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Rose1

Darkness Lord

Neue Frisur

Darkness Lord
Rose1, 1 Juli 2020
    • Rose1
      Einigen Tage später entschied ich das Training mit Sacred nun auch auf dem Reitplatz fortzuführen.
      Der junge Hengst schien mir inzwischen ruhig genug um auch einige kleine Übungen auszuprobieren.
      Das bedeutet, dass ich ihn zuerst mal von der Weide auf den Reitplatz zu bekommen musste, was nicht ganz einfach war. Zwar schaffte es der Trakehner es im Wald ruhig zu bleiben, aber auf dem Hof herrschte meistens doch mehr Trubel, besonders da Harry gerade den neuen Hengst empfing.
      Und der sollte ziemlich temperamentvoll sein.
      Voller Spannung betrat ich schließlich Sacreds Weide.
      Bis jetzt schien der Dunkelbraune noch nichts zu ahnen. Er graste ruhig und erst als ich mit dem Halfter auf ihn zukam sah der Hengst auf.
      Das Aufhalftern war inzwischen kein Problem mehr und ich führte Sacred zum Platz.
      Dafür mussten wir leider auch am Hof vorbei, wo gerade ein Pferdehänger ankam.
      Schrilles Wiehern war zu hören.
      „Wieso kann man temperamentvolle Pferde nicht einfach sedieren?“, fluchte ich leise und strich Sacred über den Hals. Der Rappe würde sich noch übel verletzen, wenn er sich nicht bald beruhigte.
      Auch Sacred schienen die lauten Geräusche nervös zu machen.
      Er fing wieder an zu tänzeln. Eine Eigenart, die ich ihm schon fast abgewöhnt hatte, aber in Ausnahmesituationen kam sie doch wieder hervor.
      „Alles gut Dicker“, murmelte ich und führte den Hengst möglichst schnell zum Reitplatz.
      Zum Glück ging alles glatt.
      Auf dem Platz angekommen ließ ich Sacred erstmal frei laufen.
      Irgendwann begann ich dann damit, den Hengst herum zu schicken.
      Er reagierte brav und begann schließlich auch zu kauen.
      Ich war zufrieden und nahm Sacred wieder ans Halfter. Heute hatte ich mir vorgenommen mich wieder ein wenig auf seinen Rücken zu lehnen und ihm vielleicht auch mal eine Trense oder einen Sattel zu zeigen.
      Dafür stellte ich den jungen Hengst neben den Zaun und setzte mich auf den obersten Balken.
      Den Hinweis meiner Ärztin, keine Risiken einzugehen, ignorierte ich einfach.
      „Feiner Junge“, flüsterte ich und strich Sacred über den Hals.
      Vorsichtig wanderte ich mit der Hand zu seinem Rücken und ließ den Arm locker über seinen Rücken baumeln.
      Die Haut zuckte kurz, doch sonst reagierte der Hengst nicht.
      Ich nahm den Arm wieder weg und legte nun, ganz vorsichtig, mein Bein über seinen Rücken.
      Der Hengst blieb ruhig und ich würde am liebsten anfangen zu jubeln.
      Trotzdem zog ich mein Bein wieder zurück und ließ mich vom Zaun gleiten.
      Für heute war es genug.
      Ich wolle Sacred schließlich nicht überfordern.
      Auch dabei, ob ich heute bereits mit der Trense starten sollte, war ich mir nicht sicher.
      Da der Hengst jedoch vorhin so gut reagiert hatte und das Reiten offensichtlich schon kannte, entschied ich mich kurzerhand dafür.
      Ich hatte mir schon eine gebisslose Trense bereitgelegt und nahm sie vom Zaunpfahl.
      Bereits beim Anblick der Lederriemchen bemerkte ich eine Veränderung in Sacreds Verhalten.
      Seine Nüstern blähten sich und die Ohren waren gespitzt.
      Vermutlich erinnerte er sich an die Schmerzen, die ihm Trensen bereits zugefügt hatten.
      Auch wenn diese hier gebisslos war und somit seinen Ladendruck nicht wieder verschlimmern würde, machte das für den jungen Hengst wohl keinen Unterschied.
      Ich entschied erstmal nicht zu ihm zu gehen, sondern die Trense zuerst einfach in der Hand zu halten, bis sich sein Verhalten bessern würde.
      Sacred senkte bald den Kopf und ich lobte ihn ausgiebig.
      Dafür legte ich das Zaumzeug wieder auf dem Zaum ab, was den Trakehner sichtlich beruhigte.
      Es war genug für heute.
      Ich brachte Sacred wieder auf die Koppel und machte mich nach auf den Weg zu unserem Neuankömmling, Darkness Lord.
      Der Rappe stand auf einer etwas abgelegenen Weide, genau wie Sacred also.
      Ich wusste nicht viel über den Hengst.
      Er stammte aus einer Hofauflösung, von der wir insgesamt vier Pferde übernehmen würden.
      In seinem Pass stand, das er wohl erst drei Jahre alt war, doch wie uns die ehemalige Besitzerin bestätigte, war er bereits eingeritten und hatte sogar Turniere bestritten.
      Große Erfolge hatte er anscheinend nicht erzielt, seine einzige Auszeichnung war ein zweiter Platz bei einem kleinen Westernturnier.
      Trotzdem war das für sein Alter beachtlich.
      Ich musste zugeben, dass mir der Gedanke, dass von einem so jungen Pferd schon Leistung verlangt wurde, Bauchschmerzen bereitete.
      Wenn Darkness Lord schon Turniere gegangen war, wann war er dann wohl eingeritten worden?
      Mit zwei?
      Besorgt musterte ich den Hengst.
      Hoffentlich würde das nicht später zu Gelenkproblemen führen.
      Bis jetzt wirkte das hübsche Warmblut ziemlich fit.
      Er schien einen ordentlichen Haufen Temperament mitzubringen und auch die Geschwindigkeit, mit der er über die Weide düste, war nahezu atemberaubend.
      Zu mir verschwendete das Warmblut keinen Blick.
      „Darkness Lord!“ Ich versuchte den Rappen zu rufen, doch die Reaktion blieb aus.
      Verärgert rieb ich mir über die Stirn.
      Das würde viel Arbeit werden.
      Ein Seufzen entwich mir, als ich dem Hengst den Rücken kehrte.
      Jetzt wollte ich mich wie üblich zum Lesen zu Sacred setzten.
      Ich hatte das Gefühl, dass es unserer Beziehung wirklich geholfen hatte und immer noch half.
      Dafür musste ich erstmal meinen Schmöker holen.
      Aktuell las ich einen Roman über das Schicksal einer jungen Frau im ersten Weltkrieg, die ihrem Mann, einem Soldaten, hinterhertrauerte und Geldprobleme mit Schmuggel zu kompensieren versuchte.
      Ziemlich spannend also.
      Als ich bei Sacred auf der Weide ankam, brummelte mir der Hengst freundlich entgegen.
      Er hatte sich in kurzer Zeit tatsächlich vom panischen Problempferd zum etwas ängstlichen
      Weidekumpel entwickelt.
      Und ich hoffte, dass wir noch viele weitere Fortschritte machen würden.
      Vielleicht würde es der Hengst ja tatsächlich zum erfolgreichen Springpferd schaffen.
      Als hätte Sacred diesen Gedanken gehört trabte er elegant an mir vorbei.
      „Dressur wäre auch was für dich“, meinte ich lachend und legte ein Lesezeichen zwischen die Seiten.
      Vorsichtig stand ich auf und ging auf Sacred zu.
      Der dunkelbraune Hengst schnaubte sanft und ein Lächeln zog sich über mein Gesicht.
      Ich konnte immer noch nicht glauben, dass mir vom Horsemakeover so ein Rohdiamant zur Verfügung gestellt wurde.
      Das Glücksgefühl überrollte mich wie eine warme, weiche Welle und sogar einige Tränen flossen meine Wangen herunter.
      Ich hatte so viel Glück mit Sacred gehabt.
      Sanft strich ich dem Hengst über die Nüstern.
      Er hatte sich solche Mühe beim Training gegeben und seine Fortschritte waren einfach unglaublich.
      Damit hatte ich nie gerechnet.
      Die Sonne versank rotglühend im Meer und tauchte die Szene in mystisches Licht.
      Reflexe entstanden auf Sacreds dunkelbraunem Fell.
      Doch dann war der magische Augenblick auch schon wieder vorüber.
      Sacred trabte davon.
      Ich sah ihm noch kurz hinterher und widmete mich dann wieder meinem Buch.
      Etwa zwei Stunden später hatte ich ausgelesen.
      Leider hatte mich das Ende nicht wirklich überzeugt.
      Die junge Frau beging Suizid.
      Traurige Enden bei Büchern bedrückten mich immer.
      Teilweise konnte ich nach ihnen nächtelang nicht schlafen.
      Joe hatte mich deshalb immer Weichei genannt, aber ich verbannte jedes Buch mit traurigem Ende aus dem Regal.
      Nachdenklich starrte ich auf die Erde.
      Joes Tod war jetzt schon ein wenig länger her, aber das Loch in meiner Brust schmerzte immer noch.
      Ein leises Schnauben riss mich aus meinen Gedanken.
      Sacred stand direkt hinter mir und presste seinen Kopf gegen meinen Rücken.
      Der Hengst war so einfühlsam, dass ich nicht glauben konnte, wie panisch er zu Beginn vor mir geflüchtet war.
      Ich würde so gerne noch länger bei ihm bleiben, doch ich hatte Lucia versprochen, dass wir mit Harry Pizza bestellen würde.
      Da meine Tochter erst seit kurzer Zeit zurück war, versuchte ich ihr jeden Wunsch zu erfüllen und möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen.
      Ich hatte sie furchtbar vermisst.
      Deshalb kraulte ich Sacred nur kurz und verließ dann die Weide.

      Als ich das Wohnzimmer betrat fiel mein Blick zuerst auf Lucia und Harry, die es sich auf der Coach gemütlich gemacht hatten.
      „Hey Mama“, rief Lucy ohne den Blick vom Fernseher zu wenden.
      Es schien eine Serie über einen Pferdetrainer zu laufen, also nichts wofür ich die beiden ausschimpfen musste.
      „Worum geht es in der Serie?“, fragte ich neugierig und beobachtete den Bildschirm.
      Ein großrahmiger Fuchs wurde gezeigt und mir fiel sofort auf, dass die Rippen herausstanden.
      „Aktuell werden Pferde aus einem Schlachttransport gerettet“, erklärte meine Tochter und deutete auf einen großen LKW im Hintergrund.
      „Grausam, wie die Tiere dort aussehen“, fügte Harry hinzu und schüttelte den Kopf.
      Mein Blick glitt über einige Ponys, die vollkommen entkräftet in ihren eigenen Exkrementen lagen.
      Die Berufserfahrung sagte mir sofort, dass es einige Tiere nicht schaffen würden.
      Wieder fragte ich mich, wie Menschen so grausam sein konnten.
      Plötzlich wurde die Sendung unterbrochen und das Logo eines bekannten Vertragshändlers erschien.
      Werbung.
      Von uns allen kam nur ein Seufzen.
      „Sollen wir jetzt Pizza bestellen?“ Ich wand mich mit fragendem Blick zu den beiden.
      Lucy nickte sofort und auch Harry bejahte.
      „Was wollt ihr?“, fügte ich noch hinzu und begann selbst zu überlegen welche Sorte ich wollte.
      „Nach der Serie… Definitiv eine vegane Pizza“, erklärte Harry und ich konnte nur nicken.
      „Ich auch.“ Überrascht sah ich zu meiner Tochter.
      „Na dann. Ich nehme auch eine vegane.“
      Gesundheitliche Bedenken hatte ich bei der Wahl meiner Tochter keine.
      Wir hatten schließlich eigene Tiere, von denen wir die Produkte ohne schlechtes Gewissen verzehren konnten.
      Wenig später wurde die Pizza auch schon geliefert und ihr köstlicher Geruch zog durchs ganze Haus.
      „Essen ist da!“, rief Lucia aufgeregt und stellte die drei Kartons auf den Esstisch.
      „Mein Magen fängt bei dem Geruch an zu knurren.“
      Das kleine Mädchen deutete auf ihren Bauch und lachte.
      „Dann sollten wir wohl bald anfangen zu essen.“
      Ich entschied mich keinen Teller zu holen und öffnete die Kartons direkt.
      Ordnung war mir bei Pizza nicht so wichtig.
      „Die sehen echt lecker aus“, meinte Lucy hungrig und schnappte sich selbst einen Karton.
      Auch Harry nahm sich etwas.
      Als ich probierte entfaltete sich eine Geschmacksexplosion in meinem Mund.
      Käse oder Fleisch brauchte diese Pizza überhaupt nicht.
      „Die bestellen wir definitiv wieder“, schmatzte Harry und ich nickte zustimmend.

      Als wir alle aufgegessen hatten setzten wir uns wieder auf die Coach.
      „Welchen Film willst du gucken?“, fragte ich meine Tochter, die sofort nach der Fernbedienung griff.
      Sie suchte auf Netflix nach einem Pferdefilm und schaltete ein.
      Harry warf mir nur ein kurzes Lächeln zu und auch ich schmunzelte kurz.
      Lucia war eben doch ein typisches Pferdemädchen.
      Den Film hatte ich schon mindestens dreimal mit ihr gesehen, aber meine Tochter bekam einfach nicht genug davon.

      Zwei Stunden später lief endlich der Abspann.
      Ich musste zugeben, dass ich erleichtert war.
      Der Film war zwar nicht schlecht, verlor aber beim vierten Mal Ansehen doch seinen Reiz.
      Irgendwann war dann schließlich auch klar, dass es das Mädchen schaffte den Hof zu retten und das kleine Fohlen mit dem gebrochenen Bein zu einem erfolgreichen Springpferd wurde.
      Wenigstens ging Lucia heute von selbst ins Bett und ich musste sie nicht mal wieder antreiben.
      Harry und ich blieben noch ein wenig auf der Coach sitzen und starrten auf den schwarzen Bildschirm.
      „Und, wie fandst du den Film?“, fragte ich den jungen Mann und bekam ein Schmunzeln.
      „Ein wenig vorhersehbar“, lachte er.
      Ich konnte nur zustimmend nicken und mitlachen.
      „Pferdefilme sind immer so“, versuchte ich noch den Film zu verteidigen, obwohl ich ihn selbst nicht wirklich gemocht hatte.
      Jetzt nickte Harry.
      „Sollen wir noch etwas anderes gucken? Ich bin irgendwie noch gar nicht müde“, meinte Harry.
      „Okay.“ Ich reichte dem Pferdepfleger die Fernbedienung und übergab ihm somit die Entscheidung.
      Hoffentlich nutzte er seine Macht nicht für die falschen Zwecke aus.
      Damit waren Trash- oder wirklich, wirklich schlechte Actionfilme gemeint.
      Mein Ex-Freund hatte öfters solche Filme gewählt und sich damit jedes Mal einige Sympathiepunkte verspielt.
      Die Trennung kam dann jedoch aus anderen Gründen – Er hatte mich mit der Klassenzicke betrogen.
      „Woran denkst du gerade?“, fragte Harry plötzlich und ich sah auf.
      „Ich hoffe nur, dass du bessere Filme auswählst als mein Ex-Freund.“
      Der junge Mann lachte auf.
      „Jetzt fühle ich mich aber geehrt, dass ich mit deinem Ex-Freund verglichen werde“, schmunzelte er.
      „Er hat mich betrogen“, meinte ich nur trocken.
      Harry schwieg kurz und musterte mich.
      „Dann hat er dich nie verdient“, plötzlich wirkte sein Ton ernster als sonst und ich runzelte kurz die Stirn. So war ich das nicht von dem vorwitzigen jungen Mann gewohnt.
      „Da hast du wohl Recht.“
      Harry schaltet schließlich den Film an, vermutlich um dem Gespräch nicht noch mehr seltsamen Tiefgang zu verleihen.
      Es war ein Marvel Klassiker, kein Trashfilm also.
      „Und ist der Film besser als der deines Exfreundes?“, fragte Harry, nun wieder witzelnd.
      „Definitiv.“
      Für den Rest des Filmes herrschte Stille.
      Als der Film aus war, war es bereits tief in der Nacht.
      Leider bekam ich den Abspann nicht mehr mit, denn ich war tief und fest eingeschlafen.

      Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Bett auf.
      Ich trug immer noch meine Jogginghose von Gestern, die ich in weiser Voraussicht gegen die Stallkleidung getauscht hatte.
      Mir passierte es öfters, dass ich während eines Filmes oder einer Serie einschlief.
      Dieses Mal hatte Harry mich offensichtlich ins Bett getragen, wofür ich ihm sehr dankbar war.
      Sonst hätte ich vermutlich wiedermal Rückenschmerzen gehabt.
      Ich gähnte und richtete mich auf.
      Lucia war vermutlich schon in der Schule, also konnte ich in Ruhe frühstücken.
      Ich schlurfte in die Küche und kippte mir Haferflocken in meine Milch.
      Hunger machte sich in mir breit.
      Offensichtlich war die Pizza inzwischen verdaut.
      Umso mehr beeilte ich mich das Müsli auf den Tisch zu stellen und loszulöffeln.
      Ich liebte Haferflocken einfach – besonders wenn ich hungrig war.
      Eigentlich liebte ich dann jedes Essen.
      Also fast jedes.
      Bei bestimmten Lebensmitteln grauste es mir einfach immer.
      Götterspeise war zum Beispiel einfach ekelerregend.
      Ich schüttelte mich kurz und versuchte mich auf das Müsli vor mir zu konzentrieren.
      Das schmeckte deutlich besser.

      Später am Tag hatte ich meine Routineaufgaben fertig gestellt und auch mit den meisten Pferden trainiert. Nur noch Darkness Lord und Sacred fehlten noch.
      Die wilden Hengste hatten bei näherer Betrachtung einige Gemeinsamkeiten.
      Beide wollten zuerst von Menschen wissen und hatten sehr viel Temperament.
      Doch bei Sacred war das Temperament hinter einer dicken Schicht Angst verborgen und außerdem war der Hengst inzwischen auch ein Stadium weiter.
      Er schien einer Bezugsperson, mir, zu vertrauen.
      Heute würde ich ihn zuerst besuchen und einen kleinen Strandspaziergang machen.
      Das gefiel dem hübschen Trakehnerhengst meistens ganz gut.
      Außerdem hatte ich auch eine Trense dabei, die ich Sacred später wieder vorführen würde.
      Doch erstmal der Spaziergang.
      Als ich die Weide betrat, kam Sacred mir entgegen.
      Der hübsche Hengst war heute kooperativ und ich konnte ihm schnell ein Halfter aufziehen.
      Dann ging es auch schon zum Meer.
      Hätte ich heute mehr Zeit würde ich mit Sacred in nächstgelegenen Wald gehen.
      Dort kreischten die Möwen nicht so laut.
      Leider wartete Darkness Lord auch noch auf mich und es war schon Abend.
      Trotzdem versuchte ich mir Zeit für Sacred zu nehmen.
      Der junge Hengst lief neben mir und wirkte vollkommen gelassen.
      Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich ihn für ein braves Schulpferd gehalten.
      Als wir jedoch den weichen Sand betraten, änderte sich dieser Eindruck schnell.
      Die Möwen kreischten und mein Pferd erstarrte plötzlich.
      Seine Ohren zuckten.
      „Alles gut Sacred, das sind nur ein paar verrückte Vögel“, murmelte ich und versuchte meine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen.
      Doch der Hengst schenkte mir keine Beachtung, sondern streckte nur starr den Kopf nach oben.
      Er schien die Möwen zu beobachten.
      Ich hoffte immer noch, dass er sich bald beruhigen würde, doch dann näherte sich eine der Möwen.
      Vermutlich hoffte sie auf Futter.
      Das war für Sacred endgültig zu viel.
      Ich wusste nicht, welchen Geist oder welche Erinnerung dieser doch so harmlos erscheinende Vogel geweckt hatte, doch sie schien meinen Hengst zu verängstigen.
      Er stieg, riss mir den Strick aus der Hand und galoppierte davon.
      Der Schock lähmte mich einige Sekunde, bevor mich dann die Angst packte.
      Was wenn Sacred sich verletzte?
      Oder jemand anderes zu Schaden kam?
      Kalter Schweiß bildete sich auf meinen Handflächen.
      Ich fing an zu rennen.
      Der Dunkelbraune war längst hinter den Dünen verschwunden und ich konnte die Richtung nur noch grob erahnen.
      Glück, dachte ich mir, jetzt brauche ich wirklich Glück.
      Sacred war schließlich unberechenbar und besonders ein Zusammentreffen mit Darkness Lord würde böse ausgehen.
      Beide Hengste waren sich ungefähr ebenbürtig, was einen Kampf noch gefährlicher machte.
      Erinnerungen an vergangene Patienten fluteten mein Gehirn.
      Einige hatten es nicht überlebt.
      Das Gedankenkarussell drehte sich immer weiter und zusammen mit der Anstrengung verursachte es starken Schwindel.
      Ich musste kurz stehen bleiben und zu Atem kommen.
      Als es mir wieder besser ging, lief ich sofort wieder los.
      Hoffentlich war es noch nicht zu spät.
      Ein schrilles Wiehern erklang.
      Das war Sacred! Hinter den Dünen sah ich den Hof auftauchen und hielt sofort nach dem dunkelbraunen Hengst Ausschau.
      Erleichterung durchfuhr mich, als ich erkannte, dass Darkness Lord alleine graste.
      Hier war Sacred also nicht.
      Was wenn er zu einer der Stuten gerannt war?
      Ich wollte mir gar nicht ausmalen wie kompliziert ein Elsa-Sacred-Sprössling wohl sein mochte.
      Das Wiehern erklang wieder und plötzlich kam Sacred hinter dem Aktivstall hervor.
      Der junge Hengst wirkte panisch und bald erkannte ich den Grund.
      Harry hielt ihn am Strick.
      Der junge Mann zeigte mir grinsend einen Daumen nach oben und kam auf mich zu.
      „Respekt, du hast dir da echt einen Temperamentbolzen geangelt“, lachte der Pferdepfleger.
      Ich nickte nur und griff nach dem Strick.
      Insgeheim hatte ich gehofft, dass das Sacred beruhigen würde, doch er schien bei mir fast noch panischer zu sein.
      Ein leises Seufzen entfuhr mir.
      Das Trauma zu kitten würde nicht einfach werden.
      Vermutlich hatte der Vorfall gerade die Fortschritte von Wochen zerstört.
      Ich hoffte, dass Sacreds Grundvertrauen zu mir noch vorhanden war.
      Doch leider konnte ich mir da nicht sicher sein.
      „Danke“, murmelte ich leise und sah zu Harry auf.
      Der junge Mann winkte ab.
      „Ich musste doch irgendwie verhindern, dass er meine geliebte Elsa bespringt.“
      Ich fing an zu grinsen. Das war typisch für Harry.
      „Ich schätze, ich muss mich jetzt wieder um die Pferde kümmern.“
      Ich konnte ein Seufzen nicht unterdrücken.
      Manchmal hätte ich doch gerne etwas mehr Zeit.
      Wieso hatte ein Tag nur 24 Stunden?
      Harry nickte nur zum Abschied und ging wieder seines Weges.
      Auch ich führte Sacred wieder auf seine Weide.
      Heute ließ ich ihn besser in Ruhe.
      Der Tag war mehr als zu viel für ihn gewesen.
      Hoffentlich konnte ich morgen noch etwas von unseren bisherigen Fortschritten retten.
      Jetzt musste ich zu erstmal zu Darkness Lord.
      Ich wollte versuchen dem Neuen ein Halfter aufzuziehen.
      Zwar kannte der Rappe das schon, aber bei einem neuen Pferd musste man einfach anfangen.
      Zum Glück war das neue Halfter, das ich bestellt hatte schon angekommen.
      Es war dunkelblau und würde Lord bestimmt gut stehen.
      Ich musste es nur schnell holen.
      Als ich schließlich die Weide betrat reagierte Darkness Lord kaum.
      Er schien nur wenig Bezug zu Menschen zu haben.
      Das hatte ich schon öfters bei Hengsten erlebt.
      Sie standen unter der vollen Dröhnung Hormone und hatten keinen Platz mehr für andere Dinge außer Stuten in ihrem Kopf.
      „Hey, Darkness Lord“, meinte ich leise und lief langsam auf den Hengst zu.
      Er blieb zum Glück.
      Auch als ich mich weiter näherte blieb der Rappe ruhig.
      „Scheint so als hättest du heute gute Laune“, schmunzelte ich und machte noch ein paar Schritte zu meinem Hengst. Jetzt konnte ich ihn schon berühren.
      Das ließ der Hengst zu, doch er hörte auf zu graben und wand mir den Kopf zu.
      Dunkle Augen blickten mir entgegen.
      Vorsichtig fuhr ich dem jungen Hengst über den Hals.
      Obwohl er nicht begeistert von der Berührung zu sein schien, blieb der Rappe doch stehen.
      „Feiner Junge“, flüsterte ich und kraulte weiter.
      „Willst du jetzt das Halfter anprobieren?“
      Selbstverständlich erwartete ich keine Antwort und versuchte sofort Darkness Lord das Halfter anzuziehen. Es klappte.
      Wenigstens irgendwas, das heute glatt lief.
      „Toll machst du das.“ Ich lobte den Hengst, bevor ich das Halfter schließlich wieder ab zog.
      Morgen würde ich mich ans Reiten wagen.
      Zumindest wenn ich die Zeit dafür fand.
      Ich schmunzelte.
      Aktuell gab es hier wirklich viel zu tun.
      Bei der Gelegenheit fiel mir ein, dass ich heute noch Futter bestellen musste und ich verließ Darkness Lords Weide wieder.

      Wenig später saß ich mit meinem Laptop auf der Couch und loggte mich in meinen Lieblingsonlineshop ein.
      Hier gab es alles.
      Unter anderem auch Pferde, doch dieses Mal sah ich nicht nach den neuen Angeboten.
      Wir hatten keine Zeit für neue Tiere.
      Bald würden einige weitere Pferde ankommen, also waren Harry und ich mehr als ausgelastet.
      Ich seufzte und wählte unser bevorzugtes Futter aus.
      Vielleicht sollte ich mich mal um neues Personal bemühen.
      Ich würde das mit Harry besprechen.
      Jetzt musste aber erstmal das Futter bestellen.
      Als ich damit fertig war, war es bereits später Abend und ich entschied mich noch Sacreds Steckbrief auf der Website ein Upgrade zu verpassen.
      Nun stand dort:
      „Inzwischen ist bekannt, dass der junge Hengst bereits geritten wurde.
      Früher war er ein erfolgreiches Springpferd.
      Wie sein Stand heute ist weiß noch niemand.“

      Das traf Sacreds Ausbildungsstand meiner Meinung ziemlich gut.
      Bald würden wir mehr wissen.
      Damit klappte ich den Laptop zu und schaltete den Fernseher an.
      Ich brauchte jetzt Entspannung.

      Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hörte ich Geräusche.
      Jemand kochte.
      Eilig ging ich alle Menschen durch, die hierein kommen konnten.
      Warte – Nur Lucia hatte einen Schlüssel und sie war in der Schule.
      Ich schlug die Augen auf.
      Grelles Sonnenlicht blendete mich.
      Blinzelnd setzte ich mich auf.
      „Auch mal wach?“, hörte ich eine tiefe Stimme lachen.
      Harry. Meine Panik verflog.
      „Wie bist du hier rein gekommen?“
      Ich war immer noch nicht ganz wach und sah mich suchend nach Harry um.
      „Ganz einfach, Lucy hat mich herein gelassen.“
      Jetzt wurde Harrys Lachen lauter und ich erkannte ihn am Herd.
      Er schien auch noch Schlafklamotten zu tragen, auch wenn seine deutlich besser aussahen.
      Der schwarze Hoodie und die Jogginghose waren im Vergleich zu meinem alten Nachthemd High Fashion.
      Außerdem stand es ihm gar nicht schlecht.
      Ich vertrieb den Gedanken schnell wieder.
      „Was gibt es?“, fragte ich und spähte zu Harrys Pfanne herüber.
      „Äh, ich schätze das sollte mal Rührei werden.“
      Harry zuckte schuldbewusst mit den Schultern.
      Dann musste ich wohl nachhelfen.
      Seufzend stand ich auf und setzte mich in Bewegung.
      „Wo hapert es denn?“
      Diese Frage war eigentlich überflüssig.
      Als ich in der Küche ankam bemerkte ich sofort den verbrannten Geruch und das eingebrannte Rührei.
      „Schmeiß es weg. Wirklich. Das ist nicht mehr essbar.“
      Harry zog einen Flunsch und stellte den Herd ab.
      „Ich schätze dann wird es wohl bei ein Müsli“, seufzte er schließlich und öffnete den Kühlschrank.
      Vermutlich um nach der Milch zu suchen.
      Ich nahm währenddessen die Haferflocken und das Schokomüsli aus dem Schrank.
      Auch wenn Lucia das immer eklig fand, mischte ich die beiden Frühstücksflocken gerne.
      Wenig später saßen Harry und ich am Esstisch und rührten in unseren Schüsseln herum.
      „Was hast du heute noch vor?“
      „Puh, ich denke ich werde mit Elsa ans Meer gehen, die Tiere füttern, die Eier einsammeln und noch einige Pferde bewegen. Vermutlich fahre ich mit California Dream und Belmiro und mache mit Sacarina etwas Dressur“, antwortete der Pferdepfleger und sah von seinem Müsli auf.
      „Was hältst du eigentlich davon, einen neuen Pfleger einzustellen?“, fragte ich beiläufig.
      Harrys Meinung war mir sehr wichtig und ich dachte, er konnte gut einschätzen wieviel Arbeit tatsächlich anfiel.
      „Tatsächlich keine schlechte Idee“, Harry fuhr sich durch die Haare, „vor allem wenn die zwei Neuen bald kommen. Und so wie ich dich kenne werden das ja nicht die Einzigen bleiben.
      Auch meine Pferde, die bald ankommen, sind eine zusätzliche Belastung.“
      Ich nickte.
      „Ich werde mich mal durch die Stellengesuche klicken“, meinte ich abschließend und beendete das Thema damit.

      Denn restlichen Tag lang hatte ich keine Zeit um meinen Laptop hochzufahren, aber spät am Abend schaffte ich es doch noch.
      Sofort stellte ich fest, dass einige Menschen eine Anstellung oder Ausbildung im Pferdesport suchten, doch oft waren die Gehaltvorstellungen astronomisch hoch und die Qualifikationen genauso niedrig.
      Schließlich hatte ich mit einigen Suchfiltern nur noch acht Bewerber übrig.
      Einen etwa vierzigjährigen Familienvater ganz in der Nähe von hier, der bereits als Reitlehrer und Mentalcoach gearbeitete hatte.
      Klang nach einem wirklich qualifizierten, netten Mann, dachte ich mir und klickte weiter.
      Dann eine junge Frau, Josy, die mit gerade achtzehn einen Ausbildungsplatz als Pferdewirtin suchte.
      Sie wirkte freundlich und konnte ein ehrgeiziges Funkeln in den Augen nicht verbergen.
      Eigentlich würde sie perfekt zum Rosenhof passen.
      Der nächste Bewerber war ein junger Franzose, der bereits im Kader ritt.
      Hier war ich tatsächlich baff. Und das passierte mir nicht oft.
      Der Mann war gerade einundzwanzig und sammelte S-Siege wie andere Briefmarken.
      Sogar sein Name kam mir bekannt vor und das, obwohl ich nicht dazu neigte, online täglich nach Newcomern zu suchen.
      Die nächste Frau wirkte unglaublich ordentlich.
      Ihr hagerer Körper trotzte nur so vor Pflichtbewusstsein und auch der Text unter dem Profil vermittelte sofort den Eindruck einer strengen, schon etwas angegrauten Lehrerin.
      Anscheinend war sie in einem bekannten Dressurstall ausgebildet worden und hatte mit ihrem Hengst Erfolge in der Barockdressur gefeiert.
      Obwohl sie sicher ausreichend qualifiziert war, siebte ich sie sofort aus.
      Ordnungsfanatiker würden bei der Sauberkeit und den mangelnden Routinen auf dem Rosenhof einen Herzstillstand erleiden.
      Der nächste Mann war anscheinend Ausländer, denn in seinem Text wimmelte es nur von Rechtschreib- und Grammatikfehlern.
      Ein Bild oder nähere Informationen fehlten hier völlig.
      Ich siebte auch in raus.
      Die nächste Bewerberin war umso unglaublicher.
      Louisa hieß sie, stand in der Beschreibung. Die Frau war achtunddreißig und hatte bisher noch keine großen Siege eingefahren.
      Zumindest nicht auf Reitturnieren.
      Fünf ihrer selbstgezüchteten Hengste wurden gekört, eine Stute wurde Staatsprämienstute, ein weiteres Tier erzielte den höchsten auf einer Auktion.
      Ich konnte nur beeindruckt nicken.
      Nicht mal in meinen kühnsten Träumen wagte ich es so etwas für den Rosenhof zu erhoffen.
      Immer noch staunend klickte ich zum nächsten Bewerber.
      Diese Frau war eine herbe Enttäuschung.
      Anne war ihr Name. Ihr Text wirkte grammatikalisch nur mittelmäßig, doch vor allem an Fachwissen schien es zu mangeln.
      Anne schwärmte von alternativen Heilmethoden, eher ein Pluspunkt wie ich fand, doch dann kam ich zu der Passage, bei der die Frau erklärte nur Höfen ohne Turnierpferde in Erwägung zu ziehen.
      Das war keine Option für mich, aber nachvollziehbar.
      Dann sprach sie sich jedoch auch gegen die nötige Tetanusimpfung und andere medizinische Behandlungen aus und ich konnte gar nicht schnell genug weiterklicken.
      Angestellte und ich durften auch mal unterschiedlicher Meinung sein, aber es war unmöglich so verschiedene Überzeugungen unter einen Hut zu bringen.
      Die achte und somit letzte Bewerberin kam von einer Agentur.
      Sie war vierundvierzig und hatte eine eigene Stute, Emperadora, die anscheinend schon etwas älter war. Bisher hatte Valeria auf einem Andalusiergestüt in Spanien Dressurunterricht gegeben und Jungpferde beritten.
      Die Frau stammte anscheinend selbst aus Spanien und wollte nun mit ihrem deutschen Ehemann, ihrem zehnjährigen Sohn Alejandro und der siebenjährigen Tochter Adriana umziehen.
      Die Familie wollte keine Wohnung gestellt bekommen, sondern sich selbst ein Haus kaufen.
      Nur für ihre Stute Emperadora wollten sie auf dem Hof unterkomme lassen.
      Ich war jedoch sicher, für eine Stute Platz zu finden.
      Kurzerhand schrieb ich allen, die ich bisher noch nicht ausgesiebt hatte, eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.
      Selbstverständlich würde auch Harry dabei sein.
      Er war ein wichtiger Teil des Teams und half mir auch bei Entscheidungen.
      Hoffentlich würden wir uns bei für einen Angestellten entscheiden können.
      Nachdenklich sah ich nach draußen.
      Es hatte angefangen zu regnen und die Tropfen zeichneten fast unsichtbar vor dem schwarzen Himmel ab.
      Manchmal überlegte ich mir, ob Harry mir doch nicht wichtiger als nur ein normaler Angestellter war.
      Er hatte mich geküsst.
      Irgendwie hatte ich die Information schon verdrängt.
      Vielleicht war Harry tatsächlich verliebt. In… mich.
      Der Gedanke kam mir immer noch absurd vor und ich versuchte ihn schnellstmöglich zu verdrängen.
      Eine Beziehung mit einem Angestellten?
      Kam nicht in Frage. Besonders nichts für Lucias Großeltern.
      Sie hassten mich auch so schon genug.
      Andererseits könnten wir es auch schnell offiziell machen und heiraten.
      Eine weiße Hochzeit mit einer edlen Pferdekutsche erschien vor meinem inneren Auge.
      Ich schlug mir den Gedanken wieder aus dem Kopf.
      Der Plan war dämlich, dümmer als dämlich. Es hatte sich nur diese kleine Hoffnung festgebissen.
      Diese kleine Hoffnung, dass alles perfekt werden könnte.
      Ich schüttelte den Kopf.
      Ein Tee wäre jetzt genau das Richtige um mich zu beruhigen.
      Ich entschied mich für einen Schoko-Chai-Tee.
      Diese Sorte schmeckte förmlich nach Entspannung und Gedanken davontreiben lassen.
      Perfekt für einen regnerischen Abend.
      Ich schaltete den Wasserkocher an und holte den Tee aus dem Schrank.
      Insgesamt hatte ich bestimmt zehn bis fünfzehn Teesorten.
      Vielleicht war das ein wenig verrückt oder übertrieben, aber ich fand, dass jeder anders schmeckte.
      Sie schmeckten nach Gefühlen, nach lang verlorenen Erinnerungen.
      Ich schmunzelte.
      Das klang wie der Gedanken einer achtzigjährigen Frau, die sich in ihrer Nostalgie begrub und die Bonbons ihrer Kindheit immer in der Handtasche trug.
      Traurig irgendwie.
      Ich schaltete den Wasserkocher aus und kippte die heiße Flüssigkeit in meine Tasse.
      Wasserdampf stieg auf.
      Weiße, kochend heiße Schwaden zogen über die Tasse und verbreiteten Schokoladengeruch.
      Ich inhalierte ihn förmlich.
      Leider war der Tee vorerst noch zu heiß um ihn zu trinken und ich stellte ihn erstmal auf den Esstisch.
      Es war inzwischen 23 Uhr und ich langsam bemerkte ich die bleierne Müdigkeit in meinen Knochen.
      Die Arbeit hier war körperlich anstrengend und ich war meistens sehr früh müde.
      Da ich morgen auch frühmorgens aus dem Bett musste, würde ich nach dem Tee schlafen gehen.
      Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken.
      Der Tee war fertig.
      Ungeduldig entfernte ich den Teebeutel und schmiss ihn in den Biomüll.
      Dass der Tee noch heiß war, fiel mir leider erst auf, als ich bereits einen großen Schluck genommen hatte. Die Flüssigkeit brannte in meinem Mund und ich wusste sofort, dass die Wunden noch ein wenig länger bestehen würden.
      „Scheiße“, murmelte ich genervt.
      Wieso war ich auch so blöd?
      Ich schüttelte den Kopf über mein dämliches Verhalten und platzierte die Tasse wieder auf dem Tisch.
      Wenig später war der Tee dann zum Glück abgekühlt und ich nippte vorsichtig.
      Er war zum Glück nur noch lauwarm.
      Als ich ausgetrunken hatte, stellte ich die Tasse in die Spülmaschine und machte ich mich auf den Weg ins Bett. Die Müdigkeit übermannte mich fast und ich hatte keine Lust noch eine Folge meiner Serie zu sehen.
      Eilig zog ich mich um und legte mich ins Bett.
      Wenig später fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
    • Rose1
      Die Sonne ging gerade erst auf, als ich mich früh auf den Weg zu Sacred machte.
      Heute wollte ich wieder auf den Reitplatz gehen und mit Sattel und Trense trainieren.
      Vermutlich würde der junge Hengst nicht sehr erfreut sein, aber irgendwann musste ich mit der richtigen Arbeit beginnen.
      Ich bahnte mir den Weg durch das hohe Dühnengras, das auf den Wegen wucherte, hoch zu Sacreds Weide. Bald würde ich hier wieder mähen müssen.
      Oder Schnee würde das für mich erledigen, bemerkte ich mit einem misstrauischen Blick zur Wolkendecke. Der Himmel war grauschwarz und ein kalter Wind wehte.
      Fröstelnd schlug ich meinen Kragen hoch und steckte meine Hände in die Taschen.
      Sacred schien nicht zu frieren und war gemütlich am Grasen.
      Als er mich sah, lief der junge Hengst zum Zaun.
      Süß, wenn man die Karotte in meiner Tasche vergaß.
      Ich verdrehte nur die Augen, während Sacred den Leckerbissen vertilgte.
      Vorsichtig zog ich ihm ein Halfter über und führte ihn herunter zum Reitplatz.
      Zugebenermaßen war ich etwas nervös, denn ich hatte schon oft ruhige Pferde beim Training mit der Trense völlig durchdrehen sehen.
      Häufig war ein Trauma schuld. Und Sacred hatte in seinem jungen Leben schon viel erlebt.
      Die Narben in seinem Maul zeugte noch heute von seinen Erfahrungen mit der Trense.
      Ich würde zuerst nur gebissloses Zaumzeug verwenden und vielleicht sogar dabei bleiben.
      Für Sacred war schließlich keine Dressurkarriere geplant.
      Ob wir je zum Springen kommen würden, wusste ich jedoch nicht.
      Nachdenklich betrachtete ich den dunkelbraunen Trakehner.
      Der Hengst hatte inzwischen etwas abgespeckt und sah nun wieder mehr nach Sportpferd aus.
      Er schien sich sogar aufs Training zu freuen und schnaubte als wir auf dem Reitplatz ankamen.
      Ich führte den Hengst einige Runden und nahm dann den Kappzaum, den ich auf den Zaun gelegt hatte. Sacred verspannte sich merklich.
      Die Ohren zuckten zurück und ich sah, wie sich seine Augen plötzlich erweiterten.
      Vermutlich kamen gerade einige ungute Erinnerungen an seine Zeit als erfolgreiches Springpferd zurück.
      Ich ließ den Kappzaum etwas sinken und sah betont ruhig zu Boden.
      Sacred sollte erst einmal zur Ruhe kommen, bevor ich mit dem Training beginnen konnte.
      Und das hieß nun mal warten.
      Gelegentlich versuchte ich einen Blick auf den jungen Hengst zu erhaschen um zu schauen ob er sich beruhigt hatte. Nach einigen Minuten senkte er tatsächlich den Kopf und schnaubte sogar leise.
      Daraufhin legte ich den Kappzaum auf den Boden und gab dem Trakehner ein Stück Möhre, dass er erfreut zerkaute.
      Ich versuchte den orangenen Brei, der auf den Boden tropfte, zu ignorieren und den Termin für die Zahnbehandlung in meinem Kopf etwas vorzuverlegen.
      Jetzt, wo Sacred ruhiger war, wollte ich die Übungen der letzten Stunden noch einmal wiederholen.
      Vorsichtig strich ich seinen Rücken entlang bis zu Hinterhand und tastete schließlich sanft seine Beine ab.
      Das wiederholte ich auch bei seinen Vorderbeinen und schließlich hob ich jeden Huf kurz an und kratzte ihn mit dem Hufkratzer aus meiner Tasche aus.
      Zum Glück hatte ich heute daran gedacht, denn beim letzten Mal musste ich die Hufe dreckig wieder absetzten.
      Als ich fertig war, rieb ich mir kurz den Rücken und lobte Sacred schließlich ausgiebig.
      Er bekam ein weiteres Stück Möhre für sein entspanntes Prusten. Auch dieses Mal landete die Hälfte auf dem Boden.
      Ohne das zu beachten griff ich wieder nach dem Kappzaum.
      Dieses Mal schien Sacred jedoch zu wissen, dass ich die Trense nicht verwenden würde und reagierte ruhiger. Nur seine Ohren zuckten weiterhin nervös.
      „Feiner Junge“, murmelte ich leise, immer noch ohne mich zu bewegen.
      Der Hengst senkte seinen Kopf, woraufhin ich den Kappzaum in den Sand fallen ließ.
      Zum Glück war es ein älteres, schon etwas kaputtes Teil.
      Bald wollte ich jedoch für Sacred einen schöneren, neuen Kappzaum zu kaufen, denn bei seinem Ladendruck war an eine echte Trense noch lange nicht zu denken.
      Der junge Hengst schien sich aktuell auch in Gegenwart des Zaumzeugs wohlzufühlen und kratze sich grunzend an mir.
      Grinsend kraulte ich die juckende Stelle und steckte Sacred eine Möhre zu.
      Der Dicke war mir echt ans Herz gewachsen.
      Wobei, so dick war er gar nicht mehr.
      Das magere norddeutsche Gras und die Bewegung hatten den dicken Bauch tatsächlich zum Schrumpfen gebracht. Fast konnte man Sacreds Figur schon normal nennen.
      Ich wiederholte die Übung mit dem Kappzaum noch einige Male und brachte Sacred dann wieder auf seine Koppel. Er war offensichtlich noch nicht bereit für Experimente mit dem Sattel, also ließ ich es für heute gut sein.
      Die anderen Pferde wollten schließlich auch versorgt werden.

      Zum Glück hatte Harry Brown like Chocolate und La Fée de la Neige schon versorgt, also stattete ich den zwei Fohlen nur einen kurzen Besuch ab und lief dann weiter zu Greased Lightning.
      Der Vollblüter war erst vor wenigen Tagen angekommen und da er sich sehr aggressiv präsentierte, hatte ich ihn zunächst auf die Weide gestellt.
      Bald würde ich auch hier mit der Arbeit beginnen, doch das würde wohl noch dauern.
      Ich seufzte leise und lief weiter zu BOS Feuerherz. Der junge Hengst stand aktuell mit Belmiro auf einem Paddock, da Greased Lightning die Hengstweide für sich beanspruchte und sich Darkness Lord noch nicht vergesellschaften ließ.
      In naher Zukunft wollte ich alle Hengste zusammenhalten, wie es bereits viele große Gestüte taten.
      Nur bei Sacred war ich mir nicht ganz sicher, wie ich sein Problem mit anderen Pferden lösen sollte.
      Ich vertrieb die trüben Gedanken und holte BOS Feuerherz von der Koppel.
      Früher war der hübsche Hengst meine Reitbeteiligung gewesen und meine Beziehung zu ihm war noch heute deutlich besser, als die zu manch anderen Pferden hier.
      Inzwischen war der Trakehner bereit für Turniere und bereits für das nächste Wochenende hatte ich eines geplant. Es war nicht sein erster Wettkampf, aber trotzdem wollte ich heute einen ganzen Parcours durcharbeiten, um die letzten Ängste zu zerstreuen.
      Da mir die anstehende Geländeprüfung mehr Sorgen bereitete, hatte ich mich entschieden die Vielseitigkeitsstrecke zu nutzen und wollte Arthur schnell fertig machen.
      Der Hengst genoss das Bürsten jedoch und so steckte ich doch mehr Zeit hinein, als ich geplant hatte.
      Es war inzwischen Mittag und die Sonne hatte sich ihren Weg durch die Wolkendecke gebahnt.
      Ich fing an in meiner Winterjacke und der Sicherheitsweste zu schwitzen.
      Arthur dagegen war leistungsfähig wie immer.
      Ohne zu zögern sprang er über Baumstämme und Büsche, nur der in der Sonne glitzernde Wassergraben schien dem sonst so abgeklärten Hengst noch Schrecken einzujagen.
      Er bremste ab und schien mich fragen zu wollen, ob er wirklich über dieses Ungetüm springen musste. Doch ich schnalzte nur auffordernd und schließlich gab sich Arthur geschlagen.
      Mit einem riesigen Satz überwand er das vorletzte Hindernis.
      Jetzt kam nur noch das Eulenloch. Das war zweifelsohne eine Herausforderung, aber BOS Feuerherz schien nicht einmal zu blinzeln.
      Ich hatte die Zeit gestoppt und war ziemlich zufrieden. BOS Feuerherz würde vermutlich nie das schnellste Pferd in meinem Stall werden, aber für ihn war sein Ergebnis nicht schlecht.
      Als wir fertig waren, lobte ich den Hengst zufrieden und trieb ihn in einem gemütlichen Schritt zurück zum Haus und seinem Paddock.

      Einige Minuten später stand der Hengst bei Belmiro und ich war in der Küche, wo ich eilig einige Sandwiches vertilgte.
      Heute hatte ich nur wenig Zeit, denn am Abend wollte ich heute mit Lucia ins Kino gehen.
      Deshalb hatte Harry heute versprochen mir die meiste Arbeit abzunehmen und ritt gerade mit Belmiro etwas Dressur auf dem Reitplatz. Später wollte er mit River’s Baghira ins Gelände gehen und Sacarina als Handpferd mitnehmen. Seine eigene Stute Elsa hatte er bereits am Morgen versorgt und trainiert.
      Sie macht sich immer besser als Springpferd, hatte er noch zu mir gesagt.
      Auch Lucy würde mir etwas abnehmen und California Dream reiten. Die Ponystute war sowieso eigentlich zu klein für mich.
      Das bedeutete, dass ich mich nur noch um Darkness Lord kümmern musste und nochmal zu Sacred konnte.
      Dafür musste ich mich jetzt aber beeilen, stellte ich mit einem kurzen Blick auf die Uhr fest.
      Es war bereits früher Nachmittag.
      „Scheiße“, entfuhr es mir, als ich die Treppen hinunter raste und mich eilig auf den Weg zu Darkness Lord machte. Der Rappe war kaum von mir geritten worden, aber longieren und Bodenarbeit klappte bereits. Deshalb hatte ich heute vorgehabt ins Gelände zu gehen um das Warmblut dort austesten zu können.
      Erst danach würde die richtige Dressurarbeit beginnen und später würde ich dann auch Darkness Lords Springtalent testen.
      „My Lord!“, rief ich schmunzelnd in Richtung einer kleineren, abgelegenen Weide.
      Wie so oft, kam von dem schwarzen Warmblut keine Reaktion.
      Ich schüttelte seufzend den Kopf.
      „Unhöflich, besonders für einen Lord“, murmelte ich, während ich mich über den Zaun schwang.

      Das Fertigmachen hatte zum Glück gut geklappt, aber als ich auf Darkness Lords Rücken steigen wollte, biss der Hengst nach mir und drückte den Rücken weg.
      Ich nahm die Zügel etwas weiter auf und schwang mich dennoch auf ihn.
      Vielleicht sollte ich jedoch bald seinen Rücken untersuchen, denn seine Aggressivität konnte auch auf Schmerzen hindeuten.
      Tatsächlich fiel mir im Laufe des Ausritts auf, dass Darks Rücken unbeweglich und hart wie ein Brett war und er außerdem steif zu gehen schien.
      Das war erschreckend ausgeprägt für ein so junges Pferd.
      Darkness Lord war gerade einmal dreieinhalb Jahre alt.
      Ich hoffte, dass nur eine Blockade oder Verspannung dahinter steckte und kürzte die Runde ab, denn ich wollte Darkness Lord nicht noch länger quälen.
      Leider kamen mir dann auch die schlimmeren Diagnosen in den Kopf.
      Arthrose, Ataxien, Nierenentzündungen, Kreuzverschlag, Spat, Kissing Spines, PSSM, RER, Magengeschwüre… es gab viele Möglichkeiten.
      Ich konnte nur hoffen, dass Darkness Lord Glück im Unglück hatte.

      Obwohl ich einen Kreuzverschlag für unwahrscheinlich hielt, wies ich Harry an, den ganzen Abend über nach dem Patienten zu sehen und ihn ins Solarium zu stellen.
      Die Wärme tat verspannten Muskeln gut und schadete auch bei einer Gelenkserkrankung nicht.
      Mit sorgenvollem Blick betrachtete ich den Hengst, der im Solarium döste.
      Hoffentlich war seine Erkrankung gut heilbar, dachte ich nur als ich hoch zu Sacred lief.
      Darks Versorgung hatte mich viel Zeit gekostet, also konnte ich dem Trakehner nur einen kurzen Besuch abstatten. Dieses Mal kam Sacred sofort zum Zaun und holte sich einen halben Apfel ab.
      Dark hatte bereits die andere Hälfte bekommen.
      Doch Sacred schien das gar nicht zu bemerken und ging nach einer kurzen Streicheleinheit bald wieder zum Grasen über.
      Es war Zeit für mich zu gehen.
      Ich lief eilig zum Haupthaus und sprang unter die Dusche.
      Zum Glück hatte ich mir bereits Kleidung herausgesucht und musste meine Haare nur kurz hochbinden. Fünfzehn Minuten später stand ich nachdenklich vor dem Spiegel.
      Der hübsche weiß-gelbe Sweater wollte irgendwie nicht zu meiner Jeans passen.
      Ich entschied mich kurzerhand für eine schwarze Hose, die mir deutlich besser gefiel.
      Nur noch ein wenig Make-up und schon war ich fertig.
      Auch Lucia hatte sich umgezogen und trug statt ihrer Reitklamotten nun eine schwarze Leggings und einen weinroten Pulli. „Hier, zieh dir eine Jacke über“, murmelte ich nur und gab ihr eine dicke Winterjacke.
      Der eiskalte Wind in dieser Gegend war nicht zu unterschätzen, auch wenn der Herbst gerade erst begonnen hatte.
      Auch ich trug Winterkleidung und dicke Wollsocken, die man in meinen Stiefeln zum Glück nicht sah.
      Doch als wir das Haus verließen, begann ich trotzdem bald zu frieren und freute mich schon auf den beheizten Kinosaal.

      Der Film hatte etwas über zwei Stunden gedauert und nun waren wir auf dem Weg nach Hause.
      Ausnahmsweise war ich mit Lucia zu einem Imbiss gegangen, was man an dem Knoblauchgeruch im Auto gut erkennen konnte.
      Meine Tochter hatte ein Faible für Knoblauchsauce und starke Gewürze.
      Ich hatte nur Pommes bestellt, was den Geruch nur umso heftiger für mich machte. Vermutlich hätte ich mir doch etwas von Lucy klauen sollen.
      Wenigsten waren wir jetzt da.
      Ich schaltete das Auto ab und stieg aus der Tür um erstmal durchatmen zu können.
      „Puhh, also nächstes Mal nimmst du was ohne Knoblauch“, lachte ich, als wir hochgingen.
      Als Lucia im Bett lag, schreib ich Harry eine Nachricht um nach Darkness Lords Gesundheitszustand zu fragen. Die Antwort kam nur wenige Sekunden später.
      Zum Glück hatte sich der Zustand des Rappens nicht verschlechtert.
      Erleichtert ging ich ins Bett. Morgen schließlich würde ein harter Tag werden.
    • Rose1
      Am nächsten Tag beauftragte ich Harry damit, Bodenarbeit mit Greased Lightning und Belmiro zu machen und ging selbst zu Darkness Lord.
      Dem Rappen schien es wirklich nicht gut zu gehen.
      Er flehmte und das schwarze Fell glänzte feucht.
      Das ließ mich sofort an eine Kolik denken. Eilig holte die meine Tasche und kramte das Stethoskop heraus. Die Darmgeräusche waren zum Glück weitestgehend normal, also konnte es sich um keine schwere Kolik handeln.
      Doch das machte das ganze nur noch komplizierter.
      Was verursachte Darks Leid?
      Ich tastete grob seine Wirbel ab, doch eine größere Ausfälligkeit konnte ich nicht finden.
      Lediglich zwei renkte ich wieder ein, doch das konnte sein Leid nicht verursacht haben.
      Nachdenklich machte ich mich an den Rest seiner Gelenke.
      Die Kieferpartie war sehr verspannt und auch dort renkte ich das Gelenk wieder ein.
      Doch das war vermutlich eher ein weiteres Symptom als die Ursache, denn viele Pferde verkrampfen bei Schmerzen ihm Kiefer.
      Ich vermutete immer noch, dass das Problem seinen Ursprung in der Rückengegend hatte.
      Fast wollte ich schon ein Röntgenbild der Wirbelsäule machen, als mir plötzlich eine böse Vermutung kam. Darkness Lord war vor kurzer Zeit umgezogen und er schien immer noch sehr gestresst.
      Was wenn das seinem Organismus zu schaffen machte?
      Magengeschwüre waren sehr häufig und konnten unbehandelt schnell gefährlich werden.
      Ich entschied, eine Endoskopie durchzuführen.
      Dafür sedierte ich den jungen Hengst leicht und brachte ihn in den Behandlungsstand, denn jetzt wartete keine besonders angenehme Untersuchung auf ihn.
      Ich desinfizierte mich und das Gerät und bat meine Assistentin hinzu.
      Jessy hatte sich heute um die Verwaltung, die wir uns beide teilten, gekümmert.
      Sie studierte gerade selbst Tiermedizin, aber half in ihren Semesterferien bei mir aus.
      Wir hatten uns damals in der Uni kennengelernt, als sie Erstsemester war und uns dann nie ganz aus den Augen verloren. Als Jessy dann schließlich praktische Erfahrung suchte, war natürlich klar, dass sie bei mir mitarbeiten konnte.
      Und heute wollte ich die junge Frau wirklich nicht mehr missen.
      Jessy nickte mir kurz zu und ich führte das Gerät in Darks Maul ein.
      „Braver Junge“, meinte die Tierarzthelferin leise, während ich darauf konzentriert war die Schleimhaut nicht zu beschädigen.
      Doch je tiefer ich vordrang, desto klarer wurde mir, dass Darks Schleimhaut bereits schwer geschädigt war. Gerötete, blutende Stellen befanden sich überall und teilweise hatten sich richtige Geschwüre entwickelt.
      Auch Jessy schnappte nach Luft, als sie auf den Bildschirm sah.
      „Das sieht gar nicht gut aus oder?“, fragte sie schließlich und ich konnte nur den Kopf schütteln.
      Es war pures Glück, dass es noch nicht zu einem Magendurchbruch gekommen war.
      Und wäre das passiert, hätte nichts und niemand Darkness Lord mehr retten können.
      „Wenigstens wissen wir nun, wieso er so starke Schmerzen hat“, murmelte ich und zog das Gerät vorsichtig aus Darks Maul.
      Jessy lächelte gezwungen.
      „Zum Glück sind Magengeschwüre therapierbar.“ Ihre Stimme klang nicht ganz so zuversichtlich wie sonst. Ich nickte.
      „Das wird schon.“
      Ich zog mich um und brachte Darkness Lord schließlich wieder in seine Box.
      Doch bevor ich mit Jessy einen Kaffee trinken konnte war noch HJM Sacred dran.
      Der Hengst hatte erhebliche Zahnprobleme, die dringend behandelt werden mussten.
      „Holst du ihn?“, bat ich meine Helferin und drückte ihr direkt die Sedierung in die Hand.
      Jessy nickte und verließ den Raum.
      Das Einfangen von Sacred würde gewiss nicht einfach werden, aber wenn ich den jungen Hengst zu einer Behandlung bringen würde, wären unsere Fortschritte zunichte.
      Also wartete ich geduldig, bis Jessy mit Sacred am Halfter auftauchte.
      Der junge Hengst wirkte bereits etwas benebelt und so brachten wir ihn schnell in den Behandlungsstand.
      Bevor ich damit begann die Zähne zu raspeln, betrachtete ich das Maul von außen und tastete Zähne und Kiefergelenke kurz ab.
      Erst dann befestigte ich das Maulgatter und nahm das von Jessy gerade desinfizierte Werkzeug.
      Die Schneidezähne waren viel zu lang und außerdem schief, wie auf den ersten Blick erkennbar war.
      Außerdem hatte Sacred an den Backenzähnen zwei Haken, die seinen Ladendruck und die Maulschleimhautentzündung nicht gerade besser machten.
      Es bestand also dringender Handlungsbedarf.
      Ich begann sofort damit die Schneidezähne zu raspeln und auf eine Ebene zu bringen.
      Dann widmete ich mich Sacreds Backenzähnen.
      Die Zahnhaken waren zum Glück nicht allzu schwer zu entfernen, also war ich bald fertig mit meiner Behandlung.
      Sacred wirkte noch etwas verschlafen als ich ihm das Maulgatter auszog und ihm lobend den Hals kraulte. Jetzt würde er deutlich besser kauen können.
      „Stellst du ihn in die Box?“, wies ich Jessica an und entledigte mich dann meiner Handschuhe.
      Meine Schultern schmerzen und ich entschied mich dafür, heute nicht mehr viel zu tun und Harry die Arbeit zu überlassen.
      Dann konnte ich mich auch um meine Patienten kümmern.
      Dark brauchte gerade mehr Pflege, also entschied ich mich dafür, ihn sofort zu besuchen.
      Der Rappe wirkte kraftlos und noch sehr müde.
      „Hey Kleiner“, murmelte ich und strich ihm über den Kopf.
      Bis die Medikamente und die Eingewöhnung anschlugen konnte es noch einige Tagen bis Wochen dauern. Das natürlich nur wenn die Therapie überhaupt anschlug.
      Ich hatte wirklich kein Glück mit der Gesundheit meiner Pferde.
      Mit Grauen erinnerte ich mich an Sacred Einschuss und seinen Ladendruck.
      Hoffentlich ging es ab jetzt bergauf.
      Ich lächelte schief und strich Darkness Lord über den Hals.
      Die Zukunft würde es wohl zeigen.
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  • Album:
    Meine Pferde
    Hochgeladen von:
    Rose1
    Datum:
    1 Juli 2020
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    Kommentare:
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  • Darkness Lord
    Spitzname: Dark
    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Österreiches Warmblut
    Datum Hochladen: 15.o5.2020
    Datum Geburt: 03.05.2017
    Alter: 3 Jahre
    Fellfarbe: Rappe
    Stockmaß: 172 cm
    Gesundheit: sehr gut

    Abstammung
    Unbekannt

    Charakter

    Darkness Lord ist ein typischer Hengst. Wenn er keine Lust hat, macht er das sofort deutlich und zeigt seinen Unmut mit Buckeln, Steigen oder plötzlichen Sprints.
    Nur selten lässt sich sein Temperament in sinnvolle Bahnen lenken, dann wird man jedoch mit Geschwindigkeit und tollen Gängen belohnt.
    Ein Anfängerpferd wird der prachtvolle Rappe wohl nie sein.
    Wenn eine Stute in Riechweite kommt ist Dark außerdem unberechenbar.

    Besitzer und Ersteller
    Besitzer: Rose1
    Ersteller: Elsaria

    Trainingsstand
    Dressur: E
    Springen: E
    Military: E
    Rennen: E
    Distanz: A
    Western: A
    Fahren: E
    Wendigkeit: E

    Schleifen
    [​IMG]
    525. Westernturnier