrem alten Auto in dem großen Verkehr nicht stecken zu bleiben. Es war traumhaft schön und ich fühlte mich gleich wie zu Hause. Irgendwann bog Klara vor uns mit dem großen Transporter nach rechts in eine kleinere Gasse ab, welche wieder stetig nach oben auf einen Berg führte. Die Vegetation war hier sehr spärlich. Es gab zwar große Flächen mit genügend Platz, aber trotzdem war alles sehr trocken und stachlig. Mir kamen etwas Bedenken auf, ob sich meine beiden Pferde damit anfreunden würden, aber jetzt war es nicht mehr zu ändern und wir mussten das Beste daraus machen. Nach einiger Zeit verwandelte sich die gerade Straße in eine schlängelnde Serpentine und der Hang vor uns wurde noch steiler. Als ich schon fast dachte, dass wir den Berg wieder rückwärts hinab rollen würden, wurde es plötzlich flach und vor uns lag eine weite Eben. Ich erkannte sofort, dass dieses Gebiet zu Saint Gorge gehörte. Die weitläufigen Flächen waren mit einem Holzzaun eingezäunt, an der Innenseite natürlich mit Stromzaun verstärkt. Und genau vor uns, am Ende der nun wieder geraden Straße, konnte ich den Hof erkennen. Klara fuhr zielstrebig darauf zu und parkte dann am Straßenrand. Auch Charly parkte gleich hinter ihr und noch bevor das Auto ganz stand, hatte ich mich schon abgeschnallt und die Wagentür geöffnet. Ich war schneller draußen als Asuka und das sollte etwas bedeuten. Rechts und links von der schmalen Straßen waren Koppeln. Koppeln soweit das Auge reichte. Ich war jetzt schon vollkommen glücklich und zufrieden. Weiden waren das wichtigste und die gab es hier definitiv ausreichend. Ich rannte zu dem kleinen Häuschen, welches aus großen weißen Steinblöcken bestand und Charly und mein zu Hause sein würde. Das Wohnhaus stand auf der linken Seite, auf der linken Seite hinter diesem konnte ich einen großen Reitplatz entdecken und geradeaus, Waagerecht zu der Einfahrt, stand die große Scheune, welche als Stall dienen würde. Klar, es war nicht viel und alles war nicht groß, aber ich war glücklicher als ich es je in meinem Leben gewesen war und das war die Hauptsache. Jeanie und Exel hatten genügend Platz und auch die anderen Pferde, die noch folgen würden, würden sich hier sicherlich wohlfühlen. Saint Gorge würde unser neues zu Hause sein!

      Am Abend, gerade als die Sonne unterging, verabschiedeten wir uns von Klara und ich bedankte mich überschwänglich für die gelungene Reise bis hierher. Ich hatte ihr angeboten über Nacht bei uns zu bleiben, was sie aber dankend abgelehnt hatte, da sie schon wieder weiter musste. Jeanie und Exel hatten nun ihre Boxen bezogen, welche wir schnell für sie vorbereitet hatten und schienen zufrieden. Morgen früh, gleich nachdem wir eine der Koppeln kontrolliert hatten, würden sie zusammen raus gebracht werden. Den restlichen Abend verbrachten Charly und ich damit, das kleine Wohnhaus einigermaßen wohntauglich zu machen. Es war fast genau quadratisch und bestand aus zwei bewohnbaren Etagen, der Dachboden, welchen wir später sicherlich auch noch ausbauen wollten, war nun bis obenhin vollgestopft mit den alten Sachen von meiner Tante. Die Umzugsfirma hatte einfach alle Möbel in die große Wohnstube gestellt und so sah diese nun aus wie ein Schlachtfeld. Viel hatten wir nicht und weil es schon so spät war, verzichteten wir beide noch aufs Betten aufbauen und nahmen einfach nur unsere beiden Matratzen. Asuka machte sich auf dem Sofa bequem. Zum Glück war das Bad noch einigermaßen funktionstüchtig und brauchte nur mal eine größere Putzaktion, da seit mehr als zwei Monaten sich niemand mehr um das Haus gekümmert hatte. Wir hatten viel zu tun in den nächsten Wochen!
      Völlig erschöpft und ausgelaugt fielen wir gegen Mitternacht auf unsere Matratzen, welche wir im oberen Geschoss ausgelegt hatten und als ich rechnete, dass ich nur noch wenige Stunden Schlaf vor mir hatte, wurde ich nur noch müder. Trotzdem hatten wir es geschafft! Saint Gorge war nun unser neues zu Hause und ab nun würden wir alles tun, damit wir uns hier bald vollkommen wohlfühlten.

      Kurz nach sieben war ich im Stall. Der Nebel wabbelte noch über das weite Gelände und so war meine Sichtweite sehr eingeschränkt. Exel und Jeanie standen beide entspannt in ihren großen Boxen und spitzten die Ohren, als ich das große Tor aufschob, damit die Sonne den dunklen Stall erhellte und vielleicht ein paar Spinnen von den Fenstern vertrieb. Auch der Stall brauchte dringend eine Putzaktion. Vermodertes Stroh lag in einer Ecke und überall hingen von der Decke dicke Spinnenweben. Die fünf Boxen an der gegenüberliegenden Wand waren noch recht neu und so musste dort nicht viel gemacht werden. Sie bestanden aus einfach Holzlatten, welche Pferdeschulterhoch zusammen genagelt worden waren, und einer kleinen Gittertür. Mit einem neuen Anstrich würden auch sie sicherlich bald wieder im alten Glanz erstrahlen. Die beiden Pferde bekamen jeweils ihre Portion Heu und Kraftfutter, worauf sich beide wie die Wilden stürzten.
      Ich war gerade fertig mit füttern, da kam Charly in die Scheune. Sie hatte zerfetzte Schlabberhosen an und wie immer ein enges Top drüber.
      „Morgäääähhhn!“, grüße sie mich und ich musste lachen. Das konnte ja was werden. Charly war definitiv eine Langschläferin! Charly, Asuka und ich machten uns dann auf den Weg, die erste Koppel vorzubereiten, auf der unsere beiden Pferde erstmal stehen würden. Wir entschieden uns für die Koppel direkt vor unserem Wohnhaus, da wir von dieser aus unsere Pferde die ganze Zeit beobachten können. Zusammen kontrollierten wir ob der Zaun an allen Stellen noch ganz war und ob der Strom überall entlang lief. Zum Glück war das der Fall, was unsere Arbeit sehr erleichterte. Zusammen trugen Charly und ich noch einen großen Wassereimer auf die Koppel, stellten den Strom nochmal kurz ab und gingen dann in den Stall die beiden Pferde zu holen. Gestern Abend hatte ich noch die Sachen von Jeanie durchgeschaut. Sie bestanden aus einem einfachen Sattel, mit einer einfachen Trense ohne viel Verzierungen und noch ein paar Kleinigkeiten wie Decke, Halfter und Gamaschen. Für den Anfang würde das alles reichen und ich konnte mich erstmal damit zufrieden stellen, bis wir Geld für etwas besseres hatten. In der Scheune angekommen, schnappte ich mir das Halfter von Excelsior und Charly sich das von Jeanie und zusammen brachten wir die Beiden Pferde auf die Koppel. Charly und ich setzten und einige Minuten an den Rand, um den Beiden zuzuschauen. Zusammen galoppierten sie von uns Weg den Hügel hinab und waren nach einigen Sekunden verschwunden. Charly und ich warteten noch kurz, ob sie vielleicht wieder kamen, doch als kurze Zeit später von beiden ein glückliches Wiehern zu uns hinauf schallte, wussten wir, dass wir überflüssig waren und widmeten uns dann wieder den wichtigeren Dingen. Den restlichen Tag putzten wir unsere Wohnung. Machten das Bad gemütlich, stellten in der Küche einen Tisch und zwei Stühle auf sortierten unsere Essensvorräte und das Geschirr in die Schränke. Am Abend war die Wohnung einen Schritt näher an der Gemütlichkeit, jedoch immer noch nicht ganz fertig. Schränke und Betten waren immer noch nicht aufgebaut, aber Charly war froh darüber, dass die Spinnen samt Spinnenweben nun endlich von unseren Wänden verschwunden war. Nachdem wir die Pferde von der Weide geholt hatten, setzten wir uns zusammen an ein kleines Lagerfeuer bei uns im Hof, grillten Stockbrot und Marshmallows und genossen unser neues zu Hause; Saint Gorge.


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      23. Oktober 2015 | 8.204 Zeichen | Canyon
      Ausfahrt nach Saint-Pierre

      Mio » Trrrrrrrrrrr.....Trrrrrrrr... Trrrrrrrrr.... „Blöder Wecker!“ knurrte und ich und ließ meine Hand auf den Ausmacheknopf (oder wie der auch immer hieß) fallen. Nachdem nun auch das fünfte Pferd auf Saint Gorge eingezogen war, hieß es, nochmal eine halbe Stunde früher aufstehen und mein Rhythmus hatte sich noch nicht den Bedürfnissen der Pferde angepasst. Ich zog mir nochmal kurz die Decke über den Kopf und versuchte ein letztes Mal die mollige Wärme von ihr zu genießen, bevor ich diese mit einem Schwung nach hinten schlage und aus dem Bett hüpfe. Jetzt, wo die Decke einmal weg ist, ist es total unangenehm ich kalten Zimmer und ich beeile mich ins Bad zu kommen. Die gute Morgen Fee Charly hat wie immer schon das Bad vorgeheizt und so empfängt mich eine Wärme, wie ich sie im Bett hatte. Schnur... Hier könnte man gleich wieder einschlafen... Nein! Ich ringe mich dazu durch mir meine Stallklamotten anzuziehen, meine Haare zu kämmen und kurz das Gesicht erfrischen. Danach schlurfe ich, halb stolpere ich, die Treppen hinab in die große Küche. Dort sitzt Charly wie immer an ihrem Laptop, mit einer dampfenden Tasse Kaffee vor sich, und spielt irgendeins ihrer Spiele.
      „Morgen...“, murmelte ich und setzte mich an die andere Seite des alten Küchentischs, welcher schon einige Schrammen vorzuweisen hatte. Wir hatten ihn billig in Saint-Pierre-La-Mer ersteigert und er erbrachte ja seine nötigen Dienste. Auch Charly hob kurz den Kopf, zog sich die Kopfhörer aus den Ohren und blickte mich schräg an. „Morgen.“, sagte sie und ihre Stimme machte dabei einen Bogen nach oben. Wie sie es immer schaffte schon früh so munter zu sein! Vielleicht sollte ich mir auch mal ein paar Computerspiele kaufen und deswegen schon früh aufstehen. Auf dem Tisch standen zwei Schüsseln, mein Schokomüsli, Charlys Dinkelmüsli und eine Packung Milch. Für mehr waren wir dann doch beide zu faul. Während wir unser Müsli nach unten schluckten, gingen wir den Plan für den heutigen Tag durch:
      „Also...“, fing ich sehr produktiv an. Als sich meine Gedanken sortiert hatten, sprach ich weiter „Zu erst versorgen wir Pferde, schmeißen diese dann alle auf die Koppeln, misten aus und -“ Weiter kam ich noch nicht. Dafür hatte Charly noch eine dringende Angelegenheit: „Wir brauchen dringend einige Dinge aus dem Supermarkt aus Saint Pierre. Wir wärs, wenn wir nach dem Ausmisten mal ins Auto steigen und einkaufen fahren?“
      „Gute Idee!“, stimmt ich ihr zu und blickte dabei traurig auf mein Lieblingsmüsli. Meine Mutter hatte es mir mit der letzten Post geschickt, da es dieses nicht hier zu kaufen gab. Nun war es fast alle und ich musste mir wohl oder übel eine Alternative im Supermarkt suchen.“ *Seufz!*
      Nach dem kläglichen Frühstück gingen wir zusammen in den Stall, eine alte Scheune, in welcher nun fünf Boxen standen. Unsere fünf Pferde erwarteten uns schon aufgeregt. Nein, wahrscheinlich warteten sie nicht auf uns, sondern auf ihr essen. In der Mitte der fünf Boxen stand mein Liebling. Excelsior, ein Deutsches Reitpony. Rechts neben ihm stand seine beste Freundin Jeanie und daneben einer unserer letzten Neuzugänge, Changa. Links neben Exel, wie er liebevoll von mir genannt wurde, standen die beiden Hengste Happy (ein Shetty) und Acapulco Gold, oder auch einfach nur Coco (ein Quarter Horse Mix). Wir begrüßten alle fünf Pferde mit einer kleinen Knuddeleinheit, gaben dann allen ihr Kraftfutter und warteten, bis sie dieses aufgefressen hatten. Zu erst brachten wir Exel, Jeanie und Changa auf ihre Koppel. Diese lag rechts an der langen Einfahrt. Da Exel und Jeanie sich am besten verstanden, nahm ich die beiden zusammen und führte sie raus. Charly schnappte sich die ruhige Changa, welche sich große Mühe gab, sich nicht von den beiden Ponys unterkriegen zu lassen. Als wir sie jedoch auf der Koppel von ihren Halftern befreiten, galoppierten sie glücklich über die Koppel ans andere Ende. Happy und Coco waren nicht ganz so enthusiastisch und liefen nebeneinander im langsamen Schritt am Zaun entlang. Zum Glück hatten sich beide von Anfang an verstanden und es gab keine Probleme bei der Zusammenführung.
      Zurück im Stall schaltete Charly das Radio an. Sie immer mit ihrem klassischen Gedöns! Charly war echt ein Mensch der Gegenteile. Sie war normal groß, trotzdem kleiner als ich, hatte kurze schwarze Haare und olivgrüne Augen. Sie zockte alle möglichen Spiele, hörte nebenbei klassische Musik von Mozart und stieg dann aufs Pferd, um einmal richtig Gas zu geben. Sie war echt ein verrückter Mensch. Im Eiltempo misteten wir die fünf Ställe aus, füllten die Heunetze auf und kehrten nochmal durch. Asuka, der Hund von Charly, vertrieb sich die Zeit, indem er im Heu herum sprang und all die gemachte Arbeit wieder zunichte machte. Nach getaner Arbeit zogen wir uns beide schnell andere Klamotten an und stiegen in den alten Lada von Charly. Wir waren beide froh gewesen, dass er den weiten Weg bis nach Südfrankreich ohne Probleme gemeistert hatte, trotz seines, nicht mehr geringen, Alters. Ohne ihn, hätten wir uns erst noch ein neues Auto kaufen müssen, denn ohne überlebt man es nicht in unserer Gegend. Wir holperten die Einfahrt zwischen den beiden Koppeln unserer Pferde entlang. Asuka hatte es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht. Nachdem wir die Koppeln hinter uns gelassen hatten, fuhren wir ewig lange Serpentinen hinab, um auf die Höhe des Meeres zu kommen. Irgendwann waren aber auch diese zu Ende und wir fuhren nun eine lange Landstraße entlang. Rechts ging es steil einen Berg hinauf, welcher überwachsen von Pinien war und recht lag eine verlassene Einöde, welche sich bis zu einer Hügelkette in weiter Ferne zog. Als wir eine Anhöhe erreichten und nur wenige hundert Meter unter uns Saint-Pierre-La-Mer erkennen konnten, war es fast wie im Märchen. Laut der Anzeige im Lada waren es noch volle 20°, die Sonne schien und es war strahlend blauer Himmel. Von hier oben konnten wir das Mittelmeer erkennen und das kleine Touristendorf Saint-Pierre-La-Mer.
      Der kleine Supermarkt lag blöderweise auf der der anderen Seite und so mussten wir uns durch die vollen Gassen schlängeln. Autos, Qualm, Verkäufer und Touristen und überall wurde auf französisch erzählt. Es war so wunderschön hier und ich fühlte mich wie früher, als ich mit meiner Familie hier Urlaub gemacht hatte. Charlys Auto parkten wir etwas abseits von dem ganzen Trubel und liefen dann zu Fuß noch einige Meter durch Saint Pierre zum Supermarkt. Im Supermarkt kauften wir nur schnell das nötigste, fürs Wochenende hatten wir uns vorgenommen, in die nächst größte Stadt Narbonne zu fahren um dort nochmal einen Großeinkauf starten zu können. Mit voll gepackten Rucksäcken Taschen liefen wir zum Auto zurück. Dort einigten wir uns darauf, nochmal eine Runde an den Strand zu gehen, dann hatte Asuka, welcher die ganze Zeit brav neben uns her gelaufen war, auch nochmal etwas Freude. Trotz des milden Wetters, war der Strand vor Saint Pierre noch relativ voll. Es gab mehrere Jogger, einige wagemutige, die sich trotz des kalten Wassers noch in Badehose zeigten und junge Leute, die den Sand unter ihren Füßen genossen, genauso wie Charly und ich. Wir hatten die Schuhe ausgezogen und schlenderten zusammen am Ufer entlang. Asuka stürzte sich immer wieder in die Fluten und kam dann wegen der Kälte immer wieder heraus gerannt. Wir genossen die Ruhe und die Zufriedenheit und wussten beide, dass das bald ein Ende haben würde. Ich und auch Charly waren auf der Suche nach Jobs, um uns den Hof leisten zu können. Außerdem wollten wir auch noch studieren, dass würde dann aber wohl erst nächstes Jahr klappen. Bis dahin mussten wir uns mit Kleinjobs das täglich Brot verdienen. Irgendwann mussten wir uns aber doch wieder auf den Heimweg machen. Die Arbeit auf dem Hof schrie laut nach uns und das schlechte Gewissen, heute noch nichts gemacht zu haben, lag schwer auf unserem Gemüt. Zu dritt spazierten wir am Strand entlang zurück, bogen dann nach rechts auf die Promenade ab und suchten uns den Weg zurück zu unserem Auto. Ich fühlte mich wohl hier, wo ich jetzt war, und wahrscheinlich ging es Charly, Asuka und den Pferden genauso so. Hoffentlich ging es ihnen genauso!


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      27. Oktober 2015 | 11.079 Zeichen | Canyon
      Neue(r) Bewohner

      Mio » Heute nahm ich mir endlich mal wieder Zeit, etwas mit meinem Excelsior zu machen. Ich hatte ihn in den letzten Wochen stark vernachlässigt, da unsere neuen Pferde und der neue Hof meine Aufmerksamkeit brauchten. Da ich heute beim aufräumen unseres Schuppens ein paar Cavalettis und Stangen gefunden hatte, wollte ich endlich mal wieder etwas mit meinem Reitpony springen. Bei den Cavalettis sowie bei den Stangen konnte man die ursprüngliche Farbe kaum noch erkennen. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt war, musste ich dringend etwas Farbe kaufen. Auch der Reitplatz brauchte mal wieder einen Neuanstrich und so war das der perfekte Grund, es endlich mal zu tun.Die Stangen und Cavalettis reichten für drei einigermaßen hohe und einfallsreiche Hindernisse und ich war mit dem Ergebnis eigentlich recht zufrieden. Charly hatte endlich einen kleinen Job in einem Andenkenladen gefunden und musste heute Nachmittag arbeiten. Ich genoss also etwas die Ruhe, auch wenn ich wusste, dass auch ich bald irgendwo eine Arbeit finden musste. Am späten Nachmittag, als es gerade nicht mehr ganz so warm war, holte ich meinen Wallach von der Koppel. Wie wir beide es auch schon in Deutschland geübt hatten, legte ich ihm nur das Halfter um und ließ ihn ansonsten frei hinter mir her laufen. Zum Glück hatte er es noch nicht verlernt, doch der Weg von der Weide zum Stall war auch nicht gerade weit. Ich band ihn unter dem Vordach der Scheune, welche uns als Stall diente, fest und holte aus unserer provisorisch eingerichteten Sattelkammer seinen Sattel sowie seine Trense.
      Exel war wie immer fast sauber und so brauchte ich nicht lange um ihn zu putzen und seine Hufe auszukratzen. Frisch geputzt, sattelte und trenste ich ihn und führte ihn dann zum Reitplatz. Voll Tatendrang brauchte ich recht lange, ihn in der Platzmitte zum stehen zu bringen, doch als er endlich stand, stand er auch. Seine Ohren wirbelten von der einen Richtung zur anderen, um all die neuen Gerüche des Reitplatzes einzuziehen. Ich stellte die Steigbügel schnell ein, gurtete nach und schwang mich in den bequemen Sitz des Sattels. Bevor ich losritt kraulte ich ihm nochmal am Mähnenansatz und sortierte die Zügel. Als alles fertig war, trieb ich ihn leicht mit Bein und Stimme. Es tat gut, endlich mal wieder auf meinem Liebling zu sitzen.
      Ich ritt mit Exel eine Runde am langen Zügel, nahm diese dann auf und fing an, leichtere Bahnfiguren zu reiten. Ich ging im starken Schritt Zirkel, wechselte durch den Zirkel, dann aus dem Zirkel, wieder durch den Zirkel und ging ganze Bahn. Ich bog ihn in alle möglichen Richtungen, lief Volten und Schlangenlinien und als er warm geritten war, trabte ich an. Wieder lief ich verschiedene Bahnfiguren und bezog diesmal die Trabstangen mit ein, welche ich an einer langen Seite aufgestellt hatte. Beim ersten Mal stolperte er über eine und kam etwas aus dem Rhythmus. Danach kannte er jedoch den Abstand und beging den Fehler nicht noch einmal. Irgendwann war Exel so gut im Rhytmus, dass ich ohne Probleme angaloppieren konnte. Ich blieb zuerst auf dem Zirkel, ließ den Zirkel kleiner werden und dann wieder größer. Dann wechselte ich auf die ganze Bahn und übte etwas leichten Sitz, welchen ich schon lange nicht mehr geritten war. Als ich mir sicher war, dass wir das erste Hindernis schaffen würden, ritt ich Exel eine Runde ganze Bahn und steuerte dann das kleine, nicht hohe Hindernis an. Zur Hilfe hatte ich noch eine Absprungstange auf den Boden gelegt, diese brauchte Exel jedoch überhaupt nicht und als ich mich langsam in den leichten Sitz gleiten ließ, flog er wie ein Pegasus über das Cavaletti und landete sortiert auf der anderen Seite. Ich trieb ihn gleich im Galopp weiter ganze Bahn und steuerte wieder das erste Hindernis an. Wieder nahm er es ohne große Problem. Danach war das zweite und dritte Hindernis dran. Beide waren um einiges höher und ich gönnte Exel nochmal eine kurze Trabrunde. Das zweite nahm er noch ohne zu stolpern, beim dritten verschätzte er sich und haspelte sich gerade noch so drüber. Als wir es erneut versuchten, gab ich ihm im falschen Moment die passenden Hilfen und Exel wendete kurz davor noch ab. Puh... So hoch war es nun aber auch nicht! Das dritte Mal gab ich die richtigen Hilfen und auch Exel sprang an der richtigen Stelle ab, nur streifte er mit dem Hinterfuß eine Stange, welche klappernd zu Boden fiel. Wohl oder übel musste ich absteigen und die Stange wieder auflegen. Das war natürlich der Nachteil, wenn man alleine auf dem Hof war! Die restliche Zeit übten wir abwechseln die drei Hindernisse und liefen zum Schluss einen kleinen Parcours. Am Ende der Reitstunde war ich überaus zufrieden mit dem Ergebnis von Exel. Er hatte sich richtig toll entwickelt, seitdem ich ihn besaß und ich konnte auch stolz auf mich sein!
      Als ich gerade absaß um den schweißnassen Hengst abzusatteln, fiel mein Blick auf meine Uhr. Fünf vor halb sechs, in fünf Minuten müsste Charly von der Arbeit wieder kommen. Was wäre da passender, als sie gleich am Tor zum Hof zu begrüßen? Ich entschied mich binnen Sekunden dafür, Excelsior nochmal kurz zu belasten und schwang mich mit einem kräftigen Sprung auf den nackten Rücken des Grauschimmels. Exel blickte erstmal kurz verwundert, wehrte sich aber nicht dagegen, als ich ihn vom Reitplatz trieb und Richtung Einfahrt lenkte. Im gemütlichen Schritt liefen wir zwischen den beiden Weiden hindurch. Links standen Exels beide Freundinnen Changa und Jeanie, links blickten uns die beiden Hengste Coco und Happy nach.
      Als wir die Koppeln und somit unser Grundstück hinter uns gelassen hatten und Charlys Lada immer noch nicht in Sicht war, trabte ich Exel leicht an und ritt mit ihm den holprigen Weg in Richtung Saint Pierre. An einer Kurve saß ich ab, setzte mich auf einen Stein und ließ Exel gemütlich am Wegesrand grasen. Das sind dann die Vorteile einer gebisslosen Trense. Ich blickte wieder auf die Uhr. Schon sieben nach halb. Bis jetzt war Charly immer pünktlich gewesen. Warum nur jetzt nicht? Ungeduldig wippte ich mit meinen Füßen. Exel schien das alles nicht zu stören und er fraß genüsslich das Gras. Wieder blickte ich auf die Uhr. Neun nach halb. Wo blieb sie denn nur? Charly war immer pünktlich und verabscheute zu spät kommen um alle Maße! Ich zückte mein Handy. Keine Nachricht von ihr. Oh oh... Nicht das etwas passiert war! Nein! Ich musste mir dringend abgewöhnen, wenn jemand mal 10 Minuten zu spät kam, gleich das schlimmste zu befürchten! Aber jetzt waren es schon elf. Durfte ich mir jetzt Gedanken machen? Ängstlich kaute ich an meinen dreckigen Fingernägeln. Wenn ich das tat, war ich wirklich schon sehr fertig. Gerade als ich aufstehen wollte um zurück zureiten und mit Fahrrad in die Stadt zu fahren, bog der Dunkelgrüne Lada um die Ecke. Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich Charly gesund und munter hinter dem Lenkrad erkennen konnte. Ich sprang von dem Stein auf und erschreckte dabei Exel, welcher mit einem Satz nach hinten sprang und wild mit den Ohren umher wirbelte, auf der Suche nach der Gefahrenquelle. Erstaunt, dass ich hier war, hielt Charly ihren Wagen an und kurbelt umständlich die Fenster hinunter.
      „Was machst du denn hier?“, fragte sie verblüfft „Wartest du auf den ersten Schnee?“
      „Ich habe mir Sorgen gemacht!“, quetsche ich zwischen den wütend zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Du bist mehr als eine viertel Stunde zu spät und dein Handy ist auch nicht an! Es hätte alles mögliche passieren können!“
      Charly lachte. „Du bist echt niedlich! Vorallem wenn du so wütend bist. Aber eigentlich bist du gar nicht wütend, einfach nur froh, dass ich wieder da bin. Aber das würdest du ja nie zugeben. Los steige auf dein Pferd, ich habe etwas leckeres zu Essen gekauft und außerdem eine Überraschung für dich!“
      Widerwillig ließ ich Charly mit ihrem Lada an mir vorbeifahren, stieg dann, mit Hilfe des Steins, wieder auf Exels Rücken und trabte entspannt zurück zum Hof. In mir brodelte es und so war ich froh, dass sich Exel einfach auf der Koppel abliefern ließ und ich dann zu Charly ins Haus konnte. Eigentlich wollte ich nicht wissen, was sie wieder für eine „Überraschung“ hatte, meistens fielen diese bei ihr nicht gerade humorvoll aus. Als ich in die Wohnstube kam, hockte Charly vor unserem alten Sofa und verdeckte irgendwas. Etwas neugierig war ich ja schon, ließ es mir aber nicht anmerken. Ich wollte ja nicht, dass Charly den Abend gewonnen hatte. Immerhin hatte sie meine Nerven ganz schön auf die Folter gespannt! Erst zu spät kommen und nicht Bescheid sagen und dann das Ganze auf die leichte Schulter nehmen und mich auslachen! Immerhin waren wir hier in einem fremden Land weit ab vom Schuss, als Ausländer lebte man immer gefährlicher, vorallem wenn man so hübsch wie Charly war.
      „Was hast'n da?“, nuschelte ich, als ich langsam auf Charly zuging und diese etwas zur Seite hopste. Auf dem Sofa lag etwas sehr unerwartetes und mein erstes Wort war ein „Oh!“.
      Charly hatte eine wunderschöne Kätzin aufgegabelt. Mit grau weiß geflecktem Fell und großen grünen Augen. Sie schien aus einem älteren Semester zu stammen und war zu dem noch mehr als kugelrund. Eine trächtige Katze! Ich ließ mich neben Charly auf die Knie fallen und hielt der Süßen meine Hand hin. Diese zog erschrocken den Kopf ein und ihre Augen weiteten sich noch mehr.
      „Habe ich auf der Straße gefunden. Saß neben den Mülleimern eines Restaurants. Sie scheint sich ein Bein verletzt zu haben und kann nicht mehr laufen. Ich muss morgen nicht arbeiten und würde nach Narbonne zu einem Tierarzt fahren. Du hast doch nichts gegen ein paar mehr Tiere auf dem Hof, oder?“, fragte Charly und lächelte mich dabei selig an. Selbst ohne diesen Treu-Doof-Blick hätte ich nie und nimmer Nein sagen können, einem armen Tier zu helfen.
      Von diesem Tag an, hatten wir einen (oder mehrere) neuen Bewohner auf Saint Gorge. Auch auf einen Namen einigten wir uns schnell: Capucine. Typisch französisch, damit die Kätzin ihn auch verstehen konnte. Der Ärger, welchen ich gerade noch auf Charly hatte, war vom Winde verweht und wir beide lachten zusammen, als wir Capucine ein Nest einrichteten und etwas Futter von unseren Vorräten zusammen suchten. Eine Katze war wirklich unser letzter Schritt zum Glück gewesen! Charly nahm Asuka mit auf ihr Zimmer, damit Capucine jedenfalls die erste Nacht noch ihre Ruhe haben würde. Meine Zimmertür ließ ich offen stehen und als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag zusammen gerollt in meinen Kniekehlen Capucine.
      „Guten Morgen, meine Kleine!“, gähnte ich und streichelte ihr den Kopf. Die kräftige Kätzin öffnete kaum merklich ein Auge und blinzelte mich an. Dann schloss sie es wieder und tat so, als würde sie nicht merken, was ich dachte.
      Bevor ich mich leise aus dem Bett schälte, flüsterte ich ihr noch zu: „Willkommen auf Saint Gorge!“ und dann begann auch für mich ein neuer Tag auf unserem Hof.


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      5. November 2015 | 2.774 Zeichen | Canyon
      Kälte des Südens

      Mio » Br... Diese Kühle war ich nicht mehr gewohnt! Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke zu und zog die Ärmel über meine Hände. 9° hatte das Thermometer heute morgen bei mir angezeigt! Das war Rekord! Komisch, wie schnell man sich an die Wärme vom Süden gewöhnt hatte. In Deutschland wäre ich um diese Jahreszeit froh darüber gewesen, wenn es am morgen schon so warm war. Ich blickte auf meine Uhr. Halb Acht, die richtige Zeit um meine Pferde zu füttern und auf die Koppel zu bringen. Vorsichtig schloss ich die Tür unseres Wohnhauses hinter mir, in welcher ich bis gerade noch gestanden hatte, und lief eilig über den kleinen Hof zum Stall. Ich stemmte mich gegen die schwere Schiebetür und drückte diese auf. Es quietschte laut.
      „Guten Morgen alle zusammen!“, begrüßte ich meine fünf Pferde, welche alle noch total verschlafen und teilnahmslos in ihren Boxen standen.
      Zu erst begrüßte ich alle, fing da bei Changa an, welche in der Box ganz links stand und kraulte sie kräftig. Dann wechselte ich zu Jeanie, dann zu Excelsior, Happy und zum Schluss Coco.
      „Ihr habt Hunger, wa?“, fragte ich sie, als Coco mir meine Taschen mit der Nase durchsuchte. „Ihr bekommt ja schon was. Nur kein Stress!“
      Ich lief zu unserem Futterlager, sammelte die fünf Eimer ein und gab jedem Pferd die passende Portion Kraftfutter. Dann stellte ich jedem seinen Eimer hin und beobachtete, wie sich alle fünf auf das Futter stürzten. Changa verteilte den ganzen Inhalt auf dem Boden, Happy ließ seinen Kopf einfach im Eimer und schaufelte sich dort alles hinein und Coco zog den Eimer wie immer von der Tür weg, damit es ihm auch ja niemand stehlen konnte! In der Zeit wie meine Pferde genüsslich fraßen, fegte ich den Stall. Das war genauso wie im Herbst die Blätter wegzufegen: Man wurde nie fertig. Als alle aufgegessen hatten und in ihren Boxen umher tänzelten, schnappte ich mir die Halfter und brachte diese auf ihre Weiden. Zu erst nahm ich die beiden Hengste Coco und Happy mit, da Coco so etwas langsamer lief, da er seine Frauen nicht zurücklassen wollte. Als ich das Tor der Koppel schloss, blieb Coco noch am Zaun stehen und wieherte laut.
      „Jaja, schon gut!“, beruhigte ich den großen Hengst „Deine Mädels kommen ja bald!“
      Ich beeilte mich, dass ich die anderen drei auch noch nach draußen brachte. Im Stall legte ich den drein, welche auch schon ungeduldig darauf warteten aus ihren Gefängnissen zu entkommen, die Halfter an und führte alle drei zusammen auf ihre Koppel. Als ich sie dort frei ließ und sie glücklich von dannen stürzten, wendete sich auch Coco ab und trabte die Weide entlang zu Happy, welcher schon fröhlich graste. Zufrieden wendete ich mich ab und betrat wieder den Stall. Tja, jetzt wartete wohl die Stallarbeit auf mich!
    • AliciaFarina
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      10. November 2015 | 24.637 Zeichen | Canyon
      Neue Bekannte

      Mio » „Willst du wirklich beide Fenster rausreißen?“, fragt mich Charly entsetzt. „Weißt du wie viel Arbeit das macht und außerdem noch Geld kostet?“ Ich verdrehe die Augen und seufze genervt. „Wenn du ein Pferd wärst- Nein, warte, lass mich aussprechen! Wenn du ein Pferd wärst, würdest du dich da nicht auch über etwas Sonnenschein freuen?“
      „Ich bin aber kein Pferd!“, murrt Charly und wendet ihren Blick dann wieder auf unsere Aufzeichnungen. Wir sitzen zu Zweit am Küchentisch und planen. Ja, wir planen. Wir planen tatsächlich erstmal eine neue Box als Versuch in die Scheune zu bauen. Seit zwei Tagen haben wir überlegt wie diese aussehen soll, wie viel Geld alles kostet und ob die Idee überhaupt gut ist.
      „Google doch mal, wie viel so ein schönes großes Fenster kosten würde!“, forder ich Charly heraus und ziehe den Laptop zu mir ran.
      „Mio mein Gott!“, fährt mich Charly an und rückt den (ihren) Laptop wieder zu sich zurück. „Lass das blöde Fenster doch einfach wo es ist und wir klären lieber wichtigere Dinge!“ Ich muss lachen. „Ich als dein Gott befehle dir, mir sofort zwei neue Fenster zu kaufen, sonst wirst du in der Hölle landen!“, rufe ich mit verstellt tiefer Stimme. Am Ende muss ich wieder lachen.
      „Mensch, mit dir kommen wir ja nie zu einem sinnvollen Ende!“, schnaubt Charly.
      „Na gut“, gebe ich mich geschlagen. „Die Fenster bleiben vorerst-“, ich hebe meinen Finger und schaue Charly streng an. „-vorerst drinnen.“ Charly wischt sich mit der Hand übers Gesicht und schüttelt dann fassungslos den Kopf. Die Wörter bleiben ihr im Hals stecken.
      „Ok“, sagt Charly wenig sagend. „Dann lass uns jetzt nochmal alles durchgehen und gleich notieren. Die Box kommt neben die von Changa. Bis zur Wand haben wir da noch fast 5 Meter Platz. Wenn wir die Box genauso wie die anderen fünf machen wollen, dann würde das genau passen. Diese sind nämlich-“, Charly wühlt in den Unterlagen „Genau 3,51 m breit.“ Ich nicke und versuche einen weiteren Lachanfall zu unterdrücken. Was ist heute nur los mit mir?
      Während meine Laune immer besser wird, zieht Charly immer mehr ein Gesicht und das ist nicht gut. Gar nicht gut. Ich versuche mich etwas zu beruhigen und zum Thema „Bau einer neuen Box“ auch etwas konstruktives beizutragen. „Wenn wir gut weg kommen und es schaffen, mindestens die Hälfte davon zur Marke „Eigenbau“ zu machen, wird es hoffentlich nicht teurer als 1500 werden und das ist schon teuer genug.“ Charly schaut mich mit verschränkten Armen an und trommelt ungeduldig mit den Händen. Dazu zieht sie noch die Augenbrauen nach oben, was ihre, sonst schon großen Augen, noch größer macht.
      „Und du wolltest tatsächlich nochmal das Doppelte ausgeben, nur um zwei neue Fenster zu haben?“
      Ich seufze. „Ist ja schon gut, man kann doch mal Träume haben!“ Charly gluckst und zieht den Kopf an den Hals. „Jetzt hast du ein Doppelkinn.“, sage ich und muss wieder lachen.
      „Träume?!“, fragt mich Charly. „Süße, die meisten träumen von Mallorca oder New York und du verbringst deine Nächte damit, von einem neuen Scheunenfenster zu träumen? Dir kann man echt nicht mehr helfen.“ Währenddessen krümme ich mich und kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.
      „Muss Klo-“, bringe ich noch heraus, bevor ich mich vom Stuhl hieve und Richtung Toilette stolpere.

      Als ich zurück komme, hat sich meine verdammt komische Stimmung allerdings gelegt und Charly und ich schaffen es, uns das Wichtigste zu notieren. Noch am gleichen Abend steht unser Entschluss fest, wirklich einen Versuch zu wagen. Es sollte erstmal nur eine sein, für mehr hatten wir keine Zeit und kein Geld
      Da Charly nun bereits zwei Jobs hat und ich einen, waren wir mittlerweile im Plus mit unseren Einnahmen und haben uns dazu entschlossen, diese nun sinnvoll zu nutzen. Charly hatte, neben ihrem Minijob im Andenkenladen, noch einen im Tierheim gefunden und ich bin echt zufrieden mit dem als Stall“Bursche“ auf einem Alles-Wunderbar-Strand-Meer-Urlaub-Pferde-Reiterhof in Fleury d`Aude. Ich verdiene ordentlich, habe nicht allzu viel zu tun und bin den ganzen Tag von Pferden und deren Hinterlassenschaften umgeben. Blöd ist nur, dass die eigene Hofarbeit dadurch deutlich den Rückzug gemacht hat und vieles, was ich schon längst habe tun wollen, noch nicht getan wurde. Aber jedenfalls haben wir jetzt erstmal etwas Geld in der Tasche. Als ich am Abend, oder besser Nacht, in mein Bett falle und die immer noch verdammt dicke Capucine zu mir ins Bett springt, frage ich mich, ob das Glück, in welchem ich jetzt schwelge, noch lange anhalten wird. Manchmal kommt es mir so vor, als ist es zu viel und ich werde darin ersticken. Aber das wird die Zeit bringen. Ich musste jetzt einfach nur aufpassen, in welche Richtung ich geschwemmt werde, um der Strömung so zum richtigen Zeitpunkt noch entkommen zu können.

      Am nächsten Morgen stehe ich gewohnt um sieben auf. Da Charly heute nicht arbeiten muss, hatte sie sich dazu bereit erklärt, die Stallarbeit zu übernehmen. Außerdem will sie, wenn die Zeit reicht, etwas mit Coco trainieren und sich später nochmal auf Changa setzen. Ich muss heute jedoch arbeiten. Und das sogar recht lange. Heute bin ich auf dem Alles-Wunderbar-Strand-Meer-Urlaub-Pferde-Reiterhof zur Frühschicht eingeteilt, muss also alle Pferde auf die Koppeln bringen, Heu vorbereiten und Ställe ausmisten. Das kann lange dauern! Zum Glück werde ich fair für meine Arbeit bezahlt. Wie immer brauche ich auch heute morgen sehr lange, um endlich in den Knick zu kommen und schaffe es erst kurz vor knapp auf mein Fahrrad, um damit nach Fleury zu radeln. Ich brauche dringend ein Motorrad! Vor allem wenn der Winter hereinbricht. Wie immer radle ich die Serpentinen herab und biege dann, kurz bevor ich Saint-Pierre erreiche, nach Fleury d'Aude ab. Fleury d'Aude, Saint-Pierre-La-Mer und Les Cabanes de Fleury bilden eine Gemeinde und liegen recht dicht aufeinander. Es sind alle drei wunderschöne Dörfer, wobei Saint-Pierre eher für seinen Strand bekannt ist, Fleury für seine Geschichte und Les Cabanes für seine Fischerei. Der Reiterhof von Fleury liegt nur wenige Meter vom Strand entfernt und ist für mich wie ein Paradies. Ich bin eigentlich mit unseren fünf Kilometern schon immer ganz zufrieden gewesen, aber 200 Meter sind da schon nochmal mehr zufriedenstellender. Eigentlich ist es nur ein kleiner Hof. Es gibt 20 Boxen und einen großen Offenstall. Dafür laufen die Pferde aber auch mehrere Stunden pro Tag und sahen alle nicht mehr wirklich glücklich aus. Blöderweise kann ich aber nicht das geringste dagegen machen. Die Haltung ist super, alles ist sauber und die Sättel sitzen gut. Wie ich es mir schon gedacht habe, ist heute wirklich viel zu tun und so komme ich gar nicht auf die Idee, weiter über unser Problem mit der Box nachzudenken. Erst kurz nach drei ist meine Schicht zu Ende und der andere Stallbursche beginnt mit seiner Arbeit. Ich kenne ihn nur vom kurzen sehen. Er ist vielleicht so alt wie ich, kommt immer mit einer übelst tollen Karre namens Schwalbe und sieht recht nett aus. Aber der erste Blick täuscht ja meistens. Gerade als ich auf mein altes, klappriges Fahrrad steigen möchte, klingelt das Handy in meiner Hosentasche. Charly ruft an.
      „Da hat sie aber Glück, dass ich schon Schluss habe.“ murre ich und drücke auf den grünen Hörer.
      „Ja?“, frage ich genervt.
      „Wann bist du denn zu Hause?“, schallt es laut in mein Ohr.
      „Mensch Charly, das kam auf der anderen Seite wieder raus!“ Ich seufze. Irgendwie bin ich vollkommen platt von der heutigen Arbeit und die gute Stimmung von gestern ist vom Winde verweht. „Ich will gerade auf mein Fahrrad steigen.“, füge ich noch hinzu.
      „Ah! Das ist gut. Ich habe mich nämlich mal nach einem Handwerker umgefragt, damit unsere neue Box jedenfalls etwas professionell aussieht und habe auch einen gefunden. Er hilft uns sogar sehr gerne und hat im Boxenbauen schon viel Erfahrung. Er sagt eben nur, dass wir es jetzt anmelden müssen, damit er dann noch frei ist. Hättest du etwas dagegen, wenn wir uns etwas Unterstützung ran holen?“
      Ich schüttele den Kopf. „Nein“, sage ich dann noch. „Mach nur. Hilfe ist immer gut.“
      „Ja das habe ich mir auch gedacht. Weißt du was mir noch eingefallen ist? Kannst du nicht auf dem Reiterhof einen Zettel hin hängen und drauf schreiben, dass Hilfe gebraucht wird? Vielleicht meldet sich ja jemand, der sich etwas Geld verdienen möchte.“
      „Charly, dass ist ein Reiterhof für reiche Menschen, welche gerne erste Klasse leben und nicht für ein bisschen Taschengeld Handwerker spielen.“
      „Komm schon“, versucht mich Charly zu überreden. „Mehr, als dass sich keiner meldet, kann nicht passieren. Ah, da ruft jemand an. Ich muss auflegen. Wir sehen uns nachher!“
      Ich seufze, stecke mein Handy zurück in die Hosentasche und lehne das Fahrrad wieder an einen Baum. Ich glaube, Charly und ich teilen uns immer rein in unsere verrückten Tage.Aus meinem Rucksack krame ich ein abgerissenes Stück Papier und einen Kuli und schmiere eine kaum lesbare Botschaft drauf. Für mehr war ich heute zu faul. Dann muss ich wohl oder übel nochmal zurück in den Stall. Dort gibt es eine große Pinnwand mit Neuigkeiten und ich hänge den Zettel unauffällig dazu.Erst als ich auf dem Fahrrad sitze und Fleury schon längst hinter mir gelassen habe, fällt mir auch, dass auf dem Zettel überhaupt keine Adresse steht. Ich zucke nur kurz mit den Schultern und fahre weiter. Wozu noch mehr Geld ausgeben wenn man es auch selber kann. So schwer wird das Bauen einer Box doch wohl nicht sein.

      Zu Hause angekommen würde ich am liebsten sofort in mein Bett fallen, doch Charly werkelt eifrig in der Scheune herum und bittet mich, ihr doch noch ein bisschen zu helfen. Asuka liegt friedlich schlafend im Heu und auf einem der Strohballen kann ich Capucine erkennen. Die haben es gut! Zusammen räumen wir die Fläche frei, wo in kurzer Zeit die sechste Box entstehen soll. Es ist erstaunlich wie viel Müll sich da so ansammelt, den man gar nicht mehr sieht! Im Radio läuft wieder klassische Musik, Charly pfeift dazu und ich will einfach nur noch in mein Bett. Dieser Wunsch wird mir aber erst am späten Abend erfüllt, als meine Uhr gerade 10 schlägt. Vollkommen fertig falle ich in mein Bett, beschwere mich innerlich beim lieben Gott, dass Charly heute unbedingt noch unsere Haustür hatte streichen müssen, das Loch in der Stallwand verputzen und natürlich eine neue Lampe in der Scheune anbringen musste. Ich bin sogar so müde, dass ich nicht mehr merke, dass Capucine gar nicht, wie gewohnt, zu mir ins Bett springt und ihr Futternapf noch unangerührt in der Küche steht.

      Am nächsten Tag müssen Charly und ich beide nicht arbeiten und haben uns deswegen dafür entschlossen, zusammen die Pferde zu versorgen und auszumisten, damit es schneller geht. Als ich in die Küche geschlurft komme, fällt mein Blick sofort auf Capucines vollen Napf und mit einem Ruck richte ich mich, plötzlich mehr als munter, auf. „Charly!“, rufe ich entsetzt. „Weißt du wo Capucine ist?“
      Charly streckt ihren Kopf aus dem Bad und schaut mich fragend an. „War sie heute Nacht nicht bei dir?“ Ich schüttele den Kopf und schnappe mir eine Jacke vom Hacken im Flur.
      „Wo willst du hin?“, fragt mich Charly erstaunt und tritt ganz aus dem Bad.
      „Na wohin denn wohl. Meine trächtige Katze suchen!“, gebe ich schnippisch zurück.
      „Mach nicht so ein Stress. Ihr wird es gut gehen!“ Ich beachte Charly nicht weiter und renne über den Hof zur Scheune. Vielleicht hatte sie die Nacht dort verbracht, wer weiß warum. Als ich das Tor aufmache kommt mir tatsächlich eine Katze entgegen. „Capucine!“, rufe ich erleichtert. „Wie kannst du mich nur so erschrecken?“Aber warte mal, denke ich, die sieht ja anders aus. Ich setze gerade an Charly zu rufen, da kommt diese auch schon zu mir herein und kniet sich neben mich auf den harten Stallboden. Capucine schmiegt sich an meine Beine und schnurrt laut. Fassungslos schaue ich sie an.
      „Ich würde mal sagen“, ergriff Charly das Wort „wir haben jetzt ein paar neue Bewohner auf dem Hof.“
      „Aber-“, stottere ich verwirrt, „-aber sie sollte ihre Junge doch bei mir im Zimmer bekommen! Das neue Körbchen, die Spielecke, ist das alles umsonst?“
      „Capucine will ihre Kinder wohl eher natürlich aufziehen. Kann ich verstehen.“
      Die nun nicht mehr trächtige Capucine wendet sich von uns ab, rennt in Richtung Strohballen und springt dann leichtfüßig bis nach oben.
      „Dort oben hat sie die?“, frage ich ängstlich und schaue enttäuscht zu dem Fleck, an dem Capucines Schweif verschwand.
      „Dort oben sind sie jedenfalls sicher.“, versucht mich Charly zu beruhigen und klopft mir sacht auf die Schulter.
      Ich will gerade wieder aufstehen, als Capucine wieder auftaucht. Diesmal jedoch nicht alleine. Sie springt von einem Ballen zum anderen und läuft dann wieder auf uns zu.
      „Sie hat ein Junges dabei!“, rufe ich und schaue sie entsetzt an.
      „He, bleib ruhig. Die weiß schon, was sie tut!“
      Sanft legt Capucine das kleine Fellbündel vor uns ab und ich nehme es sofort in die Hand. Das Junge ist grau getigert, mit dem gleichen dichten Fell wie Capucine.
      „Ist das niedlich!“, flüstere ich und Charly kommt nicht umhin, mir zuzustimmen.
      Bevor ich es jedoch richtig bewundern kann, nimmt mir Capucine ihr Junges aus der Hand und läuft damit wieder zu den Strohballen.
      „Meinst du, dass es ihnen da oben gut geht?“, frage ich Charly ängstlich. Doch diese erhebt sich und geht zurück zum Tor.
      „Stelle Capucine frisches Wasser und Futter hin, dann muss sie ihre Jungen nicht auffressen.“
      Dann geht Charly.

      Den restlichen Tag streichen Charly und ich die Pfosten des Reitplatzes und der beiden vorderen Koppeln und dann noch unsere Trabstangen und die Cavalettis. Die Pfosten werden alle hellblau, wer weiß warum und die Stangen und Cavalettis machen wir so bunt, dass es schon fast in den Augen weh tut. Jedenfalls macht es Spaß und wir können unserer nicht vorhandenen Kreativität freien Lauf lassen. Die Farbe für die letzte Trabstange reicht nicht mehr und so haben wir eben nun eine graue Trabstange, welcher wir spaßeshalber den Namen The Walking Dead geben. Warum auch immer. Am frühen Abend, kurz vorm Dunkelwerden, schnappe ich mir meine Jeanie und longiere diese. Charly sitzt am Rand und schaut mir zu. „Nimm mal die Longe etwas kürzer. Außerdem tritt sie unter.“, korrigiert sie mich. Ich verdrehe die Augen und murre eine Beleidigung in mich hinein. Trotzdem befolge ich ihre Ratschläge und ich muss wohl zugeben, dass es nun besser geht. Nach einer halben Stunde intensiver Arbeit beende ich das Training und bringe Jeanie gleich in ihre Box. Charly holt dann noch die beiden Hengste Happy und Coco und ich schnappe mir Exel und Changa. Capucine sehen wir heute nicht mehr und mit einem flauen Gefühl im Magen, steige ich nach dem Abendbrot ohne meine Kätzin ins Bett.

      Zwei Tage später habe ich wieder Stalldienst auf dem Reiterhof in Fleury. Capucine hat sich seit der Geburt nicht mehr blicken lassen und nur der leere Futternapf und ein leises Miauen ihrer Jungen deuten darauf hin, dass sie noch da ist. Diesmal habe ich Spätdienst, habe früh also noch genügend Zeit die Pferde zu versorgen. Charly will, sobald sie am Mittag von der Arbeit kommt die Ställe ausmisten und so stopfe ich nur die Heusäcke wieder voll und bringe alle auf die Weiden. Halb drei steige ich dann auf mein Fahrrad, hänge mir meinen Rucksack über die Schultern und klappere die Serpentinen herab in Richtung Fleury d`Aude. Auf dem Plan an der Pinnwand im Stall steht wie immer die Einteilung der Aufgaben. Der andere angestellte Stallbursche hat heute mit mir zur gleichen Zeit Dienst und darüber war ich recht froh, denn alleine ist es echt eine triste Arbeit. Bei meinen Aufgaben steht, dass ich den Sandpaddock des Offenstalls abäppeln muss. Seufzend mache ich mich an die Arbeit. Nach fünf Minuten stößt der junge Stallbursche zu mir, welchen ich schon vom Sehen kenne und hilft mir stumm, den Sand zu reinigen. Nach einiger Zeit frage ich ihn jedoch, wie er heißt, denn diese Stille vertrage ich nicht.
      „Shadow“, sagt er nur und schaut mich an. Er sprach es nicht wie Schädou aus, sondern eher wie Schadoow. Es klang also nicht Englisch sondern Französisch. Shadow hat schöne hellblaue Augen, schwarze, längere Haare und einen liebes Gesicht. So wie er die Mistgabel anpackt, hat er Erfahrung mit solchen Dingen und ich frage mich, ob er auch Ahnung von Pferden hat.
      „Mio“, sage ich, ohne, dass er gefragt hat.
      „Du kommst nicht aus Frankreich, oder?“, versucht nun auch Shadow ein Gespräch zu entwickeln.
      Ich schüttele den Kopf. „Nein, ich komme aus Deutschland und lebe erst seit drei Monaten hier.“
      „Dafür sprichst du aber gut französisch.“
      „Danke.“
      Nach dem Abäppeln des Paddocks sehe ich Shadow nicht wieder. Ich bin dran mit Reitplatz putzen und er ist irgendwo bei den Weiden unterwegs.
      Punkt um sechs werde ich von der Chefin entlassen und mache mich auf den Weg zu meinem Fahrrad. Ich schließe es ab, setzte mich drauf und Puff, der Reifen des Hinterrads platzt. Nein! So etwas kann doch nur mir passieren! Ich steige wieder ab, drehe mein Rad herum und untersuche den Reifen. Er ist wirklich geplatzt und definitiv nicht mehr zu reparieren. Wie soll ich jetzt nach Hause kommen? Mein Handy habe ich heute morgen in der Eile zu Hause vergessen und ein Bus fährt, wenn schon, nur bis Saint-Pierre und von dort sind es für mich auch nochmal fünf Kilometer, welche ich zu Fuß mit einem kaputten Rad zurücklegen muss.
      Missmutig setze ich mich auf einen Stein am Rand des Parkplatzes und lasse den Kopf in meine Hände sinken. Was nun? Gerade als ich kurz vorm Verzweifeln bin, kommt aus dem Stallgebäude Shadow auf mich zu.
      „Ist dein Fahrrad kaputt?“, fragt er mich.
      Ich hebe meinen Kopf leicht und blinzel ihn an. „Ähm, ja...“, mehr fällt mir nicht ein.
      „Soll ich dich mitnehmen?“, fragt er mich leicht lächelnd.
      Ich werde rot und wende meinen Blick ab. „Das wäre toll“, murmel ich und stehe auf.
      „Klar, kein Problem. Komm mit.“ Er reicht mir seine Hand und zieht mich in Richtung seiner himmelblauen Schwalbe, in welche ich so abgöttisch verliebt war.
      „Hier, nimm meinen Helm, ich fahre heute ausnahmsweise mal ohne.“, sagt er freundlich.
      „Danke!“, sage ich leise und nehme den Helm an. Mein Gott war das peinlich. Als er auf das Gerät steigt und ich hinter ihm Platz nehme, fühlt sich mein Gesicht immer noch warm und rot an und ich bin froh, dass er es nicht sehen kann. Shadow lässt die Schwalbe langsam angehen und tritt dann überaus fürsorglich auf das Pedal. Wir rollen mit einem angenehmen Brummen vom Hof in Richtung Saint-Pierre. In Gedanken frage ich mich, ob ich ihm erzählt habe, wo ich wohne, doch ich kann mich an keine Situation erinnern und bekomme es leicht mit der Angst zu tun. Vielleicht ist er ja doch kein lieber Stallbursche sondern ein Entführer und ich bin so blöd gewesen, ohne Nachzudenken auf seine Schwalbe zu steigen. Aber welcher Entführer fährt eine Schwalbe, welche gerade mal 60 km/h erbringt?
      Ich konzentriere mich wieder auf die Straße. Jetzt kann ich sowieso nichts mehr an der Situation ändern. An einer roten Ampel, kurz vor Saint-Pierre, hält Shadow an und dreht sich zu mir herum.
      „Wo wohnst du denn genau? Ich wusste nur, dass du aus Richtung Saint-Pierre kommst.“ Will er jetzt etwa auch noch meine Adresse wissen? Vielleicht will er mich ja stalken?!
      Mit zittriger Stimme sage ich: „Saint Gorge, oberhalb von Saint-Pierre.“ Seine Augen funkeln mich belustigt an. „Du musst ja saumäßig Angst vor mir haben, wenn du dich so duckst.“ Ich hatte mich geduckt?! Schnell richte ich mich wieder auf.
      „Ich weiß nicht, was du meinst.“, sagte ich mit versucht starker Stimme.
      Shadow gluckst nur und sagt dann: „Zufälligerweise kenne ich Saint Gorge. Ein toller Ort und ein toller Platz zum ausreiten-“ Er hätte vermutlich noch mehr gesagt, doch in diesem Moment schaltet die Ampel auf grün und wir fahren weiter. Shadow scheint den Weg die Serpentinen hinauf gut zu kenne und fährt mich gekonnt und recht zügig nach Hause. Als er sein Motorrad auf dem Hof abschaltet und mir beim Absteigen hilft. Schaut er sich staunend um.
      „Hier hat sich aber viel verändert! Natürlich nur zum Guten.“, fügt er hinzu.
      „Du warst hier schon mal?“, frage ich erstaunt.
      „Ja, mein Vater hat hier mal als Stallbursche gearbeitet und ich bin nach der Schule immer hierher gekommen.“
      „Oh“, sage ich wenig konspirativ.
      Shadow schaut auf die Uhr. „Ich muss los, wir sehen uns bei der Arbeit.“
      Er setzt seinen Helm auf und steigt auf seine verdammt coole Schwalbe. Shadow will gerade den Motor starten, da gehe ich schnell nochmal auf ihn zu. „Shadow! Danke fürs herbringen! Ohne dich hätte ich nach Hause laufen müssen.“
      „Kein Problem, schön wenn ich dir helfen konnte.“ Wieder will er den Motor starten doch mir kommt noch eine Idee.
      „Hast du zufällig Lust dir etwas Geld zu verdienen?“ Er neigt den Kopf und schaut mich schräg an. Mon Dieu! Was dachte er wohl in diesem Moment? Deswegen fügte ich noch schnell hinzu: „Also ich meine, dass ich etwas Hilfe hier auf dem Hof brauche. Wir haben vor, eine neue Box zu bauen und sind in solchen Dingen sehr unbegabt. Vielleicht hast du ja Lust etwas zu helfen und dir Geld zu verdienen?“ Er nickt grinsend und ich bin mir sicher, dass er das Gleiche gedacht hat wie ich. Warum muss ich immer so peinlich sein? „Klar, sag einfach Bescheid, ich helfe gerne.“
      Er kramt in seiner Tasche nach einem Zettel und einem Stift und krickelt eine Nummer drauf. „Hier“, sagt er und hält mir den Zettel an. „Melde dich, falls du Hilfe brauchst.“ Ich nehme ihn entgegen und bedanke mich nochmal überschwänglich. Dann steigt Shadow auf sein himmelblaues Gefährt und poltert die holperige Einfahrt entlang zurück in Richtung Saint-Pierre.

      Eine Woche später haben Charly und ich es geschafft, alle Materialien zu besorgen, welche man zum Bauen einer Box brauchte. Der Handwerker, von dem Charly gesprochen hatte, stellt sich als junger Mann Anfang 20 heraus, welcher gerade erst seine Lehre beendet hatte und ich war am Anfang etwas skeptisch, ob das so eine gute Idee gewesen ist. Nachdem er jedoch zweimal zum Kaffeetrinken vorbeischaute und beides mal leckeren Kuchen dabei hat, legen sich meine Befürchtungen etwas. Mit Shadow habe ich mich bis dahin nur bei der Arbeit unterhalten. Da wir nebenbei arbeiten müssen, habe ich noch nicht so viel über ihn erfahren, aber jedenfalls habe ich keine Angst mehr vor ihm und das war ein Anfang zur Besserung unseres Vertrauens. Am Samstag verabreden wir uns alle für halb neun auf dem Hof, um mit der Arbeit beginnen zu können. Laut dem Urteil des Handwerkers, welcher übrigens Nikolaus du Martin heißt, sollen wir es sogar an einem Tag schaffen, unseren Stall auf sechs Boxen zu erweitern. Nikolaus, welcher darauf besteht einfach nur Niko genannt zu werden, und Shadow sind beide pünktlich zur verabredeten Zeit auf dem Hof und so können wir ohne Verzögerung anfangen. Da die Katzenjungen immer noch im Stroh wohnen, verlegen wir das Sägen des Holzes nach draußen, um den Jungen nicht das Fell zum Stehen zu bringen. Während der Arbeit kommen wir endlich alle mal ins Gespräch und ich bombardiere Shadow zugleich mit allen möglichen Fragen. Als am Abend die sechste Box fertig dasteht, habe ich so einiges aus Shadow heraus gekitzelt und ihm auch alles mögliche von mir erzählt. Er hat die ganze Zeit interessiert zugehört und aufgeschlossen Fragen beantwortet und es war echt ein toller Tag gewesen. Ich habe so einiges über ihn erfahren. Zum Beispiel, dass er 19 ist, sein Abi letztes Jahr gemacht hatte und nun Biologie und Sport auf Lehramt studiert. Es war nicht gerade meine Vorstellung von Beruf, aber als er davon schwärmt Grundschullehrer zu werden und alles besser zu machen als seine Grundschullehrer, kann ich ihn doch etwas verstehen. Außerdem erzählt er mir von seiner Familie, welche nicht sehr groß ist. Eigentlich besteht sie nur aus seinem Vater, welche alte Motorräder billig aufkauft, diese repariert und dann wieder teurer weiterverkauft und seiner kleinen Schwester, welche gerade knapp 16 Jahre alt ist. Außerdem hat Niko Charly dazu verdonnert, mit ihm am nächsten Wochenende zu irgendeiner Party in Saint-Pierre zu gehen und Charly hat nicht ganz so abgeneigt gewirkt. Auch die Box konnte sich sehen lassen und ich denke, wir waren mit dem Resultat alle mehr als zufrieden. Es tat gut, endlich ein paar Kontakte geknüpft zu haben und es schien, als sei ich jetzt erst richtig in Frankreich angekommen. Am späten Abend, kurz nachdem wir das kleine Lagerfeuer gelöscht haben, verabschieden Charly und ich uns von Niko und Shadow und bedanken uns für ihre Hilfe. An diesem Tag und auch an keinem weiteren, wird je nach einer Bezahlung gefragt.
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      11. November 2015 | 9.042 Zeichen | Canyon
      Jear, neues Pferd!

      Mio » Nur ein paar Tage nachdem unsere neue Box fertig gestellt wurde, zog auf Saint Gorge das sechste Pferd ein. Ich war von Anfang an in sie verliebt gewesen und nun, da der Platz bei uns da war, hatte ich mich dafür entschieden, die Rappscheck Stute zu kaufen. Sie hatte mich nicht nur vom Aussehen überzeugt, sondern auch vom Charakter und ich war überglücklich, dass sie tatsächlich nun zu uns gehörte. Ocarina kam aus Kanada zu uns geflogen und so hoffte ich, dass sie den weiten Weg übers Meer heil überstanden hatte. Shadow, Nico, Charly und ich trafen uns deswegen kurz nach halb acht bei uns auf dem Hof uns stiegen dann alle in die neue Karre von Nico, welcher auch einen Anhänger für uns besorgt hatte. Für einen eigenen reichte das Geld leider noch nicht. Der Flughafen, an welchem die Stute ankommen sollte, lag in Montpellier und so mussten wir schon einige Zeit fahren, bis die riesige Anlage in Sicht kam. Dort meldeten wir uns an, ich gab meine Papiere her und eine Stunde später durfte ich meine neue Stute das erste Mal sehen. Sie war noch etwas schläfrig und schien noch nicht ganz so auf Damm, so konnten wir sie ohne größere Probleme in unseren Anhänger verladen. Ich unterschrieb noch schnell ein paar Papiere und schon saßen wir wieder im Auto in Richtung Saint Gorge. Nach einigen Minuten wurde es im Anhänger unruhiger. Ocarina musste aufgewacht sein. Deswegen hielten wir auf der halben Strecke an, um Ocarina eine kleine Ruhepause zu gönnen.
      „Hallo Ocarina!“, flüsterte ich, als Nico vorsichtig die kleine Tür öffnete. Neugierig streckte die Stute ihren Kopf in unsere Richtung, sodass ich sie an den Nüstern streicheln konnte. Als jedoch ein Auto neben uns in die Parklücke des Parkplatzes fuhr, erschrak sie und riss ihren Kopf zurück. Die restliche Fahrt verlief ohne größere Probleme. Kurz nach Mittag waren wir wieder auf dem kleinen Hof und luden die schöne Stute aus. Sie war noch nicht eingeritten, gerade mal drei Jahre alt und sollte nicht ganz so einfach zu händeln sein, wie unsere anderen fünf Pferde. Ocarina bekam die neue Box, gleich neben Changa. Wir drückten alle die Daumen, dass sie sich vertragen würden und wir Ocarina ohne größere Probleme zu Changa, Jeanie und Exel gesellen konnten. Während der Fahrt war sie nun komplett munter geworden und stolperte wild aus dem Anhänger heraus. Mit meiner Stimme versuchte ich die schöne Stute etwas zu beruhigen, doch sie war so aufgeregt, dass ich damit nicht weit kam. Ihre Ohren wirbelten von der einen Richtung zur anderen und ihr war erhoben und blickte über alle hinweg. Sie tänzelte unruhig auf der Stelle und ich beeilte mich, dass sie in ihre Box kam. Dort würde sie sich hoffentlich etwas beruhigen. Shadow öffnete vorsichtig das Tor zum Stall und ich führte Ocarina hinein. Als ich Ocarina vorsichtig das Halfter abnahm und die Boxentür schloss, stieß sie ein lautes Wiehern aus und schnaubte aufgeregt. Die Möhren, das Kraftfutter und das Heu beachtete sie gar nicht, sondern drehte eine kleine Runde in der Box. Ich blieb noch, mit etwas Abstand zur Box, bei ihr stehen und beobachtete die Schöne.
      „Ocarina Of Time.“ murmelte ich. Ich war wirklich glücklich, sie gekauft zu haben. Irgendwann würde sie fressen, darüber machte ich mir jetzt noch keine Gedanken.
      Ich schloss vorsichtig das große Stalltor und gesellte mich zu den drei anderen, welche es sich auf unseren Gartenstühlen bequem gemacht hatten. Ein paar Minuten saßen wir schweigend da und lauschten den Geräuschen der Natur. Irgendwann brach ich die Stille mit einer Frage.
      „Hat jemand Lust auf einen Ausritt?“ Verdutzt blickten mich drei Gesichter an.
      „Doch nicht etwa jetzt, oder?“, fragte Shadow erstaunt.
      Ich zuckte die Schultern. „Doch, klar, warum nicht?“
      Charly erhob sich langsam aus ihrem Chefsessel und sagt: „Ich habe Bock. Coco gehört mir!“
      Dann ging sie in Richtung Hengstkoppel. Nun stand auch ich auf. „Jeanie ist meine!“, sagte ich bestimmend und ging in die andere Richtung zur zweiten Koppel. Die beiden Jungs blieben noch einen Moment sitzen, bevor auch sie sich seufzend aus ihren Stühlen erhoben und mir folgten. Wir banden die fünf Pferde diesmal nicht an der Stallwand fest, sondern nutzten die Latten unserer Terrasse dafür. Ich putzte eifrig meine Jeanie, während Charly Coco und Happy entstaubte, denn unser kleines Shetty sollte als Handpferd mitgenommen werden, Shadow putzte den, wie immer sauberen, Exel und für Nico blieb dann nur noch Changa übrig.
      Nach etwa einer halben Stunde waren alle Abflugbereit und wir saßen auf. Über die Richtung wurden wir uns schnell einig. Alle waren davon überzeugt, dass der Weg nach Saint-Pierre und, wenn wir es schaffen sollten, ein kleiner Abstecher zum Strand, die Beste Entscheidung war. Da Coco und Happy beide lieber vorneweg gingen, ritten Charly und Nico ein Stückchen vor uns. Ich hielt mit meiner Jeanie und Shadow mit Exel etwas Abstand. Der Weg führte uns die Serpentinen herab in Richtung Saint-Pierre. Da Charly und Nico in ein Gespräch vertieft waren, fing auch ich ein Gespräch mit Shadow an. Ich kannte ihn erst seit kurzem und trotzdem waren wir schon richtig gute Freunde geworden. Besonders erstaunt hatte mich, dass er reiten konnte. Zwar war er jetzt nicht der geborene Turnierreiter, aber er kannte sich mit Pferden aus und schaffte es, in allen drei Grundgangarten im Sattel zu bleiben. Wir unterhielten uns zu erst über Ocarina, wanderten dann zu Excelsior, den Shadow hatte den kleinen Wallach, genauso wie ich, sofort in sein Herz eingeschlossen und hatte, seitdem er auf unserem Hof ein und auskehrte, immer wieder etwas mit meinem Wallach unternommen.
      „Du hast doch eine Schwester, oder?“, fragte ich ihn zwischendurch.
      Er nickte mit dem Kopf. „Ja, Candida.“
      „Reitet sie auch?“ Er kniff ein Auge zusammen und überlegte. Dann sagte er nachdenklich: „Reiten kann sie nicht wirklich. Meinem Vater hat schon immer das Geld dafür gefehlt. Sie wollte es schon immer erlernen, aber hier in der Nähe gibt es nicht viele Reiterhöfe und der in Fleury ist jetzt nicht so Hammer.“
      Ein kleines Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus und als mich Shadow anschaute, verstand er sofort was ich meinte. „Wie wäre es damit, wenn ich deiner Schwester Unterricht gebe und sie dafür mit die Stallarbeit macht? Sobald sie die Grundkenntnisse erlernt hat, kann sie sich ja auch selbstständig mit unseren Pferden beschäftigen.“
      Shadow lachte. „Du kennst meine Schwester nicht, die kann wirklich anstrengend sein. Aber ich kann sie natürlich mal fragen.“
      Kurz vor Saint-Pierre nahmen wir einen kleineren Weg, welcher uns um das kleine Städtchen herumführte, behielten die Richtung zum Meer aber ein. Auf einem kleinen Feldweg trabten wir an, bis wir vor uns eine größere Straße erkennen konnten. Auf der anderen Seite konnte ich den Zeltplatz von Saint-Pierre erkennen. Im Schritt ritten um diesen herum und standen dann vor einer großen großen Ebene, mit trockenen Pflanzen und viel Sand. In kleiner Entfernung konnten wir die Dünen erkennen, dahinter lag das Meer. Wir ritten im Trab einen trockenen Sandweg entlang. Links lag Saint-Pierre und rechts die Dünen und das Meer. Es war wunderschön, besser hätte es nicht sein können. Jeanie machte immer wieder kleine Freudensprünge und trat fast Exel, welchem die schöne Landschaft nicht zu interessieren schien. Gleichmäßig trabte er über den weichen Boden und ließ seinen Kopf leicht gesenkt. Besonders stolz war ich auf Happy, denn der kleine Kerl hielt tapfer durch und galoppierte neben dem trabenden Coco her. Charly hatte ihn an einem langen Strick, so dass er noch genügend Freiraum hatte. Nico saß auf Changa auch recht entspannt. Die beiden schienen gut miteinander auszukommen.
      Irgendwann verließen wir den Sandweg wieder und bogen in Richtung Saint-Pierre ab. In gemütlichen Schritt arbeiteten wir uns die Serpentinen wieder hinauf um wenige Kilometer später wieder unseren kleinen Hof vor uns zu sehen. Wir spritzten unsere Pferde alle gründlich ab und schickten die fünf dann wieder hinaus auf ihre Koppeln. Die letzten Minuten bevor die Sonne unterging, sollten sie nochmal zusammen verbringen dürfen. Ocarina hatte tatsächlich angefangen zu fressen. Das Kraftfutter und die Möhren waren spurlos verschwunden, während der Heusack noch vollgefüllt da hing. Ocarina knabberte nervös am Holz der Box und ich wusste, dass ich sie nicht lange drinnen lassen konnte. Sie musste so schnell wie möglich nach draußen, um sich hier drinnen nicht zu Tode zu langweilen. Den Abend verbrachten wir zu viert gemütlich vor dem Fernseher und aßen Poppcorn. Asuka hatte sich zwischen Charly und Nico auf der Couch breit gemacht und ich vermisste die zickige Capucine, welche mit ihren Jungen immer noch im Stall wohnte. Nico und Shadow verbrachten die Nacht bei uns und ich musste zugeben, dass es ein gutes Gefühl war, nicht mehr ganz so alleine hier draußen zu leben. Die Nacht schlief ich gut und mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht ein. Wer weiß, was sich in nächster Zeit noch so entwickeln würde!

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      24. November 2015 | 21.519 Zeichen | Canyon
      Oh Zeus!

      Mio » Stumm saß ich auf der Couch. Eine einzelne Träne zog eine lange Spur an meiner Wange und tropfte dann auf mein Handy in meiner Hand. Nein, nein das konnte doch jetzt nicht wirklich sein! Alles war so perfekt gewesen, ich hatte ein neues zu Hause gehabt, hatte meinen Traum von eigenen Pferden erfüllt und nun sollte ich das alles aufgeben? Als Charly zur Wohnzimmertür herein kam und mich heulend auf dem Sofa sitzen sah, blieb sie kurz erstaunt stehen, machte große Augen, kam dann aber ohne etwas zu sagen zu mir. Freundschaftlich nahm sie mich ganz fest in den Arm und streichelte meinen Rücken. Jetzt musste ich schluchzen und ich konnte gar nicht mehr aufhören. Ich versank in einer Art tiefer Trauer. Sank weich und weicher, bis der Strom der Endlosigkeit abrupt abbrach und ich am Boden der Tatsachen landete. Der Hof würde nicht mehr lange mein zu Hause sein. Unser zu Hause sein. Meins, das von Charly, von Asuka, von Capucine und ihren Jungen und natürlich das von unseren Pferden. Von Excelsior, Jeanie, Changa, Happy, Coco und seit neuestem Charelle. So schnell würde es nun vorbei sein. Ein Schüttelanfall gefolgt von einer großen Ladung Tränen erfolgte. Meine Hände krallten sich in Charlys Jacke und mein Gesicht drückte ich fest an meine eigenen Arme.
      „Hey, Füchschen ...“, drang Charlys verzweifelte Stimme an mein Ohr. „Was los?“
      Ich antwortete ihr nicht. Ich konnte ihr nicht antworten. Vielleicht konnte ich ihr nie wieder antworten. Meine Stimme, wer weiß, ob sie je wieder funktionieren würde. Irgendwann, vielleicht waren es nur einige Sekunden, oder doch Minuten, vielleicht waren es auch Stunden, fand ich die Kraft um ihr zu antworten. „Wir müssen hier wegziehen!“, schrie ich fast, denn die Kontrolle über die Stimme hatte ich noch nicht wieder. „Saint Gorge wird nicht länger unser zu Hause sein!“ Und ein Schluchzer ließ mich abbrechen.
      Erstaunt drehte Charly den Kopf zu mir. „Wieso? Was ist passiert? Sag schon!“
      Langsam richtete ich mich auf, wischte das Salz mit einem Ärmel aus meinem Gesicht und zog die Nase hoch. Als ich zu erzählen begann, unterbrach mich immer wieder einer meiner Schluchzer. „Meine – Meine Tante … Sie hat angerufen. Hat sich getrennt, von ihrem neuen Mann. Will wieder hierher ziehen - auf ihren Hof.“ Nach jedem gesprochenen Wort verfestigte sich meine Stimme und ich fand den Faden, an dem ich ich entlang hangelte. „Sie kommt mit Kind und Kegel, Pferd und Hund. Es tut ihr Leid, aber wir müssen ausziehen. Ist natürlich ihr Recht, ist ja ihr Haus und wir durften hier wohnen. Hätte gleich damit rechnen müssen. Ehe hält nie lange! Das einzige was hält ist die Freundschaft zum Pferd. Jawohl.“ Trotzig zog ich den Mund nach oben, straffte meine Schultern und verdrängte jegliche Trauer aus meinem Blick. Die konnten mich alle mal!
      Charly reagierte gar nicht erst auf meinen Stimmungswechsel, sondern nahm mich einfach noch fester in den Arm. Ich wollte mich gerade aus ihrer Umklammerung befreien, denn ich war ja nicht traurig, dass wir wegziehen mussten, als - „Hey Leute! Ich habe interessante Neuigkeiten!“ Urplötzlich wurde die Tür zur Stube aufgestoßen und Shadow wehte herein. „Das Gestüt in-“, er verstummte. „Was ist denn hier los?“
      Charly warf ihm einen vernichtenden Blick zu, als er sich auf die andere Seite von mir fallen ließ und mich in den Arm nahm. Sein Anblick hatte mich wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt, denn auch er war mittlerweile ein Teil unserer Familie und auch ihn müssten wir zurücklassen! Ich ließ mich in seine weiche Umarmung fallen, genoss die Stärke und die Wärme, die er ausstrahlte und ich merkte, wie ich ruhiger wurde. Meine Gedanken ordneten sich und ein kleiner Kraftstrom fand den Weg wieder zurück zu meinem Körper. Charly erhob sich. „Ich mach uns 'nen Tee“, murmelte sie und verschwand in Richtung Küche.
      „Was ist passiert Kleine?“, fragte mich mein großer Freund, doch ich schüttelte nur stumm den Kopf und verkroch mich wieder in der Jacke von Shadow.
      Als mir Charly 10 Minuten später eine Tasse dampfenden Tee hinhielt, richtete ich mich wieder auf und murmelte ein kleines Danke. Stumm nahm sie es zur Kenntnis und ließ sich in den Sessel mir gegenüber fallen. Sie saß jedoch noch keine zwei Minuten, als es an der Haustür klingelte und Charly, wie vom Floh gebissen, aufsprang und zur Tür rannte. Einige Sekunden später kam sie mit Nico wieder rein, welcher sich verwundert umschaute, denn unsere Runde strahlte nicht gerade positive Energie aus. Er lies sich auf einen Stuhl fallen und fiel genauso wie wir in Schweigen. Irgendwann fand ich die Kraft und erzählte es allen nochmal. Erzählte, dass ich wegziehen, für die Pferde ein neues zu Hause suchen musste und nicht wieder kommen würde. Ich erzählte es mit fester Stimme, verdrängte die Trauer und die Angst und versuchte mir einzureden, dass alles gut werden würde. Nachdem ich geendet hatte, schauten mich meine drei Freunde genauso traurig an, wie ich sie wohl anschaute. Sie sagten nichts, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, bis Shadow als erster das Wort ergriff. „Wir schaffen das schon. Ich helfe dir. Ich lasse dich nicht einfach so von dannen ziehen. Ich komme mit!“, sagte er bestimmend.
      Verwundert blickte ich auf. „Du würdest wirklich mitkommen? Aber dein Studium -“, fing ich an, doch Shadow winkte ab. „Manchmal gibt es wichtigeres als Studium.“ Ich war sprachlos. Er würde es wirklich tun! Er würde wirklich seine Heimat für mich verlassen!
      „Die Frage ist doch“, sagte Charly „Wohin wir wollen und wo wir das Geld hernehmen. Niemand von uns hat genügend, selbst wenn wir alle zusammen legen würden!“
      Ich merkte, wie Nico merklich rot wurde und beschämt den Kopf senkte und ich blickte ihn fragend an. Er ließ sich jedoch noch etwas Zeit mit seiner Erklärung und antwortete erst nach einer längeren Pause. „Ich glaube, ich habe euch noch nie von meinem Vater erzählt. Er ist ein Geschäftsmann, hat einige eigene Firmen und eine Menge Geld. Ich habe es zwar bis jetzt strikt vermieden, aber wenn ich ihn anschwatzen würde, würde er sicherlich etwas Geld für mich locker machen.“
      Charly, Shadow und ich starrten ihn perplex an. Mein Kiefer hing wahrscheinlich etwas weit unten.
      Nico zuckte mit den Schulter. „Irgendeinen Vorteil muss es ja haben, wenn der Vater stinkend reich ist, oder?“
      „Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte Charly leicht eingeschnappt.
      „Warum sollte ich? War ja bis jetzt noch nicht wichtig.“, entgegnete er ruhig. Darauf hatte Charly nichts mehr zu sagen.
      Auch Shadow trug jetzt noch etwas zum Gespräch bei. „Ich wollte es euch schon vorhin erzählen, jetzt hat das Ganze aber nochmal komplett eine andere Bedeutung bekommen.“
      Ungeduldig wie ich war, wollte ich es natürlich jetzt wissen. „Sag schon, was hast du für interessante Neuigkeiten?“
      „Na ja, das Gestüt in Fleury d'Aude wird für ein Apfel und ein Ei versteigert, da die Besitzer Pleite gegangen sind. Wir verlieren also unsere Arbeit. Die meisten Pferde sind schon verkauft.“

      Tja, was nun kam, wird wohl klar sein. Natürlich war der Schmerz immer noch riesengroß, dass ich mein neu gewonnenes zu Hause schon wieder verlieren würde, aber ein Hoffnungskeim, dass alles sogar noch besser werden könnte, war in mir gewachsen. Nicos Vater versprach einen Anteil zu bezahlen, welchen wir ihm aber auch in Raten zurück zahlen mussten, aber das würden wir schon irgendwie schaffen. Es hieß einfach: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Von nun an verbrachten wir unsere knappen Freiräume damit, zu planen. Zu planen, zu planen und zu planen. Ich konnte es kaum fassen. Ich und meine drei Freunde wollten zu viert ein eigenes Gestüt führen! Wir besorgten uns den Hofplan, rechneten aus, recherchierten und verwarfen wieder. Es war eine Menge Arbeit, aber ich fand Freude daran. Das Geld, was uns Nicos Vater zur Verfügung stellen wollte, reichte für den Kauf und kleine Umbauarbeiten. Den Rest mussten wir uns selbst verdienen. Irgendwann stand ein Grundgerüst und eines abends, öffneten wir dann eine gute Flasche Wein, füllten unsere Gläser und stießen an. Es war fertig. Wir hatten es geschafft. Das Gestüt von Fleury d'Aude, nur wenige Kilometer von uns entfernt, würde bald unser neues Projekt werden! Wie schnell war meine Trauer um Saint Gorge verflogen, wie schnell hatte ich neuen Mut gefasst und hatte beschlossen, mal wieder neu anzufangen. Es war soweit, das Leben wirklich zu genießen! Am Tag der Versteigerung wachte ich schon früh auf. Eine Zeit lag ich noch im Bett, bevor ich mich anzog und mich in die kühle Morgenluft in Richtung Stall begab. Flink versorgte ich alle Pferde, welche sicherlich schon längst ahnten, dass etwas im Gange war und verschwand dann wieder im Bad. Nur wenige Minuten später tauchte auch Charly auf und zusammen bereiteten wir uns auf die Auktion vor. Die Auktion fand in einem kleinen Raum im Ratshaus von Fleury d'Aude statt. Charly, Nico, Shadow und ich waren die einzigen und auch als der Richter die Tür öffnete, war immer noch niemand aufgetaucht. Innerhalb weniger Minuten waren die Papiere unterschrieben, die Schlüssel ausgehändigt und die Hände geschüttelt. Das Gestüt von Fleury d'Aude gehörte nun vollkommen uns! Auf der Heimfahrt einigten wir uns schnell darauf, den Namen Saint Gorge beizubehalten. Das Gestüt von Fleury würde ab nun nicht mehr Gestüt von Fleury sondern Saint Gorge heißen. Saint Gorge, genauso wie unser altes zu Hause.

      Eine Woche darauf, waren die Taschen gepackt und Saint Gorge verschwand wieder in einer undurchdringlichen Unordentlichkeit, wie es vor den tagelangen Aufräum- und Putzarbeiten gewesen war. Der Schrank, welcher immer noch in dem kleinen Zimmer unaufgebaut gestanden hatte, wurde wieder zusammen gepackt und würde nun das zuhause wechseln. Vielleicht klappte es ja diesmal, mit dem Aufbauen. An einem Samstagmorgen rollte der Umzugswagen auf unseren Hof. Nico hatte, wie immer, billig irgendwo einen Fahrer angeheuert, welcher uns für wenig Geld den Umzug fuhr. Die ersten beiden Ladungen waren nur Kram von mir und Charly. Klamotten, Bücher, Haushaltsgegenstände. Die letzten beiden Ladungen waren für die Pferde. Sattelzeug, Zubehör, Decken, Heunetze und auch das Heu und Stroh, was noch uns gehörte. Erst bei der letzten Fuhr, stieg ich zu dem Fahrer in den LKW und fuhr nach Fleury. In den letzten Tagen war ich natürlich immer wieder hier gewesen, hatte das Gutshaus mit Charly geputzt und hatte gelernt, mich hier wohl zufühlen. Es war natürlich etwas ganz anderes, als unser gemütlicher kleiner Hof. Es war eben, ein großes Gestüt. Sättel, Trensen und alles was sonst noch so dazu gehörte, fand Platz in den beiden Sattelkammern. Heu und Stroh lagerten wir erstmal vor der Reithalle, denn einen Unterstand dafür gab es noch nicht. Da es hier aber verhältnismäßig sehr trocken war, würde es dort auch erstmal sicher stehen. Nachdem die Sachen von mir und Charly verstaut waren, machte sich der LKW Fahrer auf den Weg zu Shadows und Nicos zuhause. Beide würden mit in das Gutshaus einziehen und es war ein tolles Gefühl, mit so guten Freunden sich ein neues Heim zu teilen.
      Die Sachen von den beiden Jungs waren definitiv weniger als die von Charly und mir und so hatten wir nach zwei nicht vollen Ladungen auch ihre Sachen umgelagert. Als letztes zogen die Pferde ein. Nico hatte seinen Vater davon überzeugt, ihm einen Pferdeanhänger zu kaufen und nun konnten wir einen nagelneuen und hoch modernen Anhänger unser Eigen nennen. Zu erst holte ich meinen Exel aus seiner Box, in welcher er schon den ganzen Tag gestanden hatte, legte ihm Transportgamaschen um und eine leichte Abschwitzdecke auf. Der Weg war ja nicht lang, aber sicher war sicher. Mein Wallach lief ohne Probleme in den Hänger, fast so, als hätte er Freude daran und vielleicht freute er sich auch auf einen weiteren Umzug. Zu Excelsior stellte ich seine beste Freundin Jeanie. Auch sie bekam Gamaschen und eine Decke, machte jedoch weit mehr Theater, als es darum ging, in den Hänger zu gehen. Als dann endlich doch beide Pferde den Weg hinein gefunden hatten, klappte ich die Rampe hoch und stieg zu Nico in seinen Landrover. Ich würde es nicht verpassen wollen, wenn Exel und Jeanie das erste Mal ihr neues zu Hause sehen würden! Zehn Minuten später waren wir auch schon in Fleury und das Gespann fuhr die Einfahrt zwischen den Weiden hindurch auf den kleinen Vorplatz. Zusammen mit Nico holte ich erst Jeanie und dann Exel aus dem Hänger, nahm ihnen das Zeug ab und führte sie dann zum Hauptstall. Der Hauptstall bestand aus 15 großräumigen Boxen mit je einem Auslauf und das war eine erhebliche Verbesserung, zu unserem alten zu Hause.
      Auch die restlichen 5 Pferde waren innerhalb weniger Stunden umgezogen. Happy, wie auch Ocarina, brauchten etwas länger, um den Weg in den Hänger zu finden aber Schlussendlich schafften wir es, alle unversehrt umzusiedeln. Coco und Happy bezogen den kleineren Hengststall, während Exel, Jeanie, Changa, Oca und Charelle in den Hauptstall einquartiert wurden. Fast schien es so, als wüssten sie genau, dass dies jetzt ihre neue Heimat werden würde und so machten sie es sich schon bequem. Besonders die kleinen Paddocks waren das Highlight. Ocarina, welche noch nicht wirklich Anschluss an die kleine Herde gefunden hatte, stellten wir eine Box entfernt von Changa hin. So konnten sie sich riechen und vielleicht kennenlernen. Ich war mehr als glücklich, mehr als müde und mehr als zufrieden. Es war für mich, wie auch für alle anderen, ein schwerer Schritt gewesen, die alte Heimat aufzugeben und wo anders neu anzufangen. Aber wir hatten es gewagt und erfolgreich geschafft und die Trauer, welche in den ersten Tagen noch um uns herum gewebt war, war schnell verflogen gewesen. Ich hatte es akzeptiert, dass es nun anders gelaufen war als geplant und konnte mich glücklich schätzen, dass ich so gute Freunde hatte. Am Abend traf ich mich mit Charly, Nico und Shadow wieder auf unserem alten Hof. Das letzte was noch übrig geblieben war, waren die Katzen, also Capucine mit ihren Jungen, Asuka, die Autos und natürlich wir. Alles andere, was uns gehörte, war verschwunden und ruhte nun in Fleury. Den Abend verbrachten wir versammelt um ein kleines Lagerfeuer. Der Reitplatz, der Stall, der Schuppen und die Koppeln waren in der Dunkelheit verschwunden und es war nicht mehr sichtbar, dass sich vieles in den letzten zwei Monaten verändert hatte. Der Stall war aufgeräumt wurden, Müll entfernt, Boxen repariert und eine neue gebaut wurden, der Reitplatz war neu gestrichen und frisch Sand aufgefüllt wurden und das Wohnhaus wurde teilweise renoviert. Ich konnte es kaum fassen, dass nun alles von vorne beginnen sollte, aber es war nun mal so. Gemütlich saßen wir vier beisammen, sprachen über den Tag, fantasierten wie es weiter gehen sollte und lachten viel. Lachten, und freuten uns, dass wir uns alle kennengelernt hatten. Die Freundschaft zwischen uns allen war noch jung und frisch und natürlich würden auch schwierigere Tage auf uns zu kommen, aber darüber dachten wir heute noch nicht nach und fast fühlte ich mich so, als wäre gerade jetzt der Tag, an dem ich mit Charly und Exel nach Südfrankreich gezogen war. Es wurde immer später und später und immer noch saßen wir da, genossen es ein letztes Mal und schafften es erst knapp nach Mitternacht, die Katzen in den Kofferraum von Nico zu packen und uns auf den Weg zu machen. Das war der letzte Schritt gewesen, vor dem neuen Leben! Ich durfte mit der Schwalbe von Shadow mitfahren und es gab dem Ganzen nochmal einen kleinen Klick, als der Wind mir ins Gesicht pustete und ich im Stockfinstern durch die Nacht fuhr.

      Die Nacht schlief ich sehr unruhig. Ich hatte mir ein Zimmer im Obergeschoss ausgesucht und so schien der Mond hell durch die kleinen viereckigen Fenster zu mir herein. Bis jetzt stand hier nur ein Bett, ein kleiner Schrank, meine Gitarre und noch viele Kisten mit Büchern und Klamotten. Gestrichen war der weiße Raum noch nicht, das würden wir in den nächsten Tagen wohl nachholen müssen. Als sich die Nacht dann doch dem Ende neigte und pünktlich halb sieben mein Wecker klingelte, wollte ich am liebsten noch gar nicht aufstehen. Blöderweise hatte ich mich mit Charly, Nico und Shadow zum Frühstück verabredet und so musste ich wohl oder übel aufstehen. Als ich die Tür meines kleinen Zimmers öffnete, kam Shadow gerade aus dem Bad. Sein Zimmer lag, genauso wie das kleine Bad, in meiner Etage. Noch vollkommen müde nuschelte ich nur kurz ein kleines „Morgen!“ und verschwand dann im Bad. Wie immer brauchte ich mehr als lange und als ich viele Minuten zu spät die Küche betrat, war ich die letzte. Die gute Charly hatte wie immer den Frühstückstisch bereits gedeckt und saß nun mit Nico vor ihrem Laptop und zockte irgendwelche sinnlosen Spiele. Na das konnte ja spannend werden, wenn Nico auch so ein Fan von Fantasiewelten war. Ich ließ mich lustlos auf einen der Stühle fallen und stopfte mein Müsli in mich hinein.

      Nach dem Frühstück begaben wir uns hinaus. Auch hier im Süden Europas war es doch sichtlich erkaltet und so hatte ich mir meine warme Winterjacke übergezogen. Charly machte sich auf den Weg zum Hengststall, um Coco und Happy zu versorgen, während Shadow, Nico und ich in den Hauptstall gingen. Die Pferde würden erstmal noch drinnen bleiben und so mussten wir nicht mehr tun, als allen neues Heu zu geben und Futter zu mischen. Nach nicht mal einer viertel Stunde, stieß Charly zu uns und wir entschieden uns dafür, die Koppeln zu kontrollieren. Aus einer Hosentasche holte Shadow einen Plan der Koppel und wir versammelten uns um ihn. Zu erkennen waren acht unterschiedlich große Koppeln, von denen zwei einen Offenstall besaßen.
      „Wie sollen wir uns nur merken, welche Weide was ist!“, sagte ich leicht überfordert. „Wir müssten die vielleicht nummerieren oder so ...“, kam mir die Idee.
      „Mhm.“, sagte Shadow. „Die Idee ist gar nicht so schlecht, jedoch ist nummerieren echt öde. Klar, es ist einfach. Aber dann müssen wir ja immer sagen: Hengste stehen auf Weiden 4. Und das ist nicht gerade Einfallsreich.
      „Wir könnten ihnen ja Namen geben“, lachteCharly.
      „Namen finde ich gar nichts so schlecht“, stimme Nico ihr zu.
      „Das war eigentlich nur ein Scherz!“, feixte Charly.
      „Ich wäre ja für griechische Götter.“, gab ich meine Meinung kund. „So, Zeus und so, die ganze Bande halt.“
      Die Idee setzten wir tatsächlich um! Ich glaubte es kaum, aber knapp 10 Minuten später war auf dem Plan von Shadow mit Kuli Namen gekritzelt wurde und die unterschiedlichen Koppelabteile hießen jetztZeus, Poseidon, Hera Hephaistos, Athene, Aphrodite, Hermes und Artemis und selbst Charly fand das witzig.

      Den restlichen Tag verbrachten wir damit, die Koppel zu kontrollieren, die Offenställe auszumisten und gründlich zu reinigen und den Hof zu fegen. Noch am Abend stellten wir die erste Anzeige ins Internet, dass es Pensionsplätze und Reitunterricht bei uns gab. Unsere Hoffnung war ja, das Urlauber, welche vielleicht auf dem nahen Zeltplatz zelten wollten, ihr Pferd hier unterstellten, um am Strand ein paar tolle Ausritte zu genießen. Wir würden sehen, ob unser Plan aufging. Am nächsten Tag, standen wir wieder zusammen auf. Heute wollten wir die Pferde das erste Mal auf ihre Koppeln bringen. Den Plan, wer wohin kam, hatten wir zum Glück schon am letzten Abend ausgetüfftelt. Charly machte sich wieder auf zu den Hengsten, welche heute erstmal nur nach Zeus kommen sollten, eine kleine Weide gleich neben dem Hengststall. Ich machte mich auf den Weg zu Oca, denn sie machte mir etwas mehr Sorgen. Bis jetzt hatten wir sie immer in Riechweite zu der Herde gehabt, aber sobald sie zu Nahe kamen, legte Ocarina die Ohren an und schnappte nach allen möglichen Dingen. Ich wusste bis jetzt noch nicht, wie ich das kleine Problemchen lösen sollte, aber die Lösung würde mir vielleicht noch kommen. Recht entspannt stand sie in ihrer Box und spitzte aufmerksam die Ohren, als ich vor die Box trat. Sie hatte sich mittlerweile an mich gewöhnt und schreckte nicht mehr zurück, wenn ich sie berührte. Ich schnappte mir eine kleine Bürste, öffnete sachte die Boxentür und schob mich dann zu der jungen Stute hinein. Etwas angespannt beobachtete sie mich und als ich anfing sie zu bürsten, folgten mir ihre Ohren stetig. Langsam strich ich ihr über das gescheckte Fell, suchte die Stellen, welche sie besonders mochte und ließ die Stellen aus, die sie nicht leiden konnte. Als ich bei den Hinterbeinen angekommen war, ging ich langsam mit der Bürste an ihnen hinab und nahm dann vorsichtig ihren Huf.
      „Gib Huf!“, rief ich ihr leise zu und versuchte ihn dann anzuheben. Ocarina legte die Ohren an und schüttelte meine Hand ab. Das war wohl noch nichts. Ich bürstete sie wieder, kraulte sie und versuchte mein Glück dann nochmal. Diesmal ließ sie den Huf länger oben und nach einigen Sekunden setzte ich ihn selbst wieder ab. Ich lobte sie und drückte ihr dann noch einen Kuss auf die Stirn. Wir entwickelten uns! Ich schnappte mir Ocas Halfter, legte es ihr um und führte sie dann die Stallgasse entlang. Ocarina würde auf Hermes kommen. Eine kleine zentral gelegene Koppel mit Unterstand, wo sie sich vielleicht nicht allzu einsam fühlen würde. Ich wusste selbst, das schleunigst eine Lösung her musste! Als ich die Koppel verließ, brachten Nico und Shadow gerade Exel und Jeanie, und Changa und Charelle (welcher Shadow liebevoll den Spitznamen Nelly gegeben hatte) auf Aphrodite, einer mittelgroßen Koppel. Zufrieden betrachtete ich alle Pferde. Der Umzug war vollbracht und wer weiß, was jetzt noch kommen würde!

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      2. Januar 2016 | 21.519 Zeichen | Canyon
      Anonyme

      06:36 - Noch vollkommen verpennt und müde, betrat ich die gemeinsame Küche, in welcher schon Charly, Nico und Shadow saßen. Die Nacht hatte ich überhaupt nicht gut geschlafen und war bei jedem ungewohnten Geräusch aufgeschreckt. Ich murmelte ein leises „Morgen!“ in die stumme Runde und ließ mich dann auf meinen Stuhl fallen. Ja, mein Stuhl und niemand anderes durfte darauf ohne meiner Erlaubnis Platz nehmen. Charly trällerte ein „Guten Morgen!“ zurück und noch missgestimmter (Wie man nur so früh schon so munter sein konnte!) schaufelte ich mein Müsli in mich hinein. Während des Essens besprachen wir unseren Tagesplan. Da wir heute alle nicht arbeiten mussten, war dieser ganz schön voll.
      „Also“, fing Nico an „Ich finde, wir sollten endlich mal wieder einen gemeinsamen Ausritt machen. Wir hatten in letzter Zeit so viel zu tun, dass der Spaß an der ganzen Sache völlig im Hintergrund war, oder?“
      „Super Idee!“ stimme ihm Charly zu. „Allerdings würde ich das hinten dran hängen, denn es gibt noch ein paar wichtigere Dinge, oder was meinst du Mio?“ fragte mich Charly. Erschrocken hob ich den Blick von meiner Müslischale in die Runde.
      „Was? Ja, gute Idee. Ich würde heute nur gerne auch mit Ocarina ein bisschen in den Roundpen. Sie hat schon länger nicht mehr wirklich gearbeitet und es wird langsam Zeit, sie daran zu gewöhnen. Aber ansonsten hätte ich Zeit.“
      Shadow meldete sich wie in der Schule und als ich ihn auffordernd ansah, gab auch er seine Meinung kund. „Ich hätte da noch ein kleines Anliegen. Und zwar kommt mein Schwesterherz mich heute besuchen. Sie würde ja auch gerne reiten lernen. Könntest du ihr vielleicht eine Reitstunde geben Mio? Das wäre für sie echt der Oberhammer!“
      „Puh...“, Ich überlegte scharf. „Das hatte ich jetzt eigentlich nicht mit eingeplant, aber wenn sie dann im Stall mithilft, sollte das eigentlich funktionieren. Wann kommt sie denn?“
      „Da bin ich überfragt, aber wäre schön, wenn das klappt! Womit fangen wir heute denn an?“, fragte Shadow in die Runde und blickte dabei vorallem mich an.
      „Ich würde gerne einen ersten Versuch wagen und Ocarina und Mutantchen zusammen auf eine Koppel stellen. Dazu bräuchte ich euch alle drei, zur Sicherheit.“
      Alle drei stimmten mir zu und zusammen räumten wir den Tisch ab, zogen unsere Jacken an und gingen hinaus.

      07:04 - Nun doch schon etwas munterer, betrat ich den Hauptstall. Momentan waren die meisten Boxen noch leer und hier standen zur Zeit nur meine Stuten Vaconda, Winterzauber, Mon Amie, Jeanie, Changa, Charelle, Grenzfee, Hryða, wahrscheinlich bis heute noch Flotten von Mutanten und Ocarina und zu Letzt der einzige Wallach Excelsior. Meine Schritte führten mich an den ersten Boxen vorbei und ich warf nur kurz einen Blick hinein, um mich zu versichern, dass es allen meinen Schützlingen gut ging und hielt dann vor der Box von Flotten von Mutanten an. Die Mustangstute stand seit ihrer Ankunft alleine in ihrer Box und seit etwa einer Woche weidete sie, getrennt durch einen Doppelzaun zur Sicherheit, neben Ocarina of Time. Beide waren zwei wildere Stute, mit welchen ich noch viel Arbeit vor mir hatte. Trotzdem liebte ich sie über alles, denn jede war etwas besonderes. Flotte lief aufgeregt in ihrer Box hin und her, ging durch den Vorhang auf das kleine Paddock, was jede der 15 Boxen hatte, und kam dann wieder herein geweht. Ich stellte mich entspannt etwas seitlich vor die Boxentür und blickte der Stute nicht in die Augen. Sie blieb plötzlich ruhig stehen, schnaubte einmal merklich und kam dann mit gesenktem Kopf zur Boxentür. Als sie mich anstupste hob ich meine Hand und kraulte sie. Das klappte nun zum Glück schon fast perfekt und auch beim Führen hatte sie sich merklich verbessert. Da Flotte nun schon seit einer Woche ohne Probleme auf der Koppel neben Ocarina stand, wollten wir heute einen ersten Versuch wagen, die beiden Stuten zusammenzuführen. Ich schob vorsichtig den Riegel der Tür zur Seite, schlüpfte flink in das Innere der Box und lehnte dann die Boxentür nur an. Flotte schnaubte wieder, blieb jedoch stehen und so schaffte ich es ihr, innerhalb von zehn Minuten das leichte Halfter umzulegen. Flotte versuchte sich zwar meiner Hand zu entreißen, ich blieb jedoch standhaft und schaffte es, sie nach draußen zu führen. Vor dem Tor standen schon meine drei Freunde, welche zur Sicherheit draußen gewartet hatten, damit ich mich in Ruhe mit Flotte beschäftigen konnte. Ich übergab den Führstrick weiter an Shadow, welcher einen festen Griff hatte und lief wieder hinein zu der Box von Ocarina. Als ich mit der geschleckten Stute die Stallgasse entlang lief, rief ich Charly zu, dass sie schon mit Flotte vorgehen sollten und ich ihnen mit etwas Abstand folgen würde. In dieser Reihenfolge, Shadow mit Flotte, im Gepäck Nico und Shadow und dann ich hinten dran mit Ocarina, machten wir uns auf den Weg zur größten Koppel die wir hatten, also Athene. Da Ocarina mittlerweile die händelbarere der Beiden war, nahm ich mit ihr den großen Weg um die Koppel herum, um von der anderen Seite auf die Weide zu gelangen. Shadow folgte und öffnete mir dann das Gatter und schloss es hinter uns wieder. Ich sah, wie Nico von der anderen Seite der Koppel winkte und Charly Flotte vom Strick und vom Halfter befreite. Auch ich streifte Oca ihr Halfter ab und entließ sie auf die weitläufige Koppel. Ich hatte lange überlegt, ob ich beide mit Halfter oder ohne das erste Mal aufeinander treffen lassen wollte. Zum Schluss hatte ich mich dagegen entschieden, denn so war die Verletzungsgefahr etwas geringer. Flotte buckelte überdreht auf der anderen Seite der Weide und galoppierte dann wild den kleinen Hügel hinauf in unsere Richtung. Ocarina trabte den Hügel am Zaun entlang herab, hielt auf der Hälfte der Strecke an und hob den Kopf in Richtung Flotte. Auch Flotte schien die andere Stute entdeckt zu haben und wieherte einmal laut. Dann galoppierte sie mit voller Kraft auf die kleinere Ocarina zu, welche sich aber gar nicht beeindrucken ließ, sondern kurz auf die Hinterbeine stieg, als Flotte näher kam. Schlitternd kam die Mustangstute kurz vor Ocarina zum stehen und streckte dann ihren Kopf vorsichtig in ihre Richtung. Von weiten konnte ich erkennen, wie Ocarina es ihr kurz nachmachte, dann aber ruckartig den Kopf zurück zog, nach vorne austrat und wieherte. Flotte drehte auf der Hinterhand und galoppierte dann buckelnd davon. Ocarina galoppierte ihr nach und zusammen rasten sie über die Weide.
      „Sieht das gut aus, oder eher schlecht?“, fragte mich Shadow, welcher mit verschränkten Armen und skeptischem Blick neben mir stand.
      „Ich weiß noch nicht, das wird die Zeit zeigen.“

      08:16 - Nico erklärte sich bereit, bei den Pferden zu bleiben und darauf zu achten, dass sie nicht anfingen sich zu beißen. Shadow wollte ihn später ablösen, doch da wir noch viel zu tun hatten, machten wir anderen uns wieder an die Arbeit. Immerhin standen noch einige mehr Pferde in ihren Boxen, welche dringend nach draußen wollten. Charly ging wie immer zum Hengststall, um die drei Hengste auf ihre gemeinsame Koppel zu bringen. Wir hatten Glück gehabt, dass Happy und Coco so lieb waren und Vad, alias Marid, in ihrer Reihe aufgenommen hatten. Mit Vad hatte ich mich leider noch nicht anfreunden können. Meiner Meinung nach, lag das allerdings nicht an mir, sondern an ihm. Schon vom ersten Augenblick hatte er mich nicht an ihn heran gelassen, obwohl er bei allen anderen nicht so ein Theater veranstaltete. Mittlerweile kam ich damit zurecht, dass er irgendetwas gegen mich hatte, doch es war schon ein Schlag gewesen. Shadow und ich gingen in den Hauptstall, wo die restlichen Pferde standen. Also alle Stuten, sowie mein Wallach Excelsior, welchen ich über alles vergötterte. Shadow und ich teilten gerade auf, wer welche Pferde nach draußen bringen würde, als sein Handy in der Hosentasche einen Gong von sich gab. Ja, es war wirklich ein Gong, so ein chinesischer oder so. Er war davon total Fan, mir ging es auf die Nerven. Er zog es aus seiner Stallhose und blickte auf das leuchtende Display.
      „Meine Schwester schreibt, dass sie gegen halb zehn an der Bushaltestelle ist. Ich würde sie dann abholen, ja?“
      „Klar, mach ruhig. Ich freue mich, endlich deine Schwester kennenzulernen. Wird ja wohl Zeit.“
      „Jap, da hast du Recht.“, stimmte er mir zu. „Erwarte aber nicht zu viel! Sie kann manchmal – ja, du wirst es ja nachher sehen.“
      Ich schmunzelte. „Du machst es aber spannend. Dann lass uns mal die Pferde rausbringen, damit du es pünktlich schaffst.“
      Das taten wir dann auch. Ich schnappte mir zu erst meine beiden Lieblinge Valentines Jeanie und Excelsior, Shadow nahm Changa und die neue Stute Hryða, welche alle auf Hephaistos kamen, wo sie genügend Platz hatten. Dort entließen wir sie in die Freiheit, bevor wir wieder zurück in den Stall gingen um noch vier Stuten nach draußen zu bringen. Shadow legte Mon Amie und Charelle ihre Halfter an und ich nahm mir Vaconda und Winterzauber vor. Die vier würden auf Aphrodite kommen. Die junge Grenzfee, welche erst seit Weihnachten bei uns wohnte, blieb erstmal noch im Stall, bis der Hufschmied und der Tierarzt gekommen waren, denn sie wurde in ihrer Vergangenheit stark vernachlässigt. Wie abgesprochen sah ich von weiten, wie Charly erst Vad und dann Coco und Happy auf Poseidon brachte. Damit waren alle Pferde auf den Koppeln.

      09:03 - Da Shadow als nächstes damit dran war auf der Koppel von Flotte und Oca Wache zu schieben und ich nichts zu tun hatte, entschied ich mich dafür, ihm noch etwas Gesellschaft zu leisten, bis er seine Schwester abholen musste. Wie fast immer schweigend, gingen wir über den sandigen Hof in Richtung Athene. Wir sprachen meist nicht viel miteinander, wer weiß warum, trotzdem verstanden wir uns immer ausgezeichnet. Am Anfang hatte ich gedacht, dass aus uns beiden vielleicht mal mehr werden konnte, doch mittlerweile war es mir schon fast lieber, dass wir einfach nur beste Freunde waren. Ich sah Nico schon von weiten. Er saß auf einem Stein, außerhalb der Koppel und blätterte in einem großen Schmöker. Als wir näher kamen und er unsere Schritte hörte, stand er erleichtert auf.
      „Oh man, da seid ihr ja endlich. Das ist so eine Zeitverschwendung hier. Schaut euch die beiden doch an! Die ganze letzte Stunde haben sie nebeneinander gegrast und sind nur ab und zu mal zusammen über die Koppel gerannt. Die tun ja so, als kennen sie sich schon länger als die Welt existiert!“
      Mein Blick wanderte in Richtung Koppel und der beiden Pferde, welche unter einer kleinen Ansammlung von Kiefern auf dem sandigen Boden standen und genüsslich den Rest Gras fraßen.
      Ich musste lachen. „Mein Gott, was haben wir für ein Glück. Die scheinen sich ja wirklich gut zu verstehen!“
      „Du sagst es“, sagte Nico grimmig. „Und damit vertreibe ich mir meine Zeit. Sinnlos.“ Er schüttelte verärgert den Kopf und Shadow klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern.
      „Komm schon Kumpel, jedenfalls hattest du viel Zeit für dich. Was ließt du da eigentlich für ein Buch? Das habe ich ja noch nicht bei dir gesehen.“ Nico versuchte schnell das dicke Buch unter seiner Jacke zu verstecken, was er aber nicht ganz schaffte.
      „Ach nicht so wichtig!“ Mit diesen Worten stand er auf und lief schnell in Richtung Gutshaus, wo er dann durch die Eingangstür verschwand.
      Shadow und ich schauten uns an und mussten losprusten. Das waren solche Momente, wo wir uns einfach ohne Worte verstanden. Ich blickte auf die Uhr an meinem Handgelenk.
      „Oh, du solltest dich beeilen, es ist schon zehn vor halb und du brauchst mit deiner Schwalbe schon zehn Minuten bis zur Bushaltestelle.
      Ich würde hier warten und das Ganze nochmal mit eigenen Augen beobachten. Sobald du wieder da bist, komme ich aber runter.“
      Er nickte und wir verabschiedeten uns von einander, in dem wir uns drückten. Ich ließ mich auf dem Stein nieder, auf welchem bis gerade eben noch Nico verweilt hatte und beobachtete zwei meiner liebsten Stuten: Ocarina of Time und Flotten von Mutanten. Das Einreiten von Flotte lag noch in weiter Ferne, doch Oca hatte sich in letzter Zeit so gut gemacht, dass wir in einem Jahr vielleicht anfangen konnten. Sobald man sie sicher führen und putzen konnte, hatte ich vor, mit longieren anzufangen. Das würde aber auch frühestens im Frühling passieren. Ich wollte ihr die Zeit geben, die sie brauchte. Die nächsten zwanzig Minuten genoss ich einfach nur den Anblick der genüsslich fressenden Stuten, welche sich schon stark in mein Herz eingebrannt hatten.

      09:44 - Als ich von weitem das laute Rattern von Shadows Schwalbe hörte, riss ich mich von meinen beiden Stuten los und ging den kleinen Hügel hinab zum Parkplatz.
      Shadow stoppte nur wenige Momente später neben mir und schaltete seinen Motor aus. Hinter ihm saß ein junges Mädchen, dessen Gesicht ich wegen des Helmes allerdings noch nicht erkennen konnte. Shadows Schwester. Diese sprang behänd von der alten Schwalbe, zog sich den Helm schwungvoll vom Kopf und schüttelte sich ihre langen Haare aus dem Gesicht. Oh mein Gott! Sie hatte die gleiche Mähne wie ihr Bruder, nur war sie um einiges länger. Rabenschwarz waren sie, unten gerade abgeschnitten und oben ein gerades Pony. Eigentlich gefiel mir dieses nicht so sehr, aber ihr stand es. Vor allem hatte sie eine Figur wie ich sie mir immer gewünscht hatte und ich war vom ersten Augenblick Eifersüchtig. Mittelgroß, schlank, dünn und zart mit hellen grünen Augen. Sie war einfach nur wunderschön!
      „Darf ich vorstellen? Das ist meine Schwester Candida. Candida, das ist Mio. Von ihr habe ich dir erzählt.“, stellte Shadow uns vor.
      Ich wurde von klaren Augen angeschaut, welche recht zweifelnd an mir hinunter und wieder hinauf fuhren und ich fühlte mich gleich noch schlechter, obwohl das Mädel mir gegenüber mindestens zwei Jahre jünger war als ich. Ich überwand meine Gefühle und streckte ihr die Hand entgegen.
      „Hey Candida. Schön dich endlich kennenzulernen!“, fing ich an.
      „Candy.“, sagte sie nur. Ihre Stimme war übrigens genauso zart und rauchig wie sie selbst. Noch ein Grund, sie nicht zu mögen. Es klang einfach zu schön. Verwirrt blickte ich sie an. Sie sagte jedoch nichts weiter und mein Blick wanderte fragend zu Shadow.
      „Sie möchte nicht Candida genannt werden. Einmal kann man den Fehler machen, aber sobald man sie wieder Candida nennt, ist es komplett vorbei.“
      Ich wusste nicht ganz ob er das wirkliche ernst meinte, aber sein Gesicht verzog sich kein Bisschen.
      „Ok, dann Candy. Auch wenn das etwas-“, ich überlegte was ich sagen sollte. „Nicht französisch klingt.“
      „Mio klingt auch nicht gerade weiblich und trotzdem heißt du so.“, gab sie mir es genauso zurück. Ich zuckte die Schulter und wusste nicht ganz was ich sagen sollte. Shadow schaute mich nur mitleidig an und ich denke, ich hatte verstanden, was er mir vorhin sagen wollte.
      „Ok Candy, dann komm mit. Du willst doch reiten lernen, oder?“
      „Ich will nicht nur reiten lernen, sondern das ganze Verhalten von Pferden verstehen. Nur falls du fragen willst: Deswegen habe ich noch nie Reitunterricht genommen, weil es überall nur darum geht, nicht so schnell vom Pferd zu fallen. Keiner schafft es einem zu lehren wie Pferde ticken, was Pferde brauchen und was wir Menschen tun müssen, damit es ihnen gut geht. Denkst du, du kannst mir das zeigen? Wenn nicht, dann kann ich nämlich wieder gehen.“ Wow, ich würde sagen, ich war geflasht und gleichzeitig auch beeindruckt. Das Mädel wusste, was sie wollte und für meine erste Reitschülerin hatte ich mir da einen ganz schönen Brocken ran geholt.
      „Ok Candy“, wiederholte ich. „Dann komm mit. Ich zeige dir, womit wir anfangen.“
      „Ich mache uns einen Kaffee.“, sagte Shadow noch, bevor er im Gutshaus verschwand. Ich winkte Candy zu und schlug dann den Weg zum Hauptstall ein. Sie wollte wissen, was es bedeutet mit Pferden zu arbeiten? Dann konnten wir ja gleich anfangen. Ich stemmte meine Arme in die Hüften und zeigte in den Stall, wo nun 15 leere Boxen standen.
      „So, hier fangen wir an. Du hast Glück, dass zur Zeit nur sieben Boxen belegt sind und du nicht alle ausmisten musst. Dann ab an die Arbeit. Hier kommt der erste Schritt, beim reiten lernen. Denn da gehört, wie du schon selbst sagtest, viel mehr dazu.“
      Mehr als erstaunt sah ich dabei zu, wie sich Candy eine Mistgabel schnappte und die Schubkarre nahm die an der Stallwand stand und ohne zu Murren die Boxentür von Excelsior öffnete und anfing, die Äpfel meines Wallachs aus dem Stroh zu suchen und dann im weiten Bogen in die Karre zu befördern. Etwas baff stand ich noch einen Moment da, bevor auch ich mir die zweite Gabel schnappte und in der nächsten Box, der von Jeanie, anfing auszumisten. Ich war mehr als erstaunt, dass wir innerhalb einer Stunde alle Boxen sauber hatten und die Heusäcke gefüllt waren. Candy hatte die ganze Zeit durchgearbeitet und nur ab und zu mal etwas nachgefragt.
      „Was machen wir jetzt?“, fragte sie mich, als gerade Shadow hereinkam. Drei kalte Tassen Kaffee in der Hand.
      „Na nu? Bist du in der Zeit verschollen?“, fragte ich ihn erstaunt.
      Er winkte ab und hätte dabei fast den ganzen Kaffee verschüttet.
      „Ne, Nico hat mich abgehalten.“
      „Jaja!“, ich lachte und nahm ihm eine Tasse ab.
      „Ihr scheint euch ja gut zu verstehen.“, sprach Candy das Offensichtliche aus.
      „Jaaa.“, sagte ich. „Wir sind auch ziemlich gute Freunde, sonst würden wir nicht zusammen in einem Haus wohnen und uns einen Hof teilen. Oder?“ Candy schüttelte den Kopf, sagte aber nichts weiter.Erst nach etwa einer Minute, als wir alle unseren kalten Kaffee geschlürft hatten, sprach sie weiter.
      „Also, was tun wir jetzt? Du willst mir doch nicht erzählen, dass das das Einzige gewesen war, was ich heute getan habe? Dann hätte ich mir das Busgeld sparen können.“
      Schon wieder dieser abfällige Tonfall. Den würde ich nicht lange durchhalten, ohne durchzudrehen. Da gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie vom Hof schicken, was ich Shadow nie antun würde, oder ihr zu zeigen, dass sie mit ihren Annahmen so falsch lag, dass sie das nächstes Mal einfach sein ließ.
      „Nein, noch längst nicht.“, sagte ich und stellte meinen Kaffee vor einer Box ab. Er war sowieso kalt, also konnte ich ihn auch nachher trinken, das ergab keinen Unterschied.
      „Komm mit, ich zeige dir, was wir als nächstes machen!“
      Ich schnappte mir den Halsring von Excelsior, welcher vor seiner Box hing und schlug den Weg zu Hephaistos ein. Candy folgte mir und ich konnte spüren, dass sie sich fragte, was jetzt kommen würde. Bei der Koppel angekommen, drückte ich ihr den Halsring in die Hand und zeigte auf den weit entfernten Excelsior, welcher genüsslich neben seiner Jeanie stand und graste.
      „Siehst du den grauen Wallach dort?“ fragte ich Candy und zeigte auf ihn.
      Candy nickte nur mit dem Kopf. „Deine Aufgabe ist es, ihm den Halsring über den Hals zu streifen und ihn dann, ohne in auch nur zu berühren, hier hinunter zu mir zu führen. Exel folgt nicht jedem, aber wenn du ihm das Vertrauen geben kannst, dann wird er dir folgen.
      "Wenn du hier unten bist und ich das Tor für dich aufmache, führst du ihn, immer noch ohne anzufassen, zur Reithalle. Dann schauen wir weiter.“
      Ohne etwas zu sagen, schlüpfte das Mädchen unter de Zaun hindurch und lief mit gleichmäßigen Schritten zum anderen Ende der Koppel. Mit zusammen gekniffenen Augen, ich hatte schon immer nicht so gut sehen können und war schon immer zu faul gewesen, mir eine Brille anzuschaffen, beobachtete ich sie dabei. Candy begrüßte zu erst alle Pferde und beschäftigte sich dann mit Excelsior, welcher nicht gerade Lust dazu zu haben schien, schon wieder von der Koppel gehen zu müssen. Das Mädchen streifte ihm trotzdem den Halsring über und ich weiß nicht wie sie es machte, aber als sie sich umdrehte und den Weg zurück ging, folgte der eigensinnige Wallach ihr. Mit gesenktem Kopf, den Halsring über dem Hals, lief er hinter ihr her und ließ sich auch nicht davon stören, dass ich das Gatter aufmachte, um die beiden nach draußen zu lassen. Candy lief weiter, Exel auch. Plötzlich drehte er jedoch ab und wollte in Richtung Stall laufen. Candy blieb so ruckartig stehen, dass sich selbst Excelsior erschreckte und verwirrt zu ihr hin blickte. Candy stampfte nochmal bestimmerisch mit den Füßen auf und zeigte dann mit dem Finger auf den Boden vor ihr.
      „Hier her, aber zackig!“, ging sie den Wallach an, bevor sie sich wieder umdrehte und weiter ging, als wäre nichts passiert. Exel schien noch einen Moment verwirrt, bevor er ihr wieder folgte. Erstaunt folgte ich ihr. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, sie hatte in diesem Moment genau das Richtige getan. Ohne weitere Probleme führte Candy Excelsior zur Reithalle, an der sie das Tor öffnete und die großzügige Halle betrat. Ich beeilte mich hinterher zu kommen.
      „Das war“, ich nickte leicht mit dem Kopf und wusste in dem Moment nicht, was ich sagen sollte „eine gute Leistung.“
      Candy zog die Augenbrauen hoch und schaute mich erwartend an. Dieses schlaue und selbstbewusste Mädel wusste ganz genau, dass die Aufgabe mehr als gut von ihr gelöst wurden war. „Ich möchte nun, dass du nun hier in der Halle versuchst, weiter mit ihm zu üben. Versuch das gleiche mit ihm zu machen, wie auf den Sattel. Bring ihn dazu, dass zu tun, was du willst und beachte bitte, dass auch er Freude daran haben sollte, sonst ist das alles Kontraproduktiv. Ich musste zugeben, Candy machte alles fantastisch. Selbst das Longieren ohne Longe, im Trab, wie auch im Galopp, meisterte sie hervorragend und nachdem ich das Training mit beiden beendet hatte, schwitzte Excelsior stark und auch Candy stand die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Ha, dachte ich innerlich und konnte mich gleich darauf für diesen fiesen Gedanken feigen, sie ist auch nur ein Mensch und nicht unsterblich.
      „Ok. Das war gut. Möchtest du ihn zur Koppel reiten?“, fragte ich Candy. Diesmal machte sie wirklich große und erstaunte Augen. Ein kleines bisschen Kind steckte also doch noch in ihr.
      „Wirklich? Ja sehr gerne!“
      „Ok, aber dann musst du ohne meine Hilfe auf seinen Rücken kommen. Exel ist zwar ein Deutsches Reitpony, hat die Normalgröße für ein Pony aber längst überschritten.“
      Candy nickte, streichelte den Wallach noch einmal hinter den Ohren, nahm zwei – drei Schritte Anlauf und – schaffte es nicht auf seinen Rücken.
      „Versuche es gleich nochmal, das ist kein Problem.“ ermunterte ich sie. Beim zweiten Mal kletterte sie ohne Probleme auf den schmalen Rücken des dunklen Pferdes und schien stolz auf sich zu sein.
      „Na geht doch!“, reite ihn zur Koppel, nehme ihm den Halsring ab und verschließe wieder alles ordentlich. Ich gehe schonmal zum Gutshaus und setz uns einen Kaffee auf.“

      13:28 - Als ich die Tür zur Küche öffnete, kam mir allerdings der gewohnte Duft des Kaffees entgegen und ich befürchtete schon, was sich kurz darauf bewahrheitete, nämlich, dass ich nicht die erste war. Charly, Nico und Shadow saßen gemütlich an dem kleinen Tisch, tranken aus einer dampfenden Tasse und unterhielten sich.
      „Habt ihr nichts zu tun?“, fragte ich erstaunt in die Runde, denn der Tag war bis jetzt zugeplant gewesen.
      „Wir sind eben schneller gewesen als du und da unsere Chefin, welche uns schon die ganzen letzten Tage von einer Aufgabe zu anderen gescheucht hat, gerade nicht da war, haben wir die Situation genutzt und eine kleine Ruhepause eingelegt.“ Nico schaute mich mit einem breiten Grinsen an.
      „Du Arsch“, murmelte ich und ließ mich dann auf meinem Stammplatz nieder.
      „Wo ist denn Candy?“ Shadow schaute sich fragend um.
      „Die kommt gleich. Sie bringt nur noch Exel weg.“
      Keine Sekunde später wurde die Tür geöffnet und Candy, selbstsicher wie immer, stolzierte herein und ließ sich auf den letzten freien Platz fallen.
      „Hey!“ begrüßte sie Charly. „Du musst demnach wohl Candy sein, oder? Ich habe schon viel von dir gehört, schön dich kennenzulernen.“
      „Danke, ich kenne euch auch schon gut vom Hören. Du musst demnach dann wohl Nico sein, der Typ der total in Charly verschossen ist?“
      Erschrocken schaute Nico, welcher sich sonst eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ, zu Shadow, dem die Röte ins Gesicht gestiegen war. Charly hatte die Augenbrauen hoch gezogen und schaute gedankenversunken zu Candy, welche die Situation genoss. Ich hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen, aber alle drei meiner Freunde taten mir Leid. Shadow, weil Nico nun wusste, dass er über so etwas mit seiner Schwester gesprochen hatte, Charly, weil sie genauso in Nico verknallt war, wie er in sie und Nico, weil es für ihn einfach nur peinlich war.
      „Was haltet ihr davon, wenn wir einen Ausritt machen? Wie es scheint, haben wir gerade Zeit und das haben wir schon lange nicht mehr getan.“

      14:01 - Etwas später trafen wir uns vor dem Hauptstall. Jeder hatte das Pferd seiner Wahl von der Koppel geholt und es auf einen Ausritt vorbereitet. Auch Candy durfte mitkommen, ich war mir sicher, dass sie es schaffen würde. Nico und Charly würde unsere beiden Hengste Marid und Acapulco Gold reiten. Marid, welcher von uns nur noch Vad genannt wurde, hatte schon immer eine große Abneigung gegen mich verspürt und so war es auch diesmal, als er mich neben Winterzauber entdeckte, welche ich mir ausgesucht hatte. Er legte die Ohren an und sein Blick sagte deutlich, dass ich ihm ja nicht zu Nahe kommen sollte. Candy hatte ich Vaconda gegeben. Die gutmütige Stute würde niemals jemanden aus dem Sattel werfen, selbst jemanden unerfahrenen wie Candy nicht, welche aufgeregt die dunkle Mähne der Stute sortierte. Shadow hatte sich seine geliebte Charelle von der Koppel geholt und damit würde Mon Amie alleine zurück bleiben, aber ich hoffte, dass sie das nicht stören würde.
      „Ok, dann lasst uns aufsteigen! Ich wäre ja für eine Strecke ins Innenland, da der Wind zur Zeit echt stark am Strand pfeift.“
      Die anderen stimmten mir zu, also schwang ich mich in den älteren Dressursattel von Wizza und nahm die Zügel auf. Wizza war schon immer schwierig im Gelände zu reiten und ich hoffte, dass es besser wurde, je öfters ich das tat. Meist nahm ich ihre Freundin Mon Amie mit, heute war dies jedoch zu viel. Auch Candy kletterte, erstaunlich leichtfüßig in den Sattel. Als auch Charly und Nico in ihren Westernsätteln saßen, gab ich ihnen das Zeichen, dass sie vorreiten sollten. Wir würden mit den Stuten etwas Abstand zu den beiden Hengsten halten. Wir schlugen den Weg in Richtung Berge ein, welchen ich meistens zum Training nutzte. Einige Pferdelängen hinter Charly und Nico ritt ich nebeneinander mit Candy, hinter uns kam dann Shadow auf seiner Nelly.
      „Versuche mal, die Zügel etwas mehr aufzunehmen. Vaconda läuft zwar auch mit hängenden Zügeln gut, aber im Gelände ist man da lieber vorsichtiger.“
      Candy befolgte meine Anweisung zu gleich und für den Anfang machte sie es gut. Trotzdem gab ich ihr immer mal wieder Tipps und bereits nach kurzer Zeit saß sie schon viel sicherer im Sattel.
      „Wenn du noch versuchst dich etwas tiefer in den Sattel zu setzen und wirklich entspannt zu sein, dann sieht es gut aus.“
      Gegenüber Candy versucht ich so entspannt wie möglich auszusehen, allerdings lief Wizza gar nicht entspannt. Immer wieder schmiss sie den Kopf nach oben und riss mir gleich danach fast die Zügel aus den Händen indem sie in nach unten senkte. Obwohl Winterzauber eigentlich sonst ein außergewöhnlich ruhiges Verhalten hatte, war davon jetzt gar nichts mehr zu sehen. Sie tänzelte eher, als das sie Schritt ging und wollte bei jeder ihr gebotenen Möglichkeit zu den beiden Hengsten aufschließen. Nach einiger Zeit taten mir meine Hände bereits von dem stetigen Druck an den Zügeln weh und ich fragte die anderen, ob wir traben wollten. Es ging gerade einen kleinen Berg hinauf und da war die Gelegenheit ganz günstig. Winterzauber hatte nur auf eine Tempoerhöhung gewartet und raste nun vor den anderen weg. Ich hoffte, dass Shadow ein Auge auf Candy haben würde, denn gerade hatte ich mit mir und Winterzauber genug zu tun.
      „Charly!“ rief ich nach einigen Minuten. „Könntet ihr mal kurz anhalten und mich vorbei lassen? Wizza muss sich dringend mal auspowern.“
      Ich gab auch Candy und Shadow das Zeichen, dass sie die Zügel aufnehem sollten und sah aus dem Augenwinkel, wie Shadow zu den Zügeln von Vaconda griff, damit sie nicht hinter Winterzauber her rennen würde. Charly und Nico zügelten ihre Hengste und wichen zur Seite aus. Wizza wusste, dass sie nun freie Bahn hatte und diesmal hinderte ich sie nicht daran, loszugaloppieren. Ich ließ die Zügel lockerer, aber trotzdem so, dass ich noch genügend Verbindung zum Pferdemaul hatte und ließ die Stute nach vorne rasen. Ich hoffte, dass uns niemand entgegen kommen würde, denn die Stute konnte ich nicht so schnell bremsen. Winterzauber galoppierte auch und wie sie galoppierte. Schnell verlor ich meine Freunde hinter mir aus den Augen. Wizza war nicht unbequem, aber durch den holprigen Boden wurde ich an manchen Stellen so durchgeschüttelt, dass ich mich irgendwann in den leichten Sitz begab. Zum Glück schaffte ich es noch knapp, den Weg nach Hause einzuschlagen, sonst wären wir ins Unendliche weiter galoppiert. Winterzauber galoppierte weiter, obwohl ich merkte, wie sie mit der Zeit langsamer und ruhiger wurde und ich es schließlich schaffte, sie in einen flotten Trab durchzuparieren.

      15:44 - Natürlich kam ich viel früher wieder auf unserem Gelände an als die anderen. Ich hatte Wizza bereits abgesattelt, trocken geputzt und ihr eine dicke Decke übergeworfen, als ich Hufgeklapper hörte. Ich warf die Boxentür vielleicht etwas zu stark ins Schloss, denn Grenzfee in der Box neben an wieherte erschrocken auf.
      „Sorry Süße!“, flüsterte ich ihr zu und ging dann nach draußen, wo Shadow und Candy gerade von den beiden Stuten abstiegen.
      „Wo sind denn Nico und Charly?“, fragte ich verwundert in Richtung Shadow, welcher mit aber nicht gleich antwortete und deswegen Candy das Wort ergriff.
      „Die wollten nochmal eine kleine Runde drehen.“, sagte sie vielsagend und mit einem Grinsen auf ihren roten Lippen.
      Ich jedoch beachtete diesen nicht weiter sondern half ihr dann, Vaconda abzusatteln. Auch ihr und Nelly legten wir eine Decke auf, wer weiß, diese Nacht sollten es Minusgrade werden. Dann entließen wir die drei Stuten zurück auf ihre Koppel, wo sie schon freudig von Mon Amie begrüßt wurden.
      „Ich würde gerne, da wir gerade etwas Zeit haben, Ocarina versuchen zu longieren. Dazu brauche ich eure Hilfe aber nicht.“ sagte ich zu Shadow gewandt.
      „Klar, kein Problem. Ich schaue mal, was ich noch tun kann. Wir sehen uns später!“
      Shadow und Candy gingen in Richtung Stall zurück, während ich den Weg zur Koppel einschlug, wo seit heute Ocarina und Flotte zusammen standen.
      Ich nahm gleich das Halfter von Vaconda, welches bis zum Stall schon seine Dienste tun würde.Ich fand die beiden Stuten in dem kleinen Offenstall, welcher unter einer Gruppe von kleinen Pinien stand. Die Situation von heute Morgen hatte sich nicht verändert und beide waren gesund und munter wie je her.
      Flotte wich ängstlich zurück, als ich näher kam. Ocarina blieb jedoch stehen und schaute mich fragend an.
      „Alles gut“, sprach ich leise auf sie ein. „Hier, siehst du, ein Halfter, das kennst du ja schon.“
      Ocarina ließ sich zögerlich das Halfter über den Kopf ziehen und folgte mir, nach mehreren Versuchen, zum Ausgang und die Weide hinab. Flotte schien so verängstigt von dem plötzlichen Versuch, dass sie uns nicht folgte, sondern weiterhin in dem schützenden Offenstall blieb. Da Ocarina viel im Offenstall gelebt hatte, war ihr einiges wieder fremd, als ich sie am Gutshaus und dann am Parkplatz vorbeiführte. Zögerlich und mit gespitzten Ohren folgte sie mir zum Hauptstall, wo ich sie an der Mauer anband und schnell in den Stall schlüpfte um Putzzeug und für später eine Longe und ein Knotenhalfter zu holen. Als ich wieder nach draußen trat, war Ocarina gerade dabei, den Führstrick zu bekämpfen und von einer Seite zur andern zu laufen.
      „Ruhig mein Mädel,“ versucht ich die Stute zu besänftigen „Du kannst dich gleich austoben. Ich beeilte mich, die schreckhafte Jungstute so sauber wie möglich zu bekommen. Ich hatte das noch nicht allzu oft mit ihr geübt, aber wenn wir es nun vor jedem Arbeiten tun würden, würde sie sich sicherlich schnell daran gewöhnen. Nach dem Putzen wechselte ich das normale Halfter gegen ein Knotenhalfter und eine lange Longe und führte meine gescheckte Stute zu unserem überdachten Roundpen. Da es draußen schon dämmerte, schaltete ich das Licht an, welches etwas länger brauchte und dann flackernd der Reihe nach anging. Bei dem grellen Licht zuckte Ocarina zurück, doch ich blieb ruhig und führte sie dann in das kleine Gebäude. Ich fing die Stunde ruhig an, ließ die junge Stute erstmal im Schritt auf der rechten Hand laufen und baute nach einiger Zeit kleine Handwechsel mit ein. Ocarina schien sich mit der Situation abgefunden zu haben und ohne Probleme ging sie wenig später auch in einen langsamen Trab über, welchen sie konstant durchhielt. Dann fing ich etwas mit Stimmkommandos an, welche sie auch schnell begriff. Am Ende ließ ich sie ohne Longe nochmal galoppieren, was sie auch sichtlich auf dem weichen Sand genoss. Für heute würde das reichen, immerhin wurde noch nicht viel mit ihr gemacht und das hübsch gescheckte Fell war jetzt schon durchnässt.

      17:13 - Kurz nachdem ich Ocarina wieder zu ihrer Freundin Flotte gebracht hatte, ging ich zurück zum Hauptstall, um das Halfter sowie das Knotenhalfter und das Putzzeug zu verstauen. Ich wollte nochmal einen Blick in den Hengststall werfen, vielleicht waren Nico und Charly schon wieder da. Ich verließ also den Hauptstall und lief in Richtung Hengststall, welcher etwas abseits stand. Kurz bevor ich ihn erreichte, hörte ich Hufgeklapper und vom Strang kamen mir Nico und Charly entgegen. Sie führten ihre Pferde und sie – Ich schaute ein zweites Mal hin – Sie hielten sich an den Händen. Innerlich jubilierte ich, äußerlich lächelte ich nur leicht. Als Charly mich erblickte, ließ sie schnell die Hand von Nico los und Nico, dem sonst eigentlich gar nichts peinlich war, errötete so stark, dass ich es aus der Ferne erkennen konnte.
      „Na ihr beiden? Da habt ihr aber einen Ausflug gemacht. Kommt, ich helfe euch die Pferde abzusatteln.“
      Die beiden, die eigentlich immer am meisten erzählten, schienen verstummt und sagten kein Wort. Auch als ich ihnen vom Longieren mit Ocarina erzählten nickten sie nur und ich verstand irgendwann, dass sie am liebsten alleine sein wollten. Also ging ich schon vor ihnen zurück zum Haupthaus, wo ich, vor dem Fernseher sitzend, Candy und Shadow fand.
      „Was schaut ihr da?“ fragte ich und ließ mich neben Shadow nieder.
      „Herr der Ringe, den dritten Teil.“ antwortete Shadow und strahlte mich dabei wie ein kleines Kind an. Ich lachte und schaute mit.

      18:33 - Da Charly und Nico, Candy hatte es geschafft, keinen blöden Kommentar abzugeben, nach der Rückkehr von ihrem „Ausritt“ zusammen nach Saint-Pierre-La-Mer in eine Bar gefahren waren, mussten wir zu dritt alle Pferde von den Koppeln holen. Die Hengste hatten wir zum Glück gleich drin gelassen, deswegen fehlten nun nur noch die Stuten und mein Wallach Excelsior. Zu dritt brauchten wir etwas länger als gewohnt, aber trotzdem fanden irgendwann alle den Weg zu ihrer Box. Candy stellte sich genauso geschickt beim Pferdeversorgen wie beim Reiten an und ich musste nichts bemängeln, als sie allen Pferden ihre verdiente Mahlzeit gab.
      „Was tun wir jetzt?“ fragte sie mich etwas später, als ich gerade den letzten Heusack in die Box von Excelsior hängte.
      „Jetzt? Jetzt gehe ich nach Hause und setze mich vor meinen Fernseher, der Tag war anstrengend und voll genug.“ sagte vorwurfsvoll. „Du kannst gerne noch die Weiden abäppeln, aber ich gönne mir jetzt einen warmen Tee.“
      Ich schloss die Boxentür und drückte ihr dann den Schlüssel zum Stall in die Hand.
      „Zuschließen nicht vergessen!“ warnte ich sie noch, dann verließ ich das Stallgebäude und ging zum Gutshaus.
      Candida hatte echt Feuern unterm Hintern. Sie musste nur aufpassen, dass sie es nicht zu weit trieb. Heute war es bei mir fast so weit gewesen und so etwas ging einfach nicht. Ich hatte mich heute viel mit ihr beschäftigt und meine Kraft damit verbraucht, ihren Wünschen gerecht zu werden. Irgendwann war auch mal Schluss! Ärgerlich stapfte ich die Treppen hinauf und ließ mich in meinem Zimmer am Fenster nieder. Draußen war es dunkel, dunkler, als es in Deutschland je sein würde. Irgendwo vermisste ich Deutschland, aber ich lebte nun hier in Südfrankreich. Das war mein zu Hause. Ich hörte es gar nicht, als die Tür sich leise öffnete und Shadow herein kam. Erst als er hinter mich trat und mich langsam umdrehte, zuckte ich erschrocken zusammen. Einen kurzen Moment dachte ich, er würde mir eine Standpauke halten, weil ich seine Schwester geschimpft hatte. Aber er nahm nur mein Gesicht in seine Hände und blickte mich an. Jedes Härchen stellte sich von seiner Berührung auf und ich war gebannt von seinem Blick. Ich hatte es immer verdrängt, war immer zu scheu gewesen, den ersten Schritt zu machen, aber ich hatte es schon immer gewusst, vom ersten Augenblick an, genau das was er jetzt sagte.
      „Ich liebe dich!“ flüsterte er und ich sagte ihm das gleiche. Der Kuss setzte mich so unter seinen Bann, dass ich mich im Nachhinein kaum noch an ihn erinnern konnte. Besser gesagt, wusste ich gar nichts mehr, ich war mir sogar nicht mehr sicher, ob es überhaupt passiert war, aber es war passiert. Wir waren die Treppen wieder hinab gegangen, hatten Candy vor dem Fernseher gefunden und hatten den Abend vor einem sinnlosen Film verbracht.

      22:10 - Am späten Abend flüchtete ich mich in mein Bett. Ich schaffte es nicht, Shadow gute Nacht zu sagen und Candy erst recht nicht. Wer weiß, vielleicht hoffte ich, er würde zu mir kommen. Aber er kam nicht. Er war wahrscheinlich verunsichert, denn ich war ohne ein weiteres Wort gegangen. Es war verständlich und in der Situation war ich auch nicht böse auf ihn, nur auf mich, weil ich gefühlt wieder viel falsch gemacht hatte. Auch die Nacht schlief ich schlecht. Immer wieder gingen mir die Ereignisse des Tages durch den Kopf. Die Wendung zum Schluss war so überraschend gewesen, dass sie in meinen Gedanken ein regelrechter Bruch war.rst als es draußen bereits dämmerte, fand ich Ruhe und war selbst überrascht darüber, dass ich bis Mittag durchschlief. Niemand weckte mich, niemand kam in mein Zimmer, niemand durchbrach meine Gedanken und erst als ich von selbst munter wurde, stand ich auf. Meine Schritte lenkten mich als erstes zum Fenster, wo ich meinen Blick über das Gestüt gleiten ließ. Ich war mir sicher, sicherer als ich es je gewesen war.
      „Ich liebe dich, Shadow!“ flüsterte ich.
    • AliciaFarina
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      26. März 2016 | 21.002 Zeichen | Canyon
      Neuigkeiten

      Mio » »Wo bleibt Charly den heute?«, fragte ich etwas angespannt. Shadow und ich saßen am Frühstückstisch und warteten auf unsere zwei anderen Mitbewohner, namens Charly und Shadow, welche so langsam mal aufkreuzen sollten.
      »Genauso gut kannst du fragen wo Nico bleibt«, sagte Shadow und schob sich einen großen Löffel Müsli in den Mund. Seine Essmanieren waren noch nie die Besten gewesen.
      »Haben die etwa schon wieder verschlafen?« Nervös tippte ich mit meinen Fingern auf den Tisch. »Die wissen doch ganz genau, dass wir heute richtig viel zu tun haben.«
      »Ach Mio«, nuschelte Shadow mit vollem Mund. »Das machen die sicherlich nicht absichtlich. Wie oft musste ich dich jetzt schon wecken?«
      Bevor ich etwas erwidern konnte, hörte ich Schritte auf der Treppe und einige Momente später kam ein sichtlich missgestimmter Nico in die Küche geschlürft. Erstaunt folgte ich ihm mit meinen Blicken. Was war denn mit dem los? Ich hätte nie gedacht, dass auch ein Nico mal deprimiert sein könnte. Nico ließ sich auf seinen Stammplatz fallen, zog seine Schüssel zu sich heran und ließ einen Schwall Müsli hinein klatschen, sodass ein Großteil entweder auf dem Tisch oder auf dem Boden landete. Auch mit der Milch ging er nicht fürsorglicher um und das ganze krönte er noch, in dem er es schaffte, Shadow mit seinen Essmanieren zu übertrumpfen. Ich schaute ihn die ganze Zeit mit großen Augen an. Was anderes konnte ich in dem Moment gar nicht tun.
      »Was?«, fragte Nico mich aggressiv, als er meinen Blick spürte.
      »Alles gut mit Charly?« fragte ich nur perplex. Shadow hielt sich gekonnt im Hintergrund. Nico senkte den Kopf wieder, schob sich einen weiteren Löffel in den Mund und sagte zwischen einem weiteren Löffel: »Ja, alles okay.«
      Ich blinzelte. Das klang aber nicht so, als wäre wirklich alles in Ordnung. »Habt ihr euch gestritten?« fragte ich deshalb nochmal nach.
      »Hörst du schlecht? Es ist alles OKAY!« giftete mich Nico an, schob seinen letzten Löffel in den Mund und stand dann so schnell wie möglich auf. Kaum konnte ich etwas erwidern, da war er schon in Richtung Bad verschwunden. Ok. Mit offenem Mund starrte ich ihm nach. »Hast du das gesehen?» fragte ich verblüfft Shadow, welcher endlich seinen Kopf hob.
      »Jap, der scheint nicht wirklich gut drauf zu sein. Vielleicht schaust du mal nach Charly, nimm aber vorsichtshalber eine Schutzweste mit. Wenn Nico schon so wütend drauf ist, will ich nicht wissen, wie es Charly geht.«
      Ich musste lachen und boxte ihm in die Seite. Shadow verzog gekonnt schmerzhaft das Gesicht und hielt sich die Stelle (vielleicht etwas zu weit oben), wo ich ihn getroffen hatte. Ich befolgte seinen Rat und entschied mich dafür, nach meiner Freundin zu sehen, entschied mich aber dagegen, eine Schutzweste mitzunehmen.
      Ich fand Charly in ihrem Bett liegend, mit schmerzhaft verzogenen Gesichtsmasen. »He du«, begrüßte ich sie leise und schob mich durch die Tür in ihr Zimmer. »Was ist denn mit dir los?« fragte ich besorgt und kam zu ihrem Bett. Charly schüttelte nur den Kopf und nuschelte etwas in sich hinein.
      »Was ist denn los?« fragte ich sie abermals, als ich keine ordentliche Antwort bekam. »Nico hat dort unten gerade eine Show abgezogen, die mich dazu veranlasst hat, mal nach dir zu schauen.«
      Ich konnte die Worte »Dieses Arschloch« aus Charlys verkrampften Mund hören, bevor sie sagte: »Alles gut, mir geht es nur nicht so gut.«
      »Nicht so gut? Du siehst nicht so aus, als würde es dir nur nicht so gut gehen. Sag an, was hast du und wie kann ich dir behilflich sein?«
      »Ach Mio, ich habe nur etwas Magenkrämpfe und Übelkeitsanfälle, wahrscheinlich irgendeine Erkältung. Mir geht es gut, ich werde heute wohl nur im Bett bleiben. Du solltest vielleicht langsam in den Stall.« Kam es mir nur so vor, oder versuchte sie mich tatsächlich abzuwürgen und wegzuschicken? Ich wollte jedoch ihr Gemüt nicht noch weiter reizen und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor ich das Zimmer verließ. Als ich wieder in der Küche war, schien Shadow bereits im Stall zu sein. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es dringend Zeit wurde und die Pferde sicherlich schon Radau machten, weil sie verspätet auf die Weiden kommen würden. Schnell warf ich mir eine Jacke über und kontrollierte die Temperatur auf dem Thermometer. Perfekt, wenn es weiterhin den Tag über trocken blieb, konnte ich meine Grenzfee vielleicht auf eine Weide stellen. Ich öffnete die Haustür und machte mich dann auf den Weg zum Hauptstall. Shadow war tatsächlich schon hier und machte bereits die ersten Pferde fertig, in dem er ihnen ein Halfter anlegte und den Strick über den Hals warf.
      »Ah Mio, da bist du ja. Alles gut bei Charly?« begrüßte er mich. Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihm von meinem Besuch. Shadow schien nicht sonderlich besorgt und versuchte mich mit ein paar Argumenten davon zu überzeugen, dass es meiner besten Freundin nichts so schlecht ging, dass sie gleich sterben würde. Er überzeugte mich.
      »Nico ist im Hengststall und kümmert sich dort um die Bande. Hättest du Lust, zu Ocarina, Flotte und Scarlett zu gehen? Ich würde hier im Hauptstall anfangen und außerdem sollten Anouk und Aimé auch jeden Moment auftauchen. Ach so und dann kannst du gleich weiter zu den Kleinen gehen? Wenn Bärchen nicht alles aufgefressen hat, sollten die auch noch genügend Heu haben.« erklärte mir Shadow. Ich blickte ihn schmunzelnd an. Niedlich war es schon, dass er mir auf meinem eigenen Hof erklärte, was ich tun sollte. Ich drückte ihm einen Kuss auf den Mund und beeilte mich dann, zu meinen Pferden zu kommen. Ich schnappte mir aus einer Ecke eine Schubkarre, füllte diese mit Heu und machte mich dann auf den Weg zum Offenstall. Im Offenstall standen zur Zeit drei Stuten von mir. Zwei davon waren wild und unhandlich, eine davon war verschmust und anhänglich. Ich war selber extrem überrascht gewesen, dass die beiden großen Stuten die junge Stuten ohne Probleme in ihrer Mitte aufgenommen hatten. Vorallem Ocarina of Time fühlte tat manchmal so, als wäre sie die Mutter der kleinen Scarlett, was natürlich ungeheuer niedlich war. Auch heute war Scarlett wieder die erste, die mir auf die Nerven ging. Die Schubkarre über die hügelige Koppel zu schieben war schon schwer genug und wenn dann auch noch eine junge Stute ständig geknuddelt werden wollte, war es keine Freude. Als die Schubkarre endlich am Offenstall stand, nahm ich mir die Zeit, um die gescheckte Warmblutstute ausreichend zu kraulen. Oca und Flotte beobachteten das ganze aus einigen Metern Entfernung, entschieden sich aber doch schnell dafür, doch zum Heu zu kommen, obwohl ich noch da war. Vor einiger Zeit hätte das noch nicht funktioniert, dessen war ich mir sicher. Beide Stuten waren halb wild zu mir gekommen und es hatte mich einige Stunden Arbeit gekostet, die beiden auf diesen Stand zu bringen. Als Scarlett merkte, dass ihre beiden Freundinnen ihr alles wegfraßen, ließ sie schnell von mir ab und begab sich zur Fressstelle. Ich beobachtete die drei noch einen Moment, bevor ich mich wieder samt Schubkarre auf den Rückweg machte. Zum Glück war der Stall unserer drei Kleinsten näher am Geschehen, sodass ich zu ihnen nicht allzu lange brauchte. Zur Zeit standen hier drei Ponys, welche das Leben als kleine Racker so richtig genossen. Slaughterhorse, Lambardo und Happy lebten zu dritt in unserem zweiten Offenstall. Slaughter war der größte, während Lambardo und unser Bärchen Happy um einiges kleiner waren. Trotzdem hatte ganz klar Lambardo die Herrschaft, welche er ruhig, aber gezielt anführte.
      »Na ihr drei?« begrüßte ich sie und bückte mich zu Happy, welcher mit gerade mal einem Meter recht klein war. Ich hatte vor kurzem angefangen, Happy mit viel Geduld einzufahren und nun, da auch Lambardo dazu gekommen war, konnte ich das mit Beiden zusammen machen. Happy hatte sich gleich viel mehr angestrengt, nachdem der ältere Lambardo dazugekommen war. Bei den drei Pferden ließ ich nur neues Wasser in die Wanne ein und kontrollierte den Heuvorrat, allerdings hatte Shadow recht gehabt und für den Tag war noch genügend da. Zurück im Hauptstall musste ich zu erst den Radiosender wechseln. So ein Gejaule, das war ja kaum zu ertragen. Shadows Kopf kaum aus einer der Boxen hervor und blickte mich gespielt wütend an. »He, lass meine Musik an!«
      »Kannst'e knicken, mit so einer Musik kann ich nicht arbeiten.« sagte ich lächelnd, nahm mir eine Mistgabel und verschwand in der nächsten Box. Zu viert, Anouk und Aimé waren mittlerweile da, waren wir schnell fertig und als wir zur Mittagspause zurück ins Haus gingen, fanden wir Charly auf der Couch im Wohnzimmer sitzen. Sie hatte ihren Laptop auf den Beinen und begrüßte uns mit einem freundlichen Lächeln. »Tut mir echt Leid, dass ich euch nicht helfen konnte! Ich musste mich erstmal so richtig auskotzen, jetzt geht es mir aber besser.«
      »Das wollte ich gar nicht wissen«, meinte Shadow und ließ sich neben Charly aufs Sofa fallen.
      »Mio komm du auch mal her, ich habe etwas für euch.« meinte Charly und winkte uns zu sich heran. »Schaut mal, habe gerade eine Mail von meiner Cousine bekommen, die habe ich echt schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie lädt mich und auch euch nach Norwegen ein. Sie hat sogar ein paar Bilder mitgeschickt. Schaut mal!«
      Ich quetschte mich noch auf Charlys andere Seite um auch einen Blick auf ihren Laptop erwischen zu können. »Wollen wir damit nicht noch auf Nico warten?« fragte ich zu Charly. »Der hat sicherlich auch Interesse daran zu sehen, wo unser nächster Urlaub hingeht.«
      Charly schüttelte den Kopf. »Die kann ich ihm auch noch später zeigen. Wer weiß, vielleicht möchte er ja gar nicht mit.«
      »Nico und nicht mit wollen? Charly-? Ist wirklich alles in Ordnung bei euch?« fragte ich etwas ängstlich. Es war überhaupt nicht gut, wenn wir uns zerstreiten würden.
      »Jaja, alles gut. Wir hatten nur einen kleinen Meinungsunterschied, aber das wird schon wieder.« Eine kleine Träne rollte aus ihren Augen. Ich merkte, wie sie mit aller Kraft versuchte weitere zurück zu halten, jedoch schaffte sie es nicht und mit einem Mal lag sie mir heulend in den Armen. Hilflos schaute ich zu Shadow, welcher jedoch auch nur mit den Schultern zuckte und mir einen mitleidigen Blick zuwarf. Ich wollte Charly gerade mit irgendwelchen Worten trösten, da kam Nico zur Tür herein. Er blieb stocksteif stehen und schaute zu Charly, welche ihn noch nicht bemerkt zu haben schien.
      »Charly, was ist denn jetzt los? Warum heulst du schon wieder?« fragte er sie genervt. »Das war nicht so gemeint, du weißt, dass ich immer zu dir stehe.«
      Charly schreckte auf und schaute Nico mit verweinten Augen an. »Spinnst du? Du stößt mich von dir und sagst dann, dass du an meiner Seite bist? Du bist ein Lügner und ein Idiot noch mit dazu!«, schrie sie ihn an und brach dann wieder in meinen Armen zusammen. Shadow hatte eine Augenbraue hochgezogen und schaute seinen Freund Nico fragen an. Dieser machte nur ein finsteres Gesicht, sagte aber nichts weiter.
      »Könnte mir mal jemand erklären, was hier los ist?«, fragte ich in die Runde. Nicos Blick wanderte zu mir, bevor er fragte: »Hat sie dir das noch nicht erzählt?«
      Charlys Kopf schnellte wieder hoch. »Bist du bescheuert? Denkst du wirklich, dass ich das ohne dich jemanden erzähle? Wenn du das glaubst, dann kennst du mich wirklich schlecht«, fauchte sie.
      Nico schien wirklich etwas betroffen. »Charly, es tut mir wirklich Leid! Ich war einfach überrumpelt und hatte nicht damit gerechnet. Bitte, lass mir etwas Zeit, nur ein wenig.«
      »Weißt du Nico, jeder normale Mann wäre vor Freude in die Luft gesprungen und du bittest um Zeit? Dann geh! Nimm dir die Zeit, aber wundere dich nicht, wenn ich dann keine Zeit mehr für dich habe.«
      Jetzt standen mir die Tränen in den Augen. Hilflos blickte ich in die Runde. Ein leises, fragendes »Hallo?« kam aus meinem Mund. Geschlagene zwei Minuten herrschte Stille. Charly heulte, ich heulte, Shadow und Nico saßen und standen nur da. Niemand rührte sich. Shadow war der erste der das Schweigen brach. »So wie es scheint, ist hier niemand dazu in der Lage zu reden, also bringt es auch nichts, bei dem schönem Wetter hier drinnen zu sitzen. Ich gehe reiten. Ihr findet mich in der Halle.« So stand Shadow auf, drängelte sich an Nico vorbei und einige Sekunden später fiel die Tür ins Schloss. Ich tätschele Charly den Kopf und folgte Shadow dann eilig. Ich musste auch aus dieser verrückten Bude raus! Mir egal, wenn die beiden da drinnen sich gleich anschreien würden, ich brauchte frische Luft! So wie ich es mir gedacht hatte, fand ich Shadow im Hauptstall, wo er behänd seine Stute Charelle putzte. Sie war sein erstes Pferd gewesen und so waren die Beiden zu einem festen Team zusammen gewachsen. Als Shadow mich kommen sah, hörte er auf zu putzen und nahm mich in den Arm. Ich fühlte mich geborgen und das mochte jetzt etwas komisch klingen, aber mir ging es gleich viel besser.
      »Hast du auch das Gefühl, dass es bei diesem Streit nicht nur um ein geklautes Bonbon ging?« fragte ich ihn, ohne mich aus seiner Umarmung zu lösen. Ich merkte wie er nickte. Auch er war etwas geschockt und verwirrt von dem plötzlichen Streit der Beiden, denn so lange hatten wir mehr oder weniger friedlich beisammen gelebt. Natürlich hatte auch er die Vorstellung im Kopf, um was es ging und ich konnte mir vorstellen, dass wir das gleiche dachten. Trotzdem war es noch nicht so weit, dass wir uns trauten, es laut auszusprechen. Auch ich entschied mich dafür eine Runde zu reiten und Shadow in der Halle Gesellschaft zu leisten. Ich hatte mir in letzter Zeit viel zu selten Zeit genommen, einfach mal gemütlich auf einem Pferd zu sitzen. Heute hatte ich sowieso keinen Nerv für Training. Alle Pferde standen noch auf ihren Weiden, weswegen ich mich auf den Weg zu jener machte, wo unsere kleineren Pferde standen. Dort lehnte ich mich an einen Pfosten und blickte zu den gemütlich grasenden Pferden. Meine Entscheidung viel mir nicht schwer, im Gegenteil, ich hatte es wohl schon vorher gewusst, nur nicht laut gedacht, auf welchen meiner Schützlinge ich mich heute setzen würde. Mein liebster von allem, der mit dem alles begonnen hatte. Excelsior. Fast schien es, als hätte er gespürt, dass ich ihn brauchte und so riss er sich von seinen Weidefreundinnen los und kam langsam zu mir getrottet. Ich musste zugeben, ich hatte ihn echt vernachlässigt in letzter Zeit, Aimé hatte ihn immer bewegt, doch als ich ihm sein Halfter umlegte und mich mit einem Schwung auf seinen Rücken zog, bereute ich das Ganze. Er blieb ruhig stehen, ging erst los, als ich ihn ansprach und obwohl der Weg zum Stall keine Weltumrundung war, genoss ich jeden seiner Schritte. Ich war mir sicher, dass viele Sprichwörter nicht der Wahrheit entsprachen, aber das Glück der Erde lag wirklich auf dem Rücken der Pferde. Hier vergaß man so schnell alle Sorgen, dass man, sobald man den Pferderücken betrat, ein anderer Mensch wurde.
      Ich ritt gemütlich zum Hauptstall, wo Shadow gerade seine Nelly aus dem Gebäude führte. Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln und er schien zu verstehen, dass ich gleich nachkommen würde. Vor dem Stall glitt ich von Exels Rücken und band ihn an seiner Box an, welche gleich die erste im Stall war. Leise vor mich hin summend, putzte ich ihm sein dunkleres Fell, sprach ab und zu mal mit ihm und genoss es, endlich wieder einfach mal Zeit für ihn zu haben. Nach dem Putzen nahm ich den Halsring von dem Haken vor seiner Tür, streifte ihn Exel über den Kopf und zog mich wieder auf seinen Rücken. Im gemütlichen Schritt lenkte ich ihn zur Reithalle. Bereits von Weitem konnte ich Shadow erkennen, er saß auf seiner Nelly und galoppierte Runde für Runde in einem gemütlichen Galopp, natürlich passend zum Soundtrack welche im Hintergrund aus den Lautsprechern ertönte. Ich schaute ihm einige Momente zu, bevor ich gekonnt das Tor aufstieß und zu ihm in die Halle kam. Jetzt würde ich erstmal eine Runde reiten, dann sah die Welt schon viel heiler aus, dachte ich bei mir, bevor ich meinen Exel auf die ganze Bahn lenkte und ihn zum Trab antrieb. Als ich zusammen mit Shadow unsere Wohnung wieder betrat, duftete es herrlich nach Waffeln. Ich liebte Waffeln und ich wusste, dass es Shadow, Charly und Nico genauso ging. Wenn wir wollten, könnten wir uns sicherlich nur von Waffeln ernähren, vorallem wenn auf dieser eine dicke Schicht Schokolade ihr Unwesen trieb. Charly und Nico fand ich nebeneinander stehend in der Küche. Die Stimmung schien immer noch gekränkt und etwas frostig zu sein, jedoch hatten sie sich wohl ausgesprochen und konnten sich wieder in die Augen sehen. Ich fühlte mich etwas unwohl, als ich die Küche betrat, denn ich wusste nicht, was jetzt kommen mochte. Shadow folgte mir und spendete mir mit seiner Anwesenheit etwas Trost. Vielleicht hätte ich jetzt so etwas sagen sollen wie: »Oh hier riecht es aber lecker!« oder »Lecker Waffeln! Jetzt habe ich aber Hunger« oder andere sinnlose Sätze. Ich jedoch sagte – nichts. Shadow und ich standen in der Tür und beobachteten die Beiden dabei, wie sie still vor sich hinarbeiteten. Nico und Charly kannten sich verdammt gut, was man bei ihre Handgriffen auch genau sah. Charly schmeckte den Teig ab, schüttelte sacht den Kopf und sofort hielt ihr Nico den Salzstreuer hin. Shadow zeigte stumm zu unserem Küchentisch und als ich nickte, gingen wir beide zu diesem, wo wir uns fallen ließen. Charly und Nico mussten uns mittlerweile bemerkt haben, jedoch schien ihnen irgendwas so peinlich zu sein, dass sie es nicht schafften, sich zu uns umzudrehen. Eine gefühlte Ewigkeit später wendeten beide ihre Aufmerksamkeit zu uns, als sie einen Teller dampfender Waffeln und ein Schokoladenglas auf den Tisch stellten. Nico holte noch vier Messer aus einer Schublade und fertig war unser leckeres Gericht. Nachdem wir Waffel für Waffel alles aufgegessen hatten, lehnte ich mich entspannt und mit vollem Bauch im Stuhl zurück. Nach dieser Stärkung konnte mich, egal was jetzt kommen würde, nichts mehr aus der Ruhe bringen. Eine Zeit lang blickten wir uns stumm an, Charly spielte nervös mit ihrer Unterlippe und Nico saß tatenlos mit verschränkten Armen da. Irgendwann, ich war schon fast dabei, meinen Kopf auf Shadows Schultern zu legen und einfach einzuschlafen, begann Charly zu sprechen. »Es tut uns Leid, dass wir heute so viel Stress gemacht haben. Es war alles etwas kompliziert. Ich hoffe, ihr seid uns nicht böse, aber ich bin schwanger.«
      Natürlich hatte ich mir so etwas gedacht, auch wenn ich es nicht hatte fassen können. Nie hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, dass es irgendwann so weit sein könnte, aber nun war es soweit und hoffentlich, hoffentlich würde alles gut enden. Ich stand von meinem Stuhl auf, ging um den Tisch herum zu meiner Freundin und nahm sie fest in den Arm. Ich merkte, wie sie anfing zu schluchzen, doch diesmal war es keine Wut oder Trauer die sie dazu brachte, sondern Dankbarkeit. Als ich mich von Charly löste, stand auch schon Shadow hinter mir und nahm sie fest in den Arm. Außerdem hörte ich Shadow ihr einen Glückwunsch zusprechen und viel Glück wünschen. Auch wenn ich es mit Nico nicht lange alleine aushielt, trotzdem war er mein Freund. Er war manchmal ein riesen Arsch, aber er gehörte zu uns. Auch ihn drückte ich, was ihn anscheinend etwas erschrak, wann hatten wir uns je gedrückt, aber er erwiderte die Umarmung.
      »Nico, du bist der perfekte Freund für Charly, zeige ihr, dass du den Platz an ihrer Seite auch wirklich verdienst. Lass dir etwas einfallen, wie du das Ganze wieder gerade biegen kannst!« flüsterte ich ihm zu, so dass es Charly nicht hören konnte. Der Lockenkopf nickte und ich sah eine Träne in seinen Augen glitzern. Es war die erste Träne, die ich bei ihm sah und ich wusste, dass er alles bereute.Natürlich entschieden wir uns dafür, dies zu feiern und zwar, in dem wir uns alle auf unsere Sofaecke lümmelten und unseren diesjährigen Urlaub planten. Wie Charly uns heute morgen bereits gesagte hatte, Nico fühlte sich etwas überrumpelt, denn er hatte noch nichts davon gewusst, hatte ihre Cousine uns alle nach Norwegen eingeladen. Sie besaß mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn eine kleine Hütte in der Nähe der Stadt Sylling und wollte uns alle einmal kennenlernen. Die Bilder waren so bezaubernd, dass wir natürlich gleich eine Mail zurück schrieben. Es würde unser erster gemeinsamer Urlaub sein und ich hoffte, dass wir vier uns nicht so schnell verlieren würden. Am Abend ging ich mit einem unglaublichen Gefühl ins Bett. Meine beste langjährige Freundin Charly bekam ein Kind. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, wer von meinen Freundinnen zu erst ein Kind bekam, Charly hätte ganz am Ende der Liste gestanden. Ich wusste jedoch, dass es Charly und auch Nico gut tun würden, wenn sie endlich mal etwas Verantwortung lernen würden und außerdem war die Wahrscheinlichkeit groß, dass Nico das Rauchen endlich mal aufgeben würde. Natürlich freute ich mich auch riesig auf den Urlaub in Norwegen und wer hätte es erwartet, dass genau dieser bald mein Leben verändern könnte.
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      20. Mai 2016 | 6.795 Zeichen | Canyon
      Denkarium

      Mio » Geschafft von der Arbeit des Tages, ließ ich mich in meinem Zimmer auf mein Bett fallen. Trotz zwei Wochen 'Urlaub', waren diese Tage noch stressiger gewesen, als sie eh schon immer waren. Meine Hand bewegt sich zu dem kleinen Schränkchen neben dem Bett. Ich zog eine Schublade auf und holte aus dem verstaubten Fach ein kleines, in Leder eingebundenes Notizbuch heraus. Es war nichts besonderes, ich hatte es vielleicht irgendwann einmal geschenkt bekommen und nun existierte es als ein 'Denkarium', wie ich es gerne nannte, in meinem Schrank. In diesem notierte ich alles, was in letzter Zeit passiert und nun war es mal wieder soweit, die neuesten Geschehnisse zusammen zu fassen. Der Kuli klickt und kaum lag das Buch aufgeschlagen auf meinen Schenkeln, begann ich auch schon damit, mit dem kratzigen Stift über das Papier zu streichen.

      Eintrag vom 21. Mai 2016 – Eine kleine Zusammenfassung
      Kurz nachdem uns unsere Trakehnerstute Winterzauber verlassen hat und zu Bracelet nach Slowenien gezogen war, zog schon wieder ein neues Pferd bei uns ein. Diesmal war jedoch nicht ich die Schuldige, sondern mein Freund Shadow. Schon lange ist er ein großer Tekkenfan und die Rappstute April Rain war da einfach perfekt für ihn und seine Charelle. Es dauerte nicht lange nach Aprils Einzug auf dem Gestüt und die beiden Stuten waren beste Freundinnen. Ich gönne es meinem Freund, dass es so leicht gewesen war, denn ich weiß, wie schwer es ist, wenn es nicht so gewesen wäre. Was für ein verschachtelter Satz! Kurz darauf fiel bei Charly, Nico Shadow und mir die Entscheidung, uns von sechs weiteren Pferden zu trennen, welche wir bestimmt nicht leicht fertig entschieden. Mit jedem Pferd hatten wir eine tiefe Beziehung aufgebaut, hatten allerdings bereits nach kurzer Zeit schon für jedes Pferd einen neuen guten Platz gefunden. Auch Vaconda und Vintage Gold würden Winterzauber nach Slowenien folgen, während Hryða nun doch auf das Isländergestüt nach Dänemark zu meinen beiden Kolegginen Linn und Bella ziehen würde. Auch Changa, GH's Acapulco Gold und EBS Mon Amie hatten ein passendes zu Hause gefunden. Natürlich fiel uns der Abschied von so vielen Pferden schwer, allerdings wird es langsam Zeit, dass wir und auf unser Ziel konzentrieren und spezialisieren. Eine Überraschung war es auch, als ein weitentfernter Bekannter, Sveijn Àlfarsso, seinen Junghengst Braum van Ghosts verkaufen wollte. Ich kannte Braum nur von Erzählungen und Bildern, denn unter uns Pferdebesitzern wurde natürlich viel erzählt und getratscht und so fiel mir die Entscheidung nicht schwer zu sagen, dass ich den Kleinen liebend gerne zu mir nehmen würde. Es dauerte nicht lange und der Mix zog bei mir ein. Mit dem Einzug von Braum veränderte sich auch die Weideaufteilung: Excelsior und Braum würden erstmal zusammen auf eine Weide kommen und vielleicht würde unser kleiner Slaughterhorse noch hinzu stoßen, falls sich das Trio verstehen sollte. Slaughter steht zur Zeit noch zusammen mit den beiden Shettys Lambardo und Happy auf einer Weide, welche jedoch eine viel geringere Größe haben als er. Meine Valentines Jeanie steht zur Zeit leider mit California's Small Caramel Candy allein auf einer kleinen Wiese, was jedoch nicht weiter schlimm war, da wir doch tatsächlich unseren ersten Nachwuchs von Jeanie erwarten! Meine erste Stute würde unser eigenes erste Zuchtfohlen zur Welt bringen, was mich als Züchterin und Besitzerin natürlich sehr stolz machte. Außerdem konnten wir noch damit prahlen, dass die langwierige und schwierige Zusammenführung von Anaba und dem Trio Flotten von Mutanten, Ocarina of Time und Seattle's Scarlett endlich erfolgreich war! Desweiteren ist Anaba endlich bereit für ihre Krönung, dank Charly, und wird demnächst auch von Charly auf einer vorgestellt werden. Der unerwarteste Neuling von allen war mit Sicherheit eine junge Vollblutstute, welche das gleiche Schicksal wie unsere Grenzfee hinter sich hatte. Als Rennpferd geboren, als Rennpferd viel zu früh ausgebildet und als Rennpferd untergegangen, wurde sie wegen zu vielen Krankheiten HOCHTRÄCHTIG an den Schlachter verkauft. Jedoch hatte sie das Glück, dass sie vom gleichen Tierschützer gefunden wurde, welcher auch Grenzfee an uns weiter gegeben hatte. Ein Anruf und wenig später kam die Stute, mit dem bereits geborenen und zum Glück gesunden Hengstfohlen zu uns auf den Hof. Teufelstanz und ihr Fohlen Aspantau sind nun bereits gut angekommen und man merkt, dass es den beiden Tag für Tag besser geht. Auch Grenzfee schien nun endlich das Glück gefunden zu haben, denn sie durfte nun endlich wieder aufs Gras und freundete sich natürlich auf den ersten Blick mit Teufelstanz und ihrem Fohlen an, sodass die drei zur Zeit in einer unserer Offenstallungen leben. Sobald Aspantau alt genug ist, wird das junge Fohlen zu unserer Junghengstbande kommen, in der Hoffnung, dass die sich auch alle vertragen werden, denn ich konnte mir vorstellen, dass sich das eingeschworene Trio aus Sleipnir, Varys und Imagine There's No Heaven dreimal überlegen werden, ob sie ein Vollblut dabei haben wollen. Aber wir werden sehen, was die Zeit so bringen wird. Es ist immer wieder ein Geschenk des Himmels, wenn ein so junges Fohlen wie Aspantau das Licht der Welt erblickt und so unbesorgt und nichts ahnend im hier und jetzt lebt. Unser 'Problem' ist zur Zeit noch Nicos Marid, welcher allein auf einer Wiese steht. Hoffentlich wird Nico dafür bald eine Lösung finden, denn mit Chosposi, Leiðtogi und Morrigans Hidalgo versteht sich der wilde und unausgeglichene Hengst kein bisschen. Für Charly, Nico, Shadow und mich geht es in wenigen Tagen auf nach Norwegen! Endlich mal wieder raus hier und KEINE Pferde um sich, dass kann bestimmt auch mal schön sein, auch wenn ich weiß, dass ich diesen Satz bereits am zweiten Tag bereuen werde. Anouk und Aimé würden sich dann hier um die Bande kümmern und ich bin mir sicher, dass sie das auch schaffen werden. Es geht mir gut, es geht uns allen gut und dafür sollten wir dankbar sein.

      Ich schlug mein Buch zu. Was so ein Eintrag alles bewirken konnte. Während man schreibt, vergisst man alles andere um sich herum und lebt nur in dem Gekritzel auf einem Blatt Papier. Schreiben entspannte mich immer, auch wenn ich, so wie heute extrem gestresst gewesen war. Ich klappte mein Denkarium zu und verstaute es wieder in der Schublade, welche, als ich sie zuschob, eine Staubwolke hinterließ. Ich sollte mal wieder putzen, dachte ich bei mir, heute aber nicht mehr, das mache ich wann anders. Ich schlug die Bettdecke zurück schlüpfte in mein Bett und kaum lag ich, da kam meine treue Freundin Capucine zu mir gesprungen. So ein tolles Tier, dachte ich noch mit einem Lächeln auf den Lippen, bevor ich mit einer schnurrenden Katze an meiner Brust einschlief.

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      19. Juli 2016 | 64.097 Zeichen | Canyon
      Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt

      Mio » Nevada, USA - 19:37
      Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als ich von der Red Rock Road auf den Scenic Loop Drive abbog. Trotz des frischen Westwindes von Kalifornien, arbeitete der ältere und von einer dicken Staubschicht bedeckte Jeep unter mir, als würde er jeden Augenblick den Geist aufgeben. An dieses Geräusch hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, es war normal, vor allem bei dieser Hitze. Selbst in der Nacht sanken die Temperaturen nie unter 70 Fahrenheit, wie man hier auf diesem Kontinent so schön zu sagen pflegte.
      Links von mir tauchte nun der Pine Creek auf, welcher mich ein kleines Stückchen begleitete, bevor sich unsere Wege trennten. Mittlerweile kannte ich mich hier aus, lange hatte es nicht gedauert. Mit dem Auto oder zu Pferd, ich hatte mich an meine neue Heimat gewöhnt.
      Als sich der Scenic Loop in einem Bogen Richtung Norden wand, bog ich auf die kleinere Rock Gap Road ab. Ich merkte den Einkauf im Kofferraum, als die steinige Straße leicht bergauf ging und ich konnte mich mit all dem Eingekauften schon am verlassenen Straßenrand stehen sehen. Zum Glück würde ich nicht allzu schnell verhungern und erfrieren konnte man hier ja zu dieser Jahreszeit ebenfalls nicht. Da wir maximal einmal pro Woche in die berühmte Großstadt Las Vegas fuhren, um für die nächsten Tage Vorräte einzukaufen, war der Jeep entsprechend voll.
      Kurze Zeit später ging es dann für mich auf die La Madre Spring Road und von da aus waren es nur noch einige Meter bis zu meinem Ziel.
      Addison Moore hatte wenig freie Zeit, davon hatte ich mich in den letzten Monaten selbst überzeugen können, weshalb ich etwas überrascht war, als ich ihn und seinen treuen Gefährten Cerberus auf der Terrasse des Ranchhauses sitzen sah. Ich sah ihn nur kurz, bevor ich den Jeep etwas weiter unter den Bäumen parkte, doch sein Blick ging in die Ferne und verschwand dann in den rötlichen Felsen des Canyons.
      So gekonnt wie ich es mir vor kurzer Zeit noch nicht hatte vorstellen können, parkte ich korrekt ein, bevor ich das stickige Auto verließ.
      Mit schweren Taschen bepackt ging es für mich zum Haus, wo mich nun ein aufgeregt mit dem Schwanz wedelnder Hund begrüßte. Ich nahm mir kurz die Zeit, trotz voller Arme, um den Rüden zu begrüßen. Ich wusste wie übel er es mir nehmen würde, wenn ich es nicht tat. An meinem ersten Tag auf der Ranch hatten mich die eisblauen Augen des interessant gescheckten Louisiana Catahoula Leopard Dog eingeschüchtert, doch mittlerweile hatte ich lernen dürfen, dass Ceb der tollste Hund der Welt war, wenn man Asuka außer Acht ließ und das tat ich in letzter Zeit.
      Addison hatte sich mittlerweile aufgerichtet und mir eine der Taschen von der Schulter genommen und diese nun ins Haus trug. Ich folgte ihm und mir folgte Ceb, welcher den Geruch nach frischem Essen bestimmt schon mehrere Meilen vorher gerochen hatte. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass Addi meistens eher stumm blieb, denn ich wusste, wenn es etwas Wichtiges gab, dann konnte auch Addison sprechen. So lange er nicht sprach, war alles gut.
      Aus der Küche wehte mir ein warmer und angenehm riechender Duft entgegen: Nudeln mit Tomatensoße, genauso wie es vor vielen hundert Jahren bei meiner Oma geduftet hatte.
      Als ich mich nach dem Abstellen der Taschen wieder erhob, wurde ich schlagartig und stürmisch von einer jungen Frau umarmt, welche ihre kraftvollen und doch zierlichen Arme um mich schlang.
      „Mio! Eine Woche habe ich dich nicht gesehen und trotzdem so vermisst wie diese Landluft hier. Wie gut du immer noch aussiehst! Der Wahnsinn!“ rief sie mit heller Stimme in mein Ohr, sodass ich dachte gleich taub zu werden.
      „Hey Heather“, sagte ich um ein vielfaches ruhiger. „Ich wusste gar nicht, dass du heute kommen wolltest?“
      Schauspielerisch entrüstet ließ sie von mir los, verschränkte ihre Arme und spitzte die Lippen, dann wandte sie sich von mir ab, nahm ihre Tasche vom Stuhl und wollte mit den Worten: „Dann kochst du eben das Abendbrot!“, den Raum verlassen. Mit einem schnellen Griff am Arm zog ich sie zu mir zurück und schob sie zum Herd. „War doch nicht so gemeint, das weißt du ganz genau!“ sagte ich lachend. „Es ist schön, wenn du da bist und außerdem weißt du, dass ich nicht so ein Kochtalent bin wie du.“ versuchte ich ihr zu schmeicheln. Heather liebte es, wenn man ihr Komplimente machte. Sei es ihr Aussehen, eine neue Bluse oder ihre Kochkünste, sie war ganz vernarrt darauf, Lob zu bekommen.
      Addison hatte sich derweilen gekonnt aus unserer Unterhaltung herausgehalten, machte sich aber nun damit bemerkbar, dass er lautstark die Teller aus dem Schrank holte. „Ich will eure Begrüßungsrituale ja nicht unterbrechen, aber meiner Meinung nach riecht es hier etwas angebrannt.“
      Heather entfuhr ein spitzer und vor allem hoher Schrei und sie drehte sich erschrocken zum Herd um, wo die Tomatensoße gefährlich dampfte.
      „Wo sind eigentlich Chill und Buck?“, fragte ich Addison, da mir gerade erst aufgefallen war, dass die beiden Zwillinge beim Geruch von Essen noch nicht in die Küche gestürzt waren.
      „Bei Jon, sie wollen irgendein „Projekt“ für die Schule machen und da muss man natürlich auch übernachten“ kam Heather ihrem Neffen Addison zuvor. Sie hatte ihren hübschen Mund zu einem ironischen Lächeln verzogen, sah dabei allerdings immer noch so schön aus wie zuvor. Mich wunderte es schon lange, dass die hübsche Frau mit den langen blonden Locken und den grünen Augen noch immer keinen Partner gefunden hatte, obwohl sie in der Blüte des Lebens stand und dazu noch in der Großstadt Las Vegas wohnte. Aber wer weiß, vielleicht wartete sie noch auf den Richtigen.
      „Wann kommen die Beiden denn wieder?“ stellte ich die Frage in den Raum. Diesmal zuckte Heather nur mit den Schultern, während Addison ein „Morgen“ brummte.
      „Ach Ad“, hatte Heather wieder etwas beizutragen „Man denkt du bist schon in Rente und hast einen Bart bis auf den Boden, dabei bist du gerade erst Anfang dreißig. Versuche jedenfalls, deinen Mund etwas weiter aufzumachen, glaube mir, das geht!“ maßregelte Heather Addison, bevor sie sich wieder dem Essen zuwandte. Ich ließ mich gegenüber von Addison, welcher sich am Tisch niedergelassen hatte, auf einen Stuhl gleiten und sah gerade noch, wie der sonst so emotionslose Addison seiner Tante ein belustigtes Lächeln schenkte, was sie natürlich nicht sehen konnte.
      Ich weiß, Charly hörte es nicht gerne, aber Nevada war meine neue Heimat.

      Charly » Buskerud, Norwegen – 12:37
      Ich hätte nie gedacht, dass Kinder in den Schlaf wiegen so lange dauern würde, mittlerweile hatte ich Erfahrung darin, was es bedeutete, die Mittagspause damit zu verbringen. Bartholomäus war von Anfang an ein recht umgängliches Kind gewesen, ich hatte jedoch keine Ahnung, von wem er das haben könnte. Ich war es definitiv nicht gewesen und das was ich von Nico gehört hatte, er auch nicht. Dafür sah der Kleine genauso aus wie sein Vater. Bereits nach zwei Wochen waren ihm die ersten goldenen Löckchen auf dem Kopf gesprossen.
      Erschöpft, obwohl erst die Hälfte des Tages geschafft war, ließ ich mich auf die Couch in unserem Wohnzimmer fallen, welches, selbst einige Monate nach dem Umzug, noch bis oben hin mit Kartons vollgestopft war. Mein Laptop stand noch offen von vorhin da, ich hatte es im Laufe des Tages einfach nicht geschafft ihn zuzuklappen und mittlerweile war der Bildschirm, wie auch die Tastatur, voller Brei. Lecker. Ich konnte noch ganz genau erkennen, welches Glas ich Bartholomäus heute aufgemacht hatte. Das war bestimmt Möhre, Kartoffel und etwas Selleriegeruch, wie mir meine Nase mitteilte.
      Mit einem Ärmel, welcher den Bildschirm erst recht noch dreckiger machte, da dieser auch nicht mehr der Sauberste war, versuchte ich die groben Reste des Mittags vom Laptop zu wischen, bevor ich ihn zu mir auf den Schoß zog.
      Es war bei mir zur Angewohnheit geworden, dass ich jede freie Minute mich vergewisserte, dass ich keine Nachricht bekommen hatte. Der erste Klick ging auf Skype, eine der besten Methoden untereinander zu kommunizieren, wenn einem die Grenzen der Länder voneinander trennten. Mio schien dies aber noch nicht verstanden zu haben, seit Wochen war bei ihr kein grünes Häkchen mehr gewesen. Auch in meinem E-Mail Postfach fand ich wie immer keine ungelesene Mail von ihr. Ich gab es nicht gerne zu, aber ich vermisste sie. Ich vermisste sie so, wie ich Shadow vermisste und vor allem fehlten mir die alten Zeiten.
      Ich wollte meinen Laptop gerade zuklappen, als die Tür aufgestoßen wurde und mein Freund Nicolaus lautstark die Wohnung betrat. Mein Mund war schon halb geöffnet, um ihn ein weiteres Mal zu ermahnen, dass er gefälligst leise sein sollte, wenn sein Sohn schlief, aber er war schneller bei mir. Mir wurde ein Kuss auf die Stirn gedrückt, dann legte seine Hand auf die Meinige, welche noch auf dem Bildschirm ruhte und drückte mit mir zusammen die Klappe nach unten.
      „Charly, du weißt, dass Mio sich erst Sonntagabend melden wird und bis dahin sind es noch zwei volle Tage. Ihr geht es gut.“ Sagte er sanft, was er normalerweise nicht allzu oft tat. Ich zog meine Hand unter seiner weg und drehte mein Gesicht zum Fenster. „Du magst sie doch kaum und wirklich kennen tust du sie auch nicht. Vielleicht ist es einfach deine Schuld, dass sie sich so selten meldet?“ Kurz nachdem ich es gesagt hatte, wusste ich, dass diese Worte Nico hart getroffen hatten. Noch bevor ich die erste Träne in seinen Augen schimmern sah, war ich aufgestanden und hatte ihn umarmt. „Es tut mir leid, es tut mir leid“, versuchte ich das Gesagte wieder gutzumachen, allerdings hatte ich es trotzdem gesagt.
      Nico umarmte mich, allerdings war diese etwas steif. Ich hatte ihn verletzt und obwohl ich wusste, dass er sich selbst große Vorwürfe machte, hatte ich die Schuld auf ihn geschoben.
      Nach einiger Zeit in der Umarmung löste sich Nico von mir und zog mich zu sich aufs Sofa.
      „Charly, ich vermisse mein Füchschen genauso wie du es vermisst und auch wenn du es mir nicht glaubst, Shadow und Mio waren seit langem die beiden einzigen Freunde, die ich je besaß. Shadow werde ich nie wieder sehen und Mio ist auf der anderen Seite der Welt mit der Hälfte unserer Pferde. Fast hätte ich hier alles hingeworfen, weil mir der Gedanke, dass ich versagt habe, einfach nicht aus dem Kopf ging. Doch jetzt habe ich ein neues zu Hause gefunden, habe einen Sohn und ich habe dich. Das ist das Wichtigste.“ Er schloss seine Rede und blickte mir tief in die Augen. Ich hielt seinem Blick stand und wusste, dass er Recht hatte.
      „Du hast Recht. Mio holen wir schon irgendwann wieder zu uns.“
      Ein weiterer Kuss, dann zog mich Nico wieder auf die Beine. „Wann hast du eigentlich deinen letzten Ausritt gemacht?“
      Gute Frage, dachte ich, das war definitiv schon länger her. „Du weißt, dass ich schlecht einen Ausritt machen kann, während Bart schläft, oder?“
      „Teo ist mir noch was schuldig und außerdem muss er sowieso mal ne Pause machen, der steht seit heute Morgen um sieben im Stall.“

      Teodor war die Gutmütigkeit in Person und auch wenn er manchmal grober wirkte als er war, konnte man sich eine Tyrifjord Ranch nicht ohne ihn vorstellen. Obwohl er schon etwas älter war und eigentlich schon längst in Rente hätte gehen müssen, schuftete er Tag für Tag im Stall und das nicht zu knapp. Nico und ich wären ohne ihn schon längst verzweifelt.
      Teo hatte ein Händchen für Kinder und vor allem für Pferde, weswegen es auch nicht allzu lange dauerte, bis mein Nico den alten Herren von einer kleinen Mittagspause in unserer Wohnung überredet hatte.
      Die Tyrifjord Ranch besaß eine ganz andere Aura als Saint Gorge, ließ einem viel mehr Raum und bot natürlich auch den Pferden viel mehr Platz. Nachdem sich auf Saint Gorge so vieles verändert hatte, waren wir froh gewesen, die Möglichkeit eines neuen Gestüts zu bekommen und das war es gewesen. Ein alter kleiner Hof, mit einer neuen Reithalle, einem kleinen Reitplatz, einem Roundpen und natürlich einem Stall, der mehreren dutzend Pferden Platz zum Leben bot.
      Mit dem Kauf der Ranch hatten wir uns allerdings auch dazu verpflichtet, dem alten Bewahrer Teodor Sjöson und seiner blinden Tochter Torun weiterhin ein zu Hause zu bieten, was für uns natürlich kein Problem war. Während wir zu dritt im Haupthaus wohnten, begnügten sich Teo und Torun wie zuvor mit dem alten Bootshaus, welches zu einem kleinen Wohnhaus umgebaut worden war.
      Nachdem ich Teo kurz in seine Aufgaben eingeweiht hatte, welche er brummend hingenommen hatte, machten wir uns auf den Weg zu unserem Hauptstall, welcher am anderen Ende der Ranch stand. Für Nico stand schnell fest, welches der Pferde er auf einen Ausritt mitnehmen würde, ich musste länger überlegen. Ich war lange Zeit zu Recht sauer auf Mio gewesen, weil sie meine allerliebste Stute mit zu ihrer ach-so-tollen-Ranch genommen hatte und ich nun seitdem kein bestimmtes Reitpferd mehr hatte. Normalerweise wäre ich ja nun Grenzfee geritten, welche ich aber, laut Nico, erst wieder reiten durfte, wenn der kleine Bart nicht mehr die ganze Zeit an meiner Brust hing. Zu gefährlich, zu groß, zu wild, hieß es dann immer. Viele Pferde blieben dann ja nicht mehr, sodass ich mich für das einfachste und unkomplizierteste Pferd entschied, welches es auf unserer Ranch gab: Den Norwegerwallach Milosch.
      Nico war davon überzeugt gewesen, dass auf die Ranch ein ordentlicher Norweger gehörte und wir dringend ein Pferd für unseren Sohn brauchten, sodass Milosch der erste Neuankömmling auf unserer Ranch gewesen war. Norwegen - Norweger, wie primitiv. Nicht unbedingt sehr groß, mit dichtem Fell und typischer Stehmähne, ein Kinderpony, welches jedes Herz erweichen ließ. Ich war froh darüber ihn zu haben, denn selbst mit meinem dicken Bauch, welchen ich die letzten Monate mit mir herumgeschleppt hatte, hatte er mich noch ohne Mühe tragen können.
      Nachdem ich Milosch angebunden hatte und Nico seinen Marid, fiel ihm schlagartig ein, dass er einen Toilettengang gebrauchen könnte und verschwand schnell in Richtung Wohnhaus. Ich seufzte theatralisch. Ich verstand einfach nicht, warum ausgerechnet Nico es nicht schaffte, kurz ins Gebüsch zu gehen.

      Ich hatte das warme Fell der Pferde, den Staub aus diesem und den Geruch des Strohs vermisst, schon lange hatte ich mir nicht mehr die Zeit genommen, einfach ein Pferd zu putzen und zu striegeln, es waren einfach zu viele andere Dinge wichtiger gewesen.
      Als ich an das kleine Stutfohlen dachte, welches Jeanie vor kurzem zur Welt gebracht hatte, schwenkten meine Gedanken wieder unabsichtlich zu Mio. Excelsior und Jeanie waren immer ihre Lieblingspferde gewesen, auch sie hatte sie einfach zurückgelassen. Wie konnte sie nur so einen Stimmungswechsel gehabt haben?
      Ich schüttelte mir diesen Gedanken wie eine lästige Fliege aus dem Kopf und konzentrierte mich weiter auf meine Arbeit, denn immerhin wollte ich Teos Nerven nicht allzu lange beanspruchen.
      „Dieser blöde sprechende Papagei! Ich weiß, warum ich mich dafür entschieden habe, mein Leben mit Pferden anstatt mit Vögeln zu verbringen!“ Lautstark kam Nico zurück in den Stall gestapft, um eine Hand eine weiße Binde, durch welche das Blut auf den Stallboden tropfte. „Wie oft habe ich Petyr schon gesagt, dass dieser olle Vogel nicht frei herum fliegen soll, der ist lebensgefährlich! Und vor allem hat er nichts auf der Toilette zu suchen.“ beschwerte er sich, während er auf seinen brav wartenden Marid zulief. Marid, auch Vad genannt, schien der Einzige, welcher wirklich Mitleid mit Nico zu haben schien. Asuka, welcher hinter Nico hinterher getapst kam, Milosch und auch ich, schienen es toll zu finden, dass Nico endlich mal Parole geboten wurde. Normalerweise war Nico immer der Wortführende und der sprechende Papagei Napoleon hatte seine Freude daran gefunden, Nico über all aufzulauern.
      Mitfühlend stupste der sonst so grobe Vad seinen Freund, wie ein Hund sein Herrchen, an und es fehlte nur noch, dass er diesem mit seiner Pferdezunge übers Gesicht leckte. Mich schauderte es bei diesem Gedanken.
      "Der Vogel ist toll und ich habe nichts dagegen, dass er sich frei bewegen darf. Es gibt so selten Papageien, welche nicht in einem Käfig eingesperrt sind." meinte ich hämisch grinsend zu Nico, welcher nur etwas Unmissverständliches brummte und sich dann Vad zuwandte.
      Nachdem die Pferde gesattelt waren (und Nico mich mit Schutzweste, Reithelm und Handschuhen ausgestattet hatte (er fand es kein bisschen übertrieben)) saßen wir vor dem Stall auf und begannen unseren kleinen Ausritt. Irgendwo war es bestimmt süß, dass Nico nicht vor mir reiten wollte, um mich nicht aus dem Blick zu verlieren und ständig darauf achtete, dass es mir gut ging. Allerdings musste ich mich anstrengen, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Bevor Nico Vater geworden war, hatte er jeden Scheiß mitgemacht, sich einen Dreck um unsere Sicherheit geschert und mich sogar dazu überredet Dinge zu tun, welche ich nie getan hätte. Ich vermisste die alten Zeiten.
      "Hast du heute Petyr eigentlich schon gesehen?" fragte ich Nico, um mich auf andere Gedanken zu bringen, als die Vergangenheit und den nun überfürsorglichen Nico.
      "Klaro, in aller Frühe im Stall. Er ist allerdings vorhin mit diesem Superhelden Richtung Süden geritten. Der wollte auch einen Ausritt machen, bei diesem Wetter."
      "Der Friese heißt Batman", korrigierte ich.
      "Batman, Superman, Spiderman, das ist doch alles das Gleiche." meinte Nico achselzuckend. Ich verkniff mir einen Kommentar, denn für mich war es nicht dasselbe. Früher hatte ich alle Comics und Filme auswendig gekannt, in welchen ein Superheld drin vorkam.
      Unser Weg führte uns am Ufer des Tyrifjords entlang, ein Stück über sandigen Boden, bevor dieser einem Trampelpfad wich. Der Weg war bereits von vielen Hufen ausgetreten und eben geworden, sodass es ein angenehmes Reiten war. Leider hatte der Fjord auch seine Nachteile. Vor allem im Sommer gab es hier Mücken im Übermaß und viele der empfindlicheren Pferde mussten deswegen auf den Weiden Decken tragen, um nicht völlig zerstochen in die Box zurückzukommen. Mittlerweile hatten wir uns angewöhnt, die Pferde nachts auf die Weiden zu bringen, wenn es nicht mehr so schwül war und der auch des Öfteren der Regen vom Himmel kam.
      Stumm bogen Nico und ich wenig später in den Wald auf der anderen Seite der Landstraße ab, wo ich meinen Freund auch davon überzeugen konnte, etwas zu traben. Milosch war hart im Nehmen und zuckte nur dann zusammen, wenn einje der nervigen Insekten ihn in blöde Stellen stach. Vad allerdings hatte mehr zu kämpfen. Der Shagya-Araber war manchmal richtig verweichlicht, auch wenn er immer wie ein übercooler Macho tat.
      Der Wind der mir entgegen kam verjagte die Mücken von meinen Beinen und ließ mich den Ritt jedenfalls etwas genießen. Als Milosch mir auch noch den Galopp anbot, kam ich ihm die Hilfen und er sprang in den Galopp um. Ich konnte hinter mir Nicos Rufe hören, auf welche ich allerdings nicht achtete, sondern den Wallach einfach weiter vorwärts trieb. Ich hatte dieses Gefühl der Freiheit vermisst. Viel zu sehr hatte ich mich in den letzten Tagen und Wochen auf den kleinen Bartholomäus konzentriert, aber ich wusste jetzt, dass ich mich seinetwegen nicht davon abhalten sollte, mich weiterhin mit Pferden zu beschäftigen.
      Erst kurz vor unseren ersten Weiden parierte ich wieder in den Schritt durch. Nico hatte sich während des Galopps an meine Fersen geheftet und ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
      "Das hättest du nicht tun sollen, wer weiß, was alles passiert wäre!" meinte er vorwurfsvoll. Anscheinend hatte mir der Ritt Selbstbewusstsein und meine sonst so schnippische Zunge zurückgegeben, denn ich wehrte mich gegen Nicos Worte.
      "Halte dich gefälligst von nun an daraus! Ich sitze zehn Jahre länger im Sattel als du und noch nie, NIE ist etwas Schlimmeres passiert. Ich verstehe dich, wenn du dir Sorgen machst, aber das ist zu viel! Komme auf den Boden der Tatsachen zurück, sonst denke ich darüber nach, ob ich doch noch zu Mio nach Nevada ziehe, wenn du mir hier das Leben zur Hölle machst." Ich hatte es getan, ich hatte ihm meine Meinung gesagt. All das, was ich in den Hintergrund gedrückt hatte, zum Wohle unserer Beziehung, und was jetzt erst durch den Galopp wieder ans Licht gerückt ist. Ich war stolz auf mich und sah es al mein Recht an. Auch wenn es irgendwo weh tat, denn bis jetzt hatten wir erst einmal einen Streit aushalten müssen, vor knapp neun Monaten, als ich ihm erzählt hatte, dass ich schwanger war.
      Ich wendete Milosch ab und trieb ihn im Galopp zurück zum Stall. Ich preschte an den Weiden vorbei, dann auf der Landstraße entlang, auf welchen laut die Hufeisen von Milosch prallten und dann die Einfahrt zum Stall hinauf. Erst vor dem Stallgebäude bremste ich Milosch ab, welcher wie immer alles getan hatte, was ich von ihm wollte. Das war mal Liebe.
      Ich band Milosch an seiner Box fest und zog dann den neuen Westernsattel von seinem Rücken, welchen wir uns extra für ihn angeschafft hatten. Nach dem Überputzen entließ ich ihn in seine Box, pfiff Asuka zu mir, welcher brav wie immer im Heu gewartet hatte und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Wohnhaus. Ich nahm extra den Weg am Ufer des Tyrifjords entlang, um Nico nicht begegnen zu müssen, welchen ich auf der anderen Seite der Weiden erkennen konnte.
      Klar hatte er irgendwo recht, dass ich beim Reiten jetzt nicht mehr nur mein Leben aufs Spiel setzte, sondern auch das unseres Sohnes, aber er musste mich deswegen nicht wie ein rohes Ei behandeln und das musste er lernen.
      Als ich unseren Hof betrat, sah ich Teodor auf der Bank vor dem kleinen Teich sitzen. Bart lag im Kinderwagen und schien immer noch seelenruhig zu schlafen.
      "Schläft er immer noch?" fragte ich flüstern, als ich mich neben Teo auf die Holzbank fallen ließ.
      "Immer noch ist gut, der war vorhin eine halbe Stunde wach und hat mir die Ohren vollgeheult, was bin ich froh, dass ihn die frische Luft wieder zum Schlafen gebracht hat."
      "Oh man, danke Teo, ich bin dir was schuldig! Ich kann ihn jetzt wieder übernehmen." sagte ich schuldbewusst.
      "Du siehst erholt aus, mein Kind", sagte Teo nur. "Hat dir der Ausritt gefallen?"
      "Ja sehr, er hat endlich alle überflüssigen Gedanken aus meinem Kopf befreit, ich fühle mich viel besser." sagte ich wahrheitsgetreu
      "Dann geh´ wieder spielen, ich packe das hier schon. Glaube mir, ich habe alleine ein Kind aufgezogen, welches dazu auch noch blind war, ich werde mit ihm schon zurechtkommen." brummte Teo.
      Ich blickte ihn erstaunt an. Meinte er das wirklich ernst? "Wirklich?" Die Skepsis in meiner Stimme konnte ich wohl etwas schlecht verbergen, denn Teo schien der Tonfall nicht ganz so gefallen zu haben.
      "Ja ja und jetzt hau ab, bevor ich es mir noch anders überlege!" meinte er trocken.
      Ein freier Nachmittag, das hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Ich drückte Teo, welcher sich in meiner Umarmung steif zurückhielt, und wollte gerade wieder in Richtung Stall verschwinden, als Teo mir noch zurief: "Dafür machst du mal einen längeren Ausritt mit Torun!"
      Ich hob meine Hand zur Stirn und machte diese "Ey ey Sir" Geste, oder wie auch immer man die nannte. Dann beeilte ich mich, dass ich zurück zum Stall kam.

      Mio » Nevada, USA – 04:55
      Die Arbeit auf einer Ranch war jeden Tag aufs Neue schweißtreibend und anstrengend, aber es war die beste Arbeit, die ich je getan hatte. Ich hatte schon so einiges gemacht, vom Pizzaliferanten, über Kellnerin bis zur Trainerin, aber noch nie, noch nie habe ich so das Gefühl gehabt, etwas richtig zu machen. Hier war das anders, hier war ich ich, genoss endlich mal das Leben und setzte mich für das ein, was ich schon immer gewollt hatte. Es hatte sich viel geändert, auch, dass ich jetzt des Öfteren mit einer Flasche Wein bis tief in die Nacht auf der Terrasse saß, mir lustige Geschichten von Heather anhörte und es schaffte, ganz tief in dem Ranchleben zu versinken. Trotzdem begann hier der Arbeitstag viel früher und dauerte meist auch bis zum Dunkelwerden. So klingelte auch heute mein Wecker in aller Frühe. Draußen war es noch dunkel, allerdings würde in einer halben Stunde die Sonne aufgehen, genau dann, wenn auf der Ranch die Arbeit begann. Ich hatte im Haupthaus, einem altertümlichen Ranchgebäude, ein kleines Zimmer für mich. Es lag in der hintersten Ecke des Dachbodens und jeder der Dielen kündigte durch lautes Quietschen Besuch an. Aus Südfrankreich hatte nicht viel den Weg hier her gefunden und so war das Zimmer spärlich eingerichtet, was mir allerdings recht so war. In den letzten sechs Monaten hatte ich gelernt auf alles zu verzichten, was ich nicht unbedingt brauchte. Einmal in der Woche war Waschtag, da wurde die Arbeitskleidung der letzten Woche gründlich gereinigt, bevor sie dann wieder eine Woche getragen wurde. So zog ich auch heute meine Jeans, ein Top und darüber, zum Schutz vor der Sonne, ein weites helles Hemd an. Vor allem ich mit meiner hellen europäischen Haut war gerne der erste Angriffspunkt böser Sonnenstrahlen. Es war Samstag und trotzdem saß Addison bereits am Tisch, als ich die Küche betrat, und schlürfte seinen morgendlichen Kaffee. Ich ließ mich ihm gegenüber auf den Stuhl sinken, zog eine Tasse zu mir heran und goss mir die schwarze Brühe in die Tasse, bis nichts mehr reinpasste. Auch das hatte sich verändert. Kaffee war früher nur ein ekliges Getränk gewesen, welches nur mit reichlich Milch und Zucker schmeckte. Jetzt war es das einzige, was mich an manchen heißen Tagen wach hielt und so war es zu meinem stetigen Begleiter geworden.
      "Was steht heute so an?" begann ich mit Addison ein Gespräch, als unserer beider Tassen fast leer waren. Er brauchte länger um zu antworten, schien noch zu überlegen und seine Gedanken zu versammeln, bevor er sagte: "Wichtig ist heute, dass das Wasser auf den Weiden erneuert wird. Die Wannen müssen sowieso mal wieder geschrubbt werden. Ansonsten reite ich heute gegen Mittag gen Norden zu der kleinen Herde, die wir vor wenigen Tagen entdeckt haben. Da kannst du mich begleiten, wenn du möchtest."
      Ich nickte. "Sehr gerne", meinte ich ihm Aufstehen, nahm die beiden Tassen sowie den Krug vom dunklen Holztisch und stellte beides an die Spüle. Das würde ich nachher abwaschen. Unser erster Weg führte uns, so wie jeden Morgen, zu einem kleinen Stallgebäude. Hier wohnten zur Zeit drei Fohlen, welche wir vor kurzem erst aufgenommen hatten. Die Fohlen waren bei Einfangaktionen, sogenannten Round-Ups, zu Tode gekommen und die drei Fohlen, welche dieses recht spät geboren waren, wären verhungert. Zum Glück hatten jedenfalls diese drei den Weg zu uns gefunden und auch wenn ihre Aufzucht die ersten Wochen viel Arbeit bedeutet hatte, so hatten sie sich schnell an Menschenhand gewöhnt und waren ein kleiner verrückter Sternenhaufen geworden. Bis sie an die Herde gewöhnt werden konnten, würden alle drei hier im Offenstall und später auf einer der kleineren Weiden leben. Der Stall hatte etwas Altertümliches, mit seinen verstaubten Holzboxen, den Strohballen in einer Ecke und jeder Menge Sättel und Zubehör, was man auf einer Ranch eben so brauchte. Der eine Teil bestand aus einer großen Box, mit genügend Platz für mehrere Pferde und einer Tür, welcher den Pferden die Möglichkeit bot, das sandige Paddock jeder Zeit zu nutzen. Der jüngste von den Drein war Time In A Bottle. Ein eher zurückhaltender und nachdenklicher Hengst, welcher sich mit der Gefangenschaft nicht ganz so anfreunden konnte. Der Stall war wie ein Gefängnis für ihn und selten ließ er sich drinnen blicken. Trotzdem hatte er schnell Vertrauen zu uns gefasst, was bedeutete, dass er weniger vor den Menschen Angst hatte, als vor der Enge der Box. Er war der kräftigste der Drei und verschlang bereits jetzt das meiste Futter. Im Gegenteil zu ihm, war Dawn eine überaus zutrauliche und anhängliche Stute, welche uns am Anfang jedoch die meisten Probleme gemacht hatte. Wenn sie nicht auf den Hänger wollte, dann wollte sie nicht und wenn sie mehr Milch wollte, dann versuchte sie das auch mit allen Mitteln durchzusetzen. Kämpferisch und engstirnig, antwortete deswegen unsere Devise. Der Letzte im Bunde war unser Sorgenkind gewesen. Durch irgendetwas, hatte Kwatoko bereits in den ersten Lebenstagen das Augenlicht auf der linken Seite verloren und war deswegen äußerst vorsichtig und ängstlich. Schnelle Bewegungen vertrug er gar nicht und bei ihm war es schon immer wichtig gewesen, sein Vertrauen nicht zu brechen, denn dann konnte man es nur schwer wiederbekommen. Addi und ich nahmen uns etwas mehr Zeit bei den Fohlen, putzten sie im trüben Licht des Stalls und holten dann unsere Milcheimer, welche, praktischerweise, einen Saugnippel besaßen und so die Zitzen einer Stute imitierten. Als die Arbeit im Stall beendet war, schickte mich Addison zu dem Geländewagen, mit welchem wir eine große Wasserbox zu den Weiden bringen wollten. Vier Wochen hatte es gedauert und ich hatte meinen Führerschein in der Tasche. Kein sinnloses Wiederholen und viel billiger als es in Europa war, hatte ich ihn mir von meinem letzten Taschengeld geleistet und mittlerweile fuhr ich, als hätte ich jahrelang nichts anderes getan. Täglich war der Jeep gefragt und vor allem die steilen und trockenen Buckelpisten waren die beste Übung für einen Einsteiger. Den Wassertank hatten wir bereits am Vortag mit Wasser aufgefüllt, sodass wir den Anhänger nun nur noch an den Jeep anhängen mussten, worin wir beide bereits genügen Übung besaßen. Vor allem bei den heißen Temperaturen sauften unsere Pferde die 1000l innerhalb von zwei Tagen. Als der Anhänger befestigt war, zog sich Addison, gefolgt von Ceberus dem stillen Begleiter, auf den Beifahrersitz und schlug die Tür des Geländewagens zu. Kaum saß er, gab ich bereits Gas. Ich konnte mir das immer bildlich vorstellen, wie der Jeep die trockene Steinwüste entlang preschte und hinter sich eine große Staubwolke hinterließ. Wie im Film, dachte ich dann manchmal. Wir hatten zwei große Weiden, unsere Stuten und unsere Hengste. Da unkontrollierte Zucht unter den adoptierten Mustangs laut BLM (Bureau of Landmanagement) nicht erlaubt war, musste unsere Hengstherde nun auf einer anderen Weide stehen, als ihre Stuten. Beide Weiden waren in etwa gleich groß, was bei den vielen Hektar allerdings schwer zu sagen war. Die Weiden waren sogar so groß, dass sich in der Gruppe sogar einzelne Herden abgesplittet hatten, auch wenn das richtige Herdenfeeling dank des BMI noch fehlte. Als Erstes führte uns unser Weg zu der Stutenweide. Die Wasserstelle befand sich hier in der Mitte der Koppel an einem etwas geschützten Platz, wo auch bei extremer Hitze das Wasser nicht zu schnell vertrocknete. In zwei großen Wannen schimmerte ein letzter staubiger Rest Wasser, Zeit, dass neues kam. Dank meines guten Auges, konnte ich zwischen einigen Sträuchern ein paar Stuten erkennen, welche schon sehnsüchtig auf neues Wasser warteten.
      "Das ist Quicksilvers Herde", meinte Addison, als er meinem Blick folgte. "Da hinten sind Valhalla und Atius Tirawa." Er deutete auf zwei auffällig gefärbte Stuten im Vordergrund. Kaum hatte er es gesagt, trat auch schon eine dritte Stute aus den Büschen hervor. Quicksilver war eine hübsch geschecktes Pferd mit zweifarbigen Augen und einem lebensfrohen und intelligentem Charakter, welche bereits, kurz nachdem sie auf der Ranch angekommen war, eine der beiden Herden an sich gerissen hatte und diese mit viel Anmut führte. Die Stuten hielten vorsichtig Abstand, während Addi und ich mithilfe einer Bürste die Algen und den Staub aus den Wannen kratzten, bevor wir beide mit neuem Wasser auffüllten. Als Silver und ihre Freundinnen das neue klare Wasser sahen, überwanden sie ihre Vorsicht und standen kurze Zeit später um das Wasser gedrängt. Addi und ich hatten uns etwas zurückgezogen, um die Pferde nicht unruhig zu machen. Auch dieses Mal wartete ich vergebens auf ein Zeichen von zwei Stuten, welche die weite Reise von Europa mit mir zusammen bestanden hatten. Anaba hatte vor wenigen Tagen ein Fohlen von Chosposi zur Welt gebracht und sich seitdem nur kurz zum Trinken blicken lassen. Laut Addison war es normal, dass die Stute die erste Zeit etwas abseits lebte, aber trotzdem machte ich mir Gedanken um eins meiner liebsten Pferde. Auch Flotten von Mutanten hatte die Eingewöhnung in die Gruppe gut überstanden, gehörte aber einer der Pferde an, die sich nur selten blicken ließen und eher die Nacht zum Trinken nutzten. Es war erstaunlich, was Flotte wiedereinmal für eine Veränderung durchgemacht hatte. Erst hier in Nevada war ihr richtiges Ich ans Licht gekommen und auch wenn sie immer noch nicht Reitbar war, hatte sie mittlerweile einen großen Schritt nach vorne gemacht. Als die drei Stuten wieder ihren Weg zurück in die Büsche einschlugen, stiegen auch Addison und ich ins Auto, denn auch die Hengste würden bereits auf frisches Wasser warten. Auch diese Wasserstelle hatten wir so eingerichtet, dass sie sich im Innern der Weiden an einem schattigen Platz befand, wo die Pferde in Ruhe trinken konnten, ohne Angst vor Menschen oder Autos haben zu müssen. Hier herrschte eine ganz andere Stimmung, denn auch wenn die Hengste zusammen auf einer Weide lebten, so machte doch jeder von ihnen eher sein eigenes Ding. Einen Anführer gab es trotzdem: Cloud besaß einen muskulösen, jedoch trotzdem zarten Körper, welcher ihm die Gabe verlieh, schnell und vor allem wendig zu sein. Auch wenn er nicht der Größte war, so hatte er doch das Sagen und die Hengste richteten sich auch nach ihm. Um die Senke hatten sich mehrere Pferde verteilt, geschützt von hohem Gras oder trockenen Büschen, beobachteten sie jeden unserer Schritte und als auch ihre Wasserstelle wieder mit frischem Wasser aufgefüllt war, sah ich ihnen an, dass sie alle großen Hunger hatten. Unruhig spielten sie mit den Ohren, scharrten auf dem trockenen Boden und ließen somit kleinere Staubwolken entstehen, welche von dem Westwind jedoch recht schnell weggetragen wurden. Addison und ich hatten uns bis zu dem Jeep zurückgezogen und warteten nun darauf, dass der Hengst auftauchte, welcher jedes Mal zuerst trank. Lange mussten wir nicht warten, denn einige Minuten später stieg ein schneeweißes Pferd die Senke herab und ließ seinen eleganten Kopf mit der langen Mähne zu den Tränken sinken. Nach und nach kamen nun auch die anderen Pferde hinzu, je nachdem, wie hoch ihr Rang war. Der nächsten war ein vollkommen brauner Hengst namens Silent Bay, welcher durch sein Alter und seiner Ruhe sich mit der Zeit einen Rang knapp unter Cloud erarbeitet hatte. Hinter einem gescheckten Hengst namens Frekur kam dann einer meiner Hengste, Morrigans Hidalgo und ich konnte es nicht verhindern, dass mein Herz einen kleinen Hüpfer machte. Nachdem er getrunken hatte, löste er sich auch aus der Herde und kam auf mich zu getrottet.
      "Hallo Hidalgo", flüsterte ich, als er seinen weißen Kopf gegen mich stieß und um eine Streicheleinheit bettelte. Vor allem bei ihm sah ich den Unterschied, den die Wildnis machte. Auch wenn seine Mähne ein einziger Knoten war, so hatte sein Körper jede Menge Muskulatur aufgebaut und seine Trägheit war vollkommen verschwunden. Hidalgo blieb einige Zeit bei mir stehen. In der Zwischenzeit beobachtete ich die anderen Hengste, welche nach und nach die Wasserstelle wieder verließen und ein paar Nachzügler kamen, um zu trinken. Darunter war eine kleine Junghengstbande, in welcher ich drei weitere Pferde von mir erkennen konnte. Nicht nur Varys und Imagine There´s No Heaven, auch der neuere Triumph, hatte sich perfekt in die Herde eingegliedert und so waren alle drei zu stattlichen Junghengsten geworden, welche ihr Leben in allen Zügen genossen. Als es für uns Zeit wurde aufzubrechen, kraulte ich Hidalgo ein letztes Mal hinter den Ohren, bevor ich wieder hinter das Steuer des Jeeps stieg und vorsichtig das Auto samt Anhänger wendete und zurück zur Ranch fuhr. Mittlerweile war die Sonne vollständig aufgegangen und erwärmte die Erde jede Sekunde mehr. Heute Mittag würde die Sonne die Erde so erhitzt haben, dass man barfuß nicht mehr laufen konnte. Zurück auf der Ranch sah ich als erstes Heather, welche gerade die Tür des Haupthauses hinter sich zuzog und die Verandatreppe herunter hechtete.
      "Guten Morgen Heather!" rief ich aus dem offenen Autofenster, bevor ich es auf dem Parkplatz neben dem Haus abstellte und Addison und ich aus dem Auto stiegen.
      "Ach Gott sei Dank, ich treffe euch noch", war Heather erleichtert. "Ich wollte gerade nach Las Vegas und Chill und Buck abholen, außerdem muss ich gleich darauf zur Arbeit. Ich komme wohl erst nächste Woche wieder und wollte euch noch verabschieden." erzählte sie in solch flottem Tempo, dass selbst ich Probleme hatte hinterher zu kommen. Dann umarmte sie mich kräftig, bevor sie das gleiche auch bei Addison tat. "Wir werden uns nachher wohl nicht sehen, ich schmeiße die Jungs nur raus und fahre gleich wieder. Ich werde sowieso zu spät kommen!"
      Sie rannte zu ihrem kleinen Roten, winkte uns nochmal hektisch zu, bevor sie in einem Affenzahn von der Ranch düste, den man ihr gar nicht zugetraut hätte. Ich grinste ihr hinterher und merkte gar nicht, dass mich Addi von der Seite beobachtete.
      "Du magst sie wirklich, oder?", fragte er und ich nickte nur erstaunt. Solche Gespräche mit Addi waren selten, Gespräche über Gefühle und Vergangenheit. Mir war das meist nur recht, auch ich wollte das Geschehene hinter mir lassen, aber trotzdem vermisste ich es manchmal, mit jemanden darüber reden zu können.
      Addi sprach weiter. "Sie ist wirklich eine Gute. Ich hätte das nie alles ohne sie geschafft und auch wenn sie in Vegas wohnt, so war sie bis jetzt doch immer da, wenn ich sie gebraucht habe." Plötzlich brach Addi ab, fast so, als schien er sich bewusst geworden zu sein, dass das nicht sein Stil war, über so etwas zu sprechen, und wendete sich zum Haupthaus um. "Kommst du? Ein kleines Frühstück wartet auf uns. Ich habe Hunger."

      Charly » Norwegen, Buskerud - 14:49
      Als ich zurück im Stall ankam, hatte er sich in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit wesentlich gefüllt. Ich traf nicht nur Nico, welchem ich allerdings keines Blickes würdigte, sondern auch noch die junge Torun, sowie unsere beiden weiteren Hofbewohner Malte und Petyr. Malte und Petyr leiteten zusammen einen Ausbildungsbetrieb und waren so recht viel auf Achse. Wenn sie allerdings auf dem Hof anzutreffen waren, packten sie immer mit an. Auf ihre Hilfe war immer verlass. Petyr sattelte gerade einen großen Friesen ab. Batman gehörte dem jungen Mann und die beiden waren genauso ein Herz und eine Seele wie Marid und Nico. Torun saß in der Mitte der Stallgasse auf einem Heuballen und ließ die Beine schlenkern. Sie schien mit Malte zu erzählen, welcher in eine Schubkarre Stroh auflud. Nicos blonden Schopf konnte ich in der Box von Marid ausfindig machen, um welche ich einen großen Bogen machte. Meiner Meinung nach musste er spüren, dass er übertrieben hatte. Ich grüßte dafür umso ausführlicher die beiden jungen Herren und dann Torun, neben welche ich mich auch niederließ.
      "Ich hoffe, ich störe euer Gespräch nicht?" fragte ich Malte, welcher aber nur abwinkte und meinte: "Ich habe sowieso zu tun, alles gut."
      Als er seine Schubkarre davon geschoben hatte, fragte ich das junge Mädchen neben mir: "Du Tori, was hältst du von einem Ausritt?" Wie ein kleines Mädchen hörte ich mich vermutlich an, allerdings hatte mich der Erkundungswillen wieder gepackt und ich wollte unbedingt noch einen weiteren Ausritt machen. Pferde hatten wir ja genügend, welche etwas Bewegung brauchten. Ohne mich anzuschauen, ich war dies mittlerweile gewöhnt, antwortete mir Torun erfreut. "Wirklich? Wir können zusammen ausreiten?" Ich merkte, wie das Mädchen aufgeregt mit den Beinen zu wippen begann. Ich lachte. "Klaro, und das am besten jetzt sofort! Teo hat bereits zugestimmt, es steht uns also nichts mehr im Wege. Machst du Abs fertig? Dann treffen wir uns in zwanzig Minuten vor dem Stall."
      "Oh ja!" rief Torun wie ein kleines Kind freudig und sprang gekonnt von dem Ballen. Trotz ihrer Blindheit, welche sie durch eine Impfung in jungen Jahren langsam erlangt hatte, bewegte sie sich im Stall genauso sicher wie ein Sehender. Jahrelang hatte sie von ihrem Vater Reitunterricht auf dem großen Wallach Abs bekommen und nicht nur das Mädchen, auch das große Pferd hatten sich auf die Situation eingestellt und bei kaum etwas brauchte Torun nun noch Hilfe. Sie bewies es, in dem sie gezielt eine der hinteren Box anstrebte und dort den Riegel zur Seite schob. Sofort kam eine dunkle Schnauze hervor geschossen, welcher ihr ins Gesicht schnaubte. Ich freute mich für das Mädchen, welches trotz ihrer Behinderung ihr Leben genießen durfte. Ganz unbewusst hatte auch ich mich vor ein Problem gestellt: Welches Pferd sollte ich reiten? Ich sprang vom Ballen herunter und ging dann zu einer der Boxenseiten. Mit einer Hand strich ich an den Boxenwänden entlang, schaute in jede rein und überlegte mir ganz genau, ob ich nicht dieses Pferd reiten wollte. Viele der Pferde gehörten gar nicht uns, sondern Petyr oder Malte, sodass gar nicht mehr ganz so viele übrig blieben. Bei Jeanies Box blieb ich länger stehen, allerdings nur, um die kleine Jelda zu bestaunen, welche auf dem Boxenboden lag und sich genüsslich entspannte. Rechts und links von Jeanie und Jelda standen die beiden kleinen Ponys Excelsior und Braum van Ghosts. Excelsior sah sich als Ersatzvater und der junge Braum schien seit seiner Ankunft vor wenigen Monaten in die Stute verliebt zu sein. Leider sollte er erstmal ein Hengst bleiben, sodass wir ihm nicht die Ehre hatten erweißen können, mit der Stute zusammen auf einer Weide zu stehen. In den nächsten Boxen standen die großen Barockpferde Petyrs. Flame, Ezio, Esmeralda, Fenicio, Wild Cherry, El Montino und die kleine Sacarina. Alles wunderschöne Pferde, aber ganz bestimmt nicht das Temperament, welches mir zusagte. Da gefielen mir die beiden Friesenhengste Xinu und Batman schon viel besser, welche gleich daneben standen. Nach diesen Pferden kamen ein paar Boxen mit Jungtieren. Tysbe, Scion d'Or, Aspantau und Sleipnir. Bei dem etwas langsameren Leiðtogi sagte mein Gefühl auch nein und die beiden Vollblutstuten Grenzfee und Teufelstanz waren auch nichts für einen gemütlichen Ausritt mit Torun. Na super. Entweder war ich zu wählerisch oder wir hatten zur Zeit wirklich kaum Pferde zum Reiten. Ocarina of Time konnte ich zur Zeit auch vergessen und der Rest der Pferde waren kleine Shetlandponys, welche vor allem zum Fahren ausgebildet worden waren. Erst in den letzten beiden wurde ich fündig. Ich hatte mich lange davor gesträubt, eine der beiden Stuten zu reiten, denn nie hatte sich wer anders auf die zarten Tekkiner gesetzt, als Shadow. Er hatte seine Liebe für die orientalischen Distanzpferde entdeckt und so hatten wir es nicht übers Herz gebracht, die beiden Stuten zu verkaufen. Im Gang entdeckte ich eine vereinsamte Putzbox, welche ich mir gleich als mein Eigentum annahm und aus dieser das benötigte Putzzeug für Charelle herausholte. Nelly, wie sie immer Fürsorglich von Shadow genannt worden war, betrachtete mich etwas skeptisch, wahrscheinlich hätte sie nicht erwartet, dass ausgerechnet ich sie reiten wollte. Trotzdem blieb sie ruhig. Sie hatte sehr an Shadow gehangen und vor allem die ersten Wochen waren so für sie überhaupt nicht einfach gewesen. Ich war gerade dabei den linken Vorderhuf von Nelly vom Dreck und Mist zu säubern, als jemand zaghaft gegen die Boxentür klopfte. Ich ließ Nellys Huf fallen, richtete mich etwas ungelenkig auf und wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Zum Friseur musste ich dringend auch mal wieder.
      "Hey du, möchtest du noch einen Ausritt machen?" Nicolaus stand an der Boxentür angelehnt und beobachtete mich etwas bedrückt, so als würde er es wirklich bereuen.
      Ich nickte. "Ja, etwas dagegen?" Ich machte mich bereits bereit für einen Gegenangriff, doch Nico schüttelte nur stumm den Kopf und griff dann zu meiner Hand. Erst hatte ich das Bedrängnis mich befreien zu müssen, Nico hielt diese jedoch standhaft fest und so gab ich schnell nach.
      "Nein überhaupt nicht. Du hattest Recht, ich habe übertrieben. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich lasse dir von nun an deine Freiheit, versprochen!" sagte er und ich sah, wie eine kleine Träne in seinen Augen schimmerte. In diesem Moment überwältigte mich das Gefühl, ihn ganz fest umarmen zu müssen und das tat ich auch. Er schien erstaunt, dass ich ihm so schnell vergab, aber ich brauchte ihn, ich brauchte ihn vor allem jetzt und auch wenn ich vor kurzem noch si getan hätte, als wäre ich taff genug, so hatte ich immer irgendwo gewusst, dass ich ohne ihn nicht konnte.
      Nico erwiderte meine innige Umarmung und schien genauso erleichtert wie ich, dass wir das geklärt hatten. Wahrscheinlich hätten wir hier in der Boxentür auch noch einen weiteren Tag so gestanden, wenn uns nicht ein lautes: "Du hast ja noch gar nicht gesattelt Charly!" abrupt auseinander hätte fahren lassen. Torun stand neben uns, hatte sich wahrscheinlich so langsam angeschlichen, dass weder ich noch Nico diese mitbekommen hatten.
      "Woher weißt du das?" fragte Nico sie etwas erstaunt. Schon immer hatte er sich vieles nicht erklären können, was Torun alles schaffte. Immer wieder hatte er mich am Anfang gefragt, wie sie es schaffte, sich jeden Tag aufs Neue perfekt kombiniert anzuziehen und nicht mit gestreiften Hosen und einem gestreiften Hemd im Stall aufzukreuzen. Torun zuckte mit den Schultern. "Das merke ich", meinte sie nur. "Kommst du etwa auch mit?" ging ihre Frage an Nico. Dieser blickte mich kurz fragend mit großen Augen an und da konnte ich nicht anders, als zu nicken.
      "Ja, komme ich."

      Ein paar Minuten später standen wir zu dritt vor dem Stallgebäude. Nico hatte nicht lange mit sich fackeln lassen uns sich für die andere Stute von Shadow entschieden, April Rain. Torun ritt wie immer ihren Abs, einen großen Mix, welcher fast das größte Pferd im Stall war. Dafür war Abs das perfekte Pferd für Torun. Ruhig, gelassen und voller Verständnis für seine blinde Freundin. Perfekt mit einem bequemen Wanderreitsattel gesattelt stand er da. Torun hielt seine Zügel in der Hand und wartete darauf, dass man ihr in den Sattel half. Der aufmerksame Malte ließ deswegen seine Schubkarre stehen und ging zu Torun, welche seine Hilfe gerne in Anspruch nahm. Malte Tordenværson, ein junger Schwede, welcher bereits in jungen Jahren mit seinem Freund Petyr Holmqvist einen Ausbildungsbetrieb eröffnet hatte und seitdem um die ganze Welt reiste, um Pferde zu trainieren. Malte hatte das Aussehen eines Winkingers, blonde Haare, an den Seiten leicht gestutzt und den Rest mit einem Lederband zusammengebunden. Sein blonder Bart, war das ein Zehntagebart?, war stets gut gestutzt und saß immer perfekt. Wenn er nicht gerade Pferde trainierte, war er mit seinem schwarzen Wolfshund Geri unterwegs, oder kümmerte sich um seine Zackelschafe. Ja, Zackelschafe. Eine gefährdete Rasse, welche vor allem für ihre langen Hörner bekannt waren. Die kleine Herde stand einige Kilometer weiter auf einer Weide und dort durften sie ihr Leben genießen. Auch Nico und ich zogen uns, nachdem Torun sicher saß, in unsere Distanzsättel. Ich dankte Malte mit einem kurzen Nicken, bevor wir uns zu dritt vom Hof bewegten. Auch wenn man es nicht glaubte, auf dem Pferd bewegte sich Torun noch sicherer, von ihrer Blindheit war hier kaum noch etwas zu spüren.

      Mio » Nevada, USA - 10:49
      Nach einem gemütlichen und ausführlichen Frühstück, zogen Addison und ich unsere Stiefel wieder an und liefen zu zwei Weiden, welche etwas versteckt hinter dem Haus lagen. Auf jeder dieser Weiden standen nur zwei Pferde, zwei Hengste und zwei Stuten. Einen der Hengste kannte gut, besser gesagt sehr gut. Mein Chosposi. Cho teilte sich die Weide mit einem hübschen Hengst namens Apokalypse. Die Weiden lagen gleich nebeneinander, waren nicht so groß wie die der anderen Pferde, boten jedoch trotzdem genügend Platz, um sich frei bewegen zu können.
      Auf der anderen Weide standen die beiden Stuten. Beide waren Rappschecken, vom Charakter her aber extrem unterschiedlich. My Canyon war das private Pferd von Addison. Bereits vor vielen Jahren hatte er die verängstigte und verletzte Stute bei sich aufgenommen und mit viel Mühe zu dem Reitpferd gebracht, welches sie jetzt war. Candy, wurde sie zärtlich genannt. Die andere Stute fiel vor allem durch ihr überaus blaues Auge auf, aber auch durch ihren aufdringlichen und anhänglichen Charakter. Battle Cry und Apokalypse waren die beiden Pferde von Addisons Söhnen. Mit ihnen zusammen hatte er die Mustangs gezähmt und man glaubte es kaum, aber Buck und sein Apo und Chill und seine Cry waren so feste Freunde, wie man es wohl nicht ganz so schnell finden würde.
      Alle vier Pferde erwarteten uns bereits, als wir die Halfter von den Pfosten nahmen. Ich öffnete das Gatter zur Hengstweide, Addi das Gatter zu den Stuten. Apo bekam von mir eine ausführliche Begrüßung, bevor ich mich meinem Chosposi zuwandte. Ich hatte ihn mir als Reitpferd ausgesucht, weil ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Zärtlich strich ich ihm das Halfter über die Ohren und führte ihn dann von der Weide. Auch Addi hatte seine Candy aufgehalftert und zu zweit führten wir die beiden dann zurück zur Ranch.
      Nachdem beide Pferde gesattelt waren, stiegen wir auf und Addi führte mich von der Ranch hinunter in die verzweigte Landschaft des Red Rock Canyons.
      Erst vor einigen Tagen hatten wir bei einem unserer Rundfahrten eine neue kleine Herde wilder Mustangs entdeckt, welche wohl noch nicht allzu lange bei uns in der Gegend weilte. Addison wollte nun die Pferde zählen, sowie Aufzeichnungen machen, wer sich alles in der kleinen Herde befand.
      Cho und Candy waren mittlerweile ein eingespieltes Team und auch Addi und ich hatten gelernt, zusammenzuarbeiten.
      Als wir das schroffe Gebirge des Canyons verließen und auf dem trockenen Boden der Wüste weiter ritten, war ich froh, mir vorhin nicht nur jede Menge Sonnencreme ins Gesicht geschmiert zu haben, sondern auch den überaus praktischen Cowboyhut auf dem Kopf zu haben.
      Nachdem wir einiger Zeit einem kleinen Trampelpfad gefolgt waren, parierte Addi in den Stand durch und gab auch mir das Zeichen zum Anhalten.
      "Siehst du da vorne?" flüsterte er und reichte mir ein kleines Fernglas. Gut gedeckt von trockenen Büschen, standen drei braune Pferde einige hundert Meter vor uns. Ich nahm das Fernglas entgegen und versuchte die Pferde zu erkennen.
      "Das sind nur drei Junghengste", meinte ich, als ich Addison das Fernglas zurückgab. "Die scheinen zu keiner Herde zu gehören."
      Auch Addison warf einen Blick durch das Fernrohr, bevor er nickte und es wieder zurück in seine Tasche steckte. "Hast recht, das ist nur die kleine Junghengstherde." Einen kleinen Bogen schlagend umritten wir die drei Mustangs, um diese nicht zu stören. Wir hielten uns weiterhin nach Norden und achteten angestrengt Ausschau, nach einer Herde.
      "Vielleicht sind sie bereits weitergezogen", meinte ich Addi, als wir einen der westlichen Ausläufer des Canyons erreichten.
      "Gut möglich, aber es wäre seltsam, wenn sie ihren Weg so schnell fortgesetzt hätten. Wir reiten etwas weiter in den Canyon, vielleicht haben sie dort nach Schutz gesucht."
      Die Mittagssonne prallte auf uns und unsere Pferde und so war es recht angenehm, als die großen Wände und Steinfelsen des Red Rock Canyons uns etwas Schatten spendeten. Die Pferde waren die langen Touren durch den Canyon bereits gewöhnt und trotzdem hatten sie mit der Hitze arg zu kämpfen. Addison schien die Hoffnung schon fast aufgegeben zu haben, dass wir die Herde noch finden würden, als ich einige Bewegungen hinter einigen Steinen vor uns entdeckte. Das Tal, durch welches wir ritten, führte einen kleinen und fast ausgetrockneten Bach mit sich und so war es nicht verwunderlich, dass die Herde sich hier verstecken könnte. Diesmal gab ich Addi das Zeichen zum Stehenbleiben und deutete langsam auf einige Mustangs, welche im Schatten eine Mittagspause eingelegt hatten.
      "Das müssen sie sein." flüsterte Addi, bevor er sich aus dem Sattel von Candy gleiten ließ. Die Stute blieb ruhig stehen und Addi machte sie wie immer nicht die Mühe, seine Stute anzubinden. Schon immer hatte ich das Vertrauen bewundert, welches der Mann in seine Pferde hatte. Auch ich kletterte vorsichtig aus dem Steigbügel, überlegte kurz, was ich mit Cho tun sollte und schenkte ihm dann mein Vertrauen, dass auch er sich nicht aus dem Staub machen würde, bevor ich Addi langsam folgte. Addi bewegte sich still und langsam voran und trotzdem blieb er aufrecht. Die Pferde mussten merken, dass wir uns nicht anschlichen, also nichts Böses wollten. Der Wind wehte auf die Herde zu, ein kleiner Nachteil für uns, sodass die Mustangs uns schon recht früh bemerkten. Das erste Pferd, welches den Kopf hob, war ein hübscher, aber von vielen Narben gekennzeichneter Falbhengst, wahrscheinlich das Alphatier. Es blähte die Nüstern auf und ließ uns nicht aus seinem Blickfeld, machte jedoch keine Anzeichen abzuhauen. Er schien uns zu akzeptieren, solange wir nicht näher an seine Herde kamen. Außer dem Hengst konnte ich noch fünf Stuten erkennen, von welchen drei einen keinen Nachwuchs bei sich trugen. Auch Addison hatte sich mittlerweile auf dem steinigen Boden niedergelassen und machte sich erste Aufzeichnungen über die Herde. Aussehen, Alter und besondere Merkmale, gegliedert nach Rangordnung. Ich versuchte stetig von ihm zu lernen, denn Addison besaß ein besonderes Auge dafür, wie die Herde aufgebaut war und konnte mir genau sagen, wer von den Pferden neben dem Alphatier den höchsten Rang hatte und wer den niedrigsten. Einige Minuten saßen wir schweigend da und beobachteten die Pferde, bevor sich ganz unerwartet ein Jungtier von der Herde löste und auf uns zu getippelt kam. Es war erst wenige Wochen alt, war aber hübsch gescheckt mit blauen Augen, in welchen das Verlangen nach Abenteuer glitzerte. Einige Meter vor uns blieb es stehen, streckten den Kopf nach vorne und schnüffelte an der Hand, die ich ihm hinhielt. Das Fohlen schüttelte den Kopf, sprang ihn die Luft, drehte sich um und flitzte in einem Affenzahn zurück zur Herde, sodass ich laut auflachen musste. Addi warf mir einen warnenden Blick von der Seite zu, lächelte aber trotzdem leicht, als er sich wieder umdrehte.
      "Komm lass uns zurück, ich habe alles Wichtige." meinte Addison, bevor er aufstand und mir die Hand hinhielt. Etwas verblüfft nahm ich seine Hand an und ließ mich von ihm auf die Beine helfen.

      Als wir am späten Nachmittag zurück auf die Ranch geritten kamen, wurden wir von zwei überaus quicklebendigen Jungs begrüßt, welche nichts anderes zu tun hatten, als auf dem Hof Fußball zu spielen. Chill und Buck waren zwei Zwillinge wie aus dem Bilderbuch. Abenteuerlustig, verspielt und beide bauten des Öfteren Mist. Trotzdem waren sie so gut erzogen, wie kaum ein anderer. Sie liebten das Leben auf der Ranch und packten, trotz ihrer knappen zehn Jahre, schon mit an, wenn etwas zu tun war. Dazu konnten sie noch reiten wie ein Weltmeister und ich war mir sicher, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten würden, sobald sie alt genug waren. Da sie weit außerhalb wohnten, mussten sie nur dreimal in der Woche zur Schule, um dort in den wichtigsten Fächern wie Englisch und Mathe unterrichtet zu werden. Alles andere mussten sie zuhause in Eigenarbeit lernen. Zum Glück hatte Heather und auch Addison viel Ahnung von den wichtigsten Dingen, sodass beide in der Schule kaum Probleme hatten. Ohne das Addison etwas sagen musste, hörten die beiden auf zu spielen, als wir auf den Hof kamen und machten uns Platz, damit wir die Pferde absatteln konnten.
      "Hey Dad!" rief Chill und beide kamen auf uns zu gerannt. "Habt ihr die Herde gefunden?" Addison nickte nur und wuschelte seinen beiden Jungs durch die Haare. "Ja haben wir, das können wir euch nachher erzählen. Habt ihr Lust die beiden Pferde zurück zur Weide zu bringen? Ich mache euch in der Zwischenzeit einen Kakao, ja?"
      Ganz so begeistert schienen die Beiden nicht zu sein, allerdings nahm mir Buck trotzdem meinen Chosposi ab und Chill schnappte sich My Canyon von Addison und brachten die beiden Richtung Weide. Währenddessen folgte ich Addison ins Haupthaus, wo wir in einem Topf Milch für einen Kakao erhitzten. Auch ich hatte unendlich Durst und konnte es kaum erwarten, meine trockene Kehle mit etwas leckerem wie Kakao zu füllen.
      "Mio?" richtete Addi eine Frage an mich. Ich gab ihm mit einem kleinen "Mhm?" zu verstehen, dass ich ihm zuhörte. "Am Montag ist ein Vereinstreffen, da will ich Heather auch mitnehmen. Kannst du zufällig Chill und Buck zur Schule bringen?"
      Ich seufzte knapp und nickte dann aber. "Ja klar, kein Problem."
      "He", Addi stupste mich an. "Lüge nicht, es ist ein Problem für dich, aber mir fällt gerade keine andere Lösung ein. Du weißt, dass ich Heather als Journalistin brauche."
      Ich nickte. "Jaaa, ich weiß." Natürlich verstand ich ihn, aber vor allem zu dieser Jahreszeit waren die Vereinstreffen immer die spannendsten. Seit einigen Tagen hatten die vom BLM organisierten Round-Ups wieder begonnen, was bedeutete, dass wilde Mustangs mit Hilfe von Hubschraubern zusammengetrieben wurden, um dann in sogenannten Holdingfacilities auf eine Adoption zu hoffen, denn sonst endete ihr Weg wohl oder übel in einer der Schlachtereien in Kanada, Europa oder China, denn dort war es noch erlaubt, Pferden den Kopf abzuhacken. Mittlerweile hatten sich viele Vereine gegründet, welche gegen diese Misshandlung kämpften und natürlich war Addi seit Jahren bei einer solchen im Vorstand. Heather begleitete ihn deswegen des Öfteren, denn die Journalistin arbeitete für eine freie Zeitung, welche immer Interesse daran zeigte, über die Mustangs zu informieren. Natürlich verstand ich, warum ausgerechnet ich nicht mitkonnte.
      Addi strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte mich mitfühlend an. "Beim nächsten Mal Mio, da darfst du wieder mit, versprochen!"

      Charly » Buskerud, Norwegen - 16:29
      Der Ausritt mit Nico und Torun war, im Gegenteil zu heute Morgen, etwas ganz besonderes gewesen. Wir hatten eine andere Strecke gewählt, hatten viel erzählt und gelacht und ich hatte es tatsächlich geschafft, Nico vollends zu vergeben. Nelly schien endlich mal wieder losgelöst und entspannt laufen zu können und auch ihre beste Freundin April, schien den Ritt zu genießen. Abs und Torun waren, wenn der Weg breit genug gewesen war, zwischen uns geritten, um nicht vom Weg abzukommen. Gesund und munter waren wir so nun zurück auf dem Gelände angekommen und wurden auch schon von einem etwas gestressten Teodor und einem breit grinsenden Bartholomäus erwartet, welcher, sobald ich vom Pferd abgestiegen war, seine Hände nach mir ausstreckte. Ich machte mit Teo einen passenden Tausch, nahm ihm den kleinen Bart ab und gab die Zügel von Nelly an ihn weiter. Normalerweise wäre ich jetzt mit Bart zurück zum Haus gegangen, doch ich entschied mich dafür, das Tragetuch aus dem Kinderwagen zu kramen und mir den kleinen Bart recht geschickt auf den Rücken zu binden. So konnte der kleine alles beobachten und ich hatte die Hände für andere Aufgaben frei. Mittlerweile war es später Nachmittag und unsere Pferde traten mit den Hufen gegen die Boxentüren, denn das Verlangen nach den großen Weiden war in ihnen erweckt worden. Malte und Petyr waren auch noch im Stall, sodass wir uns kurz darauf zu einer kleinen Besprechung trafen, bei welcher wir klärten, wer welche Pferde auf die Weiden bringen würde. Zusammen mit Nico sollte es meine Aufgabe sein, unsere kleineren Pferde und die Fohlen rauszubringen, während Petyr sich der Stutenweide vornehmen würde und Malte und Teodor den Hengsten. Nico und ich trafen die Entscheidung, erst Jeanie und die kleine Jelda, zusammen mit California's Small Caramel Candy und der etwas zickigen Ocarina of Time auf die kleine Stutenweide direkt vor dem Stall zu bringen. Jelda wusste ganz genau wo es hinging und versuchte deswegen mit Umwegen die Umgebung zu erkunden, bevor sie ihrer Mutter dann hinterher galoppiert kam. Als die vier auf der Weide standen, nahmen wir uns die anderen vier Ponys vor. Excelsior, Braum, Braddock 'The Parrot' und Slaughterhorse. Auch diese kamen auf eine nicht allzu weit entfernte Weide, von wo aus Exel und Braum die gemeinsame Freundin Jeanie gut im Blick hatten. Als wir gerade zurück im Stall waren, hatte Malte zwei Pferde von Petyr an der Hand. Es waren zwei Hengste, Jupiter und White Face, welche Petyr beide nur als Freizeitpferde besaß. Ich nickte Malte nur kurz zu, bevor dieser mit den beiden Pferden um die Ecke verschwunden war.
      "Und nun?" fragte ich Nico, welcher auch schon zu überlegen schien.
      "Jetzt wären die ganzen Jungpferde an der Reihe, aber das sind so viele, dass wir das wohl nicht alleine schaffen werden. Vielleicht warten wir noch auf die Anderen und füttern in der Zeit unsere Minis." meinte Nico und deutete auf das andere Ende des Stalls, wo wir zwei größere Boxen für die ganz Kleinen unter uns hergerichtet hatten. Irgendwie hatten sich bei uns so einige Shetlandponys angesammelt, aber auch ein kleiner Falabellahengst von Torun war dabei. Lange Zeit hatten der kleine Hengst namens Treebeard und Abs alleine auf einer Weide gestanden. Dieses Bild von dem großen Wallach und dem kleinen gepunkteten Hengst ging mir einfach nicht aus dem Kopf und immer wenn ich daran dachte, musste ich grinsen. Die Minis waren auch hier natürlich in Stuten und Hengste geteilt. Während auf der einen Seite Batida de Coco, Belle und My Hope Nymeria, stand auf der anderen Seite die kleine Hengstbande, bestehend aus dem kleinen Marshmallow, Vipke van de Zandhoven, Treebeard, Lambardo und Happy teilten sich den Platz auf der anderen Seite. Die Kleinen hatten ganztägig Auslauf und lebten sozusagen in einem Offenstall. Während ich Wasser und Heu bei den Damen kontrollierte, tat Nico das Gleiche bei der männlichen Fraktion. Solche kleinen Pferde waren schon überaus niedlich. Genau richtig kamen wir von den Minis zurück, denn auch die anderen hatten sich mittlerweile eingefunden, sodass wir nun fünf Leute waren, die die Jungpferde auf die gemeinsame Weide bringen konnten. Ich schnappte mir zwei Vollblutfohlen, die hübsche Scion und den abenteuerlustigen Aspantau. Leider würde irgendwann die Zeit kommen, wo wir beide trennen mussten. Aspantau sollte ein Hengst bleiben und auch so Leid es mir tat, durfte Scion ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit ihrem Freund zusammenleben. Nico schnappte sich die beiden kleineren Sleipnir und Imagine Dragons, während Malte sich Seattle's Scarlett vornahm und Petyr sich seine Tysbe und Sacarina schnappte. Für Teo blieb deswegen nichts übrig, was er aber nicht allzu tragisch fand. Fast hatte ich den kleinen Bart auf meinem Rücken vergessen, welcher das Geschehen mit großen Augen beobachtet hatte und sich nun durch lautes Geräusche machen wieder bemerkbar machte. Ihm schien der Trubel und die Arbeit nichts auszumachen, stellte ich erleichtert fest. Die Jungpferde kamen auf eine der Weiden, welche umringt von Bäumen etwas geschützter auf der anderen Straßenseite lag. Dort entließen wir diese, bevor wir zurück zum Stall schlenderten. Stallarbeit war dann morgen früh angesagt, bevor die Pferde über die Mittagszeit wieder zurück in den Stall kamen.
      "Hast du Lust auf einen Spaziergang?" fragte mich Nico. Er nahm meine Hand und zog mich, ohne auf meine Antwort zu warten, am Stallgebäude vorbei zum Ufer des Tyrifjords. Asuka schloss sich uns an, anscheinend hatte er das Wort "Spaziergang" vernommen und das war eines seiner Lieblingswörter.
      Bart war mittlerweile auf meinem Rücken eingenickt und sein gleichmäßiger Atem pustete mir in den Nacken. Ich ließ meinen Blick über den Tyrifjord hinaus schweifen. Schwach konnte man die andere Uferseite erkennen und fast fühlte es sich so an, als ständen wir am Meer. Eine einsame Möwe kreiste über uns, zu hoch, um sie genau erkennen zu können und ein kleines Fischerboot ratterte wellenschlagend auf dem oberen Ende des Tyrifjords. Asuka patschte schwanzwedelnd durchs Wasser und Nico, Bart und ich schlenderten über den sandigen Boden. So gut es mir in Südfrankreich gefallen hatte, hier hatte ich mein Zuhause gefunden und ich hoffte, dass es Mio in Nevada genauso gehen würde.
    • AliciaFarina
      [​IMG]
      8. August 2016 | 16.859 Zeichen | Canyon
      Ankunft zweier Fellkugeln

      Mio » Buskerud, Norwegen - 06:56
      "Du siehst aus wie Frankenstein höchstpersönlich!" Verschlafen und mit geschwollenen Augen wurde ich am frühen Morgen von Petyr begrüßt, welcher natürlich putzmunter und fröhlich bereits mit der Stallarbeit begonnen hatte. Träge nahm ich mir eine Mistgabel zur Hand und schlurfte dann weiter zu meinem Freund.
      "Ich hoffe, ich bin noch nicht grün im Gesicht." murmelte ich und stieß die Boxentür neben der von Petyr auf. "Solange mir noch keine Schraube aus dem Kopf schaut und mich die Pferde noch erkennen, ist alles gut."
      Petyr lehnte sich lachend auf seinen Stil der Mistgabel und blickte durch die Gitterstäbe der Box zu mir herüber. "Wenn du schon nicht geschlafen hast, dann musst du mir jedenfalls erzählen, WARUM du nicht geschlafen hast." meinte er und grinste. Wahrscheinlich vermutete er eine geheime Liebesaffäre oder was weiß ich. Leider musste ich ihn jedoch enttäuschen.
      "Geschlafen habe ich, aber anscheinend nicht genug." Abwartend blickte Petyr mich an und ich seufzte. Eigentlich hatte ich noch keine Kraft und Lust jetzt so viel zu erzählen, aber ich kannte meinen Freund, so schnell würde er nicht locker lassen.
      "Julie ist gestern wieder zufrieden in Amsterdam gelandet. Nach einem Jahr ohne feste WLAN-Verbindung haben wir natürlich die Chance ergriffen und geskypet und das, wie du ja bereits mitbekommen hast, bis tief in die Nacht hinein." Ich gähnte.
      "Uuund? Was hat sie erzählt?" harkte Petyr nach.
      "Jaja, kein Stress!" sagte ich leicht genervt, während ich die Arbeit in der Box aufnahm. Dabei musste ich meine Stimme allerdings erhöhen, damit mich Petyr weiterhin verstand. "Sie meinte, sie wäre dunkler als die verbrannten Plätzchen, die ihr Tante Annika zur Begrüßung gebacken hatte und auch wenn das Bild sehr unscharf war, kann ich das nur bezeugen. Leider passt dieser Hautton so gar nicht zu ihren roten Haaren."
      Ich legte die Mistgabel in die Schubkarre und wechselte die Box. Petyr tat es mir gleich und sobald wir wieder in einer Box standen und Mist schaufelten, erzählte ich weiter.
      "Ansonsten schwärmte sie vor allem von Indien, da war sie den letzten Monat, und von der Reise mit dieser Eisenbahn da, die durch ganz Sibirien rollt. Der Name ist mir entfallen, aber auch nicht so wichtig." Ich legte eine kurze Pause ein, in welcher ich kurz verschnaufte und meine Gedanken sammelte. "Sie war überglücklich und hat beständig über beide Ohren gestrahlt. Aber wie wäre es, mein Lieber Petyr, wenn du sie das einfach selbst fragst, wenn sie mich in ein paar Tagen besuchen kommt?"
      Petyrs Kopf erschien vor den Boxengittern. Sein Blick sprach Bände, wie man es so schön sagte. "Sie kommt? Sie hat dich doch schon seit Jahren nicht mehr besucht!" Ich zuckte die Schultern. " Übertreibe nicht, etwas öfter hast du sie schon gesehen, sonst wärst du nicht so vernarrt in sie. Sie will ja sowieso weiter zu unserem Vater nach Östersund, da ist der kleine Umweg hier her ja kein Problem. So und nun lass uns diese Schubkarre zum Mist bringen, so langsam ist sie übervoll!"
      Petyr nickte, schien jedoch ganz woanders in Gedanken zu sein. "Du, Malte, ist sie wirklich noch so eine Schönheit, wie sie es früher schon immer gewesen war, ich meine so mit langen gelockten Haare und strahlenden grünen Augen – ?" verträumt blickte er in den Himmel und ich seufzte theatralisch. "Ich möchte mit dir jetzt NICHT über meine Schwester sprechen, da gibt es jetzt wichtigere Themen. Du weißt was heute für ein Tag ist?" Mit einem kräftigen Stoß stieß ich die Schubkarre den Misthaufen hinauf und entleerte sie, bevor ich sie Petyr wieder in die Hand drückte, er konnte sie schön zurückfahren! Geistesabwesend nahm er sie einfach an.
      "Äh vielleicht dein Geburtstag? Aber der war doch im Winter oder?"
      Ich schüttelte den Kopf. Was für ein toller Freund, der noch nicht mal meinen Geburtstag wusste. "Neeeein, es ist nicht mein Geburtstag!"
      "Tut mir leid, dann weiß ich es nicht Malte." meinte Petyr und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Schon wieder seufzte. Heute war wohl so ein Seufztag und das, obwohl ich eigentlich über beide Ohren strahlen sollte. "An was erinnern dich die Worte Kalifornien, pelzig, warm und Isländer?" Petyr schien einen Moment überlegen zu müssen, bevor es ihm eeendlich einfiel. "Deine beiden Pferde kommen heute an?" Ganz entgeistert blickte er mich an "Warum hast du das denn nicht schon früher gesagt!"
      "Da war ich noch zu müde und dann wolltest du ja, dass ich dir alles von Julie erzähle und deswegen bin ich erst jetzt dazu gekommen."
      Freudig wie ein kleines Kind hüpfte Petyr zurück zum Stall und rief mir über die Schulter entgegen: "Na worauf wartest du denn noch? Wir haben noch viel zu tun!"

      Tatsächlich hatten wir viel zu tun. Boxen fertig machen, alle Pferde von den Weiden holen, jeden mit seiner eigenen speziellen Futtermischung füttern und dann ein paar der Pferde noch ihre Medikamente geben. Petyr untersuchte die kleinsten Fohlen Mios Jelda und Aspantau nach Verletzungen, während ich Teufelstanz ihre Medikamente gegen die vielen Beschwerden gab. Sie hatte sich gut geschlagen, die Vollblutstute, aber Nico wollte ihr noch mehr Ruhe gönnen, bevor wir versuchen wollten, sie wieder zu reiten. Nach einer gescheiterten Renn- und Zuchtlaufbahn war sie mit einigen Verletzungen und Krankheiten und einem kleinen ungewollten Fohlen zu uns gekommen und ich war schon stolz darauf, was wir zusammen geschafft hatten.
      "MALTE!" laut schallte Petyrs Stimme durch den Stall. "Komm mal her und hilf mir! Diese verfluchte Jeanie will einfach nicht ihre Schnauze von mir lassen."
      Vorsichtig schloss ich die Box von Teufel, streichelte ihr noch einmal kurz übers Maul und folgte dann Petyrs Hilferuf. Dieser hatte meine Hilfe auch dringend nötig; Er lag fast in der Box, um die zierlichen Hufe der kleinen Jeanie untersuchen zu können und Jeanie hatte nichts anderes zu tun, als immer wieder zu versuchen seine Haare aufzufressen, diese waren ja auch genau auf der richtigen Höhe für so etwas.
      "Himmelherrgottnochmal!" schimpfte Petyr, während er versuchte Jeanie mit einer Hand fernzuhalten und mit der anderen einen Huf von Jelda zu heben. Zum Glück war die kleine Stute noch entspannter als ihre Mutter!
      "Ach Petyr", ich seufzte (schon wieder!), "Lass mal den Chef hier ran." Vom Hacken nahm ich Jeanies Halfter, band sie damit an den Gitterstäben fest und kniete mich neben Petyr ins Stroh. "So und jetzt erzähle mir, was daran so schwer war." Petyr boxte mir nur kurz in den Oberarm und schob mich dann aus der Box. "Mach, dass du wegkommst du Blödi!" schimpfte er und als Gegenschlag streckte ich ihm die Zunge raus. Ja so war er, unser Petyr.

      Obwohl ich es nicht vermutet hätte, war Petyr am Nachmittag aufgeregter als ich und das, obwohl die beiden jungen Isländer seit langem meine ersten Pferde waren, die ich mir kaufte. Petyr war es auch, der alle fünf Minuten aus dem Stall blickte und nach einem Transporter schaute, welcher die beiden zu uns bringen sollte. Es war ein angenehmer Mittwochnachmittag. Die Sonne schaute immer wieder hinter den Wolken hervor und kein Lüftchen wehte, sodass man die 17 Grad doch ganz gut vertragen konnte. Ein perfekter Tag, welcher zwar nicht ganz so gut begonnen hatte, aber das taten die guten Tage doch sonst auch. Die schlechten begannen gut und endeten schlecht, die guten fingen schlecht an und wurden erst später richtig gut. So war es jedenfalls immer bei mir. Ich hatte mich gerade zu einer kleinen Pause auf die Bank vor dem Stall niedergelassen und ein gutes Buch, ein Krimi (Tote, Fingerabdrücke, Blut und so ein spannendes Zeug) in die Hand genommen, als Petyr ganz aufgeregt neben mir auftauchte und meinte: "Da da, so schau doch, sie kommen!"
      "Petyr, du klingst wie eine Prinzessin, die ihren langersehnten Prinzen endlich wiedersehen kann. Ehrlich, du hättest auch Schauspieler werden können." meinte ich und stand mühsam auf. Meine armen Knochen!
      "Und du hast zwei Pferde gekauft und bis lustloser als je zuvor! Das ist auch nicht besser." verteidigte sich Petyr und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Glaube mir, ich freue mich auch, sehr sogar, ich weiß nur noch nicht, ob es wirklich der richtige Weg war. Ich bin immer noch viel unterwegs, auch wenn Evangeline und du mir mittlerweile viel Arbeit abnehmt-" Ich brach ab und blickte dem Transporter entgegen, der die buckelige Straße entlang holperte. Da hinten drinnen, da waren sie. Zwei junge Isländer, der eine erst knapp ein Jahr, der andere perfekte 6 Jahre. Ich wusste immer noch nicht, ob es richtig gewesen war, aber jetzt war es zu spät, sie waren angekommen und ich hoffte, dass die Tyrifjord Ranch für immer ihr zu Hause sein würde. Der Pferdetransporter war Silber und bot Platz für mehrere Pferde, in dem Moment sollten sich darin allerdings nur zwei befinden, zwei, die mein Leben nochmal in eine ganz andere Richtung lenken würden. Das wusste ich jetzt schon. Sie hatten eine weite Reise hinter sich; Erst von Kalifornien mit dem Flugzeug nach Vikersund zum Flughafen und dann von dort mit dem Transporter bis hier her. Sie taten mir verdammt Leid. Der Fahrer schaltete den Motor auf dem Parkplatz vor dem Stall aus, stieß dann seine Tür auf und kletterte heraus. Zu meinem Erstaunen war es kein älterer Mann, welcher sein Leben lang bereits Pferde von einem Ort zum anderen kutschierte, sondern eine junge Frau, vielleicht Ende dreißig, welche ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten hatte und nun elegant aus dem Transporter sprang. Sie lächelte uns beide freundlich an und winkte uns dann wie ein kleines Mädchen zu, bevor sie über den Parkplatz rief: "Ist einer von euch beiden Malte?"
      Ich schüttelte meine kurze Ungläubigkeit von mir ab und hob dann die Hand. "Ja ich, warten sie, ich komme."
      Petyr neben mir grinste und blickte mich von der Seite an. "Das ist aber eine Hübsche, pass auf, dass dir deine Augen nicht aus dem Kopf fallen, lieber Malte." Ich sagte nichts, hoffte allerdings das ich nicht allzu rot im Gesicht wurde. Als ich bei der jungen Frau angekommen war, hatte sie bereits die automatische Rampe an der Seite des Transporters heruntergelassen und war zu den beiden Pferden in den Anhänger geklettert. Ich folgte ihr und warf einen allerersten Blick auf meine Pferde. Meine Pferde, wie sich das anhörte, es löste ein ganz neues Gefühl in meinem Magen aus, welches ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Beide waren erschöpft und verschwitzt, waren jedoch genau das, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Einfach nur perfekt.
      Ich starrte die beiden noch vollkommen überfordert an, als mir die Frau neben mir die Hand reichte. "Hey, ich bin Halla!"
      Ich wandte meinen Blick von den Pferden ab und ergriff ihre Hand. "Malte."
      Sie lachte und dabei leuchteten ihre Augen noch mehr und an ihren Mundwinkeln erschienen kleine Grübchen. "Ich weiß doch." Ich musste auch lachen. Oh man war ich manchmal peinlich, da machte ich ja sogar Petyr den ersten Platz der Peinlichkeitsrangliste streitig.
      Als ich darauf nichts sagte, meinte Halla etwas eingeschüchtert: "Vielleicht sollten wir die Pferde hier heraus holen, sie waren jetzt lang genug hier drinnen." Ich nickte zustimmend und ging zu dem größeren der Beiden hin.
      Óslogis Fellfarbe war etwas ganz besonderes und ich musste ehrlich zugeben, dass ich so ein Pferd schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich, ich der einfache Pferdetrainer Malte, ich besaß jetzt diesen schmucken Hengst. Ich band Óslogi los und führte ihn die Rampe hinunter. Hinter mir kam Halla mit dem kleinen Félagi. Beide Pferde standen wohl noch zur Hälfte unter den Narkosemitteln für den Flug, denn beide Isländer stolperten über jeden größeren Stein und schafften es nicht, ihre Hufe höher als Handhoch zu heben. Ich lächelte durchweg, als ich Óslogi in den Stall führte. Die Boxen der Beiden lagen ganz am Anfang und waren natürlich nebeneinander. Ich zeigte Halla, welche sich staunend in dem großzügigen Stall umschaute, Félagis Box, während ich Óslogi in seine brachte. Petyr stand natürlich nur daneben und schaute uns zu, wie wir die Pferde von Transportgamaschen und Decken befreiten. Heu, frisches Wasser und Kraftfutter zur Erholung hatten wir beide natürlich schon vorbereitet, sodass es den Beiden erstmal an nichts mangelte. Halla und ich ließen die Pferde auch so schnell wie möglich in Ruhe und gaben ihnen genügend Zeit anzukommen. "Lust auf einen Kaffee?" fragte ich Halla und ignorierte dabei Petyrs breites Grinsen. Heute konnte ich ihn mal wieder überhaupt nicht ausstehen.
      "Klaro, Kaffee ist immer gut!" meinte sie lächelnd und schon wieder lächelte ich zurück.
      "Machst du uns einen?" Ich schaute Petyr bittend an, welcher laut seufzte und dann in Richtung "Reiterstube" verschwand, welche bei uns lediglich aus einem Abstellraum mit Kaffeemaschine bestand.
      Halla holte aus dem Transporter die Papiere und setzte sich dann neben mich auf die Bank vor dem Stall. Sie schien jedoch Zeit zu haben, denn sie ließ die Mappe noch geschlossen und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Sonnenstrahlen. Ich tat es ihr gleich, wurde aber kurz darauf von ihr angesprochen. "Sag mal, ist das eigentlich dein Stall?"
      Ich lachte und schüttelte dann den Kopf. "Nein nein, der gehört einem jungen Paar, die sind gerade nur in Sylling Verwandte besuchen, ich wohne hier nur und bin Pferdetrainer und Angestellter. Einen eigenen Stall, und vor allem nicht so einen großen, könnte ich mir niemals leisten." sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Dafür braucht man so einiges an Geld."
      Halla neben mir seufzte und nickte dann. "Jaaa," sagte sie gedehnt, "Diese Erfahrung durfte ich auch schon machen."
      In dem Moment kam Petyr mit drei dampfenden Tassen zurück. Unterm Arm hatte er eine Milchpackung und Zucker stecken. Wie ein Butler reichte er uns beide jeweils eine Tasse und fragte dann stumm nach Zucker und Milch. Halla hob dankend die Hand und auch ich verneinte. Petyr wusste ganz genau, dass ich meinen Kaffee immer schwarz trank. Er selbst quetschte sich noch neben Halla auf die Bank und schüttelte sich gefühlt die halbe Milch- und Zuckerpackung in die Tasse. Dann nahm er mit gespitzten Lippen einen Zug des heißen Gebräus. "Sag mal, Halla richtig? Wie kommt eine junge Frau wie du eigentlich auf die Idee, Fahrerin für ein Transportunternehmen zu werden?"
      Halla schien mit der Frage gerechnet zu haben und ich war mir sicher, dass sie diese nicht zum ersten Mal in ihrem Leben hörte. Deswegen antwortete sie auch dementsprechend resigniert. "Mein Vater leitet unsere Firma. Wir hatten vor einigen Jahren einige Geldprobleme und deswegen bin ich aushilfsweise bei ihm eingestiegen, weggekommen bin ich dort nie und jaaa, auch ich bereue es manchmal - Das musst du mich jetzt nicht noch fragen."
      Ich blickte Petyr böse an. Das hätte er auch etwas besser fragen können, da konnte er sehen, was er angerichtet hatte.
      Ich versuchte das Thema zu wechseln. "Hast du denn eigentliche auch eigene Pferde?"
      Wieder musste Halla eine Antwort geben, die ihr nicht gefiel. "Nein, besser gesagt saß ich noch nie auf einem größeren Pferd als einem Reitpony vom Rummel. Und auch wenn ich Tag für Tag Pferde von einem Ort zum anderen bringe, reiten kann ich nicht." Traurig blickte sie in die Weite und ich sah, wie eine Träne in ihren Augen glitzerte. So hatte ich mich täuschen können. Noch vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, noch nie einen glücklicheren Menschen getroffen zu haben und jetzt saß eine traurige junge Frau mit Tränen in den Augen neben mir. So war die Welt, die Wahrheit blieb einem meistens verborgen.
      Kurz gefasst: Der Tag endete damit, dass ich mit Halla die Nummern ausgetauscht hatte und sie zu uns zum Kaffee eingeladen hatte, mit anschließendem Reiten, verstand sich natürlich von selbst.
      Erst als am späten Nachmittag Petyrs Handy klingelte und Nico am Telefon fragte, ob die Pferde bereits versorgt waren, lösten wir unsere Kaffeerunde auf und jeder ging wieder seines Weges. Auch hatten sich Félagi und Óslogi in der Zeit prächtig erholt und beide blickten nun munter über die Gitterstäbe der Box hinweg. Beide würden die Nacht noch zur Sicherheit in der Box verbringen, morgen Abend würden sie jedoch mit hinaus auf die Weiden dürfen und mit eigenen Augen die prächtigen Weideflächen von Norwegen sehen können. Ich hoffte ja, dass Óslogi sich mit dem junge Leiðtogi anfreunden würde, die beiden Isländer würden sich bestimmt gut verstehen. Auch auf Félagi wartete ein Spielgefährte: Der junge Sleipnir, auch er stammte aus der gleichen Zucht wie Félagi, war nur wenige Monate älter und ich war mir sicher, dass die beiden sich gut verstehen würden. Ich war verliebt und überglücklich und konnte es noch nicht so ganz fassen, dass alles so reibungslos geklappt hatte. Ich hatte lange an mir gezweifelt, auch jetzt natürlich noch, ob es richtig gewesen war. Aber das konnte man vorher nie wissen, das würde die Zeit bringen.

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      18. September 2016 | 18.527 Zeichen | Canyon
      Kommt zu Tisch und hört die News!

      Charly » „Malte?“ Meine Stimme klang etwas kratzig, als ich nach unserem Mitarbeiter rief, welchen ich gerade zufällig vor seiner Haustür entdeckt hatte. Die Nacht war für mich mehr als kurz gewesen, denn erst in den frühen Morgenstunden hatte Bart Ruhe gefunden und da Nico zur Zeit unterwegs war, hatte ich das diese Nacht alleine schaffen müssen.
      Malte blickte auf, als er meine Stimme vernahm und überquerte dann den Hof, um zu mir zu kommen. Fragend blickte er mich mit seinen kastanienbraunen Augen an und auch wenn ich versuchte mir den Gedanken zu verkneifen, fragte ich mich abermals, warum er, laut seinem Freund Petyr, seit Jahren keine feste Freundin mehr hatte. Diesen Augen konnte sogar ich nicht widerstehen, dabei war ich seit geraumer Zeit glücklich mit Nico zusammen und auch wenn wir beide keine, oder jedenfalls nicht so früh, Kinder haben wollten, hatte unser Bartholomäus unser Leben nochmal ganz schön auf den Kopf gestellt.
      Ich riss mich von seinen Augen los und sammelte meine Gedanken. „Es gibt ein paar wichtige Dinge zu besprechen“, erklärte ich ihm. „Ich würde dich deswegen bitten, und Petyr auch noch zu Bescheid geben, heute Mittag um eins zu kommen. Es wird euch bestimmt interessieren, vor allem dich.“ Ich wartete seine Antwort nicht mehr ab und schloss sachte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vor ihm die Tür. Ich kannte ihn mittlerweile recht gut und wusste, dass er kommen würde.
      Teodor und Torun hatte ich gestern bereits Bescheid gegeben und so fehlte jetzt nur noch Nico, welcher jedoch auch bald und hoffentlich pünktlich zurückkommen würde.

      Den restlichen Vormittag blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit Bart zu beschäftigen. Auf dem Plan stand also aufräumen und putzen, mit meinem Sohn spielen, dann einen kleinen Spaziergang am Ufer des Tyrifjords und dann Mittagessen kochen. Ich war mehr als erleichtert, als Bart wenig später in seiner Hängematte einschlief und doch tatsächlich nicht mal wach wurde, als ich ihn in den Kinderwagen hiefte und mit ihm das Haus verließ. Die Mittagszeit war meiner Meinung nach die beste Zeit. Jetzt schlief Bart und auch all die anderen Hofbenutzer waren meist in ihren Wohnungen.
      Mit Bart schlug ich den Weg zum Stall ein. Da bei uns die Pferde über Nacht auf den Weiden waren und den Tag in den Boxen dösten, war der Stall mehr als gefüllt. Auch wenn wir bis jetzt noch einige leere Boxen hatten, so war es jetzt schon reichlich Arbeit, all die Pferde zu versorgen.
      Bart ließ ich am Eingang des Stalls stehen. Sollte er aufwachen, würde er sich schon bemerkbar machen.
      Mir fiel auf, dass der junge Óslogi nicht in seiner Box stand und daraus schloss ich, dass Malte, nicht wie erwartet, in seiner Wohnung sein würde, sondern mit seinem Hengst irgendwohin unterwegs war. Das Wetter war dazu ja wirklich perfekt, denn auch wenn die Sonne heute schien, so war es nicht zu warm und ein kleiner Westwind trieb ein kühles Lüftchen vom Atlantik zu uns.
      Meine Schritte lenkten mich weiter zur Box von Braum, allerdings war auch dieser nicht in seiner Box zu finden, weswegen ich, mit meinem überaus klugen Kopf daraus schloss, dass auch Braum mit Óslogi unterwegs war. Entweder als Handpferd, oder auch Petyr hatte sich Malte angeschlossen Das würde ich leider nicht so schnell erfahren, weswegen ich nach einem Plan B suchte.
      Schließlich entschied ich mich dafür, statt Braum mich mit der Jungstute Scion zu beschäftigen. Sie war ein wahres Prachtexemplar und ich war froh, sie vor einiger Zeit aus einer so berühmten Zucht gekauft zu haben. Es zerbrach mir jetzt schon das Herz, dass ich sie bald von ihrem besten Vollblutfreund Aspantau trennen musste. Die beiden waren dickste Freunde, nur leider hatte ich nicht vor, Aspantau zu kastrieren und bevor wir ungewollt Nachwuchs bekamen, mussten wir sie trennen.
      Ich legte der jungen Stute ihr hübsches Halfter um und führte sie dann aus der Box nach draußen ans Tageslicht. Bart schlief natürlich immer noch, nur hatte sich zu ihm noch jemand dazugesellt. Capucine. So sehr ich die alte verfilzte Katze mochte, genauso wenig erfreut war ich, dass sie sich zu Bart in den Kinderwagen gelegt hatte.
      Cap war eine Straßenkatze gewesen, welche wir aus Südfrankreich mit nach Norwegen genommen hatte. Kein Hund, nicht mal die beiden Wolfshunde Gery und Edda konnten ihr Angst einjagen. Sie wusste genau was sie wollte und ließ sich davon dann auch nicht abbringen.
      Ich seufzte tief, klemmte mir dann trotzdem den Führstrick von Scion unter den Arm und hob die dicke Katze aus dem wagen. Hübsch war sie ja, so caramellfarben mit dunkleren Flecken, aber wenn sie einem ihre Krallen zeigte, gab es nichts mehr zu lachen.
      Diesmal fauchte sie jedoch nur kurz, bevor sie mir vom Arm sprang und mit erhobenem Schwanz majestätisch im Stall verschwand.
      Auch Scion fand den Kinderwagen einfach nur interessant und streckte ihre helle Schnauze tief ins Innere.
      Ich musste lächeln, schob jedoch ihren Kopf zurück, bevor ich sie am Kinderwagen anband und mit beiden den Hof verließ.
      Scion liebte Spaziergänge. Jeder Stein, jeder Busch und jede Rose am Wegesrand musste unbedingt von ihr beschnüffelt werden und dafür nahm sie sich auch genügend Zeit.
      Auch ich genoss es, einfach nur dahin zuschlendern, Scion zu beobachten und meinen Gedanken nachzuhängen. Allerdings konnte das natürlich nicht immer so weiter gehen. Kaum war Bart aus seinem tiefen Mittagsschlaf aufgewacht, wurde auch Scion unruhiger. Bart bewegte sich immer wieder, wollte auch etwas sehen und gab lautstark Geräusche von sich, sodass ich unseren gemeinsamen Spaziergang bald abbrach und zurück zum Stall ging.
      Viel Zeit hätte ich sowieso nicht mehr gehabt. Es war kurz vor eins und ich wollte die anderen nicht warten lassen. Auch Braum und Óslogi waren mittlerweile wieder in ihren Boxen, sodass also auch Malte wieder da sein sollte.
      Ich brachte Scion in ihre Box und ging dann den kleinen Uferweg am Tyrifjord zurück zu unserem kleinen Hof.
      Bereits aus der Ferne erkannte ich Nicos schwarzes Auto und auch wenn ich es nur ungerne zugab, so freute ich mich doch, ihn nach nur drei Tagen endlich wiederzusehen. Mal wieder war er mit Asuka und seinem auf einem Lehrgang gewesen und so sehr wie ich ihm das gönnte, genauso öde und anstrengend waren die Tage ohne ihn. Wäre Mio nur noch da, dann wäre das kein Thema gewesen, aber jetzt-.
      Erstaunt stellte ich fest, dass ich wohl die Letzt war, die ankam. Die anderen hatten bereits ein paar Stühle zusammengesucht und bei uns im Garten einen kleinen gemütlichen Kaffeetisch gedeckt.
      Es war mir peinlich, dass ich sie alle einlud und dann noch nicht mal pünktlich war. Allerdings schien das niemanden zu stören. Von allen wurde ich freundlich begrüßt und natürlich auch Bart, welcher gleich nach unserer Ankunft aus dem Wagen gehoben und von allen beknuddelt wurde.
      Laut bellend stürzte sich mein kleiner Schützling Asuka auf mich und es freute mich zu sehen, wie sehr der kleine Whippet mich vermisst hatte. Bevor ich ihn allerdings begrüßte, nahm mich Nico in den Arm und drückte mir sanft einen Kuss auf die Lippen. Auch wenn er manchmal, nein, sehr oft ein großes Ar***loch war, hatte ich ihn mehr als lieb.
      Ich ließ mich neben Teo am Tisch nieder und neben mich setzte sich Nico. Wir waren nun also alle vollzählig. Torun, Petyr und Malte saßen auf der anderen Seite des runden Tischs.
      Während Malte sich entspannt zurück gelehnt hatte und alles mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete, hatte Petyr wie immer ein freches Grinsen auf dem Gesicht und schaute mich erwartungsvoll an. Die blinde Torun schien etwas nervös und kaute unablässig auf ihrer Lippe herum, während ihr Vater Teodor sich mit dem kleinen Bart beschäftigte, welcher dem alten Mann im Bart herum spielte. Bei dem Gedanken musste ich mir ein Grinsen verkneifen, denn mein Bart spielte im Bart, eine witzige Vorstellung.
      Jetzt, wo es soweit war, fand ich nicht die Worte, welche ich mir den ganzen Vormittag bereitgelegt hatte und das ärgerte mich extrem. Ich war früher immer sehr wortgewandt gewesen, seitdem das allerdings mit Shadow und Mio gewesen war und all die Verantwortung nun auf meinen Schultern lag, war dieses Talent erheblich geschrumpft.
      »Okay, danke erst mal, dass ihr alle gekommen seid.« fing ich ahnungslos an, ohne zu wissen, was ich als nächstes sagen sollte. »Nico und ich haben in letzter Zeit uns oft darüber Gedanken gemacht, was wir verbessern können und uns fiel auf, dass wir zwar mit unseren Pferden viele erfolgreiche Turniere gehen, aber trotzdem kein Ziel vor Augen haben. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, nun auch ganz aktiv in die Zucht einzusteigen.« Ich beobachtete die Reaktionen am Tisch genau. Petyr schien sich zu freuen, denn seine Grübchen wurden noch tiefer und seine Augen noch strahlender als sonst. Malte zog nur eine Augenbraue in die Höhe und Torun hörte auf, auf ihrer Lippe zu kauen. Teo zeigte mit keinem Finger, dass er uns verstanden hatte, sondern beschäftigte sich immer noch mit Bart.
      »Wir haben viel überlegt, viel geplant und trotzdem wurde uns die Entscheidung von jemandem erleichtert. Nico und ich waren letztes Wochenende auf einem Gestüt, wo einige Pferde zum Verkauf standen. Besser gesagt, einige Achal Tekkiner und zwei davon stammen auch noch aus der berühmten Reuthlinie. Die Besitzerin überlegte nicht lange und verschenkte« dieses Wort betonte ich extra stark, »verschenkte drei Stuten und einen Hengst an uns.«
      Hier blickte ich kurz zu Nico, welcher mir zunickte und sich so bereiterklärte, weiterzuerzählen. »Ihr wisst alle, dass Nelly und April unserem alten Freund viel bedeuteten und nun werden wir genau das tun, wovon er immer geträumt hatte. Eine kleine Zucht mit diesen überaus majestätischen und eleganten Geschöpfen. Zwei der Stuten sind bereits erfolgreich geritten wurden, die eine ist fast vier und wird nun so langsam eingeritten. Ich weiß, wenn ich euch jetzt erzähle, dass der Hengst das Spiegelbild von meinem Marid ist, werdet ihr uns für verrückt halten, aber ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er vernünftig wird. Ich kenne mich ja so langsam mit solche Pferden aus.« Ein breites angeberisches Grinsen tauchte auf seinen Lippen auf. Gerade hatte ich noch gedacht, dass er es jedenfalls einmal schaffen würde, nicht der große Angeber zu sein, sondern ein ganz normaler Junge. Da hatte ich wohl umsonst gehofft.
      »Schön und gut«, hängte sich nun Malte ins Gespräch, »Aber mit den neuen Pferden haben wir fünf Stuten und einen Hengst, das Verhältnis ist etwas unausgeglichen.«
      »Sechs Stuten, um genau zu ein.« antwortete ich ihm. »Ich habe bereits seit längerem eine weitere Stute im Blickfang und der Verkäufer hat sich gestern nun endlich zurückgemeldet und dem Kauf zugesagt.«
      Zweifelnd blickte Malte mich an. Ich hatte zwar gewusst, dass er etwas kritisch an die ganze Sache heran gehen würde, aber so schwer musste er es mir nun wirklich nicht machen. »Keine Angst Malte. Cascar, die Vorbesitzerin der Tekken, hat drei weitere Hengste bei sich stehen. Diese will sie behalten, möchte mir diese allerdings zur Verfügung stellen, sodass wir erst mal genügend Hengste haben und trotzdem keine weitere Arbeit. Zufrieden?«
      Er nickte leicht mit dem Kopf und ich atmete erleichtert aus. Ich wollte gerade weitererzählen, als ich sah, wie Torun leicht ihren Mund öffnete und so wartete ich ab, bis das zierliche Mädchen auch gesprochen hatte.
      Mit sanfter und verträumter Stimme, welche ich schon immer so toll fand, fragte sie: »Wann kommen diese neuen Pferde denn an?«
      »Aller Wahrscheinlichkeit bereits morgen, wenn nichts dazwischen kommt und sie alle Kontrollen gut überstehen. Cascar wollte sie so schnell wie möglich zu uns bringen, denn ihr fehlt gerade einfach die Zeit, sich um die Tiere zu kümmern.« Antwortete ich ihr.
      »Da werden wir aber einige Decken für den Winter brauchen, wenn wir uns im hohen Norden Vollblüter aus dem tiefen Süden anschaffen«, meinte Petyr und grinste frech in die Runde.
      »Darüber haben wir uns auch schon Gedanken gemacht,« ging Nico auf Petyrs Kommentar ein und auch auf seinen Lippen breitete sich ein Grinsen aus. »Wir werden einen Waschdienst brauchen und dieser hat dann eine Woche die Aufgabe, die Decken zu waschen und aufzuhängen und da haben wir gleich an dich gedacht, lieber Petyr, weil wir wussten, dass du dich darüber freuen wirst.«
      Bevor Petyr zurückschießen konnte, ging ich diplomatisch dazwischen und erzählte weiter. Immerhin wollte ich heute noch so einiges schaffen.
      »Klar wird es mit ihnen anstrengender als mit felligen Pony, aber nichtsdestotrotz werden wir auch dies gemeinsam schaffen.
      Wie ihr wisst, haben wir in letzter Zeit einige Pferde verkauft und so sehr es mich schmerzt, werden auch Leiðtogi und Ocarina uns bald wieder verlassen. Linn hat sich dazu entschlossen, Togi in ihre Zucht aufzunehmen, jetzt wo er kurz vor seiner Kür steht. Oca wird zurück zu Verena auf die Gips Reminder Ranch gehen und sich dort hoffentlich wohler fühlen als hier in Norwegen. Im Gegenzug haben wir ja vor einigen Tagen Bijou und Modjo bekommen. Ich finde, dass in beiden ein großes Talent schlummert und vielleicht werden wir sie ja irgendwann kören lassen können.
      Außerdem wollen wir unsere EV-Zucht wiederbeleben und da wir nun mit Lady Gweny auch hier Stuten im Übermaß haben, habe ich einen perfekten Hengst gefunden, welcher auch in einigen Tagen bei uns eintreffen wird. Bitte habt Verständnis mit ihm und stempelt ihn nicht gleich als böse ab, ja?« Bittend schaute ich in die Runde und außer Nico machten alle ein verwirrtes Gesicht. »Glaubt mir, das werdet ihr schon früh genug erfahren!«
      Genau als ich meinen Satz beendet hatte, kam Bart auf Teos Schoß ein freudiger Schrei aus dem Mund und die ganze Aufmerksamkeit am Tisch richtete sich auf ihn. Darauf schien er nur gewartet zu haben, denn als ihn alle anblickten, grinste er breit und fing an zu lachen.
      In die dadurch entstandene Pause fragte Malte: »Wie wird denn der Hengst heißen?«
      »Cotsworlds Eik«, sagte Nico stolz. Auch er hatte den Hengst von Anfang an toll gefunden und sich genauso gefreut wie ich, dass das mit dem Kauf so gut geklappt hatte.
      »Das klingt irgendwie nach Kotze.« lachte Petyr und konnte kaum noch aufhören. Ich verdrehte nur die Augen. Dieser Kerl! Jedenfalls hatte noch einer etwas Humor.
      Bevor ich weitererzählen konnte, ergriff abermals Nico das Wort. »Und um unseren Plan einer Vollblutzucht noch komplett zu machen, habe ich eine perfekte Stute für meinen Marid gefunden. Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie ist bereits gekrönt und dazu noch überaus hübsch.« Stolz blickte Nico in die Runde und ich freute mich, dass er endlich ein weiteres Pferd gefunden hatte, welches ihm etwas bedeutete. Niemand in der Runde schien etwas dagegen zu haben und diesmal war die Atmosphäre um einiges positiver. Eine Stute für Marid, dass war perfekt und das schienen auch alle zu finden.
      »Charly was hast du eigentlich für deinen Geburtstag geplant?« Teo hatte sich einen Moment von Bart losgerissen und blickte mich nun fragend an.
      »Woher weißt du von meinem Geburtstag?« Erstaunt blickte ich Teo an. Mein Geburtstag war nichts besonderes und ich hatte nicht geplant mit allen eine große Feier zu veranstalten.
      »Na steht doch ganz groß am Stallkalender«, brummte Teo und ich sah wie er die Augen verdrehte.
      Ungläubig drehte ich mich zu Nico um und blicke ihn dann wütend an. Dieser zuckte allerdings nur mit den Schultern und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Na super!
      »Geplant ist nichts, ist sowieso mitten in der Woche, da hat sowieso niemand Zeit.« Bevor das Thema weiter vertieft werden konnte, erzählte ich einfach weiter. »Das nächste wird eich bestimmt sehr interessieren! Da wir nun einige Pferde auf dem Gestüt haben, brauchen wir dringend Hilfe! Ich habe mich also im Internet nach jemandem umgeschaut, der einen Job braucht und tatsächlich! Ich habe den perfekten Mann gefunden. Er kommt ursprünglich aus Namibia und hat bereits sein ganzes Leben mit Pferden zu tun. Er ist vom Beruf her eigentlich Reitlehrer und hat nicht nur von Westernpferden, sondern auch von Vollblütern und Galopprennen jede Menge Ahnung. Er wird erst mal bei uns im Gästezimmer wohnen und sobald dann der Schuppen fertig ausgebaut ist, wird er dort einen Teil bewohnen. Ihr anderen werdet also nicht wirklich davon beeinflusst, außer, dass es endlich zwei weitere helfende Hände im Stall gibt!«
      Alle nickten zustimmend und vor allem Malte, welcher in letzter Zeit sehr viel unterwegs gewesen war und deswegen reichlich gestresst erschien, schien erleichtert.
      »Der letzte Punkt ist, dass wir eine weitere Bewohnerin bekommen und das wird vor allem dich, Malte, interessieren.« Diesmal wandte ich mich genau an ihn. »Ich hoffe es ist für dich in Ordnung, dass ich die noch leere Wohnung neben dir an ein junges Mädchen vermietet habe. Sie hat in Sylling eine Arbeitsstelle gefunden und ich habe sie letztens beim Einkaufen ganz zufällig kennengelernt. Sie wird dir gefallen, glaube mir. So ein besonderes Mädchen hast du wahrscheinlich noch nie gesehen.«
      Malte hatte die Augenbrauen hoch gezogen, seine Mundwinkel hatten sich allerdings nicht bewegt. »Das bedeutet, dass ich meine Küche und mein Klo nun teilen muss?«
      Ich nickte leicht mit dem Kopf. »Ich weiß, ich hätte dich vorher fragen müssen, aber so ein Mädchen, das brauchte ich unbedingt bei uns. So fröhlich, so hübsch und so intelligent, glaube mir, dass wird uns allen gut tun!«
      »Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund?« mit leuchtenden Augen hatte sich Petyr vorgebeugt und blickte mich nun fasziniert an. Ich musste bei seinem Anblick lachen und freute mich über die Entscheidung, sie nicht zu Petyr auf den Dachboden einquartiert zu haben.
      »Tjarda Winter, 22 Jahre und das andere musst du sie selbst fragen. Sie will sich uns in den nächsten Tagen vorstellen, da könnt ihr sie kennenlernen.«
      Petyr zog eine Schmolllippe und ließ sich mit verschränkten Armen zurück in den Stuhl sinken.
      »Ich hoffe, ihr seid alle jedenfalls einigermaßen mit den Neuigkeiten zufrieden. Ich freue mich darauf, mit euch allen unsere Ziele zu erreichen! Wir schaffen das und ich bin mir sicher, dass das eine tolle Zeit werden wird!« Ich versuchte alle aufzumuntern, während mein Blick auf Bart fiel und sich mein Herz bestimmt um einige Grad erwärmte. Ich liebte diesen Ort, die Menschen und die Tiere und ich hatte es geschafft, die Trauer um Shadows Ableben und Mios Verschwinden zu überwinden. Jetzt hatte ich alles in der Hand und ich freute mich riesig auf all die Dinge, die ich hier noch erleben würde

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      9. Oktober 2016 | 28.544 Zeichen | Canyon
      Heimlicher Besuch

      Mio » Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten, als ich endlich da war. Wochenlang, nein, Monatelang hatte ich die Tränen verdrückt und versucht meine Entscheidung nicht in Frage zu stellen. Doch nun, nun da ich hier war, schienen all meine Vorhaben und Pläne in Luft aufgelöst zu sein. Wie sehr wünschte ich mir doch, dass noch alles so wie früher wäre, dass wir alle noch zusammen lebten, dass Shadow nicht gestorben wäre. Wie sehr wünschte ich mir, alles rückgängig machen zu können und doch merkte ich, dass ich die letzten Monate nicht gerade unglücklich gewesen war. Ich parkte den gemieteten Wagen auf dem Parkplatz vor einem großen Stallgebäude. Natürlich war ich noch nie hier gewesen, aber das Internet und Google Maps hatten mir genügend Informationen ausgespuckt, um den Weg hier her zu finden. Niemandem hatte ich etwas gesagt, nur Addison hatte ich erzählt, dass ich nicht länger ahnungslos in Nevada sitzen konnte. Einmal, einmal musste ich nochmal meine Freunde sehen, das Baby und natürlich all die Pferde die ich zurückgelassen hatte. Mir schossen die Tränen schon wieder in die Augen, welche ich mit letzter Kraft gerade erst verbannt hatte, als ich die Wagentür öffnete und ohne diese wieder zu schließen, in Richtung Stall stolperte. Es war bereits pure Nacht, die genaue Uhrzeit wusste ich nicht, und der Mond schien über dem Gestüt. Hinter dem Stall konnte ich einen Blick auf ein großes Gewässer erhaschen, bevor ich das Stalltor leise aber hastig aufschob und in den Stall schlich. Er war unbeschreiblich schön, mit genau der Art von Boxen, welche ich mir schon immer gewünscht hatte. Groß, luftig und mit so wenig Gitter wie möglich, es war einfach perfekt. Lange musste ich nicht suchen, wie eh und je, seit Anbeginn der Zeiten, lag Excelsiors Box ganz am Anfang des Stalls auf der linken Seiten. Er war schon immer der Torwächter gewesen, hatte jeden Freund freundlich begrüßt und jeden unerwünschten Besucher mit bösen Blicken davon abgehalten, näher zu treten. Er döste in seiner Box, während er einen Kopf auf der Tür abgelegt hatte. Mein Exel, mein kleiner, unbeschreiblicher Exel. Wie sehr hatte ich ihn vermisst, wie sehr…
      Das Mondlicht fiel durch die vielen Fenster im Dach und beschien genau die lange Stallgasse, sodass ich genügend Licht hatte, um alles gut erkennen zu können. Ich traute mich nicht näher zu treten, aus Angst, dass genau jener Wallach mich nicht wiedererkenne würde oder mir vielleicht sauer war, dass ich ihn allein gelassen hatte. All das verstand ich, ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich es getan hatte und trotzdem hatte ich gedacht, dass es für mich die beste Entscheidung gewesen war und die war es auch. Ich hatte gemerkt, was das Leben in Nevada mit mir gemacht hatte, es hatte mich gemacht. Mich, die endlich ihren Schatten übersprungen hatte und zurückgekehrt war. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber ich war wiedergekommen und endlich das abzuschließen, wovor ich vor einem dreiviertel Jahr nicht die Möglichkeit gehabt hatte.
      Ich lehnte mich an das Holztor und nahm meine Hand zum Mund. Bereits als Schülerin hatte ich immer den Tick gehabt, mir mit dem Finger gegen die Lippen tippen zu müssen, wenn ich nicht weiter wusste und leider hatten das die Lehrer sehr schnell herausgfunden und mich dann immer extra dran genommen.
      Als auch meine letzte Träne versiegt war, stieß ich mich vom Tor ab und ging mit leisen und langsamen Schritten auf die Box von Excelsior zu. Ich behielt ihn genau im Blick, als dieser jedoch die Augen öffnete und mich ansah, musste ich seinem Blick weichen und schaute wie ein kleines Kind hinab auf meine Schuhe. Ich stand nun so nah vor ihm, dass wir in Reichweite waren und mit angehaltenem Atem wartete ich auf eine erste Reaktion des Pferdes. Des Pferdes, mit welchem alles begonnen hatte, wegen welchem ich jetzt genau an diesem Fleck stand. Nach einer gefühlten Ewigkeit fühlte ich die feuchte Schnauze in meinen Haaren und atmete erleichtert aus. Und wieder einmal kamen mir heute die Tränen, allerdings waren es Freudenstränen, Tränen, die mir zeigten, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte. Natürlich war auch Excelsior irgendwo nur ein Pferd, aber für mich war es DAS Pferd und ging sogar hinaus über Chosposi und das musste erst mal jemand schaffen. Nun völlig übermütig schob ich den Riegel der Boxentür zur Seite und fiel dem grauen Pferd um den Hals. Sein Duft hatte sich nicht verändert und auch wenn sein Haar nochmal etwas länger und sein Fell dichter geworden war, so war es eindeutig noch mein Exel, welchen ich vor so vielen Monaten in Südfrankreich zurückgelassen hatte. Ich hatte es nicht gemerkt, dass ich zu Boden gesunken und auch dort eingeschlafen war. Wahrscheinlich war es die Müdigkeit oder die Erschöpfung, oder eben beides gewesen, aber erst als mich kräftige Arme hoch hoben und aus dem Stall trugen, wachte ich so langsam wieder auf. Es war noch immer tiefste Nacht, auch wenn ich hätte schwören können, dass es bereits morgen sein müsste. Mit einem Erschreckensschrei bemerkte ich, dass ich den Mann nicht kannte, welcher mich in seinen Armen hielt und versuchte mich so schnell wie möglich daraus zu befreien. Der Mann schien nichts dagegen zu haben und setzt mich auf dem Boden ab, wo ich dann einige Meter zurück stolperte. Er sagte nichts und ich konnte seinen genauen Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht erkennen, auch wenn mir mein Gefühl sagte, dass er nichts Böses wollte. Meinem Gefühl vertraute ich jedoch schon lange nicht mehr. Einige Sekunden schauten wir uns stumm an, bevor ich vorsichtig auf englisch fragte: »Wer bist du? Arbeitest du hier?« Ich wusste nicht genau welche Sprache er sprach, immerhin waren wir hier mitten in Norwegen und ich hatte noch nie ein Wort dieser Sprache gesprochen. Er schien mich auf jeden Fall zu verstehen und das war schon mal ein Anfang.
      »Allerdings«, meinte er mit tiefer und ruhiger Stimme, bevor er sich umdrehte und den schmalen Weg entlang vom Stall wegging. »Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne alles weitere mit dir im Haus besprechen.«
      Ich wusste nicht was ich tun sollte und hätte ich es gewusst, wäre ich ihm wahrscheinlich gefolgt. Ich war schon immer ein Angsthase gewesen und diese Angst hatte sich noch nicht mal gelegt, als ich alleine nach Amerika ausgewandert war. Jeder vermutete von mir, dass ich eine mutige und starke Persönlichkeit war, dabei war ich einfach nur ich. Ich Mio, die vor jedem Angst hatte, den sie nicht kannte. Super. Ich schaffte es dem jungen Mann hinter her zu stolpern und mir einen Weg über den unebenen Pfad zu suchen. Er musste auch auf dem kleinen Hof wohnen, den auch Charly und Nico bewohnten, denn er steuerte zielgerichtet darauf zu. Still, einsam und unbeleuchtet lag das kleine Gut in der Nacht. Die weitläufigen Weiden waren verlassen und das sanfte Rauschen des Fjords vervollständigte das perfekte Bild eines perfekten Platzes. Ich konnte verstehen, warum sie sich genau hier niedergelassen hatten. Es war perfekter als perfekt, wenn man es eben so mochte. Ich könnte mir nie vorstellen, wieder so zu leben. Nicht jetzt, nachdem ich all das in Nevada erlebt hatte. Hier würde ich verrückt werden, in dieser kleinen, perfekten Welt. Der Mann führte mich zu einem kleinen Nebengelass, bei welchem er die Tür aufschloss und mich hinein winkte. Der leere Flur wurde nur spärlich von einer alten und dazu noch flackernden Lampe an der Decke beleuchtet und war für mich persönlich ein Albtraum. Am Ende des Flur gab es zwei Türe. Links und rechts. Während die Rechte nur so von Spinnenweben verhangen war, schien die linke frisch gestrichen zu sein, was ich allerdings in dem Dämmerlicht nur erahnen konnte. Der Mann stieß die Tür grob auf und ich sah noch, wie er einige Briefe und Papiere vom Sofa wischte und in einem Schubfach verschwinden ließ. Die Wohnung, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, bestand nur aus einer Wohnküche und einer kleinen Toilette. Ein größeres Bad konnte ich nirgends finden. Es war nicht dreckig oder muffig, aber unaufgeräumt und etwas chaotisch. Zum Glück brachte der brennende Kamin an einer Seite etwas Wärme in das Durcheinander. Vor dem Kamin auf einem alten Teppich lag ein ebenso alter Hund. Oder sollte ich lieber Wolf sagen? Sein Fell war ursprünglich bestimmt schwarz gewesen, doch jetzt mit dem Alter war es mit jeder Menge weißen Strähnen durchzogen. Er schien dazu auch noch taub zu sein, denn er zuckte nicht mal mit den Ohren, als der Mann die Tür hinter mir wieder schloss und auf das Sofa deutete, welches vor dem Kamin stand.
      Jetzt war ich sowieso einmal hier drinnen gefangen, es war also zu spät, weswegen ich mich nicht lange bitten ließ und mich auf diesem niederließ. Der Mann schien sich noch nicht mit mir unterhalten zu wollen, sondern drehte sich einfach nur zu der kleinen Küchenzeile um und setzte Wasser auf. Ich konnte ihn damit endlich von nahen und im Licht betrachten. Er war nicht allzu groß für einen Mann, vielleicht 1,80m, wenn ich schätzen musste. Seine rotblonden Haare waren an den Seiten abrasiert und die restlichen zu einem Zopf auf seinem Kopf zusammen gebunden. Er sah nicht gefährlich aus, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, und auch wenn ich damit keine Ahnung hatte, so würde sich ein Vergewaltiger wahrscheinlich als erstes nicht einen Tee kochen, so wie er es gerade tat.
      »Fenchel?« fragte er mich und ich brauchte etwas länger, um zu verstehen was er meinte. Ich sprach mittlerweile so perfekt Englisch, dass mir manche nicht mehr abkaufen wollten, dass ich ursprünglich Deutsche war und erst seit wenigen Monaten in den USA lebte. Aber dieser Mann hier hatte wahrscheinlich nie so gut Englisch sprechen gelernt, weswegen sein Englisch durch den Akzent schwer verständlich war.Ich nickte nur auf seine Frage und wandte meinen Blick dann von ihm ab. In Gedanken versunken schaute ich ins Feuer. Auch wenn ich durch den Schock beim Erwachen meine Erschöpfung vergessen hatte, so kehrte diese nun langsam zu mir zurück. Die wohlige Wärme des Feuers und das bequeme Sofa luden einfach dazu ein. Meine Augen wollten mir gerade zu fallen, als der Mann zwei dampfende Tassen vor uns auf den kleinen Holztisch abstellte und sich dann selber in einen Sessel auf der anderen Seite des Tischs fallen ließ. Jetzt endlich blickte der Hund am Boden auf und seine großen braunen Augen und schauten fragend zu seinem Herrchen hinauf. Dieser kraulte seinen Hund nur kurz, bevor er ihm das Zeichen gab, dass er sich wieder hinlegen konnte. Um nicht noch länger schweigen zu müssen, übernahm ich die Offensive. »Ich bin Mio und es tut mir Leid, dass ich ohne zu fragen den Stall betreten habe.«
      »Ich weiß wer du bist, es hängt ein Bild von dir bei uns im Stall.« sagte der Mann zu mir. »Ich bin Malte. Ich muss dich nur leider enttäuschen, denn Charly unf Nico sind für mehrere Tage verreist.«
      Endlich wusste ich seinen Namen. Malte, das klang nordisch, was ja nicht weiter verwunderlich war, wenn er in Norwegen wohnt. Ich winkte nur ab, es war mir sogar recht, dass sie nicht da waren. Ich wusste selbst, dass es nicht fair ihnen gegenüber war, aber das Leben war nun mal nicht fair und das hatte ich bereits vor langer Zeit gelernt. Aber der Satz von Malte, dass ein Bild von mir im Stall hing, der schallte noch etwas länger in meinem Kopf nach.
      »Danke«, meinte ich dann nur, als mir auffiel, dass ich Malte noch gar nicht geantwortet hatte.
      Auch Malte schien nicht gerade ein Mann großer Worte zu sein. Ihm schienen die Worte genauso ausgegangen zu sein wie mir und deswegen schob er mir einfach eine der beiden Tassen auf dem Tisch zu und fing dann in Gedanken versunken seinen Hund zu seiner rechten zu streicheln. Mein Blick verfing sich wieder im Feuer. Die Flammen flackerten in allen möglichen Farben und es sah so aus, als würde nicht nur der Kamin brennen, sondern auch der Teppich, der Hund und Malte, welche genau davor saßen. Ich fand es komisch, dass es gerade mal Ende September war und hier bereits geheizt werden musste. In Nevada waren es immer noch jeden Tag etwa 70 Fahrenheit und so würde es auch noch eine ganze Zeit lang bleiben. An die Wärme hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, weswegen die Kälte hier für mich noch unerträglicher war als ohnehin schon.Ruckartig setzte sich Malte gerade hin, griff mit seiner Hand in seine Hosentasche und zog seinen Autoschlüssel, nein, es war ja meiner, heraus. Dann reichte er ihn mir über den Tisch sagte: »Hätte ich fast vergessen, den habe ich aus deinem Auto geholt und gleich abgeschlossen, das hattest du anscheinend vergessen.«
      Dankend nickte ich ihm zu und nahm ihm die Autoschlüssel ab. Kurz berührte ich seine Hand und ich war erstaunt, wie weich sie sich anfühlte, denn im schwachen Licht sah sie aus, als wäre sie von der täglichen Arbeit rau geworden. Ich steckte den Autoschlüssel in meine Jackentasche und nahm dann die immer noch dampfende Tasse Tee vom Tisch. Tee, auch so etwas, was ich schon lange nicht mehr getrunken hatte.
      »Wie lange hast du vor zu bleiben?« fragte mich Malte, während er aber den Blickkontakt zu mir vermied. Es löste ein seltsames Gefühl in meinem Magen aus, dass wir hier gemeinsam saßen, uns erst einige Minuten kannte und trotzdem keine Themen zum Reden hatten.
      »Weiß nicht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Einen Tag, vielleicht auch zwei?« meinte ich achselzuckend. Dabei sah ich zu, wie Malte beide Augenbrauen nach oben zog.
      »So kurz nur? Charly und Nico kommen erst in zwei Tagen wieder.«
      Ich wusste nicht was er von mir halten sollte, aber ich wollte ehrlich sein. »Ich weiß, dass ich Charly damit mal wieder verletze, aber ich werde vor ihrer Ankunft wieder weg sein. Ich bin schon lange nicht mehr die Freundin, die ich einmal war und ich mache es Charly nur noch schwerer, wenn ich wieder gehe. Ich gehe nun meinen eigenen Weg.«Ich konnte nicht erkennen, welche Emotionen Malte nun durchflossen, überhaupt konnte ich keine Reaktion in seinem Gesicht erkennen. Er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann wieder seinem Tee zu.
      »Du kannst gerne die beide Nächte bei mir schlafen, es sieht so aus, als bräuchtest du dringend mal wieder etwas Schlaf.«
      »Danke, das nehme ich gerne an.« Meinte ich und lächelte wahrscheinlich das erste Mal an diesem Tag.

      Auch wenn das Sofa nicht gerade das größte und bequemste war, so schlief ich doch gut und auch recht lange. Das war ja auch kein Wunder, immerhin hatte ich den ganzen letzten Tag im Flieger gesessen und war dementsprechend ausgelaugt gewesen. Als ich von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, welche durch die kleinen Fenster zu mir herein schienen, blieb ich nicht mehr lange liegen, sondern begann den Tag mit neuer Motivation und Freude. Gestern hatte ich nur Augen für Excelsior gehabt, aber es gab ja auch noch einige andere Pferde, welche ich vermisst hatte. Vor allem Jeanie, Ocarina of Time und Happy, aber auch Grenzfee und Teufelstanz, Charelle und April Rain. Ich war gespannt was auch aus Marid dem Idioten geworden war und ob es ihn überhaupt noch gab. Malte konnte ich nirgends finden, weswegen ich davon ausging, dass er bereits unterwegs war. Ein Blick auf die Uhr bestätigte diese Vermutung, denn es war bereits kurz nach zwölf. Als ich das kleine Haus verließ, brauchte ich einen Moment um mich orientieren zu können. Bei Tag sah das Ganze schon etwas anders aus und ich war erstaunt, welch freundliche Aura das Anwesen hatte. Rechts von mir lag eine purpurrote Scheune mit schwarzem Dach, genau vor mir stand ein prächtiges kleines, weiß gestrichenes Gutshaus und links konnte ich zwei weitere Häuser erkennen. Eines davon sah eher nach einem Schuppen und das andere nach einem Fischerhaus aus, aber wahrscheinlich würde auch Maltes Haus nicht sehr stattlich aussehen. Als ich einige Schritte zurücktrat und mir das kleine Häuschen genauer ansah, sah ich auf den ersten Blick nichts als Efeu. Das ganze Haus war davon überwuchert und ich verliebte mich auf den erstes Blick. Ich seufzte. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir hier oben im Norden in der Kälte tatsächlich so gut gefallen würde. Den Weg in den Stall fand ich tatsächlich schneller als gedacht, sodass ich wenige Minuten später am großen Haupttor stand und zum ersten Mal den Stall im Licht der Tagessonne sah. Wie mir auch gestern schon aufgefallen war, war es ein überaus stattlicher und von hellem Licht durchfluteter Stall, welcher mich vor allem mit seinen modernen und offenen Boxen überzeugte. Nun waren die Boxen jedoch leer und nur das aufgeregte Zwitschern der Schwalben im Gebälk gaben Geräusche von sich. Ich hatte meinen Blick nach oben gewandt, sodass ich nicht mitbekam, wie der große pelzige Hund von gestern Abend auf mich zu kam. Dementsprechend erschreckte ich mich, als sich die großen dunklen Augen zu mir hinaufwandten und mich zu durchbohren schienen. Wie hieß er nochmal? Ich und mein Namensgedächntnis! Ich streichelte ihn kurz und begab mich dann auf die Suche nach bestimmten Pferdenamen an den Boxentüren.
      »Excelsior, Jeanie - «, murmelte ich vor mich hin und ging Box für Box ab. Nach Jeanie hielt ich kurz inne, denn der Namen an der Boxentür versetzte mir einen kleinen Stich in der Magengegend. Klar hatte mir Charly von Jelda erzählt, Jeanies erstem Fohlen, aber nie hatte sie auch nur erwähnt, dass ihr ganzer Name ‚Mios Jelda‘ hieß. Ich war zu Tränen gerührt und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte ich wieder diese innige Freundschaft, welche Charly und ich so viele Jahre lang gehabt hatten. Braum van Ghosts kannte ich tatsächlich noch aus den letzten Wochen meiner Zeit auf Saint Gorge, Hendersin, wie auch Braddock 'The Parrot' waren mir unbekannt.
      »So viele unbekannte Pferde«, murmelte ich, als ich auch an Óslogis, Félagis und Dynurs Box vorbeiging. Isländer, dem Namen nach. Aber warum Isländer? Weder Charly noch Nico hatten sich je für diese Gangpferde interessiert!
      »Oh ha!« Sagte ich überrascht, als ich tatsächlich ein Boxenschild mit dem Namen Marid fand. Den gab es also auch noch. Ich blieb einen Moment davor stehen und versank in Gedanken bei dem Tag, an dem ich Marid das erste Mal gesehen hatte, bevor ich mir noch die anderen Boxen ansah. Da gab es eine Rubina und einen Khadir, sowie eine Zanyah und einen Tiramisu. Auch Bijou, Abs und Milosch kannte ich nicht. Besonders freute ich mich, dass es Charelle und April Rain überlebt hatten, immerhin hatten sie ihm gehört. Vor allem Nelly war sein absolutes ein und alles gewesen. Aber gewesen. Nach den beiden folgte eine Reihe Namen, die ich nie und nimmer aussprechen konnte. Worgait war davon noch der normalste, aber wer ließ sich bitteschön Himmawallajugaga, Sysahlreuth und Devrienterreuth einfallen?! Das waren doch keine Namen! Zwischendurch gab es zum Glück etwas einfaches, Raja zum Beispiel. So viele Namen und zu kaum einem Pferd hatte ich ein Bild im Kopf. Ein Stein fiel mir allerdings vom Herzen, als ich an den letzten Boxen die Namen Grenzfee, Teufelstanz und Aspantau und Seattle‘s Scarlett laß. Auch sie hatten es also bis hier her geschafft! Scion d‘Or und Lady Gweny kannte ich jedoch wieder nicht. Schmunzeln musste ich, als ich ganz am Ende, oder eigentlich auch wieder am Anfang der Stallgasse den Namen Cotsworld Eik las. So interessant er war, vor allem mich als gebürtige Deutsche erinnerte er mich extrem an K*tze. Besser hätte es der Zufall nicht planen können, doch kaum hatte ich meinen Rundgang beendet und war mir bewusst geworden, dass weder Happy, noch Leiðtogi oder Sleipnir, noch Ocarina of Time bei den Namen dabei gewesen waren, als ich Malte den Parkplatz überqueren sah. An seiner rechten Seite lief das hübscheste Pony was ich je gesehen hatte und das sagte ich wahrlich nicht oft. Ein hübscher Perlino Splash mit blauen Augen, dicker Mähne und dichtem Fell. Das pure Traumpferd für mich! Wäre es jedoch ein Mustang und kein Isländer, dann wäre es noch perfekter als perfekt gewesen.
      Malte sagte nichts, bis er direkt neben mir anhielt. »Du musstest anscheinend wirklich viel Schlaf nachholen. Hast du jedenfalls auch gut geschlafen?«
      Ich nickte. »Danke, so gut wie lange nicht mehr.« Bedankte ich mich und lächelte kurz. »Ist das dein Pferd?«
      Stolz blickte Malte auf den Hengst hinunter. »Ja, mein kleiner Prinz. Soll ich dir noch die anderen Pferde zeigen? Ich komme zwar gerade erst von den Weiden, aber wenn du mir nachher bei der Stallarbeit hilfst, sollte das kein Problem sein.«
      Ich nickte. »Gerne doch, es gibt einige Pferde, welche ich gerne mal wieder sehen würde.

      Die Weiden in Südfrankreich waren nichts im Vergleich zu denen hier in Norwegen. Geschützt, windsicher und umringt von Bäumen waren sie das pure Paradies für die Pferde. Ich war wirklich erstaunt, welch gutes Konzept und mit welch guter Planung Charly und Nico den Hof führten und versuchten, es jedem Pferd so recht wie möglich zu machen. Ich lernte all die Vollblüter kennen, vor allem Achal Tekinner, aber auch viele Araber und Englische Vollblüter, dufte die Friesen irgendeines Petyrs bestaunen und mich darüber freuen, dass mein Excelsior haufenweise Freunde um sich gescharrt hatte. Was mich jedoch wirklich entzückte waren die Zackelschafe. Sieben Stück und ein kleines Lämmchen, welche auf einer der Weiden lebten. Auch Malte schien von seinen Schafen begeistert und stellte mir gleich jeden mit Namen vor. Alle besaßen Cocktailnamen, das fand ich extrem witzig. Die große Jungpferdeweide befand sich direkt am Ufer. Der Boden war hier um einiges sandiger und auch der Wind kühler, jedoch hatten die sieben Pferde mehrere Unterstellmöglichkeiten, um sich vor der kühlen Seeluft schützen zu können. Meine Jeanie besuchten wir als letztes. Zusammen mit ihrem Fohlen und einer kleinen Shettystute stand sie so Gestütsnah wie nur möglich, da sie hier am sichersten waren. Einen Moment verweilte ich noch am Zaun und beobachtete die kleine Jelda dabei, wie sie immer wieder versuchte, die beiden anderen Stuten zum Spielen zu ermutigen. Jeanie und Belle schienen jedoch die Lust zum Toben verloren zu haben und drehten sich immer wieder weg. Malte musste meinen Blick gesehen haben, denn ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Keine Angst, es dauert nicht mehr lange und da kann die kleine Jelda mit zu den anderen Jungpferden. Sie scheint nur etwas früh entwickelt zu sein und es kaum abwarten zu können, endlich von ihrer Mutter loszukommen.«
      Ich grinste zurück und zog Malte dann mit zum Stall. »Los komm schon, die Arbeit wartet!«

      Ich hätte nicht gedacht, dass der Stall so viel Arbeit war. Meine anfängliche Motivation war schnell wieder geschrumpft und auch die norwegische Musik im Radio, welche ich als mega witzig eingestuft hatte, wurde schnell nur noch zu einer Qual. Fast schien es, als hätte ich im letzten ¾ Jahr verlernt, was es bedeutete, so viele Boxen sauber machen zu müssen. Malte schien dies jedoch gar nicht zu stören. Die Arbeit im Stall schien sein Leben zu sein, so als könnte er sich nie etwas anderes vorstellen. Erst nach mehreren Stunden hatten wir die fünfzig Boxen von jeglichem Mist befreit, die Stallgase gekehrt und allen Pferden das Heu für den Abend vorbereitet.
      »Kaffee?« fragte mich Malte, als wir beide unseren Besen an die Wand lehnten. Ich nickte und kletterte erschöpft und sehr ungelenkig auf einen Heuballen in der Stallgasse. Daraufhin verschwand Malte in der kleinen Reiterstube und kurz darauf hörte ich das vertraute Geräusch einer Kaffeemaschine. Ja Kaffee, das war wohl eines der wichtigsten Mittel, welche mich jeden Morgen auf den Beinen hielt, wenn ich in aller Frühe mein Bett verlassen musste. Die Zeit nach dem Kaffee verging um einiges schneller. Nachdem die Arbeit im Stall geschafft war, verlief der Tag viel angenehmer. Ich wich Malte nicht von der Seite, beobachtete ihn dabei, wie er eine junge Ponystute von der Weide holte, diese putzte und sattelte und sie dann zur Reithalle führte. Auch diese lag versteckt mitten im Wald und nur ein kleiner Pfad führte dorthin. Staunend beobachtete ich ihn, wie er die Stute mit viel Geduld und vor allem Gefühl an die Lektionen heranführte und wenn etwas nicht klappte, versuchte er es einfach nochmal. Er schien ein richtiges Talent fürs Trainieren zu haben und irgendwo in meiner Magengegend spürte ich einen kleinen Eifersuchtsknoten, welchen ich jedoch erfolgreich wieder verbannen konnte. Auch der restliche Nachmittag war vor allem pure Entspannung. Pferde und Natur, mehr gab es eigentlich nicht, was mich glücklich stimmen konnte. Zusammen mit Malte und seinem großen Hund, machten wir einen Spaziergang mit einigen der Jungpferden. Während Malte seine beiden Isländer Félagi und Dynur nahm, entschied ich mich für Scion und Aspantau. Vor allem Aspantau hatte sich gigantisch entwickelt und ich freute mich, dass es ihm so gut ging. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs und als wir zurück zum Gestüt kamen, dämmerte es bereits leicht. Die Pferde putzten wir noch ab und brachten sie dann zurück auf die Weide.
      »Holst du sie heute nicht über Nacht in den Stall?« fragte ich Malte, als dieser gerade das große Tor des Stalls schloss. Er schüttelte nur den Kopf. »Nein, heute nicht. Die Arbeit erspare ich mir. Morgen Nachmittag kommen alle wieder, dann machen wir das zusammen.«
      Ich fragte mich, ob er mit „wir“ auch mit meinte, denn ich hatte bereits etwas anderes geplant.

      Den Abend verbrachten wir, eingehüllt in warme Decken, unten am Strand. Auf Klappstühlen, mit einer heißen Tasse Tee in der Hand und einer flackernden Kerze zu unseren Füßen blickten wir auf den Tyrifjord, über welchem bereits der helle Mond aufgegangen war und sich nun in dessen Oberfläche spiegelte. Ich war erstaunt, als Malte nach einer Zeit des Schweigens anfing, mir von dem Leben auf der Ranch zu erzählen, seinen Freunden und seiner Geschichte. Ich hatte Malte heute als einen überaus stillen und schweigsamen Menschen erlebt und deswegen verwunderte es mich, dass er mir nun so freizügig erzählte. Irgendwann fing auch ich an, ihm vom Leben in der Wüste zu erzählen und es schien ihn ehrlich zu interessieren, so als ob er mich und meine Entscheidung verstand. Ich war ihm überaus dankbar, mit wie wenig Vorurteilen er an mich heran getreten war, obwohl er wusste, dass ich Charly und vielleicht auch Nico enttäuscht hatte. Es war bereits spät nach Mitternacht, als wir unseren schönen Platz aufgaben und zurück zum Hof gingen. Diesmal kam mir der Flur bereits gar nicht mehr so unheimlich vor und auch an das flackernde Licht schien ich mich gewöhnt zu haben. Ohne viel Umschweife zog ich mir meine dreckigen Kleider aus und schlüpfte unter die warme Decke des Sofas. Malte wünschte mir noch eine gute Nacht und bevor er das Licht gelöscht hatte, war ich eingeschlafen.

      Am nächsten Morgen wachte ich in aller Frühe auf. Perfekt, genau zur richtigen Zeit. Malte schlief auch noch und so zog ich mir langsam meine Kleidung wieder an, schnappte mir meine Tasche und wollte die kleine Wohnung verlassen. Kurz bevor ich jedoch die Türklinke nach unten drückte, überlegte ich es mir nochmal anders und kritzelte mit zitternder Hand auf einen kleinen Zettel:
      Danke für alles!
      Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann nochmal wieder.
      Mio
      Es tat mir Leid, dass ich ihn ohne ordentliche Verabschiedung wieder verlassen würde und doch war das mein neues ich. Ich war sprunghaft geworden, wollte mich mit keinem anderen Ort mehr verbinden und am besten mich mit keinem anfreunden. Ich lebte nur noch für Nevada, für die Mustangs, für Addison und für mich. Der Mietwagen brauchte etwas länger um zu starten, der Motor schien etwas eingefroren zu sein. Doch als er endlich startete, verließ ich die Ranch ohne einen Blick zurück zu werfen. Hätte ich es getan, so hätte ich bestimmt den jungen Man gesehen, welcher vor seiner Haustür stand und mir mit einem kleinen Lächeln nachlächelte.
      Etliche Stunden später landete der Flieger auf dem Flugplatz in Las Vegas. Es war ein Las Minute Flug gewesen und dementsprechend ramponiert und unbequem war der Flug gewesen. Zum Glück hatte ich so die verlorenen Schlafzeit jedenfalls etwas wieder aufholen können. Vor dem Gebäude, angelehnt an seinen dunklen Jeep, wartete Addison auf mich. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und ich konnte sehen, wie er jeden an ihm vorbeikommenden Passanten mit zusammengekniffenen Augen musterte. Ich musste bei seinem Anblick lächeln und als auch er mich erblickte, streifte sein Blick als die Erlebnisse von Norwegen von mir ab. Ich hatte mein Gewissen mit diesem Besuch nun endlich beruhigt und es war Zeit, nun nur noch hier und jetzt zu leben. Ich stieg auf der Beifahrerseite ein und kurz darauf schlängelte sich das brummende Gefährt durch die vollen Straßen von Las Vegas, genau auf den Red Rock Canyon zu.

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      19. März 2017 | 8103 Zeichen | Canyon
      Überforderung bei Petyr

      Malte » Völlige Überforderung. Genau dies zeigte Petyrs Blick, als er mich am sah. Es war früher Morgen, wie immer brachte der Nahe Fjord den Nebel mit sich, welcher sich auf die Felder und Wiesen rund um die Ranch ausbreitete. Petyr hatte am Stalltor gelehnt und ziemlich elegant an einem Grashalm gekaut, welchen er immer dann im Mund hatte, wenn er früher eine Zigarette angesteckt hatte. Als ich nah genug vor ihm stand, damit er mich betrachten konnte, hatte er sich überrascht vom Tor abgestoßen und blickte mich nun mit großen Augen an. „Was – ist – das?“ Wollte er wissen und deutete auf meine Haare.
      „Ein geflochtener Zopf, besser gesagt ein „Bun Bread“, wie ich herausfinden konnte. Und ja, ich habe dafür ziemlich lang gebraucht und sehe es nicht ein, dass du mein Kunstwerk nun mit deinem vernichtenden Blick in Frage stellst!“ Gab ich meinem Freund deutlich zu verstehen.
      „Aber das ist ein Zopf! Ich meine, einen Dutt trägst du ja schon immer und den Lederband müsste eigentlich auch längst verfault sein, aber meinst du nicht, dass es etwas gewagt ist, dein komplettes Aussehen so abrupt zu ändern? Ich meine, ein geflochtener ZOPF?“ Petyr hörte gar nicht mehr auf zu reden und mittlerweile wusste ich selbst nicht mehr, ob er das ernst meinte, oder nur gerade wieder in witziger Stimmung war. Klar, ich hatte seit zehn Jahren die gleiche Frisur, aber sich nun darüber aufzuregen, dass ich ausnahmsweise einen Strähne eingeflochten hatte, ne, das war übertrieben.
      „Krieg‘ dich wieder ein, das ist kein Weltuntergang!“

      Während des gesamten Weges zum Gebäude der Schulpferde in südlicher Richtung, merkte ich Petyrs Blick auf mir, oder besser gesagt auf meinem Kopf. Zum Glück schien es weder meinen Gery, noch Edda zu stören, was ich natürlich auch nicht erwartet hätte.
      „Hat dir Tjarda wohl gesagt, dass sie auf Männer mit Zöpfen steht, oder woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel?“ Petyr konnte anscheinend nicht locker lassen. Ich seufzte.
      „Nein Petyr, niemand hat mir etwas in der Art gesagt und vor allem nicht Tjarda! Ich habe ein Bild gesehen und gedacht, dass meine Haare gut dazu geeignet sind und es einfach mal ausprobiert und um die ganze Arbeit nicht sofort wieder zu ruinieren, habe ich es drin gelassen. Ok?“
      Petyr schüttelte nur ungläubig den Kopf, schien dann jedoch erstmal den Mund zu halten. Da Vuyo, dieser Faulsack, mal wieder seinen freien Tag hatte, waren Petyr und ich für den Stalldienst bei den Ponys (und einem Großpferd) eingeteilt. Es war zum Glück nicht viel Arbeit, denn mittlerweile beherbergte der Stall nur noch fünf Pferde. Are und Bo hatten vor kurzem unerwartet aber mit schwerem Herzen Elliot und Nabiri an ein Gestüt verkauft, wo sie es hoffentlich gut haben würden. Die nun noch kleinere Herde verbrachte so zusammen den Tag auf der Weide und die Nacht im Stall und schien ihr gemütliches Ponyleben gut zu genießen.
      „Du fütterst Excelsior und Valentines Jeanie, ich kümmere mich um die anderen drei.“ Wies ich Petyr seine Aufgaben zu und wollte mich bereits umdrehen, als von Petyr wieder ein Kommentar zu meinen Haaren kam.
      „Pass auf, dass die drei dich erkennen, du weißt, dass Braum Veränderungen gar nicht mag.“
      „Haha, wie witzig“, lachte ich trocken und seufzte dann genervt. Braum, Milosch und Abs waren schnell versorgt. Wasser kam aus neu angelegten Wasserspendern und frisches Heu war ohne Probleme nachgelegt. Nachdem alle Pferde ihr Müsli gefressen hatten, schnappten wir uns die Halfter und führten die fünf nach draußen auf die gemeinsame Koppel.
      „Ich hatte übrigens Glück“, meinte ich zu Petyr, „Die Pferde haben sich, im Gegenteil zu dir, deutlich zurückgehalten, was ihre Meinung zu MEINER Haarfrisur anging.“
      „Ach, was du nicht sagst.“ Petyr lachte hämisch. „Noch nicht mal Milosch wollte mit dir Reden? Krass Alter!“ Ich boxte Petyr in die Seite und schlug dann den Weg zurück zum Hauptstall ein. Die zwei leuchtenden Augen hinter den lichten Holzbrettern des Stalls, welche mich und Petyr bis wir außer Sichtweite waren, beobachteten, bemerkte ich nicht.

      Den restlichen Tag verbrachte ich wie immer damit, alle Pferde zufrieden zu stellen und zu versuchen, alle wichtigen Dinge auf meiner To-Do-Liste abzuarbeiten. Petyr genoss wie immer sein unbeschwertes Leben und nur Charly, welche ich mittags im Stall antraf, merkte man die viele Arbeit an.
      „Ich brauche dringend mehr Angestellte! Ich schaffe das einfach nicht mehr...“ Sagte sie, bereits zum wiederholten Male zu mir und strich sich eine von ihren mittlerweile wieder schokoladenbraunen Haaren aus dem Gesicht. Sie war ziemlich hübsch und selbst ich musste mich anstrengen, ihr nicht allzu lange hinterher zu blicken. Jedenfalls schien Tuva mein kleines Haarexperiment zu gefallen, als sie am Nachmittag ihren Hengst Abraham van Helsing zu einem Ausritt vorbereitete und ich ihr dabei über den Weg lief. Teodor hielt sich wie immer gekonnt zurück und natürlich merkte es die blinde Torun gar nicht, dass sich bei meinem Aussehen ausnahmsweise etwas verändert hatte. Nur Petyr, welcher sich damit einfach nicht abfinden konnte, kam, nachdem er längere Zeit unauffindbar gewesen war, mit einem Stapel alter Bilder von mir zurück und zeigte mir, wie lange ich bereits schon so aussah, wie ich jetzt aussah und, dass er mich nicht verstehen konnte, wie ich sowas nur tun konnte. Heute war ein Tag, da wurde mir abermals bewusst, dass Petyr ein ganz schön komischer Kauz war. Ich selbst war erstaunt, dass ich das jetzt erst merkte, immerhin kannte ich ihn schon – wie viele Jahre? Auch ich fand kurz vor der Dämmerung Zeit, mich mit einigen meiner Pferde zu beschäftigen. Da Charly und Striga die Halle komplett mit ihren Bodenarbeitszeug belegten und ein mir unbekannter Mann, angeblich irgendein Freund von Nico, mit der schwierigen Ocarina of Time einen Schreckparcours auf dem Platz aufgebaut hatte, blieb mir nichts anderes als das Gelände übrig. Bo, welcher die Tränen nach dem Verkauf ihres Pferdes ganztägig in den Augen standen, freute sich jedenfalls ein bisschen, als sie von mir das Angebot bekam, auf Black Lemontree, dem alten Heeren, mit auf den Ausritt zu kommen, sodass ich mich selber auf Óslogi setzen und den mittlerweile genauso großen Félagi führen konnte. Der gute alte Are erklärte sich bereit, uns zu Fuß zu begleiten und nebenbei gleich Dynur mitzunehmen. Auch Dynur würde wohl bald ins Training müssen, vielleicht war da der nahende Frühling gar kein so schlechter Startpunkt. Nach einer dreiviertel Stunde taten Are seine Füße so weh, dass wir auf dem schnellsten Weg zur Ranch zurückgingen und wir zusammen die Pferde absattelten. Ich versprach der kleinen Bo, dass sie ab nun gerne öfter auf Blacky reiten durfte und das zauberte ihr jedenfalls ein kleines Lächeln ins Gesicht. Als am späten Abend die Halle endlich leer wurde, halfterte ich meinen neuen großen Freund und Begleiter Angus auf und ging, über den Schultern einen Halsring hängend, in die Halle. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, auf einem großen felligen Kaltblut zu sitzen, mit nichts weiter als einem Halsring in der Hand. Bei Angus hatte ich schnell bemerkt, dass er der perfekte Partner dafür war und da Ĺogis harter Gang leider nicht so perfekt dafür war, war ich umso glücklicher, nun endlich Angus dafür zu haben. Am Ende des Tages wartete nur noch ein warmes Bad auf mich und als ich gerade die Lampe neben meinem Bett ausschalten wollte, suchte mein Handy, oder besser gesagt Petyr, nach Aufmerksamkeit.
      „Petyr.“ Fast hätte ich bereits damit rechnen müssen, dass sich mein Freund nochmal bemerkbar machen würde. Meine Haare schienen ihm wirklich zuzusetzen.
      „Ja hey Malte, mein Freund. Sag mal, hast du den Zopf nun eigentlich raus gemacht? Oder lässt du ihn drinne? Drückt das nicht ein bisschen?“
      Ich musste lachen und ich lachte ziemlich selten so laut. Diesmal blickten mich Gerys verwirrte Augen vom Fußende des Bettes doch ziemlich perplex an. „Ja, der Zopf ist draußen, aber weißt du was? Ich habe mir gedacht, dass ich mir morgen früh einfach zwei Zöpfe flechte!“ Ich grinste in die Dunkelheit und stellte mir Petyr aufgerissene Augen bildlich vor. „Was hältst du davon, mein Freund?“
    • AliciaFarina
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      1. Mai 2017 | 29.147 Zeichen | Canyon
      Ein Brief an Dich

      Charly » Liebste Mio
      Da du mittlerweile weder per Telefon, noch per Skype oder gar per E-Mail erreichbar bist, muss es nun also über den langen Weg gehen, nämlich per Post. Die Vorstellung ist witzig, dass dieser Brief einen weiteren Weg zurücklegen wird, als ich es je getan habe und das für wenige Euro.
      Seit mittlerweile mehreren Monaten herrscht Funkstille. Was ist nur passiert? Was ist mit der alten Zeit geschehen? All die Jahre, in denen du mir nie von der Seite gewichen bist, verweht vom Winde. Ich konnte dich gut verstehen, aber mittlerweile ist eine lange Zeit seit dem vergangen. Ich will meine beste Freundin nicht verlieren!
      Allerdings will ich dir nicht schreiben, um dich mit Vorwürfen zu bewerfen. Ich brauche dich, dich meine Freundin und ich hoffe, dass du mir die Ehre erweist und diesen Brief nicht ignorierst. Es ist mein letzter Versuch, das Alte zu erhalten und trotzdem neu zu beginnen.
      Bei uns auf der Tyrifjord Ranch hat sich in den letzten Monaten so einiges getan. Wir sind gewachsen und gewachsen, haben unsere Können bewiesen und erste Fohlen gezogen. Die Ranch würde dir gefallen, glaube mir. Ich weiß, dass du in Nevada glücklich bist, aber auch Norwegen ist etwas ganz besonderes.
      Bart kann mittlerweile von einer Box zu nächsten laufen und vor allem die Katzen haben es ihm angetan. Endlich kann er zu ihnen ins Heu krabbeln und sich auf die Kleinen stürzen. Capucine hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass auch Asuka einen Platz im Schlafzimmer hat, auch wenn alles auf dem Bett ihr gehört und sie dieses Gebiet agribisch verteidigt.
      Seit Weihnachten habe ich endlich einen Ersatz für meine geliebte Anaba gefunden. Es war ein Geschenk des ganzen Hofes und ich kann mich an kein Weihnachten erinnern, welches so überraschend für mich war. Striga ist noch jung und ziemlich unerfahren, jedoch habe ich endlich wieder ein Pferd gefunden, welches es mit meiner heiß geliebten Anaba aufnehmen kann.
      Auch Nico hat endlich etwas gefunden, was ihn antreibt. Mittlerweile beherbergen wir auf unseren Hof sechs Warmblüter für den Vielseitigkeitssport. Nicos Auswahl: Nur Pferd mit Macke ist Pferd. Vielleicht kennst du Bijou noch. Kurz vor Weihnachten zog seine Freundin Shari ein und kurz darauf auch schon Colour Splash. Beide Stuten sind nicht nur hübsch, sondern auch ziemlich zickig, zeigten jedoch von Anfang an Talent. Die Krönung wollen wir auch nicht mehr lange hinauszögern, nur fehlte uns bis jetzt die Zeit für die Reise. Shari ist mittlerweile trächtig und du glaubst es nicht, aber Nico sprüht nur so vor Vorfreude!
      Seit einigen Tagen kamen dann auch die letzten drei Sportpferde hinzu. Unsere gemeinsame Freundin Bracelet überließ Nico ihren Hengst Deo Volente und wir nutzten die Chance, sie gleich in Schweden zu besuchen. Nicos größtes Heiligtum: Ghostly Phenomenon. Du weißt gar nicht, wie er aus dem Häuschen war, als das Pferd seiner Träume dann endlich in unserem Stall stand. Meine Freude hielt sich etwas in Grenzen, so hübsch er auch ist, es wird eine Menge Arbeit kosten, ihn auszubilden. Über Sweet Prejudice kann ich dir leider noch nicht so viel erzählen, interessant ist das einzige, was mir zu ihr einfällt.
      Ach Mio, wie sehr vermisse ich deine Stimme und wie sehr hoffe ich, dass es dir gut geht! Irgendwann komme ich dich besuchen meine Kleine, irgendwann. Vielleicht nehme ich Malte mit, auch er wollte schon immer einmal Wildpferde sehen. Ich glaube, mit Malte würdest du dich gut verstehen, er ist ein guter Freund.
      Habe ich dir schon erzählt, dass Bella und ihr, mittlerweile Ex-Freund, Robin nach Norwegen gekommen sind? Es gab einige Komplikationen in Dänemark und ich glaube, mittlerweile ist auch Bella mit ihrer Entscheidung zufrieden. Sie hat ziemlich oft nach dir gefragt, sagen konnte ich ihr leider nicht sehr viel.
      Leider gibt es auch schlechte Neuigkeiten. Grenzfees Hufehe haben sich wieder bemerkbar gemacht, sodass sie nun wieder in der Box leben muss. Ich habe so gehofft, dass sie es für immer überstanden hat... Damit sie nicht alleine ist, steht nun auch Teufelstanz wieder im Stall. Ich hoffe jedoch auch, dass wir diesmal früh genug eingegriffen haben und der Tierarzt bis zum Beginn des Frühlings wieder grünes Licht für die Weide gibt.
      Außerdem ist vor wenigen Tagen Nicos Vater gestorben. Ein Autounfall, ich will nicht tiefer ins Detail gehen, es weckt zu viele Erinnerungen. Unerwartet hat Nico den Großteil des Vermögens geerbt und auch wenn noch nicht genau geklärt ist, wie viel es sein wird, kann dies ein weiterer Schritt für uns sein! Du weißt, von Nicos Vater habe ich nie viel gehalten und auch Nicos Verbindung war nie allzu tief, aber er trauert doch ganz schön. Gestern früh habe ich ihn nach Drammen zum Flughafen gebracht, mittlerweile sollte er gut gelandet sein. Er will sich bis zum Abend bei mir melden.
      Ich weiß nicht, was in Zukunft auf uns zukommen wird, aber ich bin mir sicher, dass es ziemlich spannend wird!
      Es tat gut dir zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß, wann und wo er dich erreicht. Vielleicht sinkt das Schiff oder das Flugzeug stürzt ab, ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau: Ich will dich nicht verlieren.
      Von ganzem Herzen,
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Ich empfing deinen Brief gestern Abend mit großer Verwunderung. Hast du jemals vorher einen Brief geschrieben?
      Du hattest Glück, dass ich ihn noch erhalten habe, denn mittlerweile sollte ich auf dem Weg nach Utah sein. Sei mir also nicht böse, wenn meine Antwort aus Zeitgründen ziemlich knapp ausfällt.
      Ich freue mich sehr von dir, deiner Familie und den Pferden zu hören und sobald ich die Zeit finde, werde auch ich dir berichten, weshalb ich in den letzten Monaten eine so unzuverlässige Freundin gewesen war. Ich hatte wichtige Gründe und ich bin mir sicher, dass du sie verstehen wirst.
      Fühle dich gedrückt,
      Mio

      Charly » Liebste Mio
      Es erwärmte mir dein Herz, das kleine Stück Papier von dir in den Händen halten zu dürfen. Dir geht es also gut, das ermöglicht mir meine erhoffte Erleichterung. Und ja, vor wenigen Jahren schrieb ich einen Brief an meine Großmutter, obwohl ich leider zugeben muss, dass dieser nie ankam.
      Viel verändert hat sich bei uns noch nichts. Noch nicht. Gestern kam Nico ziemlich erschöpft aus London wieder. Ich merkte jedoch sofort, dass ihn etwas anderes beschäftigte, was nicht mit seinem Vater zu tun hatte. Am Abend unterbreitete er mir dann seine Idee: Ein neues Gestüt. Diese Vorstellung passte gerade so überhaupt nicht in mein Leben. Ich bin hier doch glücklich? Unsere kleine verträumte Ranch mitten am See. Aber Nico schwärmte so sehr von einem internationalen Sportgestüt, einer kleinen Zucht und einer eigenen Reitschule, dass ich ihm nicht lange widersprechen konnte. Er meinte, dass wir jetzt das Geld und die Kraft hätten, dies zu tun und wer weiß, wann dies nochmal der Fall sein sollte.
      Ach Mio, so viel Veränderung, schon wieder! Bereits heute morgen ist er in seinen Wagen gestiegen und gen Norden gefahren. Zurückgekommen ist er noch nicht. Ich spüre die Entdeckungslust und die Vorfreude in mir. Es wäre wieder ein Umzug für die Pferde, aber diesmal ein endgültiger, das steht für mich fest!
      Aber was rede ich da. Erst einmal muss ein Ort gefunden werden und das Gestüt muss gebaut werden. Das wird dauern, ziemlich lange dauern.
      Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Malte hat sich in den letzten Tagen intensiv mit Prejudice beschäftigt und versucht, die eigenwillige Stute besser kennenzulernen. Ein bisschen mag ich sie mittlerweile ja auch, sie hat etwas besonnenes an sich, vor allem dann, wenn sie auf der Weide ist. Sie scheint das Leben abseits des Stalls zu lieben und plötzlich eine ganz andere zu sein.
      Rubina steht kurz vor der Geburt des Fohlens. Nico leidet darunter, dass er sie und seinen Marid in den nächsten Tagen unbedingt trennen muss, er hat es schon viel zu lang hinausgezögert.
      Weißt du, ich glaube Excelsior und Jeanie vermissen dich immer noch. Ich habe eine gute Reitbeteiligung für beide gefunden und Vuyo tut sein bestes, die beiden zu beschäftigen. Er gibt jetzt hin und wieder Reitunterricht und scheint voll in seinem Element gelandet zu sein. Den Pferden scheint es zu gefallen und auch von den Schülern bekommen wir nur positive Rückmeldungen. In der Hinsicht wäre es gar nicht so schlecht, auch die Reitschule zu erweitern. Allerdings bräuchten wir dazu noch einige weitere Pferde. Nur Abs, Milosch, Jeanie und Exel sind einfach zu wenig. Zum Glück haben wir die Befugnis, auch noch Elliot ab und zu einzusetzen und der junge Braum macht immer größere Schritte in Richtung Schulpferd. Trotz seines unerfahrenen Alters fliegen dem Süßen die Mädchenherzen nur so zu! Er suhlt sich richtig in der Aufmerksamkeit. Aber ich muss wirklich zugeben, dass er ein hübscher Kerl geworden ist.
      Du glaubst es nicht, aber letztens hat Nico tatsächlich nach dem Verkauf eines Pferdes geweint. Das Pferd hieß Eik und auch ich habe den großen Kerl geliebt. Allerdings mussten wir einsehen, dass wir uns etwas überschätzt hatten, was ihn betraf. Er war echt ein guter Kerl, jedoch brauchte viel Aufmerksamkeit und die konnten wir ihm leider nicht geben. Immerhin haben wir mit Worgait, Marid und Co bereits so einige Pferde, welche es nicht scheuen, ihre Meinung offen kundzutun. Aber natürlich gibt es auch andere Kunden. Unsere drei Vollbluthengste Golden Ebano, Valentines Alysheba und Osgiliath haben sich gesucht und gefunden. Die drei bleiben mittlerweile auch über Nacht, wenn die Temperaturen nicht in den Minusbereich sinken, auf der Weide und verstehen sich trotz ihrer Hengstmanieren prächtig. Ach Mio, wie sehr wünschte ich dich zu mir. Bei einem Glas Wein auf der Veranda könnten wir uns unsere Geschichten austauschen, lachen und das Leben genießen. Es fällt mir schwer, ohne eine Freundin wie dich, das Leben vollkommen zu lieben. Klar, mit Tuva verstehe ich mich sehr gut und es hat nicht lang gedauert, bis wir bemerkten, dass wir den selben Alkoholgeschmack teilen, aber sie ist nur eine Freundin.
      Ich will deine Zeit nicht allzu sehr verbrauchen, aber es freut mich, dass wir nun einen Weg gefunden haben, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten.
      Die wärmsten Grüße,
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Wieder habe ich dich warten lassen. Allerdings sind wir erst vor wenigen Tagen aus Utah zurückgekehrt und wie du dir vorstellen kannst, ist der Weg nach Vegas zum nächsten Briefkasten nicht der kürzeste. Da ich heute morgen jedoch für uns einkaufen war, habe ich gleich die Chance genutzt und den Brief auf die Reise geschickt.
      Irgendwo in deinen Worten versteckt sehe ich noch die alte Ranch, welche wir beide zusammen entstehen lassen. Saint Gorge, wenige Boxen, nur ein alter Reitplatz, dafür das Meer gleich vor den Füßen. Warum ist es euch beiden so wichtig geworden, alles immer größer werden zu lassen? Gibt es nicht bessere Möglichkeiten so viel Geld einzusetzen?
      Es freut mich allerdings zu hören, dass auch meine liebste Bella den Weg zu euch gefunden hat. Richte ihr die liebsten Grüße aus! Vielleicht werde ich mich in den nächsten Tagen mal bei ihr melden. Hast du auch etwas von Linn gehört? Wie geht es ihr auf Island?
      Addison versucht mich ständig dazu zu überreden, dass wir euch mal besuchen kommen. Er möchte dich und natürlich auch die Pferde selbst einmal kennenlernen. Ich bin noch nicht soweit Charly, noch nicht. Lass mir die Zeit, lass mich abschalten, lass mich wer anders sein. Nevada und die Mustangs geben mir all das, was ich so lange gesucht habe. So lang. Ich will es noch nicht hergeben oder teilen, erst wenn ich all das schöne hier in mir aufgesogen habe. Verstehe mich bitte.
      Der kleine Kuckunniwi entwickelt sich prächtig. Endlich hat Anaba ihn freigegeben. Ich merke die Veränderung die er gerade durchlebt, merke, wie er sich und seine Freiheit findet und wie sehr Anaba ihn liebt. Fast schmerzt es mich, dass sie mich nicht an ihn heranlässt, aber wir wollten es ja so. Er sollte so aufwachsen, wie es die Pferde auf den weiten Weiden Amerikas tun sollten.
      Für Hidalgo, Morrigans Hidalgo, und Chosposi tut es mir Leid, dass sie aufgrund ihres Hengststatus nicht mit zu den anderen Pferden dürfen. Dafür haben sie sich beide und die Verbindung zu ihnen hat sich in letzter Zeit um einiges verstärkt.
      Du glaubst es nicht, aber Varys und Imagine There's No Heaven sind mittlerweile, du wirst es nicht glauben, ausgewachsen. Zusammen mit Triumph genießen sie die Jugend, auch wenn Addi vor hat, im Sommer anzufangen sie jedenfalls etwas auszubilden.
      Ach ja, Addi, er ist ein guter Freund für mich geworden. Wir sind uns näher, als ich mich jemals bei einem Menschen gefühlt habe, näher als Shadow mir je gewesen war und doch sind wir kein Paar. Wir sind Gefährten, welche zusammen das tun, was sie für richtig erhalten. Wir wollen die Wildpferde erhalten und die Menschheit davon abhalten, diese wunderbaren Tiere wie Müll zusammenzutreiben, wieder auseinanderzureisen und dann auf dem ganzen Erdball zu verteilen.
      Wenn wir einmal bei diesem Thema sind, so werde ich dir gleich erzählen, was ich in Utah zu suchen hatte. Eine Freundin von Addi rief an. Sie meinte, dass sie ein komisches Paar entdeckt hatte. Ein weißer Hengst und eine junge braune Stute, verletzt. Amy, seine Freundin, erzählte, dass die beiden neu in der Gegend sind und es so schien, als wären sie extra so nah an die Auffangstation gekommen, um Hilfe zu suchen. Anfänglich wusste ich nicht, was Addi so in Aufregung versetzte. Ich sollte ihm vertrauen und da ich das sowieso tat, vertraute ich ihm. Erst im Nachhinein, nachdem Hengst und Stute mithilfe von Addi eingefangen wurden, erzählte er mir die ganze Geschichte. Vielleicht werde ich dir die Geschichte auch irgendwann erzählen können, heute würde der Brief jedoch zu lang werden. Es war ein Abenteuer pur und auch jetzt, nachdem beide Pferde wohlbehalten auf einer Weide bei uns stehen, fühle ich immer noch das Adrenalin der Freiheit in meinen Adern pochen. Für dich wird es unverständlich sein, für mich war es das Beste, was mir je passiert ist. Der Hengst heißt Cloud, während seine hübsche Freundin den Namen Zonta trägt. Ihre Beine schienen von einem Zaun verletzt wurden zu sein, in welchem sie sich verfangen hatte. Obwohl sie viel Blut verloren haben muss, steht sie immer noch sicher auf allen Vieren und lässt sich nichts anmerken. Anbei schicke ich dir ein Bild von den Beiden, damit du die Schönheit verstehen kannst, welche sie ausstrahlen.
      Ich habe dir auch noch nicht erzählt, dass seit einiger Zeit ein Paint Horse bei uns wohnt. Vielleicht hast du schonmal von ihr gehört. Sie stand lange bei Rachel und später bei Verena, welche ja auch... du weißt es ja, ich muss es nicht erwähnen. Raised from Hell steht deswegen zusammen mit Addis My Canyon und Battle Cry auf einer Weide und auch wenn Canyon oft genervt von Raised ist, hat sie sich hier doch ganz gut eingelebt. Ich bin gespannt, wie sie allerdings im Sommer mit den Temperaturen zurecht kommen wird.
      Ansonsten gibt es auch hier nicht allzu viel neues. Chill und Buck sind von der Schule genervt und Heather ist immer noch eine bemerkenswerte Frau. Sie hat es uns ermöglicht nach Utah fahren zu können und hat Tag für Tag alleine die Pferde versorgt. Zum Glück sind unsere drei Jüngsten, Dawn, Time In A Bottle und Kwatoko, mittlerweile soweit, auch einige Tage alleine überleben zu können. Das hätte ich mir nie erträumt. Sie waren unsere Sorgenkinder und mittlerweile benehmen sie sich genauso wie Kuckunniwi.
      Nun bist auch du auf dem neuesten Stand, was die Triple R Ranch angeht. Ich erwarte bereits jetzt deinen nächsten Brief und auch wenn ich es nur ungern zugebe, so hat es doch seinen Reiz, per Brief eine Konversation zu führen.
      Mit aller Liebe,
      Mio

      Charly » Liebste Mio
      Was für eine Geschichte und vielleicht ist es dir ja schon bald möglich, mir die Vollversion davon anzuhören! Clouds und Zontas Bild hat mich tief berührt. Diese Anmut und Wildheit, sie steckt den beiden in allem Knochen. Aber was habt ihr nun mit ihnen vor? Cloud ist ein Wildpferd, Zonta ebenso. Wollt ihr gegen euer Ziel arbeiten und die beiden eingesperrt lassen?
      Da du mir Bilder geschickt hast, muss auch ich dich mit welchen von unseren Pferden erfreuen. Rubina hat vor zwei Tagen erfolgreich ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht. Ich hätte Nico filmen müssen, als er ihn das erste Mal gesehen hat! Er war begeistert und begeistert, aber das war ich auch, denn der kleine ähnelt nicht nur stark seiner hübschen Mutter, sondern hat auch interessante Markierungen an Kopf und Flanke, welche auch Marid im Gesicht trägt. Der kleine Mytos ist ein wahrer Prachtkerl geworden und ein guter Start in die Fohlensaison dieses Jahr!
      Auch hat sich wegen des neuen Gestüts einiges ergeben. Sicher war, dass wir am Tyrifjord bleiben wollen. Wir lieben ihn und es wäre sinnlos, diese Heimat bereits aufzugeben. Drei Tage dauerte es nur, bis Nico mit einer faszinierenden Idee zurück kam. Im nördlichen Teil vom Tyrifjord liegt eine recht große Insel namens Sorøya. 1.7qkm groß und nahezu unbewohnt. Nur ein paar wenige Bauernhäuser stehen dort, der Rest ist Wald, Wiese und Feld. Nico schaffte es, genau diese Insel für uns zu gewinnen! Es tut mir fast Leid um dieses Paradies, aber noch mehr freue ich mich darauf, eine eigene kleine Welt nur für uns und unsere Pferde.
      Die Verhandlungsgespräche laufen bereits und ich bin, wie du dir sicherlich vorstellen kannst, ziemlich gespannt, was das betrifft.
      Das Training mit den Pferden läuft nun langsam wieder an. Einen Großteil übernimmt natürlich Malte, da Petyr nun öfter wieder in der Welt unterwegs ist. Ihn zieht es hinaus, während Malte das ruhige und stetige Leben auf dem Gestüt genießt. Ich bin ganz erstaunt, dass Nico mittlerweile ordentlich zupackt und auch wenn sein Fokus nur auf seinen eigenen Pferden liegt, so ist seine Aufenthaltszeit im Stall in den letzten Wochen um einiges gestiegen.
      Am Wochenende war uns meine Schwester besuchen. Sie wohnt, wie du ja weißt, in Oslo und hat leider mit Pferden nichts am Hut. Dafür konnte ich ihren neuen Freund, sowie ihren Adoptivsohn endlich kennenlernen. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass Alexandra so lange gebraucht hat, mich hier zu besuchen, der Weg ist ja nicht unendlich weit! Trotzdem ist sie meine Schwester und man liebt seine Schwester. Dimitri schien ganz fasziniert von dem Gestüt, während Alex natürlich nicht begeistert war. Ich kann das gar nicht verstehen, dass es Menschen geben kann, die diese fantastischen Geschöpfe nicht mögen. Wie kann man in einem Pferd nichts weiter sehen als ein Pferd?
      Ansonsten nimmt hier alles seinen gewohnten Lauf. Die Sonne geht auf, und sie geht wieder unter. Genauso wie es immer war.
      Ich vermisse dich!
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly
      Der kleine Mytos berührt mir mein Herz, denn in ihm sehe ich seinen Vater. Auch wenn ich mich nie mit Marid verstanden habe, so ist es doch ein Stück Erinnerung und ein Teil meiner Vergangenheit.
      Wieder habe ich länger gebraucht, um dir zu antworten. Aber bei uns wird die Arbeit wieder mehr, denn die Winterpause ist vorbei und schon bald beginnt wieder die Zeit des Einfangens und da müssen wir bereit sein.
      Cloud und Zonta werden so lange bei uns bleiben, bis Zontas Wunden verheilt sind. Addi hat sich die größte Mühe gegeben und auch wenn es nicht immer einfach war ein Wildpferd zu versorgen, schien auch Zonta mit der Zeit zu bemerken, dass wir nur helfen wollen.
      Addi ist seit Clouds Ankunft anders. Oft liegt er draußen auf der Weide und beobachtet den Hengst. Er scheint tief in Gedanken versunken zu sein und in Erinnerungen zu schwelgen. Er erzählte mir, dass er Cloud bereits kannte. Es verwunderte ihn, wie der Hengst nach Utah kam, da er Cloud hier in Nevada kennengelernt hatte. Er meinte, dass Cloud es gewesen war, welcher ihm nach dem Tod seiner Frau wieder Kraft gegeben hatte. Er selbst konnte es nicht erklären, aber er erzählte mir von dem Bild eines leuchtenden weißen Pferdes, so anmutig und edel, so ehrlich und voller Hoffnung, dass ich nicht daran zweifelte, dass es so gewesen war. Cloud bedeutet für Addi alles und vielleicht ist es ein Zeichen, dass genau dieser Hengst jetzt wieder aufgetaucht ist.
      Natürlich forschten wir weiter, denn Addi hatte Fragen. Wie kam Cloud nach Utah? Wo war seine Herde? Es dauerte nicht lange und wir fanden beim BLM unsere Antwort. Mittlerweile haben wir dort einige Kontakte, mit welchen wir wegen der Mustangs in Verbindung stehen und mit der Hilfe einer Freundin, fanden wir heraus, dass Cloud und eine braune Stute, vermutlich Zonta, die Flucht geschafft hatten, kurz nachdem sie transportiert worden waren.
      Vielleicht hat Addi gar nicht so unrecht. Vielleicht ist dieser Hengst wirklich ein Zeichen der Hoffnung und wahrscheinlich ist es Absicht, dass er bei uns gelandet ist. Cloud scheint sich nicht unwohl zu fühlen, obwohl er von den Zäunen umgeben ist. Trotzdem ist er noch ein freies Pferd und sobald der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir uns von ihm verabschieden müssen.
      Allerdings muss ich dir dringend noch etwas erzählen! Heather hat, du glaubst es kaum, ihren Neffen aufgenommen. Das ist nicht irgendein Neffe, nein, dass ist ein entlassener Häftling mit einigen Vorstrafen und hinzu kommt, dass er genauso alt ist wie ich. Problem des Ganzen: Er sieht ziemlich gut aus und ist natürlich ein riesiges Arsch. Heather meint, dass die Ranch die beste Möglichkeit sei, Jacob wieder auf die Bahn zu bringen, auch wenn ich mich frage, ob das bei ihm überhaupt noch möglich ist. Er ist ein Angeber und ein ziemlich fauler Idiot. Chill und Buck freuten sich natürlich über „ihren großen Bruder“ und dank Jacob ist die Aufmüpfigkeit der beiden nochmals gestiegen.
      Addi freute sich gar nicht über den plötzlichen Einzug. Verständlich. Er kennt Jac nicht und hat Angst um seine Pferde. Jedoch konnte er Heather den Gefallen nicht abschlagen, immerhin ist auch Jac sein Neffe und auch wenn Addi lange keinen Kontakt mehr zu seiner zweiten Schwester hatte, sind sie trotzdem miteinander verwandt.
      Ich selbst weiß noch nicht genau, wie ich zu Jac stehe. Bis jetzt hat er mich meist ignoriert und etwas enttäuscht bin ich schon, dass solch nette Menschen wie Addi und Heather solche unhöflichen Verwandte haben.
      Jedenfalls versucht Addi nun, Jac mit in die tägliche Arbeit einzugliedern. Etwas Erfahrung mit Pferden hat er bereits, da auch seine Mutter Pferdebesitzerin gewesen ist. Anscheinend liegt das in der Familie. Bis jetzt hat er sich nur meistens um die Arbeit gedrückt, ob er selbst auch Pferde mag, weiß ich also noch nicht so genau.
      Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Immerhin ist Jac der erste Fremde seit meiner Ankunft auf der Ranch und das birgt für uns alle ein Gefahrenrisiko. Jacob Moore, ich bin ziemlich gespannt, ob das gut ausgehen wird.
      Mit den besten Grüßen,
      Mio

      Charly » Liebste Mio!
      Oho! Ein junger, gut aussehender Mann, welcher total unhöflich ist? Na wenn das kein Anfang einer Liebesgeschichte sein kann! Auch ich habe daran nie geglaubt, bis es mir selbst widerfahren ist. Und schau, wo ich jetzt gelandet bin. An meiner Seite ein Mann, der genauso ein Idiot ist wie die Jungs, die mich früher in der Schule immer bloßgestellt haben und mit so einem habe ich auch noch ein Kind. Pass‘ also ja auf dich auf! Aber ich meine das wirklich ernst. Solche Männer sind meist so von sich überzeugt, dass sie nicht auf eventuelle Opfer achten. Die Geschichte mit Cloud, puh, da musste ich mir die Tränen von der Wange wischen. Das Ganze hat sich fast wie ein Film vor meinen Augen abgespielt. Ich stelle mir das wahrhaftig vor, wie ein weißer und reiner Hengst, einem zerstörten jungen Mann wieder ein Ziel zum Leben gibt. Fast könnte ich darüber ein Buch schreiben, oder, warum schreibst du kein Buch darüber? Grüße Addi von mir, ich mag ihn, er scheint ein anständiger Kerl zu sein und er scheint dafür verantwortlich, dass du wieder so lächeln und nach vorne schauen kannst!
      Vuyo hat sich nun auch endlich wieder ein Pferd gekauft und erstaunter hätte ich nicht sein können, als er da mit einer zierlichen Edelhaffi Stute stand, welche auch noch den Namen Curly Lure trägt und als ob das noch nicht genug wäre, ist sie auch noch ziemlich eigensinnig und zickig. Aber er hat vor, sie mit in die Reitschule zu nehmen und sie dort vielleicht zu einem anständigen Reitpferd ausbilden.
      Mittlerweile haben auch die Planungen für das neue Gestüt begonnen. Die Insel ist bereits vermessen und wir machen uns zur Zeit auf die Suche nach Pferdebesitzern, welche mit auf die Insel ziehen wollen und uns so unterstützen. Nico hat einen Freund in der Türkei, welcher mit einer Freundin zusammen ein kleines Arabergestüt leitet. Sie scheint ziemlich still und einzelgängerisch zu sein, jedoch will sie wegen der Unruhen in ein sicheres Land und wird wahrscheinlich zu uns nach Norwegen ziehen. Ihre Forderungen waren jedoch, dass sie ein eigenes und beheiztes Stallgebäude für ihre Araber bekommt, in welchem sie auch wohnen kann. Das wird sie jetzt wohl auch bekommen. Nico meint, dass sie dem Gestüt gut tun wird und ich bin gespannt, wie er das meint.
      Auch kommt Fiona mit ihren Pferden aus den USA zurück zu uns. Petyr freut sich natürlich höllisch auf sie und auch ich bin froh, wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wir werden so viel Hilfe wie möglich gebrauchen, wenn es soweit ist.
      Nicos angehende Zucht nimmt zur Zeit krasse Ausmaße an. Anstatt es bei ein paar wenigen Pferden zu belassen, ist die Anzahl seiner Stuten mittlerweile auf sechs gewachsen, wobei jedoch eine weitere bereits gekauft ist. Zum Glück sind es bis jetzt nur drei Hengste und ein Jungpferd, welche tatsächlich auch alle mal recht anständig sind.
      Ich freue mich auf deinen nächsten Brief!
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Bei uns wird es wieder wärmer und im Sonnenuntergang kann man wunderbare Bilder der Pferde schießen. Ich habe leider nicht viel Zeit, deswegen wird dies ein sehr kurzer Brief. Ich hoffe trotzdem, dass du dich über die Bilder freust!
      Anbei natürlich noch kleine Erklärungen zu den hübschen Pferden, welche du siehst.
      » Varys und Imagine There‘s No Heaven kennst du natürlich noch. Hier endlich mal ein aktuelles Bild von ihnen. Der gefleckte Popo gehört natürlich zu Triumph.
      » Unsere Jüngsten: Time In A Bottle, Dawn und Kwatoko. Seit einigen Tagen dürfen sie mit auf die große Weide, es ist erstaunlich, wie schnell sie sich an ihre Herde gewöhnt haben.
      » Es ist das erste Bild von Anaba und Kuckunniwi, dass ich dieses Jahr schießen konnte. Immer noch hält Anaba Abstand zur Herde und selbst Addi ist so langsam verwundert. Dafür geht es dem kleinen Kucku blendend und so langsam sieht man auch den Vater in ihm.
      » Raised from hell zusammen mit Aquena. Na? Kennst du Raised noch? Sie ist ein tolles Pferd und selbst ich sehe kaum, dass sie eigentlich kein Wildpferd ist. Zusammen mit Flotten von Mutanten erobert sie die Wildnis, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hatte.
      » Hier eine kleine Hengstherde im Sonnenuntergang. Silent Bay sieht man nur sehr schlecht hinter dem Strauch, dafür steht Imoad, oder eigentlich In the Middle of a Dream gut sichtbar im Vordergrund, wie immer. Daneben siehst du Frekur und etwas weiterhinten Quisquilloso, obwohl du den wahrscheinlich schon von meinen letzten Bildern kennst, er ist ziemlich fotogen.
      » Auf dem letzten Bild sind, von links nach rechts, die drei restlichen Stuten zu sehen. Valhalla, Quicksilver und Atius Tirawa.
      Ich hoffe, du freust dich über die Bilder!
      Mio

      Charly » Liebste aller Mios!
      Die Bilder sind der Hammer! Ich vermisse deine fotografischen Künste auf unserer Ranch, auch wenn Tjarda auch ziemlich gute Bilder schießt, malt sie trotzdem besser.
      Da auch meine Zeit wegen Umzug ziemlich knapp ist, habe ich es dir gleichgetan und in den Umschlag einfach einige Bilder gesteckt, in der Hoffnung, dass sie dir gefallen.
      » Na, erkennst du, wer hier auf der Weide abgebildet ist? Charelle und April Rain müsstest du erkennen, bei den anderen habe ich Nachsehen mit dir. Die Namen sind auch nicht leicht zu merken. Himmawallajugaga, Devrienterreuth, Sysahlreuth, Zuckerschock und Raja, sie bilden unsere Vollblutherde und zeigen auch mit aller Macht, wie viel Energie sie besitzen.
      » Malte. Anfangs wehrte er sich gegen ein Foto, aber als er hörte, dass es für dich ist, konnte ich ihn endlich umstimmen. Das wunderhübsche Tier auf dem er sitzt heißt Angus, ein Suffolk Punch und der neue Liebling aller. Am Strick sind natürlich seine Schätze Félagi und Óslogi. Jeden Sonntag macht er einen Ausritt mit ihnen. Du würdest ihn wirklich mögen.
      » Und schon wieder Malte. Diesmal jedoch heimlich geschossen, wie man an der schlechten Qualität unschwer erkennen kann. Zu seiner rechten siehst du Black Lemontree, während das junge Mädchen, eine Reitschülerin, seinen Junghengst Dynur hält.
      » Hier nochmal unsere Jungpferde Aspantau, Abe‘s Aelfric und Mios Jelda, sowie ein hübsches Portrait von I‘ve got a blue soul.
      » Und zum Schluss nochmal ein unbekanntes und ein bekanntes Gesicht für dich. Einmal Abraham van Helsing, sowie natürlich deine Ocarina of Time, welche bei den Bildern nicht fehlen durfte. Auch sie entwickelt sich so langsam prächtig!
      Ich hoffe, dass wir beide endlich mal wieder mehr Zeit für einander finden!
      Deine Charly!

      Mio » Charly, ich komme! Ich komme zu dir! Ich habe es getan, ein Flugticket ist gekauft, erwarte mich...


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      08. Juni 2017 | 23.781 Zeichen | Canyon
      Rakkaus Ja Epätoivo

      Mio » Zwei Jahre später stand ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich mir nie hätte denken können zu stehen. Die Zweifel plagten mich, Nächte lag ich wach und blickte in das stets friedlich ruhende Gesicht von Jacob. Die Mondstrahlen spiegelten sich auf seiner Haut wider und brachten seine dunklen Locken zum teuflischen Glänzen. Ich lag im tiefen Schatten.
      Als die ersten Sonnenstrahlen einige unruhige Stunden später den Weg durch die Vorhänge suchten, war ich längst munter. Ich stand im T-Shirt in der Küche und rührte in einem Topf umher, welcher eigentlich so etwas wie Schokopudding enthalten sollte. Es sah jedoch eher nach aufgeweichten Pferdeäpfeln aus. Der Schneebesen in meiner Hand wollte einfach nicht verstehen, dass ich keine Klumpen in meinem Essen haben wollte. Ich biss die Zähne zusammen, um für Jacob jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Frühstück auf die Beine zu stellen. Mein Blick fiel auf den Garten hinter dem Fenster. Jacob hatte sich wunderbar darum gekümmert und fast konnte ich mit Stolz sagen, dass unsere blühenden Blumen die prächtigsten waren. Hinter dem Garten erstreckte sich die trübe See. Dunkles Wasser schwappte immer wieder gegen die Brandung und hielt das Geschehen in Bewegung. Es war so anders, so vollkommen anders und doch fühlte ich mich wohl.
      Mein Gedanke fiel auf Addi. Er war nicht glücklich gewesen, aber er hatte es getan. Er hatte es für mich getan. Aber sein Leben war nun gezielter geworden. Er lebte nicht nur noch von Spenden, sondern verdiente sich mit seiner Arbeit viel Geld. Er hatte seine Prinzipien geändert, hatte sie den meinen angepasst und da waren wir nun. Familie Moore und Mio mitten auf einer Insel im norwegischen Fjord.
      Ich hatte gerade die Schokoklumpensoße in eine Schüssel gefüllt und auf den Tisch gestellt, als Jacob unsere Küche betrat. Er gähnte ausgiebig und schlurfte dann zu seinem Stuhl, wo er sich erschöpft niedersinken ließ.
      "Guten Morgen, Jac." Meinte ich liebevoll und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dieser brummte nur zustimmend, schnappte sich seinen Löffel und begann wild zu essen. Nach den ersten Bissen hielt er jedoch inne und blickte zu mir hoch, denn ich stand immer noch neben ihm.
      "Willst du denn nichts essen?"
      Ich schüttelte den Kopf. "Mag keinen Schokopudding."
      "Mio", meinte er warnend, "du isst zu wenig."
      "Tue ich nicht!" Wehrte ich mich. "Und außerdem mag ich wirklich keinen Schokopudding." Ich setzte mich gegenüber von ihm nieder. Jac zuckte nur kurz mit den Schultern und begann dann weiterzuessen.

      Addison » "He Chill! Das ist mein T-Shirt!" Erfolglos versuchte Buck seinem Bruder das Badmanshirt aus den Händen zu reisen.
      "Das stimmt nicht! Das ist meins!" Chill stemmte beide Füße in den Boden, um seinem Bruder standzuhalten.
      "Daaad! Chill will mir nicht mein T-Shirt wiedergeben!" Rief Buck laut.
      Addison steckte den Kopf durch die Tür. Er war in den letzten Monaten stark gealtert. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und die Haare hatten erste graue Strähnen. Er schien kraftlos, als er beschwichtigend nach dem T-Shirt griff, trotzdem zog er es seinen Kindern ohne Probleme aus den Händen. Er suchte den kleinen Zettel im Nacken heraus, laß den Namen und gab es dann Buck. "Dein Bruder hat Recht, Chill, das T-Shirt gehört Buck. Schaue mal in deinem Schrank, wo sich deins versteckt haben könnte." Meinte er liebevoll und klopfte Chill aufmunternd auf die Schulter. "Beeilt ihr euch bitte? Ich will nicht, dass ihr den Bus verpasst."

      Charly » "Warum schreit Bart denn schon wieder?" Mit grimmigen Gesicht steckte Nico seinen Kopf durch die Küchentür und versuchte verschlafen etwas zu erkennen.
      "Guten Morgen, Nico. Gut, dass du dich auch endlich dazu bereit erklärt hast, aufzustehen." Gestresst blickte Charly über die Schulter zu ihm hin.
      "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Meinte dieser genervt und betrat den Raum.
      "Ach nichts!" Lachte Charly hölzern und warf sich dann ihr wildes Haar über die Schulter. "Es ist ja nur Montagmorgen, die Arbeit wartet und dein Sohn wehrt sich krampfhaft gegen alles, was ich ihm aufs Brot schmiere und was kein Lolligeschmack hat, also gegen alles!" Wütend ließ sie das Messer fallen, drehte Barts Stuhl zu sich herum und hob den immer noch schreienden und nun auch strampelnden Jungen heraus. "Dann geht er heute ohne Frühstück in den Kindergarten!"
      "Charly, hey", Nico war an sie heran getreten und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Komm', gib ihn mir."
      Grob reichte Charly ihren Sohn an Nico weiter, welcher sich von ihr abwendete und versuchte sein Kind zu beruhigen. Charly ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
      Zwei Minuten später hatte Bartholomäus sich beruhigt und Nico setzte sich neben Charly, auf seinem Schoß Bart sitzend. "He Charly," meinte er sanft. "Du bist ganz schön fertig. Ich kümmere mich heute um Bart, mache du mal einen ruhigen, das hast du dir verdient."
      Als Charly nicht antwortete, stand Nico auf und verließ mit Bart den Raum.

      Malte » Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, nicht allzu hastig aufstehen zu können. Die Decke meines kleinen Zuhauses war nur wenige Zentimeter über meinem Kopf. Langsam rollte ich mich deswegen aus dem großen Bett und lief leicht gebückt bis zur Holzleiter. Gery nahm es mir übel, dass er alleine unten schlafen musste, dafür hatte er auch in unserem neuen Zuhause seinen geliebten Kamin bekommen. Obwohl dieser nicht brannte, schlief der große Rüde jede Nacht davor, als würde dieser ihm die Wärme geben, die er zu brauchen glaubte. Der schwerhörige alte Hund hob erst den Kopf, als ich auf den Knopf meines Radios drückte und dieses mit einigen Startproblemen ansprang. Er murrte jedoch nur kurz und ließ seinem Kopf dann wieder zurück auf die Pfoten sinken. Ich betrachtete den alten Herren einige Sekunden, während aus dem Radio "Keep on the sunny side" erklang. Gute Einstellung, dachte ich, während ich im Takt den Abwasch der letzten Tage machte. Leise summte ich die Melodie mit, richtete meinen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Natur vor meiner Haustür. Ich hatte den hübschesten Platz erwischt. Der Wald um mich herum bot mir jede Menge Schutz vor der Sonne und vorm Wind, welcher an manchen Tag recht frisch vom Fjord zu uns herüber wehte.
      Nachdem der Abwasch erledigt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zum Stall. Gery ließ ich im Haus zurück. Seit ein paar Wochen schon, begleitete er mich nicht mehr täglich, seine Kraft schien zu schwinden. Ich hatte damit gerechnet und es war in Ordnung, so wie es war.

      Mio » Ich stand pünktlich wie immer am Weidezaun, den Hut trotz der fehlenden Sonnenstrahlen auf meinem Kopf und eine dicke Jacke über mein helles Hemd gezogen. Auch die Pferde hatten ihre Zeit gebraucht, um sich von vierzig Grad täglich auf eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad umzugewöhnen. Im Gegenteil zu Addison, welcher sich komplett den Klimaverhältnissen angepasst hatte, hielt ich meinen Stil aus vergangenen Zeiten so gut wie möglich bei. So schnell würde ich nicht alles aufgeben.
      Addison kam wie immer zu spät. Chill und Buck forderten, seitdem wir in Norwegen wohnten, durchgängig seine Aufmerksamkeit. Heather half ihm so sehr wie möglich bei der Erziehung der Zwillinge, jedoch hatte auch sie noch ihr eigenes Leben.
      Abgehetzt und mit grimmigem Blick, kam Addi auf mich zu, er nickte mir kurz zu, ich nickte zurück und gemeinsam machten wir uns an die tägliche Arbeit. Unsere Mustangs hatten einen schönen Platz bekommen. Sie hatten ihren eigenen Teil der Insel. Zwei weitläufige Weiden, mit Bäumen, Sträuchern und kleinen Hügeln waren so natürlich angelegt wie nur möglich und viele der Pferde hatten sich schnell daran gewöhnt.
      Während wir zusammen neues Heu schleppten, merkte ich, wie Addi mir immer wieder Blicke zuwarf. Er schien mich zu begutachten und seine Skepsis war nicht zu übersehen. "Mio", er legte einen Arm auf meine Hand, als ich gerade einen Wassereimer anheben wollte, "Mio, seit wann hast du schon nichts mehr gegessen?"
      Ich ließ den Eimer los und richtete mich auf. "Seit wann, macht sich jeder darum Gedanken, dass ich zu wenig esse?! Ich bin erwachsen und kann selbst gut genug einschätzen, wann und was ich esse!" Ich zog meine Hand aus seinem Griff und blickte Addi in die Augen. Ich sah den Schmerz in ihnen, den Verlust, die Angst. Ich sah seine grauen und mageren Haare, die Falten auf seiner Stirn und die knorrigen Hände. "Du solltest lieber selbst einmal in den Spiegel schauen, du siehst nicht besser aus." Meinte ich schwach und hob den Eimer ein weiteres Mal. "Warum machst du dir zu erst um mich Sorgen, anstatt um dich selbst?" Sagte ich, bevor ich mich von ihm abwendete.
      "Das weißt du Mio." Flüsterte Addi zerschlagen. "Du wärst dumm, wenn du es nicht sehen würdest."

      Petyr » "Saga Glasberg, was soll bitte dieses eklige Gummiband auf meinem Schreibtisch?" Grinsend hob Petyr ein breites Band in die Höhe und hielt es seiner Freundin vor die Augen. "Bitte nicht schon wieder ein neues Hobby!"
      "Ach quatsch!" Saga riss ihm das himmelblaue Band aus der Hand. "Das ist mein neues Stretchband. Das haben seit neuestem alle in meiner Balettgruppe und ich finde es auch ziemlich hilfreich!"
      Petyr verzog angeekelt den Mund und ließ das Band fallen. Bevor es auf dem Boden aufkam, hatte Saga es aufgefangen und sich mit einem dramatischen Nebeneffekt in die Arme von Petyr geworfen. Dieser hielt sie fest umschlungen und drückte ihr dann einen Kuss auf den Mund. Als sie sich wieder von einander lösten, lag auf beiden Gesichtern ein rötlicher Schleier und sie lächelten verliebt.
      "Malte wartet bestimmt schon im Stall auf mich. Du weißt, dass er es nicht leiden kann, wenn ich zu spät komme."
      "Jaja, renne nur zu deinem Malte." Saga dreht sich eingeschnappt und mit verschränkten Armen um, sodass Petyr sie noch einmal zu sich ziehen musste und sie innig küsste. Dann schnappte er sich eilig seine Jacke und verließ die Dachbodenwohnung, ohne noch einmal zurückzublicken.

      Eyvind » Während alle anderen noch schliefen, war Eyvind wie immer der erste im Stall. Ihn trieb nichts anderes an, als die Pferde. Die tägliche Arbeit, beginnend beim Morgengrauen, hielt ihn in Bewegung. Er brauchte den Ausgleich zu den Stunden in der Nacht, die er im Bett verbrachte und selbst diese wurden in manchen Nächten von Spaziergängen durchbrochen. Er war der stille Nachtwächter, welcher mit seinem wachen Auge jede Regung genau auffasste. Er war so unauffällig, wie sonst keiner auf dem Gestüt. Jeder hatte seine Probleme zu tragen und jeder trug dies offensichtlich als Rucksack. Nur Eyvind schien seine Sorgen in dem Platz vor den Zehen in den Schuhen zu verstauen und hatte sogar noch Freiraum für die seiner Freunde.
      Die Pferde waren bereits gefüttert, als Malte und Petyr zu ihm hinzu stießen. Die letzten kauten friedlich an den restlichen Körnern. Der Hauptstall war riesig, mit neuester Technik ausgestattet und perfekt an die Wünsche der Sportpferde angepasst, welche hier ihr Zuhause gefunden hatten. Die Boxen besaßen allesamt ein kleines Paddock, welches die Pferde ganztägig benutzen durften.
      "Wie du nur immer so früh wach sein kannst..." Petyr gähnte ausgiebig und blieb vor Eyvind stehen.
      Malte währenddessen klopfte Eyvind auf die Schulter. "Danke man, was würden wir nur ohne dich tun." Dankbar schaute er seinem Freund an und lächelte. Es hatte seine Zeit gedauert, bis die drei sich als Team verstanden hatten, denn vor allem Malte war es schwer gefallen, einen weiteren Arbeiter zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Petyr zu akzeptieren.
      Die drei Männer wollten sich gerade an die Arbeit machen, als Heather in den Stall gehetzt kam. Die junge und auffällige Frau mit den blonden Locken hatte keine Probleme gehabt, sich in der Stallgesellschaft einzufinden. Sie war offen, warmherzig und stets voller Energie.
      "Leute!" Trällerte sie lauthals und hastete auf die kleine Versammlung zu. "Los, los! Ihr habt eine Minute Zeit mir zu sagen, was ihr aus der Stadt braucht!" Sie kramte einen Notizblock samt Stift aus ihrer Tasche und schaute die drei Männer erwartungsvoll an.
      Malte schüttelte bloß den Kopf. "Danke, ich brauche nichts."
      Heathers Blick schwankte weiter zu Petyr. "Und was ist mit dir, du Faulpelz?"
      "Öh", überfordert zuckte Petyr mit den Schultern. "Kein Plan. Ruf' aber mal Saga an, die hat bestimmt was für dich."
      Auch Eyvind lehnte dankend Heathers Angebot ab, sodass diese ihren Stift einsteckte und seufzte. "Ich bin jetzt extra wegen euch zum Stall gerannt. Den Weg hätte ich mir ja dann auch sparen können." Sie boxte Eyvind gegen die Schulter und zwinkerte Malte kurz zu. "So bis dänne, ihr Pappnasen!" Rief sie, als sie sich bereits wieder umgedreht und mit großen Schritten den Stall verließ.

      Tjarda » Tjarda liebte diesen hochgewachsenen Mann mit dem kantigen und doch so weichen Gesicht und viel mehr liebte sie jedoch die hellen Augen, welche sich so von seinem dunklen Körper abhoben. Es war ihre liebste Zeit, wenn sie nebeneinander im Bett lagen, er noch schlief und sie am frühen Morgen die Erste war, die in diese Augen blicken durfte. Vuyo schlief jede Nacht friedlich, während Tjarda oft stundenlang wach lag. Es war diese Gegenteiligkeit, an welcher beide Gefallen gefunden hatten.
      Als Tjarda wenig später das gemeinsame Haus verließ und sich auf den Weg zum Haupthaus machte, stieß sie auf Heather. Stürmisch umarmte diese ihre Freundin, erzählte ihr dann von dem geplanten Einkauf und bot Tjarda an, sie in die Stadt mitzunehmen.
      Die Wälder und Berge, Seen und kleine Dörfer zogen nun an ihr vorbei, während sie verträumt aus dem Fenster blickte. Heather am Steuer erzählte ununterbrochen, lachte über ihre eigenen Witze und fand zu jedem Thema ein weiteres Thema, welches damit in Verbindung stand. Heather erzählte immer. Egal ob es ihr gut ging oder nicht. Tjarda mochte diese offene Art, sie selbst war eher das Gegenteil. Verschlossen und ruhig. Sie wollte nicht hoch hinaus, der ihr angebotene Modeljob hätte das erbracht, sondern ihr reichte das stille Kunstmuseum in der Innenstadt. Menschen zu beobachten und zu zeichnen war ihre große Stärke und seit einigen Jahren war sie mit dem bisschen Einkommen schon zufrieden.
      Heather parkte ihren kleinen Flitzer genau im Parkverbot vor dem Museum, schaffte es, ihre Freundin schwungvoll im Auto zu umarmen und sie mit reichlich Worten zu verabschieden. Tjarda winkte ihr noch lächelnd zu, bevor Heather Gas gab und um die nächste Ecke brauste. Lächelnd betrat Tjarda die schmuckvolle Eingangshalle und begann ihren Arbeitstag.

      Mio » Ich schaffte es, Addi die nächsten Stunden aus dem Weg zu gehen. Erst kurz nach Mittag traf ich in der kleinen Reithalle auf ihn. Quisquilloso lief erst seit einigen Wochen unter dem Sattel und so musste ich einen Moment bewundert stehen bleiben, als ich Addi mit dem Hengst arbeiten sah. Quisquis Start war nicht einfach gewesen. Er hatte immer wieder Rückenprobleme und leichte Verletzungen gehabt, obwohl er sein Bestes tat sich schnell anzupassen. In Gedanken versunken lehnte ich an der halboffenen Tür. Addis Arbeit begeisterte mich immer wieder und obwohl ich seit drei Jahren Tag für Tag mit ihm verbrachte, hatte ich mir noch längst nicht alles abschauen können. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen uns schon seit längerer Zeit abgekühlt war, seit genau dem Tag, an dem ich Jacob lieben gelernt hatte. Addison mochte seinen Cousin nicht.
      Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie Addi vor mir zum Stehen kam, leichtfüßig aus dem Sattel rutschte und dann vor mir landete. Er hatte geweint, ich erkannte einen leichten roten Rand um seine Augen und mittlerweile kannte ich ihn so gut, dass ich wusste, dass es ihm nicht gut ging.
      "Hallo Mio."

      Malte » "Was sind das denn für fette Brocken?" Sagas tiefe Lache schallte durch die Stallgasse, als sie die beiden Irish Draughts sah. Ich schaute sie wütend an. Man merkte, dass sie von Pferden nicht allzu viel Ahnung hatte, denn ihre Lautstärke schaffte sie nicht zu zügeln.
      "Der eine davon heißt sogar Brock." Flüsterte ihr Petyr ins Ohr und sie brach wieder in Gelächter aus.
      "Petyr, musste das sein?" Mein wütender Blick galt nun Petyr, welcher sich kindisch hinter Saga versteckte und so tat, als wäre er dort sicher vor mir. Ich hatte mir immer erhofft, dass er in einer Beziehung endlich seine reife Seite finden würde, aber genau das Gegenteil war geschehen. "Saga, was machst du eigentlich hier? Musst du nicht arbeiten?"
      "Nö, erst heute Nachmittag." Sie grinste. "Aber Malte, jetzt mal ehrlich, die beiden kenne ich noch nicht, oder? An den Namen Brock würde ich mich sonst erinnern." Vergnügt gluckste sie und stieß Petyr an.
      Ich ließ Saga mit einer Antwort warten, bis ich erst Belmonts Brock und dann Belmonts Beo in ihre Boxen gebracht und beide Türen verschlossen hatte. "Beo und Brock. Nein kennst du noch nicht, sind erst seit ein paar Tagen hier und es wird hoffentlich auch nur eine Übergangslösung." Antwortete ich ihr knapp, während ich meine stets verdreckten Hände an meiner Hose abzuwischen versuchte. "Noch mehr Pferde und ich erwarte von Charly eine Gehaltserhöhung."

      Charly » Unruhig stieß Charly immer wieder mit dem Bleistift auf den Tisch. Hunderte von kleinen Einkerbungen hatten sich bereits angesammelt, diese schien sie jedoch nicht zu merken. Der helle Bildschirm zeigte Dokumente, Tabellen und Internetseiten, mehrere leere Kaffeetassen standen neben ihr und Briefe aller Art stapelten sich auf dem ganzen Tisch. Charly hatte Nico seit heute Morgen nicht mehr gesehen, aber auch das schien sie verdrängt zu haben. Auch Charly hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sie hatte zugenommen und ihre sonst so makellose Haut sah unrein aus. Auch der Konsum an Zigaretten war wieder gestiegen und das, obwohl sie genau wusste, dass sie das Geld nicht hatten. Viele Jahre lang hatte sie drauf verzichtet, aber mit ihren entstandenen Problemen war sie wieder in alte Gefilde gefallen.
      Es klopfte. Es klopfte selten jemand an ihre Tür, die meisten spazierten herein wie sie wollten und es erstaunte sie noch mehr, als Nico den Kopf zur Tür herein steckte. "Charly?"
      Sie drehte sich zu ihm um, wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte und meinte dann: "Ja? Alles gut?"
      Nico nickte und trat ganz ein. "Hast du kurz Zeit? Ich würde dir gerne jemanden vorstellen." Aufgewühlt blickte Charly zu ihm auf. Nico verwirrte sie. Er schien fast unsicher in seiner Art, als wüsste er selbst nicht so genau, was er gerade tat. Es versetzte ihr einen Stich, ihn leiden zu sehen. Sie hatten sich mal geliebt und vielleicht liebten sie sich immer noch.
      "Nico?"
      "Ja?"
      "Wirklich alles in Ordnung? Geht es Bart gut?"
      Nico nickte hastig. Charly stand auf und ging durch die offene Tür, welche Nico ihr aufhielt.
      "Was ist das?" Erschrocken blieb Charly stehen, als sie einen Transportkorb im Wohnzimmer stehen sah. "Nico!"
      "Bitte sei mir nicht böse!" Flehentlich presste er die Hände zusammen. "Bitte, gib ihr eine Chance."
      "Wem eine Chance?" Charly blieb ruhig, ihre Augen funkelten jedoch. "Nico, wem soll ich eine Chance geben?"
      Nico zögerte, dann ging er zum Transportkorb, öffnete ihn und drehte sich dann zu Charly um. Auf seinem Arm saß ein kleiner Welpe, einige Wochen alt. Nur ein Fleck am Ohr, ein blaues und ein braunes Auge.
      "Nico was soll das?! Ich habe dafür keine Zeit!" Charly hielt sich die Hand an die Stirn. "Nico..."
      "Charly, es tut mir Leid, bitte, ich wollte dir einen Gefallen tun. Wir können uns zusammen um sie kümmern, als Familie. Du weißt, wie sehr Bart Hunde mag."
      "Sind wir überhaupt noch eine Familie, Nico?"
      "Charly", schmerzhaft verzog Nico das Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu, den ängstlich schauenden Welpen immer noch auf dem Arm. "Sage so etwas nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, du hast mich verzaubert und ich sehe nun, dass ich so viele Fehler begangen habe. Bitte, gib mich nicht auf!"
      "Woher weiß ich, dass du dich wirklich verändert hast? Warum sollte ich dir glauben, dass du nun wahrhaftig auf meiner Seite bist? Es ist so viel passiert."
      "Ich liebe dich", verzweifelt flüsterte Nico die magischen Worte. "Ich liebe dich." Seine Stimme versagte.
      "Ich liebe dich doch auch." Charly flüsterte ebenfalls und trat einen Schritt auf ihn zu. Zärtlich streichelte sie den weichen Kopf des Hundes und blickte dann ins Nicos Gesicht. Er lächelte vorsichtig, zog eine Hand unter dem Bauch des Hundes hervor und strich sanft eine dunkle Strähne aus Charlys Gesicht.
      "Also gut." Charly seufzte und trat einen Schritt zurück. "Wie soll unsere neue Mitbewohnerin denn heißen?"

      Mio » Addison schwang die Zügel über den Kopf des Pferdes und trat dann noch einen Schritt auf mich zu. "Schön dich zu sehen." Ich blinzelte. Wie meinte er das? Er verhielt sich komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ragte Addison bedrohlich vor mir auf und mit einem Mal spürte ich so etwas wie Angst vor ihm. Seine hochgewachsene Gestalt drängte mich zurück, doch konnte ich nicht weichen, nur wenige Zentimeter hinter fühlte ich das schwere Tor. Er streckte eine Hand nach mir aus, legte sie an meine Hüfte und zog sich zu mir heran.
      "Addi," mein Atem stockte. "Addison!" keuchte ich und versuchte ihn von mir wegzuschieben. "Addison, was soll das?"
      "Mio, ich kann nicht mehr, du kannst mir das nicht mehr antun." Er beugte seinen Kopf zu mir herunter, kam meinen Lippen bedrohlich nahe, während ich mit aller Macht versuchte, mich seinen starken Armen zu entwinden. "Vielleicht muss ich dich dazu zwingen, damit du siehst, was du verpasst." Die Zeit schien still zu stehen. Ich presste meinen Mund zusammen, doch Addison legte den seinen erstaunlich sanft auf den meinen, um dann mit jeder Menge Energie seinen Mund mit meinem zu verbinden.
      Mit einem befreienden Stoß stieß jemand das Tor auf und drückte Addisons Körper von mir weg. Helles Licht flutete ihn die Halle und erleuchtete Eyvind, welcher sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Addison stolperte zurück, ich sah den Schock und die Verständnislosigkeit in seinen Augen, bevor er sich auf Quisquilloso stürzte und mit dem erschrockenen Hengst im Galopp die Halle verließ.
      Ich stand unter Schock. Die Tränen flossen, ich merkte sie kaum. Nur Eyvinds Arme, welche sich um mich schlossen und an sich zogen. Stumm weinte ich, während die ruhige Stimme von Eyvind ein Lied summte. Er hielt mich fest, bewahrte mich davor zu versinken und auch ich krallte mich an ihn, verkrampfte mich, während immer wieder Schüttelanfälle über mich hereinbrachen.
      Ich sah Addison nicht mehr. Nicht an diesem Tag und auch am nächsten nicht. Ich trocknete meine Tränen, Eyvind brachte mich zu meinem Haus und nachdem ich ihm versichert hatte, dass alles gut war, ließ er mich alleine. Jacob erzählte ich nichts. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, hackte jedoch nicht weiter nach. Ich versank am Abend in seinen Armen und tauchte ab in einen unruhigen Schlaf.

      Eyvind » Nachdem Addison spurlos verschwunden war und nur Eyvind und Mio die Geschichte wussten, zog Heather für eine Nacht zu Chill und Buck ins Haus. Beide waren verwirrt, erwarteten eine klare Antwort von ihrer Tante und erfuhren jedoch nur noch mehr neblige Ausreden.
      Als Addi kurz nach um zehn noch immer samt Quisquilloso verschwunden war, stiegen Nico und Vuyo, sowie Malte und Tjarda in ihre Autos und machten sich auf dem Festland auf die Suche nach dem verschwundenen Addison. Als auch nach Mitternacht noch keine Spur von ihm zu finden war, gaben die vier es auf und kehrten zurück auf die Insel. Nach einer kurzen Besprechung im Haupthaus, verteilten sich alle auf der Insel und wenig später lag diese von einem stummen Tuch umhüllt, unruhig schlafend da. Nur ein Schatten, wachend, schlich am südlichen Ufer entlang. Seinen wachen Blick über dunkle Wasser in die Ferne gerichtet
      "Rakkaus ja epätoivo." Flüsterte Eyvind in seiner Sprache und wendete seinen Blick dann zum Himmel. "Wer braucht das schon?"
    • AliciaFarina
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      09. August 2017 | 63.334 Zeichen | Canyon[
      Göttliches Eintreffen

      Malte » »Warum erzählst du mir sowas immer erst, wenn es bereits zu spät ist?» Eingeschnappt blickt Petyr auf mich herab. Locker fallen ihm seine blonden Haare ins Gesicht und umranden seine weichen Zügen ziemlich vorteilhaft. Mittlerweile sieht er viel jünger aus, als er wirklich ist, während ich, trotz meiner geringen Größe, in den letzten Jahren immer mehr gealtert bin.
      »Nichts ist zu spät. Du hast noch genau zwölf Stunden Zeit, dich mit diesem Gedanken anzufreunden.«
      »Super, und wie lange weißt du es schon?«
      »Zwei Monate.«
      »DAS hättest du mir jetzt nicht auch noch aufbinden müssen!«
      »Du wolltest es doch wissen?«
      »Argh!» Petyr rauft sich die Haare. Ich schließe die Augen und lasse die Mittagssonne mein Gesicht erwärmen. Als sich etwas Dunkles vor meine Augen schiebt, öffne ich sie blinzelnd und schaue in das stets freundliche Gesicht von Logi.
      »Hey du«, flüstere ich. »Du freust dich auf die beiden Neuen, stimmt‘s?« Logi schnaubt und wuschelt mit seinem Maul auf meinem Kopf herum.
      »Jaja, stelle du dich auch nur auf seine Seite, war ja klar Logi.« Meint Petyr eingeschnappt und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er leicht angepisst Modjos gelocktes Haar aus der Bürste zieht. Ich lächle zufrieden. Der Tag ist schön, denke ich, hebe dann meine Hand und wuschle Óslogi durch die dicke Mähne. »Die beiden passen zu euch.«
      »Das ist die erste Stute, die du dir je in deinem Leben anschaffst, bist du dir sicher, dass du dafür bereit bist?« Wieder hört Petyr mit seiner Arbeit auf und blickt auf mich herab.
      »Selbst wenn mir jetzt einfallen würde, dass ich doch keine Stute haben will, wäre es zu spät.«
      »Malte, das sollte ein Scherz sein.«
      »Oh, achso, wusste ich nicht.« Ich richte mich auf, löse das Band aus meinem Haar und mache mir dann, da Logi ihn zerstört hatte, einen neuen Zopf. Logi dreht sich währenddessen von mir weg und läuft, nein schlurft zurück zu den anderen.
      »Irgendwas stimmt mit deinem Ironiedetektor nicht.«
      Umständlich stehe ich auf und klopfe mir das Gras von der Hose. »Wie meinst du das?«
      »Du bist der einzige, der nie meine Witze versteht.«
      »Vielleicht sind sie ja nicht witzig?«
      »Den Gedanken hatte ich auch schon und habe versucht, diese Theorie anhand und Eycǘind zu belegen.« Petyr verstummt und räumt die Bürste zurück in die Tasche.
      »Und?« Erwartungsvoll blicke ich ihn an.
      »Hat nicht geklappt.«
      »Und daraus schließt du, dass es an mir legen muss?«
      »Viel andere Möglichkeiten bleiben ja nicht mehr.« Ich belasse es dabei, greife auch zu einer Bürste und mache mich auf den Weg zum Offenstall. Félagi und Dynur dösen im kühlen Schatten, richten sich jedoch beide auf, als ich näher komme. Es tut gut zu sehen dass die beiden zufrieden
      schienen. Der einzige der mir von meiner Bande Sorgen bereitet, ist Logi. Er versteckt es gut, jedoch merke ich ihm an, dass er sein Blackys Tod nur noch spärlich den Kontakt zu anderen sucht. Acapulco Gold, Dynur und Félagi machen es ihm jedoch nicht allzu leicht und obwohl Angus stets versucht von Kontakt aufzubauen, schüchtert er Logi mit seiner Größe, Kraft und Ungeschicktheit ein.
      Dynur und Félagi werden von mir kurz begrüßt, bevor ich aus den Tiefen meiner Hosentaschen einen Hufauskratzer zaubere. »Huf-Time!« Sage ich und kraule beiden nochmal den Kopf. Félagi hat keine Lust. Er versucht sich abzuwenden, jedoch komme ich ihm zu vor und stelle mich in seinen Weg. »So nicht Dicker. Das ist eine gute Übung, auch unangebunden stehen zu können.« Meine ich und bringe ihn wieder zu seinem alten Platz. Felli schnaubt und versucht sich mit flinken Bewegungen unter meinem ausgestreckten Arm hindurch zuwinden. Nach weiteren fünf Minuten haben wir beide es ausdiskutiert. Félagi steht. Dynur hält sich natürlich gekonnt heraus. Warte nur, bis du dran bist, denke ich und beginne damit, Félagi die Hufe auszukratzen. Dynur hat jedoch Glück, ich komme nicht mehr dazu. Mein Telefon klingelt. Umständlich versuche ich mir es, noch in der einen Hand Félagis Huf haltend, es zwischen Schulter und Ohr zu klemmen, erkenne jedoch bereits nach wenigen Sekunden, dass das wohl nichts mehr wird.
      »Tordenværson.« Sage ich leicht genervt.
      »Ebenfalls, schön, dich mal wieder zu hören!« Sagt die mir sehr gut bekannte Stimme einer Frau.
      »Schwesterchen! Wie komme ich zu dieser Ehre?« Erfreut richte ich mich auf und lasse dabei Félagis Huf los. Dieser nutzt die ihm gegebene Freiheit schamlos aus, zwickt seinem Freund Dynur kurz ins Ohr und macht sich mit buckelnden Galoppsprüngen aus dem Staub. Ich versuche ein Stöhnen zu unterdrücken, ich stöhne in letzter Zeit viel zu oft.
      »Ich dachte, ich melde mich mal wieder, vor allem da ich vorhabe, dich besuchen zu kommen. Hast du gerade Zeit?« Dringt es aus dem Telefon.
      »Jetzt schon.« Sage ich und entferne mich schlendernd noch ein Stückchen weiter von Petyr, welcher nun gerade auch Brock putzt. »Du willst mich besuchen kommen? Wann denn?«
      »Das klingt ja nicht so, als würdest du dich sehr freuen.« Sie klingt enttäuscht.
      »Doch! Natürlich freue ich mich! Es gibt nur viel Arbeit und ich habe Angst, zu wenig Zeit für dich zu haben.« Ich bleibe am Weidezaun stehen. Vor mir liegt das Wäldchen, dahinter erstreckt sich das Wasser des Fjords. »Bitte komme. Es wäre wunderbar, dich endlich mal wieder zu
      sehen.«
      Juli lacht. »Ich wäre sowieso gekommen. Ich brauche nämlich dringend eine Unterkunft und selbst ein Hostel ist mir bei euch viel zu teuer.«
      »Du bist nur auf Durchreise? Wohin geht‘s?«

      »Ich muss auflegen.« Sage ich wenig später. Petyr kommt auf mich zu, an seine Fersen hat sich Saga geheftet. Sie grinst, wie immer.
      »Klar kein Problem, Brüderchen. Pass‘ auf dich auf!« Sie legt auf. Mir fällt ein, dass ich immer noch nicht weiß, wann sie kommen wird. Ich schreibe es mir auf meine To-Know-Liste.
      »He Malte!« Ruft Petyr mir zu. »Wer ist denn dein heimlicher Anrufer?«
      »Juli, sie will mich besuchen kommen.«
      »Juli?« Petyr lässt Sagas Hand los. »Die habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen.«
      Ich werfe einen kurzen Blick zu Saga. Sie beobachtet Petyr. Ich wähle meine Worte gut, bevor ich antworte. »Sie ist nur auf Durchreise. Sie freut sich auch, alle wieder zu sehen. Ich soll dir auch schöne Grüße ausrichten.«
      »Danke. Weißt du schon, wann-« Saga fällt Petyr ins Wort.
      »Also eigentlich sind wir nur gekommen, um dich zu fragen, ob du Lust auf einen Ausritt hast.« Auf ihrem Gesicht erscheint ein erzwungenes Grinsen.
      Ich schüttle erleichtert den Kopf. »Danke, aber die Arbeit wartet.«
      »Schade«, Saga zuckt mit den Schultern. »Kommst du, Petyr?« Mit einem eisigen Lächeln wendet sie sich zu Petyr, welcher wohl auch begriffen hatte, dass es nicht der beste Zeitpunkt war, sich über Juli zu erkundigen. Saga winkt mir kurz zu und macht sich dann mit Petyr im Schlepptau auf den Weg zu den Pferden.

      Ich bin wieder allein. Seit Petyr und Saga mit Modjo und Brock zu einem Ausritt aufgebrochen sind, habe ich niemanden mehr gesehen. Die Boxen sind sauber und zwei weitere vorbereitet. Wieder einmal schleicht die Zeit und während alle anderen in dieser kurzen freien Zeit etwas mit
      ihren Liebsten unternehmen oder anderweitigen Hobbys nachgehen, sitze ich, Malte, alleine vor dem Stallgebäude, esse eine Banane und beobachte Chlochard dabei, wie er sich einen Kampf mit einem Blatt liefert. Er ist ein hübscher Kater. Seine Scheckung ist bunt und abwechslungsreich, aber vor allem seine hellblauen Augen ziehen die Blicke auf ihn. Capucine und ihr Wurf gehören auf den Hof und auch wenn sie nur ein kleiner Teil des Ganzen sind, wäre das Leben hier ohne sie noch ein bisschen trister. Dabei vermute ich, dass nicht einmal die Hälfte der Hofbewohner jeden Namen kann. Clochard, Voleur, Ciel, Fleur und Déchiré.

      Ich sehe niemanden. Bis ich am Abend in meinen Wagen steige, den Hofanhänger ankuppel und die Insel verlasse, verbringe ich meine Zeit mit den Tieren. Ich fühle mich so einsam wie noch nie zuvor. Ich dachte immer, ich bin gerne allein. Mittlerweile lernte ich jedoch den Unterschied zwischen allein und einsam zu sehen und ich begreife nun, dass nur eines der Dinge mich unglücklich macht. Der Wagen brummt. Das alte Gefährt arbeitet kräftig unter der Last des Hängers, dabei war er noch nicht einmal beladen. Ich schalte das Radio an und lasse mich von der Musik beschallen, die daraus hervor dringt.
      Trotz des langsamen Tempos erreiche ich eine Stunde zu früh den Flughafen. Mich stört es nicht, ich suche mir einen stillen Platz und beobachte sie, die Menschen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft stehe ich schließlich auf und mache mich auf den Weg zu der großen Anzeige über
      den Köpfen der hektischen Menschen. Bei meinem gesuchten Flug stoppe ich abprupt. Hinter dem Flugzeugsnamen ist eine Info eingeblendet: Auf Grund technischer Probleme kommt es zu Verzögerungen. Super, denke ich. Ich hätte es nicht anders erwarten sollen. An der anderen Seite des Flughafens finde ich die Information. Bei einer jungen Frau erkundige ich mich, wie viel Verspätung der Flug haben würde. »Es sind zwei Pferde für mich an Bord.«
      Sie tippt in ihrem Computer, blickt kurz zu mir und fragt dann: »Ihr Name, bitte?«
      »Tordenværson, Malte.« Sage ich und versuche einen Blick auf den Bildschirm zu erfassen.
      Sie tippt wieder. »Sie sollten eigentlich eine Nachricht erhalten haben.«
      »Ok», sage ich. »Habe ich noch nicht gesehen. Können sie mir trotzdem sagen, wie lange es ungefähr noch dauert?«
      »Das Flugzeug musste leider in Amsterdam zwischenlanden. Der Weiterflug ist für morgen früh um acht angesetzt.«»Um acht?!« Ich bin entsetzt. »Die Pferde werden die ganze NACHT im Flugzeug verbringen?!«
      »Es tut mir Leid, aber Sicherheit geht vor. Es werden genügend Experten an Bord sein, die sich um die Pferde kümmern. Seien Sie unbesorgt, ich versichere Ihnen, dass beide gesund und munter ankommen werden. Haben sie ansonsten noch Fragen?«
      »Nein«, knurre ich und wende mich vom Infopult. »Zwölf Stunden später!« Das erste Mal in meinem Leben ärgere ich mich, mein Handy als angenehmer im ausgeschalteten Zustand zu erachten.
      Anstatt wieder nach Hause zu fahren, wende ich in Richtung Stadt ab. Oslo ist voll um diese Jahreszeit und das gute Wetter lockt natürlich all jene an, die noch nicht mit Fotoapparat und Sonnenhut durch die breiten Gassen laufen. Ich bin nicht gerne hier. Der Trubel der Stadt
      stört meine Gedankengänge, aber vielleicht suche ich genau heute nach einer Auszeit, ohne die wilden Sprünge und Ideen. Eine Bar am Hafen soll ganz gut sein, meint Charly. Ich folge ihrer Einschätzung und betrete wenig später eben jene.

      Jora » Sie haben mich mitgeschleift, mir blieb keine andere Möglichkeit, ist die Ausrede zu mir selbst, als ich den vollen Pub am Hafen betrete. Halla und Emma brauchen nicht lange und sitzen kurz darauf mitten im Trubel an der Bar. Es ist kurz vor Mitternacht. Normalerweise liege ich um diese Zeit im Bett und genau dort würde ich jetzt auch gerne sein. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich meinen Blick über die vielen Menschen werfe.
      »Jora!« Schallt es von der Bar. »Wenn du noch länger am Eingang stehen bleibst, bildet sich hinter dir eine Schlange.«
      Ich wage einen weiteren Schritt, nichts passiert. Der Weg bis zum Barhocker ist unendlich weit oder fühlt sich jedenfalls so an. Ungekonnt hieve ich mich schließlich neben Halla und Emma, welche bereits wieder in ein Gespräch vertieft sind.
      »Auch was zu trinken?« Grölt der Typ mich hinter der Bar an. Stumm schüttle ich den Kopf und lächle kurz. Nach zehn Minuten ist mein Hals von der stickigen und verrauchten Luft jedoch so trocken, dass ich doch noch ein Glas Wasser bestelle. Der Barmann scheint mich jedoch falsch verstanden zu haben, vielleicht ist es auch Absicht, aber er stellt mir ein Glas Whisky vor die Nase. Ich will mich natürlich beschweren, als Halla mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.
      »Los Süße, ein Glas trinkst du mit uns!« Brüllt sie gegen den Lärm an. Entschlossen schüttle ich den Kopf, jedoch lässt sie nicht locker, sodass ich schließlich doch einen Schluck nehme. Es ist genauso scheußlich wie erwartet. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, lächle und zeige Halla den Daumen. Jedoch weiß ich zu genau, dass heute Abend kein weiterer Tropfen davon über meine Lippen kommen wird.
      »Gehe mal auf Toilette!« Brülle ich.
      »Was?« Trinkt es durch den Lärm zu mir zurück.
      »Toilette!« Schreie ich nochmal und zeige auf das erleuchtete Schild über den Köpfen der Besucher. Halla scheint mich verstanden zu haben, jedenfalls nickt sie.
      Die Toilette ist jedoch auch kein Ort der Erholung und ich beeile mich, jedenfalls eines meiner Bedrängnisse zu stillen. Als ich den vollen Ort wieder betrete, bleibt mir die Luft weg. Ich will raus hier, denke ich und beginne damit, mir hektisch einen Weg in Richtung Ausgang zu bahnen.
      Die frische Luft tut gut. Ich schließe die Augen, versuche den Gestank des Rauchs an meinen Kleidern zu ignorieren und mich nur auf den Klang der Wellen zu konzentrieren, welche gleichmäßig gegen den Beton des Hafens schlagen.

      Ich bin ruhiger, als ich den Pub abermals betrete. Ich weiß, was auf mich zukommt und es überrollt mich nicht wie noch beim ersten Mal. Entschlossen will ich den Weg zurück zur Bar einschlagen, als mir ein junger Mann ins Auge fällt. Zusammengesackt lehnt er über dem Tresen,
      vor ihm stapeln sich einige leere Flaschen. Ich bleibe stehen. Selbst ich kann nicht sagen, was mich in diesem Moment innehalten ließ. Ein Gefühl sagte mir, dass er nicht der typische Gast ist. Seine alte Jeans Hose und das karierte dunkle Hemd, sowie die rötlichen Haar und das Lederband mit der Glaskugel gefallen mir. Ich will mich davon abhalten, jedoch zieht es mich zu ihm hin. Ich bin es nicht selbst, die mich abhält, sondern die kräftige Hand Emmas. Sie zieht mich energisch zurück und grinst. »Falsche Richtung Jora, hier sind.«
      Ich schüttle mich kurz und reise mich dann von dem Typen los und blicke zu Emma. Die kräftige Frau ist bereits betrunken, wie stark, das kann ich nicht einschätzen. Ich seufze. »Der Typ da drüben«, sage ich und zeige in Richtung der Bar. »Der hat schon ziemlich viel getrunken.«
      »Tja, nich jeder is bereits scho erwachschen wie wir.« Keilt Emma laut lachend und nimmt noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Ich will gar nicht wissen, was da drinnen ist. »Wir wischen wanns jut is, stimmt‘s?«
      Ich nicke spöttisch. »Das sehe ich.« Emma lacht wieder und dreht sich dann in die andere Richtung.
      »Looos, komm Jora, dahinten jibts hübsche Männer!« Ich beobachte sie noch, wie sie durch die Menge zurück zur Bar stolpert und wende mich dann wieder dem Mann an der Bar zu. Er sitzt immer noch am gleichen Fleck. Langsam drücke ich mich zwischen den tanzenden Köpern hindurch, irgnoriere die vielen Berührungen von schweißnasser Haut an mir und lande schließlich an der Bar. Der Hocker neben ihm ist noch frei. Ich lasse mich darauf nieder und betrachte ihn von der Seite. Jetzt wo ich einmal hier bin, weiß ich nicht mehr weiter. Alle Ansprechmethoden erscheinen mir kindisch und ich weiß selbst nicht mehr, was ich von ihm will. Ihn nach Hause fahren etwa? Am besten noch mit meinem Fahrrad, denke ich und wende für einen Moment den Blick von ihm.
      »Hey«, sagt plötzlich eine Stimme. Erschrocken wende ich mich um. Er hat sich aufgerichtet, schwankt jedoch erheblich.
      »Hey.« Sage auch ich.
      »Willste was?« Fragt er und schiebt mir eine volle Flasche mit irgendetwas alkoholischem zu.
      »Nein danke, ich trinke nicht.« Wehre ich dankend ab und frage mich wieder, was für Hirngespinste mich hier her gelockt haben. Der Typ scheint nicht nur besoffen, er ist es auch.
      »Gut so, ich auch nicht.« Sagt er niedergeschlagen und gießt sich selbst noch ein Glas ein.
      Meine Augenbraue zieht sich nach oben. »Ähm, doch, gerade trinkst du und das anscheinend nicht zu knapp.« Ich deute auf die leeren Flaschen. Er hält in seiner Bewegung inne, schwenkt seinen Kopf leicht von einer Seite zur anderen und zuckt dann die Schultern. »Egal, alles egal.«
      Er tut mir Leid. Mir tun oft Menschen leid, aber ich sehe, dass er es nicht verdient hat. »Soll ich dich nach Hause bringen?« Frage ich deshalb nervös.
      Er blickt kurz auf. Ich mag seine grünen Augen, auch wenn sie nun vor Schmerz verzogen sind. »Ist das eine billige Anmache? Danke ich komme gut alleine zurecht!« Meint er abweisend und nimmt noch einen Schluck.
      »Nein, ich dachte nur-«
      »Dann dachtest du eben falsch. Lasse mich gefälligst in Ruhe!«
      Ich sage nichts mehr. Ich hätte wissen müssen, dass es eine dumme Idee ist, hilfsbereit in einer Bar zu sein, das sollte ich mir fürs Altenheim aufheben. Ich rutsche vom Hocker und ohne noch etwas zu sagen mache ich mich zurück auf den Weg zu meinen beiden Begleiterinnen. Er hat mich verletzt und das schadet meinem sowieso schon geringen Selbstbewusstsein. Ich versuche mir jedoch nichts anmerken zu lassen und setze mich wieder neben Halla und Emma.
      »Wo warst du denn solange?« Erleichtert stelle ich fest, dass jedenfalls Halla noch ordentlich sprechen kann.
      »Ich habe versucht einem Typen da vorne zu helfen, der kippt gleich vom Hocker. Dieser unfreundliche Typ wollte sich jedoch nicht helfen lassen.«
      »Du konntest es mal wieder nicht sein lassen, wa?« Halla boxte mir an die Schulter. »Wer war‘s denn? Sah er jedenfalls gut aus?«
      »Ganz vorne an der Bar.« Unauffällig auffällig hängt sich Halla weit über den Tresen der Bar und
      versucht an den vielen Köpfen vorbei zu schauen. »Ich glaube, ich sehe ihn. Witzig.«
      »Was ist daran denn witzig. Siehst du nicht, wie besoffen der aussieht?« Verärgert lehne ich mich ein Stück zurück.
      »Jetzt sei mal nicht so pingelig, das meinte ich gar nicht. Ich kenne den Typen.«
      »Was? Du kennst ihn?« Erstaunt wende ich mich wieder zu ihr um.
      »Ja, ist aber schon ewig her. Verwundert mich, ihn hier anzutreffen.«
      »Sag‘ schon, woher kennst du ihn?«
      »Sei nicht so ungeduldig, ich habe schon eine Menge getrunken, mein
      Gehirn arbeitet da langsamer.« Meint Halla und lächelt schief. »Ich habe ihm mal zwei Pferde bringen müssen. Vor drei Jahren, oder so? Der ist irgendwie Trainer oder so.«
      »Trainer? Weißt du denn noch, wie er heißt?« Versuchte ich Halla die Informationen zu entlocken.
      Sie lässt sich Zeit. »Mhm.« Sie überlegte. »Irgendwas mit M. Mario, Mattes, Matheo. Kein Plan, frage mich morgen nochmal.«
      Das reicht mir nicht. »War er denn nett?«
      »Nett? Was ist das denn für eine Frage. Ja, glaube schon, wir haben zusammen einen Kaffee getrunken.« Halla steht auf. »So Süße, ich suche mir mal ein paar betrunkenere Leute als dich. Ich bin schließlich hier um Spaß zu haben.« Meint sie und schwankt ziemlich elegant zu in die Masse. Ich drehe mich wieder zur Bar. In Gedanken versunken blicke ich auf das Glas vor mir, in welchem sich die tanzenden und bunten Lichter sammelten.
      »‘Tschuldigung, darf ich mich setzen?« Erschrocken fahre ich um. Neben mir steht der Mann. Trotz des vielen Alkoholkonsums steht er fest auf beiden Beinen. Einige Haare haben sich aus seinem Zopf gelöst und fallen ihm nun ins Gesicht. Er weicht meinem Blick aus.
      »Klar«, sage ich trocken und wende mich wieder von ihm ab. Das wäre jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um hilfsbereit und freundlich zu sein.
      Er setzte sich. »Tut mir wirklich Leid, dass ich dich gerade so angefahren habe. Das war ziemlich unfair.« Ich blicke zu ihm. Diesmal wendet er seinen Blick nicht ab. Oh Gott, lasse dich nicht von deinen Gefühlen leiten! Er sieht ziemlich gut aus, ich kann es nicht verleugnen.
      »Kein Problem,« sage ich leise. Irgendetwas steckt mir in der Kehle und nimmt mir die Luft.
      »Doch ist es, deswegen tut es mir auch sehr Leid, dich das nun zu fragen. Aber du hattest Recht.« Erwartungsvoll und ziemlich verängstigt blicke ich ihn an. »Kannst du mich nach Hause fahren? Ich habe auch ein Auto.«
      Mir verschlägt es nun ganz die Stimme. Das hatte ich nicht erwartet. Mir ist es nicht möglich geplante Bewegungen auszuführen, deswegen zucke ich mit den Schultern und nicke schließlich. »Natürlich, dass hatte ich dir ja angeboten.«
      »So natürlich ist es nicht, nach meiner Abfuhr.« Er schwankt. »Soll Alkohol nicht glücklich machen? Ich fühle mich so dreckig wie noch nie.«
      Ich lächle leicht. »Ich suche schnell meine Freundinnen und sage ihnen Bescheid, dann komme ich zurück, ja?« Er nickt dankbar. Ich lasse mich vom Hocker gleiten, schnörkle mich durch die Menge, bis ich schließlich auf Emma und Halla treffe. Sie sind nicht schwer zu übersehen; Emma
      benötigt um ihren schwingenden Körper jede Menge Platz und Halla hat alle freien Jungs aus ihrem Umkreis angelockt. Verwundert mich nicht, bei ihrem Haar und ihrem Gesicht.
      Ich bahne mir einen Weg zu ihr hindurch. Sie hört auf zu tanzen, als sie mich sieht und folgt mir netterweise aus dem Treiben heraus.
      »Ich fahre den Typen jetzt doch nach Hause!« Sage ich laut.
      »Was?« Brüllt Halla.
      »Ich fahre den-« Wollte ich wiederholen.
      »Ich habe dich schon verstanden, ich wollte eher wissen, ob du jetzt vollkommen gaga bist?«
      »Warum?«
      »Weil der Typ höchst besoffen ist, du ihn nicht kennst und alles mögliche passieren könnte!« Sagt Halla eindringlich. »Bist du dir da wirklich sicher?»
      „Er braucht meine Hilfe!“ Rechtfertige ich mich.
      Halla schnaubt verächtlich. „Und du würdest wohl auch einem Vergewaltiger oder Terroristen die Hand reichen, wenn er sie braucht? Das ist doch Unfug. Lass den Typen alleine mit seinen Problemen zurecht kommen und amüsiere dich lieber noch ein bisschen!“
      Ich merke, wie ihre Worte mich zum Nachdenken bringen. Sie hat Recht, die Gefahr ist ziemlich groß, dass etwas passiert. »Ich bin selten leichtsinnig-«, fange ich an, werde jedoch abermals unterbrochen.
      »Dann solltest du es auch jetzt nicht sein!« Sagt Halla eindringlich.
      »-aber diesmal werde ich es sein. Ich sehe das Risiko und werde es bewusst eingehen.«
      Halla schnaubt wieder und winkt dann ab. »Ich sehe schon, ich kann dich nicht überzeugen. Dann mach halt, aber komme nicht im Nachhinein heulend zu mir zurück. Von der Polizei oder aus dem Krankenhaus will ich dich auch nicht abholen müssen.« Dann dreht sie sich um und verschwindet zurück in der Masse. Ich stehe alleine vor der Tür zur Toilette, aus welcher in diesem Moment eine kreischende Gruppe von Mädchen gestolpert kommt. Halb fasziniert, halb angeekelt sehe ich zu, wie eine betrunkener als die andere anfängt, sich auf der Tanzfläche gegen den Takt zu bewegen. Tanzen würde ich es nicht nennen. Ich muss hier raus, denke ich und suche mir den Weg zurück zur Bar.

      Er sitzt immer noch hier. Unruhig schweift sein Blick über die Menge, entspannt sich jedoch, als er mich erblickt.
      »Sorry«, keuche ich. »Hat leider etwas länger gedauert.«
      »Ich äh-« Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Kein Problem.«
      Ich bin kurz verwirrt und stehe etwas unschlüssig vor ihm. »Wollen wir dann gehen?«
      Er nickt und rutscht ungeschickt vom Hocker, knickt auf seinen Beinen ein, die ihn nicht mehr zu tragen vermögen. Meine Hand ist schnell bei ihm, greift ihn am Arm und versucht ihn zu stützen. Er keucht. Gebückt bleibt er stehen. »Alles, alles dreht sich.« Sagt er schwach. Alkohol scheint auf ihn eine andere Wirkung zu haben, wie bei allen anderen, denke ich. Langsam richtet er sich auf, nickt mir kurz zu und zusammen machen wir uns auf den Weg durch die undurchringliche Menschenmasse, welche sich lachend, wirbelnd und ungeschickt ständig uns in den Weg stellt. Ich bin froh, nichts getrunken zu haben. Ich sehe es ihm an, dass sie ihn noch mehr verstören.
      Umso dankbarer sind wir über die klare, salzige Luft. Sie erfüllt meine Kehle mit neuem Leben und gibt auch dem Kerl, der immer noch an meinem Arm klammert, neue Kraft. Er atmet tief ein und richtet sich dann ein Stückchen auf.
      »Mein Auto, es steht gleich da vorne.« Meint er und deutet auf einen spärlich beleuchteten Parkplatz. »Der Volvo, grün.«
      Ich nicke wieder und ziehe ihn fast hinter mir her, als ich mich auf den Weg zum Parkplatz mache. Den Volvo erkenne ich schnell, jedoch sehe ich noch mehr, als nur das alte Gefährt.
      Ich keuche. »Da ist ein Pferdehänger hinten dran!«
      Er blickt auf. »Was? Ja, nein, alles gut.«
      »Da ist aber kein, du weißt schon, da ist nichts drinnen oder?« Frage ich ängstlich.
      Er schüttelt den Kopf. »Nein nein.«
      Ich bin nicht befriedigt. Seine Antwort klingt zu unsicher, vielleicht weiß er es selber nicht mehr genau. »Hast du deinen Autoschlüssel?«
      »Autoschlüssel.« Nuschelte er und kramte ungeplant in seiner Tasche. »Ja hier irgendwo-«
      Ich komme nicht herum, trotzdem noch einen kurzen Blick in den Hänger zu werfen, nachdem ich ihn auf den Beifahrersitz gesetzt habe. Zu meiner großen Erleichterung, finde ich nichts weiter im Hänger, als frisches Heu und Stroh in beiden Boxen. Als ich mich wieder zu ihm in den Wagen setze, hat er seinen Kopf gegen das Fenster gelehnt und die Augen geschlossen. Es bereitet mir Sorgen, dass er sich so komisch verhält. Trotzdem stecke ich den Schlüssel ins Auto und starte den lauten, kränklich klingenden Motor. Ich bin selten mit einem Hänger gefahren und die Furcht wächst, als ich merke, dass der Volvo das Gewicht des Hängers nicht ohne Probleme ziehen kann. Trotzdem will ich mich nun nicht zurückziehen. Ich weiß, dass Halla eine um vielfach sichere Fahrerin solch großer Gespanne ist, weiß aber auch, dass ich es schaffen kann.
      Ich verlasse den Parkplatz und setze den Blinker, um auf die Hauptstraße abzubiegen. Es raschelt. Erschrocken blicke ich zu dem Mann hinüber. Mit ungeschickten Handbewegungen sucht er im Handschuhfach nach etwas. Ich merke, wie meine Hände zittern. Nein, nicht nur meine Hände, mein ganzer Körper scheint zu beben. Jedoch fühle ich nichts. Keine Angst, keine Scheu, keine Furcht.
      Es dauert lange, bis er das gefunden hat, was er zu suchen scheint. Er hält es mir unsicher hin. »Kannst du mich hier hin bringen?«
      Ich nehme ihm die Karte ab. Es ist eine Visitenkarte, wie ich nun erleichtert erkenne. Im flackernden Licht der Straßenlampen versuche ich diese zu entziffern. »Tyrifjord Horse Training«, murmle ich. »Malte Tordenværson.« Außer seinem Namen, finde ich noch seine Adresse. »Du
      wohnst auf einer Insel?«
      Malte nickt. »Das Gestüt meiner Arbeitgeber steht dort.«
      »Ist in Ordnung. Ich bringe dich hin.« Sage ich freundlich. Ich habe Glück, ich kenne die Insel. Der Tyrifjord ist der größte Fjord bei Oslo und Storøya seine größte Insel.
      Wir sprechen nicht mehr. Malte scheint eingeschlafen zu sein oder tut zumindest so. Erst als die Lichter Oslos schon weit hinter uns liegen, macht er sich bemerkbar. Ich denke erst, er murmelt etwas im Schlaf, bis ich einen Blick zur Seite werfe und sehe, dass eine Träne über seine Wange läuft. Er schluchzt leise. Ich bin überfordert mit der Situation, weiß nicht, was ich tun, oder ob ich ihn trösten soll. Ich entschließe mich dazu, vor allem weil ich zu unsicher bin, das falsche zu tun, einfach nichts zu tun. Es bewegt mich jedoch, ihn so zu sehen. Solange hatte ich schon keinen Mann mehr weinen sehen. Es scheint unmodern zu sein, seine Gefühle zu zeigen.
      Nach ein paar Minuten hört das Schluchzen auf. Wieder blicke ich zur Seite. Diesmal bin ich mir sicher, dass er eingeschlafen ist. Eine Träne hängt noch in seinem Augenwinkel.
      Die Landstraße führt mich direkt am Tyrifjord entlang. Rechts sitzen einige Häuser, umgeben von den typischen Birken und Fichten Norwegens, links erstreckt sich das dunkle Wasser, welches in der Dunkelheit endet. Mit dem Anhänger brauche ich etwas länger, bis ich kurz vor der Ortschaft Sundvollen auf die Brücke abbiegen. Es macht mir Angst, im Dunkeln mit einem so wackligen Gefährt umgeben von Wasser fahren zu müssen. Mein Puls steigt, sodass ich sogar überlege, auszusteigen und den Rest zu laufen. Ich bleibe sitzen und schaffe die Überfahrt. Malte schläft immer noch. Ich will ihn nicht wecken. Im Dunkeln erkenne ich viele Weiden und als die ersten Häuser am Straßenrand auftauchen, parke ich etwas abseits auf einem kleinen Parkplatz und steige aus. Ich habe Angst davor, an einer der Türen zu klingeln, sodass ich untätig am Wagen stehen bleibe.
      »Hey.« Ertönt es hinter mir. Erschrocken fahre ich herum und blicke in ein sacht lächelndes Gesicht. Seine helle Haut schimmert fast im seichten Licht der Mondstrahlen. Ich weiß nicht, ob es an der Dunkelheit liegt, aber seine Augen erscheinen mir grau. Kein trauriges Grau, es
      ist ein helles, freundliches Grau, welches in mir sofort das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit hervorruft.
      »Hey«, sage auch ich. Gleichzeitig mache ich mich auf eine Sturmflut von Fragen bereit, die jeden Moment über mich hereinbrechen müsste. Ich bin jedoch ein weiteres Mal an diesem Abend überrascht.
      »Komm, ich bringe dich zu seinem Haus.« Sagt er und steigt unhörbar leise wie selbstverständlich auf den Fahrersitz. Ich hadere noch einen Moment mit mir, nehme dann aber hinter ihm Platz.
      »Ich bin übrigens Eyvind.« Sagt er, während er den Motor langsam in Bewegung bringt.
      »Jora«, sage ich und lehne mich ein Stück zwischen den Sitzen vor, um besser sehen zu können, wohin die Fahrt gehen würde. Sie dauert nicht lange an. Zwei Minuten später parkt Eyvind den Wagen an einer Lichtung im Wald. Im Dunklen erkenne ich nur ein kleines Haus oder eher eine Hütte. Wie alles in dieser Gegend ist auch dieses mit einem warmen, aber sehr intensiven Rot angestrichen. Eyvind parkt den Wagen direkt vor der Haustür. Wir steigen im gleichen Moment aus. Über das Problem, wie ich jetzt wieder nach Hause komme, hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
      Fast zärtlich weckt Eyvind auf. Er flüstert ihm etwas zu, schnallt ihn mit geschickten Griffen ab und hilft dem total erschöpften Malte aus dem Wagen. Ich biete ihm meine Hilfe erst gar nicht an, ich wäre nur im Weg. Eyvind schafft es, Malte alleine zur Veranda zu bringen. Ich folge den beiden jedoch. Die Erstaunung überfällt mich, als ich das kleine Haus betrete. Es ist modern und hell eingerichtet, auch wenn der wenige Platz nicht viel Spielraum übrig lässt. Ich erkenne im Dunkeln einen Kamin, eine weiße Küche mit Kochinsel, ein bequemes braunes Sofa und viele Bücherregale bis zur Decke. Eyvind hievt Malte auf eben jenes Sofa und versucht ihn so bequem wie möglich auszurichten. Malte hatte wieder angefangen zu weinen und kauert sich erbärmlich trostlos auf seinem heimischen Sofa zusammen. Es dauert jedoch wieder keine zwei Minuten und Malte fällt in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.
      »Ich bleibe die Nacht wohl lieber hier. Ihm geht es wirklich nicht gut.« Sagt Eyvind mit ruhiger Stimme. »Kannst du mir noch einen Gefallen tun?« Fragt er und wendet sich an mich.
      Ich nicke hektisch und sage dann mit brüchiger Stimme: »Klar!«
      »Danke. Ich muss noch einmal zum Haupthaus und etwas Wichtiges klären. Könntest du solange hier bleiben und ein Auge auf ihn haben?«
      Wieder nicke ich. Jedoch kommt mir der Gedanke, dass er das im Dunkeln nicht genau erkennt und so gebe ich ihm noch eine mündliche Bestätigung.
      »Ich bin in zehn Minuten wieder da«, sagt er noch, bevor er die Eingangstür hinter sich zuzieht. »Tee ist im ersten Schubfach von links.« Ich beobachte ihn noch durchs Fenster, wie er fast schwebend den Waldweg zurück geht, nehme dann sein Angebot an und koche mir einen Pfefferminztee. Malte muss eben so sehr ein Teefanatiker sein, wie ich einer bin, denke ich und setze Wasser auf. Aber wahrscheinlich gibt es nicht viel anderes, was einen Gestütsarbeiter im Winter warm halten kann, außer eine Flasche mit duftendem, warmen Tee. Der Tee schmeckt gut. Der Geruch der von ihm ausgeht erinnert mich an Zuhause. Der kleine Hof mit den vielen bunten Sträuchern, dem wilden Salbei und der unaufhörlich wuchernden Melisse. Meine Mutter hatte mir früher immer Tee aus all den verschiedenen Pflanzen gekocht, der dampfende Pfefferminztee war jedoch stets mein Liebster. Ich fühle mich wohl. Eine innere Ruhe hat mich ergriffen. Entspannt lasse ich mich auf einem Sessel nieder, ziehe die Beine an und beobachte mit der warmen Tasse den schlafenden Malte. Die Frage lässt mich nicht aus ihrem Griff und so frage ich mich wieder, was der Grund für Maltes nächtlichen Ausflug in den Pub gewesen ist. Ich kenne die Antwort nicht und so entscheide ich mich dafür, dem Bad einen Besuch abzustatten, bevor Eyvind wiederkommt.
      Mein Spiegelbild schreit mir ins Gesicht, was ich bereits befürchtet habe. Meine Haare stehen ab, die Schminke ist verlaufen und mein T-Shirt ist mit etwas Klebrigem bekleckert. Ich will gar nicht erst wissen, um was es sich handelt. Ich versuche in dem ganzen Chaos etwas Ordnung zu schaffen, erziele jedoch nur kleinste Erfolge.
      Pünktlich zehn Minuten später öffnet Eyvind wieder sacht die Haustür. Unterm Arm trägt er eine dicke Decke, die er gleich auf der Lehne eines Stuhls ablegt. Dann verschwindet er, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, im Bad hinter der Küche. Für einen Mann braucht er erstaunlich lange. Erst fünf Minuten später kommt er wieder und winkt mich bestimmend in die Küche.
      »Weißt du genaueres, was passiert ist?« Fragt er mich mit seiner tiefen und so weichen Stimme.
      Ich schüttle wieder den Kopf. »Nichts, nein. War er schonmal so betrunken?«
      Eyvind überlegt kurz. Sein Blick schweift durch die Küche zu Malte. »Nein, seit ich ihn kenne nicht. Ihm geht es zur Zeit nicht so gut, ich hatte Angst davor, dass dann noch etwas Schlimmeres passiert. Danke, du warst wie ein Engel zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«
      Ich werde rot. Beste Lösung: Noch einen Schluck Tee nehmen und darauf hoffen, dass mein Gegenüber nichts bemerkt. Ich lerne Eyvind allerdings gerade als einen jungen Mann kennen, welcher alles zu wissen schien, ohne je danach gefragt zu haben. Unter seinem Blick fühle ich mich wie eine nackte Gurke, erkenne ich mit einem leichten Lächeln.
      »Möchtest du die Nacht auf dem Hof übernachten oder soll ich dir ein Taxi rufen?«
      »Ein Taxi wäre super,« sage ich hastig und lächle flüchtig. »Ich bin ziemlich müde und möchte in mein Bett.«
      Sein Blick geht zur Uhr über der Tür. »Bist du dir sicher? Es ist mittlerweile kurz vor drei.«
      Ich nicke selbstsicher. »Ja, bin ich.« Eyvind zuckt kurz mit den Schultern und holt sein Handy hervor.

      Malte » »So eine Scheiße!« Rufe ich wütend und schleudere ein weiteres Kissen vom Sofa auf den Boden. »So eine verdammte SCHEIẞE!« Ich halte mir die Stirn. Ich bin glühend heiß. Ich schließe die Augen als sich mein eigenes Wohnzimmer vor meinen Augen auf den Kopf stellt. Erschöpft lasse ich mich wieder aufs Sofa fallen und schließe die Augen. »Eyvind, was läuft bei mir zur Zeit nicht richtig? Was soll ich hier noch? Macht das Leben überhaupt Sinn?«
      Eyvind ist wie immer die Ruhe selbst. Genüsslich trinkt er einen dampfenden Tee, während er es sich auf dem Sessel seitlich von mir bequem gemacht hat. »Malte, lerne aus deinen vergangenen Fehlern und mache die gleichen nicht erneut. Gestern das war ein kleiner Ausrutscher, der ein gutes Ende genommen hat.«
      »Ich bin so ein Idiot!« Schimpfe ich wieder. »Mein Leben lang habe ich vom Alkohol Abstand gehalten, was war nur mit mir los? Was sagtest du? Ich habe geheult? Was bin ich nur für ein verdammter Mann, ohne Ehre und Stolz.«
      »Du bist ein sehr angenehmer Betrunkener.«
      »Weil ich heule?« Böse blicke ich zu Eyvind. »Würdest du gerne vor einem jungen Mädchen weinen, die dich gerade nach Hause fährt? Sie wird wahrscheinlich sonst was gedacht haben. Weißt du was das Schlimmste ist? Ich weiß noch nicht mal ihren Namen, geschweigedenn wie sie aussah!« Ich vergrabe mein Gesicht in der kühlen Sofawand. »Was ist nur aus mir geworden«, jammere ich wieder.
      »Jora hieß sie. Ein sehr schöner Name, wie ich finde.« Sagt Eyvind. Ich blicke zu ihm auf. Erwartungsvoll blickt er mich an und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse.
      »Jetzt brauchst du mir nur noch zu sagen, dass sie sehr hübsch war und mein Leben ist zerstört.«
      »Sie sah aus wie ein Engel und ich denke, sie hat sich gestern auch genauso verhalten. Ohne sie lägest du bestimmt in irgendeinem Straßengraben, mit einem kaputten Auto und einem geschrotteten Anhänger.«
      Ich fahre auf. Der Anhänger. Die Pferde. Der Flughafen. Wieder schreie ich laut eine unnennbare Beschimpfung, dass sogar Eyvind kurz innehielt mit Teeschlürfen. »Scheiße Eys, die Pferde! Wie spät ist es?!«
      »Kurz vor halb eins.«
      »Was? Nein, nein, das kann nicht sein.« Ich hechte aus dem Bett, taumle jedoch und kann mich gerade noch so an der Lehne von Eyvinds Sessel festhalten. »Meine Sachen«, murmle ich. »Eyvind, wo sind meine Sachen?« Sage ich diesmal lauter.
      »Malte, beruhige dich«, sagt Eyvind und klingt leicht ärgerlich. »Du benimmst dich, als wärst du immer noch besoffen.«
      »Du verstehst nicht, die Pferde!« Schluchze ich und versuche nun am Sofa entlang zu krabbeln.
      »Doch, ich verstehe sehr wohl. Denn wenn du kurz die Ruhe bewahrst und mir zuhörst, kann ich dir sagen, dass Vuyo und Tjarda heute morgen losgefahren sind und beide Pferde am Flughafen gesund und munter abgeholt haben.«
      »Was?« Mir stockt es den Atem. »Aber woher sollten sie wissen, dass-«, Eyvind unterbricht mich.
      »Dass sie heute morgen um zehn ankommen würden?« Eyvind steht auf und hilft mir vom Boden vor dem Sofa zurück auf das Sofa, wo ich kraftlos zusammenbreche. »Malte, ich weiß, dass du im neuen Jahrhundert noch nicht ganz angekommen bist, aber es gibt so etwas das nennt Internet. Ich habe gleich heute Nacht geforscht und schnell gefunden, wonach ich gesucht habe.«
      »Und die beiden sind jetzt wo?« Frage ich schwach.
      »Im Stall. Die Boxen hattest du ja bereits vorbereitet.«
      Ich nicke schwach und lasse mich dann nach hinten gleiten. »Danke«, schaffe ich noch zu sagen, bevor mich der Schlaf überrollt.

      Jora » Obwohl ich tot müde war, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich lag in meinem Bett, den Blick auf die Decke über mir gerichtet und in Gedanken versunken. Ich dachte an Malte, das Gestüt und natürlich mein Leben. Erst als die Sonnenstrahlen durch die Vorhängen schienen, fand ich endlich etwas Schlaf. Jetzt sitze ich am Küchentisch, eine Tasse Kaffee zwischen meinen Händen und blicke betrübt ins Nichts. In Gedanken stelle ich mein gesamtes Leben in Frage, bereue jede Entscheidung, die ich je getroffen habe und frage mich, in welche Richtung es nun gehen sollte und das alles nur wegen meinen gestrigen Erlebnissen. Ich frage mich, wie es Malte gerade geht und was er wohl gerade tut, ob er sich noch an mich erinnert und ärgere mich gleichzeitig, dass ich meine Nummer nicht hinterlassen habe. Jetzt würde ich wohl nie erfahren, was ihn aus der Bahn geworfen hatte.
      Ich holte meinen Laptop, klappte ihn auf und google nach dem Gestüt. Einige Verkaufsanzeigen und Artikel über Turniergewinne springen mir ins Gesicht, aber auch die Website der Ranch. Ich weiß selbst nicht warum, aber ich schreibe mir Maltes E-Mail Adresse und die Telefonnummer der Gestütsleitung auf. Vielleicht würde ich sie doch irgendwann einmal gebrauchen. Dann lasse ich mich lustlos auf mein Bett fallen und ziehe ein Fotoalbum zu mir heran. ich hatte es gestern aus einer der viele Kisten gesucht, jedoch noch nicht die Kraft gehabt, es mit anzuschauen.
      Die Bilde rmeiner Vergangenheit springen mich förmlich an, als ich die erste Seite aufschlage. Ich sehe meine Eltern, meine Geschwister und natürlich das, was meine Kindheit so Maßgebend bestimmt hat. Pferde. Pferde, die Natur, unser altes Gestüt und jede Menge Tiere. Ich habe es geliebt, mein altes Leben. Mit seinen Höhen und seinen Tiefen, denn ich wusste, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Jetzt war ich mir da nicht so sicher. Dann ändere es, suche deinen Weg, versucht mich mein eigenes Gehirn zu überreden. Ich schüttle den Kopf. Nein, das Kapitel in meinem Leben habe ich abgeschlossen.

      Am späten Nachmittag mache ich es doch. Ich gebe die Telefonnummer von Frau von Eylenstein in mein Handy ein und drücke auf das grüne Symbol. Es ist ja nicht verboten, sich zu erkundigen.
      Sie ist nett, klingt jedoch etwas gestresst. Ich kann mir vorstellen wie schwer es ist, den Überblick bei einem so großen Gestüt zu behalten. Sie freut sich darüber, dass ich ihr meine Hilfe anbiete und eventuell auch eine Reitbeteiligung suche. Sie fragt mich, ob ich heute noch kommen kann und obwohl es draußen bereits dämmert, steige ich in meinen Wagen und nehme den Weg ein weiteres Mal auf mich. Ich habe Angst. Nicht vor Frau von Eylstein oder dem Gestüt, sondern davor, Malte über den Weg zu laufen. Ich weiß nicht, wie er auf mich reagiert oder ob er mich überhaupt erkennt, aber ich versuche selbstsicher auszuzehen, als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstelle. Ich frage mich unwillkürlich, warum ich das Gestüt immer nur im Dunklen zu Gesicht bekommen.
      Frau von Eylstein hat mir ihre Adresse genannt und ich mache das schicke Herrenhaus in Weiß auch schnell ausfündig. Einen Moment bleibe ich verdutzt stehen, als ich lautes Geschrei aus dem Innern höre, drücke dann aber trotzdem auf die Klingel. Keine zwei Sekunden später wird die Tür aufgerissen und ich stehe einer jungen Frau mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm gegenüber. Sie hat dunkle, schulterlange Haare und wilde grüne Augen, aber auch tiefe Augenringe und ein gestresster Ausdruck liegt in ihrem weichen Gesicht.
      »Jora Cederblom?« Fragt sie mich und als ich vorsichtig nicke dreht sie sich um und ruft mit lauter Stimme: »Nico!« Und als niemand antwortet, schreit sie das zweite Mal noch ein Bisschen lauter. Ich bin leicht eingeschüchtert und als das Kind auf ihrem Arm abermals zu schreien anfängt und immer noch keine Antwort aus dem Haus dringt, dreht die Frau sich wieder um und verschwindet in der Wohnung. Ich stehe noch in der offenen Wohnungstür und frage mich verzweifelt, ob ich hier richtig bin. Aus dem Haus tönen laute Gespräche und ich habe für einen Moment das Bedrängnis, mich umzudrehen und zurück in mein Auto zu steigen. Die Frau kommt allerdings in diesem Moment zurück, zieht schroff die Tür hinter sich zu und bleibt seufzend stehen. Aller Ärger und Stress weicht ihr aus dem Gesicht und zurück bleibt nur die Erschöpfung.
      »Es tut mir unheimlich Leid«, sagt sie und reicht mir ihre Hand. »Charly, ich freue mich sehr, dass du dich gemeldet hast.« Sie lächelt kurz.
      Ich ergreife die Hand. »Ich kann auch wann anders wiederkommen«, sage ich und deute mit einem Nicken aufs Haus. »Wenn es heute unpassend ist.«
      »Ach quatsch«, lacht Charly gequält. »Es ist alles gut, wirklich! Komm, ich bringe dich zum Stall.«
      Ich sage nichts weiter und hoffe inständig, dass es wirklich in Ordnung ist, aber immerhin wares ihr Wunsch, dass ich heute noch komme. Auf dem Weg zum Stall stellt mir Charly einige Fragen und erkundigt sich danach, was ich bereits für Erfahrungen habe. Ich versuche nichts allzu überheblich zu klingen, erzähle ihr aber trotzdem von dem Gestüt, auf dem ich früher gewohnt habe, aber auch, dass ich nun seit längerer Zeit aus persönlichen Gründen den Kontakt zu Pferden abgebrochen habe. Sie fragt nicht genauer nach, denn sie scheint zu merken, dass ich nicht darüber reden will. Noch nicht.
      »Ich freue mich sehr, dass du aushelfen willst. Gerade heute hat sich einer meiner Mitarbeiter für längere Zeit frei genommen und es ist sowieso schon genügend Arbeit auf dem Hof.« Wir betreten den Stall. Ich liebe das Geräusch von kauenden Mäulern, gleichmäßigen Atmen und raschelnden Stroh noch genauso wie vor vielen Jahren und doch erinnert es mich an all die Dinge, die damit zusammen hängen, die ich versuche zu verdängen.
      »Wenn du sagst, du bist früher viel geritten, in welche Richtung denn? Eher klassisch Turnier oder doch etwas anderes?« Fragt sie mich.
      Ich bin einen Moment hin und her gerissen und würde gerne wissen, was sie für eine Antwort haben möchte. »Eher Freizeit«, sage ich dann. »Mein Vater war eher der Turnierreiter. Er hat mit seiner Stute einige Plätze in der Dressur geholt. Meine Mutter und ich haben uns mit schwierigen Pferden beschäftigt. Aber ich kann im Dressursattel genauso gut sitzen wie im Westernsattel, denn das war immer mein Ziel, so weitgreifend wie möglich zu arbeiten und nicht nur eines zu erlernen und alles andere zu verachten, wie es oft der Fall ist.« Füge ich hinzu.
      »Mit schwierigen Pferden sagst du?« Fragt mich Charly und kneift die Augen zusammen.
      Ich nicke vorsichtig. »Ja, aber wie gesagt, es ist schon lange her und ich weiß nicht, wie sicher ich noch im Umgang mit Pferden bin.«
      »Dann finden wir das mal heraus«, murmelt Charly und geht zu einer der Boxen weiter hinten. »Wir haben hier einige schwierigere Pferde und wie du vielleicht auch schon weißt, auch ein breites Feld an allen möglichen Pferden, welche vor allem für den Freizeitsport, aber auch den leichten Turniersport gedacht sind. Die einzige Zucht bei eins besteht aus den Sportpferden, welche wir allroundermäßig ausbilden und im mittleren Sport auf die Bühnen schicken. Ich würde mich freuen, wenn du uns bei der täglichen Arbeit unterstützt, aber genauso wichtig ist es auch, dass die Pferde reichlich Bewegung bekommen.« Sie öffnet das Tor und ein tragisches Wiehern erscheint, das mich kurz zusammenzucken lässt. »Komm her!« Meint Charly und winkt mich lächelnd zu sich. »Das ist unsere Grenzfee«, sagt sie und streichelt einer großen Stute in dunkelbraun den breiten Kopf. Unruhig spielen ihre Ohren hin und her und die Nüster bläht sich immer wieder auf. Ich weiche einen Schritt zurück als sie aggressiv mit dem Schweif peitscht, Charly redet jedoch beruhigend auf sie ein, sodass sich die Stute schnell beruhigt. »Unsere Grenzfee. Sie hat schon einen langen Leidensweg und ist nun seit einigen Jahren bei uns. Vielleicht findet ihr beide ja zusammen.« Als sie mein unsicheres Gesicht sieht, fügt sie hinzu: »Du brauchst keine Angst zu haben, du bist neu und das lässt Fee vorsichtig sein. Ich bin mir aber sicher, dass sie dich schnell akzeptiert.«
      Ich schaue Fee in die klaren, braunen Augen und sehe den weichen Schimmer und diese Gutmütigkeit in ihrem Blick. »Sie hat bestimmt viel Schlimmes erlebt«, flüstere ich und gehe mit ausgestreckter Hand einen Schritt nach vorne.
      Charly nickt und will etwas sagen, jedoch kommt ihr die Stimme einer anderen Frau dazwischen. »Charly, was soll das? Du weißt, dass das auch nach hinten losgehen kann.« Wütend kommt eine weitere Frau auf uns zu. Auch sie ist etwa im gleichen Alter wie wir, rote Locken umspielen ihr gebräuntes Gesicht und die leuchtenden Augen. Charlys Blick verhärtet sich, als die Frau sich an uns vorbeidrängelt und vor uns die Boxentür schließt.
      »Was soll das Mio?« Fragt Charly und hält die junge Frau am Arm fest. Diese entwindet sich jedoch barsch und faucht zurück. »Grenzfee ist meins! Meins allein und nur weil du auf sie aufgepasst hast, heißt das nicht, dass du alles mit ihr machen kannst, was du willst!«
      Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück und lehne mich an die Boxentür. Wo bin ich hier gelandet? Warum ist hier jeder sauer auf den anderen? Ich hasse Streit, Arroganz und Feindschaft, die nicht begraben werden kann. Schon mein ganzes Leben stoße ich immer wieder auf diese unzufriedenen Menschen, die meinen, ihren Ärger und ihre Wut an anderen auszulassen, die nur versuchen ihnen zu helfen. Mio schmeißt Charly noch eine Beschimpfung an den Kopf, welche ich jedoch nicht mehr hören kann, weil ich mir meine Finger in die Ohren gesteckt habe. Ich schließe meine Augen und versuche all den Zoff und die unschönen Dinge aus dieser Welt zu verbannen. Ich will das nicht hören, ich wollte das nicht wieder ertragen müssen.
      Eine Hand legt sich auf meinen Unterarm. Ich versuche sie abzuschütteln, ich will den Kontakt zu solchen Personen nicht, ich brauche Abstand von solchen Gefühlen.
      »Jora», sagt eine Stimme an meinem Ohr. »Alles ist gut, komm mit mir.« Ich kenne diese Stimme und ein Gefühl von Vertrauen durchfließt mich. Blind folge ich ihm, verliere die Zeit und den Ort aus den Augen und komme erst wieder zu Bewusstsein, als mir eine warme Tasse Tee hingehalten wird.

      Malte » Ich habe Charly gesagt, dass ich Urlaub brauche. Nicht nur drei Tage, länger. Ich bin mir nie sicherer bei etwas gewesen, als ich vor ihrer Tür stand und ihr klar und deutlich erklärte, dass ich Ruhe brauchte. Ich fühle mich seit langer Zeit endlich mal wieder frei und kann atmen wie schon lange nicht mehr. Ich besuche meine neuen Pferde erst nachdem ich mit Charly geredet habe und die Entscheidung erscheint mir unheimlich schlau. Mit einer neuen mir schon unbekannten inneren Ruhe betrete ich den kleinen Nebenstall und stecke aufgeregt wie ein kleines Kind meine Hand über die Box hinweg, um sie endlich anschauen, anfassen, greifen zu können. Es ist schon recht lange her, dass ich mir Angus gekauft habe und nun kamen noch diese beiden dazu. Ginnungagap schaute mich aus seinen aufmerksamen braunen Augen an und ich wusste, dass er so schnell nicht wieder gehen würde. Sein Fell glänzte seiden, bestimmt hatte Vuyo es heute Morgen geputzt. Es ist schwarz, aber kein gefährliches, einsames Schwarz, sondern tiefgründig und warmherzig. Ginnus Beschreibung im Internet war nicht die einfachste, aber das gefiel mir. Ginnu schaut mich an und ich blicke zurück, fast wie ein stummes Gespräch zwischen zwei Wesen, die sich darauf einigten zusammenzuleben. Ich hatte überlegt, ihn kastrieren zu lassen, doch dann fiel mein Blick auf Ursel und ich wusste, dass ich das nicht übers Herz bringen würde.
      In meinem Kopf höre ich bereits Petyr, wie er sich über den Namen von Ursel lustigmachen wird. Er findet solche Pferdenamen albern, doch ich werde mich diesmal nicht provozieren lassen, denn vor mir sehe ich das ehrliche und freundliche Bild meiner kleinen Bärengöttin, denn genau das bedeutet der Name für mich. Ursel ist die erste Stute in meinem Besitz. Mit seidenem rötlichen Fell, einer langen wehenden Mähne und den hochbeinigen weißen Abzeichen. Eyvind hatten sie gefallen und auch Vuyo hatte mir vor wenigen Stunden einen Besuch abgestattet und mir zu diesen beiden Pferden beglückwünscht.
      Als Ginnu unruhig wird, bringe ich erst ihn, dann auch Ursel auf eine Weide nahe des Stalls. Es ist mir lieb, die beiden etwas im Auge behalten zu können und doch will ich sie nicht alleine im Stall zurücklassen. Ich bin mir selbst noch nicht sicher, zu wem die beiden auf die Weide kommen sollen, will jedoch am Abend ein erstes Kennenlernen ausprobieren. Bis kurz vor sechs ziehe ich mich deswegen in meinen kleinen Wagen im Wald zurück und schaue das erste Mal seit langer Zeit wieder etwas Fernsehen. Ich brauche Ablenkung. Auch koche ich mir mit den Resten aus meinem Kühlschrank einen Auflauf und lasse mir diesen auf meinem Sofa schmecken.
      Am Abend gehe ich erneut zum Offenstall. Logi begrüßt mich wie immer mit einem sanften Stupsen, während Félagi noch eingeschnappt ist, dass ich ihn heute Morgen geärgert habe. Ich lächele kurz und wuschle ihm dann durch seine dichte Mähne, während Dynur sich hinter ihm zurückhält. Dynur werde ich erst einmal zurücklassen. Sollte Félagi der Verpaarung zustimmen, wird auch Dynur nichts mehr dagegen haben. Zusammen mit Félagi verlasse ich die Weide und machte mich auf den Weg zu Ginnungagap. Dieser hört uns schon von Weiten und stößt ein lautes Wiehern aus. Wie erwartet bleibt Feli stehen, spitzt die Ohren und bläht die Nüstern. So sieht er noch viel hübscher aus, wenn er so aufrecht steht. Dann wird er unruhig, tänzelt leicht auf der Stelle und stupst mich an. Er weiß selbst noch nicht, ob er das Pferd kennenlernen möchte und ich merke wieder, dass er noch sehr jung und unerfahren ist, was das angeht. Das stört mich nicht, ich will ihm sowieso noch Zeit lassen, bis ich ihn unter den Sattel zwinge. Er liebt seine Freiheit und das versteh ich nur zu gut.
      Am Zaun von Ginnu angekommen wird Feli wieder ruhig. Ginnu steht an der anderen Seite des Zauns und beobachtet uns. Ich hätte gedacht, dass er offensiver vorgehen wird. Doch kaum kam mir dieser Gedanke, schüttelt der Rappe seinen muskulösen Kopf und kommt auf uns zugeprescht. Erschrocken weicht Feli einen Schritt zurück und versteckt sich leicht hinter mir. »Alles gut!« Sage ich liebevoll und ziehe aus meiner Hosentasche eine kleine Möhre. Das lässt sich Feli nicht entgehen, schnappt zu und hat mit wenigen Bissen das Leckerli hinuntergeschluckt. Auch Ginnu bekommt ein Stück, dich kaum ist es verschwunden, wiehert er wieder laut und trabt elegant den Zaun auf und ab. Feli hat nun doch die Scheu gepackt und er versucht mich zurück in Richtung Stall zu ziehen. Auch wenn ich sehe, dass es viel Arbeit mit den beiden werden wird, so sehe ich doch das Potenzial. Es wäre ein Traum, meine jungen Hengste zusammen halten zu können und vielleicht endlich eine Grenze zwischen den Kaltblütern und den Ponys ziehen zu können, welche nun noch auf einer Weide stehen.

      Jora » Ich öffne die Augen und blicke in das Gesicht von Eyvind. Er lächelt. Ich habe das Gefühl, dass er immer lächelt. Diesmal bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Tut mir Leid«, murmle ich beschämt und richte mich auf dem Sofa etwas auf. »Es war einfach nur zu viel für mich.«
      Er nickt und reicht mir eine Tasse Tee und ein Stück Schokolade. »Hier, iss. Das hilft bestimmt.« Vorsichtig nehme ich es ihm ab, beiße jedoch noch nicht hinein.
      »Wer war das?« Frage ich. »Das rothaarige Mädchen?«
      »Mio«, meint er und steht seufzend auf. »Komm, iss, wenn es etwas gibt, was dir nun helfen kann, ist ein Tee und eine Schokolade.« Er geht in die Küche der kleinen Wohnung und stellt sich ans Fenster. Ich beiße einmal ab und merke, wie sich der süße Geschmack der Schokolade in meinem Mund und meinem Magen ausbreitet. Er hat Recht, es hilft wirklich. Meine Frage hat er trotzdem noch nicht beantwortet. Bevor ich jedoch dazukomme, unterbricht er mich. »Mio hat es zur Zeit auch nicht leicht. Früher hat sie zusammen mit Charly ein Gestüt geleitet, bevor sie nach dem tragischen Tod ihres Freundes in die USA geflohen ist. Der Kontakt brach fast vollständig ab und erst zwei Jahre später lernten sie sich wieder kennen. Mittlerweile ist Mio wieder hier. Sie hat ihre neuen Freunde und einen Haufen Pferde mitgebracht. Sie vermisst es, Nevada. Sie vermisst die Wildnis, die Wüste, die wilden Pferde.« Er seufzt. »Nimm es ihr nicht übel. Sie hat sich oft schwere Vorwürfe gemacht, dass sie so viele Pferde zurückgelassen hat und Grenzfee ist eines von ihnen.«
      Ich nehme einen Schluck Tee. Ich schmecke den süßen Honig und die Melisse und ich glaube auch einen Schuss Orange erkennen zu können. »Ich wollte nicht, dass sie sich streiten.«
      »Das glaube ich dir.« Eyvind wendet sich wieder vom Fenster ab. »Du hast schon schlechte Erfahrungen gemacht, was Streit angeht?« Ich nicke nur. Mein Hals ist trocken und ich nehme noch einen Schluck. Eyvind möchte jedoch gar nicht mehr wissen.
      »Ich habe dir ein Bett vorbereitet, du bleibst heute bei mir. Morgen schauen wir uns zusammen das Gestüt bei Tageslicht an und ich zeige dir all die schönen Seiten.«
      Ich bin einverstanden, er hätte mich sowieso nicht gehen lassen und ich vertraute ihm. Bevor ich ins Bett gehe, frage ich noch: »Eyvind, wie geht es Malte?«
      Er lächelt mich kurz an, meint dann aber ernst: »Besser. Er hat sich Urlaub genommen und ich glaube, das braucht er jetzt auch. Wenn du willst, gehen wir ihn morgen gemeinsam besuchen.« Ich zucke nur kurz mit den Schultern und ich glaube, er versteht, dass ich mir nicht sicher bin, ob das eine gute Idee ist.

      Malte » Der nächste Morgen beginnt für mich in aller Frühe. Kurz nach Sonnenaufgang kann ich mich nicht länger im Bett halten und gehe hinaus in den Stall. Ich setzte mich einige Minuten auf die grüne Bank davor, genieße die Sonnenstrahlen und denke an gestern Abend. Ich hatte Vuyos und Charlys Vorschlag angenommen und versucht, meine Ursel mit zu den Ponystuten und Excelsior zu stellen. Jeanie mit Anhängsel Jelda hatte jedoch deutlich gezeigt, dass sie keinen weiteren akzeptieren will, denn anscheinend gehen ihr Vuyos beiden Stuten Nayela und Blazing Flame schon genug auf den Geist. Eine Stunde habe ich versucht, dass die Stuten sich näher kommen, war jedoch nur auf eine Mauer aus Beton gestoßen. Mit einem kurzen weiteren Gespräch mit Charly hatte ich mir jedoch eine vollkommen neue Konstellation überlegt. Ursel, zusammen mit der jungen Striga und meinem geliebten Óslogi. Ich hatte es nicht geglaubt, aber Logi und Ursel verstanden sich von Anfang an und auch Striga schien Freude an den beiden viel kleineren Pferden gefunden zu haben. Schon nach kurzer Zeit hatte sie ihre neue Freundin über den Zaun hinweg die Mähne gekrault und gezeigt, dass sie bereit dafür war.
      Gegen Mittag habe ich mich mit Charly verabredet. Sie will gerne dabei sein, wenn ich ihren Liebling und meine beiden Pferde zusammenführe.
      Im Stall miste ich das erste Mal in meinem Leben nur die Boxen der Pferde aus, die mir gehören. Ginnu, Ursel, Logi, Dynur, Feli und Angus. Ich brauche nicht lange, meine geübte Hand fidend im Handumdrehen die Dreckstellen, entfernt diese und streut neues Heu auf die Stellen. Bevor die anderen den Stall betreten, bin ich längst fertig mit meiner Arbeit und mache mich auf den Weg nach Hause.

      Jora » Am Morgen werde ich sanft von Eyvind geweckt. Er hat bereits den Tisch fürs Frühstück gedeckt und ich frage mich, ob er immer so lecker isst, oder das nur für mich tut. Wir sprechen nicht viel und es ist auch eine stumme nächste Stunde, bis wir den Stall betreten.
      »Das ist der Nebenstall«, erklärt mir Eyvind. »Die meisten der Pferde stehen im Sommer ganztägig auf den Weiden.« Der Stall ist hell und geräumig und anscheinend erst vor kurzem erbaut wurden. Nicht nur Sattelkammer und die kleine Küche sind modern, sondern auch die Tränken und der weiche Gummibelag in den Boxen. Es wurde kein Geld gespart, um den Pferde eine helle und freundliche Atmosphäre bieten zu können.
      Am anderen Ende der Stallgasse erscheint ein junger Mann. Rechts und links führt er zwei große Vollblüter. Das eine braun, das andere von einem hübschen und leicht geappelten Grau. Der Mann selbst hat dunkle Haut, kurze Haare und leuchtende Augen. Als er vor uns zum Stehen kommt, nimmt er beide Stricke in eine Hand und reicht mir die andere. Er blickt kurz grinsend zwischen Eyvind und mir hin und her und ich merke wie ich Rot werde. Eyvind reagiert jedoch gar nicht darauf und stellt mich vor. »Das ist Jora, sie möchte hier wahrscheinlich etwas aushelfen. Jora, das ist Vuyo. Er ist vor allem für die Vollblüter da, aber natürlich auch für jegliche andere Arbeit, die hier anfällt. So wie wir alle.« Ich ergreife nun Vuyos Hand und lächle kurz.
      Vuyo deutet auf die beiden artig wartenden Hengste. »Das ist Valentines Alysheba und sein Freund Osgiliath.« Er zeigt auf den Helleren. »Sehen wir uns heute zum Mittagessen Eys?« Fragt er an Eyvind gewandt. Eys, auf den Spitznamen wäre ich nie gekommen.
      »Ich weiß noch nicht, mal schauen.« Sagt Eyvind nur. Vuyo winkt uns noch kurz zu und macht sich pfeifend mit den beiden auf dem Weg aus dem Stall. Ich mache mich auf den Weg zu Grenzfees Box. Sie steht noch drinnen und blickt mich nachdenklich an. »Grenzfee hast du gestern ja bereits kennengelernt.« Ich blicke auf. Eyvind steht wieder neben mir. »Da neben dir in der Box, das ist Teufelstanz. Du kannst die beiden glücklich machen, in dem sie einfach immer in Sehweite bleiben dürfen. Sie lieben sich, wie man es nicht für möglich halten kann.« Erklärt mir Eyvind begeistert.
      »Gehen sie nicht auf die Weide?«
      »Doch doch, Vuyo wird sie gleich holen. Sie stehen auf einer Magerweide am See. Beide Stuten hatten schwere Hufrehe und ich bin froh zu sehen, wie gut sie sich entwickelt haben. Mittlerweile sind sie wieder reitbar, aber weder im Turniersport, noch auf der Rennbahn. Vuyo hat sich trotzdem zum Ziel gesetzt, die beiden im Rennen fitter zu bekommen und übt mit ihnen mehrmals auf unserer kleinen Bahn.« Er machte eine kurze Pause. »Hilfst du mir die restlichen Pferde auf die Weiden zu bringen?«
      »Klar«, sage ich und wende mich von Grenzfee ab. Eyvind zeit mir die fünf verbliebenen Pferde im Stall und gibt mir schließlich die Aufgabe, mich um zwei Trakehner Wallache zu kümmern. »Die gehören zwei Verwandten von Charly, eigentlich haben wir nur wenige Einsteller, aber die beiden haben sich uns nahezu aufgedrängt. Tibor und La Paz heißen die beiden.« Eyvind nahm zwei Stuten und ein dunkles Fohlen, das zu einer grauen Stute gehörte. Artig tippelte es ihr hinterher und ich lachte laut auf, als es über eine Bürste stolperte und erschrocken in die Luft sprang. »Ja, der kleine Mytos, der hat leider die Eleganz von seiner Mutter noch nicht geerbt.« Lacht auch Eyvind und blickt mir in die Augen. Ich wende meinen Blick ab und achte darauf, dass meine beiden Pferde nicht auch stolpern. Als Raja, Rubina, Mytos, Pas und Tibor auf ihrer Weide stehen, lädt mich Ey dazu ein, Malte zu besuchen. Ich zögere, stimme dann jedoch zu.
      »Hast du eigentlich auch Pferde?« Frage ich interessiert, als wir den Waldweg zu Maltes Haus gehen. Eyvind schüttelt jedoch nur den Kopf und sagt nichts dazu. Auch er hat also Dinge, über die er nicht reden möchte.

      Malte » Charly ist mir zum Glück nicht sauer, dass ich Hals über Kopf freigenommen habe. Besser gesagt dankt sie mir sogar, für meine jahrelange treue Arbeit und umarmt mich ein weiteres Mal. Es verwundert mich nicht, das auch das Zusammenführen unserer Pferde so gut funktioniert wie gedacht und nach nur einer halben Stunde stehen Striga, Logi und Ursel glücklich auf der Weide vor meinem Haus. Es ist mein Wunsch gewesen, dass die Pferde so nah wie möglich bei mir stehen und Charly hat nichts dagegen gehabt, dass ich ihre Striga etwas im Auge behielt. Die Vögel zwitschern über unseren Köpfen und im seichten Wind wanken die Bäume hin und her, als ein lautes Wiehern aus dem Wald erdringt. Während ich auffahre, bleibt Charly ruhig. »Das ist Marid, kein Zweifel.« Und tatsächlich. Wenige Sekunden später taucht Nico auf, unter ihm der wilde Hengst. Striga, Ursel und Logi preschen an die andere Seite des Zauns und es freut mich zu sehen, dass nicht nur Logi den Hengst nicht ausstehen kann.
      Nico bremst vor uns seinen Hengst ab und lässt sich von dessen Rücken gleiten. Ich muss zugeben, dass ich ihn für seine Reitkunst bewundere und auch, dass Nico eher nach Gefühl, als nach Regeln reitet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Seine arrogante und herablassende Art stört mein Selbstvertrauen jede Mal aufs Neue. Er kommt jedoch kaum dazu etwas zu sagen, als zwei weitere Gestalten aus dem Wald auf uns zukommen. Marid hört sie als erste und so wenden auch wir drei den Kopf in die Richtung. Eyvind ist mit seinen weißen, kurzen Haaren und der Sonnenbrille nicht schwer zu verwechseln und das Mädchen neben ihm, wie mir bewusst wird, ist sie. Elend lange Engelslocken, einen zierlichen Sidecut und weiche Gesichtszüge. Neben Eys sieht sie erstaunlich klein aus, neben mir würde es genau passen.
      »Jora«, sagt Eyvind, als sie neben uns zum Stehen kommen. »Charly kennst du ja bereits und Malte auch. Das ist Nico.« Überheblich verbeugt sich Nico, ergreift dann Joras Hand und meint: »Zu euren Diensten, junge Frau.« Jora wird Rot und lächelt peinlich berührt, zieht die Hand jedoch nicht aus Nicos Griff. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Charly sich wütend auf die Lippe beißt, sagt jedoch nichts dazu. Ich weiche Joras Blick aus, nicke nur kurz freundlich. Anscheinend sind nun alle verstummt und zu fünft stehen wir am Zaun der Weide und blicken auf Ursel, Striga und Logi, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt.
      Leben ist Erfahrung von Wirklichkeit und wer lebt, tauscht Zeit gegen Erfahrung aus, denke ich, bevor ich mich Jora zuwende. »Hast du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
    • AliciaFarina
      03. Januar 2018
      Und so ging es weiter...
      12036 Zeichen © BellaS

      Meine Geschichte ist lang, und genauso langweilig wie lang. Zumindest in meinen Augen. Das Problem dabei ist nur, dass ich sie selbst erlebt habe. Kein Wunder also, dass sie mir langweilig erscheint.
      Ich habe meine Freizeit der letzten Tage genutzt und ein bisschen in meinen Sachen gekramt, auch in denen, die Erinnerungen bergen. Darunter fand ich mein Tagebuch, in das ich seit Jahren nicht mehr eingetragen hatte. Ich war um die dreißig, als ich den letzten Eintrag verfasste. Über zehn lange Jahre ist das nun her und so beschloss ich, dass es an der Zeit war, wieder einen Eintrag zu verfassen. Hier ist sie also, die kleine Fortsetzung meiner Geschichte
      Dass ich eigentlich Informatik studiert hatte, war kaum bekannt. Genausowenig wie die Tatsache, dass ich meine “Trainerkarriere” als Hobbyreiterin begonnen hatte. Keine Kindheit auf einem Gestüt, keine Eltern, die Pferde besessen hatten, nichts. Und dann kam mein erstes Pferd. Und das Zweite, und das Dritte.
      Eine ganze Geschichte voller Umzüge, Liebe, Dramen und Meilensteine, von denen ich mir niemals hätte träumen lassen. Beinahe filmreif, würde ich sagen.
      Und dann kam endlich alles so, wie ich sein sollte. Zumindest glaube ich das heute. Ich wurde schwanger, bekam Kinder und begann sie groß zu ziehen. Und schließlich einen Großteil meiner Pferde zu verkaufen, den Hof zum Offenstallbetrieb auszubauen und meinen eigentlichen. Beruf wieder aufzunehmen. Inzwischen ist das Leben im Helstorfer Moor eingezogen.

      ***

      “Sie kommen!!” Ich lächelte und freute mich innerlich über die Freude und Aufregung meiner jüngsten Tochter. Zwar waren vor einigen Wochen bereits einmal neue Einsteller angekommen, aber die Aufregung über ein weiteres neues Pferd waren gleichwohl stark wie eh und je. Mit der Mustangstute, die in wenigen Minuten ankommen würde, waren dann alle Offenstallplätze für Externe belegt.
      Der Anhänger hielt auf dem Hof und ein etwa dreißigjähriger, resolut und sympathisch wirkender Amerikaner stieg aus dem Auto. Sin Bishop hieß er. Ich hatte ihn bereits kennen gelernt, als er sich unseren Hof anschaute. Mein Mann Robin hatte sich auf Anhieb gut mit ihm verstanden und ich war mir recht sicher, dass er sich über etwas männlichen Beistand mit weniger als vier Beinen freute. Immerhin musste Robin jeden Tag mit einem Haus voll Frauen und allen weiblichen Einstellerinnen klar kommen. Da kam Sin gerade recht. Eigentlich hatte ich mir für die Herde eher einen weiteren Wallach gewünscht, da die Rangfolge momentan rein stutendominiert war und die Kerle ein wenig untergebuttert wurden, doch damit das nicht auch bei den Menschen der Fall war, kam Sin gerade recht. Havana Girl war ihm auf Umwege in die Hände gefallen. Er hatte angefangen sie zu trainieren und schließlich hatte ihr alter Besitzer ihm die Stute überlassen. Der Grund war etwas kurios, aber solange das Pferd einen eingetragenen Besitzer hatte, umgänglich, gesund und auf vernünftige Art und Weise trainiert war, sah ich keine Probleme.
      Probleme entstanden momentan viel mehr in der Herde. Seit einigen Tagen floss Blut im großen Offenstall. Unsere letzte neuer Einstellerin, Ylvi Seidel, hatte ein Gespann aus Wallach und Stute mitgebracht. Während der Wallach Valravn zunächst vorsichtig gewesen war, aber keiner Fliege etwas zur Leide tat, war die Stute dazu ein soziales Biest. Fylgia war dominant und hatte noch nicht ganz begriffen, dass es durchaus noch dominantere Stuten gab. Bisher hatten sich meine Stuten Laufey und Vin den Kampf und die erste Position geliefert. Jetzt war Vion tatsächlich zurück getreten und hatte Fee das Feld überlassen. Das war mir lieb, denn Vin war wertvoll, doch Laufey frá Sólin als isländischer Import ebenso. Ihr Fohlen Ljóma von Atomic, welches aus einem meiner ehemaligen Spitzenhengste gezogen worden war, zeigte bereits jetzt fantastische Anlagen. Davon das Fee mein Lieblings- und Herzenspferd war, wollte ich zudem gar nicht erst anfangen. Da die Stuten aber ihre Rangfolge regeln mussten, gab ich mich damit zufrieden jeden Tag schuterzuckend kleine Platzwunden zu versorgen und mich darüber zu freuen, dass bisher noch kein Tierarzt von nöten gewesen war.
      Valravn hatten außerdem langsam begonnen sich etwas von Flygia zu lösen. Er neigte zwar immernoch zum kleben, doch war Trickling Snow sein neustes Opfer. Die zwei Lewitzer teilte die Neigung zu Unfug. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie gemeinsam begannen Dinge zu zerlegen, Tore zu öffnen und ähnliches anzustellen. Im Prinzip alles, was die Fantasie eines Pferdes zuließ.
      Ich drehte mich um um unseren neuen Einsteller zu begrüßen und sah von der anderen Seite Robin auf uns zu kommen. Er führte Vákur frá glaesileika eyjarinnar am Zügel. Einen jungen Hengst, der noch aus den Resten unserer gemeinsamen dänischen Zucht stammte und für den noch Körungsambitionen vorhanden waren. Immerhin besaß der Hof noch drei Padockboxen für Hengste, die auch alle drei belegt waren. Die Junghengste Vákur und Glanni frá glaesileika eyjarinnar und natürlich mein heimlicher Liebling Sólfari. Ich hatte es nicht übers Herz gebracht den umgänglichen und so gar nicht hengstigen Hengst zu verkaufen. Zwar hatte ich meine Zucht eigentlich auflösen wollen, doch bewegten trotzdem ein paar Fohlen “vom Hestorfer Moor” die Szene. Mit Vordís vom Hestorfer Moor, Vinkonas erstem Fohlen und einziger Nachkomme des Traumhengstes Óslogi, hatte ich vor kurzem erst eine Fohlenschau aufgemischt. Das Stütchen hatte bereits Talent und Temperament en masse.
      Die Männer begrüßten sich mit Handschlag und grinsten sich an, dann ging es ans Ausladen. Havana Girl hatte ruhig im Hönger gestanden und sah es auch nicht wirklich ein ihr Heunetz für einen unbekannten Offenstall herzugeben. Erst als Sin das Netz durch die fordere Hängertür entwendete, ließ sich die Stute aus dem Hänger bugsieren. Da es bereits herbstlich war, musste die dünne Stalldecke, die sich während des Transportes getragen hatte noch gegen ein etwas dickeres Exemplar getauscht werden, dann ging es in den eigens für sie abgetrennten Bereich des Offenstalls. Mit gespitzen Ohren stand die Stute am Zaun und beschnupperte die langsam ankommenden Mitglieder der Herde. Allen voran Laufey suchte Kontakt zum Neuankömmling, schließlich musste sie das fremde Pferd überprüfen um ihre Herde im Zweifelsfall zu warnen und zu schützen. Die angelegten Ohren stellten sich jedoch schon nach wenigen Sekunden auf und nun durfte auch der Rest der Pferde an die neue Stute heran. Zumindest so lange, bis es Havana zu viel wurde und sie sich in eine weiter entfernte Ecke verzog. Der Einzug schien ohne Stress zu verlaufen. Immer ein gutes Zeichen.
      Gemeinsam mit Robin lud Sid nun auch seinen Sattelschrank aus und begann sich häuslich einzurichten, zumindest was Pferdedinge anging. Bei seinem ersten Besuch hatte ich den Amerikaner bereits über unsere Stallordnung aufgeklärt. Zu meiner großen Freude hatte er alles in erinnerung behalten und räumte seine Dinge genau so weg, wie ich es angedacht hatte. Wenn ein Einzug so unkompliziert verlief, konnte das nichts Schlechtes bedeuten.

      ***

      “Hey, aufstehen.”, sanft streichelte ich Helena über die Wange, die noch im Traum versunken war. Egal wie meine Töchter morgens murrten, wenn ich sie um sechs Uhr morgens aus dem Bett holte, ich freute mich, dass ich sie noch wecken durfte. Ich hatte erwartet, dass die sechzehnjährige Helena irgendwann in die “Eltern sind scheiße”-Phase verfallen würde, doch ich hatte mich getäuscht. Die Pubertät war bisher zwar nicht spurlos, doch recht milde an ihr vorüber gegangen. Ganz anders Nieke. Obwohl erst dreizehn Jahre alt, hatte der schwarzhaarige Wirbelsturm immer einen ganz eigenen Kopf. Streit oder schlecht gelaunte Eltern waren ihr relativ egal, sofern es nicht allzu erst wurde. Trotzdem verzichtete auch sie noch jeden Morgen auf die Nutzung eines Weckers, sondern vertraute voll und ganz auf Mamas morgendlichen Weckservice. Auf den beschränkte es sich jedoch, da ich mich beim besten Will nie in die Küche stellen würde, um meinen Kindern ihr Pausenbrot hinterher zu tragen und mir anzuhören was sie alles nicht mochten. Kinder, die nicht zur Selbstständigkeit erzogen wurden, waren mir schon immer ein Graus gewesen. Außerdem waren die Pferde an der Reihe, ehe ich selbst zur Arbeit musste.
      Um sechs Uhr klingelte mein Wecker, um neun Uhr hatte ich an meinem Schreibtisch zu sitzen und mir anzuhören was wieder alles “kaputt” war. Drei Tage die Woche zu Hause, zwei in der Firma.
      Während ich einer Arbeit außerhalb des Hofes nachging, war der Hof die Arbeit meines Mannes. Instandhaltung des Hofes, Training und Pflege der Pferde die keinen Einstellern gehörten füllten seinen Tag.
      Ich klaubte einen Arm voll Heu von der überladenen Schubkarre und stopfte es in das vor mir ausgebreitete Heunetze. Sieben über den gesamten Paddockbereich verteilte Futterstellen bedeuteten sieben Futterstellen die es galt jeden Morgen aufzufüllen. Vor der Arbeit versteht sich. Das Auffüllen am Abend übernahm mein Mann, der sich grundsätzlich den Luxus gönnte bis acht Uhr zu schlafen. Allerdings beneidete ich Robin nicht um die Arbeit, die jeden Tag auf unserem Hof anfiel. Kleinigkeiten, wie ein kaputter Strahler auf dem Reitplatz, eine lose Tür an Excelsiors altem Sattelschrank, ein undichtes Dach an einem Unterstand oder eine gebrochene Zaunlatte gehörten nicht zu meiner Lieblingsarbeit, auch wenn ich Handwerklich durchaus versiert war. Allerdings schaffen es die Mitarbeiter meiner Firma ebenfalls regelmäßig mich mich Kleinkram in den Wahnsinn zu treiben. Ich meine: Wie ich aller Welt wollte ein Rechner laufen, wenn der Stecker nicht eingesteckt war? Dass studierte Architekten oft nicht in der Lage waren nach den einfachsten Fehlerursachen an Computern zu suchen, raubte mir hin und wieder den letzten Nerv. Da war mir die Betreuung der Betriebssoftware lieber. Die zickte war auch, aber nie so wie ein Kollege, der den Fehler ausschließlich am Gerät suchte und nicht an ihm selbst.
      Mein Ausgleich waren die Pferde in deren Mitte ich inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens verbracht hatte. Ausritte auf Blaer frá glaesileika eyjarinnar, Mayalie oder Vinkona, gemeinsam mit meinen Töchtern, meinem Mann oder Einstellern entpuppten sich als das, was ich mir immer gewünscht hatte. Weg vom dere großen Zucht und dem Verdienen meines Lebensunterhalts mit den Pferden, hin zum Partner Freizeitpferd war ein großer Schritt gewesen. Und einer, den ich noch nie bereut hatte.
      Ich saß am offenen Fenster und erledigte meine Arbeit von zu Hause aus, als Theresas Wagen auf dem Hof parkte. Sie schien heute frei zu haben, denn es war noch Vormittags. Lächelnd winkte ich ihr zu, während sie mit Silfurtoppas Halfter in der Hand den Paddock betrat. Silfurtoppa frá glaesileika eyjarinnar stammte ebenfalls aus meiner alten Zucht, doch als es zwischen ihr und Theresa gefunkt hatte, hatte ich die Stute mit Freude verkauft. Obwohl ich immer wieder gehört hatte, dass es nicht gut sei ein eigenes Pferd zu verkaufen, wenn es auf dem Hof blieb, war ich bisher immer zufrieden gewesen. Ob ich nun ein gutes Händchen hatte oder unverschämtes Glück, beides sollte mir recht sein.
      Mein Nachmittag bestand darin Reitunterricht zu geben. Josephine Silber, Tochter von Katrin Silber, der Besitzerin von Soul Dance, bekam jeden Montag Reitunterricht von mir. Dass ich einmal Trainerin gewesen war, kam mir hin und wieder doch noch zur Gute. Nicht selten schlossen sich dann Nieke auf Crime Time oder unser Skywalker, Luke, an, der Cielo von Amelie entwedet hatte. Meiner Meinung nach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis es zwischen den beiden funkte. Der blonde und heitere Casanova tat der ernsten und rationalen Amelie nur gut. Zumindest sah ich das so. Und wenn ich dann Abends in den letzten Strahlen der Herbstsonne neben meinem Mann auf der Bank vor der Eingangstür sitzen und Yasuara zuschauen konnte, wie sie mit ihrer Stute Layali Freiheitsdressur übte, kam ich mir zwar vor als währe ich bereits achtzig Jahre alt, doch ich war glücklich und das war die Hauptsache.
    • AliciaFarina
      Pflegebericht für alle meine Pferde



      In der letzten Zeit waren einige neue Pferde bei uns auf dem Gut eingezogen, vieles hatte sich verändert. Ich beschloss, während ich eine Büropause einlegte, nach dem Rechten zu sehen. In der letzten Zeit war ich viel mehr im Büro als im Stall, aber auch das musste sein. Umso mehr genoss ich die Zeit wenn ich dann mal zum Reiten kam.

      Als erstes ging ich in den Stall mit den Paddockboxen, ich kontrollierte ob ordentlich gemistet wurde und beobachtete Maren die gerade in der Halle Greta und Smokin Jackie Joe laufen lies. Die beiden Stuten waren beste Freundinnen, die jetzt buckelnd und keilend durch die große Halle schossen. Als ich weiter ging sah ich Meike wie sie gerade die Stallgasse fegte. „Du darfst dir gerne gleich eins der Shettys holen und betüddeln, wenn Maren ein Auge drauf hat darfst du auch gerne etwas reiten.“, sagte ich zu ihr. Meike freute sich, brachte schnell den Besen weg und kletterte auf den Hocker an der Bande um Maren zu fragen. Ich ging weiter und kam an den großen Paddocks vorbei wo die Hengste die über Nacht die Boxen bewohnen in Paaren nebeneinander dösten. Damit auch den Hengsten Sozialkontakt ermöglicht wird, stehen sie zu zweit auf dem Paddock oder im Sommer in einer größeren Herde auf der Weide. Civil War und Straight Alignment standen auf dem linken und Lettenhof's Nanuk und BR Alan's Steamin Dinner auf dem rechten. Ich kontrollierte die Tore und ging dann zu den Stuten die ebenfalls auf Paddock standen, allerdings sehr weit von den Hengsten weg, damit da keine Probleme entstehen. Riverdale, My Holly, Walla Walla Starshine und I'm simply extraordinary standen zusammen auf einem Paddock und teilten sich die große Heuraufe. Nun ging ich auf die große Ganzjahresweide auf der meine Hengstgruppe stand. Als sie mich bemerkten kamen Nils Sverre und Big John sofort auf mich zu. Trotz Johns Größe giftete Nils ihn weg und John stellte sich auf Abstand hin. Ich streichelte ihnen über die Nase und sah nach den anderen. Giacomo Casanova, Kangee, Give me everything tonight, Dark Choc' O'Lena, Rudsmo Remi, River' Uprising und Lómbre de la Mikasi standen über die ganze Wiese zerstreut und fraßen das restliche Gras.

      Nun ging es zu meinen beiden Laufställen, in dem einen standen meine Junghengste Black Moonlight Shadow, Loki, Svaðlifari und Townsend Cosmopolitan und ihre Aufpasser Vipke van de Zandhoeve, Shakespeare, Exzelsior und Nandengo. In dem anderen Stall standen meine Zuchtstuten Lady Lu, Shakira IV, Willow Maiden, Mina, Stássa, Moon's Pumpkin und meine Jungstuten Lotteliese, Daisy, VK Yolie Whisp, Blue Spirit, Time to Dance, Artemis' Zara, Rivervixen und Watschelente. Zuletzt ging es zu meinen Offenställen, dort standen Kviða, Oblivia, Gwyneth, Trú fra Frelsi, Baldintáta, Fina, Silfra und River's Drafna. In dem anderen Offenstall standen ebs Oblivia, Hot Spot, Just like the Wind, Menetetty, Parwaneeh, RiverDance und Gisela.

      Da auch da alles in Ordnung war ging ich wieder ins Büro und arbeitete weiter an neuen Konzepten und Trainings bzw Lehrgangsangeboten.



      3063 Zeichen
    • AliciaFarina
      26.12.2018
      Pflegebericht für alle meine Pferde

      Nach dem Weihnachtsessen ging ich noch einmal raus um nach dem rechten zu sehen. Im neu umgebauten Aktivstall, standen aktuell fast alle meiner Stuten zusammen. Die Hengste dagegen standen in einem meiner Paddockställe, da deren Offenstall nicht bezugsfertig war. Und die Junghengste Townsend Cosmopolitan, Loki, Svadilfari, Black Moonlight Shadow und ihre Aufpasser Excelsior und Nandengo standen in einem Laufstall mit großen Sandpaddock.
      Lady Lu, Silfra, Shakira, Willow Maiden, Gisela, River's Drafna, Mina, RiverDance, Tiva, Parwaneeh, Gaitano's Little Girl, Fina, Stássa, Moon's Pumpkin, Baldintáta, VK Yolie Whisp, Blue Spirit, Time to Dance, Artemis' Zara, Rivervixen Watschelente und Lotteliese standen auf der gesamten Fläche des Paddocktrails vom Aktivstall verteilt. Im Stall standen Giacomo Casanova, Kangee, Big John, Give me everything tonight, Dark Choc' O'lena, Rudsmo Remi, River's Uprising, Lettenhof's Nanuk, Nils Sverre und BR Alans Steamin Dinner. Die Stuten die ebenfalls in einem der Paddockställe standen waren Greta, Riverdale, Smokin Jackie Joe, Menetetty, Walla Walla Starshine, I'm simply extraordinary, Wild Strawberry und ebs Dafina. Alle Pferde hatten mehr als genug Heu, also ging ich wieder zurück ins Haus zu Niklas und Lucy.

      1295 Zeichen by AliciaFarina
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  • Album:
    3. Therapiestall von der Schildburg
    Hochgeladen von:
    AliciaFarina
    Datum:
    19 Juli 2018
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    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Wird bearbeitet

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    Excelsior
    Exel

    Unbekannt x Unbekannt
    Unbekannt x Unbekannt | Unbekannt x Unbekannt


    7. August
    1,55 m
    Grauschimmel
    Gencode

    [geduldig] [arbeitswillig] [ruhig]
    Excelsior ist ein arbeitswilliger, älterer Wallach mit viel Geduld. Obwohl er nicht mehr allzu jung ist, ist er immer bereit neues auszuprobieren und schreckt nicht vor schwereren Aufgaben zurück. Er hat viel Freude im Gelände und springt auch dort freiwillig über Baumstämme und hat einen großen Drang sich zu bewegen. Exel ist vor allem sehr kinderlieb und hat keine Scheu vor anderen Tieren, Anhängern oder Traktoren. Trotzdem steht er gerne im Mittelpunkt und ist immer mittendrin dabei. Wenn etwas ohne ihn passiert, wird er auch mal schnell eifersüchtig. Excelsior ist außerdem ein sehr reinliches Pferd mit meist sehr sauberem Fell und gepflegter Mähne. Er ist eigentlich perfekt für einen Freizeitreiter mit viel Zeit und Liebe. Am besten versteht er sich mit seiner Freundin Jeanie. Sie sind unzertrennlich und wollen am liebsten immer alles zusammen machen. Excelsior ist sowohl in der Halle oder auf dem Reitplatz, wie auch im Gelände federleicht reitbar und es gibt nur wenige Dinge, vor denen er auch mal zurückschrecken würde.

    Stahleisen | noch nicht geimpft
    Führen | Fohlen ABC | Sattel & Zaumzeug | Geritten | Eingefahren

    Schritt | flott, ausdauernd
    Trab | locker, eher flott
    Galopp | gesprungen, Normaltempo

    Springen A (S)
    Dressur M (M)
    Distanz E (L)

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    222. Dressurturnier | 335. Dressurturnier | 339. Dressurturnier

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    329. Springturnier

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    230. Militaryturnier

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    52. Wallachschau

    Canyon (steht bei BellaS)
    (Canyon)
    sweetvelvetrose + ohne VKR

    PNG | Puzzle